SlideShare ist ein Scribd-Unternehmen logo

Crowd-Journalismus: Geschichten von unten

Das Web bringt für Journalisten neue Möglichkeiten, Crowdsourcing- und Kuratierungs-Technologien für eine neue Art des Geschichtenerzählens einzusetzen. Das spannende Feld birgt aber auch neue Probleme in sich.

1 von 3
Downloaden Sie, um offline zu lesen
Die Weisheit der Masse anzapfen, das wollen heute auch
­Journalisten. Kuratieren statt recherchieren lautet die Devise.
Doch Crowdsourcing wirft auch neue Fragen auf. Zum ­Beispiel,
warum Freiwillige da ­überhaupt mitmachen wollen.
Text von Jakob Steinschaden
50 Bestseller 5|6 2013
Pfadfinder. Die Gehwege, die Ende der
1960er am Campus der Universität Oregon
angelegt wurden, laufen noch heute kreuz
und quer durch die Wiesen der Anlage. Aus
der Vogelperspektive von Google Maps
­gesehen, heben sie sich mit ihrem unortho-
doxen Durcheinander deutlich ab von den
umliegenden Straßen, die typisch amerika-
nisch mit dem Lineal gezogen wurden. Erst,
wer die Wege am Boden nachgeht, erkennt
ihren Sinn: Sie sind die optimalen Routen,
um am Campus von A nach B zu gelangen.
Die weltberühmten Pfade sind das Ergeb-
nis des „Oregon-Experiments“, das der in
Wien geborene US-Architekt Christopher
Alexander umgesetzt hat. Ende der 1960er
verlangten die Studenten der Universität
mehr Mitbestimmung, und einer ihrer
­Erfolge sind diese Wege. Anstatt, wie seit
Jahrhunderten gewohnt, die Wege am Reiß-
brett zu planen, ließ Alexander Gras pflan-
zen und wartete einfach mal ab. Als sich
nach einiger Zeit Trampelpfade bildeten,
wurden diese als die heutigen sogenannten
­„Desire Lines“ angelegt. „Bottom-up“ statt
„top-down“ – das Experiment gilt noch
­heute als Beleg dafür, wie gut Schwarm­
intelligenz funktionieren kann, und wirkt
bis in den Journalismus hinein, der sich
­einem neuen Betätigungsfeld zuwendet:
dem Crowdsourcing.
Die Perlen aussieben
„Bürgermedien hatten ein nicht ganz anstän-
diges Image, wurden als Schmuddelecke
wahrgenommen. Durch das Internet haben
Geschichten von
unten
51Bestseller 5|6 2013
sie diesen Charakter verloren, niemand
würde sagen, YouTube sei eine Schmuddel­
ecke. Da ist klar: Da sind Perlen drinnen,
und unsere Aufgabe ist es, diese zu finden
und in einem neuen Kontext und kompakt
zugänglich zu machen“, sagt der deutsche
Mediensoziologe Volker Grassmuck. Mit
dem Boom von Blogs, Social Media (früher
sagte man noch „User-generated Content“
dazu) und Smartphones wird das Netz täg-
lich mit schier unbegreifbaren Datenmengen
überflutet. WordPress, der führende Blog-
Anbieter, verzeichnet pro Monat 41,5 Milli­
onen neue Einträge und 53,2 Millionen
neue Kommentare. Bei YouTube werden pro
­Minute 72 Stunden Videomaterial hochgela-
den. Auf den Servern von Facebook landen
pro Tag mehr als 300 Millionen Fotos, und
bei Twitter werden 400 Millionen Kurznach-
richten alle 24 Stunden veröffentlicht.
Diese massive Verschiebung in Sachen
Content-Produktion von Profis hin zu
­Privatpersonen macht vielen Journalisten
Angst. Content sei heute nichts mehr wert,
mit dem Echtzeit-Internet könne man in der
Berichterstattung nicht mehr mithalten.
Doch was die einen als Gefahr sehen, neh-
men andere als Chance. Die Online-Ausgabe
der britischen Qualitätszeitung Guardian ist
eines der Vorreiter-Medien, die auf Crowd-
sourcing im Journalismus setzen und die
Nutzerdaten zum Teil ihrer Berichterstat-
tung machen. Während der tagelangen ge-
walttätigen Unruhen in London im August
2011 forderten die Redakteure, die unmög-
lich einen Überblick über die Geschehnisse
auf der Straße behalten konnten, Leser ­
dazu auf, ihre Eindrücke einzuschicken, die
dann in Artikeln weiterverwertet wurden.
­Außerdem halfen dem Guardian Tausende
bei der Auswertung von mehr als 450.000
Ausgabenbelegen britischer Parlamentarier,
um Spesenbetrug aufzudecken – eine Auf-
gabe, die ein kleines Redaktionsteam nicht
bewältigt hätte. In Deutschland setzt das
ZDF aktuell Crowdsourcing-Technologien
ein, um die Aus­sagen von Politikern zu
­checken. Unter ­http://zdfcheck.zdf.de kön-
nen Leser Fakten beisteuern, diese werden
von der Redaktion geprüft. Die Aussage
„Die Einkommensschere schließt sich seit
drei Jahren wieder“ von Ursula von der
Leyen (CDU) wurde auf der Webseite be-
reits widerlegt.
Die US-Online-Zeitung Huffington Post,
die ab Herbst auch Deutschland und Öster-
reich mit Online-News und Meinungsbei­
trägen versorgen will, hat das Crowdsour-
cing sogar zum Geschäftsmodell erhoben.
Nur wenige der Inhalte stammen von ange-
stellten Redakteuren, den großen Rest liefern
Blogger, Experten oder einfach leidenschaft-
liche Online-Schreiber gratis zu – im Gegen-
zug bekommen sie die Reichweite der
­Webseite. „Bei der Huffington Post sind nur
25 bis 30 Prozent der Artikel selbst geschrie-
ben. Man ist nicht mehr nur ein Reporter,
sondern kuratiert die Inhalte auf der
­Website. So arbeiten die meisten unserer
Leute“, sagt CEO Jimmy Maymann über
den Redaktionsbetrieb in mittlerweile sieben
Ländern. „Social-Media-Seiten sind enorm
wichtig, wenn es darum geht, eine Story zu
verbreiten, das gehört heute zum journalis-
tischen Handwerk dazu. Ich denke, die Zei-
ten, an denen man an seinem Schreibtisch
saß und jeden Tag eine Geschichte getippt
hat, sind vorbei.“
Die Crowd außer Kontrolle
„Es ist eine der spannendsten Fragen unserer
Zeit, wie weit diese Zusammenarbeit gehen
kann und wo die Grenzen sind. Ich kann
mir keine medientheoretisch begründbare
Grenze vorstellen, die sagt: Crowdsourcing
geht bis dahin, und alles andere darüber
­hinaus können nur die Profis machen“, sagt
Mediensoziologe Grassmuck. „Die Vorstel-
lung, dass nur die Experten eine Enzyklo­
pädie wie die Wikipedia schreiben können,
ist widerlegt. Aber natürlich gibt es auch
