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222 Liebe



          chologischer und pädagogischer Erfassung. [zuerst            [L. als Prinzip] Konzeptuell fungiert
          1922], in: Geppert, K., Preuß E. [Hrsg.]: Selbständiges   L. in religiösen/philosophischen Entwür-
          Lernen, S. 35ff., Bad Heilbrunn/Obb. (1980) SEEL, N.      fen von ethischer Geltung oft als Prinzip
          M. (2000): Psychologie des Lernens, München, Basel.       des intersubjektiven Handelns („Nächsten-
          SEIDEL, R.J. et al. (2004): From Principles of Learning   liebe“ in der judeo-christlichen Tradition
          to Strategies for Instruction, Berlin, Heidelberg, New    oder das Konzept der „göttlichen Liebe“
          York. SPITZER, M. (2002): Lernen, Berlin. SQUIRE, L.      in bedeutenden religionsphilosophischen
          R., KANDEL, E. R. (1999): Gedächtnis. Die Natur des       Systemen): In richtungweisenden Ent-
          Erinnerns, Heidelberg, Berlin. VESTER, F. (1980): Den-    würfen und revolutionären Versuchen galt
          ken, Lernen, Vergessen, 5. Aufl., München. VOGT, H.H       und gilt L. oft als Prinzip der optimierten/
          (1966): Der Nürnberger Trichter. Lernmaschinen für        harmonisierten Ges. („Make Love, Not
          Ihr Kind?, Stuttgart. WIESNER, G. (2005): Die lernende    War“ der sog. 68-er Bewegung), als De-
          Gesellschaft: Lernkulturen und Kompetenzentwick-          terminante der sozialen Selbstregulation
          lung in der Wissensgesellschaft, München. ZIELINSKI,      oder als transzendental-metaphysischer
          W. (1995): Lernschwierigkeiten, Stuttgart.                Antrieb (L. als Vollendung des Guten; L.
                                                                    in der kabbalistischen Kosmologie).
                                                                       Einerseits wird L. (als gesellschaftl.
                                                                    Prinzip) mit der Emanzipation von der
                                                                    [sozial, wirtschaftlich, institutionell er-
          Liebe [love]                                              zwungenen] Subjektkonstanz (Status,
                                                                    Leistung) in Verbindung gebracht, womit
                                                                    vor allem die Selbstentfaltung des Objekts
          L. ereignet sich aus der kognitiv-intersub-               der L. beachtet wird; anderseits wird die
          jektiven Haltung der verstärkten ↑ Auf-                   intersubjektive Stabilität (gegenseitige
          merksamkeit (Anerkennung, Achtung)                        Achtung, Vertrauen) durch die spezifische
          und wird als [besonders] intensive Zunei-                 „Leistungsbereitschaft“ des Subjekts der L.
          gung oder Verbundenheit erlebt.                           auf eine Gemeinschaft/gesamte Mensch-
          Der Antrieb der L. ist biol. Natur, ihre                  heit projiziert und als transsubjektive Ver-
          anthropologische Eigenart besteht in der                  körperung eines [humanistischen] Men-
          kommunikativen Übertragbarkeit auf die                    schenbildes verwirklicht/angestrebt.
          Entitäten − Konstrukte und Kategorien −                      [L. als Diskurs] Aufgrund der hohen
          der transsubjektiven Wirklichkeit (L. zur                 transkult. Relevanz, die mit dem kogniti-
          Heimat, Menschheit, aber auch platonische                 onsbiol. Determinismus erklärbar ist, wer-
          oder etwa romantische L.).                                den physiol., psychol., ästhet., ethische,
             Aus system- und kommunikationsthe-                     pol., rechtl. und religiöse Erlebens- und
          oret. Sicht (vgl. Luhmann 1996, 1997)                     Erlebniskontexte der L. diskurs-, disziplin-,
          motiviert L., als symbolisch generali-                    genre- und kulturübergreifend in diver-
          siertes Kommunikationsmedium in der                       sen Medientexten thematisiert, indem sie
          zwischenmenschlichen Komm., die An-                       publizistisch oder belletristisch aufberei-
          nahme von Selektionen (Kommunika-                         tet, wissenschaftlich erforscht oder künst-
          tionsvorschlägen), um etwa der Unwahr-                    lerisch umgesetzt werden. Die wichtigsten
          scheinlichkeit der Komm. (Luhmann                         Schwerpunkte bilden spätestens seit dem
          1981) entgegenzuwirken.                                   19. Jh. und verstärkt seit Mitte des 20. Jh.
