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Der Alte der Dämmerung

In dem ungemein hellen Phantomlicht wirkte das
vertraute Rheinufer, als wäre es vom Feuerwerk
geflutet. Nur jetzt blieb das Licht stehen wie auf einer
Photographie, die eine Landschaft im Blitzlicht
verewigte. Die Promenade war immer noch vertraut,
aber anders und vollkommen: Der Weitblick expandierte
und es roch nach einer frisch abgegrasten Weide.

Das Ufer sah ländlich aus, statt Beton mit einer Schicht
Mulch bedeckt, der – wie mit Diamantenstaub bewalzt –
je nach Lage in unterschiedlichen Tönen eines moorigen
Grüns glitzerte. Das Geplätscher einer ungewöhnlich
mäßigen Strömung deutete auf einen größeren
Gegenstand, der hinter der Böschung angedockt schien.

Bald wurde eine schlichte, aber prominente
Konstruktion sichtbar, die Max an ein seltsam verzerrtes
Wikingerschiff erinnerte, auf dem ein spitzer Turm aus
rubinrot schimmerndem Stoff aufgesetzt schien.
Der warme Schimmer der schwarz gebeizten
Holzverkleidung dominierte den Anblick. Beim
längeren Zusehen erkannte Max hinter dem Turm, der
auch ein gewaltiges Igluzelt sein konnte, ein offenes
Deck, auf dem mehrere nackte [MSOffice1]Frauenfiguren in
einer Reihe knieten und scheinbar sehnsüchtig in die
Ferne schauten: ein welliger Gesang erreichte seine
Ohren und wurde lauter. Es war kein Chor, sondern ein
kunstvoll synchronisiertes Rezitativ, in dem einzelne
Stimmen wie auf einer Welle ritten.
                                                       1
Ein riesiger Greifvogel drehte im frappanten Sturzflug
mehrere Loopings um das Schiff und verschwand hinter
den Hügeln des Siebengebirges.

Überraschend schleuderte Tanga gleich einem wilden
Schulkind ihre Schuhe hoch in die Luft und lief barfuss
zum Schiff: „Aháno’jé!“ – „Aána’jée!“ kam zurück.
Sie sprang ins Wasser und stand bald auf dem Deck
glücklich winkend, was Max als eine Einladung zur
Nachahmung deutete: Als beide mit ihren Füßen bald
die dankbare Wärme des Holzbodens genossen, eilte
ihnen aus dem Deckhaus ein merkwürdig umhüllter
bärtiger Greis entgegen und grüßte sie mit heftigen
Umarmungen: „Aháno’jée!“ – „Aána’jé!“ – „Ahán
Ajée!“ – „Ajhée!“
Ihre Freude klang in Max’s Ohren wie das kunstvoll
beschleunigte Gerufe der exotischen Großwale auf einer
New Age Platte aus seiner Jugend:

„Krass!“, konnte Max nur urteilen, vollkommen
gedankenleer. Er reagierte, beobachte und fühlte, wie in
einer Meditation.

Es bebte etwas mollig im inneren des Schiffs und sie
glitten fort. Bald wippten sie entlang den glitzernden
Ufern mit einem gemütlichen Schwung.

„Lernt euch doch kennen, ich bin mal kurz… zaubern!“
– Tangas leise, aber eindringliche Stimme erreichte Max
stumpf hallend von unten, wo er inzwischen
                                                         2
irgendwelche wunderbaren Gemächer vermutete. Das
Wort „zaubern“ klang einladend, so dass Max sofort
wusste, dass es sich um eine Mahlzeit handelte.

