Hausmitteilung
16. April 2012                                                            Betr.: Piraten, Mormonen, Springer, Disney

I st die Frage, ob ich einen Song oder einen Film aus dem Internet kostenlos her-
  unterladen darf, eine politische Frage? Ja, sie ist es geworden, spätestens mit
dem Aufstieg der Piratenpartei, welche die Freiheit zum Klick fordert und damit
die anderen politischen Parteien herausfordert. Die Download-Debatte ist Teil
einer großen Diskussion; die Gretchenfrage an unsere digitale Gesellschaft lautet:
Wie hast du’s mit dem Internet? Es ist eine Frage nach der Freiheit und ihren Gren-
zen, der sich der SPIEGEL in dieser Ausgabe dreifach nähert. Autor Dirk Kurbju-
weit, 49, warnt in einem Essay vor neuer Barbarei; ein Team von Kollegen be-
schreibt den Widerstand von Künstlern gegen den laxen Umgang mit geistigem Ei-
gentum; und in einem Streitgespräch zoffen sich der Musiker Jan Delay, 35, und
der Berliner Piratenpartei-Abgeordnete Christopher Lauer, 27 (Seiten 20, 24, 116).


W      ie es einer mit der Religion hält, spielt heutzutage in der politischen Ausein-
      andersetzung in Deutschland normalerweise keine Rolle. Anders in den
USA, wo gerade über den Republikaner Mitt Romney, 65, und seinen Glauben dis-
kutiert wird. Romney – voraussichtlich Herausforderer von Präsi-
dent Barack Obama, 50 – ist Mormone. SPIEGEL-Redakteur Ger-
hard Spörl, 62, recherchierte die Geschichte dieser Religion. In


                                                                                                                       GEORGE FREY / DER SPIEGEL
Salt Lake City traf er Richard Hinckley, 70, der in den sechziger
Jahren im Ruhrgebiet missioniert hatte. Zu Spörls Verblüffung
zückte Hinckley triumphierend eine SPIEGEL-Ausgabe von 1994.
Unter der Titelzeile „Die Ego-Gesellschaft“ hatte der SPIEGEL
die Abkehr Deutschlands von der Solidargemeinschaft beschrie-
ben – eine Entwicklung, die Mormonen beklagen (Seite 96).              Hinckley



A    xel Sven Springer war 19 Jahre alt, als er aus dem Internat entführt wurde –
     seither ist der Enkel des Verlegers Axel Cäsar Springer (1912 bis 1985) im Um-
gang mit fremden Menschen vorsichtig. Jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert später,
gab Springer, 46, sein erstes Interview. „Das brennt sich ein, das ist immer da“, so
beschrieb er die Folgen des Kidnappings im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteu-
rinnen Susanne Beyer, 42, und Isabell Hülsen, 38. Als er fotografiert wurde, schien
es Beyer, „als prüfe Springer seine Umgebung auf versteckte Gefahren“. Gelassen
hingegen sprach er über sein Leben und auch den Rechtsstreit mit Friede Springer,
69, der fünften Ehefrau seines Großvaters und mächtigsten Frau im Konzern. Dort
wird sich der Enkel mit seinen Aussagen nicht beliebt machen (Seite 140).


D    er Löwe, den Regisseur Alastair Fothergill, 52, in der kenianischen Masai Mara
     bei der Jagd filmen wollte, hatte wenig Appetit. Gemächlich umkreiste der
Hauptdarsteller der Kinoproduktion „Im Reich der Raubkatzen“ den Jeep des Auf-
                         nahmeteams und markierte dann sein Territorium, indem
                         er sich an dem Fahrzeug erleichterte. SPIEGEL-Redakteur
                         Martin Wolf, 37, wurde Zeuge der Unwägbarkeiten der
                         Tierfilmerei, als er Fothergill, der als Bester seiner Zunft
                         gilt, bei den Dreharbeiten für zwei Dokumentationen des
                         Disney-Konzerns begleitete: jene über Großkatzen, die
                              MARTIN WOLF / DER SPIEGEL




                         diese Woche in deutschen Kinos anläuft, und eine über
                         Schimpansen. Die wiederum waren am Drehort im Ur-
                         wald in Uganda aktiver, als dem Team lieb war – sie ko-
                         pulierten. Die Szene wird fürs Kino herausgeschnitten:
                         „Die Zielgruppe sind Familien“, sagt Wolf, „die möchte
Fothergill, Wolf         der Disney-Konzern nicht verstören“ (Seite 122).

Im Internet: www.spiegel.de                               D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                   3
In diesem Heft
 Titel
Wenn Kollegen Feinde sind – rund zwei
Millionen Deutsche leiden unter Mobbing ..... 56

 Deutschland
Panorama: Spitzengespräch über Atom-
endlagerung / Diskussion um Steuersenkungen
neu entfacht / Bußgeldverfahren
gegen Fluggesellschaften häufen sich ............. 15
Parteien: Künstler und Intellektuelle
machen gegen die Piraten mobil .................... 20
Essay: Wird das Internet zu einer Schule
der neuen Barbarei? ....................................... 24
SPD: Im SPIEGEL-Gespräch verteidigt
Parteichef Sigmar Gabriel Günter Grass ........ 26
CSU: Horst Seehofer plant den
Befreiungsschlag gegen die Kanzlerin ............ 31
Nahverkehr: Tübingen will als erste deutsche
Stadt Busfahren zum Nulltarif einführen ....... 32
Regierung: Schäubles Steuerabkommen mit der
Schweiz wäscht Schwarzgeldkonten weiß ...... 34
FDP: Generalsekretär Patrick Döring klagt
                                                                                                            Piraten im Shitstorm                                         Seite 20
                                                                     MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPD




im Interview über Anfeindungen aus dem
Piraten-Milieu ................................................ 36                                          Deutschlands Kreative verbünden sich gegen die Piratenpartei.
Prozesse: Hat der Staat einen Angeklagten
zum Drogenhandel angestiftet? ..................... 38                                                      Intellektuelle und Künstler fürchten um ihre Existenzgrundlage. Erst-
Internet: US-Regierung überholt Deutschland                                                                 mals geraten die Piraten ins Visier eines einflussreichen Gegners –
beim Schutz persönlicher Daten .................... 40                                                      und offenbaren die Schwächen ihres basisdemokratischen Modells.
Migranten: Gutausgebildete junge Griechen
suchen ihr Heil in Berlin – und scheitern ....... 41
Geheimdienste: Der neue BND-Chef
Gerhard Schindler fordert mehr Risikofreude
von seinen Agenten ....................................... 43
Kriminalität: Die Aussage eines

                                                                                                        Machtkampf im IWF
Auftragskillers brachte drei mutmaßliche
Mafiosi in Hagen vor Gericht ......................... 44                                                                                                                  Seite 68
 Gesellschaft                                                                                           Die Schwellenländer wollen der Euro-Zone nur Hilfe gewähren, wenn sie
Szene: Trainingsanzug für Pferde / Interview                                                            im Gegenzug mehr Einfluss auf den Internationalen Währungsfonds (IWF)
über die Nachteile der Pendlerpauschale und                                                             bekommen. Ende der Woche kommt es in Washington zum Showdown.
moderne Mobilität ......................................... 48
Eine Meldung und ihre Geschichte –
ein Sexshop für Christen und seine
theologische Begründung ............................... 49

                                                                                                        Das Ende der Party
Migration: Wie ein mexikanischer Boxer in
den USA sein Aufstiegsmärchen erlebt .......... 50
Ortstermin: In Hildesheim kämpft ein
                                                                                                                                                                           Seite 84
Ehemann um seine Anerkennung als Opfer                                                                  Italien, Spanien, Portugal und Griechenland suchen nach Auswegen aus
häuslicher Gewalt .......................................... 55                                         der Schuldenkrise und reformieren ihre Arbeitsmärkte. Taugen Gerhard
                                                                                                        Schröders Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze als Vorbild?
 Wirtschaft
Trends: Fragwürdige Ökofonds der
Postbank / Conergy-Chef wehrt sich gegen
Vorwurf der Kapitalvernichtung /

                                                                                                                                                      Aufsteiger aus
Einreiseverbot für Überraschungseier ............ 66
Weltwirtschaft: Im IWF verlangen die
Schwellenländer endlich mehr Macht ............ 68
Internet: Was wird das nächste große Geschäft
nach Facebooks Instagram-Deal? ................... 71
Veterinäre: Wie Deutschlands Tierärzte zu
                                                                                                                                                      Mexiko      Seite 50
Handlangern der Agrarindustrie wurden ....... 74
Gesundheit: Apotheker wollen mit                                                                                                                      Als Kind illegaler Einwan-
eigener Firma noch mehr Reibach bei                                                                                                                   derer in Los Angeles suchte
Krebsmedikamenten machen ......................... 78                                                                                                 er sich sein Essen im Müll,
Rabattprogramme: Strafanzeige gegen                                                                                                                   pflegte Umgang mit Latino-
die Lufthansa wegen Miles & More-                                                                                                                     Gangs, wurde dann doch
Unstimmigkeiten ............................................ 79                                                                                       kein Krimineller, sondern
                                                                     TODD BIGELOW / NOVUS SELECT




Schifffahrt: Weltweit wurden die Reeder                                                                                                               Weltmeister im Bantam-
Opfer des eigenen Größenwahns ................... 80
                                                                                                                                                      gewicht. Der mexikanische
 Ausland                                                                                                                                              Boxer Abner Mares lebt
Panorama: Die Oppositionelle Sainab                                                                                                                   den amerikanischen
al-Chawadscha über die Proteste gegen die                                                                                                             Traum – und glaubt nicht
Formel 1 in Bahrain / Zerwürfnis zwischen                                                                                                             daran.
Vatikan und irischen Katholiken ..................... 82

4                                                                                    D E R                   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Schuldenkrise: Vorbild Deutschland – wie
                                                                                                       Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen
                                                                                                       ihre Arbeitsmärkte reformieren ..................... 84
                                                                                                       Debatte: Timothy Garton Ash über den
                                                                                                       wachsenden Machtanspruch der Türken ........ 90
                                                                                                       Israel: Auf nach Berlin! .................................. 92
                                                                                                       Frankreich: Wahlkampf der Versprechungen
                                                                                                       und Illusionen ................................................ 94
                                                                                                       USA: Der Präsidentschaftsbewerber
                                                                                                       Mitt Romney und seine Religion .................... 96
                                                                                                       China: Der tiefe Fall der Gu Kailai ............... 100
                                                                                                       Global Village: Wie zwei Deutsche in
                                                                                                       Abu Dhabi Kamele retten wollen ................. 103

                                                                                                        Wissenschaft · Technik
                                                                                                       Prisma: Rosmarinduft verbessert die
                                                                                                       Denkleistung / War der Mars immer schon
                                                                                                       ein Wüstenplanet? ........................................ 104
                                                                                                       Psychologie: Wie die Überlebenden des
                                                                                                       Massakers von Utøya gegen ihr Trauma

  Grass, Israel und ein Gedicht
                                                                                                       kämpfen ....................................................... 106
                                                                                                       Automobile: Gehört die Zukunft den
                                                        Seiten 26, 92, 126                             Plastikautos? ................................................. 110
  Die Debatte um das Israel-Gedicht von Günter Grass geht weiter: SPD-                                 Innovationen: Software-Patente als Waffen ... 111
  Chef Gabriel nimmt den Dichter im SPIEGEL in Schutz; junge Israelis                                  Lifestyle: Leiden unter dem Outfit – eine
                                                                                                       US-Therapeutin behandelt Patienten mit
  blicken entspannt auf Deutsche; der Schriftsteller Michael Kleeberg                                  Kleiderschrank-Depressionen ....................... 112
  erklärt das Verhältnis zwischen Israel, dem Islam und Deutschland.
                                                                                                        Kultur

                                                                                         AFP
                                                                                                       Szene: Martin Roth, Chef des Victoria and
                                                                                                       Albert Museum in London, über eine
                                                                                                       Street-Art-Ausstellung in Libyen /
                                                                                                       Martin Walsers Essay über das Thema
                                                                                                       Rechtfertigung .............................................. 114

Sturz eines roten Prinzen                                                Seite 100
                                                                                                       Urheberrecht: SPIEGEL-Streitgespräch
                                                                                                       zwischen dem Pop-Musiker Jan Delay und
                                                                                                       dem Piraten-Politiker Christopher Lauer über
Peking hat Bo Xilai, den populären Parteichef von Chongqing, entmachtet.                               den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter .... 116
Wurde er Opfer der Richtungskämpfe in der KP, oder hat sich seine Familie                              Kino: Der Disney-Konzern setzt wieder auf
bereichert – und schreckte sie nicht einmal vor einem Mord zurück?                                     Tierfilme mit Löwen und Schimpansen ........ 122
                                                                                                       Bestseller ..................................................... 125
                                                                                                       Essay: Der Schriftsteller Michael
                                                                                                       Kleeberg über das Verhältnis der Deutschen
                                                                                                       zu Israel und zum Islam ................................ 126

Das Trauma der Überlebenden                                              Seite 106
                                                                                                       Denkmalschutz: In Italien überlässt der Staat
                                                                                                       Konzernen den Erhalt von Kulturstätten ...... 130
                                                                                                       Filmkritik: „My Week with Marilyn“ erzählt
Mit Fahrten auf die Todesinsel versuchen die Überlebenden des Massakers                                charmant ein wahres Märchen
von Utøya, ihr Trauma zu bekämpfen. Ob die Therapie hilft, wird sich auch                              über eine Diva und ihren Verehrer ............... 132
vor Gericht zeigen, wenn die Patienten dem Attentäter wiederbegegnen.
                                                                                                        Sport
                                                                                                       Szene: Pekings olympische Sportstätten
                                                                                                       verkommen / Der Sportarzt Martin Brustmann
                                                                                                       – ein Pionier des Dopings im Jahr 1912 ........ 133

Der wahre König                                                                                        Fußball: Wie die Bunkermentalität des Trainers
                                                                                                       José Mourinho Real Madrid verändert hat ... 134
                                                                                                       Motorradrennen: Superstar Valentino Rossi
der Löwen Seite 122                                                                                    und sein Rennstall Ducati – eine italienische
                                                                                                       Beziehungskrise ............................................ 137

Der britische Regisseur                                                                                 Medien
Alastair Fothergill („Unsere                                                                           Trends: Thomas Gottschalk zieht Quotenbilanz
Erde“) dreht für den Disney-                                                                           der ARD nach unten / Neue Runde
Konzern Tierfilme über                                                                                 im Streit um ProSiebenSat.1-Verkauf ............ 139
Raubkatzen und Schim-                                                                                  Verlage: SPIEGEL-Gespräch mit Axel Sven
                                                                                                       Springer über seinen Großvater Axel Cäsar
pansen – kindgerechte Doku-                                                                            und seinen Erbstreit mit dem Konzern ......... 140
mentationen, die Disneys
Zeichentrick-Klassiker „Der                                                                            Briefe ............................................................... 8
König der Löwen“ nach-                                                                                 Impressum, Leserservice .............................. 148
eifern. Das Vorhaben erfor-
                                                                                         DISNEY FILM




                                                                                                       Register ........................................................ 150
dert Kompromisse: Sex im                                                                               Personalien ................................................... 152
Tierreich ist tabu.                                                                                    Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154
                                                                                                       Titelbild: Foto Axel Martens für den SPIEGEL

                                                D E R    S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                                       5
Briefe

                                                                                                                             den auf einer Eisenbahnbrücke im wei-
                                                                                                                             ßen Rauch gestanden. Dort haben wir
                                                                                                                             gierig den „Duft“ der Lok eingesogen
                                               „Heimat ist, wo mit wenig                                                     und immer wieder die Schelte unserer
                                                                                                                             Mütter hingenommen, so schön fanden
                                               Worten viel gesagt werden                                                     wir das Schauspiel! Dies noch einmal rie-
                                               kann und der Dialekt                                                          chen zu können, was wäre ich glücklich!
                                                                                                                                     CHRISTEL KRAMER, FERNWALD (HESSEN)
                                               so derb daherkommt,
                                                                                                                             Sie fragten: „Warum kann man nicht nach
                                               wie der Boden steinig ist.“                                                   Herzenslust Heimat sagen, Heimat lie-
                                                                                                                             ben, Heimat vermissen?“ Dazu gibt es
                                                                                                                             eine bewegende Aussage des Mannhei-
    SPIEGEL-Titel 15/2012, Ausgabe Bayern          KARL WEIS, HOLZGERLINGEN (BAD.-WÜRTT.)                                    mer Juristen Ernst Stiefel, den das Nazi-
                                                                                                                             Reich zwangsweise nach Amerika ver-
                                                                                                                             schlagen hat: „Man kann einen Menschen
Nr. 15/2012, Was ist Heimat? –                                                                                               aus seiner Heimat vertreiben, aber nicht
Eine Spurensuche in Deutschland                                                                                              die Heimat aus dem Menschen.“
                                                                                                                                                  BERND SCHULTZ, BERLIN

Urige Eingeborene                                                                                                            Heimat ist da, wo meine Familie und
Selten zuvor hat mich ein SPIEGEL-Bei-                                                                                       Freunde sind: in Bad Wörishofen, wo ich
trag emotional so berührt. Geboren in                                                                                        die Schule besuchte, in München, wo ich
Datteln (Kreis Recklinghausen) und auf-                                                                                      studierte und arbeitete, in Tirol, wo ich
gewachsen in Dortmund, habe ich meine                                                                                        jahrzehntelang Ferien machte, in Nicara-




                                                                                             MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Heimat vor drei Jahren studienbedingt                                                                                        gua, das ich in mein Herz geschlossen habe!
verlassen und seitdem phasenweise in                                                                                                   DR. HORST ENGLER-HAMM, MÜNCHEN
Mannheim, Frankfurt am Main und Sofia
(Bulgarien) gewohnt. Ich habe die regel-
mäßigen Wechsel meines Wohnorts im-                                                                                          Nr. 14/2012, Gespräch mit Daniel
mer als spannend empfunden. Und eines                                                                                        Cohn-Bendit über das Altern der 68er
habe ich dabei gelernt: Wohnort ist            Dortmunder Lokalpatriot vor Hochofen
Wohnort, und Heimat bleibt Heimat.
                TOBIAS OHLENHOLZ, MANNHEIM     Einer der schönsten Sprüche zur Heimat
                                                                                                                             Dicke Eier
                                               findet sich bei Tacitus: „Wer hätte auch                                      Mit welcher Nonchalance Cohn-Bendit
Zwölf interessante Landschafts- und Stim-      Germanien aufsuchen wollen, landschaft-                                       befindet, Fischer (Siemens) hätte im Ge-
mungsbilder. Und dann ein Brauchtums-          lich ohne Reiz, rau im Klima, trostlos für                                    gensatz zu Schröder (Gazprom) nie eine
bild. Und das soll Bayern repräsentieren?      den Bebauer wie für den Beschauer, es                                         Grenze überschritten! Als gäbe es einen
Für einen Franken ein starkes Stück und        müsste denn seine Heimat sein?“                                               Unterschied zwischen Räuber und Bandit.
garantiert kein Bild meiner Region.               EBERHARD FOTH, WALDBRONN (BAD.-WÜRTT.)                                     Beiden würde ich heute die Hand nicht
                  ANDREAS GEISLER, NÜRNBERG                                                                                  reichen.
                                               Danke dafür, dass ihr uns urigen Einge-                                                        GODRAM MOHR, RAVENSBURG
Mich wundert nicht, dass im Artikel die        borenen am Weißwurstäquator durch das
Millionen Heimatvertriebenen nicht er-         Titelbild für die Region Bayern klarge-                                       Mein Gott, SPIEGEL! Was interessieren
wähnt wurden: politisch unkorrekt! In un-      macht habt, was unsere Heimat ist: die                                        mich die dicken Eier von Daniel Cohn-
serem Großfamilienhaus hinter den Dü-          Bühne des Tegernseer Bauerntheaters,                                          Bendit? Angesichts der Aussage: „Mein
nen an der Ostsee leben seit 1945 Polen.       wo wir Jodelheinis in der Lederhosn Holz                                      ständiger Flirt mit allen Kindern nahm
Ist uns recht geschehen, wir waren ja alle     hacken für die „preißischen“ Gäste und                                        bald erotische Züge an“, kann man ja nur
Nazis, auch ich, das Kind, auch meine          wo die Jungs nicht das Smartphone, son-                                       hoffen, dass der Grüne Bendit seinen
alte Großmutter. Pardon, aber nicht einen      dern den Sepplhut am Ohr haben.                                               Phallus nur selbst im Griff hatte, auch
Tag vergesse ich meine verlorene Heimat.        MAXIMILIAN APFELBÖCK, SCHWABACH (BAYERN)                                     ohne Viagra. Ja, auch ich habe Angst vor
Die Deutschtürkin Selçuk hat zumindest                                                                                       dem Tod. Was mich aber jetzt am meisten
die Möglichkeit, nach Istanbul zurück-         In meiner Heimatstadt Gießen, geschun-                                        ängstigt, ist ein solcher Aufmacher in ei-
zukehren.                                      den nach dem Krieg, zu 80 Prozent in                                          nem Nachrichten-Magazin.
                   DAGMAR GALIN-BROCKSIEN,     Schutt und Asche gelegt, habe ich als                                                            THOMAS BÖWER, HAMBURG
         SAINT BONNET DE BELLAC (FRANKREICH)   Kind täglich mit Geschwistern und Freun-                                             VIZEPRÄS. DEUTSCHER FAMILIENVERBAND

Wie man es auch dreht und wendet: Die
Gewissheit, eine Heimat (gefunden) zu
haben, ist das Resultat intensiver Selbst-
                                                 Diskutieren Sie im Internet
findung, ganz unabhängig von irgendwel-          www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel
chen geografischen Koordinaten.
      MATTHIAS KAISER, HAUSACH (BAD.-WÜRTT.)     ‣ Titel Was können Unternehmen gegen Mobbing tun?

Heimat ist ein weiter Raum mit Traditio-         ‣ Umwelt Sollte Busfahren kostenlos sein?
nen, die wir zu pflegen haben. Das kann
nicht bloß konservativ-folkloristisch, son-      ‣ Internet Schluss mit der Anonymität in Blogs
dern muss sehr zeitbezogen sein.                   und Foren?
           RUDOLF PRIEMER, GRIMMA (SACHSEN)

8                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 14/2012, Wie Rumänen ihr Dorf nach                                               ihrerseits abverlangt, zum Beispiel die
Berlin verlegen                                                                      Kinder rechtzeitig zu Bett zu bringen und
                                                                                     rechtzeitig zu wecken, wird nicht mit der
In Gottes Hand?                                                                      nötigen Selbstdisziplin angenommen. Sie
                                                                                     ziehen es vor, ihre Zukunft in Gottes
Das Geld schenkt Mama Angela? Die So-                                                Hand zu legen.
zialhilfe der Staat? Mit dieser Lebenslüge                                              JOSEFINE NEUMANN UND HELGA METTERNICH,
halten wir erwachsene Menschen ein Le-                                                                                 BERLIN
ben lang infantil. Denn das alles bezahlen
Busfahrer, Putzfrauen, Verkäuferinnen,                                               Nr. 14/2012, Mangelnde Kontrolle
Lehrer und viele andere Menschen, die                                                im Organspendewesen
von morgens bis abends arbeiten. Von ih-
rem Monatslohn wird das Geld abgezo-
gen. Hier ist das Gleichgewicht zwischen
                                                                                     Handfestes Geschäft
Geben und Nehmen gestört. So wird das                                                Der gutrecherchierte Beitrag macht deut-
Sozialhilfe-Nomadentum gefördert. Be-                                                lich, dass es bei der Transplantations-
ten für Angela ist gut. Gerechter wäre es                                            medizin keineswegs nur um den humanen
aber, wenn die erste Frage der Angekom-                                              Aspekt der sogenannten Organspende
menen lauten würde: Und was können
wir für euch tun?
          DR. BOGLARKA HADINGER, TÜBINGEN

Ein Stück, eine Beschreibung, die dem
Leser die Chance lässt, seine eigenen
Schlüsse zu ziehen – diese unaufgeregte,
kurze und doch sehr spannende Repor-
tage von Özlem Gezer ist einfach gut ge-
machter Journalismus.




                                                                               EPD
                      RALF SCHEMEL, LEIPZIG
                                                                                     Organtransplantation, Transportbox
Bleibt zu hoffen, dass die volkswirtschaft-
liche Chance, die Kinder der beschriebe-                                         geht, sondern auch um ein handfestes Ge-
nen Familien gut auszubilden und durch                                           schäft, im Übrigen auf der Basis einer
beruflichen Erfolg zu Einzahlern in unser                                        vorsätzlichen Täuschung. Denn die
Sozialsystem werden zu lassen, nicht                                             „Spender“ sind weder tot noch Spender,
durch ordnungspolitisches Handeln ver-                                           soweit sie keinen Organspenderausweis
tan wird.                                                                        unterschrieben haben. Wenn Angehörige
                 MARTIN RAUNER, WUPPERTAL                                        ihre Zustimmung geben, spenden sie et-
                                                                                 was, das ihnen nicht gehört.
Wir haben in ehrenamtlicher Arbeit mit                                                                  RICHARD FUCHS, DÜSSELDORF
den Neuköllner Roma-Familien tiefe Ein-
sichten in deren Welt gewonnen. Auf-                                                 Es erinnert mich an das Drückergebaren
                                                                                     übler Verkäufer an der Haustür, wenn die
                                                                                     Krankenkassen offizielle Formulare der
                                                                                     Bundeszentrale für gesundheitliche Auf-
                                                                                     klärung an ihre Mitglieder versenden, den
                                                                                     Organspendeausweis. Das von mir so
                                                                                     empfundene Täuschungsmanöver bestä-
                                                                                     tigt leider meine große Skepsis gegenüber
                                                                                     der Organspende in der BRD.
                                                                                          REGINA WINSMANN, WEDEMARK (NIEDERS.)
                                              DJAMILA GROSSMAN / DER SPIEGEL




                                                                                       Korrekturen
                                                                                       zu Heft 13/2012
                                                                                       Seite 117, „Falscher Abschied“: Die
                                                                                       vermeintlich letzten Worte „Wehe
Roma-Unterkunft in Berlin                                                              mir, ich glaube, ich habe mich be-
                                                                                       schissen“ wurden nicht dem römi-
grund ihrer Religion stehlen die Neuköll-                                              schen Kaiser Tiberius zugeschrieben,
ner Roma nicht, sie schlagen ihre Frauen                                               sondern Kaiser Claudius.
nicht, sie trinken keinen Alkohol, sie flu-
chen nicht, sie rauchen nicht einmal. Zum                                              zu Heft 14/2012
anderen aber haben sie sehr große                                                      Seite 54, „it(wert1==wert2){“: Die in
Schwierigkeiten damit, die Wichtigkeit                                                 der Überschrift und später auch im
der zahlreichen Integrationsangebote ein-                                              Text genannte Anweisung muss mit
zusehen, vor allem für ihre Kinder. Alles,                                             if anstelle von it beginnen.
was auch nur die geringste Anstrengung
10                           D E R   S P I E G E L                                      1 6 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 14/2012, Der Versuch, mit Mathematik  Ganz ohne die von Ihnen thematisierten te ich, dann sagte ich meinem Sohn:
Menschen zusammenzubringen                „Kopfstandhocker“ und „Klangschalen“ „Kümmer dich in Zukunft selbst um deine
                                          besuchen wir seit mehreren Jahren mit Schulsachen, wenn du Hilfe brauchst, bin
Werk des Zufalls                          großem persönlichen Gewinn unseren ich da!“ Das funktioniert seit drei Mona-
                                          „Yogakurs für den gesunden Rücken“. ten, seine Noten haben sich nicht verän-
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net haben oft den Nachteil, dass sich die sen Yoga-Kurs und die davon ins tägliche
Nutzungsverträge automatisch verlän- Leben übernommenen Anregungen auf
gern. Auch ich habe meine Partnerin über Dauer weniger Besuche beim Orthopä-
das Internet kennengelernt, allerdings in den und Bitten um die rar gewordene Ver-
einer kostenlosen Single-Börse, ganz ohne schreibung von Krankengymnastik und
Fragebögen, Liebesformel und Psycho- Massage nötig sind.




                                                                                                                                                                                                 THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK
tests.                                          BEATE ERDMANN UND IDA PANKRAZ, BONN
                   FRANK SCHULZE, HAMBURG
                                                                                     Als Entspannungsmethode wäre Autoge-
Nach knapp zwei Jahren Parship komme                                                 nes Training tatsächlich einfacher und bil-
ich zu folgendem Resümee: Auch noch                                                  liger. Yoga kann aber durchaus körperlich
so ausgeklügelte Charakterformeln än-                                                und psychisch wirksame Prävention be-
dern nichts daran, dass alles ein Werk des                                           inhalten. Dazu müsste berücksichtigt wer-       Junge Gymnasiasten
Zufalls bleibt. Der emotionale Einsatz ist                                           den, dass Menschen in der westlichen Kul-
hoch, das Ergebnis oft enttäuschend. Bei                                             tur anders sozialisiert werden als in In-       dert. Er schreibt Dreien und Vieren, das
Parship muss Mann – erst recht, wenn er                                              dien. Deswegen sollte Yoga hier in der          ist total okay, so fällt er nicht durch und
der Generation 60plus angehört – stark                                               Regel mit psychologischer Selbsterfah-          schafft das Abi. Was will ich denn mehr
bleiben.                                                                             rung ergänzt werden, anstatt solche er-         von ihm?
                     RAINER RUTZ, MÜNCHEN                                            setzen zu wollen. Leider handelt es sich                          SANDRA CAPRARELLA, STUTTGART
                                                                                     oft wirklich nur um indische Folklore. Die
Das größte Problem vieler Menschen ist,                                              westliche Yoga-Szene scheint weniger auf        Wer heutzutage in der letzten Reihe sitzt,
dass sie zu hohe Ansprüche an einen et-                                              Qualität als auf Quantität zu setzen.           schwätzt, hinter dem Heft mit dem
waigen Partner stellen. Die Verweige-                                                              DR. BRIGITTE HALEWITSCH, KÖLN     Handy spielt und sich sonst nicht am Un-
                                                                                                                  YOGA-LEHRERIN      terricht beteiligen mag, bekommt bei den
                                                                                                                                     meisten Lehrern noch eine Vier. Vier, das
                                                                                                                                     heißt wörtlich „ausreichend“ und gilt als
                                             JÖRG MÜLLER / AG. FOCUS / DER SPIEGEL




                                                                                     Nr. 14/2012, Warum es falsch ist, aus           bestanden. Mit Strebertum und chinesi-
                                                                                     unseren Kindern Streber zu machen               schen Verhältnissen hat die Realität an
                                                                                                                                     deutschen Schulen nichts zu tun.
                                                                                     Im Takt des Zeitkorsetts                            MICHAEL KIND-LUNDT, GUMMERSBACH (NRW)
                                                                                                                                                                       SCHÜLER
                                                                                     Der Artikel trifft unsere Situation genau.
                                                                                     Nichts ist „unserem“ Schulalltag ferner         Dieser Artikel hetzt die Gesellschaft ge-
                                                                                     als Gelassenheit. Kinder, Eltern und Leh-       gen Schüler auf, die gern mehr für den
Diagramm aktiver Parship-User                                                        rer sind gehetzt, gestresst und nie mit         Unterricht tun. Es irritiert mich, wie El-
                                                                                     der Arbeit fertig. Jedes Vertiefen, Aus-        tern, deren Kinder lieber „Musik hören
rung, Menschen näher kennenzulernen,                                                 probieren, jede Hingabe an ein Thema            oder Fußball spielen oder einfach gar
die nicht den Wunschvorstellungen ent-                                               bringt „unser“ Zeitkorsett aus dem Takt.        nichts tun“, die Schüler, die freiwillig ihre
sprechen, hat vielleicht zur Folge, dass                                             Angesichts des immer offensichtlicher           Zeit in Schulaufgaben stecken, nicht re-
es keinen zweiten Blick „hinter die Ku-                                              werdenden Wahnsinns entscheiden „wir“           spektieren und diese lieber als Produkt
lissen“ gibt. Dieser würde aber vielleicht                                           uns immer häufiger für die frische Luft         ehrgeiziger Mittelschichtler darstellen.
doch einen Menschen enthüllen, mit dem                                               anstelle des Schreibtischs.                     Solche Diskriminierung wird von diesen
man sein Leben verbringen möchte.                                                           KATHRIN UND ELMAR KRASKA, DUISBURG       Eltern an ihre Kinder weitergegeben.
                FRAUKE SCHÖNHOFF, BOCHUM                                                                                                                A. ORBEN, FRANKFURT AM MAIN
                                                                                     Nach einem Schlüsselerlebnis muss ich                                                SCHÜLERIN
                                                                                     nicht mehr büffeln: Ein Bekannter sagte
                                                                                     mir, es sei doch normal, dass mein Sohn,        Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
Nr. 14/2012, Teuer und gefährlich –                                                                                                  Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
die Schattenseiten des Yoga-Booms                                                    11, keine Verantwortung für die Schule          tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
                                                                                     übernehmen wolle. Ein paar Tage grübel-         leserbriefe@spiegel.de

Ganz ohne Klangschalen
Zwar habe ich Yoga selbst nie betrieben,
aber ich habe einen Arbeitskollegen, der
angibt, durch regelmäßiges Yoga keine
                                                                                                              Aus der SPIEGEL-Redaktion
Rückenbeschwerden mehr zu haben.                                                                              Geschichte und Politik, Kultur und Religion – zu diesen Themen
Wahrscheinlich ist es so, dass man mit                                                                        hat der SPIEGEL im vergangenen Jahr große Wissenstests
Yoga gesundheitlichen Problemen besser                                                                        veröffentlicht, die Taschenbuchreihe „Wie gut ist Ihre Allgemein-
begegnen kann, als die Pharma-Industrie                                                                       bildung?“ fand Hunderttausende Leser. Auf all die schweren
(und der SPIEGEL) es zugeben will. Wie-                                                                       Stoffe folgt nun ein Test zum Thema Fußball, der unwichtigsten
so sollten die Krankenkassen nicht auf                                                                        Hauptsache der Welt. Das Buch enthält 150 Fragen zu bekann-
diese Weise in die Gesundheit ihrer Ver-                                                                      ten Ereignissen, berühmten Spielern und mancher Skurrilität,
sicherten investieren?                                                                                        dazu Interviews mit den Stürmern Uwe Seeler und Mario Gomez.
                    GORDINA STECKERT, KÖLN                                                                    Es erscheint am 19. April.
12                                                                                         D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Panorama                                                                                                    Deutschland




                                                                                                                                                           DANIEL ROSENTHAL / LAIF
  Salzstock Gorleben



                                   AT O M M Ü L L
                                                                                                             das nach Jahre dauerndem Streit eine
                                                                                                             Grundlage für eine geordnete Suche

   Einigung über Endlagergespräche
                                                                                                             nach einem Atomendlager bieten soll.
                                                                                                             Ein ursprünglich für den 11. März ge-
                                                                                                             plantes Treffen war wegen Unstimmig-
                                                                                                             keiten geplatzt. Umstritten ist vor allem,
  Die Verhandlungen über ein Gesetz zur    weltminister Norbert Röttgen (CDU),                               ob und wie der Salzstock Gorleben mit
  Endlagersuche stehen anscheinend vor     die Ministerpräsidenten von Nieder-                               anderen potentiellen Standorten vergli-
  einem Durchbruch. Nach wochenlan-        sachsen und Baden-Württemberg, Da-                                chen werden soll. Jetzt rechnet Röttgen
  gem Ringen haben sich Vertreter von      vid McAllister (CDU) und Winfried                                 offenbar mit einer Einigung. „Ziel ist
  Regierung und Opposition auf den 24.     Kretschmann (Grüne), teilnehmen so-                               es, den jahrzehntelangen Kampf um
  April als Termin für ein Spitzen-        wie SPD-Chef Sigmar Gabriel und der                               diese Frage endlich zu beenden und bis
  gespräch zum sogenannten Standort-       Grünen-Fraktionschef im Bundestag                                 zum Sommer ein Rahmengesetz über
  auswahlgesetz geeinigt. An dem Tref-     Jürgen Trittin. Bund und Länder bera-                             die einzelnen Verfahrensschritte zu be-
  fen sollen unter anderem Bundesum-       ten seit fünf Monaten über ein Gesetz,                            schließen“, sagt er.




     RECHTSTERRORISMUS
                                           serie mit einem Sprengstoffanschlag                                schen den Radfahrern. In ihrem Be-
                                           des NSU in Köln untersucht, bei dem                                richt fasste die Soko „Bosporus“ im

      Zwei Männer auf                      im Juni 2004 22 Menschen teils lebens-
                                           gefährlich verletzt wurden: Auch hier
                                                                                                              Mai 2008 zusammen: „Aufgrund der
                                                                                                              Opferauswahl (Türken)“ und „der Ver-

        Fahrrädern                         waren zwei Männer mit Mountain-
                                           bikes gesehen und von einer Video-
                                           kamera gefilmt worden. Die Ermittler
                                                                                                              wendung von Fahrrädern“ könne „ein
                                                                                                              Zusammenhang nicht ausgeschlossen
                                                                                                              werden“. Sogar im Fall der 2007 in
Bayerische Ermittler waren den Terro-      zeigten einer Zeugin des dritten Nürn-                             Heilbronn ermordeten Polizistin Mi-
risten des „Nationalsozialistisches Un-    berger Mordes die Aufnahmen: Die                                   chèle Kiesewetter gab es Hinweise auf
tergrunds“ (NSU) offenbar dichter auf      Frau erkannte Ähnlichkeiten zwi-                                   verdächtige Radler: Gleisarbeiter der
der Spur als bislang bekannt. Wie aus                                                                         Bahn hatten damals zwei Mountain-
einem vertraulichen Bericht der Son-                                                                          bike-Fahrer beobachtet, die in unmit-
derkommission „Bosporus“ hervor-                                                                              telbarer Nähe des Tatorts miteinander
geht, war den Fahndern bereits früh                                                                           diskutierten. Wenig später seien
ein außergewöhnliches Muster im Ver-                                                                          Schüsse gefallen. Warum der Radfah-
halten der Täter aufgefallen: In vier                                                                         rer-Spur letztlich keine größere Be-
von neun Mordfällen der sogenannten                                                                           deutung beigemessen wurde, ist un-
Ceska-Serie hatten Zeugen jeweils                                                                             klar.
zwei Männer auf Fahrrädern beobach-                                                                           Ein weiteres potentielles Opfer des
tet, die sich in Tatortnähe aufhielten.                                                                       braunen Terrorkommandos war offen-
Die detaillierten Personenbeschrei-                                                                           bar der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl.
bungen passen teilweise exakt auf die                                                                         Durch einen Anruf des Bundeskrimi-
NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und                                                                              nalamts erfuhr der Bundestagsabge-
Uwe Mundlos, die im November nach                                                                             ordnete nach dem Tod der Terroristen,
einem Banküberfall in Eisenach er-                                                                            dass Mundlos und Böhnhardt ihn of-
schossen gefunden wurden. Das ver-                                                                            fenbar bereits ausgespäht hatten.
dächtige Radfahrer-Duo war dem Er-                                                                            „Sehr gute Lage, Zugang im Garten“,
mittlungsbericht zufolge zuerst im                                                                            hatten sie auf einer Liste notiert. Uhls
September 2000 gesichtet worden, als                                                                          Wahlkreisbüro gehört zu einer Reihe
in Nürnberg ein türkischer Blumen-                                                                            von Adressen von Prominenten, Ver-
                                                                                        POLIZEI KÖLN / DPA




händler ermordet wurde. Dann tauch-                                                                           einen und Politikern, die Ermittler am
te es 2001 (München), 2005 (Nürnberg)                                                                         Wohnsitz der Terrortruppe in der
und 2006 (Dortmund) an Tatorten auf.                                                                          Zwickauer Frühlingsstraße fanden und
Überdies hatte die bayerische Polizei                                                                         die sie für eine mögliche Todesliste
eine mögliche Verbindung der Mord-         Fahndungsfoto nach Kölner Anschlag 2004                            halten.
                                                D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                 15
Panorama

                                            L U F T FA H R T
                                                                                                                     line, kann der Passagier zwar beim LBA
                                                                                                                     einen Verstoß anmelden, die Ausgleichs-

       Entschädigung gleich ausbezahlen
                                                                                                                     zahlung muss er aber vor Gericht er-
                                                                                                                     streiten. Neuerdings gibt es sogar eigene
                                                                                                                     Service-Unternehmen wie EUclaim, die
                                                                                                                     anbieten, die Ansprüche für die Pas-
     Die Zahl der Bußgeldverfahren gegen             ein Bußgeld, das bis zu 25 000 Euro be-                         sagiere einzufordern. „Die Regierung
     Fluggesellschaften wegen verspäteter            trug. Insgesamt über 2,3 Millionen Euro                         muss die Airlines endlich zwingen, eine
     oder annullierter Flüge steigt sprunghaft       mussten die Airlines seit Einführung                            Schlichtungsstelle zu akzeptieren“, sagt
     an. Im vergangenen Jahr ermittelte das          neuer Fluggastrechte im Jahr 2005 zah-                          Tressel. Das Bundesverkehrsministe-
     Luftfahrtbundesamt (LBA) bei 1787 Be-           len. „Trotzdem kontrolliert die Bundes-                         rium bestätigte dem Parlamenta-
     schwerden von Passagieren. Sie hatten           regierung immer noch nicht ausreichend                          rier indes, was viele Passagie-
     insbesondere darüber geklagt, dass ih-          die Durchsetzung der Fluggastrechte“,                           re nicht wissen: Die Air-
     nen die Airlines den bei Verspätungen           kritisiert der Grünen-Abgeordnete Mar-                          lines müssen die Ent-          1787
     ab drei Stunden zustehenden Ausgleich           kus Tressel, der eine parlamentarische                          schädigung noch
     von mindestens 250 Euro nicht auszahl-          Anfrage zu diesem Thema im Bundes-                              am Flughafen
     ten. In 161 Fällen verhängte das LBA            tag gestellt hatte. Weigert sich die Air-                       auszahlen.           1222


     Bußgeldverfahren gegen                                                                                                  942                            11616
                                                                                              696                                                        stark verspätete*
     Fluggesellschaften                                                                                                                                   und annullierte
                                                                                                                                                          Flüge deutscher
     seit Einführung neuer Fluggastrechte                                                                                                               Fluggesellschaften
     2005, deutsche und internationale                                                                                                                          2011
     Fluggesellschaften                                                                                              243

                                                                1              37                                                         * ab 3 Stunden Verspätung

     Quelle: Bundesverkehrs-
     ministerium, EUclaim                                      2005           2006            2007                   2008       2009         2010               2011




                 FINANZPOLITI K
                                                     wird sie sich im Wahlkampf dafür ver-                             profitieren. SPD und Grüne wollen
                                                     antworten müssen“, sagt CSU-Gene-                                 das Gesetz im Bundesrat ablehnen.

             Steuern runter,                         ralsekretär Alexander Dobrindt. Ähn-
                                                     lich äußerte sich Unionsfraktionsvize
                                                                                                                       „Wir bleiben bei unserem Nein, weil
                                                                                                                       die Koalition die falschen Prioritäten

             Schulden rauf?                          Michael Meister (CDU): „Die Koali-
                                                     tion hat ihre Hausaufgaben gemacht,
                                                     jetzt sind andere gefordert, ihren Bei-
                                                                                                                       setzt“, sagt die finanzpolitische Spre-
                                                                                                                       cherin der SPD-Bundestagsfraktion,
                                                                                                                       Nicolette Kressl. Schuldenabbau und
Die steigende finanzielle Last der Bun-              trag zur Entlastung der Arbeitnehmer                              Bildungsinvestitionen hätten Vorrang
desbürger hat die Debatte über die                   zu leisten.“ Die schwarz-gelbe Koali-                             vor einer Entlastung der Bürger. „So-
Steuerpolitik neu angefacht. Führende                tion hatte Ende März ein Gesetz im                                lange der Bundeshaushalt ein riesiges
Unionspolitiker warnten SPD und                      Bundestag verabschiedet, mit dem die                              Defizit aufweist, können wir uns Min-
Grüne davor, die von der Koalition ge-               sogenannte kalte Progression abgemil-                             dereinnahmen nicht leisten“, sagt auch
planten Steuersenkungen zu verhin-                   dert werden soll. Diese ist dafür ver-                            Grünen-Finanzexperte Gerhard
dern. „Wenn die SPD die Entlastung                   antwortlich, dass Arbeitnehmer von                                Schick. Zudem seien die schwarz-gel-
der Bürger im Bundesrat blockiert,                   Lohnerhöhungen real vielfach nicht                                ben Reformpläne „sozial ungerecht“.



                           LINKE
                                                     als falsche Strategie. Im Hinblick auf                           hängigkeit von Lafontaines Entschei-
                                                     die Wahlkämpfe müsse zügig geklärt                               dung für fatal: „Eine Partei muss dafür

             Die Wut wächst                          werden, mit wem die Partei in die Zu-
                                                     kunft gehen wolle. Auch der Landes-
                                                     vorsitzende von Mecklenburg-Vorpom-
                                                                                                                      sorgen, dass sie eigenständig agiert
                                                                                                                      und nicht darauf wartet, was einer
                                                                                                                      sagt.“ Bockhahn wendet sich gegen
Nach dem Rücktritt der Vorsitzenden                  mern, Steffen Bockhahn, hält die Ab-                             eine Rückkehr Lafontaines: „Wir brau-
Gesine Lötzsch wächst in der Linken                                                                                   chen keinen Erlöser.“ Die Linke solle
die Wut über das Schweigen von Os-                                                                                    „jetzt schon an übermorgen denken“
kar Lafontaine. Der saarländische                                                                                     und sich „auf etwas jüngere Leute kon-
Fraktionschef will erst nach der Land-                                                                                zentrieren“. Matthias Höhn, Landes-
tagswahl in Nordrhein-Westfalen am                                                                                    chef in Sachsen-Anhalt, fordert ein
13. Mai erklären, ob er im Juni wieder                                                                                Ende des „Wettrennens um den spa-
für den Vorsitz der Linken kandidie-                                                                                  ßigsten Personalvorschlag“. Eine soli-
                                                                                                      BECKERBREDEL




ren wird. Die Vize-Vorsitzende Katja                                                                                  de Vorbereitung des Bundesparteitags
Kipping kritisierte das in einer Tele-                 Lafontaine                                                     Anfang Juni in Göttingen sehe anders
fonkonferenz der linken Landeschefs                                                                                   aus.
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Deutschland




                                                                                               MARIO VEDDER / DAPD
Verteilung von Gratis-Koranen an einem Stand in Offenbach

            SALAFISTEN
                                                  „dass in der Vergangenheit Geldströme
                                                  von der Arabischen Halbinsel an das

  Dubiose Finanzströme                            salafistische Netzwerk in Deutschland
                                                  geflossen sind.“ Laut der Vereinigung
                                                  werden die Kosten durch den Verkauf
Verfassungsschützer rätseln über die              von Koranen an Muslime und Spenden
Finanzierung der umstrittenen Aktion              finanziert.
salafistischer Prediger, die kostenlose
Korane in deutschen Innenstädten ver-
teilen. „Ich gehe davon aus, dass es
externe Geldgeber gibt“, sagt Hans-                   ZAHL DER WOCHE
Werner Wargel, Chef des niedersächsi-
schen Landesamts für Verfassungs-
schutz. Die als extremistisch eingestuf-
te salafistische Vereinigung „Die wahre
Religion“ ließ bei der Ulmer Druckerei
                                                  Etwa    500 000               Bibeln

Ebner & Spiegel in sechs Tranchen ins-            der Deutschen Bibelgesellschaft wur-
gesamt 300 000 Exemplare des Korans               den laut United Bible Societies in
in deutscher Sprache drucken. Die Kos-            deutscher Sprache 2010 verkauft
ten in Höhe von rund 300 000 Euro                 oder verschenkt. Nicht nur Privatper-
überwiesen die Salafisten vorab. Mögli-           sonen erhalten die Heilige Schrift,
che Geldgeber für das Projekt vermu-              sondern auch Hotels, Kreuzfahrtschif-
tet der niedersächsische Verfassungs-             fe, Altersheime, Schulen oder Kran-
schutz in Saudi-Arabien oder Katar.               kenhäuser nehmen die Bibeln ab.
„Wir haben Erkenntnisse“, so Wargel,



              P L AG I AT E
                                                  schen Denkens in den USA und
                                                  Europa“ promoviert. Der Promotions-

     Ohne Dr. kein Prof.                          ausschuss hat bereits empfohlen, den
                                                  Titel zu entziehen. Die Technische Uni-
                                                  versität Braunschweig will eine beste-
Der FDP-Politikerin und Unternehme-               hende Honorarprofessur widerrufen,
rin Margarita Mathiopoulos droht der              falls die Universität Bonn Mathiopou-
Verlust ihrer beiden Honorarprofessu-             los den Doktorgrad rechtskräftig ab-
ren. Grund ist die anstehende Entschei-           erkennen sollte. Das gleiche Vorgehen
dung des Bonner Fakultätsrats, der die-           hat die Universität Potsdam angedeu-
se Woche klären soll, ob die Politikerin          tet. Eine Sprecherin der TU Braun-
in ihrer Doktorarbeit plagiiert hat oder          schweig erklärte, die Hochschule bestel-
nicht. Darüber wird seit mehr als 20              le „nur solche Personen zu Honorarpro-
Jahren gestritten. 1986 hatte Mathio-             fessorinnen oder Honorarprofessoren,
poulos an der Philosophischen Fakultät            die nach ihren wissenschaftlichen Leis-
Bonn über den „Vergleich des politi-              tungen den Anforderungen genügen“.
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Deutschland                                                                                                        Panorama




                                                                                                                                             JOERG SARBACH
     Pferderennsport-Veranstaltung im Watt vor Cuxhaven


                 GLÜCKSSPIEL
                                                   Kraft treten soll, sei nicht europarechts-   stimmung erwartet. Dürr begründet den
                                                   konform und zu restriktiv für die Sport-     Umschwung damit, dass die EU-Kom-

         FDP lenkt ein
                                                   wettenanbieter. In mehreren Ländern          mission in einem Schreiben anders als
                                                   drohte deshalb eine Ratifizierung an         erwartet keine grundlegenden Beden-
                                                   einem Veto der Liberalen zu scheitern.       ken gegen den Vertrag geäußert habe.
                                                   Nun aber kündigt etwa der niedersäch-        In der Partei heißt es aber auch, die Ent-
     Die Freien Demokraten geben ihren Wi-         sische FDP-Fraktionsvorsitzende Chris-       scheidung sei eine Kompensation dafür,
     derstand gegen einen neuen Glücks-            tian Dürr an: „Wir stimmen zu.“ Auch         dass sich die CDU in Niedersachsen, wie
     spielstaatsvertrag der Länder auf. Bis-       die Freien Demokraten in Bayern wol-         von den Liberalen gewünscht, gegen
     lang hatten die Liberalen stets kritisiert,   len das Vorhaben nicht weiter behin-         eine Transfergesellschaft für die Schle-
     die Vereinbarung, die zum 1. Juli in          dern. In Hessen wird ebenfalls eine Zu-      cker-Mitarbeiter ausgesprochen habe.




                   ORDEN                               N O R D R H E I N -W E S T FA L E N                  V O R R AT S DAT E N


     Ehrt Gauck Klarsfeld?                            Sprechblase geplatzt                                Frostige Zeiten
Bundespräsident Joachim Gauck be-                  Die Wahlkämpferinnen Hannelore                Kurz vor Ablauf der ultimativen EU-
kommt einen heiklen Fall auf den                   Kraft (SPD) und Sylvia Löhrmann               Aufforderung, die Richtlinie zur soge-
Tisch – die Ordensangelegenheit Beate              (Grüne) müssen ihre vielbeschworene           nannten Vorratsdatenspeicherung um-
Klarsfeld. Er wird dazu gedrängt, sei-             Frauenfreundschaft einer Belastungs-          zusetzen, steuert der Dauerkonflikt
ner Gegenkandidatin und weltweit an-               probe unterziehen. Anlass ist eine Pla-       zwischen FDP und Union auf eine Es-
erkannten Nazi-Jägerin das Bundesver-              katidee der Grünen, die der Regie-            kalation zu. Obwohl Bundeskanzlerin
dienstkreuz zu verleihen. Entsprechen-             rungschefin Kraft zu weit geht. Das           Angela Merkel die Hauptkontrahenten
de Schreiben der Linkspartei und des               vergangene Woche präsentierte Wahl-           Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Initiativkreises Deportationsausstel-              plakat zeigt die beiden Frauen auf            (FDP) und Hans-Peter Friedrich (CSU)
lung Bielefeld sind im Bundespräsidial-            grünem Grund mit der Überschrift              Ende März ermahnt hatte, sich zu ver-
amt eingetroffen. Außerdem befürwor-               „Schön, wenn Frauen wieder den                ständigen, bleiben die Fronten verhär-
tet auch das Land Berlin weiterhin den             Haushalt machen – Grün macht den              tet. Die Justizministerin hatte nach
Vorschlag, Klarsfeld zu ehren. Gaucks              Unterschied“. Eine knallige Sprechbla-        dem Gespräch mit der Kanzlerin ihren
Behörde versucht, den Vorgang auf                  se legt Kraft eine Zweitstimmenkam-           Alternativvorschlag eines sogenannten
dem Amtsweg zu erledigen. Sie be-                  pagne für die Grünen in den Mund.             Quick-Freeze-Modells zur Abstim-
streitet, dass Berlin für die Beurteilung          Das Plakat musste auf ihr Betreiben           mung an die beteiligten Ministerien ge-
der „Ordenswürdigkeit“ zuständig sei.              hin eingestampft und ohne Sprechbla-          schickt. Danach sollen vorhandene
Nach Ansicht des Präsidialamts ist für             se neu gedruckt werden. Die beiden            Telefonverbindungsdaten nur in kon-
die in Paris lebende Klarsfeld das Aus-            Frauen regieren Nordrhein-Westfalen           kreten Verdachtsfällen aufbewahrt
wärtige Amt verantwortlich, das be-                und wollen das Bündnis auch nach der          werden. Für Internetdaten schlägt sie
reits mehrmals gegen die Auszeich-                 Neuwahl am 13. Mai fortsetzen. Bis da-        eine anlasslose Speicherung vor, aller-
nung votiert hat. Klarsfeld ist im Besitz          hin gehen sie vorerst als Rivalinnen          dings lediglich für eine Woche. Minis-
eines deutschen Reisepasses. Außer-                auf Stimmenfang.                              ter Friedrich bleibt demgegenüber bei
dem hat sie einen Personalausweis                                                                seiner Auffassung, dass dieses Modell
vom Einwohneramt der Hauptstadt mit                                                              nicht den Vorgaben der EU-Richtlinie
heimischer Adresse. Deshalb rekla-                                                               entspreche und deshalb auch nicht das
miert Berlin die Prüfungskompetenz                                                               drohende Verfahren vor dem Europäi-
für sich. Eine Ehrung war schon etliche                                                          schen Gerichtshof verhindern könne.
Male abgelehnt worden, offenbar weil                                                             Dafür sei eine anlasslose, sechsmonati-
Klarsfeld 1968 Kanzler Kurt Georg Kie-                                                           ge Speicherung aller Verbindungs-
singer wegen dessen NSDAP-Mitglied-                                                              daten notwendig. Vor diesem Hinter-
schaft geohrfeigt hatte. Aus dem Präsi-                                                          grund dürften Union und FDP nur
dialamt heißt es nun, Gauck werde                                                                schwer noch vor Ablauf der Frist aus
sich persönlich eine Meinung bilden                                                              Brüssel zu einem gemeinsamen Ergeb-
und „zu gegebener Zeit“ entscheiden.               Wahlplakat mit strittiger Sprechblase         nis kommen.
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GORDON WELTERS / STERN / LAIF
Treffen der Jungen Piraten in Berlin: Sie treibt keine Idee an, sondern der Glaube an die Macht der Technik



                                                               PA R T E I E N




                    Aufstand der Autoren
 Bislang schien der Aufstieg der Piratenpartei unaufhaltsam, nun formiert sich Wider-
       stand. Künstler und Intellektuelle erklären ihren Protest gegen den laxen
  Umgang mit geistigem Eigentum. Die Piraten haben Mühe, Antworten zu finden.


W
          enn es um revolutionäre Bewe-        er den Grünen die Daumen gedrückt, bei        nichts. Es ist sogar überraschend spieß-
          gungen geht, ist Hans Magnus         ihrem Marsch durch die Parlamente.            bürgerlich. Wie bei unseren Großeltern,
          Enzensberger, 82, ein idealer           Am Donnerstag vergangener Woche            die sich gefreut haben, wenn es was um-
Auskunftgeber. Der Essayist, Dichter und       packt er in seiner Wohnung in München         sonst gab.“
Schriftsteller war zunächst als Beteiligter,   seinen Koffer. Am folgenden Tag wird er         Pause. Kurzes Gegrummel. Dann noch
dann als Zaungast und Chronist bei je-         in Belfast erwartet, wo sein Oratorium        zwei Sätze, bevor es wieder ans Packen
dem politischen Aufbruch dabei, der in         „Untergang der Titanic“ zur Aufführung        geht.
den vergangenen fünf Jahrzehnten in die        kommt; aber bevor er sich auf den Weg           „Ich frag mich, warum die nicht zum
Zukunft führen sollte.                         macht, will er doch noch ein paar Worte       Bäcker gehen und da sagen, dass sie lie-
  Er hat an der Wiege der 68er gestan-         zur Piratenpartei sagen, der neuen Hoff-      ber nicht bezahlen wollen. Warum muss
den, da war er noch Marxist. Er hat mit        nung am politischen Firmament.                das immer gegen uns Autoren gehen?“
den Sozialdemokraten gefiebert, als es           „Politisch? Nein, politisch ist da eine       Die Piratenpartei hat in ihrer kurzen
gegen Franz Josef Strauß und später ge-        Leerstelle“, knurrt Enzensberger durchs       Karriere schon einige bemerkenswerte
gen Helmut Kohl ging. Und natürlich hat        Telefon. „Revolutionär ist da erst recht      Rekorde aufgestellt. Keine andere Partei
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Deutschland

                                hat in so kurzer Zeit einen so steilen         Es hat ein wenig gedauert, bis sich der                         Die Piraten müssen nun sogar mit dem
                                Höhenflug erlebt, seit der Berlin-Wahl Widerstand formierte. Mehr Demokratie                                   Vorwurf leben, die Axt an die deutsche
                                im September vergangenen Jahres mar- zu wagen ist ein Versprechen, das bei Ver-                                Kulturnation zu legen.
                                schierten sie in den Umfragen auf jetzt tretern der Geisteswelt immer auf Zustim-                                 Zum ersten Mal steht die Partei einem
                                13 Prozent. Keine andere Partei hat mehr mung stößt. Aber je genauer die Autoren                               harten Kontrahenten gegenüber, der
                                Zulauf. 25 000 Mitglieder meldete die Par- und Künstler hinsehen, desto weniger                                nicht im Verdacht steht, Parteipolitik zu
                                teiführung vergangene Woche, damit ist gefällt ihnen das, was sie entdecken.                                   betreiben. Die Künstler fordern die Pira-
                                die junge Formation schon jetzt fast halb      Mit dem Aufstieg der Piratenpartei hat                          ten auf, eine Lösung anzubieten, wie
                                so groß wie die 32 Jahre alte Partei der auch ihre Kernforderung nach einer Re-                                Kreative Geld verdienen können, wenn
                                Grünen. Nun kommt eine weitere Pre- form des Urheberrechts Konjunktur. Was                                     ihre Werke im Internet von anderen kos-
                                miere hinzu: Die Piraten sind die erste sie dazu an Ideen formulieren, berührt                                 tenlos bereitgestellt werden.
                                Partei links der Mitte, die einen Gutteil die Existenzgrundlage vieler Künstler. So                               Doch genau dazu sind die Piraten nicht
                                der Intellektuellen nicht für, sondern ge- wollen die Piraten das Recht auf die                                in der Lage, und das nicht nur, weil ihr
                                gen sich hat.                               „nichtkommerzielle Vervielfältigung“                               Programm so lückenhaft ist. Das Prinzip
                                   Wenn es um die gute Sache geht, den festschreiben. Künftig wären nur noch                                   der radikalen Basisdemokratie führt da-
                                Einsatz für mehr Demokratie und Gerech- Unternehmungen verboten, die mit dem                                   zu, dass die Partei in Krisensituationen
                                tigkeit, dann ist auf die Künstler eigent- illegalen Angebot von Musik, Büchern                                nicht wirklich sprechfähig ist. Jede Äu-
                                lich immer Verlass. Seit Günter Grass vor oder Filmen im Internet ihr Geschäft be-                             ßerung eines führenden Mitglieds muss
                                40 Jahren für Willy Brandt und die SPD treiben. Das Kopieren und Downloaden                                    zuvor mit den einfachen Piraten abge-
                                trommelte, versammelt sich das intellek- urheberrechtlich geschützter Inhalte hin-                             sprochen werden, das verlangsamt die
                                tuelle Deutschland auf der Seite des Fort- gegen wäre erlaubt.                                                 Reaktionszeiten. Die größte Last aber ist
                                schritts. Im Zweifel links zu sein gehört      Vielen Kreativen, die sich im linken La-                        der egalitäre Anspruch der neuen Bewe-
                                in diesem Milieu zum guten Ton; an der ger beheimatet fühlen, fällt beim zweiten                               gung. Weil die Piraten jeder Form von
                                Spitze des Zeitgeists zu marschieren gilt Blick auch auf, dass die Erfolge der Pira-                           Autorität misstrauen, geraten alle in Ver-
                                hier als innere Verpflichtung.              ten zu Lasten von Grünen und Sozialde-                             dacht, die der jungen Partei nach außen
                                   Im Fall der Piraten ist die Liebe erkal- mokraten gehen. In Nordrhein-Westfalen                             Gesicht und Stimme geben. Wer trotz des
                                tet, bevor sie richtig beginnen konnte. muss Hannelore Kraft schon um den Sieg                                 Gleichheitspostulats aufsteigen will, tut
                                Reihenweise melden sich in diesen Tagen fürchten. Dass die SPD als stärkste Partei                             gut daran, sich als bescheidener Diener
                                Künstler zu Wort, die ihr Unbehagen durchs Ziel gehen wird, scheint ausge-                                     der Partei zu empfehlen. Die Versuche
                                über die Forderungen der Bewegung nach macht, ob es am Ende für Rot-Grün rei-                                  des Berliner Abgeordneten Lauer, bei
                                Freigabe aller digitalen Inhalte äußern. chen wird, ist hingegen wieder fraglich.                              den Piraten weiter nach oben zu kom-
                                Seit der Musiker und Autor Sven Regener        Auch im Bund könnten sich die Gewich-                           men, scheitern auch deshalb, weil ihm
                                vor fast vier Wochen im Bayerischen te verschieben. Sollten die Piraten den                                    viele seine mediale Präsenz neiden.
                                Rundfunk seinem Ärger freien Lauf ließ, Sprung in den Bundestag schaffen, wird                                    Zurzeit hat nicht mal der Vorstand Pro-
                                reißt der Protest nicht mehr ab.            es für die Sozialdemokraten schwer, eine                           kura, die Partei nach außen zu vertreten.
                                   Es ist eine breite Allianz, die in ver- Regierungsmehrheit gegen die Union zu-                              Als Parteichef Sebastian Nerz und sein
                                schiedenen Medien zusammenkommt, sie sammenzubekommen. „Natürlich freuen                                       Stellvertreter Bernd Schlömer vergange-
                                versammelt bekannte Namen wie die wir uns über den Erfolg der Piraten. Man                                     ne Woche offen darüber sinnierten, ob
                                Regisseurin Doris Dörrie, den Hanser-Ver- darf es nur nicht laut sagen“, sagt ein en-                          es zu bestimmten Themen wie dem Ur-
                                leger Michael Krüger, die Autorin Julia ger Gefolgsmann der Kanzlerin.                                         heberrecht nicht „feste Ansprechpartner“
                                Franck. „Ich glaube, ich muss euch Pira-       Der Aufstand der Autoren bringt die                             brauchte, ging sofort einer der gefürch-
                                ten dringend mal ein paar Dinge erklären. Piratenpartei in eine schwierige Lage.                               teten „Shitstorms“ los.
                                Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Musiker und Schriftsteller sind einfluss-                             Bei Twitter hagelte es Aufrufe, die zwei
                                Halbwissen“, sagt der Musiker Jan Delay reiche Leute. Wer wortgewaltige Intel-                                 auf dem Parteitag Ende April ihrer Ämter
                                im SPIEGEL-Streitgespräch mit dem Pira- lektuelle auf seiner Seite hat, besitzt im                             zu entheben. Der Berliner Abgeordnete
                                ten Christopher Lauer (siehe Seite 116).    politischen Meinungskampf einen Vorteil.                           Oliver Höfinghoff forderte die „lieben

                                Künstler gegen Piraten
PRO.MEDIA KOMMUNIKATION / OBS




                                                                                                                                                                                             TORSTEN SILZ / DAPD
                                                                                                                          ENNIO LEANZA / AP




                                HANS M. ENZENSBERGER, 82                    JAN DELAY, 35                                                     SVEN REGENER, 51
                                Schriftsteller, lebt in München             Musiker, lebt in Hamburg                                          Musiker und Autor, lebt in Berlin
                                                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                21
Deutschland

Piraten“ über den Kurznachrichtendienst          an die Kraft der Technik. Sie sind mit
auf, den Grundsätzen der Partei treu zu          dem Internet aufgewachsen, und nun
bleiben und die „gehypten Kandidaten             wollen sie die Regeln der digitalen Welt
nach hinten“ zu verbannen.                       auf die reale übertragen. Ihr Gründungs-
   Nerz ist ein Mann mit einer stabilen          mythos ist nicht die Angst vor dem Atom-
Konstitution, auch deshalb wird er partei-       tod; ihnen liegt eher am Herzen, dass
intern öfter mit Helmut Kohl verglichen.         man sie weiter ungestört „Counterstrike“
Aber die Dauerangriffe machen selbst ihn         spielen lässt. Zu den ersten Kampagnen
langsam mürbe. Bei Twitter gibt es Nut-          der Partei in Deutschland gehörte nicht
zer, die sich einen Scherz daraus machen,        der Protest gegen Krieg und soziale Un-
ebenfalls als Sebastian Nerz aufzutreten.        gerechtigkeit, sondern der Widerstand
Im Namen des „Bundes Nerzilein“ hin-             gegen das Verbot von Killerspielen.
terlassen sie sarkastische Kommentare.             Bislang haben die alteingesessenen
„Mein Nervenkostüm ist dünner gewor-             Kräfte im linken Lager mit einer Mi-
den“, bekennt Nerz. Anfang des Jahres            schung aus Angst und Ehrfurcht auf die
habe er daran gedacht, alles hinzuwerfen.        neue Konkurrenz geblickt. Die Spitze der
Auch wenn er sich letztlich dagegen ent-         Grünen in Person von Renate Künast hat
schied, erfüllt ihn bis heute eine „gewisse      schon eilfertig erklärt, ihre Partei halte
Grundgereiztheit“.                               das Urheberrecht ebenfalls für dringend
   Die Angst vor den Attacken aus den            reformbedürftig. Es zirkuliert die Idee
eigenen Reihen führt inzwischen dazu,            einer Kultur-Flatrate, auch wenn bislang
dass sich viele Piraten nicht mehr ins
Fernsehen trauen. Die Berliner Piratin
Julia Schramm kandidiert auf dem anste-
henden Bundesparteitag für den Partei-
vorsitz. Andernorts wäre es normal,
wenn sie sich jetzt auch über die Medien
bekannt machen würde – Schramm sagt
seit einiger Zeit alle Auftritte ab. Erst vor
kurzem hatte sie eine Einladung zu der
Talkshow von Maybrit Illner, ohne lange
nachzudenken, ausgeschlagen, um ihre
Chancen nicht zu gefährden.
   Ringt sich ein Parteimitglied doch zum
Interview durch, muss es stets darauf
bedacht sein, nicht zu weit von der Partei-
linie abzuweichen. „Wenn man nicht an-
eckt, bleibt es im besten Fall ruhig“, sagt
Schramm. „Wenn man Mist baut, bricht
die Hölle los.“
   Es ist auch der raue Ton im Netz, der
nun viele abschreckt, gerade im Milieu
der Künstler. Wie jede neue Kraft links
der Mitte waren die Piraten von den




                                                                                                   HCP
Intellektuellen erst einmal freundlich in
die Arme genommen worden. Man                    Piratin Schramm
schätzte an ihnen das Unkonventionelle           Nur nicht anecken
und Freche; wie einst die Grünen bargen
sie das Versprechen, die verkrusteten            niemand so recht erklären kann, wie die
Rituale der Politik aufzubrechen.                eigentlich funktionieren soll.
   Jetzt zeigt sich, dass die Welt der              Nach dem ersten Schrecken fragen sich
Künstler und die der Nerds nicht viel ge-        nun die ersten Vertreter, ob es wirklich
mein haben. Wer im Intelligenzmilieu             so schlau ist, den Positionen der Piraten
kann schon jemanden ernst nehmen, der            hinterherzulaufen. „Es kann nicht sein,
seine freie Zeit mit Rollenspielen ver-          dass geistiges Eigentum einfach ver-
bringt und J. R. R. Tolkiens Roman „Herr         schleudert wird“, sagt Agnes Krumwiede,
der Ringe“ für die Krone der Literatur           die kulturpolitische Sprecherin der Grü-
hält? Mit etwas Verspätung wird vielen           nen im Bundestag.
klar, dass der Pirat ein Politiker neuen            Krumwiede hat Klavier studiert, sie
Typs ist. Die Grünen rekrutierten ihr Per-       kennt die finanziellen Nöte vieler Künst-
sonal aus den geistes- und sozialwissen-         ler und ihre Furcht vor der Netzgemein-
schaftlichen Fakultäten des Landes, ein          de. „Ich halte es für einen unhaltbaren
typischer Berufsabschluss war hier das           Zustand, wenn Musiker sich nicht mehr
abgebrochene Soziologiestudium. Sie zo-          trauen, öffentlich für ihre Interessen ein-
gen Leute an, die an die Macht der Idee          zutreten, nur weil einige sich daran ge-
glaubten und aus ihrer Verachtung für            wöhnt haben, alles umsonst aus dem Netz
alles Technische keinen Hehl machten.            zu ziehen.“
   Bei den Piraten ist es umgekehrt, sie                          SVEN BECKER, JAN FLEISCHHAUER,
treibt keine Idee an, sondern der Glaube                                            RENÉ PFISTER

22                            D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Deutschland




                                                                  E S S AY




                       Die Freiheit der Wölfe
                               Wird das Internet zu einer Schule der neuen Barbarei?
                                               Von Dirk Kurbjuweit



I
    ch bin jetzt für Unfreiheit, ich bin für Kontrolle, Zensur, Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, ist der: die Schädigung
    Einhegung. Manchen gelte ich geradezu als Feind der anderer zu verhüten.“ Es ging nicht um totale Freiheit, sondern
    Freiheit. Das überrascht mich selbst, denn bislang habe um ein Austarieren verschiedener Wünsche, um einen Kom-
ich mich für das Gegenteil gehalten, einen glühenden promiss also.
Freund der Freiheit, für einen Liberalen, dem die Bürgerrechte            Auch in der jüngeren Geschichte war das Maß bekömmlicher
am Herzen liegen. Muss ich jetzt Zweifel haben, dass das Freiheit immer wieder umstritten, oder es wurde offenkundig
noch gilt?                                                             verletzt. In der Wölfe-Tradition könnte man heute folgende
   Als neue Partei der Bürger-                                                                         Sätze bilden: Die Freiheit der
rechte gelten die Piraten. Ihr gro-                                                                    Finanzbranche ist der Tod des
ßes Wort ist mein großes Wort:                                                                         allgemeinen Wohlstands. Die
Freiheit. Aber viele Piraten und                                                                       Freiheit der Wissenschaft ist der
große Teile der Internetgemein-                                                                        Tod des naturwüchsigen Men-
de meinen damit etwas, das ich                                                                         schen, der ersetzt wird durch
nicht meine. Sie versuchen gera-                                                                       Fabrikate der Gentechnik. Kein
de dieses Wort, eines der wich-                                                                        Mensch, der bei Verstand ist,
tigsten der Menschheitsgeschich-                                                                       würde in diesen Bereichen alle
te, mit ihren Deutungen zu be-                                                                         Schleusen öffnen wollen. Da sich
setzen. Sollte ihnen das gelingen,                                                                     aber gezeigt hat, dass nicht jeder
wären die alten Freunde der Frei-                                                                      Mensch in der Lage ist, aus ei-
heit tatsächlich die neuen Freun-                                                                      genem Antrieb verantwortlich
de der Unfreiheit. Aber in mei-                                                                        zu handeln, braucht es Gesetze,
nen Augen verstehen viele Pira-                                                                        die den Grad der Freiheit fest-
                                                                                                 THOMAS PETER / REUTERS

ten diesen Begriff falsch.                                                                             legen.
   Was interessiert die Internetge-                                                                       Kontrolle, Verbot und Zensur
meinde am Thema Freiheit? Der                                                                          sind keine schönen Wörter. Man
harte Kern will Freiheit von Kon-                                                                      würde gern darauf verzichten,
trolle, Verbot und Zensur, er will                                                                     brauchte dazu aber ein Men-
Freiheit zur Anonymität und bil-                        Demonstranten für Anonymität                   schenbild, das der Blauäugigkeit
ligt damit die Möglichkeit zum                                                                         entspringt. Die totale Freiheit im
„Shitstorm“, zum digitalen Mob,           „Warum diese Angst? Weil man sich                            Internet begünstigt Exzesse der
der andere ungestraft mit Schmä-                                                                       Gewalt und einer krankhaften
hungen übelster Art überziehen              in Erinnerung an die Kinderstube                           Sexualität. Das berührt den Kern
kann, und er will die Freiheit vom         peinlich ist in seiner Entfesselung?“                       der Gesellschaft, denn beide
Urheberrecht. Das alles möglichst                                                                      Bereiche sind noch immer mit
total: totale Freiheit im Netz.                                                                        Tabus belegt, und das ist richtig
   In der Geschichte dieses Wortes kommt dieses Extrem kaum so. Es muss Hemmschwellen geben, die der Zerstörung von
vor. In seinem bahnbrechenden Essay „Zwei Freiheitsbegriffe“ Menschen Einhalt gebieten.
wies der britische Philosoph Isaiah Berlin 1958 darauf hin, dass          Über Killerspiele muss man reden, ein Verbot erwägen dür-
sich die Aufklärer aller Zeiten vor allem damit befasst haben, fen, weil sie Menschen verrohen könnten. Und Sex mit Kindern
welches Minimum an Freiheit es geben muss, damit das Indivi- ist die Zerstörung von Kindheit und damit von Kindern, die
duum als frei gelten kann, die Gesellschaft aber funktionsfähig auch als Erwachsene nicht mehr glücklich werden können. Die
bleibt. Sie haben unterstellt, dass die totale Freiheit zerstörerisch Zensur jeder Form von Kinderpornografie ist daher unerlässlich.
wirke und in der Tyrannei der Starken gegenüber den Schwa- Natürlich ist sie ein Extrem, das den allergrößten Teil der In-
chen ende. Berlin zitiert einen luziden Satz dazu: „Die Freiheit ternetgemeinde nicht berührt, aber wegen dieses Extrems ist
der Wölfe ist der Tod der Lämmer.“                                     totale Freiheit nicht möglich. Freiheiten werden in Demokratien
   Das Menschenbild vieler Aufklärer war skeptisch. Sie suchten fast immer nur deshalb beschränkt, weil eine Minderheit nicht
deshalb nach einer Formel, die den entfesselten Menschen damit umgehen kann.
fesselt, ohne dass er sich gefesselt fühlt. Immanuel Kant fand


                                                                         A
dafür Ende des 18. Jahrhunderts den kategorischen Imperativ:                   nonymität macht es Menschen leichter, ihre dunklen
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich                      Seiten zu leben. Es gibt allerdings durchaus eine gute
wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Selbst                  Tradition des Anonymen in der Geschichte der Freiheit.
John Stuart Mill, einer der Urväter des Liberalismus im 19. Der französische Radikalaufklärer Denis Diderot hat seinen
Jahrhundert, schrieb: „Der einzige Zweck, um dessentwillen „Brief über die Blinden“ ohne Namen veröffentlicht, aber da-
man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten mals existierte keine Meinungsfreiheit, und tatsächlich landete
24                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
er im Gefängnis, als die Behörden dahinterkamen, wer den              Eigentumsrecht verletzt, nimmt sich eine Freiheit heraus, die
Text verfasst hatte. Mancher Montagsdemonstrant 1989 in Leip-         das Leben anderer beeinträchtigt. Die Freiheit des Runterladens
zig war sicherlich froh, dass seine Identität in der Masse un-        ist der Tod des Musikereinkommens, wäre der passende Satz
deutlich blieb, denn auch in der DDR gab es keine Meinungs-           dazu. Damit steht diese Forderung außerhalb des Kanons mög-
freiheit, und eine Bestrafung war nicht auszuschließen. Anony-        licher Freiheiten in einem klassischen Sinne.
mität kann also helfen, Freiheit zu erkämpfen.                           Ich halte an diesem klassischen Ansatz fest. Es ist mir daher
   Edler ist es natürlich, sein Gesicht zu zeigen, seinen Namen       recht, wenn ich nun für gewisse Leute als Freund der Unfreiheit
zu nennen, und viele der Aufklärer und Dissidenten im Ost-            gelte. Ich glaube, dass der Minimumansatz der richtige ist, um
block hatten diesen Mut. Erbärmlich ist es dagegen, sein Gesicht      Individuum und Gesellschaft miteinander zu versöhnen. Die
nicht zu zeigen, seinen Namen nicht zu nennen, wenn Mei-              Leitfrage sollte lauten: Welches Minimum an Freiheit braucht
nungsfreiheit gilt, und sie gilt in Deutschland. Das Netz ist voll    eine Gesellschaft, die das Adjektiv freiheitlich verdient? Man
von diesen Erbärmlichkeiten. Da wird massenhaft gezetert, ge-         könnte natürlich auch fragen: Welches Maximum an Freiheit
schimpft und beleidigt, ohne dass der Schreiber seinen wahren         verträgt eine Gesellschaft, die als solche funktionieren kann?
Namen nennt.                                                          Das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche. Bei beiden Ansätzen
                                                                      geht es um das Austarieren, um den Kompromiss.


W
           arum diese Angst? Weil man sich in letzter Erinnerung         Vernünftige Teile der Netzgemeinde haben das eingesehen.
           an die Kinderstube peinlich ist in seiner Entfesselung? Sie haben eingesehen, dass ein Maximum Maximorum ins
           Weil man einer Anzeige wegen Beleidigung entgehen Verderben führt, und wollen das Urheberrecht nicht ab-
will? Vielleicht findet es der eine oder andere Netzmensch spie- schaffen, sondern renovieren und denken auch über Zensur
ßig, dass Beleidigungen unter Strafe stehen können. Aber es für Kinderpornografie nach. Aber sie haben es schwer in der
geht nicht nur um Anstand und Sitte, es geht um eine der Debatte, ein Shitstorm ist ihnen sicher. Dies ist der erste
Grundlagen des Zusammenlebens in einer Demokratie.                    Schritt in die Tyrannei.
   Die Demokratie braucht eine                                                                         Können wir das hinnehmen,
gemäßigte Debattenkultur, sie                                                                        weil es sich „nur“ im Netz ab-
braucht die Möglichkeit der Ver-                                                                     spielt? Nein. Ich lasse nicht gel-
söhnung, weil es keine Entschei-                                                                     ten, dass das Internet eine eigene
dung ohne Kompromiss gibt. Die                                                                       Welt ist, die eigene Gesetze ha-
Gesetze werden zusammenge-                                                                           ben kann. Eine Gesellschaft
quatscht, dazu gehört ein Min-                                                                       verträgt keine Sonderzonen. Sie
destmaß an Respekt. Wenn eine                                                                        verträgt schon gar nicht eine Son-
Debatte zum großen Teil aus                                                                          derzone, die sich zur Schule ei-
Hassausbrüchen besteht, ist eine                                                                     ner neuen Barbarei entwickeln
Verständigung nicht möglich. Die                                                                     könnte, weil im Schutz von Kon-
Lager versinken in Erbitterung,                                                                      trolllosigkeit und Anonymität
die nächste Stufe ist die Gewalt.                                                                    die Tabus und der Respekt ver-
   In Emden wurde kürzlich über                                                                      schwinden. Wir brauchen keine
                                                                                                PHOTO PRESS SERVICE VIENNA

das Netz ein Mob organisiert,                                                                        zweite, rauere Welt. Es war müh-
der einem mutmaßlichen Sexual-                                                                       sam genug, die erste halbwegs
mörder an den Kragen wollte.                                                                         zu zivilisieren.
Die Polizei sah „Aufrufe zur                                                                           Es gibt ohnehin keine getrenn-
Lynchjustiz“. Der Junge erwies                                                                       ten Welten. Was im Netz ge-
                                     AKG




sich als unschuldig.                                                                                 schieht, wirkt auf das Leben in
   Ein weiteres Beispiel für die                     Philosophen Kant*, Popper 1982                  der realen Welt zurück. Wer sich
Verrohung ist der Shitstorm. Er                                                                      in Kindersexforen herumtreibt,
ist eine Strafmaßnahme außer-          „Ohne Schutz durch das Gesetz muss sucht das ervielleicht nachkann.  dort                   dem
halb der Rechtsordnung, ist                                                                          Kind,         vergewaltigen
Selbstjustiz, zum allergrößten            die Freiheit zu einer Tyrannei der                         Die Angst vor dem Shitstorm
Teil anonym. Im Namen der Mei-          Starken über die Schwachen führen.“ verformt auch die Debatten im
nungsfreiheit wird die Meinungs-                                                                     Bundestag, im Fernsehen oder
freiheit zerstört. Manche Leute                                                                      in den gedruckten Medien. Ille-
haben inzwischen Angst, das zu sagen, was sie denken, weil sie gales Runterladen kann den Lebensstandard eines Musikers
nicht in einen Shitstorm geraten wollen. Das Internet beginnt senken. Wenn also die Netzgemeinde die digitale Welt gestal-
langsam, den Diskurs zu lenken, auf eine unerträgliche Weise. tet, gestaltet sie auch die reale. Es reichen daher nicht Mehr-
   Auch die Freiheit vom Urheberrecht und damit die Freiheit heiten im Netz. Wenn die Piratenpartei etwas verändern will,
zum kostenlosen Runterladen von Musik, Bildern oder Texten, kann sie das nur im Kompromiss mit den traditionellen
zum Kopieren und Plagiieren nach Herzenslust hätte zerstöre- Parteien.
rische Wirkung. Für den Frühaufklärer John Locke gehörten                In Wahrheit gibt es nur eine Welt, und die entsteht in der
Freiheit, Leben und Eigentum zu den Menschenrechten. Die täglichen Debatte. Es ist gut, dass es eine Partei gibt, die für
französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom die Interessen der Internetgemeinde streitet. Es ist gut, dass
26. August 1789 nennt Freiheit, Eigentum, Sicherheit und sich über das Internet so viele Leute am Diskurs beteiligen
Widerstand gegen Unterdrückung als gleichrangige Werte.               können. Aber nennt eure Namen, mäßigt euren Ton und über-
   Nur wer etwas hat, kann etwas verkaufen: seine Arbeitskraft, denkt euren Freiheitsbegriff.
sein Wissen, seine Güter, seine Phantasien oder Talente. Nur             Der wahre Freund der Freiheit ist derjenige, der manche
wer etwas verkaufen kann, kann seinen Lebensunterhalt be- Unfreiheiten in Kauf nimmt. Es gilt, was der Philosoph Karl
streiten. Geistiges Eigentum ist Eigentum. Musik, Bilder oder Popper schrieb: Uneingeschränkte Freiheit habe „das Gegenteil
Texte gehören den Leuten, die sie geschaffen haben, oder den der Freiheit zur Folge; denn ohne Schutz und Einschränkungen
Institutionen, denen sie die Rechte daran abtreten. Wer dieses durch das Gesetz muss die Freiheit zu einer Tyrannei der Star-
                                                                      ken über die Schwachen führen.“ Zur Freiheit des Einzelnen
* Gemälde von J. W. Becker, 1768.                                     gehört untrennbar die Verantwortung für die anderen.
                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                           25
WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL




                                                                                                                                                         Sozialdemokrat Gabriel




                                                                                              SPI EGEL-GESPRÄCH




                                 „Wir haben Grass viel zu verdanken“
                                        SPD-Chef Sigmar Gabriel, 52, hält die Reaktionen auf das umstrittene Gedicht
                                   von Günter Grass für „hysterisch“, verteidigt seine eigene Kritik an Israel und kündigt an,
                                                  für seine gerade geborene Tochter Elternzeit zu nehmen.

                                 SPIEGEL: Herr Gabriel, trauern Sie, weil             unangemessen unernst. Denn im Kern ist          dem Nazi-Massenmord entkommen sind,
                                 Sie einen zugkräftigen Wahlkampfhelfer               das Gedicht doch ein Hilferuf.                  weisen zu Recht darauf hin, dass auch
                                 verloren haben?                                      SPIEGEL: Wie kommen Sie denn darauf?            Hitler viel zu lange als Maulheld ver-
                                 Gabriel: Wer sollte das sein?                        Gabriel: Günter Grass warnt vor einem           harmlost wurde. Israel hat aus der Ge-
                                 SPIEGEL: Günter Grass. Nach seinem israel-           heraufziehenden Krieg im Nahen Osten.           schichte eine eindeutige Konsequenz ge-
                                 kritischen Gedicht haben sich einige Ihrer           Zugleich legt er ein leidenschaftliches Plä-    zogen: Niemals wird eine israelische Re-
                                 Parteifreunde künftige Wahlkampfhilfe                doyer gegen jede atomare Bewaffnung             gierung einer existentiellen Bedrohung
                                 von ihm verbeten.                                    ab. Der Text ist in der Beschreibung des        tatenlos zusehen. Bei aller berechtigten
                                 Gabriel: Ich hoffe, dass Günter Grass der            Konflikts verkürzt und auch aus meiner          Kritik an Überlegungen für einen israe-
                                 SPD weiter in Wahlkämpfen helfen und                 Sicht problematisch. Aber ich verstehe          lischen Militäreinsatz gegen Iran wird
                                 uns auch sonst als streitbarer Literat be-           nicht, was daran so verwerflich sein soll,      man diese prinzipielle Haltung verstehen
                                 gleiten wird.                                        dass man Grass nicht nur die Einreise           müssen.
                                 SPIEGEL: Sie teilen die breite öffentliche           nach Israel verwehrt, sondern ihn auch          SPIEGEL: Und trotzdem nennen Sie die Kri-
                                 Empörung über Grass nicht?                           in der politischen Kultur Deutschlands          tik an Grass überzogen?
                                 Gabriel: Inhaltlich teile ich einiges an der         zur Persona non grata erklärt.                  Gabriel: Das Gedicht ist eine zulässige po-
                                 Kritik. Aber manches ist überzogen und               SPIEGEL: Was ist an dem Gedicht aus Ihrer       litische Meinungsäußerung und weist auf
                                 in Teilen hysterisch. Grass stellt Iran und          Sicht problematisch?                            die drohende Kriegsgefahr hin. Aber die
                                 Israel mit ihrem Gefährdungspotential                Gabriel: Iran ist der einzige Staat der Welt,   darin enthaltenen Verkürzungen und
                                 auf eine Stufe, das halte ich für falsch.            der damit droht, einen anderen Staat in         Gleichsetzungen lenken leider vom ei-
                                 Dennoch finde ich die Art der Auseinan-              einem kollektiven Völkermord von der            gentlichen Problem ab. Das darf man ei-
                                 dersetzung mit Grass und seinem Gedicht              Landkarte zu radieren. Es ist eine gefähr-      nem Sprachgewaltigen wie Günter Grass
                                                                                      liche Verharmlosung, den dortigen               durchaus vorhalten.
                                 Das Gespräch führten die Redakteure Konstantin von   Staatspräsidenten als Maulhelden zu be-         SPIEGEL: Was halten Sie denn für das ei-
                                 Hammerstein und Christoph Hickmann.                  zeichnen. Die Juden in aller Welt, die          gentliche Problem?
                                 26                                                         D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Deutschland

Gabriel: Wir müssen uns doch fragen, wie       leicht reagieren wir deshalb in solchen De-                           stützt hat. Deshalb finde ich die Frage,
wir diesen heraufziehenden Krieg verhin-       batten so schnell hysterisch, weil wir                                ob man ihn noch zu Wahlkämpfen ein-
dern können. Wir müssen beispielsweise         diesen tief verankerten Antisemitismus                                laden kann, einigermaßen befremdlich.
bereit sein, den Wirtschafts- und Ölboy-       erahnen und deshalb schnell alles unter-                              Was hat Grass für die SPD geleistet, was
kott gegen Iran konsequent und über eine       drücken wollen, was ihm in irgendeiner                                hat er an Prügeln eingesteckt, als er für
nicht absehbare Zeit durchzuhalten, auch       Weise entgegenzukommen scheint. Es                                    Willy Brandt Wahlkampf gemacht hat?
wenn das für die deutsche Wirtschaft und       wird in Deutschland eine Herausforderung                              Es wäre feige und undankbar, jetzt von
den deutschen Wohlstand spürbare Fol-          bleiben, die richtige Form der Debatte                                ihm abzurücken. Nicht nur die SPD, das
gen haben kann. Gleichzeitig braucht Iran      über die israelische Politik zu finden.                               ganze Land hat Grass viel zu verdanken.
ein internationales Angebot, damit es auf      Denn auch mit jeder denkbaren und be-                                 SPIEGEL: Haben Sie ihm das selbst gesagt?
das Atomprogramm verzichtet. Und wir           rechtigten Kritik besteht immer die Ge-                               Gabriel: Ja, natürlich.
müssen die Palästinenser aus der Geisel-       fahr, dass sie von denen genutzt wird, die                            SPIEGEL: Der frühere SPD-Bundestags-
haft der iranischen Politik und des regio-     bewusst oder unbewusst dem Antisemitis-                               abgeordnete Reinhold Robbe sagte, Grass
nalen Terrorismus befreien. Deshalb            mus ein neues Gewand geben.                                           habe sich disqualifiziert, seine Zeit sei
dürfen wir nicht weiter zusehen, wie die       SPIEGEL: Ist Israel, wie Grass behauptet,                             vorbei.
aktuelle israelische Regierung die Zwei-       eine Gefahr für den Weltfrieden?                                      Gabriel: Mein Freund Reinhold Robbe ist
staatenlösung durch ihre völkerrechtswid-      Gabriel: Nein. Das Atomprogramm Irans                                 Präsident der Deutsch-Israelischen Ge-
rige Siedlungspolitik unmöglich macht.         und die offene Drohung, Israel zu ver-                                sellschaft, und sein Engagement gegen
Aber mir war schon beim ersten Lesen           nichten, können zu einer Gefahr für den                               Antisemitismus und für Israel ist vorbild-
des Gedichts klar, dass genau das nicht        Weltfrieden werden.                                                   lich. Aber in diesem Fall widerspreche
passieren und stattdessen erst mal Grass       SPIEGEL: Dann verstehen wir nicht, warum                              ich ihm.
ins Zentrum der Debatte rücken würde.          Sie Grass so entschieden verteidigen.                                 SPIEGEL: Sprich: Grass hat Narrenfreiheit.
SPIEGEL: Warum?                                Gabriel: Ich habe doch bereits gesagt, dass                           Gabriel: Das ist schon deshalb Unsinn, weil
Gabriel: Weil absehbar war, dass sich die      ich ihm in entscheidenden Punkten wi-                                 Grass alles andere als ein Narr ist. Aber
selbsternannten Hüter der Political Cor-       derspreche. Es geht mir um das Ausmaß                                 er hat Anspruch darauf, dass man sich
rectness die Chance nicht entgehen lassen      und die Form der Kritik. In Israel etwa                               ernsthaft mit ihm auseinandersetzt und
würden, endlich mal die große Keule ge-        lief die Debatte anfangs sehr rational, fast                          nicht reflexhaft. Diese Reflexe habe ich
gen Grass auszupacken. Sie wollten es die-     gelassen. Dann aber konnten einige Poli-                              doch selbst erlebt. Ich fahre seit 20 Jahren
sem von ihnen so genannten Gutmenschen         tiker der Versuchung nicht widerstehen,                               nach Israel und ins Westjordanland. Ich
endlich einmal richtig geben. Hinzu kam,       sich im heraufziehenden Wahlkampf zu                                  habe Freunde, die in einem Kibbuz direkt
dass Grass lange Zeit seine Mitgliedschaft     profilieren. Das Einreiseverbot für ihn ist                           am Gaza-Streifen wohnen und die seit
als junger Mann in der Waffen-SS nicht öf-     absurd. Ich hätte mir gewünscht, die is-                              Jahren mit Raketen aus den palästinensi-
fentlich gemacht hat. Deshalb brauchte         raelische Regierung oder der israelische                              schen Gebieten terrorisiert werden. Und
man nicht viel Phantasie, um sich vorzu-       Schriftstellerverband hätten Grass einge-                             gerade weil ich mich als Freund Israels
stellen, wie die Debatte verlaufen würde.      laden, um über sein Gedicht und seine                                 verstehe, darf ich doch nicht dazu schwei-
SPIEGEL: Grass hat seinen Teil beigetragen,    Ansichten zu streiten.                                                gen, dass in den palästinensischen Gebie-
indem er in seinem Gedicht einen Popanz        SPIEGEL: Parteifreunde von Ihnen haben                                ten und vor allem in Hebron Menschen-
um ein angebliches Tabu aufbaut, das es        ähnlich rigoros reagiert und Grass in                                 rechtsverletzungen durch die israelische
so gar nicht gibt. Das ist ein Grundmotiv,     Wahlkämpfen für unerwünscht erklärt.                                  Regierung geduldet werden.
wie es auch Antisemiten benutzen.              Gabriel: Meine politische Biografie ist                               SPIEGEL: Und deshalb haben Sie einen po-
Gabriel: Günter Grass ist kein Antisemit.      durch Schriftsteller wie Günter Grass und                             litisch hochaufgeladenen Begriff benutzt
Aber es ist wirklich erschreckend, wie sehr    auch Heinrich Böll geprägt. Als SPD-Vor-                              und auf Ihrer Facebook-Seite von „Apart-
antisemitische Ressentiments immer noch        sitzender kommt für mich hinzu, dass                                  heid“ geschrieben?
in unserem Land verwurzelt sind. Viel-         Grass die Sozialdemokratie immer unter-                               Gabriel: Diesen Begriff haben andere vor
                                                                                                                     mir benutzt, Friedensnobelpreisträger
                                                                                                                     Desmond Tutu, israelische Politiker und
                                                                                                                     Amerikaner wie Jimmy Carter. Aber
                                                                                                                     kaum habe ich geschrieben, in Hebron
                                                                                                                     herrsche Apartheid, bin ich als Antisemit
                                                                                                                     bezeichnet worden. Ich hätte mir ge-
                                                                                                                     wünscht, die Lage in Hebron würde min-
                                                                                                                     destens die gleiche Empörung hervor-
                                                                                                                     rufen.
                                                                                                                     SPIEGEL: Offenbar haben Sie ja eingesehen,
                                                                                                                     einen Fehler gemacht zu haben. In einer
                                                                                                                     Richtigstellung sind Sie von Ihrer Formu-
                                                                                                                     lierung abgerückt.
                                                                                                                     Gabriel: Nein. Ich habe klargestellt, dass
                                                                                                                     ich über meinen Eindruck in Hebron be-
                                                                                                                     richtet und nicht den Staat Israel mit
                                                                                                                     einem Apartheidsregime gleichgesetzt
                                                                                                                     habe. Israel ist immer noch der einzige
                                                                                                                     demokratische Staat in dieser schwierigen
                                                                                             BUNDESPRESSEAMT / DPA




                                                                                                                     Region. Und es wäre eine Verharmlosung
                                                                                                                     der Apartheid in Südafrika, wenn man
                                                                                                                     diese Gleichsetzung vornähme.

                                                                                                                     * Mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Gerhard Schrö-
Altkanzler Brandt, Schriftsteller Grass*: „Was hat er an Prügeln eingesteckt?“                                       der (l.) in Dannenberg 1985.

                                                     D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                           27
Deutschland

SPIEGEL: Der Begriff Apartheid war also       das manchem in der Piraten-Partei noch                              wirkliche Leben findet da draußen statt,
richtig gewählt?                              nicht völlig klar, aber als Abgeordneter                            nicht nur vor dem Computer.
Gabriel: Er beschreibt, dass an Orten wie     hat man einen Gestaltungsauftrag. Wem                               SPIEGEL: Sind die Piraten eine linke Par-
Hebron Menschen nach zweierlei Recht          es reicht, Kommentare abzugeben, der                                tei?
leben. Eine Gruppe ist fast rechtlos. Mir     sollte Journalist werden, aber nicht Ab-                            Gabriel: Das müssen Sie die Piraten fragen.
ist egal, welchen Begriff Sie dafür ver-      geordneter. Ich will Dinge bewegen. Das                             Sie werden offenbar so wahrgenommen.
wenden. Nur verschweigen darf man das         wird irgendwann auch der Anspruch an                                Aber solche Begrifflichkeiten sind zweit-
nicht. Und wenn es um Menschenrechts-         die Piraten sein müssen. An dem Tag, an                             rangig. Das Verhängnis der Linken in
verletzungen geht, muss man aufpassen,        dem ihnen dieser Anspruch bewusst wird,                             Deutschland ist ja immer gewesen, dass
dass man nicht unglaubwürdig wird, in-        werden sie sich verändern und selbst Ziel                           sie in die Eigendefinition verliebt ist. Da-
dem man sie durch Diplomatensprache           von Protest und Unzufriedenheit werden.                             bei vergisst sie, dass es am Ende darum
verharmlost.                                  SPIEGEL: Der rheinland-pfälzische Minis-                            geht, Mehrheiten zu bilden, um ein Land
SPIEGEL: Sie scheinen keine Angst vor Bei-    terpräsident Kurt Beck hat kürzlich in ei-                          gerechter und fairer zu gestalten. In der
fall von der falschen Seite zu haben. Den     ner Talkshow die Beherrschung verloren,                             Geschichte der Bundesrepublik haben
haben Sie aber bekommen.                      weil er den Habitus des ebenfalls gelade-                           wir noch nie eine so große gesellschaft-
Gabriel: Das war ein verschwindend gerin-     nen Piraten-Vertreters nicht mehr ertra-                            liche Mehrheit links der Mitte gehabt.
ger Teil, und ich habe klar und unmiss-       gen konnte. Konnten Sie ihn verstehen?                              SPIEGEL: Dann müssten Sie eigentlich ge-
verständlich darauf geantwortet.              Gabriel: Natürlich. Wir Sozialdemokraten                            rade regieren.
SPIEGEL: Warum muss man als Politiker         können eben nicht kalt wie Fische dane-                             Gabriel: Leider formiert sich diese gesell-
eigentlich heutzutage bei Facebook sein?      bensitzen, wenn selbsternannte Avantgar-                            schaftliche Mehrheit nicht zu einer poli-
Um mit der Piraten-Partei noch einiger-       disten ignorant über das schwierige Le-                             tischen, sondern zersplittert immer mehr.
maßen mithalten zu können?                    ben anderer daherschwadronieren oder                                SPIEGEL: Ist die Piraten-Partei ein mögli-
Gabriel: Man muss nicht bei Facebook sein,    achselzuckend erklären, damit hätten sie                            cher Bündnispartner?
und der Erfolg der Piraten hat nur am         sich nicht beschäftigt. Manche Vertreter                            Gabriel: Offenbar nicht. Ein führendes Mit-
Rande etwas mit Facebook zu tun. Wenn         der Piraten-Partei bringen weder Ver-                               glied der Piraten-Partei hat ja gerade er-
man glaubt, die Piraten seien primär eine     ständnis dafür auf, dass einem das Schick-                          klärt, dass er Regierungskoalitionen auch
Netzpartei, versteht man deren Wahl-          sal der Schlecker-Beschäftigten nicht                               für gestrig hält. Er möchte zu jeder ein-
erfolge nicht. Sie sind Ausdruck einer        gleichgültig sein kann, noch erkennen sie                           zelnen Sachfrage eine Koalition bilden.
weitverbreiteten Unzufriedenheit mit          an, dass sich nicht jeder Bürger perma-                             Aber bei politischen Entscheidungen geht
dem, was Menschen als etabliertes politi-     nent im Internet an der Demokratie be-                              es eben nicht nur um die scheinbar ob-
sches System erleben. Das Gute an dem         teiligen kann oder will. Diese Vorstellung                          jektive Abwägung von Sachargumenten,
Phänomen ist, dass die Unzufriedenen          hat ja etwas Elitäres.                                              sondern meist um widerstreitende gesell-
trotzdem an die demokratische Verfas-         SPIEGEL: Inwiefern?                                                 schaftliche Interessen. Und die organisie-
sung unseres Landes glauben. Sonst wür-       Gabriel: Es gibt nur wenige, die diese per-                         ren sich auch in Bündnissen und Koali-
den sie nicht eine Partei unterstützen, die   manente Beteiligung überhaupt leisten                               tionen. Solange die Piratenpartei das
innerhalb dieser Verfassung aktiv ist.        können. Übrigens hat auch die Forderung                             nicht begreift, kreisen meine Gedanken
SPIEGEL: Das klingt, als sei Ihnen die neue   nach einem bedingungslosen Grundein-                                nicht um Koalitionen mit ihr.
Konkurrenz ganz recht.                        kommen etwas Elitäres. Wie soll ich der                             SPIEGEL: Stattdessen dürften sie vor allem
Gabriel: Ich nehme sie erst einmal als eine   Krankenschwester, die hart im Schicht-                              um ihre gerade geborene Tochter kreisen.
Reaktion auf die Krise der Demokratie         dienst arbeitet, eigentlich erklären, dass                          Was verändert sich durch dieses Ereignis
zur Kenntnis. Aber spätestens an dem          sie nicht nur ihren eigenen Lebensunter-                            für Sie?
Tag, an dem die Piraten sich wirklich         halt verdienen muss, sondern jetzt noch                             Gabriel: Ganz praktisch werden sich Ta-
etablieren, wird es nicht mehr genügen,       einen Teil abgeben soll, damit andere ihr                           ges- und Wochenabläufe verändern. Und
Träger von Protest zu sein. Vielleicht ist    Hobby zum Beruf machen können? Das                                  natürlich gibt es wie bei allen Eltern einen
                                                                                                                  wunderbaren neuen Mittelpunkt im Le-
                                                                                                                  ben.
                                                                                                                  SPIEGEL: Werden Sie Elternzeit nehmen?
                                                                                                                  Gabriel: Ja, auch wenn sie natürlich etwas
                                                                                                                  anders aussehen wird als bei normalen
                                                                                                                  Arbeitnehmern. Ich werde mich in die-
                                                                                                                  sem Jahr drei Monate lang vorrangig mei-
                                                                                                                  nem Kind widmen und dadurch versu-
                                                                                                                  chen, meiner Frau die Rückkehr in ihren
                                                                                                                  Beruf zu erleichtern.
                                                                                                                  SPIEGEL: Das heißt, Sie bleiben zu Hause?
                                                                                                                  Gabriel: Im Urlaub und in diesen drei Mo-
                                                                                                                  naten im Wesentlichen ja.
                                                                                                                  SPIEGEL: Und danach?
                                                                                                                  Gabriel: Wir werden es so machen wie Mil-
                                                                                                                  lionen anderer berufstätiger Eltern auch:
                                                                                                                  eine Kita suchen, viel organisieren und
                                                                                                                  auf manches verzichten. Aber dafür ha-
                                                                                                                  ben wir ja auch etwas ganz Einmaliges in
                                                                                                                  unser Leben bekommen. Und vielleicht
                                                                                             ARIEL SCHALIT / AP




                                                                                                                  ist mancher auch mal ganz froh, wenn
                                                                                                                  ich nicht ständig im Willy-Brandt-Haus
                                                                                                                  bin.
                                                                                                                  SPIEGEL: Herr Gabriel, wir danken Ihnen
Palästinensische Schülerinnen, israelischer Grenzschützer: „Eine Gruppe ist fast rechtlos“                        für dieses Gespräch.
30                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Brasilien-Reisender Seehofer*
                                                                                                                    „Dann hätte zu Ostern die Erde gebebt“

                                                                                       braucht? Zumindest nicht ausreichend,
                                                                                       findet Seehofer, und der Brief der 23 ist
                                                                                       nur ein Beispiel dafür. Sein Verhältnis zu
                                                                                       Merkel sei zwar „eng“, sagt er in Brasi-
                                                                                       lien, „aber man muss schon was tun, da-
                                                                                       mit die Interessen Bayerns nicht unter
                                                                                       die Räder kommen“. Drei Themen hat
                                                                                       er identifiziert, mit denen er die Kanzle-
                                                                                       rin in den kommenden Wochen mühelos
                                                                                       piesacken kann: die Pendlerpauschale,
                                                                                       das Betreuungsgeld und die Pkw-Maut.
                                                                                          Merkel will von der Maut nichts wissen,
                                                                                       aber das beflügelt den CSU-Chef nur.
                                                                                       Sein Parteifreund Peter Ramsauer, der
                                                                                       Verkehrsminister, hat schließlich den Auf-
                                                                                       trag, verschiedene Varianten einer Pkw-
                                                                                       Maut durchzurechnen. So hat es der Koa-
                                                                                       litionsausschuss beschlossen.




                                                                                            LENNART PREISS / DAPD
                                                                                          Pünktlich zur Stausaison im Sommer
                                                                                       wird Seehofer das Thema wieder auf die
                                                                                       Agenda setzen. Wenn es dann im Herbst
                                                                                       um die Verteilung der Haushaltsmittel
                                                                                       geht, will er sich die Forderung für viel
                                                                                       Geld zum Straßenbau abhandeln lassen.
                                                                                           Auch die Pendlerpauschale ist ein idea-
                                         CSU                                           les Thema zum Zündeln. Merkel ist gegen


            Bayerischer Zündstoff
                                                                                       eine Erhöhung, aber das stört Seehofer
                                                                                       nicht. Ungerührt lässt er seine Beamten
                                                                                       in der Staatskanzlei prüfen, wie man
                                                                                       Autofahrern mit einer erhöhten Pauscha-
                                                                                       le helfen könnte.
         Ob mit der Pkw-Maut, der Pendlerpauschale oder dem                               Eine populäre Entlastung hat Seehofer
Betreuungsgeld – selbst in Brasilien plant Parteichef Horst Seehofer noch nie abgelehnt, und seine Leute fin-
                                                                                       den bereits allerhand Gründe, warum die
      unentwegt die nächsten Störmanöver gegen die Kanzlerin.                          Pauschale dringend erhöht werden müss-
                                                                                       te. Zum Beispiel weil der Staat bei stei-


W
           as interessiert diesen Mann? ungsgeld. Für Seehofer war das ein Af- genden Benzinpreisen über die Mineral-
          Horst Seehofers Gastgeber in front, und er hat auch gleich eine Mit- ölsteuer kräftig mitverdient.
          Brasilien wissen es nicht. Wie schuldige identifiziert: Angela Merkel.          Vor allem aber will der CSU-Chef das
sollten sie auch? Da lockt der Transport-      In Brasilien weist er nicht ohne Stolz Betreuungsgeld nutzen, um die Differen-
minister des Bundesstaates São Paulo mit darauf hin, wie er mit seiner Partei die zen zur Schwesterpartei deutlich zu ma-
Millionenaufträgen für die deutsche Wirt- jüngsten Klippen bei der Euro-Rettung chen. Im fernen Brasilien überhöhte er
schaft. Und Seehofer? Bleibt völlig kalt. umschifft hat, obwohl die „roten Linien“ die Familien-Geldspritze sogar zum ge-
  Doch als der Brasilianer das moderne der Bayern längst überschritten sind.           sellschaftspolitischen Großprojekt. „Das
Mautsystem erwähnt, das in der Nähe            Doch was ist die Gegenleistung? Liefert Betreuungsgeld ist für die CSU keine
São Paulos seit kurzem im Einsatz ist, ist die Kanzlerin, wenn auch er einmal etwas Pflichterfüllung, sondern ein Herzens-
der Gast aus Bayern mit einem Mal hell-                                                anliegen“, sagte er. Wenn die Partei auf
wach. „Ich bin ein großer Anhänger von                                                 ihrer Vorstandsklausur Ende dieser Wo-
Nutzungsgebühren für die Straße“, sagt                                                 che im Kloster Andechs ein Papier zum
der CSU-Chef plötzlich.                                                                „Chancenland Bayern“ beschließt, gehört
  Der Transportminister ist verblüfft.                                                 das Betreuungsgeld zu den Top-Punkten.
„Aber die Maut ist eine sehr unpopuläre                                                   Argwöhnisch beobachtet Seehofer den
Maßnahme“, sagt er, doch Seehofer winkt                                                anhaltenden Widerstand in der CDU. Ei-
ab: „Wenn man die Einnahmen wieder                                                     gentlich will der Bundesvorstand an die-
in die Infrastruktur steckt, können wir                                                sem Montag ein Bekenntnis zum Betreu-
die Menschen davon überzeugen.“                                                        ungsgeld beschließen. Doch dagegen gibt
  Mag sein, aber es gibt noch ein Argu-                                                es heftige Proteste. Seehofer warnt die
ment, das aus Seehofers Sicht für die                                                  CDU-Rebellen und Familienministerin
Maut spricht. Er erwähnt es nur nicht.                                                 Kristina Schröder vor dem Versuch, das
Das Thema ärgert die Kanzlerin. Und dar-                                               Projekt im Kleingedruckten des Gesetz-
auf kommt es ihm an in diesen Tagen.                                                   entwurfs doch noch zu torpedieren. „Das
                                                                                            MB6 / WENN.COM




Vor zwei Wochen haben 23 CDU-Bun-                                                      wird auf entschiedenen Widerstand der
destagsabgeordnete einen Protestbrief an                                               CSU stoßen. Wir wollen ein glasklares Ge-
Unionsfraktionschef Volker Kauder ge-                                                  setz, das jeder in zwei Sätzen versteht“,
schrieben. Sie wollten eines der Lieblings- Urlauberin Merkel mit Ehemann auf Ischia
projekte der CSU verhindern, das Betreu- Von nichts gewusst                            * Mit Kardinal Odilo Pedro Scherer in São Paulo.

                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                    31
sagt er. „Wer sein Kind nicht in die Kita
schickt, soll Anspruch auf das Geld haben,
egal ob er sich selbst um sein Kind küm-
mert oder weiterarbeitet und die Kinder-
betreuung in der Familie organisiert.“
   Für Seehofer geht es um mehr als ein
paar hundert Euro für Eltern, die ihre
Kinder lieber zu Hause erziehen. Seit der
Protestaktion in der CDU ist das Projekt
zum Symbol für bayerische Selbstbe-
hauptung in Berlin avanciert. Und darauf
kommt es an, wenn die CSU bei der
Landtagswahl im kommenden Jahr die
absolute Mehrheit zurückerobern will.
   Wenn die CSU mit dem Betreuungsgeld
scheitere, „dann sind wir doch nichts mehr
wert“, beteuerte Seehofer in Brasilien. Und
als er beim bayerischen Abend in einem
teuren Reitclub in São Paulo gefragt wur-
de, ob es einen Punkt gebe, an dem er die
Koalition in Berlin platzen lassen würde,
                                              GOTTFRIED STOPPEL / DER SPIEGEL




wies er solche Gedankenspiele nicht von
sich, sondern sagte schlicht: „Wenn sich
die anderen nicht vertragstreu verhalten.“
   Wie ernst es Seehofer meint, musste
Merkel in der Woche vor Ostern erfahren.
Die beiden telefonierten gleich mehrfach.
Warum er denn immer noch um das Be-
treuungsgeld kämpfen müsse, wo es doch                                          Bus in Tübingen: Traum von einer Stadt ohne Schwarzfahrer
längst beschlossene Sache sei, ärgerte sich
Seehofer. Notorische Abweichler gebe es
zwar in jeder Partei, sagte er zu Merkel.                                                                                NAHVERKEH R




                                                                                                 Schokolade für alle
„Du hast deinen Wolfgang Bosbach, ich
meinen Erwin Huber.“ Aber wie 23 CDU-
Fraktionsmitglieder unbemerkt gegen ein
gemeinsam beschlossenes Projekt vorge-
hen können, sei ihm schleierhaft.
   Merkel beteuerte, von nichts gewusst                                             Tübingen will das Busfahren zum Nulltarif einführen. Doch
zu haben, aber Seehofer ist bis heute arg-                                                    das Lieblingsprojekt von Grünen und
wöhnisch. Vor Ostern überlegte er gar,
die Zeitungen mit dem einen oder ande-                                               Piraten nützt dem Image der Stadt mehr als der Umwelt.
ren knackigen Zitat zu füttern. „Dann


                                                                                I
hätte zu Ostern die Erde gebebt.“                                                   n der Ökohochburg Tübingen soll die        Gratisfahrt-Initiativen gibt es im ganzen
   Stattdessen verabschiedete er sich für                                           Welt noch ein bisschen besser werden.      Land. Sie heißen „Berlin fährt frei“, „In-
einige Tage in die Zisterzienserinnen-Ab-                                           Gemeinderat und Bürger träumen von         novative Verkehrssysteme Darmstadt“
tei Waldsassen und schwieg, auch gegen-                                         einer Stadt ohne Schwarzfahrer, von            oder „Hamburger Verkehrsverbund um-
über Merkel, die ihm vergebens hinter-                                          Kranken, die im Hospital mehr Besuch           sonst!“. Hinter der immergleichen Idee
hertelefonierte. Der CSU-Chef hielt in-                                         bekommen, und von Armen, Alten und             stecken unterschiedliche Köpfe: Grüne
nere Einkehr und war für die Kanzlerin                                          Arbeitslosen, die immer mobil sind. Das        halten den Nulltarif für ein ökologisches
nicht zu sprechen. Schließlich versuchte                                        Konzept lautet: „TüBus für alle“. In Zu-       Pionierprojekt. Linke Kapitalismuskriti-
sie es mit einer Versöhnungs-SMS: „Ich                                          kunft sollen die Tübinger kostenlos durch      ker fordern Mobilität als Grundrecht. Die
stehe zum Betreuungsgeld.“                                                      die Universitätsstadt fahren. „Wenn das        Piratenpartei will private Infrastruktur-
   Mit der Friedens-SMS der Kanzlerin in                                        Projekt erfolgreich ist“, sagt der grüne       monopole zerschlagen und die S-Bahn in
der Tasche fühlt sich Seehofer für die                                          Oberbürgermeister Boris Palmer, „hat           Berlin der Stadt übereignen.
kommenden Auseinandersetzungen ge-                                              man den Klimaschutz nebenbei.“                    Verkehrswissenschaftler sehen im Null-
wappnet. Trotzdem hat er der CDU-Che-                                              Tübingen will als erste deutsche Stadt      tarif viele Vorteile. Er soll Autofahrer in
fin auf ihre SMS noch nicht geantwortet.                                        einen umlagefinanzierten Gratisbus ein-        Bus und Bahn locken. Er soll damit Klima
Zwischen beiden herrscht Funkstille.                                            führen, die Bürger würden eine jährliche       und Lebensqualität in den Städten ver-
   Merkel soll im Unklaren bleiben, wie                                         Verkehrsabgabe zahlen. Möglich gemacht         bessern. Weniger Autos in den Innenstäd-
er nun weiter vorgehen wird. In Brasilien                                       hat den Traum von der Verkehrs-Flatrate        ten bedeuten weniger Unfälle, weniger
freute sich Seehofer wie ein Zocker, der                                        der Regierungswechsel in Baden-Württem-        Abgase, weniger Lärm. Udo Becker, Pro-
bald eine gute Karte ausspielen wird. Als                                       berg. Denn die grün-rote Landesregierung       fessor für Verkehrsökologie an der Tech-
er auf dem Sprung zum nächsten Termin                                           prüft bereits Gesetzesänderungen, die es       nischen Universität Dresden, ist sich si-
zufällig seinen Pressesprecher traf, sprach                                     den Kommunen erlauben, eigene Geld-            cher, dass heutzutage „jeder Professor in
er ihn an. „Alles ruhig zu Hause?“ Der                                          quellen zu erschließen, um ihren Nahver-       Deutschland den Nulltarif theoretisch für
Sprecher nickte und schaute dienstbereit                                        kehr zu finanzieren.                           eine gute Idee hält“.
zu seinem Chef. „Wieso, wollen Sie was                                             Damit könnte in Tübingen Realität wer-         Täglich nutzen mehr als 28 Millionen
anzünden?“                                                                      den, was vielerorts noch reine Utopie ist:     Fahrgäste in Deutschland Busse und Bah-
                              PETER MÜLLER                                      freie Busfahrt für freie Bürger. Rund 20       nen des öffentlichen Personennahver-
32                                                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Deutschland

kehrs (ÖPNV). Das spart mehr als 18 Mil- stimmten 75 Prozent der Bürger der est- Friedrich hat diese Abgabe „Bürger-
lionen Autofahrten am Tag ein. Das Um- nischen Hauptstadt Tallinn für kostenlose ticket“ getauft. Das Kalkül hinter dem
weltbundesamt stellte schon 2003 in einer Fahrten in Bussen und Bahnen. 1997 gab Bürgerticket klingt einleuchtend: Wer
Studie fest: „Folgt man dem Ziel, mög- es in Deutschland den ersten Nulltarif- eine Monatskarte besitzt, nutzt sie auch.
lichst viele Fahrten auf den ÖPNV zu ver- versuch. Im brandenburgischen Templin          Aus diesem Grund befürchtet der
lagern, spielen die Ticketpreise eine we- konnten die Bürger auf Kosten von Ge- Verkehrsclub, dass nicht nur Autofahrer,
sentliche Rolle.“ Besonders gern dürften meinde, Kreis und Land ohne Ticket Bus sondern auch Radfahrer und Fußgänger
Bürger umsteigen, wenn die Fahrten gar fahren. Schon im ersten Jahr verzehn- verstärkt in einen kostenlosen Stadtbus
nichts kosten.                              fachte sich die Fahrgastzahl. Die Idee einsteigen, und spricht von einem „Kan-
   Tübingen macht sich nun an die Umset- scheiterte 2003 an ihrem eigenen Erfolg, nibalisierungseffekt“. Der VCD hält einen
zung. Doch leider könnte damit der Traum sie wurde für die Stadt zu teuer. Heute Nulltarif aus ökologischer Sicht deshalb
vom fahrscheinlosen Nahverkehr ausge- kostet eine Jahreskurkarte 44 Euro, sie für wenig sinnvoll.
rechnet in einer Stadt Wirklichkeit werden, gilt gleichzeitig als Busfahrschein.         Auch der Verkehrsminister Baden-
in der er kaum ökologischen Nutzen stiftet.    Sandro Battistini vom Verkehrsclub Württembergs, Winfried Hermann, ist
Denn: Die Tübinger sitzen schon dauernd Deutschland (VCD) beschreibt das Pro- skeptisch. „Ich bin grundsätzlich dagegen,
im Bus. Genau deswegen hat der Nulltarif blem: „Je mehr Menschen den Bus nut- dass den Leuten signalisiert wird, ihre
an diesem Ort so viele Anhänger. Genau zen, desto teurer wird die Bereitstellung, Wege seien umsonst.“ Hermann hat mo-
deswegen ergibt er hier so wenig Sinn. Das desto wichtiger werden die Ticketeinnah- mentan mehr Verständnis für die Sorgen
Potential an Autofahrern, die                                                                   der Stuttgarter Bahnhofsgegner
künftig ihren Wagen in der Ga-                                                                  als für die Nöte der Tübinger
rage stehen lassen, ist gering in                                                               Gratisbus-Befürworter. Nach
der Stadt, von der ihr Oberbür-                                                                 Einschätzung eines Ministe-
germeister behauptet: „Wir sind                                                                 riumsmitarbeiters könnte es
deutscher Meister im Nicht-Auto-                                                                noch zwei Jahre dauern, ehe die
fahren.“                                                                                        Vereinbarung aus dem Koali-
   Die Haltestellendichte ist                                                                   tionsvertrag umgesetzt wird.
hoch, die Busse fahren bis spät                                                                    Boris Palmer will die Zwi-
in die Nacht und sind immer                                                                     schenzeit nutzen, um das Prin-
randvoll. Der verkehrspolitische                                                                zip der Verkehrsabgabe, nach
Effekt eines Nulltarifs in Tübin-                                                               dem in Tübingen bereits ein
gen wäre mit hoher Wahr-                                                                        Teil des Semestertickets finan-
scheinlichkeit: null.                                                                           ziert wird, auf andere Berufs-
   Kein Grund für die Mitglie-                                                                  gruppen auszudehnen. Im Lau-
der der lokalen Aktivistengrup-                                                                 fe des Jahres soll ein Jobticket
pe gegen „Krieg, Kapitalismus                                                                   für die Beschäftigten des Uni-
und Kohlendioxid“, vom Null-                                                                    Klinikums den Stadtbus gratis
tarif abzurücken. Mit dem grün-                                                                 anbieten.
roten Rückenwind aus Stuttgart                                                                     Doch Verkehrsexperte Fried-
hat sich auch der Gemeinderat                                                                   rich glaubt, dass das nicht aus-
ihrer Gratisbus-Forderung an-                                                                   reiche: „Wer die Leute in Busse
geschlossen. Oberbürgermeister                                                                  treiben will, muss den Zeitvor-
                                                                                               GOTTFRIED STOPPEL / DER SPIEGEL




Palmer, der Mann mit dem                                                                        teil des Autos aufheben.“ Das
Elektrobike statt Dienstwagen,                                                                  gehe nicht mit Nulltarifen, son-
wollte die Nahverkehrsabgabe                                                                    dern mit weniger Parkplätzen
schon vor sieben Jahren einfüh-                                                                 und längeren Ampelphasen.
ren, damals saß er als Verkehrs-                                                                Oder mit einer City-Maut. Boris
experte im Stuttgarter Landtag.                                                                 Palmer hat das Angebot eines
   Die Kritik der Tübinger Öko-                                                                 Unternehmens für ein solches
bürger an der Verkehrsabgabe Oberbürgermeister Palmer: „Meister im Nicht-Autofahren“            System schon in der Schublade
hält sich bislang in Grenzen.                                                                   liegen.
Nur in einer Diskussionsrunde des Ge- men.“ Auch der Anreiz, den Fahrgästen              Busfahren verbilligen, Autofahren ver-
meinderats zum Thema schimpfte einer: bessere Angebote zu machen, falle weg, teuern – Verkehrsökologe Becker hält viel
„Ich strample auf meinem Fahrrad täglich wenn mehr Kunden nicht mehr Geld in vom Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“.
fürs Klima. Jetzt soll ich den faulen Bus- der Kasse bedeuteten. Nur als „Anschub- Er sagt: „Ich würde die Maut jeder Groß-
gästen auch noch ihr Ticket zahlen?“ In mittel“ hält der Club einen Nulltarif im stadt empfehlen.“ Tübingen sei allerdings
einem Leserbrief an die örtliche Zeitung ÖPNV für sinnvoll.                            ziemlich klein, da sei es zweifelhaft, wie
fordert ein anderer „Schokolade für alle“.     Doch die knapp 90 000 Einwohner Tü- sehr sich Anschaffung und Betrieb des
Das sei auch schön und habe mit Um- bingens, davon mehr als 20 000 Studen- Systems rentierten.
weltschutz wenig zu tun.                    ten, steigen jährlich bereits 18 Millionen   Palmer lässt sich von solchen Argumen-
   Vorvergangene Woche nahm in der Mal in eine der 35 Linien. Wenn die Tü- ten nicht bremsen, er hofft, mit einer Ein-
Stadt ein „Koordinationskreis TüBus für binger ihre Busfahrt nicht mehr am Fahr- fahrtgebühr von einem Euro einen jährli-
alle“ die Arbeit auf. Und Boris Palmer scheinautomaten bezahlen müssten, fehl- chen Nettoerlös von 20 Millionen Euro zu
könnte wieder mal mit der Vorreiterrolle ten den Stadtwerken 6,5 Millionen Euro. erwirtschaften. Das wäre genug, um den
Tübingens glänzen, das macht sich für          Nach Berechnungen des Berliner Ver- Stadtbus kostenlos anbieten zu können.
ihn auch bundespolitisch gut.               kehrsexperten und langjährigen Leiters Wenn die Tübinger bei einem für 2014 ge-
   Die Internetseite „Free Public Trans- der Abteilung „Verkehr und Lärm“ im planten Bürgerentscheid für die Maut stim-
port“ listet 47 Städte auf der ganzen Welt Umweltbundesamt, Axel Friedrich, müss- men, könnte der Gratisbus ab 2015 über
auf, in denen der Nahverkehr fahrschein- ten die Tübinger eine Nahverkehrsabgabe das Tübinger Kopfsteinpflaster rollen.
los funktioniert. Erst vor drei Wochen von jährlich 100 bis 150 Euro leisten.                                        ANNA KISTNER

                                                 D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                           33
Deutschland

                                                                                        Doch das fragwürdige Agreement mit
                                                                                     der Schweiz regt viele Wähler auf. Bei
                                    REGIERUNG                                        Union und FDP ist von Steuersenkungen


           Staatliche Geldwäsche
                                                                                     für Normalverdiener kaum noch die
                                                                                     Rede, überall soll gespart werden, und
                                                                                     die Zahl der Sanktionen gegen unehrliche
                                                                                     Hartz-IV-Empfänger erreicht gerade ei-
                                                                                     nen neuen Rekordstand. Doch gleichzei-
     Berlin will deutsche Steuerflüchtige begünstigen. Wer sein                      tig würden von der staatlich organisierten
                 Schwarzgeld in der Schweiz versteckt hat,                           Geldwäsche im Zürcher Bankenviertel
  kann es legalisieren; die Anonymität der Sünder bleibt gewahrt. ausgerechnet jene profitieren,skrupellos
                                                                                     nur wohlhabend, sondern auch
                                                                                                                       die nicht

                                                                                     genug waren, ihren Anteil an der Finan-


A
        ndreas Schmitz von Hülst, Prä- von einer pragmatischen Lösung. Aus sei- zierung des Gemeinwesens heimlich au-
        sident der Oberfinanzdirektion ner Sicht ist der Ablasshandel nur der ßer Landes zu schaffen.
        Rheinland, hatte es bis vor kur- unbedeutende Teil eines weitreichenden         „Für diejenigen, die brutal Schwarzgeld
zem vergleichsweise leicht, Steuersün- und grundsätzlich vorteilhaften Abkom- in die Schweiz verbracht haben, ist das
dern auf die Spur zu kommen. Er musste mens mit der Schweiz, das Steuerhinter- Abkommen ein Geschenk des Himmels“,
nur auf die Post mit den Selbstanzeigen ziehung in Zukunft erschwere und der sagt der Berliner Steuerrechtler Martin
warten. Nahezu täglich meldeten sich Bundesrepublik unterm Strich viele Mil- Wulf. Seine Kollegin Alexandra Mack aus
reumütige Bürger, um ihre Vergehen zu liarden in die Kasse spülen werde. „Für Köln spricht davon, dass für große
gestehen. Vor allem die Enttarnung von die Zukunft haben wir eine Lösung, dass Steuerhinterzieher „Ostern und Weih-
Schwarzgeldkonten in Liechtenstein und die Einlagen von deutschen Steuerpflich- nachten auf einen Tag fallen“, wenn das
der Schweiz hatte der Klientel                                                                 Abkommen in Kraft tritt. Und
einen so großen Schrecken ein-                                                                 Thomas Eigenthaler, Vorsitzen-
gejagt, dass sich viele danach                                                                 der der Deutschen Steuer-
drängten, ihr Gewissen zu er-                                                                  Gewerkschaft, sagt, im Prinzip
leichtern und so einer noch                                                                    handle es sich um einen „Persil-
schlimmeren Strafe zu ent-                                                                     schein“.
gehen.                                                                                            Kritik kommt auch vom nord-
   Doch in letzter Zeit ist aus der                                                            rhein-westfälischen Finanzmi-
Flut der Selbstanzeigen ein dün-                                                               nister Norbert Walter-Borjans
nes Rinnsal geworden. Statt reui-                                                              (SPD). Auf Bundesfinanzminis-
gen Sündern zuerst die Beichte                                                                 ter Schäuble ist er derzeit eben-
und dann das Geld abzuneh-                                                                     so schlecht zu sprechen wie auf
men, ist für die Steuerfahnder                                                                 die Schweiz. Dass die Eidgenos-
wieder mühevolle Ermittler-                                                                    sen wegen des Ankaufs von CDs
arbeit gefragt, ein Umstand, den                                                               mit Bankdaten kürzlich Haftbe-
der Finanzbeamte Schmitz von                                                                   fehl gegen drei nordrhein-west-
Hülst auf die aktuelle Politik der                                                             fälische Steuerfahnder erließen,
                                                                                              RAINER JENSEN / DPA




Bundesregierung zurückführt.                                                                   hat seinen Groll noch gesteigert.
Viele Steuertrickser hätten sich                                                                  Zwar könnte das Steuerab-
kühl ausgerechnet, dass es sich                                                                kommen mit der Schweiz etli-
lohne, die Entwicklung der                                                                     che hundert Millionen Euro in
nächsten Wochen abzuwarten. Schweizer Botschaft in Berlin: „Geschenk des Himmels“              seine Landeskasse spülen. Doch
Warum ein Geständnis ablegen,                                                                  Walter-Borjans lehnt den Plan
wenn die Chancen steigen, dass sich die tigen auf Schweizer Banken genau gleich ab, zumal er bei seinen Auftritten im
Probleme demnächst von ganz allein er- behandelt werden wie auf deutschen NRW-Wahlkampf bemerkt, dass seine
ledigen?                                    Banken“, sagt Schäuble – eine gewagte Haltung im Volk gut ankommt. Bei seinen
   Es geht um eine Amnestie für Steuer- Behauptung.                                  Kollegen aus den anderen Bundesländern
hinterzieher, auf deren letzte Details sich   Kritiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel wirbt er nun dafür, das Projekt im Bun-
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble werten den Steuerplan als „Schlag ins desrat scheitern zu lassen.
(CDU) vor den Osterfeiertagen mit seiner Gesicht der ehrlichen Bürger“. Und             Walter-Borjans hat seine Fachleute im
Schweizer Amtskollegin Eveline Widmer- tatsächlich passt es schlecht zusammen, NRW-Finanzministerium ausrechnen las-
Schlumpf verständigt hat. Der Plan sieht dass die Finanzämter mitunter jede Be- sen, welche finanzielle Vorteile Schwarz-
vor, dass sich deutsche Besitzer von wirtungsquittung überprüfen und selbst geldbesitzer durch die geplante Amnestie
Schwarzgeldkonten in der Schweiz durch kleine Fehler mit Bußgeldern ahnden, hätten. Sein Fazit: „Je mehr Steuern je-
eine moderate Abschlagszahlung von al- andererseits aber demnächst Milde wal- mand hinterzogen hat, desto mehr profi-
ler Schuld befreien können.                 ten lassen, wenn Millionäre ihre Reich- tiert er von der Regelung. Das ist inak-
   Die Schweizer Bank stellt ihrem Kun- tümer illegal in der Schweiz gebunkert zeptabel.“
den eine Bescheinigung aus und überweist haben.                                         Im Detail sieht die Rechnung so aus:
das Geld an den deutschen Fiskus. Der         Die politische Glaubwürdigkeit der Re- Wer vor zehn Jahren 1,2 Millionen Euro
Steuersünder bleibt anonym. Und sollte gierung steht auf dem Spiel. Bundeskanz- unversteuertes Schwarzgeld illegal in die
er eines Tages doch einmal Besuch von lerin Angela Merkel will eine Gerechtig- Schweiz geschafft hat und dort dank Zins
der Steuerfahndung bekommen, muss er keitsdebatte unbedingt vermeiden. Auch und Zinseszins inzwischen über 1,6 Mil-
nur die Bescheinigung seiner Bank vor- die FDP will nach dem PR-Desaster mit lionen Euro verfügt, müsste nach dem
zeigen – und ist aus dem Schneider.         der Hotelsteuer nicht schon wieder in Steuerabkommen nur 21 Prozent bezah-
   Die Bundesregierung rechtfertigt den den Ruf einer Partei für Besserverdiener len, um sein Geld weißzuwaschen. Er
Deal. Finanzminister Schäuble spricht geraten.                                       käme also mit gut 300 000 Euro davon.
34                                               D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Sparmodell Steuerabkommen                                       Vergleich von Steuerlasten auf Vermögen in der Schweiz
Musterrechnung für Steuerpflichtige mit Wohnsitz in Deutschland und Spitzensteuersatz, jährliche Verzinsung des Kapitals: 3 %                              Quelle: Finanzministerium NRW

Einmalzahlung aus unversteuerten Einnahmen                                                                      Regelmäßige Einzahlungen von Schwarzgeld
Im Jahr 2002 wurden einmalig 1,2 Millionen Euro in der Schweiz eingezahlt;                                      Von 2002 bis 2008 wurden jährlich 500000 Euro transferiert;
Kapitalstand Ende 2012: 1,6 Mio. Euro                                                                           Kapitalstand Ende 2012: 4,3 Mio. Euro
reguläre Steuer          Selbstanzeige             Steuerabkommen 1 Steuerabkommen 2                            reguläre Steuer       Selbstanzeige      Steuerabkommen 1/2
 47,6 %                   73,3 %                    19,0%                     21,0%                              44,3%                 61,9%              31,5%
 768266 €                 1,2 Mio.€                 306 413 €                 338 667€                           1,9 Mio.€             2,7 Mio.€          1,4 Mio.€




bei Vererbung des Kapitals im Jahr 2008
reguläre Steuer      Selbstanzeige                 Steuerabkommen 1 Steuerabkommen 2                            reguläre Steuer       Selbstanzeige      Steuerabkommen 1/2
 64,0 %                   93,6 %                    19,0%                     21,0%                              58,6 %                79,7 %             31,5%
 1,0 Mio.€                1,5 Mio.€                 306 413 €                 338 667€                           2,5 Mio.€             3,4 Mio.€          1,4 Mio.€




Alle Verpflichtungen gegenüber dem            Der Greifswalder Steuerstrafrechts-                                              sich die pauschale Besteuerung des
deutschen Fiskus wären abgegolten – zu experte Wolfgang Joecks hält das geplan-                                                Schwarzgeldes für alle Betroffenen am
einem Spottpreis. Wäre das Einkommen te Abkommen deshalb für verfassungs-                                                      deutschen Spitzensteuersatz orientieren,
ordnungsgemäß in Deutschland dekla- widrig. Der Steuerhinterzieher werde                                                       der inklusive Solidaritätszuschlag bei
riert und versteuert worden, lägen die gegenüber den Steuerehrlichen auf eine                                                  rund 45 Prozent liegt. „Wer anonym blei-
Abzüge bei 770 000 Euro, also mehr als Weise bessergestellt, die nicht gerechtfer-                                             ben will, muss bluten. Wer glaubt, dass
doppelt so hoch.                           tigt sei. Zwar sei es grundsätzlich möglich,                                        er mit einer Selbstanzeige günstiger weg-
   So erklärt sich, warum derzeit nur sehr reuigen Steuersündern Straffreiheit und                                             kommt, kann sich ja den deutschen Be-
wenige Selbstanzeigen bei den Steuer- Steuernachlass zu gewähren. Doch schon                                                   hörden offenbaren“, so Eigenthaler.
behörden eingehen. Ein Steuersünder, 1991 habe das Bundesverfassungsgericht                                                       Zweitens müsse der Stichtag für die
der sich jetzt stellt, müsste im genannten es zur Bedingung gemacht, dass der                                                  Bemessung des gebunkerten Vermögens
Beispiel nicht nur 770 000 Euro Steuern „Steuerpflichtige aus der Anonymität der                                               vorverlegt werden. Bislang ist dafür der
nachzahlen, sondern zusätzlich die darauf Steuerunehrlichen heraustreten“ müsse,                                               1. Januar nächsten Jahres vorgesehen, ein
erhobenen Verzugszinsen. Am Ende sum- um in den Genuss einer Amnestie zu                                                       Unding, wie Eigenthaler findet: „Es kann
mierten sich seine Verpflichtungen nach kommen.                                                                                nicht sein, dass die Steuerbetrüger noch
der Berechnung des Ministeriums schnell       Doch genau das sieht das Abkommen                                                bis zum Jahresende Zeit bekommen, ihr
auf 1,2 Millionen Euro, also mehr als mit der Schweiz nicht vor, so Steuer-                                                    Geld wegzuschaffen.“
das Dreifache dessen, was bei der Steuer- experte Joecks. Kein Steuerhinterzieher                                                 Am besten wäre es, wenn deutsche
amnestie auf ihn zukäme.                   werde gezwungen, seine Identität preis-                                             Anleger ihr Geld überhaupt nicht mehr
   Die Musterfälle des NRW-Finanzminis- zugeben, insofern spreche „vieles dafür“,                                              anonym in der Schweiz anlegen könnten.
teriums zeigen auch, dass die meisten dass die geplante Regelung verfassungs-                                                  Dafür müsste es einen automatischen
Schwarzgeldbesitzer mit dem niedrigsten widrig sei. Theoretisch könnte jeder                                                   Informationsaustausch geben, wie er zwi-
Steuersatz belegt würden, den das von Steuerzahler die Sache nach Karlsruhe                                                    schen den meisten EU-Staaten üblich ist.
Schäuble verhandelte Steuerabkommen tragen, indem er sich auf eine Ungleich-                                                   Die Aufhebung des Bankgeheimnisses ist
vorsieht. Offiziell reicht die Spanne bei behandlung zu seinen Lasten beruft.                                                  für die Schweiz allerdings nicht verhan-
den Abzügen von 21 bis 41 Prozent. Wie        Gleichwohl halten auch die meisten                                               delbar. Zumindest noch nicht.
hoch der Satz im Einzelfall ist, berechnet Kritiker ein Steuerabkommen mit der                                                    Umso schmerzhafter wäre es für die
sich anhand einer komplizierten Formel. Schweiz im Prinzip für sinnvoll, schließ-                                              Steuerfahnder, wenn das Abkommen mit
Je mehr und je regelmäßiger Geld hinter- lich handelt es um viel Geld. Steuer-                                                 der Schweiz in der aktuellen Version in
zogen wurde, desto höher der Abschlag – experten gehen davon aus, dass die Deut-                                               Kraft träte. Sie befürchten, dass es in Zu-
das ist der Plan.                          schen zwischen 130 und 180 Milliarden                                               kunft noch schwerer sein wird, Schwarz-
   Der NRW-Finanzminister hält das je- Euro Schwarzgeld auf Schweizer Konten                                                   geldkonten in der Schweiz zu enttarnen.
doch für „reine Kosmetik“. Experten deponiert haben. Umso empörter sind sie,                                                   Dass Trickser entdeckt werden, werde
haben ausgerechnet, dass Schwarzgeld- dass die Schweizer Banken nach derzei-                                                   eher unwahrscheinlich. Den Ankauf von
besitzer den neuen Höchstsatz nur zahlen tigem Schäuble-Plan nur 1,7 Milliarden                                                Daten-CDs dürfen deutsche Behörden
müssten, wenn sich ihr Vermögen binnen Euro als Abschlagszahlung an den deut-                                                  laut Abkommen nicht mehr aktiv be-
zehn Jahren um mehr als das Hundert- schen Fiskus überweisen müssen.                                                           treiben.
fache erhöht hat, ein eher theoretischer      „Deutschland hat sich bei den Verhand-                                              Und die hiesigen Finanzämter dürfen
Fall, der sich, so Walter-Borjans, „selbst lungen gnadenlos über den Tisch ziehen                                              innerhalb von zwei Jahren gerade einmal
bei optimaler Geldanlage“ kaum errei- lassen“, sagt Eigenthaler von der Steuer-                                                1300 Anfragen zu den Konten von deut-
chen lasse. Er glaubt, dass etwa 80 Pro- Gewerkschaft.                                                                         schen Bürgern an die Schweizer Steuer-
zent der Steuersünder mit dem Mindest-        Eigenthaler, selbst Finanzbeamter, hat-                                          verwaltung richten. Das macht rund eine
satz davonkommen – unabhängig davon, te eigene Vorstellungen entwickelt, wie                                                   Anfrage pro Finanzamt. Pro Jahr.
ob sie 100 000 Euro oder Millionen hinter- ein akzeptables Abkommen mit der                                                                      SVEN BÖLL, DIETMAR HIPP,
zogen haben.                               Schweiz aussehen könnte. Erstens müsse                                                   ALEXANDER NEUBACHER, BARBARA SCHMID

                                                                        D E R     S P I E G E L     1 6 / 2 0 1 2                                                               35
Deutschland

                                                                                         marktsteuer wollen aber neben der FDP
                                                                                         acht Regierungen in Europa nicht. Dass
                                      LIBERALE                                           eine differenzierte Antwort vielleicht län-


                „Spott ist erlaubt“
                                                                                         ger braucht, um ein vorurteilsgeprägtes
                                                                                         Bild zu verändern, das ist mir schmerzlich
                                                                                         bewusst. Trotzdem darf man nicht auf-
                                                                                         geben.
                                                                                         SPIEGEL: Warum erwecken Ihre derzeit
     FDP-Generalsekretär Patrick Döring, 38, über die holprige                           wichtigsten Wahlkämpfer, Wolfgang Ku-
            Zusammenarbeit mit Parteichef Rösler                                         bicki und Christian Lindner, ständig den
                                                                                         Eindruck, sie würden Sie und FDP-Chef
       und Anfeindungen von Sympathisanten der Piraten                                   Rösler nicht mehr ernst nehmen?
                                                                                               Döring: Den Eindruck habe ich nicht.
SPIEGEL: Herr Döring, Sie sind Teil                                                            SPIEGEL: Über Ihr neues Kernthema
der schwächsten FDP-Führung seit                                                               Wachstum spottete Kubicki gerade,
langer Zeit. Wollen Sie sich am Wo-                                                            das sei ihm zu schwammig. Damit
chenende auf dem FDP-Parteitag                                                                 könne auch Haarwachstum gemeint
tatsächlich offiziell zum General-                                                             sein.
sekretär wählen lassen?                                                                        Döring: Spott ist erlaubt. Aber in der
Döring: Ich freue mich sogar darauf –                                                          Sache sind wir uns einig. Wachstum
und teile auch überhaupt nicht Ihre                                                            und Haushaltskonsolidierung sind
Einschätzung über die Stärke der                                                               auch unsere Wahlkampfthemen in
Parteiführung.                                                                                 NRW und Schleswig-Holstein. Da
SPIEGEL: Vor einem Jahr ist die neue                                                           füllen wir, genau wie im Bund, diese
Führung unter Philipp Rösler mit                                                               Themen mit Leben.
dem Ziel angetreten, Image und Pro-                                                            SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass Rös-
gramm der FDP zu ändern. Warum                                                                 ler nach den Wahlen in Schleswig-
merkt man davon nichts?                                                                        Holstein und NRW noch Parteichef
Döring: Programmatisch hat es längst                                                           sein wird?
eine Veränderung gegeben. Wir ha-                                                              Döring: Selbstverständlich.
ben die Vision eines Staates entwi-                                                            SPIEGEL: Aber seine Autorität ist da-
ckelt, der auf Schulden verzichten                                                             hin. Wir erinnern an die Kandidaten-



                                                                                             CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL
und Schulden abbauen kann. Wir                                                                 suche in NRW: In Düsseldorf musste
müssen deshalb auf Wachstum set-                                                               Rösler in einem Nebenraum warten,
zen, um so Mehreinnahmen zu ge-                                                                während Lindner, Daniel Bahr und
nerieren. Die Signale sind da für die                                                          Gerhard Papke Entscheidungen fäll-
kommenden Jahre sehr gut. Wir                                                                  ten. Wie kann sich ein Vorsitzender
können, begleitet auch von weiteren                                                            so demütigen lassen?
Sparanstrengungen, bei der Konso- Politiker Döring: „Wir sind ja kein Kabarett-Duo“            Döring: Es ist normal, dass Landes-
lidierung schneller vorankommen.                                                               verbände im Wesentlichen selbstän-
Wir wollen erreichen, dass die Neu-                                                            dig über ihre Führung entscheiden.
verschuldung schon vor 2016 bei                                                                Es ist aber ein Irrglaube, dass Phi-
null liegt. Kurz: Man kann uns nicht                                                           lipp Rösler in die Entscheidung
auf das Thema Steuersenkungen re-                                                              nicht eingebunden war. Es hat be-
duzieren – das Wirken der FDP war                                                              reits im Vorfeld viele Gespräche ge-
und ist breiter. Unsere Anhänger                                                               geben, die von ihm ausgingen und
nehmen es auch positiv wahr.                                                                   in denen er seine Vorstellungen dar-
SPIEGEL: Selbst wenn Sie ordnungs-                                                             gelegt hat.
politisch recht haben sollten: Wäh-                                                            SPIEGEL: Selbst Mitglieder des NRW-
rend sich fast alle um die arbeitslosen                                                        Landesvorstands sagten, Rösler
Schlecker-Mitarbeiterinnen sorgten,                                                            habe rumgestanden wie bestellt
                                                                                             WINFRIED ROTHERMEL / DAPD




war Ihr Kommentar, es werde schon                                                              und nicht abgeholt. Macht das ein
keinen Zahnpastamangel geben.                                                                  Parteichef, der noch etwas zu sa-
Döring: Ich habe zu diesem Thema                                                               gen hat?
weit Differenzierteres gesagt.                                                                 Döring: Auch am Abend der Ent-
SPIEGEL: Hängen bleibt die Zahn-                                                               scheidung war Philipp Rösler stän-
pasta.                                                                                         dig über den Ablauf der Gespräche
Döring: Wenn man den Satz isoliert Minister Rösler: „Ich kenne seine Stärken“                  informiert. Um auf dem Laufenden
betrachtet, mag er ein bisschen nass-                                                          zu bleiben, muss man im Zeitalter
forsch daherkommen. Aber Zuspitzung nen auch viele Liberale nicht erkennen.              moderner Kommunikationsmittel nicht
sollte einem Generalsekretär nicht fremd Ihr Spitzenkandidat in Schleswig-Hol-           persönlich dabei sein.
sein. Entscheidend ist: Unsere Ablehnung stein, Wolfgang Kubicki, warf Ihnen we-         SPIEGEL: Sie müssen den Vorgang ja run-
einer Transfergesellschaft für Schlecker gen der Haltung zur Finanztransaktions-         terspielen, weil er ein harter Angriff ge-
war richtig, vor allem für die Mitarbeite- steuer vor, die FDP gelte als „Partei, die    gen die Autorität Ihres Vorsitzenden war.
rinnen, die sonst Rechtsansprüche verlo- die Finanzmärkte schützen will“.                Döring: Das ist der bewusste Versuch von
ren und weniger Vermittlungsperspekti- Döring: Wir haben viel getan, um die Fi-          außen, ihm das als Schwäche anzukreiden.
ven bekommen hätten.                       nanzmärkte zu regulieren: ungedeckte          SPIEGEL: Sie kennen Rösler schon lange.
SPIEGEL: Einen Imagewechsel hin zu ei- Leerverkäufe verboten und eine Banken-            Wie kam es zu Ihrem Duo-Spitznamen
nem „mitfühlenden Liberalismus“ kön- abgabe eingeführt. Eine isolierte Finanz-           „Der Chinese und der Dicke“?
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Döring: Bei der niedersächsischen Kommu-     klärtermaßen eine andere Auffassung. Ich        werken und finde das extrem reizvoll, aber
nalwahl 2001 hingen unsere Plakate meist     kenne seine Stärken als Minister und Wahl-      es gibt Grenzen. Diese Idee, dass nur der
nebeneinander. Bei einem Volksfest sagte     kämpfer. Rösler hat meine volle Unterstüt-      Schwarm recht hat, das ist keine demokra-
dann ein Kind zu seiner Mutter: „Guck        zung. Sonst hätte ich nicht gesagt, dass ich    tische Kultur. Zur Demokratie gehört auch
mal, da kommen der Dicke und der Chi-        gerne sein Generalsekretär sein will.           der Schutz von Minderheiten und anderen
nese von der FDP.“ Das fanden wir nied-      SPIEGEL: Als Sie dann behaupteten, die Pi-      Meinungen. Darum ging es mir.
lich, es hat sich dann irgendwie weiter-     raten stünden für die „Tyrannei der Mas-        SPIEGEL: Bei der Wahl im Saarland haben
transportiert. Wir selbst haben uns nie so   se“, brach ein „Shitstorm“ gegen Sie los.       Sie mehr Wähler an die Piraten verloren
genannt. Wir sind ja kein Kabarett-Duo.      Sind Sie für eine Führungsposition zu toll-     als die Grünen. Werden die Piraten die
SPIEGEL: Können Sie es nachvollziehen,       patschig oder nur zu ehrlich?                   FDP als liberale Partei ersetzen?
dass manche Kritiker sagen: Niemand ver-     Döring: Weder noch. Ich finde es eben pa-       Döring: Nein. Denn in ihrem Kern sind die
körpert das Elend der FDP besser als das     radox, dass bei einer Partei, die in beson-     Piraten nicht liberal. Für mich sind viele
Duo Rösler/Döring?                           derer Weise für Transparenz zu stehen           Programmfragmente, die man derzeit fin-
Döring: Nein. Aber wenn man in Funktion      glaubt, dieser anonyme Sturm der Belei-         den kann, eher links, das gilt für die Sozi-
ist, wird man kritisiert, das gehört dazu.   digung zur Folklore gehört. Das geht bis        alpolitik wie auch die Wirtschaftspolitik.
SPIEGEL: Nachdem Sie im Dezember als         zur persönlichen Empfehlung für das Ab-         SPIEGEL: Aber auch die Piraten wollen die
Generalsekretär nominiert wurden, folgte     leben. Das ist für mich nicht demokra-          Freiheit des Individuums gegen Eingriffe
eine Panne der anderen. Los ging es mit      tisch. Ich würde es auch in einer Saalver-      von außen verteidigen. Das ist eigentlich
der Meldung, Sie hätten erst einen Au-       anstaltung nicht akzeptieren, dass jemand       Ihr Markenkern. Wo ist Ihre Abgrenzung?
ßenspiegel beschädigt und danach Fah-        aufsteht, mich wüst beschimpft und dann         Döring: Da gibt es bei den Piraten doch
rerflucht begangen …                         auffordert, meinem Leben ein Ende zu            große Widersprüche. Man kann nicht die
Döring: Es hat sich anders zugetragen, als   setzen. Und so wenig will ich das in der        Datenfreiheit des Einzelnen gegenüber
zunächst berichtet wurde, und ich habe       virtuellen Welt hinnehmen.                      dem Staat verteidigen, ohne gleichzeitig
den Vorgang bereits mit der Nominierung      SPIEGEL: Welche Drohungen bekamen Sie?          anzuerkennen, dass die Daten und Ideen
öffentlich gemacht. Der kleine Schaden       Döring: Die Empfehlung, es Möllemann            des Einzelnen gegenüber anderen ge-
ist beglichen worden, die Staatsanwalt-      gleichzutun und ohne Fallschirm aus dem         schützt sein müssen. Datenschutz und Ei-
schaft hat das Verfahren eingestellt.        Flugzeug zu springen, war noch die harm-        gentumsschutz sind zwei Seiten dersel-
SPIEGEL: Als Nächstes bezeichneten Sie       losere Variante. Es ging um jede Art,           ben Medaille. Und bei allem Verständnis
Rösler als „Wegmoderierer“. So haben         mein Leben zu beenden. Da kriegen Sie           für den Wunsch nach mehr Transparenz:
Sie Ihren Chef gleich mal als führungs-      das volle Programm.                             Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse ent-
schwach hingestellt.                         SPIEGEL: Auf welchem Weg?                       spricht nicht dem liberalen Weltbild.
Döring: Es ist im „Stern“ versucht worden,   Döring: Per E-Mail, Facebook, Twitter, alles.             INTERVIEW: MARKUS FELDENKIRCHEN,
diesen Eindruck zu erwecken. Ich habe er-    Ich verfolge ja die Debatten in den Netz-                                   MERLIND THEILE
Drogenmilieu. V-Personen liefern Infor-
                                                                                                                                         mationen gegen Geld. Das V steht für
                                                                                                                                         Vertrauen. Doch kann man ihren Infor-
                                                                                                                                         mationen auch uneingeschränkt trauen?
                                                                                                                                         V-Leute kommen oft aus der Szene, die
                                                                                                                                         sie bespitzeln sollen. Immer wieder be-
                                                                                                                                         gehen solche bezahlten Spitzel Straftaten
                                                                                                                                         oder verleiten andere dazu.
                                                                                                                                            Im Fall Namik A. vertrauen die Ermitt-
                                                                                                                                         ler der V-Person, die nur einmal und nur
                                                                                                                                         mit dieser Information in den Akten er-
                                                                                                                                         wähnt wird. Das Telefon des Türken wird




                                                                                                                   AXEL SCHMIDT / DAPD
                                                                                                                                         abgehört, die Polizei besichtigt unter ei-
                                                                                                                                         nem Vorwand sein türkisches Café im
                                                                                                                                         Berliner Stadtteil Charlottenburg, sie be-
                                                                                                                                         obachtet seine Laube in der Kleingarten-
                      Zollbeamte, beschlagnahmtes Kokain: „Zweitgrößter Drogenfund seit 33 Jahren“                                       kolonie am Stadtrand. Hinter der Hecke
                                                                                                                                         steige Rauch wie beim Grillen auf, ver-
                                                                                                                                         merken die Beamten in ihrem Bericht.
                                                                                                                                         Hinweise auf schwunghaften Handel mit
                                                                                                                                         Heroin ergeben sich nicht.
                                                                                                                                            Doch die Ermittler lassen nicht locker.
                                                                                                                                         Im November schaltet das Landeskrimi-
                                                                                                                                         nalamt eine andere V-Person ein. Sie wird
                                                                                                                                         in den Akten unter dem Namen „Moha-
                                                                                                                                         rem“ geführt und soll Belege für den He-
OLAF WAGNER / IMAGO




                                                                                                                                         roinhandel finden. Der V-Mann besucht
                                                                                                                                         nun regelmäßig das Café von Namik A.
                                                                                                                                         Er soll sich mit Namik anfreunden und
                                                                                                                                         ihm von seinen tollen Kontakten in Bre-
                                                                                                                                         merhaven berichten. Ein Kumpel habe
                      Türkisches Café in Berlin, Angeklagter Namik A.: Zur Straftat verführt?                                            dort die Möglichkeit, Dinge aus dem Ha-
                                                                                                                                         fenbereich zu schmuggeln, bevor sie vom
                                                                                                                                         Zoll kontrolliert würden.
                                                             PROZESSE                                                                       Moharem beobachtet Namik A. beim


                                            Das Teufelszeug
                                                                                                                                         Kartenspiel, beim Essen und Telefonieren.
                                                                                                                                         Später erzählt er dem LKA, was für ein
                                                                                                                                         schlauer und gefährlicher Mann der Café-
                                                                                                                                         Betreiber sei. Belege für den Handel mit
                                                                                                                                         Heroin bringt er nicht.
                               In Berlin steht ein Mann vor Gericht, der mit hundert                                                        Im Café können sich auch heute noch
                                Kilogramm Kokain von der Polizei erwischt wurde.                                                         alle an Moharem erinnern. „Zappelig,
                                                                                                                                         nervös und verschwitzt“ sei der gewesen,
                           Offenbar hatten ihn staatliche Ermittler zu der Tat provoziert.                                               „mit weit aufgerissenen Augen“, berich-
                                                                                                                                         tet Mohamed S., 44. Sein Geld habe der