             Trotz der offensichtlichen semanti-                    (vor allem nach der 68-er Bewegung) pro-
          schen Mehrdeutigkeit, des hohen euphe-                    blematisierte Themen um L. und Ehe/Fa-
          mistischen Potentials und der inflationären                milie, homosexuelle L., L. und Alter, sog.
          Verwendung in zahlreichen Diskursen                       freie L., bei denen emanzipatorische Ten-
          lässt sich die multidisziplinäre Relevanz des             denzen eine Rolle spielen. Andererseits
          L.sbegriffs aus der Perspektive soziokultu-               befasst sich interdisziplinäre Forschung
          reller Medienkontexte begreifen.                          neben den Grundlagenthemen (L. und




LEXIKONSATZ.indd 222                                                                                      17.10.2006 08:20:31
Liebe 223



       Komm.) mit alltagsrelevanten Fragestel-       von L. gepflegt (L. als Achtung bei Kant
       lungen (Partnerschaftsprobleme etc.).         oder L. als Peitsche bei Knut Hamsun).
          [L. in der ↑ Popkultur] In der sog.        Unterschiedliche Konzepte von L. werden
       Popkultur werden seit ihrer Entstehung        als geisteswiss. Gegenstand vor allem in
       zahlreiche Bedeutungen und Konnotati-         kunst- und literaturhistorischen Untersu-
       onen des Begriffs meistens als klischee-      chungen erforscht.
       hafte Wendungen tradiert. Sie scheinen           [↑ Medialität der L.: Erlebens- und
       ausgewählte Verhaltensmuster (z.B. im         Darstellungsformen] Medientradirte Er-
       Umgang mit „Verliebtheit“) als Trend-         lebens- und Darstellungsformen der Sexu-
       oder Lifestylefaktoren zu stilisieren. Die    alität (geschlechtliche Interaktion), Sinn-
       postmoderne Erlebniskultur (s. ↑ Erleb-       lichkeit (triebbezogene intrasubjektive
       nis) macht L. zum bedeutenden Erleb-          Ereignisse), Erotik (sinnlich motivierte
       nisfaktor, so dass ihre Spielformen (Flirt,   und mental fundierte L.) und Pornogra-
       Lust) zunehmend als Beitrag zur Versinn-      fie (explizite Darstellung von sexuellen
       lichung des Alltags und als Motivations-      Handlungen) werden in einer zweifelhaf-
       faktor (etwa für die Alltagsbewältigung)      ten/umstrittenen Verbindung mit L. oder
       empfunden werden. Zahlreiche Kritiker         in anderen konzeptuellen Kontexten inter-
       dieser Tendenz sehen darin die Gefähr-        disziplinär und – im Zusammenhang mit
       dung traditioneller Ehe/Familienwerte         ihrer Medienwirkung/Rezeption – pro-
       etc. Ein ↑ Genre (spezifische Produkt-         blematisiert sowie institutionell reguliert.
       gruppe), das im ↑ Fernsehen und Film          Das vom jeweiligen Zeitgeist, dem sozia-
       vor allem die tragische oder gescheiterte     len System und dem Stand wissenschaft-
       L. als Schwerpunkt des Erzählkonzepts         licher Erkenntnisse [etwa über Biologie
       „verarbeitet“, heißt Melodram (vgl. Hi-       der Sexualität] abhängige Verständnis der
       ckethier 2002).                               Sittlichkeit und Moral (als „Gebrauchse-
          [Historische Konzepte von L.] Als          thik“) wird (a) durch die publizistische
       historisch beliebter Gegenstand der lite-     Aufbereitung in Medien zielgruppen-, ggf.
       rarischen und künstlerischen Darbietung       alterspezifisch thematisiert (sexuelle Auf-
       wurde der Begriff der L. mannigfaltig         klärung der Jugendlichen), (b) [medien-
       tradiert und ist deshalb nur schwer in-       ]rechtlich umgesetzt (Jugendschutz) oder
       haltlich einzugrenzen. Das Erosprinzip        (c) bei der Konzeption und Umsetzung
       oder etwa das L.skonzept von Platon,          der Maßnahmen zur Verkaufsförderung
       allg. bekannt als platonische L., prägten     (Werbung, Branding) instrumentalisiert.
       das L.sverständnis der griechischen Anti-     Seit einigen Jahrzehnten wurde Erotik (Il-
       ke. Das L.skonzept hat sich im Laufe der      lustrierte wie „Playboy“ oder Beate Uhse
       Geschichte immer wieder gewandelt: Das        Shops) und in letzten Jahren ästhetisier-
       „Hohe Lied“ (von hebr. Schir-ha-Schirim:      te Pornografie zunehmend kulturfähiger.
