Manuskript für den 16.12.2010




Vorbemerkungen: Gebäudereinigung: Ab 01.01.2011: West: 8,55 € / Ost: 7,00 €.
Wir haben Branchen, in denen die tariflich vereinbarten Löhne noch weit darunter
liegen. 10 € / Stunde: existenzsichernder Lohn.



Prekäre Arbeit (Mayer-Ahuja): Unterschreitung materieller Standrads (Niedriglöh-
ne), rechtlicher Standards (Arbeits-/Szial-/Tarifrecht) und betrieblicher Integrati-
onsstandards. Wenn prekäre Arbeit in Abgrenzung zum männlichen Normalar-
beitsverhältnis gesehen wird, bleibt die Grenzziehung, die moderne Arbeitsverhält-
nis im Niedriglohnsektor „auszeichnet“, nämlich die Ethnisierung und Feminise-
rung von Arbeit unangetastet. Und grade prekäre ist ohne die Kategorien Ge-
schlecht und Ethnie nicht zu charakterisieren.




                                   48.871 + 1?




Internetsuchmaschine: Gewerkschaften, empirische Studie: mindestens 48.000
Sucherergebnisse. Warum habe ich noch eine empirische Studie gemacht? Drei
Gründe:

   1. Warum zeigen sich gerade in den USA Zeichen des Wandels? Denkbar
       widrige Bedingungen der Arbeitsbeziehungen und Ende der 1980er Jahre
       Abgesänge auf die Gewerkschaftsbewegung angestimmt wurden.

   2. Neue Formen der Solidarisierung zeigen sich ausgerechnet in der Gebäu-
       dereinigung. Einer Branche mit geringer Bezahlung, formaler Qualifikation,
       Anerkennung, wenig Jobstabilität und Karrierechancen. Kurzum in Tätig-
       keitsfeldern, die wirkungsmächtig anhand der Kategorien Geschlecht und
       Ethnizität hierarchisiert und zugewiesen werden.




                                                                                       1
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   3. Die Frage der Praktikerin: Was genau ist eigentlich Organizing und kann
      meine eigene Gewerkschaft auch ein Löffel von dem Elixier zur Revitalisie-
      rung der Gewerkschaftsbewegung einnehmen?



                               Methodisches Vorgehen


                                 Industriegewerkschaft
                                 Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU)



                                Service-Employees
                                International Union (SEIU)


                                Organisationsfallstudien:
                                          • teilstrukturierte ExpertInnen-Interviews
                                          • teilnehmende Beobachtung
                                          • Dokumentenanalyse




Erhebung: 2007: Vor dem ersten Streik in der Gebäudereinigung in der Geschich-
te der Bundesrepublik. Aktuelle Entwicklungen bleiben außer Acht.



      Die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU hat drei Schlüsselsektoren: Ge-
sundheitsversorgung (health care), öffentliche Verwaltung (public services) und
Gebäudedienstleistungen (property services). Zum Bereich der Gebäudedienst-
leistungen gehört neben der Gebäudereinigung auch die Sicherheitsbranche.
Massive Mitgliederverluste insbesondere in den 1980er Jahren konnten im Fall der
SEIU überwunden werden. Organizing bzw. umfassende Organisierungsprogram-
me trugen zu einem erheblichen Maß mit dazu bei, dass sich die Mitgliederzahlen
der Gewerkschaft in zwanzig Jahren verdoppelten.

      Die IG BAU hat drei Hauptbranchen: Baugewerbe, Gebäudereinigung und
Baustoffindustrie. In Anbetracht der in den 1980er Jahre noch geführten Diskussi-
on ob es sich überhaupt lohnt, „betreuungsaufwändige“ geringfügig Beschäftigte
Frauen überhaupt noch zu organisieren, ist die vorgenommene Schwerpunktset-
zung schon ein Erfolg.



      Konfrontiert mit bedrohlichen Mitgliederverlusten, wendeten sich beide
Gewerkschaften – die SEIU Ende der 1980er Jahre, die IG BAU rund 15 Jahre
später ausgerechnet einer Branche zu, die wenig geeignet erscheint, den Rück-



                                                                                                                   2
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gang der Gewerkschaftsmitglieder zu kompensieren und – die in beiden Ländern
als kaum zu organisieren galt.



