Deutsch als wissenschaftssprache

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  • Was ist ein guter wissenschaftlicher Stil? Ein guter wissenschaftlicher Stil ist möglichst genau und bringt die wissenschaftlichen Ergebnisse klar strukturiert auf den Punkt. Doch die Sprache wird nicht ausgeschmückt – wie in literarischen Texten. Deshalb gelten drei wichtige Tabus: 1. Das Ich-Tabu Subjektive Aussagen, die mit „Ich denke …“ oder „Ich bin der Ansicht, dass …“ eingeleitet werden, sind in wissenschaftlichen Texten unüblich. Wichtig ist immer der Bezug auf die konkrete Sache, das Thema und die Forschungsfrage(n), deshalb sollen auch in der Sprache persönliche Befindlichkeiten draußen bleiben. Natürlich kann man das „Ich“ sparsam und gezielt trotzdem verwenden, aber in der richtigen Situation und sachlich begründet. Zum Beispiel im Schlusskapitel einer Arbeit könnte es heißen: „Nach Auswertung der Ergebnisse komme ich zu dem Schluss, dass …“ 2. Das Erzähl-Tabu Die Zeitformen Vergangenheit (Präteritum) und Vorvergangenheit (Plusquamperfekt) sind im Deutschen typische Erzählformen im Stil von „Es war einmal …“. Wissenschaftliche Texte sind aber keine literarischen Erzählungen und nutzen aus diesem Grund für die Vergangenheit eher das Perfekt, z. B.: „Die Studie hat ergeben, dass …“ anstelle von „Die Studie ergab, dass …“. Für Aussagen und Feststellungen, die allgemeingültig und feststehend sind, kann auch die Gegenwart verwendet werden: „Die Studie ergibt, dass …“ 3. Das Metaphern-Tabu Metaphern, also sprachliche Bilder, sind Stilfiguren, die man vielfach aus Romanen oder Gedichten kennt. Formulierungen wie „eine Fragestellung unter die Lupe nehmen“ erzeugen Bilder in unseren Köpfen und sind deshalb unpassend in wissenschaftlichen Arbeiten. Metaphern regen nämlich unsere Fantasie an und erweitern die ursprüngliche Bedeutung von Wörtern. Doch die Wortwahl in wissenschaftlichen Texten soll die Wortbedeutung nicht ausdehnen, sondern eingrenzen. Das Ziel ist vielmehr, präzise und genaue Bezeichnungen zu finden, die Inhalte in ihrer Bedeutung fest verankern. Als Basis für die Wissenschaftssprache dienen neutrale und unpersönliche Formulierungen, die wissenschaftliche Texte strukturieren und einen Rahmen geben, z. B.: „Im ersten Kapitel wird ...“, „Sodann ...“, „Abschließend soll ...“. Diese „Alltägliche Wissenschaftssprache“ muss man erst kennenlernen und einüben.
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  • Was kennzeichnet wissenschaftliche Texte? Wissenschaftliche Texte sind inhaltlich und sprachlich präzise, sind möglichst objektiv, sind durch Quellen nachvollziehbar (es gilt die Beleg- und Beweispflicht), beziehen sich auf Gegenstände, Phänomene oder Sachverhalte und nicht auf persönliche Standpunkte oder Meinungen.
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  • Sieht man sich die deutsche Wissenschaftssprache näher an, finden sich viele Formulierungen, die ganz typisch sind. Gemeint sind fachübergreifende Wendungen, die immer wieder auftreten z. B.: „Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist …“; „Die These lautet, dass …“, „In dieser Arbeit wird … behandelt“ usw. Diese Sprech- und Schreibweisen sind sprachliche Handlungsmuster, die sich innerhalb der Wissenschaftskultur ausgebildet haben. Der Linguist Konrad Ehlich prägte für diese Merkmale den Begriff der „Alltäglichen Wissenschaftssprache“ (AWS), die in der Schreibforschung intensiv diskutiert wird. WissenschaftlerInnen brauchen diese sprachlichen Mittel, um im Alltag des Wissenschaftsbetriebs zu bestehen. Zugleich sind diese typischen wissenschaftlichen Wendungen aber auch in der Alltagssprache zu finden: z. B. „ein Argument einbringen“; „ein Beispiel anführen“. Die „Alltägliche Wissenschaftssprache“ ist zwischen der Alltagssprache und den Fachbegriffen angesiedelt. Es handelt sich dabei um floskelhafte Formulierungen, die unabhängig vom Fach in allen Disziplinen verwendet werden. Doch die Sprache allein ist kein Garant für Wissenschaftlichkeit. Wissenschaftliche Texte richten sich in erster Linie an eine "scientific community", das heißt, sie sind an ein klar definiertes Zielpublikum adressiert und verfolgen den Zweck, einen Beitrag zur Diskussion in diesem Fachkreis zu leisten. Mit durchgängig logischen, sinnvoll gegliederten und nachvollziehbaren Texten sollen neue Argumente, Thesen und Ergebnisse vorgestellt werden – auch mit der Absicht die LeserInnen davon zu überzeugen.
