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Jahrespressekonferenz 2011

„Leben mit HIV hat Zukunft, wenn es die Gesellschaft zulässt!“
AIDS-Hilfe NRW fordert Akzeptanz für Menschen mit HIV am Arbeitsplatz

Düsseldorf, 20.09.2011 (Sperrfrist 11.00 Uhr) – Die AIDS-Hilfe NRW forderte
heute anlässlich ihrer Jahrespressekonferenz, Menschen mit HIV am Arbeitsplatz
ohne Vorurteile zu begegnen und sie als gleichwertige Kolleginnen und Kollegen
zu akzeptieren. „HIV-positive Menschen erbringen die gleiche Leistung wie andere
chronisch Erkrankte auch“, erklärte Vorstandsmitglied Olaf Lonczewski. “Wir for-
dern keinen Sonderstatus, sondern eine Gleichstellung mit allen anderen Beschäf-
tigten.“ Daher sei es unerlässlich, dass Firmen sich über den aktuellen Wissens-
stand zu HIV informieren und die Vermittlung dieses Wissens an die Belegschaft
fördern.

„Menschen mit HIV sind leistungsfähige Angestellte, sofern sie ohne Angst vor
Diskriminierung und Stigmatisierung ihrer Arbeit nachgehen können“, sagte Lon-
czewski. Ein Arbeitsverhältnis bedeute in jedem Fall die aktive Teilhabe am gesell-
schaftlichen Leben und trage zur positiven Beeinflussung des Infektionsverlaufs
bei. „Allerdings verstößt jeder Zwang zur Offenlegung und jeder von Arbeitgeber-
seite angeordnete HIV-Test gegen die informationelle Selbstbestimmung“, stellte
Lonczewski klar. Die Entscheidung, ihre HIV-Infektion öffentlich zu machen oder
für sich zu behalten, müsse allein bei den Angestellten liegen.

Das Thema Arbeit sei inzwischen zu einem Kernpunkt für ein „normales Leben“
mit HIV geworden. Tagesstruktur, soziale Kontakte und nicht zuletzt die finanzi-
elle Ausstattung hätten unmittelbare Auswirkungen darauf. Allerdings seien nicht
wenige Menschen mit HIV aufgrund ihrer unterbrochenen Berufsbiografie von den
arbeitsmarktpolitischen Reformen der Bundesregierung betroffen. „Ministerin von
der Leyen muss die Kürzungen im Bereich der Beschäftigungsprojekte zurückneh-
men, damit diese integrativen Maßnahmen nicht abgeschafft werden“, forderte
Olaf Lonczewski.

Patrik Maas, neuer Landesgeschäftsführer der AIDS-Hilfe NRW, äußerte sich zwar
zufrieden über die Wahrnehmung der Aidshilfearbeit durch die Landespolitik, al-
lerdings seien über ein Leben mit HIV noch Mythen und Unwahrheiten im Umlauf,
die jeder Grundlage entbehren. „Die Notwendigkeit einer effektiven Prävention
steht außer Frage. Doch der nach wie vor gültige Umschlusserlass, nach dem
Inhaftierte mit HIV bei Zusammenlegung mit anderen Gefangenen ihre Infektion
offenlegen müssen, zeigt, wie viel Aufklärung auch in der Politik noch zu leisten
ist“, sagte Maas.

Die Mitgliedsorganisationen der AIDS-Hilfe NRW hatten im Jahr 2010 insgesamt
rund 345 000 primärpräventive Kontakte, nach wie vor mehr als die Hälfte davon
zu Jugendlichen unter 21 Jahren und knapp ein Viertel zu Menschen mit Migra-
tionshintergrund. Insgesamt erreichten sie mit ihren Angeboten der Prävention,
Beratung und Betreuung etwa 374 000 Menschen.

In Nordrhein-Westfalen leben zurzeit etwa 14 000 HIV-positive Menschen, bun-
desweit sind es etwa 70 000. 2010 wurden in NRW 680 neue HIV-Diagnosen
gemeldet, der Anteil der Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), liegt hier
bei 72%. Etwa 160 Menschen mit HIV und Aids in NRW sind 2010 infolge ihrer
Infektion gestorben.                                                                       AIDS-Hilfe NRW e.V.
                                                                                        Lindenstraße 20 | 50674 Köln

                                                                                                Dr. Guido Schlimbach
                                                                                                      Pressesprecher

                                                                                                 Fon 0221-925996-17
                                                                                                  Fax 0221-925996-9
                                                                                      guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                                                                 www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Leben mit HIV hat Zukunft, wenn es unsere Gesellschaft denn zulässt!


Redetext von Patrik Maas
Landesgeschäftsführer der AIDS-Hilfe NRW
Jahrespressekonferenz 2011

- es gilt das gesprochene Wort -



Meine Damen und Herren,

bevor wir auf das Schwerpunktthema der heutigen Pressekonferenz kommen,
die Situation der Menschen mit HIV in unserem Land, gebe ich Ihnen einen
kurzen Überblick über die landespolitischen Perspektiven der Aidshilfearbeit
in Nordrhein-Westfalen und über die aktuelle Datenlage.


Landespolitische Perspektiven

Die Wahrnehmung des Themas „HIV/Aids“ und des Engagements der Aids-
hilfen durch die Fraktionen des Landtags und die Landesregierung ist aus
unserer Sicht erfreulich. Fraktionsübergreifend steht die Notwendigkeit einer
effektiven und fachlich fundierten HIV- und Aidsprävention außer Frage. Im
zurückliegenden Jahr haben hierüber zahlreiche Einzelgespräche mit Abge-
ordneten aller Fraktionen und mit Mitgliedern der Landesregierung stattge-
funden.

Die Landesregierung scheint gewillt, die zielgruppenspezifische HIV-Präventi-
on auszubauen und die Kürzungen der vergangenen Jahre zurückzunehmen.
Die AIDS-Hilfe NRW fordert, die Aidsprävention gemeinsam mit uns zeitge-
mäß auszurichten und insbesondere die zielgruppenspezifischen und niedrig-
schwelligen Angebote zu stärken.

Um die Kooperation und Vernetzung aller auf Landesebene Beteiligten bes-
ser zu steuern, wurde inzwischen die „Arbeitsgemeinschaft AIDS-Prävention
NRW“ ins Leben gerufen, deren Geschäftsstelle in unseren Räumen angesie-
delt ist. Durch die engere Verknüpfung der Interessen von Kommunen und
freien Trägern soll die Qualität und Effizienz der Aidsarbeit in Nordrhein-West-
falen optimiert werden. Eine derartige Kooperation zwischen den kommu-
nalen Spitzenverbänden und der freien Wohlfahrtspflege ist in Deutschland
einmalig. Die AIDS-Hilfe NRW begrüßt sehr, dass das Land NRW diese Ar-
beitsgemeinschaft eingerichtet hat und unserem Verband das Vertrauen ent-
gegenbringt, deren Arbeit zu koordinieren.

Auch die Landesregierung von SPD und Grünen wird die Kommunalisierung
der Fördermittel für die regionale Aidsarbeit in NRW nicht zurücknehmen. Die            AIDS-Hilfe NRW e.V.
AIDS-Hilfe NRW sieht dies nach wie vor kritisch und wird auch in Zukunft da-         Lindenstraße 20 | 50674 Köln

rauf hinweisen, wie dadurch unsere Arbeit wesentlich erschwert wird.                         Dr. Guido Schlimbach
                                                                                                   Pressesprecher
Als Selbsthilfeverband und Interessensvertretung der von HIV bedrohten und                    Fon 0221-925996-17
betroffenen Menschen kämpfen wir auch für verbesserte Rahmenbedingungen                        Fax 0221-925996-9
                                                                                   guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
der Prävention mit Menschen, die Drogen konsumieren.                                          www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Wir begrüßen ausdrücklich, dass der Justizminister unseres Landes inzwi-
schen die Eigenbedarfsgrenze illegaler Drogen heraufgesetzt hat. Hierdurch
wird die Kriminalisierungsrate intravenös Drogen gebrauchender Menschen
deutlich vermindert und Druck genommen.

Im vergangenen Jahr haben wir an dieser Stelle die Beendigung des „Zwang-
soutings“ von Inhaftierten mit HIV gefordert. Mit dem so genannten „Um-
schlusserlass“ aus den Achtzigerjahren werden Inhaftierte gezwungen, ihre
HIV-Infektion preiszugeben, wenn sie Umschluss mit anderen Gefangenen
haben möchten. Die FDP-Fraktion hat dies zum Anlass einer kleinen Anfrage
an die Landesregierung genommen. Im Juni fand im Rechtsausschuss des
Landtags dazu eine öffentliche Anhörung statt. Hier konnten wir uns deutlich
für die Abschaffung des „Zwangsoutings“ im Vollzug aussprechen, da dies für
Menschen mit HIV diskriminierend ist und einer auf rationalen Grundlagen ba-
sierenden Prävention im Wege steht. Für den Strafvollzug müssen selbstver-
ständlich die gleichen Präventionsstandards gelten, die sich auch außerhalb
des Vollzugs bewährt haben.

Leider wurde unsere Position nicht von allen Sachverständigen unterstützt.
Die Vertretung der Bediensteten, aber auch Experten, die in anderen Fällen
unsere Ansichten teilen und unterstützen, forderten in dieser Anhörung die
Ausweitung der Auskunftspflicht - auch bei anderen Infektionskrankheiten.
Unser Landesverband sieht es als vorrangige Aufgabe im Bereich des Straf-
vollzugs, verstärkt für die Aufhebung des Erlasses zu kämpfen.


HIV und Aids in NRW

Kommen wir nun zu konkreten Zahlen zu HIV und Aids in NRW. Das Robert-
Koch-Institut in Berlin schätzt die epidemiologische Situation für NRW folgen-
dermaßen ein:

In Nordrhein-Westfalen leben zurzeit etwa 14 000 Menschen mit dem HI-Vi-
rus, davon sind aktuell etwa 2 700 Menschen an Aids erkrankt. 160 Menschen
erkrankten 2010 neu an Aids. 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen.

Im vergangenen Jahr wurden 680 neue HIV-Infektionen gemeldet. Der Anteil
der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), lag bei etwa 72 Prozent. Der
Anteil der Drogen gebrauchenden Menschen lag bei unter 6 Prozent und der
Anteil der über heterosexuelle Kontakte Infizierten bei jetzt 22 Prozent.

Die Zahl der Aidstoten lag in 2010 bei etwa 160. Seit 1982 sind in NRW etwa
6 300 Menschen an den Folgen von Aids gestorben.


345 000 Menschen erreicht

Mit Blick auf die Statistik sind unsere 42 Mitgliedsorganisationen mit ihren          AIDS-Hilfe NRW e.V.
Serviceeinrichtungen und Beratungsstellen in ganz Nordrhein-Westfalen für          Lindenstraße 20 | 50674 Köln

Interessierte und Hilfesuchende gut erreichbar. 2010 haben sie mit primär-                 Dr. Guido Schlimbach
präventiven Maßnahmen vor Ort Kontakt zu 345 000 Menschen gehabt.                                Pressesprecher

                                                                                            Fon 0221-925996-17
Der Anteil der primärpräventiven Kontakte mit Jugendlichen bis 21 Jahren                     Fax 0221-925996-9
                                                                                 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
beträgt 52 Prozent, in absoluten Zahlen rund 180 000.                                       www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Zu Erwachsenen ab 22 Jahre beträgt der Anteil 48 % ein, in absoluten Zahlen
165 000 Kontakte. Der Anteil primärpräventiver Kontakte zu Menschen mit
Migrationshintergrund beträgt rund 23 Prozent, das entspricht über 79 000
Kontakten.

Darüber hinaus stand die Aidshilfe im vergangenen Jahr weiteren rund 28 000
Menschen beratend oder begleitend zur Seite, der Mehrzahl sogar mehrmals
im Jahr, so dass in 2010 über 100 000 Gespräche mit HIV/infizierten Men-
schen mit HIV, deren Angehörigen und Freunden verzeichnet werden konnte.

Insgesamt haben die Mitgliedsorganisationen der AIDS-Hilfe NRW im Jahr
2010 also schätzungsweise 374 000 Menschen mit ihren Angeboten der Prä-
vention, Beratung und Betreuung erreicht.


Prävention – Beratung – Vernetzung

Die AIDS-Hilfe NRW stärkt und ermöglicht nicht nur ehrenamtliches Enga-
gement, sie braucht es. Wir sind stolz, dass sich im vergangenen Jahr 1 482
Ehrenamtliche insgesamt rund 1 150 000 Stunden für die Aidshilfe engagiert
haben. Daneben sind knapp 250 Angestellte tätig, die zusammengerechnet
167 Vollzeitstellen besetzen und durch das Land NRW, die jeweiligen Kommu-
nen und aus Eigenmitteln finanziert werden.

