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Entwurfsversion, veröffentlicht als: Lorenz, A., Einert, A., & Dinter, B. (2012). FC WInf: Flipped Class-
room in der Wirtschaftsinformatik. In Workshop on e-Learning (WeL). Hochschule Zittau/Görlitz, Gör-
litz: Zentrum für eLearning [Zfe].




                                           Full Paper


         FC WInf: Flipped Classroom in der
              Wirtschaftsinformatik
                  Anja Lorenz, Annett Einter, Barbara Dinter∗



          Szenarien mit Blended-Learning-Charakter sind Alltag an deutschen
        Hochschulen: Insbesondere durch die Verbreitung von Learning-Mana-
        gement-Systemen, in Sachsen namentlich „OPAL“, können Lehrveran-
        staltungen über die Präsenzveranstaltungen hinaus in nahezu allen Fach-
        bereichen um computergestützte Lerneinheiten ergänzt werden. Nach
        der Etablierung von Web Based Trainings als typische digitale Ergän-
        zungsmodule streben einige didaktische Konzepte die verstärkte Abstim-
        mung von Präsenz- und Onlinephase an. In der jüngeren Zeit wurde
        vor allem die Idee des Flipped Classroom (auch Inverted Classroom ge-
        nannt) diskutiert. Hierbei wird die traditionelle Aufteilung der Lehr-Lern-
        Aktivitäten, bei der die Wissensvermittlung in den Präsenzveranstaltun-
        gen und die Vertiefung des Gelernten in Übungen zu Hause stattfin-
        den, vertauscht. Stattdessen erwerben die Studierenden das nötige Wis-
        sen online und im Vorfeld der Präsenzphase, in der dann mithilfe kom-
        plexer Beispiele und unter aktiver Einbeziehung der Studierenden das
        Verständnis gefestigt und durch den Lehrenden unterstützt angewendet
        werden kann. Auch die Großveranstaltung „Grundlagen der Wirtschafts-
        informatik“ (GWI) an der TU Chemnitz soll im Übungsbetrieb durch ein
        Flipped-Classroom-Konzept verbessert werden. Hierfür werden beste-
        hende Aufgaben mithilfe einer Fachlandkarte und der Bewertung der je-
        weiligen Lehrziele zu einem Online-Materialien-Pool aufgebaut. Die Prä-
        senzphase soll zur stärkeren Einbeziehung der Studierenden in Form ei-
        nes aktiven Plenums abgehalten werden.
∗
    Professur    Wirtschaftsinformatik     I,   Technische      Universität     Chemnitz,      Germany,
     anja.lorenz@wirtschaft.tu-chemnitz.de




                                                   1
1 Masse und Heterogenität: Die Realität der
  Lehrveranstaltung „Grundlagen der
  Wirtschaftsinformatik“ an der TU Chemnitz

Mit dem Bologna-Prozess wurde das Diplom von Bachelor- und Masterabschluss
an deutschen Hochschulen abgelöst. Neben der Modularisierung der Studiengän-
ge und der Bewertung absolvierter Lehrveranstaltungen mit Creditpoints wurde
die Studienzeit bis zum ersten akademischen Abschluss von 8-11 auf 6-8 Semes-
ter verkürzt. Als eine Folge daraus wird die „Verschulung“ der Universitären Aus-
bildung immer wieder genannt und kritisiert1 : Während Diplomstudiengänge die
Grundlagenausbildung im Grundstudium und eine individuelle Vertiefung mit einer
Reihe von Wahlfreiheiten im Hauptstudium das Studium bestimmten, soll der Ba-
chelor in der Regel bereits nach drei Jahren eine erste ganzheitliche Ausbildung
leisten, deren Absolventen prinzipiell für den Einstieg in den Arbeitsmarkt gerüs-
tet sind (siehe Kultusministerkonferenz 2003). Infolge dessen hat sich die Vielfalt
der angebotenen Bachelorstudiengänge zwar erhöht2 , innerhalb der Studiengän-
ge gibt es aber nur wenige Wahlmöglichkeiten. Auf diese Weise ist auch die Lehr-
veranstaltung „Grundlagen der Wirtschaftsinformatik“ zum Pflichtbestandteil der
unterschiedlichsten wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge geworden und ge-
hört somit zur Grundlagenausbildung einer sehr großen und heterogenen Studie-
rendengruppe – im Wintersemester 2011/12 traten ca. 370 Studierende aus mehr
als zehn verschiedenen Studiengängen zur Prüfung an.

Mit einer Umgestaltung des Übungsbetriebs zu einem Flipped-Classroom-Szena-
rio soll den für die Lehre eher ungünstigen Voraussetzungen begegnet werden.
Nachdem die spezifischen Probleme und Anforderungen in Abschnitt 2 dargestellt
wurden, beschreibt Abschnitt 3 die Grundlagen und aktuelle Entwicklungen des
Flipped-Classroom-Konzepts. Die Neukonzeption für die Lehrveranstaltung „Grund-
lagen der Wirtschaftsinformatik“ wird in Abschnitt 4, die erwarteten Verbesserun-
gen, aber auch mögliche Problempunkte werden in Abschnitt 5 erläutert, in dem
abschließend auch ein Überblick über den aktuellen Arbeits- und Planungsstand
gegeben wird.




1
    Beispielsweise in Tegler (2010) oder Kühl (2012)
2
    An der TU Chemnitz kann derzeit zwischen 40 Bachelor-Studiengängen gewählt werden, wo zu-
     vor nur 21 Diplomstudiengänge angeboten wurden (http://www.tu-chemnitz.de/verwaltung/
     studentenamt/zpa/ordnungen/ordnungen.php, Stand: 13. 08. 2012).




                                              2
2 Aktuelle Probleme und Anforderungen an die
  Neukonzeption der Lehrveranstaltung

Im Fokus der Veranstaltung „Grundlagen der Wirtschaftsinformatik“ steht neben
dem Aufbau eines soliden theoretischen und anwendungsbezogenem Grundlagen-
wissens vor allem die Vermittlung ausgewählter Methoden der Wirtschaftsinfor-
matik, wie der Geschäftsprozess- oder Datenmodellierung. Hierzu findet wöchent-
lich eine Vorlesung statt, unterstützt durch insgesamt sechs Übungen im 14tägigen
Rhythmus, in denen die behandelten Themen vertieft und Methoden in praktischen
Aufgaben angewendet werden.