Auch der rüstige Alte schien Gedanken oder Gestalten,
wie Tanga es erklärte, lesen zu können und nickte, ohne
seine neugierigen Augen von Maxs Gesicht
abzuwenden, das er wie ein prähistorisches Kunstwerk
studierte. Plötzlich sprach er so fliessend-musikalisch
und ganz ohne Intonation, als ströme seine Rede aus
einem sprechenden Dudelsack:
„Mich nennt man übrigens Enya-Anki, der Alte der
Dämmerung, und mich beschäftigt ein Rätsel. Darf ich
fragen? Sag es, hast du Bhagyalakshmi schon mal
gesehen –diese weibliche Gestalt mit allschwarzen
Pupillenaugen?“
In seinem Sprachgesang rundete Enya-Anki kunstvoll
alle Kanten und Ecken seiner beinahe gestaltlosen
Klangbilder. Erst jetzt wurde Max bewusst, was seine
Muttersprache so eigenwillig machte: diese kantigen
Wörter, die wie die Zahnräder eines Uhrwerks für eine
mechanische Präzision sorgten, aber den ganzen
Reichtum melodischer Ausdrucksfähigkeit ignorierten:

„Diese Erscheinung im Fenster… gestern im Büro?“ –
Max wusste nicht, ob dieser Enya ähnlich wie Tanga
alles Mögliche über ihn wusste. Vielleicht auch nicht,
denn sonst würde er nicht fragen. Als der Alte immer
noch fragend blickte, wusste Max plötzlich die richtige
Antwort:

                                                          3
„Ja, ich habe sie gesehen, ganz kurz aber. Kennst du
sie?“
„Keiner kennt sie, lieber Max. Aber wir nennen sie
Bhagyalakshmi, weil dieser Name zu ihr passt. Wir
wissen nur, dass sie kein Mensch ist. Sie erscheint in
allen Welten in gleicher Gestalt mit ihrem Teppich, oder
was auch immer das ist...“
„Wieso?“
„Tja… Sie erscheint in einer Welt, kurz bevor diese
untergeht…“ – das Gesicht des Alten dämmerte kurz,
als er zögernd das letzte Wort sprach, aber traurig
wirkte er nicht. Auch nicht besorgt, denn seine Augen
funkelten neugierig.

Die singenden Frauen, welche Max nun auf der anderen
Ebene des etagenartigen Decks wieder entdeckte,
wurden inzwischen leise. Langsam zerfielen ihre Reihen
in die einzelnen Figuren, einige sprangen ins Wasser,
manche verschwanden im Inneren des Schiffs. Als Max
nun fasziniert in ihre Richtung schaute, winkten einige
heiter, als wäre er ihr alter Freund. So gingen sie ihrer
unergründlichen Dynamik nach bis eine mächtige
Windböe ihre langen Haare in die Richtung des
feuerspeienden Sonnenuntergangs wehte. Das Schiff
schaukelte, was einen Augenblick der Schwerelosigkeit
eintreten ließ. Dieser an sich unsinnige, doch in den
Augen eines überreizten Heimkehrers beinahe episch
anmutende Moment prägte sich in Maxs Gedächtnis wie
das natürliche Markenzeichen seiner alten Heimat, die
ein einziges Mysterium zu sein schien. Max fühlte sich
herrlich. Die untergehende Sonne spendete Kraft.
                                                        4
„Kommt runter!“ – Tanga klang begeistert, als wäre sie
mit einem Meisterwerk fertig.

Die apokalyptische Botschaft des Alten schmerzte
wieder in seinem Kopf, denn sie war mehr als jene
alltägliche Unumkehrbarkeit, die Max stets zu
vermeiden suchte. Er kapierte sie nicht. Er dachte auch
nicht nach, denn er verstand vieles nicht mehr. Die
Botschaft über den vermutlichen Untergang der Welt
seiner Jugend warf seine Sinne jedoch nicht um, denn
unter der Dunklen Sonne schien etwas anderes
bedeutender. Er wunderte sich lediglich immer stärker
über die vermeintliche Unkenntnis des Alten, der so
unendlich wissend aussah, als verkörpere er die
Weisheit an sich.