                      W
                        as für ein Triumph. Zwei mas-                   Auf mehreren tausend Seiten haben                                ungepflegte Mann in dicken Bündeln in
                        kierte Beamte in schusssicheren              die Ermittler ihr Vorgehen gegen den                                einer Plastiktüte herumgetragen, „der
                        Westen packen Dutzende back-                 Mann akribisch dokumentiert. Am Ende                                wollte, dass jeder es sieht“, sagt Moha-
             steingroße Pakete auf einen Tisch. Knapp                der Lektüre bleibt der Eindruck, dass der                           med S. und trägt Tee in den Gastraum.
             hundert Kilogramm hochreines Kokain,                    Staat über verdeckt agierende Helfer die                            Dort sitzen drei Männer und spielen
             auf dem Schwarzmarkt wohl 4,2 Millio-                   Tat womöglich selbst provoziert hat. Des-                           Karten.
             nen Euro wert.                                          halb wird es ab dieser Woche im Berliner                               Moharem spielt nie Karten im Café. Er
                Es ist der 19. August 2011, die Ermitt-              Gerichtssaal auch um eine grundsätzliche                            fragt nach Namik, plaudert mit ihm und
             lungsgruppe Rauschgift hat tags zuvor                   Frage gehen: Dürfen Ermittler einen bis-                            daddelt an einem der drei Glücksspielau-
             mit 300 Beamten zugeschlagen. Der Poli-                 lang unbescholtenen Mann zu einer                                   tomaten. Etwa alle zwei Wochen kommt
             zeisprecher freut sich über den „größten                schweren Straftat verführen?                                        er vorbei, und immer wieder prahlt er
             Erfolg bei der Bekämpfung des interna-                     Die Geschichte beginnt am 7. Septem-                             mit seinen lukrativen Drogengeschäften
             tionalen Drogenschmuggels der letzten                   ber 2009. Beim Zollfahndungsamt Han-                                und seinem Kontakt in Bremerhaven.
             Jahre“. Am nächsten Tag meldet die                      nover, Dienstsitz Bremen, geht ein Hin-                                Neun Monate lang versuchen die Er-
             „Berliner Zeitung“: „Zweitgrößter Dro-                  weis ein, wonach Namik A. in großem                                 mittlungsbehörden, Namik A. über ihren
             genfund seit 33 Jahren“.                                Umfang mit Heroin handle. Der Türke                                 V-Mann das Drogengeschäft schmackhaft
                In dieser Woche beginnt vor dem Land-                sei in Berlin dabei, eine neue Lieferung                            zu machen. Ohne Erfolg. Moharem selbst
             gericht Berlin der Prozess gegen Namik A.,              aus dem Ausland vorzubereiten. Wer ge-                              berichtet den Beamten, der Café-Betrei-
             51, den angeblichen Kopf der Bande. Die                 nau das berichtet, wissen nur die Ermitt-                           ber habe Heroin bei einer Gelegenheit
             Staatsanwaltschaft wirft ihm Drogenhandel               ler in Bremen. Die Staatsanwaltschaft hat                           als Teufelszeug bezeichnet.
             vor. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis.              der Person Geheimhaltung zugesichert.                                  Doch im Juli 2010 zeigt er zum ersten
             Eine harte Strafe wäre wohl angemessen,                    Polizei und Verfassungsschutz arbeiten                           Mal Interesse. Nicht an Heroin, aber an
             doch vieles spricht dafür, dass der Staat               gern mit V-Personen zusammen, beson-                                Kokain. Namik habe von einem Mann in
             den Mann erst zum Täter gemacht hat.                    ders in der rechtsextremen Szene und im                             Kolumbien erzählt, der auf hundert Kilo-
                      38                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Deutschland

gramm davon sitze, berichtet Moharem          verspricht er, die Ware sei am 20. Januar        Sporttaschen. Fünf Stunden später neh-
am 26. Juli dem LKA.                          da. Im Februar 2011 räumt er ein, das            men die Ermittler Namik A. fest.
   Warum er sich nun auf einmal für Dro-      Ding laufe nun doch nicht. In vier bis              „Namik A. ist vom Staat zu einer Straf-
gen interessiert, geht aus den Akten nicht    sechs Wochen sei er so weit.                     tat verleitet worden“, sagen seine Anwäl-
hervor. Vielleicht war es Gier. Namik A.         Im März verfügt er angeblich über 650         te Marcel Kelz und Stefan Conen. Das
träumte von einem Hotel in Antalya.           Kilogramm Kokain in Venezuela, weiß              Verfahren sei von Anfang an unfair ge-
Glaubt man seiner Frau Yildiz A., dann        aber immer noch nicht, wie er sie nach           wesen und verstoße gegen die Europäi-
war es akuter Geldmangel. Yildiz, 34,         Deutschland bekommen soll. Nun bittet            sche Menschenrechtskonvention.
sagt, das Café sei immer schlechter ge-       Namik A. Moharem und Klaus um Un-                   Der Staat dürfe keine Kriminalität pro-
laufen in diesen Tagen. Sie seien mit der     terstützung. Wenn sie ihm nur helfen wür-        duzieren, sagt Robert Esser, Professor für
Miete im Rückstand gewesen. Stromrech-        den, sei er sogar bereit, seinen Traum,          Strafrecht an der Universität Passau. Der
nungen hätten bezahlt werden müssen.          das Hotel in Antalya, mit ihnen zu teilen.       Europäische Gerichtshof für Menschen-
   „Die langen Abende im Café gingen          Doch beide lehnen Hilfe ab.                      rechte in Straßburg hält den Einsatz von
allmählich über seine Kräfte“, berichtet         Im Sommer endlich kündigt er die An-          V-Leuten und verdeckten Ermittlern nur
seine Frau, „er spürte das Alter.“ Und        kunft der Ware für den 31. Juli an. Der          für zulässig, wenn es um die rein passive
dann sei sie nach zwei Fehlgeburten end-      Stoff werde in Bananenkisten nach Bre-           Untersuchung oder Begleitung einer be-
lich wieder schwanger geworden: „Er hat       merhaven verschifft. Am 31. Juli hetzt er        reits existierenden kriminellen Aktivität
sich Sorgen um unsere Zukunft gemacht.“       aufgeregt ins Café und muss einräumen,           geht.
   Die Ehefrau beobachtet, wie ihr Mann       dass seine Leute ihm den falschen Tag               „Wäre es zu der Straftat ohne die staat-
sich langsam verändert. Noch immer hilft      genannt haben. Das Schiff brauche nicht          liche Initiative nicht gekommen, betrach-
er im Haushalt, bügelt seine Wäsche,          16, sondern 23 Tage. Moharem droht,              tet der Gerichtshof den Einsatz des ver-




saugt und wischt. Doch er beginnt, sich       Klaus werde sich verscheißert fühlen und         deckten Ermittlers als rechtsstaats- und
mit fremden Menschen vor der Tür auf          ausrasten. Namik A. schwört nun beim             menschenrechtswidrig“, sagt Esser. Wenn
der Straße zu treffen, kommt abends im-       Leben seiner neugeborenen Tochter, dass          der Täter weder einschlägig vorbestraft
mer später.                                   er wirklich nichts dafür könne. Um Klaus         sei noch über entsprechende Beschaf-
  Am 6. August 2010 bringt der V-Mann         zu besänftigen, will er ihm 500 Euro             fungsmöglichkeiten verfüge, spreche ei-
Namik A. zum ersten Mal mit „Klaus“ in        schenken.                                        niges dafür, dass es sich um eine solche
Bremerhaven zusammen. Der Mann, der              Wann genau das Schiff mit der Fracht          unzulässige Tatprovokation handle.
angeblich alles am Zoll vorbeischmuggeln      ankommt, erfährt er erst am 3. August –             Namik A. hat keine Vorstrafen. Er war
kann, ist verdeckter Ermittler, also selbst   von Klaus. Der verdeckte Ermittler hat           der Polizei nie aufgefallen. Bis zu jenem
Polizist. Bei Namik A. gibt er sich als       den Container in seinen Unterlagen ge-           7. September 2009, an dem ihm ein V-
Hafenarbeiter aus. 50 000 Euro will Klaus     funden. Das Kokain kommt nun doch mit            Mann den Handel mit Heroin unterstell-
von Namik A. haben, wenn er eine Dro-         22 Tonnen Rohkaffee und nicht in Bana-           te. Heroin, das es bis heute nicht gibt.
genlieferung am Zoll vorbeischmuggeln         nenkisten an.                                    Bei ähnlichen Fällen aus Portugal und
soll. Die Drogen müsse er sich allerdings        Er sei gar nicht aufgeregt, weil ja er, der   Russland hat das Gericht in Straßburg die
selbst im Ausland besorgen.                   Klaus, dabei sei, sagt Namik A. am Mor-          Verfahren als menschenrechtswidrig ein-
  Namik A. versucht über Mittelsmänner        gen des 18. August zu seinem vermeintli-         gestuft.
in der Türkei und in Holland, mit Dro-        chen Komplizen. Offensichtlich strahlt der          Namik A. sitzt seit dem 18. August als
genhändlern in Südamerika ins Geschäft        Polizist die Sicherheit eines Mentors aus.       Untersuchungshäftling in Berlin-Moabit.
zu kommen. Doch so einfach ist das nicht.     Gemeinsam schmuggeln sie die Drogen in           Sein Traum vom Hotel in Antalya ist in
  Im November erzählt er dem V-Mann,          einem weißen Transporter am Zoll vorbei.         weite Ferne gerückt.
die Sache sei ganz nah. Am 20. Dezember       Hundert Kilogramm, verteilt auf drei                                        ULRIKE DEMMER

                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                              39
Deutschland

                                           netnutzern weltweit stärker in den Blick-      ben des deutschen Bundesverfassungs-
              INTERNET                     punkt rücken, weil dort die Industriestan-     gerichts, das 1983 die „informationelle


       Moralische
                                           dards gesetzt werden.                          Selbstbestimmung“ zum Grundrecht er-
                                              Im Kern geht es aktuell um kleine Da-       hob; einiges geht sogar darüber hinaus.
                                           tenschnüffler, sogenannte Tracking-Coo-           Dass in den USA solche neuen Vor-


         Panik
                                           kies, die das Surfverhalten der Nutzer auf-    schriften diskutiert werden, haben sich die
                                           zeichnen und an Unternehmen wie die            Internetkonzerne selbst zuzuschreiben.
                                           Google-Tochter DoubleClick zurückmel-          Zuletzt verging kaum ein Monat, in dem
                                           den. Die Konzerne werten diese Informa-        nicht neue Datenskandale publik wurden.
   Ausgerechnet die US-Regierung           tionen aus und schneiden Angebote und             So musste das soziale Netzwerk Path
prescht mit neuen Vorschlägen zum Werbung individuell auf die Interessen der              einräumen, dass es auf internetfähigen
     Datenschutz an Deutschland            Nutzer zu.                                     Handys (Smartphones) seiner Nutzer Da-
                                              Obama und die Aufsichtsbehörde FTC          ten aus den persönlichen Adressbüchern
  vorbei – bislang galt das Thema in favorisieren einen „Bitte nicht verfolgen“-          eingesammelt hatte, ohne die Besitzer vor-
   den USA als Fortschrittsbremse.         Button („Do not track“), den die Anbieter      her um Erlaubnis zu fragen. Twitter und
                                           in ihre Browser integrieren sollen. Damit      andere Dienste verfuhren mit ihren „Freun-


J
     eff Jarvis erntet regelmäßig Lachsal- könnten Nutzer die Datensammelei im            de finden“-Funktionen bislang genauso.
     ven, wenn er die Deutschen und ihre Hintergrund ausschalten oder zumindest           Auch hier ist der US-Kongress aktiv ge-
     Angst vor dem Internet beschreibt: die Nutzung der gewonnenen Daten er-              worden: Die Abgeordneten forderten mehr
Niemand soll ihr Privathaus auf Google heblich einschränken. Google, Apple,               als 30 Unternehmen auf zu erklären, wie
Street View erkennen können. Aber in Amazon, Yahoo – praktisch alle großen                ihre Smartphone-Anwendungen (Apps)
der Hotelsauna sitzen sie ohne Hemmun- US-Anbieter kündigten bereits an, bald-            heimlich so viele Daten sammeln.
gen nackt mit Wildfremden zusammen. möglichst entsprechende Schaltflächen an-                Dass im bisherigen Datenschutz-Ent-
Lustig, diese Germans.                     zubieten. Ansonsten, so fürchten sie, müss-    wicklungsland die Politik aufwacht, hat ei-
   Der US-amerikanische Bestsellerautor ten sie womöglich noch stärkere Einschrän-        nen weiteren Grund: Der Wahlkampf
hat diesen Befund „das deutsche Paradox“ kungen für ihre Konzerne hinnehmen.              bricht an – und Obama hat sich mit seinem
getauft und seine Expeditionen zu den         Wie in Deutschland könnten künftig          Vorstoß geschickt an die Spitze des ver-
datenschutzverliebten Deutschen in sei- auch in den USA Verbraucher das einklag-          brauchernahen Themas gesetzt.
nem Buch „Public Parts“ verarbeitet – als bare Recht bekommen, Herr über ihre Da-            In Deutschland, wo das erste Daten-
abschreckendes Beispiel. Wer aus diffuser ten zu bleiben: Demnach dürften Anbieter        schutzgesetz bereits vor rund 40 Jahren
Angst und „moralischer Panik“ strengere persönliche Informationen ihrer Nutzer            erlassen wurde, blicken Fachleute nun
Regeln etwa für Google und Facebook nur noch für die Zwecke verwenden, für                mit einer Mischung aus Staunen und An-
verlange, bremse den Fortschritt und ver- die sie auch erhoben wurden. Und die Bür-       erkennung über den Atlantik.
hindere eine Menge nützlicher Anwen- ger sollen zumindest erfahren können, wer              „Ich wünschte mir etwas von dem
dungen, die Arbeitswelt und Alltag zum über sie welche Inhalte speichert.                 jüngsten Elan der US-Debatte auch für
Besseren verändern könnten.                   Auf 62 Seiten haben Obamas Mitarbei-        Deutschland“, sagt der Bundesdaten-
   Für seine nächste Recherche muss Jar- ter diese und andere Regeln notiert. Viele       schutzbeauftragte Peter Schaar. „Hier-
vis, 57, nicht mehr so weit reisen. Mit davon ähneln dem Geist nach den Vorga-            zulande sind ähnliche Überlegungen, wie
Wucht hat die Debatte über man-                                                                   es sie vor zwei Jahren mit dem
gelhaften Datenschutz im Digital-                                                                 Rote-Linie-Gesetz gab, leider wie-
zeitalter jetzt auch seine Heimat                                                                 der eingeschlafen.“
erfasst.                                                                                             Tatsächlich hatte der damalige
   Den Anfang machte Ende Fe-                                                                     Innenminister Thomas de Maizière
bruar US-Präsident Barack Oba-                                                                   (CDU) angekündigt, den Bereich
ma. Er forderte den Kongress auf,                                                                 der Persönlichkeitsrechte neu zu
ein „Grundrecht auf Privatsphäre                                                                  ordnen und eine „rote Linie“ zu de-
für Verbraucher“ zu beschließen.                                                                  finieren, die von den Konzernen
Dann legte die Aufsichtsbehörde                                                                   nicht überschritten werden sollte.
FTC einen „Privacy“-Report vor,                                                                      Doch nichts passierte. Sein
in dem sie ein Datenschutzgesetz                                                                  Nachfolger Hans-Peter Friedrich
auf US-Bundesebene verlangt. Der                                                                 (CSU) setzt ganz auf Selbstregulie-
demokratische Senator John Kerry                                                                  rung. Nicht einmal die E-Privacy-
und sein republikanischer Kollege                                                                 Richtlinie der EU, die schon lange
John McCain sehen sich dadurch                                                                    vor den USA eine Regulierung der
in ihrer überparteilichen Initiative                                                              Cookies vorsah, wurde bislang um-
für einen besseren Schutz der Pri-                                                                gesetzt.
vatsphäre bestätigt und rufen zur                                                                    Nur folgerichtig adressiert Autor
Eile.                                                                                             Jarvis seinen Spott neuerdings
   Im Heimatland der weltweit do-                                                                 auch an seine Landsleute. „Die ar-
                                                                                               DOUG MILLS / NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF




minierenden Suchmaschinen und                                                                     men Cookies werden dämonisiert“,
sozialen Netzwerke bedeutet dies                                                                  sagt er, dabei sei interessenorien-
einen radikalen Wandel. Bislang                                                                   tierte Werbung doch ein grandioser
galten dort persönliche Daten als                                                                 Service für die Nutzer, viel besser
das Öl des 21. Jahrhunderts; eine                                                                 als nervende Zufallsanzeigen. „Das
lukrative Quelle, die am besten                                                                   Internet ist nicht kaputt“, glaubt
ohne staatliche Eingriffe sprudelt.                                                               Autor Jarvis, „wir sollten also über
Ein neues Grundrecht auf Daten-                                                                   alle Reparaturmaßnahmen sehr ge-
schutz in den USA würde automa-                                                                   nau nachdenken.“
tisch die Privatsphäre von Inter- US-Präsident Obama: „Bitte nicht verfolgen“                                                               MARCEL ROSENBACH

40                                                D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Athener Krisenkind Paraskeva in Berlin
                                                                                                                           Kein Glück in „Germania“

                                                                                                                            Thalia schnell: Wo immer sie sich um ei-
                                                                                                                            nen Job bewarb, scheiterte sie an ihren
                                                                                                                            mangelnden Deutschkenntnissen.
                                                                                                                               Da ihr für einen Sprachkurs das Geld
                                                                                                                            fehlte, suchte sie Kontakt zur grie-
                                                                                                                            chischen Gemeinde. Bei einem Stamm-
                                                                                                                            tisch traf sie Antonia Karali, der ein grie-
                                                                                                                            chisches Restaurant in Berlin-Friedenau
                                                                                                                            gehört. Thalia hilft jetzt in der Küche aus.
                                                                                                                               Pigi Mourmouri von der Diakonie in
                                                                                                                            Neukölln kennt solche Fälle zuhauf. Sie
                                                                                                                            ist griechische Sozialarbeiterin in Berlin
                                                                                                                            – und deshalb derzeit sehr gefragt. Pau-
                                                                                                                            senlos landen bei ihr Krisenkinder aus
                                                                                                                            Hellas.
                                                                                                                               Griton Lolis zum Beispiel kam vor drei
                                                                                                                            Monaten nach Deutschland. In Athen hat-




                                                                                           CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL
                                                                                                                            te er sein Wirtschaftsstudium mit Bestno-
                                                                                                                            ten abgeschlossen, doch auf dem dortigen
                                                                                                                            Arbeitsmarkt schlug danach der Euro-
                                                                                                                            Horror zu. Die erste Firma, der er als
                                                                                                                            Buchhalter diente, wurde dichtgemacht;
                                                                                                                            bei der zweiten gab es Massenentlassun-
                                                                                                                            gen. In Berlin konnte er sich glücklich
                                             kündigt wurden. Alles ist besser als                                           schätzen, einen Platz in einem Deutsch-
             MIGRANTEN                       Athen, dachte Thalia, und buchte ein Ti-                                       kurs bei der Volkshochschule bekommen


      Alles besser
                                             cket nach Berlin.                                                              zu haben. Noch lebt er vom Ersparten,
                                                So wie Thalia haben sich viele Grie-                                        aber das, so gesteht der Akademiker,
                                             chen in die daheim so übel beleumundete                                        gehe „bald zur Neige“.


       als Athen
                                             Bundesrepublik aufgemacht. Rund 25 000                                            Hilfe vom deutschen Staat können die
                                             meldeten sich allein im vergangenen Jahr,                                      Neuankömmlinge nicht erwarten. Zwar
                                             gegenüber 2010 haben sich die Zahlen                                           beschwört Kanzlerin Angela Merkel
                                             verdoppelt. Nicht einberechnet, so gibt                                        (CDU) in der Euro-Krise gern die „euro-
 Zu Tausenden fliehen Griechen               der Hamburger Migrationsforscher Vas-                                          päische Solidarität“, die es gebiete, Grie-
  nach Deutschland: Anwälte,                 silis Tsianos zu bedenken, seien jene                                          chenlands Wirtschaft zu stützen – den
   Ingenieure, Grafiker. Ohne                Übersiedler, die den Weg zu einer deut-                                        griechischen Krisenflüchtlingen aber steht
                                             schen Behörde bislang scheuten. Deshalb                                        sie nicht bei. Ende Februar hat das Ar-
Deutschkenntnisse sind sie auf dem           geht er von mehr als 60 000 neuen Grie-                                        beitsministerium eine Direktive erlassen,
    Arbeitsmarkt chancenlos.                 chen in Deutschland aus. Die meisten von                                       die EU-Bürgern den Bezug von Hartz IV
                                             ihnen sind Wirtschaftsflüchtlinge mit aka-                                     erschwert. Sie soll mittellose Einwanderer


I
    m Oktober 2011, als der deutsche         demischem Grad: Anwälte, Ingenieure,                                           aus Südeuropa abschrecken. Auch die Fi-
    Bundestag Griechenland und anderen       Architekten. Ausgestattet mit ebenso viel                                      nanzierung von Sprachkursen ist äußerst
    EU-Staaten weitere Hilfsmilliarden       Courage wie Naivität, hoffen sie auf eine                                      schwierig. „Ohne Unterstützung ist es fast
zugebilligt hatte, beschloss Thalia Paras-   Chance, wie sie die griechischen Gast-                                         unmöglich, in Deutschland Fuß zu fas-
keva, 24, ihr Land zu verlassen. Sie pack-   arbeiter aus den Trecks der sechziger und                                      sen“, sagt Sozialarbeiterin Mourmouri.
te warme Stiefel in einen Koffer, ein paar   siebziger Jahren erhielten.                                                       Am Beispiel der griechischen Akade-
Kleider, eine Jacke und ein Wörterbuch          Viele gehen nach Berlin, weil sie dort,                                     miker wird deutlich, wie weit die Bun-
Griechisch-Deutsch.                          wie in den Metropolen London oder Pa-                                          desrepublik noch entfernt ist von dem
   Zwar zeichneten die Zeitungen in          ris, den Wohlstand einer Hauptstadt ver-                                       modernen Einwanderungsland, das sie
Athen die Deutschen seit Monaten als         muten. Dass Berlin, der Sehnsuchtsort                                          gern wäre. Statt sich der neuen Migranten
Nazis, KZ-Aufseher und Euro-Imperialis-      der Jugend aus Südeuropa, in Wahrheit                                          anzunehmen und sich mit deren Integra-
ten, die ihre Schuldner ausbluten lassen.    eine arme Stadt mit einem angespannten                                         tion auseinanderzusetzen, wie es für mus-
Doch Thalias Freunde und Verwandte           Arbeitsmarkt ist, merken sie erst, wenn                                        limische Einwanderer in den vergangenen
erzählten eine andere Geschichte: Sie        sie vor Ort sind.                                                              Jahren geschehen ist, werden die Mauern
schwärmten von einem Land, in dem je-           Thalia Paraskeva kam im November                                            eher wieder höher gezogen. Das Potential
der Arbeit findet, der Arbeit haben will;    in Berlin an. Die Grafikdesignerin                                             gut ausgebildeter ausländischer Fachkräf-
von den Onkeln und Tanten, die in der        wohnte zunächst bei einer griechischen                                         te wird kaum genutzt.
Nachkriegszeit nach „Germania“ aufge-        Freundin, die selbst vor der Krise ge-                                            Offiziell tritt die deutsche Politik für
brochen waren und dort ihr Glück ge-         flüchtet war. Doch schon die Suche                                             ein vereintes Europa ein, für offene Gren-
macht hatten. Und sie erzählten von Ber-     nach einer Wohnung gestaltete sich                                             zen und den einheitlichen Markt. Die
lin, vor allem von Berlin.                   schwierig. „Wir vermieten nicht an Grie-                                       Lasten zu schultern, die sich daraus er-
   Thalia hat in Athen einen Abschluss       chen“, sagte man ihr.                                                          geben, ist sie aber nur bedingt bereit.
in Grafikdesign gemacht. Doch in der            Und was die Idee einer Europäischen                                            Elke Ferner, Fraktionsvizin der SPD
Krise wollte niemand sie einstellen. Sie     Union, eines gemeinsamen Markts mit                                            im Bundestag, kritisiert deshalb den
kellnerte, sie verdiente mal hier etwas,     dem Recht, in jedem Mitgliedsland arbei-                                       „Rückfall in die Abschottungspolitik der
mal dort – bis ihr auch die Minijobs ge-     ten zu dürfen, wirklich wert ist, verstand                                     fünfziger Jahre“. Der Hauptgeschäftsfüh-
                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                             41
rer des Deutschen Paritätischen Wohl-
fahrtsverbands, Ulrich Schneider, spricht
von einem „europa- und sozialpolitisch
geradezu fatalen Signal“.
   In ihrer Not wenden sich viele Migran-
ten an die griechische Community vor
Ort, an die ehemaligen Gastarbeiter und
deren Kinder. Doch die sind sich uneins,
was sie mit den jungen Zuwanderern ma-
chen sollen. So verläuft neuerdings ein
Graben durch die deutsch-griechischen
Gemeinden, durch die Verbände, ja selbst
durch die Gaststätte von Antonia Karali.
   Da sind die einen, die helfen wollen, wie
die Mitglieder des Vereins Exantas. Früher
trafen sie sich bei Karali, um Lesungen und
Konzerte zu organisieren, jetzt gibt es beim
Stammtisch nur ein Thema: die Krise. „Als
wir kamen, hatten wir Arbeitsverträge und
wir wurden gebraucht“, sagt Kostas Kou-
velis, der Vereinsvorsitzende, „wer heute
kommt, hat fast nichts und braucht unsere
Hilfe.“ Er und seine Kollegen wollen eine
Jobbörse gründen und arbeiten an einer
Ratgeber-Homepage.
   Und dann gibt es die anderen, die sich
für die jungen Migranten nicht verantwort-
lich fühlen wollen, nur weil ihre Vorfahren
auch einmal aus Griechenland ausgewan-
dert sind. Sie leben seit Jahrzehnten in
Deutschland, haben sich eine Existenz
aufgebaut und müssen sich plötzlich recht-
fertigen für die Schuldenpolitik ihres Her-
kunftslandes. Manche von Karalis Gästen
sagen, die Migranten hätten die Krise
daheim mitverursacht und sollten allein
sehen, wie sie zurechtkommen.
   Ein gereizter Ton herrscht unter den
Deutsch-Griechen: Sozialwissenschaftler
wie Vassilis Tsianos von der Universität
Hamburg warnen vor wachsenden Ag-
gressionen in der Community. „Die Ge-
meinden gehen zugrunde“, sagt auch Ni-
kolaos Athanassiadis vom Verband der
griechischen Gemeinden.
   Der Verein Exantas würde den Lands-
leuten ja gern helfen. Aber was soll man
tun mit einem wie Vasileios Tzimiropou-
lus? Der Bauingenieur spricht zwar vier
Sprachen, doch Deutsch nur rudimentär.
Weil Griechenland Leute wie den 31-Jäh-
rigen in Zeiten des Sparens nicht mehr
brauchte, ist er nach Deutschland gekom-
men. „Mit deiner Qualifikation findest
du überall einen Job“, hatte man ihm pro-
phezeit. Inzwischen weiß er, dass das
nicht stimmt.
   Junge Migranten wie Tzimiropoulus
organisieren sich. Auf Facebook hat sich
die Gruppe „Greek Berliners“ gegründet.
Ihre Mitglieder tauschen sich über das
Ankommen in Berlin aus, helfen einan-
der bei der Wohnungs- und Jobsuche.
Auch Thalia Paraskeva ist der Gruppe
beigetreten. Die Grafikdesignerin glaubt
nicht, dass sie via Facebook Arbeit findet.
„Aber wenigstens bin ich mit meinen Pro-
blemen nicht mehr allein.“
                              MAXIMILIAN POPP

42           D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Deutschland

                                                                                                                              für sich reklamiert. Ist der Arzt nun die
                                                                                                                              unangefochtene Nummer eins?
                                 GEHEIMDIENSTE                                                                                Schindler: Nach unseren Erkenntnissen ja.



    „Wir müssen als Erste rein“
                                                                                                                              Sawahiri hatte bereits zu Bin Ladens
                                                                                                                              Lebzeiten sehr großen Einfluss innerhalb
                                                                                                                              des Netzwerks. Dessen Aufbau hat sich
                                                                                                                              seither nicht verändert: mit Kern-al-Qai-
                                                                                                                              da an der Spitze und vielen Filialen etwa
        Der neue BND-Präsident Gerhard Schindler, 59, über                                                                    im Irak, im Jemen oder im Maghreb. Sie
                  bürokratische Agenten und den                                                                               sind nach wie vor eng miteinander ver-
                                                                                                                              bunden.
          wachsenden Einfluss von al-Qaida in Nordafrika                                                                      SPIEGEL: Die Fragmentierung von al-Qaida
                                                                                                                              ist keine Schwäche, sondern eine Stärke?
SPIEGEL: Lesen Sie Gedichte?                                                                                                  Schindler: Dieses Netzwerk ist hochflexi-
Schindler: Gelegentlich.                                                                                                      bel. Wo der Druck zu groß wird, zieht
SPIEGEL: Nobelpreisträger Günter Grass                                                                                        sich al-Qaida zurück. Wo die Bedingun-
hat gerade eines veröffentlicht, in dem                                                                                       gen günstiger sind, weitet es seine Akti-
er behauptet, Deutschland liefere mit sei-                                                                                    vitäten aus. Gerade in Nordafrika ist die
nen U-Booten die Plattform für einen                                                                                          terroristische Bedrohung in den vergan-
möglichen israelischen Vernichtungs-                                                                                          genen Monaten sicherlich gewachsen. In
schlag gegen Iran.                                                                                                            Nigeria hat sich die Terrorgruppe Boko
Schindler: Das halte ich für absurd!                                                                                          Haram al-Qaida angeschlossen. In Soma-
SPIEGEL: Wann rechnet der Bundesnach-                                                                                         lia sind es die Schabab-Milizen.
richtendienst (BND) mit einem Angriff                                                                                         SPIEGEL: Demnach hat sich die islamistisch-




                                                                                             WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL
auf die Atomanlagen am Persischen Golf?                                                                                       terroristische Szene verlagert?
Schindler: Dazu werde ich mich angesichts                                                                                     Schindler: Es ist in der Tat eine Absetzbe-
der politisch brisanten Situation sicherlich                                                                                  wegung in Richtung Somalia und in den
nicht im SPIEGEL äußern.                                                                                                      Jemen festzustellen. Daneben beobach-
SPIEGEL: Seit Anfang des Jahres sind Sie                                                                                      ten wir, dass sich al-Qaida in Nordafrika
Chef des Bundesnachrichtendienstes.                                                                                           derzeit neu orientiert. Ich glaube, dass es
Was wollen Sie ändern?                                                                                                        dort für eine Terrororganisation gute Rah-
Schindler: Jedenfalls nicht die Haltung der    BND-Chef Schindler                                                             menbedingungen gibt: Wir haben in die-
Mitarbeiter. Noch nie habe ich in meiner       „Anschläge auch in Deutschland“                                                sen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit,
Laufbahn so viele hochmotivierte Kolle-                                                                                       bisweilen ist die Grundversorgung der Be-
gen getroffen wie hier. Allerdings ist mir                                                                                    völkerung nicht gesichert, und es gibt we-
auch noch nirgends so viel Bürokratie be-                                                                                     nig ausgeprägte rechtsstaatliche Sicher-
gegnet. Manchmal dauert es Monate, bis                                                                                        heitsstrukturen.
eine Operation in Gang gebracht ist, das                                                                                      SPIEGEL: Welche Folgen hat das für deut-
kann so nicht bleiben. Der Dienst muss                                                                                        sche Islamisten, die es in den bewaffneten
risikofreudiger werden.                                                                                                       Kampf zieht?
SPIEGEL: Und zwar wie?                                                                                                        Schindler: Früher war Waziristan im
Schindler: In den Krisengebieten der Welt                                                                                     Grenzgebiet von Pakistan und Afghani-
darf es kein Zögern geben. Wir müssen                                                                                         stan das wohl wichtigste Ziel deutscher
die Ersten sein, die reingehen, und als                                                                                       Konvertiten. Jetzt wird Somalia zu einem
Letzte wieder raus.                                                                                                           neuen Hotspot.
SPIEGEL: War Ihr Vorgänger Ernst Uhrlau                                                                                       SPIEGEL: Bildet sich nach dem Aufstand
                                                                                             MOHAMED SHEIKH NOR / AP




zurückhaltender?                                                                                                              in Mali in Westafrika nun der nächste Kri-
Schindler: Meinen Vorgänger kann und                                                                                          senherd?
will ich nicht beurteilen. Außerdem möch-                                                                                     Schindler: Mali ist knapp viermal so groß
te ich eigene Spuren im BND hinterlassen.                                                                                     wie Deutschland, mit einer heterogenen
Ich glaube zum Beispiel, dass wir die Ar-                                                                                     Bevölkerungsstruktur. Dass sich Nord-
beit von Agenten und Quellen noch aus-                                                                                        mali nun vom Rest des Landes abzuspal-
bauen können. Bei allen Möglichkeiten,         Schabab-Milizen in Somalia                                                     ten droht, ist in der Tat besorgniserre-
die moderne Überwachungstechniken              „Dieses Netzwerk ist hochflexibel“                                             gend. Denn Nordmali könnte zu einer
etwa im Internet oder über Satelliten heu-                                                                                    weiteren Basis für al-Qaida werden.
te bieten: Es reicht nicht aus, sich darauf    lich sei. Hintergrund sind die militäri-                                       Schon jetzt operieren dort mehrere Re-
zu verlassen. Klassische Nachrichten-          schen Erfolge der westlichen Truppen.                                          bellengruppen, darunter eine islamistisch
dienstarbeit ist damit nicht zu ersetzen.      Das heißt aber noch lange nicht, dass sich                                     orientierte, die an Einfluss und Bedeu-
SPIEGEL: Was berichten Ihre Leute denn         die Gefahr damit erledigt hätte.                                               tung gewinnt.
vom Hindukusch, wo al-Qaida zuletzt            SPIEGEL: Vor einem Jahr tötete ein US-                                         SPIEGEL: Was bedeutet das für die Men-
massiv unter Druck geraten ist? Gilt die       Spezialkommando Osama Bin Laden.                                               schen in Deutschland? Al-Qaida scheint
Terrorgruppe noch als handlungsfähig?          Welche Folgen hatte dies für al-Qaida?                                         derzeit sehr mit sich selbst beschäftigt zu
Schindler: Natürlich ist die Situation für     Schindler: Das war sicherlich ein Ein-                                         sein. Hat die Terrorgefahr nachgelassen?
al-Qaida im afghanisch-pakistanischen          schnitt in die Struktur der Kerngruppe.                                        Schindler: Nein. Die Zielwahrnehmung
Grenzgebiet schwierig geworden. „Geht          Wir haben aber nicht den Eindruck, dass                                        der Terrororganisation hat sich nicht ge-
nach Somalia“, hat ein Kommandeur der          das Terrornetzwerk und seine Strukturen                                        ändert. Al-Qaida plant Anschläge auch
Terrororganisation Islamisten aus dem          deutlich schwächer geworden wären.                                             in Deutschland.
Westen zugerufen, weil es in den paki-         SPIEGEL: Die Nachfolge Bin Ladens hat                                               INTERVIEW: HUBERT GUDE, FRANK HORNIG,
stanischen Lagern inzwischen zu gefähr-        der Ägypter Aiman al-Sawahiri offiziell                                                                   BERNHARD ZAND

                                                     D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                            43
Deutschland


                                                                                 K R I M I N A L I TÄT




                        Patrone in rotem Samt
       Vor dem Landgericht Hagen beginnt ein Verfahren, das alle Züge eines Mafia-
         Prozesses trägt. Allerdings kann der Kronzeuge nicht mehr aussagen: Der
 Auftragskiller Michael Petzold hat sich im vergangenen November in seiner Zelle erhängt.


D
         er 17. November 2011 sollte der
         große Tag im Landgericht Hagen
         werden. Michael Petzold, 49,
DDR-Flüchtling, Dressman, Killer, wollte
aussagen, wie er im Auftrag einer italie-
nischen Familie Schulden eingetrieben,
geraubt und gemordet hatte. Doch dazu
kam es nicht.
   Um 9.45 Uhr betrat die Vorsitzende
Richterin Heike Hartmann-Garschagen
den Saal und erklärte: „Nach Kenntnis
der Kammer hat sich der Zeuge heute
Nacht erhängt.“
   So konsequent, wie er gemordet hatte,
verabschiedete sich Petzold aus dem Le-
ben. Laut Obduktion hatte er Waschmit-
tel geschluckt, sich die Pulsadern aufge-
schnitten und sich dann mit seinem Gür-
tel an einem Regal stranguliert.
   Durch Petzolds Suizid fehlt nun der
wichtigste Zeuge in einem weiteren Pro-
zess, der Dienstag vor demselben Gericht
in Hagen beginnen wird. Angeklagt sind
Mitglieder einer sizilianischen Familie,
die versucht haben sollen, in Deutsch-
land ein kriminelles Imperium aufzu-
bauen.
                                             ALEXANDER SCHWAIGER




   Von einer Pizzeria an der Hagener Pe-
ripherie aus, so glauben deutsche Ermitt-
ler, hat die Familie mit Falschgeld, Dro-
gen und Waffen gehandelt. Sie soll Kre-
dite zu Wucherzinsen vergeben haben,
und wer nicht zahlen konnte, bekam ei-                             Tatort Köln-Deutz 2006, Täter Petzold 1999, mutmaßlicher Auftraggeber Giuseppe B. 2008: Regeln
nen Schuss ins Bein. Die Familie B. un-
terhalte „enge nationale und internatio-                           versucht, ihn mit ein paar hundert Euro        eine Familie und die festen Rituale einer
nale Kontakte zu kriminellen Personen                              abzuspeisen.                                   Gangsterwelt.
und Gruppierungen, die der Organisier-                                Giuseppe B., der Hauptangeklagte im            Petzold fühlte sich von dieser Welt an-
ten Kriminalität zuzurechnen sind“, heißt                          Hagener Verfahren, und Michael Petzold         gezogen, er bewunderte Giuseppe B. und
es in einem Polizeivermerk.                                        waren beide Anfang der achtziger Jahre         ordnete sich ihm unter. Er lebte fortan
   Auch wenn der Kronzeuge Petzold tot                             in die Bundesrepublik gekommen, um ihr         wie ein Mitglied des Clans. Er diente der
ist, so erlauben seine Aussagen Einblicke                          Glück zu machen. Giuseppe B. floh vor          Familie bei ihren Geschäften, und er ließ
in die Geschäfte einer Familie, die offen-                         der Armut Siziliens, Petzold aus der Un-       sich ausnutzen.
bar die Regeln der Mafia ins Ruhrgebiet                            freiheit der DDR.                                 So wird vor dem Hagener Landgericht
importierte. In seltener Detailgenauigkeit                            Als sich ihre Wege in den Neunzigern        ab dieser Woche die Geschichte zweier
lässt sich zudem die unheilvolle Freund-                           kreuzten, war Petzold ein richtungsloser,      Schwerkrimineller aufgerollt – aber auch
schaft zweier Männer rekonstruieren, die                           unsteter Mann, der in seiner neuen Hei-        die eines Provinzkommissars, der jahre-
nach 13 Jahren zerbrach – als Petzold sein                         mat nirgends Anschluss gefunden hatte.         lang beharrlich Beweise zusammentrug,
versprochenes Honorar für einen Mord                               Er hatte nie viel Geld, aber einen Hang        bis er den Mafia-Killer überführte.
nicht erhielt.                                                     zu schönen Frauen und scharfen Waffen.            Michael Petzold kam 1962 im sächsi-
   Im Oktober 2006 habe er einen aus Ita-                          Giuseppe B. hingegen wusste genau, was         schen Freiberg zur Welt, der Vater Lehrer
lien stammenden Gastwirt mit fünf Schüs-                           er wollte und wo er hingehörte. Schon          an der Polytechnischen Oberschule, die
sen auftragsgemäß getötet, so gestand der                          damals habe er den „Aufbau eines Ma-           Mutter Erzieherin. Der Vater war glühen-
Kronzeuge. Aber statt die zugesagten                               fia-Imperiums“ angestrebt, so heißt es in      der Kommunist und zeitweise Bürger-
10 000 Euro zu zahlen, habe der Freund                             den Akten. Giuseppe B. hatte Waffen,           meister von Freiberg; er betrog seine Frau
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und ließ den Sohn die Briefe an die Ge-     begegnete er erstmals dem mutmaßli-                                                     geschworen, das Schweigen bis in den
    liebte überbringen. Doch der Junge las      chen Mafioso Giuseppe B.; der Italiener                                                 Tod. Giuseppes Vater habe ihn in die
    sie und berichtete der Mutter daraus.       suchte einen speziellen Sportwagen. Aus                                                 Arme genommen.
       Der Vater war gleichzeitig Michaels      der Zufallsbekanntschaft wurde Freund-                                                     Seine Familie, das war jetzt ein Sizilia-
    Lehrer, und der Sohn litt unter ihm. Noch   schaft. Besonders habe ihn beeindruckt,                                                 ner-Clan im Ruhrgebiet. Petzold fühlte
    im Alter von 16 Jahren schlug der Vater     erzählte Petzold später, dass Giuseppe                                                  sich als echter Mafioso. Das machte ihn
    ihn vor der ganzen Schulklasse.             ihm im Kofferraum seines Wagens zahl-                                                   stark, verlieh ihm Identität. Einmal lieh
       Michael Petzold wollte weg. Nach dem     reiche Waffen gezeigt habe; darunter ein                                                er Giuseppe B. 40 000 Mark. Er sah das
    Abschluss der Oberschule lernte er des-     Sturmgewehr, Typ AK 47, besser bekannt                                                  Geld nie wieder, das nahm er hin. Die
    halb Schiffsbetriebstechniker und fuhr      als Kalaschnikow.                                                                       Freundschaft bedeutete ihm offenbar
    zur See. Als sein Bruder 1981 Suizid be-       Giuseppe B. stammt aus Riesi, Sizilien,                                              mehr als das Geld.
    ging, verbot man ihm, zur Beerdigung        einem schönen, aber armen Städtchen                                                        Um wieder flüssig zu werden, täuschte
    heimzufliegen. Nach dieser Erfahrung        mit rund 10 000 Einwohnern. Riesi ist ein                                               Petzold 1995 einen Überfall auf ein Auto-
    brach er mit der DDR.                       Mandamento, ein Mafia-Bezirk, dessen                                                    haus in Hagen vor, in dem er damals ar-
                                                                                                                                        beitete. Er kam mit einer Bewährungs-
                                                                                                                                        strafe davon. Sein Komplize, von Zeugen
                                                                                                                                        als Südländer beschrieben, konnte nicht
                                                                                                                                        ermittelt werden. Petzold hielt sich an die
                                                                                                                                        Omertà. Und machte weiter.
                                                                                                                                           Im Auftrag von Giuseppe B. will er
                                                                                                                                        Falschgeld und Waffen transportiert, auch
                                                                                                                                        säumigen Schuldnern ins Bein geschossen




                                                                                              PETER BRENNEKEN / TRIASS / BILD-ZEITUNG
                                                                                                                                        haben. Er brach in Wohnungen ein, stahl
                                                                                                                                        Rentenpapiere, Pässe und Sozialversiche-
                                                                                                                                        rungsausweise, die er bei Giuseppes Bru-
                                                                                                                                        der Pasquale B. abgeliefert haben will.
                                                                                                                                        Wofür die Dokumente verwendet wur-
                                                                                                                                        den, habe er nie erfahren.
                                                                                                                                           Am 9. März 1999 drang er im sauerlän-
                                                                                                                                        dischen Altena in die Wohnung einer
                                                                                                                                        Rentnerin ein. Als sie ihn überraschte, er-
                                                                                                                                        schoss er sie. Die Papiere der alten Dame
                                                                                                                                        habe er bei Pasquale B. abgeliefert, dazu
                                                                                                                                        eine Patrone, eingewickelt in ein rotes
                                                                                                                                        Tuch. Er sagte B., es habe einen „Total-
                                                                                                                                        schaden“ gegeben, der Code für Mord.
                                                                                                                                           Nur zwei Wochen später erfuhr Pet-
                                                                                                                                        zolds kriminelle Laufbahn eine unfrei-
                                                                                                                                        willige Unterbrechung. Er wurde eines
                                                                                                                                        Bankraubs überführt und wanderte mit
                                                                                                                                        kurzer Unterbrechung bis März 2006 ins
                                                                                                                                        Gefängnis. Doch selbst hinter Gittern
                                                                                              MICHELE MARIA SPENA




                                                                                                                                        schlug sein Leben bizarre Volten: Beim
                                                                                                                                        Freigang spannte er einem Mithäftling
                                                                                                                                        die Frau aus. Sie wurde schwanger, er
                                                                                                                                        heiratete sie.
                                                                                                                                           Kaum entlassen, saß Petzold wieder in
der Mafia ins Ruhrgebiet importiert                                                                                                     der Pizzeria der Brüder B. und jammerte,
                                                                                                                                        er sei „knapp bei Kasse“. Pasquale B.
       Er bastelte eine schwimmfähige Reise-    Boss in der Cupola vertreten ist, dem Füh-                                              habe ihm dann einen Job angeboten, um
    tasche, und während einer Passage durch     rungsgremium der berüchtigten Cosa                                                      „sein Konto aufzubessern“. Sei er bereit,
    den Nord-Ostsee-Kanal sprang er von         Nostra. So erzählen es die örtlichen Ca-                                                einen „Totalschaden“ herbeizuführen?
    Bord. Er klammerte sich an die Tasche,      rabinieri.                                                                                 Er habe einen italienischen Gastwirt
    die ihn wie ein Floß im kalten Wasser ans     1984 hatten sich die Eltern mit ihren                                                 erschießen sollen, der angeblich eine hal-
    Ufer brachte. Klitschnass betrat der da-    Söhnen Pasquale und Giuseppe in Riesi                                                   be Million Euro Schulden habe. Der
    mals 21-Jährige am 22. Oktober 1983 den     abgemeldet, um in Deutschland ein neues                                                 Mann dürfe den 7. Oktober nicht mehr
    Boden der Bundesrepublik Deutschland.       Leben zu beginnen. Sie ließen sich im                                                   erleben, den Tag der Hochzeit seiner
       Er heuerte bei den Deutschen Afrika-     Ruhrgebiet nieder und eröffneten eine                                                   Tochter Stephania.
    Linien an, für die er drei weitere Jahre    Pizzeria in der Nähe von Hagen. Doch                                                       Giuseppes mittlerweile erwachsener
    zur See fuhr. Er war charmant und rede-     schon ein Jahr nach seiner Ankunft in                                                   Sohn, so Petzolds Aussage gegenüber den
    gewandt. Er konnte überzeugen, Men-         Deutschland verurteilte ein Gericht Giu-                                                Ermittlern, habe ihm das Restaurant im
    schen für sich einnehmen. Er arbeitete      seppe B. wegen versuchter räuberischer                                                  Kölner Stadtteil Deutz gezeigt und den
    als Autoverkäufer, Außendienstler, er       Erpressung und Nötigung.                                                                Wirt beschrieben. Pasquale B. habe ihm
    stand Modell für Herrenbekleidung in          Zwei Jahre nach ihrem ersten Treffen                                                  eine Pistole, Marke Tokarew, gegeben,
    Versandhauskatalogen. Er spielte kleine     raubten Giuseppe B. und Michael Petzold                                                 „leider ohne Schalldämpfer“. Am 6. Ok-
    Nebenrollen in Fernsehfilmen und war        ihre erste Bank aus. Nach dem Überfall,                                                 tober sei er allein nach Köln gefahren.
    Gast bei „Vera am Mittag“.                  so erzählte Petzold den Ermittlern, habe                                                   Gegen 14 Uhr betrat der Killer das
       1993 verkaufte Petzold Autos für einen   er vor den Familienangehörigen ein                                                      „Bella Vista“ an der Mathildenstraße. Er
    Händler im sauerländischen Halver. Dort     Treuegelübde abgelegt und die Omertà                                                    trank ein Glas Weißwein, reservierte ei-
                                                      D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                                      45
ertragen können. Er wolle nun Antwor-
                                                                                                                            ten liefern. Petzold packte aus, erzählte
                                                                                                                            alles, sein ganzes Leben.
                                                                                                                               Die Polizei nahm den geständigen Dop-
                                                                                                                            pelmörder in das Zeugenschutzprogramm
                                                                                                                            auf. Seine Aussagen wurden auf Video
                                                                                                                            aufgezeichnet, ein Richter vernahm ihn.
                                                                                                                            Aus einem gewöhnlichen Mordprozess




                                                                                            FRANCESCO SBANO / DER SPIEGEL
                                                                                                                            wurde plötzlich ein Verfahren, das einen
                                                                                                                            Schlag gegen die Organisierte Kriminali-
                                                                                                                            tät ermöglichen sollte. Die Hagener Kripo
                                                                                                                            gründete die Ermittlungsgruppe „Global“,
                                                                                                                            die sich fortan mit den Geschäften der
                                                                                                                            Familie B. befasste.
                                                                                                                               Die Aussagen Petzolds sind nun Ge-
Mafia-Hochburg Riesi: Eine heiße Dusche und ein letztes Essen mit der Tochter                                               genstand von zwei Gerichtsverfahren:
                                                                                                                            einem gegen Pasquale B., der im Februar
nen Tisch für sieben Personen und war-        wahrscheinlich nie vor einem deutschen                                        2011 auf dem Parkplatz eines Baumarkts
tete, bis er mit dem Wirt allein war. Dann    Gericht verhandelt worden – wenn Pet-                                         festgenommen wurde. Und ebenjenem
zog er die Pistole. Er feuerte fünfmal, zu-   zolds ehemaliger Mithäftling nicht gere-                                      gegen seinen Bruder Giuseppe und des-
letzt aus einer Aktentasche, um den Lärm      det hätte. Der Mann, dem Petzold die                                          sen Sohn, die im Dezember 2011 von den
zu dämpfen. Er nahm dem Toten die             Frau ausgespannt hatte, offenbarte sich                                       italienischen Behörden ausgeliefert wur-
Armbanduhr ab, so sei es verabredet ge-       der Hagener Polizei: Seine Ex, von Pet-                                       den.
wesen. Das Weinglas wischte er an seiner      zold längst wieder geschieden, habe ihm                                          Schon die Verhandlung gegen Pasquale
Jacke ab, bevor er hinausging.                die Geschichte des Mordes an einem                                            B. und einen weiteren Italiener, die im
   Erst sei er zur Pizzeria der Familie B.    Gastwirt aus Köln-Deutz erzählt.                                              Oktober 2011 begonnen hat, zeigt viele
gefahren, dort habe er Pasquale zuge-            Kriminalhauptkommissar Klaus Müller                                        Merkmale eines typischen Mafia-Prozes-
nickt, als Zeichen, dass der Auftrag erle-    fand die Geschichte plausibel. Müller, Mit-                                   ses: Bei jedem Termin sind Familienan-
digt sei. Seiner Frau sagte Petzold, dass     te fünfzig, braunes, an den Seiten leicht                                     gehörige dabei, sie bringen Wasser und
er verschwinden müsse.                        ergrautes Haar, informierte die Kollegen                                      Süßigkeiten für die Angeklagten. Be-
   Danach fuhr er zu Giuseppe B., der in-     in Köln, doch die winkten ab. Müller                                          waffnete Polizisten schützen das Gericht,
zwischen in der italienischen Hafenstadt      blieb hartnäckig, er bearbeitete Petzolds                                     weil die Ermittler befürchten, dass es den
Genua lebte. Er habe ihm die Armband-         Ex-Frau, ihm zu erzählen, was sie wusste;                                     Versuch geben könnte, die Gefangenen
uhr des Gastwirts überreicht und eine Pa-     fast drei Jahre folgte er der Spur des Kil-                                   zu befreien. Richterin Heike Hartmann-
trone, auch diese eingewickelt in roten       lers, stieß auf den Mord an der Rentnerin                                     Garschagen fühlt sich bedroht, seit der
Samt. Gemeinsam fuhren sie nach Sizi-         im Sauerland, trug Indizien für das Ge-                                       Anwalt von Pasquale B. sie mit „subtilen
lien, besuchten Palermo und den Ort Cor-      schehen in dem Kölner Restaurant zusam-                                       Äußerungen“ über ihre Familie und ihre
leone, der seit dem Kinofilm „Der Pate“       men. Dann hatte er genug für einen Haft-                                      Lebensgewohnheiten erschreckt hat.
weltweit Bekanntheit erlangt hat als Her-     befehl.                                                                          Der Anwalt der Brüder weist Petzolds
kunftsort eines Mafia-Clans.                     Am 19. März 2010 nahmen Polizisten                                         Aussagen als „reine Phantasie“ zurück,
   Doch die 10 000 Euro Killergage blieb      Petzold fest. In seiner Brieftasche steckte                                   sie seien ein Produkt seiner narzisstischen
Giuseppe seinem Freund schuldig. Mit          ein Parkschein, ausgestellt am 12. Okto-                                      Persönlichkeit. Pasquale B. will Petzold
800 Euro speiste er ihn ab, mehr habe er      ber 2006, 17.22 Uhr, am Aquarium in Ge-                                       nur als Freund seines Bruders gekannt
nicht, soll Giuseppe gesagt haben. Wü-        nua. Bei der Hauptverhandlung leugnete                                        haben, Giuseppe und Luca haben sich
tend fuhr Petzold zurück ins Ruhrgebiet.      Petzold zunächst beharrlich. Doch die Be-                                     noch gar nicht geäußert.
   Die italienische Polizei wurde erst zwei   weislast war erdrückend: DNA-Spuren                                              Der Grund für Petzolds Suizid bleibt
Jahre später auf Giuseppe B. aufmerk-         überführten ihn zweifelsfrei.                                                 indes ein Rätsel. Angeblich freute er sich
sam. Nicht wegen des Mordes in Köln,             Kurz bevor das Urteil gesprochen wer-                                      auf die Verhandlung, um „endlich reinen
sondern weil er zusammen mit seinem           den sollte, brach der Doppelmörder doch                                       Tisch zu machen“, wie er seiner Freundin
Sohn Luca im Juni 2008 in Genua einen         noch sein Schweigen. Er habe, sagte er                                        erzählt haben soll. „Mein geliebter Schatz
Kellner erschoss. Es ging um die „Ehre“,      dem Gericht zur Begründung, die fragen-                                       Sylvia“, schrieb er ihr aus dem Gefängnis,
der Mann hatte ein paar Brotkrümel auf        den Gesichter der Kinder des Toten nicht                                      „du bist so wunderbar liebevoll zu mir.“
Giuseppes Hose fallen lassen.                                                                                               Er gehe täglich eine Stunde joggen und
   Seine Festnahme verlief so, wie es                                                                                       vermisse seinen Sohn, „aber das werde
nicht mal Drehbuchautoren einer dritt-                                                                                      ich irgendwie verkraften“.
klassigen Fernsehserie schreiben würden:                                                                                       Am Vorabend seines Todes, nur wenige
Giuseppe B. war zunächst in seinem Por-                                                                                     Stunden vor seinem geplanten Auftritt
sche nach Riesi geflüchtet. Aus Deutsch-                                                                                    vor Gericht, wechselte er dann plötzlich
land dirigierte sein Vater den Anwalt Vin-                                                                                  die Tonlage: „Mein Liebling, mein Aller-
cenzo Vitello, der auch den örtlichen Ma-                                                                                   liebstes, nun ist es Zeit Abschied zu neh-
fia-Clan vertritt. Der Jurist organisierte                                                                                  men.“ Er vermachte ihr seinen Flachbild-
                                                                                            SASCHA SCHUERMANN / DAPD




die Festnahme zu Giuseppes Bedingun-                                                                                        fernseher, 19 Zoll, einen DVD-Player, sei-
gen: vor dem Zugriff eine heiße Dusche                                                                                      ne restlichen „Fressalien, Kaffee, Tee und
und ein letztes Essen mit der vierjährigen                                                                                  so weiter“. Ans Ende setzte er einen letz-
Tochter. Ein italienisches Gericht verur-                                                                                   ten Liebesschwur.
teilt Giuseppe zu 20 Jahren Freiheitsstra-                                                                                     Stellvertretend für den Toten wird nun
fe, seinen Sohn zu knapp elf Jahren.                                                                                        der Richter aussagen, der Petzold ver-
   Die kriminellen Karrieren der Freunde      Richterin Hartmann-Garschagen                                                 nommen hat.
Giuseppe B. und Michael Petzold wären         Verhandlung unter Polizeischutz                                                                          ANDREAS ULRICH

46                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Szene


       Was war da los,
        Herr Tinney?
  Stuart Tinney, 47, australischer Vielseitig-
  keitsreiter, über sein blaues Pferd: „Pan-
  amera ist eine meiner besten Stuten, vor
  kurzem habe ich mit ihr das Australian
  International 3 Day Event gewonnen,
  den bekanntesten Reitwettbewerb auf
  der Südhalbkugel. Seit ein paar Wochen
  ziehe ich Panamera diesen neuentwickel-
  ten Kompressionsanzug an, er ist at-
  mungsaktiv und fühlt sich glatt und
  weich an. Der Anzug soll die Erholung
  nach dem Training unterstützen, indem
  er Kreislauf und Blutfluss anregt und die
                                                                     AUDE REUBRECHT TINNEY EVENTING / ACTION PRESS




  Muskeln vor dem Übersäuern schützt.
  Außerdem soll er Panamera beruhigen,
  wenn sie in ihrer Box zu einem Wett-
  kampf reist. Er ist einteilig, man wirft
  ihn auf den Pferderücken wie einen
  Sattel, dann wird er um die Beine gelegt
  und jeweils mit einem Reißverschluss
  geschlossen. Der fünfte Reißverschluss
  sitzt am Bauch. Das Anlegen dauert
  zwei, drei Minuten, das Ausziehen 30                                                                                                                                                                           Tinney, Panamera
  Sekunden – geritten wird ohne Anzug.“




                                                                                                                     Knie: Ende der sechziger Jahre fand          len für die Kinder die beste Land-
               VERKEHR
                                                                                                                     der damalige Verkehrsminister Georg          schaft. Aber wir wollen auch gut

          „Süßes Gift“                                                                                               Leber, jeder Deutsche habe ein
                                                                                                                     Anrecht auf eine Autobahnzufahrt.
                                                                                                                     Dahinter steckt der alte sozialdemo-
                                                                                                                                                                  verdienen, wir wollen zum Fußball-
                                                                                                                                                                  spiel, in die Oper. Also müssen wir
                                                                                                                                                                  weite Distanzen überbrücken. Wenn
                                            Andreas Knie, 51, So-                                                    kratische Traum von der Gleich-              ich diesen Lebensstil haben will, muss
                                            ziologieprofessor und                                                    wertigkeit der Lebensbedingungen –           ich wissen, dass ich den bezahlen
                                            Geschäftsführer des                                                      und eine veraltete Auffassung von            muss.
                                            Berliner „Innovations-                                                                                                SPIEGEL: Müssen wir anders leben?
                FOTOFINDER / TEICH / CARO




                                                                                                                     Mobilität.
                                            zentrums für Mobili-                                                     SPIEGEL: Wie lässt sich unsere Auf-          Knie: Wir können uns diese Art zu
                                            tät und gesellschaft-                                                    fassung von Mobilität modernisieren?         leben doch nur leisten, weil wir auf
                                            lichen Wandel“, über                                                     Knie: Die eigentliche Frage ist doch:        das Auto so fixiert sind. Wenn es
                                            den Sinn der Pendler-                                                    Wie will ich künftig leben? Wir wollen       stimmt, dass die Überwindung von
                                            pauschale                                                                einerseits den ländlichen Raum, wol-         Distanzen immer teurer wird, dann
                                                                                                                                                                                 müssen wir die Städte
SPIEGEL: Herr Knie, wie sind Sie heute                                                                                                                                           kinderfreundlicher ma-
ins Büro gekommen?                                                                                                                                                               chen, damit junge Fami-
Knie: Mit einem Elektroauto und mit                                                                                                                                              lien dort leben können.
U- und S-Bahn. Ich habe mehrere                                                                                                                                                  Ich sage: Wenn ich an
Wege, weil ich mehrere Büros habe.                                                                                                                                               einer prosperierenden
Ich kombiniere jeden Tag verschiede-                                                                                                                                             Ökonomie teilnehmen
ne Verkehrsmittel.                                                                                                                                                               will, dann muss ich dort
SPIEGEL: Weil der Sprit immer teurer                                                                                                                                             auch hinziehen.
                                                                                                                                                                              STEFAN EICKERSHOF / WAZ FOTOPOOL




wird, fordern Politiker, die Pendler zu                                                                                                                                          SPIEGEL: Besitzen Sie ein
entlasten. Ist das richtig gedacht?                                                                                                                                              Auto?
Knie: Nein, das ist ein Kurieren an                                                                                                                                              Knie: Nein. Ich nutze
Symptomen. Die Erhöhung der Pend-                                                                                                                                                natürlich Car-Sharing.
lerpauschale ist ein süßes Gift, das die                                                                                                                                         Das exklusive Auto, das
Ursache der Schmerzen nicht be-                                                                                                                                                  90 Prozent der Zeit nur
kämpft; sie müsste abgeschafft werden.                                                                                                                                           herumsteht – das kann
SPIEGEL: Was ist denn die Ursache der                                                                                                                                            sich unsere Gesellschaft
Schmerzen?                                                                                                           A 3 bei Duisburg                                            nicht mehr leisten.
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Gesellschaft

                             Missionarsstellung
     EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:         Warum ein Niederländer einen Sexshop für Christen betreibt



M
         arc Angenent hat immer jeman-           Seine Freikirche sei eine offene Glau-                                   Heleen geheiratet. Sie waren erst Anfang
         den zum Reden, er spricht mit        bensgemeinschaft, sagt Angenent, 23 Jah-                                    zwanzig, doch ihr Glück war überschau-
         Gott genauso selbstverständlich      re lang war er ihr Pfarrer. Jeden Sonntag                                   bar. Bis sie beschlossen, alles auszupro-
wie mit der Frau an der Supermarkt-           um zehn stand er in Pullover und Jeans                                      bieren, wozu sie Lust verspürten. Nicht
kasse. Am Tag, als er Gott die ungeheu-       vor der Gemeinde. Die Gemeinde war                                          immer nur Missionarsstellung.
erliche Frage stellte, sagt Angenent, saß     jung, in den 23 Jahren traute er häufiger,                                    Angenent war schon seit einer Weile
er in einem blauen Bus der Linie acht.        als er beerdigte.                                                           Pfarrer, als er eine Weiterbildung begann,
Er fuhr zu seiner Gemeinde, einer                                                                                                er wurde Sexualtherapeut. Im Win-
protestantischen Freikirche im                                                                                                   ter 2011 saß der erste Patient am
Zentrum von Utrecht, Niederlan-                                                                                                  Glastisch in seinem Wohnzimmer,
de. Es war Sonntag, er fuhr zum                                                                                                  ein Pilot. Ein junger Mann mit Son-
Gottesdienst, Marc Angenent war                                                                                                  nenbrille, gutaussehend. Einer, der
Pfarrer. Die Frage hieß: „Wie                                                                                                    Boeings und Frauenherzen zum
hältst du es mit der Erotik, lieber                                                                                              Fliegen brachte. Erektionsproble-
Gott?“                                                                                                                           me. Marc Angenent sagte dem Pi-
   Gott, sagt er, sagte nichts.                                                                                                  loten, er solle sich nicht immer
   Pfarrer Angenent hatte einen                                                                                                  Bestleistungen abverlangen. Ein
festen Glauben. Was die Erotik-                                                                                                  Penis sei kein Flugzeug, eine Start-
frage betraf, lag er mit Gott auf                                                                                                verzögerung kein Unglück.
einer Linie, da war er sich sicher.                                                                                                 Erotik konnte ein Problem sein,
Gott hatte das Fleisch erschaffen                                                                                                für viele. Für den Piloten, der funk-
und die Fleischeslust. Warum nur                                                                                                 tionieren wollte wie die Männer in
gab es so viele Gläubige, die sich                                                          MARCUS KOPPEN / DER SPIEGEL          den Pornos. Oder für besonders
da nicht so sicher waren?                                                                                                        fromme Christen, für die Sex etwas
   Marc Angenent ist 56 Jahre alt,                                                                                               Schmutziges war. Ein katholisches
ein Christ mit grauem Bart und                                                                                                   Ehepaar hatte Marc Angenent eine
grauen Augen. Er lebt in einem                                                                                                   verzweifelte E-Mail geschrieben.
Backsteinhaus im Süden von                                                                                                       Seit fünf Jahren schliefen die beiden
Utrecht. Zur Begrüßung steigt er             Angenent                                                                            nicht mehr miteinander. Sie glaub-
über 20 Kartons versandfertig                                                                                                    ten, das dürften sie nur tun, wenn
verpackter Dildos, die sich im                                                                                                   sie ein Kind zeugen wollten. So in-
schmalen Hausflur stauen.                                                                                                        terpretierten sie Humanae vitae, die
   Angenent verschickt Erotikbe-                                                                                                 päpstliche Enzyklika von 1968.
darf. Kondome, Gels gegen früh-                                                                                                     Marc Angenent entschied, dass
zeitige Ejakulation, Dildos, Pro-                                                                                                er auch denen zur Lust verhelfen
statastimulatoren, Penisringe und                                                                                                musste, die nicht in sein Wohnzim-
so weiter; am besten läuft Vibrator                                                                                              mer kamen.
„Iris“, 22 Zentimeter, lila Silikon,                                                                                                Seinen Posten als Pfarrer hat er
akkubetrieben, 99,95 Euro. „Lief-                                                                                                inzwischen aufgegeben. Als Sexu-
destuin.nl“, also „Liebesgarten“,                                                                                                altherapeut hat er seine wahre Be-
heißt seine Website für Christen,                                                                                                rufung gefunden, nebenberuflich
im Netz ist sie seit vier Wochen             Aus dem „Hamburger Abendblatt“                                                      betreibt er seinen Erotikversand.
zu finden. Marc Angenent führt                                                                                                      Dass er keine Peitschen, keine
einen privaten Kreuzzug gegen                                                                                                    Fetischartikel verkauft, sei nicht
Lustfeindlichkeit.                                                                                                               als Bevormundung gemeint. An-
   Bevor er ins Geschäft einstieg, erzählt       Wenn Pfarrer Angenent Gemeindemit-                                       genent will die christliche Kundschaft
Angenent, saß er auf seinem Sofa, den         glieder zu Hause besuchte, stellte er an-                                   nicht erschrecken. Deshalb zeigt er auch
Laptop auf dem Schoß, und klickte von         dere Fragen als andere Pfarrer. Er hockte                                   keine nackten Männer und Frauen, keine
einem Erotikshop zum nächsten, um her-        auf fremden Küchenstühlen und sah in                                        pornografischen Darstellungen auf seiner
auszufinden, was in sein Sortiment passt.     nervös wandernde Augen. Er nahm einen                                       Website.
Lack? Leder? Peitschen? Gleitcreme? Peit-     Schluck Tee, dann sagte er: Haben Sie                                         Jetzt, im Netz, hat Marc Angenent eine
sche nein, entschied er, Gleitcreme ja.       ein erfülltes Sexleben?                                                     größere Gemeinde als jemals zuvor. Er
Und er entschied auch, dass er auf Be-           Viele waren dankbar für seine Direkt-                                    hat Dankeschön-Mails bekommen und
stellung arbeiten würde. Geht ein Auftrag     heit. Sie sagten, sie hätten keinen Sex                                     Hass-Mails, er sei mit dem Teufel im Bun-
bei ihm ein, ordert er die Produkte beim      mehr, und wenn, dann sei er langweilig.                                     de, schrieben ihm Glaubensbrüder.
Großhändler. Es gibt eine Gewinnspanne,       Marc Angenent riet, Neues auszuprobie-                                        Von Gott, sagt Angenent, habe er Der-
aber es gehe ihm nicht ums Geld, sagt er.     ren, Lust zuzulassen. Dass es half, wusste                                  artiges nicht gehört.
Wichtig sei seine Mission: die Lust.          er aus Erfahrung. 1976 hatte er seine Frau                                                             ALEXANDER KREX

                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                          49
Gesellschaft

                                                                          Boxer Mares mit Totenkopf-Tuch




                                          M I G R AT I O N




                      Der Grenzgänger
                                                                                                           TODD BIGELOW / NOVUS SELECT




       Als Kind von Illegalen kam er in die USA, geriet in die Halbwelt der Latino-
     Banden, als Boxweltmeister kann er zur Legende werden. An den amerikanischen
      Traum glaubt der Mexikaner Abner Mares trotzdem nicht. Von Ullrich Fichtner

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A
         ls Abner Mares unbehütet auf-        Idol zu sein, für die Latinos, die in Kali-   sie putzte und sah nach den Gärten und
         wuchs in Hawaiian Gardens, der       fornien, Texas, Arizona vielerorts nicht      Blumen fremder Leute. Sie arbeitete, er-
         kleinsten und damals härtesten       mehr Minderheit sind, sondern längst die      innert sich Abner Mares, der Viertgebo-
Stadt im randlos zersiedelten Los Ange-       überwältigende Mehrheit. In Hawaiian          rene, eigentlich ununterbrochen.
les, standen ihm nicht viele Leben offen.     Gardens haben 74 Prozent der 16 000 Ein-         Auch der Vater, der nachzog, irgend-
Für ein Kind wie ihn, von der Mutter über     wohner hispanische Wurzeln, sie sind ir-      wie, auf irgendwelchen Wegen, war nicht
die mexikanische Grenze eingeschleppt         gendwann aus Mexiko oder Guatemala            oft zu sehen, während die Kinder zu Hau-
mit fünf weiteren Geschwistern, führten       gekommen, legal oder illegal, das spielt      se, elf wurden es am Ende, sieben Brüder,
alle Wege in den Knast, ins Krankenhaus       bei einer Latino-Mehrheit von drei Vier-      vier Schwestern, vor dem Fernseher ver-
oder gleich ins Grab. Es war die Zeit, und    teln keine große Rolle mehr, niemand          wahrlosten. Sie lebten dahin in der Elaine,
sie ist noch nicht vorüber, als die Latinos   fragt danach.                                 später in der Horst Avenue, in Holzhäu-
die Schwarzen jagten, mitten in Amerika.         Der Weg hierher war weit für alle Fa-      sern, so klein, dass der Platz nicht reichte,
Abner Mares, das stand jedenfalls fest        milien, und Mares’ Geschichte ist die Ge-     um Betten für alle aufzustellen.
von Anfang an, würde um sein Leben            schichte vieler Einwanderer, ein kleiner         Jahrelang schlief Abner Mares auf dem
kämpfen müssen.                               Roman über einen Aufsteiger, ein Lied         Fußboden, und oft schlief er gar nicht,
   Er steuert seinen silbernen Jaguar XF      darüber, dass der amerikanische Traum         weil ihn, mitten in Amerika, bohrender
durch Hawaiian Gardens wie ein müder          irgendwie fortlebt und irgendwie doch         Hunger wach hielt. Ein-, zweimal die Wo-
Fremdenführer, ein wenig ziellos, im Ge-      kaputtgegangen ist. Denn Abner Mares,         che machte sich die Familie im Morgen-
sicht eine schwere Sonnenbrille von Louis     der wie ein Amerikaner lebt, fühlt wie        grauen auf zum „Großeinkauf“, sagt Ma-
Vuitton. Ein falscher Sommer ist aufge-       ein Mexikaner. Und wenn er seine Siege        res mit einem falschen Lachen. Sie zog
zogen über der kleinen Stadt, die in          feiert, wehen grün-weiß-rote Fahnen und       dann hinter die Supermärkte am Norwalk
Wahrheit nur ein sehr kleiner Stadtteil       keine Stars and Stripes.                      Boulevard und in der Carson Street, um
ist im Südosten von Los Angeles. Hier
war er Kind ohne viel Kindheit, das heißt
ohne Glück, seine Hände zeigen hinaus
auf lauter Tatorte. „Hier an der Ecke wur-
de ein Freund von mir erschossen“, sagt
er. „Da drüben hat es einen anderen er-
wischt, er wurde erstochen.“
   So geht es weiter auf dieser Tour, geis-
terhaft, Mares erzählt von einer Schie-
ßerei hier, einem Überfall dort, einer
Schlägerei, einem Mord. Die Taten sind
fünf Jahre her oder acht oder zehn, und
Mares ist kein Angeber. Er erzählt seine
Geschichten nüchtern und so, als versuch-
te er das Wunder zu begreifen, dass er
nicht selbst erschlagen oder zum Mörder
wurde.
   Abner Mares Martínez ist 26 Jahre alt,




                                                                                                                                           TODD BIGELOW / NOVUS SELECT
er misst 1,65 Meter, hat eine Reichweite
von 1,73 Metern, und bei der Begegnung
wiegt er 61 Kilogramm, das macht zwölf-
einhalb Pounds zu viel, sechs Kilo, die er
schnell wieder loswerden muss, ohne da-
bei Kraft zu verlieren. Am 21. April steht
sein nächster großer Boxkampf an, Super-      Aufsteiger Mares in Hawaiian Gardens: Schlachtfelder einer amerikanischen Kindheit
bantamgewicht, es geht gegen Eric Morel
und um den Weltmeistertitel des WBC-             Das nördliche Amerika war jahrelang in den Müllcontainern nach Essen zu su-
Verbands. Die Show wird in El Paso statt-     nicht besonders gut zu ihm. Als ihn seine chen, nach Fleischpaketen, Milch und
finden, Texas, direkt an der Grenze zu        Mutter aus Guadalajara nach Norden ver- Brot, das für die zahlende Kundschaft
Mexiko, also fast in der Heimat, in Abner     pflanzte, um das erbärmliche Leben süd- nicht mehr gut genug war.
Mares’ eigentlicher Heimat.                   lich der Grenze gegen ein besseres ein-        Ganz am Anfang, sagt Mares, waren
   Mares ist bekannt in Mexiko, bekannter     zutauschen, war er sieben Jahre alt. Die die Ausflüge zu den Hauptstraßen ein
als in den USA, das wird sich am Publikum     Mutter nahm ihre damals sechs Kinder Fest für die Kinder. Sie stellten sich vor
ablesen lassen. Leute, die sich mit dem       und machte sich auf in die Vereinigten McDonald’s-Filialen und dem Food4Less-
Boxen auskennen, trauen ihm zu, dass er       Staaten von Amerika. Die Familie kratzte Supermarkt auf, vor den Konsumtempeln
das Zeug zur Legende hat, dass ein neuer      Geld zusammen, um die Schlepper zu be- Amerikas, und machten Fotos von sich,
Chávez in ihm steckt, der einst mehr Pro-     zahlen, um in wechselnden Autos über „das war unser Disneyland“. Später ver-
fikämpfe in Folge gewann als irgendein        die grüne Grenze zu gelangen, das war wandelten sich dieselben Straßen, Hin-
anderer Boxer, oder der nächste Rubén         damals, 1992, einfacher als heute. In der terhöfe und Parkflächen in die Schlacht-
Olivares, der als zäher, langlebiger Cham-    Luft lag der ewige Frühling Kaliforniens, felder seiner Jugend.
pion in der Boxszene unvergessen ist.         aber das erbärmliche Leben der Familie         Bis vor drei Jahren tobte in Hawaiian
   Abner Mares könnte in diese Liga auf-      Mares sollte jetzt erst richtig beginnen.    Gardens ein Bandenkrieg so brutal, dass
steigen, aber er ist zu bescheiden oder          Die Mutter, „undocumented“, eine endlich ganze Hundertschaften der loka-
zu klug, es selbst laut auszusprechen. Er     Mexikanerin ohne Papiere oder nur mit len und der Bundespolizei einrückten, um
redet von Hoffnung und harter Arbeit          den falschen, eine Frau, die nichts als Spa- Jagd auf gleich 147 Gangster zu machen.
und davon, dass es natürlich schön wäre,      nisch sprach, fand nur die üblichen Jobs Es war, sagte ein Staatsanwalt damals, die
auch für die Latinos in Nordamerika ein       der illegalen Einwanderer, Hilfsarbeiten, größte Anti-Banden-Razzia in der Ge-
                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                             51
Gesellschaft

schichte der USA, und auf die Verfolgten
warteten reihenweise Verurteilungen zu
15, zu 20 Jahren Gefängnis.
   Die meisten der 63 Leute, die am Tag
der Razzia im Mai 2009 festgenommen
wurden, kannte Abner Mares. Es waren
Freunde, Schulkameraden, ehemalige
„große Brüder“ darunter, die Kindern wie
ihm erzählt hatten, die Schwarzen seien
nichts wert und müssten aus dem Ort ver-
schwinden, mit allen Mitteln.
   Drogendealer wurden ausgehoben,
Geldwäscher, Autoknacker, Totschläger,
die zuvor auf der Suche nach neuen Ta-
lenten waren. Sie waren die Ersten, die
Abner Mares entdeckten. Er war klein,
aber schnell. Er war dünn, aber stark. Er
machte sich, ein halbes Kind noch, schon
einen Namen als gefährlich guter Schlä-
ger. Und seine Aussichten darauf, in den
Knast, ins Krankenhaus oder ins Grab zu
kommen, stiegen stetig.
   Wer Mares heute beim täglichen Trai-
ning zusieht im Boxclub an der 56. Straße
von Maywood, 25 Minuten Autobahn-
fahrt nach Süden von Downtown Los An-
geles, 30 Minuten Fahrt nördlich von Ha-
waiian Gardens, erlebt einen konzentrier-
ten, ernsten Kämpfer. Der Club ist ein
niedriger Zweckbau in einer Gegend, zu-
gestellt mit Lagerhallen, in der Nähe         Familienvater Mares, Polizeieinsatz gegen junge Latinos in Los Angeles 2006: Er hat die
stapeln sich auf gewaltigen Flächen die
Schiffscontainer, umgeschlagen im Hafen       Verbände zu vereinen. Mares steht dane-       Kong“ Agbeko, überdauerte sein Glück
von Long Beach, dessen Anlagen sich tief      ben, bescheiden und klein, eine Sportta-      den Abend nicht. Der IBF-Boxverband
in die Stadt fressen. Auch aus Maywood        sche über der Schulter, wie ein Schüler,      verlangte sofort eine zweite Begegnung,
werden fast täglich Überfälle und Einbrü-     er sagt: „Ja, Frank, das wäre toll.“          weil Mares reihenweise Tiefschläge abge-
che gemeldet, Schlägereien, Diebstähle,          Es ist erst die zweite Woche seines Auf-   liefert hatte, die der Ringrichter ebenso
„das Übliche“, sagt Mares, „this is L. A.“.   bautrainings, aber er unterzieht sich schon   reihenweise überging. Erst beim Rück-
   Im Club stehen zwei Boxringe fast          einer mörderischen Routine. Wer beim          kampf im Dezember, im Honda-Center
raumfüllend nebeneinander. Die Decke          Seilspringen mitzählt, hört um die 1500       von Anaheim, holte er sich den Gürtel in
der Halle hängt so niedrig, dass sich ihre    irgendwann auf, es folgen Schattenboxen,      zwölf regulären Runden, aber schon in
Balken vom Ringboden aus springend            Arbeit an Speed-Bällen, Schlagübungen         Runde zwei handelte er sich einen Riss
fast erreichen ließen. HipHop-Musik           auf den gepolsterten Bauch und die Hän-       über dem rechten Auge ein.
wummert, drei Dutzend Boxer trainieren        de in Pratzen von Clemente Medina, Ma-           Mares machte weiter, blutend, wütend,
hier, sie trudeln gegen zehn Uhr ein, drü-    res’ Coach. „Pam-pam“, schreit Medina,        immer vom technischen K. o. bedroht. Am
cken zur Begrüßung die Schultern freund-      wenn er Doppelschläge einfordert, „pam-       Ende fügte er seiner Profi-Bilanz den 23.
lich aneinander, alles Latinos, von zwei,                                                   Sieg hinzu, bei null Niederlagen und 13
drei schwarzen Boxern abgesehen.                                                            Knockouts. Er war Weltmeister, und das
   Es sind schräge Typen darunter wie         „Großeinkauf“ bedeutete                       ist, auch wenn es im Boxsport so viele
Daniel Hernandez, der in den Straßen          für seine Familie: Sie                        Weltmeister gibt, ein großer Titel für einen,
von Los Angeles einen Kopfschuss über-                                                      der als Kind zum Scheitern verurteilt war.
lebt hat, oder Robert Guzman, der mit         holte sich das Essbare                           Weltmeister zu sein hieß, bei künftigen
den Marines bis vor kurzem im Irak-Krieg                                                    Kämpfen 200 000, 300 000 Dollar Preis-
war. Um sie herum lungern Boxpromoter         aus dem Müll.                                 geld wert zu sein, Jaguar fahren zu kön-
und verliebte Mädchen, die regelmäßig                                                       nen, es hieß, dass Plasmafernseher in
vor die Tür gehen, um Zigaretten zu rau-      pam-pam“, wenn er schnelle Rechts-links-      Reichweite kamen, Designerklamotten
chen und auf Telefonen herumzutippen.         rechts-Kombinationen sehen will.              und ein eigenes Haus in einer ordentli-
Die Umgangssprache hier ist Spanisch.            Medina, ein jovialer Mexikaner, von        chen amerikanischen Vorstadt.
   Mares’ Manager schaut vorbei, Frank        dem im Web Videos kursieren, die ihn             Mares fand seines in Lakewood, einer
Espinoza, er fährt vor in einem schwar-       als Volkssänger verewigen, sagt über          anderen Siedlung im Labyrinth von L. A.,
zen Range Rover mit seinem Sohn Fran-         seinen Star, er habe nicht unbedingt die      sie liegt in direkter Nachbarschaft von
kie, dem kleine Brillanten in beiden Oh-      ganz große Schlagkraft. „Aber Abner ist       Hawaiian Gardens, nur ein paar Blocks
ren stecken. Espinoza trägt schwarzes         schnell“, sagt Medina, „sehr schnell, er      von seiner Kindheit entfernt, und doch
Hemd und schwarzen Anzug zu hellbrau-         hat gute Beine, und vor allem hat er das      ist er in eine andere Welt umgezogen. Es
nen Schuhen aus Klapperschlangenleder.        Herz eines Boxers. Er steht schwere Situa-    gibt hier noch eine dünne Mehrheit der
Er schwärmt von seinem Champion, er           tionen durch, egal wie schwer.“               Weißen, es gibt eine große asiatische und
sagt, Abner werde „groß“, vielleicht der         Als Mares zum ersten Mal Weltmeister       eine noch immer nennenswerte schwarze
erste Boxer, dem es gelingen könnte, in       wurde, im vergangenen Sommer, in einer        Bevölkerung. Raubüberfälle und Dieb-
der Bantamklasse die WM-Gürtel aller          wilden Schlägerei gegen Joseph „King          stähle, aufgebrochene Autos und Häuser
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TODD BIGELOW / NOVUS SELECT (L.); ROBERT NICKELSBERG / GETTY IMAGES (R.)




Bandenkriege erlebt, versucht, das Wunder zu begreifen, dass er nicht erschlagen oder zum Mörder wurde

   gehören auch hier zum Alltag, aber das                                                   als so viele frühere Einwanderer dankt         gar nicht kannte. Aber es wurde seine
   Leben fühlt sich anders an, besser.                                                      er nicht dem Land, sondern sich selbst.        Rettung. Mexiko war ein Land, das ihn
      Er hat jetzt einen weißen und einen                                                   Er hat es geschafft, das ungefähr be-          nicht ablehnte und loswerden wollte, son-
   asiatischen Nachbarn, und er hat schwar-                                                 schreibt seine Haltung, nicht weil, son-       dern willkommen hieß. Es war sein Land.
   ze Freunde. Der Hass auf die Afroameri-                                                  dern obwohl er in den USA strandete.              Tatsächlich durfte er ein Probetraining
   kaner, der ihm einst eingebläut wurde                                                       Richtig angekommen kann er sich nicht       bei der Nationalmannschaft absolvieren,
   und der sich weiterhin in den Latino-Vier-                                               fühlen. Wenn er in eine Verkehrskontrol-       im Jahr 2000 war das, und er durfte blei-
   teln von Los Angeles entlädt, hat sich bei                                               le gerät, und das passiert häufig, fragen      ben als Sparringspartner, der sich bald in
   ihm durch Begegnungen verflüchtigt.                                                      ihn die Polizisten nicht zuerst nach den       den Kader hochboxen würde. Er klingt
   „Wir sind alle nur Menschen“, sagt Mares,                                                Autopapieren, sondern danach, wem der          märchenhaft, dieser Aufstieg, Mares muss
   „wir wollen alle Respekt, und wir haben                                                  Wagen gehört. Und er hat Glück, wenn           Glück gespürt haben damals, aber er sagt
   alle dieselbe Würde.“                                                                    sie ihn nicht gleich aus dem Sitz ziehen       das nicht so, nichts von Glück und Mär-
      Seine Frau Nathalie, geborene Moreno,                                                 und nach Drogen oder Waffen durchfil-          chen. Angekommen fühlte er sich, das ja,
   sitzt daneben, still und schön, eine Mexi-                                               zen. „Ich muss mich rechtfertigen, jedes       und zum ersten Mal im Leben führten
   kanerin auch sie. Sie spricht nur Spanisch,                                              Mal“, sagt Mares. „Dass einer wie ich ein      seine Wege nicht geradewegs in den
   obwohl sie seit Jahren in den USA lebt,                                                  großes Auto fährt, ist nicht vorgesehen.       Knast oder ins Krankenhaus.
   ihr Mann will nicht, dass sie arbeiten geht.                                             Das ist nicht richtig in einem freien Land.“      Mit kühler und präziser Aggression
   „Ich kann für uns sorgen“, sagt Mares,                                                      Er hatte im Leben, bei allem Pech, auch     erkämpfte er sich stattdessen eine beein-
   und das ist für einen wie ihn, für einen                                                 Glück auf krummen Wegen. Als er, in            druckende Amateurbilanz, 112 Siege, nur
   von ganz unten, ein großer, stolzer Satz.                                                Hawaiian Gardens, mit 15 von der Schule        8 Niederlagen, aber eine davon, die letz-
      Die erste Tochter kam vor sechs Jahren,                                               flog, ein notorischer Schläger, und die        te, musste er ausgerechnet in der ersten
   die zweite ist gerade vier Monate alt, und                                               Entscheidung darüber anstand, ihn auf          Runde des olympischen Turniers von
   wer den Boxer mit dem Kind und dem                                                       eine Sonderschule zu geben, entschieden        Athen einstecken, 2004. Mares war 18, er
   Baby spielen sieht, möchte daran glauben,                                                sich die Eltern dafür, ihn nach Mexiko         wurde gelost gegen den Ungarn Zsolt
   dass sich der amerikanische Traum für                                                    zurückzuschicken. Sie setzten ihn, der         Bedák, einen klassischen Linksausleger,
   ihn erfüllt hat. Das Heim der Familie Ma-                                                schon ein Jugendboxer war, in ein Flug-        es wurde ein enger Kampf, den Mares
   res sieht aus wie die Kulisse einer Seifen-                                              zeug, wieder hinaus aus Kalifornien, in        nach Punkten verlor. „Ich hatte mich jah-
   oper, die offene Küche wie aus einem Ka-                                                 der irren Hoffnung, er könnte so gut sein,     relang auf die Spiele vorbereitet“, sagt
   talog, es gibt Fernseher in jedem Zimmer,                                                dass er es in den mexikanischen Olym-          er. „Ich war am Boden zerstört. Ich woll-
   vor dem Haus stehen der Jaguar und ein                                                   piakader schaffen würde.                       te eine Medaille holen, ich war sicher, zu
   GM Tahoe, so groß wie ein Panzer.                                                           Mares empfand es als Strafe. Er glaub-      gewinnen.“
      Nach hinten liegt eine große, schattige                                               te, die Eltern verstießen ihn, weil er ihnen      So niedergeschlagen war Mares, dass
   Terrasse mit gemauertem Barbecue und                                                     kein guter Sohn war. Er war gerade 15          ihm in einem Interview danach die Stim-
   üppiger Hausbar, Spielzeug liegt herum,                                                  und schon auf sich gestellt, ein kleiner,      me stockte, und die Tränen kamen vor
   alle Dinge sagen: Abner Mares hat es                                                     irgendwie gemischter Mensch, halb Ame-         laufender Kamera. Das war, im Unglück,
   geschafft. Aber ein glühender Amerika-                                                   rikaner, halb Mexikaner, der in ein Land       sein Glück, denn diese Szene rührte die
   ner ist nicht aus ihm geworden. Anders                                                   kam, das seine Heimat hieß, das er aber        Frau von Oscar De La Hoya, Boxpromo-
                                                                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                           53
Gesellschaft

                                                                                                                               Aber die Wunde heilte, von allein,
                                                                                                                            durch Schonung, und es ging wieder ein
                                                                                                                            bisschen zu wie im Märchen. Nach Mo-
                                                                                                                            naten schlechter Nachrichten gab ihm der
                                                                                                                            Arzt die Erlaubnis, das Training wieder
                                                                                                                            aufzunehmen, und es war die glücklichste
                                                                                                                            Stunde seines Lebens, eine neue Wende
                                                                                                                            im Auf und Ab seiner Biografie. Er durfte
                                                                                                                            wieder um sein Leben kämpfen.
                                                                                                                               Um nach der Zwangspause allen zu zei-
                                                                                                                            gen, dass sie sich künftig in Acht nehmen
                                                                                                                            müssen vor einem neuen, gehärteten Ab-
                                                                                                                            ner Mares, ließ er sich Tücher mit Toten-
                                                                                                                            köpfen bedrucken, die er sich seither um-
                                                                                                                            bindet, wenn er im Tross seines Teams zu
                                                                                                                            stampfender Musik zum Ring marschiert.
                                                                                                                            Und dieser andere, der neue Mares ist
                                                                                                                            noch besser als der alte.
                                                                                                                               Wie gut alles läuft für ihn seit 2009,
                                                                                                                            lässt sich in Hawaiian Gardens erleben,
                                                                                                                            wo er auf der Straße erkannt wird wie




                                                                                              TODD BIGELOW / NOVUS SELECT
                                                                                                                            ein weltberühmter Star. Fremde Men-
                                                                                                                            schen winken ihm zu, alte Bekannte trom-
                                                                                                                            meln die Familien zusammen und rufen
                                                                                                                            hinter sich in die Häuser hinein: „Abner
                                                                                                                            ist da! Besuch vom Champion!“
                                                                                                                               Es kommen Passanten heran und fragen
Profi Mares, Trainer Medina: Früher, sagt er, war das Boxen Passion, jetzt ist es Arbeit                                    devot nach der Erlaubnis, sich mit ihm zu
                                                                                                                            fotografieren, nahe seiner alten Schule be-
ter in Los Angeles und selbst einer der           Im Boxclub wandten sie sich von ihm                                       kommt er es mit einer weinenden Frau zu
größten Faustkämpfer aller Zeiten.             ab. Leute, die ihn als falsche Freunde um-                                   tun, die Papiere in ihren Händen reibt und
   Sie sagte ihrem Mann, er müsse sich         schlichen hatten, mieden seinen Blick.                                       ihn bittet, auf Spanisch, etwas für ihren
diesen Mares unbedingt ansehen. Und            Seine Promoter standen wohl irgendwie                                        Sohn zu tun, der im Gefängnis sei.
das tat De La Hoya, dessen Abbild, in          zu ihm, aber was sollten sie anfangen mit                                       Mares hört zu, beruhigend, mit seinen
Erz gegossen, vor dem Staples Center in        einem, der erledigt war. Mares haderte,                                      großen Kinderaugen, in denen zu viel
Downtown Los Angeles steht. Auf zehn           er weinte an der Schulter seiner Frau wie                                    Traurigkeit sitzt. Einer seiner vielen Brü-
Weltmeistertitel kann De La Hoya zu-           ein Kind, aber er glaubte auch an seine                                      der war auch gerade im Knast, er sagt:
rückblicken, auf eine Goldmedaille für         Genesung. Wieder und wieder ging er                                          „Wenn sie mich nicht nach Mexiko ge-
die USA, nun ließ er sich Aufnahmen von        zum Arzt, und regelmäßig hörte er, es                                        schickt hätten, wäre ich an seiner Stelle.“
Mares’ Kämpfen kommen, auch das In-            gehe nicht, er könne nicht kämpfen, er                                       Die Brüder, die Schwestern, sie wohnen
terview nach der Niederlage in Athen.          werde das Augenlicht verlieren.                                              alle noch in der Gegend, Mares wischt Fa-
   Der Junge, Abner Mares, gefiel ihm.            Wenn Mares von dieser Zeit erzählt,                                       milienfotos über sein iPhone. Er fährt zum
Er hatte Biss, er war schnell, De La Hoya      fährt eine Bitterkeit in seine Züge und                                      Rathaus von Hawaiian Gardens, dem
entschied, dass er ihn gebrauchen könnte.      Worte, die nur schlecht zu seinen 26 Jah-                                    Städtchen geht es besser, seit sich ein Spiel-
Mares erzählt vom entscheidenden An-           ren passt. Er sagt, bis dahin sei das Boxen                                  casino hier angesiedelt hat. Die Straßen
ruf wie von einem Wunder. Der große            seine Passion gewesen. Seither, sagt er,                                     sind jetzt nachts durchgängig beleuchtet,
Boxer lud den kleinen samt seinem Vater                                                                                     und der Bürgermeister, Michael Gomez,
ein, zu kommen und gleich die Verträge                                                                                      hat das Richtige getan und sein Rathaus in
zu unterschreiben. Und so wurde aus            Er weinte wie ein Kind                                                       ein einziges Jugendzentrum verwandelt.
Abner Mares, dem ehedem chancenlosen           an der Schulter seiner                                                          Es gibt noch immer Banden. Und es
Kind aus Mexiko, ein Profiboxer in den                                                                                      gibt noch immer Totschläger, die ihren
USA.                                           Frau, aber er glaubte an                                                     Kleinkrieg der ethnischen Säuberung füh-
   Er war gut. Er sah gut aus. Er schlug                                                                                    ren. Aber im Rathaus hopsen lustige Mäd-
die Gegner, wie sie kamen, er, der Mexi-       seine Genesung.                                                              chen und junge Männer in Tanzsälen und
kaner, gewann und verteidigte zweimal                                                                                       Krafträumen samt Boxring, man kann
den nordamerikanischen Meistertitel im         sei es nur noch die Arbeit, der er nachge-                                   hier basteln und Pläne schmieden und
Bantamgewicht. Aber im Oktober 2008,           he, um seine Familie zu ernähren.                                            Englisch lernen, das gab es alles nicht, als
eine Woche vor dem Kampf gegen Luis               Fast ein Jahr lang fiel er aus. Und weil                                  Abner Mares Kind war in Amerika.
Melendez in Atlantic City, stimmte mit         er Geld verdienen musste, kehrte er zu-                                         Wenn er durch die Flure geht, stolpern
einem Auge etwas nicht mehr.                   rück an seine amerikanischen Anfänge.                                        die Mädchen kreischend zu den Seiten
   Steven Steinschriber, Augenarzt am          Er wurde, wie seine Mutter einst, einer                                      weg, ehe sie sich von ihm Autogramme
Milauskas Eye Institute, ein Mann, dem         jener austauschbaren Hilfsarbeiter, die                                      auf ihre Turnschuhe schreiben lassen.
Boxer vertrauen, stellte eine Teilablösung     nach den Blumen fremder Leute sehen,                                         Halbstarke Jungen suchen die Nähe des
der Netzhaut fest. Mares stand, kaum           er fand einen Job als Nachtwächter in                                        Boxers, der für sie zum Helden taugt. Ein
dass seine Karriere richtig begonnen hat-      einer Schule. Die Schichten dauerten 14                                      Mexikaner, der es geschafft hat; der Me-
te, vor dem Aus. Nicht nur als Boxer. Er       Stunden, und manchmal, auf den leeren                                        xikaner geblieben ist und doch auch ein
musste um seine Existenz fürchten, um          Fluren, auf seinen nächtlichen Streifen,                                     bisschen Amerikaner geworden. Ein
irgendein Auskommen, er hatte keinen           fürchtete er, der von Olympiasiegen ge-                                      Mensch, der teilhat, auf seine Weise, am
Plan mehr für ein Leben in Amerika.            träumt hatte, um seinen Verstand.                                            großen, alten amerikanischen Traum.
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Gesellschaft




     HILDESHEIM            Wann ist ein Mann ein Mann?
                           ORTSTERMIN: In Hildesheim kämpft ein Ehemann um
                           seine Anerkennung als Opfer häuslicher Gewalt.


F
      ranco B. sitzt schon einige Minuten rangieren. Es ist nicht die heroischere,       er nicht. B. sagt, nach der Sache mit dem
      lang auf dem Stuhl des Nebenklä- aber womöglich die ehrlichere Strategie.          Messer sei ihm klargeworden, dass Ma-
      gers, als seine Frau in Handschellen Während der Vorbereitung auf den Pro-         nuela und er keine Zukunft hatten.
hereingeführt wird. Er beobachtet, wie zess gegen Manuela fand er eine Studie               Er lernte in Saal 149 viel Neues über die
sie eine riesige Sporttasche zu Boden sin- mit dem Titel „Gewalt gegen Männer“.          Frau, mit der er so lange zusammen war.
ken lässt, als hätte sie soeben nicht den Nicht Mann, sondern Männer. Plural. Er         Das Bild von Manuela, wie er sie kannte,
Sitzungssaal 149 des Hildesheimer Land- war nicht allein.                                passte nicht mehr zu der Frau, die im Ge-
gerichts betreten, sondern einen Boxclub.      Die Staatsanwältin erhebt sich und        richtssaal saß. Das Gutachten des psycho-
B. blickt auf die Tasche. Sie liegt da wie spricht von einer dissozialen Persönlich-     logischen Sachverständigen schilderte ihre
ein schwerer Dobermann. Er selbst hat keitsstörung und einer narzisstischen              Kindheit weniger sonnig, als B. sie kannte.
nur eine dünne Umhängetasche dabei, Fehlentwicklung bei der Angeklagten, B.              Ihr Vater beherrschte die Familie offenbar
die neben ihm an einem Tischbein lehnt, nickt. Wenn man später mit ihm redet,            wie ein Despot und schlug seine Frau und
damit sie nicht umkippt.                    sagt er, dass er immer noch fassungslos      seine Tochter, bis Blut spritzte.
   Franco B. ist gekommen,                                                                                  Manuela macht sich am
um die Plädoyers gegen Ma-                                                                               Tisch gegenüber Notizen auf
nuela zu hören, die Frau,                                                                                losen Zetteln. B. kann nicht
mit der er fast sechs Jahre                                                                              erkennen, was sie schreibt.
lang zusammen war. Ihr                                                                                   Er sieht aber ihren kalten
werden unter anderem Kör-                                                                                Blick. Er sei froh darüber,
perverletzung, Nötigung                                                                                  sagt B., dass Manuela seit ei-
und Sachbeschädigung vor-                                                                                nigen Monaten in einer Psy-
geworfen. Die Anklage                                                                                    chiatrie behandelt werde. Er
zählt 40 Taten auf, die meis-                                                                            fühle sich nun sicherer.
ten richteten sich gegen B.                                                                                 Neben B. stemmt sich
Manuela soll ihn verfolgt,                                                                               ein Mann von seinem Stuhl,
geschlagen, getreten, be-                                                                                er heißt Matthias Doehring,
stohlen, gebissen, mit einem                                                                             B.s Anwalt. Doehring sagt,
                                                                                               MICHAEL LÖWA / DER SPIEGEL




Stock verprügelt und ge-                                                                                 sein Mandant habe erst ler-
würgt haben. Sie bestreitet                                                                              nen müssen, dass er nicht
fast alles, aber die Indizien                                                                            nur ein überforderter Ehe-
sprechen gegen sie. Einmal                                                                               mann sei. Die Verwand-
konnte B. mit seinem                                                                                     lung von B., dem Verlierer,
Handy filmen, wie sie ver-                                                                               zu B., dem selbstbewussten
suchte, ihn zu überfahren.           Nebenkläger B. (r.), Anwalt: Bestohlen, gebissen                    Opfer, brauchte Zeit. Doeh-
   B. ist 36 Jahre alt, 1,70                                                                             ring nennt das „die Meta-
Meter groß und arbeitet als                                                                              morphose eines Opfers“.
Systemanalytiker bei VW                                                                                  Insofern könne das Ge-
in Wolfsburg. Kein Job, für den man ge- darüber sei, wie sich seine Frau in eine         richtsverfahren eine Befreiung für Franco
baut sein muss wie Conan, der Barbar. Tyrannin verwandelte.                              B. sein. Ein Triumph. So sieht es der An-
Seine Ex-Geliebte hat früher Judo trai-        Er hatte Manuela vor acht Jahren über     walt. B. blickt auf die Tischplatte. Wenn
niert. B. ist nicht der Typ für Kampfsport. FriendScout24.de kennengelernt und sah       er gerade einen Triumph erlebt, dann in-
Seine Stimme ist dünn und heiser. An- in ihr eine sympathische, unterhaltsame            nerlich. Er lächelt, als ihn Doehring mehr-
fangs schämte er sich, über seine gewalt- Frau. Sie verliebten sich, heirateten, zo-     mals versehentlich „der Angeklagte“
tätige Frau zu sprechen, weil er den Spott gen zusammen. Ein Jahr nach der Hoch-         nennt. Er wehrt sich nicht. Er ist der Anti-
fürchtete. Als er sich endlich traute, zur zeit begann Manuela sich zu verändern.        Grizzly.
Polizei zu gehen, glaubte man ihm zu-          Sie schimpfte und wurde aggressiv. Als       Er will nicht Judo beherrschen müssen,
nächst nicht. Er sagt, jetzt wolle er Ge- er beim Frühstück einen Fensterflügel öff-     um ein Mann zu sein; er will nicht ver-
rechtigkeit. In dem Prozess geht es auch nete, und zwar den falschen, wie sie fand,      spottet werden, wenn er zugibt, dass er
um ihn als Mann.                            warf sie ihm eine Kaffeetasse an den         das Opfer seiner Frau ist. Nach dem Ende
   Er schaut hinüber zur Anklagebank. Kopf. Anfangs habe er versucht, mit ihr            der zweistündigen Verhandlung tritt er
Vor einigen Wochen gab es eine Debatte zu sprechen, von Ehemann zu Ehefrau.              aus dem Justizgebäude und raucht. Er
über den Zustand des deutschen Mannes, Er wollte mit ihr zu einem Therapeuten            wirkt zufrieden. Es sieht so aus, als ob
er sei zu weich, zu wehleidig, hieß es. Zu gehen, aber das wollte sie nicht. Eines       die Metamorphose abgeschlossen sei.
wenig Kerl, zu viel Opfer. Einige Frauen Morgens stand er vor der Kaffeemaschine,           Das Urteil folgt zwei Tage später. Ma-
forderten, die Jungs sollten endlich das als sie ein Messer von hinten in seine          nuela, die Täterin, muss mindestens fünf
Jammern einstellen und zum Grizzly wer- Schulter rammte und erklärte: Biste sel-         Jahre lang in die Psychiatrie. B., das Op-
den, wie früher. B. will kein Grizzly sein. ber dran schuld. Sie fühlte sich wieder      fer, darf ein Opfer sein. Ein Mann.
Er beginnt, sich mit der Opferrolle zu ar- provoziert, aber wodurch, sagt er, wisse                                         CHRISTOPH SCHEUERMANN

                                                 D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                        55
„Warum spricht
niemand mit mir?“
Barbara Lohmann*, Buchhalterin, 45,
Niedersachsen

Ich war ein lustiger Mensch, bis ich mei-
nen jetzigen Job anfing. Ich spürte am ers-
ten Tag, dass etwas nicht stimmt. Mor-
gens rief ich fröhlich in die Runde, aber
keiner antwortete. Bei Betriebsfeiern tanz-
te ich, bis ein Kollege mich warnte, dass
alle über mich lästern. Ich bin fleißig und
ehrgeizig. Warum spricht niemand mit
mir? Warum lädt mich niemand ein? Was
ist falsch an mir? Ich schlafe schlecht,
habe Migräne und denke an Selbstmord.
Meine Psychologin sagt, ich solle kündi-
gen. Ich traue mich aber nicht.
Titel




                                                                        Kollege Feind
                                     Rund zwei Millionen Deutsche leiden unter Psychoterror am Arbeitsplatz. Sie
                                      werden von Kollegen oder Chefs oft so lange schikaniert, bis sie krank sind.
                                     Eine EU-Studie zeigt, dass in sozialen Berufen besonders häufig gemobbt wird.


                                 E
                                        s fing damit an, dass einige ihrer       Sie hat wie viele andere Angst davor, dass                     Wann die Grenze des Ertragbaren er-
                                        Kollegen sie morgens nicht mehr          der Psychoterror zunehmen wird, wenn                           reicht ist, liegt an der Belastbarkeit der
                                        grüßten und die Gespräche ver-           ihre Kollegen sie erkennen. Ähnlich wie                        Betroffenen. Es beginnt mit Frust und
                                 stummten, sobald sie das Büro betrat. Als       die Betroffenen reden auch die meisten Un-                     Zorn und kann im Suizid enden.
                                 sie hörte, man halte sie für eine Schlampe,     ternehmen nicht gern darüber, wenn Mit-                           Mobbing ist weit verbreitet, auch am
                                 dachte Barbara Lohmann, viel schlimmer          arbeiter krank werden, weil Kollegen oder                      Arbeitsplatz. Laut der aktuellen „Euro-
                                 könne es nicht mehr werden. Dann ent-           Vorgesetzte sie systematisch attackieren.                      päischen Erhebung über die Arbeitsbedin-
                                 deckte sie die E-Mail.                          Es könnte dem Ruf schaden. Viele Firmen                        gungen“, für die im Jahr 2010 knapp 44000
                                    Sie war auf dem Bildschirm eines Kol-        tun so, als gäbe es solche Konflikte nicht.                    Menschen in 34 Ländern befragt wurden,
                                 legen geöffnet, so dass sie jeder lesen konn-      Aber natürlich gibt es sie dort, wo Men-                    hat der Psycho-Krieg am Arbeitsplatz in
                                 te, der an dessen Schreibtisch vorbeiging.      schen aufeinandertreffen, die einander nicht                   den vergangenen Jahren zugenommen.
                                 Eigentlich wollte Lohmann gar nicht hin-        ausweichen können. An den Arbeitsplät-                         Die Studie, die von der Europäischen Stif-
                                 schauen. Sie wusste, dass es falsch war,        zen, egal ob bei einer Hilfsorganisation, im                   tung zur Verbesserung der Lebens- und
                                 stehen zu bleiben, aber in der Betreffzeile     Sportverein, an der Universität, im Kran-                      Arbeitsbedingungen (Eurofound) im Auf-
                                 stand ihr Vorname. Die Mail war acht Sät-       kenhaus oder im Gefängnis. Überall dort,                       trag der Europäischen Union durchgeführt
                                 ze lang, ein Dialog zwischen Kollegen.          wo sich Grüppchen und Gruppen bilden,                          und vergangenen Donnerstag in Brüssel
                                   „B. war schon wieder krank“, las Bar-         Anführer und Außenseiter, Täter und Opfer,                     vorgestellt wurde, kommt für Deutschland
                                 bara Lohmann auf dem Schirm.                    auch im Internet. Mobbing tritt in vielen                      zu einem erschreckenden Ergebnis: 7,8
                                    Antwort: „Aaaach, die Arme. Müssen           Varianten auf: Zwei Teenager machen einen                      Prozent der befragten Deutschen gaben
                                 wir jetzt Mitleid haben?“                       dritten fertig, bis er sich umbringt; Kollegen                 an, sie seien am Arbeitsplatz in den letzten
                                   „Die hat mich zum Personalgespräch            erzählen sich dreckige Witze über die Neue                     zwölf Monaten diskriminiert worden. Fünf
                                 geladen.“                                       in der Abteilung; oder der Chef will die                       Jahre zuvor waren es nur 4,5 Prozent. Die
                                    „Will sich wieder aufplustern.“              Abfindung sparen und schikaniert einen                         Frage „Wurden Sie im vergangenen Jahr
                                    „Was sonst.“                                 Angestellten so lange, bis der flieht.                         am Arbeitsplatz gemobbt oder schika-
                                   „Sag Bescheid, ich halt sie fest, damit          Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen                      niert“ bejahten 4,6 Prozent, fünf Jahre
                                 Du ihr in die Fresse kloppen kannst.“           Menschen so fertigzumachen, dass er zu-                        zuvor waren es 4,1 Prozent. Hochgerech-
                                   „Nicht einmal, mehrmals.“                     sammenbricht; man kann ihn ignorieren,                         net auf die Zahl aller Beschäftigten in
                                    Als sich Barbara Lohmann zurück an           belächeln, ausgrenzen, aufziehen, hän-                         Deutschland wären damit mehr als 1,8 Mil-
                                 den Platz setzte, zitterten ihre Hände. Sie     seln, beschimpfen, anbrüllen, schlagen.                        lionen Menschen betroffen.
                                 wusste nicht, was sie mehr quälte: die                                                                            Mobbing lässt sich schwer messen, weil
                                 Häme der Kollegen oder ihr eigenes                                                                             sich die Mobbing-Definitionen und -Mess-
                                 schlechtes Gewissen, weil sie eine Mail                                                                        methoden je nach Studie unterscheiden,
                                 gelesen hatte, die nicht für sie bestimmt
                                 war. Sie tat, was sie in den vergangenen          1,8 Millionen Menschen                            *          zudem müssen sich die wissenschaftli-
                                                                                                                                                chen Erhebungen auf Selbsteinschätzun-
                                 Jahren immer getan hatte, wenn sie sich           sind in Deutschland an ihrem                                 gen der Betroffenen verlassen. Das gilt
                                 ausgegrenzt und wie der einsamste                 Arbeitsplatz von Mobbing betroffen.                          genauso für Journalisten, die unter Mob-
                                 Mensch der Welt gefühlt hatte. Sie ver-                                                                        bing-Opfern recherchieren. Die Überprü-
                                 suchte, die ganze Sache zu vergessen.                                                                          fung ihrer Geschichten, so ist es auch dem
                                    Barbara Lohmann arbeitet in der Buch-
                                 haltung eines Autozulieferers in Nieder-          2,3 Milliarden Euro                      *
                                                                                                                                                SPIEGEL bei aller Sorgfalt ergangen,
                                                                                                                                                stößt immer an Grenzen.
                                 sachsen. Sie ist 45 Jahre alt, eine offene,       kosten die deutschen                                            Die Zahlen der EU-Erhebung entspre-
                                 eigentlich selbstbewusste Frau, die in ih-                                                                     chen aber in etwa dem Ausmaß, das auch
                                 rer hellen Küche sitzt und die Schuld bei
                                                                                   Unternehmen die Fehltage,                                    Mobbing-Forscher wie Dieter Zapf anneh-
                                 sich sucht. Warum sind die Kollegen so            die durch Mobbing entstehen.                                 men, Arbeitspsychologe an der Universität
                                 gemein zu ihr? Was hat sie falsch ge-                                                                          Frankfurt am Main. Zapf schätzt, dass zwi-
                                 macht? Die Fragen quälen sie seit Jahren,                                                                      schen 3,5 und 4,5 Prozent aller Beschäftig-
                                                                                   20 Prozent
MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




                                 seit sechs Monaten ist sie in psychologi-                                  *                                   ten betroffen sind. Studien aus den letzten
                                 scher Behandlung. Sie hat sich bei dem                                                                         Jahren gelangten zu ähnlichen Ergebnissen.
                                 Gedanken ertappt, Schluss zu machen,              aller Suizidfälle werden                                     Die letzte große deutschlandweite Mob-
                                 nicht mit dem Job, sondern mit allem.             auf Mobbing zurückgeführt.                                   bing-Studie, bezahlt von der Bundesanstalt
                                    Wie viele Mobbing-Opfer, die in diesem
                                                                                  * Schätzungen: EU, Institut für Markt- und Sozialforschung,
                                 Text vorkommen, will Barbara Lohmann               Statistisches Bundesamt                                     * Die geänderten Namen sind mit einem Stern gekenn-
                                 nicht, dass ihr echter Name genannt wird*.                                                                     zeichnet, alle anderen sind authentisch.

                                                                                          D E R      S P I E G E L         1 6 / 2 0 1 2                                                        57
Titel

für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin,
kam für das Jahr 2000 zu einer Mobbing-
Quote von 5,5 Prozent. Das entsprach da-
mals 2,1 Millionen Erwerbstätigen.
   Rund zwei Millionen Menschen, die
unter dem Psychoterror von Kollegen
und Vorgesetzten leiden. Zwei Millionen,
die jeden Morgen mit der Angst an ihren
Arbeitsplatz gehen, wieder schikaniert,
wieder gedemütigt zu werden. Die damit
leben müssen, dass die Kollegen sie wie
Luft behandeln, sie anbrüllen oder be-
lügen. Manche stoßen auf angebliche
Nacktbilder von sich in der Firma. Es gibt
nicht die eine böse Tat, sondern viele
böse Sticheleien, immer wieder, bis die
Menschen, die zu Zielen dieser Attacken
werden, sich selbst nicht mehr glauben.
   Es ist ein fieser Psycho-Kampf, der auf
den Fluren von Unternehmen, in Tee-
küchen und Kantinen ausgefochten wird.
Die Wunden und Narben, die in diesem
Kampf entstehen, sind meistens unsicht-
bar. Die Opfer leiden daran umso mehr.
   Es ist der Krieg der Angestellten.
   Persönliche Feindschaften, Intrigen, die
dem Machtgewinn in der Firma dienen
sollen, oder nur die Unfähigkeit zu Em-
pathie – es gibt viele Motive für Mobbing.
Psychologen gehen davon aus, dass auch
die falsche Organisation einer Firma das
Mobbing-Risiko erhöhen kann. Unklare
Zuständigkeiten in Abteilungen, verbun-
den mit hohem Zeitdruck, erhöhen den
Stress in einem Unternehmen und damit
die Wahrscheinlichkeit von psychischen
Attacken unter den Mitarbeitern.
   Wie die Europa-Studie zeigt, hat der
Zeitdruck im Job aus Sicht der Beschäftig-
ten in den vergangenen Jahren zugenom-           die durch Mobbing entstehen, kosten die       ignorieren sie. Die Betroffenen bleiben da-
men. Mehr als 72 Prozent der befragten           deutschen Unternehmen jedes Jahr 2,3          her oft allein mit ihren Fragen, so wie Bar-
Deutschen gaben an, sie müssten mindes-          Milliarden Euro, schätzt das Institut für     bara Lohmann, die anfing, an sich selbst
tens ein Viertel ihrer Arbeitszeit in sehr ho-   Markt- und Sozialforschung. Da die Ur-        zu zweifeln: Weshalb sind die Menschen
hem Tempo arbeiten, 1995 waren es noch           sachen von Depressionen, Angst-, Ess-         so böse? Warum tun sie mir so weh?
knapp 58 Prozent. Zwar spielt die schwie-        oder Schlafstörungen nicht erhoben wer-          Im September 1996 hatte sie als Hilfs-
rige Wirtschaftslage in den meisten Mob-         den, sondern unter „Psychische Störun-        kraft bei dem Autozulieferer begonnen,
bing-Studien keine große Rolle, dennoch          gen“ in der Statistik erscheinen, wissen      vier Tage die Woche, drei Stunden am
wächst der Arbeitsdruck zumindest subjek-        die Krankenkassen nicht, wie hoch die         Tag. Sie lebte von ihrem Mann getrennt
tiv und schafft in vielen Betrieben eine At-     Kosten tatsächlich sind. Nach Schätzun-       mit ihrem achtjährigen Sohn und war aufs
mosphäre, in der Psychoterror gut gedeiht.       gen von Eurofound müssen Unterneh-            Land gezogen, weil sie sich verliebt hatte.
   Gemobbt wird überall, jede Branche ist        men, in denen vermehrt psychische Ge-         Barbara Lohmann freute sich über ihren
betroffen. Mit Abstand die meisten Opfer         walt ausgeübt wird, Produktivitätseinbu-      neuen Job. Sie merkte bald, dass sie mit
finden sich aber, so die Ergebnisse der EU-      ßen von ein bis zwei Prozent hinnehmen.       ihrer Freude in der Abteilung allein war.
Studie, im Gesundheits- und Sozialwesen –           Einige Firmen haben deshalb begonnen,         Ihre drei Kolleginnen in der Buchhal-
in weiblich dominierten Arbeitsfeldern. Da-      Beschwerdestellen einzurichten und ihre       tung seien von Anfang an misstrauisch ge-
her sind auch Frauen wesentlich häufiger         Führungskräfte in Konfliktmanagement          wesen. Vor Arbeitsbeginn standen sie in
von Mobbing betroffen als Männer. Beson-         zu schulen. Der Autohersteller Ford in        der Kaffeeküche und tuschelten, wenn
ders anfällig ist die Pflegebranche. „Mob-       Köln hat sich dem Kampf gegen alle Arten      Lohmann sich näherte. Anfangs stellte sie
bing ist Teil des beruflichen Alltags Pfle-      von Diskriminierung verschrieben: Wird        sich dazu und erzählte von der Scheidung
gender“, schreibt die Sozialforscherin Jean-     ein schwuler Kollege gehänselt, ein Mitar-    in der Hoffnung, wenn sie etwas von sich
nette Drygalla, die das Mobbing-Verhalten        beiter isoliert oder ein Muslim wegen sei-    preisgebe, würden die anderen weicher
von Pflegepersonal an sechs deutschen Uni-       ner Religion beleidigt, steht ein Anti-Dis-   werden. Sie lud die Kolleginnen zum
versitätskliniken untersucht hat. Eines ihrer    kriminierungs-Team bereit. Es geht nicht      Abendessen ein, es gab Datteln mit Speck
Ergebnisse: Mobbing trete verstärkt dort         darum, Konflikte zu verhindern, sondern       und überbackene Tortillas, doch am Tag
auf, wo Konflikte nicht gelöst, sondern nur      sie zu erkennen und zu lösen, damit sie       darauf sei sie wie immer ignoriert worden.
oberflächlich geglättet würden.                  sich nicht verhärten. Das ist jedoch vor-     War dieser raue, kühle Umgang üblich?
   Der Psychoterror kostet nicht nur Ner-        wiegend bei großen Firmen üblich. Kleine      Bislang hatte sie nur in kleinen Familien-
ven. Etliche Betroffene lassen sich mo-          und mittlere Unternehmen bearbeiten           unternehmen gearbeitet. „Vielleicht ist
natelang krankschreiben. Die Fehltage,           Konflikte immer noch auf die alte Art. Sie    das so in großen Firmen“, dachte sie.
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übergreifende, der Anfeindung, Schikane         Kantine, weil sie bei denen keine Angst
                                                                              oder Diskriminierung“ dienende Verhal-          hatte, etwas Verkehrtes zu sagen. Zu Hau-
                                                                              tensweisen definiert, die „das allgemeine       se fragte sie sich: Was ist falsch an mir?
„Er suchte überall                                                            Persönlichkeitsrecht oder andere geschütz-      Sie litt unter Schlafstörungen und aß
                                                                              te Rechte“ wie die Gesundheit des Betrof-       kaum noch. Ihr Hausarzt überwies sie zu
Fehler und fand                                                               fenen verletzen. Juristen und Psychologen       einer Psychotherapeutin. Die schrieb sie
sie irgendwann auch.“                                                         sind sich einig, dass man von Mobbing nur
                                                                              dann sprechen kann, wenn die Schikane
                                                                                                                              drei Wochen krank wegen „chronischer
                                                                                                                              Erschöpfung und starker Depressionen“.
Hanne Stern, 62, Sekretärin, Berlin                                           über längere Zeit stattfindet. Gelegent-        Barbara Lohmann nahm Tabletten, die
Ich habe meinen Beruf geliebt, bis der                                        liche Reibereien oder ein Streit mit dem        ihr Leben heller machten, und fasste ei-
neue Direktor kam. Ständig klingelte
                                                                              Chef, der sich nach gewisser Zeit beruhigt,     nen Entschluss: Sie würde kündigen.
                                                                              fallen nicht darunter. Auch wenn zwei              Doch stattdessen bot der Chef ihr die
mein Telefon, aber wenn ich den Hörer
                                                                              gleich starke Stellvertreter um den Posten      Stelle als Leiterin der Buchhaltung an.
abnahm, war keiner dran. Dabei konnte
                                                                              des Abteilungsleiters rangeln, sprechen die     Sie fühlte sich geschmeichelt. Vielleicht
ich auf dem Display seine Nummer
                                                                              Forscher nicht von Mobbing.                     würde alles besser. Doch es änderte sich
deutlich lesen. Nach einiger Zeit wurde                                          Inzwischen beschäftigt sich in Deutsch-      nichts. Die Mitarbeiter hielten Zahlen zu-
mir klar: Der will dich fertigmachen. Er                                      land eine Schar von Therapeuten, Orga-          rück, so schildert es Barbara Lohmann,
ließ mich nicht mehr in die Mittagspau-                                       nisationspsychologen, Rechtsanwälten,           sie blockierten Projekte und ließen Fris-
se gehen, Fortbildungen strich er.                                            Unternehmensberatern und selbsternann-          ten verstreichen. Sie spürte den Druck
Begründungen bekam ich von ihm des-                                           ten Mobbing-Experten mit dem Thema.             von oben und die Störrigkeit von unten.
wegen nicht. Stattdessen suchte er                                            Der größte Teil der Ratgeberliteratur ist       Eines Tages stand sie vor dem Computer
überall in meiner Arbeit fast wie ein Be-                                     nach der Jahrtausendwende erschienen:           mit der E-Mail, die sie nicht lesen wollte.
sessener Fehler und fand sie irgend-                                          „Keine Angst vor Mobbing! Strategien ge-           Barbara Lohmann sitzt in ihrer Küche.
wann auch. Fast jedes meiner Telefon-                                         gen den Psychoterror am Arbeitsplatz“,          Sie sagt, sie ertrage das nicht mehr. Sie
gespräche belauschte er, und wenn ihm                                         „Achtung: Kollegin. Wie Frauen mit weib-        hat Magenschmerzen, Migräneattacken
eines zu lange dauerte, brüllte er aus                                        licher Konkurrenz souveräner umgehen            und liegt nachts stundenlang wach. Sie
seinem Zimmer: Legen Sie jetzt endlich                                        können“ oder „Mobbt die Mobber! So              weiß nicht, wie es weitergehen soll.
auf! Zum Schluss habe ich mich gar                                            setzen Sie sich gekonnt zur Wehr“. Ge-             Ihr Chef sagt: Du musst härter werden.
nichts mehr getraut. Ich war völlig ein-                                      messen an der Aufmerksamkeit müssten               Ihre Psychologin sagt: Sie müssen da
geschüchtert. Das war vor zwölf Jahren.                                       die Ursachen von Dauerkonflikten am             endlich weg.
Es klingt nach einer langen Zeit, aber                                        Arbeitsplatz erforscht, verstanden und             Und wovon soll ich leben?, fragt Bar-
                                             MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




die Schikanen meines Chefs machen                                             bewältigt sein. Zumindest aber sollte den       bara Lohmann.
mich bis heute krank. Den Gendarmen-                                          meisten Vorgesetzten bewusst sein, dass
markt, an dem mein früheres Büro lag,                                         sie Konflikte in ihrer Abteilung erkennen       Angriff auf Außenseiter
kann ich bis heute nicht betreten.                                            müssen, bevor sie sich verfestigen.          Er staune immer noch über die Unfähig-
                                                                                 Der Chef von Barbara Lohmann sah          keit vieler Chefs, Konflikte zwischen Mit-
                                                                              nicht ihr Problem mit den drei Kollegin-     arbeitern zu erkennen, sagt Dieter Zapf,
                                                                              nen, so hat sie es erlebt, er sah stattdessender Mobbing-Forscher. Obwohl spätes-
                                                                              nur die Mitarbeiterin, die sich durch Fleiß  tens seit Mitte der neunziger Jahre über
      Als Barbara Lohmann 1996 die Stelle                                     von den anderen abhob. Ihr wurden Fort-      gesundheitsgefährdende Konflikte am Ar-
   in der Buchhaltung annahm, war Mob-                                        bildungen genehmigt, was ihr nur mehr        beitsplatz diskutiert werde, seien etliche
   bing vor allem ein Thema, mit dem sich                                     Häme brachte. Wie ist es möglich, eifer-     Vorgesetzte bei Mobbing hilflos, wenn
   Journalisten und einige wenige Therapeu-                                   ten die anderen, dass die Neue vom Chef      sie es denn überhaupt wahrnähmen. „Die
   ten beschäftigten; die meisten Psycholo-                                   zu Teamsitzungen mitgenommen wird?           meisten wissen, dass es ein Arbeitsschutz-
   gen nahmen es zunächst nicht ernst. 1993                                      Neid kann zu Hass versteinern, wenn       gesetz gibt, und das war’s.“
   war der Ratgeber „Mobbing – Psycho-                                        es niemanden gibt, der eingreift. Barbara       Zapf sagt, nur wenn einem Vorgesetz-
   terror am Arbeitsplatz und wie man sich                                    Lohmann versuchte, ihre Gefühle im           ten bewusst sei, dass er Konflikte in sei-
   dagegen wehren kann“ des deutsch-                                          Büro zu unterdrücken. Mittags ging sie       nem Verantwortungsbereich rechtzeitig
   schwedischen Psychologen Heinz Ley-                                        mit Arbeitern aus der Produktion in die      lösen kann und muss, werde er das an sei-
   mann erschienen. Leymann beschreibt                                                                                                   ne Leute auch vermitteln.
   darin, was mit Menschen geschieht, die                                                                                                Generell gilt: Je schlechter
   von Kollegen oder Vorgesetzten schika-                                                                                                ein Unternehmen organi-
   niert wurden. 1996 nahm der Duden den                                                                                                 siert ist, je unklarer die Zu-
   Begriff „Mobbing“ zum ersten Mal auf.                                                                                                 ständigkeiten in den Abtei-
   Barbara Lohmann wusste anfangs gar                                                                                                    lungen sind, umso größer
   nicht, dass sie ein Mobbing-Opfer war.                                                                                                wird die Gefahr, dass Men-
      Leymann definierte Mobbing damals                                                                                                  schen aneinandergeraten,
   als „negative kommunikative Handlun-                                                                                                  weil sie Entscheidungen tref-
   gen, die gegen eine Person gerichtet sind                                                                                             fen, die auf Widerstand sto-
   und die sehr oft und über einen längeren                                                                                              ßen. Mobbing habe häufig
   Zeitraum hinaus vorkommen und damit                                                                                                   strukturelle Ursachen.
                                                                                                                                         MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




   die Beziehung zwischen Täter und Opfer                                                                                                   Psychologen erkannten
   kennzeichnen“. Diese Definition haben,                                                                                                das lange nicht. Erst Mitte
   zum Teil in abgewandelter Form, auch                                                                                                  der achtziger Jahre begann
   andere Forscher übernommen.                                                                                                           der Deutschschwede Heinz
      Das Landesarbeitsgericht Thüringen hat                                                                                             Leymann, die Ursachen
   2001 in einem der ersten Urteile dieser Art                                                                                           massiver zwischenmenschli-
   in Deutschland Mobbing als „fortgesetzte,                                                                                             cher Konflikte am Arbeits-
   aufeinander aufbauende und ineinander                                      Arbeitspsychologe Zapf: Wer sind die typischen Täter?      platz systematisch zu erfor-
                                                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                 59
Titel

schen. Er hatte durch Zufall das Tagebuch
einer 50-jährigen Frau bekommen, die
sich umgebracht und zuvor ihre Qualen
am Arbeitsplatz aufgeschrieben hatte.
   Leymann, der 1955 von Niedersachsen
nach Schweden ausgewandert war, fing an,
die sozialen Hintergründe seiner Patienten
zu analysieren. Er kam zu dem Schluss,
dass etliche von ihnen durch fortgesetzte,
monatelange Schikanen und Angriffe von
Kollegen oder Vorgesetzten psychisch
krank geworden waren. Von Anfang an
schlug sich Leymann auf die Seite der Op-
fer, wofür ihn Arbeitgeber, Ärzte und sogar
Gewerkschafter angefeindet hätten. Da-
mals habe niemand sehen wollen, dass das
auffällige Verhalten eines einzelnen Mitar-
beiters auf dessen Verzweiflung zurückzu-
führen war. „Man glaubte lieber, es handle
sich um psychiatrische Fälle“, schrieb er.
   Die Ursachen für Mobbing lagen aus
Leymanns Sicht in der Struktur einer Fir-
ma, nie in der Persönlichkeit der Betroffe-
nen. Für ihn gab es Täter und Opfer, nichts
dazwischen. Mobbing sei aber kein Pro-
zess, der sich mit schwarz oder weiß be-
schreiben lasse, sagt sein Kollege Dieter
Zapf. Er forscht seit 20 Jahren über die
Psychologie in Unternehmen und über die
Fragen: Warum quälen manche Menschen
ihre Kollegen und Untergebenen? Wer
sind die typischen Opfer, wer die Täter?
   In vielen Betrieben bildeten sich Grüpp-
chen und Koalitionen, die zum Teil Pläne
gegen andere schmiedeten, weil sie nach
Kontrolle strebten, hat Zapf herausgefun-
den. Überall existierten Intriganten, die
Freude dabei empfänden, ihre Macht mit
Hilfe von Ränkespielen auszubauen. Der
Kampf um Macht, Status und Einfluss laufe       und schätzen sich selbst als tendenziell        Ziel von Attacken werden, hat es oft brutale
nie ohne Kollateralschäden ab, auch wenn        pünktlicher, gewissenhafter, fleißiger ein      Folgen. Soziale Ausgrenzung könne ähn-
die Kämpfenden dabei nicht immer einen          als jene, mit denen sie zusammenarbeiten.       liche Empfindungen hervorrufen wie kör-
Kollegen bewusst verletzen wollten. Zudem       Dieter Zapf nennt es „das Außenseiterpro-       perlicher Schmerz, schreibt die Sozialpsy-
gebe es in etlichen Firmen Soziopathen, die     blem“. Wer sich als Neuling in einer Firma      chologin Naomi Eisenberger von der Uni-
extrem schlecht darin seien, die emotionale     als leistungsfähiger begreift und sich anders   versität Los Angeles. Eisenberger zufolge
Belastbarkeit ihrer Kollegen richtig einzu-     verhält als der Durchschnitt der Beschäf-       zeigen Menschen, die von anderen ausge-
schätzen. Auch persönliche Motive spielten      tigten, gilt schnell als Streber. Das genügt    grenzt werden, erhöhte Aktivitäten in Hirn-
eine Rolle, eine Liebesaffäre im Büro, Al-      oft, um zum Opfer gemacht zu werden.            regionen, die auch für die Verarbeitung von
kohol- oder Drogenprobleme.                     Menschen dagegen, die von einer Gruppe          physischen Schmerzen zuständig sind.
   Eine weitere Ursache von Dauerkonflik-       als prototypisches Mitglied gesehen werden,        Im Büro leiden die Betroffenen oft,
ten, sagt Dieter Zapf, seien unsichere Chefs,   werden seltener schikaniert.                    ohne dass sie Hilfe von anderen erwarten
die ihre Überlegenheit ständig demonstrie-         Anpassung wird belohnt, Andersartig-         können. Und wenn mehrere Mitarbeiter
ren müssten und aggressiv reagierten, so-       keit wird bestraft. Diese Logik gilt ver-       jeweils ein- oder zweimal im Monat unab-
bald sie ihren Selbstwert bedroht sähen.        mutlich, seit Menschen sich in Gruppen          hängig voneinander einen Kollegen atta-
Vielen Führungskräften mangele es an so-        zusammenfinden. So lässt sich auch die          ckierten, falle es zwar dem Angreifer nicht
zialer Kompetenz. Er nennt das Beispiel         anscheinend unzerstörbare Neigung er-           auf, wohl aber dem Opfer. Genauso gäben
eines Vorgesetzten einer australischen Fir-     klären, über andere zu lästern. Der briti-      manche Opfer nicht zu, dass sie unter der
ma, dessen eigenwilligen Führungsstil Zapf      sche Psychologe Robin Dunbar hat das            Brutalität der Kollegen leiden, weil sie sich
mit Kollegen im „British Journal of Ma-         Lästern in seiner Untersuchung „Klatsch         nicht eingestehen wollten, schwach zu sein.
nagement“ beschreibt. Der Mann hatte sich       aus evolutionärer Perspektive“ als sozia-       Das gilt nicht nur für gering Qualifizierte,
angewöhnt, seine Angestellten mit „cock“        les Frühwarnsystem beschrieben: Der             sondern auch für leitende Angestellte wie
anzusprechen, Schwanz. Es war wohl be-          Tratsch halte Menschen fern, die andere         Manfred Eggebrecht*.
quemer, als sich alle Namen zu merken. Er       für ihre Zwecke ausnutzen könnten, ohne
versuche nur, sagte der Chef, in der Firma      ihnen etwas zurückzugeben. Zum Bei-             Im Sterbezimmer
eine lockere Atmosphäre zu schaffen, „so        spiel einen übermotivierten Neuling, der        Eggebrecht arbeitete in der Nähe von
wie in einer Kneipe“.                           die alten Kollegen besonders träge ausse-       Hannover als Betriebsleiter in einem Be-
   Die meisten Täter wissen nicht, dass sie     hen lässt.                                      tonwerk und wurde nach 15 Jahren in der
Täter sind. Die Opfer grenzen sich dagegen         Für eine Gruppe kann Lästern eine prä-       Firma von seinem Chef in ein Einzelbüro
häufig von der Mehrheit ihrer Kollegen ab       ventive Funktion haben, für diejenigen, die     versetzt. Über Monate saß er in einem
60                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Wegen seiner Proteste gab ihm der                  auf. Zunächst konzentrierte er sich auf
                                                                             Chef drei Abmahnungen. Für Eggebrecht                 das Feuilleton, dann las er den Finanzteil,
                                                                             war die Absicht klar: Sein Werk sollte                die Wirtschaftsseiten und schließlich die
„Die Leere fraß                                                              kleingespart und er selbst kleingemacht
                                                                             werden. Er wollte sich aber nicht vom
                                                                                                                                   Politik. Wenn er die „FAZ“ durchgear-
                                                                                                                                   beitet hatte, machte er sich an die „Hil-
mich langsam auf.“                                                           neuen Chef zerstören lassen. „Ich gönne
                                                                             es ihm nicht. Ich zeige keine Schwäche.“
                                                                                                                                   desheimer Allgemeine Zeitung“. Gegen
                                                                                                                                   zwölf Uhr schob er sich ein Fertiggericht
Eberhard Hesse, 60,                                                             Wenig später habe man ihm mitge-                   in die Mikrowelle, am liebsten Nürnber-
Ex-Betriebsleiter, Berlin                                                    teilt, er dürfe das Werksgelände ab sofort            ger Rostbratwürstchen. Er habe jeden Tag
Ich weiß jetzt, wie langsam eine Uhr                                         nicht mehr betreten. Es war keine                     acht Stunden lang dagesessen, sagt Egge-
ticken kann. Zehn Jahre lang wartete                                         Kündigung, sondern ein Kaltstellen bei                brecht. Mittags nach der Schule schaute
ich darauf, dass die Sekunden verge-                                         vollen Bezügen. Er bekam den Auftrag,                 gelegentlich sein Sohn vorbei.
hen, die Minuten und Stunden. Jeden                                          in Bayern für seine Firma ein neues                      Während er im Sterbezimmer versuch-
Tag saß ich allein in meinem Büro. Ich
                                                                             Betonwerk aufzubauen, wurde aber auch                 te, an seiner beruflichen Existenz festzu-
                                                                             von dort wieder abgezogen. Sein Einzel-               halten, wurde seine Firma von einem grö-
hatte nichts zu tun. Meine Chefs hatten
                                                                             büro in der Nähe von Hannover bezog                   ßeren Unternehmen aufgekauft. Es kam
mich nach einem Streit in ein Einzelzim-
                                                                             er im Herbst. „Mein Sterbezimmer“, sagt               ein neuer Personalchef, der sich Egge-
mer versetzt, in das Sterbezimmer. Das
                                                                             Eggebrecht.                                           brechts Einzelzimmer ansah und sagte, er
heißt so, weil da nur die sitzen, die für                                       Der Boden war ausgelegt mit braunem                habe nie zuvor etwas so Unmenschliches
die Firma schon halbtot sind. Keiner                                         Laminat, in der Ecke gab es eine Koch-                gesehen. Eggebrecht wurde auf Firmen-
dachte, dass ich das so lange aushal-                                        nische. Eggebrecht hat Fotos von dem                  kosten ein Karriereberater zur Seite ge-
ten würde. Aber ich bin ein sturer                                           Zimmer gemacht, weil er die ganze Ab-                 stellt, der ihn an die Freiheit gewöhnen
Hund. Wenn es mir dreckig ging, schau-                                       surdität der Situation festhalten wollte.             sollte wie einen Häftling, der sich nach
te ich auf ein Poster, das im Zimmer                                         Jeden Morgen um acht Uhr betrat er sein               seiner Entlassung wieder an den Alltag
hing: „Niemals aufgeben“. Die Leere                                          Sterbezimmer, drei Monate lang. Er hatte              herantasten muss.
fraß mich langsam auf. Deshalb habe                                          nichts zu tun, aber er wollte dem Chef in                Eggebrecht hat gegen seine Entlassung
ich während meiner Einzelhaft für mich                                       der Zentrale auch keinen Grund geben,                 prozessiert, aber nie darüber nachgedacht,
selbst ein Buch über Mobbing geschrie-                                       ihm zu kündigen. Wäre er nicht jeden                  gegen seinen Chef wegen Mobbing vor-
ben. Im Anhang sind alle Krankheiten                                         Morgen ins Büro gegangen, hätte man                   zugehen. Es hätte ihm vermutlich ohnehin
aufgelistet, die ich an mir während der                                      das als Arbeitsverweigerung auslegen                  wenig genutzt. „Die meisten Mobbing-
Zeit im Sterbezimmer festgestellt hat-                                       können, sagt Eggebrecht. Obwohl er gar                Klagen enden in Deutschland entweder
                                            MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




te. Bartflechte, Migräne, Herzschmer-                                        keine Arbeit hatte. Immerhin verdiente                in Vergleichen, die den Betroffenen eher
zen und viele andere. 2004 nahm ich                                          er 105 000 Euro im Jahr, er hatte also et-            wenig Geld bringen, oder sie werden ab-
die Abfindung und bin weg. Ich wäre                                          was zu verlieren.                                     gewiesen“, sagt der Arbeitsrechtler Martin
sonst kaputtgegangen.                                                           Morgens setzte er sich an den Schreib-             Wolmerath aus Hamm, der über Mobbing
                                                                             tisch, schenkte sich ein Glas Sprudel ein             promoviert hat. „Wegen Mobbing zu kla-
                                                                             und schlug die „Frankfurter Allgemeine“               gen, davon rate ich grundsätzlich ab.“
                                                                                                                                      Denn auch wenn Arbeitnehmer heute
                                                                                                                                   gesetzlich besser geschützt sind als vor 20
  isolierten Zimmer in der dritten Etage ei-                                 Im Visier der Kollegen                                             Jahren, hat sich in der Praxis
  nes Mehrfamilienhauses, 26 Kilometer                                       „Sind Sie während der ver-                          Frankreich     wenig getan. 2006 beschloss
  von seiner Firma und den ehemaligen                                        gangenen zwölf Monate am                                           der Bundestag gegen den Wi-
  Kollegen entfernt. Zu seinen früheren An-                                  Arbeitsplatz gemobbt
                                                                                                                     Belgien
                                                                                                                               9,5              derstand von FDP und Linken
  gestellten hatte er Kontaktverbot. Aber                                    worden?“                                                Prozent    das Allgemeine Gleichbehand-
  noch heute, viereinhalb Jahre nach dem
  Ende der Isolation, will Eggebrecht nicht
                                                                             Antwort: Ja
                                                                                                    Niederlande       8,6                der
                                                                                                                                  Befragten
                                                                                                                                                lungsgesetz, das auch Diskri-
                                                                                                                                                minierung am Arbeitsplatz
  von Mobbing sprechen. Er nennt es nur
  „dieses Spielchen“.                                                                      Österreich
                                                                                                           7,7                                  verhindern soll. Die Klagewel-
                                                                                                                                                le, vor der Juristen warnten,
     Bevor sein normales Arbeitsleben                                                                                                           ist ausgeblieben. Mobbing-Op-
  zu Ende ging, hatte er 110 Leute unter                                                       7,2                                 fer haben nicht von dem Gesetz profitiert,
  sich, Ingenieure, Maurer, Elektriker,                                             Finnland                                       denn sie müssen beweisen, dass sie über
  Maler. Eggebrecht sagt, er sei ein stren-                                                                                        lange Zeit regelmäßig attackiert wurden.
  ger, aber wohlmeinender Chef gewe-                                                 6,2                                Umfrage
                                                                                                                 Eurofound 2010,
                                                                                                                                   Der Psycho-Krieg, der meist verbal aus-
  sen. Das Spielchen begann, als ein neu-                                                                         43816 Befragte   getragen wird, lässt sich aber nur schwer
  er Geschäftsführer in die Zentrale in                                      Deutschland                                           juristisch wasserdicht belegen.
  Süddeutschland einzog. Der verlangte
  von Eggebrecht, er solle seine Leute
                                                                             4,6                                                      In Großbritannien und den USA sind
                                                                                                                                   die Richter weniger anspruchsvoll. 2006
  zu effizienterem Arbeiten anhalten,                                             Großbritannien                                   sprach ein Gericht der britischen Sekretä-
  später sollte er Leute entlassen. Egge-                                                                                          rin Helen Green umgerechnet 1,2 Millio-
  brecht wehrte und sträubte sich dage-                                          4,6                                               nen Euro plus Zinsen zu, weil sie über
  gen, so gut es ging. Er schlief nachts kaum                                                                                      Jahre von vier Kolleginnen angegriffen
  noch. Manchmal war er morgens schon                                                  EU-27                                       worden war. Green arbeitete bei der
  vor Sonnenaufgang im Büro.                                                          4,1                                          Deutschen Bank in London, wo sie „sys-
     Sein Chef habe immer mehr verlangt.                                                       Dänemark                            tematischem seelischem Missbrauch“ aus-
  Eggebrecht musste täglich Zahlen aus sei-                                                                                        gesetzt war, wie Zeugen vor Gericht
  nem Werk an die Zentrale in Süddeutsch-                                                      3,2        Spanien
                                                                                                                                   bestätigten. Erst nach zwei Nervenzusam-
  land durchgeben, Kosten, Umsätze, Rech-                                                                  2,2       Italien       menbrüchen hörte sie auf zu arbeiten. Der
  nungen. Er habe zwar gemurrt, aber ge-                                                                             0,9           Richter sagte, Greens Vorgesetzte hätten
  tan, was von ihm verlangt worden sei.                                                                                            die Augen vor den Angriffen verschlossen,
                                                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                   61
Titel

„ohne Zweifel in der Hoffnung, das Pro-
blem würde von selbst verschwinden“.
   In Kalifornien bekam die Assistenzärz-
tin Ani Chopourian Ende Februar 168 Mil-
lionen Dollar wegen fortgesetzter Beläs-
tigung am Arbeitsplatz – wahrscheinlich
so viel wie in keinem anderen Mobbing-
Verfahren. Während des Prozesses berich-
tete Chopourian detailliert über ihre Qua-
len im Mercy General Hospital von Sa-
cramento. Ein Chirurg begrüßte sie mor-
gens mit „Ich bin spitz“ und gab ihr einen
Klaps auf den Po. Ein anderer nannte sie
ein „dummes Huhn“, machte abschätzige
Bemerkungen über ihre armenischen
Wurzeln und fragte, ob sie al-Qaida bei-
getreten sei. Einmal wurde sie von einem
Kollegen mit einer Kanüle gestochen. An
18 solcher Vorfälle erinnerte sie sich. Sie
habe noch nie so eine feindliche Umge-
bung erlebt, sagte Chopourian. Der Er-
folg ihrer Klage hing auch damit zusam-
men, dass ehemalige Kollegen bereit wa-
ren, als Zeugen vor Gericht auszusagen.
   In Deutschland scheitern viele Verfah-
ren, weil entweder Zeugen oder Beweise
fehlen. 2008 hatte die Versicherungsfach-
frau Sule Eisele-Gaffaroglu von ihrem
Arbeitgeber, der R+V Versicherung, eine
halbe Million Euro wegen mehrfacher
Diskriminierung am Arbeitsplatz gefor-
dert. Eisele-Gaffaroglu war die erste
Deutsche, die auf der Grundlage des All-
gemeinen Gleichbehandlungsgesetzes
klagte. Am Ende bekam sie 10 818 Euro.
   Der Arbeitsrechtler Wolmerath rät Be-
troffenen, ein Mobbing-Tagebuch anzu-
legen, in das sie die Angriffe eintragen
sollen. „Dieses kann Beweisqualität ha-
ben, wenn es darum geht, mit dem Ar-          legt dann, wie es wäre, ihrer Chefin mit      wenn sie aus der Sicht ihrer Vorgesetzten
beitgeber eine außergerichtliche Lösung       der flachen Hand ins Gesicht zu schlagen      etwas falsch gemacht hatte, wurde sie
zu verhandeln. Diesen Weg empfehle ich        zum Ausgleich für die Erniedrigungen,         vor den Augen ihrer Kollegen ange-
in der Regel, weil er weniger Kraft kostet    die sie ertragen hat. „Ich wünsche ihr        schrien. Das ging jahrelang. Einen Be-
und erfolgreicher ist.“ Zudem zieht sich      alles erdenklich Schlechte“, sagt Anke,       triebsrat gab es in der Firma nicht, auch
ein Vergleich nicht über Jahre hin.           setzt aber schnell hinzu: „Nein, man soll     keinen Personalrat. Anke wusste keine
   Wolmerath versteht sich weniger als        niemandem etwas Schlechtes wünschen.“         Lösung. „Wo hätte ich fragen sollen, ob
Anwalt, sondern mehr als Berater der             Vier Frauen sitzen ihr gegenüber an        das normal ist, was hier passiert?“
Betroffenen. „Ich frage zuerst: Wollen        einem langen Holztisch, alle duzen ein-          Alle nicken, dann erzählt Manuela*
Sie bleiben oder gehen?“ Die meisten          ander. Jeden Donnerstagabend treffen          von den Bildern aus dem Internet. Sie
wollen gehen. Bei diesen Menschen heizt       sie sich hier, im Arbeitslosenzentrum der     war neun Jahre lang als kaufmännische
er die Konflikte bei Bedarf weiter an. Er     Stadt. Ihre Gruppe haben sie „Gegen           Angestellte bei einem Stahlunternehmen
provoziert dann gegebenenfalls Abmah-         Psychoterror am Arbeitsplatz“ genannt.        beschäftigt, als der Sohn ihres Chefs die
nungen, die seinen Mandanten eine Vor-        Die fünf sprechen über cholerische und        Firma übernahm. Dann sei ihr immer
lage zum Ausstieg geben. Wolmeraths           unfähige Vorgesetzte, über Krankengeld,       mehr Arbeit zugewiesen worden, bis sie
Ziel ist, sich am Ende mit dem Arbeitge-      Hartz IV und Kollegen, die Bilder von         auch für die Reinigung der Kaffee- und
ber auf einen Geldbetrag zu verständigen,     halbnackten Frauen aus dem Internet           der Spülmaschine zuständig war. Für ihre
der „für das ertragene Leid entschädigt“.     laden und darüber lachen. Anke erzählt        Kollegen war sie die Streberin. Manuela
                                              davon, wie sie überflüssig geworden sei,      weiß nicht, was zuerst da war: die Aus-
Der Wunsch nach Rache                         nachdem ihre Firma gleich mehrere Auf-        grenzung der Kollegen oder das Gefühl,
In vielen Städten treffen sich Mobbing-       träge verloren hatte. Sie arbeitete in der    der Trottel der Abteilung zu sein.
Opfer in Selbsthilfegruppen, um über die      Niederlassung eines Gebäudereinigungs-           Als sie im Sommer im Rock zur Arbeit
Angriffe im Büro zu sprechen. Ihnen geht      unternehmens und wurde zurück in die          kam, luden ihre Kollegen Fotos von Frau-
es darum, ernst genommen und nicht an-        Zentrale versetzt, als die Auftragslage       en mit nackten Beinen aus dem Netz, die
gezweifelt zu werden. Sie bestätigen sich     schlechter wurde. Seitdem habe ihre           sie in der Abteilung herumzeigten, und
darin, dass sie Opfer sind.                   Chefin sie ganz genau kontrolliert. Ihr       sagten, das sei Manuela. Sie wurde aus
   Eine dieser Selbsthilfegruppen trifft      Urlaub sei gestrichen worden, und ihre        dem Verteiler ausgeschlossen, wenn Par-
sich einmal in der Woche in Moers am          Chefin habe auf die Uhr geschaut, wenn        tys geplant wurden. Ihre Kollegen be-
Niederrhein. Die Frauen reden dort            Anke zur Toilette ging. Zum Getränke-         schwerten sich beim Chef über sie. Ma-
manchmal auch über Rache. Anke* über-         automaten durfte sie nicht mehr, und          nuela schlief schlecht, und als sie ins Büro
62                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
es immer mehr Verlierer der schönen neu-       In Phase eins hilft Schwickerath den Pa-
                                                                             en Arbeitswelt gibt, begeben sich immer     tienten, Distanz zu ihrem Job zu schaffen,
                                                                             mehr Betroffene in Behandlung.              zu Kollegen und Vorgesetzten. Das ist die
„Ich habe niemals                                                                                                        Phase, in der die Therapeuten die Patien-
                                                                             Nach dem Psycho-Krieg                       ten darin bestärken, dass sie vor allem
Schwäche gezeigt.“                                                           In Überherrn-Berus, einem kleinen Ort Opfer sind. „Mit den Wölfen heulen“, sa-
Manfred Eggebrecht*, Betriebsleiter, 57,                                     im Saarland, hat sich die Klinik Berus gen sie dazu in der Klinik. Ausdauersport,
Niedersachsen                                                                schon Ende der neunziger Jahre auf die Schwimmen und Laufen sollen dabei hel-
In meinem Leben gab es lange Zeit kei-                                       Behandlung von Mobbing-Opfern spezia- fen, genau wie eine Genusstherapie, in
ne Niederlagen. Ein gutes Abitur, ein er-                                    lisiert. Das Gebäude liegt auf einer An- der die Patienten wieder schmecken, rie-
folgreiches Studium, ein guter Arbeits-
                                                                             höhe im Grünen, nicht weit von der fran- chen und fühlen lernen sollen. Dazu kom-
                                                                             zösischen Grenze entfernt. Von den 170 men Einzel- und Gruppengespräche.
platz. Dann kam ein neuer Chef und
                                                                             Betten der Klinik sind 20 für Patienten        In Phase zwei geht es darum, die eige-
machte Druck. Er rief jeden Morgen an
                                                                             reserviert, die der Kleinkrieg am Arbeits- ne Mobbing-Situation zu verstehen. „Wir
und wollte die neusten Zahlen wissen.
                                                                             platz so zermürbt hat, dass sie oft über entschlüsseln dabei die Strukturen in ei-
Später bellte er ins Telefon, dass Mitar-                                    Monate krankgeschrieben sind.               nem Unternehmen, aber auch die indivi-
beiter wegmüssten und der Umsatz zu                                             In der Regel muss ein Patient zwei bis duellen Konflikte am Arbeitsplatz“, sagt
schlecht sei. Dabei waren die Zahlen                                         drei Monate auf einen Platz warten. Hier- Schwickerath. Ist der Patient mit seiner
gut, der Umsatz war es auch. Zunächst                                        her kommen Beamte, Lehrer, Bankan- Arbeit über- oder unterfordert? Welcher
dachte ich, das ist nur ein Spiel. Außer-                                    gestellte, Pfarrer und Gewerkschaftler. Es Ton herrscht in der Firma? Welche Rolle
dem muss ein guter Manager Druck aus-                                        gibt wahrscheinlich keine Branche, die hat der Patient bewusst oder unbewusst
halten können, und ich habe mich im-                                         nicht vertreten ist. Die Therapeuten ha- eingenommen? Und erst jetzt fragt Schwi-
mer als guten Manager gesehen. Ich                                           ben inzwischen mehr als 2000 Mobbing- ckerath, welchen Anteil das eigene Ver-
würde niemals Schwäche zeigen, das                                           Opfer behandelt. Die meisten, die in die halten an der Eskalation haben könnte.
habe ich mir geschworen. Selbst als mir                                      Klinik Berus kommen, wissen nicht, wie         Danach, in Phase drei, müssen sich die
mein Vorgesetzter Hausverbot in der                                          sie aus eigener Kraft auf die Beine kom- Patienten entscheiden, wie es nach der
Firma erteilte, habe ich mich freundlich                                     men sollen.                                 Therapie weitergehen soll. Sie müssen
verabschiedet und dabei gelächelt. Er                                           Unter den Patienten sind Menschen, sich fragen: Kann und will ich in meinen
hat mich nicht gebrochen, er hat nicht                                       die an Selbstmord denken, auch das kann Job zurück? Welche Perspektive will ich
gewonnen. An Mobbing dachte ich dabei                                        der fortgesetzte Psycho-Krieg auslösen. meinem Leben geben? Erst wenn diese
niemals. Nicht einmal, als ich monate-                                       Schätzungen zufolge geht jeder fünfte Fragen beantwortet sind, beginnt Phase
                                            MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




lang einsam und ohne Arbeit in einem                                         Suizid direkt oder indirekt auf Mobbing vier. Nun simuliert Schwickerath in Rol-
Büro hockte, das die Firma in einem                                          zurück. Viele Patienten kommen nach lenspielen Konflikte und beobachtet, wie
Nachbarort für mich gemietet hatte, und                                      den Schikanen am Arbeitsplatz derart sich die Patienten verhalten. Er trainiert
ich nur noch ein Verbannter war.                                             hilflos, ängstlich und misstrauisch in der Methoden, mit denen sie heikle Situatio-
                                                                             Klinik Berus an, dass das Personal dazu nen auflösen können. Sie sollen sich aktiv
                                                                             übergegangen ist, jeden Therapieschritt und selbstbewusst im Beruf bewegen.
                                                                             genau zu erklären und zu begründen.            Von allen Mobbing-Opfern, die in der
                                                                                Für Mobbing-Opfer sei Transparenz Klinik Berus behandelt wurden, kehrten
   kam, fragten die Kollegen, ob sie die                                     wichtig, sagt Josef Schwickerath, der nur etwa 20 Prozent an ihre alte Arbeits-
   Nacht in der Disco durchgetanzt habe.                                     Leitende Psychologe der Klinik. Die The- stelle zurück. Die Mehrheit suchte sich
   Man erzählte, sie habe Unterlagen ver-                                    rapie soll Menschen, die sich bislang einen neuen Job. Etwa drei Viertel der
   schwinden lassen. Ihr Chef habe den Un-                                   fremdbestimmt fühlten, neues Selbstver- Patienten profitierten von der Therapie,
   terstellungen geglaubt und ihr angeboten,                                 trauen geben. Schwickerath hat ein Vier- wie eine Evaluation in Zusammenarbeit
   gemeinsam den Mülleimer zu durchsu-                                       stufenmodell entwickelt, mit dem er mit Dieter Zapf von der Universität
   chen, um Belege für ihre Fehler zu finden.                                seine Patienten Schritt für Schritt auf- Frankfurt gezeigt hat. Zurück bleiben 10
   Manuela meldete sich krank. Inzwischen                                    baut, damit sie später in der Lage sind, bis 20 Prozent Untherapierbare, die ein
   geht sie zur Reha gegen die Gelenk-                                       Konflikte im Büro allein und angstfrei Jahr nach der Behandlung in der Klinik
   schmerzen, die sie am ganzen Körper                                       zu bewältigen.                              Berus noch nicht in den Beruf gefunden
   spürt. Ihren Job hat sie gekündigt.                                                                                                 haben. Viele dieser Men-
      Anke, Manuela und die anderen                                                                                                    schen hätten keine positive
   Frauen nennen sich „Gleichgesinnte“. Sie                                                                                            Perspektive für ihr weiteres
   teilen ähnliche Erfahrungen. Dazu gehört                                                                                            Leben entwickelt, sagt
   auch die Skepsis von Freunden und                                                                                                   Schwickerath. „Oft kom-
   Verwandten, ob die Geschichten mit den                                                                                              men auch Probleme im Pri-
   bösen Chefs auch wirklich so drama-                                                                                                 vatleben dazu.“
   tisch geschehen sind. An dem Holztisch                                                                                                 Er ist sich mit Zapf und
   wird keine Geschichte hinterfragt. Alles                                                                                            anderen Experten darin ei-
   wird geglaubt. Die Frauen sind hier, um                                                                                             nig, dass sich Mobbing nicht
   sich Mut zuzusprechen. Eine profes-                                                                                                 dadurch beseitigen lässt,
   sionelle psychologische Begleitung ist                                                                                              dass man nur die Opfer the-
                                                                                                                                     MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




   das nicht.                                                                                                                          rapiert. Vielmehr müssten
      Doch viele Betroffene sind nach Jahren                                                                                           die Unternehmen aktiv ge-
   des Kleinkriegs so aufgerieben, dass nur                                                                                            gen den Angestelltenkrieg
   noch Mediziner und Psychologen helfen                                                                                               auf den Bürofluren vorge-
   können. Überall in Deutschland gibt es                                                                                              hen. Die ersten Firmen ha-
   Therapieeinrichtungen für Burnout-Pa-                                                                                               ben bereits begonnen, ihre
   tienten und depressive Langzeitarbeits-                                                                                             Führungskräfte so zu schu-
   lose, für Stress- und Mobbing-Opfer. Weil                                 Therapeut Schwickerath: „Mit den Wölfen heulen“           len, dass sie in der Lage
                                                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                              63
Titel



                                                                                              „Problem rein,
                                                                                              Deckel zu.“
                                                                                              Verwaltungsangestellte, 39,
                                                                                              Süddeutschland
                                                                                              Es begann mit einem Streit um Posten
                                                                                              nach einer Betriebsratswahl. Die be-
                                                                                              treffende Kollegin und ich waren noch
                                                                                              nie beste Freundinnen, aber nach der
                                                                                              Wahl schoss sie sich auf mich ein. Alle
                                                                                              merkten das. Wenn sie mich anbrüllte,
                                                                                              duckte ich mich weg und dachte: Wenn
                                                                                              du nett zu ihr bist, ist sie auch nett zu
                                                                                              dir. Das war naiv. Allmählich verlor ich
                                                                                              auch den Kontakt zu den anderen Kolle-
                                                                                              gen. Als meine Kollegin dann Chefin
                                                                                              des Betriebsrats wurde, ging die Hölle
                                                                                              richtig los. Sie kontrollierte mich, hörte
                                                                                              Telefonate mit und erzählte, ich hätte
                                                                                              die Kaffeekasse gestohlen. Nach zwei
                                                                                              Jahren Dauerstreit klappte ich zusam-
                                                                                              men. Ich litt an starken Depressionen
                                                                                              und nahm zehn Kilo ab. Insgesamt war
                                                                                              ich 18 Monate krankgeschrieben und
                                                                                              mehrere Monate in psychologischer Be-
                                                                                              handlung. In meinem neuen Job nehme
                                                                                              ich Konflikte nicht mehr mit nach Hau-




                                                                                                                                             MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL
                                                                                              se, sondern packe sie abends in mei-
                                                                                              nen unsichtbaren Mülleimer: Problem
                                                                                              rein, Deckel zu. So habe ich gelernt ab-
                                                                                              zuschalten.




sind, Konflikte unter Mitarbeitern recht-       bei Ford Seminare besuchen, in denen            2003 hat das Freiburger Universitätsklini-
zeitig wahrzunehmen und zu lösen.               sie lernen, dass ein guter Chef seine Mit-      kum mit seinen über 10 000 Mitarbeitern
   Der Vorstand des Autoherstellers Ford        arbeiter schätzt, Schwächen toleriert und       ein mehrstufiges System installiert, das
in Köln hat deshalb schon vor zehn Jahren       Stärken fördert. Auch dadurch hofft Ford,       Mobbing frühzeitig erkennen und verhin-
eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat ge-       Diskriminierung abzubauen, was am               dern soll. Die Zahl der arbeitsgerichtlichen
schlossen. Sie trägt den Titel „Betriebsver-    Ende die Effizienz erhöht. „Ein Team,           Auseinandersetzungen ist seitdem um 20
einbarung über partnerschaftliches Verhal-      das gut funktioniert, arbeitet produkti-        Prozent gesunken. Doch München und
ten am Arbeitsplatz“ und hat unter ande-        ver“, sagt der Manager Rainer Forst.            Freiburg sind derzeit noch Ausnahmen.
rem eine Art Anti-Mobbing-Gruppe her-              Andere Unternehmen holen sich exter-            Und solange die meisten Unternehmen
vorgebracht, die aus fünf Betriebsräten         ne Berater, die Führungskräften beibrin-        den stillen Psycho-Krieg wie ein Tabu be-
und fünf Managern besteht. Das Team             gen, dass nicht jeder Mitarbeiter, der an-      handeln, wird sich für die Betroffenen we-
kann Abmahnungen, Versetzungen bis hin          ders als die Mehrheit denkt oder fühlt, ein     nig ändern. Barbara Lohmann überlegt da-
zu Kündigungen empfehlen; bislang wurde         Spinner ist. Der Berliner Psychologe Rein-      her immer noch, ob sie nicht endlich kün-
jede Empfehlung umgesetzt. Viele Ange-          hard Hoch hat sich auf die Prävention von       digen soll. Anke und Manuela, die beiden
stellte waren erst skeptisch, inzwischen        Konflikten in Betrieben spezialisiert, er       Frauen aus der Selbsthilfegruppe, wollen
respektieren die meisten der rund 24 000        sagt, dass viele Chefs die grundlegendsten      sich bald auf die Suche machen nach einem
Ford-Mitarbeiter die Mobbing-Berater.           sozialen Fähigkeiten nicht beherrschten.        neuen Job. Nur Manfred Eggebrecht, der
   Über 200 Anfragen regeln die zehn Mit-       Er schaue oft in verlegene Gesichter,           drei Monate lang im Sterbezimmer saß,
arbeiter im Jahr, außerhalb ihrer Dienst-       wenn er Manager frage: Gibt es bei Ihnen        hat endlich eine Stelle bei einer Firma ge-
zeit. Die Fälle, zu denen sie gerufen wer-      ein freundliches Wort am Ende einer Prä-        funden, die Garagen verkauft. Er sagt, viel-
den, sind oft banal, können aber eska-          sentation? Bekommt ein fleißiger Mitar-         leicht hätte er sich früher wehren sollen.
lieren, wie der Streit um ein geöffnetes        beiter einen halben Tag frei, einfach so?                    SILVIA DAHLKAMP, ÖZLEM GEZER,
Fenster zeigte. Mehrere Kollegen konnten        Hoch hält deshalb gern Vorträge zum The-             SIMONE KAISER, CHRISTOPH SCHEUERMANN,
sich nicht einigen, zu welcher Zeit sie lüf-    ma „So lobe ich richtig“.                                                  ANTJE WINDMANN
ten wollten. „Am Ende gab es zwei Grup-            Auch öffentliche Einrichtungen begin-
pen: Die eine war fanatisch für frische Luft,   nen, Konflikte zwischen Angestellten                            Video: Ein Mobbing-Opfer
die andere fanatisch dagegen“, sagt die         ernst zu nehmen. Die Stadtverwaltung                            erzählt seine Geschichte
Betriebsrätin Katharina von Hebel. Die          von München war 1997 eine der ersten Be-                        Für Smartphone-Benutzer:
Konfliktlöser entschärften das Problem.         hörden, die eine „Dienstvereinbarung bei                        Bildcode scannen, etwa mit
Dazu müssen sämtliche Führungskräfte            Mobbing und Schikane“ eingeführt hat.                           der App „Scanlife“.
64                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Trends

          SÜSSIGKEITEN


            Böse
        Überraschung
Wer in die USA reist, sollte lieber
keine Kinder-Überraschungseier als
Mitbringsel wählen. Das Schokoladen-
ei von Ferrero, das ein Spielzeug in
seinem Inneren verbirgt, ist in den
Vereinigten Staaten verboten. Grund
ist ein Gesetz aus dem Jahr 1938, das
ungenießbare Gegenstände in Süßig-
keiten verbietet. Damals gab es die
Schokoeier noch gar nicht. Wer gegen
die Regelung verstößt, muss mitunter
tief in die Tasche greifen, denn die
Strafe kann mehrere hundert Dollar
                                                                                     OLIVER BERG / DPA




betragen. Für Zoll und Grenzschutz
bedeutet das Gesetz vor allem Arbeit:
2011 hat die zuständige US-Behörde                                                                         Windpark in Nordrhein-Westfalen
CBP rund 60 000 Ü-Eier aus Koffern
und Paketen gefischt. Doch wenn es
nach einigen tausend US-Bürgern                                                                                                                         POSTBANK
geht, könnte diese Skurrilität bald

                                                                                                                                Schmu mit Ökofonds
Geschichte sein: In Online-Petitionen
fordern sie „Freiheit für das Ei“. Her-
steller Ferrero war für eine Stellung-
nahme nicht zu erreichen.
                                                                                                           Die Postbank, einer der großen Anbie- im Verkaufsprospekt keine detaillierten
                                                                                                           ter sogenannter Nachhaltigkeitsfonds, Angaben zur Zusammensetzung des
                                                                                                           hält sich bei der Anlagepolitik offenbar Portfolios macht, kritisiert Ingo Scheu-
                                                                                                           nicht allzu eng an eigene Vorgaben. len vom Netzwerk Ökofinanz-21 als
                                                                                                           Laut einer Studie im Auftrag der Grü- „eklatanten Transparenzmangel“. Der
                                                                                                           nen-Bundestagsfraktion hält der Fonds Anlageberater sieht die Postbank jedoch
                                                                                                           Postbank Dynamik Vision (Volumen: als Teil eines größeren Problems: Nach
                                                                                                           167 Millionen Euro) Aktien von 25 Un- seinen Recherchen entsprechen nur 40
                                          NESTOR BACHMANN / PICTURE-ALLIANCE / DPA




                                                                                                           ternehmen, die in der Rüstungsindustrie, der in Deutschland angebotenen 289
                                                                                                           und 35 Firmen, die in der Atombranche Nachhaltigkeitsfonds den Erwartungen
                                                                                                           tätig sind. Größter Einzelposten im ver- von ökologisch orientierten Anlegern.
                                                                                                           meintlichen Ökofonds der Deutsche- Ein Postbank-Sprecher erklärt, dass man
                                                                                                           Bank-Tochter sind Anteilsscheine des sich bei der Auswahl an internationa-
                                                                                                           französischen Ölkonzerns Total, der von len Nachhaltigkeitsstandards orientiere,
                                                                                                           Umweltschützern zum wiederholten und verweist auf die Rechenschaftsbe-
                                                                                                           Mal kritisiert wird. Dass die Postbank richte des Fonds.




