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Heimatheft 10
2
Inhaltsverzeichnis
Heiner Groß Vorwort 3
Heiner Groß Die Saar – ein Schicksalsfluss für Lisdorf 4
Johann Görgen † Das Lisdorfer Gemüseschiff „Dillenschass“ 5
Andreas Weiler Ein Lisdorfer in Neuseeland 8
Marianne Faust Beiträge zur Lisdorfer Mundart 13
Ein seltenes Ereignis auf der Holzmühle 14
Bilder aus der Hochzeitsbilder–Ausstellung in der Lisdorfer Heimatstube 16
Maria Croon † Wie Nikelchen auf eigene Faust zum heiligen Rock pilgerte 18
Volkstrachten an der Saar in früherer Zeit 20
Agnes Groß Das Fronleichnamsfest–Hochfest des Leibes und Blutes Christi 24
Heiner Groß Lisdorfer Heimatkundler in Rom 26
Ebbes 28
Nachruf 29
Heiner Groß Lisdorfer Heimatkundler aktiv bei „Picobello“ 30
Wir gratulieren 31
Impressum:
Herausgeber: Verein für Heimatkunde Lisdorf e. V. (VHL)
Am Ginsterberg 13, 66740 Saarlouis–Lisdorf
Tel.: 06831/41694, Fax: 06831/128753
Redaktion: Heiner Groß (verantwortlich)
Georg Groß (PC–Bearbeitung), Agnes Groß, Josef Rupp, Manfred Nebelung
Druck: Druckerei und Verlag Heinz Klein GmbH, Auf der Wies 7, 66740 Saarlouis–Lisdorf
Bankverbindungen: Kreissparkasse Saarlouis (BLZ 593 501 10), Kto.Nr.: 74–30088–0
Volksbank Saarlouis (BLZ 593 901 00), Kto.Nr.: 1401217629
Bezugspreis: 3 Euro je Heft, Vereinsmitglieder erhalten es kostenlos
Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers, nicht unbedingt der Redaktion wieder.
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers
Veranstaltungen des Heimatkundevereins
In nächster Zeit sind mehrere Tagesfahrten (Trier, Lothringen, Mosel, Rhein und Speyer)
vorgesehen. Außerdem ist eine mehrtägige Fahrt zur Bundesgartenschau nach Schwerin
geplant. Die genauen Termine werden demnächst durch Rundschreiben und die Presse
bekanntgegeben.
Für Juni 2010 ist u.a. eine Fahrt nach Oberbayern zum Besuch der Oberammergauer
Passionsspiele und der bayerischen Königsschlösser geplant.
3
Verehrte Leserinnen und Leser,
seit der letzten Ausgabe des Lisdorfer Heimatblattes (Nr. 9) im Herbst 2005
haben wir viel Zeit verstreichen lassen bis zu dieser Nr. 10. An Geschehnis-
sen inner – und ausserhalb des Heimatkundevereins hat es in dieser Zeit
wahrlich nicht gefehlt. Berichtsstoff wäre demnach mehr als genug vorhan-
den gewesen. Doch durch meine plötzliche schwere Erkrankung im Herbst
2006 war ich längere Zeit nicht in der Lage, besondere Aktivitäten, wie sie
der Herausgabe eines Heimatblattes nun mal erfordert, zu entwickeln.
Wenn auch jetzt der frühere Elan noch nicht in dem gewünschten Maße da
ist, so fühle ich mich inzwischen doch wieder in der Lage, als verantwortli-
cher Leiter des Redaktionsteams zu fungieren und die weitere Herausga-
be von Lisdorfer Heimatblättern zu betreiben.
Von vielen unserer zahlreichen Mitglieder, die nicht in Lisdorf und zum Teil
weit entfernt wohnen, wissen wir, dass das Heimatblatt — neben den gelegentlichen Mitglieder – Rund-
schreiben — die einzige Verbindung zu uns und ihrer Heimat ist. Gerade diese Mitglieder haben das
Heimatblatt in der letzten Zeit besonders vermisst. Bei diesen möchte ich mich als Vorsitzender des
herausgebenden Vereins in aller Form entschuldigen, dass es uns nicht gelungen ist während meiner
Erkrankung das Heimatblatt trotzdem regelmäßig zu fertigen.
Seit der letzten Ausgabe sind im Verein für Heimatkunde Lisdorf relativ viele Veranstaltungen und auch
etliche kleinere Fahrten und Exkursionen durchgeführt worden, über die in den Rundschreiben und teil-
weise auch in der Lokalpresse berichtet wurden. Wir haben deshalb bewusst davon abgesehen, wie
auch in den 9 Heften davor, nur über das Geschehen in unserem Verein zu berichten. Vielmehr fin-
den Sie in dieser Ausgabe wieder eine breite Palette von heimatkundlichen Abhandlungen und histo-
rischen Geschehnissen, von denen wir hoffen, dass sie Ihr Interesse finden.
Bestimmte aktuelle Ortsereignisse, die auch in ein Heimatblatt gehören, konnten aus Platzgründen lei-
der in dieser Ausgabe nicht näher behandelt werden. Dazu zählen besonders die zahlreichen
Jubiläumsfeierlichkeiten der Chorgemeinschaft MGV 1859 Saarlouis – Lisdorf e.V. aus Anlass ihres
150 jährigen Bestehens mit einer sehr interessanten Multimediashow über die Jahre 1859 bis 2009,
mehreren Konzerten, einem festlichen Kommers und einem ganztägigen Freundschaftssingen unter
Beteiligung von 22 Chören sowie weiteren Veranstaltungen bis in den Winter hinein, (Besuch des
Jugendchores aus St. Nazaire mit 75 Personen, Aufführung eines sakralen Musicals und weiteren Fest-
konzerten). Dazu kann man nur sagen: großartig!
Am Vorabend zur sogenannten Hexennacht (30. April) ist auch in diesem Jahr von der Lisdorfer Feuer-
wehr unter großer Beteiligung der Ortsvereine, befreundeter Wehren und der Bevölkerung ein stattlicher
Maibaum gesetzt worden. Das ist ein schönes Beispiel, wie in Lisdorf altes Brauchtum gepflegt wird.
Am 12. September wird in der Hans–Welsch–Halle in Lisdorf das zweite große Jubiläum eines alten
Lisdorfer Vereins in diesem Jahr gefeiert. Der Berg– und Hüttenarbeiterverein Lisdorf feiert an diesem
Tag ebenfalls sein 150 jähriges Bestehen.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die 1. Handballmannschaft der HG Saarlouis, die wesentlich ge-
tragen wird von dem alten Lisdorfer Handballverein, dem SC Saargold, bei vielen Handball– und
Sportfreunden eine wahre sportliche Begeisterungswelle ausgelöst hat, die den Jubel und Trubel nach
der Erringung der Deutschen Meisterschaft im Damenbasketball durch die „Royals“ vom TV Saarlouis
vor wenigen Tagen noch übertrifft. Wenn die HG Saarlouis den derzeitigen Spitzenplatz in der Tabelle
halten kann und sie damit die Meisterschaft in der Regionalliga erreicht, dürfte die Begeisterung bei
der Lisdorfer Jugend und darüber hinaus einen bisher nicht gekannten Höhepunkt erreichen.
Sowohl die beiden Jubiläumsvereine als auch die Lisdorfer Feuerwehr un der Handballverein stellen
in Lisdorf und in unserer gesamten Stadt ein gutes Stück Heimatgeschichte dar. Es ist beabsichtigt,
diese in den nächsten Ausgaben des Heimatblattes mit Wort und Bild zu würdigen.
Zum Schluss danke ich allen für die Mitarbeit an dieser Ausgabe sehr herzlich, besonders meinen Kol-
leginnen und Kollegen in der Redaktion und meiner Schwester für die Bereitstellung der zahlreichen
Fotos aus unserem Foto – Archiv und meinem Vorstanskollegen Georg Groß für die mit viel Aufwand
verbundene Fertigung der druckfertigen Vorlage.
Ich wünsche auch dieser Ausgabe eine große Leserschaft und viel Muße und Freude beim Lesen.
Ihr Heiner Groß
Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde Lisdorf e.V.
4
Heiner Groß
DieSaar-einSchicksalsflussfür Lisdorf
Beim Studium der Lisdorfer Geschichte stößt man
immer wieder auf besondere Geschehnisse, die
durch die Saar verursacht wurden oder sich auf ihr
ereignet haben. Das sind zu einem die verheeren-
den Hochwasser der Saar, die früher mehr oder
weniger regelmäßig sowohl die Lisdorfer Aue als
auch die Ortslage überschwemmt und zumeist
auch erhebliche Schäden an Haus und Flur ange-
richtet haben.
Zum anderen sind früher in fast regelmäßiger Fol-
ge kleinere und größere Unglücksfälle auf der
Saar passiert. Vor allem während des Hochwas-
sers waren immer wieder größere Unglücksfälle
zu verzeichnen, so im Jahre 1846 als die Fähre
zwischen Lisdorf und Ensdorf mit über 70 Fahrgä-
sten an Bord im Hochwasser kenterte und 35
Fahrgäste, zumeist Ensdorfer Bürger, die die Mes-
se in der Lisdorfer Pfarrkirche besuchen wollten,
in den Fluten ertranken. Ensdorf gehörte damals
zur Pfarrei Lisdorf.
Auch in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges
(Spätherbst 1944 bis Frühjahr 1945), als sowohl
die Straßenbrücke Lisdorf – Ensdorf als auch die
Kleinbahnbrücke im Bereich der heutigen Schleu-
senanlage vom deutschen Militär gesprengt waren,
ertranken in der Hochwasser führenden Saar deut-
sche und amerikanische Soldaten, deren Zahl auch
heute noch nicht ganz geklärt ist.
Die Saar war über Jahrhunderte toleriertes Bade–
und Schwimmgewässer für die Bevölkerung in den
angrenzenden Gemeinden und etwa ab dem spä-
ten Mittelalter Transportweg für kleinere und grö-
ßere Saarschiffe (vgl. den Beitrag über das Saar-
schiff „Dillenschaß“ in dieser Ausgabe). Dabei sind
auch Unglücksfälle passiert. So ist überliefert, dass
eine Lisdorfer Marktfrau beim Verlassen des Ge-
müsetransportschiffes „Dillenschaß“ im Hafen von
Lisdorf im Bereich der heutigen Saarstraße vom
Laufsteg in die Saar fiel und, da sie nicht schwim-
men konnte, ertrank.
Bis etwa um das Jahr 1950 herum war die Saar für
die Lisdorfer Jugend ein beliebtes, wenn auch nicht
ungefährliches, Badegewässer, in dem eine gan-
ze Reihe meiner Bekannten das Schwimmen erlernt
haben. Mit der Eröffnung bzw. Wiedereröffnung
der Freibäder in Saarlouis – Stadtgarten, Ensdorf
und Wadgassen ging das Interesse am Baden und
Schwimmen in der Saar drastisch zurück, zumal
das Saar-Wasser durch verstärkte Einleitung von
Abwässer aus Industrieanlagen und kommunalen
Kanälen zunehmend verunreinigt wurde.
Wie gefährlich das Baden früher in der Saar war,
ist anhand von zwei uns aus dem Archiv unseres
VHL– Vorstandsmitglieds Günter Mang zur Verfü-
gung gestellten mehr als 70 Jahre alten Presse-
artikel nachzulesen. In diesen wird von Unglücks-
fällen mit Lisdorfer Kindern beim Baden in der
Saar berichtet, einer mit glimpflichem Ausgang,
der andere allerdings mit tödlichem Ausgang.
Am 28. Mai 1941 berichtete die Saar-Zeitung:
Heute vor 103 Jahren, also am 28. Mai 1838, ret-
tete der Schneider Philipp Walter aus Lisdorf den
achtjährigen Sohn des Gärtners Josef Kneip mit Ein-
setzung seines eigenen Lebens vom sicheren Tade
des Ertrinkens aus der Saar. Er erhielt dafür eine eh-
renvolle Anerkennung und ein Geldgeschenk.
Am 13. Juli 1939 berichtete die Saar-Zeitung:
In der Saar ertrunken
Gestern nachmittag gegen 3.30 Uhr badeten
mehrere Knaben etwa 300 Meter oberhalb der
Lisdorfer-Ensdorfer Brücke. Plötzlich versank der 9
jährige Schüler Adolf Huwer aus Lisdorf vor den
Augen seiner Kameraden. Diese versuchten ihm zu
Hilfe zu eilen, wagten sich aber nicht bis zu der
Stelle vor. Auf die Hilferufe der Knaben eilte der
Steinbildhauer Johann Seiwert aus Lisdorf herbei,
dem es gelang, den Bewußtlosen an Land zu
schaffen. Der inzwischen hinzugekommene Poli-
zeihauptmeister Jordan sowie Dr. med. Wolf nah-
men sofort Wiederbelebungsversuche auf, die je-
doch erfolglos blieben. Man brachte den Leblosen
in das Krankenhaus der Franziskanerinnen, aber
auch die dort angestellten Belebungsversuche ver-
liefen ergebnislos. Der ärztliche Befund ergab, daß
der Junge beim Baden einen Herzschlag erlitten
hatte. Es ist anzunehmen, daß er bereits tot ins
Wasser sank.
Aus der Lisdorfer Chronik
Ein mutiger Lebensretter vor 103 Jahren
Der ertrunkene Adolf Huwer war ein Sohn von
Grete Huwer geb. Fuß aus der Großstraße in Lis-
dorf. Er war Jahrgangskollege und Schulkamerad
der beiden VHL– Vorstansmitglieder Josef Rupp
und Günter Mang. Sie berichteten, dass die Stel-
le, an der ihr Kamerad Adolf Huwer im Wasser
versank, durch Strudel sehr gefährlich war.
5
Der gewerbsmäßige Anbau von Gemüse in Lis-
dorf ist bisher nachweisbar seit über 400 Jahren.
Liebertz berichtet in „Wallerfangen und seine Ge-
schichte“, dass um 1600 Lisdorfer Gemüsehänd-
ler regelmäßige Besucher der Wallerfanger
Märkte waren. Die Lisdorfer Gemüsebauern ka-
men durch die Jägerpforte der Festung und
schlugen ihre Verkaufsstände vor der Halle in der
Stadt Wallerfangen auf. Markttage waren damals
dienstags und freitags wie in der Nachfolgestadt
Saarlouis.
Zur Versorgung der stark zugenommenen In-
dustriebevölkerung im Raum Saarbrücken ver-
kehrten vom Gemeindehafen in der Saarstraße
in Lisdorf bis Saarbrücken jahrhundertelang zwei
Gemüseschiffe, die vom Volksmund bald „Dil-
lenschass“ genannt wurden. Dies wurde auf das
französische Wort „diligence“ (Schnelligkeit) zu-
rückgeführt. Diligence war zu damaliger Zeit
auch der Name für die Reitpost, die von 1646 –
1838 regelmäßig zwischen Saarbrücken und
Trier verkehrte. Diese für die Reitpost übliche Be-
zeichnung sei demnach auch auf das Gemüse-
schiff übertragen worden. Naheliegender und
wahrscheinlicher aber ist jene Deutung, die das
Wort in seine Bestandteile zerlegt: „Dill und
chass“. Das Wort „Dill“ wird schon seit Jahrhun-
derten in unserer Mundart zur Bezeichnung eines
Holzbrettes angewandt. Bereits in einem Nota-
riatsakt vom 28.01.1681 betr. Holzverkauf heißt
es: „Ein halber Schilling Lohn und vor jeden
„Schiefdill“ einen ganzen Schilling“. So hat also
die Bezeichnung „Dill“ für ein Holzbrett schon
vor langer Zeit Heimatrecht in unserem Sprach-
gebrauch. Ebenso gebräuchlich in der Um-
gangssprache ist das Lehnwort: „chass“ von
(französisch) chasser = jagen, eilen. Somit war
unser Dillenschass ein Fahrzeug, das aus Holz-
brettern gefertigt, über die Wasser der Saar da-
hineilte.
Es ist uns nicht bekannt und konnte bisher noch
nicht festgestellt werden, wann dieses Schiff erst-
malig seine Fahrt nach Saarbrücken angetreten
hat, um den Lisdorfer Gemüsebauern zu helfen,
den Transport und den Umsatz ihrer Erzeugnisse
zu erleichtern und den Kundenkreis zu vergrößern.
Aus einem Protokoll vom 20.09.1814 der franz.
Zollverwaltung in Saarlouis wissen wir jedoch,
dass unser Dillenschass schon vor 195 Jahren ein
bekanntes Verkehrs- und Transportmittel war. Der
damalige Besitzer des Schiffes, Frau Ww. Elisa-
beth Longtroff (später Lonsdorfer), musste bei
der Außenstelle Lisdorf der französischen Zollver-
waltung eine Strafe zahlen, weil sie zollpflichtige
Ware für Saarlouiser Geschäftsleute unter einem
Korb versteckt an Bord hatte. Aus den letzten Le-
bensjahren des Dillenschass stehen uns aber zu-
verlässige Erfahrungsberichte von Zeitgenossen
zur Verfügung, die uns Aufschluss geben über das
Aussehen dieser Schiffe und die Art und Weise,
wie sie ihrem Zweck entsprechend nach dem
Willen ihrer Besitzer und der Mieter zum Einsatz
kamen. Unser früherer ortsbekannter Schiffs-
führer– und Bergmannsveteran Herr Ludwig Bau-
er (Bauer Louis, links im Bild, rechts Johann Ja-
kob), berichtet uns über den „Dillenschass“ fol-
gendes:
DasLisdorferGemüseschiff„Dillenschass“
Überarbeitung und Ergänzung durch die Redaktion
Johann Görgen (1898 – 1976)
von 1950 – 1964 Rektor der Lisdorfer Schule
6
Meine Eltern starben sehr früh. Als Schulentlasse-
ner machte ich als Pferdeknecht weite Reisen auf
Kanalschiffen, die mich in viele bedeutende
Städte und Landschaften Frankreichs führten. Im
Jahre 1898 wurde ich vom damaligen Besitzer
des Dillenschass, Herrn Heinrich Busert, als Pfer-
deknecht angeheuert. Bis zum Jahre 1908 stand
ich in den Diensten der verschiedenen Schiffs-
eigentümer und brachte es in dieser Zeit bis zum
verantwortlichen Kapitän. Im Jahre 1908 nahm
ich die Arbeit auf Grube Hostenbach als Berg-
mann auf und musste 1925 wegen Unfall auf
der Grube vorzeitig pensioniert werden.
Unruhig, abwechslungsreich und arbeitsreich wa-
ren die Jahre auf dem Dillenschass! Es waren
damals zu meiner Zeit zwei Schiffe, die auch ver-
schiedene Besitzer hatten. Ihr „Heimathafen“ war
in der Saarstraße, die an einer kleinen Kaimau-
er endete. Diese Kaimauer war aus Gausteinen
gebaut. Auf der Kaimauer stand ein Pfosten, an
dem die Schiffe festgemacht wurden. Der Zu-
gang zur Kaimauer war gepflastert. Wenn die
Schiffe nicht beladen waren, ragten die Bord-
wände etwa 1 Meter über den Wasserspiegel. Es
kam oft vor, dass nach Beendigung des Verla-
dens die Schiffe derart ausgelastet waren, dass
die oberen Ränder der Bordwände knapp über
den Wasserspiegel hinausragten. Die Schiffe
selbst waren etwa 25 Meter lang und 3 Meter
breit. Heck und Bug der Schiffe liefen spitz aus.
An den Bordwänden entlang zogen sich schma-
le Laufstege hin, während das Schiffsinnere an
Heck und Bug offen war. Im Mittelteil des Schif-
fes befand sich ein gedeckter kammerartiger
Aufbau, in dem nur Verladegut gestaut wurde,
das vor Regen oder Frost geschützt werden mus-
ste. Ebenso war in diesem Raum Koch- und
Schlafgelegenheit für das „Schiffspersonal“ , das
heißt für die zwei Männer und 6 bis 7 Marktfrau-
en. Die Ladefähigkeit des Schiffes betrug 20 Ton-
nen. Am Bug des Schiffes leuchteten die weißen
Buchstaben des Schiffs - namens „Anna“, wahr-
scheinlich weil die Eigentümerin des Schiffes
Anna Rullang hieß und sie ihre Namenpatronin
auch als Hüterin ihres Schiffes erwählte.
Dreimal in der Woche mussten die Schiffe „klar
zur Abfahrt“ gemacht werden. Montags., mitt-
wochs und freitags, pünktlich um 13 Uhr, wur-
den die Anker gelichtet und die Taue gelöst und
die zwei Pferde auf dem Leinpfad der rechten
Saarseite stemmten sich die Sielen. Ein Pferde-
knecht sorgte für Ordnung bei den Pferden,
während der „Kapitän“ am Steuer seines Amtes
waltete. Bei Hochwasser musste die Zugkraft
durch drei Pferde verstärkt werden und bei
Überschwemmungen wurde die Schifffahrt
gänzlich eingestellt. Die Bauern brachten dann
ihre Erzeugnisse per Pferdefuhrwerk auf der
Landstraße nach Saarbrücken.
Die Fahrt nach Saarbrücken dauerte in der Regel
5 bis 5 ½ Stunden, wenn sie reibungslos verlief.
Oft gab es in Bous und Völklingen Verzögerun-
gen in der Abfertigung, so dass die Fahrzeit bis
sechs Stunden betrug. In Saarbrücken wurde zwi-
schen der 1. und der 2. Brücke in der Nähe des
Schlossplatzes festgemacht. Ein Wagen aus der
nahegelegenen Brauerei wurde geliehen und die
schiffseigenen Pferde angeschirrt. Einige „Sack-
träger“ und „Eckensteher“ wurden angeworben,
die immer in der Nähe der Anlegestelle zu fin-
den waren. Das Löschen der Ladung zog sich oft
bis tief in den frühen Morgen des nächsten Tages
hin. Ein Teil der Marktfrauen half beim Löschen
der Ladung mit, soweit es sich um Gemüse ihrer
zuständigen Arbeitgeber handelte, während die
übrigen das Essen besorgten und sich sodann
dem Schlummer in der „Kajüte“ hingaben. War
das Ladegut der ersten Arbeitsabteilung ge-
löscht, so übernahmen die Frauen der zweiten
Kolonne das weitere Löschen, während die „Ab-
gekämpften“ sich einige Stunden in der Kajüte
Erquickung und Ruhe gönnen konnten. Unaufhör-
lich aber rollte das Pferdefuhrwerk vom Schiff bis
zum Gemüsemarkt in der Mainzer Straße oder
auf den Kartoffelmarkt in der Nähe der Pfarrkir-
che St. Johann. In der Nacht oder in den frühen
Morgenstunden des nächsten Tages stand die
Ware verkaufsbereit auf den Märkten. Die zu-
rückgebliebene Schiffsbesatzung hatte aber
noch keine Ruhe. Die Pferde mussten versorgt
werden und an der Anlegestelle lagen Lebens-
mittel und Stoffe von Saarbrücker Großfirmen als
Rückfracht bereit, die an Geschäfte in Saarlouis
und Umgebung geliefert wurden. Oft kam es
auch vor, dass zwischenzeitlich noch eine Fahrt
nach Völklingen gemacht wurde, um Eisen, Ze-
ment und andere Baustoffe von Völklingen nach
Saarbrücken zu befördern. Der Markttag in Saar-
brücken wurde auf alle Fälle von der ganzen
Schiffsbesatzung beschlossen in dem Restaurant
Keltermann, wo man die nötigen Kraftreserven
für die Rückfahrt ergänzte. Pünktlich um 13 Uhr
erfolgte die Rückfahrt nach Lisdorf, wo hinter der
Anlegestelle bereits die beladenen Fuhrwerke
der Lisdorfer Gemüsebauern auf das Löschen
und Wiederbeladen der Schiffe warteten. Oft
genug war der Andrang der Fuhrwerkskolonnen
7
so groß, dass die Wagenschlange sich durch die
Saar– (damals hieß die Saarstraße = Fährgasse)
und Großstraße bis zum Landwehrkreuz hinzog.
