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Die Dunkle Sonne


Je später der Abend…

Max Art versank in einem massiven ledernen Sessel und
schlief halbwegs ein.

Die Bar brachte Gestalten hervor, die eine
ungewöhnlich entspannte Stimmung genossen, an der
sie mitwirkten. Vor allem jene der Weisheit geweihten
Studis kultivierten hier ihre arglose Ahnung von einer
besseren Lebenswelt. Vereinzelt posierten die einsamen
Wölfe einer historischen Jugendbewegung, die sich vor
Jahren dem freien Subjekt verpflichtete. Sie oszillierten
herum, getragen von der magischen Beschallung eines
nostalgischen DJs.

Ermüdet von der Rauchluft und eingezogen von der
schmuddeligen Wärme des betagten Leders genoss Max
das Schweben im enthemmten Delirium eines
ehemaligen Bordells. Vor seinem Gesicht zappelten
taktbewusst die jungweiblichen Beine in ihren
winterlichen Hüllen. Sie scheuten Max, weil sie seine
Nähe nicht kannten. Also blieb um ihn ein Hauch
Distanz herum, ganz erfrischend angesichts der
kritischen Dichte des Ladens.

Max wurde wach, schaute in die Tiefe des eng
bemannten Gangs, wo hinter dem schwingenden
Gedränge der exzentrische Türsteher waltete, und
                                                            1
verspürte eine lüsterne Brise fremder Aufmerksamkeit.
Die flüchtige Erscheinung verschwand in der Menge,
und bevor Max flatterig wurde, tauchte sie wieder auf:
Es war eine junge Frau, die im Gegensatz zu anderen
hier erstaunlich anwesend wirkte. Sie erwiderte Max’s
wachsamen Blick mit einem holden Lächeln.

Bald hockte sie frech zwischen ihm und einem
knutschenden Pärchen.

„Wie alt bist du?“ – fragte sie, kindisch ohne zu zögern,
solange ihr Blick seine Stirn durchbohrte, was sich
beinahe physisch wie das Gebläse eines kalten Föns
anfühlte. Alles verfremdete sich wie nach einer Portion
guten Absinth: „Neun und dreißig“, antwortete Max
leise, was ihn plötzlich selbst wunderte, denn bei
fremden Frauen war er sonst immer nervös.
Neununddreißig Jahre alt war er wirklich, doch zum
ersten Mal seit mindestens acht Jahren sprach er ehrlich
über sein Passalter, denn er stand auf jene Frauen, die
ältere Männer nicht attraktiv fanden. Dieser Umstand
bereitete Max mittlerweile Sorgen, denn mit den
Chancen bei knackigen Mädels schwand langsam seine
eigene Vitalität. Sein Körpergefühl löste sich wie in
einem Anatomie-Atlas in einzelnen Organen auf, die
sich mit nörgeligen Befindlichkeitsstörungen meldeten.

Das Mädchen sah richtig jung aus, so um die 19 herum,
trotzdem wirkte sie auf Max sonderbar vertraut, als
wäre sie seine eigene Großmutter.

                                                         2
„Echt bizarr!“ - sagte er immer noch leicht abwesend,
und starrte sie an.
„Keine Bange, du kennst mich nicht“ - sie erwiderte
seinen fragenden Blick lächelnd: „Und ich kenne dich
anders als du dich zu kennen glaubst.“

Sie schwieg plötzlich, als ob sie innerlich eine
Nachricht empfangen hätte.
Sie wirkte für eine Weile abwesend und setzte ihre
Anmache schließlich fort:
„Für mich bist du die wahre Immanenz einer Gabe, die
sich über Jahrtausende nur wenige Male in einem
männlichen Wesen verkörpert…“
Max stierte sie wortlos an, ohne das Gehörte einordnen
zu können.
Daraufhin definierte sie mit ihrer sympathischen, aber
allzu klar – für diese Tageszeit in einer verrauchten
Kneipe – wirkenden Stimme: „Du gehörst zu Menschen,
die sich in allen Welten der Wirkung orientieren.“

Max wunderte sich nicht über dieses esoterisch
anmutenden Gelaber einer vermeintlichen Fantasy-
Tussi, sondern darüber, dass er dieser überaus
merkwürdigen Verkörperung einer fremdartigen
Weiblichkeit von Anfang an tatsächlich glaubte. Er
dachte noch kurz darüber nach, wie oft er sich ständig
und überall verwirrte, und sich auch sonst meistens
desorientiert fühlte. Nach einer Weile gemeinsamen
Schweigens kapierte er plötzlich, dass sie etwas ganz
anderes meinte und dass sie ihn auf gar keinen Fall
verarschen wollte.
                                                         3
„Wie heißt du eigentlich?“ – fragte das Mädchen frech.
„Ich? Äh… Graf Óran“ – komisch, dass ihm
ausgerechnet der Fantasiename seiner Kindheit einfiel,
nur blieb seine Miene ernst.
„Schöner Name, klingt irgendwie animalisch: Orán…
Ghután,“ – sie lächelte knabenhaft, – „bestimmt so’n
Künstlername?“
„Ja, kann man so deuten… ansonsten heiße ich Max
Art, klingt aber auch irgendwie künstlerisch, sagt man.
Wie heißt du denn?“
„Ich bin Tangakanta. Bedeutet so etwas wie Die
Walterin des Fremden Willens. Kein Künstlername,
kein Witz, aber du kannst mich Tanga nennen, genau
wie diese komische Wäsche vor deiner glücklichen
Nase…“
Max fixierte das zappelnde Dreieck unmittelbar vor
seinem Gesicht, das einen seidenen Strahl in die Tiefe
der wohlgeformten Jeanshülle abgab.

