Gefahren auf dembuddhistischen Weg Die Praxis des Buddhismus ist eine Möglichkeit, universelle spirituelle Erfahrungen zu ...
TitelthemaDie berühmten zehn Ochsenbilder aus dem Zen skizzieren den spirituellen Weg: Der Ochse steht für die Natur des G...
Titelthematäglich nach innen gewandt, um in dieeigene Tiefe hineinzuhören. Dabei ist siezu ähnlichen Schlüssen gekommen wi...
Tielthema         Optisch wird seine hohe Stellung         schätzten Eigenschaften in uns selbst zu   diese Desillusionier...
Titelthemahohe Ideale und unterdrücken eigene           vorhandene depressive oder ängstliche        Dharmalehrerinnen gib...
Nächste SlideShare
Wird geladen in …5
×

Martin Kalff-tibu93.pdf

320 Aufrufe

Veröffentlicht am

[PDF] Martina Kalff, Gefahren auf dem buddhistischen Weg, aus: Tibet & Buddhismus Nr. 93
[http://www.lifepr.de?boxid=250033]

0 Kommentare
0 Gefällt mir
Statistik
Notizen
  • Als Erste(r) kommentieren

  • Gehören Sie zu den Ersten, denen das gefällt!

Keine Downloads
Aufrufe
Aufrufe insgesamt
320
Auf SlideShare
0
Aus Einbettungen
0
Anzahl an Einbettungen
1
Aktionen
Geteilt
0
Downloads
0
Kommentare
0
Gefällt mir
0
Einbettungen 0
Keine Einbettungen