­innerhalb der Wikipedia die Diskussion: Wie
können wir Artikel verbessern, wie können
wir Experten ranholen, die mitschreiben
oder zumindest begutachten?“
Zwei Beispiele, die beide ohne die über-
geordnete Rolle des Journalisten als Kurator
verliefen, zeigen, wo diese Grenze verlaufen
könnte. Beim Projekt GuttenPlag, bei dem
engagierte Internetnutzer Anfang 2011 in
­einem Online-Wiki Plagiate in der Disserta-
tion von Deutschlands ehemaligem Verteidi-
gungsminister Karl-Theodor Freiherr zu
Guttenberg aufdeckten, wurde echter Mehr-
wert mit kollaborativer Arbeit geschaffen –
der dazu beitrug, dass Guttenberg schließ-
lich zurücktrat. Während der Suche nach
den Bombenattentätern von Boston im
52 Bestseller 5|6 2013
­April 2013 schlug das Pendel in die andere
Richtung aus: Nach dem Aufruf des FBI an
die Bevölkerung, Hinweise zu Verdächtigen
zu liefern, überboten sich Tausende Nutzer
der Internet-Community reddit.com im
­Subreddit „FindBostonBombers“ darin,
eben­solche zu liefern. Leider stellten die
Amateur-Detektive anhand von Fotos vom
Ort des Geschehens nur Unschuldige an
den Online-Pranger – mit schrecklichen Fol-
gen. Die Leiche des 22-jährigen Studenten
Sunil T., der fälschlich vom Cyber-Mob
­verdächtigt wurde, fand man schließlich im
Bostoner Providence River – seine Familie
vermutet Selbstmord. reddit-Manager Erik
Martin entschuldigte sich später öffentlich
für die „Hexenjagd“.
Kuratieren statt recherchieren
Vor allem letzteres Beispiel zeigt, dass gerade
im Internet die oft gepriesene Schwarm­
intelligenz Anleitung, Begutachtung und
­einen Filter braucht. Crowdsourcing haben
Medien schon immer betrieben – der Radio-
sender Ö3 mit seinen Ö3vern, die von
Öster­reichs Straßen aus aktuelle Verkehrs­
infos an die Redaktion schicken, oder die
TV-Sendung „Orakel“ aus den 1970ern etwa
bauen beziehungsweise bauten schon lange
auf die Crowd, bevor das Wort Crowd­
sourcing überhaupt erfunden wurde. Jeder
Journalist weiß: Die Leser um Tipps zu
­bitten, ist eine alte Technik, um an interes-
sante Geschichten zu kommen – der neu-
gierige Reporter, der im Wirtshaus die Ohren
spitzt, ist das Paradebeispiel dafür.
Doch gerade im Netz erweist sich die
Leitung durch einen Kurator als essenziell,
wie der reddit-Vorfall zeigt. „Es braucht Takt­
geber (Christoph Alexander), die geeignete
Technologie (Rasen) und die richtige Ver-
fahrensweise (Desire Lines), um aus dem
Schwarm die durchaus großartige Qualität
herauszuwringen, die den unglücklichen
Namen Schwarmintelligenz trägt“, schreibt
der Blogger Sascha Lobo mit Bezugnahme
auf das Oregon-Experiment auf Spiegel
­Online. Auch Mediensoziologe Grassmuck
sagt: „Ich bin überzeugt, dass es nie den
­Algorithmus geben wird, den man einfach
über das Internet laufen lässt und der dann
vier Stunden mediale Grundversorgung
­zusammenstellt. Professionelle journalis­
tische Arbeit wird weiterhin die Basis sein.
Aber um die Informationsflut bewältigen zu
­können, brauchen Menschen entsprechende
Werkzeuge, etwa Metadaten und das
­Semantic Web.“
Die richtigen Werkzeuge und Informanten
Was in der Theorie schlau klingt, erweist
sich in der Praxis dann aber doch als ziem-
lich schwer. „Man denkt, dass man mit auf-
geklärten Journalisten zusammenarbeitet,
aber dann muss man ganz praktische Dinge
erklären. Das ist wie in der Sendung mit der
Maus“, sagt Nicola Kuhrt, stellvertretende
Ressortleiterin im Wissenschaftsressort von
Spiegel Online, über die Umsetzung von
Crowd-Journalismus. Sie hat etwa Erfah­
rungen damit gesammelt, wie man Grippe-
wellen auf Basis von Lesermeldungen auf
einer Deutschlandkarte abbilden kann.
Doch auch mit der aktiven Teilnahme an
diesen neuen Prozessen sei es so eine Sache:
„Die Leute müssen sich erst einmal daran
gewöhnen, dass es das jetzt gibt, und lernen,
wie es funktioniert“, so Kuhrt. Der deutsche
Wissenschaftsautor Ralf Grötker etwa ver-
sucht mit dem Web-Portal debattenprofis.de,
eine „Community aus Spezial-Nerds“ aufzu-
bauen. Ihm geht es darum, die ­richtigen
zehn bis 15 Personen aus der ­Masse heraus-
zufischen. „Mit redaktionellen Inhalten
können wir uns abstrampeln, wie wir
­wollen, der größte Einfluss auf die ­Qualität
der Kommentare ist die Community“, sagt
Grötker.
Technologische Unterstützung für journa-
listische Crowdsourcing-Projekte bietet die
kleine Berliner Firma OpenDataCity, die
­bereits für die Online-Ausgaben der taz, der
Süddeutschen, der WAZ oder der Zeit tätig
wurde. „Leute können helfen, eine
­Geschichte zu erzählen, indem sie Daten
spenden“, so Marco Maas von OpenData­
City. Er hat etwa bei Visualisierungen von
Zugverspätungen, Parteispenden oder Flug-
lärmbelastung mitgearbeitet und meint:
„Wenn man durch einen Wust an Dokumen-
ten nicht selbst durchwühlen kann, kann
man eine Plattform aufbauen, wo Leser
­helfen können, das Material zu sichten.“
Nicht geklärt ist allerdings noch die Frage,
warum Menschen bei solchen Crowdsour-
cing-Projekten freiwillig ihre Zeit und ihr
Wissen einbringen. So kann man etwa ver-
muten, dass Leute, die mit dem Klarnamen
posten, das Rampenlicht suchen, während
sensible und persönliche Geschichten oft
gerne anonym erzählt werden. Diese Kennt-
nis wäre essenziell in der Beurteilung der
eingereichten Informationen durch den
­Redakteur. Heute müssen diese in ihrer sich
verändernden Arbeit aber eher Mutmaßun-
gen darüber anstellen. Mediensoziologe
Grassmuck: „Wir müssen noch herausfinden,
was Menschen motiviert, da mitzumachen.
Dazu gibt es zwar einige Forschung, aber
letztendlich ist es eine ungeklärte Frage.“
„Ich bin überzeugt, dass es nie den Algorithmus
geben wird, den man einfach über das
Internet laufen lässt und der dann vier Stunden
mediale Grundversorgung zusammenstellt.“
Volker Grassmuck, Mediensoziologe