„Yeah! Yeah!“ – schrie es im Hintergrund, wo eine
tanzende Gruppe tobte.

Tangakanta sprach gutes Hochdeutsch. Sie zelebrierte
so deutlich die einzelnen Silben, wie es einige Schwule
so gerne aus einer ganz besonderen Lust an
Verkörperung ihrer Präsenz durch Sprache tun. Seltener
versprachlichen so auch Frauen ihre Körperlichkeit,
wenn sie von purer Lust angetrieben wird.
„Aus einem indianischen Reservat kommt sie wohl
kaum“, dachte Max: „Gehört sie doch zu einer Fantasy-
                                                          4
Gemeinde oder zu der neuen Manga-Szene?
Unwahrscheinlich, aber möglich… Verrückt wirkt sie
auf keinen Fall, denn sie hat Humor.“ Gesunder Humor
war sein letztes Kriterium, um die halbwegs Integren
unter seinen mittlerweile zunehmend paranoiden
Zeitgenossen zu unterscheiden. Nicht wunderlich in
einer Zeit, in die Leitmedien eine Wirklichkeit
suggerierten, die „keiner mehr glaubwürdig
durchblicke“, damit es auch keiner unter den lebenden
Aufmerksamkeitsträgern ernsthaft versuchte. Wer es
doch wagte, riskierte seine Glaubwürdigkeit. Ganz
geschickt, wenn man annahm, dass irgendeine konfuse
Oligarchie ihr Nutzen daraus erhoffte.

Plötzlich schrie ihn Tangakanta an, wobei ihre kindische
Miene nicht mal ernst wurde: „Lieber Graf Oran Ghutan
Max Art! Du denkst zuviel. Aber ich respektiere dein
Problem. Denn wenn dein wirklicher Name, den du nie
gehört hast, soviel bedeutet wie Der Glückliche mit der
Heerschar, wo du deine reizende Truppe, die ich hier
edelmütig vertreten muss, nicht mal kennst, leuchtet mir
ein altes Sprichwort ein: „Die Wahrheit macht frei, aber
arm.“

„Wow! Das nennt man Informationsdichte!“ – Max
atmete aus. Das musste man erstmal verdauen. Tja,
keine Chance irgendwie, nicht wirklich. Zuviel Input,
zuwenig Background. Was für ein Heer? Was für ein
Name? Was für Zusammenhänge? Nicht mal das
angeblich alte Sprichwort war Max vertraut. „Weißt du
was…“ – sein Kopf platzte von diesem Mysterienspiel,
                                                        5
das er trotz der wirklich geilen Partnerin bald abbrechen
sollte: Sein Wille spielte bereits mit den Muskeln, doch
diesmal las die vermeintlich Verrückte seine Gedanken
und reagierte glaubwürdig. Und irgendwie glaubwürdig
klang sie immer:
„Stopp Max, bleib sitzen… Ich bin nicht was du denkst,
kein Monster. Keine Sekte, keine Rollenspiele! Nicht
mal eine Ureinwohnerin Amerikas… Alle
Spekulationen umsonst, lieber Max. Entspann dich,
verlass dich auf deine Gewissheit. Ich bin nicht mehr
verrückt als jede Tussi dieser unrettbaren Welt.“

Max schwieg, denn die Enttäuschung des Tages kam
plötzlich auf, und sein Kleingeist schüttelte ihn wieder
zwischen Ohnmacht und Rachelust:
„Der Chef hat mich rausgeschmissen, einfach so, ohne
Grund…“
Tanga schwieg für eine Weile weiter, sagte dann
zögerlich, aber deutlich:
„Die Gerechtigkeit ist in unseren Händen, Max. Für sie
kämpft man. Nur die Rache geschieht von selbst. Sie ist
der einzige Reflex dieser Welt, der immer eintritt, die
einzige objektive Wahrheit, wenn du so willst…“
„Keine Ahnung, Tanga, ob ich’s so will… Aber ich will
wissen wieso schmeißt man jemanden raus, dessen
Arbeit man bei jeder Gelegenheit gelobt hat?“

Es folgte keine Antwort. Dafür flüsterte sie etwas, was
gar keinen Sinn ergab. Ja, ihre Stimme war bedrohlich,
nur das Schicksal, das sie vertonte, erwartete einen
anderen Mann, keinen völlig fremden und keinen
                                                          6
Freund. Das alles wurde Max plötzlich klar und er
wusste nicht warum. Trotz eines groovigen Déjà-vus,
das Max willentlich verdrängte, ergaben Tangas Worte
wenig Zusammenhang:
„Die Bhagyalakshmi hat ihren Flickenteppich bereits
eingerollt…“

Tangas großen Augen wurden nachdenklich, was das
süße Gesicht müde, ja angeschlagen, wirken ließ, als ob
sie gerade einen Menschen erdrosseln musste.
Irgendwie hatte diese Verwandlung mit dem Gesagten
zu tun. Plötzlich spürte es sich so, als werde in wenigen
Tagen etwas Unheimliches passieren, was in seiner
unergründlichen Kausalität mit Gerechtigkeit zu tun
hatte.

Tanga nahm Max’s Hand…

Nach einem leidenschaftlichen Kuss eilten die beiden
den eisigen Windböen entgegen.
Der zyklopische Mond nagte mit seinem Lichtschatten
an einem finsteren Himmelsfetzen.

