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Erfahren Lenkung der Personenströme
14
4 | 2012via
«Herr der
Menschenströme»
Lenkung der Personenströme Erfahren
15
4 | 2012 via
Z
ehn Uhr morgens, Bahnhof Basel. Die
grössten Pendlerströme sind verebbt,
dennoch herrscht ein reges Kommen und
Gehen. Immerhin nutzen täglich rund 95000 Men-
schen den Bahnhof der drittgrössten Schweizer Stadt
im Bahnverkehr, unter ihnen viele Touristen und
Ortsunkundige.
Im Gewusel steht einer, der die Reisenden und de-
ren Verhalten besonders genau beobachtet. Oliver
Specker ist Personenhydrauliker bei der SBB, einer der
die Lehre von den Menschenströmen zu seinem Beruf
gemacht hat. Den Fahrplan kennt er auswendig, er
weiss genau, wann und wo das grösste Personenauf-
kommen zu erwarten ist. Und wo Staugefahr droht.
Oliver Speckers Job ist es, optimale Zugangsbe-
dingungen für die Reisenden von und zu den Perrons
zu schaffen. Sie sollen möglichst hindernisfrei zu den
Zügen und aus dem Bahnhof gelangen. Das kann zu
Interessenkonflikten führen. Denn die diversen Ver-
kaufsflächeninvielenmittlerenundgrossenBahnhö-
fen der Schweiz sind aus Sicht der Personenhydraulik
teilweise mitverantwortlich für viele Engpässe. Die
SBB als Eignerin und Betreiberin der Bahnhöfe ist
aber auf diese Einnahmen angewiesen. Hier sind Lö-
sungen gefragt, die für alle Beteiligten und immer mit
dem Blick für den Kunden tragbar sind.
Informative Überforderung
Aber es gibt weitere «Problemzonen». Specker deutet
auf den grossen Bildschirm über den Rolltreppen, die
in die Haupthalle hinunter führen. Aktuelle Kurz-
nachrichten alle paar Sekunden. Einige Passantinnen
und Passanten bleiben lesend stehen. Andere halten
inne und suchen aus der grossen Anzahl von Pikto-
grammenoberhalbderRolltreppeihrZiel.DasResul-
tat: eine unnötige Stausituation. In der Haupthalle
ein ähnliches Bild: «Zum französischen
Bahnhofsteil weisen nur kleine Infotafeln
den Weg. Das führt zu sogenannten ste-
henden Suchvorgängen», sagt Specker.
Das Resultat ist das gleiche wie bei den
Rolltreppen: Stau.
Ähnlich wie im Bahnhof Bern sollen
deshalb auch in Basel minimale, aber so-
fort wahrnehmbare Informationen die
Reisenden vom Perron zum zentralen In-
formationspunkt in der Halle leiten. Schil-
der mit der Aufschrift «City i» («i» für In-
formation) weisen dann schon bei den
Perronabgängen zum Ausgang. «Die heu-
tige Praxis, alle Bus- und Tramlinien-Ver-
bindungen anzuschreiben, führt zu einer
informativen Überforderung», weiss Oli-
ver Specker. «Ankommende Reisenden
wollennurwissen,wieundwosieausdem
Bahnhof herauskommen oder wann auf
welchem Gleis ihr Anschlusszug fährt.»
Am zentralen Infopunkt wird der Strom
der Reisenden zu den verschiedenen Zie-
len geleitet: zum Tram- und Busverkehr
auf den Centralbahnplatz (Bahnhofsvor-
platz), zum unterirdischen Veloparking
und zum französischen Bahnhof.
