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Braucht das Web 2.0 eine eigene Forschungsethik? Dr. Jan-Hinrik Schmidt Wissenschaftlicher Referent  für digitale interaktive Medien  und politische Kommunikation München, 12/13.02.2009
Worüber ich heute spreche Der Status Quo: Forschungsethische Richtlinien und Abwägungen Die Herausforderung: Persönliche Öffentlichkeiten im Web 2.0 Die Zusammenfassung:
Beispielhafte forschungsethische Fragen im Web 2.0 ( Teilnehmende) Beobachtung : Wann ist es geboten, sich als Forscher/in zu erkennen zu geben, um die Interaktionen auf Networking-Plattformen wie z.B. schülerVZ zu untersuchen, die sich an einen begrenzten Nutzerkreis wenden? Gibt es Umstände, wo eine verdeckte Beobachtung angemessen, u.U. sogar erforderlich ist? Netzwerkanalysen : Wer muss zustimmen, damit Daten über das Beziehungsgeflecht in der Blogosphäre, in einem Wiki, auf einer Kontaktplattform durch Crawler automatisch erfasst und zur Analyse aggregiert werden dürfen? Der Plattformbetreiber? Die Nutzerschaft? Was ist in Fällen, wo ganz unterschiedliche Ansprechpartner existieren (z.B. eine Analyse des Netzwerks von Politblogs, die teils frei gehostet werden, teils auf Blogging-Plattform liegen)? Inhalts-/Textanalysen (aber auch allgemeines Belegen von Quellen) : Können Einträge oder Kommentare aus Weblogs, Fotos von Flickr, Videos von YouTube ohne Weiteres in Artikeln und Vorträgen zitiert werden, oder ist dazu eine Einwilligung der Autor/innen nötig? Wie ist es mit Screenshots von Profilseiten auf studiVZ oder XING? Darf im Fall der Freigabe durch den/die Profilinhaber/in der Screenshot auch die Bilder von dessen Kontakten beinhalten, oder muss von ihnen ebenfalls die Erlaubnis eingeholt werden?
Existierende Richtlinien Die derzeit gültigen Ethikerklärungen und Codizes verschiedener Fachgesellschaften (siehe Anhang) gehen auf die aktuellen technischen Entwicklungen im Bereich der Onlineforschung in der Regel nicht näher ein und beinhalten nur allgemeine Forderungen, die Einwilligung der Betroffenen bei der Datenerhebung einzuholen sowie deren Anonymität zu wahren.  Exemplarisch die (knapp gehaltene) Ethikerklärung der DGPuK (1999): „5. Bei empirischen Untersuchungen sind die Persönlichkeitsrechte von Probanden zu achten und die relevanten Datenschutzbestimmungen zu berücksichtigen“ Bislang ausführlichstes Dokument einer Fachgesellschaft zur Forschungsethik im Internet stammt von (interdisziplinärer) „Association of Internet Research“ (2002) AOIR-Richtlinien werden derzeit überarbeitet; zudem existieren Arbeitsgruppen unter dem Dach der „Deutschen Gesellschaft für Onlineforschung“ (DGOF) sowie in der Arbeitsgemeinschaft Social Media, die sich insbesondere mit den forschungsethischen Herausforderungen befassen, die durch das „Web 2.0“ entstehen
Forschungsethische Grundlagen Zwei zentrale Fragen: (a) Welche Personen müssen wann im Forschungsprozess ihre Einwilligung erklären, und (b) welcher Grad an Anonymisierung der Ergebnisse ist notwendig? Faktisch hängen beide Fragen zusammen, da die geplante Art der Veröffentlichung von Ergebnissen bei Einholen der Einverständniserklärung offen gelegt werden sollte (a) Wann ist eine Einwilligung notwendig? Befragungen  (ob standardisiert oder offen) sind forschungsethisch vergleichsweise unproblematisch: Einverständniserklärung bzw. Einwilligung in die wissenschaftliche Auswertung und Veröffentlichung der erhobenen Daten kann zu Beginn der Befragung eingeholt werden Problematischer sind Verfahren der  teilnehmenden Beobachtung  (z.B. bei ethnographischen Studien zu subkulturellen Communities) sowie insbesondere  nicht-reaktive Verfahren , bei denen Daten manuell oder automatisiert gesammelt werden (Inhaltsanalysen, Data-Mining)
