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Das Ende der Privatheit? Dr. Jan-Hinrik Schmidt Wissenschaftlicher Referent  für digitale interaktive Medien  und politische Kommunikation Ingolstadt, 14.1.2011
Perfektes Timing! © Matt Groening
Worüber spreche ich? These:  Die Diagnose vom vermeintlichen Ende der Privatheit, genauer: der verschwimmenden Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit im Internet, lässt sich (auch) auf eine spezifische Kommunikationsarchitektur  – die „persönlichen Öffentlichkeiten“ - zurückführen. Agenda: Ursprung: Nutzungspraktiken im Social Web Folge: Entstehen und Struktur persönlicher Öffentlichkeiten Leitbild: Informationelle Selbstbestimmung im Web 2.0
Was geschieht im Social Web? Diagnosen. Heranwachsen mit dem Social Web Das neue Netz  Emergenz digitaler Öffentlichkeiten  (Stefan Münker) A Private Sphere (Zizi Papacharissi) The Digital Person (Daniel Solove)
Was geschieht im Social Web? Das Social Web senkt die Hürden für onlinebasiertes… www.flickr.com/photos/44029537@N00/12760664/ Identitätsmanagement  (Darstellung individueller Interessen, Erlebnisse, Meinungen, Kompetenzen, etc.) http://flickr.com/photos/mylesdgrant/495698908/ Beziehungsmanagement  (Pflege von bestehenden und Knüpfen von neuen Beziehungen) http://www.flickr.com/photos/axels_bilder/1267008046/ Informationsmanagement  (Selektion und Weiterverbreitung von relevanten Daten, Informationen, Wissen- und Kulturgütern)
Internet – eine eigene Welt? Verbreitete Annahme: Das Internet sei ein „Cyberspace“, in dem Menschen ihren Körper hinter sich lassen und neue Identitäten schaffen http://themiddleeastinterest.files.wordpress.com/2007/12/matrix.jpg  Aber: Wie wird Identität im Internet tatsächlich abgebildet?
Identitäten im Internet
Artikulierte soziale Netzwerke 12-24jährige Nutzer von Netzwerkplattformen hatten 2008… …  im Durchschnitt:  130 Freunde …  davon bereits persönlich getroffen die meisten: 85 Prozent weniger als die Hälfte: 5 Prozent …  als enge Freunde angesehen  die meisten:  15 Prozent weniger als die Hälfte: 62 Prozent    Das Internet dient als Werkzeug, um Kontakte aufrechtzuerhalten, die bereits auf anderem Weg bestanden Quelle: Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009
Authentizität und Selbstdarstellung Aussagen zur Selbstpräsentation im Internet (2008; 12-24jährige; Zustimmung in %) Quelle: Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009; „Stimme voll und ganz zu“ und „Stimme eher zu“ auf vierstufiger Skala.
Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten Social Web unterstützt das Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten, in denen Nutzer (a)  Informationen   nach Kriterien der persönlichen Relevanz auswählen , [anstatt nach journalistischen Nachrichtenfaktoren] (b)  sich an ein (intendiertes) Publikum richten, das aus sozialen Kontakten besteht , [anstatt des verstreuten, unbekannten, unverbundenen Publikums der Massenmedien] (c)  und sich im Kommunikationsmodus des „Konversation betreibens“ befinden. [anstatt im Modus des „Publizierens“]
Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten Vor allem in diesen persönlichen Öffentlichkeiten des Social Web verschwimmt die Trennung zwischen „Sender“- und „Empfänger“-Rollen der Massenkommunikation Twitter, Facebook u.ä. Angebote haben Konzept des „streams“ popularisiert  – der konstante Informationsfluss, der an die Seite bzw. Stelle von statischem Text tritt
Holländische Wohnzimmer? http://www.colinupton.com/illus/images/cyberillo1.jpg http://www.flickr.com/photos/mrlerone/2360572263/
Architektur netzbasierter Öffentlichkeiten Die Kommunikationsräume des Social Web weisen (als Unter-gruppe onlinebasierter vernetzter Öffentlichkeiten) eine spezifische „Architektur“ auf; sie sind… Dauerhaft : Fotos, Kommentare oder Meinungen sind auch Tage, Wochen oder Jahre später noch abrufbar Kopierbar : Texte, Bilder, Videos etc. können ohne Qualitätsverlust (und damit möglicherweise unbemerkt) kopiert und an anderer Stelle eingefügt werden Skalierbar : Ein Video, Foto, Text kann zehn, hundert oder fünf Millionen Menschen erreichen Durchsuch/Aggregierbar:  Informationen über eine Person oder ein Thema können von ganz unterschiedlichen Stellen im Netz zusammen getragen werden    
Architektur netzbasierter Öffentlichkeiten Diese Merkmale onlinebasierter Kommunikationsräume berühren auch die Balance von Selbstoffenbarung und Privatsphärenschutz - über das Konzept von „Publikum“      a) Intendiertes Publikum: Welches Publikum habe ich ganz allgemein im Sinn, wenn ich einen bestimmten Internetdienst nutze? b) Adressiertes Publikum: Welchem Publikum mache ich in einer spezifischen Situation bestimmte Äußerungen/Informationen tatsächlich zugänglich? c) Empirisches Publikum: Welches Publikum nimmt faktisch tatsächlich Kenntnis von einer Äußerung bzw. Information?  d) Potentielles Publikum: Wie ist die „technische Erreichbarkeit” – welches Publikum hat technisch die Möglichkeit, irgendwann irgendwie Zugang zu haben?
