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Trendmonitor 2015
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 2 Seite 3
Inhaltsverzeichnis
ƒ Data-driven Content auf dem Weg zum Massenmarkt. Daten sind der neue Goldstandard – 4
wenn man sie zu interpretieren weiß
ƒ Subscribe to everything: Digitale Abonnements sind das Geschäftsmodell der Stunde 6
ƒ TV-Disruption der Medienformate: Junge Nutzergruppen ziehen YouTube & Co. den klassischen 8
Medienproduktionen immer stärker vor. TV-Macher können davon lernen
ƒ Quo Vadis Werbung: Schrumpfung trotz Wachstum 10
ƒ Von Social Media zu Dark Social: Messaging-Dienste haben immer mehr Zulauf 11
ƒ Alles bleibt anders: Der Audio-Markt boomt und ist dynamisch wie nie 12
ƒ Smart wird praxistauglich: Das Internet der Dinge kommt im Verbrauchermarkt an 14
ƒ Mobile Payment ante portas! Der Markt für mobile Bezahlsysteme bekommt entscheidende Impulse 16
ƒ Searchless Search wird real: Finden ohne Suche durch mitdenkende Personal Digital Assistants 18
ƒ Free to Internet: Zuschauer treiben TV-Sender ins Internet, allerdings an deren eigenen 20
Video-Streaming-Angeboten vorbei
ƒ Driverless Car: Das Fahrzeug übernimmt das Steuer – teilautonome Fahrassistenten 22
erreichen das Volumensegment
ƒ Facebook ist das Telefonbuch, WhatsApp das Telefon: Die Funktion sozialer Netze differenziert 24
sich weiter aus, weil ein neues Verständnis von Privatheit entsteht
ƒ MCNs sind Major-Studios 3.0: Multichannel-Networks läuten neue Ära der TV- & Videoproduktion ein 26
ƒ Das Breitband wird mobil: Immer mehr Internetnutzer surfen mobil schneller als im Festnetz 28
ƒ Embedded Analytics: Demokratisierung der Datenanalyse 30
ƒ Think digital: Leadership in der digitalen Transformation erfordert neue Kompetenzen 32
Die Beratungsgruppe Goldmedia veröffentlicht
alljährlichAnalysten-KommentareundThesenzu
relevanten Trends des kommenden Jahres in
Deutschland.
Der Trendmonitor 2015 gibt einen Ausblick auf
ausgewählte Entwicklungen in den Bereichen
Medien, Internet, Telekommunikation und En-
tertainment.
www.Goldmedia.com
Goldmedia Trendmonitor 2015
Welche Entwicklungen sind 2015 in der Medien-, Entertainment- und
Telekommunikations-Branche in Deutschland zu erwarten?
Impressum
Herausgeber
Goldmedia GmbH Strategy Consulting
Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Oranienburger Str. 27 I 10117 Berlin-Mitte
Telefon: 030-246 266 0 I Fax: 030-246 266 66
www.Goldmedia.com
Dieses Dokument ist urheberrechtlich geschützt. Presseabdruck honorarfrei unter Angabe der Quelle. Alle Inhalte des Dokuments
wurden nach bestem Wissen recherchiert und erstellt. Für Irrtümer und Druckfehler übernimmt der Herausgeber jedoch keine Ve-
rantwortung. Der Herausgeber übernimmt ebenso keinerlei Verantwortung oder Haftung für Handlungen, Aktivitäten oder Unterlas-
sungen, die auf Grundlage der Inhalte und Empfehlungen dieser Studie erfolgen.
Redaktionsschluss: 16.12.2014
Redaktion: Dr. Katrin Penzel, Juliane Gille
Bildquellen: Grafiken: © Goldmedia, Porträtfotos: © Goldmedia/Sigbert Georgi/Bildfuchs.de
Bei der Veröffentlichung der Trends kooperierte Goldmedia mit dem Mediendienst Kress. Von Ende November bis Mitte Dezember
2014 erschienen regelmäßig Trends als Goldmedia-Gastkommentare bei www.kress.de und im Goldmedia-Blog.
Pressekontakt
Goldmedia GmbH: Dr. Katrin Penzel, Tel: +4930-246 266-0, Katrin.Penzel@Goldmedia.de
Goldmedia Gruppe
Goldmedia berät nationale und internationale Kunden vor allem in den Bereichen Medien, Entertainment und Telekommunikation.
Das Serviceangebot umfasst Strategie- und Politikberatung, Business Development, Markt- und Medienforschung, Executive Search
sowie umfangreiche Marketingleistungen. Goldmedia kooperiert eng mit internationalen Partnern und ist Gründungsmitglied des eu-
ropäischen Berater-Netzwerkes EMCA - European Media Consulting Association. Standorte von Goldmedia sind Berlin und München.
Weitere Informationen: www.Goldmedia.com
Abdruck honorarfrei.
Bildmaterial auf Anfrage und unter www.Goldmedia.com
Bitte schicken Sie uns ein Belegexemplar.
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 4 Seite 5
ƒ Risc Management: Amerikanische Banken, die
als Filmfinanzierer auftreten, basieren ihre
Finanzierungs-Entscheidungen auf Scorings,
welche statistische Potenziale für neue Pro-
jekte haben. Die Basis für diese Entscheidun-
gen sind die Daten aus der Vergangenheit.
Data-driven Content ist auf dem Weg zum Mas-
senmarkt. Die IT, um solche Datenberge zu inter-
pretieren, wird dabei zum entscheidenden Wettbe-
werbsfaktor im Mediengeschäft. Es sind nicht mehr
nur die begnadeten Journalisten oder Kreativen, die
einen Unterschied machen, sondern auch die Pro-
grammierer, die das Produkt optimieren und erfolg-
reich zum Kunden bringen können.
„Daten“, so sagt der Zukunftsforscher Gerd Le-
onhard schon seit einigen Jahren, „sind das neue
Öl“. John D. Rockefeller (1839-1937) baute sein
Ölimperium dadurch auf, dass er zwar die Lam-
pen verschenkte, aber das Öl für die Lampen teuer
verkaufte. Wer also heute seine Daten kapitalisieren
will, sollte überlegen, welche „Gefäße“ es zu ver-
schenken gibt. Tablets könnten deshalb bald schon
umsonst erhältlich sein. Und wer als Anbieter die
Datenberge zu lesen und zu interpretieren weiß,
genießt mannigfaltige Wettbewerbsvorteile. Daten
können daher schon 2015 zum neuen Goldstan-
dard werden.
Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting
ƒ Automated Journalism: Wiederkehrende
Aufgaben im Journalismus werden immer
mehr automatisiert. Und wenn der Com-
puter die meteorologischen Daten zu Wet-
termeldungen oder die Regionalliga-Ergeb-
nisse zu Spielberichten umformt, werden
die Ursprungsdaten immer wertvoller.
ƒ News-Streams/Feeds: Ob Facebook oder Spo-
tify, überall werden die auflaufenden Inhalte,
Informationen und Unterhaltung über per-
sonalisierte Algorithmen vorselektiert und den
Nutzern als individuellen Stream präsentiert.
ƒ Recommendation Engines: Immer wichtiger wird
die Vorauswahl und personalisierte Empfehlung
für die Endkunden. Um im Überfluss der Ange-
bote nicht nur durchzublicken, sondern um das
zu finden, was passt, braucht es geeignete Fil-
ter- und Empfehlungssysteme (mit den entspre-
chenden Filter Bubble-Problemen gleich anbei).
ƒ Sports Data: Was wäre ein Spiel ohne Statis-
tiken? Was wären Moderationen ohne Hin-
weise auf Vergangenes? Daten werden auch
im Sportbereich immer relevanter und letztlich
zum Game Changer. Wer diese Daten nicht
hat oder bieten kann, ist langfristig im Nachteil.
ƒ Content Development: Netflix hat sich be-
reits damit gebrüstet, dass man aus den
Nutzerdaten Konzepte für eigene Erfolgs-
serien wie „House of Cards“ abgeleitet hat.
„Data-driven Content ist auf dem
Weg zum Massenmarkt. Die IT,
um solche Datenberge zu inter-
pretieren, wird dabei zum ent-
scheidenden Wettbewerbsfaktor
im Mediengeschäft.“
Daten, gigabyteweise Daten und es werden im-
mer mehr: Weltweit, so eine aktuelle Studie, wird
sich das Datenvolumen bis zum Jahr 2020 verzehn-
fachen. Allein in Deutschland soll die Menge an di-
gitalen Daten von derzeit 230 auf 1.100 Milliarden
Gigabyte steigen (Quelle: EMC). Auch der Medien-
und Entertainmentbereich sind von der Dateninfla-
tion betroffen. Doch das Buzzword „Big Data“ al-
lein macht noch keinen Trend. Vielmehr zeigt sich
immer öfter, dass die schiere, stetig anschwellende
Datenmenge eine sinnvolle Interpretation sogar er-
schwert, wenn nicht gar verhindert.
Keiner blickt mehr durch.
Oftmals sind die heutigen „personalisierten“ Wer-
bestrategien der Diensteanbieter erkennbar un-
zulänglich und kontraproduktiv: Wenn ich gerade
für meine Reise ein Hotelzimmer in New York ge-
bucht habe, brauche ich keine Bannerwerbung,
welche mir Hotelzimmer in New York anbietet.
Hier endet die intelligente Dateninterpretation bis-
lang. Noch stehen wir erst ganz am Anfang einer
Entwicklung, deren Paradigma die datengetriebene
Medienproduktion und -distribution ist.
Anzeichen für diesen Medienwandel gibt es aller-
orts:
ƒ Data Driven Journalism: Erkenntnisse und
Zahlen werden von Datenanalysten für die
Nutzer aufbereitet, aggregiert und verchartet.
Big Data
Data-driven Content auf dem Weg zum Massenmarkt.
Daten sind der neue Goldstandard – wenn man sie zu
interpretieren weiß
Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 6 Seite 7
nent gern die Serie „Orange Is the New Black“ se-
hen, dann kann man recht unkompliziert und ohne
weitreichende Kosten zu Netflix switchen. Statt
einen Kunden einmal zu ködern und es ihm dann
durch lange Laufzeiten und monatelange Kündi-
gungsfristen möglichst schwer zu machen, aus dem
Abo wieder herauszukommen, versuchen Anbieter
nun, den Kunden mit überzeugenden Inhalten zu
binden und durch guten Service Lock-in-Effekte zu
erzeugen.
Der Kunde ist auch online bereit zu zahlen, wenn
der Gegenwert stimmt. Das Abo-Modell bietet dabei
sowohl für den Anbieter als auch den Nutzer posi-
tive Seiten. Es wird spannend sein zu beobachten,
wie sich die teilweise erst in den letzten Monaten
gestarteten Services im Jahr 2015 schlagen werden
– und vor allem, wie der Abonnement-Gedan-
ke 2015 weitergeführt wird: Ob Publishing oder
Sportübertragungen – Inhalte, die sich durch Sub-
skriptionen monetarisieren lassen, gibt es viele. Wie
die Modelle ausgestaltet werden, um den Nutzer zu
überzeugen, ist eine der wichtigen Fragen für das
Medienjahr 2015.
Mathias Birkel,
Senior Manager Goldmedia GmbH Strategy Consulting
Mitte der 2000er Jahre kam das Abonnement als
Geschäftsmodell auf die schiefe Bahn. Viel zu
viele „Abofallen“ lauerten plötzlich im Internet.
Durch einen falschen Klick schloss man unbemerkt
Laufzeitverträge für digitale Kochrezepte, Hausauf-
gabenhilfen oder Klingeltöne ab. Abos standen für
hohe und versteckte Kosten, für lange Laufzeiten,
lange Kündigungsfristen und für Drückerkolon-
nen. Die Nutzer schreckte das ab. Onlinedienste
fokussierten sich daher jahrelang neben der Mon-
etarisierung von Werbung auf Einzel-Transaktionen
zur Generierung von „Pay“-Erlösen. Der Erfolg blieb
allerdings oft aus.
Mittlerweile erlebt das Abo-Modell jedoch eine
ungeahnte Renaissance. Der Kunde akzeptiert in-
zwischen eher, eine monatliche Gebühr zu bezahlen,
als immer wieder eine neue Kaufentscheidung zu
treffen. Vor allem dann, wenn das, was er dafür
bekommt, klar definiert und transparent ist. Das
Geheimnis ist ein einfaches Preismodell mit maxi-
mal zwei Preisstufen. Als Schwellenpreis scheint sich
dabei für Musik-, aber auch für Zeitschriften- und
Buch-Flatrates die 9,99-Euro-Grenze herauszukris-
tallisieren, bei Videos liegt diese mit 7,99 Euro noch
etwas darunter. Dafür erwartet der Kunde zum ein-
en den vollen Zugriff und zum anderen volle Flexibil-
ität. Die Laufzeiten liegen heute häufig nur noch bei
einem Monat und nicht bei 12 oder 24 Monaten,
wie es lange üblich war. Da macht es auch nichts,
wenn nicht jeglicher Content bei jedem Anbieter
verfügbar ist: Will man etwa als Watchever-Abon-
Abonnements werden bei den Nutzern immer er-
folgreicher und sich 2015 auf den Medienmärk-
ten noch stärker durchsetzen. Streaming-Dienste
wie Spotify und Deezer wirbeln derzeit mit ihren
digitalen Flatrates das Musikbusiness kräftig durch-
einander. Prognosen gehen davon aus, dass sie bis
2018 bereits 35 Prozent der Gesamterträge der
deutschen Musikindustrie generieren werden (GfK).
Ebenso deutlich zeigt sich dieser Trend im Videobe-
reich. Mit Maxdome, Watchever, Netflix, Amazon
und Sky konkurrieren in Deutschland inzwischen
mindestens fünf Subscription Video-on-Demand-
(S-VoD) Anbieter bei digitalen Video-Abonnements.
Es gibt weitere Beispiele: Im Oktober 2014 launchte
Amazon seine digitale Buch-Flatrate „Kindle Un-
limited“ in Deutschland, beinahe gleichzeitig gab
es den Startschuss für „Readly“ – eine digitale
Zeitschriften-Flatrate mit Beteiligung u.a. von Bauer,
Funke und IDG. Auch Software (Office 365), Games
(Playstation Plus), Kinotickets (Yorck-Gruppe) oder
Angebote zum Sprachenlernen (Babbel) werden
mittlerweile im Abomodell vertrieben.
Abonnements standen viele Jahre für Zeitungen,
Zeitschriften oder den Bertelsmann Buchclub. 1984
startete dann mit dem Sky- und Premiere-Vorläufer
„Teleclub“ der erste Pay-TV-Sender in Deutschland
– und lange sah es so aus, als ob Abo-Fernsehen
in Deutschland nicht richtig funktionieren würde.
Heute, 30 Jahre danach, verzeichnet Sky beachtli-
che Kundenzuwächse – und auch Gewinne.
„Der Kunde akzeptiert inzwischen
eher, eine monatliche Gebühr
zu bezahlen, als immer wieder
eine neue Kaufentscheidung zu
treffen. Vor allem dann, wenn
das, was er dafür bekommt, klar
definiert und transparent ist.“
Abomodelle
Subscribe to everything: Digitale Abonnements sind
das Geschäftsmodell der Stunde
Trendartikel Mathias Birkel
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 8 Seite 9
oder teilweise durch Streaming-Angebote. Das
entspricht gut 13 Millionen Bundesbürgern. (Nov.
2014) Angesichts dieser Zahlen müssen sich TV-Ver-
anstalter in Deutschland darauf einstellen, ihre digi-
tale Kompetenz weiter auszubauen und vor allem
Jugendformate in den kommenden Jahren immer
stärker von alten Plattformen zu entkoppeln, um
sich unkonventionellem und weniger ästhetisiertem
Content zu widmen.
Das Paradigma lautet Identifikation statt Profes-
sionalisierung. Junge Zuschauer können sich mit
Formaten, die ihrem unmittelbaren (Er-)Leben ent-
nommen sind, stärker identifizieren als mit Serien-
formaten aus den 1980er-Jahren oder artifiziellem
Moderatoren-Pathos. Authentizität und Identifika-
tion werden 2015 die wichtigsten Strategie-Säulen
im deutschen Bewegtbildmarkt sein. Darauf müssen
sich auch die klassischen TV-Anbieter einstellen.
Tim Prien
Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting
Etablierte Sendeformate müssen umgedacht
werden, wollen sie am Puls der Zeit bleiben und
weiterhin an den Werbeeinnahmen partizipie-
ren. Die digitale Format(r)evolution durch Kanäle
wie YouTube verschiebt nämlich nicht nur das
Nutzerverhalten der (jungen) Zuschauer, sondern
bietet auch viele neue Einnahmequellen und
Werbemöglichkeiten. Die von sogenannten Multi-
channel-Networks wie Mediakraft immer aufwendi-
ger produzierten UGC-Formate der YouTuber sind
ein Millionengeschäft und von der Werbeindustrie
längst angenommen.
YouTuberinnen wie die 19-jährige Bethany Mota
alias „Macbarbie07“ etwa, derzeit bekannteste
Beauty-YouTuberin mit einer Anhängerschaft von
über sieben Millionen Fans, verdient durchschnitt-
lich 40.000 US-Dollar pro Monat. Bekannt gewor-
den durch die Formate „Beauty Hauls“ und „What’s
in my Bag“ – Lifestyle-Videos mit Kauf-Tipps – sind
die Haupteinnahmequellen der 19-Jährigen mittler-
weile Sponsoringaufträge, die sie in ihren Videos
unterbringt.
Die disruptive Popularität der Online-Formate lässt
sich nicht nur an Millionen von Abonnenten messen,
auch die aktuellen Ergebnisse der ARD/ZDF-Online-
studie 2014 stützen diesen Trend: 2014 entfielen
bereits 20 Prozent der gesamten Bewegtbildnut-
zung der 19- bis 29-Jährigen auf Onlinevideos und
TV-Sendungen im Internet. Laut Bitkom-Studie er-
setzt bereits jeder dritte Nutzer von Video-Strea-
ming ab 14 Jahren das klassische Fernsehen ganz
Ein Raunen geht durch die Pariser Konzerthalle Le
Zenith, als die Stars endlich erscheinen. Sie heißen
an diesem Abend jedoch nicht Lady Gaga, Kanye
West oder Katy Perry. Auf der Bühne lassen sich
zwei schlacksige Teenager-Teams feiern, die sich vor
laufender Kamera live mit anderen Gamern aus aller
Welt in „League of Legends“ – kurz „LoL“ messen.
LoL, von Riot Games als schnelles, kompetitives On-
linespiel entwickelt, steht mit Zuschauerzahlen von
bis zu 32 Millionen bei Spitzenevents für einen digi-
talen Paradigmenwechsel im Fernseh- und Video-
markt, der die Medienbranche erfasst hat und der
sich 2015 noch stärker ausbreiten wird.
Online Gaming-Events mit einem Millionenpubli-
kum sind heute schon kein Einzelphänomen mehr,
sondern fester Bestandteil der Games- und Video-
Branche. Ob in ausverkauften Stadien, millionen-
fach via Stream oder in Form von YouTube-Videos:
Online Gaming-Formate erobern die jungen Ziel-
gruppen. Durch Internetportale wie YouTube & Co.
geraten traditionelle Unterhaltungsformate damit
immer mehr aus dem Gleichgewicht. User-Genera-
ted Content (UGC) tritt bei Jugendlichen immer häu-
figer an die Stelle klassischer Medienproduktionen.
So hat die erfolgreichste deutsche YouTuberin
„Bibi“ inzwischen rund acht Mal so viele Abon-
nenten wie die Jugendzeitschrift „Bravo“. Und der
beliebteste deutsche YouTube-Channel „Gronkh“
verzeichnet vier Mal so viele Suchanfragen wie alle
YouTube-Channels der öffentlich-rechtlichen TV-
Sender zusammen.
„Die digitale Format(r)evolution
durch Kanäle wie YouTube verschiebt
nicht nur das Nutzerverhalten der
(jungen) Zuschauer, sondern bietet
auch viele neue Einnahmequellen
und Werbemöglichkeiten.“
Internet und TV
Disruption der Medienformate: Junge
Nutzergruppen ziehen YouTube & Co. den klassischen
Medienproduktionen immer stärker vor. TV-Macher
können davon lernen
Trendartikel Tim Prien
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 10 Seite 11
News-Stream, der nicht (mehr) wirklich interessiert.