Abwägung, wann Benachrichtigung der Teilnehmer zur Datenerhebung notwendig ist, kann sich durch folgende Fragen leiten lassen: Richtet sich das Erkenntnisinteresse auf Handlungsakte bzw. Praktiken oder auf Artefakte? Vorschlag : Agieren die Nutzer bei den beobachteten bzw. aufgezeichneten Performanzen als „Subjekte“, ist Benachrichtigung notwendig; agieren sie als „Autoren“, ist kein Einverständnis notwendig (allerdings ggfs. Nennung bei Veröffentlichung, um Urheberrechte zu wahren; s.u.) Welcher Grad an Privatheit kann unterstellt werden?  Kriterium 1: Sind Texte, Daten, etc. für jeden Internet-Nutzer ohne weiteres zugänglich, oder ist eine Registrierung, ein Log-In o.ä. nötig? K r i t e r i u m  2 :   Besitzen die onlinebasierten Kommunikationsräume ein Selbstverständnis und/oder äußern die Kommunikationsteilnehmer explizite Erwartungen an die Öffentlichkeit ihrer Äußerungen? V o r s c h l a g : Frei zugängliche Daten können auch ohne Einverständnis erhoben und analysiert werden, bei geschützten Daten ist Einwilligung notwendig  Einverständniserklärung / informed consent
Besondere Rolle der Plattformbetreiber Nicht frei zugängliche Daten / Inhalte werden in der Regel auf Plattformen vorgehalten und gepflegt, die nicht von den Nutzern selbst, sondern von spezialisierten Anbietern betrieben werden    oft mit kommerziellem Hintergrund Aspekt 1: Manche Plattformen beschränken Zugang auf bestimmte Gruppen – entweder implizit durch thematische Ausrichtung (z.B. Selbsthilfeforen) und/oder explizit durch AGBs (z.B. Altersbeschränkung bei schülerVZ) Abwägung : Ist verdeckte Beobachtung (z.B. mit Hilfe eines „Fake-Accounts“) vertretbar oder wird bereits durch die Anwesenheit in die Privatsphäre der Nutzer eingegriffen bzw. die Annahme der Privatheit verletzt? Vorschlag : Bei verdeckter Beobachtung ist unabhängig von der Frage des Veröffentlichens (s.u.) nach Ende des Forschungsvorhabens Identität offen zu legen und auf Ergebnisse hinzuweisen  Aspekt 2: Automatisiertes Erfassen („Spidern“/“Crawlen“) von Daten, die auf diesen Plattformen bereit liegen, wird in der Regel durch Betreiber ausgeschlossen Vorschlag : Prüfen von AGB und/oder robots.txt; ggfs. Kontaktieren der Betreiber
Veröffentlichen von Daten (b) Entscheidendes forschungsethisches Kriterium in Bezug auf die Veröffentlichung von Ergebnissen ist, Schaden von den untersuchten Subjekten abzuwenden und ihre Privatsphäre zu schützen Dies ist insbesondere (aber nicht nur) dann relevant, wenn es sich um sensitive Themenbereiche handelt (z.B. Krankheiten, abweichendes Verhalten o.ä.) Hinzu kommt Aspekt der „verkettbaren Identitäten“: Daten aus einem Kontext können mit Daten aus anderem Kontext in Zusammenhang gebracht werden Strategie 1: Aggregation von Einzelbefunden    vergleichsweise unproblematisch, aber nicht für alle Erkenntnisinteressen gleichermaßen geeignet Strategie 2: Anonymisierte/Pseudonymisierte Darstellung der Ergebnisse Vorschlag:  Sind Texte/Daten zugangsbeschränkt, ist vor einer Veröffentlichung von Einzelbefunden die Einwilligung der Nutzer einzuholen Vorschlag : Die Darstellung von Zitaten, Screenshots, fallstudienhaften Portraits o.ä. hat grundsätzlich anonymisiert zu erfolgen, sofern die Urheber/Inhaber nicht ausdrücklich ihre Einwilligung zur Nennung von Namen (auch: ihres Pseudonyms) geben