Betrachtet man den Zeitaufwand der Aidshilfen insgesamt, wenden wir gut 30
Prozent der Arbeit für die Primärprävention, etwas mehr als ein Viertel für die
Beratung und Betreuung sowie die Förderung der Selbsthilfe auf. Knapp ein
Viertel Arbeitszeit investieren wir in die Öffentlichkeitsarbeit, die Vernetzung
und die Fort- und Weiterbildung der Haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeite-
rinnen und Mitarbeiter und nur 13 Prozent für die Verwaltung. Für die Akquise
von Mitteln müssen unsere Mitgliedsorganisationen aber inzwischen 7 Prozent
ihrer Arbeitszeit investieren.

Alles in allem bedeutet dies, dass der Finanzbedarf bei den Aidshilfen ständig
steigt, dass wir demnach immer mehr Drittmittel akquirieren müssen und für
die gleichen Inhalte bei gleicher Förderhöhe mehr Arbeit zu leisten ist.




                                                                                        AIDS-Hilfe NRW e.V.
                                                                                     Lindenstraße 20 | 50674 Köln

                                                                                             Dr. Guido Schlimbach
                                                                                                   Pressesprecher

                                                                                              Fon 0221-925996-17
                                                                                               Fax 0221-925996-9
                                                                                   guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                                                              www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Redetext von Olaf Lonczewski
Vorstandsmitglied der AIDS-Hilfe NRW
Jahrespressekonferenz 2011

- es gilt das gesprochene Wort -


Leben mit HIV hat Zukunft, wenn unsere Gesellschaft es zulässt!

Noch nie lebten so viele Menschen in Nordrhein-Westfalen mit dem HI-Virus
wie zurzeit. Das Robert Koch-Institut in Berlin geht wie eben genannt stati-
stisch von 14 000 Menschen mit HIV in unserem Bundesland aus, konkret
sind es 12 000 bis 17 000. Neben den vielen Einzelschicksalen ist das epide-
miologisch ganz sicher keine schlechte Nachricht. Aufgrund der antiretrovi-
ralen Therapien sind die Lebenserwartung und die Lebensqualität der meisten
von ihnen nämlich deutlich gestiegen. Ein positives Testergebnis zu bekom-
men, ist heute schon lange nicht mehr mit einem Todesurteil gleichzusetzen,
denn auch ein Leben mit HIV hat Zukunft, wenn unsere Gesellschaft es denn
zulässt!

Neben der medizinischen Seite beeinflussen vor allem die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen ein Leben mit einer chronischen Erkrankung, positiv wie
negativ. Und HIV ist inzwischen als solche anzusehen. Doch immer noch herr-
schen alte Bilder über die HIV-Infektion vor, zudem scheinen sich Mythen zu
halten, die auch schon vor 25 Jahren nicht den Tatsachen entsprachen.

Als jüngstes Beispiel ist hier ein Urteil des Berliner Arbeitsgerichts zu nen-
nen. Dieses hat die Klage eines HIV-positiven Chemielaboranten abgewiesen,
dessen Arbeitgeber ihm in der Probezeit aufgrund seiner Infektion gekündigt
hatte. Der 24-Jährige wurde nach einem positiven HIV-Testergebnis im Rah-
men einer betriebsärztlichen Untersuchung entlassen mit der Begründung,
als pharmazeutisches Unternehmen müsse es seine Kundinnen und Kunden
vor einer HIV-Infektion schützen. Ungeachtet dessen, dass eine Entlassung
während der Probezeit keiner Begründung bedarf, gab diese Firma tatsächlich
zu Protokoll, ein Angestellter mit HIV sei eine Gefahr für die Kundschaft und
fühlte sich damit im Recht.

Wie unaufgeklärt muss ein Arbeitgeber sein, um sich eine solche Blöße zu
geben? Die angeführten Gründe sind völlig absurd, weil zu keinem Zeitpunkt
eine Gefahr für die Kolleginnen und Kollegen des Klägers, schon gar nicht für
die Kundschaft bestand. Die Kündigung wurde nicht für unwirksam erklärt,
weil der Angestellte auf Verletzung des besonderen Schutzes des Allgemeinen
Gesetzes zur Gleichbehandlung (AGG) geklagt hatte, was laut erster Instanz
auf diesen Fall nicht zutraf. Daher betonen wir an dieser Stelle noch einmal
ausdrücklich: Im Arbeitsalltag kann HIV nicht übertragen werden. Eine HIV-
Infektion ist daher kein Grund, einen Menschen nicht einzustellen, und erst
Recht kein zulässiger Kündigungsgrund.
                                                                                      AIDS-Hilfe NRW e.V.
In diesem Zusammenhang verweisen wir auf die Ankündigung der Deutschen             Lindenstraße 20 | 50674 Köln

AIDS-Gesellschaft (DAIG), ihre Stellungnahme zum Infektionsschutz am Ar-                   Dr. Guido Schlimbach
beitsplatz zu überarbeiten und dem aktuellen Stand der Medizin anzupassen.                       Pressesprecher
Dies beinhaltet für uns auch die Aufhebung von Berufseinschränkungen in                     Fon 0221-925996-17
bestimmten Berufsfeldern.                                                                    Fax 0221-925996-9
                                                                                 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                                                            www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Zwei Drittel der Menschen mit HIV sind berufstätig

Wir können davon ausgehen, dass zwei Drittel der Menschen mit HIV einer
regulären Berufstätigkeit nachgehen. Ein Teil dieser Berufstätigen ist zwar
infiziert, hat aber bislang kaum Beeinträchtigungen zu tragen, weder durch
die Infektion selbst, noch durch Nebenwirkungen der Therapie. Ein weiterer
Teil hatte zwar schon gesundheitliche Beeinträchtigungen hinzunehmen, ist
jedoch aufgrund der guten Therapien stabil genug, ein Arbeitsverhältnis aus-
zufüllen. Darüber hinaus gehen andere einer Teilzeitbeschäftigung nach und
passen sich damit ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit an.

HIV-positive Menschen erbringen nicht weniger und nicht mehr Leistung als
andere chronisch Erkrankte auch. Wie diese unterscheiden sie sich von ver-
meintlich gesunden Kolleginnen und Kollegen eventuell darin, dass sie einmal
im Quartal die Möglichkeit haben müssen, ohne großen Aufwand ihren regu-
lären Untersuchungen nachgehen zu können – ohne Sanktionen von Arbeit-
geberseite oder den Kolleginnen und Kollegen fürchten zu müssen. Darüber
hinaus bringen chronisch kranke Menschen jedoch auch positive Eigenschaf-
ten mit, die sich Arbeitgeber bei gesunden Kolleginnen und Kollegen manch-
mal wünschten. Zum Erhalt ihrer Leistungsfähigkeit sind sie hochgradig dis-
zipliniert und wie fast alle Menschen mit bearbeiteten Lebenskrisen äußerst
resistent gegenüber Stress und sehr flexibel.

Ein Arbeitsverhältnis bedeutet in jedem Fall die aktive Teilhabe am gesell-
schaftlichen Leben und trägt zur positiven Beeinflussung des Infektionsver-
laufes bei. Berufstätige mit HIV sind jeder anderen Arbeitnehmerin und jedem
anderen Arbeitnehmer gleichzustellen.

Dabei muss die Entscheidung, ob sie ihre HIV-Infektion öffentlich machen
oder lieber für sich behalten, allein bei ihnen liegen. Jeder Zwang zur Offen-
legung, ja, jeder von Arbeitgeberseite angeordnete HIV-Test verstößt gegen
die informationelle Selbstbestimmung.


Diskriminierung macht krank!

Wir erkennen immer noch eine große Diskrepanz im Verhalten der Menschen.
Die Aidshilfe anlässlich des Welt-Aids-Tags mit einer Spende zu unterstützen,
bringt lange noch nicht mit sich, eine Kollegin oder einen Kollegen mit HIV am
Arbeitsplatz unvoreingenommen zu akzeptieren – auch hier in NRW. Nicht HIV
allein macht krank, sondern jede Diskriminierung am Arbeitsplatz und jede
berechtigte Angst vor Benachteiligung.

Wir fordern daher an dieser Stelle alle Arbeitgeber auf, sich über den aktu-
ellen medizinischen Stand von HIV zu informieren und die Vermittlung dieses
Wissens an ihre Belegschaft zu fördern. Zufriedene Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer mit HIV sind Kapital für jedes Unternehmen. Arbeitsplätze zur
Verfügung zu stellen und gegen jede Diskriminierung und Stigmatisierung               AIDS-Hilfe NRW e.V.
vorzugehen, wird sich am Ende auszahlen. Wir fordern keinen Sonderstatus           Lindenstraße 20 | 50674 Köln

für Menschen mit HIV am Arbeitsplatz, sondern eine Gleichstellung mit allen                Dr. Guido Schlimbach
anderen Beschäftigten. Menschen mit HIV sind leistungsfähige Angestellte,                        Pressesprecher
wenn sie sich ohne Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung bewegen                    Fon 0221-925996-17
und verhalten können.                                                                        Fax 0221-925996-9
                                                                                 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                                                            www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Bessere Rahmenbedingungen für ältere und chronisch kranke Arbeit-
nehmer!

Selbstverständlich bringt die Zunahme der Zahl an Menschen mit HIV in un-
serem Land auch weitere Herausforderungen mit sich. Auch Menschen mit
HIV werden älter. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an die Arbeits-
plätze der Zukunft und die Rahmenbedingungen insbesondere für Ältere und
Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Dies ist nicht nur eine HIV-
spezifische, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.


Wer Geld verdient, lebt länger!

Das Thema Arbeit ist zu einem Kernpunkt geworden, der für ein „normales“
Leben mit HIV steht. Tagesstruktur, soziale Kontakte und auch die finanzielle
Ausstattung der Menschen mit HIV hat Auswirkungen auf ihr Leben. Wer Geld
verdient, kann sich mehr leisten und hatte bessere Chancen, gesund zu blei-
ben und alt zu werden und darüber hinaus der Solidargemeinschaft zumin-
dest einen Teil der erhaltenen Leistungen zurückzuzahlen.

Daneben ist es eine Tatsache, dass nicht wenige Menschen mit HIV, wie auch
andere Menschen mit einer Unterbrechung ihrer Berufsbiografie, nicht unmit-
telbar wieder auf den Ersten Arbeitsmarkt vordringen werden. Diese Men-
schen sind besonders von den jüngsten arbeitsmarktpolitischen Reformen der
Bundesregierung betroffen. Hier fordern wir Ministerin von der Leyen auf, die
Kürzungen insbesondere im Bereich der Zuwendungen zu Beschäftigungspro-
jekten zurückzunehmen, da diese de facto eine Abschaffung dieser sinnvollen
Maßnahmen zur Folge haben. Alternativ wünschen und erhoffen wir uns eine
Kompensation auf landes- oder kommunalpolitischer Ebene, damit die vier
in NRW durch Aidshilfen oder in Kooperationen durchgeführten erfolgreichen
Beschäftigungsprojekte für Menschen mit und ohne HIV erhalten werden.


HIV bleibt Herausforderung aller gesellschaftlichen Gruppen

Alles dies kann Aidshilfe nicht alleine bearbeiten. Wir werden es nicht schaf-
fen, allein mit unserer Fach- und Beratungskompetenz, mit Ermutigung und
politischen Forderungen alle Menschen mit HIV, die dies können und wollen,
in Arbeit zu bringen. Hier bedarf es der Mithilfe der politischen Kräfte, der Ge-
werkschaften und aller gesellschaftlichen Gruppierungen, die sich auf diesem
Gebiet engagieren. Auch wenn HIV im Vergleich zu anderen Infektionserkran-
kungen viel weniger Menschen trifft, ist HIV kein Einzelphänomen, es bleibt
eine gesellschaftliche Herausforderung, der sich Politik, Sozialwesen, Medizin,
Selbsthilfe und eben auch die Rechtsprechung gemeinsam zu stellen haben.

Wenn im Jahr 2011 in einer Anhörung des Rechtsausschusses hier im Landtag
davon gesprochen wird, der Staat habe eine Pflicht gegenüber JVA-Bedien-
steten und vermeintlich gesunden Inhaftierten, die HIV-Infektion von Mitge-              AIDS-Hilfe NRW e.V.
fangenen offenzulegen, dann verstößt dies nicht nur gegen die informatio-             Lindenstraße 20 | 50674 Köln

nelle Selbstbestimmung von Inhaftierten, es werden auch hier Mythen und                       Dr. Guido Schlimbach
Unwahrheiten in die Welt gesetzt, die jeder Grundlage entbehren. Hier stellen                       Pressesprecher
wir erneut fest, wie unaufgeklärt auch im öffentlichen Dienst auf Kosten von                   Fon 0221-925996-17
Menschen mit HIV argumentiert wird. Sie sehen, es bleibt an Aufklärung noch                     Fax 0221-925996-9
                                                                                    guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
viel zu leisten.                                                                               www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Auch Aidshilfe muss sich wandeln

Die Aidshilfe der Zukunft wird – neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung
der HIV-Primärprävention – besonders auf die spezifischen Bedürfnisse der
Menschen mit HIV eingehen und entsprechende Angebote machen müssen.
Einerseits für alle, die einer geregelten Arbeit nachgehen, andererseits auch
für die, welche ausschließlich auf unser Sozialsystem angewiesen sind, das
inzwischen immer mehr Lücken aufweist.

