Weißbuch Innenstadt
Starke Zentren für unsere Städte und Gemeinden
Weißbuch Innenstadt
Starke Zentren für unsere Städte und Gemeinden




Berlin, Bonn Juni 2011
4                                       Grusswort




    Die Entwicklung lebendiger Innenstädte und
    Ortszentren ist zentrales Ziel meiner Stadt- und
    Raumentwicklungspolitik. Städte und Gemein-
    den brauchen lebendige Zentren. Dies gilt für
    unsere Ballungszentren ebenso wie für unsere
    ländlichen Räume. Angesichts des demografi-
    schen und strukturellen Wandels bedarf es der
    gemeinsamen Anstrengung aller Partner, die
    Innenstädte und Ortszentren zu erhalten und
    zukunftsfähig weiter zu entwickeln.
           Aus diesem Grund habe ich im Oktober
    2010 einen Entwurf Weißbuch Innenstadt vor-
    gelegt und zu einem breiten Diskussionsprozess
    aufgerufen. Alle waren aufgefordert, sich zu be-
    teiligen und Stellung zu nehmen. Ziel des Weiß-
    buchs ist es, wesentliche Trends für die Innen-
    städte fachlich und politisch zu bewerten und
    möglichst konkrete Handlungsempfehlungen
    für die nächsten Jahre zu bestimmen.
           Das jetzt vorliegende Weißbuch Innen-
    stadt ist das Ergebnis eines umfassenden fachli-
    chen und politischen Diskurses. An dem Prozess
    haben sich Kommunen, Landkreise, Länder,
    Kirchen, Kammern, Verbände und Vereine,
    Wissenschaftler, Firmen und Beratungsbüros,
    aber auch viele kleinere Initiativen sowie Bür-
    gerinnen und Bürger beteiligt. Sie haben die
    fachpolitische Diskussion mit vielfältigen Anre-
    gungen und auch kritischen Anmerkungen,
    mit Ideen und vor allem mit konkreten Hand-
    lungsvorschlägen bereichert und ein großes
    Stück nach vorne gebracht.
Grusswort                                                                                         5




Der Diskussionsprozess ist ein zentraler Bau-       grafischen und wirtschaftlichen Strukturwan-
stein in der Strategie der Nationalen Stadtent-     del betroffen sind. Unsere ländlichen Räume
wicklungspolitik. Mit dem Weißbuch Innen-           brauchen starke Klein- und Mittelstädte –
stadt bestimmen wir gemeinsam die wichtigs-         besonders um die Daseinsvorsorge für die Men-
ten Aufgaben der nächsten Jahre. Es richtet sich    schen in den jeweiligen Regionen zu sichern.
an alle, die sich für eine integrierte und nach-    Die Stadt-Umland-Verflechtung spielt eine
haltige, wirtschaftlich tragfähige, sozial ausge-   besondere Rolle für die Zentrenentwicklung,
wogene und ökologisch orientierte Innenstadt-       nicht nur in den Metropolregionen.
entwicklung einsetzen. Das Weißbuch bündelt                Mit dem Weißbuch Innenstadt stärkt der
den Stand der politischen und fachlichen De-        Bund das Bewusstsein für die Bedeutung leben-
batte zu unseren Innenstädten und Ortszentren.      diger Innenstädte für unsere Städte und ihr Um-
Es deckt ein breites Themenspektrum ab, weil        land. Damit möchte ich die Städte und Gemein-
unsere Städte und Gemeinden sehr unter-             den unterstützen, die bereits die Entwicklung
schiedlichen Chancen und Problemen gegen-           ihrer Zentren als besondere Aufgabe verstehen.
überstehen. Zugleich erhebt es nicht den An-        Ich möchte aber auch diejenigen ermuntern,
spruch, passgenaue Lösungen für alle zu bieten.     die es vorhaben. Ich würde es sehr begrüßen,
Nicht alle Vorschläge sind von Kommune zu           wenn die intensive Auseinandersetzung mit
Kommune übertragbar. Dennoch bietet es eine         dem eigenen Zentrum dazu führen würde, dass
breite Fülle an Empfehlungen und Orientie-          Städte und Gemeinden ihre innerstädtischen
rung. Wir wollen den Diskussionsprozess in den      Entwicklungskonzepte überarbeiten und aktu-
folgenden Jahren fortsetzen und weiter konkre-      alisieren oder sogar ihr jeweils eigenes, „Weiß-
tisieren.                                           buch Innenstadt“ erarbeiten. Der Bund wird
       Die Bundesregierung wird heute und in        hierbei gerne Unterstützung leisten.
den kommenden Jahren ihren Beitrag für die
Innenstädte und Ortszentren leisten. Dabei
haben wir sowohl die Situation unserer großen
und mittleren Städte im Blick als auch die Ent-
wicklung der Zentren kleinerer Städte und
Gemeinden sowie der Infrastruktur in unseren        Dr. Peter Ramsauer, MdB
ländlichen Regionen. Größere Städte haben           Bundesminister für Verkehr, Bau
neben dem Stadtkern oft mehrere Teilzentren,        und Stadtentwicklung
die wichtige Funktionen für das Alltagsleben
der Bürgerinnen und Bürger leisten. Auch diese
nehmen wir in den Blick. Weiterhin unterstüt-
zen wir gezielt kleinere Städte und Gemeinden,
die von unterbliebener Erneuerung, vom demo-
6                                                                                                                                                                                                         InhaltsverzeIchnIs




Grußwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Inhaltsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Kurzfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.   Starke Städte und Gemeinden brauchen starke Zentren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
2.   Zur Situation und zu den Perspektiven der Innenstädte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.1  Marktplatz Innenstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
2.2 Wirtschaftsraum und Arbeitsort Innenstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.3 Wohn- und Lebensraum Innenstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.4 Innenstadt als Ort der Integration. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.5 Mobilität in Innenstädten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.6 Innenstadt als Ort von Kultur, Baukultur und Stadtleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
3.   Ausblick: Politik für die Innenstädte und Ortszentren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
KurzfassunG                                                                                          7




Weißbuch Innenstadt – Starke Zentren
für unsere Städte und Gemeinden




„weißbuch Innenstadt“ –                            Innenstädte als orte des handels
ergebnis einer breiten Debatte                     Traditionell sind Innenstädte Orte des Handels.
Das vorliegende Weißbuch Innenstadt ist            In der Regel trägt die Vielfalt an Geschäften
das Ergebnis eines umfassenden öffentlichen        zur Lebendigkeit der Innenstädte und Ortszen-
Diskussionsprozesses, der im Oktober 2010          tren bei. Aktuelle Entwicklungen, wie der
durch eine Initiative des Bundesministeriums       Strukturwandel im Einzelhandel, die Krise der
für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung              Kauf- und Warenhäuser und Trends wie der
(BMVBS) gestartet wurde. Im Laufe des halbjäh-     zunehmende Verlust inhabergeführter Einzel-
rigen Prozesses mit einem Auftaktkongress,         handelsgeschäfte gefährden jedoch die Attrak-
Fachkonferenzen und der Möglichkeit, sich          tivität und den Abwechslungsreichtum in
schriftlich zu beteiligen, haben sich zahlreiche   den Stadtzentren. Eine der größten aktuellen
innerstädtische Akteure zu Wort gemeldet.          Herausforderungen für die Stadtentwicklung
Kommunen, Landkreise, Länder, Kirchen,             ist es, innerstädtische Einkaufszentren in die
Kammern, Verbände und Vereine, Wissen-             baulich-räumliche Struktur der Städte zu inte-
schaftler, Firmen und Beratungsbüros, aber         grieren. Ein Lösungsansatz, um Stadtzentren
auch viele kleinere Initiativen sowie Bürgerin-    als Handelsort zu stärken, könnte zum Beispiel
nen und Bürger haben vielfältige Ideen und         eine Neuausrichtung der kommunalen Flä-
Anregungen, aber auch kritische Anmerkun-          chenpolitik sein. Auch Einzelhandelskonzepte
gen zum Entwurf des Weißbuches geäußert.           auf regionaler Ebene sind erforderlich. Hierzu
Sie haben ihn mit konkreten Handlungsvor-          kommen innovative Konzepte für eine Umnut-
schlägen bereichert und um wichtige                zung oder Einbindung großer leer stehender
Aspekte ergänzt.                                   Immobilien in die städtische Struktur.




Marktplatz in Stuttgart
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Innenstädte als wirtschaftsraum und arbeitsort    Innenstädte als wohnorte
Die Innenstädte als Arbeitsorte sind durch den    Immer mehr Menschen entdecken die Innen-
Wandel von der Produktions- zur Dienstleis-       städte und Ortszentren als attraktive Wohnorte.
tungs- und Informationsgesellschaft starken       Sie erwarten hier eine breite Infrastrukturaus-
Veränderungen unterworfen. Viele Wirt-            stattung und gute Wohnbedingungen. Nach
schaftsunternehmen haben in den Stadtteilen       jahrzehntelang gegenläufigem Trend verzeich-
und verkehrlich gut erschlossenen Stadtrand-      nen vor allem einige Großstädte eine Renaissance
lagen neue Standorte gegründet. Andererseits      des innerstädtischen Wohnens – hauptsächlich
kann heute eine gute Adresse in innerstäd-        für kleine Haushalte. Familien mit Kindern
tischer Lage wieder eine wichtige Rolle für die   finden dagegen oft keinen bezahlbaren Wohn-
Unternehmenskultur spielen. Die Umnutzung         raum in geeigneter Größe und Qualität. Kenn-
brach gefallener Gewerbeareale oder leer ste-     zeichnend für die Innenstädte ist das enge
hender historisch wertvoller Gebäude eröffnet     Nebeneinander sehr unterschiedlicher Lagen:
zusätzlich neue Perspektiven für die Innenstadt   Gute teure Standorte liegen oft in unmittel-
als Standort für Unternehmen jeder Größe. Für     barer Nachbarschaft zu eher unattraktiven
das Handwerk bestehen insbesondere an den         Lagen. Einkommensschwächere Haushalte
Innenstadtrandlagen Potenziale. Nutzungsmi-       nehmen häufig unsanierte Wohnungsbestände
schung, die Stärkung der Büronutzung und          in Innenstadtrandlagen in Anspruch. Darüber
Verlagerung von Standorten der öffentlichen       hinaus sind nach wie vor viele Innenstädte, ins-
Hand in die Innenstadt können Strategien sein,    besondere in den ostdeutschen Ländern, durch
die Zentren in ihrer Funktion als Arbeits- und    eine hohe Leerstandsquote gekennzeichnet.
Wirtschaftsort zu stabilisieren.                  Kommunale Wohnkonzepte oder innovative
                                                  Strategien für das Wohnen im Altbaubestand
                                                  könnten hier Lösungsansätze bieten.
KurzfassunG                                                                                       9



Stachusbrunnen am Karlsplatz
in München




Innenstädte als orte sozialer und                  Innenstädte und ortszentren als orte von
ethnischer Integration                             Kultur, Baukultur und stadtleben
Neue Lebensstile und Milieus konzentrieren         Die Stadtkerne mit ihren kulturellen Anzie-
sich häufig in den innerstädtischen Quartieren.    hungspunkten, ihren Plätzen, Baudenkmalen
Vielfalt stellt zum einen eine Bereicherung dar.   und Theatern, aber auch mit ihren Kirchen und
Auf der anderen Seite wachsen in den Städten       religiösen Einrichtungen sind für Bürgerinnen
allgemein und vor allem in den Zentren soziale     und Bürger Orte der Identifikation. Gastrono-
und ethnische Polarisierungen. Die Bemü-           mie, Hotellerie und Freizeiteinrichtungen sowie
hungen um Integration und gesellschaftlichen       Ereignisse wie Sport-, Musik- und Kulturver-
Zusammenhalt werden in der Stadtentwick-           anstaltungen beleben die Zentren. Bürgerschaft-
lung weiter an Bedeutung gewinnen. Aufgabe         lich oder ehrenamtlich organisierte Kultur- und
bleibt es, besonders benachteiligte Stadtquar-     Freizeitprojekte spielen neben den öffentlichen
tiere zu stärken, indem Bildungseinrichtungen      und privatwirtschaftlichen Angeboten eine
ausgebaut werden und die Wirtschaft in den         zunehmend wichtige Rolle. Für die Kreativwirt-
Stadtquartieren unterstützt wird.                  schaft ergeben sich insbesondere in den In-
                                                   nenstadtrandlagen neue Chancen. Mit mehr
Mobilität in Innenstädten                          kommunalen Einrichtungen von Kultur und Da-
Mobilität und gute Erreichbarkeit sind heute       seinsvorsorge, Projekten der Baukultur und
bedeutende Standortfaktoren für Unternehmen        innovativen Finanzierungsmodellen für Kultur-
und Haushalte. Viele Innenstädte verzeichnen       projekte gewinnen Innenstädte auch als Kultur-
deshalb ein wachsendes Verkehrsaufkommen           raum an Attraktivität.
insbesondere im motorisierten Verkehr mit ent-
sprechenden Folgen hinsichtlich Lärm und           ausblick: Politik für Innenstädte und
Luftschadstoffen. Gleichzeitig ist die Gewähr-     ortszentren
leistung von Mobilitätsvielfalt für die Stärkung   Das BMVBS hat im Weißbuch Innenstadt unter
der Innenstädte ausschlaggebend. Ziel ist es       Einbeziehung der Diskussionsbeiträge einer
deshalb, eine effiziente, sichere sowie sozial-    breiten Öffentlichkeit eine breite Fülle an Vor-
und umweltverträgliche Mobilität von Menschen      schlägen für attraktive und lebendige Innen-
und Gütern zu gewährleisten. Dabei sind alle       städte formuliert. Die vorgeschlagenen Maß-
Mobilitätsformen zu berücksichtigen, auch der      nahmen richten sich an den Bund selbst, an die
PKW-Verkehr, und durch intelligente Mobili-        Länder, die Kommunen, aber z. B. auch an Private
tätskonzepte gut aufeinander abzustimmen.          und Gewerbetreibende, Eigentümerinnen und
Gefragt sind neue Lösungen beim Ausbau einer       Eigentümer sowie Bürgerinnen und Bürger.
effektiven Nahmobilität zum Beispiel durch         Jetzt geht es darum, in enger Partnerschaft an
attraktive Fuß- und Radwegenetze und zuver-        den Themen weiter zu arbeiten und geeignete
lässige und bezahlbare öffentliche Verkehrs-       Maßnahmen umzusetzen. Nach wie vor bleiben
systeme, aber auch neue Logistikkonzepte für       Fragen offen, neue Fragen treten hinzu. Deswe-
den zunehmenden Liefer- und Kurierverkehr.         gen müssen wir die Diskussion fortsetzen und
                                                   in manchen Bereichen weiter konkretisieren.
10
1
                                    11




   Starke Städte
   und Gemeinden
brauchen starke
Zentren




Blick von oben auf die Innenstadt
der Stadt Lenzen (Elbe)
12                                       1. starKe stäDte unD GeMeInDen Brauchen starKe zentren




Die Innenstadt ist ein einzigartiger und unver-       aktiv in den Prozess der Weiterentwicklung der
wechselbarer Identifikationsort für die gesamte       Stadtkerne einzubinden und ihre Interessen,
Bürgerschaft. In den Innenstädten ist die deut-       Anliegen, Ideen und Empfindungen ernst zu
sche und europäische (Stadt-)Geschichte erleb-        nehmen. Über die bestehenden Verfahren hin-
bar. Hier liegen die historischen Ursprünge,          aus gilt es, neue geeignete Möglichkeiten der
häufig befinden sich hier die bedeutsamen Denk-       Mitwirkung zu finden.
male und Bürgerhäuser. Das gleichermaßen                     Innenstädte und Ortszentren haben eine
erlebbare Engagement für gut erhaltene Stadt-         tragende wirtschaftliche Bedeutung für Städte
kerne in Groß-, Mittel und Kleinstädten ist ein       und Regionen. Innenstadt ist häufig auch öko-
Beleg dafür, dass dieses Kulturgut lebendig bleibt.   nomisch der zentrale „Standort“, sowohl in
       Im Ortskern stehen Rathaus, Kirche und         großen als auch in kleinen Städten. In den Innen-
kulturelle Einrichtungen. Hier laden öffentliche      städten der größeren Städte finden sich oft die
Plätze zum Begegnen und Treffen ein, hier             Hauptverwaltungen großer Unternehmen,
feiert die Bürgerschaft ihre Feste. Die Stadtmitte    Behörden und Universitäten. Vitale und baulich
ist Bühne, Laufsteg und Schaufenster. Vielfäl-        ansprechende Innenstädte werden ein immer
tige Gastronomie und lokale Geschäftswelt             wichtigerer Standortfaktor. Hochqualifizierte
laden die Stadtbevölkerung ein, „in die Stadt“        Arbeitskräfte verlangen nach guten Wohnun-
zu gehen. In den Zentren kristallisiert sich          gen, zuverlässiger Infrastruktur und vielfältigen
Heimat, dorthin führen die Bürgerinnen und            Kulturangeboten. Sie wollen ein lebendiges
Bürger ihren Besuch zuerst. Sie sind die Visiten-     Umfeld mit eigenem, möglichst unverwechsel-
karten der Stadt und stehen für das Profil von        barem Charakter. Das bieten nur solche Städte
Stadt und Region.                                     und Gemeinden, die ihre Innenstädte pflegen
       Die Innenstädte erfreuen sich starker          und entwickeln.
bürgerschaftlicher Aufmerksamkeit. Das zeigt                 Innenstädte stellen heute beachtliche
sich unter anderem im wachsenden Interesse            ökonomische Werte dar, die es zu bewahren
an städtebaulichen Projekten. Der drohende            gilt. Über Jahrhunderte haben private und öf-
Abriss eines prominenten Gebäudes, die Neu-           fentliche Hand umfangreiche Investitionen
bebauung einer innerstädtischen Brache, aber          in Gebäude und in die private und öffentliche
auch die Umgestaltung eines Marktplatzes              Infrastruktur getätigt. Sie haben damit eine
erzeugen öffentliche Diskussionen – die nicht         beachtliche baukulturelle Qualität und eine
selten leidenschaftlich geführt werden. Immer         sehr leistungsfähige Infrastruktur geschaffen.
mehr Bürgerinnen und Bürger engagieren sich           Diese Investitionen sind in Gefahr, wenn die
ehrenamtlich für ihre Stadt. Engagement ist           Innenstädte ihre wirtschaftliche Basis verlieren.
der Motor für zukunftsfähige Innenstädte. Wie         Angesichts einer zwingend erforderlichen
in der Vergangenheit sind auch heute eine             Haushaltskonsolidierung stellt sich die Frage
starke Selbstverantwortung und bürgerschaft-          nach einer höheren Effizienz öffentlicher Infra-
liches Engagement Ausgangspunkt und Erfolgs-          strukturausgaben und Förderpolitik noch
kriterium der Innenstadtentwicklung. Für die
Stadtentwicklungsplanung bedeutet dies, Bür-
gerschaft, private Eigentümerinnen und Eigen-
tümer sowie lokales Gewerbe und Investoren
1. starKe stäDte unD GeMeInDen Brauchen starKe zentren                                              13




                                                   Königstraße in Gütersloh mit Blick
                                                   auf die Martin Luther Kirche

nachdrücklicher. Das gilt für die Bundesebene,
aber auch für Länder und Kommunen. Umso
wichtiger wird es, die knappen öffentlichen
Mittel dorthin zu lenken, wo sie den größten
gesellschaftlichen Nutzen bringen.
       Wichtiges Merkmal und Gradmesser für
die Qualität der Innenstadt und des Ortszent-
rums ist der öffentliche Raum mit seinem Netz
von Straßen, Plätzen, Parks und Grünflächen.
Er ermöglicht urbanes Leben und hohe Lebens-
und Aufenthaltsqualität. Das baukulturelle
Erbe zeugt von diesem dauerhaften Anspruch.
Hier liegen unmittelbare Gestaltungs- und Ein-
griffsmöglichkeiten. Der öffentliche Raum
bildet auch zukünftig das Rückgrat der Stadt,
baukulturelle Ansprüche machen sich entschei-
dend hieran fest. Auch weiterhin sind von Bund,
Ländern und Kommunen hohe Qualitätsstan-
dards anzulegen, wenn die Städte und Gemein-
den zukunftsfähig gestaltet sein sollen.
       Der Zeitpunkt, mehr für die Innenstädte     Vor dem Hintergrund steigender Kosten für
zu tun, ist günstig. Die Innenstadt wird vieler-   Energie und Mobilität wird die Attraktivität von
orts als bevorzugter Wohnort wieder entdeckt.      Innenstädten langfristig steigen. Allerdings
Durch den Strukturwandel entstandene große         wirken sich die zu erwartenden klimatischen
Brachflächen in der Innenstadt bieten die Chan-    Veränderungen gerade in den Innenstädten
ce, hier Neues zu entwickeln. Die in Stadtkernen   mit ihrer baulichen Dichte aus (z. B. lokale Hitze-
häufig gute infrastrukturelle Versorgung und       inseln, Hochwasserereignisse). Hier besteht
die Nähe zu Dienstleistungs-, Handels- und         sowohl großes Potenzial als auch eine Zukunfts-
Handwerksangeboten machen das Wohnen in            aufgabe, die Innenstadt durch bauliche Anpas-
der Innenstadt zusätzlich attraktiv. Diese Vor-    sungen und eine integrierte Freiraum- und
teile ziehen junge Leute an, aber auch Ältere      Grünplanung attraktiv und zukunftsfähig wei-
schätzen zunehmend die wohnungsnahen               terzuentwickeln. Innovative Verkehrstechnolo-
Angebote. Die „Stadt der kurzen Wege“ ist ein      gien wie die Elektromobilität und die Weiter-
Ideal für alle Bevölkerungsgruppen.                entwicklung des ÖPNV bieten große Chancen,
                                                   innerstädtische Mobilität leise, sauber und
                                                   klimafreundlich zu gestalten.
14                                  1. starKe stäDte unD GeMeInDen Brauchen starKe zentren




                                                regionalen Lage sehr unterschiedliche Entwick-
                                                lungsvoraussetzungen haben, sind individuelle
                                                Lösungen zu finden.
                                                       Regionale Verflechtungen spielen für
                                                Städte als Gesamtstadt, aber auch für die Ent-
                                                wicklung der Innenstädte eine immer stärkere
Demografische Prozesse wie Bevölkerungsrück-    Rolle. Städte und ihr Umland brauchen einan-
gang, Alterung und Migration stellen zusam-     der. Die Stärkung der Zentren in kleineren
men mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel     Städten ist eine ganz besondere Aufgabe. In
auch die Innenstädte vor große Herausforde-     dünn besiedelten Regionen mit sinkender
rungen. Manche Zentren sind mehr durch leer     Bevölkerungsdichte übernehmen die Zentren
stehende Wohnungen und Ladenzeilen ge-          von Klein- und Mittelstädten Funktionen als
prägt denn durch Lebendigkeit. Entspannte       Ankerpunkte der Daseinsvorsorge. Hier müssen
Wohnungsmärkte auf der einen, Verdrän-          starke Zentren mit leistungsfähiger öffentlicher
gungstendenzen aufgrund hoher Mieten auf        und privater Infrastruktur Mittelpunktfunktio-
der anderen Seite stellen die Kommunen vor      nen für die gesamte Region übernehmen.
schwierige Steuerungsaufgaben. Mitunter
besteht eine besondere Herausforderung gerade
in der unmittelbaren Nachbarschaft von
Wachstum und Schrumpfung. Da die Städte
und Gemeinden aufgrund ihrer Größe und

                                                Innenstädte in Deutschland: Meersburg,
                                                Lübeck und Frankfurt
15




Zum Begriff „Innenstadt“

Es gibt keine allgemeingültige, bundesweit verbind-            Gleichwohl gibt es vielfältige Gemeinsamkeiten,
liche Definition von „Innenstadt“. Was als Innen-              die als allgemeingültige Kriterien für das gelten
stadt verstanden wird, ist abhängig von örtlichen              können, was Innenstadt als Kern der Gesamtstadt
Gegebenheiten, von sehr unterschiedlichen fach-                ausmacht: hohe bauliche und soziale Dichte, Nut-
lichen Sichtweisen und vielfältigen Erwartungen                zungsmischung, hohe Konzentration von Geschäf-
der Städterinnen und Städter.                                  ten aller Art und Büros diverser Branchen, zentrale
        In der Fachwelt reicht das Spektrum von dem            Versorgungsfunktionen und räumlich-funktionale
engeren Begriff der Innenstadt als „Stadtzentrum“              Zentralität. Meist sind außerdem die Allgegenwart
oder „City“ mit „Cityrand“ bis hin zu dem weiter               des örtlichen baukulturellen Erbes, Stadtbild prä-
gefassten Begriff der „inneren Stadt“, also dem                gende und Identität stiftende Bauwerke und Plätze
Zentrum einschließlich der Innenstadtrandgebiete.1             kennzeichnend. Die ortstypische „Wirklichkeit“
In vielen Städten ist der Bereich der Innenstadt im            der Innenstadt erwächst auch aus dem konkreten
engeren Sinne deckungsgleich mit dem Gebiet des                baulichen Wechselverhältnis von Geschichte und
historischen Stadtkerns; hier dominiert der Handel.            Gegenwart, aus der lebendigen Nachbarschaft von
Im weiteren Sinne gehören aber auch die Innen-                 Vertrautem und Neuem, aus der Konfrontation von
stadtrandgebiete zur Innenstadt; hier dominiert das            Gewohntem und Fremdem. Nebenzentren bzw.
Wohnen, zumeist in Gebäuden aus Vorkriegszeiten.               Ortsteilzentren vereinigen häufig einen Teil der ge-
        Dieses idealtypische Bild von Stadt mit                nannten Funktionen der Innenstadt auf sich, im
„City“, „Cityrand“, Innenstadtrand und Stadtrand               Wesentlichen haben sie zentrale Versorgungsfunk-
wird in vielen Städten überlagert durch ein polyzen-           tionen für die hier lebenden Menschen.
trisches System von mehreren Zentren, die vor                         Innenstädte sind vielfältig in ihrer Funktion,
Gebietsreformen historisch gewachsene Kerne                    verschieden in ihrer Dimension, individuell in ihrer
eigenständiger Gemeinden waren. Gleichwohl hat                 Geschichte und speziell in ihrer Eigenart. Pauscha-
sich fast überall ein Identität stiftender Stadtkern           lisierungen und Durchschnittswerte verführen
herausgebildet. In der Regel markieren zentrale                zu Fehlschlüssen. So liegt z. B. der Anteil der Innen-
Plätze oder prominente Bauwerke die Stadt- oder                stadtbevölkerung an allen Stadtbewohnern zwischen
Ortsmitte. Schwierig ist hingegen die Abgrenzung               4 und 44 Prozent, während sich der Flächenanteil
zum Rand. Während der Stadtrand durch adminis-                 zwischen 1 und 16 Prozent und der Anteil der Woh-
trative Grenzen politisch deutlich definiert ist, geben        nungen in der Innenstadt zwischen 4 und 47 Prozent
die innerstädtischen statistischen Bezirke großer              bewegt 2. In jedem Einzelfall muss also offengelegt
Städte nicht immer die funktionalen Zusammen-                  werden, welcher Innenstadtbegriff zu Grunde
hänge wieder. In kleineren Städten wird meist nur              gelegt wird.
von „Innenstadt“ oder vom „Zentrum“ gesprochen.                       Im Weißbuch ist das Kapitel „Wohnen“ eher
Immer muss auch das Wechselverhältnis der Innen-               durch einen weiten Begriff von Innenstadt geprägt,
stadt zu Stadt- und Ortsteilen, zum Umland und                 die Kapitel „Handel“ und „Arbeit“ hingegen eher
zur Region betrachtet werden.                                  durch einen engen. Bei „Mobilität“, „Integration“
                                                               und „Kultur“ stehen beide räumlichen Dimensionen
                                                               in einem besonderen funktionalen Wechselverhältnis.

1
  Definitionen der laufenden Raumbeobachtung des
  Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)
2
  BBSR: Daten aus der laufenden Raumbeobachtung
16
2
                                      17




     Zur Situation
     und zu den
Perspektiven der
Innenstädte




Ein Teil der Leipziger Innenstadt –
Blick vom City-Hochhaus
18                                     2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




2.1 Marktplatz Innenstadt
Innenstädte sind traditionell orte des handels. eine vielfalt an Geschäften trägt zur lebendigkeit
der zentren bei. Dabei ist das Beständigste am handel der wandel. Der strukturwandel im einzel-
handel drückt sich in einer starken unternehmens- und umsatzkonzentration sowie einer enormen
flächenexpansion aus. Der handel ist und bleibt die leitfunktion für die Innenstadt, seine Dynamik
ist deshalb auch maßgeblich für die vielen strukturellen änderungen in der Innenstadt. Die Krise
der Kauf- und warenhäuser macht den zusammenhang zwischen Innenstadt, einzelhandel und
stadtentwicklung deutlich. veränderte ökonomische rahmenbedingungen und ein zu großes flächen-
angebot im städtischen umland gefährden den innerstädtischen einzelhandel und damit die öko-
nomische Grundlage der zentren. für die Innenstadt wirkt sich positiv aus, dass sie stärker als in ver-
gangenen Jahrzehnten wieder als Investitionsstandort gesehen wird. Diese entwicklungen stehen
in enger wechselbeziehung zum Käuferverhalten.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                                          19




zentrale trends                                          Nebenstraßen) aufweist. In den wachsenden
Der Strukturwandel im Einzelhandel, zurück-              Regionen haben sich die 1a- und 1b-Lagen stärker
gehende Umsatzrenditen pro Verkaufsflächen-              voneinander abgekoppelt als in den übrigen
einheit und ein allgemein zu großes Flächen-             Teilen Deutschlands. In vielen strukturschwa-
angebot wirken sich auf die Struktur der Innen-          chen Regionen in West- und Ostdeutschland
stadt und der Orts- und Nebenzentren aus. Bei            unterliegen dagegen selbst die 1a-Mieten eher
dem vorhandenen Flächenangebot führt weite-              negativen Tendenzen. In den Nebenlagen
res Flächenwachstum zwangsläufig zur Verän-              finden sich häufig unattraktive Gewerbeleer-
derung bestehender Strukturen. Pro Kopf hat              stände, die sich wiederum auf das Image und
Deutschland etwa die Hälfte mehr Verkaufs-               die Mieten auswirken. Auch in den kleinen und
fläche als z. B. England, Frankreich oder Italien 3.     mittelgroßen Städten stehen vermehrt bisher
Zum einen besteht nach wie vor ein großes                inhabergeführte Fachgeschäfte leer.
Flächenangebot auf der Grünen Wiese. Zum                         Vor allem in den 1a-Lagen folgen häufig
anderen ist seit Mitte der 1990er Jahre das Flä-         traditionellen mittelständischen Fachgeschäften
chenangebot in der Innenstadt durch die Neu-             sogenannte Franchiser und Einzelhandels-
ansiedlung innerstädtischer Einkaufszentren              ketten mit höheren Flächenumsätzen. Die Ge-
kontinuierlich angewachsen. In Verbindung                schäftsketten mit ihren standardisierten Sorti-
mit allgemein sinkenden Umsätzen im Einzel-              menten sind bei vielen Menschen, insbesondere
handel ist die Flächenproduktivität auch in              Jugendlichen, sehr beliebt. Sie bewirken jedoch
der Innenstadt rückläufig.                               in ihrer immer gleichen Anordnung und Wie-
        Der Internethandel schafft zusätzliche Kon-      derholung eine gewisse Gleichförmigkeit und
kurrenz zum Einkauf in der Innenstadt, z. B. bei         Austauschbarkeit in den Innenstädten, die bis
Bekleidung und Unterhaltungselektronik oder              zur Banalisierung der Orte führen kann. Der
-medien. Hier werden inzwischen doppelt so               Filialisierungsgrad in den 1a-Lagen in deutschen
hohe Umsätze erzielt wie in Kauf- und Warenhäu-          Städten bewegt sich im Durchschnitt um 50 %.
sern. Der Erlebniskauf wird für Innenstädte des-         Die Tendenz ist insbesondere in den Mittel-
halb zunehmend bedeutend. Nur wenn die Ein-              städten steigend.
kaufsatmosphäre insgesamt stimmt, laufen die                     Auch der Verlust von Kauf- und Waren-
Geschäfte gut. Obwohl in vielen Städten ein deut-        häusern stellt die Zentren vor große Aufgaben.
lich positiver Wandel dieser Atmosphäre erkenn-          Besonders Klein- und Mittelstädte sind stark
bar ist, ist die Attraktivität und Aufenthaltsqualität   betroffen, wenn das einzige Kaufhaus als Anker-
vielerorts noch mit hohen Mängeln behaftet.              punkt der Innenstadt geschlossen wird. Eine
        Die Trends forcieren eine fortschreitende        Mehrheit der Kommunen, die von der Schlie-
Polarisierung von Einkaufslagen. Die Zentren-            ßung von Warenhäusern betroffen waren, ver-
struktur differenziert sich zunehmend in 1a-             zeichnet einen Imageverlust der betroffenen
und 1b-Lagen – bester Indikator dafür sind die           Einzelhandelslage sowie einen Bedeutungsver-
Mietpreise. Die stark frequentierten 1a-Lagen            lust des Zentrums als Ganzem.
(Haupteinkaufsstraßen) haben ein überdurch-
schnittlich hohes Mietniveau, das oft ein Vier-
                                                         3
                                                             Alle zitierten Daten im Dokument stammen aus dem
bis Fünffaches der 1b-Lagen (angrenzende
                                                             Datenbestand des BBSR, sofern keine anderen Quellen
                                                             angegeben wurden.
20                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Eine aktuelle Herausforderung für die Stadt-
entwicklung ist die wachsende Anzahl inner-
städtischer Einkaufszentren. Insgesamt sind
heute über 400 Einkaufszentren in Betrieb,
davon ein Drittel innerstädtisch, weitere 80 –
meist innerstädtisch – befinden sich in Planung.
Für jedes dritte bestehende innerstädtische
                                                   Centrum Galerie in Dresden
Einkaufszentrum besteht Revitalisierungsbe-
darf. Grundsätzlich kann eine Neueröffnung
zur Stärkung der Zentren beitragen. Gleichwohl
müssen mögliche negative Auswirkungen auf
Erscheinungsbild, Einzelhandelstruktur, Mieten
und Umsätze in angrenzenden Geschäftsstra-
ßen und Fußgängerzonen sehr genau bedacht
werden. Vor allem Standorte an Innenstadt-
randlagen bedürfen einer besonderen Abwä-
gung hinsichtlich städtebaulicher Effekte. Weil
es sich meist um große nach außen geschlos-
sene Baukörper handelt, ist ihre baukulturelle
und stadtstrukturelle Verträglichkeit und ihre
Einbindung in die umgebende Stadtstruktur
besonders wichtig und schwierig zugleich. Die
Städte tun gut daran, im Rahmen ihrer Möglich-
keiten auf die Gestaltung innerstädtischer Ein-
kaufszentren Einfluss zu nehmen und ihre dies-
bezüglichen Handlungsspielräume zu nutzen.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                        21




