Technik in Bayern 01/2016
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Schwerpunkt
Neue Arbeitswelten
Mitarbeiter, artgerecht in der eSphere?
Leere Schreibtische – ein Anblick, den Ma-
nager allenthalben feststellen.40 % stehen,sta-
tistisch gesehen, in Büros zu jedem Zeitpunkt
leer. „Eine unglaubliche Verschwendung“, wie
Joe Harris von Trimble-Manhattan meint. Sei-
ne Antwort, die auch zahlreiche andere Berater
propagieren: Hotelling. Jeder Mitarbeiter be-
kommt nur noch einen persönlichen Rollcon-
tainer, der abends in einem zentralen Raum
landet. Schreibtische können höchstens 48
Stunden im voraus gebucht werden.DieVerhei-
ßung lautet: Höhere Flexibilität,30 % geringere
Gebäudekosten,optimale Resourcennutzung.
Sicher ist: Bürorbeit hat sich in den letzten
10 Jahren dramatisch gewandelt. Für den ty-
pischen Angestellten sind 80 % der täglichen
Arbeit virtuell oder „remote“, also auf digitale
Medien angewiesen. Zugleich ist Arbeit selbst
da viel kommunikativer geworden, wo früher
einsame Grübler die Regel waren: Auch in der
Produktentwicklung oder bei Ingenieurleistun-
gen zum Beispiel. Baupläne in der „Cloud“, an
denen mehrere Büros parallel arbeiten,sind be-
reits Standard. Noch verteiltere Arbeitsmetho-
den wie“Crowd-Design“ etablieren sich.
Sind physische Büros überhaupt noch erfor-
derlich?
Krachendes Scheitern beiYahoo,HP oder Cisco
sind Warnung dafür, dass die totale Virtualisie-
rung kein Weg ist.
Theo Compernolle aus Belgien und andere,
die sich mit neuesten wissenschaftlichen Er-
kenntnissen zu Produktivität vonArbeitsumge-
bungen befassen, würden nicht nur der totalen
Virtualisierung, sondern auch dem Hotelling
eine klare Absage erteilen. Erst in den letzten
Jahren wurden aussagefähige Studien zur Per-
formanz von Großraumbüros und Heimarbeit
imVergleich zu anderen Büroformen veröffent-
licht. Die Erkenntnisse sind aufrüttelnd: Die
derzeit gängigen Bürokonzepte sind fatal für
Wohlbefinden und Produktivität des Einzel-
nen. Die erhoffte verbesserte Kommunikation
schneidet sogar schlechter ab.
So manche Management- und Bürolösung
erweist sich mehr als Wunschdenken denn als
Realität. Im Jahr 11 des iPhones erkennen wir,
dass die totale Digitalisierung unseres Alltags-
verhaltens dramatische Folgen hat, von den
körperlichen Schäden durch zu viel Sitzen über
wachsende Unfähigkeit zum tiefen Nachdenken
bis zum psychosomatischen Burn-Out bei mehr
und mehr Menschen.Arbeitgeber müssen dem
in völlig neuer Weise begegnen, und dies lange
bevor der Mitarbeiter zu spüren beginnt, dass
etwas nicht stimmt.
Was tun? Zu den jüngeren Erkenntnissen ge-
hört:
Eine informelle soziale Umgebung und Büro-
kultur sind unverzichtbar für Wohlbefinden,
Gesundheit, Zusammenarbeit und Produkti-
vität
Büros und IT müssen Arbeit, körperliche Be-
wegung und wechselnde Körperhaltungen
vereinbar machen – was ein totales Neu-
Denken von Arbeitsplätzen erfordert
Privatheit ist unerläßlich für Konzentration,
was störungsfreie Räume und kleinere Team-
zonen voraussetzt.Schon eine„kleine“ Groß-
raumumgebung von 20 Schreibtischen führt
zum Kollaps von sozialer Kontrolle und dem
Gefühl der Ohnmacht und Einsamkeit
Heimarbeit ist eine unerläßliche Flexibilisie-
rung,braucht aber auch klare Grenzen.Ohne
direkten Kontakt der Mitarbeiter funktionie-
ren Unternehmen nicht
Vermeintlich „gestalterische“ Elemente wie
Bepflanzung, Licht, Materialwahl haben
einen entscheidenden Einfluß auf persön­
liche Leistung und Teamproduktivität
Die Virtualisierung und die Bürokonzepte
haben immer mehr Persönlichkeitstypen
benachteiligt – dies muss umgekehrt werden.
