Kapital & Märkte
Ausgabe Juni 2013
ELLWANGER GEIGER
PRIVATBANKIERS SEIT 1912
„Abenomics" in Japan: Strohfeuer oder Trendwende?
Vom Boom zur Krise
Die heutige Misere Japans hat ihre Ursprünge in den achtziger Jahren. Die starke Aufwertung des
US-Dollar in der ersten Hälfte des Jahrzehnts und die daraus resultierenden Probleme für die
Exportindustrie der USA hatten zum Plaza-Abkommen geführt, das eine Abwertung des US-Dollar
gegenüber dem Yen und der D-Mark vorsah. Daraus ergaben sich für Japan zwei Probleme, die
sich gegenseitig verstärkten. Die erwartete Yen-Aufwertung führte zu einem spekulativen Zufluss
von Kapital nach Japan, das neben Geldmarktanlagen in Aktien und Immobilien investiert wurde
und so die Vermögenspreise nach oben trieb. Gleichzeitig belastete die schnelle und starke Auf-
wertung des Yen die japanische Exportindustrie stark. Dies veranlasste die Notenbank, die Zinsen
innerhalb eines Jahres auf 2,5 Prozent zu halbieren, was zu einem deutlichen Zuwachs der Kredit-
und Geldmengen führte und den Anstieg der Immobilienpreise und Aktienkurse weiter befeuerte.
Der Boom blieb jedoch nicht auf die Aktien-und Immobilienmärkte begrenzt, sondern ergriff auch
die Realwirtschaft: Der private Konsum stieg von 1987 bis 1990 um fast sechs Prozent pro Jahr und
die Nettoinvestitionen der Unternehmen nahmen um über zehn Prozent pro Jahr zu. Dies führte
zu einer steigenden Verschuldung der Konsumenten und Unternehmen, zum Aufbau von
industriellen Überkapazitäten und - nach dem Platzen der Blase - zu einer großen Zahl fauler
Kredite in den Bankbilanzen.
ABBILDUNG 1: NIKKEI INDEX UND NOTENBANKZINSEN
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Diskontsatz Japan in Prozent (linke Skala)
1973 1975 1977 1979 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005
2007 2009 2011 2013
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Quelle: Bloomberg
Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein zuverlässiger Indikator für zukünftige
Entwicklungen.
Finanzinstrumente oder Indizes können in Fremdwährungen notiert sein. Deren Renditen können
daher auch aufgrund von Währungsschwankungen steigen oder fallen.
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Kapital & Märkte erhalten Sie sehr gerne auch per E-Mail.
Wenn Sie hiervon Gebrauch machen möchten, senden Sie uns bitte eine kurze E-Mail an:
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IABBILDUNG 2: LANDPREISE UND NOTENBANKZINSEN
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Diskontsatz Japan in Prozent (linke Skala)
Landpreise für Gewerbeimmobilien (rechte Skala)
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1973 1975 1977 1979 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003
2005 2007 2009 2011 2013
Quelle: Bloomberg, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Wertentwicklungen in der
Vergangenheit sind kein
zuverlässiger Indikator für zukünftige Entwicklungen.
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Die Krise begann 1989 mit aggressiven Zinserhöhungen durch die japanische Notenbank.
Der Anstieg der Zinsen von 2,5 Prozent auf sechs Prozent innerhalb von 15 Monaten setzte
dem kreditgetriebenen Boom ein Ende. Der Nikkei-Index brach von fast 40.000 Punkten
binnen weniger Monate um 40 Prozent ein und sank bis 1992 unter 15.000 Punkte, was
einem Rückgang von über 60 Prozent entspricht. Ähnlich entwickelten sich die Landpreise,
welche von ihren Höchstständen im Jahr 1990 innerhalb von zwei Jahren um knapp 30
Prozent und bis zum Tief im Jahr 2005 um 66 Prozent (Wohnen) beziehungsweise 87 Pro-
zent (Gewerbe) gefallen sind.