Eile tat not, denn am nächsten Tag, pünktlich um
13 Uhr. mussten die Schiffe wieder abfahrbereit
sein. Unordnung oder zeitraubendes Beladen
der Schiffe war nahezu ausgeschlossen, da jeder
Gemüsebauer einen bestimmten Platz im Lade-
raum des Schiffes gemietet hatte und nur den zu-
gewiesenen Platz in Anspruch nehmen durfte.
Das gelöschte Ladegut wurde entweder vom
Empfänger abgeholt oder musste mit einem
Fuhrwerk dem Empfänger zugestellt werden, da
nach den Frachtbedingungen die Zustellung der
Waren frei Haus erfolgen musste. Als Miete für
den benutzten Schiffsraum wurden pro Sack 20
Pfennig Gebühren vom Mieter erhoben.
Abwechslung in die arbeitsreichen Tage „auf See“
brachte nur der „Annentag“. Dieser Tag wurde
dann von der ganzen Besatzung auf Seemannsart
zünftig gefeiert. Im Heimathafen waren an die-
sem Tage viele Lisdorfer versammelt, um das
Festtagskind feierlich zu empfangen. Denn auf
Schiff ging es dann lebhaft zu und der Gesang der
Besatzung lockte viele Lisdorfer an die Anlegestel-
le. Leider wurde die Festtagsfreude einmal am
Annentag sehr abgekühlt, als eine Marktfrau vom
schmalen Laufsteg in die Saar fiel und ertrank,
bevor ihr Rettung gebracht werden konnte.
Die „Schiffsheuer“ oder der Arbeitslohn betrug
damals bei freier Kost täglich zwei Mark. Hinzu
kamen sodann noch die Trinkgelder, die mitun-
ter recht beträchtlich waren. Abgerechnet wurde
immer an Sonntagen bei dem Schiffseigentümer.
War das Schiff nicht mehr „seetüchtig“, so kam
der Schiffbauer Schuler aus Fraulautern, um den
Schaden fachmännisch auszubessern.
Als dann im Laufe der Jahre das Gesicht der Zeit
sich änderte und unser Leben durch Anwendung
neuartiger Formen und Mittel sich wandelte, war
es auch um die Existenz unseres Dillenschass ge-
schehen, um weiterhin als Kohlenschiff Verwen-
dung zu finden. Das andere Schiff, das anschei-
nend „seeuntüchtig“ geworden war, wurde 1922
in die Nähe der Ensdorfer Schleuse gebracht
und dort verschrottet.
So hatte eine schöne Einrichtung mit einer lan-
gen Überlieferung ihr Ende gefunden, die den
„Alteingesessenen“ Iieb und vertraut geworden
war und mit der ein gutes Stück Ortsgeschichte
abgeschlossen wurde.
Weil die Dillenschass genannten Gemüsetrans-
portschiffe zahlreichen Lisdorfern ans Herz gewach-
sen waren und auch heute noch in der Erinnerung
der Bevölkerung als ein bedeutendes Stück Orts-
geschichte weiterleben , haben wir diesen Artikel in
etwas aktualisierter Form veröffentlicht.
Eine Nachbildung des Dillenschass wurde beim Erntedankfest 1938 durch die Straßen von Lisdorf gezogen.
8
EinLisdorferinNeuseeland
Ein Studienjahr am anderen Ende der Welt
Viele werden den Namen
„Neuseeland“ schon einmal
gehört haben, aber manch ei-
ner wird Schwierigkeiten ha-
ben, sich genaue Vorstellun-
gen von diesem Land zu ma-
chen. Dies mag an der Entfer-
nung zwischen Neuseeland
und Deutschland liegen: Neu-
seeland liegt im Pazifischen
Ozean, südöstlich von Austra-
lien. Damit ist kein anderer
Staat weiter von Deutschland
entfernt als Neuseeland.
Nach dem Abschluss des er-
sten juristischen Staatsexa-
mens entschloss ich mich, ein
Auslandsstudium anzuschlie-
ßen, um eine Zusatzqualifi-
kation zu erwerben. Da ich
an der Universität Trier bereits
englisches und amerikani-
sches Recht studiert hatte,
sollte das Studium in einem
Land stattfinden, das auch
das englische Rechtssystem
(sog. „Common Law“) an-
wendet. Auch war der
Wunsch, die englischen
Sprachkenntnisse zu vertiefen,
Grund ein englischsprachiges Land als Ziel zu
wählen. Von Kommilitonen erfuhr ich zufällig, dass
Deutsche in Neuseeland aufgrund eines Staatsver-
trages zwischen Deutschland und Neuseeland nur
die verbilligten einheimischen Studiengebühren
bezahlen müssen. Da ich schon immer mit dem
Gedanken gespielt hatte, einmal Urlaub in Neu-
seeland zu machen, schien mir dies das perfekte
Ziel für meinen Auslandsaufenthalt. Hier würde ich
perfekte Studienbedingungen und ein touristisch
äußerst interessantes Land vorfinden.
Ich bewarb mich schließlich eigenständig bei drei
neuseeländischen Universitäten und entschloss
mich nach zwei Zusagen, an der Victoria Univer-
sität in der Hauptstadt Wellington zu studieren.
Am 4. Februar machte ich mich dann in Frank-
furt bei Minustemperaturen auf den Weg nach
Neuseeland. Der 36-stündige Flug führte mich
über London, Los Angeles und Auckland nach
Wellington, wo ich am im Hochsommer bei Tem-
peraturen um die 25-30 Grad ankam. (Ein Flug
über Asien ist kürzer, es gelten aber andere Ge-
päckbestimmungen) Da ich keinen Platz im Stu-
dentenwohnheim bekommen hatte, wohnte ich
die ersten zwei Wochen in einer Jugendherberge
und verbrachte die meiste Zeit mit der Wohn-
ungssuche. Diese erwies sich als schwierig, da
unzählige andere Studenten zu Beginn des Se-
mesters ebenfalls Zimmer suchten. In Neusee-
land ist üblich, dass man in Wohngemeinschaf-
ten mit anderen Studenten zusammenwohnt. Um
meine Sprachkenntnisse zu verbessern und einen
besseren Einblick in das tägliche Leben zu gewin-
nen, entschloss ich mich, auch ein Zimmer in ei-
ner neuseeländischen Wohngemeinschaft zu su-
chen. Nach eineinhalb Wochen intensiver Suche
wurde ich dann auch schließlich fündig. Bis dahin
musste ich musste ich feststellen, dass viele Neu-
seeländer nicht so viel Wert auf eine schöne Woh-
nungseinrichtung legen, wie man das in Deutsch-
land gewöhnt ist. Dies ist verständlicher, wenn
man weis, dass es für viele normal ist, jedes oder
jedes zweite Jahr umzuziehen. So manches Haus,
das ich mir angeschaut habe, würde man auf gut
Deutsch als „Bruchbude“ bezeichnen. Aber da
viele Studenten ihr Studium und die Studienge-
bühren selbst finanzieren müssen, sind diese gün-
stigen Häuser auch gefragt. Ich musste auch fest-
stellen, dass zwischen der neuseeländischen und
der deutschen Bauweise große Unterschiede be-
Andreas Weiler (30)
aus Lisdorf, wie seine
Eltern uns sein jüngerer
Bruder VHL – Mitglied,
machte nach seinem 1.
Juristischen Staatsex-
amen an der Universi-
tät in Trier ein einjähri-
ges Auslandsstudium
an der Universität Wel-
lington auf Neusee-
land. Danach absol-
vierte er das Referen-
dariat in Saarbrücken
und legte dort 2008
das 2. Juristische Sta-
atsexamen ab. Seit 1.
10. 2008 ist er als
Rechtsanwalt bei Sie-
mens in Erlangen tätig.
Auf unsere Bitte hin hat
er den nebenstehen-
den Artikel über den
Studienaufenthalt in
Neuseeland verfasst.
Mein erstes Domizil in Wellington. Es ist aus Holz gebaut,
liegt auf einem Hügel am Rande der Innenstadt und bietet
einen Blick auf die Stadt. Die Häuser sind unbeheizt, für ei-
nen Mitteleuropäer eine unangenehme Überraschung.
Andreas Weiler
9
stehen: In Neuseeland sind die Häuser aus Holz
gebaut, nicht unterkellert, haben keine Isolierung,
keine Heizung und meist undichte, einfach ver-
glaste Fenster. Die Auswirkungen dieser Bauwei-
se wurden mir erst im Winter richtig bewusst. Es
wird zwar in Neuseeland nicht so kalt, wie in
Deutschland (In Wellington war es selten unter 10
Grad kalt), jedoch war die Innentemperatur in
den Häusern kaum höher als die Außentempera-
tur. So musste ich mich an Raumtemperaturen zwi-
schen 10 und 15 Grad gewöhnen.
Ansonsten ist der Lebensstandard vergleichbar
mit dem in Deutschland, in manchen Bereichen
vielleicht sogar höher (Neuseeland hat mit unter
4% die niedrigste Arbeitslosenquote in der west-
lichen Welt). Wenn das Land auch am anderen
Ende der Welt liegt, so ist es doch stark europä-
isch geprägt. Der Einfluss der ehemaligen briti-
schen Kolonialherren ist nicht zu verleugnen. Im-
merhin stammt auch der größte Teil der heutigen
Bevölkerung von britischen Einwanderern ab.
Noch heute ist Neuseeland ein Königreich, des-
sen Staatsoberhaupt die Königin von England ist.
Die Ureinwohner, die Maori, machen nur ca. 15-
20% der Gesamtbevölkerung aus.
Neuseeland besteht aus zwei Hauptinseln. Ob-
wohl die Südinsel leicht größer ist als die Nord-
insel, leben hier nur 1 Million Menschen, während
auf der Nordinsel ca. 3 Millionen Menschen woh-
nen. Mit einer Fläche ähnlich wie Großbritannien
oder Japan ist Neuseeland daher nur dünn besie-
delt. Die größte Stadt ist Auckland im Norden der
Blick auf Wellington von einem Aussichtspunkt in der Nähe der Universität.
10
Nordinsel mit über 1 Mio. Einwohnern. Auckland
trägt den Beinamen „Stadt der Segel“ aufgrund
der dort zahlreich vorhandenen Segelboote. Der
Einfluss von asiatischen und polynesischen Ein-
wanderern ist hier größer, als in anderen Teilen
des Landes. Außer dem Sky Tower, dem höchsten
Gebäude in der südlichen Hemisphäre, hat Auck-
land touristisch eher wenig zu bieten. Die Haupt-
stadt Wellington ist mit circa 340.000 Einwohnern
deutlich kleiner und liegt am südlichen Ende der
Nordinsel. Wellington hat den Beinahmen „windi-
ges Wellington“, und dies sehr zu Recht wie ich
bald nach meiner Ankunft feststellen konnte. Wel-
lington und die Cook–Straße, die Meeresstraße
zwischen Nord– und Südinsel, an der die Stadt
liegt, gehören wohl zu den windigsten Plätzen
dieser Erde. Wellington kann sich zusätzlich rüh-
men, die am weitesten südlich gelegene Haupt-
stadt der Erde zu sein.
Die Stadt liegt idyllisch an einem großen, natür-
lichen Hafen. Da es nur wenig ebene Flächen
gibt, liegen die meisten Wohngebiete über Hü-
gel zerstreut um das Zentrum herum.
Die Hauptsehenswürdigkeiten in Wellington sind
die historische Seilbahn (cable car), der soge-
nannte „Bienenstock“ (beehive), der ein Regier-
ungsgebäude ist, das alte Regierungsgebäude
(old Government Buildings) , das heute die juri-
stische Fakultät beherbergt, sowie das neue
Nationalmuseum „Te Papa“. Die größte Stadt
der Südinsel ist die „Gartenstadt“ Christchurch,
die sehr englisch anmutet. Wahrzeichen ist die
anglikanische Christuskirche.
Mit europäischen Maßstäben gemessen haben
die Städte in Neuseeland touristisch eher wenig
zu bieten. Die meisten Städte wurden erst im 19.
Jahrhundert gegründet. Hauptattraktion in Neu-
seeland ist die spektakuläre Natur. Seit der Film-
Trilogie „Herr der Ringe“, die in Neuseeland ge-
filmt wurde, sind auch viele Touristen aus der
nördlichen Hemisphäre auf dieses Reiseland
aufmerksam geworden. Während der Semester-
ferien und nach Abschluss meines Studiums hatte
ich Zeit, die beiden Inseln zu bereisen. Das Land
bietet ein sehr abwechslungsreiches Landschafts-
bild. Gebirgszüge und hügeliges Land machen
einen großen Teil Neuseelands Landschaft aus.
Während die Südinsel von Fjorden, Gletschern,
Seen und Ebenen gekennzeichnet ist, befinden
sich auf der Nordinsel Neuseelands größter See
sowie einige aktive Vulkane. Von vielen Reisen-
den habe ich die Auffassung gehört, die Südinsel
Ein Regierungsgebäude direkt gegenüber der Universität, genannt „Bienenstock“.
11
Die juristische Fakultät in der Innenstadt, ein ehemaliges Regierungsgebäude. Das Gebäude ist das größte Holzhaus in
der südlichen Hemisphäre.
sei die schönere der beiden Inseln. Ich kann die-
se Auffassung nicht unbedingt teilen. Was aber
stimmt, ist, dass die Südinsel abwechslungsrei-
cher ist. Sollte jemand mit dem Gedanken spie-
len, nach Neuseeland zu fahren, aber nicht die
4–6 Wochen Zeit haben, die man benötigt, um
beide Inseln zu bereisen, der sollte sich auf die
Südinsel konzentrieren.
Neuseeland ist nicht nur Vulkan–, sondern auch
Erdbebengebiet. Kleinere Erdbeben sind keine
Seltenheit und ich konnte auch während meines
Aufenthalts einige erleben. Außergewöhnlich ist,
dass die verschiedenen Landschaften so dicht
beieinander liegen. So kann man morgens in
den neuseeländischen Alpen wandern oder Ski
fahren und den Nachmittag am Strand verbrin-
gen. Die isolierte Lage Neuseelands hat auch zu
der Entwicklung einer auf der Welt einzigartigen
Pflanzen- und Tierwelt beigetragen. Einige Arten
gibt es nur hier, wie z.B. das Nationaltier, der
„Kiwi“, ein flugloser Vogel. Da der Kiwi mittler-
weile leider vom Aussterben bedroht ist und zu-
dem nachtaktiv ist, bekommt man ihn normaler-
weise nicht zu Gesicht. Aber auch die Pflanzen-
welt kann einem Europäer gelegentlich etwas
„märchenhaft“ vorkommen. So ist das ganze
Land mit Farnen – einem anderen Nationalsym-
bol– bewachsen, die je nach Ort über manns-
hoch werden können. Andererseits gibt es auch
Stellen, die an Europa erinnern, so z.B. die Süd-
lichen Alpen. Mache sagen daher, dass Neusee-
land einen kleinen Zusammenschnitt der Erde
darstellt. Was für das ganze Land gilt ist, dass es
sehr grün ist. Das Wetter ist mitunter sehr wech-
selhaft und schwer voraussehbar. Die häufigen
Regenschauer tragen aber zu der üppigen Vege-
tation bei.
Die üppige Vegetation und die dünne Besiedlung
machen das Land ideal für Landwirtschaft. Die
Landwirtschaft macht einen Großteil der Wirt-
schaft aus, besonders die Schaf– und Rinderzucht
ist stark ausgeprägt. So kommen auf die 4 Mio.
Einwohner über 40 Mio. Schafe. Die saftigen grü-
12
nen Weiden mit den Schafen und Rindern sind all-
gegenwärtig und gehören zum Landschaftsbild.
Das Studium an einer neuseeländischen Univer-
sität weist einige Unterschiede zu einem Studi-
um in Deutschland auf. Vor allem die Betreuung
ist wesentlich besser. Die Anzahl der Studenten in
einer Vorlesung ist geringer. Auch ist es normal,
dass man jederzeit seinen Professor per E–mail
kontaktieren kann oder direkt persönlich zu ei-
nem Gespräch in’s Büro geht. So etwas kannte
ich von meiner deutschen Universität nicht. Zu-
dem ist die Atmosphäre viel familiärer. So spre-
chen sich normalerweise alle – auch Professoren
und Studenten – mit Vornamen an.
Überhaupt ist diese Umgangsform generell in
den meisten Lebensbereichen üblich. Der zwi-
schenmenschliche Umgang ist etwas lockerer als
in Deutschland. Die Leute sehr freundlich, was
für mich am Anfang etwas irritierend war. So
stand ich mehrere Male mit einer Straßenkarte
auf der Straße und Einheimische kamen auf
mich zu und fragten, ob sie mir helfen könnten.
In Deutschland würde so etwas wohl eher nicht
passieren. Auch ist es ganz normal, dass im Ge-
schäft an der Kasse ein kleines Schwätzchen an-
gefangen wird um man gefragt wird, wie es ei-
nem geht und wie der Tag war, und dies auch bei
einer Schlange an der Supermarktkasse.
Bei meiner Ankunft in Wellington war ich doch
sehr überrascht, wie viele Deutsche es dort gab.
So stellten die deutschen ca. 50 % der Studenten
in meinem Studienprogramm, den Rest stellten
Neuseeländer, Asiaten und Pazifik-Insulaner. Auch
war ich bei meiner Rundreise im November und
Dezember überrascht, wie viele Deutsche als Tou-
risten unterwegs waren. So hatte ich den Ein-
druck, dass sie eine der größten – wenn nicht so-
gar die größte- Touristengruppe stellten. Für vie-
le ist Neuseeland wohl – wie ich meine zu Recht–
ein Traumziel. Der Flug ist zwar teuer und an-
strengend, aber man wird für alle Anstrengungen
entlohnt. Zudem ist es, wenn man erst einmal im
Land ist, gar nicht so teuer. Die Lebenshaltungs-
kosten sind mit den deutschen vergleichbar. Das
Reisen an sich ist sogar recht billig. Mietwagen
sind erschwinglich, Benzin kostet nur etwas mehr
als die Hälfte als in Deutschland, und es gibt vie-
le preiswerte Unterkunftsmöglichkeiten.
Alles in allem kann ich sagen, dass ich ein tolles,
äußerst interessantes und erfahrungsreiches Jahr
verbracht habe. Ich habe mir vorgenommen, ir-
gendwann wieder nach Neuseeland zu fahren.
Aufgrund der Entfernung wird dies wohl in naher
Zukunft leider nicht möglich sein.
Blick auf Wellington–Stadt vom Boot aus gesehen. Das Boot fährt in der Bucht von Wellington. Diese Bucht ist verbunden
mit der Cook – Strasse, der Meerstrasse zwischen Nord– und Südinsel. In kurzen Abständen verkehren Fähren zwi-
schen Nord- und Südinsel, die Überfahrt selbst dauert max. 1 Stunde.
13
BeiträgezurLisdorferMundart
Edd Freeijoa
Freeijoa wie hann eich deich
so gäa. De beschd onn bleif-
schd de schennschd Jores-
zeid. Wenn ma so zouloud,
wie de Nadua sich Meeij an-
doud fo alles so scheen se
machen, dass edd us soll ge-
fällen. Do driwwa kannen ma
us nua wonnan.
Enn kurza Zeid hat sich alles
vaännadd. Vor en paa Daa
woa noch alles ronderemm
groo. Off ämol woa gesinna
Auen en allen Äggen onn
Kanden Lewen. De Bleeimcha
( de Schneegläggcha onn de
Kroggussen) sträggen schon
ia Beggelcha raus. De Veilcha
vamm Herbscht wo draurisch do gelee hann, bleei-
jen off änmol wien Schlaaija.
Jeda Baam onn jed Hägg hodden enn äm Deiwel ia
greein Klääda an. Wadd de Sonn doch need alles
Marianne Faust
Angehörige einer alt-
eingesessenen Lisdorfer
Familie.Beschäftigt sich
schon seit ihrer Jugend
mit dem „Leischtrowwer
Platt“. Als Interpretin
und Autorin ist sie im
Lisdorfer Heimatkunde-
verein aktiv.
macht. Nua de Obstbääm sollen sich noch enn bißin
heeiden, weil Naads ess em scheenen Wädda jo
doch noch nedd se drauen.
Awwa de Vijelcha senn mobil. Se piepsen nemmä
vann Honga wie emm Wendda, wie alles zouge-
schneed woa. Jitz piepsen se vann Frääd, weil de
Sonn so scheen scheind. Omm Berg gesichde de
Hääsja aus ihren Lären kommen. De eascht greein
Spetzen senn fo die ach äbbes naues.
De Leid geen onä Wenddamandel onn aalen sich
enn da Sonn. Bei jedem Vazeelchen head ma de Leid
saan: Ma ess enn ganz anara Minsch, wenn de
Sonn nomol scheind.
Onn dann wenn alles bleeid, dann reeichd edd
iwerall so gudd. Ma mänd edd hädd äna enn Pa-
fümflasch ausgeschudd. Dann macht edd spazie-
rengeen Frääd. Dann halld ed änen nemmä emm
Haus. Dat moß ma ausnodzen, befoa dass edd
nomol anfängd se reenen.
Ja ma macht sich so sein Gedanken, wie da Herr-
gott so alles jed Joa vann nauem off de Reih greeit.
Edd ess schon enn Wonna.
Dass ma vann Lee´ischdroff senn, vazehlen ma laut,
onn dass ma gäa lo senn ,datt nett äascht seit haut.
Ma geheren lo hin, onn senn lo geboa,
dass ma us dodroff enen grenssen, datt es woa.
Weil lee´i senn us Wurzeln seit ewich onn drei Daa,
us Hämm us Gehaichniss us gudd Dorf an da Saa.
De Leit senn sich nett freem, nett wie enn da Stadt,
ma kennt jed Haus, wäß wäa drenn waand onn
gewaand hatt.
