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7. Wat kütt, dat kütt…

Noch schliefen die Mädels in ihren wohligen
Dampfwolken, als das Verlangen nach irdischer Luft Max
auf die Terrasse trieb, die sich hinter der massiven
Außentür ausbreitete. Der mit Schneckenschleim bedeckte
Kachelboden brillierte im eindringlichen Glanz der
aufgehenden Sonne. Max atmete ein. Es roch nach faulen
Pilzen.

Selbstsüchtig schnitten Nachbarstimmen die verschlafene
Stille in Stücke: „Was haste denn?“ - „Och nix. Der
Himmel ist wieder so milchig und die Sonne soo rot!
Früher war dat nich’…“ – „Ah, et is ejal, Peder. Wat kütt,
dat kütt. “ – „Was du nicht sagst. Ich nehm’s aber ernst!“

Max schaute in die Ferne, wo sich die knapp über dem
Horizont klebende Sonne mit üppiger Röte aufputschte.

Getrieben von der aufkommenden Neugierde geleitete
sich sein Blick allmählich hinter ihr Antlitz.
Entgegen der gewöhnlichen Erfahrung schlug vertraute
Dunkelheit angesichts der blendenden Sonne dieser
grellen Welt nach einer Weile in eine befremdliche Weite
um. Bald erkannte er dort eine Schattenlandschaft, die von
beträchtlicher räumlicher Tiefe durchsetzt schien.
Als Max seinen Blick fokussierte, verschwanden die
vertrauten Hügel des Siebengebirges hinter dem rötlichen
Dunstvorhang seiner Augen gänzlich.
Eine öde Weite wurde präsent. Bis in ihren abgründigen
Unweiten wimmelte es von zitternden Rauchfetzen, die ab
und zu blinkten, als wären sie von fliegenden
Scheinwerfern mit Schwarzlicht angestrahlt.

Max musste innerlich weinen, denn er erkannte eine Welt
aus seinen kindlichen Alpträumen, die voller Finsternis
stets einen penetranten Nachgeschmack einer
abgründigen Sehnsucht hinterließen, die absolute Freiheit
versprach. Die Rauchfetzen zogen mit erheblicher
Geschwindigkeit wie eingesaugt über die verkrümmte
Landschaft, welche sich in einer dunklen Tonorgie von
Myriaden versetzter Stimmen auf eine unfassbare Weise
aufzulösen schien.

Als Max wieder zu sich kam, saß er vor einem weißen
Bildschirm, umsorgt von seiner kriegerischen Truppe -
mit herrlich duftendem Tee und wohltuendem Geflüster.

„Keine Sorge, Max. Deine Visionen haben es in sich. Aber
uns bleibt wenig Freiraum. Schau dir diese Aufnahme
an… Wo konnte sie gemacht werden?“, sagte die
Sprecherin der Kriegerinnen eindringlich und bewegte den
einzigen Schalter auf einer uralten Fernsteuerung,
während sie erklärte: „Sie spricht, als wüsste sie wirklich,
was sie sagt. Das kommt in dieser Welt wohl kaum vor,
oder? Also forschen wir nach dem Gebot des Alten Enya:
Was nicht in eine Gestalt passt, birgt die Lösung in sich.“

Der Bildschirm leuchtete schmächtig auf und das Bild
zitterte und schwankte. Eine vom hohen Alter
gezeichnete Person, mit tiefen Augenhöhlen, sprach leise
und eindringlich. Offensichtlich handelte es sich um eine
sehr ungünstige Aufnahme, die mit versteckter
Handykamera gemacht worden war:

„Wer ihn als Person kennt, kennt ihn nicht wirklich…“ –
sagte die Rednerin, eventuell eine Frau, was kaum
erkennbar war, denn optisch wirkte die Person im
Schatten einer blendenden Lichtquelle, wie auch ihre
Stimme, geschlechtsneutral. Nur trug sie offensichtlich ein
Kleid mit Hochkragen, der mit seltsamen
blaugoldschwarzen Ornamenten verzerrt schien, die keine
Symbolik irgendeiner Zugehörigkeit, aber einen schrägen
Geschmack offenbarten. Ihre Stimme zitterte, wirkte aber
sicher und von hoher Überzeugungskraft gezeichnet.