schlussfolgerungen                                2. Gleichermaßen geht es für die Städte darum,
Zentrale Aufgabe für eine integrierte Stadtent-      Kooperationen zwischen den wichtigen Be-
wicklungspolitik ist es, ein ökonomisch trag-        teiligten zu schmieden. Das sind neben dem
fähiges und vielfältiges Einzelhandelsangebot        Einzelhandel und dessen Organisationen so-
in der Innenstadt zu sichern und – wo möglich –      wohl Politik und Verwaltung als auch bürger-
zu stärken. Dies kann nur eine gemeinsame            schaftliche Organisationen, vor allem aber
Aufgabe der Kommunen in Zusammenarbeit               die Immobilienbesitzerinnen und -besitzer.
mit dem Einzelhandel sein. Erfolgreiche Einzel-
handelskonzepte für die Innenstädte zielen auf    3. Im engeren stadtplanerischen Handlungs-
eine Angebots- und Erlebnisvielfalt, die durch       rahmen geht es vor allem um die Konkretisie-
einen gesunden Mix aus „angesagten“ großen           rung von Handlungsoptionen. Ein funktio-
Magneten als Frequenzbringern und individu-          nierender Einzelhandel verlangt ein städte-
ellen, inhabergeführten Läden als Angebots-          baulich ansprechendes Konzept für den
bereicherung geprägt sind. Gefordert sind            privaten und für den öffentlichen Raum.
zudem neue Service-Konzepte wie z. B. Liefer-        Attraktive kulturelle und gastronomische
dienste und passende Angebotsformen für alle         Angebote spielen hier eine besondere Rolle.
Altersstufen und Bevölkerungsgruppen.                Und: Aus Sicht des Einzelhandels bedarf es
       Je nach Stadttyp bzw. -größe sind dabei       einer leistungsfähigen verkehrlichen Er-
unterschiedliche Standards anzusetzen. Die           schließung des Standortes Innenstadt (fließen-
Innenstädte werden sich darauf einstellen müs-       der und ruhender Verkehr). Dies ist planerisch
sen, dass sich der Wandel in den Betriebsfor-        sicherzustellen, sowohl für den PKW- und
men fortsetzen wird. Um die Angebotsvielfalt         Lieferverkehr als auch für andere Verkehrs-
zu sichern oder aufzubauen, ergeben sich vor         arten (ÖPNV, Radverkehr, Fußverkehr).
allem drei Aktionsfelder:                                   Eine ausreichende Nahversorgung in
                                                     den Innenstädten ist ein wichtiger Eckpunkt
1. Es sind Rahmenbedingungen für einen               zur Stärkung des innerstädtischen Wohnens.
   attraktiven Betriebsformenmix zu schaffen.        Bei der Integration von Lebensmittelmärk-
   Wichtige Aufgabe dabei ist, die Integration       ten in die kleinteilige innerstädtische Struk-
   innerstädtischer Einkaufszentren in Bezug         tur ergeben sich jedoch häufig Konflikte,
   auf ihre Lage, ihre bauliche Gestalt, ihre        weil die Betreiber hohe Flächenangebote
   Größe und die Öffnung zum öffentlichen            und Parkplätze wünschen. Hierfür müssen
   Raum erkennbar zu verbessern. Gleichzeitig        jeweils individuelle Lösungen gefunden
   muss es darum gehen, den kleinteiligen            werden. Das gilt besonders in mittleren und
   inhabergeführten Einzelhandel zu stärken          kleineren Städten.
   und Konzepte für leer gefallene Kauf- und
   Warenhäuser zu entwickeln. Dabei ist ins-
   besondere auch auf eine Bereitstellung von
   Nahversorgungseinrichtungen zu achten.
22                                      2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Potenzielle Maßnahmen                                 Innerstädtische entwicklungskonzepte: Insbe-
neuausrichtung der kommunalen flächen-                sondere in größeren Städten sind innerstädtische
politik: Die Kommunen sollten bei der Steuerung       Entwicklungskonzepte unverzichtbar, um Maßnah-
der Ansiedlung von großflächigen Einzelhandels-       men zur Stärkung der Innenstadt räumlich, zeitlich
betrieben deren Auswirkungen auf zentrale Versor-     und inhaltlich aufeinander abzustimmen. Die
gungsbereiche noch stärker beachten. Sie müssen       Städte und Gemeinden sollten diese Konzepte re-
bei dieser schwierigen Aufgabe durch eine konse-      gelmäßig evaluieren und fortschreiben. Die Städte-
quente Landes- und Regionalplanung unterstützt        bauförderung sollte in geeigneten Fällen zur Er-
werden. Die in mehreren Ländern getroffenen           arbeitung solcher Konzepte genutzt werden.
Regelungen sind richtungsweisend: Städte, die zu
Lasten ihrer Zentren und ihrer Nachbargemeinden       Konzepte für die nebengeschäftslagen: Städte
Flächen auf der Grünen Wiese ausweisen, sollten       müssen aktiv die Aufgabe wahrnehmen, attraktive
von der auf die Innenentwicklung ausgerichteten       Innenstadtlagen durch Bebauungspläne, Gestal-
Städtebauförderung ausgeschlossen werden. Bei         tungssatzungen und städtebauliche Aufwertungen
der Ausweisung von Flächen sollte die interkom-       sicherzustellen. Weiterhin können begleitende
munale und länderübergreifende Zusammenarbeit         Liegenschaftspolitik und Beratung z. B. durch die
gestärkt werden.                                      Wirtschaftsförderung den Prozess unterstützen.
                                                      Die Potenziale der 1b-Lagen sind in vielen Innen-
regionale einzelhandelskonzepte: Die vielerorts       städten bisher zu wenig erschlossen. Aufgrund ge-
vorhandenen Konzepte sollten – wo erforderlich –      ringerer Mieten bestehen hier besondere Chancen
qualifiziert, regional abgestimmt und konsequent      durch eine abwechslungsreiche Mischung aus
umgesetzt und auch bei Förderentscheidungen           inhabergeführtem Einzelhandel, Gastronomie und
berücksichtigt werden. Bund und Länder sollten die    Kultur. Das kann unterstützt werden durch die
Aufstellung und Fortschreibung der Konzepte in        Städtebauförderung, Stadtmarketing, „Business
geeigneten Fällen fördern. Beispiele guter Praxis     Improvement Districts“ (BID) oder andere private
könnten ausgezeichnet werden. Es gilt, die Qualität   Initiativen und Verfügungsfonds.
derartiger Konzepte bzw. der dazu einzubringen-
den (Einzelhandels-)Gutachten zu sichern. Der Bund    revitalisierung innerstädtischer flächen: Zur
ist bereit, in Zusammenarbeit mit den Ländern         Förderung der Innenentwicklung und Reduzierung
einen Leitfaden zu entwickeln.                        des Flächenverbrauchs sollte sich die Stadtent-
                                                      wicklung auf den städtebaulichen Bestand konzent-
                                                      rieren. Dies kommt auch der Innenstadt zugute.
                                                      Hierzu sind Flächenmanagement sowie aktive und
                                                      partizipative Baulandstrategien zu aktivieren. Für
                                                      die Revitalisierung innerstädtischer Brachflächen
                                                      für Wohnen und Gewerbe kann in geeigneten Fällen
                                                      die Städtebauförderung genutzt werden.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                                23



                                                       Wochenmarkt vor dem historischen
                                                       Rathaus der Stadt Bocholt




                                                       umnutzung leer stehender Großimmobilien in
                                                       der Innenstadt: Für große leer stehende Kaufhäu-
                                                       ser, aber auch andere große stadtentwicklungs-
                                                       relevante Immobilien wie z. B. leer stehende Post-,
                                                       Bahn- und andere zentral gelegene Gebäude sind
                                                       vielfach neue Nutzungen zu finden. Diese sind
                                                       konzeptionell in die künftige Innenstadtentwick-
                                                       lung einzubetten. Bei der Entwicklung von Strategien
                                                       und der Umsetzung sollten Bund und Länder den
                                                       Kommunen Unterstützung leisten.

                                                       nutzungsmischung und kleine Grundstücke:
                                                       Kommunen sollten die Möglichkeiten des Baurechts
regionale und lokale netzwerke: Stadtentwick-          zur Erhaltung und Stärkung kleinteiliger Nutzungs-
lung wird wesentlich durch Eigentümerinnen und         mischung voll ausschöpfen. Nicht jedes Groß-
Eigentümer von Grundstücken und Immobilien             projekt, das Attraktivitätssteigerung und Arbeits-
sowie von Gewerbetreibenden mitbestimmt. In            plätze verspricht, ist auch richtig dimensioniert.
einer verbesserten Koordination und Kooperation        Die Entscheidungsträgerinnen und -träger sollten
der privaten Interessen liegen noch erhebliche         durch Auswertung vorbildlicher Beispiele guter
Potenziale. Regionale und lokale Kooperationen,        Praxis unterstützt werden.
wie z. B. Eigentümerstandortgemeinschaften,
sollten inhaltlich und in Bezug auf rechtliche Rege-   ausbau der nahversorgung: Kommunen sollten
lungen weiterentwickelt und in geeigneten Fällen       gerade zur Stärkung des innerstädtischen Wohnens
aus der Städtebauförderung unterstützt werden.         gemeinsam mit den entsprechenden Akteuren
                                                       darauf hinwirken, in den Zentren eine ausreichende
umnutzung und stadtstrukturelle einbindung             Nahversorgung sicherzustellen. Dies hat insbeson-
großer (handels-)Immobilien: Für den Neu- und          dere Bedeutung für ältere Bewohnerinnen und
Umbau bzw. eine gelungene städtebauliche In-           Bewohner und für Familien. In diesem Zusammen-
tegration innerstädtischer Einkaufszentren ist eine    hang bieten z. B. Wochenmärkte nicht nur die
Dokumentation guter Beispiele hilfreich, an der sich   Möglichkeit zentrale Plätze in Städten und Ortszen-
Projektentwicklung und Kommunen orientieren            tren aufzuwerten. Sie sind ein wesentlicher Beitrag
können. Vorbildliche Projekte guter Praxis könnten     für lebendige Innenstädte, stärken regionale Kreis-
in einem Bundeswettbewerb ausgezeichnet werden.        läufe und die Verflechtung der Städte mit ihrem
                                                       Umland.
24                                   2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




2.2 Wirtschaftsraum und
    Arbeitsort Innenstadt
Innenstädte waren immer schon stätten der arbeit. historische straßennamen wie Gerbergasse,
Kannegießergasse oder Bäckergasse belegen dies noch heute. handel fand auf den städtischen
Plätzen statt, in den häusern wurde gearbeitet und gewohnt. früher gab es häufig eine engere
verknüpfung von arbeiten und wohnen, nicht nur in derselben straße, sondern auch im gleichen
Gebäude. heute existiert kaum noch produzierendes Gewerbe oder handwerk in innerstädtischen
lagen. Die urbane arbeitswelt hat sich gewandelt und dies bildet sich auch in der Innenstadt ab.
es dominieren Dienstleistungen in Bürogebäuden – öffentliche und die von großen unternehmen –
sowie in kleinen Praxen, Büros und Kanzleien.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                           25




zentrale trends                                     schlussfolgerungen
Grundsätzlich können sich in innerstädtischen       Eine Stadt der kurzen Wege ist durch ein räum-
Lagen günstigere Nutzungskombinationen              liches Nebeneinander von Wohnen, Einkaufen,
ergeben, indem im Erdgeschoss Einzelhandels-        Freizeit und durch Wirtschaft und Arbeit ge-
geschäfte und in den oberen Etagen Büros oder       prägt. Dies gilt es wieder zu verstärken, denn
Wohnungen untergebracht werden. Die Sub-            Arbeitsplätze sind Frequenzbringer. Das Hand-
urbanisierung der letzten Jahrzehnte betraf         werk trägt ebenso wie der Einzelhandel und die
aber nicht nur den Wohnungsbau. Auch viele          Gastronomie zur Lebendigkeit der Innenstädte
Wirtschaftsunternehmen haben in den Stadt-          und der Nebenzentren bei. Für produzierendes
teilen und auch an verkehrlich gut erschlosse-      Gewerbe sind insbesondere in den Innenstadt-
nen Stadtrandlagen neue Standorte gegründet         randlagen geeignete Flächen vorzuhalten und
und konnten so ihre Erweiterung räumlich            eine Verdrängung durch Wohn- und Einkaufs-
organisieren. Seit Jahren melden einerseits viele   nutzung zu vermeiden.
Städte Leerstände im Bürosektor und streben                Die Büronutzung erweist sich meist als
anderseits Dienstleistungsunternehmen ver-          gut geeignet für verdichtete Standorte, da sie für
mehrt in verdichtete innerstädtische Lagen.         jegliche Nutzungsmischung und kleinräumige
Zunehmend spielt auch eine gute Adresse in          Nachbarschaft standortverträglich ist. Aller-
innerstädtischer Lage eine wichtige Rolle für       dings ist zu beachten, dass Büros in Lauflagen
die Unternehmenskultur. Die Umnutzung               keine Frequenzbringer sind. Aus dem Struktur-
brach gefallener Gewerbeareale und leer ste-        wandel in einzelnen Branchen ergeben sich
hender historisch wertvoller Gebäude eröffnet       vielerorts neue Chancen für Büronutzungen.
neue Perspektiven für die Innenstadt als Unter-     Gewerbe, Industrie- oder Hafenanlagen mit
nehmensstandort.                                    ihren beeindruckenden Industriedenkmalen
       Nicht zuletzt öffentliche Einrichtungen      und Altbauensembles eröffnen die Option zur
der Verwaltung, der Bildung und der Kultur          Erweiterung von Zentrenflächen, aber auch
sind wichtige Arbeitgeberinnen und Arbeitge-        für Zwischennutzungen durch junge Unterneh-
ber. Allerdings sind in vielen Städten zahlreiche   men. Dies gibt auch den in der Kreativwirt-
öffentliche und private Standorte nach außen        schaft Tätigen neue Perspektiven, wenn auch
verlagert worden: Campusuniversitäten, Kran-        eher in 1b-Lagen. Öffentliche und private Groß-
kenhäuser, Post, Arbeitsämter, Konzernsitze,        unternehmen können durch ihre zahlreichen
Banken, kommunale Dienststellen. Da auch            Arbeitsplätze wichtige Impulse zu einer Revita-
Bürobeschäftigte, Schüler und Studenten einen       lisierung unserer Stadtkerne leisten. Nicht
wichtigen Beitrag zur Belebung der Innen-           zu unterschätzen ist dabei der Beitrag, den Bil-
städte erbringen, hat sich manche Verlegung         dungseinrichtungen sowohl für den Arbeits-
an den Rand als Nachteil erwiesen. Dies gilt        standort Innenstadt als auch für die Belebung
insbesondere für solche öffentlichen Einrich-       des Umfelds leisten. Die Ansiedlung von Bildungs-
tungen, die mit Publikumsverkehr verbunden          einrichtungen in der Innenstadt ist zudem ein
sind, wie z. B. Meldebehörden, Beratungsstellen     wichtiger Beitrag dafür, Familien und Jugend
und Arbeitsagenturen. Auch Handel und               in den Zentren zu halten.
Gastronomie beschäftigen zahlreiche Menschen
in der Stadt.
26                                          2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Potenzielle Maßnahmen                                     reiche sind diesbezüglich wichtige Grundlagen
ausweisung der nutzungsmischung in stadt-                 für die kommunale Praxis. Die derzeitige Baupla-
entwicklungskonzepten: Die standortverträgliche           nungsrechtsnovelle zielt u. a. auf die Möglichkeit
Nutzungsmischung in innerstädtischen Lagen sollte         zu einer maßvollen Verdichtung innerstädtischer
im Rahmen von Stadtentwicklungskonzepten ge-              Bebauung unter Wahrung gesunder Wohn- und
zielt ausgewiesen werden.                                 Arbeitsverhältnisse.


unterstützung von BID-Initiativen: Die bisher             Überprüfung von rechtlichen regelungen,
erfolgreich durchgeführten BID-Projekte sollten ver-      insbesondere von schutzbestimmungen: Die
stärkt ausgewertet und als Handreichung für neue          nachbarschaftliche Verträglichkeit von Arbeit und
Initiativen nutzbar gemacht werden. Im Rahmen             Wohnen kann durch eine großzügige Auslegung
der Städtebauförderung (z. B. Verfügungsfonds)            restriktiver Schutzbestimmungen gestärkt werden.
und der Wirtschaftsförderung bestehen darüber             Insbesondere solche Regelungen, die aus einem
hinaus Möglichkeiten, Handel und Gewerbe stärker          fachlich begründeten Schutzinteresse resultieren –
in die Stadtentwicklung einzubeziehen.                    wie z. B. das Bundes-Immissionsschutzgesetz –
                                                          sollten hinsichtlich ihrer restriktiven Auswirkungen
Beratung und förderung von unternehmen                    auf den konkreten Standort im Einzelfall flexibel
innenstadtverträglicher Branchen: Der techno-             und dennoch gerichtsfest Anwendung finden. Zur
logische Fortschritt lässt es in vielen Fällen zu, dass   Vermeidung von Konflikten könnten auch eine
auch vermeintlich störende Nachbarschaften von            Sammlung sowie eine praxisgerechte Aufbereitung
Produktion, Dienstleistung und Wohnen heute wie-          einschlägiger Rechtsurteile dienlich sein. Gleiches
der möglich sind. Durch Einzelfall bezogene Bera-         gilt für Erfahrungen aus der Praxis, die auf andere
tung können auch abgewanderte „Störer“ oder               Anwendungsfälle übertragbar sind.
störungsempfindliche Betriebe für innerstädtische
Standorte zurückgewonnen werden. Bezüglich                rückführung ausgelagerter arbeitsstätten
der Möglichkeiten funktionsvielfältiger Bau- und          öffentlicher Dienststellen: Als Signal für eine
Umbauprojekte besteht Beratungsbedarf hinsicht-           Umkehr der anhaltenden Suburbanisierung sollte
lich Investition und Nutzung.                             auch die öffentliche Hand wieder verstärkt Stand-
                                                          orte in der Innenstadt beziehen. Durch Revitalisie-
Konsequente anwendung geltenden Baurechts:                rung von Brachen und historisch wertvollen Ge-
Wichtige Regelungen im Baugesetzbuch und in               bäuden mit Leerständen können zusätzliche positive
der Baunutzungsverordnung sind bereits heute auf          Anreize für private Dienstleistungsunternehmen
Nutzungsmischung ausgerichtet und sollten von             bewirkt werden.
den Kommunen konsequent genutzt werden. Mit
dem Gesetz zur Erleichterung von Planungsvor-
haben für die Innenstädte wurden weitere wichtige
Regelungen für die Innenstädte und Nebenzentren
getroffen: Bebauungspläne der Innenentwicklung
und erweiterte Steuerungsinstrumente zur Erhal-
tung und Entwicklung zentraler Versorgungsbe-
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                                   27




Bildungsstandort Innenstadt: Bildungseinrich-
tungen sind wegen ihrer belebenden Ausstrahlung
und hoher Besuchsfrequenz sehr gut geeignet,
Innenstädte und Ortszentren zu beleben. Aufgrund
zurückgehender Schülerinnen- und Schülerzahlen
werden die Zentren z. B. für Schulen in Zukunft von
besonderer Bedeutung sein. Hier bedarf es deshalb
einer intensiveren Abstimmung von Bildungs- und
Stadtentwicklungspolitik.


Mobilitätsförderung zur und in der Innenstadt:
U. a. durch Job-Tickets für innerstädtische Arbeits-
plätze und sichere Nutzung von Fahrrädern kann           stärkung der Innenstadt als Bürostandort:
die Innenstadt als Arbeitsort wieder attraktiv werden.   Dem Wandel zur Dienstleistungs- und Wissensge-
Durch flexible Arbeitszeiten und zunehmende Tele-        sellschaft kann räumlich durch ein attraktives
arbeit werden die innerstädtischen Belastungen           Angebot an Büroflächen entsprochen werden.
entzerrt und in den Zeiten des Hauptberufsverkehrs       Dabei gilt es, Maßstab sprengende Monostrukturen
reduziert.                                               zu vermeiden. Zudem ist verstärkt auf kleinteilige
                                                         Mischung und Umnutzung von Bestandsgebäuden
umsetzung von zwischennutzungen: Zugunsten               zu setzen, insbesondere wenn dadurch historische
von Arbeitsplätzen in der Innenstadt sollten Impulse     Gebäude gesichert und attraktive Adressen
für schwer vermarktbare Standorte gegeben werden.        geschaffen werden.
Durch eine Dokumentation vorbildlicher Lösungen
für Brachflächen und Gebäudeleerstände können
Chancen eröffnet werden, Kleingewerbe, Hand-
werk, Dienstleistungen – insbesondere in der Krea-
                                                         Eingangsbereich des Gewerbehofes Stromstrasse
tivwirtschaft – wieder in innerstädtische Lagen zu       in Berlin (oben). Universitätsbibliothek Potsdam
integrieren.                                             Babelsberg (unten).
28                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




2.3 Wohn- und Lebensraum
    Innenstadt
Mit ihrer baulichen Dichte und angebotsvielfalt, der vielfältigen Bausubstanz aus unterschiedlichen
epochen sowie einer breiten Infrastrukturausstattung verfügen viele Innenstädte heute über gute
Bedingungen für das wohnen. nach jahrzehntelangem gegenläufigem trend verzeichnen vor allem
viele Großstädte eine renaissance des innerstädtischen wohnens – allerdings hauptsächlich für
kleine haushalte. Jedoch ist die situation des umfelds in vielen fällen problematisch und das Preis-
niveau häufig vergleichsweise hoch. Das innerstädtische wohnen zeichnet sich zudem durch ein
nebeneinander sehr unterschiedlicher lagen aus. neben bevorzugten bürgerlichen wohnquartieren
gibt es ältere, oft unsanierte wohnungsbestände, auf die vielfach einkommensschwächere haus-
halte angewiesen sind – insbesondere bei einem angespannten wohnungsmarkt. familien mit Kindern
finden oft keinen bezahlbaren wohnraum in geeigneter Größe und Qualität. viele Innenstädte und
ortskerne, insbesondere in den ostdeutschen ländern und in ländlichen Gebieten, sind andererseits
durch eine hohe leerstandsquote gekennzeichnet.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                         29




zentrale trends                                    Durch die Alterung wandelt sich die Bevölke-
Aktuelle demografische Trends, aber auch           rungsstruktur der Innenstadt: Der Anteil der
neue und differenzierte Wohnbedürfnisse ein-       über 65-Jährigen nimmt zu, gegenläufig
zelner Bevölkerungsgruppen erfordern einen         schrumpft der Anteil der unter 18-Jährigen.
neuen Blick auf das zukünftige Wohnen in           Schon heute wird die Innenstadt vermehrt auch
der Innenstadt.                                    von der älteren Bevölkerung als attraktiver
       Seit einigen Jahren wird vermehrt von       Wohnort entdeckt, manche Städte umwerben
einer „Renaissance des Wohnens in der Innen-       Ältere gezielt und erfolgreich. Besondere Erfolgs-
stadt“ gesprochen. Tatsächlich entdecken           chancen haben dabei Städte mit einem attrak-
immer mehr Menschen die Vorteile eines städ-       tiven historischen Wohnungsbestand.
tisch geprägten Wohnumfeldes. Kurze Wege,                Bereits heute bewohnt in den Innenstäd-
die Nähe zu Infrastruktur, Praxen und Bildungs-    ten der Großstädte oftmals nur eine Person
einrichtungen, aber nicht zuletzt auch das         einen Haushalt. Singles produzieren eine für
innerstädtische Flair sind Gründe, warum viele     die Innenstadt typische Nachfrage nach Dienst-
Menschen in der Innenstadt wohnen wollen.          leistungen und kulturellem Angebot, die sich
Leicht steigende Bevölkerungszahlen in Innen-      mit der Nachfrage von Stadtbesucherinnen und
städten verzeichnen viele Städte in den Wachs-     -besuchern gegenseitig verstärkt. Durch die
tumsregionen, aber auch zahlreiche Städte          Alterung der Gesellschaft wird sich auch die
in Ostdeutschland. Im Gegenzug verlieren die       Struktur der Einpersonenhaushalte ändern. Der
Großstädte in den vom Strukturwandel negativ       Anteil vor allem der Seniorinnen wird auch in
betroffenen Regionen, wie z. B. dem Ruhrge-        den Innenstädten zunehmen. Angesichts ver-
biet, seit vielen Jahren an Bevölkerung, auch in   änderter Ansprüche an das Wohnen wird auch
den Innenstädten.                                  der Bedarf an gemeinschaftlichen Lebens-
       Vor allem junge Erwachsene zwischen         formen (z. B. generationsübergreifendes Woh-
18 und 30 Jahren bestimmen den positiven           nen, Altenwohngemeinschaften) ansteigen.
Bevölkerungstrend der Innenstädte, da sie leben-         Insbesondere für Familien sind die Be-
dige Innenstadtgebiete mit unverbindlicheren,      dingungen des Wohnens in der Innenstadt
rasch wechselnden Nachbarschaften und              häufig noch nicht zufriedenstellend. Für Fami-
einem guten Freizeitangebot bevorzugen. Sie        lien bestehen die Vorteile des innerstädtischen
orientieren sich dabei räumlich an den nahen       Wohnens vor allem in den kurzen Wegen,
Ausbildungs- bzw. Arbeitsstellen und fragen        der Verfügbarkeit guter Infrastruktur, guten
hauptsächlich Mietwohnungen nach. Da zahl-         Schulen und der besseren Vereinbarkeit von
reiche Groß- und Mittelstädte nicht nur Stand-     Familie und Beruf. Doch brauchen Familien
orte für Hochschulen, sondern auch für die         auch große Wohnungen mit wohnumfeld-
berufliche Ausbildung sind, wird der Zuzug jun-    nahem, fußläufig erreichbarem Grün und ein
ger Erwachsener in die Innenstadt auch künftig     stabiles, verlässliches und sicheres Umfeld für
anhalten – wenn auch durch die niedrigen           die Kinder. Zudem besteht bei Vielen der
Geburtenzahlen der vergangenen Jahre in ge-        Wunsch, im Eigentum zu wohnen. Bisher lässt
ringerem Maße.                                     sich Wohneigentum leichter am Stadtrand oder
30                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




im Umland der Stadt realisieren als in der Innen-
stadt. Viele zentral gelegene Wohnungen sind
für Familien zu klein und teurer als vergleich-
bare oder größere Wohnungen in anderen Lagen.
       Innenstädte sind insbesondere für neu
Zuziehende attraktiv. Diese orientieren sich am
neuen Lebensort zunächst von der Stadtmitte
aus und suchen in der Regel eine Mietwoh-
nung. Dabei suchen Viele vor allem nicht
modernisierte Wohnungsbestände. Deshalb
zeichnet sich die Innenstadt durch ständige
Veränderung und hohe Umzugsbereitschaft
aus, so dass fast jede/r Zweite in den Innenstäd-
ten im Durchschnitt nur fünf Jahre in einer
Wohnung bleibt. Die Haushalte am Stadtrand
und in kleineren Städten und Gemeinden sind
deutlich sesshafter. Die hohe Fluktuation in        schlussfolgerungen
großstädtischen Innenstädten wird durch Per-        Nach jahrzehntelangem Rückgang der Bevöl-
sonen verstärkt, die sich dort nur für eine be-     kerung in den Innenstädten wenden sich heute
grenzte Zeit, i. d. R. wegen Ausbildung, Studium    viele Bürgerinnen und Bürger vor allem in den
oder Berufstätigkeit, aufhalten.                    Großstädten wieder verstärkt dem „Wohnort
       In vielen ländlich geprägten Räumen          Innenstadt“ zu. Dieser positive Trend ist jedoch
sind immer mehr kleinere Städte und Gemein-         kein Selbstläufer und verläuft regional in unter-
den von einem starken Bevölkerungsrückgang          schiedlicher Intensität. Für die Stärkung des
und Alterungsprozessen betroffen. Häufig            innerstädtischen Wohnens haben die Bereit-
stehen Ladengeschäfte und Wohnungen leer,           stellung wohnortnaher Bildungs-, Kultur- und
wodurch die Zentren an Lebendigkeit verlieren.      sonstiger Infrastruktur und von Grünflächen
Werden öffentliche und private Infrastruktur-       besondere Bedeutung.
angebote der Daseinsvorsorge wie Bildungsein-              Innerstädtische Wohnungen sind in der
richtungen, soziale und kulturelle Infrastruktur    Erstellung und bei der Modernisierung aufwän-
oder Dienstleistungen aus Kostengründen             diger. Zudem steht das Wohnen oft im Konflikt
notgedrungen reduziert, hat dies unmittelbare       mit anderen Nutzungsansprüchen (z. B. Ver-
Folgen für die Stadt- bzw. Ortsentwicklung.         kehr, Gastronomie, Handel). Wenn wirtschaft-
                                                    liche Tragfähigkeit und Bezahlbarkeit in Ein-
                                                    klang gebracht werden sollen, wird häufig der
                                                    Ausbau bzw. die Stabilisierung des Wohnens
                                                    in der Innenstadt nur mit Hilfe öffentlicher För-
                                                    derung erfolgreich sein. Über den Einsatz von
                                                    Mitteln der sozialen Wohnraumförderung ent-
                                                    scheiden die Länder. Zur Unterstützung dieser
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                        31




Maßnahmen ist es neben dem Blick auf die In-        Vor allem Familien und ältere Personen wollen
nenstadt zwingend erforderlich, dass die Städte     sich sicher fühlen und haben das Bedürfnis
eine restriktive Politik gegen die weitere Zer-     nach einer sauberen Umgebung. Hier ist ins-
siedlung verfolgen.                                 besondere die Organisation, Gestaltung und
       Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen        Pflege des öffentlichen Raums gefragt. Zu den
stellen jeweils spezifische Ansprüche an das        schwierigen Aufgaben in den Kommunen
Wohnen in der Innenstadt. Stadtentwicklungs-        gehört es, den öffentlichen Raum allen Perso-
politik muss mögliche Konflikte aufzeigen und       nengruppen der Stadt offen zu halten und bei
ausgewogene Angebote für alle schaffen. Ziel        Konflikten ortsangepasste Lösungen zu finden.
sollte sein, jüngere Menschen auch nach der         Zur Sicherheit trägt entscheidend bei, Angst-
Ausbildungszeit in der Familiengründungs-           räume abzubauen. In Städten mit innerstädti-
phase in der Innenstadt zu halten und hierfür       schen Brachen und Gebäudeleerständen eröff-
geeignete Angebote zu schaffen. Familien            nen sich neue Perspektiven für innerstädtisches
brauchen bezahlbare Wohnungen in ausreichen-        Wohnen. Dies spricht zum einen junge Familien
der Größe, attraktive Angebote, Wohneigen-          an, die nach attraktiven Alternativen für das
tum zu bilden sowie kinderfreundlich gestaltete     Haus am Standrand suchen, zum anderen junge
Grünflächen. Innenstädte mit hoher Dichte           Menschen, die sich auch auf Übergangslösun-
können durch die Revitalisierung von Brachflä-      gen oder unkonventionelle Raumangebote
chen als Grün- und Freiflächen an Aufenthalts-      einlassen.
qualität gewinnen. Die so gewonnenen Flächen               Aufgabe kleinerer Städte und Gemeinden
sind ein Beitrag dafür, Stadtklima und Lebens-      in ländlichen Gebieten wird es künftig immer
qualität in den Innenstädten zu verbessern.         mehr sein, Möglichkeiten und Strategien zu
       Für die Innenstädte ist die Anzahl älterer   finden, die Einrichtungen öffentlicher Daseins-
Menschen Potenzial und Chance zugleich. Das         vorsorge tragfähig und bedarfsgerecht zu ge-
innerstädtische Wohnen bietet gerade für älte-      stalten. Dies ist eine zentrale Voraussetzung
re Menschen durch kurze Wege, die Nähe zu           für die Stärkung des Wohnens in diesen Städten
Infrastruktur, medizinischer Versorgung und         und die Aufrechterhaltung der zentralen Ver-
Kulturangeboten gute Wohnbedingungen –              sorgungsfunktion für die Region. Um die notwen-
insbesondere dann, wenn sie alleine leben.          dige Infrastruktur bereitstellen zu können,
Sowohl Familien als auch ältere Personen benö-      sind vielfach auch neue Modelle der interkom-
tigen ein barrierearmes Umfeld, und zwar            munalen Kooperation gefragt.
sowohl im öffentlichen Raum, als auch in den
Wohngebäuden und Wohnungen. Dazu gehört
auch das für viele Menschen wichtiger werden-
de Bedürfnis nach Sicherheit und Sauberkeit.
32                                        2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Potenzielle Maßnahmen                                   Privates eigentum, gewerbliche wohnungswirt-
Kommunale Konzepte zum wohnen: Kommu-                   schaft und selbstnutzung: Die wichtigsten Träge-
nen sollten dort, wo dies noch nicht geschehen ist,     rinnen zur Bereitstellung von Wohnungen sind nach
Handlungskonzepte für das innerstädtische Woh-          den privaten Kleinanbietern die gewerblichen An-
nen erarbeiten, möglichst unter Einbeziehung der        bieterinnen von Wohnraum, also Wohnungsbauge-
wichtigsten Eigentümerinnen und Eigentümer.             sellschaften bzw. -genossenschaften. Beide Gruppen
Die Wohnkonzepte sind einzubetten in kommunale          können wesentlich dazu beitragen, dass der inner-
Stadtentwicklungskonzepte. Ziel ist dabei – neben       städtische Wohnungsbestand an Attraktivität ge-
der Ermittlung von Angebot und Nachfrage –              winnt. Eigentümerstandortgemeinschaften zur Ein-
Planungssicherheit für Mieterinnen und Mieter,          beziehung von privaten Eigentümern sollten weiter
Immobilienbesitzerinnen und -besitzer sowie Woh-        gestärkt werden. Der Umgang mit verwahrlosten
nungswirtschaft zu schaffen. Im Hinblick auf eine       Immobilien („Schrottimmobilien“) soll im Rahmen
ressourcenorientierte Infrastrukturplanung und Flä-     der Bauplanungsrechtsnovelle geprüft werden.
cheneinsparung sollte dabei das innerstädtische
Wohnen Vorrang haben.                                   selbstnutzerprojekte und Baugruppen: Wo
                                                        möglich, sollten die Kommunen Selbstnutzerpro-
Kommunale flächenpolitik: Städte und Gemein-            jekte – vor allem auch im innerstädtischen Bestand
den sollten in der Innenstadt und im Ortszentrum        – unterstützen. Für die Bildung von Baugruppen
eine strategische Bodenvorratspolitik für alle Bevöl-   könnten zentrale Beratungs- und Moderationsstel-
kerungsgruppen betreiben. Dabei ist auch auf die        len eingerichtet werden.
interkommunale Zusammenarbeit bei der Bevor-
ratung und Bereitstellung von Flächen („Flächen-        energetische stadtsanierung: Die Bundesrepublik
pooling“) zu setzen. Innerstädtische Brachflächen       hat mit dem Energiekonzept die Auflage eines För-
sind für das Wohnen zu erschließen, insbesondere        derprogramms zur energetischen Stadtsanierung
für junge Familien und für neue Wohnformen (z. B.       (KfW-Programm) beschlossen. Mit dem Programm
Mehrgenerationenwohnen, Wohngemeinschaften              sollen im Quartier umfassende Maßnahmen in die
älterer Menschen, Baugruppen). Wo möglich, soll-        Energieeffizienz der Gebäude und der Infrastruktur
ten solche Brachflächen von den Kommunen erwor-         angestoßen werden, insbesondere auch in den inner-
ben und z. B. in Erbpacht oder für Wohnungsgenos-       städtischen Altbauquartieren. Es gilt, dafür neben
senschaften zur Verfügung gestellt werden. Die          den Kommunen gerade auch die gewerbliche Woh-
Flächenaufbereitung sollte in geeigneten Fällen ge-     nungswirtschaft und private Einzeleigentümerin-
fördert werden.                                         nen und -eigentümer einzubeziehen.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                               33




