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Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1   21.05.2012   11:00 Uhr   Seite 1




        aufbrechen             Lernen im 21. Jahrhundert




                                                      www.bllv.de
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        Das gesamte Konzept Aufbrechen – Lernen im 21. Jahrhundert
        finden Sie auch unter www.????????.bllv.de
                                                                     bekomme ich von Robert noch!
        Sie können diese Broschüre kostenlos beim BLLV anfordern.



        Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V.
        Bavariaring 37, 80336 München
        Tel. 089 72100-0, Fax 089 721001-90
        bllv@bllv.de, www.bllv.de

                                                                                                    04   Aufbrechen – Lernen im 21. Jahrhundert
                                                                                                    06   Wie Bildungspolitik modernes Lernen behindert
                                                                                                    07   Was sich in der Gesellschaft geändert hat
                                                                                                    08   Welche Fragen beschäftigen uns in der Schule?
                                                                                                    09   Die Suche nach Antworten


                                                                                                    12   Wie sieht ein neuer Lernbegriff aus?
                                                                                                    14   Lernen ist Kompetenzerwerb
                                                                                                    16   Lernen ist ein konstruktiver Prozess
                                                                                                    18   Lernen ist ein individueller Prozess
                                                                                                    20   Lernen ist ein kommunikativer Prozess
                                                                                                    22   Lernen basiert auf Motivation
                                                                                                    24   Lernen beruht auf Beziehung


                                                                                                    26   Der neue Lernbegriff: so wird er Realität!
                                                                                                    28   Lernen im 21. Jahrhundert sieht anders aus
                                                                                                    29   Was heißt ein neuer Lernbegriff für den Lehrer?
                                                                                                    31   Welche Chancen hat ein neuer Lernbegriff ?
                                                                                                    31   Welche Rolle spielt die Politik für eine neue Lernkultur?
                                                                                                    34   Welche Rolle spielt die Schulverwaltung für eine neue Lernkultur?




        Text: SIMONE FLEISCHMANN auf der Grundlage des LDV-Beschlusses vom Juni 2011
        Visuelles Konzept und Grafik: SONIA HAUPTMANN, grafik1@bllv.de
        Fotos: JAN RÖDER, foto@janroeder.de
        Druck: OrtmanTeam, info@OrtmannTeam.de


                                                                                                                                                                             3
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           aufbrechen                                  Lernen im 21. Jahrhundert


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        Wie Bildungspolitik modernes Lernen behindert
                 Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband hat auf seiner Landesdelegiertenversammlung im Juni 2011           Unser Schulsystem ist unterfinanziert und die Bildungspolitik nimmt die Resignation vieler Kolleginnen und
                 einen Leitantrag zum Thema „Aufbrechen: Lernen im 21. Jahrhundert“ verabschiedet. Dieser Antrag versucht eine    Kollegen billigend in Kauf. Die Ressourcen für kompetenzorientiertes Lernen, für methodische Vielfalt, für indi-
                 Brücke zu schlagen zwischen den Erfahrungen der Praxis, den Erkenntnissen der Wissenschaft und der Not-          viduelle Förderung, für Ganztagsschulen und Inklusion, für Zusammenarbeit mit den Kindergärten bei den
                 wendigkeit politischen Handelns.                                                                                 Kleinen und Unternehmen bei den Schulabgängern sind in Bayern schlichtweg unzureichend. Darüber können
                                                                                                                                  auch die relativ guten Leistungsergebnisse der bayerischen Schulen im Bundesländervergleich nicht we-
                 Unsere Schule stößt strukturell, pädagogisch und inhaltlich immer deutlicher an Grenzen. Wir erleben dies als    gtäuschen. Bayern hat trotz hoher Wirtschaftskraft und eines soliden Haushaltes immer noch nicht erreicht,
                 Lehrerinnen und Lehrer nicht nur in der Grundschule an dem enorm gestiegenen Übertrittsdruck auf die             dass 10 % des Bruttoinlandsproduktes in die Bildung fließen.
                 Kinder, der in viel zu vielen Fällen zu Stresssymptomen, Versagensängsten und psychischen Störungen führt.
                 Wir erleben dies auch in den Gymnasien, in dem wir angesichts des enormen Stoff- und Zeitdrucks kaum Mög-        Als BLLV fordern wir deshalb hartnäckig und nachhaltig von den Bildungs- und Finanzpolitikern, das Ziel der
                 lichkeiten persönlicher Zuwendung und Förderung finden. Wir erleben dies in der Haupt- und Mittelschule, deren   10 % umzusetzen, die Ressourcen für die Schule massiv zu erhöhen, die Eigenverantwortung der Schule ernst
                 Schüler sich trotz intensiver Zuwendung der Kolleginnen und Kollegen als gesellschaftlich ausgegrenzt und        zu nehmen, die Lehrerinnen und Lehrer zu motivieren und zu Innovationen zu ermutigen und die Schulleiterin-
                 stigmatisiert erleben und mit erheblichen Problemen der Anerkennung kämpfen. Und wir erleben dies in der         nen und Schulleiter endlich in ihrer zentralen Rolle für die Schulentwicklung zu stützen.
                 Realschule, in der die Kolleginnen und Kollegen eine sehr heterogene Schülerschaft unter äußerst ungünstigen
                 Arbeitsbedingungen zu unterrichten hat und dabei aus bildungspolitischer Räson viele Probleme weitgehend         Schule wird sich ändern müssen. Wir als Lehrerinnen und Lehrer sind es, die zusammen mit den Eltern die
                 totgeschwiegen werden.                                                                                           Notwendigkeiten hierfür einfordern – die Politik wird dies nicht freiwillig machen. Diese Broschüre soll ein
                                                                                                                                  Beitrag dazu sein, gemeinsam zu überlegen, wohin sich Schule verändern kann und muss. Nur wenn uns ein Ziel
                 Lernen wurde in den letzten zwanzig Jahren zum Gegenstand intensiver neurobiologischer Forschung. Sie            leitet, werden wir erfolgreich sein.
                 bestätigt im vollen Umfang die Erkenntnisse der pädagogisch-psychologischen Wissenschaft aus den 70er Jah-
                 ren des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt effizienter Lernprozesse stehen Motivation und Anerkennung. Die
                 Neurobiologen fordern ganz in diesem Sinne, dass Lernen in der Schule dringend neu arrangiert werden muss
                 mit dem Ziel, Motivation und individuelle Förderung zum Unterrichtsprinzip zu machen. Lernen muss Freude
                 machen, damit aus schulischem Lernen effektives, erfolgsorientiertes lebenslanges Lernen werden kann. Die
                 innere Reform der Schule muss sich im 21. Jahrhundert endlich dieser einfachen Erkenntnis stellen und die        Simone Fleischmann
                 Bildungspolitik muss die Freiheit und den finanziellen Rahmen schaffen, Unterricht neu denken zu dürfen und      Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft im BLLV
                 vor allem Realität werden zu lassen.

                 Wir freuen uns über die sog. Leuchttürme, über die vorbildhaften Preisträger des Deutschen Schulpreises und
                 über die vielen aufopferungsvollen Einzelinitiativen pädagogischer Überzeugungstäter. Dennoch wissen wir, dass
                 diese Leuchttürme im Alltag leider nur unter schwersten Bedingungen und mit vielen Kämpfen umsetzbar sind,
                 weil schlichtweg Ressourcen und innovative Strukturen fehlen - und weil viel zu viele Lehrerinnen und Lehrer
                 über Jahre hinweg demotiviert werden.



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                                                                               Unsere Gesellschaft ist im radikalen Umbruch. Die Welt, in der sich unsere Kinder bewegen, ist nicht mehr
                                                                               annähernd vergleichbar mit der Welt, die die heutigen Erwachsenen, politischen Entscheidungsträger, Eltern
                                                                               und Lehrer vorgefunden haben. Neben die reale Welt ist eine virtuelle Welt getreten, die die zwischenmensch-
                                                                               liche Kommunikation, den Umgang mit Wissen, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und die Formen der
                                                                               Selbstinszenierung revolutioniert haben. Diese virtuellen Welten haben alle Lebensbereiche erfasst: Die Freizeit,
                                                                               die Arbeitswelt und die zwischenmenschliche Kommunikation. Kinder und Jugendliche lernen am PC, infor-


        Der Mensch kann nicht                                                  mieren sich am PC, schließen Freundschaften am PC, spielen am PC, entwickeln eigene Identitäten am PC,
                                                                               inszenieren sich am PC, suchen und finden Freundinnen und Freunde über den PC, haben erste Kontakte mit
                                                                               Sexualität und Pornographie am PC, mobben den anderen am PC. Ein immer größer werdender Teil des Lebens


        zu neuen Ufern aufbrechen,                                             findet heute vor dem Bildschirm des PC statt.

                                                                               Diese Veränderungen sind in ihren Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben mit der industriel-


        wenn er nicht den Mut                                                  len Revolution vergleichbar – allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Die Veränderungen greifen nicht
                                                                               über Jahre und Jahrzehnte Platz, sie vollziehen sich gleichsam im Zeitraffer. Folge ist, die Erfahrungswelten
                                                                               der Generationen entfernen sich innerhalb von immer kürzerer Zeit immer stärker und weiter voneinander.
                                                                               Dies führt zu erheblichen Herausforderungen für das Verhältnis der Generationen und aller Lebensformen und

        aufbringt, die alten zu                                                Einrichtungen, in denen jung und alt miteinander leben und arbeiten. Besonders betroffen sind davon die
                                                                               Einrichtungen der Erziehung und Bildung, also Familien, Kindergärten, Schulen, Ausbildungsbetriebe bis hin zu
                                                                               den Universitäten.

        verlassen.                          André Gide                         Die früher selbstverständliche gemeinsame Erfahrungswelt von jung und alt, von Eltern und Kindern, von
                                                                               Lehrern und Schülern ist weitgehend zerbrochen. Die virtuelle Welt, die in Facebook, Google und iPhone mit der
                                                                               realen Welt verschmolzen ist und die schier endlosen Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmög-
                                                                               lichkeiten der neuen Medien, die in immer kürzeren Abständen auf den Markt kommen, führen auch zu einer
                                                                               Differenzierung und Zerfaserung der Gesellschaft, wie wir sie bislang nicht kennen. Gemeinsame Erfahrungen,
                                                                               Lebens- und Wissenshorizonte werden immer weniger.




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        Welche Fragen beschäftigen uns in der Schule?                                                                              Die Suche nach Antworten

                 Die Veränderungen der Gesellschaft, unserer Lebensweise und unserer Erfahrungshorizonte werfen Frage über             Die Antworten sind schwierig geworden. Die Zusammenhänge sind komplex. Dennoch müssen wir Antworten
                 Fragen auf: Was bedeuten diese Veränderungen für unsere Schulen, für uns Lehrerinnen und Lehrer aber auch             finden. Aus Sicht des BLLV ist eine zentrale Antwort, Lernen neu zu definieren auf der Grundlage der moder-
                 für die Familien und Eltern? Was erwartet der Arbeitsmarkt von den jungen Menschen?                                   nen Hirnforschung und den Erkenntnissen der Lernpsychologie. In der Folge werden wir unsere Unterrichts-
                                                                                                                                       methoden und die Lerninhalte analysieren und verändern müssen. Diese Veränderungen sind nicht einfach,
                 Ist das was wir in der Schule tun, noch zeitgemäß? Entspricht unser Unterrichten den Prinzipien modernen              aber notwendig. Sie erfordern vier grundsätzliche Bereitschaften:
                 Lernens, wie sie die neuen Forschungsergebnisse der Psychologie und der Hirnforschung definieren? Wie
                                                                                                                                       •   Die Bereitschaft, Lernen auf der Grundlage aktueller psychologischer, pädagogischer und neurologischer
                 sichern wir, dass der Bedeutung einer stabilen sozialen Gruppe für effizientes Lernen in der Schule Rechnung
                                                                                                                                           Erkenntnisse neu zu bestimmen.
                 getragen wird? Welche Rolle spielen Gefühle wie Freude, Lust und Motivation für erfolgreiches, nachhaltiges
                                                                                                                                       •   Die Bereitschaft, diesen neuen Lernbegriff durch eine Veränderung der Lerninhalte und der Lern- und
                 Lernen? Und wie können wir sie in der Schule verstärken?
                                                                                                                                           Unterrichtsmethoden im Schulalltag umzusetzen.
                                                                                                                                       •   Die Bereitschaft, Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse in der Schule neu zu entwickeln und Entschei-
                 Und was ist mit den Inhalten? Müssen unsere Schüler nicht weniger Fachwissen, sondern mehr praxisorientiertes
                                                                                                                                           dungskompetenzen neu zu verteilen.
                 „Lebenswissen“ in der Schule lernen? Sind unsere Fächer und Unterrichtsformen überhaupt noch in der Lage,
                                                                                                                                       •   Die Bereitschaft aller an der Schule Beteiligten – der Lehrerinnen und Lehrer, der Schulverwaltungsbeam-
                 die jungen Menschen in der von den Medien bestimmten Welt nachhaltig zu bilden? Was heißt vernetztes
                                                                                                                                           ten, der Kultusbürokraten und der Eltern – selbst zu lernen und Mut zu entwickeln, in der Schule gemein-
                 Lernen für unseren Schulalltag, für Fächerstrukturen und Lehrereinsatz? Reicht es noch, wenn Schüler gelern-
                                                                                                                                           sam neue Wege einzuschlagen.
                 tes Wissen in Prüfungen kurzfristig rekapitulieren können, oder müssen sie es langfristig wiedergeben und vor
                 allem anwenden können? Wie erreichen wir, dass nachhaltiges Verstehen angesichts der enormen Wissensflut
                                                                                                                                       Dieser Reformprozess erfordert auch ein Umdenken der Politik. Denn ein neuer Lernbegriff muss die einzelne
                 im Mittelpunkt des Lernens steht?
                                                                                                                                       Schule stärken, die Lehrer motivieren, die Arbeitsbedingungen verbessern und das Vertrauen in die Kompetenz
                                                                                                                                       der Betroffenen stärken. Vor allem braucht dieser Reformprozess auch personelle und finanzielle Ressourcen.
                 Und wie sieht es aus mit der Schulausstattung? Wie müssen moderne Schulen ausgestattet sein? Wie lange
                                                                                                                                       Die Modernisierung unserer Schulen geht nicht ohne eine erhebliche Ausweitung der Ressourcen.
                 können wir noch mit Büchern und Heften arbeiten? Welche technischen Möglichkeiten braucht man in einem
                 modernen Klassenzimmer? Und wer soll das bezahlen?
                                                                                                                                       Was uns dabei entgegenkommt, ist