„Komisch!“ – sagte Max, denn die Gestalt war ihm
bekannt, nur wusste er nicht mehr woher.

Die androgyne Verschwörerin sprach über einen der, laut
seiner Schilderung, einflussreichsten Magister dieser Welt.
Ihre Sprechweise machte Max neugierig.

„Weder sein Aufenthaltsort noch sein Name sind einem
Lebenden auf dieser Welt bekannt. Seine Existenz und
Herkunft erschließe ich aus der Gestalt seiner Wirkung,
die sonst unbedeutend ist. Erheblich ist seine
infosomatische Präsenz, die kaum gedeutet werden kann,
weil sie nicht folgerichtig ist. Ihr Ausmaß muss gewaltig
sein, denn sie trägt mittlerweile eine ganze Welt.“

Die Dame sprach mit einem auf Anhieb polnisch
anmutenden Akzent, der aber auch einer etwa in
Griechenland aufgewachsenen Holsteinerin oder einem
autistischen Musikprofessor aus Südtirol eigen sein
könnte. Beide Gestalten waren Max aus der
Vergangenheit bekannt, doch die Dame wirkte besonders
reduziert und loderte eine spektakuläre Gelassenheit
empor.

Antanganta – Max nannte sie mittlerweile Anta – stoppte
das Video uns schaute Max fragend an.
„Ja, - sagte Max – ich spüre die Wahrheit in ihrer
Gestalt… Aber noch was anderes. Eine private Frage an
dich, die mich seit gestern Abend beschäftigt. Wofür
dieses Gedämpfe um euch herum?“
„Das infosomatische Wasser – flüssiges Licht der
Dunklen Sonne. Selbstregulation findet statt…“
Sie schaltete das schmale schwarze Gerät mit der darin
steckenden Speicherkarte wieder an, und der magische
Sprachfluss der alten Expertin rauschte fort:

„Der wahre Priester der Königin stammt aus
Bauernverhältnissen. Körperlich behindert geboren,
wurde er mental von einer hohen analytischen Kraft und
einem überdurchschnittlich starken Willen gezeichnet, was
ihn zwar übermäßig beharrlich, aber gleichzeitig auch
einfallsreich und verwandlungsfähig machte. Seine hohe
manipulative Energie wurde von seiner panischen Angst
vor Naturereignissen getrieben. Seine
Menschenverachtung schöpfte er aus seinem
behinderungsbedingten Drang, das Animalische zu
überwinden.
Nach einem kurzen Studium der Naturwissenschaften
kam er wahrscheinlich über ein mystisches Erlebnis an die
Infosomatische Präsenz, die er zum Teil auf eigenem
Wege erkannt hat. Ohne die Infosomatische Lehre in
ihrer vollen Kraft erfasst zu haben, wusste er, ihre
magische Wirkung für seine Ziele zu nutzen. Er überwand
den natürlichen Zweifel und baute seine Erkenntnisse
konsequent auf. Doch er setzte sie für Ziele ein, die seinen
Ängsten entsprachen und daher zwanghaft waren.

Mitte der 50-er Jahre gründete er drei Agenturen: ein
kleines Nachrichtenbüro, eine Personalberatung und ein
Investmentkontor, deren Mathematiker es schaffte, zwei
scheinbar unbedeutende Verfahren in die Bankwirtschaft
einzupflanzen, bevor sich das Geschäft auflöste.

Das Geld für seine Aktivitäten kam aus einem einfachen
Patent heraus, das bis jetzt in beinahe jeder
großindustriellen Produktion unabdingbar ist und seitdem
unverändert die Alleinstellung genießt. So baute er seine
infosomatische Triade. Er schlug damit intuitiv einen Weg
ein, der in allen konsequent magischen Welten verachtet
wird. Im Wesentlichen besteht er darin, die Kraft der
Trennung dafür zu nutzen, Chimären zu verkörpern, die
einen parasitären Überorganismus bilden, der auf Kosten
der menschlichen Lebensenergie gedeiht.