       „Lied der Lieder“) wurde zum Symbol           Ihre Spielarten nehmen, vor allem über
       der alttestamentarischen L.spoetik, die       künstlerische und belletristische Darbie-
       Trennung der sinnlichen und geistigen L.      tungen, Einzug in die ↑ Öffentlichkeit.
       prägte das L.sverständnis des Mittelalters,   Exhibitionismus, Voyeurismus, Sadoma-
       die Suche nach zwischenmenschlicher L.        sochismus oder Fetischismus (früher se-
       bewegte die Renaissance, altruistische L.     xuellen Randorientierungen überlassen)
       wurde in der Romantik „romantisiert“,         werden zunehmend als Bestandteil der
       (psychoanalytisch) aufgeklärte L. prägt(e)    Mainstream-Kultur thematisiert, zumal
       die Moderne (s. dazu auch ↑ Postmoder-        viele von ihnen eine längere belletristische
       ne).                                          Tradition aufweisen. Die informationsge-
          [Kritik an der L.] In literarisch-philo-   sellschaftlichen Aspekte von L. finden in
       sophischen Texten werden humanistische        neuzeitlichen Konzepten wie virtuelle L.,
       oder etwa voluntaristische Auffassungen       Cyberl. oder Cybersex ihren Ausdruck.




LEXIKONSATZ.indd 223                                                                        17.10.2006 08:20:31
224 Liebe/Macht der Medien



             [↑ Medialität der L.: Instrumen-              Literatur: KANT, I. (1968): Grundlegung zur Metaphy-
          talisierung in der Werbung] Medien-              sik der Sitten, in: Ders.: Werke: Akademie Textaus-
          spezifische Thematisierung der einzelnen          gabe, Bd. 4, S. 385-464, Berlin. KANT, I. (1968): Kritik
          Aspekte des Erlebens sowie das Erleb-            der praktischen Vernunft, in: Ders.: Werke: Akademie
          nispotential von L. (z.B. in der erlebnis-       Textausgabe, Bd. 5, S. 1-162, Berlin. KANT, I. (1977):
          orientierten Werbung) sind für die Medi-         Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, in: Ders.:
          enwirkungsforschung von Relevanz. Auch           Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphiloso-
          werden Rezeption der Erotik in Werbung           phie, Politik und Pädagogik 2, Werkausgabe Bd. XII,
          sowie medienrechtliche bzw. -politische          Frankfurt a. M. MATURANA, H., VERDEN-ZÖLLER, G.
          und -ethische Probleme der Darstellung           (1993): Liebe und Spiel. Die vergessenen Grundlagen
          sexueller Handlungen untersucht.                 des Menschseins. Heidelberg. Maturana, H. (1987):
             Die Instrumentalisierung der eroti-           Der Baum der Erkenntnis, Bern, München. Foucault,
          schen Stimuli in Werbemaßnahmen ist              M. (1983): Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum
          aus Sicht der gegenwärtigen Medienwir-           Wissen, Frankfurt a. M. PIAS, C., VOGL, J., ENGELL,
          kungsforschung umstritten (Schmidt               L. ET AL. [Hrsg.], (2000): Kursbuch Medienkultur. Die
          2004); bei Kritikern gilt sie als ineffizi-       maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard,
          ent, da sie zwar ↑ Aufmerksamkeit [meis-         Stuttgart. SCHMIDT, S. J. [Hrsg.], (2004) Handbuch
          tens männlicher] Rezipienten (klassi-            Werbung, Münster. LUHMANN, N. (1984/1996): So-
          sche Blickfangwerbung) bzw. Beteiligter          ziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie.