Aber das ist längst nicht alles: In Zu-
kunft sollen die Personenflüsse für die
SBB mit einem automatischen, sensor-
basierten Zählsystem erfasst werden. Bei diesem
datenschutzkonformen System werden keine Bilder
gespeichert, Gesichter sind nicht erkennbar. Viel-
mehr rechnet das Programm die Messaufnahmen in
Echtzeit um, die Reisenden erscheinen als «Punkt-
Strichmännli» auf einer Simulationsoberfläche. Die
Menschenströme, etwa in Bahnhöfen, sind mit Ebbe und Flut
vergleichbar. Personenhydrauliker analysieren die «menschlichen
Gezeiten» und planen bauliche und organisatorische
Massnahmen, um Staus während der Stosszeiten zu vermeiden.
Text:Gaston Haas/Peter Jeck; Fotos: Christian Aeberhard
7Sek.sollen Reisende maximal in einer
Rückstauzone vor Rolltreppen auf dem
Perron etwa warten müssen, so die
Arbeitsvorgabe für die Spezialisten.
Simulation
von Personenflüssen
– Auf einer digitalen Tisch-
platte werden Personenwege
von drei U-Bahn-Stationen
an Hindernissen vorbei zu
drei Ausgängen simuliert.
Durch Verschieben der Hin-
dernisse verändern sich die
Personenflüsse. Dadurch
wird elementares Verhal-
ten von Fussgängerströmen
sichtbar.
– http://vimeo.com/15657902
Engpass Verkaufsflächen: Hier sind Lösungen gefragt, die für alle Beteiligten
tragbar sind.
16
4 | 2012via
Erfahren Lenkung der Personenströme
«Ich kann etwas
bewegen»
Oliver Specker interessiert sich für Menschen und
ihr Verhalten. Er optimiert Personenflüsse.
WelcheQualitätenbrauchteinPersonen-
hydrauliker?
Ich würde meinen Job nicht Personenhy-
drauliker nennen, sondern lieber «Per-
sonenflussoptimierer» – hier ist dann
die relevante Dynamik bereits enthal-
ten. Ansonsten hilft für den Job ein ho-
hes Interesse, sich mit Menschen und ih-
rem Verhalten sowohl qualitativ als auch
quantitativ zu befassen.
WasfasziniertSieammeisteninIhremJob?
Der Umgang mit Menschen – mit unse-
ren Kunden und in unserem Team – in
einem höchst spannenden Umfeld.
Zudem kann ich etwas bewegen.
WelchessinddiegrösstenHerausforderungen
derkommendenJahre?
Die knappen Flächen in unseren Bahn-
höfen sowie eine stetig zunehmende
Konzentration der Bahnkunden auf die
Hauptverkehrszeiten. Zudem wünschen
auch unsere Kunden in den grossen
Bahnhöfen ein breites Angebot – Shop-
pingbereiche gehören hier selbstver-
ständlich dazu. Dies alles muss die SBB
unter einen Hut bringen.
IhrLieblingsbahnhofinderSchweiz?
InEuropa?
In der Schweiz Basel, und zwar mit allen
drei Bahnhöfen. In Europa würde ich hier
Leipzig und Dresden nennen.
KönnenSienacheinemFussballspielnoch
zumAusganggehen,ohnedieoptimaleBesu-
cherführungzuergründen?
Ja, man muss ja nicht immer den Job vor
Augen haben. Aber selbstverständlich
erwische ich mich immer wieder, wie ich
gewisse Situationen unter dem Blick der
optimalen Personenflüsse betrachte.
Zur Person
Oliver Specker (37)
istLeiterPersonen-
flüssebeiSBB
Infrastruktur
so gewonnenen Informationen lassen
dann die Hauptnutzung der Bahnhofs-
teileunddiewichtigstenWegederBahn-
hofskunden erkennen. Damit gewinnen
Personenhydrauliker eine präzise Sicht
auf Problemzonen. «So erkennen wir,
wie Kundinnen und Kunden auf Hinder-
nisse reagieren oder welche Information
kaum direkt wahrgenommen werden
und können entsprechende Lösungsvor-
schläge erarbeiten», sagt Oliver Specker.