Die Aidshilfe wird hier Hand in Hand mit anderen Verbänden chronisch Er-
krankter zusammenarbeiten, wohl wissend um die Unterschiede zu anderen
chronischen Krankheiten. Auch wir selbst müssen unsere Angebote anpassen.

Es muss im Interesse der Politik sein, Ausgrenzung und Stigmatisierung deut-
lich entgegen zu treten. Um dies zu erreichen, muss Selbsthilfe die Möglich-
keit haben, durch Wissensvermittlung Vorurteile abzubauen und damit solida-
risches Verhalten zu erreichen.




                                                                                     AIDS-Hilfe NRW e.V.
                                                                                  Lindenstraße 20 | 50674 Köln

                                                                                          Dr. Guido Schlimbach
                                                                                                Pressesprecher

                                                                                           Fon 0221-925996-17
                                                                                            Fax 0221-925996-9
                                                                                guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                                                           www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW
Auswertung 2010

Primärprävention | erreichte Personen



                                                                      PERSONEN

350 000                                                                345 366
                                               329 738
                                                         316 789

300 000                            293 359
                         274 963

250 000
            237 677


200 000



150 000



100 000



 50 000



     0

             2005          2006     2007        2008      2009          2010




                                                                      PROZENTUALE
  100 %                                                                VERTEILUNG



   80 %                                                               76,75 %


   60 %                 59,14%
                                     52,04%
                                              47,96%
             40,86 %
   40 %


                                                            23,25%
   20 %                                                                                  AIDS-Hilfe NRW e.V.
                                                                                      Lindenstraße 20 | 50674 Köln

    0%                                                                                        Dr. Guido Schlimbach
                                                                                                    Pressesprecher
             weiblich   männlich     bis 21   ab 21           mit       ohne
                                     Jahre    Jahre         Migra-     Migra-                  Fon 0221-925996-17
                                                            tions-     tions-                   Fax 0221-925996-9
                                                            hinter-    hinter-      guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                            grund      grund                   www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW
Auswertung 2010

Sekundär- und Tertiärprävention | erreichte Personen



                                                                                                        KONTAKTE
140 000                                                                                                 PE RSONE N


                                                102606
120 000


           96 603             101468                                                                 100087
100 000
                                                                  87328
                                                                                   83353

 80 000



 60 000



 40 000
                                                                                                              28 222

 20 000
                    12 688             12 142            12 011           13 945           13 430


     0

             2005               2006              2007              2008             2009              2009




                                                                                                      PROZENTUALE
  100 %                                                                                                VERTEILUNG

                                                                  85,88 %
   80 %
                                                                                                       72,94 %
                             68,28 %
   60 %



   40 %
              31,72 %
                                                                                       27,06 %

   20 %
                                                   14,12%
                                                                                                                            AIDS-Hilfe NRW e.V.
                                                                                                                         Lindenstraße 20 | 50674 Köln
    0%
                                                                                                                                 Dr. Guido Schlimbach
              weiblich       männlich               bis 21         ab 21                     mit         ohne                          Pressesprecher
                                                    Jahre          Jahre                   Migra-       Migra-
                                                                                           tions-       tions-                    Fon 0221-925996-17
                                                                                           hinter-      hinter-                    Fax 0221-925996-9
                                                                                           grund        grund          guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                                                                                                  www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW
Auswertung 2010
Arbeitszeitaufwendungen
   hauptamtliche MitarbeiterInnen
   ehrenamtliche MitarbeiterInnen

                Führung und Koordination                              6
                                                                              7

     externe MultiplikatorInnenschulung                   3
                                                  2

           interne Fort- und Weiterbildung                3
                                                              4

                           Administration                                              13
                                                                          6

                             Mittelakquise                        5
                                                                                  10

                      Öffentlichkeitsarbeit                               6
                                                                                             15

                                Vernetzung                        5
                                                              4

                      Selbsthilfeförderung                                6
                                                                              7

sekundärpräventiv personalkommunikativ                                                             19
                                                                                            14

          sekundärpräventiv massenmedial              2
                                                          3

  primärpräventiv personalkommunikativ                                                                  22
                                                                                                                  26

              primpräventiv massenmedial                                  6
                                                                              7



                                              0               5               10        15        20         25        30




Haupttätigkeitsgebiet

                                                                                                             PROZENTUALE
  100 %                                                                                                       VERTEILUNG



   80 %

                                                                  68 %
   60 %



   40 %
                                                                                                                                 AIDS-Hilfe NRW e.V.
                                                                                                                              Lindenstraße 20 | 50674 Köln
                         20 %
   20 %
                                                                                                        12 %                          Dr. Guido Schlimbach
                                                                                                                                            Pressesprecher
    0%                                                                                                                                 Fon 0221-925996-17
                       ländlicher                   gemischter                                     Ballungsraum                         Fax 0221-925996-9
                         Raum                     Agglomerations-                                                           guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                       raum                                                                            www.nrw.aidshilfe.de
Jahrespressekonferenz 2011

Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW
Auswertung 2010

ehrenamtlich tätige MitarbeiterInnen
ehrenamtliche MitarbeiterInnen insgesamt                                      1 2482
durchnittlich pro Verein                                                          36,1
ehrenamtlich geleistete Stunden                                              115 011
durchschnittlich pro Verein                                                     2 805



hauptamtliche MitarbeiterInnen
beschäftigte Personen                                                           242,4
Vollzeitäquivalente                                                             167,2


Honorarkräfte
geleistete Stunden insgesamt                                                  15 000
durchschnittlich pro Verein                                                     365,9




Qualifikation der Beschäftigten



                                                                           PROZENTUALE
 100 %                                                                      VERTEILUNG



  80 %



  60 %

                53 %
  40 %



  20 %                           18 %                          16 %
                                                                             8%
                                                 7%
   0%
                Dipl.-          andere          Alltags-    Verwaltungs-   Sonstige           AIDS-Hilfe NRW e.V.
                Psych.        zertifizierte   expertInnen      kräfte                      Lindenstraße 20 | 50674 Köln
                                 Käfte
              Soz.-Päd.                                                                            Dr. Guido Schlimbach
                                                                                                         Pressesprecher

                                                                                                    Fon 0221-925996-17
                                                                                                     Fax 0221-925996-9
                                                                                         guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de
                                                                                                    www.nrw.aidshilfe.de
HIV/AIDS in Nordrhein-Westfalen – Eckdaten
                           Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts
                                              Stand: Ende 2010*

Menschen, die Ende 2010 mit HIV/AIDS leben:                                                                                                            ~ 14.000
                                                                                                                                                   (12.000 - 17.000)
             Männer:                                                                                                                                     ~ 12.000
                                                                                                                                                   (10.000 - 14.000)
             Frauen:                                                                                                                                      ~ 2.500
                                                                                                                                                      (2.100 - 3.100)
             Verteilung nach Infektionsrisiko
             Männer, die Sex mit Männern haben:                                                                                                           ~ 9.100
                                                                                                                                                     (7.900 –11.000)
             Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben:                                                                             ~ 2.100
                                                                                                                                                      (1.800 – 2.500)
             Personen aus sog. Hochprävalenzregionen1):                                                                                                   ~ 1.600
                                                                                                                                                      (1.300 – 2.000)
             i.v. Drogengebraucher:                                                                                                                       ~ 1.600
                                                                                                                                                      (1.400 – 1.900)
             Hämophile und Bluttransfusionsempfänger2):                                                                                                      ~ 110
             Mutter-Kind-Transmission3):                                                                                                                     ~ 100
                                                                                                                                                            (90 - 130)


Zahl der HIV-Neuinfektionen in Nordrhein-Westfalen* im Jahr 2010:                                                                                            ~ 680
                                                                                                                                                          (630 - 760)
             Männer:                                                                                                                                         ~ 610
                                                                                                                                                          (560 - 670)
             Frauen:                                                                                                                                           ~ 80
                                                                                                                                                             (70 - 90)
             Infektionswege (geschätzt):
             Männer, die Sex mit Männern haben:                                                                                                              ~ 490
                                                                                                                                                          (460 – 540)
             Heterosexuelle Kontakte:                                                                                                                        ~ 150
                                                                                                                                                          (130 – 160)
             i.v. Drogengebrauch:                                                                                                                              ~ 40
                                                                                                                                                            (40 – 50)
             Mutter-Kind-Transmission3):                                                                                                                         <5

Neue AIDS-Erkrankungen* im Jahr 2010:                                                                                                                        ~ 160
                                                                                                                                                          (110 – 230)
             Männer:                                                                                                                                         ~ 130
                                                                                                                                                           (90 – 190)
             Frauen:                                                                                                                                           ~ 20
                                                                                                                                                          (< 10 – 50)


Todesfälle bei HIV-Infizierten* im Jahr 2010:                                                                                                                ~ 160
                                                                                                                                                          (150 – 170)


HIV-Infizierte unter antiretroviraler Therapie im Jahr 2010:                                                                                             ~ 9.600
                                                                                                                                                      (9.400 – 9.800)


Gesamtzahl der HIV-Infizierten seit Beginn der Epidemie:                                                                                               ~ 19.000
                                                                                                                                                   (17.000 – 22.000)


Gesamtzahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten* seit Beginn der Epidemie:                                                                                 ~ 6.300
                                                                                                                                                      (5.900 – 6.600)




1) Personen, die aus sog. Hochprävalenzregionen stammen, haben sich überwiegend in ihren Herkunftsländern und dort über heterosexuelle Kontakte mit HIV infiziert. Die
   Abschätzung der Größe dieser Personengruppe und ihre Aufteilung auf die Bundesländer ist mit der höchsten Unsicherheit behaftet, da zu wenig Angaben darüber verfüg-
   bar sind, wie hoch der Anteil der Personen aus dieser Gruppe ist, die nach ihrer HIV-Diagnose dauerhaft in Deutschland bleiben
2) Infektion erfolgte über kontaminierte Blutkonserven und Gerinnungsfaktorenkonzentrate überwiegend in der Zeit vor 1986
3) Kinder, die vor, während oder nach ihrer Geburt die HIV-Infektion über ihre Mutter erworben haben
* Die vom RKI zusammengestellten Eckdaten zur Abschätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen, AIDS-
Erkrankungen und Todesfälle bei HIV-Infizierten sowie der Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit
HIV erfolgt in jedem Jahr neu auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Daten und Informationen und
stellen keine automatische Fortschreibung früher publizierter Daten dar. Durch zusätzliche Daten und Infor-
mationen sowie durch Anpassung der Methodik können sich die Ergebnisse der Berechnungen von Jahr zu
Jahr verändern und liefern jedes Jahr eine aktualisierte Einschätzung des gesamten bisherigen Verlaufs der
HIV-Epidemie. Die jeweils angegebenen Zahlenwerte können daher nicht direkt mit früher publizierten Schät-
zungen verglichen werden. Insbesondere können Veränderungen in den Eckdaten zwischen 2009 und 2010
nicht als Zu- oder Abnahmen interpretiert werden.
Zur Methodik der Schätzwertermittlung
HIV-Inzidenz: Da Infektionszeitpunkt und HIV-Test bzw. das Auftreten von AIDS zeitlich weit auseinander liegen
können, erlauben die Meldungen von HIV-Neudiagnosen und AIDS Fällen keinen direkten Rückschluss auf den In-
fektionszeitpunkt.
Die Abschätzung der Anzahl der HIV-Infektionen basiert für den Zeitraum 1978-1990 auf einem mathematischen
Rückrechnungsmodell, das die Zahl der noch nicht diagnostizierten HIV-Infektionen mit einschließt. Auf Basis der bis
1995 beobachteten AIDS-Fälle (für die von 10% bis 30% Untererfassung ausgegangen wird) und der aus Kohorten-
studien bekannten Verteilung der Zeitspanne zwischen HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung (Progressionszeit) bei
unbehandelten HIV-Infizierten wird die Zahl und Zeitverteilung der HIV-Infektionen zurückgerechnet. Bei der Rück-
rechnung wird dieses Jahr erstmals eine altersabhängige Progressionszeitverteilung angenommen wie von der „Col-
laborative Group on AIDS Incubation and HIV Survival including the CASCADE EU Concerted Action“ bestimmt. Als
Grundlage für die Verteilung der rückgerechneten HIV-Inzidenz zwischen 1978 und 1990 nach Bundesland, Ge-
schlecht und Transmissionsgruppe wird die entsprechende Verteilung der AIDS Fälle 7 Jahre später herangezogen.