          (Events) anregt, was von empirischen             Frankfurt a. Main. LUHMANN, N. (1997): Die Gesell-
          Studien bereits belegt wurde. Sie lenkt          schaft der Gesellschaft, Frankfurt a. M. BAECKER, D.
          aber von dem beworbenen Produkt oder             (2005): Kommunikation als Selektion. Dirk Baecker
          Marke (in Brandingmaßnahmen) ab, was             über Donald M. MacKays „Information, Mechanism
          sich z.B. in Erinnerungsergebnissen an           and Meaning“ (1969), in: Baecker, D. (Hrsg.), Schlüs-
          die produktbezog. Inhalte der Werbebot-          selwerke der Systemtheorie, S. 119-128, Wiesbaden.
          schaften äußert; auf diese Weise mindert
          die erotisch provozierende Werbung i.d.R.
          die Nachhaltigkeit der von dem Auftrag-
          geber angestrebten Wirkung (etwa Erin-
          nerung an das Produkt bzw. die Marke).           Macht der Medien
             Die bereits vielfältig beobachtbare glo-      [power of the (mass) media]
          balgesellschaftliche Tendenz zur Virtu-
          alisierung und Medialisierung, Instru-
          mentalisierung und Kommerzialisierung,           Die These von der M.d.M. wurde bereits
          Intensivierung/Verwirklichung und Indi-          in der Antike in Gestalt einer erklärten
          vidualisierung bzw. Marginalisierung des         „Urfurcht vor den Wirkungen der Kom-
          kognitiv-intersubjektiven Erlebens macht         munikation“ diskutiert, zieht sich dann
          L. mit ihren mannigfaltigen Formen,              wie ein roter Faden durch die Geschichte
          Spielarten und Kontexten neben einem             und gewinnt im 20. Jh. bei der Einfüh-
          mächtigen Kommunikationsfaktor zu ei-            rung des ↑ Fernsehens neue Brisanz. Par-
          nem bedeutenden Mediendiskurs.                   allel dazu gibt es weitere Entwicklungen,
                                                           die, aus ganz anderer Perspektive, die Er-
                                       Leon Tsvasman       kenntnis nahe legen, dass die M.d.M. zu-
                                                           nimmt.
          >> Intersubjektivität; Aufmerksamkeit; Medi-        [Furcht vor der Gewalt der Medien]
          alität; Fernsehen; Öffentlichkeit; Öffentliche   Schon Platon fordert, jungen Menschen
          Meinung; Cyberspace; Erlebnis; Popkultur;        die Gewalttaten, die Homer beschreibt, zu
          Informationsgesellschaft; Postmoderne; Spiel;    verheimlichen, um i.S. der Bewahrpäda-
          Orientierung; Musik; Kunst; Kybernetik; Me-      gogik die Jugend zu schützen (Platon: Der
          dienpsychologie; Kommunikationstheorie.          Staat, 10. Buch, Str. 603 und 606).




LEXIKONSATZ.indd 224                                                                                      17.10.2006 08:20:32

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Tsvasman2006 Liebe Lexikonbeitrag

  • 1. 222 Liebe chologischer und pädagogischer Erfassung. [zuerst [L. als Prinzip] Konzeptuell fungiert 1922], in: Geppert, K., Preuß E. [Hrsg.]: Selbständiges L. in religiösen/philosophischen Entwür- Lernen, S. 35ff., Bad Heilbrunn/Obb. (1980) SEEL, N. fen von ethischer Geltung oft als Prinzip M. (2000): Psychologie des Lernens, München, Basel. des intersubjektiven Handelns („Nächsten- SEIDEL, R.J. et al. (2004): From Principles of Learning liebe“ in der judeo-christlichen Tradition to Strategies for Instruction, Berlin, Heidelberg, New oder das Konzept der „göttlichen Liebe“ York. SPITZER, M. (2002): Lernen, Berlin. SQUIRE, L. in bedeutenden religionsphilosophischen R., KANDEL, E. R. (1999): Gedächtnis. Die Natur des