Recomendados

Informationsgewinnung durch Social Media Monitoring im Bevölkerungsschutz
Informationsgewinnung durch Social Media Monitoring im BevölkerungsschutzInformationsgewinnung durch Social Media Monitoring im Bevölkerungsschutz
Informationsgewinnung durch Social Media Monitoring im BevölkerungsschutzStefan Martini
 
Vortrag: Lokal, vernetzt und always on - wie sich Zielgruppen von morgen verh...
Vortrag: Lokal, vernetzt und always on - wie sich Zielgruppen von morgen verh...Vortrag: Lokal, vernetzt und always on - wie sich Zielgruppen von morgen verh...
Vortrag: Lokal, vernetzt und always on - wie sich Zielgruppen von morgen verh...Evangelos Papathanassiou
 
Nr werkstatt-18-online-journalismus
Nr werkstatt-18-online-journalismusNr werkstatt-18-online-journalismus
Nr werkstatt-18-online-journalismusThomas Mrazek
 
Programas para matenimiento del pc
Programas para matenimiento del pcProgramas para matenimiento del pc
Programas para matenimiento del pctechnologyjba
 
PROCESO ENFERMERO DE ENVEJECIMIENTO
PROCESO ENFERMERO DE ENVEJECIMIENTOPROCESO ENFERMERO DE ENVEJECIMIENTO
PROCESO ENFERMERO DE ENVEJECIMIENTOleonorpastor
 