Neben dem unterschiedlichen Vorwissen, das bei Studierenden im ersten Semester
u. a. durch die verschiedenen Lehrpläne des föderalistischen Bildungssystems in
Deutschland bedingt ist, stellt die Motivation zum Besuch der Vorlesung die wohl
größte Herausforderung dar: Während Studierende im Bachelorstudiengang Wirt-
schaftsinformatik die Lehrveranstaltung als wesentliches und wichtiges Fach auffas-
sen, in dem die Grundlagen für aufbauende Fächer vermittelt werden, bietet es vie-
len anderen Fachrichtungen lediglich ein Einblick in das (nicht selten eher unbelieb-
te) Thema der Wirtschaftsinformatik, das im Rahmen ihrer Grundlagenausbildung
absolviert werden muss. Tabelle 1 listet die Studiengänge und Abschlüsse auf, aus
denen die Prüfungsteilnehmer im Wintersemester 2011/12 stammten. Neben sechs
Bachelorstudiengängen waren eine Reihe der Studenten noch in einen Diplomstu-
diengang immatrikuliert oder besuchten die Lehrveranstaltung im Rahmen eines
Teilstudiums Wirtschaftsinformatik. In der Tabelle nicht aufgeführt sind vereinzelt
auch Teilnehmende aus anderen Studiengängen, die über das ERASMUS-Programm
die Lehrveranstaltung als Wahlpflichtfach besuchten.

               Studiengang                      Bachelor     Diplom      Andere
               Wirtschaftsinformatik                X
               Wirtschaftswissenschaften            X            X          X
               Wirtschaftsingenieurwesen           XX3           X
               Wirtschaftsmathematik                             X
               Maschinenbau                         X            X
               Technikkommunikation                 X

Tabelle 1: Studiengänge und angestrebte Abschlüsse der im Wintersemester
           2011/12 zur Prüfung im Fach „Grundlagen der Wirtschaftsinformatik“ an-
           getretenen Studierenden


3
    Der Bachelorstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen wird von vornherein in zwei Varian-
     ten angeboten: Wirtschaftsingenieurwesen Elektrotechnik/Informationstechnik und Maschinen-
     bau/Produktionstechnik




                                               3
Die Übungen sind der Vorlesung nachgelagert und werden von Mitarbeitern der
Professuren Wirtschaftsinformatik I und II durchgeführt. Die Studierenden sollen
darin befähigt werden, mithilfe des erworbenen Fachwissens typische Aufgabenstel-
lungen der Wirtschaftsinformatik zu analysieren und selbstständig zu lösen. Neben
der Themenvielfalt sind es vor allem die mit 40 bis 50 Teilnehmern sehr großen
und weiterhin heterogenen Übungsgruppen, die sich negativ auf die didaktischen
Gestaltungsmöglichkeiten auswirken. Weitere Übungsangebote und damit kleinere
oder gar nach Studiengängen getrennte Gruppen wären zwar wünschenswert, sind
aber aufgrund der derzeitigen und perspektivisch eher abnehmenden personellen
Ressourcen nicht möglich. Da die Veranstaltung in der Regel im ersten Fachsemes-
ter der Studiengänge eingeplant ist, ist die Umstellung der Studierenden auf den
universitären Alltag in der Regel noch nicht abgeschlossen: Es ist für sie oftmals
ungewohnt, derartige Stoffmengen in wenigen Wochen soweit eigenständig zu er-
arbeiten, dass das Wissen in praktischen Aufgaben angewendet werden kann. Zwar
werden sie von Dozenten und Übungsleitern zum Selbststudium aufgefordert, kom-
men aber i. d. R. unvorbereitet in die Übung, was die aktive Mitarbeit behindert.
Den Übungsleitern bleibt oft nichts anderes übrig, als die wesentlichen Vorlesungs-
inhalte zu wiederholen und die Aufgabenstellungen ohne nennenswerten studenti-
schen Input lediglich „vorzurechnen“. Ideelle Ziele, wie die individuelle Förderung
von Fach- und Selbstlernkompetenzen werden auf diese Weise oftmals zugunsten
des pragmatischen Ansatzes, vor allem prüfungsrelevantes Wissen zu vermitteln,
vernachlässigt und nicht selten verfehlt.

Diesen Herausforderungen wird mit der Umgestaltung und Erweiterung des Übungs-
betriebs begegnet, indem die Präsenzveranstaltung durch ein Flipped-Classroom-
Konzept in ein aktiveres und für die heterogene Zielgruppe geeignetes Format über-
führt werden soll.



3 Grundlagen des Flipped-Classroom-Konzepts

Der wesentliche Aspekt des Flipped- (oder auch Inverted-)Classroom-Gedankens ist
es, den traditionellen Aufbau von Lehrveranstaltungen umzukehren (Lage, Platt und
Treglia 2000): Die Präsenzphase wird also nicht zur reinen Wissensvermittlung, son-
dern zur aktiven Anwendung und Vertiefung genutzt, was zuvor Ziel klassischer
„Hausaufgaben“ war (siehe Tabelle 2).


3.1 Ursprung und Initiativen im deutschsprachigem Raum

Unter dem Begriff „Inverted Classroom“ wurde von Lage, Platt und Treglia (ebd.)
erstmals die Auslagerung der Wissensvermittlung zugunsten einer stärkeren Ein-




                                        4
Phase                     Typ            Dauer          Traditionell        Flipped
                                                         Anwenden,           Wissen
 Individuelle Phase        Asynchron      Beliebig
                                                         Vertiefen           vermitteln
                                                         Wissen              Anwenden,
 Präsenzphase              Synchron       Festgelegt
                                                         vermitteln          Vertiefen

Tabelle 2: Komponenten des Flipped Classrooms im Vergleich zur traditionellen Auf-
           teilung von Online- und Präsenzphase (vgl. Handke und Schäfer 2012,
           S. 94)


bindung der Studierenden in der Präsenzphase einer (in diesem Fall wirtschafts-
wissenschaftlichen) Lehrveranstaltung beschrieben. Die Studierenden wurden vor
allem mithilfe von Videoaufzeichnungen auf die Präsenzphase vorbereitet, in der
durch Fallstudien und Planspielen ökonomische Prinzipien „in action“ erlebt wer-
den konnten (Lage, Platt und Treglia 2000, S. 33). Besonders in den USA verbrei-
tete sich das Flipped-Classroom-Model (Handke und Schäfer 2012) über verschie-
dene Disziplinen hinweg (vgl. Carlisle 2010; Day und Foley 2006; Kaner und Fied-
ler 2005). Einige Curricula wurden sogar gänzlich auf dieses Konzept umgestellt,
wie beispielsweise der Studiengang Software Engineering an der Miami University
(Gannod, Burge und Helmick 2008).