                                                       wohnumfeldverbesserung: Städte und Gemein-
                                                       den sollten das innerstädtische und innerörtliche
                                                       Wohnumfeld für alle Bevölkerungsgruppen attrakti-
                                                       ver machen. Gehwege, Plätze und Straßen sollten –
                                                       soweit möglich – barrierearm, kindergerecht und
                                                       sicher gestaltet und modernisiert werden. Die Nutz-
                                                       barkeit für mobilitätseingeschränkte Bevölkerungs-
                                                       gruppen ist dabei zu gewährleisten. Der öffentliche
                                                       Raum sollte unter Einbeziehung denkmalpflegeri-
                                                       scher Traditionen und baukultureller Anforderun-
                                                       gen (Stichwort Bordsteinkanten, Kopfsteinpflaster)
                                                       weiterentwickelt werden. Ein wesentliches Instru-
                                                       ment hierfür ist die Städtebauförderung.

energetische sanierung unter Berücksichtigung          wohnen in kleineren städten und Gemeinden
baukultureller aspekte: Zur Stärkung der örtlichen     im ländlichen raum: Die Erhaltung und Entwick-
Identität ist eine behutsame Abwägung von ener-        lung der Zentren von Kleinstädten in ländlichen
giesparenden Maßnahmen und baukulturellen Be-          Gebieten als lebendige Standorte des Wohnens und
langen (einschließlich Denkmalschutz) notwendig.       Lebens erfordert neue integrierte Strategien. Dabei
Die Förderungskriterien und baulichen Auflagen         geht es häufig darum, das Wohnen wieder in die
sind im Einzelfall so abzustimmen, dass das örtliche   Orte zurückzuholen und hierfür die notwendigen
Stadtbild erhalten bleibt, die Belange des Klima-      wohnungsnahen Versorgungsstrukturen aufrecht
schutzes berücksichtigt werden und der Wohnwert        zu erhalten. Zur Erstellung von Strategien und zur
zu angemessenen Kosten verbessert wird. Hierzu         Umsetzung von Maßnahmen kann die Städtebau-
sind gute Beispiele zu dokumentieren und als vor-      förderung beitragen.
bildliche Lösungen zu publizieren.
                                                       ausrichtung der städtebauförderung: Die Pro-
abbau von Barrieren im wohnungsbestand:                gramme der Städtebauförderung haben bereits ei-
Ältere Menschen stellen aufgrund von Mobilitätsein-    nen starken Bezug zu den Innenstädten und
schränkungen oder Pflegebedarf besondere Anfor-        Ortszentren. Sie sollten künftig noch mehr auf die
derungen an die Gestaltung ihrer Wohnung. Die          Innenentwicklung und die Stärkung langfristig trag-
Eigentümerinnen und Eigentümer von vermietetem         fähiger Standorte ausgerichtet werden, z. B. durch
wie selbstgenutztem Wohnraum sollten durch Be-         entsprechende Förderpräferenzen.
ratungs- und Fördermaßnahmen motiviert werden,
entsprechende funktionale Anpassungen der Woh-
nungen für das Alter rechtzeitig zu veranlassen.
Barrierereduzierende Anpassungen erhöhen zugleich
auch die Wohnqualität für Familien mit Kindern.
34                                   2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




2.4 Innenstadt als Ort
    der Integration
Innenstädte sind orte der Begegnung und verfügen damit über erhebliches gesellschaftliches
Integrationspotenzial. Dies betrifft insbesondere den öffentlichen raum als Platz des aufeinander-
treffens von Menschen verschiedener lebenssituationen, lebensstile und herkunft. Gleiches gilt
für öffentliche einrichtungen als orte der versorgung mit Dienstleistungen und der sicherung der
Daseinsvorsorge, die Bildungs- und arbeitsstätten als orte des gemeinsamen lernens und arbeitens
sowie die innerstädtischen wohnquartiere als orte des zusammenlebens.
       Die zunehmend vielfältige stadtgesellschaft mit neuen und unterschiedlichsten lebensstilen
nutzt bevorzugt räume in der Innenstadt. hier finden sich unterschiedliche Milieus oft in unmittel-
barer nachbarschaft zueinander. Beispielsweise liegt neben dem vollsanierten Gründerzeitquartier
– als bevorzugter wohnort gut verdienender haushalte ohne Kinder – ein unsaniertes altbau- oder
nachkriegsquartier, in dem häufig familien mit geringerem einkommensniveau, oft mit Migrations-
hintergrund, und junge Menschen in der ausbildung leben. Die entwicklung der gesellschaftlichen
vielfalt bedeutet Bereicherung. allerdings sind soziale und/oder ethnische Polarisierungen auch
eine zentrale herausforderung für die stadtentwicklungsplanung.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                       35




                                                   Karneval der Kulturen, Berlin

zentrale trends
In Städten vollziehen sich soziale und ethnische
Trennungsprozesse sehr unterschiedlicher
Bevölkerungsgruppen (Segregationsprozesse).
Innerstädtische Bereiche sind davon in besonde-
rem Maß betroffen. Die Verschiedenheit der
sozialen Lage führt zu einer deutlichen Konzen-
tration höherer Einkommen in bevorzugten
und damit eher statushohen Stadtgebieten und
einer Konzentration niedrigerer Einkommen
in Stadtgebieten mit Menschen in eher schwie-
riger sozialer Situation. In den Städten und
Gemeinden bedarf es eines besonderen Augen-
merks, wenn sich diese Prozesse verstärken,
Quartiere sich aufgrund konzentrierter Pro-
blemlagen von der übrigen Stadtentwicklung
abkoppeln und immer mehr Menschen, vor
allem aus der Mittelschicht fortziehen. Dann ist   Dagegen haben Innenstadtquartiere mit hohen
die soziale Stabilität im Stadtteil in Gefahr.     Anteilen gut integrierter Zuwanderer häufig
       In den Innenstädten liegt der Anteil der    den Vorzug einer besonderen Lebendigkeit, der
Personen mit Migrationshintergrund im Durch-       sich wiederum positiv auf die lokale Ökonomie
schnitt durchweg höher als in den städtischen      im Quartier auswirkt. Diese Gruppen bilden
Randbereichen. In den Großstädten ist er höher     eine wichtige Säule im Produktions- und Dienst-
als in Klein- und Mittelstädten, aber auch hier    leistungssektor, bilden wirtschaftliche Brücken
nimmt der Anteil an Zuwanderung zu. Fast ein       zu ihren Herkunftsländern und fördern damit
Fünftel der Innenstadtbevölkerung von Groß-        den Im- und Export.
städten hat keinen deutschen Pass. In Stadt-              Die flächendeckende Aufwertung inner-
randgebieten liegt dieser Anteil mit ca. einem     städtischer Quartiere mit der bewussten Ziel-
Zehntel deutlich niedriger. Mietpreisgünstige      ansprache zahlungskräftiger Personengruppen
innerstädtische Altbauviertel mit geringerem       birgt häufig die Gefahr, dass ein Teil der hier
Ausstattungs- und Sanierungsstandard sind          lebenden Bevölkerung die Mietpreissteigerun-
typische Wohn- und Anlaufquartiere für Men-        gen nicht mehr tragen kann. Hier müssen
schen mit Migrationshintergrund, aber auch         seitens der lokalen Planung entsprechende
für andere Personengruppen, die auf günstigen      Steuerungsmechanismen gefunden werden,
Wohnraum angewiesen sind. Zum Teil handelt         um die Bewohnerinnen und Bewohner vor
es sich auch um benachteiligte Wohnlagen,          Verdrängung zu schützen und so eine urbane
z. B. an stark befahrenen Hauptstraßen, von        Mischung in der Innenstadt zu erhalten.
denen zahlungskräftigere Gruppen sobald als
möglich wegziehen.
36                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




schlussfolgerungen
      Bereits in der „Leipzig Charta zur nach-
haltigen Europäischen Stadt“ hat sich die
Bundesregierung dazu bekannt, benachteilig-
ten Quartieren besondere Aufmerksamkeit
zu widmen. In der Innenstadt leben unter-
schiedliche soziale und ethnische Gruppen auf
engstem Raum zusammen. Die Mischung an
Personengruppen und die Dichte an Lebens-
stilen machen eine der zentralen Qualitäten des
innerstädtischen Lebens aus.
       Innenstadtentwicklung der Zukunft be-
deutet auch die Stärkung des gesellschaftlichen
Zusammenhalts und die Bewältigung sozialer
Polarisierung. Für die älteren preisgünstigen
Mietwohnungsbestände in der Innenstadt, in
denen eher sozial benachteiligte Bevölkerungs-
gruppen wohnen, sollte die Wohnungs- und
Stadtentwicklungspolitik die Erhaltung eines
angemessenen Bestandes an bezahlbarem
Wohnraum im Blick behalten. Diese Aufgabe ist
für Städte mit einem angespannten Wohnungs-
markt besonders schwer zu lösen.
       Zuwanderinnen und Zuwanderer müssen         Potenzielle Maßnahmen:
als Teil der Gesellschaft und Potenzial für die    erhaltung preiswerten wohnraums: Gerade
Stadtentwicklung anerkannt und unterstützt         in hoch verdichteten innerstädtischen Quartieren
werden. Lokale Ökonomien von zugewan-              vollziehen sich nicht selten zu schnelle und zu
derten Menschen, z. B. in den Bereichen Hand-      grundlegende Aufwertungsprozesse, die zu einer
werk, Gastronomie und Versorgung mit Waren         Verdrängung der Ursprungsbevölkerung führt
des täglichen Bedarfs, haben eine beachtliche      („Gentrifizierung“). Für sozial benachteiligte Bevöl-
volkswirtschaftliche Bedeutung und unterstüt-      kerungsgruppen mit geringem Einkommensniveau
zen die Vielfalt in den Innenstädten. Die Ver-     findet sich häufig nur außerhalb des Zentrums in
knüpfung von Stadtentwicklungspolitik und          ausreichendem Maße Ersatz für diese Stadtquartiere.
Bildungsangeboten hat hier höchste Priorität.      Stadtteilbezogene Aufwertungsstrategien müssen
Denn Bildungseinrichtungen sind diejenigen         zu gravierende Entwicklungssprünge (flächenhafte
Orte, in denen die Grundlagen für eine erfolg-     „Luxusmodernisierungen“) vermeiden. Wo erfor-
reiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben        derlich können Schutzregelungen wie z. B. Milieu-
gelegt werden.                                     schutzsatzungen angewendet werden.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                               37




                                                     Bildungseinrichtungen in der Innenstadt: Kinder-
                                                     tagesstätten, Schulen und Hochschulen sind Orte,
                                                     die Bildungs- und Integrationschancen schaffen.
                                                     Um die Funktion Bildung in der Innenstadt zu fördern,
                                                     ist eine strategische Verknüpfung von Stadtent-
                                                     wicklungs-, Bildungs- und Integrationspolitik erfor-
                                                     derlich. Der Erhalt und der qualitative Ausbau dieser
                                                     Einrichtungen nahe am Wohnstandort Innenstadt
                                                     sollte gezielt gefördert werden.


                                                     lokale Ökonomie: Zugewanderte können wesent-
                                                     liche Impulse bei der Entwicklung des Einzelhan-
                                                     dels, der Gastronomie und handwerklich orientier-
                                                     ter Dienstleistungen geben. Anlaufstellen wie z. B.
                                                     das Quartiersmanagement oder Büros für Wirt-
                                                     schaftsentwicklung sollten in geeigneten Fällen
                                                     gefördert werden. Geprüft werden sollten auch
                                                     Mikrodarlehen als Instrument der Förderung lokaler
                                                     Ökonomien.


                                                     stärkung des gesellschaftlichen zusammen-
                                                     halts: Eine der Zukunftsaufgaben der Stadtentwick-
                                                     lungspolitik ist die Stärkung des gesellschaftlichen
Bildung von eigentum: Eigentumsbildung hat für       Zusammenhalts in den Städten und Gemeinden.
alle Bürgerinnen und Bürger einen hohen Stellen-     Angesichts der demografischen Entwicklung bedarf
wert. Gut integrierte Haushalte haben Vorbildfunk-   es dazu einer generationengerechten, familien-
tion und stabilisierende Wirkung im Quartier. Dies   freundlichen und altersgerechten Infrastruktur in
erfordert entsprechende Strategien vor Ort in Zu-    den Kommunen. Die Städtebauförderung leistet
sammenarbeit der Kommunen mit bisherigen und         hierzu einen wesentlichen Beitrag. Es ist jedoch
zukünftigen Eigentümerinnen und Eigentümern          erforderlich, dieses Instrument im Hinblick auf die
von Wohnraum. Insbesondere in einigen Klein- und     Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu
Mittelstädten besteht die Chance, Innenstädte mit    optimieren und alle gesellschaftlichen Gruppen
leer stehendem Bestand zu stabilisieren. Der Bund    einzubinden. Dazu muss die ressortübergreifende
ist bereit, diese mit entsprechenden Handlungs-      Partnerschaft wirksam gestärkt und ausgebaut
empfehlungen zu unterstützen.                        werden. Und es sollten Konzepte entwickelt und
                                                     erprobt werden, in die vor Ort weitere Partnerinnen
                                                     und Partner wie Stiftungen, Wirtschaft und ehren-
                                                     amtliche Akteure in eine nachhaltige Stadtentwick-
                                                     lung einbezogen werden.
38                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




2.5 Mobilität in Innenstädten
Mobilität und verkehr sind bedeutende standortfaktoren für unternehmen und haushalte. Die kon-
krete ausgestaltung ist entscheidend für die umwelt- und wohnumfeldqualität in den Innenstädten.
ziel ist deshalb die sicherung und nachhaltige entwicklung des siedlungs- und verkehrssystems,
um eine effiziente, sichere sowie sozial- und umweltverträgliche Mobilität von Menschen und Gütern
zu gewährleisten. Die sicherung von Mobilitätsvielfalt ist dabei ein zentrales thema für die stärkung
der Innenstädte. wichtige Bausteine hierfür sind attraktive fuß- und radwegenetze und zuverlässige
und bezahlbare öffentliche verkehrssysteme. zugleich gilt es, dem PKw-verkehr einen seiner Bedeu-
tung angemessenen raum zu sichern und dabei künftige Mobilitätskonzepte wie elektromobilität
und zunehmendes „car-sharing“ zu berücksichtigen. Darüber hinaus sind lieferverkehre intelligent
zu organisieren, um die erforderliche Güterverfügbarkeit und zugleich möglichst klima- und umwelt-
freundliche wirtschaftsverkehre zu ermöglichen. Der aspekt der verkehrssicherheit ist in Innenstädten
besonders zu berücksichtigen, da hier viele verkehrsarten auf engem raum zusammentreffen.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                                      39




zentrale trends                                     In den meisten Städten hat die öffentliche Hand
Mit Blick auf die Alltagsmobilität liegt das        in den vergangenen Jahrzehnten viel in den
Potenzial der Innenstadt in der Verknüpfung         Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und in Ver-
kurzer Wege, die die unterschiedlichen Orte         kehrs- bzw. Parkleitsysteme investiert. Aktuell
des Lebensalltags – Wohnung, Arbeitsplatz,          besteht vielerorts eine gute Angebotssituation
Geschäfte, Schule, Sport – zusammenführen.          für den fließenden und ruhenden motorisierten
Die hohe Dichte und Nutzungsmischung im             Individualverkehr. Dadurch wird zwar einer-
Stadtkern ermöglicht seinen Bewohnerinnen           seits der Verkehr in den Innenstädten häufig
und Bewohnern, eine Vielzahl ihrer Ziele zu         gut abgewickelt, andererseits werden das städ-
Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zu er-           tische Umfeld und das Stadtbild durch breite
reichen. Dies wirkt sich auch finanziell aus:       Straßenräume z. T. negativ beeinflusst. Zudem
Menschen, die zentrennahe Wohnungen be-             kann in Stoßzeiten eine hohe Verkehrsdichte
wohnen, haben geringere Verkehrskosten zu           zur Minderung der Luftqualität und Erhöhung
tragen als solche, die am Stadtrand oder im         des Verkehrslärms in den Innenstädten führen.
suburbanen Umland leben und können damit                   Zentrale Zukunftsaufgabe wird die Orga-
höhere Kosten für Wohnraum in innerstäd-            nisation eines stadtverträglichen Verkehrs sein,
tischen Lagen zum Teil kompensieren. Leichte        der den unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnis-
Trendverschiebungen hin zur umweltverträg-          sen der Bewohnerinnen und Bewohner Rech-
lichen Verkehrsmittelwahl deuten darauf hin,        nung trägt. Dies erfordert zunehmend flexible
dass Fuß und Fahrrad immer mehr zum „Nah-           Lösungen, um die Erreichbarkeit der Innenstäd-
verkehrsmittel“ Nummer 1 für kurze Strecken         te zu verbessern. In diesem Zusammenhang
werden. Insbesondere die jüngere Bevölkerung        sind sogenannte „dynamische Parkleitsysteme“,
in urbanen Räumen nutzt heute den ÖPNV und          die Nutzung von Pendlerparkplätzen („Park
das eigene Fahrrad stärker als früher.4 Mit Blick   and Ride“) und nicht zuletzt das Gemeinschafts-
auf eine insgesamt älter werdende Bevölkerung       auto („Car-Sharing“) von zunehmender Bedeu-
in der Innenstadt wird künftig die Bedeutung        tung. Eine weitere wichtige Zukunftsaufgabe
des sicheren Fußverkehrs und eines attraktiven      besteht in der Verbesserung der Luftqualität
und zuverlässigen ÖPNV deutlich ansteigen.          und in der Lärmminderung. Lärm und Luftschad-
Insgesamt geht es nicht um einen generellen         stoffe beeinflussen die Lebens- und Aufenthalts-
Verzicht auf das Auto, sondern vielmehr um          qualität negativ und können die Gesundheit
eine intelligente Nutzung des PKW in Kombi-         der Bevölkerung erheblich beeinträchtigen. Ein
nation mit anderen Verkehrsmitteln.                 Großteil der innerstädtischen Verkehre wird
       Der ÖPNV ist Garant für die Sicherung        durch aus dem Umland einpendelnde Personen
einer nachhaltigen und modernen Mobilität in        verursacht, die die Innenstadt als Geschäfts- und
urbanen wie in ländlichen Räumen, weil damit        Bürostandort oder zum Erleben und Erholen
ein wichtiger Beitrag zur Entlastung der Um-        aufsuchen. Im Umland der großen Städte nutzen
welt geleistet wird. So hat eine Reduzierung des    derzeit etwa dreiviertel der Berufstätigen regel-
PKW-Verkehrs unmittelbar positive Auswir-           mäßig den PKW für den Weg zur Arbeit – mit
kungen auf die Lebens- und Aufenthaltsquali-        negativen Auswirkungen auf die Innenstadt.
tät, insbesondere in den Innenstädten.              4
                                                        BMVBS (Hrsg.): Mobilität in Deutschland (MID 2008) –
                                                        Kurzbericht, Bonn, Berlin 2010
40                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Es ist zu erwarten, dass der Güterverkehr erheb-    Hinsichtlich der Verbesserung der Luftqualität
lich wachsen wird. Dies betrifft nicht nur den      in den Innenstädten sollen Umweltzonen dazu
Fernverkehr, sondern auch den Lieferverkehr         beitragen, die europarechtlich vorgegebenen
von Waren in die Innenstadt. Die Anlieferung        Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxide
von Waren ist notwendig, kann jedoch zu er-         einzuhalten. Ihre Wirksamkeit muss jedoch
heblichen Störungen und Nutzungseinschrän-          überprüft werden. Bislang haben 44 Städte Um-
kungen führen, insbesondere in Fußgänger-           weltzonen eingerichtet – weitere Städte haben
zonen, wenn zu bestimmten Zeiten die Anliefe-       dies auf der Agenda. Fahrzeuge mit besonders
rung zulässig ist. Trotz des technologischen        schlechten Abgaswerten dürfen dann nicht
Fortschritts im Fahrzeugbau werden die Belas-       mehr in den Umweltzonen fahren. Der lärm-
tungen durch Lärm und Erschütterungen,              und schadstoffemissionsarmen Elektromobilität
besonders entlang der Zufahrtsstraßen, von          kommt daher in Zukunft für die Innenstädte
den Betroffenen immer stärker wahrgenommen.         eine große Bedeutung zu, vor allem für diejeni-
        Die verkehrlichen Belastungen konzentrie-   gen Wege, die innerstädtisch nicht zu Fuß, mit
ren sich vor allem entlang der großen Verkehrs-     dem Rad oder dem ÖPNV zurückgelegt werden
achsen an den Rändern der „City“ und der            können. Gleiches gilt für den innerstädtischen
weiteren Innenstadt. In diesen benachteiligten      Lieferverkehr.
Wohnlagen sind davon insbesondere einkom-
mensschwächere Bevölkerungsgruppen betrof-
fen. Zur Verringerung von Belastungen durch
Luftschadstoffe und Lärm stellen viele Städte
bereits Luftreinhalte- und Lärmaktionspläne
auf und intensivieren ihre Lärmminderungspla-
nungen. Das BMVBS setzt mit dem Nationalen
Verkehrslärmschutzpaket II einen wichtigen
Akzent für einen wirksameren Verkehrslärm-
schutz und nachhaltige Mobilität. Es strebt damit
die Entlastung von Lärmbrennpunkten und die
Reduzierung der Verkehrslärmbelastung trotz
steigenden Verkehrsaufkommens an. Ferner
stellt der Bund seit Jahrzehnten Mittel für eine
Verbesserung der städtebaulichen Situation zur
Verfügung, die auch zu Zwecken der Lärmmin-
derung eingesetzt werden können.




Berufsverkehr in der
Kölner Innenstadt
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                          41




schlussfolgerungen                                  Nutzung und intelligente Kombination aller
Der Verkehrsdruck auf die Innenstädte und           Verkehrsmittel weiter reduziert werden. Mobi-
damit auch die Gefahr einer weiteren Verschär-      litätskonzepte und Mobilitätsmanagement
fung der Lärm- und Schadstoffbelastung              sind konsequent auf dieses Ziel auszurichten.
wächst. Hinzu kommen steigende Mobilitäts-                 Zukunftsthemen innerstädtischer Mobili-
kosten. Gleichzeitig ist die Gewährleistung von     tät sind die Qualifizierung und Finanzierung
Mobilität zentrale Voraussetzung für die gesell-    eines adäquaten ÖPNV, die Stärkung des Fuß-
schaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung     und Radverkehrs sowie die stadtverträgliche
der Stadtzentren. In diesem Spannungsfeld           Organisation von Mobilität durch die Reduzie-
besteht die Gestaltungsaufgabe darin, Mobilität     rung von Lärm und Luftschadstoffen. In der
zu sichern und zu fördern, gleichzeitig verkehrs-   Stärkung des ÖPNV und des Fuß- und Radver-
bedingte Belastungen abzubauen und den              kehrs bestehen große Potenziale, um einen
motorisierten Verkehr zu vermindern. Der mo-        messbaren Beitrag zur Verbesserung der Lebens-
torisierte Individualverkehr hat seine Berechti-    qualität in den Innenstädten zu leisten. Ziel ist
gung und Bedeutung. Jedoch müssen die               daher, mehr Verkehrsteilnehmerinnen und
hieraus resultierenden Belastungen für Men-         -teilnehmer dazu zu bewegen, insbesondere im
schen und Umwelt durch stadtverträgliche            Stadtverkehr auf stadtverträglichere Verkehrs-
                                                    mittel umzusteigen. Die kurzen Strecken in
                                                    der Innenstadt sind zu Fuß und mit dem Fahrrad
                                                    schnell und flexibel zu bewältigen. Deshalb
                                                    sollten entsprechende Infrastrukturen ausge-
                                                    baut und gleichzeitig die Belange der Verkehrs-
                                                    sicherheit berücksichtigt werden. Auch die
                                                    Verbreitung von Elektromobilität kann einen
                                                    signifikanten Beitrag zur Verringerung von
                                                    Lärm und Luftschadstoffen in den Städten leisten.
                                                           Die künftige Ausgestaltung des ÖPNV
                                                    steht vor schwierigen Aufgaben. Zum einen
                                                    geht es darum, ein attraktives, kundenfreund-
                                                    liches und bezahlbares Angebot bereitzustellen,
                                                    zum anderen müssen hierfür langfristige
                                                    Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden.
                                                    Bei der Planung, Ausgestaltung und Finanzie-
                                                    rung des ÖPNV sind vor allem die Länder ge-
                                                    fragt. Der Bund gestaltet den Ordnungsrahmen
                                                    und fördert innovative Technologien und Hand-
                                                    lungsansätze. Er stellt den Ländern umfang-
                                                    reiche Mittel zur Finanzierung des ÖPNV zur
                                                    Verfügung. Die Zuweisungen an die Länder zur
                                                    Verbesserung der Verkehrsverhältnisse sind
42                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




insgesamt bis 2019 befristet. Die Frage, wie die    zu erproben, erfahrbar zu machen und techno-
Länder ihre Aufgaben im Bereich des ÖPNV            logische, gesellschaftliche und wirtschaftliche
danach erfüllen können, wird aufgrund der           Fragestellungen zu bearbeiten. Das BMVBS
langfristigen Planungszyklen bereits in der lau-    beschäftigt sich in seinen Modellregionen auch
fenden Legislaturperiode eine wichtige Rolle        mit der Ermittlung der möglichen Gefahren
spielen. Ein hoher Finanzbedarf der Kommunen        sehr leiser Fahrzeuge und der Ableitung geeig-
besteht insbesondere wegen der notwendigen          neter Maßnahmen, um insbesondere schwä-
Ersatzinvestitionen für zum Teil veraltete Infra-   chere Verkehrsteilnehmer (z. B. Fußgängerinnen
struktur.                                           und Fußgänger) zu schützen. Die daraus gewon-
        Trotz der seit einigen Jahren zurückge-     nenen Erkenntnisse werden in die Diskussion
henden Unfallzahlen wird die Verkehrssicherheit     zur Entwicklung internationaler Vorschriften
auch zukünftig eine zentrale gesellschaftspo-       eingebracht.
litische Herausforderung darstellen. Für Innen-            Nicht zuletzt erfordert die zunehmende
städte bestehen besondere Anforderungen,            Belastung durch den wachsenden Güterver-
da hier die unterschiedlichen Mobilitätsarten       kehr intelligente Innenstadt-Logistik-Systeme
einen begrenzten Raum beanspruchen. Insbe-          und Kooperationsformen, die Wege einsparen
sondere auf den Fuß- und Fahrradverkehr ist         und die Belastungen der Warenströme ein-
dabei Rücksicht zu nehmen.                          grenzen. Ein Baustein dabei sind Güterverkehrs-
        Einen entscheidenden Beitrag zur Klima-     zentren, die als den Städten vorgelagerte Sam-
politik und zur Reduzierung der Lärm- und           melpunkte logistische Bündelung ermöglichen
Luftbelastung in den Innenstädten stellt der        und die Städte dadurch von Schwerverkehr und
Förderschwerpunkt Elektromobilität des              Schadstoffemission entlasten. Güterverkehrs-
BMVBS dar. Die Innenstadt ist mit ihren kurzen      zentren leisten einen wichtigen Beitrag zu
Wegen und angesichts des jetzigen Standes           einer stadtverträglichen Gestaltung des Wirt-
von Speichertechnologien für eine breitenwirk-      schaftsverkehrs bei gleichzeitigem Erhalt
same Einführung der batteriebetriebenen             seiner Versorgungsfunktion.
Elektromobilität sehr gut geeignet. Der Förder-
schwerpunkt Elektromobilität des BMVBS
verknüpft Verkehrs- und Stadtpolitik mit Klima-
schutz und Wettbewerbsfähigkeit. Das Ziel
der Bundesregierung: 2020 sollen eine Million
elektrisch betriebene Fahrzeuge auf deutschen
Straßen fahren. Im Förderprogramm „Elektro-
mobilität in Modellregionen“ fördert das BMVBS
acht Modellvorhaben mit rund 130 Mio. €. Ziel
ist es, Elektromobilität in der Alltagsanwendung
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                              43




