TEXTSORTEN:
BEGRIFF UND TYPOLOGIE
Germanistische Linguistik 8
Thema 2
TEXTSORTEN
Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 2
Warum haben sich im Laufe der Zeit
viele Textsorten entwickelt?
• Jedes Mal, wenn wir einen Text schreiben sollten, sind wir
mit einer Herausforderung konfrontiert.
• Wir fragen uns, wie wir unseren Text am besten verfassen
und gestalten sollten, damit wir unser jeweiliges Ziel
erreichen.
• Damit der Verfasser sein Ziel erreichen könnte, muss der
Leser u. a. den Textinhalt und die Absichten des Verfasser
richtig verstehen, sich nach der Lektüre veranlasst fühlen,
entsprechend zu handeln usw.
Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 3
Warum haben sich im Laufe der Zeit
viele Textsorten entwickelt?
• Damit wir leichter mit Texten umgehen könnten, haben sich im
Laufe der Zeit in jeder Sprachgemeinschaft entsprechende
Muster (Modelle, Schemata) entwickelt.
• Solche Muster werden in der Textlinguistik als Textsorten
bezeichnet.
• Weil es viele unterschiedliche Funktionen gibt, die Texte
erfüllen müssen, muss es auch viele unterschiedliche Muster
(= Textsorten) geben.
• Jedes Muster (= jede Textsorte) hat also eine eigene Funktion
und ist für die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe besonders
gut geeignet.
• Ein Fahrplan hat beispielsweise ganz andere verbale und
non-verbale Merkmale als ein Flugticket, ein Werbeflyer, ein
Gerichtsurteil, ein Hochschulzeugnis usw.
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Textsorten als Hilfsmittel
• Als fertige Lösungen (= Muster, Modelle, Schemata)
helfen uns die Textsorten bzw. die Textsorten-Regeln
sowohl bei der Textproduktion (= bei der Verfassung und
Gestaltung von Texten) als auch bei der Textrezeption
(= beim Deuten und Verstehen von Texten, die wir lesen).
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Textsorten − Definition 1
„Unter Textsorten wird im Allgemeinen eine Klasse von
Texten verstanden, die als konventionell geltende Muster
bestimmten (komplexen) sprachlichen Handlungen
zuzuordnen sind.“
Fandrych & Thurmair 2011: 15−16.
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Textsorten − Definition 2
• „Textsorten sind konventionell geltende Muster für
komplexe, sprachliche Handlungen und lassen sich als
jeweils typische Verbindungen von kontextuellen
(situativen), kommunikativ-funktionalen und strukturellen
(grammatischen und thematischen) Merkmalen
beschreiben.“
Brinker 1992: 132.
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Textsorten − Definition 3
• „Wir gehen ... davon aus, dass Textsorten zur
wiederkehrender Bearbeitung bestimmter, gesellschaftlich
relevanter kommunikativer Probleme oder Bedürfnisse
dienen, also zunächst überindividuelle, in einer historisch
gewachsenen Diskurstradition stehende Phänomene
sind, derer sich Autorinnen und Autoren bedienen
können...“
Fandrych & Thurmair 2011: 20.
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Was alles können/müssen
die Textsorten-Regeln umfassen?
• Die Textsorten-Regeln umfassen alle Aspekte eines Textes,
die bei der Textproduktion relevant sind: das Medium, die
Textstruktur, die Textgestaltung, die einzelnen Formulierungen
usw.
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Textsorten als Prototype
• Textsorten (= Muster, Modelle, Schemata für Textgestaltung)
sind ihrer Natur nach Prototype.
• Bei jeder Textsorte gibt es immer und überall einen
(proto)typischen Vertreter: eine (proto)typische Geschäfts-E-
Mail, ein (proto)typisches Empfehlungsschreiben, einen
(proto)typischen Kaufvertrag usw.
• Diese typischen Vertreter dienen uns beim Verfassen von
Texten als Vorbild.
• Die einzelnen Texte − d. h. die konkreten Geschäfts-E-Mails,
Empfehlungsschreiben, Kaufverträge − müss(t)en im Großen
und Ganzen diesen Vorbildern entsprechen, können aber
auch bis zu einem gewissen Grade davon abweichen.
