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Nr. 30 September 2020 Preis 3,00 €
Luftaufnahme Lisdorf 1936
Corona - das Thema
ab S.10
Jeanne d‘Arc
ab S.15
De Fährgass
ab S.19
Flugzeugabsturz 1944
ab S.26
Inhalt
Historisches	
•	 De Fährgass - heute Saarstraße	 19
•	 Flugzeugabsturz auf der Holzmühle im Jahr
	1944	 26
•	 Die geplante Panzerbrücke über die Saar in der
	 Saarstraße zu Lisdorf	 31
Aktuelles	
• 	 Pandemien und Epidemien	 4
•	Viruswissen	 9
•	 Corona - das beherrschende Thema	 10
•	 Heldinnen der Nähmaschine	 13
•	 Happy Stones	 38
• 	 Aus Praxis Amann wird Praxis Wallmeier	 39
•	 Verabschiedung Kaplan Heiko Marquardsen	 44
Lisdorfer Mundart	
• 	 Hochzeitskläädasch	 22
• 	 Usa scheen Sprooch	 37
Interessantes
• 	 Jeanne d‘Arc	 15
•	 Meine Berührungspunkte zum Linslerhof	 34
•	 Unsere Heimat und ihre gefährdete Fauna	 41
•	 Lisdorfer Abschiedsgeschenk an
	 Pastor Alois Löw im Jahre 1966	 46
Vereinsleben	
•	 9. Int. Orgelkompositionswettbewerb	 40
•	 Kultur- und Vereinsleben in Lisdorf	 42
Rätsel	21
Historische Hochzeitsfotos	 24-25
Wir gratulieren	 47
Impressum
Herausgeber: Verein für Heimatkunde Lisdorf e.V., Im Fischerfeld 39, 66740 Saarlouis
Redaktion: Georg Jungmann (verantwortlich), Herbert Germann, Heiner Groß, August Balthasar, Harald Weiler, Georg Groß, Christine Hawner
Fotos: Harald Weiler, Archiv VHL, privat
www.heimatkunde.lisdorf.de
Druck: Krüger Druck + Verlag, Handwerkerstraße 8-10, 66663 Merzig
Bankverbindugen: Kreissparkasse Saarlouis IBAN: DE26 5935 0110 0074 3008 80,
Vereinigte Volksbank eG Saarlouis - Losheim am See - Sulzbach/Saar IBAN: DE21 5909 2000 6721 7502 03
Bezugspreis: 3 EUR je Heft, Vereinsmitglieder erhalten es kostenlos
Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers, nicht unbedingt der Redaktion, wieder.
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers
Vorwort	3
3
Liebe Heimatfreunde,
die Folgen der Corona Pandemie haben auch bei unserem Verein zu erheblichen
Einschränkungen geführt. So haben wir alle Aktivitäten wie Fahrten, Exkursionen,
kulturelle Veranstaltungen und Sitzungen absagen müssen.
Im ersten Halbjahr 2020 wollten wir die Auersmacher Passionsspiele besuchen,
hatten eine Exkursion ins Biosphärenreservat Bliesgau mit Besuch der Schloss-
berghöhlen in Homburg geplant und wollten an Veranstaltungen zu 100 Jahre
Saarland teilnehmen, um nur einige Aktivitäten zu nennen. Diese, wie auch unsere
Vorstands- und Arbeitskreissitzungen, sowie die geplante Mitgliederversammlung
konnten wegen der krisenbedingten Einschränkungen nicht stattfinden.
Wir nutzten im Vorstand aber die Zeit, um uns in der internen Vereinsarbeit für die Zukunft besser aufzustellen. Wir
nutzen jetzt vermehrt neue Medien. In den letzten Monaten tauschten wir uns in Videokonferenzen aus, weil Prä-
senzveranstaltungen nicht erlaubt waren. Wir konnten damit die Digitalisierung unserer Vereinsarbeit entscheidend
voran bringen.
Herbert Germann, Lothar Hirtz, Alexia Bernard, die wegen einer zeitweiligen Verhinderung unseres Kassierers Detlef
Geyer die Geschäfte des Kassenwartes vorübergehend übernahm, verwalten nun den Verein mit mir gemeinsam
über eine neue Vereinssoftware. Der Beitragseinzug 2020 wurde so erstmals über dieses neue Programm vollzogen,
was zu einer erheblichen Arbeitserleichterung führte.
Wir wollen die Möglichkeiten der neuen Medien noch weiter nutzen und so unsere Vereinsarbeit optimieren. So wol-
len wir eine E-Mail Datei aufbauen, die möglichst viele Vereinsmitglieder umfasst, um so schnell unsere Mitglieder
mit aktuellen Informationen über die neuesten Nachrichten, Veranstaltungen und sonstigen Aktivitäten zu versor-
gen. Deshalb bitte wir Sie, Ihre Mailadresse dem Vorstand mitzuteilen, näheres dazu lesen Sie in dieser Ausgabe des
Heimatblattes.
Selbstverständlich werden wir wie gewohnt unsere Mitglieder auch über das Heimatblatt und Rundschreiben in
gedruckter„analoger“ Form informieren, da ja nicht alle über die neuen Medien verfügen. So stellen wir sicher, dass
alle Mitglieder wie bisher bestens„bedient“ werden.
Im Vorstand sind fast alle mit ihrer Mailadresse erfasst, so können wir schnell und zuverlässig miteinander kommuni-
zieren und Informationen weitergeben, so dass alle Vorstandsmitglieder jederzeit„auf dem neuesten Stand“ sind.
Die Corona Pandemie hat nicht nur während der Krisenzeit zu Veränderungen unserer Lebensumstände allgemein
und in unserem Vereinsleben geführt, sie wird auch, wie wohl im gesamten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Leben, zu starken bleibenden Veränderungen führen. Sie können dazu einige Beispiele im vorliegenden Heft lesen.
Die Zeit nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein wie davor.
Wir wollen aber in jedem Falle die ausgefallenen Veranstaltungen, soweit möglich, nachholen. So planen wir die
Exkursion ins Biosphärenreservat möglichst noch im zweiten Halbjahr nachzuholen und den traditionellen Mundar-
tabend im November durchzuführen – wenn es Corona zulässt.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen unseres Heimatblattes. Unseren zahlreichen Autoren ist es wieder mal
gelungen, allgemein- und heimatgeschichtliche Themen zu recherchieren und sehr interessant aufzubereiten. Dar-
über hinaus sind auch zahlreiche aktuelle und äußerst informative Beiträge über Persönlichkeiten unseres Ortes und
unserer Gegend, sowie Fauna und Flora und unterhaltsame Begebenheiten unserer Heimat zu finden.
Viel Vergnügen
Ihr
Georg Jungmann
Vorsitzender
4
Pandemien und Epidemien (Seuchen) in unserer Heimat
– früher und heute!
Von der Pest über Cholera, Ruhr, Pocken, Spanische Grippe zur Corona-Pandemie
Begriffserklärung:
Pandemie: Epidemie, die sich weltweit ausbreitet und
viele Menschen befällt.
Epidemie: Infektionskrankheit, die örtlich bzw. re-
gional zeitlich gehäuft auftritt. Sie entsteht durch
Massenansteckung mit Krankheitserregern durch
verunreinigtes Wasser und Nahrungsmittel, Gebrauchs-
gegenstände sowie Tröpfchen-, Staub- und Schmier-
infektion von Mensch zu Mensch, seltener von Tier zu
Mensch.
Die Pest (lat.
pestis = Seuche),
der„Schwarze
Tod“,
früher eine
„Geißel Gottes“
genannt
Ursprünglich han-
delte es sich bei der
Pest um eine bakte-
rielle Tierkrankheit,
die besonders von
Ratten über Ratten-
flöhe auf Menschen
übertragen wurde.
Die Übertragung von Mensch zu Mensch durch Tröpf-
cheninfektion führt dann zur Lungenpest. Das Pestbak-
terium wurde 1894 entdeckt. Nach der Ansteckung tritt
zunächst eine Lymphdrüsenerkrankung mit Beulen-
pest infolge der Flohstiche auf. Sobald das Blut mit
Keimen überschwemmt ist, kommt es zu einer Sepsis
(Blutvergiftung), die früher meist tödlich endete. Heute
gibt es auch wirksame Medikamente (Antibiotika).
Das Leben im späten Mittelalter (ca. 1250 –1500) war
geprägt von Angst vor dem„Schwarzen Tod“, wie die
Pest bezeichnet wurde. Ursprünglich war die Pest
in Zentralasien als Tierkrankheit bei Nagetieren (vor
allem Ratten) aufgetreten. Seit der Jahrtausendwende
war sie westwärts gewandert und erreichte 1347 das
südliche Europa. In der Regel ging die Ansteckung von
Schiffsbesatzungen aus, die sich durch Rattenflöhe
infiziert hatten. Danach verbreitete sich die Pest rasend
schnell in den Hafenstädten und Küstenregionen und
fand von dort ihren Weg ins gesamte Hinterland. Bei
der Beulenpest lag die Sterblichkeitsrate bei 15–20 %
der Infizierten, während die Lungenpest fast immer
tödlich verlief. Im Zeitraum von 1347–1352 überzog
die erste Pestwelle das gesamte südliche Europa und
forderte viele Millionen Opfer. Im christlichen Abend-
land wurde die Pest als„Geißel Gottes“ verstanden. Die
zweite Pestwelle überzog nur 6 Jahre später ganz Eu-
ropa. Ihr folgte eine dritte Welle gegen 1368/70. Nach
deren Abklingen verzeichnete man bis zum Ende des
14. Jahrhunderts weiterhin fast jährlich ein regional be-
grenztes Auftreten der Pest. Die hohen Opferzahlen re-
duzierten die europäische Bevölkerung zwischen 1300
und 1400 um rund ein Drittel. Von den damals rund
11 Millionen Deutschen starben etwa 2,5–3 Millionen
Menschen an der Pest, in ganz Europa mindestens 15
Millionen. In der Folge verödeten teilweise ganze Land-
striche und zahlreiche Dörfer starben aus.
Rascher noch als die Pest selbst verbreiteten sich
Nachrichten und„Gerüchte“ über deren Verlauf und
Folgen unter der Bevölkerung. Die Schreckensszenari-
en und Horrormeldungen ließen eine Massenhysterie
entstehen. Es kam zu großen„Geißlerzügen“, an denen
nur Männer über 33 Tage teilnehmen durften und
ritualisierte Selbstgeißelungen vornahmen zur Buße
ihrer Sünden nach dem Vorbild Jesu Christi. Die Geißler
wurden aber auch mit Judenverfolgungen in Verbin-
dung gebracht, vor allem in Südfrankreich. In der Zeit
vom 15. bis 18. Jahrhundert trat die Pest als Epidemie
immer wieder mit unterschiedlicher Heftigkeit in ver-
schiedenen Gegenden auf. Um das Jahr 1890 bedrohte
die Pest, wiederum aus Asien kommend, noch einmal
fast die ganze Welt. Nach der Entdeckung des Pestbak-
teriums 1894 und entsprechenden Gegenmaßnahmen
und -mittel galt die Pest zumindest in den meisten
Ländern Europas als besiegt. Nach Angaben der WHO
wurden 1957 weltweit nur noch 514 Pestfälle gemeldet
mit rückläufiger Tendenz.
Zur Erinnerung an diese furchtbare Epidemie und zur
Würdigung der Pestheiligen Sebastian und Rochus
wurden in katholischen Gegenden Pestsäulen, Pest-
kreuze und Pestaltäre errichtet, so u.a. der bekannte
Isenheimer Altar in Colmar/Elsass. Auch die Oberam-
mergauer Passionsspiele sind nach einem Gelübe
anlässlich der dortigen Pestepidemie 1633 entstanden.
4
5
Pest-Epidemie in Lisdorf
Nach Tritz:„Geschichte der Abtei Wadgassen“, wütete
die Pest in den Jahren 1635/36 in unserer näheren
Heimat. In Lisdorf forderte sie so viele Todesopfer, dass
die Pfarrgemeinde fast ausgestorben war. Bekannt
ist, dass der damalige Lisdorfer Pfarrer, ein Mönch der
Abtei Wadgassen, aus Furcht vor der Pest in die Abtei
zurückgekehrt und 1636 mit allen Mönchen bis 1652 in
das etwas sicherere Trier gezogen war. Von 1618–1648
tobte nämlich der 30-jährige Krieg, der auch in unse-
rer Gegend vielfach Tod und Verderben brachte. Es ist
überliefert, dass die Pestepidemie und die wiederhol-
ten Überfälle der Schweden die Lisdorfer Bevölkerung
stark dezimierte. Nach Johann Goergen:„Ortsgeschich-
te von Lisdorf“ seien 1643 von insgesamt 66 Häusern
17 (= 25%) völlig zerstört worden. Das damals für
Lisdorf zuständige Amt Berus hat 1638 angegeben,
dass in Lisdorf keine Abgaben mehr entrichtet werden,
da dort niemand mehr am Leben sei (vgl. H.W. Herr-
mann„Der Dreißigjährige Krieg“). Laut einer Liste, die
1691 auf Anordnung des Wadgasser Abtes Pierre Marx
erstellt worden war, gab es in Lisdorf 24 bewohnte
Häuser, 3 Baracken und 21 (ca. 45 %) zerfallene und
zerstörte Häuser. Es ist nicht bekannt, ob es nach dem
Jahr 1635/36 noch weitere Pestfälle in Lisdorf gege-
ben hat. Das heute im Kurvenbereich der Kreuzstraße
stehende Kreuz soll im späten Mittelalter von Über-
lebenden der Pestseuche in Lisdorf errichtet worden
sein. Es musste durch den Bau der früheren Kleinbahn
(östlich der Provinzialstraße) und später erneut durch
den Ausbau der Kreuzstraße an seinen jetzigen Stand-
ort verlegt werden. Noch 1897 war es ein stattliches
Barockkreuz, das schließlich 1960 durch das jetzige
kleine Betonkreuz ersetzt wurde.
Die Cholera (griech. Gallensucht),
asiatische Cholera am verbreitetsten
Die Cholera ist eine ansteckende Darmerkrankung, die
im Tal des Ganges in Indien ihren Ursprung hat und
dort zeitweise seuchenhaft auftritt. Sie wird hervorge-
rufen durch das Cholerabazillus, das 1883 von Prof. Ro-
bert Koch in Berlin entdeckt wurde. Die Übertragung
erfolgt besonders durch Brauch- und verunreinigtes
Trinkwasser. Die Cholera ist seit dem späten Mittelalter
als Seuche bekannt. In Deutschland trat sie als Epide-
mie zuletzt im Jahre 1892 in Hamburg auf.
In Lisdorf brach die Cholera im Juli 1849 mit sehr
schlimmen Folgen aus. Der damalige Lisdorfer Pfarrer
Schuster berichtete wie folgt: „Am 16. Juli 1849 brach
die Cholera in Lisdorf aus und wütete bis 11. Oktober
1849. Es erkrankten sehr stark 88 Erwachsene, von denen
46 gestorben sind. Vom 18.–23. September war auch der
Pastor von der Cholera stark angegriffen, überlebte sie
jedoch. Im ganzen waren 180 erkrankt, ca. 10 % der Be-
völkerung, wovon aber nur 110 stark angegriffen waren.“
Danach trat die Cholera noch mehrfach in Lisdorf auf,
zuletzt im Jahr 1915 während des 1. Weltkrieges mit
angeblich nur zwei Todesfällen. Vermutlich waren es
aber mehr.
Die Ruhr (griech. Dysenterie)
Sie tritt sowohl bei Menschen als auch bei Tieren
(Kälberruhr) auf. Es handelt sich um eine seuchenhaft
auftretende Infektionskrankheit mit schleimig-blutigen
bis eitrigen starken Durchfällen (bis zu 30 mal täglich),
verursacht durch Ruhrbakterien. Die Übertragung
erfolgt durch Berührung, keimhaltiges Trinkwasser,
infizierte Lebensmittel oder auch durch Fliegen. Nach
Ansteckung treten nach wenigen Tagen starke Durch-
fälle auf, die zu Darmdurchbrüchen und Bauchfellent-
zündungen und zum Tod führen können. Sie ist inzwi-
schen durch Antibiotika gut behandelbar. Hygiene ist
zur Vermeidung überaus wichtig.
Nach Beginn des 1. Weltkrieges wurde auf Anordnung
des Lisdorfer Bürgermeisters Friedrich John zu Beginn
der Sommerferien 1914 im Schulgebäude ein Lazarett
für deutsche Soldaten eingerichtet. Die Leitung hatte
die Ehefrau von Bürgermeister John übernommen. Ihr
zur Seite standen die Ehefrau des Schulrektors Becker
und die Lehrerinnen Hoffmann, Roos und Hopp sowie
zwei Franziskaner-Schwestern aus der St.-Elisabeth-
Klinik in Saarlouis. Dort wurden Leichtverletzte von der
Westfront in Frankreich versorgt. Als im Sommer 1915
die Ruhr in Lisdorf ausbrach – wohl durch infizierte
Frontsoldaten – wurde das Lazarett geschlossen. In
drei notdürftig eingerichteten neuen Lazaretträumen
im Schulhaus an der Saar, im Scheer’schen Gebäude
in der Großstraße und in der Hopfenblüte wurden die
rund 400 an Ruhr sowie zwei an Cholera Erkrankten
behandelt. Die Krankenhäuser in Saarlouis und Um-
gebung waren bereits total überbelegt. Die Leitung
der drei Lisdorfer Notlazarette hatte wiederum Frau
John übernommen, unterstützt durch ihre Helferin-
nen, Freiwillige und einen Arzt. Nach dem Abklingen
der Ruhr-Epidemie musste eine schreckliche Bilanz
gezogen werden. An der Ruhr bzw. der Cholera star-
ben in Lisdorf 56 Menschen, darunter 13 Schulkinder
und 36 Kinder unter 6 Jahren. Am 7. April 1915 wur-
den die Notlazarette geschlossen. Frau John, die sich
selbstlos seit dem Sommer 1914 zunächst um verletzte
deutsche Frontsoldaten und ab Sommer 1915 um die
zahlreichen Ruhr-Patienten gekümmert hatte, infizierte
sich dabei selbst und starb einen Monat später an den
Folgen der Ruhr. Ihr Grab befindet sich noch heute auf
dem Alten Friedhof in der Gatterstraße in Saarlouis.
Die Pocken, auch Blattern genannt (lat.
variola)
Als Pocken oder Blattern bezeichnet man eine lebens-
bedrohliche Infektionskrankheit, die von Pockenviren
5
6
verursacht wird. Sie kann von Mensch zu Mensch
durch Tröpfcheninfektion beim Husten übertragen
werden. Eine überstandene Infektion gewährleistet
eine lebenslange Immunität. Die Inkubationszeit be-
trägt etwa 13 Tage. Zu Beginn der Erkrankung kommt
es zu Kopf- und Rückenschmerzen mit hohem Fieber,
Schüttelfrost und Rachenschmerzen. Nach 1 bis 5 Ta-
gen treten die typischen Hauterscheinungen auf: Rote
Flecken, Bläschen, Eiterbläschen, Verkrustung. Oft tritt
am 10. Krankheitstag der Tod ein. In schweren Fällen
können Sepsis, Erblindung, Taubheit, Lähmungen,
Hirnschäden sowie Lungenentzündungen auftreten.
Die Sterblichkeitsrate lag bei den bisher aufgetretenen
Pocken-Epidemien bei 30 %. Heute kann gegen die
Pocken geimpft werden. Eine abgeschwächte Form
der Pockeninfektion bei Schutzgeimpften nennt man
Variolois.
Pocken sind vermutlich schon seit Jahrtausenden
bekannt, und zwar fast weltweit. Nach Europa kamen
die Pocken wahrscheinlich 165 n. Chr. durch römische
Legionen. Im 6. Jahrhundert gab es hier die erste
große Epidemie. In Deutschland traten die letzten
großen Pockenepidemien 1870 und 1873 auf, die etwa
181.000 Menschenleben forderten. Daraufhin ist 1874
das Reichsimpfgesetz erlassen worden. 1970 gab es
eine Pockeninfektion in Meschede im Sauerland durch
einen deutschen Studenten, der aus Pakistan zurück-
gekehrt war. 21 Menschen erkrankten schwer, vier
verstarben. 1977 war in Somalia der letzte Pockenfall
aufgetreten. Seit 1980 hat die WHO die Welt für po-
ckenfrei erklärt.
Die Spanische Grippe gegen Ende des 1.
Weltkrieges (1918/19)
Sie wurde durch das Influenzavirus Subtyp A/H1/N1
verursacht. Diese sehr ansteckende Krankheit wurde
durch Tröpfcheninfektion übertragen. Sie weitete sich
damals zu einer Pandemie aus und forderte weltweit
bis zu 50 Millionen Opfer bei einer Sterblichkeitsra-
te von 5–10 %. Varianten dieses Virus verursachten
1977/78 den Ausbruch der Russischen Grippe und
2009 die„Schweinegrippe“-Pandemie. Die Asiatische
Grippe (1957) und die Honkong-Grippe (1968) waren
ebenfalls eine weitläufige Variante der Spanischen
Grippe. Sie hatte ihren Ursprung im mittleren Westen
der USA und nicht in Spanien. Am 22. Mai 1918 be-
richtete eine Madrider Zeitung als erste in Europa von
einer rätselhaften Krankheit mit großem Ausmaß. Die
Krankheit sei begleitet von starken Grippesymptomen
bis hin zur Lungenentzündung. Auch der spanische
König Alfons XIII sei daran erkrankt. Schon viele Todes-
fälle seien zu beklagen. Obwohl dieselbe Krankheit
in England, Frankreich, den Benelux-Staaten und in
Deutschland sowie in weiteren Ländern viel stärker
aufgetreten war, lief die Pressemeldung nur in Spani-
en. So kam diese Grippe-Erkrankung zu ihrem Namen.
Da Spanien nicht am 1. Weltkrieg beteiligt war, gab
es hier keine Pressezensur im Gegensatz zu den am
Krieg beteiligten Ländern. In drei Wellen schwappte
die Grippe um die Welt. Die erste kam im März 1918
aus den USA nach Westeuropa. Die zweite Welle traf im
November 1918 das Deutsche Reich und insbesondere
die Saargegend hart. Die dritte Welle 1919/20 verlief in
Deutschland nicht mehr ganz so schlimm.
Die Spanische Grippe hat nach H. Chr. Herrmann, Leiter
des Stadtarchivs Saarbrücken, im Zeitraum von 1918–
1920 weltweit mehr als 50 Millionen Opfer gefordert.
In Deutschland waren es etwa 430.000. In Saarbrücken
sollen 1918 mehr als 550 Menschen an der Spanischen
Grippe verstorben sein. In unserer näheren Heimat
waren zwischen 1918 und 1920 mehr als 1000 Opfer zu
beklagen, vor allem Kinder.
Für Lisdorf sind keine Todesfälle registriert. Nach
Aussagen meiner 1955 verstorbenen Großmutter Anna
Groß-Morguet sind damals in Lisdorf außergewöhnlich
viele Kinder und alte Leute an dieser Krankheit gestor-
ben. Eine mögliche Ursache für die vielen Todesopfer
ist auch die Tatsache, dass um 1918 herum an vielen
Orten die Spanische Grippe, Cholera und Ruhr gleich-
zeitig aufgetreten sind. Heute gibt es Impfschutz.
Bedrohlich wird der Verlauf der Spanischen Grippe,
wenn eine Lungenentzündung, Mittelohr- und Neben-
höhlenentzündungen oder eine bakterielle Zweitinfek-
tion hinzukommen. Aber auch hierfür stehen wirksame
Medikamente zur Verfügung.
Die jetzige Corona-Virus-Pandemie
Im Gegensatz zu den vorstehend beschriebenen Seu-
chen hat sich der Corona-Virus innerhalb kurzer Zeit
weltweit verbreitet. Kaum ein Land ist ausgenommen.
Das ist wohl eindeutig der fortschreitenden Globalisie-
rung und der weltweiten Verflechtung zuzuschreiben.
Corona – welcher Erreger ist das?
Seinen Namen trägt das Virus nach den charakteristi-
schen Fortsätzen auf seiner kugelförmigen Hülle. Es
handelt sich dabei um Membranproteine, sog. Spikes,
die mit dem Elektronenmikroskop sichtbar werden
und insgesamt wie eine Krone (lat. corona) aussehen.
6
7
Mit den Spikes dockt das Virus an die Oberfläche von
menschlichen Zellen an, bevorzugt an Lungenzellen.
Inzwischen ist wohl jedem das Aussehen des Virus
durch die laufende Berichterstattung in Presse und
Fernsehen bekannt.
Das Virus wird hauptsächlich über Tröpfchen übertra-
gen; von der Ansteckung bis zum Beginn der Erkran-
kung dauert es im Mittel fünf bis sechs Tage (Spann-
weite 1 bis 14 Tage). Die Übertragung erfolgt in der
Regel von Mensch zu Mensch, auch durch symptomfrei
Infizierte.
Zur Corona-Virusfamilie zählen die Erreger von SARS
(Schweres Akutes Atemwegssyndrom), MERS (Middle
East Respiratory Syndrome) und mehrere Erreger, die
Erkältungen und leichtere Atemwegserkrankungen
verursachen. Seit Februar 2020 trägt das Corona-Virus
den Namen SARS-CoV-2. Die durch den Erreger ver-
ursachte Atemwegserkrankung heißt Covid-19, eine
Kurzform für„Coronavirus disease“ und dem Jahr des
ersten Auftretens.
Wie befällt der Erreger menschliche
Zellen?
Nach derzeitiger Kenntnis bindet SARS-CoV-2 bevor-
zugt an eine bestimmte Andockstelle auf der Ober-
fläche menschlicher Zellen, den„ACE2-Rezeptor“. Er
kommt vor allem auf den Zellen von Lunge, Herz,
Darm, in der Niere und in den Blutgefäßen vor. Ameri-
kanische Wissenschaftler haben kürzlich gezeigt, dass
das neue Corona-Virus mit 10- bis 20-fach höherer
Affinität an den ACE2-Rezeptor bindet als seine Ver-
wandten, die Erreger von SARS und MERS. Das könnte
nach Ansicht der Forscher erklären, warum sich das
neue Corona-Virus so leicht von Mensch zu Mensch
verbreitet. Womöglich hat eine Genveränderung den
Erreger so modifiziert, dass er besser an menschliche
Zellen angepasst ist.
Wie gefährlich ist der Erreger?
Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) verläuft
eine Infektion mit Sars-CoV-2 in rund 80 Prozent der
Fälle mild und erzeugt leichte grippeähnliche Be-
schwerden. Die häufigsten Symptome sind Husten und
Fieber. Rund 14 Prozent der Infizierten müssen wegen
Atemnot und Lungenentzündung behandelt werden,
weitere 6 Prozent benötigen intensivmedizinische
Hilfe, etwa eine Beatmung.
Das Risiko einer schweren Erkrankung steigt laut RKI ab
einem Alter von 50 bis 60 Jahren stetig an. Insbesonde-
re ältere Menschen können – aufgrund eines weniger
flexibel reagierenden Immunsystems – nach einer
Infektion schwer erkranken. Unabhängig vom Alter
scheinen auch verschiedene Grundleiden wie Herz-
Kreislauf- und Atemwegserkrankungen oder Diabetes
das Risiko für einen schweren Verlauf zu erhöhen.
Dafür spricht auch der unlängst veröffentlichte Bericht
des italienischen Instituts für Gesundheit: Fast alle
Covid-19-Todesopfer in Italien waren vorerkrankt, viele
davon kardiovaskulär.
Schwere Verläufe sind auch bei Menschen ohne Vorer-
krankungen und bei jüngeren Patienten beobachtet
worden. Bei Kindern wurde bislang von keiner erhöh-
ten Gefährdung berichtet.
Perfide Zellpiraten
Viren sind klein und gemein, nicht viel mehr als ein
Stück Erbgut, um das eine Hülle aus Eiweiß gewickelt
ist. Sie sind hauptsächlich daran interessiert sich zu
vermehren und überbringen dabei meist schlechte
Nachrichten.„Es ist bisher kein Virus bekannt, das
Gutes bewirkt“, schrieb der Nobelpreisträger Peter
Medawar. Und das bedeutet auch sein Name, der von
lateinisch„virus“ – Schleim oder Gift – kommt. Dass
Viren krank machen, weiß man seit gerade einmal rund
100 Jahren. Seither kann man auch Viren von Bakterien
unterscheiden.
Viren sind die ältesten biologischen Elemente auf un-
serem Planeten – und mit Abstand die häufigsten: Es
gibt von ihnen mehr als Sterne am Himmel, rechnet die
renommierte Virologin Karin Mölling vor:„1033
Viren,
1031
Bakterien, nur 1025
Sterne und nur 1010
Menschen“.
Sie sind schlichtweg überall, selbst in unser Erbgut
haben Viren ihre Gene dauerhaft eingeschmuggelt.
Um sich zu vervielfältigen, sind Viren auf fremde Hilfe
angewiesen: Es sind Parasiten, zumeist spezialisiert
auf einen bestimmten„Wirt“. Sie entern ausgewählte
Zellen, zwingen ihnen ihr Vermehrungsprogramm auf
und lassen sich von den manipulierten zellulären Pro-
duktionsstätten neu zusammenbauen. Die in großer
Zahl entstandenen viralen Neulinge fallen über weitere
Zellen her. Viren sind zudem Meister der genetischen
Verwandlung: Mit ihrer Mutationsrate kann es kein
Lebewesen aufnehmen – und manchmal ist eine win-
zige Veränderung darunter, die einen vergleichsweise
harmlosen Virusvertreter für Menschen gefährlich
macht.