Auch im deutschsprachigen Raum erfährt das Flipped-Classroom-Modell immer mehr
Beachtung. Ein Beispiel ist die Umgedrehte Mathematikvorlesung4 an der PH Hei-
delberg (Spannagel 2012), in der sämtliche Vorlesungen der Lehrveranstaltung „Ein-
führung in die Arithmetik“ aufzeichnete und auf einem YouTube-Kanal bereitgestellt
werden. Die Präsenzzeiten werden genutzt, um Fragen zu klären und weitere, oft
komplexe Aufgaben im aktiven Plenum, also unter Leitung der Studierenden (vgl.
Iberer 2011), zu lösen. Der Virtual Linguistics Campus der Universität Marburg5
gibt an, bereits seit 2004 mit Flipped-Classroom-Szenarien zu arbeiten (Handke
und Schäfer 2012), wobei dieses Konzept selbst den Lehrenden bei der Gestaltung
der Kurse namentlich nicht bekannt gewesen sei. Dieses Beobachtung scheint nicht
unüblich zu sein6 : Die intuitive Verwendung der Flipped-Classroom-Methode mag
dabei vor allem in der Plausibilität der Auslagerung relativ konstanter und somit
konservierbarer Inhalte zu liegen. Letztendlich handelt es sich dabei doch um eine

4
    Lehrmaterialien und didaktisches Konzept sind dokumentiert auf http://wiki.zum.de/Benutzer:
     Cspannagel/Die_umgedrehte_Mathematikvorlesung und werden vorlesungsbegleitend in ei-
   nem Blog diskutiert http://cspannagel.wordpress.com/category/vorlesungsaufzeichnung/
   (Stand: 11. 08. 2012)
5
  Online unter http://linguistics.online.uni-marburg.de/ (Stand: 11. 08. 2012)
6
  Christian Spannagel stellte gleiches bei einem der ersten Berichte über sein verändertes Lehr-
   veranstaltungskonzept fest: http://cspannagel.wordpress.com/2011/08/07/die-umgedrehte-
   mathematikvorlesung/ (Stand: 11. 08. 2012)




                                               5
spezielle Form des Blended Learning, in der die Gestaltung der Präsenzphase als
interaktive und integrierende Lehrveranstaltung im Vordergrund steht (vgl. Carlis-
le 2010; Kaner und Fiedler 2005). Inzwischen haben sich Initiativen und Netzwer-
ke wie das Flipped Learning Network7 gebildet, um Diskussionen und Erfahrungs-
austausch eine Plattform zu bieten. Die erste deutsche Inverted-Classroom-Model-
Konferenz8 fand 2012 in Marburg statt.


3.2 Typischer Aufbau

Eine Flipped-Classroom-Einheit beginnt mit einer individuellen Phase, in der sich
die Lernenden Grundlagenwissen aneignen. Die hierzu benötigten Materialien kön-
nen auf verschiedenen Wegen bereitgestellt werden: Von einfachen Skripten und
Handouts, über vertonte PowerPoint-Präsentationen haben schnellere Internetver-
bindungen die Verteilung in Form von Podcasts und Videovorlesungen zum Standard
werden lassen (Lage, Platt und Treglia 2000).

Die Präsenzphase wird mit dem Klären offener Fragen begonnen. Der Lehrende
ist anschließend frei darin, die vertiefende Auseinandersetzung mit dem Lehrstoff
zu unterstützen. Es werden möglichst aktivierenden und interaktiven Lehrformen
angestrebt, je nach Fachgebiet und Thema bspw. Fallstudien, Gruppenarbeit (ebd.)
oder Lernen-durch-Lehren-Konzepte (LdL) wie das aktive Plenum (Spannagel 2012).




4 Neukonzeption

Eine Übersicht über den neugestalteten Übungsbetrieb im Fach „Grundlagen Wirt-
schaftsinformatik“ ist in Abbildung 1 dargestellt.


4.1 Voraussetzung: Erstellung der Online-Lehreinheiten

Eine wesentliche Grundlage für das Flipped-Classroom-Konzept ist die Erstellung
von Lernmaterialien zur Wissensvermittlung in der individuellen (Vorbereitungs-)
Phase. Ausgangspunkt hierfür sind die Übungsaufgaben vergangener Semester. Aus
diesen und den zugehörigen Vorlesungseinheiten wurde eine Fachlandkarte erstellt
(siehe Abbildung 2), mit der die Themengebiete der Veranstaltung geclustert und
hierarchisch strukturiert wurden.

7
  http://flippedclassroom.org/, mit Gruppe für die deutschsprachige Community http://
   flippedclassroom.org/group/icm-deutschland (Stand: 11. 08. 2012)
8
  http://invertedclassroom.wordpress.com/konferenz2012/ (Stand: 11. 08. 2012)




                                         6
Vorlesung                                                                                     Übung




                                                                                            Feedback
PRÄSENZ


               Vermittlung grundlegender                                                                     bei Bedarf:   Lösung
               Begriffe und Methoden,                                                                        Klärung von   komplexerer
               fachspezifischer Theorien                                                                     Verständ-     Aufgabenstel-
               und Hintergründe                                                                              nisfragen     lungen (LdL)


                                           Online-Lerneinheiten
INDIVUDUELL




                                                                                            Kurzevaluation
                                           Wiederholung   Grundlagen        Anwendung
                                           besonders      und Anleitung     anhand erster
                                           relevanter     zur praktischen   einfacher
                                           Vorlesungs-    Anwendung         Aufgaben
                                           inhalte        von Methoden


              Abbildung 1: Neukonzeption mithilfe des Flipped-Classroom-Konzeptes




                Abbildung 2: Erster Entwurf der Fachlandkarte von Catharina Kloß




                                                                   7
Hierdurch wird nicht nur die Auswahl geeigneter Aufgaben für Online- und Prä-
senzphase erleichtert, auch die Aufnahme neuer Aufgaben in die Sammlung kann so
standardisiert werden, was eine angestrebte Kooperation mit Lehrstühlen anderer
Hochschulen und den Aufbau eines gemeinsamen Aufgabenpools begünstigt. Die
bisherigen Aufgabenstellungen wurden hinsichtlich der angestrebten Lernzielkate-
gorien (vgl. Engelhart u. a. 1972) dahingehend bewertet, ob und inwieweit sich für
die Umsetzung als Online-Lerneinheit in der individuellen Phase eignen.


4.2 Ablauf des Übungsbetriebes

Die Vermittlung theoretischer Lerninhalte soll sich auf Vorlesung und individuelle
Selbstlernphase beschränken. Dabei sollen grundlegende Wiederholungen des Vor-
lesungsstoffs und erste, eher einfach gehaltene Anwendungsaufgaben online über
die sächsische Lernplattform OPAL (ergänzt um freie Werkzeuge und Plattformen
zur Video- und Animationserstellung) und damit im Vorfeld der Präsenzphase bear-
beitet werden. Die Studierenden lernen typische Fragestellungen kennen und wer-
den im eigenständigen Lösen und somit zur Mitarbeit in der Präsenzphase befä-
higt.