Do wird noch gesproocht, ma bleift noch beinanna
stehn,
so woa datt schon imma onn ess haud noch scheen.
Ob emm Geschäft, omm Kiijoff odda noh da Mäss,
ett rettschen on ett däädänn gefft nett vagäss.
Enn richdija Lee’ischdrowwa ess mett jedem aus da
Famill,
dofoa senn ett, wenn äbbes loss ess, ach imma so vill.
Bei ah Hochzeit odda ah Begräbnis denkt ma, senn die
soo gudd bekannt, dann fällt äm enn, mäjä, die senn jo
ach meddenanna vawant
Wenn äna end Dorf heirad, wirda enn Frema genannt,
awwa ett dauad nett lang, dann essa bekannt.
Dann ess ett äna vann us onn gre’it off de Schella
gekloppt,
onn wird enn äm Deiwel enn irjend änen Vaein renn
geschdoppt.
Bei us gefft edd jo Vaeina iwwagennuch onn de mass,
jeda ess enn jedem, datt macht us ach Spass.
Stehn emm Joah de Fäschtlichkätten an,
dann helfen se all, ohne nä se san.
Se zee’ in all an äm Strank, ohne se gronzen,
nä ,nä, datt gäf jo de Stimmung vahondzen.
Sonndes gefft Theata gespillt, gesong onn gedanzt,
onn wäades enn da Au Gemee’is geplanzt.
Moss äna furt aus emm Dorf, dann hadda de Flämm,
awwa fo äbbes se feian kommda gäa nommoll hämm.
Sischde, datt ess datt Steck Heimat, dono ess jeda off da
Souch,
datt haschde dee’ if enn da, datt leaschde enn käm Bouch.
Manchmal wird ach äna durch de Hächel geholl,
greeit de Fäddacha geroppt onn se hann sich enn da Woll.
Onn datt ess ach enn Steck Heimat onn ess nett so
schlemm,
ett wäad enn annaren Derfa ach so senn.
Ett ess kenn Wonna, dass ett us lee’i so gefällt,
ma drän Lee’ ischdroff nett de Bokkel fo kään Geld enn
da Welt.
Onn wenn ett späda nemmä anascht geht,
dann hoffen ma ,dass us da Petrus vaschdeht
onn bosselt us fo usen Heimatfimmel,
so enn scheen klän Lee’ischdroff enn seim Himmel.
Us gudd Dorf
Marianne Faust
14
Aus unserem Archiv:
Am 22. Juli 1938, also vor 71 Jahren, berichtete die Saar - Zeitung:
EinseltenesEreignisaufderHolzmühle
Die Eheleute Port begehen morgen ihre Diamantene Hochzeit - Allgemeine Anteilnahme
Diamantene Hochzeit! Das ist schon ein Ereignis,
daß man besonders würdigen muß. Alle Jahre
mal geschieht es im Kreis, daß ein hochbetagtes
Ehepaar dieses Fest feiern kann. Nur ganz weni-
gen ist es vergönnt. Jedesmal aber, wenn irgend-
wo im Kreis diamantene Hochzeit ist, dann
bleibt dies nicht nur ein privates Fest der Fami-
lie. Alle Verwandten und Bekannten und darüber
hinaus die Gemeinschaft der Ortseinwohner neh-
men regen Anteil daran und tun das ihrige, um
dem Tag einen schönen Rahmen zu geben und
zu einem Freudentag sowohl für das Jubelpaar,
wie auch für die Gemeinschaft zu machen.
Diesmal ist der Stadtteil Lisdorf der Ort, in dem
morgen ein Greisenpaar die 60jährige Wieder-
kehr seines Hochzeitstages feiert. Es sind die
Eheleute Anton und Katharina Port, geb. Schmitt
von der Holzmühle, das älteste Ehepaar des
Stadtteils Lisdorf. Überall auf der Holzmühle und
im Stadtteil Lisdorf ist das Paar bekannt, geach-
tet und beliebt.
Im Jahre 1928 feierten die beiden Hochbetag-
ten die goldene Hochzeit im engsten Familien-
kreise und obwohl die verflossenen weiteren zehn
Jahre nicht spurlos an ihnen vorübergegangen
sind, erfreuen sie sich noch einer in diesem Alter
seltenen geistigen und körperlichen Frische.
Der Jubilar ist 84 und seine Gattin 82 Jahre alt.
Heute noch spricht die Jubilarin fließend franzö-
sisch, das sie sich auf ihren Schiffsfahrten auf
dem Wasserstraßennetz Frankreichs angeeignet
und seitdem nicht mehr verlernt hat.
Aus der Ehe gingen 13 Kinder hervor, von denen
leider schon acht der kühle Rasen deckt. Vier
sind in jungen Jahren gestorben, während die
anderen vier im besten Alter dahingerafft wur-
den. Überhaupt hat das Schicksal den alten Leu-
ten mehr als einmal hart zugesetzt. Die vier Söh-
ne des Jubelpaares standen während des Welt-
krieges an der Front. Einer von ihnen erhielt für
besondere Tapferkeit das EK 1. Klasse.
Der Jubilar diente in seiner Militärzeit bei dem
Rheinischen Pionier–Bataillon Nr. 8 in Koblenz,
wo er am 11.12.1874 als Ersatzrekrut in die 3.
Kompanie eintrat; auch war er hier noch
Schwimmlehrer und brachte so manchem jungen
Soldaten das Schwimmen bei. Nach dem Führ-
ungsattest, das der alte Herr mit Stolz bis heute
aufgehoben hat, hat er vom 11.12.1874 bis
17.9.1877 gedient und sich während dieser Zeit
„sehr gut“ geführt. Das Zeugnis ist also schon 61
Jahre alt. Das beweist, welchen Wert unsere al-
ten Soldaten auf diese Papiere legten und wie
neben dem Militärpaß diese Schriftstücke ins-
besonders gutem Zustand gehalten wurden.
Von Beruf war der Jubilar Schiffer und befuhr fast
jeden Strom Frankreichs und des westlichen
Reichsgebiets. Dann ging er im Jahre 1897 zur
Dillinger Hütte, wo er bis 1923 im Martinswerk 1
arbeitete und alsdann in Pension ging.
Auch wir entbieten neben den noch lebenden
fünf Kindern, 16 Enkeln und vier Urenkeln dem
Jubelpaar die herzlichsten Glück– und Segens-
wünsche, zugleich im Namen der Volksgenos-
sen des Stadtteils Lisdorf. Möge auch der rest-
liche Lebensabend der alten Leute geruhsam
und gesegnet sein.
15
Am 23. Juli 1928 feierten die Eheleute Anton Port und Katharina geb. Schmitt aus dem Lisdorfer Ortsteil Holzmühle
ihre Goldene Hochzeit und 10 Jahre später, am 23. Juli 1938, die damals selten vorkommende Diamantene Hoch-
zeit. Über dieses Ereignis berichtete die Saar–Zeitung in ihrer Ausgabe vom 22. Juli 1938. Den betreffenden Artikel
haben wir nebenstehend abgedruckt.
Beide Jubilare waren in Lisdorf geboren. Anton Port am 14. Mai 1854 als Sohn einer Schiffer–Familie. Seine Frau
Katharina geb. Schmitt am 19. Februar 1856. Am 23. Juli 1878 schlossen sie in der Lisdorfer Pfarrkirche den Bund
fürs Leben. Aus der Ehe gingen 13 Kinder hervor, von denen zum Zeitpunkt der Diamantenen Hochzeit bereits acht
verstorben waren. Eine Tochter ging ins Kloster.
Das untere Bild wurde anlässlich der Goldenen Hochzeit im Jahre 1928 aufgenommen. Es zeigt das Jubelpaar mit
seinen Kindern und Enkeln. Oben als Zweiter von links ist Enkelsohn Johann Port zu erkennen. Anton und Katharina
Port waren die Urgroßeltern von Joachim, Klemens, Fredi und Edmund Port.
Heimatheft 10
18
Aus Anlass der Heilig – Rock – Tage in Trier vom
24. April bis 3. Mai 2009 haben wir einen mit
mundartlichen Ausdrücken gespickten Artikel vom
September 1933 der im Jahre 1983 verstorbenen
bekannten saarländischen Schriftstellerin Maria
Croon über eine Heilig–Rock–Geschichte aus dem
Jahre 1891 übernommen.
Der Artikel erzählt die Geschichte eines 10 jähri-
gen Bauernburschen aus einem Merziger Gaudorf,
der auf aberteuerliche Weise allein nach Trier und
zurück pilgerte. Sie könnte sich auch in Lisdorf oder
in einem anderen Dorf in der Nachbarschaft ereig-
net haben.
Die Leiterwagen rasselten schon lange, ehe die er-
sten Hähne im Saardorf krähten. Als die Räder ge-
schmiert, die Sitze festgemacht und die Heu– und
Strohbürden richtig verstaut waren, kletterte die
Morgenröte hinter dem Berg herauf und breitete
der Sonne den purpurnen Teppich aus, damit sie
königlich darüber schreite. Die Pferde hatten am
rauschenden Brunnen erstaunt unwillig die Mäh-
nen geschüttelt ob der Zumutung, schon so früh zu
trinken. Jetzt standen sie leise wiehernd im Ge-
schirr. Dann öffneten sich die Haustüren und sonn-
täglich gekleidete Menschen kamen heraus. Sie
tauschten Morgengrüsse in der Nachbarschaft, die
Frauen zogen die Hauben zurecht, nestelten an
den Schürzen, und dann schlossen sie die Weiden-
körbe, in denen die Essvorräte waren. Manch ein
loslediger Pätter trug auch sein Brot und sein Stück
Hamm in einem geblümten Taschentuch. Heute
war unser saarländisches Gaudorf an der Reihe,
um zum Hl. Rock nach Trier zu pilgern.
Als die Wagen alle zum Dorf hinausgefahren wa-
ren, lag dasselbe still, und verlassen im Glanz der
aufgehenden Sonne. In jedem Haus war nur ein
Hüter zurückgeblieben, eine alte Muhme oder eine
junge Mutter, die ihren Säugling betreuen musste.
— Beim Wirtsfranz wäre die alte und halbtaube
Mimi Kathrin allein zurückgeblieben, wenn nicht
gerade jetzt zwei Zuchten Ferkel im Stall in ewigem,
unheimlichen Hunger gequiekst hätten. Die Mimi
Kathrin war beinahe achtzig und konnte die schwe-
ren Eimer nicht mehr durch die engen, dunklen Stäl-
le schleppen. Darum war das zehnjährige Nik-
elchen dazu verurteilt worden, der alten Groß die
kräftigen Arme zu diesen Gängen zu leihen. Vie-
Maria Croon (1891- 1983)
WieNikelchenaufeigeneFaustzumheiligenRockpilgerte
Eine Heilig-Rock-Geschichte aus dem Jahre 1891
le Tränen hatte das Nikelchen schon vergossen
seit dieses harten Familienbeschlusses. „Ich bring
das schönste Gälljen (Medaille) mit vom Heili-
gen Rock, auch eine Zuckerstange und eine Bre-
zel“, hatte die weichmütige Mutter getröstet.
Aber das war alles nichts. Nikelchen wollte sel-
ber den Herrgottsrock sehen und nach Trier rei-
sen. Was waren dagegen alle Zuckerstangen
und auch noch Gälljer? Alle Jungen aus dem
Dorf waren mitgefahren. Die meisten seiner Al-
tersgenossen hatten peitschenknallend vorne auf
dem Leiterwagen gesessen, die Pferdeleinen
stolz in der Hand. Und er musste der Großchen
Schweinseimer in den Stall tragen! Das ging ge-
gen seine Jungenehre. Und wann mochte der Hl.
Rock wieder ausgestellt werden? Die Großchen
hatte eben, als sie neben dem Trog im Ferkels-
stalle hockte und die „Sauf“ durchknetete, damit
alles die richtige Temperatur hatte, vor sich hin
geknoddert, sie sei eine ganz junge staatse Frau
gewesen, als sie damals mit ihrem Matthes selig
nach Trier zur Ausstellung gepilgert sei. Dann
musste es schon lange, lange her sein; denn die
Groß hatte keinen einzigen Zahn mehr, sie war
taub, und die Augen waren beinahe erloschen im
runzeligen Gesicht.
Während Nikelchen noch so in trüben Sinnen ver-
loren stand, ratterte am anderen Ende der Dorfstra-
ße noch ein Leiterwagen heran. „Der hat sich ver-
spätet“, dachte der Bub. Gleichzeitig durchfuhr ihn
wie der Blitz der Gedanke: Da könntest du noch
mitfahren! Und schon war er die Treppe hinauf-
gesaust, hatte den frischgewaschenen blauen
Leinenkittel vom Nagel gerissen, angezogen, wie-
der nach unten gesprungen, die mit Stallmist ge-
sprenckelten Schuhe mit einem Büschel Rommeln-
blättern schwarz „gewichst“, die Hände gewaschen.
Halt, noch fehlte die Futterage! Die Mutter hatte
gestern ein paar Schüsseln voll scharfen Käs ge-
kocht für die Wallfahrer, den Daheimgebliebenen
ein „Gubbel“ voll in den Wandschrank gestellt.
Nikelchen hatte die Schüssel schon in der einen
Hand, in der anderen Hand ein halbes Brot. So er-
wartete er den Wagen , auf dem die Leute aus dem
Nachbardorfe eben ein frommes Pilgerlied sangen.
„Holt mich mit“, rief er, „ich will auch noch nach
Trier.“ „Kein Platz mehr da, Jung“, wehrte der
Fahrer ab, „geh heim und iss dein Kässchmier.“
19
„Fürs Zuschrauben holt mich mit, ich setze mich
hinten neben die Schraub“, bat Nikelchen fle-
hentlich. „Lasst ihn nur“, entschieden ein paar
junge Burschen, denen das lästige Amt des Auf–
und Zuschraubens zugeteilt worden war. Gleich
saß der Bub neben der Schraube und ließ die
Beine baumeln. „Du willst doch nicht bis Trier
deine Kässchüssel im Arm festhalten“, rief der
alte Bauer, „her damit in die Futterkiste.“
Nikelchen reichte Brot und Käse hinauf, behielt
aber während der ganzen Fahrt die Kiste arg-
wöhnisch im Auge. So reiste er schlecht und recht
fürs Zuschrauben acht Wegestunden weit bis nach
Trier. Zwischendurch schmetterte er alle Wall-
fahrtslieder mit heller Stimme hinaus in den hel-
len Sommertag.
Je näher sie der heiligen Stadt kamen, um so
mehr musste Nikelchen staunen über den Be-
trieb. Und erst in Trier selbst! Da wälzten sich die
Menschen über die Straße wie die Wellen in der
Mosel. Das war allerdings ein wenig mehr, wie
wenn in seines Vaters niedriger, rauchgeschwärz-
ter Schenkstube Holzversteigerung war oder gar
an der Kirmes Tanzmusik. Mit einer Prozession
schlüpfte er in den Dom und sah hier mit ehr-
fürchtigem Schauer das Kleid, in dem der Herr
Jesus gelebt und gelitten hat. Da kam ihm auch
sein Ungehorsam zum ersten Mal so recht zum
Bewusstsein, und die arme Groß, die jetzt da-
heim saß und niemand hatte, der den Ferkels-
eimer trug. Und mit ihren zittrigen Fingern ver-
gebens den Wandschrank nach dem Gubbel
mit dem gekochten Käs abtastete. Er sandte ei-
nen innigen Stoßseufzer um Verzeihung zum Hei-
ligen Rock empor und stand bald wieder im
Freien, allerdings eingekeilt zwischen einer dich-
ten Menschenmenge.
Als er sich bis zum Wagenplatz durchgekämpft
hatte, sah er in der Nähe auch die Fuhrwerke aus
seinem Dorf und viele bekannte Gesichter. Da
musste er verschwinden, denn es schien ihm nicht
geraten, jetzt schon unter seines strengen Vaters
Augen zu treten. Er schlich sich also an seinen
Wagen heran, entnahm der Futterkiste die Käs-
schüssel, von der er unterwegs schon den „Him-
mel“ (die Haut) herunter gegessen hatte, seine
dästige Kurscht und schlängelte sich damit aus
dem Getümmel heraus. In einer stillen Gasse setz-
te er sich auf einer Haustüre nieder und schmau-
ste ergiebig, bis nur noch ein paar schäbige Über-
reste am Gubbelboden klebten. Dann suchte er
noch einen Brunnen auf und schlenderte langsam
in der Richtung nach den Fuhrwerken zurück.
Doch er hatte sich verirrt und es dauerte zwei
Stunden, bis er den Platz wiederfand. Aber, o
Schreck, die Wagen aus der Heimat waren alle
weg. Er lief verzweifelt hin und her und las die
Lisdorfer Pilgergruppe zur Heilig-Rock-Ausstellung in Trier im Jahre 1933
20
Schilder. Lauter fremde Namen, kein einziges
Dorf vom Saargau. Was nun? Doch nur wenige
Minuten war Nikelchen mutlos. Da floß die Mo-
sel, wenn er stromaufwärts ging, kam er bei Konz
an die Saar. Dann nur munter immer an ihrem
Ufer vorbei, und er würde die Heimat schon fin-
den. Also vorwärts marsch, Nikelchen! Unent-
wegt die leere Kässchüssel unterm Arm, trabte er
fürbaß. Und der Blitzjunge hatte Glück. Fürs Zu-
schrauben nahmen ihn verschiedene Wagen
streckenweise mit, solange ihre Wege gemein-
sam waren.
Als der Mond schon lange am Himmel stand,
klopfte der kleine Pilgermann doch ein wenig ver-
zagt an der heimischen Haustüre an. Dort war al-
lerdings am Abend bei der Heimkehr der Wall-
fahrer große Aufregung gewesen ob der Pilger-
fahrt Nikelchens auf eigene Faust , und alle Teil-
nehmer waren ein wenig aus der frommen Stim-
mung herausgekommen. Der Vater hatte ge-
schimpft, die Mutter geweint, und sie wollte ste-
henden Fußes umkehren und ihren Sohn suchen.
Doch der Vater hatte ruhig entschieden: „Wir su-
chen ihn nicht, wenigstens heute noch nicht. Ich
denke, er hat den Weg hingefunden, er findet ihn
auch wieder heim.“ Dann war man sorgenvoll in
der Stube sitzengeblieben. Bis gegen Mitternacht.
Da klopfte es schüchtern an der Haustüre und
Nikelchens müde Stimme rief ängstlich: „Mamm,
macht ov !“ Alle sprangen freudig auf. Es war auch
dem Vater schwer, dem staubbedeckten kleinen
Pilger ein strenges Gesicht zu zeigen. Nach einer
gelinden Strafpredigt durfte er sich als büßender
Sünder auf dem Strohsack ausstrecken.
Nikelchen blieb sein Leben lang ein unterneh-
mungslustiger Junge, dem der Wandertrieb im Blute
steckte. Später machte er wieder auf eigene Faust
eine große Reise, bis nach Kanada. Diesmal aber
nicht aus religiösen Gründen und um aus dem Be-
reich der Ferkel zu kommen, sondern er lief mit
voller Absicht den quiekenden Borstentieren direkt
in die Arme oder besser gesagt in die Klauen. Drü-
ben in Kanada hat er sich nämlich eine große Farm
erworben, auf der er schon jahrzehntelang erfolg-
reich Schweinezucht betreibt. Sicher erzählt er jetzt,
nachdem er in den Zeitungen von der diesjährigen
Ausstellung des Heiligen Rockes gelesen hat, seinen
auf der freien amerikanischen Steppe aufgewach-
senen Kindern von seiner ersten Wallfahrt zum Herr-
gottsrock. Und er empfindet keine Reue über den
Ungehorsam; denn ohne diese Eigenhilfe hätte er
das Kleid des Herrn in seinem Leben wahrschein-
lich nie gesehen. Von Kanada kommt man nicht so
leicht nach Trier, auch nicht fürs Zuschrauben.
VolkstrachtenanderSaarinfrühererZeit
Der saarländische Volkstanz– und Trachtenverband
hat sich zum Ziel gesetzt, die Kleidung unserer Vor-
fahren aus der Region zu sammeln, zu dokumen-
tieren und zu präsentieren.
In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Nohfelden
konnte dieses Projekt als Museum im Alten Amts-
haus in Nohfelden verwirklicht werden. Dieses trägt
die offizielle Bezeichnung „Regionales Museum für
Mode und Tracht“, inzwischen bekannt als „Trach-
tenmuseum Nohfelden“.
Am 25. Juni 2006 hat der Heimatkundeverein Lis-
dorf im Rahmen einer heimatkundlichen Lehrfahrt
in den St. Wendeler Raum mit 52 Personen auch
das Trachtenmuseum Nohfelden besucht und die-
ses mit einer besonderen Führung durch die Mu-
seumsleitung eingehend besichtigt. Die Teilnehmer
waren beeindruckt von den Ausstellungsstücken aus
früherer Zeit und erfreut, als ihnen eine mehr als
125 Jahre alte Kopfbedeckung aus Lisdorf gezeigt
wurde. Ein Besuch in diesem Museum ist wirklich zu
empfehlen. Die Öffnungszeiten können unter Tel.:
06852/809154 erfragt werden.
„Kleider machen Leute“, dieses Sprichwort erlangte
zusätzlich Bekanntheit durch die gleichnamige No-
velle von Gottfried Keller. Gute Kleidung fördert das
Ansehen, dies gilt noch heute. Ab der 2. Hälfte des
19. Jahrhunderts bestimmte das Bürgertum die
Mode und das Kleidungsverhalten:
Kleidung als Abbild der bürgerlichen Tugenden:
Ordnung, Fleiß, Reinlichkeit, Sparsamkeit, Pflicht-
bewusstsein, Anstand und Schamhaftigkeit.
In der Kleiderabteilung des Museums Nohfelden
wird die Festtagskleidung aus dem 19. und 20.
Jahrhundert bis 1920 gezeigt. Danach setzte ein
ganz neues Kleidungsverhalten ein.
Zur Hochzeit bekam der Mann einen Anzug beste-
hend aus Hose, Gilet, und Gehrock. Dazu gehörte
das Weiße Hemd mit gestärktem Kragen. Als Acces-
soires hatte der Mann meist auch: Hut, Uhrenkette,
weiße Handschuhe.
Die Frau heiratete früher meist im schwarzen Kleid,
das sie auch später zu allen festlichen Anlässen tra-
gen konnte. Da die verheiratete Frau nach der be-
stehenden Kleiderordnung des 19. Jahrhunderts kei-
nen weisse Kleider mehr tragen durfte, war die Ent-
scheidung für ein schwarzes Brautkleid eine rein fi-
nanzielle Überlegung.
Die „Reinheit“ zeigte sich im weißen Schleier. Nur die
Braut aus einem „begüterten“ Elternhaus heiratete
im weißen Brautkleid.
