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Foresight  Trends  Strategie Q2 | 2018
Mai 2018
Vorreiter der
Sharing Economy

Kopfkino

Willkommen in der
Reputationsökonomie

Abonnieren Sie f/21 Quarterly!
Wir informieren Sie regelmäßig
über die neuesten Ausblicke in die
Welt von morgen. Bleiben Sie am
Ball und verpassen Sie keine Aus-
gabe des f/21 Quarterly – per Mail
erhalten Sie jeweils direkt nach
Erscheinen kostenlos die neueste
Ausgabe. Registrieren Sie sich hier:
www.f-21.de/quarterly
Vorreiter der Sharing-Economy
KKaum etwas steht derart paradigma-
tisch für die Sharing Economy wie die
Bohrmaschine: Die meisten Haushalte
nennen ein derartiges Werkzeug ihr Ei-
gen, wobei dieses aber nur höchst selten
im Einsatz ist und somit jede Bohrmaschi-
ne dieser Welt nur einen winzigen Bruch-
teil ihrer Lebensspanne ihrer eigentli-
chen Zweckbestimmung nachkommt.
Was also eignet sich besser als die Bohr-
maschine, die Sinnhaftigkeit des Teilens
und gemeinschaftlichen Konsumierens
zu demonstrieren? Das Motto „Zugang
statt Eigentum“
charakterisiert den
Kerngedanken der
Sharing Economy:
Wir brauchen keine
Bohrmaschinen, wenn es uns doch bloß
um das Loch in der Wand geht. Dieser
simple Gedanke zusammen mit einem
zunehmenden Bewusstsein für Ressour-
censchonung und dem Aufstieg der Ver-
netzungstechnologien bedeuteten die
Geburtsstunde der Sharing Economy, die
alsbald einen kometenhaften Aufstieg
aus der Nische in den Mainstream schaff-
te und das traditionelle Verständnis von
eigentumsbasiertem Konsum in Frage
stellte.
Lange bevor es überhaupt Bohrmaschi-
nen gab und lange bevor die Idee der
Sharing Economy geboren war, existier-
ten bereits Dinge,die rege geteilt wurden
Nach wie vor liegt die Sharing Economy im Trend.
Kurioserweise blieben in der Debatte rund um Sha-
ring Bibliotheken bisher eher im Hintergrund. Dabei
ist Teilen seit Jahrtausenden deren Kernaufgabe.
und damals schon eben das verwirklich-
ten, was heute unter „Sharing“ verstan-
den wird: Bücher. Denn die jahrtausen-
dealte Institution der Bibliothek setzt
seit Anbeginn den Sharing-Gedanken um,
indem sie das gemeinschaftliche Konsu-
mieren von Büchern organisiert. Bücher
und die darin enthaltenen Informationen
einer möglichst breiten Nutzerschaft zu-
gänglich zu machen, ist ihre Kernaufga-
be. Immer schon waren mit Bibliotheken
jene Vorzüge verbunden, die man heute
der Sharing Economy zuschreibt: Teilen
ist ökonomisch
sinnvoll, eröffnet
Konsumenten Zu-
gang zu einer viel-
fältigen Auswahl
und ist dabei noch nachhaltig sowie sozi-
al ausgleichend.
Obgleich Bibliotheken also im Bereich
des Teilens führend sind und kaum eine
Institution über einen derartig reichhal-
tigen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet
des Sharings verfügen dürfte, blieben
Bibliotheken in der Debatte rund um die
Sharing Economy merkwürdig blass. Es
ist vielmehr so, dass Bibliotheken sich
immer wieder die Frage nach ihrer Rolle
im Internetzeitalter gefallen lassen müs-
sen und sie nur allzu häufig totgesagt
werden, weil auf ihrem ureigenen Betä-
tigungsfeld, dem Teilen von Information,
eine Vielfalt neuer Anbieter mit- 	 
Seit Anbeginn stehen bibliothe-
karische Aktivitäten unter dem
Motto „Zugang statt Eigentum“.
Quarterly
f/21 Quarterly	 Q2 | 2018
 Vorreiter der Sharing-Economy (Forts.)
mischt, wodurch die Existenzberechti-
gung von Bibliotheken infrage gestellt
erscheint. Dabei stecken Bibliotheken
längst inmitten eines massiven Anpas-
sungsprozesses. Dass Bibliotheken keine
Papierverwahrungsanstalten sind – und
bei näherer Betrachtung nie waren –,
wird allzu häufig übersehen. Den digita-
len Wandel gehen Bibliotheken nicht nur
mit, indem sie ihre Ressourcen auf Digi-
tales ausgedehnt haben – so kann man
heute neben papierenen Büchern eben
auch E-Books, E-Magazine, Hörbücher
oder Games leihen. Ebenso sind viele Bi-
bliotheken bereits
dabei, den Weiter-
entwicklungen und
der großen Popula-
rität der Sharing
Economy Rech-
nung zu tragen und
passen ihr eigenes „Sharing-Modell“ an.
Wo der Dreh- und Angelpunkt des biblio-
thekarischen Tuns – das Buch – immer öf-
ter ins Virtuelle abwandert, wenden sich
Bibliotheken wieder dem Physischen zu
und füllen die einst mit Büchern bestück-
ten Regalflächen mit anderen Dingen: In
der „Bibliothek der Dinge“ können etwa
Musikinstrumente, Werkzeuge, Garten-
geräte oder Utensilien für Heimwerker
entlehnt werden. Auf diese Weise erwei-
tern Bibliotheken nicht nur ihre Reichwei-
te nutzbringend, sondern werden auch
der Tradition gerecht, soziale, kulturelle
und Bildungsfunktionen wahrzunehmen.