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                                                                                                                                                                                                   irreführend, eine Vergleichbarkeit der

      Humorloser Sixt                                                                                                                                                                              Mietmöglichkeiten sei nicht gegeben.
                                                                                                                                                                                                   So biete Tamyca Fahrzeuge von
                                                                                                                                                                                                   Privatleuten an, Sixt hingegen sei ein
Kaum ein Unternehmen will mit Wer-                                                                                                                                                                 „Premiumanbieter“. Tamyca argumen-
bung derart gezielt provozieren wie                                                                                                                                                                tierte zwar, dass manche Beanstandun-
                                                                                                                                                          PETER KNEFFEL / PICTURE ALLIANCE / DPA




die Autovermietung Sixt. Mehrmals                                                                                                                                                                  gen „ins Leere“ gingen. Dennoch gab
wurden Sixt-Motive mit Unterlas-                                                                                                                                                                   die Firma vergangene Woche eine teil-
sungserklärungen attackiert. Nun aber                                                                                                                                                              weise Unterlassungserklärung ab. Sixt
schießt ausgerechnet der von Erich                                                                                                                                                                 sagt: „Als Vorreiter der vergleichen-
Sixt gelenkte Mietriese gegen einen                                                                                                                                                                den Werbung“ begrüße man entspre-
wenig bekannten Carsharing-Anbieter.                                                                                                                                                               chende Aktivitäten. „Falsche Anga-
Das Start-up Tamyca verglich auf                                                                                                                                                                   ben, die darauf abzielen, Sixt in ein
seiner Website, unterlegt mit frechen                                                                                                                                                              schlechtes Licht zu rücken, können al-
Slogans, Sixt-Preise mit eigenen Ange-                                                                   Sixt                                                                                      lerdings nicht hingenommen werden.“
66                                                                                                              D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Wirtschaft
          SOLARBRANCHE
                                                um die brutalen Kursverluste vorher,
                                                nämlich zwischen 2005 und 2011.

     „Hart und falsch“                          SPIEGEL: Die deutsche Solarbranche
                                                scheint am Ende. Seit November
                                                mussten sieben namhafte Hersteller
Conergy-Chef Philip                             Insolvenz anmelden. Gehen bei
Comberg, 44, über                               Conergy auch bald die Lichter aus?
den zweifelhaften                               Comberg: Das sehe ich nicht. Die Bran-
Ruhm, als größter                               che befindet sich in einem knallharten
Geldverbrenner                                  globalen Wettbewerb. Durch die Kür-
der Republik zu                                 zung der Solarförderung ist das Um-
gelten                                          feld sicher nicht besser geworden. Die
                                                Solarbranche ist eine junge Industrie,
SPIEGEL: Der Börsenwert Ihrer Firma             die extrem schnell, vielleicht zu schnell
ist 2011 um 87 Prozent eingebrochen.            gewachsen ist – und wo sicher sehr
Wie fühlt man sich als größter Kapital-         viele Fehler gemacht wurden. Conergy
vernichter am deutschen Aktien-                 steuert seit 2011 gegen. Mit Erfolg.
markt?                                          SPIEGEL: Profitieren nun die letzten
Comberg: Für unsere Aktionäre ist das           verbliebenen Solarhersteller von der
zweifellos schmerzhaft. Sie haben in            Krise der anderen?
fünf Jahren fast ihr gesamtes Kapital           Comberg: Wir haben den einen oder
verloren. Das basiert vor allem auf ei-         anderen harten Schnitt früher gemacht
ner Reihe von Fehleinschätzungen des            als unsere Konkurrenz, das hilft uns
alten Managements. Unsere Anteils-              jetzt. Wer sich in diesem Umfeld be-
eigner müssen das nun leider aus-               hauptet, kann von einer Marktbereini-
baden. Wir haben 2011 einen Kapital-            gung profitieren. Die Nachfrage nach
schnitt gemacht, aus unseren Fehlern            Solaranlagen ist ungebrochen. Das
gelernt und kommen endlich voran:               sehen wir in unseren Auftragsbüchern.
Im ersten Quartal dieses Jahres haben           SPIEGEL: Derzeit boomen vor allem
wir zum ersten Mal seit dem Börsen-             asiatische Hersteller. Wird Conergy
gang mehr eingenommen, als wir                  bald chinesisch?
ausgegeben haben. 2012 wollen wir               Comberg: Wir wollen schon jetzt zu-
operativ schwarze Zahlen schreiben.             sammen mit asiatischen Partnern Auf-
SPIEGEL: Die „Bild“-Zeitung hat Sie den-        träge akquirieren. Je mehr wir operativ
noch zum „Verlierer“ des Tages gekürt.          zulegen, desto interessanter werden
Comberg: Das ist wirklich hart, zumal           wir natürlich für mögliche Partner.
es falsch ist. Ich bin erst seit drei Mo-       Sinnvollen Gesprächsangeboten wer-
naten Vorstandschef, und hier ging es           den wir uns nicht verschließen.



         NAH RUNGSM IT TEL
                                                in den Jahren 2000 bis 2009 gab es
                                                sechs Bußgeldbescheide über insge-

     Latexhandschuhe                            samt 12 750 Euro. Mal fanden die Le-
                                                bensmittelkontrolleure eingebackene

          im Teig                               Reste von Latexhandschuhen, mal
                                                waren Maschinen verunreinigt, oder
                                                es gab Schabenbefall. Das zuständige
Die bayerischen Behörden waren viel             Landratsamt Freising gestand dies nun
früher über die gravierenden Hygiene-           ein, nachdem es zuvor behauptet hat-
mängel bei der Großbäckerei Müller              te, „gravierende Mängel erstmals 2010
informiert als bisher bekannt. Bereits          festgestellt“ zu haben. Unterdessen
                                                            stockt der Verkauf der
                                                            insolventen Brotfabrik in
                                                            Neufahrn bei München.
                                                            Der vorherige Besitzer
                                                            Klaus Ostendorf, der die
                                                            Mängel zu verantworten
                                                            hatte, scheiterte mit einem
                                                            Rückkauf. Seiner Firma
                                                            Backwelt gehören aller-
                                                            dings eine Backmaschine
                                                             MARC MÜLLER / DPA




                                                            im Werk und die EDV-Anla-
                                                            ge, was nun den Verkauf an
                                                            Gründertochter Evi Müller
                                                            und den Münchner Bäcker
Müller                                                      Franz Höflinger verzögert.
                            D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                     67
Wirtschaft



                                                      W E LT W I R T S C H A F T




           Showdown in Washington
Die Europäer wollen vom Internationalen Währungsfonds zusätzliche Milliarden, um
     ihre Schuldenkrise zu bekämpfen. Doch die Schwellenländer widersetzen
    sich den Plänen. Sie werfen dem Westen vor, seine Macht zu missbrauchen.


W
         enn Wolfgang Schäuble (CDU)           „Wir haben unsere Hausaufgaben ge-                            Grund für Schäubles Zufriedenheit
         am Donnerstag nach Washing-         macht“, lobt der deutsche Finanzminister                     sind die jüngsten Beschlüsse der Euro-
         ton aufbricht zur Frühjahrs-        sich und seine Kollegen aus der Euro-                        Gruppe, der Versammlung der Finanzmi-
tagung von Internationalem Währungs-         Zone. Selten zuvor sei er in den vergan-                     nister aus den 17 Mitgliedstaaten der Wäh-
fonds (IWF) und Weltbank, dann reist         genen Jahren mit einem besseren Gefühl                       rungsunion. Vor zwei Wochen vereinbar-
eine Menge Gleichmut und Genugtuung          zu einem derart wichtigen internationa-                      te die Runde in Kopenhagen, die beiden
mit.                                         len Finanzgipfel gereist.                                    Rettungsschirme für den Euro breiter zu
                                                                                                          spannen. 800 Milliarden Euro, umgerech-
                                                                                                          net mehr als eine Billion Dollar, wollen
                                                                                                          die Europäer bei Bedarf mobilisieren, um
                                                                                                          strauchelnde Mitgliedsländer zu stützen.
                                                                                                             Monatelang hatte IWF-Chefin Chris-
                                                                                                          tine Lagarde Schäuble und seine Kollegen
                                                                                                          gedrängt, die Brandmauern für die Euro-
                                                                                                          Rettung zu erhöhen. Würden sie eine
                                                                                                          Billion Dollar bereitstellen, sei vom IWF
                                                                                                          noch einmal so viel für einen globalen
                                                                                                          Rettungsschirm zu erwarten, versprach
                                                                                                          sie. Am Donnerstag dimmte sie die Er-
                                                                                                          wartungen an den Fonds ein klein wenig
                                                                                                          nach unten, weil die schlimmsten Befürch-
                                                                                                          tungen nicht eingetreten seien.
                                                                                                             Jetzt melden die Europäer Vollzug und
                                                                                                          hoffen auf mehr Geld aus Washington.
                                                                                                          Schäuble und seine Kollegen kommen
                                                                                                          mit der Erwartung in die US-Hauptstadt,
                                                                                                          dass einem größeren Engagement des
                                                                                                          IWF nichts mehr im Wege stehe. Aber
                                                                                                          die Hoffnungen könnten trügerisch sein.
                                                                                                             Ein Selbstläufer jedenfalls sind die
                                                                                                          zusätzlichen Geldhilfen nicht. Bei vielen
                                                                                                          der insgesamt 187 Mitgliedstaaten des
                                                                                                          IWF wächst der Unmut über die An-
                                                                                                          spruchshaltung des noch immer wohlha-
                                                                                                          benden alten Kontinents. Viele Politiker
                                                                                                          ärmerer Weltregionen nehmen den Euro-
                                                                                                          päern übel, dass sie, obwohl sehr reich,
                                                                                                          sich nicht selbst zu helfen wissen.
                                                                                                             Was die Vertreter von Schwellenlän-
                                                                                                          dern besonders erbost, ist die Tatsache,
                                                                                                          dass der IWF bislang mehr Geld für euro-
                                                                                                          päische Pleitestaaten mobilisiert hat als
                                                                                                          für die Finanzkrisen in Russland, Süd-
                                                                                                          korea und Mexiko zusammen. Die Hilfen
                                                                                                          allein für Griechenland summieren sich
                                                                                                          auf das 23fache der griechischen Kapital-
                                                                                                          einlage beim Fonds. Nie zuvor in den
                                                                                                          mehr als 60 Jahren seines Bestehens hat
                                                                                                          der Fonds ein in Schieflage geratenes
                                                                                           GETTY IMAGES




                                                                                                          Land so großzügig mit Hilfe bedacht.
                                                                                                             Für die Schwellenländer Brasilien,
                                                                                                          Russland, Indien, China und Südafrika,
IWF-Chefin Lagarde: Die Praxis straft alle großen Pläne Lügen                                             die als sogenannte BRICS-Staaten firmie-
68                                                 D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
ren, ist die Freigebigkeit ein weiterer Be-      Noch immer steht nicht fest, wann die der 800 Milliarden Euro schon längst ver-
leg dafür, dass die alten Industriemächte damals verabredete Erhöhung der Kapi- plant. „Das Verfahren ist sehr undurch-
Europas und Nordamerikas die Washing- talquoten für China und Co. in Kraft tritt. sichtig.“
toner Organisation als Selbstbedienungs- Noch immer ist unklar, wann die Euro-                                        Entsprechend zurückhaltend sind No-
laden verstehen. Sie sind wild entschlos- päer, wie versprochen, zwei Sitze im Exe- gueira Batista und seine Kollegen, was
sen, neue Hilfen für Europa wenn schon kutivdirektorium des IWF, dem obersten weitere IWF-Hilfen angeht. Er legt Wert
nicht zu verhindern, so doch zu verzögern. Beschlussorgan, abtreten. Dabei sind sie auf die Feststellung, dass seine Regierung
   Gegen Ende der Woche wird es in der in dem Lenkungsgremium notorisch über- noch keine endgültige Entscheidung ge-
US-Hauptstadt zum Showdown kommen. repräsentiert.                                                                  troffen habe und er sie auch nicht vor-
Dabei geht es nicht nur darum, wie die          „Die Europäer wollen unsere Hilfe, wegnehmen könne, aber: „Ich halte es
Welt kurzfristig aus der Krise findet. Der kommen uns aber bei der IWF-Reform nicht für ausgemacht, dass es schon bei
Streit um zusätzliche Hilfen für Europa nicht entgegen“, schimpft Paulo Nogueira der Frühjahrstagung zu einer Bewilligung
ist nur ein Symptom für viel tiefgreifen- Batista, 57, der Vertreter Brasiliens und kommt.“ Durchaus möglich sei, dass die
dere Konflikte. In Wirklichkeit tobt ein acht weiterer lateinamerikanischer Län- Entscheidung erst auf dem G-20-Gipfel
Machtkampf zwischen alten Industrielän- der im Exekutivdirektorium des IWF. im Juni falle.
dern und aufstrebenden Schwellenstaaten „Das ist schon sehr merkwürdig.“                                              Die BRICS-Länder wollen auf Zeit spie-
darüber, wer in einer der wichtigsten            Der brasilianische Ökonom ist so etwas len. Ihnen geht es um eine kleine Macht-
Institutionen der Globalisierung künftig wie der Rädelsführer der BRICS-Staaten demonstration. Doch ihre Ziele sind weit-
das Sagen haben wird.                         in der Direktorenrunde des IWF. Aus sei- reichender. Sie wollen die Stimmrechte
   Die Beteiligung am zweiten Rettungs- ner Skepsis gegenüber den Kopenhage- innerhalb des IWF zu ihren Gunsten ver-
paket für Griechenland oder die Aufsto- ner Beschlüssen von Ende März macht schieben und den traditionellen Anspruch
ckung zeitlich befristeter Kreditlinien an er kein Geheimnis. Die Europäer hätten der Europäer auf den Chefsessel der
den IWF, mit denen die neuen Hilfen die Rettungsschirme „weniger als verspro- Washingtoner Organisation brechen.
finanziert werden sollen, sind für die chen“ aufgestockt. Tatsächlich sind 300 „Der Fonds entspricht nicht mehr den
BRICS-Staaten willkomme-                                                                                                        Wirklichkeiten des 21. Jahr-
ne Anlässe für eine Kraft- Westliche Dominanz                                                                                   hunderts“, sagt Nogueira
probe. Langfristig geht es Stimmenanteile der Mitgliedstaaten des IWF, in Prozent                                               Batista. „Die Euro-Länder
ihnen darum, ihr Gewicht                                                                                                        missbrauchen ihre Macht im
entsprechend ihrer gewach- Japan            Sonstige                          USA                                               IWF“, klagt er. Viel zu viele
senen weltwirtschaftlichen 6,2              35,8                              16,8                                              Mittel und damit auch
Bedeutung in den Entschei-                                                                                                      Risiken konzentrierten sich
dungsgremien des Fonds                                                                                                          in Europa. In Wirklichkeit
wiederzufinden. Ein zähes                                                                                                       sei der IWF längst kein
Ringen für die nächsten                                                                                                         Weltwährungsfonds mehr.
Jahre ist programmiert.                                                                                                         „Wir haben es hier mit
   Die Marschrichtung der                                                                                                       einem Nordatlantik-Wäh-
Schwellenländer für die                                                                                                         rungsfonds zu tun.“
Frühjahrstagung gaben vor                                                     EU-27                                                Der Streit um die Mittel-
zwei Wochen die Staats- China                                                 31,0                                              aufstockung bietet den
und Regierungschefs der 3,8                                                                                                     Nachwuchsmächten zudem
BRICS-Staaten bei ihrem                                                                                                         die Gelegenheit, einen Keil
Treffen in Neu Delhi vor.                                                                                                       zwischen Amerikaner und
„Dringend geboten“ sei,                                                       davon:
                                                                                                                                Europäer zu treiben. Tradi-
dass ihre Länder eine wich- Russland                                                                                            tionell halten beide eng zu-
tigere Rolle im IWF spielen 2,4                                               Deutschland                                       sammen, etwa wenn es dar-
sollten, dass sich ihre wach-                                                 5,8                                               um geht, einen neuen IWF-
sende wirtschaftliche Be-                                                                                                       Chef zu küren.
deutung auch widerspiegele Indien                                             Frankreich      Groß-                     Italien    Diesmal wirkt die Allianz
bei Sitz und Stimme in den 2,3                                                4,3             britannien                3,2     brüchig. Die Amerikaner
Entscheidungsgremien der                                                                      4,3                               wollen kein zusätzliches
Organisation.                   Brasilien
                                                                                                                                Geld für den globalen Ret-
   Eine eindeutige Warnung 1,7                                                                                                  tungsschirm bereitstellen,
schickten sie Richtung                                                                                                          zudem blockieren sie die
Europa: Die Bemühungen,                                                                                                         Umsetzung der Reformbe-
die Ausleihkapazitäten des Zur Krisenbewältigung bewilligte
Fonds zu erhöhen, könnten IWF-Kredite für ausgewählte Länder,                                  107,0                            schlüsse. Präsident Barack
                                                                                                                                Obama wagt es nicht, den
nur von Erfolg gekrönt sein, in Milliarden Dollar                                                                               US-Kongress noch vor der
wenn vereinbarte Reform- Quelle: IWF                                                   Griechenland.... 39,3                    im Herbst anstehenden Prä-
beschlüsse auch umgesetzt
würden.
                                                               40,1                    Portugal ............... 37,8
                                                                                       Irland..................... 29,9
                                                                                                                                sidentschaftswahl um mehr
                                                                                                                                Geld für den IWF zu bitten.
   Schon seit Jahren ringen                       Südkorea ....... 21,1                                                           „Europa kann seine Pro-
die Schwellenländer im                            Indonesien ... 15,0                                                           bleme aus eigener Kraft lö-
IWF um mehr Einfluss, der
                                    17,8          Thailand .............. 4,0                                                   sen“, sagt US-Finanzminis-
                                    Mexiko
ihnen 2010 schließlich auch                                                                                                     ter Timothy Geithner. „Der
von den etablierten In-                                                                                                         IWF kann keinen robusten
dustriemächten zugestan-                                                                                                        Rettungsschirm der Euro-
den wurde. Doch die Praxis                                                                                                      Länder ersetzen.“
straft alle großen Pläne bis- Mexiko-Krise           Asien-Krise                            Euro-Krise                             Bei dieser Verweigerungs-
lang Lügen.                        1995/96             1997/98                             seit Ende 2009                       haltung ist es geblieben. „Die
                                                             D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                        69
amerikanische Regierung hält sich weit-      bereitet es keine Schwierigkeiten, die Mit-   die Schwellenländer die Beschlüsse so-
gehend zurück und hofft, dass in diesem      tel für den IWF aufzubringen. Rücksich-       wieso nicht. Dafür fehle ihnen die Mehr-
Jahr keine weiteren Katastrophen passie-     ten auf eine widerspenstige Volksvertre-      heit.
ren“, heißt es in IWF-Kreisen.               tung kennen sie ohnehin nicht.                   Außerdem spekulieren die Europäer
   Obama fürchtet, sich dem Vorwurf aus-        Die Berliner Bundesregierung beobach-      auf das Eigeninteresse der BRICS-Staa-
zusetzen, amerikanisches Steuergeld zu       tet die Zurückhaltung der Amerikaner          ten. Von den zusätzlichen Mitteln sollen
verschleudern. Hinzu kommt eine ausge-       mit zwiespältigen Gefühlen. „Es ist be-       nicht nur die Europäer profitieren, sie ste-
prägte Skepsis gegenüber internationalen     dauerlich, dass die USA keinen eigenen        hen weltweit allen Mitgliedern zur Ver-
Organisationen, die die letzte verbliebene   Beitrag leisten“, heißt es im Bundesfi-       fügung. Geboten scheint das allemal,
Supermacht häufig entwickelt. Zu viel in-    nanzministerium. Dennoch wollen die           denn Untersuchungen des IWF haben er-
ternationale Zusammenarbeit verträgt                                                       geben, dass auch entlegenste Weltgegen-
sich nicht mit der eigenen Vorstellung als                                                 den die Auswirkungen der Euro-Krise zu
Hegemon.                                     „Europa funktioniert                          spüren bekommen. Bei ihren – im IWF-
   Die US-Republikaner nutzen die Schul-     schon in Europa nicht“,                       Jargon „Tail Risk“-Szenarien genannten –
denkrise der alten Welt zudem als Beleg                                                    Projektionen kommen die Experten von
dafür, dass das europäische, angeblich so-   wettert Obama-Heraus-                         Fonds-Chefin Lagarde zu dem Schluss,
zialistische Wirtschaftsmodell gescheitert                                                 dass bei einem Zusammenbruch Spaniens
ist. „Europa funktioniert schon in Europa    forderer Mitt Romney.                         oder Italiens auch Länder in Lateiname-
nicht“, wettert Obamas wahrscheinlicher                                                    rika und Asien in Bedrängnis geraten
Herausforderer Mitt Romney immer wie-        Mitarbeiter von Ressortchef Schäuble          könnten. Solche Nebenbeben in ihrem
der auf den Wahlkampfveranstaltungen –       nicht alle Hoffnung fahren lassen. „Wir       Hinterhof, so die Hoffnung der Europäer,
und will damit Obama treffen, der in         sind zuversichtlich, dass die Ressourcen-     wollten die BRICS-Staaten bestimmt ver-
Amerika ein Wirtschaftsmodell europäi-       erhöhung auf der Frühjahrstagung be-          meiden. Deshalb würden sie die Mittel-
scher Prägung einführen wolle.               schlossen wird und die BRICS-Staaten da-      aufstockung schon mittragen.
   Einen Profiteur der amerikanischen Zu-    bei mitziehen.“                                  Was den Umfang der IWF-Hilfen an-
rückhaltung gibt es dennoch: China. Zu-         Auf ein Koppelgeschäft mit den Schwel-     geht, sind die Europäer mittlerweile be-
frieden registrieren Offizielle der zweit-   lenländern – Hilfe für Europa, im Gegen-      scheiden geworden. Das Ziel, eine Billion
größten Wirtschaftsmacht der Erde, wie       zug mehr Mitsprache im IWF – will sich        Dollar zu mobilisieren, haben sie aufge-
sich die Amerikaner selbst aus dem Spiel     die Bundesregierung nicht einlassen. „Es      geben. Wenn stattdessen nur 800 Milliar-
nehmen. Ihnen kommt jeder Einflussver-       gibt keinen unmittelbaren Zusammen-           den Dollar zusammenkämen, heißt es bei
lust der alten Hegemonialmacht gelegen.      hang zwischen der aktuellen Anhebung          ihren Unterhändlern, sei das doch auch
   Die Chinesen gebieten über die größ-      der Ressourcen und weiteren Reformen          „ein schönes Ergebnis“.
ten Währungsreserven der Welt. Ihnen         beim IWF.“ Dauerhaft aufhalten könnten                   MARC HUJER, CHRISTIAN REIERMANN
Wirtschaft

                                                                                                   Inzwischen kaufen die bereits erfolg-
                                                                                                reichen und durch zahlreiche Finanzie-
                                     INTERNET                                                   rungsrunden mit reichlich Geld ausgestat-


         Kapital sucht Superstar
                                                                                                teten Internetunternehmen drohende
                                                                                                Konkurrenten auf – um sie zu integrieren
                                                                                                oder aber schlicht vom Markt zu nehmen.
                                                                                                Die Instagram-Übernahme durch Face-
                                                                                                book ist extrem, aber trotzdem nur ein
Die Milliardenübernahme von Instagram durch Facebook ist nur                                    Beispiel. Twitter etwa übernahm jüngst
      ein Beispiel für das wilde Wettrennen um die nächste                                      die Blog-Plattform Posterous, Groupon
                                                                                                den Reisedienst Uptake.
Internetsensation. Der Auswuchs einer neuen Spekulationsblase?                                     Mit von der Partie sind zudem auch
                                                                                                wieder die Investmentbanken und Wall-


E
       s ist zwar keine Garage, aber auch     nun erst richtig heiß: Nicht nur die Be-          Street-Investoren, die sich nach der Fi-
       nicht viel größer: In einem kleinen,   wertungen für bereits bekannte Online-            nanzkrise aus dem Technologie-Mekka
       hellgelben Bungalow in der Innen-      Unternehmen wie die Blogging-Seite                zurückgezogen hatten und nun zurück-
stadt von Palo Alto drängeln sich rund 30     tumblr oder die Tagebuch-App Path sind            gelockt werden. Das hat den Wettbewerb
junge Programmierer. Ihre Internetseite       in den vergangenen Monaten rasant ge-             zuletzt enorm befeuert, erzählen führen-
zum Austauschen von Fotos hat kein            stiegen (siehe Grafik). Auch für noch un-         de Investoren im Silicon Valley.
Geschäftsmodell, aber schon 20 Millionen      bekannte Mini-Firmen mit zwei Mann                   Und es treibt die Preise: Instagram war
Nutzer. In den vergangenen Monaten            und einer Idee werden schon wieder Mil-           erst vor zwei Wochen noch mit 500 Mil-
hatten sich erst die Medienberichte über      lionen auf den Tisch gelegt.                      lionen Dollar bewertet worden – eine oh-
die wohl heißeste neue Internetanwendung
und dann die Gerüchte gehäuft, dass sie
vielleicht bald von Facebook übernommen
werde. Der Name der Firma: Pinterest.
   Gekauft hat Facebook vergangene Wo-
che dann eine andere Firma: die Handy-
App Instagram. Für eine Milliarde Dollar,
in Bargeld und Aktienoptionen.
   Die Ähnlichkeiten zwischen den bei-
den Minifirmen sind indes verblüffend.
Auch Instagram ist ein Netzwerk für Foto-
veröffentlichung und -bearbeitung, mit
13 Mitarbeitern, ohne Geschäftsmodell,
aber mit weltweit 30 Millionen Nutzern.
   Instagram und Pinterest gehören zu ei-
ner zweiten Welle von sozialen Netzwer-
ken, die in den vergangenen gut drei Jah-
ren entstanden sind. Sie wollen einerseits
ganz anders sein als der Riese Facebook,
andererseits aber versuchen, von der
Nähe zu dem Online-Giganten und sei-
nen inzwischen über 800 Millionen Nut-
zern zu profitieren. Dutzende solcher Fir-
men sind vor allem im Silicon Valley neu




                                                                                                                                               POLARIS / LAIF
entstanden, finanziert von den zahlrei-
chen Risikokapitalgebern vor Ort.
   Ausdauernd streiten sich deswegen die
Experten, ob sich eine neue Internetblase     Instagram-Gründer Krieger, Systrom: Eine Milliarde Dollar für ein bisschen Bildbearbeitung
bilde wie einst zur Jahrtausendwende. Es
gibt viele Argumente, die dafür sprechen:
Börsenfieber, irre Preise, Medienhype um      Hip – und hopp!               Diese Anwendungen sind noch zu haben
kleine Klitschen und die Existenz von Un-
mengen billigen Geldes, das global nach
Anlagemöglichkeiten sucht.
   Aber vieles spricht auch gegen die Bla-
sen-Theorie: Längst gibt es nicht nur vage
Geschäftsideen. Die Großen der Branche
verdienen richtiges Geld. Google ver-
                                              Sie sind da, die          Bloggers Liebling –      Mein liebes Tage-       Die Zukunft der
kündete vergangene Woche allein fürs
                                              digitalen Pinnwände,      insgesamt 21 Mrd.        buch – ist heute eine   Musikindustrie? Der
jüngste Quartal einen Gewinn von 2,9          und weit weniger          Posts veröffentlichte    Smartphone-App und      aus Schweden stam-
Milliarden Dollar. Und anders als um die      spießig als ihre Vor-     der amerikanische        heißt Path. Es ist      mende Musikdienst
Jahrtausendwende verfügen die Unter-          gänger aus Kork. Der      Blog-Dienst tumblr.      eines der derzeit       Spotify bietet für
nehmen, auch die ganz jungen, oft schon       amerikanische Dienst      bisher. Sein Konkur-     gefragten Unter-        einen monatlichen
über viele Millionen Kunden.                  Pinterest gehört          rent Posterous wurde     nehmen im Silicon       Beitrag Zugriff auf
   Im Vorfeld des demnächst erwarteten        zu den meistbe-           bereits von dem Kurz-    Valley und dürfte       Lieder und Alben.
Börsengangs von Facebook läuft die Su-        suchten Web-Seiten        nachrichtendienst        Facebook & Co.          Wer braucht da
che nach der nächsten Internetsensation       in den USA.               Twitter übernommen.      interessieren.          noch iTunes?

                                                    D E R   S P I E G E L    1 6 / 2 0 1 2                                                71
Wirtschaft

nehin bereits wahnwitzige Summe für ein
Unternehmen, das noch keinen Dollar
Gewinn gemacht hat. Facebook zahlte
das Doppelte.
   Führende Wagniskapitalgeber wie An-
dreessen Horowitz, Sequoia oder Accel
zahlen nicht selten zweistellige Millionen-
summen für Beteiligungen im Bereich
von zehn Prozent. Dabei spielt kaum eine
Rolle, ob ein Unternehmen überhaupt ei-
nen Plan hat, wie es später einmal Geld
verdienen will, betont ein führender Ma-
nager einer notorisch verschwiegenen




                                               JUSTIN SULLIVAN / GETTY IMAGES
Venture-Capital-Firma. Die wichtigste
Währung seien heute die Nutzer.
   „Nutzer, Nutzer, Nutzer. Je mehr Nut-
zer ich habe, umso mehr Geld kann ich
mit denen irgendwann verdienen“, sagte
SAP-Mitgründer Hasso Plattner im SPIE-
GEL-Gespräch (13/2012).
   Vorhersehbar ist der Erfolg vor allem                                        Facebook-Chef Zuckerberg
im Frühstadium von Technologieneugrün-                                          Das Wettrennen anheizen
dungen nicht. Manche schwächeln trotz
scheinbar toller Ideen jahrelang vor sich                                       Wochen sechs Millionen neue Nutzer hin-
hin. Für andere dagegen kommt der                                               zu. Dabei ist Pinterest nicht viel mehr als
Boom fast über Nacht.                                                           eine Pinnwand im Internet.
   Instagram etwa wurde erst im Oktober                                            Nutzer stellen Bilderkollektionen zu-
2010 von den zwei Stanford-Studenten                                            sammen, die sich um spezielle Themen
Mike Krieger und Kevin Systrom gegrün-                                          drehen – von Modetrends über Kuchen-
det, entwickelte sich aber schnell zu                                           rezepte bis zu brasilianischer Architektur.
einer beliebten App fürs iPhone. Die                                            Die digitalen Collagen können dann, wie
Software ermöglicht es, per Mobiltelefon                                        bei sozialen Netzwerken üblich, von
geschossene Fotos mit Spezialeffekten                                           Freunden kommentiert und weiteremp-
zu bearbeiten und dann mit Freunden                                             fohlen werden. Doch das simple Konzept
zu teilen.                                                                      trifft scheinbar einen Nerv – vor allem
   Fotos sind auch einer der Schlüsselfak-                                      bei Frauen, die rund 70 Prozent der Pin-
toren von Facebook, sie beeinflussen we-                                        terest-Nutzer ausmachen.
sentlich, wie lange Nutzer auf der Seite                                           Anfangs war die Website monatelang
bleiben. Eine Anwendung, die das um-                                            fast unbeachtet geblieben. Seit Andrees-
geht, ein eigenes Fotonetzwerk, wäre des-                                       sen Horowitz, die führende Risikokapital-
halb eine Bedrohung für den Riesen.                                             firma des Silicon Valley, im Oktober bei
   Zudem ist Instagram eine rein Handy-                                         dem Winzling eingestiegen ist, hat sich
basierte Anwendung. Und dies wiederum                                           die Zahl der Nutzer bereits versieben-
ist jenes Terrain, auf dem Facebook seine                                       facht.
vielleicht größten Schwächen hat. Die In-                                          Mit besonderem Interesse verfolgte die
ternetnutzung verlagert sich vor allem                                          Branche, was die treibende Kraft des
bei Jugendlichen immer mehr vom Com-                                            plötzlichen Wachstums war: Nicht, wie
puter aufs Handy. Doch bislang greift nur                                       bislang bei fast allen Internetphänome-
die Hälfte der Facebook-Nutzer so auf                                           nen üblich, hippe Jugendliche, Studenten
die Seite zu.                                                                   und Computerfreaks in New York oder
   Vor allem deswegen ist Facebook-                                             San Francisco, sondern insbesondere
Gründer Mark Zuckerberg lieber bei                                              Hausfrauen aus dem Mittleren Westen
Instagram eingestiegen als bei Pinterest,                                       der USA. Von dort stammt auch Pinte-
das noch vor vier Wochen von der „New                                           rest-Gründer Ben Silbermann.
York Times“ zum „am heißesten dis-                                                 In seinen Jugendjahren in Iowa habe
kutierten Start-up“ gekürt wurde. Aller-                                        er „manisch Insekten gesammelt“, später
dings ist es gut möglich, dass Pinterest                                        sei ihm aufgefallen, dass es viele Gleich-
bald für einen ähnlich irrwitzigen Preis                                        gesinnte gibt, die alle möglichen Kollek-
von anderen gekauft wird. Die Be-                                               tionen zusammentragen und zur Schau
reitschaft von Facebook, ohne große                                             stellen wollen, erzählt Silbermann.
Verhandlungen eine Milliarde Dollar zu                                             Für die vielen Investoren auf der Suche
bieten, wird das Wettrennen um den                                              nach dem neuen Facebook bedeutet das
nächsten Internethit noch weiter an-                                            wohl, dass es künftig nicht mehr reicht,
heizen.                                                                         sich einfach auf das Silicon Valley zu kon-
   Pinterest hat dabei gute Chancen, denn                                       zentrieren.
kein Online-Angebot hat jemals schneller                                           Das nächste große Internetding kann
die Marge von zehn Millionen Nutzern                                            von überall her kommen, sogar aus der
erreicht. Nicht mal Facebook. Allein zu                                         Provinz.
Jahresanfang kamen innerhalb von vier                                                                       THOMAS SCHULZ

72                           D E R   S P I E G E L                                 1 6 / 2 0 1 2
Wirtschaft




                                                                                                                                            Die Ware der Hoflieferanten
                                                                                                                                           Tierarzneimittelmarkt in Deutschland 2010,
                                                                                                                                                                         in Millionen €
                                                                                                                                            900      Antiparasitika
                                                                                                                                                     (z. B. Wurmmittel)
                                                                                                                                                                      127
                                                                                                                                    724                                                    202
                                                                                                                                                                       Antiinfektiva
                                                                                                                                                                     (z. B. Antibiotika)

                                                                                                                                                             Biologika
                                                                                                                                                       (z. B. Impfstoffe)
CARSTEN REHDER / DPA




                                                                                                                                                                     188
                                                                                                                                                                               197
                                                                                                                                                Quelle:
                                                                                                                                                                               Pharmazeutische
                                                                                                                                    2003   2010 Bundesverband                  Spezialitäten
                                                                                                                                                für Tiergesundheit
                                                                                                                                                                               (z. B. Verdauungs-
                                                                                                                       Antibiotikaverbrauch                                    förderer und
                       Mastschweine: „Die Margen mancher Tierärzte sind höher als die von Kokain-Dealern“              in der Tierhaltung, in Tonnen                           Salben)


                                                        VETERINÄRE




                       „Die schreit nach Antibiotika“
                                                                                                                                        „Die Margen mancher Tierärzte sind
                                                                                                                                     höher als die von Kokain-Dealern“, sagt
                                                                                                                                     Nicki Schirm, seit über 25 Jahren Veteri-
                                                                                                                                     när in Hessen. Findet ein Tierarzt ein
                                                                                                                                     krankes Küken unter 20 000 Artgenossen,
                         Tierärzte sind zu Handlangern der Massenhaltung geworden –                                                  reiche das für eine vorsorgliche Antibio-
                        als Ärzte und Apotheker in Personalunion. Das Geschäft machte                                                tika-Behandlung des kompletten Bestan-
                                                                                                                                     des, sagt Schirms Kollege Rupert Ebner
                             viele reich, bedroht aber zunehmend Tier und Mensch.                                                    aus Ingolstadt. „Bestandsbetreuung ist
                                                                                                                                     heute der Deckname für eine meist will-


                       W
                                  enn sich bei der Kuh Almera        ner Staatsanwaltschaft sprachen von ei-                         fährige Medikamentenabgabe“, so Ebner.
                                  der Labmagen verdreht hat          ner „rollenden Apotheke“. Antibiotika                           Eine vermeintlich legale Antibiotika-An-
                                  oder das Lama-Männchen Ava-        sollen auf Euro-Paletten gelagert gewesen                       wendung werde häufig einfach mit fal-
                       tar auf Tuberkulose untersucht werden         sein. Die Tierklinik, sagte ein Ex-Mitar-                       schen Diagnosen vorgetäuscht.
                       muss, ist Björn Seelig zur Stelle. Er ist     beiter damals aus, sei im Prinzip ein Ver-                         In großen Tierpraxen machen die
                       Tierarzt im Taunus und einer der bekann-      sandhandel von Arzneimitteln gewesen –                          Pharmaerlöse mitunter 80 Prozent des
                       testen Veterinäre der Republik: Nachmit-      und die Pharmaindustrie habe sich mit                           Umsatzes aus. Hauptgründe dafür sind
                       tags in der Vox-Fernsehserie „Menschen,       enormen Rabatten bedankt.                                       die Mengenrabatte der Pharmaindustrie
                       Tiere und Doktoren“ stellt er seine Fin-        Zwar trieb es das Trio aus dem Taunus                         und das süße Privileg des Dispensier-
                       gerfertigkeit unter Beweis.                   besonders dreist, doch bei den Überwa-                          rechts – eine Sonderregelung des Apo-
                         Es ist eine rührende Idylle, die der Sen-   chungsämtern liefen in den vergangenen                          thekenmonopols. Seit über 150 Jahren
                       der dort inszeniert: Zu sehen sind zupa-      Jahren Hunderte ähnliche Fälle auf. Die                         dürfen die Tierärzte verschreiben und
                       ckende Landtierärzte in Gummistiefeln         meisten endeten als Ordnungswidrigkei-                          gleichzeitig verkaufen – und zwar fast
                       auf Frühlingswiesen mit Lämmern. Star-        ten mit kleinen Geldbußen, wenn über-                           ohne Kontrolle.
                       ke Medikamente? Kommen in dieser              haupt. Schuld daran ist ein bisher recht                           Das allerdings könnte sich nun ändern,
                       Fernsehwelt eher selten zum Einsatz.          dehnbares Arzneimittelrecht und ein                             die Tierärzte sind ins Fadenkreuz der
                         Die Idylle trügt. Viele Kollegen von        System, das jene belohnt, die viel ver-                         Politik geraten. Auslöser waren Unter-
                       Seelig können auch anders. Eine ganze         schreiben.                                                      suchungen von niedersächsischen und
                       Batterie von Arzneien steht ihnen in der                                                                      nordrhein-westfälischen Tierbeständen,
                       Hausapotheke ihrer Praxis zur Verfügung.                                                                      bei denen der massenweise Einsatz von
                       Davon wurde in der Vergangenheit üppig                                                                        Antibiotika belegt werden konnte. In
                       und flächendeckend Gebrauch gemacht,                                                                          NRW hatte der Grünen-Umweltminister
                       auch in Seeligs Unternehmen: Vor ein-                                                                         Johannes Remmel 182 Hühnermast-
                       einhalb Jahren wurden drei Veterinäre                                                                         bestände untersuchen lassen. Über 90
                       dieser Praxis zu insgesamt 90 000 Euro                                                                        Prozent der Tiere waren mit Antibiotika
                       Geldstrafe verurteilt.                                                                                        behandelt worden, viele mehrfach, sie
                                                                                                                   FANDANGO / VOX




                         Sie hatten in großem Stil Medikamente                                                                       standen quasi unter Dauer-Dope. Andere
                       verkauft, die teils nicht zugelassen waren,                                                                   bekamen die Mittel nur ein oder zwei
                       und Dutzende Liter Arzneien für Tiere                                                                         Tage, was wiederum zu kurz ist und den
                       abgegeben, die den Stoff nie hätten be-       Tiermediziner Seelig                                            Zulassungsbedingungen widerspricht.
                       kommen dürfen. Ermittler der Wiesbade-        Rührende Idylle fürs Fernsehen                                  Dienten die Arzneien also nicht der
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Wirtschaft

Krankheitsbekämpfung, sondern der Ga- diesen Funden hatte das Bundesinstitut             Wege medikamenteller Behandlungsstra-
rantie des Masterfolgs?                     für Risikobewertung (BfR) Masthühner-        tegien“. In Holland, sagt Snoek, seien die
   Nicht nur die Landwirte, auch die bestände untersucht und in allen resis-             Antibiotika allein im Jahr 2011 um 32 Pro-
Veterinäre stehen unter Verdacht. Die tente Keime gefunden. Die nicht zu Panik           zent reduziert worden. Das war auch nö-
zuständige Bundesministerin Ilse Aigner neigenden BfR-Wissenschaftler mahnten            tig, denn Hollands Tiere waren so vollge-
will deshalb das Arzneimittelgesetz ver- an, die medikamentöse Überversorgung            pumpt mit Stoffen wie wohl keine anderen
schärfen und das Dispensierrecht für Tier- in der Tierhaltung zu hinterfragen.           Lebewesen in Europa. Damit die Praxis
ärzte „auf den Prüfstand“ stellen.            Was den Forschern besondere Sorgen         der Niederländer weiterhin auf zweistelli-
   Die Lobby der Veterinäre konterte be- macht: Immer mehr Erreger – gerade im           ge Millioneneinkünfte kommt, sind Snoek
reits mit einer Petition zum Erhalt ihres Geflügelfleisch – sind gleich gegen meh-       und seine Kollegen dabei, vorsichtshalber
Privilegs. Von Standesehre und Unab- rere Antibiotika immun, darunter sogar              schon mal die Umsatzposten zu verschie-
hängigkeit ist die Rede. Doch wie unab- gegen Fluorchinolone, die als sogenannte         ben: Die Antibiotika-Einnahmen, vorher
hängig sind Tierärzte, die etwa bei riesi- Reserveantibiotika eigentlich besonders       rund 60 Prozent der Umsätze, sollen hal-
gen niedersächsischen Geflügelvermark- sparsam eingesetzt werden sollen. Doch            biert, Beratungen und vorbeugende Imp-
tern in der Geschäftsleitung sitzen und von Sparsamkeit spürten die Pharmaher-           fungen dafür ausgebaut werden.
gleichzeitig Geflügelbestände betreuen? steller in den vergangenen Jahren wenig.            Die Internetseite von Snoeks Firma
   Die Verlockung, gerade die lukrativen Allein mit dem Tier-Antibiotikum Baytril,       Lintjeshof erlaubt einen Einblick in den
Antibiotika etwas laxer abzugeben, als die das etwa bei Puten oft eingesetzt wird,       modernen Veterinärmarkt: Sie wirkt
Standesregeln es vorsehen, scheint groß: wenn nichts mehr wirkt, machte Bayer 2010       nicht wie eine Praxis, sondern wie ein
„In neun von zehn Fällen, in denen ein einen Umsatz von 166 Millionen Euro, elf          kleiner Konzern: 24 Ärzte arbeiten an
Landwirt um Penicillin bittet, bekommt Prozent mehr als im Jahr davor. In Deutsch-       sieben Standorten, zwei Filialen sind in
er das Medikament sofort, ohne Unter- land kletterte der Umsatz mit Tierarznei-          Deutschland. Zum „Praxismachen“ lohnt
suchung“, sagt Veterinär Ebner, der jah- mitteln auf 730 Millionen Euro im Jahr.         es sich sogar, per Flugzeug Kunden in
relang einer der Spitzenfunk-                                                                         Polen oder auch Russland zu
tionäre seiner Branche war.                                                                           besuchen.
Inzwischen arbeitet das Ex-                                                                              Veterinäre, fordern immer
CSU-Mitglied Ebner für die                                                                            mehr Kritiker, dürfen nicht
Grünen an Gesetzesentwür-                                                                             länger Arzt oder Apotheker
fen, die weiter gehen, als die                                                                        zugleich sein. In Dänemark
seiner ehemaligen Parteikol-                                                                          und Schweden ist die Dop-
legin Aigner: Mengenrabatte                                                                           pelfunktion längst verboten,
auf Medikamente sollen zu-                                                                            der Medikamentenverbrauch
gunsten von Festpreisen ver-                                                                          deutlich niedriger als in der
boten, Beratungsleistungen                                                                            hiesigen Landwirtschaft. Auf
getrennt von Arzneimitteln                                                                            Veranstaltungen des Bundes-
abgerechnet werden.                                                                                   verbands      Praktizierender
   In der Debatte um das Dis-                                                                         Tierärzte (BPT) gewinnt man

                                                                                                   DETLEV SCHILKE / FOTOFINDER
pensierrecht geht es um mehr                                                                          zwar den Eindruck, im Nach-
als das Kappen von ein paar                                                                           barland stünde die Veterinär-
Standesprivilegien. Die gene-                                                                         branche vorm Exitus. Tatsäch-
relle Wirksamkeit der Antibio-                                                                        lich jedoch ist die Zahl der
tika steht auf dem Spiel. Es                                                                          Tierärzte mit etwa tausend
gibt nur eine begrenzte Zahl                                                                          relativ konstant. Der sowieso
von Wirkstoffen, auf die auch Tierschutzaktivisten in Berlin: Klaustrophobische Enge                  niedrige Antibiotika-Gebrauch
Menschen angewiesen sind. Je                                                                          sank 2011 um rund 25 Prozent.
mehr davon auch in der Tierhaltung zum        900 Tonnen Antibiotika sind 2010 an        Ein Grund dafür ist das neue Gelbe-Kar-
Einsatz kommen, desto größer ist die Tiere in Deutschland verfüttert worden.             ten-System. Es beruht auf Einsichtnahme
Gefahr, dass Keime neue Überlebens- Das sind 116 Tonnen mehr als im Jahr                 der Behörden in den Antibiotika-Ver-
strategien – also Resistenzen – entwickeln. 2005 und mehr als dreimal so viel, wie       brauch des einzelnen Landwirts – und auf
   Viele solcher Erreger entstehen zwar alle Bundesbürger pro Jahr einnehmen.            Verwarnungen sowie Betriebsprüfungen.
in Krankenhäusern. Auch die Industrie- Bis Ende März hätten die Pharmaherstel-              Die BPT-Funktionäre wollen davon
mast birgt jedoch ein Übertragungsrisiko. ler ihre Abgabemengen für 2011 eigent-         nichts wissen, auf Merkblättern werden
Widerstandsfähige Keime, die für den lich melden müssen. Eine Reihe von Fir-             die Mitglieder weiter auf das alte System
Menschen eine Gefahr bedeuten, ent- men kam dem nicht nach, das zuständige               der Massentierhaltung eingeschworen:
deckten Tierschützer vom BUND kürz- Bundesamt für Verbraucherschutz und                  „Eine Beschränkung von Betriebsgrö-
lich in Hähnchenfleisch aus dem Super- Lebensmittelsicherheit musste die Anga-           ßen“, heißt es, „ist aus fachlicher Sicht
markt. 10 von 20 Proben großer Pro- ben nun schriftlich einfordern.                      nicht zu vertreten.“
duzenten wie Wiesenhof enthielten             Mit der industriellen Massentierhaltung       Da scheint selbst der Massentierhal-
Keimtypen, die dazu führen können, dass wuchsen auch die Veterinärpraxen, auf            tungs-Monolith Wiesenhof weiter. Ab
ein infizierter Patient nicht mehr auf teils gewaltige Maße. In manchen dieser           Sommer will er es versuchsweise mit
bestimmte Antibiotika anspricht.            „Tierkliniken“ arbeiten inzwischen 20, 30    einem neuen Tierwohl-Label, längerer
   Wiesenhof verwies zwar auf die um- Angestellte. Die tierärztlichen Hausapo-           Mast und kleineren Herden versuchen.
fangreichen Hygienetests des eigenen Flei- theken sind mitunter auf „Hallengröße         Kommen den Schöpfern der deutschen
sches und auf eine Halbierung des Anti- angewachsen“, berichtet ein hoher Amts-          „Goldhähnchen“ womöglich Zweifel an
biotika-Einsatzes in den vergangenen 20 veterinär einer Landeskontrollbehörde.           ihrem angestammten Massengeschäft?
Jahren. Belege für diese Halbierung blieb     Sam de Snoek ist so ein Landtierarzt          Das System der Turbomast scheint über-
das Unternehmen jedoch schuldig.            der neuen Generation, ein Spezialist für     reizt. Die aufs manische Fressen gezüch-
   Sicher, die Entdeckungen des BUND Schweine. Der Holländer referierte gerade           teten Tiere, die den ganzen Tag fett- und
waren eine Stichprobe. Doch bereits vor auf einer Tagung in Göttingen über „Neue         eiweißhaltiges Kraftfutter in sich reinstop-
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Wirtschaft

fen, leben in klaustrophobischer Enge quasi
mit einer Durchfall-Garantie. Diesen Sys-
temmangel versuchen Mäster wie Peter
Bodmer* aus der Gegend von Vechta seit
Jahren mit Medikamenten zu beheben.
   In den nasskalten Monaten Januar und
Februar war wieder „Alarm“ in Bodmers
10 000er-Putenställen, seine Tierärztin
musste anrücken. „Die Pute“, sagt Bodmer,
sei so anfällig, „die schreit nach Antibio-
tika“. Bringt der Nachbar Gülle aus, sei
der Infekt für seine Tiere von den herbei-
gewehten Keimen quasi garantiert. Als
Bodmer vor über 20 Jahren begann, wog
ein gemästeter Truthahn gut 16 Kilogramm.
„Heute sind es 23 Kilo, aber das Herz und
die Lunge sind immer noch genauso groß.“          CARSTEN KOALL
   Es gebe Alternativen, andere Rassen,                           Waage-Apotheke in Berlin
die nicht so schnell wachsen. Aber den
„Herrschaften von Wiesenhof und Co.“
reiche das nicht. „Die wollen so viel                                                                         zehn Krebsgenerika, sagt Tamimi. Vorteil:
Brustfleisch, dass den Hähnen in den letz-                                    GESUNDHEIT                      Als Unternehmer können die Apotheker


                                                                       Reibach auf
ten sechs Wochen vor Übergewicht die                                                                          neben ihrem üblichen Gewinn auch noch
Beine wegknicken.“                                                                                            die Herstellermarge und den Großhan-
   Das Stallbuch von Bodmer ist voll von                                                                      delszuschlag einstreichen.


                                                                         Rezept
Behandlungen mit Antibiotika. Schon bei                                                                          Einen ersten Erfolg erzielte Omnicare
den Küken aus der Brüterei schienen Pro-                                                                      im Februar: Als die Barmer GEK die Ver-
bleme aufzutauchen. Trotz penibler Prü-                                                                       sorgung von Krebspatienten in Nord-
fungen in den Brutstätten – es gibt sogar                                                                     rhein-Westfalen ausschrieb, gewann eine
Berichte von Eiern, die mit Formaldehyd                           51 Apotheker haben eine Pharma-             Bietergemeinschaft aus Omnicare-Apo-
besprüht und in Antibiotika-Lösung ge-                               firma gegründet und stellen              theken sämtliche elf Gebietslose.
taucht werden – bekommt Bodmer mit-                               nun teure Krebsmedikamente her.                Eine eigene Produktionsanlage müssen
unter Küken, die nicht ganz fit sind. Dann                                                                    die Omnicare-Apotheker nicht einmal auf-
wird nachgeholfen, wie dieses Mal – und                                                                       bauen. Denn Generikafirmen lassen ihre


                                                                  D
wie eigentlich immer: Bodmer kann sich                               er Kreis war illluster: Rund             Präparate inzwischen häufig bei Lohnher-
nicht erinnern, dass er eine Herde mal                               hundert Krebsapotheker aus der           stellern fertigen, die mal in China, mal in
ohne Dope durchgebracht hätte.                                       ganzen Republik nahmen die Ein-          Spanien oder Deutschland sitzen. In die-
   In seinem Stallbuch sind mehrere Be-                      ladung ihres Kollegen Oliver Tamimi an           sen Fabriken rollen montags die Pillen für
handlungen mit Aviapen vermerkt, ei-                         und reisten nach Bayern, um die zuneh-           Hexal vom Band, dienstags die für Ratio-
nem Antibiotikum gegen Durchfall, das                        mende industrielle Herstellung von Che-          pharm, mittwochs die für Stada. Geliefert
offenbar nicht recht wirkte und teils viel                   motherapie-Infusionen zu diskutieren.            wird in Original-Firmenverpackungen.
zu kurz verwendet wurde. Hinzu kamen                         Denn diese Produktion bedroht die Ge-               Nach Angaben von Branchenkennern
Penicilline gegen Schnupfen. Später zog                      winne der traditionellen Apotheken.              bieten Lohnhersteller die Chemo-Medi-
seine Tiermedizinerin mit Baytril die                           Mit keinem anderen Medikament kön-            kamente extrem günstig an. Paclitaxel
„Notbremse“, so Bodmer. Zwölf Liter                          nen sie bisher so viel Reibach machen            beispielsweise, für das die Krankenkassen
ließ sie ihm da, die er selbst dosieren                      wie mit Krebsinfusionen, die sie selbst          980 Euro bezahlen, kann man für 35 Euro
konnte. So viel Einsatz hat seinen Preis:                    zubereiten. Sie können eine Packung des          kaufen. Auf Anfrage weist Tamimi den
Im Januar ist Bodmer über 10 000 Euro                        Wirkstoffs Paclitaxel für 350 Euro einkau-       Verdacht der Renditegier von sich. Es
für Medikamente losgeworden.                                 fen, den Krankenkassen dafür aber 980            gehe Omnicare im Interesse der Patienten
   Ganz im Sinne der Standesregeln war                       Euro in Rechnung stellen (SPIEGEL                darum, die wohnortnahe Versorgung
die Behandlung nicht. Die Veterinärin hat                    15/2012). Weil dieses Geschäft so lukrativ       sicherzustellen. Denn die industriellen
jedoch eine Art Risikoversicherung: Es                       ist, drängen seit Jahren industrielle Her-       Hersteller müssten oft weite Wege zurück-
bestehen verwandtschaftliche Verbindun-                      steller in den Markt. Allein durch ihre          legen, um die Infusionen in die Arzt-
gen zu einem hohen Amtsveterinär, so                         Größe können sie die Krebsmedikamente            praxen zu liefern. Da manche Stoffe aber
dass keine Schwierigkeiten drohen.                           (Zytostatika) aber noch günstiger einkau-        nur wenige Stunden haltbar seien, sei
   Relativ problemlos läuft es auch wieder                   fen als ein einzelner Apotheker.                 damit immer auch ein Risiko verbunden.
für einen Praktiker, der vor Jahren als                         Auf den Besprechungen in Bayern                  Omnicare liefert zum regulären Apo-
„Autobahn-Tierarzt“ bekannt wurde. Er                        schlug Tamimi, der in Berlin die Waage-          thekeneinkaufspreis, ohne großen Rabatt.
hatte teils verbotene Hormone und An-                        Apotheke betreibt, den Kollegen vor,             Der eigentliche Gewinn fällt also bei Om-
tibiotika an Hunderte Landwirte ver-                         eine eigene Firma zu gründen. „Wenn es           nicare an, die ihn dann an die beteiligten
kauft – meist in Autobahnnähe und oft                        ein Oligopol gibt, wollen wir nicht über-        Apotheken ausschüttet. Schon früher lag
ohne ein Tier gesehen zu haben. Nach                         fahren werden.“ 51 Krebsapotheker aus            Tamimi das Wohl der Apotheker am Her-
seiner Verurteilung 2002 und einem län-                      ganz Deutschland haben sich seither an-          zen. Nach dem Rabattverbot 2006 grün-
geren Berufsverbot hat die Regierung von                     geschlossen, bis Ende des Jahres sollen          dete er zum Ärger der Kassen in Öster-
Oberbayern ihm gerade erst eine neue                         es 88 sein. Sie müssen im Schnitt 200 000        reich eine Gesellschaft, über die Rabatte
Berufserlaubnis erteilt.                                     Euro einzahlen, um Teilhaber der neuen           weiterhin möglich waren. Doch seine
                                 NILS KLAWITTER              Firma namens Omnicare zu werden.                 Österreich-Aktivitäten hätten sich mit der
                                                                Die Pharmafirma in Apothekerhand              neuen Omnicare erledigt, versichert er.
* Name von der Redaktion geändert.                           verfügt bereits über Zulassungen von                                          MARKUS GRILL

78                                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Wirtschaft

                                             allerdings noch nicht rechtskräftig. Hin-                                                 Griff ins Meilenkonto
       R A B AT T P R O G R A M M E          tergrund: Die Lufthansa hatte für ihr Bo-                                                 Wie viele Prämienmeilen man für Lufthansa-

     Viel fliegen,
                                             nusprogramm Miles & More die Summe                                                        Flüge* einlösen muss
                                             der einzusetzenden Meilen für Prämien-
                                             flüge erhöht. Vorher gesammelte Meilen                                                    First-Class-Prämienflüge**


    wenig Freude
                                             waren quasi über Nacht weniger wert.                                                      Frankfurt – New York
                                                Eggendorfer geht es weniger um die                                                     alt                    140 000
                                             Anpassung als vielmehr um die mangeln-
                                             de Kommunikation der Aktion. Die An-                                                      neu                           170 000
         Der Streit um das                   kündigung sei nicht rechtzeitig erfolgt.                                                  Frankfurt – Singapur
   Miles & More-Programm der                    Der E-Mail-Verkehr zeigt nun, dass                                                                                      180 000
        Lufthansa eskaliert:                 man sich bei der Airline offenbar über
                                             den Zeitpunkt der Kundeninformation                                                                                               210 000
  Ein ehemaliger Kunde hat nun               durchaus Gedanken gemacht hat: Die                                                        Business-Class-Prämienflüge**
     Strafanzeige eingereicht.               Prämienanpassung wurde bereits am                                                         Frankfurt – New York
                                             19. Oktober 2010 abgesegnet. In der Nach-                                                              90 000


D
        ie Lufthansa beförderte im vergan-   richt heißt es, die Maßnahmen seien noch
        genen Jahr 65 Millionen Fluggäste.   „streng vertraulich“, die Verkündung dür-                                                                  105 000              *gilt auch für
        Tobias Eggendorfer kann für sich     fe „nicht zu früh“ erfolgen, „damit die                                                                                        Flüge mit Star-
                                                                                                                                       Frankfurt – Singapur                   Alliance- und
in Anspruch nehmen, einer der wenigen        Kunden nicht vorab noch viele Tickets mit                                                                    120 000                  weiteren
                                                                                                                                                                           Airline-Partnern
zu sein, die dem Vorstandsvorsitzenden       den günstigeren Meilenwerten buchen“.                                                                                         ** zzgl. Steuern
Christoph Franz namentlich bekannt sind.        Bis heute behauptet die Lufthansa,                                                                            135 000       und Gebühren
Und das, obwohl Eggendorfer seit seinem      man habe korrekt und rechtzeitig infor-
Rechtsstreit mit der größten deutschen       miert. Tatsächlich erfolgte die Informa-                                                  Kennern mäßig beleumundet. Nach wie
Fluggesellschaft keinen Fuß mehr in Luft-    tion eher als eine Art Randnotiz erst ei-                                                 vor gilt die Business Class als kaum kon-
hansa-Flugzeuge setzt.                       nen Monat vor der Umsetzung. Zu kurz,                                                     kurrenzfähig, die Sitze etwa werden erst
   Rückblickend hätte wohl auch die Luft-    befand das Gericht im Fall Eggendorfer.                                                   jetzt nach und nach erneuert.
hansa ihn am liebsten nie an Bord be-           Es gilt als wahrscheinlich, dass Lufthan-                                                 Zudem mosern umsatzstarke Premium-
grüßt. Denn Eggendorfer, 36, brockte ihr     sa Berufung einlegen wird. „Uns geht es                                                   kunden, etwa im Vielfliegerstatus eines
mit seiner Klage ein echtes Problem ein,     um Rechtssicherheit, denn die ist drin-                                                   Senators oder des HON Circle: Auch für
und spätestens seit Donnerstag vergange-     gend notwendig für ein Kundenbindungs-                                                    sie gelten bald veränderte Regeln beim
ner Woche eskaliert der Streit mit dem       programm dieser Größe“, sagt Harald De-                                                   Meilensammeln. Der Status eines HON
Hamburger IT-Professor.                      prosse, Leiter von Miles & More.                                                          Circle etwa kann dann nur noch mit Busi-
   Da reichte Eggendorfers Anwalt bei           Die Auseinandersetzung trifft die Luft-                                                ness- und First-Class-Tickets erflogen wer-
der Staatsanwaltschaft Köln eine Strafan-    hansa zu einem ungünstigen Zeitpunkt.                                                     den. Dabei sehen die Richtlinien vieler
zeige gegen Lufthansa-Manager ein. Der       Der Konzern musste 2011 einen Verlust                                                     Unternehmen vor, zumindest inner-
skurril klingende Vorwurf: gewerbsmäßi-      von 13 Millionen Euro ausweisen. Hinzu                                                    deutsch oder -europäisch Economy zu
ger Betrug in 21 Millionen Fällen. Der       kommen das Nachtflugverbot in Frankfurt                                                   fliegen. Wird dann Business gebucht, kas-
Anzeige liegt eine interne E-Mail aus dem    am Main und Zoff um die schwer ange-                                                      siert der Passagier künftig auch nicht
Konzern bei, Eggendorfer sieht damit         schlagene Tochterfirma Austrian Airlines.                                                 mehr automatisch die doppelte Meilen-
seine These von der „gezielten Informa-         Mehr als die Hälfte ihres Umsatzes er-                                                 zahl. Die Möglichkeit von Upgrades ge-
tionsverschleppung“ untermauert.             wirtschaftet die Lufthansa-Gruppe mit                                                     gen Meilen wird ebenfalls schwieriger.
   Eggendorfer gewann erstinstanzlich be-    Passagieren auf interkontinentalen Stre-                                                     Der Senator-Status, an Bord mittlerwei-
reits einen Prozess gegen die Fluglinie      cken in der Business und First Class. Doch                                                le mehr oder weniger nutzlos, soll hinge-
vor dem Landgericht Köln. Das Urteil ist     ausgerechnet hier ist das Angebot unter                                                   gen entwertet werden. Bisher waren im
                                                                                                                                       Normalfall 130 000 Meilen pro Kalender-
                                                                                                                                       jahr notwendig, um den Gold-Status zu
                                                                                                                                       erreichen. Künftig genügen 100000 Meilen.
                                                                                                                                          Das von Ex-Kunde Eggendorfer mit an-
                                                                                                                                       gezettelte Vielflieger-Theater dürfte für
                                                                                                                                       die Lufthansa auch bei der nächsten
                                                                                                                                       Hauptversammlung am 8. Mai zum Pro-
                                                                                                                                       blem werden. Schon jetzt gibt es einen
                                                                                                                                       Aktionärsantrag, der sich mit einer an-
                                                                                                                                       geblich falschen Bewertung von Meilen
                                                                                                                                       in der Bilanz beschäftigt.
                                                                                                                                          Hintergrund ist ein älteres Verfahren,
                                                                                                                                       in dem es heißt, dass die Lufthansa den
                                                                                           JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL




                                                                                                                                       Gegenwert einer Meile mit 2,77 Cent an-
                                                                                                                                       gibt. In der Konzernbilanz hingegen wer-
                                                                                                                                       den nur 0,8 Cent pro Meile angesetzt.
                                                                                                                                       Was nach Krümeln klingt, summiert sich:
                                                                                                                                       Wäre der höhere Wert korrekt, müsste
                                                                                                                                       die Airline ihre Rückstellungen für nicht
                                                                                                                                       abgeflogene Meilen um vier Milliarden
                                                                                                                                       Euro erhöhen. Das Unternehmen bestrei-
                                                                                                                                       tet das und hält seine Rückstellungen für
                                                                                                                                       ausreichend.
Kläger Eggendorfer: Gewerbsmäßiger Betrug in 21 Millionen Fällen?                                                                                                   MARTIN U. MÜLLER

                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                                                79
Wirtschaft




                                                                                                                                                                 CHUNG SUNG-JUN / GETTY IMAGES
Bau von Containerschiffen im südkoreanischen Ulsan: „Das große Spiel ist vorbei“

                                                                                             Containerangebot nach Schätzung des
                                   S C H I F F FA H R T                                      Branchendienstes Alphaliner jedes Jahr


         Opfer des Größenwahns
                                                                                             im Schnitt um über sieben Prozent.
                                                                                                Die Frachtpreise sind wegen des Über-
                                                                                             angebots unter Druck: Eine Kiste mit
                                                                                             T-Shirts oder Elektrogeräten von Shang-
                                                                                             hai nach Rotterdam zu verschiffen kostete
       Wie im Rausch orderten die Reeder in Zeiten des Booms                                 Ende März rund 1400 Dollar, vor zwei
           neue Schiffe. Jetzt sorgen die Überkapazitäten für                                Jahren waren es noch über 2000. „Diese
                                                                                             Krise ist eine rein hausgemachte“, sagt
     Milliardenverluste, Anleger und Banken verlieren die Geduld.                            Michael Behrendt, Präsident des Ver-
                                                                                             bands Deutscher Reeder und Chef von


W
           ürde man von der Zahl und der      Größenwahn der Branche. Tatsächlich            Hapag Lloyd. Die Traditionslinie, die zu
          Größe ihrer Schiffe auf das Ver-    geht es der Schifffahrt vier Jahre nach        einem guten Drittel der Stadt Hamburg
          mögen der Reeder schließen,         Beginn der Finanzkrise so schlecht wie         gehört, musste ihren geplanten Börsen-
man könnte meinen, um die Schifffahrt         lange nicht.                                   gang schon dreimal absagen.
sei es bestens bestellt. Immer gewaltiger        Maersk machte im vergangenen Jahr              An ein ständiges Auf und Ab ist die
werden die Containerfrachter, und immer       mit seinem Containergeschäft fast 400          Schifffahrt gewöhnt. Ein Schiff zu bauen
mehr dieser Giganten fahren über die          Millionen Euro Verlust. Die Profite der        dauert drei Jahre, wie der Handel sich
Meere.                                        deutschen Linien Hapag Lloyd und Ham-          bis dahin entwickelt, ist schwer vorher-
   Acht der weltgrößten Schiffe hat allein    burg Süd (Teil des Bielefelder Oetker-         zusagen. Mal sind zu viele, mal zu wenige
der Branchenführer Maersk im Dienst,          Konzerns) sind eingebrochen, kleinere          Schiffe auf dem Markt.
jedes 400 Meter lang, 56 Meter breit und      Charterreeder ringen ums Überleben.               Doch diese Krise ist anders als frühere,
20 Stockwerke hoch. Rund 14 000 Stan-            Die Fracht- und vor allem Charterprei-      es geht nicht um das Überleben der einen
dardcontainer (TEU) können die Schiffe        se reichen zum Teil kaum, um die Kosten        oder anderen Reederei, sondern um das
transportieren, alle im typischen Hellblau    für den Betrieb der Schiffe zu decken,         Geschäfts- und Finanzierungsmodell der
der dänischen Reederei gestrichen. Sie        viele Reeder können ihre Kredite nicht
sind auf der Hauptroute des Welthandels,      bedienen. „Der Druck ist enorm, nicht
zwischen Asien und Europa, unterwegs.         jeder wird dem standhalten“, sagt Nicho-       Volle Kraft voraus
Lange hielt Maersk damit den einsamen         las Teller, Chef der E. R. Capital Holding,    Kapazitätsentwicklung der weltweiten
Größenrekord.                                 zu der auch die Reederei E. R. Schiffahrt
                                                                                             Containerschiffflotte, in Millionen Container*
   Doch das reicht den Dänen nicht mehr,      gehört. „Das große Spiel ist vorbei“,
für vier Milliarden Dollar haben sie 20       fürchtet auch ein Schiffsmakler.                                                                 19,6
neue, noch größere Schiffe bestellt. Stolz       Es war ein Spiel mit höchstem Risiko.                                                         Prognose 2015
                                                                                                                                 Anstieg
verkündet der Konzern auf seiner Web-         Wie im Rausch orderten die Reeder in                                            gegenüber
site das neue Maß der Dinge: die Triple-      der Vergangenheit Container-, Tank- und                                              2011
E-Klasse mit Platz für 18 000 Container.      Massengutfrachter, im blinden Vertrauen                                           +27%
   Fast ein Viertel aller Containerschiffe,   darauf, dass die Globalisierung der Bran-
die in diesem Jahr auf den Werften, etwa      che einen langen Boom bescheren werde.
in Südkorea oder China, vom Stapel lau-          Dieses Jahr werden Schiffe mit Platz                                                          15,4
                                                                                                                                               31. Dez. 2011
fen, sind sogenannte Mega-Liner mit           für insgesamt 1,47 Millionen Standardcon-
Platz für 10 000 Container und mehr. Bis      tainer ausgeliefert. Das sind gut acht Pro-                                                           Quelle:
                                                                                             * 1 TEU-Container (Twenty-foot Equivalent Unit)        Alphaliner
2015 werden über 150 der schwimmenden         zent mehr als im Vorjahr. Der Seehandel
Kolosse ausgeliefert.                         aber wächst nur um rund sechs Prozent.         Der erwartete Anstieg der Kapazität von 4,2 Millio-
   Doch diese Zahlen sind kein Beleg für      Entspannung ist nicht in Sicht. In den         nen Containern bis 2015 entspricht aneinander-
den Boom, sondern ein Zeichen für den         kommenden drei Jahren steigt das globale       gereiht einer Länge von ca. 25500 Kilometern.

80                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
gesamten deutschen Branche. Die Geld-           Für viele deutsche Charterreeder ist                                                         Kreditinstitute still und stundeten Zins und
quellen, die Deutschland zur Nummer dennoch keine Erholung in Sicht. Lieber                                                                  Tilgung für zwei, drei Jahre. „Aber die
eins auf dem Containermarkt gemacht machen die Linienreeder erst mal ihre ei-                                                                Hoffnung auf eine rasche Erholung hat sich
haben, sind mit dieser Krise auf Jahre genen Schiffe voll, bevor sie zusätzliche                                                             nicht erfüllt“, gesteht ein Bankmanager.
versiegt. Rund 70 Schiffe von Fonds- anmieten. Frachter, deren Mietverträge                                                                     Die Geldinstitute sitzen in der Falle.
gesellschaften sind nach Angaben des in diesen Tagen auslaufen, werden wegen                                                                 Ihre Kredite wurden mit Schiffen besi-
Branchenexperten Jürgen Dobert insol- des Überangebots zu Dumpingpreisen                                                                     chert, die massiv an Wert verloren haben.
vent, etliche weitere betteln bei ihren An- oder gar nicht weitervermietet: Über 300                                                         Kündigen sie die Darlehen, gehören ih-
legern um frisches Geld. Die Mehrheit Containerschiffe lagen im März auf Ree-                                                                nen die Schiffe, die sie nur zu Schleuder-
der 2500 fondsfinanzierten Schiffe sei de. Vor allem die Nachfrage nach kleine-                                                              preisen loswerden können. „Die Banken
überschuldet, sagt Dobert.                   ren Schiffen ist zusammengebrochen, die                                                         haben derzeit kein Interesse, Schiffe zu
   Angefeuert durch milliardenschwere Charterpreise sind in den vergangenen                                                                  verkaufen und damit die Preise weiter
Steuererleichterungen, hat die Schifffahrt sechs Monaten um 50 Prozent gefallen.                                                             unter Druck zu setzen“, sagt Christian
in den vergangenen zehn Jahren einen Für Gewinnausschüttungen an die Anle-                                                                   Nieswandt, Leiter der Schiffsfinanzierung
beispiellosen Boom erlebt. Mit dem Ver- ger reicht das schon lange nicht mehr,                                                               bei der HSH Nordbank, einem der welt-
sprechen auf Traumrenditen sammelten aber auch die Kredite, die zum Schiffs-                                                                 weit größten Geldgeber der Schifffahrt.
die Reeder Milliarden bei Besserverdie- kauf zusätzlich aufgenommen wurden,                                                                     Noch halten die Kreditinstitute im ei-
nenden ein, um neue Schiffe zu kaufen. sind davon nicht zu bedienen.                                                                         genen Interesse still. Hinter den Kulissen
Die Banken warfen ihnen die zusätzlich          Das Kapital vor allem kleinerer Char-                                                        forcieren sie eine Konsolidierung: Klei-
nötigen Kredite beinahe hinterher.           terreeder ist nach der langen Durststrecke                                                      nere Reeder sollen unter das Dach grö-
   Ein Drittel der globalen Flot-                                                                                                                        ßerer schlüpfen. „Manche In-
te ist heute in deutscher Hand.                                                                                                                          solvenz“, sagt ein Banker,
Das Gros der Reeder hat mit                                                                                                                              „wird sich nach außen eher als
Seefahrt freilich wenig zu tun.                                                                                                                          Fusion darstellen.“
Statt selbst Waren zu trans-                                                                                                                                Die Charterreederei E. R.
portieren, vermieten sie ihre                                                                                                                            Schiffahrt macht sich derzeit
Schiffe an Linien wie Maersk,                                                                                                                            zum Vorreiter einer Neuord-
                                CHRISTIAN CHARISIUS / PICTURE ALLIANCE / DPA




MSC oder Hapag Lloyd, die                                                                                                                                nung. Sie bietet sich der Bran-
nach festem Fahrplan un-                                                                                                                                 che als Auffanglösung an.
terwegs sind. Hamburger Char-                                                                                                                            „Viele Reedereien sind zu
terreeder wie Claus-Peter Of-                                                                                                                            klein, um noch genug Kapital
                                                                                                FOTO POLLEX / ACTION PRESS




fen, Peter Döhle und E. R.                                                                                                                               für den Kauf neuer Schiffe
Schiffahrt stehen auf der Welt-                                                                                                                          aufzubringen“, sagt E. R.-Ma-
rangliste der Eigner ganz oben.                                                                                                                          nager Teller. Er kennt das Ge-
Auf 430 Reedereien bringt es                                                                                                                             schäft auch von der anderen
Deutschland. Die Geschäfte lie-                                                                                                                          Seite, Teller saß lange im Vor-
fen so gut, dass „alle Panik hat-                                                                                                                        stand der Commerzbank.
ten, nicht genug Schiffe zu be- Reeder Ebel, Behrendt: „Selbstzerstörerisch und dumm“                                                                       Wegen des Kapitalmangels
kommen“, sagt Behrendt.                                                                                                                                  ist die Zahl der Bestellungen
   In den fetten Jahren zwischen 2003 und aufgezehrt. Schießen die Anleger kein                                                              schon jetzt drastisch gesunken. „Die
2008 bestellten die Deutschen über 2000 Geld nach, droht die Pleite. Über hundert                                                            Schifffahrt wird sich künftig neu erfinden
neue Schiffe zum Teil zu Höchstpreisen. Fonds sind derzeit in Liquiditätsnot, schät-                                                         müssen, um noch an Eigenkapital zu kom-
Dann kam die Lehman-Pleite, die Welt- zen Experten. „Da wurden Milliarden                                                                    men“, glaubt Stefan Otto, Chef der Deut-
wirtschaft brach ein, die Frachtpreise san- verbrannt. Bis das Vertrauen der Anleger                                                         schen Schiffsbank, einer Tochter der Com-
ken. Verzweifelt flogen viele Reeder nach wiederkommt, wird eine Weile vergehen“,                                                            merzbank. Potentielle neue Geldgeber wie
China und Südkorea und flehten die sagt Hermann Ebel, Chef der Hamburger                                                                     Pensionskassen oder Finanzinvestoren
Werften an, die Auslieferung der Schiffe Schiffsbeteiligungsfirma Hansa Treuhand.                                                            hätten keine Lust, den Stahl für einzelne
zu verschieben. Nun sind die Fristen aus-       Ebel hat in guten Jahren für seine an-                                                       Schiffe zu finanzieren, wie die Fondsan-
gereizt, die in besseren Tagen bestellten legerfinanzierten Schiffe Sondertilgungen                                                          leger in der Vergangenheit. „Investoren
Frachter kommen jetzt auf den Markt.         bei der Bank geleistet, um nicht in Not                                                         wollen in ganze Flotten investieren oder
   Um ihre größer werdenden Schiffe aus- zu kommen. Die Exzesse seiner Zunft                                                                 in die Reedereien selbst, wo sie dann auch
zulasten, lieferten sich die Linienreeder sieht er kritisch: „Viele haben keine Re-                                                          entsprechendes Mitspracherecht haben.“
im vorigen Jahr einen mörderischen Preis- serven bereitgelegt, sondern das Geld lie-                                                            Auf der Suche nach frischem Kapital
kampf. Vor allem Maersk und der Bran- ber üppig an die Anleger ausgeschüttet,                                                                müssen sich die Reeder wohl an Anleger
chenzweite MSC unterboten sich gnaden- um für neue Fonds zu werben.“                                                                         gewöhnen, die nicht nur ihr Geld abliefern.
los, alle anderen mussten mitziehen. Zeit-      Vor 2008 sammelten deutsche Schiffs-                                                         Als Blaupause könnten dabei ausgerech-
weilig deckten die Frachtpreise nicht einmal fonds über 2,5 Milliarden Euro Eigenkapital                                                     net griechische Reeder dienen. Während
mehr die dramatisch gestiegenen Kosten im Jahr ein, mit Hilfe der Banken konnten                                                             das Land unter der Schuldenkrise fast zu-
für den Schiffsdiesel. „Selbstzerstörerisch dafür Schiffe im Wert von etwa 6 Milliar-                                                        sammenbricht, geht es vielen Schifffahrts-
und dumm“ nennt Hapag-Lloyd-Chef Beh- den Euro gekauft werden. Im vergange-                                                                  firmen erstaunlich gut.
rendt das Verhalten seiner Konkurrenten. nen Jahr waren es gerade mal 500 Millio-                                                               Einige von ihnen, etwa die Reederei
   Der Verdrängungswettbewerb hat tiefe nen Euro, ein Fünftel davon Nachzahlun-                                                              Costamare, haben den Weg an die Börse
Schneisen in die Bilanzen aller Linien- gen für notleidende Fonds. Neues Geld                                                                gesucht oder Finanzinvestoren geholt.
reeder gerissen, aus purer Not ist nun ist für die Reeder hier nicht zu holen.                                                               Die „griechische Lösung“ aber dürfte für
Vernunft eingezogen. In den vergangenen         Der Markt ist praktisch tot. Und auch                                                        deutsche Reeder fürs Erste anders aus-
Wochen haben sie die Preise auf der den Banken ist die Lust an Schiffen vergan-                                                              sehen: Griechische Konkurrenten suchen
Asien-Europa-Strecke angehoben, von gen, viele würden sich lieber heute als mor-                                                             gerade den Markt nach günstigen Schif-
500 Euro zum Jahreswechsel auf jetzt gen aus dem Geschäft zurückziehen. Als                                                                  fen ab. Fündig werden sie in Deutschland.
etwa 1400 Euro je Container.                 die Branche 2009 abstürzte, hielten viele                                                                                    ISABELL HÜLSEN

                                                                               D E R   S P I E G E L                         1 6 / 2 0 1 2                                            81
Panorama

                              Graffito gegen die Formel 1
HAMAD / MOHAMMED / REUTERS




                                                                                       BAH RAIN


                                                            „Verhaftet, verhört, gefoltert“
                             Die Aktivistin Sainab al-Chawadscha,       SPIEGEL: Ihr 50-jähriger Vater Abd al-                                    Chawadscha: Das einzige sogenannte
                             28, über den Protest gegen das Formel-     Hadi ist der bekannteste Menschen-                                        Vergehen meines Vaters ist sein Ein-
                             1-Rennen in ihrem Land                     rechtsaktivist des Königreichs. Er                                        satz für Freiheit und Demokratie. Des-
                                                                        wurde vor einem Jahr verhaftet und                                        wegen wurde er verhaftet, verhört und
                             SPIEGEL: Die Demonstranten in Bah-         befindet sich seit über 60 Tagen im                                       gefoltert. Von dem Prozess, zu dem es
                             rain fordern den Stopp des Formel-1-       Hungerstreik. Haben Sie Kontakt zu                                        bald kommen soll, erwarten wir keine
                             Rennens, das für Sonntag angesetzt ist.    ihm?                                                                      Gerechtigkeit.
                             Warum protestieren Sie gegen diese         Chawadscha: Wir dürfen ihn schon seit                                     SPIEGEL: Wollte Ihr Vater das Regime
                             internationale Sportveranstaltung?         Wochen nicht mehr besuchen, haben                                         stürzen?
                             Chawadscha: Dieses Großereignis wird       aber gerade einen kurzen Anruf von                                        Chawadscha: Er hat Demokratie gefor-
                             vom Regime benutzt, um der Welt            ihm bekommen. Er konnte kaum spre-                                        dert. Auch ich wurde inhaftiert. Es
                             etwas vorzuspielen. Die Menschen im        chen, so schwach ist er. Wir fürchten,                                    reichte den Sicherheitskräften, dass
                             Westen sollen glauben, dass Bahrain        er wird bald ins Koma fallen.                                             ich meinen Vater im Militärhospital
                             ein Land ist, dessen Einwohner ein gu-     SPIEGEL: Haben Sie Hoffnung auf seine                                     besuchen wollte. Dafür wurde ich
                             tes Leben in Wohlstand und Frieden         Freilassung?                                                              zwei Tage lang verhört.
                             führen. Wir leiden unter dem Regime,                                                                                 SPIEGEL: Aber der König hat Fehler
                             das unsere Schreie nicht hören will.                                                                                 eingestanden und mit Reformen be-
                             Einwohner von mehr als 20 Orten ha-                                                                                  gonnen.
                             ben sich dem Protest angeschlossen.                                                                                  Chawadscha: Einige kleine Zugeständ-
                             Die Leute sind es leid, nicht ihre Mei-                                                                              nisse wiegen die Verbrechen nicht auf,
                             nung sagen zu dürfen.                                                                                                die an Demonstranten begangen wur-
                             SPIEGEL: Werden Sie Ihre Proteste auch                                                                               den, die sich friedlich für ihre Ziele ein-
                             während des Rennens fortsetzen?                                                                                      setzten. Einige haben das mit ihrem Le-
                             Chawadscha: Wir werden nicht schwei-                                                                                 ben bezahlt. Ich bin nicht stolz auf einen
                             gen, nur weil die Formel 1 hier Station                                                                              König, in dessen Namen getötet wurde.
                             macht. Wir fordern Menschenrechte                                                                                    SPIEGEL: Aber die Proteste sind nicht
                             und Freiheit.                                                                                                        friedlich geblieben. Auch einige De-
                             SPIEGEL: Es sind vor allem Schiiten, die                                                                             monstranten waren gewalttätig.
                                                                                                                                                  Chawadscha: Diese Ausschreitungen
                                                                                                                     HAMAD / MOHAMMED / REUTERS




                             gegen das sunnitische Herrscherhaus
                             aufbegehren.                                                                                                         wurden provoziert. Wir wollen keinen
                             Chawadscha: Ich bin Schiitin und stolz                                                                               Frieden auf Kosten von Freiheit. Für
                             darauf. Das grüne Band an meinem                                                                                     uns hat die Freiheit Vorrang vor Frie-
                             rechten Arm, das mich als Angehörige                                                                                 den. Wir werden weiter für Selbstbe-
                             dieser Glaubensrichtung ausweist, tra-                                                                               stimmung und Demokratie kämpfen,
                             ge ich nicht, um mich auszugrenzen.                                                                                  auch wenn die Auseinandersetzung
                             In erster Linie bin ich Bahrainerin.       Chawadscha, Ordnungshüterin                                               eskaliert.
                             82                                              D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Ausland
                                                                                                                                                     IRLAND
                                                                                          lmeer

                                                                                                                                                  Zur Strafe
                                                                                  Mitte                 Tartus
                                                                                      Limassol            SYRIEN
                                                                                    Atlantic-
                                                                                    Cruiser-
                                                                                     Route
                                                                                                                                                 ins Kloster
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                                                                                                                                      Der Riss zwischen Papst Benedikt
                                                                                      aus                                             XVI. und den katholischen Gläubi-
                                                                                 Dschibuti                   300 km
                                                                                                                                      gen auf der Insel vertieft sich. Der
                    Frachtschiff „Atlantic Cruiser“                                                                                   Vatikan hat den Priester und promi-
                                                                                                                                      nenten Kirchenkritiker Tony Flan-
                                     SYRIEN
                                                               Schiffsmakler Torsten Lüddeke von                                      nery angewiesen, sich in ein Kloster
                                                               der CEG. Bulk Chartering, die für die                                  zurückzuziehen, um dort beim Ge-

                          Deutscher Waffen-                    Befrachtung der „Atlantic Cruiser“
                                                               verantwortlich ist, sagt: „Wir haben

                          frachter gestoppt                    das Schiff gestoppt, nachdem wir Hin-
                                                               weise auf die Waffenladung erhielten.“
                                                               Es habe sich um eine sogenannte
                    Kurz vor Erreichen des syrischen Ha-       Kaltcharter gehandelt, der Frachter sei
                    fens Tartus ist ein deutscher Frachter     an die ukrainische Firma White Wale
                    mit Waffen aus Iran gestoppt worden.       Shipping in Odessa vermietet worden.
                    Die „Atlantic Cruiser“ der Emdener         „Die haben uns als Ladung vor allem
                    Reederei Bockstiegel hatte vor Tagen       Pumpen und ähnliche Dinge dekla-
                    im Hafen von Dschibuti von einem ira-      riert“, so Lüddeke, „Waffen hätten wir
                    nischen Frachter schweres Militärgerät     nie an Bord gelassen.“ Nun werde das
                    und Munition für das syrische Regime       6200-Tonnen-Schiff erst einmal „da
                    übernommen. Am vergangenen Frei-           bleiben, wo es jetzt ist“. Die ukraini-
                    tag sollte die Fracht in Tartus gelöscht   sche Charterfirma habe darauf bestan-
                    werden – dringend erwarteter Nach-         den, dass die „Atlantic Cruiser“ Tartus
                    schub für das Assad-Regime. Durch          anlaufe und keine Waffen an Bord
                    Überläufer im syrischen Apparat wur-       habe. Nach SPIEGEL-Informationen




                                                                                                                                                                               HANY MARZOUK (O.); GETTY IMAGES (U.)
                    de die Fracht bekannt und die Reede-       wollte die Besatzung des Schiffes im
                    rei gewarnt. Am Freitagmittag änderte      zypriotischen Limassol Treibstoff bun-
                    die „Atlantic Cruiser“ plötzlich den       kern, gab dort aber als Ladung „Waf-
                    Zielhafen, nun sollte der unverdächti-     fen und Munition“ an. Daraufhin wur-
                    ge türkische Hafen Iskenderun ange-        de die Versorgung verweigert. Die
                    laufen werden. Dann stoppte das            Route von Dschibuti nach Tartus ist
                    Schiff etwa 80 Kilometer südwestlich       nach Erkenntnissen von Nachrichten-
                    von Tartus und fuhr die nächsten Stun-     dienstlern für iranischen Waffennach-
                    den im Kreis.                              schub nach Syrien bekannt.                                             Flannery, Benedikt XVI.

                                                                                                                                      bet über seine angeblichen Taten
                                                                                                                                      „nachzudenken“. Kardinal William
                                                                                                                                      Levada, Chef der mächtigen Glau-
                                                                                                                                      benskongregation, verbot dem Kleri-
                                                                   ZAHL DER WOCHE                                                     ker vom Orden der Redemptoristen,
                                                                                                                                      weiterhin kritische Artikel zu Politik
                                                                                                                                      und Lehren der Kirche zu veröffent-
                                                                  28 Milliarden Zloty                                                 lichen.
                                                                                                                                      Zum ersten Mal seit 14 Jahren er-
                                                                  umgerechnet etwa sieben Mil-                                        schien Flannerys Ordenszeitschrift
                                                                  liarden Euro, erhofft sich die                                      jetzt ohne dessen Kolumne. Flanne-
                                                                  polnische Regierung als langfris-                                   ry ist Mitbegründer eines schnell
                                                                  tigen Profit aus der Fußball-                                       wachsenden Priesterbündnisses, das
                                                                  Europameisterschaft, die am                                         sich als Plattform liberalen Wider-
                                                                  8. Juni in Warschau beginnt.                                        stands gegenüber den Hardlinern in
                                                                                                                                      Rom versteht. Die Rebellen be-
                                                                                                                                      zeichnen den Zölibat als gescheitert
                                                                                                                                      und fordern öffentlich die Priester-
                                                                                                                                      weihe für Frauen. Besonders heftig
                                                                                                                                      geißelte Flannery die Rolle der
                                                                                                                                      Kirche in der Aufarbeitung des Miss-
                                                                                                                                      brauchsskandals: Irlands Bischöfe,
                                                                                                                      FORUM / IMAGO




                                                                                                                                      sagt er, seien ein „armseliger
                     Fußballstadion in Warschau                                                                                       Haufen“, dem „jedes Führungs-
                                                                                                                                      vermögen“ fehle.
                                                                   D E R   S P I E G E L     1 6 / 2 0 1 2                                                               83
THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK
Protestierende Arbeiter vor dem Arbeitsministerium in Rom: Den Preis werden wohl erneut die Jungen bezahlen



                                                         SCHULDENKRISE




                                   Agenda del Sol
    Weil sie hoch verschuldet und nicht mehr wettbewerbsfähig sind, krempeln
         Südeuropas Krisenstaaten ihre Arbeitsmärkte um. Manche sehen
Gerhard Schröders Reformpolitik dabei als Vorbild, andere als abschreckendes Beispiel.


D
         ie zierliche Assunta Linza, 33 Jah-   die Börsianer in Mailand hocken fassungs-        Sie verdiente 850 Euro im Monat, es
         re alt, und ihr Vater Giovanni, 60,   los vor ihren Bildschirmen, der Risikoauf-    war ein Knochenjob, mit Psychologie hat-
         graumeliert und gedrungen wie         schlag auf italienische Staatsanleihen ist    te er nichts zu tun, aber sie hatte einen
ein Bulldozer, sitzen auf dem Familien-        auf 5,6 Prozent geklettert, so hoch wie       festen Arbeitsplatz – bis das Call-Center
sofa in Roms nördlicher Vorstadt. Assun-       seit Weihnachten nicht mehr. Und hier         vor zwei Jahren begann, nach Albanien
ta ist ein alter katholischer Name, der Va-    auf dem Sofa sitzen Vater und Tochter,        abzuwandern. Bis Juni wird Assunta 600
ter hat ihn ausgesucht, er steht für die       sie sind die Gesichter der Krise.             Euro im Monat aus einem staatlichen
Himmelfahrt der Mutter Gottes und be-             Als Assunta Linza vor fünf Jahren ih-      Fonds beziehen und dann wieder auf ih-
deutet: die Aufgenommene, die Einge-           ren ersten unbefristeten Arbeitsvertrag       ren Vater Giovanni angewiesen sein.
stellte. „Mein Name ist ein Witz“, sagt        unterschrieb, weinte sie vor Glück. Sie          23 Jahre lang hatte dieser als Elektriker
Assunta und lächelt müde.                      hatte Psychologie studiert mit Prädikats-     bei der staatlichen Eisenbahn gearbeitet,
   Sie hält ein Schreiben in den Händen,       examen, anschließend jahrelang schwarz-       bis er 1994 in den Ruhestand ging. Damals
seit diesem Morgen ist es amtlich, sie ist     gearbeitet und Dutzende Praktika absol-       war Giovanni Linza 42, er sollte Platz ma-
arbeitslos und bekommt ab Juni keine           viert, nun durfte sie in einem Call-Center    chen für junge Nachrücker. Er bekam
staatliche Unterstützung mehr.                 den Kunden eines italienischen Energie-       eine satte Abfindung und eine Pension
   Es ist Mittwochabend vergangener Wo-        konzerns erklären, wie sie ihre Gas- und      bis an sein Lebensende: 1200 Euro im Mo-
che, im Fernsehen laufen die Nachrichten,      Stromrechnungen zu lesen haben.               nat. Das ist mehr, als seine Tochter je ver-
84                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Ausland

                                                    20,9                   SPANIEN
                                                                           ǜÃĬğťğŭƊŅĴĔığÃÅĒĪōĚųōĬğōÃſğšĚğōÃĚšćťŭĴťĔıÚğĚųƊĴğšŭ
                                   20
Bittere Kur                                                                ǜÃ>œĔłğšųōĬÃĚğťÃ<ŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğť
                                                                           ǜÃ>ŘıōğÃųōĚÃÅšĒğĴŭťƊğĴŭğōÃłŘōōğōÃĴōÃkōŭğšōğıŋğōÃćųťĬğıćōĚğŅŭÃſğšĚğō
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ųōĚÃĚğšÃĚğųŭťĔığ                                                           GRIECHENLAND
ZğĨœšŋſğĬ                                                                  ǜÃwğĬĨćŅŅÞœōÃ>œıōƊųťĔıŸťťğō
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                             15                                            ÃÃÃÃ<ŸōĚĴĬųōĬťĨšĴťŭğōÃğšťğŭƊŭ
                                                                           PORTUGAL
Arbeitslosenquoten                                   13,6                  ǜÃwğĬĨćŅŅÞœōÃĚšğĴÃĒğƊćıŅŭğōÃkšŅćųĒťŭćĬğōÃųōĚÞĴğšÃ&ğĴğšŭćĬğō
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                                                                          ǜÃĴšŋğōÃťœŅŅğōÃųōŭğšŭćšĴīĴĔığÃŘıōğÃƊćıŅğōÃĚŸšĨğō
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                                                      8,2                                                                                   erledig
     7,7                                                                   DEUTSCHLAND                                                              t
                                                                           Kernpunkte der Arbeitsmarktreformen 2003 bis 2005
                                                     5,9                   ǜÃÅųťſğĴŭųōĬÞœōÃğĴıćšĒğĴŭÃųōĚÃDĴōĴǗ:œĒť
                                                                           ǜÜĔłğšųōĬÃĚğťÃŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğťÃųōĚÃĒğĨšĴťŭğŭğšÃÅšĒğĴŭťžğšıČŅŭōĴťťğ
                                                                           ǜÃvğšłŸšƊųōĬÃĚğšÃğƊųĬťĚćųğšÃĚğťÃÅšĒğĴŭťŅœťğōĬğŅĚğť
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                                                                           ÃÃÃǟ^ŝğššƊğĴŭğōDŽÃVšŸĨųōĬÃĚğšÃğĚŸšĨŭĴĬłğĴŭDŽÂųŋųŭĒćšłğĴŭťšğĬğŅōǠÃ
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    2005       06       07   08   09    10   11      12                    ÃÃÃÃ^œƊĴćŅıĴŅĨğōĴžğćųÃǟ-ćšŭƊÃ0vǠ

diente, und dabei hatte der Sohn eines            nie zuvor, ein Haus zu bauen, ein grö-               sorgte für Gehaltszuwächse – vor allem
Bauern aus Kalabrien nur die Grundschu-           ßeres Auto zu bestellen oder staatliche              aber dafür, dass sich nichts an den starren
le absolviert und seinem Vater bei der            Wohltaten zu verteilen.                              Arbeitsmarktgesetzen änderte.
Feldarbeit geholfen.                                 So feierten jene, die in Südeuropa Ar-               So hat in Europas Süden bis heute ein
   Es gibt in Europas krisengeplagtem Sü-         beit hatten, eine lange Party, die Reallöh-          faktisches Kündigungsverbot überdauert,
den zahllose Geschichten, die denen von           ne stiegen stark an. In Deutschland dage-            das zumeist dem Einzelnen, nicht aber
Assunta und Giovanni Linza ähneln, und            gen stagnierten die Löhne. Es war Ger-               der Gesellschaft im Ganzen nutzte. Die
es gibt sie nicht nur in Italien. Es gibt sie     hard Schröder, der damals mit seiner                 unschöne Wahrheit, dass Arbeitgeber nur
in all jenen Ländern, in denen die Wirt-          Agenda-2010-Politik und den Hartz-Ge-                dann Jobs schaffen, wenn sie ihre Mit-
schaftseliten, die Gewerkschaften und vor         setzen einen Umbau des Sozialstaats vor-             arbeiter in Krisenzeiten auch entlassen
allem die Politiker bis vor kurzem noch           exerzierte, der nun auch den Südländern              dürfen, wurde ignoriert. So wie in Italien.
so taten, als wäre die Globalisierung an          bevorstehen dürfte.                                     Unbefristete Vollzeitbeschäftigung und
ihren Ländern einfach vorbeigezogen.                 Nach wie vor sind Schröders Arbeits-              Kündigungsschutz sind im „bel paese“ bis
   Erst die Euro-Schuldenkrise hat sie aus        marktreformen umstritten: Die Arbeits-               heute so gut wie heilig. Sie sind ein so-
dieser Illusion gerissen, Staaten wie Ita-        losen- und die Sozialhilfe wurden zusam-             zialistisches Relikt aus den siebziger Jah-
lien, Spanien, Portugal und Griechenland,         mengelegt, Langzeitarbeitslose mussten               ren. An Italiens großem Tabu, einer Ar-
die nun fest im Würgegriff ihrer Schuld-          drastische Einschnitte verkraften, die               beitsmarktliberalisierung, versuchten sich
ner stecken und gezwungen sind, ihre              Zeitarbeit wurde liberalisiert, und Mini-            bereits etliche Links- und Rechtsregierun-
Staatsausgaben zu drosseln. Es ist für vie-       jobs wurden geschaffen. „Fördern und                 gen, um dann stets dem Protest der Mas-
le der größte politische und gesellschaft-        fordern“ nannte das die damalige Bun-                sen nachzugeben.
liche Einschnitt seit Jahrzehnten.                desregierung. Gemeint war, dass den                     Festgelegt ist der Kündigungsschutz im
   Dabei hatten diese Länder schon vor            Arbeitslosen nun auch schlechtbezahlte               Artikel 18 des Arbeitsgesetzes, seit Jahren
der aktuellen Krise Probleme mit ihrer            Jobs zugemutet wurden.                               das Symbol im Kampf zwischen Arbeit-
Wettbewerbsfähigkeit. Die Exportoffen-               Heute haben 41 Millionen Menschen                 gebern und Gewerkschaften.
sive Chinas oder die neue Konkurrenz              in Deutschland Arbeit – so viele wie noch               1999 und 2002 wurden zwei Regierungs-
aus Osteuropa faktisch zu ignorieren              nie, eine späte Genugtuung für Schröder.             berater und Verfechter der Arbeitsmarkt-
konnte nur deswegen so lange funktio-             Dass davon jedoch 23 Prozent im Nied-                reformen von der Terrorgruppe „Neue
nieren, weil es prosperierende nationale          riglohnsektor arbeiten und dass die Real-            Rote Brigaden“ erschossen, ihre Drohung
Märkte, üppige Überweisungen aus Brüs-            löhne in den vergangenen elf Jahren um               lautete: „Wer den Artikel 18 anrührt,
sel und den Euro gab. Durch die gemein-           drei Prozent gesunken sind, ist die andere,          stirbt.“ Und Elsa Fornero, 63, Italiens
same Währung fielen die Zinsen in Spa-            die weniger schöne Seite der Medaille.               neue Sozial- und Arbeitsministerin, geht
nien oder Griechenland auf historische               In den Ländern Südeuropas gab es in               mit sechs Bodyguards vor die Tür, seit sie
Tiefststände, was einen Boom auf Pump             den Jahren vor der Krise keine Zumutun-              im Januar eine Briefbombe erhielt – und
beförderte. Es war plötzlich so billig wie        gen, im Gegenteil. Der geborgte Boom                 erstmals Demonstranten gesichtet wur-
                                                          D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                         85
KATHRYN REAM COOK / NEW YORK TIMES / LAIF




                                                                                                                                                                                    THOMAS MEYER / DER SPIEGEL
                                            Psychologin Linza in Rom, Kauffrau Cruz in Lissabon: Eine ganze Generation droht verschlissen zu werden

                                            den mit T-Shirt-Sprüchen wie „Fornero             Seither bewarb sich Cruz, wo sie nur        den in der Woche arbeiten, in flauen Mo-
                                            al cimitero“, Fornero auf den Friedhof.        konnte, doch die Arbeitsämter in Portu-        naten früher nach Hause gehen. Macht
                                               Italiens Ministerpräsident Mario Monti,     gal, sagt sie bitter, „vermitteln nicht, die   ein Unternehmen Verluste, sollen Ent-
                                            69, wollte den Artikel 18 lockern, um für      verwalten nur die wachsenden Scharen           lassungen erleichtert werden. Auch die
                                            mehr Flexibilität zu sorgen. Betrieben mit     der Arbeitslosen“. Sie trägt sich jetzt mit    bisher zwei Jahre lang gewährte Arbeits-
                                            mehr als 15 Mitarbeitern sollte ermöglicht     dem Gedanken auszuwandern, und zwar            losenunterstützung von 70 Prozent des
                                            werden, Angestellte mit unbefristeten          nach Angola, einst eine portugiesische         Gehalts wird ab November drastisch ge-
                                            Verträgen aus wirtschaftlichen Gründen         Kolonie, heute ein afrikanischer Boom-         kürzt – nach deutschem Vorbild.
                                            zu entlassen – ohne dass ein Arbeitsge-        staat – dort wurde Cruz geboren.                   Es gibt bislang zwar kaum Unterneh-
                                            richt auch nach Jahren noch eine Wieder-          Portugal, einer der ärmsten Staaten der     men, die in der Krise investieren. Und
                                            einstellung und eine Abfindung von bis         Euro-Zone, liegt am Boden, viele seiner        doch stimmen die Maßnahmen, die von
                                            zu 27 Monatsgehältern anordnen kann.           Bewohner fühlen sich inzwischen selbst         der sozialistischen Opposition mitgetra-
                                            Der brutalen Alternative, die niemand so       kolonialisiert. Im vergangenen Jahr muss-      gen werden, den Präsidenten der Euro-
                                            sehr wie Assunta und ihr Vater Giovanni        te die Regierung Europa um Hilfe bitten,       päischen Investitionsbank, Werner Hoyer,
                                            Linza verkörpern – geschützte ältere An-       um ihren Verpflichtungen nachzukom-            zuversichtlich: „Die Lage in Portugal un-
                                            gestellte versus junge Prekäre –, sollte       men. Doch die Bewilligung eines 78-Mil-        terscheidet sich deutlich von der Situation
                                            ein Ende gesetzt werden.                       liarden-Euro-Kredits ist an harsche Spar-      in Griechenland.“ Nur Nídia Cruz dürfte,
                                               Doch wie schon seine Vorgänger knick-       maßnahmen und Strukturreformen ge-             bevor die Wirtschaft wieder anspringt,
                                            te auch Monti ein. Sein neuer Gesetzes-        knüpft, deren Einhaltung von der Troika        schon ausgewandert sein.
                                            entwurf, den er kurz vor Ostern präsen-        aus Europäischer Union, dem Internatio-           Noch dramatischer als in Portugal ist
                                            tierte, bleibt dabei: Wiedereinstellungen      nalen Währungsfonds (IWF) und der Eu-          die Lage des Arbeitsmarktes bei seinem
                                            per Gericht sind möglich. Und so ist Mon-      ropäischen Zentralbank (EZB) überwacht         Nachbarn Spanien. Mit fast 24 Prozent
                                            tis Reformpolitik kein umfassender Ent-        wird. „Die Portugiesen haben noch gar          ist das Land Europas Spitzenreiter bei
                                            wurf wie die in Italien von vielen bewun-      nicht verstanden, was auf sie zukommt“,        der Arbeitslosigkeit. Hier ist die Ursache
                                            derte Agenda 2010, es ist ein Kompromiss,      sagt der Aufsichtsratsvorsitzende einer        vor allem in der Immobilienkrise zu su-
                                            um den noch lange gerungen wird.               Unternehmensgruppe.                            chen, einer Branche, die dem Land erst
                                               Den Preis dafür werden wohl erneut             Finanzkrise und Rezession verschärfen       traumhaftes Wachstum und dann den alp-
                                            die Jungen zahlen. Weil Kündigungen            den Spardruck des Staates. Um mehr als         traumhaften Absturz bescherte: Da Spa-
                                            langjähriger Mitarbeiter entweder unmög-       drei Prozent, so die Regierung, werde die      nien seit der ersten Stunde im Euro-Ver-
                                            lich oder extrem teuer sind, erhalten die      Wirtschaft dieses Jahr schrumpfen, es ist      bund war, sanken die Hypothekenzinsen
                                            jungen Leute allenfalls Zeitverträge.          die wohl schlimmste Talfahrt seit dem          Anfang des letzten Jahrzehnts auf nie ge-
                                               So droht das Problem der Jugendar-          Ende der Diktatur 1974.                        kannte Tiefen. Selbst Arbeiter waren in
                                            beitslosigkeit eine ganze Generation zu           Tatsächlich ist es dem EU-Land Portu-       der Lage, Eigenheime zu erwerben und
                                            verschleißen. Wie auch in Portugal.            gal nie gelungen, eine stabile Wirtschaft      für jedes Kind eine Wohnung als Mitgift
                                               Wenn Nídia Cruz, 33, im Armenviertel        aufzubauen. Als 2000 die Handelsbarrie-        zu kaufen – alles auf Pump.
                                            Odivelas am Rande von Lissabon zu Mäd-         ren mit China fielen, war die führende            Bis 2008 entstanden jährlich etwa
                                            chen spricht, die von ihren Lebensgefähr-      Textil- und Schuhindustrie nicht mehr          800 000 Wohnungen. Um diesen Boom
                                            ten geschlagen werden, macht sie ihnen         konkurrenzfähig. Mit der EU-Osterwei-          zu bewältigen, holten sich die Spanier
                                            Mut, ihre Zukunft selbst anzupacken. Sie       terung wanderten viele internationale          Millionen Immigranten ins Land. Es war
                                            sagt, die Mädchen sollten „einen Beitrag       Konzerne ab. Die privaten Haushalte hat-       eine profitable Zeit für Leute wie José
                                            leisten für ihr Land“, damit sie sich „nütz-   ten sich zudem haushoch mit billigen Kre-      Ignacio Recoder, 66, der bis vor kurzem
                                            lich fühlen“ können.                           diten verschuldet.                             einen Familienbetrieb für Schneidema-
                                               Das klingt trotzig aus dem Mund der            Und so versucht die konservative Re-        schinen und Werkzeuge führte. Noch
                                            ehrgeizigen jungen Frau, die sich selbst       gierung von Pedro Passos Coelho nun vor        2006 beschäftigte er 60 Angestellte und
                                            kaum noch heimisch fühlt in ihrem Land.        allem, die Produktivität zu steigern: Vier     machte zwölf Millionen Euro Umsatz.
                                            Cruz verlor ihren letzten Job bei einer        Feiertage und drei Urlaubstage wurden             Mit der Immobilienkrise brach das Bau-
                                            spanischen Firma, die mit der Krise in         im März gestrichen, zudem wurde die            geschäft ein, Recoder musste 45 Mitarbei-
                                            Konkurs ging, sie wurde arbeitslos, erhielt    Einführung sogenannter Stundenkonten           ter entlassen und Abfindungen in Höhe
                                            Sozialhilfe. Ein Fortbildungsstipendium        beschlossen, wie sie auch in Deutschland       von 2,8 Millionen Euro zahlen. Das traf
                                            der EU half ihr schließlich, einen kauf-       üblich sind: In Zeiten voller Auftrags-        den Madrilenen so schwer, dass er sich in
                                            männischen Abschluss zu machen.                bücher kann ein Arbeiter bis zu 50 Stun-       den Ruhestand zurückzog. Heute halten
                                            86                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
sein jüngster Bruder und sein                                                                        Bei der Parlamentswahl am 6.
ältester Sohn die Firma am                                                                           Mai wird er die extreme Rechte
Überleben.                                                                                           wählen, „aus Protest“.
   In der Krise verloren in Spa-                                                                        Griechenland hat, was das
nien zunächst die Ungeschulten                                                                       Niveau der Löhne angeht, in
ihren Job, dann die Arbeitneh-                                                                       den vergangenen Jahrzehnten
mer mit Zeitverträgen. Wer ei-                                                                       weit über seine Verhältnisse ge-
nen unbefristeten Vertrag hatte                                                                      lebt. Es war nicht das Niedrig-
und entlassen wurde, erhielt ei-                                                                     lohnland, das es gemäß seiner
nen vergoldeten Handschlag –                                                                         Wirtschaftsleistung hätte sein
das waren eineinhalb Gehälter                                                                        müssen. Seine ständig wachsen-
für maximal 42 Monate, ein Re-                                                                       den Gehälter wurden von Kre-
likt aus Franco-Zeiten.                                                                              diten finanziert.
   Die Konsequenz: Feste Stel-                                                                          Und doch greift das radikale
len sind so rar wie nie, 93 von                                                                      Kürzungsdiktat der Troika zu
100 Arbeitsverträge sind befris-                                                                     kurz, um die griechische Tragö-
tet. Um Spaniens Kleinunter-                                                                         die zu beheben, denn von ech-
nehmern zu helfen, überhaupt                                                                         ten Wachstumsmaßnahmen ist
wieder Personal einzustellen,                                                                        bislang kaum die Rede.
verabschiedete die Regierung                                                                            Ein Gespenst geht um in Süd-
von Premier Mariano Rajoy am                                                                         europa. Oder ist es doch ein gu-
12. Februar eine umfangreiche                                                                        ter Geist? „Europa“, so predigt
Arbeitsmarktreform.                                                                                  Bundeskanzlerin Angela Mer-
   Demnach können Unterneh-                                                                          kel, „kann in der internationa-




                                                                                                   MIGUEL A. LOPES / DPA
mer ohne Zustimmung der Ge-                                                                          len Konkurrenz mit aufstreben-
werkschaften in schwierigen                                                                          den Mächten wie China oder
Zeiten Löhne und Abfindungs-                                                                         Brasilien nur bestehen, wenn
zahlungen senken, Arbeitszei-                                                                        es so wettbewerbsfähig wie
ten verändern und sogar ent-                                                                         Deutschland wird.“ Doch eine
lassen. Sie müssen nur nachwei- Junge Arbeitslose in Lissabon: Schlimmste Talfahrt seit 1974         Kanzlerin, die derzeit üppige
sen, dass sie in drei aufeinander-                                                                   Steuergeschenke wie das Be-
folgenden Quartalen Einbußen erlitten         Dabei ist die Öffnung des Arbeits- treuungsgeld einführen will, taugt nur be-
haben. Dem Arbeitnehmer bleibt dann markts in Griechenland nur eine von zahl- dingt zum Vorbild. Es ist eher die Reform-
nur der Weg vor das Arbeitsgericht.        reichen Baustellen, an denen die Regie- politik ihres Vorgängers Gerhard Schrö-
   Dass die Erwerbslosenzahlen in den rung arbeitet. Die größte Baustelle ist der der, auf die Schuldenstaaten schauen.
kommenden Monaten erneut steigen wer- Staat selbst – und seine ineffiziente Ver-             Nur was genau können sie von den
den, weiß auch Spaniens Premier. 2012 waltung. Mit einem nicht einmal mehr Deutschen lernen? Den rigiden Kündi-
werde „nicht gut“, sagt Rajoy voraus. Er von Experten zu durchblickenden Regel- gungsschutz, der viele kleine Unterneh-
rechne damit, dass das Heer der Arbeits- dickicht legt sie das Land lahm.                  men in Südeuropa knebelt, hat es in
losen bis Jahresende auf sechs Millionen      Auch wegen dieser Überregulierung Deutschland so nie gegeben.
anschwellen werde.                         liegt der Arbeitsmarkt darnieder, auch ih-        Ob die Reformen schließlich weit ge-
   Experten fürchten, dass dann eine Kla- retwegen befindet sich das Land im fünf- nug gehen und die Unternehmen dazu
geflut auf Spaniens Arbeitsrichter zu- ten Jahr der Rezession. Bei derzeit 21 Pro- bringen, mehr Jobs zu schaffen, wird sich
kommt. Obwohl sie dafür nicht ausgebil- zent Arbeitslosigkeit sind die drastischen erst nach der Krise zeigen. Wo diese Jobs
det sind, werden sie anhand von Unter- Lohn- und Gehaltskürzungen vor allem entstehen sollen, ist ebenso unklar. Denn
nehmensbilanzen entscheiden müssen, eine simple Sparmaßnahme, um schnell die industrielle Basis, auf der Deutsch-
ob sie dem Arbeitnehmer oder dem Ar- Geld in die Staatskasse zu spülen.                    lands Wirtschaftswachstum beruht, ist im
beitgeber recht geben. Allein, ob aus die-    Zu den Strukturreformen in Griechen- Süden des Kontinents deutlich schwächer.
sen Maßnahmen überhaupt neue Jobs er- land gehört auch die Liberalisierung der               Klar ist nur, dass die Südstaaten ihren
wachsen, ist mehr als ungewiss.            bislang geschlossenen Berufsgilden wie Sozialstaat abbauen werden, weil sie ihn
   Auch in Griechenland wird der Hori- der der Taxifahrer, Anwälte und Apothe- einfach nicht mehr finanzieren können.
zont auf lange Zeit düster bleiben, und ker. Mit rund 30 Gesetzesentwürfen hat               Widerstände sind vorgezeichnet. Für
nur wenige vermögen dies zurzeit so bit- die Regierung bereits versucht, die über Assunta Linza, die italienische Psycholo-
ter in Worte zu fassen wie Athens Über- Jahrzehnte gewachsenen Interessen- gin, ist der verkrustete Arbeitsmarkt ihres
gangspremier Loukas Papademos. „Wir geflechte aufzulösen – und lief damit ins Landes zwar ein Übel. Und doch ist auch
werden etwas geben müssen, um nicht Leere: „Sie können von mir aus gern Li- sie gegen die Abschaffung des umstritte-
alles zu verlieren“, sagte der Regierungs- zenzen umsonst verteilen“, sagt der Taxi- nen Artikels 18, ohne den sie ihre befris-
chef resigniert, bevor ihn die Abgesand- fahrer Athanasios Trakalas. Das bringe tete Unterstützung von 600 Euro im Mo-
ten von EU, IWF und EZB im Januar be- nichts, der Markt sei übersättigt. Etwa nat nie bekommen hätte.
suchten. Um die Strukturreformen sollte 14 000 Taxen gibt es in Athen, vor ein               Erst neulich demonstrierte sie mit ih-
es gehen, wieder einmal. Genauer: Um paar Jahren waren es noch 8000.                       rem Vater auf der Piazza Venezia in Rom.
die von der Troika geforderten Änderun-       Seit die Menschen immer weniger Geld Linza weiß, dass der wahre Kampf erst
gen auf dem griechischen Arbeitsmarkt. haben, gehen sie lieber zu Fuß oder neh- mit der nächsten Generation beginnt. „In
   So ist geplant, Sonderzahlungen abzu- men die U-Bahn. Früher hat Trakalas im Italien ist die Familie der Wohlfahrtsstaat.
schaffen und die stufenweise Gehalts- Sommer bis zu 6000 Euro im Monat ver- Mein Vater unterstützt mich. Die Frage
erhöhung nach Dienstjahren vorüber- dient, jetzt sind es höchstens 1500 Euro. ist, wer meine Kinder unterstützen wird.“
gehend auszusetzen. Eine Senkung des Die Liberalisierung seiner Branche sei                           FIONA EHLERS, JULIA AMALIA HEYER,
Mindestlohns auf 585 Euro ist bereits be- pure politische Augenwischerei. „Reden                   CHRISTOPH PAULY, DANIEL STEINVORTH,
schlossen.                                 wir lieber über Fußball“, sagt Trakalas.                                       HELENE ZUBER

88                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Ausland




                                                              D E B AT T E




                  Neue Mächte, altes Spiel
       Syriens Schicksal hängt wesentlich von den neo-osmanischen Ambitionen der Türkei ab.
                                      Von Timothy Garton Ash



A
         n dem Tag, an dem ich in Istanbul eintraf, wurde der           Natürlich hat der wortgewaltige und superenergische türki-
         letzte Spross der osmanischen Herrscherfamilie zu sche Außenminister Ahmet Davutoglu den Vorwurf, er betreibe
         Grabe getragen. Ihre Kaiserliche Hoheit Fatma Nes- eine „neo-osmanische“ Politik, in aller Form zurückgewiesen,
lişah Sultan war noch in einem Palast am Bosporus zur Welt aber er hat auch gesagt: „Ich bin nicht nur der Minister eines
gekommen, während ihr Großvater – zumindest nominell – Nationalstaats.“ Der einstige Universitätsprofessor spricht oft
über die Reste eines riesigen, Kontinente überspannenden beredt und ausdauernd über das osmanische Erbe der Türkei.
Reiches herrschte. Am Tag nachdem ich wieder abgereist war, Nach einer solchen Vorstellung, die er vor den versammelten
tötete Gewehrfeuer von Truppen des syrischen Präsidenten Außenministern der Europäischen Union gegeben hatte, scherz-
Baschar al-Assad mehrere Menschen auf türkischem Boden. te einer von ihnen, die EU sei gerade eingeladen worden, sich
Die Schüsse verletzten eine Grenze, die es bis zum Ende des dem Osmanischen Reich anzuschließen. Aber selbstredend
Osmanischen Reiches gar nicht ge-                                                               handelt es sich bei diesem Reich um
geben hatte.                                                                                    eine moderne, verschlankte, republi-
   Auf den ersten Blick scheint es kei-                                                         kanische Version. Sie ist darin jener
nen Zusammenhang zwischen den                                                                   letzten Prinzessin ähnlich, die ihr
beiden Ereignissen zu geben: Das                                                                Leben schlicht als „Frau Osmanoglu“
erste ist lediglich eine historische Ku-                                                        beendete, was man etwa als „Frau
riosität, das zweite gehört zu den                                                              Osman“ übertragen könnte. (Man
dringlichsten politischen und huma-                                                             stelle sich vor, wie „Frau Windsor“,
nitären Herausforderungen unserer                                                               ehemals: the Queen, klingen würde
Tage. Mehr als 9000 Menschen wur-                                                               in jener britischen Republik, die ich
den bisher in Syrien getötet. Weitere                                                           nicht mehr erleben werde.)
Zehntausende sind verwundet wor-                                                                   Wesentlicher noch: Die dynami-
                                                                                           POLARIS / LAIF




den, und, so die Schätzungen, bis zu                                                            sche Wirtschaft der Türkei hat be-
eine Million Männer, Frauen und                                                                 deutende Geschäfts- und Handels-
Kinder haben innerhalb des Landes                                                               interessen in Syrien, während gleich-
ihre Wohnorte verlassen müssen                     Syrische Flüchtlinge in der Türkei           zeitig das komplizierte ethnische
oder sind ins Ausland geflohen. Die                                                             Erbe des aufgeteilten Osmanischen
von Franzosen und Briten geführte                  Richtet die türkische                        Reichs dafür gesorgt hat, dass die ru-
militärische Intervention in Libyen                                                             helosen Kurden heute auf beiden Sei-
wurde durch die glaubhafte Drohung           Armee auf syrischem Gebiet                         ten der türkisch-syrischen Grenze le-
von Muammar al-Gaddafi ausgelöst,                  eine Pufferzone ein?                         ben. Um gar nicht erst von dem un-
er werde unter der Zivilbevölkerung                                                             mittelbaren Druck zu reden, den die
von Bengasi ein Massaker anrichten.                                                             syrischen Flüchtlinge ausüben und
In Homs hat Assad genau das bereits getan. Er hat den Termin der zu einer immer lauteren Diskussion darüber geführt hat,
zum Abzug der syrischen Streitkräfte verstreichen lassen, auf ob die türkische Armee eine Pufferzone oder einen humanitä-
den er sich mit dem ehemaligen Uno-Generalsekretär Kofi An- ren Korridor auf syrischem Gebiet einrichten sollte. Es gibt so-
nan verständigt hatte. Ob der von Annan ausgehandelte, sehr gar Vorschläge, die Türkei solle einen Bruch von Punkt 1 des
fragile Waffenstillstand andauern wird, ist, gelinde gesagt, sehr 1998 geschlossenen Vertrags von Adana konstatieren, nach
ungewiss. Wenn das Ausmaß der Ermordung von Zivilisten dem Syrien „keinerlei Aktivitäten dulden wird, die von seinem
das einzige Kriterium für eine humanitäre Intervention wäre, Staatsgebiet ausgehen und darauf abzielen, die Sicherheit und
hätten wir sie schon vor Wochen beginnen müssen. Verglichen Stabilität der Türkei zu gefährden“. (Dieser Passus richtete
mit diesen Gräueln, was wiegt da schon der Tod einer greisen sich ursprünglich gegen eine Unterstützung kurdischer Gruppen
osmanischen Prinzessin?                                               wie etwa der PKK.) In Istanbul waren auch unbestätigte Be-
   Und doch sind die Ereignisse enger miteinander verknüpft, richte darüber zu hören, dass ehemalige Mitglieder türkischer
als man denken könnte. Für die Türkei bedeutet es einen gewal- Sondereinheiten inzwischen auf Seiten der Freien Syrischen
tigen Unterschied, dass das Territorium, das heute Syrien heißt, Armee kämpfen.
bis zum Ersten Weltkrieg ein ebenso integraler Bestandteil des


                                                                       D
Osmanischen Reiches war wie Irland ein Teil des britischen.                   och es geht hier um mehr. Wenn ich in Bezug auf eine
Dieses historische Bewusstsein ist besonders wichtig für die ge-              humanitäre Intervention schreibe, dass „wir“ sie schon
mäßigt islamistische Regierung der Türkei, deren stellvertreten-              vor Wochen hätten beginnen müssen, wird der Leser
der Premierminister dann auch am Begräbnis der letzten Enkelin automatisch annehmen, mit „wir“ seien im Wesentlichen west-
des letzten Sultans teilnahm. Die Regierungsdoktrin der „stra- liche Mächte gemeint, die bestenfalls im Uno-Auftrag vorgehen
tegischen Tiefe“ sieht die Türkei in ähnlicher Weise als Regio- und im Allgemeinen höflich als „internationale Gemeinschaft“
nalmacht zwischen Europa, dem Nahen Osten und Zentralasien. beschrieben werden. Und es ist ja wahr: Wenn die führenden
90                                                 D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Militärmächte des Westens, allen voran die Vereinigten Staaten,       Wenn ein müder Pascha im Jahr 1912 eingeschlafen und erst
Großbritannien und Frankreich, mit bewaffneten Kräften ein-        heute wieder aufgewacht wäre, würde die Welt große Über-
greifen – was sie in zwei anderen Ecken des ehemaligen Osma-       raschungen für ihn bereithalten, von der Existenz postkolo-
nischen Reiches bereits getan haben, in Bosnien und im Kosovo –,   nialer Staaten bis zu Facebook, von Demokratie bis hin zu
dann hat das einen transformatorischen Effekt. Aber keine dieser   Mobiltelefonen. Doch nach einigen Wochen der Anpassung
Mächte, am wenigsten Washington, hat bisher in Bezug auf Sy-       könnte er sich richtig zu Hause fühlen. Es gibt sie ja noch,
rien irgendwelche Interventionsabsichten erkennen lassen.          könnte er sagen, diese alten Großmächte, die ihre unterschied-
                                                                   lichen Werte und Interessen öffentlich oder im Geheimen ver-


D
         er amerikanische Präsident Barack Obama und der fran-     folgen, damals wie heute Mitspieler in dem bekannten Großen
        zösische Präsident Nicolas Sarkozy müssen erst einmal      Spiel.
        Wahlen gewinnen. Der britische Premier David Came-            Und in der Tat, viele Akteure erscheinen als verkleinerte,
ron ist zu sehr damit beschäftigt, Fleischpasteten zu besteuern    teilmodernisierte Versionen jener alten Mächte: die Türkei
und Handelsbeziehungen in Fernost auszubauen. Diese west-          nunmehr unter Sultan Recep Tayyip Erdogan, Russland unter
lichen Führer werden ihre Empörung bekunden und versuchen,         dem Joch des Zaren Wladimir Putin, China in den letzten Mo-
Wirtschaftssanktionen sowie den diplomatischen Druck mit           naten der Herrschaft Kaiser Hu Jintaos, Großbritannien mit
Hilfe der Uno zu verschärfen, aber irgendwelche Interventionen     dem pausbäckigen Ersten Minister Ihrer (1912: Seiner) Majestät
nach dem Muster Libyens und des Kosovo sind so bald nicht          und so weiter und so fort.
zu erwarten.                                                          Die Balance unter den Nachbarn Syriens wäre eine ganz an-
   Unter diesen Umständen werden andere Staaten das Schick-        dere, wenn die Europäische Union mit ihrem historisch neu-
sal des syrischen Volkes bestimmen. Für die nahe Zukunft           artigen Modell gemeinschaftlich ausgeübter Souveränität sich
wird die Türkei dabei bedeutsamer sein als Großbritannien,         aufgerafft hätte, die Türkei einzubinden, wie sie es schon vor
Iran relevanter als Deutschland, Saudi-Arabien wichtiger als       fast 50 Jahren im Assoziierungsabkommen 1963 zugesichert
Frankreich und Russland einflussreicher als Amerika. In Bezug      hat. Das aber ist nicht geschehen. In Bezug auf Syrien ist die
auf Syrien werden diese Regionalmächte ihre eigenen natio-         Stimme Europas deshalb genauso wenig zu hören wie in so
nalen Interessen verfolgen, die nicht nur durch wirtschaftliche    vielen anderen Bereichen. Das ist auch ein Grund dafür, dass
oder militärische Kriterien vorgegeben werden, sondern auch        jetzt das Schicksal der tapferen Aufständischen und der lei-
durch kulturelle und ideologische Gegebenheiten. Und so gibt       denden Zivilbevölkerung Syriens abhängt vom Wettbewerb
es eben das Gerangel zwischen einem schiitischen nachrevo-         unterschiedlichster souveräner Mächte um die Vorherrschaft
lutionären Iran und einem sunnitischen reaktionären Saudi-         in der Region.
Arabien, zwischen dem postimperialen Russland und der neo-
osmanischen Türkei, vom fernen, aber mächtigen China gar           Garton Ash, 56, lehrt Zeitgeschichte und Politik in Oxford und
nicht erst zu reden, das über ein entscheidendes Votum im          veröffentlichte jüngst die Essay-Sammlung „Jahrhundertwende:
Sicherheitsrat verfügt.                                            Weltpolitische Betrachtungen 2000–2010“.
Ausland

                                                                                         land als normal, und 55 Prozent sagten,
                                                                                         der Antisemitismus sei in Deutschland
                                       ISRAEL                                            auch nicht schlimmer als anderswo in


         Verblichene Gespenster
                                                                                         Europa.
                                                                                            100 000 Israelis haben inzwischen einen
                                                                                         deutschen Pass, 15 000 sollen schon in
                                                                                         Berlin leben. Die Zahl der Direktflüge
                                                                                         steigt von Jahr zu Jahr, trotzdem sind sie
        Deutsche Pässe, deutsche DJs und „Made in Germany“:                              fast immer ausgebucht. In den großen
          Längst gibt es in Tel Aviv eine junge, selbstbewusste                          Städten ist es annähernd unmöglich, ei-
                                                                                         nen jungen Israeli zu finden, der nicht
         Generation, für die Deutschland wieder attraktiv ist.                           schon in Deutschland war oder dorthin
                                                                                                        will. Vor allem Berlin zieht


I
    n seiner ersten Nacht in Deutschland                                                                sie an, die Stadt, von der
    schläft der Israeli Tomer Heymann                                                                   aus einst die „Endlösung“
    mit einem Deutschen. Er hat ihn im                                                                  organisiert wurde, die heute
Club Berghain in Berlin kennengelernt:                                                                  mit billigen Wohnungen
Andreas Josef Merk, blond und katho-                                                                    und dem Versprechen lockt,
lisch. Heymann, Regisseur, jüdisch und                                                                  dass es so schnell nicht lang-
schwul, hält ihn zunächst für einen                                                                     weilig wird. Aber Berlin ist
Schweden, er denkt, Deutsche müssten                                                                    nicht einfach nur ein neues
doch anders aussehen, finsterer vielleicht,                                                             New York, es ist mehr: eine
zackiger, gröber.                                                                                       Bühne, auf der sie ein Rol-
   Am Morgen danach läuft schon die Ka-                                                                 lenspiel von Zugehörigkeit
mera, und der Israeli fragt den Deutschen:                                                              und Identität ausprobieren
Bist du stolz, Deutscher zu sein? Hast du                                                               können. Ein Was-wäre-
je mit deinen Großeltern über den Holo-                                                                 wenn: Was wäre, wenn ich
caust geredet? Nein, sagt der Deutsche,                                                                 in Deutschland geboren




                                                                                                      W-FILM
aber gut möglich, dass sie Nazis waren.                                                                 worden wäre. Wer wäre ich
Dann schweigen sie. Es ist das einzige Dokumentarfilmer Heymann (M.)*: Zwei Minuten Schweigen dann? Wie würde mein Le-
Mal, dass sie über dieses Thema reden.                                                                  ben aussehen?
   Wenig später reist der Deutsche nach                                                                    Natürlich ist dieses neue
Tel Aviv, mit zwei Koffern und einem                                                                    Verhältnis nicht immer un-
One-Way-Ticket. Sie feiern zusammen                                                                     problematisch. Natürlich ist
Pessach und Weihnachten; der Deutsche                                                                   nicht alles gut, vergessen,
erklärt, wie man Pfannkuchen in der Luft                                                                vergeben. Es gibt noch im-
wendet, der Israeli, dass man am Holo-                                                                  mer 17-Jährige mit deut-
caust-Gedenktag stillsteht, die Arme eng                                                                schen Wurzeln, die zittern
am Körper, zwei Minuten Schweigen. Am                                                                   vor Scham, wenn der Holo-
Ende wird ein Film daraus, es ist ein 56-                                                               caust in der Schule durch-
minütiges Protokoll der neuen Unbefan-                                                                  genommen wird. Es gibt
genheit zwischen Israelis und Deutschen.                                                                andere, die schwören, nie
   „I Shot My Love“ heißt er, es ist die                                                                nach Deutschland zu fahren.
Liebeserklärung eines Israelis, dessen                                                                  Die Erinnerung an den Ho-
                                            MARCO-URBAN.DE




Großeltern 1936 aus Berlin flohen, an ei-                                                               locaust sei Leitprinzip ihres
nen deutschen Tänzer aus Bayern – und                                                                   Lebens, antworteten kürz-
das Bemerkenswerte daran ist: wie nor-                                                                  lich 98 Prozent der jüdi-
mal diese Liebe inzwischen wirkt.           „Meschugge“-Party in Berlin: 15 000 zugewanderte Israelis   schen Israelis bei einer Um-
   Ein neuer Umgang miteinander hat                                                                     frage. Und als das Israel
sich da entwickelt, fern der ewigen deut- nach Berlin das Normalste der Welt ist. Chamber Orchestra voriges Jahr in Bay-
schen Debatten, in denen alte Männer Für die Deutschland inzwischen nicht nur reuth ein Stück von Richard Wagner spiel-
mit ihren Gespenstern ringen und Politi- ein Land wie jedes andere ist, sondern: te, da sorgte das in der Heimat der Musi-
ker sich mit Zwangsritualen abmühen, eines der beliebtesten Länder.                      ker für einen Aufschrei. Aber auch dies:
Pflichtbesuch von Jad Vaschem hier,           Vor allem geht es um ein Gefühl, um vor allem ein Zeichen für den Wandel,
Pflichtbesuch von Dachau dort. Längst ein neues israelisches Selbstbewusstsein weniger für das Beharren. Symbolischer
gibt es eine neue deutsch-israelische Rea- gegenüber Deutschland, geprägt von Neu- Restwiderstand einer älteren Generation,
lität jenseits der Betroffenheitsroutine – gier und Entdeckungsdrang. Die Jungen die sich mit der neuen Entspanntheit der
und zwar vor allem in Israel.               fordern nicht mehr das stetige Erinnern jungen schwertut.
   Fast 70 Jahre nach dem Ende des Holo- ein, sondern das Recht, auch mal verges-           Tomer Heymann fragt im Film irgend-
caust sterben nach und nach die letzten sen zu dürfen. Wer diesen Wandel in Zah- wann seine Mutter: Stört es dich, dass
Überlebenden, das verändert die Sicht len zu fassen sucht, begreift am besten, dein Sohn etwas mit einem Deutschen
der jüngeren Israelis auf Deutschland. We- wie groß er ist: Ein Viertel der Israelis hat? Nein, sagt sie, gar nicht. Später sagt
nig beeinflusst von historischen Tabus, wünschte sich vor zwei Jahren, dass sie: Ihr seid so unterschiedlich. Du solltest
bestimmen sie neu, was dieses Land für Deutschland die Fußball-Weltmeister- dir jemanden suchen, der dir ähnlich ist.
sie bedeutet. Ein, zwei Generationen sind schaft gewinnen würde. In einer Umfrage Sie meint: einen Juden. Hat er nicht ge-
da nachgewachsen, die es nicht mehr von 2009 bezeichneten 80 Prozent die Be- tan, sie sind noch immer zusammen, auch
merkwürdig finden, dass eine Firma wie ziehungen zwischen Israel und Deutsch- sechs Jahre später. Und die Mutter? Fin-
Birkenstock in Israel mit „Made in Ger-                                                  det das inzwischen gut, denn der junge
many“ wirbt, und für die ein Kurztrip * Mit Partner Andreas Josef Merk, Mutter Noa.      Deutsche hat ihr einen Teil ihrer eigenen
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ISRAELIMAGES / AKG
Strandleben in Tel Aviv: Das Recht, auch mal vergessen zu dürfen

Familiengeschichte zurückgebracht, der          Geschwister, einer davon der Dokumen-          spüren, etwa auf einer dieser Berlin-Par-
lange verschüttet war.                          tarfilmer David Fisher, nach Österreich,       tys in Tel Aviv. Manchmal reicht dafür
   Aber die Frage bleibt, ob ein Partner        um ihren Vater besser zu verstehen, der        eine zum Club umfunktionierte Privat-
aus Deutschland für einen Israeli an-           nicht viel mehr erzählte als dies: dass er     wohnung aus, ein Lagerfeuer auf dem
gemessen ist, sie wird derzeit in vielen        in Auschwitz war. Hunger, Leid, Wag-           Dach und darunter eine schwülheiße
israelischen Familien diskutiert. Denn so,      gons, Bruchstücke des Grauens, nie mehr.       Tanzfläche, wo die Barkeeper NVA-Müt-
wie sich immer mehr Israelis nach                  Doch nach seinem Tod finden die Kin-        zen tragen, ein Berliner DJ auflegt und
Deutschland aufmachen, so lernen sie            der seine Erinnerungen, in denen be-           ein Wegweiser steht: Zoologischer Gar-
auch mehr Deutsche kennen und lieben.           schreibt der Vater, wie er in Hitlers unter-   ten, Hamburger Bahnhof, X-Berg.
In Tel Aviv sind die Hebräischkurse voller      irdischer Flugzeugfabrik schuften musste.         Fast schon ein Rausch ist diese Begeis-
nichtjüdischer Ausländer, darunter be-          Also fahren sie hin, steigen in die Tunnel,    terung. Wie ist sonst zu erklären, dass
sonders viele Deutsche, die die Sprache         um seinem Leidensweg nachzuspüren.             Hans Falladas Berlin-Roman „Jeder stirbt
ihres Partners lernen wollen. So voll, dass     Zehn Monate arbeitete der Vater dort, er-      für sich allein“ im vergangenen Jahr wo-
für sie schon Extraklassen eingerichtet         zählen sie einem verblüfften Historiker.       chenlang auf den israelischen Bestseller-
wurden. Gleichzeitig lernen zahlreiche          Ein Wunder, sagt der. Die durchschnittli-      listen ganz oben stand, 64 Jahre nach sei-
Israelis Deutsch, die Kurse des Goethe-         che Überlebensdauer betrug eine Woche.         ner Erstveröffentlichung? Dass es in Tel
Instituts sind begehrt wie nie.                    So groß ist das Interesse, dass seit        Aviv nichts Ungewöhnliches ist, wenn der
   Es ist kein Zufall, dass das gerade jetzt    knapp drei Jahren sogar israelische Frei-      deutsche Besucher beim Eiskauf in ein
passiert, in dieser dritten Generation, die     willige in Deutschland arbeiten, in Kin-       Gespräch über Fatih-Akin-Filme verwi-
nicht mehr vorrangig damit beschäftigt          dergärten, Museen und Jugendzentren.           ckelt wird?
ist, Israeli zu sein. Ihre Großeltern haben     Nicht nur um die Vergangenheit zu er-             Hunderte solcher Begegnungen gibt es
entweder voller Wut Siemens und Volks-          kunden, sondern um der Gegenwart eine          in dieser Stadt, jeder Israeli hat seine
wagen boykottiert oder zogen es vor, wei-       neue Erfahrung, einen neuen Wohnort            eigene Geschichte zu Deutschland. Da ist
terhin ihren Goethe auf Deutsch zu lesen.       hinzuzufügen. Einfach weil da der              die Lehrerin, die auf dem Handy stolz
Ihre Eltern mussten das Deutsche aus ih-        Wunsch ist, etwas anderes zu erleben,          ein selbstgedrehtes Video von ihrer
rem Leben verdrängen, um echte Israelis         nach der Armee nicht nach Goa zu reisen,       Tochter auf einem Konzertabend zeigt.
zu werden. Die Enkel ruhen viel sicherer        sondern eben nach Berlin.                      Mit Hingabe singt diese Bertolt Brecht,
in ihrer israelischen Identität, und so fällt      Wie sehr unterscheidet sich das von         das Lied vom Surabaya Johnny aus dem
es ihnen nun leichter, ihre Wurzeln zu          dem, was die deutschen Volontäre in Is-        Musical „Happy End“. Oder die junge
erforschen und das Schweigen aufzubre-          rael berichten. Sie kommen noch immer          Vermieterin, die beim Vertragsabschluss
chen, das noch immer in vielen Familien         in Scharen, rund tausend jedes Jahr, und       erzählt, dass ihre Großmutter gerade so
über das persönliche Leid im kollektiven        oft sind sie enttäuscht, hier mit ihrem Süh-   dem KZ entronnen sei. Ob sie kurz anru-
Horror des Holocaust herrscht.                  negedanken allein zu sein. Die Israelis        fen solle? Und dann schon die Nummer
   Auch deshalb gibt es gerade jetzt so         wollen einfach nicht ständig über den Ho-      wählt, die Großmutter an die Deutsche
viele Filme, in denen Israelis dokumen-         locaust reden.                                 weitergibt, man redet über: Dörfer im
tieren, wie sie die lange verschütteten Ge-        Diese neue Selbstverständlichkeit im        Umkreis von Bremen.
schichten ihrer Vorfahren entdecken. In         Umgang mit der Vergangenheit verändert            Merkwürdig? Ganz normal, ständig
„Six Million and One“ etwa fahren vier          auch Israel. Das ist an vielen Orten zu        passiert das, und nicht nur in Tel Aviv,
                                                      D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                           93
Ausland

sondern auch im Moschaw Dischon ganz
im Norden, in Jerusalem oder in Beer-
scheba am Rande des Negev.                                                              FRANKREICH




                                                                       Auf dem Mond
   Kürzlich beantragte ein israelischer
Journalist den deutschen Pass, es wäre sei-
ne dritte Nationalität. Yermi Brenner, 32,
ist Israeli, US-Amerikaner und bald auch
Deutscher, so verspricht es das Grund-
gesetz, Artikel 116, Absatz 2: Menschen,        Am Sonntag findet der erste Teil der Präsidentschaftswahlen
denen im Nationalsozialismus die Staats-         statt, nach einem eigenartigen Wahlkampf, in dem viel von
bürgerschaft entzogen wurde, haben ein
Anrecht auf einen deutschen Pass, ebenso       Personen, aber wenig von Wirtschaftsproblemen die Rede war.
ihre Nachkommen. Früher hätte man ihn


                                              A
in Israel einen Verräter genannt. Wer ei-              ls Präsident würde er den Mars       In diesem Jahr muss man besonders
nen deutschen Pass beantragte, der tat                 kolonisieren, sagt Jacques Chemi- froh sein um die Außenseiter. Sie verlei-
das verschämt. Heute erzählt man das sei-              nade, Kandidat der Partei Solida- hen einem Wahlkampf Farbe, dem an-
nen Freunden und wird dafür beneidet.         rität und Fortschritt, und Barack Obama sonsten etwas Deprimierendes inne-
   Etwa seit der Jahrtausendwende             mit Adolf Hitler zu vergleichen, das finde wohnt. Auf der einen Seite ist da ein
wächst die Zahl der Israelis mit deut-        er auch in Ordnung.                        Amtsinhaber, der einer Mehrzahl der
schem Pass rasant. Für manche ist es eine        Vier Millionen Franzosen schauen ihm Franzosen unsympathisch ist und der mit
Versicherungspolice gegen Krieg und Ter-      dabei zu, am vergangenen Donnerstag, aller Kraft versucht, sie zu überzeugen,
ror, für andere eine Frage der Bequem-        in der Wahlsendung „Des paroles et des dass nur er das Land führen könne.
lichkeit, weil damit oft die Visumpflicht     actes“ auf France 2. Später am
wegfällt. Manche sehen es als späten          Abend kommt die Trotzkistin Na-
Triumph. Für Yermi Brenner ist es eine        thalie Arthaud an die Reihe. Sie
Frage der Optionen. Und eine dieser           will die freie Marktwirtschaft ab-
Optionen ist, eines Tages in Deutschland      schaffen und schwärmt von der
zu leben, so wie er jetzt erst einmal in      Diktatur des Proletariats.
New York studieren will.                         Cheminade und Arthaud sind
   Ist es schwierig, die Nationalität der     bei der ersten Runde der Präsident-
Täter anzunehmen? Das ist eine Frage,         schaftswahlen am kommenden
die wohl nur ein Deutscher stellen kann.      Sonntag chancenlos. In Umfragen
Brenner selbst stellt sie sich nicht.         erhalten sie jeweils ein halbes Pro-
   Schwer war es nur für den Vater, der       zent der Stimmen. Aber sie haben
zuerst die deutsche Staatsangehörigkeit       je 500 Unterschriften von Bürger-
beantragen musste, damit sein Sohn den        meistern und Abgeordneten be-
deutschen Pass bekommt. Er ist einer die-     kommen, gehören damit zu den
ser typischen Vertreter der zweiten Ge-       zehn offiziellen Kandidaten – und
neration, aufgewachsen im Schatten des        die TV-Sender sind gesetzlich ver-
Holocaust und mit dem Schweigen seiner        pflichtet, ihnen genau gleich viel
Mutter. Erst nachdem die Großmutter           Redezeit einzuräumen wie Präsi-
starb, erfuhr die Familie mehr über sie –     dent Nicolas Sarkozy, der in der
ausgerechnet von einer deutschen For-         Sendung ebenfalls nur 16 Minuten
scherin. Sie recherchierte die Geschichte     lang reden darf.
der Großmutter, die in Auschwitz war             Der Sieger wird erst am 6. Mai
und floh, indem sie vom Zug sprang und        feststehen, wenn die beiden best-
sich nach Berlin durchschlug, wo ein          platzierten Kandidaten in der Stich-
Deutscher sie versteckte.                     wahl gegeneinander antreten –
   Die deutsche Forscherin ist inzwi-         voraussichtlich Präsident Nicolas
schen eine Freundin der Familie, und          Sarkozy und sein sozialistischer
                                                                                            IMAGO




der Enkel der Auschwitz-Überlebenden          Herausforderer François Hollande.
hat in Bayreuth einen Deutschkurs ge-            Es ist ein seltsamer Wahlkampf, Präsidentschaftskandidaten Sarkozy, Mélenchon, Hollande:
macht. Bald wird er Deutscher sein. Und       der in diesen Tagen in seine
eigentlich, sagt er, fühle sich das sehr      Schlussphase eintritt. Die französischen      Auf der anderen Seite ist da der sozia-
normal an.                                    Präsidentschaftswahlen haben zwar Ähn- listische Präsidentschaftskandidat Fran-
   Vieles ist inzwischen so normal in Isra-   lichkeiten mit den amerikanischen, weil çois Hollande, der in Umfragen zur Stich-
el. Auch dass in der vergangenen Woche        sich zwei Politiker um die Macht duellie- wahl seit Monaten deutlich führt, als soli-
ein israelischer Anwalt in der Tel Aviver     ren. Aber sie haben auch etwas Altertüm- der Pragmatiker gilt, mit seinem Buchhal-
Redaktionsvertretung des SPIEGEL an-          liches: Fast alle Kandidaten schreiben tercharme die Wähler aber nicht für sich
rief und bat, ob man den Kontakt zu           staatstragende Bücher, die tatsächlich ge- einnehmen kann. In Umfragen geben bis
Günter Grass herstellen könne? Er würde       kauft werden; wenn sie im Fernsehen auf- zu zwei Drittel seiner Unterstützer an, vor
gern helfen, gegen dessen Einreiseverbot      treten, kündigen sie das ihren Wählern allem Sarkozy verhindern zu wollen.
nach Israel zu klagen, sogar kostenlos.       schwülstig als „Verabredung“ an. Zu den       Die Franzosen haben also die Wahl
Der Meinungsfreiheit wegen.                   Absonderlichkeiten gehört das Aufgebot zwischen einem Mann, den sie nicht
   Es wäre zu wünschen, dass es dem An-       der Chancenlosen, von den Franzosen mehr wollen, und einem Mann, den sie
walt gelänge, und wenn auch nur, damit        die „kleinen Kandidaten“ genannt – sie auch nicht so recht wollen.
Günter Grass einmal dieses neue Israel        sind die geduldeten Hofnarren in einer        Das lähmende Gefühl, das den Wahl-
erleben könnte.                               formalisierten Show, an deren Ende das kampf kennzeichnet, hat mit einer weit-
                  JULIANE VON MITTELSTAEDT    Volk einen neuen König wählt.              gehend unausgesprochenen Tatsache zu
94                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
tun: Wie die Wahl auch ausgehen wird,                                Steuereinnahmen erhöhen als die Ausga-        leichtbekleideten Sängerin: „Jean-Luc, er-
   alle Programme werden sich binnen Ta-                                ben verringern. Nicolas Sarkozy will          greife die Macht über mich“.
   gen als Makulatur erweisen. Die Franzo-                              zwar Einsparungen, er hätte dafür aber           Der Kandidat des „Front de gauche“ ist
   sen werden am 7. Mai, nach der Wahl-                                 schon die letzten fünf Jahre Zeit gehabt.     die einzige Überraschung im Wahlkampf:
   party, mit einem Kater erwachen.                                       Die Kandidaten versuchen stattdessen,       Er könnte noch vor der Rechtspopulistin
      Frankreich ist ein wirtschaftlich kran-                           die Wähler zu locken mit dem vertrauten       Marine Le Pen auf den dritten Platz kom-
   kes Land. Es hat eine Staatsverschuldung                             Bild des mächtigen Frankreich, das            men. Sie lag vor einem Jahr in Umfragen
   von 90 Prozent des Bruttoinlandsproduk-                              Europa seine Meinung aufzwingen kann:         vor dem Präsidenten – doch Sarkozy hat
   tes, seit 1974 gab es kein ausgeglichenes                            Hollande will den Fiskalpakt neu verhan-      wie schon 2007 Teile ihres Programms
   Budget, die Staatsquote ist die höchste                              deln, den 25 Staaten geschlossen haben.       übernommen und damit viele Wähler der
   der Euro-Zone: 57 Prozent der Wirt-                                  Sarkozy will die Schengener Abkommen          extremen Rechten an sich gebunden.
   schaftsleistung hängen am Tropf des                                  verschärfen und droht damit, die EU zu           Der zweite Star dieser Kampagne war
   Staats. Die Arbeitslosigkeit beträgt 10                              boykottieren. Darin zeigt sich die Sehn-      kein Kandidat, sondern ein glatzköpfiger
   Prozent, und es gibt eine ganze Genera-                              sucht nach einer Größe, die von genau         Wirtschaftsjournalist namens François
   tion von Migrantenkindern, die in ghet-                              jener wirtschaftlichen Schwäche bedroht       Lenglet. Er erlangte Kultstatus, weil er in
   toähnlichen Vorstädten aufwachsen und                                wird, der die Kandidaten wenig entge-         der Wahlsendung „Des paroles et des
   mit dem Arbeitsmarkt kaum in Berüh-                                  genzusetzen haben.                            actes“ allen Kandidaten vorrechnete, wie
   rung kommen.                                                           Die Wirklichkeitsferne dieses Wahl-         unsinnig ihre wirtschaftlichen Vorschläge
      Sein AAA-Rating von Standard                                     kampfs verkörpert niemand besser als          sind – gern nahm er auch Grafiken zu
   Poor’s hat das Land bereits verloren. Und                            der linkspopulistische Kandidat Jean-Luc      Hilfe. Damit änderte er zwar nichts an
   manche Experten und Politiker fürchten,                              Mélenchon, der in Umfragen für den ers-       ihren Illusionsspielchen, führte aber zu-
   dass die Finanzmärkte als Nächstes die                               ten Wahlgang, je nach Institut, bis zu 17     mindest ein wenig Realitätssinn ein.
                                                                                                                                Viele Kandidaten reagierten be-
                                                                                                                             leidigt. Sie sind es gewohnt, von
                                                                                                                             französischen Journalisten unter-
                                                                                                                             würfig interviewt zu werden. Kri-
                                                                                                                             tischer Journalismus, wie Lenglet
                                                                                                                             ihn zeigte, ist im Fernsehen selten.
                                                                                                                             Und die Tagespresse teilt sich auf
                                                                                                                             in parteipolitische Lager: „Le Figa-
                                                                                                                             ro“ vertritt die Haltung der Regie-
                                                                                                                             rung und attackiert täglich Hol-
                                                                                                                             lande. Die linke „Libération“
                                                                                                                             macht Wahlkampf für Hollande.
                                                                                                                                In den meisten französischen
                                                                                                                             Medien gab es in den vergangenen
                                                                                                                             Monaten nur eine Frage: ob Sarko-
                                                                                                                             zy es noch einmal schaffen könne.
                                                                                                                             Sie lässt sich auch eine Woche vor
                                                                                                                             dem ersten Wahlgang nicht beant-
                                                                                                                             worten, aber die Wahrscheinlich-
                                                                                                                             keit, dass ihm der Sieg gelingt, war
                                                                                                                             von Anfang an klein. Sie ist nicht
                                                                                                                             größer geworden.
                                                                                                                                Der Präsident hat nach den At-
                                                                                                                             tentaten von Toulouse und Mon-
                                                                                                                          DENIS ALLARD / REA / LAIF
                                                FOTOGLORIA / LUZPHOTO