       Cleaning Affairs: Arbeitsbeziehungen in einer ethnisierten und
       vergeschlechtlichten Dienstleistungsökonomie

             • Immer mehr gewerkschaftsfreie Zonen durch Outsourcing
               und Subcontracting

             • Zunehmende Prekarisierung der Arbeit durch rechtliche
               Veränderungen

             • Geschlechtshierarchische Strukturen der Arbeitsteilung und
               rassistische Zuschreibungen sind ermüdend hartnäckig

             • Reiniger/innen sind strukturell machtunterlegen – aber nicht
               ohnmächtig




1 und 2: Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch Outsourcing. In beiden
                    Ländern: Direkt Beschäftigte bessere Arbeitsbedingungen als out-
                    gesourcte. (Bezahlungen, Arbeitszeit, Fläche, Arbeitshetze, , Aus-
                    weitung von Mini-Jobs und Leiharbeit, in Deutschland: befristete
                    Beschäftigung ein großes Problem.



3: Deutschland: Durch die Verberuflichung wird die Außenreinigung zur Männersa-
                    che. Unterschiedliche Bezahlung, rassistisch gestaffelte Stunden-
                    löhne. Aber auch innerhalb der Gewerkschaften: Studien, dass Ta-
                    rifkommissionen erfolgreicher sind, die die Beschäftigten der Bran-
                    chen auch abdecken.

       Die gesellschaftliche Konstruktion geschlechtshierarchisch differenzierter Ungleich-
heiten (wer arbeitet wo und zu welchen Bedingungen), Zuschreibungen (Tischerücken ist
schwere Arbeit, sobald Männer es tun) und Dequalifizierung der Tätigkeit (Verlust des
Handwerksstatus) als Problem und als der Hintergrund für die niedrige Bezahlung in der
Branche wahrgenommen. Dass sich die IG BAU als Wächterin der Arbeitsteilung und als
Tarifpartnerin an dieser Re-Traditionalisierung beteiligt, beispielsweise indem die frauen-
dominierte Innenreinigung deutlich schlechter entlohnt wird als die männerdominierte Au-
ßenreinigung, wird dabei nicht reflektiert.



                                                                                                          3
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4. Mythos der Nichtorganisierbarkeit, wird gerne als Begründungsfolie in Gewerk-
               schaften herangezogen, um mässig erfolgreiche bzw. erfolglose
               Arbeit zu entschuldigen.



                       Organizing
                         Zentrale Grundvoraussetzungen:
                         • strategische Zielermittlung
                         • top-down implementierte
                            Kampagnenform
                         • finanzielle, personelle
                            Umstrukturierungen
                         • Empowerment der Beschäftigten
                         • Repräsentation der Mitgliedergruppen

                                            Schlüsseltaktiken:
                                            • Bezug auf Migrationssituation
                                            • Bündnisse mit sozialen Bewegungen
                                            • Kartierung betrieblicher Bedingungen
                                            • eskalierend angelegte betriebliche Aktionsformen
                                            • Skandalisierung komplexer Ausbeutungsstrukturen
                                            • griffige Slogans und persönliche Lebensgeschichten
                                            • breite mediale Begleitung und Popularisierung der skandalösen
                                              Bedingungen
                                            • Proteste richten sich an den Auftraggeber
                                            • Verantwortung wird personalisiert




      Justice for Janitors-Kampagne war zunächst ein punktuelles Beispiel




                          Bedingungen, Effekte und Beschränkungen
                          gewerkschaftlicher Mitgliederaktivierung


                               • Erfahrung kollektiver Handlungsmächtigkeit
                               • gewerkschaftliche Transformation statt
                                 Werkzeugkoffer-Prinzip
                               • Spannungsfeld: Zentralisierung versus
                                 Basisorientierung




Aspekt der elementar ist für den Erfolg des kampagnen_Modells: Kämpferisches
Selbstbewusstsein in allen Statusgruppen: Si, se puede. Yes, we can. Fraglich
schien weder die Frage: können Billigjobber überhaupt gewerkschaftlich organi-



                                                                                                               4
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siert werden? Oder : Lohnt es überhaupt? Sondern: Kopfzerbrechen: Wie können
innerhalb von kurzer Zeit größere Bereiche organisiert werden?