Sein Büro wurde bald von einer großen Agentur
geschluckt. Die von ihm entwickelten Nachrichtenfilter
wurden mittlerweile überall außer etwa auf Kuba als
Grundlage der Nachrichtenaufbereitung profiliert. Aus
seiner Personalberatung stammende Filterverfahren
verkaufte er allmählich an alle großen Konzerne, die
daraufhin eine Art Geheimdatenbank etablierten. Eine Art
geheime Schufa für Softskills nach dem
Kopfnotenprinzip, in die nur bestimmte Entscheider
einen Einblick haben und alle potenziellen Arbeitnehmer
mit Hochschulabschluss verwaltet. Darin wurde bald der
Traum der Großkonzerne von der totalen gegenseitigen
Ersetzbarkeit aller Arbeitnehmer verwirklicht.

Für alle seine Entwicklungen besitzt er einen
gemeinsamen Source Code, der wissenschaftlich keine
nachweisbare Relevanz hat, aber wenn man ihn als
infosomatischen Schlüssel kennt, kontrolliert er die
Medienproduktion, die Finanzwelt und das
Personalwesen. Alles Weitere läßt sich automatisch
manipulieren, wenn man mit dem Schlüssel zu steuern
weiß: Politik wird nahtlos über Lobbies gesteuert, die alle
an den infosomatischen Schlüssel angeschlossen sind. Die
Erkenntnisse der analytischen Wissenschaft gründeten
schon immer auf Konventionen, die von einem
infosomatischen Schlüssel gesteuert werden konnten.

Seit drei Jahrzehnten übernahm die Ehefrau des geheimen
Priesters die Schlüsselführung, offensichtlich nach einer
beträchtlichen gesundheitlichen Krise ihres Mannes. Der
Mann billigte ihre Eingriffe, weil ihre Intuition einiges an
Durchsicht leistete, was er selbst nicht vermochte. Ihre
Herrschaft ist weder Oligarchie noch Diktatur, sondern
ein magisches Protektorat.
Womöglich leben die beiden immer noch in hohem Alter
von über 90 bescheiden und tun keine großen Dinge. Die
einzige Aussage, die dem Geheimen Magister
zugesprochen wird, wurde wie folgt überliefert: „Auch
Menschen sehen ständig die Gefahr und haben Angst,
dass sie ihrem Nächsten ungewollt helfen und ihm damit
etwas zugestehen, was sie selber vielleicht nicht erlangen.“
Laut unseren Informationen, stammt sie aus einer von
seinen Festreden auf einer lokalen Karnevalssitzung.“

An dieser Stelle machte die bisher statische Einstellung
einen abrupten Schwung, womit der kleine Hörsaal mit
wenigen Zuhören in den ersten Reihen sichtbar wurde. Er
erschien in einer kurzen Totale, die sich in einem
panoramischen Rundgang auflöste. Die Kamera hielt eine
Sekunde lang auf dem dunkelhäutigen Gesicht in der
ersten Reihe und das Bild verschwand gänzlich in einer
dichten, unruhigen Dunkelheit. Max sprang kurz auf,
denn das Gesicht erinnerte ihn an Baghyalakshmi. Zwar
trug das Mädchen ein schlichtes schwarzes Kleid, aber
ihre pupillenlosen Augen strahlten abgründige Dunkelheit,
die Max mittlerweile sehr vertraut war. Die Stimme lief
weiter ohne Bild.

„Sie ist es“, - flüsterte Anta so nebenbei und zeigte mit
einer klaren Geste, er solle lieber weiter hören, sonst
würde er etwas verpassen und die Zeit sei knapp:

„Alles andere bleibt uns unbekannt, da die infosomatische
Manipulation keine kausalen Spuren hinterlässt und
deshalb kaum beobachtbar ist. Angeblich steht ein
außerweltlicher Magister mit dem Priester im Kontakt,
aber das bleibt eine Annahme, denn der Wirkungsbereich
eines Magisters ist unantastbar. Nicht nach irgendwelchen
Gesetzen natürlich, sondern aus einer schlichten Nicht-
Machbarkeit heraus. Kein Großmeister kann einen
anderen kontrollieren. Es sei den, einer willigt aktiv ein.“

- Und wie kontrolliert er das Internet? [Die Stimme kam
aus dem Publikum].