Sie liefen eine Weile, ohne ein Wort zu sagen. Die
mysteriöse Tangakanta hielt seine Hand und zog Max
hinter sich her als wäre er irgendein Spielzeugesel auf
Rädern. Ihre Dominanz war nun vollkommen. Wohin
eilt ein Willenloser hinter einer verrückten Schönheit
her, die sich wie seine Großmutter benimmt und dessen
Vater er sein könnte? Die fremde Weiblichkeit zog ihn
körperlich schon immer an, aber er war nie wirklich
                                                            7
devot… Hier erreichte ihn eine zärtliche Stimme:
„Halte durch, mein Gebieter! Denn ich führe Dich nach
Hause…“

Um der monotonen Geräuschkulisse aus Wind und
Regen entgegenzuwirken, sprach der klapprige Spielesel
– mit seiner Rolle hat sich Max nun vollkommen
abgefunden – über das Alltägliche:
„Kennst Du ihn etwa?“
„Nein, Max, nicht wirklich. Aber dein Chef ist ein
gewöhnlicher Anarast, der sich selbst aus Angst
sabotiert.“
„Ana.. was?“
„Anarast, eine tragische Gestalt einer witzigen Anstalt,
eine halbe Wesenheit in fremden Diensten… Nicht wie
du, Max, denn deine Angst ist eine andere.“
„Welche denn?“
„Weißt du nicht mehr? Du fliegst mit einer
beträchtlichen Geschwindigkeit tief über eine seelenlose
Landschaft, die unendlich bedrückt. Dein einziger
Alptraum, den du seit Jahren nicht mehr hast, weil du so
wenig schläfst... Diese Furcht vor der Leere ist viel
schlimmer, als jene die Anarasten so antreibt…“
 „Was treibt sie denn an?“
„ Tja… Die Furcht vor der eigenen Minderwertigkeit.“
Sie schien seine Bewunderung ignoriert zu haben und
betonte:
„Die Entzweiten erkennt man immer. Sie finden ihre
Uniform elegant. Und sie brauchen Erfolg.“
„Ich doch auch!“

                                                       8
„Nein, Max, scheiß auf Erfolg! Was ein Mensch braucht
ist Anerkennung!“
Max dachte wieder nach. Sie gingen Schulter an
Schulter Richtung Rhein, wo in der Ferne der elegante
Bürophallus der Bundespostzentrale protzte.

„Mein lieber Scholli… Woher weißt du das alles,
Tanga?“
„Na ja… Ich weiß es nicht. Kein Mensch kann so etwas
wissen. Aber ich lese Gestalten. Allein der Anblick, wie
jemand unter knutschenden Teenies mit einer warmen
Flasche Starkbier zwischen den Beinen pennt…“
„Was sagt uns der Anblick denn?“
„Das ist die Musterpose von Leuten, die von Horror
Vacui gezeichnet sind. Diese ganz spezielle manische
Furcht, diesen Abscheu von der Leere, kennen die
praktizierenden Anarasten nicht, also bist du auch schon
deshalb keiner von ihnen. Außerdem bist du 39, dunkel,
aber kontrastbewusst gekleidet, trägst gemütliche
Schuhe aus hellem Wildleder, einen stilvollen Silberring
mit einem Kunstrubin auf dem rechten Mittelfinger
und… deine Rauchmuster deuten auf jene kindliche
Atemschwäche, die seltsame Alpträume hervorruft…“
„Geil! Und dem Schwachsinn muss ich glauben?“
„Oh Mann! Tust du doch eh… Aber keine Einführung
in die Frauenlogik jetzt, einverstanden?“
„Was?“
„Ja, eine ganz gewöhnliche Frauenlogik, Max. Doch bei
mir ist sie vollkommen. Ich muss meine Eindrücke
weder analysieren noch rechtfertigen, denn „wer heilt

                                                       9
hat Recht“. Die infosomatische Logik, Max, bei uns
beherrschen sie sogar Kleinkinder beider Geschlechter.“
Wo „bei uns“ wollte Max gar nicht wissen, denn die
Situation wurde ihm unheimlich. Sie liefen nun eine
menschenleere Gasse entlang Richtung
Rheinpromenade.
„Seid ihr alle Genies oder was…“
„Wir sind Menschen. Aber wir unterhalten keine
Systeme, die uns versklaven… Keine Macht den
Geltungen!“ Die letzte Phrase schrie sie mit weit
geöffneten Armen in eine nasse Windböe hinein…

Tangakanta überholte Max und stand plötzlich auf dem
Weg, so dass er bremsen musste. Die imaginären
Spielzeugräder verschwanden, seine Füße bildeten sich
zurück und wuchsen in den Asphalt hinein. Auf diesen
Moment wartete er seit ihrem ersten Kuss in der Bar.
Doch es kam nicht wieder zu einem Kuss. Irgendwie
sah Tanga nicht mehr so mundgerecht aus. Er wusste
aus Erfahrung, dass wenn die erotische Spannung aus
welchem Anlass auch immer oder allein durch die
weibliche Spielart schwindet, seine alten, jenseitigen,
Sehnsüchte wieder kommen. Sie animieren Frauen zu
seelenkundlichen Gesprächen.