Die japanische Regierung und die Notenbank reagierten mit staatlichen
Ausgabenprogrammen und Zinssenkungen. Anfang 1993 lag der Notenbankzinssatz wieder
bei 2,5 Prozent und wurde von der Bank of Japan bis 1995 schrittweise auf 0,5 Prozent
gesenkt. Insgesamt verabschiedeten die japanischen Regierungen in den zehn Jahren nach
Ausbruch der Krise zehn Fiskalpakete zur Stimulierung der Wirtschaft mit einem
Gesamtvolumen von über 100 Billionen Yen, was pro Jahr knapp 2,5 Prozent des BIP
entsprach. Übertragen auf Deutschland in der Gegenwart würde dies in den kommenden
zehn Jahren jährlichen Mehrausgaben von 65 Milliarden Euro entsprechen. I
Anhaltende Stagnation: Die Gründe
Von den starken Einbrüchen der Aktienkurse, den Immobilienwerten und der
Wirtschaftsaktivität konnte sich die japanische Wirtschaft in den Folgejahren nicht
nachhaltig erholen. Auf kurze Lichtblicke folgten regelmäßig erneute Rückschläge. Die
anhaltende Krise Japans hat mehrere Ursachen, wobei die Bedeutung der einzelnen
Faktoren und deren Wirkungszusammenhänge unter Ökonomen umstritten sind. Die fol-
genden Faktoren haben jedoch alle zur aktuellen Situation beigetragen:
• Die sehr laxe Kreditvergabe während des Booms, die hohe Bedeutung der
Bankenfinanzierung in der japanischen Wirtschaft und der deutliche Wertrückgang von
Kreditsicherheiten wie Land und Immobilien nach dem Platzen der Blase, haben zu einem
massiven Anstieg der faulen Kredite in den Bankbilanzen geführt. Da deren Abbau nur
schrittweise und mit staatlichen Finanzhilfen möglich war, wurde die Fähigkeit der Banken
zur Finanzierung neuer Investitionen stark eingeschränkt.
• Während der Krise getätigte Fehlinvestitionen in Produktionskapazitäten und
Firmenübernahmen haben die Unternehmen gezwungen, einen bedeutenden Teil ihrer
Unternehmensgewinne zum Schuldenabbau zu nutzen. Dadurch gingen die Investitionen in
Forschung und Entwicklung sowie in neue Maschinen deutlich zurück, was wiederum das
Wirtschaftswachstum dämpfte.
• Das Platzen der Blase hat die Arbeitslosigkeit von gut zwei Prozent schrittweise auf einen
für japanische Verhältnisse hohen Wert von fünf Prozent ansteigen lassen. Zusammen mit
den negativen Vermögenseffekten durch die gefallenen Aktien- und Immobilienpreise hat
dies zu einem Rückgang des in Japan ohnehin schwachen Konsums geführt.
IABBILDUNG 3: MASCHINENBAUAUFTRÄGE UND ANLAGEINVESTITIONEN IN JAPAN
(1987=100)
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"Maschinenbauaufträge des privaten Sektors
Anlageinvestitionen japanischer Unternehmen
1973 1976 1978 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2001 2003 2005
2007 2009 2011 2013 Quelle Bloomberg
• Die staatlichen Investitionsprogramme haben zwar schon aufgrund ihrer Größe einen
noch schlimmeren unmittelbaren Wirtschaftseinbruch verhindert. Doch abgesehen von
diesen kurzfristigen Nachfrageeffekten leisteten die Konjunkturpakete auf mittlere Sicht nur
geringe Beiträge zum Wirtschaftswachstum. Neben der Tatsache, dass Infrastruk-
turinvestitionen in einem Land mit einer bereits sehr gut ausgebauten Infrastruktur in der
Regel nur geringe Multiplikatoreffekte haben, lagen den Investitionsentscheidungen oft
politische oder regionale Kriterien zugrunde, so dass auch fragwürdige Projekte mit
negativem Nutzen-KostenFaktor realisiert wurden. Auch bei einer weiteren wichtigen
Komponente der japanischen Konjunkturpakete - den Kreditprogrammen für Unternehmen
- kam es zu Fehlallokationen, da die Mittel oft bevorzugt an die traditionellen Unterstützer
der in Japan regierenden LDP gegangen sind.