Denn verschiedene Dinge werden neben
f/21 Büro für Zukunftsfragen  www.f-21.de 	 2
„Sharing“ ist Kernkompetenz
von Bibliotheken - der Zu-
kunftsweg führt über die An-
passung und den weiteren
Ausbau des „Sharing-Modells“.
der Ausleihe auch zur Nutzung vor Ort
in der Bibliothek zusammen mit passen-
den Workshops, Kursen oder Vorträgen
angeboten. Viele Bibliotheken setzen
dieses Modell etwa bereits mit Games
oder Makerspaces um: Durch das Teilen
von Raum und technischen Geräten la-
den Sie zum Ausprobieren ein, bringen
Gleichgesinnte zusammen und stärken
ihre Bedeutung als physischer Ort. Und
nicht zuletzt unterstützen Bibliotheken
mit solchen Angeboten das Teilen von
Wissen, indem Informationsaustausch
angekurbelt wird. Auch in dieser Hinsicht
können Bibliotheken auf langbewährte
Erfahrung zurück-
greifen: Denn na-
türlich waren Bib-
liotheken immer
schon mehr als
Aufbewahrungsor-
te für Bücher, ging
es doch immer vor allem um den Zugang
zu Information.
„Zugang statt Eigentum“ war von Be-
ginn an Basis des Erfolgsmodells Bib-
liothek – und kann es auch künftig sein.
Beim Nachdenken darüber, wie sich Bib-
liotheken in Zukunft aufstellen könnten,
welche Rollen und Aufgaben für die zu-
künftige Bibliotheksausrichtung passend
erscheinen, kann die Sharing Economy
hilfreiche Impulse geben. Welche Insti-
tutionen, wenn nicht Bibliotheken, sind
natürliche Orte für Nutzergruppen, die
zunehmend am Sharing-Gedanken inter-
essiert sind? 
In der modernen Informationsgesellschaft gerät
die alte Vorstellung der Bibliothek als Hort von Bü-
chersammlungen ins Wanken. Haben Bibliotheken
noch eine Zukunft? Selbstverständlich! Aber diese
wird drastisch anders aussehen als das Bild von
Bibliotheken vergangener Tage. Die aktuellen f/21
Zukunftsperspektiven werfen einen Blick auf die
gewandelte Bibliothekslandschaft und umreißen
die Eckpunkte eines an die neuen Erfordernisse
unserer Zeit angepassten „Geschäftsmodells“ für
Bibliotheken.
Bibliothekswelten im Umbruch
Die Bibliothek im Internetzeitalter
f/21 Zukunftsperspektiven f/21 Zukunftsworkshop
Bibliothek neu denken!
f/21 Zukunftsworkshop
Wie wird und muss sich eine Institution mit derart langer Tradition in den
nächsten Jahren wandeln? Welchen neuen Herausforderungen stehen Biblio-
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BÜRO FÜR ZUKUNFTSFRAGEN
f/21
08.2016
Zukunftsperspektiven
Bibliothekswelten im Umbruch
Die Bibliothek im Internetzeitalter
Kopfkino
Wird im interaktiven Kino
bald jeder Zuschauer sei-
nen eigenen Film sehen?
Einen Film anzusehen bedeutete bis-
lang: zurücklehnen und die Geschich-
te auf sich wirken lassen. Bald schon
könnte jeder einzelne Zuschauer zu sei-
nem eigenen Regisseur werden. Dass
Kino und Fernsehen interaktiv werden
und Zuschauer den Verlauf einer Film-
handlung bestimmen, gilt schon lange
als Zukunftsmusik in puncto Film. Seit
bereits im Dezember 1991 die Hauptpro-
gramme ARD und ZDF des deutschen
öffentlich-rechtlichen Fernsehens einen
ersten Schritt in eine solche Zukunft des
Films getan haben, ist nicht nur viel Zeit
vergangen, auch die Technik hat große
Fortschritte gemacht. Damals wurden
zwei Versionen des Films „Mörderische
Entscheidung“ parallel in den beiden Pro-
grammen gezeigt. Der Zuschauer konnte
hin und her zappen und bekam dieselbe
Geschichte zeitlich perfekt aufeinander
abgestimmt aus zwei unterschiedlichen
Perspektiven gezeigt – aus jener der
weiblichen und jener der männlichen
Hauptfigur. Später gab es im deutschen
Fernsehen dann noch den einen oder
anderen Versuch, die Zuseher per Tele-
fonabstimmung den Verlauf von Filmen
bestimmen zu lassen. 	 
f/21 Quarterly	 Q2 | 2018
f/21 Büro für Zukunftsfragen  www.f-21.de 	 3
Willkommen in der Reputationsökonomie
Was China mit „Citizen Score“ vormacht, ist Vorgeschmack auf die neue Reputa-
tionsökonomie. Der gute Ruf wird zur Eintrittskarte in die digitale Gesellschaft.
Big Brother lässt grüßen. China er-
richtet ein Reputationssystem, das
für jeden Bürger einen „Citizen Score“
errechnet. Für sozial erwünschtes Ver-
halten gibt es Punkte zu verdienen, die
wiederum der Schlüssel zu verschiede-
nen Annehmlichkeiten sind: günstige
Kredite, Visa, eine Reise nach Europa. Die
Frage ist natürlich nun, was ist „sozial
erwünschtes Verhalten“ oder konkreter:
Wofür werden die
Punkte vergeben?
Jubeläußerungen,
ein gut gefülltes
Konto und das richtige Einkaufsverhal-
ten bringen das Punktekonto ins Plus.
Punktabzüge wiederum muss derjenige
hinnehmen, der sich regimekritisch äu-
ßert, Videospiele spielt oder Missstände
anprangert. Dabei fließt nicht nur das
eigene Verhalten in die Bewertung ein,
sondern auch dasjenige von Freunden
und Bekannten lässt den Score steigen
oder fallen. Online-Händler Alibaba und
das soziale Netzwerk Tencent geben
Schützenhilfe und ebnen den Weg zu
einem Überwachungssystem wie es sich
George Orwell kaum besser erdenken
hätte können. Paternalismus, Überwa-
chung und sozialer Kontrolle sind damit
Tür und Tor geöffnet.