Keine Notizen für die Folie

Martin Kalff-tibu93.pdf

  1. 1. Gefahren auf dembuddhistischen Weg Die Praxis des Buddhismus ist eine Möglichkeit, universelle spirituelle Erfahrungen zu machen. Sie kann aber auch benutzt werden, um einer Shutterstock echten Auseinandersetzung mit sich selbst auszuweichen. Martin Kalff Meditativer Zen-Garten: Meditation ist ein Weg, sich selbst zu erforschen. schildert Gefahren für westliche Praktizierende.von Martin KalffD en tiefen Wert östlicher Spiritu- ist, auseinanderzusetzen, vor allem mit dem Gefühl, dass hier ein inneres alität hat C.G. Jung früh erkannt wenn es Dinge sind, die nicht willkom- Ziel ausgedrückt war, über das man und in verschiedenen Schriften men geheißen werden. Im Gegensatz nicht hinausgehen kann. Er beschriebhervorgehoben. Gleichzeitig war er der dazu steht ein Erforschen der eigenen auch einen längeren Prozess, in dem erAnsicht, dass östliche Spiritualität – er Innenwelt. In der Psychologie von C.G. spontan Bilder zeichnete, die er späterbezog sich dabei hauptsächlich auf Jung spielt dabei die Auseinander- in Anlehnung an den Osten „Ma¶∂alas“Hinduismus und Buddhismus – im setzung mit den Träumen eine große nannte. Er erlebte sie zunächst alsWesten nicht durch die Anwendung Rolle, durch die wir die dunklen und Ausdruck eigener Stimmungen, stießöstlicher Meditationspraxis aufgenom- hellen Seiten des inneren Lebens, das aber kraft der Intensität und Ausdauer,men werden sollte. Stattdessen sei es unser äußeres Handeln unbewusst mit der er sich auf diese Erfahrung ein-besser, eine der westlichen Psyche an- prägt, erkennen können. Die Bewusst- ließ, auf eine Schicht, die unter dengepasste Form von westlichem Yoga zu machung dieser Seiten und ihre Integra- oberflächlichen Stimmungen lag. Fürentwickeln. Jung vermied bei seiner tion ins Leben führt dazu, das Ich und ihn gipfelte die Erfahrung in derReise nach Indien den direkten Kontakt die Qualtäten, mit denen sich unser Erkenntnis, dass Ma¶∂alas „Gestaltung,mit östlichen Lehrern. Er wollte das, was Ichbewusstsein identifiziert, zu relativie- Umgestaltung. Des ewigen Sinnesder Osten entdeckt hatte, selbst in der ren. Diese Relativierung kann letztlich ewige Unterhaltung“ (Goethe, Faust II)eigenen Psyche finden. So kritisierte er zu der Erfahrung einer das Ich transzen- seien.den Trend, die Armut der eigenen Seele dierenden Schicht in uns führen, die„mit den Prachtgewändern indischer Jung das „Selbst“ nannte. Diese Art derWeisheit“ zu überdecken. Erfahrung geht einher mit dem Erleben Er sah eine nach außen gerichtete von Sinn und Zielgerichtetheit. Meditieren, um unange-Haltung als große Gefahr für den west- Jung erwähnt einen Traum, in dem nehme Seiten zuzudecken?lichen Menschen. Denn durch die er in dunkler Nacht einen wie aus sich Wir müssen prüfen, ob wir östliche Vor-Außenorientierung verpasst er es, sich selber leuchtenden Magnolienbaum stellungen und Übungen vor allemmit dem, was in ihm selber vorhanden erlebt hat. Diese Vision verband sich benutzen, um unangenehme Seiten in Tibet und Buddhismus 2/2010 31
  2. 2. TitelthemaDie berühmten zehn Ochsenbilder aus dem Zen skizzieren den spirituellen Weg: Der Ochse steht für die Natur des Geistes.Der Übende begibt sich auf die Suche nach dem Ochsen, findet ihn, erkennt seine eigentliche Natur und kehrt nach tiefermeditativer Erfahrung in die Welt zurück. uns zuzudecken, oder ob wir durch öst- ein vergleichbares Gegenstück in dem, zur Realisation des Nirvå¶as, die er aus liche Werte und Methoden angeregt was Jung als Selbst oder Ganzheit eigener Kraft verwirklichte. werden, in uns das entstehen zu lassen, bezeichnet hat. Auch wenn es große In Übereinstimmung mit der eige- was schon immer im Innern war. Unterschiede geben mag, was Ausdruck nen Erfahrung betont der Buddha vor In der Zen-Tradition gibt es die Serie und Erleben dieser Dimension betrifft, seinem Verscheiden gegenüber seinem der „Ochsenbilder“, in denen der medi- erscheint dahinter ein gemeinsamer Schüler Ånanda das Vertrauen in die tative Prozess des Erwachens durch eine Erfahrungsgrund. Im Buddhismus wird eigene Fähigkeit, sich