Erreger, die es schaffen, vom Tier auf den Menschen
überzugehen, sind bis heute die häufigste Ursache
von Infektionskrankheiten. Der Fachmann spricht von
„Zoonosen“. Ein zoonotischer Erreger ist auch das neue
Corona-Virus. Es hat seinen Ursprung vermutlich in
Wildtieren. Auch seine Verwandten, das SARS- und das
MERS-Corona-Virus, die 2002/2003 und 2012 für Aufse-
hen – aber nicht für eine Pandemie – sorgten, wechsel-
ten vom Tier auf den Menschen.
Wann wird es einen Impfstoff oder Medi-
kamente gegen das neue Corona-Virus
geben?
Laut Weltgesundheitsorganisation sind weltweit 41
7
8
Impfstoffprojekte angelaufen. Als am weitesten fort-
geschritten gelten neuartige„MRNA-Impfstoffe“: sie
sollen das Immunsystem darauf trainieren, Antikörper
herzustellen, die das virale Spike-Protein aufspüren
und ausschalten und das Virus so daran hindern, in
Zellen einzudringen. Dass Impfungen bereits im Jahr
2020 verfügbar sind, erachten Experten jedoch als
unwahrscheinlich.
Medikamente zur Behandlung bereits Infizierter könn-
te es womöglich früher geben. Derzeit werden Wirk-
stoffe, die schon gegen andere Krankheiten zugelassen
oder in Entwicklung sind, auf ihre Effekte gegen das
neuartige Corona-Virus getestet, darunter antivirale
Medikamente etwa gegen HIV, Ebola, Grippe oder He-
patitis, Immunbotenstoffe wie Interferon und Wirkstof-
fe gegen Lungenerkrankungen.
Die bei uns in Deutschland frühzeitig angeordne-
ten Schutzmaßnahmen und Einschränkungen des
gesamten öffentlichen und sozialen Lebens haben
glücklicherweise eine ungebremste Ausbreitung des
Corona-Virus verhindert und Menschenleben gerettet.
Trotzdem wird teilweise heftig dagegen protestiert.
Virologen, Bakteriologen, Epidemiologen, Pharma-
kologen und verantwortungsbewusste Politiker aller
Parteien warnen vor einer zu schnellen Lockerung
und Aufhebung der Schutzmaßnahmen und einem
dadurch begünstigten Ausbruch einer zweiten Infekti-
onswelle.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind
wir in Deutschland und insbesondere auch im Saarland
durch die frühzeitigen Maßnahmen bisher ziemlich
glimpflich davon gekommen. Zum Zeitpunkt dieser
Berichtsabfassung waren im Saarland bisher 2.714 Co-
rona-Infizierte festgestellt worden mit 165 Verstorbe-
nen. 2.492 Infizierte gelten als genesen und 57 als akut
infiziert. Im Landkreis Saarlouis waren es 542 gemelde-
te Fälle mit 23 Verstorbenen und 504 Genesenen sowie
15 akut Infizierten. Die genauen Fallzahlen für die Stadt
Saarlouis und für Lisdorf waren nicht zu erfahren.
Ein Vergleich der bisherigen Corona-Fallzahlen mit de-
nen früherer Seuchen in unserer Heimat zeigt, dass sie
wesentlich niedriger sind als damals, obwohl derzeit
weder ein Impfstoff noch eindeutig nachweisbar wirk-
same Medikamente zur Verfügung stehen. Dies ist dem
medizinischen Fortschritt allgemein und den frühzeitig
eingeleiteten Maßnahmen zu verdanken.
Einschränkungen und Verbote wegen
Corona retteten hunderttausende Leben
Forscher der Saar-Universität haben die Wirkung von
Maßnahmen gegen das Corona-Virus analysiert und
warnen vor einer ungebremsten Ausbreitung. Die
Corona-Beschränkungen haben allein im Saarland
tausenden Menschen das Leben gerettet, so Prof. Lehr.
Der Pharmazeut und Leiter der AG vom Lehrstuhl für
klinische Pharmazie der Saar-Uni hat ein Simulations-
programm entwickelt, das die Verbreitung des Virus
bis zur Entwicklung einer Impfung berechnet. Auf der
Basis von Covid-19-Daten aus 250 Krankenhäusern in
ganz Deutschland hat er hochgerechnet, wie sich die
Zahl der Erkrankungen nach der Lockerung der Be-
schränkungen entwickelt. Er kommt zu dem Ergebnis,
dass bei einer völlig ungebremsten Ausbreitung allein
im Saarland bis zu 60.0000 Todesfälle zu befürchten
wären. Die starken Beschränkungen im gesamten sozi-
alen Leben werden von den Wissenschaftlern der Saar-
Uni zwar als sehr schmerzhaft, aber als absolut wirk-
sam angesehen. Die bundesweiten Schulschließungen
Mitte März hätten die Verbreitung des Virus entschei-
dend gebremst. Ebenso hätten sich die Kontaktbe-
schränkungen und Verbote als sehr wirksam erwiesen.
Der derzeitige Reproduktionsfaktor (R-Faktor) im Saar-
land liege mit 0,4 – 0,6 deutlich unter dem kritischen
Wert von 1. Bei unverändertem Wert geht die Prognose
der Saar-Uni davon aus, dass es bis zum 14. Juni 2020
2.800 Corona-Betroffene im Saarland gibt, davon 2.600
Genesene, wobei derzeit unklar ist, welche gesundheit-
liche Langzeitschäden diesen drohen.
Nach dem Abklingen der„alles in allem“ bei uns noch
ziemlich glimpflich verlaufenden Corona-Pandemie
bleibt zu hoffen, dass wir künftig noch besser auf
kommende Pandemien vorbereitet sein werden. Denn
die„Geißel der Menschheit“ bekommen wir nicht los.
Auch das zeigt uns dieser Rückblick. Und die weltweite
Verflechtung, die Globalisierung, schreitet in der Zeit
nach Corona weiter fort.
Da dieser Bericht wohl etwa 1 Monat nach seiner
Abfassung im Lisdorfer Heimatblatt veröffentlicht wird,
sind einige Daten und Ausführungen dann möglicher-
weise nicht mehr aktuell. (hg)
Die Abfassung dieses Berichts habe ich mit meinem
Sohn und VHL-Mitglied Dr. med. Torsten Groß, Internist
und Pneumologe, OA im Klinikzentrum Westerstede,
NS abgestimmt.
Literaturnachweis:
Michael Tritz: Geschichte der Abtei Wadgassen
Der Neue Brockhaus
Johann Goergen: Lisdorfer Ortsgeschichte
Arnt Finkenberg: Lisdorf von der Steinzeit bis zur Gegenwart (1996)
Zeitschrift„Herz heute“ Nr. 2/20
Verschiedene SZ-Berichte
8
9
Zoonosen heißen die Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den
Menschen – oder umgekehrt – überspringen, und ihre Zahl nimmt
seit Jahrzehnten zu. Auch das neuartige Coronavirus ist vermutlich
Ende 2019 auf einem Fisch- und Geflügelmarkt im chinesischen
Wuhan von einem Tier auf den Menschen übertragen worden.
Vor allem Fledertiere, also Fledermäuse und Flughunde, sind
wahre Virenreservoire. Mehr als 3.200 Coronavirusarten wurden
bei ihnen inzwischen entdeckt. Die Fledertiere selbst haben kein
Coronaproblem. Ihr effektives Immunsystem garantiert, dass sie
von Krankheiten verschont bleiben. Gefährlicher Nebeneffekt: die
Viren vermehren sich in Fledertieren mit steigender Geschwin-
digkeit, verändern sich permanent – und werden somit immer
gefährlicher für andere Arten, die über ein weniger ausgeprägtes Immunsystem verfügen. In der Regel wird das Virus
nicht direkt von der Fledermaus auf den Menschen übertragen. In Wuhan etwa könnte es, so die Vermutung vieler
Wissenschaftler, über einen Zwischenwirt, ein Schuppentier höchstwahrscheinlich, auf den Menschen übergesprun-
gen sein.
Trotzdem Nützlich
Wer Fledermäuse nun als gefährliche Schädlinge abstempelt, liegt jedoch falsch. Zum einen, weil längst nicht alle
der rund 1.300 Arten Coronaviren in sich tragen. Zum anderen, weil die Fledertiere in vielen Ökosystemen eine wich-
tige Rolle spielen. So sorgen sie zum Beispiel für den Schutz des Baum- und Pflanzenbestands, indem sie Schädlinge
fressen, ihr Kot wird als Dünger genutzt und in den Tropen bestäuben sie Pflanzen (MMF)
Aus Corona Spezial folio 2 / Mai 2020
Viruswissen
Virenreservoir Fledermaus
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Saarlandes.
Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Arbeit.
Nehmen Sie doch einfach Kontakt zu uns auf
heimatkunde@lisdorf.de
oder Tel. 06831 - 764672
10
Durch das Coronavirus waren meine Eltern sehr viel
mehr zuhause.
Das fand ich eigentlich sehr schön.
Wir haben zusammen Modelle gebaut und uns amü-
siert.
Ich konnte mich leider auch nicht mehr mit Freunden
treffen. Das geht jetzt ja wieder. Solange es nicht ging,
haben wir viel Videochat über das Internet gemacht.
Z. B. haben wir zusammen gekocht, und dabei den
Videochat laufen lassen. Das hat sich fast angefühlt, als
wären wir alle wirklich zusammen. Mein Freund Jonah
hatte an Karfreitag Geburtstag. Ich durfte wegen der
Konnaktsperre nicht zu ihm rein, sondern habe ihm
von der anderen Straßenseite aus gratuliert.
Ich fand es auch sehr schade, dass ich Ostern nicht mit
der ganzen Familie feiern konnte, sondern sie nur im
Garten sehen konnte. Meine Großeltern habe ich über-
haupt sehr vermisst.
Leider durfte ich nicht mehr in die Schule gehen, son-
dern habe homeschooling gemacht.
Wir haben Arbeitspläne und -materialen als E-Mail
bekommen, für jeden Tag verschiedene Aufgaben. Die
Aufgaben, die wir gemacht haben, haben wir abge-
hakt. Unsere Lehrerin hat uns jede Woche einen Brief
geschrieben.
Die Schule ist im Juni wieder angegangen, allerdings
habe ich immer nur 4 Stunden, und das auch nur alle
zwei Wochen.
Wenn wir in die Schule kommen, dann sind für die ver-
schiedenen Klassen Eingänge abgeteilt. Wenn wir dann
auf dem Schulhof sind, müssen sich alle an Hütchen
aufstellen. Der erste darf rein, man wartet bis der sich
die Hände gewaschen hat und auf seinem Platz sitzt.
Dann darf der nächste rein usw..
Wenn wir von unserem Platz aufstehen, müssen wir
direkt die Maske anziehen. Auf dem Platz müssen
wir sie nicht tragen. Wenn allerdings einer nicht auf
seinem Platz sitzt, müssen wir sie allerdings anhaben.
Alle Klassen haben verschiedene Pausenplätze und zu
anderen Zeiten Pause.
Leider ist auch das Handballtraining flach gefallen.
Um allerdings weiter Sport zu treiben, habe ich mir
Hanteln besorgt. Ich habe auch sehr viel Sport im Gar-
ten getrieben, und bin froh, dass ich einen so großen
Garten habe.
Bis Mai habe ich Klavierunterricht über Skype gehabt.
Nun kommt mein Klavierlehrer wieder zu uns nach
Hause.
An dem Tag, an dem wir erfahren haben, dass dies
unser letzter Schultag ist, haben wir zugleich erfahren,
dass unsere Kommunion ausfällt; das war schon ein
ziemlicher Schock nach 3 Jahren Planung. Wir haben
jetzt erfahren, dass die Kommunion in Kleingruppen
erfolgen soll. Meine Kommunion ist z. B. am 1. August
und zwar in der schönen Lisdorfer Pfarrkirche. Wir
haben in allerletzter Sekunde noch meinen Anzug
umgetauscht, da er mir an der Kommunion nicht mehr
gepasst hätte. Ich hoffe jetzt, dass ich auch an dem
neuen Termin mit meinen besten Freunden zur Kom-
munion gehen darf.
Corona - wohl das beherrschende Thema des Jahres 2020
Wir haben uns gefragt, wie kommen die Lisdorfer durch diese Zeit? Wie erleben verschiedene Generationen die
Einschränkungen und Vorgaben unserer Regierung? Was bestimmt, bewegt, verändert unseren Alltag? Im Folgenden
lassen wir drei Stimmen aus völlig unterschiedlichen Lebensbereichen zu Wort kommen, die von ihrem Weg durch
die Corona-Zeit berichten.
Paul Flasche, 10 Jahre
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Corona-Zeit – verlorene Zeit?
Von meiner Situation ausgehend betrachtet, d. h. im
normalen Alltag macht sich immer mehr die dem Alter
geschuldete Immobilität bemerkbar, bin ich nun auch
Teil der so genannten Risikogruppe. Ohnehin fällt es
mir mit meinen Wehwehchen schwer, an verschie-
denen Aktivitäten teilzunehmen, nun kommt aber
die Verordnung dazu, nicht außer Haus zu können.
Es fühlt sich ein bisschen an wie eingesperrt sein. In
Anbetracht der begrenzten Lebenszeit, die noch vor
uns liegt, könnte da schon der Gedanke an verlorene
Lebenszeit aufkommen.
Der verordnete Verzicht auf einige Annehmlichkeiten,
z. B. mittwochs der Besuch der Chorprobe des Kirchen-
chores, samstags der Gang in die Vorabendmesse in
unserer Kirche, danach evtl. ein kleiner Plausch mit
Bekannten vor der Kirche fällt durchaus schwer. Auch
das Frühstückstreffen mit Freunden muss ich mir versa-
gen. Und da kommen dann wieder die Überlegungen,
ob das alles verloren ist, oder ob es mir irgendwann
wieder vergönnt sein wird, diese Treffen und Gesprä-
che nachzuholen.
Trotz allem weiß ich, dass diese Einschränkungen sein
müssen und gerade für die dem höheren Risiko aus-
gesetzten nicht aus Willkür passieren. Ich sehe es als
Fürsorge und Schutz der Verantwortlichen an und bin
dankbar dafür.
Trotz aller Unannehmlichkeiten fühle ich mich doch
gut versorgt. Meine Kinder sorgen dafür, dass ich nicht
verhungern muss und auch keine Langeweile entsteht.
Handarbeiten, d. h. stricken und häkeln, sowie lesen,
und Musik hören sind sowieso feste Bestandteile mei-
ner Tagesgestaltung.
Es mussten schon ärgere Zeiten durchstanden werden.
Da war die Sorge ums tägliche Überleben der beherr-
schende Gedanke, weil es keine Lebensmittel gab.
Eine Kommunikation mit den Liebsten, die irgendwo
in der Welt für dubiose Ziele ihr Leben riskieren muss-
ten, war nicht möglich. Alle Dramen der Kriegsjahre
aufzuzählen erübrigt sich. Das kann man alles in den
Geschichtsbüchern nachlesen.
Werden wir doch angesichts dessen ein bisschen de-
mütiger und vertrauen wir auf eine gute Wissenschaft,
die sich doch täglich bemüht, die Lage zu entspannen
und unser Leben wieder in normale Bahnen zu führen.
Manches fällt uns schwer zu akzeptieren. Unser Gott-
vertrauen sollte doch so stark sein, dass wir die uns
verbleibende Lebenszeit ohne Angst und Schrecken in
Ruhe und Frieden genießen dürfen.
Ein wenig mehr Gottvertrauen – das wünsche ich auch
unserer oft so ungeduldigen Jugend.
Was Corona mit Corona mit uns macht!?
Ab ins Homeoffice!
19 .März 2020 am Vormittag passiert es: ich werde ins
Büro meines Chefs gerufen.
Ich bekomme die Anweisung umgehend alles, was
ich zum Arbeiten benötige, zusammen zu packen und
nach Hause zu fahren. Als Erste unseres Teams muss ich
ab sofort von zu Hause aus arbeiten. Zuhause arbeiten
dürfen, hätte mich früher vielleicht gefreut. Aber an
diesem 19. März 2020 ist mir schlagartig nach Weinen
zumute. Ich gehe zurück in mein Büro, begleitet von
meinem Chef und es findet eine Teambesprechung
statt, in der verkündet wird, dass ich nun als Erste ab
ins Homeoffice darf/muss. Wie es für alle weitergehen
wird, weiß man nicht. Nach der Verkündung packe ich
also alles brav zusammen. Ordner mit Unterlagen, Mo-
nitore, Tacker, Locher, Stifte; Rechenmaschine, Bücher,
einfach alles.
Kolleginnen schaffen Kisten herbei, damit ich alles un-
terbekomme. Es ist wie Ausziehen und fühlt sich an wie
Abschied! Abschied in eine ungewisse Zeit! Ich muss
Martha Müller
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mich sehr beherrschen, nicht die Fassung zu verlieren.
Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf.
Von jeder einzelnen Kollegin verabschiede ich mich
nochmal und wünsche allen, dass sie gut durch die
Zeit kommen und vor allem gesund bleiben! In diesem
Moment sitzt die Angst um unsere Gesundheit wie ein
Elefant auf meinen Schultern!
Mit diesem Elefant auf meinen Schultern und jeder
Menge Kisten geht’s zum Auto, noch einmal Winken
und dann geht’s ab ins Homeoffice.
Später erfahre ich, dass meine Kolleginnen nachdem
ich dann gefahren bin, erstmal ein paar Tränchen verlo-
ren haben. Was Corona mit uns macht!
Zuhause angekommen, wir kurzerhand der Essbe-
reich unserer Wohnküche in ein Büro umfunktioniert.
Ab diesem Zeitpunkt essen wir nur noch im Garten!
Soweit ok.
Nun sitze ich zuhause am Küchentischbüro mit mei-
nem Elefant auf der Schulter und arbeite daran, eine
Routine in den Alltag zu bringen. Routine in einen
Alltag zwischen Bett, Bad, Küchentisch und Garten.
Ich versuche einfach die Corona Krise auszusitzen, das
muss doch gehen !?
Es dauert nicht lange und es kommt wie erwartet: das
gesamte gesellschaftliche wie wirtschaftliche Leben
wird heruntergefahren. Die Worte Ausgangsbeschrän-
kung, Klopapier, Hefe und Hamsterkäufe beherrschen
unser Leben. Menschenleere Straßen, geschlossene
Geschäfte, Menschen mit Masken und Polizeistreifen
überall. Viele Särge sind im Fernsehen und in sonstigen
Medien zu sehen. Für mich alles irgendwie völlig unre-
alistisch. Nichts ist mehr wie es war – kein Stein steht
mehr auf dem andern – der Elefant aber, sitzt fest auf
der Schulter. Was Corona mit uns macht!
Nun sind 3 Monate vergangen und ich kann sagen, das
Aussitzen der Corona Krise habe ich dem Elefant über-
lassen, der mittlerweile nur noch auf dem Schreibtisch
sitzt und dem ich gelegentlich erlaube, sich auf meine
Schulter zu setzen.
Mit kleinen Erfolgen erarbeite ich mir eine neue Tages-
routine, die einem im Home Office die Balance zwi-
schen Selbstdisziplin und Selbstkontrolle abverlangt.
Selbstdisziplin im Hinblick darauf, im Home Office
nicht gänzlich in eine Lethargie zu verfallen und
Selbstkontrolle dahingehend, sich zuhause nicht zu
überfordern und das Maß an Leistungsfähigkeit zu
überschreiten.
Zur Überforderung im Home Office kommt es sehr
häufig deshalb, da immer noch das Vorurteil weit
verbreitet ist, dass im Home Office weniger gearbeitet
wird.
Eine Studie der Universität Stanford zeigt jedoch, dass
das Arbeitspensum im Home Office um 13% steigt.
Corona zeigt auf, dass Unternehmen leistungsfähig
bleiben, obwohl alle oder der überwiegende Teil der
Mitarbeiter im Home Office arbeiten. Etwas, was vor-
her vielerorts mit Misstrauen behaftet und unmöglich
war, zeigt sich nun als DIE Lösung!
Was Corona mit uns macht!
In meinen Augen regelt sich alles neu. Jede Zeit hatte
ihre Herausforderungen und Aufgaben. Corona ist
unsere Aufgabe!
Ich lerne, dass unter Umständen der beste Arbeitsplatz
nicht auf ewig garantiert ist, dass Menschen innerhalb
kurzer Zeit sehr schwer erkranken können, dass sich in
der Krise der Denunziant zeigt.
Gleichzeitig lerne ich aber auch zu entschleunigen ,
noch mehr zu wertschätzen und den Blick noch inten-
siver auf das Wesentliche zu richten.
Ich lerne den Elefant als Aufpasser und nicht als Last
zu sehen, denn ein gewisses Maß an Angst, Vorsicht,
Rücksicht und Güte erleichtert das Miteinander unge-
mein.
Was Corona mit uns macht!
Tanja Müller-Freichel
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Heldinnen der Nähmaschine
Lisdorfer Frauen folgen Aufruf und nähen Mund-Nasen-Schutze
Das Corona-Virus und seine Folgen sind aktuell in aller
Munde. Dazu gehört auch das vorgeschriebene Tragen
eines Mundschutzes. Dieses gilt beim Einkaufen oder
auch wenn man sich im öffentlichen Personennahver-
kehr (ÖPNV) bewegt.
Schon einige Wochen bevor das Bedecken von Mund
und Nase gesetzlich verfügt wurde, wirkten einige
Frauen aus Lisdorf dem sich schon früh anbahnen-
den Engpass bei der flächenmäßigen Versorgung mit
Masken entgegen. Auslöser waren zum einen Anfragen
von Familie und Freunden, ob sie denn vielleicht ein
paar Masken nähen könnten. Auch für die Feuerwehr
Saarlouis, Löschbezirk Lisdorf waren sie im Einsatz, die-
se Masken wurden auch mit liebevoll gestickten Logos
versehen.
Zum anderen hat unser Kaplan Heiko Marquardsen
über den Pfarrgemeinderat zum Nähen von Mund-
und Nasenmasken aufgerufen. In unserer Pfarrkirche
wurde eine Sammelbox aufgestellt, in die die anony-
men Näherinnen ihre Werke ablegen konnten. Diese
Initiative hat insgesamt knapp 1000 Masken zusam-
mengebracht. Diese konnte Kaplan Marquardsen
auf dem Landratsamt abgeben, von wo aus sie dann
sinnvoll verteilt wurden.
Stoff hatten Heike Groß, Christine Hawner, Elisabeth
Jacob, Alexia Bernard und viele andere Helfer noch aus
eigenen Beständen. Schwieriger wurde es bei der Be-
schaffung des notwendigen Gummis. Diesen kauften
sie, solange es ihn dort noch gab, in den Geschäften
ein. Es wurde dann aber wirklich immer schwieriger
Gummi noch käuflich zu erwerben. Zum Glück kamen
ab und an noch Spenden aus privaten Beständen.
Schnell sprach sich die Aktion herum und es kamen
Anfragen aus den eigenen Familien, dem Verwandten-
und Bekanntenkreis, aber auch von anderen Perso-
nen, die mitbekommen hatten, dass in Lisdorf fleißig
genäht wird. Insgesamt hat das Damen-Quartett nun
schon insgesamt weit über 4000 Masken hergestellt.
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Leider waren bei dieser Anzahl der Stoff-und Gummi-
verbrauch immens gestiegen und nicht mehr alleine
zu finanzieren. Deshalb brachten einige Abnehmer der
Masken Stoff und Gummispenden. Auch Nähnadeln
und anderes Nähmaterial kam bei den Näherinnen
dankend an. Ganz besonders freuten sich die fleißigen
Nähbienen über Blumen oder auch ein schokoladenes
Dankeschön.
So verbrachten die Damen über viele Wochen stun-
denlang an ihren Nähmaschinen und nähten ehren-
amtlich die heiß begehrten Mund-Nasen-Schutze.
Neben privaten Abnehmern gingen die Schutze an
Arztpraxen, Physiotherapie Praxen, Alten- und Seni-
orenheime, Krankenhäuser, Pflegeheime, Feuerwehr,
Banken, Pflegedienste, Kosmetikstudios, Friseuren, Kir-
chen, Landkreis Saarlouis, Stadt Saarlouis, Kindergär-
ten, Kältehilfe Saarbrücken, Alltagshelfer Saarbrücken.
Einige Masken gingen weit über den Landkreis hinaus,
wie nach Stuttgart, Frankfurt, Kassel, Staufenberg, Ber-
lin, Stralsund, Wiesbaden und andere Regionen. Aber
auch nach Frankreich und selbst in die USA gingen ein
paar der selbstgenähten Unikate.
Auch über Facebook verbreiten die Frauen ihre liebe-
voll genähten Kreationen und die Anfragen gingen
enorm in die Höhe. Um noch mehr Menschen den Zu-
gang zu den selbstgenähten Masken zu ermöglichen,
gründeten Heike und Alexia schließlich ihre eigene
Facebook Gruppe„Mund/Nasenmasken Kreis Saarlou-
is“. Diese ist zwar jetzt nicht mehr so aktiv, aber hin und
wieder kommen noch die eine oder andere Anfrage
herein.
Ehrenamtliches Engagement ist unverzichtbar und
wichtig. Ob Krise oder nicht, es stärkt den Zusammen-
halt der Gesellschaft!
Gerade in den schweren Stunden, wie beim Lock
Down, war es wichtig eine Aufgabe zu haben und
somit einen besonderen wichtigen Teil für die Gemein-
schaft beizutragen.
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Vor 100 Jahren wurde die Lothringerin von Papst
Benedikt XV heilig gesprochen
Von der Kirche als „Ketzerin und Hexe“ verurteilt,
starb sie mit 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen
(6.1.1412–30.5.1431)
Von Heiner Groß
Aus Anlass der Heiligsprechung von Jeanne d’Arc,
Johanna„Jungfrau von Orléans“ am 16. Mai 1920
Jeanne d’Arc –
die Heilige aus unserer Nachbarschaft
berichteten alle Zeitungen, so auch die Saarbrücker
Zeitung am 18. Mai 2020, über dieses Ereignis vor 100
Jahren und das Schicksal der späteren französischen
Nationalheldin. Jeanne d’Arc, die aus dem lothringi-
schen Dörfchen Domrémy-la-Pucelle südwestlich von
Nancy stammte, wurde am 30. Mai 1431 nach einem
Schauprozess von der Katholischen Kirche als Ketzerin
und Hexe verurteilt und auf einem Scheiterhaufen in
Rouen/Normandie verbrannt.
Bei der Lektüre des SZ-Artikels„Jeanne d’Arc nicht den
Rechten überlassen“ von Sophia Schülke bin ich sofort
an meine intensive Beschäftigung mit Jeanne d’Arc
während meines Studiums vor 56 Jahren erinnert wor-
den. Mein Professor für Betriebswirtschaftslehre fragte
mich, ob ich bereit sei, eine größere Exkursion meines
Studiensemesters nach Südwestdeutschland und El-
sass-Lothringen zu organisieren. Er selbst stammte aus
Ostpreußen und sprach perfekt Englisch und Russisch,
aber kein Wort Französisch. Da ich der einzige Saar-
länder des Semesters war und aus der„frankophilen“
Stadt Saarlouis stammte, nahm er an, dass ich perfekt
Französisch spräche. Also fuhr ich von Hannover-Hil-
desheim ins heimatliche Lisdorf und machte mich an
die Vorbereitungen für die Exkursion. Die Organisation
von Übernachtung, Verpflegung und Besichtigungen
für mehr als 60 Studenten an verschiedenen Orten
(Straßbourg, Colmar, Neuf-Brisach, Mulhouse, St.-Dié,
Epinal, Neufchâteau, Luneville, Nancy, Toul, Metz und
Verdun) dauerte mehr als eine Woche. Bei dieser Gele-
genheit wurde ich auch auf den Geburtsort der franzö-
sischen Nationalheldin hingewiesen. Also fuhr ich zum
Maire von Domrémy, der zu meiner Überraschung ein
gutes Elsässer-Deutsch sprach. Als französischer Soldat
war er einige Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft
gewesen auf einem Bauernhof in der Pfalz. Er war be-
geistert über unser Interesse an Jeanne d’Arc. Zunächst
führte er mich zu dem restaurierten Haus, in dem
Jeanne (Johanna) am 6. Januar 1412 als Tochter der
wohlhabenden Bauersleute Jacques Darc und Isabelle
Romée geboren wurde. Nach ihrer späteren Rehabili-
tierung wurden Jeanne und ihre Familie vom franzö-
sischen König Karl VII in den Adelstand erhoben mit
der Namensänderung d’Arc. Der Maire zeigte mir voller
Stolz drei Wappen über der Tür ihres Geburtshauses.
15
16
Das Wappen mit Schwert, Lilie und Krone wurde Jean-
ne von König Karl VII verliehen. Auf der linken Seite des
Hause gab es eine kleine Ausstellung mit Dokumen-
ten über das Leben von Jeanne d’Arc (Lichtbilder mit
deutschen Erklärungen). Dann zeigte mir der Maire
die Ortskirche St. Remy, in der Jeanne getauft worden
und zur Erstkommunion gegangen war. Danach fuhren
wir zur etwa 1,5 km entfernten Basilika Le Bois-Chenu,
die von 1881–1926 zu Ehren von Jeanne d’Arc erbaut
worden war genau an der Stelle, wo sie von 1425 bis
1428 die„himmlischen Stimmen“ gehört hatte. Das
Innere dieser Kirche ist mit Malereien und Mosaiken
aus dem Leben der Jungfrau von Orléans (franz.:
Pucelle d’Orléans) geschmückt. Unter dieser Bezeich-
nung wurde Jeanne weltberühmt. Mein kurzer Besuch
in Domrémy-la-Pucelle fand seinen Abschluss mit der
Besichtigung der Kapelle Notre-Dame oberhalb des
Nachbarortes Greux, in der Jeanne gelobt haben soll,
Frankreich vom Joch der englischen Besetzer zu befrei-
en. Der überaus freundliche Maire verabschiedete mich
mit der Zusage, unsere Studentengruppe im Sommer
1964 gern durch die Sehenswürdigkeiten zu führen.