Más contenido relacionado

Destacado

20111006 roadshow-io-performance
20111006 roadshow-io-performance20111006 roadshow-io-performance
20111006 roadshow-io-performanceWerner Fischer
 
20110315 prs w&b-video_v01
20110315 prs w&b-video_v0120110315 prs w&b-video_v01
20110315 prs w&b-video_v01nurja12
 
Capitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romero
Capitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romeroCapitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romero
Capitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romeroMaría Villena
 
Sesion 3
Sesion 3Sesion 3
Sesion 3fya9
 
Documentos electroniczzz
Documentos electroniczzzDocumentos electroniczzz
Documentos electroniczzzstrellaitzel
 
Gbi presentacion termi nada
Gbi presentacion termi nadaGbi presentacion termi nada
Gbi presentacion termi nadaGiovannytyyt Ty
 
Camisetas de plastidecor
Camisetas de plastidecorCamisetas de plastidecor
Camisetas de plastidecorRaquel Delgado
 
Bosque huamanatanmga
Bosque huamanatanmgaBosque huamanatanmga
Bosque huamanatanmgaLiliana Bazan
 
Warum sich mobile Websites für Unternehmen lohnen
Warum sich mobile Websites für Unternehmen lohnenWarum sich mobile Websites für Unternehmen lohnen
Warum sich mobile Websites für Unternehmen lohnenquäntchen + glück
 
Artes
ArtesArtes
Artescedhc
 
Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_
 Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_ Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_
Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_Chemtrails Spoter
 
Mein Rotary: eine neue Online-Erfahrung
Mein Rotary: eine neue Online-ErfahrungMein Rotary: eine neue Online-Erfahrung
Mein Rotary: eine neue Online-ErfahrungRotary International
 
Der Sportverein in Sozialen Netzwerken
Der Sportverein in Sozialen NetzwerkenDer Sportverein in Sozialen Netzwerken
Der Sportverein in Sozialen NetzwerkenGerald Martin
 

Destacado (20)

20111006 roadshow-io-performance
20111006 roadshow-io-performance20111006 roadshow-io-performance
20111006 roadshow-io-performance
 
20110315 prs w&b-video_v01
20110315 prs w&b-video_v0120110315 prs w&b-video_v01
20110315 prs w&b-video_v01
 
Capitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romero
Capitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romeroCapitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romero
Capitulo 4 didactica ii trabajo de claudia romero
 
Verdummung
VerdummungVerdummung
Verdummung
 
Sesion 3
Sesion 3Sesion 3
Sesion 3
 
Barium
Barium Barium
Barium
 
Presentación
PresentaciónPresentación
Presentación
 
Documentos electroniczzz
Documentos electroniczzzDocumentos electroniczzz
Documentos electroniczzz
 
Gbi presentacion termi nada
Gbi presentacion termi nadaGbi presentacion termi nada
Gbi presentacion termi nada
 
Lösungen für Kommunen
Lösungen für KommunenLösungen für Kommunen
Lösungen für Kommunen
 
Camisetas de plastidecor
Camisetas de plastidecorCamisetas de plastidecor
Camisetas de plastidecor
 
Bosque huamanatanmga
Bosque huamanatanmgaBosque huamanatanmga
Bosque huamanatanmga
 
Modulo de corte
Modulo de corteModulo de corte
Modulo de corte
 
Warum sich mobile Websites für Unternehmen lohnen
Warum sich mobile Websites für Unternehmen lohnenWarum sich mobile Websites für Unternehmen lohnen
Warum sich mobile Websites für Unternehmen lohnen
 
Artes
ArtesArtes
Artes
 
Signo de puntuación i
Signo de puntuación iSigno de puntuación i
Signo de puntuación i
 
Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_
 Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_ Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_
Ebook -_german__d._h._haarmann_-_geheime_wunderwaffen_ii__1983_
 
Guardian sp
Guardian spGuardian sp
Guardian sp
 
Mein Rotary: eine neue Online-Erfahrung
Mein Rotary: eine neue Online-ErfahrungMein Rotary: eine neue Online-Erfahrung
Mein Rotary: eine neue Online-Erfahrung
 
Der Sportverein in Sozialen Netzwerken
Der Sportverein in Sozialen NetzwerkenDer Sportverein in Sozialen Netzwerken
Der Sportverein in Sozialen Netzwerken
 

Ähnlich wie Crowd-Journalismus: Geschichten von unten

UserGeneratedContent
UserGeneratedContentUserGeneratedContent
UserGeneratedContentEricElmar
 
Was ist Datenjournalismus
Was ist DatenjournalismusWas ist Datenjournalismus
Was ist DatenjournalismusAndreas Griess
 
07 4 2-schneider
07 4 2-schneider07 4 2-schneider
07 4 2-schneiderWettbewerb
 
Social Software & Politik
Social Software & PolitikSocial Software & Politik
Social Software & Politikdavidroethler
 
Social Software & Politik
Social Software & PolitikSocial Software & Politik
Social Software & Politikdavidroethler
 
Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)
Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)
Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)University of Stuttgart
 