                 Als BLLV glauben wir, ein „Weiter so!“ in der Schule geht nicht. Wir müssen uns diesen enormen Herausforde-           •   das gewachsene öffentliche Bewusstsein, dass in Bildung investiert werden muss und dass Bildung für
                 rungen stellen und wir müssen Antworten finden, auch wenn viele von uns Lehrerinnen und Lehrern, aber auch                unsere Gesellschaft und für unsere Kinder zentral ist,
                 Eltern selbst verunsichert sind von den neuen Medien und den veränderten Lebenswelten? Wir glauben die                •   die derzeit zu beobachtende Entideologisierung der Schulpolitik – zumindest in den meisten Bundesländern,
                 Beschwörung von alten Strukturen und das ohnmächtige Einklagen von Reformruhe in der Schule ist keine                 •   der Generationenwechsel in den Kollegien und den Führungsebenen in den nächsten Jahren.
                 Antwort auf die Neudefinition von Leben und Realität, die sich um uns herum vollzieht? Sie ist vielmehr Zeichen
                 der Ohnmacht und der Ratlosigkeit.                                                                                    Widerstände, die uns beschäftigen werden, sind
                                                                                                                                       •   eine Schulpolitik, die den dringenden Mehrbedarf an Ressourcen nicht durchsetzen kann oder will;
                                                                                                                                       •   eine Kultus- und Schulverwaltung, die Angst vor Machtverlust hat;
                                                                                                                                       •   Kolleginnen und Kollegen, die Angst vor Überforderung und Veränderung haben;
                                                                                                                                       •   Interessengruppen, die ihre Einflussmöglichkeiten schwinden sehen.




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          Wie sieht ein       neuer
                         Lernbegriff aus?                                   Aus Sicht des BLLV sollte ein Lernbegriff für
                                                                            die Schule im 21. Jahrhundert sechs zentrale
                                                                            Erkenntnisse der Psychologie, der Pädagogik
                                                                            und der Neurobiologie berücksichtigen.




  12                                                                                                                        13
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                                                                                                            Sebastian schreibt das Tafelbild ab. Alle anderen Schüler sind
                                                                                                            schon lange fertig. Die Lehrerin ermahnt ihn, dass er schneller
                                                                                                            schreiben soll. Sebastian versucht dies und schreibt mit vielen Feh-
                                                                                                            lern und sehr unstrukturiert. Lernen kann er diesen Eintrag nicht,
                                                                                                            denn es fehlt die Übersichtlichkeit und beim Abschreiben hat er
                                                                                                            auch nichts behalten. Was hat Sebastian gelernt? Welche Lerner-
                                                                                                            fahrungen macht er?




        Lernen ist                                               Kompetenzerwerb
                                                                            „Guter Unterricht ist ein Unterricht, in dem mehr
                                                                                gelernt als gelehrt wird“. Franz Weinert, Bildungsforscher
                                                                                                            Übergeordnetes Ziel schulischen Lernens ist der Kompetenzerwerb.
                                                                                                            Es steht im Widerspruch zu dem weit verbreiteten sog. „bulimischen
                                                                                                            Lernen“, bei dem die Schüler kurzzeitig abrufbares Wissen speichern,
                                                                                                            um es nach den Prüfungen wieder zu vergessen Eine solide Wis-
                                                                                                            sensbasis bleibt natürlich notwendig. Sie ist Voraussetzung für Kom-
                                                                                                            petenzerwerb, aber sie ist nicht mehr ausreichend. Es geht um die
                                                                                                            Anwendung von Wissen, um das Denken in Zusammenhängen, um
                                                                                                            das Lernen des Lernens, um eigenständiges Erschließen der Umwelt
                                                                                                            und um Selbstständigkeit. Dies ist in allen Lernfeldern möglich, be-
                                                                                                            sonders wichtig allerdings sind die Lese- und Schreibkompetenz und
                                                                                                            die Mathematikkompetenz. Es ist alarmierend, wenn bis zu ca. 20 %
                                                                                                            der deutschen Bevölkerung funktionale Analphabeten sind.

                                                                                                            Fähigkeit und Bereitschaft, die einmal gelernten Kompetenzen im
                                                                                                            Sinne von lebenslangem Lernen nachhaltig weiterzuentwickeln, ste-
                                                                                                            hen im Mittelpunkt eines modernen Lernbegriffs. Im Lernen werden
                                                                                                            Strukturen des Wissens konstruiert und immer wieder modifiziert.
                                                                                                            Dabei werden Zusammenhänge zwischen verschiedenen Wissens-
                                                                                                            bereichen vom Lernenden selbstständig hergestellt. An konkreten In-
                                                                                                            halten werden exemplarisch Kompetenzen erlernt, in deren Mittel-
                                                                                                            punkt sowohl das Verstehen als auch die Anwendung des jeweiligen
                                                                                                            Wissens erprobt werden. Anwendungsorientierung von Wissen be-
                                                                                                            fördert die notwendige Fähigkeit zur Abstrahierung und Theoriebil-
                                                                                                            dung. Um dies zu erreichen, muss Schule die traditionellen Fächer-
                                                                                                            strukturen zumindest in Teilen überwinden und verstärkt fächerüber-
                                                                                                            greifend arbeiten – auch an Gymnasien und Sekundarschulen. Für
                                                                                                            den Unterricht bedeutet dies eine stärkere Ausrichtung auf den Schü-
                                                                                                            ler und seine Lernvoraussetzungen als am Stoff.

  14                                                                                                                                                                               15
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                                                                                                       In der Klasse 4a findet Gruppenarbeit statt. Jede Gruppe bearbei-
                                                                                                       tet einen anderen Aspekt des Themas „Wald“. Anschließend wer-
                                                                                                       den die Ergebnisse auf einem Plakat festgehalten und der Klasse
                                                                                                       referiert. Paula arbeitete sehr aktiv in ihrer Gruppe – leider haben
                                                                                                       sie nur die Hälfte des Plakats geschafft. Während der Präsentation
                                                                                                       der anderen Gruppen versucht sie immer wieder ihr Plakat zu ver-
                                                                                                       vollständigen. Was nimmt sie von den anderen Ergebnissen mit?
                                                                                                       Wie kann sich Paula auf die Probe vorbereiten? Welche Lerner-
                                                                                                       fahrungen macht sie?




        Lernen ist ein                                                      konstruktiver Prozess
        „Kinder lernen immer dann am besten, wenn sie eigene Erfahrungen machen dürfen und immer dann am wenigsten,
                                                  wenn jemand glaubt, ihnen etwas beibringen zu müssen.“ Gerald Hüther, Neurobiologe


                                                                                                       Die moderne Hirnforschung zeigt auf, dass Kinder immer dann am
                                                                                                       besten und nachhaltigsten lernen, wenn Lernen in eigene Erfahrun-
                                                                                                       gen eingebettet ist. Diese Erkenntnis bestätigt die Erfahrung aus dem
                                                                                                       Schulalltag und aus der eigenen Biografie. Lernen ist immer dann be-
                                                                                                       sonders erfolgreich ist, wenn es gelingt, einen Bezug des zu Lernen-
                                                                                                       den zur eigenen Lebens- und Erlebenswelt herzustellen und die
                                                                                                       gesamte Persönlichkeit einzubeziehen, früher sprach man auch vom
                                                                                                       „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“.

                                                                                                       Wissen ist nicht das unmittelbare Ergebnis einer Wissensübertragung
                                                                                                       innerhalb eines Lehrprozesses. Wissen ist ein eigenständiger Prozess
                                                                                                       der Lernenden. Sie konstruieren ihr individuelles Wissen auf der
                                                                                                       Grundlage eigener Handlungen und Erfahrungen mit engem Bezug zu
                                                                                                       den Problemen der eigenen Lebenswelt. Nachhaltige Wissensaneig-
                                                                                                       nung kann deshalb nicht von außen erzeugt werden, sondern sie muss
                                                                                                       auf dem Erfahrungshorizont des Lernenden aufbauen. Kompetenzen
                                                                                                       werden auf diese Weise konstruiert und erhalten für den Lernenden
                                                                                                       Anwendungsrelevanz. sondern es kann allenfalls ermöglicht werden,
                                                                                                       dass jemand sich Wissen aneignet. Lernen als konstruktiver Prozess
                                                                                                       heißt, dass im Unterricht jedem Kind sein eigener Lernzugang er-
                                                                                                       möglicht wird. Der Lehrer stößt die Lernprozesse im Unterricht indivi-
                                                                                                       duell an.

  40                                                                                                                                                                            17
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                                                                                                               Jeder sitzt in der Lesegruppe, die seinem Niveau entspricht. Kei-
                                                                                                               ner muss Angst haben, dass er sich beim lauten Vorlesen blamiert
                                                                                                               oder andere überfordert. Jeder Schüler hat den Eindruck, dass die-
                                                                                                               ses Lernangebot seinem Können entspricht. Solche modularen För-
                                                                                                               dergruppen lassen neue soziale Erfahrungen zu und steigern die
                                                                                                               Lerneffektivität jedes einzelnen. Welche Lernerfahrungen sind hier
                                                                                                               möglich? Welche Effekte haben passgenaue Lernarrangements?




        Lernen ist ein individueller                                                                          Prozess
        „Kinder lernen besser, wenn sie selbst lernen, als wenn man sie belehrt. Wir müssen also unsere Belehrungsanstalten
                                                                             zu Lernwerkstätten umbauen.“Peter Struck, Erziehungswissenschaftler




                                                                                                               Lernwege und Lernprozesse der einzelnen Schüler sind individuell
                                                                                                               und damit sehr unterschiedlich. Ebenso variiert die Lerngeschwindig-
                                                                                                               keit der einzelnen Kinder stark. Manche Schüler lernen in manchen
                                                                                                               Phasen schnell und in anderen langsam, andere Kinder lernen in be-
                                                                                                               stimmten Lernbereichen sehr gut, in anderen eher schlecht. Das sind
                                                                                                               Erfahrungen, die die Schule in der jetzigen Form immer wieder an
                                                                                                               Grenzen führt, weil sie auf diese individuellen Lernformen, Lernpro-
                                                                                                               zesse und Lerngeschwindigkeiten kaum eingehen kann. In Zukunft
                                                                                                               müssen wir in der Schule Formen und Möglichkeiten finden, individu-
                                                                                                               elles Lernen zu fördern und zu unterstützen. Dies ist durch kleine
                                                                                                               Lerngruppen, offene und individualisierte Unterrichtsmethoden und
                                                                                                               professionelle Förderkonzepte auch tatsächlich möglich.

                                                                                                               Auch manche Bildungspolitiker behaupten, dass es in den jetzigen
                                                                                                               Schul- und Unterrichtsformen möglich ist, jedem einzelnen Schüler
                                                                                                               gerecht zu werden und diesen individuell zu fördern. Wir als Lehrer
                                                                                                               wissen, dass im schulischen Alltag Kinder kaum individuell gefördert
                                                                                                               werden können mit der vereinzelten Ausnahme einer äußeren Diffe-
                                                                                                               renzierung in Kleingruppen. Diese stellen jedoch kein Regelangebot
                                                                                                               an Schulen dar, da es dazu an Personal fehlt.