Er empfahl mir auf meiner Rückreise den Besuch der
Kleinstadt Vaucouleurs, wenige Kilometer nördlich von
Domrémy. Von hier sei Jeanne im Jahre 1429 aufge-
brochen zum französischen König Karl VII nach Chinon
an der Loire mit ihrer überirdischen Bestimmung und
Weisung, die Engländer aus Orléans zu vertreiben.
Am Burgtor„Porte de France“ sowie in der Krypta der
Schlosskapelle mit einer einzigartigen Darstellung aus
virtuellen Bildern und historischer Nachstellung in Vau-
couleurs könne die Geschichte Frankreichs erlebbar
gemacht werden.
Bei den Verwaltungen der französischen Departements
Vosges in Epinal, Meuse in Bar-le-Duc und Meurthe-et-
Moselle in Nancy sowie beim Fachbereich Geschichte
der Universität Nancy holte ich mir weitere Informatio-
nen ein, die allerdings wegen Sprachproblemen nicht
besonders ergiebig waren.
Die Vorbereitungen für diese eineinhalbwöchige
Exkursion, davon gut eine Woche in Elsass-Lothringen
mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft, Gemüse- und
Weinbau, haben meine gesamten Semesterferien in
Anspruch genommen. Während unserer Exkursion
nach Abschluss des Sommersemesters 1964 widmeten
wir uns einen ganzen Tag Jeanne d’Arc in ihrem Ge-
burtsort Domrémy-la-Pucelle und der benachbarten
Kleinstadt Vaucouleurs. Wie versprochen, begleitete
uns der Maire von Domrémy den ganzen Tag. Er arran-
gierte auch ein Treffen mit dem Maire von Vaucouleurs
und engagierte zudem einen Historiker der Universi-
tät Nancy, der perfekt Deutsch sprach. Anschließend
wurden wir zu einem üppigen Mittagessen eingeladen,
das als französisch-deutsches Freundschaftsessen
deklariert wurde. In den Essenspausen referierte der
Geschichtsprofessor der Uni Nancy über Jeanne d’Arc.
Wir waren auf das Angenehmste überrascht über die
großzügige Gastfreundschaft der Franzosen.
Der Geburtsort von Jeanne d’Arc im nahen Lothringen
an der Grenze zum Elsass und am Fluss Maas gelegen,
ist nur eine gute Autostunde von Lisdorf entfernt. Zu
meiner Schulzeit stand die Geschichte der Jungfrau
von Orléans auf jedem Lehrplan sowohl im Heimatkun-
de- als auch im Geschichts- und sogar im Religionsun-
terricht. Man hat sie damals als Heldin und Heilige aus
unserer Region verehrt. In unserer heutigen Saar-Lor-
Lux-Region gilt sie nur noch in Lothringen als Heilige
und Nationalheldin.
Da sich im Mai 2020 ihr Todestag (30.5.1431 in Rouen)
zum 589. Mal wie auch ihre Heiligsprechung (16.5.1920
in Rom) zum 100. Mal jährt, wird in diesem Heimat-
kundeheft Johanna von Orléans ein breiter Raum
gewidmet. Sowohl in der Literatur als auch im Theater
(Komisches Epos von Voltaire/1739, Trauerspiel von
Schiller/1802, Schauspiel von Shaw/1924, Oratorium
von Honegger/1934) wurde Jeanne d’Arc verewigt. Sie
ist heute die berühmteste Frauengestalt Frankreichs
und gehört zu den bekanntesten Frauen der Weltge-
schichte. In den Büchern„Große Frauen der Weltge-
schichte“ und„Das große Buch der Heiligen-Geschichte
und Legende im Jahreslauf“ wird sie eingehend
gewürdigt.
Politische Instrumentalisierungen begleiten Jeanne
d’Arc durch die Jahrhunderte bis heute. So betonten
katholische Monarchisten ihre tiefe Frömmigkeit und
ihre Nähe zur Jungfrau Maria. Antiklerikale und Re-
publikaner unterstrichen ihren Mut gegenüber der
Obrigkeit, ihre Liebe zu Frankreich und ihre einfache
Herkunft. Im 2. Weltkrieg versuchten sowohl der fran-
zösische Widerstand (die Resistance) als auch das mit
den Nazis paktierende Vichy-Regime ihren Mythos für
sich zu vereinnahmen. Jean-Marie Le Pen und seine
Tochter Marine Le Pen legen jedes Jahr am 1. Mai einen
Kranz vor der Jeanne d’Arc-Statue auf der Place des Py-
ramides in Paris nieder. Politiker der Mitte in Frankreich
überlassen Jeanne d’Arc jedoch nicht den Rechten.
Der ehemalige Staatspräsident Nikolas Sarkozy be-
16
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suchte anlässlich des 600. Jahrestages ihrer Geburt im
Jahr 2012 Domrémy und erinnerte an sie, ebenso wie
jüngst Emmanuel Macron, in seiner Rede. 1979 hatte
der damalige Staatspräsident Valery Giscard d’Estaing
die Johanna-Kirche in Rouen eingeweiht.
Trotz der Heiligsprechung durch die Kirche am 16.
Mai 1920 tauchen immer wieder Veröffentlichungen
auf, die ihre Identität und Taten leugnen. Dabei sind
gerade in ihrem Seligsprechungsprozess 1909 und der
Heiligsprechung 1920 die notwendigen Unterlagen
(u.a. die vollständigen Akten aus dem Prozess gegen
Jeanne vor dem Kirchengericht in Rouen im Jahr 1431)
mit einer Gründlichkeit von den päpstlichen Gremien
in Rom betrieben worden, die keinen Zweifel lassen an
ihrer Integrität. Papst Benedikt XV hatte ausdrücklich
erklärt, dass über ihre prophetische Gabe, ihre katho-
lische Gesinnung, die Makellosigkeit ihrer Sitten sowie
ihre unbefleckte Jungfräulichkeit keinerlei Zweifel
bestehen.
Das Wirken von Jeanne d’Arc umfasst nur eine kurze
Zeitspanne. Als 17-jähriges Mädchen zog sie aus, um
das von den Engländern besetzte Frankreich zurück-
zuerobern. Nach mehreren Siegeszügen starb sie als
19-jährige auf dem Scheiterhaufen. Den 1849 veröf-
fentlichten und vollständig erhaltenen Prozessakten ist
Folgendes zu entnehmen:
Jeanne d’Arc wurde 1412 als Bauerstochter im Dorf
Domrémy in Lothringen geboren. Von früher Kindheit
an musste sie im Stall, im Garten und auf dem Feld
mitarbeiten. Eine schulische Ausbildung gab es nicht.
Daher konnte sie weder lesen noch schreiben. Sie war
fromm, jedoch ohne Überspanntheit. Fröhlichen Ge-
müts nahm sie an den Dorffesten teil. Zeugen gaben
später zu Protokoll, sie sei weder abergläubisch gewe-
sen noch habe sie einen Hang zum Übernatürlichen
gehabt. Eines Tages, Johanna war 13 Jahre alt, vernahm
sie im Garten ihres Elternhauses eine helle Stimme.
Sie sah zunächst nichts, denn ein strahlendes Licht
blendete sie. Voll tiefen Erschreckens erkannte sie dann
eine überirdische Gestalt, die sich ihr als Erzengel Mi-
chael offenbarte. Er kündete ihr das Erscheinen der Hl.
Katharina und der Hl. Margaretha an. Und tatsächlich
erschienen diese himmlischen Gestalten bald darauf
und sprachen mit ihr. Johanna verfocht später vor dem
Strafgericht in Rouen die Wahrheit ihrer Visionen und
ging für sie in den Tod. „Alles, was ich getan habe, habe
ich auf Befehl der Stimmen getan.“ Sie beteuerte vor
den Richtern: „Ich habe sie mit meinen Augen gesehen
geradeso gut, wie ich euch jetzt vor mir sehe!“ Man wollte
ihr nicht glauben und hielt es für Vorspiegelungen
des Teufels. Alle psychologischen Erklärungsversuche
trafen für Johanna nicht zu. Sie war, wie urkundlich
bestätigt wurde, ein geistig und körperlich gesundes
Mädchen, eine nüchterne, aller Schwärmerei abholde
Natur. Unablässig forderten die Stimmen von Johan-
na, dem König von Frankreich zu Hilfe zu eilen und
das bedrängte Vaterland zu retten. Frankreich befand
sich damals bereits seit 90 Jahren in dem schwersten
Krieg seiner Geschichte und drohte, zum Vasallen-
staat England zu werden. Hungersnöte und Seuchen
breiteten sich aus, politische Gegensätze zerrissen
die Nation, der König war nicht einmal gekrönt. Der
englische Feind hatte die Stadt Orléans an der Loire
besetzt. Erschreckt lehnte die junge Johanna die an sie
gestellte Forderung ab. Wie sollte sie das vom Unter-
gang bedrohte Vaterland retten können? „Ich bin ja nur
ein armes Mädchen und verstehe nichts vom Reiten und
Kriegsführen.“ Johanna behielt ihr Geheimnis für sich
und suchte ganz allein, mit ihrer Berufung fertig zu
werden. König Karl VII war der einzige Mensch, dem sie
ihre Offenbarungen mitteilte. Selbst vor ihren späteren
Richtern äußerte sie sich nur andeutungsweise über
ihre Erscheinungen. Nachdem die himmlischen Mäch-
te sie jahrelang mit ihrer Sendung vertraut gemacht
und immer dringender zum Handeln gemahnt hatten,
konnte sich Johanna nicht mehr entziehen. Sie ver-
ließ als 17-Jährige ihr Elternhaus und machte sich auf
Befehl ihrer Stimmen an ihr schweres Werk. Die Stim-
men wiesen sie nach Vaucouleurs nördlich von Dom-
rémy. Von dem Kommandanten dieser Stadt wollte sie
ein Empfehlungsschreiben für ihren Weg zum König
haben. Es wurde ein Fehlschlag. Sie versuchte es im
Winter 1429 ein zweites Mal. Diesmal wurde es ihr
bewilligt. Dann stieg sie in männlicher Rüstung auf ein
Pferd, nachdem sie sich die Haare hatte kurz schneiden
lassen. Ihre Männerkleidung, die sie nun anlegte, war
für die damalige Zeit etwas Unerhörtes und später bei
Gericht einer der Hauptanklagepunkte. Jeanne ver-
teidigte sich,„Gott habe ihr die Tracht befohlen“. Sie
gelangte in Begleitung von zwei Rittern nach schweren
Hindernissen und Strapazen nach Chinon an der Loire,
wo sie sich sofort bei König Karl VII melden ließ. Nach
tagelangem Warten„trat sie in großer Demut vor den
König“. Völlig unbefangen verbeugte sie sich vor ihm
und sagte: „Ich werde die Jungfrau genannt und bin von
Gott gesandt, um dem Königreich und Euch Hilfe zu brin-
gen.“ Voller Bedenken hielt der unentschlossene König
die Wagemutige noch hin. Zunächst musste sie sich
auf ihre Unberührtheit untersuchen lassen, dann ein
theologisches Examen bestehen, wobei sie mit Mutter-
witz, Freimut und Unerschrockenheit antwortete. Man
fand nichts Verdächtiges an ihr. Nun endlich konnte
Johanna mit König Karls Genehmigung zu seinen
Truppen gehen. Sie teilte ihre Zeit zwischen Gebet und
Waffenübungen. Sofort hatte sie großen Einfluss auf
die Soldaten. Am 25. April 1430 brach das Heer nach
Orléans auf. Mit Schwert und Banner zog die Jungfrau
auf einem weißen Pferd in die bedrängte Stadt ein, die
seit Herbst 1428 von den Engländern besetzt war. Das
Volk geriet in einen Begeisterungstaumel. Die Feldher-
ren dagegen begegneten ihr mit sichtlicher Zurück-
haltung. Ohne strategische Kenntnisse und ohne eine
17
18
leitende Stellung im Heer zu haben, brachte Johanna
eine gewaltige Leistung zustande. Für sie war dieser
Krieg ein heiliger Krieg und sie weckte damit eine neue
Begeisterung beim französischen Heer. Ihre„Räte“
(Conseils) waren immer bei ihr. Mit der Jungfrau an der
Spitze gelang es, die Engländer zu besiegen und Or-
léans zu befreien. Nur mit einer kleinen Schar Freiwilli-
ger eroberte sie weitere Stellungen der Engländer und
der mit ihnen verbündeten Burgunder an der Loire und
befreite einen ansehnlichen Teil ihres Vaterlandes. An-
schließend geleitete sie ihren König Karl VII 1429 nach
Reims zur Krönung. Alle Könige Frankreichs waren in
der Kathedrale von Reims gekrönt worden. Damit hatte
sie das Werk, das ihr aufgetragen war, vollendet.
Nach Reims begann ihr schmerzlicher Niedergang.
Weitere Kämpfe waren weniger erfolgreich, Intrigen
und militärische Niederlagen schwächten ihre Stellung.
Der Glaube an ihre höhere Sendung wich allmählich
einem wachsenden Widerstand am Hofe von König
Karl VII. Ihre Gegner bezichtigten sie der Zauberei
und der Hexerei. Bei dem Befreiungsversuch von Paris
1430 unter ihrer Führung erlitten die Franzosen eine
schmerzliche Niederlage. Jeanne wurde am 23.5.1430
bei Compiègne von dem verfeindeten Herzog von Bur-
gund gefangengenommen, der sie gegen eine hohe
Summe an die Engländer auslieferte.
Der Ort Compiègne erlangte 488 Jahre später Be-
rühmtheit, da dort nach dem 1. Weltkrieg der Waf-
fenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland
unterzeichnet wurde. 22 Jahre später im 2. Weltkrieg
erfolgte dort die Kapitulation Frankreichs.
Nach der Gefangennahme der Jungfrau von Orléans,
wie sie seit der Befreiung Orléans genannt wurde,
brachte man sie nach Rouen, der Hauptstadt der
Normandie, die noch fest in englischer Hand war. Die
Engländer wandten sich an den engländerfreundlichen
Bischof von Beauvais. Dieser erklärte, das Mädchen
sei auf dem Gebiet seiner Diözese gefangen genom-
men worden und gehöre als Ketzerin und Hexe vor
ein kirchliches Inquisitionsgericht. Damit hatten die
Engländer ihr politisches Ziel erreicht, die Befreierin
Frankreichs als Hexe zu verurteilen. In einen Eisenkäfig
gesperrt, an Händen und Füßen gefesselt, musste sie in
der Gefangenschaft Furchtbares erdulden. Neun Mona-
te nach ihrer Gefangennahme wurde ihr am 21.2.1431
der Prozess gemacht. Dieser großangelegte Schaupro-
zess, dessen Ausgang vorbestimmt war, dauerte 3 Mo-
nate. Falsche Zeugen traten auf, andere wurden durch
Drohungen eingeschüchtert. Spitzfindige Theologen
versuchten, die relativ ungebildete Jungfrau in stun-
denlangen Verhören in die Enge zu treiben und sie der
Zauberei und des Aberglaubens zu überführen. Aber
es gelang ihnen nicht. Jeannes Antworten bezeugten
das Gegenteil. Ihr Gewissen sei rein und ihm müsse sie
folgen. In ihrer unerschütterlichen Haltung vor ihren
geistlichen Richtern bewies Jeanne eine noch größere
Tapferkeit als im Felde vor dem Feind. Trotzdem wurde
sie vom kirchlichen Inquisitionsgericht als Zauberin
und Ketzerin zum Tod auf dem Scheiterhaufen verur-
teilt. Am 30. Mai 1431 führte man sie morgens in aller
Frühe zur Richtstätte auf dem Marktplatz von Rouen.
Sie kniete nieder, betete, verzieh ihren Feinden und rief
noch aus Flammen, Gott habe sie wahrhaftig gesandt
und durch seine Heiligen zu ihr gesprochen. Unter
furchtbaren Schmerzensschreien endete das Leben
der19-Jährigen. Viele Beteiligte wurden noch am sel-
ben Tag von Reue gepackt. Der Sekretär des englischen
Königs rief aus:„Wir sind alle verloren, denn wir haben
eine unschuldige Heilige verbrannt!“ Wie es Jeanne
vorausgesagt hatte, wurden die Engländer nach ihrem
Tod vollständig aus Frankreich vertrieben. Nun bemüh-
te sich König Karl VII, ihre Ehre wieder herzustellen. Der
Papst ordnete eine Untersuchung über den Prozess
an. Dabei wurden die bösartigen Machenschaften
der geistlichen Richter enthüllt und festgestellt, dass
Jeanne, die Jungfrau von Orléans, unschuldig sterben
musste. Im Jahr 1456 wurde ihre Verurteilung kirchlich
aufgehoben. Von ihren Zeitgenossen wurde die Jung-
frau von Orléans verherrlicht. Fortan verehrte Frank-
reich seine Heldin wie eine Heilige, obwohl sie erst 6
Jahrhunderte später heilig gesprochen wurde. Heute
wird sie von der gesamten Christenheit verehrt.
In Rouen an der Seine, letzte Station von Jeanne d’Arc,
sind auch heute noch die Schauplätze von 1431 zu
besichtigen: zwei ihrer Gefängnisse – Orte der Demü-
tigung und kirchengerichtlichen Verhöre –, der Ge-
richtssaal im alten Bischofspalast und ihre Richtstätte
am Marktplatz. Ihre Asche wurde übrigens in die Seine
gestreut, um keine möglichen Reliquien zu hinter-
lassen. Rouen hat längst seinen Frieden mit seinem
berühmtesten Opfer gemacht. Auf der ehemaligen
Hinrichtungsstätte wurde die Johanna-Kirche errichtet
und 1979 vom französischen Staatspräsidenten Vale-
ry Giscard d’Estaing und kirchlichen Würdenträgern
eingeweiht. Seit 2015 ist der Bischofpalast nahe der
gotischen Kathedrale Heimstadt des„Historial Jeanne
d’Arc“, das mit modernster Projektionstechnik so sug-
gestiv wie informativ durch das kurze Leben und das
lange Nachwirken der Jungfrau von Orléans führt. Ihre
Seligsprechung und ihre Heiligsprechung durch Papst
Benedikt XV erfolgte auf gemeinsame Anregung der
Bischöfe von Orléans und Sainte-Dié-des-Vosges nach
1905.
Der Verfasser hofft, dass er unter der Leserschaft dieses
umfangreichen Artikels Interesse für Fahrten auf den
Spuren von Jeanne d’Arc nach Domrémy-la-Pucell im
nahen Lothringen und Vaucouleurs sowie Rouen in der
Normandie geweckt hat. Diese Exkursionen könnte der
Heimatkundeverein Lisdorf oder auch der Stadtver-
band der heimathistorischen Vereine Saarlouis organi-
sieren.
19
Text von August Balthasar und Monika Hanauer geb. Mül-
ler (beide Kinder aus „Em Ecken“
Fotos von Monika Hanauer und Berthold Nagel.
Früher hieß die Saarstraße im Oberdorf„Fährgasse“,
1940 hieß sie nach Umbenennung durch die Nazis Her-
mann-(Göring)-Straße, mit ein paar alten Häusern. Im
Festungsplan von Saarlouis aus dem Jahre 1753 ist sie
als Fährgasse eingezeichnet, mit vielen kleinen Garten-
parzellen, also Nutzgärten, an die man über schmale
Trampelpfade herankam, viele kleine Gässchen mit vie-
len Ecken, für die Dorfbewohner, die ihr diesen Namen
gaben, war es eben„Da Ecken“ oder„Em Ecken“, es war
auch die Fährgasse, die hinführte zum Ufer der Saar.
Bis zur Evakierung nach Thüringen im September 1939
bewohnte dieses Haus die Familie Bechtel. Irene Bla-
eses wohnte früher in der Saarstraße Nr. 1, wie bereits
berichtet. Sie wohnte mit ihren Eltern gegenüber der
Gastwirtschaft von Lorenz Kneip. Sie berichtet:„als
junges Mädchen konnte ich Ziehharmonika und Akkor-
deon spielen. Der„Emmes Pitt“ kam oft von der Wirt-
schaft gegenüber zu uns rüber und ich durfte dann
mit Einverständnis meiner Eltern im Gasthaus Lorenz
Kneip musizieren. Es wurde dabei auch viel gesungen,
viele Volkslieder wie zum Beispiel„das Wandern ist des
Müllers Lust – Lustig ist das Zigeunerleben – Beim Kro-
nenwirt – Wenn zwei gute Freude sind“ – usw.
Nach dem 1. Weltkrieg ist Peter Bechtel mit seiner
Familie aus dem Odenwald hierher nach Lisdorf in
das Haus an der Ecke Saarstrasse –„Schmitt-Schangs-
Großgässchen“ umgezogen, dies ist heute der Ver-
bindungsweg Saarstraße-Großstraße entlang der
ehemaligen Schmiede von Werner Amann (+2003).
Peter Bechtel kam im Zusammenhang mit dem Petro-
De Fährgass
- die heutige Saarstraße in Lisdorf
Eingang zur Hermann-Straße im Spätsommer 1940
Oben links im Bild das alte Haus am damals noch nicht „Freien
Platz“ ist das erste Haus links an Saarstrasse, Ecke Saarstrasse
– Schmidds Gässchen (gemeint ist die Schmiede-Gasse vor der
früheren Schmiede von Werner Amann (+) in der Großstrasse
77), im Vordergrund links ein Pfosten in der Vorgartenmauer.
Familie Bechtel:
Großvater Bechtel in der Eisenbahner-Uniform der Kleinbahn
Saarlouis, oben im Fenster 1. OG: Großmutter Bechtel mit ihrer
Enkelin Irene Günther, später verheiratete Bleses.
19
20
leum hierher. Im Stadtteil Saarlouis-Roden, in der Nähe
der jetzigen Oststraße am Güterbahnhof, befand sich
in dieser Zeit ein Petroleumlager mit einem großen
Tank. Das Petroleum wurde mittels Eisenbahntank-
wagen hierher gebracht. Großvater Peter Bechtel ist
dann mit seinem Pferdefuhrwerk, auf dem sich ein
Petroleumtank befand, in die Dörfer nach Lothringen
gefahren, welche noch kein elektrisches Licht hatten,
und versorgte dort diese Ortschaften mit Petroleum für
die Beleuchtung. Für die Lisdorfer Einwohner kam das
elektrische Licht vor 1911/12 in den Ort. Später hatte
dann der Großvater bei der Straßenbahngesellschaft,
der KRAVAG, Arbeit gefunden.„Wir waren damals gott-
selig arm“, sagte Irene Bleses geb. Günter zu mir. „Mein
Onkel Karl Günter war Bahnhofsvorsteher auf der
Kleinbahn Saarlouis“. Nach der Rückkehr aus der ersten
Evakuierung 1940 - 1941 konnte die Familie Bechtel
nicht wieder in ihr zwischenzeitlich zerstörtes Haus
zurück. Es wurde ihnen eine Wohnung in der Feldst-
rasse Nr. 52 zwangsweise zugewiesen; das beschädigte
Wohngebäude danach dem Erdboden gleich gemacht,
der Grund und Boden enteignet und das Anwesen für
wenig Geld entschädigt.
Irene Bleses war evangelisch und 2014 verstorben,
ihr Vater Willhelm Günter war katholisch. Er hatte sich
ein evangelisches Mädchen zur Frau genommen und
evangelisch geheiratet, da es zu dieser Zeit noch kirch-
lich verboten war, dass Menschen verschiedenen Glau-
bens untereinander heiraten durften. Nach der Heirat
hatte Dechant Spengler von der katholischen Pfarrei
Lisdorf sie in einem Brief an ihren Vater darauf hinge-
wiesen,„dass diese Heirat gleichbedeutend mit einer
schweren Sünde sei“, so berichtet Irene Bleses.
Die Evangelischen, das waren die„Bloo-Käpp“ – die
„blauen Häubchen als Kopfbedeckung“; sie wurden
so genannt, weil sie später nach der Reformationszeit
etwa ab dem 17. Jahrhundert blaue Mützen trugen.
Wir evangelischen Kinder waren in Lisdorf in der Min-
derheit, sozusagen in der Diaspora. Wir durften nicht
mit allen katholischen Kindern zusammen spielen und
mussten auch als Lisdorfer nach Saarlautern in die
Evangelische Schule gehen. Es kam die Zeit, als Adolf
Hitler begann, die Macht zu ergreifen; mit den Natio-
nalsozialisten kam auch die Gemeinschaftsschule. Alle
Schüler, gleich welchen Glaubens sie waren, kamen in
ein und dieselbe Klasse. Es war auch die Zeit 1935/36,
als alle Strassen umbenannt wurden. Die Saarstrasse
war jetzt die Hermannstraße geworden. Diese selbst-
erlebten Geschichten hat mir Irene Bleses geb. Günter
erzählt, die bis zur ersten Evakuierung im September
1939 bei ihren Eltern, bei ihrem Vater Wilhelm Günter,
in der Saarstraße wohnte.
Das andere Haus auf dem heutigen freien Platz stand
hinter Haus und Garten der„Bechtels“ und war das
Geschäftshaus„Spanier“. Das Geschäft hatte der Eigen-
tümer, Herr Spanier, nicht selbst geführt, sondern er
hatte es bis zum 2. Weltkrieg immer an andere Laden-
mieter verpachtet.
Im zweiten Weltkrieg, während der Evakuierung nach
Thüringen, wurde neben dem Haus der Fam. Bechtel
auch das Haus„Spanier“ im Auftrag der NSDAP (Hitlers
Nationalsozialistisch Deutscher Arbeiterpartei) absicht-
lich bis zur Unbewohnbarkeit zerstört, also nicht, wie
es sich immer noch fälschlich herumspricht, durch
Kriegeinwirkungen. Die beiden Häuser standen einer
Der frühere Consum-Laden J. Spanier. Das Bild auf einer Post-
karte hat Berthold Nagel dem Heimatkundeverein Lisdorf
freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Vor dem Haus der Familie Bechtel zur Großstrasse hin war ein
Nutzgarten. Im Bild auf der Bank im Garten Großvater und
Großmutter Bechtel mit Sohn und den beiden Töchtern. Im
Bildhintergrund rechts ist das Geschäftshaus Spanier in der Vor-
deransicht) zu erkennen. Im Bildhintergrund links sieht man die
Großstraße mit dem Bauernhaus der Landwirte Becker, später
Landwirt Both, rechts dahinter die frühere Schreinerei Johann
Freichel.
20
21
militärischen Nutzung des Platzes für Truppenaufmär-
sche oder Paraden im Wege.
Zuletzt war das Geschäft verpachtet an Rosel Weiss.
Ihr Mann Johann wurde damals im Stadtgarten (heute
Vauban-Insel) von einem Jugendlichen erschossen.
Frau Weiss bekam für den Verlust ihres Mannes keine
Rente und musste vier Kinder ernähren und groß-
ziehen. Die kleine Betty war damals fünf Jahre alt.
Mit dem Verkauf von Lebensmitteln und Kurzwaren
bestritt sie damals ihren Lebensunterhalt. Als die Kin-
der erwachsen waren, lebte Röschen Weiss zusammen
mit ihrer Tochter Betty, sie wurde 98 Jahre alt.
Mutter Rosel Weiss (Röschen) mit Ihren vier Kindern Betty, Mina,
Leo und Nickel.
Das VHL-Bilderrätsel
Wie gut kennen wir alle unsere Heimat - speziell unser Heimatdorf Lisdorf? Oft geht man durch die Straßen und
nimmt verschiedene Details gar nicht richtig wahr. Wir wollen in einer neuen Rubrik„Fotorätsel“ den Blick für diese
Details schärfen und dazu animieren, mit offenen Augen durchs Dorf zu gehen. Wir werden in den nächsten Ausga-
ben des Heimatblattes immer wieder Fotos aus den Straßen Lisdorfs veröffentlichen und unsere Leser um Lösung
des dazugehörigen Rätsels bitten.
Auf dem Bild sehen wir ein altes
Bauernhaus mit einem Heuboden.
Oben unter dem Dach befindet sich
der Aufzug mit dem man früher Heu
oder Stroh auf den Heuboden trans-
portiert hat. Dies geschah vor der
Erfindung der Elektrizität von Hand.
Mit einem Greifer wurden die Garben
nach oben gezogen und dann an ei-
ner Schiene nach innen zu ihrem La-
gerort gebracht. Man konnte durch
eine Öffnung auf dem Speicher dann
diese Vorräte nach unten werfen in
den Stall.
Jetzt unsere Frage: In welcher Straße in Lisdorf befindet sich dieser Heuaufzug?
Die Lösung bitte per Karte an: Verein für Heimatkunde Lisdorf, Im Fischerfeld 39, 66740 Saarlouis
oder per E-Mail: heimatkunde@lisdorf.de
Den Gewinner eines Mundartbuches geben wir in der nächsten Ausgabe bekannt.
Einsendeschluss 31. Oktober 2020.