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Textsorten als Prototype −
Ein Garant für notwendige Flexibilität
„Da Textsorten in der Regel prototypischen Charakter haben,
können konkrete Textexemplare erheblich Unterschiede
aufweisen, etwa, was ihre Textstruktur (z. B. Anordnung und
Vorkommen von Teiltexten) oder ihre konkrete sprachliche
Ausgestaltung betrifft. Dabei unterscheiden sich einzelne
Textsorten aber deutlich hinsichtlich der Möglichkeit zur
Variation, sie sind unterschiedlich stark standardisiert und
konventionalisiert“
Fandrych & Thurmair 2011: 15−16.
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Abweichungen vom Textsorten-Prototyp
• Die Abweichungen vom Textsorten-Prototyp haben in der
Regel einen hohen Informationswert.
• Sie sagen sehr viel über den Produzenten aus: über seine
Kultur- und Sprachkompetenz, über seine momentane
Verfassung, über seine Beziehung zum Rezipienten, über
seinen sozialen Status, seine Bildung, seinen Charakter usw.
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Textsorten als
kultur- und sprachhistorische Größen
„Textsorten und die ihnen zugrunde liegenden Textmuster
haben sich in den verschiedenen Sprachgemeinschaften
historisch entwickelt, um spezifische kommunikative
Aufgaben in der sozialen Handlungspraxis zu bewältigen.“
Fandrych & Thurmair 2011: 16.
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Wie haben sich
die einzelnen Textsorten entwickelt?
Bei die Entwicklung von Textsorten bzw. beim Formulieren
von Textsorten-Regeln gibt es drei Möglichkeiten:
• spontane Entwicklung
• bewusste und gezielte Normierung
• Kombination aus spontaner Entwicklung und Normierung.
Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 15
Textsorten − Interkultureller Aspekt
• Textsorten sind sprach- und kulturspezifisch.
• Welche Textsorten es überhaupt gibt, wie stark vertreten sie
sind und welche Merkmale sie im Einzelnen aufweisen, kann
sich durchaus von Sprache zu Sprache unterscheiden.
• So gibt es beispielsweise in Serbien im Unterschied zu den
deutschsprachigen Ländern keine Geburts- oder
Heiratsannoncen und keine Arbeitszeugnisse.
• Selbst diejenigen Textsorten, die es in beiden Kulturen gibt,
können sich in vielerlei Hinsicht voneinander unterscheiden.
• Allerdings sind in Folge der Globalisierung auch bei vielen
Textsorten die Unifzierungstendenzen sehr stark ausgeprägt.
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Textsorten − Sprachhistorischer Aspekt
• Textsorten sind keine statischen Größen − ihre Charakteristika
sind historischen Veränderungen unterworfen.
• Bei Bedarf passen sich die sog. Vertextungsmuster den neuen
Möglichkeiten und Anforderungen an. Es entstehen neue
Textsorten, während bestimmte ältere Textsorten außer
Gebrauch geraten.
• So schreibt man heute beispielsweise kaum noch
Ansichtskarten, dafür aber um SMS-Nachrichten, Facebook-
Posts, Viber-Nachrichten usw.
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Textsorten als Interferenzquelle
• Die sprach- und kulturbedingten Unterschiede können bei
der Textproduktion in einer Fremdsprache zu
Interferenzerscheinungen führen.
• Auch bei der Textrezeption können Probleme in Form von
Missverständnissen o. Ä. auftreten.
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Textsorten-
kompetenz
Text-
kompetenz
Sprach-
kompetenz
Die Bedeutung der
Textsortenkompetenz
„Die Kenntnis von Textsorten bzw. der mehr oder
weniger stark vorgeprägten Muster stellt also ein
wesentliches Element für kommunikativ erfolgreiches
sprachliches Handeln dar und ist ein wichtiger
Baustein im Erwerb einer umfassenden
Sprachkompetenz − für Muttersprachler wie für
Fremdsprachler (auch wenn die Textsortenkompetenz
bei kompetenten Sprechern unterschiedlich
umfangreich ist).“
Fandrych & Thurmair 2011: 16.