Potenzielle Maßnahmen                                   fuß- und fahrradverkehr: Die Maßnahmen des
Mobilitätsmanagement: Kommunen und Betriebe             Nationalen Radverkehrsplans des Bundes sollten
sollten Konzepte ausarbeiten, um vor allem in den       konsequent umgesetzt werden. Attraktive und siche-
größeren Städten Anteile der innerstädtischen           re Verkehrsflächen sind in ausreichender Größe für
Verkehre vom PKW auf stadt- und umweltverträgli-        den Fuß- und Radverkehr bereitzustellen. Geeignet
chere Verkehrsmittel zu verlagern. In diesem Zusam-     sind auch kostengünstige Maßnahmen wie z. B. die
menhang sollten Mobilitätsangebote ohne Auto            Einrichtung von Fahrradstraßen und Radfahr- bzw.
und geeignete innovative Dienstleistungen – wie z. B.   Schutzstreifen sowie verbesserte Ampelschaltungen.
öffentliche Fahrradverleihsysteme oder differen-
zierte Parkraumbewirtschaftungskonzepte – geför-        verkehrssicherheit: Neben der Beseitigung von
dert werden. Unterstützung für innovative Projekte      Unfallschwerpunkten (z. B. durch Ampelschaltungen,
innerstädtischer Mobilität können die Initiative        Querungshilfen oder Veränderung von Straßen-
„Mobilität 21 – Kompetenznetzwerk für Innovative        querschnitten) spielen Maßnahmen der Verkehrser-
Verkehrslösungen“ und das „Forschungsprogramm           ziehung zur Erhöhung der Regelkenntnis und der
Stadtverkehr“ (FOPS) des Bundes leisten.                Regelakzeptanz eine bedeutende Rolle. Das BMVBS
                                                        stellt für Aufklärungs- und Erziehungsmaßnahmen
flexible verkehrsmittelwahl: Eine flexible Verkehrs-    jährlich mehr als 11 Mio. € zur Verfügung.
mittelwahl sollte stadt- und umweltverträgliche
Mobilität gewährleisten. Dies geschieht z. B. durch
die Unterstützung von Gemeinschaftsauto-Systemen
(„Car-Sharing“), einer guten Abstimmung einzelner
Verkehrsmittel untereinander (z. B. durch die Nut-
zung von Pendlerparkplätzen) und die Einrichtung
von benutzungsgerechten Fahrradstellplätzen,
z. B. an Bahnhöfen und zentralen Haltestellen.
44                                      2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Gemeinsame nutzung des verkehrsraums für
die verkehrsteilnehmer („shared space“): Seit
einigen Jahren werden für ausgewählte innerstädti-
sche Bereiche Modelle diskutiert und erprobt, die
sich aus einer Aufhebung der Trennung der unter-
schiedlichen Verkehrsflächen ergeben. Diese Model-    Parkraumbewirtschaftung im stadtkern: Einige
le werden unter dem Begriff „Shared Space“ zu-        Städte haben gute Erfahrungen mit einer flächen-
sammengefasst. Bisher durchgeführte Pilotprojekte     deckenden Parkraumbewirtschaftung im Zentrum
kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.         gemacht. Dafür müssen jedoch je nach Stadtgröße
Im Weiteren ist insbesondere zu prüfen, ob die not-   und örtlicher Begebenheit jeweils individuelle
wendigen Anforderungen an Verkehrssicherheit          Lösungen gefunden werden. Parkleitsysteme kön-
gewährleistet sind. Der Deutsche Verkehrsgerichts-    nen – durch elektronische Assistenz ausgebaut –
tag wird sich im Jahr 2012 mit dem Thema in einem     zu einer effektiven Nutzung der Parkflächen führen
Arbeitskreis befassen, die bis dahin vorliegenden     und unnötigen Parksuchverkehr minimieren.
Erkenntnisse beleuchten und Empfehlungen dazu
aussprechen.                                          ÖPnv: Attraktiver, nachfragegerechter und preis-
                                                      werter ÖPNV sollte von den Kommunen unterstützt
                                                      werden, um die Belastung der Innenstädte durch
                                                      den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren.
                                                      Dynamische Fahrgastinformationen und neue
                                                      Vertriebssysteme sollten eine weitere Stärkung
                                                      erfahren. Bei einem Umbau der Fahrzeugflotte soll-
                                                      ten die Potenziale der Elektromobilität ausgeschöpft
                                                      werden.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                                45




umweltzonen: Laut Koalitionsvertrag ist bei der        elektromobilität: Die Elektromobilität mit Batterie
Einrichtung von Umweltzonen auf die Wirksamkeit        und Brennstoffzelle sollte als Beitrag zur Minderung
und Verhältnismäßigkeit zu achten. Für die Anord-      von Lärm und Luftverschmutzung gefördert und
nung von Umweltzonen sind die Länder zuständig.        flächendeckend ausgebaut werden. Die Technolo-
Der Bund setzt sich dafür ein, die Ausnahmeregelun-    gien sind für Zweiräder, PKW, Lieferfahrzeuge und
gen für Einfahrverbote bundesweit zu vereinheit-       im ÖPNV (z. B. Hybridbusse) gleichermaßen zu unter-
lichen. Über Erfahrungen mit Umweltzonen wäre          stützen. Bei der Elektromobilität als leiser Techno-
ein länderübergreifender Austausch sinnvoll. Hierbei   logie sind die erhöhten Anforderungen für die Sicher-
ist eine gesamtstädtische Betrachtung nötig,           heit besonders zu gewährleisten. Die Innenstadt
gleichzeitig muss eine mögliche Verkehrsverlage-       eignet sich aufgrund der kurzen Wege und der guten
rung auf andere Stadtteile beachtet werden.            Breitenwirksamkeit (Stichwort Sichtbarkeit) dafür
                                                       besonders gut. Elektromobilität kann auch mit
fachübergreifende lärmaktionsplanung: Die              anderen Maßnahmen, wie dem Angebot von PKW
Lärmaktionsplanung sollte mit der Bebauungspla-        oder Fahrradmietsystemen, kombiniert werden.
nung sowie der Verkehrsentwicklungsplanung einer       Einfache Mietvorgänge und eine tarifliche Integra-
Kommune verzahnt werden. Weiterhin sollte sie          tion in den ÖPNV können das innerstädtische
Anregungen zur Lärmvermeidung und Lärmminde-           Verkehrssystem zusätzlich bereichern. Auch für
rung im regionalen Maßstab geben.                      innerstädtische Liefersysteme oder bei kommunalen
                                                       Anwendungen wie der Müllabfuhr kann Elektromo-
schritte zur lärmminderung: Hierzu gehören             bilität einen positiven Beitrag leisten.
Maßnahmen zur Verkehrsraumgestaltung, Verkehrs-
lenkung und Abschirmung ebenso wie Geschwin-           Güterverkehr und warenlogistiksysteme:
digkeitsregelungen bzw. Verkehrsbeschränkungen         Der Transport von Waren, die nicht zwingend in
für ausgewählte Fahrzeuggruppen wie LKW zu             die Innenstadt müssen, ist durch eine intelligente
sensiblen Zeiten (Nachtfahrverbot) oder eine Ver-      Kooperation von Produktion, Spedition und Einzel-
stetigung des Verkehrs durch grüne Wellen. Die         handel so zu organisieren, dass unnötige Belas-
Bundesregierung setzt im Konjunkturpaket II mit        tungen durch die Anlieferung in den Einkaufszonen
dem Förderzweck Lärmschutz an kommunalen               und den Transport durch die innenstadtnahen
Straßen einen erheblichen Impuls für den innerstäd-    Stadtviertel reduziert werden. Güterverkehrszentren
tischen Lärmschutz. Weiterhin sollte die Forschung     können hier als Sammelpunkte genutzt werden.
zu lärmmindernden Fahrbahnbelägen für innerört-
liche Straßen weiter ausgebaut werden.
46                                  2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




2.6 Innenstadt als Ort von Kultur,
    Baukultur und Stadtleben
Innenstädte und ortskerne sind orte für Identität, Kultur und stadterleben. Die stadtkerne mit
ihren Plätzen, Kirchen und religiösen einrichtungen, Denkmalen, theatern und anderen öffentlichen
einrichtungen und anziehungspunkten sind orte der Identifikation für die Bürgerinnen und Bürger.
Gastronomie, hotellerie und freizeiteinrichtungen beleben die Innenstadt ebenso wie die Besuche-
rinnen und Besucher von besonderen ereignissen wie sport-, Musik- und Kulturveranstaltungen.
Bürgerschaftlich organisierte Kultur- und freizeitangebote erhalten neben den öffentlichen ange-
boten wachsende Bedeutung. zugleich wächst die Bedeutung der Kreativwirtschaft auch für die
innere stadt, denn Künstlerinnen und Künstler sowie andere kreative Gruppen produzieren und
präsentieren vorzugsweise in innerstädtischen lagen. Die Bewahrung und weiterentwicklung wert-
voller stadtbild- und imageprägende substanz von altbauten und Denkmalen in ihrem raumgefüge
und mit einer hohen städtebaulich-architektonischen Qualität ist die voraussetzung für attraktive
Innenstädte der zukunft.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                        47



                                                   Rathaus und Nikolaikirche
                                                   in Stralsund




zentrale trends                                    als Bildungs- und Kulturangebot ebenfalls
In vielen Städten und Gemeinden zeugen wach-       Tradition geworden und stellen entscheidende
sende Besucher- und Tourismuszahlen und            Anziehungspunkte dar. Es ist vor allem die
steigende Aufmerksamkeit für innerstädtische       Innenstadt, die die Häuser für Kunst und Kultur
Entwicklungsprojekte von einem verstärkten         beherbergt. In vielen Städten gelten Kultur-
Interesse der Bürgerinnen und Bürger für diese     projekte als zentraler Baustein einer Revitali-
zentralen Orte. Auch in kultureller Hinsicht       sierungsstrategie für das Stadtzentrum.
sind die Innenstädte besondere Anziehungs-                Attraktive Anziehungspunkte für viele
punkte und Mittelpunkt der Stadt – dies gilt für   Menschen sind heute auch kommerzielle Ein-
Bewohnerinnen und Bewohner ebenso wie              richtungen, wie z. B. die zahlreichen Multiplex-
für Besucherinnen und Besucher. In den Stadt-      kinos sowie Einkaufs- und Unterhaltungszentren,
kernen zeigen sich das Profil und die besondere    die Einzelhandel, Themengastronomie und
Eigenart einer Stadt. Hier ist der historische     Unterhaltungsangebote unter einem Dach ver-
Ursprung der Stadt, hier werden Stadtgeschich-     einigen. Vielfach ungelöst ist jedoch der Um-
te und städtische Gesellschaft erlebbar und hier   gang mit dem durch solche Entwicklungen aus-
drückt sich das bürgerliche Selbstverständnis      gelösten erhöhten Verkehrsaufkommen.
aus. In den Innenstädten befinden sich meist              In enger Verbindung mit dem innerstäd-
charakteristische Bauwerke und Plätze ebenso       tischen Wohnen wächst die Bedeutung bürger-
wie kulturelle Einrichtungen und Orte der          schaftlich organisierter Kultur- und Freizeit-
Unterhaltung und Freizeit.                         angebote. Sie werden beispielsweise getragen
       Historische Stadtkerne sind authentische    von Vereinen für Kunst, Kultur oder Sport,
Orte der lokalen Geschichte und der örtlichen      privat organisierten Musikschulen oder auch
Baukultur. Waren es früher eher überschaubare      von speziellen Einrichtungen für Kinder. Eben-
Kreise der Heimatpflege, so ist heute die Bewah-   falls konzentrieren sich in den Stadtkernen
rung des kulturellen Erbes ein wichtiges ge-       die kommunalen Einrichtungen für Kultur und
samtgesellschaftliches Anliegen. Dies bezieht
den traditionellen auf das einzelne Objekt be-
zogenen Denkmalschutz ebenso ein wie das his-
torische Ensemble im städtebaulichen Kontext.
       In vielen Städten bietet die dynamische
Entwicklung von Kultur- und Freizeitangeboten
– ob öffentlich, kommerziell oder bürgerschaft-
lich organisiert – großes Potenzial für die Zen-
tren. Ein Beispiel sind Museen und Ausstellungs-
häuser. Zumeist öffentlich finanziert und unter-
halten, gelten sie heute als unverzichtbar für
die Attraktivität von Innenstädten. Seit Anfang
der 1990er Jahre hat sich die Zahl der Museen
in Deutschland um ein Drittel erhöht. Aber
auch geöffnete Kirchen, Kirchenkonzerte und
die Nacht der offenen Kirche sind nicht zuletzt
48                                    2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Freizeit – etwa Stadtbüchereien, Theater und        schlussfolgerungen
Schwimmbäder. In vielen Städten sind diese          Die Innenstädte mit ihren öffentlichen Räumen
jedoch mit Problemen der wirtschaftlichen           und Gebäuden sind Orte für Kultur, Integration
Tragfähigkeit konfrontiert. Angesichts knapper      und Erlebnis. Sie sind zugleich Orte bürgerschaft-
Haushalte hat es die „freiwillige“ Aufgabe          lichen Erlebens und Handelns und damit ge-
Kultur besonders schwer.                            sellschaftlich unverzichtbar. Ungeachtet der
       Die zentralen Räume der Innenstadt – ob      zunehmenden Bedeutung des Internets und
Marktplatz, Fußgängerbereich oder Grünan-           der damit verbundenen globalen Vernetzung
lage – werden immer mehr zum „Erlebnisraum          ist die direkte Begegnung am Ort ein unverzicht-
Stadt“. Sehen und gesehen werden gehören            bares Erlebnis. Gerade zur Vielfalt medialer
unabdingbar zur Nutzung des öffentlichen            Angebote und Anreize bildet die gelebte Stadt-
Raums. Märkte, Stadtfeste und Sportveranstal-       mitte eine Alternative. Dabei kommt es darauf
tungen bilden ein regelmäßiges Programm –           an, eine unverwechselbare Identität und orts-
in großen wie in kleinen Städten. Für die           typische Mischung aus Überraschung und
Tourismuswirtschaft bieten Innenstädte ein          Vertrautem, aus Lebendigkeit und Muße, her-
umfassendes Angebot an Attraktionen, seien          zustellen. Aus baukultureller Sicht spielen hier
es Denkmale, historische Stadtkerne, Museen,        Aura und Atmosphäre, ein menschlicher
Restaurants oder kommerzielle Einrichtungen.        Maßstab, Überschaubarkeit und Orientierung
Aufgabe der Stadtplanung ist es, für Qualität       und die Einzigartigkeit und Wiedererkennbar-
zu sorgen und den verschiedenen Ansprüchen          keit des Stadtbilds eine herausragende Rolle.
an den Raum gerecht zu werden.
       Die Kreativwirtschaft ist derzeit eine der
wichtigsten Wachstumsbranchen für viele
Städte. Je nach Region und Stadttyp sind dies
unterschiedliche Bereiche, z. B. Musik, Design,
Film und Handwerk. Dabei ist die wechselseitige
Abhängigkeit von traditionellen Kulturange-
boten, Kreativwirtschaft und Alltagskultur zu
berücksichtigen. Der hohe Anteil von Beschäftig-
ten in kreativen Branchen ist eine große Chance
für die Entwicklung vor allem der Großstädte.
       Derzeit werden die Potenziale der Kreativ-
wirtschaft auch für kleinere Städte untersucht.
Kreative suchen inspirierende, interessante und
vor allem kostengünstige Orte zum Wohnen
und Arbeiten. Sie ziehen weitere Nutzungen
wie Cafés oder originelle Einzelhandelsgeschäfte
nach sich und sorgen so im Umfeld für ein be-
sonderes Flair. Einige Städte fördern gezielt den
Zuzug von Kreativen in den Bereichen Medien,
Design, Musik und verwandten Branchen.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                         49




Der Stellenwert der Innenstadt als Kultur-         zu erhalten und zu stärken. Wichtig sind eindeu-
und Identifikationsort ist weiterhin zu stärken.   tige räumliche Prioritäten sowohl für die Un-
Das baulich-historische Erbe ist dabei zu be-      terhaltung bestehender Kultureinrichtungen
wahren und für moderne Ansprüche weiterzu-         als auch für neue kulturbezogene Investitionen.
entwickeln. Erfolg versprechend ist in diesem      Diese sind nicht nur ein wichtiger Tourismusfak-
Zusammenhang auch die Umnutzung histori-           tor, sondern auch ein zentraler Grund für das
scher Gebäude für Wohnen und Arbeiten, aber        Wohnen in der Innenstadt.
eben auch für künstlerische und sonstige kul-              Die attraktive Gestaltung und Organisation
turelle Aktivitäten.                               des öffentlichen Raumes in den Stadtzentren
       Für viele Städte sind wachsende Besuchs-    gehört zu den originären kommunalen Aufga-
zahlen und auflebender Kulturtourismus eine        ben. Wo Anziehungspunkte fehlen, müssen
große Chance. Aufgabe ist es, eine ausgewogene     sie – insbesondere durch die Einbeziehung von
Mischung zwischen öffentlichen, kommerziel-        Bürgerinnen und Bürgern, Initiativen, Kunst-
len und bürgerschaftlich organisierten Angebo-     und Kulturtreibenden – neu geschaffen oder
ten zu schaffen oder auch kirchliche Angebote      aufgewertet werden. Die Kultur- und Freizeitan-
zu berücksichtigen. Mehr denn je gilt es heute,    gebote sollten ausgewogen gestaltet werden,
neue kreative Partnerschaften zu unterstützen.     um den Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen
Stadt lebt von Mischung; so könnte die öffent-     gerecht zu werden. Doch die Bedürfnisse ändern
liche Bibliothek, das Schwimmbad, das Theater      sich. Sie lassen sich nicht immer in vorausschau-
auch Teil eines innerstädtischen Einkaufszen-      ender Planung berücksichtigen. Vielfältige
trums sein. Nachbarschaften und Partnerschaf-      neue Formen der Mitwirkung sind gefordert. Der
ten dieser Art erweisen sich als förderlich für    Einsatz neuer Medien ermöglicht neue Wege
lebendige Innenstädte.                             der Teilhabe. Kreative Potenziale der Bürgerinnen
       In Städten mit zurückgehenden Bevölke-      und Bürger sind erwünscht und ihre Nutzung
rungszahlen und knappen Haushalten sind die        ist unverzichtbar. Von unschätzbarem Wert ist
Chancen einer kulturell lebendigen Innenstadt      letztlich der leidenschaftliche Diskurs über das
begrenzt. Gerade in schrumpfenden Regionen         Spannungsverhältnis von Bewahren und Weiter-
erhalten die Innenstädte und Ortszentren eine      entwickeln durch eine lebendige Bürgerschaft.
bedeutende Funktion für Bindung, Versorgung
und Erlebnis. Besonders unter schwierigen
Bedingungen sollte versucht werden, möglichst
alle geeigneten Bau- und Nutzungspotenziale
hier anzusiedeln. Dabei ist die Aktivierung und
Unterstützung bürgerschaftlicher Ideen und
lokaler Initiativen von großer Bedeutung, um
die Identifizierung der Bewohner mit dem Ort




Innenstadtfest in Mülheim an der Ruhr
50                             2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte




Bachhaus mit Erweiterungsbau
in Eisenach


                                            Potenzielle Maßnahmen
                                            stadtbaukultur: Städtebauliche Qualitäten sollten
                                            in Gebäuden und im öffentlichen Raum gefördert
                                            werden. Dabei sind regionale und lokale Eigenarten
                                            zu beachten und sogar gezielt hervorzuheben.
                                            Die Maßnahmen im Gebäudebereich reichen von
                                            denkmalgerechter, qualitativ hochwertiger Sanie-
                                            rung bis zur Realisierung moderner Architektur.
                                            Unterstützung bieten dazu die Städtebauförderung,
                                            Qualitätsleitfäden, Projekte guter Praxis und eine
                                            lebendige örtliche Wettbewerbskultur in den Be-
                                            reichen Städtebau und Architektur.


                                            Öffentlicher raum: Der öffentliche Raum muss
                                            für breite Bevölkerungsschichten attraktiv gestaltet
                                            und gehalten werden und für alle Bürgerinnen und
                                            Bürger frei zugänglich sein. Wichtig ist eine offene
                                            Gestaltung, die Aufenthaltsqualität schafft und
                                            Sicherheit ermöglicht. Dabei sollten die Kommunen
                                            mit Gewerbetreibenden und Investoren, nachbar-
                                            schaftlichen und bürgerschaftlichen Initiativen, Stif-
                                            tungen und anderen Akteuren zusammenarbeiten.


                                            Intendanz für den öffentlichen raum: Temporäre
                                            „Bespielungsstrategien“ des öffentlichen Raums
                                            sollten zu Instrumenten der Innenstadtentwicklung
                                            und des Innenstadtmanagements werden. Kommu-
                                            nale „Spielpläne“ in Kooperation mit Museen und
                                            anderen Kultureinrichtungen können die Nutzung
                                            des öffentlichen Raums attraktiver machen und
                                            qualifizieren. Sie können aber auch eine Überforde-
                                            rung und Banalisierung öffentlicher Räume durch
                                            eine übermäßige Festivalisierung und Kommerziali-
                                            sierung städtischen Lebens verhindern helfen. Ei-
                                            gentümerinnen und Eigentümer, öffentliche Träger
                                            und private Investoren sind in die Verantwortung
                                            für einen qualitätsvollen und sicheren öffentlichen
                                            Raum einzubeziehen.
2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte                                                   51




Kommunale einrichtungen und Kultur: Kommu-              Innovative finanzierungsmodelle: Für Kulturpro-
nale Einrichtungen der Daseinsvorsorge und der          jekte, die sich positiv auf die Belebung der Innen-
Kultur sollten gerade vor dem Hintergrund von Alte-     städte auswirken können (z. B. Kleinkunstveranstal-
rung und Bevölkerungsrückgang am Standort Innen-        tungen, lokale und regionale Kulturveranstaltungen)
stadt gestärkt werden. Die Einrichtung von Infra-       sollten durch Länder und Kommunen in geeigneten
strukturangeboten und von kulturellen Anziehungs-       Fällen Fördermittel bereitgestellt werden. Spenden
punkten vorzugsweise in zentral gelegenen, leer         von Stiftungen, Privatpersonen und lokalem Gewer-
stehenden historischen Gebäuden sichert deren           be für Kulturprojekte sollten bei Bedarf nach Möglich-
ökonomische Basis und belebt die Innenstadt. Auf        keit mit öffentlichen Mitteln aufgestockt werden.
diese Weise können Stadtbild prägende Gebäude
erhalten werden. Die Städtebauförderung sollte          stärkung bürgerschaftlichen engagements in
in geeigneten Fällen zur Finanzierung neuer Koope-      foren und Gestaltungsbeiräten: In Gestaltungs-
rationsmodelle genutzt werden.                          beiräten können engagierte Bürgerinnen und Bürger
                                                        ihre Kompetenzen zur Wahrung des kulturellen
Kultur- und Kreativwirtschaft: Beschäftigte aus         Erbes einbringen. Öffentlich geführte Diskurse erwei-
den Kreativbranchen sollten als Partnerinnen und        sen sich als besonders nachhaltig. Moderierte Foren,
Partner einer qualitätsorientierten Innenstadtent-      Versammlungen und Befragungen, Ausstellungen
wicklung aktiviert und ggf. unterstützt werden.         und die laufende Berichterstattung in den lokalen
Leer stehende, auch denkmalgeschützte Gebäude           Medien sind als wichtige Gelegenheiten und hervor-
und Brachen sollten für die Um- und Zwischen-           ragende Chancen noch stärker in der Kommunal-
nutzung durch Kunstschaffende und Kreative              politik zu verankern.
bereitgestellt werden. Hier bietet sich die Durchfüh-
rung von Wettbewerben und Modellprojekten an.           Kreative Beteiligungsverfahren und einsatz
                                                        neuer Medien: Gewandelte und sich ständig
                                                        wandelnde Bedürfnisse und Erwartungen an den
                                                        Stadtraum verlangen nach kreativen Formen zu-
                                                        kunftsweisender Baukultur. Da Baukultur immer
                                                        auch Planungskultur ist, bedarf es experimenteller
                                                        Formen für die Artikulation bürgerschaftlicher
                                                        Willensbildungsprozesse. Der Einsatz neuer Medien
                                                        eröffnet völlig neue Formen der Mitwirkung bei
                                                        stadtentwicklungspolitischen Entscheidungen.
                                                        Durch Auswertung von Fallstudien und durch För-
                                                        derung von Modellvorhaben sind Vorbilder für die
                                                        stadtentwicklungspolitische Praxis zu unterstützen.
52
3
                                  53




     Ausblick:
     Politik für die
Innenstädte und
Ortszentren




Marienplatz und die Mariensäule
in München
54                                       3. ausBlIcK: PolItIK fÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren




Das Weißbuch Innenstadt ist Bestandteil der           1. Öffentliches Baurecht als notwendige
Nationalen Stadtentwicklungspolitik als Ge-           rahmenbedingung für attraktive Innenstädte:
meinschaftsinitiative von Bund, Ländern und           Bereits durch das Gesetz zur Erleichterung von
Gemeinden. Es skizziert aktuelle Trends, welche       Planungsvorhaben für die Innenentwicklung
die Entwicklung unserer Innenstädte und Orts-         der Städte im Jahr 2006 erfolgte eine Orientie-
zentren beeinflussen. Gleichzeitig benennt es         rung der Siedlungsentwicklung auf die vorhan-
mögliche Maßnahmen, die einen Beitrag dazu            denen Orte. Ziel ist die Wiederherstellung und
leisten können, die Mittelpunkte unserer Städte       Sicherung funktionsfähiger urbaner Stadt- und
und Gemeinden auch zukünftig funktionsfähig           Ortszentren. Die aktuell laufende Novellierung
und lebendig zu halten.                               des Baugesetzbuches und der Baunutzungsver-
       Das Weißbuch Innenstadt ist vor allem          ordnung dient unter anderem dem Ziel, die
das Ergebnis eines umfassenden Diskussions-           Innenentwicklung noch weiter zu stärken. Der
prozesses. Das Bundesministerium für Verkehr,         Bund wird in Abstimmung mit den Ländern
Bau und Stadtentwicklung hat bei der Überar-          und kommunalen Spitzenverbänden vor allem
beitung des ursprünglichen Entwurfs die zahl-         folgende Fragen prüfen:
reichen Diskussionsbeiträge einer großen Öffent-
lichkeit berücksichtigt. Die im Weißbuch vor-           Wie kann die im Gesetz bereits geregelte Media-
geschlagenen Maßnahmen richten sich an alle,            tion insbesondere für Investitionsvorhaben in
die Stadtentwicklung gestalten: an den Bund,            den Innenstädten umgesetzt werden? Welche
die Länder und die Kommunen; an Private, Ge-            Praxisbeispiele gelungener Bauleitplanungspro-
werbetreibende, Eigentümer und vor allem an             zesse gibt es bereits, insbesondere im Hinblick
die Bürgerinnen und Bürger. Das Weißbuch ist            auf Öffentlichkeitsbeteiligung und den Einsatz
kein abgeschlossenes Dokument. Es geht jetzt            neuer Medien?
darum, seine Vorschläge in enger Partnerschaft
weiter zu bearbeiten und Maßnahmen umzuset-             Zu welchen Erkenntnissen kommt die wissen-
zen. Hierfür wollen wir die Diskussion gemein-          schaftliche Forschung hinsichtlich einer grund-
sam mit unseren Partnern fortsetzen und weiter          legenden Neuorientierung der Gebietskate-
konkretisieren. Wir wollen eine Plattform für           gorien der Baunutzungsverordnung?
diejenigen bereitstellen, denen die Entwicklung
unserer Stadt-, Orts- und Stadtteilzentren ein
besonderes Anliegen ist.
       Bei der Stärkung der Innenstädte stellt sich
der Bund seiner Verantwortung. Neben der Ini-
tiierung und Moderation des Weißbuch-Prozes-
ses geht es in diesem Zusammenhang vor allem
um die Gestaltung der notwendigen finanziel-
len und rechtlichen Rahmenbedingungen für
die innerstädtische Entwicklung. Bei der Umset-
zung des Weißbuchs wird sich das BMVBS vor
allem auf die folgenden Aufgaben konzentrieren:
3. ausBlIcK: PolItIK fÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren                                                55




2. weiterentwicklung der städtebauförderung            Wie kann die Städtebauförderung auf den ver-
Seit 40 Jahren ist die Städtebauförderung eine         schiedenen Ebenen noch besser mit anderen
feste Größe für die Stadtentwicklung. Sie hat          Förderquellen wie z. B. EU-Strukturfonds, KfW-
sich als Instrument einer „lernenden Politik“ im       Programmen, Wirtschaftsförderung, Arbeitsmarkt-
Laufe der Jahre immer wieder an die neuen              politik oder Bildungspolitik verknüpft und ab-
Herausforderungen in den Städten und Gemein-           gestimmt werden?
den angepasst. Von Anfang an wurde die In-
vestitionsförderung nur gewährt, wenn die je-          Wie können Monitoring und Evaluierung der
weilige Kommune hohen Qualitätsanforderun-             Städtebauförderungsmittel weiter verbessert
gen an das Management von Stadtentwicklung             werden, damit das notwendige Wissen um die
gerecht wird. Integrierte Stadtentwicklungs-           Erfolge und Defizite der Förderung im Sinne
konzepte sind heute das geeignete Instrument,          einer „lernenden Politik“ allen Beteiligten recht-
die verschiedenen Handlungsfelder zu ver-              zeitig zur Verfügung steht?
knüpfen und die Akteure bei der Erstellung von
Konzepten und konkreter Maßnahmen breit              3. fortsetzung des weißbuch-Prozesses
einzubeziehen. Der Bund wird in Abstimmung           im rahmen von Modellvorhaben
mit den Ländern und kommunalen Spitzenver-           Die meisten Erkenntnisse aus dem Weißbuch-
bänden insbesondere folgende Fragen prüfen:          Prozess münden in Empfehlungen an die Städte
                                                     und Gemeinden. Das entspricht der kommu-
  Wie kann die Städtebauförderung noch besser        nalen Selbstverantwortung, denn die Stadtent-
  als bisher auf die Stärkung der Innenstädte und    wicklung ist in erster Linie die Aufgabe der
  Ortszentren und auf die Innenentwicklung der       Kommunalpolitik und der kommunalen Bürger-
  Städte und Gemeinden ausgerichtet werden?          schaft, unterstützt durch die Kommunalverwal-
                                                     tung. Der Bund wird im Rahmen von Modell-
  Wie kann die Rolle und Funktion der integrierten   vorhaben besonders engagierte Kommunen
  Stadtentwicklungskonzepte für die Programme        dabei unterstützen, innovative Konzepte und
  der Städtebauförderung weiter gestärkt werden?     Strategien für ihre Innenstädte oder Ortszentren
                                                     zu entwickeln und umzusetzen. Aus den damit
  Wie können baukulturelle Qualitätsmaßstäbe         gesammelten Erfahrungen sollen Anregungen
  besser als bisher in die Stadtentwicklungskon-     und Empfehlungen für alle Städte und Gemein-
  zepte und die Städtebauförderung integriert        den abgeleitet und breit kommuniziert werden.
  werden?


  Wie können private Akteure in den Städten noch
  besser in die Strategien und Finanzierung der
  Städtebauförderung eingebunden werden?
56                                             3. ausBlIcK: PolItIK fÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren




4. neue Beteiligungskultur für eine erfolgreiche             5. Inhaltliche weiterentwicklung zentraler
stadtentwicklungspolitik                                     themenfelder für die Innenstädte
Engagement und Beteiligung der Wirtschaft,                   Aus dem Weißbuchprozess haben sich nicht zu-
der Vereine, der Kirchen, der Sozialverbände,                letzt folgende Themen zur Stärkung der Innen-
der Stiftungen und anderen sind entscheidende                städte und Ortszentren herauskristallisiert, an
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Stadt-                 denen weitergearbeitet werden muss. Das
entwicklungspolitik. Der Einbindung der Bür-                 BMVBS wird diese Schwerpunkte thematisch
gerinnen und Bürger gilt ein besonderes Au-                  weiterentwickeln und dazu die umfassende De-
genmerk – und zwar ganz besonders für unsere                 batte mit den jeweiligen Partnern und der Öf-
Innenstädte und Ortszentren. Diese sind Orte                 fentlichkeit führen.
der Identifikation, für die sich die Menschen in
hohem Maße interessieren und engagieren. Es                    Baukultur: Neben dem Erhalt des historischen Er-
sind aber auch diejenigen Orte, wo die Nut-                    bes sind aus der Nutzung gefallene bzw. fallende
zungsdichte – und damit oft auch das Konflikt-                 Flächen und Gebäude alter Industrie-, Gewerbe-
potenzial – am größten sind.                                   und Bahnanlagen von höchstem Interesse. Hier
       Stadtentwicklung zu einer Gemeinschafts-                können neue Funktionsangebote im großen
aufgabe weiter zu entwickeln, neue Kooperati-                  Maßstab innerstädtisch verortet werden. Hier fin-
onsformen zu erproben und umzusetzen ist                       den sich die konzentrierten Austragungsorte ei-
deswegen die zentrale Aufgabe der Nationalen                   ner zukunftsfähigen Weiterentwicklung der In-
Stadtentwicklungspolitik. Es geht darum, ge-                   nenstädte. Im gelungenen Zusammenhang von
meinsam mehr Engagement für unsere Städte                      Alt und Neu erhalten die Städte hier ihre neuen
zu mobilisieren. Dafür orientiert sich die Na-                 Akzente und Anziehungspunkte und können pro-
tionale Stadtentwicklungspolitik, aufbauend                    duktiv gemacht werden. Unter Umständen kön-
auf den Ergebnissen der letzten Jahre, auf neue                nen sogar Bausünden der Vergangenheit geheilt
Formate:                                                       werden. Das BMVBS wird mit seinen Partnern sei-
                                                               ne vielstimmige Baukulturdebatte der Qualitäts-
     Der in 2011 ausgelobte Bürgerstiftungspreis zielt         sicherung fortsetzen und den Kommunen in der
     auf das Engagement der Bürgerinnen und Bürger             Stärkung ihrer Kompetenz für Baukultur zur Seite
     für ihre Städte, die vor allem ihre Stadtteile unter-     stehen. Baukultur wird zur Säule der Nationalen
     stützen wollen.                                           Stadtentwicklungspolitik.

     Neue Formate für Information, Ansprache und
     Einbindung einer weiteren Öffentlichkeit werden
     zurzeit ebenso erprobt wie der gezielte Aus-
     tausch mit internationalen Partnern auf diesem
     Themengebiet.