Im Anschluss an die Online-Lerneinheit wird durch das Monitoring der Lernaktivi-
täten und eine Kurzevaluation das Verständnis, Probleme und Fragestellungen der
Studierende der Lernenden erfasst und den Übungsleitern im Vorfeld des Tutoriums
„Just in Time“ als Feedback zur Verfügung gestellt. Hierdurch können sich nicht nur
die Übungsleiter besser auf die erwarteten Problempunkte für die Präsenzveran-
staltung einstellen, die Fragen können auch als direkter Input für die Präsenzphase
verwendet werden. Eventuelle Hemmungen bei der zu Beginn jeder Übung ange-
siedelten Klärung von offenen Fragen aus der Bearbeitung der Online-Materialien
können so ebenfalls besser überwunden werden.

Wurden die über das Just-In-Time-Feedback oder individuelle Wortmeldungen ge-
stellte Fragen beantwortet, wird zur Bearbeitung komplexerer Aufgabenstellungen
im aktiven Plenum übergegangen. Hierzu werden idealerweise zwei Studierende
durch die restlichen Teilnehmenden zur Lösung der Aufgabe angeleitet: Die Do-
kumentation des Lösungsweges wird dabei durch den einen, die Koordination der
Teilnehmerbeiträge durch den zweiten Studierenden übernommen. Der Übungslei-
ter eröffnet die Veranstaltung, benennt zwei Studenten für die Moderation und be-
obachtet den Lösungsweg, um ihn im Bedarfsfall in die richtige Richtung zu len-
ken. Durch dieses Lernen-durch-Lehren-Konzept kann trotz der großen Übungs-
gruppen eine aktive Einbindung der Studierenden erreicht werden (vgl. Martin
2002).




                                        8
5 Erwartungen, Herausforderungen, aktueller Stand und
  Ausblick

In der Literatur wird die stärkere Einbeziehung der Studierenden als wesentli-
cher Vorteil des Flipped-Classroom-Konzepts genannt (Gannod, Burge und Helmick
2008): Durch die Abdeckung des unverzichtbaren Pflichtteils der Wissensvermitt-
lung in Vorlesung und Online-Lernphase steht die gesamte Übungseinheit zur Klä-
rung von Problemen und gemeinsamen Vertiefung zur Verfügung. Die individuel-
le Phase kann von den Studierenden gänzlich an deren Lernstil angepasst wer-
den: Geschwindigkeit und Pausen können variiert, Zusatzmaterial herangezogen
und in Lerngruppen diskutiert werden. Gannod, Burge und Helmick (2008) hebt
neben dem konstruktivistischem Leitgedanken des Flipped-Classrooms auch des-
sen besondere Eignung für die „Digital Natives“ hervor. Obwohl dieses Genera-
tionsklischee umstritten ist (siehe bspw. Schulmeister 2008), berichtet9 beispiels-
weise Christian Spannagel davon, dass seine Online-Vorlesungen von Studierenden
gemeinsam auf dem Smartphone betrachtet werden. Wird die individuelle Vorbe-
reitungsphase optimal genutzt, kann durch sie dem in Abschnitt 2 beschriebenen
Problem des heterogenen Vorwissens begegnet werden. Die direkte Einbindung der
Studierenden mithilfe des aktiven Plenums fördert dazu die Ansprache einer mög-
lichst großen Zielgruppe.

In nahezu jedem Beitrag (u.a. Carlisle 2010; Gannod, Burge und Helmick 2008;
Lage, Platt und Treglia 2000; Spannagel 2012) zum Flipped-Classroom-Konzept
wird aber auch betont, dass die Vorbereitung der Studierenden entscheidender
Erfolgsfaktor für das Gelingen einer interaktiven Präsenzphase ist. Hierfür müs-
sen Studierende und insbesondere auch die Übungsleiter damit rechnen, dass die
für die Aufgaben benötigten Grundkenntnisse aus Vorlesung und Online-Einheit
in keinem Fall wiederholt werden dürfen, um nicht in alte Muster zurückzufal-
len.

Zum aktuellen Zeitpunkt wird die Erstellung der Lernmaterialien für die indivi-
duelle Selbstlernphase im Rahmen der Bachelorarbeit von Catharina Kloß konzi-
piert. Deren Erstellung ist nach einer entsprechenden Validierung für das Som-
mersemester 2013 vorgesehen. Hierbei ist eine Kooperation mit der Professur für
ABWL, insbes. Informationswirtschaft/Wirtschaftsinformatik der TU Bergakademie
Freiberg geplant. Eine erste Durchführung der Lehrveranstaltung auf diesem Weg
ist für das Wintersemester 2013/14, in den Übungen sind erste Experimente mit
Lernen-durch-Lehren-Methoden bereits für das kommende Wintersemester vorge-
sehen.


9
    http://cspannagel.wordpress.com/2011/10/20/vorlesungsvideos-on-demand/   (Stand
     11. 08. 2012)




                                            9
Literaturverzeichnis

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    in an introductory Java course“. In: Proceedings of the 41st ACM Technical
    Symposium on Computer Science Education. SIGCSE ’10. New York, NY, USA:
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Engelhart, Max D., Edward J. Furst, Walker H. Hill und David R. Krathwohl (1972).
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   16. Aufl. Studienbuch 35. Weinheim und Basel: Beltz.

Gannod, Gerald C., Janet E. Burge und Michael T. Helmick (2008). „Using the in-
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FC WINF: Flipped Classroom in der Wirtschaftsinformatik