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Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1   21.05.2012   11:02 Uhr   Seite 20




                                                                                             LERNEN MAL ANDERS! Jeder Schultag beginnt gleich …

                                                                                             Fünf Schüler in einer Klasse. Sarah, Linda, Max und Thomas sitzen
                                                                                             im Rollstuhl und Valentin läuft mit wippendem Oberköper ununter-
                                                                                             brochen um den Roll-Stuhlkreis. Dabei macht er kreischende Ge-
                                                                                             räusche. Die Lehrerin stellt eine Spieluhr mit tanzenden Fröschen
                                                                                             auf den Tisch. Schlagartig ist es still im Raum. Valentin bleibt stehen
                                                                                             und blickt auf die kreiselnden Frösche. Linda sowie Thomas heben
                                                                                             ihren Kopf in Richtung Geräuschquelle. Die Sonderschullehrerin
                                                                                             wendet sich Max zu und berührt seinen Arm. Er dreht seine Augen
                                                                                             in ihre Richtung. Sarah wird gleichzeitig von der heilpädagogischen
                                                                                             Förderlehrerin rythmisch zur Musik im Rollstuhl bewegt und fängt
                                                                                             an zu brummen. Seit sieben Monaten beginnt genau so der Mor-
                                                                                             genkreis der 6. Klasse. Welche Lernerfahrungen haben die Kinder
                                                                                             bisher gemacht? Welches schulische Lernverständnis haben die
                                                                                             Pädagogen in einer solchen Klasse?




        Lernen ist ein kommunikativer                                                               Prozess
        „Wer Kinder zu kompetenten, starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen will, muss in Beziehungen
           denken und in Beziehungsfähigkeit investieren. Das ist das Geheimnis einer Schulkultur, bei der niemand
               als Verlierer zurückgelassen wird.“ Gerald Hüther, Neurobiologe               Weitgehend unterbewertet in der Schule ist die Bedeutung der Kom-
                                                                                             munikation für das Lernen. Der Erwerb von Wissen erfolgt in der
                                                                                             Schule im Regelfall in Interaktion mit anderen. Lernen ist ein Interak-
                                                                                             tionsprozess zwischen den Lernenden selbst und zwischen Lernen-
                                                                                             den und Lehrern. Lernen ist somit als Prozess zu sehen, der in einer
                                                                                             bestimmten Lernkultur stattfindet, in der Wissensinhalte, aber auch
                                                                                             Werthaltungen und Einstellungen miteinander ausgehandelt werden.
                                                                                             Angenehme soziale Bedingungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit,
                                                                                             dass erfolgreich gelernt wird. Unter Druck lernt niemand gut. Dies ver-
                                                                                             langt in der Schule ausreichend Raum für Kommunikation und das
                                                                                             Erlernen von Kommunikationskompetenz.

                                                                                             Hierbei sind heterogene Schülergruppen kein Manko, sondern eine
                                                                                             Chance. Durch unterschiedliche Lernfortschritte können Schüler von-
                                                                                             einander lernen. Dies festigt die Kompetenzen der Leistungsstärke-
                                                                                             ren, verbessert die Kommunikation zwischen den Schülern und fördert
                                                                                             die soziale Verantwortung innerhalb einer Gruppe. Schule muss den
                                                                                             Zusammenhang von sozialem Lernen, Aneignung von Fachwissen
                                                                                             und Kompetenzerwerb entdecken.

                                                                                             Lernen als kommunikativen sozialen Prozess zu verstehen bedeutet,
                                                                                             eine positive Lernkultur zu ermöglichen. In unserem jetzigen auf Se-
                                                                                             lektion, Leistung und Konkurrenz ausgelegten System ist es dem Leh-
                                                                                             rer nur selten möglich eine kommunikative Lernatmosphäre zu
                                                                                             schaffen, die echte Kommunikation zwischen den Schülern ermöglicht.

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                                                                                                             Wochenplanunterricht in der 3a: für jeden das Richtige?
                                                                                                             Jeden Tag beginnt der Unterricht in der Ganztagsklasse 3a nach
                                                                                                             dem gleichen Schema: alle Kinder arbeiten am Wochenplan und su-
                                                                                                             chen sich „ihre“ Aufgaben. Manche arbeiten in der Gruppe, andere
                                                                                                             mit einem Partner und wieder andere ganz alleine oder mit der Hilfe
                                                                                                             der Lehrerin. Viele Kinder werden mit allen Pflicht-, Wahl-, und Kür-
                                                                                                             aufgaben fertig, manche nicht. Einige sind auch zu Hause fleißig
                                                                                                             und arbeiten mit den Eltern am Wochenplan weiter. Anderen fehlt
                                                                                                             immer viel vom Wochenplan, denn weder in der Schule können sie
                                                                                                             konzentriert arbeiten, noch haben sie zu Hause Unterstützung.
                                                                                                             Wer lernt nun eigentlich was im Wochenplanunterricht?
                                                                                                             Lernen alle genügen? Ist das individuelles Lernen?




        Lernen basiert auf                                                  Motivation
                                                                               „Zahlreiche Untersuchungen haben belegt,
                                                                                dass vorhandene Lernmotivation durch das
                                                                                Einengen von Spielräumen, das detaillierte
                                                                                Vorschreiben und massive Kontrollieren
                                                                                deutlich reduziert wird.“ Manfred Prenzel, Bildungsforscher


                                                                                                             Lernen ist ein ganzheitlicher Prozess, der sowohl die kognitive als
                                                                                                             auch die emotionale Seite des Individuums umfasst. Insofern muss
                                                                                                             Lernen zum übergeordneten Ziel die Motivation der Schüler haben,
                                                                                                             Kompetenzen zu erwerben und sie auch anzuwenden. Motivation hat
                                                                                                             viel mit Erfolg, emotionaler Befriedigung und Kommunikation zu tun.
                                                                                                             Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass vorhandene Lernmotiva-
                                                                                                             tion durch das Einengen von Spielräumen, das detail-lierte Vorschrei-
                                                                                                             ben und massive Kontrollieren deutlich reduziert wird. Erfolgreiches
                                                                                                             Lernen braucht Spielräume und Freiheit. Schule muss solche Spiel-
                                                                                                             räume und Freiheiten erhalten, um eine Kultur der Motivation und Er-
                                                                                                             mutigung schaffen zu können, auch wenn dies im Schulalltag nicht
                                                                                                             immer einfach ist. Belohnungen in Form von guten Noten sind keine
                                                                                                             wirklich nachhaltige Motivation. Schulartwechsel und Klassenwieder-
                                                                                                             holung sind eher ein Zeichen der Ohnmacht als ein Zeichen pädago-
                                                                                                             gischer Kompetenz. Sie müssen durch neue Diagnoseformen und
                                                                                                             Förderangebote sukzessive ersetzt werden.

  22                                                                                                                                                                                 23
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                                                                                              Die Lehrerin setzt auf schüleraktivierenden Unterricht. Sie bereitet eine Grup-
                                                                                              penarbeit vor, in der die Schüler anhand von Quellen die politischen Reak-
                                                                                              tionen auf den Mauerbau 1963 untersuchen und diese dann in einem
                                                                                              Rollenspiel im Stil einer Fernseh-Talk-Show präsentieren sollen. In der Prä-
                                                                                              sentation stellt sich heraus, dass die komplexen Positionen und die rhetori-
                                                                                              sche Verschleierung der tatsächlichen Standpunkte in den bearbeiteten
                                                                                              offiziellen Verlautbarungen von den Schülern nicht verstanden wurden. Da-
                                                                                              rauf erklärt die Lehrerin in einem komplizierten Lehrervortrag die Sachlage
                                                                                              selbst.Warum scheitert dieser Versuch der Schüleraktivierung? Welche Er-
                                                                                              fahrungen machen die Schüler und die Lehrerin?




        Lernen beruht auf Beziehung
        „Überall dort, wo Menschen mit Menschen zu tun haben, muss ein Umdenken passieren. Motivation und Teamgeist,
         Freude am Lernen und Kooperation gilt es zu fördern, um der Bildungsmisere zu begegnen.“ Joachim Bauer, Neurobiologe
                                                                                             Die moderne Hirnforschung belegt, dass im Gegensatz zu den Annahmen der
                                                                                             biologistischen Verhaltenstheorien nicht Aggression das Handeln des Menschen
                                                                                             dominiert, sondern das Streben nach sozialer Akzeptanz und Kooperation. Geis-
                                                                                             tige Tätigkeit, Gefühle und Erlebnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen hin-
                                                                                             terlassen im Gehirn biologische Spuren und Veränderungen. Unsere Gene sind
                                                                                             keine «Autisten», sie steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert. Der Neuro-
                                                                                             wissenschaftler Prof. Dr. Joachim Bauer weist darauf hin, dass Ausgrenzung und
                                                                                             Demütigung in der sozialen Gruppe häufig zu Aggression führt.

                                                                                             Die Bedeutung der Beziehung in der Schule für erfolgreiches Lernen ist kaum
                                                                                             anerkannt. In der Schule gibt es aufgrund des Lehrplandrucks, der Unterrichts-
                                                                                             truktur und des Zeitmangels zu wenige Möglichkeiten, diese Beziehungsdimen-
                                                                                             sion zu leben. In der Schule muss eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen
                                                                                             werden, so dass auch Fehler möglich sind ohne Angst vor Akzeptanzverlust. Dazu
                                                                                             bedarf es einer bewussten Gestaltung des Schullebens unter Zusammenwirken
                                                                                             der Lehrer, der Schüler und auch der Eltern. Die Lehrer müssen verstärkt Mög-
                                                                                             lichkeiten und Freiräume erhalten, eine persönliche Beziehung mit ihren Schülern
                                                                                             einzugehen. Anstatt sie vorwiegend zu bewerten, zu unterrichten, zu belehren,
                                                                                             müssten sie einladen, ermutigen und inspirieren.

                                                                                             Wenn diese sechs Aspekte des Lernens in die Gestaltung von Schule und Un-
                                                                                             terricht einfließen, sprechen wir von verständnisorientiertem Lernen im Sinne des
                                                                                             Jenaer Pädagogen Prof. Dr. Peter Fauser. Nicht das bloße Wissen steht dann im
                                                                                             Mittelpunkt des Unterrichtens, sondern das Verständnis von Wissens- und Le-
                                                                                             benszusammenhängen. Lernen in diesem Sinne gewinnt eine neue Qualität für
                                                                                             Lehrer und Schüler. Es verlangt eine neue Schulkultur, ein verändertes Professi-
                                                                                             onsverständnis, einen stark reduzierten kompetenzorientierten Lehrplan und die
                                                                                             Bereitschaft der Politik und der Verwaltung, personelle und finanzielle Ressour-
                                                                                             cen in deutlich größerem Umfang den Schulen zur Verfügung zu stellen. Lernen
                                                                                             ist nur nachhaltig, wenn es erfahrungsbasiert und verständnisorientiert ist.

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        Wie kann ein                                               neuer Lernbegriff
            in der                                               Schule umgesetzt werden?
                                                                            Der renommierte Jenaer Erziehungswissen-
                                                                            schaftler Peter Fauser plädiert für ein „verständ-
                                                                            nisintensives Lernen“, bei dem die Lehrer auf
                                                                            die Denkweise der Schüler eingehen und sie da
                                                                            abholen sollen, wo sie gedanklich gerade stehen.
                                                                            Dieses Vorgehen schließt ein, Schüler nicht zu
                                                                            korrigieren und ihnen die „korrekte Antwort“
                                                                            zu diktieren, sondern die Gedanken der Schüler
                                                                            gemeinsam weiterzudenken.