Die Lügenpresse als Verschwörungstheorie
Die Lügenpresse als VerschwörungstheorieDie Lügenpresse als Verschwörungstheorie
Die Lügenpresse als VerschwörungstheorieUwe Krüger
 
Die Zukunft der Papierzeitung
Die Zukunft der PapierzeitungDie Zukunft der Papierzeitung
Die Zukunft der PapierzeitungIwona Laub
 
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digitalTechnologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digitalBarbara Rauchwarter
 
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digitalTechnologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digitalBarbara Rauchwarter
 
Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...
Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...
Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...Mike Schäfer
 
Dgitales politisches Direktmarketing
Dgitales politisches DirektmarketingDgitales politisches Direktmarketing
Dgitales politisches DirektmarketingPeter Welchering
 
Das neue Gesicht der Öffentlichkeit
Das neue Gesicht der ÖffentlichkeitDas neue Gesicht der Öffentlichkeit
Das neue Gesicht der ÖffentlichkeitFESD GKr
 
Trends Im Online Journalismus 2.0
Trends Im Online Journalismus 2.0Trends Im Online Journalismus 2.0
Trends Im Online Journalismus 2.0Ulrike Langer
 
Fuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-Magazin
Fuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-MagazinFuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-Magazin
Fuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-MagazinJakob Steinschaden
 
! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl + Occupy revolt
! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl +  Occupy revolt ! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl +  Occupy revolt
! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl + Occupy revolt Frank Wewoda
 
Kreisjugendring Workshop
Kreisjugendring WorkshopKreisjugendring Workshop
Kreisjugendring WorkshopUlrike Langer
 

Ähnlich wie Crowd-Journalismus: Geschichten von unten (20)

UserGeneratedContent
UserGeneratedContentUserGeneratedContent
UserGeneratedContent
 
Folien Webinar Onine Journalismus Session 1
Folien Webinar Onine Journalismus Session 1Folien Webinar Onine Journalismus Session 1
Folien Webinar Onine Journalismus Session 1
 
Was ist Datenjournalismus
Was ist DatenjournalismusWas ist Datenjournalismus
Was ist Datenjournalismus
 
07 4 2-schneider
07 4 2-schneider07 4 2-schneider
07 4 2-schneider
 
Social Software & Politik
Social Software & PolitikSocial Software & Politik
Social Software & Politik
 
Social Software & Politik
Social Software & PolitikSocial Software & Politik
Social Software & Politik
 
Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)
Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)
Schrape 2010: Neue Demokratie im Netz (Leseprobe)
 
Die Lügenpresse als Verschwörungstheorie
Die Lügenpresse als VerschwörungstheorieDie Lügenpresse als Verschwörungstheorie
Die Lügenpresse als Verschwörungstheorie
 
Die Zukunft der Papierzeitung
Die Zukunft der PapierzeitungDie Zukunft der Papierzeitung
Die Zukunft der Papierzeitung
 
Web20 Bildung Jan08
Web20 Bildung Jan08Web20 Bildung Jan08
Web20 Bildung Jan08
 
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digitalTechnologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digital
 
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digitalTechnologien, Tools, Trends: Newsroom digital
Technologien, Tools, Trends: Newsroom digital
 
Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...
Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...
Das Potenzial von Citizen Science in der Schweiz. Analysen auf Basis des Wiss...
 
Dgitales politisches Direktmarketing
Dgitales politisches DirektmarketingDgitales politisches Direktmarketing
Dgitales politisches Direktmarketing
 
Das neue Gesicht der Öffentlichkeit
Das neue Gesicht der ÖffentlichkeitDas neue Gesicht der Öffentlichkeit
Das neue Gesicht der Öffentlichkeit
 
Trends Im Online Journalismus 2.0
Trends Im Online Journalismus 2.0Trends Im Online Journalismus 2.0
Trends Im Online Journalismus 2.0
 
Fuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-Magazin
Fuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-MagazinFuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-Magazin
Fuck the NSA: Artikel im Cash-Flow-Magazin
 
Grundlagen Social Media
Grundlagen Social MediaGrundlagen Social Media
Grundlagen Social Media
 
! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl + Occupy revolt
! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl +  Occupy revolt ! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl +  Occupy revolt
! cim 312 Titelgeschichte Interview mit MArkus BEckedahl + Occupy revolt
 
Kreisjugendring Workshop
Kreisjugendring WorkshopKreisjugendring Workshop
Kreisjugendring Workshop
 

Mehr von Jakob Steinschaden

Start-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und Tricks
Start-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und TricksStart-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und Tricks
Start-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und TricksJakob Steinschaden
 
Zur Zukunft der Medien im digitalen Zeitalter
Zur Zukunft der Medien im digitalen ZeitalterZur Zukunft der Medien im digitalen Zeitalter
Zur Zukunft der Medien im digitalen ZeitalterJakob Steinschaden
 
Social Media im pädagogischen Alltag
Social Media im pädagogischen AlltagSocial Media im pädagogischen Alltag
Social Media im pädagogischen AlltagJakob Steinschaden
 
Digital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSA
Digital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSADigital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSA
Digital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSAJakob Steinschaden
 