Sicherlich ist eine solch weitreichende
und flächendeckende, staatlich instal-
lierte und betriebene Überwachungsma-
schinerie ein Schreckensszenario erster
Güte. Allerdings hatte unsere Reputation
immerschonEinflussaufunserenLebens-
verlauf, öffnete Türen und schloss ande-
re: Ob wir einen Job bekommen, einen
Kredit oder eine Wohnung, hängt hoch-
gradig davon ab, wie andere Menschen
uns wahrnehmen. Nie zuvor war dieser
simple Mechanismus gesellschaftlichen
Zusammenlebens derart schlagkräftig
Der digitale Raum ist kaum noch vorstellbar ohne Reputation als
soziales Kapital und Schmiermittel für Transaktionen.
wie heute. Denn in unserer digitalen Zeit
liegt eine Masse an Daten vor, die unser
Verhalten und unsere Gewohnheiten
jederzeit detailliert nachzeichnet – von
Einkaufsverhalten und persönlichen Fi-
nanzen über private und berufliche Netz-
werke bis hin zu unseren Aufenthaltsor-
ten. Mit unglaublicher Geschwindigkeit,
Treffgenauigkeit und Differenziertheit ist
Technologie heute imstande, diese Da-
tenmassen auszu-
werten.
Damit eilt uns un-
sere Reputation
immer schon voraus und wird zum Kapi-
tal, zu einer wertvollen Währung, ohne
die wir in der digitalen Gesellschaft kaum
noch Zugang finden. „Sozialer Kredit“
kommt demjenigen zu, der in den unter-
schiedlichenRankingsystemenTopscores
einfährt, wobei freilich für den Einzelnen
intransparent bleibt, wie die Bewertung
seiner Reputation zustande kommt. Be-
vor man künftig zu einem Vorstell-	 
 Kopfkino (Forts.)
Wurde Interaktivität also einst per Fern-
bedienung oder Telefon hergestellt,
so lassen Apps heute ungleich größere
Spielräume zu. Weil der Zerstückelung
eines Films in Einzelsequenzen theore-
tisch keine Grenzen gesetzt sind, kann
sich mittels App der Zuseher an Abzwei-
gungen immer wieder für einen der vor-
gegebenen Handlungsstränge entschei-
den und so einen eigenen Pfad durch
die Geschichte wählen. Bei dieser Form
von Interaktivität ist zu beobachten,
wie die Sparten Film und Computerspiel
verschmelzen. Wurden in ihren jungen
Jahren vor allem Videospiele von den
etablierten Medien beeinflusst, so unter-
liegen umgekehrt heute zunehmend Fil-
me dem Einfluss von Videospielen: wenn
der Zuschauer etwa Rätsel lösen muss
und durch die gewählte Antwortmög-
lichkeit dann der Verlauf der Geschichte
bestimmt wird.
Mit Künstlicher Intelligenz sollen Filme
nun interaktiv werden, ohne dass der Zu-
schauer noch irgendwelche Knöpfe drü-
cken muss. Richard Ramchurn, Student
der englischen Universität Nottingham
und Filmemacher, kürt in dem 27-minü-
tigen Film „The Moment“ die Kraft der
Gedanken der Zuseher zum Regisseur.
Dabei misst ein Headset die elektrische
Gehirnaktivität und je nachdem, was im
Kopf gerade vor sich geht, wandeln sich
Szenen, Musik und Animationen. Ram-
churn misst die Aufmerksamkeit des
Zuschauers und wann immer diese fällt
– gewöhnlich etwa alle sechs Sekunden
– bekommt dieser durch eine spezielle
Software eine neue Einstellung vorge-
setzt. 101 Billionen verschiedene Varian-
tensollenmöglichsein.Nichtnuristdabei
recht unwahrscheinlich, dass jemand bei
wiederholtem Anschauen jemals wieder
denselben Film sieht, auch werden zwei
Personen nie einen identischen Film se-
hen. Sind beidseitige Feedbackschleifen
die Zukunft des Kinos? Nicht nur verlässt
der Zuschauer den Kinosaal mit einem
bestimmten, durch den Film hervorgeru-
fenen Gefühl, gleichzeitig ändert sich der
Film durch das Gefühl des Zuschauers. 
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Vorträge & Keynotes
f/21 Quarterly	 Q2 | 2018
f/21 Büro für Zukunftsfragen  www.f-21.de 	 4
Impressum
f/21 Büro für Zukunftsfragen
Nora S. Stampfl, MBA
 Rosenheimer Straße 35
D-10781 Berlin
 +49.30.69 59 82 58
 zukunft@f-21.de
 www.f-21.de
Foto: Miss X, photocase.com (S. 1)
f/21 Zukunftsperspektiven
BÜRO FÜR ZUKUNFTSFRAGEN
f/21
03.2017
Zukunftsperspektiven
Gameful City
Die Stadt als Spielraum
Gameful City. Die Stadt als Spielraum
Einem Brennglas gleich bündeln Städte Probleme. Die Anwendung von Spielprinzi-
pien weist neue Wege, das Zusammenleben in der Stadt der Zukunft zu gestalten:
In der Gameful City gelingt urbane Transformation spielerisch.
kostenloser Download:
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 Willkommen in der Reputations... (Forts.)
ungsgespräch eingeladen, als Woh-
nungsmieter in Betracht gezogen oder
an Sharing-Plattformen teilnehmen wird,
kommt es darauf an, sein Selbst in Form
zu bringen und bei einer anonymen Mas-
se „anzukommen“.