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TEXTSORTENTYPOLOGIE
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Unterschiedliche Ansätze
bei der Textsortenklassifikation
Strukturalistischer Ansatz
in der Textlinguistik
Textsortenklassifikation
anhand von strukturellen
(=textimmanenten)
Textmerkmalen
Pragmatischer Ansatz in
der Textlinguistik
Textsortenklassifikation
anhand von Kriterien wie
Textfunktion, mediale
Charakteristika und
Kommunikationsbereich
Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 21
„Die im Lauf der Forschungsgeschichte vorgelegten
Textsortenklassifikationen spiegeln die Entwicklung des
Textbegriffs insofern wieder, als sich die zur Klassifikation
benutzten Kriterien entsprechend verändert haben und
Ansätze, die vorwiegend textinterne Merkmale
berücksichtigen … von stärker kommunikations- und
handlungsbezogenen sowie kognitiven Ansätzen abgelöst
wurden. In den jüngeren Modellen werden unterschiedliche
Aspekte von Textsorten als Klassifikationskriterien angesetzt,
z. B. die Textfunktion, die mediale Spezifik von Textsorten
oder die Zuordnung zu bestimmten
Kommunikationsbereichen.“
Fandrych & Thumair 2011: 13.
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Wichtigste Faktoren
• Die Charakteristika eines jeden Textes werden im
wesentlichen durch folgende Faktoren bestimmt (vgl.
Fandrych & Thurmair 2011: 17).
• Diese Faktoren sind zugleich die wichtigsten Kriterien bei
der Klassifikation von Textsorten.
1. Kommunikationssituation
2. Textfunktion
3. Thematisch-strukturelle Ebene
4. Formal-grammatische Ebene
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1. Kommunikationssituation: Medium, Produzent,
Rezipient, Kommunikationsbereich (z. B. Schule,
Rechtswesen, Gesundheitswesen, Wirtschaft usw.),
Raum, Zeit, Kultur usw.
2. Textfunktion: Informationsfunktion, Appellfunktion,
Obligationsfunktion, Kontaktfunktion und
Deklarationsfunktion.
3. Thematisch-strukturelle Ebene: Thema, Textstruktur
und sprachliche Ausgestaltung − z. B. deskriptive,
narrative, explikative und argumentative
Vertextungsstrategien, Textaufbau, Abfolge
verschiedener Textschritte, thematische Entwicklung.
4. Formal-grammatische Ebene: z. B. syntaktische und
lexikalische Gestaltung.
Fandrych & Thurmair 2011: 17−22.
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Textsortentypologie nach Rolf 1993
Primäres Kriterium: Textfunktion
1. Assertive Textsorten (z. B. Fahrpläne,
Veranstaltungsprogramme, Fachtexte, wissenschaftliche
Texte, Gebrauchsanweisungen usw.)
2. Direktive Textsorten (z. B. Vorschriften und Gesetze,
Hausordnung usw.)
3. Kommissive Textsorten (z. B. Verträge und Eide)
4. Expressive Textsorten (z. B. Glückwünsche,
Kondolenzschreiben usw.)
5. Deklarative Textsorten (z. B. Dekrete, Gerichtsurteile,
Testamente)
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Textsortentypologie
nach Fandrych & Thurmair 2011
• Auch Fandrych & Thumrair 2011 gehen davon aus, dass die
Charakteristika einer jeden Textsorte im entscheidenden
Maße durch deren Funktion bestimmt werden.
• Auf der ersten Klassifikationsebene unterscheiden diese
Autoren drei große Textsortenklassen:
1. Wissensbezogene Texte
2. Handlungsbeeinflussende und
handlungspräformierende Texte
3. Expressiv-soziale, sinnsuchende Texte
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Wissensbezogene Texte
• Konstatierend-assertierende Funktion
(z. B. Wetterbericht, Reiseführer, Lexikonartikel usw.)
• Argumentative Funktion
(z. B. wissenschaftlicher Artikel, Leserbrief)
• Bewertende Funktion
(z. B. Rezension, Theaterkritik, Gutachten usw.)
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Handlungsbeeinflussende
und handlungspräformierende Texte
• Instruktive Funktion (z. B. Kochrezept, Spielanleitung oder
Bedienungsanleitung)
• Reglementierend-direktive Funktion (z. B. Satzung,
Gesetzestext, Ordnungstext)
• Obligativ-sprecherbezogene Funktion (z. B. Gelöbnis,
• Versprechen, Wahlprogramm)
• Deklarierende (performative) Funktion (z. B. Zeugnis,
Trauschein, Ernennungsurkunde,)
• Appellative Funktion (z. B. Werbung, politische Werbung,
Kontaktanzeige, Wohnungsanzeige, Autoanzeige usw.)