  • 1. Entwurfsversion, veröffentlicht als: Lorenz, A., Einert, A., & Dinter, B. (2012). FC WInf: Flipped Class- room in der Wirtschaftsinformatik. In Workshop on e-Learning (WeL). Hochschule Zittau/Görlitz, Gör- litz: Zentrum für eLearning [Zfe]. Full Paper FC WInf: Flipped Classroom in der Wirtschaftsinformatik Anja Lorenz, Annett Einter, Barbara Dinter∗ Szenarien mit Blended-Learning-Charakter sind Alltag an deutschen Hochschulen: Insbesondere durch die Verbreitung von Learning-Mana- gement-Systemen, in Sachsen namentlich „OPAL“, können Lehrveran- staltungen über die Präsenzveranstaltungen hinaus in nahezu allen Fach- bereichen um computergestützte Lerneinheiten ergänzt werden. Nach der Etablierung von Web Based Trainings als typische digitale Ergän- zungsmodule streben einige didaktische Konzepte die verstärkte Abstim- mung von Präsenz- und Onlinephase an. In der jüngeren Zeit wurde vor allem die Idee des Flipped Classroom (auch Inverted Classroom ge- nannt) diskutiert. Hierbei wird die traditionelle Aufteilung der Lehr-Lern- Aktivitäten, bei der die Wissensvermittlung in den Präsenzveranstaltun- gen und die Vertiefung des Gelernten in Übungen zu Hause stattfin- den, vertauscht. Stattdessen erwerben die Studierenden das nötige Wis- sen online und im Vorfeld der Präsenzphase, in der dann mithilfe kom- plexer Beispiele und unter aktiver Einbeziehung der Studierenden das Verständnis gefestigt und durch den Lehrenden unterstützt angewendet werden kann. Auch die Großveranstaltung „Grundlagen der Wirtschafts- informatik“ (GWI) an der TU Chemnitz soll im Übungsbetrieb durch ein Flipped-Classroom-Konzept verbessert werden. Hierfür werden beste- hende Aufgaben mithilfe einer Fachlandkarte und der Bewertung der je- weiligen Lehrziele zu einem Online-Materialien-Pool aufgebaut. Die Prä- senzphase soll zur stärkeren Einbeziehung der Studierenden in Form ei- nes aktiven Plenums abgehalten werden. ∗ Professur Wirtschaftsinformatik I, Technische Universität Chemnitz, Germany, anja.lorenz@wirtschaft.tu-chemnitz.de 1
  • 2. 1 Masse und Heterogenität: Die Realität der Lehrveranstaltung „Grundlagen der Wirtschaftsinformatik“ an der TU Chemnitz Mit dem Bologna-Prozess wurde das Diplom von Bachelor- und Masterabschluss an deutschen Hochschulen abgelöst. Neben der Modularisierung der Studiengän- ge und der Bewertung absolvierter Lehrveranstaltungen mit Creditpoints wurde die Studienzeit bis zum ersten akademischen Abschluss von 8-11 auf 6-8 Semes- ter verkürzt. Als eine Folge daraus wird die „Verschulung“ der Universitären Aus- bildung immer wieder genannt und kritisiert1 : Während Diplomstudiengänge die Grundlagenausbildung im Grundstudium und eine individuelle Vertiefung mit einer Reihe von Wahlfreiheiten im Hauptstudium das Studium bestimmten, soll der Ba- chelor in der Regel bereits nach drei Jahren eine erste ganzheitliche Ausbildung leisten, deren Absolventen prinzipiell für den Einstieg in den Arbeitsmarkt gerüs- tet sind (siehe Kultusministerkonferenz 2003). Infolge dessen hat sich die Vielfalt der angebotenen Bachelorstudiengänge zwar erhöht2 , innerhalb der Studiengän- ge gibt es aber nur wenige Wahlmöglichkeiten. Auf diese Weise ist auch die Lehr- veranstaltung „Grundlagen der Wirtschaftsinformatik“ zum Pflichtbestandteil der unterschiedlichsten wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge geworden und ge- hört somit zur Grundlagenausbildung einer sehr großen und heterogenen Studie- rendengruppe – im Wintersemester 2011/12 traten ca. 370 Studierende aus mehr als zehn verschiedenen Studiengängen zur Prüfung an. Mit einer Umgestaltung des Übungsbetriebs zu einem Flipped-Classroom-Szena- rio soll den für die Lehre eher ungünstigen Voraussetzungen begegnet werden. Nachdem die spezifischen Probleme und Anforderungen in Abschnitt 2 dargestellt wurden, beschreibt Abschnitt 3 die Grundlagen und aktuelle Entwicklungen des Flipped-Classroom-Konzepts. Die Neukonzeption für die Lehrveranstaltung „Grund- lagen der Wirtschaftsinformatik“ wird in Abschnitt 4, die erwarteten Verbesserun- gen, aber auch mögliche Problempunkte werden in Abschnitt 5 erläutert, in dem abschließend auch ein Überblick über den aktuellen Arbeits- und Planungsstand gegeben wird. 1 Beispielsweise in Tegler (2010) oder Kühl (2012) 2 An der TU Chemnitz kann derzeit zwischen 40 Bachelor-Studiengängen gewählt werden, wo zu- vor nur 21 Diplomstudiengänge angeboten wurden (http://www.tu-chemnitz.de/verwaltung/ studentenamt/zpa/ordnungen/ordnungen.php, Stand: 13. 08. 2012). 2
  • 3. 2 Aktuelle Probleme und Anforderungen an die Neukonzeption der Lehrveranstaltung Im Fokus der Veranstaltung „Grundlagen der Wirtschaftsinformatik“ steht neben dem Aufbau eines soliden theoretischen und anwendungsbezogenem Grundlagen- wissens vor allem die Vermittlung ausgewählter Methoden der Wirtschaftsinfor- matik, wie der Geschäftsprozess- oder Datenmodellierung. Hierzu findet wöchent- lich eine Vorlesung statt, unterstützt durch insgesamt sechs Übungen im 14tägigen Rhythmus, in denen die behandelten Themen vertieft und Methoden in praktischen Aufgaben angewendet werden. Neben dem unterschiedlichen Vorwissen, das bei Studierenden im ersten Semester u. a. durch die verschiedenen Lehrpläne des föderalistischen Bildungssystems in Deutschland bedingt ist, stellt die Motivation zum Besuch der Vorlesung die wohl größte Herausforderung dar: Während Studierende im Bachelorstudiengang Wirt- schaftsinformatik die Lehrveranstaltung als wesentliches und wichtiges Fach auffas- sen, in dem die Grundlagen für aufbauende Fächer vermittelt werden, bietet es vie- len anderen Fachrichtungen lediglich ein Einblick in das (nicht selten eher unbelieb- te) Thema der Wirtschaftsinformatik, das im Rahmen ihrer Grundlagenausbildung absolviert werden muss. Tabelle 1 listet die Studiengänge und Abschlüsse auf, aus denen die Prüfungsteilnehmer im Wintersemester 2011/12 stammten. Neben sechs Bachelorstudiengängen waren eine Reihe der Studenten noch in einen Diplomstu- diengang immatrikuliert oder besuchten die Lehrveranstaltung im Rahmen eines Teilstudiums Wirtschaftsinformatik. In der Tabelle nicht aufgeführt sind vereinzelt auch Teilnehmende aus anderen Studiengängen, die über das ERASMUS-Programm die Lehrveranstaltung als Wahlpflichtfach besuchten. Studiengang Bachelor Diplom Andere Wirtschaftsinformatik X Wirtschaftswissenschaften X X X Wirtschaftsingenieurwesen XX3 X Wirtschaftsmathematik X Maschinenbau X X Technikkommunikation X Tabelle 1: Studiengänge und angestrebte Abschlüsse der im Wintersemester 2011/12 zur Prüfung im Fach „Grundlagen der Wirtschaftsinformatik“ an- getretenen Studierenden 3 Der Bachelorstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen wird von vornherein in zwei Varian- ten angeboten: Wirtschaftsingenieurwesen Elektrotechnik/Informationstechnik und Maschinen- bau/Produktionstechnik 3
  • 4. Die Übungen sind der Vorlesung nachgelagert und werden von Mitarbeitern der Professuren Wirtschaftsinformatik I und II durchgeführt. Die Studierenden sollen darin befähigt werden, mithilfe des erworbenen Fachwissens typische Aufgabenstel- lungen der Wirtschaftsinformatik zu analysieren und selbstständig zu lösen. Neben der Themenvielfalt sind es vor allem die mit 40 bis 50 Teilnehmern sehr großen und weiterhin heterogenen Übungsgruppen, die sich negativ auf die didaktischen Gestaltungsmöglichkeiten auswirken. Weitere Übungsangebote und damit kleinere oder gar nach Studiengängen getrennte Gruppen wären zwar wünschenswert, sind aber aufgrund der derzeitigen und perspektivisch eher abnehmenden personellen Ressourcen nicht möglich. Da die Veranstaltung in der Regel im ersten Fachsemes- ter der Studiengänge eingeplant ist, ist die Umstellung der Studierenden auf den universitären Alltag in der Regel noch nicht abgeschlossen: Es ist für sie oftmals ungewohnt, derartige Stoffmengen in wenigen Wochen soweit eigenständig zu er- arbeiten, dass das Wissen in praktischen Aufgaben angewendet werden kann. Zwar werden sie von Dozenten und Übungsleitern zum Selbststudium aufgefordert, kom- men aber i. d. R. unvorbereitet in die Übung, was die aktive Mitarbeit behindert. Den Übungsleitern bleibt oft nichts anderes übrig, als die wesentlichen Vorlesungs- inhalte zu wiederholen und die Aufgabenstellungen ohne nennenswerten studenti- schen Input lediglich „vorzurechnen“. Ideelle Ziele, wie die individuelle Förderung von Fach- und Selbstlernkompetenzen werden auf diese Weise oftmals zugunsten des pragmatischen Ansatzes, vor allem prüfungsrelevantes Wissen zu vermitteln, vernachlässigt und nicht selten verfehlt. Diesen Herausforderungen wird mit der Umgestaltung und Erweiterung des Übungs- betriebs begegnet, indem die Präsenzveranstaltung durch ein Flipped-Classroom- Konzept in ein aktiveres und für die heterogene Zielgruppe geeignetes Format über- führt werden soll. 3 Grundlagen des Flipped-Classroom-Konzepts Der wesentliche Aspekt des Flipped- (oder auch Inverted-)Classroom-Gedankens ist es, den traditionellen Aufbau von Lehrveranstaltungen umzukehren (Lage, Platt und Treglia 2000): Die Präsenzphase wird also nicht zur reinen Wissensvermittlung, son- dern zur aktiven Anwendung und Vertiefung genutzt, was zuvor Ziel klassischer „Hausaufgaben“ war (siehe Tabelle 2). 3.1 Ursprung und Initiativen im deutschsprachigem Raum Unter dem Begriff „Inverted Classroom“ wurde von Lage, Platt und Treglia (ebd.) erstmals die Auslagerung der Wissensvermittlung zugunsten einer stärkeren Ein- 4
  • 5. Phase Typ Dauer Traditionell Flipped Anwenden, Wissen Individuelle Phase Asynchron Beliebig Vertiefen vermitteln Wissen Anwenden, Präsenzphase Synchron Festgelegt vermitteln Vertiefen Tabelle 2: Komponenten des Flipped Classrooms im Vergleich zur traditionellen Auf- teilung von Online- und Präsenzphase (vgl. Handke und Schäfer 2012, S. 94) bindung der Studierenden in der Präsenzphase einer (in diesem Fall wirtschafts- wissenschaftlichen) Lehrveranstaltung beschrieben. Die Studierenden wurden vor allem mithilfe von Videoaufzeichnungen auf die Präsenzphase vorbereitet, in der durch Fallstudien und Planspielen ökonomische Prinzipien „in action“ erlebt wer- den konnten (Lage, Platt und Treglia 2000, S. 33). Besonders in den USA verbrei- tete sich das Flipped-Classroom-Model (Handke und Schäfer 2012) über verschie- dene Disziplinen hinweg (vgl. Carlisle 2010; Day und Foley 2006; Kaner und Fied- ler 2005). Einige Curricula wurden sogar gänzlich auf dieses Konzept umgestellt, wie beispielsweise der Studiengang Software Engineering an der Miami University (Gannod, Burge und Helmick 2008). Auch im deutschsprachigen Raum erfährt das Flipped-Classroom-Modell immer mehr Beachtung. Ein Beispiel ist die Umgedrehte Mathematikvorlesung4 an der PH Hei- delberg (Spannagel 2012), in der sämtliche Vorlesungen der Lehrveranstaltung „Ein- führung in die Arithmetik“ aufzeichnete und auf einem YouTube-Kanal bereitgestellt werden. Die Präsenzzeiten werden genutzt, um Fragen zu klären und weitere, oft komplexe Aufgaben im aktiven Plenum, also unter Leitung der Studierenden (vgl. Iberer 2011), zu lösen. Der Virtual Linguistics Campus der Universität Marburg5 gibt an, bereits seit 2004 mit Flipped-Classroom-Szenarien zu arbeiten (Handke und Schäfer 2012), wobei dieses Konzept selbst den Lehrenden bei der Gestaltung der Kurse namentlich nicht bekannt gewesen sei. Dieses Beobachtung scheint nicht unüblich zu sein6 : Die intuitive Verwendung der Flipped-Classroom-Methode mag dabei vor allem in der Plausibilität der Auslagerung relativ konstanter und somit konservierbarer Inhalte zu liegen. Letztendlich handelt es sich dabei doch um eine 4 Lehrmaterialien und didaktisches Konzept sind dokumentiert auf http://wiki.zum.de/Benutzer: Cspannagel/Die_umgedrehte_Mathematikvorlesung und werden vorlesungsbegleitend in ei- nem Blog diskutiert http://cspannagel.wordpress.com/category/vorlesungsaufzeichnung/ (Stand: 11. 08. 2012) 5 Online unter http://linguistics.online.uni-marburg.de/ (Stand: 11. 08. 2012) 6 Christian Spannagel stellte gleiches bei einem der ersten Berichte über sein verändertes Lehr- veranstaltungskonzept fest: http://cspannagel.wordpress.com/2011/08/07/die-umgedrehte- mathematikvorlesung/ (Stand: 11. 08. 2012) 5
  • 6. spezielle Form des Blended Learning, in der die Gestaltung der Präsenzphase als interaktive und integrierende Lehrveranstaltung im Vordergrund steht (vgl. Carlis- le 2010; Kaner und Fiedler 2005). Inzwischen haben sich Initiativen und Netzwer- ke wie das Flipped Learning Network7 gebildet, um Diskussionen und Erfahrungs- austausch eine Plattform zu bieten. Die erste deutsche Inverted-Classroom-Model- Konferenz8 fand 2012 in Marburg statt. 3.2 Typischer Aufbau Eine Flipped-Classroom-Einheit beginnt mit einer individuellen Phase, in der sich die Lernenden Grundlagenwissen aneignen. Die hierzu benötigten Materialien kön- nen auf verschiedenen Wegen bereitgestellt werden: Von einfachen Skripten und Handouts, über vertonte PowerPoint-Präsentationen haben schnellere Internetver- bindungen die Verteilung in Form von Podcasts und Videovorlesungen zum Standard werden lassen (Lage, Platt und Treglia 2000). Die Präsenzphase wird mit dem Klären offener Fragen begonnen. Der Lehrende ist anschließend frei darin, die vertiefende Auseinandersetzung mit dem Lehrstoff zu unterstützen. Es werden möglichst aktivierenden und interaktiven Lehrformen angestrebt, je nach Fachgebiet und Thema bspw. Fallstudien, Gruppenarbeit (ebd.) oder Lernen-durch-Lehren-Konzepte (LdL) wie das aktive Plenum (Spannagel 2012). 4 Neukonzeption Eine Übersicht über den neugestalteten Übungsbetrieb im Fach „Grundlagen Wirt- schaftsinformatik“ ist in Abbildung 1 dargestellt. 4.1 Voraussetzung: Erstellung der Online-Lehreinheiten Eine wesentliche Grundlage für das Flipped-Classroom-Konzept ist die Erstellung von Lernmaterialien zur Wissensvermittlung in der individuellen (Vorbereitungs-) Phase. Ausgangspunkt hierfür sind die Übungsaufgaben vergangener Semester. Aus diesen und den zugehörigen Vorlesungseinheiten wurde eine Fachlandkarte erstellt (siehe Abbildung 2), mit der die Themengebiete der Veranstaltung geclustert und hierarchisch strukturiert wurden. 7 http://flippedclassroom.org/, mit Gruppe für die deutschsprachige Community http:// flippedclassroom.org/group/icm-deutschland (Stand: 11. 08. 2012) 8 http://invertedclassroom.wordpress.com/konferenz2012/ (Stand: 11. 08. 2012) 6
  • 7. Vorlesung Übung Feedback PRÄSENZ Vermittlung grundlegender bei Bedarf: Lösung Begriffe und Methoden, Klärung von komplexerer fachspezifischer Theorien Verständ- Aufgabenstel- und Hintergründe nisfragen lungen (LdL) Online-Lerneinheiten INDIVUDUELL Kurzevaluation Wiederholung Grundlagen Anwendung besonders und Anleitung anhand erster relevanter zur praktischen einfacher Vorlesungs- Anwendung Aufgaben inhalte von Methoden Abbildung 1: Neukonzeption mithilfe des Flipped-Classroom-Konzeptes Abbildung 2: Erster Entwurf der Fachlandkarte von Catharina Kloß 7
  • 8. Hierdurch wird nicht nur die Auswahl geeigneter Aufgaben für Online- und Prä- senzphase erleichtert, auch die Aufnahme neuer Aufgaben in die Sammlung kann so standardisiert werden, was eine angestrebte Kooperation mit Lehrstühlen anderer Hochschulen und den Aufbau eines gemeinsamen Aufgabenpools begünstigt. Die bisherigen Aufgabenstellungen wurden hinsichtlich der angestrebten Lernzielkate- gorien (vgl. Engelhart u. a. 1972) dahingehend bewertet, ob und inwieweit sich für die Umsetzung als Online-Lerneinheit in der individuellen Phase eignen. 4.2 Ablauf des Übungsbetriebes Die Vermittlung theoretischer Lerninhalte soll sich auf Vorlesung und individuelle Selbstlernphase beschränken. Dabei sollen grundlegende Wiederholungen des Vor- lesungsstoffs und erste, eher einfach gehaltene Anwendungsaufgaben online über die sächsische Lernplattform OPAL (ergänzt um freie Werkzeuge und Plattformen zur Video- und Animationserstellung) und damit im Vorfeld der Präsenzphase bear- beitet werden. Die Studierenden lernen typische Fragestellungen kennen und wer- den im eigenständigen Lösen und somit zur Mitarbeit in der Präsenzphase befä- higt. Im Anschluss an die Online-Lerneinheit wird durch das Monitoring der Lernaktivi- täten und eine Kurzevaluation das Verständnis, Probleme und Fragestellungen der Studierende der Lernenden erfasst und den Übungsleitern im Vorfeld des Tutoriums „Just in Time“ als Feedback zur Verfügung gestellt. Hierdurch können sich nicht nur die Übungsleiter besser auf die erwarteten Problempunkte für die Präsenzveran- staltung einstellen, die Fragen können auch als direkter Input für die Präsenzphase verwendet werden. Eventuelle Hemmungen bei der zu Beginn jeder Übung ange- siedelten Klärung von offenen Fragen aus der Bearbeitung der Online-Materialien können so ebenfalls besser überwunden werden. Wurden die über das Just-In-Time-Feedback oder individuelle Wortmeldungen ge- stellte Fragen beantwortet, wird zur Bearbeitung komplexerer Aufgabenstellungen im aktiven Plenum übergegangen. Hierzu werden idealerweise zwei Studierende durch die restlichen Teilnehmenden zur Lösung der Aufgabe angeleitet: Die Do- kumentation des Lösungsweges wird dabei durch den einen, die Koordination der Teilnehmerbeiträge durch den zweiten Studierenden übernommen. Der Übungslei- ter eröffnet die Veranstaltung, benennt zwei Studenten für die Moderation und be- obachtet den Lösungsweg, um ihn im Bedarfsfall in die richtige Richtung zu len- ken. Durch dieses Lernen-durch-Lehren-Konzept kann trotz der großen Übungs- gruppen eine aktive Einbindung der Studierenden erreicht werden (vgl. Martin 2002). 8