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  • Doch selbst in einer mehrsprachigen Welt braucht es natürlich eine Wissenschaftssprache, die global eingesetzt werden kann und als Verständigungssprache dient: Diese führende Rolle übernimmt derzeit Englisch. Das Prestige einer Wissenschaftssprache ist stets von politischen und wirtschaftlichen Faktoren abhängig, von einer Sprachenpolitik, die festlegt, welche Sprachen in bestimmten Kontexten gesprochen und verwendet werden. Die Tatsache, dass Englisch zur dominanten Sprache wurde, liegt nicht in der Sprache selbst, sondern vielmehr in den politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts begründet. Noch um 1900 war Deutsch in der Wissenschaft wesentlich wichtiger als Englisch, weil im 19. Jahrhundert große Fortschritte in Wissenschaft und Technik im deutschsprachigen Raum erzielt wurden. Mittlerweile hat Deutsch als internationale Wissenschaftssprache jedoch stark an Bedeutung verloren. In der Sprachwissenschaft zweifelt man daran, dass die Zahl der Menschen weltweit, die eine Sprache sprechen, den Ausschlag dafür gibt, welche Sprache als Wissenschaftssprache gewählt wird. Sonst würden Chinesisch, Hindi oder Spanisch auch als bedeutendste Wissenschaftssprachen in Frage kommen. Wichtiger ist jedoch die politische, wirtschaftliche oder auch militärische Bedeutung der Nationen, die hinter den Sprachen stehen. Das ist die Macht der Sprachenpolitik.
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  • Der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken ist äußerst komplex und auch in der Forschung nicht restlos geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass die Sprache unser Denken beeinflusst und prägt. Die Strukturen, in denen wir denken, wahrnehmen und erkennen, stehen unter dem Einfluss unserer Sprache(n). Genau deshalb ist es nicht egal, in welcher Sprache wir schreiben und forschen. Was wäre etwa Sigmund Freuds Traumdeutung ohne die deutschen Wörter „Verschiebung“ oder „Verdrängung“? Auch Freuds Begriff vom „Unheimlichen“ verortet die Angst in alltäglichen Situationen im Heimeligen, also im Vertrauten und Bekannten. Damit entwickelt Freud seine Theorie ganz nah an der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. An diesem Beispiel sieht man, dass wissenschaftliche Überlegungen auch aus der Sprache selbst erwachsen. Besonders in den sprach- und kulturwissenschaftlichen Fächern stecken hinter wissenschaftlichen Bezeichnungen ganze Begriffsgeschichten und Traditionen. Die Konzepte Freuds gehen Hand in Hand mit der deutschen Sprache und wären vermutlich auf Englisch anders ausgefallen. Mehrsprachigkeit fördert die kulturelle Vielfalt auch in den Wissenschaften, denn hinter den einzelnen Sprachen stehen immer die unterschiedlichsten Ideen, Methoden und Herangehensweisen an Forschungsprobleme. Sprachen und Wissenschaften sind vielfältig und beweglich. Deshalb könnten auch Übersetzungen zu fruchtbaren neuen Ergebnissen führen. Im Austausch liegt ein Potenzial, neue Ideen und Denkweisen zu fördern.
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Deutsch als wissenschaftssprache

  1. 1. Bernd F.W.Springer bernd.springer@uab.es Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache?
  2. 2. Bernd F.W.Springer bernd.springer@uab.es Wozu brauchen wir noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Um die Freiheit und Verantwortung von Wissenschaft
  3. 3. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? 3 denkbare Positionen: 1.) Deutsch soll wieder weltweite Wissenschaftssprache werden 2.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache 3.) Mehrsprachige Wissenschaft: Englisch als lingua franca + andere Wissenschaftssprachen
  4. 4. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache 2.) Mehrsprachige Wissenschaft: Englisch als lingua franca + andere Wissenschaftssprachen
  5. 5. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache „Die deutsche Sprache brauchen wir nicht mehr. Ich bin dafür, alles in englischer Sprache zu machen. Goethe, Schiller und die anderen Schreiberlinge kann man auch auf Englisch lesen. [...] Raus aus der Provinz, rein in die globalisierte Welt. Mit deutscher Sprache können unsere Studenten nur noch Kanzler werden.“
  6. 6. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache Möglichkeit, sich weltweit, mit mehr Forschern und schneller über wissenschaftliche Ergebnisse austauschen zu können.