„Das Internet hebt das Aufmerksamkeitsprinzip nicht auf,
sondern verstärkt es nachhaltig. In dieser Hinsicht wird
das Internet von Leitmedien geprägt, also sind ihre Filter
auch im Internet vollkommen wirksam. Zwar kann jeder
alles publizieren, beachtet wird nur das, was mit viel Geld
beworben oder in Leitmedien verankert wurde. Auch
muss man bedenken, wer beachtet. Die meisten Gehirne
dieser Welt wurden mittlerweile nachhaltig von
Leitmedien präpariert, also setzten sie die Filterfunktionen
nahtlos fort. Die Nachrichtenfilter des Priesters sind
mittlerweile in den meisten Gehirnen dieser Welt
installiert. Wer kann da noch etwas beurteilen?“

- Was sind es denn für Filter? [Eine andere jüngere
Stimme aus dem Publikum, leicht verlegen].

„Es sind Geltungsfilter. Sie bestimmen, was zu gelten hat.
Sie leiten die menschliche Lebensenergie an Systeme
weiter, die ihrerseits Sinn produzieren, der vollkommen
die Gestaltung der menschlichen Lebenswelt steuert. Und
Personalfilter sorgen dafür, dass kein Mensch an der
Sinnproduktion teilnimmt, der mental in der Lage wäre,
sie zu beeinflussen. Das hat zur Wirkung, dass etwa
vielseitige Genies aus der Medienwirklichkeit
verschwinden, dass etwa Athleten mehr zu sagen haben,
als Dichter. Das bewirkt auch, dass Vielseitigkeit als
Geltung verschwindet und lediglich der Wille zur
brachialen Gewalt als „cool“ gilt.“

- Was hat denn der Priester selbst davon? [Die erste
Stimme aus dem Publikum, etwas nachdrücklich].

„Das bleibt sein Geheimnis. Er hat sich damit die absolute
Alleinstellung in dieser Welt erarbeitet. Und sie gibt
seinem Potenzial unendliche Chancen, auf Kosten der
Chancen anderer. Er hat die Art eines Technokraten, wie
die meisten Entscheider dieser Welt, selbst ein Produkt
der Raubkultur. Und das Wichtigste: Er zieht ein Wesen
auf, das bald den höchsten Machtanspruch haben wird
und das ihn offensichtlich fasziniert. Die Königin, der
übernatürliche Systemorganismus, der in einer globalen
Welt bald die absolute Herrschaft über das menschliche
Subjekt erlangt und von seiner biologischen Kraft lebt.“

Als Max sich aus dem Bann seiner Gedanken wieder
befreite, standen die dutzend Mädels parat. Nicht gerade
militärisch, aber still und aufmerksam in den Boden
schauend. Sie sahen so aus, als wären sie bereit, seine
Befehle zu empfangen. Doch Max wusste, dass sie nicht
auf Befehle warteten, sondern auf einen Einfall, den nur
ein Schicksalsloser Magister auslösen konnte. Zum ersten
Mal in seinem Erwachsenenleben spürte er keinen
Energieschwund, wenn jemand eine Erwartung an ihn
pflegte. Denn er wusste ziemlich deutlich, was zu tun war,
und die Mädels schienen es zu ahnen:

„Heute Abend ist in Köln ein Reggae-Festival, das zum
Glück von Öffentlichen übertragen wird. Das passt, denn
sonst verlören wir Schwung. Dort tretet ihr als Daughters of
Dawn mit meinem Lied auf. Also schlagt dort erstmal euer
Zelt auf und wartet auf mich. Ich muss noch etwas
recherchieren, aber ich komme rechtzeitig hin…“

Die Mädels nickten. Anta lächelte seltsam, als wäre auch
sie eine verkappte Mona Lisa. Ihre sonst milchig
leuchtenden Augen beichteten Tiefe und füllten sich mit
farmfremder Schwärze. Jäh überfiel Max eine zähe
Nachdenklichkeit und er musste wieder aufatmen: „Tiefe
bekennen…“ – tuschelte er unbewusst und ging hinaus,
geleitet von einer sacht steigenden Verwirrung.