• Der Preis für die Versuche, die Wirtschaft durch fiskalpolitische Maßnahmen zu beleben,
war ein massiver Anstieg der Staatsverschuldung und große jährliche Haushaltsdefizite, die
den Schuldenstand immer weiter ansteigen ließen und den staatlichen Handlungsspielraum
zunehmend einschränkten. Der Schuldenstand in Prozent des Bruttoinland-produkts lag im
Jahr 1991 bei 66 Prozent und stieg bis Ende der neunziger Jahre auf 132 Prozent an. Im Jahr
2012 lag er bei 238 Prozent. Die jährliche Neuverschuldung stieg von etwa 0,5 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes im Jahr 1991 auf über fünf Prozent Ende der neunziger Jahre und
liegt aktuell bei etwa neun Prozent. I
Die drei Pfeile von „Abenomics"
Die seit Dezember 2012 amtierende japanische Regierung unter Premierminister Abe hat
sich zum Ziel gesetzt, die seit 20 Jahren anhaltende Stagnation durch ein konzertiertes Paket
wirtschaftspolitischer Maßnahmen - auch „Abenomics" genannt - zu überwinden. Dieses
Paket setzt sich aus fiskal-und geldpolitischen Maßnahmen sowie Strukturreformen -den
sogenannten „drei Pfeilen" - zusammen.
Der erste der drei sogenannten „Pfeile", die Fiskalpolitik, kann wegen der bereits hohen
Staatsverschuldung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sie beschränkt sich auf ein Kon-
junkturpaket von 10,3 Billionen Yen (das entspricht etwa 80 Milliarden Euro
beziehungsweise 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Japans) über zwei Jahre und
möglicherweise der Senkung der Unternehmenssteuer sowie der Verschiebung der für 2014
und 2015 geplanten Erhöhungen der Mehrwertsteuer von fünf auf acht beziehungsweise
zehn Prozent. Die Effekte des Investitionsprogramms dürften angesichts der schon hohen
Staatsquote und vieler ähnlicher Programme in den vergangenen Jahren gering sein.
Vielmehr geht es darum, die belebenden Effekte der anderen beiden „Pfeile" nicht durch
eine restriktive Fiskalpolitik zu konterkarieren. Für die Erhöhung der Mehrwertsteuer um
einen Prozentpunkt wird mit dem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im Folgejahr um 0,3
Prozent gerechnet. Vor dem Hintergrund der Erfahrung aus der Mehrwertsteuererhöhung
1997, die die damalige wirtschaftliche Erholung abgewürgt hat, ist eine Verschiebung der
Mehrwertsteuererhöhung wahrscheinlich.
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198 3 1984 1986 1988 1989 1991 1993 1994 1996 1998 1999 2001 2003
2004 2006 2008 2009 2011 2013
Quelle: Bloomberg
Die größten Neuerungen in der Geldpolitik („zweiter Pfeil") sind die Nennung eines klaren
Inflationsziels in Höhe von zwei Prozent durch die Bank of Japan und die Ankündigung, alle
geldpolitischen Mittel einzusetzen, um dieses zu erreichen. Ziel ist es, die Realzinsen, welche
aufgrund der Deflation trotz des niedrigen Nominalzinsniveaus noch relativ hoch sind, zu
drücken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit durch eine Abwertung des Yen zu
erhöhen. Die Geldpolitik wird mit der erwarteten Verdoppelung der Zentralbankgeldmenge
innerhalb von zwei Jahren deutlich aggressiver sein als bei früheren vergeblichen
Versuchen, die Stagnation zu überwinden. Neu sind die quantitativen
Lockerungsmaßnahmen in Japan jedoch nicht. Was kann diesmal anders laufen? Zum einen
wird die Bank of Japan sicher nicht den früheren Fehler wiederholen, ihre expansive
Geldpolitik zu früh zurückzufahren. Zum anderen sind die Unternehmen und Haushalte nach
20 Jahren der Entschuldung in einem weit besseren Zustand, womit sie in der Lage sind, ihre
Investitions- beziehungsweise Konsumausgaben zu erhöhen. Gleiches gilt für das Ban-
kensystem, das seine faulen Kredite inzwischen weitgehend abgebaut hat. Entscheidend
dafür ist aber, ob es der Bank of Japan durch ihr entschiedenes Auftreten gelingt, bei den
Unternehmen und Haushalten Inflationserwartungen zu wecken, so dass diese ihre
abwartende Haltung aufgeben. Hier kann die Politik erste Erfolge verbuchen. Die
Inflationserwartungen sind in den vergangenen Monaten von knapp über Null auf zwei
Prozent für 2014 und 1,6 Prozent für 2015 gestiegen.