Journalismus und Social Media - fh wien
Journalismus und Social Media - fh wienJournalismus und Social Media - fh wien
Journalismus und Social Media - fh wienJakob Steinschaden
 
Social Media und Journalismus - Jakob Steinschaden
Social Media und Journalismus - Jakob SteinschadenSocial Media und Journalismus - Jakob Steinschaden
Social Media und Journalismus - Jakob SteinschadenJakob Steinschaden
 
Vortrag Phänomen Facebook in Arnsberg
Vortrag Phänomen Facebook in ArnsbergVortrag Phänomen Facebook in Arnsberg
Vortrag Phänomen Facebook in ArnsbergJakob Steinschaden
 

Mehr von Jakob Steinschaden (9)

Start-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und Tricks
Start-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und TricksStart-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und Tricks
Start-ups & Medien: Trends, Business-Modelle und Tricks
 
Zur Zukunft der Medien im digitalen Zeitalter
Zur Zukunft der Medien im digitalen ZeitalterZur Zukunft der Medien im digitalen Zeitalter
Zur Zukunft der Medien im digitalen Zeitalter
 
Social Media im pädagogischen Alltag
Social Media im pädagogischen AlltagSocial Media im pädagogischen Alltag
Social Media im pädagogischen Alltag
 
Social Media und Journalismus
Social Media und JournalismusSocial Media und Journalismus
Social Media und Journalismus
 
Big Data, Big Brother
Big Data, Big BrotherBig Data, Big Brother
Big Data, Big Brother
 
Digital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSA
Digital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSADigital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSA
Digital Natives oder Digital Naives? Leben zwischen Facebook und NSA
 
Journalismus und Social Media - fh wien
Journalismus und Social Media - fh wienJournalismus und Social Media - fh wien
Journalismus und Social Media - fh wien
 
Social Media und Journalismus - Jakob Steinschaden
Social Media und Journalismus - Jakob SteinschadenSocial Media und Journalismus - Jakob Steinschaden
Social Media und Journalismus - Jakob Steinschaden
 
Vortrag Phänomen Facebook in Arnsberg
Vortrag Phänomen Facebook in ArnsbergVortrag Phänomen Facebook in Arnsberg
Vortrag Phänomen Facebook in Arnsberg
 