  7. 7. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache Nur in englischsprachigen Zeitschriften publizieren? Also nur auf Englisch? Impact Faktor!
  8. 8. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache Konsequenz: aus der sprachlichen Dominanz ist zugleich eine inhaltliche Dominanz entstanden.
  9. 9. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache Negative Konsequenzen für - andere Wissenschaftssprachen, - ihre Gesellschaften, - ihren wissenschaftlichen Nachwuchs.
  10. 10. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache Idealismus der Aufklärung (Wissenschaft – Bildung – Gesellschaft Dialog)  demokratischer versus Imaginierte internationale Cientific Community (in der globalisierten Welt keinem einzelnen Land mehr
  11. 11. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 1.) Englisch als alleinige Wissenschaftssprache 2.) Mehrsprachige Wissenschaft: Englisch als lingua franca + andere Wissenschaftssprachen
  12. 12. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 2.) Mehrsprachige Wissenschaft: Englisch als lingua franca + andere Wissenschaftssprachen - Ideal der Freiheit von Wissenschaft - Ideal eines Dialogs zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft - Kritik an einer Wissenschaft, die ihre Freiheit als Freiheit von Verantwortung missinterpretiert
  13. 13. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 2.) Mehrsprachige Wissenschaft: Englisch als lingua franca + andere Wissenschaftssprachen Wie soll das in der Praxis konkret aussehen?
  14. 14. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? De facto nur 2 Positionen: 2.) Mehrsprachige Wissenschaft: Englisch als lingua franca + andere Wissenschaftssprachen Realität in Deutschland: Kongresse, Forschungsanträge, Publikationen, Lehre in Studium und Schule zunehmend (und in vielen Fächern nur noch) auf Englisch
  15. 15. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Zwischenfragen oder Kommentare?
  16. 16. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Argumente für die Mehrsprachigkeit von Wissenschaft: Die Sprachgebundenheit von Erkenntnis. 2 Positionen
  17. 17. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Argumente für die Mehrsprachigkeit von Wissenschaft: Die Sprachgebundenheit von Erkenntnis. 2 Positionen: Relativistische versus universalistische Position
  18. 18. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Argumente für die Mehrsprachigkeit von Wissenschaft: Leibniz: Sprachliche Abhängigkeit bedeutet geistige Abhängigkeit und damit den Verlust von Freiheit
  19. 19. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Argumente für die Mehrsprachigkeit von Wissenschaft: Wilhelm von Humboldt: Sprachansichten als Weltansichten Sprache = Spiegel der Welt + Sprache = die Linse, durch die wir die Welt betrachten
  20. 20. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Argumente für die Mehrsprachigkeit von Wissenschaft: Edward Sapir, Benjamin Lee Whorf: Das linguistische Relativitätsprinzip
  21. 21. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Argumente für die Mehrsprachigkeit von Wissenschaft: Noam Chomsky: Universalgrammatik
  22. 22. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Beispiele für die Sprachgebundenheit von Erkenntnis: 1. ) Auf dem Markt Obst und Gemüse vs. frutas, hortalizas, legumbres
  23. 23. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Beispiele für die Sprachgebundenheit von Erkenntnis: 1. ) Auf dem Markt frutas = Obst, hortalizas = grünes Gemüse legumbres = Hülsenfrüchte
  24. 24. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Beispiele für die Sprachgebundenheit von Erkenntnis: 2.) Farben
  25. 25. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Beispiele für die Sprachgebundenheit von Erkenntnis: 2.) Farben „Wenn das Gehirn entscheiden muss, ob zwei Farben gleich aussehen oder nicht, dann bitten die für die optische Wahrnehmung verantwortlichen Schaltkreise die Sprachschaltkreise um Hilfe bei der Entscheidungsfindung – selbst wenn bei dem Vorgang nicht gesprochen wird.“ (Guy Deutscher , Im Spiegel der Sprache,2010, S.262)
  26. 26. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Beispiele für die Sprachgebundenheit von Erkenntnis: 3.) Musikinstrumente Tasteninstrument oder oder Instrumento de viento cuerda Tasteninstrument Instrumento de
  27. 27. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Beispiele für die Sprachgebundenheit von Erkenntnis: 4.) Die Übersetzung von Vorsilben Beispiel ‚lesen‘: etwas ablesen, sich etwas anlesen, etwas nachlesen, etwas überlesen, sich verlesen und etwas vorlesen
  28. 28. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Beispiele für die Sprachgebundenheit von Erkenntnis: 4.) Die Übersetzung von Vorsilben „Der Vorleser“: „The reader“ „El lector“ „Le liseur“ „Il lettore“
  29. 29. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? Umfrage
  30. 30. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? Standardargument dagegen: Nein, denn man muss strikt zwischen nationaler Alltagssprache und Wissenschaftssprache unterscheiden.