Blogeinträge, Twitter-Tweets, Facebook-
Posts, Videos auf YouTube, Kommentare
unter Artikeln, das Rating von Restau-
rants und Hotels und vielerlei mehr Gele-
genheiten des Feedbacks und der Bewer-
tungsindheutenichtmehrwegzudenken
aus der digitalen Sphäre. Das Web wird
zunehmend nicht nur zu einem Raum der
Interaktion, sondern zugleich der Repu-
tationsakkumulation. Hierdurch entsteht
Sozialkapital, das als Vertrauensgarant
unerlässlich ist für
das Funktionieren
von Transaktionen
imNetz.Als„Whuf-
fie“ bezeichnet die
kanadische Marke-
tingberaterin Tara Hunt diesen sozialen
Einfluss: Der Begriff stammt vom Science-
Fiction-Autor Cory Doctorow, der in sei-
nem ersten Buch „Down and Out in the
Magic Kingdom“ eine Währung namens
„Whuffie“ ersann, die die soziale Stel-
lung eines jeden Einzelnen in der Gesell-
schaft ausdrückt und durch respektvol-
len Umgang mit anderen verdient wird.
Doctorows aus dem Jahr 2003 stammen-
de Reputationswährung beschreibt also
gut, wie heute immer stärker alternative
Währungen, wie eben Reputation oder
auf Aufmerksamkeit, neben das traditi-
onelle Zahlungsmittel Geld treten. Der
digitale Raum, wie wir ihn heute kennen,
ist kaum vorstellbar ohne Reputation als
Online Währung und Schmiermittel für
diverse Transaktionen.
Angesichts der Bedeutung von Repu-
tation als Währung ist es daher kaum
verwunderlich, dass ein regelrechter Be-
wertungswahn um sich greift: Bei den
unterschiedlichsten Gelegenheiten wird
man aufgefordert Bewertungen abzu-
geben- nach der Fahrt mit Uber, nach
einem Produktkauf oder einer Hotel-
übernachtung. Das Bewerten sämtlicher
Services und Erfahrungen hat sich derart
in unser Leben geschlichen, dass es nur
einen Steinwurf entfernt erscheint, das
Prinzip auch auf Mitmenschen auszu-
dehnen. Werden wir also bald Freunden
und Kollegen Sternchenbewertungen
zukommen lassen, so wie wir den Platt-
formarbeiter, der die Pizza liefert oder
das Regal zusammenschraubt, bewer-
ten? Werden Stärken, aber wahrschein-
lich zu einem Großteil eher Schwächen
und Macken von jemandem damit scho-
nungslos im Internet ausgebreitet und
für jedermann sichtbar sein? Mit der App
Peeple sollte exakt dies möglich sein:
Die App lässt Nutzer Freunde, Familien-
mitglieder, Nachbarn, Vorgesetzte und
Kollegen – ausnahmslos jedermann,
ohne dessen Zustimmung – bewerten.
Die Beziehungen zu anderen, seien sie
beruflicher, freundschaftlicher oder ro-
mantischer Natur, sollen nach diesen
Vorstellungen in ein Sternchenschema
gepresst werden. Dazu noch sind aus-
formulierte „Reviews“ möglich – wie
man dies von Restaurantbewertungen
kennt. Zwar ist die App nach scharfer
Kritik nur in abgespeckter Form verfüg-
bar – so können etwa nur angemeldete
Nutzer bewertet werden, die dazu noch
ein Veto einlegen können –, doch ist ein
erster Schritt, dem Bewertungsparadig-
ma den Weg in den zwischenmenschli-
chen Bereich zu ebnen, damit getan. Und
natürlich bleiben solche Bewertungen
nicht im Reich des Internets, sondern
zeigen ihre Auswirkungen im echten Le-
ben. Es ist leicht nachvollziehbar, dass
allein schon die pure Möglichkeit, Ziel ei-
ner solchen Bewertung zu werden, sich
auf das Verhalten auswirkt. Zudem wird
jene Errungenschaft der Moderne, eine
Differenzierung in gesellschaftliche Teil-
systeme herzustellen, rückabgewickelt.
Die Transparenz schafft eine Identität,
die für jedermann – Freund oder Chef
gleichermaßen – sichtbar ist; in den ver-
schiedenen gesellschaftlichen Teilsys-
temen unterschiedliche Rollen relativ
unabhängig voneinander auszuüben, ist
somit verwehrt.
Eine solche Aufweichung der Rollengren-
zen lässt das Individuum aber mit der
Schwierigkeit zurück, wie der Prozess
der Reputationsbildung überhaupt anzu-
gehen ist. Denn eine solche aufzubauen,
beginnt ja zuallererst mit der Frage: Re-
putation wofür? Je nach Kontext wird der
Einzelne eine andere Reputation für er-
strebenswert halten und danach ausrich-
ten, wie man sich präsentiert. Da solch
unterschiedlich sichtbare Reputationen
– eine für die Arbeit, eine andere für den
Tennisclub– aber unter den Bedingungen
zusammenwachsender Teilsysteme nicht
zu erreichen sind, wird sich jeglicher Re-
putationsaufbau mehr und mehr mit un-
differenziertem Erreichen von Aufmerk-
samkeit begnügen.
Dazu noch: Wird in
den persönlichen
Bereich jene Un-
sichtbarkeit durch
Nichtbewertung
einkehren,wiewirsieausdemkommerzi-
ellen Umfeld kennen? Bei vielen Gelegen-
heiten erscheint es unvorteilhafter, keine
Bewertung zu haben als ein schlechte –
wenn etwa Reisende dazu tendieren ein
Hotel mit mangelhafter Bewertung eher
zu buchen als ein solches ohne Bewer-
tung oder wenn ein Jobkandidat ohne
Profil in sozialen Netzwerken erst gar
nicht in Betracht gezogen wird. Reputati-
on ist heute alles, und können wir heute
nicht auf die quantifizierte Reputation
von etwas oder jemand zu greifen, ist es,
als ob dieser nicht existierte. 
Bereits heute greift ein regelrechter Bewertungswahn um sich.
Werden wir dereinst nicht bloß Restaurants und Hotels mit öffent-
lichen Sternchenbewertungen und Reviews versehen, sondern
auch unsere Familie, Freunde und Arbeitskollegen?