Informationelle Selbstbestimmung im Web 2.0 Die vernetzen Öffentlichkeiten des Web 2.0 erfordern eine Rückbesinnung auf das Prinzip der „informationellen Selbstbestimmung“ Diese umfasst die Kontrolle einer Person (a) über die von ihr selbst mitgeteilten Daten, (b) über die sie betreffenden Daten, die andere Nutzer preisgeben sowie (c) über die Daten, die Betreiber, aber auch staatliche Stellen sammeln. Sie hat drei Facetten, denn sie ist… …  normatives Konzept , da sie Bestandteil der verfassungsmäßigen Ordnung (und in Datenschutzregelungen etc. näher spezifiziert) ist und zudem als zumindest diffuse Erwartung bei vielen Nutzern vorliegt;  …  ausgeübte Praxis , da Nutzer sie (mehr oder weniger kompetent, reflektiert, evtl. auch scheiternd) ausüben, wenn sie sich in den vernetzten persönlichen Öffentlichkeiten des Social Web bewegen. …  notwendige Kompetenz , weil das eigenständige Wahrnehmen des „Rechts auf Privatheit”, die informierte Einwilligung in Datenverarbeitung oder auch die informationelle Autonomie bestimmte Wissensformen und Fertigkeiten voraussetzt.
Fazit Das gegenwärtige Internet scheint das Ende der Privatsphäre einzuläuten, weil es einen neuen Typ von Öffentlichkeit entstehen lässt: Persönliche Öffentlichkeiten bestehen aus Informationen von persönlicher Relevanz, die an vergleichsweise kleine Publika gerichtet sind; es geht eher um Konversation als um Publizieren Diese Entwicklung macht neue Mechanismen und Strategien der Grenzziehung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit erforderlich, die sich am Leitbild der informationellen Selbstbestimmung messen lassen müssen Weiterführende Fragen:  Wer gestaltet die Architektur, die Algorithmen und den Code der neuen Räume? Inwiefern ist der Staat Garant der Privatsphäre (z.B. durch Datenschutzgesetzgebung gegenüber ökonomischen Interessen), inwiefern bedroht er Privatsphäre (z.B. durch die Voratsdatenspeicherung)? Welche Rolle spielen persönliche Öffentlichkeiten in Hinblick auf politische Partizipation, auch und gerade in Bezug auf die Selbstbestimmung an den eigenen Angelegenheiten als „digital citizen“?
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Dr. Jan-Hinrik Schmidt Hans-Bredow-Institut Warburgstr. 8-10, 20354 Hamburg [email_address] www.hans-bredow-institut.de www.schmidtmitdete.de www.dasneuenetz.de
Weiterführende Literatur Schmidt, Jan (2009): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Konsequenzen des Web 2.0. Konstanz. Schmidt, Jan/Ingrid Paus-Hasebrink/Uwe Hasebrink (Hrsg.) (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Berlin . Solove, Daniel (2006): The Digital Person: Technology and Privacy in the Information Age. Cambridge. Münker, Stefan (2009): Emergenz digitaler Öffentlichkeiten – Die Sozialen Medien im Web 2.0. Frankfurt a.M. Papacharissi, Zizi (2010): A private sphere. Democracy in a digital age. Cambridge.