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  • 1. 7. Wat kütt, dat kütt… Noch schliefen die Mädels in ihren wohligen Dampfwolken, als das Verlangen nach irdischer Luft Max auf die Terrasse trieb, die sich hinter der massiven Außentür ausbreitete. Der mit Schneckenschleim bedeckte Kachelboden brillierte im eindringlichen Glanz der aufgehenden Sonne. Max atmete ein. Es roch nach faulen Pilzen. Selbstsüchtig schnitten Nachbarstimmen die verschlafene Stille in Stücke: „Was haste denn?“ - „Och nix. Der Himmel ist wieder so milchig und die Sonne soo rot! Früher war dat nich’…“ – „Ah, et is ejal, Peder. Wat kütt, dat kütt. “ – „Was du nicht sagst. Ich nehm’s aber ernst!“ Max schaute in die Ferne, wo sich die knapp über dem Horizont klebende Sonne mit üppiger Röte aufputschte. Getrieben von der aufkommenden Neugierde geleitete sich sein Blick allmählich hinter ihr Antlitz. Entgegen der gewöhnlichen Erfahrung schlug vertraute Dunkelheit angesichts der blendenden Sonne dieser grellen Welt nach einer Weile in eine befremdliche Weite um. Bald erkannte er dort eine Schattenlandschaft, die von beträchtlicher räumlicher Tiefe durchsetzt schien. Als Max seinen Blick fokussierte, verschwanden die vertrauten Hügel des Siebengebirges hinter dem rötlichen Dunstvorhang seiner Augen gänzlich. Eine öde Weite wurde präsent. Bis in ihren abgründigen Unweiten wimmelte es von zitternden Rauchfetzen, die ab
  • 2. und zu blinkten, als wären sie von fliegenden Scheinwerfern mit Schwarzlicht angestrahlt. Max musste innerlich weinen, denn er erkannte eine Welt aus seinen kindlichen Alpträumen, die voller Finsternis stets einen penetranten Nachgeschmack einer abgründigen Sehnsucht hinterließen, die absolute Freiheit versprach. Die Rauchfetzen zogen mit erheblicher Geschwindigkeit wie eingesaugt über die verkrümmte Landschaft, welche sich in einer dunklen Tonorgie von Myriaden versetzter Stimmen auf eine unfassbare Weise aufzulösen schien. Als Max wieder zu sich kam, saß er vor einem weißen Bildschirm, umsorgt von seiner kriegerischen Truppe - mit herrlich duftendem Tee und wohltuendem Geflüster. „Keine Sorge, Max. Deine Visionen haben es in sich. Aber uns bleibt wenig Freiraum. Schau dir diese Aufnahme an… Wo konnte sie gemacht werden?“, sagte die Sprecherin der Kriegerinnen eindringlich und bewegte den einzigen Schalter auf einer uralten Fernsteuerung, während sie erklärte: „Sie spricht, als wüsste sie wirklich, was sie sagt. Das kommt in dieser Welt wohl kaum vor, oder? Also forschen wir nach dem Gebot des Alten Enya: Was nicht in eine Gestalt passt, birgt die Lösung in sich.“ Der Bildschirm leuchtete schmächtig auf und das Bild zitterte und schwankte. Eine vom hohen Alter gezeichnete Person, mit tiefen Augenhöhlen, sprach leise und eindringlich. Offensichtlich handelte es sich um eine
  • 3. sehr ungünstige Aufnahme, die mit versteckter Handykamera gemacht worden war: „Wer ihn als Person kennt, kennt ihn nicht wirklich…“ – sagte die Rednerin, eventuell eine Frau, was kaum erkennbar war, denn optisch wirkte die Person im Schatten einer blendenden Lichtquelle, wie auch ihre Stimme, geschlechtsneutral. Nur trug sie offensichtlich ein Kleid mit Hochkragen, der mit seltsamen blaugoldschwarzen Ornamenten verzerrt schien, die keine Symbolik irgendeiner Zugehörigkeit, aber einen schrägen Geschmack offenbarten. Ihre Stimme zitterte, wirkte aber sicher und von hoher Überzeugungskraft gezeichnet. „Komisch!