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Neue Arbeitswelten
Arbeite doch,
					 wo Du willst …
Disruption kennzeichnet Absatz- und Arbeitsmärkte. Wie sollen Unternehmen damit
umgehen? Für die Arbeits(platz)gestaltung gibt es eine ­Fülle von Ideen. Maximale Flexi-
bilität in diesem Kontext bedingt allerdings einen Kulturwandel – und für den benötigt
man einen langen Atem.
4 Detecon Management Report blue • 2015
wo Du willst …
	 isruptiv ist ein Schlagwort, mit dem sich insbesondere
Großkonzerne regelmäßig konfrontiert sehen. Neue Techno-
logien bewirken in Rekordgeschwindigkeit, dass Märkte neu
geschaffen werden – und auch wieder verschwinden. Marktein-
trittsbarrieren im klassischen Sinne sind nicht mehr existent,
eine sicher geglaubte „Poleposition“ wandelt sich über Nacht
in einen der hinteren Plätze. Nicht nur Nokia ist hierfür ein
gerne und vielzitiertes Beispiel. Auch die gesamte Medien-
und Zeitschriftenindustrie löst sich in ihre Bestandteile auf.
Viele Industrien müssen sich plötzlich mit völlig divergenten
­Herausforderungen und Branchen auseinandersetzen. Automo-
bilkonzerne sehen sich beispielsweise momentan durch Inter-
netkonzerne wie Google bedroht, die vor wenigen Jahren noch
als völlig „branchenfremd“ ignoriert werden konnten. Diese
Entwicklung befeuern nicht zuletzt die enormen technolo-
gischen Fortschritte im Bereich der ICT, welche nicht mehr nur
als „Enabler“, sondern vielmehr als der „Disruptor“ überhaupt
gesehen werden.
Zudem befinden sich gerade etablierte Unternehmen nicht nur
auf dem Absatzmarkt in einem gnadenlosen Wettbewerb – auch
auf dem Talentmarkt sorgen Globalisierung und neue, aus Sicht
von High Potentials viel attraktivere Unternehmen wie Google
für einen unerbittlichen Kampf um die besten ­Nachwuchskräfte.
Der „War for Talents“ ist Realität – auch, weil Wissensarbeiter
das strategische Asset, den Differenzierungsvorteil von Unter-
nehmen darstellen und Sekundärprozesse zunehmend automa-
tisiert oder teilweise in Richtung des Kunden verlagert werden.
So kann der Verlust eines „Top Performers“ in Richtung Kon-
kurrenz schnell zu einem ernst zunehmenden Problem werden,
denn es geht um Wissensvorteile. Herausfordernd für Unter-
nehmen ist außerdem, dass die Loyalität zu einem spezifischen
Unternehmen gerade bei High Potentials stark abnimmt. Es
zählen die Aufgabe und ein spannendes Umfeld, nicht mehr der
„große Name“. Auch auf dem Arbeitsmarkt bewegen sich Un-
ternehmen also in einem disruptiven Umfeld.
Maximale Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ist das Gebot
der Stunde – eine Frage des Standpunkts
Dies gilt in besonderem Maße für Großkonzerne. Sie sehen sich
mit unterschiedlichen Herausforderungen gleichzeitig konfron-
tiert. Die Anforderung des Marktes nach maximaler Flexibilität
bezieht sich auf nahezu alle Bereiche der Arbeitsgestaltung, zum
Beispiel die Arbeitszeit oder den Arbeitsort. Denn nur durch
maximal flexible und liquide Strukturen werden Unternehmen
„robust“ gegen Veränderungen – Stichwort Resilienz. Letztlich
sorgt die verändernde Kraft von disruptiven Technologien da-
für, dass tradierte Arbeitsmethoden und Prozesse sowie starre
hierarchische Strukturen und Linienorganisationen hier nicht
mehr mithalten können. Auch die Frage „Is big still beautiful?“
muss gestellt werden. Denn Unternehmen mit mehreren hun-
derttausend Festangestellten, wie wir sie in den DAX 30-Unter-
nehmen zur Genüge finden, fehlt die zuvor erwähnte Agilität.