Wichtig aber bleibt der soziale Austausch mit Freun-
den. Und das leisten die Messaging-Apps.
Es ist deshalb klar zu sehen, dass 2015 ein Sieg es-
zug der Messaging-Apps ansteht. Aber einer scheint
diesmal gut gerüstet: Facebook. Nachdem der
Facebook-eigene Messenger die hohen Erwartun-
gen nicht erfüllen konnte, kaufte das Unternehmen
kurzerhand den erfolgreichsten Dienst Whats-App
Anfang 2014 für rund 19 Milliarden Dollar. Diese
Investition erschien zwar zunächst als sehr hoch,
doch nüchtern betrachtet zahlte Facebook lediglich
ca. 40 Dollar pro Nutzer, während der User auf
Facebook zu dieser Zeit rund 80 Dollar wert war.
Was nun wie eine glückliche Fügung aussieht, war
wohl eher weise Voraussicht: Facebook wird auch
im nächsten großen neuen Online-Markt „Messag-
ing“ ein bedeutsamer Player bleiben.
Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting
So schnell kann es gehen für Giganten im Internet:
Als Google startete, verloren Lycos und Altavista
ihre Dominanz im Search-Markt binnen kürzester
Zeit. Mit Facebook entwickelte sich ein paar Jahre
später der Social Media-Markt und MySpace war
Geschichte. Google kam nicht wirklich hinterher.
Und nun schicken sich Messaging-Apps an – allen
voran WhatsApp –, den Social Media-Markt ab-
zuhängen.
Die Zahl der monatlich aktiven Messaging-Nutzer
steigt steil: Über eine Milliarde Nutzer 2014!
(Quelle: Business Insider) Und während die Nutzer-
zahlen der sozialen Netzwerke entweder stagnieren
oder nur noch leicht wachsen, erfahren die soge-
nannten „Dark Social“-Dienste weiterhin riesigen
Zulauf. Dark Social deshalb, weil sich die Kommu-
nikation nicht (teil-)öffentlich, sondern im persön-
lichen Bereich abspielt und Messaging-Dienste sich
der Marktforschung oder externen Analyse bislang
überwiegend verschließen. Aus diesem Grund gibt
es relativ wenig allgemeines Wissen darüber, was
die Nutzer auf Plattformen wie Snapchat, LINE oder
WeChat genau tun.
Die Undurchsichtigkeit ist einer der wichtigsten
Gründe für die Popularität der Messaging-Apps:
Jugendliche verlassen vor allem in den USA Face-
book, weil sie nicht von ihren Eltern und Lehrern
beobachtet werden wollen; Mittzwanziger chat-
ten auf WhatsApp, weil es nicht semi-öffentlich,
sondern privat ist; ältere Menschen schätzen die
Simplizität und Bequemlichkeit der Messaging-
Dienste und alle scheinen müde zu sein vom Social
Doch was sich dramatischer entwickeln könnte als
die unschöne Situation im Printwerbemarkt, ist der
Ausblick für 2015: Werbeumsätze korrelieren bis-
lang immer stark mit der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung. Und schaut man auf die deutsche
Wirtschaft oder die Aktienmärkte, ist jedem klar,
dass es brummt seit dem letzten Crash in 2008.
Davon kommt aber offensichtlich nur noch relativ
wenig bei den klassischen Werbeträgern an. Und
wir wissen: Wirtschaft ist zyklisch, nach einem Auf-
kommt des Öfteren gern ein Abschwung. Doch
wer heute schon die Boomphase nicht wirklich mit-
gemacht hat, kann sich leider nicht sicher sein, dass
eine Entkoppelung von der allgemeinen wirtschaftli-
chen Lage auch in schlechteren Zeiten anhält.
Was geschieht also, wenn es zum Beispiel 2015 wie-
der einen wirtschaftlichen Einbruch geben sollte? Die
Bundesregierung hat ihre Prognose zum Wirtschafts-
wachstum für 2015 bereits von 2,0 Prozent auf 1,3
Prozent reduziert. „Die deutsche Wirtschaft befin-
det sich in einem außenwirtschaftlich schwierigen
Fahrwasser“, sagte Bundeswirtschaftsminister Sig-
mar Gabriel im November 2014. – Euphorie klingt
anders.
Es könnte also 2015 oder 2016 für den deutschen
Werbemarkt ungemütlich werden. Im Abschwung
werden oft als erstes die Marketingbudgets gekürzt.
Keine schöne Aussicht. Außer man finanziert sich
als Medienunternehmen aus Haushaltsbeiträgen
oder Abonnements. Doch das hilft werbetragenden
Medien wenig. Viel Arbeit also für die Vermarkter
… oder die Werbe-Statistiker.
Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting
Werbemarkt
Quo Vadis Werbung: Schrumpfung trotz Wachstum
Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Über alle Werbeträger hinweg ist in den
letzten Jahren der Netto-Werbemarkt in
Deutschland geschrumpft: 2012 um -3,2
Prozent und 2013 um -1,8 Prozent! (ZAW)
Trotz deutlich wachsendem Online-, TV-
und Hörfunkwerbemarkt, trotz Wachstum
bei Außenwerbung und Fachzeitschriften.
Insgesamt gehen die klassischen Werbe-
umsätze in Deutschland seit Jahren zurück!
Hört man in den Markt hinein, dürften auch
2014 wieder nicht alle klassischen Werbe-
träger unisono in Jubel verfallen.
Natürlich: Die Printverlage verlieren massiv.
Die Umschichtungen in Richtung Online-
und Mobilsektor fangen diese Schrump-
fungsprozesse nicht komplett wieder auf.
Und die rund drei Milliarden Euro Bruttoum-
satz im Bereich Search- und Affiliate-Mar-
keting erscheinen nicht in der ZAW-Statis-
tik. So sieht der Markt vielleicht düsterer
aus, als er in Wahrheit ist.
Social Media
Von Social Media zu Dark Social: Messaging-Dienste
haben immer mehr Zulauf
Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer
„Alle scheinen müde zu sein vom
Social News-Stream, der nicht
(mehr) wirklich interessiert. Wich-
tig aber bleibt der soziale Aus-
tausch mit Freunden. Und das
leisten die Messaging-Apps.“
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 12 Seite 13
lerweile ein großer Teil der deutschen Bevölkerung
tagtäglich auch ein vernetztes Audio-Gerät bei sich,
das neben klassischem UKW-Radio und MP3s auch
Webradio und Musikstreaming-Services bietet.
All dies bringt den Online-Audio-Markt 2015 deut-
lich nach vorn: Gegenüber 2014 wird der Markt
für Online-Audio-Werbung um rund 50 Prozent
wachsen (Webradiomonitor 2014). Das liegt vor al-
lem an den Musikstreaming-Anbietern, die derzeit
ein explosionsartiges Wachstum erleben und den
jahrelang geschrumpften Musikmarkt auch insge-
samt wieder nach vorn bringen. Kein Wunder also,
dass die Gorillas des Online-Business den Audio-
Dschungel nicht allein Spotify und Deezer über-
lassen wollen: Nach der Ankündigung durch You-
Tube schickt sich auch Apple an, 2015 ein eigenes
Streaming-Angebot zu starten.
Darauf müssen sich die etablierten Audio-Anbieter
also einstellen. Große neue Wettbewerber, neue
Technologien, neue Angebote und nebenbei läuft
dennoch ununterbrochen das Küchenradio: Im Au-
dio-Markt bleibt alles anders.
Mathias Birkel,
Senior Manager Goldmedia GmbH Strategy Consulting
ten Musik-Streaming-Dienste, Audio Guides oder
Hörbuch-Plattformen per Web oder App ganz neue
Hörerlebnisse.
Die ganze Vielfalt der Audio-Angebote profitiert von
einem großen Vorteil: Alles kann wunderbar „ne-
benbei“ genutzt werden, wenn visuelle Medien von
Print über Display bis hin zu Video zu sehr ablenken
– eine Eigenschaft, die in einer durch Geschwindig-
keit, Effizienz und Mobilität geprägten Multitask-
ing-Welt immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Ein weiterer Treiber für das Medium Audio ist das
Smartphone: 62 Prozent der Deutschen besitzen in-
zwischen eines (Goldmedia), bei den 14- bis 29-Jäh-
rigen sind es sogar 84 Prozent (TNS). Und: 61 Prozent
der Smartphone-Besitzer sagen, dass sie nicht mehr
darauf verzichten können (BITKOM). Damit hat mitt-
Ob Radio, Podcast, Stream oder MP3 – Audio ist
im besten Sinne der Begleiter durch den Tag. Er
beginnt bei vielen mit dem Radiowecker und en-
det mit Schlummermusik oder einem „Die Drei
Fragezeichen“-Hörspiel. Auch zwischendurch ist
Audio stets dabei – beim Duschen, Joggen, beim
Frühstücken oder auf dem Weg zur Arbeit. Der All-
rounder Audio wird 2015 noch präsenter. Dafür
gibt es viele Anzeichen:
Ganz generell gilt: Musik zu hören ist in seiner Be-
liebtheit ungebrochen und für Jugendliche nach wie
vor sogar wichtiger als Internet-, Handy- oder Fern-
sehnutzung (JIM-Studie 2013).
Auch das klassische Radio wird weiterhin geschätzt:
Seit Jahren konstant mit rund 94 Prozent (ma Ra-
dio 2014 II) erreicht der Hörfunk einen riesigen
Teil der deutschen Bevölkerung insgesamt. Und er
kann selbst im digitalen Zeitalter bei den Jugendli-
chen punkten: 73 Prozent der 12- bis 19-Jährigen
schalten mehrmals pro Woche oder sogar täglich
ein Radioprogramm ein – nur neun Prozent verzich-
ten gänzlich auf das alte UKW-Radio (JIM-Studie
2014). Auch die Hörfunk-Werbeumsätze wachsen
seit 2009 stetig zwischen zwei und vier Prozent.
Doch Audio ist nicht nur traditionell verhaftet,
sondern zugleich hochmodern: Neben der leicht
stotternden digitalen UKW-Alternative DAB+ bie-
„Gegenüber 2014 wird der Markt
für Online-Audio-Werbung um
rund 50 Prozent wachsen (Webra-
diomonitor 2014). Das liegt vor
allem an den Musikstreaming-An-
bietern, die derzeit ein explosions-
artiges Wachstum erleben ...“
Audio und Entertainment
Alles bleibt anders: Der Audio-Markt boomt und ist
dynamisch wie nie
Trendartikel Mathias Birkel
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 14 Seite 15
dass man in den kommenden Jahren in Deutsch-
land durch optimierte Straßenverkehrssensorik mit
rund 15 Prozent weniger Kraftstoff auskommt. Das
entspricht etwa 900 Millionen Liter oder 1,3 Mil-
liarden Euro pro Jahr.
Akzeptanz der Nutzer wird zum Verkaufsargu-
ment
Bis zu einem vollends automatisierten Smart House,
autonomer Verkehrsregulierung oder selbstfahren-
den Autos ist es natürlich in Deutschland noch ein
weiter Weg. Neben dem technischen Aufwand
und enormen Investitionen zur Modernisierung
der Device-Infrastruktur hängt es vor allem an den
Nutzern, die solche automatisierten Systeme auch
annehmen müssen. Sie sind diejenigen, die sich auf
Anweisungen der Predictive Analystics-Systeme in
ihren Autos verlassen müssen, damit positive Kos-
teneinsparungen überhaupt möglich werden. Die
Frage nach dem Verlust der Autonomie geht damit
einher: Werden Konsumenten eine automatisierte
Welt akzeptieren oder feiert das Internet der Dinge
seinen Einzug in den Mainstream, weil die optimi-
erte Bequemlichkeit siegt? Zumindest im Falle der
Oral-B-Zahnbürste kann man davon ausgehen, dass
der Nutzen überwiegen wird. 2015 dürfte also ein
spannendes Jahr für die Verbreitung und Akzeptanz
des Internets der Dinge werden.
Tim Prien
Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting
zu gestalten. Dabei werden physikalische Objekte in
einem Internet-ähnlichen System untereinander ver-
bunden, um die Lücke zwischen der realen und der
virtuellen Welt so sehr zu verwischen, dass sie für
den Konsumenten kaum noch spürbar ist. Natürlich
sind solche Bestrebungen derzeit nur rudimentär
vorhanden, jedoch gibt es schon Konzepte und An-
sätze, die eine solche Zukunft greifbar machen. So
kann die aktuelle Zahnbürste von Oral-B bereits Be-
wegung und Putzverhalten des Nutzers erkennen,
aufzeichnen und optimieren. Oder: Software Home
Hubs wie Belkins WeMO können ganze Haushalte
mit fernsteuerbaren Heizungs- und Lampen-Modu-
len automatisieren.
Industriepotenziale für das Internet der Dinge
sind milliardenschwer
Jenseits des Endverbrauchermarkts findet auch die
Fertigungsindustrie immer mehr Interesse und An-
wendbarkeit im Konzept des Internets der Dinge.
Predictive Analytics ist das Anwendungsszenario
und Ersparnisse in Milliardenhöhe das erhoffte
Resultat. Mikrosensoren in Fertigungsanlagen, Lo-
gistikzentren und IT-Infrastrukturen haben das Po-
tenzial, komplexe Datenströme in Echtzeit auszu-
werten, Probleme zu erkennen und anschließend zu
verhindern. Selbst die Behebung von Störungen soll
bald den Algorithmen der Predictive Analytics an-
vertraut werden. Betreiber von Logistikzentren kön-
nen mithilfe von Verkehrsdaten die Zu- und Abfahrt
kontrollieren und damit Zeit und Geld sparen. Ein-
sparungen werden aber auch im Endverbraucher-
markt möglich. Audi-Ingenieure haben kalkuliert,
Durch immer schnelleres, mobiles Internet, kleine-
re Mikrosensoren und smarte Endgeräte rückt die
Welt nicht nur zusammen, sie wird auch Schritt für
Schritt klüger. Smartphones gehören längst zu un-
serem Alltag – 62 Prozent der Deutschen nutzen sie
Ende 2014. Mit Sensoren ausgestattete Produkte
für Privatkunden und Predictive Analytic Services
in der Industrie werden im kommenden Jahr nach-
haltig die Art und Weise ändern, wie wir alltägliche
Aufgaben und Prozesse angehen. Immer mehr Un-
ternehmen arbeiten an einer digitalen Zukunft, in
der Datenerhebung und -austausch zwischen einzel-
nen Sensoren soweit automatisiert sein werden,
dass die Nutzer dies zu ihrer kognitiven Entlastung
nicht mehr mitbekommen.
Schon heute aktivieren zum Beispiel erbsengroße
Beschleunigungschips in Festplatten im freien Fall
einen Sicherheitsmechanismus, der unsere Daten
trotz Aufprall eines Gerätes absichert. Oder beim
Autofahren: Rund 700 Ampel-interne Sensoren sor-
gen im Zusammenspiel mit smarten Automobilen in
Berlins Innenstadt für grüne Welle und ununterbro-
chene Fahrten.
Vernetzte Zukunft kommt beim
Verbraucher an
Was wie eine Vision eines Science-Fiction-Romans
wirkt, könnte schon bald ein fester Bestandteil un-
serer alltäglichen Erfahrung und Arbeitswelt sein.
Das Internet der Dinge, 1991 von Mark Weiser zum
ersten Mal in Ansätzen konzeptualisiert, ist nun da-
bei, unseren Alltag tatsächlich klüger und effizienter
„Immer mehr Unternehmen arbei-
ten an einer digitalen Zukunft, in
der Datenerhebung und -austausch
zwischen einzelnen Sensoren soweit
automatisiert sein werden, dass die
Nutzer dies zu ihrer kognitiven Ent-
lastung nicht mehr mitbekommen.“
Internet
Smart wird praxistauglich: Das Internet der Dinge
kommt im Verbrauchermarkt an
Trendartikel Tim Prien
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 16 Seite 17
nicht gerade trivial sind. Das musste auch kürzlich
erst der amerikanische Marktneuling CurrentC fest-
stellen. Der Zahlungsdienst des US-amerikanischen
Einzelhandelsverbandes MCX (u.a Walmart, Dunkin‘
Donuts, Shell) wurde eine Woche vor der Ankündi-
gung von Apple Pay der Öffentlichkeit vorgestellt.
Doch bereits in der Testphase gelang es Hackern,
sich Zugriff auf die sensiblen Zahlungsdaten der
Kunden zu verschaffen.
Die Herausforderung für ein mobiles Zahlungssys-
tem ist, die Kunden zu überzeugen, dass es so sim-
pel und zuverlässig ist wie herkömmliches Bezahlen
mit Bargeld oder Kreditkarte, dazu aber deutlich
schneller und komfortabler. Wann genau die kri-
tische Masse erreicht sein wird, bleibt schwer zu
prognostizieren. Sicher jedoch ist, dass sich 2015
viele marktreife Entwicklungen dem Realitätstest
unterziehen werden, um mit Mobile Payment mit-
telfristig eine erfolgreiche, massentaugliche Zah-
lungsweise zu etablieren.
Sebastian Lehr
Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting
es MasterCard als vertrauenswürdigem Kredit-
kartenanbieter, die Akzeptanz der Kunden zu
gewinnen, werden andere Zahlungsdienstleister
nachziehen. Darüber hinaus dringen auch neue
Anbieter auf den Markt: Die Telekommunikations-
anbieter Vodafone, O2 und Telekom bieten mit
Mpass ein Zahlungsverfahren an, das sowohl in
Geschäften als auch online genutzt werden kann.
Auch PayPal erweitert die Einsatzfelder seines Zah-
lungsdienstes. Eine Kooperation mit Samsung hat
das Ziel, ein biometrisch gestütztes Bezahlverfahren
einzuführen, welches universell einsetzbar ist.
Was stand Mobile Payment so lange im Weg?
Bislang schienen die Nutzer mit den etablierten
Bezahlsystemen recht zufrieden zu sein. Deshalb
überwog die Skepsis im Einzelhandel, ob ein
schnellerer Bezahlvorgang einen hinreichenden
Mehrwert darstellen würde, zumal die technischen
Herausforderungen für ein mobiles Bezahlsystem
Nach Jahren kleinerer Vorstöße scheint nun die
Zeit reif zu sein: Mobile Payment kann 2015 erste
Durchbrüche schaffen. Haben 2014 gerade einmal
176.000 Deutsche Payment-Apps auf ihren Smart-
phones installiert, soll diese Zahl schon bis 2020 auf
11 Millionen steigen. 500 Millionen Euro werden
dann pro Jahr in Deutschland über mobile Bezahl-
systeme umgesetzt (PWC).
Apple Pay bringt Schwung in den Markt
Technische Voraussetzung sind NFC-fähige (Near
Field Communication) Geräte, sowohl bei Kunden
als auch bei Händlern. Doch im deutschen Einzel-
handel wurde die erforderliche Technik nur langsam
in Zahlungsterminals nachgerüstet. Auch auf Kun-
denseite nahm die Verbreitung der Übertragungs-
technik nur schleppend zu, u.a. weil NFC-Chips
bis zum Erscheinen des iPhone 6 erst in wenigen
Geräten der konkurrierenden Android-Plattform
verbaut wurden. Apple Pay könnte so zur Schritt-
machertechnologie werden. Erweist sich Apple Pay
in Amerika als Erfolg, kann das zu einem großen
technischen und ökonomischen Vertrauensgewinn
für Mobile Payment führen, der sich positiv auf die
Marktentwicklung in anderen Ländern auswirkt.
Auch andere große Player haben Aktivitäten an-
gekündigt. So hat MasterCard das Ziel ausgerufen,
ab 2015 kontaktloses Bezahlen bei sämtlichen
Partnern im Einzelhandel zu ermöglichen. Gelingt
„Erweist sich Apple Pay in Ameri-
ka als Erfolg, kann das zu einem
großen technischen und ökono-
mischen Vertrauensgewinn für
Mobile Payment führen, der sich
positiv auf die Marktentwicklung
in anderen Ländern auswirkt.“
Mobile
Mobile Payment ante portas! Der Markt für mobile
Bezahlsysteme bekommt entscheidende Impulse
Trendartikel Sebastian Lehr
„Die Herausforderung für ein mo-
biles Zahlungssystem ist, die Kunden
zu überzeugen, dass es so simpel und
zuverlässig ist wie herkömmliches
Bezahlen mit Bargeld oder Kredit-
karte, dazu aber deutlich schneller und
komfortabler.“
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 18 Seite 19
sen (Amazon) immer gigantischere Datenbanken,
die jederzeit unfassbare Mengen an Informationen
filtern und äußerst kommod übermitteln können.