“ – sagte Max, denn die Gestalt war ihm bekannt, nur wusste er nicht mehr woher. Die androgyne Verschwörerin sprach über einen der, laut seiner Schilderung, einflussreichsten Magister dieser Welt. Ihre Sprechweise machte Max neugierig. „Weder sein Aufenthaltsort noch sein Name sind einem Lebenden auf dieser Welt bekannt. Seine Existenz und Herkunft erschließe ich aus der Gestalt seiner Wirkung, die sonst unbedeutend ist. Erheblich ist seine infosomatische Präsenz, die kaum gedeutet werden kann, weil sie nicht folgerichtig ist. Ihr Ausmaß muss gewaltig sein, denn sie trägt mittlerweile eine ganze Welt.“ Die Dame sprach mit einem auf Anhieb polnisch anmutenden Akzent, der aber auch einer etwa in
  • 4. Griechenland aufgewachsenen Holsteinerin oder einem autistischen Musikprofessor aus Südtirol eigen sein könnte. Beide Gestalten waren Max aus der Vergangenheit bekannt, doch die Dame wirkte besonders reduziert und loderte eine spektakuläre Gelassenheit empor. Antanganta – Max nannte sie mittlerweile Anta – stoppte das Video uns schaute Max fragend an. „Ja, - sagte Max – ich spüre die Wahrheit in ihrer Gestalt… Aber noch was anderes. Eine private Frage an dich, die mich seit gestern Abend beschäftigt. Wofür dieses Gedämpfe um euch herum?“ „Das infosomatische Wasser – flüssiges Licht der Dunklen Sonne. Selbstregulation findet statt…“ Sie schaltete das schmale schwarze Gerät mit der darin steckenden Speicherkarte wieder an, und der magische Sprachfluss der alten Expertin rauschte fort: „Der wahre Priester der Königin stammt aus Bauernverhältnissen. Körperlich behindert geboren, wurde er mental von einer hohen analytischen Kraft und einem überdurchschnittlich starken Willen gezeichnet, was ihn zwar übermäßig beharrlich, aber gleichzeitig auch einfallsreich und verwandlungsfähig machte. Seine hohe manipulative Energie wurde von seiner panischen Angst vor Naturereignissen getrieben. Seine Menschenverachtung schöpfte er aus seinem behinderungsbedingten Drang, das Animalische zu überwinden.
  • 5. Nach einem kurzen Studium der Naturwissenschaften kam er wahrscheinlich über ein mystisches Erlebnis an die Infosomatische Präsenz, die er zum Teil auf eigenem Wege erkannt hat. Ohne die Infosomatische Lehre in ihrer vollen Kraft erfasst zu haben, wusste er, ihre magische Wirkung für seine Ziele zu nutzen. Er überwand den natürlichen Zweifel und baute seine Erkenntnisse konsequent auf. Doch er setzte sie für Ziele ein, die seinen Ängsten entsprachen und daher zwanghaft waren. Mitte der 50-er Jahre gründete er drei Agenturen: ein kleines Nachrichtenbüro, eine Personalberatung und ein Investmentkontor, deren Mathematiker es schaffte, zwei scheinbar unbedeutende Verfahren in die Bankwirtschaft einzupflanzen, bevor sich das Geschäft auflöste. Das Geld für seine Aktivitäten kam aus einem einfachen Patent heraus, das bis jetzt in beinahe jeder großindustriellen Produktion unabdingbar ist und seitdem unverändert die Alleinstellung genießt. So baute er seine infosomatische Triade. Er schlug damit intuitiv einen Weg ein, der in allen konsequent magischen Welten verachtet wird. Im Wesentlichen besteht er darin, die Kraft der Trennung dafür zu nutzen, Chimären zu verkörpern, die einen parasitären Überorganismus bilden, der auf Kosten der menschlichen Lebensenergie gedeiht. Sein Büro wurde bald von einer großen Agentur geschluckt. Die von ihm entwickelten Nachrichtenfilter wurden mittlerweile überall außer etwa auf Kuba als Grundlage der Nachrichtenaufbereitung profiliert. Aus