ABBILDUNG 5: ENTWICKLUNG DER INFLATIONSERWARTUNGEN IN JAPAN
0,5
Inflationserwartung für 2013 Inflationserwartung für 2014
Inflationserwartung für 2015
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Jan 12 Feb 12 Mrz 12 Apr 12 Mai 12 Jun 12 Jul 12 Aug 12 Sep 12 Okt 12 Nov 12 Dez
12 Jan 13 Feb 13 Mrz 13 Apr 13 Mai 13 Jun 13
Quelle Bloomberg

Kapital & Märkte: Ausgabe Juni 2013

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    Kapital & Märkte AusgabeJuni 2013 ELLWANGER GEIGER PRIVATBANKIERS SEIT 1912 „Abenomics" in Japan: Strohfeuer oder Trendwende? Vom Boom zur Krise Die heutige Misere Japans hat ihre Ursprünge in den achtziger Jahren. Die starke Aufwertung des US-Dollar in der ersten Hälfte des Jahrzehnts und die daraus resultierenden Probleme für die Exportindustrie der USA hatten zum Plaza-Abkommen geführt, das eine Abwertung des US-Dollar gegenüber dem Yen und der D-Mark vorsah. Daraus ergaben sich für Japan zwei Probleme, die sich gegenseitig verstärkten. Die erwartete Yen-Aufwertung führte zu einem spekulativen Zufluss von Kapital nach Japan, das neben Geldmarktanlagen in Aktien und Immobilien investiert wurde und so die Vermögenspreise nach oben trieb. Gleichzeitig belastete die schnelle und starke Auf- wertung des Yen die japanische Exportindustrie stark. Dies veranlasste die Notenbank, die Zinsen innerhalb eines Jahres auf 2,5 Prozent zu halbieren, was zu einem deutlichen Zuwachs der Kredit- und Geldmengen führte und den Anstieg der Immobilienpreise und Aktienkurse weiter befeuerte. Der Boom blieb jedoch nicht auf die Aktien-und Immobilienmärkte begrenzt, sondern ergriff auch die Realwirtschaft: Der private Konsum stieg von 1987 bis 1990 um fast sechs Prozent pro Jahr und die Nettoinvestitionen der Unternehmen nahmen um über zehn Prozent pro Jahr zu. Dies führte zu einer steigenden Verschuldung der Konsumenten und Unternehmen, zum Aufbau von industriellen Überkapazitäten und - nach dem Platzen der Blase - zu einer großen Zahl fauler Kredite in den Bankbilanzen. ABBILDUNG 1: NIKKEI INDEX UND NOTENBANKZINSEN 10 45.000 40.000 35.000
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    30.000 25.000 20.000 15.000 10.000 5.000 Diskontsatz Japan inProzent (linke Skala) 1973 1975 1977 1979 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 0 Quelle: Bloomberg Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein zuverlässiger Indikator für zukünftige Entwicklungen. Finanzinstrumente oder Indizes können in Fremdwährungen notiert sein. Deren Renditen können daher auch aufgrund von Währungsschwankungen steigen oder fallen. 9 8 7 6 5 4 3 2 Kapital & Märkte erhalten Sie sehr gerne auch per E-Mail. Wenn Sie hiervon Gebrauch machen möchten, senden Sie uns bitte eine kurze E-Mail an: KapitalundMaerkte@privatbank.de
  • 3.
    IABBILDUNG 2: LANDPREISEUND NOTENBANKZINSEN 10 9 1.000 900 800 700 600 500 400 300 200 100 0 Diskontsatz Japan in Prozent (linke Skala) Landpreise für Gewerbeimmobilien (rechte Skala) 1 0 1973 1975 1977 1979 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 Quelle: Bloomberg, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein zuverlässiger Indikator für zukünftige Entwicklungen. 8 7 4 3 2 Die Krise begann 1989 mit aggressiven Zinserhöhungen durch die japanische Notenbank. Der Anstieg der Zinsen von 2,5 Prozent auf sechs Prozent innerhalb von 15 Monaten setzte
  • 4.