21
Im Museum Nohfelden wird auch die Kleidung „Dar-
unter“ gezeigt. Im „Grammatisch-kritischen Wörter-
buch der Hochdeutschen Mundart von 1807 wurde
die Unterhose als „unanständige Sprechart“ bezeich-
net und zum Beinkleid umgetauft.
Tracht! Gab es bei uns eine Tracht? Wenn wir unter
Tracht die Bekleidung der bäuerlichen-ländlichen
Bevölkerung verstehen, so gab es diese in unserer
Region in den Jahren 1750-1850.
Einige originale Trachtenteile wurden vor dem 2.
Weltkrieg von Hermann Keuth gesammelt und im
damaligen Heimatmuseum Saarbrücken ausge-
stellt. Die erhaltenen Teile der Sammlung gehören
der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz.
Im Nohfelder Museum werden im Trachtenzimmer
Exponate aus der Sammlung Keuth gezeigt.
Die umfangreichste Trachtensammlung besitzt das
Simeonstift-Museum Trier, das ebenfalls einige schö-
ne Exponate nach Nohfelden ausgeliehen hat.
Aufgenommen um 1900
Sitzend: Anna Breininger geb. Welsch
Stehend: Maria Bernard geb. Stutz, verwitwete Morguet
Erntedankfest 1938, v. l. n. r.: Rosa Schmitt verh. Klein, Maria Ecker verh. Schmitt, unbekannt, Irmi Ecker verh. Morguet
Johann Morguet, Maria Morguet verh. Johannes, Lena Morguet verh. Amann, Maria Stutz verh Seidel, Adolf Seidel,
Rosa Schmitt verh. Wagner, Erna Ecker, Ottilia Lonsdorfer verh. Schwind, Maria Rullang verh Faust
22
Die Kopfbedeckung der Männer
Diese bestand in der ersten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts in dem kurtrierischen, dreifach aufge-
krämten, schwarzen Filzhut, meist Dreimaster,
auch Gewitterverteiler genannt. An manchen Or-
ten tragen ihn jetzt noch die Kirchenschweizer
beim Gottesdienste. Im Saarbrücker Gebiet trug
man Filzhüte, die nur an einer Seite aufgebogen
waren. Nach den Freiheitskriegen (nach 1815)
verschwand der Dreimaster und an seine Stelle
trat der hohe, schwere Zylinderhut, der sich nach
oben bedeutend erweiterte. Als Sonntagshut be-
stand er aus feinem, schwarzen Wollfilz. Der obe-
re Innenraum war praktisch eingerichtet. Das
zusammengestreifte Kattunfutter schloß bereits in
halber Höhe ab und ließ in der Mitte ein faust-
großes Loch. In dem so entstandenen Ober-
stocke verbarg der Hausvater bei Ausgängen sei-
ne Briefschaften, das Taschentuch, seine irdene
Pfeife und etwas Tabak. An Werktagen trugen die
Bauern einen kleinen runden Filzhut, eine Mütze
oder eine gestrickte Zipfelmütze. Sie wurde früher
mit der Hand gestrickt, später gewirkt und war
entweder weiß, blau oder schwarz. Bei kalter Jah-
reszeit trug man sie unter dem Filzhut oder Zylin-
der. Das Kopfhaar wurde vom Hinterkopf aus
nach allen Seiten glatt gestrichen.
In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts kamen
Zylinder mit geraden Seiten und schmalem Rand
auf und erst später trat an ihre Stelle die geringe
Huthöhe mit breitem Rand. Die Zipfelmütze hat
sich auf dem Saargau noch vereinzelt erhalten.
Die Leibbekleidung der Männer
Am Sonntag trugen die Männer einen Rock aus
feinem, blauen Tuch. An der Brust, den Ärmeln
und Schößen war er mit blanken Knöpfen aus
Messing oder Silber verziert. Reiche Bauern hat-
ten sogar vergoldete Knöpfe. In der Saarbrücker
Gegend kamen solche von der Größe eines
Fünfmarkstückes vor. Der Kragen des Rockes war
hoch und umschloß auch einen guten Teil des
Hinterkopfes. Auf den Schultern ragten bauschi-
ge Anfänge der Ärmel über dieselben hinaus.
Für die hohen und höchsten Festlichkeiten hatte
man den Frack, der bis in die 60er Jahre des
letzten Jahrhunderts sich behauptete. Er war in
Tuch und Machart genau wie der Rock gearbei-
tet, reichte aber bis zu den Waden. Die Knopflö-
cher waren blind und die Scheinschlitze dersel-
ben mit schwarzer Kordel benäht. Die Knöpfe
hatten dieselbe Form und Gestalt wie beim
Rock. Taschen waren nicht vorhanden. Das Volk
hatte recht drastische Bezeichnungen für das
recht unbequeme Kleidungsstück. Bald nannte
man den Frack Schnippel, bald auch Schwalbe
oder Bachstelze.
An Werktagen trugen die Männer das Wams
oder Kamisol, im Saargau Mozzen genannt.
Dieses hatte die Form der heutigen Jacken, war
aber etwa eine Spanne länger und mit einem
stehenden Kragen versehen. Das Winterwams
war aus grauem oder blaugefärbtem Tirtich, das
Sommerkamisol aus Leinen gearbeitet. Oft hat-
te dasselbe hinten eine frackartige, kurze, zwei-
teilige Fortsetzung mit falschen Rocktaschen und
hieß Habitschaß ( habit de chasse).
Bei Ausgängen über Land zog man über die
Werktagskleider den Leinenkittel, Knib, Schipp
oder Schiep genannt, ein Kleid, auf das der Bau-
er stolz war. Gilt doch der Spruch, daß unter dem
Kittel ein treues Herz schlägt. Anfangs wurde er
auch an Sonntagen getragen. Der echte alte Kit-
tel hatte ein rundes Schlupfloch zum Durchschie-
ben des Kopfes, war länger als der heutige und aus
grobem Hausmacherleinen gemacht und darum
dauerhafter. Auf der Schulter war er oft mit reicher
Handstickerei versehen.
Unter dem Rock trugen die Männer eine Weste. Ihr
Stoff war entweder Samt oder weiße, gelbe, violette
oder schwarze Seide mit feingeblümtem Muster.
Kleinere Leute hatten leinene oder baumwollene
Westen. Die Bezeichnung lautete im Saargau Zer-
wes, im Kreis Saarlouis und Saarbrücken Gilot,
sonst aber allgemein Brustlappen. Dieselben wa-
ren vom Kinn bis fast zur Körpermitte dicht ge-
schlossen und hatten enge Reihen Knöpfe aus
Messing, Silber, Horn, Achat oder Glas.
Das Hemd, Him oder Himm genannt, bestand stets
aus grauem Hausmacherleinen und endigte oben
mit einem hohen Umschlagkragen. Letzterer wur-
de oben mit einer weißen Schnur zugebunden.
Die Bein– und Fußbekleidung der Männer
Die Beinkleider waren zweierlei Art und hießen
durchweg Box. Die eine Art reichte nur bis unter das
Knie, wo seitliche Schnallen die Strümpfe umschlos-
sen. Die andere Art ging bis unter die Waden und
war dort eng anschließend. Die Außennaht war un-
ten geöffnet; der Verschluß geschah durch dicht ne-
beneinander gesetzte Knöpfe. Die Strümpfe wur-
23
den bis über die Knie gezogen und mit einem
Band, das in Quasten endigte, festgebunden. Der
obere Teil wurde aufgerollt, so daß sich ein Wulst
rings um das Knie legte. Die Beinkleider waren aus
Samt, Tuch oder Zeames, d. i. aus einem aus Wol-
le und Garn selbstgefertigten Stoff, gemacht. Auch
Hirschleder–Boxen wurden getragen. Hosenträger
kannte man nicht, und statt des einfachen Schlitzes
hatte der Vorderteil eine sogenannte „Falltüre“, die
beiderseits angeknöpft wurde.
Die Strümpfe, Hosen genannt, waren von heller
oder dunkelblauer Farbe und nicht gestrickt oder
gewebt, sondern vom Schneider aus weißem
Tirtich gearbeitet und häufig wattiert. In der Ge-
gend von Ottweiler trug man schwarzgerippte,
gestrickte Strümpfe, die bei reichen Bauern mit
silberartigen Fäden durchwirkt waren.
Die Fußbekleidung bestand aus niedern, pan-
toffelartigen Schuhen, die an Werktagen mit kup-
fernen, an Sonntagen mit silbernen Schnallen zu-
sammengehalten wurden.
Die Kopfbedeckung der Frauen
An Sonn– und Festtagen trugen die Frauen ein
weißes Frauenkäppchen, Rozzekäppchen oder
Maritzschen genannt. Dasselbe ähnelte einer Ma-
trosenmütze, wie sie heute von Knaben getragen
wird. Es bestand aus einem mittels Stärke und ein-
geklebtem Zeitungspapier bretthart gebügelten,
zierlichen Käppchen von blendend weißer Farbe,
das dem frischen Bauernmädchen sehr kokett auf
dem Hinterkopfe saß. Die Form der oberen ge-
streiften Platte oder Küppe war die eines gedrück-
ten Hufeisens. Der gerade Teil am Hinterkopfe
wurde zusammengezogen. Die Mädchen trugen
ganz weiße, die Frauen solche mit aufgedrückten,
regelmäßig verteilten schwarzen Blümchen. Ge-
halten wurde das Käppchen durch ein meist blaues
Seidenband, das unter dem Kinn zu einer Schlei-
fe geknüpft war. Ein zweites blaufarbenes Seiden-
band umzog den unteren Bord der Kappe und en-
dete rückwärts ebenfalls mit einer Schleife. Damit
das Käppchen gut saß, mußten die Haare in be-
sonderer Weise gekämmt und aufgesteckt werden.
Sie wurden in der Mitte gescheitelt, über die Schlä-
fen gekämmt und oben auf dem Kopfe flach fest-
gelegt. Zu Hause trug man eine weiße Musselin-
haube oder ein schwarzes, gestricktes oder gehä-
keltes Kopftuch, an vielen Orten wegen der herab-
hängenden Zipfel Schwanztuch genannt. Am
Werktage und bei der Arbeit im Felde hatten
manche Frauen ein einfacheres Rozzekäppchen.
Goldschmuck an Ohren und Hals durfte sonntags
nicht fehlen. Große Goldreifen bis zum Durchmes-
ser eines Zweimarkstückes waren durch die Ohren
gezogen und nach unten mit einem runden Knopf
versehen, der um so größer war, je mehr Grund-
steuer die Bäuerin zahlte. Bei Fischerfamilien fehl-
te am Ohrring der goldene Anker nicht, der inner-
halb des Goldreifens an einer S- förmigen Querver-
bindung lose hing. Um den Hals trugen die Frau-
en gewöhnlich eine doppelte, wenn sie besonders
reich waren, eine fünf– bis sechsfach um den Hals
geschlungene goldene Kette mit einem Kreuzchen.
Die Leib– und Fußbekleidung der Frauen
Die Frauen trugen meist ein Kleid von schwerem
Tuch, am Leibchen reich gefältet, mit Ärmeln, die
oben weit und teilweise in Fältchen gelegt waren,
dagegen das Handgelenk eng umschlossen. Am
Halse war das Leibchen etwas ausgeschnitten und
legte sich glatt an. Es fand seinen Abschluss in ei-
ner dicht gefälteten Krause, die entweder nur um-
gelegt oder am Hemde festgenäht war. An Werk-
tagen trugen die Weiber meist nur den Unterrock,
an den das ärmellose Leibchen angenäht war.
Die weiten Ärmel des Hemdes bedeckten den
Arm. Vielfach hatte man auch Röcke von Wollstoff
oder Tirtich, reich gefältet, daher weit abstehend
und nur bis zur halben Wade reichend.
Ging die Frau aus, so legte sie ein Brusttuch,
Schnauptuch genannt, um die Schultern. Es war ein
großes, weißes, mit reicher Stickerei gearbeitetes
Mulltuch, das über der Brust gekreuzt und mit sei-
nen Zipfeln unter dem Schürzenbande befestigt
wurde. Außerdem waren weiße Wolltücher, umran-
det mit grellroten Blumengirlanden in Gebrauch.
Als Trauerkleidung trug man seidene Schnaub-
tücher. Es war Sitte, den verstorbenen Frauen die
Hälfte des Tuches mit ins Grab zugeben; die ande-
re Hälfte wurde pietätvoll aufbewahrt.
Um den Leib hatten die Weiber eine Schürze ge-
bunden. Sie umspannte fast die ganze Taille. Sie
wurde aus der doppelten Breite des Stoffes gear-
beitet. Für den Sonntag wurde in zwei Farben
schillernde Seide bevorzugt. Ein gewöhnliches
Frauenkleid kostete zwei, in besseres vier Taler;
Schnaubtücher hatte man bis zu sechs und Schür-
zen bis zu einem Taler. Strümpfe und Schuhe wa-
ren wie bei den Männern, nur leichter und zierli-
cher gearbeitet.
Quelle: „Aus vergangenen Tagen“ Band 1, Ausgewählte
Geschichten und Sagen von der Saar gesammelt und er-
zählt von Adam Görgen, Trier 1904
24
Agnes Groß
DasFronleichnamsfest–HochfestdesLeibesundBlutesChristi
Fronleichnam wird jährlich gefeiert am zweiten
Donnerstag nach Pfingsten und ist durch die Pro-
zession mit dem eucharistischen Brot, eingefasst
in die sonnenförmige Monstranz (lat. monstrare
= Zeigen) zu einem typisch katholischen Fest
geworden. Entstanden ist Fronleichnam in der
belgischen Stadt Lüttich und wurde dort 1246
zum ersten Mal gefeiert. Zwanzig Jahre später
hat der aus Lüttich stammende Papst Urban IV.
das Fest 1264 für die ganze Kirche eingeführt.
Leichnam bedeutet nicht — wie vielfach ange-
nommen — „toter Leib“, sondern Leib. Fron
kommt von Herr. In Köln fand die erste Fronleich-
namsprozession statt. 1279 wurde hier das eu-
charistische Brot zum ersten Mal feierlich durch
die Stadt getragen. Neben der
heute üblichen Prozession durch
Straßen und Wege gibt es auch
Schiffsprozessionen, so auf eini-
gen Alpenseen und auf dem
Rhein bei Köln, die sogenannte
Mühlheimer Gottestracht.
Das Fest folgt auf den Sonntag
nach Pfingsten und knüpft an
den Gründonnerstag an, der
wegen der Karwoche nicht in
großer Feierlichkeit begangen
werden kann.
Fronleichnam spiegelt die
Frömmigkeit des hohen Mittel-
alters wider. Bei der Messe wird
die Wandlung besonders her-
ausgehoben. Der Priester hebt
die Hostie hoch, so dass alle sie
sehen können. Nicht mehr der
Verzehr des gewandelten Brotes,
sondern das Sehen tritt in den
Vordergrund. Der Augenblick der Wandlung
wird durch die Monstranz, die das geweihte Brot
einrahmt, festgehalten.
Eine zweite Wurzel des Festes sind die Flurum-
gänge, um die Felder bzw. die Stadtviertel zu
segnen. Deshalb macht die Prozession an vier
Altären Halt, um alle Himmelsrichtungen abzu-
schreiten. Da es auch vier Evangelien gibt, wird
an jedem Altar aus einem anderen Evangelium
gelesen. Der Prozessionsweg wird mit Blumen
und Fahnen geschmückt, die Monstranz wird un-
ter einem Tuch getragen, das an vier Stöcken
ausgespannt ist und „Himmel“ genannt wird.
In Lisdorf wurde früher — wie auch in anderen
katholischen Gebieten — das Fronleichnamsfest
in großer Form gefeiert. Die vier Altäre wurden
mit vielen Blumen prunkvoll hergerichtet und die
Straßen und Häuser, an denen die Prozession
vorbei kam, schön geschmückt. Am Fronleich-
namsfest war bereits in aller Frühe geschäftiges
Treiben festzustellen. An der Prozession nahmen
in der Regel annähernd 1000 Pfarrangehörige
teil, darunter Fahnenabordnungen von mehre-
ren Vereinen und Gruppen, die örtliche Schule,
der Kindergarten, die Kommunionkinder sowie
fast alle Vereine.
Auch heute ist Fronleichnam in Lisdorf noch ein
bedeutendes Fest; an der Prozession beteiligen
sich immer noch zahlreiche Pfarrangehörige.
Fronleichnams – Altar im Jahre 1954 an der Straßenecke Feld– /Deichlerstraße
in Lisdorf
Der Beitrag wurde nach dem Buch „Die Feste im Kirchen-
jahr“ von E. Bieger SJ gefertigt.
25
Fronleichnams – Altar im Jahre 2002 vor dem Gewächshaus von Frau Maria Schwarz–Schmitt im Touvening in Lisdorf
Das Allerheiligste, getragen von Kaplan
Hüsch, unter dem „Himmel“ bei der
Fronleichnams–Prozession im Jahre
2002 in Lisdorf
Fronleichnams–Prozession im Jahre 2002
in Lisdorf mit den Fahnenabordnungen des
Berg– und Hüttenarbeitervereins, der Ka-
tholischen Frauengemeinschaft und des
Lourdes–Vereins
26
LisdorferHeimatkundlerinRom
Seit 2004 weilten sieben
Reise– und Pilgergruppen
mit insgesamt etwa 250
Teilnehmern des Heimat-
kundevereins Lisdorf in
Rom. Aufgrund der schwe-
ren Erkrankung des Reise-
organisators mussten die
Reisen, die sich steigen-
der Beliebtheit erfreuten,
ab 2007 vorerst ausge-
setzt werden. Auf vielfa-
chen Wunsch der Teilneh-
mer veröffentlichen wir auf
diesen Seiten einige Fotos
von diesen Reisen.
Besuch im Forum Romanum,
April 2004
Besuch auf dem Kapitolshügel mit Stadt
führerin Claudia Hensold und Valeria
Lemma, April 2004
Lisdorfer Gruppe vor dem Colosseum,
März 2005
27
Lisdorfer Gruppe vor einem der
unzähligen historischen Gebäu-
den in Rom. April 2005. Vorne
links: unsere beliebte Stadt-
führerin Anna Monti
Besuch im Forum Romanum,
Juni 2005
Lisdorfer Gruppe auf dem Petersplatz,
Oktober 2006
28
Ebbes
Wat es eigentlich EBBES? Jo ebbes es ewen Ebbes.
Wenn en jonga Mann aan de Heirat denkt, moß er sich ebbes suchen. En Mättchen, dat ebbes hat,
dat ebbes kann, on dat ebbes metbrengt.
Wenn er dat gefonn hat, dann hat er ebbes, on zwar ebbes richtiges! Ebbes for et Herz, ebbes for et
ganz Lewen. Dann gefft Hochzeit gefeiert, die darf ebbes koschten, damet de Leit sinn, dass ma ebbes
hat, on se ach ebbes se schwätzen han, denn so ebbes woa noch net do.
Daß ma ebbes sieht, ebbes erlewt, on ebbes vazehlen kann, geht ma off de Hochzeitsrääs, weil so
ebbes kann ma nur äänmol machen.
Dann geht de Zeit weider, on ma heert ebbes, ma es ebbes, ma schafft ebbes, ma kaaft ebbes, ma
saat ebbes, ma geft ebbes, on off äänmol erwaat ma ebbes.
Die Noopan hann dann kään Rouh on saan: Kre-ien die ebbes, oder hann die schon ebbes, kre-ien
die iwwerhaupt ebbes, oder wollen die iwwerhaupt ebbes. Off äänmol kre-ien die wirklich ebbes, on
dann hann die tatsächlich ebbes.
Wenn dann da Bou schraait, dann fehlt em ebbes, wenn er Honga hat dann gre-it er ebbes. Schraait
da Bou dann weider, dann fehlt em ebbes anneres, dann fehlt em wirklich ebbes. Vielleicht hat da Bou
ach ebbes gemach?
Es da Bou dann greeßer, dann kemmt er en de School on da Lehrer lehrt en ebbes. Wenn da Lehrer en
ebbes froot, on er wääs neischt, dann gre-it er ebbes, off de Fengern, oder hennen droff.
Kemmt da Bou dann aus da School, soll er ebbes lehren, beiem Mäschter der ach ebbes kann, on
ebbes wääß, daß da Bou spääder ach ebbes vom Geschäft vasteht, dass er wenn er alt es, aach
ebbes hat.
Also: wer neischt wääß — kann ebbes heeren
wer neischt kann — kann ebbes lehren
wer neischt es — kann ebbes genn
wer neischt hat — kann ebbes erwerben.
Et gefft Leit, die mennen, se wären ebbes — se hätten ebbes — se wüßten ebbes — se wollten
ebbes — se dürften ebbes — on se bekämen ebbes.
Awwer die mäschten von denen, die wäsen neischt — se genn neischt — hann neischt — kre-jen
neischt — dürfen neischt — wollen neischt — on kennen neischt.
Sinn da — dat es ach ebbes!
Wat eich auch vazehlt hann, dat wor neischt — awwerdoch wenichstenz EBBES!
Die Redaktion
29
Nachruf
Seit der letzten Herausgabe eines Heimatblattes sind folgende Mitglieder verstor-
ben, denen wir bei ihrer Beerdigung und in mehreren Messfeiern gedacht haben.
Waltraud Rupp – Steuer Lisdorf * 1941 † 2006
Herbert Luxenburger Lisdorf * 1935 † 2006
Georg Jungmann Lisdorf * 1917 † 2006
Peter Guckeisen Lisdorf * 1941 † 2006
Berta Dini – Klein Lisdorf * 1911 † 2007
Ludwig Freichel Lisdorf * 1936 † 2007
Siegfried Kneip Saarlouis * 1939 † 2007
Mathilde Darré – Bommersbach Lisdorf * 1946 † 2007
Alois Schmitt Schwalbach * 1938 † 2007
Erich Welsch Lisdorf * 1935 † 2007
Sylvia Pracht – Geraldy Lisdorf * 1960 † 2007
Alfred Wilhelm Lisdorf * 1952 † 2007
Adolf Breininger Lisdorf * 1934 † 2008
Helmut Speth Felsberg * 1940 † 2008
Elisabeth Müller – Weiß Lisdorf * 1913 † 2008
Lucie Amann – Amann St. Avold–Dourdahl * 1925 † 2008
Ella Groß – Mathieu Wadgassen * 1922 † 2008
Anneliese Bohschulte –Destruelle Lisdorf * 1920 † 2008
Reinhold Rupp Lisdorf * 1912 † 2009
Hedi Naumann Lisdorf * 1953 † 2009
Erna Willkomm – Kneip Lisdorf * 1913 † 2009
Wir werden sie in dankbarer Erinnerung behalten und ihnen ein eh-
rendes Andenken bewahren.
Verein für Heimatkunde Lisdorf e.V.