Keine amerikanisierte Form des Voluntarismus, sondern gemachte Erfahrung: Ins-
besondere in einem Tätigkeitsfeld, das von Nähe zur Haushaltsarbeit, Unsichtbarkeit und
Entwertung geprägt ist, ist das Heraustreten und öffentlich Sichtbarwerden, die Erfahrung
der Unterstützung bspw. von Student/innen oder Community-Gruppen, aber vor allem von
kollektiver Handlungsmächtigkeit, die eigenen Arbeitsbedingungen tatsächlich zu verbes-
sern, von zentraler Bedeutung. Umfassende Kampagnenformen stoßen genau deshalb
bei den Beschäftigten im Reinigungssektor auf Akzeptanz. Sie machen die Erfahrung,
dass Widerstand möglich ist, dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbeson-
dere eine Erhöhung des Stundenlohnes und die Einführung von Sozialversicherungsleis-
tungen erzielt werden können. Und dass nicht Konkurrenz um einheimische Arbeitsplätze,
sondern eine Solidarisierung der dort Beschäftigten zu einer elementaren Verbesserung
der Arbeitsbedingungen führt. Arbeiter/innen sind insbesondere dann von einer gewerk-
schaftlichen Vertretung zu überzeugen, wenn Organisierungserfolge (an anderen Orten)
bereits errungen werden konnten. Widerstand ist möglich. Widerstand beinhaltet zivi-
len Ungehorsam. Dafür bedarf es einer Organisation, die mit beträchtlichen finan-
ziellen aber auch zeitlichen Resssourcen in Vorleistung geht und Leute beschäf-
tigt, die das strukturkonservative Normalapparatsverhalten herausfordern.



      Charakteristisch für die Arbeit der SEIU ist das widersprüchliche Nebeneinander
einer zentralistisch und hierarchisch strukturierten Organisation, in der Organizing seit
1996 von allen örtlichen Gewerkschaftsniederlassungen vorangetrieben werden muss,
und eines basisdemokratisch angelegten Konzepts von Mitgliederpartizipation. Mit der
vom neu gewählten Gewerkschaftsvorstand geforderten organisationalen Verallgemeine-
rung des Organizing-Modells werden Entscheidungsprozesse hierarchisiert und zentrali-
siert. Den Locals wird nicht nur Entscheidungsmacht entzogen, eigene politische Zielset-
zungen zu entwickeln, das Spannungsfeld zwischen der Unterstützung bereits organisier-
ter und dem Gewinnen neuer Mitglieder auszuloten; auch die lokale Verhandlungsmacht
wird beschnitten, indem Tarifverträge für immer größere Flächen ausgehandelt und Ver-
tragsverhandlungen zunehmend auch vom Vorstand aus geführt werden. Gleichzeitig ist
im Organizing-Modell eine demokratische Beteiligung der Arbeiter/innen angelegt:




                                                                                       5
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       2: Für den Fortbestand und das Transformationspotential von Gewerkschaften
zentral scheint mir der Konflikt zwischen konservativen ‚Besitzstandswahreren’, die
männliches    Normalapparatsverhalten       fortschreiben   und   denjenigen,    die     soziale
Ungleichheitsverhältnisse transformieren wollen. Bei der SEIU wurde dieses Problem auf
der    Funktionärsschiene      kompromisslos      gelöst:    Funktionär/innen,     die      den
‚Bewegungskurs’ ihrer Gewerkschaft nicht mittrugen, wurden entlassen oder von einem
‚freiwilligen Ausscheiden’ überzeugt. Versäumt wurde, mit massiven Konflikten zwischen
„neuen“ und „alten“ Mitgliedergruppen zu reagieren und z. B. über Bildungsangebote
gegen Ressentiments vorzuegehn.

       Solange eine tradierte Form brüderlicher Solidarität in der BAU-Gewerkschaft do-
miniert und fortgeschrieben wird, die ’Fremde’ tendenziell ausgrenzt - beispielsweise in-
dem die Reinigungsbranche weiterhin in der Organisation randständig bleibt, Gebäuderei-
niger/innen überhaupt nicht in Führungspositionen und kaum als hauptamtliche Funktio-
när/innen anzutreffen sind und tradierte Formen der Arbeitsteilung in der Organisation
(der politische Sekretär ist männlich und seine Sekretärin weiblich) fortgeschrieben wer-
den – scheitern auch die US-amerikanischsten, kreativsten, militantesten Strategien zur
Organisierung neuer Mitgliedergruppen. Denn dann werden Beschäftigte im Reinigungs-
sektor höchstens als Bestands- oder Beschäftigungsschutz instrumentalisiert. In einem
solchen Fall greift ein gewerkschaftlicher self-destroying mechanism (ein drastischer Mit-
gliederweggang, der zu einer völligen Bedeutungslosigkeit der Gewerkschaft und schließ-
lich zu ihrer Auflösung führt) völlig zu Recht.