Viele Großraumlandschaften begünstigen
ausschließlich extrovertierte Menschen.Viele
IT-Oberflächen begünstigen faktenorientier-
te Talente vor prozessorientierten Talenten.
Die Beispiele hierfür sind zahllos
Die Antworten, die AirBNB, SwissCom und
einige andere Pioniere geben, sind verblüffend.
Design von „Büros“ oder „User Interfaces“ sind
für sie Geschichte.„DieArt,wie wir arbeiten,ist
unsere wichtigste Innovation“, sagt Karin Hil-
zinger, die mit Christina Taylor ein aufsehen­
erregendes Projekt bei SwissCom in Zürich vor-
angetrieben hat.Aaron Harvey,der verblüffende
BürogestaltungenbeiAirBNBbetreuthat,meint
sogar: „Wir schaffen eine Welt, in der Du Dich
an JEDEM Ort zuhause fühlst.“ Büros,in denen
es keine Schreibtische mehr gibt, statt dessen
eine redundante,zum Wechsel einladende Viel-
falt an Sofaplätzen, Tischen, Stehpulten, Ku-
schelnischen, Bars. Helle, extrovertierte Zonen,
und dunklere, introvertierte Zonen. Ruheräu-
me,in denen weder telefoniert noch gesprochen
wird. Focus Circles, in denen das Fehlen eines
trennenden Besprechungstisches die Teilneh-
10% mehr Wohlbefinden der Mitarbeiter im Büro bewirken:
Quelle: Knoll inc., www.knoll.com / Healthways Centre of Health Research, USA
Arbeits-
leistung
Empfundene
„Gute Arbeit“
Ungeplante
Abwesenheit
+5%
+6%
-6%
Notarzt-
einsätze
Krankenhaus-
einweisungen
Anwesenheit
trotz Arbeits-
unfähigkeit
-16%
-20%
-24%
Arbeitsumgebungen haben einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter.
Grafik:K.Keller,Quelle:Knollinc.
Technik in Bayern 01/2016
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Schwerpunkt
Bürodesign war gestern. Die Gestaltung der Arbeitsweise von morgen ist vor allem ein Partizipationsprozess mit allen Mitarbeitern.
Fallbeispiele und Zitate basieren auf den Kon-
ferenzergebnissen des „Smart Workspace De-
sign Summit“ vom März 2015 in Amsterdam.
referenzen
INFO
INFO
TIPP
mer minutenschnell aus der Komfortzone holt,
in echte Kreativität hinein. Arbeitslounges, die
sich eher wie Wohnzimmer oder südländische
Bistros anfühlen denn wie Büros.Kleine,leichte
Computer,die platzunabhängig alle Funktionen
mit einem Gerät und einem Headset erfüllen –
und die geeigneten Interfaces dazu. Möbel, Ga-
lionsfiguren,Skiliftkabinen und andere von den
Mitarbeitern selbst eingebrachte Elemente. Es
ist schon bei bloßem Augenschein kaum mög-
lich, sich der Faszination zu entziehen, die von
diesen Arbeitswelten ausgeht.
Davor standen jedoch Jahre gründlicher Re-
cherche, Prozessanalyse und schwierigen in-
ternen Ringens um die beste Lösung.„Erkenne
das System und ändere es“, ist so ein Satz, den
Christina Taylor aus der SwissCom-Philosophie
vorträgt,oder:„Radikale Zusammenarbeit“.
So vielfältig die Manifestationen auch bei
eBay oder Alphabet (vormals Google) sind: Ge-
meinsam ist allen überzeugenden Beispielen,
dass sie auf einer konsequenten Erkundung
unserer anthropologischen Wurzeln aufbau-
en. „Wir haben uns 2,500,000 Jahre an Savan-
nenlandschaften angepasst. Mit Smartphones
gehen wir erst seit 10 Jahren um“, bringt Nigel
Oseland, der seit drei Jahrzenten die Psycholo-
gie von Arbeit und Zusammenarbeit erkundet,
das Dilemma auf den Punkt.Physiologisch und
psychologisch gesehen, haben wir noch nicht
einmal den Schritt vom Sammler und Jäger
zum Ackerbauern ganz bewältigt – von dem
zum Büroarbeiter ganz zu schweigen. Was das
Sein in der virtuellen Welt mit dem Menschen
macht, beginnen wir erst zu erkunden. Doch
jetzt schon zeichnet sich dramatischer Kor-
rekturbedarf bei Bürogestaltung, IT und Füh-
rungsstilen ab.Es wird ultimativ zur Sackgasse,
weiter gegen die Natur des Menschen anarbei-
ten zu wollen. Sehr viel mehr als vor Kurzem
noch vermutet ist dabei nicht dem Willen, der
Gewöhnung, der Bildung unterwerfbar – son-
dern schlicht menschlicher Fakt. Es ist ein-
sichtiger, die „Worksphere“, also virtuelle und
physischeArbeitswelt gemeinsam – besser dem
Menschen,seinen Grenzen,Talenten und seiner
Diversität anzupassen.