durch die Praxis Folge von Bildern und Versen geschil- diese Dimension als „Buddhanatur“ des Dharma zu befreien. Er lehnte es dert wird. Die direkte Erfahrung der bezeichnet. Diese kann als Leerheit des ab, jemanden zu bestimmen, der die eigenen Buddhanatur wird dort mit Geistes verstanden werden oder als Gemeinde nach seinem Verscheiden dem Wiederfinden und Zähmen eines vollständige Qualität des erwachten führen sollte. „Deshalb, Ånanda, seid entlaufenen Ochsen illustriert. Auf der Geistes, die hinter den störenden euch selbst ein Licht, seid euch selbst Suche nach diesem Ochsen, der für die Geisteszuständen liegt. Dabei geht es eine Zuflucht. Haltet euch an die Buddhanatur steht, stößt der Hirte nach um eine Dimension in uns selbst, unab- Wahrheit, die euch leuchtet. Nehmt langem Suchen endlich auf seine hängig davon, ob wir im Westen oder zur Wahrheit Zuflucht. Sucht in nie- Spuren. Osten leben. mand anderem eure Rettung als in euch Meister Ohtsu sagt dazu: „Alles, was Der Buddha betont für den Weg des selbst.“ (der Suchende) von außen empfängt, ist Erwachens die Notwendigkeit, die Wenn es richtig ist, dass die wesent- nur Spur. Das was Œåkya lehrte, oder Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind, lichen Dinge, auf die die spirituelle Praxis das, was Bodhi Dharma sagte, ist nicht frei von Projektionen und Fantasien. Es hinzielt, in uns selbst, im Innenraum der der Herzens-Ochse selbst. Œåkya ist geht um die Erkenntnis der wahren Psyche, gefunden werden können, so Œåkya, Bodhi Dharma ist Bodhi Dharma. Natur der äußeren Erscheinungen und muss das natürlich auch für den Westen Wir sind wir. Erst wenn wir uns im Las- der Person. Diese Natur war schon gelten. Ob es exakt die gleichen Realisa- sen von all diesem den wahren Herzen- immer so vorhanden, sie ist aber über- tionen sind, möchte ich offen lassen. Ochsen angeeignet haben, können wir lagert von falschen Sichtweisen und Aufgrund der kulturellen Prägungen gibt erfahren, dass das eigene Herz und das Gedanken, die auf Unwissenheit basie- es sicher auch Unterschiede, aber die anfängliche Wesen unseres Selbst in ren. Gemeinsamkeiten solcher Erfahrungen allen Zeiten und an allen Orten unwan- In der Biografie des Buddha wird scheinen mir universell. delbar besteht.“ (Daizohkutsu R. Ohtsu, beschrieben, dass er die Befreiung, die Das zeigt etwa ein Vergleich der Der Ochs und sein Hirte, S.78). Die Vier Edlen Wahrheiten selber entdeckt Aussagen von Etty Hillesum und dem direkte Realisation, auf die die Spuren hat. Daran ändert auch die Tatsache indischen Meister Œåntideva aus dem 8. hinweisen, wird im nächsten Bild erläu- nichts, dass er sich bei den Meistern Jahrhundert. Hillesum, ein Opfer des tert, wo der Hirte den Ochsen findet. Ålåra Kålåma und Råmaputta in die ver- Holocaust, hat in ihren Tagebüchern ein Die Dimension, die hier als „anfäng- schiedenen Stufen der Versenkung ein- beeindruckendes Zeugnis ihrer geistigen liches Selbst“ beschrieben wird, findet führen ließ, denn diese führten nicht Entwicklung hinterlassen. So hat sie sich 32 Tibet und Buddhismus 1/2010 2/2010
  3. 3. Titelthematäglich nach innen gewandt, um in dieeigene Tiefe hineinzuhören. Dabei ist siezu ähnlichen Schlüssen gekommen wieŒåntideva. Ein Beispiel: Angesichts der Bedro-hung durch die Nazis hatten viele ihrer Aus: Zen-Geschichte: Der OchsBekannten den Wunsch, dass die Deut- und sein Hirte. Eine altchinesi-schen ausgerottet werden sollten. Etty sche Zen-Geschichte, erläutertHillesum notiert dazu in ihrem Tage- von Meister Daizohkutsu R. Ohtsu, mit japan. Bildern ausbuch: „Wenn vom Ausrotten die Rede dem 15. Jh. Verlag Güntherist, dann sollte das Böse im Menschen, Neske © 1958, mit freundlicher Genehmigung: J.G. Cottaschenicht der Mensch ausgerottet werden.