22
Hochzeitskläädasch 		
von Marianne Faust	
Us Tantä Godä hat us fréija vazehlt wie et so woa,
Wenn de Leit no da Hochzeit loun gang senn voa 90 Joa.
De Leit wòren dò grad so voawätzich wie haut,
wievill Gäscht senn gelaad, wie häasch es de Braut.
Haufenweis senn Fraleit on Mädcha an de Kirch maschéijat,
de ganz Woch es jò ach sonscht neischt passéijat.
De Tantä saat :„ Et Ännä on et Aggat woren émma dabei,
die hòdden de Plan em Sack, met da Heiratarei.“
Wie dau woascht net no da Hochzeit loun, hädden se gesaat,
mia vazehlen da alles, haschde Zeit, dann hall dich parat.
Watt hodden die vill leit gelaad, et half Dorf,
on all hodden se sich en Schalä geworf.
De Braut, et Vroni woa wirklich scheen aan,
dògend konnten ma ealich neischt saan.
Et Klääd woa aus glänzija Atlasseid,
schwarz, bis off de Bòddem on en da Tall gereid.
Met Biesen on Fältcha, de Armen puffich gerafft,
da Ennarock woa aus schwarzem gewolktem Taft.
Schou bis an de Waden, met Schlengen on Knäppcha,
om Kraren am Klääd do wòren noch Schläppcha.
En scheenen weissen Schlaja of da Gretchesfrisur,
gekurwelt met Seidenbändcha on gletzrija Schnua.
Da Bräutigam met Frack on Zylinder, däa woa aach schnatz,
doch blaich wie en Kässchmäa woa da arm Matz.
Haut geht et em an de Kraren (dem Armen),
a hat ausgesinn, de konnscht dich abarmen.
Da Schang hòt en scheenen nauen Anzuch aan,
däa rändejat sich, et senn a jò noch hennendran.
Bei denen es däck noch Hochzeit em Haus,
dò geht em Pattmonä irjendwann da Òtem aus.
Ia Josefa hòt de Loui em Arm fo en de Kirch se treppeln,
mia männen, die wéllen se aach sesammen kneppeln.
De jong Mädcha hòdden Wolangen of de Klääda genäht,
on die Klänen met Zockawassa Locken gedräht.
Et Josefa on et Bertchin hòdden de Hòa onduliert,
on se met scheenen goldijen Klamman ganiert.
Ausgesinn hann se wie Ängelcha, ma männt se wären vareckt,
bei dem nauen Moden gefft äm jeda Spòkes of et Au gedreckt.
22
23
Aweil lòssen die sich vamm Hohmout strietzen,
jitz senn se nemmä sefridden met de Bietzen.
De Mama, et Gret hot en scheen schwarz Klääd,
met seidijem Gekurwels droff genäht.
En großen weißen Kraren ganz met Biesen,
et es offgedroot, wie et Asta Nielsen.
Em Fritzchin hädden kennten en nauen Anzuch kaafen,
däa hat ausgesinn, als gääf a memm Oschdaanzuch laafen.
Sea adrett on kabawel woa et Kättchin,
Met seim scheenen blóen Schagättchin.
Datt ent hòt en Schappo aan, awwa sei Klääd wóa mau,
äa hòt en Glatz, datt senn die vamm Gau.
Die vann Lautan wòren aach gelaad,
datt wòa däa mett dem zoddelijen Baat.
Da Adem, mem weißen Hemed on Manschettenknäpp,
sein Fraa hót en Klääd met a lanka Schläpp.
Aus Änschdroff wòren da Schòss on et Res‘chin,
datt hòt en schnillenen Blus mem Sches’chin.
Et Ännä on et Aggat wäsen alles, wenn et gilt,
die hallen de Ohren off, senn émma em Bild.
Se hann aach gemunkelt, dass bei da Braut äppes wäa,
se wäsen neischt, awwa se schwätzen gäa.
Se hòdden en Raasch, denn se wóren net gelaad,
dofoa hann se met stecheln aach net gespaat.
Us Tantä saat:„Die hòdden Meila wie et bees Geld,
awwa so Leit gefft et émma, denen wo neischt gefällt.“
(mf)
23
24
Historische Hochzeitsbilder aus de
Erhard Müller oo Maria Barthel
1930
Heinrich Müller oo Elisabeth Weisz
1935
Johann Barthel oo Maria Trockle
1905
Peter Steinmetz oo Anna Willkomm
1922
Peter Christiany oo 189
	 * 1864		
	 + 1911		
Peter Steinmetz oo 1
	 * 1899		
	 + 1970
25
em Archiv des Heimatkundevereins
97 Margarethe Schmitt
* 1971
+ 1968
1922 Anna Willkomm
* 1896
+ 1971
Johann Risler oo Gertrud Siegfried
	 * 1875		 * 1875
	 + 1955		 + 1953
Franz J. Konstroffer oo Maria Risler
	 * 1913		 * 1909
	 + 1981		 + 1983
Ludwig Amann oo Hilaria Amann
1949
Alfons Nicola oo Helena Breininger
	 * 1910		 * 1920
	 + 1994		 + 2013
Verfasser: Dr. Franz J. Klein
Obwohl die Kriegsfronten noch weit entfernt waren,
wurde der Raum‚Saarlautern‘ ab Mitte 1942 vermehrt
durch Kampf- und Bombenflugzeuge der RAF (briti-
sche Royal Air Force) und der USAAF (United States
Army Air Forces) angegriffen.
So wurden bei einem Luftangriff amerikanischer B-17
Bomber am Montag, dem 4. Oktober 1943 gegen 11.40
Uhr, 56 Menschen getötet und 118 zum Teil schwer
verletzt.
25 Maschinen der 390. Bomber-Gruppe hatten aus ca.
7.300 m Höhe etwa 400 Spreng- und Brandbomben
auf das Stadtgebiet und die Randbereiche abgeworfen.
Auch 4 Erwachsene und 3 Kinder aus Lisdorf kamen
ums Leben. Die Heimatforscherin Agnes Groß berichtet
in ihrer Chronik über die Kriegsopfer in Lisdorf (1), dass
die Getöteten zwischen 4 und 38 Jahre alt waren.
Der Luftkrieg, der von der deutschen Luftwaffe im
Herbst 1940 mit den Bombardements von London
und Industriestädten wie Manchaster, Portsmouth und
Coventry begonnen wurde (genannt:‚Luftschlacht um
England‘), erreichte mit seinem Schrecken auch die
einheimische Bevölkerung. So wie in vielen anderen
deutschen Städten wurden bei diesen schauerlichen
Bombenangriffen auch Teile unserer Region in Schutt
und Asche gelegt.
Wird die Gesamtzahl der Todesopfer innerhalb der eng-
lischen Zivilbevölkerung auf nahezu 43.000 geschätzt,
fielen dem Bombenkrieg der Alliierten über dem deut-
schen Reichsgebiet etwa 600.000 Zivilisten zum Opfer.
Über 20 Millionen Menschen waren in Mitleidenschaft
gezogen und verloren zum Teil ihr gesamtes Hab und
Gut.
Mehr als 2.700.000 Tonnen Bomben wurden abgewor-
fen. Etwa 160.000 alliierte Besatzungsmitglieder star-
ben oder gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Mehr als 40.000 ihrer Flugzeuge gingen verloren oder
waren, nach Rückkehr zu ihren Heimatflughäfen, nicht
mehr reparierbar. Auf deutscher Seite wurden über
Flugzeugabsturz auf der Holzmühle im
Jahr 1944
Der Luftkrieg versetzt die Menschen in Angst und Schrecken
Vor dem Trauerhaus in der Großstraße, Ecke Wolffstraße, sind
hier fünf Opfer des Fliegerangriffs vom 4. Oktober 1943 aufge-
bahrt: Johann Comtesse mit Tochter Maria sowie Agnes Nico-
las, geb. Schmitt, mit ihren Kindern Heinz und Helga.
Ihr Reihengrab wurde im Jahr 2015 eingeebnet. Den Grabstein
versetzte man anschließend zu den Gräbern der Lisdorfer Berg-
leute, die am 7. Februar 1962 beim Grubenunglück in Luisenthal
ums Leben kamen. Quelle: siehe (1),
26
Ein Jabo-Schwarm im Formationsflug. Die Republic P-47 „Thun-
derbolt“ war das schwerste und Amerikas meistgebautes einsit-
ziges Kampfflugzeug des 2. Weltkrieges (ca. 15.600 Maschinen).
Wikipedia ®, gemeinfrei
27
57.000 Flugzeuge verschiedener Muster im Luftkampf
oder auf der Erde zerstört. Die Verluste der deutschen
Fliegertruppe beziffern Militärhistoriker mit über
100.000 Mann.
Als Bilanz des Luftkrieges über dem Gebiet des heu-
tigen Saarlandes geht man von circa 200 Flugzeug-
abstürzen aus. Etwa 240 Besatzungsmitglieder der
Krieg führenden Nationen sind dabei gefallen. Andere
Quellen sprechen sogar von über 400 Gefallenen. Die
Zahl der getöteten Zivilisten schätzt man auf 2.300. Die
Erkenntnisse zu Flugzeugabstürzen im Saarland und
Teilen von Rheinland-Pfalz während des 2. Weltkrieges
zu dokumentieren ist Zielsetzung einer Arbeitsgruppe
von Forschern und ehrenamtlich arbeitenden Histori-
kern (2).
Vor allem im letzten Kriegsjahr suchte die Zivilbevölke-
rung wegen der erbarmungslosen Luftangriffe sowohl
am Tage (USAAF) als auch bei Nacht (RAF) Schutz in
Bunkern, Luftschutzkellern und Stollen.
Viele, mittlerweile zum Teil verstorbene Zeitzeugen
unseres Ortes, berichten in einer Chronik des VHL (3)
über die Geschehnisse und die eigenen Erlebnisse in
den Kriegsjahren.
Die 2014 verstorbene Mutter des Berichterstatters,
Rosa Rullang (später Klein-Rullang), war 1945 im
Frühsommer 18 Jahre alt. Mehrere Monate nach Kriegs-
ende erlebte sie bei der Kartoffelernte mit der Familie
auf dem Lisdorfer Berg, in der Nähe eines immer noch
verminten Feldes, Folgendes:„In einer Senke‚Auf dem
Pitzberg‘, in Verlängerung der ehemaligen Mülldepo-
nie, lag eine kleine amerikanische Aufklärungsma-
schine mit dem toten Flugzeugführer in der Kanzel.
Mein Vater meldete diesen Fund sofort, worauf das
Flugzeug mit der Leiche des Piloten geborgen wurde.“
Der heute 86 Jahre alte Lisdorfer Schuhmachermeister
Baldur Klein erzählt vom Absturz eines amerikanischen
Flugzeuges in der Nähe seines Elternhauses‚Auf der
Holzmühle‘ am Mittwoch, dem 4. Oktober 1944. Er
selbst (5. Kind der Familie) war zu diesem Zeitpunkt 10
Jahre alt. Die Familie, Aloys Klein mit Ehefrau Barbara
und den 8 Söhnen, hatte nach einem Fliegeralarm,
rechtzeitig Zuflucht im benachbarten, runden Gemein-
schaftsbunker gesucht, als die Maschine draußen zer-
schellte. So kam niemand an Leib und Leben zu Scha-
den. Das Wohnhaus war in Mitleidenschaft gezogen.
Die Absturzstelle, etwa 60 m - östlich - entfernt vom Wohnhaus
der Familie Aloys Klein. Das Elternhaus von Baldur Klein (ehe-
mals Flurstraße 8) musste Anfang der 1980er Jahre weichen,
als in diesem Bereich die Autobahn 620 weiter ausgebaut und
die Autobahnbrücke Warndtstraße - Holzmühler Straße neu
errichtet wurde. Archiv VHL, Bild aus Mitte der 1960er Jahre. -
Diese Hanglage ist im Laufe der Jahre jetzt völlig verbuscht und
bewaldet. - Lisdorfer Heimatblatt Nr. 8 (2005), Seite 31
28
Der brennende Teil des Dachstuhles konnte anschlie-
ßend mit eigenen Mitteln gelöscht werden.
Einige Wochen später war die Familie Klein nicht, wie
viele andere Lisdorfer, im Ort geblieben. Sie folgte der
behördlichen Anordnung (Gauleitung) und wurde,
vor der nahenden Front, am 26. November 1944 mit
der Reichsbahn auf einen Bauernhof in Geilsheim (ca.
30 km südlich von Ansbach, Mittelfranken) evakuiert.
Nach 1939/40 in Thüringen war dies die bereits zweite
Evakuierung in nur wenigen Jahren.
Selbst nach der Rückkehr aus Franken im Juli 1945 war
der morastige Absturzkrater noch deutlich zu sehen.
Den Kindern wurde verboten, in diesem Bereich zu
spielen.
Das VHL-Ehrenmitglied, der 92 Jahre alte Rudolf
Lonsdorfer sen. aus der Holzmühler Straße (in Lisdorf
‚Mihlenweech‘ genannt), ergänzt hierzu:„Bei der Feld-
arbeit‚off Grostrow‘ mussten wir schnell in Deckung
springen, als drei am linken Saarufer festgemachte
Lastkähne von amerikanischen Jabos mit ihren Bord-
waffen unter Beschuss genommen wurden.“ - An den
großen Aufschlagkrater‚off da Holzmihl‘ kann es sich
sehr gut erinnern. Für nicht unwahrscheinlich hält er
es, dass der wuchtige Motor dort noch immer tief im
Boden steckt.
Heute überwuchern Laubgehölze die ehemalige Absturzstelle
zwischen Autobahn-Tankstelle und Brückenböschung.
Luftaufnahme von Mitte 1985: Die Spitze der roten Pfeilmarkierung zeigt die Absturzstelle der P-47 „Thunderbolt“.
GPS-Koordinaten: 49° 18‘ 02.34“ Nördliche Breite und 6° 44‘ 54.10“ Östliche Länge.
Blick von Lisdorf nach Westen in Richtung Holzmühle.
Die neue Brücke über die A 620 ist in Betrieb, die Brückenböschung schon begrünt.
Luftbild©: F. J. Klein
29
Bei dem abgestürzten Flugzeug handelt es sich um
eine P-47, gefertigt beim Flugzeugbauer Republic
Aviation. Das „P“ in der Bezeichnung steht für Pursuit
(englisch: Jagdflugzeug). Zur Reichweitenverlänge-
rung mit Zusatztanks unter den Tragflächen ausge-
stattet, wurde die P-47 Thunderbolt (englisch: Don-
nerkeil) neben der P-38 Lightning (englisch: Blitz) und
der P-51 Mustang (englisch: Wildpferd) vorwiegend
als Langstrecken-Begleitjäger für die amerikanischen
Bomberpulks eingesetzt. Mit ihren zehn Besatzungs-
mitgliedern und aufgrund der extrem starken Rund-
um-Abwehrbewaffnung (drehbare Geschütztürme
und MG-Lafetten) bezeichnete man die Einsatzflug-
zeuge vom Typ B-17 und B-24 auch als „Fliegende
Festungen“. In der Modellbezeichnung steht das „B“
für Bomber (englisch: Bombenflugzeug).
Die P-47 Langstreckenversionen waren in der Lage,
die einfliegende Bomber-Armada von ihren Basis-
Stützpunkten in Südost-England bis zu den Zielen,
zum Teil weit im Süden des Reichsgebietes, zu eskor-
tieren. Der Jagdschutz war ihr Auftrag; sie sollten
Abfangjäger der deutschen Luftwaffe angreifen und
somit die eigenen Bomberbesatzungen im Abwehr-
kampf unterstützen.
Die 8. USAAF-Luftflotte setzte beispielsweise am 17.
August 1943 beim Doppel-Angriff auf Schweinfurt
(Kugellagerindustrie) und Regensburg (Messerschmitt-
Flugzeugwerke) 376 viermotorige Bomber und etwa
gleich viele Begleitjäger, vorwiegend „Thunderbolts“,
ein.
Verwüstung und höllisches Inferno hinterließen in
der Folge auch die sogenannten „1000 Bomber An-
griffe“, jeweils mit Jäger-Begleitschutz, auf Städte wie
Lübeck, Köln, Bremen und Dresden.
In den letzten Kriegsmonaten hatten die alliierten
Luftstreitkräfte die deutsche Luftwaffe fast komplett
ausgeschaltet und so praktisch die absolute Luftherr-
schaft errungen. Für Angst und Schrecken, sowohl
bei Wehrmachtssoldaten als auch bei der Zivilbe-
völkerung, sorgten in dieser Zeit die gefürchteten
Tieffliegerangriffe auch auf nicht-militärische Ziele.
Berühmt berüchtigt waren dabei die „Thunderbolts“
in der Version als Jabo (Jagdbomber).
Boeing B-17 „Flying Fortress“. Wikipedia ®, gemeinfreiderbolt“
war das schwerste und Amerikas meistgebautes einsitziges
Kampfflugzeug des 2. Weltkrieges (ca. 15.600 Maschinen). Wiki-
pedia ®, gemeinfrei
Der Flugzeugtyp und sein Einsatz über Deutschland
Das Einsatzflugzeug von F. D. Antonucci in schematischer Dar-
stellung.
Fighter Squadron WWII Data Archive, Steve Brandt,
www.512thfightersquadron.com, gemeinfrei
30
Was war geschehen?
Die Berichte der Zeitzeugen und die Online-Spuren-
suche erbrachten auch folgende Informationen: Der
25 Jahre alte Second Lieutenant Fillipo Dominic Anto-
nucci, Rufname„Philip“ (Dienstnummer: O-767070, 9.
Air Force, 406. Fighter Group, 513. Fighter Squadron)
flog die Republic P-47D-28-RE, Kennung: 4P-*-, Stamm-
kennzeichen (Serial-Number): 44-19856, Produktions-
ort: Farmingdale (Long Island/New York), Werknum-
mer: (MSN): 5264. Auf der Motorverkleidung mit hellro-
tem‚Nasenring‘ war beidseitig der Flugzeug-Kosename
„Scarsdale Hobo“ auf lackiert. Verlustmeldung (MACR-
Number): 9293.
Ein Hinweis auf die Geldgeber. Scarsdale, im amerikani-
schen Bundesstaat New York, gilt noch heute als wohlha-
bende Kleinstadt an der Ost-Küste. Viele Einwohner dieses
Ortes hatten der US-Regierung und dem Militär, durch
den Kauf von Kriegsanleihen (War Bonds), die Beschaf-
fung von 60 Thunderbolts ermöglicht.
Leutnant Antonucci war am frühen Abend des
Unglückstages mit mehreren anderen Thunder-
bolts seiner Staffel vom Fliegerhorst Mourmelon-le-
Grand/A-80 in der Champagne (Frankreich) zu seinem
20. Feindflug gestartet und auf Ost-Kurs gegangen.
Ziel waren Sturzflugangriffe auf den Rangierbahnhof
im etwa 300 km entfernten Landau. Beim Kampfein-
satz traf eine schwere deutsche 8.8-Flak (Flugabwehr-
kanone) in der Höhe von St. Avold die Maschine des
Amerikaners, worauf diese, etwa 23 km nordöstlich,
nur wenige Meter vom Wohnhaus der Familie Aloys
Klein in Lisdorf-Holzmühle aufschlug und explodierte.
Der verstümmelte und verbrannte Torso sowie viele
einzelne Leichenteile des Piloten lagen verstreut in der
Nähe des Flugzeugwracks. Der Kopf wurde aber nie
gefunden. Auch noch immer scharfe Munition musste
an der Absturzstelle geborgen werden. Die sterblichen
Überreste des Amerikaners beerdigte man zunächst
auf dem Garnisonsfriedhof (Alter Friedhof) in Saar-
louis. Nach dem Krieg erfolgte die Exhumierung und
Überführung von Fillipo D. Antonucci auf den Friedhof
seiner Heimatstadt im Bundesstaat Connecticut. Dort
setzte man das hoch dekorierte Flieger-Ass mit militäri-
schen Ehren bei.
Dem Air Force - Piloten, mit italienischen Familien-
Wurzeln, wurden zuvor der bestätigte Abschuss von
drei deutschen Flugzeugen und die Zerstörung von
19 gepanzerten Fahrzeugen zuerkannt. Für besondere
Verdienste bei Kampfeinsätzen verlieh man ihm den
Orden‚Air Medal with an Oak Leaf Cluster‘. Posthum
ehrte man ihn mit dem‚Purpel Heart‘, der höchsten
Auszeichnung für im Kampf gegen Feinde der USA ver-
wundete oder gefallene Soldaten.
Auf der Fliegerschule (US-Air Corps 1939/40) in Louisi-
ana und Arizona spielte Philip Antonucci Trompete in
einer Army-Band.
Was können wir von diesen schicksalhaften Ereignissen
lernen?
Gedenkstein von Fillipo D. Antonucci auf dem Heimatfriedhof
Northwood Cemetery in Windsor, Hartford County, Connecticut
(USA). Archives and Special Collections, University of Connecti-
cut Library; msimonds, de.findagrave.com, gemeinfrei
Quellen:
(1)	 Groß, Agnes; Verein für Heimatkunde (VHL) e.V.: Die Kriegsopfer der beiden Weltkriege aus Lisdorf/Gegen das Vergessen und Mahnung für den Frieden.
	 Seite 355, Eigenverlag, Lisdorf (2018)
(2)	 Arbeitsgruppe Flugzeugabstürze im Saarland; www.flugzeugabstuerze-saarland.de, Sammlung Klaus Zimmer
(3)	 Verein für Heimatkunde (VHL) e.V.: Letzte Zufluchtstätte: Der Felsenstollen Rosenthal/Das Kriegsende in Lisdorf. Eigenverlag, Saarlouis (2002)
(4)	 Internet-Dokumentationen und Archive
31
Von August Balthasar, Lisdorf (geb. 8.5.1934) in Lis-
dorf Saarstraße 33, damals Hermanstraße.
Für den Rückzug der deutschen Panzer gegen
Ende des II Weltkrieges aus Frankreich war von der
Saarstrasse aus, die zu dieser Zeit Hermannstraße
hieß, über die Saar hin zur Ensdorfer Saarufersei-
te eine Panzerbrücke geplant. Einige Wochen vor
Ende November 1944 wurden schwere eiserne
Doppel-T-Träger, 60 cm hoch, ca. 20 cm breit und
5–6 Meter lang, angefahren und vor die Häuser in
der unteren Saarstraße und auf dem „Freien Platz“
abgeladen und gelagert.
In der Saarstraße waren es vor allem die Häuser
Nr. 31, das Haus vom „Emmes Pitt“, das Haus Nr.
33, mein Elternhaus. Auf der gegenüberliegenden
Straßenseite waren dies die Häuser Nr. 30, das
Haus der Familie Grasmück - Risler, jetzt bewohnt
von Familie Alfred Rupp und das Haus Nr. 32 der
Familie Nikolaus Klein - Schmitt, jetzt das Haus
von Fritz und Emma Osbild geb. Klein und früher
das Haus von Andreas Both und Greta geb. Klein.
Ein Teil der Häuser in der unteren Hermannstraße
sind im Bild unten zu sehen.
Des Weiteren wurden zur Stützung und zur Erhö-
hung der Tragkraft dieser Brücke vier Schiffe bzw.
Lastkähne der Lisdorfer Schiffsleute mit eige-
nem Antrieb von der deutschen Wehrmacht zum
Auflegen auf der Saar im Bereich der Lisdorfer
Friedhofsmauer im November 1944 dorthin beor-
dert. Die Schiffe mussten am Saarufer vor Anker
gehen und die Schiffseigentümer sich in erreich-
barer Nähe in Bereitschaft halten. Auf dem Luft-
bild oben aus der Zeit vor dem II. Weltkrieg sind
das Ende der damaligen Hermannstraße mit dem
Schiffsanleger und auch die Ankerplätze deutlich
zu erkennen.
Es handelte sich um befestigte Steinschüttungen
am Saarufer auf der Lisdorfer Seite, die spitz in die
Saar hineinragten. Zwei dieser Schiffe, die „Ener-
gie“ und die „Magdalena“, wurden im Heckbereich,
also am hinteren Ende des Schiffes, eigens in einer
Saarbrücker Werft durch Anbringen schwerer Ei-
senplatten verstärkt und umgebaut. Die vier Schif-
fe sollten als Stütze der Brücke in der Mitte dienen
und auch die notwendige Tragkraft für schweres
Kriegsgerät sicherstellen.
Für den Fall einer Bombardierung oder Sprengung
der vorhandenen Brücken über die Saar im Front-
bereich Saarlouis und Lisdorf durch die Amerika-
ner, so nach den Vorstellungen der Strategen in
der deutschen Wehrmacht, sollte die Brücke in der
Saarstraße sehr schnell, sozusagen über Nacht und
möglichst unbemerkt vom Gegner, erstellt werden
können, um den Rückzug aller Militärfahrzeuge
und insbesondere der Panzer, über die Saar zu
ermöglichen.
Während des Kriegsgeschehens der letzten Wo-
chen im November 1944 war im Elternhaus von
Ludwig Linsler in der Saarstraße Nr. 3 auch ein Ma-
Die geplante Panzerbrücke über die
Saar in der Saarstraße zu Lisdorf
31
32
jor der deutschen Truppen (so eine althergebrach-
te Dienstgradbezeichnung für einen Dienstgrad
mit „größerer militärischer Übersicht“), unterge-
bracht, der den Rückzug der deutschen Truppen
über die Saar leiten sollte.
Die Namen der Schiffeigentümer dieser vier Kähne
waren:
• Andreas Hafner senior (1890-1974), er bewohnte
von September-November 1944 das Haus neben
Ludwig Linsler in der Saarstraße Nr. 5. Er war der
Großvater von Isolde Bernard, Sabine Klein und
Liane Altmaier, alle geb. Hafner und Hans Richard
Hafner in Lisdorf, der Name seines 	 Schiffes war
Rex.
Die Rex war zu dieser Zeit noch ein 300t-Treidel-
schiff, Stapellauf 1901, und hatte bereits ein beweg-
tes Schicksal hinter sich.
• Die Brüder von Andreas, Adolf und Viktor Haf-
ner, die in Fraulautern wohnten, waren Eigner der
Motorschiffe Energie und Magdalena (Leider bisher
keine Bilder vorhanden).
• Die Brüder Viktor Welsch (1907-1968) und Jacob
Welsch junior (1898-1959). Viktor Welsch musste
mit seinem Schiff, der Saargold, ebenfalls für den
geplanten Brückenbau über die Saar mit vor Anker
gehen. Die Saargold war ein in Belgien von den
deutschen Behörden konfisziertes Motorschiff, das
er als Ersatz erhalten hatte für sein Schiff Saar, einen
Neubau aus dem Jahre 1936 auf der Werft der Ge-
brüder Saar in Rockershausen. Zu Kriegsbeginn war
die Saar von den Militärbehörden für die geplante
Landung in England ebenfalls konfisziert worden
und ging 1940 in einem englischen Luftangriff auf
einem französischen Kanalhafen verloren.
Im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen hier in
der Saarstraße in Lisdorf, so sagte mir Ludwig Lins-
ler, der zusammen mit seiner Mutter für die Zeit der
kriegerischen Auseinandersetzungen hier in Lisdorf
von November 1944 bis Januar 1945 mit vielen an-
deren Leuten im Stollen im Rosenthal untergebracht
war, dass im Haus Nr. 19 in der Saarstraße, jetzt das
Haus von Albert Sieger, sich deutsche Truppen gegen
Ende November 1944 eine Feldküche, unter deutschen
Landsern auch„Gulaschkanone“ genannt, aufgestellt
hatten zur Verpflegung der deutschen Soldaten im Ort.
Ebenso sagte er mir, dass im Haus Nr. 21, im Bauern-
haus bei„Puntjoosels“, jetzt das Haus der Familie Erwin
Faust, nach dem Rückzug der deutschen Truppen
über die Saar in den Westwall auf der Ensdorfer Seite,
die Amerikaner eine Beobachtungsstelle eingerichtet
hatten, um Erkundungen für den weiteren Verlauf des
Kampfes um den Westwall in Ensdorf durchzuführen.
In der Scheune des Bauernhauses sei auch zeitweise
ein amerikanischer Pan-
zer untergestellt worden.
Nachdem die Kampfhand-
lungen in Lisdorf und
Ensdorf beendet waren,
hätten insbesondere die
Amis viel Munition vor
und in dem Haus liegen
lassen.
Durch den schnellen Vor-
stoß der amerikanischen
Truppen hatte die Zeit für
den Bau der Panzerbrücke
nicht mehr ausgereicht. So
Beispiel einer solchen Brücke aus der Nach-
kriegszeit)
Andreas Hafner senior mit seiner Frau Katharina
geb. Huffer
Viktor Welsch
32
33
des Vaters mit seiner Frau Christa geb. Madert die
Rex weiter bis zum Jahre 1990, dann wurde sie
verschrottet.
wurden die Schiffe, die Eisenträger für die Brücke und
alles andere Baumaterial beim Rückzug der deutschen
Truppen aus Lisdorf gesprengt. Durch die Wucht der
Explosion wurde an den oben genannten Häusern die
Vorderfront weggerissen und die Häuser zum Einsturz
gebracht.