Praxis des Web 2.0 Im Web 2.0 sinken die Hürden für onlinebasiertes… www.flickr.com/photos/44029537@N00/12760664/ Identitätsmanagement  (Darstellung individueller Interessen, Erlebnisse, Meinungen, Kompetenzen, etc.)   z.B. Weblogs, YouTube http://flickr.com/photos/mylesdgrant/495698908/ Beziehungsmanagement  (Pflege von bestehenden und Knüpfen von neuen Beziehungen)    z.B. studiVZ, XING http://www.flickr.com/photos/axels_bilder/1267008046/ Informationsmanagement  (Selektion und Weiterverbreitung von relevanten Daten, Informationen, Wissen- und Kulturgütern)    z.B. Wikipedia, Social-News-Plattformen
Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement ermöglicht es dem Einzelnen, eigene „persönliche Öffentlichkeiten“ zu schaffen Zeitlicher Aspekt: Stabilität vs. Dynamik bestimmte Aspekte der eigenen persönlichen Öffentlichkeit sind relativ stabil (z.B. persönliche Daten), andere sind eher flüchtig (z.B. das journalhafte Protokollieren von Aktivitäten und Erlebnissen    „writing yourself into being“ (danah boyd) Rollenaspekt: Produzent vs. Rezipient Nutzer sind auch Empfänger der persönlichen Öffentlichkeiten anderer Menschen; „ambient awareness“ für Neuigkeiten und Vorkommnisse im eigenen sozialen Netzwerk wird bei Bedarf in Anspruch genommen Räumlicher‘ Aspekt: An einem Ort vs. an verschiedenen Orten? Trennung oder Aggregation unterschiedlicher Rollen-Kontexte hat Auswirkungen auf Grenzziehungen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre
Holländische Wohnzimmer Problematisch: In persönlichen Öffentlichkeiten adressieren Nutzer ein eingeschränktes Publikum (das eigene Netzwerk, nicht die disperse Öffentlichkeit), doch die Informationen sind auch über diesen Kreis hinaus zugänglich Zahlreiche Mischformen zwischen „privat“ und „öffentlich“ denkbar: Mitglieder von YouTube agieren z.B. „publicly private“ (zurechenbare Identität, aber persönliche Inhalte) oder „privately public“ (disperses Publikum adressiert, aber Identität privat gehalten; vgl. Lange 2007)  Umgang mit persönlichen Öffentlichkeiten und „unsichtbarem Publikum“ bedarf Medien-kompetenzen und forschungsethischer Reflexion http://www.flickr.com/photos/mrlerone/2360572263/
Neue Fragen Persönliche Öffentlichkeiten erschweren forschungsethische Abwägungen: Herrscht nutzerseitig Annahme von Privatheit? Nutzer können potenzielle Reichweite der Äußerungen oft nur schwer einschätzen (durch Kommunikationssituation verschleiert) Betreiber bieten meist nur unzureichende Optionen für Privacy-Einstellungen an Wie kann Anonymität angesichts reichhaltiger Daten gewährleistet werden? Nutzer treten in vielen Fällen mit echtem Namen und/oder persönlichen Informationen auf, was eine Anonymisierung einerseits wichtiger macht, andererseits erschwert Selbst wenn eindeutig personenbezogene Informationen (Name, Adresse, …) anonymisiert sind, können z.B. Vorlieben oder Beziehungsgeflechte Rückschlüsse auf Urheber erlauben Wann ist mit Identifizierbarkeit von Dritten zu rechnen? Profile, Fotos o.ä. berühren möglicherweise auch Persönlichkeitsrechte von Dritten – Anonymisierung des Urhebers daher nicht immer ausreichend
Anspruchsgruppen Nutzer A Forscher Einverständniserklärung; Freigabe Nutzer B Bestätigter Kontakt ( Einwilligung ) Nutzer C Auf Foto abgebildet  ( Evtl. keine Einwilligung) AGBs; Zugangsbeschränkungen Plattform-Betreiber Registrierung;  Datenfreigabe