„Seid ihr keine Genies? Ich meine, Tanga erzählte, dass
ihr alles versteht, das ganze Universum und so…“
„Keine Ahnung, was du meinst, Max. Keiner versteht
eine Welt, solange man in ihr lebt. Und wieso sollten
wir - denn verstehen heißt auseinander nehmen. Doch
wir nehmen nicht etwas auseinander, was wir nicht
selbst gebastelt haben. Und schon gar nicht, wenn es
lebt… Und wenn, wäre jede Teilung in die Bestandteile
beliebig, denn eine Welt kann keine Bausteine haben,
weil sie kein Haus ist oder so… Das mag für dich
komisch klingen, aber Wissen heißt Leben, mehr nicht,
auch nicht weniger. Was du meinst, ist weniger…“


                                                          5
„Kommt doch!“ – rief Tanga begeistert, als spreche sie
im Namen eines Meisterwerks, das kaum mehr warten
konnte.
„Na sollen wir?“ – Enya-Anki fragte Max behutsam und
johlte an Tanga zurück: „Anhýa! An’hýa-jóhi! Jóhi-
ýho!“

Ein leuchtendes Zusammenspiel von Holz, Glas und
Stoff der großformatigen Wandmalereien im Inneren
des Schiffs erinnerte an impressionistische Intarsien,
deren Struktur- und Farbnuancen vor allem die Tiefe
eines atemberaubenden Perspektivenwechsels betonten:
Der Weitblick dieser Landschaften machte den Raum
lebend, als verändere er sich ständig, wie in einer
Symphonie die wechselnden Harmonien. Es roch
appetitlich nach Gewürzen und Ölen. Auf dem
flauschigen Boden standen zahlreiche kleine Töpfe, die
keine Ordnung kannten, aber von einer Harmonie
geprägt waren, die selbstverständlich schien.

Max wusste sofort, worauf er Lust hatte und aß von
allem ein bisschen in einer Reihenfolge, die von einem
eigenen, spontan erweckten Sinn angeleitet schien. Ein
ähnliches, aber viel schwächeres Gefühl kannte er aus
seiner Kindheit, wenn er im Garten seiner Großeltern
weiden durfte und all die möglichen Gemüse probierte.

Folgend dem stillen Beispiel beider Gastgeber, aß er mit
allen möglichen Löffeln, Stäbchen und einfach mit den
Händen. Die Gefäße, Pöttchen und Kasserollen schienen
zu ihren jeweiligen Inhalten ein inniges Verhältnis zu
                                                         6
haben. Ein Erlebnis, dessen Dimensionen nicht allein
dem Gaumen galten, ließ keinen Raum für Gespräche
übrig, so dass jeder in sich kehrte, aber es trotzdem
gesellig war.

Nach dieser redescheuen Malzeit wagte Max es doch,
seiner wachsenden Neugierde Ausdruck zu verleihen:

„Was ist denn diese Bhagyalakshmi, wenn sie kein
Mensch ist? Sie sah doch wie eine indische Frau aus…“
 „Tja..“ – der Alte sprach, ohne nachzudenken: „Deine
Muttersprache hat ein Wort dafür, aber wie die meisten
dieser Wörter, sagt es nichts aus. Ein Engel. Auf jeden
Fall ist sie kein Mensch, weil sie sich nicht verwandeln
kann. Sie hat nur eine einzige Gestalt…“
„Wie alle Menschen, die ich kenne…“ – äußerte Max
sich leise.
An dieser Stelle fühlte Tanga sich verpflichtet, massiv
einzugreifen:
„Vergiss es Max! Du bist jetzt nicht mehr in der
armseligen Welt deiner verlorenen Jugend, in der sich
Menschen durch Dinge definieren und sich selbst ding-
gleich machen. Als Anarast wird ein Mensch nicht
geboren!“
Als eine kurze Pause eintrat, setzte der Alte fort, und
guckte dabei getrost, als kannte er grundsätzlich alle
kommenden Ereignisse noch bevor sie eintreten:
„Ein Engel handelt nicht. Er überbringt nur eine
Botschaft. Aber Bhagyalakshmi erscheint nicht nur,
teils entsteht sie in einer Welt, ähnlich einer… Allergie.
Meine Beobachtung ist, sie schöpft ihre Kraft aus der
                                                         7
entzweiten Lebensenergie, die Anarasten in Geltungen
speichern. So kann sie wirken. Ihre Gestalt entsteht
zwar in unseren Sinnen, aber erst in ihrem Kraftfeld…“