  26                                                                                                                             27
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        Lernen im 21. Jahrhundert ist anders!
                                                                                                                                    Das Prinzip des Förderns
                 Die Frage der Heterogenität der Lebenswelten, der Erfahrungshorizonte und des Wissen der Kinder und Ju-                   In der Schule muss das Prinzip des Förderns ernst genommen werden. Struktur und Formen des Unterrichts
                 gendlichen stellt eine der größten Herausforderungen des Lernens im 21. Jahrhundert dar. Während in der Ge-               müssen ein Lernklima des Förderns schaffen. Dazu bedarf es zusätzlichen Förderunterrichts, der Einführung von
                 sellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts noch von ähnlichen Erfahrungs- und Lebenshorizonten innerhalb der                 Portfolios als Leistungsfeedback und der Überwindung pauschalisierter Sanktionsmaßnahmen wie das Wie-
                 Kinder an den unterschiedlichen Schularten ausgegangen werden konnte, hat sich dies heute weitgehend ver-                 derholen einer Jahrgangsstufe oder die Rückversetzung in eine andere Schulart. Dazu gehört auch ein anderer
                 wischt. In allen Schulen, auch in den Gymnasien, Realschulen und Mittelschulen ist die Schulrealität von einem            Umgang mit Fehlern. In jedem Fehler liegt eine Chance zum Lernen. Es gilt offen und konstruktiv damit umzu-
                 hohen Maß an Heterogenität geprägt.                                                                                       gehen. Sie sollten nicht zu Degradierungen und Sanktionen führen, sondern sind Anlass für Fördermaßnahmen.
                                                                                                                                           Das Prinzip des Förderns erfordert Differenzierungsstunden, modulare Förderstunden und diagnosegeleitete
                 Das traditionelle Sozialisationsmilieu der Schüler jeder Schulart ist längst überholt. Das Gymnasium ist nicht            Lernbegleitung. Solche Fördermaßnahmen sind in einer Schule, die mit einem neuen Lernbegriff arbeitet, un-
                 mehr den Kindern aus Akademikerfamilien und dem Bildungsbürgertum vorbehalten, die Schülerschaft der Re-                  abdingbar. Dazu bedarf es anderer Arbeitsbedingungen, vor allem mehr Zeit- und Finanzressourcen, wobei bei
                 alschule setzt sich keineswegs mehr in erster Linie aus Kindern aus Mittelschichtfamilien und von Angestellten            der Zuteilung dieser Ressourcen ein Sozialindex der Schule zu berücksichtigen sein wird.
                 zusammen und in den Haupt- und Mittelschulen finden sich auch nicht mehr vorwiegend Kinder aus Handwer-
                 ker- und Arbeiterfamilien. Mit Ausnahme der Haupt- und Mittelschulen mischen sich in Realschulen und Gym-
                 nasien Schüler aller sozialer Gruppen und Schichten mit sehr unterschiedlichen familiären Sozialisationsbe-
                                                                                                                                    Offene Unterrichtsmethoden
                 dingungen. Die Haupt-/Mittelschule in städtischen Regionen ist inzwischen die Schule der Kinder mit Migrati-              Offene Unterrichtsmethoden müssen neben den gebundenen in allen Jahrgangsstufen und Schularten mehr an
                 onshintergrund und aus Familien mit äußert schwierigem sozialen Hintergrund geworden.                                     Bedeutung gewinnen. Es gilt, individualisierende Unterrichtsmethoden rythmisiert in allen Jahrgangsstufen ein-
                                                                                                                                           zusetzen. Dazu müssen die Lehrpläne drastisch reduziert werden. Rahmenlehrpläne müssen die detaillierten
                 Auch die familiäre Förderung der Kinder ist inzwischen sehr heterogen. Es gibt Kinder, die eine Vielzahl zusätz-          Lehrpläne ersetzen. Projekttage und Projektwochen müssen im Jahresverlauf fest eingeplant werden. Zeit-
                 licher Bildungsangebote wahrnehmen vom Ballett bis zur Reitstunde, vom Schikurs bis zum Klavierunterricht. An-            fenster für Blockunterricht und klassenübergreifende Themen und Aktivitäten müssen berücksichtigt werden.
                 dere haben keine Möglichkeiten, da die finanziellen Ressourcen fehlen. Viele erhalten private Förderung in Form
                 von Nachhilfestunden und Sprachaufenthalte im Ausland. Andere sind auf sich selbst gestellt. Es gibt Kinder,
                 deren beide Eltern arbeiten, andere bei denen die Mutter zuhause ist und den Kindern oft auch bei den Haus-
                                                                                                                                    Systematische Formen des professionellen Austauschs
                 aufgaben hilft. Es gibt Kinder, die gesund und regelmäßig essen und es gibt Kinder, die fehlernährt sind. Hinzu           Die respektvolle und kontinuierliche Zusammenarbeit der pädagogischen Professionen in der Schule erfordert
                 kommen die unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen, biografischen Hintergründe und individuellen Lerndis-                 systematische Formen des professionellen Austauschs. Im Arbeitsfeld Schule arbeiten verschiedene Profes-
                 positionen, wobei die Lernbiografie (Familie, Kindergarten, Grundschule) eine zentrale Rolle spielt.                      sionen mit unterschiedlichen Kompetenzen (Lehrer, Schulsozialarbeiter, Beratungslehrer, Schulpsychologen,
                                                                                                                                           Förderlehrer, Psychotherapeuten, Sonderpädagogen, Ergotherapeuten, Logopäden, Heilpädagogen und wei-
                 Vor diesem Hintergrund ist die zentrale Frage für den Unterricht und den Lehrer heute, wie es gelingt, mit die-           tere Experten) zusammen und sollten in Zukunft gemeinsam ein Förderkonzept entwickeln, das einer hetero-
                 sen unterschiedlichen individuellen Lernvoraussetzungen, Lerngeschwindigkeiten und Lernbiografien der Schü-               genen Schülerschaft gerecht wird. Dazu bedarf es ausreichend Zeit für Teamsitzungen und Projektplanungen.
                 ler so umzugehen, dass der Einzelne optimale Lernerfolge erzielt und der Klassenverband als soziale
                 Gemeinschaft erhalten bleibt? Gibt es Methoden, diese Heterogenität als Chance für effizientes Lernen zu nut-
                 zen oder stehen sie effizientem Lernen im Wege?
                                                                                                                                    Im Mittelpunkt des Unterrichts steht das einzelne Kind
                                                                                                                                           Im Mittelpunkt des Unterrichts muss das einzelne Kind stehen. Das ist in der Praxis nur möglich, wenn der Leh-
                 Um Heterogenität als Chance für effizientes Lernen im Sinne eines neuen Lernbegriffes umzusetzen, sind aus                rer die Chance hat, die individuellen Stärken und Schwächen des einzelnen Schülers im Unterricht zu erkennen
                 Sicht des BLLV einige grundlegende Veränderungen in der Schule notwendig:                                                 und zu bearbeiten. Dazu sind ausreichend Ressourcen für Kleingruppenarbeit, Differenzierungsstunden, modu-
                                                                                                                                           lare Förderstunden und diagnosegeleitete Lernbegleitung notwendig. Sie müssen mit einem zur Schülerzahl re-
                                                                                                                                           lativen Lehrerstundenmaß bemessen werden. Hierbei sind die jeweiligen spezifischen Bedürfnisse und
                                                                                                                                           Herausforderungen der einzelnen Schule zu sehen, insbesondere auch das soziale Umfeld, in dem eine Schul-
                                                                                                                                           standort liegt.




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            Gute Lehrer sind wie gute                                                                         Ein neues Konzept von Lernen in der Schule stellt für die Profession und das Selbstverständnis des Lehrers eine
                                                                                                              Herausforderung dar. Die Rolle des Lehrers wird neu zu definieren sein.



            Köche, die nutzen Rezepte                                                                         Lehrer werden viel stärker als bisher als Lernbegleiter und Lerncoach Methoden der individuellen Förderung von
                                                                                                              Schülern in den Mittelpunkt ihres Unterrichts stellen. Hierzu benötigen sie eine große Bandbreite von
                                                                                                              Unterrichtsmethoden. Da sich verständnisorientiertes Lernen viel stärker auf handlungs- und kompetenzorien-

            als Anregung, halten sich aber                                                                    tierte Inhalte bezieht, muss der Lehrer über ein breites didaktisches Repertoire verfügen. Unterrichtsmethoden
                                                                                                              und eine am verständnisorientierten Lernen ausgerichtete Didaktik gewinnen erheblich an Bedeutung im
                                                                                                              Unterricht, in der Lehrerbildung und in der Lehrerfortbildung. Der Lehrer wird in einer Schule mit einem

            nicht an die Mengenangaben.                                                                       verständnisorientierten Lernbegriff nicht mehr als „Einzelkämpfer“ auftreten. Lehrer werden in Zukunft verstärkt
                                                                                                              im Team arbeiten - im Jahrgangsteam oder in Form des Teamteaching. Lehrer werden in starkem Umfang
                                                                                                              untereinander, mit anderen in der Schule tätigen Professionen und mit den Eltern kooperieren. Dazu bedarf es

            Durch Abschmecken und                                                                             für den Lehrer Unterstützungs- und Fortbildungsmaßnahmen.

                                                                                                              Für die Professionalität des Lehrers bedeutet ein neuer Lernbegriff neben fundierten Kenntnissen in den

            Überprüfung der Konsistenz                                                                        Fächern, die er studiert und unterrichtet, profunde Kompetenzen in der Diagnose von Lernprozessen, in der Ge-
                                                                                                              staltung anspruchsvoller Lehr- und Lernumgebungen, in der Kommunikation und bei Evaluation und Reflektion.


            während der Zubereitung                                                                           Da bei einem neuen Lernbegriff soziales Lernen an Bedeutung gewinnt, muss der Lehrer verstärkt Formen des
                                                                                                              gegenseitigen Austauschs in der Lerngruppe bzw. der Klasse aufbauen. Dazu braucht er besondere Kommuni-
                                                                                                              kationskompetenzen und Kenntnisse in gruppendynamischen Prozessen.

            erkennen sie, was und wie viel                                                                    Ein neuer Lernbegriff wird auch zu einem neuen Verantwortungsbewusstsein der Lehrer führen. Sie sind als
                                                                                                              Gruppe zusammen mit der Schulleitung für ihre Schule verantwortlich, für deren Förderkonzept und deren Ak-

            sie noch brauchen, damit ein                                                                      zeptanz bei den Eltern. Sie werden dies offensiv und überzeugend den Eltern und der Schulverwaltung darstel-
                                                                                                              len und sie dafür gewinnen müssen.


            gutes Gericht entsteht.                                                                           Mit einem neuen Lernbegriff wird sich auch die Rolle des Schulleiters ändern. Er wird viel stärker die Aufgabe
                                                                                                              der Konzept- und Personalentwicklung übernehmen müssen, wofür er Zeit und Fortbildung benötigt ebenso
                                                                                                              wie die Möglichkeit, Supervisoren einzusetzen.
                                                                   Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin




                                                                                                                                                                                                                                 31
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            „Lehrer brauchen ein                                                             Der Weg zur Umsetzung eines neuen Lernbegriffes in der Schule wird für Kolleginnen und Kollegen das
                                                                                             Beschreiten neuer Wege bedeuten. Das verursacht manchmal Angst, Unsicherheit, Widerstand und Ablehnung.
                                                                                             Dennoch wird dieser Weg viel Kreativität und Freude freisetzen, denn Schule wird zu einem Raum der profes-


             Erklärungsmodell dafür,                                                         sionellen Gestaltung, des gemeinsamen Dialogs und der individuellen Motivation werden. Dies wird zu einer hö-
                                                                                             heren Berufszufriedenheit bei Lehrerinnen und Lehrern führen.



             wie unterschiedliche Formen                                                     Dies allerdings setzt voraus, dass die Schulpolitik bereit ist, diesen Weg durch eine spürbare Erhöhung der
                                                                                             finanziellen und personellen Ressourcen zu ermöglichen. Ohne deutliche Verbesserung der Lehrerstundenzu-
                                                                                             weisung, ohne größere finanzielle Ressourcen für die einzelne Schule, ohne verstärkte Eigenverantwortung und


             der Unterrichtsgestaltung                                                       ohne umfassende Maßnahmen der Motivation und Fortbildung der Lehrer und Schulleiter wird dieser Weg schei-
                                                                                             tern müssen.



             auf das Lernen wirken.                                                     Welche Rolle spielt die Politik?
             Als Lehrender muss man
             genau untersuchen und                                                           Eine verantwortungsbewusste Bildungspolitik hat die zentrale Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Mittel für
                                                                                             Bildung und für die Schule deutlich erweitert werden. Das Ziel, 10 % des Bruttoinlandsproduktes in Bildung zu
                                                                                             investieren, ist auch in Bayern noch lange nicht erreicht. Nur mit ausreichend Ressourcen aber kann ein neuer

             verstehen, wie Schüler                                                          Lernbegriff erfolgreich in den Schulen umgesetzt werden.

                                                                                             Für die Politik heißt ein neuer Lernbegriff möglichst früh möglichst gute Lernmöglichkeiten für unsere Kinder

             lernen.“                   Prof. Dr. U. Runesson,
                                        Professorin der Pädagogik, Schweden Jönköping
                                                                                             bereit zu stellen. Kindertagesstätten, Kinderkrippen und Kindergärten sind keine Institutionen der sozialistischen
                                                                                             Einheitsgesellschaft, sie sind hoch effiziente Einrichtungen, um Lernfreude und Lernfähigkeit der Kinder früh und
                                                                                             nachhaltig zu entwickeln. Sie sind eine wichtige Ergänzung für die Erziehung in der modernen Familie. Ein aus-
                                                                                             reichendes Angebot an Kinderkrippen, kostenlose Kindergartenbetreuung ab dem 4. Lebensjahr und ein ver-
                                                                                             pflichtendes letztes Kindergartenjahr sind notwendig. Ebenso muss die Ausbildung der Erzieherinnen verbessert
                                                                                             und die Bezahlung deutlich angehoben werden.