Für den Zeitraum nach 1990 ist das Rückrechnungsmodell wegen der nicht abschätzbaren Therapieeffekte nicht
mehr anwendbar. Ab 1995 bildet die Zahl der mittels der Laborberichtspflicht bzw. ab 2001 der gemäß §7(3) Infekti-
onsschutzgesetz gemeldeten HIV-Erstdiagnosen getrennt nach Bundesland, Geschlecht und Transmissionsgruppe
die Basis für die weitere Abschätzung. Basisannahme dafür ist, dass die Zahl der Erstdiagnosen (zeitverzögert) un-
gefähr die Anzahl der Neuinfektionen reflektiert. Eine Rückrechnung der gemeldeten HIV-Diagnosen auf den ge-
schätzten Zeitpunkt der HIV Infektionen ist momentan noch nicht möglich, da hier das gruppenspezifische Testver-
halten eine wichtige Rolle spielt. Für die Jahre 1991-1994 wird die Zahl der HIV-Infektionen linear interpoliert. Die
Hauptunsicherheit der Schätzung liegt momentan in der Einordnung der Meldungen als Erst- oder Mehrfachmeldung;
auch der Ende 1998 eingeführte vierstellige Code erlaubt in vielen Fällen hier keine eindeutige Klärung. Im wesentli-
chen werden die vom meldenden Arzt als „gesicherten HIV-Erstdiagnosen“ eingeschätzten Meldungen tatsächlich als
Erstdiagnosen gewertet; Meldungen, auf denen angegeben ist, dass es sich um ein Mehrfachmeldung handelt, wer-
den als solche behandelt. Meldungen mit unklarem Status (Erst- oder Mehrfachmeldung) werden zum Teil (20%-
70%) als Erstmeldungen gewertet. Diese und andere Unsicherheiten werden im Vertrauensbereich der Schätzung
widergegeben.
Für die Abschätzung der HIV-Inzidenz in Deutschland werden die HIV-Erstdiagnosen von Personen mit Herkunft aus
Hochprävalenzregionen nicht berücksichtigt, da davon ausgegangen wird, dass die überwiegende Mehrzahl (>80%)
dieser Infektionen in den Herkunftsregionen stattgefunden hat.
Umgang mit fehlenden Angaben bei HIV Meldungen
Innerhalb der Bundesländer werden getrennt nach Diagnosejahren folgende Annahmen getroffen: die Geschlechter-
verteilung von Erstmeldungen ohne Angabe hierzu wird - innerhalb der Transmissiongruppen (inklusive „Unbekannt“)
- entsprechend der Geschlechterverteilung aller Erstmeldungen derselben Transmissionsgruppe angenommen; ana-
log wird für Meldungen mit unklarem Status verfahren. Meldungen ohne Angabe der Transmissionsgruppe werden
entsprechend der Verteilung der Transmissionsgruppen bei den Erstmeldungen desselben Geschlechts auf die
Transmissionsgruppen aufgeteilt.
HIV-Prävalenz: Zur Schätzung der HIV-Prävalenz wird der geschätzte Verlauf der HIV-Inzidenz seit Beginn der Epi-
demie verwendet. Von der kumulierten HIV-Inzidenz wird die Gesamtzahl der zum jeweiligen Zeitpunkt Verstorbenen
abgezogen. Zusätzlich wird angenommen, dass ein Teil der in Deutschland mit HIV diagnostizierten Menschen aus
Hochprävalenzregionen Deutschland wieder verlässt (etwa 30% innerhalb von 10 Jahren nach HIV Diagnose).
HIV/AIDS-Todesfälle: Die Schätzung der Zahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten beinhaltet auch die Todesfälle bei
HIV-Infizierten, die nicht direkt durch die HIV-Infektion verursacht sind. Basis für die Schätzwertermittlung ist die
Todesursachenstatistik der Statistischen Landesämter (StaLA). Um der bekannten Untererfassung von HIV-
Todesfällen bei den StaLA Rechnung zu tragen werden diese Ausgangswerte zwischen 20% und 35% nach oben
korrigiert. Die Verteilung der Todesfälle nach Transmissionsgruppe entsprechend der Verteilung der AIDS Fälle 2
Jahre vorher angenommen.
AIDS-Fälle (AIDS-Inzidenz): Basis für die Schätzwertermittlung der neu aufgetretenen AIDS-Fälle sind Bundeslän-
der mit einer hohen Vollständigkeit der AIDS-Fallmeldungen. Die Schätzwerte für die übrigen Bundesländer (mit
niedrigem Erfassungsgrad) werden proportional ihrem Anteil an den bundesweiten HIV/AIDS-Todesfällen im Verhält-
nis zu den Ländern mit hoher Vollständigkeit der AIDS-Fall-Erfassung kalkuliert.
HIV/AIDS in Deutschland – Eckdaten
                           Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts
                                              Stand: Ende 2010*

Menschen, die Ende 2010 mit HIV/AIDS leben:                                                                                                            ~ 70.000
                                                                                                                                                   (60.000 - 83.000)
             Männer:                                                                                                                                     ~ 57.000
                                                                                                                                                   (49.000 - 68.000)
             Frauen:                                                                                                                                     ~ 13.000
                                                                                                                                                   (11.000 - 16.000)
             darunter Kinder1):                                                                                                                              ~ 200
             Verteilung nach Infektionsrisiko
             Männer, die Sex mit Männern haben:                                                                                                         ~ 42.000
                                                                                                                                                   (36.000 – 49.000)
             Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben:                                                                           ~ 10.000
                                                                                                                                                     (8.700 - 12.000)
             i.v. Drogengebraucher:                                                                                                                      ~ 10.000
                                                                                                                                                     (8.500 - 12.000)
             Personen aus sog. Hochprävalenzregionen2):                                                                                                   ~ 7.300
                                                                                                                                                      (6.000 - 9.200)
             Hämophile und Bluttransfusionsempfänger3):                                                                                                      ~ 500
             Mutter-Kind-Transmission4):                                                                                                                     ~ 430
                                                                                                                                                          (370 - 530)


Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland* im Jahr 2010:                                                                                                ~ 3.000
                                                                                                                                                      (2.700 - 3.300)
             Männer:                                                                                                                                      ~ 2.700
                                                                                                                                                      (2.500 - 3.000)
             Frauen:                                                                                                                                         ~ 290
                                                                                                                                                          (260 - 330)
             Infektionswege (geschätzt):
             Männer, die Sex mit Männern haben:                                                                                                           ~ 2.200
                                                                                                                                                      (2.000 – 2.400)
             Heterosexuelle Kontakte:                                                                                                                        ~ 580
                                                                                                                                                          (530 – 660)
             i.v. Drogengebrauch:                                                                                                                            ~ 170
                                                                                                                                                          (150 – 190)
             Mutter-Kind-Transmission4):                                                                                                                        <10

Neue AIDS-Erkrankungen* im Jahr 2010:                                                                                                                        ~ 760
                                                                                                                                                          (730 – 790)
             Männer:                                                                                                                                         ~ 610
                                                                                                                                                          (590 – 640)
             Frauen:                                                                                                                                         ~ 150
                                                                                                                                                          (130 – 170)
             darunter Kinder1):                                                                                                                                  ~5

Todesfälle bei HIV-Infizierten* im Jahr 2010:                                                                                                                ~ 550
                                                                                                                                                          (520 – 580)


HIV-Infizierte unter antiretroviraler Therapie im Jahr 2010:                                                                                           ~ 40.000
                                                                                                                                                   (39.000 – 41.000)


Gesamtzahl der HIV-Infizierten seit Beginn der Epidemie:                                                                                               ~ 91.000
                                                                                                                                                 (82.000 – 103.000)


Gesamtzahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten* seit Beginn der Epidemie:                                                                               ~ 29.000
                                                                                                                                                   (27.000 – 30.000)
1) Personen unter 15 Jahren: da diese Fallmeldungen seit einigen Jahren Einzelfall-kontrolliert werden und auf Grund der geringen Fallzahlen werden diese nicht in das
   Schätzungsverfahren einbezogen
2) Personen, die aus sog. Hochprävalenzregionen stammen, haben sich überwiegend in ihren Herkunftsländern und dort über heterosexuelle Kontakte mit HIV infiziert. Die
   Abschätzung der Größe dieser Personengruppe und ihre Aufteilung auf die Bundesländer ist mit der höchsten Unsicherheit behaftet, da zu wenig Angaben darüber verfüg-
   bar sind, wie hoch der Anteil der Personen aus dieser Gruppe ist, die nach ihrer HIV-Diagnose dauerhaft in Deutschland bleiben
3) Infektion erfolgte über kontaminierte Blutkonserven und Gerinnungsfaktorenkonzentrate überwiegend in der Zeit vor 1986
4) Kinder, die vor, während oder nach ihrer Geburt die HIV-Infektion über ihre Mutter erworben haben
* Die vom RKI zusammengestellten Eckdaten zur Abschätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen, AIDS-
Erkrankungen und Todesfälle bei HIV-Infizierten sowie der Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit
HIV erfolgt in jedem Jahr neu auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Daten und Informationen und
stellen keine automatische Fortschreibung früher publizierter Daten dar. Durch zusätzliche Daten und Infor-
mationen sowie durch Anpassung der Methodik können sich die Ergebnisse der Berechnungen von Jahr zu
Jahr verändern und liefern jedes Jahr eine aktualisierte Einschätzung des gesamten bisherigen Verlaufs der
HIV-Epidemie. Die jeweils angegebenen Zahlenwerte können daher nicht direkt mit früher publizierten Schät-
zungen verglichen werden. Insbesondere können Veränderungen in den Eckdaten zwischen 2009 und 2010
nicht als Zu- oder Abnahmen interpretiert werden.
Zur Methodik der Schätzwertermittlung
HIV-Inzidenz: Da Infektionszeitpunkt und HIV-Test bzw. das Auftreten von AIDS zeitlich weit auseinander liegen
können, erlauben die Meldungen von HIV-Neudiagnosen und AIDS Fällen keinen direkten Rückschluss auf den In-
fektionszeitpunkt.
Die Abschätzung der Anzahl der HIV-Infektionen basiert für den Zeitraum 1978-1990 auf einem mathematischen
Rückrechnungsmodell, das die Zahl der noch nicht diagnostizierten HIV-Infektionen mit einschließt. Auf Basis der bis
1995 beobachteten AIDS-Fälle (für die von 10% bis 30% Untererfassung ausgegangen wird) und der aus Kohorten-
studien bekannten Verteilung der Zeitspanne zwischen HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung (Progressionszeit) bei
unbehandelten HIV-Infizierten wird die Zahl und Zeitverteilung der HIV-Infektionen zurückgerechnet. Bei der Rück-
rechnung wird dieses Jahr erstmals eine altersabhängige Progressionszeitverteilung angenommen wie von der „Col-
laborative Group on AIDS Incubation and HIV Survival including the CASCADE EU Concerted Action“ bestimmt. Als
Grundlage für die Verteilung der rückgerechneten HIV-Inzidenz zwischen 1978 und 1990 nach Bundesland, Ge-
schlecht und Transmissionsgruppe wird die entsprechende Verteilung der AIDS Fälle 7 Jahre später herangezogen.