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  • 1. Das Ende der Privatheit? Dr. Jan-Hinrik Schmidt Wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation Ingolstadt, 14.1.2011
  • 2. Perfektes Timing! © Matt Groening
  • 3. Worüber spreche ich? These: Die Diagnose vom vermeintlichen Ende der Privatheit, genauer: der verschwimmenden Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit im Internet, lässt sich (auch) auf eine spezifische Kommunikationsarchitektur – die „persönlichen Öffentlichkeiten“ - zurückführen. Agenda: Ursprung: Nutzungspraktiken im Social Web Folge: Entstehen und Struktur persönlicher Öffentlichkeiten Leitbild: Informationelle Selbstbestimmung im Web 2.0
  • 4. Was geschieht im Social Web? Diagnosen. Heranwachsen mit dem Social Web Das neue Netz Emergenz digitaler Öffentlichkeiten (Stefan Münker) A Private Sphere (Zizi Papacharissi) The Digital Person (Daniel Solove)
  • 5. Was geschieht im Social Web? Das Social Web senkt die Hürden für onlinebasiertes… www.flickr.com/photos/44029537@N00/12760664/ Identitätsmanagement (Darstellung individueller Interessen, Erlebnisse, Meinungen, Kompetenzen, etc.) http://flickr.com/photos/mylesdgrant/495698908/ Beziehungsmanagement (Pflege von bestehenden und Knüpfen von neuen Beziehungen) http://www.flickr.com/photos/axels_bilder/1267008046/ Informationsmanagement (Selektion und Weiterverbreitung von relevanten Daten, Informationen, Wissen- und Kulturgütern)
  • 6. Internet – eine eigene Welt? Verbreitete Annahme: Das Internet sei ein „Cyberspace“, in dem Menschen ihren Körper hinter sich lassen und neue Identitäten schaffen http://themiddleeastinterest.files.wordpress.com/2007/12/matrix.jpg  Aber: Wie wird Identität im Internet tatsächlich abgebildet?
  • 8. Artikulierte soziale Netzwerke 12-24jährige Nutzer von Netzwerkplattformen hatten 2008… … im Durchschnitt: 130 Freunde … davon bereits persönlich getroffen die meisten: 85 Prozent weniger als die Hälfte: 5 Prozent … als enge Freunde angesehen die meisten: 15 Prozent weniger als die Hälfte: 62 Prozent  Das Internet dient als Werkzeug, um Kontakte aufrechtzuerhalten, die bereits auf anderem Weg bestanden Quelle: Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009
  • 9. Authentizität und Selbstdarstellung Aussagen zur Selbstpräsentation im Internet (2008; 12-24jährige; Zustimmung in %) Quelle: Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009; „Stimme voll und ganz zu“ und „Stimme eher zu“ auf vierstufiger Skala.
  • 10. Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten Social Web unterstützt das Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten, in denen Nutzer (a) Informationen nach Kriterien der persönlichen Relevanz auswählen , [anstatt nach journalistischen Nachrichtenfaktoren] (b) sich an ein (intendiertes) Publikum richten, das aus sozialen Kontakten besteht , [anstatt des verstreuten, unbekannten, unverbundenen Publikums der Massenmedien] (c) und sich im Kommunikationsmodus des „Konversation betreibens“ befinden. [anstatt im Modus des „Publizierens“]
  • 11. Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten Vor allem in diesen persönlichen Öffentlichkeiten des Social Web verschwimmt die Trennung zwischen „Sender“- und „Empfänger“-Rollen der Massenkommunikation Twitter, Facebook u.ä. Angebote haben Konzept des „streams“ popularisiert – der konstante Informationsfluss, der an die Seite bzw. Stelle von statischem Text tritt
  • 12. Holländische Wohnzimmer? http://www.colinupton.com/illus/images/cyberillo1.jpg http://www.flickr.com/photos/mrlerone/2360572263/
  • 13. Architektur netzbasierter Öffentlichkeiten Die Kommunikationsräume des Social Web weisen (als Unter-gruppe onlinebasierter vernetzter Öffentlichkeiten) eine spezifische „Architektur“ auf; sie sind… Dauerhaft : Fotos, Kommentare oder Meinungen sind auch Tage, Wochen oder Jahre später noch abrufbar Kopierbar : Texte, Bilder, Videos etc. können ohne Qualitätsverlust (und damit möglicherweise unbemerkt) kopiert und an anderer Stelle eingefügt werden Skalierbar : Ein Video, Foto, Text kann zehn, hundert oder fünf Millionen Menschen erreichen Durchsuch/Aggregierbar: Informationen über eine Person oder ein Thema können von ganz unterschiedlichen Stellen im Netz zusammen getragen werden    
  • 14. Architektur netzbasierter Öffentlichkeiten Diese Merkmale onlinebasierter Kommunikationsräume berühren auch die Balance von Selbstoffenbarung und Privatsphärenschutz - über das Konzept von „Publikum“     a) Intendiertes Publikum: Welches Publikum habe ich ganz allgemein im Sinn, wenn ich einen bestimmten Internetdienst nutze? b) Adressiertes Publikum: Welchem Publikum mache ich in einer spezifischen Situation bestimmte Äußerungen/Informationen tatsächlich zugänglich? c) Empirisches Publikum: Welches Publikum nimmt faktisch tatsächlich Kenntnis von einer Äußerung bzw. Information? d) Potentielles Publikum: Wie ist die „technische Erreichbarkeit” – welches Publikum hat technisch die Möglichkeit, irgendwann irgendwie Zugang zu haben?