                                                                                              6

Heidi Schroth - Vortragsmanuskript

  • 1.
    Manuskript für den16.12.2010 Vorbemerkungen: Gebäudereinigung: Ab 01.01.2011: West: 8,55 € / Ost: 7,00 €. Wir haben Branchen, in denen die tariflich vereinbarten Löhne noch weit darunter liegen. 10 € / Stunde: existenzsichernder Lohn. Prekäre Arbeit (Mayer-Ahuja): Unterschreitung materieller Standrads (Niedriglöh- ne), rechtlicher Standards (Arbeits-/Szial-/Tarifrecht) und betrieblicher Integrati- onsstandards. Wenn prekäre Arbeit in Abgrenzung zum männlichen Normalar- beitsverhältnis gesehen wird, bleibt die Grenzziehung, die moderne Arbeitsverhält- nis im Niedriglohnsektor „auszeichnet“, nämlich die Ethnisierung und Feminise- rung von Arbeit unangetastet. Und grade prekäre ist ohne die Kategorien Ge- schlecht und Ethnie nicht zu charakterisieren. 48.871 + 1? Internetsuchmaschine: Gewerkschaften, empirische Studie: mindestens 48.000 Sucherergebnisse. Warum habe ich noch eine empirische Studie gemacht? Drei Gründe: 1. Warum zeigen sich gerade in den USA Zeichen des Wandels? Denkbar widrige Bedingungen der Arbeitsbeziehungen und Ende der 1980er Jahre Abgesänge auf die Gewerkschaftsbewegung angestimmt wurden. 2. Neue Formen der Solidarisierung zeigen sich ausgerechnet in der Gebäu- dereinigung. Einer Branche mit geringer Bezahlung, formaler Qualifikation, Anerkennung, wenig Jobstabilität und Karrierechancen. Kurzum in Tätig- keitsfeldern, die wirkungsmächtig anhand der Kategorien Geschlecht und Ethnizität hierarchisiert und zugewiesen werden. 1
  • 2.
    Manuskript für den16.12.2010 3. Die Frage der Praktikerin: Was genau ist eigentlich Organizing und kann meine eigene Gewerkschaft auch ein Löffel von dem Elixier zur Revitalisie- rung der Gewerkschaftsbewegung einnehmen? Methodisches Vorgehen Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Service-Employees International Union (SEIU) Organisationsfallstudien: • teilstrukturierte ExpertInnen-Interviews • teilnehmende Beobachtung • Dokumentenanalyse Erhebung: 2007: Vor dem ersten Streik in der Gebäudereinigung in der Geschich- te der Bundesrepublik. Aktuelle Entwicklungen bleiben außer Acht. Die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU hat drei Schlüsselsektoren: Ge- sundheitsversorgung (health care), öffentliche Verwaltung (public services) und Gebäudedienstleistungen (property services). Zum Bereich der Gebäudedienst- leistungen gehört neben der Gebäudereinigung auch die Sicherheitsbranche. Massive Mitgliederverluste insbesondere in den 1980er Jahren konnten im Fall der SEIU überwunden werden. Organizing bzw. umfassende Organisierungsprogram- me trugen zu einem erheblichen Maß mit dazu bei, dass sich die Mitgliederzahlen der Gewerkschaft in zwanzig Jahren verdoppelten. Die IG BAU hat drei Hauptbranchen: Baugewerbe, Gebäudereinigung und Baustoffindustrie. In Anbetracht der in den 1980er Jahre noch geführten Diskussi- on ob es sich überhaupt lohnt, „betreuungsaufwändige“ geringfügig Beschäftigte Frauen überhaupt noch zu organisieren, ist die vorgenommene Schwerpunktset- zung schon ein Erfolg. Konfrontiert mit bedrohlichen Mitgliederverlusten, wendeten sich beide Gewerkschaften – die SEIU Ende der 1980er Jahre, die IG BAU rund 15 Jahre später ausgerechnet einer Branche zu, die wenig geeignet erscheint, den Rück- 2
  • 3.