30
LisdorferHeimatkundleraktivbei „Picobello“
Wie alljährlich beteiligte sich der Heimatkundeverein Lisdorf auch dieses Jahr an der landesweiten
Frühjahrsputzaktion „Saarland Picobello“.
Zu Beginn der Aktion stellte sich ein Teil der freiwilligen Helferinnen und Helfer aus Lisdorf dem Fo-
tografen zu einem Gruppenbild.
Mit Fahrzeugen des NBS und unseres Freundes Vinzenz Groß wurden regelrechte Müllmassen, die von
Mitbürgern achtlos in die Natur geworfen wurden, ordnungsgemäß entsorgt.
,
31
Wir gratulieren
unseren Mitgliedern zu ihren Geburtstagen im 1. Halbjahr 2009
70 Jahre
Richard Senzig Lisdorf – Holzmühle
Günter Groß Lisdorf – Holzmühle
Helga Welsch Picard
Helene Wetta Schiffweiler
Waltraud Fritz Lisdorf
75 Jahre
Anna Groß – Rullang Lisdorf
Gisela Groß – Suzanne Fraulautern
Manfred Sonntag Lisdorf
Josef Baltzer Saarlouis
Fritz Becker Lisdorf – Holzmühle
August Balthasar Lisdorf
80 Jahre
Edgar Amann Lisdorf
Robert Eisenbarth Rehlingen
Maria Focht – Schommer Ensdorf
Erna Ney – Stutz Hülzweiler
Josephine Hoen Großrosseln
Kurt Folz Lisdorf – Holzmühle
Theresia Lonsdorfer – Faust Lisdorf
90 Jahre
Maria Wagner – Comtesse Lisdorf
98 Jahre
Margaretha Amann – Breininger Lisdorf
Wir wünschen allen Jubilaren auf ihrem weiteren Lebensweg
Gottes reichen Segen.
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Heimatheft 10

  • 2. 2 Inhaltsverzeichnis Heiner Groß Vorwort 3 Heiner Groß Die Saar – ein Schicksalsfluss für Lisdorf 4 Johann Görgen † Das Lisdorfer Gemüseschiff „Dillenschass“ 5 Andreas Weiler Ein Lisdorfer in Neuseeland 8 Marianne Faust Beiträge zur Lisdorfer Mundart 13 Ein seltenes Ereignis auf der Holzmühle 14 Bilder aus der Hochzeitsbilder–Ausstellung in der Lisdorfer Heimatstube 16 Maria Croon † Wie Nikelchen auf eigene Faust zum heiligen Rock pilgerte 18 Volkstrachten an der Saar in früherer Zeit 20 Agnes Groß Das Fronleichnamsfest–Hochfest des Leibes und Blutes Christi 24 Heiner Groß Lisdorfer Heimatkundler in Rom 26 Ebbes 28 Nachruf 29 Heiner Groß Lisdorfer Heimatkundler aktiv bei „Picobello“ 30 Wir gratulieren 31 Impressum: Herausgeber: Verein für Heimatkunde Lisdorf e. V. (VHL) Am Ginsterberg 13, 66740 Saarlouis–Lisdorf Tel.: 06831/41694, Fax: 06831/128753 Redaktion: Heiner Groß (verantwortlich) Georg Groß (PC–Bearbeitung), Agnes Groß, Josef Rupp, Manfred Nebelung Druck: Druckerei und Verlag Heinz Klein GmbH, Auf der Wies 7, 66740 Saarlouis–Lisdorf Bankverbindungen: Kreissparkasse Saarlouis (BLZ 593 501 10), Kto.Nr.: 74–30088–0 Volksbank Saarlouis (BLZ 593 901 00), Kto.Nr.: 1401217629 Bezugspreis: 3 Euro je Heft, Vereinsmitglieder erhalten es kostenlos Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Verfassers, nicht unbedingt der Redaktion wieder. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers Veranstaltungen des Heimatkundevereins In nächster Zeit sind mehrere Tagesfahrten (Trier, Lothringen, Mosel, Rhein und Speyer) vorgesehen. Außerdem ist eine mehrtägige Fahrt zur Bundesgartenschau nach Schwerin geplant. Die genauen Termine werden demnächst durch Rundschreiben und die Presse bekanntgegeben. Für Juni 2010 ist u.a. eine Fahrt nach Oberbayern zum Besuch der Oberammergauer Passionsspiele und der bayerischen Königsschlösser geplant.
  • 3. 3 Verehrte Leserinnen und Leser, seit der letzten Ausgabe des Lisdorfer Heimatblattes (Nr. 9) im Herbst 2005 haben wir viel Zeit verstreichen lassen bis zu dieser Nr. 10. An Geschehnis- sen inner – und ausserhalb des Heimatkundevereins hat es in dieser Zeit wahrlich nicht gefehlt. Berichtsstoff wäre demnach mehr als genug vorhan- den gewesen. Doch durch meine plötzliche schwere Erkrankung im Herbst 2006 war ich längere Zeit nicht in der Lage, besondere Aktivitäten, wie sie der Herausgabe eines Heimatblattes nun mal erfordert, zu entwickeln. Wenn auch jetzt der frühere Elan noch nicht in dem gewünschten Maße da ist, so fühle ich mich inzwischen doch wieder in der Lage, als verantwortli- cher Leiter des Redaktionsteams zu fungieren und die weitere Herausga- be von Lisdorfer Heimatblättern zu betreiben. Von vielen unserer zahlreichen Mitglieder, die nicht in Lisdorf und zum Teil weit entfernt wohnen, wissen wir, dass das Heimatblatt — neben den gelegentlichen Mitglieder – Rund- schreiben — die einzige Verbindung zu uns und ihrer Heimat ist. Gerade diese Mitglieder haben das Heimatblatt in der letzten Zeit besonders vermisst. Bei diesen möchte ich mich als Vorsitzender des herausgebenden Vereins in aller Form entschuldigen, dass es uns nicht gelungen ist während meiner Erkrankung das Heimatblatt trotzdem regelmäßig zu fertigen. Seit der letzten Ausgabe sind im Verein für Heimatkunde Lisdorf relativ viele Veranstaltungen und auch etliche kleinere Fahrten und Exkursionen durchgeführt worden, über die in den Rundschreiben und teil- weise auch in der Lokalpresse berichtet wurden. Wir haben deshalb bewusst davon abgesehen, wie auch in den 9 Heften davor, nur über das Geschehen in unserem Verein zu berichten. Vielmehr fin- den Sie in dieser Ausgabe wieder eine breite Palette von heimatkundlichen Abhandlungen und histo- rischen Geschehnissen, von denen wir hoffen, dass sie Ihr Interesse finden. Bestimmte aktuelle Ortsereignisse, die auch in ein Heimatblatt gehören, konnten aus Platzgründen lei- der in dieser Ausgabe nicht näher behandelt werden. Dazu zählen besonders die zahlreichen Jubiläumsfeierlichkeiten der Chorgemeinschaft MGV 1859 Saarlouis – Lisdorf e.V. aus Anlass ihres 150 jährigen Bestehens mit einer sehr interessanten Multimediashow über die Jahre 1859 bis 2009, mehreren Konzerten, einem festlichen Kommers und einem ganztägigen Freundschaftssingen unter Beteiligung von 22 Chören sowie weiteren Veranstaltungen bis in den Winter hinein, (Besuch des Jugendchores aus St. Nazaire mit 75 Personen, Aufführung eines sakralen Musicals und weiteren Fest- konzerten). Dazu kann man nur sagen: großartig! Am Vorabend zur sogenannten Hexennacht (30. April) ist auch in diesem Jahr von der Lisdorfer Feuer- wehr unter großer Beteiligung der Ortsvereine, befreundeter Wehren und der Bevölkerung ein stattlicher Maibaum gesetzt worden. Das ist ein schönes Beispiel, wie in Lisdorf altes Brauchtum gepflegt wird. Am 12. September wird in der Hans–Welsch–Halle in Lisdorf das zweite große Jubiläum eines alten Lisdorfer Vereins in diesem Jahr gefeiert. Der Berg– und Hüttenarbeiterverein Lisdorf feiert an diesem Tag ebenfalls sein 150 jähriges Bestehen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die 1. Handballmannschaft der HG Saarlouis, die wesentlich ge- tragen wird von dem alten Lisdorfer Handballverein, dem SC Saargold, bei vielen Handball– und Sportfreunden eine wahre sportliche Begeisterungswelle ausgelöst hat, die den Jubel und Trubel nach der Erringung der Deutschen Meisterschaft im Damenbasketball durch die „Royals“ vom TV Saarlouis vor wenigen Tagen noch übertrifft. Wenn die HG Saarlouis den derzeitigen Spitzenplatz in der Tabelle halten kann und sie damit die Meisterschaft in der Regionalliga erreicht, dürfte die Begeisterung bei der Lisdorfer Jugend und darüber hinaus einen bisher nicht gekannten Höhepunkt erreichen. Sowohl die beiden Jubiläumsvereine als auch die Lisdorfer Feuerwehr un der Handballverein stellen in Lisdorf und in unserer gesamten Stadt ein gutes Stück Heimatgeschichte dar. Es ist beabsichtigt, diese in den nächsten Ausgaben des Heimatblattes mit Wort und Bild zu würdigen. Zum Schluss danke ich allen für die Mitarbeit an dieser Ausgabe sehr herzlich, besonders meinen Kol- leginnen und Kollegen in der Redaktion und meiner Schwester für die Bereitstellung der zahlreichen Fotos aus unserem Foto – Archiv und meinem Vorstanskollegen Georg Groß für die mit viel Aufwand verbundene Fertigung der druckfertigen Vorlage. Ich wünsche auch dieser Ausgabe eine große Leserschaft und viel Muße und Freude beim Lesen. Ihr Heiner Groß Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde Lisdorf e.V.
  • 4. 4 Heiner Groß DieSaar-einSchicksalsflussfür Lisdorf Beim Studium der Lisdorfer Geschichte stößt man immer wieder auf besondere Geschehnisse, die durch die Saar verursacht wurden oder sich auf ihr ereignet haben. Das sind zu einem die verheeren- den Hochwasser der Saar, die früher mehr oder weniger regelmäßig sowohl die Lisdorfer Aue als auch die Ortslage überschwemmt und zumeist auch erhebliche Schäden an Haus und Flur ange- richtet haben. Zum anderen sind früher in fast regelmäßiger Fol- ge kleinere und größere Unglücksfälle auf der Saar passiert. Vor allem während des Hochwas- sers waren immer wieder größere Unglücksfälle zu verzeichnen, so im Jahre 1846 als die Fähre zwischen Lisdorf und Ensdorf mit über 70 Fahrgä- sten an Bord im Hochwasser kenterte und 35 Fahrgäste, zumeist Ensdorfer Bürger, die die Mes- se in der Lisdorfer Pfarrkirche besuchen wollten, in den Fluten ertranken. Ensdorf gehörte damals zur Pfarrei Lisdorf. Auch in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges (Spätherbst 1944 bis Frühjahr 1945), als sowohl die Straßenbrücke Lisdorf – Ensdorf als auch die Kleinbahnbrücke im Bereich der heutigen Schleu- senanlage vom deutschen Militär gesprengt waren, ertranken in der Hochwasser führenden Saar deut- sche und amerikanische Soldaten, deren Zahl auch heute noch nicht ganz geklärt ist. Die Saar war über Jahrhunderte toleriertes Bade– und Schwimmgewässer für die Bevölkerung in den angrenzenden Gemeinden und etwa ab dem spä- ten Mittelalter Transportweg für kleinere und grö- ßere Saarschiffe (vgl. den Beitrag über das Saar- schiff „Dillenschaß“ in dieser Ausgabe). Dabei sind auch Unglücksfälle passiert. So ist überliefert, dass eine Lisdorfer Marktfrau beim Verlassen des Ge- müsetransportschiffes „Dillenschaß“ im Hafen von Lisdorf im Bereich der heutigen Saarstraße vom Laufsteg in die Saar fiel und, da sie nicht schwim- men konnte, ertrank. Bis etwa um das Jahr 1950 herum war die Saar für die Lisdorfer Jugend ein beliebtes, wenn auch nicht ungefährliches, Badegewässer, in dem eine gan- ze Reihe meiner Bekannten das Schwimmen erlernt haben. Mit der Eröffnung bzw. Wiedereröffnung der Freibäder in Saarlouis – Stadtgarten, Ensdorf und Wadgassen ging das Interesse am Baden und Schwimmen in der Saar drastisch zurück, zumal das Saar-Wasser durch verstärkte Einleitung von Abwässer aus Industrieanlagen und kommunalen Kanälen zunehmend verunreinigt wurde. Wie gefährlich das Baden früher in der Saar war, ist anhand von zwei uns aus dem Archiv unseres VHL– Vorstandsmitglieds Günter Mang zur Verfü- gung gestellten mehr als 70 Jahre alten Presse- artikel nachzulesen. In diesen wird von Unglücks- fällen mit Lisdorfer Kindern beim Baden in der Saar berichtet, einer mit glimpflichem Ausgang, der andere allerdings mit tödlichem Ausgang. Am 28. Mai 1941 berichtete die Saar-Zeitung: Heute vor 103 Jahren, also am 28. Mai 1838, ret- tete der Schneider Philipp Walter aus Lisdorf den achtjährigen Sohn des Gärtners Josef Kneip mit Ein- setzung seines eigenen Lebens vom sicheren Tade des Ertrinkens aus der Saar. Er erhielt dafür eine eh- renvolle Anerkennung und ein Geldgeschenk. Am 13. Juli 1939 berichtete die Saar-Zeitung: In der Saar ertrunken Gestern nachmittag gegen 3.30 Uhr badeten mehrere Knaben etwa 300 Meter oberhalb der Lisdorfer-Ensdorfer Brücke. Plötzlich versank der 9 jährige Schüler Adolf Huwer aus Lisdorf vor den Augen seiner Kameraden. Diese versuchten ihm zu Hilfe zu eilen, wagten sich aber nicht bis zu der Stelle vor. Auf die Hilferufe der Knaben eilte der Steinbildhauer Johann Seiwert aus Lisdorf herbei, dem es gelang, den Bewußtlosen an Land zu schaffen. Der inzwischen hinzugekommene Poli- zeihauptmeister Jordan sowie Dr. med. Wolf nah- men sofort Wiederbelebungsversuche auf, die je- doch erfolglos blieben. Man brachte den Leblosen in das Krankenhaus der Franziskanerinnen, aber auch die dort angestellten Belebungsversuche ver- liefen ergebnislos. Der ärztliche Befund ergab, daß der Junge beim Baden einen Herzschlag erlitten hatte. Es ist anzunehmen, daß er bereits tot ins Wasser sank. Aus der Lisdorfer Chronik Ein mutiger Lebensretter vor 103 Jahren Der ertrunkene Adolf Huwer war ein Sohn von Grete Huwer geb. Fuß aus der Großstraße in Lis- dorf. Er war Jahrgangskollege und Schulkamerad der beiden VHL– Vorstansmitglieder Josef Rupp und Günter Mang. Sie berichteten, dass die Stel- le, an der ihr Kamerad Adolf Huwer im Wasser versank, durch Strudel sehr gefährlich war.
  • 5. 5 Der gewerbsmäßige Anbau von Gemüse in Lis- dorf ist bisher nachweisbar seit über 400 Jahren. Liebertz berichtet in „Wallerfangen und seine Ge- schichte“, dass um 1600 Lisdorfer Gemüsehänd- ler regelmäßige Besucher der Wallerfanger Märkte waren. Die Lisdorfer Gemüsebauern ka- men durch die Jägerpforte der Festung und schlugen ihre Verkaufsstände vor der Halle in der Stadt Wallerfangen auf. Markttage waren damals dienstags und freitags wie in der Nachfolgestadt Saarlouis. Zur Versorgung der stark zugenommenen In- dustriebevölkerung im Raum Saarbrücken ver- kehrten vom Gemeindehafen in der Saarstraße in Lisdorf bis Saarbrücken jahrhundertelang zwei Gemüseschiffe, die vom Volksmund bald „Dil- lenschass“ genannt wurden. Dies wurde auf das französische Wort „diligence“ (Schnelligkeit) zu- rückgeführt. Diligence war zu damaliger Zeit auch der Name für die Reitpost, die von 1646 – 1838 regelmäßig zwischen Saarbrücken und Trier verkehrte. Diese für die Reitpost übliche Be- zeichnung sei demnach auch auf das Gemüse- schiff übertragen worden. Naheliegender und wahrscheinlicher aber ist jene Deutung, die das Wort in seine Bestandteile zerlegt: „Dill und chass“. Das Wort „Dill“ wird schon seit Jahrhun- derten in unserer Mundart zur Bezeichnung eines Holzbrettes angewandt. Bereits in einem Nota- riatsakt vom 28.01.1681 betr. Holzverkauf heißt es: „Ein halber Schilling Lohn und vor jeden „Schiefdill“ einen ganzen Schilling“. So hat also die Bezeichnung „Dill“ für ein Holzbrett schon vor langer Zeit Heimatrecht in unserem Sprach- gebrauch. Ebenso gebräuchlich in der Um- gangssprache ist das Lehnwort: „chass“ von (französisch) chasser = jagen, eilen. Somit war unser Dillenschass ein Fahrzeug, das aus Holz- brettern gefertigt, über die Wasser der Saar da- hineilte. Es ist uns nicht bekannt und konnte bisher noch nicht festgestellt werden, wann dieses Schiff erst- malig seine Fahrt nach Saarbrücken angetreten hat, um den Lisdorfer Gemüsebauern zu helfen, den Transport und den Umsatz ihrer Erzeugnisse zu erleichtern und den Kundenkreis zu vergrößern. Aus einem Protokoll vom 20.09.1814 der franz. Zollverwaltung in Saarlouis wissen wir jedoch, dass unser Dillenschass schon vor 195 Jahren ein bekanntes Verkehrs- und Transportmittel war. Der damalige Besitzer des Schiffes, Frau Ww. Elisa- beth Longtroff (später Lonsdorfer), musste bei der Außenstelle Lisdorf der französischen Zollver- waltung eine Strafe zahlen, weil sie zollpflichtige Ware für Saarlouiser Geschäftsleute unter einem Korb versteckt an Bord hatte. Aus den letzten Le- bensjahren des Dillenschass stehen uns aber zu- verlässige Erfahrungsberichte von Zeitgenossen zur Verfügung, die uns Aufschluss geben über das Aussehen dieser Schiffe und die Art und Weise, wie sie ihrem Zweck entsprechend nach dem Willen ihrer Besitzer und der Mieter zum Einsatz kamen. Unser früherer ortsbekannter Schiffs- führer– und Bergmannsveteran Herr Ludwig Bau- er (Bauer Louis, links im Bild, rechts Johann Ja- kob), berichtet uns über den „Dillenschass“ fol- gendes: DasLisdorferGemüseschiff„Dillenschass“ Überarbeitung und Ergänzung durch die Redaktion Johann Görgen (1898 – 1976) von 1950 – 1964 Rektor der Lisdorfer Schule
  • 6. 6 Meine Eltern starben sehr früh. Als Schulentlasse- ner machte ich als Pferdeknecht weite Reisen auf Kanalschiffen, die mich in viele bedeutende Städte und Landschaften Frankreichs führten. Im Jahre 1898 wurde ich vom damaligen Besitzer des Dillenschass, Herrn Heinrich Busert, als Pfer- deknecht angeheuert. Bis zum Jahre 1908 stand ich in den Diensten der verschiedenen Schiffs- eigentümer und brachte es in dieser Zeit bis zum verantwortlichen Kapitän. Im Jahre 1908 nahm ich die Arbeit auf Grube Hostenbach als Berg- mann auf und musste 1925 wegen Unfall auf der Grube vorzeitig pensioniert werden. Unruhig, abwechslungsreich und arbeitsreich wa- ren die Jahre auf dem Dillenschass! Es waren damals zu meiner Zeit zwei Schiffe, die auch ver- schiedene Besitzer hatten. Ihr „Heimathafen“ war in der Saarstraße, die an einer kleinen Kaimau- er endete. Diese Kaimauer war aus Gausteinen gebaut. Auf der Kaimauer stand ein Pfosten, an dem die Schiffe festgemacht wurden. Der Zu- gang zur Kaimauer war gepflastert. Wenn die Schiffe nicht beladen waren, ragten die Bord- wände etwa 1 Meter über den Wasserspiegel. Es kam oft vor, dass nach Beendigung des Verla- dens die Schiffe derart ausgelastet waren, dass die oberen Ränder der Bordwände knapp über den Wasserspiegel hinausragten. Die Schiffe selbst waren etwa 25 Meter lang und 3 Meter breit. Heck und Bug der Schiffe liefen spitz aus. An den Bordwänden entlang zogen sich schma- le Laufstege hin, während das Schiffsinnere an Heck und Bug offen war. Im Mittelteil des Schif- fes befand sich ein gedeckter kammerartiger Aufbau, in dem nur Verladegut gestaut wurde, das vor Regen oder Frost geschützt werden mus- ste. Ebenso war in diesem Raum Koch- und Schlafgelegenheit für das „Schiffspersonal“ , das heißt für die zwei Männer und 6 bis 7 Marktfrau- en. Die Ladefähigkeit des Schiffes betrug 20 Ton- nen. Am Bug des Schiffes leuchteten die weißen Buchstaben des Schiffs - namens „Anna“, wahr- scheinlich weil die Eigentümerin des Schiffes Anna Rullang hieß und sie ihre Namenpatronin auch als Hüterin ihres Schiffes erwählte. Dreimal in der Woche mussten die Schiffe „klar zur Abfahrt“ gemacht werden. Montags., mitt- wochs und freitags, pünktlich um 13 Uhr, wur- den die Anker gelichtet und die Taue gelöst und die zwei Pferde auf dem Leinpfad der rechten Saarseite stemmten sich die Sielen. Ein Pferde- knecht sorgte für Ordnung bei den Pferden, während der „Kapitän“ am Steuer seines Amtes waltete. Bei Hochwasser musste die Zugkraft durch drei Pferde verstärkt werden und bei Überschwemmungen wurde die Schifffahrt gänzlich eingestellt. Die Bauern brachten dann ihre Erzeugnisse per Pferdefuhrwerk auf der Landstraße nach Saarbrücken. Die Fahrt nach Saarbrücken dauerte in der Regel 5 bis 5 ½ Stunden, wenn sie reibungslos verlief. Oft gab es in Bous und Völklingen Verzögerun- gen in der Abfertigung, so dass die Fahrzeit bis sechs Stunden betrug. In Saarbrücken wurde zwi- schen der 1. und der 2. Brücke in der Nähe des Schlossplatzes festgemacht. Ein Wagen aus der nahegelegenen Brauerei wurde geliehen und die schiffseigenen Pferde angeschirrt. Einige „Sack- träger“ und „Eckensteher“ wurden angeworben, die immer in der Nähe der Anlegestelle zu fin- den waren. Das Löschen der Ladung zog sich oft bis tief in den frühen Morgen des nächsten Tages hin. Ein Teil der Marktfrauen half beim Löschen der Ladung mit, soweit es sich um Gemüse ihrer zuständigen Arbeitgeber handelte, während die übrigen das Essen besorgten und sich sodann dem Schlummer in der „Kajüte“ hingaben. War das Ladegut der ersten Arbeitsabteilung ge- löscht, so übernahmen die Frauen der zweiten Kolonne das weitere Löschen, während die „Ab- gekämpften“ sich einige Stunden in der Kajüte Erquickung und Ruhe gönnen konnten. Unaufhör- lich aber rollte das Pferdefuhrwerk vom Schiff bis zum Gemüsemarkt in der Mainzer Straße oder auf den Kartoffelmarkt in der Nähe der Pfarrkir- che St. Johann. In der Nacht oder in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages stand die Ware verkaufsbereit auf den Märkten. Die zu- rückgebliebene Schiffsbesatzung hatte aber noch keine Ruhe. Die Pferde mussten versorgt werden und an der Anlegestelle lagen Lebens- mittel und Stoffe von Saarbrücker Großfirmen als Rückfracht bereit, die an Geschäfte in Saarlouis und Umgebung geliefert wurden. Oft kam es auch vor, dass zwischenzeitlich noch eine Fahrt nach Völklingen gemacht wurde, um Eisen, Ze- ment und andere Baustoffe von Völklingen nach Saarbrücken zu befördern. Der Markttag in Saar- brücken wurde auf alle Fälle von der ganzen Schiffsbesatzung beschlossen in dem Restaurant Keltermann, wo man die nötigen Kraftreserven für die Rückfahrt ergänzte. Pünktlich um 13 Uhr erfolgte die Rückfahrt nach Lisdorf, wo hinter der Anlegestelle bereits die beladenen Fuhrwerke der Lisdorfer Gemüsebauern auf das Löschen und Wiederbeladen der Schiffe warteten. Oft genug war der Andrang der Fuhrwerkskolonnen
  • 7. 7 so groß, dass die Wagenschlange sich durch die Saar– (damals hieß die Saarstraße = Fährgasse) und Großstraße bis zum Landwehrkreuz hinzog. Eile tat not, denn am nächsten Tag, pünktlich um 13 Uhr. mussten die Schiffe wieder abfahrbereit sein. Unordnung oder zeitraubendes Beladen der Schiffe war nahezu ausgeschlossen, da jeder Gemüsebauer einen bestimmten Platz im Lade- raum des Schiffes gemietet hatte und nur den zu- gewiesenen Platz in Anspruch nehmen durfte. Das gelöschte Ladegut wurde entweder vom Empfänger abgeholt oder musste mit einem Fuhrwerk dem Empfänger zugestellt werden, da nach den Frachtbedingungen die Zustellung der Waren frei Haus erfolgen musste. Als Miete für den benutzten Schiffsraum wurden pro Sack 20 Pfennig Gebühren vom Mieter erhoben. Abwechslung in die arbeitsreichen Tage „auf See“ brachte nur der „Annentag“. Dieser Tag wurde dann von der ganzen Besatzung auf Seemannsart zünftig gefeiert. Im Heimathafen waren an die- sem Tage viele Lisdorfer versammelt, um das Festtagskind feierlich zu empfangen. Denn auf Schiff ging es dann lebhaft zu und der Gesang der Besatzung lockte viele Lisdorfer an die Anlegestel- le. Leider wurde die Festtagsfreude einmal am Annentag sehr abgekühlt, als eine Marktfrau vom schmalen Laufsteg in die Saar fiel und ertrank, bevor ihr Rettung gebracht werden konnte. Die „Schiffsheuer“ oder der Arbeitslohn betrug damals bei freier Kost täglich zwei Mark. Hinzu kamen sodann noch die Trinkgelder, die mitun- ter recht beträchtlich waren. Abgerechnet wurde immer an Sonntagen bei dem Schiffseigentümer. War das Schiff nicht mehr „seetüchtig“, so kam der Schiffbauer Schuler aus Fraulautern, um den Schaden fachmännisch auszubessern. Als dann im Laufe der Jahre das Gesicht der Zeit sich änderte und unser Leben durch Anwendung neuartiger Formen und Mittel sich wandelte, war es auch um die Existenz unseres Dillenschass ge- schehen, um weiterhin als Kohlenschiff Verwen- dung zu finden. Das andere Schiff, das anschei- nend „seeuntüchtig“ geworden war, wurde 1922 in die Nähe der Ensdorfer Schleuse gebracht und dort verschrottet. So hatte eine schöne Einrichtung mit einer lan- gen Überlieferung ihr Ende gefunden, die den „Alteingesessenen“ Iieb und vertraut geworden war und mit der ein gutes Stück Ortsgeschichte abgeschlossen wurde. Weil die Dillenschass genannten Gemüsetrans- portschiffe zahlreichen Lisdorfern ans Herz gewach- sen waren und auch heute noch in der Erinnerung der Bevölkerung als ein bedeutendes Stück Orts- geschichte weiterleben , haben wir diesen Artikel in etwas aktualisierter Form veröffentlicht. Eine Nachbildung des Dillenschass wurde beim Erntedankfest 1938 durch die Straßen von Lisdorf gezogen.