     Weiterhin sind neue Projektformate geplant,
     die auf Beteiligung zielen und innovative Ansätze
     unterstützen.
3. ausBlIcK: PolItIK fÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren                                             57




  Öffentlicher Raum: Der öffentliche Raum mit sei-     6. wissenstransfer durch vernetzung und
  nem Netz von Straßen, Plätzen, Parks und Grün-       gute Beispiele
  flächen bildet das Rückgrat der Stadt. Die Renais-   Die Sicherung des Erfahrungsaustausches zwi-
  sance der Innenstädte für das Wohnen kann nur        schen den Akteuren der Stadtentwicklung ist
  dort erfolgreich sein, wo unterschiedliche Wohn-     eines der wichtigsten Ziele der Nationalen
  angebote mit guten Wohnumfeldangeboten ein-          Stadtentwicklungspolitik. Denn für viele Pro-
  hergehen. Zentrale Zukunftsthemen der Gestal-        bleme gibt es bereits Lösungsansätze. Oft sind
  tung des öffentlichen Raums sind z. B. Sicherheit    diese nicht ausreichend bekannt. Veranstal-
  und Sauberkeit, die behutsame Weiterentwick-         tungen, Publikationen, die Unterstützung von
  lung von Freiräumen, Parks und Gärten und die        innovativen Projekten und die Internetpräsenz
  Organisation der Pflege durch die öffentliche        dienen deswegen zum einen der Vernetzung
  Hand und durch die stärkere Einbeziehung Priva-      der Akteure der Stadtentwicklung und zum an-
  ter. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und        deren der Weiterentwicklung der Förderinstru-
  dem beschleunigten Umstieg auf eine regenera-        mente. Bereits heute stehen zahlreiche Ergeb-
  tive Energieversorgung kommt dem Grün in der         nisse, Erfahrungen und Empfehlungen zur
  Stadt eine neue strategische Rolle zu.               Verfügung. Die Beispiele werden „aus der Praxis
                                                       für die Praxis“ aufbereitet und stehen in vielen
  Energieeffiziente Gebäude, Städte und Gemein-        Internetpräsenzen zur Verfügung, u. a.
  den: Die energetische Sanierung von Bestands-        www.bmvbs.de, www.bbsr.de, www.nationale-
  bauten wie auch der energieeffiziente Neubau         stadtentwicklung.de.
  sind ein entscheidender Beitrag zur Umsetzung
  des Energiekonzepts der Bundesregierung, bis
  2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudebe-
  stand zu verwirklichen. Mit dem CO2-Gebäudesa-
  nierungsprogramm steht dafür ein bewährtes In-
  strument zur Verfügung. Darüber hinaus wird mit
  dem im Energiekonzept vorgesehenen neuen
  Förderprogramm „Energetische Stadtsanierung“
  der Weg vom Gebäude zum Quartier unter Be-
  rücksichtigung baukultureller Qualitäten be-
  schritten.
58




Impressum


herausgeber                                      Bildnachweis
Bundesministerium für Verkehr, Bau               Titel: Marktplatz mit Steipe, Trier (blickwinkel/
und Stadtentwicklung                             McPhoto); BMVBS/Fotograf: Frank Ossenbrink
Invalidenstraße 44                               (S. 4), Zoonar.com/Matthias Hauser (S. 7), Jakob
10115 Berlin                                     Gajdzik – Fotolia.com (S. 8), Aviapictures-Luft-
                                                 aufnahmen/Maik Smolarczyk (S. 10), Stadt
Bearbeitung                                      Gütersloh (S. 13), iStockphoto.com/xyno (S. 14 l. o.),
Bundesministerium für Verkehr, Bau und           Thomas Haertrich / transit (S. 14 l. u.), iStock-
Stadtentwicklung                                 photo.com/kontrast-fotodesign (S. 14 r.), Bild-
                                                 agentur-online/Klein (S. 16), blickwinkel/S. Ziese
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und
                                                 (S. 18); BBSR im BBR (S. 20 o.), Franz Pfluegl –
Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für
                                                 Fotolia.com (S. 20 u.), IMORDE GmbH (S. 23, 44 l.,
Bauwesen und Raumordnung (BBR)
                                                 46), Stadt Lüdenscheid/Rolf Rutzen (S. 24); Caro/
                                                 Eckelt (S. 27 o.), David Ausserhofer/Intro (S. 27 u.),
fachinhaltliche Beratung und Prozessbegleitung
                                                 Jens Gyarmaty (S. 28), Ute Voigt/direktfoto (S. 30),
IMORDE Projekt- & Kulturberatung GmbH,
                                                 Konzept und Bild/VISUM (S. 33), Saba Laudanna/
Münster/Berlin
                                                 sabalaudanna.de (S. 34), Stefan Boness/Ipon
Junker und Kruse Stadtforschung . Planung,       (S. 35), Peter Frischmuth/argus (S. 36/37), iStock-
Dortmund                                         photo.com/olaser (S. 38), Paul Eckenroth/JOKER
                                                 (S. 40/41), iStockphoto.com/ollo (S. 43), Matthias
Grafik und Gestaltung                            Luedecke (S. 44 r.), Bildagentur Huber (S. 47),
Janet Wagner Gestaltung, Berlin                  Mülheimer Stadtmarketing und Tourismus
                                                 GmbH (S. 48), Bachhaus Eisenach/André Nestler
                                                 (S. 50), all-five.de (S. 52)

                                                 nachdruck und vervielfältigung
                                                 Alle Rechte vorbehalten

                                                 Berlin, Bonn 2011
Innenstädte und Ortskerne haben eine Schlüsselfunktion für Stadt und Region. An diesen breiten politischen
und fachlichen Konsens knüpft die Bundesregierung im Koalitionsvertrag mit ihrem Bekenntnis zur Innenent-
wicklung an. Die Stärkung der Innenstädte und Ortszentren ist ein wesentlicher Beitrag zur Innenentwicklung.
        Das vorliegende Weißbuch ist das Ergebnis eines umfassenden öffentlichen Diskussionsprozesses zu
den Innenstädten, der im Oktober 2010 durch eine Initiative des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und
Stadtentwicklung (BMVBS) gestartet wurde. Im Laufe eines halbjährigen Prozesses mit einem Auftaktkongress,
Fachkonferenzen und der Möglichkeit, sich schriftlich zu beteiligten, haben sich zahlreiche Kommunen,
Landkreise, Länder, Kirchen, Kammern, Verbände und Vereine, Wissenschaftler, Firmen und Beratungsbüros,
aber auch viele kleinere Initiativen sowie Bürgerinnen und Bürger zu Wort gemeldet. Sie haben den Diskus-
sionsprozess mit vielfältigen Anregungen, kritischen Anmerkungen und vor allem mit konkreten Handlungs-
vorschlägen bereichert und das Weißbuch um wichtige Aspekte ergänzt.
        Der Diskussionsprozess für die Innenstädte ist ein zentraler Baustein in der Strategie der Nationalen
Stadtentwicklungspolitik mit dem Ziel für die Stadtzentren eine höhere Aufmerksamkeit in Politik und Gesell-
schaft zu gewinnen. Das Weißbuch Innenstadt benennt Schwerpunkte für die innerstädtische Politik, an
denen in den nächsten Jahren weitergearbeitet werden muss. Es richtet sich an alle, die sich für eine integrierte
und nachhaltige, wirtschaftlich tragfähige, sozial ausgewogene und ökologisch orientierte Innenstadtent-
wicklung einsetzen. Damit knüpft das Weißbuch an die „Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“
an, die im Jahr 2007 von den für die Stadtentwicklungspolitik zuständigen Ministerinnen und Ministern aller
EU-Mitgliedsstaaten unterzeichnet wurde. Zugleich versteht sich das Weißbuch als ein Fahrplan für eine
Politik der Zentrenstärkung: für Politik und Verwaltung, Kammern und Verbände, Wissenschaft und Praxis, vor
allem aber auch die Bürgerinnen und Bürger.