                                                                                             Für die Politik heißt die Umsetzung eines neuen Lernbegriffes weiterhin, die gebundene Ganztagsschule an
                                                                                             allen Schulen konsequent auszubauen und den Auslesedruck in der 4. Jahrgangsstufe zu überwinden. Für eine
                                                                                             Kultur des Förderns im Sinne eines neuen Lernbegriffes bedarf es pragmatischer integrativer Schulkonzepte als
                                                                                             Alternative oder als Ersatz zum Gymnasium. Dies müssen zugelassen werden, wenn die Verantwortlichen vor Ort
                                                                                             sich dafür aussprechen und entsprechende pädagogische Konzepte vorlegen.

                                                                                             Für die Politik heißt ein neuer Lernbegriff schließlich eine grundlegende Reform der Lehrerbildung. Sie muss
                                                                                             neben der Fachkompetenz die pädagogischen, psychologischen und vor allem methodisch-didaktischen Kom-
                                                                                             petenzen ausbauen. Hierzu muss auch das Studium selbst deutlich stärker berufsfeldorientiert aufgebaut sein.

                                                                                                                                                                                                                  33
Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1        21.05.2012     11:03 Uhr     Seite 34




        Welche Rolle spielt die Schulverwaltung?

                 Für die Schulverwaltung heißt ein neuer Lernbegriff in der Schule, alle Maßnahmen zu ergreifen, die die eigen-
                 verantwortliche Schule unterstützen. Hierzu gehören Verlagerungen von Entscheidungskompetenzen im Be-
                                                                                                                                  „Wenn wir die Kinder des
                 reich Lehrplan, Unterrichtsmethoden, Lehrereinsatz, Ressourceneinsatz, Fortbildungsmaßnahmen und Per-
                 sonalführung an die einzelne Schule.                                                                              21. Jahrhunderts von Lehrern
                 Für die Schulverwaltung heißt ein neuer Lernbegriff in der Schule den systematischen Ausbau der Schulent-
                 wicklung konsequent voranzutreiben. Die Instrumentarien hierzu wie externe Evaluation, Beratungsteams und
                 Coaches müssen ausgebaut werden, ebenso wie die Qualifikation und das Berufsbild der Schulleiter.
                                                                                                                                   mit einem Ausbildungsstand des
                 Für die Schulverwaltung heißt ein neuer Lernbegriff schließlich auch eine neue Kommunikationsstruktur und
                 neue Kommunikationsformen zwischen den Verwaltungsebenen. Ziel aller Kommunikation ist die Motivation der
                                                                                                                                   20. Jahrhunderts in einem Schul-
                 Mitarbeiter und die Stärkung der professionellen Eigenverantwortung.
                                                                                                                                   system unterrichten lassen, das
                                                                                                                                   im 19. Jahrhundert konzipiert
                                                                                                                                   wurde und sich seitdem nur
                                                                                                                                   graduell verändert hat, dann
                                                                                                                                   kann das so nicht funktionieren.“
                                                                                                                                                   Andreas Schleicher, Bildungsforscher