                                                                                                                             tauban vorübergehend zugelegt in
                                                                                                                             den Umfragen, aber den klaren
                                                                                                                             Vorsprung Hollandes in der Stich-
                                                                                                                             wahl nie aufholen können. Wichtig
                                                                                                                             ist aber auch, welcher Kandidat
Es ist ein Wahlkampf, dem etwas Deprimierendes innewohnt                                                                     seine Wähler besser mobilisieren
                                                                                                                             kann. Das wird für Hollande trotz
   zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-                                Prozent der Stimmen erhält. Wegen Mé-         seines Vorsprungs eine Herausforderung,
   Zone attackieren könnten. Frankreichs                                lenchons Erfolg bei linken Wählern könn-      weil er keine Begeisterung weckt.
   Lage ist zwar nicht annähernd vergleich-                             te der Sozialist Hollande am Sonntag so-         Der große Kampf der beiden, von den
   bar mit der in Griechenland oder Spanien.                            gar hinter Sarkozy liegen.                    Medien zelebriert und verstärkt, ver-
   Aber das Land ist angeschlagen, steigen-                                Mélenchon will den monatlichen Min-        schleiert aber das Eigentliche: Wer auch
   de Zinsen für seine Anleihen würden die                              destlohn um 300 auf 1700 Euro erhöhen,        gewinnt, Sarkozy oder Hollande, wird
   Euro-Krise massiv verschärfen.                                       eine Steuer von 100 Prozent auf Jahres-       nach der Wahl gezwungen sein, als Präsi-
      Im Wahlkampf kommt die dramatische                                einkommen über 360 000 Euro und Frank-        dent eine ziemlich ähnliche und sicherlich
   Lage des Landes kaum zur Sprache – vor                               reichs Austritt aus der Nato. Er ist ein      schmerzhafte Politik zu verfolgen.
   allem nicht die Maßnahmen, die nötig                                 charismatischer Redner, bei seinen Auf-          Bis dahin ist Jacques Cheminade zwar
   wären, um sie zu beheben. Während der                                tritten – etwa bei der Bastille in Paris –    der bizarrste Kandidat, aber bei weitem
   Rechnungshof fordert, dass der Staat in                              schwenken Zehntausende Anhänger rote          nicht der einzige, der sich mit seinen Vor-
   den nächsten fünf Jahren 100 Milliarden                              Fahnen und singen die „Internationale“.       schlägen auf dem Mond befindet. Der
   Euro sparen müsse, kündigt Hollande 20                                  Sein Erfolg hat ihn zu einer Art Popstar   Aufprall in der Wirklichkeit wird, so oder
   Milliarden Neuausgaben an und will in                                gemacht. Der YouTube-Hit der letzten          so, hart ausfallen.
   alter sozialistischer Manier lieber die                              Tage war das Spaßvideo einer blonden,                                         MATHIEU VON ROHR

                                                                              D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                95
USA




      Die seltsamen
         Heiligen
 Ihr Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney ist
Mormone, schon deshalb tun sich die frommen
 Republikaner mit ihm schwer. Was macht den
Kern seines Glaubens aus? Von Gerhard Spörl                                                                           Mormonen-Tempel in Salt Lake City

                                                                                                                                             BARBAGALLO / LAIF




 S
        iebzehn Jahre lang war Sal Velluto     nen Gläubigen ohnehin eine Macht – eine                          Auch Romney geht mit seinem Glau-
       der brave Sohn katholischer Eltern.     stille Macht, denn die Mormonen machen                        ben diskret um. Dabei könnte er viel er-
       Er rauchte nicht, er trank kaum.        in der Öffentlichkeit möglichst wenig Auf-                    zählen über Mormonismus als Glaube
 Sonntags ging er zur Messe und gehörte        hebens um ihren Glauben.                                      und Lebensform. Wie es seine Kirche ver-
 auch einer katholischen Jugendgruppe             Eher zufällig stellte sich heraus, dass                    langt, ging er zweieinhalb Jahre auf Mis-
 an: ein Teenager, wie sie ihn sich dort un-   der Schauspieler Ryan Gosling („Ides of                       sion, nach Bordeaux und Paris; seither
 ten in der süditalienischen Hafenstadt Ta-    March“) in einer Mormonen-Familie auf-                        spricht er ziemlich gut Französisch.
 rent nur wünschen können. Plötzlich aber      wuchs, dass die Schriftstellerin Stephenie                       Die Familie Romney ist der Kirche seit
 wurde aus dem Musterknaben ein Rebell.        Meyer („Twilight“-Saga) Mormonin ist,                         Generationen verbunden. Mitts Urgroß-
    Nein, er trat nicht in die Kommunis-       genauso wie die Sängerin Gladys Knight.                       vater lebte in Mexiko, im Städtchen Ga-
 tische Partei ein oder schloss sich einer     Auch die Hotelfamilie Marriott, der Grün-                     leana, und hatte fünf Frauen – Polygamie
 Straßengang an. Aber er setzte sich ab        der von JetBlue Airways und General                           gehörte damals zu den mormonischen
 von Elternhaus und katholischer Kirche,       Brent Scowcroft, Nationaler Sicherheits-                      Bräuchen. Auch sein Vater wurde dort
 indem er es einem Freund nachmachte,          berater im Weißen Haus unter George H.                        geboren und kam erst mit fünf Jahren in
 der den Glauben gewechselt hatte: Er          W. Bush, sind Mormonen. Und natürlich                         die USA; in Mexiko hat Mitt Romney heu-
 wurde zum Mormonen.                           der republikanische Präsidentschafts-                         te noch etliche Cousins und Cousinen.
    Seit 1984 lebt Velluto dort, wo die Mor-   bewerber Mitt Romney, der Barack Oba-                            Er und seine Frau Ann haben fünf Söh-
 monen ihr Jerusalem gebaut haben, die         ma aus dem Weißen Haus vertreiben                             ne, die auch mit Mormonen-Traditionen
 Welthauptstadt dieser merkwürdigen Re-        möchte.                                                       groß wurden. Dazu gehören Familien-
 ligion im Westen der USA, in Salt Lake                                                                      abende mit Lesungen aus dem „Buch
 City. Mittlerweile ist er 56 Jahre alt und                                                                  Mormon“, der Bibel der Mormonen. Eine
 mit einer Mormonin verheiratet. Das Paar                                                                    typische Mormonen-Familie: bibelfest,
 hat vier Kinder und führt ein glückliches                                                                   kinderreich, familienzentriert. Überdies
 Leben, und das, sagt er, habe natürlich                                                                     diente Romney seiner Kirche auch als
 auch mit seiner Religion zu tun: „Sie                                                                       Laienbischof. Es spricht viel dafür, dass
 rückt mein Leben in die richtige Perspek-                                                                   sein Glaube ihm einiges bedeutet.
 tive. Ich stehe wie auf einer Anhöhe und                                                                       Solche Details lassen sich in den Bio-
 kann das Getümmel unter mir in aller                                                                        grafien über den Kandidaten nachlesen.
 Ruhe ordnen.“                                                                                               Romney selbst meidet es, über die Fami-
    Aus Sicht der Mormonen ist der Italie-                                                                   liengeschichte und seinen polygamen Ah-
                                                                                             ULLSTEIN BILD




 ner Sal Velluto ein Glücksfall, ein Beweis                                                                  nen zu sprechen. Erst nach langem Zö-
 dafür, dass sogar im säkularen Europa                                                                       gern gab er wenigstens so viel preis, dass
 noch neue Seelen zu holen sind, nicht                                                                       er in den vergangenen beiden Jahren sei-
 nur in Afrika oder Lateinamerika. In den      Überfall auf Mormonen-Gründer Smith 1844                      ner Kirche insgesamt 4,1 Millionen Dollar
 USA ist diese Religion mit sechs Millio-      Feindseligkeit als Auszeichnung                               gespendet habe.
 96                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Ausland

   Sal Velluto ist ein glühender Anhänger Religion und das Verhältnis der Mormo-                   Einladung zu einem kleinen Gespräch im
Romneys. Er hat seinen Laptop mit- nen zu Amerika, damit die frommen Re-                           Amtszimmer. Die höflichen Zeilen seien
gebracht und führt darauf eine Auswahl publikaner Frieden mit ihm machen.                          ein Lichtblick gewesen in seinem Dasein
seiner Werke vor – Comics, in denen es       Wäre Romney Mitglied einer protes-                    als Missionar, „das sonst fast ausschließ-
von kraftvollen Figuren nur so wimmelt, tantischen Mainstream-Kirche, dann wä-                     lich aus Ablehnung, Zurückweisung und
allesamt Abwandlungen von Superman ren die Vorwahlen schon entschieden. So                         Absagen bestand“, sagt Hinckley.
oder Batman, von Spiderman und Thor. aber ziehen sie sich dahin, auch wenn                            Der Mormonismus ist eine junge Reli-
Velluto ist ein gutbeschäftigter Zeichner, Rick Santorum, der einzige ernsthafte                   gion. Nicht 2000 Jahre Vergangenheit lie-
er illustriert Bücher und arbeitet für Gegenspieler, vorige Woche aufgab. Die                      gen hinter ihr, nicht einmal 200, und an
Zeitschriften. Und er macht Wahlkampf verbliebenen Rivalen, die Ultrakonser-                       Feindseligkeit ist sie gewöhnt. Die Familie
für Romney. Auch ihn zeichnet er als vativen Newt Gingrich und Ron Paul,                           Hinckley gehört zum Uradel dieses Glau-
Superman, an dem die Beschuldigungen haben nicht den Hauch einer Chance,                           bens, der Urgroßvater Hinckley schloss
wie Geschosse abprallen. Seine Zeich- aber sie machen weiter. Und die From-                        sich 1839 Joseph Smith an, dem Gründer-
nungen kann man gegen eine Wahl- men in der Partei werden vermutlich bis                           Propheten der Kirche. Im Städtchen Nau-
kampfspende im Internet bestellen.                                                                       voo, Bundesstaat Illinois, entstan-
Stolze 560 000 Dollar haben Velluto                                                                      den die erste große Siedlung und
und seine Freunde schon zusam-                                                                           der erste große Tempel der Mormo-
mengebracht.                                                                                             nen, und in dieser Umgebung ereig-
   Wie Velluto halten Oligarchen                                                                         nete sich 1844 auch die große Kata-
und Geldgeber der Republikani-                                                                           strophe der neuen Religion, als Jo-
schen Partei Mitt Romney für ihren                                                                       seph Smith von einem Mob ermor-
besten Kandidaten. Romney sieht                                                                          det wurde, da war er 38 Jahre alt.
kantig aus, er war ein erfolgreicher                                                                        Smith war ein armer Landarbei-
Geschäftsmann, und die Olympi-                                                                           ter, kaum des Lesens und des
schen Winterspiele 2002 in Salt                                                                          Schreibens kundig. Er behauptete,
Lake City hat er damals vor kor-                                                                         ihm seien erst Gott und Christus
rupten Funktionären gerettet. Dann                                                                       und später der Engel Moroni er-
wählte ihn ausgerechnet der libera-                                                                      schienen, und sie hätten ihm den
le Bundesstaat Massachusetts zum                                                                         Weg zu goldenen Platten gewiesen,
Gouverneur. Reich, fromm, flexibel:                                                                      auf denen in einer altägyptischen
Wer kann ernsthaft etwas gegen so                                                                        Schrift die neue Religion geschrie-
einen Kandidaten haben?                                                                                  ben gewesen sei. Er habe sie nach
   Das können Baptisten und Evan-                                                                        göttlicher Weisung „mit einer Pro-
gelikale, die in den Südstaaten eine                                                                     pheten-Brille“ übersetzt.
Bastion bilden, und dazu die Tea                                                                            1830 erschien das „Buch Mor-
Party, die feste Burg des aller-                                                                         mon“, und der neue Kult fand er-
schlichtesten Konservatismus in                                                                          staunlich schnell Anhänger in die-
den USA. Gemeinsam bilden sie                                                                            ser religiös aufgewühlten Zeit, in
eine Mehrheit innerhalb der Repu-                                                                        der dann auch die Bewegungen der
blikanischen Partei, und alle sind                                                                       Adventisten, der Zeugen Jehovas
sie voller Misstrauen gegen Rom-                                                                         und der Pfingstler entstanden.
ney, weil er Mormone ist. Mor-                                                                           Historiker nennen dieses Phäno-
monen wie er sind keine Christen,                                                                        men „die zweite große Erweckung
sagen die Traditionalisten, weil                                                                         Amerikas“, die religiöse Revolution
                                                                                                       SAL VELLUTO




Mormonen behaupten, dass Gott                                                                            50 Jahre nach der politischen.
Mensch war und Menschen Götter                                                                              Smith hielt Anhänger wie Ur-
werden können. Mormonen kön- Romney-Cartoon*: Der Bewerber als Superman                                  großvater Hinckley dazu an, ein
nen deshalb nicht das ewige Leben                                                                        neues Jerusalem zu bauen, um die
finden, sagen sie, sondern sind zum ewi- zur letzten Sekunde darauf hoffen, dass                   Wiederkehr Christi vorzubereiten. Die
gen Tod verdammt.                          Sarah Palin, die Jeanne d’Arc des weißen,               Mormonen waren fleißige Siedler, sie bil-
   Das ist Theologie und hat eigentlich konservativen Amerika, auf ihr Pferd                       deten eine Arbeits- und Betgemeinschaft,
mit Politik wenig zu tun. Dabei gab es steigt und den Mormonen besiegt.                            sie halfen einander und fühlten sich als
schon einmal einen republikanischen Prä-     John F. Kennedy war der erste katholi-                Auserwählte. Mit ihrer seltsamen Reli-
sidenten, der sich mit etlichen Mormonen sche Präsident. Barack Obama ist der ers-                 gion erregten sie den Zorn und den Neid
umgab: Ronald Reagan, die Ikone des te schwarze Präsident. Und der Mormone                         der Andersgläubigen, der Methodisten,
konservativen Amerika. Unter seinen Mi- Romney schafft es kaum, Kandidat der                       Baptisten oder Presbyterianer. Die räch-
nistern, Botschaftern und Ratgebern gab Republikaner zu werden?                                    ten sich, brannten Tempel und Häuser
es viele Gläubige aus der „Kirche Jesu       „Wir kennen die Vorurteile über uns“,                 nieder, teerten und federten die hoch-
Christi der Heiligen der Letzten Tage“, sagt Richard Hinckley, „aber wir schlagen                  mütigen Mormonen und jagten sie davon,
wie die Mormonen in voller Schönheit nicht zurück.“ Er sitzt kerzengerade auf                      erst aus Missouri und dann aus Illinois.
heißen. Sie waren überall, und niemand dem Sofa in seinem Büro, alterslose 70                         „Unsere Vorväter hatten keine Refor-
störte sich ernsthaft daran.               Jahre alt. Er spricht Deutsch, denn in jun-             mation im Sinn wie Martin Luther, denn
   Für den souveränen Umgang mit sei- gen Jahren musste er für seine Kirche im                     sie hielten alle Kirchen seit Christi Auf-
nem Glauben ist Romney zu vorsichtig. Ruhrgebiet missionieren. Vor ihm liegt ein                   erstehung für verdorben. Sie wollten das
Allerdings reden ihm seine Freunde nun Brief, den ihm 1962 der Oberbürgermeister                   ursprüngliche Christentum wieder auf-
zu, er solle damit anfangen, über seinen von Essen schrieb, eine formvollendete                    richten. Das war ihre Restauration“, er-
Glauben zu reden, über die mexikanische                                                            zählt Richard Hinckley mit stolzem
Geschichte seiner Familie, über die Poly- * „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ (Illu-   Gleichmut. Und da es nach dem alten
gamie, die damals üblich war, über seine stration: Sal Velluto).                                   jüdischen Gesetz erlaubt war, gehörte
                                                        D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                              97
Ausland

                                                     Polygamie zu den Bräuchen der syn- zu werden. „Was könnte amerikanischer
                                                     kretistischen Neureligion. Hinckleys Ur- sein als der Glaube an ewigen Fort-
                                                     großvater hatte zwei Frauen, Joseph schritt?“, fragt Bagley.
                                                     Smith hatte erheblich mehr, zwischen 33        Mit seinen Büchern hat Bagley Erfolg,
                                                     und 44 Frauen, darüber sind die Quellen weil er die Mormonen entzaubert und ih-
                                                     uneins.                                     nen zugleich Anerkennung zollt. Er ver-
                                                        Am weitesten in der Familie Hinckley steht sie als soziale Utopisten und Revo-
                                                     brachte es Richards Vater Gordon. Er war lutionäre, denn Smith und seine Anhän-
                                                     Präsident der Mormonen, die Nummer ger wollten die Welt verändern, nicht nur
                                                     eins, der Papst dieser Kirche, Nachfolger interpretieren. „Sie waren hochmütig und
                                                     des Propheten Joseph Smith, und auch selbstgerecht und machten sich verhasst
                                                     er verfügte angeblich über besondere in den Städten, in denen sie sich ansie-
                                                     Gaben. „Gott kommuniziert nach wie vor delten. Sie erzählten den Einheimischen,
                                                     mit unseren Propheten“, sagt Sohn Ri- sie stammten direkt vom alten Israel ab,
                                                     chard, „Gott hat das nicht geändert.“       und Gott schenke ihnen dieses Land. Das
                                                        Gordon Hinckley war 84 Jahre alt, als kam nicht gut an. Außerdem waren sie
                                                     er zum Propheten aufstieg. Die Mormo- keine Sklavenhalter. Auch das kam nicht
                                                     nen leisten sich eine Gerontokratie, denn überall gut an.“
                                                     der jeweils Älteste im engsten Zirkel der      Die Vertreibungen der Mormonen um
                                                     Nomenklatura, im Rat der „Zwölf Apos- die Mitte des 19. Jahrhunderts nennt
                                                     tel“, gelangt seit je auf den Thron. Gor- Bagley „den ersten amerikanischen Bür-
                                                     don Hinckley starb mit 97 Jahren. Auf gerkrieg“. Sie ließen sich nicht einfach
                                                     ihn folgte Thomas Monson, der heute 84 vertreiben, sie schlugen zurück. „Es gab
                                                     Jahre alt ist.                              Massaker auf beiden Seiten“, sagt Bagley.
                                                        Die Mormonen-Kirche ist
                                                     demokratisch ausgerichtet, je-
                                                     der Laie kann jedes Amt über-
                                                     nehmen, es gibt keine Priester-
                                                     kaste. Richard Hinckley hat es
                                                     bis zum Bischof gebracht, der
                                                     für mehrere Gemeinden zu-
                                                     ständig ist – und zum Präsiden-
                                                     ten eines Pfahls, das ist die




                                                                                                                                         GEORGE FREY / DER SPIEGEL
                                                     nächsthöhere Führungsebene.
                                                     Damit musste er sich begnügen.
                                                     Er sagt, das sei so in Ordnung.
                                                        Mit seinem Glauben ist Ri-
                                                     chard Hinckley im Reinen:
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Sonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®,            Welt dermaßen im Fluss sind, Mormone Richard Hinckley: Zurück zu den Ursprüngen
Android-Tablets und -Smartphones sowie auf Mac und   so lange wird meine Kirche
PC: einmal anmelden und auf jedem Gerät lesen –      wie ein Fels stehen, fest und unbeweg- Und irgendwann begannen die Mormo-
egal wo Sie gerade sind.                             lich“, sagt er zum Abschied.                nen damit, Feindseligkeit als Auszeich-
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Nutzen Sie Videos, Fotostrecken und                  unbeweglich, eben ein Monument der             Sie zogen so lange nach Westen, bis
                                                     Selbstbezogenheit, sagt Will Bagley, ein sie in ein Tal mit einem Salzsee kamen,
interaktive Grafiken.
                                                     kleiner Mann mit einem großen Lachen. in den ein Fluss mündete, den sie in An-
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Lauschen Sie Interviews, neuen Songs                 Bücher über die Kolonisierung des Wes- Eine Kette aus Bergen umgibt die Stadt,
oder historischen Tondokumenten.                     tens Amerikas geschrieben, und in den in der sie ihren Tempel und ihre Ver-
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Lesen Sie weiter auf den Themenseiten.               der Mormonen.                               1847, es gab Indianer, aber keine anderen
                                                        „Ich bin ein Mormone außer Diensten“, Siedler. Aus Salt Lake City, ihrem Zion,
Lassen Sie sich vom Reporter erklären, wie
                                                     sagt Bagley, 62, und lacht aus vollem Hals. ist eine Stadt geworden, die weniger ame-
er recherchiert hat.                                 Er wuchs auf in einer Mormonen-Familie, rikanisch anmutet als andere Großstädte,
                                                     in der es eher lässig zuging. „Als ich 14 so sauber und so still, wie sie ist.
                                                     war, bestach mich meine Mutter mit einer       Die religiöse Utopie hat sich in eine
                                                     Handvoll Dollar, damit ich im ,Buch Mor- Institution verwandelt. Aber der Mormo-
                                                     mon‘ las. Ich hatte eine Schwäche für grie- nismus hat sich nicht vollends an den
                                                     chische Mythologie, aber ich hatte etwas Mainstream-Protestantismus angepasst,
                                                     gegen Aberglauben. Dann las ich Mark das verhindert die merkwürdige Theolo-
                                                     Twains Bemerkungen über die Mormo- gie. So machen sich die Mormonen nach
                                                     nen, in denen er sagt, das ,Buch Mormon‘ wie vor verdächtig, vor allem bei der
                                                     sei gedrucktes Chloroform. Ich fand christlichen Konkurrenz, auch wenn sie
                                                     schon damals, dass er recht hat.“           ebenso konservativ und patriotisch leben
                                                        Joseph Smith, sagt Bagley, sei ein reli- wie Evangelikale oder Baptisten. „Die
                                                     giöses Genie gewesen, denn er habe „den Frage ist nur, wann das fromme Amerika
                                                     Gott der Amerikaner geschaffen“, der es mit den frommen Mormonen seinen Frie-
                                                     den Gläubigen gestatte, selbst zu Göttern den schließt“, sagt Will Bagley.
                                                     98                          D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Ausland

                                                                                     Doch wer vergangene Woche im chi-
                                                                                  nesischen Internet den Namen Bo Xilai
                                                                                  suchte, tat dies oft vergebens: Der rote
                                                                                  „Prinzling“ – sein Vater hatte gegen die
                                                                                  japanischen Invasoren gekämpft – war
                                                                                  zur Unperson geworden.
                                                                                     Bereits Mitte März hatte die Pekinger
                                                                                  Führung seinen Sturz eingeleitet: Sie setz-
                                                                                  te Bo als Parteichef von Chongqing ab,
                                                                                  vorigen Dienstag enthob sie ihn auch sei-
                                                                                  ner übrigen Ämter.
                                                                                     Aber es kam wie so oft im Reich der
                                                                                  Mitte: Die Spitzengenossen schwiegen
                                                                                  sich darüber aus, welche politischen oder
                                                                                  ideologischen Verfehlungen dem früher
                                                                                  so gefeierten Funktionär im Einzelnen
                                                                                  anzulasten seien. Stattdessen inszenierten
                                                                                  sie den Sturz des politischen Rivalen als
                                                                                  Kriminalstück, und das vor aller Welt.
                                                                                     Peking wirft Bos Ehefrau Gu Kailai, 53,
                                                                                  sowie einem Bediensteten vor, den briti-
                                                                                  schen Geschäftsmann und Freund der Fa-
                                                                                  milie, Neil Heywood, im November 2011
                                                                                  in Chongqing ermordet zu haben.
                                                                                     Ruchbar wurde der Fall, nachdem der
                                                                                  Polizeichef von Chongqing Anfang Fe-
                                                                                  bruar versucht hatte, sich in die USA ab-
                                                                                  zusetzen. Angeblich habe Bo Ermittlun-
                                                                                  gen gegen seine Frau verhindern wollen.
                                                                                     Heywood, so streuen Chinas offizielle
                                                                                  Medien, soll eine Art Mittelsmann für
                                                                                  Gattin Gu und Bos Sohn Guagua, 24, ge-

                                                                                        REUTERS
                                                                                  wesen sein. Der Brite hatte Guagua, der
                                                                                  inzwischen an der amerikanischen Har-
Funktionär Bo, Gattin Gu: Ehrgeizige Politikerfrau, die das Böse verkörpern soll  vard-Universität studiert, zu einer Aus-
                                                                                  bildung an einer englischen Eliteschule
                                                                                  verholfen. Kurz vor seinem Tod sei Hey-
                                          CH INA                                  wood in einen Konflikt mit der Bo-Fami-


              Die roten Kennedys
                                                                                  lie geraten.
                                                                                     Selbst in der an Rankünen reichen Ge-
                                                                                  schichte der Volksrepublik ist eine solche
                                                                                  Mordaffäre unerhört. Viele Chinesen er-
                                                                                  innern sich aber noch an Maos designier-
 Pekings Machthaber inszenieren den Sturz des populären Partei- ten Nachfolger Lin Biao, der 1971 in Un-
    bosses von Chongqing als Kriminal-Affäre – und so erfahren                    gnade fiel, mit Frau und Sohn im Flug-
die Chinesen nebenbei, wie privilegiert die rote Nomenklatura lebt. zeug flohMongolei abstürzte. Gründen
                                                                                  über der
                                                                                             und aus nie geklärten

                                                                                     Diesmal soll eine ehrgeizige Politiker-


D
        ie Parteizeitung „Renmin Ribao“ rupte Beamte verhaften, gab den Armen gattin das Böse verkörpern – so wie einst
        war des Lobes voll. Gleich auf der billige Wohnungen und befreite sie vom Maos Frau, die Ex-Schauspielerin Jiang
        ersten Seite rühmte das Sprach- Schulgeld. Und immer wieder griff er auf Qing, die 1976 als Chefin der sogenannten
rohr der chinesischen Führer die Erfolge das Erbe aus den Anfangsjahren der Viererbande verhaftet, für Grausamkei-
von Bo Xilai, dem kommunistischen Par- Volksrepublik zurück: In den Parks seiner ten der Kulturrevolution verantwortlich
teiboss von Chongqing. Unter Bo strebe Stadt ließ er die Bürger Mao-Lieder sin- gemacht wurde und sich später das Leben
die Metropole mit ihren 32 Millionen Ein- gen.                                    nahm. Jetzt beflügelt die attraktive Gu
wohnern nach Wohlstand für alle. „Wenn                                            Kailai die Phantasien der Chinesen.
man mehr für das Volk tut, gewinnt das                                               Gu war früher eine angesehene Anwäl-
Leben an Wert“, zitierte das Parteiorgan                                          tin, sie führte in den USA erfolgreich ei-
den derart Gepriesenen.                                                           nen Prozess für chinesische Firmen. Zu-
   Das war Anfang Januar, und es klang,                                           gleich spann sie offenbar ein Netz priva-
als erteile Peking dem populären Bo, 62,                                          ter Geschäftsinteressen im Ausland und
seinen ideologischen Segen. Genossen im                                           legte sich möglicherweise eine doppelte
ganzen Land feierten ihn bereits als Heils-                                       Staatsbürgerschaft zu – was in China ver-
bringer.                                                                          boten ist und was ihr Ehemann der Partei
   Bo hatte radikal die Schattenseiten des                                        hätte anzeigen müssen.
                                                                                        REUTERS




chinesischen Wirtschaftswunders be-                                                  Die Aufdeckung der Bo-Affäre ist für
kämpft – die Korruption und die Kluft                                             die Pekinger Führung nicht ohne Risiko:
zwischen Arm und Reich. Bo ließ ein Bo-Vertrauter Heywood im April 2011           Um den politischen Gegner und seine
paar tausend Mafia-Mitglieder und kor- Den Weg an eine Eliteschule geebnet        Familie als Kriminelle abzuurteilen, muss
100                                             D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Ausland

                                                                                                listisches Land, in dem das Ge-
                                                                                                setz regiert“, tönen die offiziel-
                                                                                                len Medien in diesen Tagen –
                                                                                                und niemand werde verschont,
                                                                                                „unabhängig von seinem Status“.
                                                                                                   In der Causa Bo geht es aber
                                                                                                auch um die Frage, wohin die KP
                                                                                                die aufstrebende Supermacht
                                                                                                lenken will. Denn in Partei und
                                                                                                Staat steht ein Führungswechsel
                                                                                                bevor: Im Herbst soll Vizepräsi-
                                                                                                dent Xi Jinping Parteichef Hu
                                                                                                Jintao beerben und ihm im März
                                                                                                2013 dann auch als Präsident
                                                                                                nachfolgen.
                                                                                                   Der Populist Bo hatte sich mit
                                                                                                seinem staatskapitalistischen
                                                                                                „Chongqing-Modell“ für einen
                                                                                                Spitzenposten im Ständigen Aus-
                                                                                                schuss des Politbüros in Stellung
                                                                                                gebracht – Chinas wichtigstem
                                                                                                Entscheidungsorgan.
                                                                                                   Auch in Peking und in ande-
                                                                                                ren Provinzen hofften linke Ge-
                                                                                                nossen, mit Bos Hilfe die Markt-




                                                                                              ROPI
                                                                                                wirtschaft wieder einschränken
Polizeichef Wang in Chongqing im Juni 2009: „Das Gesetz regiert, unabhängig vom Status“         zu können: „Der wahre Sozialis-
                                                                                                mus mit chinesischen Merkma-
die KP dem Publikum nebenbei Einblicke des herausgefunden: Gu habe, so heißt len muss von staatlichem Eigentum und
in den privilegierten Alltag der Nomen- es, Gelder in Höhe von umgerechnet der Staatswirtschaft beherrscht werden“,
klatura gewähren. Die Details, die bereits mehreren hundert Millionen Dollar ins forderte der marxistische Vordenker
jetzt durchsickern und von der chinesi- Ausland transferiert. Sie muss also auch Cheng Enfu in einer Lobeshymne auf
schen Internetgemeinde begierig aufge- in China selbst nicht schlecht verdient ha- Chongqing.
griffen werden, illustrieren jedoch nicht ben. Möglicherweise stammen diese Sum-          Die Politbüro-Prominenz war ebenfalls
nur das Leben der Bos, sondern auch das men aus jener Zeit, als Bos Gattin in der eifrig nach Chongqing gepilgert. Zwei
anderer Elitekader.                           Hafenstadt Dalian eine Anwaltskanzlei Spitzengenossen allerdings blieben de-
   So fragen sich viele Chinesen, wie der betrieb und Unternehmern beim Kauf monstrativ fern: Parteichef Hu und Pre-
Sohn eines Mannes mit einem eher be- von Immobilien half. Ihr Gatte war zwi- mier Wen. Sie reisten stattdessen wieder-
scheidenen Regierungsgehalt an die Lon- schen 1993 und 2000 Bürgermeister von holt in die südchinesische Exportprovinz
doner Harrow-Schule kam, die von der Dalian.                                            Guangdong.
Familie ihrer Zöglinge Gebühren von             Die Bo-Familie muss damit gerechnet       Dort experimentiert der reformfreudi-
über 35 000 Euro jährlich verlangt. Stim- haben, dass ihre Geschäfte irgendwann ge Parteiboss Wang Yang, aber auf ganz
men die Details, die seit Tagen zu lesen ans Tageslicht kommen. Steckt dahinter andere Weise: mit noch mehr Marktwirt-
sind, ist die Erklärung dafür nicht schwer. die Erklärung, warum der Brite Heywood schaft und mit Basisdemokratie. Im Dorf
   Bos älterer Bruder, Bo Xiyong, dient tot in seinem Hotel aufgefunden wurde Wukan verzichtete er unlängst darauf, ei-
unter dem Pseudonym Li Xueming seit und Bos oberster Polizist später zu den nen Aufstand gegen illegale Landnahme
neun Jahren als Geschäftsführer bei der Amerikanern flüchtete?                          von der Polizei niederschlagen zu lassen.
staatlichen China Everbright Holdings,          Eine Schlüsselrolle in der Bo-Affäre Dafür ließ er eine demokratische Wahl
die eine der größten chinesischen Banken soll die Firma Dalian Shide spielen, die abhalten, mit spektakulärem Resultat:
und weitere Unternehmen kontrolliert. im Ölgeschäft groß geworden ist. Bo soll Einer der Protestierer stieg zum Dorfober-
Dort bekommt er ein Jahressalär von deren Boss Xu Ming gefördert haben. Im haupt auf.
rund 1,3 Millionen Euro, zusätzlich hält Gegenzug, so heißt es, finanziere Xu nun         „Wir müssen wirtschaftliche und struk-
er Aktienoptionen in Höhe von fast 19 das Studium von Bos Sohn Guagua in turelle Reformen vorantreiben, vor allem
Millionen Euro.                               den USA – und möglicherweise auch des- die Reform des Führungssystems in Partei
   Eine Schwester von Bos Gattin Gu wie- sen aufwendigen Lebensstil: Wenn Gua- und Staat“, forderte Premier Wen einen
derum soll in Hongkong acht Privatunter- gua sich in Peking aufhält, wird er oft in Tag vor Bos Absetzung im März. „An-
nehmen geführt haben. Gu selbst, eine cha- einem roten Ferrari gesichtet.               dernfalls würde China seine Probleme
rismatische Frau, habe sich während der         Bo Xilai und Gu Kailai arbeiteten Hand nicht grundsätzlich lösen, und es könnte
Londoner Schulzeit ihres Sohnes oft in in Hand, sagen Kenner der Familie, sie sich wieder so eine Tragödie ereignen wie
Großbritannien aufgehalten und gründete waren ein schillerndes Paar. Die „chine- die Kulturrevolution.“
dort vor zwölf Jahren eine Firma. Adad sischen Kennedys“ wurden sie genannt.              Mit Bos Sturz haben die Reformer um
Ltd. heißt das Unternehmen, über dessen         Dass ein Leben wie das von Bo und Wen die Richtungsdebatte vorerst für sich
Geschäftsgebaren ist allerdings kaum etwas seiner Gattin Gu in ihrem Lande möglich entschieden. Aber sie scheuen die offene
bekannt. Registriert war die Firma in der ist, wird viele Chinesen nicht überra- ideologische Abrechnung mit dem frühe-
Grafschaft Dorset an der englischen Süd- schen. Aber der hohe moralische Ton, mit ren Spitzenmann – weil der in der Partei
westküste – nicht weit von jenem Ort ent- dem die Führung jetzt über ihren Ex- viele Anhänger besitzt.
fernt, in dem die Familie Heywood lebte. Funktionär Bo herfällt, dürfte selbst bei        Und so werden Bo und seine Frau wohl
   Wang Lijun, der ehemalige Polizeichef den über 80 Millionen KP-Mitgliedern ein Fall für die Kriminalpolizei sein.
von Chongqing, hatte offenbar Belasten- Spott hervorrufen. China sei „ein sozia-                                  WIELAND WAGNER

102                                               D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Ausland




      ABU DHABI
                            Überaus plastisch
                                         Wie zwei Deutsche in den Vereinigten Arabischen
                            GLOBAL VILLAGE:
                            Emiraten die Wegwerftüten abschaffen möchten


D
         er „LuLu Hypermarket“ an der Jobs in Dubai. Die haben sie aufgegeben.                                       Die Wernerys haben eine Stiftung ge-
        al-Batin-Straße von Abu Dhabi ist „Wir haben das hier gesehen“, sagt The-                                 gründet, „PlasticNotSoFantastic“. Sie or-
        der Beweis dafür, dass alles gut resa. „Da musste man etwas tun.“                                         ganisieren Müllsammlungen, touren mit
wird in der Welt. LuLu ist ein Ort des          Vor ihr liegt das ausgebleichte Gerippe                           Fotos vom „Tal des Todes“ durch Schu-
grenzenlosen, friedlichen Konsums, wo eines Kamels im Sand. Fell, Muskeln, Ge-                                    len. Reden von Papiertüten, Mehrfach-
Menschen sanft miteinander shoppen, die webe sind verdorrt. Geblieben sind die                                    verwendung, vom Verzicht auf Valentins-
anderswo Angst voreinander haben. An Knochen und der Inhalt des Magens: ein                                       tagsballone. Nicht ohne Erfolg. „Das
der Käsetheke etwa steht ein Herr in der basketballgroßes Knäuel Plastikfetzen, er-                               Problem sind die Eltern“, sagt Theresa
Schlange, bärtig, düster und mit einem staunlich gut erhalten. Die Wernerys nen-                                  Wernery. „Die packen ihren Kindern wei-
mächtigen Turban. Aber er reckt nur sei- nen diesen Teil der Wüste das „Tal des                                   terhin alles doppelt und dreifach ein.“
ne Wartemarke: 150 Gramm Gewürz- Todes“. Hirten führen ihre Tiere hierher,                                        Vielleicht weil die eigenen Eltern oft
quark möchte er, kein Kalifat.               wenn die auf Behandlungen nicht mehr                                 noch Nomaden waren, mit Leder als ein-
   LuLu ist ein Abbild der Golfemirate, reagieren. Wenn ihre Eingeweide vollge-                                   ziger Verpackung.
ein durchs Geld zusammengehaltener Mix stopft sind mit Plastiktüten und -flaschen,                                   Sie erzählt von Ruanda, wo einem Plas-
aus Fremdheiten. Am Keksregal spricht die nicht ausgeschieden werden können                                       tiktüten schon am Flughafen abgenom-
eine bis zum Sehschlitz schwarz Verhüllte und im Magen hart zu Ballen verklumpen.                                 men werden wie Schmuggelgut. In den
in ihr Mobiltelefon und be-                                                                                                       Emiraten sei man davon
deutet ihrer Bediensteten                                                                                                         noch weit entfernt. In
stumm, mit manikürten Fin-                                                                                                        Deutschland auch.
gern, welche Ware sie aus                                                                                                            Die Bilder der jämmer-
dem Regal zu nehmen                                                                                                               lich verreckten Kamele
habe. Kurzbehoste „Expa-                                                                                                          sind nicht ohne Wirkung
triates“ aus der EU, die                                                                                                          geblieben. Kamele sind für
steuerbefreit ihre Einkaufs-                                                                                                      die Emirater, was Eichen
wagen füllen, Libyer, Jeme-                                                                                                       für die Deutschen sind. Seit
niten, Iraner, Syrer, im Akt                                                                                                      Januar sind abbaubare
des Kaufens sind die Gren-                                                                                                        Plastiktüten vorgeschrie-
zen zwischen den Stämmen                                                                                                          ben, und in den Super-
                                   MARTIN VON DEN DRIESCH / DER SPIEGEL




und Sekten aufgelöst, der                                                                                                         märkten sind die Tüten
Dirham-Geldschein macht                                                                                                           jetzt mit grünen Bäumen
alle gleich, Herren und                                                                                                           bedruckt und dem Appell,
Knechte, Alawiten, Sunni-                                                                                                         den Planeten zu retten.
ten und Schiiten.                                                                                                                    „Das macht ein gutes Ge-
   Es gibt Milch aus Saudi-                                                                                                       wissen“, sagt Theresa Wer-
Arabien und Kartoffeln                                                                                                            nery. „Aber es ist genauso
aus der Bekaa-Hochebene                                                                                                           schlimm.“ Denn auch die
des Libanon, Kokos aus               Ehepaar Wernery, verendetes Kamel: Tödliche Kost                                             neuen Tüten zersetzen sich
dem Oman, Rindsfilet aus                                                                                                          sehr langsam, über Monate
Australien und Brasilien,                                                                                                         hinweg, und nur unter Ein-
und an den Kassen stehen                                                                                                          fluss von UV-Licht und Sau-
Philippinerinnen und Bangladescher, die         Der Müll der Emirate wird zu Freiluft-                            erstoff. „Beides gibt es weder in den Mä-
alles hilfsbereit in Tüten füllen.           deponien in der Wüste gekarrt. Der Wind                              gen der Kamele noch in den Deponien,
   In Plastiktüten. Gratis und in jeder trägt die Plastikfetzen weiter, und Kamele                                wenn dort der Müll zugeschüttet wird.“
Menge. Ballenweise werden die Tüten fressen alles, was im Sand einigermaßen                                          Spezielle Recycling-Anlagen wären
frühmorgens zu den Kassen geschleppt. bunt aussieht. „Es sind sehr neugierige                                     notwendig. Doch auch das glitzernde Du-
Die Plastiktüte ist sauber, hygienisch, Tiere“, sagt David Wernery.                                               bai hat davon keine einzige. Außerdem
praktisch und glatt anzufassen. Sie ist das     Er ist ungefähr zwei Meter groß, hager                            sind die Emirater stolz auf ihre petroche-
Gegenteil von Bangladesch und Pescha- und Sohn eines Tierarztes. Inzwischen,                                      mische Industrie. Öl, Strom, Arbeit sind
war. Sie ist das Signum des Luxus, sie ist sagt er, fänden sich die Plastikknäuel bei                             billig und Plastiktüten eines der wenigen
„komplett überflüssig und schädlich“.        fast allen Obduktionen tot aufgefundener                             im Land selbst hergestellten Güter.
   Das sagt Theresa Wernery, eine junge, Tiere in der Veterinärpraxis seines Vaters,                                 Es ist schwer, Verzicht zu predigen in
sehr blonde Deutsche, die in Abu Dhabi bei Rindern, Gazellen, Kamelen. Ein Bal-                                   einem Land, das allgemein als Hyper-
aufgewachsen ist. Sie steht etwa 40 Kilo- len wog 58 Kilo. Tödliche Tütenkost.                                    markt verstanden wird, praktisch, glatt
meter von der nächsten Hypermarket-             Die Umweltbehörde schätzt, dass sich                              und auf schnellen Verbrauch gegründet.
Kasse entfernt hinter einer Sanddüne, ab- bei jedem zweiten vorzeitig verendeten                                  Jetzt gehen die beiden Deutschen erst
seits einer Piste Richtung Norden. There- Großtier in der Wüste Plastikreste im Ma-                               einmal auf Weltreise mit ihrer Plastik-
sa und ihr Mann David haben in London gen feststellen lassen. Ähnlich ist es bei                                  Botschaft.
und Bonn Jura studiert. Sie hatten gute Delphinen und Wasserschildkröten.                                                               ALEXANDER SMOLTCZYK

                                                                          D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                           103
Prisma

                                                                                                                                          PLANETENFORSCHUNG


                                                                                                                               Keine Palmen auf dem Mars



                                           D. HARMS / PICTURE ALLIANCE / WILDLIFE
                                                                                    War der Mars immer schon eine Wüs-                                hin. Neue Klimamodelle zeigen nun
                                                                                    tenwelt? Bislang gingen die Astrono-                              jedoch, dass es auf dem Mars immer
                                                                                    men davon aus, dass der Nachbarpla-                               schon zu kalt war, als dass sich große
                                                                                    net der Erde zumindest früher einmal                              Wassermassen auf seiner Oberfläche
                                                                                    von Seen oder gar Ozeanen bedeckt                                 hätten halten können. Bei den wohl
Rosmarinzweig                                                                       war. Darauf deuten beispielsweise die                             seit Jahrmilliarden vorherrschenden
                                                                                    riesigen Kanäle auf seiner Oberfläche                             Minusgraden dürfte es Wasser allen-
                                                                                                                                                                       falls in Form von Eis
        PHARMAKOLOGI E
                                                                                                                                                                       gegeben haben. Auch
                                                                                                                                                                       für die flussbettartigen

  Duft-Doping fürs Hirn                                                                                                                                                Kanalsysteme gibt es
                                                                                                                                                                       eine neue Erklärung:
                                                                                                                                                                       Sie könnten entstan-
Dass Rosmarinduft Geist und Sinne                                                                                                                                      den sein, als Vulkan-
schärft, wird von Esoterikjüngern von                                                                                                                                  ausbrüche die Mars-
jeher verbreitet. Nun hat ein seriöser                                                                                                                                 atmosphäre zumindest
Wissenschaftler nachgewiesen, dass an                                                                                                                                  vorübergehend so weit
dieser Legende wirklich etwas dran ist.                                                                                                                                erwärmten, dass die
Der britische Neurologe Mark Moss                                                                                                                                      Eispanzer in den bergi-
setzte Freiwillige unterschiedlich lange                                                                                                                               gen Regionen schmol-
den Aromastoffen der Heilpflanze des                                                                                                                                   zen und sich Sturz-
Jahres 2011 aus. Das Ergebnis: Je mehr                                                                                                                                 bäche in die Ebenen
ätherisches Öl Cineol im Blut gemes-                                                                                                                                   ergossen – aber das
sen wurde, desto besser schnitten die                                                                                                                                  war nie von Dauer.
Testpersonen bei Denksportaufgaben                                                                                                                                    „Die Hoffnung, dass es
ab. Schon frühere Untersuchungen hat-                                                                                                                                  auf dem Mars jemals




                                                                                                                                                                    SAURER / BILDAGENTUR ONLINE
ten gezeigt, dass Cineol über die Na-                                                                                                                                  Ozeane und Palmen-
sen- oder Lungenschleimhaut ins Blut                                                                                                                                   strände gegeben haben
gelangt. Zum Doping fürs Hirn wird                                                                                                                                     könnte, ist zerstoben“,
der Rosmarin-Duftstoff offenbar, in-                                                                                                                                   urteilt der US-Welt-
dem er den Abbau des wichtigen Bo-                                                   Mars                                                                              raumforscher Stephen
tenstoffs Acetylcholin verhindert.                                                                                                                                     Clifford.



                                       MEDIZIN                                                                                                                FRÜHERKENNUNG


             Herzschäden durch Chemotherapie                                                                                                              Autismus bei Babys
Krebsmedikamente können dem Herz                                                    dicine, die Zulassungsstudien für ein                             Viele autistische Störungen werden
schwere Schäden zufügen, doch selbst                                                Mittel gegen Nierenkrebs ausgewertet                              bislang erst sichtbar, wenn Kinder in
in angesehenen Medizinzeitschriften                                                 haben. Während in den vom Herstel-                                ihrem Sozialverhalten oder beim
wird darüber kaum berichtet. Zu die-                                                ler finanzierten Untersuchungen                                   Erlernen der Sprache auffällig werden.
ser Erkenntnis kommen Forscher von                                                  schädliche Nebenwirkungen gar nicht                               Kanadischen und amerikanischen For-
der Stanford University School of Me-                                               auftauchten, sprachen die Gutachter                               schern ist es jetzt gelungen, bereits bei
                                                                                                der US-Zulassungsbehörde                              Säuglingen im sechsten Monat fest-
                                                                                                FDA aufgrund derselben                                zustellen, ob sie ein sehr hohes Autis-
                                                                                                Studiendaten Warnungen                                musrisiko besitzen. Ärzte der „Infant
                                                                                                aus: „Die amtlichen Prüfer                            Brain Imaging Study Network“ unter-
                                                                                                berichteten von häufig auf-                           suchten dafür im Kernspintomografen
                                                                                                tretenden Herzproblemen                               92 Babys, deren Geschwister bereits
                                                                                                bei den klinischen Tests,                             unter autistischen Störungen leiden.
                                                                                                die in den Zulassungsstu-                             Jene Kinder, bei denen später eine au-
                                                                                                dien nicht einmal erwähnt                             tistische Störung diagnostiziert wurde,
                                                                                                wurden“, kritisiert Stan-                             hatten demnach schon als Säuglinge
                                                                                             RONALD FROMMANN / LAIF




                                                                                                ford-Kardiologe Ronald                                dickere und dichtere Nervenfasern ent-
                                                                                                Witteles im „Journal of Cli-                          wickelt. Mit der Frühdiagnose, hoffen
                                                                                                nical Oncology“. Trotz der                            die Wissenschaftler, ließen sich schwere
                                                                                                fehlenden Hinweise waren                              Formen der Störung womöglich abmil-
                                                                                                die Studien in Fachblättern                           dern – etwa durch rechtzeitige Sprach-
Krebspatienten bei der Chemotherapie                                                            erschienen.                                           und Verhaltenstherapien.
104                                                                                      D E R                        S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Wissenschaft · Technik




                                                                                                                                                           Bike aus Blättern
                                                                                                                                                           Die Gottesanbeterin sieht
                                                                                                                                                           so aus, als säße sie auf
                                                                                                                                                           einem Fahrrad – tatsäch-
                                                                                                                                                           lich hockt das Insekt auf
ECO SUPARMAN / CATERS




                                                                                                                                                           Pflanzenblättern, die
                                                                                                                                                           dabei sind, sich zu ent-
                                                                                                                                                           falten.




                                ANTHROPOLOGIE
                                                                                                                                                 gleiten. Die heute noch in Südalaska
                                                                                                                                                 lebenden rund 4000 Angehörigen der

                              Walfangboot                                                                                                        Volksgruppe wissen über die see-
                                                                                                                                                 tüchtigen Boote ihrer Vorfahren nur

                           des Alaska-Kriegers                                                                                                   noch wenig. „Über 7000 Jahre Erfah-
                                                                                                                                                 rungen stecken in der Konstruktion
                                                                                                                                                 dieses Kajaks“, sagt der Anthropologe
                        Forscher sind auf das weltweit einzige                                                                                   Sven Haakanson, selbst ein Alutiiq.
                        bekannte Kajak eines Alutiiq-Kriegers                                                                                    Bei den Analysen wollen die Wissen-
                        aus Alaska gestoßen. Der Fund wird                                                                                       schaftler herausfinden, womit der
                        derzeit im Peabody Museum an der                                                                                         Konstrukteur die Seelöwenhaut im-
                        Harvard University untersucht. Um                                                                                        prägnierte und von welchen Tieren
                        das Jahr 1860 baute der unbekannte                                                                                       die Sehnen stammen, mit denen die
                                                                                                              PEABODY MUSEUM / HARVARD COLLEGE




                        Mann das Boot, indem er die Häute                                                                                        Häute zusammengenäht wurden.
                        von fünf weiblichen Seelöwen über                                                                                        Auch für einige Strähnen Menschen-
                        ein ausgeklügeltes Holzskelett spann-                                                                                    haar nahe dem Bug interessiert sich
                        te. Mit dem Kajak ging er dann ver-                                                                                      Haakanson: „Vielleicht verkörpern sie
                        mutlich in den Gewässern um Kodiak                                                                                       den Geist einer mächtigen Persön-
                        Island auf Walfang. Die außergewöhn-                                                                                     lichkeit, die dem Eigentümer im Krieg
                        liche Konstruktion mit einem gega-                                                                                       oder beim Walfang half.“ Die heute
                        belten Bug ermöglichte es ihm, beson-                                                                                    lebenden Alutiiq benutzen moderne
                        ders kräftesparend übers Wasser zu       Untersuchung des Alutiiq-Kajaks                                                 Boote.
                                                                      D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                            105
Wissenschaft


                                                                                    PSYCHOLOGI E




                                     Therapie auf der Todesinsel
                                  Die Überlebenden des Massakers von Utøya kämpfen gegen ihr Trauma, indem sie
                                       an den Ort des Massenmords zurückkehren. Einige werden im Prozess
                                 gegen den Attentäter aussagen. Sie treibt die Frage um: Warum hat er sie verschont?
ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL




                               Fähre mit Utøya-Opfern, Überlebende Fevang Smith, Pracon: Während der Überfahrt lachen viele noch – auf dem Rückweg herrscht tiefes



                               E
                          r ist wieder unterwegs zu seiner Er-   Seine Schwester Katharina schaut                       und wäre fast ersoffen.“ Dann legt das
                          schießung, zum dritten Mal schon. Adrian ungläubig von der Seite an. Die                      Schiff ab und nimmt Kurs auf Utøya.
                          Diesmal will Adrian Pracon, 22, sei- 28-Jährige hat diese Geschichte zuvor                       An diesem Dienstag Ende März hat
                   ner Schwester Katharina jenen Ort zei- noch nie in all diesen Details gehört.                        die Jugendorganisation AUF der nor-
                   gen, wo er hätte sterben sollen.            Doch jetzt kann ihr Bruder ausführlich                   wegischen Arbeiterpartei einen Besuch
                      Eigentlich wollte der Mann, von dem erzählen, einfach so, während der Auto-                       der Überlebenden und deren Angehö-
                   Adrian kurz vor dem Schuss nur die fahrt. Und gleich wird er ihr die Stelle                          riger auf der Insel organisiert, wo der
                   schwarzen Stiefel sehen konnte, auch ihn zeigen, wo sich das zugetragen hat. Er                      Rechtsradikale Breivik vergangenen
                   ermorden. „Es ist ganz sonderbar, wie will, dass sie sich ein realistisches Bild                     Sommer ein Massaker mit 69 Toten
                   ich mich an die Situation erinnere“, sagt von den Szenen machen kann, die ihn                        angerichtet hat. Es wirkt wie ein gut-
                   Adrian zu seiner Schwester, die neben bis heute verfolgen.                                           organisierter Schulausflug: Ehrenamtli-
                   ihm in seinem silbernen Alfa Romeo sitzt.     Adrian, Sohn polnischer Einwanderer,                   che der AUF verkaufen Karten für die
                   „Alles spielte sich ab wie in Zeitlupe.“    wuschelige braune Haare, erzählt ihr von                 Überfahrt. Aufgeregt rennen die jungen
                      Oben auf den Bergen liegt an diesem dem Moment kurz vor dem Schuss, als                           Leute durcheinander, unterhalten sich
                   Frühlingsmorgen noch Schnee, unten sind das Zittern seines Körpers einfach auf-                      lautstark und knipsen sich mit ihren
                   die Wiesen braun. Die beiden sind spät hörte, als sein Atem stoppte, als er nur                      Handys.
                   dran; das Boot zum Ort seiner gescheiter- noch spürte, dass sein Herz gegen den                         Während der Überfahrt nach Utøya
                   ten Hinrichtung läuft gleich aus. Adrian Stein schlug, auf dem er lag.                               lachen viele noch – auf dem Rückweg
                   drückt auf das Gaspedal, und sein Wagen       Hinter der nächsten Biegung kommt                      herrscht tiefes Schweigen.
                   rast los – wie auf einer Zeitreise neun Mo- die Insel in Sicht, auf der es passierte. Am                Die Fahrt zurück an den dunkelsten
                   nate zurück in die Vergangenheit.           Anleger wartet schon die kleine Fähre                    Punkt ihres noch jungen Lebens ist ein
                      Unter der Regenjacke, die seinen Kopf mit dem weißen Kapitänshäuschen. Drei                       Kampf mit den Bildern, die nicht aus
                   halb bedeckte, sah er am 22. Juli 2011 da- Dutzend junge Leute mit signalroten                       ihrem Kopf verschwinden wollen, ein
                   bei zu, wie die anderen getroffen wurden, Schwimmwesten sind bereits an Bord der                     Kampf gegen die Panik, die immer wie-
                   umfielen, ganz langsam. Dann sah er die MS „Thorbjørn“.                                              der in ihnen aufflackert. Die jungen Op-
                   Schuhe von Anders Behring Breivik nä-         Auch Adrian streift sich eine über.                    fer kämpfen zudem mit Schuldgefühlen:
                   her kommen: „Ich spürte die Wärme des „Schwimmwesten!“, sagt er und lacht zy-                        Warum sind die anderen gestorben, war-
                   heißen Gewehrlaufs.“                        nisch auf. „Damals bin ich geschwommen                   um nicht ich?
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ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL
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Schweigen

      Der Ausflug ist Teil einer weltweit ren 4500 Angehörige; dazu noch Ärzte,              Schießstand der Polizei, um sich an das
   einzigartigen Therapie, die dazu dienen Sanitäter, Polizisten und unzählige frei-         Geräusch von Kugeln und den Anblick
   soll, das Geschehene in die eigene Bio- willige Retter. Sie verteilen sich über das       von Polizisten zu gewöhnen.
   grafie einzubauen. Renate Grønvold ganze Land, 165 Gemeinden sind mit der                   Khalid Taleb Ahmed, 32, schluckt Ta-
   Bugge, eine 71-jährige Psychologin mit Betreuung von Breiviks Opfern betraut.             bletten, um das Bild seines toten Bruders
   deutschen Wurzeln, gilt als Initiatorin die-   Die besondere therapeutische Heraus-       Ismail aus dem Kopf zu vertreiben. Wie
   ser Fahrten.                                 forderung liegt neben dem Ausmaß darin,      Ismail dalag, am Fuße des Felsens, die
      Das vom norwegischen Staat finanzier- dass es vor allem Teenager getroffen hat.        blondgefärbten Haare blutrot. Bei seinem
   te Programm umfasst etwa regelmäßige „Das wohl heikelste Alter“, sagt Bugge,              Psychologen lernt Khalid, das Trauma als
   Besuche der Hinterbliebenen und Über- „um ein solches Trauma zu erleben: Die              ein Tor zu betrachten, durch das er gehen
   lebenden an den Schauplätzen des Ter- Psyche ist noch suchend, kaum gefestigt.“           kann. Er lernt, dass der Film in seinem
   rors, Treffen auf nationaler und regiona-      Jeder von ihnen hat eine eigene Stra-      Kopf läuft, er aber die Fernbedienung in
   ler Ebene, damit sie Gemeinsamkeiten tegie entwickelt, mit dem erlebten Terror            der Hand hält und ihn stoppen kann.
   im Umgang mit dem Schmerz entdecken. umzugehen. Simen Brænden Mortensen                     Manchen geht es wieder besser, vielen
   Jeder Überlebende hat in seiner Gemein- etwa, 23 Jahre alt, fährt im Boot gleich          nach wie vor sehr schlecht. Auf dem Mit-
   de einen Ansprechpartner, der helfen soll, nach Adrian: Er war Wachmann und ließ          tagsboot setzt Marte Fevang Smith, 18,
   wenn sich der Zustand verschlechtert.        den als Polizisten verkleideten Mörder       aus Tønsberg zusammen mit ihrer Mutter
      Ein Forschungsprojekt dokumentiert auf die Fähre nach Utøya.                           Monica über. Sie ist ein strahlendes Ge-
   die Qualität der Traumatherapie – und          „Vom Kopf her weiß ich, dass jeder ihn     schöpf mit ihren dichten blonden Haaren
   soll für kommende Fälle Rezepte liefern, durchgelassen hätte, weil er verdammt            und den hellblauen Augen. Ihre Mutter
   wie mit den seelischen Wunden am bes- noch mal aussah wie ein Polizist“, sagt             sagt, dass die Tochter im vergangenen
   ten umzugehen ist. „Für die Wissenschaft der junge Sozialarbeiter. „Trotzdem habe         Sommer gerade ihr großes „Aufblühen“
   ergibt sich aus der Tragödie eine einzig- ich mich wochenlang schuldig gefühlt.“          erlebt habe – bis auf Utøya eine Kugel
   artige Chance“, sagt Bugge mit sanfter Jeden Freitag sitzt er bei einer Psycholo-         ihren Kopf traf. Sie überlebte nur, weil
   Stimme.                                      gin, bis vor drei Wochen arbeitete er nur    das Projektil das Gehirn um zwei Milli-
      Rund 700 Hinterbliebene gilt es in ihrer halbtags.                                     meter verfehlte.
   Trauer zu begleiten. Hinzu kommen 650          Oder Caroline Winge aus Trondheim.           Marte hat den Ausflug mit den ande-
   Überlebende, 66 davon verletzt, und de- Die 19-Jährige wollte am liebsten auf den         ren Überlebenden nach Utøya nicht gut
                                                     D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                        107
Wissenschaft

  verkraftet. Auf der Rückfahrt von der In- auf diesen Moment mit Hoffen und Ban-                                       fanden Marte auf der Toilette wieder, nah-
  sel schwieg sie lange. Nur zu Hause fühlt gen gewartet: „Schule bietet Alltag, bietet                                 men sie in die Arme, damit der Körper
  sie sich noch sicher. Ihr Kinderzimmer eine Struktur, die Halt gibt“, und das sei                                     endlich aufhörte zu zucken. „Meine
  ist übersät mit Kleidern, DVDs und wichtiger als jedes Therapeutengespräch.                                           Freundinnen haben zum Glück immer ex-
  Schminksachen.                               „Das zeigen alle aktuellen Forschungs-                                   tra Make-up-Entferner dabei, damit sie
     In fremden Räumen sucht sie sofort arbeiten.“                                                                      meinen verlaufenen Lidschatten weg-
  nach einem Fluchtweg. Einen vollen Bus         Doch schon ein paar Tage nach Schul-                                   wischen können“, sagt Marte.
  zu betreten wäre für sie unvorstellbar. beginn zerplatzte der Luftballon an ei-                                          Sie konnte sich im Unterricht nicht
  „Die Situation ist absolut nicht zu kon- nem Geburtstagskuchen, den Schüler                                           mehr konzentrieren, die Buchstaben
  trollieren“, sagt sie. Seit Utøya ist sie gebacken hatten. „Ich bin rausgerannt“,                                     drehten sich nur noch im Kopf herum.
  nicht mehr tanzen gegangen. Sie müsste sagt Marte, die in diesem Moment den                                           Schließlich gab sie auf und arbeitet jetzt
  dann immer an Maria denken. Am Lehrer noch sagen hörte: „Gut, dass wir                                                zwei Tage in der Woche in einem
  Abend vor dem Massaker hatte sie noch hier keinen Schüler haben, der auf Utøya                                        Kindergarten nicht weit von ihrer Woh-
  mit ihrer Freundin vor der Bühne von war.“                                                                            nung.
  Utøya getanzt. „Datarock traten auf“,          Niemand hatte ihm davon erzählt, dass                                     Psychologen kennen diese Phänomene
  sagt Marte. „Wenn ich die jetzt im Radio Marte auf der Insel war, auf dem Liebes-                                     bei Traumatisierten; es sind klassische
  höre, schalt ich sofort ab.“ Breivik hat felsen. So heißt die Anhöhe im Süden der                                     Symptome der posttraumatischen Belas-
  auch Maria erschossen.                       Insel, wo sie ansehen musste, wie Breivik                                tungsstörung. Die Flashbacks können
     Am Unterricht kann Marte noch nicht zehn Menschen erschoss.                                                        durch alltägliche Geräusche wie das laute
  wieder teilnehmen. „Das geht leider gar        Wenige Tage später saß die Schülerin                                   Zuschlagen einer Tür ausgelöst werden.
  nicht“, sagt die Teenagerin. Sie hat es ver- im Psychologieunterricht, als sie sich ein-                              Sie starten im Gehirn genau jene emotio-
  sucht, gleich im August zu Beginn des bildete, wie der Lehrerin plötzlich Blut                                        nale Kaskade wie bei dem ursprünglichen
  neuen Schuljahres. Renate Bugge hatte über das Gesicht strömte. Ihre Mitschüler                                       traumatischen Erlebnis.
                                                                                                3                          Dabei umgeht der Geist den Verstand,
                                                                                                                        dem der Trugschluss auffallen würde.
  Todespfad                                                                                         3                   Stattdessen springt der für Emotionen zu-
  Anders Breiviks Weg über die Insel Utøya                                                                              ständige Teil des Hirns an und schaltet
                                                                                5                                       schlagartig auf Panik – der Blutdruck
      Breiviks                                                                                                          steigt, das Herz rast, Schweiß bricht aus.
      Route                                                                                                                Typisch für die akute posttraumatische
   1 Anzahl                                                                                                             Phase, so beschreibt es Psychologin Bug-
      Opfer                                                                                                             ge, ist die noch bruchstückhafte, unge-
                    Pumpen-                                                                                             ordnete Erinnerung an das Geschehen.
     50 m
                    haus                                                                                                „Das Gehirn hat es noch nicht geschafft,
                           14                                                        22. Juli, ca. 17.10 Uhr            die Dinge in eine zeitliche Abfolge zu
                                                                                     Breivik geht von der               bringen und eine Distanz aufzubauen
                                                                                     Fähre an Land                      zwischen dem schockierenden Erlebnis
                                                                                                                        damals und dem, was heute passiert.“
                                   Cafeteria/                        Scheune                                               So vermischt sich in Martes Gedächtnis
                          Versammlungshaus                                                                              alles zu einem alptraumhaften Strudel:
                            Sanitäre          13                                                                        die vielen winzigen Frösche, die am Mor-
          10                Anlagen                                                   2                                 gen vor dem Massaker über den Zeltplatz
                                                                            1                                Fähr-
                                                        7                                                    anleger    hüpften, die Schüsse und Schreie, der zu-
                                                                                 Haupt-                                 fällige Blick auf den Fernseher im Kiosk
                                                                                 haus                                   des Krankenhauses, auf dem sie Tage spä-
    Aufeinandertreffen
    von Marte Fevang                                                                                    zum Festland    ter die Zahl der Toten las. In einem sol-
    Smith und Breivik                                                                                   ca. 600 Meter   chen Zustand bewältigt das Gehirn keine
                                                            UTØYA                                                       großen Leistungen. „Bei Schulaufsätzen,
                                                Zelt-
                3                               lager
                                                                                                                                                                              AFP
         Grotte
                     1

                                                              2
                                                                  Schulstube
                                1
                                                                        ca. 18.35 Uhr
  Quelle: „Aftenposten“                                                 Breivik wird gestellt
                                                                        und festgenommen
  Bergen
                  Utøya
                                            1

         NORWEGEN
                                                                                          Aufeinandertreffen
                                       ak
                                    err
                                                                                          von Adrian Pracon
                              ag                                                 6        und Breivik                    Attentäter Breivik nach seiner Festnahme auf Utøya
100 km                      Sk

   108                                                              D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
wo verschiedene Gedanken im Gedächt-                                                                                 stellen“, hofft er und schaut auf die
nis verknüpft werden müssen, versagt die                                                                             Rosen, die auf einem improvisierten
Konzentration“, sagt Bugge.                                                                                          Gedenkstein an der Landstraße vor
   Den Schulen kommt deshalb eine gro-                                                                               Utøya welken.
ße Verantwortung bei der Beobachtung                                                                                    Resilienz, so nennen Wissenschaftler
der Überlebenden zu. Die Lehrer müssen                                                                               die seelische Widerstandskraft einiger
jeden Utøya-Heimkehrer ansprechen,                                                                                   Menschen. Adrian sagt es mit seinen Wor-
ihm zu psychologischer Hilfe raten, wenn                                                                             ten: „Wenn du an dem Punkt bist, wo du
seine Leistung abfällt. Niemand soll                                                                                 dir nicht mehr vorstellen kannst, dass die
durch das nationale Hilfsraster fallen.                                                                              Sonne wieder aufgeht, gibt es doch nichts
   Marte wollte es zunächst auf eigene                                                                               Schöneres, als morgens aufzuwachen und
Faust versuchen. Mit dem Schreiben eines                                                                             sie scheinen zu sehen.“
Blogs versuchte sie den Schrecken loszu-                                                                                Doch eine Frage wird ihn wohl noch
werden. Im Winter gab sie ihren Wider-                                                                               lange beschäftigen. „Manchmal habe ich
stand gegen psychologische Hilfe auf.                                                                                tagelang an nichts anderes denken kön-
   Der Therapeut, zu dem sie nun geht,                                                                               nen als daran“, sagt Adrian: „Warum hat
hat bei ihr eine zunächst esoterisch an-                                                                             er mich nicht erschossen?“




                                                                                            ILJA C. HENDEL / VISUM
mutende Behandlung begonnen, die sich                                                                                   Denn Breivik legte gleich zweimal auf
„Eye Movement Desentizitation and Re-                                                                                ihn an. Das erste Mal begegnete Adrian
processing“ nennt. Der Patient wird da-                                                                              ihm zu Beginn des Massakers, am Strand.
bei aufgefordert, die belastenden Szenen                                                                             Plötzlich stand der Attentäter vor ihm
wieder aufzurufen. Zugleich bewegt der                                                                               am Ufer und legte mit mechanischer Prä-
Psychologe einen Gegenstand vor dem           Überlebender Mortensen                                                 zision einen Jugendlichen nach dem an-
Gesicht des Patienten und lässt ihn diesen    „Ich habe mich schuldig gefühlt“                                       deren um.
mit den Augen verfolgen.                                                                                                Als Adrian an der Reihe war und der
   Diese Augenbewegung lässt die über-        Erfahrungen, wie sie weltweit bei Groß-                                Attentäter auf ihn zielte, rief Adrian:
bordenden Gefühle im Moment des Erin-         tragödien gemacht wurden“, sagt Insti-                                 „Nicht schießen!“ Daraufhin ließ Breivik
nerns langsam abflachen. Die Funktions-       tutsdirektor Atle Dyregrov. Er geht davon                              den Lauf seines Gewehrs sinken, machte
weise der Methode ist ungeklärt, ihre         aus, dass mindestens 30 Prozent von ih-                                kehrt, einfach so. Wie angewurzelt blieb
Wirksamkeit jedoch in vielen Studien          nen länger in Behandlung bleiben wer-                                  Adrian in dem Wasser stehen, das sich
nachgewiesen. Auch deutsche Soldaten,         den. „Je nachdem, wie gut die Arbeit ist,                              vom Blut seiner Kameraden rot färbte.
die traumatisiert aus dem Afghanistan-        die wir in den nächsten Wochen leisten“,                                  Bei der zweiten Begegnung verschonte
Einsatz heimkehren, werden so behan-          sagt Dyregrov.                                                         der Attentäter ihn nicht. Da lag Adrian
delt. Doch Marte ist skeptisch: „Ich glau-       Die Wissenschaft kennt auch den Fall,                               auf dem Stein, unter der Regenjacke, und
be da ja nicht wirklich dran“, sagt sie.      dass Menschen gestärkt aus einer trau-                                 stellte sich tot. Aber diesmal drückte
Andererseits hofft sie natürlich, dass die    matischen Erfahrung hervorgehen. War-                                  Breivik ab. „Der Krach der Kugel war
Therapie anschlägt.                           um das so ist, darüber gibt es Theorien.                               gewaltig“, sagt Adrian. Doch sie verfehl-
   Im Februar schaute sie Breivik das ers-    Männer schaffen es häufiger als Frauen.                                te den Kopf und durchschlug nur die
te Mal wieder in die Augen. Als der At-       Es hilft, schon einmal eine Lebenskrise                                Schulter. „Schmerzen habe ich keine ge-
tentäter zum Haftprüfungstermin in den        gemeistert zu haben. Auch Adrian Pra-                                  spürt.“
Gerichtssaal geführt wurde, sah er zu ihr     con hat gute Chancen, dass es ihm ge-                                     Fast alle Überlebenden fühlen sich ir-
und den anderen Überlebenden auf der          lingt.                                                                 gendwann schuldig, weil nicht auch sie
Besucherbank. Unreif habe er da auf sie          Mit gerötetem Gesicht verlässt er die                               umgekommen sind. Bei Adrian war es
gewirkt, und dann erst seine Stimme:          Fähre von Utøya. Auf seinen weißen Lei-                                noch komplizierter. Denn der Attentäter
„wie die eines Schlumpfes“.                   nenschuhen federt er vom Anleger hoch,                                 hatte ihn bei der ersten Begegnung be-
   Noch vor Ende des Gerichtstermins          im Arm seine Schwester Katharina. „Der                                 wusst verschont. Weil er ihn mochte? Die-
kollabierte sie. Dabei hatte Marte gehofft,   Stein, auf dem ich lag, stand diesmal nicht                            se Vorstellung wäre kaum auszuhalten
der Anblick des Täters in Handschellen        unter Wasser“, sagt er. Er konnte ihn end-                             für Adrian.
könnte ihr Sicherheit geben. „Wenn ich        lich seiner Schwester zeigen. „Ich glaube,                                In den Ermittlungsakten stieß Adrian
in den Zeugenstand gehe, werde ich ihm        dass ich mich distanzierter fühle.“                                    auf eine Aussage Breiviks, die dessen
sicher nicht ein zweites Mal gegen-              In Norwegen hat es der junge Mann                                   Verhalten erklären könnte. Adrian sieht
übertreten“, sagt Marte. „Meine An-           mittlerweile zu einiger Berühmtheit ge-                                jünger aus, als er ist. Hat der Rechtsradi-
wältin hat beantragt, dass er vorher aus      bracht. Gerade erscheint sein Buch „Herz                               kale ihn für zu jung gehalten? Ein 14-jäh-
dem Saal geführt wird“, sagt sie und          gegen den Stein“, das der Autor Erik Møl-                              riges Mädchen auf der Insel hat er ver-
dreht selbstversunken an der Kordel ih-       ler Solheim nach langen Gesprächen mit                                 schont, weil es noch nicht so „gehirn-
rer Kapuze.                                   ihm aufgeschrieben hat. Die ersten Mo-                                 gewaschen“ sei.
   Der Prozess gegen Breivik, der diese       nate danach waren hart, ihn quälten De-                                   Auch Adrian muss vor Gericht aussa-
Woche beginnt, hat die norwegischen Kri-      pressionen. „Während der langen Gesprä-                                gen. Er wagt keine Vorhersage, ob er Brei-
senpsychologen in Alarmbereitschaft ver-      che mit Erik haben aber die wirren Epi-                                vik dort die Frage stellen wird, warum
setzt. In Gerichtssälen vom Nordkap bis       soden in meinem Kopf begonnen sich zu-                                 dieser beim ersten Mal nicht auf ihn ge-
zum Skagerrak wird die Verhandlung            sammenzufügen.“                                                        schossen hat. „Ich weiß nicht, ob ich mich
übertragen – die Liveschaltung dient auch        Adrian Pracon glaubt, das Geschehen                                 das trauen werde.“
als Test, wie weit die Opfer ihr Trauma       tatsächlich in seine Biografie eingebaut                                      GERALD TRAUFETTER, ANTJE WINDMANN
bereits verarbeitet haben.                    zu haben. Er kellnert in einer Bar, be-
   Nach Schätzungen des Zentrums für          zieht von der AUF ein Gehalt und will                                                Video: Ein Opfer kehrt zum
Krisenpsychologie an der Universität Ber-     jetzt seinen Schulabschluss machen. Spä-                                             Tatort zurück
gen hat die Hälfte der Überlebenden psy-      ter will er in die Politik gehen. „Ich                                               Für Smartphone-Benutzer:
chologische Hilfe in Anspruch genom-          glaube, ich kann das Buch mit diesem                                                 Bildcode scannen, etwa mit
men. „Das deckt sich recht genau mit den      Kapitel meines Lebens bald ins Regal                                                 der App „Scanlife“.
                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                       109
Technik

                                                   wegführen von konventionellen Blech-                  struktionen sind nur um gut hundert Kilo-
             AU TOM O B I L E                      strukturen“, sagt Stefan Plass, bei Evonik            gramm leichter, bringen also keine bahn-


Schwarzes Blech
                                                   verantwortlich für die Entwicklung von                brechende Gewichtseinsparung.
                                                   Polymerschäumen.                                         Weit größere Fortschritte – Einsparun-
                                                      Die Forscher des Chemiekonzerns se-                gen von 300 Kilogramm und mehr – sind
                                                   hen sogar schon ein neues Zeitalter des               mit einer Abkehr von metallischem Ma-
Ingenieure tüfteln an ultraleichten                Karosseriebaus anbrechen; nicht Stahl,                terial möglich. CFK gilt gemeinhin als
  Kunststoffautos. Setzt sich ein                  sondern Kunststoff soll bald das vorherr-             Schlüsselwerkstoff: Er ist mindestens so
Konstruktionsprinzip aus der Luft-                 schende Material sein – ein später Triumph            robust wie Stahl, dabei aber nicht einmal
                                                   des planwirtschaftlichen Automobilbaus                halb so schwer – bislang allerdings auch
     und Raumfahrt durch?                          der DDR, deren Standardmobil Trabant                  50-mal teurer. Ganze Karosserien daraus
                                                   einst in volkseigene Plaste gekleidet war?            wurden bisher nur für Renn- oder exoti-


D
         as Schaustück sieht aus wie der              Die Kunststoffkarosse ist jedenfalls der           sche Sportwagen produziert.
         Plastikrohling für einen Garten-          einzig erkennbare Weg, ein gravierendes                  Einzig BMW versucht bislang, ein Mas-
         teich. Die pechschwarze Wanne             Problem des Fahrzeugbaus zu lösen: Mit                senprodukt aus diesem Werkstoff herzu-
ist so lang und so breit wie ein Auto – die        den wachsenden Anforderungen an Si-                   stellen. Zusammen mit dem Partner SGL
Maße sind kein Zufall.                             cherheit und Komfort sind die Autos kon-              Carbon errichtet der Münchner Konzern
   Der Evonik-Konzern, ein Agglomerat              tinuierlich schwerer geworden.                        derzeit eine Fertigungskette, die diesen
altdeutscher Metall- und Chemieindu-                  Als VW in den Siebzigern den ersten                robusten Kunststoff aus dem Exoten-
strien, präsentiert das schlichte Gefäß als        Golf erschuf, wog dieser 750 Kilogramm.               dasein befreien soll. Im kommenden Jahr
eine Art Matrix für das Autochassis der            Das heutige Modell ist fast eine halbe                will BMW ein Elektroauto mit einer CFK-
Zukunft: Seine Wände sind etwa finger-             Tonne schwerer. Dass ein moderner Golf                Karosserie präsentieren, dessen Produk-
dick und bestehen aus einem weißen                 trotzdem weniger verbraucht als sein                  tionsanlagen für eine größere Serienfer-
Schaumkern, umgeben von dünnen Häu-                Urahn, ist im Wesentlichen den Fortschrit-            tigung ausgelegt sind. Der Hersteller
ten aus mit Kohlenstofffasern verstärk-            ten der Motorentechnik zu verdanken.                  nennt bisher weder Preise noch Stück-
tem Kunststoff (CFK).                                 Der Leichtbau als Entwicklungsziel                 zahlen. Projektleiter Ulrich Kranz versi-
   Das Konstruktionsprinzip nennt sich             rückt nun in den Vordergrund. Die Her-                chert lediglich: „Das wird hier kein Manu-
Sandwich; es ist steif und crashfest, hat          steller werben inzwischen offensiv mit                fakturbetrieb.“
sich in der Luft- und Raumfahrt sowie im           dem Begriff, ohne jedoch viel in diesem                  Der CFK-Aufbau soll auf ein Alumi-
Yacht- und Sportartikelbau bewährt und             Sinne zu leisten. In der Massenproduktion             nium-Chassis montiert werden. BMW
soll vermehrt Einzug ins Automobil                 dominiert noch immer die selbsttragende               geht damit weg von der selbsttragenden
halten. „Der Leichtbau-Gedanke muss                Karosserie aus Stahlblech. Aluminiumkon-              Karosserie und zurück zum zweigeteilten
                                                                                                         Wagenbau der Auto-Urzeit. Eines der
                                                                                                         letzten Massenprodukte, die diesem Bau-
Spar und fahr                                                                                            prinzip folgten, war der VW Käfer.
                                                                                                            Auch die Kunststoffexperten von Evo-
Leichtbau-Konzepte von                                                                                   nik halten diesen Weg für den richtigen.
BMW und Evonik                                                                                           „Einiges spricht dafür, Chassis und Karos-
                                                                                                         serie wieder zu trennen“, sagt Klaus
                                                                                                         Hedrich, der dortige Leiter des Auto-
                                                                                                         mobilteams. Mit dem Aufbau aus reinen
                    mit Kohlenstofffasern ver-                           Alu-Rahmen
                                                                                                         CFK-Elementen folgen die Auto-Entwick-
                    stärkter Kunststoff (CFK)                                                            ler jedoch ihrer alten Blecharchitektur.
                                                                                                         Die Evonik-Leute nennen dieses Prinzip
                                                         Batterien                                       Black Metal; sie halten es für das falsche
                                                                                                         Rezept.
                                                                                                            Sandwich-Strukturen, erklären sie,
                                                                                                         können die gleiche Stabilität zum weit
BMW i3                                                                                                   günstigeren Preis erreichen. Der teure
Auf einen tragenden Aluminium-                                                                           CFK werde sparsamer eingesetzt und
Rahmen wird ein aus CFK                                                                                  könne teilweise durch billigere, glasfaser-
geformter Aufbau gesetzt.                                                                                verstärkte Kunststoffe ersetzt werden.
                                                                                     Außenhaut aus
                                                                                     Kohle- oder Glas-      Als Vorbild, bei dem das Sandwich-
                                                                                     faserkunststoffen   Rezept bereits umgesetzt wurde, nennt
                                                        Hartschaumfüllung                                Hedrich den neuesten Sportwagen der
                                                                                                         englischen Exotenmarke McLaren – und
                                                                                                         beleuchtet damit auch gleich das zentrale
                                                                                                         Problem: Der Weg von der Manufaktur
                                                                                                         in die Großserie dürfte beim Sandwich-
                                                                                                         Prinzip noch steiniger sein. Die Herstel-
                                                                                                         lung solcher Bauteile ist um einiges kom-
                                                                                                         plexer als das Pressen eines schwarzen
                                                 Batterien
                                                                                                         Blechs aus CFK.
                                                                          Evonik-Composit-Entwurf           BMW-Entwickler Kranz sieht durchaus
                                                                    Alle wesentlichen Bauteile sind in   die Vorteile des Evonik-Ansatzes und hält
                                                               Sandwich-Bauweise erstellt: Ein spezi-    auch eine Umsetzung für möglich: „Für
                                                              eller Hartschaum wird dabei mit Kohle-     solche Lösungen brauchen wir allerdings
                                                              oder Glasfaserkunststoffen ummantelt.      noch ein paar Jahre Vorbereitung.“
                                                                                                                                     CHRISTIAN WÜST

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Wissenschaft

           I N N O VA T I O N E N



Ideen als Waffen
    Weltweit führen Konzerne
einen Krieg um Software-Patente.
      Eines der wichtigsten
 Schlachtfelder ist Deutschland –
  Verlierer sind oft die Kunden.


E
       s ist ein Kampf der Giganten, es
       geht um viele Milliarden Euro. Egal
       wie der Krieg endet, ein Verlierer
steht bereits fest: Deutschland.
   Darf der US-Konzern Microsoft sein
aktuelles Windows-Betriebssystem und
seine Spielkonsole X-Box weiterhin hier-
zulande verkaufen? Oder verletzt er Pa-
tente anderer Firmen? Darüber will das
Landgericht Mannheim diese Woche ent-
scheiden.
   Doch egal wie das Urteil ausfällt – vor-
                                                OLIVER BERG / DPA




sichtshalber verlegt Microsoft die Europa-
Vertriebszentrale vom nordrhein-westfä-
lischen Düren in die Niederlande; rund
hundert Mitarbeiter sind davon betroffen.
   Es ist nur eine kleine Auseinanderset-                           X-Box-Spielkonsole von Microsoft: Minenfeld unsichtbarer Risiken
zung in einem weltweit geführten Patent-
krieg. Auffällig nur: Wenn sich Hightech-                    Patent überhaupt wirksam ist. Denn diese             gibt Jahr für Jahr über 200 000 neue Pa-
Riesen wie Apple, Samsung, Motorola,                         Prüfung liegt beim Bundespatentgericht               tentanmeldungen am Europäischen Pa-
HTC, Microsoft, LG oder Sony juristisch                      in München – und sie kann Jahre dauern.              tentamt in München. Viele sind schwer
zoffen, tun sie das gern in Deutschland –                    In der schnelllebigen Hightech-Branche               verständlich geschrieben. Selbst große
was mit der hiesigen Rechtsprechung zu                       kann die Trägheit dieses zweigleisigen               Unternehmen schaffen es nicht, alle für
tun hat.                                                     „Trennungsprinzips“ kleinen Firmen leicht            sie relevanten Unterlagen durchzuarbei-
   Wenn ein Erfinder hierzulande eine                        das Genick brechen. Ihnen hilft auch nicht,          ten, um sicherzustellen, dass man gegen
Firma beschuldigt, seine Innovation ab-                      dass zwei von drei beanstandeten Paten-              kein Patent verstößt.“
gekupfert zu haben, wird oft per einst-                      ten erstinstanzlich abgeschwächt oder für               So tappen Erfinder durch ein Minen-
weiliger Verfügung der Verkauf der strit-                    nichtig erklärt werden.                              feld von unsichtbaren Risiken, die ihnen
tigen Ware untersagt. In anderen Ländern                        Gegenstand der juristischen Auseinan-             um die Ohren fliegen können. Großkon-
dagegen verordnen Gerichte eher eine Li-                     dersetzungen sind oft ohnehin keine ge-              zerne können Gerichtskosten oder Um-
zenzgebühr als einen Verkaufsstopp.                          nialen Geistesblitze. Microsoft etwa steht           züge ins Ausland leicht verkraften. Etli-
   Durch diese juristische Härte ist Deutsch-                jetzt vor Gericht, weil der Konzern zwei             che Mittelständler dagegen fühlen sich
land für Großkonzerne zum wichtigen                          alltägliche Standards verwendet, um die              dem rigorosen System hilflos ausgeliefert.
Schlachtfeld eines weltweit ausgetrage-                      fast niemand herumkommt: den Daten-                     Das Internet-Druckunternehmen Uni-
nen Krieges geworden. „Bei uns werden                        funk WLAN und den Videocodec H.264.                  tedprint aus Radebeul zum Beispiel wur-
etwa tausend Patentverletzungen pro                          Die Klägerfirma Motorola Mobility war                de durch eine Firma auf den Bermudas
Jahr verhandelt“, sagt Klaus Haft, ein Pa-                   an der Entwicklung beider Techniken be-              verklagt. Das „Weltpatentgericht“ in Düs-
tentanwalt aus Düsseldorf. „Das macht                        teiligt – wie viele andere Firmen auch.              seldorf verurteilte die sächsischen Unter-
rund 60 Prozent aller Fälle innerhalb                          „Firmen treiben ihre Patentzahlen                  nehmer zu Schadensersatz und Unterlas-
Europas aus.“                                                hoch, indem sie banale Erfindungen an-               sung. Über fünf Jahre später wurde das
   Besonders Düsseldorf profiliert sich                      melden oder einzelne Anmeldungen in                  Bermuda-Patent endgültig für nichtig er-
dabei mit etwa 600 neuen Fällen pro Jahr                     viele einzelne Patente zerstückeln“,                 klärt. In der Internetbranche ist das eine
als Hauptstadt der Patentverletzungs-                        warnt Joachim Henkel, Wirtschaftspro-                halbe Ewigkeit.
klagen. In Fachkreisen gelte seine                           fessor an der TU München. „Viele Firmen                „Der Fall zeigt, dass selbst schwache
Landeshauptstadt bereits als Sitz eines                      legen sich Patentportfolios an, um sie wie           Patente scharfe Waffen sein können“,
„Weltpatentgerichts“, frohlockte der                         Waffen zu verwenden. Das artet teilweise             sagt Johannes Sommer vom Bundesver-
nordrhein-westfälische Justizminister                        in einen richtigen Rüstungswettlauf aus.“            band Informations- und Kommunika-
Thomas Kutschaty (SPD) Ende März –                              Unter den Kollateralschäden haben                 tionstechnologie und fordert Reformen.
und kündigte sogleich die Einrichtung ei-                    auch die Nutzer zu leiden: Samsung muss              Doch das Bundesjustizministerium hält
ner dritten Kammer und die Aufstockung                       die Anzeige von Bildern künstlich ver-               das System für „effizient und kompetent“
von acht auf elf Richterstellen an.                          schlechtern, Apple darf aufgrund eines               und sieht keinen Änderungsbedarf.
   Doch der deutsche Sonderweg könnte                        Urteils auf deutschen iPhones keine eige-               Der deutsche Sonderweg dürfte also
Erfinder verunsichern, warnen Kritiker:                      nen Push-Dienste anbieten.                           erst enden, wenn ein einheitliches EU-
Oft verhängen die zuständigen Land-                             Henkel warnt, dass das deutsche Pa-               Patentsystem kommt. Und das kann Jah-
gerichte zwar einen sofortigen Verkaufs-                     tentrecht in der derzeitigen Form zum In-            re dauern.
stopp, sie klären jedoch nicht, ob das                       novationshemmnis werden könnte: „Es                                           HILMAR SCHMUNDT

                                                                          D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                         111
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                                                                                                                                land, betreibt ein eigenes Blog und er-
                                        LIFESTYLE                                                                               scheint mit ihren psychologisch untermau-


          Krise im Kleiderschrank
                                                                                                                                erten Bekleidungstipps regelmäßig im US-
                                                                                                                                Fernsehen.
                                                                                                                                   In zwei- bis dreiminütigen Filmen klärt
                                                                                                                                sie das Publikum seither über drohende
                                                                                                                                Stilbrüche auf und endet stets mit der-
          Eine US-Therapeutin legt nicht ihre Patienten                                                                         selben Formel: „Denk daran, du kannst
  auf die Couch, sondern deren Garderobe. Ihr Fazit: Wer unter                                                                  immer noch mehr aus dir machen!“
                                                                                                                                   Zumindest teilweise hat sie selbst
       seinem Outfit leidet, hat meist ganz andere Sorgen.                                                                      jene seelischen Untiefen durchlebt, in
                                                                                                                                denen ihre Klienten zu versinken drohen.


D
         ie Kriseninterventionen von Jen-                                         Kleiderschrank-Psychologin zu Hilfe.          Früher war sie süchtig nach Marken-
         nifer Baumgartner, 34, beginnen                                          Nun präsentiert sie eine Sammlung ku-         namen wie dem Taschenfabrikanten
         für ihre Patienten mit einer pein-                                       rioser Fälle der im textilen Niemandsland     Louis Vuitton und shoppte in Boutiquen
lichen Prozedur. Die hilfesuchenden Frau-                                         Gestrandeten in einem Buch; auch Emp-         weit über ihre finanziellen Möglichkeiten.
en und Männer müssen zunächst den In-                                             fehlungen, wie sich die Krisen durch Um-         Auch kombinierte sie ihre Trophäen
halt ihres Kleiderschranks vor der ameri-                                         wälzungen in der Kleiderkammer lösen          nicht immer ganz stilsicher, räumt sie
kanischen Therapeutin ausbreiten.                                                 lassen, liefert sie mit*.                     selbst ein. Inzwischen hat Baumgartner
   Dann sichtet Baumgartner den ihr dar-                                             Ursprünglich war die Seelenkundlerin       sich ein tragbares Kleidungskonzept ge-
gebotenen Klamottenberg mit unnach-                                               auf die Behandlung von Ess- und Angst-        schneidert: „Einfache Klassiker, unterstri-
sichtiger Strenge. Und versetzt den an                                            störungen spezialisiert. Doch im Gespräch     chen durch besondere Accessoires – das
der eigenen Kluft Verzweifelnden häufig                                           mit ihrer in Kleiderfragen verunsicherten     bin ich.“ Hohe Absätze gehören für sie un-
den finalen Schlag.                                                               Schwester ging ihr auf, dass da draußen       bedingt dazu. „Machen Absätze eine Frau
   Kostprobe: „Sarah, dein Wunsch, nie                                            eine bislang gänzlich vernachlässigte Schar   hilflos? Komm und versuch mich zu krie-
einen Fehler zu machen, immer perfekt                                             Hilfebedürftiger auf Rettung harrte.          gen, dann wirst du merken, wie es sich an-
auszusehen, hat zu einer leblosen, blut-                                             Baumgartner – langes dunkles Haar,         fühlt, einen Zehn-Zentimeter-Stiletto ins
losen, leidenschaftslosen Garderobe ge-                                           dunkle Augen – sieht aus, als könnte sie      Auge gerammt zu bekommen“, droht sie.
führt.“ Oder die Psychologin, die sich von                                        ihren Beruf jederzeit gegen eine Karriere        Ihre Patienten versucht die resolute
ihren Klienten mit „Dr. B.“ ansprechen                                            als attraktive Serienheldin eintauschen.      Analytikerin mit zunächst scheinbar ro-
lässt, erklärt: „Wann hast du angefangen,
dich hinter deiner Kleidung zu verste-                                              Nachwuchssängerin                                                      Popsängerin
cken? Wann hast du angefangen, nur                                                  Boyle                                                                  Madonna
noch Schwarz zu tragen, um Makel zu
überdecken?“
   Aus Sicht von Baumgartner handelt nie-
mand auf dieser Welt, der seinen nackten
Körper mit irgendeiner Form von Stoff
bedeckt, zufällig: „Jeder von uns versucht,
etwas zu verbergen oder zu sagen mit der
Art, wie er sich kleidet“, sagt sie.
   Manche Menschen verirren sich auf die-
sem Weg derart, dass ihr Dasein in einer
ausgemachten Kleiderschrankdepression
mündet: Einer ihrer Patienten war ein al-
ternder Sohn, der durch den frühen Tod
des Vaters den Platz an der Seite der Mut-
ter eingenommen hatte – noch im Ren-
tenalter trug er seinen Velour-Overall auf,
der zuletzt in den siebziger Jahren als
schick gelten konnte. Oder jene Mutter
Ende dreißig, die alles Weibliche aus ih-
rem Erscheinungsbild getilgt hatte und
bevorzugt Sweatshirts mit dem Schriftzug
ihres Arbeitgebers auf dem Rücken über-
streifte.
   Bemerkenswert auch der Fall einer 26-
Jährigen, die partout nicht einsehen
wollte, dass Stilettos in Kombination mit
einem Minirock von der Breite eines Gür-
                                                  BETHANY CLARKE / GETTY IMAGES




tels für Büro und Kirchgang keine gute
Wahl sind.
                                                                                                                                 KEVIN MAZUR / WIREIMAGE




   All diesen Betroffenen eilt Baum-
gartner seit geraumer Zeit als welterste

* Jennifer Baumgartner: „You Are What You Wear.
What Clothes Reveal About You“. Da Capo Press,
Boston; 252 Seiten; 12,25 Dollar.                                                 Prominente Modesünder: „Denk daran, du kannst immer noch mehr aus dir machen!“

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busten Methoden zu kurieren. „Wow, du
    siehst wirklich entsetzlich aus in dieser
    Hose“, so begrüßte sie etwa eine Klientin,
    die mühsam an ihrem Selbstbewusstsein
    arbeitete.
       Statt zu kollabieren, entgegnete die Ge-
    scholtene allerdings kühl: „Nun, wirklich
    schade, dass du das so siehst.“
       Der Dialog war ein sorgsam eingeübtes
    Rollenspiel.
       Denn vor kaum etwas haben jene von




                                                                                                                                                                        REBECCA BIXLER PHOTOGRAPHY
    ihrer Graumäusigkeit befreiten Menschen
    so viel Furcht wie vor einem beleidigen-
    den Kommentar zu ihrem Äußeren. Es
    sei überaus wichtig, sich für diesen Ver-
    balangriff eine passende Antwort zu über-
    legen, rät Baumgartner – in der Situation
    selbst falle einem bestimmt nichts ein.                                   Psychologin Baumgartner: Früher süchtig nach Markennamen
       Ein Gutteil ihrer Kunden sind Frauen,
    die ihr Dasein im Schatten ihres allzu                                       „Wie kann eine so unglaubliche Stimme      Patientengruppe begangen, so die Exper-
    drögen Outfits fristen und deshalb von                                    aus dieser Verpackung kommen?“, wun-          tin: von jenen Kaufwütigen nämlich, die
    ihrer Umwelt auch als langweilig abge-                                    derte sich Baumgartner aus der Ferne.         in Truhen und Schränken krankhaft Klei-
    stempelt werden. Als Paradebeispiel die-                                  Die Expertin diagnostizierte den klassi-      der horten, ohne diese Stücke auch nur
    ses Typs gilt Baumgartner die Sängerin                                    schen Fall einer tiefliegenden Identitäts-    aus der Verpackung zu holen.
    Susan Boyle. Die mit Lockenwicklern                                       störung. Aus lauter Angst aufzufallen            Diese Geplagten fühlen sich nach dem
    ondulierte Vorstadtpomeranze fiel als                                     dimmen solche Menschen ihr Erschei-           Shopping, als hätten sie eine Beruhigungs-
    großes Gesangstalent in der britischen                                    nungsbild derart herunter, dass sie para-     pille eingeworfen. Baumgartner versucht
    Casting-Show „Britain’s got Talent“ auf,                                  doxerweise gerade deshalb auffallen.          ihnen behutsam zu vermitteln, dass sie
    pflegte dabei jedoch einen Kleidungsstil,                                    Nicht minder verstörend das krasse         einer allzu kostspieligen und auf Dauer
    der schon vor 30 Jahren altbacken ge-                                     Gegenstück dazu: Jene kecken Omis, die        unnützen Strategie der Problemlösung
    wirkt hat.                                                                auch jenseits des 60. Lebensjahres ihre       anhängen.
                                                                              Liebe zu Netzstrümpfen und Miniröcken            Andere Verirrte wiederum stopfen ihre
Entertainer                                                                   ausleben. Die Kultsängerin Debbie Harry       Wohnung zum Verdruss ihrer Angehöri-
Gottschalk                                                                    von der Gruppe Blondie ist ihrem Stil         gen mit abgetragenem Plunder voll, den
                                                                              mittlerweile über Jahrzehnte treu geblie-     sie beim besten Willen nicht mehr als
                                                                              ben. Schon als 30-Jährige trug sie mit Vor-   tragbar in Betracht ziehen dürften. Be-
                                                                              liebe Kleider von der Länge eines T-Shirts    denklich findet die Psychologin etwa,
                                                                              und kniehohe Stiefel.                         wenn 50-Jährige für den Fall der Fälle
                                                                                 Inzwischen ist die ergraute Interpretin    ihre Umstandskleidung aufbewahren.
                                                                              66 Jahre alt, und der zur Paarung locken-        Der eichhörnchenhafte Sammeltrieb ist
                                                                              de Dress wird zunehmend zum Glaub-            vermutlich aber unter allen Menschen
                                                                              würdigkeitsproblem.                           verbreitet. Der 80/20-Regel folgend, nut-
                                                                                 Auch in der Männerwelt ist diese Art       zen die meisten Erwachsenen in etwa 80
                                                                              Paradiesvogel anzutreffen. In Deutschland     Prozent der Zeit nur rund 20 Prozent ih-
                                                                              wird die Rolle seit Jahren zuverlässig von    rer Garderobe.
                                                                              TV-Moderator Thomas Gottschalk ausge-            Noch geringer war wohl die Quote bei
                                                                              füllt. Der gealterte Unterhalter verblüfft    jener „Fußball-Mutti“, die sich aufopfe-
                                                                              regelmäßig mit Outfits am Rande des gu-       rungsvoll ganz in den Dienst der Familie
                                                                              ten Geschmacks. „Wenn das Erscheinungs-       gestellt hatte. Dazu trug sie meist jene
                                                                              bild nicht mit der Person übereinstimmt,      bequemen Pullover von den Sportverei-
                                                                              nehmen die Leute als Erstes genau diese       nen, in denen ihre Kinder aktiv waren.
                                                                              Unstimmigkeit wahr“, sagt Baumgartner.           Als Baumgartner bei ihr nach im Ver-
                                                                              Auch Popsängerin Madonna macht als            borgenen schlummernden Resten femini-
                                                                              über 50-Jährige noch immer manisch auf        nen Strebens zur Schönheit fahndete,
                                                                              Mädchen.                                      sprudelte alsbald ein in Vergessenheit
                                                                                 Dennoch entdeckt die Expertin an           geratener Quell. Zur Therapie stellte die
                                                                              dem nach Alterslosigkeit strebenden Star      Psychologin ihrer Klientin ein modisch
                                                                              Gutes: Madonna sei „ein wunderbares           attraktives Anfängersortiment zusam-
                                                                              Beispiel für jemanden, der sich ständig       men, das die aus der Übung Geratene
                                                                              weiterentwickelt“, lobt Baumgartner.          beim Kombinieren nicht überforderte.
                                                                                 Im schnöden Alltag trifft die Psycho-         Dr. B. verrät auch ihre goldenen Re-
                                              SASCHA BAUMANN / GETTY IMAGES




                                                                              login dagegen immer wieder auf Mütter,        geln, um die schlimmsten Mode-Kata-
                                                                              die sich aus den Kleiderschränken ihrer       strophen zu vermeiden: Niemals darf sich
                                                                              pubertierenden Töchter bedienen – oder        die Unterwäsche unter Rock oder Hose
                                                                              auf mittelalte Männer, die sich kampflos      abzeichnen; von allzu laut klappernden
                                                                              in das Heer beigefarbene Blousons tra-        Accessoires ist abzuraten; zu keiner Zeit
                                                                              gender Herren einreihen.                      sollte Kleidung getragen werden, die mit
                                                                                 Das schlimmste Modeverbrechen über-        beleidigenden Botschaften bedruckt ist.
                                                                              haupt aber werde von einer ganz anderen                                 FRANK THADEUSZ

                                                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                         113
Szene

                POP


  Furiose Trauerarbeit
Ihre phänomenal düsteren, hymni-
schen Lieder zu Klavierbegleitung
ließen die Popwelt vor drei Jahren
rätseln, woher die Schwermut der
noch sehr jungen österreichischen
Sängerin Anja Plaschg rührt, die
unter dem Namen SoapSkin auf-
tritt. Nun ist Plaschg 22 Jahre alt,
wird von Musikfans in vielen euro-
päischen Ländern als poetische Lei-
densfrau verehrt und versucht mit
ihrem zweiten Album „Narrow“,
wie sie sagt, „einen Befreiungs-
schlag“. Sie habe eine seelische Kri-
                                                           COURTESY OF MOHAMED ALMANI




se überstanden und sich wegen De-
pressionen behandeln lassen, so
Plaschg, „die Erschöpfung ist über
mich hergerollt“. Zuletzt trat die
Sängerin nur selten auf, in diesen
Wochen aber will sie unter ande-
rem in Hamburg und in Leipzig mit
einem großen Ensemble auf die                                                           Anonyme Street-Art aus Tripolis
Konzertbühne kommen. „Narrow“
verkauft sich prächtig, mit instän-                                                                                                   KUNST
diger Wucht singt Plaschg dort vom

                                                                                                      „Schüsse im Hintergrund“
Tod ihres Vaters („Wann kommst
du wieder heim?“), von Fernweh
und Verlorenheit, dazu gibt es eine
sehr langsame Version des Achtzi-
ger-Jahre-Klassikers „Voyage, voya-                                                     Martin Roth, 57, Direktor                                               ausdrückten. Wir würdigen eine Kunstform,
ge“. Sie wisse nicht, wie es mit ihr                                                    des Victoria and Albert                                                 die für die Revolution in Libyen wichtig
weitergehen solle, sagt Plaschg. Ein                                                    Museum in London, über                                                  war, die für die Menschen dort eine echte
                                                                                        eine von seinem Haus in-
                                                                                                                                       MOMENTPHOTO.DE / BONSS




Malereistudium in Wien in der Klas-                                                                                                                             Bedeutung hat. Wir haben eng mit dem
se von Daniel Richter hat sie aufge-                                                    itiierte Schau mit Werken                                               British Council zusammengearbeitet, eini-
geben, in dem preisgekrönten öster-                                                     der Street-Art in Libyen,                                               ge libysche Mitarbeiter haben mitgekämpft
reichischen Kinofilm „Stillleben“ ist                                                   die zunächst in Tripolis                                                in dieser Revolution. Für sie, aber auch für
sie erstmals als Schauspielerin zu                                                      zu sehen war und nun                                                    das libysche Kulturministerium ist es wich-
sehen. Und auch auf der Leinwand                                                        nach Bengasi wechselt                                                   tig, endlich etwas auf die Beine stellen zu
zeigt sie jene außergewöhnliche In-                                                                                                                             können, wenigstens in einem kleinen Rah-
tensität, die ihre Musik auszeichnet.                                                   SPIEGEL: Herr Roth, wie war die Resonanz                                men so etwas wie kulturelles Leben zu
                                                                                        auf die Eröffnung Ihrer Schau in Tripolis?                              ermöglichen.
                                                                                        Immerhin war es die erste größere Ausstel-                              SPIEGEL: Warum fühlt sich ausgerechnet Ihr
                                                                                        lung in Libyen seit dem Beginn der Revo-                                sehr britisches, sehr traditionelles Museum
                                                                                        lution.                                                                 dazu berufen, eine solche Schau zu veran-
                                                                                        Roth: Zur Eröffnung war aus Sicherheits-                                stalten?
                                                                                        gründen nur eine überschaubare Menge an                                 Roth: Museen sollten ihre aristokratische
                                                                                        Gästen eingeladen, Künstler, Leute, die mit                             Distanz abbauen. Unser Haus will sich
                                                                                        Street-Art ihren Protest ausgedrückt haben,                             jedenfalls in den Alltag einbringen, und
                                                                                        Menschen aus dem Dunstkreis der jetzt ent-                              das muss nicht nur der britische Alltag
                                                                                        stehenden Ministerien. Man muss vorsich-                                sein. Deshalb besitzen wir übrigens auch
                                                                                        tig sein. Auch wenn es sich nicht so gefähr-                            eine großartige Sammlung von Street-Art.
                                                                                        lich anfühlte – wir hörten im Hintergrund                               Die Idee zu dieser Schau entstand, als
                                                                                        immer mal wieder Schüsse, die an die Ge-                                uns der libysche Kulturminister besuchte.
                                                                                        fahr erinnerten.                                                        Dann ging alles sehr schnell. Wir sind in
                                                                                        SPIEGEL: Wozu diese Ausstellung, wenn Sie                               ein Land gereist, in dem gerade Zehntau-
                                                                                        wegen genau dieser Gefahren nur ein be-                                 sende Menschen umgebracht worden wa-
                                                                                        grenztes Publikum erreichen?                                            ren, das traumatisiert ist. Es braucht Hilfe
                                        ALEXANDRA FEKETE




                                                                                        Roth: Wir verstehen sie als Signal. Unter                               beim Wiederaufbau, beim Aufbau einer
                                                                                        Gaddafi war freie Kunst nicht denkbar.                                  Normalität, Hilfe auch beim Überwinden
                                                                                        Umso mutiger waren die Leute, die auf die                               der Fronten innerhalb der Gesellschaft,
                                                                                        Straße gingen und malten, die ihre Haltung                              egal, woher.
Plaschg

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Kultur
             L I T E R AT U R
                                                berichtete, Antisemitismus vorwerfen
                                                konnte. Aber auch von den eigenen

   Walsers letzte Fragen                        „nach Unverwechselbarkeit trachten-
                                                den Sätzen“ ist die Rede, die ihn bis-
                                                weilen selbst angeekelt hätten. So
Dieser Essay ist lange vor der aktuel-          changiert sein Essay zwischen Selbst-
len Debatte um das Israel-Gedicht von           abrechnung und Selbstbehauptung.
Günter Grass entstanden – und doch              Schnell wird klar, dass es hier nicht um
lässt sich Martin Walsers Buch „Über            Rechtfertigung im banalen Sinne geht.
Rechtfertigung“ als nachdenklicher              Höheres steht an: „Rechtfertigung
Kommentar zur Affäre lesen. Walser,             ohne Religion wird zur Rechthaberei“,
85, ist wie sein Kollege Grass, 84,             ist Walsers neue Überzeugung. Er be-
mehrfach wegen politischer Regelver-            ruft sich dabei seitenweise auf Philo-
stöße und verbaler Grenzverletzungen            sophen, Dichter und Kirchenleute. Es
in die Kritik geraten. Schon lange              ist nicht immer leicht, Walser durch
möchte er raus aus dem „Reizklima               diese Stoffsammlung zu begleiten oder
des Rechthabenmüssens“, in                               ihm bei seinen Gedanken-
dem es darum gehe, den Ein-                              sprüngen zu folgen. Für ihn ist
druck zu vermitteln, „man sei                            die Religion „anspruchsvoller
der bessere Mensch“. Und er                              als jede andere Denk- und Aus-
behauptet, dass er sich nun                              drucksbemühung“. Er fragt,
„nicht mehr berühren lasse von                           was der Mensch gegenüber
dem, was der Welt gerade am                              Gott ist, und antwortet mit den
meisten weh tut“. Auf den ers-                           Worten des Theologen Karl
ten Blick bemüht sich Walser in                          Barth (und Kafka im Sinn):
seinem Essay um Selbstrecht-                             „Wie sollte er je und irgendwie
fertigung: Von einem „Schluss-                           etwas anderes sein als der An-
strich“ unter das Holocaust-Ge- Martin Walser            geklagte?“ Da ist dann von
denken, wie nach seiner Rede        Über Rechtfer-       letzten Dingen die Rede – sie
in der Paulskirche 1998 unter-      tigung, eine         haben am Ende mit der pro-
                                    Versuchung
stellt, habe er nie gesprochen.                          fanen politischen Sphäre nichts
Und er habe nie begriffen, dass     Rowohlt Verlag,      mehr zu tun, in der ein mit
                                    Reinbek;
man ausgerechnet ihm, der als       112 Seiten;          „letzter Tinte“ von Grass ver-
einer der Ersten 1964 vom           14,95 Euro.          fasstes Gedichtpamphlet be-
Frankfurter Auschwitz-Prozess                            heimatet ist.
                                                                                           MFA




   KINO IN KÜRZE


  „Die Königin und der Leibarzt“ ist ein Historiendrama über die dänische
  Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) und ihre Affäre mit dem deutschen Arzt
  und Aufklärer Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen). Nach einem Dreh-
  buch, an dem Lars von Trier mitschrieb, erzählt Regisseur Nikolaj Arcel von den
  gesellschaftlichen Umwälzungen des 18. Jahrhunderts, von der teilweisen Ent-
  machtung des Adels, von Sozialreformen und der Abschaffung der Zensur. Präzise
  und bewegend beschreibt der Film, wie der Wunsch, eine gerechtere Welt zu
  schaffen, eine große Liebe entstehen lässt. Leider findet die betuliche Inszenie-
  rung zu selten die Kraft, die erotischen und politischen Leidenschaften der Figu-
  ren in Bilder umzusetzen.


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Kultur


                                                               STREITGESPRÄCH




                       „Abschalten, Digger“
  Der Musiker Jan Delay und der Abgeordnete der Piratenpartei Christopher Lauer
           ringen um den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter und die
        Frage, ob Musik im Internet kostenlos zur Verfügung stehen sollte.

Jan Delay ist einer der erfolgreichsten
Popmusiker in Deutschland. Wie viele
seiner Kollegen fühlt er sich von der For-
derung der Piratenpartei, die Musik-
Tauschbörsen im Internet zu legalisieren,
bedroht, weil dann kein Musiker mehr
von seiner Arbeit leben könne. Am ver-
gangenen Dienstag traf er sich im Ham-
burger SPIEGEL-Haus mit dem Piraten-
politiker Christopher Lauer, um eine
Diskussion weiterzuführen, die der Mu-
siker und Schriftsteller Sven Regener
(Element of Crime, „Herr Lehmann“)
vor vier Wochen losgetreten hatte: Die
Weigerung, Musik als ein zu bezahlen-
des Gut anzuerkennen, sei „eine Unver-
schämtheit“.
Delay, 35, ist gebürtiger Hamburger, sei-
ne letzten beiden Alben (darunter „Wir
Kinder vom Bahnhof Soul“) standen auf
Platz eins der deutschen Charts; im Mai
erscheint die Konzert-DVD „Hamburg
brennt“. Lauer, 27, ist Abgeordneter der
Piratenpartei im Berliner Parlament und
kulturpolitischer Sprecher der Fraktion.

SPIEGEL: Herr Lauer, die Piratenpartei for-
dert die Legalisierung von Musik-Tausch-
börsen im Internet. Das bedeutet, dass
nie wieder jemand nur einen Cent für ein
Lied von Jan Delay bezahlen müsste. Wie
erklären Sie ihm, dass Sie seine Arbeit
offenbar für wertlos halten?
Lauer: Ich sage nicht, dass seine Arbeit
wertlos ist. Wir Piraten sagen, dass es kei-
nen Sinn hat, Menschen, die sich Musik
im Netz herunterladen, zu kriminalisie-
ren. Es geht doch um den 15-Jährigen,
der kaum Geld hat. Jan, du solltest schon
genug Phantasie haben, dir vorzustellen,
dass dieser 15-Jährige, der sich heute dein
Album herunterlädt oder sich etwas von
dir umsonst auf YouTube ansieht, denkt:
Okay, das ist gute Musik, und später,
wenn ich einmal Geld habe, kaufe ich
mir eine CD oder gehe zu einem Konzert
von Jan Delay.
Delay: Ach ja? Komisch. Die CD-Verkäufe
haben sich in den letzten zehn Jahren
fast halbiert. Und jetzt kommt einer von

Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Hüetlin
und Philipp Oehmke.                                  Kontrahenten Lauer, Delay: „Das System funktioniert nicht mehr, das ist der Ist-Zustand, findet

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der Piratenpartei und sagt, das soll Wer-   men hätten. Angebot und Nachfrage –                                                     Lauer: Ein Künstler soll seine Urheber-
    bung für die Musiker sein? Ich verstehe     das regelt der Markt nun direkt.                                                        rechte natürlich behalten. Der soll nicht
    jeden 15-Jährigen, der kein Geld hat. Es    SPIEGEL: Wie denn?                                                                      arm werden. Wir sagen, wenn ein Urhe-
    ist trotzdem eine komische Argumenta-       Lauer: Indem die Künstler direkt von                                                    ber einen Vertrag mit einem Verwerter
    tion. Wenn der 15-Jährige sich im Super-    den Konsumenten Geld erhalten – durch                                                   abschließt, dann bekommt der Verwerter
    markt eine Flasche Wodka klaut, soll man    direkte Bezahlsysteme, durch Verkäufe                                                   die exklusiven Nutzungsrechte nur noch
    das dann auch erlauben, weil der Junge      auf Internetplattformen, durch Konzerte.                                                für maximal 25 Jahre. Das heißt, wenn
    kein Geld hat?                              Was eben nicht mehr funktioniert, ist das                                               du, Jan, einen Vertrag mit Universal ab-
    Lauer: Es gibt einen Markt von Konsumen-    alte System zwischen Künstlern, Labeln                                                  schließt, hat Universal die Nutzungsrech-
    ten. Die bezahlen Geld für kulturelle Gü-   und Konsumenten. Ich verstehe, dass man                                                 te nur noch maximal 25 Jahre – und auch
    ter. Durch das Internet verteilt sich das   sich darüber aufregt. Aber das ist der Ist-                                             nur für Vertriebswege, die zum Zeitpunkt
    Geld nur anders. Unbekanntere Künstler      Zustand. Findet euch damit ab.                                                          des Vertragsabschlusses bekannt waren.
    bekommen die Möglichkeit, eine Auf-         Delay: Ich finde mich sicherlich nicht da-                                              Das stärkt dich als Künstler.
    merksamkeit zu erlangen, die sie im klas-   mit ab, weil ihr unsere gesamten Urheber-                                               Delay: Ich glaube, ich muss euch Piraten
    sischen Plattenfirmen-System nie bekom-     rechte abschaffen wollt.                                                                dringend mal ein paar Dinge erklären.
                                                                                                                                        Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches
                                                                                                                                        Halbwissen. Ihr strickt euch eure Meinun-
                                                                                                                                        gen aus irgendwelchen Blog-Posts und
                                                                                                                                        Wikipedia-Einträgen zusammen. Aber
                                                                                                                                        keiner von euch hat sich 20 Jahre lang
                                                                                                                                        im Musikgeschäft bewegt, weder als
                                                                                                                                        Schaffender noch als Verkaufender. Bei
                                                                                                                                        euch sind die Plattenfirmen immer die
                                                                                                                                        Bösen, aber das ist ein Klischee. Was ihr
                                                                                                                                        immer vergesst, ist die komplette Infra-
                                                                                                                                        struktur, die da dranhängt: Videoproduk-
                                                                                                                                        tionen, Studios, all die Zulieferbetriebe,
                                                                                                                                        die seit zehn Jahren nur noch sterben,
                                                                                                                                        sterben, sterben.
                                                                                                                                        Lauer: Für 95 Prozent der Musiker lief es
                                                                                                                                        auch ohne das Internet, auch ohne die
                                                                                                                                        Piratenpartei nicht gut. Die Urheber-
                                                                                                                                        rechtsdiskussion lenkt den Blick auf die
                                                                                                                                        Bedingungen, unter denen die meisten
                                                                                                                                        Künstler arbeiten. Die in der Künstler-
                                                                                                                                        sozialkasse versicherten Musiker verdien-
                                                                                                                                        ten im letzten Jahr durchschnittlich nicht
                                                                                                                                        einmal 12 000 Euro.
                                                                                                                                        Delay: Sorry, aber ihr wollt euch jetzt nicht
                                                                                                                                        wirklich zum Rächer der schlechtver-
                                                                                                                                        dienenden Künstler aufschwingen?
                                                                                                                                        Lauer: Ich will nur nicht die Behauptung
                                                                                                                                        gelten lassen, die Piratenpartei wolle die
                                                                                                                                        Urheber alle arbeitslos machen. Nach
                                                                                                                                        unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht
                                                                                                                                        beim Urheber. Wir ändern lediglich die
                                                                                                                                        Spielregeln zwischen Urheber und Ver-
                                                                                                                                        werter.
                                                                                                                                        Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte über-
                                                                                                                                        haupt keine Spielregeln. Was du da ge-
                                                                                                                                        rade erzählst, verhandelt ein Künstler mit
                                                                                                                                        seinem Label. Wenn er einen schlechten
                                                                                                                                        Anwalt hat, kriegt er einen schlechten
                                                                                                                                        Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht,
                                                                                                                                        wird er abgezockt. Wenn er gute Musik
                                                                                                                                        macht, hat er bessere Chancen, weil man
                                                                                                                                        ihn unbedingt signen will. Das hat euch
                                                                                                                                        überhaupt nicht zu interessieren, welche
                                                                                                                                        Verträge ein Künstler unterschreibt.
                                                                                                                                        Lauer: Es geht doch um die Frage, wie man
                                                                                              CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL




                                                                                                                                        Künstler und Konsumenten zusammen-
                                                                                                                                        bringt.
                                                                                                                                        Delay: Nein. Kannst du gar nicht. Denn
                                                                                                                                        dazwischen sind immer die Verwerter,
                                                                                                                                        also die Plattenfirmen, über die ihr so
                                                                                                                                        schimpft. Und die brauchen wir auch.
                                                                                                                                        Denn wir machen Musik und Kunst. Wir
                                                                                                                                        können uns nicht darum kümmern, wie
euch damit ab“ – „Sicherlich nicht“                                                                                                     etwas verkauft wird, wie etwas abge-
                                                      D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                                      117
Kultur

rechnet wird, wie etwas geschützt
wird. Dafür brauchen wir die Ver-
werter.
Lauer: Wir wollen nicht die Verwer-
ter verbieten. Aber die Rolle des
Verwerters verändert sich.
Delay: Ich werfe denen in der Platten-
industrie seit zehn Jahren vor, dass
die nicht auf so etwas wie iTunes
gekommen sind. Dass die das ver-
pennt haben. Mag alles sein. Aber
die Versäumnisse der Plattenindu-
strie sind kein Argument für die Le-
galisierung der Tauschbörsen. Al-
lein der Begriff ist falsch. Hört sich Musiker Delay, Politiker Lauer: „All die Betriebe, die seit zehn Jahren nur sterben, sterben, sterben“ –
so harmlos an. Aber da wird nichts
getauscht. Da werden meine Lieder für teilt ist, ohne Deep Packet Inspection ab- Delay: Und das findest du in Ordnung?
umsonst dupliziert.                          schalten?                                         Lauer: Auf Tauschbörsen wie Pirate Bay
Lauer: Ja. Aber wir haben eine Bevölke- Delay: Ey, Alter, was?                                 gibt es auch Angebote, die ich legal eben
rung, die benutzt Tauschbörsen. Deswe- Lauer: Also: Wie will man ein solches nicht kaufen kann. Ich gucke zum Bei-
gen sagen wir: Tauschbörsen ja. Nur: Wie Netzwerk abschalten, ohne in die Netz- spiel gerade die amerikanische Zeichen-
gehen wir damit um? Kriminalisieren wir struktur massiv einzugreifen? Zum Bei- trickserie „Family Guy“. Bei iTunes kann
einen Großteil der jungen Bevölkerung? spiel Jan Delays Lied „Klar“, das ich toll man sich die aktuellen Folgen im Origi-
Etwa mit der Two-Strikes-/Three-Strikes- finde, obwohl ich ihn sonst eigentlich nal nicht herunterladen, also gehe ich zu
Regelung, die gerade im Gespräch ist und nicht höre …                                          Pirate Bay, wo ich die aus dem amerikani-
bedeutet, dass man nach zwei oder drei Delay: Ich hör euch auch nicht.                         schen Fernsehen aufgenommenen Folgen
Vergehen den Internetanschluss verliert? Lauer: Dieses Lied habe ich jetzt auf mei- finden kann. Tauschbörsen ermöglichen
Es sind Netzsperren im Gespräch, und es ner Festplatte und öffne ein sogenanntes es den Menschen, Kulturgut auszutau-
gibt Anwälte, die Abmahnungen über Torrent-Programm. Damit kann sich das schen. Damit helfen sie unbekannteren
1500 Euro rausschicken.                      jeder von mir runterladen. Die Rechner Künstlern, ihre Kunst zu verbreiten.
Delay: Da sind wir zum ersten Mal einer fangen also an, die Dateien zu kopieren. Delay: Das hat Kim Schmitz mit Mega-
Meinung. Diese Abmahnungen sind so, Eine Kontrollinstanz, die das verhindern upload auch getan. So kannst du nicht ar-
als würde man mit einem Baseballschlä- wollte, müsste nun in jedes Datenpaket, gumentieren.
ger jedem auf die Fresse hauen, der ein das meinen Computer verlässt, hinein- Lauer: Aber dort steckt ein kommerzielles
Kaugummi klaut. Das schürt nur den gucken, um festzustellen, was da hin und Interesse dahinter.
Hass auf die Plattenindustrie. Es ist ein her geschickt wird. Ein Musikstück von Delay: Bei den Tauschbörsen wie Pirate
windiges Geschäftsmodell, das sich ein Jan Delay oder eine Liebes-E-Mail an mei- Bay gibt es auch Bannerwerbung. Wieso
paar Anwälte ausgedacht haben, die von ne Freundin? Tauschbörsen zu legalisieren ist das eine okay, das andere nicht?
der Notlage der Künstler und Plattenlabel ist gesamtgesellschaftlich einfacher als der Lauer: Pirate Bay ist eine Suchmaschine
profitieren und richtig Asche machen. Aufbau einer Überwachungsinfrastruktur. für Torrents. Megaupload oder kino.to stel-
Die holen sich Niedriglöhner, die für fünf Delay: Websites wie Megaupload von Kim len die Dateien für Geld zur Verfügung.
Euro die Stunde in Sweatshops sitzen und Schmitz oder kino.to sind doch auch ab- Delay: Nein. Dort gibt es die Sachen auch
IP-Adressen rausfiltern.                     geschaltet worden.                                umsonst.
SPIEGEL: Wird dieses eingeforderte Geld Lauer: Das sind keine Tauschbörsen. Da Lauer: Aber kino.to ist ein kommerzielles
eigentlich an die Künstler ausgeschüttet? werden Musik oder Filme auf eine Web- Angebot, weil sie Werbebanner schalten.
Delay: Peinlicherweise habe ich auf mei-                                                       Delay: Das tun deine Torrent-Börsen auch.
ner letzten Abrechnung auch einen sol-                                                         Da hast du immer noch nicht drauf ge-
chen Posten entdeckt. Das ist eklig. Ich „Aber, Leute, habt ihr                                antwortet.
will dieses Geld nicht und spende es. Und                                                      Lauer: Gut. Jetzt hast du mich.
ich glaube, es gibt Bands und Labels, die Lösungen, wisst ihr über-                            Delay: Um ehrlich zu sein: Bei den meisten
damit inzwischen richtig Geld machen.        haupt, wovon ihr redet?“                          Punkten, die du bisher hier gemacht hast,
Lauer: Mit der Zahlungsaufforderung kom-                                                       habe ich dich. Ist jetzt nicht böse gemeint,
men auch meist Unterlassungserklärungen, Jan Delay                                             aber auch unabhängig von der Urheber-
und die werden uns noch richtig um die                                                         frage erscheint mir das ganze Piratenpar-
Ohren fliegen. Wenn man die unterschreibt, site geladen, und Geld verdienen die tei-Ding, als käme da jemand um die Ecke
verpflichtet man sich, beim nächsten Ver- durch Porno-Werbung. Das ist Mafia. Tor- und sagt: Ey, wir sind hier eine Partei und
gehen bis zu 250000 Euro zu bezahlen. Wir rent-Tauschbörsen funktionieren anders: es gibt Schokolade für alle umsonst. Und
sagen: Es gibt jenseits der Tauschbörsen Da lade ich mir eine Torrent-Datei auf ein paar Nichtwähler sagen: Geil, Scho-
genügend Möglichkeiten, wie man den meinen Rechner. Das ist nicht das Lied kolade umsonst, das ist doch mal Politik.
Künstlern Geld zukommen lassen kann.         oder der Film selbst, sondern nur die Aber, Leute, habt ihr Lösungen? Wisst
SPIEGEL: Welcher 15-Jährige, der kaum Information, wo es zu finden ist. Im Grun- ihr überhaupt, wovon ihr redet? Ich glau-
Geld hat, bezahlt für etwas, das er auch de so etwas wie die Gelben Seiten. Das be euch, dass ihr Ahnung von Computern
legal umsonst haben kann? Was Sie vor- Programm sucht sich von allen Rech- habt, das ist dann aber auch schon alles.
schlagen, ist eine Art Almosenwirtschaft. nern und Servern, auf denen die Musik- Lauer: Wir machen zumindest Vorschlä-
Lauer: Verstehen Sie doch: Tauschbörsen datei liegt, die Informationen und kopiert ge.
kriegt man nicht weg.                        sie auf meinem Rechner zusammen. Delay: Nee, Digger, die Vorschläge, die du
Delay: Doch. Abschalten, Digger.             Gleichzeitig stellt mein Rechner die Mu- bisher hier gemacht hast, kann ich alle in
Lauer: Wie willst du ein Peer-to-Peer- sikdatei wieder anderen Rechnern zur der Luft zerreißen. Soll ich dir mal ein
Netzwerk, das auf tausend Rechner ver- Verfügung.                                              paar Vorschläge machen?
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Delay: Dieser Song ist noch da.
                                                                                                           Aber der Musiker, der ihn ge-
                                                                                                           macht hat, wird keinen zweiten
                                                                                                           aufnehmen können, weil er mit




                                                                                                        FOTOS: CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL
                                                                                                           dem ersten kein Geld verdient hat.
                                                                                                           Insofern nehmt ihr den Leuten
                                                                                                           durchaus etwas weg. Meine eigene
                                                                                                           Biografie als Künstler veranschau-
                                                                                                           licht das gut: Mit 15 habe ich an-
                                                                                                           gefangen, Musik zu machen, nur
                                                                                                           so. Ich ging noch zur Schule, dann
                                                                                                           Zivildienst, habe weitergemacht
                                                                                                           mit der Musik, weil es gut lief,
                                                                                                           dann Studium, und plötzlich hatte
„Für 95 Prozent der Musiker lief es schon schlecht, auch ohne Piratenpartei“                               ich einen Hit und keine Zeit mehr
                                                                                                           fürs Studium. Das heißt, ich habe
    Lauer: Bitte.                                  pitalismuskritisch. Da ist es schwierig, zu     nur weitergemacht, weil es, jetzt mal
    Delay: Du sagst einerseits, man soll die       sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen.       krass formuliert, damals kein Internet
   Kids, die sich Songs oder Filme bei Pirate      Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se anti-   gab. Hätten sich alle meine Musik einfach
   Bay oder kino.to besorgen, nicht krimina-       kapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht.     umsonst runtergesaugt, hätte ich aufge-
   lisieren. Finde ich auch, aber: Wenn du in      Lauer: Als ich Regener gehört habe, dach-       hört. Dann hätte ich Jura studiert oder
   einen Laden gehst und ein Duplo klaust          te ich, die Forderung nach dem Verbot           BWL oder wäre jetzt ein Junkie.
   und erwischt wirst, bekommst du eine            von Tauschbörsen klingt, als wollte man         SPIEGEL: Ein junger Künstler kann heute
   Strafe. So ist das nun mal. Ich fahre seit      die Schwerkraft verbieten. Wir leiten vie-      nicht mehr von seinen Platten leben?
   Geburt schwarz. Wenn ich erwischt wer-          le unserer Forderungen aus den techni-          Delay: Jedenfalls nicht, wenn man wie ich
   de, zahle ich 60 Euro, und das ist okay.        schen Gegebenheiten des Netzes ab. Die          Wert auf eine hochwertige Produktion
   „Superman“-Film runtergeladen, erwischt         stehen für uns wie Naturgesetze. Deswe-         und aufwendige Videos legt. Heutzutage
   worden, 60 Euro. Dieses Geld sollte dann        gen fällt es Ihnen und vielen anderen           verdienst du dein Geld mit Live-Shows,
   nicht den großen Musikern zugutekom-            manchmal schwer, uns zu verstehen.              mit Merchandise, oder du stellst dich für
   men, sondern denen, die unter dem Run-                                                          Werbung zur Verfügung. Als ich von mei-
   tergelade wirklich leiden. Dieter Bohlen                                                        nem letzten Album 100 000 Stück ver-
   und ich bekommen davon nichts.                  „Tauschbörsen abschaffen –                      kauft und damit Gold-Status erreicht hat-
   SPIEGEL: Die Leute sollen ruhig versuchen,                                                      te, war ich immer noch im Minus.
   Sie zu bestehlen, Sie dürfen sich nur nicht     das klingt, als wollte man                      Lauer: Warum?
   erwischen lassen?                                                                               Delay: Heute reichen in einer schwachen
   Delay: Ja. Ich bin doch nicht Lars Ulrich
                                                   die Schwerkraft verbieten.“                     Woche 10 000 Verkäufe, um in Deutsch-
   von Metallica, der ständig sagt, Klauen ist     Christoph Lauer                                 land auf Nummer eins zu gehen. Dafür
   doof. Ich bin HipHopper. Wir malen nachts                                                       war vor 15 Jahren ein Vielfaches nötig.
   Züge an! Wir klauen Musik und machen            SPIEGEL: Uns fällt es schwer, weil Sie als      Die Kosten für Marketing sind aber eher
   daraus neue Musik! Das ist unsere Kunst.        Piraten eine Umsonst-Kultur im Netz pro-        gestiegen. Es wird viel investiert von der
   SPIEGEL: Und trotzdem pochen Sie jetzt          pagieren, für die es keine Rechtfertigung       Plattenfirma, aber das meiste wird mir
   auf Einhaltung ganz bürgerlicher Grund-         gibt: Musik, Filme, auch Journalismus, al-      gegengerechnet. Viel bleibt nicht übrig,
   prinzipien: Bitte bezahlt mich, wenn ihr        les darf nichts kosten.                         vor allem wenn du so aufwendige Videos
   etwas von mir haben wollt.                      Lauer: Wir suchen doch nach Lösungen,           drehst wie zum Beispiel mein „Oh Jon-
   Delay: Mir ist es egal, ob die ganze schlech-   auch zur Bezahlung von geistigem Eigen-         ny“. Da musst du schon ein Platin-Album
   te Musik aus dem Netz gesaugt wird.             tum. Wenn ein Musiker eine Idee für eine        haben, also 200 000 Einheiten verkaufen
   Aber bei den guten Sachen, die mit Herz-        Platte hat, kann er die doch im Netz be-        wie ich jetzt, damit man am Ende viel-
   blut gemacht sind, möchte ich, dass die         kannt machen und fragen, wer bereit ist,        leicht ein bisschen verdient.
   Leute bezahlen. Und ich finde es nicht          dafür zahlen.                                   Lauer: Verkaufst du über iTunes?
   uncool, das laut auszusprechen.                 Delay: Der soll mit dem Hut rumgehen?           Delay: Klar. Aber von den 99 Cent, die
   SPIEGEL: Offensichtlich befürchten Musi-        Das funktioniert nur, wenn dieser Künst-        ein Song dort im Schnitt kostet, gehen
   ker genau das: als uncool zu gelten, wenn       ler schon einen großen Namen hast. Ein          gerade mal 15 Prozent an mich, davon
   sie darauf beharren, dass illegales Kopie-      unbekannter Künstler, der Geld für eine         muss ich aber noch die Produktion und
   ren verhindert werden soll.                     Idee sammelt? Vergiss es.                       die Musiker bezahlen. Das ist ein Witz.
   Delay: Alter, das finde ich so schwanzlos.      Lauer: Entschuldigung. Wir müssen, was          Lauer: Siehst du.
   Die sollten sich lieber Sorgen darum ma-        Bezahlmodelle im Netz angeht, schon ein         Delay: Aber du hast dir vorhin eine Ab-
   chen, keine uncoole Musik zu machen.            bisschen experimentieren. Wenn hier             mahnung über 1500 Euro eingehandelt.
   SPIEGEL: Der Berliner Musiker Sven Rege-        jeder Vorschlag nur abgeschmettert wird,        Lauer: Was?
   ner hat durch ein Radio-Interview die           brauchen wir uns nicht zusammenzuset-           Delay: Du hast gestanden, dass du dir
   Diskussion um die Urheberrechte und die         zen. Natürlich machen wir Fehler und            „Family Guy“ bei Pirate Bay besorgt
   Pläne der Piraten neu entfacht. Er hat          kennen uns manchmal nicht aus. Aber             hast. Ist schon notiert. Das kostet.
   auch gesagt, dass sich viele Musiker nicht      ich hoffe, es kommt rüber, dass wir uns         SPIEGEL: Herr Lauer, Herr Delay, wir dan-
   trauen würden, ihre Meinung zu sagen.           mit dem Urheberrecht und den Produk-            ken Ihnen für dieses Gespräch.
   Delay: Ich fand die Wutrede von Sven Re-        tionsbedingungen von Kulturschaffenden
   gener super. Aber ich verstehe nicht,           auseinandersetzen. Im Übrigen geht es                                                                       Animation: Was ein Rockstar
   warum er die Sorge äußert, dass seine           nicht ums Klauen. Wenn ich dir die Kap-                                                                     wirklich verdient
   Haltung uncool sein könnte.                     pe vom Kopf klaue, Jan, dann ist die weg.                                                                   Für Smartphone-Benutzer:
   SPIEGEL: Möglicherweise hat er ja recht?        Wenn ich einen Song von dir im Netz ko-                                                                     Bildcode scannen, etwa mit
   Der Gestus des Pop war immer eher ka-           piere, dann ist der aber noch da.                                                                           der App „Scanlife“.
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Kultur


                                                                    KINO




                                      Hamlet in Afrika
        Nach jahrzehntelanger Pause produziert der Disney-Konzern wieder aufwendige
           Tierdokumentationen. Als Vorbild für die neuen Dokus über Raubkatzen
        und Schimpansen dient der Zeichentrickfilm-Klassiker „Der König der Löwen“.


D
         er Regisseur Alastair Fothergill ist ein Gepard, der eine Gazelle hetzt. Titeln, auch im Kino: „Deep Blue“ (2003)
         kann stundenlang über Tiere re- Die Gazelle ist schnell, aber der Gepard wollten allein in Deutschland 800 000
         den, über Schimpansen, Löwen, ist schneller, der Abstand zwischen den Zuschauer sehen, „Unsere Erde“ (2007)
Geparden, und darüber, wie Geparden beiden Tieren wird geringer, die Gazelle sogar 3,8 Millionen. Weltweit spielte „Un-
sich fortpflanzen, nämlich sehr hastig. schlägt Haken, vergebens. Am Ende er- sere Erde“ 110 Millionen Dollar ein.
„Wham, bang, thank you, mam“, sagt Fo- wischt der Gepard seine Beute am Hin-                   Seit 2008 ist Fothergill nur noch sechs
thergill. Doch eigentlich möchte er jetzt terlauf, die Gazelle stürzt, sie rutscht auf Monate pro Jahr für die BBC im Einsatz,
erst einmal etwas zeigen, „den Disney- dem Bauch noch ein paar Meter weiter in der übrigen Zeit arbeitet er für Holly-
Kill“.                                              und bleibt zufällig genau dort liegen, wood, für den amerikanischen Unterhal-
   Fothergill steht in einem Safarizelt in wo das Gras einen halben Meter hoch tungskonzern Disney. Drei Filme, so der
der Masai Mara, Kenia, einem Natur- ist. Der Gepard springt hinterher, das Deal, muss er Disney liefern. Der erste,
schutzgebiet, das die schönsten Afrika- Gras verdeckt, wie er sein Opfer tötet. Es „Im Reich der Raubkatzen“, läuft jetzt in
Klischees vereint. Die Masai Mara ist die ist ein bisschen wie bei Shakespeare, den deutschen und britischen Kinos an.
Heimat von Löwen, Elefanten, Giraffen wenn Hamlet den hinter einem Vorhang Im nächsten Jahr startet „Schimpansen“.
und den Hirten vom Stamm der Masai; verborgenen Polonius ersticht.                             Naturdokumentationen im Kino, das
„Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep                 Alastair Fothergill, geboren 1960 in ist eine Wachstumsbranche. Mehr als 50
und Robert Redford wurde hier gedreht. London, studierter Zoologe, Vater von Jahre nachdem Bernhard Grzimek für
Der Regisseur schaltet einen Flachbild- zwei Söhnen, ist der erfolgreichste Tier- „Serengeti darf nicht sterben“ einen Os-
schirm ein, er zeigt ein paar Szenen der filmer der Welt. Jahrelang leitete er die car gewann, ist das Genre wieder populär.
neuen Kino-Dokumentation „Im Reich „Natural History“-Abteilung der BBC, die                    Anders als früher wollen die meisten
der Raubkatzen“, die sein Team in den Naturdokumentationen für Fernsehsender Tierfilmer die Zuschauer heute nicht
vergangenen Wochen ganz in der Nähe in aller Welt produziert. Als Regisseur mehr in erster Linie belehren, sondern
gefilmt hat, darunter einen Disney-Kill.            verantwortete er Großprojekte wie die unterhalten, Spektakel statt Biologie-
   Das Wichtigste bei einem Disney-Kill TV-Serien „Unser blauer Planet“ und Unterricht. Wenn Fothergill vom Hub-
ist, was man nicht sieht. Was man sieht, „Planet Erde“, die das Genre mit gran- schrauber aus filmt, wie Löwen hinter
                                                    diosen Bildern und zuvor unvorstellba- Gazellen herhetzen, benutzt er dafür die
* Co-Regisseur Keith Scholey, Produzentin Alix Tid-
                                                    rem Aufwand revolutionierten. Best-of- gleichen Spezialkameras, mit denen in
marsh, Kamerafrau Sophie Darlington in der Masai    Fassungen dieser Serien liefen, in Spiel- Hollywood Autoverfolgungsjagden ge-
Mara, Kenia.                                        filmlänge und unter leicht veränderten dreht werden.