„Schau mich an, Max Art. Ich muss dich was fragen.“
„Schieß los…“
„Als du an dem Tag.. diesen ungeheuer blauen Himmel
auf dem Weg zu einem Flussstrand deiner Geburtsstadt
sahst, woran dachtest du?“

                                                      10
Max glaubte seinen Ohren nicht. Er wusste ganz genau
was sie anspricht. Sein ganzes Leben trug er diese
Erinnerung mit sich herum. Sie war unheimlich
bedeutsam und absolut sinnlos, bis sie schließlich zum
Sinnbild seiner Kindheit wurde.
„Ich dachte… Ich wusste, dass ich mich an diesen
Moment später oft erinnern werde. Doch hinter diesem
Erlebnis stand überhaupt kein Ereignis …“
„Es gab da ein Ereignis.“
Er zitterte leicht und wartete auf die Fortsetzung…
„Du bist entführt worden, Max…“

An dieser Stelle packte sie flugs seine linke Hand und
versank ihre ungemein kräftigen Finger an mehreren
Stellen und in einer schnell wechselnden Kombination
aus unterschiedlichen Druckmustern dutzende Male in
der Sekunde in die Substanz seiner geschockten
Extremität.
Als sie seine Hand los ließ, verlor er für einen
Augenblick den Verstand, als flösse er, über seine nun
sonderbar geerdeten Füße, in den Boden.
Dann sah die Welt anders aus, wobei sie immer noch
auf der gleichen Straße standen. Die gleichen
Jugendstilvillas der Südstadt, die er so prächtig fand.
Er schaute hoch und verlor beinahe das Gleichgewicht,
spontan überwältigt von der gigantischen Kraft einer
Farbe, die kein Künstler der Welt jemals fassen konnte.

 „Willkommen zu Hause!“ – Tangas Stimme klang
triumphal, aber müde und zutiefst gelassen. Für eine
Weile tönte sie nach, bis sie in einer Geräuschkulisse
                                                         11
verschwand, die als Wasserfall klang, verwoben mit von
überall her hallendem Gelächter spielender Kinder. Es
war eine Art Musik, die Max nie zuvor gehört hatte.

- Was war das?
- Infosomatische Magie.
- Wo sind wir?
- Im Wirkungsbereich der Dunklen Sonne.
- Warum?
- Du gehörst hierhin. Das ist dein Zuhause.
- Eine andere Welt?
- Eine Lebenswelt wie jede andere, aber wirklicher als
jene unselige Geltungsschleife, die du für deine
Wirklichkeit hältst. Ich meine, metaphysisch gesehen,
sind wir sogar im gleichen Kontinuum. Nur deine
Präsenz war manipuliert, also bliebst du in einer
Geltungsschleife hängen.

Max dachte kurz nach. Er wusste jüngst, dass Tanga
Tatsachen sprach, ohne Erklärungen zu liefern und war
innerlich bereit, sich mit Wahrheit zu konfrontieren.
- Was ist hier anders?
- Hier herrscht in Allem, Chance vor Geltung.
- Warum bin ich hier?
- Als eine Lebenswelt ist die Geltungschleife für
Menschen ungeeignet.
- Und deine Rolle?
- Die Entführten müssen nach Hause.



                                                         12
Max ahnte bereits, dass etwas Unumkehrbares passiert
war, aber sein Kopf platzte von Fragen, die er für
wichtig hielt, obwohl sie keine Rolle mehr spielten.
- Was ist diese Welt, die ich für meine Wirklichkeit
hielt?
- Keine Ahnung, Max. Aber wenn dein Herz einzig und
allein dafür schlägt, Chimären zu unterhalten statt
Kindern eine Chance zu geben, Menschen zu sein,
kennst du noch keine lebenswürdige Lebenswelt.
- Was für Chimären?
- Wie soll ich’s dir beschreiben, mein lieber Doc. Also,
sagen wir… Könnten sich Hämorriden aller Ärsche
vernetzen, so würde ihre gemeinsame Wirklichkeit – der
Vernetzte Arsch – schwül, dunkel und stickig sein. Dort
wären sie schön und bedeutsam, und Menschen
verkämen zu einer Kraftquelle, die ihnen billige
Energie, frisches Blut und ein warmes Zuhause sichert.
- Was willst du damit ausdrucken?
- In einer Welt der Chimären werden Menschen zu
Platzhaltern. Du, Max Art, bist auch nur ein Schatten,
der sich danach sehnt, eine günstige Position
einzunehmen.
- Ja, das bin ich. Was ist ein Mensch denn sonst?
- Wie das alte Sprichwort schon sagt:
„Ein Mensch ist eine ganze Welt,
Solange keiner Seelen zählt...“

- Weißt du, Tanga… Ich denke oft an diese postmortale
Lebensform, die Menschen als lebende Blutkonserven
versteht.

                                                      13
- Vampire und der Kram? Na ja… Geile Metapher.
Anarasten lieben sie! Aber nach allem was du erlebt
hast, solltest du eigentlich ganz schon irrig sein, Max…
Dann sprach sie besonders gelassen, ein wenig traurig,
ein wenig zeremoniell, als wollte sie etwas Feierliches
ankündigen, was gleich eintreten wird:
- Also bevor du wieder nach oben schaust und nun
endgültig da bist, denk bitte kurz über diesen alten Vers
nach:
„Verbrennst du deines Lebens Kraft,
Wird nicht das Feuer – deine Macht,
Nur Wüstennacht – dein einzig’ Segen
Und Du – ein Stein auf fremden Wegen.“

„Gewaltig, nicht wahr? Willkommen zu Hause, mein
Gebieter!“

Max stand noch eine Weile mit gesenktem Kopf da und
sah sein ganzes Leben wie in einen Stummfilm
durchlaufen.
„Wach schon auf!“

Der Gebieter hob sein nun vollkommen leeres Haupt,
öffnete majestätisch seine Augen und schaute in diesen
wunderbaren Himmel.
Jetzt, nachdem die Sehnsucht nachgelassen hatte, und
sein Wesen nur restlos dieser alten Welt gehörte,
erblickte er einen Himmelskörper, der in seiner Pracht
alles bisher gesehene verdeckte.