Von den vier Schiffen, die als Pontons der Panzerbrücke
vorgesehen waren konnten die Energie und die Mag-
dalena gleich nach dem Kriege wieder flott gemacht
werden und sie wurden zunächst als Arbeitsschiffe für
die Räumung der Saar, später dann wieder als Trans-
portschiffe genutzt. Die beiden anderen, die Schiffe
Rex und Saargold, lagen mit erheblichen Schäden
auf Grund. Sie dienten uns Kindern in den Sommern
1945/46 als Schwimmstege und als Sprungbrett zum
Baden in der Saar. Die Saargold wurde später gehoben,
repariert und von der französischen Besatzungsmacht
an den ursprünglichen Eigner zurückgegeben. Viktor
Welsch, nach dem Kriege ohne eigenes Verschulden
Berufsschiffer ohne Schiff, wurde 1946 der erste Vorsit-
zende des neuen Omni-Sportvereins SC Saargold Lis-
dorf und gab den Vorsitz aber im Jahre 1948 wieder ab,
nachdem er ein generalüberholtes Schiff mit Namen
Stralsund übernommen hatte und nach Saarbrücken
übersiedelte.
Andreas Hafner konnte 1949 mit seiner Rex wieder
auf Fahrt gehen. Sein gleichnamiger Sohn Andre-
as (*1932, +30.3.2020) heuerte nach einer Lehre
in der Schreinerei Fritzen in Fraulautern im Jahre
1949 auf dem Schiff an und fuhr nach dem Tode
Andreas Hafner jun. und seine Frau Christa geb.
Madert
Das spätere Motorschiff Rex, darauf Christa und
Andreas Hafner mit Tochter auf dem Bug.
Die schönsten Bilder von unseren Lesern
Wir möchten zum neuen Jahr 2021 einen Wandkalender mit 12
Motiven von Lisdorf erstellen.
Daher möchten wir unsere Leser bitten die schönsten Bilder,
egal ob neu oder alt, an den Heimatverein zu senden. Bitte
dazu den Ort oder die Geschichte und das Aufnahmedatum
mit hinzufügen. Im Vorstand werden wir die schönsten und
interessantesten Bilder aussuchen und einen Lisdorfer Ka-
lender für das Jahr 2021 drucken lassen. Für unsere Mitglie-
der wird dieser kostenlos sein.
Der Heimatverein erhält das Recht an den eingesendeten
Bildern diese für seine Zwecke zu verwenden.
Die Bilder bitte an folgende Adresse:	Verein für Heimat-
kunde Lisdorf e.V.
	 Im Fischerfeld 39
	 66740 Saarlouis
Oder per E-Mail an: heimatkunde@lisdorf.de
Einsendeschluss ist der 31. Oktober 2020
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  • 1. 1 Nr. 30 September 2020 Preis 3,00 € Luftaufnahme Lisdorf 1936 Corona - das Thema ab S.10 Jeanne d‘Arc ab S.15 De Fährgass ab S.19 Flugzeugabsturz 1944 ab S.26
  • 2. Inhalt Historisches • De Fährgass - heute Saarstraße 19 • Flugzeugabsturz auf der Holzmühle im Jahr 1944 26 • Die geplante Panzerbrücke über die Saar in der Saarstraße zu Lisdorf 31 Aktuelles • Pandemien und Epidemien 4 • Viruswissen 9 • Corona - das beherrschende Thema 10 • Heldinnen der Nähmaschine 13 • Happy Stones 38 • Aus Praxis Amann wird Praxis Wallmeier 39 • Verabschiedung Kaplan Heiko Marquardsen 44 Lisdorfer Mundart • Hochzeitskläädasch 22 • Usa scheen Sprooch 37 Interessantes • Jeanne d‘Arc 15 • Meine Berührungspunkte zum Linslerhof 34 • Unsere Heimat und ihre gefährdete Fauna 41 • Lisdorfer Abschiedsgeschenk an Pastor Alois Löw im Jahre 1966 46 Vereinsleben • 9. Int. Orgelkompositionswettbewerb 40 • Kultur- und Vereinsleben in Lisdorf 42 Rätsel 21 Historische Hochzeitsfotos 24-25 Wir gratulieren 47 Impressum Herausgeber: Verein für Heimatkunde Lisdorf e.V., Im Fischerfeld 39, 66740 Saarlouis Redaktion: Georg Jungmann (verantwortlich), Herbert Germann, Heiner Groß, August Balthasar, Harald Weiler, Georg Groß, Christine Hawner Fotos: Harald Weiler, Archiv VHL, privat www.heimatkunde.lisdorf.de Druck: Krüger Druck + Verlag, Handwerkerstraße 8-10, 66663 Merzig Bankverbindugen: Kreissparkasse Saarlouis IBAN: DE26 5935 0110 0074 3008 80, Vereinigte Volksbank eG Saarlouis - Losheim am See - Sulzbach/Saar IBAN: DE21 5909 2000 6721 7502 03 Bezugspreis: 3 EUR je Heft, Vereinsmitglieder erhalten es kostenlos Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers, nicht unbedingt der Redaktion, wieder. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers Vorwort 3
  • 3. 3 Liebe Heimatfreunde, die Folgen der Corona Pandemie haben auch bei unserem Verein zu erheblichen Einschränkungen geführt. So haben wir alle Aktivitäten wie Fahrten, Exkursionen, kulturelle Veranstaltungen und Sitzungen absagen müssen. Im ersten Halbjahr 2020 wollten wir die Auersmacher Passionsspiele besuchen, hatten eine Exkursion ins Biosphärenreservat Bliesgau mit Besuch der Schloss- berghöhlen in Homburg geplant und wollten an Veranstaltungen zu 100 Jahre Saarland teilnehmen, um nur einige Aktivitäten zu nennen. Diese, wie auch unsere Vorstands- und Arbeitskreissitzungen, sowie die geplante Mitgliederversammlung konnten wegen der krisenbedingten Einschränkungen nicht stattfinden. Wir nutzten im Vorstand aber die Zeit, um uns in der internen Vereinsarbeit für die Zukunft besser aufzustellen. Wir nutzen jetzt vermehrt neue Medien. In den letzten Monaten tauschten wir uns in Videokonferenzen aus, weil Prä- senzveranstaltungen nicht erlaubt waren. Wir konnten damit die Digitalisierung unserer Vereinsarbeit entscheidend voran bringen. Herbert Germann, Lothar Hirtz, Alexia Bernard, die wegen einer zeitweiligen Verhinderung unseres Kassierers Detlef Geyer die Geschäfte des Kassenwartes vorübergehend übernahm, verwalten nun den Verein mit mir gemeinsam über eine neue Vereinssoftware. Der Beitragseinzug 2020 wurde so erstmals über dieses neue Programm vollzogen, was zu einer erheblichen Arbeitserleichterung führte. Wir wollen die Möglichkeiten der neuen Medien noch weiter nutzen und so unsere Vereinsarbeit optimieren. So wol- len wir eine E-Mail Datei aufbauen, die möglichst viele Vereinsmitglieder umfasst, um so schnell unsere Mitglieder mit aktuellen Informationen über die neuesten Nachrichten, Veranstaltungen und sonstigen Aktivitäten zu versor- gen. Deshalb bitte wir Sie, Ihre Mailadresse dem Vorstand mitzuteilen, näheres dazu lesen Sie in dieser Ausgabe des Heimatblattes. Selbstverständlich werden wir wie gewohnt unsere Mitglieder auch über das Heimatblatt und Rundschreiben in gedruckter„analoger“ Form informieren, da ja nicht alle über die neuen Medien verfügen. So stellen wir sicher, dass alle Mitglieder wie bisher bestens„bedient“ werden. Im Vorstand sind fast alle mit ihrer Mailadresse erfasst, so können wir schnell und zuverlässig miteinander kommuni- zieren und Informationen weitergeben, so dass alle Vorstandsmitglieder jederzeit„auf dem neuesten Stand“ sind. Die Corona Pandemie hat nicht nur während der Krisenzeit zu Veränderungen unserer Lebensumstände allgemein und in unserem Vereinsleben geführt, sie wird auch, wie wohl im gesamten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben, zu starken bleibenden Veränderungen führen. Sie können dazu einige Beispiele im vorliegenden Heft lesen. Die Zeit nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein wie davor. Wir wollen aber in jedem Falle die ausgefallenen Veranstaltungen, soweit möglich, nachholen. So planen wir die Exkursion ins Biosphärenreservat möglichst noch im zweiten Halbjahr nachzuholen und den traditionellen Mundar- tabend im November durchzuführen – wenn es Corona zulässt. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen unseres Heimatblattes. Unseren zahlreichen Autoren ist es wieder mal gelungen, allgemein- und heimatgeschichtliche Themen zu recherchieren und sehr interessant aufzubereiten. Dar- über hinaus sind auch zahlreiche aktuelle und äußerst informative Beiträge über Persönlichkeiten unseres Ortes und unserer Gegend, sowie Fauna und Flora und unterhaltsame Begebenheiten unserer Heimat zu finden. Viel Vergnügen Ihr Georg Jungmann Vorsitzender
  • 4. 4 Pandemien und Epidemien (Seuchen) in unserer Heimat – früher und heute! Von der Pest über Cholera, Ruhr, Pocken, Spanische Grippe zur Corona-Pandemie Begriffserklärung: Pandemie: Epidemie, die sich weltweit ausbreitet und viele Menschen befällt. Epidemie: Infektionskrankheit, die örtlich bzw. re- gional zeitlich gehäuft auftritt. Sie entsteht durch Massenansteckung mit Krankheitserregern durch verunreinigtes Wasser und Nahrungsmittel, Gebrauchs- gegenstände sowie Tröpfchen-, Staub- und Schmier- infektion von Mensch zu Mensch, seltener von Tier zu Mensch. Die Pest (lat. pestis = Seuche), der„Schwarze Tod“, früher eine „Geißel Gottes“ genannt Ursprünglich han- delte es sich bei der Pest um eine bakte- rielle Tierkrankheit, die besonders von Ratten über Ratten- flöhe auf Menschen übertragen wurde. Die Übertragung von Mensch zu Mensch durch Tröpf- cheninfektion führt dann zur Lungenpest. Das Pestbak- terium wurde 1894 entdeckt. Nach der Ansteckung tritt zunächst eine Lymphdrüsenerkrankung mit Beulen- pest infolge der Flohstiche auf. Sobald das Blut mit Keimen überschwemmt ist, kommt es zu einer Sepsis (Blutvergiftung), die früher meist tödlich endete. Heute gibt es auch wirksame Medikamente (Antibiotika). Das Leben im späten Mittelalter (ca. 1250 –1500) war geprägt von Angst vor dem„Schwarzen Tod“, wie die Pest bezeichnet wurde. Ursprünglich war die Pest in Zentralasien als Tierkrankheit bei Nagetieren (vor allem Ratten) aufgetreten. Seit der Jahrtausendwende war sie westwärts gewandert und erreichte 1347 das südliche Europa. In der Regel ging die Ansteckung von Schiffsbesatzungen aus, die sich durch Rattenflöhe infiziert hatten. Danach verbreitete sich die Pest rasend schnell in den Hafenstädten und Küstenregionen und fand von dort ihren Weg ins gesamte Hinterland. Bei der Beulenpest lag die Sterblichkeitsrate bei 15–20 % der Infizierten, während die Lungenpest fast immer tödlich verlief. Im Zeitraum von 1347–1352 überzog die erste Pestwelle das gesamte südliche Europa und forderte viele Millionen Opfer. Im christlichen Abend- land wurde die Pest als„Geißel Gottes“ verstanden. Die zweite Pestwelle überzog nur 6 Jahre später ganz Eu- ropa. Ihr folgte eine dritte Welle gegen 1368/70. Nach deren Abklingen verzeichnete man bis zum Ende des 14. Jahrhunderts weiterhin fast jährlich ein regional be- grenztes Auftreten der Pest. Die hohen Opferzahlen re- duzierten die europäische Bevölkerung zwischen 1300 und 1400 um rund ein Drittel. Von den damals rund 11 Millionen Deutschen starben etwa 2,5–3 Millionen Menschen an der Pest, in ganz Europa mindestens 15 Millionen. In der Folge verödeten teilweise ganze Land- striche und zahlreiche Dörfer starben aus. Rascher noch als die Pest selbst verbreiteten sich Nachrichten und„Gerüchte“ über deren Verlauf und Folgen unter der Bevölkerung. Die Schreckensszenari- en und Horrormeldungen ließen eine Massenhysterie entstehen. Es kam zu großen„Geißlerzügen“, an denen nur Männer über 33 Tage teilnehmen durften und ritualisierte Selbstgeißelungen vornahmen zur Buße ihrer Sünden nach dem Vorbild Jesu Christi. Die Geißler wurden aber auch mit Judenverfolgungen in Verbin- dung gebracht, vor allem in Südfrankreich. In der Zeit vom 15. bis 18. Jahrhundert trat die Pest als Epidemie immer wieder mit unterschiedlicher Heftigkeit in ver- schiedenen Gegenden auf. Um das Jahr 1890 bedrohte die Pest, wiederum aus Asien kommend, noch einmal fast die ganze Welt. Nach der Entdeckung des Pestbak- teriums 1894 und entsprechenden Gegenmaßnahmen und -mittel galt die Pest zumindest in den meisten Ländern Europas als besiegt. Nach Angaben der WHO wurden 1957 weltweit nur noch 514 Pestfälle gemeldet mit rückläufiger Tendenz. Zur Erinnerung an diese furchtbare Epidemie und zur Würdigung der Pestheiligen Sebastian und Rochus wurden in katholischen Gegenden Pestsäulen, Pest- kreuze und Pestaltäre errichtet, so u.a. der bekannte Isenheimer Altar in Colmar/Elsass. Auch die Oberam- mergauer Passionsspiele sind nach einem Gelübe anlässlich der dortigen Pestepidemie 1633 entstanden. 4
  • 5. 5 Pest-Epidemie in Lisdorf Nach Tritz:„Geschichte der Abtei Wadgassen“, wütete die Pest in den Jahren 1635/36 in unserer näheren Heimat. In Lisdorf forderte sie so viele Todesopfer, dass die Pfarrgemeinde fast ausgestorben war. Bekannt ist, dass der damalige Lisdorfer Pfarrer, ein Mönch der Abtei Wadgassen, aus Furcht vor der Pest in die Abtei zurückgekehrt und 1636 mit allen Mönchen bis 1652 in das etwas sicherere Trier gezogen war. Von 1618–1648 tobte nämlich der 30-jährige Krieg, der auch in unse- rer Gegend vielfach Tod und Verderben brachte. Es ist überliefert, dass die Pestepidemie und die wiederhol- ten Überfälle der Schweden die Lisdorfer Bevölkerung stark dezimierte. Nach Johann Goergen:„Ortsgeschich- te von Lisdorf“ seien 1643 von insgesamt 66 Häusern 17 (= 25%) völlig zerstört worden. Das damals für Lisdorf zuständige Amt Berus hat 1638 angegeben, dass in Lisdorf keine Abgaben mehr entrichtet werden, da dort niemand mehr am Leben sei (vgl. H.W. Herr- mann„Der Dreißigjährige Krieg“). Laut einer Liste, die 1691 auf Anordnung des Wadgasser Abtes Pierre Marx erstellt worden war, gab es in Lisdorf 24 bewohnte Häuser, 3 Baracken und 21 (ca. 45 %) zerfallene und zerstörte Häuser. Es ist nicht bekannt, ob es nach dem Jahr 1635/36 noch weitere Pestfälle in Lisdorf gege- ben hat. Das heute im Kurvenbereich der Kreuzstraße stehende Kreuz soll im späten Mittelalter von Über- lebenden der Pestseuche in Lisdorf errichtet worden sein. Es musste durch den Bau der früheren Kleinbahn (östlich der Provinzialstraße) und später erneut durch den Ausbau der Kreuzstraße an seinen jetzigen Stand- ort verlegt werden. Noch 1897 war es ein stattliches Barockkreuz, das schließlich 1960 durch das jetzige kleine Betonkreuz ersetzt wurde. Die Cholera (griech. Gallensucht), asiatische Cholera am verbreitetsten Die Cholera ist eine ansteckende Darmerkrankung, die im Tal des Ganges in Indien ihren Ursprung hat und dort zeitweise seuchenhaft auftritt. Sie wird hervorge- rufen durch das Cholerabazillus, das 1883 von Prof. Ro- bert Koch in Berlin entdeckt wurde. Die Übertragung erfolgt besonders durch Brauch- und verunreinigtes Trinkwasser. Die Cholera ist seit dem späten Mittelalter als Seuche bekannt. In Deutschland trat sie als Epide- mie zuletzt im Jahre 1892 in Hamburg auf. In Lisdorf brach die Cholera im Juli 1849 mit sehr schlimmen Folgen aus. Der damalige Lisdorfer Pfarrer Schuster berichtete wie folgt: „Am 16. Juli 1849 brach die Cholera in Lisdorf aus und wütete bis 11. Oktober 1849. Es erkrankten sehr stark 88 Erwachsene, von denen 46 gestorben sind. Vom 18.–23. September war auch der Pastor von der Cholera stark angegriffen, überlebte sie jedoch. Im ganzen waren 180 erkrankt, ca. 10 % der Be- völkerung, wovon aber nur 110 stark angegriffen waren.“ Danach trat die Cholera noch mehrfach in Lisdorf auf, zuletzt im Jahr 1915 während des 1. Weltkrieges mit angeblich nur zwei Todesfällen. Vermutlich waren es aber mehr. Die Ruhr (griech. Dysenterie) Sie tritt sowohl bei Menschen als auch bei Tieren (Kälberruhr) auf. Es handelt sich um eine seuchenhaft auftretende Infektionskrankheit mit schleimig-blutigen bis eitrigen starken Durchfällen (bis zu 30 mal täglich), verursacht durch Ruhrbakterien. Die Übertragung erfolgt durch Berührung, keimhaltiges Trinkwasser, infizierte Lebensmittel oder auch durch Fliegen. Nach Ansteckung treten nach wenigen Tagen starke Durch- fälle auf, die zu Darmdurchbrüchen und Bauchfellent- zündungen und zum Tod führen können. Sie ist inzwi- schen durch Antibiotika gut behandelbar. Hygiene ist zur Vermeidung überaus wichtig. Nach Beginn des 1. Weltkrieges wurde auf Anordnung des Lisdorfer Bürgermeisters Friedrich John zu Beginn der Sommerferien 1914 im Schulgebäude ein Lazarett für deutsche Soldaten eingerichtet. Die Leitung hatte die Ehefrau von Bürgermeister John übernommen. Ihr zur Seite standen die Ehefrau des Schulrektors Becker und die Lehrerinnen Hoffmann, Roos und Hopp sowie zwei Franziskaner-Schwestern aus der St.-Elisabeth- Klinik in Saarlouis. Dort wurden Leichtverletzte von der Westfront in Frankreich versorgt. Als im Sommer 1915 die Ruhr in Lisdorf ausbrach – wohl durch infizierte Frontsoldaten – wurde das Lazarett geschlossen. In drei notdürftig eingerichteten neuen Lazaretträumen im Schulhaus an der Saar, im Scheer’schen Gebäude in der Großstraße und in der Hopfenblüte wurden die rund 400 an Ruhr sowie zwei an Cholera Erkrankten behandelt. Die Krankenhäuser in Saarlouis und Um- gebung waren bereits total überbelegt. Die Leitung der drei Lisdorfer Notlazarette hatte wiederum Frau John übernommen, unterstützt durch ihre Helferin- nen, Freiwillige und einen Arzt. Nach dem Abklingen der Ruhr-Epidemie musste eine schreckliche Bilanz gezogen werden. An der Ruhr bzw. der Cholera star- ben in Lisdorf 56 Menschen, darunter 13 Schulkinder und 36 Kinder unter 6 Jahren. Am 7. April 1915 wur- den die Notlazarette geschlossen. Frau John, die sich selbstlos seit dem Sommer 1914 zunächst um verletzte deutsche Frontsoldaten und ab Sommer 1915 um die zahlreichen Ruhr-Patienten gekümmert hatte, infizierte sich dabei selbst und starb einen Monat später an den Folgen der Ruhr. Ihr Grab befindet sich noch heute auf dem Alten Friedhof in der Gatterstraße in Saarlouis. Die Pocken, auch Blattern genannt (lat. variola) Als Pocken oder Blattern bezeichnet man eine lebens- bedrohliche Infektionskrankheit, die von Pockenviren 5
  • 6. 6 verursacht wird. Sie kann von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion beim Husten übertragen werden. Eine überstandene Infektion gewährleistet eine lebenslange Immunität. Die Inkubationszeit be- trägt etwa 13 Tage. Zu Beginn der Erkrankung kommt es zu Kopf- und Rückenschmerzen mit hohem Fieber, Schüttelfrost und Rachenschmerzen. Nach 1 bis 5 Ta- gen treten die typischen Hauterscheinungen auf: Rote Flecken, Bläschen, Eiterbläschen, Verkrustung. Oft tritt am 10. Krankheitstag der Tod ein. In schweren Fällen können Sepsis, Erblindung, Taubheit, Lähmungen, Hirnschäden sowie Lungenentzündungen auftreten. Die Sterblichkeitsrate lag bei den bisher aufgetretenen Pocken-Epidemien bei 30 %. Heute kann gegen die Pocken geimpft werden. Eine abgeschwächte Form der Pockeninfektion bei Schutzgeimpften nennt man Variolois. Pocken sind vermutlich schon seit Jahrtausenden bekannt, und zwar fast weltweit. Nach Europa kamen die Pocken wahrscheinlich 165 n. Chr. durch römische Legionen. Im 6. Jahrhundert gab es hier die erste große Epidemie. In Deutschland traten die letzten großen Pockenepidemien 1870 und 1873 auf, die etwa 181.000 Menschenleben forderten. Daraufhin ist 1874 das Reichsimpfgesetz erlassen worden. 1970 gab es eine Pockeninfektion in Meschede im Sauerland durch einen deutschen Studenten, der aus Pakistan zurück- gekehrt war. 21 Menschen erkrankten schwer, vier verstarben. 1977 war in Somalia der letzte Pockenfall aufgetreten. Seit 1980 hat die WHO die Welt für po- ckenfrei erklärt. Die Spanische Grippe gegen Ende des 1. Weltkrieges (1918/19) Sie wurde durch das Influenzavirus Subtyp A/H1/N1 verursacht. Diese sehr ansteckende Krankheit wurde durch Tröpfcheninfektion übertragen. Sie weitete sich damals zu einer Pandemie aus und forderte weltweit bis zu 50 Millionen Opfer bei einer Sterblichkeitsra- te von 5–10 %. Varianten dieses Virus verursachten 1977/78 den Ausbruch der Russischen Grippe und 2009 die„Schweinegrippe“-Pandemie. Die Asiatische Grippe (1957) und die Honkong-Grippe (1968) waren ebenfalls eine weitläufige Variante der Spanischen Grippe. Sie hatte ihren Ursprung im mittleren Westen der USA und nicht in Spanien. Am 22. Mai 1918 be- richtete eine Madrider Zeitung als erste in Europa von einer rätselhaften Krankheit mit großem Ausmaß. Die Krankheit sei begleitet von starken Grippesymptomen bis hin zur Lungenentzündung. Auch der spanische König Alfons XIII sei daran erkrankt. Schon viele Todes- fälle seien zu beklagen. Obwohl dieselbe Krankheit in England, Frankreich, den Benelux-Staaten und in Deutschland sowie in weiteren Ländern viel stärker aufgetreten war, lief die Pressemeldung nur in Spani- en. So kam diese Grippe-Erkrankung zu ihrem Namen. Da Spanien nicht am 1. Weltkrieg beteiligt war, gab es hier keine Pressezensur im Gegensatz zu den am Krieg beteiligten Ländern. In drei Wellen schwappte die Grippe um die Welt. Die erste kam im März 1918 aus den USA nach Westeuropa. Die zweite Welle traf im November 1918 das Deutsche Reich und insbesondere die Saargegend hart. Die dritte Welle 1919/20 verlief in Deutschland nicht mehr ganz so schlimm. Die Spanische Grippe hat nach H. Chr. Herrmann, Leiter des Stadtarchivs Saarbrücken, im Zeitraum von 1918– 1920 weltweit mehr als 50 Millionen Opfer gefordert. In Deutschland waren es etwa 430.000. In Saarbrücken sollen 1918 mehr als 550 Menschen an der Spanischen Grippe verstorben sein. In unserer näheren Heimat waren zwischen 1918 und 1920 mehr als 1000 Opfer zu beklagen, vor allem Kinder. Für Lisdorf sind keine Todesfälle registriert. Nach Aussagen meiner 1955 verstorbenen Großmutter Anna Groß-Morguet sind damals in Lisdorf außergewöhnlich viele Kinder und alte Leute an dieser Krankheit gestor- ben. Eine mögliche Ursache für die vielen Todesopfer ist auch die Tatsache, dass um 1918 herum an vielen Orten die Spanische Grippe, Cholera und Ruhr gleich- zeitig aufgetreten sind. Heute gibt es Impfschutz. Bedrohlich wird der Verlauf der Spanischen Grippe, wenn eine Lungenentzündung, Mittelohr- und Neben- höhlenentzündungen oder eine bakterielle Zweitinfek- tion hinzukommen. Aber auch hierfür stehen wirksame Medikamente zur Verfügung. Die jetzige Corona-Virus-Pandemie Im Gegensatz zu den vorstehend beschriebenen Seu- chen hat sich der Corona-Virus innerhalb kurzer Zeit weltweit verbreitet. Kaum ein Land ist ausgenommen. Das ist wohl eindeutig der fortschreitenden Globalisie- rung und der weltweiten Verflechtung zuzuschreiben. Corona – welcher Erreger ist das? Seinen Namen trägt das Virus nach den charakteristi- schen Fortsätzen auf seiner kugelförmigen Hülle. Es handelt sich dabei um Membranproteine, sog. Spikes, die mit dem Elektronenmikroskop sichtbar werden und insgesamt wie eine Krone (lat. corona) aussehen. 6