Fazit und Ausblick Braucht das Web 2.0 eine Forschungsethik? Ja. Braucht das Web 2.0 eine eigene Forschungsethik? Nein. Das Web 2.0 macht ethische Richtlinien für die sozialwissenschaftliche Onlineforschung nicht grundsätzlich obsolet, da diese in vielen Fällen auf die neu entstehenden Kommunikationsumgebungen übertragen werden können Allerdings gewinnen forschungsethische Abwägungen durch die immer stärkere Durchdringung des Internets mit persönlichen Daten neue Dringlichkeit Dabei kann neben dem Verhältnis Forscher – Nutzer auch das Verhältnis Forscher – Plattformbetreiber sowie Forscher – Dritte Personen relevant werden
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Dr. Jan-Hinrik Schmidt Hans-Bredow-Institut Warburgstr. 8-10, 20354 Hamburg [email_address] www.hans-bredow-institut.de www.schmidtmitdete.de www.dasneuenetz.de 
Weiterführende Links Ausgewählte Codizes und Richtlinien American Anthropological Association (1998): Code of Ethics of the American Anthropological Association.  Arlington. Online verfügbar: http://www.aaanet.org/committees/ethics/ ethicscode.pdf Association of Internet Research (2002): Ethical decision-making and Internet research: Recommendations from the aoir ethics working committee. Online verfügbar: http://aoir.org/reports/ethics.pdf Deutsche Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (1999): Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Online verfügbar: http://www.dgpuk.de/index.cfm?id=3377 Deutsche Gesellschaft für Soziologie / Berufsverband Deutscher Soziologen (1992): Ethik-Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbandes Deutscher Soziologen (BDS). Essen/Recklinghausen. Online verfügbar: http://www.bds-soz.de/images/stories/formulare/ ethik.pdf Aktuelle Initiativen Arbeitsgruppe unter dem Dach der „Deutschen Gesellschaft für Onlineforschung“ (DGOF) (vgl. http://socialwebethik.mixxt.de / ) Arbeitsgruppe „Forschungsethik“ der Arbeitsgemeinschaft Social Media (http://ag-sm.de/?page_id=40)
Weiterführende Literatur Benkler, Yochai (2006): The Wealth of Networks. How social production transforms markets and freedom. New Haven/London. Bromseth, Janne C.H. (2002): Public places – public activities? Methodological approaces and ethical dilemmas in research on computer-mediated communication contexts. In: Morrison, Andrew (Hg.): Researching ICT’s in Contexts. InterMedia Report 3/2002. Oslo. S. 33-61. Buchanan, Elizabeth A. (in Vorb): Internet Research Ethics: Past, Present, and Future. In Robert Burnett, Mia Consalvo, and C. Ess (eds.), The Blackwell Handbook of Internet Studies. Erscheint Ende 2009. Dzeyk, Waldemar (2001): Ethische Dimensionen der Online-Forschung. In: Kölner Psychologische Studien, Jg. 6, Nr. 1, S. 1-30. Online verfügbar: http://kups.ub.uni-koeln.de/volltexte/2008/2424/pdf/ethdimon.pdf Lange, Patricia G. (2007): Publicly private and privately public: Social networking on YouTube. In:  Journal of Computer-Mediated Communication, Vol. 13, Nr. 1, Artikel 18.  Online verfügbar: http://jcmc.indiana.edu/vol13/issue1/lange.html  Schmidt, Jan (2008): Was ist neu am Social Web? Soziologische und kommunikationswissenschaftliche Grundlagen. In: Zerfaß, Ansgar; Welker, Martin; Schmidt, Jan (Hrsg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 1: Grundlagen und Methoden - Von der Gesellschaft zum Individuum. Köln. S. 18-40.