“ Buchhandlung Nachfolger(Etty Hillesum, Das denkende Herz in der GmbH, StuttgartBaracke, S. 94) Œåntidevas Reflexionenweisen in die gleiche Richtung: „Richtet immer auch schon im Westen, in der geistigen Lehrer. Das spielte auch in Ettysich meine Wut auf den Schlagenden, Psyche westlicher Menschen angekom- Hillesums geistiger Entwicklung eineobschon ich von einem Stock geschlagen men ist. Denn es handelt sich um allge- große Rolle. Mit ihrem Lehrer, Juliuswurde, so müsste sich entsprechend, da mein menschliche Potenziale. In Anleh- Spier, verband sie eine große, oft aucher selber wiederum durch seinen Hass nung an C.G. Jungs Idee von allgemei- quälende Liebe. Von ihm kann sie nachangetrieben wurde, meine Wut auf sei- nen, archetypischen Prägungen in der seinem Tod sagen: „Die Kräfte, über dienen Hass richten.“ (Œåntideva, Anleit- menschlichen Psyche, würde ich hier ich verfüge, hast du in mir freigesetzt. Duungen auf dem Weg zur Glückseligkeit, von einer archetypisch geprägten Di- warst ein Vermittler zwischen Gott undKapitel VI, Vers 41). mension geistiger Erfahrungen sprechen. mir und nun bist du fortgegangen und Angesichts des Leidens im Arbeits- mein Weg führt geradewegs zu Gott.“lager vor ihrem Abtransport nach Au- (Etty Hillesum, S. 172).schwitz formulierte sie: „Man möchte Die Bedeutung des äußeren geistigenein Pflaster auf vielen Wunden sein.“ Projektionen: Meisters, Gurus, Lamas ist vor allem imŒåntideva drückt es so aus: „Möge ich „Er ist wie Gott.“ tibetischen Buddhismus sehr ausgeprägt.Arzt, Medizin, Pfleger für alle kranken Die Schriften Je Tsongkhapas zum Stu-Wesen in der Welt sein, bis jeder geheilt Auch wenn es wahr ist, dass jeder letzt- fenweg zur Erleuchtung (tib. Lamrim)ist.“ (Œåntideva, Kapitel X, Vers 55). lich in sich selbst und nicht im Außen die betonen die hohe Bedeutung des Meis- Mit Blick auf viele Übereinstimmun- echte Zuflucht finden kann, sind wir auf ters, der Meisterin, gerade auch im Hin-gen zwischen den Erfahrungen im Wes- äußere Formen, Methoden und auf blick auf die Praxis des Tantra, wo erten und im Osten, würde ich sagen, dass Menschen angewiesen. Wesentlich im oder sie sogar als Buddha betrachtetdas, was der Kern des Buddhismus ist, Buddhismus ist die Verbindung zu einem wird. Tibet und Buddhismus 2/2010 Tibet und Buddhismus 1/2010 33
  4. 4. Tielthema Optisch wird seine hohe Stellung schätzten Eigenschaften in uns selbst zu diese Desillusionierung durch Konflikte noch dadurch betont, dass er bei den fördern, statt nur den andern dafür zu unter den Lamas selber in Gang gesetzt, Unterweisungen auf einem Thron sitzt bewundern. In der Praxis des Buddhis- etwa den Streit um den „richtigen“ und die Schüler und Schülerinnen sich mus geht es aber darum, die Projektion Karmapa oder den Konflikt um den vor ihm niederwerfen. In der Praxis des der Vollendung beim andern zu belas- Dharmabeschützer Dorje Shugden. Tantra werden die vollkommenen sen und gleichzeitig in sich zu fördern. Diese Konflikte könnten noch etwas Eigenschaften, die Buddhaqualitäten, Eine Phase der Ernüchterung ist nicht Positives bewirken, wenn dadurch beim äußeren Guru wahrgenommen. vorgesehen. übertriebene Idealisierungen auf ein An und für sich sind es jedoch Quali- Werden die Projektionen im ande- vernünftiges Maß zurückgeschraubt täten, die der Schüler auch als Potenzial ren belassen, kann es, im Falle von würden. Im negativen Fall hält man an in sich trägt. Weiterführende und tief- übertriebenen positiven Projektionen der ungebrochenen Reinheit der eige- nen Seite fest und verteufelt die jeweils andere Seite. In der Tiefenpsychologie wird die „Alles, was der Suchende von außen empfängt, Dynamik der Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten unter- ist nur Spur.“ Meister Ohtsu sucht. Solche Beziehungsformen gibt es auch im Alltag, etwa zwischen Liebes- partnern, im Verhältnis des Angestellten gründige Übungen führen dazu, die dazu führen, dass der bewunderte zum Chef, des Sportlers zum Trainer. Einheit der eigenen tieferen Buddha- Mensch bei fehlender Selbstkritik selber Hier spielt der Begriff der Übertragung natur mit derjenigen des Lamas zu rea- daran zu glauben beginnt, was auf ihn eine große Rolle. Freud hatte entdeckt, lisieren, die im Außen wahrgenomme- projiziert wird. Der Meister, der als dass in aktuellen Beziehungen Wün- nen Eigenschaften in sich zu erwecken. Buddha bewundert wird, hält sich sel- sche und Bedürfnisse, die sich ur- Vom Gesichtspunkt der Jungschen