Crowd-Journalismus: Geschichten von unten

  • 1. Die Weisheit der Masse anzapfen, das wollen heute auch ­Journalisten. Kuratieren statt recherchieren lautet die Devise. Doch Crowdsourcing wirft auch neue Fragen auf. Zum ­Beispiel, warum Freiwillige da ­überhaupt mitmachen wollen. Text von Jakob Steinschaden 50 Bestseller 5|6 2013 Pfadfinder. Die Gehwege, die Ende der 1960er am Campus der Universität Oregon angelegt wurden, laufen noch heute kreuz und quer durch die Wiesen der Anlage. Aus der Vogelperspektive von Google Maps ­gesehen, heben sie sich mit ihrem unortho- doxen Durcheinander deutlich ab von den umliegenden Straßen, die typisch amerika- nisch mit dem Lineal gezogen wurden. Erst, wer die Wege am Boden nachgeht, erkennt ihren Sinn: Sie sind die optimalen Routen, um am Campus von A nach B zu gelangen. Die weltberühmten Pfade sind das Ergeb- nis des „Oregon-Experiments“, das der in Wien geborene US-Architekt Christopher Alexander umgesetzt hat. Ende der 1960er verlangten die Studenten der Universität mehr Mitbestimmung, und einer ihrer ­Erfolge sind diese Wege. Anstatt, wie seit Jahrhunderten gewohnt, die Wege am Reiß- brett zu planen, ließ Alexander Gras pflan- zen und wartete einfach mal ab. Als sich nach einiger Zeit Trampelpfade bildeten, wurden diese als die heutigen sogenannten ­„Desire Lines“ angelegt. „Bottom-up“ statt „top-down“ – das Experiment gilt noch ­heute als Beleg dafür, wie gut Schwarm­ intelligenz funktionieren kann, und wirkt bis in den Journalismus hinein, der sich ­einem neuen Betätigungsfeld zuwendet: dem Crowdsourcing. Die Perlen aussieben „Bürgermedien hatten ein nicht ganz anstän- diges Image, wurden als Schmuddelecke wahrgenommen. Durch das Internet haben Geschichten von unten
  • 2. 51Bestseller 5|6 2013 sie diesen Charakter verloren, niemand würde sagen, YouTube sei eine Schmuddel­ ecke. Da ist klar: Da sind Perlen drinnen, und unsere Aufgabe ist es, diese zu finden und in einem neuen Kontext und kompakt zugänglich zu machen“, sagt der deutsche Mediensoziologe Volker Grassmuck. Mit dem Boom von Blogs, Social Media (früher sagte man noch „User-generated Content“ dazu) und Smartphones wird das Netz täg- lich mit schier unbegreifbaren Datenmengen überflutet. WordPress, der führende Blog- Anbieter, verzeichnet pro Monat 41,5 Milli­ onen neue Einträge und 53,2 Millionen neue Kommentare. Bei YouTube werden pro ­Minute 72 Stunden Videomaterial hochgela- den. Auf den Servern von Facebook landen pro Tag mehr als 300 Millionen Fotos, und bei Twitter werden 400 Millionen Kurznach- richten alle 24 Stunden veröffentlicht. Diese massive Verschiebung in Sachen Content-Produktion von Profis hin zu ­Privatpersonen macht vielen Journalisten Angst. Content sei heute nichts mehr wert, mit dem Echtzeit-Internet könne man in der Berichterstattung nicht mehr mithalten. Doch was die einen als Gefahr sehen, neh- men andere als Chance. Die Online-Ausgabe der britischen Qualitätszeitung Guardian ist eines der Vorreiter-Medien, die auf Crowd- sourcing im Journalismus setzen und die Nutzerdaten zum Teil ihrer Berichterstat- tung machen. Während der tagelangen ge- walttätigen Unruhen in London im August 2011 forderten die Redakteure, die unmög- lich einen Überblick über die Geschehnisse auf der Straße behalten konnten, Leser ­ dazu auf, ihre Eindrücke einzuschicken, die dann in Artikeln weiterverwertet wurden. ­Außerdem halfen dem Guardian Tausende bei der Auswertung von mehr als 450.000 Ausgabenbelegen britischer Parlamentarier, um Spesenbetrug aufzudecken – eine Auf- gabe, die ein kleines Redaktionsteam nicht bewältigt hätte. In Deutschland setzt das ZDF aktuell Crowdsourcing-Technologien ein, um die Aus­sagen von Politikern zu ­checken. Unter ­http://zdfcheck.zdf.de kön- nen Leser Fakten beisteuern, diese werden von der Redaktion geprüft. Die Aussage „Die Einkommensschere schließt sich seit drei Jahren wieder“ von Ursula von der Leyen (CDU) wurde auf der Webseite be- reits widerlegt. Die US-Online-Zeitung Huffington Post, die ab Herbst auch Deutschland und Öster- reich mit Online-News und Meinungsbei­ trägen versorgen will, hat das Crowdsour- cing sogar zum Geschäftsmodell erhoben. Nur wenige der Inhalte stammen von ange- stellten Redakteuren, den großen Rest liefern Blogger, Experten oder einfach leidenschaft- liche Online-Schreiber gratis zu – im Gegen- zug bekommen sie die Reichweite der ­Webseite. „Bei der Huffington Post sind nur 25 bis 30 Prozent der Artikel selbst geschrie- ben. Man ist nicht mehr nur ein Reporter, sondern kuratiert die Inhalte auf der ­Website. So arbeiten die meisten unserer Leute“, sagt CEO Jimmy Maymann über den Redaktionsbetrieb in mittlerweile sieben Ländern. „Social-Media-Seiten sind enorm wichtig, wenn es darum geht, eine Story zu verbreiten, das gehört heute zum journalis- tischen Handwerk dazu. Ich denke, die Zei- ten, an denen man an seinem Schreibtisch saß und jeden Tag eine Geschichte getippt hat, sind vorbei.“ Die Crowd außer Kontrolle „Es ist eine der spannendsten Fragen unserer Zeit, wie weit diese Zusammenarbeit gehen kann und wo die Grenzen sind. Ich kann mir keine medientheoretisch begründbare Grenze vorstellen, die sagt: Crowdsourcing geht bis dahin, und alles andere darüber ­hinaus können nur die Profis machen“, sagt Mediensoziologe Grassmuck. „Die Vorstel- lung, dass nur die Experten eine Enzyklo­ pädie wie die Wikipedia schreiben können, ist widerlegt. Aber natürlich gibt es auch ­innerhalb der Wikipedia die Diskussion: Wie können wir Artikel verbessern, wie können wir Experten ranholen, die mitschreiben oder zumindest begutachten?“ Zwei Beispiele, die beide ohne die über- geordnete Rolle des Journalisten als Kurator verliefen, zeigen, wo diese Grenze verlaufen könnte. Beim Projekt GuttenPlag, bei dem engagierte Internetnutzer Anfang 2011 in ­einem Online-Wiki Plagiate in der Disserta- tion von Deutschlands ehemaligem Verteidi- gungsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg aufdeckten, wurde echter Mehr- wert mit kollaborativer Arbeit geschaffen – der dazu beitrug, dass Guttenberg schließ- lich zurücktrat. Während der Suche nach den Bombenattentätern von Boston im