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Forschungsethik im Web20 2009

  • 1. Braucht das Web 2.0 eine eigene Forschungsethik? Dr. Jan-Hinrik Schmidt Wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation München, 12/13.02.2009
  • 2. Worüber ich heute spreche Der Status Quo: Forschungsethische Richtlinien und Abwägungen Die Herausforderung: Persönliche Öffentlichkeiten im Web 2.0 Die Zusammenfassung:
  • 3. Beispielhafte forschungsethische Fragen im Web 2.0 ( Teilnehmende) Beobachtung : Wann ist es geboten, sich als Forscher/in zu erkennen zu geben, um die Interaktionen auf Networking-Plattformen wie z.B. schülerVZ zu untersuchen, die sich an einen begrenzten Nutzerkreis wenden? Gibt es Umstände, wo eine verdeckte Beobachtung angemessen, u.U. sogar erforderlich ist? Netzwerkanalysen : Wer muss zustimmen, damit Daten über das Beziehungsgeflecht in der Blogosphäre, in einem Wiki, auf einer Kontaktplattform durch Crawler automatisch erfasst und zur Analyse aggregiert werden dürfen? Der Plattformbetreiber? Die Nutzerschaft? Was ist in Fällen, wo ganz unterschiedliche Ansprechpartner existieren (z.B. eine Analyse des Netzwerks von Politblogs, die teils frei gehostet werden, teils auf Blogging-Plattform liegen)? Inhalts-/Textanalysen (aber auch allgemeines Belegen von Quellen) : Können Einträge oder Kommentare aus Weblogs, Fotos von Flickr, Videos von YouTube ohne Weiteres in Artikeln und Vorträgen zitiert werden, oder ist dazu eine Einwilligung der Autor/innen nötig? Wie ist es mit Screenshots von Profilseiten auf studiVZ oder XING? Darf im Fall der Freigabe durch den/die Profilinhaber/in der Screenshot auch die Bilder von dessen Kontakten beinhalten, oder muss von ihnen ebenfalls die Erlaubnis eingeholt werden?
  • 4. Existierende Richtlinien Die derzeit gültigen Ethikerklärungen und Codizes verschiedener Fachgesellschaften (siehe Anhang) gehen auf die aktuellen technischen Entwicklungen im Bereich der Onlineforschung in der Regel nicht näher ein und beinhalten nur allgemeine Forderungen, die Einwilligung der Betroffenen bei der Datenerhebung einzuholen sowie deren Anonymität zu wahren. Exemplarisch die (knapp gehaltene) Ethikerklärung der DGPuK (1999): „5. Bei empirischen Untersuchungen sind die Persönlichkeitsrechte von Probanden zu achten und die relevanten Datenschutzbestimmungen zu berücksichtigen“ Bislang ausführlichstes Dokument einer Fachgesellschaft zur Forschungsethik im Internet stammt von (interdisziplinärer) „Association of Internet Research“ (2002) AOIR-Richtlinien werden derzeit überarbeitet; zudem existieren Arbeitsgruppen unter dem Dach der „Deutschen Gesellschaft für Onlineforschung“ (DGOF) sowie in der Arbeitsgemeinschaft Social Media, die sich insbesondere mit den forschungsethischen Herausforderungen befassen, die durch das „Web 2.0“ entstehen
  • 5. Forschungsethische Grundlagen Zwei zentrale Fragen: (a) Welche Personen müssen wann im Forschungsprozess ihre Einwilligung erklären, und (b) welcher Grad an Anonymisierung der Ergebnisse ist notwendig? Faktisch hängen beide Fragen zusammen, da die geplante Art der Veröffentlichung von Ergebnissen bei Einholen der Einverständniserklärung offen gelegt werden sollte (a) Wann ist eine Einwilligung notwendig? Befragungen (ob standardisiert oder offen) sind forschungsethisch vergleichsweise unproblematisch: Einverständniserklärung bzw. Einwilligung in die wissenschaftliche Auswertung und Veröffentlichung der erhobenen Daten kann zu Beginn der Befragung eingeholt werden Problematischer sind Verfahren der teilnehmenden Beobachtung (z.B. bei ethnographischen Studien zu subkulturellen Communities) sowie insbesondere nicht-reaktive Verfahren , bei denen Daten manuell oder automatisiert gesammelt werden (Inhaltsanalysen, Data-Mining)