Psychologie spielt wichtige Rolle
Er weist auf die Haupteingänge auf der
Nordseite des Basler Bahnhofs – wahre
Flaschenhälse, an denen es schon allein
beim Hinschauen staut. Ein neuer zent-
raler Eingang an der Nordseite steht aus
denkmalschützerischen Überlegungen
nicht zur Diskussion. Sind denn grösse-
re bauliche Veränderungen überhaupt umsetzbar,
Herr Specker? «Ausschliessen will ich es nicht; es er-
fordert aber sehr viel Abstimmungsarbeit und eine
genügend lange Planungsphase», meint der Fach-
mann.
Selbstverständlich befasst sich der «Herr der
Massen» auch mit psychologischen Fragestellungen.
Etwa dem Minimalabstand zu den Mitreisenden oder
Gegenständen sowie dem idealen Licht- und Farb-
konzept. «Das menschliche Verhalten im Raum und
in der Menge ist für unsere Arbeit zentral. Vor allem
dann, wenn unsere Massnahmen unbewusst aufge-
nommen werden sollen», sagt Oliver Specker. Vor
Rolltreppen auf dem Perron etwa sollen Reisende
maximal sieben Sekunden in einer Rückstauzone
warten müssen, so die Arbeitsvorgabe für die Spezia-
listen. Entsprechend müssen die Rolltreppen, deren
Vorflächen auf den Perrons und alternative Treppen-
anlagen dimensioniert sein. Aber auch eine gewisse
«Anleitung der Kunden» sei äusserst hilfreich und
schneller umzusetzen als Baumassnahmen, etwa die
Einhaltung des Gebotes «Rechts stehen – links ge-
hen».
Neben der betrieblichen und psychologischen hat
die Flussgeschwindigkeit der Pendlerströme auch
eine wirtschaftliche Bedeutung. Immerhin geht es
auch um kostbare Arbeits- und Freizeit. Jede Warte-
minute, ja jede Sekunde kann im Bahnverkehr in
Franken und Rappen umgerechnet werden. «Für uns
istesdaherwichtig,dassunsereKundinnenundKun-
den zufrieden sind und vor allem rechtzeitig ihre Züge
oder weitere Ziele erreichen», bringt es Oliver Spe-
cker auf den Punkt. «Wir sind ja vor allem ein Unter-
nehmen mit einem klaren Transportauftrag. Diesen
Auftragoptimalundwirtschaftlichzuerfüllen,istun-
ser primäres Ziel.» Abfahrtszeiten der Züge müssen
eingehalten, Anschlusszüge erreicht werden. «Daran
misst uns der Kunde. Wenn er nicht rechtzeitig von
Gleis 1 auf Gleis 16 gelangt, neigt er dazu, uns als SBB
primär dafür verantwortlich zu machen.»
Die Haupteingänge
des Basler Bahnhofs sind
wahre Flaschenhälse.

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  • 3. 16 4 | 2012via Erfahren Lenkung der Personenströme «Ich kann etwas bewegen» Oliver Specker interessiert sich für Menschen und ihr Verhalten. Er optimiert Personenflüsse. WelcheQualitätenbrauchteinPersonen- hydrauliker? Ich würde meinen Job nicht Personenhy- drauliker nennen, sondern lieber «Per- sonenflussoptimierer» – hier ist dann die relevante Dynamik bereits enthal- ten. Ansonsten hilft für den Job ein ho- hes Interesse, sich mit Menschen und ih- rem Verhalten sowohl qualitativ als auch quantitativ zu befassen. WasfasziniertSieammeisteninIhremJob? Der Umgang mit Menschen – mit unse- ren Kunden und in unserem Team – in einem höchst spannenden Umfeld. Zudem kann ich etwas bewegen. WelchessinddiegrösstenHerausforderungen derkommendenJahre? Die knappen Flächen in unseren Bahn- höfen sowie eine stetig zunehmende Konzentration der Bahnkunden auf die Hauptverkehrszeiten. Zudem wünschen auch unsere Kunden in den grossen Bahnhöfen ein breites Angebot – Shop- pingbereiche