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f/21 Quarterly Q2|2018

  • 1. Foresight  Trends  Strategie Q2 | 2018 Mai 2018 Vorreiter der Sharing Economy  Kopfkino  Willkommen in der Reputationsökonomie  Abonnieren Sie f/21 Quarterly! Wir informieren Sie regelmäßig über die neuesten Ausblicke in die Welt von morgen. Bleiben Sie am Ball und verpassen Sie keine Aus- gabe des f/21 Quarterly – per Mail erhalten Sie jeweils direkt nach Erscheinen kostenlos die neueste Ausgabe. Registrieren Sie sich hier: www.f-21.de/quarterly Vorreiter der Sharing-Economy KKaum etwas steht derart paradigma- tisch für die Sharing Economy wie die Bohrmaschine: Die meisten Haushalte nennen ein derartiges Werkzeug ihr Ei- gen, wobei dieses aber nur höchst selten im Einsatz ist und somit jede Bohrmaschi- ne dieser Welt nur einen winzigen Bruch- teil ihrer Lebensspanne ihrer eigentli- chen Zweckbestimmung nachkommt. Was also eignet sich besser als die Bohr- maschine, die Sinnhaftigkeit des Teilens und gemeinschaftlichen Konsumierens zu demonstrieren? Das Motto „Zugang statt Eigentum“ charakterisiert den Kerngedanken der Sharing Economy: Wir brauchen keine Bohrmaschinen, wenn es uns doch bloß um das Loch in der Wand geht. Dieser simple Gedanke zusammen mit einem zunehmenden Bewusstsein für Ressour- censchonung und dem Aufstieg der Ver- netzungstechnologien bedeuteten die Geburtsstunde der Sharing Economy, die alsbald einen kometenhaften Aufstieg aus der Nische in den Mainstream schaff- te und das traditionelle Verständnis von eigentumsbasiertem Konsum in Frage stellte. Lange bevor es überhaupt Bohrmaschi- nen gab und lange bevor die Idee der Sharing Economy geboren war, existier- ten bereits Dinge,die rege geteilt wurden Nach wie vor liegt die Sharing Economy im Trend. Kurioserweise blieben in der Debatte rund um Sha- ring Bibliotheken bisher eher im Hintergrund. Dabei ist Teilen seit Jahrtausenden deren Kernaufgabe. und damals schon eben das verwirklich- ten, was heute unter „Sharing“ verstan- den wird: Bücher. Denn die jahrtausen- dealte Institution der Bibliothek setzt seit Anbeginn den Sharing-Gedanken um, indem sie das gemeinschaftliche Konsu- mieren von Büchern organisiert. Bücher und die darin enthaltenen Informationen einer möglichst breiten Nutzerschaft zu- gänglich zu machen, ist ihre Kernaufga- be. Immer schon waren mit Bibliotheken jene Vorzüge verbunden, die man heute der Sharing Economy zuschreibt: Teilen ist ökonomisch sinnvoll, eröffnet Konsumenten Zu- gang zu einer viel- fältigen Auswahl und ist dabei noch nachhaltig sowie sozi- al ausgleichend. Obgleich Bibliotheken also im Bereich des Teilens führend sind und kaum eine Institution über einen derartig reichhal- tigen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet des Sharings verfügen dürfte, blieben Bibliotheken in der Debatte rund um die Sharing Economy merkwürdig blass. Es ist vielmehr so, dass Bibliotheken sich immer wieder die Frage nach ihrer Rolle im Internetzeitalter gefallen lassen müs- sen und sie nur allzu häufig totgesagt werden, weil auf ihrem ureigenen Betä- tigungsfeld, dem Teilen von Information, eine Vielfalt neuer Anbieter mit-  Seit Anbeginn stehen bibliothe- karische Aktivitäten unter dem Motto „Zugang statt Eigentum“. Quarterly
  • 2. f/21 Quarterly Q2 | 2018  Vorreiter der Sharing-Economy (Forts.) mischt, wodurch die Existenzberechti- gung von Bibliotheken infrage gestellt erscheint. Dabei stecken Bibliotheken längst inmitten eines massiven Anpas- sungsprozesses. Dass Bibliotheken keine Papierverwahrungsanstalten sind – und bei näherer Betrachtung nie waren –, wird allzu häufig übersehen. Den digita- len Wandel gehen Bibliotheken nicht nur mit, indem sie ihre Ressourcen auf Digi- tales ausgedehnt haben – so kann man heute neben papierenen Büchern eben auch E-Books, E-Magazine, Hörbücher oder Games leihen. Ebenso sind viele Bi- bliotheken bereits dabei, den Weiter- entwicklungen und der großen Popula- rität der Sharing Economy Rech- nung zu tragen und passen ihr eigenes „Sharing-Modell“ an. Wo der Dreh- und Angelpunkt des biblio- thekarischen Tuns – das Buch – immer öf- ter ins Virtuelle abwandert, wenden sich Bibliotheken wieder dem Physischen zu und füllen die einst mit Büchern bestück- ten Regalflächen mit anderen Dingen: In der „Bibliothek der Dinge“ können etwa Musikinstrumente, Werkzeuge, Garten- geräte oder Utensilien für Heimwerker