Der Druck auf die Arbeitgeber wird schon
jetzt durch den demographischenWandel spür-
bar. Vom Krieg um Talent schreibt Knoll inc.,
Berater zahlreicher Unternehmen zum Wohl-
befinden der Mitarbeiter, in seinen Publikatio-
nen. Spätestens 2020 wird in ganz Europa der
Arbeitsmarkt von den Ansprüchen der high
potentials an eine akzeptable Arbeitsumgebung
dominiert sein.
Bei Alphabet, AirBNB und den anderen Pio-
nieren spiegelt sich das bereits heute in der Art,
wie innovative Arbeitswelten zustande kom-
men. Bürodesign war gestern. Die Gestaltung
der Arbeitsweise von morgen ist vor allem ein
Partizipationsprozess mit allen Mitarbeitern.
Für AirBNB steht der Mitarbeiter im Mittel-
punkt, noch vor den sogenannten Super Fans
unter den Kunden. Und Alphabet fasste seine
Bürodoktrin in drei Worten zusammen: „Ge-
sundheit,Wohlbefinden,Nachhaltigkeit“.
Das Ergebnis ist eine Akzeptanz bei den Mit-
arbeitern, die mit Geld nicht zu bezahlen ist.
Und die sogar große Fehler verzeiht. Als sich
ein großer IT-Konzern bei einem Bürokonzept
so verrannt hatte, dass der Neubau nach einem
Jahr wieder neu umgebaut werden musste, tat
dies dem durch Offenheit und Partizipation
gewachsenen Vertrauen der Mitarbeiter keinen
Abbruch. Mit dem erzielten Produktivitäts-
wachstum waren die durchaus erheblichen Ko-
sten für den neuerlichen Totalumbau in sechs
Monaten abbezahlt.
Kilian Keller, Architekt
Real Estate and Facilities Manager, Electrolux
Foto:AirBNB

TiB_2016_01_NeueArbeitswelten

  • 1.
    Technik in Bayern01/2016 12 Schwerpunkt Neue Arbeitswelten Mitarbeiter, artgerecht in der eSphere? Leere Schreibtische – ein Anblick, den Ma- nager allenthalben feststellen.40 % stehen,sta- tistisch gesehen, in Büros zu jedem Zeitpunkt leer. „Eine unglaubliche Verschwendung“, wie Joe Harris von Trimble-Manhattan meint. Sei- ne Antwort, die auch zahlreiche andere Berater propagieren: Hotelling. Jeder Mitarbeiter be- kommt nur noch einen persönlichen Rollcon- tainer, der abends in einem zentralen Raum landet. Schreibtische können höchstens 48 Stunden im voraus gebucht werden.DieVerhei- ßung lautet: Höhere Flexibilität,30 % geringere Gebäudekosten,optimale Resourcennutzung. Sicher ist: Bürorbeit hat sich in den letzten 10 Jahren dramatisch gewandelt. Für den ty- pischen Angestellten sind 80 % der täglichen Arbeit virtuell oder „remote“, also auf digitale Medien angewiesen. Zugleich ist Arbeit selbst da viel kommunikativer geworden, wo früher einsame Grübler die Regel waren: Auch in der Produktentwicklung oder bei Ingenieurleistun- gen zum Beispiel. Baupläne in der „Cloud“, an denen mehrere Büros parallel arbeiten,sind be- reits Standard. Noch verteiltere Arbeitsmetho- den wie“Crowd-Design“ etablieren sich. Sind physische Büros überhaupt noch erfor- derlich? Krachendes Scheitern beiYahoo,HP oder Cisco sind Warnung dafür, dass die totale Virtualisie- rung kein Weg ist. Theo Compernolle aus Belgien und andere, die sich mit neuesten wissenschaftlichen Er- kenntnissen zu Produktivität vonArbeitsumge- bungen befassen, würden nicht nur der totalen Virtualisierung, sondern auch dem Hotelling eine klare Absage erteilen. Erst in den letzten Jahren wurden aussagefähige Studien zur Per- formanz von Großraumbüros und Heimarbeit imVergleich zu anderen Büroformen