    Manuskript für den16.12.2010 gang der Gewerkschaftsmitglieder zu kompensieren und – die in beiden Ländern als kaum zu organisieren galt. Cleaning Affairs: Arbeitsbeziehungen in einer ethnisierten und vergeschlechtlichten Dienstleistungsökonomie • Immer mehr gewerkschaftsfreie Zonen durch Outsourcing und Subcontracting • Zunehmende Prekarisierung der Arbeit durch rechtliche Veränderungen • Geschlechtshierarchische Strukturen der Arbeitsteilung und rassistische Zuschreibungen sind ermüdend hartnäckig • Reiniger/innen sind strukturell machtunterlegen – aber nicht ohnmächtig 1 und 2: Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch Outsourcing. In beiden Ländern: Direkt Beschäftigte bessere Arbeitsbedingungen als out- gesourcte. (Bezahlungen, Arbeitszeit, Fläche, Arbeitshetze, , Aus- weitung von Mini-Jobs und Leiharbeit, in Deutschland: befristete Beschäftigung ein großes Problem. 3: Deutschland: Durch die Verberuflichung wird die Außenreinigung zur Männersa- che. Unterschiedliche Bezahlung, rassistisch gestaffelte Stunden- löhne. Aber auch innerhalb der Gewerkschaften: Studien, dass Ta- rifkommissionen erfolgreicher sind, die die Beschäftigten der Bran- chen auch abdecken. Die gesellschaftliche Konstruktion geschlechtshierarchisch differenzierter Ungleich- heiten (wer arbeitet wo und zu welchen Bedingungen), Zuschreibungen (Tischerücken ist schwere Arbeit, sobald Männer es tun) und Dequalifizierung der Tätigkeit (Verlust des Handwerksstatus) als Problem und als der Hintergrund für die niedrige Bezahlung in der Branche wahrgenommen. Dass sich die IG BAU als Wächterin der Arbeitsteilung und als Tarifpartnerin an dieser Re-Traditionalisierung beteiligt, beispielsweise indem die frauen- dominierte Innenreinigung deutlich schlechter entlohnt wird als die männerdominierte Au- ßenreinigung, wird dabei nicht reflektiert. 3
  • 4.
    Manuskript für den16.12.2010 4. Mythos der Nichtorganisierbarkeit, wird gerne als Begründungsfolie in Gewerk- schaften herangezogen, um mässig erfolgreiche bzw. erfolglose Arbeit zu entschuldigen. Organizing Zentrale Grundvoraussetzungen: • strategische Zielermittlung • top-down implementierte Kampagnenform • finanzielle, personelle Umstrukturierungen • Empowerment der Beschäftigten • Repräsentation der Mitgliedergruppen Schlüsseltaktiken: • Bezug auf Migrationssituation • Bündnisse mit sozialen Bewegungen • Kartierung betrieblicher Bedingungen • eskalierend angelegte betriebliche Aktionsformen • Skandalisierung komplexer Ausbeutungsstrukturen • griffige Slogans und persönliche Lebensgeschichten • breite mediale Begleitung und Popularisierung der skandalösen Bedingungen • Proteste richten sich an den Auftraggeber • Verantwortung wird personalisiert Justice for Janitors-Kampagne war zunächst ein punktuelles Beispiel Bedingungen, Effekte und Beschränkungen gewerkschaftlicher Mitgliederaktivierung • Erfahrung kollektiver Handlungsmächtigkeit • gewerkschaftliche Transformation statt Werkzeugkoffer-Prinzip • Spannungsfeld: Zentralisierung versus Basisorientierung Aspekt der elementar ist für den Erfolg des kampagnen_Modells: Kämpferisches Selbstbewusstsein in allen Statusgruppen: Si, se puede. Yes, we can. Fraglich schien weder die Frage: können Billigjobber überhaupt gewerkschaftlich organi- 4
  • 5.
    Manuskript für den16.12.2010 siert werden? Oder : Lohnt es überhaupt? Sondern: Kopfzerbrechen: Wie können innerhalb von kurzer Zeit größere Bereiche organisiert werden? Keine amerikanisierte Form des Voluntarismus, sondern gemachte Erfahrung: Ins- besondere in einem Tätigkeitsfeld, das von Nähe zur Haushaltsarbeit, Unsichtbarkeit und Entwertung geprägt ist, ist das Heraustreten und öffentlich Sichtbarwerden, die Erfahrung der Unterstützung bspw. von Student/innen oder Community-Gruppen, aber vor allem von kollektiver Handlungsmächtigkeit, die eigenen Arbeitsbedingungen tatsächlich zu verbes- sern, von zentraler Bedeutung. Umfassende Kampagnenformen stoßen genau