  • 15. Informationelle Selbstbestimmung im Web 2.0 Die vernetzen Öffentlichkeiten des Web 2.0 erfordern eine Rückbesinnung auf das Prinzip der „informationellen Selbstbestimmung“ Diese umfasst die Kontrolle einer Person (a) über die von ihr selbst mitgeteilten Daten, (b) über die sie betreffenden Daten, die andere Nutzer preisgeben sowie (c) über die Daten, die Betreiber, aber auch staatliche Stellen sammeln. Sie hat drei Facetten, denn sie ist… … normatives Konzept , da sie Bestandteil der verfassungsmäßigen Ordnung (und in Datenschutzregelungen etc. näher spezifiziert) ist und zudem als zumindest diffuse Erwartung bei vielen Nutzern vorliegt; … ausgeübte Praxis , da Nutzer sie (mehr oder weniger kompetent, reflektiert, evtl. auch scheiternd) ausüben, wenn sie sich in den vernetzten persönlichen Öffentlichkeiten des Social Web bewegen. … notwendige Kompetenz , weil das eigenständige Wahrnehmen des „Rechts auf Privatheit”, die informierte Einwilligung in Datenverarbeitung oder auch die informationelle Autonomie bestimmte Wissensformen und Fertigkeiten voraussetzt.
  • 16. Fazit Das gegenwärtige Internet scheint das Ende der Privatsphäre einzuläuten, weil es einen neuen Typ von Öffentlichkeit entstehen lässt: Persönliche Öffentlichkeiten bestehen aus Informationen von persönlicher Relevanz, die an vergleichsweise kleine Publika gerichtet sind; es geht eher um Konversation als um Publizieren Diese Entwicklung macht neue Mechanismen und Strategien der Grenzziehung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit erforderlich, die sich am Leitbild der informationellen Selbstbestimmung messen lassen müssen Weiterführende Fragen: Wer gestaltet die Architektur, die Algorithmen und den Code der neuen Räume? Inwiefern ist der Staat Garant der Privatsphäre (z.B. durch Datenschutzgesetzgebung gegenüber ökonomischen Interessen), inwiefern bedroht er Privatsphäre (z.B. durch die Voratsdatenspeicherung)? Welche Rolle spielen persönliche Öffentlichkeiten in Hinblick auf politische Partizipation, auch und gerade in Bezug auf die Selbstbestimmung an den eigenen Angelegenheiten als „digital citizen“?
  • 17. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Dr. Jan-Hinrik Schmidt Hans-Bredow-Institut Warburgstr. 8-10, 20354 Hamburg [email_address] www.hans-bredow-institut.de www.schmidtmitdete.de www.dasneuenetz.de
  • 18. Weiterführende Literatur Schmidt, Jan (2009): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Konsequenzen des Web 2.0. Konstanz. Schmidt, Jan/Ingrid Paus-Hasebrink/Uwe Hasebrink (Hrsg.) (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Berlin . Solove, Daniel (2006): The Digital Person: Technology and Privacy in the Information Age. Cambridge. Münker, Stefan (2009): Emergenz digitaler Öffentlichkeiten – Die Sozialen Medien im Web 2.0. Frankfurt a.M. Papacharissi, Zizi (2010): A private sphere. Democracy in a digital age. Cambridge.