Systemen): In richtungweisenden Ent- Erinnerns, Heidelberg, Berlin. VESTER, F. (1980): Den- würfen und revolutionären Versuchen galt ken, Lernen, Vergessen, 5. Aufl., München. VOGT, H.H und gilt L. oft als Prinzip der optimierten/ (1966): Der Nürnberger Trichter. Lernmaschinen für harmonisierten Ges. („Make Love, Not Ihr Kind?, Stuttgart. WIESNER, G. (2005): Die lernende War“ der sog. 68-er Bewegung), als De- Gesellschaft: Lernkulturen und Kompetenzentwick- terminante der sozialen Selbstregulation lung in der Wissensgesellschaft, München. ZIELINSKI, oder als transzendental-metaphysischer W. (1995): Lernschwierigkeiten, Stuttgart. Antrieb (L. als Vollendung des Guten; L. in der kabbalistischen Kosmologie). Einerseits wird L. (als gesellschaftl. Prinzip) mit der Emanzipation von der [sozial, wirtschaftlich, institutionell er- Liebe [love] zwungenen] Subjektkonstanz (Status, Leistung) in Verbindung gebracht, womit vor allem die Selbstentfaltung des Objekts L. ereignet sich aus der kognitiv-intersub- der L. beachtet wird; anderseits wird die jektiven Haltung der verstärkten ↑ Auf- intersubjektive Stabilität (gegenseitige merksamkeit (Anerkennung, Achtung) Achtung, Vertrauen) durch die spezifische und wird als [besonders] intensive Zunei- „Leistungsbereitschaft“ des Subjekts der L. gung oder Verbundenheit erlebt. auf eine Gemeinschaft/gesamte Mensch- Der Antrieb der L. ist biol. Natur, ihre heit projiziert und als transsubjektive Ver- anthropologische Eigenart besteht in der körperung eines [humanistischen] Men- kommunikativen Übertragbarkeit auf die schenbildes verwirklicht/angestrebt. Entitäten − Konstrukte und Kategorien − [L. als Diskurs] Aufgrund der hohen der transsubjektiven Wirklichkeit (L. zur transkult. Relevanz, die mit dem kogniti- Heimat, Menschheit, aber auch platonische onsbiol. Determinismus erklärbar ist, wer- oder etwa romantische L.). den physiol., psychol., ästhet., ethische, Aus system- und kommunikationsthe- pol., rechtl. und religiöse Erlebens- und oret. Sicht (vgl. Luhmann 1996, 1997) Erlebniskontexte der L. diskurs-, disziplin-, motiviert L., als symbolisch generali- genre- und kulturübergreifend in diver- siertes Kommunikationsmedium in der sen Medientexten thematisiert, indem sie zwischenmenschlichen Komm., die An- publizistisch oder belletristisch aufberei- nahme von Selektionen (Kommunika- tet, wissenschaftlich erforscht oder künst- tionsvorschlägen), um etwa der Unwahr- lerisch umgesetzt werden. Die wichtigsten scheinlichkeit der Komm. (Luhmann Schwerpunkte bilden spätestens seit dem 1981) entgegenzuwirken. 19. Jh. und verstärkt seit Mitte des 20. Jh. Trotz der offensichtlichen semanti- (vor allem nach der 68-er Bewegung) pro- schen Mehrdeutigkeit, des hohen euphe- blematisierte Themen um L. und Ehe/Fa- mistischen Potentials und der inflationären milie, homosexuelle L., L. und Alter, sog. Verwendung in zahlreichen Diskursen freie L., bei denen emanzipatorische Ten- lässt sich die multidisziplinäre Relevanz des denzen eine Rolle spielen. Andererseits L.sbegriffs aus der Perspektive soziokultu- befasst sich interdisziplinäre Forschung reller Medienkontexte begreifen. neben den Grundlagenthemen (L. und LEXIKONSATZ.indd 222 17.10.2006 08:20:31