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Modernes Lernen

  • 1. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:00 Uhr Seite 1 aufbrechen Lernen im 21. Jahrhundert www.bllv.de
  • 2. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:01 Uhr Seite 2 Das gesamte Konzept Aufbrechen – Lernen im 21. Jahrhundert finden Sie auch unter www.????????.bllv.de bekomme ich von Robert noch! Sie können diese Broschüre kostenlos beim BLLV anfordern. Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. Bavariaring 37, 80336 München Tel. 089 72100-0, Fax 089 721001-90 bllv@bllv.de, www.bllv.de 04 Aufbrechen – Lernen im 21. Jahrhundert 06 Wie Bildungspolitik modernes Lernen behindert 07 Was sich in der Gesellschaft geändert hat 08 Welche Fragen beschäftigen uns in der Schule? 09 Die Suche nach Antworten 12 Wie sieht ein neuer Lernbegriff aus? 14 Lernen ist Kompetenzerwerb 16 Lernen ist ein konstruktiver Prozess 18 Lernen ist ein individueller Prozess 20 Lernen ist ein kommunikativer Prozess 22 Lernen basiert auf Motivation 24 Lernen beruht auf Beziehung 26 Der neue Lernbegriff: so wird er Realität! 28 Lernen im 21. Jahrhundert sieht anders aus 29 Was heißt ein neuer Lernbegriff für den Lehrer? 31 Welche Chancen hat ein neuer Lernbegriff ? 31 Welche Rolle spielt die Politik für eine neue Lernkultur? 34 Welche Rolle spielt die Schulverwaltung für eine neue Lernkultur? Text: SIMONE FLEISCHMANN auf der Grundlage des LDV-Beschlusses vom Juni 2011 Visuelles Konzept und Grafik: SONIA HAUPTMANN, grafik1@bllv.de Fotos: JAN RÖDER, foto@janroeder.de Druck: OrtmanTeam, info@OrtmannTeam.de 3
  • 3. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:01 Uhr Seite 4 aufbrechen Lernen im 21. Jahrhundert 4 5
  • 4. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:01 Uhr Seite 6 Wie Bildungspolitik modernes Lernen behindert Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband hat auf seiner Landesdelegiertenversammlung im Juni 2011 Unser Schulsystem ist unterfinanziert und die Bildungspolitik nimmt die Resignation vieler Kolleginnen und einen Leitantrag zum Thema „Aufbrechen: Lernen im 21. Jahrhundert“ verabschiedet. Dieser Antrag versucht eine Kollegen billigend in Kauf. Die Ressourcen für kompetenzorientiertes Lernen, für methodische Vielfalt, für indi- Brücke zu schlagen zwischen den Erfahrungen der Praxis, den Erkenntnissen der Wissenschaft und der Not- viduelle Förderung, für Ganztagsschulen und Inklusion, für Zusammenarbeit mit den Kindergärten bei den wendigkeit politischen Handelns. Kleinen und Unternehmen bei den Schulabgängern sind in Bayern schlichtweg unzureichend. Darüber können auch die relativ guten Leistungsergebnisse der bayerischen Schulen im Bundesländervergleich nicht we- Unsere Schule stößt strukturell, pädagogisch und inhaltlich immer deutlicher an Grenzen. Wir erleben dies als gtäuschen. Bayern hat trotz hoher Wirtschaftskraft und eines soliden Haushaltes immer noch nicht erreicht, Lehrerinnen und Lehrer nicht nur in der Grundschule an dem enorm gestiegenen Übertrittsdruck auf die dass 10 % des Bruttoinlandsproduktes in die Bildung fließen. Kinder, der in viel zu vielen Fällen zu Stresssymptomen, Versagensängsten und psychischen Störungen führt. Wir erleben dies auch in den Gymnasien, in dem wir angesichts des enormen Stoff- und Zeitdrucks kaum Mög- Als BLLV fordern wir deshalb hartnäckig und nachhaltig von den Bildungs- und Finanzpolitikern, das Ziel der lichkeiten persönlicher Zuwendung und Förderung finden. Wir erleben dies in der Haupt- und Mittelschule, deren 10 % umzusetzen, die Ressourcen für die Schule massiv zu erhöhen, die Eigenverantwortung der Schule ernst Schüler sich trotz intensiver Zuwendung der Kolleginnen und Kollegen als gesellschaftlich ausgegrenzt und zu nehmen, die Lehrerinnen und Lehrer zu motivieren und zu Innovationen zu ermutigen und die Schulleiterin- stigmatisiert erleben und mit erheblichen Problemen der Anerkennung kämpfen. Und wir erleben dies in der nen und Schulleiter endlich in ihrer zentralen Rolle für die Schulentwicklung zu stützen. Realschule, in der die Kolleginnen und Kollegen eine sehr heterogene Schülerschaft unter äußerst ungünstigen Arbeitsbedingungen zu unterrichten hat und dabei aus bildungspolitischer Räson viele Probleme weitgehend Schule wird sich ändern müssen. Wir als Lehrerinnen und Lehrer sind es, die zusammen mit den Eltern die totgeschwiegen werden. Notwendigkeiten hierfür einfordern – die Politik wird dies nicht freiwillig machen. Diese Broschüre soll ein Beitrag dazu sein, gemeinsam zu überlegen, wohin sich Schule verändern kann und muss. Nur wenn uns ein Ziel Lernen wurde in den letzten zwanzig Jahren zum Gegenstand intensiver neurobiologischer Forschung. Sie leitet, werden wir erfolgreich sein. bestätigt im vollen Umfang die Erkenntnisse der pädagogisch-psychologischen Wissenschaft aus den 70er Jah- ren des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt effizienter Lernprozesse stehen Motivation und Anerkennung. Die Neurobiologen fordern ganz in diesem Sinne, dass Lernen in der Schule dringend neu arrangiert werden muss mit dem Ziel, Motivation und individuelle Förderung zum Unterrichtsprinzip zu machen. Lernen muss Freude machen, damit aus schulischem Lernen effektives, erfolgsorientiertes lebenslanges Lernen werden kann. Die innere Reform der Schule muss sich im 21. Jahrhundert endlich dieser einfachen Erkenntnis stellen und die Simone Fleischmann Bildungspolitik muss die Freiheit und den finanziellen Rahmen schaffen, Unterricht neu denken zu dürfen und Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft im BLLV vor allem Realität werden zu lassen. Wir freuen uns über die sog. Leuchttürme, über die vorbildhaften Preisträger des Deutschen Schulpreises und über die vielen aufopferungsvollen Einzelinitiativen pädagogischer Überzeugungstäter. Dennoch wissen wir, dass diese Leuchttürme im Alltag leider nur unter schwersten Bedingungen und mit vielen Kämpfen umsetzbar sind, weil schlichtweg Ressourcen und innovative Strukturen fehlen - und weil viel zu viele Lehrerinnen und Lehrer über Jahre hinweg demotiviert werden. 6 7
  • 5. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:01 Uhr Seite 8 Was sich in der Gesellschaft geändert hat Unsere Gesellschaft ist im radikalen Umbruch. Die Welt, in der sich unsere Kinder bewegen, ist nicht mehr annähernd vergleichbar mit der Welt, die die heutigen Erwachsenen, politischen Entscheidungsträger, Eltern und Lehrer vorgefunden haben. Neben die reale Welt ist eine virtuelle Welt getreten, die die zwischenmensch- liche Kommunikation, den Umgang mit Wissen, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und die Formen der Selbstinszenierung revolutioniert haben. Diese virtuellen Welten haben alle Lebensbereiche erfasst: Die Freizeit, die Arbeitswelt und die zwischenmenschliche Kommunikation. Kinder und Jugendliche lernen am PC, infor- Der Mensch kann nicht mieren sich am PC, schließen Freundschaften am PC, spielen am PC, entwickeln eigene Identitäten am PC, inszenieren sich am PC, suchen und finden Freundinnen und Freunde über den PC, haben erste Kontakte mit Sexualität und Pornographie am PC, mobben den anderen am PC. Ein immer größer werdender Teil des Lebens zu neuen Ufern aufbrechen, findet heute vor dem Bildschirm des PC statt. Diese Veränderungen sind in ihren Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben mit der industriel- wenn er nicht den Mut len Revolution vergleichbar – allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Die Veränderungen greifen nicht über Jahre und Jahrzehnte Platz, sie vollziehen sich gleichsam im Zeitraffer. Folge ist, die Erfahrungswelten der Generationen entfernen sich innerhalb von immer kürzerer Zeit immer stärker und weiter voneinander. Dies führt zu erheblichen Herausforderungen für das Verhältnis der Generationen und aller Lebensformen und aufbringt, die alten zu Einrichtungen, in denen jung und alt miteinander leben und arbeiten. Besonders betroffen sind davon die Einrichtungen der Erziehung und Bildung, also Familien, Kindergärten, Schulen, Ausbildungsbetriebe bis hin zu den Universitäten. verlassen. André Gide Die früher selbstverständliche gemeinsame Erfahrungswelt von jung und alt, von Eltern und Kindern, von Lehrern und Schülern ist weitgehend zerbrochen. Die virtuelle Welt, die in Facebook, Google und iPhone mit der realen Welt verschmolzen ist und die schier endlosen Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmög- lichkeiten der neuen Medien, die in immer kürzeren Abständen auf den Markt kommen, führen auch zu einer Differenzierung und Zerfaserung der Gesellschaft, wie wir sie bislang nicht kennen. Gemeinsame Erfahrungen, Lebens- und Wissenshorizonte werden immer weniger. 8 9
  • 6. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:01 Uhr Seite 10 Welche Fragen beschäftigen uns in der Schule? Die Suche nach Antworten Die Veränderungen der Gesellschaft, unserer Lebensweise und unserer Erfahrungshorizonte werfen Frage über Die Antworten sind schwierig geworden. Die Zusammenhänge sind komplex. Dennoch müssen wir Antworten Fragen auf: Was bedeuten diese Veränderungen für unsere Schulen, für uns Lehrerinnen und Lehrer aber auch finden. Aus Sicht des BLLV ist eine zentrale Antwort, Lernen neu zu definieren auf der Grundlage der moder- für die Familien und Eltern? Was erwartet der Arbeitsmarkt von den jungen Menschen? nen Hirnforschung und den Erkenntnissen der Lernpsychologie. In der Folge werden wir unsere Unterrichts- methoden und die Lerninhalte analysieren und verändern müssen. Diese Veränderungen sind nicht einfach, Ist das was wir in der Schule tun, noch zeitgemäß? Entspricht unser Unterrichten den Prinzipien modernen aber notwendig. Sie erfordern vier grundsätzliche Bereitschaften: Lernens, wie sie die neuen Forschungsergebnisse der Psychologie und der Hirnforschung definieren? Wie • Die Bereitschaft, Lernen auf der Grundlage aktueller psychologischer, pädagogischer und neurologischer sichern wir, dass der Bedeutung einer stabilen sozialen Gruppe für effizientes Lernen in der Schule Rechnung Erkenntnisse neu zu bestimmen. getragen wird? Welche Rolle spielen Gefühle wie Freude, Lust und Motivation für erfolgreiches, nachhaltiges • Die Bereitschaft, diesen neuen Lernbegriff durch eine Veränderung der Lerninhalte und der Lern- und Lernen? Und wie können wir sie in der Schule verstärken? Unterrichtsmethoden im Schulalltag umzusetzen. • Die Bereitschaft, Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse in der Schule neu zu entwickeln und Entschei- Und was ist mit den Inhalten? Müssen unsere Schüler nicht weniger Fachwissen, sondern mehr praxisorientiertes dungskompetenzen neu zu verteilen. „Lebenswissen“ in der Schule lernen? Sind unsere Fächer und Unterrichtsformen überhaupt noch in der Lage, • Die Bereitschaft aller an der Schule Beteiligten – der Lehrerinnen und Lehrer, der Schulverwaltungsbeam- die jungen Menschen in der von den Medien bestimmten Welt nachhaltig zu bilden? Was heißt vernetztes ten, der Kultusbürokraten und der Eltern – selbst zu lernen und Mut zu entwickeln, in der Schule gemein- Lernen für unseren Schulalltag, für Fächerstrukturen und Lehrereinsatz? Reicht es noch, wenn Schüler gelern- sam neue Wege einzuschlagen. tes Wissen in Prüfungen kurzfristig rekapitulieren können, oder müssen sie es langfristig wiedergeben und vor allem anwenden können? Wie erreichen wir, dass nachhaltiges Verstehen angesichts der enormen Wissensflut Dieser Reformprozess erfordert auch ein Umdenken der Politik. Denn ein neuer Lernbegriff muss die einzelne im Mittelpunkt des Lernens steht? Schule stärken, die Lehrer motivieren, die Arbeitsbedingungen verbessern und das Vertrauen in die Kompetenz der Betroffenen stärken. Vor allem braucht dieser Reformprozess auch personelle und finanzielle Ressourcen. Und wie sieht es aus mit der Schulausstattung? Wie müssen moderne Schulen ausgestattet sein? Wie lange Die Modernisierung unserer Schulen geht nicht ohne eine erhebliche Ausweitung der Ressourcen. können wir noch mit Büchern und Heften arbeiten? Welche technischen Möglichkeiten braucht man in einem modernen Klassenzimmer? Und wer soll das bezahlen? Was uns dabei entgegenkommt, ist Als BLLV glauben wir, ein „Weiter so!“ in der Schule geht nicht. Wir müssen uns diesen enormen Herausforde- • das gewachsene öffentliche Bewusstsein, dass in Bildung investiert werden muss und dass Bildung für rungen stellen und wir müssen Antworten finden, auch wenn viele von uns Lehrerinnen und Lehrern, aber auch unsere Gesellschaft und für unsere Kinder zentral ist, Eltern selbst verunsichert sind von den neuen Medien und den veränderten Lebenswelten? Wir glauben die • die derzeit zu beobachtende Entideologisierung der Schulpolitik – zumindest in den meisten Bundesländern, Beschwörung von alten Strukturen und das ohnmächtige Einklagen von Reformruhe in der Schule ist keine • der Generationenwechsel in den Kollegien und den Führungsebenen in den nächsten Jahren. Antwort auf die Neudefinition von Leben und Realität, die sich um uns herum vollzieht? Sie ist vielmehr Zeichen der Ohnmacht und der Ratlosigkeit. Widerstände, die uns beschäftigen werden, sind • eine Schulpolitik, die den dringenden Mehrbedarf an Ressourcen nicht durchsetzen kann oder will; • eine Kultus- und Schulverwaltung, die Angst vor Machtverlust hat; • Kolleginnen und Kollegen, die Angst vor Überforderung und Veränderung haben; • Interessengruppen, die ihre Einflussmöglichkeiten schwinden sehen. 10 11
  • 7. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:01 Uhr Seite 12 Wie sieht ein neuer Lernbegriff aus? Aus Sicht des BLLV sollte ein Lernbegriff für die Schule im 21. Jahrhundert sechs zentrale Erkenntnisse der Psychologie, der Pädagogik und der Neurobiologie berücksichtigen. 12 13