„Hm…“ – Max fand die Erklärung logisch. Aber etwas
fehlte ihm: Ok, da war der Antrieb. Da war auch die
Gestalt. Aber woher stammt die Botschaft?
Der alte Enya-Anki erstarrte kurz, als erhielte er eine
Nachricht. Das kannte Max, denn so erfror Tanga ab
und zu auch, was Max nicht mochte, denn er fühlte sich
vernachlässigt. Nur hier, unter der Dunklen Sonne, ließ
die Geborgenheit keinen Sinn für solche Gefühle übrig,
und Max lächelte innerlich, weil er daran dachte.
Schließlich musste er nicht mehr ablehnen, um zu
vertrauen.

„Max muss sich ausruhen… Und Bhagyalakshmi wird
uns noch Rätsel bereiten. Denn die Botschaft, die sie
verkörpert, ist eine Art Echo aus einer Welt außerhalb
des Wirkungsbereichs. Diese Welt macht mir große
Sorgen, Max, und das nicht erst seit gestern…“
Offensichtlich verstand er unter „Sorge“ etwas anderes,
denn besorgt wirkte der Alte der Dämmerung kaum. Er
schaute heiter um sich herum und knabberte genüsslich
an einer Nuss, die einem großen Pinienkern ähnelte.

Zum ersten Mal seit dem Kurzschlaf in der Kneipe, aus
der Zeit, die ihm mittlerweile wie ein uralter Horrorfilm
vorkam, geisterhaft und unecht, schlief Max ein. Wie
seit einer Ewigkeit nicht mehr, träumte er wieder.

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Diesmal konnte er seine Vision nicht einordnen, denn
sie hatte kein Thema, lediglich die Gewissheit einer
Welt, die lebte. Das war ein herrliches Gefühl, ein Teil
der lebenden Welt und nicht ein Zahnrad in einer lieblos
gebastelten Maschine zu sein. Er horchte dieser Welt
respektvoll zu und bekam Zeichen, die er zu deuten
lernte. Je vertrauter er ihr wurde, desto klarer deutete er,
und dieses Wissen war wertvoller, als alle die
verkappten Lektüren über die vermeintlichen
Naturgesetze aus seiner Jugend in jener verkrüppelten
Lebenswelt, die all die Anarasten zu einer erbärmlichen
Maschine machen wollten. Das hohe Alter, von dem
Max in seinem Traum gezeichnet war, brachte einen
ungemeinen Gewinn an Gewissheit mit sich, die die
lebende Welt als höchsten Wert zu würdigen wusste.

Max wurde wach und fixierte sein eigenes Gesicht,
reflektiert in zwei runden schwarz leuchtenden
Spiegelflecken. Bald erkannte er die berüchtigte
weibliche Figur, die ihn mit leicht gesenktem Kopf
anstarrte.
„Hast du mich erschrocken!“ – murmelte er nervös, aber
die Frau reagierte nicht: „Na klar, bist ja ein Engel oder
so. Kannst also nur eine Botschaft überbringen…“
Da sich das Wesen nicht mal bewegte, blieben Max nur
ihre riesigen Augen als Blickfang übrig, und in ihnen
lief bereits ein Film.
„Ah, verstehe. Jetzt kommt deine Botschaft? Na gut, bin
echt gespannt. Na schieß doch los!“
Bhagyalakshmi blieb regungslos, während ihre Augen
eine meisterhaft verbildlichte Geschichte erzählten.
                                                           9
Nach den ersten Allegorien wurde Max klar, dass die
vermeintliche Botschaft allein für ihn, Graf Oran Max
Art, dem zukünftigen Gebieter einer mysteriösen
Heerschar, die er noch nie zu Gesicht bekam, bestimmt
war und welche deshalb keiner außer ihm jemals
verstehen könnte. Seine Sinne spannten sich an…