  • 3. 52 Bestseller 5|6 2013 ­April 2013 schlug das Pendel in die andere Richtung aus: Nach dem Aufruf des FBI an die Bevölkerung, Hinweise zu Verdächtigen zu liefern, überboten sich Tausende Nutzer der Internet-Community reddit.com im ­Subreddit „FindBostonBombers“ darin, eben­solche zu liefern. Leider stellten die Amateur-Detektive anhand von Fotos vom Ort des Geschehens nur Unschuldige an den Online-Pranger – mit schrecklichen Fol- gen. Die Leiche des 22-jährigen Studenten Sunil T., der fälschlich vom Cyber-Mob ­verdächtigt wurde, fand man schließlich im Bostoner Providence River – seine Familie vermutet Selbstmord. reddit-Manager Erik Martin entschuldigte sich später öffentlich für die „Hexenjagd“. Kuratieren statt recherchieren Vor allem letzteres Beispiel zeigt, dass gerade im Internet die oft gepriesene Schwarm­ intelligenz Anleitung, Begutachtung und ­einen Filter braucht. Crowdsourcing haben Medien schon immer betrieben – der Radio- sender Ö3 mit seinen Ö3vern, die von Öster­reichs Straßen aus aktuelle Verkehrs­ infos an die Redaktion schicken, oder die TV-Sendung „Orakel“ aus den 1970ern etwa bauen beziehungsweise bauten schon lange auf die Crowd, bevor das Wort Crowd­ sourcing überhaupt erfunden wurde. Jeder Journalist weiß: Die Leser um Tipps zu ­bitten, ist eine alte Technik, um an interes- sante Geschichten zu kommen – der neu- gierige Reporter, der im Wirtshaus die Ohren spitzt, ist das Paradebeispiel dafür. Doch gerade im Netz erweist sich die Leitung durch einen Kurator als essenziell, wie der reddit-Vorfall zeigt. „Es braucht Takt­ geber (Christoph Alexander), die geeignete Technologie (Rasen) und die richtige Ver- fahrensweise (Desire Lines), um aus dem Schwarm die durchaus großartige Qualität herauszuwringen, die den unglücklichen Namen Schwarmintelligenz trägt“, schreibt der Blogger Sascha Lobo mit Bezugnahme auf das Oregon-Experiment auf Spiegel ­Online. Auch Mediensoziologe Grassmuck sagt: „Ich bin überzeugt, dass es nie den ­Algorithmus geben wird, den man einfach über das Internet laufen lässt und der dann vier Stunden mediale Grundversorgung ­zusammenstellt. Professionelle journalis­ tische Arbeit wird weiterhin die Basis sein. Aber um die Informationsflut bewältigen zu ­können, brauchen Menschen entsprechende Werkzeuge, etwa Metadaten und das ­Semantic Web.“ Die richtigen Werkzeuge und Informanten Was in der Theorie schlau klingt, erweist sich in der Praxis dann aber doch als ziem- lich schwer. „Man denkt, dass man mit auf- geklärten Journalisten zusammenarbeitet, aber dann muss man ganz praktische Dinge erklären. Das ist wie in der Sendung mit der Maus“, sagt Nicola Kuhrt, stellvertretende Ressortleiterin im Wissenschaftsressort von Spiegel Online, über die Umsetzung von Crowd-Journalismus. Sie hat etwa Erfah­ rungen damit gesammelt, wie man Grippe- wellen auf Basis von Lesermeldungen auf einer Deutschlandkarte abbilden kann. Doch auch mit der aktiven Teilnahme an diesen neuen Prozessen sei es so eine Sache: „Die Leute müssen sich erst einmal daran gewöhnen, dass es das jetzt gibt, und lernen, wie es funktioniert“, so Kuhrt. Der deutsche Wissenschaftsautor Ralf Grötker etwa ver- sucht mit dem Web-Portal debattenprofis.de, eine „Community aus Spezial-Nerds“ aufzu- bauen. Ihm geht es darum, die ­richtigen zehn bis 15 Personen aus der ­Masse heraus- zufischen. „Mit redaktionellen Inhalten können wir uns abstrampeln, wie wir ­wollen, der größte Einfluss auf die ­Qualität der Kommentare ist die Community“, sagt Grötker. Technologische Unterstützung für journa- listische Crowdsourcing-Projekte bietet die kleine Berliner Firma OpenDataCity, die ­bereits für die Online-Ausgaben der taz, der Süddeutschen, der WAZ oder der Zeit tätig wurde. „Leute können helfen, eine ­Geschichte zu erzählen, indem sie Daten spenden“, so Marco Maas von OpenData­ City. Er hat etwa bei Visualisierungen von Zugverspätungen, Parteispenden oder Flug- lärmbelastung mitgearbeitet und meint: „Wenn man durch einen Wust an Dokumen- ten nicht selbst durchwühlen kann, kann man eine Plattform aufbauen, wo Leser ­helfen können, das Material zu sichten.“ Nicht geklärt ist allerdings noch die Frage, warum Menschen bei solchen Crowdsour- cing-Projekten freiwillig ihre Zeit und ihr Wissen einbringen. So kann man etwa ver- muten, dass Leute, die mit dem Klarnamen posten, das Rampenlicht suchen, während sensible und persönliche Geschichten oft gerne anonym erzählt werden. Diese Kennt- nis wäre essenziell in der Beurteilung der eingereichten Informationen durch den ­Redakteur. Heute müssen diese in ihrer sich verändernden Arbeit aber eher Mutmaßun- gen darüber anstellen. Mediensoziologe Grassmuck: „Wir müssen noch herausfinden, was Menschen motiviert, da mitzumachen. Dazu gibt es zwar einige Forschung, aber letztendlich ist es eine ungeklärte Frage.“ „Ich bin überzeugt, dass es nie den Algorithmus geben wird, den man einfach über das Internet laufen lässt und der dann vier Stunden mediale Grundversorgung zusammenstellt.“ Volker Grassmuck, Mediensoziologe