Flexible Arbeitszeiten, Elternzeit, Tandem-Lösungen, Job­
rotation, Sabbaticals oder Homeoffice beziehungsweise mobiles
Arbeiten sind dabei nur einige der Schlagworte. Die Möglich-
keit, die Arbeitszeit flexibel gestalten zu können, ist eine Grund­
voraussetzung für agile Strukturen und die Anpassungsfähig-
keit von Unternehmen. Allerdings stehen dem – insbesondere
in Deutschland – häufig komplexe Regularien in Bezug auf
­Arbeitsschutz und tarifvertragliche Regelungen bis hin zu in-
dividuellen Vereinbarungen von Einzelbetrieben gegenüber. In
globalen Konzernen ergibt sich daraus mit Blick auf die Inter-
nationalität mitunter ein nahezu unüberschaubares Geflecht aus
Vereinbarungen, die bei der Arbeitszeitgestaltung berücksichtigt
werden müssen.
Auch bei der Gestaltung des Arbeitsortes ist maximale Wandel-
barkeit, nicht zuletzt aufgrund von Kostengründen, entschei-
dend. Letztlich kann eine Geschäftsleitung zum Zeitpunkt der
Belegungsplanung für eine Immobilie nicht vorhersagen, wer
am Ende der Bauzeit tatsächlich dort einziehen wird. Die lau-
fende Änderung von Unternehmensstrukturen sorgt für eine
nahezu völlige Unplanbarkeit. Die flexible Nutzung von Büro-
flächen muss heute schon integrativer Teil der Planung für neue
Bürobauten sein. Damit wird die Immobilie zukunftssicher,
da jederzeit auf neue Anforderungen an Arbeitsstrukturen rea-
giert werden kann. Zielsetzung muss es sein, entsprechende Ar-
beitsumgebungen zu schaffen, die von unterschiedlichen Mitar-
beitern für unterschiedliche Tätigkeiten genutzt werden können
– sei es für die konzentrierte Arbeit, für Kreativitätssitzungen,
Besprechungen oder zur Ruhe und Entspannung.
Unter dem Stichwort „Activitiy Based Working“ folgt die Raum-
gestaltung den Anforderungen, die sich aus den Aktivitäten der
Mitarbeiter ergeben. Zonen für konzentriertes Arbeiten, zur
Förderung von Kreativität, für Projektarbeiten oder insbeson-
dere auch zum informellen Austausch sind nur einige mögliche
Ausprägungen. Das sogenannte „Desksharing“ wird zum Stan-
dard – und dies unabhängig von der Hierarchie. In der „maxi-
malen Ausprägung“ teilen sich Management und Mitarbeiter
die Arbeitsplätze in einer Open-Office-Struktur, da sich die
meisten Vertraulichkeitsanforderungen durch ­Rückzugsräume
und abschließbare Container abdecken lassen. Das so genannte
„Zellenbüro“ hat damit ausgedient. Arbeit ist schließlich eine
Tätigkeit, die dank zunehmender Wissensarbeit nicht an einen
D
5 Detecon Management Report blue • 2015
6 Detecon Management Report blue • 2015
spezifischen Ort gebunden ist und somit von überall aus erfol-
gen kann: von zu Hause, unterwegs und natürlich im Office.
Der Flächenbedarf in den Bürogebäuden lässt sich dadurch teils
drastisch verringern. Dies führt wiederrum zu erheblichen Ko-
stensenkungen.
Allerdings muss man sich bei solch agilen und flexiblen Arbeits-
strukturen darüber im Klaren sein, dass sie die Führung von
Mitarbeitern anspruchsvoller machen. Sie erfordern neue Rege-
lungen und Absprachen. Wo finde ich jetzt meinen Kollegen?
Wann ist mein Mitarbeiter/Kollege zu Hause und wann im Of-
fice? Wie kann ich meinen Jour Fixe mit in der ganzen Welt ver-
teilten Mitarbeitern durchführen? Wie kann ich ­meinen Mit-
arbeiter bewerten, dessen Arbeit ich nicht ständig ­beobachten
kann? Wie kann ich überhaupt noch kontrollieren, was meine
Mitarbeiter den ganzen Tag über machen?