                                                                                                                                     CECILE BURBAN / DISNEY ENTERPRISES




Regisseur Fothergill (r.), Kollegen*: Warten auf den Disney-Kill

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WALT DISNEY STUDIOS / KOBAL COLLECTION
Geparden im Film „Im Reich der Raubkatzen“: „Am wichtigsten ist das Casting“

   Tierfilme erzählen eine Menge über         te Disney ein Hollywood-taugliches Hap-       wen“, das ist „Hamlet“ in der Savanne:
Menschen, über die, die sie machen, und       py End hinzu, Szenen mit spielenden Eis-      Ein junger Löwe kämpft um die Macht
über die, die sie gucken. Die Filme spie-     bären, badenden Elefanten und fröh-           gegen seinen hinterlistigen Onkel, der
geln unsere Ängste, unsere Wünsche. Die       lichen Pinguinen. „Manchmal ist es das        bereits den Vater des Jungen auf dem
klaren Regeln der Wildnis, fressen und        Paradies“, heißt es dazu im amerikani-        Gewissen hat.
gefressen werden, faszinieren Großstäd-       schen Kommentar, während die letzten             Ein Zeichentrickfilm als Vorbild? Fo-
ter. Das Paarungsverhalten von Karni-         Einstellungen des europäischen Originals      thergill sagt, er wolle einen „epischen
ckeln, das Imponiergehabe von Affen, es       einen Eisbären zeigen, der im Meer zu         Thriller“ drehen, nur eben mit echten
gibt offenbar vieles, in dem der Mensch       ertrinken droht, sowie einen verdursten-      Raubkatzen, eine Dokumentation mit
sich wiedererkennen kann.                     den Elefanten. Dazu warnt der Sprecher        dem Plot eines Spielfilms, mit einer rich-
   Auch der Disney-Konzern, Heimat von        vor den Folgen des Klimawandels.              tigen Handlung, zoologisch korrekt, aber
Donald Duck, entdeckt gerade das Star-           Die treibende Kraft hinter Disneyna-       mit Blockbuster-Potential. Die Story:
Potential echter Tiere, wieder einmal. In     ture ist ein Franzose, Jean-François Ca-      Zwei Löwenrudel kämpfen um ein Revier,
den fünfziger Jahren präsentierte Walt        milleri, im Hauptberuf Frankreich-Chef        außerdem geht es um eine Gepardenmut-
Disney persönlich hauseigene Dokus wie        des Disney-Konzerns. Er erkannte das          ter, die ihre Jungen durchzubringen ver-
„Die Wüste lebt“, doch später produzierte     Potential von Tierdokus, als er 2005 „Die     sucht.
der Konzern über Jahrzehnte keine eige-       Reise der Pinguine“ in die französischen         Fothergill und sein Co-Regisseur Keith
nen Tierfilme mehr.                           Kinos brachte. Das Konzept: spektakuläre      Scholey erstellten vorab eine Art Wunsch-
   Inzwischen wurde eine neue Abteilung       Tierszenen, so geschnitten, dass sie eine     liste mit möglichen Szenen für ihr Doku-
für Dokumentationen gegründet, Disney-        richtige Handlung ergeben, wie bei einem      Drama: Löwen jagen, Löwen kämpfen
nature. Zum Einstand kaufte man die           Spielfilm. Den Vögeln legte man Dialoge       gegeneinander, Geparden verteidigen ih-
US-Rechte an „Unsere Erde“. Der Film,         in den Schnabel, ein Sprecher feierte Pa-     ren Nachwuchs und so weiter. Geschickt
internationaler Titel: „Earth“, war längst    pa und Mama Pinguin als liebevolle El-        montiert, können diese Sequenzen den
fertig und bereits in vielen Ländern er-      tern, die glückliche Kleinfamilie aus der     Eindruck einer in sich abgeschlossenen
folgreich in den Kinos gelaufen. Für das      Antarktis. „Die Reise der Pinguine“ spiel-    Erzählung vermitteln. Was sich davon vor
amerikanische Publikum jedoch wurden          te weltweit 130 Millionen Dollar ein, bei     Ort tatsächlich drehen ließ, das wussten
wichtige Änderungen vorgenommen.              nur 8 Millionen Dollar Produktionskosten,     die Macher anfangs nicht. Dieses Konzept
   In Fothergills Original erklärt zu Be-     der Regisseur Luc Jacquet gewann einen        ist eine Gratwanderung für Tierfilmer, die
ginn ein Sprecher, dass vor „Milliarden       Oscar.                                        sich der Authentizität verpflichtet fühlen
Jahren ein gewaltiger Asteroid auf die           Als Blaupause für Fothergills „Im Reich    und zugleich eine runde, kindgerechte
Erde gestürzt ist“. In der US-Version fehlt   der Raubkatzen“ diente nun der Zeichen-       Geschichte erzählen wollen.
dieser Satz. Bibeltreue Amerikaner, die       trickfilm „Der König der Löwen“ aus              „Am wichtigsten ist das Casting“, sagt
die Schöpfungsgeschichte wörtlich neh-        dem Jahr 1994, bis heute einer der größ-      Fothergill, die Auswahl telegener Tiere.
men, sollten nicht verschreckt werden.        ten Erfolge des Disney-Studios, im Kino,      Zwar sollten die Stars, anders als in „Die
Und für die US-Fassung von „Earth“ füg-       auf DVD, als Musical. „Der König der Lö-      Reise der Pinguine“, nicht sprechen, aber
                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                     123
FOTOFINDER / WALT DISNEY STUDIOS / KOBAL COLLECTION




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Hauptdarsteller Löwe, Schimpanse in Fothergill-Filmen: Spektakel statt Biologie-Unterricht

es sollten gut wiedererkennbare Charak-       machern habe es nicht gegeben, die Ein-                                                              Die Handlung wurde entsprechend an-
tere sein, an deren Schicksal das Publi-      schränkungen seien allen Beteiligten klar.                                                           gepasst, der Schwerpunkt liegt jetzt auf
kum Anteil nehmen kann. Fothergills Vor-         Deshalb der Disney-Kill? Kämpfen und                                                              der Beziehung zwischen Oscar und sei-
schlag, auch einen Film über Elefanten        jagen „ist okay“, sagt Camilleri, solange                                                            nem Ziehvater.
zu machen, hatte Disneynature-Chef Ca-        nicht zu viel Blut zu sehen sei. Bei einer                                                              Es ist dunkel im Dschungel, nur wenig
milleri abgelehnt, weil Elefanten „nicht      Szene habe man nachträglich per Com-                                                                 Licht dringt durch die Baumkronen, Re-
genug Mimik“ zeigen, um die Zuschauer         puter das blutige Maul eines Löwen „ein                                                              gen tropft durch die Blätter. „Schimpan-
zu fesseln.                                   bisschen geputzt“. „Im Reich der Raub-                                                               sen sind so kräftig, dass sie einem Men-
   Durch Recherchen wusste Fothergills        katzen“ zeigt eine domestizierte Wildnis,                                                            schen den Arm abreißen könnten“, er-
Team von zwei rivalisierenden Löwenru-        die dem Weltbild von Disney unterwor-                                                                zählt Fothergill. „Zum Glück wissen sie
deln, das versprach Action. Der Boss des      fen wird. Was nicht passt, wird passend                                                              das nicht.“
einen Rudels eignete sich zudem perfekt       gemacht.                                                                                                Nach einer halben Stunde Fußmarsch
für eine Hauptrolle, ein aggressiver alter       Schimpansen, die Stars von Fothergills                                                            werden die Kundschafter fündig. Eine
Löwe mit einem sichtbar lädierten Fang-       nächstem Film, sind eigentlich besonders                                                             Gruppe Schimpansen, allerdings nicht Os-
zahn. Im Film heißt das Tier nun „Fang“,      ungeeignet als Symbole einer besseren                                                                cars Sippe, hockt in 20 Meter Höhe in ei-
sein Widersacher „Kali“.                      Welt. Wie Menschen neigen auch Men-                                                                  ner Baumkrone, ein kräftiges Männchen,
   Eine Minute brauchbares Material pro       schenaffen zu Gewaltausbrüchen. Außer-                                                               ein halbes Dutzend Weibchen, einige
Woche, das ist in etwa das Pensum, und        dem haben sie sehr oft Sex. Wenn man                                                                 Jungtiere. Sie lausen sich, sehr entspannt;
so ist es kein Wunder, dass Fothergill auch   das Leben von Schimpansen realistisch                                                                die Menschen scheinen sie nicht zu be-
viele ruhige Szenen auswählt, wunderba-       darstelle, „dann wird der Film erst für 18-                                                          achten. Irgendwann beginnt das Männ-
re Bilder: die Gepardenmama mit ihren         Jährige freigegeben“, sagt Fothergill. Sein                                                          chen mit einem der Weibchen zu kopu-
Kindern, eine kleine Löwin namens Mara,       Kameramann filmte, wie Schimpansen                                                                   lieren.
die langsam erwachsen wird. Im Kom-           eine andere, kleinere Affenart jagen, die                                                               „Das dauert im Durchschnitt sieben Se-
mentar beschwört ein Sprecher die Mut-        Beute in Stücke reißen und bis auf die                                                               kunden“, sagt Fothergill, „wenn sie Glück
terliebe, eine heile Welt mit Löwen wie       Knochen abnagen. Definitiv kein Disney-                                                              hat.“
du und ich.                                   Kill, nicht zu gebrauchen.                                                                              Schimpansen seien wie Porno-Darstel-
   „Man schützt, was man liebt, und man          Ein Großteil des Schimpansenfilms                                                                 ler, sehr schnell erregt, „wir hatten eine
liebt, was man kennt“, sagt Disneynature-     entsteht in Uganda; die Fahrt geht von                                                               Szene, in der sechs erigierte Penisse zu
Chef Camilleri. Er meint die Tiere, aber      Entebbe am Victoria-See ins Hochland,                                                                sehen waren“. Fothergill grinst. „Jean-
der Satz trifft auch auf die Marke Disney     in das Affengebiet an der Grenze zum                                                                 François Camilleri war nicht begeistert.“
zu. Disney, das ist mehr als ein Firmen-      Kongo, acht Stunden über Schlagloch-                                                                    Der Ober-Affe pinkelt vom Baum her-
name, es ist ein Versprechen, das Syno-       pisten.                                                                                              unter. Das Zeichen zum Aufbruch.
nym für keimfreie Unterhaltung für die           Gedreht wird im Kibale National Park,                                                                Die Schimpansen klettern am Stamm
ganze Familie. Der global vermarktbare        der Heimat mehrerer Schimpansenfami-                                                                 herunter, nur ein paar Meter von den Be-
Film, das ist das Ziel, ein Produkt, das      lien. Ursprünglich sollte der Film eine                                                              suchern entfernt laufen sie vorbei, breit-
sechsjährige Japaner ebenso mögen wie         ganz normale Schimpansenkindheit do-                                                                 beinig wie Fußballprofis. Unter einem
Großmütter in Texas oder Teenager in          kumentieren. Ein niedlicher Hauptdar-                                                                Busch bleiben sie sitzen, einige schmat-
Berlin.                                       steller war bald gefunden, ein kleiner                                                               zen, es sieht beinahe aus wie eine ganz
   Was also kann man zeigen in einem Dis-     Affe, den das Team „Oscar“ taufte. Doch                                                              normale Großfamilie beim Picknick. Ein
neynature-Film? Fressen, gefressen wer-       dann starb dessen Mutter, was im Urwald                                                              kleiner Schimpanse will ausbüxen, er han-
den, Geparden-Sex?                            meist auch den baldigen Tod der Nach-                                                                gelt unsicher an einem Ast, ein Weibchen
   „Wir wollen Eltern, die mit ihren Kin-     kommen bedeutet. „Wir standen kurz da-                                                               zieht ihn routiniert an die Brust. Ein Idyll
dern einen solchen Film sehen, nicht in       vor, Disney anzurufen und ihnen zu sa-                                                               wie in einem Disney-Film.
eine Situation bringen, in der sie Fragen     gen: Es gibt keinen Film“, sagt Fothergill.                                                             Fothergill hockt sich auf den Wald-
beantworten müssen, die sie nicht beant-         Doch Affe und Affen-Regisseur hatten                                                              boden, ein paar Meter von den Affen ent-
worten wollen. Wir sind da sehr vorsich-      Glück: Ein fremdes Männchen adoptierte                                                               fernt. Er beobachtet die Tiere, er lächelt.
tig“, sagt Camilleri. Spezielle Absprachen    Oscar, „so etwas hat bisher noch nie-                                                                Er hat den besten Job der Welt.
mit Fothergill und den anderen Filme-         mand filmen können“, sagt Fothergill.                                                                                               MARTIN WOLF

124                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom
Bestseller                                               Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl-
                                                            kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller

Belletristik                                                Sachbücher
 1    (1)   Jonas Jonasson                                       1   (3)   Philippe Pozzo di Borgo
            Der Hundertjährige, der aus dem                                Ziemlich beste Freunde
            Fenster stieg und verschwand                                   Hanser; 14,90 Euro
            Carl’s Books; 14,99 Euro
                                                                 2   (2)   Rolf Dobelli
 2    (2)   Suzanne Collins                                                Die Kunst des klaren Denkens
            Die Tribute von Panem –                                        Hanser; 14,90 Euro
            Tödliche Spiele Oetinger; 17,90 Euro
                                                                 3   (1)   Joachim Gauck
 3    (3)   Suzanne Collins                                                Freiheit Kösel; 10 Euro
            Die Tribute von Panem –
            Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro               4   (4)   Hans-Ulrich Grimm
                                                                           Vom Verzehr wird abgeraten
 4    (4)   Jussi Adler-Olsen                                              Droemer; 18 Euro
            Das Alphabethaus
            dtv; 15,90 Euro                                      5   (14) Harry  Belafonte mit
                                                                           Michael Shnayerson
 5      Suzanne Collins
      (5)                                                                  My Song
        Die Tribute von Panem –                                            Kiepenheuer  Witsch;
        Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro                               24,99 Euro
 6 (7) Dora Heldt
        Bei Hitze ist es wenigstens                                        Frieden, Freiheit,
        nicht kalt dtv; 14,90 Euro                                        Freundschaft: die
 7 (10) Arne Dahl                                                     Botschaft des großen
        Gier Piper; 16,99 Euro                                                  Entertainers
                                                                       und Bürgerrechtlers
 8 (8) Fred Vargas
        Die Nacht des Zorns                                      6   (6)   Norbert Robers
            Aufbau; 22,99 Euro
                                                                           Joachim Gauck – Vom Pastor zum
 9    (9)   Susanne Fröhlich                                               Präsidenten – Eine Biografie
            Lackschaden                                                    Koehler  Amelang; 19,90 Euro
            Krüger; 16,99 Euro
                                                                 7   (7)   Cid Jonas Gutenrath
10 (12) Moritz Netenjakob                                                  110: Ein Bulle hört zu – Aus der
        Der Boss                                                           Notrufzentrale der Polizei
            Kiepenheuer  Witsch; 14,99 Euro                               Ullstein extra; 14,99 Euro
11 (15) Jussi Adler-Olsen                                        8   (5)   Hans Küng
        Erlösung                                                           Jesus Piper; 19,99 Euro
            dtv; 14,90 Euro
                                                                 9   (9)   Wibke Bruhns
12    (6)   Tess Gerritsen                                                 Nachrichtenzeit
            Grabesstille                                                   Droemer; 22,99 Euro
            Limes; 19,99 Euro
                                                             10      (8)   Bill Mockridge
13 (13) Jussi Adler-Olsen                                                  Je oller, je doller
        Schändung                                                          Scherz; 14,99 Euro
            dtv; 14,90 Euro
                                                             11 (12) Joe Bausch
14 (20) Paulo Coelho                                                 Knast Ullstein; 19,99 Euro
        Aleph
            Diogenes; 19,90 Euro                             12 (19) Dieter Nuhr
                                                                     Der ultimative Ratgeber für alles
15 (18) Moritz Matthies                                                    Bastei Lübbe; 12,99 Euro
        Ausgefressen
            Scherz; 13,99 Euro                               13 (16) Heiner Geißler
                                                                     Sapere aude! Warum wir eine neue
16    (–)   Sarah Lark                                               Aufklärung brauchen Ullstein; 16,99 Euro
            Die Tränen der
            Maori-Göttin                                     14 (10) Carsten Maschmeyer
            Bastei Lübbe; 15,99 Euro                                 Selfmade
                                                                           Ariston; 19,99 Euro
                                                             15 (11) Martin Wehrle
                                                                     Ich arbeite in einem Irrenhaus
          Neuseeland anno                                                  Econ; 14,99 Euro
      1899: Eine junge Frau
           emanzipiert sich                                  16 (15) Walter Isaacson
     und studiert Ingenieur-                                         Steve Jobs
            wissenschaften                                                 C. Bertelsmann; 24,99 Euro
17 (11) Wolfgang Herrndorf                                   17 (20) Tomáš Sedláček
        Sand                                                         Die Ökonomie von Gut und Böse
            Rowohlt Berlin; 19,95 Euro                                     Hanser; 24,90 Euro
18    (–)   Marc Elsberg                                     18      (–)   Rudi Assauer mit Patrick Strasser
            Blackout – Morgen ist es zu spät                               Wie ausgewechselt
            Blanvalet; 19,99 Euro                                          Riva; 19,99 Euro
19 (16) Ursula Poznanski                                     19      Josef Wilfling
                                                                     (–)
        Fünf                                                         Unheil Heyne; 19,99 Euro
            Wunderlich; 14,95 Euro                           20 (18) Bud Spencer mit Lorenzo De Luca
20    (–)   Jean-Luc Bannalec                                        Bud Spencer – In achtzig Jahren
            Bretonische Verhältnisse                                 um die Welt
            Kiepenheuer  Witsch; 14,99 Euro                               Schwarzkopf  Schwarzkopf; 19,95 Euro


                                         D E R   S P I E G E L       1 6 / 2 0 1 2                                  125
Kultur




                                                                           E S S AY




           Israel und wir und der Islam
                                                              Von Michael Kleeberg



I
   ch würde ungern den Eindruck stehen lassen, das Gedicht        Armee aufnehmen kann. Vielleicht ist es also so, dass Iran die
   von Günter Grass sei der einzige oder der typische Beitrag     Atombombe nur will, um auf Augenhöhe mit Israel auftreten
   eines deutschen Schriftstellers zum Konflikt Israels mit Iran, zu können, wie einst die Sowjetunion gegenüber den USA,
und möchte daher, soweit es mir möglich ist, ein paar eigene      und sich selbst und der ganzen Region den Stolz zurückzu-
aus Erfahrungen, Gesprächen und Lektüren hervorgegangene          geben, der ihnen so schmerzlich fehlt. Wohlgemerkt: viel-
Gedanken zur Diskussion stellen.                                  leicht. Was geschehen würde, wenn Israel und die USA dem-
                                                                  nächst versuchten, die iranischen Atomanlagen zu zerstören,
ISRAEL UND DIE DERZEITIGE LAGE                                    darüber lässt sich nur spekulieren, denn nach dem Gesetz der
Zunächst einmal in aller Deutlichkeit: Wäre ich ein Israeli, wür- Entropie sind die möglichen Folgen viel zu komplex, um in
de ich nicht tatenlos zuwarten, bis die von Iran seit langem einem klaren Szenario ausgemalt werden zu können. Bleiben
laut ausgesprochenen Drohungen                                                                  wir also bei simplen Beobach-
gegen Israel wahrgemacht werden                                                                 tungen:
können. Wäre ich ein Israeli, würde                                                                Glückte ein solcher Schlag, wäre
ich alles daransetzen, dass Iran die                                                            damit nicht das Regime in Teheran
Atombombe nicht bekommt. Wäre                                                                   beschädigt, das einfach wieder dar-
ich ein Israeli, würde ich aus der                                                              angehen würde, das Zerstörte neu
historischen Erfahrung heraus ar-                                                               aufzubauen. Das Problem wäre nur
gumentieren, dass man, droht ei-                                                                verschoben, aber noch virulenter
nem ein irrer Despot schriftlich und                                                            als zuvor.
mündlich mit Vernichtung, immer                                                                    Käme es infolge eines Bombar-


                                                                                                      URIEL SINAI / GETTY IMAGES
die Alternative hat: ihn ernst zu                                                               dements zu Gegenschlägen Irans,
nehmen oder nicht.                                                                              die dann wiederum eventuell eine
   Ich bin aber kein Israeli, sondern                                                           Bombardierung iranischer Städte
lebe in einem Land, das von keiner                                                              zur Folge hätten, so ist die Chance
iranischen Atomrakete erreicht wer-                                                             sehr gering, dass dies das iranische
den könnte. Und obwohl die Bürger                                                               Regime kurz- und mittelfristig
unseres Landes zur Angst und zum                  Friedensdemonstranten in Israel               schwächen würde. Die Erfahrung
Fremdängstigen neigen, kann ich da-                                                             lehrt das Gegenteil: Die Solidarität
her die Problematik vielleicht mit        Droht einem ein irrer Despot mit                      eines Volks mit seiner Regierung
größerer Ruhe analysieren, was na-                                                              wächst in solchen Fällen. Um Iran
türlich aus Sicht der Betroffenen       Vernichtung, hat man die Alternative: langfristig am Bau einer Atombom-
auch heißt: mit größerer Beliebigkeit.      ihn ernst zu nehmen oder nicht.                     be zu hindern, müsste das Land
   Die bisherige Geschichte zeigt:                                                              ebenso am Boden angegriffen und
Seit dem Doppelschlag der Ameri-                                                                erobert werden wie der Irak. Was
kaner gegen Japan 1945 ist die Atombombe nicht mehr eingesetzt sehr wahrscheinlich ähnliche Folgen hätte: Chaos, Anarchie
worden. Nicht von den USA und der UdSSR, trotz Kalten Kriegs, und Bürgerkrieg.
nicht von Frankreich, nicht von China, nicht von Indien, nicht       Die amerikanische Strategie des „nation building“ durch
einmal von Pakistan. Und wohlgemerkt auch nicht von Israel.       Bombardierung und Eroberung des Feindes hat im letzten
   Die Bombe zu haben und die Bombe zu benutzen ist also Jahrhundert nur in zwei Fällen zur sofortigen Errichtung de-
definitiv zweierlei, und wenn ein instabiles Regime wie Pa- mokratischer Staaten geführt: Deutschland und Japan, die
kistan bisher nicht annähernd in Versuchung gekommen ist, zuvor (vor ihrem jeweiligen Fall in die Barbarei) zu den zivi-
die Hölle loszulassen, scheint die Gefahr, Teheran werde sie lisiertesten Völkern der Welt gehört hatten. Ansonsten ist die
gegen Israel einsetzen und damit die definitive Vernichtung Strategie immer schiefgegangen, unter entsetzlichen mensch-
des eigenen Landes provozieren, den meisten Beobachtern lichen Verlusten auf allen Seiten.
offenbar ein minderes Risiko.                                        Sicher ist, dass ein Schlag gegen Iran den Hass der Anrainer-
   Wer den islamischen Nahen Osten ein wenig kennt, weiß, staaten auf Israel noch steigern würde; dass der radikale poli-
dass seine Staaten und Völker durchweg an einem großen tische Islam noch stärkeren Zulauf bekäme; dass Afghanistan
Minderwertigkeitskomplex gegenüber Isra-                                                sofort und Pakistan bald an die Taliban ver-
el leiden und mehr noch als von seinem                            Kleeberg, 52, ist     loren wären. Ein wahrscheinliches Ergebnis
Verschwinden davon träumen, sich endlich                          Schriftsteller        wäre also, dass Iran zwar zunächst über
einmal auf Augenhöhe mit ihm zu befin-                            und lebt in           keine Atomwaffen verfügen würde, dafür
den, was Macht, Effizienz und Tapferkeit                          Berlin. Zuletzt       aber die Taliban in Pakistan.
betrifft. Die Hisbollah ist dafür das beste                       erschien von             Alle weiteren Konsequenzen, die auch
                                              ULLSTEIN BILD




Beispiel, die sich mit großem Stolz rühmt,                        ihm der Roman         über die Region hinausreichen würden, von
die einzige arabische Kampftruppe zu sein,                        „Das amerikani- Szenarien eines sprunghaften Preisanstiegs
deren Disziplin es mit der der israelischen                       sche Hospital“.       für Erdöl und nachfolgenden ökonomi-
126                                                           D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
schen Verteilungskämpfen und sozialen Revolten auch in                   DAS NAHOST-PROBLEM UND DER REST DER WELT
Europa bis zu Vorhersagen über losbrechende Domino-Kriege                Ob uns das gefällt oder nicht, ob uns das empört oder nicht:
und eine neue Welle islamistischen Terrors, vermag ich mir               In weiten Teilen der Welt ist der Holocaust sehr wohl mit den
weder genau auszumalen noch ihre Wahrscheinlichkeit einzu-               anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verglichen wor-
schätzen.                                                                den (was ja nicht heißen muss: gleichgesetzt), die das wahn-
                                                                         sinnig mörderische 20. Jahrhundert erlebt hat, er ist vergli-
DER HOLOCAUST UND DIE DEUTSCHE VERANTWORTUNG                             chen und eingeordnet worden, auf welcher Position der Skala
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt: „Die der Unmenschlichkeit auch immer – und ist Geschichte ge-
Sicherheit Israels zu schützen ist Teil der Staatsräson Deutsch- worden.
lands.“ Offen gestanden bezweifele ich, dass Frau Merkel be-                Die Zeit tut ihr Werk, das sie voller Gleichmut immer tut –
wusst war, was sie da gesagt hat. Oder aber sie hat es nur so sie entfernt die Dinge aus dem Gesichtskreis und der Erinne-
dahingesagt, im zynischen Bewusstsein, dass niemand kommen rung und lässt ihre Bedeutung und die Mahnungen, die sie ent-
und dieses Versprechen einklagen wird. Am allerwenigsten halten, verblassen und vergessen.
wird Israel einen solchen Satz in aller Konsequenz ernst                    Ich glaube, schon heute gibt es nur noch wenige Völker auf
nehmen. Dort weiß man, dass die Lieferung von Waffen wie der Erde, für die der Holocaust eine Katastrophe ist, die sie
U-Booten und natürlich im Zweifelsfall von Geld und guten noch betrifft: die Israelis, die Juden der Diaspora (vor allem
Worten alles ist, was man von Deutschland zu erwarten hat.               in den USA), die Deutschen, eine Handvoll westeuropäischer
   Der quer durch die deutsche Bevölkerung laufende Konsens, Staaten, die Palästinenser. Für alle übrigen haben weder der
dass es keine causa gibt, die das Opfer eines deutschen Lebens Judenmord noch der Staat Israel noch überhaupt nur der
ehren- und sinnvoll machen könnte – denn unser „Nie wieder unruhige Flecken Erde im Nahen Osten eine existentielle Be-
Krieg“ heißt ja nichts anderes als „Nie wieder Krieg mit uns“ –, deutung.
ist natürlich die Konsequenz des von uns angezettelten und                  Die Welt bewegt sich langsam von einem Zentrum zum an-
verlorenen Zweiten Weltkriegs, in dessen Rahmen der Holo- deren: Waren im 19. Jahrhundert Europa und im 20. Nordame-
caust stattfand. Aus ebendiesem                                                                     rika der Mittelpunkt des Weltge-
Holocaust leitet die Bundesrepu-                                                                    schehens und der Machtkonzentra-
blik ihre besondere Verantwor-                                                                      tion, so deutet manches darauf hin,
tung für die Existenz Israels ab,                                                                   dass sich im 21. Jahrhundert der
die wiederum zu Versprechen                                                                         Fokus nach Asien verlagern wird.
führt, die man gar nicht einhalten                                                                  Aber weder für China noch für In-
will und kann, weil doch die ande-                                                                  dien oder Korea steht Israel, seine
re Konsequenz des Zweiten Welt-                                                                     Geschichte, seine Zukunft, im Mit-
kriegs ist: Nie wieder Krieg.                                                                       telpunkt des Interesses. Man sieht
   Manche Deutsche winden sich                                                                      dort vielleicht mit Genugtuung, dass
aus dieser moralischen Zwickmüh-                                                                    die Konflikte der Region die Kräfte
le, indem sie Israel an den Pranger                                                                 der Konkurrenten binden, aber ich
                                                                                               ODED BALILTY / AP

stellen: Wenn dieses Land durch                                                                     glaube nicht, dass viele verstehen,
„Untaten“ oder „Drohungen“ sein                                                                     warum.
Existenzrecht selbst verspielte,                                                                       Das heißt aber auch: Da zahlrei-
dann müssten wir auch nicht mehr                                                                    che Mächte sich für die Israel-Frage
an unserer Verantwortung tragen.         Installation in der Ausstellung „Iran“ in Tel Aviv im März nicht interessieren, besteht die Ge-
Es reicht diesen Leuten also nicht                                                                  fahr, dass das Land für die, die sich
zu wissen, dass sie das Verspre-          Aber: Ein Schlag gegen Iran hieße                         noch dafür interessieren, irgend-
chen ohnehin nicht einhalten wür-                                                                   wann zum Klotz am Bein wird. Na-
den, sie wären am liebsten gänz-           auch, dass der radikale politische                       türlich entwickelt sich Geschichte
lich davon entbunden.                       Islam stärkeren Zulauf bekäme.                          nie linear, es gibt immer unerwarte-
   Man sieht: Wann immer Deut-                                                                      te Sprünge. Aber projiziert man die
sche sich mit dem Thema beschäf-                                                                    derzeitigen Entwicklungen hundert
tigen, landen sie früher oder später wieder bei sich. Solche Jahre in die Zukunft, ist die Chance, dass es noch einen Staat
Verbündeten sind meist nicht die verlässlichsten – Israel weiß Israel im heutigen Sinne geben wird, nicht groß.
das vermutlich am allerbesten.
   Aber die von Deutschland ins Werk gesetzte Ermordung der ISRAEL UND SEINE NACHBARN SOWIE DIE PALÄSTINENSER
europäischen Juden hat ja der westlichen Welt nach 1945 erst Natürlich ist Israel, wie viele Araber hetzenderweise argumen-
den entscheidenden Anstoß gegeben, das zionistische Projekt tieren, der Brückenkopf des Westens im islamischen Nahen
in Palästina zu legalisieren, das 30 Jahre zuvor halbherzige Osten. Es ist die einzige Demokratie der Region, das einzige
und halb verlogene Realisierungsversprechen durch die Briten Land, in dem die Menschenrechte gelten, in dem Rechtssicher-
erhalten hatte und das nunmehr ungleich mehr war als nur ein heit herrscht, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ge-
zionistisches Projekt.                                                   sichert ist und in dem es eine freie Presse und das Recht auf
   Ohne Holocaust kein Staat Israel und ohne Holocaust auch freie Meinungsäußerung gibt. Das einzige andere Land dort,
nicht das Selbstverständnis des israelischen Volkes, sich nicht in dem es ähnliche Freiheiten gibt, die aber in ständiger Gefahr
noch einmal, durch niemanden, vernichten zu lassen. Die Er- sind, kassiert oder übergangen zu werden, ist der Libanon.
innerung an den Holocaust verbindet also die Bundesrepublik                 Als der libanesische Dichter Abbas Beydoun, ein Schiit, vor
mit Israel, wenngleich mit gänzlich unterschiedlichen Konse- einigen Jahren vom französischen Fernsehen gefragt wurde,
quenzen für beide Seiten.                                                woran es liege, dass der Libanon so viel liberaler sei als seine
   Dass die Ermordung der europäischen Juden für das Volk, arabischen Nachbarn, lächelte er bitter und antwortete: „Es ist
das sie zu verantworten hat, und für das, das sie erlitten hat, vielleicht ein wenig peinlich, es zu sagen, aber das liegt daran,
eine einzigartige Katastrophe und Untat darstellt, ist klar und dass der Libanon kein islamisches Land ist.“
wird sich so schnell nicht ändern. Für die meisten anderen                  Es ist nämlich weniger die arabische Welt an sich, die Israels
bleibt festzustellen, dass der Holocaust diesen Stellenwert nicht Existenz heute in Frage stellt, als der politische Islam. Sowohl
mehr hat oder nie gehabt hat.                                            der säkulare Arm der PLO unter Arafat als auch Ägypten und
                                                     D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                            127
Kultur

Jordanien haben den Staat Israel schließlich anerkannt. Das gierungen von jeder Zukunftsperspektive abgeschnitten sind
Hauptgewicht antiisraelischen Hasses ist von den panarabischen und sich in die Verheißungen des politischen Islam flüchten,
Trägern auf die islamistischen übergegangen.                          wächst über den Maghreb bis tief nach Afrika und auch am
   Andererseits kenne ich auch unter den europäisch soziali- Indischen Ozean. Ganz gleich wie viele tausend Kilometer das
sierten, gebildeten, atheistischen Arabern, die nicht antisemi- jeweilige Land von Israel entfernt ist, die Komponente des
tisch sind, keinen, der nicht antizionistisch wäre und der, selbst Antizionismus gehört immer dazu.
wenn er den Staat Israel als Faktum hinnimmt, dessen Politik             Der Arabische Frühling ist das Werk um ihre ökonomischen
gegenüber den Palästinensern nicht als Apartheidpolitik und Aussichten betrogener urbaner Schichten gewesen, das isla-
dessen Außenpolitik gegenüber den Nachbarn nicht als per- mistische Rollback seither beruht auf der Tatsache, dass große
manente aggressive Demonstration der Überlegenheit und Ver- Teile der Bevölkerung in Ländern wie Ägypten, Libyen oder
achtung brandmarken würde.                                            auch Syrien wenig Chancen auf Partizipation am Wohlstand
   Zugleich ist für die arabischen Gesellschaften Israel nach sehen und seit langem vor allem eine organisierte Struktur
den USA das zweite große, wenn auch verhasste Vorbild. So kennen, die unterhalb der verkommenen Herrscherkasten prak-
reich, so effizient, so frei wie ihre Feinde, von denen sie per- tische Hilfe leistet und zugleich (falsche) utopische Hoffnungen
manent lernen, möchten sie auch sein. Manchmal erscheinen schürt: die Islamisten.
mir Israelis und Palästinenser wie die zwei Königskinder, die            Da in diesen Ländern keine strukturelle und historische Grund-
nicht zueinander kommen können.                                       lage für den Aufbau demokratischer Systeme herrscht, sehr wohl
   Dabei stimmt der Eindruck von Sprachlosigkeit und Abschot- aber das Bedürfnis nach Veränderung der Verhältnisse, waren
tung und permanentem Antagonismus gar nicht. Israelische und kürzlich auf einer Tagung in Frankfurt am Main Autoren wie der
palästinensische Wirtschaft und Administration sind eng verfloch- Algerier Boualem Sansal, maghrebinische, ägyptische und syri-
ten, der jeweilige Lebensstil färbt ab – de facto kann der eine sche Autoren durchweg der Überzeugung, dass alle diese Länder,
gar nicht ohne den anderen. Das palästinensische Volk ist hoch- die die Pest militärisch geprägter Diktaturen hinter sich haben,
gebildet, es besitzt den urlevantinischen Handelsgenius – eigent- die Cholera eines islamischen Despotismus durchmachen werden,
lich könnte so ein Staatenbund Israel-Großpalästina (mit Jorda- bevor die Chance auf eine demokratische Entwicklung besteht.
nien) die erste Boomregion des Na-                                                                     Der politische Islam ist keine
hen Ostens sein. Eigentlich müsste                                                                  intellektuelle Herausforderung an
er es sein. Aber er ist es nicht.                                                                   die offenen Gesellschaften, son-
   Es muss also Gruppen geben, die                                                                  dern eine faktische. Er trifft sie an
von der derzeitigen Situation profi-                                                                ihren zwei schwachen Punkten mit
tieren. Jahrzehntelang haben sich                                                                   seinen Stärken. Ihrem Glauben an
Unrechtsregime der Region mit                                                                       Mehrheitsentscheidungen und ih-
dem Argument der Befreiung Paläs-                                                                   rer Scheu davor, unverhandelbare
tinas von den Juden an der Macht                                                                    Grundwerte positiv zu besetzen,
gehalten, noch heute lenkt in Iran                                                                  begegnet er mit Bevölkerungs-
die Fokussierung auf Israel viele                                                                   wachstum und eschatologischen
Menschen davon ab, das Scheitern                                                                    Heilsversprechen. Ich habe den fa-
des eigenen Regimes wahrzuneh-                                                                      natischen politisierten Islam in sei-
men. Die Bosse der PLO sind fett                                                                    ner schiitischen Spielart im Haupt-
geworden von all den internationa-                                                                  quartier der Hisbollah in Beirut er-
                                                                                               DPA




len Milliarden, die nie bei der Be-                                                                 lebt, in seiner sunnitischen in Kairo
völkerung angekommen sind, die                   Iranische Kurzstreckenrakete Shahab-1              – und ob er nun Staatsdoktrin ist
ausländischen Waffenexporteure                                                                      wie in Iran oder heimlich in Berli-
verdienen an allen Beteiligten, und          Vorbild Israel und USA: So reich,                      ner Hinterhofmoscheen gepredigt
Israel selbst kann mit der perma-                                                                   wird, er ist taub für die intellektu-
nenten Beschwörung der Umzinge-               so effizient, so frei möchten die                     elle Diskussion.
lung vom Konstruktionsfehler des           arabischen Gesellschaften auch sein.                        Ein Blick auf andere Weltregio-
eigenen Staates ablenken: der Tat-                                                                  nen zeigt, dass die Bevölkerung
sache nämlich, dass das Land, so-                                                                   autoritärer Systeme langsam demo-
lange es Gegner innerhalb des eigenen Machtbereichs hat oder kratische Rechte einzufordern beginnt, wenn wie in China
fürchtet, immer mit zweierlei Maß messen wird – sobald es durch ein System aus Geburtenkontrolle und wirtschaftlicher
aber keine mehr hätte und darüber hinaus ein von friedlichen Freiheit ihre Bildung, ihre ökonomische Teilhabe und damit
Nachbarn umgebener Staat mit offenen Grenzen wäre, womög- ihr Bedürfnis nach Rechtssicherheit und Menschenrechten
lich aufhören würde, Israel zu sein, der Staat der Juden.             wachsen. Der politische Islam jedoch ist ein Hemmschuh für
   Denn genau darauf spekulieren diejenigen der feindseligen derartige Entwicklungen. Niemand weiß das besser als das ira-
Araber, die langfristig und strategisch denken: auf die Macht nische Bildungsbürgertum, das seit gut 30 Jahren unter einer
der Demografie. Gelänge der Frieden und öffnete sich Israel, islamistischen Diktatur lebt, über einen hohen Bildungsgrad
so wären – das ist ihr Kalkül – die Juden binnen weniger Ge- verfügt, ökonomisch und wissenschaftlich aktiv ist und für
nerationen eine Minderheit in ihrem eigenen, demokratisch relative soziale Sicherheit den Preis permanenter Repression
verfassten Lande, mit allen ganz legalen Konsequenzen, die zahlt, die das menschenrechtsverletzende Regime ausübt.
sich aus einer arabischen Bevölkerungsmehrheit ergäben.                  Und so sollten auch all diejenigen, denen an der Existenz
                                                                      Israels nichts liegt, dessen derzeitigen Konflikt mit Iran offenen
DER POLITISCHE ISLAM, DIE DEMOGRAFIE UND WIR                          Auges betrachten: Hier geht es auch um die Konkurrenz zwi-
Blickt man boshaft und ohne Empathie auf die heutige islami- schen der offenen Gesellschaft und ihren Feinden, auch um
sche/arabische Welt und fragt, was sie denn Produktives zum den Wettstreit der Systeme zwischen Menschenrechten und
Weltganzen beitrage, so kommt man auf zwei Dinge: Erdöl religiösem Recht.
und junge Männer. Das Bevölkerungswachstum islamischer                   Zwei Fragen stellen sich: Ist Israel die offene Gesellschaft,
Staaten ist seit einigen Jahrzehnten enorm.                           für die der Westen ein Exempel gegen den politischen Islam
   Die Anzahl junger Muslime, die in ihren Ländern gerade statuieren will? Ist Iran der Staat, an dessen Volk und Regime
aufgrund ihrer Masse und der Unfähigkeit der jeweiligen Re- der Westen dieses Exempel statuieren muss?
128                                                 D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Kultur

                                                                                         die Totalrenovierung des 2000 Jahre alten
                                                                                         Bauwerks, für 25 Millionen, samt Errich-
                                 DENKMALSCHUTZ                                           tung eines Besucherzentrums. Roms Bür-


             Tempel zu vermieten
                                                                                         germeister Giovanni Alemanno war be-
                                                                                         geistert. Aber dann klagte die Gewerk-
                                                                                         schaft der Kulturbeschäftigten, weil sie
                                                                                         das Verfahren für gesetzeswidrig hält. Die
                                                                                         Renovierungsarbeiten hätten im März
           In der Staatskrise übernehmen Konzerne die Pflege                             beginnen sollen, nichts passierte, und
                            der Kulturstätten Italiens.                                  jetzt, als Papst Benedikt XVI. die Karfrei-
                                                                                         tagsprozession wie jedes Jahr vor dem
                                                                                         Kolosseum abhielt, wurde er wieder sicht-


M
          arco Zambuto kann sich vieles        Kultur ist der Rohstoff Italiens, beinahe bar, der Zerfall des Bauwerks: abbrö-
          vorstellen, er muss es wohl auch so wie das Öl im Orient. 44 Denkmäler ckelnder Mörtel und eine rußgeschwärzte
          in diesen Tagen. Die antiken Säu- des Weltkulturerbes sind zu besichtigen, Fassade, auf einer verkehrsumtosten Insel
len aus dem Tal der Tempel beispielswei- knapp 5000 Museen und 60 000 archäolo- mitten in Rom.
se, Jahrtausende alt, eine hellenische Hin- gische Stätten, so viele wie nirgendwo          Vorreiter im Kultursponsoring ist Vene-
terlassenschaft auf Sizilien, als Logo auf sonst auf der Welt. Aber die Schätze wer- dig. Auch hier erhoffen sich Firmen aus
T-Shirts. Ein Symbolbild der griechischen den nicht gepflegt, sondern sich selbst der Luxusbranche einen Imagegewinn.
Antike, der Wiege Europas. Heute Trost überlassen: Unter Silvio Berlusconi Die Modemarke Diesel soll die Sanierung
und Kaufanreiz in Zeiten der Finanzkrise schrumpfte der Kulturetat in drei Jahren der Rialtobrücke finanzieren; der Dogen-
in Athen und Rom.                           um rund ein Drittel. Sein Finanzminister palast sowie die Seufzerbrücke sind ganz-
   Zwei Milliarden Euro, das sei der Wert verteidigte die Kürzungen mit den Wor- jährig von gigantischen Tafeln zugehängt,
dieser Ausgrabungsstätte, sagt Zambuto, ten: „Ich weiß gar nicht, was ihr habt: auf denen Banken und Modefirmen wie
der Bürgermeister von Agrigent auf Sizi- Kultur kann man schließlich nicht essen.“ Bulgari und Guess für sich werben. Die
lien. Er will dieses Erbe vermarkten. Zam-     Heute werden nur noch 1,4 Milliarden Stadt freute sich, dass der französische
buto, 39, steht auf einer kleinen Bühne, Euro des nationalen Haushalts in die Kul- Luxusunternehmer und Kunstsammler
im Mai sind Kommunalwahlen, er ist tur investiert, das sind nicht mal 0,2 Pro- François Pinault im Palazzo Grassi ein ei-
auf Stimmenfang und träumt                                                                           genes Museum errichten ließ
öffentlich von einer Verstei-                                                                        und dass Miuccia Prada ihre
gerung der Nutzungsrechte,                                                                           Sammlung in ihrem Palast am
von Großinvestoren aus aller                                                                         Canal Grande zeigt. Venedig
Welt. Nur der Beste bekäme                                                                           ist mit 400 Millionen Euro heil-
den Zuschlag, ruft er. Einer,                                                                        los verschuldet, die Subventio-
der als Gegenleistung in die In-                                                                     nen aus Rom stecken vor allem
standhaltung der Tempel inves-                                                                       in dem mindestens fünf Mil-
tiert, denn die sei dringend                                                                         liarden teuren Staudammpro-
notwendig.                                                                                           jekt Mose, das die Stadt vor
   „Italien hat das weltweit                                                                         den Meeresfluten schützen soll.
größte Erbe an Kulturschät-                                                                             Seit jedoch die Benetton-
zen“, ruft Zambuto, „aber wir                                                                        Gruppe nach dem Erwerb ei-
                                                                                                   SCAVUZZO / EIDON / ROPI




tun nichts für ihren Erhalt.                                                                         nes Eisenbahngebäudes auch
Dafür ist der Staat zuständig,                                                                       den Zuschlag bekam für den
klar, aber wenn der pleite ist –                                                                     Fondaco dei Tedesci, die alte
dann kann Versace durchaus                                                                           Handelsvertretung deutscher
eine Lösung sein.“ Zur Not                                                                           Kaufleute wie der Fugger, pro-
auch Louis Vuitton. Hauptsa- Roms Bürgermeister Alemanno, Sponsor Della Valle: Bröckelnde Insel testieren die Venezianer. Auch
che, kein russischer Oligarch                                                                        hier soll ein gigantisches Ein-
wie Michail Prochorow, Herausforderer zent. „Anorexie der Kultur“ nennt das kaufszentrum entstehen, Architekt wird
von Wladimir Putin bei den Präsident- der Schriftsteller Umberto Eco.                    Rem Koolhaas sein. Nun gibt es Bürger-
schaftswahlen im März, der schon Inter-        Die zur Neige gehenden staatlichen initiativen, die die Kommerzialisierung
esse bekundet haben soll am Kauf des Subventionen, vor denen sich die deut- des öffentlichen Kulturguts kritisieren
Zeus-Tempels, zu welchem Zweck, wisse sche Kulturhauptstadt Berlin zurzeit so und nicht zulassen wollen, dass die Stadt
niemand. Das, sagt Zambuto, ginge dann fürchtet – all das, was gerade in der deut- als Marke nur noch zum Abziehbild ihrer
doch zu weit. Kaufen sei undenkbar, mie- schen Kulturdebatte die Gemüter erhitzt, selbst wird.
ten aber möglich, für Modenschauen oder ist in Italien seit Jahren bittere Realität.        Ausverkauf der Kultur und gleichzeitig
Partys. „Ich kann mir vieles vorstellen“, Unter der neuen Regierung von Mario der Versuch, die Denkmäler dieses Lan-
sagt der grinsende Zambuto, „solange die Monti geht es um Schadensminimierung. des zu erhalten, das sind die beiden Pole
Kasse klingelt.“                               In Rom galt Diego Della Valle, 58, als der Diskussion, und nirgendwo wird der
   Seit die Regierung in Rom den Kultur- Sponsoring-Pionier, jetzt aber droht seine Konflikt so deutlich wie beim Umgang
etat radikal zusammengestrichen und die Privatinitiative an der Bürokratie und der mit Pompeji und Herculaneum, den bei-
Haushaltssanierung zur Regionalsache ge- Staatshoheit in Sachen Denkmalpflege den antiken Städten, die bei einem Aus-
macht hat, stopfen Provinzen und Städte zu scheitern. Der Inhaber der Schuhfirma bruch des Vesuv am 24. August 79 nach
ihre Löcher dadurch, dass sie Staatsgüter Tod’s setzte sich im vergangenen Jahr ge- Christus zerstört und erst im 18. Jahrhun-
verscherbeln, Klöster, Kasernen, etrus- gen weitere Interessenten durch, darunter dert wieder freigegraben wurden.
kische Villen, und die Nutzungsrechte an die Billigfluglinie Ryanair und Immobi-            Pompeji ist seit den Einstürzen in den
Privatinvestoren vergeben. Sie nennen lienfirmen, und erhielt die Exklusivrechte vergangenen zwei Jahren zum Symbolbild
das Kultursponsoring, darin war Italien für die visuelle Nutzung des Kolosseums eines verfallenden Landes geworden, kul-
lange Zeit Schlusslicht in Europa.          in Rom. Als Gegenleistung versprach er turell bankrott, lahmgelegt durch die Polit-
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Gladiatoren, deren Dienstlimousinen an-
                                                                                                       geblich das Doppelte des Kulturetats ver-
                                                                                                       schlingen. Jährlich kommen knapp drei
                                                                                                       Millionen Touristen, sie zahlen elf Euro
                                                                                                       Eintritt, hinzu kommen Subventionen
                                                                                                       aus Rom, aber die ständig wechselnden
                                                                                                       Superintendenten verschwendeten das
                                                                                                       Geld für pompöse Shows oder steckten es
                                                                                                       in die sechs Millionen Euro teure Beton-
                                                                                                       restaurierung des Großen Theaters.
                                                                                                          Immer noch liegt in Pompeji auf dem
                                                                                                       Weg zur Villa von Marcus Lucretius, dem
                                                                                                       mächtigsten Geldverleiher der Stadt, ein
                                                                                                       vor sich hin rottender roter Teppich, den
                                                                                                       man für einen Besuch Berlusconis ausge-
                                                                                                       rollt hatte. Er hatte vor ein paar Jahren
                                                                                                       Pompeji zum Notstandsgebiet erklärt,
                                                                                                       weil die Stadt von streunenden Hunden
                                                                                                       und mafiösen Touristenführer-Banden be-
                                                                                                       herrscht wurde und nur noch ein Bruch-
                                                                                                       teil der Häuser zu besichtigen war. Aber
                                                                                                       Berlusconi ließ sich nie blicken, auch
                                                                                                       nicht, als Ende 2010 die berühmte Gla-
                                                                                                       diatorenschule einstürzte und Staatsprä-
                                                                                                       sident Giorgio Napolitano von einer
                                                                                                       „Schande für die Nation“ sprach.
                                                                                                          In Herculaneum aber, der Schwester-
                                                                                                       stadt Pompejis, sorgt der Amerikaner Da-
                                                                                                       vid Woodley Packard, Sohn des Hewlett-
                                                                                                       Packard-Gründers, dafür, dass 30 Re-
                                                                                                       stauratoren am Erhalt der antiken Stadt
                                                                                                       arbeiten, es gibt Geld für Forschung und
                                                                                                       neue Ausgrabungen: Das Herculaneum
                                                                                                       Conservation Project investierte zusam-
                                                                                                       men mit der British School at Rome be-
                                                                                                       reits 15 Millionen Euro, nirgendwo hän-
                                                                                                       gen Werbetafeln.
                                                                                                          Rund 20 000 solcher Privatinitiativen
                                                                                                       soll es schon in Italien geben, Bürger grün-
                                                                                                       den Heimatmuseen, finanzieren den
                                                                                                       Denkmalschutz, und in Rom besetzten
                                                                                                       sie sogar das Teatro Valle, das sie nun in
                                                                                                       eigener Regie führen. Sie alle profitieren
                                                                                                       davon, dass der Staat so schwach ist.
                                                                                                          Salvatore Settis war früher einmal Ita-
                                                                                                       liens oberster Denkmalpfleger, bis er aus
                                                                                                       Protest gegen die Politik Berlusconis zu-
                                                                                                       rücktrat. Auch er weiß, dass es ohne Mä-
                                                                                                       zene nicht mehr gehen wird. Die Zeiten,
                                                                                                       sagt er, dass Italien aus Nationalstolz
                                                                                                       einer japanischen Firma untersagte, zwölf
                                                                                                       Millionen Euro zur Stabilisierung des
                                                                                                       Schiefen Turms von Pisa beizusteuern,
                                                                                                       seien lange vorbei. „Heute gehen wir mit
                                                                                                       dem Hut herum und betteln um Almosen.
                                                                                                       Und dabei haben wir es mit Bürgermeis-
                                                                                                       tern zu tun, die nichts von der Antike
                                                                                                       verstehen, sondern sie wie Oldtimer be-
                                                                                                       trachten oder wie schicke Immobilien in
                                                                                                       bester Lage, die sich meistbietend ver-
                                                                                                       scherbeln lassen.“
                                                                                                          Nun muss das Land vor dem Bankrott
                                                                                                       gerettet werden. Die Kultur spielt dabei
                                                                                                       keine Rolle. Immerhin: Die Europäische
                                                                                                       Kommission hat jetzt beschlossen, den
                                                                                                       Erhalt von Pompeji mit 42 Millionen Eu-
                                                                                            F1ONLINE




                                                                                                       ro zu bezuschussen. Ein Rettungsschirm,
                                                                                                       schon wieder.
Seufzerbrücke in Venedig mit Werbeplakaten 2009: Die Stadt als Abziehbild ihrer selbst                                                FIONA EHLERS

                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                      131
Kultur




                       Im siebten Blondinenhimmel
                       FILMKRITIK: „My Week with Marilyn“ ist ein wahres Märchen über die Begegnung
                       zwischen der Diva und einem jungen Kinofan.


W
           ahrscheinlich gibt es Projekte, gend bleich, den Blick meist flirrend ins     vom Blondinenhimmel hinabgestiegen in
           die das Weltkino im Jahr 2012 Nirgendwo gerichtet, auf Schritt und Tritt      das frühlingsfrische britische Inselreich.
           dringender braucht als einen von ihrer Schauspiellehrerin begleitet, im-         Von der erhabenen Leidensfigur, die
Spielfilm über die am gründlichsten be- mer Stunden zu spät. Und ist sie endlich         Hardcore-Verehrer in Marilyn sehen, bleibt
schriebene, aufs Finsterste missverstan- da, dann macht sie oft auf dem Stöckel-         in diesem oft komischen Film wenig übrig,
dene, am meisten vergötterte aller Holly- absatz kehrt, weil ihr ein Gesicht, ein Ge-    zum Glück. Viel wurde über ihre Verletz-
wood-Schauspielerinnen. In diesem Be- räusch oder sonst irgendwas nicht passt.           lichkeit, ihre Tablettensucht und ihre
wusstsein hat der Regisseur Simon Curtis       Welch Wunder aber, wenn die Diva          Elendskindheit geschrieben. Ihre Erotik
einen Film über Marilyn Monroe (1926 doch mal in Stimmung ist: Dann wird aus             und ihre Komik sind in Filmen und in
bis 1962) gedreht. „My Week with Mari- dem verschreckten Geisterwesen eine Er-           Fotobänden prachtvoll konserviert. Und
lyn“ ist voller satter Farben, leicht und scheinung, eine absurd schöne, strahlen-       doch würde es genügen, Michelle Williams
amüsant, aber auch ein wenig                                                                       zuzusehen, um den Befund des
altmodisch. Der Charme dieses                                                                      Dramatikers Arthur Miller nach
Films entsteht dadurch, dass er                                                                    seiner Ehe mit Marilyn zu begrei-
sich, seine Geschichte und seine                                                                   fen. „In ihrer Nähe treten bei den
Hauptfigur keinen Moment lang                                                                      meisten Männern jene Charak-
wichtiger oder tragischer nimmt                                                                    terzüge noch stärker hervor, die
als nötig.                                                                                         sie sowieso haben“, schrieb
   „My Week with Marilyn“ er-                                                                      Miller. „Ein Heuchler wird noch
zählt davon, wie ein junger bri-                                                                   heuchlerischer, ein Wirrkopf noch
tischer Grünschnabel namens                                                                        verwirrter, ein Zurückhaltender
Colin (Eddie Redmayne), der                                                                        hält sich noch mehr zurück.“
die Monroe gerade noch im                                                                             Der Regisseur-Laufbursche
Dunkel eines Kinosaals ange-                                                                       Colin in „My Week with Mari-
himmelt hat, plötzlich als dritter                                                                 lyn“ jedenfalls ist ein naiv Begeis-
Regieassistent auf einem Filmset                                                                   terter, der sich in einen rettungs-
vor den Toren Londons landet.                                                                      los Liebenden verwandelt: Nach-
Wie ein Alien, der mitten in den                                                                   dem Miller, der hier als ulkige
fünfziger Jahren auf der Erde                                                                      Nebenfigur auftritt, sich entnervt
eingetrudelt ist, tapst er stau-                                                                   vom Filmset verkrümelt hat,
nend herum zwischen Kame-                                                                          wählt sich die Schauspielerin den
ras, Schminkspiegeln und hyper-                                                                    Kindskopf Colin als Vertrauten
nervösen Künstlermenschen.                                                                         und Spielgefährten. Er darf ihr
   Der junge Held in „My Week                                                                      Beschützer sein, wenn sie sich
with Marilyn“ ist engagiert für                                                                    von Rauschmitteln zugedröhnt
die Dreharbeiten zu einem Film,                                                                    in ihrem Zimmer verbarrikadiert,
                                                                                         ASCOT ELITE




der heute Kinogeschichte ist.                                                                      er darf ihr während einer Land-
Das Werk heißt „Der Prinz und                                                                      partie beim Nacktbaden zusehen,
die Tänzerin“ und kam 1957 her-           Monroe-Darstellerin Williams                             und er darf ein paar Nächte und
aus, die Monroe und der be-                                                                        Tage lang in ihren Armen liegen.
rühmte Theaterschauspieler Sir                                                                        Der Film basiert auf dem Buch
Laurence Olivier spielten darin                                                                    des britischen Autors Colin Clark
die Hauptrollen, der Regisseur war Oli- de, Männer und Frauen gleichermaßen              über seine Erlebnisse am Set von „Der
vier selbst – und zwischen ihm und der verzückende Frau.                                 Prinz und die Tänzerin“. Doch den Regis-
amerikanischen Diva soll es zu vielen,         Die Schauspielerin Michelle Williams      seur Curtis interessiert nicht, was wirklich
bald legendären Krächen gekommen sein. sah in ihren bisherigen Filmen, zu denen          passierte zwischen dem Unschuldsknaben
Wie turbulent es dabei im Einzelnen zu- „Brokeback Mountain“ oder „Blue Valen-           und der Kinogöttin. Stattdessen beschwört
ging, davon erzählt Simon Curtis’ Film.     tine“ gehören, der Monroe nicht beson-       er in „My Week with Marilyn“ den Zauber
   Kenneth Branagh spielt den brillanten, ders ähnlich. Trotzdem ist sie hier von der    des Kinos. Der sorgt dafür, dass manche
eitlen Theaterhaudegen Olivier. Vor Wut ersten Sekunde an eine plausible, umwer-         im realen Leben nicht spektakulär begabte
schnaubend, vor Entsetzen stierend, trifft fende Besetzung. Gerade weil sie nicht auf    Menschen auf der Leinwand wie Sterne
er auf eine Schauspielerin, die offenbar Nachahmung setzt, sondern ihre Filmfigur        funkeln. Zugleich treibt dieser Zauber vie-
aus einer anderen Galaxie stammt. Ein neu erfindet. Williams mag nicht die Ober-         le Zuschauer – ähnlich wie den Filmhelden
Meistermime, der glaubt, in seinem Me- weite, das Kinn und das breite Lächeln            Colin – in den süßen Wahn, die Figuren auf
tier wirklich alles erlebt zu haben, begeg- der Monroe haben. Deren Launen, deren        der Leinwand seien einem so vertraut, dass
net einem Star, wie ihn die Welt bis dahin Reiz und deren einzigartigen Flirt mit der    man mit ihnen tatsächlich sein Glück fin-
nicht gesehen hat. Die Monroe erscheint Kamera aber beschwört sie so lässig, als         den könnte. Und sei es nur für sieben Tage.
am Set wie ein Gespenst. Besorgniserre- wäre ihre Heldin tatsächlich noch einmal                                     WOLFGANG HÖBEL

132                                              D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Szene                                                                                                                                          Sport
                                                                                                                                    ZEITGESCHICHTE


                                                                                                                               Pionier des Dopings
                                                                                                                           Der junge Mediziner Martin Brust-
                                                                                                                           mann, der die deutschen Athleten bei
                                                                                                                           den Olympischen Spielen 1912 betreu-
                                                                                                                           te, genoss unter Sportlern schnell ei-




                                                                                             FOTOS: DAVID GRAY / REUTERS
                                                                                                                           nen guten Ruf. Warum, das wurde
                                                                                                                           bald nach den Spielen von Stockholm
                                                                                                                           klar. Da veröffentlichte Brustmann,
                                                                                                                           später einer der führenden deutschen
                                                                                                                           Sportärzte, sein „Olympisches Trai-
                                                                                                                           nierbuch“ – eine der ersten Anleitun-
                                                                                                                           gen zum Leistungsbetrug. Einen Ab-
                                                                                                                           schnitt widmete er der Frage: „Wie
                                                                                                                           soll man dopen?“ Der Begriff stammt
                                                                                                                           aus einer Bantu-Spra-
                                                                                                                           che und war zur Jahr-
                                                                                                                           hundertwende in
                                                                                                                           Deutschland auf-
                                                                                                                           getaucht. Ein „Reizmit-
                                                                                                                           tel“, dozierte der Me-
                                                                                                                           dicus, müsse „sowohl
                                                                                                                           dem sportlichen Erfor-
                                                                                                                           dernis wie der Person
                                                                                                                           sorgfältig angepasst
                                                                                                                           sein“. Er selbst habe in
                                                                                                                           Stockholm, „wenn eine
                                                                                                                           Notwendigkeit dazu
                                                                                                                           vorlag, die vorsichtige Anwendung sol-
                                                                                                                           cher Mittel nicht verschmäht“. Welche
                                                                                                                           Präparate Brustmann verabreichte,
                                                                                                                           gab er in dem Buch nicht preis – vage
                                                                                                                           erwähnte er „Kola-Tabletten“ und „Al-
                                                                                                                           kohol, am besten Champagner“. Jahre
                                                                                                                           zuvor hatte Brustmann Radfahrer bei
Beachvolleyball-Arena, Kajak-Strecke, Olympiastadion in Peking                                                             Sechstagerennen untersucht, die Ko-
                                                                                                                           kain nahmen. Erst 1952 stolperte der
                            O LY M P I S C H E S P I E L E
                                                                                                                           Mediziner, der im „Dritten Reich“ ei-
                                                                                                                           ner der Leibärzte Reinhard Heydrichs,

            Unkraut auf der Tribüne
                                                                                                                           des Chefs des Reichssicherheitshaupt-
                                                                                                                           amts, geworden war, über seine Do-
                                                                                                                           pingpraktiken: Nachdem er bei den
                                                                                                                           deutschen Meisterschaften zwei Ruder-
Das Olympiastadion in Peking ist            cke ein mit Unkraut überwuchertes                                              Achtern vor dem Rennen ein Testo-
333 Meter lang und 294 Meter breit,         Feld samt verwitterter Tribüne. Den                                            steronpräparat und das Amphetamin
mit 69 Metern ist es so hoch wie die        Organisatoren der Spiele in London ist                                         Pervitin verabreicht hatte, wurde
Türme von Notre-Dame in Paris, vor          Peking ein mahnendes Beispiel. Das                                             Brustmann suspendiert. Die Folge des
vier Jahren wurde die „Vogelnest“ ge-       East End galt lange als ein Schmuddel-                                         Skandals: ein generelles Dopingverbot
nannte Arena als eine architektonische      viertel mit alten Fabriken und Hafen-                                          durch den Deutschen Sportbund.
Ikone des frühen 21. Jahrhunderts ge-       docks, die Olympischen Spiele sollen
feiert. Heute wird in dem Stadion spo-      die Gegend nachhaltig aufwerten: Das
radisch Fußball gespielt, manchmal fin-     Athletendorf wird zu einem Wohnkom-
den Konzerte statt, es war auch schon       plex umfunktioniert werden und das                                              ZITAT
Platz für einen Winter-Wunderland-          Pressezentrum zum Bürogebäude, die
Themenpark. 30 Jahre werde es dau-          Basketball-Halle soll wieder komplett                                          „Alte Herren können
ern, sagt das Stadion-Management, um        verschwinden, die Schwimmhalle kann
die 350 Millionen Euro zu refinanzie-       von 17 500 Plätzen auf 2500 zurück-                                             meinen Hintern küssen.“
ren, die der Bau gekostet hat. Viele der    gebaut werden. Auch das Olympia-
anderen olympischen Spielstätten Pe-        stadion soll nach den Spielen schrump-                                         Bubba Watson, 33, Golfprofi und vor-
kings sind seit 2008 unbenutzt und ver-     fen und nicht mehr 80 000, sondern nur                                         vergangenen Sonntag Überraschungs-
kommen. Die Beachvolleyball-Arena           noch 60 000 Menschen fassen. Der Fuß-                                          sieger beim Masters in Augusta, USA,
ist eine Ruine, der Kajak-Parcours ein      ballclub West Ham United möchte die                                            bei einem Turnier 2008 zu seinem
ausgetrockneter Kanal, die BMX-Stre-        Arena zu seiner neuen Heimat machen.                                           Gegner Steve Elkington, damals 45


                                                   D E R     S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                    133
Sport


                                                   FUSSBALL




                                       Die Festung
  Der Trainer José Mourinho hat beim ehrenwerten Verein Real Madrid alles unter
           seine Kontrolle gebracht. Er hat die Macht und bestimmt, was
  die Öffentlichkeit erfahren soll. Vieles missfällt den Fans, manches den Spielern.




                                                                                       DANIEL OCHOA DE OLZA / AP / DAPD




 Madrid-Stars Özil, Benzema, Ronaldo


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V
        or der Schranke zur Einfahrt ins und allen unheimlich ist. Der Club ist bedeutendsten der rund 2000 „Peñas“
        Trainingszentrum von Valdebebas nicht wiederzuerkennen.                        weltweit, so werden die Fan-Organisatio-
        stehen die Touristen mit ihren Ka-    Mourinho ließ den Koch austauschen, nen genannt. „Real Madrid hatte einen
meras, geduldig wie die Menschen am er hat seinen eigenen Presseattaché. Ver- tollen Ruf in der Welt“, sagt Arnaldo, „bis
Vorabend in der Madrider Innenstadt süd- letzte Spieler schickt der Trainer zu portu- Mourinho kam.“ Wenn dies der Preis sei,
lich der Puerta del Sol. Dort warteten sie giesischen Ärzten statt zu den Medizinern um Titel zu gewinnen, nämlich „dass wir
auf die Karfreitagsprozession.              der privaten Krankenkasse, die vertrags- unsere Seele dem Teufel verkaufen, die-
   Hier wird nun keine trauernde Jung- gemäß mit dem Club zusammenarbeitet. sem egoistischen, selbstverliebten Ty-
frau Maria durch die Gassen getragen, Er glaubt, dass die acht Spanier seines Pro- pen“, dann sei dieser Preis zu hoch.
hier steuert gleich Cristiano Ronaldo sei- fi-Kaders von der spanischen Presse über      Eine Stunde vor der Partie gegen Va-
nen Dienst-Audi aufs Gelände, gefolgt Gebühr protegiert würden, und er hasst lencia am vorvergangenen Sonntag steht
von anderen Halbgöttern Real Madrids: es, wenn seine spanischen Spieler mit Kol- José Emilio Martín, 47, an der Nordseite
Karim Benzema, Mesut Özil, Torwart legen des FC Barcelona, mit denen sie ge- des Stadions Bernabéu vor einem ande-
Iker Casillas, den sie den „heiligen Iker“ meinsam Weltmeister wurden und befreun- ren Restaurant. Er ist der Präsident der
nennen. Viele der Autos sind weiß wie det sind, auch nur telefonieren. Denn sei- Cinco Estrellas, dies ist der Treffpunkt
die Trikots des Clubs, des weltbe-                                                            der gehobenen Fan-Gemeinschaft,
rühmtesten und umsatzstärksten                                                                ein Hamburger vom Kobe-Kalb
Fußballvereins.                                                                               kostet 21 Euro. Martín trägt rote
   Die Fans und Touristen können                                                              Schuhe zur roten Hose, so erkennt
die durchrauschenden Wagen knip-                                                              man ihn schnell. Er verteilt die Kar-
sen, weiter sehen sie nichts. Das                                                             ten, auch die Flugtickets für Mün-
Gelände ist abgeriegelt, Zaungäste                                                            chen. Früher hielt er Kontakt zu
duldet der Cheftrainer José Mou-                                                              den Spielern. Die Ikone Raúl, jetzt
rinho nicht. Angemeldete Journa-                                                              bei Schalke 04, würde ihn noch er-
listen dürfen an Tagen wie diesem                                                             kennen, sagt er.
herein, für exakt 13 Minuten öffnet                                                              Jetzt verbietet Mourinho den
sich die Tür zur Terrasse des Pres-                                                           Fans diese Nähe, selbst Martín darf
seraums. Von dort sind die Stars                                                              nicht mal zum Trainingsplatz. Die-
zu erkennen, wie sie sich im Nie-                                                             ser Coach habe die Fan-Gemeinde
selregen aufwärmen; diesmal spie-                                                             gespalten, meint er. Vor allem die
len sie eine Art Basketball auf Fuß-                                                          hasenfüßigen Auftritte in den „Clá-
balltore. Die teuerste Mannschaft                                                             sicos“ genannten Duellen mit Bar-
der Erde, 475 Millionen Euro an                                                               celona haben Teile der stolzen An-


                                                                                             DANIEL OCHOA DE / DAPD
Ablösegeld, stellt gute Laune zur                                                             hänger als eine Erniedrigung emp-
Schau.                                                                                        funden. Denn die Defensivtaktik
   Dann schließt die Tür, zehn Ka-                                                            wurde allseits verspottet.
merateams werden vom Sicher-                                                                     Was, wenn Mourinhos Team den
heitspersonal hineingebeten, die                                                              Vorsprung gegenüber Barça, der
Cracks verschwinden hinter herab- Real-Trainer Mourinho: „Gemeinsam weinen oder lachen“       mal zehn Punkte betrug, noch ver-
gelassenen Rollläden. Zwei Stun-                                                              spielt? Und wenn es auch dem FC
den später erscheint der Co-Trainer, um ner Vorstellung nach befindet sich Real Bayern unterliegt im „Clásico de Europa“,
genau vier Fragen zu beantworten.           Madrid mit Barça in einem Kriegszustand. wie die Zeitungen das Prestigeduell nen-
   Mourinho hat Real Madrid zur Festung       Der Präsident wirkt in Mourinhos Ge- nen? Müsste „The Special One“, wie Mou-
umgebaut. Die Spieler dürfen keine In- genwart nur noch willenlos. Bei seiner rinho sich selbst rühmte, dann gehen?
terviews geben, er selbst mag nichts sa- Rückkehr an die Macht hatte der schwer-         Präsident Pérez würde nie gegen die
gen. Bei den wenigen Äußerungen nach reiche Unternehmer Florentino Pérez vor Mehrheit im Bernabéu entscheiden, heißt
den Partien geht es immer um dasselbe: knapp drei Jahren noch von der Würde es. Aber kann man sicher sein, dass die
Es sind wirre Andeutungen über eine an- des Clubs schwadroniert, von der „seño- Mehrheit die albernen Scharmützel Mou-
gebliche Verschwörung finsterer Mächte, río“, der quasi in der Satzung verankerten rinhos wirklich noch unterstützt?
zum Beispiel des europäischen Verbands Vornehmheit. „Damit erobern wir die               Das Spiel gegen Valencia beginnt, das
Uefa und der Schiedsrichter, die angeb- Herzen der Kinder.“                            Stadion wummert. „Nessun dorma“ wird
lich den Real-Rivalen FC Barcelona ge-        Jetzt verteidigt er den kapriziösen abgespielt, die Arie aus Puccinis „Turan-
winnen lassen und Madrid das Leben Coach sogar, wenn der einem Betreuer dot“, gesungen von Luciano Pavarotti –
schwermachen in der Champions League Barcelonas hinterhältig einen Finger ins „diese Nacht soll niemand schlafen!“ Real
und nun auch in der nationalen Liga. Auge bohrt. „Die Vornehmheit von Real Madrid spiele nicht, sagen die Spieler, die
Kaum jemand nimmt das mehr ernst.           Madrid ist, Real Madrid zu verteidigen“, jetzt auf der Leinwand auftauchen, Real
   Auf der Zielgeraden der Saison, kurz sagt Pérez inzwischen. So sehen es wohl Madrid rühre, gehe zu Herzen.
vor dem europäischen Halbfinale gegen auch die Radikalsten der Fans, die im Sta-         Unten auf dem Rasen greift sich Cris-
Bayern München, ist der Real Madrid dion Santiago Bernabéu hinter dem Tor tiano Ronaldo noch schnell eine Plastik-
Club de Fútbol in eine Identitätskrise ge- stehen, wenn die Hymne vom „Ehrenka- flasche und träufelt sich Wasser auf die
rutscht. Früher war es so, dass die Trainer valier“ erklingt, der „im ehrlichen Kampf“ Frisur. Es folgt ein wilder Ansturm, of-
hier mit Autoritätsproblemen zu kämpfen siegen soll. Aber die Unterstützung für fensiv, Chancen hüben wie drüben, Pfos-
hatten, Spielbälle der mächtigen Präsi- Mourinhos Bunkerphilosophie schwindet. tenschüsse. Doch kein Tor. Null zu null.
denten waren und die teuersten Stars he-      Alfonso Arnaldo, 42, betreibt mit sei- Dann kommt Mourinhos Assistent Aitor
gen mussten wie Könige.                     nem Bruder das Restaurant Oviedo, das Karanka zur Pressekonferenz und sagt,
   Jetzt hat der portugiesische Coach die von Real Madrids Fanclubs frequentiert das mit dem Schiedsrichter habe ja wohl
ganze Macht und kontrolliert alles, er wird, er ist selbst seit 25 Jahren Vereins- jeder gesehen, „die ganze Welt“.
misstraut jedem und macht sich einen mitglied und gehört zu den „Cinco Estrel-           Niemand weiß, was er genau meinen
Spaß daraus, dass er so unberechenbar las“, den fünf Sternen. Das ist eine der könnte. Die Frage ist, ob die paranoide
                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                        135
Sport

Rhetorik wenigstens nach innen wirkt. einem Jahr. Danach tadelte er Mourinho              der Deutschtunesier vor der Presse, ne-
Ob Mourinhos Festungspolitik eine stabi- nie wieder.                                      ben ihm Mourinho. Als eine kritische Fra-
le Wagenburg hinterlässt, ob sich die Spie-    Direktor Campillo wird energisch.          ge zur Öffentlichkeitsarbeit gestellt wur-
ler mit ihm gegen all die vermeintlich „Mourinho ist eingestellt worden, um die           de, bedeutete der Trainer dem Spieler, er
feindlichen Mächte verbünden.               Hegemonie Barcelonas zu brechen“, sagt        solle die Veranstaltung verlassen. Khedira
   Alle sind ja gegen sie, zum Beispiel die er. „Wenn er nun keine Titel holt, hat es     stand auf und ging.
Presse. Was die wieder alles geschrieben keinen Sinn, all die Spannungen, die er             Sicherlich, die Profis sind stolz, für den
habe, wetterte Mourinho in künstlicher erzeugt hat, weiter zu ertragen und sein           Club zu spielen, der allein in Europa
Aufregung kurz vor Ostern, als er noch unsportliches Auftreten zu dulden.“                31 Millionen Fans haben soll. Der Brasi-
öffentlich sprach. Als habe er auf solch       Im Januar gab das Blatt einen Disput       lianer Marcelo hat sich die 12, seine Rü-
vermeintliche Fehlspekulationen nur ge- vom Trainingsplatz wieder, den Wortlaut           ckennummer, auf den linken Unterarm
wartet, zählte er auf: Ihn hätten sie mit bestätigt oder dementiert der Club nicht.       tätowieren lassen. Und Mourinho scheint
Manchester City in Verbindung gebracht, Demnach habe der Trainer mit Abwehr-              recht zu behalten mit seiner These: In sei-
Casillas mit Schalke 04, Angel Di María spieler Sergio Ramos über ein taktisches          nem zweiten Jahr spielen seine Mann-
mit wer weiß wem – alles unwahr, da sehe Stellungsspiel gegen Barcelona bei einem         schaften stets besser als zuvor. Seine Akri-
man mal. „Aber“, schloss Mourin-                                                                  bie, mit der er die Seinen auf den
ho, „die Gruppe ist stark, wir ge-                                                                Gegner vorbereitet, wird oft gelobt.
hen zusammen bis zum letzten                                                                         Jetzt hieß es allerdings, Mourin-
Tag, dann werden wir gemeinsam                                                                    ho sei sogar imstande, sein Team
weinen oder lachen.“                                                                              zu verraten. Einmal, beim 2:2 Ende
   Immerhin hat die Mannschaft                                                                    Januar im Pokalrückspiel gegen
schon mehr als hundert Tore in der                                                                den FC Barcelona, hatte er seine
Liga erzielt, geschlossen und sys-                                                                Angsthasentaktik überraschend
tematisch geht sie vor, wenn sie                                                                  aufgegeben. Aus perfidem Grund,
den Ball erobert. Der Gegner,                                                                     behaupten Reporter: um das eige-
schreiben die Kommentatoren,                                                                      ne Team in den Untergang zu ja-
werde entwaffnet wie von einem                                                                    gen – damit alle Welt sehe, dass er
Heer. Und wenn der Tabellenfüh-                                                                   zuvor doch richtig gelegen habe
rer mal auf Einzelaktionen seines                                                                 mit der ultradefensiven Ausrich-
fulminanten Torschützen Ronaldo                                                                   tung in all den „Clásicos“ zuvor.
angewiesen ist wie vorigen Mitt-                                                                  Ein krauser Vorwurf vielleicht, nur
woch beim 4:1 im Lokalderby bei                                                                   ein Gerücht. Aber es kam aus der




                                                                                               MONTSE VELANDO / CONTACTO / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL
Atlético Madrid, vergisst der Held                                                                Mannschaft.
anschließend nicht zu erwähnen,                                                                      Alfredo Relaño traut diesem
dass auch dies ein Gemeinschafts-                                                                 Trainer alles zu. Der Chef des
werk gewesen sei.                                                                                 „Marca“-Konkurrenten „As“ traf
   „Wir haben an uns geglaubt, als                                                                sich früher regelmäßig mit Real-
wir für tot erklärt wurden“, sagte                                                                Präsident Pérez. Der redet nun
des Trainers Sprachrohr Karanka                                                                   nicht mehr mit ihm, seit die beiden
schön pathetisch – da war wieder                                                                  sich über Mourinho stritten. Rela-
die Kernaussage: Allen, die gegen                                                                 ño beschrieb den Coach in seinen
uns sind, zeigen wir es.                                                                          Kolumnen als manisch und rüpel-
   Im nördlichen Stadtteil Horta-                                                                 haft. Den Presseboykott hält er für
leza hat „Marca“, das führende                                                                    eine tyrannische Entscheidung,
Sportblatt Spaniens mit täglich                                                                   denn „Tyrannen lassen gern ihre
270 000 verkauften Exemplaren, Zeitungschef Campillo: „Unsportliches Auftreten“                   Macht spielen“, sagt er am Vor-
seinen Sitz; es ist die Zeitung für                                                               abend des Derbys gegen Atlético.
die „Madridistas“, die Fans von Real. Os- Eckball gestritten. Ramos soll Mourinho            Eine demütigende Niederlage, das 0:5
car Campillo ist der Direktor seit einem vorgehalten haben, selber nie ein Spieler        in Barcelona vor eineinhalb Jahren,
Jahr, er trägt eine fröhliche Krawatte mit gewesen zu sein. Und als der Coach ge-         glaubt Relaño, habe Mourinho traumati-
Karos in Weiß und Pink. An Mourinho genüber Ramos gerade etwas über „den                  siert, ihn „erblinden“ lassen in seiner Ra-
droht er zu verzweifeln. Früher hat Torwart“ habe sagen wollen, rief Iker Ca-             serei. Fachlich halten viele den Coach für
Campillo im politischen Journalismus ge- sillas laut „Marca“ aus einiger Entfernung:      genial. Aber er macht alle verrückt.
arbeitet, nirgends seien die politischen „Eh, Mister, hier bei uns ist es üblich, dass       Vor dem Duell mit den Bayern ist auch
Verzweigungen jedoch so weitreichend man sich die Sachen ins Gesicht sagt!“               noch Di Stéfano krank. Seit zwei Wochen
wie bei Real Madrid, sagt er und atmet         Der Vorgang könnte etwas über das          ging er nicht in sein Büro in der Arena,
schwer.                                     Klima hinter den Mauern von Valdebebas        er liege im Bett seiner Wohnung in Sta-
   Wenn beispielsweise die Vereinslegen- verraten. Sami Khedira, der deutsche Na-         dionnähe, sagt der gebürtige Argentinier,
de Alfredo Di Stéfano, heute Ehrenpräsi- tionalspieler, widerspricht am Telefon:          Held der fünfziger Jahre, am Telefon.
dent und „Marca“-Kolumnist, sich kri- Wenn die Mannschaft in Auswärtsspielen                 Di Stéfano, 85, spricht nicht, er röhrt.
tisch äußere, müsse man befürchten, dass wie gegen Osasuna fünf Tore schieße,             Dies sei „die beste Mannschaft, die Ma-
Mourinho die Subventionen für die Vete- könne die Stimmung so schlecht ja nicht           drid je hatte“. Der FC Bayern? „Ein mit-
ranenmannschaft streichen lasse. Einmal sein. Mehr will er nicht sagen – das Inter-       telmäßiges Team.“ Aber was ist mit sei-
hat sich Di Stéfano, einst Anführer des viewverbot.                                       ner Kritik an Mourinho, mit der ängstli-
„Weißen Balletts“, das fünf Europapokal-       Über Khedira sagen sie in Madrid,          chen Maus? „Ich habe nie etwas über
siege in Serie einfuhr, abschätzig über die Mourinho habe ihn zu einem Fußball-           Mourinho gesagt und werde nie etwas
Taktik des Portugiesen geäußert: Die soldaten geformt, wenig kreativ, aber ge-            über ihn sagen“, ruft der heisere Ehren-
Mannschaft, ängstlich „wie eine Maus“, horsam. Neulich vor dem Champions-                 präsident. Alle seien glücklich.
habe keine Persönlichkeit. Das war vor League-Spiel im zyprischen Nikosia saß                                                                            JÖRG KRAMER

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verkündete, in Zukunft für Ducati zu star-                             Technisch ausgedrückt: Sie hat ein Kon-
        MOTORRADRENNEN                     ten, schien sich eine Traumehe anzubah-                             struktionsproblem.


              Zicke!
                                           nen. Der erfolgreichste und aufregendste                               Auf einem Rennmotorrad ist es für den
                                           Rennfahrer der Gegenwart hatte jahrelang                            Fahrer wichtig zu spüren, wann das Vor-
                                           im Dienste der japanischen Massenherstel-                           derrad in den Kurven zu rutschen beginnt.
                                           ler Honda und Yamaha triumphiert. Nun,                              Geht die Haftung verloren, lässt sich ein
   Alle Euphorie über die Liaison          so der Plan, würde er seine Laufbahn krö-                           Sturz kaum noch vermeiden. Diese Gren-
       von Superstar Valentino             nen, bei einer legendären Marke, die Sport-                         ze ist schmal, sollte aber wenigstens so
   Rossi mit Ducati ist verflogen:         motorräder baut und weit über Italien hin-                          breit sein, dass dem Piloten Zeit bleibt zu
                                           aus einen Klang wie Ferrari hat.                                    reagieren. Bei der Ducati gibt es solch ei-
    Der Italiener fährt auf seiner            Was folgte, war die düsterste Saison in                          nen Moment offenbar nicht. Sie schmiert
  Rennmaschine lustlos hinterher.          Rossis Karriere. Obwohl er seine vertrau-                           vorn ohne Warnsignal weg, als ob der
                                           te Crew aus einem Dutzend Technikern                                Asphalt plötzlich aus Seife wäre.


E
       ine Rennmaschine habe eine Seele, mitgebracht hatte, gewann er keinen ein-                                 Er bekomme kein Gefühl für das Vor-
       sagte Valentino Rossi einmal, er zigen Grand Prix. Er stürzte öfters. Im                                derrad, klagt Rossi immer wieder, ihm
       hege „menschliche Gefühle“ für sie. Oktober wurde er in einen tragischen Un-                            fehle das Vertrauen in das Motorrad. Die
„Ich frage sie, ob sie etwas für mich ma- fall verwickelt. In Malaysia rutschte der                            Folge ist, dass er vorsichtig fährt. Dass er
chen kann. Und wenn es eine Beziehung italienische Ex-Weltmeister Marco Simon-                                 zu langsam wird. Sein Selbstvertrauen
gibt, dann macht sie das für mich. Des- celli ausgangs einer Kurve aus dem Sattel,                             verliert. Noch langsamer wird. Den An-
wegen sehe ich das Motorrad nicht nur zwei dichtauf folgende Fahrer konnten                                    schluss an die Spitzenreiter verpasst.
als ein Stück Eisen.“                      nicht ausweichen, überrollten und ver-                              Noch vorsichtiger fährt. Ein Rossi hat kei-




                                                                                                                                                             PETR DAVID JOSEK / DAPD
                                                                      PICTURE ALLIANCE / DPA




Ducati-Fahrer Rossi in Doha, Pilot Rossi: „Ich kann dieses Motorrad nicht fahren“

   Esoterisch geworden? Benzindämpfe          letzten ihn tödlich. Einer der beiden war                        ne Lust mehr, für einen Rang im Mittel-
eingeatmet?                                   ein Freund Simoncellis: Rossi.                                   feld seine Knochen zu riskieren.
   Rossi, 33, steht nicht im Verdacht, ein       Er habe diesen Schicksalsschlag ver-                             Das Konstruktionsbüro von Ducati hat
Wirrkopf zu sein. Auf zwei Rädern hat         kraftet, sagen Beobachter, Rossi wisse um                        auf Drängen von Rossi und seiner Crew
er neun Weltmeistertitel und 105 Grands       das Berufsrisiko. Zwar sei er ernster als                        bereits begonnen, sich von technischen
Prix gewonnen, sein Jahrestarif liegt bei     früher, aber das liege daran, dass er mitt-                      Irrtümern zu verabschieden. Das Chassis
etwa 15 Millionen Euro – das alles hat er     lerweile zu den Ältesten im Starterfeld                          wird nicht mehr aus Kohlefaser gefertigt,
seiner Cleverness zu verdanken. Nach-         gehöre. Scherze sind ihm angesichts sei-                         sondern aus Aluminium, weil es weicher
vollziehbar ist trotzdem, was er sagt.        ner Probleme vergangen. Anders als frü-                          ist und so dem Fahrer ein besseres Gefühl
Denn jedes Mal, wenn er aufsteigt, ver-       her geschehen, dreht er nicht mehr mit                           für den heiklen Vorderreifen vermittelt.
traut sich Rossi einer Rakete mit einer       einer Sexpuppe als Sozia die Auslauf-                            Trotzdem wird die Manufaktur Ducati in
Schubkraft von 230 PS an, die ihn, wenn       runde. Wer will schon einen Clown sehen,                         absehbarer Zeit kaum eine Chance haben
es unglücklich liefe, schnurstracks vom       der das Rennen lang unauffällig bleibt,                          gegen die Giganten aus Japan und deren
Leben zum Tode befördern könnte. Oder         aber hinterher seine Show abzieht?                               Heerscharen von Ingenieuren.
zumindest ins Krankenhaus.                       In dieser Saison, dem zweiten und vor-                           Rossi sagt, er könne sich vorstellen,
   So klang es denn auch wie das Ende         erst letzten Vertragsjahr bei Ducati, soll                       noch zwei Jahre weiterzufahren, bevor
einer Liebe, als Rossi am vorvergangenen      es endlich vorangehen. Nach den ersten                           er seine Karriere beende. Drei Arbeit-
Sonntag nach dem ersten Saisonrennen          Testfahrten war von Optimismus die                               geber stünden zur Auswahl. Theoretisch.
in Katar sagte: „Ich kann dieses Motorrad     Rede, doch der hielt sich nur kurz. „Du-                         Denn bei Honda und Yamaha war Rossi
nicht fahren.“ Nur Platz zehn im Ziel, ein    cati hat nicht das Motorrad gebaut, das                          bereits, und dort hält sich das Verlangen
Konkurrent hatte Rossi respektlos mit ei-     ich verlangt habe“, meckert Rossi jetzt.                         nach einer Rückkehr des eigenwilligen,
nem Rempler überholt. Kurz dachte Rossi       Von außen betrachtet mag seine Renn-                             hochbezahlten Superstars in Grenzen.
daran, die Boxengarage anzusteuern und        maschine einer Schönheit gleichen, ele-                             Bliebe einzig und allein Ducati. Die
aufzugeben.                                   gant ist ihre Form und glatt ihre Ober-                          Zeit der großen Gefühle ist vorbei, es
   Katar ist der Tiefpunkt einer Liaison,     fläche, ihr Name – Ducati Desmosedici –                          geht darum, eine Zweckgemeinschaft zu
die vor eineinhalb Jahren verheißungsvoll     hört sich rassig an. Aber erwiesen hat sie                       retten.
begonnen hatte. Als Rossi im Sommer 2010      sich als Zicke.                                                                                DETLEF HACKE

                                                     D E R   S P I E G E L                     1 6 / 2 0 1 2                                           137
Trends                                                                                                                  Medien
                                        SPRINGER-URTEIL


                                 Aufseher wehren sich
                               Das Urteil des Bayerischen Verwal-
                               tungsgerichtshofs im Februar war ein
                               Triumph für das Haus Axel Springer.
                               Die Richter hatten erklärt, dass die




                                                                                                                                                                                       MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD
                               Medienaufseher, darunter die KEK,
                               die einst geplante Übernahme des
                               Fernsehkonzerns ProSiebenSat.1
                               durch Springer zu Unrecht untersagt
                               hatten. Eine Revision ließ das Gericht              „Gottschalk live“-Talkshow
                               nicht zu. Nun wehrt sich die Kontroll-
                               kommission KEK gegen das Urteil. An
                               diesem Montag, dem letzten Tag der                                                              T V- Q U O T E N
                               Frist, werde man Nichtzulassungs-
                               beschwerde zum Bundesverwaltungs-
                               gericht einreichen, erklärte die KEK-
                               Vorsitzende Insa Sjurts. „Wir erhoffen
                                                                                                   Gottschalk zieht ARD nach unten
                               uns eine abschließende Klärung und                 Die schlechten Zuschauerzahlen von „Gottschalk live“ haben das erste Programm
                               ein deutliches Signal zugunsten einer              in der Publikumsgunst auf den vierten Rang abrutschen lassen. Zu diesem Er-
                               effektiven Konzentrationskontrolle“,               gebnis jedenfalls kommt die Analyse eines internen ARD-Papiers zur aktuellen
                               so Sjurts. Die Fusion des Verlags mit              Wettbewerbssituation. Im ersten Quartal 2012 habe das Erste trotz Wintersport-
                               dem TV-Konzern hatte 2006 auch das                 übertragungen keine zufriedenstellenden Einschaltzahlen gehabt. Mit einem
                               Kartellamt untersagt.                              Marktanteil von 12,3 Prozent der Zuschauer ab drei Jahren lag es hinter RTL
                                                                                  (13,5 Prozent) und dem ZDF (12,6 Prozent) sowie den eigenen dritten Program-
GORAN GAJANIN / ACTION PRESS




                                                                                  men (12,5 Prozent). Als wesentlichen Grund nennt das Papier das seit Januar ver-
                                                                                  änderte Vorabendprogramm. Die Zuschauerresonanz liege deutlich hinter der
                                                                                  der bisher auf diesem Sendeplatz gezeigten Sendungen. Fatal seien nicht nur die
                                                                                  schlechten Quoten der neuen Gottschalk-Show, sondern auch die Verschiebungen
                                                                                  auf den anderen Vorabendplätzen, die die ARD für Gottschalk bewerkstelligen
                                                                                  musste. Der Verlust summiere sich zwischen 18 und 20 Uhr auf 600 000 Zuschauer.
                                                                                  Wenn sich daran nichts ändere, werde es schwer, das Jahr 2012 erfolgreich abzu-
                               ProSiebenSat.1-Sendezentrale                       schließen, heißt es warnend in dem Papier.



                                  N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N   Das Beste an dieser Rolle ist, dass in                 tende Chefredakteur Philipp Gut, der
                                                                                  ihr jede Reaktion zur Bestätigung der                  als Autor einen Artikel zu diesem The-
                                                                                  eigenen Position wird. Je größer die                   ma mitverfasst hat. Nun gibt es zahl-
                                  Denk|ver|bot                                    Zustimmung, desto stärker der Ein-
                                                                                  druck, dass endlich jemand gesagt hat,
                                                                                                                                         reiche Beweise dafür, dass es tatsäch-
                                                                                                                                         lich möglich ist, ernsthaft und offen
                                                                                  was gesagt werden musste. Je heftiger                  über solche Probleme zu reden. In die
                               das: Tabu-Attrappe zur Aufmerksamkeits-            die Ablehnung, desto offenkundiger,                    attraktive Rolle des Tabu-Brechers
                               steigerung                                         dass man, wie gesagt, eigentlich nicht                 kam die „Weltwoche“ nur dadurch,
                                                                                  sagen durfte, was man gesagt hat.                      dass sie einen Roma-Jungen auf dem
                               Wenn immer mehr Menschen Dinge                     Die Schweizer Zeitung „Weltwoche“                      Cover zeigte, der mit einer Waffe auf
                               sagen, die man nicht sagen darf, weil              hat unter ihrem Besitzer und Chef-                     den Betrachter zielt, und dazu titelte:
                               man sie nicht sagen darf – müsste man              redakteur Roger Köppel (Bild) in den                   „Die Roma kommen – Raubzüge in die
                               sich dann nicht irgendwann von dem                 vergangenen Jahren fast ihr ganzes pu-                 Schweiz“ – als bestehe ein ganzes
                               Gedanken verabschieden, dass man                   blizistisches Image auf dem Gedanken                   Volk aus Verbrechern.
                               sie nicht sagen darf?                              aufgebaut, dass die Welt (und ins-                     Es ist leider überhaupt nicht möglich,
                               Verwirrenderweise scheint es heute                 besondere die Schweiz) voller Denk-                    mit Gut oder Köppel auch nur darüber
                               mehr Tabu-Brecher als Tabus zu geben.              verbote ist, und dass das,                                         zu streiten, weil sie jede Kri-
                               Die Medien sind voll von Leuten, die               was zu denken verboten ist,                                        tik an ihrer demagogischen
                               sich einer angeblich herrschenden „Poli-           vermutlich deshalb verboten                                        Darstellung als Kritik an den
                               tical Correctness“ widersetzen. Entwe-             ist, weil es wahr ist.                                             Tatsachen oder ihrer Ver-
                               der haben die Strafen, die die vermeint-           Aktuell tut sie so, als dürfe                                      öffentlichung behandeln.
                               liche Denk- und Sprechpolizei aus-                 man nicht über kriminelle                                          Man sollte annehmen, dass
                               sprechen kann, jede abschreckende                  Banden von osteuropäi-                                             sie zwischen beidem unter-
                               Wirkung verloren. Oder die Tabus sind              schen Roma-Familien berich-                                        scheiden können müssten.
                               ohnehin nur imaginiert, um in die                  ten. „Es muss doch möglich                                         Aber es sieht tatsächlich so
                               attraktive und aufmerksamkeitsstarke               sein, ernsthaft und offen                                          aus, als hätten sich die
                               Pose des Widerstandskämpfers schlüp-               über solche Probleme zu                                            beiden da ein Denkverbot
                               fen zu können wie zuletzt Günter Grass.            reden“, klagt der stellvertre-                                     auferlegt.
                                                                                       D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                    139
Erbe Axel Sven Springer, Großvater Axel Springer um 1955: „Er hat sich große, große Mühe mit mir gegeben“



                                                        SPI EGEL-GESPRÄCH




      „Leider hatte ich Vertrauen“
             Axel Sven Springer, Enkel des verstorbenen Verlegers Axel Cäsar
          Springer, über den Jubiläumstaumel des Konzerns, seine Entführung als
               Jugendlicher und den dauernden Erbstreit mit Friede Springer


E
      r hat eines der größten Medien-            Am Donnerstag dieser Woche kommt                        Axel Sven Springer wurde Kaufmann,
      imperien Europas geschaffen und         ein Buch heraus, das die Jubiläumsselig-                lernte in der verlagseigenen Journalisten-
      die umstrittenste und einflussreichs-   keit im Verlag trüben könnte. Axel Sven                 schule und ging zur „Bild“-Gruppe. We-
te Zeitung Deutschland erfunden, die          Springer, 46, der Enkel des Verlegers, be-              gen des Rechtsstreits zog er sich 2002 zu-
„Bild“-Zeitung. Axel Cäsar Springer, der      schreibt in „Das neue Testament“, dass                  rück und widmete sich sechs Jahre lang
1985 starb, hat die Bundesrepublik ge-        er sich um große Teile des Erbes betrogen               den Prozessen.
prägt und polarisiert wie kein anderer        fühlt und warum er jahrelang Prozesse                      Verbittert wie ein Rechthaber wirkt
Verleger, er war das Feindbild der revol-     führte gegen die Haupterbin und Witwe                   Axel Sven Springer nicht. Er spricht
tierenden Studenten von 1968. Am 2. Mai       seines Großvaters, Friede Springer*.                    gelassen über die vielen Katastrophen
würde er 100 Jahre alt. Der von ihm ge-                                                               seines Lebens, wie jemand, der daran ge-
gründete Axel-Springer-Verlag wird die-       * Axel Sven Springer: „Das neue Testament“. Verlag      wöhnt ist, dass es normal ist, wenn gar
ses Jubiläum groß feiern.                     Haffmans  Tolkemitt, Berlin; 288 Seiten; 19,95 Euro.   nichts normal ist.
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Medien

                                                                                                gerade ist ein Buch erschienen mit dem
                                                                                                Untertitel „Ein deutsches Feindbild“.
                                                                                                Springer: Vieles, was in den Biografien
                                                                                                über meinen Großvater steht, ist Quatsch,
                                                                                                teilweise bösartig. Ich bin sehr stolz auf
                                                                                                ihn, obwohl er für mich kein Übermensch
                                                                                                war. Als Verleger eine Sensation, fast
                                                                                                genial, aber als Familienmensch absolut
                                                                                                untauglich.
                                                                                                SPIEGEL: Ihr Vater, der als Fotograf unter
                                                                                                dem Namen Sven Simon arbeitete, brach-
                                                                                                te sich 1980 um, Sie waren 13 Jahre alt.
                                                                                                Um seinen Sohn hat sich Axel Springer
                                                                                                nie gekümmert, um Sie dafür rührend.
                                                                                                Springer: Ja, er hat sich große, große Mühe
                                                                                                gegeben. Aber erst nach dem Tod meines
                                                                                                Vaters. Er hat wohl einiges gutmachen
                                                                                                wollen, was er bei ihm versäumt hatte.
                                                                                                SPIEGEL: Was denn?
                                                                                                Springer: Jeder durchschnittlich begabte
                                                                                                Vater, der merkt, dass sein Kind gern ins
                                                                                                Unternehmen möchte, setzt doch alles
                                                                                                daran, ihm den Weg zu ebnen. Und zwar
                                                                                                instinktiv und selbstverständlich. Mein
                                                                                                Großvater hat es schlichtweg verpasst, sei-
                                                                                                nen Sohn als Nachfolger sukzessive auf-
                                                                                                zubauen, er hat ihn wohl alleingelassen.
                                                                                                SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
                                                                                                Springer: Die Springers waren keine nor-
                                                                                                male Familie. Mein Großvater war passiv,
                                                                                                was Familie betraf, desinteressiert. Und
                                                                                                er hatte kein Regulativ.
                                                                                                SPIEGEL: Friede Springer war in den letz-
                                                                                                ten zwanzig Jahren seines Lebens seine
                                                                                                engste Vertraute. War sie kein Regulativ?
                                                                                                Springer: Die Friede Springer von damals
                                                                                                hat mit der Friede Springer von heute we-
                                                                                                nig zu tun. Damals war sie nicht sehr
                                                                                                selbstbewusst.
                                                                                                SPIEGEL: Es war kein Verhältnis auf Augen-
SPIEGEL: Herr Springer, Sie haben in Ihrem       die Feier stören, dann hätte ich gewartet –    höhe?
Leben noch nie ein Interview gegeben.            bis zum 101. Geburtstag. Dass sich nicht       Springer: Niemand hatte zu meinem
Warum geben Sie uns nun eines?                   jeder über jede Zeile freuen wird, ist klar.   Großvater ein Verhältnis auf Augenhöhe.
Springer: Ich gehe nicht gern in die Öf-         Aber wenn das Buch für manche störend          Friede war für meinen Großvater da.
fentlichkeit. Das ist jetzt eine Ausnahme.       wirkt, dann sollten die sich mal fragen,       Das hat sie auch wirklich sehr liebevoll
Aber dann wird wieder Ruhe sein.                 ob sie die Störung nicht selbst zu verant-     gemacht.
SPIEGEL: In diesen Tagen veröffentlichen         worten haben.                                  SPIEGEL: Aber sie tat nur, was er wollte?
Sie ein Buch. Darin schreiben Sie, Sie sei-      SPIEGEL: Sie meinen Friede Springer, Ihre      Springer: Egal, was passierte, egal, wonach
en um den Großteil Ihres Erbes gebracht          Stiefgroßmutter?                               er fragte – mein Großvater bekam fast
worden. Mit diesem Vorwurf sind Sie              Springer: Das klingt ja schlimm, fast böse.    immer von allen nur die Antwort: „Be-
schon 2008 bei Gericht gescheitert. War-         Nennen wir sie Friede Springer. Ein paar       reits veranlasst, Herr Springer“. Das ist
um dieses Buch und warum jetzt?                  ehemalige leitende Angestellte des Ver-        ein geflügeltes Wort in der Familie.
Springer: Ich dachte, es sei Zeit, einer brei-   lags und sicherlich auch Friede sollten        SPIEGEL: Wie nahe kamen Sie ihm?
ten Öffentlichkeit zu erklären, warum            sich fragen, warum sie da sind, wo sie         Springer: Nach dem Tod meines Vaters
ich sieben Jahre lang wegen des Erbes            sind, und warum sie gesellschaftlich ein       schrieben wir uns wöchentlich Briefe und
prozessiert habe. Der 100. Geburtstag            solches Ansehen genießen.                      sahen uns oft. Mich interessierten Zeitun-
meines Großvaters am 2. Mai ist der              SPIEGEL: Der Verlag erinnert sich oft und      gen wahnsinnig, und ich habe mit ihm
richtige Anlass, um mein Verhältnis zu           gern an seinen Gründer. Das Jubiläum           viel übers Zeitungmachen und über Poli-
ihm und die Machenschaften hinter sei-           der deutschen Einheit wurde zelebriert,        tik gesprochen. Er hat mir erklärt, warum
nem Erbe aus meiner Sicht darzulegen.            als wäre sie Ihrem Großvater persönlich        er DDR in Anführungszeichen setzen ließ
Das habe ich ja noch nie getan, außer            zu verdanken. Reicht Ihnen das nicht?          – er fand alle drei Buchstaben verlogen,
vor Gericht.                                     Springer: Ich habe das Gefühl, dass jenseits   so wie Willy Brandt sagte: weder deutsch
SPIEGEL: Der Axel-Springer-Verlag wird           der großen Jubiläen nicht mehr so gern         noch demokratisch, noch Republik.
den 100. Geburtstag groß feiern. Ihr Buch        an den Verleger gedacht wird, einige son-      SPIEGEL: Haben Sie mit ihm darüber gere-
wird für einige sehr unangenehm sein.            nen sich lieber im eigenen Glanz. Etwas        det, welch schwierige Rolle der Verlag
Wollen Sie die Feierlichkeiten torpedieren?      mehr Dankbarkeit fände ich angemessen.         bei den Studentenprotesten gespielt hat?
Springer: Nein. Das wäre destruktiv. Ich         SPIEGEL: Es hat doch Gründe, dass sich der     Springer: Auch wenn Sie das nicht gern
bin mit meinem Großvater im Reinen.              Verlag abnabelt. Axel Springer war für         hören werden, ich habe immer vollstes
Hätte ich das Gefühl gehabt, es würde            eine ganze Generation eine Hassfigur,          Verständnis dafür gehabt, für welche Wer-
                                                       D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                           141
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[1] Axel Sven Springer mit Großvater Axel und    keinen einzigen Gedanken, das können              ter entschuldigte sich darin für den Dum-




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dessen späterer Frau Friede auf Sylt 1976        Sie mir glauben. Hinterher habe ich mich          me-Jungen-Streich ihres Sohns. Hat das
[2] Axel Springer junior alias Sven Simon 1968   natürlich gefragt: Warum ich? Ich bin ja          Ihren Blick auf diesen Verlag und auf Ih-
[3] Berichterstattung über Entführungsopfer      auch so unhandlich mit meinen fast zwei           ren Großvater verändert?
Axel Sven Springer, Februar 1985                 Metern. Als die Entführer sagten, ich solle       Springer: Ich habe erst vor kurzem davon
[4] Axel Sven Springers Mutter Rosemarie und     mich in den Kofferraum eines Golfs legen,         erfahren. Ich bin mir noch nicht mal sicher,
Schwester Ariane auf der Beerdigung Axel         habe ich so getan, als würde ich da nicht         ob mein Großvater und meine Mutter das
Springers am 27. September 1985                  reinpassen. Sie haben mir aber schnell            überhaupt wussten. Das werden irgendwel-
[5] Springer-Führungstrio Servatius, Friede      klargemacht, dass das doch geht. Ich hatte        che Leute bei Springer aufgesetzt haben.
Springer, Döpfner 2001                           die Bilder des Arbeitgeberpräsidenten             SPIEGEL: Der Selbstmord Ihres Vaters,
                                                 Hanns Martin Schleyer im Kopf, der tot            dann die Entführung – warum haben Sie
                                                 im Kofferraum lag. Unter mir hatten die           sich nie psychologische Hilfe geholt?
te sich mein Großvater starkgemacht hat          Entführer eine Folie ausgelegt. Vor Ge-           Springer: Eine großartige Erfindung des
und dass er, unabhängig von momenta-             richt sagten sie, sie hätten das getan, da-       lieben Gottes ist ja die der Mutter. Ich
nen Stimmungen, daran festhielt. Er war          mit ich es wärmer habe. Ich dachte, die           hatte eine tolle Mutter und habe eine tolle
Verleger, kein Politiker.                        liegt da, um mein Blut aufzufangen.               Schwester, wir haben nach der Entfüh-
SPIEGEL: Wie sind Sie als Kind mit dem           SPIEGEL: Die vier Entführer, darunter zwei        rung das Normalste getan, was man tun
Tod Ihres Vaters zurechtgekommen?                ehemalige Schüler des Internats, verlang-         kann: uns hingesetzt und geredet.
Springer: Mit 13 hat man wohl noch eine          ten 15 Millionen Mark Lösegeld. Haben             SPIEGEL: Wie war das Verhältnis zu Ihrem
Art Schutzfilm, aber mit 17 oder 18 gibt         Sie sich Sorgen gemacht, ob Ihr Groß-             Großvater nach der Entführung?
es Fragen, die kann man nur dem Vater            vater so viel bezahlen kann?                      Springer: Ich hatte während der Entfüh-
stellen. Da ist es besonders schlimm,            Springer: Die Entführer sagten mir: „Egal,        rung so ein Bild vor Augen, dass, wenn
wenn er fehlt. Auch heute noch.                  ob gezahlt wird oder nicht, wir bringen           ich befreit werde, die ganze Familie da
SPIEGEL: Sie kamen nach dem Tod Ihres            dich sowieso um.“ Ich habe nie verstan-           steht und mich in den Arm nimmt. Meine
Vaters aufs Internat. Nach Zuoz in die           den, warum man so brutal sein musste.             Mutter und meine Schwester waren da,
Schweiz, dasselbe Internat, auf dem              Um das Geld habe ich mir keine Sorgen             und das war wunderbar. Aber mehr war
schon Ihr Vater als Kind unglücklich war.        gemacht, ich war sicher, dass er mir hilft.       eben nicht. Mein Großvater muss gesund-
Das muss doch furchtbar gewesen sein.            SPIEGEL: Nach Ihrer Freilassung glaubten          heitlich schon sehr angeschlagen gewesen
Springer: Es stimmt, dass mein Vater nicht       die Polizei und auch die Presse Ihnen zu-         sein. Er wäre sonst gekommen.
glücklich war dort. Einen Neunjährigen           nächst nicht, dass Sie wirklich entführt          SPIEGEL: Er starb im September desselben
schickt man nicht aufs Internat. Ich selbst      worden waren. In den Blättern – leider            Jahres, 1985. Hatten Sie darüber nachge-
war aber schon 15. Im ersten Jahr hatte          auch im SPIEGEL – wurde suggeriert, Sie           dacht, was er Ihnen vererben würde?
ich Heimweh, dann fand ich es toll. Im           hätten das nur inszeniert. Vom großen             Springer: Ich hatte überhaupt nicht damit
Internat hat man alle Freunde versam-            Bluff des Springer-Enkels war die Rede,           gerechnet, dass er bald sterben würde,
melt. Mir hat das gutgetan.                      dessen Großvater mit „Bild“ Millionen             das zog mir den Boden unter den Füßen
SPIEGEL: Gutgetan?                               verdiente. Hatten Sie das Gefühl, noch            weg. Und gerade in dieser Zeit hatte ich
Springer: Wenn sich der eigene Vater so          einmal Opfer zu werden, diesmal das Op-           andere Dinge im Kopf als das Erbe. Der
aus dem Leben verabschiedet, wie es              fer einer Anti-Springer-Stimmung?                 Prozess gegen die Entführer lief, ich muss-
mein Vater getan hat, dann kriegt man            Springer: Das war schlimm. Da wurde auf           te um mein Abitur kämpfen.
es mit der Angst zu tun. Das ist wirklich        den Enkel eingeprügelt, obwohl der Groß-          SPIEGEL: Kurz nach dem Tod Ihres Groß-
furchterregend. Ich brauchte Abstand.            vater gemeint war. Dass sogar der ehrwür-         vaters bekamen Sie eine Einladung nach
SPIEGEL: Sie wurden 1985 aus dem Internat        dige SPIEGEL so danebengriff, habe ich            Berlin. Hatten Sie eine Ahnung, was dort
entführt, Sie waren damals 19 Jahre alt.         nicht verstanden. Das kam wohl alles da-          ablaufen würde?
Welche Erinnerungen haben Sie daran?             her, dass die Entführer plötzlich die Ner-        Springer: Ich wurde abgeholt, mit einer
Springer: Erinnerungen habe ich an jede          ven verloren und mich am Zürcher Flug-            Limousine. Das hatte es vorher nie gege-
Minute der 68 Stunden. Das brennt sich           hafen freigelassen hatten, ohne Lösegeld.         ben. Der Chauffeur fuhr mich zum Zür-
ein, das ist immer da. Man wird vorsich-         Sie sagten mir, ich solle der Polizei erzäh-      cher Flughafen, mit der PanAm flog ich
tig, vor allem mit Menschen.                     len, ich sei in einem Mercedes entführt           nach Berlin, wurde wieder abgeholt, der
SPIEGEL: Ist Ihnen bei der Entführung zum        worden, was ich zuerst auch tat. Zehn Mi-         Fahrer fuhr mich nach Schwanenwerder.
ersten Mal bewusst geworden, was es              nuten später korrigierte ich meine Aussage,       SPIEGEL: Zum Anwesen Ihres verstorbe-
heißt, den Namen Springer zu tragen?             und schon wurde mir unterstellt: alles Lüge.      nen Großvaters in Berlin.
Springer: Wenn man im Kofferraum eines           SPIEGEL: Sie schreiben, Ihre Anwältin habe        Springer: Ich kam da nicht an mit dem Ge-
Autos eingesperrt ist, macht man sich            später im Springer-Archiv eine vorberei-          danken: Jetzt geht es ums Erbe, mal sehen,
über die Bedeutung des Namens Springer           tete Pressemitteilung gefunden. Ihre Mut-         wie viel ich bekomme. Man hatte mir vor-
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her nicht gesagt, worum es bei dem Tref-     Springer: Er hat aber definitiv einige wich-    gültig war, aber weil Sie die Erbregelung
fen gehen sollte, mir weder eine Tages-      tige Details weggelassen. Ich wusste da-        1985 unterschrieben und so lange nichts
ordnung noch ein Testament zur Durch-        mals nicht, was ich heute weiß.                 einzuwenden hatten, habe es damit Gül-
sicht geschickt, wie es üblich ist.          SPIEGEL: 2002 kam es zur Klage, weil Sie        tigkeit. Haben die Anwälte Sie nicht ge-
SPIEGEL: Warum nahmen Sie keinen An-         sich plötzlich um große Teile Ihres Erbes       warnt, dass Sie vor Gericht wenig Aus-
walt mit? War das nicht naiv? Sie waren      betrogen fühlten. Warum kamen Ihnen             sicht auf Erfolg haben dürften?
doch alt genug, um zu verstehen, dass es     die Bedenken denn erst 17 Jahre nach Ih-        Springer: Wir waren uns sicher, dass wir
nun um eines der größten Vermögen            rer Unterschrift?                               gewinnen.
Deutschlands gehen würde.                    Springer: Ein Freund und Anwalt, dem ich        SPIEGEL: Welches Interesse hätte Servatius
Springer: Wenn überhaupt, dachte ich mir,    die Geschichte anvertraute, hatte Zweifel       daran haben sollen, dass Friede Springer
dass die mir hier schon erzählen werden,     und recherchierte. Dabei kam heraus, dass       70 statt 50 Prozent bekommt?
wie mein Großvater das alles haben woll-     Servatius schon am 2. September mit mei-        Springer: Das kann ich nicht wissen, und
te. Und es war meine Familie, die da zu-     nem Großvater über ein neues Testament          ich will auch nichts unterstellen. Aber sie
sammenkam: Friede, Großvaters Kinder         gesprochen hatte. Aber erst drei Wochen         war eine junge Witwe, extrem unerfahren.
Nicolaus und Barbara, meine Schwester        später ist mein Großvater gestorben. Da lag     Je mehr sie bekam, desto mächtiger war
Ariane und eben ich. Das waren alles         also ein neues Testament drei Wochen lang       auch Servatius als ihr wichtigster Berater.
Leute, die ich gut kannte und die ich        auf seinem Nachttisch, und er hat es nicht      Ich glaube nicht, dass Friede die treibende
mochte. Der Testamentsvollstrecker Bern-     unterschrieben. Warum denn nicht? Er war        Kraft war. Aber sie hat hingenommen,
hard Servatius war damals beinahe ein        durchaus noch in der Lage zu schreiben, er      dass mir Unrecht angetan worden ist.
Freund der Familie, wir duzten uns, er       hat noch kurz vor seinem Tod eine Postkar-      SPIEGEL: Was treibt Sie an? Das Geld?
war Aufsichtsratsvorsitzender bei Springer   te an seinen Freund Max Schmeling ge-           Springer: Es geht einfach darum, dass der
und derjenige, der mit meinen Entführern     schrieben. Er hat in den drei Wochen noch       letzte Wille meines Großvaters nicht so
verhandelt hatte. Das war unser Anwalt,      an einer Aufsichtsratssitzung im Verlag teil-   umgesetzt wurde, wie er hätte umgesetzt
der Anwalt der Familie. Zu all diesen Leu-   genommen und auch noch seinen Ehever-           werden müssen. Darauf hat er aber ein ver-
ten hatte ich volles Vertrauen.              trag notariell verändert, wie ich heute weiß.   dammtes Recht.
SPIEGEL: Was hat Ihnen Servatius gesagt?     Es war also ein Notar im Haus, er hätte ihm     SPIEGEL: Wir sollen Ihnen abnehmen, dass
Springer: Es war frühmorgens, in dem un-     das Testament nur übergeben müssen. Frie-       es um Ihre eigenen Interessen, um verlo-
glaublich schönen Haus, in dem unglaub-      des Anwälte meinten, er habe das Honorar        rene Millionen in dem Streit nicht ging?
lich schönen Raum, alles außerordentlich     sparen wollen. Das ist lächerlich.              Springer: Hätte ich den Prozess gewonnen,
stilvoll. Granddaddy, wie ich meinen         SPIEGEL: Aber Servatius wird kaum frei          hätte sich das auch finanziell gelohnt, mit
Großvater nannte, fehlte mir, aber um        erfunden haben, wie Ihr Großvater sein          Sicherheit. Ich habe den Prozess aber ge-
den ging es nun. Servatius eröffnete uns,    Testament gern geändert hätte.                  führt, weil ich überzeugt war, dass man
dass es ein Testament von 1983 gebe, in      Springer: Ich unterstelle ihm nicht, dass       mich damals falsch behandelt hat.
dem vorgesehen sei, dass Friede 50 Pro-      er gelogen hat, aber da schwingt sich           SPIEGEL: Als es 2002 zur Klage kam, hatten
zent des Erbes bekommen solle und            jemand auf und erzählt, der Großvater           Sie sich zuvor schon mit Friede Springer
Granddaddys Tochter Barbara und ich 25.      wollte es anders haben? Es kann ja sogar        ums Mitspracherecht im Konzern gestrit-
Mein Großvater aber habe vor seinem          sein, dass mein Großvater es zwischen-          ten. Spielte das eine Rolle für Ihre Ent-
Tod das Testament ändern wollen, damit       durch anders haben wollte. Aber er woll-        scheidung, die Erbregelung anzufechten?
Friede 70 Prozent bekomme und auch           te es dann offenbar doch nicht so anders,       Springer: Es geht nicht um Animositäten,
andere Familienmitglieder berücksichtigt     dass er es auch wirklich geändert hätte.        sondern darum, eine grobe große Unge-
würden. Nach der neuen Regelung blieben      SPIEGEL: Aber es ist doch nicht ausge-          rechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Und
mir 5 Prozent.                               schlossen, dass Ihr Großvater dachte, er        wenn man ungerecht behandelt wird,
SPIEGEL: Warum haben Sie denn damals         überstehe diese Krankheit noch. Die Un-         dann kämpft man. Ich jedenfalls.
einfach akzeptiert und unterzeichnet?        terschrift habe Zeit.                           SPIEGEL: Der Konzern wurde, so schreiben
Springer: Ich bekam den Eindruck, mein       Springer: Das hört sich vielleicht despek-      Sie es, unter der Herrschaft von Friede
Großvater sei so krank gewesen, dass er      tierlich an, aber mein Großvater war kein       Springer und Servatius jahrelang aben-
es nicht mehr geschafft hatte, dieses Tes-   ausgeflippter Hippie, der in anderen            teuerlich geführt.
tament zu unterschreiben. Und es gab kei-    Sphären schwebte. Er war ein ernsthafter        Springer: Wir Erben mussten ständig von
nen Grund anzunehmen, dass das, was          Mann. Wenn so jemand sein Erbe anders           Millionenabfindungen für immer neue
Servatius uns erzählte, nicht der Wahrheit   regeln will, dann regelt er das auch.           Manager lesen. Wir hatten das Gefühl, das
entsprach.                                   SPIEGEL: Das Oberlandesgericht Hamburg          Erbe wird einfach verspielt.
SPIEGEL: Servatius hat immer bestritten,     konnte Ihnen nicht folgen. In seinem Ur-        SPIEGEL: Als Ihre Anwälte die Erbauftei-
dass er damals gesagt habe, Ihr Großvater    teil stellte das Gericht 2008 fest, dass das    lung anfochten, schrieben sie, Friede
sei todkrank gewesen.                        neue Testament zwar ursprünglich nicht          Springer sei „erbunwürdig“. Dass Sie da-
                                                   D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                            143
Medien

nach nicht mehr auf eine gütliche Lösung Springer: Der ist doch nicht böse, vielleicht
hoffen konnten, war doch klar.                      doppeldeutig. Das war meine Idee, ich
Springer: Ja, das hat Friede sehr verletzt. fand es gut, originell. Und so fromm ist
Sie hat wohl nicht abstrahiert, dass es sich Friede auch wieder nicht.
nur um einen juristischen Begriff handel- SPIEGEL: Sie sagen, Friede Springer sei heu-
te. Ich stelle nicht in Frage, dass Friede te viel selbstbewusster als früher. Wel-
zu Recht Erbin geworden ist. Ich stelle chen Anteil trägt Springer-Chef Mathias
nur in Frage, wie Servatius und dann Döpfner an dieser Wandlung?
auch Friede mit mir umgegangen sind.                Springer: Döpfner kam, und Friede steht
SPIEGEL: Haben Sie Friede Springer unter- seitdem viel mehr im Mittelpunkt als zu
schätzt?                                            Servatius’ Zeiten. Sie verstehen sich gut.
Springer: Ich habe sie nicht unterschätzt, SPIEGEL: Sogar so gut, dass sie ihm zu güns-
weil ich gar nichts eingeschätzt habe. In tigen Konditionen vor Jahren ein Aktien-
der Biografie, die 2005 über sie erschienen paket überlassen hat. Schmerzt Sie das?
ist und an der sie ja offensichtlich mitge- Springer: Nein. Döpfner ist Döpfner, weder
arbeitet hat, klingt oft an, wir – also die die Reinkarnation von Axel Springer noch
Familie – hätten sie nicht ernst genommen, der von Friede angeblich vermisste Sohn.
weil sie nur das Kindermädchen gewesen SPIEGEL: Was halten Sie von „Bild“? Sie
sei. Das ist Blödsinn, solche Gedanken hat haben nach Ihrer Entführung selbst er-
in meiner Anwesenheit niemand aus der fahren, wie es sich anfühlt, zum Opfer ei-
Familie ihr gegenüber je geäußert. Ich bin ner Kampagne zu werden. Wie ertragen
so nicht erzogen worden. Im Gegenteil.              Sie diesen Kampagnenjournalismus?
SPIEGEL: Ihnen gehören jetzt 2,6 Prozent Springer: Ich habe fünf Jahre lang bei
des Konzerns. Damit haben Sie viel Ein- „Bild“ als Polizeireporter gearbeitet, hatte
fluss. Sie können über ein Veto in der Fa-
milienholding wichtige Entscheidungen
wie Kapitalerhöhungen blockieren.
Springer: 2,6 Prozent – da haben Sie jetzt
aber den Taschenrechner benutzt. Sie ma-
chen so etwas. Ich nicht.
SPIEGEL: Sie wissen nicht, wie viel Ihnen
gehört?
Springer: Nein, ich weiß das nicht.
SPIEGEL: Ihre 2,6 Prozent sind gerade
knapp 100 Millionen Euro wert. Wäre das
Testament nicht geändert worden, wären
es fast 500 Millionen.                              Springer beim SPIEGEL-Gespräch*
Springer: Ob 100 oder 500 Millionen, beides „Eine große Ungerechtigkeit“
ist so viel Geld, da bekomme ich wie Sie
einen Schreck. Aber erstens hängt die Sum- tolle, ehrliche Kollegen, da wurde nicht
me am Aktienkurs, und zweitens habe ich gelogen. Ich nehme nicht an, dass sich
das Geld nicht, es steckt in den Aktien. Ich das geändert hat, als ich draußen war.
kann nicht an der Elbe entlanglaufen und SPIEGEL: Es geht nicht um den Vorwurf der
sagen, ach, da steht ein Haus für zehn Mil- Lüge, sondern um den des Kampagnen-
lionen Euro, das kaufe ich mir. Geht nicht. journalismus.
SPIEGEL: Haben Sie nie darüber nachge- Springer: „Bild“ und Kampagnenjourna-
dacht, Ihren Anteil einfach zu verkaufen lismus, das ist Unsinn.
und das leidige Kapitel zu beenden?                 SPIEGEL: Würden Sie gern wieder im Ver-
Springer: Nein. Ich habe es auch nicht vor. lag arbeiten?
SPIEGEL: Wollen Sie sich mit Friede Sprin- Springer: Die Frage stellt sich zurzeit nicht.
ger bis ans Lebensende streiten? Was er- Wenn man mit Friede Springer nicht har-
warten Sie denn von ihr?                            moniert, wird es schwierig beim Axel-
Springer: Wie wär’s mit reden? Wir haben Springer-Verlag. Ob es einen Wiederein-
mal geredet, aber das war nicht so ergie- stieg gibt, wird die Zeit zeigen.
big. Ich hoffe aber, dass sich in ruhigen SPIEGEL: Sie könnten doch woanders hin.
Momenten auch Friede mal überlegen Springer: Ich bin ein Springer, und dann
wird, dass das nicht so toll gelaufen ist.          arbeite ich auch bei Springer.
SPIEGEL: Wie Friede Springer ihr Erbe ge- SPIEGEL: Welche Reaktionen auf das Buch
regelt hat, ist bisher nicht bekannt. Sie erwarten Sie – ein Versöhnungsangebot
werden wohl leer ausgehen.                          oder eine Klage?
Springer: Sieht so aus.                             Springer: Ersteres wäre mir lieber. Aber
SPIEGEL: Friede Springer gilt als fromme ich habe noch leere Ordner im Keller.
Frau. Der Titel Ihres Buchs „Das neue SPIEGEL: Werden Sie bei den Feierlichkei-
Testament“ ist wirklich böse. Ein from- ten für Ihren Großvater dabei sein?
mer Mensch muss das als Blasphemie Springer: Ich bin eingeladen und habe zu-
empfinden.                                          gesagt. Bisher bin ich auch noch nicht
                                                    ausgeladen worden.
* Mit den Redakteurinnen Isabell Hülsen und Susanne SPIEGEL: Herr Springer, wir danken Ihnen
Beyer.                                              für dieses Gespräch.
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Jeden Tag. 24 Stunden.
                                                                                                                  MONTAG, 16. 4., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1
                                                                                                                  SPIEGEL TV REPORTAGE
                                                                                                                  Ruhelos – Mieter stören Mieter
                                                                                                                  Wenn Bewohner einer Kölner Sied-
                                                                                                                  lung vom Kinderlärm bei ihren Mit-
                                                                                                                  mietern genervt sind und ihrerseits
                                                                                                                  mit lauter Musik reagieren, schlägt
                                                                                                                  die Stunde von Hausverwalter Uwe
                                                                                                                  Arentz. Um den häuslichen Frieden
                                                                                                                  zu retten und der Wahrheit näher-
                                                                                                                  zukommen, hilft nur der „Hörtest“
                                                                                                                  am Ort des Geschehens. Markus Grün
                                                                                                                  hat den Lauscheinsatz des Hausmeis-
                                                                                                                  ters dokumentiert.
MICHEL EULER / AP




                                                                                                                  SONNTAG, 22. 4., 22.35 – 23.20 UHR | RTL
                                                                                                                  SPIEGEL TV MAGAZIN
                                                                                                                  Mit vorgehaltener Zapfpistole – der Preis-
                                                                                                                  krieg an deutschen Tankstellen; Angies
                          THEMA DER WOCHE                                                                         Herdprämie – Staatsknete für gute

                          Kampf um den Elysée                                                                     Mütter?; Das gequälte Kind – Mütter mit
                                                                                                                  Münchhausen-by-proxy-Syndrom.
                                                      Wer wird Frankreich künftig regieren? Zehn                  SAMSTAG, 21. 4., 20.15 – 0.15 UHR | VOX
                                                                                                                  DIE GROSSE SAMSTAGSDOKUMENTATION
                                                      Kandidaten treten im ersten Wahlgang für
                                                                                                                  Die Macht des Bösen – Von
                                                      die Präsidentschaft an. Der Sozialist                       menschlichen Abgründen
                                                      Hollande liegt in den Umfragen vorn, aber                   Das Böse ist Teil der menschlichen
ROBERT PRATTA / REUTERS




                                                      Amtsinhaber Sarkozy holt auf.                               Seele. Dennoch reagieren wir scho-
                                                                                                                  ckiert, wenn die dunkle Seite des
                                                                                                                  Menschen hervorkommt. Wo manifes-
                                                      ‣ Wie Sarkozy das Blatt wenden will
                                                                                                                  tiert sich das Böse, wie findet es
                                                      ‣ Wer als Favorit für die Stichwahl gilt                    seinen Ausdruck? In der großen Sams-
                                                                                                                  tagsdokumentation berichtet
                                                                                                                  SPIEGEL TV von Serienmorden, Ent-
                                                                                                                  führungen und anderen Verbrechen.
                          WIRTSCHAFT | Die Gnaden-Praxis
                          Zu Uwe Denker kommen die Verlierer des deutschen Gesundheitssystems –                   MONTAG, 16. 4., 20.15 – 21.15 UHR | 3SAT
                          Ex-Besserverdiener und Selbständige. Der Arzt behandelt Patienten, die nicht            WISSENSCHAFTSSHOW
                          krankenversichert sind. Besuch bei einem Mediziner, der lieber arbeitslos wäre.         Die 20 größten Fortschritt-Flops
                                                                                                                  Fortschritt im 21. Jahrhundert sollte
                          PANORAMA | Massenmörder vor Gericht                                                     nachhaltig und verantwortungsvoll
                          Er tötete in Norwegen an einem Tag 77 Menschen. Ein erstes Gutachten                    sein. Unkritische Technikbegeisterung
                          erklärte Anders Breivik für unzurechnungsfähig, ein zweites für schuldfähig.            erzeugt allzu oft nur Flops. Was nützt
                          Nun beginnt der Prozess gegen den Attentäter.
                          SPORT | „Schwarze Bestie“ gegen „Königliche“
                          Mission München: Für den Traum vom Champions-League-Finale im eigenen
                          Stadion muss der FC Bayern im Halbfinale Real Madrid bezwingen. Die Spanier
                          haben großen Respekt vor dem Angstgegner. SPIEGEL ONLINE berichtet live.


                                             | Die Babyjäger
                                             Seine Geburt galt als medizinische Sensation – und
                                             war ethisch umstritten: Vor 30 Jahren erblickte
                                             Deutschlands erstes Retortenbaby Oliver das Licht
                                             der Welt. Schon Tage zuvor hatten Reporter die                       der Fortschritt von heute, wenn er
                                             Geburtsklinik belagert, es wurde um Fotorechte ge-                   morgen zur Belastung unserer Gesell-
                                             feilscht, Journalisten boten angeblich 300 000 Mark                  schaft wird? SPIEGEL-TV-Autor
                                             für den Namen des Kindes. einestages.de über den                     Christopher Gerisch stellt in der 3sat-
                                             Medienhype um einen Star wider Willen.                               Wissenschaftsshow die Rangliste der
DAPD




                                                                                                                  20 größten Fortschritt-Flops vor: von
                                                                                                                  Asbest über Biosprit und Müll-
                          www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist                                      trennung bis hin zur Atomkraft.
                                                                          D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                               149
Register
              GESTORBEN                                                    Jack Tramiel, 83. Seinen Spitznamen
                                                                           „The Survivor“ hat er sich erkämpft: Als
Ivan Nagel, 80. Als staatenloser Jude aus                                  Idek Tramielski im polnischen Lódź ge-
Budapest, dessen Familie die Nazis über-                                   boren, überlebte der spätere Computer-
lebt hatte, kam er in die junge Bundes-                                    pionier Auschwitz und Arbeitslager.
republik, um zu studieren. Seine Viel-                                     Nach Kriegsende wanderte er in die USA
sprachigkeit und die                                                       aus, änderte seinen Namen und gründete
Spannweite seiner In-                                                      die Firma Commodore International. Er
teressen in Musik, Li-                                                     wollte Computer für die Massen produ-
teratur und bildender                                                      zieren und entwickelte den C64, der als
Kunst hätten ihm aka-                                                      erfolgreichster Computer aller Zeiten




                                             WRITER PICTURES / INTERFOTO
demische Wege geöff-                                                       gilt. Doch während das Geschäft florier-
net. Doch statt bei                                                        te, kam es intern zu Streitigkeiten. Tra-
Adorno zu promovie-                                                        miel musste gehen. Dem Motto „Ge-
ren, folgte Nagel sei-                                                     schäft ist Krieg“ folgend, stieg er beim
ner Leidenschaft fürs                                                      Konkurrenten Atari ein, der es unter sei-
Theater. 1962 wurde                                                        ner Führung noch einmal zu Erfolg
er Chefdramaturg an                                                        brachte. Jack Tramiel starb am 8. April
den Münchner Kammerspielen, 1972 In-                                       in Monte Sereno, Kalifornien.
tendant des Deutschen Schauspielhauses
in Hamburg. Längst hat die Erinnerung                                      Ludwig Werner Munzinger, 91. Mit über
die glorreichen sieben Hamburger Nagel-                                    10 000 Einträgen bereicherte der Jurist aus
Jahre zu einer „Ära“ voller Überra-                                        Oberschwaben das 1913 von seinem Vater
schungslust und künstlerischem Reichtum                                    gegründete „Archiv für publizistische
verklärt. Nagel selbst nannte im Rückblick                                 Arbeit“. Jeder Journalist kennt „den
die Regisseure Peter Zadek, Luc Bondy                                      Munzinger“ als Quelle verlässlicher In-
und Jérôme Savary seine wichtigsten Ar-                                    formationen über Personen des öffentli-
beitspartner. Von 1989 an ermöglichte ihm                                  chen Lebens, aber auch über politische
in Berlin eine Professur für Geschichte                                    Ereignisse, über Sport und Kultur. Ludwig
und Ästhetik der Darstellenden Künste                                      Munzinger hatte nach Kriegsgefangen-
sein bis dahin unausgeschöpftes Potential                                                       schaft und Promotion
als Kunst-Denker, Lehrer und Autor zu                                                           das Ravensburger Ar-
entfalten. Ivan Nagel starb am Ostermon-                                                        chiv 1957 übernom-
tag in Berlin.                                                                                  men und leitete es 43
                                                                                                Jahre lang, bis zur
Ferdinand Alexander Porsche, 76. Es                                                             Weitergabe an Sohn



                                                                                              PICTURE ALLIANCE / DPA
gibt wenige Menschen, die von einem                                                             Ernst im Jahr 2000.
Produkt überlebt werden, das sie geschaf-                                                       Dabei bewies er un-
fen haben. Der Designer Ferdinand Alex-                                                         ternehmerische Weit-
ander Porsche, Enkel des Käfer-Entwick-                                                         sicht, indem er seinen
lers Ferdinand Porsche, zählt dazu. Dem                                                         Dienst in den sechzi-
Porsche 911, den er entwarf, scheint ein                                                        ger Jahren für Biblio-
ewiges Leben als Sportwagen-Ikone ga-                                      theken und Ämter zugänglich machte und
rantiert. Ferdinand Alexander galt des-                                    später auch die digitale Revolution nicht
halb Anfang der siebziger Jahre als Kan-                                   verschlief. Seit 1997 gibt es den Munzin-
didat für die Führung des Unternehmens,                                    ger Online. Ludwig Werner Munzinger
zusammen mit seinem Cousin Ferdinand                                       starb am 7. April in Ravensburg.
Piëch. Doch die Familien zerstritten sich
und entschieden, dass alle Mitglieder aus                                  Heinz Kahlau, 81. Er war einer der er-
dem Management ausscheiden mussten.                                        folgreichsten Schriftsteller der DDR. Die
Ferdinand Alexander Porsche machte nur                                     Auflagen seiner Lyrikbände gehen in die
                                                                           Hunderttausende, an der Spitze sein
                                                                           Buch „Du“ (1971) über „Irrtümer, Müh-
                                                                           sal, Freuden und Siege“ der Liebe. Die-
                                                                           sem Thema blieb er treu, so auch in dem
                                                                           Band „Zweisam“ (1999). Kahlau, als äl-
                                                                           testes von vier Kindern einer Arbeiter-
                                                                           familie in Drewitz bei Potsdam geboren,
                                                                           war mit 14 bei Hitlerjugend und Volks-
                                                                           sturm dabei und mit 17 als FDJ-Funktio-
                                                                           när ein „Aktivist der ersten Stunde“. Spä-
                                             AP




                                                                           ter wurde er Traktorfahrer und schließ-
noch das, was er so gut beherrschte: Er                                    lich, von Bertolt Brecht gefördert, zum
versah alltägliche Gegenstände mit be-                                     populären Dichter, ebenso erfolgreich bei
sonderem Design – Uhren, Brillen, Ta-                                      Theater, Film und Fernsehen wie als
schen. Ferdinand Alexander Porsche                                         Übersetzer und Kinderbuchautor. Heinz
starb am 5. April in Salzburg.                                             Kahlau starb am 6. April in Greifswald.
150                         D E R   S P I E G E L                             1 6 / 2 0 1 2
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                                                                                                                                            Karlheinz Schreiber, 78, ehemaliger Par-
                                                                                                                                            teispender, steht auch als kranker Mann
                                                                                                                                            unter strenger Beobachtung. Schreiber,
                                                                                                                                            der vor einem Monat in der Untersu-
                                                                                                                                            chungshaft in Landsberg einen Herzin-
                                                                                                                                            farkt erlitt, erholt sich zurzeit in einer
                                                                                                                                            Reha-Klinik im Allgäu. Dort wurden Pa-
                                                                                                                                            tienten von Polizeistreifen auf den Fluren
                                                                                                                                            überrascht, die den früheren Rüstungs-
                                                                                                                                            lobbyisten bewachen. Offenbar befürch-
                                                                                                                                            ten Sicherheitsbehörden, Schreiber könn-
                                                                                                                                            te sich auch schwerkrank noch einmal aus




                                                                                                                     ONKEL SAFT / YOUTUBE
                                                                                                                                            dem Staub machen. 14 Jahre lang war
                                                                                                                                            der Kaufmann in der Schweiz und in Ka-
                                                                                                                                            nada vor der bayerischen Justiz auf der
                                                                                                                                            Flucht gewesen. 2008 wurde er in Augs-
                                                                                                                                            burg zu acht Jahren Freiheitsstrafe wegen
                      Künstlergruppe „Onkel Saft“ auf der Alten Stadtbrücke von Trondheim                                                   Steuerhinterziehung verurteilt. Der BGH
                                                                                                                                            hob das Urteil jedoch auf, eine neue Ver-
               Christian Fossen, 52, Informationschef               Jens Böhrnsen, 62, Bremer Bürgermeis-                                   handlung ist noch nicht terminiert.
               der Universität im norwegischen Trond-               ter, muss auf dem Weg zur Arbeit stets an
               heim, ärgert sich über eine ungewöhnli-              einem Antisemiten vorbei: Neben der Tür                                 Benedikt XVI., Papst, hätte seinen 85. Ge-
               che Liebeserklärung an seine Hochschule.             zu Böhrnsens Amtszimmer steht einer sei-                                burtstag am liebsten ausfallen lassen. In
               Auf YouTube ist ein Filmbeitrag zu sehen,            ner Vorgänger, Johann Smidt (1773 bis                                   seiner Familie seien stets nur der Namens-
               der zunächst harmlos wie ein Werbespot               1857), als überlebensgroße Marmorstatue.                                tag und runde Geburtstage gefeiert wor-
               für die Uni daherkommt. Doch plötzlich               Der Gründer Bremerhavens gilt als bedeu-                                den, sagte der Heilige Vater. Doch sein
               springen acht junge, unbekleidete Männer             tendster Politiker der Hansestadt im 19.
               ins Bild und machen zu harten Techno-                Jahrhundert. Aber er wollte auch die Ju-
               Beats vor dem Eingangsportal der Hoch-               den vertreiben und bekämpfte Bremens
               schule eindeutige Bewegungen: Stehend,               demokratische Verfassung von 1848. Den-
               kniend und liegend zeigen die Jungs ihren            noch wurde er im Zwei-Städte-Staat bisher
               Hintern und zucken rhythmisch mit den                überwiegend verehrt. Erst kritische Me-
               Hüften. Uni-Pressechef Fossen distanzier-            dienberichte über die Statue lösten zuletzt
               te sich heftig von der freizügigen Perfor-           eine breitere Smidt-Debatte aus. Resultat:
               mance: „Wir sind nicht gefragt worden                Die Skulptur wurde nicht in den Keller
               und hätten auch niemals die Erlaubnis                verbannt, sondern am vergangenen Diens-
               dazu gegeben. Das ist niederer Humor                 tag durch eine unscheinbare Wandtafel er-
               und schlechte Kunst.“ In anderen Beiträ-             gänzt. Neun Zeilen loben Smidts Verdiens-
               gen der Künstlergruppe, die sich „Onkel              te, vier erwähnen die „Schattenseiten sei-
               Saft“ nennt, widmen sich die Aktivisten              nes Handelns“, etwa „seine Politik gegen
               Sehenswürdigkeiten wie der Alten Stadt-              die bürgerliche Gleichberechtigung und
               brücke. Dem Osloer „Dagbladet“ erklärte              Niederlassungsfreiheit von Juden in Bre-
               ein anonymer Sprecher von „Onkel Saft“:              men“. Noch unklar ist der Umgang mit
               „Wir wollen einfach ein bisschen auf                 weiteren Smidt-Huldigungen: In Bremen
               Trondheim aufmerksam machen; denn                    und Bremerhaven sind eine Brücke, eine
               wir lieben unsere Stadt, wie man auf den             Kirche, zwei Schulen und zwei Straßen


                                                                                                                                                                                     PIER PAOLO CITO / AP
               Videos unschwer erkennen kann.“                      nach dem Antisemiten benannt.


                                                                     ZITAT
                                                                                                                                            Benedikt XVI.

                                                                  „Mich würde es                                                            Privatsekretär Georg Gänswein hat eine
                                                                                                                                            lange Besucherliste für den Ehrentag des
                                                                    mehr beschweren,                                                        gebürtigen Deutschen vorgelegt. Vor al-
                                                                                                                                            lem Gratulanten aus Bayern werden sich
                                                                    wenn ich wie                                                            im Laufe dieses Montags die Klinke in
                                                                                                                                            die Hand geben; Ministerpräsident Horst
                                                                                                                                            Seehofer erscheint bereits zum frühen
                                                                    Sigmar Gabriel                                                          Morgengottesdienst in der Privatkapelle
                                                                                                                                            Paolina im Apostolischen Palast. Bene-
                                                                    aussehen würde.“                                                        dikts fehlende Feierlaune bekommen die
                                                                                                                                            Angestellten im Vatikanstaat zu spüren:
MARIJAN MURAT / DPA




                                                                    Clemens Binninger, 49, CDU-Bundes-                                      Zum 80. Geburtstag hatte noch jeder von
                                                                    tagsabgeordneter, über seine                                            ihnen eine Sonderprämie von 500 Euro
                                                                    Ähnlichkeit mit Ex-Bundespräsident                                      erhalten. Davon ist in diesem Jahr keine
                                                                    Christian Wulff                                                         Rede.
                      152                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Günter Grass, 84, umstrittener Nobel-
                                                                                          preisträger mit Einreiseverbot nach Israel,
                                                                                          wurde einst in Jerusalem besonders ge-
                                                                                          schätzt. Das israelische Außenministe-
                                                                                          rium schwärmte von der „intellektuellen
                                                                                          Redlichkeit“, der „freiheitlichen Gesin-
                                                                                          nung“ und dem „persönlichen Charme“
                                                                                          des Autors, dem die Diplomaten eine be-
                                                                                          eindruckende „Aufrichtigkeit“ attestier-
                                                                                          ten, wie aus Akten des Auswärtigen Amts
                                                                                          hervorgeht. Das Lob stammt aus dem
                                                                                          Jahr 1967; Grass hatte zuvor seine erste
                                                                                          Israel-Reise absolviert – auf Einladung
                                                                                          der Regierung in Jerusalem. Diese durch-
                                                                                          brach damit ein 1961 verhängtes Verbot
                                                                                          für öffentliche Auftritte deutscher Künst-
                                                                                          ler. Sogar Ministerpräsident Levi Eschkol
                                                                                          empfing den Deutschen. Hinterher
                                                                                          schwärmte das israelische Außenministe-
                                                                                          rium, die herkömmlichen Deutschland-
                                                                                          Klischees seien „nun nicht mehr anwend-
                                                                                          bar“. Grass hingegen scheint weniger be-
                                                                                          geistert gewesen zu sein. Als vier Jahre
                                                                                          später ein erneuter Besuch in Israel an-
                                                                                          stand, schrieb er an die deutsche Bot-
                                                                                          schaft in Tel Aviv, er wisse, dass Israel
                                                                                          ein „anstrengendes Land“ sei. Dennoch
                                                                                          fuhr er hin. Eine Lesung in Tel Aviv er-
                                                                                          öffnete der Dichter mit den Worten: „Wer
                                                                                          als Deutscher nach Israel kommt, wird
     Rita Ora, 21, im Koso-                                                               lebenslänglich mit kritischen Fragen, mit
     vo geborene britische                                                                grotesker, ja mit schroffer Ablehnung
     Sängerin, glaubt an
     die Macht der Sterne.
     Die Newcomerin kann
     auf eine traumhafte
     Karriere hoffen, denn
     sie hat einen Vertrag
     beim Musiklabel von
     Superstar Jay-Z. Dass
     sie sich mit dem Rap-
     per auf Anhieb so gut
     verstand, führt Ora auf
     astrologische Einflüs-
     se zurück: „Bei uns



                                                                                                                                       DABROWSKI / CINETEXT
     hat es gleich geklickt.
     Er ist Schütze, ich bin
     Schütze.“
                                                                                           Grass (r.) 1967


Michele Marsching, 33, Vorsitzender der     Stephen King, 64, US-Schriftsteller, ha- rechnen müssen.“ Das bleibe zwar ver-
NRW-Piraten, hat derzeit Probleme im        dert mit seinem Wohlstand. Der König ständlich, er wolle jedoch „vor nur pau-
Bahnverkehr. Der IT-Spezialist verlor vor   des Horrors sagte der „Sunday Times“, schaler Kritik, vor einer Verurteilung von
kurzem seine Brieftasche, deshalb hat er    dass er erst Mitte der achtziger Jahre auf- Generation zu Generation warnen“. Heu-
einen provisorischen Personalausweis. In    gehört habe, sich ständig Sorgen um seine te wirft die israelische Regierung Grass
dem stimmt sein Geburtsdatum nicht –        Existenz zu machen. Da hatte King be- vor, im iranisch-israelischen Konflikt Te-
mit nervtötenden Folgen. Der Pirat be-      reits mehrere Bestseller auf dem Markt, heran zu unterstützen. Und viele Israelis
stellt seine Bahnfahrkarten natürlich on-   darunter „Carrie“ und „Shining“. Bis nehmen Grass übel, dass dieser seine Mit-
line, das Dokument benötigt er jedoch zur   1985 habe er ständig befürchtet, dass er gliedschaft in der Waffen-SS jahrzehnte-
Identifizierung beim Ausdruck der Tickets   seine Besitztümer wieder verlieren kön- lang verschwieg. Beim ersten Besuch in
am Automaten. Jüngst habe er „gefühlte      ne, sagte King. Mit mehr als 400 Millionen Israel 1967 hatte Grass noch eine geschön-
anderthalb Stunden“ gebraucht, um einen     verkauften Büchern hat der Autor inzwi- te Version seines Lebenslaufs verbreitet:
Fahrschein zu bekommen, klagt Mar-          schen längst ausgesorgt, aber noch heute „Als 14-Jähriger war ich ein Hitlerjunge,
sching. Was ihn in der Piraten-Forderung    finde er es „sehr befremdlich“, Eigentü- als 16-Jähriger wurde ich Soldat, und mit
nach kostenloser und belegfreier Fahrt in   mer einer Sommerresidenz mit Gäste- 17 Jahren war ich ein amerikanischer
ganz Nordrhein-Westfalen bestärke.          haus und Pool zu sein.                      Kriegsgefangener.“
                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                          153
Hohlspiegel                                    Rückspiegel

Aus dem „Diepholzer Kreisblatt“: „In der                        Zitate
Justizvollzugsanstalt Bernau am Chiem-
see betreuen beispielsweise zweieinhalb       Die „Frankfurter Allgemeine“ zur SPIE-
Psychologen 859 Gefangene.“                   GEL-TV-Produktion „‚Titanic‘ – Anato-
                                              mie einer Katastrophe“:

                                              Falls jemanden Zweifel überkommen soll-
                                              ten, zu welchen Informationsleistungen
                                              das hiesige Privatfernsehen in der Lage
                                              ist, sollte derjenige ab und an bei Vox
                                              vorbeischauen, gern am Wochenende zur
                                              Hauptsendezeit … Es gilt das Verspre-
                                              chen: Der Abend vergeht im Nu, denn
                                              dieses Stück ist aus einem Guss und so
                                              geschickt aufbereitet, dass, wer immer
                                              was auch immer über die „Titanic“ und
                                              deren Untergang, den Hergang der Kata-
Schild vor einer Pizzeria in Dresden          strophe und deren Hintergründe erfahren
                                              will, hier an der richtigen Adresse ist.
                                              Abermals eine Best-of-Produktion aus
Aus einer Restaurant-Anzeige in der           dem Hause Alexander Kluge/DCTP und
„Wuppertaler Rundschau“: „Es erwarten         SPIEGEL TV.
Sie verschiedene Fischsorten … Austern,
Meeresfrüchte und hiesiger Spargel aus        Die „Berliner Zeitung“ zum SPIEGEL-
Bodenhaltung.“                                Bericht „Parteien – Das Ende der Ama-
                                              teure“ über konzeptuelle Auseinander-
                                              setzungen in der Piratenpartei (Nr.
                                              15/2012):

                                              Richtig beschaulich waren die Ostertage
                                              für Piraten-Chef Sebastian Nerz nicht.
                                              Gerade erst hat er in einem Brief („Ich
                                              habe die Schnauze voll“) den Vorsitzen-
                                              den seiner Berliner Abgeordnetenhaus-
                                              fraktion gemaßregelt und die Sexismus-
Aus den „Badischen Neuesten Nachrichten“      Vorwürfe der eigenen Jugendorganisation
                                              abgewehrt („sehr vereinfacht und sehr
                                              einseitig“), da meldet sich im SPIEGEL
Aus dem Kölner „Express“: „Es geht um         der nordrhein-westfälische Spitzenkandi-
Tausende von Frauen, die Gaddafi ver-         dat Joachim Paul zu Wort. Er fordert, die
gewaltigt haben sollen.“                      Mitglieder des Bundesvorstands sollten
                                              für ihre Arbeit mit regelmäßigem Ein-
                                              kommen entlohnt werden. Das ist ein
                                              Tabubruch bei den Piraten. „Selbst wenn
                                              wir es wollten, derzeit verfügt die Partei
                                              gar nicht über ausreichend Geld, um Vor-
                                              ständen einen regulären Lohn zu zahlen“,
                                              kontert Nerz.