  • 8. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:01 Uhr Seite 14 GEBUNDENER UNTERRICHT: Für alle effektiv? Sebastian schreibt das Tafelbild ab. Alle anderen Schüler sind schon lange fertig. Die Lehrerin ermahnt ihn, dass er schneller schreiben soll. Sebastian versucht dies und schreibt mit vielen Feh- lern und sehr unstrukturiert. Lernen kann er diesen Eintrag nicht, denn es fehlt die Übersichtlichkeit und beim Abschreiben hat er auch nichts behalten. Was hat Sebastian gelernt? Welche Lerner- fahrungen macht er? Lernen ist Kompetenzerwerb „Guter Unterricht ist ein Unterricht, in dem mehr gelernt als gelehrt wird“. Franz Weinert, Bildungsforscher Übergeordnetes Ziel schulischen Lernens ist der Kompetenzerwerb. Es steht im Widerspruch zu dem weit verbreiteten sog. „bulimischen Lernen“, bei dem die Schüler kurzzeitig abrufbares Wissen speichern, um es nach den Prüfungen wieder zu vergessen Eine solide Wis- sensbasis bleibt natürlich notwendig. Sie ist Voraussetzung für Kom- petenzerwerb, aber sie ist nicht mehr ausreichend. Es geht um die Anwendung von Wissen, um das Denken in Zusammenhängen, um das Lernen des Lernens, um eigenständiges Erschließen der Umwelt und um Selbstständigkeit. Dies ist in allen Lernfeldern möglich, be- sonders wichtig allerdings sind die Lese- und Schreibkompetenz und die Mathematikkompetenz. Es ist alarmierend, wenn bis zu ca. 20 % der deutschen Bevölkerung funktionale Analphabeten sind. Fähigkeit und Bereitschaft, die einmal gelernten Kompetenzen im Sinne von lebenslangem Lernen nachhaltig weiterzuentwickeln, ste- hen im Mittelpunkt eines modernen Lernbegriffs. Im Lernen werden Strukturen des Wissens konstruiert und immer wieder modifiziert. Dabei werden Zusammenhänge zwischen verschiedenen Wissens- bereichen vom Lernenden selbstständig hergestellt. An konkreten In- halten werden exemplarisch Kompetenzen erlernt, in deren Mittel- punkt sowohl das Verstehen als auch die Anwendung des jeweiligen Wissens erprobt werden. Anwendungsorientierung von Wissen be- fördert die notwendige Fähigkeit zur Abstrahierung und Theoriebil- dung. Um dies zu erreichen, muss Schule die traditionellen Fächer- strukturen zumindest in Teilen überwinden und verstärkt fächerüber- greifend arbeiten – auch an Gymnasien und Sekundarschulen. Für den Unterricht bedeutet dies eine stärkere Ausrichtung auf den Schü- ler und seine Lernvoraussetzungen als am Stoff. 14 15
  • 9. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:02 Uhr Seite 16 GRUPPENARBEIT: … und dann? In der Klasse 4a findet Gruppenarbeit statt. Jede Gruppe bearbei- tet einen anderen Aspekt des Themas „Wald“. Anschließend wer- den die Ergebnisse auf einem Plakat festgehalten und der Klasse referiert. Paula arbeitete sehr aktiv in ihrer Gruppe – leider haben sie nur die Hälfte des Plakats geschafft. Während der Präsentation der anderen Gruppen versucht sie immer wieder ihr Plakat zu ver- vollständigen. Was nimmt sie von den anderen Ergebnissen mit? Wie kann sich Paula auf die Probe vorbereiten? Welche Lerner- fahrungen macht sie? Lernen ist ein konstruktiver Prozess „Kinder lernen immer dann am besten, wenn sie eigene Erfahrungen machen dürfen und immer dann am wenigsten, wenn jemand glaubt, ihnen etwas beibringen zu müssen.“ Gerald Hüther, Neurobiologe Die moderne Hirnforschung zeigt auf, dass Kinder immer dann am besten und nachhaltigsten lernen, wenn Lernen in eigene Erfahrun- gen eingebettet ist. Diese Erkenntnis bestätigt die Erfahrung aus dem Schulalltag und aus der eigenen Biografie. Lernen ist immer dann be- sonders erfolgreich ist, wenn es gelingt, einen Bezug des zu Lernen- den zur eigenen Lebens- und Erlebenswelt herzustellen und die gesamte Persönlichkeit einzubeziehen, früher sprach man auch vom „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“. Wissen ist nicht das unmittelbare Ergebnis einer Wissensübertragung innerhalb eines Lehrprozesses. Wissen ist ein eigenständiger Prozess der Lernenden. Sie konstruieren ihr individuelles Wissen auf der Grundlage eigener Handlungen und Erfahrungen mit engem Bezug zu den Problemen der eigenen Lebenswelt. Nachhaltige Wissensaneig- nung kann deshalb nicht von außen erzeugt werden, sondern sie muss auf dem Erfahrungshorizont des Lernenden aufbauen. Kompetenzen werden auf diese Weise konstruiert und erhalten für den Lernenden Anwendungsrelevanz. sondern es kann allenfalls ermöglicht werden, dass jemand sich Wissen aneignet. Lernen als konstruktiver Prozess heißt, dass im Unterricht jedem Kind sein eigener Lernzugang er- möglicht wird. Der Lehrer stößt die Lernprozesse im Unterricht indivi- duell an. 40 17
  • 10. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:02 Uhr Seite 18 MODULARE FÖRDERUNG: Kleingruppen sind hilfreich! Jeder sitzt in der Lesegruppe, die seinem Niveau entspricht. Kei- ner muss Angst haben, dass er sich beim lauten Vorlesen blamiert oder andere überfordert. Jeder Schüler hat den Eindruck, dass die- ses Lernangebot seinem Können entspricht. Solche modularen För- dergruppen lassen neue soziale Erfahrungen zu und steigern die Lerneffektivität jedes einzelnen. Welche Lernerfahrungen sind hier möglich? Welche Effekte haben passgenaue Lernarrangements? Lernen ist ein individueller Prozess „Kinder lernen besser, wenn sie selbst lernen, als wenn man sie belehrt. Wir müssen also unsere Belehrungsanstalten zu Lernwerkstätten umbauen.“Peter Struck, Erziehungswissenschaftler Lernwege und Lernprozesse der einzelnen Schüler sind individuell und damit sehr unterschiedlich. Ebenso variiert die Lerngeschwindig- keit der einzelnen Kinder stark. Manche Schüler lernen in manchen Phasen schnell und in anderen langsam, andere Kinder lernen in be- stimmten Lernbereichen sehr gut, in anderen eher schlecht. Das sind Erfahrungen, die die Schule in der jetzigen Form immer wieder an Grenzen führt, weil sie auf diese individuellen Lernformen, Lernpro- zesse und Lerngeschwindigkeiten kaum eingehen kann. In Zukunft müssen wir in der Schule Formen und Möglichkeiten finden, individu- elles Lernen zu fördern und zu unterstützen. Dies ist durch kleine Lerngruppen, offene und individualisierte Unterrichtsmethoden und professionelle Förderkonzepte auch tatsächlich möglich. Auch manche Bildungspolitiker behaupten, dass es in den jetzigen Schul- und Unterrichtsformen möglich ist, jedem einzelnen Schüler gerecht zu werden und diesen individuell zu fördern. Wir als Lehrer wissen, dass im schulischen Alltag Kinder kaum individuell gefördert werden können mit der vereinzelten Ausnahme einer äußeren Diffe- renzierung in Kleingruppen. Diese stellen jedoch kein Regelangebot an Schulen dar, da es dazu an Personal fehlt. 18 19
  • 11. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:02 Uhr Seite 20 LERNEN MAL ANDERS! Jeder Schultag beginnt gleich … Fünf Schüler in einer Klasse. Sarah, Linda, Max und Thomas sitzen im Rollstuhl und Valentin läuft mit wippendem Oberköper ununter- brochen um den Roll-Stuhlkreis. Dabei macht er kreischende Ge- räusche. Die Lehrerin stellt eine Spieluhr mit tanzenden Fröschen auf den Tisch. Schlagartig ist es still im Raum. Valentin bleibt stehen und blickt auf die kreiselnden Frösche. Linda sowie Thomas heben ihren Kopf in Richtung Geräuschquelle. Die Sonderschullehrerin wendet sich Max zu und berührt seinen Arm. Er dreht seine Augen in ihre Richtung. Sarah wird gleichzeitig von der heilpädagogischen Förderlehrerin rythmisch zur Musik im Rollstuhl bewegt und fängt an zu brummen. Seit sieben Monaten beginnt genau so der Mor- genkreis der 6. Klasse. Welche Lernerfahrungen haben die Kinder bisher gemacht? Welches schulische Lernverständnis haben die Pädagogen in einer solchen Klasse? Lernen ist ein kommunikativer Prozess „Wer Kinder zu kompetenten, starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen will, muss in Beziehungen denken und in Beziehungsfähigkeit investieren. Das ist das Geheimnis einer Schulkultur, bei der niemand als Verlierer zurückgelassen wird.“ Gerald Hüther, Neurobiologe Weitgehend unterbewertet in der Schule ist die Bedeutung der Kom- munikation für das Lernen. Der Erwerb von Wissen erfolgt in der Schule im Regelfall in Interaktion mit anderen. Lernen ist ein Interak- tionsprozess zwischen den Lernenden selbst und zwischen Lernen- den und Lehrern. Lernen ist somit als Prozess zu sehen, der in einer bestimmten Lernkultur stattfindet, in der Wissensinhalte, aber auch Werthaltungen und Einstellungen miteinander ausgehandelt werden. Angenehme soziale Bedingungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass erfolgreich gelernt wird. Unter Druck lernt niemand gut. Dies ver- langt in der Schule ausreichend Raum für Kommunikation und das Erlernen von Kommunikationskompetenz. Hierbei sind heterogene Schülergruppen kein Manko, sondern eine Chance. Durch unterschiedliche Lernfortschritte können Schüler von- einander lernen. Dies festigt die Kompetenzen der Leistungsstärke- ren, verbessert die Kommunikation zwischen den Schülern und fördert die soziale Verantwortung innerhalb einer Gruppe. Schule muss den Zusammenhang von sozialem Lernen, Aneignung von Fachwissen und Kompetenzerwerb entdecken. Lernen als kommunikativen sozialen Prozess zu verstehen bedeutet, eine positive Lernkultur zu ermöglichen. In unserem jetzigen auf Se- lektion, Leistung und Konkurrenz ausgelegten System ist es dem Leh- rer nur selten möglich eine kommunikative Lernatmosphäre zu schaffen, die echte Kommunikation zwischen den Schülern ermöglicht. 20 21
  • 12. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 22 WOCHENPLANUNTERRICHT: … und dann? Wochenplanunterricht in der 3a: für jeden das Richtige? Jeden Tag beginnt der Unterricht in der Ganztagsklasse 3a nach dem gleichen Schema: alle Kinder arbeiten am Wochenplan und su- chen sich „ihre“ Aufgaben. Manche arbeiten in der Gruppe, andere mit einem Partner und wieder andere ganz alleine oder mit der Hilfe der Lehrerin. Viele Kinder werden mit allen Pflicht-, Wahl-, und Kür- aufgaben fertig, manche nicht. Einige sind auch zu Hause fleißig und arbeiten mit den Eltern am Wochenplan weiter. Anderen fehlt immer viel vom Wochenplan, denn weder in der Schule können sie konzentriert arbeiten, noch haben sie zu Hause Unterstützung. Wer lernt nun eigentlich was im Wochenplanunterricht? Lernen alle genügen? Ist das individuelles Lernen? Lernen basiert auf Motivation „Zahlreiche Untersuchungen haben belegt, dass vorhandene Lernmotivation durch das Einengen von Spielräumen, das detaillierte Vorschreiben und massive Kontrollieren deutlich reduziert wird.“ Manfred Prenzel, Bildungsforscher Lernen ist ein ganzheitlicher Prozess, der sowohl die kognitive als auch die emotionale Seite des Individuums umfasst. Insofern muss Lernen zum übergeordneten Ziel die Motivation der Schüler haben, Kompetenzen zu erwerben und sie auch anzuwenden. Motivation hat viel mit Erfolg, emotionaler Befriedigung und Kommunikation zu tun. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass vorhandene Lernmotiva- tion durch das Einengen von Spielräumen, das detail-lierte Vorschrei- ben und massive Kontrollieren deutlich reduziert wird. Erfolgreiches Lernen braucht Spielräume und Freiheit. Schule muss solche Spiel- räume und Freiheiten erhalten, um eine Kultur der Motivation und Er- mutigung schaffen zu können, auch wenn dies im Schulalltag nicht immer einfach ist. Belohnungen in Form von guten Noten sind keine wirklich nachhaltige Motivation. Schulartwechsel und Klassenwieder- holung sind eher ein Zeichen der Ohnmacht als ein Zeichen pädago- gischer Kompetenz. Sie müssen durch neue Diagnoseformen und Förderangebote sukzessive ersetzt werden. 22 23
  • 13. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 24 GESCHICHTE IN DER 11. KLASSE : selbstorganisiert möglich? Die Lehrerin setzt auf schüleraktivierenden Unterricht. Sie bereitet eine Grup- penarbeit vor, in der die Schüler anhand von Quellen die politischen Reak- tionen auf den Mauerbau 1963 untersuchen und diese dann in einem Rollenspiel im Stil einer Fernseh-Talk-Show präsentieren sollen. In der Prä- sentation stellt sich heraus, dass die komplexen Positionen und die rhetori- sche Verschleierung der tatsächlichen Standpunkte in den bearbeiteten offiziellen Verlautbarungen von den Schülern nicht verstanden wurden. Da- rauf erklärt die Lehrerin in einem komplizierten Lehrervortrag die Sachlage selbst.Warum scheitert dieser Versuch der Schüleraktivierung? Welche Er- fahrungen machen die Schüler und die Lehrerin? Lernen beruht auf Beziehung „Überall dort, wo Menschen mit Menschen zu tun haben, muss ein Umdenken passieren. Motivation und Teamgeist, Freude am Lernen und Kooperation gilt es zu fördern, um der Bildungsmisere zu begegnen.“ Joachim Bauer, Neurobiologe Die moderne Hirnforschung belegt, dass im Gegensatz zu den Annahmen der biologistischen Verhaltenstheorien nicht Aggression das Handeln des Menschen dominiert, sondern das Streben nach sozialer Akzeptanz und Kooperation. Geis- tige Tätigkeit, Gefühle und Erlebnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen hin- terlassen im Gehirn biologische Spuren und Veränderungen. Unsere Gene sind keine «Autisten», sie steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert. Der Neuro- wissenschaftler Prof. Dr. Joachim Bauer weist darauf hin, dass Ausgrenzung und Demütigung in der sozialen Gruppe häufig zu Aggression führt. Die Bedeutung der Beziehung in der Schule für erfolgreiches Lernen ist kaum anerkannt. In der Schule gibt es aufgrund des Lehrplandrucks, der Unterrichts- truktur und des Zeitmangels zu wenige Möglichkeiten, diese Beziehungsdimen- sion zu leben. In der Schule muss eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werden, so dass auch Fehler möglich sind ohne Angst vor Akzeptanzverlust. Dazu bedarf es einer bewussten Gestaltung des Schullebens unter Zusammenwirken der Lehrer, der Schüler und auch der Eltern. Die Lehrer müssen verstärkt Mög- lichkeiten und Freiräume erhalten, eine persönliche Beziehung mit ihren Schülern einzugehen. Anstatt sie vorwiegend zu bewerten, zu unterrichten, zu belehren, müssten sie einladen, ermutigen und inspirieren. Wenn diese sechs Aspekte des Lernens in die Gestaltung von Schule und Un- terricht einfließen, sprechen wir von verständnisorientiertem Lernen im Sinne des Jenaer Pädagogen Prof. Dr. Peter Fauser. Nicht das bloße Wissen steht dann im Mittelpunkt des Unterrichtens, sondern das Verständnis von Wissens- und Le- benszusammenhängen. Lernen in diesem Sinne gewinnt eine neue Qualität für Lehrer und Schüler. Es verlangt eine neue Schulkultur, ein verändertes Professi- onsverständnis, einen stark reduzierten kompetenzorientierten Lehrplan und die Bereitschaft der Politik und der Verwaltung, personelle und finanzielle Ressour- cen in deutlich größerem Umfang den Schulen zur Verfügung zu stellen. Lernen ist nur nachhaltig, wenn es erfahrungsbasiert und verständnisorientiert ist. 24 25