  • 6. seiner Personalberatung stammende Filterverfahren verkaufte er allmählich an alle großen Konzerne, die daraufhin eine Art Geheimdatenbank etablierten. Eine Art geheime Schufa für Softskills nach dem Kopfnotenprinzip, in die nur bestimmte Entscheider einen Einblick haben und alle potenziellen Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss verwaltet. Darin wurde bald der Traum der Großkonzerne von der totalen gegenseitigen Ersetzbarkeit aller Arbeitnehmer verwirklicht. Für alle seine Entwicklungen besitzt er einen gemeinsamen Source Code, der wissenschaftlich keine nachweisbare Relevanz hat, aber wenn man ihn als infosomatischen Schlüssel kennt, kontrolliert er die Medienproduktion, die Finanzwelt und das Personalwesen. Alles Weitere läßt sich automatisch manipulieren, wenn man mit dem Schlüssel zu steuern weiß: Politik wird nahtlos über Lobbies gesteuert, die alle an den infosomatischen Schlüssel angeschlossen sind. Die Erkenntnisse der analytischen Wissenschaft gründeten schon immer auf Konventionen, die von einem infosomatischen Schlüssel gesteuert werden konnten. Seit drei Jahrzehnten übernahm die Ehefrau des geheimen Priesters die Schlüsselführung, offensichtlich nach einer beträchtlichen gesundheitlichen Krise ihres Mannes. Der Mann billigte ihre Eingriffe, weil ihre Intuition einiges an Durchsicht leistete, was er selbst nicht vermochte. Ihre Herrschaft ist weder Oligarchie noch Diktatur, sondern ein magisches Protektorat.
  • 7. Womöglich leben die beiden immer noch in hohem Alter von über 90 bescheiden und tun keine großen Dinge. Die einzige Aussage, die dem Geheimen Magister zugesprochen wird, wurde wie folgt überliefert: „Auch Menschen sehen ständig die Gefahr und haben Angst, dass sie ihrem Nächsten ungewollt helfen und ihm damit etwas zugestehen, was sie selber vielleicht nicht erlangen.“ Laut unseren Informationen, stammt sie aus einer von seinen Festreden auf einer lokalen Karnevalssitzung.“ An dieser Stelle machte die bisher statische Einstellung einen abrupten Schwung, womit der kleine Hörsaal mit wenigen Zuhören in den ersten Reihen sichtbar wurde. Er erschien in einer kurzen Totale, die sich in einem panoramischen Rundgang auflöste. Die Kamera hielt eine Sekunde lang auf dem dunkelhäutigen Gesicht in der ersten Reihe und das Bild verschwand gänzlich in einer dichten, unruhigen Dunkelheit. Max sprang kurz auf, denn das Gesicht erinnerte ihn an Baghyalakshmi. Zwar trug das Mädchen ein schlichtes schwarzes Kleid, aber ihre pupillenlosen Augen strahlten abgründige Dunkelheit, die Max mittlerweile sehr vertraut war. Die Stimme lief weiter ohne Bild. „Sie ist es“, - flüsterte Anta so nebenbei und zeigte mit einer klaren Geste, er solle lieber weiter hören, sonst würde er etwas verpassen und die Zeit sei knapp: „Alles andere bleibt uns unbekannt, da die infosomatische Manipulation keine kausalen Spuren hinterlässt und deshalb kaum beobachtbar ist. Angeblich steht ein