                                                Der SPIEGEL berichtete …
                                              … in Nr. 12/2012 „Katholiken – ,Scham
                                              und Bestürzung‘“ über den milden Um-
                                              gang mit pädophilen Priestern im Bistum
Aus der „Mittelbayerischen Zeitung“           Trier, das vom Missbrauchsbeauftragten
                                              der Kirche, Bischof Stephan Ackermann,
                                              geführt wird.
Aus den „Potsdamer Neuesten Nachrich-
ten“: „Ihr Königlicher Campingpark Sans-      Vergangene Woche gab das Bistum be-
souci zu Potsdam / Berlin sucht für die       kannt, dass zwei Priester entpflichtet wur-
Tätigkeit in der Rezeption 5 tatkräftige      den, sie dürfen fortan keinen priester-
Herren oder eine Dame, Mitte 50, deren        lichen Dienst mehr tun. Bischof Acker-
Kinder aus dem Haus sind, wo der Mann         mann hat zudem angekündigt, er wolle
gut und ausreichend verdient, er ihr aber     die Leitlinien zum Umgang mit pädophi-
daheim so dermaßen auf die Nerven geht,       len Priestern überarbeiten und verschär-
dass sie möglichst viel weg sein will, vor-   fen. Das Thema steht jetzt auf der Agen-
zugsweise unter Menschen in einer schö-       da für die Vollversammlung der Bischöfe
nen Umgebung und Auto fährt.“                 im Herbst.
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Der Spiegel 2012 16
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    Hausmitteilung 16. April 2012 Betr.: Piraten, Mormonen, Springer, Disney I st die Frage, ob ich einen Song oder einen Film aus dem Internet kostenlos her- unterladen darf, eine politische Frage? Ja, sie ist es geworden, spätestens mit dem Aufstieg der Piratenpartei, welche die Freiheit zum Klick fordert und damit die anderen politischen Parteien herausfordert. Die Download-Debatte ist Teil einer großen Diskussion; die Gretchenfrage an unsere digitale Gesellschaft lautet: Wie hast du’s mit dem Internet? Es ist eine Frage nach der Freiheit und ihren Gren- zen, der sich der SPIEGEL in dieser Ausgabe dreifach nähert. Autor Dirk Kurbju- weit, 49, warnt in einem Essay vor neuer Barbarei; ein Team von Kollegen be- schreibt den Widerstand von Künstlern gegen den laxen Umgang mit geistigem Ei- gentum; und in einem Streitgespräch zoffen sich der Musiker Jan Delay, 35, und der Berliner Piratenpartei-Abgeordnete Christopher Lauer, 27 (Seiten 20, 24, 116). W ie es einer mit der Religion hält, spielt heutzutage in der politischen Ausein- andersetzung in Deutschland normalerweise keine Rolle. Anders in den USA, wo gerade über den Republikaner Mitt Romney, 65, und seinen Glauben dis- kutiert wird. Romney – voraussichtlich Herausforderer von Präsi- dent Barack Obama, 50 – ist Mormone. SPIEGEL-Redakteur Ger- hard Spörl, 62, recherchierte die Geschichte dieser Religion. In GEORGE FREY / DER SPIEGEL Salt Lake City traf er Richard Hinckley, 70, der in den sechziger Jahren im Ruhrgebiet missioniert hatte. Zu Spörls Verblüffung zückte Hinckley triumphierend eine SPIEGEL-Ausgabe von 1994. Unter der Titelzeile „Die Ego-Gesellschaft“ hatte der SPIEGEL die Abkehr Deutschlands von der Solidargemeinschaft beschrie- ben – eine Entwicklung, die Mormonen beklagen (Seite 96). Hinckley A xel Sven Springer war 19 Jahre alt, als er aus dem Internat entführt wurde – seither ist der Enkel des Verlegers Axel Cäsar Springer (1912 bis 1985) im Um- gang mit fremden Menschen vorsichtig. Jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert später, gab Springer, 46, sein erstes Interview. „Das brennt sich ein, das ist immer da“, so beschrieb er die Folgen des Kidnappings im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteu- rinnen Susanne Beyer, 42, und Isabell Hülsen, 38. Als er fotografiert wurde, schien es Beyer, „als prüfe Springer seine Umgebung auf versteckte Gefahren“. Gelassen hingegen sprach er über sein Leben und auch den Rechtsstreit mit Friede Springer, 69, der fünften Ehefrau seines Großvaters und mächtigsten Frau im Konzern. Dort wird sich der Enkel mit seinen Aussagen nicht beliebt machen (Seite 140). D er Löwe, den Regisseur Alastair Fothergill, 52, in der kenianischen Masai Mara bei der Jagd filmen wollte, hatte wenig Appetit. Gemächlich umkreiste der Hauptdarsteller der Kinoproduktion „Im Reich der Raubkatzen“ den Jeep des Auf- nahmeteams und markierte dann sein Territorium, indem er sich an dem Fahrzeug erleichterte. SPIEGEL-Redakteur Martin Wolf, 37, wurde Zeuge der Unwägbarkeiten der Tierfilmerei, als er Fothergill, der als Bester seiner Zunft gilt, bei den Dreharbeiten für zwei Dokumentationen des Disney-Konzerns begleitete: jene über Großkatzen, die MARTIN WOLF / DER SPIEGEL diese Woche in deutschen Kinos anläuft, und eine über Schimpansen. Die wiederum waren am Drehort im Ur- wald in Uganda aktiver, als dem Team lieb war – sie ko- pulierten. Die Szene wird fürs Kino herausgeschnitten: „Die Zielgruppe sind Familien“, sagt Wolf, „die möchte Fothergill, Wolf der Disney-Konzern nicht verstören“ (Seite 122). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 3
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    In diesem Heft Titel Wenn Kollegen Feinde sind – rund zwei Millionen Deutsche leiden unter Mobbing ..... 56 Deutschland Panorama: Spitzengespräch über Atom- endlagerung / Diskussion um Steuersenkungen neu entfacht / Bußgeldverfahren gegen Fluggesellschaften häufen sich ............. 15 Parteien: Künstler und Intellektuelle machen gegen die Piraten mobil .................... 20 Essay: Wird das Internet zu einer Schule der neuen Barbarei? ....................................... 24 SPD: Im SPIEGEL-Gespräch verteidigt Parteichef Sigmar Gabriel Günter Grass ........ 26 CSU: Horst Seehofer plant den Befreiungsschlag gegen die Kanzlerin ............ 31 Nahverkehr: Tübingen will als erste deutsche Stadt Busfahren zum Nulltarif einführen ....... 32 Regierung: Schäubles Steuerabkommen mit der Schweiz wäscht Schwarzgeldkonten weiß ...... 34 FDP: Generalsekretär Patrick Döring klagt Piraten im Shitstorm Seite 20 MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPD im Interview über Anfeindungen aus dem Piraten-Milieu ................................................ 36 Deutschlands Kreative verbünden sich gegen die Piratenpartei. Prozesse: Hat der Staat einen Angeklagten zum Drogenhandel angestiftet? ..................... 38 Intellektuelle und Künstler fürchten um ihre Existenzgrundlage. Erst- Internet: US-Regierung überholt Deutschland mals geraten die Piraten ins Visier eines einflussreichen Gegners – beim Schutz persönlicher Daten .................... 40 und offenbaren die Schwächen ihres basisdemokratischen Modells. Migranten: Gutausgebildete junge Griechen suchen ihr Heil in Berlin – und scheitern ....... 41 Geheimdienste: Der neue BND-Chef Gerhard Schindler fordert mehr Risikofreude von seinen Agenten ....................................... 43 Kriminalität: Die Aussage eines Machtkampf im IWF Auftragskillers brachte drei mutmaßliche Mafiosi in Hagen vor Gericht ......................... 44 Seite 68 Gesellschaft Die Schwellenländer wollen der Euro-Zone nur Hilfe gewähren, wenn sie Szene: Trainingsanzug für Pferde / Interview im Gegenzug mehr Einfluss auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) über die Nachteile der Pendlerpauschale und bekommen. Ende der Woche kommt es in Washington zum Showdown. moderne Mobilität ......................................... 48 Eine Meldung und ihre Geschichte – ein Sexshop für Christen und seine theologische Begründung ............................... 49 Das Ende der Party Migration: Wie ein mexikanischer Boxer in den USA sein Aufstiegsmärchen erlebt .......... 50 Ortstermin: In Hildesheim kämpft ein Seite 84 Ehemann um seine Anerkennung als Opfer Italien, Spanien, Portugal und Griechenland suchen nach Auswegen aus häuslicher Gewalt .......................................... 55 der Schuldenkrise und reformieren ihre Arbeitsmärkte. Taugen Gerhard Schröders Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze als Vorbild? Wirtschaft Trends: Fragwürdige Ökofonds der Postbank / Conergy-Chef wehrt sich gegen Vorwurf der Kapitalvernichtung / Aufsteiger aus Einreiseverbot für Überraschungseier ............ 66 Weltwirtschaft: Im IWF verlangen die Schwellenländer endlich mehr Macht ............ 68 Internet: Was wird das nächste große Geschäft nach Facebooks Instagram-Deal? ................... 71 Veterinäre: Wie Deutschlands Tierärzte zu Mexiko Seite 50 Handlangern der Agrarindustrie wurden ....... 74 Gesundheit: Apotheker wollen mit Als Kind illegaler Einwan- eigener Firma noch mehr Reibach bei derer in Los Angeles suchte Krebsmedikamenten machen ......................... 78 er sich sein Essen im Müll, Rabattprogramme: Strafanzeige gegen pflegte Umgang mit Latino- die Lufthansa wegen Miles & More- Gangs, wurde dann doch Unstimmigkeiten ............................................ 79 kein Krimineller, sondern TODD BIGELOW / NOVUS SELECT Schifffahrt: Weltweit wurden die Reeder Weltmeister im Bantam- Opfer des eigenen Größenwahns ................... 80 gewicht. Der mexikanische Ausland Boxer Abner Mares lebt Panorama: Die Oppositionelle Sainab den amerikanischen al-Chawadscha über die Proteste gegen die Traum – und glaubt nicht Formel 1 in Bahrain / Zerwürfnis zwischen daran. Vatikan und irischen Katholiken ..................... 82 4 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Schuldenkrise: Vorbild Deutschland– wie Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen ihre Arbeitsmärkte reformieren ..................... 84 Debatte: Timothy Garton Ash über den wachsenden Machtanspruch der Türken ........ 90 Israel: Auf nach Berlin! .................................. 92 Frankreich: Wahlkampf der Versprechungen und Illusionen ................................................ 94 USA: Der Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney und seine Religion .................... 96 China: Der tiefe Fall der Gu Kailai ............... 100 Global Village: Wie zwei Deutsche in Abu Dhabi Kamele retten wollen ................. 103 Wissenschaft · Technik Prisma: Rosmarinduft verbessert die Denkleistung / War der Mars immer schon ein Wüstenplanet? ........................................ 104 Psychologie: Wie die Überlebenden des Massakers von Utøya gegen ihr Trauma Grass, Israel und ein Gedicht kämpfen ....................................................... 106 Automobile: Gehört die Zukunft den Seiten 26, 92, 126 Plastikautos? ................................................. 110 Die Debatte um das Israel-Gedicht von Günter Grass geht weiter: SPD- Innovationen: Software-Patente als Waffen ... 111 Chef Gabriel nimmt den Dichter im SPIEGEL in Schutz; junge Israelis Lifestyle: Leiden unter dem Outfit – eine US-Therapeutin behandelt Patienten mit blicken entspannt auf Deutsche; der Schriftsteller Michael Kleeberg Kleiderschrank-Depressionen ....................... 112 erklärt das Verhältnis zwischen Israel, dem Islam und Deutschland. Kultur AFP Szene: Martin Roth, Chef des Victoria and Albert Museum in London, über eine Street-Art-Ausstellung in Libyen / Martin Walsers Essay über das Thema Rechtfertigung .............................................. 114 Sturz eines roten Prinzen Seite 100 Urheberrecht: SPIEGEL-Streitgespräch zwischen dem Pop-Musiker Jan Delay und dem Piraten-Politiker Christopher Lauer über Peking hat Bo Xilai, den populären Parteichef von Chongqing, entmachtet. den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter .... 116 Wurde er Opfer der Richtungskämpfe in der KP, oder hat sich seine Familie Kino: Der Disney-Konzern setzt wieder auf bereichert – und schreckte sie nicht einmal vor einem Mord zurück? Tierfilme mit Löwen und Schimpansen ........ 122 Bestseller ..................................................... 125 Essay: Der Schriftsteller Michael Kleeberg über das Verhältnis der Deutschen zu Israel und zum Islam ................................ 126 Das Trauma der Überlebenden Seite 106 Denkmalschutz: In Italien überlässt der Staat Konzernen den Erhalt von Kulturstätten ...... 130 Filmkritik: „My Week with Marilyn“ erzählt Mit Fahrten auf die Todesinsel versuchen die Überlebenden des Massakers charmant ein wahres Märchen von Utøya, ihr Trauma zu bekämpfen. Ob die Therapie hilft, wird sich auch über eine Diva und ihren Verehrer ............... 132 vor Gericht zeigen, wenn die Patienten dem Attentäter wiederbegegnen. Sport Szene: Pekings olympische Sportstätten verkommen / Der Sportarzt Martin Brustmann – ein Pionier des Dopings im Jahr 1912 ........ 133 Der wahre König Fußball: Wie die Bunkermentalität des Trainers José Mourinho Real Madrid verändert hat ... 134 Motorradrennen: Superstar Valentino Rossi der Löwen Seite 122 und sein Rennstall Ducati – eine italienische Beziehungskrise ............................................ 137 Der britische Regisseur Medien Alastair Fothergill („Unsere Trends: Thomas Gottschalk zieht Quotenbilanz Erde“) dreht für den Disney- der ARD nach unten / Neue Runde Konzern Tierfilme über im Streit um ProSiebenSat.1-Verkauf ............ 139 Raubkatzen und Schim- Verlage: SPIEGEL-Gespräch mit Axel Sven Springer über seinen Großvater Axel Cäsar pansen – kindgerechte Doku- und seinen Erbstreit mit dem Konzern ......... 140 mentationen, die Disneys Zeichentrick-Klassiker „Der Briefe ............................................................... 8 König der Löwen“ nach- Impressum, Leserservice .............................. 148 eifern. Das Vorhaben erfor- DISNEY FILM Register ........................................................ 150 dert Kompromisse: Sex im Personalien ................................................... 152 Tierreich ist tabu. Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154 Titelbild: Foto Axel Martens für den SPIEGEL D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 5
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    Briefe den auf einer Eisenbahnbrücke im wei- ßen Rauch gestanden. Dort haben wir gierig den „Duft“ der Lok eingesogen „Heimat ist, wo mit wenig und immer wieder die Schelte unserer Mütter hingenommen, so schön fanden Worten viel gesagt werden wir das Schauspiel! Dies noch einmal rie- kann und der Dialekt chen zu können, was wäre ich glücklich! CHRISTEL KRAMER, FERNWALD (HESSEN) so derb daherkommt, Sie fragten: „Warum kann man nicht nach wie der Boden steinig ist.“ Herzenslust Heimat sagen, Heimat lie- ben, Heimat vermissen?“ Dazu gibt es eine bewegende Aussage des Mannhei- SPIEGEL-Titel 15/2012, Ausgabe Bayern KARL WEIS, HOLZGERLINGEN (BAD.-WÜRTT.) mer Juristen Ernst Stiefel, den das Nazi- Reich zwangsweise nach Amerika ver- schlagen hat: „Man kann einen Menschen Nr. 15/2012, Was ist Heimat? – aus seiner Heimat vertreiben, aber nicht Eine Spurensuche in Deutschland die Heimat aus dem Menschen.“ BERND SCHULTZ, BERLIN Urige Eingeborene Heimat ist da, wo meine Familie und Selten zuvor hat mich ein SPIEGEL-Bei- Freunde sind: in Bad Wörishofen, wo ich trag emotional so berührt. Geboren in die Schule besuchte, in München, wo ich Datteln (Kreis Recklinghausen) und auf- studierte und arbeitete, in Tirol, wo ich gewachsen in Dortmund, habe ich meine jahrzehntelang Ferien machte, in Nicara- MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL Heimat vor drei Jahren studienbedingt gua, das ich in mein Herz geschlossen habe! verlassen und seitdem phasenweise in DR. HORST ENGLER-HAMM, MÜNCHEN Mannheim, Frankfurt am Main und Sofia (Bulgarien) gewohnt. Ich habe die regel- mäßigen Wechsel meines Wohnorts im- Nr. 14/2012, Gespräch mit Daniel mer als spannend empfunden. Und eines Cohn-Bendit über das Altern der 68er habe ich dabei gelernt: Wohnort ist Dortmunder Lokalpatriot vor Hochofen Wohnort, und Heimat bleibt Heimat. TOBIAS OHLENHOLZ, MANNHEIM Einer der schönsten Sprüche zur Heimat Dicke Eier findet sich bei Tacitus: „Wer hätte auch Mit welcher Nonchalance Cohn-Bendit Zwölf interessante Landschafts- und Stim- Germanien aufsuchen wollen, landschaft- befindet, Fischer (Siemens) hätte im Ge- mungsbilder. Und dann ein Brauchtums- lich ohne Reiz, rau im Klima, trostlos für gensatz zu Schröder (Gazprom) nie eine bild. Und das soll Bayern repräsentieren? den Bebauer wie für den Beschauer, es Grenze überschritten! Als gäbe es einen Für einen Franken ein starkes Stück und müsste denn seine Heimat sein?“ Unterschied zwischen Räuber und Bandit. garantiert kein Bild meiner Region. EBERHARD FOTH, WALDBRONN (BAD.-WÜRTT.) Beiden würde ich heute die Hand nicht ANDREAS GEISLER, NÜRNBERG reichen. Danke dafür, dass ihr uns urigen Einge- GODRAM MOHR, RAVENSBURG Mich wundert nicht, dass im Artikel die borenen am Weißwurstäquator durch das Millionen Heimatvertriebenen nicht er- Titelbild für die Region Bayern klarge- Mein Gott, SPIEGEL! Was interessieren wähnt wurden: politisch unkorrekt! In un- macht habt, was unsere Heimat ist: die mich die dicken Eier von Daniel Cohn- serem Großfamilienhaus hinter den Dü- Bühne des Tegernseer Bauerntheaters, Bendit? Angesichts der Aussage: „Mein nen an der Ostsee leben seit 1945 Polen. wo wir Jodelheinis in der Lederhosn Holz ständiger Flirt mit allen Kindern nahm Ist uns recht geschehen, wir waren ja alle hacken für die „preißischen“ Gäste und bald erotische Züge an“, kann man ja nur Nazis, auch ich, das Kind, auch meine wo die Jungs nicht das Smartphone, son- hoffen, dass der Grüne Bendit seinen alte Großmutter. Pardon, aber nicht einen dern den Sepplhut am Ohr haben. Phallus nur selbst im Griff hatte, auch Tag vergesse ich meine verlorene Heimat. MAXIMILIAN APFELBÖCK, SCHWABACH (BAYERN) ohne Viagra. Ja, auch ich habe Angst vor Die Deutschtürkin Selçuk hat zumindest dem Tod. Was mich aber jetzt am meisten die Möglichkeit, nach Istanbul zurück- In meiner Heimatstadt Gießen, geschun- ängstigt, ist ein solcher Aufmacher in ei- zukehren. den nach dem Krieg, zu 80 Prozent in nem Nachrichten-Magazin. DAGMAR GALIN-BROCKSIEN, Schutt und Asche gelegt, habe ich als THOMAS BÖWER, HAMBURG SAINT BONNET DE BELLAC (FRANKREICH) Kind täglich mit Geschwistern und Freun- VIZEPRÄS. DEUTSCHER FAMILIENVERBAND Wie man es auch dreht und wendet: Die Gewissheit, eine Heimat (gefunden) zu haben, ist das Resultat intensiver Selbst- Diskutieren Sie im Internet findung, ganz unabhängig von irgendwel- www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel chen geografischen Koordinaten. MATTHIAS KAISER, HAUSACH (BAD.-WÜRTT.) ‣ Titel Was können Unternehmen gegen Mobbing tun? Heimat ist ein weiter Raum mit Traditio- ‣ Umwelt Sollte Busfahren kostenlos sein? nen, die wir zu pflegen haben. Das kann nicht bloß konservativ-folkloristisch, son- ‣ Internet Schluss mit der Anonymität in Blogs dern muss sehr zeitbezogen sein. und Foren? RUDOLF PRIEMER, GRIMMA (SACHSEN) 8 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Briefe Nr. 14/2012, WieRumänen ihr Dorf nach ihrerseits abverlangt, zum Beispiel die Berlin verlegen Kinder rechtzeitig zu Bett zu bringen und rechtzeitig zu wecken, wird nicht mit der In Gottes Hand? nötigen Selbstdisziplin angenommen. Sie ziehen es vor, ihre Zukunft in Gottes Das Geld schenkt Mama Angela? Die So- Hand zu legen. zialhilfe der Staat? Mit dieser Lebenslüge JOSEFINE NEUMANN UND HELGA METTERNICH, halten wir erwachsene Menschen ein Le- BERLIN ben lang infantil. Denn das alles bezahlen Busfahrer, Putzfrauen, Verkäuferinnen, Nr. 14/2012, Mangelnde Kontrolle Lehrer und viele andere Menschen, die im Organspendewesen von morgens bis abends arbeiten. Von ih- rem Monatslohn wird das Geld abgezo- gen. Hier ist das Gleichgewicht zwischen Handfestes Geschäft Geben und Nehmen gestört. So wird das Der gutrecherchierte Beitrag macht deut- Sozialhilfe-Nomadentum gefördert. Be- lich, dass es bei der Transplantations- ten für Angela ist gut. Gerechter wäre es medizin keineswegs nur um den humanen aber, wenn die erste Frage der Angekom- Aspekt der sogenannten Organspende menen lauten würde: Und was können wir für euch tun? DR. BOGLARKA HADINGER, TÜBINGEN Ein Stück, eine Beschreibung, die dem Leser die Chance lässt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen – diese unaufgeregte, kurze und doch sehr spannende Repor- tage von Özlem Gezer ist einfach gut ge- machter Journalismus. EPD RALF SCHEMEL, LEIPZIG Organtransplantation, Transportbox Bleibt zu hoffen, dass die volkswirtschaft- liche Chance, die Kinder der beschriebe- geht, sondern auch um ein handfestes Ge- nen Familien gut auszubilden und durch schäft, im Übrigen auf der Basis einer beruflichen Erfolg zu Einzahlern in unser vorsätzlichen Täuschung. Denn die Sozialsystem werden zu lassen, nicht „Spender“ sind weder tot noch Spender, durch ordnungspolitisches Handeln ver- soweit sie keinen Organspenderausweis tan wird. unterschrieben haben. Wenn Angehörige MARTIN RAUNER, WUPPERTAL ihre Zustimmung geben, spenden sie et- was, das ihnen nicht gehört. Wir haben in ehrenamtlicher Arbeit mit RICHARD FUCHS, DÜSSELDORF den Neuköllner Roma-Familien tiefe Ein- sichten in deren Welt gewonnen. Auf- Es erinnert mich an das Drückergebaren übler Verkäufer an der Haustür, wenn die Krankenkassen offizielle Formulare der Bundeszentrale für gesundheitliche Auf- klärung an ihre Mitglieder versenden, den Organspendeausweis. Das von mir so empfundene Täuschungsmanöver bestä- tigt leider meine große Skepsis gegenüber der Organspende in der BRD. REGINA WINSMANN, WEDEMARK (NIEDERS.) DJAMILA GROSSMAN / DER SPIEGEL Korrekturen zu Heft 13/2012 Seite 117, „Falscher Abschied“: Die vermeintlich letzten Worte „Wehe Roma-Unterkunft in Berlin mir, ich glaube, ich habe mich be- schissen“ wurden nicht dem römi- grund ihrer Religion stehlen die Neuköll- schen Kaiser Tiberius zugeschrieben, ner Roma nicht, sie schlagen ihre Frauen sondern Kaiser Claudius. nicht, sie trinken keinen Alkohol, sie flu- chen nicht, sie rauchen nicht einmal. Zum zu Heft 14/2012 anderen aber haben sie sehr große Seite 54, „it(wert1==wert2){“: Die in Schwierigkeiten damit, die Wichtigkeit der Überschrift und später auch im der zahlreichen Integrationsangebote ein- Text genannte Anweisung muss mit zusehen, vor allem für ihre Kinder. Alles, if anstelle von it beginnen. was auch nur die geringste Anstrengung 10 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Briefe Nr. 14/2012, DerVersuch, mit Mathematik Ganz ohne die von Ihnen thematisierten te ich, dann sagte ich meinem Sohn: Menschen zusammenzubringen „Kopfstandhocker“ und „Klangschalen“ „Kümmer dich in Zukunft selbst um deine besuchen wir seit mehreren Jahren mit Schulsachen, wenn du Hilfe brauchst, bin Werk des Zufalls großem persönlichen Gewinn unseren ich da!“ Das funktioniert seit drei Mona- „Yogakurs für den gesunden Rücken“. ten, seine Noten haben sich nicht verän- Kostenpflichtige Partnerbörsen im Inter- Wir wagen zu behaupten, dass durch die- net haben oft den Nachteil, dass sich die sen Yoga-Kurs und die davon ins tägliche Nutzungsverträge automatisch verlän- Leben übernommenen Anregungen auf gern. Auch ich habe meine Partnerin über Dauer weniger Besuche beim Orthopä- das Internet kennengelernt, allerdings in den und Bitten um die rar gewordene Ver- einer kostenlosen Single-Börse, ganz ohne schreibung von Krankengymnastik und Fragebögen, Liebesformel und Psycho- Massage nötig sind. THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK tests. BEATE ERDMANN UND IDA PANKRAZ, BONN FRANK SCHULZE, HAMBURG Als Entspannungsmethode wäre Autoge- Nach knapp zwei Jahren Parship komme nes Training tatsächlich einfacher und bil- ich zu folgendem Resümee: Auch noch liger. Yoga kann aber durchaus körperlich so ausgeklügelte Charakterformeln än- und psychisch wirksame Prävention be- dern nichts daran, dass alles ein Werk des inhalten. Dazu müsste berücksichtigt wer- Junge Gymnasiasten Zufalls bleibt. Der emotionale Einsatz ist den, dass Menschen in der westlichen Kul- hoch, das Ergebnis oft enttäuschend. Bei tur anders sozialisiert werden als in In- dert. Er schreibt Dreien und Vieren, das Parship muss Mann – erst recht, wenn er dien. Deswegen sollte Yoga hier in der ist total okay, so fällt er nicht durch und der Generation 60plus angehört – stark Regel mit psychologischer Selbsterfah- schafft das Abi. Was will ich denn mehr bleiben. rung ergänzt werden, anstatt solche er- von ihm? RAINER RUTZ, MÜNCHEN setzen zu wollen. Leider handelt es sich SANDRA CAPRARELLA, STUTTGART oft wirklich nur um indische Folklore. Die Das größte Problem vieler Menschen ist, westliche Yoga-Szene scheint weniger auf Wer heutzutage in der letzten Reihe sitzt, dass sie zu hohe Ansprüche an einen et- Qualität als auf Quantität zu setzen. schwätzt, hinter dem Heft mit dem waigen Partner stellen. Die Verweige- DR. BRIGITTE HALEWITSCH, KÖLN Handy spielt und sich sonst nicht am Un- YOGA-LEHRERIN terricht beteiligen mag, bekommt bei den meisten Lehrern noch eine Vier. Vier, das heißt wörtlich „ausreichend“ und gilt als JÖRG MÜLLER / AG. FOCUS / DER SPIEGEL Nr. 14/2012, Warum es falsch ist, aus bestanden. Mit Strebertum und chinesi- unseren Kindern Streber zu machen schen Verhältnissen hat die Realität an deutschen Schulen nichts zu tun. Im Takt des Zeitkorsetts MICHAEL KIND-LUNDT, GUMMERSBACH (NRW) SCHÜLER Der Artikel trifft unsere Situation genau. Nichts ist „unserem“ Schulalltag ferner Dieser Artikel hetzt die Gesellschaft ge- als Gelassenheit. Kinder, Eltern und Leh- gen Schüler auf, die gern mehr für den Diagramm aktiver Parship-User rer sind gehetzt, gestresst und nie mit Unterricht tun. Es irritiert mich, wie El- der Arbeit fertig. Jedes Vertiefen, Aus- tern, deren Kinder lieber „Musik hören rung, Menschen näher kennenzulernen, probieren, jede Hingabe an ein Thema oder Fußball spielen oder einfach gar die nicht den Wunschvorstellungen ent- bringt „unser“ Zeitkorsett aus dem Takt. nichts tun“, die Schüler, die freiwillig ihre sprechen, hat vielleicht zur Folge, dass Angesichts des immer offensichtlicher Zeit in Schulaufgaben stecken, nicht re- es keinen zweiten Blick „hinter die Ku- werdenden Wahnsinns entscheiden „wir“ spektieren und diese lieber als Produkt lissen“ gibt. Dieser würde aber vielleicht uns immer häufiger für die frische Luft ehrgeiziger Mittelschichtler darstellen. doch einen Menschen enthüllen, mit dem anstelle des Schreibtischs. Solche Diskriminierung wird von diesen man sein Leben verbringen möchte. KATHRIN UND ELMAR KRASKA, DUISBURG Eltern an ihre Kinder weitergegeben. FRAUKE SCHÖNHOFF, BOCHUM A. ORBEN, FRANKFURT AM MAIN Nach einem Schlüsselerlebnis muss ich SCHÜLERIN nicht mehr büffeln: Ein Bekannter sagte mir, es sei doch normal, dass mein Sohn, Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Nr. 14/2012, Teuer und gefährlich – Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- die Schattenseiten des Yoga-Booms 11, keine Verantwortung für die Schule tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: übernehmen wolle. Ein paar Tage grübel- leserbriefe@spiegel.de Ganz ohne Klangschalen Zwar habe ich Yoga selbst nie betrieben, aber ich habe einen Arbeitskollegen, der angibt, durch regelmäßiges Yoga keine Aus der SPIEGEL-Redaktion Rückenbeschwerden mehr zu haben. Geschichte und Politik, Kultur und Religion – zu diesen Themen Wahrscheinlich ist es so, dass man mit hat der SPIEGEL im vergangenen Jahr große Wissenstests Yoga gesundheitlichen Problemen besser veröffentlicht, die Taschenbuchreihe „Wie gut ist Ihre Allgemein- begegnen kann, als die Pharma-Industrie bildung?“ fand Hunderttausende Leser. Auf all die schweren (und der SPIEGEL) es zugeben will. Wie- Stoffe folgt nun ein Test zum Thema Fußball, der unwichtigsten so sollten die Krankenkassen nicht auf Hauptsache der Welt. Das Buch enthält 150 Fragen zu bekann- diese Weise in die Gesundheit ihrer Ver- ten Ereignissen, berühmten Spielern und mancher Skurrilität, sicherten investieren? dazu Interviews mit den Stürmern Uwe Seeler und Mario Gomez. GORDINA STECKERT, KÖLN Es erscheint am 19. April. 12 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Panorama Deutschland DANIEL ROSENTHAL / LAIF Salzstock Gorleben AT O M M Ü L L das nach Jahre dauerndem Streit eine Grundlage für eine geordnete Suche Einigung über Endlagergespräche nach einem Atomendlager bieten soll. Ein ursprünglich für den 11. März ge- plantes Treffen war wegen Unstimmig- keiten geplatzt. Umstritten ist vor allem, Die Verhandlungen über ein Gesetz zur weltminister Norbert Röttgen (CDU), ob und wie der Salzstock Gorleben mit Endlagersuche stehen anscheinend vor die Ministerpräsidenten von Nieder- anderen potentiellen Standorten vergli- einem Durchbruch. Nach wochenlan- sachsen und Baden-Württemberg, Da- chen werden soll. Jetzt rechnet Röttgen gem Ringen haben sich Vertreter von vid McAllister (CDU) und Winfried offenbar mit einer Einigung. „Ziel ist Regierung und Opposition auf den 24. Kretschmann (Grüne), teilnehmen so- es, den jahrzehntelangen Kampf um April als Termin für ein Spitzen- wie SPD-Chef Sigmar Gabriel und der diese Frage endlich zu beenden und bis gespräch zum sogenannten Standort- Grünen-Fraktionschef im Bundestag zum Sommer ein Rahmengesetz über auswahlgesetz geeinigt. An dem Tref- Jürgen Trittin. Bund und Länder bera- die einzelnen Verfahrensschritte zu be- fen sollen unter anderem Bundesum- ten seit fünf Monaten über ein Gesetz, schließen“, sagt er. RECHTSTERRORISMUS serie mit einem Sprengstoffanschlag schen den Radfahrern. In ihrem Be- des NSU in Köln untersucht, bei dem richt fasste die Soko „Bosporus“ im Zwei Männer auf im Juni 2004 22 Menschen teils lebens- gefährlich verletzt wurden: Auch hier Mai 2008 zusammen: „Aufgrund der Opferauswahl (Türken)“ und „der Ver- Fahrrädern waren zwei Männer mit Mountain- bikes gesehen und von einer Video- kamera gefilmt worden. Die Ermittler wendung von Fahrrädern“ könne „ein Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden“. Sogar im Fall der 2007 in Bayerische Ermittler waren den Terro- zeigten einer Zeugin des dritten Nürn- Heilbronn ermordeten Polizistin Mi- risten des „Nationalsozialistisches Un- berger Mordes die Aufnahmen: Die chèle Kiesewetter gab es Hinweise auf tergrunds“ (NSU) offenbar dichter auf Frau erkannte Ähnlichkeiten zwi- verdächtige Radler: Gleisarbeiter der der Spur als bislang bekannt. Wie aus Bahn hatten damals zwei Mountain- einem vertraulichen Bericht der Son- bike-Fahrer beobachtet, die in unmit- derkommission „Bosporus“ hervor- telbarer Nähe des Tatorts miteinander geht, war den Fahndern bereits früh diskutierten. Wenig später seien ein außergewöhnliches Muster im Ver- Schüsse gefallen. Warum der Radfah- halten der Täter aufgefallen: In vier rer-Spur letztlich keine größere Be- von neun Mordfällen der sogenannten deutung beigemessen wurde, ist un- Ceska-Serie hatten Zeugen jeweils klar. zwei Männer auf Fahrrädern beobach- Ein weiteres potentielles Opfer des tet, die sich in Tatortnähe aufhielten. braunen Terrorkommandos war offen- Die detaillierten Personenbeschrei- bar der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl. bungen passen teilweise exakt auf die Durch einen Anruf des Bundeskrimi- NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und nalamts erfuhr der Bundestagsabge- Uwe Mundlos, die im November nach ordnete nach dem Tod der Terroristen, einem Banküberfall in Eisenach er- dass Mundlos und Böhnhardt ihn of- schossen gefunden wurden. Das ver- fenbar bereits ausgespäht hatten. dächtige Radfahrer-Duo war dem Er- „Sehr gute Lage, Zugang im Garten“, mittlungsbericht zufolge zuerst im hatten sie auf einer Liste notiert. Uhls September 2000 gesichtet worden, als Wahlkreisbüro gehört zu einer Reihe in Nürnberg ein türkischer Blumen- von Adressen von Prominenten, Ver- POLIZEI KÖLN / DPA händler ermordet wurde. Dann tauch- einen und Politikern, die Ermittler am te es 2001 (München), 2005 (Nürnberg) Wohnsitz der Terrortruppe in der und 2006 (Dortmund) an Tatorten auf. Zwickauer Frühlingsstraße fanden und Überdies hatte die bayerische Polizei die sie für eine mögliche Todesliste eine mögliche Verbindung der Mord- Fahndungsfoto nach Kölner Anschlag 2004 halten. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 15
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    Panorama L U F T FA H R T line, kann der Passagier zwar beim LBA einen Verstoß anmelden, die Ausgleichs- Entschädigung gleich ausbezahlen zahlung muss er aber vor Gericht er- streiten. Neuerdings gibt es sogar eigene Service-Unternehmen wie EUclaim, die anbieten, die Ansprüche für die Pas- Die Zahl der Bußgeldverfahren gegen ein Bußgeld, das bis zu 25 000 Euro be- sagiere einzufordern. „Die Regierung Fluggesellschaften wegen verspäteter trug. Insgesamt über 2,3 Millionen Euro muss die Airlines endlich zwingen, eine oder annullierter Flüge steigt sprunghaft mussten die Airlines seit Einführung Schlichtungsstelle zu akzeptieren“, sagt an. Im vergangenen Jahr ermittelte das neuer Fluggastrechte im Jahr 2005 zah- Tressel. Das Bundesverkehrsministe- Luftfahrtbundesamt (LBA) bei 1787 Be- len. „Trotzdem kontrolliert die Bundes- rium bestätigte dem Parlamenta- schwerden von Passagieren. Sie hatten regierung immer noch nicht ausreichend rier indes, was viele Passagie- insbesondere darüber geklagt, dass ih- die Durchsetzung der Fluggastrechte“, re nicht wissen: Die Air- nen die Airlines den bei Verspätungen kritisiert der Grünen-Abgeordnete Mar- lines müssen die Ent- 1787 ab drei Stunden zustehenden Ausgleich kus Tressel, der eine parlamentarische schädigung noch von mindestens 250 Euro nicht auszahl- Anfrage zu diesem Thema im Bundes- am Flughafen ten. In 161 Fällen verhängte das LBA tag gestellt hatte. Weigert sich die Air- auszahlen. 1222 Bußgeldverfahren gegen 942 11616 696 stark verspätete* Fluggesellschaften und annullierte Flüge deutscher seit Einführung neuer Fluggastrechte Fluggesellschaften 2005, deutsche und internationale 2011 Fluggesellschaften 243 1 37 * ab 3 Stunden Verspätung Quelle: Bundesverkehrs- ministerium, EUclaim 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 FINANZPOLITI K wird sie sich im Wahlkampf dafür ver- profitieren. SPD und Grüne wollen antworten müssen“, sagt CSU-Gene- das Gesetz im Bundesrat ablehnen. Steuern runter, ralsekretär Alexander Dobrindt. Ähn- lich äußerte sich Unionsfraktionsvize „Wir bleiben bei unserem Nein, weil die Koalition die falschen Prioritäten Schulden rauf? Michael Meister (CDU): „Die Koali- tion hat ihre Hausaufgaben gemacht, jetzt sind andere gefordert, ihren Bei- setzt“, sagt die finanzpolitische Spre- cherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nicolette Kressl. Schuldenabbau und Die steigende finanzielle Last der Bun- trag zur Entlastung der Arbeitnehmer Bildungsinvestitionen hätten Vorrang desbürger hat die Debatte über die zu leisten.“ Die schwarz-gelbe Koali- vor einer Entlastung der Bürger. „So- Steuerpolitik neu angefacht. Führende tion hatte Ende März ein Gesetz im lange der Bundeshaushalt ein riesiges Unionspolitiker warnten SPD und Bundestag verabschiedet, mit dem die Defizit aufweist, können wir uns Min- Grüne davor, die von der Koalition ge- sogenannte kalte Progression abgemil- dereinnahmen nicht leisten“, sagt auch planten Steuersenkungen zu verhin- dert werden soll. Diese ist dafür ver- Grünen-Finanzexperte Gerhard dern. „Wenn die SPD die Entlastung antwortlich, dass Arbeitnehmer von Schick. Zudem seien die schwarz-gel- der Bürger im Bundesrat blockiert, Lohnerhöhungen real vielfach nicht ben Reformpläne „sozial ungerecht“. LINKE als falsche Strategie. Im Hinblick auf hängigkeit von Lafontaines Entschei- die Wahlkämpfe müsse zügig geklärt dung für fatal: „Eine Partei muss dafür Die Wut wächst werden, mit wem die Partei in die Zu- kunft gehen wolle. Auch der Landes- vorsitzende von Mecklenburg-Vorpom- sorgen, dass sie eigenständig agiert und nicht darauf wartet, was einer sagt.“ Bockhahn wendet sich gegen Nach dem Rücktritt der Vorsitzenden mern, Steffen Bockhahn, hält die Ab- eine Rückkehr Lafontaines: „Wir brau- Gesine Lötzsch wächst in der Linken chen keinen Erlöser.“ Die Linke solle die Wut über das Schweigen von Os- „jetzt schon an übermorgen denken“ kar Lafontaine. Der saarländische und sich „auf etwas jüngere Leute kon- Fraktionschef will erst nach der Land- zentrieren“. Matthias Höhn, Landes- tagswahl in Nordrhein-Westfalen am chef in Sachsen-Anhalt, fordert ein 13. Mai erklären, ob er im Juni wieder Ende des „Wettrennens um den spa- für den Vorsitz der Linken kandidie- ßigsten Personalvorschlag“. Eine soli- BECKERBREDEL ren wird. Die Vize-Vorsitzende Katja de Vorbereitung des Bundesparteitags Kipping kritisierte das in einer Tele- Lafontaine Anfang Juni in Göttingen sehe anders fonkonferenz der linken Landeschefs aus. 16 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Deutschland MARIO VEDDER / DAPD Verteilung von Gratis-Koranen an einem Stand in Offenbach SALAFISTEN „dass in der Vergangenheit Geldströme von der Arabischen Halbinsel an das Dubiose Finanzströme salafistische Netzwerk in Deutschland geflossen sind.“ Laut der Vereinigung werden die Kosten durch den Verkauf Verfassungsschützer rätseln über die von Koranen an Muslime und Spenden Finanzierung der umstrittenen Aktion finanziert. salafistischer Prediger, die kostenlose Korane in deutschen Innenstädten ver- teilen. „Ich gehe davon aus, dass es externe Geldgeber gibt“, sagt Hans- ZAHL DER WOCHE Werner Wargel, Chef des niedersächsi- schen Landesamts für Verfassungs- schutz. Die als extremistisch eingestuf- te salafistische Vereinigung „Die wahre Religion“ ließ bei der Ulmer Druckerei Etwa 500 000 Bibeln Ebner & Spiegel in sechs Tranchen ins- der Deutschen Bibelgesellschaft wur- gesamt 300 000 Exemplare des Korans den laut United Bible Societies in in deutscher Sprache drucken. Die Kos- deutscher Sprache 2010 verkauft ten in Höhe von rund 300 000 Euro oder verschenkt. Nicht nur Privatper- überwiesen die Salafisten vorab. Mögli- sonen erhalten die Heilige Schrift, che Geldgeber für das Projekt vermu- sondern auch Hotels, Kreuzfahrtschif- tet der niedersächsische Verfassungs- fe, Altersheime, Schulen oder Kran- schutz in Saudi-Arabien oder Katar. kenhäuser nehmen die Bibeln ab. „Wir haben Erkenntnisse“, so Wargel, P L AG I AT E schen Denkens in den USA und Europa“ promoviert. Der Promotions- Ohne Dr. kein Prof. ausschuss hat bereits empfohlen, den Titel zu entziehen. Die Technische Uni- versität Braunschweig will eine beste- Der FDP-Politikerin und Unternehme- hende Honorarprofessur widerrufen, rin Margarita Mathiopoulos droht der falls die Universität Bonn Mathiopou- Verlust ihrer beiden Honorarprofessu- los den Doktorgrad rechtskräftig ab- ren. Grund ist die anstehende Entschei- erkennen sollte. Das gleiche Vorgehen dung des Bonner Fakultätsrats, der die- hat die Universität Potsdam angedeu- se Woche klären soll, ob die Politikerin tet. Eine Sprecherin der TU Braun- in ihrer Doktorarbeit plagiiert hat oder schweig erklärte, die Hochschule bestel- nicht. Darüber wird seit mehr als 20 le „nur solche Personen zu Honorarpro- Jahren gestritten. 1986 hatte Mathio- fessorinnen oder Honorarprofessoren, poulos an der Philosophischen Fakultät die nach ihren wissenschaftlichen Leis- Bonn über den „Vergleich des politi- tungen den Anforderungen genügen“. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 17
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    Deutschland Panorama JOERG SARBACH Pferderennsport-Veranstaltung im Watt vor Cuxhaven GLÜCKSSPIEL Kraft treten soll, sei nicht europarechts- stimmung erwartet. Dürr begründet den konform und zu restriktiv für die Sport- Umschwung damit, dass die EU-Kom- FDP lenkt ein wettenanbieter. In mehreren Ländern mission in einem Schreiben anders als drohte deshalb eine Ratifizierung an erwartet keine grundlegenden Beden- einem Veto der Liberalen zu scheitern. ken gegen den Vertrag geäußert habe. Nun aber kündigt etwa der niedersäch- In der Partei heißt es aber auch, die Ent- Die Freien Demokraten geben ihren Wi- sische FDP-Fraktionsvorsitzende Chris- scheidung sei eine Kompensation dafür, derstand gegen einen neuen Glücks- tian Dürr an: „Wir stimmen zu.“ Auch dass sich die CDU in Niedersachsen, wie spielstaatsvertrag der Länder auf. Bis- die Freien Demokraten in Bayern wol- von den Liberalen gewünscht, gegen lang hatten die Liberalen stets kritisiert, len das Vorhaben nicht weiter behin- eine Transfergesellschaft für die Schle- die Vereinbarung, die zum 1. Juli in dern. In Hessen wird ebenfalls eine Zu- cker-Mitarbeiter ausgesprochen habe. ORDEN N O R D R H E I N -W E S T FA L E N V O R R AT S DAT E N Ehrt Gauck Klarsfeld? Sprechblase geplatzt Frostige Zeiten Bundespräsident Joachim Gauck be- Die Wahlkämpferinnen Hannelore Kurz vor Ablauf der ultimativen EU- kommt einen heiklen Fall auf den Kraft (SPD) und Sylvia Löhrmann Aufforderung, die Richtlinie zur soge- Tisch – die Ordensangelegenheit Beate (Grüne) müssen ihre vielbeschworene nannten Vorratsdatenspeicherung um- Klarsfeld. Er wird dazu gedrängt, sei- Frauenfreundschaft einer Belastungs- zusetzen, steuert der Dauerkonflikt ner Gegenkandidatin und weltweit an- probe unterziehen. Anlass ist eine Pla- zwischen FDP und Union auf eine Es- erkannten Nazi-Jägerin das Bundesver- katidee der Grünen, die der Regie- kalation zu. Obwohl Bundeskanzlerin dienstkreuz zu verleihen. Entsprechen- rungschefin Kraft zu weit geht. Das Angela Merkel die Hauptkontrahenten de Schreiben der Linkspartei und des vergangene Woche präsentierte Wahl- Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Initiativkreises Deportationsausstel- plakat zeigt die beiden Frauen auf (FDP) und Hans-Peter Friedrich (CSU) lung Bielefeld sind im Bundespräsidial- grünem Grund mit der Überschrift Ende März ermahnt hatte, sich zu ver- amt eingetroffen. Außerdem befürwor- „Schön, wenn Frauen wieder den ständigen, bleiben die Fronten verhär- tet auch das Land Berlin weiterhin den Haushalt machen – Grün macht den tet. Die Justizministerin hatte nach Vorschlag, Klarsfeld zu ehren. Gaucks Unterschied“. Eine knallige Sprechbla- dem Gespräch mit der Kanzlerin ihren Behörde versucht, den Vorgang auf se legt Kraft eine Zweitstimmenkam- Alternativvorschlag eines sogenannten dem Amtsweg zu erledigen. Sie be- pagne für die Grünen in den Mund. Quick-Freeze-Modells zur Abstim- streitet, dass Berlin für die Beurteilung Das Plakat musste auf ihr Betreiben mung an die beteiligten Ministerien ge- der „Ordenswürdigkeit“ zuständig sei. hin eingestampft und ohne Sprechbla- schickt. Danach sollen vorhandene Nach Ansicht des Präsidialamts ist für se neu gedruckt werden. Die beiden Telefonverbindungsdaten nur in kon- die in Paris lebende Klarsfeld das Aus- Frauen regieren Nordrhein-Westfalen kreten Verdachtsfällen aufbewahrt wärtige Amt verantwortlich, das be- und wollen das Bündnis auch nach der werden. Für Internetdaten schlägt sie reits mehrmals gegen die Auszeich- Neuwahl am 13. Mai fortsetzen. Bis da- eine anlasslose Speicherung vor, aller- nung votiert hat. Klarsfeld ist im Besitz hin gehen sie vorerst als Rivalinnen dings lediglich für eine Woche. Minis- eines deutschen Reisepasses. Außer- auf Stimmenfang. ter Friedrich bleibt demgegenüber bei dem hat sie einen Personalausweis seiner Auffassung, dass dieses Modell vom Einwohneramt der Hauptstadt mit nicht den Vorgaben der EU-Richtlinie heimischer Adresse. Deshalb rekla- entspreche und deshalb auch nicht das miert Berlin die Prüfungskompetenz drohende Verfahren vor dem Europäi- für sich. Eine Ehrung war schon etliche schen Gerichtshof verhindern könne. Male abgelehnt worden, offenbar weil Dafür sei eine anlasslose, sechsmonati- Klarsfeld 1968 Kanzler Kurt Georg Kie- ge Speicherung aller Verbindungs- singer wegen dessen NSDAP-Mitglied- daten notwendig. Vor diesem Hinter- schaft geohrfeigt hatte. Aus dem Präsi- grund dürften Union und FDP nur dialamt heißt es nun, Gauck werde schwer noch vor Ablauf der Frist aus sich persönlich eine Meinung bilden Brüssel zu einem gemeinsamen Ergeb- und „zu gegebener Zeit“ entscheiden. Wahlplakat mit strittiger Sprechblase nis kommen. 18 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    GORDON WELTERS /STERN / LAIF Treffen der Jungen Piraten in Berlin: Sie treibt keine Idee an, sondern der Glaube an die Macht der Technik PA R T E I E N Aufstand der Autoren Bislang schien der Aufstieg der Piratenpartei unaufhaltsam, nun formiert sich Wider- stand. Künstler und Intellektuelle erklären ihren Protest gegen den laxen Umgang mit geistigem Eigentum. Die Piraten haben Mühe, Antworten zu finden. W enn es um revolutionäre Bewe- er den Grünen die Daumen gedrückt, bei nichts. Es ist sogar überraschend spieß- gungen geht, ist Hans Magnus ihrem Marsch durch die Parlamente. bürgerlich. Wie bei unseren Großeltern, Enzensberger, 82, ein idealer Am Donnerstag vergangener Woche die sich gefreut haben, wenn es was um- Auskunftgeber. Der Essayist, Dichter und packt er in seiner Wohnung in München sonst gab.“ Schriftsteller war zunächst als Beteiligter, seinen Koffer. Am folgenden Tag wird er Pause. Kurzes Gegrummel. Dann noch dann als Zaungast und Chronist bei je- in Belfast erwartet, wo sein Oratorium zwei Sätze, bevor es wieder ans Packen dem politischen Aufbruch dabei, der in „Untergang der Titanic“ zur Aufführung geht. den vergangenen fünf Jahrzehnten in die kommt; aber bevor er sich auf den Weg „Ich frag mich, warum die nicht zum Zukunft führen sollte. macht, will er doch noch ein paar Worte Bäcker gehen und da sagen, dass sie lie- Er hat an der Wiege der 68er gestan- zur Piratenpartei sagen, der neuen Hoff- ber nicht bezahlen wollen. Warum muss den, da war er noch Marxist. Er hat mit nung am politischen Firmament. das immer gegen uns Autoren gehen?“ den Sozialdemokraten gefiebert, als es „Politisch? Nein, politisch ist da eine Die Piratenpartei hat in ihrer kurzen gegen Franz Josef Strauß und später ge- Leerstelle“, knurrt Enzensberger durchs Karriere schon einige bemerkenswerte gen Helmut Kohl ging. Und natürlich hat Telefon. „Revolutionär ist da erst recht Rekorde aufgestellt. Keine andere Partei 20 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Deutschland hat in so kurzer Zeit einen so steilen Es hat ein wenig gedauert, bis sich der Die Piraten müssen nun sogar mit dem Höhenflug erlebt, seit der Berlin-Wahl Widerstand formierte. Mehr Demokratie Vorwurf leben, die Axt an die deutsche im September vergangenen Jahres mar- zu wagen ist ein Versprechen, das bei Ver- Kulturnation zu legen. schierten sie in den Umfragen auf jetzt tretern der Geisteswelt immer auf Zustim- Zum ersten Mal steht die Partei einem 13 Prozent. Keine andere Partei hat mehr mung stößt. Aber je genauer die Autoren harten Kontrahenten gegenüber, der Zulauf. 25 000 Mitglieder meldete die Par- und Künstler hinsehen, desto weniger nicht im Verdacht steht, Parteipolitik zu teiführung vergangene Woche, damit ist gefällt ihnen das, was sie entdecken. betreiben. Die Künstler fordern die Pira- die junge Formation schon jetzt fast halb Mit dem Aufstieg der Piratenpartei hat ten auf, eine Lösung anzubieten, wie so groß wie die 32 Jahre alte Partei der auch ihre Kernforderung nach einer Re- Kreative Geld verdienen können, wenn Grünen. Nun kommt eine weitere Pre- form des Urheberrechts Konjunktur. Was ihre Werke im Internet von anderen kos- miere hinzu: Die Piraten sind die erste sie dazu an Ideen formulieren, berührt tenlos bereitgestellt werden. Partei links der Mitte, die einen Gutteil die Existenzgrundlage vieler Künstler. So Doch genau dazu sind die Piraten nicht der Intellektuellen nicht für, sondern ge- wollen die Piraten das Recht auf die in der Lage, und das nicht nur, weil ihr gen sich hat. „nichtkommerzielle Vervielfältigung“ Programm so lückenhaft ist. Das Prinzip Wenn es um die gute Sache geht, den festschreiben. Künftig wären nur noch der radikalen Basisdemokratie führt da- Einsatz für mehr Demokratie und Gerech- Unternehmungen verboten, die mit dem zu, dass die Partei in Krisensituationen tigkeit, dann ist auf die Künstler eigent- illegalen Angebot von Musik, Büchern nicht wirklich sprechfähig ist. Jede Äu- lich immer Verlass. Seit Günter Grass vor oder Filmen im Internet ihr Geschäft be- ßerung eines führenden Mitglieds muss 40 Jahren für Willy Brandt und die SPD treiben. Das Kopieren und Downloaden zuvor mit den einfachen Piraten abge- trommelte, versammelt sich das intellek- urheberrechtlich geschützter Inhalte hin- sprochen werden, das verlangsamt die tuelle Deutschland auf der Seite des Fort- gegen wäre erlaubt. Reaktionszeiten. Die größte Last aber ist schritts. Im Zweifel links zu sein gehört Vielen Kreativen, die sich im linken La- der egalitäre Anspruch der neuen Bewe- in diesem Milieu zum guten Ton; an der ger beheimatet fühlen, fällt beim zweiten gung. Weil die Piraten jeder Form von Spitze des Zeitgeists zu marschieren gilt Blick auch auf, dass die Erfolge der Pira- Autorität misstrauen, geraten alle in Ver- hier als innere Verpflichtung. ten zu Lasten von Grünen und Sozialde- dacht, die der jungen Partei nach außen Im Fall der Piraten ist die Liebe erkal- mokraten gehen. In Nordrhein-Westfalen Gesicht und Stimme geben. Wer trotz des tet, bevor sie richtig beginnen konnte. muss Hannelore Kraft schon um den Sieg Gleichheitspostulats aufsteigen will, tut Reihenweise melden sich in diesen Tagen fürchten. Dass die SPD als stärkste Partei gut daran, sich als bescheidener Diener Künstler zu Wort, die ihr Unbehagen durchs Ziel gehen wird, scheint ausge- der Partei zu empfehlen. Die Versuche über die Forderungen der Bewegung nach macht, ob es am Ende für Rot-Grün rei- des Berliner Abgeordneten Lauer, bei Freigabe aller digitalen Inhalte äußern. chen wird, ist hingegen wieder fraglich. den Piraten weiter nach oben zu kom- Seit der Musiker und Autor Sven Regener Auch im Bund könnten sich die Gewich- men, scheitern auch deshalb, weil ihm vor fast vier Wochen im Bayerischen te verschieben. Sollten die Piraten den viele seine mediale Präsenz neiden. Rundfunk seinem Ärger freien Lauf ließ, Sprung in den Bundestag schaffen, wird Zurzeit hat nicht mal der Vorstand Pro- reißt der Protest nicht mehr ab. es für die Sozialdemokraten schwer, eine kura, die Partei nach außen zu vertreten. Es ist eine breite Allianz, die in ver- Regierungsmehrheit gegen die Union zu- Als Parteichef Sebastian Nerz und sein schiedenen Medien zusammenkommt, sie sammenzubekommen. „Natürlich freuen Stellvertreter Bernd Schlömer vergange- versammelt bekannte Namen wie die wir uns über den Erfolg der Piraten. Man ne Woche offen darüber sinnierten, ob Regisseurin Doris Dörrie, den Hanser-Ver- darf es nur nicht laut sagen“, sagt ein en- es zu bestimmten Themen wie dem Ur- leger Michael Krüger, die Autorin Julia ger Gefolgsmann der Kanzlerin. heberrecht nicht „feste Ansprechpartner“ Franck. „Ich glaube, ich muss euch Pira- Der Aufstand der Autoren bringt die brauchte, ging sofort einer der gefürch- ten dringend mal ein paar Dinge erklären. Piratenpartei in eine schwierige Lage. teten „Shitstorms“ los. Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Musiker und Schriftsteller sind einfluss- Bei Twitter hagelte es Aufrufe, die zwei Halbwissen“, sagt der Musiker Jan Delay reiche Leute. Wer wortgewaltige Intel- auf dem Parteitag Ende April ihrer Ämter im SPIEGEL-Streitgespräch mit dem Pira- lektuelle auf seiner Seite hat, besitzt im zu entheben. Der Berliner Abgeordnete ten Christopher Lauer (siehe Seite 116). politischen Meinungskampf einen Vorteil. Oliver Höfinghoff forderte die „lieben Künstler gegen Piraten PRO.MEDIA KOMMUNIKATION / OBS TORSTEN SILZ / DAPD ENNIO LEANZA / AP HANS M. ENZENSBERGER, 82 JAN DELAY, 35 SVEN REGENER, 51 Schriftsteller, lebt in München Musiker, lebt in Hamburg Musiker und Autor, lebt in Berlin D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 21
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    Deutschland Piraten“ über denKurznachrichtendienst an die Kraft der Technik. Sie sind mit auf, den Grundsätzen der Partei treu zu dem Internet aufgewachsen, und nun bleiben und die „gehypten Kandidaten wollen sie die Regeln der digitalen Welt nach hinten“ zu verbannen. auf die reale übertragen. Ihr Gründungs- Nerz ist ein Mann mit einer stabilen mythos ist nicht die Angst vor dem Atom- Konstitution, auch deshalb wird er partei- tod; ihnen liegt eher am Herzen, dass intern öfter mit Helmut Kohl verglichen. man sie weiter ungestört „Counterstrike“ Aber die Dauerangriffe machen selbst ihn spielen lässt. Zu den ersten Kampagnen langsam mürbe. Bei Twitter gibt es Nut- der Partei in Deutschland gehörte nicht zer, die sich einen Scherz daraus machen, der Protest gegen Krieg und soziale Un- ebenfalls als Sebastian Nerz aufzutreten. gerechtigkeit, sondern der Widerstand Im Namen des „Bundes Nerzilein“ hin- gegen das Verbot von Killerspielen. terlassen sie sarkastische Kommentare. Bislang haben die alteingesessenen „Mein Nervenkostüm ist dünner gewor- Kräfte im linken Lager mit einer Mi- den“, bekennt Nerz. Anfang des Jahres schung aus Angst und Ehrfurcht auf die habe er daran gedacht, alles hinzuwerfen. neue Konkurrenz geblickt. Die Spitze der Auch wenn er sich letztlich dagegen ent- Grünen in Person von Renate Künast hat schied, erfüllt ihn bis heute eine „gewisse schon eilfertig erklärt, ihre Partei halte Grundgereiztheit“. das Urheberrecht ebenfalls für dringend Die Angst vor den Attacken aus den reformbedürftig. Es zirkuliert die Idee eigenen Reihen führt inzwischen dazu, einer Kultur-Flatrate, auch wenn bislang dass sich viele Piraten nicht mehr ins Fernsehen trauen. Die Berliner Piratin Julia Schramm kandidiert auf dem anste- henden Bundesparteitag für den Partei- vorsitz. Andernorts wäre es normal, wenn sie sich jetzt auch über die Medien bekannt machen würde – Schramm sagt seit einiger Zeit alle Auftritte ab. Erst vor kurzem hatte sie eine Einladung zu der Talkshow von Maybrit Illner, ohne lange nachzudenken, ausgeschlagen, um ihre Chancen nicht zu gefährden. Ringt sich ein Parteimitglied doch zum Interview durch, muss es stets darauf bedacht sein, nicht zu weit von der Partei- linie abzuweichen. „Wenn man nicht an- eckt, bleibt es im besten Fall ruhig“, sagt Schramm. „Wenn man Mist baut, bricht die Hölle los.“ Es ist auch der raue Ton im Netz, der nun viele abschreckt, gerade im Milieu der Künstler. Wie jede neue Kraft links der Mitte waren die Piraten von den HCP Intellektuellen erst einmal freundlich in die Arme genommen worden. Man Piratin Schramm schätzte an ihnen das Unkonventionelle Nur nicht anecken und Freche; wie einst die Grünen bargen sie das Versprechen, die verkrusteten niemand so recht erklären kann, wie die Rituale der Politik aufzubrechen. eigentlich funktionieren soll. Jetzt zeigt sich, dass die Welt der Nach dem ersten Schrecken fragen sich Künstler und die der Nerds nicht viel ge- nun die ersten Vertreter, ob es wirklich mein haben. Wer im Intelligenzmilieu so schlau ist, den Positionen der Piraten kann schon jemanden ernst nehmen, der hinterherzulaufen. „Es kann nicht sein, seine freie Zeit mit Rollenspielen ver- dass geistiges Eigentum einfach ver- bringt und J. R. R. Tolkiens Roman „Herr schleudert wird“, sagt Agnes Krumwiede, der Ringe“ für die Krone der Literatur die kulturpolitische Sprecherin der Grü- hält? Mit etwas Verspätung wird vielen nen im Bundestag. klar, dass der Pirat ein Politiker neuen Krumwiede hat Klavier studiert, sie Typs ist. Die Grünen rekrutierten ihr Per- kennt die finanziellen Nöte vieler Künst- sonal aus den geistes- und sozialwissen- ler und ihre Furcht vor der Netzgemein- schaftlichen Fakultäten des Landes, ein de. „Ich halte es für einen unhaltbaren typischer Berufsabschluss war hier das Zustand, wenn Musiker sich nicht mehr abgebrochene Soziologiestudium. Sie zo- trauen, öffentlich für ihre Interessen ein- gen Leute an, die an die Macht der Idee zutreten, nur weil einige sich daran ge- glaubten und aus ihrer Verachtung für wöhnt haben, alles umsonst aus dem Netz alles Technische keinen Hehl machten. zu ziehen.“ Bei den Piraten ist es umgekehrt, sie SVEN BECKER, JAN FLEISCHHAUER, treibt keine Idee an, sondern der Glaube RENÉ PFISTER 22 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Deutschland E S S AY Die Freiheit der Wölfe Wird das Internet zu einer Schule der neuen Barbarei? Von Dirk Kurbjuweit I ch bin jetzt für Unfreiheit, ich bin für Kontrolle, Zensur, Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, ist der: die Schädigung Einhegung. Manchen gelte ich geradezu als Feind der anderer zu verhüten.“ Es ging nicht um totale Freiheit, sondern Freiheit. Das überrascht mich selbst, denn bislang habe um ein Austarieren verschiedener Wünsche, um einen Kom- ich mich für das Gegenteil gehalten, einen glühenden promiss also. Freund der Freiheit, für einen Liberalen, dem die Bürgerrechte Auch in der jüngeren Geschichte war das Maß bekömmlicher am Herzen liegen. Muss ich jetzt Zweifel haben, dass das Freiheit immer wieder umstritten, oder es wurde offenkundig noch gilt? verletzt. In der Wölfe-Tradition könnte man heute folgende Als neue Partei der Bürger- Sätze bilden: Die Freiheit der rechte gelten die Piraten. Ihr gro- Finanzbranche ist der Tod des ßes Wort ist mein großes Wort: allgemeinen Wohlstands. Die Freiheit. Aber viele Piraten und Freiheit der Wissenschaft ist der große Teile der Internetgemein- Tod des naturwüchsigen Men- de meinen damit etwas, das ich schen, der ersetzt wird durch nicht meine. Sie versuchen gera- Fabrikate der Gentechnik. Kein de dieses Wort, eines der wich- Mensch, der bei Verstand ist, tigsten der Menschheitsgeschich- würde in diesen Bereichen alle te, mit ihren Deutungen zu be- Schleusen öffnen wollen. Da sich setzen. Sollte ihnen das gelingen, aber gezeigt hat, dass nicht jeder wären die alten Freunde der Frei- Mensch in der Lage ist, aus ei- heit tatsächlich die neuen Freun- genem Antrieb verantwortlich de der Unfreiheit. Aber in mei- zu handeln, braucht es Gesetze, nen Augen verstehen viele Pira- die den Grad der Freiheit fest- THOMAS PETER / REUTERS ten diesen Begriff falsch. legen. Was interessiert die Internetge- Kontrolle, Verbot und Zensur meinde am Thema Freiheit? Der sind keine schönen Wörter. Man harte Kern will Freiheit von Kon- würde gern darauf verzichten, trolle, Verbot und Zensur, er will brauchte dazu aber ein Men- Freiheit zur Anonymität und bil- Demonstranten für Anonymität schenbild, das der Blauäugigkeit ligt damit die Möglichkeit zum entspringt. Die totale Freiheit im „Shitstorm“, zum digitalen Mob, „Warum diese Angst? Weil man sich Internet begünstigt Exzesse der der andere ungestraft mit Schmä- Gewalt und einer krankhaften hungen übelster Art überziehen in Erinnerung an die Kinderstube Sexualität. Das berührt den Kern kann, und er will die Freiheit vom peinlich ist in seiner Entfesselung?“ der Gesellschaft, denn beide Urheberrecht. Das alles möglichst Bereiche sind noch immer mit total: totale Freiheit im Netz. Tabus belegt, und das ist richtig In der Geschichte dieses Wortes kommt dieses Extrem kaum so. Es muss Hemmschwellen geben, die der Zerstörung von vor. In seinem bahnbrechenden Essay „Zwei Freiheitsbegriffe“ Menschen Einhalt gebieten. wies der britische Philosoph Isaiah Berlin 1958 darauf hin, dass Über Killerspiele muss man reden, ein Verbot erwägen dür- sich die Aufklärer aller Zeiten vor allem damit befasst haben, fen, weil sie Menschen verrohen könnten. Und Sex mit Kindern welches Minimum an Freiheit es geben muss, damit das Indivi- ist die Zerstörung von Kindheit und damit von Kindern, die duum als frei gelten kann, die Gesellschaft aber funktionsfähig auch als Erwachsene nicht mehr glücklich werden können. Die bleibt. Sie haben unterstellt, dass die totale Freiheit zerstörerisch Zensur jeder Form von Kinderpornografie ist daher unerlässlich. wirke und in der Tyrannei der Starken gegenüber den Schwa- Natürlich ist sie ein Extrem, das den allergrößten Teil der In- chen ende. Berlin zitiert einen luziden Satz dazu: „Die Freiheit ternetgemeinde nicht berührt, aber wegen dieses Extrems ist der Wölfe ist der Tod der Lämmer.“ totale Freiheit nicht möglich. Freiheiten werden in Demokratien Das Menschenbild vieler Aufklärer war skeptisch. Sie suchten fast immer nur deshalb beschränkt, weil eine Minderheit nicht deshalb nach einer Formel, die den entfesselten Menschen damit umgehen kann. fesselt, ohne dass er sich gefesselt fühlt. Immanuel Kant fand A dafür Ende des 18. Jahrhunderts den kategorischen Imperativ: nonymität macht es Menschen leichter, ihre dunklen „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich Seiten zu leben. Es gibt allerdings durchaus eine gute wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Selbst Tradition des Anonymen in der Geschichte der Freiheit. John Stuart Mill, einer der Urväter des Liberalismus im 19. Der französische Radikalaufklärer Denis Diderot hat seinen Jahrhundert, schrieb: „Der einzige Zweck, um dessentwillen „Brief über die Blinden“ ohne Namen veröffentlicht, aber da- man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten mals existierte keine Meinungsfreiheit, und tatsächlich landete 24 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    er im Gefängnis,als die Behörden dahinterkamen, wer den Eigentumsrecht verletzt, nimmt sich eine Freiheit heraus, die Text verfasst hatte. Mancher Montagsdemonstrant 1989 in Leip- das Leben anderer beeinträchtigt. Die Freiheit des Runterladens zig war sicherlich froh, dass seine Identität in der Masse un- ist der Tod des Musikereinkommens, wäre der passende Satz deutlich blieb, denn auch in der DDR gab es keine Meinungs- dazu. Damit steht diese Forderung außerhalb des Kanons mög- freiheit, und eine Bestrafung war nicht auszuschließen. Anony- licher Freiheiten in einem klassischen Sinne. mität kann also helfen, Freiheit zu erkämpfen. Ich halte an diesem klassischen Ansatz fest. Es ist mir daher Edler ist es natürlich, sein Gesicht zu zeigen, seinen Namen recht, wenn ich nun für gewisse Leute als Freund der Unfreiheit zu nennen, und viele der Aufklärer und Dissidenten im Ost- gelte. Ich glaube, dass der Minimumansatz der richtige ist, um block hatten diesen Mut. Erbärmlich ist es dagegen, sein Gesicht Individuum und Gesellschaft miteinander zu versöhnen. Die nicht zu zeigen, seinen Namen nicht zu nennen, wenn Mei- Leitfrage sollte lauten: Welches Minimum an Freiheit braucht nungsfreiheit gilt, und sie gilt in Deutschland. Das Netz ist voll eine Gesellschaft, die das Adjektiv freiheitlich verdient? Man von diesen Erbärmlichkeiten. Da wird massenhaft gezetert, ge- könnte natürlich auch fragen: Welches Maximum an Freiheit schimpft und beleidigt, ohne dass der Schreiber seinen wahren verträgt eine Gesellschaft, die als solche funktionieren kann? Namen nennt. Das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche. Bei beiden Ansätzen geht es um das Austarieren, um den Kompromiss. W arum diese Angst? Weil man sich in letzter Erinnerung Vernünftige Teile der Netzgemeinde haben das eingesehen. an die Kinderstube peinlich ist in seiner Entfesselung? Sie haben eingesehen, dass ein Maximum Maximorum ins Weil man einer Anzeige wegen Beleidigung entgehen Verderben führt, und wollen das Urheberrecht nicht ab- will? Vielleicht findet es der eine oder andere Netzmensch spie- schaffen, sondern renovieren und denken auch über Zensur ßig, dass Beleidigungen unter Strafe stehen können. Aber es für Kinderpornografie nach. Aber sie haben es schwer in der geht nicht nur um Anstand und Sitte, es geht um eine der Debatte, ein Shitstorm ist ihnen sicher. Dies ist der erste Grundlagen des Zusammenlebens in einer Demokratie. Schritt in die Tyrannei. Die Demokratie braucht eine Können wir das hinnehmen, gemäßigte Debattenkultur, sie weil es sich „nur“ im Netz ab- braucht die Möglichkeit der Ver- spielt? Nein. Ich lasse nicht gel- söhnung, weil es keine Entschei- ten, dass das Internet eine eigene dung ohne Kompromiss gibt. Die Welt ist, die eigene Gesetze ha- Gesetze werden zusammenge- ben kann. Eine Gesellschaft quatscht, dazu gehört ein Min- verträgt keine Sonderzonen. Sie destmaß an Respekt. Wenn eine verträgt schon gar nicht eine Son- Debatte zum großen Teil aus derzone, die sich zur Schule ei- Hassausbrüchen besteht, ist eine ner neuen Barbarei entwickeln Verständigung nicht möglich. Die könnte, weil im Schutz von Kon- Lager versinken in Erbitterung, trolllosigkeit und Anonymität die nächste Stufe ist die Gewalt. die Tabus und der Respekt ver- In Emden wurde kürzlich über schwinden. Wir brauchen keine PHOTO PRESS SERVICE VIENNA das Netz ein Mob organisiert, zweite, rauere Welt. Es war müh- der einem mutmaßlichen Sexual- sam genug, die erste halbwegs mörder an den Kragen wollte. zu zivilisieren. Die Polizei sah „Aufrufe zur Es gibt ohnehin keine getrenn- Lynchjustiz“. Der Junge erwies ten Welten. Was im Netz ge- AKG sich als unschuldig. schieht, wirkt auf das Leben in Ein weiteres Beispiel für die Philosophen Kant*, Popper 1982 der realen Welt zurück. Wer sich Verrohung ist der Shitstorm. Er in Kindersexforen herumtreibt, ist eine Strafmaßnahme außer- „Ohne Schutz durch das Gesetz muss sucht das ervielleicht nachkann. dort dem halb der Rechtsordnung, ist Kind, vergewaltigen Selbstjustiz, zum allergrößten die Freiheit zu einer Tyrannei der Die Angst vor dem Shitstorm Teil anonym. Im Namen der Mei- Starken über die Schwachen führen.“ verformt auch die Debatten im nungsfreiheit wird die Meinungs- Bundestag, im Fernsehen oder freiheit zerstört. Manche Leute in den gedruckten Medien. Ille- haben inzwischen Angst, das zu sagen, was sie denken, weil sie gales Runterladen kann den Lebensstandard eines Musikers nicht in einen Shitstorm geraten wollen. Das Internet beginnt senken. Wenn also die Netzgemeinde die digitale Welt gestal- langsam, den Diskurs zu lenken, auf eine unerträgliche Weise. tet, gestaltet sie auch die reale. Es reichen daher nicht Mehr- Auch die Freiheit vom Urheberrecht und damit die Freiheit heiten im Netz. Wenn die Piratenpartei etwas verändern will, zum kostenlosen Runterladen von Musik, Bildern oder Texten, kann sie das nur im Kompromiss mit den traditionellen zum Kopieren und Plagiieren nach Herzenslust hätte zerstöre- Parteien. rische Wirkung. Für den Frühaufklärer John Locke gehörten In Wahrheit gibt es nur eine Welt, und die entsteht in der Freiheit, Leben und Eigentum zu den Menschenrechten. Die täglichen Debatte. Es ist gut, dass es eine Partei gibt, die für französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom die Interessen der Internetgemeinde streitet. Es ist gut, dass 26. August 1789 nennt Freiheit, Eigentum, Sicherheit und sich über das Internet so viele Leute am Diskurs beteiligen Widerstand gegen Unterdrückung als gleichrangige Werte. können. Aber nennt eure Namen, mäßigt euren Ton und über- Nur wer etwas hat, kann etwas verkaufen: seine Arbeitskraft, denkt euren Freiheitsbegriff. sein Wissen, seine Güter, seine Phantasien oder Talente. Nur Der wahre Freund der Freiheit ist derjenige, der manche wer etwas verkaufen kann, kann seinen Lebensunterhalt be- Unfreiheiten in Kauf nimmt. Es gilt, was der Philosoph Karl streiten. Geistiges Eigentum ist Eigentum. Musik, Bilder oder Popper schrieb: Uneingeschränkte Freiheit habe „das Gegenteil Texte gehören den Leuten, die sie geschaffen haben, oder den der Freiheit zur Folge; denn ohne Schutz und Einschränkungen Institutionen, denen sie die Rechte daran abtreten. Wer dieses durch das Gesetz muss die Freiheit zu einer Tyrannei der Star- ken über die Schwachen führen.“ Zur Freiheit des Einzelnen * Gemälde von J. W. Becker, 1768. gehört untrennbar die Verantwortung für die anderen. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 25
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    WERNER SCHUERING /DER SPIEGEL Sozialdemokrat Gabriel SPI EGEL-GESPRÄCH „Wir haben Grass viel zu verdanken“ SPD-Chef Sigmar Gabriel, 52, hält die Reaktionen auf das umstrittene Gedicht von Günter Grass für „hysterisch“, verteidigt seine eigene Kritik an Israel und kündigt an, für seine gerade geborene Tochter Elternzeit zu nehmen. SPIEGEL: Herr Gabriel, trauern Sie, weil unangemessen unernst. Denn im Kern ist dem Nazi-Massenmord entkommen sind, Sie einen zugkräftigen Wahlkampfhelfer das Gedicht doch ein Hilferuf. weisen zu Recht darauf hin, dass auch verloren haben? SPIEGEL: Wie kommen Sie denn darauf? Hitler viel zu lange als Maulheld ver- Gabriel: Wer sollte das sein? Gabriel: Günter Grass warnt vor einem harmlost wurde. Israel hat aus der Ge- SPIEGEL: Günter Grass. Nach seinem israel- heraufziehenden Krieg im Nahen Osten. schichte eine eindeutige Konsequenz ge- kritischen Gedicht haben sich einige Ihrer Zugleich legt er ein leidenschaftliches Plä- zogen: Niemals wird eine israelische Re- Parteifreunde künftige Wahlkampfhilfe doyer gegen jede atomare Bewaffnung gierung einer existentiellen Bedrohung von ihm verbeten. ab. Der Text ist in der Beschreibung des tatenlos zusehen. Bei aller berechtigten Gabriel: Ich hoffe, dass Günter Grass der Konflikts verkürzt und auch aus meiner Kritik an Überlegungen für einen israe- SPD weiter in Wahlkämpfen helfen und Sicht problematisch. Aber ich verstehe lischen Militäreinsatz gegen Iran wird uns auch sonst als streitbarer Literat be- nicht, was daran so verwerflich sein soll, man diese prinzipielle Haltung verstehen gleiten wird. dass man Grass nicht nur die Einreise müssen. SPIEGEL: Sie teilen die breite öffentliche nach Israel verwehrt, sondern ihn auch SPIEGEL: Und trotzdem nennen Sie die Kri- Empörung über Grass nicht? in der politischen Kultur Deutschlands tik an Grass überzogen? Gabriel: Inhaltlich teile ich einiges an der zur Persona non grata erklärt. Gabriel: Das Gedicht ist eine zulässige po- Kritik. Aber manches ist überzogen und SPIEGEL: Was ist an dem Gedicht aus Ihrer litische Meinungsäußerung und weist auf in Teilen hysterisch. Grass stellt Iran und Sicht problematisch? die drohende Kriegsgefahr hin. Aber die Israel mit ihrem Gefährdungspotential Gabriel: Iran ist der einzige Staat der Welt, darin enthaltenen Verkürzungen und auf eine Stufe, das halte ich für falsch. der damit droht, einen anderen Staat in Gleichsetzungen lenken leider vom ei- Dennoch finde ich die Art der Auseinan- einem kollektiven Völkermord von der gentlichen Problem ab. Das darf man ei- dersetzung mit Grass und seinem Gedicht Landkarte zu radieren. Es ist eine gefähr- nem Sprachgewaltigen wie Günter Grass liche Verharmlosung, den dortigen durchaus vorhalten. Das Gespräch führten die Redakteure Konstantin von Staatspräsidenten als Maulhelden zu be- SPIEGEL: Was halten Sie denn für das ei- Hammerstein und Christoph Hickmann. zeichnen. Die Juden in aller Welt, die gentliche Problem? 26 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Deutschland Gabriel: Wir müssenuns doch fragen, wie leicht reagieren wir deshalb in solchen De- stützt hat. Deshalb finde ich die Frage, wir diesen heraufziehenden Krieg verhin- batten so schnell hysterisch, weil wir ob man ihn noch zu Wahlkämpfen ein- dern können. Wir müssen beispielsweise diesen tief verankerten Antisemitismus laden kann, einigermaßen befremdlich. bereit sein, den Wirtschafts- und Ölboy- erahnen und deshalb schnell alles unter- Was hat Grass für die SPD geleistet, was kott gegen Iran konsequent und über eine drücken wollen, was ihm in irgendeiner hat er an Prügeln eingesteckt, als er für nicht absehbare Zeit durchzuhalten, auch Weise entgegenzukommen scheint. Es Willy Brandt Wahlkampf gemacht hat? wenn das für die deutsche Wirtschaft und wird in Deutschland eine Herausforderung Es wäre feige und undankbar, jetzt von den deutschen Wohlstand spürbare Fol- bleiben, die richtige Form der Debatte ihm abzurücken. Nicht nur die SPD, das gen haben kann. Gleichzeitig braucht Iran über die israelische Politik zu finden. ganze Land hat Grass viel zu verdanken. ein internationales Angebot, damit es auf Denn auch mit jeder denkbaren und be- SPIEGEL: Haben Sie ihm das selbst gesagt? das Atomprogramm verzichtet. Und wir rechtigten Kritik besteht immer die Ge- Gabriel: Ja, natürlich. müssen die Palästinenser aus der Geisel- fahr, dass sie von denen genutzt wird, die SPIEGEL: Der frühere SPD-Bundestags- haft der iranischen Politik und des regio- bewusst oder unbewusst dem Antisemitis- abgeordnete Reinhold Robbe sagte, Grass nalen Terrorismus befreien. Deshalb mus ein neues Gewand geben. habe sich disqualifiziert, seine Zeit sei dürfen wir nicht weiter zusehen, wie die SPIEGEL: Ist Israel, wie Grass behauptet, vorbei. aktuelle israelische Regierung die Zwei- eine Gefahr für den Weltfrieden? Gabriel: Mein Freund Reinhold Robbe ist staatenlösung durch ihre völkerrechtswid- Gabriel: Nein. Das Atomprogramm Irans Präsident der Deutsch-Israelischen Ge- rige Siedlungspolitik unmöglich macht. und die offene Drohung, Israel zu ver- sellschaft, und sein Engagement gegen Aber mir war schon beim ersten Lesen nichten, können zu einer Gefahr für den Antisemitismus und für Israel ist vorbild- des Gedichts klar, dass genau das nicht Weltfrieden werden. lich. Aber in diesem Fall widerspreche passieren und stattdessen erst mal Grass SPIEGEL: Dann verstehen wir nicht, warum ich ihm. ins Zentrum der Debatte rücken würde. Sie Grass so entschieden verteidigen. SPIEGEL: Sprich: Grass hat Narrenfreiheit. SPIEGEL: Warum? Gabriel: Ich habe doch bereits gesagt, dass Gabriel: Das ist schon deshalb Unsinn, weil Gabriel: Weil absehbar war, dass sich die ich ihm in entscheidenden Punkten wi- Grass alles andere als ein Narr ist. Aber selbsternannten Hüter der Political Cor- derspreche. Es geht mir um das Ausmaß er hat Anspruch darauf, dass man sich rectness die Chance nicht entgehen lassen und die Form der Kritik. In Israel etwa ernsthaft mit ihm auseinandersetzt und würden, endlich mal die große Keule ge- lief die Debatte anfangs sehr rational, fast nicht reflexhaft. Diese Reflexe habe ich gen Grass auszupacken. Sie wollten es die- gelassen. Dann aber konnten einige Poli- doch selbst erlebt. Ich fahre seit 20 Jahren sem von ihnen so genannten Gutmenschen tiker der Versuchung nicht widerstehen, nach Israel und ins Westjordanland. Ich endlich einmal richtig geben. Hinzu kam, sich im heraufziehenden Wahlkampf zu habe Freunde, die in einem Kibbuz direkt dass Grass lange Zeit seine Mitgliedschaft profilieren. Das Einreiseverbot für ihn ist am Gaza-Streifen wohnen und die seit als junger Mann in der Waffen-SS nicht öf- absurd. Ich hätte mir gewünscht, die is- Jahren mit Raketen aus den palästinensi- fentlich gemacht hat. Deshalb brauchte raelische Regierung oder der israelische schen Gebieten terrorisiert werden. Und man nicht viel Phantasie, um sich vorzu- Schriftstellerverband hätten Grass einge- gerade weil ich mich als Freund Israels stellen, wie die Debatte verlaufen würde. laden, um über sein Gedicht und seine verstehe, darf ich doch nicht dazu schwei- SPIEGEL: Grass hat seinen Teil beigetragen, Ansichten zu streiten. gen, dass in den palästinensischen Gebie- indem er in seinem Gedicht einen Popanz SPIEGEL: Parteifreunde von Ihnen haben ten und vor allem in Hebron Menschen- um ein angebliches Tabu aufbaut, das es ähnlich rigoros reagiert und Grass in rechtsverletzungen durch die israelische so gar nicht gibt. Das ist ein Grundmotiv, Wahlkämpfen für unerwünscht erklärt. Regierung geduldet werden. wie es auch Antisemiten benutzen. Gabriel: Meine politische Biografie ist SPIEGEL: Und deshalb haben Sie einen po- Gabriel: Günter Grass ist kein Antisemit. durch Schriftsteller wie Günter Grass und litisch hochaufgeladenen Begriff benutzt Aber es ist wirklich erschreckend, wie sehr auch Heinrich Böll geprägt. Als SPD-Vor- und auf Ihrer Facebook-Seite von „Apart- antisemitische Ressentiments immer noch sitzender kommt für mich hinzu, dass heid“ geschrieben? in unserem Land verwurzelt sind. Viel- Grass die Sozialdemokratie immer unter- Gabriel: Diesen Begriff haben andere vor mir benutzt, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, israelische Politiker und Amerikaner wie Jimmy Carter. Aber kaum habe ich geschrieben, in Hebron herrsche Apartheid, bin ich als Antisemit bezeichnet worden. Ich hätte mir ge- wünscht, die Lage in Hebron würde min- destens die gleiche Empörung hervor- rufen. SPIEGEL: Offenbar haben Sie ja eingesehen, einen Fehler gemacht zu haben. In einer Richtigstellung sind Sie von Ihrer Formu- lierung abgerückt. Gabriel: Nein. Ich habe klargestellt, dass ich über meinen Eindruck in Hebron be- richtet und nicht den Staat Israel mit einem Apartheidsregime gleichgesetzt habe. Israel ist immer noch der einzige demokratische Staat in dieser schwierigen BUNDESPRESSEAMT / DPA Region. Und es wäre eine Verharmlosung der Apartheid in Südafrika, wenn man diese Gleichsetzung vornähme. * Mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Gerhard Schrö- Altkanzler Brandt, Schriftsteller Grass*: „Was hat er an Prügeln eingesteckt?“ der (l.) in Dannenberg 1985. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 27
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    Deutschland SPIEGEL: Der BegriffApartheid war also das manchem in der Piraten-Partei noch wirkliche Leben findet da draußen statt, richtig gewählt? nicht völlig klar, aber als Abgeordneter nicht nur vor dem Computer. Gabriel: Er beschreibt, dass an Orten wie hat man einen Gestaltungsauftrag. Wem SPIEGEL: Sind die Piraten eine linke Par- Hebron Menschen nach zweierlei Recht es reicht, Kommentare abzugeben, der tei? leben. Eine Gruppe ist fast rechtlos. Mir sollte Journalist werden, aber nicht Ab- Gabriel: Das müssen Sie die Piraten fragen. ist egal, welchen Begriff Sie dafür ver- geordneter. Ich will Dinge bewegen. Das Sie werden offenbar so wahrgenommen. wenden. Nur verschweigen darf man das wird irgendwann auch der Anspruch an Aber solche Begrifflichkeiten sind zweit- nicht. Und wenn es um Menschenrechts- die Piraten sein müssen. An dem Tag, an rangig. Das Verhängnis der Linken in verletzungen geht, muss man aufpassen, dem ihnen dieser Anspruch bewusst wird, Deutschland ist ja immer gewesen, dass dass man nicht unglaubwürdig wird, in- werden sie sich verändern und selbst Ziel sie in die Eigendefinition verliebt ist. Da- dem man sie durch Diplomatensprache von Protest und Unzufriedenheit werden. bei vergisst sie, dass es am Ende darum verharmlost. SPIEGEL: Der rheinland-pfälzische Minis- geht, Mehrheiten zu bilden, um ein Land SPIEGEL: Sie scheinen keine Angst vor Bei- terpräsident Kurt Beck hat kürzlich in ei- gerechter und fairer zu gestalten. In der fall von der falschen Seite zu haben. Den ner Talkshow die Beherrschung verloren, Geschichte der Bundesrepublik haben haben Sie aber bekommen. weil er den Habitus des ebenfalls gelade- wir noch nie eine so große gesellschaft- Gabriel: Das war ein verschwindend gerin- nen Piraten-Vertreters nicht mehr ertra- liche Mehrheit links der Mitte gehabt. ger Teil, und ich habe klar und unmiss- gen konnte. Konnten Sie ihn verstehen? SPIEGEL: Dann müssten Sie eigentlich ge- verständlich darauf geantwortet. Gabriel: Natürlich. Wir Sozialdemokraten rade regieren. SPIEGEL: Warum muss man als Politiker können eben nicht kalt wie Fische dane- Gabriel: Leider formiert sich diese gesell- eigentlich heutzutage bei Facebook sein? bensitzen, wenn selbsternannte Avantgar- schaftliche Mehrheit nicht zu einer poli- Um mit der Piraten-Partei noch einiger- disten ignorant über das schwierige Le- tischen, sondern zersplittert immer mehr. maßen mithalten zu können? ben anderer daherschwadronieren oder SPIEGEL: Ist die Piraten-Partei ein mögli- Gabriel: Man muss nicht bei Facebook sein, achselzuckend erklären, damit hätten sie cher Bündnispartner? und der Erfolg der Piraten hat nur am sich nicht beschäftigt. Manche Vertreter Gabriel: Offenbar nicht. Ein führendes Mit- Rande etwas mit Facebook zu tun. Wenn der Piraten-Partei bringen weder Ver- glied der Piraten-Partei hat ja gerade er- man glaubt, die Piraten seien primär eine ständnis dafür auf, dass einem das Schick- klärt, dass er Regierungskoalitionen auch Netzpartei, versteht man deren Wahl- sal der Schlecker-Beschäftigten nicht für gestrig hält. Er möchte zu jeder ein- erfolge nicht. Sie sind Ausdruck einer gleichgültig sein kann, noch erkennen sie zelnen Sachfrage eine Koalition bilden. weitverbreiteten Unzufriedenheit mit an, dass sich nicht jeder Bürger perma- Aber bei politischen Entscheidungen geht dem, was Menschen als etabliertes politi- nent im Internet an der Demokratie be- es eben nicht nur um die scheinbar ob- sches System erleben. Das Gute an dem teiligen kann oder will. Diese Vorstellung jektive Abwägung von Sachargumenten, Phänomen ist, dass die Unzufriedenen hat ja etwas Elitäres. sondern meist um widerstreitende gesell- trotzdem an die demokratische Verfas- SPIEGEL: Inwiefern? schaftliche Interessen. Und die organisie- sung unseres Landes glauben. Sonst wür- Gabriel: Es gibt nur wenige, die diese per- ren sich auch in Bündnissen und Koali- den sie nicht eine Partei unterstützen, die manente Beteiligung überhaupt leisten tionen. Solange die Piratenpartei das innerhalb dieser Verfassung aktiv ist. können. Übrigens hat auch die Forderung nicht begreift, kreisen meine Gedanken SPIEGEL: Das klingt, als sei Ihnen die neue nach einem bedingungslosen Grundein- nicht um Koalitionen mit ihr. Konkurrenz ganz recht. kommen etwas Elitäres. Wie soll ich der SPIEGEL: Stattdessen dürften sie vor allem Gabriel: Ich nehme sie erst einmal als eine Krankenschwester, die hart im Schicht- um ihre gerade geborene Tochter kreisen. Reaktion auf die Krise der Demokratie dienst arbeitet, eigentlich erklären, dass Was verändert sich durch dieses Ereignis zur Kenntnis. Aber spätestens an dem sie nicht nur ihren eigenen Lebensunter- für Sie? Tag, an dem die Piraten sich wirklich halt verdienen muss, sondern jetzt noch Gabriel: Ganz praktisch werden sich Ta- etablieren, wird es nicht mehr genügen, einen Teil abgeben soll, damit andere ihr ges- und Wochenabläufe verändern. Und Träger von Protest zu sein. Vielleicht ist Hobby zum Beruf machen können? Das natürlich gibt es wie bei allen Eltern einen wunderbaren neuen Mittelpunkt im Le- ben. SPIEGEL: Werden Sie Elternzeit nehmen? Gabriel: Ja, auch wenn sie natürlich etwas anders aussehen wird als bei normalen Arbeitnehmern. Ich werde mich in die- sem Jahr drei Monate lang vorrangig mei- nem Kind widmen und dadurch versu- chen, meiner Frau die Rückkehr in ihren Beruf zu erleichtern. SPIEGEL: Das heißt, Sie bleiben zu Hause? Gabriel: Im Urlaub und in diesen drei Mo- naten im Wesentlichen ja. SPIEGEL: Und danach? Gabriel: Wir werden es so machen wie Mil- lionen anderer berufstätiger Eltern auch: eine Kita suchen, viel organisieren und auf manches verzichten. Aber dafür ha- ben wir ja auch etwas ganz Einmaliges in unser Leben bekommen. Und vielleicht ARIEL SCHALIT / AP ist mancher auch mal ganz froh, wenn ich nicht ständig im Willy-Brandt-Haus bin. SPIEGEL: Herr Gabriel, wir danken Ihnen Palästinensische Schülerinnen, israelischer Grenzschützer: „Eine Gruppe ist fast rechtlos“ für dieses Gespräch. 30 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Brasilien-Reisender Seehofer* „Dann hätte zu Ostern die Erde gebebt“ braucht? Zumindest nicht ausreichend, findet Seehofer, und der Brief der 23 ist nur ein Beispiel dafür. Sein Verhältnis zu Merkel sei zwar „eng“, sagt er in Brasi- lien, „aber man muss schon was tun, da- mit die Interessen Bayerns nicht unter die Räder kommen“. Drei Themen hat er identifiziert, mit denen er die Kanzle- rin in den kommenden Wochen mühelos piesacken kann: die Pendlerpauschale, das Betreuungsgeld und die Pkw-Maut. Merkel will von der Maut nichts wissen, aber das beflügelt den CSU-Chef nur. Sein Parteifreund Peter Ramsauer, der Verkehrsminister, hat schließlich den Auf- trag, verschiedene Varianten einer Pkw- Maut durchzurechnen. So hat es der Koa- litionsausschuss beschlossen. LENNART PREISS / DAPD Pünktlich zur Stausaison im Sommer wird Seehofer das Thema wieder auf die Agenda setzen. Wenn es dann im Herbst um die Verteilung der Haushaltsmittel geht, will er sich die Forderung für viel Geld zum Straßenbau abhandeln lassen. Auch die Pendlerpauschale ist ein idea- CSU les Thema zum Zündeln. Merkel ist gegen Bayerischer Zündstoff eine Erhöhung, aber das stört Seehofer nicht. Ungerührt lässt er seine Beamten in der Staatskanzlei prüfen, wie man Autofahrern mit einer erhöhten Pauscha- le helfen könnte. Ob mit der Pkw-Maut, der Pendlerpauschale oder dem Eine populäre Entlastung hat Seehofer Betreuungsgeld – selbst in Brasilien plant Parteichef Horst Seehofer noch nie abgelehnt, und seine Leute fin- den bereits allerhand Gründe, warum die unentwegt die nächsten Störmanöver gegen die Kanzlerin. Pauschale dringend erhöht werden müss- te. Zum Beispiel weil der Staat bei stei- W as interessiert diesen Mann? ungsgeld. Für Seehofer war das ein Af- genden Benzinpreisen über die Mineral- Horst Seehofers Gastgeber in front, und er hat auch gleich eine Mit- ölsteuer kräftig mitverdient. Brasilien wissen es nicht. Wie schuldige identifiziert: Angela Merkel. Vor allem aber will der CSU-Chef das sollten sie auch? Da lockt der Transport- In Brasilien weist er nicht ohne Stolz Betreuungsgeld nutzen, um die Differen- minister des Bundesstaates São Paulo mit darauf hin, wie er mit seiner Partei die zen zur Schwesterpartei deutlich zu ma- Millionenaufträgen für die deutsche Wirt- jüngsten Klippen bei der Euro-Rettung chen. Im fernen Brasilien überhöhte er schaft. Und Seehofer? Bleibt völlig kalt. umschifft hat, obwohl die „roten Linien“ die Familien-Geldspritze sogar zum ge- Doch als der Brasilianer das moderne der Bayern längst überschritten sind. sellschaftspolitischen Großprojekt. „Das Mautsystem erwähnt, das in der Nähe Doch was ist die Gegenleistung? Liefert Betreuungsgeld ist für die CSU keine São Paulos seit kurzem im Einsatz ist, ist die Kanzlerin, wenn auch er einmal etwas Pflichterfüllung, sondern ein Herzens- der Gast aus Bayern mit einem Mal hell- anliegen“, sagte er. Wenn die Partei auf wach. „Ich bin ein großer Anhänger von ihrer Vorstandsklausur Ende dieser Wo- Nutzungsgebühren für die Straße“, sagt che im Kloster Andechs ein Papier zum der CSU-Chef plötzlich. „Chancenland Bayern“ beschließt, gehört Der Transportminister ist verblüfft. das Betreuungsgeld zu den Top-Punkten. „Aber die Maut ist eine sehr unpopuläre Argwöhnisch beobachtet Seehofer den Maßnahme“, sagt er, doch Seehofer winkt anhaltenden Widerstand in der CDU. Ei- ab: „Wenn man die Einnahmen wieder gentlich will der Bundesvorstand an die- in die Infrastruktur steckt, können wir sem Montag ein Bekenntnis zum Betreu- die Menschen davon überzeugen.“ ungsgeld beschließen. Doch dagegen gibt Mag sein, aber es gibt noch ein Argu- es heftige Proteste. Seehofer warnt die ment, das aus Seehofers Sicht für die CDU-Rebellen und Familienministerin Maut spricht. Er erwähnt es nur nicht. Kristina Schröder vor dem Versuch, das Das Thema ärgert die Kanzlerin. Und dar- Projekt im Kleingedruckten des Gesetz- auf kommt es ihm an in diesen Tagen. entwurfs doch noch zu torpedieren. „Das MB6 / WENN.COM Vor zwei Wochen haben 23 CDU-Bun- wird auf entschiedenen Widerstand der destagsabgeordnete einen Protestbrief an CSU stoßen. Wir wollen ein glasklares Ge- Unionsfraktionschef Volker Kauder ge- setz, das jeder in zwei Sätzen versteht“, schrieben. Sie wollten eines der Lieblings- Urlauberin Merkel mit Ehemann auf Ischia projekte der CSU verhindern, das Betreu- Von nichts gewusst * Mit Kardinal Odilo Pedro Scherer in São Paulo. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 31
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    sagt er. „Wersein Kind nicht in die Kita schickt, soll Anspruch auf das Geld haben, egal ob er sich selbst um sein Kind küm- mert oder weiterarbeitet und die Kinder- betreuung in der Familie organisiert.“ Für Seehofer geht es um mehr als ein paar hundert Euro für Eltern, die ihre Kinder lieber zu Hause erziehen. Seit der Protestaktion in der CDU ist das Projekt zum Symbol für bayerische Selbstbe- hauptung in Berlin avanciert. Und darauf kommt es an, wenn die CSU bei der Landtagswahl im kommenden Jahr die absolute Mehrheit zurückerobern will. Wenn die CSU mit dem Betreuungsgeld scheitere, „dann sind wir doch nichts mehr wert“, beteuerte Seehofer in Brasilien. Und als er beim bayerischen Abend in einem teuren Reitclub in São Paulo gefragt wur- de, ob es einen Punkt gebe, an dem er die Koalition in Berlin platzen lassen würde, GOTTFRIED STOPPEL / DER SPIEGEL wies er solche Gedankenspiele nicht von sich, sondern sagte schlicht: „Wenn sich die anderen nicht vertragstreu verhalten.“ Wie ernst es Seehofer meint, musste Merkel in der Woche vor Ostern erfahren. Die beiden telefonierten gleich mehrfach. Warum er denn immer noch um das Be- treuungsgeld kämpfen müsse, wo es doch Bus in Tübingen: Traum von einer Stadt ohne Schwarzfahrer längst beschlossene Sache sei, ärgerte sich Seehofer. Notorische Abweichler gebe es zwar in jeder Partei, sagte er zu Merkel. NAHVERKEH R Schokolade für alle „Du hast deinen Wolfgang Bosbach, ich meinen Erwin Huber.“ Aber wie 23 CDU- Fraktionsmitglieder unbemerkt gegen ein gemeinsam beschlossenes Projekt vorge- hen können, sei ihm schleierhaft. Merkel beteuerte, von nichts gewusst Tübingen will das Busfahren zum Nulltarif einführen. Doch zu haben, aber Seehofer ist bis heute arg- das Lieblingsprojekt von Grünen und wöhnisch. Vor Ostern überlegte er gar, die Zeitungen mit dem einen oder ande- Piraten nützt dem Image der Stadt mehr als der Umwelt. ren knackigen Zitat zu füttern. „Dann I hätte zu Ostern die Erde gebebt.“ n der Ökohochburg Tübingen soll die Gratisfahrt-Initiativen gibt es im ganzen Stattdessen verabschiedete er sich für Welt noch ein bisschen besser werden. Land. Sie heißen „Berlin fährt frei“, „In- einige Tage in die Zisterzienserinnen-Ab- Gemeinderat und Bürger träumen von novative Verkehrssysteme Darmstadt“ tei Waldsassen und schwieg, auch gegen- einer Stadt ohne Schwarzfahrer, von oder „Hamburger Verkehrsverbund um- über Merkel, die ihm vergebens hinter- Kranken, die im Hospital mehr Besuch sonst!“. Hinter der immergleichen Idee hertelefonierte. Der CSU-Chef hielt in- bekommen, und von Armen, Alten und stecken unterschiedliche Köpfe: Grüne nere Einkehr und war für die Kanzlerin Arbeitslosen, die immer mobil sind. Das halten den Nulltarif für ein ökologisches nicht zu sprechen. Schließlich versuchte Konzept lautet: „TüBus für alle“. In Zu- Pionierprojekt. Linke Kapitalismuskriti- sie es mit einer Versöhnungs-SMS: „Ich kunft sollen die Tübinger kostenlos durch ker fordern Mobilität als Grundrecht. Die stehe zum Betreuungsgeld.“ die Universitätsstadt fahren. „Wenn das Piratenpartei will private Infrastruktur- Mit der Friedens-SMS der Kanzlerin in Projekt erfolgreich ist“, sagt der grüne monopole zerschlagen und die S-Bahn in der Tasche fühlt sich Seehofer für die Oberbürgermeister Boris Palmer, „hat Berlin der Stadt übereignen. kommenden Auseinandersetzungen ge- man den Klimaschutz nebenbei.“ Verkehrswissenschaftler sehen im Null- wappnet. Trotzdem hat er der CDU-Che- Tübingen will als erste deutsche Stadt tarif viele Vorteile. Er soll Autofahrer in fin auf ihre SMS noch nicht geantwortet. einen umlagefinanzierten Gratisbus ein- Bus und Bahn locken. Er soll damit Klima Zwischen beiden herrscht Funkstille. führen, die Bürger würden eine jährliche und Lebensqualität in den Städten ver- Merkel soll im Unklaren bleiben, wie Verkehrsabgabe zahlen. Möglich gemacht bessern. Weniger Autos in den Innenstäd- er nun weiter vorgehen wird. In Brasilien hat den Traum von der Verkehrs-Flatrate ten bedeuten weniger Unfälle, weniger freute sich Seehofer wie ein Zocker, der der Regierungswechsel in Baden-Württem- Abgase, weniger Lärm. Udo Becker, Pro- bald eine gute Karte ausspielen wird. Als berg. Denn die grün-rote Landesregierung fessor für Verkehrsökologie an der Tech- er auf dem Sprung zum nächsten Termin prüft bereits Gesetzesänderungen, die es nischen Universität Dresden, ist sich si- zufällig seinen Pressesprecher traf, sprach den Kommunen erlauben, eigene Geld- cher, dass heutzutage „jeder Professor in er ihn an. „Alles ruhig zu Hause?“ Der quellen zu erschließen, um ihren Nahver- Deutschland den Nulltarif theoretisch für Sprecher nickte und schaute dienstbereit kehr zu finanzieren. eine gute Idee hält“. zu seinem Chef. „Wieso, wollen Sie was Damit könnte in Tübingen Realität wer- Täglich nutzen mehr als 28 Millionen anzünden?“ den, was vielerorts noch reine Utopie ist: Fahrgäste in Deutschland Busse und Bah- PETER MÜLLER freie Busfahrt für freie Bürger. Rund 20 nen des öffentlichen Personennahver- 32 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Deutschland kehrs (ÖPNV). Dasspart mehr als 18 Mil- stimmten 75 Prozent der Bürger der est- Friedrich hat diese Abgabe „Bürger- lionen Autofahrten am Tag ein. Das Um- nischen Hauptstadt Tallinn für kostenlose ticket“ getauft. Das Kalkül hinter dem weltbundesamt stellte schon 2003 in einer Fahrten in Bussen und Bahnen. 1997 gab Bürgerticket klingt einleuchtend: Wer Studie fest: „Folgt man dem Ziel, mög- es in Deutschland den ersten Nulltarif- eine Monatskarte besitzt, nutzt sie auch. lichst viele Fahrten auf den ÖPNV zu ver- versuch. Im brandenburgischen Templin Aus diesem Grund befürchtet der lagern, spielen die Ticketpreise eine we- konnten die Bürger auf Kosten von Ge- Verkehrsclub, dass nicht nur Autofahrer, sentliche Rolle.“ Besonders gern dürften meinde, Kreis und Land ohne Ticket Bus sondern auch Radfahrer und Fußgänger Bürger umsteigen, wenn die Fahrten gar fahren. Schon im ersten Jahr verzehn- verstärkt in einen kostenlosen Stadtbus nichts kosten. fachte sich die Fahrgastzahl. Die Idee einsteigen, und spricht von einem „Kan- Tübingen macht sich nun an die Umset- scheiterte 2003 an ihrem eigenen Erfolg, nibalisierungseffekt“. Der VCD hält einen zung. Doch leider könnte damit der Traum sie wurde für die Stadt zu teuer. Heute Nulltarif aus ökologischer Sicht deshalb vom fahrscheinlosen Nahverkehr ausge- kostet eine Jahreskurkarte 44 Euro, sie für wenig sinnvoll. rechnet in einer Stadt Wirklichkeit werden, gilt gleichzeitig als Busfahrschein. Auch der Verkehrsminister Baden- in der er kaum ökologischen Nutzen stiftet. Sandro Battistini vom Verkehrsclub Württembergs, Winfried Hermann, ist Denn: Die Tübinger sitzen schon dauernd Deutschland (VCD) beschreibt das Pro- skeptisch. „Ich bin grundsätzlich dagegen, im Bus. Genau deswegen hat der Nulltarif blem: „Je mehr Menschen den Bus nut- dass den Leuten signalisiert wird, ihre an diesem Ort so viele Anhänger. Genau zen, desto teurer wird die Bereitstellung, Wege seien umsonst.“ Hermann hat mo- deswegen ergibt er hier so wenig Sinn. Das desto wichtiger werden die Ticketeinnah- mentan mehr Verständnis für die Sorgen Potential an Autofahrern, die der Stuttgarter Bahnhofsgegner künftig ihren Wagen in der Ga- als für die Nöte der Tübinger rage stehen lassen, ist gering in Gratisbus-Befürworter. Nach der Stadt, von der ihr Oberbür- Einschätzung eines Ministe- germeister behauptet: „Wir sind riumsmitarbeiters könnte es deutscher Meister im Nicht-Auto- noch zwei Jahre dauern, ehe die fahren.“ Vereinbarung aus dem Koali- Die Haltestellendichte ist tionsvertrag umgesetzt wird. hoch, die Busse fahren bis spät Boris Palmer will die Zwi- in die Nacht und sind immer schenzeit nutzen, um das Prin- randvoll. Der verkehrspolitische zip der Verkehrsabgabe, nach Effekt eines Nulltarifs in Tübin- dem in Tübingen bereits ein gen wäre mit hoher Wahr- Teil des Semestertickets finan- scheinlichkeit: null. ziert wird, auf andere Berufs- Kein Grund für die Mitglie- gruppen auszudehnen. Im Lau- der der lokalen Aktivistengrup- fe des Jahres soll ein Jobticket pe gegen „Krieg, Kapitalismus für die Beschäftigten des Uni- und Kohlendioxid“, vom Null- Klinikums den Stadtbus gratis tarif abzurücken. Mit dem grün- anbieten. roten Rückenwind aus Stuttgart Doch Verkehrsexperte Fried- hat sich auch der Gemeinderat rich glaubt, dass das nicht aus- ihrer Gratisbus-Forderung an- reiche: „Wer die Leute in Busse geschlossen. Oberbürgermeister treiben will, muss den Zeitvor- GOTTFRIED STOPPEL / DER SPIEGEL Palmer, der Mann mit dem teil des Autos aufheben.“ Das Elektrobike statt Dienstwagen, gehe nicht mit Nulltarifen, son- wollte die Nahverkehrsabgabe dern mit weniger Parkplätzen schon vor sieben Jahren einfüh- und längeren Ampelphasen. ren, damals saß er als Verkehrs- Oder mit einer City-Maut. Boris experte im Stuttgarter Landtag. Palmer hat das Angebot eines Die Kritik der Tübinger Öko- Unternehmens für ein solches bürger an der Verkehrsabgabe Oberbürgermeister Palmer: „Meister im Nicht-Autofahren“ System schon in der Schublade hält sich bislang in Grenzen. liegen. Nur in einer Diskussionsrunde des Ge- men.“ Auch der Anreiz, den Fahrgästen Busfahren verbilligen, Autofahren ver- meinderats zum Thema schimpfte einer: bessere Angebote zu machen, falle weg, teuern – Verkehrsökologe Becker hält viel „Ich strample auf meinem Fahrrad täglich wenn mehr Kunden nicht mehr Geld in vom Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. fürs Klima. Jetzt soll ich den faulen Bus- der Kasse bedeuteten. Nur als „Anschub- Er sagt: „Ich würde die Maut jeder Groß- gästen auch noch ihr Ticket zahlen?“ In mittel“ hält der Club einen Nulltarif im stadt empfehlen.“ Tübingen sei allerdings einem Leserbrief an die örtliche Zeitung ÖPNV für sinnvoll. ziemlich klein, da sei es zweifelhaft, wie fordert ein anderer „Schokolade für alle“. Doch die knapp 90 000 Einwohner Tü- sehr sich Anschaffung und Betrieb des Das sei auch schön und habe mit Um- bingens, davon mehr als 20 000 Studen- Systems rentierten. weltschutz wenig zu tun. ten, steigen jährlich bereits 18 Millionen Palmer lässt sich von solchen Argumen- Vorvergangene Woche nahm in der Mal in eine der 35 Linien. Wenn die Tü- ten nicht bremsen, er hofft, mit einer Ein- Stadt ein „Koordinationskreis TüBus für binger ihre Busfahrt nicht mehr am Fahr- fahrtgebühr von einem Euro einen jährli- alle“ die Arbeit auf. Und Boris Palmer scheinautomaten bezahlen müssten, fehl- chen Nettoerlös von 20 Millionen Euro zu könnte wieder mal mit der Vorreiterrolle ten den Stadtwerken 6,5 Millionen Euro. erwirtschaften. Das wäre genug, um den Tübingens glänzen, das macht sich für Nach Berechnungen des Berliner Ver- Stadtbus kostenlos anbieten zu können. ihn auch bundespolitisch gut. kehrsexperten und langjährigen Leiters Wenn die Tübinger bei einem für 2014 ge- Die Internetseite „Free Public Trans- der Abteilung „Verkehr und Lärm“ im planten Bürgerentscheid für die Maut stim- port“ listet 47 Städte auf der ganzen Welt Umweltbundesamt, Axel Friedrich, müss- men, könnte der Gratisbus ab 2015 über auf, in denen der Nahverkehr fahrschein- ten die Tübinger eine Nahverkehrsabgabe das Tübinger Kopfsteinpflaster rollen. los funktioniert. Erst vor drei Wochen von jährlich 100 bis 150 Euro leisten. ANNA KISTNER D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 33
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    Deutschland Doch das fragwürdige Agreement mit der Schweiz regt viele Wähler auf. Bei REGIERUNG Union und FDP ist von Steuersenkungen Staatliche Geldwäsche für Normalverdiener kaum noch die Rede, überall soll gespart werden, und die Zahl der Sanktionen gegen unehrliche Hartz-IV-Empfänger erreicht gerade ei- nen neuen Rekordstand. Doch gleichzei- Berlin will deutsche Steuerflüchtige begünstigen. Wer sein tig würden von der staatlich organisierten Schwarzgeld in der Schweiz versteckt hat, Geldwäsche im Zürcher Bankenviertel kann es legalisieren; die Anonymität der Sünder bleibt gewahrt. ausgerechnet jene profitieren,skrupellos nur wohlhabend, sondern auch die nicht genug waren, ihren Anteil an der Finan- A ndreas Schmitz von Hülst, Prä- von einer pragmatischen Lösung. Aus sei- zierung des Gemeinwesens heimlich au- sident der Oberfinanzdirektion ner Sicht ist der Ablasshandel nur der ßer Landes zu schaffen. Rheinland, hatte es bis vor kur- unbedeutende Teil eines weitreichenden „Für diejenigen, die brutal Schwarzgeld zem vergleichsweise leicht, Steuersün- und grundsätzlich vorteilhaften Abkom- in die Schweiz verbracht haben, ist das dern auf die Spur zu kommen. Er musste mens mit der Schweiz, das Steuerhinter- Abkommen ein Geschenk des Himmels“, nur auf die Post mit den Selbstanzeigen ziehung in Zukunft erschwere und der sagt der Berliner Steuerrechtler Martin warten. Nahezu täglich meldeten sich Bundesrepublik unterm Strich viele Mil- Wulf. Seine Kollegin Alexandra Mack aus reumütige Bürger, um ihre Vergehen zu liarden in die Kasse spülen werde. „Für Köln spricht davon, dass für große gestehen. Vor allem die Enttarnung von die Zukunft haben wir eine Lösung, dass Steuerhinterzieher „Ostern und Weih- Schwarzgeldkonten in Liechtenstein und die Einlagen von deutschen Steuerpflich- nachten auf einen Tag fallen“, wenn das der Schweiz hatte der Klientel Abkommen in Kraft tritt. Und einen so großen Schrecken ein- Thomas Eigenthaler, Vorsitzen- gejagt, dass sich viele danach der der Deutschen Steuer- drängten, ihr Gewissen zu er- Gewerkschaft, sagt, im Prinzip leichtern und so einer noch handle es sich um einen „Persil- schlimmeren Strafe zu ent- schein“. gehen. Kritik kommt auch vom nord- Doch in letzter Zeit ist aus der rhein-westfälischen Finanzmi- Flut der Selbstanzeigen ein dün- nister Norbert Walter-Borjans nes Rinnsal geworden. Statt reui- (SPD). Auf Bundesfinanzminis- gen Sündern zuerst die Beichte ter Schäuble ist er derzeit eben- und dann das Geld abzuneh- so schlecht zu sprechen wie auf men, ist für die Steuerfahnder die Schweiz. Dass die Eidgenos- wieder mühevolle Ermittler- sen wegen des Ankaufs von CDs arbeit gefragt, ein Umstand, den mit Bankdaten kürzlich Haftbe- der Finanzbeamte Schmitz von fehl gegen drei nordrhein-west- Hülst auf die aktuelle Politik der fälische Steuerfahnder erließen, RAINER JENSEN / DPA Bundesregierung zurückführt. hat seinen Groll noch gesteigert. Viele Steuertrickser hätten sich Zwar könnte das Steuerab- kühl ausgerechnet, dass es sich kommen mit der Schweiz etli- lohne, die Entwicklung der che hundert Millionen Euro in nächsten Wochen abzuwarten. Schweizer Botschaft in Berlin: „Geschenk des Himmels“ seine Landeskasse spülen. Doch Warum ein Geständnis ablegen, Walter-Borjans lehnt den Plan wenn die Chancen steigen, dass sich die tigen auf Schweizer Banken genau gleich ab, zumal er bei seinen Auftritten im Probleme demnächst von ganz allein er- behandelt werden wie auf deutschen NRW-Wahlkampf bemerkt, dass seine ledigen? Banken“, sagt Schäuble – eine gewagte Haltung im Volk gut ankommt. Bei seinen Es geht um eine Amnestie für Steuer- Behauptung. Kollegen aus den anderen Bundesländern hinterzieher, auf deren letzte Details sich Kritiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel wirbt er nun dafür, das Projekt im Bun- Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble werten den Steuerplan als „Schlag ins desrat scheitern zu lassen. (CDU) vor den Osterfeiertagen mit seiner Gesicht der ehrlichen Bürger“. Und Walter-Borjans hat seine Fachleute im Schweizer Amtskollegin Eveline Widmer- tatsächlich passt es schlecht zusammen, NRW-Finanzministerium ausrechnen las- Schlumpf verständigt hat. Der Plan sieht dass die Finanzämter mitunter jede Be- sen, welche finanzielle Vorteile Schwarz- vor, dass sich deutsche Besitzer von wirtungsquittung überprüfen und selbst geldbesitzer durch die geplante Amnestie Schwarzgeldkonten in der Schweiz durch kleine Fehler mit Bußgeldern ahnden, hätten. Sein Fazit: „Je mehr Steuern je- eine moderate Abschlagszahlung von al- andererseits aber demnächst Milde wal- mand hinterzogen hat, desto mehr profi- ler Schuld befreien können. ten lassen, wenn Millionäre ihre Reich- tiert er von der Regelung. Das ist inak- Die Schweizer Bank stellt ihrem Kun- tümer illegal in der Schweiz gebunkert zeptabel.“ den eine Bescheinigung aus und überweist haben. Im Detail sieht die Rechnung so aus: das Geld an den deutschen Fiskus. Der Die politische Glaubwürdigkeit der Re- Wer vor zehn Jahren 1,2 Millionen Euro Steuersünder bleibt anonym. Und sollte gierung steht auf dem Spiel. Bundeskanz- unversteuertes Schwarzgeld illegal in die er eines Tages doch einmal Besuch von lerin Angela Merkel will eine Gerechtig- Schweiz geschafft hat und dort dank Zins der Steuerfahndung bekommen, muss er keitsdebatte unbedingt vermeiden. Auch und Zinseszins inzwischen über 1,6 Mil- nur die Bescheinigung seiner Bank vor- die FDP will nach dem PR-Desaster mit lionen Euro verfügt, müsste nach dem zeigen – und ist aus dem Schneider. der Hotelsteuer nicht schon wieder in Steuerabkommen nur 21 Prozent bezah- Die Bundesregierung rechtfertigt den den Ruf einer Partei für Besserverdiener len, um sein Geld weißzuwaschen. Er Deal. Finanzminister Schäuble spricht geraten. käme also mit gut 300 000 Euro davon. 34 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Sparmodell Steuerabkommen Vergleich von Steuerlasten auf Vermögen in der Schweiz Musterrechnung für Steuerpflichtige mit Wohnsitz in Deutschland und Spitzensteuersatz, jährliche Verzinsung des Kapitals: 3 % Quelle: Finanzministerium NRW Einmalzahlung aus unversteuerten Einnahmen Regelmäßige Einzahlungen von Schwarzgeld Im Jahr 2002 wurden einmalig 1,2 Millionen Euro in der Schweiz eingezahlt; Von 2002 bis 2008 wurden jährlich 500000 Euro transferiert; Kapitalstand Ende 2012: 1,6 Mio. Euro Kapitalstand Ende 2012: 4,3 Mio. Euro reguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1 Steuerabkommen 2 reguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1/2 47,6 % 73,3 % 19,0% 21,0% 44,3% 61,9% 31,5% 768266 € 1,2 Mio.€ 306 413 € 338 667€ 1,9 Mio.€ 2,7 Mio.€ 1,4 Mio.€ bei Vererbung des Kapitals im Jahr 2008 reguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1 Steuerabkommen 2 reguläre Steuer Selbstanzeige Steuerabkommen 1/2 64,0 % 93,6 % 19,0% 21,0% 58,6 % 79,7 % 31,5% 1,0 Mio.€ 1,5 Mio.€ 306 413 € 338 667€ 2,5 Mio.€ 3,4 Mio.€ 1,4 Mio.€ Alle Verpflichtungen gegenüber dem Der Greifswalder Steuerstrafrechts- sich die pauschale Besteuerung des deutschen Fiskus wären abgegolten – zu experte Wolfgang Joecks hält das geplan- Schwarzgeldes für alle Betroffenen am einem Spottpreis. Wäre das Einkommen te Abkommen deshalb für verfassungs- deutschen Spitzensteuersatz orientieren, ordnungsgemäß in Deutschland dekla- widrig. Der Steuerhinterzieher werde der inklusive Solidaritätszuschlag bei riert und versteuert worden, lägen die gegenüber den Steuerehrlichen auf eine rund 45 Prozent liegt. „Wer anonym blei- Abzüge bei 770 000 Euro, also mehr als Weise bessergestellt, die nicht gerechtfer- ben will, muss bluten. Wer glaubt, dass doppelt so hoch. tigt sei. Zwar sei es grundsätzlich möglich, er mit einer Selbstanzeige günstiger weg- So erklärt sich, warum derzeit nur sehr reuigen Steuersündern Straffreiheit und kommt, kann sich ja den deutschen Be- wenige Selbstanzeigen bei den Steuer- Steuernachlass zu gewähren. Doch schon hörden offenbaren“, so Eigenthaler. behörden eingehen. Ein Steuersünder, 1991 habe das Bundesverfassungsgericht Zweitens müsse der Stichtag für die der sich jetzt stellt, müsste im genannten es zur Bedingung gemacht, dass der Bemessung des gebunkerten Vermögens Beispiel nicht nur 770 000 Euro Steuern „Steuerpflichtige aus der Anonymität der vorverlegt werden. Bislang ist dafür der nachzahlen, sondern zusätzlich die darauf Steuerunehrlichen heraustreten“ müsse, 1. Januar nächsten Jahres vorgesehen, ein erhobenen Verzugszinsen. Am Ende sum- um in den Genuss einer Amnestie zu Unding, wie Eigenthaler findet: „Es kann mierten sich seine Verpflichtungen nach kommen. nicht sein, dass die Steuerbetrüger noch der Berechnung des Ministeriums schnell Doch genau das sieht das Abkommen bis zum Jahresende Zeit bekommen, ihr auf 1,2 Millionen Euro, also mehr als mit der Schweiz nicht vor, so Steuer- Geld wegzuschaffen.“ das Dreifache dessen, was bei der Steuer- experte Joecks. Kein Steuerhinterzieher Am besten wäre es, wenn deutsche amnestie auf ihn zukäme. werde gezwungen, seine Identität preis- Anleger ihr Geld überhaupt nicht mehr Die Musterfälle des NRW-Finanzminis- zugeben, insofern spreche „vieles dafür“, anonym in der Schweiz anlegen könnten. teriums zeigen auch, dass die meisten dass die geplante Regelung verfassungs- Dafür müsste es einen automatischen Schwarzgeldbesitzer mit dem niedrigsten widrig sei. Theoretisch könnte jeder Informationsaustausch geben, wie er zwi- Steuersatz belegt würden, den das von Steuerzahler die Sache nach Karlsruhe schen den meisten EU-Staaten üblich ist. Schäuble verhandelte Steuerabkommen tragen, indem er sich auf eine Ungleich- Die Aufhebung des Bankgeheimnisses ist vorsieht. Offiziell reicht die Spanne bei behandlung zu seinen Lasten beruft. für die Schweiz allerdings nicht verhan- den Abzügen von 21 bis 41 Prozent. Wie Gleichwohl halten auch die meisten delbar. Zumindest noch nicht. hoch der Satz im Einzelfall ist, berechnet Kritiker ein Steuerabkommen mit der Umso schmerzhafter wäre es für die sich anhand einer komplizierten Formel. Schweiz im Prinzip für sinnvoll, schließ- Steuerfahnder, wenn das Abkommen mit Je mehr und je regelmäßiger Geld hinter- lich handelt es um viel Geld. Steuer- der Schweiz in der aktuellen Version in zogen wurde, desto höher der Abschlag – experten gehen davon aus, dass die Deut- Kraft träte. Sie befürchten, dass es in Zu- das ist der Plan. schen zwischen 130 und 180 Milliarden kunft noch schwerer sein wird, Schwarz- Der NRW-Finanzminister hält das je- Euro Schwarzgeld auf Schweizer Konten geldkonten in der Schweiz zu enttarnen. doch für „reine Kosmetik“. Experten deponiert haben. Umso empörter sind sie, Dass Trickser entdeckt werden, werde haben ausgerechnet, dass Schwarzgeld- dass die Schweizer Banken nach derzei- eher unwahrscheinlich. Den Ankauf von besitzer den neuen Höchstsatz nur zahlen tigem Schäuble-Plan nur 1,7 Milliarden Daten-CDs dürfen deutsche Behörden müssten, wenn sich ihr Vermögen binnen Euro als Abschlagszahlung an den deut- laut Abkommen nicht mehr aktiv be- zehn Jahren um mehr als das Hundert- schen Fiskus überweisen müssen. treiben. fache erhöht hat, ein eher theoretischer „Deutschland hat sich bei den Verhand- Und die hiesigen Finanzämter dürfen Fall, der sich, so Walter-Borjans, „selbst lungen gnadenlos über den Tisch ziehen innerhalb von zwei Jahren gerade einmal bei optimaler Geldanlage“ kaum errei- lassen“, sagt Eigenthaler von der Steuer- 1300 Anfragen zu den Konten von deut- chen lasse. Er glaubt, dass etwa 80 Pro- Gewerkschaft. schen Bürgern an die Schweizer Steuer- zent der Steuersünder mit dem Mindest- Eigenthaler, selbst Finanzbeamter, hat- verwaltung richten. Das macht rund eine satz davonkommen – unabhängig davon, te eigene Vorstellungen entwickelt, wie Anfrage pro Finanzamt. Pro Jahr. ob sie 100 000 Euro oder Millionen hinter- ein akzeptables Abkommen mit der SVEN BÖLL, DIETMAR HIPP, zogen haben. Schweiz aussehen könnte. Erstens müsse ALEXANDER NEUBACHER, BARBARA SCHMID D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 35
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    Deutschland marktsteuer wollen aber neben der FDP acht Regierungen in Europa nicht. Dass LIBERALE eine differenzierte Antwort vielleicht län- „Spott ist erlaubt“ ger braucht, um ein vorurteilsgeprägtes Bild zu verändern, das ist mir schmerzlich bewusst. Trotzdem darf man nicht auf- geben. SPIEGEL: Warum erwecken Ihre derzeit FDP-Generalsekretär Patrick Döring, 38, über die holprige wichtigsten Wahlkämpfer, Wolfgang Ku- Zusammenarbeit mit Parteichef Rösler bicki und Christian Lindner, ständig den Eindruck, sie würden Sie und FDP-Chef und Anfeindungen von Sympathisanten der Piraten Rösler nicht mehr ernst nehmen? Döring: Den Eindruck habe ich nicht. SPIEGEL: Herr Döring, Sie sind Teil SPIEGEL: Über Ihr neues Kernthema der schwächsten FDP-Führung seit Wachstum spottete Kubicki gerade, langer Zeit. Wollen Sie sich am Wo- das sei ihm zu schwammig. Damit chenende auf dem FDP-Parteitag könne auch Haarwachstum gemeint tatsächlich offiziell zum General- sein. sekretär wählen lassen? Döring: Spott ist erlaubt. Aber in der Döring: Ich freue mich sogar darauf – Sache sind wir uns einig. Wachstum und teile auch überhaupt nicht Ihre und Haushaltskonsolidierung sind Einschätzung über die Stärke der auch unsere Wahlkampfthemen in Parteiführung. NRW und Schleswig-Holstein. Da SPIEGEL: Vor einem Jahr ist die neue füllen wir, genau wie im Bund, diese Führung unter Philipp Rösler mit Themen mit Leben. dem Ziel angetreten, Image und Pro- SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass Rös- gramm der FDP zu ändern. Warum ler nach den Wahlen in Schleswig- merkt man davon nichts? Holstein und NRW noch Parteichef Döring: Programmatisch hat es längst sein wird? eine Veränderung gegeben. Wir ha- Döring: Selbstverständlich. ben die Vision eines Staates entwi- SPIEGEL: Aber seine Autorität ist da- ckelt, der auf Schulden verzichten hin. Wir erinnern an die Kandidaten- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL und Schulden abbauen kann. Wir suche in NRW: In Düsseldorf musste müssen deshalb auf Wachstum set- Rösler in einem Nebenraum warten, zen, um so Mehreinnahmen zu ge- während Lindner, Daniel Bahr und nerieren. Die Signale sind da für die Gerhard Papke Entscheidungen fäll- kommenden Jahre sehr gut. Wir ten. Wie kann sich ein Vorsitzender können, begleitet auch von weiteren so demütigen lassen? Sparanstrengungen, bei der Konso- Politiker Döring: „Wir sind ja kein Kabarett-Duo“ Döring: Es ist normal, dass Landes- lidierung schneller vorankommen. verbände im Wesentlichen selbstän- Wir wollen erreichen, dass die Neu- dig über ihre Führung entscheiden. verschuldung schon vor 2016 bei Es ist aber ein Irrglaube, dass Phi- null liegt. Kurz: Man kann uns nicht lipp Rösler in die Entscheidung auf das Thema Steuersenkungen re- nicht eingebunden war. Es hat be- duzieren – das Wirken der FDP war reits im Vorfeld viele Gespräche ge- und ist breiter. Unsere Anhänger geben, die von ihm ausgingen und nehmen es auch positiv wahr. in denen er seine Vorstellungen dar- SPIEGEL: Selbst wenn Sie ordnungs- gelegt hat. politisch recht haben sollten: Wäh- SPIEGEL: Selbst Mitglieder des NRW- rend sich fast alle um die arbeitslosen Landesvorstands sagten, Rösler Schlecker-Mitarbeiterinnen sorgten, habe rumgestanden wie bestellt WINFRIED ROTHERMEL / DAPD war Ihr Kommentar, es werde schon und nicht abgeholt. Macht das ein keinen Zahnpastamangel geben. Parteichef, der noch etwas zu sa- Döring: Ich habe zu diesem Thema gen hat? weit Differenzierteres gesagt. Döring: Auch am Abend der Ent- SPIEGEL: Hängen bleibt die Zahn- scheidung war Philipp Rösler stän- pasta. dig über den Ablauf der Gespräche Döring: Wenn man den Satz isoliert Minister Rösler: „Ich kenne seine Stärken“ informiert. Um auf dem Laufenden betrachtet, mag er ein bisschen nass- zu bleiben, muss man im Zeitalter forsch daherkommen. Aber Zuspitzung nen auch viele Liberale nicht erkennen. moderner Kommunikationsmittel nicht sollte einem Generalsekretär nicht fremd Ihr Spitzenkandidat in Schleswig-Hol- persönlich dabei sein. sein. Entscheidend ist: Unsere Ablehnung stein, Wolfgang Kubicki, warf Ihnen we- SPIEGEL: Sie müssen den Vorgang ja run- einer Transfergesellschaft für Schlecker gen der Haltung zur Finanztransaktions- terspielen, weil er ein harter Angriff ge- war richtig, vor allem für die Mitarbeite- steuer vor, die FDP gelte als „Partei, die gen die Autorität Ihres Vorsitzenden war. rinnen, die sonst Rechtsansprüche verlo- die Finanzmärkte schützen will“. Döring: Das ist der bewusste Versuch von ren und weniger Vermittlungsperspekti- Döring: Wir haben viel getan, um die Fi- außen, ihm das als Schwäche anzukreiden. ven bekommen hätten. nanzmärkte zu regulieren: ungedeckte SPIEGEL: Sie kennen Rösler schon lange. SPIEGEL: Einen Imagewechsel hin zu ei- Leerverkäufe verboten und eine Banken- Wie kam es zu Ihrem Duo-Spitznamen nem „mitfühlenden Liberalismus“ kön- abgabe eingeführt. Eine isolierte Finanz- „Der Chinese und der Dicke“? 36 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Döring: Bei derniedersächsischen Kommu- klärtermaßen eine andere Auffassung. Ich werken und finde das extrem reizvoll, aber nalwahl 2001 hingen unsere Plakate meist kenne seine Stärken als Minister und Wahl- es gibt Grenzen. Diese Idee, dass nur der nebeneinander. Bei einem Volksfest sagte kämpfer. Rösler hat meine volle Unterstüt- Schwarm recht hat, das ist keine demokra- dann ein Kind zu seiner Mutter: „Guck zung. Sonst hätte ich nicht gesagt, dass ich tische Kultur. Zur Demokratie gehört auch mal, da kommen der Dicke und der Chi- gerne sein Generalsekretär sein will. der Schutz von Minderheiten und anderen nese von der FDP.“ Das fanden wir nied- SPIEGEL: Als Sie dann behaupteten, die Pi- Meinungen. Darum ging es mir. lich, es hat sich dann irgendwie weiter- raten stünden für die „Tyrannei der Mas- SPIEGEL: Bei der Wahl im Saarland haben transportiert. Wir selbst haben uns nie so se“, brach ein „Shitstorm“ gegen Sie los. Sie mehr Wähler an die Piraten verloren genannt. Wir sind ja kein Kabarett-Duo. Sind Sie für eine Führungsposition zu toll- als die Grünen. Werden die Piraten die SPIEGEL: Können Sie es nachvollziehen, patschig oder nur zu ehrlich? FDP als liberale Partei ersetzen? dass manche Kritiker sagen: Niemand ver- Döring: Weder noch. Ich finde es eben pa- Döring: Nein. Denn in ihrem Kern sind die körpert das Elend der FDP besser als das radox, dass bei einer Partei, die in beson- Piraten nicht liberal. Für mich sind viele Duo Rösler/Döring? derer Weise für Transparenz zu stehen Programmfragmente, die man derzeit fin- Döring: Nein. Aber wenn man in Funktion glaubt, dieser anonyme Sturm der Belei- den kann, eher links, das gilt für die Sozi- ist, wird man kritisiert, das gehört dazu. digung zur Folklore gehört. Das geht bis alpolitik wie auch die Wirtschaftspolitik. SPIEGEL: Nachdem Sie im Dezember als zur persönlichen Empfehlung für das Ab- SPIEGEL: Aber auch die Piraten wollen die Generalsekretär nominiert wurden, folgte leben. Das ist für mich nicht demokra- Freiheit des Individuums gegen Eingriffe eine Panne der anderen. Los ging es mit tisch. Ich würde es auch in einer Saalver- von außen verteidigen. Das ist eigentlich der Meldung, Sie hätten erst einen Au- anstaltung nicht akzeptieren, dass jemand Ihr Markenkern. Wo ist Ihre Abgrenzung? ßenspiegel beschädigt und danach Fah- aufsteht, mich wüst beschimpft und dann Döring: Da gibt es bei den Piraten doch rerflucht begangen … auffordert, meinem Leben ein Ende zu große Widersprüche. Man kann nicht die Döring: Es hat sich anders zugetragen, als setzen. Und so wenig will ich das in der Datenfreiheit des Einzelnen gegenüber zunächst berichtet wurde, und ich habe virtuellen Welt hinnehmen. dem Staat verteidigen, ohne gleichzeitig den Vorgang bereits mit der Nominierung SPIEGEL: Welche Drohungen bekamen Sie? anzuerkennen, dass die Daten und Ideen öffentlich gemacht. Der kleine Schaden Döring: Die Empfehlung, es Möllemann des Einzelnen gegenüber anderen ge- ist beglichen worden, die Staatsanwalt- gleichzutun und ohne Fallschirm aus dem schützt sein müssen. Datenschutz und Ei- schaft hat das Verfahren eingestellt. Flugzeug zu springen, war noch die harm- gentumsschutz sind zwei Seiten dersel- SPIEGEL: Als Nächstes bezeichneten Sie losere Variante. Es ging um jede Art, ben Medaille. Und bei allem Verständnis Rösler als „Wegmoderierer“. So haben mein Leben zu beenden. Da kriegen Sie für den Wunsch nach mehr Transparenz: Sie Ihren Chef gleich mal als führungs- das volle Programm. Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse ent- schwach hingestellt. SPIEGEL: Auf welchem Weg? spricht nicht dem liberalen Weltbild. Döring: Es ist im „Stern“ versucht worden, Döring: Per E-Mail, Facebook, Twitter, alles. INTERVIEW: MARKUS FELDENKIRCHEN, diesen Eindruck zu erwecken. Ich habe er- Ich verfolge ja die Debatten in den Netz- MERLIND THEILE
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    Drogenmilieu. V-Personen liefernInfor- mationen gegen Geld. Das V steht für Vertrauen. Doch kann man ihren Infor- mationen auch uneingeschränkt trauen? V-Leute kommen oft aus der Szene, die sie bespitzeln sollen. Immer wieder be- gehen solche bezahlten Spitzel Straftaten oder verleiten andere dazu. Im Fall Namik A. vertrauen die Ermitt- ler der V-Person, die nur einmal und nur mit dieser Information in den Akten er- wähnt wird. Das Telefon des Türken wird AXEL SCHMIDT / DAPD abgehört, die Polizei besichtigt unter ei- nem Vorwand sein türkisches Café im Berliner Stadtteil Charlottenburg, sie be- obachtet seine Laube in der Kleingarten- Zollbeamte, beschlagnahmtes Kokain: „Zweitgrößter Drogenfund seit 33 Jahren“ kolonie am Stadtrand. Hinter der Hecke steige Rauch wie beim Grillen auf, ver- merken die Beamten in ihrem Bericht. Hinweise auf schwunghaften Handel mit Heroin ergeben sich nicht. Doch die Ermittler lassen nicht locker. Im November schaltet das Landeskrimi- nalamt eine andere V-Person ein. Sie wird in den Akten unter dem Namen „Moha- rem“ geführt und soll Belege für den He- OLAF WAGNER / IMAGO roinhandel finden. Der V-Mann besucht nun regelmäßig das Café von Namik A. Er soll sich mit Namik anfreunden und ihm von seinen tollen Kontakten in Bre- merhaven berichten. Ein Kumpel habe Türkisches Café in Berlin, Angeklagter Namik A.: Zur Straftat verführt? dort die Möglichkeit, Dinge aus dem Ha- fenbereich zu schmuggeln, bevor sie vom Zoll kontrolliert würden. PROZESSE Moharem beobachtet Namik A. beim Das Teufelszeug Kartenspiel, beim Essen und Telefonieren. Später erzählt er dem LKA, was für ein schlauer und gefährlicher Mann der Café- Betreiber sei. Belege für den Handel mit Heroin bringt er nicht. In Berlin steht ein Mann vor Gericht, der mit hundert Im Café können sich auch heute noch Kilogramm Kokain von der Polizei erwischt wurde. alle an Moharem erinnern. „Zappelig, nervös und verschwitzt“ sei der gewesen, Offenbar hatten ihn staatliche Ermittler zu der Tat provoziert. „mit weit aufgerissenen Augen“, berich- tet Mohamed S., 44. Sein Geld habe der W as für ein Triumph. Zwei mas- Auf mehreren tausend Seiten haben ungepflegte Mann in dicken Bündeln in kierte Beamte in schusssicheren die Ermittler ihr Vorgehen gegen den einer Plastiktüte herumgetragen, „der Westen packen Dutzende back- Mann akribisch dokumentiert. Am Ende wollte, dass jeder es sieht“, sagt Moha- steingroße Pakete auf einen Tisch. Knapp der Lektüre bleibt der Eindruck, dass der med S. und trägt Tee in den Gastraum. hundert Kilogramm hochreines Kokain, Staat über verdeckt agierende Helfer die Dort sitzen drei Männer und spielen auf dem Schwarzmarkt wohl 4,2 Millio- Tat womöglich selbst provoziert hat. Des- Karten. nen Euro wert. halb wird es ab dieser Woche im Berliner Moharem spielt nie Karten im Café. Er Es ist der 19. August 2011, die Ermitt- Gerichtssaal auch um eine grundsätzliche fragt nach Namik, plaudert mit ihm und lungsgruppe Rauschgift hat tags zuvor Frage gehen: Dürfen Ermittler einen bis- daddelt an einem der drei Glücksspielau- mit 300 Beamten zugeschlagen. Der Poli- lang unbescholtenen Mann zu einer tomaten. Etwa alle zwei Wochen kommt zeisprecher freut sich über den „größten schweren Straftat verführen? er vorbei, und immer wieder prahlt er Erfolg bei der Bekämpfung des interna- Die Geschichte beginnt am 7. Septem- mit seinen lukrativen Drogengeschäften tionalen Drogenschmuggels der letzten ber 2009. Beim Zollfahndungsamt Han- und seinem Kontakt in Bremerhaven. Jahre“. Am nächsten Tag meldet die nover, Dienstsitz Bremen, geht ein Hin- Neun Monate lang versuchen die Er- „Berliner Zeitung“: „Zweitgrößter Dro- weis ein, wonach Namik A. in großem mittlungsbehörden, Namik A. über ihren genfund seit 33 Jahren“. Umfang mit Heroin handle. Der Türke V-Mann das Drogengeschäft schmackhaft In dieser Woche beginnt vor dem Land- sei in Berlin dabei, eine neue Lieferung zu machen. Ohne Erfolg. Moharem selbst gericht Berlin der Prozess gegen Namik A., aus dem Ausland vorzubereiten. Wer ge- berichtet den Beamten, der Café-Betrei- 51, den angeblichen Kopf der Bande. Die nau das berichtet, wissen nur die Ermitt- ber habe Heroin bei einer Gelegenheit Staatsanwaltschaft wirft ihm Drogenhandel ler in Bremen. Die Staatsanwaltschaft hat als Teufelszeug bezeichnet. vor. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis. der Person Geheimhaltung zugesichert. Doch im Juli 2010 zeigt er zum ersten Eine harte Strafe wäre wohl angemessen, Polizei und Verfassungsschutz arbeiten Mal Interesse. Nicht an Heroin, aber an doch vieles spricht dafür, dass der Staat gern mit V-Personen zusammen, beson- Kokain. Namik habe von einem Mann in den Mann erst zum Täter gemacht hat. ders in der rechtsextremen Szene und im Kolumbien erzählt, der auf hundert Kilo- 38 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Deutschland gramm davon sitze,berichtet Moharem verspricht er, die Ware sei am 20. Januar Sporttaschen. Fünf Stunden später neh- am 26. Juli dem LKA. da. Im Februar 2011 räumt er ein, das men die Ermittler Namik A. fest. Warum er sich nun auf einmal für Dro- Ding laufe nun doch nicht. In vier bis „Namik A. ist vom Staat zu einer Straf- gen interessiert, geht aus den Akten nicht sechs Wochen sei er so weit. tat verleitet worden“, sagen seine Anwäl- hervor. Vielleicht war es Gier. Namik A. Im März verfügt er angeblich über 650 te Marcel Kelz und Stefan Conen. Das träumte von einem Hotel in Antalya. Kilogramm Kokain in Venezuela, weiß Verfahren sei von Anfang an unfair ge- Glaubt man seiner Frau Yildiz A., dann aber immer noch nicht, wie er sie nach wesen und verstoße gegen die Europäi- war es akuter Geldmangel. Yildiz, 34, Deutschland bekommen soll. Nun bittet sche Menschenrechtskonvention. sagt, das Café sei immer schlechter ge- Namik A. Moharem und Klaus um Un- Der Staat dürfe keine Kriminalität pro- laufen in diesen Tagen. Sie seien mit der terstützung. Wenn sie ihm nur helfen wür- duzieren, sagt Robert Esser, Professor für Miete im Rückstand gewesen. Stromrech- den, sei er sogar bereit, seinen Traum, Strafrecht an der Universität Passau. Der nungen hätten bezahlt werden müssen. das Hotel in Antalya, mit ihnen zu teilen. Europäische Gerichtshof für Menschen- „Die langen Abende im Café gingen Doch beide lehnen Hilfe ab. rechte in Straßburg hält den Einsatz von allmählich über seine Kräfte“, berichtet Im Sommer endlich kündigt er die An- V-Leuten und verdeckten Ermittlern nur seine Frau, „er spürte das Alter.“ Und kunft der Ware für den 31. Juli an. Der für zulässig, wenn es um die rein passive dann sei sie nach zwei Fehlgeburten end- Stoff werde in Bananenkisten nach Bre- Untersuchung oder Begleitung einer be- lich wieder schwanger geworden: „Er hat merhaven verschifft. Am 31. Juli hetzt er reits existierenden kriminellen Aktivität sich Sorgen um unsere Zukunft gemacht.“ aufgeregt ins Café und muss einräumen, geht. Die Ehefrau beobachtet, wie ihr Mann dass seine Leute ihm den falschen Tag „Wäre es zu der Straftat ohne die staat- sich langsam verändert. Noch immer hilft genannt haben. Das Schiff brauche nicht liche Initiative nicht gekommen, betrach- er im Haushalt, bügelt seine Wäsche, 16, sondern 23 Tage. Moharem droht, tet der Gerichtshof den Einsatz des ver- saugt und wischt. Doch er beginnt, sich Klaus werde sich verscheißert fühlen und deckten Ermittlers als rechtsstaats- und mit fremden Menschen vor der Tür auf ausrasten. Namik A. schwört nun beim menschenrechtswidrig“, sagt Esser. Wenn der Straße zu treffen, kommt abends im- Leben seiner neugeborenen Tochter, dass der Täter weder einschlägig vorbestraft mer später. er wirklich nichts dafür könne. Um Klaus sei noch über entsprechende Beschaf- Am 6. August 2010 bringt der V-Mann zu besänftigen, will er ihm 500 Euro fungsmöglichkeiten verfüge, spreche ei- Namik A. zum ersten Mal mit „Klaus“ in schenken. niges dafür, dass es sich um eine solche Bremerhaven zusammen. Der Mann, der Wann genau das Schiff mit der Fracht unzulässige Tatprovokation handle. angeblich alles am Zoll vorbeischmuggeln ankommt, erfährt er erst am 3. August – Namik A. hat keine Vorstrafen. Er war kann, ist verdeckter Ermittler, also selbst von Klaus. Der verdeckte Ermittler hat der Polizei nie aufgefallen. Bis zu jenem Polizist. Bei Namik A. gibt er sich als den Container in seinen Unterlagen ge- 7. September 2009, an dem ihm ein V- Hafenarbeiter aus. 50 000 Euro will Klaus funden. Das Kokain kommt nun doch mit Mann den Handel mit Heroin unterstell- von Namik A. haben, wenn er eine Dro- 22 Tonnen Rohkaffee und nicht in Bana- te. Heroin, das es bis heute nicht gibt. genlieferung am Zoll vorbeischmuggeln nenkisten an. Bei ähnlichen Fällen aus Portugal und soll. Die Drogen müsse er sich allerdings Er sei gar nicht aufgeregt, weil ja er, der Russland hat das Gericht in Straßburg die selbst im Ausland besorgen. Klaus, dabei sei, sagt Namik A. am Mor- Verfahren als menschenrechtswidrig ein- Namik A. versucht über Mittelsmänner gen des 18. August zu seinem vermeintli- gestuft. in der Türkei und in Holland, mit Dro- chen Komplizen. Offensichtlich strahlt der Namik A. sitzt seit dem 18. August als genhändlern in Südamerika ins Geschäft Polizist die Sicherheit eines Mentors aus. Untersuchungshäftling in Berlin-Moabit. zu kommen. Doch so einfach ist das nicht. Gemeinsam schmuggeln sie die Drogen in Sein Traum vom Hotel in Antalya ist in Im November erzählt er dem V-Mann, einem weißen Transporter am Zoll vorbei. weite Ferne gerückt. die Sache sei ganz nah. Am 20. Dezember Hundert Kilogramm, verteilt auf drei ULRIKE DEMMER D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 39
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    Deutschland netnutzern weltweit stärker in den Blick- ben des deutschen Bundesverfassungs- INTERNET punkt rücken, weil dort die Industriestan- gerichts, das 1983 die „informationelle Moralische dards gesetzt werden. Selbstbestimmung“ zum Grundrecht er- Im Kern geht es aktuell um kleine Da- hob; einiges geht sogar darüber hinaus. tenschnüffler, sogenannte Tracking-Coo- Dass in den USA solche neuen Vor- Panik kies, die das Surfverhalten der Nutzer auf- schriften diskutiert werden, haben sich die zeichnen und an Unternehmen wie die Internetkonzerne selbst zuzuschreiben. Google-Tochter DoubleClick zurückmel- Zuletzt verging kaum ein Monat, in dem den. Die Konzerne werten diese Informa- nicht neue Datenskandale publik wurden. Ausgerechnet die US-Regierung tionen aus und schneiden Angebote und So musste das soziale Netzwerk Path prescht mit neuen Vorschlägen zum Werbung individuell auf die Interessen der einräumen, dass es auf internetfähigen Datenschutz an Deutschland Nutzer zu. Handys (Smartphones) seiner Nutzer Da- Obama und die Aufsichtsbehörde FTC ten aus den persönlichen Adressbüchern vorbei – bislang galt das Thema in favorisieren einen „Bitte nicht verfolgen“- eingesammelt hatte, ohne die Besitzer vor- den USA als Fortschrittsbremse. Button („Do not track“), den die Anbieter her um Erlaubnis zu fragen. Twitter und in ihre Browser integrieren sollen. Damit andere Dienste verfuhren mit ihren „Freun- J eff Jarvis erntet regelmäßig Lachsal- könnten Nutzer die Datensammelei im de finden“-Funktionen bislang genauso. ven, wenn er die Deutschen und ihre Hintergrund ausschalten oder zumindest Auch hier ist der US-Kongress aktiv ge- Angst vor dem Internet beschreibt: die Nutzung der gewonnenen Daten er- worden: Die Abgeordneten forderten mehr Niemand soll ihr Privathaus auf Google heblich einschränken. Google, Apple, als 30 Unternehmen auf zu erklären, wie Street View erkennen können. Aber in Amazon, Yahoo – praktisch alle großen ihre Smartphone-Anwendungen (Apps) der Hotelsauna sitzen sie ohne Hemmun- US-Anbieter kündigten bereits an, bald- heimlich so viele Daten sammeln. gen nackt mit Wildfremden zusammen. möglichst entsprechende Schaltflächen an- Dass im bisherigen Datenschutz-Ent- Lustig, diese Germans. zubieten. Ansonsten, so fürchten sie, müss- wicklungsland die Politik aufwacht, hat ei- Der US-amerikanische Bestsellerautor ten sie womöglich noch stärkere Einschrän- nen weiteren Grund: Der Wahlkampf hat diesen Befund „das deutsche Paradox“ kungen für ihre Konzerne hinnehmen. bricht an – und Obama hat sich mit seinem getauft und seine Expeditionen zu den Wie in Deutschland könnten künftig Vorstoß geschickt an die Spitze des ver- datenschutzverliebten Deutschen in sei- auch in den USA Verbraucher das einklag- brauchernahen Themas gesetzt. nem Buch „Public Parts“ verarbeitet – als bare Recht bekommen, Herr über ihre Da- In Deutschland, wo das erste Daten- abschreckendes Beispiel. Wer aus diffuser ten zu bleiben: Demnach dürften Anbieter schutzgesetz bereits vor rund 40 Jahren Angst und „moralischer Panik“ strengere persönliche Informationen ihrer Nutzer erlassen wurde, blicken Fachleute nun Regeln etwa für Google und Facebook nur noch für die Zwecke verwenden, für mit einer Mischung aus Staunen und An- verlange, bremse den Fortschritt und ver- die sie auch erhoben wurden. Und die Bür- erkennung über den Atlantik. hindere eine Menge nützlicher Anwen- ger sollen zumindest erfahren können, wer „Ich wünschte mir etwas von dem dungen, die Arbeitswelt und Alltag zum über sie welche Inhalte speichert. jüngsten Elan der US-Debatte auch für Besseren verändern könnten. Auf 62 Seiten haben Obamas Mitarbei- Deutschland“, sagt der Bundesdaten- Für seine nächste Recherche muss Jar- ter diese und andere Regeln notiert. Viele schutzbeauftragte Peter Schaar. „Hier- vis, 57, nicht mehr so weit reisen. Mit davon ähneln dem Geist nach den Vorga- zulande sind ähnliche Überlegungen, wie Wucht hat die Debatte über man- es sie vor zwei Jahren mit dem gelhaften Datenschutz im Digital- Rote-Linie-Gesetz gab, leider wie- zeitalter jetzt auch seine Heimat der eingeschlafen.“ erfasst. Tatsächlich hatte der damalige Den Anfang machte Ende Fe- Innenminister Thomas de Maizière bruar US-Präsident Barack Oba- (CDU) angekündigt, den Bereich ma. Er forderte den Kongress auf, der Persönlichkeitsrechte neu zu ein „Grundrecht auf Privatsphäre ordnen und eine „rote Linie“ zu de- für Verbraucher“ zu beschließen. finieren, die von den Konzernen Dann legte die Aufsichtsbehörde nicht überschritten werden sollte. FTC einen „Privacy“-Report vor, Doch nichts passierte. Sein in dem sie ein Datenschutzgesetz Nachfolger Hans-Peter Friedrich auf US-Bundesebene verlangt. Der (CSU) setzt ganz auf Selbstregulie- demokratische Senator John Kerry rung. Nicht einmal die E-Privacy- und sein republikanischer Kollege Richtlinie der EU, die schon lange John McCain sehen sich dadurch vor den USA eine Regulierung der in ihrer überparteilichen Initiative Cookies vorsah, wurde bislang um- für einen besseren Schutz der Pri- gesetzt. vatsphäre bestätigt und rufen zur Nur folgerichtig adressiert Autor Eile. Jarvis seinen Spott neuerdings Im Heimatland der weltweit do- auch an seine Landsleute. „Die ar- DOUG MILLS / NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF minierenden Suchmaschinen und men Cookies werden dämonisiert“, sozialen Netzwerke bedeutet dies sagt er, dabei sei interessenorien- einen radikalen Wandel. Bislang tierte Werbung doch ein grandioser galten dort persönliche Daten als Service für die Nutzer, viel besser das Öl des 21. Jahrhunderts; eine als nervende Zufallsanzeigen. „Das lukrative Quelle, die am besten Internet ist nicht kaputt“, glaubt ohne staatliche Eingriffe sprudelt. Autor Jarvis, „wir sollten also über Ein neues Grundrecht auf Daten- alle Reparaturmaßnahmen sehr ge- schutz in den USA würde automa- nau nachdenken.“ tisch die Privatsphäre von Inter- US-Präsident Obama: „Bitte nicht verfolgen“ MARCEL ROSENBACH 40 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Athener Krisenkind Paraskevain Berlin Kein Glück in „Germania“ Thalia schnell: Wo immer sie sich um ei- nen Job bewarb, scheiterte sie an ihren mangelnden Deutschkenntnissen. Da ihr für einen Sprachkurs das Geld fehlte, suchte sie Kontakt zur grie- chischen Gemeinde. Bei einem Stamm- tisch traf sie Antonia Karali, der ein grie- chisches Restaurant in Berlin-Friedenau gehört. Thalia hilft jetzt in der Küche aus. Pigi Mourmouri von der Diakonie in Neukölln kennt solche Fälle zuhauf. Sie ist griechische Sozialarbeiterin in Berlin – und deshalb derzeit sehr gefragt. Pau- senlos landen bei ihr Krisenkinder aus Hellas. Griton Lolis zum Beispiel kam vor drei Monaten nach Deutschland. In Athen hat- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL te er sein Wirtschaftsstudium mit Bestno- ten abgeschlossen, doch auf dem dortigen Arbeitsmarkt schlug danach der Euro- Horror zu. Die erste Firma, der er als Buchhalter diente, wurde dichtgemacht; bei der zweiten gab es Massenentlassun- gen. In Berlin konnte er sich glücklich kündigt wurden. Alles ist besser als schätzen, einen Platz in einem Deutsch- MIGRANTEN Athen, dachte Thalia, und buchte ein Ti- kurs bei der Volkshochschule bekommen Alles besser cket nach Berlin. zu haben. Noch lebt er vom Ersparten, So wie Thalia haben sich viele Grie- aber das, so gesteht der Akademiker, chen in die daheim so übel beleumundete gehe „bald zur Neige“. als Athen Bundesrepublik aufgemacht. Rund 25 000 Hilfe vom deutschen Staat können die meldeten sich allein im vergangenen Jahr, Neuankömmlinge nicht erwarten. Zwar gegenüber 2010 haben sich die Zahlen beschwört Kanzlerin Angela Merkel verdoppelt. Nicht einberechnet, so gibt (CDU) in der Euro-Krise gern die „euro- Zu Tausenden fliehen Griechen der Hamburger Migrationsforscher Vas- päische Solidarität“, die es gebiete, Grie- nach Deutschland: Anwälte, silis Tsianos zu bedenken, seien jene chenlands Wirtschaft zu stützen – den Ingenieure, Grafiker. Ohne Übersiedler, die den Weg zu einer deut- griechischen Krisenflüchtlingen aber steht schen Behörde bislang scheuten. Deshalb sie nicht bei. Ende Februar hat das Ar- Deutschkenntnisse sind sie auf dem geht er von mehr als 60 000 neuen Grie- beitsministerium eine Direktive erlassen, Arbeitsmarkt chancenlos. chen in Deutschland aus. Die meisten von die EU-Bürgern den Bezug von Hartz IV ihnen sind Wirtschaftsflüchtlinge mit aka- erschwert. Sie soll mittellose Einwanderer I m Oktober 2011, als der deutsche demischem Grad: Anwälte, Ingenieure, aus Südeuropa abschrecken. Auch die Fi- Bundestag Griechenland und anderen Architekten. Ausgestattet mit ebenso viel nanzierung von Sprachkursen ist äußerst EU-Staaten weitere Hilfsmilliarden Courage wie Naivität, hoffen sie auf eine schwierig. „Ohne Unterstützung ist es fast zugebilligt hatte, beschloss Thalia Paras- Chance, wie sie die griechischen Gast- unmöglich, in Deutschland Fuß zu fas- keva, 24, ihr Land zu verlassen. Sie pack- arbeiter aus den Trecks der sechziger und sen“, sagt Sozialarbeiterin Mourmouri. te warme Stiefel in einen Koffer, ein paar siebziger Jahren erhielten. Am Beispiel der griechischen Akade- Kleider, eine Jacke und ein Wörterbuch Viele gehen nach Berlin, weil sie dort, miker wird deutlich, wie weit die Bun- Griechisch-Deutsch. wie in den Metropolen London oder Pa- desrepublik noch entfernt ist von dem Zwar zeichneten die Zeitungen in ris, den Wohlstand einer Hauptstadt ver- modernen Einwanderungsland, das sie Athen die Deutschen seit Monaten als muten. Dass Berlin, der Sehnsuchtsort gern wäre. Statt sich der neuen Migranten Nazis, KZ-Aufseher und Euro-Imperialis- der Jugend aus Südeuropa, in Wahrheit anzunehmen und sich mit deren Integra- ten, die ihre Schuldner ausbluten lassen. eine arme Stadt mit einem angespannten tion auseinanderzusetzen, wie es für mus- Doch Thalias Freunde und Verwandte Arbeitsmarkt ist, merken sie erst, wenn limische Einwanderer in den vergangenen erzählten eine andere Geschichte: Sie sie vor Ort sind. Jahren geschehen ist, werden die Mauern schwärmten von einem Land, in dem je- Thalia Paraskeva kam im November eher wieder höher gezogen. Das Potential der Arbeit findet, der Arbeit haben will; in Berlin an. Die Grafikdesignerin gut ausgebildeter ausländischer Fachkräf- von den Onkeln und Tanten, die in der wohnte zunächst bei einer griechischen te wird kaum genutzt. Nachkriegszeit nach „Germania“ aufge- Freundin, die selbst vor der Krise ge- Offiziell tritt die deutsche Politik für brochen waren und dort ihr Glück ge- flüchtet war. Doch schon die Suche ein vereintes Europa ein, für offene Gren- macht hatten. Und sie erzählten von Ber- nach einer Wohnung gestaltete sich zen und den einheitlichen Markt. Die lin, vor allem von Berlin. schwierig. „Wir vermieten nicht an Grie- Lasten zu schultern, die sich daraus er- Thalia hat in Athen einen Abschluss chen“, sagte man ihr. geben, ist sie aber nur bedingt bereit. in Grafikdesign gemacht. Doch in der Und was die Idee einer Europäischen Elke Ferner, Fraktionsvizin der SPD Krise wollte niemand sie einstellen. Sie Union, eines gemeinsamen Markts mit im Bundestag, kritisiert deshalb den kellnerte, sie verdiente mal hier etwas, dem Recht, in jedem Mitgliedsland arbei- „Rückfall in die Abschottungspolitik der mal dort – bis ihr auch die Minijobs ge- ten zu dürfen, wirklich wert ist, verstand fünfziger Jahre“. Der Hauptgeschäftsfüh- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 41