(c) 2009 Leon Tsvasman




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  • 1. Der Alte der Dämmerung In dem ungemein hellen Phantomlicht wirkte das vertraute Rheinufer, als wäre es vom Feuerwerk geflutet. Nur jetzt blieb das Licht stehen wie auf einer Photographie, die eine Landschaft im Blitzlicht verewigte. Die Promenade war immer noch vertraut, aber anders und vollkommen: Der Weitblick expandierte und es roch nach einer frisch abgegrasten Weide. Das Ufer sah ländlich aus, statt Beton mit einer Schicht Mulch bedeckt, der – wie mit Diamantenstaub bewalzt – je nach Lage in unterschiedlichen Tönen eines moorigen Grüns glitzerte. Das Geplätscher einer ungewöhnlich mäßigen Strömung deutete auf einen größeren Gegenstand, der hinter der Böschung angedockt schien. Bald wurde eine schlichte, aber prominente Konstruktion sichtbar, die Max an ein seltsam verzerrtes Wikingerschiff erinnerte, auf dem ein spitzer Turm aus rubinrot schimmerndem Stoff aufgesetzt schien. Der warme Schimmer der schwarz gebeizten Holzverkleidung dominierte den Anblick. Beim längeren Zusehen erkannte Max hinter dem Turm, der auch ein gewaltiges Igluzelt sein konnte, ein offenes Deck, auf dem mehrere nackte [MSOffice1]Frauenfiguren in einer Reihe knieten und scheinbar sehnsüchtig in die Ferne schauten: ein welliger Gesang erreichte seine Ohren und wurde lauter. Es war kein Chor, sondern ein kunstvoll synchronisiertes Rezitativ, in dem einzelne Stimmen wie auf einer Welle ritten. 1
  • 2. Ein riesiger Greifvogel drehte im frappanten Sturzflug mehrere Loopings um das Schiff und verschwand hinter den Hügeln des Siebengebirges. Überraschend schleuderte Tanga gleich einem wilden Schulkind ihre Schuhe hoch in die Luft und lief barfuss zum Schiff: „Aháno’jé!“ – „Aána’jée!“ kam zurück. Sie sprang ins Wasser und stand bald auf dem Deck glücklich winkend, was Max als eine Einladung zur Nachahmung deutete: Als beide mit ihren Füßen bald die dankbare Wärme des Holzbodens genossen, eilte ihnen aus dem Deckhaus ein merkwürdig umhüllter bärtiger Greis entgegen und grüßte sie mit heftigen Umarmungen: „Aháno’jée!“ – „Aána’jé!“ – „Ahán Ajée!“ – „Ajhée!“ Ihre Freude klang in Max’s Ohren wie das kunstvoll beschleunigte Gerufe der exotischen Großwale auf einer New Age Platte aus seiner Jugend: „Krass!“, konnte Max nur urteilen, vollkommen gedankenleer. Er reagierte, beobachte und fühlte, wie in einer Meditation. Es bebte etwas mollig im inneren des Schiffs und sie glitten fort. Bald wippten sie entlang den glitzernden Ufern mit einem gemütlichen Schwung. „Lernt euch doch kennen, ich bin mal kurz… zaubern!“ – Tangas leise, aber eindringliche Stimme erreichte Max stumpf hallend von unten, wo er inzwischen 2