entlehnt werden. Auf diese Weise erwei- tern Bibliotheken nicht nur ihre Reichwei- te nutzbringend, sondern werden auch der Tradition gerecht, soziale, kulturelle und Bildungsfunktionen wahrzunehmen. Denn verschiedene Dinge werden neben f/21 Büro für Zukunftsfragen  www.f-21.de 2 „Sharing“ ist Kernkompetenz von Bibliotheken - der Zu- kunftsweg führt über die An- passung und den weiteren Ausbau des „Sharing-Modells“. der Ausleihe auch zur Nutzung vor Ort in der Bibliothek zusammen mit passen- den Workshops, Kursen oder Vorträgen angeboten. Viele Bibliotheken setzen dieses Modell etwa bereits mit Games oder Makerspaces um: Durch das Teilen von Raum und technischen Geräten la- den Sie zum Ausprobieren ein, bringen Gleichgesinnte zusammen und stärken ihre Bedeutung als physischer Ort. Und nicht zuletzt unterstützen Bibliotheken mit solchen Angeboten das Teilen von Wissen, indem Informationsaustausch angekurbelt wird. Auch in dieser Hinsicht können Bibliotheken auf langbewährte Erfahrung zurück- greifen: Denn na- türlich waren Bib- liotheken immer schon mehr als Aufbewahrungsor- te für Bücher, ging es doch immer vor allem um den Zugang zu Information. „Zugang statt Eigentum“ war von Be- ginn an Basis des Erfolgsmodells Bib- liothek – und kann es auch künftig sein. Beim Nachdenken darüber, wie sich Bib- liotheken in Zukunft aufstellen könnten, welche Rollen und Aufgaben für die zu- künftige Bibliotheksausrichtung passend erscheinen, kann die Sharing Economy hilfreiche Impulse geben. Welche Insti- tutionen, wenn nicht Bibliotheken, sind natürliche Orte für Nutzergruppen, die zunehmend am Sharing-Gedanken inter- essiert sind?  In der modernen Informationsgesellschaft gerät die alte Vorstellung der Bibliothek als Hort von Bü- chersammlungen ins Wanken. Haben Bibliotheken noch eine Zukunft? Selbstverständlich! Aber diese wird drastisch anders aussehen als das Bild von Bibliotheken vergangener Tage. Die aktuellen f/21 Zukunftsperspektiven werfen einen Blick auf die gewandelte Bibliothekslandschaft und umreißen die Eckpunkte eines an die neuen Erfordernisse unserer Zeit angepassten „Geschäftsmodells“ für Bibliotheken. Bibliothekswelten im Umbruch Die Bibliothek im Internetzeitalter f/21 Zukunftsperspektiven f/21 Zukunftsworkshop Bibliothek neu denken! f/21 Zukunftsworkshop Wie wird und muss sich eine Institution mit derart langer Tradition in den nächsten Jahren wandeln? Welchen neuen Herausforderungen stehen Biblio- theken in einer zunehmend informatisierten Welt gegenüber? Welche Rolle spielen Bibliotheken in einer durch die digitale Revolution veränderten und sich verändernden Gesellschaft und Kultur? Das sind die zentralen Fragestellungen, denen wir gemeinsam mit Ihnen im Workshop Bibliothek neu denken! nachgehen. Wir moderieren Ihren Nachdenk- und Ideenfindungs- prozess und gelangen zu Szenarien eines mög- lichen Rollenwandels Ihrer Institution sowie einer Neujustierung in einer Welt veränderter Rahmenbedingungen. weitere Informationen & Buchung: www.f-21.de/workshop-bibliotheken kostenloser Download: www.f-21.de/zukunftsperspektiven jetzt anmelden! BÜRO FÜR ZUKUNFTSFRAGEN f/21 08.2016 Zukunftsperspektiven Bibliothekswelten im Umbruch Die Bibliothek im Internetzeitalter Kopfkino Wird im interaktiven Kino bald jeder Zuschauer sei- nen eigenen Film sehen? Einen Film anzusehen bedeutete bis- lang: zurücklehnen und die Geschich- te auf sich wirken lassen. Bald schon könnte jeder einzelne Zuschauer zu sei- nem eigenen Regisseur werden. Dass Kino und Fernsehen interaktiv werden und Zuschauer den Verlauf einer Film- handlung bestimmen, gilt schon lange als Zukunftsmusik in puncto Film. Seit bereits im Dezember 1991 die Hauptpro- gramme ARD und ZDF des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens einen ersten Schritt in eine solche Zukunft des Films getan haben, ist nicht nur viel Zeit vergangen, auch die Technik hat große Fortschritte gemacht. Damals wurden zwei Versionen des Films „Mörderische Entscheidung“ parallel in den beiden Pro- grammen gezeigt. Der Zuschauer konnte hin und her zappen und bekam dieselbe Geschichte zeitlich perfekt aufeinander abgestimmt aus zwei unterschiedlichen Perspektiven gezeigt – aus jener der weiblichen und jener der männlichen Hauptfigur. Später gab es im deutschen Fernsehen dann noch den einen oder anderen Versuch, die Zuseher per Tele- fonabstimmung den Verlauf von Filmen bestimmen zu lassen. 