  • 6. Abwägung, wann Benachrichtigung der Teilnehmer zur Datenerhebung notwendig ist, kann sich durch folgende Fragen leiten lassen: Richtet sich das Erkenntnisinteresse auf Handlungsakte bzw. Praktiken oder auf Artefakte? Vorschlag : Agieren die Nutzer bei den beobachteten bzw. aufgezeichneten Performanzen als „Subjekte“, ist Benachrichtigung notwendig; agieren sie als „Autoren“, ist kein Einverständnis notwendig (allerdings ggfs. Nennung bei Veröffentlichung, um Urheberrechte zu wahren; s.u.) Welcher Grad an Privatheit kann unterstellt werden? Kriterium 1: Sind Texte, Daten, etc. für jeden Internet-Nutzer ohne weiteres zugänglich, oder ist eine Registrierung, ein Log-In o.ä. nötig? K r i t e r i u m 2 : Besitzen die onlinebasierten Kommunikationsräume ein Selbstverständnis und/oder äußern die Kommunikationsteilnehmer explizite Erwartungen an die Öffentlichkeit ihrer Äußerungen? V o r s c h l a g : Frei zugängliche Daten können auch ohne Einverständnis erhoben und analysiert werden, bei geschützten Daten ist Einwilligung notwendig Einverständniserklärung / informed consent
  • 7. Besondere Rolle der Plattformbetreiber Nicht frei zugängliche Daten / Inhalte werden in der Regel auf Plattformen vorgehalten und gepflegt, die nicht von den Nutzern selbst, sondern von spezialisierten Anbietern betrieben werden  oft mit kommerziellem Hintergrund Aspekt 1: Manche Plattformen beschränken Zugang auf bestimmte Gruppen – entweder implizit durch thematische Ausrichtung (z.B. Selbsthilfeforen) und/oder explizit durch AGBs (z.B. Altersbeschränkung bei schülerVZ) Abwägung : Ist verdeckte Beobachtung (z.B. mit Hilfe eines „Fake-Accounts“) vertretbar oder wird bereits durch die Anwesenheit in die Privatsphäre der Nutzer eingegriffen bzw. die Annahme der Privatheit verletzt? Vorschlag : Bei verdeckter Beobachtung ist unabhängig von der Frage des Veröffentlichens (s.u.) nach Ende des Forschungsvorhabens Identität offen zu legen und auf Ergebnisse hinzuweisen Aspekt 2: Automatisiertes Erfassen („Spidern“/“Crawlen“) von Daten, die auf diesen Plattformen bereit liegen, wird in der Regel durch Betreiber ausgeschlossen Vorschlag : Prüfen von AGB und/oder robots.txt; ggfs. Kontaktieren der Betreiber
  • 8. Veröffentlichen von Daten (b) Entscheidendes forschungsethisches Kriterium in Bezug auf die Veröffentlichung von Ergebnissen ist, Schaden von den untersuchten Subjekten abzuwenden und ihre Privatsphäre zu schützen Dies ist insbesondere (aber nicht nur) dann relevant, wenn es sich um sensitive Themenbereiche handelt (z.B. Krankheiten, abweichendes Verhalten o.ä.) Hinzu kommt Aspekt der „verkettbaren Identitäten“: Daten aus einem Kontext können mit Daten aus anderem Kontext in Zusammenhang gebracht werden Strategie 1: Aggregation von Einzelbefunden  vergleichsweise unproblematisch, aber nicht für alle Erkenntnisinteressen gleichermaßen geeignet Strategie 2: Anonymisierte/Pseudonymisierte Darstellung der Ergebnisse Vorschlag: Sind Texte/Daten zugangsbeschränkt, ist vor einer Veröffentlichung von Einzelbefunden die Einwilligung der Nutzer einzuholen Vorschlag : Die Darstellung von Zitaten, Screenshots, fallstudienhaften Portraits o.ä. hat grundsätzlich anonymisiert zu erfolgen, sofern die Urheber/Inhaber nicht ausdrücklich ihre Einwilligung zur Nennung von Namen (auch: ihres Pseudonyms) geben