Für den Zeitraum nach 1990 ist das Rückrechnungsmodell wegen der nicht abschätzbaren Therapieeffekte nicht
mehr anwendbar. Ab 1995 bildet die Zahl der mittels der Laborberichtspflicht bzw. ab 2001 der gemäß §7(3) Infekti-
onsschutzgesetz gemeldeten HIV-Erstdiagnosen getrennt nach Bundesland, Geschlecht und Transmissionsgruppe
die Basis für die weitere Abschätzung. Basisannahme dafür ist, dass die Zahl der Erstdiagnosen (zeitverzögert) un-
gefähr die Anzahl der Neuinfektionen reflektiert. Eine Rückrechnung der gemeldeten HIV-Diagnosen auf den ge-
schätzten Zeitpunkt der HIV Infektionen ist momentan noch nicht möglich, da hier das gruppenspezifische Testver-
halten eine wichtige Rolle spielt. Für die Jahre 1991-1994 wird die Zahl der HIV-Infektionen linear interpoliert. Die
Hauptunsicherheit der Schätzung liegt momentan in der Einordnung der Meldungen als Erst- oder Mehrfachmeldung;
auch der Ende 1998 eingeführte vierstellige Code erlaubt in vielen Fällen hier keine eindeutige Klärung. Im wesentli-
chen werden die vom meldenden Arzt als „gesicherten HIV-Erstdiagnosen“ eingeschätzten Meldungen tatsächlich als
Erstdiagnosen gewertet; Meldungen, auf denen angegeben ist, dass es sich um ein Mehrfachmeldung handelt, wer-
den als solche behandelt. Meldungen mit unklarem Status (Erst- oder Mehrfachmeldung) werden zum Teil (20%-
70%) als Erstmeldungen gewertet. Diese und andere Unsicherheiten werden im Vertrauensbereich der Schätzung
widergegeben.
Für die Abschätzung der HIV-Inzidenz in Deutschland werden die HIV-Erstdiagnosen von Personen mit Herkunft aus
Hochprävalenzregionen nicht berücksichtigt, da davon ausgegangen wird, dass die überwiegende Mehrzahl (>80%)
dieser Infektionen in den Herkunftsregionen stattgefunden hat.
Umgang mit fehlenden Angaben bei HIV Meldungen
Innerhalb der Bundesländer werden getrennt nach Diagnosejahren folgende Annahmen getroffen: die Geschlechter-
verteilung von Erstmeldungen ohne Angabe hierzu wird - innerhalb der Transmissiongruppen (inklusive „Unbekannt“)
- entsprechend der Geschlechterverteilung aller Erstmeldungen derselben Transmissionsgruppe angenommen; ana-
log wird für Meldungen mit unklarem Status verfahren. Meldungen ohne Angabe der Transmissionsgruppe werden
entsprechend der Verteilung der Transmissionsgruppen bei den Erstmeldungen desselben Geschlechts auf die
Transmissionsgruppen aufgeteilt.
HIV-Prävalenz: Zur Schätzung der HIV-Prävalenz wird der geschätzte Verlauf der HIV-Inzidenz seit Beginn der Epi-
demie verwendet. Von der kumulierten HIV-Inzidenz wird die Gesamtzahl der zum jeweiligen Zeitpunkt Verstorbenen
abgezogen. Zusätzlich wird angenommen, dass ein Teil der in Deutschland mit HIV diagnostizierten Menschen aus
Hochprävalenzregionen Deutschland wieder verlässt (etwa 30% innerhalb von 10 Jahren nach HIV Diagnose).
HIV/AIDS-Todesfälle: Die Schätzung der Zahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten beinhaltet auch die Todesfälle bei
HIV-Infizierten, die nicht direkt durch die HIV-Infektion verursacht sind. Basis für die Schätzwertermittlung ist die
Todesursachenstatistik der Statistischen Landesämter (StaLA). Um der bekannten Untererfassung von HIV-
Todesfällen bei den StaLA Rechnung zu tragen werden diese Ausgangswerte zwischen 20% und 35% nach oben
korrigiert. Die Verteilung der Todesfälle nach Transmissionsgruppe entsprechend der Verteilung der AIDS Fälle 2
Jahre vorher angenommen.
AIDS-Fälle (AIDS-Inzidenz): Basis für die Schätzwertermittlung der neu aufgetretenen AIDS-Fälle sind Bundeslän-
der mit einer hohen Vollständigkeit der AIDS-Fallmeldungen. Die Schätzwerte für die übrigen Bundesländer (mit
niedrigem Erfassungsgrad) werden proportional ihrem Anteil an den bundesweiten HIV/AIDS-Todesfällen im Verhält-
nis zu den Ländern mit hoher Vollständigkeit der AIDS-Fall-Erfassung kalkuliert.