                                                        14
Es war eine gewaltige Lichtquelle, eine Sonne, die
dunkel wirkte, weil sie zu hell war – als ob sie die
Menschen auf eine physikalisch unfassbare Art vor
ihrem eigenen Licht schützte. Aber mehr als Licht
strahlte sie eine Kraft von unendlicher Bedeutung aus,
die Liebe, Gewissheit und Glück verkörperte.




                                                         15

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Dunkle Sonne Lesungsprototyp Kapitel 1

  • 1. Die Dunkle Sonne Je später der Abend… Max Art versank in einem massiven ledernen Sessel und schlief halbwegs ein. Die Bar brachte Gestalten hervor, die eine ungewöhnlich entspannte Stimmung genossen, an der sie mitwirkten. Vor allem jene der Weisheit geweihten Studis kultivierten hier ihre arglose Ahnung von einer besseren Lebenswelt. Vereinzelt posierten die einsamen Wölfe einer historischen Jugendbewegung, die sich vor Jahren dem freien Subjekt verpflichtete. Sie oszillierten herum, getragen von der magischen Beschallung eines nostalgischen DJs. Ermüdet von der Rauchluft und eingezogen von der schmuddeligen Wärme des betagten Leders genoss Max das Schweben im enthemmten Delirium eines ehemaligen Bordells. Vor seinem Gesicht zappelten taktbewusst die jungweiblichen Beine in ihren winterlichen Hüllen. Sie scheuten Max, weil sie seine Nähe nicht kannten. Also blieb um ihn ein Hauch Distanz herum, ganz erfrischend angesichts der kritischen Dichte des Ladens. Max wurde wach, schaute in die Tiefe des eng bemannten Gangs, wo hinter dem schwingenden Gedränge der exzentrische Türsteher waltete, und 1
  • 2. verspürte eine lüsterne Brise fremder Aufmerksamkeit. Die flüchtige Erscheinung verschwand in der Menge, und bevor Max flatterig wurde, tauchte sie wieder auf: Es war eine junge Frau, die im Gegensatz zu anderen hier erstaunlich anwesend wirkte. Sie erwiderte Max’s wachsamen Blick mit einem holden Lächeln. Bald hockte sie frech zwischen ihm und einem knutschenden Pärchen. „Wie alt bist du?“ – fragte sie, kindisch ohne zu zögern, solange ihr Blick seine Stirn durchbohrte, was sich beinahe physisch wie das Gebläse eines kalten Föns anfühlte. Alles verfremdete sich wie nach einer Portion guten Absinth: „Neun und dreißig“, antwortete Max leise, was ihn plötzlich selbst wunderte, denn bei fremden Frauen war er sonst immer nervös. Neununddreißig Jahre alt war er wirklich, doch zum ersten Mal seit mindestens acht Jahren sprach er ehrlich über sein Passalter, denn er stand auf jene Frauen, die ältere Männer nicht attraktiv fanden. Dieser Umstand bereitete Max mittlerweile Sorgen, denn mit den Chancen bei knackigen Mädels schwand langsam seine eigene Vitalität. Sein Körpergefühl löste sich wie in einem Anatomie-Atlas in einzelnen Organen auf, die sich mit nörgeligen Befindlichkeitsstörungen meldeten. Das Mädchen sah richtig jung aus, so um die 19 herum, trotzdem wirkte sie auf Max sonderbar vertraut, als wäre sie seine eigene Großmutter. 2
  • 3. „Echt bizarr!“ - sagte er immer noch leicht abwesend, und starrte sie an. „Keine Bange, du kennst mich nicht“ - sie erwiderte seinen fragenden Blick lächelnd: „Und ich kenne dich anders als du dich zu kennen glaubst.“ Sie schwieg plötzlich, als ob sie innerlich eine Nachricht empfangen hätte. Sie wirkte für eine Weile abwesend und setzte ihre Anmache schließlich fort: „Für mich bist du die wahre Immanenz einer Gabe, die sich über Jahrtausende nur wenige Male in einem männlichen Wesen verkörpert…“ Max stierte sie wortlos an, ohne das Gehörte einordnen zu können. Daraufhin definierte sie mit ihrer sympathischen, aber allzu klar – für diese Tageszeit in einer verrauchten Kneipe – wirkenden Stimme: „Du gehörst zu Menschen, die sich in allen Welten der Wirkung orientieren.“ Max wunderte sich nicht über dieses esoterisch anmutenden Gelaber einer vermeintlichen Fantasy- Tussi, sondern darüber, dass er dieser überaus merkwürdigen Verkörperung einer fremdartigen Weiblichkeit von Anfang an tatsächlich glaubte. Er dachte noch kurz darüber nach, wie oft er sich ständig und überall verwirrte, und sich auch sonst meistens desorientiert fühlte. Nach einer Weile gemeinsamen Schweigens kapierte er plötzlich, dass sie etwas ganz anderes meinte und dass sie ihn auf gar keinen Fall verarschen wollte. 3