  • 14. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 26 Wie kann ein neuer Lernbegriff in der Schule umgesetzt werden? Der renommierte Jenaer Erziehungswissen- schaftler Peter Fauser plädiert für ein „verständ- nisintensives Lernen“, bei dem die Lehrer auf die Denkweise der Schüler eingehen und sie da abholen sollen, wo sie gedanklich gerade stehen. Dieses Vorgehen schließt ein, Schüler nicht zu korrigieren und ihnen die „korrekte Antwort“ zu diktieren, sondern die Gedanken der Schüler gemeinsam weiterzudenken. 26 27
  • 15. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 28 Lernen im 21. Jahrhundert ist anders! Das Prinzip des Förderns Die Frage der Heterogenität der Lebenswelten, der Erfahrungshorizonte und des Wissen der Kinder und Ju- In der Schule muss das Prinzip des Förderns ernst genommen werden. Struktur und Formen des Unterrichts gendlichen stellt eine der größten Herausforderungen des Lernens im 21. Jahrhundert dar. Während in der Ge- müssen ein Lernklima des Förderns schaffen. Dazu bedarf es zusätzlichen Förderunterrichts, der Einführung von sellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts noch von ähnlichen Erfahrungs- und Lebenshorizonten innerhalb der Portfolios als Leistungsfeedback und der Überwindung pauschalisierter Sanktionsmaßnahmen wie das Wie- Kinder an den unterschiedlichen Schularten ausgegangen werden konnte, hat sich dies heute weitgehend ver- derholen einer Jahrgangsstufe oder die Rückversetzung in eine andere Schulart. Dazu gehört auch ein anderer wischt. In allen Schulen, auch in den Gymnasien, Realschulen und Mittelschulen ist die Schulrealität von einem Umgang mit Fehlern. In jedem Fehler liegt eine Chance zum Lernen. Es gilt offen und konstruktiv damit umzu- hohen Maß an Heterogenität geprägt. gehen. Sie sollten nicht zu Degradierungen und Sanktionen führen, sondern sind Anlass für Fördermaßnahmen. Das Prinzip des Förderns erfordert Differenzierungsstunden, modulare Förderstunden und diagnosegeleitete Das traditionelle Sozialisationsmilieu der Schüler jeder Schulart ist längst überholt. Das Gymnasium ist nicht Lernbegleitung. Solche Fördermaßnahmen sind in einer Schule, die mit einem neuen Lernbegriff arbeitet, un- mehr den Kindern aus Akademikerfamilien und dem Bildungsbürgertum vorbehalten, die Schülerschaft der Re- abdingbar. Dazu bedarf es anderer Arbeitsbedingungen, vor allem mehr Zeit- und Finanzressourcen, wobei bei alschule setzt sich keineswegs mehr in erster Linie aus Kindern aus Mittelschichtfamilien und von Angestellten der Zuteilung dieser Ressourcen ein Sozialindex der Schule zu berücksichtigen sein wird. zusammen und in den Haupt- und Mittelschulen finden sich auch nicht mehr vorwiegend Kinder aus Handwer- ker- und Arbeiterfamilien. Mit Ausnahme der Haupt- und Mittelschulen mischen sich in Realschulen und Gym- nasien Schüler aller sozialer Gruppen und Schichten mit sehr unterschiedlichen familiären Sozialisationsbe- Offene Unterrichtsmethoden dingungen. Die Haupt-/Mittelschule in städtischen Regionen ist inzwischen die Schule der Kinder mit Migrati- Offene Unterrichtsmethoden müssen neben den gebundenen in allen Jahrgangsstufen und Schularten mehr an onshintergrund und aus Familien mit äußert schwierigem sozialen Hintergrund geworden. Bedeutung gewinnen. Es gilt, individualisierende Unterrichtsmethoden rythmisiert in allen Jahrgangsstufen ein- zusetzen. Dazu müssen die Lehrpläne drastisch reduziert werden. Rahmenlehrpläne müssen die detaillierten Auch die familiäre Förderung der Kinder ist inzwischen sehr heterogen. Es gibt Kinder, die eine Vielzahl zusätz- Lehrpläne ersetzen. Projekttage und Projektwochen müssen im Jahresverlauf fest eingeplant werden. Zeit- licher Bildungsangebote wahrnehmen vom Ballett bis zur Reitstunde, vom Schikurs bis zum Klavierunterricht. An- fenster für Blockunterricht und klassenübergreifende Themen und Aktivitäten müssen berücksichtigt werden. dere haben keine Möglichkeiten, da die finanziellen Ressourcen fehlen. Viele erhalten private Förderung in Form von Nachhilfestunden und Sprachaufenthalte im Ausland. Andere sind auf sich selbst gestellt. Es gibt Kinder, deren beide Eltern arbeiten, andere bei denen die Mutter zuhause ist und den Kindern oft auch bei den Haus- Systematische Formen des professionellen Austauschs aufgaben hilft. Es gibt Kinder, die gesund und regelmäßig essen und es gibt Kinder, die fehlernährt sind. Hinzu Die respektvolle und kontinuierliche Zusammenarbeit der pädagogischen Professionen in der Schule erfordert kommen die unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen, biografischen Hintergründe und individuellen Lerndis- systematische Formen des professionellen Austauschs. Im Arbeitsfeld Schule arbeiten verschiedene Profes- positionen, wobei die Lernbiografie (Familie, Kindergarten, Grundschule) eine zentrale Rolle spielt. sionen mit unterschiedlichen Kompetenzen (Lehrer, Schulsozialarbeiter, Beratungslehrer, Schulpsychologen, Förderlehrer, Psychotherapeuten, Sonderpädagogen, Ergotherapeuten, Logopäden, Heilpädagogen und wei- Vor diesem Hintergrund ist die zentrale Frage für den Unterricht und den Lehrer heute, wie es gelingt, mit die- tere Experten) zusammen und sollten in Zukunft gemeinsam ein Förderkonzept entwickeln, das einer hetero- sen unterschiedlichen individuellen Lernvoraussetzungen, Lerngeschwindigkeiten und Lernbiografien der Schü- genen Schülerschaft gerecht wird. Dazu bedarf es ausreichend Zeit für Teamsitzungen und Projektplanungen. ler so umzugehen, dass der Einzelne optimale Lernerfolge erzielt und der Klassenverband als soziale Gemeinschaft erhalten bleibt? Gibt es Methoden, diese Heterogenität als Chance für effizientes Lernen zu nut- zen oder stehen sie effizientem Lernen im Wege? Im Mittelpunkt des Unterrichts steht das einzelne Kind Im Mittelpunkt des Unterrichts muss das einzelne Kind stehen. Das ist in der Praxis nur möglich, wenn der Leh- Um Heterogenität als Chance für effizientes Lernen im Sinne eines neuen Lernbegriffes umzusetzen, sind aus rer die Chance hat, die individuellen Stärken und Schwächen des einzelnen Schülers im Unterricht zu erkennen Sicht des BLLV einige grundlegende Veränderungen in der Schule notwendig: und zu bearbeiten. Dazu sind ausreichend Ressourcen für Kleingruppenarbeit, Differenzierungsstunden, modu- lare Förderstunden und diagnosegeleitete Lernbegleitung notwendig. Sie müssen mit einem zur Schülerzahl re- lativen Lehrerstundenmaß bemessen werden. Hierbei sind die jeweiligen spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen der einzelnen Schule zu sehen, insbesondere auch das soziale Umfeld, in dem eine Schul- standort liegt. 28 29
  • 16. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 30 Was heißt ein neuer Lernbegriff für den Lehrer? Gute Lehrer sind wie gute Ein neues Konzept von Lernen in der Schule stellt für die Profession und das Selbstverständnis des Lehrers eine Herausforderung dar. Die Rolle des Lehrers wird neu zu definieren sein. Köche, die nutzen Rezepte Lehrer werden viel stärker als bisher als Lernbegleiter und Lerncoach Methoden der individuellen Förderung von Schülern in den Mittelpunkt ihres Unterrichts stellen. Hierzu benötigen sie eine große Bandbreite von Unterrichtsmethoden. Da sich verständnisorientiertes Lernen viel stärker auf handlungs- und kompetenzorien- als Anregung, halten sich aber tierte Inhalte bezieht, muss der Lehrer über ein breites didaktisches Repertoire verfügen. Unterrichtsmethoden und eine am verständnisorientierten Lernen ausgerichtete Didaktik gewinnen erheblich an Bedeutung im Unterricht, in der Lehrerbildung und in der Lehrerfortbildung. Der Lehrer wird in einer Schule mit einem nicht an die Mengenangaben. verständnisorientierten Lernbegriff nicht mehr als „Einzelkämpfer“ auftreten. Lehrer werden in Zukunft verstärkt im Team arbeiten - im Jahrgangsteam oder in Form des Teamteaching. Lehrer werden in starkem Umfang untereinander, mit anderen in der Schule tätigen Professionen und mit den Eltern kooperieren. Dazu bedarf es Durch Abschmecken und für den Lehrer Unterstützungs- und Fortbildungsmaßnahmen. Für die Professionalität des Lehrers bedeutet ein neuer Lernbegriff neben fundierten Kenntnissen in den Überprüfung der Konsistenz Fächern, die er studiert und unterrichtet, profunde Kompetenzen in der Diagnose von Lernprozessen, in der Ge- staltung anspruchsvoller Lehr- und Lernumgebungen, in der Kommunikation und bei Evaluation und Reflektion. während der Zubereitung Da bei einem neuen Lernbegriff soziales Lernen an Bedeutung gewinnt, muss der Lehrer verstärkt Formen des gegenseitigen Austauschs in der Lerngruppe bzw. der Klasse aufbauen. Dazu braucht er besondere Kommuni- kationskompetenzen und Kenntnisse in gruppendynamischen Prozessen. erkennen sie, was und wie viel Ein neuer Lernbegriff wird auch zu einem neuen Verantwortungsbewusstsein der Lehrer führen. Sie sind als Gruppe zusammen mit der Schulleitung für ihre Schule verantwortlich, für deren Förderkonzept und deren Ak- sie noch brauchen, damit ein zeptanz bei den Eltern. Sie werden dies offensiv und überzeugend den Eltern und der Schulverwaltung darstel- len und sie dafür gewinnen müssen. gutes Gericht entsteht. Mit einem neuen Lernbegriff wird sich auch die Rolle des Schulleiters ändern. Er wird viel stärker die Aufgabe der Konzept- und Personalentwicklung übernehmen müssen, wofür er Zeit und Fortbildung benötigt ebenso wie die Möglichkeit, Supervisoren einzusetzen. Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin 31
  • 17. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 32 Welche Chancen hat ein neuer Lernbegriff? „Lehrer brauchen ein Der Weg zur Umsetzung eines neuen Lernbegriffes in der Schule wird für Kolleginnen und Kollegen das Beschreiten neuer Wege bedeuten. Das verursacht manchmal Angst, Unsicherheit, Widerstand und Ablehnung. Dennoch wird dieser Weg viel Kreativität und Freude freisetzen, denn Schule wird zu einem Raum der profes- Erklärungsmodell dafür, sionellen Gestaltung, des gemeinsamen Dialogs und der individuellen Motivation werden. Dies wird zu einer hö- heren Berufszufriedenheit bei Lehrerinnen und Lehrern führen. wie unterschiedliche Formen Dies allerdings setzt voraus, dass die Schulpolitik bereit ist, diesen Weg durch eine spürbare Erhöhung der finanziellen und personellen Ressourcen zu ermöglichen. Ohne deutliche Verbesserung der Lehrerstundenzu- weisung, ohne größere finanzielle Ressourcen für die einzelne Schule, ohne verstärkte Eigenverantwortung und der Unterrichtsgestaltung ohne umfassende Maßnahmen der Motivation und Fortbildung der Lehrer und Schulleiter wird dieser Weg schei- tern müssen. auf das Lernen wirken. Welche Rolle spielt die Politik? Als Lehrender muss man genau untersuchen und Eine verantwortungsbewusste Bildungspolitik hat die zentrale Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Mittel für Bildung und für die Schule deutlich erweitert werden. Das Ziel, 10 % des Bruttoinlandsproduktes in Bildung zu investieren, ist auch in Bayern noch lange nicht erreicht. Nur mit ausreichend Ressourcen aber kann ein neuer verstehen, wie Schüler Lernbegriff erfolgreich in den Schulen umgesetzt werden. Für die Politik heißt ein neuer Lernbegriff möglichst früh möglichst gute Lernmöglichkeiten für unsere Kinder lernen.“ Prof. Dr. U. Runesson, Professorin der Pädagogik, Schweden Jönköping bereit zu stellen. Kindertagesstätten, Kinderkrippen und Kindergärten sind keine Institutionen der sozialistischen Einheitsgesellschaft, sie sind hoch effiziente Einrichtungen, um Lernfreude und Lernfähigkeit der Kinder früh und nachhaltig zu entwickeln. Sie sind eine wichtige Ergänzung für die Erziehung in der modernen Familie. Ein aus- reichendes Angebot an Kinderkrippen, kostenlose Kindergartenbetreuung ab dem 4. Lebensjahr und ein ver- pflichtendes letztes Kindergartenjahr sind notwendig. Ebenso muss die Ausbildung der Erzieherinnen verbessert und die Bezahlung deutlich angehoben werden. Für die Politik heißt die Umsetzung eines neuen Lernbegriffes weiterhin, die gebundene Ganztagsschule an allen Schulen konsequent auszubauen und den Auslesedruck in der 4. Jahrgangsstufe zu überwinden. Für eine Kultur des Förderns im Sinne eines neuen Lernbegriffes bedarf es pragmatischer integrativer Schulkonzepte als Alternative oder als Ersatz zum Gymnasium. Dies müssen zugelassen werden, wenn die Verantwortlichen vor Ort sich dafür aussprechen und entsprechende pädagogische Konzepte vorlegen. Für die Politik heißt ein neuer Lernbegriff schließlich eine grundlegende Reform der Lehrerbildung. Sie muss neben der Fachkompetenz die pädagogischen, psychologischen und vor allem methodisch-didaktischen Kom- petenzen ausbauen. Hierzu muss auch das Studium selbst deutlich stärker berufsfeldorientiert aufgebaut sein. 33
  • 18. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 34 Welche Rolle spielt die Schulverwaltung? Für die Schulverwaltung heißt ein neuer Lernbegriff in der Schule, alle Maßnahmen zu ergreifen, die die eigen- verantwortliche Schule unterstützen. Hierzu gehören Verlagerungen von Entscheidungskompetenzen im Be- „Wenn wir die Kinder des reich Lehrplan, Unterrichtsmethoden, Lehrereinsatz, Ressourceneinsatz, Fortbildungsmaßnahmen und Per- sonalführung an die einzelne Schule. 21. Jahrhunderts von Lehrern Für die Schulverwaltung heißt ein neuer Lernbegriff in der Schule den systematischen Ausbau der Schulent- wicklung konsequent voranzutreiben. Die Instrumentarien hierzu wie externe Evaluation, Beratungsteams und Coaches müssen ausgebaut werden, ebenso wie die Qualifikation und das Berufsbild der Schulleiter. mit einem Ausbildungsstand des Für die Schulverwaltung heißt ein neuer Lernbegriff schließlich auch eine neue Kommunikationsstruktur und neue Kommunikationsformen zwischen den Verwaltungsebenen. Ziel aller Kommunikation ist die Motivation der 20. Jahrhunderts in einem Schul- Mitarbeiter und die Stärkung der professionellen Eigenverantwortung. system unterrichten lassen, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde und sich seitdem nur graduell verändert hat, dann kann das so nicht funktionieren.“ Andreas Schleicher, Bildungsforscher 34
  • 19. Lernen_rs_1:Lernbegriff_Broschuere_V1 21.05.2012 11:03 Uhr Seite 36 www.bllv.de