  • 3. f/21 Quarterly Q2 | 2018 f/21 Büro für Zukunftsfragen  www.f-21.de 3 Willkommen in der Reputationsökonomie Was China mit „Citizen Score“ vormacht, ist Vorgeschmack auf die neue Reputa- tionsökonomie. Der gute Ruf wird zur Eintrittskarte in die digitale Gesellschaft. Big Brother lässt grüßen. China er- richtet ein Reputationssystem, das für jeden Bürger einen „Citizen Score“ errechnet. Für sozial erwünschtes Ver- halten gibt es Punkte zu verdienen, die wiederum der Schlüssel zu verschiede- nen Annehmlichkeiten sind: günstige Kredite, Visa, eine Reise nach Europa. Die Frage ist natürlich nun, was ist „sozial erwünschtes Verhalten“ oder konkreter: Wofür werden die Punkte vergeben? Jubeläußerungen, ein gut gefülltes Konto und das richtige Einkaufsverhal- ten bringen das Punktekonto ins Plus. Punktabzüge wiederum muss derjenige hinnehmen, der sich regimekritisch äu- ßert, Videospiele spielt oder Missstände anprangert. Dabei fließt nicht nur das eigene Verhalten in die Bewertung ein, sondern auch dasjenige von Freunden und Bekannten lässt den Score steigen oder fallen. Online-Händler Alibaba und das soziale Netzwerk Tencent geben Schützenhilfe und ebnen den Weg zu einem Überwachungssystem wie es sich George Orwell kaum besser erdenken hätte können. Paternalismus, Überwa- chung und sozialer Kontrolle sind damit Tür und Tor geöffnet. Sicherlich ist eine solch weitreichende und flächendeckende, staatlich instal- lierte und betriebene Überwachungsma- schinerie ein Schreckensszenario erster Güte. Allerdings hatte unsere Reputation immerschonEinflussaufunserenLebens- verlauf, öffnete Türen und schloss ande- re: Ob wir einen Job bekommen, einen Kredit oder eine Wohnung, hängt hoch- gradig davon ab, wie andere Menschen uns wahrnehmen. Nie zuvor war dieser simple Mechanismus gesellschaftlichen Zusammenlebens derart schlagkräftig Der digitale Raum ist kaum noch vorstellbar ohne Reputation als soziales Kapital und Schmiermittel für Transaktionen. wie heute. Denn in unserer digitalen Zeit liegt eine Masse an Daten vor, die unser Verhalten und unsere Gewohnheiten jederzeit detailliert nachzeichnet – von Einkaufsverhalten und persönlichen Fi- nanzen über private und berufliche Netz- werke bis hin zu unseren Aufenthaltsor- ten. Mit unglaublicher Geschwindigkeit, Treffgenauigkeit und Differenziertheit ist Technologie heute imstande, diese Da- tenmassen auszu- werten. Damit eilt uns un- sere Reputation immer schon voraus und wird zum Kapi- tal, zu einer wertvollen Währung, ohne die wir in der digitalen Gesellschaft kaum noch Zugang finden. „Sozialer Kredit“ kommt demjenigen zu, der in den unter- schiedlichenRankingsystemenTopscores einfährt, wobei freilich für den Einzelnen intransparent bleibt, wie die Bewertung seiner Reputation zustande kommt. Be- vor man künftig zu einem Vorstell-   Kopfkino (Forts.) Wurde Interaktivität also einst per Fern- bedienung oder Telefon hergestellt, so lassen Apps heute ungleich größere Spielräume zu. Weil der Zerstückelung eines Films in Einzelsequenzen theore- tisch keine Grenzen gesetzt sind, kann sich mittels App der Zuseher an Abzwei- gungen immer wieder für einen der vor- gegebenen Handlungsstränge entschei- den und so einen eigenen Pfad durch die Geschichte wählen. Bei dieser Form von Interaktivität ist zu beobachten, wie die Sparten Film und Computerspiel verschmelzen. Wurden in ihren jungen Jahren vor allem Videospiele von den etablierten Medien beeinflusst, so unter- liegen umgekehrt heute zunehmend Fil- me dem Einfluss von Videospielen: wenn der Zuschauer etwa Rätsel lösen muss und durch die gewählte Antwortmög- lichkeit dann der Verlauf der Geschichte bestimmt wird. Mit Künstlicher Intelligenz sollen Filme nun interaktiv werden, ohne dass der Zu- schauer noch irgendwelche Knöpfe drü- cken muss. Richard Ramchurn, Student der englischen Universität Nottingham und Filmemacher, kürt in dem 27-minü- tigen Film „The Moment“ die Kraft der Gedanken der Zuseher zum Regisseur. Dabei misst ein Headset die elektrische Gehirnaktivität und je nachdem, was im Kopf gerade vor sich geht, wandeln sich Szenen, Musik und Animationen. Ram- churn misst die Aufmerksamkeit des Zuschauers und wann immer diese fällt – gewöhnlich etwa alle sechs Sekunden – bekommt dieser durch eine spezielle Software eine neue Einstellung vorge- setzt. 101 Billionen verschiedene Varian- tensollenmöglichsein.Nichtnuristdabei recht unwahrscheinlich, dass jemand bei wiederholtem Anschauen jemals wieder denselben Film sieht, auch werden zwei Personen nie einen identischen Film se- hen. Sind beidseitige Feedbackschleifen die Zukunft des Kinos? Nicht nur verlässt der Zuschauer den Kinosaal mit einem bestimmten, durch den Film hervorgeru- fenen Gefühl, gleichzeitig ändert sich der Film durch das Gefühl des Zuschauers.  Sie planen gerade eine Veranstaltung und sind auf der Suche nach einem Gast- redner? Nehmen Sie Kontakt auf! Als Inspiration für Ihre Veranstaltung ha- ben wir beispielhaft 40 Vortragsideen in ausgewählten Themenfeldern in einem Katalog zusammengestellt. Für Buchung und weitere Informationen kontaktieren Sie uns bitte - wir beraten Sie gerne!  +49.30.69 59 82 58  zukunft@f-21.de 40 Inspirationen für Ihre Veranstaltung Download: www.f-21.de/downloads/f21_vortraege.pdf Zukunftsreisen für Ihre Veranstaltung Vorträge & Keynotes