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  • 1. Jahrespressekonferenz 2011 „Leben mit HIV hat Zukunft, wenn es die Gesellschaft zulässt!“ AIDS-Hilfe NRW fordert Akzeptanz für Menschen mit HIV am Arbeitsplatz Düsseldorf, 20.09.2011 (Sperrfrist 11.00 Uhr) – Die AIDS-Hilfe NRW forderte heute anlässlich ihrer Jahrespressekonferenz, Menschen mit HIV am Arbeitsplatz ohne Vorurteile zu begegnen und sie als gleichwertige Kolleginnen und Kollegen zu akzeptieren. „HIV-positive Menschen erbringen die gleiche Leistung wie andere chronisch Erkrankte auch“, erklärte Vorstandsmitglied Olaf Lonczewski. “Wir for- dern keinen Sonderstatus, sondern eine Gleichstellung mit allen anderen Beschäf- tigten.“ Daher sei es unerlässlich, dass Firmen sich über den aktuellen Wissens- stand zu HIV informieren und die Vermittlung dieses Wissens an die Belegschaft fördern. „Menschen mit HIV sind leistungsfähige Angestellte, sofern sie ohne Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung ihrer Arbeit nachgehen können“, sagte Lon- czewski. Ein Arbeitsverhältnis bedeute in jedem Fall die aktive Teilhabe am gesell- schaftlichen Leben und trage zur positiven Beeinflussung des Infektionsverlaufs bei. „Allerdings verstößt jeder Zwang zur Offenlegung und jeder von Arbeitgeber- seite angeordnete HIV-Test gegen die informationelle Selbstbestimmung“, stellte Lonczewski klar. Die Entscheidung, ihre HIV-Infektion öffentlich zu machen oder für sich zu behalten, müsse allein bei den Angestellten liegen. Das Thema Arbeit sei inzwischen zu einem Kernpunkt für ein „normales Leben“ mit HIV geworden. Tagesstruktur, soziale Kontakte und nicht zuletzt die finanzi- elle Ausstattung hätten unmittelbare Auswirkungen darauf. Allerdings seien nicht wenige Menschen mit HIV aufgrund ihrer unterbrochenen Berufsbiografie von den arbeitsmarktpolitischen Reformen der Bundesregierung betroffen. „Ministerin von der Leyen muss die Kürzungen im Bereich der Beschäftigungsprojekte zurückneh- men, damit diese integrativen Maßnahmen nicht abgeschafft werden“, forderte Olaf Lonczewski. Patrik Maas, neuer Landesgeschäftsführer der AIDS-Hilfe NRW, äußerte sich zwar zufrieden über die Wahrnehmung der Aidshilfearbeit durch die Landespolitik, al- lerdings seien über ein Leben mit HIV noch Mythen und Unwahrheiten im Umlauf, die jeder Grundlage entbehren. „Die Notwendigkeit einer effektiven Prävention steht außer Frage. Doch der nach wie vor gültige Umschlusserlass, nach dem Inhaftierte mit HIV bei Zusammenlegung mit anderen Gefangenen ihre Infektion offenlegen müssen, zeigt, wie viel Aufklärung auch in der Politik noch zu leisten ist“, sagte Maas. Die Mitgliedsorganisationen der AIDS-Hilfe NRW hatten im Jahr 2010 insgesamt rund 345 000 primärpräventive Kontakte, nach wie vor mehr als die Hälfte davon zu Jugendlichen unter 21 Jahren und knapp ein Viertel zu Menschen mit Migra- tionshintergrund. Insgesamt erreichten sie mit ihren Angeboten der Prävention, Beratung und Betreuung etwa 374 000 Menschen. In Nordrhein-Westfalen leben zurzeit etwa 14 000 HIV-positive Menschen, bun- desweit sind es etwa 70 000. 2010 wurden in NRW 680 neue HIV-Diagnosen gemeldet, der Anteil der Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), liegt hier bei 72%. Etwa 160 Menschen mit HIV und Aids in NRW sind 2010 infolge ihrer Infektion gestorben. AIDS-Hilfe NRW e.V. Lindenstraße 20 | 50674 Köln Dr. Guido Schlimbach Pressesprecher Fon 0221-925996-17 Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de www.nrw.aidshilfe.de
  • 2. Jahrespressekonferenz 2011 Leben mit HIV hat Zukunft, wenn es unsere Gesellschaft denn zulässt! Redetext von Patrik Maas Landesgeschäftsführer der AIDS-Hilfe NRW Jahrespressekonferenz 2011 - es gilt das gesprochene Wort - Meine Damen und Herren, bevor wir auf das Schwerpunktthema der heutigen Pressekonferenz kommen, die Situation der Menschen mit HIV in unserem Land, gebe ich Ihnen einen kurzen Überblick über die landespolitischen Perspektiven der Aidshilfearbeit in Nordrhein-Westfalen und über die aktuelle Datenlage. Landespolitische Perspektiven Die Wahrnehmung des Themas „HIV/Aids“ und des Engagements der Aids- hilfen durch die Fraktionen des Landtags und die Landesregierung ist aus unserer Sicht erfreulich. Fraktionsübergreifend steht die Notwendigkeit einer effektiven und fachlich fundierten HIV- und Aidsprävention außer Frage. Im zurückliegenden Jahr haben hierüber zahlreiche Einzelgespräche mit Abge- ordneten aller Fraktionen und mit Mitgliedern der Landesregierung stattge- funden. Die Landesregierung scheint gewillt, die zielgruppenspezifische HIV-Präventi- on auszubauen und die Kürzungen der vergangenen Jahre zurückzunehmen. Die AIDS-Hilfe NRW fordert, die Aidsprävention gemeinsam mit uns zeitge- mäß auszurichten und insbesondere die zielgruppenspezifischen und niedrig- schwelligen Angebote zu stärken. Um die Kooperation und Vernetzung aller auf Landesebene Beteiligten bes- ser zu steuern, wurde inzwischen die „Arbeitsgemeinschaft AIDS-Prävention NRW“ ins Leben gerufen, deren Geschäftsstelle in unseren Räumen angesie- delt ist. Durch die engere Verknüpfung der Interessen von Kommunen und freien Trägern soll die Qualität und Effizienz der Aidsarbeit in Nordrhein-West- falen optimiert werden. Eine derartige Kooperation zwischen den kommu- nalen Spitzenverbänden und der freien Wohlfahrtspflege ist in Deutschland einmalig. Die AIDS-Hilfe NRW begrüßt sehr, dass das Land NRW diese Ar- beitsgemeinschaft eingerichtet hat und unserem Verband das Vertrauen ent- gegenbringt, deren Arbeit zu koordinieren. Auch die Landesregierung von SPD und Grünen wird die Kommunalisierung der Fördermittel für die regionale Aidsarbeit in NRW nicht zurücknehmen. Die AIDS-Hilfe NRW e.V. AIDS-Hilfe NRW sieht dies nach wie vor kritisch und wird auch in Zukunft da- Lindenstraße 20 | 50674 Köln rauf hinweisen, wie dadurch unsere Arbeit wesentlich erschwert wird. Dr. Guido Schlimbach Pressesprecher Als Selbsthilfeverband und Interessensvertretung der von HIV bedrohten und Fon 0221-925996-17 betroffenen Menschen kämpfen wir auch für verbesserte Rahmenbedingungen Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de der Prävention mit Menschen, die Drogen konsumieren. www.nrw.aidshilfe.de
  • 3. Jahrespressekonferenz 2011 Wir begrüßen ausdrücklich, dass der Justizminister unseres Landes inzwi- schen die Eigenbedarfsgrenze illegaler Drogen heraufgesetzt hat. Hierdurch wird die Kriminalisierungsrate intravenös Drogen gebrauchender Menschen deutlich vermindert und Druck genommen. Im vergangenen Jahr haben wir an dieser Stelle die Beendigung des „Zwang- soutings“ von Inhaftierten mit HIV gefordert. Mit dem so genannten „Um- schlusserlass“ aus den Achtzigerjahren werden Inhaftierte gezwungen, ihre HIV-Infektion preiszugeben, wenn sie Umschluss mit anderen Gefangenen haben möchten. Die FDP-Fraktion hat dies zum Anlass einer kleinen Anfrage an die Landesregierung genommen. Im Juni fand im Rechtsausschuss des Landtags dazu eine öffentliche Anhörung statt. Hier konnten wir uns deutlich für die Abschaffung des „Zwangsoutings“ im Vollzug aussprechen, da dies für Menschen mit HIV diskriminierend ist und einer auf rationalen Grundlagen ba- sierenden Prävention im Wege steht. Für den Strafvollzug müssen selbstver- ständlich die gleichen Präventionsstandards gelten, die sich auch außerhalb des Vollzugs bewährt haben. Leider wurde unsere Position nicht von allen Sachverständigen unterstützt. Die Vertretung der Bediensteten, aber auch Experten, die in anderen Fällen unsere Ansichten teilen und unterstützen, forderten in dieser Anhörung die Ausweitung der Auskunftspflicht - auch bei anderen Infektionskrankheiten. Unser Landesverband sieht es als vorrangige Aufgabe im Bereich des Straf- vollzugs, verstärkt für die Aufhebung des Erlasses zu kämpfen. HIV und Aids in NRW Kommen wir nun zu konkreten Zahlen zu HIV und Aids in NRW. Das Robert- Koch-Institut in Berlin schätzt die epidemiologische Situation für NRW folgen- dermaßen ein: In Nordrhein-Westfalen leben zurzeit etwa 14 000 Menschen mit dem HI-Vi- rus, davon sind aktuell etwa 2 700 Menschen an Aids erkrankt. 160 Menschen erkrankten 2010 neu an Aids. 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen. Im vergangenen Jahr wurden 680 neue HIV-Infektionen gemeldet. Der Anteil der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), lag bei etwa 72 Prozent. Der Anteil der Drogen gebrauchenden Menschen lag bei unter 6 Prozent und der Anteil der über heterosexuelle Kontakte Infizierten bei jetzt 22 Prozent. Die Zahl der Aidstoten lag in 2010 bei etwa 160. Seit 1982 sind in NRW etwa 6 300 Menschen an den Folgen von Aids gestorben. 345 000 Menschen erreicht Mit Blick auf die Statistik sind unsere 42 Mitgliedsorganisationen mit ihren AIDS-Hilfe NRW e.V. Serviceeinrichtungen und Beratungsstellen in ganz Nordrhein-Westfalen für Lindenstraße 20 | 50674 Köln Interessierte und Hilfesuchende gut erreichbar. 2010 haben sie mit primär- Dr. Guido Schlimbach präventiven Maßnahmen vor Ort Kontakt zu 345 000 Menschen gehabt. Pressesprecher Fon 0221-925996-17 Der Anteil der primärpräventiven Kontakte mit Jugendlichen bis 21 Jahren Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de beträgt 52 Prozent, in absoluten Zahlen rund 180 000. www.nrw.aidshilfe.de
  • 4. Jahrespressekonferenz 2011 Zu Erwachsenen ab 22 Jahre beträgt der Anteil 48 % ein, in absoluten Zahlen 165 000 Kontakte. Der Anteil primärpräventiver Kontakte zu Menschen mit Migrationshintergrund beträgt rund 23 Prozent, das entspricht über 79 000 Kontakten. Darüber hinaus stand die Aidshilfe im vergangenen Jahr weiteren rund 28 000 Menschen beratend oder begleitend zur Seite, der Mehrzahl sogar mehrmals im Jahr, so dass in 2010 über 100 000 Gespräche mit HIV/infizierten Men- schen mit HIV, deren Angehörigen und Freunden verzeichnet werden konnte. Insgesamt haben die Mitgliedsorganisationen der AIDS-Hilfe NRW im Jahr 2010 also schätzungsweise 374 000 Menschen mit ihren Angeboten der Prä- vention, Beratung und Betreuung erreicht. Prävention – Beratung – Vernetzung Die AIDS-Hilfe NRW stärkt und ermöglicht nicht nur ehrenamtliches Enga- gement, sie braucht es. Wir sind stolz, dass sich im vergangenen Jahr 1 482 Ehrenamtliche insgesamt rund 1 150 000 Stunden für die Aidshilfe engagiert haben. Daneben sind knapp 250 Angestellte tätig, die zusammengerechnet 167 Vollzeitstellen besetzen und durch das Land NRW, die jeweiligen Kommu- nen und aus Eigenmitteln finanziert werden. Betrachtet man den Zeitaufwand der Aidshilfen insgesamt, wenden wir gut 30 Prozent der Arbeit für die Primärprävention, etwas mehr als ein Viertel für die Beratung und Betreuung sowie die Förderung der Selbsthilfe auf. Knapp ein Viertel Arbeitszeit investieren wir in die Öffentlichkeitsarbeit, die Vernetzung und die Fort- und Weiterbildung der Haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeite- rinnen und Mitarbeiter und nur 13 Prozent für die Verwaltung. Für die Akquise von Mitteln müssen unsere Mitgliedsorganisationen aber inzwischen 7 Prozent ihrer Arbeitszeit investieren. Alles in allem bedeutet dies, dass der Finanzbedarf bei den Aidshilfen ständig steigt, dass wir demnach immer mehr Drittmittel akquirieren müssen und für die gleichen Inhalte bei gleicher Förderhöhe mehr Arbeit zu leisten ist. AIDS-Hilfe NRW e.V. Lindenstraße 20 | 50674 Köln Dr. Guido Schlimbach Pressesprecher Fon 0221-925996-17 Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de www.nrw.aidshilfe.de
  • 5. Jahrespressekonferenz 2011 Redetext von Olaf Lonczewski Vorstandsmitglied der AIDS-Hilfe NRW Jahrespressekonferenz 2011 - es gilt das gesprochene Wort - Leben mit HIV hat Zukunft, wenn unsere Gesellschaft es zulässt! Noch nie lebten so viele Menschen in Nordrhein-Westfalen mit dem HI-Virus wie zurzeit. Das Robert Koch-Institut in Berlin geht wie eben genannt stati- stisch von 14 000 Menschen mit HIV in unserem Bundesland aus, konkret sind es 12 000 bis 17 000. Neben den vielen Einzelschicksalen ist das epide- miologisch ganz sicher keine schlechte Nachricht. Aufgrund der antiretrovi- ralen Therapien sind die Lebenserwartung und die Lebensqualität der meisten von ihnen nämlich deutlich gestiegen. Ein positives Testergebnis zu bekom- men, ist heute schon lange nicht mehr mit einem Todesurteil gleichzusetzen, denn auch ein Leben mit HIV hat Zukunft, wenn unsere Gesellschaft es denn zulässt! Neben der medizinischen Seite beeinflussen vor allem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein Leben mit einer chronischen Erkrankung, positiv wie negativ. Und HIV ist inzwischen als solche anzusehen. Doch immer noch herr- schen alte Bilder über die HIV-Infektion vor, zudem scheinen sich Mythen zu halten, die auch schon vor 25 Jahren nicht den Tatsachen entsprachen. Als jüngstes Beispiel ist hier ein Urteil des Berliner Arbeitsgerichts zu nen- nen. Dieses hat die Klage eines HIV-positiven Chemielaboranten abgewiesen, dessen Arbeitgeber ihm in der Probezeit aufgrund seiner Infektion gekündigt hatte. Der 24-Jährige wurde nach einem positiven HIV-Testergebnis im Rah- men einer betriebsärztlichen Untersuchung entlassen mit der Begründung, als pharmazeutisches Unternehmen müsse es seine Kundinnen und Kunden vor einer HIV-Infektion schützen. Ungeachtet dessen, dass eine Entlassung während der Probezeit keiner Begründung bedarf, gab diese Firma tatsächlich zu Protokoll, ein Angestellter mit HIV sei eine Gefahr für die Kundschaft und fühlte sich damit im Recht. Wie unaufgeklärt muss ein Arbeitgeber sein, um sich eine solche Blöße zu geben? Die angeführten Gründe sind völlig absurd, weil zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Kolleginnen und Kollegen des Klägers, schon gar nicht für die Kundschaft bestand. Die Kündigung wurde nicht für unwirksam erklärt, weil der Angestellte auf Verletzung des besonderen Schutzes des Allgemeinen Gesetzes zur Gleichbehandlung (AGG) geklagt hatte, was laut erster Instanz auf diesen Fall nicht zutraf. Daher betonen wir an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich: Im Arbeitsalltag kann HIV nicht übertragen werden. Eine HIV- Infektion ist daher kein Grund, einen Menschen nicht einzustellen, und erst Recht kein zulässiger Kündigungsgrund. AIDS-Hilfe NRW e.V. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf die Ankündigung der Deutschen Lindenstraße 20 | 50674 Köln AIDS-Gesellschaft (DAIG), ihre Stellungnahme zum Infektionsschutz am Ar- Dr. Guido Schlimbach beitsplatz zu überarbeiten und dem aktuellen Stand der Medizin anzupassen. Pressesprecher Dies beinhaltet für uns auch die Aufhebung von Berufseinschränkungen in Fon 0221-925996-17 bestimmten Berufsfeldern. Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de www.nrw.aidshilfe.de