deshalb bei den Beschäftigten im Reinigungssektor auf Akzeptanz. Sie machen die Erfahrung, dass Widerstand möglich ist, dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbeson- dere eine Erhöhung des Stundenlohnes und die Einführung von Sozialversicherungsleis- tungen erzielt werden können. Und dass nicht Konkurrenz um einheimische Arbeitsplätze, sondern eine Solidarisierung der dort Beschäftigten zu einer elementaren Verbesserung der Arbeitsbedingungen führt. Arbeiter/innen sind insbesondere dann von einer gewerk- schaftlichen Vertretung zu überzeugen, wenn Organisierungserfolge (an anderen Orten) bereits errungen werden konnten. Widerstand ist möglich. Widerstand beinhaltet zivi- len Ungehorsam. Dafür bedarf es einer Organisation, die mit beträchtlichen finan- ziellen aber auch zeitlichen Resssourcen in Vorleistung geht und Leute beschäf- tigt, die das strukturkonservative Normalapparatsverhalten herausfordern. Charakteristisch für die Arbeit der SEIU ist das widersprüchliche Nebeneinander einer zentralistisch und hierarchisch strukturierten Organisation, in der Organizing seit 1996 von allen örtlichen Gewerkschaftsniederlassungen vorangetrieben werden muss, und eines basisdemokratisch angelegten Konzepts von Mitgliederpartizipation. Mit der vom neu gewählten Gewerkschaftsvorstand geforderten organisationalen Verallgemeine- rung des Organizing-Modells werden Entscheidungsprozesse hierarchisiert und zentrali- siert. Den Locals wird nicht nur Entscheidungsmacht entzogen, eigene politische Zielset- zungen zu entwickeln, das Spannungsfeld zwischen der Unterstützung bereits organisier- ter und dem Gewinnen neuer Mitglieder auszuloten; auch die lokale Verhandlungsmacht wird beschnitten, indem Tarifverträge für immer größere Flächen ausgehandelt und Ver- tragsverhandlungen zunehmend auch vom Vorstand aus geführt werden. Gleichzeitig ist im Organizing-Modell eine demokratische Beteiligung der Arbeiter/innen angelegt: 5
  • 6.
    Manuskript für den16.12.2010 2: Für den Fortbestand und das Transformationspotential von Gewerkschaften zentral scheint mir der Konflikt zwischen konservativen ‚Besitzstandswahreren’, die männliches Normalapparatsverhalten fortschreiben und denjenigen, die soziale Ungleichheitsverhältnisse transformieren wollen. Bei der SEIU wurde dieses Problem auf der Funktionärsschiene kompromisslos gelöst: Funktionär/innen, die den ‚Bewegungskurs’ ihrer Gewerkschaft nicht mittrugen, wurden entlassen oder von einem ‚freiwilligen Ausscheiden’ überzeugt. Versäumt wurde, mit massiven Konflikten zwischen „neuen“ und „alten“ Mitgliedergruppen zu reagieren und z. B. über Bildungsangebote gegen Ressentiments vorzuegehn. Solange eine tradierte Form brüderlicher Solidarität in der BAU-Gewerkschaft do- miniert und fortgeschrieben wird, die ’Fremde’ tendenziell ausgrenzt - beispielsweise in- dem die Reinigungsbranche weiterhin in der Organisation randständig bleibt, Gebäuderei- niger/innen überhaupt nicht in Führungspositionen und kaum als hauptamtliche Funktio- när/innen anzutreffen sind und tradierte Formen der Arbeitsteilung in der Organisation (der politische Sekretär ist männlich und seine Sekretärin weiblich) fortgeschrieben wer- den – scheitern auch die US-amerikanischsten, kreativsten, militantesten Strategien zur Organisierung neuer Mitgliedergruppen. Denn dann werden Beschäftigte im Reinigungs- sektor höchstens als Bestands- oder Beschäftigungsschutz instrumentalisiert. In einem solchen Fall greift ein gewerkschaftlicher self-destroying mechanism (ein drastischer Mit- gliederweggang, der zu einer völligen Bedeutungslosigkeit der Gewerkschaft und schließ- lich zu ihrer Auflösung führt) völlig zu Recht. 6