ber für Buddha oder mindestens für sprünglich in der Kindheit auf Eltern- Psychologie her gesehen handelt es sich jemand sehr Besonderes. Diese Art der figuren bezogen, wiederholt werden hierbei um eine Projektion des Selbst, „Inflation“ oder Aufblähung, wie Jung und neu auftauchen. So kann zum der eigenen Ganzheit auf den geistigen diesen Vorgang umschrieben hat, ist Beispiel Allmacht, die das Kind den Lehrer, die Lehrerin. Jung hat erkannt, nicht immer leicht erkennbar und kann Eltern zugeschrieben hat, auf den dass unbewusste, also nicht bewusst sich in subtilen Formen von Selbstüber- Therapeuten projiziert werden. Auch gelebte Inhalte zuerst nach außen proji- schätzung ausdrücken. Im schlimmsten Eigenschaften, die sonst Gott zuge- ziert werden. In dieser Phase ist sich der Fall kann es dazu führen, Dienste der schrieben werden, werden projiziert. Projizierende nicht bewusst, diese Schüler und Schülerinnen für eigene Mario Jacoby führt in seinem Buch Eigenschaften in sich selber zu haben Zwecke wie Macht und materiellen Übertragung und Beziehung in der und hat sie auch nicht entwickelt. Gewinn zu missbrauchen. Jungschen Praxis (Walter Verlag, 2000) In der Projektion kann er einen Auf der Seite des Projizierenden Beispiele dafür an. So erwähnt er eine emotionalen Bezug zu diesen Eigen- kann es zu einer Verfestigung von Min- Frau, die von Jung sagte: „Wissen sie, er schaften wie Güte, Spontaneität, innere derwertigkeitsgefühlen kommen. Die ist wie Gott.“ Jung erkannte, dass hier Freiheit usw. entwickeln. Als nächstes Fähigkeit, selbständig zu handeln und die Suche nach dem Gottesbild in der geht es darum, das außen wahrgenom- zu denken, geht verloren. Es zählt nur, eigenen Seele der Motor sein kann mene Potenzial in sich selbst zu erwe- was der Meister, die Meisterin gesagt (Jacoby, S. 31). Glückt der Prozess, cken. Dies wird als Rücknahme der Pro- hat. Im negativen Fall droht das eigene kann die Projektion und die damit ver- jektion bezeichnet. Dabei wird ge- Leben zu einem schemenhaften Abbild bundene Inspiration große Kräfte akti- wöhnlich auch erkannt, dass das Objekt der unerreichbaren Größe des Meisters vieren, die zu einer tiefen Erfahrung des oder die andere Person nicht in allem zu werden. Jung hat diese Situation so Selbst führen. den positiven Projektionen entsprach, charakterisiert: „Die geistige Trägheit die man anfänglich hatte. wird zur Tugend, man darf sich in der In einer Phase der Verliebtheit wird Sonne eines mindestens halbgöttlichen Aggressionen hinter die andere Person oft idealisiert, doch Wesens erfreuen.“ dem „Großen Mitgefühl“? mit der Zeit werden wir durch die Für viele westliche Schüler und Realität dazu gezwungen, diese Projek- Schülerinnen ist es oft ein Schock, ent- Ein ähnliches Phänomen wie beim tionen zurückzunehmen. Im Idealfall decken zu müssen, dass auch Lamas Anvertrauen an den Lehrer kann auch können wir durch die Rücknahme mer- sehr menschliche Eigenschaften an den bei anderen Übungen beobachtet wer- ken, dass es gilt, die am anderen ge- Tag legen können. Drastisch wurde den: Die Praktizierenden projizieren34 Tibet und Buddhismus 2/2010
  5. 5. Titelthemahohe Ideale und unterdrücken eigene vorhandene depressive oder ängstliche Dharmalehrerinnen gibt, die sowohl dieSeiten und Bedürfnisse, um sich dem Tendenzen noch verstärkt, statt sie lösen Tiefe buddhistischer Tradition verinner-Ideal anzunähern. Ein Beispiel ist das zu helfen. licht haben wie auch die Fähigkeit besit-Große Mitgefühl für alle Wesen. Hier Hilfreich für den Westen sind Me- zen, den Dharma so weiterzugeben,besteht die Gefahr, dass man sich so thoden, die eine Kombination von west- dass er mit der Situation im Westensehr in die Bedürfnisse anderer Perso- lichen und buddhistischen Methoden übereinstimmt. Dazu gehört auch dernen einfühlt, dass man den eigenen Är- darstellen, wie die Übungen des „Füt- Mut, neue Formen zu entwickeln.ger nicht mehr wahrnimmt. terns der Dämonen“, die Tsültrim Eine große Aufgabe scheint mir die So kann es Ärger in mir auslösen, Allione entwickelt hat. Immer mehr neue Gestaltung der Beziehung zwi-dass mir in