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    rer des DeutschenParitätischen Wohl- fahrtsverbands, Ulrich Schneider, spricht von einem „europa- und sozialpolitisch geradezu fatalen Signal“. In ihrer Not wenden sich viele Migran- ten an die griechische Community vor Ort, an die ehemaligen Gastarbeiter und deren Kinder. Doch die sind sich uneins, was sie mit den jungen Zuwanderern ma- chen sollen. So verläuft neuerdings ein Graben durch die deutsch-griechischen Gemeinden, durch die Verbände, ja selbst durch die Gaststätte von Antonia Karali. Da sind die einen, die helfen wollen, wie die Mitglieder des Vereins Exantas. Früher trafen sie sich bei Karali, um Lesungen und Konzerte zu organisieren, jetzt gibt es beim Stammtisch nur ein Thema: die Krise. „Als wir kamen, hatten wir Arbeitsverträge und wir wurden gebraucht“, sagt Kostas Kou- velis, der Vereinsvorsitzende, „wer heute kommt, hat fast nichts und braucht unsere Hilfe.“ Er und seine Kollegen wollen eine Jobbörse gründen und arbeiten an einer Ratgeber-Homepage. Und dann gibt es die anderen, die sich für die jungen Migranten nicht verantwort- lich fühlen wollen, nur weil ihre Vorfahren auch einmal aus Griechenland ausgewan- dert sind. Sie leben seit Jahrzehnten in Deutschland, haben sich eine Existenz aufgebaut und müssen sich plötzlich recht- fertigen für die Schuldenpolitik ihres Her- kunftslandes. Manche von Karalis Gästen sagen, die Migranten hätten die Krise daheim mitverursacht und sollten allein sehen, wie sie zurechtkommen. Ein gereizter Ton herrscht unter den Deutsch-Griechen: Sozialwissenschaftler wie Vassilis Tsianos von der Universität Hamburg warnen vor wachsenden Ag- gressionen in der Community. „Die Ge- meinden gehen zugrunde“, sagt auch Ni- kolaos Athanassiadis vom Verband der griechischen Gemeinden. Der Verein Exantas würde den Lands- leuten ja gern helfen. Aber was soll man tun mit einem wie Vasileios Tzimiropou- lus? Der Bauingenieur spricht zwar vier Sprachen, doch Deutsch nur rudimentär. Weil Griechenland Leute wie den 31-Jäh- rigen in Zeiten des Sparens nicht mehr brauchte, ist er nach Deutschland gekom- men. „Mit deiner Qualifikation findest du überall einen Job“, hatte man ihm pro- phezeit. Inzwischen weiß er, dass das nicht stimmt. Junge Migranten wie Tzimiropoulus organisieren sich. Auf Facebook hat sich die Gruppe „Greek Berliners“ gegründet. Ihre Mitglieder tauschen sich über das Ankommen in Berlin aus, helfen einan- der bei der Wohnungs- und Jobsuche. Auch Thalia Paraskeva ist der Gruppe beigetreten. Die Grafikdesignerin glaubt nicht, dass sie via Facebook Arbeit findet. „Aber wenigstens bin ich mit meinen Pro- blemen nicht mehr allein.“ MAXIMILIAN POPP 42 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Deutschland für sich reklamiert. Ist der Arzt nun die unangefochtene Nummer eins? GEHEIMDIENSTE Schindler: Nach unseren Erkenntnissen ja. „Wir müssen als Erste rein“ Sawahiri hatte bereits zu Bin Ladens Lebzeiten sehr großen Einfluss innerhalb des Netzwerks. Dessen Aufbau hat sich seither nicht verändert: mit Kern-al-Qai- da an der Spitze und vielen Filialen etwa Der neue BND-Präsident Gerhard Schindler, 59, über im Irak, im Jemen oder im Maghreb. Sie bürokratische Agenten und den sind nach wie vor eng miteinander ver- bunden. wachsenden Einfluss von al-Qaida in Nordafrika SPIEGEL: Die Fragmentierung von al-Qaida ist keine Schwäche, sondern eine Stärke? SPIEGEL: Lesen Sie Gedichte? Schindler: Dieses Netzwerk ist hochflexi- Schindler: Gelegentlich. bel. Wo der Druck zu groß wird, zieht SPIEGEL: Nobelpreisträger Günter Grass sich al-Qaida zurück. Wo die Bedingun- hat gerade eines veröffentlicht, in dem gen günstiger sind, weitet es seine Akti- er behauptet, Deutschland liefere mit sei- vitäten aus. Gerade in Nordafrika ist die nen U-Booten die Plattform für einen terroristische Bedrohung in den vergan- möglichen israelischen Vernichtungs- genen Monaten sicherlich gewachsen. In schlag gegen Iran. Nigeria hat sich die Terrorgruppe Boko Schindler: Das halte ich für absurd! Haram al-Qaida angeschlossen. In Soma- SPIEGEL: Wann rechnet der Bundesnach- lia sind es die Schabab-Milizen. richtendienst (BND) mit einem Angriff SPIEGEL: Demnach hat sich die islamistisch- WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL auf die Atomanlagen am Persischen Golf? terroristische Szene verlagert? Schindler: Dazu werde ich mich angesichts Schindler: Es ist in der Tat eine Absetzbe- der politisch brisanten Situation sicherlich wegung in Richtung Somalia und in den nicht im SPIEGEL äußern. Jemen festzustellen. Daneben beobach- SPIEGEL: Seit Anfang des Jahres sind Sie ten wir, dass sich al-Qaida in Nordafrika Chef des Bundesnachrichtendienstes. derzeit neu orientiert. Ich glaube, dass es Was wollen Sie ändern? dort für eine Terrororganisation gute Rah- Schindler: Jedenfalls nicht die Haltung der BND-Chef Schindler menbedingungen gibt: Wir haben in die- Mitarbeiter. Noch nie habe ich in meiner „Anschläge auch in Deutschland“ sen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit, Laufbahn so viele hochmotivierte Kolle- bisweilen ist die Grundversorgung der Be- gen getroffen wie hier. Allerdings ist mir völkerung nicht gesichert, und es gibt we- auch noch nirgends so viel Bürokratie be- nig ausgeprägte rechtsstaatliche Sicher- gegnet. Manchmal dauert es Monate, bis heitsstrukturen. eine Operation in Gang gebracht ist, das SPIEGEL: Welche Folgen hat das für deut- kann so nicht bleiben. Der Dienst muss sche Islamisten, die es in den bewaffneten risikofreudiger werden. Kampf zieht? SPIEGEL: Und zwar wie? Schindler: Früher war Waziristan im Schindler: In den Krisengebieten der Welt Grenzgebiet von Pakistan und Afghani- darf es kein Zögern geben. Wir müssen stan das wohl wichtigste Ziel deutscher die Ersten sein, die reingehen, und als Konvertiten. Jetzt wird Somalia zu einem Letzte wieder raus. neuen Hotspot. SPIEGEL: War Ihr Vorgänger Ernst Uhrlau SPIEGEL: Bildet sich nach dem Aufstand MOHAMED SHEIKH NOR / AP zurückhaltender? in Mali in Westafrika nun der nächste Kri- Schindler: Meinen Vorgänger kann und senherd? will ich nicht beurteilen. Außerdem möch- Schindler: Mali ist knapp viermal so groß te ich eigene Spuren im BND hinterlassen. wie Deutschland, mit einer heterogenen Ich glaube zum Beispiel, dass wir die Ar- Bevölkerungsstruktur. Dass sich Nord- beit von Agenten und Quellen noch aus- mali nun vom Rest des Landes abzuspal- bauen können. Bei allen Möglichkeiten, Schabab-Milizen in Somalia ten droht, ist in der Tat besorgniserre- die moderne Überwachungstechniken „Dieses Netzwerk ist hochflexibel“ gend. Denn Nordmali könnte zu einer etwa im Internet oder über Satelliten heu- weiteren Basis für al-Qaida werden. te bieten: Es reicht nicht aus, sich darauf lich sei. Hintergrund sind die militäri- Schon jetzt operieren dort mehrere Re- zu verlassen. Klassische Nachrichten- schen Erfolge der westlichen Truppen. bellengruppen, darunter eine islamistisch dienstarbeit ist damit nicht zu ersetzen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich orientierte, die an Einfluss und Bedeu- SPIEGEL: Was berichten Ihre Leute denn die Gefahr damit erledigt hätte. tung gewinnt. vom Hindukusch, wo al-Qaida zuletzt SPIEGEL: Vor einem Jahr tötete ein US- SPIEGEL: Was bedeutet das für die Men- massiv unter Druck geraten ist? Gilt die Spezialkommando Osama Bin Laden. schen in Deutschland? Al-Qaida scheint Terrorgruppe noch als handlungsfähig? Welche Folgen hatte dies für al-Qaida? derzeit sehr mit sich selbst beschäftigt zu Schindler: Natürlich ist die Situation für Schindler: Das war sicherlich ein Ein- sein. Hat die Terrorgefahr nachgelassen? al-Qaida im afghanisch-pakistanischen schnitt in die Struktur der Kerngruppe. Schindler: Nein. Die Zielwahrnehmung Grenzgebiet schwierig geworden. „Geht Wir haben aber nicht den Eindruck, dass der Terrororganisation hat sich nicht ge- nach Somalia“, hat ein Kommandeur der das Terrornetzwerk und seine Strukturen ändert. Al-Qaida plant Anschläge auch Terrororganisation Islamisten aus dem deutlich schwächer geworden wären. in Deutschland. Westen zugerufen, weil es in den paki- SPIEGEL: Die Nachfolge Bin Ladens hat INTERVIEW: HUBERT GUDE, FRANK HORNIG, stanischen Lagern inzwischen zu gefähr- der Ägypter Aiman al-Sawahiri offiziell BERNHARD ZAND D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 43
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    Deutschland K R I M I N A L I TÄT Patrone in rotem Samt Vor dem Landgericht Hagen beginnt ein Verfahren, das alle Züge eines Mafia- Prozesses trägt. Allerdings kann der Kronzeuge nicht mehr aussagen: Der Auftragskiller Michael Petzold hat sich im vergangenen November in seiner Zelle erhängt. D er 17. November 2011 sollte der große Tag im Landgericht Hagen werden. Michael Petzold, 49, DDR-Flüchtling, Dressman, Killer, wollte aussagen, wie er im Auftrag einer italie- nischen Familie Schulden eingetrieben, geraubt und gemordet hatte. Doch dazu kam es nicht. Um 9.45 Uhr betrat die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen den Saal und erklärte: „Nach Kenntnis der Kammer hat sich der Zeuge heute Nacht erhängt.“ So konsequent, wie er gemordet hatte, verabschiedete sich Petzold aus dem Le- ben. Laut Obduktion hatte er Waschmit- tel geschluckt, sich die Pulsadern aufge- schnitten und sich dann mit seinem Gür- tel an einem Regal stranguliert. Durch Petzolds Suizid fehlt nun der wichtigste Zeuge in einem weiteren Pro- zess, der Dienstag vor demselben Gericht in Hagen beginnen wird. Angeklagt sind Mitglieder einer sizilianischen Familie, die versucht haben sollen, in Deutsch- land ein kriminelles Imperium aufzu- bauen. ALEXANDER SCHWAIGER Von einer Pizzeria an der Hagener Pe- ripherie aus, so glauben deutsche Ermitt- ler, hat die Familie mit Falschgeld, Dro- gen und Waffen gehandelt. Sie soll Kre- dite zu Wucherzinsen vergeben haben, und wer nicht zahlen konnte, bekam ei- Tatort Köln-Deutz 2006, Täter Petzold 1999, mutmaßlicher Auftraggeber Giuseppe B. 2008: Regeln nen Schuss ins Bein. Die Familie B. un- terhalte „enge nationale und internatio- versucht, ihn mit ein paar hundert Euro eine Familie und die festen Rituale einer nale Kontakte zu kriminellen Personen abzuspeisen. Gangsterwelt. und Gruppierungen, die der Organisier- Giuseppe B., der Hauptangeklagte im Petzold fühlte sich von dieser Welt an- ten Kriminalität zuzurechnen sind“, heißt Hagener Verfahren, und Michael Petzold gezogen, er bewunderte Giuseppe B. und es in einem Polizeivermerk. waren beide Anfang der achtziger Jahre ordnete sich ihm unter. Er lebte fortan Auch wenn der Kronzeuge Petzold tot in die Bundesrepublik gekommen, um ihr wie ein Mitglied des Clans. Er diente der ist, so erlauben seine Aussagen Einblicke Glück zu machen. Giuseppe B. floh vor Familie bei ihren Geschäften, und er ließ in die Geschäfte einer Familie, die offen- der Armut Siziliens, Petzold aus der Un- sich ausnutzen. bar die Regeln der Mafia ins Ruhrgebiet freiheit der DDR. So wird vor dem Hagener Landgericht importierte. In seltener Detailgenauigkeit Als sich ihre Wege in den Neunzigern ab dieser Woche die Geschichte zweier lässt sich zudem die unheilvolle Freund- kreuzten, war Petzold ein richtungsloser, Schwerkrimineller aufgerollt – aber auch schaft zweier Männer rekonstruieren, die unsteter Mann, der in seiner neuen Hei- die eines Provinzkommissars, der jahre- nach 13 Jahren zerbrach – als Petzold sein mat nirgends Anschluss gefunden hatte. lang beharrlich Beweise zusammentrug, versprochenes Honorar für einen Mord Er hatte nie viel Geld, aber einen Hang bis er den Mafia-Killer überführte. nicht erhielt. zu schönen Frauen und scharfen Waffen. Michael Petzold kam 1962 im sächsi- Im Oktober 2006 habe er einen aus Ita- Giuseppe B. hingegen wusste genau, was schen Freiberg zur Welt, der Vater Lehrer lien stammenden Gastwirt mit fünf Schüs- er wollte und wo er hingehörte. Schon an der Polytechnischen Oberschule, die sen auftragsgemäß getötet, so gestand der damals habe er den „Aufbau eines Ma- Mutter Erzieherin. Der Vater war glühen- Kronzeuge. Aber statt die zugesagten fia-Imperiums“ angestrebt, so heißt es in der Kommunist und zeitweise Bürger- 10 000 Euro zu zahlen, habe der Freund den Akten. Giuseppe B. hatte Waffen, meister von Freiberg; er betrog seine Frau 44 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    und ließ denSohn die Briefe an die Ge- begegnete er erstmals dem mutmaßli- geschworen, das Schweigen bis in den liebte überbringen. Doch der Junge las chen Mafioso Giuseppe B.; der Italiener Tod. Giuseppes Vater habe ihn in die sie und berichtete der Mutter daraus. suchte einen speziellen Sportwagen. Aus Arme genommen. Der Vater war gleichzeitig Michaels der Zufallsbekanntschaft wurde Freund- Seine Familie, das war jetzt ein Sizilia- Lehrer, und der Sohn litt unter ihm. Noch schaft. Besonders habe ihn beeindruckt, ner-Clan im Ruhrgebiet. Petzold fühlte im Alter von 16 Jahren schlug der Vater erzählte Petzold später, dass Giuseppe sich als echter Mafioso. Das machte ihn ihn vor der ganzen Schulklasse. ihm im Kofferraum seines Wagens zahl- stark, verlieh ihm Identität. Einmal lieh Michael Petzold wollte weg. Nach dem reiche Waffen gezeigt habe; darunter ein er Giuseppe B. 40 000 Mark. Er sah das Abschluss der Oberschule lernte er des- Sturmgewehr, Typ AK 47, besser bekannt Geld nie wieder, das nahm er hin. Die halb Schiffsbetriebstechniker und fuhr als Kalaschnikow. Freundschaft bedeutete ihm offenbar zur See. Als sein Bruder 1981 Suizid be- Giuseppe B. stammt aus Riesi, Sizilien, mehr als das Geld. ging, verbot man ihm, zur Beerdigung einem schönen, aber armen Städtchen Um wieder flüssig zu werden, täuschte heimzufliegen. Nach dieser Erfahrung mit rund 10 000 Einwohnern. Riesi ist ein Petzold 1995 einen Überfall auf ein Auto- brach er mit der DDR. Mandamento, ein Mafia-Bezirk, dessen haus in Hagen vor, in dem er damals ar- beitete. Er kam mit einer Bewährungs- strafe davon. Sein Komplize, von Zeugen als Südländer beschrieben, konnte nicht ermittelt werden. Petzold hielt sich an die Omertà. Und machte weiter. Im Auftrag von Giuseppe B. will er Falschgeld und Waffen transportiert, auch säumigen Schuldnern ins Bein geschossen PETER BRENNEKEN / TRIASS / BILD-ZEITUNG haben. Er brach in Wohnungen ein, stahl Rentenpapiere, Pässe und Sozialversiche- rungsausweise, die er bei Giuseppes Bru- der Pasquale B. abgeliefert haben will. Wofür die Dokumente verwendet wur- den, habe er nie erfahren. Am 9. März 1999 drang er im sauerlän- dischen Altena in die Wohnung einer Rentnerin ein. Als sie ihn überraschte, er- schoss er sie. Die Papiere der alten Dame habe er bei Pasquale B. abgeliefert, dazu eine Patrone, eingewickelt in ein rotes Tuch. Er sagte B., es habe einen „Total- schaden“ gegeben, der Code für Mord. Nur zwei Wochen später erfuhr Pet- zolds kriminelle Laufbahn eine unfrei- willige Unterbrechung. Er wurde eines Bankraubs überführt und wanderte mit kurzer Unterbrechung bis März 2006 ins Gefängnis. Doch selbst hinter Gittern MICHELE MARIA SPENA schlug sein Leben bizarre Volten: Beim Freigang spannte er einem Mithäftling die Frau aus. Sie wurde schwanger, er heiratete sie. Kaum entlassen, saß Petzold wieder in der Mafia ins Ruhrgebiet importiert der Pizzeria der Brüder B. und jammerte, er sei „knapp bei Kasse“. Pasquale B. Er bastelte eine schwimmfähige Reise- Boss in der Cupola vertreten ist, dem Füh- habe ihm dann einen Job angeboten, um tasche, und während einer Passage durch rungsgremium der berüchtigten Cosa „sein Konto aufzubessern“. Sei er bereit, den Nord-Ostsee-Kanal sprang er von Nostra. So erzählen es die örtlichen Ca- einen „Totalschaden“ herbeizuführen? Bord. Er klammerte sich an die Tasche, rabinieri. Er habe einen italienischen Gastwirt die ihn wie ein Floß im kalten Wasser ans 1984 hatten sich die Eltern mit ihren erschießen sollen, der angeblich eine hal- Ufer brachte. Klitschnass betrat der da- Söhnen Pasquale und Giuseppe in Riesi be Million Euro Schulden habe. Der mals 21-Jährige am 22. Oktober 1983 den abgemeldet, um in Deutschland ein neues Mann dürfe den 7. Oktober nicht mehr Boden der Bundesrepublik Deutschland. Leben zu beginnen. Sie ließen sich im erleben, den Tag der Hochzeit seiner Er heuerte bei den Deutschen Afrika- Ruhrgebiet nieder und eröffneten eine Tochter Stephania. Linien an, für die er drei weitere Jahre Pizzeria in der Nähe von Hagen. Doch Giuseppes mittlerweile erwachsener zur See fuhr. Er war charmant und rede- schon ein Jahr nach seiner Ankunft in Sohn, so Petzolds Aussage gegenüber den gewandt. Er konnte überzeugen, Men- Deutschland verurteilte ein Gericht Giu- Ermittlern, habe ihm das Restaurant im schen für sich einnehmen. Er arbeitete seppe B. wegen versuchter räuberischer Kölner Stadtteil Deutz gezeigt und den als Autoverkäufer, Außendienstler, er Erpressung und Nötigung. Wirt beschrieben. Pasquale B. habe ihm stand Modell für Herrenbekleidung in Zwei Jahre nach ihrem ersten Treffen eine Pistole, Marke Tokarew, gegeben, Versandhauskatalogen. Er spielte kleine raubten Giuseppe B. und Michael Petzold „leider ohne Schalldämpfer“. Am 6. Ok- Nebenrollen in Fernsehfilmen und war ihre erste Bank aus. Nach dem Überfall, tober sei er allein nach Köln gefahren. Gast bei „Vera am Mittag“. so erzählte Petzold den Ermittlern, habe Gegen 14 Uhr betrat der Killer das 1993 verkaufte Petzold Autos für einen er vor den Familienangehörigen ein „Bella Vista“ an der Mathildenstraße. Er Händler im sauerländischen Halver. Dort Treuegelübde abgelegt und die Omertà trank ein Glas Weißwein, reservierte ei- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 45
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    ertragen können. Erwolle nun Antwor- ten liefern. Petzold packte aus, erzählte alles, sein ganzes Leben. Die Polizei nahm den geständigen Dop- pelmörder in das Zeugenschutzprogramm auf. Seine Aussagen wurden auf Video aufgezeichnet, ein Richter vernahm ihn. Aus einem gewöhnlichen Mordprozess FRANCESCO SBANO / DER SPIEGEL wurde plötzlich ein Verfahren, das einen Schlag gegen die Organisierte Kriminali- tät ermöglichen sollte. Die Hagener Kripo gründete die Ermittlungsgruppe „Global“, die sich fortan mit den Geschäften der Familie B. befasste. Die Aussagen Petzolds sind nun Ge- Mafia-Hochburg Riesi: Eine heiße Dusche und ein letztes Essen mit der Tochter genstand von zwei Gerichtsverfahren: einem gegen Pasquale B., der im Februar nen Tisch für sieben Personen und war- wahrscheinlich nie vor einem deutschen 2011 auf dem Parkplatz eines Baumarkts tete, bis er mit dem Wirt allein war. Dann Gericht verhandelt worden – wenn Pet- festgenommen wurde. Und ebenjenem zog er die Pistole. Er feuerte fünfmal, zu- zolds ehemaliger Mithäftling nicht gere- gegen seinen Bruder Giuseppe und des- letzt aus einer Aktentasche, um den Lärm det hätte. Der Mann, dem Petzold die sen Sohn, die im Dezember 2011 von den zu dämpfen. Er nahm dem Toten die Frau ausgespannt hatte, offenbarte sich italienischen Behörden ausgeliefert wur- Armbanduhr ab, so sei es verabredet ge- der Hagener Polizei: Seine Ex, von Pet- den. wesen. Das Weinglas wischte er an seiner zold längst wieder geschieden, habe ihm Schon die Verhandlung gegen Pasquale Jacke ab, bevor er hinausging. die Geschichte des Mordes an einem B. und einen weiteren Italiener, die im Erst sei er zur Pizzeria der Familie B. Gastwirt aus Köln-Deutz erzählt. Oktober 2011 begonnen hat, zeigt viele gefahren, dort habe er Pasquale zuge- Kriminalhauptkommissar Klaus Müller Merkmale eines typischen Mafia-Prozes- nickt, als Zeichen, dass der Auftrag erle- fand die Geschichte plausibel. Müller, Mit- ses: Bei jedem Termin sind Familienan- digt sei. Seiner Frau sagte Petzold, dass te fünfzig, braunes, an den Seiten leicht gehörige dabei, sie bringen Wasser und er verschwinden müsse. ergrautes Haar, informierte die Kollegen Süßigkeiten für die Angeklagten. Be- Danach fuhr er zu Giuseppe B., der in- in Köln, doch die winkten ab. Müller waffnete Polizisten schützen das Gericht, zwischen in der italienischen Hafenstadt blieb hartnäckig, er bearbeitete Petzolds weil die Ermittler befürchten, dass es den Genua lebte. Er habe ihm die Armband- Ex-Frau, ihm zu erzählen, was sie wusste; Versuch geben könnte, die Gefangenen uhr des Gastwirts überreicht und eine Pa- fast drei Jahre folgte er der Spur des Kil- zu befreien. Richterin Heike Hartmann- trone, auch diese eingewickelt in roten lers, stieß auf den Mord an der Rentnerin Garschagen fühlt sich bedroht, seit der Samt. Gemeinsam fuhren sie nach Sizi- im Sauerland, trug Indizien für das Ge- Anwalt von Pasquale B. sie mit „subtilen lien, besuchten Palermo und den Ort Cor- schehen in dem Kölner Restaurant zusam- Äußerungen“ über ihre Familie und ihre leone, der seit dem Kinofilm „Der Pate“ men. Dann hatte er genug für einen Haft- Lebensgewohnheiten erschreckt hat. weltweit Bekanntheit erlangt hat als Her- befehl. Der Anwalt der Brüder weist Petzolds kunftsort eines Mafia-Clans. Am 19. März 2010 nahmen Polizisten Aussagen als „reine Phantasie“ zurück, Doch die 10 000 Euro Killergage blieb Petzold fest. In seiner Brieftasche steckte sie seien ein Produkt seiner narzisstischen Giuseppe seinem Freund schuldig. Mit ein Parkschein, ausgestellt am 12. Okto- Persönlichkeit. Pasquale B. will Petzold 800 Euro speiste er ihn ab, mehr habe er ber 2006, 17.22 Uhr, am Aquarium in Ge- nur als Freund seines Bruders gekannt nicht, soll Giuseppe gesagt haben. Wü- nua. Bei der Hauptverhandlung leugnete haben, Giuseppe und Luca haben sich tend fuhr Petzold zurück ins Ruhrgebiet. Petzold zunächst beharrlich. Doch die Be- noch gar nicht geäußert. Die italienische Polizei wurde erst zwei weislast war erdrückend: DNA-Spuren Der Grund für Petzolds Suizid bleibt Jahre später auf Giuseppe B. aufmerk- überführten ihn zweifelsfrei. indes ein Rätsel. Angeblich freute er sich sam. Nicht wegen des Mordes in Köln, Kurz bevor das Urteil gesprochen wer- auf die Verhandlung, um „endlich reinen sondern weil er zusammen mit seinem den sollte, brach der Doppelmörder doch Tisch zu machen“, wie er seiner Freundin Sohn Luca im Juni 2008 in Genua einen noch sein Schweigen. Er habe, sagte er erzählt haben soll. „Mein geliebter Schatz Kellner erschoss. Es ging um die „Ehre“, dem Gericht zur Begründung, die fragen- Sylvia“, schrieb er ihr aus dem Gefängnis, der Mann hatte ein paar Brotkrümel auf den Gesichter der Kinder des Toten nicht „du bist so wunderbar liebevoll zu mir.“ Giuseppes Hose fallen lassen. Er gehe täglich eine Stunde joggen und Seine Festnahme verlief so, wie es vermisse seinen Sohn, „aber das werde nicht mal Drehbuchautoren einer dritt- ich irgendwie verkraften“. klassigen Fernsehserie schreiben würden: Am Vorabend seines Todes, nur wenige Giuseppe B. war zunächst in seinem Por- Stunden vor seinem geplanten Auftritt sche nach Riesi geflüchtet. Aus Deutsch- vor Gericht, wechselte er dann plötzlich land dirigierte sein Vater den Anwalt Vin- die Tonlage: „Mein Liebling, mein Aller- cenzo Vitello, der auch den örtlichen Ma- liebstes, nun ist es Zeit Abschied zu neh- fia-Clan vertritt. Der Jurist organisierte men.“ Er vermachte ihr seinen Flachbild- SASCHA SCHUERMANN / DAPD die Festnahme zu Giuseppes Bedingun- fernseher, 19 Zoll, einen DVD-Player, sei- gen: vor dem Zugriff eine heiße Dusche ne restlichen „Fressalien, Kaffee, Tee und und ein letztes Essen mit der vierjährigen so weiter“. Ans Ende setzte er einen letz- Tochter. Ein italienisches Gericht verur- ten Liebesschwur. teilt Giuseppe zu 20 Jahren Freiheitsstra- Stellvertretend für den Toten wird nun fe, seinen Sohn zu knapp elf Jahren. der Richter aussagen, der Petzold ver- Die kriminellen Karrieren der Freunde Richterin Hartmann-Garschagen nommen hat. Giuseppe B. und Michael Petzold wären Verhandlung unter Polizeischutz ANDREAS ULRICH 46 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Szene Was war da los, Herr Tinney? Stuart Tinney, 47, australischer Vielseitig- keitsreiter, über sein blaues Pferd: „Pan- amera ist eine meiner besten Stuten, vor kurzem habe ich mit ihr das Australian International 3 Day Event gewonnen, den bekanntesten Reitwettbewerb auf der Südhalbkugel. Seit ein paar Wochen ziehe ich Panamera diesen neuentwickel- ten Kompressionsanzug an, er ist at- mungsaktiv und fühlt sich glatt und weich an. Der Anzug soll die Erholung nach dem Training unterstützen, indem er Kreislauf und Blutfluss anregt und die AUDE REUBRECHT TINNEY EVENTING / ACTION PRESS Muskeln vor dem Übersäuern schützt. Außerdem soll er Panamera beruhigen, wenn sie in ihrer Box zu einem Wett- kampf reist. Er ist einteilig, man wirft ihn auf den Pferderücken wie einen Sattel, dann wird er um die Beine gelegt und jeweils mit einem Reißverschluss geschlossen. Der fünfte Reißverschluss sitzt am Bauch. Das Anlegen dauert zwei, drei Minuten, das Ausziehen 30 Tinney, Panamera Sekunden – geritten wird ohne Anzug.“ Knie: Ende der sechziger Jahre fand len für die Kinder die beste Land- VERKEHR der damalige Verkehrsminister Georg schaft. Aber wir wollen auch gut „Süßes Gift“ Leber, jeder Deutsche habe ein Anrecht auf eine Autobahnzufahrt. Dahinter steckt der alte sozialdemo- verdienen, wir wollen zum Fußball- spiel, in die Oper. Also müssen wir weite Distanzen überbrücken. Wenn Andreas Knie, 51, So- kratische Traum von der Gleich- ich diesen Lebensstil haben will, muss ziologieprofessor und wertigkeit der Lebensbedingungen – ich wissen, dass ich den bezahlen Geschäftsführer des und eine veraltete Auffassung von muss. Berliner „Innovations- SPIEGEL: Müssen wir anders leben? FOTOFINDER / TEICH / CARO Mobilität. zentrums für Mobili- SPIEGEL: Wie lässt sich unsere Auf- Knie: Wir können uns diese Art zu tät und gesellschaft- fassung von Mobilität modernisieren? leben doch nur leisten, weil wir auf lichen Wandel“, über Knie: Die eigentliche Frage ist doch: das Auto so fixiert sind. Wenn es den Sinn der Pendler- Wie will ich künftig leben? Wir wollen stimmt, dass die Überwindung von pauschale einerseits den ländlichen Raum, wol- Distanzen immer teurer wird, dann müssen wir die Städte SPIEGEL: Herr Knie, wie sind Sie heute kinderfreundlicher ma- ins Büro gekommen? chen, damit junge Fami- Knie: Mit einem Elektroauto und mit lien dort leben können. U- und S-Bahn. Ich habe mehrere Ich sage: Wenn ich an Wege, weil ich mehrere Büros habe. einer prosperierenden Ich kombiniere jeden Tag verschiede- Ökonomie teilnehmen ne Verkehrsmittel. will, dann muss ich dort SPIEGEL: Weil der Sprit immer teurer auch hinziehen. STEFAN EICKERSHOF / WAZ FOTOPOOL wird, fordern Politiker, die Pendler zu SPIEGEL: Besitzen Sie ein entlasten. Ist das richtig gedacht? Auto? Knie: Nein, das ist ein Kurieren an Knie: Nein. Ich nutze Symptomen. Die Erhöhung der Pend- natürlich Car-Sharing. lerpauschale ist ein süßes Gift, das die Das exklusive Auto, das Ursache der Schmerzen nicht be- 90 Prozent der Zeit nur kämpft; sie müsste abgeschafft werden. herumsteht – das kann SPIEGEL: Was ist denn die Ursache der sich unsere Gesellschaft Schmerzen? A 3 bei Duisburg nicht mehr leisten. 48 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft Missionarsstellung EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum ein Niederländer einen Sexshop für Christen betreibt M arc Angenent hat immer jeman- Seine Freikirche sei eine offene Glau- Heleen geheiratet. Sie waren erst Anfang den zum Reden, er spricht mit bensgemeinschaft, sagt Angenent, 23 Jah- zwanzig, doch ihr Glück war überschau- Gott genauso selbstverständlich re lang war er ihr Pfarrer. Jeden Sonntag bar. Bis sie beschlossen, alles auszupro- wie mit der Frau an der Supermarkt- um zehn stand er in Pullover und Jeans bieren, wozu sie Lust verspürten. Nicht kasse. Am Tag, als er Gott die ungeheu- vor der Gemeinde. Die Gemeinde war immer nur Missionarsstellung. erliche Frage stellte, sagt Angenent, saß jung, in den 23 Jahren traute er häufiger, Angenent war schon seit einer Weile er in einem blauen Bus der Linie acht. als er beerdigte. Pfarrer, als er eine Weiterbildung begann, Er fuhr zu seiner Gemeinde, einer er wurde Sexualtherapeut. Im Win- protestantischen Freikirche im ter 2011 saß der erste Patient am Zentrum von Utrecht, Niederlan- Glastisch in seinem Wohnzimmer, de. Es war Sonntag, er fuhr zum ein Pilot. Ein junger Mann mit Son- Gottesdienst, Marc Angenent war nenbrille, gutaussehend. Einer, der Pfarrer. Die Frage hieß: „Wie Boeings und Frauenherzen zum hältst du es mit der Erotik, lieber Fliegen brachte. Erektionsproble- Gott?“ me. Marc Angenent sagte dem Pi- Gott, sagt er, sagte nichts. loten, er solle sich nicht immer Pfarrer Angenent hatte einen Bestleistungen abverlangen. Ein festen Glauben. Was die Erotik- Penis sei kein Flugzeug, eine Start- frage betraf, lag er mit Gott auf verzögerung kein Unglück. einer Linie, da war er sich sicher. Erotik konnte ein Problem sein, Gott hatte das Fleisch erschaffen für viele. Für den Piloten, der funk- und die Fleischeslust. Warum nur tionieren wollte wie die Männer in gab es so viele Gläubige, die sich MARCUS KOPPEN / DER SPIEGEL den Pornos. Oder für besonders da nicht so sicher waren? fromme Christen, für die Sex etwas Marc Angenent ist 56 Jahre alt, Schmutziges war. Ein katholisches ein Christ mit grauem Bart und Ehepaar hatte Marc Angenent eine grauen Augen. Er lebt in einem verzweifelte E-Mail geschrieben. Backsteinhaus im Süden von Seit fünf Jahren schliefen die beiden Utrecht. Zur Begrüßung steigt er Angenent nicht mehr miteinander. Sie glaub- über 20 Kartons versandfertig ten, das dürften sie nur tun, wenn verpackter Dildos, die sich im sie ein Kind zeugen wollten. So in- schmalen Hausflur stauen. terpretierten sie Humanae vitae, die Angenent verschickt Erotikbe- päpstliche Enzyklika von 1968. darf. Kondome, Gels gegen früh- Marc Angenent entschied, dass zeitige Ejakulation, Dildos, Pro- er auch denen zur Lust verhelfen statastimulatoren, Penisringe und musste, die nicht in sein Wohnzim- so weiter; am besten läuft Vibrator mer kamen. „Iris“, 22 Zentimeter, lila Silikon, Seinen Posten als Pfarrer hat er akkubetrieben, 99,95 Euro. „Lief- inzwischen aufgegeben. Als Sexu- destuin.nl“, also „Liebesgarten“, altherapeut hat er seine wahre Be- heißt seine Website für Christen, rufung gefunden, nebenberuflich im Netz ist sie seit vier Wochen Aus dem „Hamburger Abendblatt“ betreibt er seinen Erotikversand. zu finden. Marc Angenent führt Dass er keine Peitschen, keine einen privaten Kreuzzug gegen Fetischartikel verkauft, sei nicht Lustfeindlichkeit. als Bevormundung gemeint. An- Bevor er ins Geschäft einstieg, erzählt Wenn Pfarrer Angenent Gemeindemit- genent will die christliche Kundschaft Angenent, saß er auf seinem Sofa, den glieder zu Hause besuchte, stellte er an- nicht erschrecken. Deshalb zeigt er auch Laptop auf dem Schoß, und klickte von dere Fragen als andere Pfarrer. Er hockte keine nackten Männer und Frauen, keine einem Erotikshop zum nächsten, um her- auf fremden Küchenstühlen und sah in pornografischen Darstellungen auf seiner auszufinden, was in sein Sortiment passt. nervös wandernde Augen. Er nahm einen Website. Lack? Leder? Peitschen? Gleitcreme? Peit- Schluck Tee, dann sagte er: Haben Sie Jetzt, im Netz, hat Marc Angenent eine sche nein, entschied er, Gleitcreme ja. ein erfülltes Sexleben? größere Gemeinde als jemals zuvor. Er Und er entschied auch, dass er auf Be- Viele waren dankbar für seine Direkt- hat Dankeschön-Mails bekommen und stellung arbeiten würde. Geht ein Auftrag heit. Sie sagten, sie hätten keinen Sex Hass-Mails, er sei mit dem Teufel im Bun- bei ihm ein, ordert er die Produkte beim mehr, und wenn, dann sei er langweilig. de, schrieben ihm Glaubensbrüder. Großhändler. Es gibt eine Gewinnspanne, Marc Angenent riet, Neues auszuprobie- Von Gott, sagt Angenent, habe er Der- aber es gehe ihm nicht ums Geld, sagt er. ren, Lust zuzulassen. Dass es half, wusste artiges nicht gehört. Wichtig sei seine Mission: die Lust. er aus Erfahrung. 1976 hatte er seine Frau ALEXANDER KREX D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 49
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    Gesellschaft Boxer Mares mit Totenkopf-Tuch M I G R AT I O N Der Grenzgänger TODD BIGELOW / NOVUS SELECT Als Kind von Illegalen kam er in die USA, geriet in die Halbwelt der Latino- Banden, als Boxweltmeister kann er zur Legende werden. An den amerikanischen Traum glaubt der Mexikaner Abner Mares trotzdem nicht. Von Ullrich Fichtner 50 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    A ls Abner Mares unbehütet auf- Idol zu sein, für die Latinos, die in Kali- sie putzte und sah nach den Gärten und wuchs in Hawaiian Gardens, der fornien, Texas, Arizona vielerorts nicht Blumen fremder Leute. Sie arbeitete, er- kleinsten und damals härtesten mehr Minderheit sind, sondern längst die innert sich Abner Mares, der Viertgebo- Stadt im randlos zersiedelten Los Ange- überwältigende Mehrheit. In Hawaiian rene, eigentlich ununterbrochen. les, standen ihm nicht viele Leben offen. Gardens haben 74 Prozent der 16 000 Ein- Auch der Vater, der nachzog, irgend- Für ein Kind wie ihn, von der Mutter über wohner hispanische Wurzeln, sie sind ir- wie, auf irgendwelchen Wegen, war nicht die mexikanische Grenze eingeschleppt gendwann aus Mexiko oder Guatemala oft zu sehen, während die Kinder zu Hau- mit fünf weiteren Geschwistern, führten gekommen, legal oder illegal, das spielt se, elf wurden es am Ende, sieben Brüder, alle Wege in den Knast, ins Krankenhaus bei einer Latino-Mehrheit von drei Vier- vier Schwestern, vor dem Fernseher ver- oder gleich ins Grab. Es war die Zeit, und teln keine große Rolle mehr, niemand wahrlosten. Sie lebten dahin in der Elaine, sie ist noch nicht vorüber, als die Latinos fragt danach. später in der Horst Avenue, in Holzhäu- die Schwarzen jagten, mitten in Amerika. Der Weg hierher war weit für alle Fa- sern, so klein, dass der Platz nicht reichte, Abner Mares, das stand jedenfalls fest milien, und Mares’ Geschichte ist die Ge- um Betten für alle aufzustellen. von Anfang an, würde um sein Leben schichte vieler Einwanderer, ein kleiner Jahrelang schlief Abner Mares auf dem kämpfen müssen. Roman über einen Aufsteiger, ein Lied Fußboden, und oft schlief er gar nicht, Er steuert seinen silbernen Jaguar XF darüber, dass der amerikanische Traum weil ihn, mitten in Amerika, bohrender durch Hawaiian Gardens wie ein müder irgendwie fortlebt und irgendwie doch Hunger wach hielt. Ein-, zweimal die Wo- Fremdenführer, ein wenig ziellos, im Ge- kaputtgegangen ist. Denn Abner Mares, che machte sich die Familie im Morgen- sicht eine schwere Sonnenbrille von Louis der wie ein Amerikaner lebt, fühlt wie grauen auf zum „Großeinkauf“, sagt Ma- Vuitton. Ein falscher Sommer ist aufge- ein Mexikaner. Und wenn er seine Siege res mit einem falschen Lachen. Sie zog zogen über der kleinen Stadt, die in feiert, wehen grün-weiß-rote Fahnen und dann hinter die Supermärkte am Norwalk Wahrheit nur ein sehr kleiner Stadtteil keine Stars and Stripes. Boulevard und in der Carson Street, um ist im Südosten von Los Angeles. Hier war er Kind ohne viel Kindheit, das heißt ohne Glück, seine Hände zeigen hinaus auf lauter Tatorte. „Hier an der Ecke wur- de ein Freund von mir erschossen“, sagt er. „Da drüben hat es einen anderen er- wischt, er wurde erstochen.“ So geht es weiter auf dieser Tour, geis- terhaft, Mares erzählt von einer Schie- ßerei hier, einem Überfall dort, einer Schlägerei, einem Mord. Die Taten sind fünf Jahre her oder acht oder zehn, und Mares ist kein Angeber. Er erzählt seine Geschichten nüchtern und so, als versuch- te er das Wunder zu begreifen, dass er nicht selbst erschlagen oder zum Mörder wurde. Abner Mares Martínez ist 26 Jahre alt, TODD BIGELOW / NOVUS SELECT er misst 1,65 Meter, hat eine Reichweite von 1,73 Metern, und bei der Begegnung wiegt er 61 Kilogramm, das macht zwölf- einhalb Pounds zu viel, sechs Kilo, die er schnell wieder loswerden muss, ohne da- bei Kraft zu verlieren. Am 21. April steht sein nächster großer Boxkampf an, Super- Aufsteiger Mares in Hawaiian Gardens: Schlachtfelder einer amerikanischen Kindheit bantamgewicht, es geht gegen Eric Morel und um den Weltmeistertitel des WBC- Das nördliche Amerika war jahrelang in den Müllcontainern nach Essen zu su- Verbands. Die Show wird in El Paso statt- nicht besonders gut zu ihm. Als ihn seine chen, nach Fleischpaketen, Milch und finden, Texas, direkt an der Grenze zu Mutter aus Guadalajara nach Norden ver- Brot, das für die zahlende Kundschaft Mexiko, also fast in der Heimat, in Abner pflanzte, um das erbärmliche Leben süd- nicht mehr gut genug war. Mares’ eigentlicher Heimat. lich der Grenze gegen ein besseres ein- Ganz am Anfang, sagt Mares, waren Mares ist bekannt in Mexiko, bekannter zutauschen, war er sieben Jahre alt. Die die Ausflüge zu den Hauptstraßen ein als in den USA, das wird sich am Publikum Mutter nahm ihre damals sechs Kinder Fest für die Kinder. Sie stellten sich vor ablesen lassen. Leute, die sich mit dem und machte sich auf in die Vereinigten McDonald’s-Filialen und dem Food4Less- Boxen auskennen, trauen ihm zu, dass er Staaten von Amerika. Die Familie kratzte Supermarkt auf, vor den Konsumtempeln das Zeug zur Legende hat, dass ein neuer Geld zusammen, um die Schlepper zu be- Amerikas, und machten Fotos von sich, Chávez in ihm steckt, der einst mehr Pro- zahlen, um in wechselnden Autos über „das war unser Disneyland“. Später ver- fikämpfe in Folge gewann als irgendein die grüne Grenze zu gelangen, das war wandelten sich dieselben Straßen, Hin- anderer Boxer, oder der nächste Rubén damals, 1992, einfacher als heute. In der terhöfe und Parkflächen in die Schlacht- Olivares, der als zäher, langlebiger Cham- Luft lag der ewige Frühling Kaliforniens, felder seiner Jugend. pion in der Boxszene unvergessen ist. aber das erbärmliche Leben der Familie Bis vor drei Jahren tobte in Hawaiian Abner Mares könnte in diese Liga auf- Mares sollte jetzt erst richtig beginnen. Gardens ein Bandenkrieg so brutal, dass steigen, aber er ist zu bescheiden oder Die Mutter, „undocumented“, eine endlich ganze Hundertschaften der loka- zu klug, es selbst laut auszusprechen. Er Mexikanerin ohne Papiere oder nur mit len und der Bundespolizei einrückten, um redet von Hoffnung und harter Arbeit den falschen, eine Frau, die nichts als Spa- Jagd auf gleich 147 Gangster zu machen. und davon, dass es natürlich schön wäre, nisch sprach, fand nur die üblichen Jobs Es war, sagte ein Staatsanwalt damals, die auch für die Latinos in Nordamerika ein der illegalen Einwanderer, Hilfsarbeiten, größte Anti-Banden-Razzia in der Ge- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 51
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    Gesellschaft schichte der USA,und auf die Verfolgten warteten reihenweise Verurteilungen zu 15, zu 20 Jahren Gefängnis. Die meisten der 63 Leute, die am Tag der Razzia im Mai 2009 festgenommen wurden, kannte Abner Mares. Es waren Freunde, Schulkameraden, ehemalige „große Brüder“ darunter, die Kindern wie ihm erzählt hatten, die Schwarzen seien nichts wert und müssten aus dem Ort ver- schwinden, mit allen Mitteln. Drogendealer wurden ausgehoben, Geldwäscher, Autoknacker, Totschläger, die zuvor auf der Suche nach neuen Ta- lenten waren. Sie waren die Ersten, die Abner Mares entdeckten. Er war klein, aber schnell. Er war dünn, aber stark. Er machte sich, ein halbes Kind noch, schon einen Namen als gefährlich guter Schlä- ger. Und seine Aussichten darauf, in den Knast, ins Krankenhaus oder ins Grab zu kommen, stiegen stetig. Wer Mares heute beim täglichen Trai- ning zusieht im Boxclub an der 56. Straße von Maywood, 25 Minuten Autobahn- fahrt nach Süden von Downtown Los An- geles, 30 Minuten Fahrt nördlich von Ha- waiian Gardens, erlebt einen konzentrier- ten, ernsten Kämpfer. Der Club ist ein niedriger Zweckbau in einer Gegend, zu- gestellt mit Lagerhallen, in der Nähe Familienvater Mares, Polizeieinsatz gegen junge Latinos in Los Angeles 2006: Er hat die stapeln sich auf gewaltigen Flächen die Schiffscontainer, umgeschlagen im Hafen Verbände zu vereinen. Mares steht dane- Kong“ Agbeko, überdauerte sein Glück von Long Beach, dessen Anlagen sich tief ben, bescheiden und klein, eine Sportta- den Abend nicht. Der IBF-Boxverband in die Stadt fressen. Auch aus Maywood sche über der Schulter, wie ein Schüler, verlangte sofort eine zweite Begegnung, werden fast täglich Überfälle und Einbrü- er sagt: „Ja, Frank, das wäre toll.“ weil Mares reihenweise Tiefschläge abge- che gemeldet, Schlägereien, Diebstähle, Es ist erst die zweite Woche seines Auf- liefert hatte, die der Ringrichter ebenso „das Übliche“, sagt Mares, „this is L. A.“. bautrainings, aber er unterzieht sich schon reihenweise überging. Erst beim Rück- Im Club stehen zwei Boxringe fast einer mörderischen Routine. Wer beim kampf im Dezember, im Honda-Center raumfüllend nebeneinander. Die Decke Seilspringen mitzählt, hört um die 1500 von Anaheim, holte er sich den Gürtel in der Halle hängt so niedrig, dass sich ihre irgendwann auf, es folgen Schattenboxen, zwölf regulären Runden, aber schon in Balken vom Ringboden aus springend Arbeit an Speed-Bällen, Schlagübungen Runde zwei handelte er sich einen Riss fast erreichen ließen. HipHop-Musik auf den gepolsterten Bauch und die Hän- über dem rechten Auge ein. wummert, drei Dutzend Boxer trainieren de in Pratzen von Clemente Medina, Ma- Mares machte weiter, blutend, wütend, hier, sie trudeln gegen zehn Uhr ein, drü- res’ Coach. „Pam-pam“, schreit Medina, immer vom technischen K. o. bedroht. Am cken zur Begrüßung die Schultern freund- wenn er Doppelschläge einfordert, „pam- Ende fügte er seiner Profi-Bilanz den 23. lich aneinander, alles Latinos, von zwei, Sieg hinzu, bei null Niederlagen und 13 drei schwarzen Boxern abgesehen. Knockouts. Er war Weltmeister, und das Es sind schräge Typen darunter wie „Großeinkauf“ bedeutete ist, auch wenn es im Boxsport so viele Daniel Hernandez, der in den Straßen für seine Familie: Sie Weltmeister gibt, ein großer Titel für einen, von Los Angeles einen Kopfschuss über- der als Kind zum Scheitern verurteilt war. lebt hat, oder Robert Guzman, der mit holte sich das Essbare Weltmeister zu sein hieß, bei künftigen den Marines bis vor kurzem im Irak-Krieg Kämpfen 200 000, 300 000 Dollar Preis- war. Um sie herum lungern Boxpromoter aus dem Müll. geld wert zu sein, Jaguar fahren zu kön- und verliebte Mädchen, die regelmäßig nen, es hieß, dass Plasmafernseher in vor die Tür gehen, um Zigaretten zu rau- pam-pam“, wenn er schnelle Rechts-links- Reichweite kamen, Designerklamotten chen und auf Telefonen herumzutippen. rechts-Kombinationen sehen will. und ein eigenes Haus in einer ordentli- Die Umgangssprache hier ist Spanisch. Medina, ein jovialer Mexikaner, von chen amerikanischen Vorstadt. Mares’ Manager schaut vorbei, Frank dem im Web Videos kursieren, die ihn Mares fand seines in Lakewood, einer Espinoza, er fährt vor in einem schwar- als Volkssänger verewigen, sagt über anderen Siedlung im Labyrinth von L. A., zen Range Rover mit seinem Sohn Fran- seinen Star, er habe nicht unbedingt die sie liegt in direkter Nachbarschaft von kie, dem kleine Brillanten in beiden Oh- ganz große Schlagkraft. „Aber Abner ist Hawaiian Gardens, nur ein paar Blocks ren stecken. Espinoza trägt schwarzes schnell“, sagt Medina, „sehr schnell, er von seiner Kindheit entfernt, und doch Hemd und schwarzen Anzug zu hellbrau- hat gute Beine, und vor allem hat er das ist er in eine andere Welt umgezogen. Es nen Schuhen aus Klapperschlangenleder. Herz eines Boxers. Er steht schwere Situa- gibt hier noch eine dünne Mehrheit der Er schwärmt von seinem Champion, er tionen durch, egal wie schwer.“ Weißen, es gibt eine große asiatische und sagt, Abner werde „groß“, vielleicht der Als Mares zum ersten Mal Weltmeister eine noch immer nennenswerte schwarze erste Boxer, dem es gelingen könnte, in wurde, im vergangenen Sommer, in einer Bevölkerung. Raubüberfälle und Dieb- der Bantamklasse die WM-Gürtel aller wilden Schlägerei gegen Joseph „King stähle, aufgebrochene Autos und Häuser 52 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    TODD BIGELOW /NOVUS SELECT (L.); ROBERT NICKELSBERG / GETTY IMAGES (R.) Bandenkriege erlebt, versucht, das Wunder zu begreifen, dass er nicht erschlagen oder zum Mörder wurde gehören auch hier zum Alltag, aber das als so viele frühere Einwanderer dankt gar nicht kannte. Aber es wurde seine Leben fühlt sich anders an, besser. er nicht dem Land, sondern sich selbst. Rettung. Mexiko war ein Land, das ihn Er hat jetzt einen weißen und einen Er hat es geschafft, das ungefähr be- nicht ablehnte und loswerden wollte, son- asiatischen Nachbarn, und er hat schwar- schreibt seine Haltung, nicht weil, son- dern willkommen hieß. Es war sein Land. ze Freunde. Der Hass auf die Afroameri- dern obwohl er in den USA strandete. Tatsächlich durfte er ein Probetraining kaner, der ihm einst eingebläut wurde Richtig angekommen kann er sich nicht bei der Nationalmannschaft absolvieren, und der sich weiterhin in den Latino-Vier- fühlen. Wenn er in eine Verkehrskontrol- im Jahr 2000 war das, und er durfte blei- teln von Los Angeles entlädt, hat sich bei le gerät, und das passiert häufig, fragen ben als Sparringspartner, der sich bald in ihm durch Begegnungen verflüchtigt. ihn die Polizisten nicht zuerst nach den den Kader hochboxen würde. Er klingt „Wir sind alle nur Menschen“, sagt Mares, Autopapieren, sondern danach, wem der märchenhaft, dieser Aufstieg, Mares muss „wir wollen alle Respekt, und wir haben Wagen gehört. Und er hat Glück, wenn Glück gespürt haben damals, aber er sagt alle dieselbe Würde.“ sie ihn nicht gleich aus dem Sitz ziehen das nicht so, nichts von Glück und Mär- Seine Frau Nathalie, geborene Moreno, und nach Drogen oder Waffen durchfil- chen. Angekommen fühlte er sich, das ja, sitzt daneben, still und schön, eine Mexi- zen. „Ich muss mich rechtfertigen, jedes und zum ersten Mal im Leben führten kanerin auch sie. Sie spricht nur Spanisch, Mal“, sagt Mares. „Dass einer wie ich ein seine Wege nicht geradewegs in den obwohl sie seit Jahren in den USA lebt, großes Auto fährt, ist nicht vorgesehen. Knast oder ins Krankenhaus. ihr Mann will nicht, dass sie arbeiten geht. Das ist nicht richtig in einem freien Land.“ Mit kühler und präziser Aggression „Ich kann für uns sorgen“, sagt Mares, Er hatte im Leben, bei allem Pech, auch erkämpfte er sich stattdessen eine beein- und das ist für einen wie ihn, für einen Glück auf krummen Wegen. Als er, in druckende Amateurbilanz, 112 Siege, nur von ganz unten, ein großer, stolzer Satz. Hawaiian Gardens, mit 15 von der Schule 8 Niederlagen, aber eine davon, die letz- Die erste Tochter kam vor sechs Jahren, flog, ein notorischer Schläger, und die te, musste er ausgerechnet in der ersten die zweite ist gerade vier Monate alt, und Entscheidung darüber anstand, ihn auf Runde des olympischen Turniers von wer den Boxer mit dem Kind und dem eine Sonderschule zu geben, entschieden Athen einstecken, 2004. Mares war 18, er Baby spielen sieht, möchte daran glauben, sich die Eltern dafür, ihn nach Mexiko wurde gelost gegen den Ungarn Zsolt dass sich der amerikanische Traum für zurückzuschicken. Sie setzten ihn, der Bedák, einen klassischen Linksausleger, ihn erfüllt hat. Das Heim der Familie Ma- schon ein Jugendboxer war, in ein Flug- es wurde ein enger Kampf, den Mares res sieht aus wie die Kulisse einer Seifen- zeug, wieder hinaus aus Kalifornien, in nach Punkten verlor. „Ich hatte mich jah- oper, die offene Küche wie aus einem Ka- der irren Hoffnung, er könnte so gut sein, relang auf die Spiele vorbereitet“, sagt talog, es gibt Fernseher in jedem Zimmer, dass er es in den mexikanischen Olym- er. „Ich war am Boden zerstört. Ich woll- vor dem Haus stehen der Jaguar und ein piakader schaffen würde. te eine Medaille holen, ich war sicher, zu GM Tahoe, so groß wie ein Panzer. Mares empfand es als Strafe. Er glaub- gewinnen.“ Nach hinten liegt eine große, schattige te, die Eltern verstießen ihn, weil er ihnen So niedergeschlagen war Mares, dass Terrasse mit gemauertem Barbecue und kein guter Sohn war. Er war gerade 15 ihm in einem Interview danach die Stim- üppiger Hausbar, Spielzeug liegt herum, und schon auf sich gestellt, ein kleiner, me stockte, und die Tränen kamen vor alle Dinge sagen: Abner Mares hat es irgendwie gemischter Mensch, halb Ame- laufender Kamera. Das war, im Unglück, geschafft. Aber ein glühender Amerika- rikaner, halb Mexikaner, der in ein Land sein Glück, denn diese Szene rührte die ner ist nicht aus ihm geworden. Anders kam, das seine Heimat hieß, das er aber Frau von Oscar De La Hoya, Boxpromo- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 53
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    Gesellschaft Aber die Wunde heilte, von allein, durch Schonung, und es ging wieder ein bisschen zu wie im Märchen. Nach Mo- naten schlechter Nachrichten gab ihm der Arzt die Erlaubnis, das Training wieder aufzunehmen, und es war die glücklichste Stunde seines Lebens, eine neue Wende im Auf und Ab seiner Biografie. Er durfte wieder um sein Leben kämpfen. Um nach der Zwangspause allen zu zei- gen, dass sie sich künftig in Acht nehmen müssen vor einem neuen, gehärteten Ab- ner Mares, ließ er sich Tücher mit Toten- köpfen bedrucken, die er sich seither um- bindet, wenn er im Tross seines Teams zu stampfender Musik zum Ring marschiert. Und dieser andere, der neue Mares ist noch besser als der alte. Wie gut alles läuft für ihn seit 2009, lässt sich in Hawaiian Gardens erleben, wo er auf der Straße erkannt wird wie TODD BIGELOW / NOVUS SELECT ein weltberühmter Star. Fremde Men- schen winken ihm zu, alte Bekannte trom- meln die Familien zusammen und rufen hinter sich in die Häuser hinein: „Abner ist da! Besuch vom Champion!“ Es kommen Passanten heran und fragen Profi Mares, Trainer Medina: Früher, sagt er, war das Boxen Passion, jetzt ist es Arbeit devot nach der Erlaubnis, sich mit ihm zu fotografieren, nahe seiner alten Schule be- ter in Los Angeles und selbst einer der Im Boxclub wandten sie sich von ihm kommt er es mit einer weinenden Frau zu größten Faustkämpfer aller Zeiten. ab. Leute, die ihn als falsche Freunde um- tun, die Papiere in ihren Händen reibt und Sie sagte ihrem Mann, er müsse sich schlichen hatten, mieden seinen Blick. ihn bittet, auf Spanisch, etwas für ihren diesen Mares unbedingt ansehen. Und Seine Promoter standen wohl irgendwie Sohn zu tun, der im Gefängnis sei. das tat De La Hoya, dessen Abbild, in zu ihm, aber was sollten sie anfangen mit Mares hört zu, beruhigend, mit seinen Erz gegossen, vor dem Staples Center in einem, der erledigt war. Mares haderte, großen Kinderaugen, in denen zu viel Downtown Los Angeles steht. Auf zehn er weinte an der Schulter seiner Frau wie Traurigkeit sitzt. Einer seiner vielen Brü- Weltmeistertitel kann De La Hoya zu- ein Kind, aber er glaubte auch an seine der war auch gerade im Knast, er sagt: rückblicken, auf eine Goldmedaille für Genesung. Wieder und wieder ging er „Wenn sie mich nicht nach Mexiko ge- die USA, nun ließ er sich Aufnahmen von zum Arzt, und regelmäßig hörte er, es schickt hätten, wäre ich an seiner Stelle.“ Mares’ Kämpfen kommen, auch das In- gehe nicht, er könne nicht kämpfen, er Die Brüder, die Schwestern, sie wohnen terview nach der Niederlage in Athen. werde das Augenlicht verlieren. alle noch in der Gegend, Mares wischt Fa- Der Junge, Abner Mares, gefiel ihm. Wenn Mares von dieser Zeit erzählt, milienfotos über sein iPhone. Er fährt zum Er hatte Biss, er war schnell, De La Hoya fährt eine Bitterkeit in seine Züge und Rathaus von Hawaiian Gardens, dem entschied, dass er ihn gebrauchen könnte. Worte, die nur schlecht zu seinen 26 Jah- Städtchen geht es besser, seit sich ein Spiel- Mares erzählt vom entscheidenden An- ren passt. Er sagt, bis dahin sei das Boxen casino hier angesiedelt hat. Die Straßen ruf wie von einem Wunder. Der große seine Passion gewesen. Seither, sagt er, sind jetzt nachts durchgängig beleuchtet, Boxer lud den kleinen samt seinem Vater und der Bürgermeister, Michael Gomez, ein, zu kommen und gleich die Verträge hat das Richtige getan und sein Rathaus in zu unterschreiben. Und so wurde aus Er weinte wie ein Kind ein einziges Jugendzentrum verwandelt. Abner Mares, dem ehedem chancenlosen an der Schulter seiner Es gibt noch immer Banden. Und es Kind aus Mexiko, ein Profiboxer in den gibt noch immer Totschläger, die ihren USA. Frau, aber er glaubte an Kleinkrieg der ethnischen Säuberung füh- Er war gut. Er sah gut aus. Er schlug ren. Aber im Rathaus hopsen lustige Mäd- die Gegner, wie sie kamen, er, der Mexi- seine Genesung. chen und junge Männer in Tanzsälen und kaner, gewann und verteidigte zweimal Krafträumen samt Boxring, man kann den nordamerikanischen Meistertitel im sei es nur noch die Arbeit, der er nachge- hier basteln und Pläne schmieden und Bantamgewicht. Aber im Oktober 2008, he, um seine Familie zu ernähren. Englisch lernen, das gab es alles nicht, als eine Woche vor dem Kampf gegen Luis Fast ein Jahr lang fiel er aus. Und weil Abner Mares Kind war in Amerika. Melendez in Atlantic City, stimmte mit er Geld verdienen musste, kehrte er zu- Wenn er durch die Flure geht, stolpern einem Auge etwas nicht mehr. rück an seine amerikanischen Anfänge. die Mädchen kreischend zu den Seiten Steven Steinschriber, Augenarzt am Er wurde, wie seine Mutter einst, einer weg, ehe sie sich von ihm Autogramme Milauskas Eye Institute, ein Mann, dem jener austauschbaren Hilfsarbeiter, die auf ihre Turnschuhe schreiben lassen. Boxer vertrauen, stellte eine Teilablösung nach den Blumen fremder Leute sehen, Halbstarke Jungen suchen die Nähe des der Netzhaut fest. Mares stand, kaum er fand einen Job als Nachtwächter in Boxers, der für sie zum Helden taugt. Ein dass seine Karriere richtig begonnen hat- einer Schule. Die Schichten dauerten 14 Mexikaner, der es geschafft hat; der Me- te, vor dem Aus. Nicht nur als Boxer. Er Stunden, und manchmal, auf den leeren xikaner geblieben ist und doch auch ein musste um seine Existenz fürchten, um Fluren, auf seinen nächtlichen Streifen, bisschen Amerikaner geworden. Ein irgendein Auskommen, er hatte keinen fürchtete er, der von Olympiasiegen ge- Mensch, der teilhat, auf seine Weise, am Plan mehr für ein Leben in Amerika. träumt hatte, um seinen Verstand. großen, alten amerikanischen Traum. 54 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft HILDESHEIM Wann ist ein Mann ein Mann? ORTSTERMIN: In Hildesheim kämpft ein Ehemann um seine Anerkennung als Opfer häuslicher Gewalt. F ranco B. sitzt schon einige Minuten rangieren. Es ist nicht die heroischere, er nicht. B. sagt, nach der Sache mit dem lang auf dem Stuhl des Nebenklä- aber womöglich die ehrlichere Strategie. Messer sei ihm klargeworden, dass Ma- gers, als seine Frau in Handschellen Während der Vorbereitung auf den Pro- nuela und er keine Zukunft hatten. hereingeführt wird. Er beobachtet, wie zess gegen Manuela fand er eine Studie Er lernte in Saal 149 viel Neues über die sie eine riesige Sporttasche zu Boden sin- mit dem Titel „Gewalt gegen Männer“. Frau, mit der er so lange zusammen war. ken lässt, als hätte sie soeben nicht den Nicht Mann, sondern Männer. Plural. Er Das Bild von Manuela, wie er sie kannte, Sitzungssaal 149 des Hildesheimer Land- war nicht allein. passte nicht mehr zu der Frau, die im Ge- gerichts betreten, sondern einen Boxclub. Die Staatsanwältin erhebt sich und richtssaal saß. Das Gutachten des psycho- B. blickt auf die Tasche. Sie liegt da wie spricht von einer dissozialen Persönlich- logischen Sachverständigen schilderte ihre ein schwerer Dobermann. Er selbst hat keitsstörung und einer narzisstischen Kindheit weniger sonnig, als B. sie kannte. nur eine dünne Umhängetasche dabei, Fehlentwicklung bei der Angeklagten, B. Ihr Vater beherrschte die Familie offenbar die neben ihm an einem Tischbein lehnt, nickt. Wenn man später mit ihm redet, wie ein Despot und schlug seine Frau und damit sie nicht umkippt. sagt er, dass er immer noch fassungslos seine Tochter, bis Blut spritzte. Franco B. ist gekommen, Manuela macht sich am um die Plädoyers gegen Ma- Tisch gegenüber Notizen auf nuela zu hören, die Frau, losen Zetteln. B. kann nicht mit der er fast sechs Jahre erkennen, was sie schreibt. lang zusammen war. Ihr Er sieht aber ihren kalten werden unter anderem Kör- Blick. Er sei froh darüber, perverletzung, Nötigung sagt B., dass Manuela seit ei- und Sachbeschädigung vor- nigen Monaten in einer Psy- geworfen. Die Anklage chiatrie behandelt werde. Er zählt 40 Taten auf, die meis- fühle sich nun sicherer. ten richteten sich gegen B. Neben B. stemmt sich Manuela soll ihn verfolgt, ein Mann von seinem Stuhl, geschlagen, getreten, be- er heißt Matthias Doehring, stohlen, gebissen, mit einem B.s Anwalt. Doehring sagt, MICHAEL LÖWA / DER SPIEGEL Stock verprügelt und ge- sein Mandant habe erst ler- würgt haben. Sie bestreitet nen müssen, dass er nicht fast alles, aber die Indizien nur ein überforderter Ehe- sprechen gegen sie. Einmal mann sei. Die Verwand- konnte B. mit seinem lung von B., dem Verlierer, Handy filmen, wie sie ver- zu B., dem selbstbewussten suchte, ihn zu überfahren. Nebenkläger B. (r.), Anwalt: Bestohlen, gebissen Opfer, brauchte Zeit. Doeh- B. ist 36 Jahre alt, 1,70 ring nennt das „die Meta- Meter groß und arbeitet als morphose eines Opfers“. Systemanalytiker bei VW Insofern könne das Ge- in Wolfsburg. Kein Job, für den man ge- darüber sei, wie sich seine Frau in eine richtsverfahren eine Befreiung für Franco baut sein muss wie Conan, der Barbar. Tyrannin verwandelte. B. sein. Ein Triumph. So sieht es der An- Seine Ex-Geliebte hat früher Judo trai- Er hatte Manuela vor acht Jahren über walt. B. blickt auf die Tischplatte. Wenn niert. B. ist nicht der Typ für Kampfsport. FriendScout24.de kennengelernt und sah er gerade einen Triumph erlebt, dann in- Seine Stimme ist dünn und heiser. An- in ihr eine sympathische, unterhaltsame nerlich. Er lächelt, als ihn Doehring mehr- fangs schämte er sich, über seine gewalt- Frau. Sie verliebten sich, heirateten, zo- mals versehentlich „der Angeklagte“ tätige Frau zu sprechen, weil er den Spott gen zusammen. Ein Jahr nach der Hoch- nennt. Er wehrt sich nicht. Er ist der Anti- fürchtete. Als er sich endlich traute, zur zeit begann Manuela sich zu verändern. Grizzly. Polizei zu gehen, glaubte man ihm zu- Sie schimpfte und wurde aggressiv. Als Er will nicht Judo beherrschen müssen, nächst nicht. Er sagt, jetzt wolle er Ge- er beim Frühstück einen Fensterflügel öff- um ein Mann zu sein; er will nicht ver- rechtigkeit. In dem Prozess geht es auch nete, und zwar den falschen, wie sie fand, spottet werden, wenn er zugibt, dass er um ihn als Mann. warf sie ihm eine Kaffeetasse an den das Opfer seiner Frau ist. Nach dem Ende Er schaut hinüber zur Anklagebank. Kopf. Anfangs habe er versucht, mit ihr der zweistündigen Verhandlung tritt er Vor einigen Wochen gab es eine Debatte zu sprechen, von Ehemann zu Ehefrau. aus dem Justizgebäude und raucht. Er über den Zustand des deutschen Mannes, Er wollte mit ihr zu einem Therapeuten wirkt zufrieden. Es sieht so aus, als ob er sei zu weich, zu wehleidig, hieß es. Zu gehen, aber das wollte sie nicht. Eines die Metamorphose abgeschlossen sei. wenig Kerl, zu viel Opfer. Einige Frauen Morgens stand er vor der Kaffeemaschine, Das Urteil folgt zwei Tage später. Ma- forderten, die Jungs sollten endlich das als sie ein Messer von hinten in seine nuela, die Täterin, muss mindestens fünf Jammern einstellen und zum Grizzly wer- Schulter rammte und erklärte: Biste sel- Jahre lang in die Psychiatrie. B., das Op- den, wie früher. B. will kein Grizzly sein. ber dran schuld. Sie fühlte sich wieder fer, darf ein Opfer sein. Ein Mann. Er beginnt, sich mit der Opferrolle zu ar- provoziert, aber wodurch, sagt er, wisse CHRISTOPH SCHEUERMANN D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 55
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    „Warum spricht niemand mitmir?“ Barbara Lohmann*, Buchhalterin, 45, Niedersachsen Ich war ein lustiger Mensch, bis ich mei- nen jetzigen Job anfing. Ich spürte am ers- ten Tag, dass etwas nicht stimmt. Mor- gens rief ich fröhlich in die Runde, aber keiner antwortete. Bei Betriebsfeiern tanz- te ich, bis ein Kollege mich warnte, dass alle über mich lästern. Ich bin fleißig und ehrgeizig. Warum spricht niemand mit mir? Warum lädt mich niemand ein? Was ist falsch an mir? Ich schlafe schlecht, habe Migräne und denke an Selbstmord. Meine Psychologin sagt, ich solle kündi- gen. Ich traue mich aber nicht.
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    Titel Kollege Feind Rund zwei Millionen Deutsche leiden unter Psychoterror am Arbeitsplatz. Sie werden von Kollegen oder Chefs oft so lange schikaniert, bis sie krank sind. Eine EU-Studie zeigt, dass in sozialen Berufen besonders häufig gemobbt wird. E s fing damit an, dass einige ihrer Sie hat wie viele andere Angst davor, dass Wann die Grenze des Ertragbaren er- Kollegen sie morgens nicht mehr der Psychoterror zunehmen wird, wenn reicht ist, liegt an der Belastbarkeit der grüßten und die Gespräche ver- ihre Kollegen sie erkennen. Ähnlich wie Betroffenen. Es beginnt mit Frust und stummten, sobald sie das Büro betrat. Als die Betroffenen reden auch die meisten Un- Zorn und kann im Suizid enden. sie hörte, man halte sie für eine Schlampe, ternehmen nicht gern darüber, wenn Mit- Mobbing ist weit verbreitet, auch am dachte Barbara Lohmann, viel schlimmer arbeiter krank werden, weil Kollegen oder Arbeitsplatz. Laut der aktuellen „Euro- könne es nicht mehr werden. Dann ent- Vorgesetzte sie systematisch attackieren. päischen Erhebung über die Arbeitsbedin- deckte sie die E-Mail. Es könnte dem Ruf schaden. Viele Firmen gungen“, für die im Jahr 2010 knapp 44000 Sie war auf dem Bildschirm eines Kol- tun so, als gäbe es solche Konflikte nicht. Menschen in 34 Ländern befragt wurden, legen geöffnet, so dass sie jeder lesen konn- Aber natürlich gibt es sie dort, wo Men- hat der Psycho-Krieg am Arbeitsplatz in te, der an dessen Schreibtisch vorbeiging. schen aufeinandertreffen, die einander nicht den vergangenen Jahren zugenommen. Eigentlich wollte Lohmann gar nicht hin- ausweichen können. An den Arbeitsplät- Die Studie, die von der Europäischen Stif- schauen. Sie wusste, dass es falsch war, zen, egal ob bei einer Hilfsorganisation, im tung zur Verbesserung der Lebens- und stehen zu bleiben, aber in der Betreffzeile Sportverein, an der Universität, im Kran- Arbeitsbedingungen (Eurofound) im Auf- stand ihr Vorname. Die Mail war acht Sät- kenhaus oder im Gefängnis. Überall dort, trag der Europäischen Union durchgeführt ze lang, ein Dialog zwischen Kollegen. wo sich Grüppchen und Gruppen bilden, und vergangenen Donnerstag in Brüssel „B. war schon wieder krank“, las Bar- Anführer und Außenseiter, Täter und Opfer, vorgestellt wurde, kommt für Deutschland bara Lohmann auf dem Schirm. auch im Internet. Mobbing tritt in vielen zu einem erschreckenden Ergebnis: 7,8 Antwort: „Aaaach, die Arme. Müssen Varianten auf: Zwei Teenager machen einen Prozent der befragten Deutschen gaben wir jetzt Mitleid haben?“ dritten fertig, bis er sich umbringt; Kollegen an, sie seien am Arbeitsplatz in den letzten „Die hat mich zum Personalgespräch erzählen sich dreckige Witze über die Neue zwölf Monaten diskriminiert worden. Fünf geladen.“ in der Abteilung; oder der Chef will die Jahre zuvor waren es nur 4,5 Prozent. Die „Will sich wieder aufplustern.“ Abfindung sparen und schikaniert einen Frage „Wurden Sie im vergangenen Jahr „Was sonst.“ Angestellten so lange, bis der flieht. am Arbeitsplatz gemobbt oder schika- „Sag Bescheid, ich halt sie fest, damit Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen niert“ bejahten 4,6 Prozent, fünf Jahre Du ihr in die Fresse kloppen kannst.“ Menschen so fertigzumachen, dass er zu- zuvor waren es 4,1 Prozent. Hochgerech- „Nicht einmal, mehrmals.“ sammenbricht; man kann ihn ignorieren, net auf die Zahl aller Beschäftigten in Als sich Barbara Lohmann zurück an belächeln, ausgrenzen, aufziehen, hän- Deutschland wären damit mehr als 1,8 Mil- den Platz setzte, zitterten ihre Hände. Sie seln, beschimpfen, anbrüllen, schlagen. lionen Menschen betroffen. wusste nicht, was sie mehr quälte: die Mobbing lässt sich schwer messen, weil Häme der Kollegen oder ihr eigenes sich die Mobbing-Definitionen und -Mess- schlechtes Gewissen, weil sie eine Mail methoden je nach Studie unterscheiden, gelesen hatte, die nicht für sie bestimmt war. Sie tat, was sie in den vergangenen 1,8 Millionen Menschen * zudem müssen sich die wissenschaftli- chen Erhebungen auf Selbsteinschätzun- Jahren immer getan hatte, wenn sie sich sind in Deutschland an ihrem gen der Betroffenen verlassen. Das gilt ausgegrenzt und wie der einsamste Arbeitsplatz von Mobbing betroffen. genauso für Journalisten, die unter Mob- Mensch der Welt gefühlt hatte. Sie ver- bing-Opfern recherchieren. Die Überprü- suchte, die ganze Sache zu vergessen. fung ihrer Geschichten, so ist es auch dem Barbara Lohmann arbeitet in der Buch- haltung eines Autozulieferers in Nieder- 2,3 Milliarden Euro * SPIEGEL bei aller Sorgfalt ergangen, stößt immer an Grenzen. sachsen. Sie ist 45 Jahre alt, eine offene, kosten die deutschen Die Zahlen der EU-Erhebung entspre- eigentlich selbstbewusste Frau, die in ih- chen aber in etwa dem Ausmaß, das auch rer hellen Küche sitzt und die Schuld bei Unternehmen die Fehltage, Mobbing-Forscher wie Dieter Zapf anneh- sich sucht. Warum sind die Kollegen so die durch Mobbing entstehen. men, Arbeitspsychologe an der Universität gemein zu ihr? Was hat sie falsch ge- Frankfurt am Main. Zapf schätzt, dass zwi- macht? Die Fragen quälen sie seit Jahren, schen 3,5 und 4,5 Prozent aller Beschäftig- 20 Prozent MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL seit sechs Monaten ist sie in psychologi- * ten betroffen sind. Studien aus den letzten scher Behandlung. Sie hat sich bei dem Jahren gelangten zu ähnlichen Ergebnissen. Gedanken ertappt, Schluss zu machen, aller Suizidfälle werden Die letzte große deutschlandweite Mob- nicht mit dem Job, sondern mit allem. auf Mobbing zurückgeführt. bing-Studie, bezahlt von der Bundesanstalt Wie viele Mobbing-Opfer, die in diesem * Schätzungen: EU, Institut für Markt- und Sozialforschung, Text vorkommen, will Barbara Lohmann Statistisches Bundesamt * Die geänderten Namen sind mit einem Stern gekenn- nicht, dass ihr echter Name genannt wird*. zeichnet, alle anderen sind authentisch. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 57
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    Titel für Arbeitsschutz undArbeitsmedizin, kam für das Jahr 2000 zu einer Mobbing- Quote von 5,5 Prozent. Das entsprach da- mals 2,1 Millionen Erwerbstätigen. Rund zwei Millionen Menschen, die unter dem Psychoterror von Kollegen und Vorgesetzten leiden. Zwei Millionen, die jeden Morgen mit der Angst an ihren Arbeitsplatz gehen, wieder schikaniert, wieder gedemütigt zu werden. Die damit leben müssen, dass die Kollegen sie wie Luft behandeln, sie anbrüllen oder be- lügen. Manche stoßen auf angebliche Nacktbilder von sich in der Firma. Es gibt nicht die eine böse Tat, sondern viele böse Sticheleien, immer wieder, bis die Menschen, die zu Zielen dieser Attacken werden, sich selbst nicht mehr glauben. Es ist ein fieser Psycho-Kampf, der auf den Fluren von Unternehmen, in Tee- küchen und Kantinen ausgefochten wird. Die Wunden und Narben, die in diesem Kampf entstehen, sind meistens unsicht- bar. Die Opfer leiden daran umso mehr. Es ist der Krieg der Angestellten. Persönliche Feindschaften, Intrigen, die dem Machtgewinn in der Firma dienen sollen, oder nur die Unfähigkeit zu Em- pathie – es gibt viele Motive für Mobbing. Psychologen gehen davon aus, dass auch die falsche Organisation einer Firma das Mobbing-Risiko erhöhen kann. Unklare Zuständigkeiten in Abteilungen, verbun- den mit hohem Zeitdruck, erhöhen den Stress in einem Unternehmen und damit die Wahrscheinlichkeit von psychischen Attacken unter den Mitarbeitern. Wie die Europa-Studie zeigt, hat der Zeitdruck im Job aus Sicht der Beschäftig- ten in den vergangenen Jahren zugenom- die durch Mobbing entstehen, kosten die ignorieren sie. Die Betroffenen bleiben da- men. Mehr als 72 Prozent der befragten deutschen Unternehmen jedes Jahr 2,3 her oft allein mit ihren Fragen, so wie Bar- Deutschen gaben an, sie müssten mindes- Milliarden Euro, schätzt das Institut für bara Lohmann, die anfing, an sich selbst tens ein Viertel ihrer Arbeitszeit in sehr ho- Markt- und Sozialforschung. Da die Ur- zu zweifeln: Weshalb sind die Menschen hem Tempo arbeiten, 1995 waren es noch sachen von Depressionen, Angst-, Ess- so böse? Warum tun sie mir so weh? knapp 58 Prozent. Zwar spielt die schwie- oder Schlafstörungen nicht erhoben wer- Im September 1996 hatte sie als Hilfs- rige Wirtschaftslage in den meisten Mob- den, sondern unter „Psychische Störun- kraft bei dem Autozulieferer begonnen, bing-Studien keine große Rolle, dennoch gen“ in der Statistik erscheinen, wissen vier Tage die Woche, drei Stunden am wächst der Arbeitsdruck zumindest subjek- die Krankenkassen nicht, wie hoch die Tag. Sie lebte von ihrem Mann getrennt tiv und schafft in vielen Betrieben eine At- Kosten tatsächlich sind. Nach Schätzun- mit ihrem achtjährigen Sohn und war aufs mosphäre, in der Psychoterror gut gedeiht. gen von Eurofound müssen Unterneh- Land gezogen, weil sie sich verliebt hatte. Gemobbt wird überall, jede Branche ist men, in denen vermehrt psychische Ge- Barbara Lohmann freute sich über ihren betroffen. Mit Abstand die meisten Opfer walt ausgeübt wird, Produktivitätseinbu- neuen Job. Sie merkte bald, dass sie mit finden sich aber, so die Ergebnisse der EU- ßen von ein bis zwei Prozent hinnehmen. ihrer Freude in der Abteilung allein war. Studie, im Gesundheits- und Sozialwesen – Einige Firmen haben deshalb begonnen, Ihre drei Kolleginnen in der Buchhal- in weiblich dominierten Arbeitsfeldern. Da- Beschwerdestellen einzurichten und ihre tung seien von Anfang an misstrauisch ge- her sind auch Frauen wesentlich häufiger Führungskräfte in Konfliktmanagement wesen. Vor Arbeitsbeginn standen sie in von Mobbing betroffen als Männer. Beson- zu schulen. Der Autohersteller Ford in der Kaffeeküche und tuschelten, wenn ders anfällig ist die Pflegebranche. „Mob- Köln hat sich dem Kampf gegen alle Arten Lohmann sich näherte. Anfangs stellte sie bing ist Teil des beruflichen Alltags Pfle- von Diskriminierung verschrieben: Wird sich dazu und erzählte von der Scheidung gender“, schreibt die Sozialforscherin Jean- ein schwuler Kollege gehänselt, ein Mitar- in der Hoffnung, wenn sie etwas von sich nette Drygalla, die das Mobbing-Verhalten beiter isoliert oder ein Muslim wegen sei- preisgebe, würden die anderen weicher von Pflegepersonal an sechs deutschen Uni- ner Religion beleidigt, steht ein Anti-Dis- werden. Sie lud die Kolleginnen zum versitätskliniken untersucht hat. Eines ihrer kriminierungs-Team bereit. Es geht nicht Abendessen ein, es gab Datteln mit Speck Ergebnisse: Mobbing trete verstärkt dort darum, Konflikte zu verhindern, sondern und überbackene Tortillas, doch am Tag auf, wo Konflikte nicht gelöst, sondern nur sie zu erkennen und zu lösen, damit sie darauf sei sie wie immer ignoriert worden. oberflächlich geglättet würden. sich nicht verhärten. Das ist jedoch vor- War dieser raue, kühle Umgang üblich? Der Psychoterror kostet nicht nur Ner- wiegend bei großen Firmen üblich. Kleine Bislang hatte sie nur in kleinen Familien- ven. Etliche Betroffene lassen sich mo- und mittlere Unternehmen bearbeiten unternehmen gearbeitet. „Vielleicht ist natelang krankschreiben. Die Fehltage, Konflikte immer noch auf die alte Art. Sie das so in großen Firmen“, dachte sie. 58 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    übergreifende, der Anfeindung,Schikane Kantine, weil sie bei denen keine Angst oder Diskriminierung“ dienende Verhal- hatte, etwas Verkehrtes zu sagen. Zu Hau- tensweisen definiert, die „das allgemeine se fragte sie sich: Was ist falsch an mir? „Er suchte überall Persönlichkeitsrecht oder andere geschütz- Sie litt unter Schlafstörungen und aß te Rechte“ wie die Gesundheit des Betrof- kaum noch. Ihr Hausarzt überwies sie zu Fehler und fand fenen verletzen. Juristen und Psychologen einer Psychotherapeutin. Die schrieb sie sie irgendwann auch.“ sind sich einig, dass man von Mobbing nur dann sprechen kann, wenn die Schikane drei Wochen krank wegen „chronischer Erschöpfung und starker Depressionen“. Hanne Stern, 62, Sekretärin, Berlin über längere Zeit stattfindet. Gelegent- Barbara Lohmann nahm Tabletten, die Ich habe meinen Beruf geliebt, bis der liche Reibereien oder ein Streit mit dem ihr Leben heller machten, und fasste ei- neue Direktor kam. Ständig klingelte Chef, der sich nach gewisser Zeit beruhigt, nen Entschluss: Sie würde kündigen. fallen nicht darunter. Auch wenn zwei Doch stattdessen bot der Chef ihr die mein Telefon, aber wenn ich den Hörer gleich starke Stellvertreter um den Posten Stelle als Leiterin der Buchhaltung an. abnahm, war keiner dran. Dabei konnte des Abteilungsleiters rangeln, sprechen die Sie fühlte sich geschmeichelt. Vielleicht ich auf dem Display seine Nummer Forscher nicht von Mobbing. würde alles besser. Doch es änderte sich deutlich lesen. Nach einiger Zeit wurde Inzwischen beschäftigt sich in Deutsch- nichts. Die Mitarbeiter hielten Zahlen zu- mir klar: Der will dich fertigmachen. Er land eine Schar von Therapeuten, Orga- rück, so schildert es Barbara Lohmann, ließ mich nicht mehr in die Mittagspau- nisationspsychologen, Rechtsanwälten, sie blockierten Projekte und ließen Fris- se gehen, Fortbildungen strich er. Unternehmensberatern und selbsternann- ten verstreichen. Sie spürte den Druck Begründungen bekam ich von ihm des- ten Mobbing-Experten mit dem Thema. von oben und die Störrigkeit von unten. wegen nicht. Stattdessen suchte er Der größte Teil der Ratgeberliteratur ist Eines Tages stand sie vor dem Computer überall in meiner Arbeit fast wie ein Be- nach der Jahrtausendwende erschienen: mit der E-Mail, die sie nicht lesen wollte. sessener Fehler und fand sie irgend- „Keine Angst vor Mobbing! Strategien ge- Barbara Lohmann sitzt in ihrer Küche. wann auch. Fast jedes meiner Telefon- gen den Psychoterror am Arbeitsplatz“, Sie sagt, sie ertrage das nicht mehr. Sie gespräche belauschte er, und wenn ihm „Achtung: Kollegin. Wie Frauen mit weib- hat Magenschmerzen, Migräneattacken eines zu lange dauerte, brüllte er aus licher Konkurrenz souveräner umgehen und liegt nachts stundenlang wach. Sie seinem Zimmer: Legen Sie jetzt endlich können“ oder „Mobbt die Mobber! So weiß nicht, wie es weitergehen soll. auf! Zum Schluss habe ich mich gar setzen Sie sich gekonnt zur Wehr“. Ge- Ihr Chef sagt: Du musst härter werden. nichts mehr getraut. Ich war völlig ein- messen an der Aufmerksamkeit müssten Ihre Psychologin sagt: Sie müssen da geschüchtert. Das war vor zwölf Jahren. die Ursachen von Dauerkonflikten am endlich weg. Es klingt nach einer langen Zeit, aber Arbeitsplatz erforscht, verstanden und Und wovon soll ich leben?, fragt Bar- MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL die Schikanen meines Chefs machen bewältigt sein. Zumindest aber sollte den bara Lohmann. mich bis heute krank. Den Gendarmen- meisten Vorgesetzten bewusst sein, dass markt, an dem mein früheres Büro lag, sie Konflikte in ihrer Abteilung erkennen Angriff auf Außenseiter kann ich bis heute nicht betreten. müssen, bevor sie sich verfestigen. Er staune immer noch über die Unfähig- Der Chef von Barbara Lohmann sah keit vieler Chefs, Konflikte zwischen Mit- nicht ihr Problem mit den drei Kollegin- arbeitern zu erkennen, sagt Dieter Zapf, nen, so hat sie es erlebt, er sah stattdessender Mobbing-Forscher. Obwohl spätes- nur die Mitarbeiterin, die sich durch Fleiß tens seit Mitte der neunziger Jahre über Als Barbara Lohmann 1996 die Stelle von den anderen abhob. Ihr wurden Fort- gesundheitsgefährdende Konflikte am Ar- in der Buchhaltung annahm, war Mob- bildungen genehmigt, was ihr nur mehr beitsplatz diskutiert werde, seien etliche bing vor allem ein Thema, mit dem sich Häme brachte. Wie ist es möglich, eifer- Vorgesetzte bei Mobbing hilflos, wenn Journalisten und einige wenige Therapeu- ten die anderen, dass die Neue vom Chef sie es denn überhaupt wahrnähmen. „Die ten beschäftigten; die meisten Psycholo- zu Teamsitzungen mitgenommen wird? meisten wissen, dass es ein Arbeitsschutz- gen nahmen es zunächst nicht ernst. 1993 Neid kann zu Hass versteinern, wenn gesetz gibt, und das war’s.“ war der Ratgeber „Mobbing – Psycho- es niemanden gibt, der eingreift. Barbara Zapf sagt, nur wenn einem Vorgesetz- terror am Arbeitsplatz und wie man sich Lohmann versuchte, ihre Gefühle im ten bewusst sei, dass er Konflikte in sei- dagegen wehren kann“ des deutsch- Büro zu unterdrücken. Mittags ging sie nem Verantwortungsbereich rechtzeitig schwedischen Psychologen Heinz Ley- mit Arbeitern aus der Produktion in die lösen kann und muss, werde er das an sei- mann erschienen. Leymann beschreibt ne Leute auch vermitteln. darin, was mit Menschen geschieht, die Generell gilt: Je schlechter von Kollegen oder Vorgesetzten schika- ein Unternehmen organi- niert wurden. 1996 nahm der Duden den siert ist, je unklarer die Zu- Begriff „Mobbing“ zum ersten Mal auf. ständigkeiten in den Abtei- Barbara Lohmann wusste anfangs gar lungen sind, umso größer nicht, dass sie ein Mobbing-Opfer war. wird die Gefahr, dass Men- Leymann definierte Mobbing damals schen aneinandergeraten, als „negative kommunikative Handlun- weil sie Entscheidungen tref- gen, die gegen eine Person gerichtet sind fen, die auf Widerstand sto- und die sehr oft und über einen längeren ßen. Mobbing habe häufig Zeitraum hinaus vorkommen und damit strukturelle Ursachen. MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL die Beziehung zwischen Täter und Opfer Psychologen erkannten kennzeichnen“. Diese Definition haben, das lange nicht. Erst Mitte zum Teil in abgewandelter Form, auch der achtziger Jahre begann andere Forscher übernommen. der Deutschschwede Heinz Das Landesarbeitsgericht Thüringen hat Leymann, die Ursachen 2001 in einem der ersten Urteile dieser Art massiver zwischenmenschli- in Deutschland Mobbing als „fortgesetzte, cher Konflikte am Arbeits- aufeinander aufbauende und ineinander Arbeitspsychologe Zapf: Wer sind die typischen Täter? platz systematisch zu erfor- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 59
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    Titel schen. Er hattedurch Zufall das Tagebuch einer 50-jährigen Frau bekommen, die sich umgebracht und zuvor ihre Qualen am Arbeitsplatz aufgeschrieben hatte. Leymann, der 1955 von Niedersachsen nach Schweden ausgewandert war, fing an, die sozialen Hintergründe seiner Patienten zu analysieren. Er kam zu dem Schluss, dass etliche von ihnen durch fortgesetzte, monatelange Schikanen und Angriffe von Kollegen oder Vorgesetzten psychisch krank geworden waren. Von Anfang an schlug sich Leymann auf die Seite der Op- fer, wofür ihn Arbeitgeber, Ärzte und sogar Gewerkschafter angefeindet hätten. Da- mals habe niemand sehen wollen, dass das auffällige Verhalten eines einzelnen Mitar- beiters auf dessen Verzweiflung zurückzu- führen war. „Man glaubte lieber, es handle sich um psychiatrische Fälle“, schrieb er. Die Ursachen für Mobbing lagen aus Leymanns Sicht in der Struktur einer Fir- ma, nie in der Persönlichkeit der Betroffe- nen. Für ihn gab es Täter und Opfer, nichts dazwischen. Mobbing sei aber kein Pro- zess, der sich mit schwarz oder weiß be- schreiben lasse, sagt sein Kollege Dieter Zapf. Er forscht seit 20 Jahren über die Psychologie in Unternehmen und über die Fragen: Warum quälen manche Menschen ihre Kollegen und Untergebenen? Wer sind die typischen Opfer, wer die Täter? In vielen Betrieben bildeten sich Grüpp- chen und Koalitionen, die zum Teil Pläne gegen andere schmiedeten, weil sie nach Kontrolle strebten, hat Zapf herausgefun- den. Überall existierten Intriganten, die Freude dabei empfänden, ihre Macht mit Hilfe von Ränkespielen auszubauen. Der Kampf um Macht, Status und Einfluss laufe und schätzen sich selbst als tendenziell Ziel von Attacken werden, hat es oft brutale nie ohne Kollateralschäden ab, auch wenn pünktlicher, gewissenhafter, fleißiger ein Folgen. Soziale Ausgrenzung könne ähn- die Kämpfenden dabei nicht immer einen als jene, mit denen sie zusammenarbeiten. liche Empfindungen hervorrufen wie kör- Kollegen bewusst verletzen wollten. Zudem Dieter Zapf nennt es „das Außenseiterpro- perlicher Schmerz, schreibt die Sozialpsy- gebe es in etlichen Firmen Soziopathen, die blem“. Wer sich als Neuling in einer Firma chologin Naomi Eisenberger von der Uni- extrem schlecht darin seien, die emotionale als leistungsfähiger begreift und sich anders versität Los Angeles. Eisenberger zufolge Belastbarkeit ihrer Kollegen richtig einzu- verhält als der Durchschnitt der Beschäf- zeigen Menschen, die von anderen ausge- schätzen. Auch persönliche Motive spielten tigten, gilt schnell als Streber. Das genügt grenzt werden, erhöhte Aktivitäten in Hirn- eine Rolle, eine Liebesaffäre im Büro, Al- oft, um zum Opfer gemacht zu werden. regionen, die auch für die Verarbeitung von kohol- oder Drogenprobleme. Menschen dagegen, die von einer Gruppe physischen Schmerzen zuständig sind. Eine weitere Ursache von Dauerkonflik- als prototypisches Mitglied gesehen werden, Im Büro leiden die Betroffenen oft, ten, sagt Dieter Zapf, seien unsichere Chefs, werden seltener schikaniert. ohne dass sie Hilfe von anderen erwarten die ihre Überlegenheit ständig demonstrie- Anpassung wird belohnt, Andersartig- können. Und wenn mehrere Mitarbeiter ren müssten und aggressiv reagierten, so- keit wird bestraft. Diese Logik gilt ver- jeweils ein- oder zweimal im Monat unab- bald sie ihren Selbstwert bedroht sähen. mutlich, seit Menschen sich in Gruppen hängig voneinander einen Kollegen atta- Vielen Führungskräften mangele es an so- zusammenfinden. So lässt sich auch die ckierten, falle es zwar dem Angreifer nicht zialer Kompetenz. Er nennt das Beispiel anscheinend unzerstörbare Neigung er- auf, wohl aber dem Opfer. Genauso gäben eines Vorgesetzten einer australischen Fir- klären, über andere zu lästern. Der briti- manche Opfer nicht zu, dass sie unter der ma, dessen eigenwilligen Führungsstil Zapf sche Psychologe Robin Dunbar hat das Brutalität der Kollegen leiden, weil sie sich mit Kollegen im „British Journal of Ma- Lästern in seiner Untersuchung „Klatsch nicht eingestehen wollten, schwach zu sein. nagement“ beschreibt. Der Mann hatte sich aus evolutionärer Perspektive“ als sozia- Das gilt nicht nur für gering Qualifizierte, angewöhnt, seine Angestellten mit „cock“ les Frühwarnsystem beschrieben: Der sondern auch für leitende Angestellte wie anzusprechen, Schwanz. Es war wohl be- Tratsch halte Menschen fern, die andere Manfred Eggebrecht*. quemer, als sich alle Namen zu merken. Er für ihre Zwecke ausnutzen könnten, ohne versuche nur, sagte der Chef, in der Firma ihnen etwas zurückzugeben. Zum Bei- Im Sterbezimmer eine lockere Atmosphäre zu schaffen, „so spiel einen übermotivierten Neuling, der Eggebrecht arbeitete in der Nähe von wie in einer Kneipe“. die alten Kollegen besonders träge ausse- Hannover als Betriebsleiter in einem Be- Die meisten Täter wissen nicht, dass sie hen lässt. tonwerk und wurde nach 15 Jahren in der Täter sind. Die Opfer grenzen sich dagegen Für eine Gruppe kann Lästern eine prä- Firma von seinem Chef in ein Einzelbüro häufig von der Mehrheit ihrer Kollegen ab ventive Funktion haben, für diejenigen, die versetzt. Über Monate saß er in einem 60 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wegen seiner Protestegab ihm der auf. Zunächst konzentrierte er sich auf Chef drei Abmahnungen. Für Eggebrecht das Feuilleton, dann las er den Finanzteil, war die Absicht klar: Sein Werk sollte die Wirtschaftsseiten und schließlich die „Die Leere fraß kleingespart und er selbst kleingemacht werden. Er wollte sich aber nicht vom Politik. Wenn er die „FAZ“ durchgear- beitet hatte, machte er sich an die „Hil- mich langsam auf.“ neuen Chef zerstören lassen. „Ich gönne es ihm nicht. Ich zeige keine Schwäche.“ desheimer Allgemeine Zeitung“. Gegen zwölf Uhr schob er sich ein Fertiggericht Eberhard Hesse, 60, Wenig später habe man ihm mitge- in die Mikrowelle, am liebsten Nürnber- Ex-Betriebsleiter, Berlin teilt, er dürfe das Werksgelände ab sofort ger Rostbratwürstchen. Er habe jeden Tag Ich weiß jetzt, wie langsam eine Uhr nicht mehr betreten. Es war keine acht Stunden lang dagesessen, sagt Egge- ticken kann. Zehn Jahre lang wartete Kündigung, sondern ein Kaltstellen bei brecht. Mittags nach der Schule schaute ich darauf, dass die Sekunden verge- vollen Bezügen. Er bekam den Auftrag, gelegentlich sein Sohn vorbei. hen, die Minuten und Stunden. Jeden in Bayern für seine Firma ein neues Während er im Sterbezimmer versuch- Tag saß ich allein in meinem Büro. Ich Betonwerk aufzubauen, wurde aber auch te, an seiner beruflichen Existenz festzu- von dort wieder abgezogen. Sein Einzel- halten, wurde seine Firma von einem grö- hatte nichts zu tun. Meine Chefs hatten büro in der Nähe von Hannover bezog ßeren Unternehmen aufgekauft. Es kam mich nach einem Streit in ein Einzelzim- er im Herbst. „Mein Sterbezimmer“, sagt ein neuer Personalchef, der sich Egge- mer versetzt, in das Sterbezimmer. Das Eggebrecht. brechts Einzelzimmer ansah und sagte, er heißt so, weil da nur die sitzen, die für Der Boden war ausgelegt mit braunem habe nie zuvor etwas so Unmenschliches die Firma schon halbtot sind. Keiner Laminat, in der Ecke gab es eine Koch- gesehen. Eggebrecht wurde auf Firmen- dachte, dass ich das so lange aushal- nische. Eggebrecht hat Fotos von dem kosten ein Karriereberater zur Seite ge- ten würde. Aber ich bin ein sturer Zimmer gemacht, weil er die ganze Ab- stellt, der ihn an die Freiheit gewöhnen Hund. Wenn es mir dreckig ging, schau- surdität der Situation festhalten wollte. sollte wie einen Häftling, der sich nach te ich auf ein Poster, das im Zimmer Jeden Morgen um acht Uhr betrat er sein seiner Entlassung wieder an den Alltag hing: „Niemals aufgeben“. Die Leere Sterbezimmer, drei Monate lang. Er hatte herantasten muss. fraß mich langsam auf. Deshalb habe nichts zu tun, aber er wollte dem Chef in Eggebrecht hat gegen seine Entlassung ich während meiner Einzelhaft für mich der Zentrale auch keinen Grund geben, prozessiert, aber nie darüber nachgedacht, selbst ein Buch über Mobbing geschrie- ihm zu kündigen. Wäre er nicht jeden gegen seinen Chef wegen Mobbing vor- ben. Im Anhang sind alle Krankheiten Morgen ins Büro gegangen, hätte man zugehen. Es hätte ihm vermutlich ohnehin aufgelistet, die ich an mir während der das als Arbeitsverweigerung auslegen wenig genutzt. „Die meisten Mobbing- Zeit im Sterbezimmer festgestellt hat- können, sagt Eggebrecht. Obwohl er gar Klagen enden in Deutschland entweder MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL te. Bartflechte, Migräne, Herzschmer- keine Arbeit hatte. Immerhin verdiente in Vergleichen, die den Betroffenen eher zen und viele andere. 2004 nahm ich er 105 000 Euro im Jahr, er hatte also et- wenig Geld bringen, oder sie werden ab- die Abfindung und bin weg. Ich wäre was zu verlieren. gewiesen“, sagt der Arbeitsrechtler Martin sonst kaputtgegangen. Morgens setzte er sich an den Schreib- Wolmerath aus Hamm, der über Mobbing tisch, schenkte sich ein Glas Sprudel ein promoviert hat. „Wegen Mobbing zu kla- und schlug die „Frankfurter Allgemeine“ gen, davon rate ich grundsätzlich ab.“ Denn auch wenn Arbeitnehmer heute gesetzlich besser geschützt sind als vor 20 isolierten Zimmer in der dritten Etage ei- Im Visier der Kollegen Jahren, hat sich in der Praxis nes Mehrfamilienhauses, 26 Kilometer „Sind Sie während der ver- Frankreich wenig getan. 2006 beschloss von seiner Firma und den ehemaligen gangenen zwölf Monate am der Bundestag gegen den Wi- Kollegen entfernt. Zu seinen früheren An- Arbeitsplatz gemobbt Belgien 9,5 derstand von FDP und Linken gestellten hatte er Kontaktverbot. Aber worden?“ Prozent das Allgemeine Gleichbehand- noch heute, viereinhalb Jahre nach dem Ende der Isolation, will Eggebrecht nicht Antwort: Ja Niederlande 8,6 der Befragten lungsgesetz, das auch Diskri- minierung am Arbeitsplatz von Mobbing sprechen. Er nennt es nur „dieses Spielchen“. Österreich 7,7 verhindern soll. Die Klagewel- le, vor der Juristen warnten, Bevor sein normales Arbeitsleben ist ausgeblieben. Mobbing-Op- zu Ende ging, hatte er 110 Leute unter 7,2 fer haben nicht von dem Gesetz profitiert, sich, Ingenieure, Maurer, Elektriker, Finnland denn sie müssen beweisen, dass sie über Maler. Eggebrecht sagt, er sei ein stren- lange Zeit regelmäßig attackiert wurden. ger, aber wohlmeinender Chef gewe- 6,2 Umfrage Eurofound 2010, Der Psycho-Krieg, der meist verbal aus- sen. Das Spielchen begann, als ein neu- 43816 Befragte getragen wird, lässt sich aber nur schwer er Geschäftsführer in die Zentrale in Deutschland juristisch wasserdicht belegen. Süddeutschland einzog. Der verlangte von Eggebrecht, er solle seine Leute 4,6 In Großbritannien und den USA sind die Richter weniger anspruchsvoll. 2006 zu effizienterem Arbeiten anhalten, Großbritannien sprach ein Gericht der britischen Sekretä- später sollte er Leute entlassen. Egge- rin Helen Green umgerechnet 1,2 Millio- brecht wehrte und sträubte sich dage- 4,6 nen Euro plus Zinsen zu, weil sie über gen, so gut es ging. Er schlief nachts kaum Jahre von vier Kolleginnen angegriffen noch. Manchmal war er morgens schon EU-27 worden war. Green arbeitete bei der vor Sonnenaufgang im Büro. 4,1 Deutschen Bank in London, wo sie „sys- Sein Chef habe immer mehr verlangt. Dänemark tematischem seelischem Missbrauch“ aus- Eggebrecht musste täglich Zahlen aus sei- gesetzt war, wie Zeugen vor Gericht nem Werk an die Zentrale in Süddeutsch- 3,2 Spanien bestätigten. Erst nach zwei Nervenzusam- land durchgeben, Kosten, Umsätze, Rech- 2,2 Italien menbrüchen hörte sie auf zu arbeiten. Der nungen. Er habe zwar gemurrt, aber ge- 0,9 Richter sagte, Greens Vorgesetzte hätten tan, was von ihm verlangt worden sei. die Augen vor den Angriffen verschlossen, D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 61
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    Titel „ohne Zweifel inder Hoffnung, das Pro- blem würde von selbst verschwinden“. In Kalifornien bekam die Assistenzärz- tin Ani Chopourian Ende Februar 168 Mil- lionen Dollar wegen fortgesetzter Beläs- tigung am Arbeitsplatz – wahrscheinlich so viel wie in keinem anderen Mobbing- Verfahren. Während des Prozesses berich- tete Chopourian detailliert über ihre Qua- len im Mercy General Hospital von Sa- cramento. Ein Chirurg begrüßte sie mor- gens mit „Ich bin spitz“ und gab ihr einen Klaps auf den Po. Ein anderer nannte sie ein „dummes Huhn“, machte abschätzige Bemerkungen über ihre armenischen Wurzeln und fragte, ob sie al-Qaida bei- getreten sei. Einmal wurde sie von einem Kollegen mit einer Kanüle gestochen. An 18 solcher Vorfälle erinnerte sie sich. Sie habe noch nie so eine feindliche Umge- bung erlebt, sagte Chopourian. Der Er- folg ihrer Klage hing auch damit zusam- men, dass ehemalige Kollegen bereit wa- ren, als Zeugen vor Gericht auszusagen. In Deutschland scheitern viele Verfah- ren, weil entweder Zeugen oder Beweise fehlen. 2008 hatte die Versicherungsfach- frau Sule Eisele-Gaffaroglu von ihrem Arbeitgeber, der R+V Versicherung, eine halbe Million Euro wegen mehrfacher Diskriminierung am Arbeitsplatz gefor- dert. Eisele-Gaffaroglu war die erste Deutsche, die auf der Grundlage des All- gemeinen Gleichbehandlungsgesetzes klagte. Am Ende bekam sie 10 818 Euro. Der Arbeitsrechtler Wolmerath rät Be- troffenen, ein Mobbing-Tagebuch anzu- legen, in das sie die Angriffe eintragen sollen. „Dieses kann Beweisqualität ha- ben, wenn es darum geht, mit dem Ar- legt dann, wie es wäre, ihrer Chefin mit wenn sie aus der Sicht ihrer Vorgesetzten beitgeber eine außergerichtliche Lösung der flachen Hand ins Gesicht zu schlagen etwas falsch gemacht hatte, wurde sie zu verhandeln. Diesen Weg empfehle ich zum Ausgleich für die Erniedrigungen, vor den Augen ihrer Kollegen ange- in der Regel, weil er weniger Kraft kostet die sie ertragen hat. „Ich wünsche ihr schrien. Das ging jahrelang. Einen Be- und erfolgreicher ist.“ Zudem zieht sich alles erdenklich Schlechte“, sagt Anke, triebsrat gab es in der Firma nicht, auch ein Vergleich nicht über Jahre hin. setzt aber schnell hinzu: „Nein, man soll keinen Personalrat. Anke wusste keine Wolmerath versteht sich weniger als niemandem etwas Schlechtes wünschen.“ Lösung. „Wo hätte ich fragen sollen, ob Anwalt, sondern mehr als Berater der Vier Frauen sitzen ihr gegenüber an das normal ist, was hier passiert?“ Betroffenen. „Ich frage zuerst: Wollen einem langen Holztisch, alle duzen ein- Alle nicken, dann erzählt Manuela* Sie bleiben oder gehen?“ Die meisten ander. Jeden Donnerstagabend treffen von den Bildern aus dem Internet. Sie wollen gehen. Bei diesen Menschen heizt sie sich hier, im Arbeitslosenzentrum der war neun Jahre lang als kaufmännische er die Konflikte bei Bedarf weiter an. Er Stadt. Ihre Gruppe haben sie „Gegen Angestellte bei einem Stahlunternehmen provoziert dann gegebenenfalls Abmah- Psychoterror am Arbeitsplatz“ genannt. beschäftigt, als der Sohn ihres Chefs die nungen, die seinen Mandanten eine Vor- Die fünf sprechen über cholerische und Firma übernahm. Dann sei ihr immer lage zum Ausstieg geben. Wolmeraths unfähige Vorgesetzte, über Krankengeld, mehr Arbeit zugewiesen worden, bis sie Ziel ist, sich am Ende mit dem Arbeitge- Hartz IV und Kollegen, die Bilder von auch für die Reinigung der Kaffee- und ber auf einen Geldbetrag zu verständigen, halbnackten Frauen aus dem Internet der Spülmaschine zuständig war. Für ihre der „für das ertragene Leid entschädigt“. laden und darüber lachen. Anke erzählt Kollegen war sie die Streberin. Manuela davon, wie sie überflüssig geworden sei, weiß nicht, was zuerst da war: die Aus- Der Wunsch nach Rache nachdem ihre Firma gleich mehrere Auf- grenzung der Kollegen oder das Gefühl, In vielen Städten treffen sich Mobbing- träge verloren hatte. Sie arbeitete in der der Trottel der Abteilung zu sein. Opfer in Selbsthilfegruppen, um über die Niederlassung eines Gebäudereinigungs- Als sie im Sommer im Rock zur Arbeit Angriffe im Büro zu sprechen. Ihnen geht unternehmens und wurde zurück in die kam, luden ihre Kollegen Fotos von Frau- es darum, ernst genommen und nicht an- Zentrale versetzt, als die Auftragslage en mit nackten Beinen aus dem Netz, die gezweifelt zu werden. Sie bestätigen sich schlechter wurde. Seitdem habe ihre sie in der Abteilung herumzeigten, und darin, dass sie Opfer sind. Chefin sie ganz genau kontrolliert. Ihr sagten, das sei Manuela. Sie wurde aus Eine dieser Selbsthilfegruppen trifft Urlaub sei gestrichen worden, und ihre dem Verteiler ausgeschlossen, wenn Par- sich einmal in der Woche in Moers am Chefin habe auf die Uhr geschaut, wenn tys geplant wurden. Ihre Kollegen be- Niederrhein. Die Frauen reden dort Anke zur Toilette ging. Zum Getränke- schwerten sich beim Chef über sie. Ma- manchmal auch über Rache. Anke* über- automaten durfte sie nicht mehr, und nuela schlief schlecht, und als sie ins Büro 62 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    es immer mehrVerlierer der schönen neu- In Phase eins hilft Schwickerath den Pa- en Arbeitswelt gibt, begeben sich immer tienten, Distanz zu ihrem Job zu schaffen, mehr Betroffene in Behandlung. zu Kollegen und Vorgesetzten. Das ist die „Ich habe niemals Phase, in der die Therapeuten die Patien- Nach dem Psycho-Krieg ten darin bestärken, dass sie vor allem Schwäche gezeigt.“ In Überherrn-Berus, einem kleinen Ort Opfer sind. „Mit den Wölfen heulen“, sa- Manfred Eggebrecht*, Betriebsleiter, 57, im Saarland, hat sich die Klinik Berus gen sie dazu in der Klinik. Ausdauersport, Niedersachsen schon Ende der neunziger Jahre auf die Schwimmen und Laufen sollen dabei hel- In meinem Leben gab es lange Zeit kei- Behandlung von Mobbing-Opfern spezia- fen, genau wie eine Genusstherapie, in ne Niederlagen. Ein gutes Abitur, ein er- lisiert. Das Gebäude liegt auf einer An- der die Patienten wieder schmecken, rie- folgreiches Studium, ein guter Arbeits- höhe im Grünen, nicht weit von der fran- chen und fühlen lernen sollen. Dazu kom- zösischen Grenze entfernt. Von den 170 men Einzel- und Gruppengespräche. platz. Dann kam ein neuer Chef und Betten der Klinik sind 20 für Patienten In Phase zwei geht es darum, die eige- machte Druck. Er rief jeden Morgen an reserviert, die der Kleinkrieg am Arbeits- ne Mobbing-Situation zu verstehen. „Wir und wollte die neusten Zahlen wissen. platz so zermürbt hat, dass sie oft über entschlüsseln dabei die Strukturen in ei- Später bellte er ins Telefon, dass Mitar- Monate krankgeschrieben sind. nem Unternehmen, aber auch die indivi- beiter wegmüssten und der Umsatz zu In der Regel muss ein Patient zwei bis duellen Konflikte am Arbeitsplatz“, sagt schlecht sei. Dabei waren die Zahlen drei Monate auf einen Platz warten. Hier- Schwickerath. Ist der Patient mit seiner gut, der Umsatz war es auch. Zunächst her kommen Beamte, Lehrer, Bankan- Arbeit über- oder unterfordert? Welcher dachte ich, das ist nur ein Spiel. Außer- gestellte, Pfarrer und Gewerkschaftler. Es Ton herrscht in der Firma? Welche Rolle dem muss ein guter Manager Druck aus- gibt wahrscheinlich keine Branche, die hat der Patient bewusst oder unbewusst halten können, und ich habe mich im- nicht vertreten ist. Die Therapeuten ha- eingenommen? Und erst jetzt fragt Schwi- mer als guten Manager gesehen. Ich ben inzwischen mehr als 2000 Mobbing- ckerath, welchen Anteil das eigene Ver- würde niemals Schwäche zeigen, das Opfer behandelt. Die meisten, die in die halten an der Eskalation haben könnte. habe ich mir geschworen. Selbst als mir Klinik Berus kommen, wissen nicht, wie Danach, in Phase drei, müssen sich die mein Vorgesetzter Hausverbot in der sie aus eigener Kraft auf die Beine kom- Patienten entscheiden, wie es nach der Firma erteilte, habe ich mich freundlich men sollen. Therapie weitergehen soll. Sie müssen verabschiedet und dabei gelächelt. Er Unter den Patienten sind Menschen, sich fragen: Kann und will ich in meinen hat mich nicht gebrochen, er hat nicht die an Selbstmord denken, auch das kann Job zurück? Welche Perspektive will ich gewonnen. An Mobbing dachte ich dabei der fortgesetzte Psycho-Krieg auslösen. meinem Leben geben? Erst wenn diese niemals. Nicht einmal, als ich monate- Schätzungen zufolge geht jeder fünfte Fragen beantwortet sind, beginnt Phase MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL lang einsam und ohne Arbeit in einem Suizid direkt oder indirekt auf Mobbing vier. Nun simuliert Schwickerath in Rol- Büro hockte, das die Firma in einem zurück. Viele Patienten kommen nach lenspielen Konflikte und beobachtet, wie Nachbarort für mich gemietet hatte, und den Schikanen am Arbeitsplatz derart sich die Patienten verhalten. Er trainiert ich nur noch ein Verbannter war. hilflos, ängstlich und misstrauisch in der Methoden, mit denen sie heikle Situatio- Klinik Berus an, dass das Personal dazu nen auflösen können. Sie sollen sich aktiv übergegangen ist, jeden Therapieschritt und selbstbewusst im Beruf bewegen. genau zu erklären und zu begründen. Von allen Mobbing-Opfern, die in der Für Mobbing-Opfer sei Transparenz Klinik Berus behandelt wurden, kehrten kam, fragten die Kollegen, ob sie die wichtig, sagt Josef Schwickerath, der nur etwa 20 Prozent an ihre alte Arbeits- Nacht in der Disco durchgetanzt habe. Leitende Psychologe der Klinik. Die The- stelle zurück. Die Mehrheit suchte sich Man erzählte, sie habe Unterlagen ver- rapie soll Menschen, die sich bislang einen neuen Job. Etwa drei Viertel der schwinden lassen. Ihr Chef habe den Un- fremdbestimmt fühlten, neues Selbstver- Patienten profitierten von der Therapie, terstellungen geglaubt und ihr angeboten, trauen geben. Schwickerath hat ein Vier- wie eine Evaluation in Zusammenarbeit gemeinsam den Mülleimer zu durchsu- stufenmodell entwickelt, mit dem er mit Dieter Zapf von der Universität chen, um Belege für ihre Fehler zu finden. seine Patienten Schritt für Schritt auf- Frankfurt gezeigt hat. Zurück bleiben 10 Manuela meldete sich krank. Inzwischen baut, damit sie später in der Lage sind, bis 20 Prozent Untherapierbare, die ein geht sie zur Reha gegen die Gelenk- Konflikte im Büro allein und angstfrei Jahr nach der Behandlung in der Klinik schmerzen, die sie am ganzen Körper zu bewältigen. Berus noch nicht in den Beruf gefunden spürt. Ihren Job hat sie gekündigt. haben. Viele dieser Men- Anke, Manuela und die anderen schen hätten keine positive Frauen nennen sich „Gleichgesinnte“. Sie Perspektive für ihr weiteres teilen ähnliche Erfahrungen. Dazu gehört Leben entwickelt, sagt auch die Skepsis von Freunden und Schwickerath. „Oft kom- Verwandten, ob die Geschichten mit den men auch Probleme im Pri- bösen Chefs auch wirklich so drama- vatleben dazu.“ tisch geschehen sind. An dem Holztisch Er ist sich mit Zapf und wird keine Geschichte hinterfragt. Alles anderen Experten darin ei- wird geglaubt. Die Frauen sind hier, um nig, dass sich Mobbing nicht sich Mut zuzusprechen. Eine profes- dadurch beseitigen lässt, sionelle psychologische Begleitung ist dass man nur die Opfer the- MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL das nicht. rapiert. Vielmehr müssten Doch viele Betroffene sind nach Jahren die Unternehmen aktiv ge- des Kleinkriegs so aufgerieben, dass nur gen den Angestelltenkrieg noch Mediziner und Psychologen helfen auf den Bürofluren vorge- können. Überall in Deutschland gibt es hen. Die ersten Firmen ha- Therapieeinrichtungen für Burnout-Pa- ben bereits begonnen, ihre tienten und depressive Langzeitarbeits- Führungskräfte so zu schu- lose, für Stress- und Mobbing-Opfer. Weil Therapeut Schwickerath: „Mit den Wölfen heulen“ len, dass sie in der Lage D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 63
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    Titel „Problem rein, Deckel zu.“ Verwaltungsangestellte, 39, Süddeutschland Es begann mit einem Streit um Posten nach einer Betriebsratswahl. Die be- treffende Kollegin und ich waren noch nie beste Freundinnen, aber nach der Wahl schoss sie sich auf mich ein. Alle merkten das. Wenn sie mich anbrüllte, duckte ich mich weg und dachte: Wenn du nett zu ihr bist, ist sie auch nett zu dir. Das war naiv. Allmählich verlor ich auch den Kontakt zu den anderen Kolle- gen. Als meine Kollegin dann Chefin des Betriebsrats wurde, ging die Hölle richtig los. Sie kontrollierte mich, hörte Telefonate mit und erzählte, ich hätte die Kaffeekasse gestohlen. Nach zwei Jahren Dauerstreit klappte ich zusam- men. Ich litt an starken Depressionen und nahm zehn Kilo ab. Insgesamt war ich 18 Monate krankgeschrieben und mehrere Monate in psychologischer Be- handlung. In meinem neuen Job nehme ich Konflikte nicht mehr mit nach Hau- MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL se, sondern packe sie abends in mei- nen unsichtbaren Mülleimer: Problem rein, Deckel zu. So habe ich gelernt ab- zuschalten. sind, Konflikte unter Mitarbeitern recht- bei Ford Seminare besuchen, in denen 2003 hat das Freiburger Universitätsklini- zeitig wahrzunehmen und zu lösen. sie lernen, dass ein guter Chef seine Mit- kum mit seinen über 10 000 Mitarbeitern Der Vorstand des Autoherstellers Ford arbeiter schätzt, Schwächen toleriert und ein mehrstufiges System installiert, das in Köln hat deshalb schon vor zehn Jahren Stärken fördert. Auch dadurch hofft Ford, Mobbing frühzeitig erkennen und verhin- eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat ge- Diskriminierung abzubauen, was am dern soll. Die Zahl der arbeitsgerichtlichen schlossen. Sie trägt den Titel „Betriebsver- Ende die Effizienz erhöht. „Ein Team, Auseinandersetzungen ist seitdem um 20 einbarung über partnerschaftliches Verhal- das gut funktioniert, arbeitet produkti- Prozent gesunken. Doch München und ten am Arbeitsplatz“ und hat unter ande- ver“, sagt der Manager Rainer Forst. Freiburg sind derzeit noch Ausnahmen. rem eine Art Anti-Mobbing-Gruppe her- Andere Unternehmen holen sich exter- Und solange die meisten Unternehmen vorgebracht, die aus fünf Betriebsräten ne Berater, die Führungskräften beibrin- den stillen Psycho-Krieg wie ein Tabu be- und fünf Managern besteht. Das Team gen, dass nicht jeder Mitarbeiter, der an- handeln, wird sich für die Betroffenen we- kann Abmahnungen, Versetzungen bis hin ders als die Mehrheit denkt oder fühlt, ein nig ändern. Barbara Lohmann überlegt da- zu Kündigungen empfehlen; bislang wurde Spinner ist. Der Berliner Psychologe Rein- her immer noch, ob sie nicht endlich kün- jede Empfehlung umgesetzt. Viele Ange- hard Hoch hat sich auf die Prävention von digen soll. Anke und Manuela, die beiden stellte waren erst skeptisch, inzwischen Konflikten in Betrieben spezialisiert, er Frauen aus der Selbsthilfegruppe, wollen respektieren die meisten der rund 24 000 sagt, dass viele Chefs die grundlegendsten sich bald auf die Suche machen nach einem Ford-Mitarbeiter die Mobbing-Berater. sozialen Fähigkeiten nicht beherrschten. neuen Job. Nur Manfred Eggebrecht, der Über 200 Anfragen regeln die zehn Mit- Er schaue oft in verlegene Gesichter, drei Monate lang im Sterbezimmer saß, arbeiter im Jahr, außerhalb ihrer Dienst- wenn er Manager frage: Gibt es bei Ihnen hat endlich eine Stelle bei einer Firma ge- zeit. Die Fälle, zu denen sie gerufen wer- ein freundliches Wort am Ende einer Prä- funden, die Garagen verkauft. Er sagt, viel- den, sind oft banal, können aber eska- sentation? Bekommt ein fleißiger Mitar- leicht hätte er sich früher wehren sollen. lieren, wie der Streit um ein geöffnetes beiter einen halben Tag frei, einfach so? SILVIA DAHLKAMP, ÖZLEM GEZER, Fenster zeigte. Mehrere Kollegen konnten Hoch hält deshalb gern Vorträge zum The- SIMONE KAISER, CHRISTOPH SCHEUERMANN, sich nicht einigen, zu welcher Zeit sie lüf- ma „So lobe ich richtig“. ANTJE WINDMANN ten wollten. „Am Ende gab es zwei Grup- Auch öffentliche Einrichtungen begin- pen: Die eine war fanatisch für frische Luft, nen, Konflikte zwischen Angestellten Video: Ein Mobbing-Opfer die andere fanatisch dagegen“, sagt die ernst zu nehmen. Die Stadtverwaltung erzählt seine Geschichte Betriebsrätin Katharina von Hebel. Die von München war 1997 eine der ersten Be- Für Smartphone-Benutzer: Konfliktlöser entschärften das Problem. hörden, die eine „Dienstvereinbarung bei Bildcode scannen, etwa mit Dazu müssen sämtliche Führungskräfte Mobbing und Schikane“ eingeführt hat. der App „Scanlife“. 64 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Trends SÜSSIGKEITEN Böse Überraschung Wer in die USA reist, sollte lieber keine Kinder-Überraschungseier als Mitbringsel wählen. Das Schokoladen- ei von Ferrero, das ein Spielzeug in seinem Inneren verbirgt, ist in den Vereinigten Staaten verboten. Grund ist ein Gesetz aus dem Jahr 1938, das ungenießbare Gegenstände in Süßig- keiten verbietet. Damals gab es die Schokoeier noch gar nicht. Wer gegen die Regelung verstößt, muss mitunter tief in die Tasche greifen, denn die Strafe kann mehrere hundert Dollar OLIVER BERG / DPA betragen. Für Zoll und Grenzschutz bedeutet das Gesetz vor allem Arbeit: 2011 hat die zuständige US-Behörde Windpark in Nordrhein-Westfalen CBP rund 60 000 Ü-Eier aus Koffern und Paketen gefischt. Doch wenn es nach einigen tausend US-Bürgern POSTBANK geht, könnte diese Skurrilität bald Schmu mit Ökofonds Geschichte sein: In Online-Petitionen fordern sie „Freiheit für das Ei“. Her- steller Ferrero war für eine Stellung- nahme nicht zu erreichen. Die Postbank, einer der großen Anbie- im Verkaufsprospekt keine detaillierten ter sogenannter Nachhaltigkeitsfonds, Angaben zur Zusammensetzung des hält sich bei der Anlagepolitik offenbar Portfolios macht, kritisiert Ingo Scheu- nicht allzu eng an eigene Vorgaben. len vom Netzwerk Ökofinanz-21 als Laut einer Studie im Auftrag der Grü- „eklatanten Transparenzmangel“. Der nen-Bundestagsfraktion hält der Fonds Anlageberater sieht die Postbank jedoch Postbank Dynamik Vision (Volumen: als Teil eines größeren Problems: Nach 167 Millionen Euro) Aktien von 25 Un- seinen Recherchen entsprechen nur 40 NESTOR BACHMANN / PICTURE-ALLIANCE / DPA ternehmen, die in der Rüstungsindustrie, der in Deutschland angebotenen 289 und 35 Firmen, die in der Atombranche Nachhaltigkeitsfonds den Erwartungen tätig sind. Größter Einzelposten im ver- von ökologisch orientierten Anlegern. meintlichen Ökofonds der Deutsche- Ein Postbank-Sprecher erklärt, dass man Bank-Tochter sind Anteilsscheine des sich bei der Auswahl an internationa- französischen Ölkonzerns Total, der von len Nachhaltigkeitsstandards orientiere, Umweltschützern zum wiederholten und verweist auf die Rechenschaftsbe- Mal kritisiert wird. Dass die Postbank richte des Fonds. REKLAME boten. Sixt hält die Werbung für irreführend, eine Vergleichbarkeit der Humorloser Sixt Mietmöglichkeiten sei nicht gegeben. So biete Tamyca Fahrzeuge von Privatleuten an, Sixt hingegen sei ein Kaum ein Unternehmen will mit Wer- „Premiumanbieter“. Tamyca argumen- bung derart gezielt provozieren wie tierte zwar, dass manche Beanstandun- PETER KNEFFEL / PICTURE ALLIANCE / DPA die Autovermietung Sixt. Mehrmals gen „ins Leere“ gingen. Dennoch gab wurden Sixt-Motive mit Unterlas- die Firma vergangene Woche eine teil- sungserklärungen attackiert. Nun aber weise Unterlassungserklärung ab. Sixt schießt ausgerechnet der von Erich sagt: „Als Vorreiter der vergleichen- Sixt gelenkte Mietriese gegen einen den Werbung“ begrüße man entspre- wenig bekannten Carsharing-Anbieter. chende Aktivitäten. „Falsche Anga- Das Start-up Tamyca verglich auf ben, die darauf abzielen, Sixt in ein seiner Website, unterlegt mit frechen schlechtes Licht zu rücken, können al- Slogans, Sixt-Preise mit eigenen Ange- Sixt lerdings nicht hingenommen werden.“ 66 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft SOLARBRANCHE um die brutalen Kursverluste vorher, nämlich zwischen 2005 und 2011. „Hart und falsch“ SPIEGEL: Die deutsche Solarbranche scheint am Ende. Seit November mussten sieben namhafte Hersteller Conergy-Chef Philip Insolvenz anmelden. Gehen bei Comberg, 44, über Conergy auch bald die Lichter aus? den zweifelhaften Comberg: Das sehe ich nicht. Die Bran- Ruhm, als größter che befindet sich in einem knallharten Geldverbrenner globalen Wettbewerb. Durch die Kür- der Republik zu zung der Solarförderung ist das Um- gelten feld sicher nicht besser geworden. Die Solarbranche ist eine junge Industrie, SPIEGEL: Der Börsenwert Ihrer Firma die extrem schnell, vielleicht zu schnell ist 2011 um 87 Prozent eingebrochen. gewachsen ist – und wo sicher sehr Wie fühlt man sich als größter Kapital- viele Fehler gemacht wurden. Conergy vernichter am deutschen Aktien- steuert seit 2011 gegen. Mit Erfolg. markt? SPIEGEL: Profitieren nun die letzten Comberg: Für unsere Aktionäre ist das verbliebenen Solarhersteller von der zweifellos schmerzhaft. Sie haben in Krise der anderen? fünf Jahren fast ihr gesamtes Kapital Comberg: Wir haben den einen oder verloren. Das basiert vor allem auf ei- anderen harten Schnitt früher gemacht ner Reihe von Fehleinschätzungen des als unsere Konkurrenz, das hilft uns alten Managements. Unsere Anteils- jetzt. Wer sich in diesem Umfeld be- eigner müssen das nun leider aus- hauptet, kann von einer Marktbereini- baden. Wir haben 2011 einen Kapital- gung profitieren. Die Nachfrage nach schnitt gemacht, aus unseren Fehlern Solaranlagen ist ungebrochen. Das gelernt und kommen endlich voran: sehen wir in unseren Auftragsbüchern. Im ersten Quartal dieses Jahres haben SPIEGEL: Derzeit boomen vor allem wir zum ersten Mal seit dem Börsen- asiatische Hersteller. Wird Conergy gang mehr eingenommen, als wir bald chinesisch? ausgegeben haben. 2012 wollen wir Comberg: Wir wollen schon jetzt zu- operativ schwarze Zahlen schreiben. sammen mit asiatischen Partnern Auf- SPIEGEL: Die „Bild“-Zeitung hat Sie den- träge akquirieren. Je mehr wir operativ noch zum „Verlierer“ des Tages gekürt. zulegen, desto interessanter werden Comberg: Das ist wirklich hart, zumal wir natürlich für mögliche Partner. es falsch ist. Ich bin erst seit drei Mo- Sinnvollen Gesprächsangeboten wer- naten Vorstandschef, und hier ging es den wir uns nicht verschließen. NAH RUNGSM IT TEL in den Jahren 2000 bis 2009 gab es sechs Bußgeldbescheide über insge- Latexhandschuhe samt 12 750 Euro. Mal fanden die Le- bensmittelkontrolleure eingebackene im Teig Reste von Latexhandschuhen, mal waren Maschinen verunreinigt, oder es gab Schabenbefall. Das zuständige Die bayerischen Behörden waren viel Landratsamt Freising gestand dies nun früher über die gravierenden Hygiene- ein, nachdem es zuvor behauptet hat- mängel bei der Großbäckerei Müller te, „gravierende Mängel erstmals 2010 informiert als bisher bekannt. Bereits festgestellt“ zu haben. Unterdessen stockt der Verkauf der insolventen Brotfabrik in Neufahrn bei München. Der vorherige Besitzer Klaus Ostendorf, der die Mängel zu verantworten hatte, scheiterte mit einem Rückkauf. Seiner Firma Backwelt gehören aller- dings eine Backmaschine MARC MÜLLER / DPA im Werk und die EDV-Anla- ge, was nun den Verkauf an Gründertochter Evi Müller und den Münchner Bäcker Müller Franz Höflinger verzögert. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 67
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    Wirtschaft W E LT W I R T S C H A F T Showdown in Washington Die Europäer wollen vom Internationalen Währungsfonds zusätzliche Milliarden, um ihre Schuldenkrise zu bekämpfen. Doch die Schwellenländer widersetzen sich den Plänen. Sie werfen dem Westen vor, seine Macht zu missbrauchen. W enn Wolfgang Schäuble (CDU) „Wir haben unsere Hausaufgaben ge- Grund für Schäubles Zufriedenheit am Donnerstag nach Washing- macht“, lobt der deutsche Finanzminister sind die jüngsten Beschlüsse der Euro- ton aufbricht zur Frühjahrs- sich und seine Kollegen aus der Euro- Gruppe, der Versammlung der Finanzmi- tagung von Internationalem Währungs- Zone. Selten zuvor sei er in den vergan- nister aus den 17 Mitgliedstaaten der Wäh- fonds (IWF) und Weltbank, dann reist genen Jahren mit einem besseren Gefühl rungsunion. Vor zwei Wochen vereinbar- eine Menge Gleichmut und Genugtuung zu einem derart wichtigen internationa- te die Runde in Kopenhagen, die beiden mit. len Finanzgipfel gereist. Rettungsschirme für den Euro breiter zu spannen. 800 Milliarden Euro, umgerech- net mehr als eine Billion Dollar, wollen die Europäer bei Bedarf mobilisieren, um strauchelnde Mitgliedsländer zu stützen. Monatelang hatte IWF-Chefin Chris- tine Lagarde Schäuble und seine Kollegen gedrängt, die Brandmauern für die Euro- Rettung zu erhöhen. Würden sie eine Billion Dollar bereitstellen, sei vom IWF noch einmal so viel für einen globalen Rettungsschirm zu erwarten, versprach sie. Am Donnerstag dimmte sie die Er- wartungen an den Fonds ein klein wenig nach unten, weil die schlimmsten Befürch- tungen nicht eingetreten seien. Jetzt melden die Europäer Vollzug und hoffen auf mehr Geld aus Washington. Schäuble und seine Kollegen kommen mit der Erwartung in die US-Hauptstadt, dass einem größeren Engagement des IWF nichts mehr im Wege stehe. Aber die Hoffnungen könnten trügerisch sein. Ein Selbstläufer jedenfalls sind die zusätzlichen Geldhilfen nicht. Bei vielen der insgesamt 187 Mitgliedstaaten des IWF wächst der Unmut über die An- spruchshaltung des noch immer wohlha- benden alten Kontinents. Viele Politiker ärmerer Weltregionen nehmen den Euro- päern übel, dass sie, obwohl sehr reich, sich nicht selbst zu helfen wissen. Was die Vertreter von Schwellenlän- dern besonders erbost, ist die Tatsache, dass der IWF bislang mehr Geld für euro- päische Pleitestaaten mobilisiert hat als für die Finanzkrisen in Russland, Süd- korea und Mexiko zusammen. Die Hilfen allein für Griechenland summieren sich auf das 23fache der griechischen Kapital- einlage beim Fonds. Nie zuvor in den mehr als 60 Jahren seines Bestehens hat der Fonds ein in Schieflage geratenes GETTY IMAGES Land so großzügig mit Hilfe bedacht. Für die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, IWF-Chefin Lagarde: Die Praxis straft alle großen Pläne Lügen die als sogenannte BRICS-Staaten firmie- 68 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    ren, ist dieFreigebigkeit ein weiterer Be- Noch immer steht nicht fest, wann die der 800 Milliarden Euro schon längst ver- leg dafür, dass die alten Industriemächte damals verabredete Erhöhung der Kapi- plant. „Das Verfahren ist sehr undurch- Europas und Nordamerikas die Washing- talquoten für China und Co. in Kraft tritt. sichtig.“ toner Organisation als Selbstbedienungs- Noch immer ist unklar, wann die Euro- Entsprechend zurückhaltend sind No- laden verstehen. Sie sind wild entschlos- päer, wie versprochen, zwei Sitze im Exe- gueira Batista und seine Kollegen, was sen, neue Hilfen für Europa wenn schon kutivdirektorium des IWF, dem obersten weitere IWF-Hilfen angeht. Er legt Wert nicht zu verhindern, so doch zu verzögern. Beschlussorgan, abtreten. Dabei sind sie auf die Feststellung, dass seine Regierung Gegen Ende der Woche wird es in der in dem Lenkungsgremium notorisch über- noch keine endgültige Entscheidung ge- US-Hauptstadt zum Showdown kommen. repräsentiert. troffen habe und er sie auch nicht vor- Dabei geht es nicht nur darum, wie die „Die Europäer wollen unsere Hilfe, wegnehmen könne, aber: „Ich halte es Welt kurzfristig aus der Krise findet. Der kommen uns aber bei der IWF-Reform nicht für ausgemacht, dass es schon bei Streit um zusätzliche Hilfen für Europa nicht entgegen“, schimpft Paulo Nogueira der Frühjahrstagung zu einer Bewilligung ist nur ein Symptom für viel tiefgreifen- Batista, 57, der Vertreter Brasiliens und kommt.“ Durchaus möglich sei, dass die dere Konflikte. In Wirklichkeit tobt ein acht weiterer lateinamerikanischer Län- Entscheidung erst auf dem G-20-Gipfel Machtkampf zwischen alten Industrielän- der im Exekutivdirektorium des IWF. im Juni falle. dern und aufstrebenden Schwellenstaaten „Das ist schon sehr merkwürdig.“ Die BRICS-Länder wollen auf Zeit spie- darüber, wer in einer der wichtigsten Der brasilianische Ökonom ist so etwas len. Ihnen geht es um eine kleine Macht- Institutionen der Globalisierung künftig wie der Rädelsführer der BRICS-Staaten demonstration. Doch ihre Ziele sind weit- das Sagen haben wird. in der Direktorenrunde des IWF. Aus sei- reichender. Sie wollen die Stimmrechte Die Beteiligung am zweiten Rettungs- ner Skepsis gegenüber den Kopenhage- innerhalb des IWF zu ihren Gunsten ver- paket für Griechenland oder die Aufsto- ner Beschlüssen von Ende März macht schieben und den traditionellen Anspruch ckung zeitlich befristeter Kreditlinien an er kein Geheimnis. Die Europäer hätten der Europäer auf den Chefsessel der den IWF, mit denen die neuen Hilfen die Rettungsschirme „weniger als verspro- Washingtoner Organisation brechen. finanziert werden sollen, sind für die chen“ aufgestockt. Tatsächlich sind 300 „Der Fonds entspricht nicht mehr den BRICS-Staaten willkomme- Wirklichkeiten des 21. Jahr- ne Anlässe für eine Kraft- Westliche Dominanz hunderts“, sagt Nogueira probe. Langfristig geht es Stimmenanteile der Mitgliedstaaten des IWF, in Prozent Batista. „Die Euro-Länder ihnen darum, ihr Gewicht missbrauchen ihre Macht im entsprechend ihrer gewach- Japan Sonstige USA IWF“, klagt er. Viel zu viele senen weltwirtschaftlichen 6,2 35,8 16,8 Mittel und damit auch Bedeutung in den Entschei- Risiken konzentrierten sich dungsgremien des Fonds in Europa. In Wirklichkeit wiederzufinden. Ein zähes sei der IWF längst kein Ringen für die nächsten Weltwährungsfonds mehr. Jahre ist programmiert. „Wir haben es hier mit Die Marschrichtung der einem Nordatlantik-Wäh- Schwellenländer für die rungsfonds zu tun.“ Frühjahrstagung gaben vor EU-27 Der Streit um die Mittel- zwei Wochen die Staats- China 31,0 aufstockung bietet den und Regierungschefs der 3,8 Nachwuchsmächten zudem BRICS-Staaten bei ihrem die Gelegenheit, einen Keil Treffen in Neu Delhi vor. zwischen Amerikaner und „Dringend geboten“ sei, davon: Europäer zu treiben. Tradi- dass ihre Länder eine wich- Russland tionell halten beide eng zu- tigere Rolle im IWF spielen 2,4 Deutschland sammen, etwa wenn es dar- sollten, dass sich ihre wach- 5,8 um geht, einen neuen IWF- sende wirtschaftliche Be- Chef zu küren. deutung auch widerspiegele Indien Frankreich Groß- Italien Diesmal wirkt die Allianz bei Sitz und Stimme in den 2,3 4,3 britannien 3,2 brüchig. Die Amerikaner Entscheidungsgremien der 4,3 wollen kein zusätzliches Organisation. Brasilien Geld für den globalen Ret- Eine eindeutige Warnung 1,7 tungsschirm bereitstellen, schickten sie Richtung zudem blockieren sie die Europa: Die Bemühungen, Umsetzung der Reformbe- die Ausleihkapazitäten des Zur Krisenbewältigung bewilligte Fonds zu erhöhen, könnten IWF-Kredite für ausgewählte Länder, 107,0 schlüsse. Präsident Barack Obama wagt es nicht, den nur von Erfolg gekrönt sein, in Milliarden Dollar US-Kongress noch vor der wenn vereinbarte Reform- Quelle: IWF Griechenland.... 39,3 im Herbst anstehenden Prä- beschlüsse auch umgesetzt würden. 40,1 Portugal ............... 37,8 Irland..................... 29,9 sidentschaftswahl um mehr Geld für den IWF zu bitten. Schon seit Jahren ringen Südkorea ....... 21,1 „Europa kann seine Pro- die Schwellenländer im Indonesien ... 15,0 bleme aus eigener Kraft lö- IWF um mehr Einfluss, der 17,8 Thailand .............. 4,0 sen“, sagt US-Finanzminis- Mexiko ihnen 2010 schließlich auch ter Timothy Geithner. „Der von den etablierten In- IWF kann keinen robusten dustriemächten zugestan- Rettungsschirm der Euro- den wurde. Doch die Praxis Länder ersetzen.“ straft alle großen Pläne bis- Mexiko-Krise Asien-Krise Euro-Krise Bei dieser Verweigerungs- lang Lügen. 1995/96 1997/98 seit Ende 2009 haltung ist es geblieben. „Die D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 69
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    amerikanische Regierung hältsich weit- bereitet es keine Schwierigkeiten, die Mit- die Schwellenländer die Beschlüsse so- gehend zurück und hofft, dass in diesem tel für den IWF aufzubringen. Rücksich- wieso nicht. Dafür fehle ihnen die Mehr- Jahr keine weiteren Katastrophen passie- ten auf eine widerspenstige Volksvertre- heit. ren“, heißt es in IWF-Kreisen. tung kennen sie ohnehin nicht. Außerdem spekulieren die Europäer Obama fürchtet, sich dem Vorwurf aus- Die Berliner Bundesregierung beobach- auf das Eigeninteresse der BRICS-Staa- zusetzen, amerikanisches Steuergeld zu tet die Zurückhaltung der Amerikaner ten. Von den zusätzlichen Mitteln sollen verschleudern. Hinzu kommt eine ausge- mit zwiespältigen Gefühlen. „Es ist be- nicht nur die Europäer profitieren, sie ste- prägte Skepsis gegenüber internationalen dauerlich, dass die USA keinen eigenen hen weltweit allen Mitgliedern zur Ver- Organisationen, die die letzte verbliebene Beitrag leisten“, heißt es im Bundesfi- fügung. Geboten scheint das allemal, Supermacht häufig entwickelt. Zu viel in- nanzministerium. Dennoch wollen die denn Untersuchungen des IWF haben er- ternationale Zusammenarbeit verträgt geben, dass auch entlegenste Weltgegen- sich nicht mit der eigenen Vorstellung als den die Auswirkungen der Euro-Krise zu Hegemon. „Europa funktioniert spüren bekommen. Bei ihren – im IWF- Die US-Republikaner nutzen die Schul- schon in Europa nicht“, Jargon „Tail Risk“-Szenarien genannten – denkrise der alten Welt zudem als Beleg Projektionen kommen die Experten von dafür, dass das europäische, angeblich so- wettert Obama-Heraus- Fonds-Chefin Lagarde zu dem Schluss, zialistische Wirtschaftsmodell gescheitert dass bei einem Zusammenbruch Spaniens ist. „Europa funktioniert schon in Europa forderer Mitt Romney. oder Italiens auch Länder in Lateiname- nicht“, wettert Obamas wahrscheinlicher rika und Asien in Bedrängnis geraten Herausforderer Mitt Romney immer wie- Mitarbeiter von Ressortchef Schäuble könnten. Solche Nebenbeben in ihrem der auf den Wahlkampfveranstaltungen – nicht alle Hoffnung fahren lassen. „Wir Hinterhof, so die Hoffnung der Europäer, und will damit Obama treffen, der in sind zuversichtlich, dass die Ressourcen- wollten die BRICS-Staaten bestimmt ver- Amerika ein Wirtschaftsmodell europäi- erhöhung auf der Frühjahrstagung be- meiden. Deshalb würden sie die Mittel- scher Prägung einführen wolle. schlossen wird und die BRICS-Staaten da- aufstockung schon mittragen. Einen Profiteur der amerikanischen Zu- bei mitziehen.“ Was den Umfang der IWF-Hilfen an- rückhaltung gibt es dennoch: China. Zu- Auf ein Koppelgeschäft mit den Schwel- geht, sind die Europäer mittlerweile be- frieden registrieren Offizielle der zweit- lenländern – Hilfe für Europa, im Gegen- scheiden geworden. Das Ziel, eine Billion größten Wirtschaftsmacht der Erde, wie zug mehr Mitsprache im IWF – will sich Dollar zu mobilisieren, haben sie aufge- sich die Amerikaner selbst aus dem Spiel die Bundesregierung nicht einlassen. „Es geben. Wenn stattdessen nur 800 Milliar- nehmen. Ihnen kommt jeder Einflussver- gibt keinen unmittelbaren Zusammen- den Dollar zusammenkämen, heißt es bei lust der alten Hegemonialmacht gelegen. hang zwischen der aktuellen Anhebung ihren Unterhändlern, sei das doch auch Die Chinesen gebieten über die größ- der Ressourcen und weiteren Reformen „ein schönes Ergebnis“. ten Währungsreserven der Welt. Ihnen beim IWF.“ Dauerhaft aufhalten könnten MARC HUJER, CHRISTIAN REIERMANN
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    Wirtschaft Inzwischen kaufen die bereits erfolg- reichen und durch zahlreiche Finanzie- INTERNET rungsrunden mit reichlich Geld ausgestat- Kapital sucht Superstar teten Internetunternehmen drohende Konkurrenten auf – um sie zu integrieren oder aber schlicht vom Markt zu nehmen. Die Instagram-Übernahme durch Face- book ist extrem, aber trotzdem nur ein Die Milliardenübernahme von Instagram durch Facebook ist nur Beispiel. Twitter etwa übernahm jüngst ein Beispiel für das wilde Wettrennen um die nächste die Blog-Plattform Posterous, Groupon den Reisedienst Uptake. Internetsensation. Der Auswuchs einer neuen Spekulationsblase? Mit von der Partie sind zudem auch wieder die Investmentbanken und Wall- E s ist zwar keine Garage, aber auch nun erst richtig heiß: Nicht nur die Be- Street-Investoren, die sich nach der Fi- nicht viel größer: In einem kleinen, wertungen für bereits bekannte Online- nanzkrise aus dem Technologie-Mekka hellgelben Bungalow in der Innen- Unternehmen wie die Blogging-Seite zurückgezogen hatten und nun zurück- stadt von Palo Alto drängeln sich rund 30 tumblr oder die Tagebuch-App Path sind gelockt werden. Das hat den Wettbewerb junge Programmierer. Ihre Internetseite in den vergangenen Monaten rasant ge- zuletzt enorm befeuert, erzählen führen- zum Austauschen von Fotos hat kein stiegen (siehe Grafik). Auch für noch un- de Investoren im Silicon Valley. Geschäftsmodell, aber schon 20 Millionen bekannte Mini-Firmen mit zwei Mann Und es treibt die Preise: Instagram war Nutzer. In den vergangenen Monaten und einer Idee werden schon wieder Mil- erst vor zwei Wochen noch mit 500 Mil- hatten sich erst die Medienberichte über lionen auf den Tisch gelegt. lionen Dollar bewertet worden – eine oh- die wohl heißeste neue Internetanwendung und dann die Gerüchte gehäuft, dass sie vielleicht bald von Facebook übernommen werde. Der Name der Firma: Pinterest. Gekauft hat Facebook vergangene Wo- che dann eine andere Firma: die Handy- App Instagram. Für eine Milliarde Dollar, in Bargeld und Aktienoptionen. Die Ähnlichkeiten zwischen den bei- den Minifirmen sind indes verblüffend. Auch Instagram ist ein Netzwerk für Foto- veröffentlichung und -bearbeitung, mit 13 Mitarbeitern, ohne Geschäftsmodell, aber mit weltweit 30 Millionen Nutzern. Instagram und Pinterest gehören zu ei- ner zweiten Welle von sozialen Netzwer- ken, die in den vergangenen gut drei Jah- ren entstanden sind. Sie wollen einerseits ganz anders sein als der Riese Facebook, andererseits aber versuchen, von der Nähe zu dem Online-Giganten und sei- nen inzwischen über 800 Millionen Nut- zern zu profitieren. Dutzende solcher Fir- men sind vor allem im Silicon Valley neu POLARIS / LAIF entstanden, finanziert von den zahlrei- chen Risikokapitalgebern vor Ort. Ausdauernd streiten sich deswegen die Experten, ob sich eine neue Internetblase Instagram-Gründer Krieger, Systrom: Eine Milliarde Dollar für ein bisschen Bildbearbeitung bilde wie einst zur Jahrtausendwende. Es gibt viele Argumente, die dafür sprechen: Börsenfieber, irre Preise, Medienhype um Hip – und hopp! Diese Anwendungen sind noch zu haben kleine Klitschen und die Existenz von Un- mengen billigen Geldes, das global nach Anlagemöglichkeiten sucht. Aber vieles spricht auch gegen die Bla- sen-Theorie: Längst gibt es nicht nur vage Geschäftsideen. Die Großen der Branche verdienen richtiges Geld. Google ver- Sie sind da, die Bloggers Liebling – Mein liebes Tage- Die Zukunft der kündete vergangene Woche allein fürs digitalen Pinnwände, insgesamt 21 Mrd. buch – ist heute eine Musikindustrie? Der jüngste Quartal einen Gewinn von 2,9 und weit weniger Posts veröffentlichte Smartphone-App und aus Schweden stam- Milliarden Dollar. Und anders als um die spießig als ihre Vor- der amerikanische heißt Path. Es ist mende Musikdienst Jahrtausendwende verfügen die Unter- gänger aus Kork. Der Blog-Dienst tumblr. eines der derzeit Spotify bietet für nehmen, auch die ganz jungen, oft schon amerikanische Dienst bisher. Sein Konkur- gefragten Unter- einen monatlichen über viele Millionen Kunden. Pinterest gehört rent Posterous wurde nehmen im Silicon Beitrag Zugriff auf Im Vorfeld des demnächst erwarteten zu den meistbe- bereits von dem Kurz- Valley und dürfte Lieder und Alben. Börsengangs von Facebook läuft die Su- suchten Web-Seiten nachrichtendienst Facebook & Co. Wer braucht da che nach der nächsten Internetsensation in den USA. Twitter übernommen. interessieren. noch iTunes? D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 71