  • 6. Jahrespressekonferenz 2011 Zwei Drittel der Menschen mit HIV sind berufstätig Wir können davon ausgehen, dass zwei Drittel der Menschen mit HIV einer regulären Berufstätigkeit nachgehen. Ein Teil dieser Berufstätigen ist zwar infiziert, hat aber bislang kaum Beeinträchtigungen zu tragen, weder durch die Infektion selbst, noch durch Nebenwirkungen der Therapie. Ein weiterer Teil hatte zwar schon gesundheitliche Beeinträchtigungen hinzunehmen, ist jedoch aufgrund der guten Therapien stabil genug, ein Arbeitsverhältnis aus- zufüllen. Darüber hinaus gehen andere einer Teilzeitbeschäftigung nach und passen sich damit ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit an. HIV-positive Menschen erbringen nicht weniger und nicht mehr Leistung als andere chronisch Erkrankte auch. Wie diese unterscheiden sie sich von ver- meintlich gesunden Kolleginnen und Kollegen eventuell darin, dass sie einmal im Quartal die Möglichkeit haben müssen, ohne großen Aufwand ihren regu- lären Untersuchungen nachgehen zu können – ohne Sanktionen von Arbeit- geberseite oder den Kolleginnen und Kollegen fürchten zu müssen. Darüber hinaus bringen chronisch kranke Menschen jedoch auch positive Eigenschaf- ten mit, die sich Arbeitgeber bei gesunden Kolleginnen und Kollegen manch- mal wünschten. Zum Erhalt ihrer Leistungsfähigkeit sind sie hochgradig dis- zipliniert und wie fast alle Menschen mit bearbeiteten Lebenskrisen äußerst resistent gegenüber Stress und sehr flexibel. Ein Arbeitsverhältnis bedeutet in jedem Fall die aktive Teilhabe am gesell- schaftlichen Leben und trägt zur positiven Beeinflussung des Infektionsver- laufes bei. Berufstätige mit HIV sind jeder anderen Arbeitnehmerin und jedem anderen Arbeitnehmer gleichzustellen. Dabei muss die Entscheidung, ob sie ihre HIV-Infektion öffentlich machen oder lieber für sich behalten, allein bei ihnen liegen. Jeder Zwang zur Offen- legung, ja, jeder von Arbeitgeberseite angeordnete HIV-Test verstößt gegen die informationelle Selbstbestimmung. Diskriminierung macht krank! Wir erkennen immer noch eine große Diskrepanz im Verhalten der Menschen. Die Aidshilfe anlässlich des Welt-Aids-Tags mit einer Spende zu unterstützen, bringt lange noch nicht mit sich, eine Kollegin oder einen Kollegen mit HIV am Arbeitsplatz unvoreingenommen zu akzeptieren – auch hier in NRW. Nicht HIV allein macht krank, sondern jede Diskriminierung am Arbeitsplatz und jede berechtigte Angst vor Benachteiligung. Wir fordern daher an dieser Stelle alle Arbeitgeber auf, sich über den aktu- ellen medizinischen Stand von HIV zu informieren und die Vermittlung dieses Wissens an ihre Belegschaft zu fördern. Zufriedene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit HIV sind Kapital für jedes Unternehmen. Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen und gegen jede Diskriminierung und Stigmatisierung AIDS-Hilfe NRW e.V. vorzugehen, wird sich am Ende auszahlen. Wir fordern keinen Sonderstatus Lindenstraße 20 | 50674 Köln für Menschen mit HIV am Arbeitsplatz, sondern eine Gleichstellung mit allen Dr. Guido Schlimbach anderen Beschäftigten. Menschen mit HIV sind leistungsfähige Angestellte, Pressesprecher wenn sie sich ohne Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung bewegen Fon 0221-925996-17 und verhalten können. Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de www.nrw.aidshilfe.de
  • 7. Jahrespressekonferenz 2011 Bessere Rahmenbedingungen für ältere und chronisch kranke Arbeit- nehmer! Selbstverständlich bringt die Zunahme der Zahl an Menschen mit HIV in un- serem Land auch weitere Herausforderungen mit sich. Auch Menschen mit HIV werden älter. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an die Arbeits- plätze der Zukunft und die Rahmenbedingungen insbesondere für Ältere und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Dies ist nicht nur eine HIV- spezifische, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Wer Geld verdient, lebt länger! Das Thema Arbeit ist zu einem Kernpunkt geworden, der für ein „normales“ Leben mit HIV steht. Tagesstruktur, soziale Kontakte und auch die finanzielle Ausstattung der Menschen mit HIV hat Auswirkungen auf ihr Leben. Wer Geld verdient, kann sich mehr leisten und hatte bessere Chancen, gesund zu blei- ben und alt zu werden und darüber hinaus der Solidargemeinschaft zumin- dest einen Teil der erhaltenen Leistungen zurückzuzahlen. Daneben ist es eine Tatsache, dass nicht wenige Menschen mit HIV, wie auch andere Menschen mit einer Unterbrechung ihrer Berufsbiografie, nicht unmit- telbar wieder auf den Ersten Arbeitsmarkt vordringen werden. Diese Men- schen sind besonders von den jüngsten arbeitsmarktpolitischen Reformen der Bundesregierung betroffen. Hier fordern wir Ministerin von der Leyen auf, die Kürzungen insbesondere im Bereich der Zuwendungen zu Beschäftigungspro- jekten zurückzunehmen, da diese de facto eine Abschaffung dieser sinnvollen Maßnahmen zur Folge haben. Alternativ wünschen und erhoffen wir uns eine Kompensation auf landes- oder kommunalpolitischer Ebene, damit die vier in NRW durch Aidshilfen oder in Kooperationen durchgeführten erfolgreichen Beschäftigungsprojekte für Menschen mit und ohne HIV erhalten werden. HIV bleibt Herausforderung aller gesellschaftlichen Gruppen Alles dies kann Aidshilfe nicht alleine bearbeiten. Wir werden es nicht schaf- fen, allein mit unserer Fach- und Beratungskompetenz, mit Ermutigung und politischen Forderungen alle Menschen mit HIV, die dies können und wollen, in Arbeit zu bringen. Hier bedarf es der Mithilfe der politischen Kräfte, der Ge- werkschaften und aller gesellschaftlichen Gruppierungen, die sich auf diesem Gebiet engagieren. Auch wenn HIV im Vergleich zu anderen Infektionserkran- kungen viel weniger Menschen trifft, ist HIV kein Einzelphänomen, es bleibt eine gesellschaftliche Herausforderung, der sich Politik, Sozialwesen, Medizin, Selbsthilfe und eben auch die Rechtsprechung gemeinsam zu stellen haben. Wenn im Jahr 2011 in einer Anhörung des Rechtsausschusses hier im Landtag davon gesprochen wird, der Staat habe eine Pflicht gegenüber JVA-Bedien- steten und vermeintlich gesunden Inhaftierten, die HIV-Infektion von Mitge- AIDS-Hilfe NRW e.V. fangenen offenzulegen, dann verstößt dies nicht nur gegen die informatio- Lindenstraße 20 | 50674 Köln nelle Selbstbestimmung von Inhaftierten, es werden auch hier Mythen und Dr. Guido Schlimbach Unwahrheiten in die Welt gesetzt, die jeder Grundlage entbehren. Hier stellen Pressesprecher wir erneut fest, wie unaufgeklärt auch im öffentlichen Dienst auf Kosten von Fon 0221-925996-17 Menschen mit HIV argumentiert wird. Sie sehen, es bleibt an Aufklärung noch Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de viel zu leisten. www.nrw.aidshilfe.de
  • 8. Jahrespressekonferenz 2011 Auch Aidshilfe muss sich wandeln Die Aidshilfe der Zukunft wird – neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung der HIV-Primärprävention – besonders auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit HIV eingehen und entsprechende Angebote machen müssen. Einerseits für alle, die einer geregelten Arbeit nachgehen, andererseits auch für die, welche ausschließlich auf unser Sozialsystem angewiesen sind, das inzwischen immer mehr Lücken aufweist. Die Aidshilfe wird hier Hand in Hand mit anderen Verbänden chronisch Er- krankter zusammenarbeiten, wohl wissend um die Unterschiede zu anderen chronischen Krankheiten. Auch wir selbst müssen unsere Angebote anpassen. Es muss im Interesse der Politik sein, Ausgrenzung und Stigmatisierung deut- lich entgegen zu treten. Um dies zu erreichen, muss Selbsthilfe die Möglich- keit haben, durch Wissensvermittlung Vorurteile abzubauen und damit solida- risches Verhalten zu erreichen. AIDS-Hilfe NRW e.V. Lindenstraße 20 | 50674 Köln Dr. Guido Schlimbach Pressesprecher Fon 0221-925996-17 Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de www.nrw.aidshilfe.de
  • 9. Jahrespressekonferenz 2011 Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW Auswertung 2010 Primärprävention | erreichte Personen PERSONEN 350 000 345 366 329 738 316 789 300 000 293 359 274 963 250 000 237 677 200 000 150 000 100 000 50 000 0 2005 2006 2007 2008 2009 2010 PROZENTUALE 100 % VERTEILUNG 80 % 76,75 % 60 % 59,14% 52,04% 47,96% 40,86 % 40 % 23,25% 20 % AIDS-Hilfe NRW e.V. Lindenstraße 20 | 50674 Köln 0% Dr. Guido Schlimbach Pressesprecher weiblich männlich bis 21 ab 21 mit ohne Jahre Jahre Migra- Migra- Fon 0221-925996-17 tions- tions- Fax 0221-925996-9 hinter- hinter- guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de grund grund www.nrw.aidshilfe.de
  • 10. Jahrespressekonferenz 2011 Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW Auswertung 2010 Sekundär- und Tertiärprävention | erreichte Personen KONTAKTE 140 000 PE RSONE N 102606 120 000 96 603 101468 100087 100 000 87328 83353 80 000 60 000 40 000 28 222 20 000 12 688 12 142 12 011 13 945 13 430 0 2005 2006 2007 2008 2009 2009 PROZENTUALE 100 % VERTEILUNG 85,88 % 80 % 72,94 % 68,28 % 60 % 40 % 31,72 % 27,06 % 20 % 14,12% AIDS-Hilfe NRW e.V. Lindenstraße 20 | 50674 Köln 0% Dr. Guido Schlimbach weiblich männlich bis 21 ab 21 mit ohne Pressesprecher Jahre Jahre Migra- Migra- tions- tions- Fon 0221-925996-17 hinter- hinter- Fax 0221-925996-9 grund grund guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de www.nrw.aidshilfe.de
  • 11. Jahrespressekonferenz 2011 Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW Auswertung 2010 Arbeitszeitaufwendungen hauptamtliche MitarbeiterInnen ehrenamtliche MitarbeiterInnen Führung und Koordination 6 7 externe MultiplikatorInnenschulung 3 2 interne Fort- und Weiterbildung 3 4 Administration 13 6 Mittelakquise 5 10 Öffentlichkeitsarbeit 6 15 Vernetzung 5 4 Selbsthilfeförderung 6 7 sekundärpräventiv personalkommunikativ 19 14 sekundärpräventiv massenmedial 2 3 primärpräventiv personalkommunikativ 22 26 primpräventiv massenmedial 6 7 0 5 10 15 20 25 30 Haupttätigkeitsgebiet PROZENTUALE 100 % VERTEILUNG 80 % 68 % 60 % 40 % AIDS-Hilfe NRW e.V. Lindenstraße 20 | 50674 Köln 20 % 20 % 12 % Dr. Guido Schlimbach Pressesprecher 0% Fon 0221-925996-17 ländlicher gemischter Ballungsraum Fax 0221-925996-9 Raum Agglomerations- guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de raum www.nrw.aidshilfe.de
  • 12. Jahrespressekonferenz 2011 Leistungsprofil der Aidshilfen in NRW Auswertung 2010 ehrenamtlich tätige MitarbeiterInnen ehrenamtliche MitarbeiterInnen insgesamt 1 2482 durchnittlich pro Verein 36,1 ehrenamtlich geleistete Stunden 115 011 durchschnittlich pro Verein 2 805 hauptamtliche MitarbeiterInnen beschäftigte Personen 242,4 Vollzeitäquivalente 167,2 Honorarkräfte geleistete Stunden insgesamt 15 000 durchschnittlich pro Verein 365,9 Qualifikation der Beschäftigten PROZENTUALE 100 % VERTEILUNG 80 % 60 % 53 % 40 % 20 % 18 % 16 % 8% 7% 0% Dipl.- andere Alltags- Verwaltungs- Sonstige AIDS-Hilfe NRW e.V. Psych. zertifizierte expertInnen kräfte Lindenstraße 20 | 50674 Köln Käfte Soz.-Päd. Dr. Guido Schlimbach Pressesprecher Fon 0221-925996-17 Fax 0221-925996-9 guido.schlimbach@nrw.aidshilfe.de www.nrw.aidshilfe.de
  • 13. HIV/AIDS in Nordrhein-Westfalen – Eckdaten Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts Stand: Ende 2010* Menschen, die Ende 2010 mit HIV/AIDS leben: ~ 14.000 (12.000 - 17.000) Männer: ~ 12.000 (10.000 - 14.000) Frauen: ~ 2.500 (2.100 - 3.100) Verteilung nach Infektionsrisiko Männer, die Sex mit Männern haben: ~ 9.100 (7.900 –11.000) Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben: ~ 2.100 (1.800 – 2.500) Personen aus sog. Hochprävalenzregionen1): ~ 1.600 (1.300 – 2.000) i.v. Drogengebraucher: ~ 1.600 (1.400 – 1.900) Hämophile und Bluttransfusionsempfänger2): ~ 110 Mutter-Kind-Transmission3): ~ 100 (90 - 130) Zahl der HIV-Neuinfektionen in Nordrhein-Westfalen* im Jahr 2010: ~ 680 (630 - 760) Männer: ~ 610 (560 - 670) Frauen: ~ 80 (70 - 90) Infektionswege (geschätzt): Männer, die Sex mit Männern haben: ~ 490 (460 – 540) Heterosexuelle Kontakte: ~ 150 (130 – 160) i.v. Drogengebrauch: ~ 40 (40 – 50) Mutter-Kind-Transmission3): <5 Neue AIDS-Erkrankungen* im Jahr 2010: ~ 160 (110 – 230) Männer: ~ 130 (90 – 190) Frauen: ~ 20 (< 10 – 50) Todesfälle bei HIV-Infizierten* im Jahr 2010: ~ 160 (150 – 170) HIV-Infizierte unter antiretroviraler Therapie im Jahr 2010: ~ 9.600 (9.400 – 9.800) Gesamtzahl der HIV-Infizierten seit Beginn der Epidemie: ~ 19.000 (17.000 – 22.000) Gesamtzahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten* seit Beginn der Epidemie: ~ 6.300 (5.900 – 6.600) 1) Personen, die aus sog. Hochprävalenzregionen stammen, haben sich überwiegend in ihren Herkunftsländern und dort über heterosexuelle Kontakte mit HIV infiziert. Die Abschätzung der Größe dieser Personengruppe und ihre Aufteilung auf die Bundesländer ist mit der höchsten Unsicherheit behaftet, da zu wenig Angaben darüber verfüg- bar sind, wie hoch der Anteil der Personen aus dieser Gruppe ist, die nach ihrer HIV-Diagnose dauerhaft in Deutschland bleiben 2) Infektion erfolgte über kontaminierte Blutkonserven und Gerinnungsfaktorenkonzentrate überwiegend in der Zeit vor 1986 3) Kinder, die vor, während oder nach ihrer Geburt die HIV-Infektion über ihre Mutter erworben haben