  • 7. 7 Mit den Spikes dockt das Virus an die Oberfläche von menschlichen Zellen an, bevorzugt an Lungenzellen. Inzwischen ist wohl jedem das Aussehen des Virus durch die laufende Berichterstattung in Presse und Fernsehen bekannt. Das Virus wird hauptsächlich über Tröpfchen übertra- gen; von der Ansteckung bis zum Beginn der Erkran- kung dauert es im Mittel fünf bis sechs Tage (Spann- weite 1 bis 14 Tage). Die Übertragung erfolgt in der Regel von Mensch zu Mensch, auch durch symptomfrei Infizierte. Zur Corona-Virusfamilie zählen die Erreger von SARS (Schweres Akutes Atemwegssyndrom), MERS (Middle East Respiratory Syndrome) und mehrere Erreger, die Erkältungen und leichtere Atemwegserkrankungen verursachen. Seit Februar 2020 trägt das Corona-Virus den Namen SARS-CoV-2. Die durch den Erreger ver- ursachte Atemwegserkrankung heißt Covid-19, eine Kurzform für„Coronavirus disease“ und dem Jahr des ersten Auftretens. Wie befällt der Erreger menschliche Zellen? Nach derzeitiger Kenntnis bindet SARS-CoV-2 bevor- zugt an eine bestimmte Andockstelle auf der Ober- fläche menschlicher Zellen, den„ACE2-Rezeptor“. Er kommt vor allem auf den Zellen von Lunge, Herz, Darm, in der Niere und in den Blutgefäßen vor. Ameri- kanische Wissenschaftler haben kürzlich gezeigt, dass das neue Corona-Virus mit 10- bis 20-fach höherer Affinität an den ACE2-Rezeptor bindet als seine Ver- wandten, die Erreger von SARS und MERS. Das könnte nach Ansicht der Forscher erklären, warum sich das neue Corona-Virus so leicht von Mensch zu Mensch verbreitet. Womöglich hat eine Genveränderung den Erreger so modifiziert, dass er besser an menschliche Zellen angepasst ist. Wie gefährlich ist der Erreger? Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) verläuft eine Infektion mit Sars-CoV-2 in rund 80 Prozent der Fälle mild und erzeugt leichte grippeähnliche Be- schwerden. Die häufigsten Symptome sind Husten und Fieber. Rund 14 Prozent der Infizierten müssen wegen Atemnot und Lungenentzündung behandelt werden, weitere 6 Prozent benötigen intensivmedizinische Hilfe, etwa eine Beatmung. Das Risiko einer schweren Erkrankung steigt laut RKI ab einem Alter von 50 bis 60 Jahren stetig an. Insbesonde- re ältere Menschen können – aufgrund eines weniger flexibel reagierenden Immunsystems – nach einer Infektion schwer erkranken. Unabhängig vom Alter scheinen auch verschiedene Grundleiden wie Herz- Kreislauf- und Atemwegserkrankungen oder Diabetes das Risiko für einen schweren Verlauf zu erhöhen. Dafür spricht auch der unlängst veröffentlichte Bericht des italienischen Instituts für Gesundheit: Fast alle Covid-19-Todesopfer in Italien waren vorerkrankt, viele davon kardiovaskulär. Schwere Verläufe sind auch bei Menschen ohne Vorer- krankungen und bei jüngeren Patienten beobachtet worden. Bei Kindern wurde bislang von keiner erhöh- ten Gefährdung berichtet. Perfide Zellpiraten Viren sind klein und gemein, nicht viel mehr als ein Stück Erbgut, um das eine Hülle aus Eiweiß gewickelt ist. Sie sind hauptsächlich daran interessiert sich zu vermehren und überbringen dabei meist schlechte Nachrichten.„Es ist bisher kein Virus bekannt, das Gutes bewirkt“, schrieb der Nobelpreisträger Peter Medawar. Und das bedeutet auch sein Name, der von lateinisch„virus“ – Schleim oder Gift – kommt. Dass Viren krank machen, weiß man seit gerade einmal rund 100 Jahren. Seither kann man auch Viren von Bakterien unterscheiden. Viren sind die ältesten biologischen Elemente auf un- serem Planeten – und mit Abstand die häufigsten: Es gibt von ihnen mehr als Sterne am Himmel, rechnet die renommierte Virologin Karin Mölling vor:„1033 Viren, 1031 Bakterien, nur 1025 Sterne und nur 1010 Menschen“. Sie sind schlichtweg überall, selbst in unser Erbgut haben Viren ihre Gene dauerhaft eingeschmuggelt. Um sich zu vervielfältigen, sind Viren auf fremde Hilfe angewiesen: Es sind Parasiten, zumeist spezialisiert auf einen bestimmten„Wirt“. Sie entern ausgewählte Zellen, zwingen ihnen ihr Vermehrungsprogramm auf und lassen sich von den manipulierten zellulären Pro- duktionsstätten neu zusammenbauen. Die in großer Zahl entstandenen viralen Neulinge fallen über weitere Zellen her. Viren sind zudem Meister der genetischen Verwandlung: Mit ihrer Mutationsrate kann es kein Lebewesen aufnehmen – und manchmal ist eine win- zige Veränderung darunter, die einen vergleichsweise harmlosen Virusvertreter für Menschen gefährlich macht. Erreger, die es schaffen, vom Tier auf den Menschen überzugehen, sind bis heute die häufigste Ursache von Infektionskrankheiten. Der Fachmann spricht von „Zoonosen“. Ein zoonotischer Erreger ist auch das neue Corona-Virus. Es hat seinen Ursprung vermutlich in Wildtieren. Auch seine Verwandten, das SARS- und das MERS-Corona-Virus, die 2002/2003 und 2012 für Aufse- hen – aber nicht für eine Pandemie – sorgten, wechsel- ten vom Tier auf den Menschen. Wann wird es einen Impfstoff oder Medi- kamente gegen das neue Corona-Virus geben? Laut Weltgesundheitsorganisation sind weltweit 41 7
  • 8. 8 Impfstoffprojekte angelaufen. Als am weitesten fort- geschritten gelten neuartige„MRNA-Impfstoffe“: sie sollen das Immunsystem darauf trainieren, Antikörper herzustellen, die das virale Spike-Protein aufspüren und ausschalten und das Virus so daran hindern, in Zellen einzudringen. Dass Impfungen bereits im Jahr 2020 verfügbar sind, erachten Experten jedoch als unwahrscheinlich. Medikamente zur Behandlung bereits Infizierter könn- te es womöglich früher geben. Derzeit werden Wirk- stoffe, die schon gegen andere Krankheiten zugelassen oder in Entwicklung sind, auf ihre Effekte gegen das neuartige Corona-Virus getestet, darunter antivirale Medikamente etwa gegen HIV, Ebola, Grippe oder He- patitis, Immunbotenstoffe wie Interferon und Wirkstof- fe gegen Lungenerkrankungen. Die bei uns in Deutschland frühzeitig angeordne- ten Schutzmaßnahmen und Einschränkungen des gesamten öffentlichen und sozialen Lebens haben glücklicherweise eine ungebremste Ausbreitung des Corona-Virus verhindert und Menschenleben gerettet. Trotzdem wird teilweise heftig dagegen protestiert. Virologen, Bakteriologen, Epidemiologen, Pharma- kologen und verantwortungsbewusste Politiker aller Parteien warnen vor einer zu schnellen Lockerung und Aufhebung der Schutzmaßnahmen und einem dadurch begünstigten Ausbruch einer zweiten Infekti- onswelle. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind wir in Deutschland und insbesondere auch im Saarland durch die frühzeitigen Maßnahmen bisher ziemlich glimpflich davon gekommen. Zum Zeitpunkt dieser Berichtsabfassung waren im Saarland bisher 2.714 Co- rona-Infizierte festgestellt worden mit 165 Verstorbe- nen. 2.492 Infizierte gelten als genesen und 57 als akut infiziert. Im Landkreis Saarlouis waren es 542 gemelde- te Fälle mit 23 Verstorbenen und 504 Genesenen sowie 15 akut Infizierten. Die genauen Fallzahlen für die Stadt Saarlouis und für Lisdorf waren nicht zu erfahren. Ein Vergleich der bisherigen Corona-Fallzahlen mit de- nen früherer Seuchen in unserer Heimat zeigt, dass sie wesentlich niedriger sind als damals, obwohl derzeit weder ein Impfstoff noch eindeutig nachweisbar wirk- same Medikamente zur Verfügung stehen. Dies ist dem medizinischen Fortschritt allgemein und den frühzeitig eingeleiteten Maßnahmen zu verdanken. Einschränkungen und Verbote wegen Corona retteten hunderttausende Leben Forscher der Saar-Universität haben die Wirkung von Maßnahmen gegen das Corona-Virus analysiert und warnen vor einer ungebremsten Ausbreitung. Die Corona-Beschränkungen haben allein im Saarland tausenden Menschen das Leben gerettet, so Prof. Lehr. Der Pharmazeut und Leiter der AG vom Lehrstuhl für klinische Pharmazie der Saar-Uni hat ein Simulations- programm entwickelt, das die Verbreitung des Virus bis zur Entwicklung einer Impfung berechnet. Auf der Basis von Covid-19-Daten aus 250 Krankenhäusern in ganz Deutschland hat er hochgerechnet, wie sich die Zahl der Erkrankungen nach der Lockerung der Be- schränkungen entwickelt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer völlig ungebremsten Ausbreitung allein im Saarland bis zu 60.0000 Todesfälle zu befürchten wären. Die starken Beschränkungen im gesamten sozi- alen Leben werden von den Wissenschaftlern der Saar- Uni zwar als sehr schmerzhaft, aber als absolut wirk- sam angesehen. Die bundesweiten Schulschließungen Mitte März hätten die Verbreitung des Virus entschei- dend gebremst. Ebenso hätten sich die Kontaktbe- schränkungen und Verbote als sehr wirksam erwiesen. Der derzeitige Reproduktionsfaktor (R-Faktor) im Saar- land liege mit 0,4 – 0,6 deutlich unter dem kritischen Wert von 1. Bei unverändertem Wert geht die Prognose der Saar-Uni davon aus, dass es bis zum 14. Juni 2020 2.800 Corona-Betroffene im Saarland gibt, davon 2.600 Genesene, wobei derzeit unklar ist, welche gesundheit- liche Langzeitschäden diesen drohen. Nach dem Abklingen der„alles in allem“ bei uns noch ziemlich glimpflich verlaufenden Corona-Pandemie bleibt zu hoffen, dass wir künftig noch besser auf kommende Pandemien vorbereitet sein werden. Denn die„Geißel der Menschheit“ bekommen wir nicht los. Auch das zeigt uns dieser Rückblick. Und die weltweite Verflechtung, die Globalisierung, schreitet in der Zeit nach Corona weiter fort. Da dieser Bericht wohl etwa 1 Monat nach seiner Abfassung im Lisdorfer Heimatblatt veröffentlicht wird, sind einige Daten und Ausführungen dann möglicher- weise nicht mehr aktuell. (hg) Die Abfassung dieses Berichts habe ich mit meinem Sohn und VHL-Mitglied Dr. med. Torsten Groß, Internist und Pneumologe, OA im Klinikzentrum Westerstede, NS abgestimmt. Literaturnachweis: Michael Tritz: Geschichte der Abtei Wadgassen Der Neue Brockhaus Johann Goergen: Lisdorfer Ortsgeschichte Arnt Finkenberg: Lisdorf von der Steinzeit bis zur Gegenwart (1996) Zeitschrift„Herz heute“ Nr. 2/20 Verschiedene SZ-Berichte 8
  • 9. 9 Zoonosen heißen die Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen – oder umgekehrt – überspringen, und ihre Zahl nimmt seit Jahrzehnten zu. Auch das neuartige Coronavirus ist vermutlich Ende 2019 auf einem Fisch- und Geflügelmarkt im chinesischen Wuhan von einem Tier auf den Menschen übertragen worden. Vor allem Fledertiere, also Fledermäuse und Flughunde, sind wahre Virenreservoire. Mehr als 3.200 Coronavirusarten wurden bei ihnen inzwischen entdeckt. Die Fledertiere selbst haben kein Coronaproblem. Ihr effektives Immunsystem garantiert, dass sie von Krankheiten verschont bleiben. Gefährlicher Nebeneffekt: die Viren vermehren sich in Fledertieren mit steigender Geschwin- digkeit, verändern sich permanent – und werden somit immer gefährlicher für andere Arten, die über ein weniger ausgeprägtes Immunsystem verfügen. In der Regel wird das Virus nicht direkt von der Fledermaus auf den Menschen übertragen. In Wuhan etwa könnte es, so die Vermutung vieler Wissenschaftler, über einen Zwischenwirt, ein Schuppentier höchstwahrscheinlich, auf den Menschen übergesprun- gen sein. Trotzdem Nützlich Wer Fledermäuse nun als gefährliche Schädlinge abstempelt, liegt jedoch falsch. Zum einen, weil längst nicht alle der rund 1.300 Arten Coronaviren in sich tragen. Zum anderen, weil die Fledertiere in vielen Ökosystemen eine wich- tige Rolle spielen. So sorgen sie zum Beispiel für den Schutz des Baum- und Pflanzenbestands, indem sie Schädlinge fressen, ihr Kot wird als Dünger genutzt und in den Tropen bestäuben sie Pflanzen (MMF) Aus Corona Spezial folio 2 / Mai 2020 Viruswissen Virenreservoir Fledermaus Werden Sie Mitglied im VHL Wir sind der mitgliederstärkste heimatkundliche Verein des Saarlandes. Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Arbeit. Nehmen Sie doch einfach Kontakt zu uns auf heimatkunde@lisdorf.de oder Tel. 06831 - 764672
  • 10. 10 Durch das Coronavirus waren meine Eltern sehr viel mehr zuhause. Das fand ich eigentlich sehr schön. Wir haben zusammen Modelle gebaut und uns amü- siert. Ich konnte mich leider auch nicht mehr mit Freunden treffen. Das geht jetzt ja wieder. Solange es nicht ging, haben wir viel Videochat über das Internet gemacht. Z. B. haben wir zusammen gekocht, und dabei den Videochat laufen lassen. Das hat sich fast angefühlt, als wären wir alle wirklich zusammen. Mein Freund Jonah hatte an Karfreitag Geburtstag. Ich durfte wegen der Konnaktsperre nicht zu ihm rein, sondern habe ihm von der anderen Straßenseite aus gratuliert. Ich fand es auch sehr schade, dass ich Ostern nicht mit der ganzen Familie feiern konnte, sondern sie nur im Garten sehen konnte. Meine Großeltern habe ich über- haupt sehr vermisst. Leider durfte ich nicht mehr in die Schule gehen, son- dern habe homeschooling gemacht. Wir haben Arbeitspläne und -materialen als E-Mail bekommen, für jeden Tag verschiedene Aufgaben. Die Aufgaben, die wir gemacht haben, haben wir abge- hakt. Unsere Lehrerin hat uns jede Woche einen Brief geschrieben. Die Schule ist im Juni wieder angegangen, allerdings habe ich immer nur 4 Stunden, und das auch nur alle zwei Wochen. Wenn wir in die Schule kommen, dann sind für die ver- schiedenen Klassen Eingänge abgeteilt. Wenn wir dann auf dem Schulhof sind, müssen sich alle an Hütchen aufstellen. Der erste darf rein, man wartet bis der sich die Hände gewaschen hat und auf seinem Platz sitzt. Dann darf der nächste rein usw.. Wenn wir von unserem Platz aufstehen, müssen wir direkt die Maske anziehen. Auf dem Platz müssen wir sie nicht tragen. Wenn allerdings einer nicht auf seinem Platz sitzt, müssen wir sie allerdings anhaben. Alle Klassen haben verschiedene Pausenplätze und zu anderen Zeiten Pause. Leider ist auch das Handballtraining flach gefallen. Um allerdings weiter Sport zu treiben, habe ich mir Hanteln besorgt. Ich habe auch sehr viel Sport im Gar- ten getrieben, und bin froh, dass ich einen so großen Garten habe. Bis Mai habe ich Klavierunterricht über Skype gehabt. Nun kommt mein Klavierlehrer wieder zu uns nach Hause. An dem Tag, an dem wir erfahren haben, dass dies unser letzter Schultag ist, haben wir zugleich erfahren, dass unsere Kommunion ausfällt; das war schon ein ziemlicher Schock nach 3 Jahren Planung. Wir haben jetzt erfahren, dass die Kommunion in Kleingruppen erfolgen soll. Meine Kommunion ist z. B. am 1. August und zwar in der schönen Lisdorfer Pfarrkirche. Wir haben in allerletzter Sekunde noch meinen Anzug umgetauscht, da er mir an der Kommunion nicht mehr gepasst hätte. Ich hoffe jetzt, dass ich auch an dem neuen Termin mit meinen besten Freunden zur Kom- munion gehen darf. Corona - wohl das beherrschende Thema des Jahres 2020 Wir haben uns gefragt, wie kommen die Lisdorfer durch diese Zeit? Wie erleben verschiedene Generationen die Einschränkungen und Vorgaben unserer Regierung? Was bestimmt, bewegt, verändert unseren Alltag? Im Folgenden lassen wir drei Stimmen aus völlig unterschiedlichen Lebensbereichen zu Wort kommen, die von ihrem Weg durch die Corona-Zeit berichten. Paul Flasche, 10 Jahre
  • 11. 11 Corona-Zeit – verlorene Zeit? Von meiner Situation ausgehend betrachtet, d. h. im normalen Alltag macht sich immer mehr die dem Alter geschuldete Immobilität bemerkbar, bin ich nun auch Teil der so genannten Risikogruppe. Ohnehin fällt es mir mit meinen Wehwehchen schwer, an verschie- denen Aktivitäten teilzunehmen, nun kommt aber die Verordnung dazu, nicht außer Haus zu können. Es fühlt sich ein bisschen an wie eingesperrt sein. In Anbetracht der begrenzten Lebenszeit, die noch vor uns liegt, könnte da schon der Gedanke an verlorene Lebenszeit aufkommen. Der verordnete Verzicht auf einige Annehmlichkeiten, z. B. mittwochs der Besuch der Chorprobe des Kirchen- chores, samstags der Gang in die Vorabendmesse in unserer Kirche, danach evtl. ein kleiner Plausch mit Bekannten vor der Kirche fällt durchaus schwer. Auch das Frühstückstreffen mit Freunden muss ich mir versa- gen. Und da kommen dann wieder die Überlegungen, ob das alles verloren ist, oder ob es mir irgendwann wieder vergönnt sein wird, diese Treffen und Gesprä- che nachzuholen. Trotz allem weiß ich, dass diese Einschränkungen sein müssen und gerade für die dem höheren Risiko aus- gesetzten nicht aus Willkür passieren. Ich sehe es als Fürsorge und Schutz der Verantwortlichen an und bin dankbar dafür. Trotz aller Unannehmlichkeiten fühle ich mich doch gut versorgt. Meine Kinder sorgen dafür, dass ich nicht verhungern muss und auch keine Langeweile entsteht. Handarbeiten, d. h. stricken und häkeln, sowie lesen, und Musik hören sind sowieso feste Bestandteile mei- ner Tagesgestaltung. Es mussten schon ärgere Zeiten durchstanden werden. Da war die Sorge ums tägliche Überleben der beherr- schende Gedanke, weil es keine Lebensmittel gab. Eine Kommunikation mit den Liebsten, die irgendwo in der Welt für dubiose Ziele ihr Leben riskieren muss- ten, war nicht möglich. Alle Dramen der Kriegsjahre aufzuzählen erübrigt sich. Das kann man alles in den Geschichtsbüchern nachlesen. Werden wir doch angesichts dessen ein bisschen de- mütiger und vertrauen wir auf eine gute Wissenschaft, die sich doch täglich bemüht, die Lage zu entspannen und unser Leben wieder in normale Bahnen zu führen. Manches fällt uns schwer zu akzeptieren. Unser Gott- vertrauen sollte doch so stark sein, dass wir die uns verbleibende Lebenszeit ohne Angst und Schrecken in Ruhe und Frieden genießen dürfen. Ein wenig mehr Gottvertrauen – das wünsche ich auch unserer oft so ungeduldigen Jugend. Was Corona mit Corona mit uns macht!? Ab ins Homeoffice! 19 .März 2020 am Vormittag passiert es: ich werde ins Büro meines Chefs gerufen. Ich bekomme die Anweisung umgehend alles, was ich zum Arbeiten benötige, zusammen zu packen und nach Hause zu fahren. Als Erste unseres Teams muss ich ab sofort von zu Hause aus arbeiten. Zuhause arbeiten dürfen, hätte mich früher vielleicht gefreut. Aber an diesem 19. März 2020 ist mir schlagartig nach Weinen zumute. Ich gehe zurück in mein Büro, begleitet von meinem Chef und es findet eine Teambesprechung statt, in der verkündet wird, dass ich nun als Erste ab ins Homeoffice darf/muss. Wie es für alle weitergehen wird, weiß man nicht. Nach der Verkündung packe ich also alles brav zusammen. Ordner mit Unterlagen, Mo- nitore, Tacker, Locher, Stifte; Rechenmaschine, Bücher, einfach alles. Kolleginnen schaffen Kisten herbei, damit ich alles un- terbekomme. Es ist wie Ausziehen und fühlt sich an wie Abschied! Abschied in eine ungewisse Zeit! Ich muss Martha Müller
  • 12. 12 mich sehr beherrschen, nicht die Fassung zu verlieren. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Von jeder einzelnen Kollegin verabschiede ich mich nochmal und wünsche allen, dass sie gut durch die Zeit kommen und vor allem gesund bleiben! In diesem Moment sitzt die Angst um unsere Gesundheit wie ein Elefant auf meinen Schultern! Mit diesem Elefant auf meinen Schultern und jeder Menge Kisten geht’s zum Auto, noch einmal Winken und dann geht’s ab ins Homeoffice. Später erfahre ich, dass meine Kolleginnen nachdem ich dann gefahren bin, erstmal ein paar Tränchen verlo- ren haben. Was Corona mit uns macht! Zuhause angekommen, wir kurzerhand der Essbe- reich unserer Wohnküche in ein Büro umfunktioniert. Ab diesem Zeitpunkt essen wir nur noch im Garten! Soweit ok. Nun sitze ich zuhause am Küchentischbüro mit mei- nem Elefant auf der Schulter und arbeite daran, eine Routine in den Alltag zu bringen. Routine in einen Alltag zwischen Bett, Bad, Küchentisch und Garten. Ich versuche einfach die Corona Krise auszusitzen, das muss doch gehen !? Es dauert nicht lange und es kommt wie erwartet: das gesamte gesellschaftliche wie wirtschaftliche Leben wird heruntergefahren. Die Worte Ausgangsbeschrän- kung, Klopapier, Hefe und Hamsterkäufe beherrschen unser Leben. Menschenleere Straßen, geschlossene Geschäfte, Menschen mit Masken und Polizeistreifen überall. Viele Särge sind im Fernsehen und in sonstigen Medien zu sehen. Für mich alles irgendwie völlig unre- alistisch. Nichts ist mehr wie es war – kein Stein steht mehr auf dem andern – der Elefant aber, sitzt fest auf der Schulter. Was Corona mit uns macht! Nun sind 3 Monate vergangen und ich kann sagen, das Aussitzen der Corona Krise habe ich dem Elefant über- lassen, der mittlerweile nur noch auf dem Schreibtisch sitzt und dem ich gelegentlich erlaube, sich auf meine Schulter zu setzen. Mit kleinen Erfolgen erarbeite ich mir eine neue Tages- routine, die einem im Home Office die Balance zwi- schen Selbstdisziplin und Selbstkontrolle abverlangt. Selbstdisziplin im Hinblick darauf, im Home Office nicht gänzlich in eine Lethargie zu verfallen und Selbstkontrolle dahingehend, sich zuhause nicht zu überfordern und das Maß an Leistungsfähigkeit zu überschreiten. Zur Überforderung im Home Office kommt es sehr häufig deshalb, da immer noch das Vorurteil weit verbreitet ist, dass im Home Office weniger gearbeitet wird. Eine Studie der Universität Stanford zeigt jedoch, dass das Arbeitspensum im Home Office um 13% steigt. Corona zeigt auf, dass Unternehmen leistungsfähig bleiben, obwohl alle oder der überwiegende Teil der Mitarbeiter im Home Office arbeiten. Etwas, was vor- her vielerorts mit Misstrauen behaftet und unmöglich war, zeigt sich nun als DIE Lösung! Was Corona mit uns macht! In meinen Augen regelt sich alles neu. Jede Zeit hatte ihre Herausforderungen und Aufgaben. Corona ist unsere Aufgabe! Ich lerne, dass unter Umständen der beste Arbeitsplatz nicht auf ewig garantiert ist, dass Menschen innerhalb kurzer Zeit sehr schwer erkranken können, dass sich in der Krise der Denunziant zeigt. Gleichzeitig lerne ich aber auch zu entschleunigen , noch mehr zu wertschätzen und den Blick noch inten- siver auf das Wesentliche zu richten. Ich lerne den Elefant als Aufpasser und nicht als Last zu sehen, denn ein gewisses Maß an Angst, Vorsicht, Rücksicht und Güte erleichtert das Miteinander unge- mein. Was Corona mit uns macht! Tanja Müller-Freichel
  • 13. 13 Heldinnen der Nähmaschine Lisdorfer Frauen folgen Aufruf und nähen Mund-Nasen-Schutze Das Corona-Virus und seine Folgen sind aktuell in aller Munde. Dazu gehört auch das vorgeschriebene Tragen eines Mundschutzes. Dieses gilt beim Einkaufen oder auch wenn man sich im öffentlichen Personennahver- kehr (ÖPNV) bewegt. Schon einige Wochen bevor das Bedecken von Mund und Nase gesetzlich verfügt wurde, wirkten einige Frauen aus Lisdorf dem sich schon früh anbahnen- den Engpass bei der flächenmäßigen Versorgung mit Masken entgegen. Auslöser waren zum einen Anfragen von Familie und Freunden, ob sie denn vielleicht ein paar Masken nähen könnten. Auch für die Feuerwehr Saarlouis, Löschbezirk Lisdorf waren sie im Einsatz, die- se Masken wurden auch mit liebevoll gestickten Logos versehen. Zum anderen hat unser Kaplan Heiko Marquardsen über den Pfarrgemeinderat zum Nähen von Mund- und Nasenmasken aufgerufen. In unserer Pfarrkirche wurde eine Sammelbox aufgestellt, in die die anony- men Näherinnen ihre Werke ablegen konnten. Diese Initiative hat insgesamt knapp 1000 Masken zusam- mengebracht. Diese konnte Kaplan Marquardsen auf dem Landratsamt abgeben, von wo aus sie dann sinnvoll verteilt wurden. Stoff hatten Heike Groß, Christine Hawner, Elisabeth Jacob, Alexia Bernard und viele andere Helfer noch aus eigenen Beständen. Schwieriger wurde es bei der Be- schaffung des notwendigen Gummis. Diesen kauften sie, solange es ihn dort noch gab, in den Geschäften ein. Es wurde dann aber wirklich immer schwieriger Gummi noch käuflich zu erwerben. Zum Glück kamen ab und an noch Spenden aus privaten Beständen. Schnell sprach sich die Aktion herum und es kamen Anfragen aus den eigenen Familien, dem Verwandten- und Bekanntenkreis, aber auch von anderen Perso- nen, die mitbekommen hatten, dass in Lisdorf fleißig genäht wird. Insgesamt hat das Damen-Quartett nun schon insgesamt weit über 4000 Masken hergestellt.
  • 14. 14 Leider waren bei dieser Anzahl der Stoff-und Gummi- verbrauch immens gestiegen und nicht mehr alleine zu finanzieren. Deshalb brachten einige Abnehmer der Masken Stoff und Gummispenden. Auch Nähnadeln und anderes Nähmaterial kam bei den Näherinnen dankend an. Ganz besonders freuten sich die fleißigen Nähbienen über Blumen oder auch ein schokoladenes Dankeschön. So verbrachten die Damen über viele Wochen stun- denlang an ihren Nähmaschinen und nähten ehren- amtlich die heiß begehrten Mund-Nasen-Schutze. Neben privaten Abnehmern gingen die Schutze an Arztpraxen, Physiotherapie Praxen, Alten- und Seni- orenheime, Krankenhäuser, Pflegeheime, Feuerwehr, Banken, Pflegedienste, Kosmetikstudios, Friseuren, Kir- chen, Landkreis Saarlouis, Stadt Saarlouis, Kindergär- ten, Kältehilfe Saarbrücken, Alltagshelfer Saarbrücken. Einige Masken gingen weit über den Landkreis hinaus, wie nach Stuttgart, Frankfurt, Kassel, Staufenberg, Ber- lin, Stralsund, Wiesbaden und andere Regionen. Aber auch nach Frankreich und selbst in die USA gingen ein paar der selbstgenähten Unikate. Auch über Facebook verbreiten die Frauen ihre liebe- voll genähten Kreationen und die Anfragen gingen enorm in die Höhe. Um noch mehr Menschen den Zu- gang zu den selbstgenähten Masken zu ermöglichen, gründeten Heike und Alexia schließlich ihre eigene Facebook Gruppe„Mund/Nasenmasken Kreis Saarlou- is“. Diese ist zwar jetzt nicht mehr so aktiv, aber hin und wieder kommen noch die eine oder andere Anfrage herein. Ehrenamtliches Engagement ist unverzichtbar und wichtig. Ob Krise oder nicht, es stärkt den Zusammen- halt der Gesellschaft! Gerade in den schweren Stunden, wie beim Lock Down, war es wichtig eine Aufgabe zu haben und somit einen besonderen wichtigen Teil für die Gemein- schaft beizutragen.