  • 3. irgendwelche wunderbaren Gemächer vermutete. Das Wort „zaubern“ klang einladend, so dass Max sofort wusste, dass es sich um eine Mahlzeit handelte. Auch der rüstige Alte schien Gedanken oder Gestalten, wie Tanga es erklärte, lesen zu können und nickte, ohne seine neugierigen Augen von Maxs Gesicht abzuwenden, das er wie ein prähistorisches Kunstwerk studierte. Plötzlich sprach er so fliessend-musikalisch und ganz ohne Intonation, als ströme seine Rede aus einem sprechenden Dudelsack: „Mich nennt man übrigens Enya-Anki, der Alte der Dämmerung, und mich beschäftigt ein Rätsel. Darf ich fragen? Sag es, hast du Bhagyalakshmi schon mal gesehen –diese weibliche Gestalt mit allschwarzen Pupillenaugen?“ In seinem Sprachgesang rundete Enya-Anki kunstvoll alle Kanten und Ecken seiner beinahe gestaltlosen Klangbilder. Erst jetzt wurde Max bewusst, was seine Muttersprache so eigenwillig machte: diese kantigen Wörter, die wie die Zahnräder eines Uhrwerks für eine mechanische Präzision sorgten, aber den ganzen Reichtum melodischer Ausdrucksfähigkeit ignorierten: „Diese Erscheinung im Fenster… gestern im Büro?“ – Max wusste nicht, ob dieser Enya ähnlich wie Tanga alles Mögliche über ihn wusste. Vielleicht auch nicht, denn sonst würde er nicht fragen. Als der Alte immer noch fragend blickte, wusste Max plötzlich die richtige Antwort: 3
  • 4. „Ja, ich habe sie gesehen, ganz kurz aber. Kennst du sie?“ „Keiner kennt sie, lieber Max. Aber wir nennen sie Bhagyalakshmi, weil dieser Name zu ihr passt. Wir wissen nur, dass sie kein Mensch ist. Sie erscheint in allen Welten in gleicher Gestalt mit ihrem Teppich, oder was auch immer das ist...“ „Wieso?“ „Tja… Sie erscheint in einer Welt, kurz bevor diese untergeht…“ – das Gesicht des Alten dämmerte kurz, als er zögernd das letzte Wort sprach, aber traurig wirkte er nicht. Auch nicht besorgt, denn seine Augen funkelten neugierig. Die singenden Frauen, welche Max nun auf der anderen Ebene des etagenartigen Decks wieder entdeckte, wurden inzwischen leise. Langsam zerfielen ihre Reihen in die einzelnen Figuren, einige sprangen ins Wasser, manche verschwanden im Inneren des Schiffs. Als Max nun fasziniert in ihre Richtung schaute, winkten einige heiter, als wäre er ihr alter Freund. So gingen sie ihrer unergründlichen Dynamik nach bis eine mächtige Windböe ihre langen Haare in die Richtung des feuerspeienden Sonnenuntergangs wehte. Das Schiff schaukelte, was einen Augenblick der Schwerelosigkeit eintreten ließ. Dieser an sich unsinnige, doch in den Augen eines überreizten Heimkehrers beinahe episch anmutende Moment prägte sich in Maxs Gedächtnis wie das natürliche Markenzeichen seiner alten Heimat, die ein einziges Mysterium zu sein schien. Max fühlte sich herrlich. Die untergehende Sonne spendete Kraft. 4
  • 5. „Kommt runter!“ – Tanga klang begeistert, als wäre sie mit einem Meisterwerk fertig. Die apokalyptische Botschaft des Alten schmerzte wieder in seinem Kopf, denn sie war mehr als jene alltägliche Unumkehrbarkeit, die Max stets zu vermeiden suchte. Er kapierte sie nicht. Er dachte auch nicht nach, denn er verstand vieles nicht mehr. Die Botschaft über den vermutlichen Untergang der Welt seiner Jugend warf seine Sinne jedoch nicht um, denn unter der Dunklen Sonne schien etwas anderes bedeutender. Er wunderte sich lediglich immer stärker über die vermeintliche Unkenntnis des Alten, der so unendlich wissend aussah, als verkörpere er die Weisheit an sich. „Seid ihr keine Genies? Ich meine, Tanga erzählte, dass ihr alles versteht, das ganze Universum und so…“ „Keine Ahnung, was du meinst, Max. Keiner versteht eine Welt, solange man in ihr lebt. Und wieso sollten wir - denn verstehen heißt auseinander nehmen. Doch wir nehmen nicht etwas auseinander, was wir nicht selbst gebastelt haben. Und schon gar nicht, wenn es lebt… Und wenn, wäre jede Teilung in die Bestandteile beliebig, denn eine Welt kann keine Bausteine haben, weil sie kein Haus ist oder so… Das mag für dich komisch klingen, aber Wissen heißt Leben, mehr nicht, auch nicht weniger. Was du meinst, ist weniger…“ 5