  • 4. „Wie heißt du eigentlich?“ – fragte das Mädchen frech. „Ich? Äh… Graf Óran“ – komisch, dass ihm ausgerechnet der Fantasiename seiner Kindheit einfiel, nur blieb seine Miene ernst. „Schöner Name, klingt irgendwie animalisch: Orán… Ghután,“ – sie lächelte knabenhaft, – „bestimmt so’n Künstlername?“ „Ja, kann man so deuten… ansonsten heiße ich Max Art, klingt aber auch irgendwie künstlerisch, sagt man. Wie heißt du denn?“ „Ich bin Tangakanta. Bedeutet so etwas wie Die Walterin des Fremden Willens. Kein Künstlername, kein Witz, aber du kannst mich Tanga nennen, genau wie diese komische Wäsche vor deiner glücklichen Nase…“ Max fixierte das zappelnde Dreieck unmittelbar vor seinem Gesicht, das einen seidenen Strahl in die Tiefe der wohlgeformten Jeanshülle abgab. „Yeah! Yeah!“ – schrie es im Hintergrund, wo eine tanzende Gruppe tobte. Tangakanta sprach gutes Hochdeutsch. Sie zelebrierte so deutlich die einzelnen Silben, wie es einige Schwule so gerne aus einer ganz besonderen Lust an Verkörperung ihrer Präsenz durch Sprache tun. Seltener versprachlichen so auch Frauen ihre Körperlichkeit, wenn sie von purer Lust angetrieben wird. „Aus einem indianischen Reservat kommt sie wohl kaum“, dachte Max: „Gehört sie doch zu einer Fantasy- 4
  • 5. Gemeinde oder zu der neuen Manga-Szene? Unwahrscheinlich, aber möglich… Verrückt wirkt sie auf keinen Fall, denn sie hat Humor.“ Gesunder Humor war sein letztes Kriterium, um die halbwegs Integren unter seinen mittlerweile zunehmend paranoiden Zeitgenossen zu unterscheiden. Nicht wunderlich in einer Zeit, in die Leitmedien eine Wirklichkeit suggerierten, die „keiner mehr glaubwürdig durchblicke“, damit es auch keiner unter den lebenden Aufmerksamkeitsträgern ernsthaft versuchte. Wer es doch wagte, riskierte seine Glaubwürdigkeit. Ganz geschickt, wenn man annahm, dass irgendeine konfuse Oligarchie ihr Nutzen daraus erhoffte. Plötzlich schrie ihn Tangakanta an, wobei ihre kindische Miene nicht mal ernst wurde: „Lieber Graf Oran Ghutan Max Art! Du denkst zuviel. Aber ich respektiere dein Problem. Denn wenn dein wirklicher Name, den du nie gehört hast, soviel bedeutet wie Der Glückliche mit der Heerschar, wo du deine reizende Truppe, die ich hier edelmütig vertreten muss, nicht mal kennst, leuchtet mir ein altes Sprichwort ein: „Die Wahrheit macht frei, aber arm.“ „Wow! Das nennt man Informationsdichte!“ – Max atmete aus. Das musste man erstmal verdauen. Tja, keine Chance irgendwie, nicht wirklich. Zuviel Input, zuwenig Background. Was für ein Heer? Was für ein Name? Was für Zusammenhänge? Nicht mal das angeblich alte Sprichwort war Max vertraut. „Weißt du was…“ – sein Kopf platzte von diesem Mysterienspiel, 5
  • 6. das er trotz der wirklich geilen Partnerin bald abbrechen sollte: Sein Wille spielte bereits mit den Muskeln, doch diesmal las die vermeintlich Verrückte seine Gedanken und reagierte glaubwürdig. Und irgendwie glaubwürdig klang sie immer: „Stopp Max, bleib sitzen… Ich bin nicht was du denkst, kein Monster. Keine Sekte, keine Rollenspiele! Nicht mal eine Ureinwohnerin Amerikas… Alle Spekulationen umsonst, lieber Max. Entspann dich, verlass dich auf deine Gewissheit. Ich bin nicht mehr verrückt als jede Tussi dieser unrettbaren Welt.“ Max schwieg, denn die Enttäuschung des Tages kam plötzlich auf, und sein Kleingeist schüttelte ihn wieder zwischen Ohnmacht und Rachelust: „Der Chef hat mich rausgeschmissen, einfach so, ohne Grund…“ Tanga schwieg für eine Weile weiter, sagte dann zögerlich, aber deutlich: „Die Gerechtigkeit ist in unseren Händen, Max. Für sie kämpft man. Nur die Rache geschieht von selbst. Sie ist der einzige Reflex dieser Welt, der immer eintritt, die einzige objektive Wahrheit, wenn du so willst…“ „Keine Ahnung, Tanga, ob ich’s so will… Aber ich will wissen wieso schmeißt man jemanden raus, dessen Arbeit man bei jeder Gelegenheit gelobt hat?“ Es folgte keine Antwort. Dafür flüsterte sie etwas, was gar keinen Sinn ergab. Ja, ihre Stimme war bedrohlich, nur das Schicksal, das sie vertonte, erwartete einen anderen Mann, keinen völlig fremden und keinen 6
  • 7. Freund. Das alles wurde Max plötzlich klar und er wusste nicht warum. Trotz eines groovigen Déjà-vus, das Max willentlich verdrängte, ergaben Tangas Worte wenig Zusammenhang: „Die Bhagyalakshmi hat ihren Flickenteppich bereits eingerollt…“ Tangas großen Augen wurden nachdenklich, was das süße Gesicht müde, ja angeschlagen, wirken ließ, als ob sie gerade einen Menschen erdrosseln musste. Irgendwie hatte diese Verwandlung mit dem Gesagten zu tun. Plötzlich spürte es sich so, als werde in wenigen Tagen etwas Unheimliches passieren, was in seiner unergründlichen Kausalität mit Gerechtigkeit zu tun hatte. Tanga nahm Max’s Hand… Nach einem leidenschaftlichen Kuss eilten die beiden den eisigen Windböen entgegen. Der zyklopische Mond nagte mit seinem Lichtschatten an einem finsteren Himmelsfetzen. Sie liefen eine Weile, ohne ein Wort zu sagen. Die mysteriöse Tangakanta hielt seine Hand und zog Max hinter sich her als wäre er irgendein Spielzeugesel auf Rädern. Ihre Dominanz war nun vollkommen. Wohin eilt ein Willenloser hinter einer verrückten Schönheit her, die sich wie seine Großmutter benimmt und dessen Vater er sein könnte? Die fremde Weiblichkeit zog ihn körperlich schon immer an, aber er war nie wirklich 7