weissbuch-innenstadt.pdf

  • 1.
    Weißbuch Innenstadt Starke Zentrenfür unsere Städte und Gemeinden
  • 2.
    Weißbuch Innenstadt Starke Zentrenfür unsere Städte und Gemeinden Berlin, Bonn Juni 2011
  • 3.
    4 Grusswort Die Entwicklung lebendiger Innenstädte und Ortszentren ist zentrales Ziel meiner Stadt- und Raumentwicklungspolitik. Städte und Gemein- den brauchen lebendige Zentren. Dies gilt für unsere Ballungszentren ebenso wie für unsere ländlichen Räume. Angesichts des demografi- schen und strukturellen Wandels bedarf es der gemeinsamen Anstrengung aller Partner, die Innenstädte und Ortszentren zu erhalten und zukunftsfähig weiter zu entwickeln. Aus diesem Grund habe ich im Oktober 2010 einen Entwurf Weißbuch Innenstadt vor- gelegt und zu einem breiten Diskussionsprozess aufgerufen. Alle waren aufgefordert, sich zu be- teiligen und Stellung zu nehmen. Ziel des Weiß- buchs ist es, wesentliche Trends für die Innen- städte fachlich und politisch zu bewerten und möglichst konkrete Handlungsempfehlungen für die nächsten Jahre zu bestimmen. Das jetzt vorliegende Weißbuch Innen- stadt ist das Ergebnis eines umfassenden fachli- chen und politischen Diskurses. An dem Prozess haben sich Kommunen, Landkreise, Länder, Kirchen, Kammern, Verbände und Vereine, Wissenschaftler, Firmen und Beratungsbüros, aber auch viele kleinere Initiativen sowie Bür- gerinnen und Bürger beteiligt. Sie haben die fachpolitische Diskussion mit vielfältigen Anre- gungen und auch kritischen Anmerkungen, mit Ideen und vor allem mit konkreten Hand- lungsvorschlägen bereichert und ein großes Stück nach vorne gebracht.
  • 4.
    Grusswort 5 Der Diskussionsprozess ist ein zentraler Bau- grafischen und wirtschaftlichen Strukturwan- stein in der Strategie der Nationalen Stadtent- del betroffen sind. Unsere ländlichen Räume wicklungspolitik. Mit dem Weißbuch Innen- brauchen starke Klein- und Mittelstädte – stadt bestimmen wir gemeinsam die wichtigs- besonders um die Daseinsvorsorge für die Men- ten Aufgaben der nächsten Jahre. Es richtet sich schen in den jeweiligen Regionen zu sichern. an alle, die sich für eine integrierte und nach- Die Stadt-Umland-Verflechtung spielt eine haltige, wirtschaftlich tragfähige, sozial ausge- besondere Rolle für die Zentrenentwicklung, wogene und ökologisch orientierte Innenstadt- nicht nur in den Metropolregionen. entwicklung einsetzen. Das Weißbuch bündelt Mit dem Weißbuch Innenstadt stärkt der den Stand der politischen und fachlichen De- Bund das Bewusstsein für die Bedeutung leben- batte zu unseren Innenstädten und Ortszentren. diger Innenstädte für unsere Städte und ihr Um- Es deckt ein breites Themenspektrum ab, weil land. Damit möchte ich die Städte und Gemein- unsere Städte und Gemeinden sehr unter- den unterstützen, die bereits die Entwicklung schiedlichen Chancen und Problemen gegen- ihrer Zentren als besondere Aufgabe verstehen. überstehen. Zugleich erhebt es nicht den An- Ich möchte aber auch diejenigen ermuntern, spruch, passgenaue Lösungen für alle zu bieten. die es vorhaben. Ich würde es sehr begrüßen, Nicht alle Vorschläge sind von Kommune zu wenn die intensive Auseinandersetzung mit Kommune übertragbar. Dennoch bietet es eine dem eigenen Zentrum dazu führen würde, dass breite Fülle an Empfehlungen und Orientie- Städte und Gemeinden ihre innerstädtischen rung. Wir wollen den Diskussionsprozess in den Entwicklungskonzepte überarbeiten und aktu- folgenden Jahren fortsetzen und weiter konkre- alisieren oder sogar ihr jeweils eigenes, „Weiß- tisieren. buch Innenstadt“ erarbeiten. Der Bund wird Die Bundesregierung wird heute und in hierbei gerne Unterstützung leisten. den kommenden Jahren ihren Beitrag für die Innenstädte und Ortszentren leisten. Dabei haben wir sowohl die Situation unserer großen und mittleren Städte im Blick als auch die Ent- wicklung der Zentren kleinerer Städte und Gemeinden sowie der Infrastruktur in unseren Dr. Peter Ramsauer, MdB ländlichen Regionen. Größere Städte haben Bundesminister für Verkehr, Bau neben dem Stadtkern oft mehrere Teilzentren, und Stadtentwicklung die wichtige Funktionen für das Alltagsleben der Bürgerinnen und Bürger leisten. Auch diese nehmen wir in den Blick. Weiterhin unterstüt- zen wir gezielt kleinere Städte und Gemeinden, die von unterbliebener Erneuerung, vom demo-
  • 5.
    6 InhaltsverzeIchnIs Grußwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Inhaltsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Kurzfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 1. Starke Städte und Gemeinden brauchen starke Zentren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 2. Zur Situation und zu den Perspektiven der Innenstädte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2.1 Marktplatz Innenstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 2.2 Wirtschaftsraum und Arbeitsort Innenstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.3 Wohn- und Lebensraum Innenstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.4 Innenstadt als Ort der Integration. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 2.5 Mobilität in Innenstädten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 2.6 Innenstadt als Ort von Kultur, Baukultur und Stadtleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 3. Ausblick: Politik für die Innenstädte und Ortszentren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
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    KurzfassunG 7 Weißbuch Innenstadt – Starke Zentren für unsere Städte und Gemeinden „weißbuch Innenstadt“ – Innenstädte als orte des handels ergebnis einer breiten Debatte Traditionell sind Innenstädte Orte des Handels. Das vorliegende Weißbuch Innenstadt ist In der Regel trägt die Vielfalt an Geschäften das Ergebnis eines umfassenden öffentlichen zur Lebendigkeit der Innenstädte und Ortszen- Diskussionsprozesses, der im Oktober 2010 tren bei. Aktuelle Entwicklungen, wie der durch eine Initiative des Bundesministeriums Strukturwandel im Einzelhandel, die Krise der für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Kauf- und Warenhäuser und Trends wie der (BMVBS) gestartet wurde. Im Laufe des halbjäh- zunehmende Verlust inhabergeführter Einzel- rigen Prozesses mit einem Auftaktkongress, handelsgeschäfte gefährden jedoch die Attrak- Fachkonferenzen und der Möglichkeit, sich tivität und den Abwechslungsreichtum in schriftlich zu beteiligen, haben sich zahlreiche den Stadtzentren. Eine der größten aktuellen innerstädtische Akteure zu Wort gemeldet. Herausforderungen für die Stadtentwicklung Kommunen, Landkreise, Länder, Kirchen, ist es, innerstädtische Einkaufszentren in die Kammern, Verbände und Vereine, Wissen- baulich-räumliche Struktur der Städte zu inte- schaftler, Firmen und Beratungsbüros, aber grieren. Ein Lösungsansatz, um Stadtzentren auch viele kleinere Initiativen sowie Bürgerin- als Handelsort zu stärken, könnte zum Beispiel nen und Bürger haben vielfältige Ideen und eine Neuausrichtung der kommunalen Flä- Anregungen, aber auch kritische Anmerkun- chenpolitik sein. Auch Einzelhandelskonzepte gen zum Entwurf des Weißbuches geäußert. auf regionaler Ebene sind erforderlich. Hierzu Sie haben ihn mit konkreten Handlungsvor- kommen innovative Konzepte für eine Umnut- schlägen bereichert und um wichtige zung oder Einbindung großer leer stehender Aspekte ergänzt. Immobilien in die städtische Struktur. Marktplatz in Stuttgart
  • 7.
    8 KurzfassunG Innenstädte als wirtschaftsraum und arbeitsort Innenstädte als wohnorte Die Innenstädte als Arbeitsorte sind durch den Immer mehr Menschen entdecken die Innen- Wandel von der Produktions- zur Dienstleis- städte und Ortszentren als attraktive Wohnorte. tungs- und Informationsgesellschaft starken Sie erwarten hier eine breite Infrastrukturaus- Veränderungen unterworfen. Viele Wirt- stattung und gute Wohnbedingungen. Nach schaftsunternehmen haben in den Stadtteilen jahrzehntelang gegenläufigem Trend verzeich- und verkehrlich gut erschlossenen Stadtrand- nen vor allem einige Großstädte eine Renaissance lagen neue Standorte gegründet. Andererseits des innerstädtischen Wohnens – hauptsächlich kann heute eine gute Adresse in innerstäd- für kleine Haushalte. Familien mit Kindern tischer Lage wieder eine wichtige Rolle für die finden dagegen oft keinen bezahlbaren Wohn- Unternehmenskultur spielen. Die Umnutzung raum in geeigneter Größe und Qualität. Kenn- brach gefallener Gewerbeareale oder leer ste- zeichnend für die Innenstädte ist das enge hender historisch wertvoller Gebäude eröffnet Nebeneinander sehr unterschiedlicher Lagen: zusätzlich neue Perspektiven für die Innenstadt Gute teure Standorte liegen oft in unmittel- als Standort für Unternehmen jeder Größe. Für barer Nachbarschaft zu eher unattraktiven das Handwerk bestehen insbesondere an den Lagen. Einkommensschwächere Haushalte Innenstadtrandlagen Potenziale. Nutzungsmi- nehmen häufig unsanierte Wohnungsbestände schung, die Stärkung der Büronutzung und in Innenstadtrandlagen in Anspruch. Darüber Verlagerung von Standorten der öffentlichen hinaus sind nach wie vor viele Innenstädte, ins- Hand in die Innenstadt können Strategien sein, besondere in den ostdeutschen Ländern, durch die Zentren in ihrer Funktion als Arbeits- und eine hohe Leerstandsquote gekennzeichnet. Wirtschaftsort zu stabilisieren. Kommunale Wohnkonzepte oder innovative Strategien für das Wohnen im Altbaubestand könnten hier Lösungsansätze bieten.
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    KurzfassunG 9 Stachusbrunnen am Karlsplatz in München Innenstädte als orte sozialer und Innenstädte und ortszentren als orte von ethnischer Integration Kultur, Baukultur und stadtleben Neue Lebensstile und Milieus konzentrieren Die Stadtkerne mit ihren kulturellen Anzie- sich häufig in den innerstädtischen Quartieren. hungspunkten, ihren Plätzen, Baudenkmalen Vielfalt stellt zum einen eine Bereicherung dar. und Theatern, aber auch mit ihren Kirchen und Auf der anderen Seite wachsen in den Städten religiösen Einrichtungen sind für Bürgerinnen allgemein und vor allem in den Zentren soziale und Bürger Orte der Identifikation. Gastrono- und ethnische Polarisierungen. Die Bemü- mie, Hotellerie und Freizeiteinrichtungen sowie hungen um Integration und gesellschaftlichen Ereignisse wie Sport-, Musik- und Kulturver- Zusammenhalt werden in der Stadtentwick- anstaltungen beleben die Zentren. Bürgerschaft- lung weiter an Bedeutung gewinnen. Aufgabe lich oder ehrenamtlich organisierte Kultur- und bleibt es, besonders benachteiligte Stadtquar- Freizeitprojekte spielen neben den öffentlichen tiere zu stärken, indem Bildungseinrichtungen und privatwirtschaftlichen Angeboten eine ausgebaut werden und die Wirtschaft in den zunehmend wichtige Rolle. Für die Kreativwirt- Stadtquartieren unterstützt wird. schaft ergeben sich insbesondere in den In- nenstadtrandlagen neue Chancen. Mit mehr Mobilität in Innenstädten kommunalen Einrichtungen von Kultur und Da- Mobilität und gute Erreichbarkeit sind heute seinsvorsorge, Projekten der Baukultur und bedeutende Standortfaktoren für Unternehmen innovativen Finanzierungsmodellen für Kultur- und Haushalte. Viele Innenstädte verzeichnen projekte gewinnen Innenstädte auch als Kultur- deshalb ein wachsendes Verkehrsaufkommen raum an Attraktivität. insbesondere im motorisierten Verkehr mit ent- sprechenden Folgen hinsichtlich Lärm und ausblick: Politik für Innenstädte und Luftschadstoffen. Gleichzeitig ist die Gewähr- ortszentren leistung von Mobilitätsvielfalt für die Stärkung Das BMVBS hat im Weißbuch Innenstadt unter der Innenstädte ausschlaggebend. Ziel ist es Einbeziehung der Diskussionsbeiträge einer deshalb, eine effiziente, sichere sowie sozial- breiten Öffentlichkeit eine breite Fülle an Vor- und umweltverträgliche Mobilität von Menschen schlägen für attraktive und lebendige Innen- und Gütern zu gewährleisten. Dabei sind alle städte formuliert. Die vorgeschlagenen Maß- Mobilitätsformen zu berücksichtigen, auch der nahmen richten sich an den Bund selbst, an die PKW-Verkehr, und durch intelligente Mobili- Länder, die Kommunen, aber z. B. auch an Private tätskonzepte gut aufeinander abzustimmen. und Gewerbetreibende, Eigentümerinnen und Gefragt sind neue Lösungen beim Ausbau einer Eigentümer sowie Bürgerinnen und Bürger. effektiven Nahmobilität zum Beispiel durch Jetzt geht es darum, in enger Partnerschaft an attraktive Fuß- und Radwegenetze und zuver- den Themen weiter zu arbeiten und geeignete lässige und bezahlbare öffentliche Verkehrs- Maßnahmen umzusetzen. Nach wie vor bleiben systeme, aber auch neue Logistikkonzepte für Fragen offen, neue Fragen treten hinzu. Deswe- den zunehmenden Liefer- und Kurierverkehr. gen müssen wir die Diskussion fortsetzen und in manchen Bereichen weiter konkretisieren.
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    1 11 Starke Städte und Gemeinden brauchen starke Zentren Blick von oben auf die Innenstadt der Stadt Lenzen (Elbe)
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    12 1. starKe stäDte unD GeMeInDen Brauchen starKe zentren Die Innenstadt ist ein einzigartiger und unver- aktiv in den Prozess der Weiterentwicklung der wechselbarer Identifikationsort für die gesamte Stadtkerne einzubinden und ihre Interessen, Bürgerschaft. In den Innenstädten ist die deut- Anliegen, Ideen und Empfindungen ernst zu sche und europäische (Stadt-)Geschichte erleb- nehmen. Über die bestehenden Verfahren hin- bar. Hier liegen die historischen Ursprünge, aus gilt es, neue geeignete Möglichkeiten der häufig befinden sich hier die bedeutsamen Denk- Mitwirkung zu finden. male und Bürgerhäuser. Das gleichermaßen Innenstädte und Ortszentren haben eine erlebbare Engagement für gut erhaltene Stadt- tragende wirtschaftliche Bedeutung für Städte kerne in Groß-, Mittel und Kleinstädten ist ein und Regionen. Innenstadt ist häufig auch öko- Beleg dafür, dass dieses Kulturgut lebendig bleibt. nomisch der zentrale „Standort“, sowohl in Im Ortskern stehen Rathaus, Kirche und großen als auch in kleinen Städten. In den Innen- kulturelle Einrichtungen. Hier laden öffentliche städten der größeren Städte finden sich oft die Plätze zum Begegnen und Treffen ein, hier Hauptverwaltungen großer Unternehmen, feiert die Bürgerschaft ihre Feste. Die Stadtmitte Behörden und Universitäten. Vitale und baulich ist Bühne, Laufsteg und Schaufenster. Vielfäl- ansprechende Innenstädte werden ein immer tige Gastronomie und lokale Geschäftswelt wichtigerer Standortfaktor. Hochqualifizierte laden die Stadtbevölkerung ein, „in die Stadt“ Arbeitskräfte verlangen nach guten Wohnun- zu gehen. In den Zentren kristallisiert sich gen, zuverlässiger Infrastruktur und vielfältigen Heimat, dorthin führen die Bürgerinnen und Kulturangeboten. Sie wollen ein lebendiges Bürger ihren Besuch zuerst. Sie sind die Visiten- Umfeld mit eigenem, möglichst unverwechsel- karten der Stadt und stehen für das Profil von barem Charakter. Das bieten nur solche Städte Stadt und Region. und Gemeinden, die ihre Innenstädte pflegen Die Innenstädte erfreuen sich starker und entwickeln. bürgerschaftlicher Aufmerksamkeit. Das zeigt Innenstädte stellen heute beachtliche sich unter anderem im wachsenden Interesse ökonomische Werte dar, die es zu bewahren an städtebaulichen Projekten. Der drohende gilt. Über Jahrhunderte haben private und öf- Abriss eines prominenten Gebäudes, die Neu- fentliche Hand umfangreiche Investitionen bebauung einer innerstädtischen Brache, aber in Gebäude und in die private und öffentliche auch die Umgestaltung eines Marktplatzes Infrastruktur getätigt. Sie haben damit eine erzeugen öffentliche Diskussionen – die nicht beachtliche baukulturelle Qualität und eine selten leidenschaftlich geführt werden. Immer sehr leistungsfähige Infrastruktur geschaffen. mehr Bürgerinnen und Bürger engagieren sich Diese Investitionen sind in Gefahr, wenn die ehrenamtlich für ihre Stadt. Engagement ist Innenstädte ihre wirtschaftliche Basis verlieren. der Motor für zukunftsfähige Innenstädte. Wie Angesichts einer zwingend erforderlichen in der Vergangenheit sind auch heute eine Haushaltskonsolidierung stellt sich die Frage starke Selbstverantwortung und bürgerschaft- nach einer höheren Effizienz öffentlicher Infra- liches Engagement Ausgangspunkt und Erfolgs- strukturausgaben und Förderpolitik noch kriterium der Innenstadtentwicklung. Für die Stadtentwicklungsplanung bedeutet dies, Bür- gerschaft, private Eigentümerinnen und Eigen- tümer sowie lokales Gewerbe und Investoren
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    1. starKe stäDteunD GeMeInDen Brauchen starKe zentren 13 Königstraße in Gütersloh mit Blick auf die Martin Luther Kirche nachdrücklicher. Das gilt für die Bundesebene, aber auch für Länder und Kommunen. Umso wichtiger wird es, die knappen öffentlichen Mittel dorthin zu lenken, wo sie den größten gesellschaftlichen Nutzen bringen. Wichtiges Merkmal und Gradmesser für die Qualität der Innenstadt und des Ortszent- rums ist der öffentliche Raum mit seinem Netz von Straßen, Plätzen, Parks und Grünflächen. Er ermöglicht urbanes Leben und hohe Lebens- und Aufenthaltsqualität. Das baukulturelle Erbe zeugt von diesem dauerhaften Anspruch. Hier liegen unmittelbare Gestaltungs- und Ein- griffsmöglichkeiten. Der öffentliche Raum bildet auch zukünftig das Rückgrat der Stadt, baukulturelle Ansprüche machen sich entschei- dend hieran fest. Auch weiterhin sind von Bund, Ländern und Kommunen hohe Qualitätsstan- dards anzulegen, wenn die Städte und Gemein- den zukunftsfähig gestaltet sein sollen. Der Zeitpunkt, mehr für die Innenstädte Vor dem Hintergrund steigender Kosten für zu tun, ist günstig. Die Innenstadt wird vieler- Energie und Mobilität wird die Attraktivität von orts als bevorzugter Wohnort wieder entdeckt. Innenstädten langfristig steigen. Allerdings Durch den Strukturwandel entstandene große wirken sich die zu erwartenden klimatischen Brachflächen in der Innenstadt bieten die Chan- Veränderungen gerade in den Innenstädten ce, hier Neues zu entwickeln. Die in Stadtkernen mit ihrer baulichen Dichte aus (z. B. lokale Hitze- häufig gute infrastrukturelle Versorgung und inseln, Hochwasserereignisse). Hier besteht die Nähe zu Dienstleistungs-, Handels- und sowohl großes Potenzial als auch eine Zukunfts- Handwerksangeboten machen das Wohnen in aufgabe, die Innenstadt durch bauliche Anpas- der Innenstadt zusätzlich attraktiv. Diese Vor- sungen und eine integrierte Freiraum- und teile ziehen junge Leute an, aber auch Ältere Grünplanung attraktiv und zukunftsfähig wei- schätzen zunehmend die wohnungsnahen terzuentwickeln. Innovative Verkehrstechnolo- Angebote. Die „Stadt der kurzen Wege“ ist ein gien wie die Elektromobilität und die Weiter- Ideal für alle Bevölkerungsgruppen. entwicklung des ÖPNV bieten große Chancen, innerstädtische Mobilität leise, sauber und klimafreundlich zu gestalten.
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    14 1. starKe stäDte unD GeMeInDen Brauchen starKe zentren regionalen Lage sehr unterschiedliche Entwick- lungsvoraussetzungen haben, sind individuelle Lösungen zu finden. Regionale Verflechtungen spielen für Städte als Gesamtstadt, aber auch für die Ent- wicklung der Innenstädte eine immer stärkere Demografische Prozesse wie Bevölkerungsrück- Rolle. Städte und ihr Umland brauchen einan- gang, Alterung und Migration stellen zusam- der. Die Stärkung der Zentren in kleineren men mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel Städten ist eine ganz besondere Aufgabe. In auch die Innenstädte vor große Herausforde- dünn besiedelten Regionen mit sinkender rungen. Manche Zentren sind mehr durch leer Bevölkerungsdichte übernehmen die Zentren stehende Wohnungen und Ladenzeilen ge- von Klein- und Mittelstädten Funktionen als prägt denn durch Lebendigkeit. Entspannte Ankerpunkte der Daseinsvorsorge. Hier müssen Wohnungsmärkte auf der einen, Verdrän- starke Zentren mit leistungsfähiger öffentlicher gungstendenzen aufgrund hoher Mieten auf und privater Infrastruktur Mittelpunktfunktio- der anderen Seite stellen die Kommunen vor nen für die gesamte Region übernehmen. schwierige Steuerungsaufgaben. Mitunter besteht eine besondere Herausforderung gerade in der unmittelbaren Nachbarschaft von Wachstum und Schrumpfung. Da die Städte und Gemeinden aufgrund ihrer Größe und Innenstädte in Deutschland: Meersburg, Lübeck und Frankfurt
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    15 Zum Begriff „Innenstadt“ Esgibt keine allgemeingültige, bundesweit verbind- Gleichwohl gibt es vielfältige Gemeinsamkeiten, liche Definition von „Innenstadt“. Was als Innen- die als allgemeingültige Kriterien für das gelten stadt verstanden wird, ist abhängig von örtlichen können, was Innenstadt als Kern der Gesamtstadt Gegebenheiten, von sehr unterschiedlichen fach- ausmacht: hohe bauliche und soziale Dichte, Nut- lichen Sichtweisen und vielfältigen Erwartungen zungsmischung, hohe Konzentration von Geschäf- der Städterinnen und Städter. ten aller Art und Büros diverser Branchen, zentrale In der Fachwelt reicht das Spektrum von dem Versorgungsfunktionen und räumlich-funktionale engeren Begriff der Innenstadt als „Stadtzentrum“ Zentralität. Meist sind außerdem die Allgegenwart oder „City“ mit „Cityrand“ bis hin zu dem weiter des örtlichen baukulturellen Erbes, Stadtbild prä- gefassten Begriff der „inneren Stadt“, also dem gende und Identität stiftende Bauwerke und Plätze Zentrum einschließlich der Innenstadtrandgebiete.1 kennzeichnend. Die ortstypische „Wirklichkeit“ In vielen Städten ist der Bereich der Innenstadt im der Innenstadt erwächst auch aus dem konkreten engeren Sinne deckungsgleich mit dem Gebiet des baulichen Wechselverhältnis von Geschichte und historischen Stadtkerns; hier dominiert der Handel. Gegenwart, aus der lebendigen Nachbarschaft von Im weiteren Sinne gehören aber auch die Innen- Vertrautem und Neuem, aus der Konfrontation von stadtrandgebiete zur Innenstadt; hier dominiert das Gewohntem und Fremdem. Nebenzentren bzw. Wohnen, zumeist in Gebäuden aus Vorkriegszeiten. Ortsteilzentren vereinigen häufig einen Teil der ge- Dieses idealtypische Bild von Stadt mit nannten Funktionen der Innenstadt auf sich, im „City“, „Cityrand“, Innenstadtrand und Stadtrand Wesentlichen haben sie zentrale Versorgungsfunk- wird in vielen Städten überlagert durch ein polyzen- tionen für die hier lebenden Menschen. trisches System von mehreren Zentren, die vor Innenstädte sind vielfältig in ihrer Funktion, Gebietsreformen historisch gewachsene Kerne verschieden in ihrer Dimension, individuell in ihrer eigenständiger Gemeinden waren. Gleichwohl hat Geschichte und speziell in ihrer Eigenart. Pauscha- sich fast überall ein Identität stiftender Stadtkern lisierungen und Durchschnittswerte verführen herausgebildet. In der Regel markieren zentrale zu Fehlschlüssen. So liegt z. B. der Anteil der Innen- Plätze oder prominente Bauwerke die Stadt- oder stadtbevölkerung an allen Stadtbewohnern zwischen Ortsmitte. Schwierig ist hingegen die Abgrenzung 4 und 44 Prozent, während sich der Flächenanteil zum Rand. Während der Stadtrand durch adminis- zwischen 1 und 16 Prozent und der Anteil der Woh- trative Grenzen politisch deutlich definiert ist, geben nungen in der Innenstadt zwischen 4 und 47 Prozent die innerstädtischen statistischen Bezirke großer bewegt 2. In jedem Einzelfall muss also offengelegt Städte nicht immer die funktionalen Zusammen- werden, welcher Innenstadtbegriff zu Grunde hänge wieder. In kleineren Städten wird meist nur gelegt wird. von „Innenstadt“ oder vom „Zentrum“ gesprochen. Im Weißbuch ist das Kapitel „Wohnen“ eher Immer muss auch das Wechselverhältnis der Innen- durch einen weiten Begriff von Innenstadt geprägt, stadt zu Stadt- und Ortsteilen, zum Umland und die Kapitel „Handel“ und „Arbeit“ hingegen eher zur Region betrachtet werden. durch einen engen. Bei „Mobilität“, „Integration“ und „Kultur“ stehen beide räumlichen Dimensionen in einem besonderen funktionalen Wechselverhältnis. 1 Definitionen der laufenden Raumbeobachtung des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) 2 BBSR: Daten aus der laufenden Raumbeobachtung
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    2 17 Zur Situation und zu den Perspektiven der Innenstädte Ein Teil der Leipziger Innenstadt – Blick vom City-Hochhaus
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    18 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 2.1 Marktplatz Innenstadt Innenstädte sind traditionell orte des handels. eine vielfalt an Geschäften trägt zur lebendigkeit der zentren bei. Dabei ist das Beständigste am handel der wandel. Der strukturwandel im einzel- handel drückt sich in einer starken unternehmens- und umsatzkonzentration sowie einer enormen flächenexpansion aus. Der handel ist und bleibt die leitfunktion für die Innenstadt, seine Dynamik ist deshalb auch maßgeblich für die vielen strukturellen änderungen in der Innenstadt. Die Krise der Kauf- und warenhäuser macht den zusammenhang zwischen Innenstadt, einzelhandel und stadtentwicklung deutlich. veränderte ökonomische rahmenbedingungen und ein zu großes flächen- angebot im städtischen umland gefährden den innerstädtischen einzelhandel und damit die öko- nomische Grundlage der zentren. für die Innenstadt wirkt sich positiv aus, dass sie stärker als in ver- gangenen Jahrzehnten wieder als Investitionsstandort gesehen wird. Diese entwicklungen stehen in enger wechselbeziehung zum Käuferverhalten.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 19 zentrale trends Nebenstraßen) aufweist. In den wachsenden Der Strukturwandel im Einzelhandel, zurück- Regionen haben sich die 1a- und 1b-Lagen stärker gehende Umsatzrenditen pro Verkaufsflächen- voneinander abgekoppelt als in den übrigen einheit und ein allgemein zu großes Flächen- Teilen Deutschlands. In vielen strukturschwa- angebot wirken sich auf die Struktur der Innen- chen Regionen in West- und Ostdeutschland stadt und der Orts- und Nebenzentren aus. Bei unterliegen dagegen selbst die 1a-Mieten eher dem vorhandenen Flächenangebot führt weite- negativen Tendenzen. In den Nebenlagen res Flächenwachstum zwangsläufig zur Verän- finden sich häufig unattraktive Gewerbeleer- derung bestehender Strukturen. Pro Kopf hat stände, die sich wiederum auf das Image und Deutschland etwa die Hälfte mehr Verkaufs- die Mieten auswirken. Auch in den kleinen und fläche als z. B. England, Frankreich oder Italien 3. mittelgroßen Städten stehen vermehrt bisher Zum einen besteht nach wie vor ein großes inhabergeführte Fachgeschäfte leer. Flächenangebot auf der Grünen Wiese. Zum Vor allem in den 1a-Lagen folgen häufig anderen ist seit Mitte der 1990er Jahre das Flä- traditionellen mittelständischen Fachgeschäften chenangebot in der Innenstadt durch die Neu- sogenannte Franchiser und Einzelhandels- ansiedlung innerstädtischer Einkaufszentren ketten mit höheren Flächenumsätzen. Die Ge- kontinuierlich angewachsen. In Verbindung schäftsketten mit ihren standardisierten Sorti- mit allgemein sinkenden Umsätzen im Einzel- menten sind bei vielen Menschen, insbesondere handel ist die Flächenproduktivität auch in Jugendlichen, sehr beliebt. Sie bewirken jedoch der Innenstadt rückläufig. in ihrer immer gleichen Anordnung und Wie- Der Internethandel schafft zusätzliche Kon- derholung eine gewisse Gleichförmigkeit und kurrenz zum Einkauf in der Innenstadt, z. B. bei Austauschbarkeit in den Innenstädten, die bis Bekleidung und Unterhaltungselektronik oder zur Banalisierung der Orte führen kann. Der -medien. Hier werden inzwischen doppelt so Filialisierungsgrad in den 1a-Lagen in deutschen hohe Umsätze erzielt wie in Kauf- und Warenhäu- Städten bewegt sich im Durchschnitt um 50 %. sern. Der Erlebniskauf wird für Innenstädte des- Die Tendenz ist insbesondere in den Mittel- halb zunehmend bedeutend. Nur wenn die Ein- städten steigend. kaufsatmosphäre insgesamt stimmt, laufen die Auch der Verlust von Kauf- und Waren- Geschäfte gut. Obwohl in vielen Städten ein deut- häusern stellt die Zentren vor große Aufgaben. lich positiver Wandel dieser Atmosphäre erkenn- Besonders Klein- und Mittelstädte sind stark bar ist, ist die Attraktivität und Aufenthaltsqualität betroffen, wenn das einzige Kaufhaus als Anker- vielerorts noch mit hohen Mängeln behaftet. punkt der Innenstadt geschlossen wird. Eine Die Trends forcieren eine fortschreitende Mehrheit der Kommunen, die von der Schlie- Polarisierung von Einkaufslagen. Die Zentren- ßung von Warenhäusern betroffen waren, ver- struktur differenziert sich zunehmend in 1a- zeichnet einen Imageverlust der betroffenen und 1b-Lagen – bester Indikator dafür sind die Einzelhandelslage sowie einen Bedeutungsver- Mietpreise. Die stark frequentierten 1a-Lagen lust des Zentrums als Ganzem. (Haupteinkaufsstraßen) haben ein überdurch- schnittlich hohes Mietniveau, das oft ein Vier- 3 Alle zitierten Daten im Dokument stammen aus dem bis Fünffaches der 1b-Lagen (angrenzende Datenbestand des BBSR, sofern keine anderen Quellen angegeben wurden.
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    20 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Eine aktuelle Herausforderung für die Stadt- entwicklung ist die wachsende Anzahl inner- städtischer Einkaufszentren. Insgesamt sind heute über 400 Einkaufszentren in Betrieb, davon ein Drittel innerstädtisch, weitere 80 – meist innerstädtisch – befinden sich in Planung. Für jedes dritte bestehende innerstädtische Centrum Galerie in Dresden Einkaufszentrum besteht Revitalisierungsbe- darf. Grundsätzlich kann eine Neueröffnung zur Stärkung der Zentren beitragen. Gleichwohl müssen mögliche negative Auswirkungen auf Erscheinungsbild, Einzelhandelstruktur, Mieten und Umsätze in angrenzenden Geschäftsstra- ßen und Fußgängerzonen sehr genau bedacht werden. Vor allem Standorte an Innenstadt- randlagen bedürfen einer besonderen Abwä- gung hinsichtlich städtebaulicher Effekte. Weil es sich meist um große nach außen geschlos- sene Baukörper handelt, ist ihre baukulturelle und stadtstrukturelle Verträglichkeit und ihre Einbindung in die umgebende Stadtstruktur besonders wichtig und schwierig zugleich. Die Städte tun gut daran, im Rahmen ihrer Möglich- keiten auf die Gestaltung innerstädtischer Ein- kaufszentren Einfluss zu nehmen und ihre dies- bezüglichen Handlungsspielräume zu nutzen.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 21 schlussfolgerungen 2. Gleichermaßen geht es für die Städte darum, Zentrale Aufgabe für eine integrierte Stadtent- Kooperationen zwischen den wichtigen Be- wicklungspolitik ist es, ein ökonomisch trag- teiligten zu schmieden. Das sind neben dem fähiges und vielfältiges Einzelhandelsangebot Einzelhandel und dessen Organisationen so- in der Innenstadt zu sichern und – wo möglich – wohl Politik und Verwaltung als auch bürger- zu stärken. Dies kann nur eine gemeinsame schaftliche Organisationen, vor allem aber Aufgabe der Kommunen in Zusammenarbeit die Immobilienbesitzerinnen und -besitzer. mit dem Einzelhandel sein. Erfolgreiche Einzel- handelskonzepte für die Innenstädte zielen auf 3. Im engeren stadtplanerischen Handlungs- eine Angebots- und Erlebnisvielfalt, die durch rahmen geht es vor allem um die Konkretisie- einen gesunden Mix aus „angesagten“ großen rung von Handlungsoptionen. Ein funktio- Magneten als Frequenzbringern und individu- nierender Einzelhandel verlangt ein städte- ellen, inhabergeführten Läden als Angebots- baulich ansprechendes Konzept für den bereicherung geprägt sind. Gefordert sind privaten und für den öffentlichen Raum. zudem neue Service-Konzepte wie z. B. Liefer- Attraktive kulturelle und gastronomische dienste und passende Angebotsformen für alle Angebote spielen hier eine besondere Rolle. Altersstufen und Bevölkerungsgruppen. Und: Aus Sicht des Einzelhandels bedarf es Je nach Stadttyp bzw. -größe sind dabei einer leistungsfähigen verkehrlichen Er- unterschiedliche Standards anzusetzen. Die schließung des Standortes Innenstadt (fließen- Innenstädte werden sich darauf einstellen müs- der und ruhender Verkehr). Dies ist planerisch sen, dass sich der Wandel in den Betriebsfor- sicherzustellen, sowohl für den PKW- und men fortsetzen wird. Um die Angebotsvielfalt Lieferverkehr als auch für andere Verkehrs- zu sichern oder aufzubauen, ergeben sich vor arten (ÖPNV, Radverkehr, Fußverkehr). allem drei Aktionsfelder: Eine ausreichende Nahversorgung in den Innenstädten ist ein wichtiger Eckpunkt 1. Es sind Rahmenbedingungen für einen zur Stärkung des innerstädtischen Wohnens. attraktiven Betriebsformenmix zu schaffen. Bei der Integration von Lebensmittelmärk- Wichtige Aufgabe dabei ist, die Integration ten in die kleinteilige innerstädtische Struk- innerstädtischer Einkaufszentren in Bezug tur ergeben sich jedoch häufig Konflikte, auf ihre Lage, ihre bauliche Gestalt, ihre weil die Betreiber hohe Flächenangebote Größe und die Öffnung zum öffentlichen und Parkplätze wünschen. Hierfür müssen Raum erkennbar zu verbessern. Gleichzeitig jeweils individuelle Lösungen gefunden muss es darum gehen, den kleinteiligen werden. Das gilt besonders in mittleren und inhabergeführten Einzelhandel zu stärken kleineren Städten. und Konzepte für leer gefallene Kauf- und Warenhäuser zu entwickeln. Dabei ist ins- besondere auch auf eine Bereitstellung von Nahversorgungseinrichtungen zu achten.
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    22 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Potenzielle Maßnahmen Innerstädtische entwicklungskonzepte: Insbe- neuausrichtung der kommunalen flächen- sondere in größeren Städten sind innerstädtische politik: Die Kommunen sollten bei der Steuerung Entwicklungskonzepte unverzichtbar, um Maßnah- der Ansiedlung von großflächigen Einzelhandels- men zur Stärkung der Innenstadt räumlich, zeitlich betrieben deren Auswirkungen auf zentrale Versor- und inhaltlich aufeinander abzustimmen. Die gungsbereiche noch stärker beachten. Sie müssen Städte und Gemeinden sollten diese Konzepte re- bei dieser schwierigen Aufgabe durch eine konse- gelmäßig evaluieren und fortschreiben. Die Städte- quente Landes- und Regionalplanung unterstützt bauförderung sollte in geeigneten Fällen zur Er- werden. Die in mehreren Ländern getroffenen arbeitung solcher Konzepte genutzt werden. Regelungen sind richtungsweisend: Städte, die zu Lasten ihrer Zentren und ihrer Nachbargemeinden Konzepte für die nebengeschäftslagen: Städte Flächen auf der Grünen Wiese ausweisen, sollten müssen aktiv die Aufgabe wahrnehmen, attraktive von der auf die Innenentwicklung ausgerichteten Innenstadtlagen durch Bebauungspläne, Gestal- Städtebauförderung ausgeschlossen werden. Bei tungssatzungen und städtebauliche Aufwertungen der Ausweisung von Flächen sollte die interkom- sicherzustellen. Weiterhin können begleitende munale und länderübergreifende Zusammenarbeit Liegenschaftspolitik und Beratung z. B. durch die gestärkt werden. Wirtschaftsförderung den Prozess unterstützen. Die Potenziale der 1b-Lagen sind in vielen Innen- regionale einzelhandelskonzepte: Die vielerorts städten bisher zu wenig erschlossen. Aufgrund ge- vorhandenen Konzepte sollten – wo erforderlich – ringerer Mieten bestehen hier besondere Chancen qualifiziert, regional abgestimmt und konsequent durch eine abwechslungsreiche Mischung aus umgesetzt und auch bei Förderentscheidungen inhabergeführtem Einzelhandel, Gastronomie und berücksichtigt werden. Bund und Länder sollten die Kultur. Das kann unterstützt werden durch die Aufstellung und Fortschreibung der Konzepte in Städtebauförderung, Stadtmarketing, „Business geeigneten Fällen fördern. Beispiele guter Praxis Improvement Districts“ (BID) oder andere private könnten ausgezeichnet werden. Es gilt, die Qualität Initiativen und Verfügungsfonds. derartiger Konzepte bzw. der dazu einzubringen- den (Einzelhandels-)Gutachten zu sichern. Der Bund revitalisierung innerstädtischer flächen: Zur ist bereit, in Zusammenarbeit mit den Ländern Förderung der Innenentwicklung und Reduzierung einen Leitfaden zu entwickeln. des Flächenverbrauchs sollte sich die Stadtent- wicklung auf den städtebaulichen Bestand konzent- rieren. Dies kommt auch der Innenstadt zugute. Hierzu sind Flächenmanagement sowie aktive und partizipative Baulandstrategien zu aktivieren. Für die Revitalisierung innerstädtischer Brachflächen für Wohnen und Gewerbe kann in geeigneten Fällen die Städtebauförderung genutzt werden.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 23 Wochenmarkt vor dem historischen Rathaus der Stadt Bocholt umnutzung leer stehender Großimmobilien in der Innenstadt: Für große leer stehende Kaufhäu- ser, aber auch andere große stadtentwicklungs- relevante Immobilien wie z. B. leer stehende Post-, Bahn- und andere zentral gelegene Gebäude sind vielfach neue Nutzungen zu finden. Diese sind konzeptionell in die künftige Innenstadtentwick- lung einzubetten. Bei der Entwicklung von Strategien und der Umsetzung sollten Bund und Länder den Kommunen Unterstützung leisten. nutzungsmischung und kleine Grundstücke: Kommunen sollten die Möglichkeiten des Baurechts regionale und lokale netzwerke: Stadtentwick- zur Erhaltung und Stärkung kleinteiliger Nutzungs- lung wird wesentlich durch Eigentümerinnen und mischung voll ausschöpfen. Nicht jedes Groß- Eigentümer von Grundstücken und Immobilien projekt, das Attraktivitätssteigerung und Arbeits- sowie von Gewerbetreibenden mitbestimmt. In plätze verspricht, ist auch richtig dimensioniert. einer verbesserten Koordination und Kooperation Die Entscheidungsträgerinnen und -träger sollten der privaten Interessen liegen noch erhebliche durch Auswertung vorbildlicher Beispiele guter Potenziale. Regionale und lokale Kooperationen, Praxis unterstützt werden. wie z. B. Eigentümerstandortgemeinschaften, sollten inhaltlich und in Bezug auf rechtliche Rege- ausbau der nahversorgung: Kommunen sollten lungen weiterentwickelt und in geeigneten Fällen gerade zur Stärkung des innerstädtischen Wohnens aus der Städtebauförderung unterstützt werden. gemeinsam mit den entsprechenden Akteuren darauf hinwirken, in den Zentren eine ausreichende umnutzung und stadtstrukturelle einbindung Nahversorgung sicherzustellen. Dies hat insbeson- großer (handels-)Immobilien: Für den Neu- und dere Bedeutung für ältere Bewohnerinnen und Umbau bzw. eine gelungene städtebauliche In- Bewohner und für Familien. In diesem Zusammen- tegration innerstädtischer Einkaufszentren ist eine hang bieten z. B. Wochenmärkte nicht nur die Dokumentation guter Beispiele hilfreich, an der sich Möglichkeit zentrale Plätze in Städten und Ortszen- Projektentwicklung und Kommunen orientieren tren aufzuwerten. Sie sind ein wesentlicher Beitrag können. Vorbildliche Projekte guter Praxis könnten für lebendige Innenstädte, stärken regionale Kreis- in einem Bundeswettbewerb ausgezeichnet werden. läufe und die Verflechtung der Städte mit ihrem Umland.