Ergebnis- statt Präsenzkultur? Ja, aber …
Ohne den vielbeschworenen Kulturwandel wird es keine Ver-
änderung geben. Das ist aber leichter gesagt als getan. Für
­einen grundlegenden Kulturwandel braucht man einen langen
Atem und Beharrlichkeit. Gerade in großen Unternehmen trifft
man auf offenen und – noch gefährlicher – verdeckten Wider-
stand, sobald Veränderungen umgesetzt werden sollen. Oft ist
es die Angst der Führungskräfte vor dem Kontrollverlust, die
zu ­Blockaden führt. Wer aber die Flexibilisierung von Arbeits-
zeit und -ort erfolgreich betreiben will, muss eine echte Ver-
trauenskultur aufbauen. Wer das nicht konsequent umsetzt,
wird scheitern. Führungskräfte müssen verstehen: Das Modell
„Command and Control“ gehört auf den Müllhaufen ausge-
dienter Führungsstile.
Klare Kommunikation und Partizipation sind die erfolgskri-
tischen Treiber für den Aufbau einer Vertrauenskultur. Ab-
sprachen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern sind das
A&O in flexiblen Arbeitsumgebungen. Es gilt, Transparenz zu
schaffen über die persönliche Erreichbarkeit und Aktivitäten,
die vorher gemeinsam vereinbart wurden und als Grundlage für
die Leistungsbeurteilung dienen. Dies unterstützt den Weg von
der Präsenz- hin zur Ergebniskultur.
Apropos klare Absprachen: Ohne Spielregeln geht es beim
Miteinander in offenen flexiblen Bürowelten nicht. Das Prin-
zip „Clean Desk“ muss gelebt werden – benutztes Geschirr,
­Familienfotos oder persönliche Papiere auf dem Schreibtisch
sind tabu, da der „eigene“ Schreibtisch am nächstenTag womög-
lich von einem Kollegen genutzt wird. Darüber hinaus erfordert
auch die verbale Kommunikation im „Büro“ mehr Rücksichts-
nahme: Laute Telefonate, Plaudereien am Tisch des Nachbarn
oder spontane Kollegentreffen außerhalb der Meetingzonen
sind zu vermeiden. Mit einem gemeinsam erarbeiteten und von
allen „Office-Bewohnern“ verantworteten „Open-Office-Mani-
fest“ kann man solche Auswüchse bereits im Keim ersticken.
Quelle: Detecon
Abbildung: Arbeitswelt der Zukunft
Alte Welt: Ein Arbeitsplatz für
alle Aktivitäten
Zuhause
Activity Based Working
Unterwegs Im Büro
Offene Bürowelten Think Tanks Creative Spaces Rückzugsräume
7 Detecon Management Report blue • 2015
Unsere Erfahrungen und das Feedback aus einer Vielzahl an
Umsetzungsprojekten haben gezeigt, dass eine flexible und
insbesondere auch virtuelle Zusammenarbeit nur dann funk­
tioniert und auch angenommen wird, wenn dafür eine entspre-
chende Infrastruktur bereitsteht, die sehr zuverlässig funktio-
niert. Andernfalls ist es schnell vorbei mit der Akzeptanz für
die oben beschriebenen Modelle, und die Arbeit konzentriert
sich wieder auf Präsenzmeetings im Office. Der regelmäßige
Abbruch von Videokonferenzen, die zu geringe Bandbreite, der
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Change Management oder … Überzeugungstäter gesucht!
Konfrontiert mit der Anforderung, die Dimensionen Mensch,
Arbeitsort und Infrastruktur parallel zu berücksichtigen, sowie
der enormen Komplexität dieses Arbeitsumfeldes, stellt sich
­allerdings für viele Unternehmen die Frage, wie man eine starre
Organisation mit klassischem „Command & Control“-Füh-
rungsstil, funktionalen Silos und „Präsenzkultur“ in ein ­flexibles
und agiles Unternehmen umwandelt? Schnell erfolgt der Ruf
nach „Change Management“, nach aufwendigen ­Change Tools
und Formaten – nicht zuletzt deswegen, weil gegenläufige In-
teressen von Sozialpartnern, Immobilienmanagement, HR-­
Bereich und Business Units unter einen Hut zu bringen sind.