  • 9. Praxis des Web 2.0 Im Web 2.0 sinken die Hürden für onlinebasiertes… www.flickr.com/photos/44029537@N00/12760664/ Identitätsmanagement (Darstellung individueller Interessen, Erlebnisse, Meinungen, Kompetenzen, etc.)  z.B. Weblogs, YouTube http://flickr.com/photos/mylesdgrant/495698908/ Beziehungsmanagement (Pflege von bestehenden und Knüpfen von neuen Beziehungen)  z.B. studiVZ, XING http://www.flickr.com/photos/axels_bilder/1267008046/ Informationsmanagement (Selektion und Weiterverbreitung von relevanten Daten, Informationen, Wissen- und Kulturgütern)  z.B. Wikipedia, Social-News-Plattformen
  • 10. Entstehen persönlicher Öffentlichkeiten Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement ermöglicht es dem Einzelnen, eigene „persönliche Öffentlichkeiten“ zu schaffen Zeitlicher Aspekt: Stabilität vs. Dynamik bestimmte Aspekte der eigenen persönlichen Öffentlichkeit sind relativ stabil (z.B. persönliche Daten), andere sind eher flüchtig (z.B. das journalhafte Protokollieren von Aktivitäten und Erlebnissen  „writing yourself into being“ (danah boyd) Rollenaspekt: Produzent vs. Rezipient Nutzer sind auch Empfänger der persönlichen Öffentlichkeiten anderer Menschen; „ambient awareness“ für Neuigkeiten und Vorkommnisse im eigenen sozialen Netzwerk wird bei Bedarf in Anspruch genommen Räumlicher‘ Aspekt: An einem Ort vs. an verschiedenen Orten? Trennung oder Aggregation unterschiedlicher Rollen-Kontexte hat Auswirkungen auf Grenzziehungen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre
  • 11. Holländische Wohnzimmer Problematisch: In persönlichen Öffentlichkeiten adressieren Nutzer ein eingeschränktes Publikum (das eigene Netzwerk, nicht die disperse Öffentlichkeit), doch die Informationen sind auch über diesen Kreis hinaus zugänglich Zahlreiche Mischformen zwischen „privat“ und „öffentlich“ denkbar: Mitglieder von YouTube agieren z.B. „publicly private“ (zurechenbare Identität, aber persönliche Inhalte) oder „privately public“ (disperses Publikum adressiert, aber Identität privat gehalten; vgl. Lange 2007) Umgang mit persönlichen Öffentlichkeiten und „unsichtbarem Publikum“ bedarf Medien-kompetenzen und forschungsethischer Reflexion http://www.flickr.com/photos/mrlerone/2360572263/
  • 12. Neue Fragen Persönliche Öffentlichkeiten erschweren forschungsethische Abwägungen: Herrscht nutzerseitig Annahme von Privatheit? Nutzer können potenzielle Reichweite der Äußerungen oft nur schwer einschätzen (durch Kommunikationssituation verschleiert) Betreiber bieten meist nur unzureichende Optionen für Privacy-Einstellungen an Wie kann Anonymität angesichts reichhaltiger Daten gewährleistet werden? Nutzer treten in vielen Fällen mit echtem Namen und/oder persönlichen Informationen auf, was eine Anonymisierung einerseits wichtiger macht, andererseits erschwert Selbst wenn eindeutig personenbezogene Informationen (Name, Adresse, …) anonymisiert sind, können z.B. Vorlieben oder Beziehungsgeflechte Rückschlüsse auf Urheber erlauben Wann ist mit Identifizierbarkeit von Dritten zu rechnen? Profile, Fotos o.ä. berühren möglicherweise auch Persönlichkeitsrechte von Dritten – Anonymisierung des Urhebers daher nicht immer ausreichend
  • 13. Anspruchsgruppen Nutzer A Forscher Einverständniserklärung; Freigabe Nutzer B Bestätigter Kontakt ( Einwilligung ) Nutzer C Auf Foto abgebildet ( Evtl. keine Einwilligung) AGBs; Zugangsbeschränkungen Plattform-Betreiber Registrierung; Datenfreigabe