  • 15. 15 Vor 100 Jahren wurde die Lothringerin von Papst Benedikt XV heilig gesprochen Von der Kirche als „Ketzerin und Hexe“ verurteilt, starb sie mit 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen (6.1.1412–30.5.1431) Von Heiner Groß Aus Anlass der Heiligsprechung von Jeanne d’Arc, Johanna„Jungfrau von Orléans“ am 16. Mai 1920 Jeanne d’Arc – die Heilige aus unserer Nachbarschaft berichteten alle Zeitungen, so auch die Saarbrücker Zeitung am 18. Mai 2020, über dieses Ereignis vor 100 Jahren und das Schicksal der späteren französischen Nationalheldin. Jeanne d’Arc, die aus dem lothringi- schen Dörfchen Domrémy-la-Pucelle südwestlich von Nancy stammte, wurde am 30. Mai 1431 nach einem Schauprozess von der Katholischen Kirche als Ketzerin und Hexe verurteilt und auf einem Scheiterhaufen in Rouen/Normandie verbrannt. Bei der Lektüre des SZ-Artikels„Jeanne d’Arc nicht den Rechten überlassen“ von Sophia Schülke bin ich sofort an meine intensive Beschäftigung mit Jeanne d’Arc während meines Studiums vor 56 Jahren erinnert wor- den. Mein Professor für Betriebswirtschaftslehre fragte mich, ob ich bereit sei, eine größere Exkursion meines Studiensemesters nach Südwestdeutschland und El- sass-Lothringen zu organisieren. Er selbst stammte aus Ostpreußen und sprach perfekt Englisch und Russisch, aber kein Wort Französisch. Da ich der einzige Saar- länder des Semesters war und aus der„frankophilen“ Stadt Saarlouis stammte, nahm er an, dass ich perfekt Französisch spräche. Also fuhr ich von Hannover-Hil- desheim ins heimatliche Lisdorf und machte mich an die Vorbereitungen für die Exkursion. Die Organisation von Übernachtung, Verpflegung und Besichtigungen für mehr als 60 Studenten an verschiedenen Orten (Straßbourg, Colmar, Neuf-Brisach, Mulhouse, St.-Dié, Epinal, Neufchâteau, Luneville, Nancy, Toul, Metz und Verdun) dauerte mehr als eine Woche. Bei dieser Gele- genheit wurde ich auch auf den Geburtsort der franzö- sischen Nationalheldin hingewiesen. Also fuhr ich zum Maire von Domrémy, der zu meiner Überraschung ein gutes Elsässer-Deutsch sprach. Als französischer Soldat war er einige Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen auf einem Bauernhof in der Pfalz. Er war be- geistert über unser Interesse an Jeanne d’Arc. Zunächst führte er mich zu dem restaurierten Haus, in dem Jeanne (Johanna) am 6. Januar 1412 als Tochter der wohlhabenden Bauersleute Jacques Darc und Isabelle Romée geboren wurde. Nach ihrer späteren Rehabili- tierung wurden Jeanne und ihre Familie vom franzö- sischen König Karl VII in den Adelstand erhoben mit der Namensänderung d’Arc. Der Maire zeigte mir voller Stolz drei Wappen über der Tür ihres Geburtshauses. 15
  • 16. 16 Das Wappen mit Schwert, Lilie und Krone wurde Jean- ne von König Karl VII verliehen. Auf der linken Seite des Hause gab es eine kleine Ausstellung mit Dokumen- ten über das Leben von Jeanne d’Arc (Lichtbilder mit deutschen Erklärungen). Dann zeigte mir der Maire die Ortskirche St. Remy, in der Jeanne getauft worden und zur Erstkommunion gegangen war. Danach fuhren wir zur etwa 1,5 km entfernten Basilika Le Bois-Chenu, die von 1881–1926 zu Ehren von Jeanne d’Arc erbaut worden war genau an der Stelle, wo sie von 1425 bis 1428 die„himmlischen Stimmen“ gehört hatte. Das Innere dieser Kirche ist mit Malereien und Mosaiken aus dem Leben der Jungfrau von Orléans (franz.: Pucelle d’Orléans) geschmückt. Unter dieser Bezeich- nung wurde Jeanne weltberühmt. Mein kurzer Besuch in Domrémy-la-Pucelle fand seinen Abschluss mit der Besichtigung der Kapelle Notre-Dame oberhalb des Nachbarortes Greux, in der Jeanne gelobt haben soll, Frankreich vom Joch der englischen Besetzer zu befrei- en. Der überaus freundliche Maire verabschiedete mich mit der Zusage, unsere Studentengruppe im Sommer 1964 gern durch die Sehenswürdigkeiten zu führen. Er empfahl mir auf meiner Rückreise den Besuch der Kleinstadt Vaucouleurs, wenige Kilometer nördlich von Domrémy. Von hier sei Jeanne im Jahre 1429 aufge- brochen zum französischen König Karl VII nach Chinon an der Loire mit ihrer überirdischen Bestimmung und Weisung, die Engländer aus Orléans zu vertreiben. Am Burgtor„Porte de France“ sowie in der Krypta der Schlosskapelle mit einer einzigartigen Darstellung aus virtuellen Bildern und historischer Nachstellung in Vau- couleurs könne die Geschichte Frankreichs erlebbar gemacht werden. Bei den Verwaltungen der französischen Departements Vosges in Epinal, Meuse in Bar-le-Duc und Meurthe-et- Moselle in Nancy sowie beim Fachbereich Geschichte der Universität Nancy holte ich mir weitere Informatio- nen ein, die allerdings wegen Sprachproblemen nicht besonders ergiebig waren. Die Vorbereitungen für diese eineinhalbwöchige Exkursion, davon gut eine Woche in Elsass-Lothringen mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft, Gemüse- und Weinbau, haben meine gesamten Semesterferien in Anspruch genommen. Während unserer Exkursion nach Abschluss des Sommersemesters 1964 widmeten wir uns einen ganzen Tag Jeanne d’Arc in ihrem Ge- burtsort Domrémy-la-Pucelle und der benachbarten Kleinstadt Vaucouleurs. Wie versprochen, begleitete uns der Maire von Domrémy den ganzen Tag. Er arran- gierte auch ein Treffen mit dem Maire von Vaucouleurs und engagierte zudem einen Historiker der Universi- tät Nancy, der perfekt Deutsch sprach. Anschließend wurden wir zu einem üppigen Mittagessen eingeladen, das als französisch-deutsches Freundschaftsessen deklariert wurde. In den Essenspausen referierte der Geschichtsprofessor der Uni Nancy über Jeanne d’Arc. Wir waren auf das Angenehmste überrascht über die großzügige Gastfreundschaft der Franzosen. Der Geburtsort von Jeanne d’Arc im nahen Lothringen an der Grenze zum Elsass und am Fluss Maas gelegen, ist nur eine gute Autostunde von Lisdorf entfernt. Zu meiner Schulzeit stand die Geschichte der Jungfrau von Orléans auf jedem Lehrplan sowohl im Heimatkun- de- als auch im Geschichts- und sogar im Religionsun- terricht. Man hat sie damals als Heldin und Heilige aus unserer Region verehrt. In unserer heutigen Saar-Lor- Lux-Region gilt sie nur noch in Lothringen als Heilige und Nationalheldin. Da sich im Mai 2020 ihr Todestag (30.5.1431 in Rouen) zum 589. Mal wie auch ihre Heiligsprechung (16.5.1920 in Rom) zum 100. Mal jährt, wird in diesem Heimat- kundeheft Johanna von Orléans ein breiter Raum gewidmet. Sowohl in der Literatur als auch im Theater (Komisches Epos von Voltaire/1739, Trauerspiel von Schiller/1802, Schauspiel von Shaw/1924, Oratorium von Honegger/1934) wurde Jeanne d’Arc verewigt. Sie ist heute die berühmteste Frauengestalt Frankreichs und gehört zu den bekanntesten Frauen der Weltge- schichte. In den Büchern„Große Frauen der Weltge- schichte“ und„Das große Buch der Heiligen-Geschichte und Legende im Jahreslauf“ wird sie eingehend gewürdigt. Politische Instrumentalisierungen begleiten Jeanne d’Arc durch die Jahrhunderte bis heute. So betonten katholische Monarchisten ihre tiefe Frömmigkeit und ihre Nähe zur Jungfrau Maria. Antiklerikale und Re- publikaner unterstrichen ihren Mut gegenüber der Obrigkeit, ihre Liebe zu Frankreich und ihre einfache Herkunft. Im 2. Weltkrieg versuchten sowohl der fran- zösische Widerstand (die Resistance) als auch das mit den Nazis paktierende Vichy-Regime ihren Mythos für sich zu vereinnahmen. Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine Le Pen legen jedes Jahr am 1. Mai einen Kranz vor der Jeanne d’Arc-Statue auf der Place des Py- ramides in Paris nieder. Politiker der Mitte in Frankreich überlassen Jeanne d’Arc jedoch nicht den Rechten. Der ehemalige Staatspräsident Nikolas Sarkozy be- 16
  • 17. 17 suchte anlässlich des 600. Jahrestages ihrer Geburt im Jahr 2012 Domrémy und erinnerte an sie, ebenso wie jüngst Emmanuel Macron, in seiner Rede. 1979 hatte der damalige Staatspräsident Valery Giscard d’Estaing die Johanna-Kirche in Rouen eingeweiht. Trotz der Heiligsprechung durch die Kirche am 16. Mai 1920 tauchen immer wieder Veröffentlichungen auf, die ihre Identität und Taten leugnen. Dabei sind gerade in ihrem Seligsprechungsprozess 1909 und der Heiligsprechung 1920 die notwendigen Unterlagen (u.a. die vollständigen Akten aus dem Prozess gegen Jeanne vor dem Kirchengericht in Rouen im Jahr 1431) mit einer Gründlichkeit von den päpstlichen Gremien in Rom betrieben worden, die keinen Zweifel lassen an ihrer Integrität. Papst Benedikt XV hatte ausdrücklich erklärt, dass über ihre prophetische Gabe, ihre katho- lische Gesinnung, die Makellosigkeit ihrer Sitten sowie ihre unbefleckte Jungfräulichkeit keinerlei Zweifel bestehen. Das Wirken von Jeanne d’Arc umfasst nur eine kurze Zeitspanne. Als 17-jähriges Mädchen zog sie aus, um das von den Engländern besetzte Frankreich zurück- zuerobern. Nach mehreren Siegeszügen starb sie als 19-jährige auf dem Scheiterhaufen. Den 1849 veröf- fentlichten und vollständig erhaltenen Prozessakten ist Folgendes zu entnehmen: Jeanne d’Arc wurde 1412 als Bauerstochter im Dorf Domrémy in Lothringen geboren. Von früher Kindheit an musste sie im Stall, im Garten und auf dem Feld mitarbeiten. Eine schulische Ausbildung gab es nicht. Daher konnte sie weder lesen noch schreiben. Sie war fromm, jedoch ohne Überspanntheit. Fröhlichen Ge- müts nahm sie an den Dorffesten teil. Zeugen gaben später zu Protokoll, sie sei weder abergläubisch gewe- sen noch habe sie einen Hang zum Übernatürlichen gehabt. Eines Tages, Johanna war 13 Jahre alt, vernahm sie im Garten ihres Elternhauses eine helle Stimme. Sie sah zunächst nichts, denn ein strahlendes Licht blendete sie. Voll tiefen Erschreckens erkannte sie dann eine überirdische Gestalt, die sich ihr als Erzengel Mi- chael offenbarte. Er kündete ihr das Erscheinen der Hl. Katharina und der Hl. Margaretha an. Und tatsächlich erschienen diese himmlischen Gestalten bald darauf und sprachen mit ihr. Johanna verfocht später vor dem Strafgericht in Rouen die Wahrheit ihrer Visionen und ging für sie in den Tod. „Alles, was ich getan habe, habe ich auf Befehl der Stimmen getan.“ Sie beteuerte vor den Richtern: „Ich habe sie mit meinen Augen gesehen geradeso gut, wie ich euch jetzt vor mir sehe!“ Man wollte ihr nicht glauben und hielt es für Vorspiegelungen des Teufels. Alle psychologischen Erklärungsversuche trafen für Johanna nicht zu. Sie war, wie urkundlich bestätigt wurde, ein geistig und körperlich gesundes Mädchen, eine nüchterne, aller Schwärmerei abholde Natur. Unablässig forderten die Stimmen von Johan- na, dem König von Frankreich zu Hilfe zu eilen und das bedrängte Vaterland zu retten. Frankreich befand sich damals bereits seit 90 Jahren in dem schwersten Krieg seiner Geschichte und drohte, zum Vasallen- staat England zu werden. Hungersnöte und Seuchen breiteten sich aus, politische Gegensätze zerrissen die Nation, der König war nicht einmal gekrönt. Der englische Feind hatte die Stadt Orléans an der Loire besetzt. Erschreckt lehnte die junge Johanna die an sie gestellte Forderung ab. Wie sollte sie das vom Unter- gang bedrohte Vaterland retten können? „Ich bin ja nur ein armes Mädchen und verstehe nichts vom Reiten und Kriegsführen.“ Johanna behielt ihr Geheimnis für sich und suchte ganz allein, mit ihrer Berufung fertig zu werden. König Karl VII war der einzige Mensch, dem sie ihre Offenbarungen mitteilte. Selbst vor ihren späteren Richtern äußerte sie sich nur andeutungsweise über ihre Erscheinungen. Nachdem die himmlischen Mäch- te sie jahrelang mit ihrer Sendung vertraut gemacht und immer dringender zum Handeln gemahnt hatten, konnte sich Johanna nicht mehr entziehen. Sie ver- ließ als 17-Jährige ihr Elternhaus und machte sich auf Befehl ihrer Stimmen an ihr schweres Werk. Die Stim- men wiesen sie nach Vaucouleurs nördlich von Dom- rémy. Von dem Kommandanten dieser Stadt wollte sie ein Empfehlungsschreiben für ihren Weg zum König haben. Es wurde ein Fehlschlag. Sie versuchte es im Winter 1429 ein zweites Mal. Diesmal wurde es ihr bewilligt. Dann stieg sie in männlicher Rüstung auf ein Pferd, nachdem sie sich die Haare hatte kurz schneiden lassen. Ihre Männerkleidung, die sie nun anlegte, war für die damalige Zeit etwas Unerhörtes und später bei Gericht einer der Hauptanklagepunkte. Jeanne ver- teidigte sich,„Gott habe ihr die Tracht befohlen“. Sie gelangte in Begleitung von zwei Rittern nach schweren Hindernissen und Strapazen nach Chinon an der Loire, wo sie sich sofort bei König Karl VII melden ließ. Nach tagelangem Warten„trat sie in großer Demut vor den König“. Völlig unbefangen verbeugte sie sich vor ihm und sagte: „Ich werde die Jungfrau genannt und bin von Gott gesandt, um dem Königreich und Euch Hilfe zu brin- gen.“ Voller Bedenken hielt der unentschlossene König die Wagemutige noch hin. Zunächst musste sie sich auf ihre Unberührtheit untersuchen lassen, dann ein theologisches Examen bestehen, wobei sie mit Mutter- witz, Freimut und Unerschrockenheit antwortete. Man fand nichts Verdächtiges an ihr. Nun endlich konnte Johanna mit König Karls Genehmigung zu seinen Truppen gehen. Sie teilte ihre Zeit zwischen Gebet und Waffenübungen. Sofort hatte sie großen Einfluss auf die Soldaten. Am 25. April 1430 brach das Heer nach Orléans auf. Mit Schwert und Banner zog die Jungfrau auf einem weißen Pferd in die bedrängte Stadt ein, die seit Herbst 1428 von den Engländern besetzt war. Das Volk geriet in einen Begeisterungstaumel. Die Feldher- ren dagegen begegneten ihr mit sichtlicher Zurück- haltung. Ohne strategische Kenntnisse und ohne eine 17
  • 18. 18 leitende Stellung im Heer zu haben, brachte Johanna eine gewaltige Leistung zustande. Für sie war dieser Krieg ein heiliger Krieg und sie weckte damit eine neue Begeisterung beim französischen Heer. Ihre„Räte“ (Conseils) waren immer bei ihr. Mit der Jungfrau an der Spitze gelang es, die Engländer zu besiegen und Or- léans zu befreien. Nur mit einer kleinen Schar Freiwilli- ger eroberte sie weitere Stellungen der Engländer und der mit ihnen verbündeten Burgunder an der Loire und befreite einen ansehnlichen Teil ihres Vaterlandes. An- schließend geleitete sie ihren König Karl VII 1429 nach Reims zur Krönung. Alle Könige Frankreichs waren in der Kathedrale von Reims gekrönt worden. Damit hatte sie das Werk, das ihr aufgetragen war, vollendet. Nach Reims begann ihr schmerzlicher Niedergang. Weitere Kämpfe waren weniger erfolgreich, Intrigen und militärische Niederlagen schwächten ihre Stellung. Der Glaube an ihre höhere Sendung wich allmählich einem wachsenden Widerstand am Hofe von König Karl VII. Ihre Gegner bezichtigten sie der Zauberei und der Hexerei. Bei dem Befreiungsversuch von Paris 1430 unter ihrer Führung erlitten die Franzosen eine schmerzliche Niederlage. Jeanne wurde am 23.5.1430 bei Compiègne von dem verfeindeten Herzog von Bur- gund gefangengenommen, der sie gegen eine hohe Summe an die Engländer auslieferte. Der Ort Compiègne erlangte 488 Jahre später Be- rühmtheit, da dort nach dem 1. Weltkrieg der Waf- fenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet wurde. 22 Jahre später im 2. Weltkrieg erfolgte dort die Kapitulation Frankreichs. Nach der Gefangennahme der Jungfrau von Orléans, wie sie seit der Befreiung Orléans genannt wurde, brachte man sie nach Rouen, der Hauptstadt der Normandie, die noch fest in englischer Hand war. Die Engländer wandten sich an den engländerfreundlichen Bischof von Beauvais. Dieser erklärte, das Mädchen sei auf dem Gebiet seiner Diözese gefangen genom- men worden und gehöre als Ketzerin und Hexe vor ein kirchliches Inquisitionsgericht. Damit hatten die Engländer ihr politisches Ziel erreicht, die Befreierin Frankreichs als Hexe zu verurteilen. In einen Eisenkäfig gesperrt, an Händen und Füßen gefesselt, musste sie in der Gefangenschaft Furchtbares erdulden. Neun Mona- te nach ihrer Gefangennahme wurde ihr am 21.2.1431 der Prozess gemacht. Dieser großangelegte Schaupro- zess, dessen Ausgang vorbestimmt war, dauerte 3 Mo- nate. Falsche Zeugen traten auf, andere wurden durch Drohungen eingeschüchtert. Spitzfindige Theologen versuchten, die relativ ungebildete Jungfrau in stun- denlangen Verhören in die Enge zu treiben und sie der Zauberei und des Aberglaubens zu überführen. Aber es gelang ihnen nicht. Jeannes Antworten bezeugten das Gegenteil. Ihr Gewissen sei rein und ihm müsse sie folgen. In ihrer unerschütterlichen Haltung vor ihren geistlichen Richtern bewies Jeanne eine noch größere Tapferkeit als im Felde vor dem Feind. Trotzdem wurde sie vom kirchlichen Inquisitionsgericht als Zauberin und Ketzerin zum Tod auf dem Scheiterhaufen verur- teilt. Am 30. Mai 1431 führte man sie morgens in aller Frühe zur Richtstätte auf dem Marktplatz von Rouen. Sie kniete nieder, betete, verzieh ihren Feinden und rief noch aus Flammen, Gott habe sie wahrhaftig gesandt und durch seine Heiligen zu ihr gesprochen. Unter furchtbaren Schmerzensschreien endete das Leben der19-Jährigen. Viele Beteiligte wurden noch am sel- ben Tag von Reue gepackt. Der Sekretär des englischen Königs rief aus:„Wir sind alle verloren, denn wir haben eine unschuldige Heilige verbrannt!“ Wie es Jeanne vorausgesagt hatte, wurden die Engländer nach ihrem Tod vollständig aus Frankreich vertrieben. Nun bemüh- te sich König Karl VII, ihre Ehre wieder herzustellen. Der Papst ordnete eine Untersuchung über den Prozess an. Dabei wurden die bösartigen Machenschaften der geistlichen Richter enthüllt und festgestellt, dass Jeanne, die Jungfrau von Orléans, unschuldig sterben musste. Im Jahr 1456 wurde ihre Verurteilung kirchlich aufgehoben. Von ihren Zeitgenossen wurde die Jung- frau von Orléans verherrlicht. Fortan verehrte Frank- reich seine Heldin wie eine Heilige, obwohl sie erst 6 Jahrhunderte später heilig gesprochen wurde. Heute wird sie von der gesamten Christenheit verehrt. In Rouen an der Seine, letzte Station von Jeanne d’Arc, sind auch heute noch die Schauplätze von 1431 zu besichtigen: zwei ihrer Gefängnisse – Orte der Demü- tigung und kirchengerichtlichen Verhöre –, der Ge- richtssaal im alten Bischofspalast und ihre Richtstätte am Marktplatz. Ihre Asche wurde übrigens in die Seine gestreut, um keine möglichen Reliquien zu hinter- lassen. Rouen hat längst seinen Frieden mit seinem berühmtesten Opfer gemacht. Auf der ehemaligen Hinrichtungsstätte wurde die Johanna-Kirche errichtet und 1979 vom französischen Staatspräsidenten Vale- ry Giscard d’Estaing und kirchlichen Würdenträgern eingeweiht. Seit 2015 ist der Bischofpalast nahe der gotischen Kathedrale Heimstadt des„Historial Jeanne d’Arc“, das mit modernster Projektionstechnik so sug- gestiv wie informativ durch das kurze Leben und das lange Nachwirken der Jungfrau von Orléans führt. Ihre Seligsprechung und ihre Heiligsprechung durch Papst Benedikt XV erfolgte auf gemeinsame Anregung der Bischöfe von Orléans und Sainte-Dié-des-Vosges nach 1905. Der Verfasser hofft, dass er unter der Leserschaft dieses umfangreichen Artikels Interesse für Fahrten auf den Spuren von Jeanne d’Arc nach Domrémy-la-Pucell im nahen Lothringen und Vaucouleurs sowie Rouen in der Normandie geweckt hat. Diese Exkursionen könnte der Heimatkundeverein Lisdorf oder auch der Stadtver- band der heimathistorischen Vereine Saarlouis organi- sieren.
  • 19. 19 Text von August Balthasar und Monika Hanauer geb. Mül- ler (beide Kinder aus „Em Ecken“ Fotos von Monika Hanauer und Berthold Nagel. Früher hieß die Saarstraße im Oberdorf„Fährgasse“, 1940 hieß sie nach Umbenennung durch die Nazis Her- mann-(Göring)-Straße, mit ein paar alten Häusern. Im Festungsplan von Saarlouis aus dem Jahre 1753 ist sie als Fährgasse eingezeichnet, mit vielen kleinen Garten- parzellen, also Nutzgärten, an die man über schmale Trampelpfade herankam, viele kleine Gässchen mit vie- len Ecken, für die Dorfbewohner, die ihr diesen Namen gaben, war es eben„Da Ecken“ oder„Em Ecken“, es war auch die Fährgasse, die hinführte zum Ufer der Saar. Bis zur Evakierung nach Thüringen im September 1939 bewohnte dieses Haus die Familie Bechtel. Irene Bla- eses wohnte früher in der Saarstraße Nr. 1, wie bereits berichtet. Sie wohnte mit ihren Eltern gegenüber der Gastwirtschaft von Lorenz Kneip. Sie berichtet:„als junges Mädchen konnte ich Ziehharmonika und Akkor- deon spielen. Der„Emmes Pitt“ kam oft von der Wirt- schaft gegenüber zu uns rüber und ich durfte dann mit Einverständnis meiner Eltern im Gasthaus Lorenz Kneip musizieren. Es wurde dabei auch viel gesungen, viele Volkslieder wie zum Beispiel„das Wandern ist des Müllers Lust – Lustig ist das Zigeunerleben – Beim Kro- nenwirt – Wenn zwei gute Freude sind“ – usw. Nach dem 1. Weltkrieg ist Peter Bechtel mit seiner Familie aus dem Odenwald hierher nach Lisdorf in das Haus an der Ecke Saarstrasse –„Schmitt-Schangs- Großgässchen“ umgezogen, dies ist heute der Ver- bindungsweg Saarstraße-Großstraße entlang der ehemaligen Schmiede von Werner Amann (+2003). Peter Bechtel kam im Zusammenhang mit dem Petro- De Fährgass - die heutige Saarstraße in Lisdorf Eingang zur Hermann-Straße im Spätsommer 1940 Oben links im Bild das alte Haus am damals noch nicht „Freien Platz“ ist das erste Haus links an Saarstrasse, Ecke Saarstrasse – Schmidds Gässchen (gemeint ist die Schmiede-Gasse vor der früheren Schmiede von Werner Amann (+) in der Großstrasse 77), im Vordergrund links ein Pfosten in der Vorgartenmauer. Familie Bechtel: Großvater Bechtel in der Eisenbahner-Uniform der Kleinbahn Saarlouis, oben im Fenster 1. OG: Großmutter Bechtel mit ihrer Enkelin Irene Günther, später verheiratete Bleses. 19
  • 20. 20 leum hierher. Im Stadtteil Saarlouis-Roden, in der Nähe der jetzigen Oststraße am Güterbahnhof, befand sich in dieser Zeit ein Petroleumlager mit einem großen Tank. Das Petroleum wurde mittels Eisenbahntank- wagen hierher gebracht. Großvater Peter Bechtel ist dann mit seinem Pferdefuhrwerk, auf dem sich ein Petroleumtank befand, in die Dörfer nach Lothringen gefahren, welche noch kein elektrisches Licht hatten, und versorgte dort diese Ortschaften mit Petroleum für die Beleuchtung. Für die Lisdorfer Einwohner kam das elektrische Licht vor 1911/12 in den Ort. Später hatte dann der Großvater bei der Straßenbahngesellschaft, der KRAVAG, Arbeit gefunden.„Wir waren damals gott- selig arm“, sagte Irene Bleses geb. Günter zu mir. „Mein Onkel Karl Günter war Bahnhofsvorsteher auf der Kleinbahn Saarlouis“. Nach der Rückkehr aus der ersten Evakuierung 1940 - 1941 konnte die Familie Bechtel nicht wieder in ihr zwischenzeitlich zerstörtes Haus zurück. Es wurde ihnen eine Wohnung in der Feldst- rasse Nr. 52 zwangsweise zugewiesen; das beschädigte Wohngebäude danach dem Erdboden gleich gemacht, der Grund und Boden enteignet und das Anwesen für wenig Geld entschädigt. Irene Bleses war evangelisch und 2014 verstorben, ihr Vater Willhelm Günter war katholisch. Er hatte sich ein evangelisches Mädchen zur Frau genommen und evangelisch geheiratet, da es zu dieser Zeit noch kirch- lich verboten war, dass Menschen verschiedenen Glau- bens untereinander heiraten durften. Nach der Heirat hatte Dechant Spengler von der katholischen Pfarrei Lisdorf sie in einem Brief an ihren Vater darauf hinge- wiesen,„dass diese Heirat gleichbedeutend mit einer schweren Sünde sei“, so berichtet Irene Bleses. Die Evangelischen, das waren die„Bloo-Käpp“ – die „blauen Häubchen als Kopfbedeckung“; sie wurden so genannt, weil sie später nach der Reformationszeit etwa ab dem 17. Jahrhundert blaue Mützen trugen. Wir evangelischen Kinder waren in Lisdorf in der Min- derheit, sozusagen in der Diaspora. Wir durften nicht mit allen katholischen Kindern zusammen spielen und mussten auch als Lisdorfer nach Saarlautern in die Evangelische Schule gehen. Es kam die Zeit, als Adolf Hitler begann, die Macht zu ergreifen; mit den Natio- nalsozialisten kam auch die Gemeinschaftsschule. Alle Schüler, gleich welchen Glaubens sie waren, kamen in ein und dieselbe Klasse. Es war auch die Zeit 1935/36, als alle Strassen umbenannt wurden. Die Saarstrasse war jetzt die Hermannstraße geworden. Diese selbst- erlebten Geschichten hat mir Irene Bleses geb. Günter erzählt, die bis zur ersten Evakuierung im September 1939 bei ihren Eltern, bei ihrem Vater Wilhelm Günter, in der Saarstraße wohnte. Das andere Haus auf dem heutigen freien Platz stand hinter Haus und Garten der„Bechtels“ und war das Geschäftshaus„Spanier“. Das Geschäft hatte der Eigen- tümer, Herr Spanier, nicht selbst geführt, sondern er hatte es bis zum 2. Weltkrieg immer an andere Laden- mieter verpachtet. Im zweiten Weltkrieg, während der Evakuierung nach Thüringen, wurde neben dem Haus der Fam. Bechtel auch das Haus„Spanier“ im Auftrag der NSDAP (Hitlers Nationalsozialistisch Deutscher Arbeiterpartei) absicht- lich bis zur Unbewohnbarkeit zerstört, also nicht, wie es sich immer noch fälschlich herumspricht, durch Kriegeinwirkungen. Die beiden Häuser standen einer Der frühere Consum-Laden J. Spanier. Das Bild auf einer Post- karte hat Berthold Nagel dem Heimatkundeverein Lisdorf freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Vor dem Haus der Familie Bechtel zur Großstrasse hin war ein Nutzgarten. Im Bild auf der Bank im Garten Großvater und Großmutter Bechtel mit Sohn und den beiden Töchtern. Im Bildhintergrund rechts ist das Geschäftshaus Spanier in der Vor- deransicht) zu erkennen. Im Bildhintergrund links sieht man die Großstraße mit dem Bauernhaus der Landwirte Becker, später Landwirt Both, rechts dahinter die frühere Schreinerei Johann Freichel. 20
  • 21. 21 militärischen Nutzung des Platzes für Truppenaufmär- sche oder Paraden im Wege. Zuletzt war das Geschäft verpachtet an Rosel Weiss. Ihr Mann Johann wurde damals im Stadtgarten (heute Vauban-Insel) von einem Jugendlichen erschossen. Frau Weiss bekam für den Verlust ihres Mannes keine Rente und musste vier Kinder ernähren und groß- ziehen. Die kleine Betty war damals fünf Jahre alt. Mit dem Verkauf von Lebensmitteln und Kurzwaren bestritt sie damals ihren Lebensunterhalt. Als die Kin- der erwachsen waren, lebte Röschen Weiss zusammen mit ihrer Tochter Betty, sie wurde 98 Jahre alt. Mutter Rosel Weiss (Röschen) mit Ihren vier Kindern Betty, Mina, Leo und Nickel. Das VHL-Bilderrätsel Wie gut kennen wir alle unsere Heimat - speziell unser Heimatdorf Lisdorf? Oft geht man durch die Straßen und nimmt verschiedene Details gar nicht richtig wahr. Wir wollen in einer neuen Rubrik„Fotorätsel“ den Blick für diese Details schärfen und dazu animieren, mit offenen Augen durchs Dorf zu gehen. Wir werden in den nächsten Ausga- ben des Heimatblattes immer wieder Fotos aus den Straßen Lisdorfs veröffentlichen und unsere Leser um Lösung des dazugehörigen Rätsels bitten. Auf dem Bild sehen wir ein altes Bauernhaus mit einem Heuboden. Oben unter dem Dach befindet sich der Aufzug mit dem man früher Heu oder Stroh auf den Heuboden trans- portiert hat. Dies geschah vor der Erfindung der Elektrizität von Hand. Mit einem Greifer wurden die Garben nach oben gezogen und dann an ei- ner Schiene nach innen zu ihrem La- gerort gebracht. Man konnte durch eine Öffnung auf dem Speicher dann diese Vorräte nach unten werfen in den Stall. Jetzt unsere Frage: In welcher Straße in Lisdorf befindet sich dieser Heuaufzug? Die Lösung bitte per Karte an: Verein für Heimatkunde Lisdorf, Im Fischerfeld 39, 66740 Saarlouis oder per E-Mail: heimatkunde@lisdorf.de Den Gewinner eines Mundartbuches geben wir in der nächsten Ausgabe bekannt. Einsendeschluss 31. Oktober 2020.