  • 6. „Kommt doch!“ – rief Tanga begeistert, als spreche sie im Namen eines Meisterwerks, das kaum mehr warten konnte. „Na sollen wir?“ – Enya-Anki fragte Max behutsam und johlte an Tanga zurück: „Anhýa! An’hýa-jóhi! Jóhi- ýho!“ Ein leuchtendes Zusammenspiel von Holz, Glas und Stoff der großformatigen Wandmalereien im Inneren des Schiffs erinnerte an impressionistische Intarsien, deren Struktur- und Farbnuancen vor allem die Tiefe eines atemberaubenden Perspektivenwechsels betonten: Der Weitblick dieser Landschaften machte den Raum lebend, als verändere er sich ständig, wie in einer Symphonie die wechselnden Harmonien. Es roch appetitlich nach Gewürzen und Ölen. Auf dem flauschigen Boden standen zahlreiche kleine Töpfe, die keine Ordnung kannten, aber von einer Harmonie geprägt waren, die selbstverständlich schien. Max wusste sofort, worauf er Lust hatte und aß von allem ein bisschen in einer Reihenfolge, die von einem eigenen, spontan erweckten Sinn angeleitet schien. Ein ähnliches, aber viel schwächeres Gefühl kannte er aus seiner Kindheit, wenn er im Garten seiner Großeltern weiden durfte und all die möglichen Gemüse probierte. Folgend dem stillen Beispiel beider Gastgeber, aß er mit allen möglichen Löffeln, Stäbchen und einfach mit den Händen. Die Gefäße, Pöttchen und Kasserollen schienen zu ihren jeweiligen Inhalten ein inniges Verhältnis zu 6
  • 7. haben. Ein Erlebnis, dessen Dimensionen nicht allein dem Gaumen galten, ließ keinen Raum für Gespräche übrig, so dass jeder in sich kehrte, aber es trotzdem gesellig war. Nach dieser redescheuen Malzeit wagte Max es doch, seiner wachsenden Neugierde Ausdruck zu verleihen: „Was ist denn diese Bhagyalakshmi, wenn sie kein Mensch ist? Sie sah doch wie eine indische Frau aus…“ „Tja..“ – der Alte sprach, ohne nachzudenken: „Deine Muttersprache hat ein Wort dafür, aber wie die meisten dieser Wörter, sagt es nichts aus. Ein Engel. Auf jeden Fall ist sie kein Mensch, weil sie sich nicht verwandeln kann. Sie hat nur eine einzige Gestalt…“ „Wie alle Menschen, die ich kenne…“ – äußerte Max sich leise. An dieser Stelle fühlte Tanga sich verpflichtet, massiv einzugreifen: „Vergiss es Max! Du bist jetzt nicht mehr in der armseligen Welt deiner verlorenen Jugend, in der sich Menschen durch Dinge definieren und sich selbst ding- gleich machen. Als Anarast wird ein Mensch nicht geboren!“ Als eine kurze Pause eintrat, setzte der Alte fort, und guckte dabei getrost, als kannte er grundsätzlich alle kommenden Ereignisse noch bevor sie eintreten: „Ein Engel handelt nicht. Er überbringt nur eine Botschaft. Aber Bhagyalakshmi erscheint nicht nur, teils entsteht sie in einer Welt, ähnlich einer… Allergie. Meine Beobachtung ist, sie schöpft ihre Kraft aus der 7