einem Betrieb mehr Arbei- Bücher beschäftigen sich damit, wie schen Lehrern und Schülern zu sein.ten übertragen werden als anderen. westliche Psychologie und buddhisti- Dies muss vom Ideal der UnterordnungWenn ich diesen Ärger unterdrücke, sche Weisheit zusammenwirken kön- befreit werden, für die der Thron einweil ich denke, dass mein Mitgefühl für nen, etwa das Buch von Harvey B. Symbol ist. Der Thron stammt aus Zei-die anderen das verlangt, kann das zu Aronson Buddhist Practice on Western ten vergangener Herrscher und Könige,einer ungesunden Überforderung mei- Ground (Shambala Publications, 2004). im Westen sind solche Herrschaftsfor-ner selbst führen, die am Ende allen Darüber hinaus gibt es buddhistische men durch die Demokratie abgelöstschadet. Hier wäre es besser, Grenzen Techniken, die, befreit von religiösen worden. Lehrer sollten die Fähigkeitzu ziehen und das Bedürfnis nach glei- Inhalten, im Dienst der Gesundheit ein- haben, Kritik Raum zu gewähren, sichcher Behandlung anzusprechen. gesetzt werden, wie die Methode der durch Schüler in Frage stellen zu lassen Oft scheut man sich aus einem zu Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion und in bestimmten Bereichen auch vongroßem Harmoniebedürfnis, Konflikte (MBSR) von Jon Kabat-Zinn. Manche Schülern zu lernen.offen anzusprechen. Wenn man am Buddhisten kritisieren den Einsatz bud- Der Japanische Professor Kawai hatEnde den Ärger nicht mehr spürt, kann dhistischer Methoden zur Entspannung in seinem Buch Buddhism and the Art ofman hölzern, leblos und mutlos wer- und Bewältigung von Lebenskrisen, weil Psychotherapy (Tamu Press, 2008) dieden. In diesem Zusammenhang ist es die buddhistischen Ideale verwässere. Einsicht formuliert: Wenn sich einwichtig zu verstehen, dass Mitgefühl Ich denke jedoch, dass sich auf lange Therapeut nur mit der Rolle des Thera-nicht identisch ist mit nur sanften, liebe- Sicht jemand, der zunächst auf einer peuten identifiziert, könne es demvollen Handlungen, sondern dass Mit- weltlichen Ebene Hilfe erfährt, schneller Patienten nicht gelingen, den Thera-gefühl auch Bestimmtheit, Klarheit und den Weg des Erwachens einschlagen peuten in sich selbst zu entwickeln.Härte verlangen kann. Darauf weisen könnte als ein anderer, der sich durch Dies kann nur gelingen, wenn sich derauch die zornvollen Manifestationen falsch verstandene Ideale zu sehr unter Therapeut gleichzeitig bewusst ist, auchder Buddhas im Tantra hin. Druck setzt und dabei versäumt, für selber Patient oder Patientin zu sein. Ich Auch die Auseinandersetzung da- seine psychische Gesundheit zu sorgen. denke, dass diese Erkenntnis auch fürmit, wie Sexualität sinnvoll in den bud- Es geht darum, die richtigen Mittel zur die Beziehung zwischen Lehrern unddhistischen Weg integriert wird, kann richtigen Zeit einzusetzen, ohne seine Schülern im Dharma wegweisend seinneurotische oder ungesunde Entwick- Ideale aufzugeben. könnte.lungen fördern, besonders in Traditio- Der Buddhismus wird ganz im Wes-nen, in denen das monastische Ideal ten angekommen sein, wenn es genü-betont wird. Hier besteht die Gefahr gend westliche Dharmalehrer undeiner Aufspaltung von Geist und Körper.Der Boden dafür ist bereits durch dasChristentum bereitet. Hier wäre eswichtig zu sehen, dass Sexualität einBereich sein kann, um Mitgefühl zuleben und einzuüben. Dieses Mitgefühl Martin Kalff lehrt Dharma und ist als psychologischerkann sich im Spiel von Einstimmung auf Berater mit Sandspiel tätig. Er praktiziert seit 1969die Bedürfnisse des Partners und die buddhistische Meditation, hat viele Jahre für Gesheeigenen Grenzen und Möglichkeiten Jampa Lodro aus dem Tibetischen übersetzt und vonentfalten. seinem Hauptlehrer die Erlaubnis erhalten, Dharma Psychotherapie, tiefenpsychologi- zu unterrichten. Er ist Mitbegründer und Vorstands-sche Methoden und Selbsterfahrung mitglied des Buddhistischen Zentrums in Zollikon nahekönnen für buddhistische Übende hilf- Zürich (www.buddhazollikon.ch), das seit über Lindaureich sein, um klarer zu erkennen, wann 30 Jahren existiert.der Druck durch Ideale zum Beispiel Tibet und Buddhismus 2/2010 35

×