  • 14. * Die vom RKI zusammengestellten Eckdaten zur Abschätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen, AIDS- Erkrankungen und Todesfälle bei HIV-Infizierten sowie der Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit HIV erfolgt in jedem Jahr neu auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Daten und Informationen und stellen keine automatische Fortschreibung früher publizierter Daten dar. Durch zusätzliche Daten und Infor- mationen sowie durch Anpassung der Methodik können sich die Ergebnisse der Berechnungen von Jahr zu Jahr verändern und liefern jedes Jahr eine aktualisierte Einschätzung des gesamten bisherigen Verlaufs der HIV-Epidemie. Die jeweils angegebenen Zahlenwerte können daher nicht direkt mit früher publizierten Schät- zungen verglichen werden. Insbesondere können Veränderungen in den Eckdaten zwischen 2009 und 2010 nicht als Zu- oder Abnahmen interpretiert werden. Zur Methodik der Schätzwertermittlung HIV-Inzidenz: Da Infektionszeitpunkt und HIV-Test bzw. das Auftreten von AIDS zeitlich weit auseinander liegen können, erlauben die Meldungen von HIV-Neudiagnosen und AIDS Fällen keinen direkten Rückschluss auf den In- fektionszeitpunkt. Die Abschätzung der Anzahl der HIV-Infektionen basiert für den Zeitraum 1978-1990 auf einem mathematischen Rückrechnungsmodell, das die Zahl der noch nicht diagnostizierten HIV-Infektionen mit einschließt. Auf Basis der bis 1995 beobachteten AIDS-Fälle (für die von 10% bis 30% Untererfassung ausgegangen wird) und der aus Kohorten- studien bekannten Verteilung der Zeitspanne zwischen HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung (Progressionszeit) bei unbehandelten HIV-Infizierten wird die Zahl und Zeitverteilung der HIV-Infektionen zurückgerechnet. Bei der Rück- rechnung wird dieses Jahr erstmals eine altersabhängige Progressionszeitverteilung angenommen wie von der „Col- laborative Group on AIDS Incubation and HIV Survival including the CASCADE EU Concerted Action“ bestimmt. Als Grundlage für die Verteilung der rückgerechneten HIV-Inzidenz zwischen 1978 und 1990 nach Bundesland, Ge- schlecht und Transmissionsgruppe wird die entsprechende Verteilung der AIDS Fälle 7 Jahre später herangezogen. Für den Zeitraum nach 1990 ist das Rückrechnungsmodell wegen der nicht abschätzbaren Therapieeffekte nicht mehr anwendbar. Ab 1995 bildet die Zahl der mittels der Laborberichtspflicht bzw. ab 2001 der gemäß §7(3) Infekti- onsschutzgesetz gemeldeten HIV-Erstdiagnosen getrennt nach Bundesland, Geschlecht und Transmissionsgruppe die Basis für die weitere Abschätzung. Basisannahme dafür ist, dass die Zahl der Erstdiagnosen (zeitverzögert) un- gefähr die Anzahl der Neuinfektionen reflektiert. Eine Rückrechnung der gemeldeten HIV-Diagnosen auf den ge- schätzten Zeitpunkt der HIV Infektionen ist momentan noch nicht möglich, da hier das gruppenspezifische Testver- halten eine wichtige Rolle spielt. Für die Jahre 1991-1994 wird die Zahl der HIV-Infektionen linear interpoliert. Die Hauptunsicherheit der Schätzung liegt momentan in der Einordnung der Meldungen als Erst- oder Mehrfachmeldung; auch der Ende 1998 eingeführte vierstellige Code erlaubt in vielen Fällen hier keine eindeutige Klärung. Im wesentli- chen werden die vom meldenden Arzt als „gesicherten HIV-Erstdiagnosen“ eingeschätzten Meldungen tatsächlich als Erstdiagnosen gewertet; Meldungen, auf denen angegeben ist, dass es sich um ein Mehrfachmeldung handelt, wer- den als solche behandelt. Meldungen mit unklarem Status (Erst- oder Mehrfachmeldung) werden zum Teil (20%- 70%) als Erstmeldungen gewertet. Diese und andere Unsicherheiten werden im Vertrauensbereich der Schätzung widergegeben. Für die Abschätzung der HIV-Inzidenz in Deutschland werden die HIV-Erstdiagnosen von Personen mit Herkunft aus Hochprävalenzregionen nicht berücksichtigt, da davon ausgegangen wird, dass die überwiegende Mehrzahl (>80%) dieser Infektionen in den Herkunftsregionen stattgefunden hat. Umgang mit fehlenden Angaben bei HIV Meldungen Innerhalb der Bundesländer werden getrennt nach Diagnosejahren folgende Annahmen getroffen: die Geschlechter- verteilung von Erstmeldungen ohne Angabe hierzu wird - innerhalb der Transmissiongruppen (inklusive „Unbekannt“) - entsprechend der Geschlechterverteilung aller Erstmeldungen derselben Transmissionsgruppe angenommen; ana- log wird für Meldungen mit unklarem Status verfahren. Meldungen ohne Angabe der Transmissionsgruppe werden entsprechend der Verteilung der Transmissionsgruppen bei den Erstmeldungen desselben Geschlechts auf die Transmissionsgruppen aufgeteilt. HIV-Prävalenz: Zur Schätzung der HIV-Prävalenz wird der geschätzte Verlauf der HIV-Inzidenz seit Beginn der Epi- demie verwendet. Von der kumulierten HIV-Inzidenz wird die Gesamtzahl der zum jeweiligen Zeitpunkt Verstorbenen abgezogen. Zusätzlich wird angenommen, dass ein Teil der in Deutschland mit HIV diagnostizierten Menschen aus Hochprävalenzregionen Deutschland wieder verlässt (etwa 30% innerhalb von 10 Jahren nach HIV Diagnose). HIV/AIDS-Todesfälle: Die Schätzung der Zahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten beinhaltet auch die Todesfälle bei HIV-Infizierten, die nicht direkt durch die HIV-Infektion verursacht sind. Basis für die Schätzwertermittlung ist die Todesursachenstatistik der Statistischen Landesämter (StaLA). Um der bekannten Untererfassung von HIV- Todesfällen bei den StaLA Rechnung zu tragen werden diese Ausgangswerte zwischen 20% und 35% nach oben korrigiert. Die Verteilung der Todesfälle nach Transmissionsgruppe entsprechend der Verteilung der AIDS Fälle 2 Jahre vorher angenommen. AIDS-Fälle (AIDS-Inzidenz): Basis für die Schätzwertermittlung der neu aufgetretenen AIDS-Fälle sind Bundeslän- der mit einer hohen Vollständigkeit der AIDS-Fallmeldungen. Die Schätzwerte für die übrigen Bundesländer (mit niedrigem Erfassungsgrad) werden proportional ihrem Anteil an den bundesweiten HIV/AIDS-Todesfällen im Verhält- nis zu den Ländern mit hoher Vollständigkeit der AIDS-Fall-Erfassung kalkuliert.
  • 15. HIV/AIDS in Deutschland – Eckdaten Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts Stand: Ende 2010* Menschen, die Ende 2010 mit HIV/AIDS leben: ~ 70.000 (60.000 - 83.000) Männer: ~ 57.000 (49.000 - 68.000) Frauen: ~ 13.000 (11.000 - 16.000) darunter Kinder1): ~ 200 Verteilung nach Infektionsrisiko Männer, die Sex mit Männern haben: ~ 42.000 (36.000 – 49.000) Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben: ~ 10.000 (8.700 - 12.000) i.v. Drogengebraucher: ~ 10.000 (8.500 - 12.000) Personen aus sog. Hochprävalenzregionen2): ~ 7.300 (6.000 - 9.200) Hämophile und Bluttransfusionsempfänger3): ~ 500 Mutter-Kind-Transmission4): ~ 430 (370 - 530) Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland* im Jahr 2010: ~ 3.000 (2.700 - 3.300) Männer: ~ 2.700 (2.500 - 3.000) Frauen: ~ 290 (260 - 330) Infektionswege (geschätzt): Männer, die Sex mit Männern haben: ~ 2.200 (2.000 – 2.400) Heterosexuelle Kontakte: ~ 580 (530 – 660) i.v. Drogengebrauch: ~ 170 (150 – 190) Mutter-Kind-Transmission4): <10 Neue AIDS-Erkrankungen* im Jahr 2010: ~ 760 (730 – 790) Männer: ~ 610 (590 – 640) Frauen: ~ 150 (130 – 170) darunter Kinder1): ~5 Todesfälle bei HIV-Infizierten* im Jahr 2010: ~ 550 (520 – 580) HIV-Infizierte unter antiretroviraler Therapie im Jahr 2010: ~ 40.000 (39.000 – 41.000) Gesamtzahl der HIV-Infizierten seit Beginn der Epidemie: ~ 91.000 (82.000 – 103.000) Gesamtzahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten* seit Beginn der Epidemie: ~ 29.000 (27.000 – 30.000) 1) Personen unter 15 Jahren: da diese Fallmeldungen seit einigen Jahren Einzelfall-kontrolliert werden und auf Grund der geringen Fallzahlen werden diese nicht in das Schätzungsverfahren einbezogen 2) Personen, die aus sog. Hochprävalenzregionen stammen, haben sich überwiegend in ihren Herkunftsländern und dort über heterosexuelle Kontakte mit HIV infiziert. Die Abschätzung der Größe dieser Personengruppe und ihre Aufteilung auf die Bundesländer ist mit der höchsten Unsicherheit behaftet, da zu wenig Angaben darüber verfüg- bar sind, wie hoch der Anteil der Personen aus dieser Gruppe ist, die nach ihrer HIV-Diagnose dauerhaft in Deutschland bleiben 3) Infektion erfolgte über kontaminierte Blutkonserven und Gerinnungsfaktorenkonzentrate überwiegend in der Zeit vor 1986 4) Kinder, die vor, während oder nach ihrer Geburt die HIV-Infektion über ihre Mutter erworben haben
  • 16. * Die vom RKI zusammengestellten Eckdaten zur Abschätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen, AIDS- Erkrankungen und Todesfälle bei HIV-Infizierten sowie der Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit HIV erfolgt in jedem Jahr neu auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Daten und Informationen und stellen keine automatische Fortschreibung früher publizierter Daten dar. Durch zusätzliche Daten und Infor- mationen sowie durch Anpassung der Methodik können sich die Ergebnisse der Berechnungen von Jahr zu Jahr verändern und liefern jedes Jahr eine aktualisierte Einschätzung des gesamten bisherigen Verlaufs der HIV-Epidemie. Die jeweils angegebenen Zahlenwerte können daher nicht direkt mit früher publizierten Schät- zungen verglichen werden. Insbesondere können Veränderungen in den Eckdaten zwischen 2009 und 2010 nicht als Zu- oder Abnahmen interpretiert werden. Zur Methodik der Schätzwertermittlung HIV-Inzidenz: Da Infektionszeitpunkt und HIV-Test bzw. das Auftreten von AIDS zeitlich weit auseinander liegen können, erlauben die Meldungen von HIV-Neudiagnosen und AIDS Fällen keinen direkten Rückschluss auf den In- fektionszeitpunkt. Die Abschätzung der Anzahl der HIV-Infektionen basiert für den Zeitraum 1978-1990 auf einem mathematischen Rückrechnungsmodell, das die Zahl der noch nicht diagnostizierten HIV-Infektionen mit einschließt. Auf Basis der bis 1995 beobachteten AIDS-Fälle (für die von 10% bis 30% Untererfassung ausgegangen wird) und der aus Kohorten- studien bekannten Verteilung der Zeitspanne zwischen HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung (Progressionszeit) bei unbehandelten HIV-Infizierten wird die Zahl und Zeitverteilung der HIV-Infektionen zurückgerechnet. Bei der Rück- rechnung wird dieses Jahr erstmals eine altersabhängige Progressionszeitverteilung angenommen wie von der „Col- laborative Group on AIDS Incubation and HIV Survival including the CASCADE EU Concerted Action“ bestimmt. Als Grundlage für die Verteilung der rückgerechneten HIV-Inzidenz zwischen 1978 und 1990 nach Bundesland, Ge- schlecht und Transmissionsgruppe wird die entsprechende Verteilung der AIDS Fälle 7 Jahre später herangezogen. Für den Zeitraum nach 1990 ist das Rückrechnungsmodell wegen der nicht abschätzbaren Therapieeffekte nicht mehr anwendbar. Ab 1995 bildet die Zahl der mittels der Laborberichtspflicht bzw. ab 2001 der gemäß §7(3) Infekti- onsschutzgesetz gemeldeten HIV-Erstdiagnosen getrennt nach Bundesland, Geschlecht und Transmissionsgruppe die Basis für die weitere Abschätzung. Basisannahme dafür ist, dass die Zahl der Erstdiagnosen (zeitverzögert) un- gefähr die Anzahl der Neuinfektionen reflektiert. Eine Rückrechnung der gemeldeten HIV-Diagnosen auf den ge- schätzten Zeitpunkt der HIV Infektionen ist momentan noch nicht möglich, da hier das gruppenspezifische Testver- halten eine wichtige Rolle spielt. Für die Jahre 1991-1994 wird die Zahl der HIV-Infektionen linear interpoliert. Die Hauptunsicherheit der Schätzung liegt momentan in der Einordnung der Meldungen als Erst- oder Mehrfachmeldung; auch der Ende 1998 eingeführte vierstellige Code erlaubt in vielen Fällen hier keine eindeutige Klärung. Im wesentli- chen werden die vom meldenden Arzt als „gesicherten HIV-Erstdiagnosen“ eingeschätzten Meldungen tatsächlich als Erstdiagnosen gewertet; Meldungen, auf denen angegeben ist, dass es sich um ein Mehrfachmeldung handelt, wer- den als solche behandelt. Meldungen mit unklarem Status (Erst- oder Mehrfachmeldung) werden zum Teil (20%- 70%) als Erstmeldungen gewertet. Diese und andere Unsicherheiten werden im Vertrauensbereich der Schätzung widergegeben. Für die Abschätzung der HIV-Inzidenz in Deutschland werden die HIV-Erstdiagnosen von Personen mit Herkunft aus Hochprävalenzregionen nicht berücksichtigt, da davon ausgegangen wird, dass die überwiegende Mehrzahl (>80%) dieser Infektionen in den Herkunftsregionen stattgefunden hat. Umgang mit fehlenden Angaben bei HIV Meldungen Innerhalb der Bundesländer werden getrennt nach Diagnosejahren folgende Annahmen getroffen: die Geschlechter- verteilung von Erstmeldungen ohne Angabe hierzu wird - innerhalb der Transmissiongruppen (inklusive „Unbekannt“) - entsprechend der Geschlechterverteilung aller Erstmeldungen derselben Transmissionsgruppe angenommen; ana- log wird für Meldungen mit unklarem Status verfahren. Meldungen ohne Angabe der Transmissionsgruppe werden entsprechend der Verteilung der Transmissionsgruppen bei den Erstmeldungen desselben Geschlechts auf die Transmissionsgruppen aufgeteilt. HIV-Prävalenz: Zur Schätzung der HIV-Prävalenz wird der geschätzte Verlauf der HIV-Inzidenz seit Beginn der Epi- demie verwendet. Von der kumulierten HIV-Inzidenz wird die Gesamtzahl der zum jeweiligen Zeitpunkt Verstorbenen abgezogen. Zusätzlich wird angenommen, dass ein Teil der in Deutschland mit HIV diagnostizierten Menschen aus Hochprävalenzregionen Deutschland wieder verlässt (etwa 30% innerhalb von 10 Jahren nach HIV Diagnose). HIV/AIDS-Todesfälle: Die Schätzung der Zahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten beinhaltet auch die Todesfälle bei HIV-Infizierten, die nicht direkt durch die HIV-Infektion verursacht sind. Basis für die Schätzwertermittlung ist die Todesursachenstatistik der Statistischen Landesämter (StaLA). Um der bekannten Untererfassung von HIV- Todesfällen bei den StaLA Rechnung zu tragen werden diese Ausgangswerte zwischen 20% und 35% nach oben korrigiert. Die Verteilung der Todesfälle nach Transmissionsgruppe entsprechend der Verteilung der AIDS Fälle 2 Jahre vorher angenommen. AIDS-Fälle (AIDS-Inzidenz): Basis für die Schätzwertermittlung der neu aufgetretenen AIDS-Fälle sind Bundeslän- der mit einer hohen Vollständigkeit der AIDS-Fallmeldungen. Die Schätzwerte für die übrigen Bundesländer (mit niedrigem Erfassungsgrad) werden proportional ihrem Anteil an den bundesweiten HIV/AIDS-Todesfällen im Verhält- nis zu den Ländern mit hoher Vollständigkeit der AIDS-Fall-Erfassung kalkuliert.