  • 8. devot… Hier erreichte ihn eine zärtliche Stimme: „Halte durch, mein Gebieter! Denn ich führe Dich nach Hause…“ Um der monotonen Geräuschkulisse aus Wind und Regen entgegenzuwirken, sprach der klapprige Spielesel – mit seiner Rolle hat sich Max nun vollkommen abgefunden – über das Alltägliche: „Kennst Du ihn etwa?“ „Nein, Max, nicht wirklich. Aber dein Chef ist ein gewöhnlicher Anarast, der sich selbst aus Angst sabotiert.“ „Ana.. was?“ „Anarast, eine tragische Gestalt einer witzigen Anstalt, eine halbe Wesenheit in fremden Diensten… Nicht wie du, Max, denn deine Angst ist eine andere.“ „Welche denn?“ „Weißt du nicht mehr? Du fliegst mit einer beträchtlichen Geschwindigkeit tief über eine seelenlose Landschaft, die unendlich bedrückt. Dein einziger Alptraum, den du seit Jahren nicht mehr hast, weil du so wenig schläfst... Diese Furcht vor der Leere ist viel schlimmer, als jene die Anarasten so antreibt…“ „Was treibt sie denn an?“ „ Tja… Die Furcht vor der eigenen Minderwertigkeit.“ Sie schien seine Bewunderung ignoriert zu haben und betonte: „Die Entzweiten erkennt man immer. Sie finden ihre Uniform elegant. Und sie brauchen Erfolg.“ „Ich doch auch!“ 8
  • 9. „Nein, Max, scheiß auf Erfolg! Was ein Mensch braucht ist Anerkennung!“ Max dachte wieder nach. Sie gingen Schulter an Schulter Richtung Rhein, wo in der Ferne der elegante Bürophallus der Bundespostzentrale protzte. „Mein lieber Scholli… Woher weißt du das alles, Tanga?“ „Na ja… Ich weiß es nicht. Kein Mensch kann so etwas wissen. Aber ich lese Gestalten. Allein der Anblick, wie jemand unter knutschenden Teenies mit einer warmen Flasche Starkbier zwischen den Beinen pennt…“ „Was sagt uns der Anblick denn?“ „Das ist die Musterpose von Leuten, die von Horror Vacui gezeichnet sind. Diese ganz spezielle manische Furcht, diesen Abscheu von der Leere, kennen die praktizierenden Anarasten nicht, also bist du auch schon deshalb keiner von ihnen. Außerdem bist du 39, dunkel, aber kontrastbewusst gekleidet, trägst gemütliche Schuhe aus hellem Wildleder, einen stilvollen Silberring mit einem Kunstrubin auf dem rechten Mittelfinger und… deine Rauchmuster deuten auf jene kindliche Atemschwäche, die seltsame Alpträume hervorruft…“ „Geil! Und dem Schwachsinn muss ich glauben?“ „Oh Mann! Tust du doch eh… Aber keine Einführung in die Frauenlogik jetzt, einverstanden?“ „Was?“ „Ja, eine ganz gewöhnliche Frauenlogik, Max. Doch bei mir ist sie vollkommen. Ich muss meine Eindrücke weder analysieren noch rechtfertigen, denn „wer heilt 9
  • 10. hat Recht“. Die infosomatische Logik, Max, bei uns beherrschen sie sogar Kleinkinder beider Geschlechter.“ Wo „bei uns“ wollte Max gar nicht wissen, denn die Situation wurde ihm unheimlich. Sie liefen nun eine menschenleere Gasse entlang Richtung Rheinpromenade. „Seid ihr alle Genies oder was…“ „Wir sind Menschen. Aber wir unterhalten keine Systeme, die uns versklaven… Keine Macht den Geltungen!“ Die letzte Phrase schrie sie mit weit geöffneten Armen in eine nasse Windböe hinein… Tangakanta überholte Max und stand plötzlich auf dem Weg, so dass er bremsen musste. Die imaginären Spielzeugräder verschwanden, seine Füße bildeten sich zurück und wuchsen in den Asphalt hinein. Auf diesen Moment wartete er seit ihrem ersten Kuss in der Bar. Doch es kam nicht wieder zu einem Kuss. Irgendwie sah Tanga nicht mehr so mundgerecht aus. Er wusste aus Erfahrung, dass wenn die erotische Spannung aus welchem Anlass auch immer oder allein durch die weibliche Spielart schwindet, seine alten, jenseitigen, Sehnsüchte wieder kommen. Sie animieren Frauen zu seelenkundlichen Gesprächen. „Schau mich an, Max Art. Ich muss dich was fragen.“ „Schieß los…“ „Als du an dem Tag.. diesen ungeheuer blauen Himmel auf dem Weg zu einem Flussstrand deiner Geburtsstadt sahst, woran dachtest du?“ 10