• Handlungsvorbereitende Funktion (z. B. Tagesordnung)
• Beratend-moralisierende Funktion (z. B. Predigt)
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Expressiv-soziale, sinnsuchende Texte
• Expressiv-sinnsuchende Funktion (z. B. Blog,
Tagebucheintrag, persönlicher Brief / persönliche E-Mail)
• Kollektiv selbstvergewissernde Funktion (z. B. Gebet)
• Phatische Funktion (z. B. Kondolenzschreiben,
Glückwunschschreiben)
• Unterhaltend-spielerische Funktion (z. B. Witze)
• Ästhetische Funktion (literarische Texte)
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Zahlreiche Klassifkationsmodelle −
wenige Textsortenbeschreibungen
„Es scheint, als habe sich die Textlinguistik lange sehr
ausführlich mit Textsortenklassifikationen und adäquaten
Modellen hierfür beschäftigt, sich mit textgrammatischen
Aspekten, die textsortenübergreifend gelten, aber die
umfassende Beschreibung einzelner Textsorten auf
empirischer Basis und in funktionaler Absicht doch etwas
vernachlässigt. Arbeiten, die empirisch fundiert
verschiedene Textsorten genauer analysieren − und die
schon aufgrund einer gewissen Breite auch zum tieferen
Verständnis von Textsorten und ihren Klassifikationen
beitragen können − sind selten.“
Fandrych & Thurmair 2011: 14.
Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 30
Literaturliste
Fandrych, Christian & Thurmair, Maria. 2011. Textsorten im
Deutschen. Linguistische Analyse aus sprachdidaktischer
Sicht. Tübingen: Stauffenburg Verlag Brigitte Narr.
Brinker, Klaus. 1992. Linguistische Textanalyse. Eine
Einführung in Begriffe und Methoden. Berlin: Erich Schmidt
Verlag.
Kostić, Jelena. 2002. Umrlice u nemačkoj i srpskoj štampi.
Magistarski rad. Beograd: Filološki fakultet, S. 13−37.
Rolf, Eckard. 1993. Die Funktionen der Gebrauchstextsorten.
Walter de Gruyter: Berlin / New York.
Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 31
Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 32

Textsorten: Begriff und Typologie

  • 1.
  • 2.
    TEXTSORTEN Prof. Dr. JelenaKostić-Tomović 2
  • 3.
    Warum haben sichim Laufe der Zeit viele Textsorten entwickelt? • Jedes Mal, wenn wir einen Text schreiben sollten, sind wir mit einer Herausforderung konfrontiert. • Wir fragen uns, wie wir unseren Text am besten verfassen und gestalten sollten, damit wir unser jeweiliges Ziel erreichen. • Damit der Verfasser sein Ziel erreichen könnte, muss der Leser u. a. den Textinhalt und die Absichten des Verfasser richtig verstehen, sich nach der Lektüre veranlasst fühlen, entsprechend zu handeln usw. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 3
  • 4.
    Warum haben sichim Laufe der Zeit viele Textsorten entwickelt? • Damit wir leichter mit Texten umgehen könnten, haben sich im Laufe der Zeit in jeder Sprachgemeinschaft entsprechende Muster (Modelle, Schemata) entwickelt. • Solche Muster werden in der Textlinguistik als Textsorten bezeichnet. • Weil es viele unterschiedliche Funktionen gibt, die Texte erfüllen müssen, muss es auch viele unterschiedliche Muster (= Textsorten) geben. • Jedes Muster (= jede Textsorte) hat also eine eigene Funktion und ist für die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe besonders gut geeignet. • Ein Fahrplan hat beispielsweise ganz andere verbale und non-verbale Merkmale als ein Flugticket, ein Werbeflyer, ein Gerichtsurteil, ein Hochschulzeugnis usw. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 4
  • 5.
    Textsorten als Hilfsmittel •Als fertige Lösungen (= Muster, Modelle, Schemata) helfen uns die Textsorten bzw. die Textsorten-Regeln sowohl bei der Textproduktion (= bei der Verfassung und Gestaltung von Texten) als auch bei der Textrezeption (= beim Deuten und Verstehen von Texten, die wir lesen). Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 5
  • 6.
    Textsorten − Definition1 „Unter Textsorten wird im Allgemeinen eine Klasse von Texten verstanden, die als konventionell geltende Muster bestimmten (komplexen) sprachlichen Handlungen zuzuordnen sind.“ Fandrych & Thurmair 2011: 15−16. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 6
  • 7.
    Textsorten − Definition2 • „Textsorten sind konventionell geltende Muster für komplexe, sprachliche Handlungen und lassen sich als jeweils typische Verbindungen von kontextuellen (situativen), kommunikativ-funktionalen und strukturellen (grammatischen und thematischen) Merkmalen beschreiben.“ Brinker 1992: 132. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 7
  • 8.
    Textsorten − Definition3 • „Wir gehen ... davon aus, dass Textsorten zur wiederkehrender Bearbeitung bestimmter, gesellschaftlich relevanter kommunikativer Probleme oder Bedürfnisse dienen, also zunächst überindividuelle, in einer historisch gewachsenen Diskurstradition stehende Phänomene sind, derer sich Autorinnen und Autoren bedienen können...“ Fandrych & Thurmair 2011: 20. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 8
  • 9.
    Was alles können/müssen dieTextsorten-Regeln umfassen? • Die Textsorten-Regeln umfassen alle Aspekte eines Textes, die bei der Textproduktion relevant sind: das Medium, die Textstruktur, die Textgestaltung, die einzelnen Formulierungen usw. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 9
  • 10.
    Textsorten als Prototype •Textsorten (= Muster, Modelle, Schemata für Textgestaltung) sind ihrer Natur nach Prototype. • Bei jeder Textsorte gibt es immer und überall einen (proto)typischen Vertreter: eine (proto)typische Geschäfts-E- Mail, ein (proto)typisches Empfehlungsschreiben, einen (proto)typischen Kaufvertrag usw. • Diese typischen Vertreter dienen uns beim Verfassen von Texten als Vorbild. • Die einzelnen Texte − d. h. die konkreten Geschäfts-E-Mails, Empfehlungsschreiben, Kaufverträge − müss(t)en im Großen und Ganzen diesen Vorbildern entsprechen, können aber auch bis zu einem gewissen Grade davon abweichen. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 10
  • 11.
    Textsorten als Prototype− Ein Garant für notwendige Flexibilität „Da Textsorten in der Regel prototypischen Charakter haben, können konkrete Textexemplare erheblich Unterschiede aufweisen, etwa, was ihre Textstruktur (z. B. Anordnung und Vorkommen von Teiltexten) oder ihre konkrete sprachliche Ausgestaltung betrifft. Dabei unterscheiden sich einzelne Textsorten aber deutlich hinsichtlich der Möglichkeit zur Variation, sie sind unterschiedlich stark standardisiert und konventionalisiert“ Fandrych & Thurmair 2011: 15−16. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 11
  • 12.
    Abweichungen vom Textsorten-Prototyp •Die Abweichungen vom Textsorten-Prototyp haben in der Regel einen hohen Informationswert. • Sie sagen sehr viel über den Produzenten aus: über seine Kultur- und Sprachkompetenz, über seine momentane Verfassung, über seine Beziehung zum Rezipienten, über seinen sozialen Status, seine Bildung, seinen Charakter usw. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 12
  • 13.
    Prof. Dr. JelenaKostić-Tomović 13
  • 14.
    Textsorten als kultur- undsprachhistorische Größen „Textsorten und die ihnen zugrunde liegenden Textmuster haben sich in den verschiedenen Sprachgemeinschaften historisch entwickelt, um spezifische kommunikative Aufgaben in der sozialen Handlungspraxis zu bewältigen.“ Fandrych & Thurmair 2011: 16. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 14
  • 15.
    Wie haben sich dieeinzelnen Textsorten entwickelt? Bei die Entwicklung von Textsorten bzw. beim Formulieren von Textsorten-Regeln gibt es drei Möglichkeiten: • spontane Entwicklung • bewusste und gezielte Normierung • Kombination aus spontaner Entwicklung und Normierung. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 15
  • 16.
    Textsorten − InterkulturellerAspekt • Textsorten sind sprach- und kulturspezifisch. • Welche Textsorten es überhaupt gibt, wie stark vertreten sie sind und welche Merkmale sie im Einzelnen aufweisen, kann sich durchaus von Sprache zu Sprache unterscheiden. • So gibt es beispielsweise in Serbien im Unterschied zu den deutschsprachigen Ländern keine Geburts- oder Heiratsannoncen und keine Arbeitszeugnisse. • Selbst diejenigen Textsorten, die es in beiden Kulturen gibt, können sich in vielerlei Hinsicht voneinander unterscheiden. • Allerdings sind in Folge der Globalisierung auch bei vielen Textsorten die Unifzierungstendenzen sehr stark ausgeprägt. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 16
  • 17.
    Textsorten − SprachhistorischerAspekt • Textsorten sind keine statischen Größen − ihre Charakteristika sind historischen Veränderungen unterworfen. • Bei Bedarf passen sich die sog. Vertextungsmuster den neuen Möglichkeiten und Anforderungen an. Es entstehen neue Textsorten, während bestimmte ältere Textsorten außer Gebrauch geraten. • So schreibt man heute beispielsweise kaum noch Ansichtskarten, dafür aber um SMS-Nachrichten, Facebook- Posts, Viber-Nachrichten usw. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 17
  • 18.
    Textsorten als Interferenzquelle •Die sprach- und kulturbedingten Unterschiede können bei der Textproduktion in einer Fremdsprache zu Interferenzerscheinungen führen. • Auch bei der Textrezeption können Probleme in Form von Missverständnissen o. Ä. auftreten. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 18 Textsorten- kompetenz Text- kompetenz Sprach- kompetenz
  • 19.
    Die Bedeutung der Textsortenkompetenz „DieKenntnis von Textsorten bzw. der mehr oder weniger stark vorgeprägten Muster stellt also ein wesentliches Element für kommunikativ erfolgreiches sprachliches Handeln dar und ist ein wichtiger Baustein im Erwerb einer umfassenden Sprachkompetenz − für Muttersprachler wie für Fremdsprachler (auch wenn die Textsortenkompetenz bei kompetenten Sprechern unterschiedlich umfangreich ist).“ Fandrych & Thurmair 2011: 16. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 19
  • 20.
  • 21.
    Unterschiedliche Ansätze bei derTextsortenklassifikation Strukturalistischer Ansatz in der Textlinguistik Textsortenklassifikation anhand von strukturellen (=textimmanenten) Textmerkmalen Pragmatischer Ansatz in der Textlinguistik Textsortenklassifikation anhand von Kriterien wie Textfunktion, mediale Charakteristika und Kommunikationsbereich Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 21
  • 22.
    „Die im Laufder Forschungsgeschichte vorgelegten Textsortenklassifikationen spiegeln die Entwicklung des Textbegriffs insofern wieder, als sich die zur Klassifikation benutzten Kriterien entsprechend verändert haben und Ansätze, die vorwiegend textinterne Merkmale berücksichtigen … von stärker kommunikations- und handlungsbezogenen sowie kognitiven Ansätzen abgelöst wurden. In den jüngeren Modellen werden unterschiedliche Aspekte von Textsorten als Klassifikationskriterien angesetzt, z. B. die Textfunktion, die mediale Spezifik von Textsorten oder die Zuordnung zu bestimmten Kommunikationsbereichen.“ Fandrych & Thumair 2011: 13. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 22
  • 23.
    Wichtigste Faktoren • DieCharakteristika eines jeden Textes werden im wesentlichen durch folgende Faktoren bestimmt (vgl. Fandrych & Thurmair 2011: 17). • Diese Faktoren sind zugleich die wichtigsten Kriterien bei der Klassifikation von Textsorten. 1. Kommunikationssituation 2. Textfunktion 3. Thematisch-strukturelle Ebene 4. Formal-grammatische Ebene Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 23
  • 24.
    1. Kommunikationssituation: Medium,Produzent, Rezipient, Kommunikationsbereich (z. B. Schule, Rechtswesen, Gesundheitswesen, Wirtschaft usw.), Raum, Zeit, Kultur usw. 2. Textfunktion: Informationsfunktion, Appellfunktion, Obligationsfunktion, Kontaktfunktion und Deklarationsfunktion. 3. Thematisch-strukturelle Ebene: Thema, Textstruktur und sprachliche Ausgestaltung − z. B. deskriptive, narrative, explikative und argumentative Vertextungsstrategien, Textaufbau, Abfolge verschiedener Textschritte, thematische Entwicklung. 4. Formal-grammatische Ebene: z. B. syntaktische und lexikalische Gestaltung. Fandrych & Thurmair 2011: 17−22. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 24
  • 25.
    Textsortentypologie nach Rolf1993 Primäres Kriterium: Textfunktion 1. Assertive Textsorten (z. B. Fahrpläne, Veranstaltungsprogramme, Fachtexte, wissenschaftliche Texte, Gebrauchsanweisungen usw.) 2. Direktive Textsorten (z. B. Vorschriften und Gesetze, Hausordnung usw.) 3. Kommissive Textsorten (z. B. Verträge und Eide) 4. Expressive Textsorten (z. B. Glückwünsche, Kondolenzschreiben usw.) 5. Deklarative Textsorten (z. B. Dekrete, Gerichtsurteile, Testamente) Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 25
  • 26.
    Textsortentypologie nach Fandrych &Thurmair 2011 • Auch Fandrych & Thumrair 2011 gehen davon aus, dass die Charakteristika einer jeden Textsorte im entscheidenden Maße durch deren Funktion bestimmt werden. • Auf der ersten Klassifikationsebene unterscheiden diese Autoren drei große Textsortenklassen: 1. Wissensbezogene Texte 2. Handlungsbeeinflussende und handlungspräformierende Texte 3. Expressiv-soziale, sinnsuchende Texte Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 26
  • 27.
    Wissensbezogene Texte • Konstatierend-assertierendeFunktion (z. B. Wetterbericht, Reiseführer, Lexikonartikel usw.) • Argumentative Funktion (z. B. wissenschaftlicher Artikel, Leserbrief) • Bewertende Funktion (z. B. Rezension, Theaterkritik, Gutachten usw.) Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 27
  • 28.
    Handlungsbeeinflussende und handlungspräformierende Texte •Instruktive Funktion (z. B. Kochrezept, Spielanleitung oder Bedienungsanleitung) • Reglementierend-direktive Funktion (z. B. Satzung, Gesetzestext, Ordnungstext) • Obligativ-sprecherbezogene Funktion (z. B. Gelöbnis, • Versprechen, Wahlprogramm) • Deklarierende (performative) Funktion (z. B. Zeugnis, Trauschein, Ernennungsurkunde,) • Appellative Funktion (z. B. Werbung, politische Werbung, Kontaktanzeige, Wohnungsanzeige, Autoanzeige usw.) • Handlungsvorbereitende Funktion (z. B. Tagesordnung) • Beratend-moralisierende Funktion (z. B. Predigt) Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 28
  • 29.
    Expressiv-soziale, sinnsuchende Texte •Expressiv-sinnsuchende Funktion (z. B. Blog, Tagebucheintrag, persönlicher Brief / persönliche E-Mail) • Kollektiv selbstvergewissernde Funktion (z. B. Gebet) • Phatische Funktion (z. B. Kondolenzschreiben, Glückwunschschreiben) • Unterhaltend-spielerische Funktion (z. B. Witze) • Ästhetische Funktion (literarische Texte) Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 29
  • 30.
    Zahlreiche Klassifkationsmodelle − wenigeTextsortenbeschreibungen „Es scheint, als habe sich die Textlinguistik lange sehr ausführlich mit Textsortenklassifikationen und adäquaten Modellen hierfür beschäftigt, sich mit textgrammatischen Aspekten, die textsortenübergreifend gelten, aber die umfassende Beschreibung einzelner Textsorten auf empirischer Basis und in funktionaler Absicht doch etwas vernachlässigt. Arbeiten, die empirisch fundiert verschiedene Textsorten genauer analysieren − und die schon aufgrund einer gewissen Breite auch zum tieferen Verständnis von Textsorten und ihren Klassifikationen beitragen können − sind selten.“ Fandrych & Thurmair 2011: 14. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 30
  • 31.
    Literaturliste Fandrych, Christian &Thurmair, Maria. 2011. Textsorten im Deutschen. Linguistische Analyse aus sprachdidaktischer Sicht. Tübingen: Stauffenburg Verlag Brigitte Narr. Brinker, Klaus. 1992. Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Begriffe und Methoden. Berlin: Erich Schmidt Verlag. Kostić, Jelena. 2002. Umrlice u nemačkoj i srpskoj štampi. Magistarski rad. Beograd: Filološki fakultet, S. 13−37. Rolf, Eckard. 1993. Die Funktionen der Gebrauchstextsorten. Walter de Gruyter: Berlin / New York. Prof. Dr. Jelena Kostić-Tomović 31
  • 32.
    Prof. Dr. JelenaKostić-Tomović 32