Doch damit diese Parteien an einem Strang ziehen und eine
wirkliche Verhaltensänderung eintritt, sind zwei Grundvoraus-
setzungen zu schaffen: die Unterstützung der Geschäftsführung
und die konsequente Förderung von Multiplikatoren. Es gilt,
Überzeugungstäter zu finden, damit sich nicht hinter der schö-
nen neuen Bürowelt und den theoretischen Arbeitsmodellen der
Status quo festsetzt. Das Motto lautet: Nicht überheben, son-
dern den Wandel hin zu einer ­neuen Arbeitswelt in kleinen und
verdaubaren Schritten gestalten. Dem Verhalten von Führungs-
kräften fällt enorme Bedeutung zu. Sie müssen die Prinzipien
der neuen, flexiblen und oftmals virtuellen Arbeitskultur selbst
leben und die Mitarbeiter ermutigen. Nur so können langsam
lang etablierte Prozesse ­neueren, flexiblen Strukturen weichen.
Die positiven und finanziellen Effekte ergeben sich nach und
nach. Im Rahmen einer ganzheitlichen Neugestaltung der Ar-
beitswelt sollte deshalb nicht direkt nach dem Business Case
gefragt werden. Die in zahlreichen Studien ausgewiesenen
hohen Einsparungen und Produktivitätssteigerungen können
nur nachhaltig erfolgen. Zunächst ist die Überzeugung der Ge-
schäftsleitung gefragt, dass die beschriebene Arbeitsflexibilität
zum nachhaltigen Erfolg des Unternehmens beiträgt – und man
besser für disruptive Veränderungen gerüstet ist!
ALTE WELT NEUE WELT
Abteilung, Hierarchie Team, Netzwerk
Zeit, Kontrolle Ergebnis, Vertrauen
Vorgesetzter, One Way Coaching 360 Grad
Arbeit = Ort Activity Based Working
Linienarbeit, Abteilung Projekt, Team
Smart
Working
Mehr zum Thema „Neue Arbeitswelten
und Smart-Working“ erfahren Sie unter:
www.detecon.com/de/Expertise/
Beratungsfelder/Transformation
MarcWagner ist Partner mit dem Global LeadTransformation & Peoplemanage-
ment. Er berät Unternehmen zu den Themen Future Work, Integral Business
und strategisches HR-Management im Kontext der digitalen Transformation.

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FUTURE WORK - Arbeite doch wo willst ...

  • 1. Neue Arbeitswelten Arbeite doch, wo Du willst … Disruption kennzeichnet Absatz- und Arbeitsmärkte. Wie sollen Unternehmen damit umgehen? Für die Arbeits(platz)gestaltung gibt es eine ­Fülle von Ideen. Maximale Flexi- bilität in diesem Kontext bedingt allerdings einen Kulturwandel – und für den benötigt man einen langen Atem. 4 Detecon Management Report blue • 2015
  • 2. wo Du willst … isruptiv ist ein Schlagwort, mit dem sich insbesondere Großkonzerne regelmäßig konfrontiert sehen. Neue Techno- logien bewirken in Rekordgeschwindigkeit, dass Märkte neu geschaffen werden – und auch wieder verschwinden. Marktein- trittsbarrieren im klassischen Sinne sind nicht mehr existent, eine sicher geglaubte „Poleposition“ wandelt sich über Nacht in einen der hinteren Plätze. Nicht nur Nokia ist hierfür ein gerne und vielzitiertes Beispiel. Auch die gesamte Medien- und Zeitschriftenindustrie löst sich in ihre Bestandteile auf. Viele Industrien müssen sich plötzlich mit völlig divergenten ­Herausforderungen und Branchen auseinandersetzen. Automo- bilkonzerne sehen sich beispielsweise momentan durch Inter- netkonzerne wie Google bedroht, die vor wenigen Jahren noch als völlig „branchenfremd“ ignoriert werden konnten. Diese Entwicklung befeuern nicht zuletzt die enormen technolo- gischen Fortschritte im Bereich der ICT, welche nicht mehr nur als „Enabler“, sondern vielmehr als der „Disruptor“ überhaupt gesehen werden. Zudem befinden sich gerade etablierte Unternehmen nicht nur auf dem Absatzmarkt in einem gnadenlosen Wettbewerb – auch auf dem