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    24 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 2.2 Wirtschaftsraum und Arbeitsort Innenstadt Innenstädte waren immer schon stätten der arbeit. historische straßennamen wie Gerbergasse, Kannegießergasse oder Bäckergasse belegen dies noch heute. handel fand auf den städtischen Plätzen statt, in den häusern wurde gearbeitet und gewohnt. früher gab es häufig eine engere verknüpfung von arbeiten und wohnen, nicht nur in derselben straße, sondern auch im gleichen Gebäude. heute existiert kaum noch produzierendes Gewerbe oder handwerk in innerstädtischen lagen. Die urbane arbeitswelt hat sich gewandelt und dies bildet sich auch in der Innenstadt ab. es dominieren Dienstleistungen in Bürogebäuden – öffentliche und die von großen unternehmen – sowie in kleinen Praxen, Büros und Kanzleien.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 25 zentrale trends schlussfolgerungen Grundsätzlich können sich in innerstädtischen Eine Stadt der kurzen Wege ist durch ein räum- Lagen günstigere Nutzungskombinationen liches Nebeneinander von Wohnen, Einkaufen, ergeben, indem im Erdgeschoss Einzelhandels- Freizeit und durch Wirtschaft und Arbeit ge- geschäfte und in den oberen Etagen Büros oder prägt. Dies gilt es wieder zu verstärken, denn Wohnungen untergebracht werden. Die Sub- Arbeitsplätze sind Frequenzbringer. Das Hand- urbanisierung der letzten Jahrzehnte betraf werk trägt ebenso wie der Einzelhandel und die aber nicht nur den Wohnungsbau. Auch viele Gastronomie zur Lebendigkeit der Innenstädte Wirtschaftsunternehmen haben in den Stadt- und der Nebenzentren bei. Für produzierendes teilen und auch an verkehrlich gut erschlosse- Gewerbe sind insbesondere in den Innenstadt- nen Stadtrandlagen neue Standorte gegründet randlagen geeignete Flächen vorzuhalten und und konnten so ihre Erweiterung räumlich eine Verdrängung durch Wohn- und Einkaufs- organisieren. Seit Jahren melden einerseits viele nutzung zu vermeiden. Städte Leerstände im Bürosektor und streben Die Büronutzung erweist sich meist als anderseits Dienstleistungsunternehmen ver- gut geeignet für verdichtete Standorte, da sie für mehrt in verdichtete innerstädtische Lagen. jegliche Nutzungsmischung und kleinräumige Zunehmend spielt auch eine gute Adresse in Nachbarschaft standortverträglich ist. Aller- innerstädtischer Lage eine wichtige Rolle für dings ist zu beachten, dass Büros in Lauflagen die Unternehmenskultur. Die Umnutzung keine Frequenzbringer sind. Aus dem Struktur- brach gefallener Gewerbeareale und leer ste- wandel in einzelnen Branchen ergeben sich hender historisch wertvoller Gebäude eröffnet vielerorts neue Chancen für Büronutzungen. neue Perspektiven für die Innenstadt als Unter- Gewerbe, Industrie- oder Hafenanlagen mit nehmensstandort. ihren beeindruckenden Industriedenkmalen Nicht zuletzt öffentliche Einrichtungen und Altbauensembles eröffnen die Option zur der Verwaltung, der Bildung und der Kultur Erweiterung von Zentrenflächen, aber auch sind wichtige Arbeitgeberinnen und Arbeitge- für Zwischennutzungen durch junge Unterneh- ber. Allerdings sind in vielen Städten zahlreiche men. Dies gibt auch den in der Kreativwirt- öffentliche und private Standorte nach außen schaft Tätigen neue Perspektiven, wenn auch verlagert worden: Campusuniversitäten, Kran- eher in 1b-Lagen. Öffentliche und private Groß- kenhäuser, Post, Arbeitsämter, Konzernsitze, unternehmen können durch ihre zahlreichen Banken, kommunale Dienststellen. Da auch Arbeitsplätze wichtige Impulse zu einer Revita- Bürobeschäftigte, Schüler und Studenten einen lisierung unserer Stadtkerne leisten. Nicht wichtigen Beitrag zur Belebung der Innen- zu unterschätzen ist dabei der Beitrag, den Bil- städte erbringen, hat sich manche Verlegung dungseinrichtungen sowohl für den Arbeits- an den Rand als Nachteil erwiesen. Dies gilt standort Innenstadt als auch für die Belebung insbesondere für solche öffentlichen Einrich- des Umfelds leisten. Die Ansiedlung von Bildungs- tungen, die mit Publikumsverkehr verbunden einrichtungen in der Innenstadt ist zudem ein sind, wie z. B. Meldebehörden, Beratungsstellen wichtiger Beitrag dafür, Familien und Jugend und Arbeitsagenturen. Auch Handel und in den Zentren zu halten. Gastronomie beschäftigen zahlreiche Menschen in der Stadt.
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    26 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Potenzielle Maßnahmen reiche sind diesbezüglich wichtige Grundlagen ausweisung der nutzungsmischung in stadt- für die kommunale Praxis. Die derzeitige Baupla- entwicklungskonzepten: Die standortverträgliche nungsrechtsnovelle zielt u. a. auf die Möglichkeit Nutzungsmischung in innerstädtischen Lagen sollte zu einer maßvollen Verdichtung innerstädtischer im Rahmen von Stadtentwicklungskonzepten ge- Bebauung unter Wahrung gesunder Wohn- und zielt ausgewiesen werden. Arbeitsverhältnisse. unterstützung von BID-Initiativen: Die bisher Überprüfung von rechtlichen regelungen, erfolgreich durchgeführten BID-Projekte sollten ver- insbesondere von schutzbestimmungen: Die stärkt ausgewertet und als Handreichung für neue nachbarschaftliche Verträglichkeit von Arbeit und Initiativen nutzbar gemacht werden. Im Rahmen Wohnen kann durch eine großzügige Auslegung der Städtebauförderung (z. B. Verfügungsfonds) restriktiver Schutzbestimmungen gestärkt werden. und der Wirtschaftsförderung bestehen darüber Insbesondere solche Regelungen, die aus einem hinaus Möglichkeiten, Handel und Gewerbe stärker fachlich begründeten Schutzinteresse resultieren – in die Stadtentwicklung einzubeziehen. wie z. B. das Bundes-Immissionsschutzgesetz – sollten hinsichtlich ihrer restriktiven Auswirkungen Beratung und förderung von unternehmen auf den konkreten Standort im Einzelfall flexibel innenstadtverträglicher Branchen: Der techno- und dennoch gerichtsfest Anwendung finden. Zur logische Fortschritt lässt es in vielen Fällen zu, dass Vermeidung von Konflikten könnten auch eine auch vermeintlich störende Nachbarschaften von Sammlung sowie eine praxisgerechte Aufbereitung Produktion, Dienstleistung und Wohnen heute wie- einschlägiger Rechtsurteile dienlich sein. Gleiches der möglich sind. Durch Einzelfall bezogene Bera- gilt für Erfahrungen aus der Praxis, die auf andere tung können auch abgewanderte „Störer“ oder Anwendungsfälle übertragbar sind. störungsempfindliche Betriebe für innerstädtische Standorte zurückgewonnen werden. Bezüglich rückführung ausgelagerter arbeitsstätten der Möglichkeiten funktionsvielfältiger Bau- und öffentlicher Dienststellen: Als Signal für eine Umbauprojekte besteht Beratungsbedarf hinsicht- Umkehr der anhaltenden Suburbanisierung sollte lich Investition und Nutzung. auch die öffentliche Hand wieder verstärkt Stand- orte in der Innenstadt beziehen. Durch Revitalisie- Konsequente anwendung geltenden Baurechts: rung von Brachen und historisch wertvollen Ge- Wichtige Regelungen im Baugesetzbuch und in bäuden mit Leerständen können zusätzliche positive der Baunutzungsverordnung sind bereits heute auf Anreize für private Dienstleistungsunternehmen Nutzungsmischung ausgerichtet und sollten von bewirkt werden. den Kommunen konsequent genutzt werden. Mit dem Gesetz zur Erleichterung von Planungsvor- haben für die Innenstädte wurden weitere wichtige Regelungen für die Innenstädte und Nebenzentren getroffen: Bebauungspläne der Innenentwicklung und erweiterte Steuerungsinstrumente zur Erhal- tung und Entwicklung zentraler Versorgungsbe-
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 27 Bildungsstandort Innenstadt: Bildungseinrich- tungen sind wegen ihrer belebenden Ausstrahlung und hoher Besuchsfrequenz sehr gut geeignet, Innenstädte und Ortszentren zu beleben. Aufgrund zurückgehender Schülerinnen- und Schülerzahlen werden die Zentren z. B. für Schulen in Zukunft von besonderer Bedeutung sein. Hier bedarf es deshalb einer intensiveren Abstimmung von Bildungs- und Stadtentwicklungspolitik. Mobilitätsförderung zur und in der Innenstadt: U. a. durch Job-Tickets für innerstädtische Arbeits- plätze und sichere Nutzung von Fahrrädern kann stärkung der Innenstadt als Bürostandort: die Innenstadt als Arbeitsort wieder attraktiv werden. Dem Wandel zur Dienstleistungs- und Wissensge- Durch flexible Arbeitszeiten und zunehmende Tele- sellschaft kann räumlich durch ein attraktives arbeit werden die innerstädtischen Belastungen Angebot an Büroflächen entsprochen werden. entzerrt und in den Zeiten des Hauptberufsverkehrs Dabei gilt es, Maßstab sprengende Monostrukturen reduziert. zu vermeiden. Zudem ist verstärkt auf kleinteilige Mischung und Umnutzung von Bestandsgebäuden umsetzung von zwischennutzungen: Zugunsten zu setzen, insbesondere wenn dadurch historische von Arbeitsplätzen in der Innenstadt sollten Impulse Gebäude gesichert und attraktive Adressen für schwer vermarktbare Standorte gegeben werden. geschaffen werden. Durch eine Dokumentation vorbildlicher Lösungen für Brachflächen und Gebäudeleerstände können Chancen eröffnet werden, Kleingewerbe, Hand- werk, Dienstleistungen – insbesondere in der Krea- Eingangsbereich des Gewerbehofes Stromstrasse tivwirtschaft – wieder in innerstädtische Lagen zu in Berlin (oben). Universitätsbibliothek Potsdam integrieren. Babelsberg (unten).
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    28 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 2.3 Wohn- und Lebensraum Innenstadt Mit ihrer baulichen Dichte und angebotsvielfalt, der vielfältigen Bausubstanz aus unterschiedlichen epochen sowie einer breiten Infrastrukturausstattung verfügen viele Innenstädte heute über gute Bedingungen für das wohnen. nach jahrzehntelangem gegenläufigem trend verzeichnen vor allem viele Großstädte eine renaissance des innerstädtischen wohnens – allerdings hauptsächlich für kleine haushalte. Jedoch ist die situation des umfelds in vielen fällen problematisch und das Preis- niveau häufig vergleichsweise hoch. Das innerstädtische wohnen zeichnet sich zudem durch ein nebeneinander sehr unterschiedlicher lagen aus. neben bevorzugten bürgerlichen wohnquartieren gibt es ältere, oft unsanierte wohnungsbestände, auf die vielfach einkommensschwächere haus- halte angewiesen sind – insbesondere bei einem angespannten wohnungsmarkt. familien mit Kindern finden oft keinen bezahlbaren wohnraum in geeigneter Größe und Qualität. viele Innenstädte und ortskerne, insbesondere in den ostdeutschen ländern und in ländlichen Gebieten, sind andererseits durch eine hohe leerstandsquote gekennzeichnet.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 29 zentrale trends Durch die Alterung wandelt sich die Bevölke- Aktuelle demografische Trends, aber auch rungsstruktur der Innenstadt: Der Anteil der neue und differenzierte Wohnbedürfnisse ein- über 65-Jährigen nimmt zu, gegenläufig zelner Bevölkerungsgruppen erfordern einen schrumpft der Anteil der unter 18-Jährigen. neuen Blick auf das zukünftige Wohnen in Schon heute wird die Innenstadt vermehrt auch der Innenstadt. von der älteren Bevölkerung als attraktiver Seit einigen Jahren wird vermehrt von Wohnort entdeckt, manche Städte umwerben einer „Renaissance des Wohnens in der Innen- Ältere gezielt und erfolgreich. Besondere Erfolgs- stadt“ gesprochen. Tatsächlich entdecken chancen haben dabei Städte mit einem attrak- immer mehr Menschen die Vorteile eines städ- tiven historischen Wohnungsbestand. tisch geprägten Wohnumfeldes. Kurze Wege, Bereits heute bewohnt in den Innenstäd- die Nähe zu Infrastruktur, Praxen und Bildungs- ten der Großstädte oftmals nur eine Person einrichtungen, aber nicht zuletzt auch das einen Haushalt. Singles produzieren eine für innerstädtische Flair sind Gründe, warum viele die Innenstadt typische Nachfrage nach Dienst- Menschen in der Innenstadt wohnen wollen. leistungen und kulturellem Angebot, die sich Leicht steigende Bevölkerungszahlen in Innen- mit der Nachfrage von Stadtbesucherinnen und städten verzeichnen viele Städte in den Wachs- -besuchern gegenseitig verstärkt. Durch die tumsregionen, aber auch zahlreiche Städte Alterung der Gesellschaft wird sich auch die in Ostdeutschland. Im Gegenzug verlieren die Struktur der Einpersonenhaushalte ändern. Der Großstädte in den vom Strukturwandel negativ Anteil vor allem der Seniorinnen wird auch in betroffenen Regionen, wie z. B. dem Ruhrge- den Innenstädten zunehmen. Angesichts ver- biet, seit vielen Jahren an Bevölkerung, auch in änderter Ansprüche an das Wohnen wird auch den Innenstädten. der Bedarf an gemeinschaftlichen Lebens- Vor allem junge Erwachsene zwischen formen (z. B. generationsübergreifendes Woh- 18 und 30 Jahren bestimmen den positiven nen, Altenwohngemeinschaften) ansteigen. Bevölkerungstrend der Innenstädte, da sie leben- Insbesondere für Familien sind die Be- dige Innenstadtgebiete mit unverbindlicheren, dingungen des Wohnens in der Innenstadt rasch wechselnden Nachbarschaften und häufig noch nicht zufriedenstellend. Für Fami- einem guten Freizeitangebot bevorzugen. Sie lien bestehen die Vorteile des innerstädtischen orientieren sich dabei räumlich an den nahen Wohnens vor allem in den kurzen Wegen, Ausbildungs- bzw. Arbeitsstellen und fragen der Verfügbarkeit guter Infrastruktur, guten hauptsächlich Mietwohnungen nach. Da zahl- Schulen und der besseren Vereinbarkeit von reiche Groß- und Mittelstädte nicht nur Stand- Familie und Beruf. Doch brauchen Familien orte für Hochschulen, sondern auch für die auch große Wohnungen mit wohnumfeld- berufliche Ausbildung sind, wird der Zuzug jun- nahem, fußläufig erreichbarem Grün und ein ger Erwachsener in die Innenstadt auch künftig stabiles, verlässliches und sicheres Umfeld für anhalten – wenn auch durch die niedrigen die Kinder. Zudem besteht bei Vielen der Geburtenzahlen der vergangenen Jahre in ge- Wunsch, im Eigentum zu wohnen. Bisher lässt ringerem Maße. sich Wohneigentum leichter am Stadtrand oder
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    30 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte im Umland der Stadt realisieren als in der Innen- stadt. Viele zentral gelegene Wohnungen sind für Familien zu klein und teurer als vergleich- bare oder größere Wohnungen in anderen Lagen. Innenstädte sind insbesondere für neu Zuziehende attraktiv. Diese orientieren sich am neuen Lebensort zunächst von der Stadtmitte aus und suchen in der Regel eine Mietwoh- nung. Dabei suchen Viele vor allem nicht modernisierte Wohnungsbestände. Deshalb zeichnet sich die Innenstadt durch ständige Veränderung und hohe Umzugsbereitschaft aus, so dass fast jede/r Zweite in den Innenstäd- ten im Durchschnitt nur fünf Jahre in einer Wohnung bleibt. Die Haushalte am Stadtrand und in kleineren Städten und Gemeinden sind deutlich sesshafter. Die hohe Fluktuation in schlussfolgerungen großstädtischen Innenstädten wird durch Per- Nach jahrzehntelangem Rückgang der Bevöl- sonen verstärkt, die sich dort nur für eine be- kerung in den Innenstädten wenden sich heute grenzte Zeit, i. d. R. wegen Ausbildung, Studium viele Bürgerinnen und Bürger vor allem in den oder Berufstätigkeit, aufhalten. Großstädten wieder verstärkt dem „Wohnort In vielen ländlich geprägten Räumen Innenstadt“ zu. Dieser positive Trend ist jedoch sind immer mehr kleinere Städte und Gemein- kein Selbstläufer und verläuft regional in unter- den von einem starken Bevölkerungsrückgang schiedlicher Intensität. Für die Stärkung des und Alterungsprozessen betroffen. Häufig innerstädtischen Wohnens haben die Bereit- stehen Ladengeschäfte und Wohnungen leer, stellung wohnortnaher Bildungs-, Kultur- und wodurch die Zentren an Lebendigkeit verlieren. sonstiger Infrastruktur und von Grünflächen Werden öffentliche und private Infrastruktur- besondere Bedeutung. angebote der Daseinsvorsorge wie Bildungsein- Innerstädtische Wohnungen sind in der richtungen, soziale und kulturelle Infrastruktur Erstellung und bei der Modernisierung aufwän- oder Dienstleistungen aus Kostengründen diger. Zudem steht das Wohnen oft im Konflikt notgedrungen reduziert, hat dies unmittelbare mit anderen Nutzungsansprüchen (z. B. Ver- Folgen für die Stadt- bzw. Ortsentwicklung. kehr, Gastronomie, Handel). Wenn wirtschaft- liche Tragfähigkeit und Bezahlbarkeit in Ein- klang gebracht werden sollen, wird häufig der Ausbau bzw. die Stabilisierung des Wohnens in der Innenstadt nur mit Hilfe öffentlicher För- derung erfolgreich sein. Über den Einsatz von Mitteln der sozialen Wohnraumförderung ent- scheiden die Länder. Zur Unterstützung dieser
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 31 Maßnahmen ist es neben dem Blick auf die In- Vor allem Familien und ältere Personen wollen nenstadt zwingend erforderlich, dass die Städte sich sicher fühlen und haben das Bedürfnis eine restriktive Politik gegen die weitere Zer- nach einer sauberen Umgebung. Hier ist ins- siedlung verfolgen. besondere die Organisation, Gestaltung und Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Pflege des öffentlichen Raums gefragt. Zu den stellen jeweils spezifische Ansprüche an das schwierigen Aufgaben in den Kommunen Wohnen in der Innenstadt. Stadtentwicklungs- gehört es, den öffentlichen Raum allen Perso- politik muss mögliche Konflikte aufzeigen und nengruppen der Stadt offen zu halten und bei ausgewogene Angebote für alle schaffen. Ziel Konflikten ortsangepasste Lösungen zu finden. sollte sein, jüngere Menschen auch nach der Zur Sicherheit trägt entscheidend bei, Angst- Ausbildungszeit in der Familiengründungs- räume abzubauen. In Städten mit innerstädti- phase in der Innenstadt zu halten und hierfür schen Brachen und Gebäudeleerständen eröff- geeignete Angebote zu schaffen. Familien nen sich neue Perspektiven für innerstädtisches brauchen bezahlbare Wohnungen in ausreichen- Wohnen. Dies spricht zum einen junge Familien der Größe, attraktive Angebote, Wohneigen- an, die nach attraktiven Alternativen für das tum zu bilden sowie kinderfreundlich gestaltete Haus am Standrand suchen, zum anderen junge Grünflächen. Innenstädte mit hoher Dichte Menschen, die sich auch auf Übergangslösun- können durch die Revitalisierung von Brachflä- gen oder unkonventionelle Raumangebote chen als Grün- und Freiflächen an Aufenthalts- einlassen. qualität gewinnen. Die so gewonnenen Flächen Aufgabe kleinerer Städte und Gemeinden sind ein Beitrag dafür, Stadtklima und Lebens- in ländlichen Gebieten wird es künftig immer qualität in den Innenstädten zu verbessern. mehr sein, Möglichkeiten und Strategien zu Für die Innenstädte ist die Anzahl älterer finden, die Einrichtungen öffentlicher Daseins- Menschen Potenzial und Chance zugleich. Das vorsorge tragfähig und bedarfsgerecht zu ge- innerstädtische Wohnen bietet gerade für älte- stalten. Dies ist eine zentrale Voraussetzung re Menschen durch kurze Wege, die Nähe zu für die Stärkung des Wohnens in diesen Städten Infrastruktur, medizinischer Versorgung und und die Aufrechterhaltung der zentralen Ver- Kulturangeboten gute Wohnbedingungen – sorgungsfunktion für die Region. Um die notwen- insbesondere dann, wenn sie alleine leben. dige Infrastruktur bereitstellen zu können, Sowohl Familien als auch ältere Personen benö- sind vielfach auch neue Modelle der interkom- tigen ein barrierearmes Umfeld, und zwar munalen Kooperation gefragt. sowohl im öffentlichen Raum, als auch in den Wohngebäuden und Wohnungen. Dazu gehört auch das für viele Menschen wichtiger werden- de Bedürfnis nach Sicherheit und Sauberkeit.
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    32 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Potenzielle Maßnahmen Privates eigentum, gewerbliche wohnungswirt- Kommunale Konzepte zum wohnen: Kommu- schaft und selbstnutzung: Die wichtigsten Träge- nen sollten dort, wo dies noch nicht geschehen ist, rinnen zur Bereitstellung von Wohnungen sind nach Handlungskonzepte für das innerstädtische Woh- den privaten Kleinanbietern die gewerblichen An- nen erarbeiten, möglichst unter Einbeziehung der bieterinnen von Wohnraum, also Wohnungsbauge- wichtigsten Eigentümerinnen und Eigentümer. sellschaften bzw. -genossenschaften. Beide Gruppen Die Wohnkonzepte sind einzubetten in kommunale können wesentlich dazu beitragen, dass der inner- Stadtentwicklungskonzepte. Ziel ist dabei – neben städtische Wohnungsbestand an Attraktivität ge- der Ermittlung von Angebot und Nachfrage – winnt. Eigentümerstandortgemeinschaften zur Ein- Planungssicherheit für Mieterinnen und Mieter, beziehung von privaten Eigentümern sollten weiter Immobilienbesitzerinnen und -besitzer sowie Woh- gestärkt werden. Der Umgang mit verwahrlosten nungswirtschaft zu schaffen. Im Hinblick auf eine Immobilien („Schrottimmobilien“) soll im Rahmen ressourcenorientierte Infrastrukturplanung und Flä- der Bauplanungsrechtsnovelle geprüft werden. cheneinsparung sollte dabei das innerstädtische Wohnen Vorrang haben. selbstnutzerprojekte und Baugruppen: Wo möglich, sollten die Kommunen Selbstnutzerpro- Kommunale flächenpolitik: Städte und Gemein- jekte – vor allem auch im innerstädtischen Bestand den sollten in der Innenstadt und im Ortszentrum – unterstützen. Für die Bildung von Baugruppen eine strategische Bodenvorratspolitik für alle Bevöl- könnten zentrale Beratungs- und Moderationsstel- kerungsgruppen betreiben. Dabei ist auch auf die len eingerichtet werden. interkommunale Zusammenarbeit bei der Bevor- ratung und Bereitstellung von Flächen („Flächen- energetische stadtsanierung: Die Bundesrepublik pooling“) zu setzen. Innerstädtische Brachflächen hat mit dem Energiekonzept die Auflage eines För- sind für das Wohnen zu erschließen, insbesondere derprogramms zur energetischen Stadtsanierung für junge Familien und für neue Wohnformen (z. B. (KfW-Programm) beschlossen. Mit dem Programm Mehrgenerationenwohnen, Wohngemeinschaften sollen im Quartier umfassende Maßnahmen in die älterer Menschen, Baugruppen). Wo möglich, soll- Energieeffizienz der Gebäude und der Infrastruktur ten solche Brachflächen von den Kommunen erwor- angestoßen werden, insbesondere auch in den inner- ben und z. B. in Erbpacht oder für Wohnungsgenos- städtischen Altbauquartieren. Es gilt, dafür neben senschaften zur Verfügung gestellt werden. Die den Kommunen gerade auch die gewerbliche Woh- Flächenaufbereitung sollte in geeigneten Fällen ge- nungswirtschaft und private Einzeleigentümerin- fördert werden. nen und -eigentümer einzubeziehen.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 33 wohnumfeldverbesserung: Städte und Gemein- den sollten das innerstädtische und innerörtliche Wohnumfeld für alle Bevölkerungsgruppen attrakti- ver machen. Gehwege, Plätze und Straßen sollten – soweit möglich – barrierearm, kindergerecht und sicher gestaltet und modernisiert werden. Die Nutz- barkeit für mobilitätseingeschränkte Bevölkerungs- gruppen ist dabei zu gewährleisten. Der öffentliche Raum sollte unter Einbeziehung denkmalpflegeri- scher Traditionen und baukultureller Anforderun- gen (Stichwort Bordsteinkanten, Kopfsteinpflaster) weiterentwickelt werden. Ein wesentliches Instru- ment hierfür ist die Städtebauförderung. energetische sanierung unter Berücksichtigung wohnen in kleineren städten und Gemeinden baukultureller aspekte: Zur Stärkung der örtlichen im ländlichen raum: Die Erhaltung und Entwick- Identität ist eine behutsame Abwägung von ener- lung der Zentren von Kleinstädten in ländlichen giesparenden Maßnahmen und baukulturellen Be- Gebieten als lebendige Standorte des Wohnens und langen (einschließlich Denkmalschutz) notwendig. Lebens erfordert neue integrierte Strategien. Dabei Die Förderungskriterien und baulichen Auflagen geht es häufig darum, das Wohnen wieder in die sind im Einzelfall so abzustimmen, dass das örtliche Orte zurückzuholen und hierfür die notwendigen Stadtbild erhalten bleibt, die Belange des Klima- wohnungsnahen Versorgungsstrukturen aufrecht schutzes berücksichtigt werden und der Wohnwert zu erhalten. Zur Erstellung von Strategien und zur zu angemessenen Kosten verbessert wird. Hierzu Umsetzung von Maßnahmen kann die Städtebau- sind gute Beispiele zu dokumentieren und als vor- förderung beitragen. bildliche Lösungen zu publizieren. ausrichtung der städtebauförderung: Die Pro- abbau von Barrieren im wohnungsbestand: gramme der Städtebauförderung haben bereits ei- Ältere Menschen stellen aufgrund von Mobilitätsein- nen starken Bezug zu den Innenstädten und schränkungen oder Pflegebedarf besondere Anfor- Ortszentren. Sie sollten künftig noch mehr auf die derungen an die Gestaltung ihrer Wohnung. Die Innenentwicklung und die Stärkung langfristig trag- Eigentümerinnen und Eigentümer von vermietetem fähiger Standorte ausgerichtet werden, z. B. durch wie selbstgenutztem Wohnraum sollten durch Be- entsprechende Förderpräferenzen. ratungs- und Fördermaßnahmen motiviert werden, entsprechende funktionale Anpassungen der Woh- nungen für das Alter rechtzeitig zu veranlassen. Barrierereduzierende Anpassungen erhöhen zugleich auch die Wohnqualität für Familien mit Kindern.
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    34 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 2.4 Innenstadt als Ort der Integration Innenstädte sind orte der Begegnung und verfügen damit über erhebliches gesellschaftliches Integrationspotenzial. Dies betrifft insbesondere den öffentlichen raum als Platz des aufeinander- treffens von Menschen verschiedener lebenssituationen, lebensstile und herkunft. Gleiches gilt für öffentliche einrichtungen als orte der versorgung mit Dienstleistungen und der sicherung der Daseinsvorsorge, die Bildungs- und arbeitsstätten als orte des gemeinsamen lernens und arbeitens sowie die innerstädtischen wohnquartiere als orte des zusammenlebens. Die zunehmend vielfältige stadtgesellschaft mit neuen und unterschiedlichsten lebensstilen nutzt bevorzugt räume in der Innenstadt. hier finden sich unterschiedliche Milieus oft in unmittel- barer nachbarschaft zueinander. Beispielsweise liegt neben dem vollsanierten Gründerzeitquartier – als bevorzugter wohnort gut verdienender haushalte ohne Kinder – ein unsaniertes altbau- oder nachkriegsquartier, in dem häufig familien mit geringerem einkommensniveau, oft mit Migrations- hintergrund, und junge Menschen in der ausbildung leben. Die entwicklung der gesellschaftlichen vielfalt bedeutet Bereicherung. allerdings sind soziale und/oder ethnische Polarisierungen auch eine zentrale herausforderung für die stadtentwicklungsplanung.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 35 Karneval der Kulturen, Berlin zentrale trends In Städten vollziehen sich soziale und ethnische Trennungsprozesse sehr unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen (Segregationsprozesse). Innerstädtische Bereiche sind davon in besonde- rem Maß betroffen. Die Verschiedenheit der sozialen Lage führt zu einer deutlichen Konzen- tration höherer Einkommen in bevorzugten und damit eher statushohen Stadtgebieten und einer Konzentration niedrigerer Einkommen in Stadtgebieten mit Menschen in eher schwie- riger sozialer Situation. In den Städten und Gemeinden bedarf es eines besonderen Augen- merks, wenn sich diese Prozesse verstärken, Quartiere sich aufgrund konzentrierter Pro- blemlagen von der übrigen Stadtentwicklung abkoppeln und immer mehr Menschen, vor allem aus der Mittelschicht fortziehen. Dann ist Dagegen haben Innenstadtquartiere mit hohen die soziale Stabilität im Stadtteil in Gefahr. Anteilen gut integrierter Zuwanderer häufig In den Innenstädten liegt der Anteil der den Vorzug einer besonderen Lebendigkeit, der Personen mit Migrationshintergrund im Durch- sich wiederum positiv auf die lokale Ökonomie schnitt durchweg höher als in den städtischen im Quartier auswirkt. Diese Gruppen bilden Randbereichen. In den Großstädten ist er höher eine wichtige Säule im Produktions- und Dienst- als in Klein- und Mittelstädten, aber auch hier leistungssektor, bilden wirtschaftliche Brücken nimmt der Anteil an Zuwanderung zu. Fast ein zu ihren Herkunftsländern und fördern damit Fünftel der Innenstadtbevölkerung von Groß- den Im- und Export. städten hat keinen deutschen Pass. In Stadt- Die flächendeckende Aufwertung inner- randgebieten liegt dieser Anteil mit ca. einem städtischer Quartiere mit der bewussten Ziel- Zehntel deutlich niedriger. Mietpreisgünstige ansprache zahlungskräftiger Personengruppen innerstädtische Altbauviertel mit geringerem birgt häufig die Gefahr, dass ein Teil der hier Ausstattungs- und Sanierungsstandard sind lebenden Bevölkerung die Mietpreissteigerun- typische Wohn- und Anlaufquartiere für Men- gen nicht mehr tragen kann. Hier müssen schen mit Migrationshintergrund, aber auch seitens der lokalen Planung entsprechende für andere Personengruppen, die auf günstigen Steuerungsmechanismen gefunden werden, Wohnraum angewiesen sind. Zum Teil handelt um die Bewohnerinnen und Bewohner vor es sich auch um benachteiligte Wohnlagen, Verdrängung zu schützen und so eine urbane z. B. an stark befahrenen Hauptstraßen, von Mischung in der Innenstadt zu erhalten. denen zahlungskräftigere Gruppen sobald als möglich wegziehen.
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    36 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte schlussfolgerungen Bereits in der „Leipzig Charta zur nach- haltigen Europäischen Stadt“ hat sich die Bundesregierung dazu bekannt, benachteilig- ten Quartieren besondere Aufmerksamkeit zu widmen. In der Innenstadt leben unter- schiedliche soziale und ethnische Gruppen auf engstem Raum zusammen. Die Mischung an Personengruppen und die Dichte an Lebens- stilen machen eine der zentralen Qualitäten des innerstädtischen Lebens aus. Innenstadtentwicklung der Zukunft be- deutet auch die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Bewältigung sozialer Polarisierung. Für die älteren preisgünstigen Mietwohnungsbestände in der Innenstadt, in denen eher sozial benachteiligte Bevölkerungs- gruppen wohnen, sollte die Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik die Erhaltung eines angemessenen Bestandes an bezahlbarem Wohnraum im Blick behalten. Diese Aufgabe ist für Städte mit einem angespannten Wohnungs- markt besonders schwer zu lösen. Zuwanderinnen und Zuwanderer müssen Potenzielle Maßnahmen: als Teil der Gesellschaft und Potenzial für die erhaltung preiswerten wohnraums: Gerade Stadtentwicklung anerkannt und unterstützt in hoch verdichteten innerstädtischen Quartieren werden. Lokale Ökonomien von zugewan- vollziehen sich nicht selten zu schnelle und zu derten Menschen, z. B. in den Bereichen Hand- grundlegende Aufwertungsprozesse, die zu einer werk, Gastronomie und Versorgung mit Waren Verdrängung der Ursprungsbevölkerung führt des täglichen Bedarfs, haben eine beachtliche („Gentrifizierung“). Für sozial benachteiligte Bevöl- volkswirtschaftliche Bedeutung und unterstüt- kerungsgruppen mit geringem Einkommensniveau zen die Vielfalt in den Innenstädten. Die Ver- findet sich häufig nur außerhalb des Zentrums in knüpfung von Stadtentwicklungspolitik und ausreichendem Maße Ersatz für diese Stadtquartiere. Bildungsangeboten hat hier höchste Priorität. Stadtteilbezogene Aufwertungsstrategien müssen Denn Bildungseinrichtungen sind diejenigen zu gravierende Entwicklungssprünge (flächenhafte Orte, in denen die Grundlagen für eine erfolg- „Luxusmodernisierungen“) vermeiden. Wo erfor- reiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben derlich können Schutzregelungen wie z. B. Milieu- gelegt werden. schutzsatzungen angewendet werden.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 37 Bildungseinrichtungen in der Innenstadt: Kinder- tagesstätten, Schulen und Hochschulen sind Orte, die Bildungs- und Integrationschancen schaffen. Um die Funktion Bildung in der Innenstadt zu fördern, ist eine strategische Verknüpfung von Stadtent- wicklungs-, Bildungs- und Integrationspolitik erfor- derlich. Der Erhalt und der qualitative Ausbau dieser Einrichtungen nahe am Wohnstandort Innenstadt sollte gezielt gefördert werden. lokale Ökonomie: Zugewanderte können wesent- liche Impulse bei der Entwicklung des Einzelhan- dels, der Gastronomie und handwerklich orientier- ter Dienstleistungen geben. Anlaufstellen wie z. B. das Quartiersmanagement oder Büros für Wirt- schaftsentwicklung sollten in geeigneten Fällen gefördert werden. Geprüft werden sollten auch Mikrodarlehen als Instrument der Förderung lokaler Ökonomien. stärkung des gesellschaftlichen zusammen- halts: Eine der Zukunftsaufgaben der Stadtentwick- lungspolitik ist die Stärkung des gesellschaftlichen Bildung von eigentum: Eigentumsbildung hat für Zusammenhalts in den Städten und Gemeinden. alle Bürgerinnen und Bürger einen hohen Stellen- Angesichts der demografischen Entwicklung bedarf wert. Gut integrierte Haushalte haben Vorbildfunk- es dazu einer generationengerechten, familien- tion und stabilisierende Wirkung im Quartier. Dies freundlichen und altersgerechten Infrastruktur in erfordert entsprechende Strategien vor Ort in Zu- den Kommunen. Die Städtebauförderung leistet sammenarbeit der Kommunen mit bisherigen und hierzu einen wesentlichen Beitrag. Es ist jedoch zukünftigen Eigentümerinnen und Eigentümern erforderlich, dieses Instrument im Hinblick auf die von Wohnraum. Insbesondere in einigen Klein- und Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu Mittelstädten besteht die Chance, Innenstädte mit optimieren und alle gesellschaftlichen Gruppen leer stehendem Bestand zu stabilisieren. Der Bund einzubinden. Dazu muss die ressortübergreifende ist bereit, diese mit entsprechenden Handlungs- Partnerschaft wirksam gestärkt und ausgebaut empfehlungen zu unterstützen. werden. Und es sollten Konzepte entwickelt und erprobt werden, in die vor Ort weitere Partnerinnen und Partner wie Stiftungen, Wirtschaft und ehren- amtliche Akteure in eine nachhaltige Stadtentwick- lung einbezogen werden.
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    38 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 2.5 Mobilität in Innenstädten Mobilität und verkehr sind bedeutende standortfaktoren für unternehmen und haushalte. Die kon- krete ausgestaltung ist entscheidend für die umwelt- und wohnumfeldqualität in den Innenstädten. ziel ist deshalb die sicherung und nachhaltige entwicklung des siedlungs- und verkehrssystems, um eine effiziente, sichere sowie sozial- und umweltverträgliche Mobilität von Menschen und Gütern zu gewährleisten. Die sicherung von Mobilitätsvielfalt ist dabei ein zentrales thema für die stärkung der Innenstädte. wichtige Bausteine hierfür sind attraktive fuß- und radwegenetze und zuverlässige und bezahlbare öffentliche verkehrssysteme. zugleich gilt es, dem PKw-verkehr einen seiner Bedeu- tung angemessenen raum zu sichern und dabei künftige Mobilitätskonzepte wie elektromobilität und zunehmendes „car-sharing“ zu berücksichtigen. Darüber hinaus sind lieferverkehre intelligent zu organisieren, um die erforderliche Güterverfügbarkeit und zugleich möglichst klima- und umwelt- freundliche wirtschaftsverkehre zu ermöglichen. Der aspekt der verkehrssicherheit ist in Innenstädten besonders zu berücksichtigen, da hier viele verkehrsarten auf engem raum zusammentreffen.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 39 zentrale trends In den meisten Städten hat die öffentliche Hand Mit Blick auf die Alltagsmobilität liegt das in den vergangenen Jahrzehnten viel in den Potenzial der Innenstadt in der Verknüpfung Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und in Ver- kurzer Wege, die die unterschiedlichen Orte kehrs- bzw. Parkleitsysteme investiert. Aktuell des Lebensalltags – Wohnung, Arbeitsplatz, besteht vielerorts eine gute Angebotssituation Geschäfte, Schule, Sport – zusammenführen. für den fließenden und ruhenden motorisierten Die hohe Dichte und Nutzungsmischung im Individualverkehr. Dadurch wird zwar einer- Stadtkern ermöglicht seinen Bewohnerinnen seits der Verkehr in den Innenstädten häufig und Bewohnern, eine Vielzahl ihrer Ziele zu gut abgewickelt, andererseits werden das städ- Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zu er- tische Umfeld und das Stadtbild durch breite reichen. Dies wirkt sich auch finanziell aus: Straßenräume z. T. negativ beeinflusst. Zudem Menschen, die zentrennahe Wohnungen be- kann in Stoßzeiten eine hohe Verkehrsdichte wohnen, haben geringere Verkehrskosten zu zur Minderung der Luftqualität und Erhöhung tragen als solche, die am Stadtrand oder im des Verkehrslärms in den Innenstädten führen. suburbanen Umland leben und können damit Zentrale Zukunftsaufgabe wird die Orga- höhere Kosten für Wohnraum in innerstäd- nisation eines stadtverträglichen Verkehrs sein, tischen Lagen zum Teil kompensieren. Leichte der den unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnis- Trendverschiebungen hin zur umweltverträg- sen der Bewohnerinnen und Bewohner Rech- lichen Verkehrsmittelwahl deuten darauf hin, nung trägt. Dies erfordert zunehmend flexible dass Fuß und Fahrrad immer mehr zum „Nah- Lösungen, um die Erreichbarkeit der Innenstäd- verkehrsmittel“ Nummer 1 für kurze Strecken te zu verbessern. In diesem Zusammenhang werden. Insbesondere die jüngere Bevölkerung sind sogenannte „dynamische Parkleitsysteme“, in urbanen Räumen nutzt heute den ÖPNV und die Nutzung von Pendlerparkplätzen („Park das eigene Fahrrad stärker als früher.4 Mit Blick and Ride“) und nicht zuletzt das Gemeinschafts- auf eine insgesamt älter werdende Bevölkerung auto („Car-Sharing“) von zunehmender Bedeu- in der Innenstadt wird künftig die Bedeutung tung. Eine weitere wichtige Zukunftsaufgabe des sicheren Fußverkehrs und eines attraktiven besteht in der Verbesserung der Luftqualität und zuverlässigen ÖPNV deutlich ansteigen. und in der Lärmminderung. Lärm und Luftschad- Insgesamt geht es nicht um einen generellen stoffe beeinflussen die Lebens- und Aufenthalts- Verzicht auf das Auto, sondern vielmehr um qualität negativ und können die Gesundheit eine intelligente Nutzung des PKW in Kombi- der Bevölkerung erheblich beeinträchtigen. Ein nation mit anderen Verkehrsmitteln. Großteil der innerstädtischen Verkehre wird Der ÖPNV ist Garant für die Sicherung durch aus dem Umland einpendelnde Personen einer nachhaltigen und modernen Mobilität in verursacht, die die Innenstadt als Geschäfts- und urbanen wie in ländlichen Räumen, weil damit Bürostandort oder zum Erleben und Erholen ein wichtiger Beitrag zur Entlastung der Um- aufsuchen. Im Umland der großen Städte nutzen welt geleistet wird. So hat eine Reduzierung des derzeit etwa dreiviertel der Berufstätigen regel- PKW-Verkehrs unmittelbar positive Auswir- mäßig den PKW für den Weg zur Arbeit – mit kungen auf die Lebens- und Aufenthaltsquali- negativen Auswirkungen auf die Innenstadt. tät, insbesondere in den Innenstädten. 4 BMVBS (Hrsg.): Mobilität in Deutschland (MID 2008) – Kurzbericht, Bonn, Berlin 2010
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    40 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Es ist zu erwarten, dass der Güterverkehr erheb- Hinsichtlich der Verbesserung der Luftqualität lich wachsen wird. Dies betrifft nicht nur den in den Innenstädten sollen Umweltzonen dazu Fernverkehr, sondern auch den Lieferverkehr beitragen, die europarechtlich vorgegebenen von Waren in die Innenstadt. Die Anlieferung Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxide von Waren ist notwendig, kann jedoch zu er- einzuhalten. Ihre Wirksamkeit muss jedoch heblichen Störungen und Nutzungseinschrän- überprüft werden. Bislang haben 44 Städte Um- kungen führen, insbesondere in Fußgänger- weltzonen eingerichtet – weitere Städte haben zonen, wenn zu bestimmten Zeiten die Anliefe- dies auf der Agenda. Fahrzeuge mit besonders rung zulässig ist. Trotz des technologischen schlechten Abgaswerten dürfen dann nicht Fortschritts im Fahrzeugbau werden die Belas- mehr in den Umweltzonen fahren. Der lärm- tungen durch Lärm und Erschütterungen, und schadstoffemissionsarmen Elektromobilität besonders entlang der Zufahrtsstraßen, von kommt daher in Zukunft für die Innenstädte den Betroffenen immer stärker wahrgenommen. eine große Bedeutung zu, vor allem für diejeni- Die verkehrlichen Belastungen konzentrie- gen Wege, die innerstädtisch nicht zu Fuß, mit ren sich vor allem entlang der großen Verkehrs- dem Rad oder dem ÖPNV zurückgelegt werden achsen an den Rändern der „City“ und der können. Gleiches gilt für den innerstädtischen weiteren Innenstadt. In diesen benachteiligten Lieferverkehr. Wohnlagen sind davon insbesondere einkom- mensschwächere Bevölkerungsgruppen betrof- fen. Zur Verringerung von Belastungen durch Luftschadstoffe und Lärm stellen viele Städte bereits Luftreinhalte- und Lärmaktionspläne auf und intensivieren ihre Lärmminderungspla- nungen. Das BMVBS setzt mit dem Nationalen Verkehrslärmschutzpaket II einen wichtigen Akzent für einen wirksameren Verkehrslärm- schutz und nachhaltige Mobilität. Es strebt damit die Entlastung von Lärmbrennpunkten und die Reduzierung der Verkehrslärmbelastung trotz steigenden Verkehrsaufkommens an. Ferner stellt der Bund seit Jahrzehnten Mittel für eine Verbesserung der städtebaulichen Situation zur Verfügung, die auch zu Zwecken der Lärmmin- derung eingesetzt werden können. Berufsverkehr in der Kölner Innenstadt