Natürlich kann man auch weiter ausschließlich im
Großen Brockhaus blättern, aber das dortige ver-
fügbare Wissen ist äußerst begrenzt im Vergleich zu
Alexa oder Siri und weit unkomfortabler präsentiert.
Dann doch lieber Freunde fragen
Social Search: Die offenbar etablierteste Search-
less Search-Funktion ist der Rückgriff auf die Nut-
zungsmuster meiner Freunde. Der Facebook-Feed
dient heute bereits als News-Lieferant und Video-
Empfehlungs-Stream. Das hat bereits dazu geführt,
dass Facebook mittlerweile mehr Videos ausliefert
als YouTube! Social Media erlauben so nicht nur die
neue absichtslose Suche, sondern bestenfalls auch
die Entdeckung neuer oder passender Inhalte.
Nachdem die Markteinführung von Google Glass
von 2014 auf 2015 verschoben wurde und es auch
um die Apple Watch sehr schnell sehr still gewor-
den ist, wird sich zeigen, ob der Kunde diese Art
von Gadgets tatsächlich nutzen will. Auch kann
man gespannt sein, ob Amazons Echo in den USA
auf Akzeptanz stößt und den Sprung nach Europa
schafft. Klar ist aber: Die Entwicklung von Search-
less Search wird uns 2015 weiter stark beschäfti-
gen. Ob als Hardwarelösung, kontextsensitiver
Hinweis oder als Social Media-Feed. Vor allem die
klassischen Medien sollten überlegen, wie sie diesen
Trend zum absichtslosen Suchen und Finden weiter
in ihre Produkte und Dienste integrieren können.
Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting
zeigt, dass ich gerade etwas Zeit habe, und signa-
lisiert das Handy meinen Standort, dann könnte mir
ein intelligenter Personal Digital Assistant vorschla-
gen, dass ein passendes Geschäft in der Nähe ist,
wo ich meine Einkaufliste jetzt erledigen könnte.
Kontextsensitive Hinweise und Informationen sind
einerseits faszinierend, aber stets an zahlreiche
Vorbedingungen geknüpft. Wenn sie mit den Stim-
men eines Personal Digital Assistants übermittelt
werden, wirken sie lebensnaher, aber gerade des-
halb auch äußerst irritierend, denn: Woher weiß
mein Handy das alles?
Doch es geht noch weiter…
Neue Such- und Empfehlungshardware: Google
Glass, die bereits wieder abgekühlt heißeste Sehhil-
fe aus den Google-Laboratorien, ist eine der wohl
bekannteren Searchless Search-Projekte. Größte
Herausforderung beim Interface-Design ist auch
hier, wie man Suchinformationen und automati-
sierte Empfehlungen so präsentiert, dass die Nutzer
nicht überfrachtet werden oder, schlimmer noch,
milde Formen von Verfolgungswahn entwickeln.
Ende 2014 präsentierte der einstige E-Commerce-
Anbieter Amazon in den USA den „Echo“, einen
Netzwerklautsprecher für das Wohnzimmer in Form
einer kleinen schwarzen Röhre mit persönlicher
Digitalassistentin namens „Alexa“. Alexa lauscht
beständig, ob man nach ihr ruft. Sagt man ihren Na-
men, springt sie an und spielt nach Wunsch Musik
aus der Cloud, schaut in Wikipedia nach, liest Nach-
richten, Sportergebnisse und Wettervorhersagen.
Alle berechtigten Verfolgungsängste beiseite, dass
Amazonserver nun die Wohnung laufend abhören
können, werden auch hier aus einstigen Suchma-
schinen (wie bei Google) oder Produktverzeichnis-
„Während das klassische Googeln
per Tastatur scheinbar seinen
Zenit erreicht, kommen immer
mehr sogenannte Personal Digital
Assistants [...] auf den Markt und
gestalten das Suchen und Finden
humaner”.
Eine Vision von Larry Page, Gründer und CEO von
Google, wird greifbar: „Searchless Search“ – die
Suche (oder besser: das Finden von Informationen),
ohne explizit zu suchen, dringt langsam in unser
Leben vor. Während das klassische Googeln per
Tastatur scheinbar seinen Zenit erreicht, kommen
immer mehr sogenannte Personal Digital Assistants
wie Apples „Siri“ oder Microsofts „Cortana“ auf
den Markt und gestalten das Suchen und Finden
humaner, weil sie auf Sprache reagieren und zu-
meist auch sinnvoll antworten. (Bitten Sie Siri mal,
dass Sie Ihnen einen guten Witz erzählt.) Die Assis-
tenten funktionieren leidlich gut, doch es bleibt eine
große Herausforderung: „Intelligent“ erscheinen sie
erst dann, wenn sie relevante Informationen vermit-
teln, nach welchen der Nutzer möglichst noch gar
nicht explizit gefragt hat.
Die Ansätze sind verschieden
Kontextsensitive Empfehlungen: Wenn wir – wie
immer – morgens um acht zu Hause ins Auto ein-
steigen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass
– wie immer an einem Werktag – die Fahrt ins Büro
geht. Dann sind aktuelle Staumeldungen im Navi
auf der Route zum Arbeitsplatz recht sinnvoll. Sind
aber gerade Schulferien und im Kalender ein Urlaub
eingetragen und handelt es sich zudem um Sams-
tag oder Sonntag, liegt die Vermutung nahe, dass
die Reise ganz woanders hingehen könnte. Dann
könnte etwa das Wetter am Urlaubsort (ersichtlich
aus der Hotelbuchung) interessant sein. – Solche
kontextsensitiven Empfehlungen sind der erste
Schritt in Richtung Searchless Search.
Dazu müssen aber, wie bei den Stauinfos auf der
Fahrt zur Arbeit, zahlreiche Bedingungen erfüllt
sein: Habe ich zum Beispiel eine Einkaufsliste ge-
speichert und ist mein Terminkalender geöffnet, der
Internet
Searchless Search wird real: Finden ohne Suche durch
mitdenkende Personal Digital Assistants
Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 20 Seite 21
Im kommenden Jahr werden wir beobachten kön-
nen, wie der „Free to Internet“-Bereich von profes-
sionellen Anbietern immer stärker bespielt wird.
Studio71 der ProSiebenSat.1-Gruppe, mit dem das
Unternehmen YouTube für sich nutzbar machen
will, ist ein guter Anfang. Im Oktober knackte das
Netzwerk die Marke von 200 Millionen Abrufen
und will nun auch in die Produktion fiktionaler In-
halte einsteigen. Die Konkurrenten von Mediakraft
schaffen bereits 420 Millionen Abrufe im Monat mit
einer Wachstumsrate von zehn Prozent. RTL ver-
zichtet vorerst auf eigene Entwicklungen und enga-
gierte sich im Sommer mit 26 Millionen Euro an dem
kanadischen Multi-Channel Network BroadbandTV,
das nach eigenen Angaben monatlich mehr als 800
Millionen Abrufe erzielt.
Das klassische Sender-Empfänger-Schema funktio-
niert im Internet offensichtlich nicht mehr. Die Nut-
zung der sendereigenen Streaming-Angebote ist
nur ein kleiner Teil einer Antwort auf die Herausfor-
derungen der Digitalisierung. Hier hat sich zusätzlich
eine andere Rezeptionsform ausgeprägt und die hat
mehr mit Kommunikation als mit reiner Sendung zu
tun. Wer auch immer in diesem zuschauerstarken
Segment des werbefinanzierten Video-Streamings
aktiv sein will, benötigt ein ganz neues Verständ-
nis von Fernsehen. 2015 werden sich die deutschen
Fernsehsender diesem Thema deutlich stärker wid-
men als bisher.
Dr. Florian Kerkau
Geschäftsführer Goldmedia Custom Research GmbH
vorbei. Internationaler Erfolg bleibt für deutsche
Produktionen somit die Ausnahme.
Zunächst machte Netflix den deutschen Produzent-
en Hoffnung, auch lokale Produktionen zu beauftra-
gen. Doch bereits nach kurzer Analyse der deutschen
Produktionslandschaft kam prompt das Kommando
zurück! „Wir haben in Deutschland Ausschau ge-
halten nach geeigneten Stoffen – aber nichts gefun-
den“, erklärte Netflix-Firmengründer und CEO Reed
Hastings im Interview (Blickpunkt:Film, Sept. 2014).
Ob Netflix es schafft, die jüngeren und fernseh-
müden deutschen Zuschauer an sich zu binden, ist
fraglich, da diese meist keine besonders ausgepräg-
te Zahlungsbereitschaft haben oder es sich schlicht
nicht leisten können. Insofern entsteht ein großer
Bedarf für „Free“-Programme jenseits der klassisch-
en Fernsehübertragung. Diesen Bedarf befriedigen
die Mediatheken der deutschen Fernsehsender of-
fenbar nicht. In der Messung der Videoabrufe der
Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) in
Zusammenarbeit mit Nielsen zeigt sich bislang ein
ernüchterndes Bild. Die Top Ten-Angebote der ARD
erreichen hier zusammen im Oktober 2014 gerade
vier Millionen Abrufe, bei ProSieben rund 3,5 Mil-
lionen.
Was den Sender-Mediatheken bislang nicht gelingt,
wird hingegen erfolgreich von YouTube bespielt:
Die deutschen YouTuber ApeCrime erzielen für ein
neues Video oft über 500.000 Abrufe am Tag und
eine Million in der Woche. Die Top Ten-YouTube-
Kanäle aus Deutschland erreichten in der letzten
Woche (KW 49, 2014) zusammen über 40 Millionen
Views.
Es tut sich etwas in der Bewegtbildwelt. Während
der Werbemarkt dem deutschen Fernsehen fest die
Treue hält (TV-Werbemarkt +2,2% in 2013), orien-
tiert sich der Zuschauer langsam aber sicher um. Da
der Anteil der älteren Menschen in Deutschland im-
mer größer wird, fällt es im Durchschnitt noch nicht
so stark auf, dass die jüngeren Zuschauer immer
weniger fernsehen. Dies führt dazu, dass viele TV-
Traditionalisten die Wucht des Wandels unterschät-
zen, der ihr Geschäft in naher Zukunft gründlich
durcheinanderbringen wird.
Zwar erlösen viele TV-Sender bereits heute einen
nicht unerheblichen Teil im digitalen Geschäft, doch
stammen diese Erlöse zumeist aus artfremden En-
gagements (E-Commerce-Portale, Spiele etc.). Die
Umsätze im Online-Fernsehgeschäft dürften nur
einen kleinen Teil dazu beisteuern. Hinzu kommt,
dass die Kosten für Werbung und Lizenzgebühren
über das Internet kaum refinanzierbar sind. Nach
dem Markteintritt von Netflix in Deutschland dürfte
sich die Situation für die Fernsehsender zusätzlich
verschärfen.
Den Wandel im TV-Markt bekommt auch die
deutsche Produktionslandschaft immer stärker zu
spüren. Durch das überwiegend gebührenfinan-
zierte Fernsehsystem in Nachkriegsdeutschland
konnte sich keine international konkurrenzfähige
Produktionsindustrie etablieren. Investoren taten
sich auf dem heimischen Markt stets schwer und
die aus Gebühren und Förderungen entstandenen
Produktionen (insbesondere im Fiktion-Bereich) ge-
hen oft an den Interessen der deutschen und be-
sonders an denen der internationalen Zuschauer
„Das klassische Sender-Empfän-
ger-Schema funktioniert im In-
ternet offensichtlich nicht mehr.
Die Nutzung der sendereigenen
Streaming-Angebote ist nur
ein kleiner Teil einer Antwort
auf die Herausforderungen der
Digitalisierung.”
Fernsehen und Internet
Free to Internet: Zuschauer treiben TV-Sender ins
Internet, allerdings an deren eigenen Video-Streaming-
Angeboten vorbei
Trendartikel Dr. Florian Kerkau
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 22 Seite 23
die Autobauer nicht die Vision eines vollständig au-
tonomen Roboterautos: „Es geht uns ausdrücklich
nicht darum, den angenehmen Teil des Fahrens zu
automatisieren“, sagt etwa Daimler-Chef Dieter
Zetsche.
Dem selbstfahrenden Auto wird man nicht von
heute auf morgen, sondern Stück für Stück
näherkommen. Einen ersten Schritt hat Daimler be-
reits unternommen. Die S-Klasse hat seit 2013 einen
„Autopiloten“ an Bord, der in einer eng definierten
Fahrsituation (Stop-and-Go-Verkehr auf der Au-
tobahn) die Kontrolle des Fahrzeugs übernehmen
kann. Im Jahr 2015 werden vergleichbare teilauto-
nome Fahrassistenten in die Mittelklasse vordringen.
Der neue VW Passat wird bereits mit einem solchen
„Autopiloten“ angeboten. Knapp 3.000 Euro Auf-
preis werden hierfür laut Preisliste fällig. Der Passat
verkauft sich dabei rund zehnmal so häufig wie die
S-Klasse von Daimler. Damit erreichen Fahrzeuge
mit teilautonomen Assistenzsystemen allmählich
das Volumensegment.
Und die Entwicklung macht bei der Mittelklasse
nicht Halt: So hat der Automobilzulieferer Magna
eine Fahrzeugkamera entwickelt, die viele der teu-
ren Sicherheitssensoren (Radar, Laser, Ultraschall)
überflüssig macht, wodurch mittelfristig sogar
Kleinwagen kosteneffizient Fahrerassistenzsysteme
erhalten könnten.
Das Resultat: Mehr Sicherheit, weniger Stau, weni-
ger Abgase und weniger Energieverbrauch.
Sebastian Lehr
Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting
der selbstfahrenden Prototypen bilden schon längst
„seriennahe“ Komponenten, also die Abstands-,
Spurwechsel- und Einpark-Assistenten heutiger
Serienfahrzeuge, mit nur geringfügig verändertem
Leistungsumfang.
Die nötigen Daten werden jedoch nicht nur über
fahrzeugeigene Sensorik erfasst, sondern perspekti-
visch auch von Auto zu Auto übertragen (Car2Car
Communication). Damit eröffnen sich weitere Ein-
satzfelder: Notbremsungen, Gefahren hinter der
nächsten Kurve und Informationen über den nächs-
ten freien Parkplatz könnten Autos zukünftig au-
tonom an andere Fahrzeuge weitergeben. Auch die
Geschwindigkeit für den optimalen Verkehrsfluss
würden die Fahrzeuge untereinander aushandeln.
Die intelligente Vernetzung vieler heterogener Daten
aus der Umgebung und den zahlreichen fahrzeugei-
genen Assistenzsystemen ermöglicht es dem Auto,
in bestimmten Momenten die Steuerung zu über-
nehmen. Der Umfang an Fahrsituationen, die von
der vernetzten Fahrzeugtechnik sicher beherrscht
werden, wird in den nächsten Jahren schrittweise
zunehmen, sodass wir zukünftig vielleicht gar nicht
so genau mitbekommen, welche Entscheidungen
wir noch selbst fällen und welche bereits tief un-
ter der Haube von der Sicherheitstechnik getroffen
werden.
Von den Fahrzeugherstellern ist dies explizit so
gewollt, da die Fahrer ihre Assistenzsysteme als
angenehme Helferlein, aber keinesfalls als Ein-
schränkung der Entscheidungsfreiheit wahrnehmen
sollen. Deshalb sprechen sie auch lieber vom „au-
tomatisierten Fahren“. Anders als Google verfolgen
Seit 2009 testet Google publikumswirksam sein
„Driverless Car“ auf öffentlichen Straßen in den
USA. Mittlerweile haben die US-Bundesstaaten
Nevada, Florida, Michigan und sogar das bevölke-
rungsreiche Kalifornien den Betrieb von autonomen
Fahrzeugen genehmigt. Viele der großen Automo-
bilhersteller zeigten sich zwar beeindruckt – jedoch
vor allem von der starken Medienresonanz, die das
Google-Projekt hervorgerufen hat. In den vergan-
genen Monaten gab es daher eine regelrechte Of-
fensive, in der die Fahrzeugbauer zahlreiche eigene
Forschungsprojekte zum autonomen Fahren der
Öffentlichkeit vorstellten.
Dabei wurde klar, dass sich insbesondere die
deutschen Autobauer nicht vor Google verste-
cken müssen. Daimler fuhr bereits 2012 mit einem
selbstfahrenden Prototyp eine Langstreckendistanz
auf deutschen Landstraßen, BMW bewies während
der diesjährigen CES in Las Vegas, dass sein auto-
nomes Fahrsystem auch unter widrigen Straßenver-
hältnissen ein Übersteuern in den Griff bekommt.
Und Audi hat einen speziell ausgestatteten RS7 ent-
wickelt. Dieser ist das derzeit schnellste autonom
fahrende Auto der Welt und absolvierte im Okto-
ber 2014 mit ca. 240 km/h führerlos eine Runde auf
dem Hockenheimring.
Offiziell werden die Erwartungen an autonom
fahrende Fahrzeuge trotz der bereits beachtlichen
Erfolge von den Herstellern gedämpft. Ihr Tenor
zumeist: Vor 2020 sollte keiner mit der Serienreife
eines solchen Fahrzeugs rechnen.
Dabei ist die Technik bereits ausgereifter, als solche
Statements vermuten lassen. Die technische Basis
„Dem selbstfahrenden Auto wird
man nicht von heute auf mor-
gen, sondern Stück für Stück
näherkommen.“
Autonomes Fahren
Driverless Car: Das Fahrzeug übernimmt das Steuer
– teilautonome Fahrassistenten erreichen das
Volumensegment
Trendartikel Sebastian Lehr
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 24 Seite 25
der Website des spanischen Fußballclubs FC Va-
lencia zur Nutzung verschiedener Sharing-Buttons
veröffentlicht: Der Facebook-Button war mit 35
Prozent Nutzung auf dem ersten Platz, WhatsApp
folgte dicht dahinter mit 33 Prozent vor Twitter mit
19 und Google+ mit 13 Prozent. Über mobile Zu-
griffe lag WhatsApp hingegen mit 48 Prozent deut-
lich vor Facebook mit 25 Prozent.
Wer also davon lebt, dass seine Inhalte möglichst
oft genutzt werden, der ist gut beraten, in Zukunft
seine sozialen Teilungsfunktionen zu ergänzen. Und
genau das werden wir 2015 vielfach sehen: den
WhatsApp-Sharing-Button.
Dr. Florian Kerkau
Geschäftsführer Goldmedia Custom Research GmbH
somit die strukturelle Ebene. Auf dieser Ebene wird
– durch Statusmeldungen und Meinungsäußerun-
gen etc. – das Online-Ich definiert. Früher konstrui-
erte man das, was man über sich zeigen wollte, über
die Kleidung, die man trägt oder das Auto, das man
fährt. Diese Funktion übernimmt nun Facebook im-
mer mehr.
Die darunterliegende Ebene ist die Inhaltsebene, auf
der die private Kommunikation stattfindet. Diese
läuft nun verstärkt über Messenger-Dienste. Als
Analogie zur vordigitalen Zeit könnte man sagen:
Facebook ist das Telefonbuch, WhatsApp ist das
Telefon.
Dieser auch als „Dark Social“ bezeichnete Bereich
der privaten Online-Kommunikation ist für die
Forschung nur schwer einsehbar. Nach der DIVSI-
U25-Studie wird Facebook mehr dazu genutzt,
Links auszutauschen und einen Status anzugeben,
während über WhatsApp mehr Fotos geteilt, pri-
vate Nachrichten verschickt und Verabredungen ge-
troffen werden. Je mehr Kommunikation aus dem
öffentlichen und semi-öffentlichen Bereich bei Face-
book in nicht-öffentliche Bereiche wie WhatsApp
abwandert, desto statischer wird das Wesen von
Facebook, was die persönlich relevante Kommuni-
kation angeht. Die Strukturebene kristallisiert somit
zunehmend, während die fluide Kommunikation im
„Dark Social“ stattfindet. Dieser Trend beschleunigt
sich also selbst.