gehören hier selbstver- ständlich dazu. Dies alles muss die SBB unter einen Hut bringen. IhrLieblingsbahnhofinderSchweiz? InEuropa? In der Schweiz Basel, und zwar mit allen drei Bahnhöfen. In Europa würde ich hier Leipzig und Dresden nennen. KönnenSienacheinemFussballspielnoch zumAusganggehen,ohnedieoptimaleBesu- cherführungzuergründen? Ja, man muss ja nicht immer den Job vor Augen haben. Aber selbstverständlich erwische ich mich immer wieder, wie ich gewisse Situationen unter dem Blick der optimalen Personenflüsse betrachte. Zur Person Oliver Specker (37) istLeiterPersonen- flüssebeiSBB Infrastruktur so gewonnenen Informationen lassen dann die Hauptnutzung der Bahnhofs- teileunddiewichtigstenWegederBahn- hofskunden erkennen. Damit gewinnen Personenhydrauliker eine präzise Sicht auf Problemzonen. «So erkennen wir, wie Kundinnen und Kunden auf Hinder- nisse reagieren oder welche Information kaum direkt wahrgenommen werden und können entsprechende Lösungsvor- schläge erarbeiten», sagt Oliver Specker. Psychologie spielt wichtige Rolle Er weist auf die Haupteingänge auf der Nordseite des Basler Bahnhofs – wahre Flaschenhälse, an denen es schon allein beim Hinschauen staut. Ein neuer zent- raler Eingang an der Nordseite steht aus denkmalschützerischen Überlegungen nicht zur Diskussion. Sind denn grösse- re bauliche Veränderungen überhaupt umsetzbar, Herr Specker? «Ausschliessen will ich es nicht; es er- fordert aber sehr viel Abstimmungsarbeit und eine genügend lange Planungsphase», meint der Fach- mann. Selbstverständlich befasst sich der «Herr der Massen» auch mit psychologischen Fragestellungen. Etwa dem Minimalabstand zu den Mitreisenden oder Gegenständen sowie dem idealen Licht- und Farb- konzept. «Das menschliche Verhalten im Raum und in der Menge ist für unsere Arbeit zentral. Vor allem dann, wenn unsere Massnahmen unbewusst aufge- nommen werden sollen», sagt Oliver Specker. Vor Rolltreppen auf dem Perron etwa sollen Reisende maximal sieben Sekunden in einer Rückstauzone warten müssen, so die Arbeitsvorgabe für die Spezia- listen. Entsprechend müssen die Rolltreppen, deren Vorflächen auf den Perrons und alternative Treppen- anlagen dimensioniert sein. Aber auch eine gewisse «Anleitung der Kunden» sei äusserst hilfreich und schneller umzusetzen als Baumassnahmen, etwa die Einhaltung des Gebotes «Rechts stehen – links ge- hen». Neben der betrieblichen und psychologischen hat die Flussgeschwindigkeit der Pendlerströme auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Immerhin geht es auch um kostbare Arbeits- und Freizeit. Jede Warte- minute, ja jede Sekunde kann im Bahnverkehr in Franken und Rappen umgerechnet werden. «Für uns istesdaherwichtig,dassunsereKundinnenundKun- den zufrieden sind und vor allem rechtzeitig ihre Züge oder weitere Ziele erreichen», bringt es Oliver Spe- cker auf den Punkt. «Wir sind ja vor allem ein Unter- nehmen mit einem klaren Transportauftrag. Diesen Auftragoptimalundwirtschaftlichzuerfüllen,istun- ser primäres Ziel.» Abfahrtszeiten der Züge müssen eingehalten, Anschlusszüge erreicht werden. «Daran misst uns der Kunde. Wenn er nicht rechtzeitig von Gleis 1 auf Gleis 16 gelangt, neigt er dazu, uns als SBB primär dafür verantwortlich zu machen.» Die Haupteingänge des Basler Bahnhofs sind wahre Flaschenhälse.