  • 8. 8 EinLisdorferinNeuseeland Ein Studienjahr am anderen Ende der Welt Viele werden den Namen „Neuseeland“ schon einmal gehört haben, aber manch ei- ner wird Schwierigkeiten ha- ben, sich genaue Vorstellun- gen von diesem Land zu ma- chen. Dies mag an der Entfer- nung zwischen Neuseeland und Deutschland liegen: Neu- seeland liegt im Pazifischen Ozean, südöstlich von Austra- lien. Damit ist kein anderer Staat weiter von Deutschland entfernt als Neuseeland. Nach dem Abschluss des er- sten juristischen Staatsexa- mens entschloss ich mich, ein Auslandsstudium anzuschlie- ßen, um eine Zusatzqualifi- kation zu erwerben. Da ich an der Universität Trier bereits englisches und amerikani- sches Recht studiert hatte, sollte das Studium in einem Land stattfinden, das auch das englische Rechtssystem (sog. „Common Law“) an- wendet. Auch war der Wunsch, die englischen Sprachkenntnisse zu vertiefen, Grund ein englischsprachiges Land als Ziel zu wählen. Von Kommilitonen erfuhr ich zufällig, dass Deutsche in Neuseeland aufgrund eines Staatsver- trages zwischen Deutschland und Neuseeland nur die verbilligten einheimischen Studiengebühren bezahlen müssen. Da ich schon immer mit dem Gedanken gespielt hatte, einmal Urlaub in Neu- seeland zu machen, schien mir dies das perfekte Ziel für meinen Auslandsaufenthalt. Hier würde ich perfekte Studienbedingungen und ein touristisch äußerst interessantes Land vorfinden. Ich bewarb mich schließlich eigenständig bei drei neuseeländischen Universitäten und entschloss mich nach zwei Zusagen, an der Victoria Univer- sität in der Hauptstadt Wellington zu studieren. Am 4. Februar machte ich mich dann in Frank- furt bei Minustemperaturen auf den Weg nach Neuseeland. Der 36-stündige Flug führte mich über London, Los Angeles und Auckland nach Wellington, wo ich am im Hochsommer bei Tem- peraturen um die 25-30 Grad ankam. (Ein Flug über Asien ist kürzer, es gelten aber andere Ge- päckbestimmungen) Da ich keinen Platz im Stu- dentenwohnheim bekommen hatte, wohnte ich die ersten zwei Wochen in einer Jugendherberge und verbrachte die meiste Zeit mit der Wohn- ungssuche. Diese erwies sich als schwierig, da unzählige andere Studenten zu Beginn des Se- mesters ebenfalls Zimmer suchten. In Neusee- land ist üblich, dass man in Wohngemeinschaf- ten mit anderen Studenten zusammenwohnt. Um meine Sprachkenntnisse zu verbessern und einen besseren Einblick in das tägliche Leben zu gewin- nen, entschloss ich mich, auch ein Zimmer in ei- ner neuseeländischen Wohngemeinschaft zu su- chen. Nach eineinhalb Wochen intensiver Suche wurde ich dann auch schließlich fündig. Bis dahin musste ich musste ich feststellen, dass viele Neu- seeländer nicht so viel Wert auf eine schöne Woh- nungseinrichtung legen, wie man das in Deutsch- land gewöhnt ist. Dies ist verständlicher, wenn man weis, dass es für viele normal ist, jedes oder jedes zweite Jahr umzuziehen. So manches Haus, das ich mir angeschaut habe, würde man auf gut Deutsch als „Bruchbude“ bezeichnen. Aber da viele Studenten ihr Studium und die Studienge- bühren selbst finanzieren müssen, sind diese gün- stigen Häuser auch gefragt. Ich musste auch fest- stellen, dass zwischen der neuseeländischen und der deutschen Bauweise große Unterschiede be- Andreas Weiler (30) aus Lisdorf, wie seine Eltern uns sein jüngerer Bruder VHL – Mitglied, machte nach seinem 1. Juristischen Staatsex- amen an der Universi- tät in Trier ein einjähri- ges Auslandsstudium an der Universität Wel- lington auf Neusee- land. Danach absol- vierte er das Referen- dariat in Saarbrücken und legte dort 2008 das 2. Juristische Sta- atsexamen ab. Seit 1. 10. 2008 ist er als Rechtsanwalt bei Sie- mens in Erlangen tätig. Auf unsere Bitte hin hat er den nebenstehen- den Artikel über den Studienaufenthalt in Neuseeland verfasst. Mein erstes Domizil in Wellington. Es ist aus Holz gebaut, liegt auf einem Hügel am Rande der Innenstadt und bietet einen Blick auf die Stadt. Die Häuser sind unbeheizt, für ei- nen Mitteleuropäer eine unangenehme Überraschung. Andreas Weiler
  • 9. 9 stehen: In Neuseeland sind die Häuser aus Holz gebaut, nicht unterkellert, haben keine Isolierung, keine Heizung und meist undichte, einfach ver- glaste Fenster. Die Auswirkungen dieser Bauwei- se wurden mir erst im Winter richtig bewusst. Es wird zwar in Neuseeland nicht so kalt, wie in Deutschland (In Wellington war es selten unter 10 Grad kalt), jedoch war die Innentemperatur in den Häusern kaum höher als die Außentempera- tur. So musste ich mich an Raumtemperaturen zwi- schen 10 und 15 Grad gewöhnen. Ansonsten ist der Lebensstandard vergleichbar mit dem in Deutschland, in manchen Bereichen vielleicht sogar höher (Neuseeland hat mit unter 4% die niedrigste Arbeitslosenquote in der west- lichen Welt). Wenn das Land auch am anderen Ende der Welt liegt, so ist es doch stark europä- isch geprägt. Der Einfluss der ehemaligen briti- schen Kolonialherren ist nicht zu verleugnen. Im- merhin stammt auch der größte Teil der heutigen Bevölkerung von britischen Einwanderern ab. Noch heute ist Neuseeland ein Königreich, des- sen Staatsoberhaupt die Königin von England ist. Die Ureinwohner, die Maori, machen nur ca. 15- 20% der Gesamtbevölkerung aus. Neuseeland besteht aus zwei Hauptinseln. Ob- wohl die Südinsel leicht größer ist als die Nord- insel, leben hier nur 1 Million Menschen, während auf der Nordinsel ca. 3 Millionen Menschen woh- nen. Mit einer Fläche ähnlich wie Großbritannien oder Japan ist Neuseeland daher nur dünn besie- delt. Die größte Stadt ist Auckland im Norden der Blick auf Wellington von einem Aussichtspunkt in der Nähe der Universität.
  • 10. 10 Nordinsel mit über 1 Mio. Einwohnern. Auckland trägt den Beinamen „Stadt der Segel“ aufgrund der dort zahlreich vorhandenen Segelboote. Der Einfluss von asiatischen und polynesischen Ein- wanderern ist hier größer, als in anderen Teilen des Landes. Außer dem Sky Tower, dem höchsten Gebäude in der südlichen Hemisphäre, hat Auck- land touristisch eher wenig zu bieten. Die Haupt- stadt Wellington ist mit circa 340.000 Einwohnern deutlich kleiner und liegt am südlichen Ende der Nordinsel. Wellington hat den Beinahmen „windi- ges Wellington“, und dies sehr zu Recht wie ich bald nach meiner Ankunft feststellen konnte. Wel- lington und die Cook–Straße, die Meeresstraße zwischen Nord– und Südinsel, an der die Stadt liegt, gehören wohl zu den windigsten Plätzen dieser Erde. Wellington kann sich zusätzlich rüh- men, die am weitesten südlich gelegene Haupt- stadt der Erde zu sein. Die Stadt liegt idyllisch an einem großen, natür- lichen Hafen. Da es nur wenig ebene Flächen gibt, liegen die meisten Wohngebiete über Hü- gel zerstreut um das Zentrum herum. Die Hauptsehenswürdigkeiten in Wellington sind die historische Seilbahn (cable car), der soge- nannte „Bienenstock“ (beehive), der ein Regier- ungsgebäude ist, das alte Regierungsgebäude (old Government Buildings) , das heute die juri- stische Fakultät beherbergt, sowie das neue Nationalmuseum „Te Papa“. Die größte Stadt der Südinsel ist die „Gartenstadt“ Christchurch, die sehr englisch anmutet. Wahrzeichen ist die anglikanische Christuskirche. Mit europäischen Maßstäben gemessen haben die Städte in Neuseeland touristisch eher wenig zu bieten. Die meisten Städte wurden erst im 19. Jahrhundert gegründet. Hauptattraktion in Neu- seeland ist die spektakuläre Natur. Seit der Film- Trilogie „Herr der Ringe“, die in Neuseeland ge- filmt wurde, sind auch viele Touristen aus der nördlichen Hemisphäre auf dieses Reiseland aufmerksam geworden. Während der Semester- ferien und nach Abschluss meines Studiums hatte ich Zeit, die beiden Inseln zu bereisen. Das Land bietet ein sehr abwechslungsreiches Landschafts- bild. Gebirgszüge und hügeliges Land machen einen großen Teil Neuseelands Landschaft aus. Während die Südinsel von Fjorden, Gletschern, Seen und Ebenen gekennzeichnet ist, befinden sich auf der Nordinsel Neuseelands größter See sowie einige aktive Vulkane. Von vielen Reisen- den habe ich die Auffassung gehört, die Südinsel Ein Regierungsgebäude direkt gegenüber der Universität, genannt „Bienenstock“.
  • 11. 11 Die juristische Fakultät in der Innenstadt, ein ehemaliges Regierungsgebäude. Das Gebäude ist das größte Holzhaus in der südlichen Hemisphäre. sei die schönere der beiden Inseln. Ich kann die- se Auffassung nicht unbedingt teilen. Was aber stimmt, ist, dass die Südinsel abwechslungsrei- cher ist. Sollte jemand mit dem Gedanken spie- len, nach Neuseeland zu fahren, aber nicht die 4–6 Wochen Zeit haben, die man benötigt, um beide Inseln zu bereisen, der sollte sich auf die Südinsel konzentrieren. Neuseeland ist nicht nur Vulkan–, sondern auch Erdbebengebiet. Kleinere Erdbeben sind keine Seltenheit und ich konnte auch während meines Aufenthalts einige erleben. Außergewöhnlich ist, dass die verschiedenen Landschaften so dicht beieinander liegen. So kann man morgens in den neuseeländischen Alpen wandern oder Ski fahren und den Nachmittag am Strand verbrin- gen. Die isolierte Lage Neuseelands hat auch zu der Entwicklung einer auf der Welt einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt beigetragen. Einige Arten gibt es nur hier, wie z.B. das Nationaltier, der „Kiwi“, ein flugloser Vogel. Da der Kiwi mittler- weile leider vom Aussterben bedroht ist und zu- dem nachtaktiv ist, bekommt man ihn normaler- weise nicht zu Gesicht. Aber auch die Pflanzen- welt kann einem Europäer gelegentlich etwas „märchenhaft“ vorkommen. So ist das ganze Land mit Farnen – einem anderen Nationalsym- bol– bewachsen, die je nach Ort über manns- hoch werden können. Andererseits gibt es auch Stellen, die an Europa erinnern, so z.B. die Süd- lichen Alpen. Mache sagen daher, dass Neusee- land einen kleinen Zusammenschnitt der Erde darstellt. Was für das ganze Land gilt ist, dass es sehr grün ist. Das Wetter ist mitunter sehr wech- selhaft und schwer voraussehbar. Die häufigen Regenschauer tragen aber zu der üppigen Vege- tation bei. Die üppige Vegetation und die dünne Besiedlung machen das Land ideal für Landwirtschaft. Die Landwirtschaft macht einen Großteil der Wirt- schaft aus, besonders die Schaf– und Rinderzucht ist stark ausgeprägt. So kommen auf die 4 Mio. Einwohner über 40 Mio. Schafe. Die saftigen grü-
  • 12. 12 nen Weiden mit den Schafen und Rindern sind all- gegenwärtig und gehören zum Landschaftsbild. Das Studium an einer neuseeländischen Univer- sität weist einige Unterschiede zu einem Studi- um in Deutschland auf. Vor allem die Betreuung ist wesentlich besser. Die Anzahl der Studenten in einer Vorlesung ist geringer. Auch ist es normal, dass man jederzeit seinen Professor per E–mail kontaktieren kann oder direkt persönlich zu ei- nem Gespräch in’s Büro geht. So etwas kannte ich von meiner deutschen Universität nicht. Zu- dem ist die Atmosphäre viel familiärer. So spre- chen sich normalerweise alle – auch Professoren und Studenten – mit Vornamen an. Überhaupt ist diese Umgangsform generell in den meisten Lebensbereichen üblich. Der zwi- schenmenschliche Umgang ist etwas lockerer als in Deutschland. Die Leute sehr freundlich, was für mich am Anfang etwas irritierend war. So stand ich mehrere Male mit einer Straßenkarte auf der Straße und Einheimische kamen auf mich zu und fragten, ob sie mir helfen könnten. In Deutschland würde so etwas wohl eher nicht passieren. Auch ist es ganz normal, dass im Ge- schäft an der Kasse ein kleines Schwätzchen an- gefangen wird um man gefragt wird, wie es ei- nem geht und wie der Tag war, und dies auch bei einer Schlange an der Supermarktkasse. Bei meiner Ankunft in Wellington war ich doch sehr überrascht, wie viele Deutsche es dort gab. So stellten die deutschen ca. 50 % der Studenten in meinem Studienprogramm, den Rest stellten Neuseeländer, Asiaten und Pazifik-Insulaner. Auch war ich bei meiner Rundreise im November und Dezember überrascht, wie viele Deutsche als Tou- risten unterwegs waren. So hatte ich den Ein- druck, dass sie eine der größten – wenn nicht so- gar die größte- Touristengruppe stellten. Für vie- le ist Neuseeland wohl – wie ich meine zu Recht– ein Traumziel. Der Flug ist zwar teuer und an- strengend, aber man wird für alle Anstrengungen entlohnt. Zudem ist es, wenn man erst einmal im Land ist, gar nicht so teuer. Die Lebenshaltungs- kosten sind mit den deutschen vergleichbar. Das Reisen an sich ist sogar recht billig. Mietwagen sind erschwinglich, Benzin kostet nur etwas mehr als die Hälfte als in Deutschland, und es gibt vie- le preiswerte Unterkunftsmöglichkeiten. Alles in allem kann ich sagen, dass ich ein tolles, äußerst interessantes und erfahrungsreiches Jahr verbracht habe. Ich habe mir vorgenommen, ir- gendwann wieder nach Neuseeland zu fahren. Aufgrund der Entfernung wird dies wohl in naher Zukunft leider nicht möglich sein. Blick auf Wellington–Stadt vom Boot aus gesehen. Das Boot fährt in der Bucht von Wellington. Diese Bucht ist verbunden mit der Cook – Strasse, der Meerstrasse zwischen Nord– und Südinsel. In kurzen Abständen verkehren Fähren zwi- schen Nord- und Südinsel, die Überfahrt selbst dauert max. 1 Stunde.