    dem kreditgetriebenen Boomein Ende. Der Nikkei-Index brach von fast 40.000 Punkten binnen weniger Monate um 40 Prozent ein und sank bis 1992 unter 15.000 Punkte, was einem Rückgang von über 60 Prozent entspricht. Ähnlich entwickelten sich die Landpreise, welche von ihren Höchstständen im Jahr 1990 innerhalb von zwei Jahren um knapp 30 Prozent und bis zum Tief im Jahr 2005 um 66 Prozent (Wohnen) beziehungsweise 87 Pro- zent (Gewerbe) gefallen sind. Die japanische Regierung und die Notenbank reagierten mit staatlichen Ausgabenprogrammen und Zinssenkungen. Anfang 1993 lag der Notenbankzinssatz wieder bei 2,5 Prozent und wurde von der Bank of Japan bis 1995 schrittweise auf 0,5 Prozent gesenkt. Insgesamt verabschiedeten die japanischen Regierungen in den zehn Jahren nach Ausbruch der Krise zehn Fiskalpakete zur Stimulierung der Wirtschaft mit einem Gesamtvolumen von über 100 Billionen Yen, was pro Jahr knapp 2,5 Prozent des BIP entsprach. Übertragen auf Deutschland in der Gegenwart würde dies in den kommenden zehn Jahren jährlichen Mehrausgaben von 65 Milliarden Euro entsprechen. I Anhaltende Stagnation: Die Gründe Von den starken Einbrüchen der Aktienkurse, den Immobilienwerten und der Wirtschaftsaktivität konnte sich die japanische Wirtschaft in den Folgejahren nicht nachhaltig erholen. Auf kurze Lichtblicke folgten regelmäßig erneute Rückschläge. Die anhaltende Krise Japans hat mehrere Ursachen, wobei die Bedeutung der einzelnen Faktoren und deren Wirkungszusammenhänge unter Ökonomen umstritten sind. Die fol- genden Faktoren haben jedoch alle zur aktuellen Situation beigetragen: • Die sehr laxe Kreditvergabe während des Booms, die hohe Bedeutung der Bankenfinanzierung in der japanischen Wirtschaft und der deutliche Wertrückgang von Kreditsicherheiten wie Land und Immobilien nach dem Platzen der Blase, haben zu einem massiven Anstieg der faulen Kredite in den Bankbilanzen geführt. Da deren Abbau nur schrittweise und mit staatlichen Finanzhilfen möglich war, wurde die Fähigkeit der Banken zur Finanzierung neuer Investitionen stark eingeschränkt. • Während der Krise getätigte Fehlinvestitionen in Produktionskapazitäten und Firmenübernahmen haben die Unternehmen gezwungen, einen bedeutenden Teil ihrer Unternehmensgewinne zum Schuldenabbau zu nutzen. Dadurch gingen die Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in neue Maschinen deutlich zurück, was wiederum das Wirtschaftswachstum dämpfte. • Das Platzen der Blase hat die Arbeitslosigkeit von gut zwei Prozent schrittweise auf einen für japanische Verhältnisse hohen Wert von fünf Prozent ansteigen lassen. Zusammen mit den negativen Vermögenseffekten durch die gefallenen Aktien- und Immobilienpreise hat dies zu einem Rückgang des in Japan ohnehin schwachen Konsums geführt.
  • 5.
    IABBILDUNG 3: MASCHINENBAUAUFTRÄGEUND ANLAGEINVESTITIONEN IN JAPAN (1987=100) 200 180 160 140 120 100 80 60 40 20 0 "Maschinenbauaufträge des privaten Sektors Anlageinvestitionen japanischer Unternehmen 1973 1976 1978 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 Quelle Bloomberg • Die staatlichen Investitionsprogramme haben zwar schon aufgrund ihrer Größe einen noch schlimmeren unmittelbaren Wirtschaftseinbruch verhindert. Doch abgesehen von diesen kurzfristigen Nachfrageeffekten leisteten die Konjunkturpakete auf mittlere Sicht nur geringe Beiträge zum Wirtschaftswachstum. Neben der Tatsache, dass Infrastruk- turinvestitionen in einem Land mit einer bereits sehr gut ausgebauten Infrastruktur in der Regel nur geringe Multiplikatoreffekte haben, lagen den Investitionsentscheidungen oft politische oder regionale Kriterien zugrunde, so dass auch fragwürdige Projekte mit negativem Nutzen-KostenFaktor realisiert wurden. Auch bei einer weiteren wichtigen Komponente der japanischen Konjunkturpakete - den Kreditprogrammen für Unternehmen - kam es zu Fehlallokationen, da die Mittel oft bevorzugt an die traditionellen Unterstützer der in Japan regierenden LDP gegangen sind. • Der Preis für die Versuche, die Wirtschaft durch fiskalpolitische Maßnahmen zu beleben, war ein massiver Anstieg der Staatsverschuldung und große jährliche Haushaltsdefizite, die den Schuldenstand immer weiter ansteigen ließen und den staatlichen Handlungsspielraum zunehmend einschränkten. Der Schuldenstand in Prozent des Bruttoinland-produkts lag im
  • 6.