veröffent- licht. Die Erkenntnisse sind aufrüttelnd: Die derzeit gängigen Bürokonzepte sind fatal für Wohlbefinden und Produktivität des Einzel- nen. Die erhoffte verbesserte Kommunikation schneidet sogar schlechter ab. So manche Management- und Bürolösung erweist sich mehr als Wunschdenken denn als Realität. Im Jahr 11 des iPhones erkennen wir, dass die totale Digitalisierung unseres Alltags- verhaltens dramatische Folgen hat, von den körperlichen Schäden durch zu viel Sitzen über wachsende Unfähigkeit zum tiefen Nachdenken bis zum psychosomatischen Burn-Out bei mehr und mehr Menschen.Arbeitgeber müssen dem in völlig neuer Weise begegnen, und dies lange bevor der Mitarbeiter zu spüren beginnt, dass etwas nicht stimmt. Was tun? Zu den jüngeren Erkenntnissen ge- hört: Eine informelle soziale Umgebung und Büro- kultur sind unverzichtbar für Wohlbefinden, Gesundheit, Zusammenarbeit und Produkti- vität Büros und IT müssen Arbeit, körperliche Be- wegung und wechselnde Körperhaltungen vereinbar machen – was ein totales Neu- Denken von Arbeitsplätzen erfordert Privatheit ist unerläßlich für Konzentration, was störungsfreie Räume und kleinere Team- zonen voraussetzt.Schon eine„kleine“ Groß- raumumgebung von 20 Schreibtischen führt zum Kollaps von sozialer Kontrolle und dem Gefühl der Ohnmacht und Einsamkeit Heimarbeit ist eine unerläßliche Flexibilisie- rung,braucht aber auch klare Grenzen.Ohne direkten Kontakt der Mitarbeiter funktionie- ren Unternehmen nicht Vermeintlich „gestalterische“ Elemente wie Bepflanzung, Licht, Materialwahl haben einen entscheidenden Einfluß auf persön­ liche Leistung und Teamproduktivität Die Virtualisierung und die Bürokonzepte haben immer mehr Persönlichkeitstypen benachteiligt – dies muss umgekehrt werden. Viele Großraumlandschaften begünstigen ausschließlich extrovertierte Menschen.Viele IT-Oberflächen begünstigen faktenorientier- te Talente vor prozessorientierten Talenten. Die Beispiele hierfür sind zahllos Die Antworten, die AirBNB, SwissCom und einige andere Pioniere geben, sind verblüffend. Design von „Büros“ oder „User Interfaces“ sind für sie Geschichte.„DieArt,wie wir arbeiten,ist unsere wichtigste Innovation“, sagt Karin Hil- zinger, die mit Christina Taylor ein aufsehen­ erregendes Projekt bei SwissCom in Zürich vor- angetrieben hat.Aaron Harvey,der verblüffende BürogestaltungenbeiAirBNBbetreuthat,meint sogar: „Wir schaffen eine Welt, in der Du Dich an JEDEM Ort zuhause fühlst.“ Büros,in denen es keine Schreibtische mehr gibt, statt dessen eine redundante,zum Wechsel einladende Viel- falt an Sofaplätzen, Tischen, Stehpulten, Ku- schelnischen, Bars. Helle, extrovertierte Zonen, und dunklere, introvertierte Zonen. Ruheräu- me,in denen weder telefoniert noch gesprochen wird. Focus Circles, in denen das Fehlen eines trennenden Besprechungstisches die Teilneh- 10% mehr Wohlbefinden der Mitarbeiter im Büro bewirken: Quelle: Knoll inc., www.knoll.com / Healthways Centre of Health Research, USA Arbeits- leistung Empfundene „Gute Arbeit“ Ungeplante Abwesenheit +5% +6% -6% Notarzt- einsätze Krankenhaus- einweisungen Anwesenheit trotz Arbeits- unfähigkeit -16% -20% -24% Arbeitsumgebungen haben einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter. Grafik:K.Keller,Quelle:Knollinc.
  • 2.