  • 13. 13 BeiträgezurLisdorferMundart Edd Freeijoa Freeijoa wie hann eich deich so gäa. De beschd onn bleif- schd de schennschd Jores- zeid. Wenn ma so zouloud, wie de Nadua sich Meeij an- doud fo alles so scheen se machen, dass edd us soll ge- fällen. Do driwwa kannen ma us nua wonnan. Enn kurza Zeid hat sich alles vaännadd. Vor en paa Daa woa noch alles ronderemm groo. Off ämol woa gesinna Auen en allen Äggen onn Kanden Lewen. De Bleeimcha ( de Schneegläggcha onn de Kroggussen) sträggen schon ia Beggelcha raus. De Veilcha vamm Herbscht wo draurisch do gelee hann, bleei- jen off änmol wien Schlaaija. Jeda Baam onn jed Hägg hodden enn äm Deiwel ia greein Klääda an. Wadd de Sonn doch need alles Marianne Faust Angehörige einer alt- eingesessenen Lisdorfer Familie.Beschäftigt sich schon seit ihrer Jugend mit dem „Leischtrowwer Platt“. Als Interpretin und Autorin ist sie im Lisdorfer Heimatkunde- verein aktiv. macht. Nua de Obstbääm sollen sich noch enn bißin heeiden, weil Naads ess em scheenen Wädda jo doch noch nedd se drauen. Awwa de Vijelcha senn mobil. Se piepsen nemmä vann Honga wie emm Wendda, wie alles zouge- schneed woa. Jitz piepsen se vann Frääd, weil de Sonn so scheen scheind. Omm Berg gesichde de Hääsja aus ihren Lären kommen. De eascht greein Spetzen senn fo die ach äbbes naues. De Leid geen onä Wenddamandel onn aalen sich enn da Sonn. Bei jedem Vazeelchen head ma de Leid saan: Ma ess enn ganz anara Minsch, wenn de Sonn nomol scheind. Onn dann wenn alles bleeid, dann reeichd edd iwerall so gudd. Ma mänd edd hädd äna enn Pa- fümflasch ausgeschudd. Dann macht edd spazie- rengeen Frääd. Dann halld ed änen nemmä emm Haus. Dat moß ma ausnodzen, befoa dass edd nomol anfängd se reenen. Ja ma macht sich so sein Gedanken, wie da Herr- gott so alles jed Joa vann nauem off de Reih greeit. Edd ess schon enn Wonna. Dass ma vann Lee´ischdroff senn, vazehlen ma laut, onn dass ma gäa lo senn ,datt nett äascht seit haut. Ma geheren lo hin, onn senn lo geboa, dass ma us dodroff enen grenssen, datt es woa. Weil lee´i senn us Wurzeln seit ewich onn drei Daa, us Hämm us Gehaichniss us gudd Dorf an da Saa. De Leit senn sich nett freem, nett wie enn da Stadt, ma kennt jed Haus, wäß wäa drenn waand onn gewaand hatt. Do wird noch gesproocht, ma bleift noch beinanna stehn, so woa datt schon imma onn ess haud noch scheen. Ob emm Geschäft, omm Kiijoff odda noh da Mäss, ett rettschen on ett däädänn gefft nett vagäss. Enn richdija Lee’ischdrowwa ess mett jedem aus da Famill, dofoa senn ett, wenn äbbes loss ess, ach imma so vill. Bei ah Hochzeit odda ah Begräbnis denkt ma, senn die soo gudd bekannt, dann fällt äm enn, mäjä, die senn jo ach meddenanna vawant Wenn äna end Dorf heirad, wirda enn Frema genannt, awwa ett dauad nett lang, dann essa bekannt. Dann ess ett äna vann us onn gre’it off de Schella gekloppt, onn wird enn äm Deiwel enn irjend änen Vaein renn geschdoppt. Bei us gefft edd jo Vaeina iwwagennuch onn de mass, jeda ess enn jedem, datt macht us ach Spass. Stehn emm Joah de Fäschtlichkätten an, dann helfen se all, ohne nä se san. Se zee’ in all an äm Strank, ohne se gronzen, nä ,nä, datt gäf jo de Stimmung vahondzen. Sonndes gefft Theata gespillt, gesong onn gedanzt, onn wäades enn da Au Gemee’is geplanzt. Moss äna furt aus emm Dorf, dann hadda de Flämm, awwa fo äbbes se feian kommda gäa nommoll hämm. Sischde, datt ess datt Steck Heimat, dono ess jeda off da Souch, datt haschde dee’ if enn da, datt leaschde enn käm Bouch. Manchmal wird ach äna durch de Hächel geholl, greeit de Fäddacha geroppt onn se hann sich enn da Woll. Onn datt ess ach enn Steck Heimat onn ess nett so schlemm, ett wäad enn annaren Derfa ach so senn. Ett ess kenn Wonna, dass ett us lee’i so gefällt, ma drän Lee’ ischdroff nett de Bokkel fo kään Geld enn da Welt. Onn wenn ett späda nemmä anascht geht, dann hoffen ma ,dass us da Petrus vaschdeht onn bosselt us fo usen Heimatfimmel, so enn scheen klän Lee’ischdroff enn seim Himmel. Us gudd Dorf Marianne Faust
  • 14. 14 Aus unserem Archiv: Am 22. Juli 1938, also vor 71 Jahren, berichtete die Saar - Zeitung: EinseltenesEreignisaufderHolzmühle Die Eheleute Port begehen morgen ihre Diamantene Hochzeit - Allgemeine Anteilnahme Diamantene Hochzeit! Das ist schon ein Ereignis, daß man besonders würdigen muß. Alle Jahre mal geschieht es im Kreis, daß ein hochbetagtes Ehepaar dieses Fest feiern kann. Nur ganz weni- gen ist es vergönnt. Jedesmal aber, wenn irgend- wo im Kreis diamantene Hochzeit ist, dann bleibt dies nicht nur ein privates Fest der Fami- lie. Alle Verwandten und Bekannten und darüber hinaus die Gemeinschaft der Ortseinwohner neh- men regen Anteil daran und tun das ihrige, um dem Tag einen schönen Rahmen zu geben und zu einem Freudentag sowohl für das Jubelpaar, wie auch für die Gemeinschaft zu machen. Diesmal ist der Stadtteil Lisdorf der Ort, in dem morgen ein Greisenpaar die 60jährige Wieder- kehr seines Hochzeitstages feiert. Es sind die Eheleute Anton und Katharina Port, geb. Schmitt von der Holzmühle, das älteste Ehepaar des Stadtteils Lisdorf. Überall auf der Holzmühle und im Stadtteil Lisdorf ist das Paar bekannt, geach- tet und beliebt. Im Jahre 1928 feierten die beiden Hochbetag- ten die goldene Hochzeit im engsten Familien- kreise und obwohl die verflossenen weiteren zehn Jahre nicht spurlos an ihnen vorübergegangen sind, erfreuen sie sich noch einer in diesem Alter seltenen geistigen und körperlichen Frische. Der Jubilar ist 84 und seine Gattin 82 Jahre alt. Heute noch spricht die Jubilarin fließend franzö- sisch, das sie sich auf ihren Schiffsfahrten auf dem Wasserstraßennetz Frankreichs angeeignet und seitdem nicht mehr verlernt hat. Aus der Ehe gingen 13 Kinder hervor, von denen leider schon acht der kühle Rasen deckt. Vier sind in jungen Jahren gestorben, während die anderen vier im besten Alter dahingerafft wur- den. Überhaupt hat das Schicksal den alten Leu- ten mehr als einmal hart zugesetzt. Die vier Söh- ne des Jubelpaares standen während des Welt- krieges an der Front. Einer von ihnen erhielt für besondere Tapferkeit das EK 1. Klasse. Der Jubilar diente in seiner Militärzeit bei dem Rheinischen Pionier–Bataillon Nr. 8 in Koblenz, wo er am 11.12.1874 als Ersatzrekrut in die 3. Kompanie eintrat; auch war er hier noch Schwimmlehrer und brachte so manchem jungen Soldaten das Schwimmen bei. Nach dem Führ- ungsattest, das der alte Herr mit Stolz bis heute aufgehoben hat, hat er vom 11.12.1874 bis 17.9.1877 gedient und sich während dieser Zeit „sehr gut“ geführt. Das Zeugnis ist also schon 61 Jahre alt. Das beweist, welchen Wert unsere al- ten Soldaten auf diese Papiere legten und wie neben dem Militärpaß diese Schriftstücke ins- besonders gutem Zustand gehalten wurden. Von Beruf war der Jubilar Schiffer und befuhr fast jeden Strom Frankreichs und des westlichen Reichsgebiets. Dann ging er im Jahre 1897 zur Dillinger Hütte, wo er bis 1923 im Martinswerk 1 arbeitete und alsdann in Pension ging. Auch wir entbieten neben den noch lebenden fünf Kindern, 16 Enkeln und vier Urenkeln dem Jubelpaar die herzlichsten Glück– und Segens- wünsche, zugleich im Namen der Volksgenos- sen des Stadtteils Lisdorf. Möge auch der rest- liche Lebensabend der alten Leute geruhsam und gesegnet sein.
  • 15. 15 Am 23. Juli 1928 feierten die Eheleute Anton Port und Katharina geb. Schmitt aus dem Lisdorfer Ortsteil Holzmühle ihre Goldene Hochzeit und 10 Jahre später, am 23. Juli 1938, die damals selten vorkommende Diamantene Hoch- zeit. Über dieses Ereignis berichtete die Saar–Zeitung in ihrer Ausgabe vom 22. Juli 1938. Den betreffenden Artikel haben wir nebenstehend abgedruckt. Beide Jubilare waren in Lisdorf geboren. Anton Port am 14. Mai 1854 als Sohn einer Schiffer–Familie. Seine Frau Katharina geb. Schmitt am 19. Februar 1856. Am 23. Juli 1878 schlossen sie in der Lisdorfer Pfarrkirche den Bund fürs Leben. Aus der Ehe gingen 13 Kinder hervor, von denen zum Zeitpunkt der Diamantenen Hochzeit bereits acht verstorben waren. Eine Tochter ging ins Kloster. Das untere Bild wurde anlässlich der Goldenen Hochzeit im Jahre 1928 aufgenommen. Es zeigt das Jubelpaar mit seinen Kindern und Enkeln. Oben als Zweiter von links ist Enkelsohn Johann Port zu erkennen. Anton und Katharina Port waren die Urgroßeltern von Joachim, Klemens, Fredi und Edmund Port.
  • 17. 18 Aus Anlass der Heilig – Rock – Tage in Trier vom 24. April bis 3. Mai 2009 haben wir einen mit mundartlichen Ausdrücken gespickten Artikel vom September 1933 der im Jahre 1983 verstorbenen bekannten saarländischen Schriftstellerin Maria Croon über eine Heilig–Rock–Geschichte aus dem Jahre 1891 übernommen. Der Artikel erzählt die Geschichte eines 10 jähri- gen Bauernburschen aus einem Merziger Gaudorf, der auf aberteuerliche Weise allein nach Trier und zurück pilgerte. Sie könnte sich auch in Lisdorf oder in einem anderen Dorf in der Nachbarschaft ereig- net haben. Die Leiterwagen rasselten schon lange, ehe die er- sten Hähne im Saardorf krähten. Als die Räder ge- schmiert, die Sitze festgemacht und die Heu– und Strohbürden richtig verstaut waren, kletterte die Morgenröte hinter dem Berg herauf und breitete der Sonne den purpurnen Teppich aus, damit sie königlich darüber schreite. Die Pferde hatten am rauschenden Brunnen erstaunt unwillig die Mäh- nen geschüttelt ob der Zumutung, schon so früh zu trinken. Jetzt standen sie leise wiehernd im Ge- schirr. Dann öffneten sich die Haustüren und sonn- täglich gekleidete Menschen kamen heraus. Sie tauschten Morgengrüsse in der Nachbarschaft, die Frauen zogen die Hauben zurecht, nestelten an den Schürzen, und dann schlossen sie die Weiden- körbe, in denen die Essvorräte waren. Manch ein loslediger Pätter trug auch sein Brot und sein Stück Hamm in einem geblümten Taschentuch. Heute war unser saarländisches Gaudorf an der Reihe, um zum Hl. Rock nach Trier zu pilgern. Als die Wagen alle zum Dorf hinausgefahren wa- ren, lag dasselbe still, und verlassen im Glanz der aufgehenden Sonne. In jedem Haus war nur ein Hüter zurückgeblieben, eine alte Muhme oder eine junge Mutter, die ihren Säugling betreuen musste. — Beim Wirtsfranz wäre die alte und halbtaube Mimi Kathrin allein zurückgeblieben, wenn nicht gerade jetzt zwei Zuchten Ferkel im Stall in ewigem, unheimlichen Hunger gequiekst hätten. Die Mimi Kathrin war beinahe achtzig und konnte die schwe- ren Eimer nicht mehr durch die engen, dunklen Stäl- le schleppen. Darum war das zehnjährige Nik- elchen dazu verurteilt worden, der alten Groß die kräftigen Arme zu diesen Gängen zu leihen. Vie- Maria Croon (1891- 1983) WieNikelchenaufeigeneFaustzumheiligenRockpilgerte Eine Heilig-Rock-Geschichte aus dem Jahre 1891 le Tränen hatte das Nikelchen schon vergossen seit dieses harten Familienbeschlusses. „Ich bring das schönste Gälljen (Medaille) mit vom Heili- gen Rock, auch eine Zuckerstange und eine Bre- zel“, hatte die weichmütige Mutter getröstet. Aber das war alles nichts. Nikelchen wollte sel- ber den Herrgottsrock sehen und nach Trier rei- sen. Was waren dagegen alle Zuckerstangen und auch noch Gälljer? Alle Jungen aus dem Dorf waren mitgefahren. Die meisten seiner Al- tersgenossen hatten peitschenknallend vorne auf dem Leiterwagen gesessen, die Pferdeleinen stolz in der Hand. Und er musste der Großchen Schweinseimer in den Stall tragen! Das ging ge- gen seine Jungenehre. Und wann mochte der Hl. Rock wieder ausgestellt werden? Die Großchen hatte eben, als sie neben dem Trog im Ferkels- stalle hockte und die „Sauf“ durchknetete, damit alles die richtige Temperatur hatte, vor sich hin geknoddert, sie sei eine ganz junge staatse Frau gewesen, als sie damals mit ihrem Matthes selig nach Trier zur Ausstellung gepilgert sei. Dann musste es schon lange, lange her sein; denn die Groß hatte keinen einzigen Zahn mehr, sie war taub, und die Augen waren beinahe erloschen im runzeligen Gesicht. Während Nikelchen noch so in trüben Sinnen ver- loren stand, ratterte am anderen Ende der Dorfstra- ße noch ein Leiterwagen heran. „Der hat sich ver- spätet“, dachte der Bub. Gleichzeitig durchfuhr ihn wie der Blitz der Gedanke: Da könntest du noch mitfahren! Und schon war er die Treppe hinauf- gesaust, hatte den frischgewaschenen blauen Leinenkittel vom Nagel gerissen, angezogen, wie- der nach unten gesprungen, die mit Stallmist ge- sprenckelten Schuhe mit einem Büschel Rommeln- blättern schwarz „gewichst“, die Hände gewaschen. Halt, noch fehlte die Futterage! Die Mutter hatte gestern ein paar Schüsseln voll scharfen Käs ge- kocht für die Wallfahrer, den Daheimgebliebenen ein „Gubbel“ voll in den Wandschrank gestellt. Nikelchen hatte die Schüssel schon in der einen Hand, in der anderen Hand ein halbes Brot. So er- wartete er den Wagen , auf dem die Leute aus dem Nachbardorfe eben ein frommes Pilgerlied sangen. „Holt mich mit“, rief er, „ich will auch noch nach Trier.“ „Kein Platz mehr da, Jung“, wehrte der Fahrer ab, „geh heim und iss dein Kässchmier.“
  • 18. 19 „Fürs Zuschrauben holt mich mit, ich setze mich hinten neben die Schraub“, bat Nikelchen fle- hentlich. „Lasst ihn nur“, entschieden ein paar junge Burschen, denen das lästige Amt des Auf– und Zuschraubens zugeteilt worden war. Gleich saß der Bub neben der Schraube und ließ die Beine baumeln. „Du willst doch nicht bis Trier deine Kässchüssel im Arm festhalten“, rief der alte Bauer, „her damit in die Futterkiste.“ Nikelchen reichte Brot und Käse hinauf, behielt aber während der ganzen Fahrt die Kiste arg- wöhnisch im Auge. So reiste er schlecht und recht fürs Zuschrauben acht Wegestunden weit bis nach Trier. Zwischendurch schmetterte er alle Wall- fahrtslieder mit heller Stimme hinaus in den hel- len Sommertag. Je näher sie der heiligen Stadt kamen, um so mehr musste Nikelchen staunen über den Be- trieb. Und erst in Trier selbst! Da wälzten sich die Menschen über die Straße wie die Wellen in der Mosel. Das war allerdings ein wenig mehr, wie wenn in seines Vaters niedriger, rauchgeschwärz- ter Schenkstube Holzversteigerung war oder gar an der Kirmes Tanzmusik. Mit einer Prozession schlüpfte er in den Dom und sah hier mit ehr- fürchtigem Schauer das Kleid, in dem der Herr Jesus gelebt und gelitten hat. Da kam ihm auch sein Ungehorsam zum ersten Mal so recht zum Bewusstsein, und die arme Groß, die jetzt da- heim saß und niemand hatte, der den Ferkels- eimer trug. Und mit ihren zittrigen Fingern ver- gebens den Wandschrank nach dem Gubbel mit dem gekochten Käs abtastete. Er sandte ei- nen innigen Stoßseufzer um Verzeihung zum Hei- ligen Rock empor und stand bald wieder im Freien, allerdings eingekeilt zwischen einer dich- ten Menschenmenge. Als er sich bis zum Wagenplatz durchgekämpft hatte, sah er in der Nähe auch die Fuhrwerke aus seinem Dorf und viele bekannte Gesichter. Da musste er verschwinden, denn es schien ihm nicht geraten, jetzt schon unter seines strengen Vaters Augen zu treten. Er schlich sich also an seinen Wagen heran, entnahm der Futterkiste die Käs- schüssel, von der er unterwegs schon den „Him- mel“ (die Haut) herunter gegessen hatte, seine dästige Kurscht und schlängelte sich damit aus dem Getümmel heraus. In einer stillen Gasse setz- te er sich auf einer Haustüre nieder und schmau- ste ergiebig, bis nur noch ein paar schäbige Über- reste am Gubbelboden klebten. Dann suchte er noch einen Brunnen auf und schlenderte langsam in der Richtung nach den Fuhrwerken zurück. Doch er hatte sich verirrt und es dauerte zwei Stunden, bis er den Platz wiederfand. Aber, o Schreck, die Wagen aus der Heimat waren alle weg. Er lief verzweifelt hin und her und las die Lisdorfer Pilgergruppe zur Heilig-Rock-Ausstellung in Trier im Jahre 1933
  • 19. 20 Schilder. Lauter fremde Namen, kein einziges Dorf vom Saargau. Was nun? Doch nur wenige Minuten war Nikelchen mutlos. Da floß die Mo- sel, wenn er stromaufwärts ging, kam er bei Konz an die Saar. Dann nur munter immer an ihrem Ufer vorbei, und er würde die Heimat schon fin- den. Also vorwärts marsch, Nikelchen! Unent- wegt die leere Kässchüssel unterm Arm, trabte er fürbaß. Und der Blitzjunge hatte Glück. Fürs Zu- schrauben nahmen ihn verschiedene Wagen streckenweise mit, solange ihre Wege gemein- sam waren. Als der Mond schon lange am Himmel stand, klopfte der kleine Pilgermann doch ein wenig ver- zagt an der heimischen Haustüre an. Dort war al- lerdings am Abend bei der Heimkehr der Wall- fahrer große Aufregung gewesen ob der Pilger- fahrt Nikelchens auf eigene Faust , und alle Teil- nehmer waren ein wenig aus der frommen Stim- mung herausgekommen. Der Vater hatte ge- schimpft, die Mutter geweint, und sie wollte ste- henden Fußes umkehren und ihren Sohn suchen. Doch der Vater hatte ruhig entschieden: „Wir su- chen ihn nicht, wenigstens heute noch nicht. Ich denke, er hat den Weg hingefunden, er findet ihn auch wieder heim.“ Dann war man sorgenvoll in der Stube sitzengeblieben. Bis gegen Mitternacht. Da klopfte es schüchtern an der Haustüre und Nikelchens müde Stimme rief ängstlich: „Mamm, macht ov !“ Alle sprangen freudig auf. Es war auch dem Vater schwer, dem staubbedeckten kleinen Pilger ein strenges Gesicht zu zeigen. Nach einer gelinden Strafpredigt durfte er sich als büßender Sünder auf dem Strohsack ausstrecken. Nikelchen blieb sein Leben lang ein unterneh- mungslustiger Junge, dem der Wandertrieb im Blute steckte. Später machte er wieder auf eigene Faust eine große Reise, bis nach Kanada. Diesmal aber nicht aus religiösen Gründen und um aus dem Be- reich der Ferkel zu kommen, sondern er lief mit voller Absicht den quiekenden Borstentieren direkt in die Arme oder besser gesagt in die Klauen. Drü- ben in Kanada hat er sich nämlich eine große Farm erworben, auf der er schon jahrzehntelang erfolg- reich Schweinezucht betreibt. Sicher erzählt er jetzt, nachdem er in den Zeitungen von der diesjährigen Ausstellung des Heiligen Rockes gelesen hat, seinen auf der freien amerikanischen Steppe aufgewach- senen Kindern von seiner ersten Wallfahrt zum Herr- gottsrock. Und er empfindet keine Reue über den Ungehorsam; denn ohne diese Eigenhilfe hätte er das Kleid des Herrn in seinem Leben wahrschein- lich nie gesehen. Von Kanada kommt man nicht so leicht nach Trier, auch nicht fürs Zuschrauben. VolkstrachtenanderSaarinfrühererZeit Der saarländische Volkstanz– und Trachtenverband hat sich zum Ziel gesetzt, die Kleidung unserer Vor- fahren aus der Region zu sammeln, zu dokumen- tieren und zu präsentieren. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Nohfelden konnte dieses Projekt als Museum im Alten Amts- haus in Nohfelden verwirklicht werden. Dieses trägt die offizielle Bezeichnung „Regionales Museum für Mode und Tracht“, inzwischen bekannt als „Trach- tenmuseum Nohfelden“. Am 25. Juni 2006 hat der Heimatkundeverein Lis- dorf im Rahmen einer heimatkundlichen Lehrfahrt in den St. Wendeler Raum mit 52 Personen auch das Trachtenmuseum Nohfelden besucht und die- ses mit einer besonderen Führung durch die Mu- seumsleitung eingehend besichtigt. Die Teilnehmer waren beeindruckt von den Ausstellungsstücken aus früherer Zeit und erfreut, als ihnen eine mehr als 125 Jahre alte Kopfbedeckung aus Lisdorf gezeigt wurde. Ein Besuch in diesem Museum ist wirklich zu empfehlen. Die Öffnungszeiten können unter Tel.: 06852/809154 erfragt werden. „Kleider machen Leute“, dieses Sprichwort erlangte zusätzlich Bekanntheit durch die gleichnamige No- velle von Gottfried Keller. Gute Kleidung fördert das Ansehen, dies gilt noch heute. Ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmte das Bürgertum die Mode und das Kleidungsverhalten: Kleidung als Abbild der bürgerlichen Tugenden: Ordnung, Fleiß, Reinlichkeit, Sparsamkeit, Pflicht- bewusstsein, Anstand und Schamhaftigkeit. In der Kleiderabteilung des Museums Nohfelden wird die Festtagskleidung aus dem 19. und 20. Jahrhundert bis 1920 gezeigt. Danach setzte ein ganz neues Kleidungsverhalten ein. Zur Hochzeit bekam der Mann einen Anzug beste- hend aus Hose, Gilet, und Gehrock. Dazu gehörte das Weiße Hemd mit gestärktem Kragen. Als Acces- soires hatte der Mann meist auch: Hut, Uhrenkette, weiße Handschuhe. Die Frau heiratete früher meist im schwarzen Kleid, das sie auch später zu allen festlichen Anlässen tra- gen konnte. Da die verheiratete Frau nach der be- stehenden Kleiderordnung des 19. Jahrhunderts kei- nen weisse Kleider mehr tragen durfte, war die Ent- scheidung für ein schwarzes Brautkleid eine rein fi- nanzielle Überlegung. Die „Reinheit“ zeigte sich im weißen Schleier. Nur die Braut aus einem „begüterten“ Elternhaus heiratete im weißen Brautkleid.