  • 14. Fazit und Ausblick Braucht das Web 2.0 eine Forschungsethik? Ja. Braucht das Web 2.0 eine eigene Forschungsethik? Nein. Das Web 2.0 macht ethische Richtlinien für die sozialwissenschaftliche Onlineforschung nicht grundsätzlich obsolet, da diese in vielen Fällen auf die neu entstehenden Kommunikationsumgebungen übertragen werden können Allerdings gewinnen forschungsethische Abwägungen durch die immer stärkere Durchdringung des Internets mit persönlichen Daten neue Dringlichkeit Dabei kann neben dem Verhältnis Forscher – Nutzer auch das Verhältnis Forscher – Plattformbetreiber sowie Forscher – Dritte Personen relevant werden
  • 15. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Dr. Jan-Hinrik Schmidt Hans-Bredow-Institut Warburgstr. 8-10, 20354 Hamburg [email_address] www.hans-bredow-institut.de www.schmidtmitdete.de www.dasneuenetz.de 
  • 16. Weiterführende Links Ausgewählte Codizes und Richtlinien American Anthropological Association (1998): Code of Ethics of the American Anthropological Association. Arlington. Online verfügbar: http://www.aaanet.org/committees/ethics/ ethicscode.pdf Association of Internet Research (2002): Ethical decision-making and Internet research: Recommendations from the aoir ethics working committee. Online verfügbar: http://aoir.org/reports/ethics.pdf Deutsche Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (1999): Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Online verfügbar: http://www.dgpuk.de/index.cfm?id=3377 Deutsche Gesellschaft für Soziologie / Berufsverband Deutscher Soziologen (1992): Ethik-Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbandes Deutscher Soziologen (BDS). Essen/Recklinghausen. Online verfügbar: http://www.bds-soz.de/images/stories/formulare/ ethik.pdf Aktuelle Initiativen Arbeitsgruppe unter dem Dach der „Deutschen Gesellschaft für Onlineforschung“ (DGOF) (vgl. http://socialwebethik.mixxt.de / ) Arbeitsgruppe „Forschungsethik“ der Arbeitsgemeinschaft Social Media (http://ag-sm.de/?page_id=40)
  • 17. Weiterführende Literatur Benkler, Yochai (2006): The Wealth of Networks. How social production transforms markets and freedom. New Haven/London. Bromseth, Janne C.H. (2002): Public places – public activities? Methodological approaces and ethical dilemmas in research on computer-mediated communication contexts. In: Morrison, Andrew (Hg.): Researching ICT’s in Contexts. InterMedia Report 3/2002. Oslo. S. 33-61. Buchanan, Elizabeth A. (in Vorb): Internet Research Ethics: Past, Present, and Future. In Robert Burnett, Mia Consalvo, and C. Ess (eds.), The Blackwell Handbook of Internet Studies. Erscheint Ende 2009. Dzeyk, Waldemar (2001): Ethische Dimensionen der Online-Forschung. In: Kölner Psychologische Studien, Jg. 6, Nr. 1, S. 1-30. Online verfügbar: http://kups.ub.uni-koeln.de/volltexte/2008/2424/pdf/ethdimon.pdf Lange, Patricia G. (2007): Publicly private and privately public: Social networking on YouTube. In: Journal of Computer-Mediated Communication, Vol. 13, Nr. 1, Artikel 18.  Online verfügbar: http://jcmc.indiana.edu/vol13/issue1/lange.html Schmidt, Jan (2008): Was ist neu am Social Web? Soziologische und kommunikationswissenschaftliche Grundlagen. In: Zerfaß, Ansgar; Welker, Martin; Schmidt, Jan (Hrsg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 1: Grundlagen und Methoden - Von der Gesellschaft zum Individuum. Köln. S. 18-40.

Hinweis der Redaktion

  1. Notizen: