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Verkehrte Welt                  Wir verfüttern Essen an Tiere und füllen Lebens-                  mittel in unsere Tanks. ...
Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß   7
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Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
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Ein Magazin zur Verantwortung der Wissenschaft, das Studierende des 5. Semesters im Studiengang Wissenschaftsjournalismus 2012 erstellt haben.

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Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß

  1. 1. grauzone Wissenschaft ist nicht schwarz oder weißMagazin der Wissenschaftsjournalistenan der Hochschule Darmstadt 2012
  2. 2. ed i t or i a lGrauzone – das ist nicht einfach schwarz oder weiß,nicht gut oder böse. Das Gleiche gilt für die Wissenschaft: Neue Erfindungen und Tech-nologien brauchen Rahmenbedingungen, damit sie nicht missbraucht werden. Dochwer schafft diese Rahmenbedingungen? Muss ein Wissenschaftler während seiner For-schungsarbeit schon über mögliche Folgen seiner Ergebnisse nachdenken? Trägt erüberhaupt eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft oder ist seine Forschung un-abhängig davon? Verantwortung in der Wissenschaft – das klingt erst einmal abstrakt, trocken undirgendwie anstrengend. Auf den zweiten Blick ergeben sich viele spannende Themen-felder, von der Militärforschung bis zu Tierversuchen. Diesen zweiten Blick haben dieStudierenden des Wissenschaftsjournalismus der Hochschule Darmstadt ein Semesterlang riskiert. Warum gibt es für bestimmte Krankheiten keine Medikamente? Was hat die Wissen-schaft mit Zusatzstoffen im Tabak zu tun? Und wer trägt eigentlich die Verantwortungfür die Forschungsergebnisse, die zum Bau der Atombombe führten? Wie bringen wirWissenschaft ans Kind und wie funktionieren Medikamente für Kinder? Unsere Autoren recherchieren, hinterfragen und zeigen verschiedene Aspekte derVerantwortung in wissenschaftlichen Disziplinen auf. Projektpartner ist die »Vereinigung deutscher Wissenschaftler«, die nicht nur denDruck finanzierten, sondern sich auch unseren Fragen stellten: Im Gespräch mit UlrichBartosch und Reiner Braun geht es um Themen wie Nachhaltigkeit und den Sinn undUnsinn von Forschungsgeldern.Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre,Christina Ress, Tabea OsthuesWissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 3
  3. 3. in h alt 6 Verkehrte Welt B ilderstrecke Wir verschwenden hemmungslos, was Andere zum Überleben brauchen. 12 Ein lebenslanger Prozess Verantwortungsentwicklung Wie wir lernen, zu unseren Handlungen zu stehen und ihre Folgen abzuschätzen. 16 Wissenschaft macht Spaß Kinder als Forscher Lernen Kinder durch Experimente Na- turwissenschaften kennen und verstehen?© Iris Küppers-Krauß 20 Studieren geht über probieren Forschung an Kindern Passende Medikamente für Kinder sind rar. Klinische Studien können das ändern. Einige Bedenken bleiben dennoch. 24 »Sie lieben es, mich zu hassen« Interview: Zusatzstoffe in Zigaretten Martina Pötschke-Langer über ihren jah- relangen Kampf gegen die Tabakindustrie. 28 Eine Hand wäscht die andere? Politikberatung Wie Wissenschaftler politische Entschei- dungen beeinflussen. Oder auch nicht. 32 Es lebe die Geldverschwendung Kommentar: Geld und Forschung Grundlagenforschung und wirtschaftliche© Ina Hübener Interessen lassen sich nicht vereinbaren. 34 Gewissen verbindet Interview: Lobbyarbeit Bei unserem Geldgeber nachgebohrt: Reiner Braun und Ulrich Bartosch von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler im Gespräch. 38 Der radioaktive Elfenbeinturm Kernkraftforschung im Konflikt Fortschritt als Ziel, Zerstörung das Ergeb- nis. Wie aus einer vielversprechenden Strahlung die Atombombe wurde. 40 Kompromisse nach dem GAU Interview: Arbeit einer Ethikkommission© Michael Greiner Volker Hauff über teils chaotische Diskus- sionen beim Atommoratorium.
  4. 4. 42 Forschung im Badezimmer Glosse: Pseudowissenschaft Faltenfreie Zukunft – von Märchen und Wundern der Kosmetikindustrie.44 Neutral gibt es nicht T ierversuche Wieso trotz aller Alternativen immer noch an Tieren geforscht wird.46 Fabelwesen aus dem Labor Pro und Contra: Chimären Brauchen wir Mischwesen für die For- schung oder gehen wir damit zu weit? © Adrian Wagner50 Heilung nicht von Interesse Pharmaforschung Seltene Krankheiten betreffen wenige Menschen – zu wenige für die Pharmaindustrie.54 Wer haftet für das Wetter? Launische Natur Regen, Hagel, Sturm: Wenn Festivals tödlich enden, ist es schwer, den Schuldigen zu finden.60 Im Labor an der Front Militärforschung Darf an deutschen Hochschulen für den Krieg geforscht werden?64 Wissen aus dem Untergrund? © fotolia: valdezrl Kurzinterviews: Wofür sie forschen Warum jede Wissenschaftsdisziplin verantwortlich für ihre Ergebnisse ist.68 Hype ohne Zukunft Elektromobilität Strom statt Benzin. Was verlockend klingt, scheitert an einem wichtigen Roh- stoff: Lithium.70 Wer fährt denn hier? Autonomes Fahren Wenn PKWs sich selbst lenken, ist unklar, wer bei einem Unfall haften muss.63 Editorial 73 Impressum © Francesco Mocellin74 Letzte Seite
  5. 5. Verkehrte Welt Wir verfüttern Essen an Tiere und füllen Lebens- mittel in unsere Tanks. Da läuft etwas falsch.© fotolia: joda 6 GRAUZONE
  6. 6. Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 7
  7. 7. © fotolia: Miredi 37 Millionen Tonnen Getreide werden pro Jahr in Deutschland geerntet. Für die Produktion von Bioethanol wurden 2010 über 1,3 Millionen Tonnen Getreide verwendet – knapp 4 Prozent.© Harald Lange 2,6 Kilogramm Getreide benötigt man, um 1 Liter Bioethanol herzustellen. An der Tankstelle kauft man dann E10: 10 Prozent Biotreibstoff, 90 Prozent Benzin. 10 Liter E10 enthalten 1 Liter Bioethanol. 8 GRAUZONE
  8. 8. © flickr.com: Nathan Colquhoun 900 Gramm Getreide reichen, um einen Menschen einen Tag lang zu ernähren. Mit dem Getreide, aus dem in Deutschland Bioethanol hergestellt wird, könnten 4 Millionen Menschen ein Jahr lang leben. © 4freephotos.com: alegri 10 Liter Treibstoff reichen im Durchschnitt für 150 Kilometer. Das entspricht der Strecke von Magdeburg nach Berlin – oder dem, was eine kleine Familie täglich an Getreide benötigt, um zu überleben.Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 9
  9. 9. © Iris Küppers-Krauß 747 Millionen Tiere werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Davon sind 3,5 Millionen Rinder, 59 Millionen Schweine und 618 Millionen Hühner. Durchschnittlich 1094 Tiere isst jeder Deutsche in seinem Leben.© Christopher Stumm Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen, braucht man 15.000 Liter Wasser und 10 Kilogramm Getreide. Ein Burger mit Pommes und Salat benötigt eine Anbaufläche von 3,61 Quadratmetern, Nudeln mit Tomatensauce dagegen nur 0,46 Quadratmeter. 10 GRAUZONE
  10. 10. © fotolia: Tobias Müller Auf weltweit 2,6 Millionen Hektar Landflächen wird Soja als Futtermittel für den Import nach Deutschland angebaut, vor allem in armen Ländern. Ein Gebiet fast so groß wie Brandenburg. © Mareike Heups Die Viehwirtschaft ist für fast ein Fünftel der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. 12 Kilogramm Rindfleisch essen wir pro Kopf und pro Jahr – das entspricht einem Kohlendioxidausstoß von rund 430 Kilogramm. Etwa so viel wie ein Flug von Berlin nach Mallorca.Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 11
  11. 11. V ER an t wo r tu n g s entw icklungVerantwortung –ein lebenslanger ProzessWelche Entwicklungs-stufen muss ein Kindnehmen, um späterzu einem verantwor-tungsvollen Erwach-senen heranzureifen?Und welche Rollespielen dabei die Elternund die Kultur? Ein elf Monate altes Baby teilt geübt eine Frucht mit einer Machete (rechts). Was bei uns undenkbar wäre, ist bei dem Volk der © flickr: Sallyrae17 Efe im Kongo völlig normal. Verantwortlicher Umgang mit Werkzeug entwickelt sich auf der Welt unterschiedlich schnell.12 GRAUZONE
  12. 12. »V orsicht, ein Auto!«, ruft der fünfjährige Tim aufgeregt und zieht seinen kleinen Bruder Lukas von der Straße weg. Tim hätte viel lieber weiter geschaukelt, anstatt seinem zweijährigen Geschwister hinterher zu rennen. Doch wo war nur seine Mutter? Ohne Erwachsenen in Sicht hatte sich Tim plötzlich für seinen kleinen Bruder verant- wortlich gefühlt und musste eingreifen. Situationen wie diese beobachten wir immer wieder. Denn schon sehr kleine Kinder übernehmen spontan Verantwor- tung, wenn gerade kein Erwachsener in der Nähe ist, der sie ihnen abnimmt. Damit Kinder wie Tim aber zu verant- wortungsbewussten Erwachsenen heran- reifen, müssen sie zunächst viele Entwick- lungsschritte meistern. »Die Verantwortungsentwicklung fängt damit an, dass die Kinder sich selbst als Ursprung ihrer Handlung erleben«, erklärt die Entwicklungspsychologin Hellgard Rauh von der Universität Potsdam. »Und dies beginnt in ersten Ansätzen schon in einem Alter um die vier bis fünf Monate.« Noch können die Babys allerdings nicht zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden. Eltern kennen dieses Phä- nomen. Wenn beim Kinderarzt ein Baby anfängt zu schreien, stimmen die ande- ren mit ein. Solche spontanen Reaktionen auf die Gefühlszustände anderer sind die frühsten Formen der Empathie, also der Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen. Sie macht Verantwortung erst möglich. Mit acht bis zehn Monaten wird den Babys bewusst, dass sie selbst jemand an- deres sind als ihr Gegenüber. Etwa ein Jahr später erkennen sich die Kleinen dann im© David Wilkie Spiegel und bezeichnen sich kurz darauf mit »Ich«. Doch nicht nur das: Zunehmend Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 13
  13. 13. können Kleinkinder auch die Wünsche, Vorstellungen von dem Handlungsziel Hellgard Rauh zusammen. Das sei so kom- Absichten und Gefühle ihres Gegenübers des anderen. Unterläuft diesem ein Fehler, plex, dass sich diese Kompetenz vermut- erahnen. Durch diesen Perspektivwechsel fühlen sie sich daher motiviert zu helfen lich erst in der späteren Grundschulzeit gelingt es ihnen, die Bedürfnisse eines an- und so gemeinsam zum Ziel zu gelangen. mit zehn bis zwölf Jahren herausbilde. deren Menschen immer besser zu erken- Entwicklungspsychologen nennen die- Was universell klingt, gilt keineswegs nen. Sie erreichen eine höhere Stufe der sen Komplex aus Mitgefühl und Hilfsbe- für alle Kinder auf der Welt. Wie stark sich Empathie und begreifen, welche Auswir- reitschaft »prosoziales Verhalten«. Er ent- die Verantwortungsentwicklung bei Kin- kungen die eigenen Handlungen auf ihre wickelt und verfeinert sich während der dern kulturell unterscheidet, weiß Psycho- Mitmenschen haben. Anfangs können das ganzen Vorschulzeit. login Barbara Rogoff von der University of so einfache Beobachtungen sein wie: Wenn California in Santa Cruz. Sie hat erforscht, ich die Tasse meiner Schwester kaputt ma- Alles eine Frage der Zeit wie sich Menschen in unterschiedlichen che, ist sie traurig. Doch selbst wenn Kinder Empathie zeigen Kulturen entwickeln. »In einigen Gesell- In diesem Alter beginnen die Kleinen können und sich als Ursprung einer Hand- schaften, wie beispielsweise der Maya in auch, andere aktiv zu trösten. Wenn sie lung erkennen, fehlt ihnen noch ein ent- Guatemala, sind Kinder schon zwischen ein weinendes oder trauriges Krabbelkind scheidender Schritt, um wirklich verant- drei und fünf Jahren in der Lage, unter sehen, gehen sie zu ihm und versuchen es wortlich handeln zu können: Das Gefühl für Aufsicht auf ihre kleineren Geschwister beispielsweise mit Keksen aufzuheitern. die Zeit. Ohne Zeitgefühl ist es unmöglich, aufzupassen. Die bevorzugten Aufpasser Mit zwei bis drei Jahren reift schließ- die langfristigen Folgen von Handlungen sind zwischen acht und zehn Jahre alt.« lich der Wunsch zu helfen. Dies hat sowohl abzuschätzen. »Kinder gehen mit Zeitwör- Diese Verantwortung beruhe vermutlich mit der emotionalen als auch der kogni- tern wie ,heute‘ und ,morgen‘ schon sehr auf vielen kulturellen Merkmalen. Die Ma- tiven Entwicklung zu tun. Jetzt können früh um«, sagt Elfriede Billmann-Mahecha, ya-Kinder haben unter anderem ständig Kleinkinder auch schon komplexere zwi- Psychologin an der Universität Hannover. kleinere Kinder um sich und sehen, wie schenmenschliche Gefühle nachempfin- »Sie können auch kurze Zeiträume wie andere auf sie aufpassen. Sie haben die den. Sie wissen dann, wie es sich anfühlt, ‚noch zweimal schlafen’ überblicken, aber Chance, sich um sie zu sorgen und haben enttäuscht oder betrogen zu werden. Be- ein richtiger Zeitbegriff bildet sich erst im Erwachsene in der Nähe, für den Fall, dass obachten sie eine Handlung, werden ihre Grundschulalter aus.« es Probleme gibt. Weiterhin werden sie be- Spiegelneuronen im Gehirn aktiv. Sie sind Doch wie alt muss ein Kind sein, um stärkt, reif und verantwortlich zu sein. bei uns Menschen besonders ausgeprägt alleine auf ein kleineres Kind aufpassen Was können also Eltern hierzulande und befähigen uns dazu, Handlungen zu können? »Dafür muss es verstehen, tun, um Kindern ein gesundes Verhältnis eines Gegenübers gedanklich fast wie ei- was das jüngere Kind kann, was es gerade zur Verantwortung beizubringen? gene nachzuvollziehen und mitzuerleben. fühlt, welche Motivation es hat und wie es Die Entwicklungspsychologinnen El- Zudem bilden die Kinder vorgreifende voraussichtlich gleich handeln wird«, fasst friede Billmann-Mahecha und Hellgard Rauh sind sich einig: Haustiere sind eine gute Möglichkeit zum üben. Nur sollten die Eltern nicht erwarten, dass das Kind die Verantwortung komplett übernehme, gibt Billmann-Mahecha zu bedenken. »Kleine Kinder sind noch sehr auf sich selbst be- zogen, sie würden die Katze am liebsten füttern, wenn es ihnen gerade Spaß macht. Das längerfristige Denken ist in dem Alter eben noch schwierig.« Hier zeigt sich wie wichtig ein ausgebildetes Zeitgefühl ist: Erst am Ende der Grundschulzeit könne ein Kind überblicken, was es bedeutet, über Jahre hinweg für ein Tier zu sorgen. Neben Haustieren trainiere auch der Blumendienst in der Schule oder kleinere Aufgaben im Haushalt das Verantwor- Trösten will gelernt sein. Mitgefühl ist© fotolia: Dron elementar, um ein verantwortungsvoller Erwachsener zu werden. 14 GRAUZONE
  14. 14. tungsbewusstsein. Man müsse aber unbe-dingt am Ball bleiben, insbesondere wennes dem Kind gerade keinen Spaß mache. Denn auch der Erziehungsstil beein-flusst das spätere Verantwortungsbewusst-sein. »Es hat sich herausgestellt, dass fürdie Entwicklung, auch für die moralische,der autoritative Erziehungsstil der Besteist«, sagt Psychologin Billmann-Mahecha.Dieser verlangt den Eltern besonders vielab. Denn ‚autoritativ’ bedeutet, dass sieklare Grenzen setzen, diese begründenund sich gleichzeitig dem Kind emotionalzuwenden, es achten und wertschätzen.»Längerfristige Studien aus den USA ha-ben gezeigt, dass Kinder, die so erzogenwurden, im Jugendalter ein deutlich stär-keres Verantwortungsbewusstsein als an-dere Jugendliche haben, die autoritär oderim Laissez-faire-Stil erzogen wurden«, soBillmann-Mahecha. Müssen Kinder schon zu früh zu vielVerantwortung übernehmen, kann dasschädlich sein. »Angenommen, ein Kindwird mit einem Bruder oder einer Schwe- © Ina Hübenerster tagsüber kurz alleine gelassen. Wennsich das Geschwisterkind verletzt, ist dasfurchtbar für dieses Kind, da es sich ver-antwortlich fühlt«, erklärt Hellgard Rauh. Verantwortungslos Noch tragischer ist es, wenn ein Eltern-teil schwer erkrankt oder sogar stirbt und Manche Menschen sind schlicht nicht zur Verantwortung fähig. Geistig Behinderteein Kind sich nun um seine kleineren Ge- können sich beispielsweise meist extrem gut in andere Menschen hineinversetzen,schwister kümmern muss. »Diese Kinder haben aber starke kognitive Defizite. Einige sind teilweise so sehr eingeschränkt, dassverlieren mit der massiven Verantwortung ihnen etwa das für Verantwortung so wichtige Zeitempfinden fehlt.ihre Kindheit und werden zu kleinen Er- Nur Kognition ohne Emotion reicht hingegen auch nicht, wie man am Beispielwachsenen«, sagt Rauh. von Psychopathen sehen kann. Obwohl sie in der Regel sehr intelligent sind, führt Auch Kinder mit einer normalen Ent- die schwere Persönlichkeitsstörung dazu, dass Betroffene keine Empathie oder Schuldwicklung brauchen Jahre, bis sie schließ- empfinden können. Und dadurch auch kein schlechtes Gewissen verspüren, wenn sielich voll verantwortlich sind. »Ich denke, verantwortungslos handeln. Selbst wenn sie kriminell werden, nehmen sie das oftdass man im dritten Lebensjahrzehnt als mit einem Lächeln hin. Schuld daran sind Fehlfunktionen bestimmter Bereiche desvoll verantwortlich gelten kann. Ohne zu Gehirns. Meist sind die vordere Inselregion, die Amygdala, der orbitofrontale Cortexsagen, dass sich das nicht weiter entwickeln oder der vordere cinguläre Cortex die Ursache. Sie alle haben ihre speziellen Aufga-kann«, sagt die Psychologin Billmann-Ma- ben. Die vordere Inselregion spielt eine Rolle bei der Empathie. Ohne die Amygdala,hecha. So ist es auch kein Zufall, dass wir auch Mandelkern genannt, werden wir furchtlos. Eine Schädigung des cingulären Cor-vor Gericht ab 21 Jahren für unsere Taten tex lässt uns emotional abstumpfen.zur vollen Verantwortung gezogen werden Werden bei gesunden Menschen diese Regionen des Gehirns verletzt, kommt es zukönnen. Denn kognitiv sind wir erst in die- dramatischen Persönlichkeitsveränderungen. Neurologen kennen dieses Phänomensem Alter komplett ausgebildet. »Die Mo- spätestens seit dem klassischen Fall des amerikanischen Schienenarbeiters Phineasral hingegen kann sich weit bis ins Erwach- Gage. Bei einer Explosion im Jahr 1848 bohrte sich eine Eisenstange durch sein Gehirnsenenalter noch höher entwickeln«, fügt und verletzte dabei den orbitofrontalen Cortex – einen Hirnteil, der mit der RegulationBillmann-Mahecha hinzu. Verantwortung emotionaler Prozesse in Verbindung gebracht wird. Er überlebte. Doch ein Teil seinerist ein lebenslanger Prozess. Persönlichkeit starb bei dem Unfall. Aus dem verantwortungsbewussten Mitarbeiter Ina Hübener wurde ein unzuverlässiger, kindischer und impulsiver Mensch.Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 15
  15. 15. Wi ssens c h a f t f ü r KinderWissenschaftmacht SpaßViele Kindergärten und Schulen bietennaturwissenschaftliche Kurse fürsKind an. Geht es dabei nur um den Spaßan der Sache oder um mehr?Metin wird erklärt wie sich Luft verhält, wenn siesich erwärmt oder abkühlt. Im Kindergarten Son- © Ina Hübenernenschein experimentieren die 4- und 5-jährigenKinder einmal in der Woche.16 GRAUZONE
  16. 16. © Ina Hübener Ausprobieren erlaubt! Riccardo gießt Wasser über die zuvor zerkleinerten Lavendelblüten (links). Seine Teamkollegen aus der Forscherwerkstatt besprechen gemeinsam, wie der Versuch am besten durchzuführen ist (rechts). K onzentriert und gespannt schau- Zahlreiche Bücher und Experimen- und eine mit rotem, heißem Wasser malen en vier Augenpaare dabei zu, wie tierkästen sollen die Lust am Lernen und muss: »Du musst eins rot machen, nicht Merle eine Trinkflasche mit einem Entdecken fördern. Aber kann man Kinder zweimal blau.« über die Öffnung gezogenen Luftballon in jeden Alters einfach an den Experimentier- Marjan Mehdizadeh betreut die Experi- eine Kanne mit eiskaltem Wasser drückt. tisch setzen? »Das hängt sehr vom Alter mentiergruppe schon seit anderthalb Jah- Der Experimentierraum ist vom letzten ab. Das Kind soll die Deutung des Experi- ren. Sie meint, dass die Kinder in den letz- Flohmarkt noch ein wenig zugestellt. ments verstehen. Dazu muss man denken ten Jahren wesentlich wacher geworden Die vier Kinder im Alter von vier bis können«, sagt Gisela Lück, Professorin für sind und man ihnen mehr zutrauen kann. fünf Jahren sitzen zusammen an einem Didaktik der Chemie an der Universität »Kinder wollen gefördert werden, und das niedrigen Tisch. Staunend beobachten Bielefeld. Ein Kind könne das etwa ab dem geht auch durch Experimente. Die Expe- die Kinder, wie der weiße Luftballon sich fünften Lebensjahr. rimente sollen das Interesse wecken. Kin- zusammenzieht, als würde man die Luft Das Projekt im Kindergarten »Sonnen- der sollen sich mit selbstverständlichen rauslassen. »Was passiert mit unserer Luft, schein« lässt die Kinder staunen. Nach- Sachen auseinandersetzen, deren Hinter- wenn sie kalt ist?«, fragt die Kindergärtne- dem sie erfahren haben, wie sich kalte Luft gründe sie nicht kennen.« rin Marjan Mehdizadeh, die den Versuch verhält, lernen sie, was mit warmer Luft leitet. »Die Luft ist schwer geworden und passiert. Marjan Mehdizadeh steckt die Interesse Wecken geht nach unten in die Flasche.« Flasche mit dem Luftballon in eine Kan- Aber was sollen Kinder aus naturwissen- So wie in der Experimentiergruppe im ne mit dampfendem Wasser. Die Kinder schaftlichen Projekten mitnehmen? Soll Kindergarten »Sonnenschein« im hes- beobachten, was passiert: »Der Luftballon das Experimentieren nur Spaß machen, sischen Langen werden viele Kinder spie- hat sich aufgeblasen!« Frau Medizahdeh oder sollten sich Kinder auch schon mit lerisch an das Thema Naturwissenschaften erklärt, warum: »Die Luft wird heiß und der Verantwortung der Wissenschaft be- herangeführt. In Kursen und Experimen- leicht, und dadurch kommt sie nach oben. schäftigen? Und wenn ja, mit welcher Art tierstunden rund um Physik und Chemie, Deswegen dehnt sich der Luftballon aus.« Verantwortung? Beim Experimentieren soll das Interesse der Kinder schon früh Danach malen die Kinder den Versuch muss man beispielsweise sparsam und angeregt werden. Dazu gehören Projekte mit Buntstiften nach. Olivia hat aufmerk- vorsichtig mit den Materialien und Stoffen in den Kernfächern Mathematik, Informa- sam beobachtet, was da gerade passiert umgehen. Man muss aufpassen, dass man tik, Naturwissenschaften und Technik den ist. Sie erklärt ihrer Freundin, dass sie eine sich und die anderen nicht verletzt, und so genannten MINT-Projekten. Kanne mit blauem, also kaltem Wasser dass alle Kinder gleich oft an die Reihe Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 17
  17. 17. Mia (links) und Olivia (rechts) malen das eben beobachtete Experiment. Dadurch spielen sie den Versuch gedanklich nochmal durch.© Ina Hübener kommen. Diese Arten der Verantwortung darin, seine Forschung auch für Kinder dem Regal geholt. Emilio liest vor, was jetzt lernen die Kinder ganz nebenbei mit, sagt interessant darzustellen. Zum Beispiel im noch besorgt werden muss: »Wir brauchen Gisela Lück. »Dies wird dem Kind auch Rahmen der Kinderuni Darmstadt. Hier einen Kaffeefilter. Nee, nicht den, einen schon früh zugetraut. Nur dem, dem ich möchte nicht nur Kowina, sondern auch größeren!« Es wird laut in dem sonst eher etwas zutraue, kann ich auch Verantwor- verschiedene Institute, Organisationen ruhigen Raum. Die Jungen zerkleinern die tung übergeben. Das wird auch gemacht, oder Unternehmen mit Vorträgen das getrockneten Lavendelblüten im Mörser. nur eben ohne zu sagen: Du hast auch spä- kindliche Interesse an Wissenschaft för- Wer nicht stampft, darf später das Blüten- ter mal eine Verantwortung.« dern. »Kinder sollen Interesse an der Wis- Wasser-Konzentrat filtern und in Fläsch- Die Politik macht schon seit Jahren da- senschaft bekommen und lernen, was sie chen abfüllen. Das alles klären sie eigenver- rauf aufmerksam, dass es in den nächsten eigentlich bedeutet und womit sich For- antwortlich, ohne die Hilfe ihrer Lehrerin. Jahren zu einem Fachkräftemangel kom- scher beschäftigen«, meint Kowina. Am Ende der Stunde erklärt Jan seinen men wird. Dass nun vermehrt Experimen- »Häufig wissen sie nicht wirklich, was Mitschülern, wie seine Gruppe das Parfüm tierkurse angeboten werden, hat auch da- Wissenschaftler eigentlich tun. Das kann hergestellt hat. »Erst hat es wie Cola aus- mit zu tun. »Es wird auch gesellschaftlich problematisch werden, wenn sie sich wäh- gesehen und gar nicht gerochen. Es war mitgetragen«, sagt Petra Bonnet, Leiterin rend der Pubertät in der Schule plötzlich schon schwer, weil wir so stampfen mus- des Büros für Kommunikationsberatung mit Naturwissenschaften konfrontiert se- sten, aber es hat Spaß gemacht.« Die Leh- in Stuttgart. »Das würde ich nicht unter- hen.« In dieser Lebensphase sei nämlich so rerin ist sich sicher: »In den nächsten zwei schätzen, wie viel da aus der Bildungspo- ziemlich alles interessanter, als chemische Wochen ist der Versuch ausgebucht.« litik, Unternehmen und Berufsverbänden Formeln zu ermitteln. Verantwortung muss für Kinder noch gefordert wird.« keine Rolle spielen. »Man kann nicht über »Im Kindergarten steht Verantwortung Verantwortung geben die großen Dinge reden, über das Ozon- in Physik und Chemie nicht im Vorder- In der Pestalozzi-Grundschule in Lampert- loch. Wir wollen ihnen ja nicht das Leid der grund, sondern Freude am Experimentie- heim wird daher schon früh das Interesse Welt näher bringen«, sagt Gisela Lück. ren und ohne Angst an Physik und Chemie der Kinder geweckt. Lavendelduft erfüllt In der Forscherwerkstatt wird deutlich, heran gehen«, sagt Lück. Allerdings darf die Forscherwerkstatt, in der elf Kinder aus dass Kinder beim Experimentieren ei- man nicht erwarten, dass Kinder am Ende der zweiten Klasse experimentieren. Das genverantwortlich arbeiten können. »Die eines Kurses eine physikalische Formel Klassenzimmer ist vollgestellt mit unzähli- Projekte sind nicht darauf ausgelegt, dass aufzeichnen können. Das müssen sie auch gen Experimentierkästen, Reagenzgläsern, die Kinder frühzeitiger lernen«, sagt Petra gar nicht, meint Bonnet: »Wenn den Kin- Mörsern, Pipetten und Mikroskopen. In der Bonnet. »Vielmehr gehe es darum, den dern der direkte Bezug dazu fehlt, bringt Experimente-AG können sich die Kinder Kindern zu verdeutlichen, dass Wissen- das gar nichts.« selbstständig aus bis zu 50 Versuchen ei- schaft Teil ihres Alltages ist. Wenn Kinder Es ist wichtiger zu sehen, was Wissen- nen aussuchen und bearbeiten. Eine Grup- Wissenschaft und Technik erst mal ver- schaft alles kann, meint Piotr Kowina vom pe von vier Jungen stellt heute Lavendel- standen haben, dann gehen sie viel offener GSI Helmholtzzentrum für Schwerionen- parfüm her. Die vier haben sich eine Kiste damit um.« forschung in Darmstadt. Er hat Erfahrung mit Materialien und Versuchserklärung aus Caroline Hentschel 18 GRAUZONE
  18. 18. BERLINER W ISSENSCHAFTS-VERLAG Stephan Albrecht, Hans-Joachim Bieber, Reiner Braun, Peter Croll, Stephan Albrecht, Hans-Joachim Bieber, Reiner Braun, Peter Croll, Henner Ehringhaus, Maria Finckh, Hartmut Graßl, Henner Ehringhaus, Maria Finckh, Hartmut Graßl, Ernst Ulrich von Weizsäcker (Hrsg.) Wissenschaft – Verantwortung – Frieden: 50 Jahre VDW Ernst Ulrich von Weizsäcker (Hrsg.) Wissenschaft – Verantwortung – Frieden: 50 Jahre VDW Wie es sich für einen Rückblick gehört, beschreiben Zeitzeugen und die Archive auswertende und Zeit- zeugen befragende Wissenschaftler, wie sich die VDW in fünf Jahrzehnten wandelte, welche Erfolge sie feiern konnte und wie viel versandete. Aber auch wie VDW’ler als Berater von Regierungen, Par- lamenten und den Vereinten Nationen Einfluss nehmen konnten. Mitglieder der VDW sind sicherlich Beschleuniger für eine wachsende Weltinnenpolitik gewesen. Einige haben übergreifend für mehrere globale Probleme nicht nur wissenschaftliche Durchbrüche erzielt, sondern auch politische Teillösungen mit erarbeitet. 2009, 615 S., 14 Abb., geb. m. SU, UVP 30,– €, 978-3-8305-1704-7 eBook PDF 69,– €, 978-3-8305-2509-7 BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.) Whistleblowing im nuklear-industriellen Komplex Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.) Preisverleihung 2011 – Dr. Rainer Moormann Hochtemperatur-Reaktoren werden von interessierten Kreisen in der Fachwelt, in der Wirtschaft und in Whistleblower im nuklear-industriellen Komplex der Politik bis heute dafür gerühmt, dass sie „inhärent sicher“ seien: Bei ihnen bestehe nicht das Risiko Preisverleihung 2011 einer Kernschmelze. Nukleare Katastrophen seien also nicht zu befürchten. Mit diesem Argument wird seit längerem der Export des Reaktortyps auch in Länder mit niedrigeren Sicherheitsstandards betrie- ben. Dr. Moormann ist in seinen Untersuchungen demgegenüber zu dem Schluss gelangt, dass mit der Kugelhaufen-HTR-Technologie andere, nicht minder bedrohliche Störfallmöglichkeiten und Risiken mit katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt verbunden sind. Seine Hinweise begründen zudem den Verdacht, dass wesentliche Umstände und Folgen eines Störfalls 1978 im Reaktor Jülich bisher Rainer Moormann verschleiert worden sind. 2011, 122 S., 11 Abb., kart., 12,80 €, 978-3-8305-3021-3 BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG Kombipaket Print E-Book-PDF: 19,– €, 978-3-8305-2731-2Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)Whistleblower in der SteuerfahndungPreisverleihung 2009 – Rudolf Schmenger, Frank WehrheimRudolf Schmenger ist nicht „paranoid-querulatorisch“. Er hat nur mehr Zivilcourage als andere. Erwar als Steuerfahnder am Finanzplatz Frankfurt am Main mit Ermittlungsverfahren gegen Großbanken Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)befasst. Er wurde 2006 gegen seinen Willen von seinem Dienstherrn in den Ruhestand versetzt. Die Whistleblower in der SteuerfahndungZwangspensionierung erfolgte auf der Grundlage eines psychiatrischen Gutachtens. Schmenger setzte Preisverleihung 2009sich zur Wehr. Ein Berufsgericht verurteilte den Gutachter unlängst wegen vorsätzlicher, grober Verlet-zung fachlicher Standards. Auch das hessische Finanzministerium handelte rechtswidrig. Es versäum-te die eigenständige Prüfung des Gutachtens. Wie Schmenger ging es noch drei Fahndern derselbenAbteilung. Zehn weitere KollegInnen, darunter Frank Wehrheim, wurden versetzt oder zu Tätigkeitenabgeordnet, die nicht ihrer Qualifikation als Steuerfahnder entsprachen. Ihnen allen ist gemeinsam, dasssie begründete Einwände gegen eine Verwaltungsanordnung vorgebracht hatten, die sie ihrer Ansicht Rudolf Schmenger Frank Wehrheimnach in ihren Ermittlungen gegen Großanleger in Luxemburg und Liechtenstein behinderte. In der Folgesahen sie sich Mobbing, Schikanen und Disziplinierungsmaßnahmen ausgesetzt. – Es steht hier auch dasBeamten- und Dienstrecht in der Kritik. BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG2010, 149 S., 17 Abb., kart., 14,80 €, 978-3-8305-1756-6Whistleblowerpreis 2003 – Den Whistleblower-Preis 2003 erhielt der Amerikaner Daniel Ellsberg – für sein Lebenswerk.2004, 65 S., kart., 9,80 €, 978-3-8305-0973-8Whistleblower in Gentechnik und Rüstungsforschung – Preisverleihung 2005: Theodore A. Postol / Arpad Pusztai2006, 158 S., 12 Abb., kart., dt./engl., 17,90 €, 978-3-8305-1262-2Whistleblower in Altenpflege und Infektionsforschung – Preisverleihung 2007: Brigitte Heinisch / Liv BodeeBook PDF 2007, 80 S., 17 Abb., kart., 9,80 €, 978-3-8305-1455-8 BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG Markgrafenstraße 12–14 • 10969 Berlin • Tel. 030 / 841770-0 • Fax 030 / 841770-21 E-Mail: bwv@bwv-verlag.de www.bwv-verlag.de
  19. 19. K l i n i sch e F o r s c h ung an KindernStudieren gehtüber probierenIn Deutschland sind zu wenige Medikamente an Kindern getestetund für sie zugelassen. Bei der Behandlung tappen die Ärztedaher oft im Dunkeln. Um Medikamente optimal auf sie abzu-stimmen, sind klinische Studien an Kindern notwendig.Doch Forschung an Minderjährigen ist ein sensibles Thema.Sie können nicht selbst einwilligen und sind dennochgewissen Risiken und Belastungen ausgesetzt. Außerdem istda noch die Angst, Kinder könnten als Versuchskaninchenmissbraucht werden.D ie dreijährige Leonie ist krank. Sie Das ist in Deutschland keine Seltenheit. Obwohl es kein passendes Medika- kommt ins Krankenhaus und die Bis zu 70 Prozent der Medikamente, die ment gibt, ist Nichtbehandeln keine Op- Diagnose ist schnell klar. Wäre Le- Kinder in stationärer Behandlung erhalten, tion. Auch in Leonies Fall nicht. Der Arztonie erwachsen, hätte der Arzt das pas- sind nicht für sie zugelassen. Auf Neugebo- entscheidet sich für ein Medikament, mitsende Medikament für sie. Doch für Kin- renenstationen sind es teilweise mehr als dem er bei Erwachsenen gute Erfahrungender ihres Alters hat er kein zugelassenes 90 Prozent. Ambulant ist etwa jeder sech- gemacht hat. Doch wie soll er es dosieren?Arzneimittel. Also bekommt Leonie ein ste Wirkstoff nicht für diese Altersgruppe Wäre Leonie erwachsen, wäre auch das keinMedikament, das nur an Erwachsenen ge- bestimmt. Die Zahlen schwanken je nach Problem. Dann ließe sich die Menge, die sieprüft und für diese zugelassen wurde. Art und Häufigkeit der Erkrankung. braucht, anhand ihres Körpergewichts be- rechnen. Doch Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihr Stoffwechsel und Kör- perbau verändert sich im Laufe der Kind- »Off-label« und »unlicensed« heit und Jugend erheblich. Die notwendige Dosis in den einzelnen Entwicklungspha- Beim »off-label«-Gebrauch werden Medikamente außerhalb ihres Zulassungsbe- sen schwankt dabei stark (s. Grafik). Ein reichs angewendet. Kinder bekommen häufig Medikamente, die aufgrund ihres Al- Neugeborenes braucht beispielsweise eine ters »off-label« sind. Entweder ist das Arzneimittel für eine andere Altersgruppe (z.B. viel geringere Dosis als man aufgrund des 18-50 Jahre) zugelassen oder Angaben zum Alter fehlen. Auch wenn der Arzt die Do- Körpergewichts annehmen würde. Säug- sierung oder die Darreichungsform ändert, um die Behandlung dem Kind anzupas- linge und Kleinkinder hingegen brauchen sen, spricht man von »off-label«-Gebrauch. oftmals eine überraschend hohe Menge, Im Krankenhaus-Alltag kommen auch »unlicensed«-Medikamente zum Einsatz. damit das Medikament wirkt. Sie wurden nicht klinisch getestet und besitzen daher keine Produktlizenz. Die nicht Also muss der Arzt festlegen, welche zugelassenen Medikamente werden beispielsweise importiert oder in der Klinikapo- Menge des Medikaments Leonie bekommt. theke hergestellt. Ob er diese Dosis errechnet, schätzt oder rät, macht keinen Unterschied. Denn wis-20 GRAUZONE
  20. 20. © Franziska Bernsdorf sen kann er sie ohne eine klinische Studie benwirkungen auftreten. So bleibt in jeder Arzneimittel in Hülle und Fülle. Ein kranker nicht. Der deutsche Ethikrat fordert daher Studie ein unwägbares Restrisiko. Erwachsener hat selten das Problem, dass es für »angesichts der Risiken ungetesteter Me- Im Kommentar des Arzneimittelge- ihn keine Medikamente gibt. Doch Kinder stehen dikamente« kontrollierte Arzneimittelfor- setzes sind Fallbeispiele aus der Praxis be- häufig mit leeren Händen da. schung an Kindern. Solche Studien seien schrieben. Sie sollen verdeutlichen, wann die Voraussetzung für eine wirksame und die Belastung für das Kind minimal und sichere Behandlung. In ihnen wird nicht nur somit ethisch vertretbar ist. Als Entschei- se muss ein potentieller Proband vor- die richtige Dosis ermittelt. Auch eventuell dungshilfe für die Ethikkommissionen her vom Arzt umfangreich über Ablauf, unentdeckte Nebenwirkungen bei Kindern genügt das Dr. Claudia Wiesemann und Risiken und Ziele der Studie informiert werden in einer Studie erkennbar. anderen Kritikern allerdings nicht. »Selbst werden. Wenn er ohne äußeren Zwang diese Beispiele enthalten einen Interpre- einwilligt, steht seiner Teilnahme nichts Ein unwägbares Restrisiko tationsspielraum«, sagt die Direktorin des mehr im Wege. Bei Kindern gestaltet sich Doch weil Forschung an Minderjährigen Instituts für Ethik und Geschichte der Me- das schwierig. Gerade für die Kleinen ist es oft heikel ist, gelten strenge Regeln. Jede dizin an der Universitätsmedizin Göttin- fast unmöglich das Wesen und Ausmaß ei- geplante Studie muss im Voraus von einer gen. »Auch wenn sich in den letzten Jah- ner Studie zu verstehen. Jugendliche wie- Ethikkommission geprüft und genehmigt ren vieles verbessert hat, wir haben noch derum dürfen aus rechtlichen Gründen werden. Sie kontrolliert, ob die Forschung immer zu wenig Vergleichsgrößen und nicht einwilligen. Das können letztlich ethisch vertretbar und im Sinne der Kin- Austausch der Ethikkommissionen unter- nur die Eltern. Doch auch das Kind hat der ist. Damit die Kommission grünes einander.« Eine Grauzone, in der im Ein- ein Mitspracherecht. »Schulkinder und Licht gibt, müssen sowohl das Risiko, als zelfall entschieden wird, werde es immer Jugendliche müssen zustimmen«, erklärt auch die Belastung für das Kind minimal geben. Doch laut Wiesemann fehlt eine Dr. Wolfgang Rascher, Direktor der Kinder- sein. Das Risiko lässt sich relativ gut abwä- klare Grenze zu dem, was »grundsätzlich und Jugendklinik Erlangen. »Die Eltern gen, da fast alle Medikamente vorher an indiskutabel« ist. willigen ein, doch wenn das Kind nicht Erwachsenen getestet wurden. Allerdings Ist die Studie genehmigt, beginnt die teilnehmen möchte, nehmen wir es nicht kommt es vor, dass bei Kindern andere Ne- Suche nach Teilnehmern. Normalerwei- in die Studie auf.« Über das Gespräch mit Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 21
  21. 21. Kleine Körper – niedrige Medikamentendosis?So einfach ist es leider nicht. Beim Erwach-senwerden wächst zwar das Körpervolumen(schwarz). Doch die passende Dosis (blau) hängtvom Stoffwechsel ab und der variiert in denverschiedenen Entwicklungsphasen stark. © Franziska Bernsdorfdem Arzt hinaus erhält es einen auf sein den Sinn der Studie auch bei noch so kind- Ärzte, die Studien mit Kindern durch-Alter und den Entwicklungsstand abge- gerechter Erklärung nicht richtig erfassen. führen wollen, brauchen eine besonderestimmten Informationsbogen. So werden Wie geht der Arzt also mit sehr kleinen Kin- Qualifikation. Im Arzneimittelgesetz istauch die jungen Teilnehmer aufgeklärt. dern um? »Indem man sich lieb mit dem festgelegt, dass sie sich mit dem kind- Wie sehr diese Informationen ins De- Kind beschäftigt«, sagt Dr. Andreas Kulo- lichen Krankheitsbild und dem Umgangtail gehen, hängt vom Alter und Entwick- zik. Der Direktor der Pädiatrischen Onko- mit minderjährigen Patienten auskennenlungsstand des Kindes ab. Die dreijährige logie in Heidelberg möchte, dass auch die müssen. Ein Mediziner, der nicht auf Kin-Leonie wird das Behandlungskonzept und Kleinen merken: »Hier ist jemand, der will der spezialisiert ist, kommt also nicht in mir Gutes.« Mit diesem Vertrauensverhält- Frage. Die jungen Studienteilnehmer sol- nis nehme das Kind auch unangenehme len bestmöglich betreut werden. Behandlungsschritte hin. Standardisier- Zusammenfassend sieht Dr. Wolfgang Gruppennützige Forschung bar ist der Umgang mit den Kindern für Rascher zwei Möglichkeiten, Kindern Me- Kulozik nicht. »Ich schaue mir immer die dikamente zu geben: »Eine ist, dass wir mit Es gibt Studien, die keinen Eigennut- Situation und das konkrete Kind an und einigen Kindern eine gute Studie machen. zen für den Teilnehmer haben. Statt- beziehe es, je nach dem persönlichen Ent- Die Ethikkommission und das Bundesin- dessen nützen sie Patienten, die an wicklungsstand, mit ein.« stitut für Arzneimittel und Medizinpro- der gleichen Krankheit leiden. Diese dukte müssen zustimmen. Der Patient ist gruppennützige Forschung ist nur studie statt Heilversuch versichert und der Arzt muss alles proto- bei minimalem Risiko und minima- In vielen Studien geht es auch um eine kollieren. Er muss jede eventuelle Neben- ler Belastung des Probanden erlaubt. kindgerechte Darreichungsform des Arz- wirkung melden und sich ständig rechtfer- Bei Kindern ist sie umstritten. Häu- neimittels. Was bei Erwachsenen völlig tigen. Das ist eine Studie.« fig werden gruppennützige Studien normal ist, kann Ärzte bei Kindern vor Bei der anderen Möglichkeit, so Rascher, durchgeführt, um Normalwerte bei Probleme stellen. Kleinkinder können die probiere jeder X-beliebige Doktor ein Me- gesunden Minderjährigen zu ermit- zu großen Tabletten oftmals nicht herun- dikament aus. In einem »Heilversuch« teln. Die technischen Verfahren (z.B. terschlucken. Oder der Saft hat so einen könne er die Dosis raten und brauche sich zur Diagnostik) entwickeln sich stän- bitteren Geschmack, dass Babys sich wei- nicht dafür zu rechtfertigen. Wenn dem dig weiter. Ohne die Werte gesunder gern ihn zu trinken. Bei der klinischen Prü- Kind dann etwas passiert, »haben die El- Kinder, kann der Arzt krankhafte Ab- fung hingegen können die Ärzte die opti- tern Pech gehabt«. Für Rascher ist klar: weichungen mit neuen Methoden male Form – Zäpfchen, Tablette, Spritze, »Das macht das Kind zum Versuchskanin- nicht erkennen. Saft – für die Altersgruppe der Patienten chen, nicht die Studie!« herausfinden. Franziska Bernsdorf22 GRAUZONE
  22. 22. NEU: WELTINNENPOLITISCHE COLLOQUIENUlrich Bartosch; Gerd Litfin; Reiner Braun; Ulrich Bartosch; Klaudius Gansczyk (Hrsg.) Stephan Albrecht; Ulrich Bartosch;Götz Neuneck (Hrsg.) Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert Reiner Braun (Hrsg.)Verantwortung von Wissenschaft und Forschung Carl-Friedrich von Weizsäcker verpflichtet Zur Verantwortung der Wissenschaft – Carlin einer globalisierten Welt Zu Ehren des am 28. April 2007 verstorbenen Physikers, Friedrich von Weizsäcker zu EhrenForschen – Erkennen – Handeln Philosophen und Friedensforschers Carl Friedrich von Beiträge des 1. Hamburger Carl Friedrich vonDie Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) und die Weizsäcker, der 1963 den Begriff „Weltinnenpolitik“ in die öffentliche Diskussion einbrachte und sich Jahrzehnte lang Weizsäcker-ForumsVereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) diskutier- Vom 21. bis 22. September 2007 fand an der Univer-ten 2009 über Fragen von Sicherheit und Nachrüstung, in Verantwortung für Frieden mit friedlichen Mitteln, glo- sität Hamburg das 1. Hamburger Carl Friedrich vonUmwelt und Nachhaltigkeit, Wissenschaft und Verantwor- bale Gerechtigkeit und Bewahrung der Natur engagiert hat, Weizsäcker-Forum statt. Es wurde getragen von der Verei-tung, Bildung und Wissenschaft. tragen zu diesem Themengeflecht im vorliegenden Buch nigung Deutscher Wissenschaftler gemeinsam mit der Uni-Der Band enthält die Beiträge von Stephan Albrecht, Ger- namhafte Autoren ihre Sicht auf das 21. Jahrhundert vor: versität Hamburg, dem Philosophischen Seminar, dem Carlhard Barkleit, Nina Buchmann, Christopher Coenen, Ja- zu Weltwirtschaft, Weltpolitk, Weltethos und Interkulturel- Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaftyantha Dhanapala, Christian Forstner, Klaudius Gansczyk, ler Philosophie in Anbetracht planetarischer Bedrohungen und Friedensforschung und dem Institut für Friedensfor-Hartmut Grassl, Manfred Hampe, Hans R. Herren, Frank durch Klimawandel, Armut, Kriege u.a.m. schung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.von Hippel, Martin Ka-linowski, Konrad Kleinknecht, Ke- 376 S., 29,90 €, br., ISBN 978-3-8258-0808-2 In kritischer Würdigung der Lebensleistung, in dankbarervin Knobloch, Wolfgang Liebert, Klaus Mayer, Heidi Mey- Erinnerung an seine Verdienste für die veranstaltenden In-er, Wolfgang Neef, Götz Neuneck, Frank Schilling, Jürgen Ulrich Bartosch; Jochen Wagner (Hrsg..) stitutionen und mit dem Wunsch seine Denkansätze für dieSchneider, Jack Steinberger, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Weltinnenpolitik aktuellen Fragestellungen fruchtbar zu nutzen, wurde einManuela Welzel-Breuer, Albert Zeyer. Handeln auf Wegen in der Gefahr. Carl Friedrich Diskussionsrahmen geschaffen, der künftig regelmäßig in400 S., 24,90 €, br., ISBN 978-3-643-11285-9 Weizsäcker zum 85. Geburtstag. Neuauflage Hamburg realisiert wird. Das Buch dokumentiert Beiträge „Überfällige Weltinnenpolitik. Ein politisches und kompe- des ersten Forums. Ergänzend wurde ein Vortrag und ein tentes Gegengewicht zur wirtschaftlichen Globalisierung Streitgespräch aufgenommen, die zum 91. Geburtstag Carl fehlt bislang“, überschrieb die Süddeutsche Zeitung ih- Friedrich von Weizsäckers an der Katholischen Universi- ren Bericht zur internationalen Tagung 1997 anlässlich tät Eichstätt-Ingolstadt entstanden sind. Ein bewegendes des 85. Geburtstages von Carl Friedrich von Weizsäcker Zeitdokument beschliesst den Band. Die Predigt zur Trau- in der Evangelischen Akademie Tutzing. Mit dem „Den- erfeier in Starnberg im Rahmen der Beisetzung von Carl ker der Weltinnenpolitik“ (Die Zeit) trafen Experten aus Friedrich von Weizsäcker eröffnet – voller Zuneigung – die Wissenschaft und Politik zusammen und diskutierten über persönliche, private Sicht des Schwiegersohnes Konrad Chancen und Gefahren im Zeitalter der Globalisierung. Raiser auf das Leben und auf das Sterben des großen Ge- 11 Jahre nach der großen Tutzinger Tagung zur Weltinnen- lehrten. politik erfährt die Dokumentation der dortigen Vorträge 192 S., 19,90 €, br., ISBN 978-3-8258-1769-5 eine Neuauflage. Am 28. April 2007 ist der große deutsche Physiker, Frie- densforscher und Philosoph im 95. Lebensjahr gestorben. Mit dem vorliegenden Buch sind jene Texte wieder verfüg- Beachten Sie den Fachkatalog bar, die das direkte Gespräch mit Weizsäcker dokumen- Politikwissenschaft tieren und seine eigenen Beiträge lebendig werden lassen. unter: Sie unterstreichen die bleibende Gültigkeit und sichtbare Fortentwicklung einer weltinnenpolitischen Sichtweise und http://www.lit-verlag.de/kataloge Zielsetzung. Mit Beiträgen von Ulrich Bartosch, Chris Brown, Seyom Brown, Jost Delbrück, Hans Peter Dürr, Friedemann Grei- ner, Ingomar Hauchler, Peter Hennicke, Knut Ipsen, Hans Beachten Sie den Fachkatalog Joas, Hans Küng, Dieter S. Lutz, Hermann von Loewe- nich, Klaus M. Meyer-Abich, Michael Müller, Franz Josef Philosophie Radermacher, Eugeen Verhellen, Jochen Wagner, Carl unter: Christian von Weizsäcker, Carl Friedrich von Weizsäcker und Ernst Ulrich von Weizsäcker. http://www.lit-verlag.de/kataloge 288 S., 24,90 €, br., ISBN 978-3-8258-1475-5 LIT Verlag Berlin – Münster – Wien – Zürich – London Auslieferung: D: LIT Verlag Fresnostr. 2, D-48159 Münster, Mail: vertrieb@lit-verlag.de A: Medienlogistik Pichler-ÖBZ GmbH Co KG, Mail: mlo@medien-logistik.at CH: B + M Buch- und Medienvertriebs AG, Mail: order@buch-medien.ch
  23. 23. in t er v i e w »Sie lieben es, mich zu hassen« Die Übeltäter heißen Menthol, Zucker oder Vanille: Zusatzstoffe, die heute in fast jeder Zigaret­ te enthalten sind. Forscher ent­ wickelten die Zusätze, um die Attraktivität von Zigaretten zu erhöhen, sagt Martina Pötsch- ke-Langer. Wir sprachen mit der Leiterin der Stabsstelle für Krebsprävention am Deutschen Krebs­ orschungszentrum (DKFZ) in f Heidelberg über ihren jahrelangen Kampf mit der Tabakindustrie und die Verantwortung von Wissen­© Michael Greiner schaftlern für die Nikotinsucht. Frau Pötschke-Langer, Sie arbeiten wenn sie nicht geraucht hätten. Der müh- Pötschke-Langer: Ich hatte damals am seit etwa 15 Jahren in der Krebspräventi- same Prozess, den chronisch Kranken das Deutschen Krebsforschungszentrum ei- on und haben sich mit den Gefahren von Rauchen abzugewöhnen, hat mich dann nen fantastischen Chef: Professor Harald Zusatzstoffen beschäftigt. Warum haben dazu bewogen. zur Hausen, der 2008 den Medizin-Nobel- Sie Ihre Karriere so eng mit dem Thema Sie haben also aufgrund Ihres Ver- preis erhielt. Er gab mir 1997 die einmalige Tabak verbunden? antwortungsgefühls gehandelt? Gelegenheit, eine eigene Abteilung aufzu- Pötschke-Langer: Während meines Medi- Pötschke-Langer: Ich habe die Verantwor- bauen. zinstudiums habe ich auch in der Abtei- tung gesehen, weil sich damals keine In- Kommen wir zu den Zusatzstoffen. lung für Lungenkrebspatienten gearbeitet. stitution in Deutschland ernsthaft darum Erhöhen sie die Suchtgefahr von Zigaret- Dort musste ich das unendliche Elend der bemüht hat: In vielen Ländern, wie etwa ten? Menschen erleben, die jämmerlich ver- Skandinavien oder Großbritannien, gab es Pötschke-Langer: Zusatzstoffe erhöhen starben. Die Konfrontation mit der medi- in den 1990ern Fortschritte in Bezug auf die Sucht indirekt, indem sie die Attrakti- zinischen Wirklichkeit war eine Sache. Die Tabakprävention und Rauchentwöhnung, vität von Tabakprodukten massiv erhöhen andere war meine Arbeit in der Gefäßam- nur nicht in Deutschland. Es war unglaub- und diese leichter rauchbar machen. 85 bulanz. Meine damaligen Patienten waren lich! Wir haben deshalb entschieden, dass Prozent aller Raucher fangen vor dem 18. zu fast 60 Prozent Raucher. Sie wären von es so nicht weiter gehen kann. Lebensjahr an. Diesen Jugendlichen wird Gefäßerkrankungen verschont geblieben, Wie ging es weiter? der Rauchbeginn durch Zusatzstoffe be- 24 GRAUZONE
  24. 24. © Michael Greiner sonders leicht gemacht. Das Fatale an den Zusätzen ist, dass sie bereits Kindern und Jugendlichen eine tiefe Inhalation ermög- lichen, weil der bittere, unangenehme Ta- bakgeschmack verdeckt wird. Ein wichtiger Zusatzstoff ist Men- thol. Warum? Pötschke-Langer: Menthol wird eigentlich therapeutisch eingesetzt, da es kühlend und schmerzlindernd wirkt. Es schließt aber auch die Atemwege auf, wodurch man Oh, blauer Dunst! sehr tief inhalieren kann. Bei Zigaretten In der Glut einer Zigarette herrschen führt es dazu, dass der Tabakrauch mit sei- 600 bis 900°C. Bei diesen Tempe- nen krebserzeugenden Substanzen länger raturen kann aus dem ansonsten in der Lunge bleiben kann. Inzwischen ist harmlosen Zusatzstoff Zucker Menthol in fast jeder Zigarette vorhanden, Acrylamid und Acrolein werden – obwohl es dort nicht hin gehört. zwei krebserregende Substanzen. Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 25
  25. 25. Das Ende einer »Kippe« – zerdrückt im Aschenbe- cher. Voll gefüllt entfaltet der Ascher sogar eine gewisse Ästethik. Im Filter gut erkennbar: die braunen Rückstände. Gesundheitskosten durch das Rauchen in Europa: 1 Prozent des Bruttoin- landprodukts, schätzt die WHO.© Michael Greiner Können Sie das näher erläutern? tin- und Menthol-Freisetzung aufgedeckt. Pötschke-Langer: Können ja. Aber ich Pötschke-Langer: Wenn der Zusatz in den Diese Beobachtung wird der Produkt-Ge- möchte an dieser Stelle keinen Einzelfall Zigaretten eine Mischung aus Menthol, schmacks-Entwicklung helfen, optimale herausgreifen. Vanille und Zuckerarten ist, dann macht Mentholprodukte zu konstruieren.« Die Wie sieht die Forschung zu Tabak in diese Mischung das Rauchen so leicht und Beteiligten wissen über die Wirkung also Deutschland aus? angenehm wie nur möglich. Heute sind ganz genau Bescheid. Pötschke-Langer: Es gibt keinen Risiko- Zigaretten dazu geeignet, den Kinder- und Heute gibt es Zigaretten, auf denen faktor, der so gut erforscht ist wie das Jugendmarkt zu erobern. steht: »ohne Zusatzstoffe«. Was kann man Tabakrauchen. In den medizinischen Da- Die Tabakindustrie setzt die Zusatz- davon halten? tenbanken finden Sie 40.000 bis 50.000 stoffe ganz bewusst ein, und diese werden Pötschke-Langer: Gar nichts! Ganz provo- Publikationen zu gesundheitlichen Folgen von Forschern gezielt entwickelt? kant gesagt habe ich Zweifel, dass sie keine des Rauchens und zur Sucht durch Tabak- Pötschke-Langer: Das ist richtig. Wir haben Zusatzstoffe enthalten: Die meisten sind produkte. Was die Gesundheitsgefährdung Paradebeispiele aus den Tabakindustriedo- leicht zu rauchen und unterscheiden sich angeht, sind alle Daten auf dem Tisch. kumenten, die in den 1990er Jahren wegen kaum von den anderen Zigaretten. Es ist zu Jährlich sterben 650.000 Menschen in der Haftungsprozesse in den USA [Anm. vermuten, dass die Zusatzstoffe nicht im Europa an den Folgen des Rauchens. Wa- d. Red.: Schadensersatzprozesse mehre- Tabak, sondern im Filter oder in der Hülle rum gibt es bis heute kein Verbot von Zu- rer US-Staaten gegen die Tabakindustrie] untergebracht werden. satzstoffen in Deutschland? ins Internet gestellt werden mussten. In Sind Ihnen Fälle von Wissenschaft- Pötschke-Langer: Das kann man ganz diesen Prozessen wurde herausgearbeitet, lern bekannt, die direkt von der Tabakin- klar beantworten. Die Tabaklobby hat dass die ganze Palette der Zusatzstoffe im dustrie finanziert wurden? eine immense Stärke, insbesondere in Wesentlichen dazu dient, Neueinsteiger Pötschke-Langer: Das ist ein trauriges Kapi- Deutschland. Und sie hat es bisher durch anzusprechen und zu gewinnen, sowie die tel in der Geschichte der Wissenschaft, das geschicktes Lobbying geschafft, eine Pro- bereits bestehenden Raucher in der Ab- insbesondere die deutsche Wissenschaft duktregulation zu verhindern. hängigkeit zu halten. betrifft. Wir haben dazu Beispiele, die wir Sie sitzen seit 1992 im Steuerungs- Können Sie ein Zitat nennen? auf die Website gestellt haben [Anm.d.Red.: gremium des »Aktionsbündnisses Pötschke-Langer: Gerne. Zu Menthol www.dkfz.de/de/tabakkontrolle]. Und es Nichtrauchen« und seit 2000 im Steue- schrieb die Tabakindustrie intern bereits wird bis heute noch geforscht. rungsgremium des »Wissenschaftlichen in den 1970ern: »Unser Labor hat die Können Sie einen konkreten Fall Aktionsbündnisses Tabakentwöhnung«. komplexen Interaktionen zwischen Niko- nennen? Was genau machen Sie dort? 26 GRAUZONE
  26. 26. Pötschke-Langer: Wir stimmen uns mitanderen angesehenen Organisationenab, wie etwa der Deutschen Krebshil-fe oder der Deutschen Gesellschaft fürKardiologie. Sehen Sie Interessenskonfliktezwischen Ihrem Engagement und Ihrer » Die Wissenschaftler der Tabakindustrie werden exorbitant gut bezahlt. Es ist ihre Entscheidung,wissenschaftlichen Arbeit?Pötschke-Langer: Ich kann keine erken- für wen sie arbeitennen. Wenn es Interessenskonflikte gäbe,dann würde ich an einer solchen Initiati- und von wem sie dasve nicht mitwirken. Geld nehmen. Denn Haben Sie Probleme mit der Tabak- «industrie bekommen? sie wissen ganz genau,Pötschke-Langer: Mit der Tabakindustrienicht, aber natürlich mit ihren Lobby- was sie dort tun. Es ististen. Sie lieben es, mich zu hassen und die Frage: Ist Ethik fürin den entsprechenden Blogs meine Ar-beit anzugreifen. So bekomme ich Hass- mich ein Stellenwert?Mails und Beschimpfungen im Internet.Bisweilen ist das keineswegs spaßig. Welche Verantwortung haben For-scher, die für die Tabakindustrie ar-beiten?Pötschke-Langer: Die Wissenschaftlerder Tabakindustrie werden exorbitantgut bezahlt. Es ist ihre Entscheidung, fürwen sie arbeiten und von wem sie dasGeld nehmen. Denn sie wissen ganz ge-nau, was sie dort tun. Es ist die Frage: IstEthik für mich ein Stellenwert oder kannich mich darüber hinweg setzen? Rauchen ist ein Spitzengeschäft – für die Tabak- Wie viele Forscher arbeiten heute industrie. In Deutschland setzt sie jährlich rundan neuen Zusatz- oder Inhaltsstoffen 12 Milliarden Euro um. Manche Marken werbenfür die Tabakindustrie? mit dem Versprechen: »ohne Zusätze«.Pötschke-Langer: Weltweit sind es Tau-sende von hervorragenden Forschern.Das kann sich die Tabakindustrie auchleisten, bei jährlich mehreren Milliar-den Gewinn in Deutschland. Zum Schluss eine persönliche Fra-ge. Haben Sie selbst jemals geraucht?Pötschke-Langer (lacht): Ja, am Endemeines Medizinstudiums habe ichmich in einer Lerngruppe auf die groß-en Examensprüfungen vorbereitet. DieBegleitmusik dazu waren schwarzer Tee– zwei, drei Kannen pro Tag – und Ziga-retten. Aber kaum hatten wir das Exa-men in der Tasche, haben wir von diesenLastern gelassen. Seit dem kann ich Zi-garetten nicht mehr ertragen – genau sowie den schwarzen Tee von damals. reiner Michael Greiner hael G © MicWissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 27