  • 2. Liebe 223 Komm.) mit alltagsrelevanten Fragestel- von L. gepflegt (L. als Achtung bei Kant lungen (Partnerschaftsprobleme etc.). oder L. als Peitsche bei Knut Hamsun). [L. in der ↑ Popkultur] In der sog. Unterschiedliche Konzepte von L. werden Popkultur werden seit ihrer Entstehung als geisteswiss. Gegenstand vor allem in zahlreiche Bedeutungen und Konnotati- kunst- und literaturhistorischen Untersu- onen des Begriffs meistens als klischee- chungen erforscht. hafte Wendungen tradiert. Sie scheinen [↑ Medialität der L.: Erlebens- und ausgewählte Verhaltensmuster (z.B. im Darstellungsformen] Medientradirte Er- Umgang mit „Verliebtheit“) als Trend- lebens- und Darstellungsformen der Sexu- oder Lifestylefaktoren zu stilisieren. Die alität (geschlechtliche Interaktion), Sinn- postmoderne Erlebniskultur (s. ↑ Erleb- lichkeit (triebbezogene intrasubjektive nis) macht L. zum bedeutenden Erleb- Ereignisse), Erotik (sinnlich motivierte nisfaktor, so dass ihre Spielformen (Flirt, und mental fundierte L.) und Pornogra- Lust) zunehmend als Beitrag zur Versinn- fie (explizite Darstellung von sexuellen lichung des Alltags und als Motivations- Handlungen) werden in einer zweifelhaf- faktor (etwa für die Alltagsbewältigung) ten/umstrittenen Verbindung mit L. oder empfunden werden. Zahlreiche Kritiker in anderen konzeptuellen Kontexten inter- dieser Tendenz sehen darin die Gefähr- disziplinär und – im Zusammenhang mit dung traditioneller Ehe/Familienwerte ihrer Medienwirkung/Rezeption – pro- etc. Ein ↑ Genre (spezifische Produkt- blematisiert sowie institutionell reguliert. gruppe), das im ↑ Fernsehen und Film Das vom jeweiligen Zeitgeist, dem sozia- vor allem die tragische oder gescheiterte len System und dem Stand wissenschaft- L. als Schwerpunkt des Erzählkonzepts licher Erkenntnisse [etwa über Biologie „verarbeitet“, heißt Melodram (vgl. Hi- der Sexualität] abhängige Verständnis der ckethier 2002). Sittlichkeit und Moral (als „Gebrauchse- [Historische Konzepte von L.] Als thik“) wird (a) durch die publizistische historisch beliebter Gegenstand der lite- Aufbereitung in Medien zielgruppen-, ggf. rarischen und künstlerischen Darbietung alterspezifisch thematisiert (sexuelle Auf- wurde der Begriff der L. mannigfaltig klärung der Jugendlichen), (b) [medien- tradiert und ist deshalb nur schwer in- ]rechtlich umgesetzt (Jugendschutz) oder haltlich einzugrenzen. Das Erosprinzip (c) bei der Konzeption und Umsetzung oder etwa das L.skonzept von Platon, der Maßnahmen zur Verkaufsförderung allg. bekannt als platonische L., prägten (Werbung, Branding) instrumentalisiert. das L.sverständnis der griechischen Anti- Seit einigen Jahrzehnten wurde Erotik (Il- ke. Das L.skonzept hat sich im Laufe der lustrierte wie „Playboy“ oder Beate Uhse Geschichte immer wieder gewandelt: Das Shops) und in letzten Jahren ästhetisier- „Hohe Lied“ (von hebr. Schir-ha-Schirim: te Pornografie zunehmend kulturfähiger. „Lied der Lieder“) wurde zum Symbol Ihre Spielarten nehmen, vor allem über der alttestamentarischen L.spoetik, die künstlerische und belletristische Darbie- Trennung der sinnlichen und geistigen L. tungen, Einzug in die ↑ Öffentlichkeit. prägte das L.sverständnis des Mittelalters, Exhibitionismus, Voyeurismus, Sadoma- die Suche nach zwischenmenschlicher L. sochismus oder Fetischismus (früher se- bewegte die Renaissance, altruistische L. xuellen Randorientierungen überlassen) wurde in der Romantik „romantisiert“, werden zunehmend als Bestandteil der (psychoanalytisch) aufgeklärte L. prägt(e) Mainstream-Kultur thematisiert, zumal die Moderne (s. dazu auch ↑ Postmoder- viele von ihnen eine längere belletristische ne). Tradition aufweisen. Die informationsge- [Kritik an der L.] In literarisch-philo- sellschaftlichen Aspekte von L. finden in sophischen Texten werden humanistische neuzeitlichen Konzepten wie virtuelle L., oder etwa voluntaristische Auffassungen Cyberl. oder Cybersex ihren Ausdruck. LEXIKONSATZ.indd 223 17.10.2006 08:20:31