  • 20. 21 Im Museum Nohfelden wird auch die Kleidung „Dar- unter“ gezeigt. Im „Grammatisch-kritischen Wörter- buch der Hochdeutschen Mundart von 1807 wurde die Unterhose als „unanständige Sprechart“ bezeich- net und zum Beinkleid umgetauft. Tracht! Gab es bei uns eine Tracht? Wenn wir unter Tracht die Bekleidung der bäuerlichen-ländlichen Bevölkerung verstehen, so gab es diese in unserer Region in den Jahren 1750-1850. Einige originale Trachtenteile wurden vor dem 2. Weltkrieg von Hermann Keuth gesammelt und im damaligen Heimatmuseum Saarbrücken ausge- stellt. Die erhaltenen Teile der Sammlung gehören der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Im Nohfelder Museum werden im Trachtenzimmer Exponate aus der Sammlung Keuth gezeigt. Die umfangreichste Trachtensammlung besitzt das Simeonstift-Museum Trier, das ebenfalls einige schö- ne Exponate nach Nohfelden ausgeliehen hat. Aufgenommen um 1900 Sitzend: Anna Breininger geb. Welsch Stehend: Maria Bernard geb. Stutz, verwitwete Morguet Erntedankfest 1938, v. l. n. r.: Rosa Schmitt verh. Klein, Maria Ecker verh. Schmitt, unbekannt, Irmi Ecker verh. Morguet Johann Morguet, Maria Morguet verh. Johannes, Lena Morguet verh. Amann, Maria Stutz verh Seidel, Adolf Seidel, Rosa Schmitt verh. Wagner, Erna Ecker, Ottilia Lonsdorfer verh. Schwind, Maria Rullang verh Faust
  • 21. 22 Die Kopfbedeckung der Männer Diese bestand in der ersten Hälfte des 19. Jahr- hunderts in dem kurtrierischen, dreifach aufge- krämten, schwarzen Filzhut, meist Dreimaster, auch Gewitterverteiler genannt. An manchen Or- ten tragen ihn jetzt noch die Kirchenschweizer beim Gottesdienste. Im Saarbrücker Gebiet trug man Filzhüte, die nur an einer Seite aufgebogen waren. Nach den Freiheitskriegen (nach 1815) verschwand der Dreimaster und an seine Stelle trat der hohe, schwere Zylinderhut, der sich nach oben bedeutend erweiterte. Als Sonntagshut be- stand er aus feinem, schwarzen Wollfilz. Der obe- re Innenraum war praktisch eingerichtet. Das zusammengestreifte Kattunfutter schloß bereits in halber Höhe ab und ließ in der Mitte ein faust- großes Loch. In dem so entstandenen Ober- stocke verbarg der Hausvater bei Ausgängen sei- ne Briefschaften, das Taschentuch, seine irdene Pfeife und etwas Tabak. An Werktagen trugen die Bauern einen kleinen runden Filzhut, eine Mütze oder eine gestrickte Zipfelmütze. Sie wurde früher mit der Hand gestrickt, später gewirkt und war entweder weiß, blau oder schwarz. Bei kalter Jah- reszeit trug man sie unter dem Filzhut oder Zylin- der. Das Kopfhaar wurde vom Hinterkopf aus nach allen Seiten glatt gestrichen. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts kamen Zylinder mit geraden Seiten und schmalem Rand auf und erst später trat an ihre Stelle die geringe Huthöhe mit breitem Rand. Die Zipfelmütze hat sich auf dem Saargau noch vereinzelt erhalten. Die Leibbekleidung der Männer Am Sonntag trugen die Männer einen Rock aus feinem, blauen Tuch. An der Brust, den Ärmeln und Schößen war er mit blanken Knöpfen aus Messing oder Silber verziert. Reiche Bauern hat- ten sogar vergoldete Knöpfe. In der Saarbrücker Gegend kamen solche von der Größe eines Fünfmarkstückes vor. Der Kragen des Rockes war hoch und umschloß auch einen guten Teil des Hinterkopfes. Auf den Schultern ragten bauschi- ge Anfänge der Ärmel über dieselben hinaus. Für die hohen und höchsten Festlichkeiten hatte man den Frack, der bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts sich behauptete. Er war in Tuch und Machart genau wie der Rock gearbei- tet, reichte aber bis zu den Waden. Die Knopflö- cher waren blind und die Scheinschlitze dersel- ben mit schwarzer Kordel benäht. Die Knöpfe hatten dieselbe Form und Gestalt wie beim Rock. Taschen waren nicht vorhanden. Das Volk hatte recht drastische Bezeichnungen für das recht unbequeme Kleidungsstück. Bald nannte man den Frack Schnippel, bald auch Schwalbe oder Bachstelze. An Werktagen trugen die Männer das Wams oder Kamisol, im Saargau Mozzen genannt. Dieses hatte die Form der heutigen Jacken, war aber etwa eine Spanne länger und mit einem stehenden Kragen versehen. Das Winterwams war aus grauem oder blaugefärbtem Tirtich, das Sommerkamisol aus Leinen gearbeitet. Oft hat- te dasselbe hinten eine frackartige, kurze, zwei- teilige Fortsetzung mit falschen Rocktaschen und hieß Habitschaß ( habit de chasse). Bei Ausgängen über Land zog man über die Werktagskleider den Leinenkittel, Knib, Schipp oder Schiep genannt, ein Kleid, auf das der Bau- er stolz war. Gilt doch der Spruch, daß unter dem Kittel ein treues Herz schlägt. Anfangs wurde er auch an Sonntagen getragen. Der echte alte Kit- tel hatte ein rundes Schlupfloch zum Durchschie- ben des Kopfes, war länger als der heutige und aus grobem Hausmacherleinen gemacht und darum dauerhafter. Auf der Schulter war er oft mit reicher Handstickerei versehen. Unter dem Rock trugen die Männer eine Weste. Ihr Stoff war entweder Samt oder weiße, gelbe, violette oder schwarze Seide mit feingeblümtem Muster. Kleinere Leute hatten leinene oder baumwollene Westen. Die Bezeichnung lautete im Saargau Zer- wes, im Kreis Saarlouis und Saarbrücken Gilot, sonst aber allgemein Brustlappen. Dieselben wa- ren vom Kinn bis fast zur Körpermitte dicht ge- schlossen und hatten enge Reihen Knöpfe aus Messing, Silber, Horn, Achat oder Glas. Das Hemd, Him oder Himm genannt, bestand stets aus grauem Hausmacherleinen und endigte oben mit einem hohen Umschlagkragen. Letzterer wur- de oben mit einer weißen Schnur zugebunden. Die Bein– und Fußbekleidung der Männer Die Beinkleider waren zweierlei Art und hießen durchweg Box. Die eine Art reichte nur bis unter das Knie, wo seitliche Schnallen die Strümpfe umschlos- sen. Die andere Art ging bis unter die Waden und war dort eng anschließend. Die Außennaht war un- ten geöffnet; der Verschluß geschah durch dicht ne- beneinander gesetzte Knöpfe. Die Strümpfe wur-
  • 22. 23 den bis über die Knie gezogen und mit einem Band, das in Quasten endigte, festgebunden. Der obere Teil wurde aufgerollt, so daß sich ein Wulst rings um das Knie legte. Die Beinkleider waren aus Samt, Tuch oder Zeames, d. i. aus einem aus Wol- le und Garn selbstgefertigten Stoff, gemacht. Auch Hirschleder–Boxen wurden getragen. Hosenträger kannte man nicht, und statt des einfachen Schlitzes hatte der Vorderteil eine sogenannte „Falltüre“, die beiderseits angeknöpft wurde. Die Strümpfe, Hosen genannt, waren von heller oder dunkelblauer Farbe und nicht gestrickt oder gewebt, sondern vom Schneider aus weißem Tirtich gearbeitet und häufig wattiert. In der Ge- gend von Ottweiler trug man schwarzgerippte, gestrickte Strümpfe, die bei reichen Bauern mit silberartigen Fäden durchwirkt waren. Die Fußbekleidung bestand aus niedern, pan- toffelartigen Schuhen, die an Werktagen mit kup- fernen, an Sonntagen mit silbernen Schnallen zu- sammengehalten wurden. Die Kopfbedeckung der Frauen An Sonn– und Festtagen trugen die Frauen ein weißes Frauenkäppchen, Rozzekäppchen oder Maritzschen genannt. Dasselbe ähnelte einer Ma- trosenmütze, wie sie heute von Knaben getragen wird. Es bestand aus einem mittels Stärke und ein- geklebtem Zeitungspapier bretthart gebügelten, zierlichen Käppchen von blendend weißer Farbe, das dem frischen Bauernmädchen sehr kokett auf dem Hinterkopfe saß. Die Form der oberen ge- streiften Platte oder Küppe war die eines gedrück- ten Hufeisens. Der gerade Teil am Hinterkopfe wurde zusammengezogen. Die Mädchen trugen ganz weiße, die Frauen solche mit aufgedrückten, regelmäßig verteilten schwarzen Blümchen. Ge- halten wurde das Käppchen durch ein meist blaues Seidenband, das unter dem Kinn zu einer Schlei- fe geknüpft war. Ein zweites blaufarbenes Seiden- band umzog den unteren Bord der Kappe und en- dete rückwärts ebenfalls mit einer Schleife. Damit das Käppchen gut saß, mußten die Haare in be- sonderer Weise gekämmt und aufgesteckt werden. Sie wurden in der Mitte gescheitelt, über die Schlä- fen gekämmt und oben auf dem Kopfe flach fest- gelegt. Zu Hause trug man eine weiße Musselin- haube oder ein schwarzes, gestricktes oder gehä- keltes Kopftuch, an vielen Orten wegen der herab- hängenden Zipfel Schwanztuch genannt. Am Werktage und bei der Arbeit im Felde hatten manche Frauen ein einfacheres Rozzekäppchen. Goldschmuck an Ohren und Hals durfte sonntags nicht fehlen. Große Goldreifen bis zum Durchmes- ser eines Zweimarkstückes waren durch die Ohren gezogen und nach unten mit einem runden Knopf versehen, der um so größer war, je mehr Grund- steuer die Bäuerin zahlte. Bei Fischerfamilien fehl- te am Ohrring der goldene Anker nicht, der inner- halb des Goldreifens an einer S- förmigen Querver- bindung lose hing. Um den Hals trugen die Frau- en gewöhnlich eine doppelte, wenn sie besonders reich waren, eine fünf– bis sechsfach um den Hals geschlungene goldene Kette mit einem Kreuzchen. Die Leib– und Fußbekleidung der Frauen Die Frauen trugen meist ein Kleid von schwerem Tuch, am Leibchen reich gefältet, mit Ärmeln, die oben weit und teilweise in Fältchen gelegt waren, dagegen das Handgelenk eng umschlossen. Am Halse war das Leibchen etwas ausgeschnitten und legte sich glatt an. Es fand seinen Abschluss in ei- ner dicht gefälteten Krause, die entweder nur um- gelegt oder am Hemde festgenäht war. An Werk- tagen trugen die Weiber meist nur den Unterrock, an den das ärmellose Leibchen angenäht war. Die weiten Ärmel des Hemdes bedeckten den Arm. Vielfach hatte man auch Röcke von Wollstoff oder Tirtich, reich gefältet, daher weit abstehend und nur bis zur halben Wade reichend. Ging die Frau aus, so legte sie ein Brusttuch, Schnauptuch genannt, um die Schultern. Es war ein großes, weißes, mit reicher Stickerei gearbeitetes Mulltuch, das über der Brust gekreuzt und mit sei- nen Zipfeln unter dem Schürzenbande befestigt wurde. Außerdem waren weiße Wolltücher, umran- det mit grellroten Blumengirlanden in Gebrauch. Als Trauerkleidung trug man seidene Schnaub- tücher. Es war Sitte, den verstorbenen Frauen die Hälfte des Tuches mit ins Grab zugeben; die ande- re Hälfte wurde pietätvoll aufbewahrt. Um den Leib hatten die Weiber eine Schürze ge- bunden. Sie umspannte fast die ganze Taille. Sie wurde aus der doppelten Breite des Stoffes gear- beitet. Für den Sonntag wurde in zwei Farben schillernde Seide bevorzugt. Ein gewöhnliches Frauenkleid kostete zwei, in besseres vier Taler; Schnaubtücher hatte man bis zu sechs und Schür- zen bis zu einem Taler. Strümpfe und Schuhe wa- ren wie bei den Männern, nur leichter und zierli- cher gearbeitet. Quelle: „Aus vergangenen Tagen“ Band 1, Ausgewählte Geschichten und Sagen von der Saar gesammelt und er- zählt von Adam Görgen, Trier 1904
  • 23. 24 Agnes Groß DasFronleichnamsfest–HochfestdesLeibesundBlutesChristi Fronleichnam wird jährlich gefeiert am zweiten Donnerstag nach Pfingsten und ist durch die Pro- zession mit dem eucharistischen Brot, eingefasst in die sonnenförmige Monstranz (lat. monstrare = Zeigen) zu einem typisch katholischen Fest geworden. Entstanden ist Fronleichnam in der belgischen Stadt Lüttich und wurde dort 1246 zum ersten Mal gefeiert. Zwanzig Jahre später hat der aus Lüttich stammende Papst Urban IV. das Fest 1264 für die ganze Kirche eingeführt. Leichnam bedeutet nicht — wie vielfach ange- nommen — „toter Leib“, sondern Leib. Fron kommt von Herr. In Köln fand die erste Fronleich- namsprozession statt. 1279 wurde hier das eu- charistische Brot zum ersten Mal feierlich durch die Stadt getragen. Neben der heute üblichen Prozession durch Straßen und Wege gibt es auch Schiffsprozessionen, so auf eini- gen Alpenseen und auf dem Rhein bei Köln, die sogenannte Mühlheimer Gottestracht. Das Fest folgt auf den Sonntag nach Pfingsten und knüpft an den Gründonnerstag an, der wegen der Karwoche nicht in großer Feierlichkeit begangen werden kann. Fronleichnam spiegelt die Frömmigkeit des hohen Mittel- alters wider. Bei der Messe wird die Wandlung besonders her- ausgehoben. Der Priester hebt die Hostie hoch, so dass alle sie sehen können. Nicht mehr der Verzehr des gewandelten Brotes, sondern das Sehen tritt in den Vordergrund. Der Augenblick der Wandlung wird durch die Monstranz, die das geweihte Brot einrahmt, festgehalten. Eine zweite Wurzel des Festes sind die Flurum- gänge, um die Felder bzw. die Stadtviertel zu segnen. Deshalb macht die Prozession an vier Altären Halt, um alle Himmelsrichtungen abzu- schreiten. Da es auch vier Evangelien gibt, wird an jedem Altar aus einem anderen Evangelium gelesen. Der Prozessionsweg wird mit Blumen und Fahnen geschmückt, die Monstranz wird un- ter einem Tuch getragen, das an vier Stöcken ausgespannt ist und „Himmel“ genannt wird. In Lisdorf wurde früher — wie auch in anderen katholischen Gebieten — das Fronleichnamsfest in großer Form gefeiert. Die vier Altäre wurden mit vielen Blumen prunkvoll hergerichtet und die Straßen und Häuser, an denen die Prozession vorbei kam, schön geschmückt. Am Fronleich- namsfest war bereits in aller Frühe geschäftiges Treiben festzustellen. An der Prozession nahmen in der Regel annähernd 1000 Pfarrangehörige teil, darunter Fahnenabordnungen von mehre- ren Vereinen und Gruppen, die örtliche Schule, der Kindergarten, die Kommunionkinder sowie fast alle Vereine. Auch heute ist Fronleichnam in Lisdorf noch ein bedeutendes Fest; an der Prozession beteiligen sich immer noch zahlreiche Pfarrangehörige. Fronleichnams – Altar im Jahre 1954 an der Straßenecke Feld– /Deichlerstraße in Lisdorf Der Beitrag wurde nach dem Buch „Die Feste im Kirchen- jahr“ von E. Bieger SJ gefertigt.
  • 24. 25 Fronleichnams – Altar im Jahre 2002 vor dem Gewächshaus von Frau Maria Schwarz–Schmitt im Touvening in Lisdorf Das Allerheiligste, getragen von Kaplan Hüsch, unter dem „Himmel“ bei der Fronleichnams–Prozession im Jahre 2002 in Lisdorf Fronleichnams–Prozession im Jahre 2002 in Lisdorf mit den Fahnenabordnungen des Berg– und Hüttenarbeitervereins, der Ka- tholischen Frauengemeinschaft und des Lourdes–Vereins
  • 25. 26 LisdorferHeimatkundlerinRom Seit 2004 weilten sieben Reise– und Pilgergruppen mit insgesamt etwa 250 Teilnehmern des Heimat- kundevereins Lisdorf in Rom. Aufgrund der schwe- ren Erkrankung des Reise- organisators mussten die Reisen, die sich steigen- der Beliebtheit erfreuten, ab 2007 vorerst ausge- setzt werden. Auf vielfa- chen Wunsch der Teilneh- mer veröffentlichen wir auf diesen Seiten einige Fotos von diesen Reisen. Besuch im Forum Romanum, April 2004 Besuch auf dem Kapitolshügel mit Stadt führerin Claudia Hensold und Valeria Lemma, April 2004 Lisdorfer Gruppe vor dem Colosseum, März 2005
  • 26. 27 Lisdorfer Gruppe vor einem der unzähligen historischen Gebäu- den in Rom. April 2005. Vorne links: unsere beliebte Stadt- führerin Anna Monti Besuch im Forum Romanum, Juni 2005 Lisdorfer Gruppe auf dem Petersplatz, Oktober 2006
  • 27. 28 Ebbes Wat es eigentlich EBBES? Jo ebbes es ewen Ebbes. Wenn en jonga Mann aan de Heirat denkt, moß er sich ebbes suchen. En Mättchen, dat ebbes hat, dat ebbes kann, on dat ebbes metbrengt. Wenn er dat gefonn hat, dann hat er ebbes, on zwar ebbes richtiges! Ebbes for et Herz, ebbes for et ganz Lewen. Dann gefft Hochzeit gefeiert, die darf ebbes koschten, damet de Leit sinn, dass ma ebbes hat, on se ach ebbes se schwätzen han, denn so ebbes woa noch net do. Daß ma ebbes sieht, ebbes erlewt, on ebbes vazehlen kann, geht ma off de Hochzeitsrääs, weil so ebbes kann ma nur äänmol machen. Dann geht de Zeit weider, on ma heert ebbes, ma es ebbes, ma schafft ebbes, ma kaaft ebbes, ma saat ebbes, ma geft ebbes, on off äänmol erwaat ma ebbes. Die Noopan hann dann kään Rouh on saan: Kre-ien die ebbes, oder hann die schon ebbes, kre-ien die iwwerhaupt ebbes, oder wollen die iwwerhaupt ebbes. Off äänmol kre-ien die wirklich ebbes, on dann hann die tatsächlich ebbes. Wenn dann da Bou schraait, dann fehlt em ebbes, wenn er Honga hat dann gre-it er ebbes. Schraait da Bou dann weider, dann fehlt em ebbes anneres, dann fehlt em wirklich ebbes. Vielleicht hat da Bou ach ebbes gemach? Es da Bou dann greeßer, dann kemmt er en de School on da Lehrer lehrt en ebbes. Wenn da Lehrer en ebbes froot, on er wääs neischt, dann gre-it er ebbes, off de Fengern, oder hennen droff. Kemmt da Bou dann aus da School, soll er ebbes lehren, beiem Mäschter der ach ebbes kann, on ebbes wääß, daß da Bou spääder ach ebbes vom Geschäft vasteht, dass er wenn er alt es, aach ebbes hat. Also: wer neischt wääß — kann ebbes heeren wer neischt kann — kann ebbes lehren wer neischt es — kann ebbes genn wer neischt hat — kann ebbes erwerben. Et gefft Leit, die mennen, se wären ebbes — se hätten ebbes — se wüßten ebbes — se wollten ebbes — se dürften ebbes — on se bekämen ebbes. Awwer die mäschten von denen, die wäsen neischt — se genn neischt — hann neischt — kre-jen neischt — dürfen neischt — wollen neischt — on kennen neischt. Sinn da — dat es ach ebbes! Wat eich auch vazehlt hann, dat wor neischt — awwerdoch wenichstenz EBBES! Die Redaktion
  • 28. 29 Nachruf Seit der letzten Herausgabe eines Heimatblattes sind folgende Mitglieder verstor- ben, denen wir bei ihrer Beerdigung und in mehreren Messfeiern gedacht haben. Waltraud Rupp – Steuer Lisdorf * 1941 † 2006 Herbert Luxenburger Lisdorf * 1935 † 2006 Georg Jungmann Lisdorf * 1917 † 2006 Peter Guckeisen Lisdorf * 1941 † 2006 Berta Dini – Klein Lisdorf * 1911 † 2007 Ludwig Freichel Lisdorf * 1936 † 2007 Siegfried Kneip Saarlouis * 1939 † 2007 Mathilde Darré – Bommersbach Lisdorf * 1946 † 2007 Alois Schmitt Schwalbach * 1938 † 2007 Erich Welsch Lisdorf * 1935 † 2007 Sylvia Pracht – Geraldy Lisdorf * 1960 † 2007 Alfred Wilhelm Lisdorf * 1952 † 2007 Adolf Breininger Lisdorf * 1934 † 2008 Helmut Speth Felsberg * 1940 † 2008 Elisabeth Müller – Weiß Lisdorf * 1913 † 2008 Lucie Amann – Amann St. Avold–Dourdahl * 1925 † 2008 Ella Groß – Mathieu Wadgassen * 1922 † 2008 Anneliese Bohschulte –Destruelle Lisdorf * 1920 † 2008 Reinhold Rupp Lisdorf * 1912 † 2009 Hedi Naumann Lisdorf * 1953 † 2009 Erna Willkomm – Kneip Lisdorf * 1913 † 2009 Wir werden sie in dankbarer Erinnerung behalten und ihnen ein eh- rendes Andenken bewahren. Verein für Heimatkunde Lisdorf e.V.
  • 29. 30 LisdorferHeimatkundleraktivbei „Picobello“ Wie alljährlich beteiligte sich der Heimatkundeverein Lisdorf auch dieses Jahr an der landesweiten Frühjahrsputzaktion „Saarland Picobello“. Zu Beginn der Aktion stellte sich ein Teil der freiwilligen Helferinnen und Helfer aus Lisdorf dem Fo- tografen zu einem Gruppenbild. Mit Fahrzeugen des NBS und unseres Freundes Vinzenz Groß wurden regelrechte Müllmassen, die von Mitbürgern achtlos in die Natur geworfen wurden, ordnungsgemäß entsorgt. ,
  • 30. 31 Wir gratulieren unseren Mitgliedern zu ihren Geburtstagen im 1. Halbjahr 2009 70 Jahre Richard Senzig Lisdorf – Holzmühle Günter Groß Lisdorf – Holzmühle Helga Welsch Picard Helene Wetta Schiffweiler Waltraud Fritz Lisdorf 75 Jahre Anna Groß – Rullang Lisdorf Gisela Groß – Suzanne Fraulautern Manfred Sonntag Lisdorf Josef Baltzer Saarlouis Fritz Becker Lisdorf – Holzmühle August Balthasar Lisdorf 80 Jahre Edgar Amann Lisdorf Robert Eisenbarth Rehlingen Maria Focht – Schommer Ensdorf Erna Ney – Stutz Hülzweiler Josephine Hoen Großrosseln Kurt Folz Lisdorf – Holzmühle Theresia Lonsdorfer – Faust Lisdorf 90 Jahre Maria Wagner – Comtesse Lisdorf 98 Jahre Margaretha Amann – Breininger Lisdorf Wir wünschen allen Jubilaren auf ihrem weiteren Lebensweg Gottes reichen Segen.