  27. 27. Po l i t i k b e r atu n g Eine Hand wäscht die andere? Der Staat fördert einen Teil der Forschung. Die Erkenntnisse der Wissenschaft können politische Entscheidungen stützen. Wie Experten die deutsche Regierung beraten und inwieweit sie Einfluss auf Entscheidungs- prozesse haben. Der Hessische Landtag in Wiesbaden: Hier treffen sich Politiker und Forscher. Gemeinsam suchen sie nach Lösungsansätzen für gesell- schaftliche Probleme.© Reinhard Grieger 28 GRAUZONE
  28. 28. © Bundesregierung / Kugler D er 11.11.2011 im CDU-Sitzungssaal Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Stippvisite im Robert-Koch-Insitut in Berlin. des Hessischen Landtages. Hier Die Forschungseinrichtung ist Teil des Bundesministeriums für Gesundheit und wird nicht etwa die Fastnachts- berät die Politik vor allem in biologischen und medizinischen Fragen. kampagne 2012 eröffnet, sondern die Sit- zung der Enquete-Kommission »Migration und Integration in Hessen«. Pünktlichkeit nicht den Eindruck, aber in einer Enquete- bericht und gibt ihn als Empfehlung an scheint nicht oberste Priorität zu sein. Fünf Kommission haben die Wissenschaftler die das Parlament. Minuten verspätet begrüßt der Vorsitzen- Aufmerksamkeit der Politik. Somit können Ad-hoc-Kommissionen sind nicht wie de Jürgen Banzer (CDU) die Anwesenden sie Einfluss auf den Schlussbericht neh- die Enquete im Bundes- oder Landtag, son- und eine viertel Stunde später kommen men. Bei der Enquete sind Sachverständi- dern in der Bundes- oder Landesregierung auch die letzten Teilnehmer an. Gerade ge wie Unternehmer oder Wissenschaftler angesiedelt. Der zuständige Minister oder referiert Rauf Ceylan, Migrations- und unter den ständigen Mitgliedern. Diese die Bundeskanzlerin setzt sie ein, um sich Religionssoziologe an der Universität Os- nehmen an jeder Sitzung teil und erarbei- externen Rat zu bestimmten Problemstel- nabrück, über die Situation der Migranten ten gemeinsam mit den Abgeordneten die lungen einzuholen. Der politische Auftrag- in Deutschland und gibt den Politikern Lösungsansätze. geber wählt die Mitglieder frei aus. Diese eine Handlungsempfehlung: »Es ist wich- Kommissionen sind für eine bestimmte tig, den islamischen Religionsunterricht Experten geben Zeit eingesetzt und erarbeiten ebenfalls flächendeckend einzuführen.« Nach ihm Empfehlungen einen Schlussbericht, jedoch in der Regel tragen noch vier weitere Experten vor. Die Die Enquete-Kommission ist eine von vie- mit Handlungsempfehlungen für die Re- Abgeordneten stellen eine Menge Fragen, len wissenschaftlichen Beratungsmöglich- gierung. unter anderem nach empirischen Befun- keiten und wird vom Bundes- oder Land- Der Einfluss eines Schlussberichtes auf den. Sie verlangen immer wieder nach tag in Auftrag gegeben. die Politik unterscheidet sich von Kom- Handlungsvorschlägen. Viereinhalb Stun- Sie gewinnt mittels Expertenanhö- mission zu Kommission. Denn letztlich den dauert der Dialog zwischen wissen- rungen, Arbeitsunterlagen und For- entscheidet die Regierung, was sie damit schaftlichen Beratern und Abgeordneten. schungsaufträgen Informationen zu macht. Und diese, meint Ulf Riebesell, Zwar macht in diesem Fall die Haltung einem Thema und sucht nach Lösungsan- nimmt Beratungen sowieso nur an, wenn einiger Mitglieder – tief im Stuhl hängend, sätzen zu gesellschaftlichen Problemen. sie es in ihrer Strategie gebrauchen kann. mit dem Handy spielend, sogar dösend – Die Kommission erarbeitet einen Schluss- Riebesell ist Gutachter für den nächsten Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 29
  29. 29. Bericht des Weltklimarats und forscht als merksam machen, mehrere Meinungen Ausschreibungen. Die Forscher bewerbenOzeanograph am Leibniz-Institut für Mee- präsentieren, und ob sie deutlich machen, sich mit einem Vorschlag, wie sie an dasreswissenschaften. Doch als Politikberater wenn Erkenntnisse vage sind«. Die Ver- Problem herangehen würden und was essehe er sich nicht: »Ein Wissenschaftler waltungswissenschaftlerin hat bereits ge- kosten würde. Auch außeruniversitäre Ein-braucht nicht zu glauben, dass er die Po- meinsam mit Kollegen ein Gutachten für richtungen, wie die Helmholtz-Gemein-litiker zum Handeln bringen kann«, sagt das europäische Parlament geschrieben: schaft, beraten mittels Publikationen undRiebesell. Für ihn seien die Bürger die trei- »Man fragt sich, wird das so verstanden, Auftragsforschung die Politik.bende Kraft. Deshalb sehe er seine Verant- wie wir es meinen? Und was passiert mit »Es ist sehr unwahrscheinlich, dass einwortung darin, der Gesellschaft korrekte den Sachen, die wir hier aufschreiben?« Gutachten komplett von einem MinisterInformationen zu vermitteln und zu ihrem Kommunikationsschwierigkeiten sind laut gelesen wird. Dafür sind Mitarbeiter da,Wohle zu handeln: »Das Entscheidende ist, Hustedt ein Problem der Politikberatung. die dann kanalisieren und mitteilen waswas die Gesellschaft mit den Erkenntnis- Denn nicht immer werde das, was der Wis- darin steht«, sagt Hustedt. Inwiefern dassen macht. Die Politik wird erst auf die Äu- senschaftler für eindeutige Sprache halte, Gutachten in einzelne Fragestellungenßerung der Gesellschaft reagieren. Siehe in der Politik auch so verstanden. eingehe, könne davon abhängen, wie dasFukushima.« Riebesell warnte als einer der Universitäten können die Politik durch zuständige Referat es aufnehme und wei-Ersten vor der Ozeanversauerung als Folge Gutachten beraten. Ein Gutachten steht terkommuniziere.des Klimawandels, doch »geschehen ist in der Regel in Verbindung mit einer Auf- Auch Ressortforschungseinrichtungennoch lange nichts«, sagt der Forscher. tragsforschung. Dafür gibt es offizielle (RFE) forschen im Auftrag der Regierung.Politik brauchtWissenschaftTrotz alldem ist gerade die Klimapolitikabhängig von der Expertise der Forscher.»Zum Klimawandel gab es in den 1980ernzwei Enqueten. Vor allem die Erste galt alssehr einflussreich für die weitere diskursi-ve Struktur des Politikfeldes«, sagt ThuridHustedt, Verwaltungswissenschaftlerinder Potsdamer Universität. Sie bestätigt,dass der Einfluss eines Abschlussberichtsimmer schwer nachzuvollziehen ist. Erwerde zwar in jedem Fall in Ausschüssenund Plenen diskutiert. Das heiße abernicht, dass er in einen Entscheidungs-prozess mit eingehe. Dennoch weiß sie:»Die Grundtendenz ist, dass Politik wis-senschaftsabhängiger wird. Die gute poli-tische Entscheidung soll sowohl auf einerWertentscheidung, wie auch nach bestemWissen getroffen sein.« Da laut Hustedt der Beratene viel we-niger als der Berater weiß, müsse Letzte-rer sich entsprechend verhalten und denSachverhalt angemessen und sorgfältigvorbringen. Die Verantwortung habe ergegenüber den Gremien, seiner eigenenDisziplin und dem Beratenen. Laut Hustedt geben Wissenschaftlerihre Fakten nicht nur wieder, sondern in-terpretieren sie auch in ihrem sozialenZusammenhang. Deshalb hängt ihrer Mei-nung nach verantwortliches Handeln derBerater davon ab, »wie sie ihre Ergebnissekommunizieren, auf Streitigkeiten auf-30 GRAUZONE

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