    Technik in Bayern01/2016 13 Schwerpunkt Bürodesign war gestern. Die Gestaltung der Arbeitsweise von morgen ist vor allem ein Partizipationsprozess mit allen Mitarbeitern. Fallbeispiele und Zitate basieren auf den Kon- ferenzergebnissen des „Smart Workspace De- sign Summit“ vom März 2015 in Amsterdam. referenzen INFO INFO TIPP mer minutenschnell aus der Komfortzone holt, in echte Kreativität hinein. Arbeitslounges, die sich eher wie Wohnzimmer oder südländische Bistros anfühlen denn wie Büros.Kleine,leichte Computer,die platzunabhängig alle Funktionen mit einem Gerät und einem Headset erfüllen – und die geeigneten Interfaces dazu. Möbel, Ga- lionsfiguren,Skiliftkabinen und andere von den Mitarbeitern selbst eingebrachte Elemente. Es ist schon bei bloßem Augenschein kaum mög- lich, sich der Faszination zu entziehen, die von diesen Arbeitswelten ausgeht. Davor standen jedoch Jahre gründlicher Re- cherche, Prozessanalyse und schwierigen in- ternen Ringens um die beste Lösung.„Erkenne das System und ändere es“, ist so ein Satz, den Christina Taylor aus der SwissCom-Philosophie vorträgt,oder:„Radikale Zusammenarbeit“. So vielfältig die Manifestationen auch bei eBay oder Alphabet (vormals Google) sind: Ge- meinsam ist allen überzeugenden Beispielen, dass sie auf einer konsequenten Erkundung unserer anthropologischen Wurzeln aufbau- en. „Wir haben uns 2,500,000 Jahre an Savan- nenlandschaften angepasst. Mit Smartphones gehen wir erst seit 10 Jahren um“, bringt Nigel Oseland, der seit drei Jahrzenten die Psycholo- gie von Arbeit und Zusammenarbeit erkundet, das Dilemma auf den Punkt.Physiologisch und psychologisch gesehen, haben wir noch nicht einmal den Schritt vom Sammler und Jäger zum Ackerbauern ganz bewältigt – von dem zum Büroarbeiter ganz zu schweigen. Was das Sein in der virtuellen Welt mit dem Menschen macht, beginnen wir erst zu erkunden. Doch jetzt schon zeichnet sich dramatischer Kor- rekturbedarf bei Bürogestaltung, IT und Füh- rungsstilen ab.Es wird ultimativ zur Sackgasse, weiter gegen die Natur des Menschen anarbei- ten zu wollen. Sehr viel mehr als vor Kurzem noch vermutet ist dabei nicht dem Willen, der Gewöhnung, der Bildung unterwerfbar – son- dern schlicht menschlicher Fakt. Es ist ein- sichtiger, die „Worksphere“, also virtuelle und physischeArbeitswelt gemeinsam – besser dem Menschen,seinen Grenzen,Talenten und seiner Diversität anzupassen. Der Druck auf die Arbeitgeber wird schon jetzt durch den demographischenWandel spür- bar. Vom Krieg um Talent schreibt Knoll inc., Berater zahlreicher Unternehmen zum Wohl- befinden der Mitarbeiter, in seinen Publikatio- nen. Spätestens 2020 wird in ganz Europa der Arbeitsmarkt von den Ansprüchen der high potentials an eine akzeptable Arbeitsumgebung dominiert sein. Bei Alphabet, AirBNB und den anderen Pio- nieren spiegelt sich das bereits heute in der Art, wie innovative Arbeitswelten zustande kom- men. Bürodesign war gestern. Die Gestaltung der Arbeitsweise von morgen ist vor allem ein Partizipationsprozess mit allen Mitarbeitern. Für AirBNB steht der Mitarbeiter im Mittel- punkt, noch vor den sogenannten Super Fans unter den Kunden. Und Alphabet fasste seine Bürodoktrin in drei Worten zusammen: „Ge- sundheit,Wohlbefinden,Nachhaltigkeit“. Das Ergebnis ist eine Akzeptanz bei den Mit- arbeitern, die mit Geld nicht zu bezahlen ist. Und die sogar große Fehler verzeiht. Als sich ein großer IT-Konzern bei einem Bürokonzept so verrannt hatte, dass der Neubau nach einem Jahr wieder neu umgebaut werden musste, tat dies dem durch Offenheit und Partizipation gewachsenen Vertrauen der Mitarbeiter keinen Abbruch. Mit dem erzielten Produktivitäts- wachstum waren die durchaus erheblichen Ko- sten für den neuerlichen Totalumbau in sechs Monaten abbezahlt. Kilian Keller, Architekt Real Estate and Facilities Manager, Electrolux Foto:AirBNB