  • 22. 22 Hochzeitskläädasch von Marianne Faust Us Tantä Godä hat us fréija vazehlt wie et so woa, Wenn de Leit no da Hochzeit loun gang senn voa 90 Joa. De Leit wòren dò grad so voawätzich wie haut, wievill Gäscht senn gelaad, wie häasch es de Braut. Haufenweis senn Fraleit on Mädcha an de Kirch maschéijat, de ganz Woch es jò ach sonscht neischt passéijat. De Tantä saat :„ Et Ännä on et Aggat woren émma dabei, die hòdden de Plan em Sack, met da Heiratarei.“ Wie dau woascht net no da Hochzeit loun, hädden se gesaat, mia vazehlen da alles, haschde Zeit, dann hall dich parat. Watt hodden die vill leit gelaad, et half Dorf, on all hodden se sich en Schalä geworf. De Braut, et Vroni woa wirklich scheen aan, dògend konnten ma ealich neischt saan. Et Klääd woa aus glänzija Atlasseid, schwarz, bis off de Bòddem on en da Tall gereid. Met Biesen on Fältcha, de Armen puffich gerafft, da Ennarock woa aus schwarzem gewolktem Taft. Schou bis an de Waden, met Schlengen on Knäppcha, om Kraren am Klääd do wòren noch Schläppcha. En scheenen weissen Schlaja of da Gretchesfrisur, gekurwelt met Seidenbändcha on gletzrija Schnua. Da Bräutigam met Frack on Zylinder, däa woa aach schnatz, doch blaich wie en Kässchmäa woa da arm Matz. Haut geht et em an de Kraren (dem Armen), a hat ausgesinn, de konnscht dich abarmen. Da Schang hòt en scheenen nauen Anzuch aan, däa rändejat sich, et senn a jò noch hennendran. Bei denen es däck noch Hochzeit em Haus, dò geht em Pattmonä irjendwann da Òtem aus. Ia Josefa hòt de Loui em Arm fo en de Kirch se treppeln, mia männen, die wéllen se aach sesammen kneppeln. De jong Mädcha hòdden Wolangen of de Klääda genäht, on die Klänen met Zockawassa Locken gedräht. Et Josefa on et Bertchin hòdden de Hòa onduliert, on se met scheenen goldijen Klamman ganiert. Ausgesinn hann se wie Ängelcha, ma männt se wären vareckt, bei dem nauen Moden gefft äm jeda Spòkes of et Au gedreckt. 22
  • 23. 23 Aweil lòssen die sich vamm Hohmout strietzen, jitz senn se nemmä sefridden met de Bietzen. De Mama, et Gret hot en scheen schwarz Klääd, met seidijem Gekurwels droff genäht. En großen weißen Kraren ganz met Biesen, et es offgedroot, wie et Asta Nielsen. Em Fritzchin hädden kennten en nauen Anzuch kaafen, däa hat ausgesinn, als gääf a memm Oschdaanzuch laafen. Sea adrett on kabawel woa et Kättchin, Met seim scheenen blóen Schagättchin. Datt ent hòt en Schappo aan, awwa sei Klääd wóa mau, äa hòt en Glatz, datt senn die vamm Gau. Die vann Lautan wòren aach gelaad, datt wòa däa mett dem zoddelijen Baat. Da Adem, mem weißen Hemed on Manschettenknäpp, sein Fraa hót en Klääd met a lanka Schläpp. Aus Änschdroff wòren da Schòss on et Res‘chin, datt hòt en schnillenen Blus mem Sches’chin. Et Ännä on et Aggat wäsen alles, wenn et gilt, die hallen de Ohren off, senn émma em Bild. Se hann aach gemunkelt, dass bei da Braut äppes wäa, se wäsen neischt, awwa se schwätzen gäa. Se hòdden en Raasch, denn se wóren net gelaad, dofoa hann se met stecheln aach net gespaat. Us Tantä saat:„Die hòdden Meila wie et bees Geld, awwa so Leit gefft et émma, denen wo neischt gefällt.“ (mf) 23
  • 24. 24 Historische Hochzeitsbilder aus de Erhard Müller oo Maria Barthel 1930 Heinrich Müller oo Elisabeth Weisz 1935 Johann Barthel oo Maria Trockle 1905 Peter Steinmetz oo Anna Willkomm 1922 Peter Christiany oo 189 * 1864 + 1911 Peter Steinmetz oo 1 * 1899 + 1970
  • 25. 25 em Archiv des Heimatkundevereins 97 Margarethe Schmitt * 1971 + 1968 1922 Anna Willkomm * 1896 + 1971 Johann Risler oo Gertrud Siegfried * 1875 * 1875 + 1955 + 1953 Franz J. Konstroffer oo Maria Risler * 1913 * 1909 + 1981 + 1983 Ludwig Amann oo Hilaria Amann 1949 Alfons Nicola oo Helena Breininger * 1910 * 1920 + 1994 + 2013
  • 26. Verfasser: Dr. Franz J. Klein Obwohl die Kriegsfronten noch weit entfernt waren, wurde der Raum‚Saarlautern‘ ab Mitte 1942 vermehrt durch Kampf- und Bombenflugzeuge der RAF (briti- sche Royal Air Force) und der USAAF (United States Army Air Forces) angegriffen. So wurden bei einem Luftangriff amerikanischer B-17 Bomber am Montag, dem 4. Oktober 1943 gegen 11.40 Uhr, 56 Menschen getötet und 118 zum Teil schwer verletzt. 25 Maschinen der 390. Bomber-Gruppe hatten aus ca. 7.300 m Höhe etwa 400 Spreng- und Brandbomben auf das Stadtgebiet und die Randbereiche abgeworfen. Auch 4 Erwachsene und 3 Kinder aus Lisdorf kamen ums Leben. Die Heimatforscherin Agnes Groß berichtet in ihrer Chronik über die Kriegsopfer in Lisdorf (1), dass die Getöteten zwischen 4 und 38 Jahre alt waren. Der Luftkrieg, der von der deutschen Luftwaffe im Herbst 1940 mit den Bombardements von London und Industriestädten wie Manchaster, Portsmouth und Coventry begonnen wurde (genannt:‚Luftschlacht um England‘), erreichte mit seinem Schrecken auch die einheimische Bevölkerung. So wie in vielen anderen deutschen Städten wurden bei diesen schauerlichen Bombenangriffen auch Teile unserer Region in Schutt und Asche gelegt. Wird die Gesamtzahl der Todesopfer innerhalb der eng- lischen Zivilbevölkerung auf nahezu 43.000 geschätzt, fielen dem Bombenkrieg der Alliierten über dem deut- schen Reichsgebiet etwa 600.000 Zivilisten zum Opfer. Über 20 Millionen Menschen waren in Mitleidenschaft gezogen und verloren zum Teil ihr gesamtes Hab und Gut. Mehr als 2.700.000 Tonnen Bomben wurden abgewor- fen. Etwa 160.000 alliierte Besatzungsmitglieder star- ben oder gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Mehr als 40.000 ihrer Flugzeuge gingen verloren oder waren, nach Rückkehr zu ihren Heimatflughäfen, nicht mehr reparierbar. Auf deutscher Seite wurden über Flugzeugabsturz auf der Holzmühle im Jahr 1944 Der Luftkrieg versetzt die Menschen in Angst und Schrecken Vor dem Trauerhaus in der Großstraße, Ecke Wolffstraße, sind hier fünf Opfer des Fliegerangriffs vom 4. Oktober 1943 aufge- bahrt: Johann Comtesse mit Tochter Maria sowie Agnes Nico- las, geb. Schmitt, mit ihren Kindern Heinz und Helga. Ihr Reihengrab wurde im Jahr 2015 eingeebnet. Den Grabstein versetzte man anschließend zu den Gräbern der Lisdorfer Berg- leute, die am 7. Februar 1962 beim Grubenunglück in Luisenthal ums Leben kamen. Quelle: siehe (1), 26 Ein Jabo-Schwarm im Formationsflug. Die Republic P-47 „Thun- derbolt“ war das schwerste und Amerikas meistgebautes einsit- ziges Kampfflugzeug des 2. Weltkrieges (ca. 15.600 Maschinen). Wikipedia ®, gemeinfrei
  • 27. 27 57.000 Flugzeuge verschiedener Muster im Luftkampf oder auf der Erde zerstört. Die Verluste der deutschen Fliegertruppe beziffern Militärhistoriker mit über 100.000 Mann. Als Bilanz des Luftkrieges über dem Gebiet des heu- tigen Saarlandes geht man von circa 200 Flugzeug- abstürzen aus. Etwa 240 Besatzungsmitglieder der Krieg führenden Nationen sind dabei gefallen. Andere Quellen sprechen sogar von über 400 Gefallenen. Die Zahl der getöteten Zivilisten schätzt man auf 2.300. Die Erkenntnisse zu Flugzeugabstürzen im Saarland und Teilen von Rheinland-Pfalz während des 2. Weltkrieges zu dokumentieren ist Zielsetzung einer Arbeitsgruppe von Forschern und ehrenamtlich arbeitenden Histori- kern (2). Vor allem im letzten Kriegsjahr suchte die Zivilbevölke- rung wegen der erbarmungslosen Luftangriffe sowohl am Tage (USAAF) als auch bei Nacht (RAF) Schutz in Bunkern, Luftschutzkellern und Stollen. Viele, mittlerweile zum Teil verstorbene Zeitzeugen unseres Ortes, berichten in einer Chronik des VHL (3) über die Geschehnisse und die eigenen Erlebnisse in den Kriegsjahren. Die 2014 verstorbene Mutter des Berichterstatters, Rosa Rullang (später Klein-Rullang), war 1945 im Frühsommer 18 Jahre alt. Mehrere Monate nach Kriegs- ende erlebte sie bei der Kartoffelernte mit der Familie auf dem Lisdorfer Berg, in der Nähe eines immer noch verminten Feldes, Folgendes:„In einer Senke‚Auf dem Pitzberg‘, in Verlängerung der ehemaligen Mülldepo- nie, lag eine kleine amerikanische Aufklärungsma- schine mit dem toten Flugzeugführer in der Kanzel. Mein Vater meldete diesen Fund sofort, worauf das Flugzeug mit der Leiche des Piloten geborgen wurde.“ Der heute 86 Jahre alte Lisdorfer Schuhmachermeister Baldur Klein erzählt vom Absturz eines amerikanischen Flugzeuges in der Nähe seines Elternhauses‚Auf der Holzmühle‘ am Mittwoch, dem 4. Oktober 1944. Er selbst (5. Kind der Familie) war zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt. Die Familie, Aloys Klein mit Ehefrau Barbara und den 8 Söhnen, hatte nach einem Fliegeralarm, rechtzeitig Zuflucht im benachbarten, runden Gemein- schaftsbunker gesucht, als die Maschine draußen zer- schellte. So kam niemand an Leib und Leben zu Scha- den. Das Wohnhaus war in Mitleidenschaft gezogen. Die Absturzstelle, etwa 60 m - östlich - entfernt vom Wohnhaus der Familie Aloys Klein. Das Elternhaus von Baldur Klein (ehe- mals Flurstraße 8) musste Anfang der 1980er Jahre weichen, als in diesem Bereich die Autobahn 620 weiter ausgebaut und die Autobahnbrücke Warndtstraße - Holzmühler Straße neu errichtet wurde. Archiv VHL, Bild aus Mitte der 1960er Jahre. - Diese Hanglage ist im Laufe der Jahre jetzt völlig verbuscht und bewaldet. - Lisdorfer Heimatblatt Nr. 8 (2005), Seite 31
  • 28. 28 Der brennende Teil des Dachstuhles konnte anschlie- ßend mit eigenen Mitteln gelöscht werden. Einige Wochen später war die Familie Klein nicht, wie viele andere Lisdorfer, im Ort geblieben. Sie folgte der behördlichen Anordnung (Gauleitung) und wurde, vor der nahenden Front, am 26. November 1944 mit der Reichsbahn auf einen Bauernhof in Geilsheim (ca. 30 km südlich von Ansbach, Mittelfranken) evakuiert. Nach 1939/40 in Thüringen war dies die bereits zweite Evakuierung in nur wenigen Jahren. Selbst nach der Rückkehr aus Franken im Juli 1945 war der morastige Absturzkrater noch deutlich zu sehen. Den Kindern wurde verboten, in diesem Bereich zu spielen. Das VHL-Ehrenmitglied, der 92 Jahre alte Rudolf Lonsdorfer sen. aus der Holzmühler Straße (in Lisdorf ‚Mihlenweech‘ genannt), ergänzt hierzu:„Bei der Feld- arbeit‚off Grostrow‘ mussten wir schnell in Deckung springen, als drei am linken Saarufer festgemachte Lastkähne von amerikanischen Jabos mit ihren Bord- waffen unter Beschuss genommen wurden.“ - An den großen Aufschlagkrater‚off da Holzmihl‘ kann es sich sehr gut erinnern. Für nicht unwahrscheinlich hält er es, dass der wuchtige Motor dort noch immer tief im Boden steckt. Heute überwuchern Laubgehölze die ehemalige Absturzstelle zwischen Autobahn-Tankstelle und Brückenböschung. Luftaufnahme von Mitte 1985: Die Spitze der roten Pfeilmarkierung zeigt die Absturzstelle der P-47 „Thunderbolt“. GPS-Koordinaten: 49° 18‘ 02.34“ Nördliche Breite und 6° 44‘ 54.10“ Östliche Länge. Blick von Lisdorf nach Westen in Richtung Holzmühle. Die neue Brücke über die A 620 ist in Betrieb, die Brückenböschung schon begrünt. Luftbild©: F. J. Klein
  • 29. 29 Bei dem abgestürzten Flugzeug handelt es sich um eine P-47, gefertigt beim Flugzeugbauer Republic Aviation. Das „P“ in der Bezeichnung steht für Pursuit (englisch: Jagdflugzeug). Zur Reichweitenverlänge- rung mit Zusatztanks unter den Tragflächen ausge- stattet, wurde die P-47 Thunderbolt (englisch: Don- nerkeil) neben der P-38 Lightning (englisch: Blitz) und der P-51 Mustang (englisch: Wildpferd) vorwiegend als Langstrecken-Begleitjäger für die amerikanischen Bomberpulks eingesetzt. Mit ihren zehn Besatzungs- mitgliedern und aufgrund der extrem starken Rund- um-Abwehrbewaffnung (drehbare Geschütztürme und MG-Lafetten) bezeichnete man die Einsatzflug- zeuge vom Typ B-17 und B-24 auch als „Fliegende Festungen“. In der Modellbezeichnung steht das „B“ für Bomber (englisch: Bombenflugzeug). Die P-47 Langstreckenversionen waren in der Lage, die einfliegende Bomber-Armada von ihren Basis- Stützpunkten in Südost-England bis zu den Zielen, zum Teil weit im Süden des Reichsgebietes, zu eskor- tieren. Der Jagdschutz war ihr Auftrag; sie sollten Abfangjäger der deutschen Luftwaffe angreifen und somit die eigenen Bomberbesatzungen im Abwehr- kampf unterstützen. Die 8. USAAF-Luftflotte setzte beispielsweise am 17. August 1943 beim Doppel-Angriff auf Schweinfurt (Kugellagerindustrie) und Regensburg (Messerschmitt- Flugzeugwerke) 376 viermotorige Bomber und etwa gleich viele Begleitjäger, vorwiegend „Thunderbolts“, ein. Verwüstung und höllisches Inferno hinterließen in der Folge auch die sogenannten „1000 Bomber An- griffe“, jeweils mit Jäger-Begleitschutz, auf Städte wie Lübeck, Köln, Bremen und Dresden. In den letzten Kriegsmonaten hatten die alliierten Luftstreitkräfte die deutsche Luftwaffe fast komplett ausgeschaltet und so praktisch die absolute Luftherr- schaft errungen. Für Angst und Schrecken, sowohl bei Wehrmachtssoldaten als auch bei der Zivilbe- völkerung, sorgten in dieser Zeit die gefürchteten Tieffliegerangriffe auch auf nicht-militärische Ziele. Berühmt berüchtigt waren dabei die „Thunderbolts“ in der Version als Jabo (Jagdbomber). Boeing B-17 „Flying Fortress“. Wikipedia ®, gemeinfreiderbolt“ war das schwerste und Amerikas meistgebautes einsitziges Kampfflugzeug des 2. Weltkrieges (ca. 15.600 Maschinen). Wiki- pedia ®, gemeinfrei Der Flugzeugtyp und sein Einsatz über Deutschland Das Einsatzflugzeug von F. D. Antonucci in schematischer Dar- stellung. Fighter Squadron WWII Data Archive, Steve Brandt, www.512thfightersquadron.com, gemeinfrei
  • 30. 30 Was war geschehen? Die Berichte der Zeitzeugen und die Online-Spuren- suche erbrachten auch folgende Informationen: Der 25 Jahre alte Second Lieutenant Fillipo Dominic Anto- nucci, Rufname„Philip“ (Dienstnummer: O-767070, 9. Air Force, 406. Fighter Group, 513. Fighter Squadron) flog die Republic P-47D-28-RE, Kennung: 4P-*-, Stamm- kennzeichen (Serial-Number): 44-19856, Produktions- ort: Farmingdale (Long Island/New York), Werknum- mer: (MSN): 5264. Auf der Motorverkleidung mit hellro- tem‚Nasenring‘ war beidseitig der Flugzeug-Kosename „Scarsdale Hobo“ auf lackiert. Verlustmeldung (MACR- Number): 9293. Ein Hinweis auf die Geldgeber. Scarsdale, im amerikani- schen Bundesstaat New York, gilt noch heute als wohlha- bende Kleinstadt an der Ost-Küste. Viele Einwohner dieses Ortes hatten der US-Regierung und dem Militär, durch den Kauf von Kriegsanleihen (War Bonds), die Beschaf- fung von 60 Thunderbolts ermöglicht. Leutnant Antonucci war am frühen Abend des Unglückstages mit mehreren anderen Thunder- bolts seiner Staffel vom Fliegerhorst Mourmelon-le- Grand/A-80 in der Champagne (Frankreich) zu seinem 20. Feindflug gestartet und auf Ost-Kurs gegangen. Ziel waren Sturzflugangriffe auf den Rangierbahnhof im etwa 300 km entfernten Landau. Beim Kampfein- satz traf eine schwere deutsche 8.8-Flak (Flugabwehr- kanone) in der Höhe von St. Avold die Maschine des Amerikaners, worauf diese, etwa 23 km nordöstlich, nur wenige Meter vom Wohnhaus der Familie Aloys Klein in Lisdorf-Holzmühle aufschlug und explodierte. Der verstümmelte und verbrannte Torso sowie viele einzelne Leichenteile des Piloten lagen verstreut in der Nähe des Flugzeugwracks. Der Kopf wurde aber nie gefunden. Auch noch immer scharfe Munition musste an der Absturzstelle geborgen werden. Die sterblichen Überreste des Amerikaners beerdigte man zunächst auf dem Garnisonsfriedhof (Alter Friedhof) in Saar- louis. Nach dem Krieg erfolgte die Exhumierung und Überführung von Fillipo D. Antonucci auf den Friedhof seiner Heimatstadt im Bundesstaat Connecticut. Dort setzte man das hoch dekorierte Flieger-Ass mit militäri- schen Ehren bei. Dem Air Force - Piloten, mit italienischen Familien- Wurzeln, wurden zuvor der bestätigte Abschuss von drei deutschen Flugzeugen und die Zerstörung von 19 gepanzerten Fahrzeugen zuerkannt. Für besondere Verdienste bei Kampfeinsätzen verlieh man ihm den Orden‚Air Medal with an Oak Leaf Cluster‘. Posthum ehrte man ihn mit dem‚Purpel Heart‘, der höchsten Auszeichnung für im Kampf gegen Feinde der USA ver- wundete oder gefallene Soldaten. Auf der Fliegerschule (US-Air Corps 1939/40) in Louisi- ana und Arizona spielte Philip Antonucci Trompete in einer Army-Band. Was können wir von diesen schicksalhaften Ereignissen lernen? Gedenkstein von Fillipo D. Antonucci auf dem Heimatfriedhof Northwood Cemetery in Windsor, Hartford County, Connecticut (USA). Archives and Special Collections, University of Connecti- cut Library; msimonds, de.findagrave.com, gemeinfrei Quellen: (1) Groß, Agnes; Verein für Heimatkunde (VHL) e.V.: Die Kriegsopfer der beiden Weltkriege aus Lisdorf/Gegen das Vergessen und Mahnung für den Frieden. Seite 355, Eigenverlag, Lisdorf (2018) (2) Arbeitsgruppe Flugzeugabstürze im Saarland; www.flugzeugabstuerze-saarland.de, Sammlung Klaus Zimmer (3) Verein für Heimatkunde (VHL) e.V.: Letzte Zufluchtstätte: Der Felsenstollen Rosenthal/Das Kriegsende in Lisdorf. Eigenverlag, Saarlouis (2002) (4) Internet-Dokumentationen und Archive
  • 31. 31 Von August Balthasar, Lisdorf (geb. 8.5.1934) in Lis- dorf Saarstraße 33, damals Hermanstraße. Für den Rückzug der deutschen Panzer gegen Ende des II Weltkrieges aus Frankreich war von der Saarstrasse aus, die zu dieser Zeit Hermannstraße hieß, über die Saar hin zur Ensdorfer Saarufersei- te eine Panzerbrücke geplant. Einige Wochen vor Ende November 1944 wurden schwere eiserne Doppel-T-Träger, 60 cm hoch, ca. 20 cm breit und 5–6 Meter lang, angefahren und vor die Häuser in der unteren Saarstraße und auf dem „Freien Platz“ abgeladen und gelagert. In der Saarstraße waren es vor allem die Häuser Nr. 31, das Haus vom „Emmes Pitt“, das Haus Nr. 33, mein Elternhaus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren dies die Häuser Nr. 30, das Haus der Familie Grasmück - Risler, jetzt bewohnt von Familie Alfred Rupp und das Haus Nr. 32 der Familie Nikolaus Klein - Schmitt, jetzt das Haus von Fritz und Emma Osbild geb. Klein und früher das Haus von Andreas Both und Greta geb. Klein. Ein Teil der Häuser in der unteren Hermannstraße sind im Bild unten zu sehen. Des Weiteren wurden zur Stützung und zur Erhö- hung der Tragkraft dieser Brücke vier Schiffe bzw. Lastkähne der Lisdorfer Schiffsleute mit eige- nem Antrieb von der deutschen Wehrmacht zum Auflegen auf der Saar im Bereich der Lisdorfer Friedhofsmauer im November 1944 dorthin beor- dert. Die Schiffe mussten am Saarufer vor Anker gehen und die Schiffseigentümer sich in erreich- barer Nähe in Bereitschaft halten. Auf dem Luft- bild oben aus der Zeit vor dem II. Weltkrieg sind das Ende der damaligen Hermannstraße mit dem Schiffsanleger und auch die Ankerplätze deutlich zu erkennen. Es handelte sich um befestigte Steinschüttungen am Saarufer auf der Lisdorfer Seite, die spitz in die Saar hineinragten. Zwei dieser Schiffe, die „Ener- gie“ und die „Magdalena“, wurden im Heckbereich, also am hinteren Ende des Schiffes, eigens in einer Saarbrücker Werft durch Anbringen schwerer Ei- senplatten verstärkt und umgebaut. Die vier Schif- fe sollten als Stütze der Brücke in der Mitte dienen und auch die notwendige Tragkraft für schweres Kriegsgerät sicherstellen. Für den Fall einer Bombardierung oder Sprengung der vorhandenen Brücken über die Saar im Front- bereich Saarlouis und Lisdorf durch die Amerika- ner, so nach den Vorstellungen der Strategen in der deutschen Wehrmacht, sollte die Brücke in der Saarstraße sehr schnell, sozusagen über Nacht und möglichst unbemerkt vom Gegner, erstellt werden können, um den Rückzug aller Militärfahrzeuge und insbesondere der Panzer, über die Saar zu ermöglichen. Während des Kriegsgeschehens der letzten Wo- chen im November 1944 war im Elternhaus von Ludwig Linsler in der Saarstraße Nr. 3 auch ein Ma- Die geplante Panzerbrücke über die Saar in der Saarstraße zu Lisdorf 31
  • 32. 32 jor der deutschen Truppen (so eine althergebrach- te Dienstgradbezeichnung für einen Dienstgrad mit „größerer militärischer Übersicht“), unterge- bracht, der den Rückzug der deutschen Truppen über die Saar leiten sollte. Die Namen der Schiffeigentümer dieser vier Kähne waren: • Andreas Hafner senior (1890-1974), er bewohnte von September-November 1944 das Haus neben Ludwig Linsler in der Saarstraße Nr. 5. Er war der Großvater von Isolde Bernard, Sabine Klein und Liane Altmaier, alle geb. Hafner und Hans Richard Hafner in Lisdorf, der Name seines Schiffes war Rex. Die Rex war zu dieser Zeit noch ein 300t-Treidel- schiff, Stapellauf 1901, und hatte bereits ein beweg- tes Schicksal hinter sich. • Die Brüder von Andreas, Adolf und Viktor Haf- ner, die in Fraulautern wohnten, waren Eigner der Motorschiffe Energie und Magdalena (Leider bisher keine Bilder vorhanden). • Die Brüder Viktor Welsch (1907-1968) und Jacob Welsch junior (1898-1959). Viktor Welsch musste mit seinem Schiff, der Saargold, ebenfalls für den geplanten Brückenbau über die Saar mit vor Anker gehen. Die Saargold war ein in Belgien von den deutschen Behörden konfisziertes Motorschiff, das er als Ersatz erhalten hatte für sein Schiff Saar, einen Neubau aus dem Jahre 1936 auf der Werft der Ge- brüder Saar in Rockershausen. Zu Kriegsbeginn war die Saar von den Militärbehörden für die geplante Landung in England ebenfalls konfisziert worden und ging 1940 in einem englischen Luftangriff auf einem französischen Kanalhafen verloren. Im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen hier in der Saarstraße in Lisdorf, so sagte mir Ludwig Lins- ler, der zusammen mit seiner Mutter für die Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen hier in Lisdorf von November 1944 bis Januar 1945 mit vielen an- deren Leuten im Stollen im Rosenthal untergebracht war, dass im Haus Nr. 19 in der Saarstraße, jetzt das Haus von Albert Sieger, sich deutsche Truppen gegen Ende November 1944 eine Feldküche, unter deutschen Landsern auch„Gulaschkanone“ genannt, aufgestellt hatten zur Verpflegung der deutschen Soldaten im Ort. Ebenso sagte er mir, dass im Haus Nr. 21, im Bauern- haus bei„Puntjoosels“, jetzt das Haus der Familie Erwin Faust, nach dem Rückzug der deutschen Truppen über die Saar in den Westwall auf der Ensdorfer Seite, die Amerikaner eine Beobachtungsstelle eingerichtet hatten, um Erkundungen für den weiteren Verlauf des Kampfes um den Westwall in Ensdorf durchzuführen. In der Scheune des Bauernhauses sei auch zeitweise ein amerikanischer Pan- zer untergestellt worden. Nachdem die Kampfhand- lungen in Lisdorf und Ensdorf beendet waren, hätten insbesondere die Amis viel Munition vor und in dem Haus liegen lassen. Durch den schnellen Vor- stoß der amerikanischen Truppen hatte die Zeit für den Bau der Panzerbrücke nicht mehr ausgereicht. So Beispiel einer solchen Brücke aus der Nach- kriegszeit) Andreas Hafner senior mit seiner Frau Katharina geb. Huffer Viktor Welsch 32
  • 33. 33 des Vaters mit seiner Frau Christa geb. Madert die Rex weiter bis zum Jahre 1990, dann wurde sie verschrottet. wurden die Schiffe, die Eisenträger für die Brücke und alles andere Baumaterial beim Rückzug der deutschen Truppen aus Lisdorf gesprengt. Durch die Wucht der Explosion wurde an den oben genannten Häusern die Vorderfront weggerissen und die Häuser zum Einsturz gebracht. Von den vier Schiffen, die als Pontons der Panzerbrücke vorgesehen waren konnten die Energie und die Mag- dalena gleich nach dem Kriege wieder flott gemacht werden und sie wurden zunächst als Arbeitsschiffe für die Räumung der Saar, später dann wieder als Trans- portschiffe genutzt. Die beiden anderen, die Schiffe Rex und Saargold, lagen mit erheblichen Schäden auf Grund. Sie dienten uns Kindern in den Sommern 1945/46 als Schwimmstege und als Sprungbrett zum Baden in der Saar. Die Saargold wurde später gehoben, repariert und von der französischen Besatzungsmacht an den ursprünglichen Eigner zurückgegeben. Viktor Welsch, nach dem Kriege ohne eigenes Verschulden Berufsschiffer ohne Schiff, wurde 1946 der erste Vorsit- zende des neuen Omni-Sportvereins SC Saargold Lis- dorf und gab den Vorsitz aber im Jahre 1948 wieder ab, nachdem er ein generalüberholtes Schiff mit Namen Stralsund übernommen hatte und nach Saarbrücken übersiedelte. Andreas Hafner konnte 1949 mit seiner Rex wieder auf Fahrt gehen. Sein gleichnamiger Sohn Andre- as (*1932, +30.3.2020) heuerte nach einer Lehre in der Schreinerei Fritzen in Fraulautern im Jahre 1949 auf dem Schiff an und fuhr nach dem Tode Andreas Hafner jun. und seine Frau Christa geb. Madert Das spätere Motorschiff Rex, darauf Christa und Andreas Hafner mit Tochter auf dem Bug. Die schönsten Bilder von unseren Lesern Wir möchten zum neuen Jahr 2021 einen Wandkalender mit 12 Motiven von Lisdorf erstellen. Daher möchten wir unsere Leser bitten die schönsten Bilder, egal ob neu oder alt, an den Heimatverein zu senden. Bitte dazu den Ort oder die Geschichte und das Aufnahmedatum mit hinzufügen. Im Vorstand werden wir die schönsten und interessantesten Bilder aussuchen und einen Lisdorfer Ka- lender für das Jahr 2021 drucken lassen. Für unsere Mitglie- der wird dieser kostenlos sein. Der Heimatverein erhält das Recht an den eingesendeten Bildern diese für seine Zwecke zu verwenden. Die Bilder bitte an folgende Adresse: Verein für Heimat- kunde Lisdorf e.V. Im Fischerfeld 39 66740 Saarlouis Oder per E-Mail an: heimatkunde@lisdorf.de Einsendeschluss ist der 31. Oktober 2020