    Jahr 1991 bei66 Prozent und stieg bis Ende der neunziger Jahre auf 132 Prozent an. Im Jahr 2012 lag er bei 238 Prozent. Die jährliche Neuverschuldung stieg von etwa 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 1991 auf über fünf Prozent Ende der neunziger Jahre und liegt aktuell bei etwa neun Prozent. I Die drei Pfeile von „Abenomics" Die seit Dezember 2012 amtierende japanische Regierung unter Premierminister Abe hat sich zum Ziel gesetzt, die seit 20 Jahren anhaltende Stagnation durch ein konzertiertes Paket wirtschaftspolitischer Maßnahmen - auch „Abenomics" genannt - zu überwinden. Dieses Paket setzt sich aus fiskal-und geldpolitischen Maßnahmen sowie Strukturreformen -den sogenannten „drei Pfeilen" - zusammen. Der erste der drei sogenannten „Pfeile", die Fiskalpolitik, kann wegen der bereits hohen Staatsverschuldung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sie beschränkt sich auf ein Kon- junkturpaket von 10,3 Billionen Yen (das entspricht etwa 80 Milliarden Euro beziehungsweise 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Japans) über zwei Jahre und möglicherweise der Senkung der Unternehmenssteuer sowie der Verschiebung der für 2014 und 2015 geplanten Erhöhungen der Mehrwertsteuer von fünf auf acht beziehungsweise zehn Prozent. Die Effekte des Investitionsprogramms dürften angesichts der schon hohen Staatsquote und vieler ähnlicher Programme in den vergangenen Jahren gering sein. Vielmehr geht es darum, die belebenden Effekte der anderen beiden „Pfeile" nicht durch eine restriktive Fiskalpolitik zu konterkarieren. Für die Erhöhung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt wird mit dem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im Folgejahr um 0,3 Prozent gerechnet. Vor dem Hintergrund der Erfahrung aus der Mehrwertsteuererhöhung 1997, die die damalige wirtschaftliche Erholung abgewürgt hat, ist eine Verschiebung der Mehrwertsteuererhöhung wahrscheinlich.
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    .4 J— - 1983 1984 1986 1988 1989 1991 1993 1994 1996 1998 1999 2001 2003 2004 2006 2008 2009 2011 2013 Quelle: Bloomberg Die größten Neuerungen in der Geldpolitik („zweiter Pfeil") sind die Nennung eines klaren Inflationsziels in Höhe von zwei Prozent durch die Bank of Japan und die Ankündigung, alle geldpolitischen Mittel einzusetzen, um dieses zu erreichen. Ziel ist es, die Realzinsen, welche aufgrund der Deflation trotz des niedrigen Nominalzinsniveaus noch relativ hoch sind, zu drücken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit durch eine Abwertung des Yen zu erhöhen. Die Geldpolitik wird mit der erwarteten Verdoppelung der Zentralbankgeldmenge innerhalb von zwei Jahren deutlich aggressiver sein als bei früheren vergeblichen Versuchen, die Stagnation zu überwinden. Neu sind die quantitativen Lockerungsmaßnahmen in Japan jedoch nicht. Was kann diesmal anders laufen? Zum einen wird die Bank of Japan sicher nicht den früheren Fehler wiederholen, ihre expansive Geldpolitik zu früh zurückzufahren. Zum anderen sind die Unternehmen und Haushalte nach 20 Jahren der Entschuldung in einem weit besseren Zustand, womit sie in der Lage sind, ihre Investitions- beziehungsweise Konsumausgaben zu erhöhen. Gleiches gilt für das Ban- kensystem, das seine faulen Kredite inzwischen weitgehend abgebaut hat. Entscheidend dafür ist aber, ob es der Bank of Japan durch ihr entschiedenes Auftreten gelingt, bei den Unternehmen und Haushalten Inflationserwartungen zu wecken, so dass diese ihre abwartende Haltung aufgeben. Hier kann die Politik erste Erfolge verbuchen. Die Inflationserwartungen sind in den vergangenen Monaten von knapp über Null auf zwei Prozent für 2014 und 1,6 Prozent für 2015 gestiegen. ABBILDUNG 5: ENTWICKLUNG DER INFLATIONSERWARTUNGEN IN JAPAN 0,5 Inflationserwartung für 2013 Inflationserwartung für 2014 Inflationserwartung für 2015
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