  31. 31. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? - Nein, denn man muss strikt zwischen nationaler Alltagssprache und Wissenschaftssprache unterscheiden. Gegenargument: - Die radikale Trennung von Volks- und Wissenschaftssprache = falsch - Es sind keine absolut voneinander geschiedenen sprachlichen und intellektuellen Sphären
  32. 32. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? - Die radikale Trennung von Volks- und Wissenschaftssprache = falsch Es sind keine absolut voneinander geschiedenen sprachlichen und intellektuellen Sphären Beispiele: ‚Treibhauseffekt’ - ‚Quantensprung’ - ‚Unschärferelation‘ - ‚Ozon-Loch’ - ‚schwarze Löcher’ - ‚Kernspaltung’
  33. 33. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? Weitere Beispiele: das „An-Sich“ - das „Für-Sich“ – das „An-und-für-Sich“ das „Ich“ - das „Es“ - das „Über-Ich“ „Kümmerform“ „Chaperon“ (= engl. für Anstandsdame) deutsch: „Faltungshelferprotein“
  34. 34. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? Weitere Beispiele: Otto Neurath: „Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus den besten Bestandteilen neu errichten zu können.“
  35. 35. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? - Worte haben die Kraft, Assoziationen hervorzurufen - Unsere Wahrnehmung lässt sich von Begriffen leiten. - ‚Gnoseologische‘ Funktion von allgemeinsprachlichen Metaphern:sie übertragen konkrete Erfahrungen auf abstrakte Konzepte Darum beflügelt Sprachvielfalt die Erkenntnisvielfalt
  36. 36. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? Die Vielfalt der Sprachen ist deshalb so wichtig, weil jede uns die Welt auf eine andere Art entdecken lässt und keine einzelne Sprache die möglichen Weltansichten alleine ausschöpfen kann.
  37. 37. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Gilt die Verschiedenheit der sprachlichen Welterfassung auch für Wissenschaftssprachen? „Wie Biodiversität für die Natur, so ist Glossodiversität für den menschlichen Geist von höchster Bedeutung.“ (Jürgen Trabant 2008, S.93)
  38. 38. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Es ist daher von höchster Wichtigkeit auch für die Vitalität der Gemeinsprache, dass der Corpusausbau der Wissenschaftssprache Deutsch mit dem internationalen Erkenntnisfortschritt jederzeit Schritt hält!
  39. 39. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Wie kann Deutsch als Wissenschaftssprache in der Praxis heute noch neben Englisch bestehen?
  40. 40. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Wie kann Deutsch als Wissenschaftssprache in der Praxis heute noch neben Englisch bestehen? In der Lehre: Schule: Bachelor: Master: Deutsch 85 % 70 % 35% Englisch 15% 30% 65 % (Diese Zahlen sind nicht normativ sondern orientativ zu verstehen)
  41. 41. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Wie kann Deutsch als Wissenschaftssprache in der Praxis heute noch neben Englisch bestehen? Auf nationalen und internationalen Kongressen und Tagungen in Deutschland sollte die Arbeitssprache Deutsch sein und für ausländische Teilnehmer ein Übersetzungsdienst eingerichtet werden.
  42. 42. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Wie kann Deutsch als Wissenschaftssprache in der Praxis heute noch neben Englisch bestehen? Zwei- oder mehrsprachige Publikationen fördern! - Das ‚Deutsche Ärzteblatt‘ seit 2008 bilingual, Ergebnis: sein Impact-Faktor war 2011 der höchste der deutschsprachigen Zeitschriften. - Die „World Psychiatry“ erscheint sogar in zehn Sprachen (Englisch, Spanisch, Russisch, Japanisch, Rumänisch, Franzö sisch, polnisch, Chinesisch, Arabisch und Türkisch)  Platz 5 von 126 Psychiatrischen Journalen.
  43. 43. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Mehrsprachigkeit ist mit Zusatzkosten verbunden. Aber der Preis, den wir bezahlen, wenn wir darauf verzichten, ist unendlich viel größer!
  44. 44. Bernd F.W.Springer Wozu noch Deutsch als Wissenschaftssprache? Die Mehrsprachigkeit von Wissenschaft zu unterstützen muss daher eines der dringendsten Förderungsanliegen der entsprechenden Institutionen in ganz Europa werden.

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