  • 8. außerweltlicher Magister mit dem Priester im Kontakt, aber das bleibt eine Annahme, denn der Wirkungsbereich eines Magisters ist unantastbar. Nicht nach irgendwelchen Gesetzen natürlich, sondern aus einer schlichten Nicht- Machbarkeit heraus. Kein Großmeister kann einen anderen kontrollieren. Es sei den, einer willigt aktiv ein.“ - Und wie kontrolliert er das Internet? [Die Stimme kam aus dem Publikum]. „Das Internet hebt das Aufmerksamkeitsprinzip nicht auf, sondern verstärkt es nachhaltig. In dieser Hinsicht wird das Internet von Leitmedien geprägt, also sind ihre Filter auch im Internet vollkommen wirksam. Zwar kann jeder alles publizieren, beachtet wird nur das, was mit viel Geld beworben oder in Leitmedien verankert wurde. Auch muss man bedenken, wer beachtet. Die meisten Gehirne dieser Welt wurden mittlerweile nachhaltig von Leitmedien präpariert, also setzten sie die Filterfunktionen nahtlos fort. Die Nachrichtenfilter des Priesters sind mittlerweile in den meisten Gehirnen dieser Welt installiert. Wer kann da noch etwas beurteilen?“ - Was sind es denn für Filter? [Eine andere jüngere Stimme aus dem Publikum, leicht verlegen]. „Es sind Geltungsfilter. Sie bestimmen, was zu gelten hat. Sie leiten die menschliche Lebensenergie an Systeme weiter, die ihrerseits Sinn produzieren, der vollkommen die Gestaltung der menschlichen Lebenswelt steuert. Und Personalfilter sorgen dafür, dass kein Mensch an der
  • 9. Sinnproduktion teilnimmt, der mental in der Lage wäre, sie zu beeinflussen. Das hat zur Wirkung, dass etwa vielseitige Genies aus der Medienwirklichkeit verschwinden, dass etwa Athleten mehr zu sagen haben, als Dichter. Das bewirkt auch, dass Vielseitigkeit als Geltung verschwindet und lediglich der Wille zur brachialen Gewalt als „cool“ gilt.“ - Was hat denn der Priester selbst davon? [Die erste Stimme aus dem Publikum, etwas nachdrücklich]. „Das bleibt sein Geheimnis. Er hat sich damit die absolute Alleinstellung in dieser Welt erarbeitet. Und sie gibt seinem Potenzial unendliche Chancen, auf Kosten der Chancen anderer. Er hat die Art eines Technokraten, wie die meisten Entscheider dieser Welt, selbst ein Produkt der Raubkultur. Und das Wichtigste: Er zieht ein Wesen auf, das bald den höchsten Machtanspruch haben wird und das ihn offensichtlich fasziniert. Die Königin, der übernatürliche Systemorganismus, der in einer globalen Welt bald die absolute Herrschaft über das menschliche Subjekt erlangt und von seiner biologischen Kraft lebt.“ Als Max sich aus dem Bann seiner Gedanken wieder befreite, standen die dutzend Mädels parat. Nicht gerade militärisch, aber still und aufmerksam in den Boden schauend. Sie sahen so aus, als wären sie bereit, seine Befehle zu empfangen. Doch Max wusste, dass sie nicht auf Befehle warteten, sondern auf einen Einfall, den nur ein Schicksalsloser Magister auslösen konnte. Zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben spürte er keinen
  • 10. Energieschwund, wenn jemand eine Erwartung an ihn pflegte. Denn er wusste ziemlich deutlich, was zu tun war, und die Mädels schienen es zu ahnen: „Heute Abend ist in Köln ein Reggae-Festival, das zum Glück von Öffentlichen übertragen wird. Das passt, denn sonst verlören wir Schwung. Dort tretet ihr als Daughters of Dawn mit meinem Lied auf. Also schlagt dort erstmal euer Zelt auf und wartet auf mich. Ich muss noch etwas recherchieren, aber ich komme rechtzeitig hin…“ Die Mädels nickten. Anta lächelte seltsam, als wäre auch sie eine verkappte Mona Lisa. Ihre sonst milchig leuchtenden Augen beichteten Tiefe und füllten sich mit farmfremder Schwärze. Jäh überfiel Max eine zähe Nachdenklichkeit und er musste wieder aufatmen: „Tiefe bekennen…“ – tuschelte er unbewusst und ging hinaus, geleitet von einer sacht steigenden Verwirrung.