  • 8. entzweiten Lebensenergie, die Anarasten in Geltungen speichern. So kann sie wirken. Ihre Gestalt entsteht zwar in unseren Sinnen, aber erst in ihrem Kraftfeld…“ „Hm…“ – Max fand die Erklärung logisch. Aber etwas fehlte ihm: Ok, da war der Antrieb. Da war auch die Gestalt. Aber woher stammt die Botschaft? Der alte Enya-Anki erstarrte kurz, als erhielte er eine Nachricht. Das kannte Max, denn so erfror Tanga ab und zu auch, was Max nicht mochte, denn er fühlte sich vernachlässigt. Nur hier, unter der Dunklen Sonne, ließ die Geborgenheit keinen Sinn für solche Gefühle übrig, und Max lächelte innerlich, weil er daran dachte. Schließlich musste er nicht mehr ablehnen, um zu vertrauen. „Max muss sich ausruhen… Und Bhagyalakshmi wird uns noch Rätsel bereiten. Denn die Botschaft, die sie verkörpert, ist eine Art Echo aus einer Welt außerhalb des Wirkungsbereichs. Diese Welt macht mir große Sorgen, Max, und das nicht erst seit gestern…“ Offensichtlich verstand er unter „Sorge“ etwas anderes, denn besorgt wirkte der Alte der Dämmerung kaum. Er schaute heiter um sich herum und knabberte genüsslich an einer Nuss, die einem großen Pinienkern ähnelte. Zum ersten Mal seit dem Kurzschlaf in der Kneipe, aus der Zeit, die ihm mittlerweile wie ein uralter Horrorfilm vorkam, geisterhaft und unecht, schlief Max ein. Wie seit einer Ewigkeit nicht mehr, träumte er wieder. 8
  • 9. Diesmal konnte er seine Vision nicht einordnen, denn sie hatte kein Thema, lediglich die Gewissheit einer Welt, die lebte. Das war ein herrliches Gefühl, ein Teil der lebenden Welt und nicht ein Zahnrad in einer lieblos gebastelten Maschine zu sein. Er horchte dieser Welt respektvoll zu und bekam Zeichen, die er zu deuten lernte. Je vertrauter er ihr wurde, desto klarer deutete er, und dieses Wissen war wertvoller, als alle die verkappten Lektüren über die vermeintlichen Naturgesetze aus seiner Jugend in jener verkrüppelten Lebenswelt, die all die Anarasten zu einer erbärmlichen Maschine machen wollten. Das hohe Alter, von dem Max in seinem Traum gezeichnet war, brachte einen ungemeinen Gewinn an Gewissheit mit sich, die die lebende Welt als höchsten Wert zu würdigen wusste. Max wurde wach und fixierte sein eigenes Gesicht, reflektiert in zwei runden schwarz leuchtenden Spiegelflecken. Bald erkannte er die berüchtigte weibliche Figur, die ihn mit leicht gesenktem Kopf anstarrte. „Hast du mich erschrocken!“ – murmelte er nervös, aber die Frau reagierte nicht: „Na klar, bist ja ein Engel oder so. Kannst also nur eine Botschaft überbringen…“ Da sich das Wesen nicht mal bewegte, blieben Max nur ihre riesigen Augen als Blickfang übrig, und in ihnen lief bereits ein Film. „Ah, verstehe. Jetzt kommt deine Botschaft? Na gut, bin echt gespannt. Na schieß doch los!“ Bhagyalakshmi blieb regungslos, während ihre Augen eine meisterhaft verbildlichte Geschichte erzählten. 9
  • 10. Nach den ersten Allegorien wurde Max klar, dass die vermeintliche Botschaft allein für ihn, Graf Oran Max Art, dem zukünftigen Gebieter einer mysteriösen Heerschar, die er noch nie zu Gesicht bekam, bestimmt war und welche deshalb keiner außer ihm jemals verstehen könnte. Seine Sinne spannten sich an… (c) 2009 Leon Tsvasman 10