  • 11. Max glaubte seinen Ohren nicht. Er wusste ganz genau was sie anspricht. Sein ganzes Leben trug er diese Erinnerung mit sich herum. Sie war unheimlich bedeutsam und absolut sinnlos, bis sie schließlich zum Sinnbild seiner Kindheit wurde. „Ich dachte… Ich wusste, dass ich mich an diesen Moment später oft erinnern werde. Doch hinter diesem Erlebnis stand überhaupt kein Ereignis …“ „Es gab da ein Ereignis.“ Er zitterte leicht und wartete auf die Fortsetzung… „Du bist entführt worden, Max…“ An dieser Stelle packte sie flugs seine linke Hand und versank ihre ungemein kräftigen Finger an mehreren Stellen und in einer schnell wechselnden Kombination aus unterschiedlichen Druckmustern dutzende Male in der Sekunde in die Substanz seiner geschockten Extremität. Als sie seine Hand los ließ, verlor er für einen Augenblick den Verstand, als flösse er, über seine nun sonderbar geerdeten Füße, in den Boden. Dann sah die Welt anders aus, wobei sie immer noch auf der gleichen Straße standen. Die gleichen Jugendstilvillas der Südstadt, die er so prächtig fand. Er schaute hoch und verlor beinahe das Gleichgewicht, spontan überwältigt von der gigantischen Kraft einer Farbe, die kein Künstler der Welt jemals fassen konnte. „Willkommen zu Hause!“ – Tangas Stimme klang triumphal, aber müde und zutiefst gelassen. Für eine Weile tönte sie nach, bis sie in einer Geräuschkulisse 11
  • 12. verschwand, die als Wasserfall klang, verwoben mit von überall her hallendem Gelächter spielender Kinder. Es war eine Art Musik, die Max nie zuvor gehört hatte. - Was war das? - Infosomatische Magie. - Wo sind wir? - Im Wirkungsbereich der Dunklen Sonne. - Warum? - Du gehörst hierhin. Das ist dein Zuhause. - Eine andere Welt? - Eine Lebenswelt wie jede andere, aber wirklicher als jene unselige Geltungsschleife, die du für deine Wirklichkeit hältst. Ich meine, metaphysisch gesehen, sind wir sogar im gleichen Kontinuum. Nur deine Präsenz war manipuliert, also bliebst du in einer Geltungsschleife hängen. Max dachte kurz nach. Er wusste jüngst, dass Tanga Tatsachen sprach, ohne Erklärungen zu liefern und war innerlich bereit, sich mit Wahrheit zu konfrontieren. - Was ist hier anders? - Hier herrscht in Allem, Chance vor Geltung. - Warum bin ich hier? - Als eine Lebenswelt ist die Geltungschleife für Menschen ungeeignet. - Und deine Rolle? - Die Entführten müssen nach Hause. 12
  • 13. Max ahnte bereits, dass etwas Unumkehrbares passiert war, aber sein Kopf platzte von Fragen, die er für wichtig hielt, obwohl sie keine Rolle mehr spielten. - Was ist diese Welt, die ich für meine Wirklichkeit hielt? - Keine Ahnung, Max. Aber wenn dein Herz einzig und allein dafür schlägt, Chimären zu unterhalten statt Kindern eine Chance zu geben, Menschen zu sein, kennst du noch keine lebenswürdige Lebenswelt. - Was für Chimären? - Wie soll ich’s dir beschreiben, mein lieber Doc. Also, sagen wir… Könnten sich Hämorriden aller Ärsche vernetzen, so würde ihre gemeinsame Wirklichkeit – der Vernetzte Arsch – schwül, dunkel und stickig sein. Dort wären sie schön und bedeutsam, und Menschen verkämen zu einer Kraftquelle, die ihnen billige Energie, frisches Blut und ein warmes Zuhause sichert. - Was willst du damit ausdrucken? - In einer Welt der Chimären werden Menschen zu Platzhaltern. Du, Max Art, bist auch nur ein Schatten, der sich danach sehnt, eine günstige Position einzunehmen. - Ja, das bin ich. Was ist ein Mensch denn sonst? - Wie das alte Sprichwort schon sagt: „Ein Mensch ist eine ganze Welt, Solange keiner Seelen zählt...“ - Weißt du, Tanga… Ich denke oft an diese postmortale Lebensform, die Menschen als lebende Blutkonserven versteht. 13
  • 14. - Vampire und der Kram? Na ja… Geile Metapher. Anarasten lieben sie! Aber nach allem was du erlebt hast, solltest du eigentlich ganz schon irrig sein, Max… Dann sprach sie besonders gelassen, ein wenig traurig, ein wenig zeremoniell, als wollte sie etwas Feierliches ankündigen, was gleich eintreten wird: - Also bevor du wieder nach oben schaust und nun endgültig da bist, denk bitte kurz über diesen alten Vers nach: „Verbrennst du deines Lebens Kraft, Wird nicht das Feuer – deine Macht, Nur Wüstennacht – dein einzig’ Segen Und Du – ein Stein auf fremden Wegen.“ „Gewaltig, nicht wahr? Willkommen zu Hause, mein Gebieter!“ Max stand noch eine Weile mit gesenktem Kopf da und sah sein ganzes Leben wie in einen Stummfilm durchlaufen. „Wach schon auf!“ Der Gebieter hob sein nun vollkommen leeres Haupt, öffnete majestätisch seine Augen und schaute in diesen wunderbaren Himmel. Jetzt, nachdem die Sehnsucht nachgelassen hatte, und sein Wesen nur restlos dieser alten Welt gehörte, erblickte er einen Himmelskörper, der in seiner Pracht alles bisher gesehene verdeckte. 14
  • 15. Es war eine gewaltige Lichtquelle, eine Sonne, die dunkel wirkte, weil sie zu hell war – als ob sie die Menschen auf eine physikalisch unfassbare Art vor ihrem eigenen Licht schützte. Aber mehr als Licht strahlte sie eine Kraft von unendlicher Bedeutung aus, die Liebe, Gewissheit und Glück verkörperte. 15