  • 3. 224 Liebe/Macht der Medien [↑ Medialität der L.: Instrumen- Literatur: KANT, I. (1968): Grundlegung zur Metaphy- talisierung in der Werbung] Medien- sik der Sitten, in: Ders.: Werke: Akademie Textaus- spezifische Thematisierung der einzelnen gabe, Bd. 4, S. 385-464, Berlin. KANT, I. (1968): Kritik Aspekte des Erlebens sowie das Erleb- der praktischen Vernunft, in: Ders.: Werke: Akademie nispotential von L. (z.B. in der erlebnis- Textausgabe, Bd. 5, S. 1-162, Berlin. KANT, I. (1977): orientierten Werbung) sind für die Medi- Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, in: Ders.: enwirkungsforschung von Relevanz. Auch Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphiloso- werden Rezeption der Erotik in Werbung phie, Politik und Pädagogik 2, Werkausgabe Bd. XII, sowie medienrechtliche bzw. -politische Frankfurt a. M. MATURANA, H., VERDEN-ZÖLLER, G. und -ethische Probleme der Darstellung (1993): Liebe und Spiel. Die vergessenen Grundlagen sexueller Handlungen untersucht. des Menschseins. Heidelberg. Maturana, H. (1987): Die Instrumentalisierung der eroti- Der Baum der Erkenntnis, Bern, München. Foucault, schen Stimuli in Werbemaßnahmen ist M. (1983): Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum aus Sicht der gegenwärtigen Medienwir- Wissen, Frankfurt a. M. PIAS, C., VOGL, J., ENGELL, kungsforschung umstritten (Schmidt L. ET AL. [Hrsg.], (2000): Kursbuch Medienkultur. Die 2004); bei Kritikern gilt sie als ineffizi- maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, ent, da sie zwar ↑ Aufmerksamkeit [meis- Stuttgart. SCHMIDT, S. J. [Hrsg.], (2004) Handbuch tens männlicher] Rezipienten (klassi- Werbung, Münster. LUHMANN, N. (1984/1996): So- sche Blickfangwerbung) bzw. Beteiligter ziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. (Events) anregt, was von empirischen Frankfurt a. Main. LUHMANN, N. (1997): Die Gesell- Studien bereits belegt wurde. Sie lenkt schaft der Gesellschaft, Frankfurt a. M. BAECKER, D. aber von dem beworbenen Produkt oder (2005): Kommunikation als Selektion. Dirk Baecker Marke (in Brandingmaßnahmen) ab, was über Donald M. MacKays „Information, Mechanism sich z.B. in Erinnerungsergebnissen an and Meaning“ (1969), in: Baecker, D. (Hrsg.), Schlüs- die produktbezog. Inhalte der Werbebot- selwerke der Systemtheorie, S. 119-128, Wiesbaden. schaften äußert; auf diese Weise mindert die erotisch provozierende Werbung i.d.R. die Nachhaltigkeit der von dem Auftrag- geber angestrebten Wirkung (etwa Erin- nerung an das Produkt bzw. die Marke). Macht der Medien Die bereits vielfältig beobachtbare glo- [power of the (mass) media] balgesellschaftliche Tendenz zur Virtu- alisierung und Medialisierung, Instru- mentalisierung und Kommerzialisierung, Die These von der M.d.M. wurde bereits Intensivierung/Verwirklichung und Indi- in der Antike in Gestalt einer erklärten vidualisierung bzw. Marginalisierung des „Urfurcht vor den Wirkungen der Kom- kognitiv-intersubjektiven Erlebens macht munikation“ diskutiert, zieht sich dann L. mit ihren mannigfaltigen Formen, wie ein roter Faden durch die Geschichte Spielarten und Kontexten neben einem und gewinnt im 20. Jh. bei der Einfüh- mächtigen Kommunikationsfaktor zu ei- rung des ↑ Fernsehens neue Brisanz. Par- nem bedeutenden Mediendiskurs. allel dazu gibt es weitere Entwicklungen, die, aus ganz anderer Perspektive, die Er- Leon Tsvasman kenntnis nahe legen, dass die M.d.M. zu- nimmt. >> Intersubjektivität; Aufmerksamkeit; Medi- [Furcht vor der Gewalt der Medien] alität; Fernsehen; Öffentlichkeit; Öffentliche Schon Platon fordert, jungen Menschen Meinung; Cyberspace; Erlebnis; Popkultur; die Gewalttaten, die Homer beschreibt, zu Informationsgesellschaft; Postmoderne; Spiel; verheimlichen, um i.S. der Bewahrpäda- Orientierung; Musik; Kunst; Kybernetik; Me- gogik die Jugend zu schützen (Platon: Der dienpsychologie; Kommunikationstheorie. Staat, 10. Buch, Str. 603 und 606). LEXIKONSATZ.indd 224 17.10.2006 08:20:32