Talentmarkt sorgen Globalisierung und neue, aus Sicht von High Potentials viel attraktivere Unternehmen wie Google für einen unerbittlichen Kampf um die besten ­Nachwuchskräfte. Der „War for Talents“ ist Realität – auch, weil Wissensarbeiter das strategische Asset, den Differenzierungsvorteil von Unter- nehmen darstellen und Sekundärprozesse zunehmend automa- tisiert oder teilweise in Richtung des Kunden verlagert werden. So kann der Verlust eines „Top Performers“ in Richtung Kon- kurrenz schnell zu einem ernst zunehmenden Problem werden, denn es geht um Wissensvorteile. Herausfordernd für Unter- nehmen ist außerdem, dass die Loyalität zu einem spezifischen Unternehmen gerade bei High Potentials stark abnimmt. Es zählen die Aufgabe und ein spannendes Umfeld, nicht mehr der „große Name“. Auch auf dem Arbeitsmarkt bewegen sich Un- ternehmen also in einem disruptiven Umfeld. Maximale Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ist das Gebot der Stunde – eine Frage des Standpunkts Dies gilt in besonderem Maße für Großkonzerne. Sie sehen sich mit unterschiedlichen Herausforderungen gleichzeitig konfron- tiert. Die Anforderung des Marktes nach maximaler Flexibilität bezieht sich auf nahezu alle Bereiche der Arbeitsgestaltung, zum Beispiel die Arbeitszeit oder den Arbeitsort. Denn nur durch maximal flexible und liquide Strukturen werden Unternehmen „robust“ gegen Veränderungen – Stichwort Resilienz. Letztlich sorgt die verändernde Kraft von disruptiven Technologien da- für, dass tradierte Arbeitsmethoden und Prozesse sowie starre hierarchische Strukturen und Linienorganisationen hier nicht mehr mithalten können. Auch die Frage „Is big still beautiful?“ muss gestellt werden. Denn Unternehmen mit mehreren hun- derttausend Festangestellten, wie wir sie in den DAX 30-Unter- nehmen zur Genüge finden, fehlt die zuvor erwähnte Agilität. Flexible Arbeitszeiten, Elternzeit, Tandem-Lösungen, Job­ rotation, Sabbaticals oder Homeoffice beziehungsweise mobiles Arbeiten sind dabei nur einige der Schlagworte. Die Möglich- keit, die Arbeitszeit flexibel gestalten zu können, ist eine Grund­ voraussetzung für agile Strukturen und die Anpassungsfähig- keit von Unternehmen. Allerdings stehen dem – insbesondere in Deutschland – häufig komplexe Regularien in Bezug auf ­Arbeitsschutz und tarifvertragliche Regelungen bis hin zu in- dividuellen Vereinbarungen von Einzelbetrieben gegenüber. In globalen Konzernen ergibt sich daraus mit Blick auf die Inter- nationalität mitunter ein nahezu unüberschaubares Geflecht aus Vereinbarungen, die bei der Arbeitszeitgestaltung berücksichtigt werden müssen. Auch bei der Gestaltung des Arbeitsortes ist maximale Wandel- barkeit, nicht zuletzt aufgrund von Kostengründen, entschei- dend. Letztlich kann eine Geschäftsleitung zum Zeitpunkt der Belegungsplanung für eine Immobilie nicht vorhersagen, wer am Ende der Bauzeit tatsächlich dort einziehen wird. Die lau- fende Änderung von Unternehmensstrukturen sorgt für eine nahezu völlige Unplanbarkeit. Die flexible Nutzung von Büro- flächen muss heute schon integrativer Teil der Planung für neue Bürobauten sein. Damit wird die Immobilie zukunftssicher, da jederzeit auf neue Anforderungen an Arbeitsstrukturen rea- giert werden kann. Zielsetzung muss es sein, entsprechende Ar- beitsumgebungen zu schaffen, die von unterschiedlichen Mitar- beitern für unterschiedliche Tätigkeiten genutzt werden können – sei es für die konzentrierte Arbeit, für Kreativitätssitzungen, Besprechungen oder zur Ruhe und Entspannung. Unter dem Stichwort „Activitiy Based Working“ folgt die Raum- gestaltung den Anforderungen, die sich aus den Aktivitäten der Mitarbeiter ergeben. Zonen für konzentriertes Arbeiten, zur Förderung von Kreativität, für Projektarbeiten oder insbeson- dere auch zum informellen Austausch sind nur einige mögliche Ausprägungen. Das sogenannte „Desksharing“ wird zum Stan- dard – und dies unabhängig von der Hierarchie. In der „maxi- malen Ausprägung“ teilen sich Management und Mitarbeiter die Arbeitsplätze in einer Open-Office-Struktur, da sich die meisten Vertraulichkeitsanforderungen durch ­Rückzugsräume und abschließbare Container abdecken lassen. Das so genannte „Zellenbüro“ hat damit ausgedient. Arbeit ist schließlich eine Tätigkeit, die dank zunehmender Wissensarbeit nicht an einen D 5 Detecon Management Report blue • 2015
  • 3. 6 Detecon Management Report blue • 2015 spezifischen Ort gebunden ist und somit von überall aus erfol- gen kann: von zu Hause, unterwegs und natürlich im Office. Der Flächenbedarf in den Bürogebäuden lässt sich dadurch teils drastisch verringern. Dies führt wiederrum zu erheblichen Ko- stensenkungen. Allerdings muss man sich bei solch agilen und flexiblen Arbeits- strukturen darüber im Klaren sein, dass sie die Führung von Mitarbeitern anspruchsvoller machen. Sie erfordern neue Rege- lungen und Absprachen. Wo finde ich jetzt meinen Kollegen? Wann ist mein Mitarbeiter/Kollege zu Hause und wann im Of- fice? Wie kann ich meinen Jour Fixe mit in der ganzen Welt ver- teilten Mitarbeitern durchführen? Wie kann ich ­meinen Mit- arbeiter bewerten, dessen Arbeit ich nicht ständig ­beobachten kann? Wie kann ich überhaupt noch kontrollieren, was meine Mitarbeiter den ganzen Tag über machen? Ergebnis- statt Präsenzkultur? Ja, aber … Ohne den vielbeschworenen Kulturwandel wird es keine Ver- änderung geben. Das ist aber leichter gesagt als getan. Für ­einen grundlegenden Kulturwandel braucht man einen langen Atem und Beharrlichkeit. Gerade in großen Unternehmen trifft man auf offenen und – noch gefährlicher – verdeckten Wider- stand, sobald Veränderungen umgesetzt werden sollen. Oft ist es die Angst der Führungskräfte vor dem Kontrollverlust, die zu ­Blockaden führt. Wer aber die Flexibilisierung von Arbeits- zeit und -ort erfolgreich betreiben will, muss eine echte Ver- trauenskultur aufbauen. Wer das nicht konsequent umsetzt, wird scheitern. Führungskräfte müssen verstehen: Das Modell „Command and Control“ gehört auf den Müllhaufen ausge- dienter Führungsstile. Klare Kommunikation und Partizipation sind die erfolgskri- tischen Treiber für den Aufbau einer Vertrauenskultur. Ab- sprachen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern sind das A&O in flexiblen Arbeitsumgebungen. Es gilt, Transparenz zu schaffen über die persönliche Erreichbarkeit und Aktivitäten, die vorher gemeinsam vereinbart wurden und als Grundlage für die Leistungsbeurteilung dienen. Dies unterstützt den Weg von der Präsenz- hin zur Ergebniskultur. Apropos klare Absprachen: Ohne Spielregeln geht es beim Miteinander in offenen flexiblen Bürowelten nicht. Das Prin- zip „Clean Desk“ muss gelebt werden – benutztes Geschirr, ­Familienfotos oder persönliche Papiere auf dem Schreibtisch sind tabu, da der „eigene“ Schreibtisch am nächstenTag womög- lich von einem Kollegen genutzt wird. Darüber hinaus erfordert auch die verbale Kommunikation im „Büro“ mehr Rücksichts- nahme: Laute Telefonate, Plaudereien am Tisch des Nachbarn oder spontane Kollegentreffen außerhalb der Meetingzonen sind zu vermeiden. Mit einem gemeinsam erarbeiteten und von allen „Office-Bewohnern“ verantworteten „Open-Office-Mani- fest“ kann man solche Auswüchse bereits im Keim ersticken. Quelle: Detecon Abbildung: Arbeitswelt der Zukunft Alte Welt: Ein Arbeitsplatz für alle Aktivitäten Zuhause Activity Based Working Unterwegs Im Büro Offene Bürowelten Think Tanks Creative Spaces Rückzugsräume