  • 9. 5 Erwartungen, Herausforderungen, aktueller Stand und Ausblick In der Literatur wird die stärkere Einbeziehung der Studierenden als wesentli- cher Vorteil des Flipped-Classroom-Konzepts genannt (Gannod, Burge und Helmick 2008): Durch die Abdeckung des unverzichtbaren Pflichtteils der Wissensvermitt- lung in Vorlesung und Online-Lernphase steht die gesamte Übungseinheit zur Klä- rung von Problemen und gemeinsamen Vertiefung zur Verfügung. Die individuel- le Phase kann von den Studierenden gänzlich an deren Lernstil angepasst wer- den: Geschwindigkeit und Pausen können variiert, Zusatzmaterial herangezogen und in Lerngruppen diskutiert werden. Gannod, Burge und Helmick (2008) hebt neben dem konstruktivistischem Leitgedanken des Flipped-Classrooms auch des- sen besondere Eignung für die „Digital Natives“ hervor. Obwohl dieses Genera- tionsklischee umstritten ist (siehe bspw. Schulmeister 2008), berichtet9 beispiels- weise Christian Spannagel davon, dass seine Online-Vorlesungen von Studierenden gemeinsam auf dem Smartphone betrachtet werden. Wird die individuelle Vorbe- reitungsphase optimal genutzt, kann durch sie dem in Abschnitt 2 beschriebenen Problem des heterogenen Vorwissens begegnet werden. Die direkte Einbindung der Studierenden mithilfe des aktiven Plenums fördert dazu die Ansprache einer mög- lichst großen Zielgruppe. In nahezu jedem Beitrag (u.a. Carlisle 2010; Gannod, Burge und Helmick 2008; Lage, Platt und Treglia 2000; Spannagel 2012) zum Flipped-Classroom-Konzept wird aber auch betont, dass die Vorbereitung der Studierenden entscheidender Erfolgsfaktor für das Gelingen einer interaktiven Präsenzphase ist. Hierfür müs- sen Studierende und insbesondere auch die Übungsleiter damit rechnen, dass die für die Aufgaben benötigten Grundkenntnisse aus Vorlesung und Online-Einheit in keinem Fall wiederholt werden dürfen, um nicht in alte Muster zurückzufal- len. Zum aktuellen Zeitpunkt wird die Erstellung der Lernmaterialien für die indivi- duelle Selbstlernphase im Rahmen der Bachelorarbeit von Catharina Kloß konzi- piert. Deren Erstellung ist nach einer entsprechenden Validierung für das Som- mersemester 2013 vorgesehen. Hierbei ist eine Kooperation mit der Professur für ABWL, insbes. Informationswirtschaft/Wirtschaftsinformatik der TU Bergakademie Freiberg geplant. Eine erste Durchführung der Lehrveranstaltung auf diesem Weg ist für das Wintersemester 2013/14, in den Übungen sind erste Experimente mit Lernen-durch-Lehren-Methoden bereits für das kommende Wintersemester vorge- sehen. 9 http://cspannagel.wordpress.com/2011/10/20/vorlesungsvideos-on-demand/ (Stand 11. 08. 2012) 9
  • 10. Literaturverzeichnis Carlisle, Martin C. (2010). „Using You Tube to enhance student class preparation in an introductory Java course“. In: Proceedings of the 41st ACM Technical Symposium on Computer Science Education. SIGCSE ’10. New York, NY, USA: ACM, S. 470–474. doi: 10.1145/1734263.1734419. url: http://dx.doi.org/ 10.1145/1734263.1734419 (besucht am 11. 09. 2012). Day, Jason A. und James D. Foley (11/2006). „Evaluating a Web Lecture Intervention in a Human-Computer Interaction Course“. In: IEEE Transactions on Education 49.4, S. 420–431. doi: 10.1109/TE.2006.879792. url: http://dx.doi.org/10. 1109/TE.2006.879792 (besucht am 11. 09. 2012). Engelhart, Max D., Edward J. Furst, Walker H. Hill und David R. Krathwohl (1972). Taxonomie von Lernzielen im kognitiven Bereich. Hrsg. von Benjamin S. Bloom. 16. Aufl. Studienbuch 35. Weinheim und Basel: Beltz. Gannod, Gerald C., Janet E. Burge und Michael T. Helmick (2008). „Using the in- verted classroom to teach software engineering“. In: Proceedings of the 30th International Conference on Software Engineering. ICSE ’08. New York, NY, USA: ACM, S. 777–786. doi: 10.1145/1368088.1368198. url: http://dx.doi. org/10.1145/1368088.1368198 (besucht am 11. 09. 2012). Handke, Jürgen und Anna M. Schäfer (2012). „Das „Inverted Classroom Model“ (ICM)“. In: E-Learning, E-Teaching und E-Assessment in der Hochschullehre. Eine Anleitung. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S. 94–98. Iberer, Ulrich (2011). „Das aktive Plenum: Neue didaktische Potenziale einer klas- sischen Sozialform“. In: Lernen durch Lehren im Fokus: Berichte von LdL- Einsteigern und LdL-Experten. Ein Workshop-Band zum LdL-Tag 2009 an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Hrsg. von Lutz Berger, Joachim Grze- ga und Christian Spannagel. Berlin: ePubli. Kaner, Cem und Rebecca L. Fiedler (2005). „Inside Out: A Computer Science Course Gets a Makeover“. In: Proceedings of the Association for Educational Commu- nications and Technology (AECT) International Conference. Hrsg. von Michael Simonson. Association for Educational Communications und Technology. Orlan- do, FL: AECT. url: http://www.kaner.com/pdfs/kanerfiedleraectprint.pdf (besucht am 11. 09. 2012). Kühl, Stefan (02/2012). „Verschulung wider Willen – Die ungewollten Nebenfolgen einer Hochschulreform“. In: Der Sudoku-Effekt: Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie. Eine Streitschrift. Bielefeld: transcript. 10
  • 11. Kultusministerkonferenz (2003). 10 Thesen zur Bachelor- und Masterstruktur in Deutschland. Sekretariat der ständigen Konferenz der Kultusminister der Län- der in der Bundesrepublik Deutschland. url: http://www.kmk.org/wissenschaft- hochschule/studium- und- pruefung/bachelor- und- masterstudiengaenge/ thesen-zur-bachelor-und-masterstruktur-in-deutschland.html (besucht am 11. 09. 2012). Lage, Maureen J., Glenn J. Platt und Michael Treglia (2000). „Inverting the Class- room: A Gateway to Creating an Inclusive Learning Environment“. In: The Jour- nal of Economic Education 31.1. doi: 10.2307/1183338. url: http://dx.doi. org/10.2307/1183338 (besucht am 11. 09. 2012). Martin, Jean-Pol (12/2002). „Lernen durch Lehren (LdL)“. In: Die Schulleitung – Zeitschrift für pädagogische Führung und Fortbildung in Bayern 29.4, S. 3–9. Schulmeister, Rolf (2008). „Gibt es eine Net Generation? Widerlegung einer Mysti- fizierung“. In: DeLFI 2008: Die 6. e-Learning Fachtagung Informatik der Gesell- schaft für Informatik e.V. Hrsg. von Silke Seehusen, Ulrike Lucke und Stefan Fischer. GI Edition – Lecture Notes in Informatics – Proceedings. Bonn: Gesell- schaft für Informatik, S. 15–28. url: http://subs.emis.de/LNI/Proceedings/ Proceedings132/article4376.html (besucht am 11. 09. 2012). Spannagel, Christian (18. 01. 2012). „Input Out: Die umgedrehte Mathematikvorle- sung“. In: Fachforum E-Learning 2012 „Free your Lecture! Mit digitalen Medien Freiräume in der Lehre schaffen“. e-Learning Center der TU Darmstadt. Darm- stadt. url: http : / / wiki . zum . de / Benutzer : Cspannagel / Die _ umgedrehte _ Mathematikvorlesung (besucht am 11. 09. 2012). Tegler, Alexa (2010). „Leistungsbewertungen, Prüfungen, Verschulung. Ein Beitrag aus studentischer Sicht“. In: Erziehungswissenschaft 21.40, S. 135–143. url: http://www.pedocs.de/volltexte/2010/2755/ (besucht am 11. 09. 2012). 11