Da sich die private Kommunikation überwiegend
auf Messenger verlagert, sind alle aufmerksamkeits-
abhängigen Medien gut beraten, sich diese Kanäle
nutzbar zu machen. NiemanLab hat jüngst Daten
Die Form der Kommunikation über offene soziale
Netzwerke wie Facebook hat sich 2014 stark verän-
dert, gleichzeitig ist die Nutzung von Messengern
wie WhatsApp explosionsartig angestiegen. Viele
Journalisten und Forscher wiesen im laufenden Jahr
darauf hin, dass Facebook kaum noch wachse und
vor allem von der jüngeren Zielgruppe immer weni-
ger genutzt werde. So hat der Globalwebindex in
seiner jüngsten Umfrage festgestellt, dass in den
USA und UK Erwachsene (50 %), besonders aber
auch Teenager (64 %) Facebook weniger nutzen als
im Vorjahr und zusätzlich von der Nutzung zuneh-
mend gelangweilt sind.
Aber hat seither jemand seinen Facebook-Account
wirklich gelöscht? – wohl kaum. Laut DIVSI-U25-
Studie (Sinus-Institut 2014) geben 50 Prozent der
unter 25-Jährigen an, dass sie nicht auf Facebook
verzichten könnten, nur 39 Prozent sagen das
Gleiche über WhatsApp. Bei der aktiven, tägli-
chen Nutzung liegt aber WhatsApp mit 68 Prozent
inzwischen vor Facebook mit 60 Prozent. In der
Studie kamen Forscher zu dem Schluss, dass der-
zeit ein neues Verständnis von Privatheit entsteht.
Dabei werden diejenigen Daten als schützenswert
empfunden, welche für die soziale Reputation im
engeren Umfeld wichtig sind. In Bezug auf die klas-
sischen persönlichen Angaben hingegen finden die
jüngeren Nutzer in Online-Communities Offenheit
wichtig.
Hintergrund dieser Entwicklung ist eine Ausdiffe-
renzierung der Nutzer im Umgang mit den sozialen
Medien. Dabei übernehmen die klassischen sozialen
Netzwerke die Funktion einer strukturellen Iden-
titätsgebung im virtuellen sozialen Raum, sie bilden
Social Media
Facebook ist das Telefonbuch, WhatsApp das Telefon:
Die Funktion sozialer Netze differenziert sich weiter aus,
weil ein neues Verständnis von Privatheit entsteht
Trendartikel Dr. Florian Kerkau
„Da sich die private Kommunika-
tion überwiegend auf Messenger
verlagert, sind alle aufmerksam-
keitsabhängigen Medien gut be-
raten, sich diese Kanäle nutzbar
zu machen.“
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 26 Seite 27
„Die MCNs unterstützen nicht
nur die Content-Produzenten und
steigern deren Reichweite signifi-
kant, sondern sie bündeln einzelne
Amateur-Kanäle zu berechenbaren
Werbeumfeldern. Damit tragen sie
wesentlich zur Entwicklung dieser
Content-Gattung bei“.
Video und Internet
MCNs sind Major-Studios 3.0: Multichannel-Networks
läuten neue Ära der TV- und Videoproduktion ein
Trendartikel Dr. Marcus Hochhaus
den Startlöchern, die auf ihre Chance warten.
Die Eigengründungen und Akquisitionen von MCNs
durch RTL/Freemantle und ProSiebenSat.1 wie auch
die Beteiligungen der internationalen Majors und
TV-Networks sind ein klares Signal: Marginalisie-
rung und Abwertung dieses Zukunftssegments sind
längst Anerkennung und Respekt gewichen. Sollten
sich die Veränderungen von Technologie und Me-
diennutzung mit unveränderter Geschwindigkeit
fortsetzten, werden die MCNs bald nicht nur den
werbefinanzierten VoD-Markt dominieren, sondern
schnell auch neue Content-Angebote und Ge-
schäftsmodelle etablieren. In der Tradition der Ma-
jor-Studios könnten sie damit eine ganz neue Ära
des TV- und VoD-Marktes einläuten, deren Zeuge
wir bereits in 2015 werden: die Major-Studios 3.0.
Dr. Marcus Hochhaus
Geschäftsführer Goldmedia Consulting GmbH
neuen Medium folgte bald die „Umarmung“ – in
den USA ebenso wie in Deutschland: Eigene TV-
Produktionsgesellschaften wurden gegründet und
schließlich auch weltweit eigene TV-Sender. Damit
konnte man vor allem die Kompetenz in der Con-
tent-Produktion erweitern und die Marktposition in
der Distribution ausbauen.
Geburtsstunde für MCNs
Vor allem unter dem Makel der mangelnden Pro-
fessionalität der Inhalte blieben Online-Videos lange
das Stiefkind der Werbemärkte. Einen wichtigen In-
novationsschub gab es erst 2011 durch die von You-
Tube gegründete Audience Development Group
und die Schaffung wichtiger Rahmenbedingungen,
so etwa die Bündelung und gemeinsame Vermark-
tung von YouTube-Kanälen. In gewisser Weise war
dies die Geburtsstunde der MCNs.
Endlich konnten die sogenannten YouTuber sich
nicht nur über hohe Zuschauerzahlen freuen,
sondern auch an deren Reichweite verdienen – qua-
si eine Demokratisierung des TV-Vermarktungsmo-
dells. Die MCNs unterstützen aber nicht nur die
Content-Produzenten und steigern deren Reich-
weite signifikant, sondern sie bündeln einzelne
Amateur-Kanäle zu berechenbaren Werbeumfel-
dern. Damit tragen sie wesentlich zur Entwicklung
dieser Content-Gattung bei, was derzeit vor allem
der weltweit wichtigsten Plattform YouTube zu-
gutekommt. YouTube ist ganz klar der Gatekeeper
dieses Trends. Allerdings: Es stehen in allen wichti-
gen Märkten alternative Plattformen und Player in
Werbefinanzierte VoD-Angebote erwirtschaften
heute ein Viertel des gesamten Video-on-Demand-
Umsatzes in Deutschland. 2019 wird deren An-
teil schon rund die Hälfte ausmachen (Goldmedia
VoD-Forecast 2019). Der größte Teil davon entfällt
heute auf YouTube. Treiber dieses Wachstums sind
vor allem die Multichannel-Networks – sogenannte
MCNs, deren Bedeutung als Produzenten, Distribu-
toren und Vermarkter von Videoinhalten über digi-
tale Plattformen im kommenden Jahr weiter steigen
wird.
Multichannel-Networks werden für Filmstudios
und TV-Sender als Produzenten, Aggregatoren und
Vermarkter von Content zu starken Konkurrenten,
weil sie ihren Kompetenzvorsprung in einem neuen
und kräftig wachsenden Bereich schnell und syste-
matisch ausbauen. Damit stehen die MCNs in der
Tradition der Filmstudios und TV-Netzwerke, die
seinerzeit auch in Reaktion auf die Entwicklung
neuer Distributionswege entstanden sind.
Der Blick in die Filmgeschichte
Die US-amerikanischen Filmstudios waren anfangs
ebenfalls Independents, die sich vor allem durch
neue, filmische Erzählformen und Innovationen ge-
gen die bis 1917 u.a. von Edison, Pathe und Kodak
beherrschte Motion Picture Patent Company (MPPA)
durchsetzen konnten. Später zu erfolgreichen
Major-Studios gewachsen, mussten sie selber auf
neuen Wettbewerb reagieren: die Entwicklung des
Fernsehens und dessen Massenattraktivität. Einer
anfänglich starken Abwehrhaltung gegenüber dem
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 28 Seite 29
„Anders als beim Festnetz akzep-
tieren die Mobilfunkkunden, bei
intensiver Nutzung oft schon zur
Monatsmitte mit deutlich redu-
zierten Datenraten zu surfen oder
Datenpakete nachzukaufen.”
Mobiles Internet
Das Breitband wird mobil: Immer mehr Internetnutzer
surfen mobil schneller als im Festnetz
Trendartikel Dr. André Wiegand
oder Video-Streaming-Dienste wie Spotify, Deezer
oder Netflix kombinieren, machen den Online-Zu-
gang via LTE immer attraktiver und günstiger.
Will oder muss man LTE als Festnetz-Ersatz nutzen,
zahlt man zur Abdeckung des durchschnittlich pro
Monat verbrauchten Festnetz-Datenvolumens von
rund 27 GB (lt. VATM) zwar noch mindestens 10
Euro mehr als für einen vergleichbaren VDSL-Tarif.
Doch ist a) diese Summe nicht mehr so viel höher
und b) ist es eine Frage der Zeit, wie schnell bei
dem derzeitigen Nutzerwachstum (über 400 % von
Mitte 2013 bis Mitte 2014) eine Marktsättigung
einsetzt, die das Preis-Leistungsverhältnis für die
Kunden weiter verbessert. Eine Wiedereinführung
von Volumentarifen im Festnetz würde den Trend
weiter verstärken.
Damit wird 2015 wohl der Paradigmenwechsel
kommen: Mit der anhaltenden Nachfrage nach mo-
bilen Datenverträgen und dem geringen Interesse
an schnellen Festnetzanschlüssen entwickelt sich
der Mobilfunk zum wichtigsten Treiber für schnelle
Internetanschlüsse.
Dr. André Wiegand
Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting
So liegen die mittleren Downloadraten im LTE-Netz
heute schon zwischen 17 und 38 Mbit/s. In den Re-
gionen, in denen LTE der Kategorie 4 voll ausgebaut
ist, surft man bereits mit durchschnittlich 50 bis
100 Mbit/s (Chip Online). Damit bietet LTE deutlich
höhere Datengeschwindigkeiten als ein Standard-
ADSL-Anschluss.
Und die Entwicklung geht rasant weiter: Mit dem
bereits laufenden Ausbau von LTE-Advanced er-
höht sich die maximale Download-Geschwindigkeit
weiter auf bis zu 300 Mbit/s. Mit der Einführung
der nächsten Mobilfunkgeneration 5G wächst die
Download-Geschwindigkeit sogar auf 10 Gbit/s.
Dies entspricht dem 100-Fachen der aktuellen
LTE-Geschwindigkeit. Zudem steigern die Daten-
kompressionsverfahren noch einmal die Effizienz.
Multipliziert man steigende Übertragungsrate mit
steigender Kompressionsrate, ist bis zum Jahr 2020
ein Leistungszuwachs im Mobilfunkbereich um den
Faktor 2000 denkbar!
Noch ist der mobile Surfspaß für viele Nutzer je-
weils nur von kurzer Dauer: Anders als beim Fest-
netz akzeptieren die Mobilfunkkunden, bei intensi-
ver Nutzung oft schon zur Monatsmitte mit deutlich
reduzierten Datenraten zu surfen oder Datenpakete
nachzukaufen.
Mit den rasant steigenden mobilen Netzkapazitäten
verbessert sich jedoch das Preis-Leistungsverhältnis
der Mobilfunkangebote deutlich: Kuppelprodukte,
die mobiles Internet mit echten Flatrates für Musik-
Seit Jahren diskutiert man in Deutschland, wie der
Ausbau schneller Internetverbindungen vorankom-
men kann. Ziel des Bundes ist es, dass Anschlüsse,
die schneller als 50 Mbit/s sind und Mitte 2014 für
64 Prozent der Haushalte bereitstehen, bis Ende
2018 flächendeckend verfügbar sind. Ein wesentli-
ches Hemmnis für den Ausbau ist allerdings die ge-
ringe Nachfrage. Laut Bundesnetzagentur surften
Ende 2013 immer noch 84 Prozent der Besitzer von
Festnetzanschlüssen mit unter 30 Mbit/s im Inter-
net.
Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Denn die
Nachfrage nach schnellen mobilen Breitbandan-
schlüssen ist wesentlich dynamischer. Der Anteil
der LTE-Nutzer im Internet stieg zwischen 2013 und
2014 von sieben auf 23 Prozent (Initiative D21).
Und das durchschnittliche mobile Datenvolumen
wuchs pro Nutzer um 45 Prozent auf 283 MByte
pro Monat (VATM).
Ein wesentlicher Grund für diese Nachfragedynamik
liegt in der unterschiedlichen Vermarktung: Anders
als bei DSL- und Kabel-Internet werden Mobilfunk-
Tarife zumeist nicht nach Download-Geschwin-
digkeit, sondern nach Volumen vermarktet. Damit
kommen viele der rund 8,7 Millionen LTE-Nutzer in
Deutschland (Stand Mitte 2014) bei der Nutzung
aktueller LTE-Geräte in den Genuss der vollen LTE-
Geschwindigkeit. Und die durchschnittliche Surfge-
schwindigkeit pro Mobilfunkzelle steigt mit jedem
LTE-Release und der zunehmenden Glasfaseran-
bindung der Mobilfunkmasten immer mehr an:
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 30 Seite 31
dungsbereiche. Das Verständnis um Dateninterpre-
tation und Datenabfragen wird mit Produkten wie
IBMs Watson Analytics oder anderen adaptiven An-
alytics-Dienstleistern so weit vereinfacht, dass auch
nicht in Statistik geschulte Mitarbeiter umfangreiche
Datenmengen auswerten können. Für viele eta-
blierte Dienstleister könnte dies zum Problem
werden, da ihre maßgeschneiderten Premium-Lö-
sungen nicht mehr exklusiv bleiben werden. Man
kann diese Entwicklung natürlich auch anders sehen:
Das kommende Jahr bietet vielen BI-Dienstleistern
die Chance, ihre eingebetteten Analyseinstrumente
auf einen neuen lukrativen Massenmarkt auszurich-
ten. Die Unternehmen und ihre Entscheider aber
werden von der neuen, stets verfügbaren und ver-
besserten Informationslage profitieren.
Tim Prien
Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting
über die Cloud sind die Zeitersparnisse erheblich.
Langfristig zeichnet sich der Trend ab, dass es BI-
Unternehmen mit einem All-in-One-Service gibt,
welche die Datenanalyse zentral, datenadaptiv und
maßgeschneidert für jedes Unternehmen bereitstel-
len werden.
Skalierbare Technologie wird zum Kerntreiber
2015 könnte Embedded Analytics der Sprung in
den Massenmarkt gelingen, da viele notwendige
Voraussetzungen erfüllt sein werden: Zum einen
die Open-Source-Datenbanktechnologien wie HA-
DOOP oder MongoDB, die immer schnellere Abfra-
gen von großen Datenmengen, verteilt auf billiger
werdende Computercluster, ermöglichen. Damit
einher geht die weitere Automatisierung der Er-
hebung solcher Big Data-Mengen durch das Inter-
net der Dinge, das mit seinen Sensoren in immer
neue Bereiche des Alltags vordringt. Und schließlich
zeichnet sich auch eine starke Professionalisierung
vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen in
Deutschland ab – insbesondere einzelner Abteilun-
gen wie Human Resources oder Sales – die vermehrt
auf statistische Analysen angewiesen sind, weil dies
der Wettbewerb um Kunden, Zulieferer oder Ta-
lente von ihnen fordert.
Terrabyte-große Analysen sollen mit drei
Mausklicks durchgeführt werden können
Mit Embedded Analytics erlebt der Arbeitsmarkt
nicht nur eine Demokratisierung der Datenanalyse,
sondern auch die rasche Ausweitung der Anwen-
Komplexe Datenanalysen waren in Unternehmen
bislang mit langwierigen Recherchen in Fachpub-
likationen und Datenbanken verbunden, mit auf-
wendiger Marktforschung und anschließender
Datenaggregation auf Basis multivariater Analyse-
methoden. Oder, wer es sich leisten konnte, kaufte
fertige und entsprechend teure Datensets von Busi-
ness Intelligence (BI)-Anbietern. Mit dem Siegeszug
des Internets und immer professionelleren Front-
End-Intelligence-Diensten ist es nun möglich, Re-
ports und Entwicklungsreihen relativ unkompliziert
mit einigen Mausklicks selbst zusammenzustellen.
Doch der nächste Trend steht mit „Embedded Ana-
lytics“ schon vor der Tür.
Anbieter dieser neuen Form der Datenverarbeitung,
Datenauswertung und Datenpräsentation verspre-
chen selbst kleinen und mittelständischen Betrieben
effiziente Business Intelligence-Datenbanken, die
sich bislang nur große Konzerne mit kostspieligen
SAP- oder Oracle-Datenbanken leisten konnten.
Die Unternehmen setzen dabei vermehrt auf Soft-
warelösungen, die ohne größeren Aufwand in ihre
jeweiligen betrieblichen IT-Systeme oder sogar in
Excel eingebettet werden können.
Die für Markt- und Wettbewerbsanalysen notwen-
digen Daten werden so immer öfter durch dieselben
Anbieter mitgeliefert und direkt in die Analysesoft-
ware eingespeist. Das ermöglicht dynamisches Real-
Time-Monitoring sowie eine sehr schnelle Erstellung
und Modellierung von Reports. Durch weniger auf-
wendige Datenrecherchen, durch Multi-Device-Zu-
griff auf die Analyseinstrumente und Datenbanken
„Mit Embedded Analytics erlebt
der Arbeitsmarkt nicht nur eine De-
mokratisierung der Datenanalyse,
sondern auch die rasche Ausweitung
der Anwendungsbereiche.“
Big Data
Embedded Analytics:
Demokratisierung der Datenanalyse
Trendartikel Tim Prien
Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 32 Seite 33
„Die digitale Transformation stellt
also an Kreative, Techniker und
klassische Manager gleichermaßen
neue Anforderungen, die mit der
hohen Veränderungsgeschwindig-
keit und der außergewöhnlichen
Bedeutung von technologischer
Disruption entstehen.”
Führungskräfte
Think digital: Leadership in der digitalen
Transformation erfordert neue Kompetenzen
Trendartikel Dr. Marcus Hochhaus
rungsgeschwindigkeit und der außergewöhnlichen
Bedeutung von technologischer Disruption entste-
hen. Das heißt aber ebenfalls, dass sowohl die Zeit
der Technologie-verweigernden Journalisten und
Kreativen als auch der Schönwetter-Kapitäne und
-Manager „alter Schule“ abläuft.
Erfolgreiche Unternehmen benötigen 2015 eine
international ausgerichtete, technologieaffine und
durchsetzungsstarke Führungsmannschaft, die
Mitarbeiter auf diese Veränderungen vorbereitet
und die Strukturen und Prozesse zügig und immer
wieder neu an die Realität anpasst. Nicht die Aus-
bildung als Kreativer, Kaufmann, Ingenieur oder
Jurist ist entscheidend, sondern die Neugier, das
analytische Vermögen und die Entschlossenheit im
Handeln sind das Handwerkszeug für erfolgreiche
digitale Medienmanager.
Dr. Marcus Hochhaus
Geschäftsführer Goldmedia Consulting GmbH
können. Sie müssen die Wettbewerbs-Entwicklun-
gen antizipieren, die eigenen Produkte ständig hin-
terfragen und verbessern sowie die tektonischen
Verschiebungen in der Mediennutzung wirklich ver-
innerlicht haben.
Auch klassische Medienmanager stehen als Füh-
rungskraft diesen neuen Herausforderungen ge-
genüber. Sie müssen die Bedeutung der tech-
nologischen Disruption richtig einschätzen und
eine ausgeprägte, digitale Kompetenz mitbringen.
Gleichzeitig stehen sie aber auch dramatisch
verkürzten Innovationszyklen gegenüber, die eher
in Monaten als in Jahren zu messen sind. Die Schaf-
fung einer kontinuierlichen Veränderungs- und
Lernbereitschaft, quasi als fortlaufendes Change
Management im Zeitraffer, gehört damit zu einer
der wichtigsten Aufgaben.
Vielen heutigen Führungskräften – ob reale oder
vermeintliche „Digital Immigrants“ – fehlt es an den
richtigen Zugängen zur Bedeutung von Technologie
für ihre Medienprodukte. Die Auswirkungen dieses
Dilemmas werden aber oftmals verharmlost oder in
ihrer zeitlichen Dimension unterschätzt. Das ist ein
allgemeiner, sehr menschlicher Zug. Aber er ist fa-
tal: Die nachhaltig hohe Dynamik der Branche und
die Bedrohung durch neue Technologien und glo-
bale Wettbewerber sind nicht genügend auf dem
Radar.
Die digitale Transformation stellt also an Kreative,
Techniker und klassische Manager gleichermaßen
neue Anforderungen, die mit der hohen Verände-
Nicht erst seit der Konflikte im Spiegel-Verlag wird
über die Frage der richtigen Führung von Medien-
unternehmen kontrovers diskutiert: Sind Journalis-
ten, Produzenten oder ganz allgemein „Kreative“
die besseren Führungskräfte? Durch die digitale
Transformation der Medienbranche werden neue
Kompetenzen gebraucht – heißt das auch, dass wir
neue Führungskräfte brauchen? Die nahenden Ein-
schläge der Digitalisierung in den klassischen Me-
dien verdeutlichen die Notwendigkeit dieser Diskus-
sion. Die Frage ist: Wer handelt am besten in Zeiten
des Wandels?
Erfolgreiche Medienprodukte benötigen heute ne-
ben dem journalistischen oder kreativen Know-how
(sowie dem nötigen ökonomischen Wissen) eine
mindestens gleichwertig ausgeprägte technolo-
gische Kompetenz. Der entscheidende Wettbew-
erbsvorteil liegt in Zukunft nicht mehr in der rein-
en Qualität der Inhalte und Ideen, sondern in der
Fähigkeit zur technologischen Umsetzung und Dis-
tribution. Fehlt diese, laufen Medienprodukte und
-marken Gefahr, in ihren analogen Silos zu verhar-
ren und weiter an Bedeutung zu verlieren. Welches
Leadership-Profil also sollten die Manager der Zu-
kunft haben? Sind es Kreative, Controller oder In-
genieure?
Diese grundlegende Veränderung in den Berufs-
bildern der Medienschaffenden spiegelt sich in
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Goldmedia Trendmonitor 2015

  • 2. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 2 Seite 3 Inhaltsverzeichnis ƒ Data-driven Content auf dem Weg zum Massenmarkt. Daten sind der neue Goldstandard – 4 wenn man sie zu interpretieren weiß ƒ Subscribe to everything: Digitale Abonnements sind das Geschäftsmodell der Stunde 6 ƒ TV-Disruption der Medienformate: Junge Nutzergruppen ziehen YouTube & Co. den klassischen 8 Medienproduktionen immer stärker vor. TV-Macher können davon lernen ƒ Quo Vadis Werbung: Schrumpfung trotz Wachstum 10 ƒ Von Social Media zu Dark Social: Messaging-Dienste haben immer mehr Zulauf 11 ƒ Alles bleibt anders: Der Audio-Markt boomt und ist dynamisch wie nie 12 ƒ Smart wird praxistauglich: Das Internet der Dinge kommt im Verbrauchermarkt an 14 ƒ Mobile Payment ante portas! Der Markt für mobile Bezahlsysteme bekommt entscheidende Impulse 16 ƒ Searchless Search wird real: Finden ohne Suche durch mitdenkende Personal Digital Assistants 18 ƒ Free to Internet: Zuschauer treiben TV-Sender ins Internet, allerdings an deren eigenen 20 Video-Streaming-Angeboten vorbei ƒ Driverless Car: Das Fahrzeug übernimmt das Steuer – teilautonome Fahrassistenten 22 erreichen das Volumensegment ƒ Facebook ist das Telefonbuch, WhatsApp das Telefon: Die Funktion sozialer Netze differenziert 24 sich weiter aus, weil ein neues Verständnis von Privatheit entsteht ƒ MCNs sind Major-Studios 3.0: Multichannel-Networks läuten neue Ära der TV- & Videoproduktion ein 26 ƒ Das Breitband wird mobil: Immer mehr Internetnutzer surfen mobil schneller als im Festnetz 28 ƒ Embedded Analytics: Demokratisierung der Datenanalyse 30 ƒ Think digital: Leadership in der digitalen Transformation erfordert neue Kompetenzen 32 Die Beratungsgruppe Goldmedia veröffentlicht alljährlichAnalysten-KommentareundThesenzu relevanten Trends des kommenden Jahres in Deutschland. Der Trendmonitor 2015 gibt einen Ausblick auf ausgewählte Entwicklungen in den Bereichen Medien, Internet, Telekommunikation und En- tertainment. www.Goldmedia.com Goldmedia Trendmonitor 2015 Welche Entwicklungen sind 2015 in der Medien-, Entertainment- und Telekommunikations-Branche in Deutschland zu erwarten? Impressum Herausgeber Goldmedia GmbH Strategy Consulting Prof. Dr. Klaus Goldhammer Oranienburger Str. 27 I 10117 Berlin-Mitte Telefon: 030-246 266 0 I Fax: 030-246 266 66 www.Goldmedia.com Dieses Dokument ist urheberrechtlich geschützt. Presseabdruck honorarfrei unter Angabe der Quelle. Alle Inhalte des Dokuments wurden nach bestem Wissen recherchiert und erstellt. Für Irrtümer und Druckfehler übernimmt der Herausgeber jedoch keine Ve- rantwortung. Der Herausgeber übernimmt ebenso keinerlei Verantwortung oder Haftung für Handlungen, Aktivitäten oder Unterlas- sungen, die auf Grundlage der Inhalte und Empfehlungen dieser Studie erfolgen. Redaktionsschluss: 16.12.2014 Redaktion: Dr. Katrin Penzel, Juliane Gille Bildquellen: Grafiken: © Goldmedia, Porträtfotos: © Goldmedia/Sigbert Georgi/Bildfuchs.de Bei der Veröffentlichung der Trends kooperierte Goldmedia mit dem Mediendienst Kress. Von Ende November bis Mitte Dezember 2014 erschienen regelmäßig Trends als Goldmedia-Gastkommentare bei www.kress.de und im Goldmedia-Blog. Pressekontakt Goldmedia GmbH: Dr. Katrin Penzel, Tel: +4930-246 266-0, Katrin.Penzel@Goldmedia.de Goldmedia Gruppe Goldmedia berät nationale und internationale Kunden vor allem in den Bereichen Medien, Entertainment und Telekommunikation. Das Serviceangebot umfasst Strategie- und Politikberatung, Business Development, Markt- und Medienforschung, Executive Search sowie umfangreiche Marketingleistungen. Goldmedia kooperiert eng mit internationalen Partnern und ist Gründungsmitglied des eu- ropäischen Berater-Netzwerkes EMCA - European Media Consulting Association. Standorte von Goldmedia sind Berlin und München. Weitere Informationen: www.Goldmedia.com Abdruck honorarfrei. Bildmaterial auf Anfrage und unter www.Goldmedia.com Bitte schicken Sie uns ein Belegexemplar.
  • 3. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 4 Seite 5 ƒ Risc Management: Amerikanische Banken, die als Filmfinanzierer auftreten, basieren ihre Finanzierungs-Entscheidungen auf Scorings, welche statistische Potenziale für neue Pro- jekte haben. Die Basis für diese Entscheidun- gen sind die Daten aus der Vergangenheit. Data-driven Content ist auf dem Weg zum Mas- senmarkt. Die IT, um solche Datenberge zu inter- pretieren, wird dabei zum entscheidenden Wettbe- werbsfaktor im Mediengeschäft. Es sind nicht mehr nur die begnadeten Journalisten oder Kreativen, die einen Unterschied machen, sondern auch die Pro- grammierer, die das Produkt optimieren und erfolg- reich zum Kunden bringen können. „Daten“, so sagt der Zukunftsforscher Gerd Le- onhard schon seit einigen Jahren, „sind das neue Öl“. John D. Rockefeller (1839-1937) baute sein Ölimperium dadurch auf, dass er zwar die Lam- pen verschenkte, aber das Öl für die Lampen teuer verkaufte. Wer also heute seine Daten kapitalisieren will, sollte überlegen, welche „Gefäße“ es zu ver- schenken gibt. Tablets könnten deshalb bald schon umsonst erhältlich sein. Und wer als Anbieter die Datenberge zu lesen und zu interpretieren weiß, genießt mannigfaltige Wettbewerbsvorteile. Daten können daher schon 2015 zum neuen Goldstan- dard werden. Prof. Dr. Klaus Goldhammer Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting ƒ Automated Journalism: Wiederkehrende Aufgaben im Journalismus werden immer mehr automatisiert. Und wenn der Com- puter die meteorologischen Daten zu Wet- termeldungen oder die Regionalliga-Ergeb- nisse zu Spielberichten umformt, werden die Ursprungsdaten immer wertvoller. ƒ News-Streams/Feeds: Ob Facebook oder Spo- tify, überall werden die auflaufenden Inhalte, Informationen und Unterhaltung über per- sonalisierte Algorithmen vorselektiert und den Nutzern als individuellen Stream präsentiert. ƒ Recommendation Engines: Immer wichtiger wird die Vorauswahl und personalisierte Empfehlung für die Endkunden. Um im Überfluss der Ange- bote nicht nur durchzublicken, sondern um das zu finden, was passt, braucht es geeignete Fil- ter- und Empfehlungssysteme (mit den entspre- chenden Filter Bubble-Problemen gleich anbei). ƒ Sports Data: Was wäre ein Spiel ohne Statis- tiken? Was wären Moderationen ohne Hin- weise auf Vergangenes? Daten werden auch im Sportbereich immer relevanter und letztlich zum Game Changer. Wer diese Daten nicht hat oder bieten kann, ist langfristig im Nachteil. ƒ Content Development: Netflix hat sich be- reits damit gebrüstet, dass man aus den Nutzerdaten Konzepte für eigene Erfolgs- serien wie „House of Cards“ abgeleitet hat. „Data-driven Content ist auf dem Weg zum Massenmarkt. Die IT, um solche Datenberge zu inter- pretieren, wird dabei zum ent- scheidenden Wettbewerbsfaktor im Mediengeschäft.“ Daten, gigabyteweise Daten und es werden im- mer mehr: Weltweit, so eine aktuelle Studie, wird sich das Datenvolumen bis zum Jahr 2020 verzehn- fachen. Allein in Deutschland soll die Menge an di- gitalen Daten von derzeit 230 auf 1.100 Milliarden Gigabyte steigen (Quelle: EMC). Auch der Medien- und Entertainmentbereich sind von der Dateninfla- tion betroffen. Doch das Buzzword „Big Data“ al- lein macht noch keinen Trend. Vielmehr zeigt sich immer öfter, dass die schiere, stetig anschwellende Datenmenge eine sinnvolle Interpretation sogar er- schwert, wenn nicht gar verhindert. Keiner blickt mehr durch. Oftmals sind die heutigen „personalisierten“ Wer- bestrategien der Diensteanbieter erkennbar un- zulänglich und kontraproduktiv: Wenn ich gerade für meine Reise ein Hotelzimmer in New York ge- bucht habe, brauche ich keine Bannerwerbung, welche mir Hotelzimmer in New York anbietet. Hier endet die intelligente Dateninterpretation bis- lang. Noch stehen wir erst ganz am Anfang einer Entwicklung, deren Paradigma die datengetriebene Medienproduktion und -distribution ist. Anzeichen für diesen Medienwandel gibt es aller- orts: ƒ Data Driven Journalism: Erkenntnisse und Zahlen werden von Datenanalysten für die Nutzer aufbereitet, aggregiert und verchartet. Big Data Data-driven Content auf dem Weg zum Massenmarkt. Daten sind der neue Goldstandard – wenn man sie zu interpretieren weiß Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer
  • 4. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 6 Seite 7 nent gern die Serie „Orange Is the New Black“ se- hen, dann kann man recht unkompliziert und ohne weitreichende Kosten zu Netflix switchen. Statt einen Kunden einmal zu ködern und es ihm dann durch lange Laufzeiten und monatelange Kündi- gungsfristen möglichst schwer zu machen, aus dem Abo wieder herauszukommen, versuchen Anbieter nun, den Kunden mit überzeugenden Inhalten zu binden und durch guten Service Lock-in-Effekte zu erzeugen. Der Kunde ist auch online bereit zu zahlen, wenn der Gegenwert stimmt. Das Abo-Modell bietet dabei sowohl für den Anbieter als auch den Nutzer posi- tive Seiten. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich die teilweise erst in den letzten Monaten gestarteten Services im Jahr 2015 schlagen werden – und vor allem, wie der Abonnement-Gedan- ke 2015 weitergeführt wird: Ob Publishing oder Sportübertragungen – Inhalte, die sich durch Sub- skriptionen monetarisieren lassen, gibt es viele. Wie die Modelle ausgestaltet werden, um den Nutzer zu überzeugen, ist eine der wichtigen Fragen für das Medienjahr 2015. Mathias Birkel, Senior Manager Goldmedia GmbH Strategy Consulting Mitte der 2000er Jahre kam das Abonnement als Geschäftsmodell auf die schiefe Bahn. Viel zu viele „Abofallen“ lauerten plötzlich im Internet. Durch einen falschen Klick schloss man unbemerkt Laufzeitverträge für digitale Kochrezepte, Hausauf- gabenhilfen oder Klingeltöne ab. Abos standen für hohe und versteckte Kosten, für lange Laufzeiten, lange Kündigungsfristen und für Drückerkolon- nen. Die Nutzer schreckte das ab. Onlinedienste fokussierten sich daher jahrelang neben der Mon- etarisierung von Werbung auf Einzel-Transaktionen zur Generierung von „Pay“-Erlösen. Der Erfolg blieb allerdings oft aus. Mittlerweile erlebt das Abo-Modell jedoch eine ungeahnte Renaissance. Der Kunde akzeptiert in- zwischen eher, eine monatliche Gebühr zu bezahlen, als immer wieder eine neue Kaufentscheidung zu treffen. Vor allem dann, wenn das, was er dafür bekommt, klar definiert und transparent ist. Das Geheimnis ist ein einfaches Preismodell mit maxi- mal zwei Preisstufen. Als Schwellenpreis scheint sich dabei für Musik-, aber auch für Zeitschriften- und Buch-Flatrates die 9,99-Euro-Grenze herauszukris- tallisieren, bei Videos liegt diese mit 7,99 Euro noch etwas darunter. Dafür erwartet der Kunde zum ein- en den vollen Zugriff und zum anderen volle Flexibil- ität. Die Laufzeiten liegen heute häufig nur noch bei einem Monat und nicht bei 12 oder 24 Monaten, wie es lange üblich war. Da macht es auch nichts, wenn nicht jeglicher Content bei jedem Anbieter verfügbar ist: Will man etwa als Watchever-Abon- Abonnements werden bei den Nutzern immer er- folgreicher und sich 2015 auf den Medienmärk- ten noch stärker durchsetzen. Streaming-Dienste wie Spotify und Deezer wirbeln derzeit mit ihren digitalen Flatrates das Musikbusiness kräftig durch- einander. Prognosen gehen davon aus, dass sie bis 2018 bereits 35 Prozent der Gesamterträge der deutschen Musikindustrie generieren werden (GfK). Ebenso deutlich zeigt sich dieser Trend im Videobe- reich. Mit Maxdome, Watchever, Netflix, Amazon und Sky konkurrieren in Deutschland inzwischen mindestens fünf Subscription Video-on-Demand- (S-VoD) Anbieter bei digitalen Video-Abonnements. Es gibt weitere Beispiele: Im Oktober 2014 launchte Amazon seine digitale Buch-Flatrate „Kindle Un- limited“ in Deutschland, beinahe gleichzeitig gab es den Startschuss für „Readly“ – eine digitale Zeitschriften-Flatrate mit Beteiligung u.a. von Bauer, Funke und IDG. Auch Software (Office 365), Games (Playstation Plus), Kinotickets (Yorck-Gruppe) oder Angebote zum Sprachenlernen (Babbel) werden mittlerweile im Abomodell vertrieben. Abonnements standen viele Jahre für Zeitungen, Zeitschriften oder den Bertelsmann Buchclub. 1984 startete dann mit dem Sky- und Premiere-Vorläufer „Teleclub“ der erste Pay-TV-Sender in Deutschland – und lange sah es so aus, als ob Abo-Fernsehen in Deutschland nicht richtig funktionieren würde. Heute, 30 Jahre danach, verzeichnet Sky beachtli- che Kundenzuwächse – und auch Gewinne. „Der Kunde akzeptiert inzwischen eher, eine monatliche Gebühr zu bezahlen, als immer wieder eine neue Kaufentscheidung zu treffen. Vor allem dann, wenn das, was er dafür bekommt, klar definiert und transparent ist.“ Abomodelle Subscribe to everything: Digitale Abonnements sind das Geschäftsmodell der Stunde Trendartikel Mathias Birkel
  • 5. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 8 Seite 9 oder teilweise durch Streaming-Angebote. Das entspricht gut 13 Millionen Bundesbürgern. (Nov. 2014) Angesichts dieser Zahlen müssen sich TV-Ver- anstalter in Deutschland darauf einstellen, ihre digi- tale Kompetenz weiter auszubauen und vor allem Jugendformate in den kommenden Jahren immer stärker von alten Plattformen zu entkoppeln, um sich unkonventionellem und weniger ästhetisiertem Content zu widmen. Das Paradigma lautet Identifikation statt Profes- sionalisierung. Junge Zuschauer können sich mit Formaten, die ihrem unmittelbaren (Er-)Leben ent- nommen sind, stärker identifizieren als mit Serien- formaten aus den 1980er-Jahren oder artifiziellem Moderatoren-Pathos. Authentizität und Identifika- tion werden 2015 die wichtigsten Strategie-Säulen im deutschen Bewegtbildmarkt sein. Darauf müssen sich auch die klassischen TV-Anbieter einstellen. Tim Prien Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting Etablierte Sendeformate müssen umgedacht werden, wollen sie am Puls der Zeit bleiben und weiterhin an den Werbeeinnahmen partizipie- ren. Die digitale Format(r)evolution durch Kanäle wie YouTube verschiebt nämlich nicht nur das Nutzerverhalten der (jungen) Zuschauer, sondern bietet auch viele neue Einnahmequellen und Werbemöglichkeiten. Die von sogenannten Multi- channel-Networks wie Mediakraft immer aufwendi- ger produzierten UGC-Formate der YouTuber sind ein Millionengeschäft und von der Werbeindustrie längst angenommen. YouTuberinnen wie die 19-jährige Bethany Mota alias „Macbarbie07“ etwa, derzeit bekannteste Beauty-YouTuberin mit einer Anhängerschaft von über sieben Millionen Fans, verdient durchschnitt- lich 40.000 US-Dollar pro Monat. Bekannt gewor- den durch die Formate „Beauty Hauls“ und „What’s in my Bag“ – Lifestyle-Videos mit Kauf-Tipps – sind die Haupteinnahmequellen der 19-Jährigen mittler- weile Sponsoringaufträge, die sie in ihren Videos unterbringt. Die disruptive Popularität der Online-Formate lässt sich nicht nur an Millionen von Abonnenten messen, auch die aktuellen Ergebnisse der ARD/ZDF-Online- studie 2014 stützen diesen Trend: 2014 entfielen bereits 20 Prozent der gesamten Bewegtbildnut- zung der 19- bis 29-Jährigen auf Onlinevideos und TV-Sendungen im Internet. Laut Bitkom-Studie er- setzt bereits jeder dritte Nutzer von Video-Strea- ming ab 14 Jahren das klassische Fernsehen ganz Ein Raunen geht durch die Pariser Konzerthalle Le Zenith, als die Stars endlich erscheinen. Sie heißen an diesem Abend jedoch nicht Lady Gaga, Kanye West oder Katy Perry. Auf der Bühne lassen sich zwei schlacksige Teenager-Teams feiern, die sich vor laufender Kamera live mit anderen Gamern aus aller Welt in „League of Legends“ – kurz „LoL“ messen. LoL, von Riot Games als schnelles, kompetitives On- linespiel entwickelt, steht mit Zuschauerzahlen von bis zu 32 Millionen bei Spitzenevents für einen digi- talen Paradigmenwechsel im Fernseh- und Video- markt, der die Medienbranche erfasst hat und der sich 2015 noch stärker ausbreiten wird. Online Gaming-Events mit einem Millionenpubli- kum sind heute schon kein Einzelphänomen mehr, sondern fester Bestandteil der Games- und Video- Branche. Ob in ausverkauften Stadien, millionen- fach via Stream oder in Form von YouTube-Videos: Online Gaming-Formate erobern die jungen Ziel- gruppen. Durch Internetportale wie YouTube & Co. geraten traditionelle Unterhaltungsformate damit immer mehr aus dem Gleichgewicht. User-Genera- ted Content (UGC) tritt bei Jugendlichen immer häu- figer an die Stelle klassischer Medienproduktionen. So hat die erfolgreichste deutsche YouTuberin „Bibi“ inzwischen rund acht Mal so viele Abon- nenten wie die Jugendzeitschrift „Bravo“. Und der beliebteste deutsche YouTube-Channel „Gronkh“ verzeichnet vier Mal so viele Suchanfragen wie alle YouTube-Channels der öffentlich-rechtlichen TV- Sender zusammen. „Die digitale Format(r)evolution durch Kanäle wie YouTube verschiebt nicht nur das Nutzerverhalten der (jungen) Zuschauer, sondern bietet auch viele neue Einnahmequellen und Werbemöglichkeiten.“ Internet und TV Disruption der Medienformate: Junge Nutzergruppen ziehen YouTube & Co. den klassischen Medienproduktionen immer stärker vor. TV-Macher können davon lernen Trendartikel Tim Prien
  • 6. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 10 Seite 11 News-Stream, der nicht (mehr) wirklich interessiert. Wichtig aber bleibt der soziale Austausch mit Freun- den. Und das leisten die Messaging-Apps. Es ist deshalb klar zu sehen, dass 2015 ein Sieg es- zug der Messaging-Apps ansteht. Aber einer scheint diesmal gut gerüstet: Facebook. Nachdem der Facebook-eigene Messenger die hohen Erwartun- gen nicht erfüllen konnte, kaufte das Unternehmen kurzerhand den erfolgreichsten Dienst Whats-App Anfang 2014 für rund 19 Milliarden Dollar. Diese Investition erschien zwar zunächst als sehr hoch, doch nüchtern betrachtet zahlte Facebook lediglich ca. 40 Dollar pro Nutzer, während der User auf Facebook zu dieser Zeit rund 80 Dollar wert war. Was nun wie eine glückliche Fügung aussieht, war wohl eher weise Voraussicht: Facebook wird auch im nächsten großen neuen Online-Markt „Messag- ing“ ein bedeutsamer Player bleiben. Prof. Dr. Klaus Goldhammer Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting So schnell kann es gehen für Giganten im Internet: Als Google startete, verloren Lycos und Altavista ihre Dominanz im Search-Markt binnen kürzester Zeit. Mit Facebook entwickelte sich ein paar Jahre später der Social Media-Markt und MySpace war Geschichte. Google kam nicht wirklich hinterher. Und nun schicken sich Messaging-Apps an – allen voran WhatsApp –, den Social Media-Markt ab- zuhängen. Die Zahl der monatlich aktiven Messaging-Nutzer steigt steil: Über eine Milliarde Nutzer 2014! (Quelle: Business Insider) Und während die Nutzer- zahlen der sozialen Netzwerke entweder stagnieren oder nur noch leicht wachsen, erfahren die soge- nannten „Dark Social“-Dienste weiterhin riesigen Zulauf. Dark Social deshalb, weil sich die Kommu- nikation nicht (teil-)öffentlich, sondern im persön- lichen Bereich abspielt und Messaging-Dienste sich der Marktforschung oder externen Analyse bislang überwiegend verschließen. Aus diesem Grund gibt es relativ wenig allgemeines Wissen darüber, was die Nutzer auf Plattformen wie Snapchat, LINE oder WeChat genau tun. Die Undurchsichtigkeit ist einer der wichtigsten Gründe für die Popularität der Messaging-Apps: Jugendliche verlassen vor allem in den USA Face- book, weil sie nicht von ihren Eltern und Lehrern beobachtet werden wollen; Mittzwanziger chat- ten auf WhatsApp, weil es nicht semi-öffentlich, sondern privat ist; ältere Menschen schätzen die Simplizität und Bequemlichkeit der Messaging- Dienste und alle scheinen müde zu sein vom Social Doch was sich dramatischer entwickeln könnte als die unschöne Situation im Printwerbemarkt, ist der Ausblick für 2015: Werbeumsätze korrelieren bis- lang immer stark mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Und schaut man auf die deutsche Wirtschaft oder die Aktienmärkte, ist jedem klar, dass es brummt seit dem letzten Crash in 2008. Davon kommt aber offensichtlich nur noch relativ wenig bei den klassischen Werbeträgern an. Und wir wissen: Wirtschaft ist zyklisch, nach einem Auf- kommt des Öfteren gern ein Abschwung. Doch wer heute schon die Boomphase nicht wirklich mit- gemacht hat, kann sich leider nicht sicher sein, dass eine Entkoppelung von der allgemeinen wirtschaftli- chen Lage auch in schlechteren Zeiten anhält. Was geschieht also, wenn es zum Beispiel 2015 wie- der einen wirtschaftlichen Einbruch geben sollte? Die Bundesregierung hat ihre Prognose zum Wirtschafts- wachstum für 2015 bereits von 2,0 Prozent auf 1,3 Prozent reduziert. „Die deutsche Wirtschaft befin- det sich in einem außenwirtschaftlich schwierigen Fahrwasser“, sagte Bundeswirtschaftsminister Sig- mar Gabriel im November 2014. – Euphorie klingt anders. Es könnte also 2015 oder 2016 für den deutschen Werbemarkt ungemütlich werden. Im Abschwung werden oft als erstes die Marketingbudgets gekürzt. Keine schöne Aussicht. Außer man finanziert sich als Medienunternehmen aus Haushaltsbeiträgen oder Abonnements. Doch das hilft werbetragenden Medien wenig. Viel Arbeit also für die Vermarkter … oder die Werbe-Statistiker. Prof. Dr. Klaus Goldhammer Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting Werbemarkt Quo Vadis Werbung: Schrumpfung trotz Wachstum Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer Über alle Werbeträger hinweg ist in den letzten Jahren der Netto-Werbemarkt in Deutschland geschrumpft: 2012 um -3,2 Prozent und 2013 um -1,8 Prozent! (ZAW) Trotz deutlich wachsendem Online-, TV- und Hörfunkwerbemarkt, trotz Wachstum bei Außenwerbung und Fachzeitschriften. Insgesamt gehen die klassischen Werbe- umsätze in Deutschland seit Jahren zurück! Hört man in den Markt hinein, dürften auch 2014 wieder nicht alle klassischen Werbe- träger unisono in Jubel verfallen. Natürlich: Die Printverlage verlieren massiv. Die Umschichtungen in Richtung Online- und Mobilsektor fangen diese Schrump- fungsprozesse nicht komplett wieder auf. Und die rund drei Milliarden Euro Bruttoum- satz im Bereich Search- und Affiliate-Mar- keting erscheinen nicht in der ZAW-Statis- tik. So sieht der Markt vielleicht düsterer aus, als er in Wahrheit ist. Social Media Von Social Media zu Dark Social: Messaging-Dienste haben immer mehr Zulauf Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer „Alle scheinen müde zu sein vom Social News-Stream, der nicht (mehr) wirklich interessiert. Wich- tig aber bleibt der soziale Aus- tausch mit Freunden. Und das leisten die Messaging-Apps.“
  • 7. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 12 Seite 13 lerweile ein großer Teil der deutschen Bevölkerung tagtäglich auch ein vernetztes Audio-Gerät bei sich, das neben klassischem UKW-Radio und MP3s auch Webradio und Musikstreaming-Services bietet. All dies bringt den Online-Audio-Markt 2015 deut- lich nach vorn: Gegenüber 2014 wird der Markt für Online-Audio-Werbung um rund 50 Prozent wachsen (Webradiomonitor 2014). Das liegt vor al- lem an den Musikstreaming-Anbietern, die derzeit ein explosionsartiges Wachstum erleben und den jahrelang geschrumpften Musikmarkt auch insge- samt wieder nach vorn bringen. Kein Wunder also, dass die Gorillas des Online-Business den Audio- Dschungel nicht allein Spotify und Deezer über- lassen wollen: Nach der Ankündigung durch You- Tube schickt sich auch Apple an, 2015 ein eigenes Streaming-Angebot zu starten. Darauf müssen sich die etablierten Audio-Anbieter also einstellen. Große neue Wettbewerber, neue Technologien, neue Angebote und nebenbei läuft dennoch ununterbrochen das Küchenradio: Im Au- dio-Markt bleibt alles anders. Mathias Birkel, Senior Manager Goldmedia GmbH Strategy Consulting ten Musik-Streaming-Dienste, Audio Guides oder Hörbuch-Plattformen per Web oder App ganz neue Hörerlebnisse. Die ganze Vielfalt der Audio-Angebote profitiert von einem großen Vorteil: Alles kann wunderbar „ne- benbei“ genutzt werden, wenn visuelle Medien von Print über Display bis hin zu Video zu sehr ablenken – eine Eigenschaft, die in einer durch Geschwindig- keit, Effizienz und Mobilität geprägten Multitask- ing-Welt immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ein weiterer Treiber für das Medium Audio ist das Smartphone: 62 Prozent der Deutschen besitzen in- zwischen eines (Goldmedia), bei den 14- bis 29-Jäh- rigen sind es sogar 84 Prozent (TNS). Und: 61 Prozent der Smartphone-Besitzer sagen, dass sie nicht mehr darauf verzichten können (BITKOM). Damit hat mitt- Ob Radio, Podcast, Stream oder MP3 – Audio ist im besten Sinne der Begleiter durch den Tag. Er beginnt bei vielen mit dem Radiowecker und en- det mit Schlummermusik oder einem „Die Drei Fragezeichen“-Hörspiel. Auch zwischendurch ist Audio stets dabei – beim Duschen, Joggen, beim Frühstücken oder auf dem Weg zur Arbeit. Der All- rounder Audio wird 2015 noch präsenter. Dafür gibt es viele Anzeichen: Ganz generell gilt: Musik zu hören ist in seiner Be- liebtheit ungebrochen und für Jugendliche nach wie vor sogar wichtiger als Internet-, Handy- oder Fern- sehnutzung (JIM-Studie 2013). Auch das klassische Radio wird weiterhin geschätzt: Seit Jahren konstant mit rund 94 Prozent (ma Ra- dio 2014 II) erreicht der Hörfunk einen riesigen Teil der deutschen Bevölkerung insgesamt. Und er kann selbst im digitalen Zeitalter bei den Jugendli- chen punkten: 73 Prozent der 12- bis 19-Jährigen schalten mehrmals pro Woche oder sogar täglich ein Radioprogramm ein – nur neun Prozent verzich- ten gänzlich auf das alte UKW-Radio (JIM-Studie 2014). Auch die Hörfunk-Werbeumsätze wachsen seit 2009 stetig zwischen zwei und vier Prozent. Doch Audio ist nicht nur traditionell verhaftet, sondern zugleich hochmodern: Neben der leicht stotternden digitalen UKW-Alternative DAB+ bie- „Gegenüber 2014 wird der Markt für Online-Audio-Werbung um rund 50 Prozent wachsen (Webra- diomonitor 2014). Das liegt vor allem an den Musikstreaming-An- bietern, die derzeit ein explosions- artiges Wachstum erleben ...“ Audio und Entertainment Alles bleibt anders: Der Audio-Markt boomt und ist dynamisch wie nie Trendartikel Mathias Birkel
  • 8. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 14 Seite 15 dass man in den kommenden Jahren in Deutsch- land durch optimierte Straßenverkehrssensorik mit rund 15 Prozent weniger Kraftstoff auskommt. Das entspricht etwa 900 Millionen Liter oder 1,3 Mil- liarden Euro pro Jahr. Akzeptanz der Nutzer wird zum Verkaufsargu- ment Bis zu einem vollends automatisierten Smart House, autonomer Verkehrsregulierung oder selbstfahren- den Autos ist es natürlich in Deutschland noch ein weiter Weg. Neben dem technischen Aufwand und enormen Investitionen zur Modernisierung der Device-Infrastruktur hängt es vor allem an den Nutzern, die solche automatisierten Systeme auch annehmen müssen. Sie sind diejenigen, die sich auf Anweisungen der Predictive Analystics-Systeme in ihren Autos verlassen müssen, damit positive Kos- teneinsparungen überhaupt möglich werden. Die Frage nach dem Verlust der Autonomie geht damit einher: Werden Konsumenten eine automatisierte Welt akzeptieren oder feiert das Internet der Dinge seinen Einzug in den Mainstream, weil die optimi- erte Bequemlichkeit siegt? Zumindest im Falle der Oral-B-Zahnbürste kann man davon ausgehen, dass der Nutzen überwiegen wird. 2015 dürfte also ein spannendes Jahr für die Verbreitung und Akzeptanz des Internets der Dinge werden. Tim Prien Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting zu gestalten. Dabei werden physikalische Objekte in einem Internet-ähnlichen System untereinander ver- bunden, um die Lücke zwischen der realen und der virtuellen Welt so sehr zu verwischen, dass sie für den Konsumenten kaum noch spürbar ist. Natürlich sind solche Bestrebungen derzeit nur rudimentär vorhanden, jedoch gibt es schon Konzepte und An- sätze, die eine solche Zukunft greifbar machen. So kann die aktuelle Zahnbürste von Oral-B bereits Be- wegung und Putzverhalten des Nutzers erkennen, aufzeichnen und optimieren. Oder: Software Home Hubs wie Belkins WeMO können ganze Haushalte mit fernsteuerbaren Heizungs- und Lampen-Modu- len automatisieren. Industriepotenziale für das Internet der Dinge sind milliardenschwer Jenseits des Endverbrauchermarkts findet auch die Fertigungsindustrie immer mehr Interesse und An- wendbarkeit im Konzept des Internets der Dinge. Predictive Analytics ist das Anwendungsszenario und Ersparnisse in Milliardenhöhe das erhoffte Resultat. Mikrosensoren in Fertigungsanlagen, Lo- gistikzentren und IT-Infrastrukturen haben das Po- tenzial, komplexe Datenströme in Echtzeit auszu- werten, Probleme zu erkennen und anschließend zu verhindern. Selbst die Behebung von Störungen soll bald den Algorithmen der Predictive Analytics an- vertraut werden. Betreiber von Logistikzentren kön- nen mithilfe von Verkehrsdaten die Zu- und Abfahrt kontrollieren und damit Zeit und Geld sparen. Ein- sparungen werden aber auch im Endverbraucher- markt möglich. Audi-Ingenieure haben kalkuliert, Durch immer schnelleres, mobiles Internet, kleine- re Mikrosensoren und smarte Endgeräte rückt die Welt nicht nur zusammen, sie wird auch Schritt für Schritt klüger. Smartphones gehören längst zu un- serem Alltag – 62 Prozent der Deutschen nutzen sie Ende 2014. Mit Sensoren ausgestattete Produkte für Privatkunden und Predictive Analytic Services in der Industrie werden im kommenden Jahr nach- haltig die Art und Weise ändern, wie wir alltägliche Aufgaben und Prozesse angehen. Immer mehr Un- ternehmen arbeiten an einer digitalen Zukunft, in der Datenerhebung und -austausch zwischen einzel- nen Sensoren soweit automatisiert sein werden, dass die Nutzer dies zu ihrer kognitiven Entlastung nicht mehr mitbekommen. Schon heute aktivieren zum Beispiel erbsengroße Beschleunigungschips in Festplatten im freien Fall einen Sicherheitsmechanismus, der unsere Daten trotz Aufprall eines Gerätes absichert. Oder beim Autofahren: Rund 700 Ampel-interne Sensoren sor- gen im Zusammenspiel mit smarten Automobilen in Berlins Innenstadt für grüne Welle und ununterbro- chene Fahrten. Vernetzte Zukunft kommt beim Verbraucher an Was wie eine Vision eines Science-Fiction-Romans wirkt, könnte schon bald ein fester Bestandteil un- serer alltäglichen Erfahrung und Arbeitswelt sein. Das Internet der Dinge, 1991 von Mark Weiser zum ersten Mal in Ansätzen konzeptualisiert, ist nun da- bei, unseren Alltag tatsächlich klüger und effizienter „Immer mehr Unternehmen arbei- ten an einer digitalen Zukunft, in der Datenerhebung und -austausch zwischen einzelnen Sensoren soweit automatisiert sein werden, dass die Nutzer dies zu ihrer kognitiven Ent- lastung nicht mehr mitbekommen.“ Internet Smart wird praxistauglich: Das Internet der Dinge kommt im Verbrauchermarkt an Trendartikel Tim Prien
  • 9. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 16 Seite 17 nicht gerade trivial sind. Das musste auch kürzlich erst der amerikanische Marktneuling CurrentC fest- stellen. Der Zahlungsdienst des US-amerikanischen Einzelhandelsverbandes MCX (u.a Walmart, Dunkin‘ Donuts, Shell) wurde eine Woche vor der Ankündi- gung von Apple Pay der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch bereits in der Testphase gelang es Hackern, sich Zugriff auf die sensiblen Zahlungsdaten der Kunden zu verschaffen. Die Herausforderung für ein mobiles Zahlungssys- tem ist, die Kunden zu überzeugen, dass es so sim- pel und zuverlässig ist wie herkömmliches Bezahlen mit Bargeld oder Kreditkarte, dazu aber deutlich schneller und komfortabler. Wann genau die kri- tische Masse erreicht sein wird, bleibt schwer zu prognostizieren. Sicher jedoch ist, dass sich 2015 viele marktreife Entwicklungen dem Realitätstest unterziehen werden, um mit Mobile Payment mit- telfristig eine erfolgreiche, massentaugliche Zah- lungsweise zu etablieren. Sebastian Lehr Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting es MasterCard als vertrauenswürdigem Kredit- kartenanbieter, die Akzeptanz der Kunden zu gewinnen, werden andere Zahlungsdienstleister nachziehen. Darüber hinaus dringen auch neue Anbieter auf den Markt: Die Telekommunikations- anbieter Vodafone, O2 und Telekom bieten mit Mpass ein Zahlungsverfahren an, das sowohl in Geschäften als auch online genutzt werden kann. Auch PayPal erweitert die Einsatzfelder seines Zah- lungsdienstes. Eine Kooperation mit Samsung hat das Ziel, ein biometrisch gestütztes Bezahlverfahren einzuführen, welches universell einsetzbar ist. Was stand Mobile Payment so lange im Weg? Bislang schienen die Nutzer mit den etablierten Bezahlsystemen recht zufrieden zu sein. Deshalb überwog die Skepsis im Einzelhandel, ob ein schnellerer Bezahlvorgang einen hinreichenden Mehrwert darstellen würde, zumal die technischen Herausforderungen für ein mobiles Bezahlsystem Nach Jahren kleinerer Vorstöße scheint nun die Zeit reif zu sein: Mobile Payment kann 2015 erste Durchbrüche schaffen. Haben 2014 gerade einmal 176.000 Deutsche Payment-Apps auf ihren Smart- phones installiert, soll diese Zahl schon bis 2020 auf 11 Millionen steigen. 500 Millionen Euro werden dann pro Jahr in Deutschland über mobile Bezahl- systeme umgesetzt (PWC). Apple Pay bringt Schwung in den Markt Technische Voraussetzung sind NFC-fähige (Near Field Communication) Geräte, sowohl bei Kunden als auch bei Händlern. Doch im deutschen Einzel- handel wurde die erforderliche Technik nur langsam in Zahlungsterminals nachgerüstet. Auch auf Kun- denseite nahm die Verbreitung der Übertragungs- technik nur schleppend zu, u.a. weil NFC-Chips bis zum Erscheinen des iPhone 6 erst in wenigen Geräten der konkurrierenden Android-Plattform verbaut wurden. Apple Pay könnte so zur Schritt- machertechnologie werden. Erweist sich Apple Pay in Amerika als Erfolg, kann das zu einem großen technischen und ökonomischen Vertrauensgewinn für Mobile Payment führen, der sich positiv auf die Marktentwicklung in anderen Ländern auswirkt. Auch andere große Player haben Aktivitäten an- gekündigt. So hat MasterCard das Ziel ausgerufen, ab 2015 kontaktloses Bezahlen bei sämtlichen Partnern im Einzelhandel zu ermöglichen. Gelingt „Erweist sich Apple Pay in Ameri- ka als Erfolg, kann das zu einem großen technischen und ökono- mischen Vertrauensgewinn für Mobile Payment führen, der sich positiv auf die Marktentwicklung in anderen Ländern auswirkt.“ Mobile Mobile Payment ante portas! Der Markt für mobile Bezahlsysteme bekommt entscheidende Impulse Trendartikel Sebastian Lehr „Die Herausforderung für ein mo- biles Zahlungssystem ist, die Kunden zu überzeugen, dass es so simpel und zuverlässig ist wie herkömmliches Bezahlen mit Bargeld oder Kredit- karte, dazu aber deutlich schneller und komfortabler.“
  • 10. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 18 Seite 19 sen (Amazon) immer gigantischere Datenbanken, die jederzeit unfassbare Mengen an Informationen filtern und äußerst kommod übermitteln können. Natürlich kann man auch weiter ausschließlich im Großen Brockhaus blättern, aber das dortige ver- fügbare Wissen ist äußerst begrenzt im Vergleich zu Alexa oder Siri und weit unkomfortabler präsentiert. Dann doch lieber Freunde fragen Social Search: Die offenbar etablierteste Search- less Search-Funktion ist der Rückgriff auf die Nut- zungsmuster meiner Freunde. Der Facebook-Feed dient heute bereits als News-Lieferant und Video- Empfehlungs-Stream. Das hat bereits dazu geführt, dass Facebook mittlerweile mehr Videos ausliefert als YouTube! Social Media erlauben so nicht nur die neue absichtslose Suche, sondern bestenfalls auch die Entdeckung neuer oder passender Inhalte. Nachdem die Markteinführung von Google Glass von 2014 auf 2015 verschoben wurde und es auch um die Apple Watch sehr schnell sehr still gewor- den ist, wird sich zeigen, ob der Kunde diese Art von Gadgets tatsächlich nutzen will. Auch kann man gespannt sein, ob Amazons Echo in den USA auf Akzeptanz stößt und den Sprung nach Europa schafft. Klar ist aber: Die Entwicklung von Search- less Search wird uns 2015 weiter stark beschäfti- gen. Ob als Hardwarelösung, kontextsensitiver Hinweis oder als Social Media-Feed. Vor allem die klassischen Medien sollten überlegen, wie sie diesen Trend zum absichtslosen Suchen und Finden weiter in ihre Produkte und Dienste integrieren können. Prof. Dr. Klaus Goldhammer Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting zeigt, dass ich gerade etwas Zeit habe, und signa- lisiert das Handy meinen Standort, dann könnte mir ein intelligenter Personal Digital Assistant vorschla- gen, dass ein passendes Geschäft in der Nähe ist, wo ich meine Einkaufliste jetzt erledigen könnte. Kontextsensitive Hinweise und Informationen sind einerseits faszinierend, aber stets an zahlreiche Vorbedingungen geknüpft. Wenn sie mit den Stim- men eines Personal Digital Assistants übermittelt werden, wirken sie lebensnaher, aber gerade des- halb auch äußerst irritierend, denn: Woher weiß mein Handy das alles? Doch es geht noch weiter… Neue Such- und Empfehlungshardware: Google Glass, die bereits wieder abgekühlt heißeste Sehhil- fe aus den Google-Laboratorien, ist eine der wohl bekannteren Searchless Search-Projekte. Größte Herausforderung beim Interface-Design ist auch hier, wie man Suchinformationen und automati- sierte Empfehlungen so präsentiert, dass die Nutzer nicht überfrachtet werden oder, schlimmer noch, milde Formen von Verfolgungswahn entwickeln. Ende 2014 präsentierte der einstige E-Commerce- Anbieter Amazon in den USA den „Echo“, einen Netzwerklautsprecher für das Wohnzimmer in Form einer kleinen schwarzen Röhre mit persönlicher Digitalassistentin namens „Alexa“. Alexa lauscht beständig, ob man nach ihr ruft. Sagt man ihren Na- men, springt sie an und spielt nach Wunsch Musik aus der Cloud, schaut in Wikipedia nach, liest Nach- richten, Sportergebnisse und Wettervorhersagen. Alle berechtigten Verfolgungsängste beiseite, dass Amazonserver nun die Wohnung laufend abhören können, werden auch hier aus einstigen Suchma- schinen (wie bei Google) oder Produktverzeichnis- „Während das klassische Googeln per Tastatur scheinbar seinen Zenit erreicht, kommen immer mehr sogenannte Personal Digital Assistants [...] auf den Markt und gestalten das Suchen und Finden humaner”. Eine Vision von Larry Page, Gründer und CEO von Google, wird greifbar: „Searchless Search“ – die Suche (oder besser: das Finden von Informationen), ohne explizit zu suchen, dringt langsam in unser Leben vor. Während das klassische Googeln per Tastatur scheinbar seinen Zenit erreicht, kommen immer mehr sogenannte Personal Digital Assistants wie Apples „Siri“ oder Microsofts „Cortana“ auf den Markt und gestalten das Suchen und Finden humaner, weil sie auf Sprache reagieren und zu- meist auch sinnvoll antworten. (Bitten Sie Siri mal, dass Sie Ihnen einen guten Witz erzählt.) Die Assis- tenten funktionieren leidlich gut, doch es bleibt eine große Herausforderung: „Intelligent“ erscheinen sie erst dann, wenn sie relevante Informationen vermit- teln, nach welchen der Nutzer möglichst noch gar nicht explizit gefragt hat. Die Ansätze sind verschieden Kontextsensitive Empfehlungen: Wenn wir – wie immer – morgens um acht zu Hause ins Auto ein- steigen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass – wie immer an einem Werktag – die Fahrt ins Büro geht. Dann sind aktuelle Staumeldungen im Navi auf der Route zum Arbeitsplatz recht sinnvoll. Sind aber gerade Schulferien und im Kalender ein Urlaub eingetragen und handelt es sich zudem um Sams- tag oder Sonntag, liegt die Vermutung nahe, dass die Reise ganz woanders hingehen könnte. Dann könnte etwa das Wetter am Urlaubsort (ersichtlich aus der Hotelbuchung) interessant sein. – Solche kontextsensitiven Empfehlungen sind der erste Schritt in Richtung Searchless Search. Dazu müssen aber, wie bei den Stauinfos auf der Fahrt zur Arbeit, zahlreiche Bedingungen erfüllt sein: Habe ich zum Beispiel eine Einkaufsliste ge- speichert und ist mein Terminkalender geöffnet, der Internet Searchless Search wird real: Finden ohne Suche durch mitdenkende Personal Digital Assistants Trendartikel Prof. Dr. Klaus Goldhammer
  • 11. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 20 Seite 21 Im kommenden Jahr werden wir beobachten kön- nen, wie der „Free to Internet“-Bereich von profes- sionellen Anbietern immer stärker bespielt wird. Studio71 der ProSiebenSat.1-Gruppe, mit dem das Unternehmen YouTube für sich nutzbar machen will, ist ein guter Anfang. Im Oktober knackte das Netzwerk die Marke von 200 Millionen Abrufen und will nun auch in die Produktion fiktionaler In- halte einsteigen. Die Konkurrenten von Mediakraft schaffen bereits 420 Millionen Abrufe im Monat mit einer Wachstumsrate von zehn Prozent. RTL ver- zichtet vorerst auf eigene Entwicklungen und enga- gierte sich im Sommer mit 26 Millionen Euro an dem kanadischen Multi-Channel Network BroadbandTV, das nach eigenen Angaben monatlich mehr als 800 Millionen Abrufe erzielt. Das klassische Sender-Empfänger-Schema funktio- niert im Internet offensichtlich nicht mehr. Die Nut- zung der sendereigenen Streaming-Angebote ist nur ein kleiner Teil einer Antwort auf die Herausfor- derungen der Digitalisierung. Hier hat sich zusätzlich eine andere Rezeptionsform ausgeprägt und die hat mehr mit Kommunikation als mit reiner Sendung zu tun. Wer auch immer in diesem zuschauerstarken Segment des werbefinanzierten Video-Streamings aktiv sein will, benötigt ein ganz neues Verständ- nis von Fernsehen. 2015 werden sich die deutschen Fernsehsender diesem Thema deutlich stärker wid- men als bisher. Dr. Florian Kerkau Geschäftsführer Goldmedia Custom Research GmbH vorbei. Internationaler Erfolg bleibt für deutsche Produktionen somit die Ausnahme. Zunächst machte Netflix den deutschen Produzent- en Hoffnung, auch lokale Produktionen zu beauftra- gen. Doch bereits nach kurzer Analyse der deutschen Produktionslandschaft kam prompt das Kommando zurück! „Wir haben in Deutschland Ausschau ge- halten nach geeigneten Stoffen – aber nichts gefun- den“, erklärte Netflix-Firmengründer und CEO Reed Hastings im Interview (Blickpunkt:Film, Sept. 2014). Ob Netflix es schafft, die jüngeren und fernseh- müden deutschen Zuschauer an sich zu binden, ist fraglich, da diese meist keine besonders ausgepräg- te Zahlungsbereitschaft haben oder es sich schlicht nicht leisten können. Insofern entsteht ein großer Bedarf für „Free“-Programme jenseits der klassisch- en Fernsehübertragung. Diesen Bedarf befriedigen die Mediatheken der deutschen Fernsehsender of- fenbar nicht. In der Messung der Videoabrufe der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) in Zusammenarbeit mit Nielsen zeigt sich bislang ein ernüchterndes Bild. Die Top Ten-Angebote der ARD erreichen hier zusammen im Oktober 2014 gerade vier Millionen Abrufe, bei ProSieben rund 3,5 Mil- lionen. Was den Sender-Mediatheken bislang nicht gelingt, wird hingegen erfolgreich von YouTube bespielt: Die deutschen YouTuber ApeCrime erzielen für ein neues Video oft über 500.000 Abrufe am Tag und eine Million in der Woche. Die Top Ten-YouTube- Kanäle aus Deutschland erreichten in der letzten Woche (KW 49, 2014) zusammen über 40 Millionen Views. Es tut sich etwas in der Bewegtbildwelt. Während der Werbemarkt dem deutschen Fernsehen fest die Treue hält (TV-Werbemarkt +2,2% in 2013), orien- tiert sich der Zuschauer langsam aber sicher um. Da der Anteil der älteren Menschen in Deutschland im- mer größer wird, fällt es im Durchschnitt noch nicht so stark auf, dass die jüngeren Zuschauer immer weniger fernsehen. Dies führt dazu, dass viele TV- Traditionalisten die Wucht des Wandels unterschät- zen, der ihr Geschäft in naher Zukunft gründlich durcheinanderbringen wird. Zwar erlösen viele TV-Sender bereits heute einen nicht unerheblichen Teil im digitalen Geschäft, doch stammen diese Erlöse zumeist aus artfremden En- gagements (E-Commerce-Portale, Spiele etc.). Die Umsätze im Online-Fernsehgeschäft dürften nur einen kleinen Teil dazu beisteuern. Hinzu kommt, dass die Kosten für Werbung und Lizenzgebühren über das Internet kaum refinanzierbar sind. Nach dem Markteintritt von Netflix in Deutschland dürfte sich die Situation für die Fernsehsender zusätzlich verschärfen. Den Wandel im TV-Markt bekommt auch die deutsche Produktionslandschaft immer stärker zu spüren. Durch das überwiegend gebührenfinan- zierte Fernsehsystem in Nachkriegsdeutschland konnte sich keine international konkurrenzfähige Produktionsindustrie etablieren. Investoren taten sich auf dem heimischen Markt stets schwer und die aus Gebühren und Förderungen entstandenen Produktionen (insbesondere im Fiktion-Bereich) ge- hen oft an den Interessen der deutschen und be- sonders an denen der internationalen Zuschauer „Das klassische Sender-Empfän- ger-Schema funktioniert im In- ternet offensichtlich nicht mehr. Die Nutzung der sendereigenen Streaming-Angebote ist nur ein kleiner Teil einer Antwort auf die Herausforderungen der Digitalisierung.” Fernsehen und Internet Free to Internet: Zuschauer treiben TV-Sender ins Internet, allerdings an deren eigenen Video-Streaming- Angeboten vorbei Trendartikel Dr. Florian Kerkau
  • 12. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 22 Seite 23 die Autobauer nicht die Vision eines vollständig au- tonomen Roboterautos: „Es geht uns ausdrücklich nicht darum, den angenehmen Teil des Fahrens zu automatisieren“, sagt etwa Daimler-Chef Dieter Zetsche. Dem selbstfahrenden Auto wird man nicht von heute auf morgen, sondern Stück für Stück näherkommen. Einen ersten Schritt hat Daimler be- reits unternommen. Die S-Klasse hat seit 2013 einen „Autopiloten“ an Bord, der in einer eng definierten Fahrsituation (Stop-and-Go-Verkehr auf der Au- tobahn) die Kontrolle des Fahrzeugs übernehmen kann. Im Jahr 2015 werden vergleichbare teilauto- nome Fahrassistenten in die Mittelklasse vordringen. Der neue VW Passat wird bereits mit einem solchen „Autopiloten“ angeboten. Knapp 3.000 Euro Auf- preis werden hierfür laut Preisliste fällig. Der Passat verkauft sich dabei rund zehnmal so häufig wie die S-Klasse von Daimler. Damit erreichen Fahrzeuge mit teilautonomen Assistenzsystemen allmählich das Volumensegment. Und die Entwicklung macht bei der Mittelklasse nicht Halt: So hat der Automobilzulieferer Magna eine Fahrzeugkamera entwickelt, die viele der teu- ren Sicherheitssensoren (Radar, Laser, Ultraschall) überflüssig macht, wodurch mittelfristig sogar Kleinwagen kosteneffizient Fahrerassistenzsysteme erhalten könnten. Das Resultat: Mehr Sicherheit, weniger Stau, weni- ger Abgase und weniger Energieverbrauch. Sebastian Lehr Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting der selbstfahrenden Prototypen bilden schon längst „seriennahe“ Komponenten, also die Abstands-, Spurwechsel- und Einpark-Assistenten heutiger Serienfahrzeuge, mit nur geringfügig verändertem Leistungsumfang. Die nötigen Daten werden jedoch nicht nur über fahrzeugeigene Sensorik erfasst, sondern perspekti- visch auch von Auto zu Auto übertragen (Car2Car Communication). Damit eröffnen sich weitere Ein- satzfelder: Notbremsungen, Gefahren hinter der nächsten Kurve und Informationen über den nächs- ten freien Parkplatz könnten Autos zukünftig au- tonom an andere Fahrzeuge weitergeben. Auch die Geschwindigkeit für den optimalen Verkehrsfluss würden die Fahrzeuge untereinander aushandeln. Die intelligente Vernetzung vieler heterogener Daten aus der Umgebung und den zahlreichen fahrzeugei- genen Assistenzsystemen ermöglicht es dem Auto, in bestimmten Momenten die Steuerung zu über- nehmen. Der Umfang an Fahrsituationen, die von der vernetzten Fahrzeugtechnik sicher beherrscht werden, wird in den nächsten Jahren schrittweise zunehmen, sodass wir zukünftig vielleicht gar nicht so genau mitbekommen, welche Entscheidungen wir noch selbst fällen und welche bereits tief un- ter der Haube von der Sicherheitstechnik getroffen werden. Von den Fahrzeugherstellern ist dies explizit so gewollt, da die Fahrer ihre Assistenzsysteme als angenehme Helferlein, aber keinesfalls als Ein- schränkung der Entscheidungsfreiheit wahrnehmen sollen. Deshalb sprechen sie auch lieber vom „au- tomatisierten Fahren“. Anders als Google verfolgen Seit 2009 testet Google publikumswirksam sein „Driverless Car“ auf öffentlichen Straßen in den USA. Mittlerweile haben die US-Bundesstaaten Nevada, Florida, Michigan und sogar das bevölke- rungsreiche Kalifornien den Betrieb von autonomen Fahrzeugen genehmigt. Viele der großen Automo- bilhersteller zeigten sich zwar beeindruckt – jedoch vor allem von der starken Medienresonanz, die das Google-Projekt hervorgerufen hat. In den vergan- genen Monaten gab es daher eine regelrechte Of- fensive, in der die Fahrzeugbauer zahlreiche eigene Forschungsprojekte zum autonomen Fahren der Öffentlichkeit vorstellten. Dabei wurde klar, dass sich insbesondere die deutschen Autobauer nicht vor Google verste- cken müssen. Daimler fuhr bereits 2012 mit einem selbstfahrenden Prototyp eine Langstreckendistanz auf deutschen Landstraßen, BMW bewies während der diesjährigen CES in Las Vegas, dass sein auto- nomes Fahrsystem auch unter widrigen Straßenver- hältnissen ein Übersteuern in den Griff bekommt. Und Audi hat einen speziell ausgestatteten RS7 ent- wickelt. Dieser ist das derzeit schnellste autonom fahrende Auto der Welt und absolvierte im Okto- ber 2014 mit ca. 240 km/h führerlos eine Runde auf dem Hockenheimring. Offiziell werden die Erwartungen an autonom fahrende Fahrzeuge trotz der bereits beachtlichen Erfolge von den Herstellern gedämpft. Ihr Tenor zumeist: Vor 2020 sollte keiner mit der Serienreife eines solchen Fahrzeugs rechnen. Dabei ist die Technik bereits ausgereifter, als solche Statements vermuten lassen. Die technische Basis „Dem selbstfahrenden Auto wird man nicht von heute auf mor- gen, sondern Stück für Stück näherkommen.“ Autonomes Fahren Driverless Car: Das Fahrzeug übernimmt das Steuer – teilautonome Fahrassistenten erreichen das Volumensegment Trendartikel Sebastian Lehr
  • 13. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 24 Seite 25 der Website des spanischen Fußballclubs FC Va- lencia zur Nutzung verschiedener Sharing-Buttons veröffentlicht: Der Facebook-Button war mit 35 Prozent Nutzung auf dem ersten Platz, WhatsApp folgte dicht dahinter mit 33 Prozent vor Twitter mit 19 und Google+ mit 13 Prozent. Über mobile Zu- griffe lag WhatsApp hingegen mit 48 Prozent deut- lich vor Facebook mit 25 Prozent. Wer also davon lebt, dass seine Inhalte möglichst oft genutzt werden, der ist gut beraten, in Zukunft seine sozialen Teilungsfunktionen zu ergänzen. Und genau das werden wir 2015 vielfach sehen: den WhatsApp-Sharing-Button. Dr. Florian Kerkau Geschäftsführer Goldmedia Custom Research GmbH somit die strukturelle Ebene. Auf dieser Ebene wird – durch Statusmeldungen und Meinungsäußerun- gen etc. – das Online-Ich definiert. Früher konstrui- erte man das, was man über sich zeigen wollte, über die Kleidung, die man trägt oder das Auto, das man fährt. Diese Funktion übernimmt nun Facebook im- mer mehr. Die darunterliegende Ebene ist die Inhaltsebene, auf der die private Kommunikation stattfindet. Diese läuft nun verstärkt über Messenger-Dienste. Als Analogie zur vordigitalen Zeit könnte man sagen: Facebook ist das Telefonbuch, WhatsApp ist das Telefon. Dieser auch als „Dark Social“ bezeichnete Bereich der privaten Online-Kommunikation ist für die Forschung nur schwer einsehbar. Nach der DIVSI- U25-Studie wird Facebook mehr dazu genutzt, Links auszutauschen und einen Status anzugeben, während über WhatsApp mehr Fotos geteilt, pri- vate Nachrichten verschickt und Verabredungen ge- troffen werden. Je mehr Kommunikation aus dem öffentlichen und semi-öffentlichen Bereich bei Face- book in nicht-öffentliche Bereiche wie WhatsApp abwandert, desto statischer wird das Wesen von Facebook, was die persönlich relevante Kommuni- kation angeht. Die Strukturebene kristallisiert somit zunehmend, während die fluide Kommunikation im „Dark Social“ stattfindet. Dieser Trend beschleunigt sich also selbst. Da sich die private Kommunikation überwiegend auf Messenger verlagert, sind alle aufmerksamkeits- abhängigen Medien gut beraten, sich diese Kanäle nutzbar zu machen. NiemanLab hat jüngst Daten Die Form der Kommunikation über offene soziale Netzwerke wie Facebook hat sich 2014 stark verän- dert, gleichzeitig ist die Nutzung von Messengern wie WhatsApp explosionsartig angestiegen. Viele Journalisten und Forscher wiesen im laufenden Jahr darauf hin, dass Facebook kaum noch wachse und vor allem von der jüngeren Zielgruppe immer weni- ger genutzt werde. So hat der Globalwebindex in seiner jüngsten Umfrage festgestellt, dass in den USA und UK Erwachsene (50 %), besonders aber auch Teenager (64 %) Facebook weniger nutzen als im Vorjahr und zusätzlich von der Nutzung zuneh- mend gelangweilt sind. Aber hat seither jemand seinen Facebook-Account wirklich gelöscht? – wohl kaum. Laut DIVSI-U25- Studie (Sinus-Institut 2014) geben 50 Prozent der unter 25-Jährigen an, dass sie nicht auf Facebook verzichten könnten, nur 39 Prozent sagen das Gleiche über WhatsApp. Bei der aktiven, tägli- chen Nutzung liegt aber WhatsApp mit 68 Prozent inzwischen vor Facebook mit 60 Prozent. In der Studie kamen Forscher zu dem Schluss, dass der- zeit ein neues Verständnis von Privatheit entsteht. Dabei werden diejenigen Daten als schützenswert empfunden, welche für die soziale Reputation im engeren Umfeld wichtig sind. In Bezug auf die klas- sischen persönlichen Angaben hingegen finden die jüngeren Nutzer in Online-Communities Offenheit wichtig. Hintergrund dieser Entwicklung ist eine Ausdiffe- renzierung der Nutzer im Umgang mit den sozialen Medien. Dabei übernehmen die klassischen sozialen Netzwerke die Funktion einer strukturellen Iden- titätsgebung im virtuellen sozialen Raum, sie bilden Social Media Facebook ist das Telefonbuch, WhatsApp das Telefon: Die Funktion sozialer Netze differenziert sich weiter aus, weil ein neues Verständnis von Privatheit entsteht Trendartikel Dr. Florian Kerkau „Da sich die private Kommunika- tion überwiegend auf Messenger verlagert, sind alle aufmerksam- keitsabhängigen Medien gut be- raten, sich diese Kanäle nutzbar zu machen.“
  • 14. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 26 Seite 27 „Die MCNs unterstützen nicht nur die Content-Produzenten und steigern deren Reichweite signifi- kant, sondern sie bündeln einzelne Amateur-Kanäle zu berechenbaren Werbeumfeldern. Damit tragen sie wesentlich zur Entwicklung dieser Content-Gattung bei“. Video und Internet MCNs sind Major-Studios 3.0: Multichannel-Networks läuten neue Ära der TV- und Videoproduktion ein Trendartikel Dr. Marcus Hochhaus den Startlöchern, die auf ihre Chance warten. Die Eigengründungen und Akquisitionen von MCNs durch RTL/Freemantle und ProSiebenSat.1 wie auch die Beteiligungen der internationalen Majors und TV-Networks sind ein klares Signal: Marginalisie- rung und Abwertung dieses Zukunftssegments sind längst Anerkennung und Respekt gewichen. Sollten sich die Veränderungen von Technologie und Me- diennutzung mit unveränderter Geschwindigkeit fortsetzten, werden die MCNs bald nicht nur den werbefinanzierten VoD-Markt dominieren, sondern schnell auch neue Content-Angebote und Ge- schäftsmodelle etablieren. In der Tradition der Ma- jor-Studios könnten sie damit eine ganz neue Ära des TV- und VoD-Marktes einläuten, deren Zeuge wir bereits in 2015 werden: die Major-Studios 3.0. Dr. Marcus Hochhaus Geschäftsführer Goldmedia Consulting GmbH neuen Medium folgte bald die „Umarmung“ – in den USA ebenso wie in Deutschland: Eigene TV- Produktionsgesellschaften wurden gegründet und schließlich auch weltweit eigene TV-Sender. Damit konnte man vor allem die Kompetenz in der Con- tent-Produktion erweitern und die Marktposition in der Distribution ausbauen. Geburtsstunde für MCNs Vor allem unter dem Makel der mangelnden Pro- fessionalität der Inhalte blieben Online-Videos lange das Stiefkind der Werbemärkte. Einen wichtigen In- novationsschub gab es erst 2011 durch die von You- Tube gegründete Audience Development Group und die Schaffung wichtiger Rahmenbedingungen, so etwa die Bündelung und gemeinsame Vermark- tung von YouTube-Kanälen. In gewisser Weise war dies die Geburtsstunde der MCNs. Endlich konnten die sogenannten YouTuber sich nicht nur über hohe Zuschauerzahlen freuen, sondern auch an deren Reichweite verdienen – qua- si eine Demokratisierung des TV-Vermarktungsmo- dells. Die MCNs unterstützen aber nicht nur die Content-Produzenten und steigern deren Reich- weite signifikant, sondern sie bündeln einzelne Amateur-Kanäle zu berechenbaren Werbeumfel- dern. Damit tragen sie wesentlich zur Entwicklung dieser Content-Gattung bei, was derzeit vor allem der weltweit wichtigsten Plattform YouTube zu- gutekommt. YouTube ist ganz klar der Gatekeeper dieses Trends. Allerdings: Es stehen in allen wichti- gen Märkten alternative Plattformen und Player in Werbefinanzierte VoD-Angebote erwirtschaften heute ein Viertel des gesamten Video-on-Demand- Umsatzes in Deutschland. 2019 wird deren An- teil schon rund die Hälfte ausmachen (Goldmedia VoD-Forecast 2019). Der größte Teil davon entfällt heute auf YouTube. Treiber dieses Wachstums sind vor allem die Multichannel-Networks – sogenannte MCNs, deren Bedeutung als Produzenten, Distribu- toren und Vermarkter von Videoinhalten über digi- tale Plattformen im kommenden Jahr weiter steigen wird. Multichannel-Networks werden für Filmstudios und TV-Sender als Produzenten, Aggregatoren und Vermarkter von Content zu starken Konkurrenten, weil sie ihren Kompetenzvorsprung in einem neuen und kräftig wachsenden Bereich schnell und syste- matisch ausbauen. Damit stehen die MCNs in der Tradition der Filmstudios und TV-Netzwerke, die seinerzeit auch in Reaktion auf die Entwicklung neuer Distributionswege entstanden sind. Der Blick in die Filmgeschichte Die US-amerikanischen Filmstudios waren anfangs ebenfalls Independents, die sich vor allem durch neue, filmische Erzählformen und Innovationen ge- gen die bis 1917 u.a. von Edison, Pathe und Kodak beherrschte Motion Picture Patent Company (MPPA) durchsetzen konnten. Später zu erfolgreichen Major-Studios gewachsen, mussten sie selber auf neuen Wettbewerb reagieren: die Entwicklung des Fernsehens und dessen Massenattraktivität. Einer anfänglich starken Abwehrhaltung gegenüber dem
  • 15. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 28 Seite 29 „Anders als beim Festnetz akzep- tieren die Mobilfunkkunden, bei intensiver Nutzung oft schon zur Monatsmitte mit deutlich redu- zierten Datenraten zu surfen oder Datenpakete nachzukaufen.” Mobiles Internet Das Breitband wird mobil: Immer mehr Internetnutzer surfen mobil schneller als im Festnetz Trendartikel Dr. André Wiegand oder Video-Streaming-Dienste wie Spotify, Deezer oder Netflix kombinieren, machen den Online-Zu- gang via LTE immer attraktiver und günstiger. Will oder muss man LTE als Festnetz-Ersatz nutzen, zahlt man zur Abdeckung des durchschnittlich pro Monat verbrauchten Festnetz-Datenvolumens von rund 27 GB (lt. VATM) zwar noch mindestens 10 Euro mehr als für einen vergleichbaren VDSL-Tarif. Doch ist a) diese Summe nicht mehr so viel höher und b) ist es eine Frage der Zeit, wie schnell bei dem derzeitigen Nutzerwachstum (über 400 % von Mitte 2013 bis Mitte 2014) eine Marktsättigung einsetzt, die das Preis-Leistungsverhältnis für die Kunden weiter verbessert. Eine Wiedereinführung von Volumentarifen im Festnetz würde den Trend weiter verstärken. Damit wird 2015 wohl der Paradigmenwechsel kommen: Mit der anhaltenden Nachfrage nach mo- bilen Datenverträgen und dem geringen Interesse an schnellen Festnetzanschlüssen entwickelt sich der Mobilfunk zum wichtigsten Treiber für schnelle Internetanschlüsse. Dr. André Wiegand Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting So liegen die mittleren Downloadraten im LTE-Netz heute schon zwischen 17 und 38 Mbit/s. In den Re- gionen, in denen LTE der Kategorie 4 voll ausgebaut ist, surft man bereits mit durchschnittlich 50 bis 100 Mbit/s (Chip Online). Damit bietet LTE deutlich höhere Datengeschwindigkeiten als ein Standard- ADSL-Anschluss. Und die Entwicklung geht rasant weiter: Mit dem bereits laufenden Ausbau von LTE-Advanced er- höht sich die maximale Download-Geschwindigkeit weiter auf bis zu 300 Mbit/s. Mit der Einführung der nächsten Mobilfunkgeneration 5G wächst die Download-Geschwindigkeit sogar auf 10 Gbit/s. Dies entspricht dem 100-Fachen der aktuellen LTE-Geschwindigkeit. Zudem steigern die Daten- kompressionsverfahren noch einmal die Effizienz. Multipliziert man steigende Übertragungsrate mit steigender Kompressionsrate, ist bis zum Jahr 2020 ein Leistungszuwachs im Mobilfunkbereich um den Faktor 2000 denkbar! Noch ist der mobile Surfspaß für viele Nutzer je- weils nur von kurzer Dauer: Anders als beim Fest- netz akzeptieren die Mobilfunkkunden, bei intensi- ver Nutzung oft schon zur Monatsmitte mit deutlich reduzierten Datenraten zu surfen oder Datenpakete nachzukaufen. Mit den rasant steigenden mobilen Netzkapazitäten verbessert sich jedoch das Preis-Leistungsverhältnis der Mobilfunkangebote deutlich: Kuppelprodukte, die mobiles Internet mit echten Flatrates für Musik- Seit Jahren diskutiert man in Deutschland, wie der Ausbau schneller Internetverbindungen vorankom- men kann. Ziel des Bundes ist es, dass Anschlüsse, die schneller als 50 Mbit/s sind und Mitte 2014 für 64 Prozent der Haushalte bereitstehen, bis Ende 2018 flächendeckend verfügbar sind. Ein wesentli- ches Hemmnis für den Ausbau ist allerdings die ge- ringe Nachfrage. Laut Bundesnetzagentur surften Ende 2013 immer noch 84 Prozent der Besitzer von Festnetzanschlüssen mit unter 30 Mbit/s im Inter- net. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Denn die Nachfrage nach schnellen mobilen Breitbandan- schlüssen ist wesentlich dynamischer. Der Anteil der LTE-Nutzer im Internet stieg zwischen 2013 und 2014 von sieben auf 23 Prozent (Initiative D21). Und das durchschnittliche mobile Datenvolumen wuchs pro Nutzer um 45 Prozent auf 283 MByte pro Monat (VATM). Ein wesentlicher Grund für diese Nachfragedynamik liegt in der unterschiedlichen Vermarktung: Anders als bei DSL- und Kabel-Internet werden Mobilfunk- Tarife zumeist nicht nach Download-Geschwin- digkeit, sondern nach Volumen vermarktet. Damit kommen viele der rund 8,7 Millionen LTE-Nutzer in Deutschland (Stand Mitte 2014) bei der Nutzung aktueller LTE-Geräte in den Genuss der vollen LTE- Geschwindigkeit. Und die durchschnittliche Surfge- schwindigkeit pro Mobilfunkzelle steigt mit jedem LTE-Release und der zunehmenden Glasfaseran- bindung der Mobilfunkmasten immer mehr an:
  • 16. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 30 Seite 31 dungsbereiche. Das Verständnis um Dateninterpre- tation und Datenabfragen wird mit Produkten wie IBMs Watson Analytics oder anderen adaptiven An- alytics-Dienstleistern so weit vereinfacht, dass auch nicht in Statistik geschulte Mitarbeiter umfangreiche Datenmengen auswerten können. Für viele eta- blierte Dienstleister könnte dies zum Problem werden, da ihre maßgeschneiderten Premium-Lö- sungen nicht mehr exklusiv bleiben werden. Man kann diese Entwicklung natürlich auch anders sehen: Das kommende Jahr bietet vielen BI-Dienstleistern die Chance, ihre eingebetteten Analyseinstrumente auf einen neuen lukrativen Massenmarkt auszurich- ten. Die Unternehmen und ihre Entscheider aber werden von der neuen, stets verfügbaren und ver- besserten Informationslage profitieren. Tim Prien Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting über die Cloud sind die Zeitersparnisse erheblich. Langfristig zeichnet sich der Trend ab, dass es BI- Unternehmen mit einem All-in-One-Service gibt, welche die Datenanalyse zentral, datenadaptiv und maßgeschneidert für jedes Unternehmen bereitstel- len werden. Skalierbare Technologie wird zum Kerntreiber 2015 könnte Embedded Analytics der Sprung in den Massenmarkt gelingen, da viele notwendige Voraussetzungen erfüllt sein werden: Zum einen die Open-Source-Datenbanktechnologien wie HA- DOOP oder MongoDB, die immer schnellere Abfra- gen von großen Datenmengen, verteilt auf billiger werdende Computercluster, ermöglichen. Damit einher geht die weitere Automatisierung der Er- hebung solcher Big Data-Mengen durch das Inter- net der Dinge, das mit seinen Sensoren in immer neue Bereiche des Alltags vordringt. Und schließlich zeichnet sich auch eine starke Professionalisierung vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen in Deutschland ab – insbesondere einzelner Abteilun- gen wie Human Resources oder Sales – die vermehrt auf statistische Analysen angewiesen sind, weil dies der Wettbewerb um Kunden, Zulieferer oder Ta- lente von ihnen fordert. Terrabyte-große Analysen sollen mit drei Mausklicks durchgeführt werden können Mit Embedded Analytics erlebt der Arbeitsmarkt nicht nur eine Demokratisierung der Datenanalyse, sondern auch die rasche Ausweitung der Anwen- Komplexe Datenanalysen waren in Unternehmen bislang mit langwierigen Recherchen in Fachpub- likationen und Datenbanken verbunden, mit auf- wendiger Marktforschung und anschließender Datenaggregation auf Basis multivariater Analyse- methoden. Oder, wer es sich leisten konnte, kaufte fertige und entsprechend teure Datensets von Busi- ness Intelligence (BI)-Anbietern. Mit dem Siegeszug des Internets und immer professionelleren Front- End-Intelligence-Diensten ist es nun möglich, Re- ports und Entwicklungsreihen relativ unkompliziert mit einigen Mausklicks selbst zusammenzustellen. Doch der nächste Trend steht mit „Embedded Ana- lytics“ schon vor der Tür. Anbieter dieser neuen Form der Datenverarbeitung, Datenauswertung und Datenpräsentation verspre- chen selbst kleinen und mittelständischen Betrieben effiziente Business Intelligence-Datenbanken, die sich bislang nur große Konzerne mit kostspieligen SAP- oder Oracle-Datenbanken leisten konnten. Die Unternehmen setzen dabei vermehrt auf Soft- warelösungen, die ohne größeren Aufwand in ihre jeweiligen betrieblichen IT-Systeme oder sogar in Excel eingebettet werden können. Die für Markt- und Wettbewerbsanalysen notwen- digen Daten werden so immer öfter durch dieselben Anbieter mitgeliefert und direkt in die Analysesoft- ware eingespeist. Das ermöglicht dynamisches Real- Time-Monitoring sowie eine sehr schnelle Erstellung und Modellierung von Reports. Durch weniger auf- wendige Datenrecherchen, durch Multi-Device-Zu- griff auf die Analyseinstrumente und Datenbanken „Mit Embedded Analytics erlebt der Arbeitsmarkt nicht nur eine De- mokratisierung der Datenanalyse, sondern auch die rasche Ausweitung der Anwendungsbereiche.“ Big Data Embedded Analytics: Demokratisierung der Datenanalyse Trendartikel Tim Prien
  • 17. Goldmedia Trendmonitor 2015 Seite 32 Seite 33 „Die digitale Transformation stellt also an Kreative, Techniker und klassische Manager gleichermaßen neue Anforderungen, die mit der hohen Veränderungsgeschwindig- keit und der außergewöhnlichen Bedeutung von technologischer Disruption entstehen.” Führungskräfte Think digital: Leadership in der digitalen Transformation erfordert neue Kompetenzen Trendartikel Dr. Marcus Hochhaus rungsgeschwindigkeit und der außergewöhnlichen Bedeutung von technologischer Disruption entste- hen. Das heißt aber ebenfalls, dass sowohl die Zeit der Technologie-verweigernden Journalisten und Kreativen als auch der Schönwetter-Kapitäne und -Manager „alter Schule“ abläuft. Erfolgreiche Unternehmen benötigen 2015 eine international ausgerichtete, technologieaffine und durchsetzungsstarke Führungsmannschaft, die Mitarbeiter auf diese Veränderungen vorbereitet und die Strukturen und Prozesse zügig und immer wieder neu an die Realität anpasst. Nicht die Aus- bildung als Kreativer, Kaufmann, Ingenieur oder Jurist ist entscheidend, sondern die Neugier, das analytische Vermögen und die Entschlossenheit im Handeln sind das Handwerkszeug für erfolgreiche digitale Medienmanager. Dr. Marcus Hochhaus Geschäftsführer Goldmedia Consulting GmbH können. Sie müssen die Wettbewerbs-Entwicklun- gen antizipieren, die eigenen Produkte ständig hin- terfragen und verbessern sowie die tektonischen Verschiebungen in der Mediennutzung wirklich ver- innerlicht haben. Auch klassische Medienmanager stehen als Füh- rungskraft diesen neuen Herausforderungen ge- genüber. Sie müssen die Bedeutung der tech- nologischen Disruption richtig einschätzen und eine ausgeprägte, digitale Kompetenz mitbringen. Gleichzeitig stehen sie aber auch dramatisch verkürzten Innovationszyklen gegenüber, die eher in Monaten als in Jahren zu messen sind. Die Schaf- fung einer kontinuierlichen Veränderungs- und Lernbereitschaft, quasi als fortlaufendes Change Management im Zeitraffer, gehört damit zu einer der wichtigsten Aufgaben. Vielen heutigen Führungskräften – ob reale oder vermeintliche „Digital Immigrants“ – fehlt es an den richtigen Zugängen zur Bedeutung von Technologie für ihre Medienprodukte. Die Auswirkungen dieses Dilemmas werden aber oftmals verharmlost oder in ihrer zeitlichen Dimension unterschätzt. Das ist ein allgemeiner, sehr menschlicher Zug. Aber er ist fa- tal: Die nachhaltig hohe Dynamik der Branche und die Bedrohung durch neue Technologien und glo- bale Wettbewerber sind nicht genügend auf dem Radar. Die digitale Transformation stellt also an Kreative, Techniker und klassische Manager gleichermaßen neue Anforderungen, die mit der hohen Verände- Nicht erst seit der Konflikte im Spiegel-Verlag wird über die Frage der richtigen Führung von Medien- unternehmen kontrovers diskutiert: Sind Journalis- ten, Produzenten oder ganz allgemein „Kreative“ die besseren Führungskräfte? Durch die digitale Transformation der Medienbranche werden neue Kompetenzen gebraucht – heißt das auch, dass wir neue Führungskräfte brauchen? Die nahenden Ein- schläge der Digitalisierung in den klassischen Me- dien verdeutlichen die Notwendigkeit dieser Diskus- sion. Die Frage ist: Wer handelt am besten in Zeiten des Wandels? Erfolgreiche Medienprodukte benötigen heute ne- ben dem journalistischen oder kreativen Know-how (sowie dem nötigen ökonomischen Wissen) eine mindestens gleichwertig ausgeprägte technolo- gische Kompetenz. Der entscheidende Wettbew- erbsvorteil liegt in Zukunft nicht mehr in der rein- en Qualität der Inhalte und Ideen, sondern in der Fähigkeit zur technologischen Umsetzung und Dis- tribution. Fehlt diese, laufen Medienprodukte und -marken Gefahr, in ihren analogen Silos zu verhar- ren und weiter an Bedeutung zu verlieren. Welches Leadership-Profil also sollten die Manager der Zu- kunft haben? Sind es Kreative, Controller oder In- genieure? Diese grundlegende Veränderung in den Berufs- bildern der Medienschaffenden spiegelt sich in den Anforderungen an die Führungskräfte wider: Gerade die Verantwortlichen für (Medien-)Marken und -Produkte müssen Innovationen und techno- logische Trends interpretieren und für sich nutzen