  • 4. 7 Detecon Management Report blue • 2015 Unsere Erfahrungen und das Feedback aus einer Vielzahl an Umsetzungsprojekten haben gezeigt, dass eine flexible und insbesondere auch virtuelle Zusammenarbeit nur dann funk­ tioniert und auch angenommen wird, wenn dafür eine entspre- chende Infrastruktur bereitsteht, die sehr zuverlässig funktio- niert. Andernfalls ist es schnell vorbei mit der Akzeptanz für die oben beschriebenen Modelle, und die Arbeit konzentriert sich wieder auf Präsenzmeetings im Office. Der regelmäßige Abbruch von Videokonferenzen, die zu geringe Bandbreite, der unperformante Laptop sind nur einige der Akzeptanzkiller. Change Management oder … Überzeugungstäter gesucht! Konfrontiert mit der Anforderung, die Dimensionen Mensch, Arbeitsort und Infrastruktur parallel zu berücksichtigen, sowie der enormen Komplexität dieses Arbeitsumfeldes, stellt sich ­allerdings für viele Unternehmen die Frage, wie man eine starre Organisation mit klassischem „Command & Control“-Füh- rungsstil, funktionalen Silos und „Präsenzkultur“ in ein ­flexibles und agiles Unternehmen umwandelt? Schnell erfolgt der Ruf nach „Change Management“, nach aufwendigen ­Change Tools und Formaten – nicht zuletzt deswegen, weil gegenläufige In- teressen von Sozialpartnern, Immobilienmanagement, HR-­ Bereich und Business Units unter einen Hut zu bringen sind. Doch damit diese Parteien an einem Strang ziehen und eine wirkliche Verhaltensänderung eintritt, sind zwei Grundvoraus- setzungen zu schaffen: die Unterstützung der Geschäftsführung und die konsequente Förderung von Multiplikatoren. Es gilt, Überzeugungstäter zu finden, damit sich nicht hinter der schö- nen neuen Bürowelt und den theoretischen Arbeitsmodellen der Status quo festsetzt. Das Motto lautet: Nicht überheben, son- dern den Wandel hin zu einer ­neuen Arbeitswelt in kleinen und verdaubaren Schritten gestalten. Dem Verhalten von Führungs- kräften fällt enorme Bedeutung zu. Sie müssen die Prinzipien der neuen, flexiblen und oftmals virtuellen Arbeitskultur selbst leben und die Mitarbeiter ermutigen. Nur so können langsam lang etablierte Prozesse ­neueren, flexiblen Strukturen weichen. Die positiven und finanziellen Effekte ergeben sich nach und nach. Im Rahmen einer ganzheitlichen Neugestaltung der Ar- beitswelt sollte deshalb nicht direkt nach dem Business Case gefragt werden. Die in zahlreichen Studien ausgewiesenen hohen Einsparungen und Produktivitätssteigerungen können nur nachhaltig erfolgen. Zunächst ist die Überzeugung der Ge- schäftsleitung gefragt, dass die beschriebene Arbeitsflexibilität zum nachhaltigen Erfolg des Unternehmens beiträgt – und man besser für disruptive Veränderungen gerüstet ist! ALTE WELT NEUE WELT Abteilung, Hierarchie Team, Netzwerk Zeit, Kontrolle Ergebnis, Vertrauen Vorgesetzter, One Way Coaching 360 Grad Arbeit = Ort Activity Based Working Linienarbeit, Abteilung Projekt, Team Smart Working Mehr zum Thema „Neue Arbeitswelten und Smart-Working“ erfahren Sie unter: www.detecon.com/de/Expertise/ Beratungsfelder/Transformation MarcWagner ist Partner mit dem Global LeadTransformation & Peoplemanage- ment. Er berät Unternehmen zu den Themen Future Work, Integral Business und strategisches HR-Management im Kontext der digitalen Transformation.