  • 4. f/21 Quarterly Q2 | 2018 f/21 Büro für Zukunftsfragen  www.f-21.de 4 Impressum f/21 Büro für Zukunftsfragen Nora S. Stampfl, MBA  Rosenheimer Straße 35 D-10781 Berlin  +49.30.69 59 82 58  zukunft@f-21.de  www.f-21.de Foto: Miss X, photocase.com (S. 1) f/21 Zukunftsperspektiven BÜRO FÜR ZUKUNFTSFRAGEN f/21 03.2017 Zukunftsperspektiven Gameful City Die Stadt als Spielraum Gameful City. Die Stadt als Spielraum Einem Brennglas gleich bündeln Städte Probleme. Die Anwendung von Spielprinzi- pien weist neue Wege, das Zusammenleben in der Stadt der Zukunft zu gestalten: In der Gameful City gelingt urbane Transformation spielerisch. kostenloser Download: www.f-21.de/zukunftsperspektiven  Willkommen in der Reputations... (Forts.) ungsgespräch eingeladen, als Woh- nungsmieter in Betracht gezogen oder an Sharing-Plattformen teilnehmen wird, kommt es darauf an, sein Selbst in Form zu bringen und bei einer anonymen Mas- se „anzukommen“. Blogeinträge, Twitter-Tweets, Facebook- Posts, Videos auf YouTube, Kommentare unter Artikeln, das Rating von Restau- rants und Hotels und vielerlei mehr Gele- genheiten des Feedbacks und der Bewer- tungsindheutenichtmehrwegzudenken aus der digitalen Sphäre. Das Web wird zunehmend nicht nur zu einem Raum der Interaktion, sondern zugleich der Repu- tationsakkumulation. Hierdurch entsteht Sozialkapital, das als Vertrauensgarant unerlässlich ist für das Funktionieren von Transaktionen imNetz.Als„Whuf- fie“ bezeichnet die kanadische Marke- tingberaterin Tara Hunt diesen sozialen Einfluss: Der Begriff stammt vom Science- Fiction-Autor Cory Doctorow, der in sei- nem ersten Buch „Down and Out in the Magic Kingdom“ eine Währung namens „Whuffie“ ersann, die die soziale Stel- lung eines jeden Einzelnen in der Gesell- schaft ausdrückt und durch respektvol- len Umgang mit anderen verdient wird. Doctorows aus dem Jahr 2003 stammen- de Reputationswährung beschreibt also gut, wie heute immer stärker alternative Währungen, wie eben Reputation oder auf Aufmerksamkeit, neben das traditi- onelle Zahlungsmittel Geld treten. Der digitale Raum, wie wir ihn heute kennen, ist kaum vorstellbar ohne Reputation als Online Währung und Schmiermittel für diverse Transaktionen. Angesichts der Bedeutung von Repu- tation als Währung ist es daher kaum verwunderlich, dass ein regelrechter Be- wertungswahn um sich greift: Bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten wird man aufgefordert Bewertungen abzu- geben- nach der Fahrt mit Uber, nach einem Produktkauf oder einer Hotel- übernachtung. Das Bewerten sämtlicher Services und Erfahrungen hat sich derart in unser Leben geschlichen, dass es nur einen Steinwurf entfernt erscheint, das Prinzip auch auf Mitmenschen auszu- dehnen. Werden wir also bald Freunden und Kollegen Sternchenbewertungen zukommen lassen, so wie wir den Platt- formarbeiter, der die Pizza liefert oder das Regal zusammenschraubt, bewer- ten? Werden Stärken, aber wahrschein- lich zu einem Großteil eher Schwächen und Macken von jemandem damit scho- nungslos im Internet ausgebreitet und für jedermann sichtbar sein? Mit der App Peeple sollte exakt dies möglich sein: Die App lässt Nutzer Freunde, Familien- mitglieder, Nachbarn, Vorgesetzte und Kollegen – ausnahmslos jedermann, ohne dessen Zustimmung – bewerten. Die Beziehungen zu anderen, seien sie beruflicher, freundschaftlicher oder ro- mantischer Natur, sollen nach diesen Vorstellungen in ein Sternchenschema gepresst werden. Dazu noch sind aus- formulierte „Reviews“ möglich – wie man dies von Restaurantbewertungen kennt. Zwar ist die App nach scharfer Kritik nur in abgespeckter Form verfüg- bar – so können etwa nur angemeldete Nutzer bewertet werden, die dazu noch ein Veto einlegen können –, doch ist ein erster Schritt, dem Bewertungsparadig- ma den Weg in den zwischenmenschli- chen Bereich zu ebnen, damit getan. Und natürlich bleiben solche Bewertungen nicht im Reich des Internets, sondern zeigen ihre Auswirkungen im echten Le- ben. Es ist leicht nachvollziehbar, dass allein schon die pure Möglichkeit, Ziel ei- ner solchen Bewertung zu werden, sich auf das Verhalten auswirkt. Zudem wird jene Errungenschaft der Moderne, eine Differenzierung in gesellschaftliche Teil- systeme herzustellen, rückabgewickelt. Die Transparenz schafft eine Identität, die für jedermann – Freund oder Chef gleichermaßen – sichtbar ist; in den ver- schiedenen gesellschaftlichen Teilsys- temen unterschiedliche Rollen relativ unabhängig voneinander auszuüben, ist somit verwehrt. Eine solche Aufweichung der Rollengren- zen lässt das Individuum aber mit der Schwierigkeit zurück, wie der Prozess der Reputationsbildung überhaupt anzu- gehen ist. Denn eine solche aufzubauen, beginnt ja zuallererst mit der Frage: Re- putation wofür? Je nach Kontext wird der Einzelne eine andere Reputation für er- strebenswert halten und danach ausrich- ten, wie man sich präsentiert. Da solch unterschiedlich sichtbare Reputationen – eine für die Arbeit, eine andere für den Tennisclub– aber unter den Bedingungen zusammenwachsender Teilsysteme nicht zu erreichen sind, wird sich jeglicher Re- putationsaufbau mehr und mehr mit un- differenziertem Erreichen von Aufmerk- samkeit begnügen. Dazu noch: Wird in den persönlichen Bereich jene Un- sichtbarkeit durch Nichtbewertung einkehren,wiewirsieausdemkommerzi- ellen Umfeld kennen? Bei vielen Gelegen- heiten erscheint es unvorteilhafter, keine Bewertung zu haben als ein schlechte – wenn etwa Reisende dazu tendieren ein Hotel mit mangelhafter Bewertung eher zu buchen als ein solches ohne Bewer- tung oder wenn ein Jobkandidat ohne Profil in sozialen Netzwerken erst gar nicht in Betracht gezogen wird. Reputati- on ist heute alles, und können wir heute nicht auf die quantifizierte Reputation von etwas oder jemand zu greifen, ist es, als ob dieser nicht existierte.  Bereits heute greift ein regelrechter Bewertungswahn um sich. Werden wir dereinst nicht bloß Restaurants und Hotels mit öffent- lichen Sternchenbewertungen und Reviews versehen, sondern auch unsere Familie, Freunde und Arbeitskollegen?