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 41 schlussfolgerungen Nutzung und intelligente Kombination aller Der Verkehrsdruck auf die Innenstädte und Verkehrsmittel weiter reduziert werden. Mobi- damit auch die Gefahr einer weiteren Verschär- litätskonzepte und Mobilitätsmanagement fung der Lärm- und Schadstoffbelastung sind konsequent auf dieses Ziel auszurichten. wächst. Hinzu kommen steigende Mobilitäts- Zukunftsthemen innerstädtischer Mobili- kosten. Gleichzeitig ist die Gewährleistung von tät sind die Qualifizierung und Finanzierung Mobilität zentrale Voraussetzung für die gesell- eines adäquaten ÖPNV, die Stärkung des Fuß- schaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung und Radverkehrs sowie die stadtverträgliche der Stadtzentren. In diesem Spannungsfeld Organisation von Mobilität durch die Reduzie- besteht die Gestaltungsaufgabe darin, Mobilität rung von Lärm und Luftschadstoffen. In der zu sichern und zu fördern, gleichzeitig verkehrs- Stärkung des ÖPNV und des Fuß- und Radver- bedingte Belastungen abzubauen und den kehrs bestehen große Potenziale, um einen motorisierten Verkehr zu vermindern. Der mo- messbaren Beitrag zur Verbesserung der Lebens- torisierte Individualverkehr hat seine Berechti- qualität in den Innenstädten zu leisten. Ziel ist gung und Bedeutung. Jedoch müssen die daher, mehr Verkehrsteilnehmerinnen und hieraus resultierenden Belastungen für Men- -teilnehmer dazu zu bewegen, insbesondere im schen und Umwelt durch stadtverträgliche Stadtverkehr auf stadtverträglichere Verkehrs- mittel umzusteigen. Die kurzen Strecken in der Innenstadt sind zu Fuß und mit dem Fahrrad schnell und flexibel zu bewältigen. Deshalb sollten entsprechende Infrastrukturen ausge- baut und gleichzeitig die Belange der Verkehrs- sicherheit berücksichtigt werden. Auch die Verbreitung von Elektromobilität kann einen signifikanten Beitrag zur Verringerung von Lärm und Luftschadstoffen in den Städten leisten. Die künftige Ausgestaltung des ÖPNV steht vor schwierigen Aufgaben. Zum einen geht es darum, ein attraktives, kundenfreund- liches und bezahlbares Angebot bereitzustellen, zum anderen müssen hierfür langfristige Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden. Bei der Planung, Ausgestaltung und Finanzie- rung des ÖPNV sind vor allem die Länder ge- fragt. Der Bund gestaltet den Ordnungsrahmen und fördert innovative Technologien und Hand- lungsansätze. Er stellt den Ländern umfang- reiche Mittel zur Finanzierung des ÖPNV zur Verfügung. Die Zuweisungen an die Länder zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse sind
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    42 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte insgesamt bis 2019 befristet. Die Frage, wie die zu erproben, erfahrbar zu machen und techno- Länder ihre Aufgaben im Bereich des ÖPNV logische, gesellschaftliche und wirtschaftliche danach erfüllen können, wird aufgrund der Fragestellungen zu bearbeiten. Das BMVBS langfristigen Planungszyklen bereits in der lau- beschäftigt sich in seinen Modellregionen auch fenden Legislaturperiode eine wichtige Rolle mit der Ermittlung der möglichen Gefahren spielen. Ein hoher Finanzbedarf der Kommunen sehr leiser Fahrzeuge und der Ableitung geeig- besteht insbesondere wegen der notwendigen neter Maßnahmen, um insbesondere schwä- Ersatzinvestitionen für zum Teil veraltete Infra- chere Verkehrsteilnehmer (z. B. Fußgängerinnen struktur. und Fußgänger) zu schützen. Die daraus gewon- Trotz der seit einigen Jahren zurückge- nenen Erkenntnisse werden in die Diskussion henden Unfallzahlen wird die Verkehrssicherheit zur Entwicklung internationaler Vorschriften auch zukünftig eine zentrale gesellschaftspo- eingebracht. litische Herausforderung darstellen. Für Innen- Nicht zuletzt erfordert die zunehmende städte bestehen besondere Anforderungen, Belastung durch den wachsenden Güterver- da hier die unterschiedlichen Mobilitätsarten kehr intelligente Innenstadt-Logistik-Systeme einen begrenzten Raum beanspruchen. Insbe- und Kooperationsformen, die Wege einsparen sondere auf den Fuß- und Fahrradverkehr ist und die Belastungen der Warenströme ein- dabei Rücksicht zu nehmen. grenzen. Ein Baustein dabei sind Güterverkehrs- Einen entscheidenden Beitrag zur Klima- zentren, die als den Städten vorgelagerte Sam- politik und zur Reduzierung der Lärm- und melpunkte logistische Bündelung ermöglichen Luftbelastung in den Innenstädten stellt der und die Städte dadurch von Schwerverkehr und Förderschwerpunkt Elektromobilität des Schadstoffemission entlasten. Güterverkehrs- BMVBS dar. Die Innenstadt ist mit ihren kurzen zentren leisten einen wichtigen Beitrag zu Wegen und angesichts des jetzigen Standes einer stadtverträglichen Gestaltung des Wirt- von Speichertechnologien für eine breitenwirk- schaftsverkehrs bei gleichzeitigem Erhalt same Einführung der batteriebetriebenen seiner Versorgungsfunktion. Elektromobilität sehr gut geeignet. Der Förder- schwerpunkt Elektromobilität des BMVBS verknüpft Verkehrs- und Stadtpolitik mit Klima- schutz und Wettbewerbsfähigkeit. Das Ziel der Bundesregierung: 2020 sollen eine Million elektrisch betriebene Fahrzeuge auf deutschen Straßen fahren. Im Förderprogramm „Elektro- mobilität in Modellregionen“ fördert das BMVBS acht Modellvorhaben mit rund 130 Mio. €. Ziel ist es, Elektromobilität in der Alltagsanwendung
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 43 Potenzielle Maßnahmen fuß- und fahrradverkehr: Die Maßnahmen des Mobilitätsmanagement: Kommunen und Betriebe Nationalen Radverkehrsplans des Bundes sollten sollten Konzepte ausarbeiten, um vor allem in den konsequent umgesetzt werden. Attraktive und siche- größeren Städten Anteile der innerstädtischen re Verkehrsflächen sind in ausreichender Größe für Verkehre vom PKW auf stadt- und umweltverträgli- den Fuß- und Radverkehr bereitzustellen. Geeignet chere Verkehrsmittel zu verlagern. In diesem Zusam- sind auch kostengünstige Maßnahmen wie z. B. die menhang sollten Mobilitätsangebote ohne Auto Einrichtung von Fahrradstraßen und Radfahr- bzw. und geeignete innovative Dienstleistungen – wie z. B. Schutzstreifen sowie verbesserte Ampelschaltungen. öffentliche Fahrradverleihsysteme oder differen- zierte Parkraumbewirtschaftungskonzepte – geför- verkehrssicherheit: Neben der Beseitigung von dert werden. Unterstützung für innovative Projekte Unfallschwerpunkten (z. B. durch Ampelschaltungen, innerstädtischer Mobilität können die Initiative Querungshilfen oder Veränderung von Straßen- „Mobilität 21 – Kompetenznetzwerk für Innovative querschnitten) spielen Maßnahmen der Verkehrser- Verkehrslösungen“ und das „Forschungsprogramm ziehung zur Erhöhung der Regelkenntnis und der Stadtverkehr“ (FOPS) des Bundes leisten. Regelakzeptanz eine bedeutende Rolle. Das BMVBS stellt für Aufklärungs- und Erziehungsmaßnahmen flexible verkehrsmittelwahl: Eine flexible Verkehrs- jährlich mehr als 11 Mio. € zur Verfügung. mittelwahl sollte stadt- und umweltverträgliche Mobilität gewährleisten. Dies geschieht z. B. durch die Unterstützung von Gemeinschaftsauto-Systemen („Car-Sharing“), einer guten Abstimmung einzelner Verkehrsmittel untereinander (z. B. durch die Nut- zung von Pendlerparkplätzen) und die Einrichtung von benutzungsgerechten Fahrradstellplätzen, z. B. an Bahnhöfen und zentralen Haltestellen.
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    44 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Gemeinsame nutzung des verkehrsraums für die verkehrsteilnehmer („shared space“): Seit einigen Jahren werden für ausgewählte innerstädti- sche Bereiche Modelle diskutiert und erprobt, die sich aus einer Aufhebung der Trennung der unter- schiedlichen Verkehrsflächen ergeben. Diese Model- Parkraumbewirtschaftung im stadtkern: Einige le werden unter dem Begriff „Shared Space“ zu- Städte haben gute Erfahrungen mit einer flächen- sammengefasst. Bisher durchgeführte Pilotprojekte deckenden Parkraumbewirtschaftung im Zentrum kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. gemacht. Dafür müssen jedoch je nach Stadtgröße Im Weiteren ist insbesondere zu prüfen, ob die not- und örtlicher Begebenheit jeweils individuelle wendigen Anforderungen an Verkehrssicherheit Lösungen gefunden werden. Parkleitsysteme kön- gewährleistet sind. Der Deutsche Verkehrsgerichts- nen – durch elektronische Assistenz ausgebaut – tag wird sich im Jahr 2012 mit dem Thema in einem zu einer effektiven Nutzung der Parkflächen führen Arbeitskreis befassen, die bis dahin vorliegenden und unnötigen Parksuchverkehr minimieren. Erkenntnisse beleuchten und Empfehlungen dazu aussprechen. ÖPnv: Attraktiver, nachfragegerechter und preis- werter ÖPNV sollte von den Kommunen unterstützt werden, um die Belastung der Innenstädte durch den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren. Dynamische Fahrgastinformationen und neue Vertriebssysteme sollten eine weitere Stärkung erfahren. Bei einem Umbau der Fahrzeugflotte soll- ten die Potenziale der Elektromobilität ausgeschöpft werden.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 45 umweltzonen: Laut Koalitionsvertrag ist bei der elektromobilität: Die Elektromobilität mit Batterie Einrichtung von Umweltzonen auf die Wirksamkeit und Brennstoffzelle sollte als Beitrag zur Minderung und Verhältnismäßigkeit zu achten. Für die Anord- von Lärm und Luftverschmutzung gefördert und nung von Umweltzonen sind die Länder zuständig. flächendeckend ausgebaut werden. Die Technolo- Der Bund setzt sich dafür ein, die Ausnahmeregelun- gien sind für Zweiräder, PKW, Lieferfahrzeuge und gen für Einfahrverbote bundesweit zu vereinheit- im ÖPNV (z. B. Hybridbusse) gleichermaßen zu unter- lichen. Über Erfahrungen mit Umweltzonen wäre stützen. Bei der Elektromobilität als leiser Techno- ein länderübergreifender Austausch sinnvoll. Hierbei logie sind die erhöhten Anforderungen für die Sicher- ist eine gesamtstädtische Betrachtung nötig, heit besonders zu gewährleisten. Die Innenstadt gleichzeitig muss eine mögliche Verkehrsverlage- eignet sich aufgrund der kurzen Wege und der guten rung auf andere Stadtteile beachtet werden. Breitenwirksamkeit (Stichwort Sichtbarkeit) dafür besonders gut. Elektromobilität kann auch mit fachübergreifende lärmaktionsplanung: Die anderen Maßnahmen, wie dem Angebot von PKW Lärmaktionsplanung sollte mit der Bebauungspla- oder Fahrradmietsystemen, kombiniert werden. nung sowie der Verkehrsentwicklungsplanung einer Einfache Mietvorgänge und eine tarifliche Integra- Kommune verzahnt werden. Weiterhin sollte sie tion in den ÖPNV können das innerstädtische Anregungen zur Lärmvermeidung und Lärmminde- Verkehrssystem zusätzlich bereichern. Auch für rung im regionalen Maßstab geben. innerstädtische Liefersysteme oder bei kommunalen Anwendungen wie der Müllabfuhr kann Elektromo- schritte zur lärmminderung: Hierzu gehören bilität einen positiven Beitrag leisten. Maßnahmen zur Verkehrsraumgestaltung, Verkehrs- lenkung und Abschirmung ebenso wie Geschwin- Güterverkehr und warenlogistiksysteme: digkeitsregelungen bzw. Verkehrsbeschränkungen Der Transport von Waren, die nicht zwingend in für ausgewählte Fahrzeuggruppen wie LKW zu die Innenstadt müssen, ist durch eine intelligente sensiblen Zeiten (Nachtfahrverbot) oder eine Ver- Kooperation von Produktion, Spedition und Einzel- stetigung des Verkehrs durch grüne Wellen. Die handel so zu organisieren, dass unnötige Belas- Bundesregierung setzt im Konjunkturpaket II mit tungen durch die Anlieferung in den Einkaufszonen dem Förderzweck Lärmschutz an kommunalen und den Transport durch die innenstadtnahen Straßen einen erheblichen Impuls für den innerstäd- Stadtviertel reduziert werden. Güterverkehrszentren tischen Lärmschutz. Weiterhin sollte die Forschung können hier als Sammelpunkte genutzt werden. zu lärmmindernden Fahrbahnbelägen für innerört- liche Straßen weiter ausgebaut werden.
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    46 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 2.6 Innenstadt als Ort von Kultur, Baukultur und Stadtleben Innenstädte und ortskerne sind orte für Identität, Kultur und stadterleben. Die stadtkerne mit ihren Plätzen, Kirchen und religiösen einrichtungen, Denkmalen, theatern und anderen öffentlichen einrichtungen und anziehungspunkten sind orte der Identifikation für die Bürgerinnen und Bürger. Gastronomie, hotellerie und freizeiteinrichtungen beleben die Innenstadt ebenso wie die Besuche- rinnen und Besucher von besonderen ereignissen wie sport-, Musik- und Kulturveranstaltungen. Bürgerschaftlich organisierte Kultur- und freizeitangebote erhalten neben den öffentlichen ange- boten wachsende Bedeutung. zugleich wächst die Bedeutung der Kreativwirtschaft auch für die innere stadt, denn Künstlerinnen und Künstler sowie andere kreative Gruppen produzieren und präsentieren vorzugsweise in innerstädtischen lagen. Die Bewahrung und weiterentwicklung wert- voller stadtbild- und imageprägende substanz von altbauten und Denkmalen in ihrem raumgefüge und mit einer hohen städtebaulich-architektonischen Qualität ist die voraussetzung für attraktive Innenstädte der zukunft.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 47 Rathaus und Nikolaikirche in Stralsund zentrale trends als Bildungs- und Kulturangebot ebenfalls In vielen Städten und Gemeinden zeugen wach- Tradition geworden und stellen entscheidende sende Besucher- und Tourismuszahlen und Anziehungspunkte dar. Es ist vor allem die steigende Aufmerksamkeit für innerstädtische Innenstadt, die die Häuser für Kunst und Kultur Entwicklungsprojekte von einem verstärkten beherbergt. In vielen Städten gelten Kultur- Interesse der Bürgerinnen und Bürger für diese projekte als zentraler Baustein einer Revitali- zentralen Orte. Auch in kultureller Hinsicht sierungsstrategie für das Stadtzentrum. sind die Innenstädte besondere Anziehungs- Attraktive Anziehungspunkte für viele punkte und Mittelpunkt der Stadt – dies gilt für Menschen sind heute auch kommerzielle Ein- Bewohnerinnen und Bewohner ebenso wie richtungen, wie z. B. die zahlreichen Multiplex- für Besucherinnen und Besucher. In den Stadt- kinos sowie Einkaufs- und Unterhaltungszentren, kernen zeigen sich das Profil und die besondere die Einzelhandel, Themengastronomie und Eigenart einer Stadt. Hier ist der historische Unterhaltungsangebote unter einem Dach ver- Ursprung der Stadt, hier werden Stadtgeschich- einigen. Vielfach ungelöst ist jedoch der Um- te und städtische Gesellschaft erlebbar und hier gang mit dem durch solche Entwicklungen aus- drückt sich das bürgerliche Selbstverständnis gelösten erhöhten Verkehrsaufkommen. aus. In den Innenstädten befinden sich meist In enger Verbindung mit dem innerstäd- charakteristische Bauwerke und Plätze ebenso tischen Wohnen wächst die Bedeutung bürger- wie kulturelle Einrichtungen und Orte der schaftlich organisierter Kultur- und Freizeit- Unterhaltung und Freizeit. angebote. Sie werden beispielsweise getragen Historische Stadtkerne sind authentische von Vereinen für Kunst, Kultur oder Sport, Orte der lokalen Geschichte und der örtlichen privat organisierten Musikschulen oder auch Baukultur. Waren es früher eher überschaubare von speziellen Einrichtungen für Kinder. Eben- Kreise der Heimatpflege, so ist heute die Bewah- falls konzentrieren sich in den Stadtkernen rung des kulturellen Erbes ein wichtiges ge- die kommunalen Einrichtungen für Kultur und samtgesellschaftliches Anliegen. Dies bezieht den traditionellen auf das einzelne Objekt be- zogenen Denkmalschutz ebenso ein wie das his- torische Ensemble im städtebaulichen Kontext. In vielen Städten bietet die dynamische Entwicklung von Kultur- und Freizeitangeboten – ob öffentlich, kommerziell oder bürgerschaft- lich organisiert – großes Potenzial für die Zen- tren. Ein Beispiel sind Museen und Ausstellungs- häuser. Zumeist öffentlich finanziert und unter- halten, gelten sie heute als unverzichtbar für die Attraktivität von Innenstädten. Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich die Zahl der Museen in Deutschland um ein Drittel erhöht. Aber auch geöffnete Kirchen, Kirchenkonzerte und die Nacht der offenen Kirche sind nicht zuletzt
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    48 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Freizeit – etwa Stadtbüchereien, Theater und schlussfolgerungen Schwimmbäder. In vielen Städten sind diese Die Innenstädte mit ihren öffentlichen Räumen jedoch mit Problemen der wirtschaftlichen und Gebäuden sind Orte für Kultur, Integration Tragfähigkeit konfrontiert. Angesichts knapper und Erlebnis. Sie sind zugleich Orte bürgerschaft- Haushalte hat es die „freiwillige“ Aufgabe lichen Erlebens und Handelns und damit ge- Kultur besonders schwer. sellschaftlich unverzichtbar. Ungeachtet der Die zentralen Räume der Innenstadt – ob zunehmenden Bedeutung des Internets und Marktplatz, Fußgängerbereich oder Grünan- der damit verbundenen globalen Vernetzung lage – werden immer mehr zum „Erlebnisraum ist die direkte Begegnung am Ort ein unverzicht- Stadt“. Sehen und gesehen werden gehören bares Erlebnis. Gerade zur Vielfalt medialer unabdingbar zur Nutzung des öffentlichen Angebote und Anreize bildet die gelebte Stadt- Raums. Märkte, Stadtfeste und Sportveranstal- mitte eine Alternative. Dabei kommt es darauf tungen bilden ein regelmäßiges Programm – an, eine unverwechselbare Identität und orts- in großen wie in kleinen Städten. Für die typische Mischung aus Überraschung und Tourismuswirtschaft bieten Innenstädte ein Vertrautem, aus Lebendigkeit und Muße, her- umfassendes Angebot an Attraktionen, seien zustellen. Aus baukultureller Sicht spielen hier es Denkmale, historische Stadtkerne, Museen, Aura und Atmosphäre, ein menschlicher Restaurants oder kommerzielle Einrichtungen. Maßstab, Überschaubarkeit und Orientierung Aufgabe der Stadtplanung ist es, für Qualität und die Einzigartigkeit und Wiedererkennbar- zu sorgen und den verschiedenen Ansprüchen keit des Stadtbilds eine herausragende Rolle. an den Raum gerecht zu werden. Die Kreativwirtschaft ist derzeit eine der wichtigsten Wachstumsbranchen für viele Städte. Je nach Region und Stadttyp sind dies unterschiedliche Bereiche, z. B. Musik, Design, Film und Handwerk. Dabei ist die wechselseitige Abhängigkeit von traditionellen Kulturange- boten, Kreativwirtschaft und Alltagskultur zu berücksichtigen. Der hohe Anteil von Beschäftig- ten in kreativen Branchen ist eine große Chance für die Entwicklung vor allem der Großstädte. Derzeit werden die Potenziale der Kreativ- wirtschaft auch für kleinere Städte untersucht. Kreative suchen inspirierende, interessante und vor allem kostengünstige Orte zum Wohnen und Arbeiten. Sie ziehen weitere Nutzungen wie Cafés oder originelle Einzelhandelsgeschäfte nach sich und sorgen so im Umfeld für ein be- sonderes Flair. Einige Städte fördern gezielt den Zuzug von Kreativen in den Bereichen Medien, Design, Musik und verwandten Branchen.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 49 Der Stellenwert der Innenstadt als Kultur- zu erhalten und zu stärken. Wichtig sind eindeu- und Identifikationsort ist weiterhin zu stärken. tige räumliche Prioritäten sowohl für die Un- Das baulich-historische Erbe ist dabei zu be- terhaltung bestehender Kultureinrichtungen wahren und für moderne Ansprüche weiterzu- als auch für neue kulturbezogene Investitionen. entwickeln. Erfolg versprechend ist in diesem Diese sind nicht nur ein wichtiger Tourismusfak- Zusammenhang auch die Umnutzung histori- tor, sondern auch ein zentraler Grund für das scher Gebäude für Wohnen und Arbeiten, aber Wohnen in der Innenstadt. eben auch für künstlerische und sonstige kul- Die attraktive Gestaltung und Organisation turelle Aktivitäten. des öffentlichen Raumes in den Stadtzentren Für viele Städte sind wachsende Besuchs- gehört zu den originären kommunalen Aufga- zahlen und auflebender Kulturtourismus eine ben. Wo Anziehungspunkte fehlen, müssen große Chance. Aufgabe ist es, eine ausgewogene sie – insbesondere durch die Einbeziehung von Mischung zwischen öffentlichen, kommerziel- Bürgerinnen und Bürgern, Initiativen, Kunst- len und bürgerschaftlich organisierten Angebo- und Kulturtreibenden – neu geschaffen oder ten zu schaffen oder auch kirchliche Angebote aufgewertet werden. Die Kultur- und Freizeitan- zu berücksichtigen. Mehr denn je gilt es heute, gebote sollten ausgewogen gestaltet werden, neue kreative Partnerschaften zu unterstützen. um den Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen Stadt lebt von Mischung; so könnte die öffent- gerecht zu werden. Doch die Bedürfnisse ändern liche Bibliothek, das Schwimmbad, das Theater sich. Sie lassen sich nicht immer in vorausschau- auch Teil eines innerstädtischen Einkaufszen- ender Planung berücksichtigen. Vielfältige trums sein. Nachbarschaften und Partnerschaf- neue Formen der Mitwirkung sind gefordert. Der ten dieser Art erweisen sich als förderlich für Einsatz neuer Medien ermöglicht neue Wege lebendige Innenstädte. der Teilhabe. Kreative Potenziale der Bürgerinnen In Städten mit zurückgehenden Bevölke- und Bürger sind erwünscht und ihre Nutzung rungszahlen und knappen Haushalten sind die ist unverzichtbar. Von unschätzbarem Wert ist Chancen einer kulturell lebendigen Innenstadt letztlich der leidenschaftliche Diskurs über das begrenzt. Gerade in schrumpfenden Regionen Spannungsverhältnis von Bewahren und Weiter- erhalten die Innenstädte und Ortszentren eine entwickeln durch eine lebendige Bürgerschaft. bedeutende Funktion für Bindung, Versorgung und Erlebnis. Besonders unter schwierigen Bedingungen sollte versucht werden, möglichst alle geeigneten Bau- und Nutzungspotenziale hier anzusiedeln. Dabei ist die Aktivierung und Unterstützung bürgerschaftlicher Ideen und lokaler Initiativen von großer Bedeutung, um die Identifizierung der Bewohner mit dem Ort Innenstadtfest in Mülheim an der Ruhr
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    50 2. zur sItuatIon unD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte Bachhaus mit Erweiterungsbau in Eisenach Potenzielle Maßnahmen stadtbaukultur: Städtebauliche Qualitäten sollten in Gebäuden und im öffentlichen Raum gefördert werden. Dabei sind regionale und lokale Eigenarten zu beachten und sogar gezielt hervorzuheben. Die Maßnahmen im Gebäudebereich reichen von denkmalgerechter, qualitativ hochwertiger Sanie- rung bis zur Realisierung moderner Architektur. Unterstützung bieten dazu die Städtebauförderung, Qualitätsleitfäden, Projekte guter Praxis und eine lebendige örtliche Wettbewerbskultur in den Be- reichen Städtebau und Architektur. Öffentlicher raum: Der öffentliche Raum muss für breite Bevölkerungsschichten attraktiv gestaltet und gehalten werden und für alle Bürgerinnen und Bürger frei zugänglich sein. Wichtig ist eine offene Gestaltung, die Aufenthaltsqualität schafft und Sicherheit ermöglicht. Dabei sollten die Kommunen mit Gewerbetreibenden und Investoren, nachbar- schaftlichen und bürgerschaftlichen Initiativen, Stif- tungen und anderen Akteuren zusammenarbeiten. Intendanz für den öffentlichen raum: Temporäre „Bespielungsstrategien“ des öffentlichen Raums sollten zu Instrumenten der Innenstadtentwicklung und des Innenstadtmanagements werden. Kommu- nale „Spielpläne“ in Kooperation mit Museen und anderen Kultureinrichtungen können die Nutzung des öffentlichen Raums attraktiver machen und qualifizieren. Sie können aber auch eine Überforde- rung und Banalisierung öffentlicher Räume durch eine übermäßige Festivalisierung und Kommerziali- sierung städtischen Lebens verhindern helfen. Ei- gentümerinnen und Eigentümer, öffentliche Träger und private Investoren sind in die Verantwortung für einen qualitätsvollen und sicheren öffentlichen Raum einzubeziehen.
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    2. zur sItuatIonunD zu Den PersPeK tIven Der InnenstäDte 51 Kommunale einrichtungen und Kultur: Kommu- Innovative finanzierungsmodelle: Für Kulturpro- nale Einrichtungen der Daseinsvorsorge und der jekte, die sich positiv auf die Belebung der Innen- Kultur sollten gerade vor dem Hintergrund von Alte- städte auswirken können (z. B. Kleinkunstveranstal- rung und Bevölkerungsrückgang am Standort Innen- tungen, lokale und regionale Kulturveranstaltungen) stadt gestärkt werden. Die Einrichtung von Infra- sollten durch Länder und Kommunen in geeigneten strukturangeboten und von kulturellen Anziehungs- Fällen Fördermittel bereitgestellt werden. Spenden punkten vorzugsweise in zentral gelegenen, leer von Stiftungen, Privatpersonen und lokalem Gewer- stehenden historischen Gebäuden sichert deren be für Kulturprojekte sollten bei Bedarf nach Möglich- ökonomische Basis und belebt die Innenstadt. Auf keit mit öffentlichen Mitteln aufgestockt werden. diese Weise können Stadtbild prägende Gebäude erhalten werden. Die Städtebauförderung sollte stärkung bürgerschaftlichen engagements in in geeigneten Fällen zur Finanzierung neuer Koope- foren und Gestaltungsbeiräten: In Gestaltungs- rationsmodelle genutzt werden. beiräten können engagierte Bürgerinnen und Bürger ihre Kompetenzen zur Wahrung des kulturellen Kultur- und Kreativwirtschaft: Beschäftigte aus Erbes einbringen. Öffentlich geführte Diskurse erwei- den Kreativbranchen sollten als Partnerinnen und sen sich als besonders nachhaltig. Moderierte Foren, Partner einer qualitätsorientierten Innenstadtent- Versammlungen und Befragungen, Ausstellungen wicklung aktiviert und ggf. unterstützt werden. und die laufende Berichterstattung in den lokalen Leer stehende, auch denkmalgeschützte Gebäude Medien sind als wichtige Gelegenheiten und hervor- und Brachen sollten für die Um- und Zwischen- ragende Chancen noch stärker in der Kommunal- nutzung durch Kunstschaffende und Kreative politik zu verankern. bereitgestellt werden. Hier bietet sich die Durchfüh- rung von Wettbewerben und Modellprojekten an. Kreative Beteiligungsverfahren und einsatz neuer Medien: Gewandelte und sich ständig wandelnde Bedürfnisse und Erwartungen an den Stadtraum verlangen nach kreativen Formen zu- kunftsweisender Baukultur. Da Baukultur immer auch Planungskultur ist, bedarf es experimenteller Formen für die Artikulation bürgerschaftlicher Willensbildungsprozesse. Der Einsatz neuer Medien eröffnet völlig neue Formen der Mitwirkung bei stadtentwicklungspolitischen Entscheidungen. Durch Auswertung von Fallstudien und durch För- derung von Modellvorhaben sind Vorbilder für die stadtentwicklungspolitische Praxis zu unterstützen.
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    3 53 Ausblick: Politik für die Innenstädte und Ortszentren Marienplatz und die Mariensäule in München
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    54 3. ausBlIcK: PolItIK fÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren Das Weißbuch Innenstadt ist Bestandteil der 1. Öffentliches Baurecht als notwendige Nationalen Stadtentwicklungspolitik als Ge- rahmenbedingung für attraktive Innenstädte: meinschaftsinitiative von Bund, Ländern und Bereits durch das Gesetz zur Erleichterung von Gemeinden. Es skizziert aktuelle Trends, welche Planungsvorhaben für die Innenentwicklung die Entwicklung unserer Innenstädte und Orts- der Städte im Jahr 2006 erfolgte eine Orientie- zentren beeinflussen. Gleichzeitig benennt es rung der Siedlungsentwicklung auf die vorhan- mögliche Maßnahmen, die einen Beitrag dazu denen Orte. Ziel ist die Wiederherstellung und leisten können, die Mittelpunkte unserer Städte Sicherung funktionsfähiger urbaner Stadt- und und Gemeinden auch zukünftig funktionsfähig Ortszentren. Die aktuell laufende Novellierung und lebendig zu halten. des Baugesetzbuches und der Baunutzungsver- Das Weißbuch Innenstadt ist vor allem ordnung dient unter anderem dem Ziel, die das Ergebnis eines umfassenden Diskussions- Innenentwicklung noch weiter zu stärken. Der prozesses. Das Bundesministerium für Verkehr, Bund wird in Abstimmung mit den Ländern Bau und Stadtentwicklung hat bei der Überar- und kommunalen Spitzenverbänden vor allem beitung des ursprünglichen Entwurfs die zahl- folgende Fragen prüfen: reichen Diskussionsbeiträge einer großen Öffent- lichkeit berücksichtigt. Die im Weißbuch vor- Wie kann die im Gesetz bereits geregelte Media- geschlagenen Maßnahmen richten sich an alle, tion insbesondere für Investitionsvorhaben in die Stadtentwicklung gestalten: an den Bund, den Innenstädten umgesetzt werden? Welche die Länder und die Kommunen; an Private, Ge- Praxisbeispiele gelungener Bauleitplanungspro- werbetreibende, Eigentümer und vor allem an zesse gibt es bereits, insbesondere im Hinblick die Bürgerinnen und Bürger. Das Weißbuch ist auf Öffentlichkeitsbeteiligung und den Einsatz kein abgeschlossenes Dokument. Es geht jetzt neuer Medien? darum, seine Vorschläge in enger Partnerschaft weiter zu bearbeiten und Maßnahmen umzuset- Zu welchen Erkenntnissen kommt die wissen- zen. Hierfür wollen wir die Diskussion gemein- schaftliche Forschung hinsichtlich einer grund- sam mit unseren Partnern fortsetzen und weiter legenden Neuorientierung der Gebietskate- konkretisieren. Wir wollen eine Plattform für gorien der Baunutzungsverordnung? diejenigen bereitstellen, denen die Entwicklung unserer Stadt-, Orts- und Stadtteilzentren ein besonderes Anliegen ist. Bei der Stärkung der Innenstädte stellt sich der Bund seiner Verantwortung. Neben der Ini- tiierung und Moderation des Weißbuch-Prozes- ses geht es in diesem Zusammenhang vor allem um die Gestaltung der notwendigen finanziel- len und rechtlichen Rahmenbedingungen für die innerstädtische Entwicklung. Bei der Umset- zung des Weißbuchs wird sich das BMVBS vor allem auf die folgenden Aufgaben konzentrieren:
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    3. ausBlIcK: PolItIKfÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren 55 2. weiterentwicklung der städtebauförderung Wie kann die Städtebauförderung auf den ver- Seit 40 Jahren ist die Städtebauförderung eine schiedenen Ebenen noch besser mit anderen feste Größe für die Stadtentwicklung. Sie hat Förderquellen wie z. B. EU-Strukturfonds, KfW- sich als Instrument einer „lernenden Politik“ im Programmen, Wirtschaftsförderung, Arbeitsmarkt- Laufe der Jahre immer wieder an die neuen politik oder Bildungspolitik verknüpft und ab- Herausforderungen in den Städten und Gemein- gestimmt werden? den angepasst. Von Anfang an wurde die In- vestitionsförderung nur gewährt, wenn die je- Wie können Monitoring und Evaluierung der weilige Kommune hohen Qualitätsanforderun- Städtebauförderungsmittel weiter verbessert gen an das Management von Stadtentwicklung werden, damit das notwendige Wissen um die gerecht wird. Integrierte Stadtentwicklungs- Erfolge und Defizite der Förderung im Sinne konzepte sind heute das geeignete Instrument, einer „lernenden Politik“ allen Beteiligten recht- die verschiedenen Handlungsfelder zu ver- zeitig zur Verfügung steht? knüpfen und die Akteure bei der Erstellung von Konzepten und konkreter Maßnahmen breit 3. fortsetzung des weißbuch-Prozesses einzubeziehen. Der Bund wird in Abstimmung im rahmen von Modellvorhaben mit den Ländern und kommunalen Spitzenver- Die meisten Erkenntnisse aus dem Weißbuch- bänden insbesondere folgende Fragen prüfen: Prozess münden in Empfehlungen an die Städte und Gemeinden. Das entspricht der kommu- Wie kann die Städtebauförderung noch besser nalen Selbstverantwortung, denn die Stadtent- als bisher auf die Stärkung der Innenstädte und wicklung ist in erster Linie die Aufgabe der Ortszentren und auf die Innenentwicklung der Kommunalpolitik und der kommunalen Bürger- Städte und Gemeinden ausgerichtet werden? schaft, unterstützt durch die Kommunalverwal- tung. Der Bund wird im Rahmen von Modell- Wie kann die Rolle und Funktion der integrierten vorhaben besonders engagierte Kommunen Stadtentwicklungskonzepte für die Programme dabei unterstützen, innovative Konzepte und der Städtebauförderung weiter gestärkt werden? Strategien für ihre Innenstädte oder Ortszentren zu entwickeln und umzusetzen. Aus den damit Wie können baukulturelle Qualitätsmaßstäbe gesammelten Erfahrungen sollen Anregungen besser als bisher in die Stadtentwicklungskon- und Empfehlungen für alle Städte und Gemein- zepte und die Städtebauförderung integriert den abgeleitet und breit kommuniziert werden. werden? Wie können private Akteure in den Städten noch besser in die Strategien und Finanzierung der Städtebauförderung eingebunden werden?
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    56 3. ausBlIcK: PolItIK fÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren 4. neue Beteiligungskultur für eine erfolgreiche 5. Inhaltliche weiterentwicklung zentraler stadtentwicklungspolitik themenfelder für die Innenstädte Engagement und Beteiligung der Wirtschaft, Aus dem Weißbuchprozess haben sich nicht zu- der Vereine, der Kirchen, der Sozialverbände, letzt folgende Themen zur Stärkung der Innen- der Stiftungen und anderen sind entscheidende städte und Ortszentren herauskristallisiert, an Voraussetzungen für eine erfolgreiche Stadt- denen weitergearbeitet werden muss. Das entwicklungspolitik. Der Einbindung der Bür- BMVBS wird diese Schwerpunkte thematisch gerinnen und Bürger gilt ein besonderes Au- weiterentwickeln und dazu die umfassende De- genmerk – und zwar ganz besonders für unsere batte mit den jeweiligen Partnern und der Öf- Innenstädte und Ortszentren. Diese sind Orte fentlichkeit führen. der Identifikation, für die sich die Menschen in hohem Maße interessieren und engagieren. Es Baukultur: Neben dem Erhalt des historischen Er- sind aber auch diejenigen Orte, wo die Nut- bes sind aus der Nutzung gefallene bzw. fallende zungsdichte – und damit oft auch das Konflikt- Flächen und Gebäude alter Industrie-, Gewerbe- potenzial – am größten sind. und Bahnanlagen von höchstem Interesse. Hier Stadtentwicklung zu einer Gemeinschafts- können neue Funktionsangebote im großen aufgabe weiter zu entwickeln, neue Kooperati- Maßstab innerstädtisch verortet werden. Hier fin- onsformen zu erproben und umzusetzen ist den sich die konzentrierten Austragungsorte ei- deswegen die zentrale Aufgabe der Nationalen ner zukunftsfähigen Weiterentwicklung der In- Stadtentwicklungspolitik. Es geht darum, ge- nenstädte. Im gelungenen Zusammenhang von meinsam mehr Engagement für unsere Städte Alt und Neu erhalten die Städte hier ihre neuen zu mobilisieren. Dafür orientiert sich die Na- Akzente und Anziehungspunkte und können pro- tionale Stadtentwicklungspolitik, aufbauend duktiv gemacht werden. Unter Umständen kön- auf den Ergebnissen der letzten Jahre, auf neue nen sogar Bausünden der Vergangenheit geheilt Formate: werden. Das BMVBS wird mit seinen Partnern sei- ne vielstimmige Baukulturdebatte der Qualitäts- Der in 2011 ausgelobte Bürgerstiftungspreis zielt sicherung fortsetzen und den Kommunen in der auf das Engagement der Bürgerinnen und Bürger Stärkung ihrer Kompetenz für Baukultur zur Seite für ihre Städte, die vor allem ihre Stadtteile unter- stehen. Baukultur wird zur Säule der Nationalen stützen wollen. Stadtentwicklungspolitik. Neue Formate für Information, Ansprache und Einbindung einer weiteren Öffentlichkeit werden zurzeit ebenso erprobt wie der gezielte Aus- tausch mit internationalen Partnern auf diesem Themengebiet. Weiterhin sind neue Projektformate geplant, die auf Beteiligung zielen und innovative Ansätze unterstützen.
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    3. ausBlIcK: PolItIKfÜr DIe InnenstäDte unD ortszentren 57 Öffentlicher Raum: Der öffentliche Raum mit sei- 6. wissenstransfer durch vernetzung und nem Netz von Straßen, Plätzen, Parks und Grün- gute Beispiele flächen bildet das Rückgrat der Stadt. Die Renais- Die Sicherung des Erfahrungsaustausches zwi- sance der Innenstädte für das Wohnen kann nur schen den Akteuren der Stadtentwicklung ist dort erfolgreich sein, wo unterschiedliche Wohn- eines der wichtigsten Ziele der Nationalen angebote mit guten Wohnumfeldangeboten ein- Stadtentwicklungspolitik. Denn für viele Pro- hergehen. Zentrale Zukunftsthemen der Gestal- bleme gibt es bereits Lösungsansätze. Oft sind tung des öffentlichen Raums sind z. B. Sicherheit diese nicht ausreichend bekannt. Veranstal- und Sauberkeit, die behutsame Weiterentwick- tungen, Publikationen, die Unterstützung von lung von Freiräumen, Parks und Gärten und die innovativen Projekten und die Internetpräsenz Organisation der Pflege durch die öffentliche dienen deswegen zum einen der Vernetzung Hand und durch die stärkere Einbeziehung Priva- der Akteure der Stadtentwicklung und zum an- ter. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und deren der Weiterentwicklung der Förderinstru- dem beschleunigten Umstieg auf eine regenera- mente. Bereits heute stehen zahlreiche Ergeb- tive Energieversorgung kommt dem Grün in der nisse, Erfahrungen und Empfehlungen zur Stadt eine neue strategische Rolle zu. Verfügung. Die Beispiele werden „aus der Praxis für die Praxis“ aufbereitet und stehen in vielen Energieeffiziente Gebäude, Städte und Gemein- Internetpräsenzen zur Verfügung, u. a. den: Die energetische Sanierung von Bestands- www.bmvbs.de, www.bbsr.de, www.nationale- bauten wie auch der energieeffiziente Neubau stadtentwicklung.de. sind ein entscheidender Beitrag zur Umsetzung des Energiekonzepts der Bundesregierung, bis 2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudebe- stand zu verwirklichen. Mit dem CO2-Gebäudesa- nierungsprogramm steht dafür ein bewährtes In- strument zur Verfügung. Darüber hinaus wird mit dem im Energiekonzept vorgesehenen neuen Förderprogramm „Energetische Stadtsanierung“ der Weg vom Gebäude zum Quartier unter Be- rücksichtigung baukultureller Qualitäten be- schritten.
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    58 Impressum herausgeber Bildnachweis Bundesministerium für Verkehr, Bau Titel: Marktplatz mit Steipe, Trier (blickwinkel/ und Stadtentwicklung McPhoto); BMVBS/Fotograf: Frank Ossenbrink Invalidenstraße 44 (S. 4), Zoonar.com/Matthias Hauser (S. 7), Jakob 10115 Berlin Gajdzik – Fotolia.com (S. 8), Aviapictures-Luft- aufnahmen/Maik Smolarczyk (S. 10), Stadt Bearbeitung Gütersloh (S. 13), iStockphoto.com/xyno (S. 14 l. o.), Bundesministerium für Verkehr, Bau und Thomas Haertrich / transit (S. 14 l. u.), iStock- Stadtentwicklung photo.com/kontrast-fotodesign (S. 14 r.), Bild- agentur-online/Klein (S. 16), blickwinkel/S. Ziese Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und (S. 18); BBSR im BBR (S. 20 o.), Franz Pfluegl – Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Fotolia.com (S. 20 u.), IMORDE GmbH (S. 23, 44 l., Bauwesen und Raumordnung (BBR) 46), Stadt Lüdenscheid/Rolf Rutzen (S. 24); Caro/ Eckelt (S. 27 o.), David Ausserhofer/Intro (S. 27 u.), fachinhaltliche Beratung und Prozessbegleitung Jens Gyarmaty (S. 28), Ute Voigt/direktfoto (S. 30), IMORDE Projekt- & Kulturberatung GmbH, Konzept und Bild/VISUM (S. 33), Saba Laudanna/ Münster/Berlin sabalaudanna.de (S. 34), Stefan Boness/Ipon Junker und Kruse Stadtforschung . Planung, (S. 35), Peter Frischmuth/argus (S. 36/37), iStock- Dortmund photo.com/olaser (S. 38), Paul Eckenroth/JOKER (S. 40/41), iStockphoto.com/ollo (S. 43), Matthias Grafik und Gestaltung Luedecke (S. 44 r.), Bildagentur Huber (S. 47), Janet Wagner Gestaltung, Berlin Mülheimer Stadtmarketing und Tourismus GmbH (S. 48), Bachhaus Eisenach/André Nestler (S. 50), all-five.de (S. 52) nachdruck und vervielfältigung Alle Rechte vorbehalten Berlin, Bonn 2011
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    Innenstädte und Ortskernehaben eine Schlüsselfunktion für Stadt und Region. An diesen breiten politischen und fachlichen Konsens knüpft die Bundesregierung im Koalitionsvertrag mit ihrem Bekenntnis zur Innenent- wicklung an. Die Stärkung der Innenstädte und Ortszentren ist ein wesentlicher Beitrag zur Innenentwicklung. Das vorliegende Weißbuch ist das Ergebnis eines umfassenden öffentlichen Diskussionsprozesses zu den Innenstädten, der im Oktober 2010 durch eine Initiative des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) gestartet wurde. Im Laufe eines halbjährigen Prozesses mit einem Auftaktkongress, Fachkonferenzen und der Möglichkeit, sich schriftlich zu beteiligten, haben sich zahlreiche Kommunen, Landkreise, Länder, Kirchen, Kammern, Verbände und Vereine, Wissenschaftler, Firmen und Beratungsbüros, aber auch viele kleinere Initiativen sowie Bürgerinnen und Bürger zu Wort gemeldet. Sie haben den Diskus- sionsprozess mit vielfältigen Anregungen, kritischen Anmerkungen und vor allem mit konkreten Handlungs- vorschlägen bereichert und das Weißbuch um wichtige Aspekte ergänzt. Der Diskussionsprozess für die Innenstädte ist ein zentraler Baustein in der Strategie der Nationalen Stadtentwicklungspolitik mit dem Ziel für die Stadtzentren eine höhere Aufmerksamkeit in Politik und Gesell- schaft zu gewinnen. Das Weißbuch Innenstadt benennt Schwerpunkte für die innerstädtische Politik, an denen in den nächsten Jahren weitergearbeitet werden muss. Es richtet sich an alle, die sich für eine integrierte und nachhaltige, wirtschaftlich tragfähige, sozial ausgewogene und ökologisch orientierte Innenstadtent- wicklung einsetzen. Damit knüpft das Weißbuch an die „Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“ an, die im Jahr 2007 von den für die Stadtentwicklungspolitik zuständigen Ministerinnen und Ministern aller EU-Mitgliedsstaaten unterzeichnet wurde. Zugleich versteht sich das Weißbuch als ein Fahrplan für eine Politik der Zentrenstärkung: für Politik und Verwaltung, Kammern und Verbände, Wissenschaft und Praxis, vor allem aber auch die Bürgerinnen und Bürger.