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    Wirtschaft nehin bereits wahnwitzigeSumme für ein Unternehmen, das noch keinen Dollar Gewinn gemacht hat. Facebook zahlte das Doppelte. Führende Wagniskapitalgeber wie An- dreessen Horowitz, Sequoia oder Accel zahlen nicht selten zweistellige Millionen- summen für Beteiligungen im Bereich von zehn Prozent. Dabei spielt kaum eine Rolle, ob ein Unternehmen überhaupt ei- nen Plan hat, wie es später einmal Geld verdienen will, betont ein führender Ma- nager einer notorisch verschwiegenen JUSTIN SULLIVAN / GETTY IMAGES Venture-Capital-Firma. Die wichtigste Währung seien heute die Nutzer. „Nutzer, Nutzer, Nutzer. Je mehr Nut- zer ich habe, umso mehr Geld kann ich mit denen irgendwann verdienen“, sagte SAP-Mitgründer Hasso Plattner im SPIE- GEL-Gespräch (13/2012). Vorhersehbar ist der Erfolg vor allem Facebook-Chef Zuckerberg im Frühstadium von Technologieneugrün- Das Wettrennen anheizen dungen nicht. Manche schwächeln trotz scheinbar toller Ideen jahrelang vor sich Wochen sechs Millionen neue Nutzer hin- hin. Für andere dagegen kommt der zu. Dabei ist Pinterest nicht viel mehr als Boom fast über Nacht. eine Pinnwand im Internet. Instagram etwa wurde erst im Oktober Nutzer stellen Bilderkollektionen zu- 2010 von den zwei Stanford-Studenten sammen, die sich um spezielle Themen Mike Krieger und Kevin Systrom gegrün- drehen – von Modetrends über Kuchen- det, entwickelte sich aber schnell zu rezepte bis zu brasilianischer Architektur. einer beliebten App fürs iPhone. Die Die digitalen Collagen können dann, wie Software ermöglicht es, per Mobiltelefon bei sozialen Netzwerken üblich, von geschossene Fotos mit Spezialeffekten Freunden kommentiert und weiteremp- zu bearbeiten und dann mit Freunden fohlen werden. Doch das simple Konzept zu teilen. trifft scheinbar einen Nerv – vor allem Fotos sind auch einer der Schlüsselfak- bei Frauen, die rund 70 Prozent der Pin- toren von Facebook, sie beeinflussen we- terest-Nutzer ausmachen. sentlich, wie lange Nutzer auf der Seite Anfangs war die Website monatelang bleiben. Eine Anwendung, die das um- fast unbeachtet geblieben. Seit Andrees- geht, ein eigenes Fotonetzwerk, wäre des- sen Horowitz, die führende Risikokapital- halb eine Bedrohung für den Riesen. firma des Silicon Valley, im Oktober bei Zudem ist Instagram eine rein Handy- dem Winzling eingestiegen ist, hat sich basierte Anwendung. Und dies wiederum die Zahl der Nutzer bereits versieben- ist jenes Terrain, auf dem Facebook seine facht. vielleicht größten Schwächen hat. Die In- Mit besonderem Interesse verfolgte die ternetnutzung verlagert sich vor allem Branche, was die treibende Kraft des bei Jugendlichen immer mehr vom Com- plötzlichen Wachstums war: Nicht, wie puter aufs Handy. Doch bislang greift nur bislang bei fast allen Internetphänome- die Hälfte der Facebook-Nutzer so auf nen üblich, hippe Jugendliche, Studenten die Seite zu. und Computerfreaks in New York oder Vor allem deswegen ist Facebook- San Francisco, sondern insbesondere Gründer Mark Zuckerberg lieber bei Hausfrauen aus dem Mittleren Westen Instagram eingestiegen als bei Pinterest, der USA. Von dort stammt auch Pinte- das noch vor vier Wochen von der „New rest-Gründer Ben Silbermann. York Times“ zum „am heißesten dis- In seinen Jugendjahren in Iowa habe kutierten Start-up“ gekürt wurde. Aller- er „manisch Insekten gesammelt“, später dings ist es gut möglich, dass Pinterest sei ihm aufgefallen, dass es viele Gleich- bald für einen ähnlich irrwitzigen Preis gesinnte gibt, die alle möglichen Kollek- von anderen gekauft wird. Die Be- tionen zusammentragen und zur Schau reitschaft von Facebook, ohne große stellen wollen, erzählt Silbermann. Verhandlungen eine Milliarde Dollar zu Für die vielen Investoren auf der Suche bieten, wird das Wettrennen um den nach dem neuen Facebook bedeutet das nächsten Internethit noch weiter an- wohl, dass es künftig nicht mehr reicht, heizen. sich einfach auf das Silicon Valley zu kon- Pinterest hat dabei gute Chancen, denn zentrieren. kein Online-Angebot hat jemals schneller Das nächste große Internetding kann die Marge von zehn Millionen Nutzern von überall her kommen, sogar aus der erreicht. Nicht mal Facebook. Allein zu Provinz. Jahresanfang kamen innerhalb von vier THOMAS SCHULZ 72 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft Die Ware der Hoflieferanten Tierarzneimittelmarkt in Deutschland 2010, in Millionen € 900 Antiparasitika (z. B. Wurmmittel) 127 724 202 Antiinfektiva (z. B. Antibiotika) Biologika (z. B. Impfstoffe) CARSTEN REHDER / DPA 188 197 Quelle: Pharmazeutische 2003 2010 Bundesverband Spezialitäten für Tiergesundheit (z. B. Verdauungs- Antibiotikaverbrauch förderer und Mastschweine: „Die Margen mancher Tierärzte sind höher als die von Kokain-Dealern“ in der Tierhaltung, in Tonnen Salben) VETERINÄRE „Die schreit nach Antibiotika“ „Die Margen mancher Tierärzte sind höher als die von Kokain-Dealern“, sagt Nicki Schirm, seit über 25 Jahren Veteri- när in Hessen. Findet ein Tierarzt ein krankes Küken unter 20 000 Artgenossen, Tierärzte sind zu Handlangern der Massenhaltung geworden – reiche das für eine vorsorgliche Antibio- als Ärzte und Apotheker in Personalunion. Das Geschäft machte tika-Behandlung des kompletten Bestan- des, sagt Schirms Kollege Rupert Ebner viele reich, bedroht aber zunehmend Tier und Mensch. aus Ingolstadt. „Bestandsbetreuung ist heute der Deckname für eine meist will- W enn sich bei der Kuh Almera ner Staatsanwaltschaft sprachen von ei- fährige Medikamentenabgabe“, so Ebner. der Labmagen verdreht hat ner „rollenden Apotheke“. Antibiotika Eine vermeintlich legale Antibiotika-An- oder das Lama-Männchen Ava- sollen auf Euro-Paletten gelagert gewesen wendung werde häufig einfach mit fal- tar auf Tuberkulose untersucht werden sein. Die Tierklinik, sagte ein Ex-Mitar- schen Diagnosen vorgetäuscht. muss, ist Björn Seelig zur Stelle. Er ist beiter damals aus, sei im Prinzip ein Ver- In großen Tierpraxen machen die Tierarzt im Taunus und einer der bekann- sandhandel von Arzneimitteln gewesen – Pharmaerlöse mitunter 80 Prozent des testen Veterinäre der Republik: Nachmit- und die Pharmaindustrie habe sich mit Umsatzes aus. Hauptgründe dafür sind tags in der Vox-Fernsehserie „Menschen, enormen Rabatten bedankt. die Mengenrabatte der Pharmaindustrie Tiere und Doktoren“ stellt er seine Fin- Zwar trieb es das Trio aus dem Taunus und das süße Privileg des Dispensier- gerfertigkeit unter Beweis. besonders dreist, doch bei den Überwa- rechts – eine Sonderregelung des Apo- Es ist eine rührende Idylle, die der Sen- chungsämtern liefen in den vergangenen thekenmonopols. Seit über 150 Jahren der dort inszeniert: Zu sehen sind zupa- Jahren Hunderte ähnliche Fälle auf. Die dürfen die Tierärzte verschreiben und ckende Landtierärzte in Gummistiefeln meisten endeten als Ordnungswidrigkei- gleichzeitig verkaufen – und zwar fast auf Frühlingswiesen mit Lämmern. Star- ten mit kleinen Geldbußen, wenn über- ohne Kontrolle. ke Medikamente? Kommen in dieser haupt. Schuld daran ist ein bisher recht Das allerdings könnte sich nun ändern, Fernsehwelt eher selten zum Einsatz. dehnbares Arzneimittelrecht und ein die Tierärzte sind ins Fadenkreuz der Die Idylle trügt. Viele Kollegen von System, das jene belohnt, die viel ver- Politik geraten. Auslöser waren Unter- Seelig können auch anders. Eine ganze schreiben. suchungen von niedersächsischen und Batterie von Arzneien steht ihnen in der nordrhein-westfälischen Tierbeständen, Hausapotheke ihrer Praxis zur Verfügung. bei denen der massenweise Einsatz von Davon wurde in der Vergangenheit üppig Antibiotika belegt werden konnte. In und flächendeckend Gebrauch gemacht, NRW hatte der Grünen-Umweltminister auch in Seeligs Unternehmen: Vor ein- Johannes Remmel 182 Hühnermast- einhalb Jahren wurden drei Veterinäre bestände untersuchen lassen. Über 90 dieser Praxis zu insgesamt 90 000 Euro Prozent der Tiere waren mit Antibiotika Geldstrafe verurteilt. behandelt worden, viele mehrfach, sie FANDANGO / VOX Sie hatten in großem Stil Medikamente standen quasi unter Dauer-Dope. Andere verkauft, die teils nicht zugelassen waren, bekamen die Mittel nur ein oder zwei und Dutzende Liter Arzneien für Tiere Tage, was wiederum zu kurz ist und den abgegeben, die den Stoff nie hätten be- Tiermediziner Seelig Zulassungsbedingungen widerspricht. kommen dürfen. Ermittler der Wiesbade- Rührende Idylle fürs Fernsehen Dienten die Arzneien also nicht der 74 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft Krankheitsbekämpfung, sondern derGa- diesen Funden hatte das Bundesinstitut Wege medikamenteller Behandlungsstra- rantie des Masterfolgs? für Risikobewertung (BfR) Masthühner- tegien“. In Holland, sagt Snoek, seien die Nicht nur die Landwirte, auch die bestände untersucht und in allen resis- Antibiotika allein im Jahr 2011 um 32 Pro- Veterinäre stehen unter Verdacht. Die tente Keime gefunden. Die nicht zu Panik zent reduziert worden. Das war auch nö- zuständige Bundesministerin Ilse Aigner neigenden BfR-Wissenschaftler mahnten tig, denn Hollands Tiere waren so vollge- will deshalb das Arzneimittelgesetz ver- an, die medikamentöse Überversorgung pumpt mit Stoffen wie wohl keine anderen schärfen und das Dispensierrecht für Tier- in der Tierhaltung zu hinterfragen. Lebewesen in Europa. Damit die Praxis ärzte „auf den Prüfstand“ stellen. Was den Forschern besondere Sorgen der Niederländer weiterhin auf zweistelli- Die Lobby der Veterinäre konterte be- macht: Immer mehr Erreger – gerade im ge Millioneneinkünfte kommt, sind Snoek reits mit einer Petition zum Erhalt ihres Geflügelfleisch – sind gleich gegen meh- und seine Kollegen dabei, vorsichtshalber Privilegs. Von Standesehre und Unab- rere Antibiotika immun, darunter sogar schon mal die Umsatzposten zu verschie- hängigkeit ist die Rede. Doch wie unab- gegen Fluorchinolone, die als sogenannte ben: Die Antibiotika-Einnahmen, vorher hängig sind Tierärzte, die etwa bei riesi- Reserveantibiotika eigentlich besonders rund 60 Prozent der Umsätze, sollen hal- gen niedersächsischen Geflügelvermark- sparsam eingesetzt werden sollen. Doch biert, Beratungen und vorbeugende Imp- tern in der Geschäftsleitung sitzen und von Sparsamkeit spürten die Pharmaher- fungen dafür ausgebaut werden. gleichzeitig Geflügelbestände betreuen? steller in den vergangenen Jahren wenig. Die Internetseite von Snoeks Firma Die Verlockung, gerade die lukrativen Allein mit dem Tier-Antibiotikum Baytril, Lintjeshof erlaubt einen Einblick in den Antibiotika etwas laxer abzugeben, als die das etwa bei Puten oft eingesetzt wird, modernen Veterinärmarkt: Sie wirkt Standesregeln es vorsehen, scheint groß: wenn nichts mehr wirkt, machte Bayer 2010 nicht wie eine Praxis, sondern wie ein „In neun von zehn Fällen, in denen ein einen Umsatz von 166 Millionen Euro, elf kleiner Konzern: 24 Ärzte arbeiten an Landwirt um Penicillin bittet, bekommt Prozent mehr als im Jahr davor. In Deutsch- sieben Standorten, zwei Filialen sind in er das Medikament sofort, ohne Unter- land kletterte der Umsatz mit Tierarznei- Deutschland. Zum „Praxismachen“ lohnt suchung“, sagt Veterinär Ebner, der jah- mitteln auf 730 Millionen Euro im Jahr. es sich sogar, per Flugzeug Kunden in relang einer der Spitzenfunk- Polen oder auch Russland zu tionäre seiner Branche war. besuchen. Inzwischen arbeitet das Ex- Veterinäre, fordern immer CSU-Mitglied Ebner für die mehr Kritiker, dürfen nicht Grünen an Gesetzesentwür- länger Arzt oder Apotheker fen, die weiter gehen, als die zugleich sein. In Dänemark seiner ehemaligen Parteikol- und Schweden ist die Dop- legin Aigner: Mengenrabatte pelfunktion längst verboten, auf Medikamente sollen zu- der Medikamentenverbrauch gunsten von Festpreisen ver- deutlich niedriger als in der boten, Beratungsleistungen hiesigen Landwirtschaft. Auf getrennt von Arzneimitteln Veranstaltungen des Bundes- abgerechnet werden. verbands Praktizierender In der Debatte um das Dis- Tierärzte (BPT) gewinnt man DETLEV SCHILKE / FOTOFINDER pensierrecht geht es um mehr zwar den Eindruck, im Nach- als das Kappen von ein paar barland stünde die Veterinär- Standesprivilegien. Die gene- branche vorm Exitus. Tatsäch- relle Wirksamkeit der Antibio- lich jedoch ist die Zahl der tika steht auf dem Spiel. Es Tierärzte mit etwa tausend gibt nur eine begrenzte Zahl relativ konstant. Der sowieso von Wirkstoffen, auf die auch Tierschutzaktivisten in Berlin: Klaustrophobische Enge niedrige Antibiotika-Gebrauch Menschen angewiesen sind. Je sank 2011 um rund 25 Prozent. mehr davon auch in der Tierhaltung zum 900 Tonnen Antibiotika sind 2010 an Ein Grund dafür ist das neue Gelbe-Kar- Einsatz kommen, desto größer ist die Tiere in Deutschland verfüttert worden. ten-System. Es beruht auf Einsichtnahme Gefahr, dass Keime neue Überlebens- Das sind 116 Tonnen mehr als im Jahr der Behörden in den Antibiotika-Ver- strategien – also Resistenzen – entwickeln. 2005 und mehr als dreimal so viel, wie brauch des einzelnen Landwirts – und auf Viele solcher Erreger entstehen zwar alle Bundesbürger pro Jahr einnehmen. Verwarnungen sowie Betriebsprüfungen. in Krankenhäusern. Auch die Industrie- Bis Ende März hätten die Pharmaherstel- Die BPT-Funktionäre wollen davon mast birgt jedoch ein Übertragungsrisiko. ler ihre Abgabemengen für 2011 eigent- nichts wissen, auf Merkblättern werden Widerstandsfähige Keime, die für den lich melden müssen. Eine Reihe von Fir- die Mitglieder weiter auf das alte System Menschen eine Gefahr bedeuten, ent- men kam dem nicht nach, das zuständige der Massentierhaltung eingeschworen: deckten Tierschützer vom BUND kürz- Bundesamt für Verbraucherschutz und „Eine Beschränkung von Betriebsgrö- lich in Hähnchenfleisch aus dem Super- Lebensmittelsicherheit musste die Anga- ßen“, heißt es, „ist aus fachlicher Sicht markt. 10 von 20 Proben großer Pro- ben nun schriftlich einfordern. nicht zu vertreten.“ duzenten wie Wiesenhof enthielten Mit der industriellen Massentierhaltung Da scheint selbst der Massentierhal- Keimtypen, die dazu führen können, dass wuchsen auch die Veterinärpraxen, auf tungs-Monolith Wiesenhof weiter. Ab ein infizierter Patient nicht mehr auf teils gewaltige Maße. In manchen dieser Sommer will er es versuchsweise mit bestimmte Antibiotika anspricht. „Tierkliniken“ arbeiten inzwischen 20, 30 einem neuen Tierwohl-Label, längerer Wiesenhof verwies zwar auf die um- Angestellte. Die tierärztlichen Hausapo- Mast und kleineren Herden versuchen. fangreichen Hygienetests des eigenen Flei- theken sind mitunter auf „Hallengröße Kommen den Schöpfern der deutschen sches und auf eine Halbierung des Anti- angewachsen“, berichtet ein hoher Amts- „Goldhähnchen“ womöglich Zweifel an biotika-Einsatzes in den vergangenen 20 veterinär einer Landeskontrollbehörde. ihrem angestammten Massengeschäft? Jahren. Belege für diese Halbierung blieb Sam de Snoek ist so ein Landtierarzt Das System der Turbomast scheint über- das Unternehmen jedoch schuldig. der neuen Generation, ein Spezialist für reizt. Die aufs manische Fressen gezüch- Sicher, die Entdeckungen des BUND Schweine. Der Holländer referierte gerade teten Tiere, die den ganzen Tag fett- und waren eine Stichprobe. Doch bereits vor auf einer Tagung in Göttingen über „Neue eiweißhaltiges Kraftfutter in sich reinstop- 76 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft fen, leben inklaustrophobischer Enge quasi mit einer Durchfall-Garantie. Diesen Sys- temmangel versuchen Mäster wie Peter Bodmer* aus der Gegend von Vechta seit Jahren mit Medikamenten zu beheben. In den nasskalten Monaten Januar und Februar war wieder „Alarm“ in Bodmers 10 000er-Putenställen, seine Tierärztin musste anrücken. „Die Pute“, sagt Bodmer, sei so anfällig, „die schreit nach Antibio- tika“. Bringt der Nachbar Gülle aus, sei der Infekt für seine Tiere von den herbei- gewehten Keimen quasi garantiert. Als Bodmer vor über 20 Jahren begann, wog ein gemästeter Truthahn gut 16 Kilogramm. „Heute sind es 23 Kilo, aber das Herz und die Lunge sind immer noch genauso groß.“ CARSTEN KOALL Es gebe Alternativen, andere Rassen, Waage-Apotheke in Berlin die nicht so schnell wachsen. Aber den „Herrschaften von Wiesenhof und Co.“ reiche das nicht. „Die wollen so viel zehn Krebsgenerika, sagt Tamimi. Vorteil: Brustfleisch, dass den Hähnen in den letz- GESUNDHEIT Als Unternehmer können die Apotheker Reibach auf ten sechs Wochen vor Übergewicht die neben ihrem üblichen Gewinn auch noch Beine wegknicken.“ die Herstellermarge und den Großhan- Das Stallbuch von Bodmer ist voll von delszuschlag einstreichen. Rezept Behandlungen mit Antibiotika. Schon bei Einen ersten Erfolg erzielte Omnicare den Küken aus der Brüterei schienen Pro- im Februar: Als die Barmer GEK die Ver- bleme aufzutauchen. Trotz penibler Prü- sorgung von Krebspatienten in Nord- fungen in den Brutstätten – es gibt sogar rhein-Westfalen ausschrieb, gewann eine Berichte von Eiern, die mit Formaldehyd 51 Apotheker haben eine Pharma- Bietergemeinschaft aus Omnicare-Apo- besprüht und in Antibiotika-Lösung ge- firma gegründet und stellen theken sämtliche elf Gebietslose. taucht werden – bekommt Bodmer mit- nun teure Krebsmedikamente her. Eine eigene Produktionsanlage müssen unter Küken, die nicht ganz fit sind. Dann die Omnicare-Apotheker nicht einmal auf- wird nachgeholfen, wie dieses Mal – und bauen. Denn Generikafirmen lassen ihre D wie eigentlich immer: Bodmer kann sich er Kreis war illluster: Rund Präparate inzwischen häufig bei Lohnher- nicht erinnern, dass er eine Herde mal hundert Krebsapotheker aus der stellern fertigen, die mal in China, mal in ohne Dope durchgebracht hätte. ganzen Republik nahmen die Ein- Spanien oder Deutschland sitzen. In die- In seinem Stallbuch sind mehrere Be- ladung ihres Kollegen Oliver Tamimi an sen Fabriken rollen montags die Pillen für handlungen mit Aviapen vermerkt, ei- und reisten nach Bayern, um die zuneh- Hexal vom Band, dienstags die für Ratio- nem Antibiotikum gegen Durchfall, das mende industrielle Herstellung von Che- pharm, mittwochs die für Stada. Geliefert offenbar nicht recht wirkte und teils viel motherapie-Infusionen zu diskutieren. wird in Original-Firmenverpackungen. zu kurz verwendet wurde. Hinzu kamen Denn diese Produktion bedroht die Ge- Nach Angaben von Branchenkennern Penicilline gegen Schnupfen. Später zog winne der traditionellen Apotheken. bieten Lohnhersteller die Chemo-Medi- seine Tiermedizinerin mit Baytril die Mit keinem anderen Medikament kön- kamente extrem günstig an. Paclitaxel „Notbremse“, so Bodmer. Zwölf Liter nen sie bisher so viel Reibach machen beispielsweise, für das die Krankenkassen ließ sie ihm da, die er selbst dosieren wie mit Krebsinfusionen, die sie selbst 980 Euro bezahlen, kann man für 35 Euro konnte. So viel Einsatz hat seinen Preis: zubereiten. Sie können eine Packung des kaufen. Auf Anfrage weist Tamimi den Im Januar ist Bodmer über 10 000 Euro Wirkstoffs Paclitaxel für 350 Euro einkau- Verdacht der Renditegier von sich. Es für Medikamente losgeworden. fen, den Krankenkassen dafür aber 980 gehe Omnicare im Interesse der Patienten Ganz im Sinne der Standesregeln war Euro in Rechnung stellen (SPIEGEL darum, die wohnortnahe Versorgung die Behandlung nicht. Die Veterinärin hat 15/2012). Weil dieses Geschäft so lukrativ sicherzustellen. Denn die industriellen jedoch eine Art Risikoversicherung: Es ist, drängen seit Jahren industrielle Her- Hersteller müssten oft weite Wege zurück- bestehen verwandtschaftliche Verbindun- steller in den Markt. Allein durch ihre legen, um die Infusionen in die Arzt- gen zu einem hohen Amtsveterinär, so Größe können sie die Krebsmedikamente praxen zu liefern. Da manche Stoffe aber dass keine Schwierigkeiten drohen. (Zytostatika) aber noch günstiger einkau- nur wenige Stunden haltbar seien, sei Relativ problemlos läuft es auch wieder fen als ein einzelner Apotheker. damit immer auch ein Risiko verbunden. für einen Praktiker, der vor Jahren als Auf den Besprechungen in Bayern Omnicare liefert zum regulären Apo- „Autobahn-Tierarzt“ bekannt wurde. Er schlug Tamimi, der in Berlin die Waage- thekeneinkaufspreis, ohne großen Rabatt. hatte teils verbotene Hormone und An- Apotheke betreibt, den Kollegen vor, Der eigentliche Gewinn fällt also bei Om- tibiotika an Hunderte Landwirte ver- eine eigene Firma zu gründen. „Wenn es nicare an, die ihn dann an die beteiligten kauft – meist in Autobahnnähe und oft ein Oligopol gibt, wollen wir nicht über- Apotheken ausschüttet. Schon früher lag ohne ein Tier gesehen zu haben. Nach fahren werden.“ 51 Krebsapotheker aus Tamimi das Wohl der Apotheker am Her- seiner Verurteilung 2002 und einem län- ganz Deutschland haben sich seither an- zen. Nach dem Rabattverbot 2006 grün- geren Berufsverbot hat die Regierung von geschlossen, bis Ende des Jahres sollen dete er zum Ärger der Kassen in Öster- Oberbayern ihm gerade erst eine neue es 88 sein. Sie müssen im Schnitt 200 000 reich eine Gesellschaft, über die Rabatte Berufserlaubnis erteilt. Euro einzahlen, um Teilhaber der neuen weiterhin möglich waren. Doch seine NILS KLAWITTER Firma namens Omnicare zu werden. Österreich-Aktivitäten hätten sich mit der Die Pharmafirma in Apothekerhand neuen Omnicare erledigt, versichert er. * Name von der Redaktion geändert. verfügt bereits über Zulassungen von MARKUS GRILL 78 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft allerdings noch nicht rechtskräftig. Hin- Griff ins Meilenkonto R A B AT T P R O G R A M M E tergrund: Die Lufthansa hatte für ihr Bo- Wie viele Prämienmeilen man für Lufthansa- Viel fliegen, nusprogramm Miles & More die Summe Flüge* einlösen muss der einzusetzenden Meilen für Prämien- flüge erhöht. Vorher gesammelte Meilen First-Class-Prämienflüge** wenig Freude waren quasi über Nacht weniger wert. Frankfurt – New York Eggendorfer geht es weniger um die alt 140 000 Anpassung als vielmehr um die mangeln- de Kommunikation der Aktion. Die An- neu 170 000 Der Streit um das kündigung sei nicht rechtzeitig erfolgt. Frankfurt – Singapur Miles & More-Programm der Der E-Mail-Verkehr zeigt nun, dass 180 000 Lufthansa eskaliert: man sich bei der Airline offenbar über den Zeitpunkt der Kundeninformation 210 000 Ein ehemaliger Kunde hat nun durchaus Gedanken gemacht hat: Die Business-Class-Prämienflüge** Strafanzeige eingereicht. Prämienanpassung wurde bereits am Frankfurt – New York 19. Oktober 2010 abgesegnet. In der Nach- 90 000 D ie Lufthansa beförderte im vergan- richt heißt es, die Maßnahmen seien noch genen Jahr 65 Millionen Fluggäste. „streng vertraulich“, die Verkündung dür- 105 000 *gilt auch für Tobias Eggendorfer kann für sich fe „nicht zu früh“ erfolgen, „damit die Flüge mit Star- Frankfurt – Singapur Alliance- und in Anspruch nehmen, einer der wenigen Kunden nicht vorab noch viele Tickets mit 120 000 weiteren Airline-Partnern zu sein, die dem Vorstandsvorsitzenden den günstigeren Meilenwerten buchen“. ** zzgl. Steuern Christoph Franz namentlich bekannt sind. Bis heute behauptet die Lufthansa, 135 000 und Gebühren Und das, obwohl Eggendorfer seit seinem man habe korrekt und rechtzeitig infor- Rechtsstreit mit der größten deutschen miert. Tatsächlich erfolgte die Informa- Kennern mäßig beleumundet. Nach wie Fluggesellschaft keinen Fuß mehr in Luft- tion eher als eine Art Randnotiz erst ei- vor gilt die Business Class als kaum kon- hansa-Flugzeuge setzt. nen Monat vor der Umsetzung. Zu kurz, kurrenzfähig, die Sitze etwa werden erst Rückblickend hätte wohl auch die Luft- befand das Gericht im Fall Eggendorfer. jetzt nach und nach erneuert. hansa ihn am liebsten nie an Bord be- Es gilt als wahrscheinlich, dass Lufthan- Zudem mosern umsatzstarke Premium- grüßt. Denn Eggendorfer, 36, brockte ihr sa Berufung einlegen wird. „Uns geht es kunden, etwa im Vielfliegerstatus eines mit seiner Klage ein echtes Problem ein, um Rechtssicherheit, denn die ist drin- Senators oder des HON Circle: Auch für und spätestens seit Donnerstag vergange- gend notwendig für ein Kundenbindungs- sie gelten bald veränderte Regeln beim ner Woche eskaliert der Streit mit dem programm dieser Größe“, sagt Harald De- Meilensammeln. Der Status eines HON Hamburger IT-Professor. prosse, Leiter von Miles & More. Circle etwa kann dann nur noch mit Busi- Da reichte Eggendorfers Anwalt bei Die Auseinandersetzung trifft die Luft- ness- und First-Class-Tickets erflogen wer- der Staatsanwaltschaft Köln eine Strafan- hansa zu einem ungünstigen Zeitpunkt. den. Dabei sehen die Richtlinien vieler zeige gegen Lufthansa-Manager ein. Der Der Konzern musste 2011 einen Verlust Unternehmen vor, zumindest inner- skurril klingende Vorwurf: gewerbsmäßi- von 13 Millionen Euro ausweisen. Hinzu deutsch oder -europäisch Economy zu ger Betrug in 21 Millionen Fällen. Der kommen das Nachtflugverbot in Frankfurt fliegen. Wird dann Business gebucht, kas- Anzeige liegt eine interne E-Mail aus dem am Main und Zoff um die schwer ange- siert der Passagier künftig auch nicht Konzern bei, Eggendorfer sieht damit schlagene Tochterfirma Austrian Airlines. mehr automatisch die doppelte Meilen- seine These von der „gezielten Informa- Mehr als die Hälfte ihres Umsatzes er- zahl. Die Möglichkeit von Upgrades ge- tionsverschleppung“ untermauert. wirtschaftet die Lufthansa-Gruppe mit gen Meilen wird ebenfalls schwieriger. Eggendorfer gewann erstinstanzlich be- Passagieren auf interkontinentalen Stre- Der Senator-Status, an Bord mittlerwei- reits einen Prozess gegen die Fluglinie cken in der Business und First Class. Doch le mehr oder weniger nutzlos, soll hinge- vor dem Landgericht Köln. Das Urteil ist ausgerechnet hier ist das Angebot unter gen entwertet werden. Bisher waren im Normalfall 130 000 Meilen pro Kalender- jahr notwendig, um den Gold-Status zu erreichen. Künftig genügen 100000 Meilen. Das von Ex-Kunde Eggendorfer mit an- gezettelte Vielflieger-Theater dürfte für die Lufthansa auch bei der nächsten Hauptversammlung am 8. Mai zum Pro- blem werden. Schon jetzt gibt es einen Aktionärsantrag, der sich mit einer an- geblich falschen Bewertung von Meilen in der Bilanz beschäftigt. Hintergrund ist ein älteres Verfahren, in dem es heißt, dass die Lufthansa den JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL Gegenwert einer Meile mit 2,77 Cent an- gibt. In der Konzernbilanz hingegen wer- den nur 0,8 Cent pro Meile angesetzt. Was nach Krümeln klingt, summiert sich: Wäre der höhere Wert korrekt, müsste die Airline ihre Rückstellungen für nicht abgeflogene Meilen um vier Milliarden Euro erhöhen. Das Unternehmen bestrei- tet das und hält seine Rückstellungen für ausreichend. Kläger Eggendorfer: Gewerbsmäßiger Betrug in 21 Millionen Fällen? MARTIN U. MÜLLER D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 79
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    Wirtschaft CHUNG SUNG-JUN / GETTY IMAGES Bau von Containerschiffen im südkoreanischen Ulsan: „Das große Spiel ist vorbei“ Containerangebot nach Schätzung des S C H I F F FA H R T Branchendienstes Alphaliner jedes Jahr Opfer des Größenwahns im Schnitt um über sieben Prozent. Die Frachtpreise sind wegen des Über- angebots unter Druck: Eine Kiste mit T-Shirts oder Elektrogeräten von Shang- hai nach Rotterdam zu verschiffen kostete Wie im Rausch orderten die Reeder in Zeiten des Booms Ende März rund 1400 Dollar, vor zwei neue Schiffe. Jetzt sorgen die Überkapazitäten für Jahren waren es noch über 2000. „Diese Krise ist eine rein hausgemachte“, sagt Milliardenverluste, Anleger und Banken verlieren die Geduld. Michael Behrendt, Präsident des Ver- bands Deutscher Reeder und Chef von W ürde man von der Zahl und der Größenwahn der Branche. Tatsächlich Hapag Lloyd. Die Traditionslinie, die zu Größe ihrer Schiffe auf das Ver- geht es der Schifffahrt vier Jahre nach einem guten Drittel der Stadt Hamburg mögen der Reeder schließen, Beginn der Finanzkrise so schlecht wie gehört, musste ihren geplanten Börsen- man könnte meinen, um die Schifffahrt lange nicht. gang schon dreimal absagen. sei es bestens bestellt. Immer gewaltiger Maersk machte im vergangenen Jahr An ein ständiges Auf und Ab ist die werden die Containerfrachter, und immer mit seinem Containergeschäft fast 400 Schifffahrt gewöhnt. Ein Schiff zu bauen mehr dieser Giganten fahren über die Millionen Euro Verlust. Die Profite der dauert drei Jahre, wie der Handel sich Meere. deutschen Linien Hapag Lloyd und Ham- bis dahin entwickelt, ist schwer vorher- Acht der weltgrößten Schiffe hat allein burg Süd (Teil des Bielefelder Oetker- zusagen. Mal sind zu viele, mal zu wenige der Branchenführer Maersk im Dienst, Konzerns) sind eingebrochen, kleinere Schiffe auf dem Markt. jedes 400 Meter lang, 56 Meter breit und Charterreeder ringen ums Überleben. Doch diese Krise ist anders als frühere, 20 Stockwerke hoch. Rund 14 000 Stan- Die Fracht- und vor allem Charterprei- es geht nicht um das Überleben der einen dardcontainer (TEU) können die Schiffe se reichen zum Teil kaum, um die Kosten oder anderen Reederei, sondern um das transportieren, alle im typischen Hellblau für den Betrieb der Schiffe zu decken, Geschäfts- und Finanzierungsmodell der der dänischen Reederei gestrichen. Sie viele Reeder können ihre Kredite nicht sind auf der Hauptroute des Welthandels, bedienen. „Der Druck ist enorm, nicht zwischen Asien und Europa, unterwegs. jeder wird dem standhalten“, sagt Nicho- Volle Kraft voraus Lange hielt Maersk damit den einsamen las Teller, Chef der E. R. Capital Holding, Kapazitätsentwicklung der weltweiten Größenrekord. zu der auch die Reederei E. R. Schiffahrt Containerschiffflotte, in Millionen Container* Doch das reicht den Dänen nicht mehr, gehört. „Das große Spiel ist vorbei“, für vier Milliarden Dollar haben sie 20 fürchtet auch ein Schiffsmakler. 19,6 neue, noch größere Schiffe bestellt. Stolz Es war ein Spiel mit höchstem Risiko. Prognose 2015 Anstieg verkündet der Konzern auf seiner Web- Wie im Rausch orderten die Reeder in gegenüber site das neue Maß der Dinge: die Triple- der Vergangenheit Container-, Tank- und 2011 E-Klasse mit Platz für 18 000 Container. Massengutfrachter, im blinden Vertrauen +27% Fast ein Viertel aller Containerschiffe, darauf, dass die Globalisierung der Bran- die in diesem Jahr auf den Werften, etwa che einen langen Boom bescheren werde. in Südkorea oder China, vom Stapel lau- Dieses Jahr werden Schiffe mit Platz 15,4 31. Dez. 2011 fen, sind sogenannte Mega-Liner mit für insgesamt 1,47 Millionen Standardcon- Platz für 10 000 Container und mehr. Bis tainer ausgeliefert. Das sind gut acht Pro- Quelle: * 1 TEU-Container (Twenty-foot Equivalent Unit) Alphaliner 2015 werden über 150 der schwimmenden zent mehr als im Vorjahr. Der Seehandel Kolosse ausgeliefert. aber wächst nur um rund sechs Prozent. Der erwartete Anstieg der Kapazität von 4,2 Millio- Doch diese Zahlen sind kein Beleg für Entspannung ist nicht in Sicht. In den nen Containern bis 2015 entspricht aneinander- den Boom, sondern ein Zeichen für den kommenden drei Jahren steigt das globale gereiht einer Länge von ca. 25500 Kilometern. 80 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    gesamten deutschen Branche.Die Geld- Für viele deutsche Charterreeder ist Kreditinstitute still und stundeten Zins und quellen, die Deutschland zur Nummer dennoch keine Erholung in Sicht. Lieber Tilgung für zwei, drei Jahre. „Aber die eins auf dem Containermarkt gemacht machen die Linienreeder erst mal ihre ei- Hoffnung auf eine rasche Erholung hat sich haben, sind mit dieser Krise auf Jahre genen Schiffe voll, bevor sie zusätzliche nicht erfüllt“, gesteht ein Bankmanager. versiegt. Rund 70 Schiffe von Fonds- anmieten. Frachter, deren Mietverträge Die Geldinstitute sitzen in der Falle. gesellschaften sind nach Angaben des in diesen Tagen auslaufen, werden wegen Ihre Kredite wurden mit Schiffen besi- Branchenexperten Jürgen Dobert insol- des Überangebots zu Dumpingpreisen chert, die massiv an Wert verloren haben. vent, etliche weitere betteln bei ihren An- oder gar nicht weitervermietet: Über 300 Kündigen sie die Darlehen, gehören ih- legern um frisches Geld. Die Mehrheit Containerschiffe lagen im März auf Ree- nen die Schiffe, die sie nur zu Schleuder- der 2500 fondsfinanzierten Schiffe sei de. Vor allem die Nachfrage nach kleine- preisen loswerden können. „Die Banken überschuldet, sagt Dobert. ren Schiffen ist zusammengebrochen, die haben derzeit kein Interesse, Schiffe zu Angefeuert durch milliardenschwere Charterpreise sind in den vergangenen verkaufen und damit die Preise weiter Steuererleichterungen, hat die Schifffahrt sechs Monaten um 50 Prozent gefallen. unter Druck zu setzen“, sagt Christian in den vergangenen zehn Jahren einen Für Gewinnausschüttungen an die Anle- Nieswandt, Leiter der Schiffsfinanzierung beispiellosen Boom erlebt. Mit dem Ver- ger reicht das schon lange nicht mehr, bei der HSH Nordbank, einem der welt- sprechen auf Traumrenditen sammelten aber auch die Kredite, die zum Schiffs- weit größten Geldgeber der Schifffahrt. die Reeder Milliarden bei Besserverdie- kauf zusätzlich aufgenommen wurden, Noch halten die Kreditinstitute im ei- nenden ein, um neue Schiffe zu kaufen. sind davon nicht zu bedienen. genen Interesse still. Hinter den Kulissen Die Banken warfen ihnen die zusätzlich Das Kapital vor allem kleinerer Char- forcieren sie eine Konsolidierung: Klei- nötigen Kredite beinahe hinterher. terreeder ist nach der langen Durststrecke nere Reeder sollen unter das Dach grö- Ein Drittel der globalen Flot- ßerer schlüpfen. „Manche In- te ist heute in deutscher Hand. solvenz“, sagt ein Banker, Das Gros der Reeder hat mit „wird sich nach außen eher als Seefahrt freilich wenig zu tun. Fusion darstellen.“ Statt selbst Waren zu trans- Die Charterreederei E. R. portieren, vermieten sie ihre Schiffahrt macht sich derzeit Schiffe an Linien wie Maersk, zum Vorreiter einer Neuord- CHRISTIAN CHARISIUS / PICTURE ALLIANCE / DPA MSC oder Hapag Lloyd, die nung. Sie bietet sich der Bran- nach festem Fahrplan un- che als Auffanglösung an. terwegs sind. Hamburger Char- „Viele Reedereien sind zu terreeder wie Claus-Peter Of- klein, um noch genug Kapital FOTO POLLEX / ACTION PRESS fen, Peter Döhle und E. R. für den Kauf neuer Schiffe Schiffahrt stehen auf der Welt- aufzubringen“, sagt E. R.-Ma- rangliste der Eigner ganz oben. nager Teller. Er kennt das Ge- Auf 430 Reedereien bringt es schäft auch von der anderen Deutschland. Die Geschäfte lie- Seite, Teller saß lange im Vor- fen so gut, dass „alle Panik hat- stand der Commerzbank. ten, nicht genug Schiffe zu be- Reeder Ebel, Behrendt: „Selbstzerstörerisch und dumm“ Wegen des Kapitalmangels kommen“, sagt Behrendt. ist die Zahl der Bestellungen In den fetten Jahren zwischen 2003 und aufgezehrt. Schießen die Anleger kein schon jetzt drastisch gesunken. „Die 2008 bestellten die Deutschen über 2000 Geld nach, droht die Pleite. Über hundert Schifffahrt wird sich künftig neu erfinden neue Schiffe zum Teil zu Höchstpreisen. Fonds sind derzeit in Liquiditätsnot, schät- müssen, um noch an Eigenkapital zu kom- Dann kam die Lehman-Pleite, die Welt- zen Experten. „Da wurden Milliarden men“, glaubt Stefan Otto, Chef der Deut- wirtschaft brach ein, die Frachtpreise san- verbrannt. Bis das Vertrauen der Anleger schen Schiffsbank, einer Tochter der Com- ken. Verzweifelt flogen viele Reeder nach wiederkommt, wird eine Weile vergehen“, merzbank. Potentielle neue Geldgeber wie China und Südkorea und flehten die sagt Hermann Ebel, Chef der Hamburger Pensionskassen oder Finanzinvestoren Werften an, die Auslieferung der Schiffe Schiffsbeteiligungsfirma Hansa Treuhand. hätten keine Lust, den Stahl für einzelne zu verschieben. Nun sind die Fristen aus- Ebel hat in guten Jahren für seine an- Schiffe zu finanzieren, wie die Fondsan- gereizt, die in besseren Tagen bestellten legerfinanzierten Schiffe Sondertilgungen leger in der Vergangenheit. „Investoren Frachter kommen jetzt auf den Markt. bei der Bank geleistet, um nicht in Not wollen in ganze Flotten investieren oder Um ihre größer werdenden Schiffe aus- zu kommen. Die Exzesse seiner Zunft in die Reedereien selbst, wo sie dann auch zulasten, lieferten sich die Linienreeder sieht er kritisch: „Viele haben keine Re- entsprechendes Mitspracherecht haben.“ im vorigen Jahr einen mörderischen Preis- serven bereitgelegt, sondern das Geld lie- Auf der Suche nach frischem Kapital kampf. Vor allem Maersk und der Bran- ber üppig an die Anleger ausgeschüttet, müssen sich die Reeder wohl an Anleger chenzweite MSC unterboten sich gnaden- um für neue Fonds zu werben.“ gewöhnen, die nicht nur ihr Geld abliefern. los, alle anderen mussten mitziehen. Zeit- Vor 2008 sammelten deutsche Schiffs- Als Blaupause könnten dabei ausgerech- weilig deckten die Frachtpreise nicht einmal fonds über 2,5 Milliarden Euro Eigenkapital net griechische Reeder dienen. Während mehr die dramatisch gestiegenen Kosten im Jahr ein, mit Hilfe der Banken konnten das Land unter der Schuldenkrise fast zu- für den Schiffsdiesel. „Selbstzerstörerisch dafür Schiffe im Wert von etwa 6 Milliar- sammenbricht, geht es vielen Schifffahrts- und dumm“ nennt Hapag-Lloyd-Chef Beh- den Euro gekauft werden. Im vergange- firmen erstaunlich gut. rendt das Verhalten seiner Konkurrenten. nen Jahr waren es gerade mal 500 Millio- Einige von ihnen, etwa die Reederei Der Verdrängungswettbewerb hat tiefe nen Euro, ein Fünftel davon Nachzahlun- Costamare, haben den Weg an die Börse Schneisen in die Bilanzen aller Linien- gen für notleidende Fonds. Neues Geld gesucht oder Finanzinvestoren geholt. reeder gerissen, aus purer Not ist nun ist für die Reeder hier nicht zu holen. Die „griechische Lösung“ aber dürfte für Vernunft eingezogen. In den vergangenen Der Markt ist praktisch tot. Und auch deutsche Reeder fürs Erste anders aus- Wochen haben sie die Preise auf der den Banken ist die Lust an Schiffen vergan- sehen: Griechische Konkurrenten suchen Asien-Europa-Strecke angehoben, von gen, viele würden sich lieber heute als mor- gerade den Markt nach günstigen Schif- 500 Euro zum Jahreswechsel auf jetzt gen aus dem Geschäft zurückziehen. Als fen ab. Fündig werden sie in Deutschland. etwa 1400 Euro je Container. die Branche 2009 abstürzte, hielten viele ISABELL HÜLSEN D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 81
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    Panorama Graffito gegen die Formel 1 HAMAD / MOHAMMED / REUTERS BAH RAIN „Verhaftet, verhört, gefoltert“ Die Aktivistin Sainab al-Chawadscha, SPIEGEL: Ihr 50-jähriger Vater Abd al- Chawadscha: Das einzige sogenannte 28, über den Protest gegen das Formel- Hadi ist der bekannteste Menschen- Vergehen meines Vaters ist sein Ein- 1-Rennen in ihrem Land rechtsaktivist des Königreichs. Er satz für Freiheit und Demokratie. Des- wurde vor einem Jahr verhaftet und wegen wurde er verhaftet, verhört und SPIEGEL: Die Demonstranten in Bah- befindet sich seit über 60 Tagen im gefoltert. Von dem Prozess, zu dem es rain fordern den Stopp des Formel-1- Hungerstreik. Haben Sie Kontakt zu bald kommen soll, erwarten wir keine Rennens, das für Sonntag angesetzt ist. ihm? Gerechtigkeit. Warum protestieren Sie gegen diese Chawadscha: Wir dürfen ihn schon seit SPIEGEL: Wollte Ihr Vater das Regime internationale Sportveranstaltung? Wochen nicht mehr besuchen, haben stürzen? Chawadscha: Dieses Großereignis wird aber gerade einen kurzen Anruf von Chawadscha: Er hat Demokratie gefor- vom Regime benutzt, um der Welt ihm bekommen. Er konnte kaum spre- dert. Auch ich wurde inhaftiert. Es etwas vorzuspielen. Die Menschen im chen, so schwach ist er. Wir fürchten, reichte den Sicherheitskräften, dass Westen sollen glauben, dass Bahrain er wird bald ins Koma fallen. ich meinen Vater im Militärhospital ein Land ist, dessen Einwohner ein gu- SPIEGEL: Haben Sie Hoffnung auf seine besuchen wollte. Dafür wurde ich tes Leben in Wohlstand und Frieden Freilassung? zwei Tage lang verhört. führen. Wir leiden unter dem Regime, SPIEGEL: Aber der König hat Fehler das unsere Schreie nicht hören will. eingestanden und mit Reformen be- Einwohner von mehr als 20 Orten ha- gonnen. ben sich dem Protest angeschlossen. Chawadscha: Einige kleine Zugeständ- Die Leute sind es leid, nicht ihre Mei- nisse wiegen die Verbrechen nicht auf, nung sagen zu dürfen. die an Demonstranten begangen wur- SPIEGEL: Werden Sie Ihre Proteste auch den, die sich friedlich für ihre Ziele ein- während des Rennens fortsetzen? setzten. Einige haben das mit ihrem Le- Chawadscha: Wir werden nicht schwei- ben bezahlt. Ich bin nicht stolz auf einen gen, nur weil die Formel 1 hier Station König, in dessen Namen getötet wurde. macht. Wir fordern Menschenrechte SPIEGEL: Aber die Proteste sind nicht und Freiheit. friedlich geblieben. Auch einige De- SPIEGEL: Es sind vor allem Schiiten, die monstranten waren gewalttätig. Chawadscha: Diese Ausschreitungen HAMAD / MOHAMMED / REUTERS gegen das sunnitische Herrscherhaus aufbegehren. wurden provoziert. Wir wollen keinen Chawadscha: Ich bin Schiitin und stolz Frieden auf Kosten von Freiheit. Für darauf. Das grüne Band an meinem uns hat die Freiheit Vorrang vor Frie- rechten Arm, das mich als Angehörige den. Wir werden weiter für Selbstbe- dieser Glaubensrichtung ausweist, tra- stimmung und Demokratie kämpfen, ge ich nicht, um mich auszugrenzen. auch wenn die Auseinandersetzung In erster Linie bin ich Bahrainerin. Chawadscha, Ordnungshüterin eskaliert. 82 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Ausland IRLAND lmeer Zur Strafe Mitte Tartus Limassol SYRIEN Atlantic- Cruiser- Route ins Kloster MARINETRAFFIC.COM Der Riss zwischen Papst Benedikt aus XVI. und den katholischen Gläubi- Dschibuti 300 km gen auf der Insel vertieft sich. Der Frachtschiff „Atlantic Cruiser“ Vatikan hat den Priester und promi- nenten Kirchenkritiker Tony Flan- SYRIEN Schiffsmakler Torsten Lüddeke von nery angewiesen, sich in ein Kloster der CEG. Bulk Chartering, die für die zurückzuziehen, um dort beim Ge- Deutscher Waffen- Befrachtung der „Atlantic Cruiser“ verantwortlich ist, sagt: „Wir haben frachter gestoppt das Schiff gestoppt, nachdem wir Hin- weise auf die Waffenladung erhielten.“ Es habe sich um eine sogenannte Kurz vor Erreichen des syrischen Ha- Kaltcharter gehandelt, der Frachter sei fens Tartus ist ein deutscher Frachter an die ukrainische Firma White Wale mit Waffen aus Iran gestoppt worden. Shipping in Odessa vermietet worden. Die „Atlantic Cruiser“ der Emdener „Die haben uns als Ladung vor allem Reederei Bockstiegel hatte vor Tagen Pumpen und ähnliche Dinge dekla- im Hafen von Dschibuti von einem ira- riert“, so Lüddeke, „Waffen hätten wir nischen Frachter schweres Militärgerät nie an Bord gelassen.“ Nun werde das und Munition für das syrische Regime 6200-Tonnen-Schiff erst einmal „da übernommen. Am vergangenen Frei- bleiben, wo es jetzt ist“. Die ukraini- tag sollte die Fracht in Tartus gelöscht sche Charterfirma habe darauf bestan- werden – dringend erwarteter Nach- den, dass die „Atlantic Cruiser“ Tartus schub für das Assad-Regime. Durch anlaufe und keine Waffen an Bord Überläufer im syrischen Apparat wur- habe. Nach SPIEGEL-Informationen HANY MARZOUK (O.); GETTY IMAGES (U.) de die Fracht bekannt und die Reede- wollte die Besatzung des Schiffes im rei gewarnt. Am Freitagmittag änderte zypriotischen Limassol Treibstoff bun- die „Atlantic Cruiser“ plötzlich den kern, gab dort aber als Ladung „Waf- Zielhafen, nun sollte der unverdächti- fen und Munition“ an. Daraufhin wur- ge türkische Hafen Iskenderun ange- de die Versorgung verweigert. Die laufen werden. Dann stoppte das Route von Dschibuti nach Tartus ist Schiff etwa 80 Kilometer südwestlich nach Erkenntnissen von Nachrichten- von Tartus und fuhr die nächsten Stun- dienstlern für iranischen Waffennach- den im Kreis. schub nach Syrien bekannt. Flannery, Benedikt XVI. bet über seine angeblichen Taten „nachzudenken“. Kardinal William Levada, Chef der mächtigen Glau- benskongregation, verbot dem Kleri- ZAHL DER WOCHE ker vom Orden der Redemptoristen, weiterhin kritische Artikel zu Politik und Lehren der Kirche zu veröffent- 28 Milliarden Zloty lichen. Zum ersten Mal seit 14 Jahren er- umgerechnet etwa sieben Mil- schien Flannerys Ordenszeitschrift liarden Euro, erhofft sich die jetzt ohne dessen Kolumne. Flanne- polnische Regierung als langfris- ry ist Mitbegründer eines schnell tigen Profit aus der Fußball- wachsenden Priesterbündnisses, das Europameisterschaft, die am sich als Plattform liberalen Wider- 8. Juni in Warschau beginnt. stands gegenüber den Hardlinern in Rom versteht. Die Rebellen be- zeichnen den Zölibat als gescheitert und fordern öffentlich die Priester- weihe für Frauen. Besonders heftig geißelte Flannery die Rolle der Kirche in der Aufarbeitung des Miss- brauchsskandals: Irlands Bischöfe, FORUM / IMAGO sagt er, seien ein „armseliger Fußballstadion in Warschau Haufen“, dem „jedes Führungs- vermögen“ fehle. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 83
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    THOMAS KOEHLER /PHOTOTHEK Protestierende Arbeiter vor dem Arbeitsministerium in Rom: Den Preis werden wohl erneut die Jungen bezahlen SCHULDENKRISE Agenda del Sol Weil sie hoch verschuldet und nicht mehr wettbewerbsfähig sind, krempeln Südeuropas Krisenstaaten ihre Arbeitsmärkte um. Manche sehen Gerhard Schröders Reformpolitik dabei als Vorbild, andere als abschreckendes Beispiel. D ie zierliche Assunta Linza, 33 Jah- die Börsianer in Mailand hocken fassungs- Sie verdiente 850 Euro im Monat, es re alt, und ihr Vater Giovanni, 60, los vor ihren Bildschirmen, der Risikoauf- war ein Knochenjob, mit Psychologie hat- graumeliert und gedrungen wie schlag auf italienische Staatsanleihen ist te er nichts zu tun, aber sie hatte einen ein Bulldozer, sitzen auf dem Familien- auf 5,6 Prozent geklettert, so hoch wie festen Arbeitsplatz – bis das Call-Center sofa in Roms nördlicher Vorstadt. Assun- seit Weihnachten nicht mehr. Und hier vor zwei Jahren begann, nach Albanien ta ist ein alter katholischer Name, der Va- auf dem Sofa sitzen Vater und Tochter, abzuwandern. Bis Juni wird Assunta 600 ter hat ihn ausgesucht, er steht für die sie sind die Gesichter der Krise. Euro im Monat aus einem staatlichen Himmelfahrt der Mutter Gottes und be- Als Assunta Linza vor fünf Jahren ih- Fonds beziehen und dann wieder auf ih- deutet: die Aufgenommene, die Einge- ren ersten unbefristeten Arbeitsvertrag ren Vater Giovanni angewiesen sein. stellte. „Mein Name ist ein Witz“, sagt unterschrieb, weinte sie vor Glück. Sie 23 Jahre lang hatte dieser als Elektriker Assunta und lächelt müde. hatte Psychologie studiert mit Prädikats- bei der staatlichen Eisenbahn gearbeitet, Sie hält ein Schreiben in den Händen, examen, anschließend jahrelang schwarz- bis er 1994 in den Ruhestand ging. Damals seit diesem Morgen ist es amtlich, sie ist gearbeitet und Dutzende Praktika absol- war Giovanni Linza 42, er sollte Platz ma- arbeitslos und bekommt ab Juni keine viert, nun durfte sie in einem Call-Center chen für junge Nachrücker. Er bekam staatliche Unterstützung mehr. den Kunden eines italienischen Energie- eine satte Abfindung und eine Pension Es ist Mittwochabend vergangener Wo- konzerns erklären, wie sie ihre Gas- und bis an sein Lebensende: 1200 Euro im Mo- che, im Fernsehen laufen die Nachrichten, Stromrechnungen zu lesen haben. nat. Das ist mehr, als seine Tochter je ver- 84 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Ausland 20,9 SPANIEN ǜÃĬğťğŭƊŅĴĔığÃÅĒĪōĚųōĬğōÃſğšĚğōÃĚšćťŭĴťĔıÚğĚųƊĴğšŭ 20 Bittere Kur ǜÃ>œĔłğšųōĬÃĚğťÃ<ŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğť ǜÃ>ŘıōğÃųōĚÃÅšĒğĴŭťƊğĴŭğōÃłŘōōğōÃĴōÃkōŭğšōğıŋğōÃćųťĬğıćōĚğŅŭÃſğšĚğō ÅšĒğĴŭťŋćšłŭšğĨœšŋğō ǜÃ^ŭććŭŅĴĔığÃVšČŋĴğōÃĨŸšÃōğųğĴōĬğťŭğŅŅŭğÃ:ųĬğōĚŅĴĔığÃćōÃkōŭğšōğıŋğō ĴōÃ^ŸĚğųšœŝćÃǘ 18,4 ųōĚÃĚğšÃĚğųŭťĔığ GRIECHENLAND ZğĨœšŋſğĬ ǜÃwğĬĨćŅŅÞœōÃ>œıōƊųťĔıŸťťğō ǜÃ)ĴōĨšĴğšğōÃĚğšÃ>ŘıōğDŽÃÅĒťğōłųōĬÃĚğšÃDĴōĚğťŭŅŘıōğ ǜÃ>ćųĨƊğĴŭÞœōÃećšĴĨžğšŭšČĬğōÃſĴšĚÃžğšłŸšƊŭ ǜÃkōłŸōĚĒćšğÃÅšĒğĴŭťžğšŭšČĬğÃſğšĚğōÃĚųšĔıÃvğšŭšČĬğÃŋĴŭßĒŅĴĔığō 15 ÃÃÃÃ<ŸōĚĴĬųōĬťĨšĴťŭğōÃğšťğŭƊŭ PORTUGAL Arbeitslosenquoten 13,6 ǜÃwğĬĨćŅŅÞœōÃĚšğĴÃĒğƊćıŅŭğōÃkšŅćųĒťŭćĬğōÃųōĚÞĴğšÃ&ğĴğšŭćĬğō in Prozent ǜÃDĴōĚğťŭŅœıōÃſĴšĚÞœšğšťŭÃōĴĔıŭÃğšıŘıŭ YųğŅŅğdžÃ)kǗ<œŋŋĴťťĴœō ǜÃ>œĔłğšųōĬÃĚğťÃ<ŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğťDŽÃÅĒťğōłųōĬÞœōÃÅĒĪōĚųōĬğō 11,2 ǜÃećšĴĨžğšŭšČĬğÃĬğŅŭğōÃōĴĔıŭÃŋğıšÃćųŭœŋćŭĴťĔıÃĨŸšÃćŅŅğÚćōĔığō ITALIEN ǜÃĴšŋğōÃťœŅŅğōÃųōŭğšŭćšĴīĴĔığÃŘıōğÃƊćıŅğōÃĚŸšĨğō 9,9 ǜÃğĨšĴťŭğŭğÃÅšĒğĴŭťžğšŭšČĬğÃſğšĚğōÃĨŸšÃĚĴğÃkōŭğšōğıŋğōÃŭğųšğš 9,2 ǜÃğŭšĴğĒťĒğĚĴōĬŭğßōĚĴĬųōĬğōÃſğšĚğōÃĬğĬğōÃÅĒĪōĚųōĬÃŋŘĬŅĴĔı 8,6 ǜÃ^ĔıōğŅŅžğšĨćıšğōÃĒğĴÃÅšĒğĴŭťŝšœƊğťťğō 8,2 erledig 7,7 DEUTSCHLAND t Kernpunkte der Arbeitsmarktreformen 2003 bis 2005 5,9 ǜÃÅųťſğĴŭųōĬÞœōÃğĴıćšĒğĴŭÃųōĚÃDĴōĴǗ:œĒť ǜÜĔłğšųōĬÃĚğťÃŸōĚĴĬųōĬťťĔıųŭƊğťÃųōĚÃĒğĨšĴťŭğŭğšÃÅšĒğĴŭťžğšıČŅŭōĴťťğ ǜÃvğšłŸšƊųōĬÃĚğšÃğƊųĬťĚćųğšÃĚğťÃÅšĒğĴŭťŅœťğōĬğŅĚğť 5 ǜÃ^ŭšğōĬğšğÚĴŭğšĴğōÃĨŸšÃĚğōÃÅōťŝšųĔıÃćųĨÃÅšĒğĴŭťŅœťğōųōŭğšťŭŸŭƊųōĬ ÃÃÃǟ^ŝğššƊğĴŭğōDŽÃVšŸĨųōĬÃĚğšÃğĚŸšĨŭĴĬłğĴŭDŽÂųŋųŭĒćšłğĴŭťšğĬğŅōǠà VZL(FL^) ǜÂųťćŋŋğōĨŸıšųōĬÞœōÃÅšĒğĴŭťŅœťğōǗÃųōĚÃ^œƊĴćŅıĴŅĨğÃćųĨ 2005 06 07 08 09 10 11 12 ÃÃÃÃ^œƊĴćŅıĴŅĨğōĴžğćųÃǟ-ćšŭƊÃ0vǠ diente, und dabei hatte der Sohn eines nie zuvor, ein Haus zu bauen, ein grö- sorgte für Gehaltszuwächse – vor allem Bauern aus Kalabrien nur die Grundschu- ßeres Auto zu bestellen oder staatliche aber dafür, dass sich nichts an den starren le absolviert und seinem Vater bei der Wohltaten zu verteilen. Arbeitsmarktgesetzen änderte. Feldarbeit geholfen. So feierten jene, die in Südeuropa Ar- So hat in Europas Süden bis heute ein Es gibt in Europas krisengeplagtem Sü- beit hatten, eine lange Party, die Reallöh- faktisches Kündigungsverbot überdauert, den zahllose Geschichten, die denen von ne stiegen stark an. In Deutschland dage- das zumeist dem Einzelnen, nicht aber Assunta und Giovanni Linza ähneln, und gen stagnierten die Löhne. Es war Ger- der Gesellschaft im Ganzen nutzte. Die es gibt sie nicht nur in Italien. Es gibt sie hard Schröder, der damals mit seiner unschöne Wahrheit, dass Arbeitgeber nur in all jenen Ländern, in denen die Wirt- Agenda-2010-Politik und den Hartz-Ge- dann Jobs schaffen, wenn sie ihre Mit- schaftseliten, die Gewerkschaften und vor setzen einen Umbau des Sozialstaats vor- arbeiter in Krisenzeiten auch entlassen allem die Politiker bis vor kurzem noch exerzierte, der nun auch den Südländern dürfen, wurde ignoriert. So wie in Italien. so taten, als wäre die Globalisierung an bevorstehen dürfte. Unbefristete Vollzeitbeschäftigung und ihren Ländern einfach vorbeigezogen. Nach wie vor sind Schröders Arbeits- Kündigungsschutz sind im „bel paese“ bis Erst die Euro-Schuldenkrise hat sie aus marktreformen umstritten: Die Arbeits- heute so gut wie heilig. Sie sind ein so- dieser Illusion gerissen, Staaten wie Ita- losen- und die Sozialhilfe wurden zusam- zialistisches Relikt aus den siebziger Jah- lien, Spanien, Portugal und Griechenland, mengelegt, Langzeitarbeitslose mussten ren. An Italiens großem Tabu, einer Ar- die nun fest im Würgegriff ihrer Schuld- drastische Einschnitte verkraften, die beitsmarktliberalisierung, versuchten sich ner stecken und gezwungen sind, ihre Zeitarbeit wurde liberalisiert, und Mini- bereits etliche Links- und Rechtsregierun- Staatsausgaben zu drosseln. Es ist für vie- jobs wurden geschaffen. „Fördern und gen, um dann stets dem Protest der Mas- le der größte politische und gesellschaft- fordern“ nannte das die damalige Bun- sen nachzugeben. liche Einschnitt seit Jahrzehnten. desregierung. Gemeint war, dass den Festgelegt ist der Kündigungsschutz im Dabei hatten diese Länder schon vor Arbeitslosen nun auch schlechtbezahlte Artikel 18 des Arbeitsgesetzes, seit Jahren der aktuellen Krise Probleme mit ihrer Jobs zugemutet wurden. das Symbol im Kampf zwischen Arbeit- Wettbewerbsfähigkeit. Die Exportoffen- Heute haben 41 Millionen Menschen gebern und Gewerkschaften. sive Chinas oder die neue Konkurrenz in Deutschland Arbeit – so viele wie noch 1999 und 2002 wurden zwei Regierungs- aus Osteuropa faktisch zu ignorieren nie, eine späte Genugtuung für Schröder. berater und Verfechter der Arbeitsmarkt- konnte nur deswegen so lange funktio- Dass davon jedoch 23 Prozent im Nied- reformen von der Terrorgruppe „Neue nieren, weil es prosperierende nationale riglohnsektor arbeiten und dass die Real- Rote Brigaden“ erschossen, ihre Drohung Märkte, üppige Überweisungen aus Brüs- löhne in den vergangenen elf Jahren um lautete: „Wer den Artikel 18 anrührt, sel und den Euro gab. Durch die gemein- drei Prozent gesunken sind, ist die andere, stirbt.“ Und Elsa Fornero, 63, Italiens same Währung fielen die Zinsen in Spa- die weniger schöne Seite der Medaille. neue Sozial- und Arbeitsministerin, geht nien oder Griechenland auf historische In den Ländern Südeuropas gab es in mit sechs Bodyguards vor die Tür, seit sie Tiefststände, was einen Boom auf Pump den Jahren vor der Krise keine Zumutun- im Januar eine Briefbombe erhielt – und beförderte. Es war plötzlich so billig wie gen, im Gegenteil. Der geborgte Boom erstmals Demonstranten gesichtet wur- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 85
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    KATHRYN REAM COOK/ NEW YORK TIMES / LAIF THOMAS MEYER / DER SPIEGEL Psychologin Linza in Rom, Kauffrau Cruz in Lissabon: Eine ganze Generation droht verschlissen zu werden den mit T-Shirt-Sprüchen wie „Fornero Seither bewarb sich Cruz, wo sie nur den in der Woche arbeiten, in flauen Mo- al cimitero“, Fornero auf den Friedhof. konnte, doch die Arbeitsämter in Portu- naten früher nach Hause gehen. Macht Italiens Ministerpräsident Mario Monti, gal, sagt sie bitter, „vermitteln nicht, die ein Unternehmen Verluste, sollen Ent- 69, wollte den Artikel 18 lockern, um für verwalten nur die wachsenden Scharen lassungen erleichtert werden. Auch die mehr Flexibilität zu sorgen. Betrieben mit der Arbeitslosen“. Sie trägt sich jetzt mit bisher zwei Jahre lang gewährte Arbeits- mehr als 15 Mitarbeitern sollte ermöglicht dem Gedanken auszuwandern, und zwar losenunterstützung von 70 Prozent des werden, Angestellte mit unbefristeten nach Angola, einst eine portugiesische Gehalts wird ab November drastisch ge- Verträgen aus wirtschaftlichen Gründen Kolonie, heute ein afrikanischer Boom- kürzt – nach deutschem Vorbild. zu entlassen – ohne dass ein Arbeitsge- staat – dort wurde Cruz geboren. Es gibt bislang zwar kaum Unterneh- richt auch nach Jahren noch eine Wieder- Portugal, einer der ärmsten Staaten der men, die in der Krise investieren. Und einstellung und eine Abfindung von bis Euro-Zone, liegt am Boden, viele seiner doch stimmen die Maßnahmen, die von zu 27 Monatsgehältern anordnen kann. Bewohner fühlen sich inzwischen selbst der sozialistischen Opposition mitgetra- Der brutalen Alternative, die niemand so kolonialisiert. Im vergangenen Jahr muss- gen werden, den Präsidenten der Euro- sehr wie Assunta und ihr Vater Giovanni te die Regierung Europa um Hilfe bitten, päischen Investitionsbank, Werner Hoyer, Linza verkörpern – geschützte ältere An- um ihren Verpflichtungen nachzukom- zuversichtlich: „Die Lage in Portugal un- gestellte versus junge Prekäre –, sollte men. Doch die Bewilligung eines 78-Mil- terscheidet sich deutlich von der Situation ein Ende gesetzt werden. liarden-Euro-Kredits ist an harsche Spar- in Griechenland.“ Nur Nídia Cruz dürfte, Doch wie schon seine Vorgänger knick- maßnahmen und Strukturreformen ge- bevor die Wirtschaft wieder anspringt, te auch Monti ein. Sein neuer Gesetzes- knüpft, deren Einhaltung von der Troika schon ausgewandert sein. entwurf, den er kurz vor Ostern präsen- aus Europäischer Union, dem Internatio- Noch dramatischer als in Portugal ist tierte, bleibt dabei: Wiedereinstellungen nalen Währungsfonds (IWF) und der Eu- die Lage des Arbeitsmarktes bei seinem per Gericht sind möglich. Und so ist Mon- ropäischen Zentralbank (EZB) überwacht Nachbarn Spanien. Mit fast 24 Prozent tis Reformpolitik kein umfassender Ent- wird. „Die Portugiesen haben noch gar ist das Land Europas Spitzenreiter bei wurf wie die in Italien von vielen bewun- nicht verstanden, was auf sie zukommt“, der Arbeitslosigkeit. Hier ist die Ursache derte Agenda 2010, es ist ein Kompromiss, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende einer vor allem in der Immobilienkrise zu su- um den noch lange gerungen wird. Unternehmensgruppe. chen, einer Branche, die dem Land erst Den Preis dafür werden wohl erneut Finanzkrise und Rezession verschärfen traumhaftes Wachstum und dann den alp- die Jungen zahlen. Weil Kündigungen den Spardruck des Staates. Um mehr als traumhaften Absturz bescherte: Da Spa- langjähriger Mitarbeiter entweder unmög- drei Prozent, so die Regierung, werde die nien seit der ersten Stunde im Euro-Ver- lich oder extrem teuer sind, erhalten die Wirtschaft dieses Jahr schrumpfen, es ist bund war, sanken die Hypothekenzinsen jungen Leute allenfalls Zeitverträge. die wohl schlimmste Talfahrt seit dem Anfang des letzten Jahrzehnts auf nie ge- So droht das Problem der Jugendar- Ende der Diktatur 1974. kannte Tiefen. Selbst Arbeiter waren in beitslosigkeit eine ganze Generation zu Tatsächlich ist es dem EU-Land Portu- der Lage, Eigenheime zu erwerben und verschleißen. Wie auch in Portugal. gal nie gelungen, eine stabile Wirtschaft für jedes Kind eine Wohnung als Mitgift Wenn Nídia Cruz, 33, im Armenviertel aufzubauen. Als 2000 die Handelsbarrie- zu kaufen – alles auf Pump. Odivelas am Rande von Lissabon zu Mäd- ren mit China fielen, war die führende Bis 2008 entstanden jährlich etwa chen spricht, die von ihren Lebensgefähr- Textil- und Schuhindustrie nicht mehr 800 000 Wohnungen. Um diesen Boom ten geschlagen werden, macht sie ihnen konkurrenzfähig. Mit der EU-Osterwei- zu bewältigen, holten sich die Spanier Mut, ihre Zukunft selbst anzupacken. Sie terung wanderten viele internationale Millionen Immigranten ins Land. Es war sagt, die Mädchen sollten „einen Beitrag Konzerne ab. Die privaten Haushalte hat- eine profitable Zeit für Leute wie José leisten für ihr Land“, damit sie sich „nütz- ten sich zudem haushoch mit billigen Kre- Ignacio Recoder, 66, der bis vor kurzem lich fühlen“ können. diten verschuldet. einen Familienbetrieb für Schneidema- Das klingt trotzig aus dem Mund der Und so versucht die konservative Re- schinen und Werkzeuge führte. Noch ehrgeizigen jungen Frau, die sich selbst gierung von Pedro Passos Coelho nun vor 2006 beschäftigte er 60 Angestellte und kaum noch heimisch fühlt in ihrem Land. allem, die Produktivität zu steigern: Vier machte zwölf Millionen Euro Umsatz. Cruz verlor ihren letzten Job bei einer Feiertage und drei Urlaubstage wurden Mit der Immobilienkrise brach das Bau- spanischen Firma, die mit der Krise in im März gestrichen, zudem wurde die geschäft ein, Recoder musste 45 Mitarbei- Konkurs ging, sie wurde arbeitslos, erhielt Einführung sogenannter Stundenkonten ter entlassen und Abfindungen in Höhe Sozialhilfe. Ein Fortbildungsstipendium beschlossen, wie sie auch in Deutschland von 2,8 Millionen Euro zahlen. Das traf der EU half ihr schließlich, einen kauf- üblich sind: In Zeiten voller Auftrags- den Madrilenen so schwer, dass er sich in männischen Abschluss zu machen. bücher kann ein Arbeiter bis zu 50 Stun- den Ruhestand zurückzog. Heute halten 86 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    sein jüngster Bruderund sein Bei der Parlamentswahl am 6. ältester Sohn die Firma am Mai wird er die extreme Rechte Überleben. wählen, „aus Protest“. In der Krise verloren in Spa- Griechenland hat, was das nien zunächst die Ungeschulten Niveau der Löhne angeht, in ihren Job, dann die Arbeitneh- den vergangenen Jahrzehnten mer mit Zeitverträgen. Wer ei- weit über seine Verhältnisse ge- nen unbefristeten Vertrag hatte lebt. Es war nicht das Niedrig- und entlassen wurde, erhielt ei- lohnland, das es gemäß seiner nen vergoldeten Handschlag – Wirtschaftsleistung hätte sein das waren eineinhalb Gehälter müssen. Seine ständig wachsen- für maximal 42 Monate, ein Re- den Gehälter wurden von Kre- likt aus Franco-Zeiten. diten finanziert. Die Konsequenz: Feste Stel- Und doch greift das radikale len sind so rar wie nie, 93 von Kürzungsdiktat der Troika zu 100 Arbeitsverträge sind befris- kurz, um die griechische Tragö- tet. Um Spaniens Kleinunter- die zu beheben, denn von ech- nehmern zu helfen, überhaupt ten Wachstumsmaßnahmen ist wieder Personal einzustellen, bislang kaum die Rede. verabschiedete die Regierung Ein Gespenst geht um in Süd- von Premier Mariano Rajoy am europa. Oder ist es doch ein gu- 12. Februar eine umfangreiche ter Geist? „Europa“, so predigt Arbeitsmarktreform. Bundeskanzlerin Angela Mer- Demnach können Unterneh- kel, „kann in der internationa- MIGUEL A. LOPES / DPA mer ohne Zustimmung der Ge- len Konkurrenz mit aufstreben- werkschaften in schwierigen den Mächten wie China oder Zeiten Löhne und Abfindungs- Brasilien nur bestehen, wenn zahlungen senken, Arbeitszei- es so wettbewerbsfähig wie ten verändern und sogar ent- Deutschland wird.“ Doch eine lassen. Sie müssen nur nachwei- Junge Arbeitslose in Lissabon: Schlimmste Talfahrt seit 1974 Kanzlerin, die derzeit üppige sen, dass sie in drei aufeinander- Steuergeschenke wie das Be- folgenden Quartalen Einbußen erlitten Dabei ist die Öffnung des Arbeits- treuungsgeld einführen will, taugt nur be- haben. Dem Arbeitnehmer bleibt dann markts in Griechenland nur eine von zahl- dingt zum Vorbild. Es ist eher die Reform- nur der Weg vor das Arbeitsgericht. reichen Baustellen, an denen die Regie- politik ihres Vorgängers Gerhard Schrö- Dass die Erwerbslosenzahlen in den rung arbeitet. Die größte Baustelle ist der der, auf die Schuldenstaaten schauen. kommenden Monaten erneut steigen wer- Staat selbst – und seine ineffiziente Ver- Nur was genau können sie von den den, weiß auch Spaniens Premier. 2012 waltung. Mit einem nicht einmal mehr Deutschen lernen? Den rigiden Kündi- werde „nicht gut“, sagt Rajoy voraus. Er von Experten zu durchblickenden Regel- gungsschutz, der viele kleine Unterneh- rechne damit, dass das Heer der Arbeits- dickicht legt sie das Land lahm. men in Südeuropa knebelt, hat es in losen bis Jahresende auf sechs Millionen Auch wegen dieser Überregulierung Deutschland so nie gegeben. anschwellen werde. liegt der Arbeitsmarkt darnieder, auch ih- Ob die Reformen schließlich weit ge- Experten fürchten, dass dann eine Kla- retwegen befindet sich das Land im fünf- nug gehen und die Unternehmen dazu geflut auf Spaniens Arbeitsrichter zu- ten Jahr der Rezession. Bei derzeit 21 Pro- bringen, mehr Jobs zu schaffen, wird sich kommt. Obwohl sie dafür nicht ausgebil- zent Arbeitslosigkeit sind die drastischen erst nach der Krise zeigen. Wo diese Jobs det sind, werden sie anhand von Unter- Lohn- und Gehaltskürzungen vor allem entstehen sollen, ist ebenso unklar. Denn nehmensbilanzen entscheiden müssen, eine simple Sparmaßnahme, um schnell die industrielle Basis, auf der Deutsch- ob sie dem Arbeitnehmer oder dem Ar- Geld in die Staatskasse zu spülen. lands Wirtschaftswachstum beruht, ist im beitgeber recht geben. Allein, ob aus die- Zu den Strukturreformen in Griechen- Süden des Kontinents deutlich schwächer. sen Maßnahmen überhaupt neue Jobs er- land gehört auch die Liberalisierung der Klar ist nur, dass die Südstaaten ihren wachsen, ist mehr als ungewiss. bislang geschlossenen Berufsgilden wie Sozialstaat abbauen werden, weil sie ihn Auch in Griechenland wird der Hori- der der Taxifahrer, Anwälte und Apothe- einfach nicht mehr finanzieren können. zont auf lange Zeit düster bleiben, und ker. Mit rund 30 Gesetzesentwürfen hat Widerstände sind vorgezeichnet. Für nur wenige vermögen dies zurzeit so bit- die Regierung bereits versucht, die über Assunta Linza, die italienische Psycholo- ter in Worte zu fassen wie Athens Über- Jahrzehnte gewachsenen Interessen- gin, ist der verkrustete Arbeitsmarkt ihres gangspremier Loukas Papademos. „Wir geflechte aufzulösen – und lief damit ins Landes zwar ein Übel. Und doch ist auch werden etwas geben müssen, um nicht Leere: „Sie können von mir aus gern Li- sie gegen die Abschaffung des umstritte- alles zu verlieren“, sagte der Regierungs- zenzen umsonst verteilen“, sagt der Taxi- nen Artikels 18, ohne den sie ihre befris- chef resigniert, bevor ihn die Abgesand- fahrer Athanasios Trakalas. Das bringe tete Unterstützung von 600 Euro im Mo- ten von EU, IWF und EZB im Januar be- nichts, der Markt sei übersättigt. Etwa nat nie bekommen hätte. suchten. Um die Strukturreformen sollte 14 000 Taxen gibt es in Athen, vor ein Erst neulich demonstrierte sie mit ih- es gehen, wieder einmal. Genauer: Um paar Jahren waren es noch 8000. rem Vater auf der Piazza Venezia in Rom. die von der Troika geforderten Änderun- Seit die Menschen immer weniger Geld Linza weiß, dass der wahre Kampf erst gen auf dem griechischen Arbeitsmarkt. haben, gehen sie lieber zu Fuß oder neh- mit der nächsten Generation beginnt. „In So ist geplant, Sonderzahlungen abzu- men die U-Bahn. Früher hat Trakalas im Italien ist die Familie der Wohlfahrtsstaat. schaffen und die stufenweise Gehalts- Sommer bis zu 6000 Euro im Monat ver- Mein Vater unterstützt mich. Die Frage erhöhung nach Dienstjahren vorüber- dient, jetzt sind es höchstens 1500 Euro. ist, wer meine Kinder unterstützen wird.“ gehend auszusetzen. Eine Senkung des Die Liberalisierung seiner Branche sei FIONA EHLERS, JULIA AMALIA HEYER, Mindestlohns auf 585 Euro ist bereits be- pure politische Augenwischerei. „Reden CHRISTOPH PAULY, DANIEL STEINVORTH, schlossen. wir lieber über Fußball“, sagt Trakalas. HELENE ZUBER 88 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Ausland D E B AT T E Neue Mächte, altes Spiel Syriens Schicksal hängt wesentlich von den neo-osmanischen Ambitionen der Türkei ab. Von Timothy Garton Ash A n dem Tag, an dem ich in Istanbul eintraf, wurde der Natürlich hat der wortgewaltige und superenergische türki- letzte Spross der osmanischen Herrscherfamilie zu sche Außenminister Ahmet Davutoglu den Vorwurf, er betreibe Grabe getragen. Ihre Kaiserliche Hoheit Fatma Nes- eine „neo-osmanische“ Politik, in aller Form zurückgewiesen, lişah Sultan war noch in einem Palast am Bosporus zur Welt aber er hat auch gesagt: „Ich bin nicht nur der Minister eines gekommen, während ihr Großvater – zumindest nominell – Nationalstaats.“ Der einstige Universitätsprofessor spricht oft über die Reste eines riesigen, Kontinente überspannenden beredt und ausdauernd über das osmanische Erbe der Türkei. Reiches herrschte. Am Tag nachdem ich wieder abgereist war, Nach einer solchen Vorstellung, die er vor den versammelten tötete Gewehrfeuer von Truppen des syrischen Präsidenten Außenministern der Europäischen Union gegeben hatte, scherz- Baschar al-Assad mehrere Menschen auf türkischem Boden. te einer von ihnen, die EU sei gerade eingeladen worden, sich Die Schüsse verletzten eine Grenze, die es bis zum Ende des dem Osmanischen Reich anzuschließen. Aber selbstredend Osmanischen Reiches gar nicht ge- handelt es sich bei diesem Reich um geben hatte. eine moderne, verschlankte, republi- Auf den ersten Blick scheint es kei- kanische Version. Sie ist darin jener nen Zusammenhang zwischen den letzten Prinzessin ähnlich, die ihr beiden Ereignissen zu geben: Das Leben schlicht als „Frau Osmanoglu“ erste ist lediglich eine historische Ku- beendete, was man etwa als „Frau riosität, das zweite gehört zu den Osman“ übertragen könnte. (Man dringlichsten politischen und huma- stelle sich vor, wie „Frau Windsor“, nitären Herausforderungen unserer ehemals: the Queen, klingen würde Tage. Mehr als 9000 Menschen wur- in jener britischen Republik, die ich den bisher in Syrien getötet. Weitere nicht mehr erleben werde.) Zehntausende sind verwundet wor- Wesentlicher noch: Die dynami- POLARIS / LAIF den, und, so die Schätzungen, bis zu sche Wirtschaft der Türkei hat be- eine Million Männer, Frauen und deutende Geschäfts- und Handels- Kinder haben innerhalb des Landes interessen in Syrien, während gleich- ihre Wohnorte verlassen müssen Syrische Flüchtlinge in der Türkei zeitig das komplizierte ethnische oder sind ins Ausland geflohen. Die Erbe des aufgeteilten Osmanischen von Franzosen und Briten geführte Richtet die türkische Reichs dafür gesorgt hat, dass die ru- militärische Intervention in Libyen helosen Kurden heute auf beiden Sei- wurde durch die glaubhafte Drohung Armee auf syrischem Gebiet ten der türkisch-syrischen Grenze le- von Muammar al-Gaddafi ausgelöst, eine Pufferzone ein? ben. Um gar nicht erst von dem un- er werde unter der Zivilbevölkerung mittelbaren Druck zu reden, den die von Bengasi ein Massaker anrichten. syrischen Flüchtlinge ausüben und In Homs hat Assad genau das bereits getan. Er hat den Termin der zu einer immer lauteren Diskussion darüber geführt hat, zum Abzug der syrischen Streitkräfte verstreichen lassen, auf ob die türkische Armee eine Pufferzone oder einen humanitä- den er sich mit dem ehemaligen Uno-Generalsekretär Kofi An- ren Korridor auf syrischem Gebiet einrichten sollte. Es gibt so- nan verständigt hatte. Ob der von Annan ausgehandelte, sehr gar Vorschläge, die Türkei solle einen Bruch von Punkt 1 des fragile Waffenstillstand andauern wird, ist, gelinde gesagt, sehr 1998 geschlossenen Vertrags von Adana konstatieren, nach ungewiss. Wenn das Ausmaß der Ermordung von Zivilisten dem Syrien „keinerlei Aktivitäten dulden wird, die von seinem das einzige Kriterium für eine humanitäre Intervention wäre, Staatsgebiet ausgehen und darauf abzielen, die Sicherheit und hätten wir sie schon vor Wochen beginnen müssen. Verglichen Stabilität der Türkei zu gefährden“. (Dieser Passus richtete mit diesen Gräueln, was wiegt da schon der Tod einer greisen sich ursprünglich gegen eine Unterstützung kurdischer Gruppen osmanischen Prinzessin? wie etwa der PKK.) In Istanbul waren auch unbestätigte Be- Und doch sind die Ereignisse enger miteinander verknüpft, richte darüber zu hören, dass ehemalige Mitglieder türkischer als man denken könnte. Für die Türkei bedeutet es einen gewal- Sondereinheiten inzwischen auf Seiten der Freien Syrischen tigen Unterschied, dass das Territorium, das heute Syrien heißt, Armee kämpfen. bis zum Ersten Weltkrieg ein ebenso integraler Bestandteil des D Osmanischen Reiches war wie Irland ein Teil des britischen. och es geht hier um mehr. Wenn ich in Bezug auf eine Dieses historische Bewusstsein ist besonders wichtig für die ge- humanitäre Intervention schreibe, dass „wir“ sie schon mäßigt islamistische Regierung der Türkei, deren stellvertreten- vor Wochen hätten beginnen müssen, wird der Leser der Premierminister dann auch am Begräbnis der letzten Enkelin automatisch annehmen, mit „wir“ seien im Wesentlichen west- des letzten Sultans teilnahm. Die Regierungsdoktrin der „stra- liche Mächte gemeint, die bestenfalls im Uno-Auftrag vorgehen tegischen Tiefe“ sieht die Türkei in ähnlicher Weise als Regio- und im Allgemeinen höflich als „internationale Gemeinschaft“ nalmacht zwischen Europa, dem Nahen Osten und Zentralasien. beschrieben werden. Und es ist ja wahr: Wenn die führenden 90 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Militärmächte des Westens,allen voran die Vereinigten Staaten, Wenn ein müder Pascha im Jahr 1912 eingeschlafen und erst Großbritannien und Frankreich, mit bewaffneten Kräften ein- heute wieder aufgewacht wäre, würde die Welt große Über- greifen – was sie in zwei anderen Ecken des ehemaligen Osma- raschungen für ihn bereithalten, von der Existenz postkolo- nischen Reiches bereits getan haben, in Bosnien und im Kosovo –, nialer Staaten bis zu Facebook, von Demokratie bis hin zu dann hat das einen transformatorischen Effekt. Aber keine dieser Mobiltelefonen. Doch nach einigen Wochen der Anpassung Mächte, am wenigsten Washington, hat bisher in Bezug auf Sy- könnte er sich richtig zu Hause fühlen. Es gibt sie ja noch, rien irgendwelche Interventionsabsichten erkennen lassen. könnte er sagen, diese alten Großmächte, die ihre unterschied- lichen Werte und Interessen öffentlich oder im Geheimen ver- D er amerikanische Präsident Barack Obama und der fran- folgen, damals wie heute Mitspieler in dem bekannten Großen zösische Präsident Nicolas Sarkozy müssen erst einmal Spiel. Wahlen gewinnen. Der britische Premier David Came- Und in der Tat, viele Akteure erscheinen als verkleinerte, ron ist zu sehr damit beschäftigt, Fleischpasteten zu besteuern teilmodernisierte Versionen jener alten Mächte: die Türkei und Handelsbeziehungen in Fernost auszubauen. Diese west- nunmehr unter Sultan Recep Tayyip Erdogan, Russland unter lichen Führer werden ihre Empörung bekunden und versuchen, dem Joch des Zaren Wladimir Putin, China in den letzten Mo- Wirtschaftssanktionen sowie den diplomatischen Druck mit naten der Herrschaft Kaiser Hu Jintaos, Großbritannien mit Hilfe der Uno zu verschärfen, aber irgendwelche Interventionen dem pausbäckigen Ersten Minister Ihrer (1912: Seiner) Majestät nach dem Muster Libyens und des Kosovo sind so bald nicht und so weiter und so fort. zu erwarten. Die Balance unter den Nachbarn Syriens wäre eine ganz an- Unter diesen Umständen werden andere Staaten das Schick- dere, wenn die Europäische Union mit ihrem historisch neu- sal des syrischen Volkes bestimmen. Für die nahe Zukunft artigen Modell gemeinschaftlich ausgeübter Souveränität sich wird die Türkei dabei bedeutsamer sein als Großbritannien, aufgerafft hätte, die Türkei einzubinden, wie sie es schon vor Iran relevanter als Deutschland, Saudi-Arabien wichtiger als fast 50 Jahren im Assoziierungsabkommen 1963 zugesichert Frankreich und Russland einflussreicher als Amerika. In Bezug hat. Das aber ist nicht geschehen. In Bezug auf Syrien ist die auf Syrien werden diese Regionalmächte ihre eigenen natio- Stimme Europas deshalb genauso wenig zu hören wie in so nalen Interessen verfolgen, die nicht nur durch wirtschaftliche vielen anderen Bereichen. Das ist auch ein Grund dafür, dass oder militärische Kriterien vorgegeben werden, sondern auch jetzt das Schicksal der tapferen Aufständischen und der lei- durch kulturelle und ideologische Gegebenheiten. Und so gibt denden Zivilbevölkerung Syriens abhängt vom Wettbewerb es eben das Gerangel zwischen einem schiitischen nachrevo- unterschiedlichster souveräner Mächte um die Vorherrschaft lutionären Iran und einem sunnitischen reaktionären Saudi- in der Region. Arabien, zwischen dem postimperialen Russland und der neo- osmanischen Türkei, vom fernen, aber mächtigen China gar Garton Ash, 56, lehrt Zeitgeschichte und Politik in Oxford und nicht erst zu reden, das über ein entscheidendes Votum im veröffentlichte jüngst die Essay-Sammlung „Jahrhundertwende: Sicherheitsrat verfügt. Weltpolitische Betrachtungen 2000–2010“.
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    Ausland land als normal, und 55 Prozent sagten, der Antisemitismus sei in Deutschland ISRAEL auch nicht schlimmer als anderswo in Verblichene Gespenster Europa. 100 000 Israelis haben inzwischen einen deutschen Pass, 15 000 sollen schon in Berlin leben. Die Zahl der Direktflüge steigt von Jahr zu Jahr, trotzdem sind sie Deutsche Pässe, deutsche DJs und „Made in Germany“: fast immer ausgebucht. In den großen Längst gibt es in Tel Aviv eine junge, selbstbewusste Städten ist es annähernd unmöglich, ei- nen jungen Israeli zu finden, der nicht Generation, für die Deutschland wieder attraktiv ist. schon in Deutschland war oder dorthin will. Vor allem Berlin zieht I n seiner ersten Nacht in Deutschland sie an, die Stadt, von der schläft der Israeli Tomer Heymann aus einst die „Endlösung“ mit einem Deutschen. Er hat ihn im organisiert wurde, die heute Club Berghain in Berlin kennengelernt: mit billigen Wohnungen Andreas Josef Merk, blond und katho- und dem Versprechen lockt, lisch. Heymann, Regisseur, jüdisch und dass es so schnell nicht lang- schwul, hält ihn zunächst für einen weilig wird. Aber Berlin ist Schweden, er denkt, Deutsche müssten nicht einfach nur ein neues doch anders aussehen, finsterer vielleicht, New York, es ist mehr: eine zackiger, gröber. Bühne, auf der sie ein Rol- Am Morgen danach läuft schon die Ka- lenspiel von Zugehörigkeit mera, und der Israeli fragt den Deutschen: und Identität ausprobieren Bist du stolz, Deutscher zu sein? Hast du können. Ein Was-wäre- je mit deinen Großeltern über den Holo- wenn: Was wäre, wenn ich caust geredet? Nein, sagt der Deutsche, in Deutschland geboren W-FILM aber gut möglich, dass sie Nazis waren. worden wäre. Wer wäre ich Dann schweigen sie. Es ist das einzige Dokumentarfilmer Heymann (M.)*: Zwei Minuten Schweigen dann? Wie würde mein Le- Mal, dass sie über dieses Thema reden. ben aussehen? Wenig später reist der Deutsche nach Natürlich ist dieses neue Tel Aviv, mit zwei Koffern und einem Verhältnis nicht immer un- One-Way-Ticket. Sie feiern zusammen problematisch. Natürlich ist Pessach und Weihnachten; der Deutsche nicht alles gut, vergessen, erklärt, wie man Pfannkuchen in der Luft vergeben. Es gibt noch im- wendet, der Israeli, dass man am Holo- mer 17-Jährige mit deut- caust-Gedenktag stillsteht, die Arme eng schen Wurzeln, die zittern am Körper, zwei Minuten Schweigen. Am vor Scham, wenn der Holo- Ende wird ein Film daraus, es ist ein 56- caust in der Schule durch- minütiges Protokoll der neuen Unbefan- genommen wird. Es gibt genheit zwischen Israelis und Deutschen. andere, die schwören, nie „I Shot My Love“ heißt er, es ist die nach Deutschland zu fahren. Liebeserklärung eines Israelis, dessen Die Erinnerung an den Ho- MARCO-URBAN.DE Großeltern 1936 aus Berlin flohen, an ei- locaust sei Leitprinzip ihres nen deutschen Tänzer aus Bayern – und Lebens, antworteten kürz- das Bemerkenswerte daran ist: wie nor- lich 98 Prozent der jüdi- mal diese Liebe inzwischen wirkt. „Meschugge“-Party in Berlin: 15 000 zugewanderte Israelis schen Israelis bei einer Um- Ein neuer Umgang miteinander hat frage. Und als das Israel sich da entwickelt, fern der ewigen deut- nach Berlin das Normalste der Welt ist. Chamber Orchestra voriges Jahr in Bay- schen Debatten, in denen alte Männer Für die Deutschland inzwischen nicht nur reuth ein Stück von Richard Wagner spiel- mit ihren Gespenstern ringen und Politi- ein Land wie jedes andere ist, sondern: te, da sorgte das in der Heimat der Musi- ker sich mit Zwangsritualen abmühen, eines der beliebtesten Länder. ker für einen Aufschrei. Aber auch dies: Pflichtbesuch von Jad Vaschem hier, Vor allem geht es um ein Gefühl, um vor allem ein Zeichen für den Wandel, Pflichtbesuch von Dachau dort. Längst ein neues israelisches Selbstbewusstsein weniger für das Beharren. Symbolischer gibt es eine neue deutsch-israelische Rea- gegenüber Deutschland, geprägt von Neu- Restwiderstand einer älteren Generation, lität jenseits der Betroffenheitsroutine – gier und Entdeckungsdrang. Die Jungen die sich mit der neuen Entspanntheit der und zwar vor allem in Israel. fordern nicht mehr das stetige Erinnern jungen schwertut. Fast 70 Jahre nach dem Ende des Holo- ein, sondern das Recht, auch mal verges- Tomer Heymann fragt im Film irgend- caust sterben nach und nach die letzten sen zu dürfen. Wer diesen Wandel in Zah- wann seine Mutter: Stört es dich, dass Überlebenden, das verändert die Sicht len zu fassen sucht, begreift am besten, dein Sohn etwas mit einem Deutschen der jüngeren Israelis auf Deutschland. We- wie groß er ist: Ein Viertel der Israelis hat? Nein, sagt sie, gar nicht. Später sagt nig beeinflusst von historischen Tabus, wünschte sich vor zwei Jahren, dass sie: Ihr seid so unterschiedlich. Du solltest bestimmen sie neu, was dieses Land für Deutschland die Fußball-Weltmeister- dir jemanden suchen, der dir ähnlich ist. sie bedeutet. Ein, zwei Generationen sind schaft gewinnen würde. In einer Umfrage Sie meint: einen Juden. Hat er nicht ge- da nachgewachsen, die es nicht mehr von 2009 bezeichneten 80 Prozent die Be- tan, sie sind noch immer zusammen, auch merkwürdig finden, dass eine Firma wie ziehungen zwischen Israel und Deutsch- sechs Jahre später. Und die Mutter? Fin- Birkenstock in Israel mit „Made in Ger- det das inzwischen gut, denn der junge many“ wirbt, und für die ein Kurztrip * Mit Partner Andreas Josef Merk, Mutter Noa. Deutsche hat ihr einen Teil ihrer eigenen 92 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    ISRAELIMAGES / AKG Strandlebenin Tel Aviv: Das Recht, auch mal vergessen zu dürfen Familiengeschichte zurückgebracht, der Geschwister, einer davon der Dokumen- spüren, etwa auf einer dieser Berlin-Par- lange verschüttet war. tarfilmer David Fisher, nach Österreich, tys in Tel Aviv. Manchmal reicht dafür Aber die Frage bleibt, ob ein Partner um ihren Vater besser zu verstehen, der eine zum Club umfunktionierte Privat- aus Deutschland für einen Israeli an- nicht viel mehr erzählte als dies: dass er wohnung aus, ein Lagerfeuer auf dem gemessen ist, sie wird derzeit in vielen in Auschwitz war. Hunger, Leid, Wag- Dach und darunter eine schwülheiße israelischen Familien diskutiert. Denn so, gons, Bruchstücke des Grauens, nie mehr. Tanzfläche, wo die Barkeeper NVA-Müt- wie sich immer mehr Israelis nach Doch nach seinem Tod finden die Kin- zen tragen, ein Berliner DJ auflegt und Deutschland aufmachen, so lernen sie der seine Erinnerungen, in denen be- ein Wegweiser steht: Zoologischer Gar- auch mehr Deutsche kennen und lieben. schreibt der Vater, wie er in Hitlers unter- ten, Hamburger Bahnhof, X-Berg. In Tel Aviv sind die Hebräischkurse voller irdischer Flugzeugfabrik schuften musste. Fast schon ein Rausch ist diese Begeis- nichtjüdischer Ausländer, darunter be- Also fahren sie hin, steigen in die Tunnel, terung. Wie ist sonst zu erklären, dass sonders viele Deutsche, die die Sprache um seinem Leidensweg nachzuspüren. Hans Falladas Berlin-Roman „Jeder stirbt ihres Partners lernen wollen. So voll, dass Zehn Monate arbeitete der Vater dort, er- für sich allein“ im vergangenen Jahr wo- für sie schon Extraklassen eingerichtet zählen sie einem verblüfften Historiker. chenlang auf den israelischen Bestseller- wurden. Gleichzeitig lernen zahlreiche Ein Wunder, sagt der. Die durchschnittli- listen ganz oben stand, 64 Jahre nach sei- Israelis Deutsch, die Kurse des Goethe- che Überlebensdauer betrug eine Woche. ner Erstveröffentlichung? Dass es in Tel Instituts sind begehrt wie nie. So groß ist das Interesse, dass seit Aviv nichts Ungewöhnliches ist, wenn der Es ist kein Zufall, dass das gerade jetzt knapp drei Jahren sogar israelische Frei- deutsche Besucher beim Eiskauf in ein passiert, in dieser dritten Generation, die willige in Deutschland arbeiten, in Kin- Gespräch über Fatih-Akin-Filme verwi- nicht mehr vorrangig damit beschäftigt dergärten, Museen und Jugendzentren. ckelt wird? ist, Israeli zu sein. Ihre Großeltern haben Nicht nur um die Vergangenheit zu er- Hunderte solcher Begegnungen gibt es entweder voller Wut Siemens und Volks- kunden, sondern um der Gegenwart eine in dieser Stadt, jeder Israeli hat seine wagen boykottiert oder zogen es vor, wei- neue Erfahrung, einen neuen Wohnort eigene Geschichte zu Deutschland. Da ist terhin ihren Goethe auf Deutsch zu lesen. hinzuzufügen. Einfach weil da der die Lehrerin, die auf dem Handy stolz Ihre Eltern mussten das Deutsche aus ih- Wunsch ist, etwas anderes zu erleben, ein selbstgedrehtes Video von ihrer rem Leben verdrängen, um echte Israelis nach der Armee nicht nach Goa zu reisen, Tochter auf einem Konzertabend zeigt. zu werden. Die Enkel ruhen viel sicherer sondern eben nach Berlin. Mit Hingabe singt diese Bertolt Brecht, in ihrer israelischen Identität, und so fällt Wie sehr unterscheidet sich das von das Lied vom Surabaya Johnny aus dem es ihnen nun leichter, ihre Wurzeln zu dem, was die deutschen Volontäre in Is- Musical „Happy End“. Oder die junge erforschen und das Schweigen aufzubre- rael berichten. Sie kommen noch immer Vermieterin, die beim Vertragsabschluss chen, das noch immer in vielen Familien in Scharen, rund tausend jedes Jahr, und erzählt, dass ihre Großmutter gerade so über das persönliche Leid im kollektiven oft sind sie enttäuscht, hier mit ihrem Süh- dem KZ entronnen sei. Ob sie kurz anru- Horror des Holocaust herrscht. negedanken allein zu sein. Die Israelis fen solle? Und dann schon die Nummer Auch deshalb gibt es gerade jetzt so wollen einfach nicht ständig über den Ho- wählt, die Großmutter an die Deutsche viele Filme, in denen Israelis dokumen- locaust reden. weitergibt, man redet über: Dörfer im tieren, wie sie die lange verschütteten Ge- Diese neue Selbstverständlichkeit im Umkreis von Bremen. schichten ihrer Vorfahren entdecken. In Umgang mit der Vergangenheit verändert Merkwürdig? Ganz normal, ständig „Six Million and One“ etwa fahren vier auch Israel. Das ist an vielen Orten zu passiert das, und nicht nur in Tel Aviv, D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 93
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    Ausland sondern auch imMoschaw Dischon ganz im Norden, in Jerusalem oder in Beer- scheba am Rande des Negev. FRANKREICH Auf dem Mond Kürzlich beantragte ein israelischer Journalist den deutschen Pass, es wäre sei- ne dritte Nationalität. Yermi Brenner, 32, ist Israeli, US-Amerikaner und bald auch Deutscher, so verspricht es das Grund- gesetz, Artikel 116, Absatz 2: Menschen, Am Sonntag findet der erste Teil der Präsidentschaftswahlen denen im Nationalsozialismus die Staats- statt, nach einem eigenartigen Wahlkampf, in dem viel von bürgerschaft entzogen wurde, haben ein Anrecht auf einen deutschen Pass, ebenso Personen, aber wenig von Wirtschaftsproblemen die Rede war. ihre Nachkommen. Früher hätte man ihn A in Israel einen Verräter genannt. Wer ei- ls Präsident würde er den Mars In diesem Jahr muss man besonders nen deutschen Pass beantragte, der tat kolonisieren, sagt Jacques Chemi- froh sein um die Außenseiter. Sie verlei- das verschämt. Heute erzählt man das sei- nade, Kandidat der Partei Solida- hen einem Wahlkampf Farbe, dem an- nen Freunden und wird dafür beneidet. rität und Fortschritt, und Barack Obama sonsten etwas Deprimierendes inne- Etwa seit der Jahrtausendwende mit Adolf Hitler zu vergleichen, das finde wohnt. Auf der einen Seite ist da ein wächst die Zahl der Israelis mit deut- er auch in Ordnung. Amtsinhaber, der einer Mehrzahl der schem Pass rasant. Für manche ist es eine Vier Millionen Franzosen schauen ihm Franzosen unsympathisch ist und der mit Versicherungspolice gegen Krieg und Ter- dabei zu, am vergangenen Donnerstag, aller Kraft versucht, sie zu überzeugen, ror, für andere eine Frage der Bequem- in der Wahlsendung „Des paroles et des dass nur er das Land führen könne. lichkeit, weil damit oft die Visumpflicht actes“ auf France 2. Später am wegfällt. Manche sehen es als späten Abend kommt die Trotzkistin Na- Triumph. Für Yermi Brenner ist es eine thalie Arthaud an die Reihe. Sie Frage der Optionen. Und eine dieser will die freie Marktwirtschaft ab- Optionen ist, eines Tages in Deutschland schaffen und schwärmt von der zu leben, so wie er jetzt erst einmal in Diktatur des Proletariats. New York studieren will. Cheminade und Arthaud sind Ist es schwierig, die Nationalität der bei der ersten Runde der Präsident- Täter anzunehmen? Das ist eine Frage, schaftswahlen am kommenden die wohl nur ein Deutscher stellen kann. Sonntag chancenlos. In Umfragen Brenner selbst stellt sie sich nicht. erhalten sie jeweils ein halbes Pro- Schwer war es nur für den Vater, der zent der Stimmen. Aber sie haben zuerst die deutsche Staatsangehörigkeit je 500 Unterschriften von Bürger- beantragen musste, damit sein Sohn den meistern und Abgeordneten be- deutschen Pass bekommt. Er ist einer die- kommen, gehören damit zu den ser typischen Vertreter der zweiten Ge- zehn offiziellen Kandidaten – und neration, aufgewachsen im Schatten des die TV-Sender sind gesetzlich ver- Holocaust und mit dem Schweigen seiner pflichtet, ihnen genau gleich viel Mutter. Erst nachdem die Großmutter Redezeit einzuräumen wie Präsi- starb, erfuhr die Familie mehr über sie – dent Nicolas Sarkozy, der in der ausgerechnet von einer deutschen For- Sendung ebenfalls nur 16 Minuten scherin. Sie recherchierte die Geschichte lang reden darf. der Großmutter, die in Auschwitz war Der Sieger wird erst am 6. Mai und floh, indem sie vom Zug sprang und feststehen, wenn die beiden best- sich nach Berlin durchschlug, wo ein platzierten Kandidaten in der Stich- Deutscher sie versteckte. wahl gegeneinander antreten – Die deutsche Forscherin ist inzwi- voraussichtlich Präsident Nicolas schen eine Freundin der Familie, und Sarkozy und sein sozialistischer IMAGO der Enkel der Auschwitz-Überlebenden Herausforderer François Hollande. hat in Bayreuth einen Deutschkurs ge- Es ist ein seltsamer Wahlkampf, Präsidentschaftskandidaten Sarkozy, Mélenchon, Hollande: macht. Bald wird er Deutscher sein. Und der in diesen Tagen in seine eigentlich, sagt er, fühle sich das sehr Schlussphase eintritt. Die französischen Auf der anderen Seite ist da der sozia- normal an. Präsidentschaftswahlen haben zwar Ähn- listische Präsidentschaftskandidat Fran- Vieles ist inzwischen so normal in Isra- lichkeiten mit den amerikanischen, weil çois Hollande, der in Umfragen zur Stich- el. Auch dass in der vergangenen Woche sich zwei Politiker um die Macht duellie- wahl seit Monaten deutlich führt, als soli- ein israelischer Anwalt in der Tel Aviver ren. Aber sie haben auch etwas Altertüm- der Pragmatiker gilt, mit seinem Buchhal- Redaktionsvertretung des SPIEGEL an- liches: Fast alle Kandidaten schreiben tercharme die Wähler aber nicht für sich rief und bat, ob man den Kontakt zu staatstragende Bücher, die tatsächlich ge- einnehmen kann. In Umfragen geben bis Günter Grass herstellen könne? Er würde kauft werden; wenn sie im Fernsehen auf- zu zwei Drittel seiner Unterstützer an, vor gern helfen, gegen dessen Einreiseverbot treten, kündigen sie das ihren Wählern allem Sarkozy verhindern zu wollen. nach Israel zu klagen, sogar kostenlos. schwülstig als „Verabredung“ an. Zu den Die Franzosen haben also die Wahl Der Meinungsfreiheit wegen. Absonderlichkeiten gehört das Aufgebot zwischen einem Mann, den sie nicht Es wäre zu wünschen, dass es dem An- der Chancenlosen, von den Franzosen mehr wollen, und einem Mann, den sie walt gelänge, und wenn auch nur, damit die „kleinen Kandidaten“ genannt – sie auch nicht so recht wollen. Günter Grass einmal dieses neue Israel sind die geduldeten Hofnarren in einer Das lähmende Gefühl, das den Wahl- erleben könnte. formalisierten Show, an deren Ende das kampf kennzeichnet, hat mit einer weit- JULIANE VON MITTELSTAEDT Volk einen neuen König wählt. gehend unausgesprochenen Tatsache zu 94 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    tun: Wie dieWahl auch ausgehen wird, Steuereinnahmen erhöhen als die Ausga- leichtbekleideten Sängerin: „Jean-Luc, er- alle Programme werden sich binnen Ta- ben verringern. Nicolas Sarkozy will greife die Macht über mich“. gen als Makulatur erweisen. Die Franzo- zwar Einsparungen, er hätte dafür aber Der Kandidat des „Front de gauche“ ist sen werden am 7. Mai, nach der Wahl- schon die letzten fünf Jahre Zeit gehabt. die einzige Überraschung im Wahlkampf: party, mit einem Kater erwachen. Die Kandidaten versuchen stattdessen, Er könnte noch vor der Rechtspopulistin Frankreich ist ein wirtschaftlich kran- die Wähler zu locken mit dem vertrauten Marine Le Pen auf den dritten Platz kom- kes Land. Es hat eine Staatsverschuldung Bild des mächtigen Frankreich, das men. Sie lag vor einem Jahr in Umfragen von 90 Prozent des Bruttoinlandsproduk- Europa seine Meinung aufzwingen kann: vor dem Präsidenten – doch Sarkozy hat tes, seit 1974 gab es kein ausgeglichenes Hollande will den Fiskalpakt neu verhan- wie schon 2007 Teile ihres Programms Budget, die Staatsquote ist die höchste deln, den 25 Staaten geschlossen haben. übernommen und damit viele Wähler der der Euro-Zone: 57 Prozent der Wirt- Sarkozy will die Schengener Abkommen extremen Rechten an sich gebunden. schaftsleistung hängen am Tropf des verschärfen und droht damit, die EU zu Der zweite Star dieser Kampagne war Staats. Die Arbeitslosigkeit beträgt 10 boykottieren. Darin zeigt sich die Sehn- kein Kandidat, sondern ein glatzköpfiger Prozent, und es gibt eine ganze Genera- sucht nach einer Größe, die von genau Wirtschaftsjournalist namens François tion von Migrantenkindern, die in ghet- jener wirtschaftlichen Schwäche bedroht Lenglet. Er erlangte Kultstatus, weil er in toähnlichen Vorstädten aufwachsen und wird, der die Kandidaten wenig entge- der Wahlsendung „Des paroles et des mit dem Arbeitsmarkt kaum in Berüh- genzusetzen haben. actes“ allen Kandidaten vorrechnete, wie rung kommen. Die Wirklichkeitsferne dieses Wahl- unsinnig ihre wirtschaftlichen Vorschläge Sein AAA-Rating von Standard kampfs verkörpert niemand besser als sind – gern nahm er auch Grafiken zu Poor’s hat das Land bereits verloren. Und der linkspopulistische Kandidat Jean-Luc Hilfe. Damit änderte er zwar nichts an manche Experten und Politiker fürchten, Mélenchon, der in Umfragen für den ers- ihren Illusionsspielchen, führte aber zu- dass die Finanzmärkte als Nächstes die ten Wahlgang, je nach Institut, bis zu 17 mindest ein wenig Realitätssinn ein. Viele Kandidaten reagierten be- leidigt. Sie sind es gewohnt, von französischen Journalisten unter- würfig interviewt zu werden. Kri- tischer Journalismus, wie Lenglet ihn zeigte, ist im Fernsehen selten. Und die Tagespresse teilt sich auf in parteipolitische Lager: „Le Figa- ro“ vertritt die Haltung der Regie- rung und attackiert täglich Hol- lande. Die linke „Libération“ macht Wahlkampf für Hollande. In den meisten französischen Medien gab es in den vergangenen Monaten nur eine Frage: ob Sarko- zy es noch einmal schaffen könne. Sie lässt sich auch eine Woche vor dem ersten Wahlgang nicht beant- worten, aber die Wahrscheinlich- keit, dass ihm der Sieg gelingt, war von Anfang an klein. Sie ist nicht größer geworden. Der Präsident hat nach den At- tentaten von Toulouse und Mon- DENIS ALLARD / REA / LAIF FOTOGLORIA / LUZPHOTO tauban vorübergehend zugelegt in den Umfragen, aber den klaren Vorsprung Hollandes in der Stich- wahl nie aufholen können. Wichtig ist aber auch, welcher Kandidat Es ist ein Wahlkampf, dem etwas Deprimierendes innewohnt seine Wähler besser mobilisieren kann. Das wird für Hollande trotz zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro- Prozent der Stimmen erhält. Wegen Mé- seines Vorsprungs eine Herausforderung, Zone attackieren könnten. Frankreichs lenchons Erfolg bei linken Wählern könn- weil er keine Begeisterung weckt. Lage ist zwar nicht annähernd vergleich- te der Sozialist Hollande am Sonntag so- Der große Kampf der beiden, von den bar mit der in Griechenland oder Spanien. gar hinter Sarkozy liegen. Medien zelebriert und verstärkt, ver- Aber das Land ist angeschlagen, steigen- Mélenchon will den monatlichen Min- schleiert aber das Eigentliche: Wer auch de Zinsen für seine Anleihen würden die destlohn um 300 auf 1700 Euro erhöhen, gewinnt, Sarkozy oder Hollande, wird Euro-Krise massiv verschärfen. eine Steuer von 100 Prozent auf Jahres- nach der Wahl gezwungen sein, als Präsi- Im Wahlkampf kommt die dramatische einkommen über 360 000 Euro und Frank- dent eine ziemlich ähnliche und sicherlich Lage des Landes kaum zur Sprache – vor reichs Austritt aus der Nato. Er ist ein schmerzhafte Politik zu verfolgen. allem nicht die Maßnahmen, die nötig charismatischer Redner, bei seinen Auf- Bis dahin ist Jacques Cheminade zwar wären, um sie zu beheben. Während der tritten – etwa bei der Bastille in Paris – der bizarrste Kandidat, aber bei weitem Rechnungshof fordert, dass der Staat in schwenken Zehntausende Anhänger rote nicht der einzige, der sich mit seinen Vor- den nächsten fünf Jahren 100 Milliarden Fahnen und singen die „Internationale“. schlägen auf dem Mond befindet. Der Euro sparen müsse, kündigt Hollande 20 Sein Erfolg hat ihn zu einer Art Popstar Aufprall in der Wirklichkeit wird, so oder Milliarden Neuausgaben an und will in gemacht. Der YouTube-Hit der letzten so, hart ausfallen. alter sozialistischer Manier lieber die Tage war das Spaßvideo einer blonden, MATHIEU VON ROHR D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 95
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    USA Die seltsamen Heiligen Ihr Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney ist Mormone, schon deshalb tun sich die frommen Republikaner mit ihm schwer. Was macht den Kern seines Glaubens aus? Von Gerhard Spörl Mormonen-Tempel in Salt Lake City BARBAGALLO / LAIF S iebzehn Jahre lang war Sal Velluto nen Gläubigen ohnehin eine Macht – eine Auch Romney geht mit seinem Glau- der brave Sohn katholischer Eltern. stille Macht, denn die Mormonen machen ben diskret um. Dabei könnte er viel er- Er rauchte nicht, er trank kaum. in der Öffentlichkeit möglichst wenig Auf- zählen über Mormonismus als Glaube Sonntags ging er zur Messe und gehörte hebens um ihren Glauben. und Lebensform. Wie es seine Kirche ver- auch einer katholischen Jugendgruppe Eher zufällig stellte sich heraus, dass langt, ging er zweieinhalb Jahre auf Mis- an: ein Teenager, wie sie ihn sich dort un- der Schauspieler Ryan Gosling („Ides of sion, nach Bordeaux und Paris; seither ten in der süditalienischen Hafenstadt Ta- March“) in einer Mormonen-Familie auf- spricht er ziemlich gut Französisch. rent nur wünschen können. Plötzlich aber wuchs, dass die Schriftstellerin Stephenie Die Familie Romney ist der Kirche seit wurde aus dem Musterknaben ein Rebell. Meyer („Twilight“-Saga) Mormonin ist, Generationen verbunden. Mitts Urgroß- Nein, er trat nicht in die Kommunis- genauso wie die Sängerin Gladys Knight. vater lebte in Mexiko, im Städtchen Ga- tische Partei ein oder schloss sich einer Auch die Hotelfamilie Marriott, der Grün- leana, und hatte fünf Frauen – Polygamie Straßengang an. Aber er setzte sich ab der von JetBlue Airways und General gehörte damals zu den mormonischen von Elternhaus und katholischer Kirche, Brent Scowcroft, Nationaler Sicherheits- Bräuchen. Auch sein Vater wurde dort indem er es einem Freund nachmachte, berater im Weißen Haus unter George H. geboren und kam erst mit fünf Jahren in der den Glauben gewechselt hatte: Er W. Bush, sind Mormonen. Und natürlich die USA; in Mexiko hat Mitt Romney heu- wurde zum Mormonen. der republikanische Präsidentschafts- te noch etliche Cousins und Cousinen. Seit 1984 lebt Velluto dort, wo die Mor- bewerber Mitt Romney, der Barack Oba- Er und seine Frau Ann haben fünf Söh- monen ihr Jerusalem gebaut haben, die ma aus dem Weißen Haus vertreiben ne, die auch mit Mormonen-Traditionen Welthauptstadt dieser merkwürdigen Re- möchte. groß wurden. Dazu gehören Familien- ligion im Westen der USA, in Salt Lake abende mit Lesungen aus dem „Buch City. Mittlerweile ist er 56 Jahre alt und Mormon“, der Bibel der Mormonen. Eine mit einer Mormonin verheiratet. Das Paar typische Mormonen-Familie: bibelfest, hat vier Kinder und führt ein glückliches kinderreich, familienzentriert. Überdies Leben, und das, sagt er, habe natürlich diente Romney seiner Kirche auch als auch mit seiner Religion zu tun: „Sie Laienbischof. Es spricht viel dafür, dass rückt mein Leben in die richtige Perspek- sein Glaube ihm einiges bedeutet. tive. Ich stehe wie auf einer Anhöhe und Solche Details lassen sich in den Bio- kann das Getümmel unter mir in aller grafien über den Kandidaten nachlesen. Ruhe ordnen.“ Romney selbst meidet es, über die Fami- Aus Sicht der Mormonen ist der Italie- liengeschichte und seinen polygamen Ah- ULLSTEIN BILD ner Sal Velluto ein Glücksfall, ein Beweis nen zu sprechen. Erst nach langem Zö- dafür, dass sogar im säkularen Europa gern gab er wenigstens so viel preis, dass noch neue Seelen zu holen sind, nicht er in den vergangenen beiden Jahren sei- nur in Afrika oder Lateinamerika. In den Überfall auf Mormonen-Gründer Smith 1844 ner Kirche insgesamt 4,1 Millionen Dollar USA ist diese Religion mit sechs Millio- Feindseligkeit als Auszeichnung gespendet habe. 96 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Ausland Sal Velluto ist ein glühender Anhänger Religion und das Verhältnis der Mormo- Einladung zu einem kleinen Gespräch im Romneys. Er hat seinen Laptop mit- nen zu Amerika, damit die frommen Re- Amtszimmer. Die höflichen Zeilen seien gebracht und führt darauf eine Auswahl publikaner Frieden mit ihm machen. ein Lichtblick gewesen in seinem Dasein seiner Werke vor – Comics, in denen es Wäre Romney Mitglied einer protes- als Missionar, „das sonst fast ausschließ- von kraftvollen Figuren nur so wimmelt, tantischen Mainstream-Kirche, dann wä- lich aus Ablehnung, Zurückweisung und allesamt Abwandlungen von Superman ren die Vorwahlen schon entschieden. So Absagen bestand“, sagt Hinckley. oder Batman, von Spiderman und Thor. aber ziehen sie sich dahin, auch wenn Der Mormonismus ist eine junge Reli- Velluto ist ein gutbeschäftigter Zeichner, Rick Santorum, der einzige ernsthafte gion. Nicht 2000 Jahre Vergangenheit lie- er illustriert Bücher und arbeitet für Gegenspieler, vorige Woche aufgab. Die gen hinter ihr, nicht einmal 200, und an Zeitschriften. Und er macht Wahlkampf verbliebenen Rivalen, die Ultrakonser- Feindseligkeit ist sie gewöhnt. Die Familie für Romney. Auch ihn zeichnet er als vativen Newt Gingrich und Ron Paul, Hinckley gehört zum Uradel dieses Glau- Superman, an dem die Beschuldigungen haben nicht den Hauch einer Chance, bens, der Urgroßvater Hinckley schloss wie Geschosse abprallen. Seine Zeich- aber sie machen weiter. Und die From- sich 1839 Joseph Smith an, dem Gründer- nungen kann man gegen eine Wahl- men in der Partei werden vermutlich bis Propheten der Kirche. Im Städtchen Nau- kampfspende im Internet bestellen. voo, Bundesstaat Illinois, entstan- Stolze 560 000 Dollar haben Velluto den die erste große Siedlung und und seine Freunde schon zusam- der erste große Tempel der Mormo- mengebracht. nen, und in dieser Umgebung ereig- Wie Velluto halten Oligarchen nete sich 1844 auch die große Kata- und Geldgeber der Republikani- strophe der neuen Religion, als Jo- schen Partei Mitt Romney für ihren seph Smith von einem Mob ermor- besten Kandidaten. Romney sieht det wurde, da war er 38 Jahre alt. kantig aus, er war ein erfolgreicher Smith war ein armer Landarbei- Geschäftsmann, und die Olympi- ter, kaum des Lesens und des schen Winterspiele 2002 in Salt Schreibens kundig. Er behauptete, Lake City hat er damals vor kor- ihm seien erst Gott und Christus rupten Funktionären gerettet. Dann und später der Engel Moroni er- wählte ihn ausgerechnet der libera- schienen, und sie hätten ihm den le Bundesstaat Massachusetts zum Weg zu goldenen Platten gewiesen, Gouverneur. Reich, fromm, flexibel: auf denen in einer altägyptischen Wer kann ernsthaft etwas gegen so Schrift die neue Religion geschrie- einen Kandidaten haben? ben gewesen sei. Er habe sie nach Das können Baptisten und Evan- göttlicher Weisung „mit einer Pro- gelikale, die in den Südstaaten eine pheten-Brille“ übersetzt. Bastion bilden, und dazu die Tea 1830 erschien das „Buch Mor- Party, die feste Burg des aller- mon“, und der neue Kult fand er- schlichtesten Konservatismus in staunlich schnell Anhänger in die- den USA. Gemeinsam bilden sie ser religiös aufgewühlten Zeit, in eine Mehrheit innerhalb der Repu- der dann auch die Bewegungen der blikanischen Partei, und alle sind Adventisten, der Zeugen Jehovas sie voller Misstrauen gegen Rom- und der Pfingstler entstanden. ney, weil er Mormone ist. Mor- Historiker nennen dieses Phäno- monen wie er sind keine Christen, men „die zweite große Erweckung sagen die Traditionalisten, weil Amerikas“, die religiöse Revolution SAL VELLUTO Mormonen behaupten, dass Gott 50 Jahre nach der politischen. Mensch war und Menschen Götter Smith hielt Anhänger wie Ur- werden können. Mormonen kön- Romney-Cartoon*: Der Bewerber als Superman großvater Hinckley dazu an, ein nen deshalb nicht das ewige Leben neues Jerusalem zu bauen, um die finden, sagen sie, sondern sind zum ewi- zur letzten Sekunde darauf hoffen, dass Wiederkehr Christi vorzubereiten. Die gen Tod verdammt. Sarah Palin, die Jeanne d’Arc des weißen, Mormonen waren fleißige Siedler, sie bil- Das ist Theologie und hat eigentlich konservativen Amerika, auf ihr Pferd deten eine Arbeits- und Betgemeinschaft, mit Politik wenig zu tun. Dabei gab es steigt und den Mormonen besiegt. sie halfen einander und fühlten sich als schon einmal einen republikanischen Prä- John F. Kennedy war der erste katholi- Auserwählte. Mit ihrer seltsamen Reli- sidenten, der sich mit etlichen Mormonen sche Präsident. Barack Obama ist der ers- gion erregten sie den Zorn und den Neid umgab: Ronald Reagan, die Ikone des te schwarze Präsident. Und der Mormone der Andersgläubigen, der Methodisten, konservativen Amerika. Unter seinen Mi- Romney schafft es kaum, Kandidat der Baptisten oder Presbyterianer. Die räch- nistern, Botschaftern und Ratgebern gab Republikaner zu werden? ten sich, brannten Tempel und Häuser es viele Gläubige aus der „Kirche Jesu „Wir kennen die Vorurteile über uns“, nieder, teerten und federten die hoch- Christi der Heiligen der Letzten Tage“, sagt Richard Hinckley, „aber wir schlagen mütigen Mormonen und jagten sie davon, wie die Mormonen in voller Schönheit nicht zurück.“ Er sitzt kerzengerade auf erst aus Missouri und dann aus Illinois. heißen. Sie waren überall, und niemand dem Sofa in seinem Büro, alterslose 70 „Unsere Vorväter hatten keine Refor- störte sich ernsthaft daran. Jahre alt. Er spricht Deutsch, denn in jun- mation im Sinn wie Martin Luther, denn Für den souveränen Umgang mit sei- gen Jahren musste er für seine Kirche im sie hielten alle Kirchen seit Christi Auf- nem Glauben ist Romney zu vorsichtig. Ruhrgebiet missionieren. Vor ihm liegt ein erstehung für verdorben. Sie wollten das Allerdings reden ihm seine Freunde nun Brief, den ihm 1962 der Oberbürgermeister ursprüngliche Christentum wieder auf- zu, er solle damit anfangen, über seinen von Essen schrieb, eine formvollendete richten. Das war ihre Restauration“, er- Glauben zu reden, über die mexikanische zählt Richard Hinckley mit stolzem Geschichte seiner Familie, über die Poly- * „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ (Illu- Gleichmut. Und da es nach dem alten gamie, die damals üblich war, über seine stration: Sal Velluto). jüdischen Gesetz erlaubt war, gehörte D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 97
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    Ausland Polygamie zu den Bräuchen der syn- zu werden. „Was könnte amerikanischer kretistischen Neureligion. Hinckleys Ur- sein als der Glaube an ewigen Fort- großvater hatte zwei Frauen, Joseph schritt?“, fragt Bagley. Smith hatte erheblich mehr, zwischen 33 Mit seinen Büchern hat Bagley Erfolg, und 44 Frauen, darüber sind die Quellen weil er die Mormonen entzaubert und ih- uneins. nen zugleich Anerkennung zollt. Er ver- Am weitesten in der Familie Hinckley steht sie als soziale Utopisten und Revo- brachte es Richards Vater Gordon. Er war lutionäre, denn Smith und seine Anhän- Präsident der Mormonen, die Nummer ger wollten die Welt verändern, nicht nur eins, der Papst dieser Kirche, Nachfolger interpretieren. „Sie waren hochmütig und des Propheten Joseph Smith, und auch selbstgerecht und machten sich verhasst er verfügte angeblich über besondere in den Städten, in denen sie sich ansie- Gaben. „Gott kommuniziert nach wie vor delten. Sie erzählten den Einheimischen, mit unseren Propheten“, sagt Sohn Ri- sie stammten direkt vom alten Israel ab, chard, „Gott hat das nicht geändert.“ und Gott schenke ihnen dieses Land. Das Gordon Hinckley war 84 Jahre alt, als kam nicht gut an. Außerdem waren sie er zum Propheten aufstieg. Die Mormo- keine Sklavenhalter. Auch das kam nicht nen leisten sich eine Gerontokratie, denn überall gut an.“ der jeweils Älteste im engsten Zirkel der Die Vertreibungen der Mormonen um Nomenklatura, im Rat der „Zwölf Apos- die Mitte des 19. Jahrhunderts nennt tel“, gelangt seit je auf den Thron. Gor- Bagley „den ersten amerikanischen Bür- don Hinckley starb mit 97 Jahren. Auf gerkrieg“. Sie ließen sich nicht einfach ihn folgte Thomas Monson, der heute 84 vertreiben, sie schlugen zurück. „Es gab Jahre alt ist. Massaker auf beiden Seiten“, sagt Bagley. Die Mormonen-Kirche ist demokratisch ausgerichtet, je- der Laie kann jedes Amt über- nehmen, es gibt keine Priester- kaste. Richard Hinckley hat es bis zum Bischof gebracht, der für mehrere Gemeinden zu- ständig ist – und zum Präsiden- ten eines Pfahls, das ist die GEORGE FREY / DER SPIEGEL nächsthöhere Führungsebene. Damit musste er sich begnügen. Er sagt, das sei so in Ordnung. Mit seinem Glauben ist Ri- chard Hinckley im Reinen: Früher lesen: Früher lesen: „Solange die Werte in der Sonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®, Welt dermaßen im Fluss sind, Mormone Richard Hinckley: Zurück zu den Ursprüngen Android-Tablets und -Smartphones sowie auf Mac und so lange wird meine Kirche PC: einmal anmelden und auf jedem Gerät lesen – wie ein Fels stehen, fest und unbeweg- Und irgendwann begannen die Mormo- egal wo Sie gerade sind. lich“, sagt er zum Abschied. nen damit, Feindseligkeit als Auszeich- Mehr sehen: Mehr sehen: Ja, die Kirche sei wirklich fest und nung zu verstehen. Nutzen Sie Videos, Fotostrecken und unbeweglich, eben ein Monument der Sie zogen so lange nach Westen, bis Selbstbezogenheit, sagt Will Bagley, ein sie in ein Tal mit einem Salzsee kamen, interaktive Grafiken. kleiner Mann mit einem großen Lachen. in den ein Fluss mündete, den sie in An- Mehr hören: Mehr hören: Er ist Historiker, er hat zwei Dutzend lehnung an das alte Israel Jordan tauften. Lauschen Sie Interviews, neuen Songs Bücher über die Kolonisierung des Wes- Eine Kette aus Bergen umgibt die Stadt, oder historischen Tondokumenten. tens Amerikas geschrieben, und in den in der sie ihren Tempel und ihre Ver- Mehr wissen: Mehr wissen: meisten befasst er sich mit den Legenden sammlungshalle errichteten. Das war Lesen Sie weiter auf den Themenseiten. der Mormonen. 1847, es gab Indianer, aber keine anderen „Ich bin ein Mormone außer Diensten“, Siedler. Aus Salt Lake City, ihrem Zion, Lassen Sie sich vom Reporter erklären, wie sagt Bagley, 62, und lacht aus vollem Hals. ist eine Stadt geworden, die weniger ame- er recherchiert hat. Er wuchs auf in einer Mormonen-Familie, rikanisch anmutet als andere Großstädte, in der es eher lässig zuging. „Als ich 14 so sauber und so still, wie sie ist. war, bestach mich meine Mutter mit einer Die religiöse Utopie hat sich in eine Handvoll Dollar, damit ich im ,Buch Mor- Institution verwandelt. Aber der Mormo- mon‘ las. Ich hatte eine Schwäche für grie- nismus hat sich nicht vollends an den chische Mythologie, aber ich hatte etwas Mainstream-Protestantismus angepasst, gegen Aberglauben. Dann las ich Mark das verhindert die merkwürdige Theolo- Twains Bemerkungen über die Mormo- gie. So machen sich die Mormonen nach nen, in denen er sagt, das ,Buch Mormon‘ wie vor verdächtig, vor allem bei der sei gedrucktes Chloroform. Ich fand christlichen Konkurrenz, auch wenn sie schon damals, dass er recht hat.“ ebenso konservativ und patriotisch leben Joseph Smith, sagt Bagley, sei ein reli- wie Evangelikale oder Baptisten. „Die giöses Genie gewesen, denn er habe „den Frage ist nur, wann das fromme Amerika Gott der Amerikaner geschaffen“, der es mit den frommen Mormonen seinen Frie- den Gläubigen gestatte, selbst zu Göttern den schließt“, sagt Will Bagley. 98 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Ausland Doch wer vergangene Woche im chi- nesischen Internet den Namen Bo Xilai suchte, tat dies oft vergebens: Der rote „Prinzling“ – sein Vater hatte gegen die japanischen Invasoren gekämpft – war zur Unperson geworden. Bereits Mitte März hatte die Pekinger Führung seinen Sturz eingeleitet: Sie setz- te Bo als Parteichef von Chongqing ab, vorigen Dienstag enthob sie ihn auch sei- ner übrigen Ämter. Aber es kam wie so oft im Reich der Mitte: Die Spitzengenossen schwiegen sich darüber aus, welche politischen oder ideologischen Verfehlungen dem früher so gefeierten Funktionär im Einzelnen anzulasten seien. Stattdessen inszenierten sie den Sturz des politischen Rivalen als Kriminalstück, und das vor aller Welt. Peking wirft Bos Ehefrau Gu Kailai, 53, sowie einem Bediensteten vor, den briti- schen Geschäftsmann und Freund der Fa- milie, Neil Heywood, im November 2011 in Chongqing ermordet zu haben. Ruchbar wurde der Fall, nachdem der Polizeichef von Chongqing Anfang Fe- bruar versucht hatte, sich in die USA ab- zusetzen. Angeblich habe Bo Ermittlun- gen gegen seine Frau verhindern wollen. Heywood, so streuen Chinas offizielle Medien, soll eine Art Mittelsmann für Gattin Gu und Bos Sohn Guagua, 24, ge- REUTERS wesen sein. Der Brite hatte Guagua, der inzwischen an der amerikanischen Har- Funktionär Bo, Gattin Gu: Ehrgeizige Politikerfrau, die das Böse verkörpern soll vard-Universität studiert, zu einer Aus- bildung an einer englischen Eliteschule verholfen. Kurz vor seinem Tod sei Hey- CH INA wood in einen Konflikt mit der Bo-Fami- Die roten Kennedys lie geraten. Selbst in der an Rankünen reichen Ge- schichte der Volksrepublik ist eine solche Mordaffäre unerhört. Viele Chinesen er- innern sich aber noch an Maos designier- Pekings Machthaber inszenieren den Sturz des populären Partei- ten Nachfolger Lin Biao, der 1971 in Un- bosses von Chongqing als Kriminal-Affäre – und so erfahren gnade fiel, mit Frau und Sohn im Flug- die Chinesen nebenbei, wie privilegiert die rote Nomenklatura lebt. zeug flohMongolei abstürzte. Gründen über der und aus nie geklärten Diesmal soll eine ehrgeizige Politiker- D ie Parteizeitung „Renmin Ribao“ rupte Beamte verhaften, gab den Armen gattin das Böse verkörpern – so wie einst war des Lobes voll. Gleich auf der billige Wohnungen und befreite sie vom Maos Frau, die Ex-Schauspielerin Jiang ersten Seite rühmte das Sprach- Schulgeld. Und immer wieder griff er auf Qing, die 1976 als Chefin der sogenannten rohr der chinesischen Führer die Erfolge das Erbe aus den Anfangsjahren der Viererbande verhaftet, für Grausamkei- von Bo Xilai, dem kommunistischen Par- Volksrepublik zurück: In den Parks seiner ten der Kulturrevolution verantwortlich teiboss von Chongqing. Unter Bo strebe Stadt ließ er die Bürger Mao-Lieder sin- gemacht wurde und sich später das Leben die Metropole mit ihren 32 Millionen Ein- gen. nahm. Jetzt beflügelt die attraktive Gu wohnern nach Wohlstand für alle. „Wenn Kailai die Phantasien der Chinesen. man mehr für das Volk tut, gewinnt das Gu war früher eine angesehene Anwäl- Leben an Wert“, zitierte das Parteiorgan tin, sie führte in den USA erfolgreich ei- den derart Gepriesenen. nen Prozess für chinesische Firmen. Zu- Das war Anfang Januar, und es klang, gleich spann sie offenbar ein Netz priva- als erteile Peking dem populären Bo, 62, ter Geschäftsinteressen im Ausland und seinen ideologischen Segen. Genossen im legte sich möglicherweise eine doppelte ganzen Land feierten ihn bereits als Heils- Staatsbürgerschaft zu – was in China ver- bringer. boten ist und was ihr Ehemann der Partei Bo hatte radikal die Schattenseiten des hätte anzeigen müssen. REUTERS chinesischen Wirtschaftswunders be- Die Aufdeckung der Bo-Affäre ist für kämpft – die Korruption und die Kluft die Pekinger Führung nicht ohne Risiko: zwischen Arm und Reich. Bo ließ ein Bo-Vertrauter Heywood im April 2011 Um den politischen Gegner und seine paar tausend Mafia-Mitglieder und kor- Den Weg an eine Eliteschule geebnet Familie als Kriminelle abzuurteilen, muss 100 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Ausland listisches Land, in dem das Ge- setz regiert“, tönen die offiziel- len Medien in diesen Tagen – und niemand werde verschont, „unabhängig von seinem Status“. In der Causa Bo geht es aber auch um die Frage, wohin die KP die aufstrebende Supermacht lenken will. Denn in Partei und Staat steht ein Führungswechsel bevor: Im Herbst soll Vizepräsi- dent Xi Jinping Parteichef Hu Jintao beerben und ihm im März 2013 dann auch als Präsident nachfolgen. Der Populist Bo hatte sich mit seinem staatskapitalistischen „Chongqing-Modell“ für einen Spitzenposten im Ständigen Aus- schuss des Politbüros in Stellung gebracht – Chinas wichtigstem Entscheidungsorgan. Auch in Peking und in ande- ren Provinzen hofften linke Ge- nossen, mit Bos Hilfe die Markt- ROPI wirtschaft wieder einschränken Polizeichef Wang in Chongqing im Juni 2009: „Das Gesetz regiert, unabhängig vom Status“ zu können: „Der wahre Sozialis- mus mit chinesischen Merkma- die KP dem Publikum nebenbei Einblicke des herausgefunden: Gu habe, so heißt len muss von staatlichem Eigentum und in den privilegierten Alltag der Nomen- es, Gelder in Höhe von umgerechnet der Staatswirtschaft beherrscht werden“, klatura gewähren. Die Details, die bereits mehreren hundert Millionen Dollar ins forderte der marxistische Vordenker jetzt durchsickern und von der chinesi- Ausland transferiert. Sie muss also auch Cheng Enfu in einer Lobeshymne auf schen Internetgemeinde begierig aufge- in China selbst nicht schlecht verdient ha- Chongqing. griffen werden, illustrieren jedoch nicht ben. Möglicherweise stammen diese Sum- Die Politbüro-Prominenz war ebenfalls nur das Leben der Bos, sondern auch das men aus jener Zeit, als Bos Gattin in der eifrig nach Chongqing gepilgert. Zwei anderer Elitekader. Hafenstadt Dalian eine Anwaltskanzlei Spitzengenossen allerdings blieben de- So fragen sich viele Chinesen, wie der betrieb und Unternehmern beim Kauf monstrativ fern: Parteichef Hu und Pre- Sohn eines Mannes mit einem eher be- von Immobilien half. Ihr Gatte war zwi- mier Wen. Sie reisten stattdessen wieder- scheidenen Regierungsgehalt an die Lon- schen 1993 und 2000 Bürgermeister von holt in die südchinesische Exportprovinz doner Harrow-Schule kam, die von der Dalian. Guangdong. Familie ihrer Zöglinge Gebühren von Die Bo-Familie muss damit gerechnet Dort experimentiert der reformfreudi- über 35 000 Euro jährlich verlangt. Stim- haben, dass ihre Geschäfte irgendwann ge Parteiboss Wang Yang, aber auf ganz men die Details, die seit Tagen zu lesen ans Tageslicht kommen. Steckt dahinter andere Weise: mit noch mehr Marktwirt- sind, ist die Erklärung dafür nicht schwer. die Erklärung, warum der Brite Heywood schaft und mit Basisdemokratie. Im Dorf Bos älterer Bruder, Bo Xiyong, dient tot in seinem Hotel aufgefunden wurde Wukan verzichtete er unlängst darauf, ei- unter dem Pseudonym Li Xueming seit und Bos oberster Polizist später zu den nen Aufstand gegen illegale Landnahme neun Jahren als Geschäftsführer bei der Amerikanern flüchtete? von der Polizei niederschlagen zu lassen. staatlichen China Everbright Holdings, Eine Schlüsselrolle in der Bo-Affäre Dafür ließ er eine demokratische Wahl die eine der größten chinesischen Banken soll die Firma Dalian Shide spielen, die abhalten, mit spektakulärem Resultat: und weitere Unternehmen kontrolliert. im Ölgeschäft groß geworden ist. Bo soll Einer der Protestierer stieg zum Dorfober- Dort bekommt er ein Jahressalär von deren Boss Xu Ming gefördert haben. Im haupt auf. rund 1,3 Millionen Euro, zusätzlich hält Gegenzug, so heißt es, finanziere Xu nun „Wir müssen wirtschaftliche und struk- er Aktienoptionen in Höhe von fast 19 das Studium von Bos Sohn Guagua in turelle Reformen vorantreiben, vor allem Millionen Euro. den USA – und möglicherweise auch des- die Reform des Führungssystems in Partei Eine Schwester von Bos Gattin Gu wie- sen aufwendigen Lebensstil: Wenn Gua- und Staat“, forderte Premier Wen einen derum soll in Hongkong acht Privatunter- gua sich in Peking aufhält, wird er oft in Tag vor Bos Absetzung im März. „An- nehmen geführt haben. Gu selbst, eine cha- einem roten Ferrari gesichtet. dernfalls würde China seine Probleme rismatische Frau, habe sich während der Bo Xilai und Gu Kailai arbeiteten Hand nicht grundsätzlich lösen, und es könnte Londoner Schulzeit ihres Sohnes oft in in Hand, sagen Kenner der Familie, sie sich wieder so eine Tragödie ereignen wie Großbritannien aufgehalten und gründete waren ein schillerndes Paar. Die „chine- die Kulturrevolution.“ dort vor zwölf Jahren eine Firma. Adad sischen Kennedys“ wurden sie genannt. Mit Bos Sturz haben die Reformer um Ltd. heißt das Unternehmen, über dessen Dass ein Leben wie das von Bo und Wen die Richtungsdebatte vorerst für sich Geschäftsgebaren ist allerdings kaum etwas seiner Gattin Gu in ihrem Lande möglich entschieden. Aber sie scheuen die offene bekannt. Registriert war die Firma in der ist, wird viele Chinesen nicht überra- ideologische Abrechnung mit dem frühe- Grafschaft Dorset an der englischen Süd- schen. Aber der hohe moralische Ton, mit ren Spitzenmann – weil der in der Partei westküste – nicht weit von jenem Ort ent- dem die Führung jetzt über ihren Ex- viele Anhänger besitzt. fernt, in dem die Familie Heywood lebte. Funktionär Bo herfällt, dürfte selbst bei Und so werden Bo und seine Frau wohl Wang Lijun, der ehemalige Polizeichef den über 80 Millionen KP-Mitgliedern ein Fall für die Kriminalpolizei sein. von Chongqing, hatte offenbar Belasten- Spott hervorrufen. China sei „ein sozia- WIELAND WAGNER 102 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Ausland ABU DHABI Überaus plastisch Wie zwei Deutsche in den Vereinigten Arabischen GLOBAL VILLAGE: Emiraten die Wegwerftüten abschaffen möchten D er „LuLu Hypermarket“ an der Jobs in Dubai. Die haben sie aufgegeben. Die Wernerys haben eine Stiftung ge- al-Batin-Straße von Abu Dhabi ist „Wir haben das hier gesehen“, sagt The- gründet, „PlasticNotSoFantastic“. Sie or- der Beweis dafür, dass alles gut resa. „Da musste man etwas tun.“ ganisieren Müllsammlungen, touren mit wird in der Welt. LuLu ist ein Ort des Vor ihr liegt das ausgebleichte Gerippe Fotos vom „Tal des Todes“ durch Schu- grenzenlosen, friedlichen Konsums, wo eines Kamels im Sand. Fell, Muskeln, Ge- len. Reden von Papiertüten, Mehrfach- Menschen sanft miteinander shoppen, die webe sind verdorrt. Geblieben sind die verwendung, vom Verzicht auf Valentins- anderswo Angst voreinander haben. An Knochen und der Inhalt des Magens: ein tagsballone. Nicht ohne Erfolg. „Das der Käsetheke etwa steht ein Herr in der basketballgroßes Knäuel Plastikfetzen, er- Problem sind die Eltern“, sagt Theresa Schlange, bärtig, düster und mit einem staunlich gut erhalten. Die Wernerys nen- Wernery. „Die packen ihren Kindern wei- mächtigen Turban. Aber er reckt nur sei- nen diesen Teil der Wüste das „Tal des terhin alles doppelt und dreifach ein.“ ne Wartemarke: 150 Gramm Gewürz- Todes“. Hirten führen ihre Tiere hierher, Vielleicht weil die eigenen Eltern oft quark möchte er, kein Kalifat. wenn die auf Behandlungen nicht mehr noch Nomaden waren, mit Leder als ein- LuLu ist ein Abbild der Golfemirate, reagieren. Wenn ihre Eingeweide vollge- ziger Verpackung. ein durchs Geld zusammengehaltener Mix stopft sind mit Plastiktüten und -flaschen, Sie erzählt von Ruanda, wo einem Plas- aus Fremdheiten. Am Keksregal spricht die nicht ausgeschieden werden können tiktüten schon am Flughafen abgenom- eine bis zum Sehschlitz schwarz Verhüllte und im Magen hart zu Ballen verklumpen. men werden wie Schmuggelgut. In den in ihr Mobiltelefon und be- Emiraten sei man davon deutet ihrer Bediensteten noch weit entfernt. In stumm, mit manikürten Fin- Deutschland auch. gern, welche Ware sie aus Die Bilder der jämmer- dem Regal zu nehmen lich verreckten Kamele habe. Kurzbehoste „Expa- sind nicht ohne Wirkung triates“ aus der EU, die geblieben. Kamele sind für steuerbefreit ihre Einkaufs- die Emirater, was Eichen wagen füllen, Libyer, Jeme- für die Deutschen sind. Seit niten, Iraner, Syrer, im Akt Januar sind abbaubare des Kaufens sind die Gren- Plastiktüten vorgeschrie- zen zwischen den Stämmen ben, und in den Super- MARTIN VON DEN DRIESCH / DER SPIEGEL und Sekten aufgelöst, der märkten sind die Tüten Dirham-Geldschein macht jetzt mit grünen Bäumen alle gleich, Herren und bedruckt und dem Appell, Knechte, Alawiten, Sunni- den Planeten zu retten. ten und Schiiten. „Das macht ein gutes Ge- Es gibt Milch aus Saudi- wissen“, sagt Theresa Wer- Arabien und Kartoffeln nery. „Aber es ist genauso aus der Bekaa-Hochebene schlimm.“ Denn auch die des Libanon, Kokos aus Ehepaar Wernery, verendetes Kamel: Tödliche Kost neuen Tüten zersetzen sich dem Oman, Rindsfilet aus sehr langsam, über Monate Australien und Brasilien, hinweg, und nur unter Ein- und an den Kassen stehen fluss von UV-Licht und Sau- Philippinerinnen und Bangladescher, die Der Müll der Emirate wird zu Freiluft- erstoff. „Beides gibt es weder in den Mä- alles hilfsbereit in Tüten füllen. deponien in der Wüste gekarrt. Der Wind gen der Kamele noch in den Deponien, In Plastiktüten. Gratis und in jeder trägt die Plastikfetzen weiter, und Kamele wenn dort der Müll zugeschüttet wird.“ Menge. Ballenweise werden die Tüten fressen alles, was im Sand einigermaßen Spezielle Recycling-Anlagen wären frühmorgens zu den Kassen geschleppt. bunt aussieht. „Es sind sehr neugierige notwendig. Doch auch das glitzernde Du- Die Plastiktüte ist sauber, hygienisch, Tiere“, sagt David Wernery. bai hat davon keine einzige. Außerdem praktisch und glatt anzufassen. Sie ist das Er ist ungefähr zwei Meter groß, hager sind die Emirater stolz auf ihre petroche- Gegenteil von Bangladesch und Pescha- und Sohn eines Tierarztes. Inzwischen, mische Industrie. Öl, Strom, Arbeit sind war. Sie ist das Signum des Luxus, sie ist sagt er, fänden sich die Plastikknäuel bei billig und Plastiktüten eines der wenigen „komplett überflüssig und schädlich“. fast allen Obduktionen tot aufgefundener im Land selbst hergestellten Güter. Das sagt Theresa Wernery, eine junge, Tiere in der Veterinärpraxis seines Vaters, Es ist schwer, Verzicht zu predigen in sehr blonde Deutsche, die in Abu Dhabi bei Rindern, Gazellen, Kamelen. Ein Bal- einem Land, das allgemein als Hyper- aufgewachsen ist. Sie steht etwa 40 Kilo- len wog 58 Kilo. Tödliche Tütenkost. markt verstanden wird, praktisch, glatt meter von der nächsten Hypermarket- Die Umweltbehörde schätzt, dass sich und auf schnellen Verbrauch gegründet. Kasse entfernt hinter einer Sanddüne, ab- bei jedem zweiten vorzeitig verendeten Jetzt gehen die beiden Deutschen erst seits einer Piste Richtung Norden. There- Großtier in der Wüste Plastikreste im Ma- einmal auf Weltreise mit ihrer Plastik- sa und ihr Mann David haben in London gen feststellen lassen. Ähnlich ist es bei Botschaft. und Bonn Jura studiert. Sie hatten gute Delphinen und Wasserschildkröten. ALEXANDER SMOLTCZYK D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 103
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    Prisma PLANETENFORSCHUNG Keine Palmen auf dem Mars D. HARMS / PICTURE ALLIANCE / WILDLIFE War der Mars immer schon eine Wüs- hin. Neue Klimamodelle zeigen nun tenwelt? Bislang gingen die Astrono- jedoch, dass es auf dem Mars immer men davon aus, dass der Nachbarpla- schon zu kalt war, als dass sich große net der Erde zumindest früher einmal Wassermassen auf seiner Oberfläche von Seen oder gar Ozeanen bedeckt hätten halten können. Bei den wohl Rosmarinzweig war. Darauf deuten beispielsweise die seit Jahrmilliarden vorherrschenden riesigen Kanäle auf seiner Oberfläche Minusgraden dürfte es Wasser allen- falls in Form von Eis PHARMAKOLOGI E gegeben haben. Auch für die flussbettartigen Duft-Doping fürs Hirn Kanalsysteme gibt es eine neue Erklärung: Sie könnten entstan- Dass Rosmarinduft Geist und Sinne den sein, als Vulkan- schärft, wird von Esoterikjüngern von ausbrüche die Mars- jeher verbreitet. Nun hat ein seriöser atmosphäre zumindest Wissenschaftler nachgewiesen, dass an vorübergehend so weit dieser Legende wirklich etwas dran ist. erwärmten, dass die Der britische Neurologe Mark Moss Eispanzer in den bergi- setzte Freiwillige unterschiedlich lange gen Regionen schmol- den Aromastoffen der Heilpflanze des zen und sich Sturz- Jahres 2011 aus. Das Ergebnis: Je mehr bäche in die Ebenen ätherisches Öl Cineol im Blut gemes- ergossen – aber das sen wurde, desto besser schnitten die war nie von Dauer. Testpersonen bei Denksportaufgaben „Die Hoffnung, dass es ab. Schon frühere Untersuchungen hat- auf dem Mars jemals SAURER / BILDAGENTUR ONLINE ten gezeigt, dass Cineol über die Na- Ozeane und Palmen- sen- oder Lungenschleimhaut ins Blut strände gegeben haben gelangt. Zum Doping fürs Hirn wird könnte, ist zerstoben“, der Rosmarin-Duftstoff offenbar, in- urteilt der US-Welt- dem er den Abbau des wichtigen Bo- Mars raumforscher Stephen tenstoffs Acetylcholin verhindert. Clifford. MEDIZIN FRÜHERKENNUNG Herzschäden durch Chemotherapie Autismus bei Babys Krebsmedikamente können dem Herz dicine, die Zulassungsstudien für ein Viele autistische Störungen werden schwere Schäden zufügen, doch selbst Mittel gegen Nierenkrebs ausgewertet bislang erst sichtbar, wenn Kinder in in angesehenen Medizinzeitschriften haben. Während in den vom Herstel- ihrem Sozialverhalten oder beim wird darüber kaum berichtet. Zu die- ler finanzierten Untersuchungen Erlernen der Sprache auffällig werden. ser Erkenntnis kommen Forscher von schädliche Nebenwirkungen gar nicht Kanadischen und amerikanischen For- der Stanford University School of Me- auftauchten, sprachen die Gutachter schern ist es jetzt gelungen, bereits bei der US-Zulassungsbehörde Säuglingen im sechsten Monat fest- FDA aufgrund derselben zustellen, ob sie ein sehr hohes Autis- Studiendaten Warnungen musrisiko besitzen. Ärzte der „Infant aus: „Die amtlichen Prüfer Brain Imaging Study Network“ unter- berichteten von häufig auf- suchten dafür im Kernspintomografen tretenden Herzproblemen 92 Babys, deren Geschwister bereits bei den klinischen Tests, unter autistischen Störungen leiden. die in den Zulassungsstu- Jene Kinder, bei denen später eine au- dien nicht einmal erwähnt tistische Störung diagnostiziert wurde, wurden“, kritisiert Stan- hatten demnach schon als Säuglinge RONALD FROMMANN / LAIF ford-Kardiologe Ronald dickere und dichtere Nervenfasern ent- Witteles im „Journal of Cli- wickelt. Mit der Frühdiagnose, hoffen nical Oncology“. Trotz der die Wissenschaftler, ließen sich schwere fehlenden Hinweise waren Formen der Störung womöglich abmil- die Studien in Fachblättern dern – etwa durch rechtzeitige Sprach- Krebspatienten bei der Chemotherapie erschienen. und Verhaltenstherapien. 104 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wissenschaft · Technik Bike aus Blättern Die Gottesanbeterin sieht so aus, als säße sie auf einem Fahrrad – tatsäch- lich hockt das Insekt auf ECO SUPARMAN / CATERS Pflanzenblättern, die dabei sind, sich zu ent- falten. ANTHROPOLOGIE gleiten. Die heute noch in Südalaska lebenden rund 4000 Angehörigen der Walfangboot Volksgruppe wissen über die see- tüchtigen Boote ihrer Vorfahren nur des Alaska-Kriegers noch wenig. „Über 7000 Jahre Erfah- rungen stecken in der Konstruktion dieses Kajaks“, sagt der Anthropologe Forscher sind auf das weltweit einzige Sven Haakanson, selbst ein Alutiiq. bekannte Kajak eines Alutiiq-Kriegers Bei den Analysen wollen die Wissen- aus Alaska gestoßen. Der Fund wird schaftler herausfinden, womit der derzeit im Peabody Museum an der Konstrukteur die Seelöwenhaut im- Harvard University untersucht. Um prägnierte und von welchen Tieren das Jahr 1860 baute der unbekannte die Sehnen stammen, mit denen die PEABODY MUSEUM / HARVARD COLLEGE Mann das Boot, indem er die Häute Häute zusammengenäht wurden. von fünf weiblichen Seelöwen über Auch für einige Strähnen Menschen- ein ausgeklügeltes Holzskelett spann- haar nahe dem Bug interessiert sich te. Mit dem Kajak ging er dann ver- Haakanson: „Vielleicht verkörpern sie mutlich in den Gewässern um Kodiak den Geist einer mächtigen Persön- Island auf Walfang. Die außergewöhn- lichkeit, die dem Eigentümer im Krieg liche Konstruktion mit einem gega- oder beim Walfang half.“ Die heute belten Bug ermöglichte es ihm, beson- lebenden Alutiiq benutzen moderne ders kräftesparend übers Wasser zu Untersuchung des Alutiiq-Kajaks Boote. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 105
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    Wissenschaft PSYCHOLOGI E Therapie auf der Todesinsel Die Überlebenden des Massakers von Utøya kämpfen gegen ihr Trauma, indem sie an den Ort des Massenmords zurückkehren. Einige werden im Prozess gegen den Attentäter aussagen. Sie treibt die Frage um: Warum hat er sie verschont? ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL Fähre mit Utøya-Opfern, Überlebende Fevang Smith, Pracon: Während der Überfahrt lachen viele noch – auf dem Rückweg herrscht tiefes E r ist wieder unterwegs zu seiner Er- Seine Schwester Katharina schaut und wäre fast ersoffen.“ Dann legt das schießung, zum dritten Mal schon. Adrian ungläubig von der Seite an. Die Schiff ab und nimmt Kurs auf Utøya. Diesmal will Adrian Pracon, 22, sei- 28-Jährige hat diese Geschichte zuvor An diesem Dienstag Ende März hat ner Schwester Katharina jenen Ort zei- noch nie in all diesen Details gehört. die Jugendorganisation AUF der nor- gen, wo er hätte sterben sollen. Doch jetzt kann ihr Bruder ausführlich wegischen Arbeiterpartei einen Besuch Eigentlich wollte der Mann, von dem erzählen, einfach so, während der Auto- der Überlebenden und deren Angehö- Adrian kurz vor dem Schuss nur die fahrt. Und gleich wird er ihr die Stelle riger auf der Insel organisiert, wo der schwarzen Stiefel sehen konnte, auch ihn zeigen, wo sich das zugetragen hat. Er Rechtsradikale Breivik vergangenen ermorden. „Es ist ganz sonderbar, wie will, dass sie sich ein realistisches Bild Sommer ein Massaker mit 69 Toten ich mich an die Situation erinnere“, sagt von den Szenen machen kann, die ihn angerichtet hat. Es wirkt wie ein gut- Adrian zu seiner Schwester, die neben bis heute verfolgen. organisierter Schulausflug: Ehrenamtli- ihm in seinem silbernen Alfa Romeo sitzt. Adrian, Sohn polnischer Einwanderer, che der AUF verkaufen Karten für die „Alles spielte sich ab wie in Zeitlupe.“ wuschelige braune Haare, erzählt ihr von Überfahrt. Aufgeregt rennen die jungen Oben auf den Bergen liegt an diesem dem Moment kurz vor dem Schuss, als Leute durcheinander, unterhalten sich Frühlingsmorgen noch Schnee, unten sind das Zittern seines Körpers einfach auf- lautstark und knipsen sich mit ihren die Wiesen braun. Die beiden sind spät hörte, als sein Atem stoppte, als er nur Handys. dran; das Boot zum Ort seiner gescheiter- noch spürte, dass sein Herz gegen den Während der Überfahrt nach Utøya ten Hinrichtung läuft gleich aus. Adrian Stein schlug, auf dem er lag. lachen viele noch – auf dem Rückweg drückt auf das Gaspedal, und sein Wagen Hinter der nächsten Biegung kommt herrscht tiefes Schweigen. rast los – wie auf einer Zeitreise neun Mo- die Insel in Sicht, auf der es passierte. Am Die Fahrt zurück an den dunkelsten nate zurück in die Vergangenheit. Anleger wartet schon die kleine Fähre Punkt ihres noch jungen Lebens ist ein Unter der Regenjacke, die seinen Kopf mit dem weißen Kapitänshäuschen. Drei Kampf mit den Bildern, die nicht aus halb bedeckte, sah er am 22. Juli 2011 da- Dutzend junge Leute mit signalroten ihrem Kopf verschwinden wollen, ein bei zu, wie die anderen getroffen wurden, Schwimmwesten sind bereits an Bord der Kampf gegen die Panik, die immer wie- umfielen, ganz langsam. Dann sah er die MS „Thorbjørn“. der in ihnen aufflackert. Die jungen Op- Schuhe von Anders Behring Breivik nä- Auch Adrian streift sich eine über. fer kämpfen zudem mit Schuldgefühlen: her kommen: „Ich spürte die Wärme des „Schwimmwesten!“, sagt er und lacht zy- Warum sind die anderen gestorben, war- heißen Gewehrlaufs.“ nisch auf. „Damals bin ich geschwommen um nicht ich? 106 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    ILJA C. HENDEL/ DER SPIEGEL ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL Schweigen Der Ausflug ist Teil einer weltweit ren 4500 Angehörige; dazu noch Ärzte, Schießstand der Polizei, um sich an das einzigartigen Therapie, die dazu dienen Sanitäter, Polizisten und unzählige frei- Geräusch von Kugeln und den Anblick soll, das Geschehene in die eigene Bio- willige Retter. Sie verteilen sich über das von Polizisten zu gewöhnen. grafie einzubauen. Renate Grønvold ganze Land, 165 Gemeinden sind mit der Khalid Taleb Ahmed, 32, schluckt Ta- Bugge, eine 71-jährige Psychologin mit Betreuung von Breiviks Opfern betraut. bletten, um das Bild seines toten Bruders deutschen Wurzeln, gilt als Initiatorin die- Die besondere therapeutische Heraus- Ismail aus dem Kopf zu vertreiben. Wie ser Fahrten. forderung liegt neben dem Ausmaß darin, Ismail dalag, am Fuße des Felsens, die Das vom norwegischen Staat finanzier- dass es vor allem Teenager getroffen hat. blondgefärbten Haare blutrot. Bei seinem te Programm umfasst etwa regelmäßige „Das wohl heikelste Alter“, sagt Bugge, Psychologen lernt Khalid, das Trauma als Besuche der Hinterbliebenen und Über- „um ein solches Trauma zu erleben: Die ein Tor zu betrachten, durch das er gehen lebenden an den Schauplätzen des Ter- Psyche ist noch suchend, kaum gefestigt.“ kann. Er lernt, dass der Film in seinem rors, Treffen auf nationaler und regiona- Jeder von ihnen hat eine eigene Stra- Kopf läuft, er aber die Fernbedienung in ler Ebene, damit sie Gemeinsamkeiten tegie entwickelt, mit dem erlebten Terror der Hand hält und ihn stoppen kann. im Umgang mit dem Schmerz entdecken. umzugehen. Simen Brænden Mortensen Manchen geht es wieder besser, vielen Jeder Überlebende hat in seiner Gemein- etwa, 23 Jahre alt, fährt im Boot gleich nach wie vor sehr schlecht. Auf dem Mit- de einen Ansprechpartner, der helfen soll, nach Adrian: Er war Wachmann und ließ tagsboot setzt Marte Fevang Smith, 18, wenn sich der Zustand verschlechtert. den als Polizisten verkleideten Mörder aus Tønsberg zusammen mit ihrer Mutter Ein Forschungsprojekt dokumentiert auf die Fähre nach Utøya. Monica über. Sie ist ein strahlendes Ge- die Qualität der Traumatherapie – und „Vom Kopf her weiß ich, dass jeder ihn schöpf mit ihren dichten blonden Haaren soll für kommende Fälle Rezepte liefern, durchgelassen hätte, weil er verdammt und den hellblauen Augen. Ihre Mutter wie mit den seelischen Wunden am bes- noch mal aussah wie ein Polizist“, sagt sagt, dass die Tochter im vergangenen ten umzugehen ist. „Für die Wissenschaft der junge Sozialarbeiter. „Trotzdem habe Sommer gerade ihr großes „Aufblühen“ ergibt sich aus der Tragödie eine einzig- ich mich wochenlang schuldig gefühlt.“ erlebt habe – bis auf Utøya eine Kugel artige Chance“, sagt Bugge mit sanfter Jeden Freitag sitzt er bei einer Psycholo- ihren Kopf traf. Sie überlebte nur, weil Stimme. gin, bis vor drei Wochen arbeitete er nur das Projektil das Gehirn um zwei Milli- Rund 700 Hinterbliebene gilt es in ihrer halbtags. meter verfehlte. Trauer zu begleiten. Hinzu kommen 650 Oder Caroline Winge aus Trondheim. Marte hat den Ausflug mit den ande- Überlebende, 66 davon verletzt, und de- Die 19-Jährige wollte am liebsten auf den ren Überlebenden nach Utøya nicht gut D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 107
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    Wissenschaft verkraftet.Auf der Rückfahrt von der In- auf diesen Moment mit Hoffen und Ban- fanden Marte auf der Toilette wieder, nah- sel schwieg sie lange. Nur zu Hause fühlt gen gewartet: „Schule bietet Alltag, bietet men sie in die Arme, damit der Körper sie sich noch sicher. Ihr Kinderzimmer eine Struktur, die Halt gibt“, und das sei endlich aufhörte zu zucken. „Meine ist übersät mit Kleidern, DVDs und wichtiger als jedes Therapeutengespräch. Freundinnen haben zum Glück immer ex- Schminksachen. „Das zeigen alle aktuellen Forschungs- tra Make-up-Entferner dabei, damit sie In fremden Räumen sucht sie sofort arbeiten.“ meinen verlaufenen Lidschatten weg- nach einem Fluchtweg. Einen vollen Bus Doch schon ein paar Tage nach Schul- wischen können“, sagt Marte. zu betreten wäre für sie unvorstellbar. beginn zerplatzte der Luftballon an ei- Sie konnte sich im Unterricht nicht „Die Situation ist absolut nicht zu kon- nem Geburtstagskuchen, den Schüler mehr konzentrieren, die Buchstaben trollieren“, sagt sie. Seit Utøya ist sie gebacken hatten. „Ich bin rausgerannt“, drehten sich nur noch im Kopf herum. nicht mehr tanzen gegangen. Sie müsste sagt Marte, die in diesem Moment den Schließlich gab sie auf und arbeitet jetzt dann immer an Maria denken. Am Lehrer noch sagen hörte: „Gut, dass wir zwei Tage in der Woche in einem Abend vor dem Massaker hatte sie noch hier keinen Schüler haben, der auf Utøya Kindergarten nicht weit von ihrer Woh- mit ihrer Freundin vor der Bühne von war.“ nung. Utøya getanzt. „Datarock traten auf“, Niemand hatte ihm davon erzählt, dass Psychologen kennen diese Phänomene sagt Marte. „Wenn ich die jetzt im Radio Marte auf der Insel war, auf dem Liebes- bei Traumatisierten; es sind klassische höre, schalt ich sofort ab.“ Breivik hat felsen. So heißt die Anhöhe im Süden der Symptome der posttraumatischen Belas- auch Maria erschossen. Insel, wo sie ansehen musste, wie Breivik tungsstörung. Die Flashbacks können Am Unterricht kann Marte noch nicht zehn Menschen erschoss. durch alltägliche Geräusche wie das laute wieder teilnehmen. „Das geht leider gar Wenige Tage später saß die Schülerin Zuschlagen einer Tür ausgelöst werden. nicht“, sagt die Teenagerin. Sie hat es ver- im Psychologieunterricht, als sie sich ein- Sie starten im Gehirn genau jene emotio- sucht, gleich im August zu Beginn des bildete, wie der Lehrerin plötzlich Blut nale Kaskade wie bei dem ursprünglichen neuen Schuljahres. Renate Bugge hatte über das Gesicht strömte. Ihre Mitschüler traumatischen Erlebnis. 3 Dabei umgeht der Geist den Verstand, dem der Trugschluss auffallen würde. Todespfad 3 Stattdessen springt der für Emotionen zu- Anders Breiviks Weg über die Insel Utøya ständige Teil des Hirns an und schaltet 5 schlagartig auf Panik – der Blutdruck Breiviks steigt, das Herz rast, Schweiß bricht aus. Route Typisch für die akute posttraumatische 1 Anzahl Phase, so beschreibt es Psychologin Bug- Opfer ge, ist die noch bruchstückhafte, unge- Pumpen- ordnete Erinnerung an das Geschehen. 50 m haus „Das Gehirn hat es noch nicht geschafft, 14 22. Juli, ca. 17.10 Uhr die Dinge in eine zeitliche Abfolge zu Breivik geht von der bringen und eine Distanz aufzubauen Fähre an Land zwischen dem schockierenden Erlebnis damals und dem, was heute passiert.“ Cafeteria/ Scheune So vermischt sich in Martes Gedächtnis Versammlungshaus alles zu einem alptraumhaften Strudel: Sanitäre 13 die vielen winzigen Frösche, die am Mor- 10 Anlagen 2 gen vor dem Massaker über den Zeltplatz 1 Fähr- 7 anleger hüpften, die Schüsse und Schreie, der zu- Haupt- fällige Blick auf den Fernseher im Kiosk haus des Krankenhauses, auf dem sie Tage spä- Aufeinandertreffen von Marte Fevang zum Festland ter die Zahl der Toten las. In einem sol- Smith und Breivik ca. 600 Meter chen Zustand bewältigt das Gehirn keine UTØYA großen Leistungen. „Bei Schulaufsätzen, Zelt- 3 lager AFP Grotte 1 2 Schulstube 1 ca. 18.35 Uhr Quelle: „Aftenposten“ Breivik wird gestellt und festgenommen Bergen Utøya 1 NORWEGEN Aufeinandertreffen ak err von Adrian Pracon ag 6 und Breivik Attentäter Breivik nach seiner Festnahme auf Utøya 100 km Sk 108 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    wo verschiedene Gedankenim Gedächt- stellen“, hofft er und schaut auf die nis verknüpft werden müssen, versagt die Rosen, die auf einem improvisierten Konzentration“, sagt Bugge. Gedenkstein an der Landstraße vor Den Schulen kommt deshalb eine gro- Utøya welken. ße Verantwortung bei der Beobachtung Resilienz, so nennen Wissenschaftler der Überlebenden zu. Die Lehrer müssen die seelische Widerstandskraft einiger jeden Utøya-Heimkehrer ansprechen, Menschen. Adrian sagt es mit seinen Wor- ihm zu psychologischer Hilfe raten, wenn ten: „Wenn du an dem Punkt bist, wo du seine Leistung abfällt. Niemand soll dir nicht mehr vorstellen kannst, dass die durch das nationale Hilfsraster fallen. Sonne wieder aufgeht, gibt es doch nichts Marte wollte es zunächst auf eigene Schöneres, als morgens aufzuwachen und Faust versuchen. Mit dem Schreiben eines sie scheinen zu sehen.“ Blogs versuchte sie den Schrecken loszu- Doch eine Frage wird ihn wohl noch werden. Im Winter gab sie ihren Wider- lange beschäftigen. „Manchmal habe ich stand gegen psychologische Hilfe auf. tagelang an nichts anderes denken kön- Der Therapeut, zu dem sie nun geht, nen als daran“, sagt Adrian: „Warum hat hat bei ihr eine zunächst esoterisch an- er mich nicht erschossen?“ ILJA C. HENDEL / VISUM mutende Behandlung begonnen, die sich Denn Breivik legte gleich zweimal auf „Eye Movement Desentizitation and Re- ihn an. Das erste Mal begegnete Adrian processing“ nennt. Der Patient wird da- ihm zu Beginn des Massakers, am Strand. bei aufgefordert, die belastenden Szenen Plötzlich stand der Attentäter vor ihm wieder aufzurufen. Zugleich bewegt der am Ufer und legte mit mechanischer Prä- Psychologe einen Gegenstand vor dem Überlebender Mortensen zision einen Jugendlichen nach dem an- Gesicht des Patienten und lässt ihn diesen „Ich habe mich schuldig gefühlt“ deren um. mit den Augen verfolgen. Als Adrian an der Reihe war und der Diese Augenbewegung lässt die über- Erfahrungen, wie sie weltweit bei Groß- Attentäter auf ihn zielte, rief Adrian: bordenden Gefühle im Moment des Erin- tragödien gemacht wurden“, sagt Insti- „Nicht schießen!“ Daraufhin ließ Breivik nerns langsam abflachen. Die Funktions- tutsdirektor Atle Dyregrov. Er geht davon den Lauf seines Gewehrs sinken, machte weise der Methode ist ungeklärt, ihre aus, dass mindestens 30 Prozent von ih- kehrt, einfach so. Wie angewurzelt blieb Wirksamkeit jedoch in vielen Studien nen länger in Behandlung bleiben wer- Adrian in dem Wasser stehen, das sich nachgewiesen. Auch deutsche Soldaten, den. „Je nachdem, wie gut die Arbeit ist, vom Blut seiner Kameraden rot färbte. die traumatisiert aus dem Afghanistan- die wir in den nächsten Wochen leisten“, Bei der zweiten Begegnung verschonte Einsatz heimkehren, werden so behan- sagt Dyregrov. der Attentäter ihn nicht. Da lag Adrian delt. Doch Marte ist skeptisch: „Ich glau- Die Wissenschaft kennt auch den Fall, auf dem Stein, unter der Regenjacke, und be da ja nicht wirklich dran“, sagt sie. dass Menschen gestärkt aus einer trau- stellte sich tot. Aber diesmal drückte Andererseits hofft sie natürlich, dass die matischen Erfahrung hervorgehen. War- Breivik ab. „Der Krach der Kugel war Therapie anschlägt. um das so ist, darüber gibt es Theorien. gewaltig“, sagt Adrian. Doch sie verfehl- Im Februar schaute sie Breivik das ers- Männer schaffen es häufiger als Frauen. te den Kopf und durchschlug nur die te Mal wieder in die Augen. Als der At- Es hilft, schon einmal eine Lebenskrise Schulter. „Schmerzen habe ich keine ge- tentäter zum Haftprüfungstermin in den gemeistert zu haben. Auch Adrian Pra- spürt.“ Gerichtssaal geführt wurde, sah er zu ihr con hat gute Chancen, dass es ihm ge- Fast alle Überlebenden fühlen sich ir- und den anderen Überlebenden auf der lingt. gendwann schuldig, weil nicht auch sie Besucherbank. Unreif habe er da auf sie Mit gerötetem Gesicht verlässt er die umgekommen sind. Bei Adrian war es gewirkt, und dann erst seine Stimme: Fähre von Utøya. Auf seinen weißen Lei- noch komplizierter. Denn der Attentäter „wie die eines Schlumpfes“. nenschuhen federt er vom Anleger hoch, hatte ihn bei der ersten Begegnung be- Noch vor Ende des Gerichtstermins im Arm seine Schwester Katharina. „Der wusst verschont. Weil er ihn mochte? Die- kollabierte sie. Dabei hatte Marte gehofft, Stein, auf dem ich lag, stand diesmal nicht se Vorstellung wäre kaum auszuhalten der Anblick des Täters in Handschellen unter Wasser“, sagt er. Er konnte ihn end- für Adrian. könnte ihr Sicherheit geben. „Wenn ich lich seiner Schwester zeigen. „Ich glaube, In den Ermittlungsakten stieß Adrian in den Zeugenstand gehe, werde ich ihm dass ich mich distanzierter fühle.“ auf eine Aussage Breiviks, die dessen sicher nicht ein zweites Mal gegen- In Norwegen hat es der junge Mann Verhalten erklären könnte. Adrian sieht übertreten“, sagt Marte. „Meine An- mittlerweile zu einiger Berühmtheit ge- jünger aus, als er ist. Hat der Rechtsradi- wältin hat beantragt, dass er vorher aus bracht. Gerade erscheint sein Buch „Herz kale ihn für zu jung gehalten? Ein 14-jäh- dem Saal geführt wird“, sagt sie und gegen den Stein“, das der Autor Erik Møl- riges Mädchen auf der Insel hat er ver- dreht selbstversunken an der Kordel ih- ler Solheim nach langen Gesprächen mit schont, weil es noch nicht so „gehirn- rer Kapuze. ihm aufgeschrieben hat. Die ersten Mo- gewaschen“ sei. Der Prozess gegen Breivik, der diese nate danach waren hart, ihn quälten De- Auch Adrian muss vor Gericht aussa- Woche beginnt, hat die norwegischen Kri- pressionen. „Während der langen Gesprä- gen. Er wagt keine Vorhersage, ob er Brei- senpsychologen in Alarmbereitschaft ver- che mit Erik haben aber die wirren Epi- vik dort die Frage stellen wird, warum setzt. In Gerichtssälen vom Nordkap bis soden in meinem Kopf begonnen sich zu- dieser beim ersten Mal nicht auf ihn ge- zum Skagerrak wird die Verhandlung sammenzufügen.“ schossen hat. „Ich weiß nicht, ob ich mich übertragen – die Liveschaltung dient auch Adrian Pracon glaubt, das Geschehen das trauen werde.“ als Test, wie weit die Opfer ihr Trauma tatsächlich in seine Biografie eingebaut GERALD TRAUFETTER, ANTJE WINDMANN bereits verarbeitet haben. zu haben. Er kellnert in einer Bar, be- Nach Schätzungen des Zentrums für zieht von der AUF ein Gehalt und will Video: Ein Opfer kehrt zum Krisenpsychologie an der Universität Ber- jetzt seinen Schulabschluss machen. Spä- Tatort zurück gen hat die Hälfte der Überlebenden psy- ter will er in die Politik gehen. „Ich Für Smartphone-Benutzer: chologische Hilfe in Anspruch genom- glaube, ich kann das Buch mit diesem Bildcode scannen, etwa mit men. „Das deckt sich recht genau mit den Kapitel meines Lebens bald ins Regal der App „Scanlife“. 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    Technik wegführen von konventionellen Blech- struktionen sind nur um gut hundert Kilo- AU TOM O B I L E strukturen“, sagt Stefan Plass, bei Evonik gramm leichter, bringen also keine bahn- Schwarzes Blech verantwortlich für die Entwicklung von brechende Gewichtseinsparung. Polymerschäumen. Weit größere Fortschritte – Einsparun- Die Forscher des Chemiekonzerns se- gen von 300 Kilogramm und mehr – sind hen sogar schon ein neues Zeitalter des mit einer Abkehr von metallischem Ma- Ingenieure tüfteln an ultraleichten Karosseriebaus anbrechen; nicht Stahl, terial möglich. CFK gilt gemeinhin als Kunststoffautos. Setzt sich ein sondern Kunststoff soll bald das vorherr- Schlüsselwerkstoff: Er ist mindestens so Konstruktionsprinzip aus der Luft- schende Material sein – ein später Triumph robust wie Stahl, dabei aber nicht einmal des planwirtschaftlichen Automobilbaus halb so schwer – bislang allerdings auch und Raumfahrt durch? der DDR, deren Standardmobil Trabant 50-mal teurer. Ganze Karosserien daraus einst in volkseigene Plaste gekleidet war? wurden bisher nur für Renn- oder exoti- D as Schaustück sieht aus wie der Die Kunststoffkarosse ist jedenfalls der sche Sportwagen produziert. Plastikrohling für einen Garten- einzig erkennbare Weg, ein gravierendes Einzig BMW versucht bislang, ein Mas- teich. Die pechschwarze Wanne Problem des Fahrzeugbaus zu lösen: Mit senprodukt aus diesem Werkstoff herzu- ist so lang und so breit wie ein Auto – die den wachsenden Anforderungen an Si- stellen. Zusammen mit dem Partner SGL Maße sind kein Zufall. cherheit und Komfort sind die Autos kon- Carbon errichtet der Münchner Konzern Der Evonik-Konzern, ein Agglomerat tinuierlich schwerer geworden. derzeit eine Fertigungskette, die diesen altdeutscher Metall- und Chemieindu- Als VW in den Siebzigern den ersten robusten Kunststoff aus dem Exoten- strien, präsentiert das schlichte Gefäß als Golf erschuf, wog dieser 750 Kilogramm. dasein befreien soll. Im kommenden Jahr eine Art Matrix für das Autochassis der Das heutige Modell ist fast eine halbe will BMW ein Elektroauto mit einer CFK- Zukunft: Seine Wände sind etwa finger- Tonne schwerer. Dass ein moderner Golf Karosserie präsentieren, dessen Produk- dick und bestehen aus einem weißen trotzdem weniger verbraucht als sein tionsanlagen für eine größere Serienfer- Schaumkern, umgeben von dünnen Häu- Urahn, ist im Wesentlichen den Fortschrit- tigung ausgelegt sind. Der Hersteller ten aus mit Kohlenstofffasern verstärk- ten der Motorentechnik zu verdanken. nennt bisher weder Preise noch Stück- tem Kunststoff (CFK). Der Leichtbau als Entwicklungsziel zahlen. Projektleiter Ulrich Kranz versi- Das Konstruktionsprinzip nennt sich rückt nun in den Vordergrund. Die Her- chert lediglich: „Das wird hier kein Manu- Sandwich; es ist steif und crashfest, hat steller werben inzwischen offensiv mit fakturbetrieb.“ sich in der Luft- und Raumfahrt sowie im dem Begriff, ohne jedoch viel in diesem Der CFK-Aufbau soll auf ein Alumi- Yacht- und Sportartikelbau bewährt und Sinne zu leisten. In der Massenproduktion nium-Chassis montiert werden. BMW soll vermehrt Einzug ins Automobil dominiert noch immer die selbsttragende geht damit weg von der selbsttragenden halten. „Der Leichtbau-Gedanke muss Karosserie aus Stahlblech. Aluminiumkon- Karosserie und zurück zum zweigeteilten Wagenbau der Auto-Urzeit. Eines der letzten Massenprodukte, die diesem Bau- Spar und fahr prinzip folgten, war der VW Käfer. Auch die Kunststoffexperten von Evo- Leichtbau-Konzepte von nik halten diesen Weg für den richtigen. BMW und Evonik „Einiges spricht dafür, Chassis und Karos- serie wieder zu trennen“, sagt Klaus Hedrich, der dortige Leiter des Auto- mobilteams. Mit dem Aufbau aus reinen mit Kohlenstofffasern ver- Alu-Rahmen CFK-Elementen folgen die Auto-Entwick- stärkter Kunststoff (CFK) ler jedoch ihrer alten Blecharchitektur. Die Evonik-Leute nennen dieses Prinzip Batterien Black Metal; sie halten es für das falsche Rezept. Sandwich-Strukturen, erklären sie, können die gleiche Stabilität zum weit BMW i3 günstigeren Preis erreichen. Der teure Auf einen tragenden Aluminium- CFK werde sparsamer eingesetzt und Rahmen wird ein aus CFK könne teilweise durch billigere, glasfaser- geformter Aufbau gesetzt. verstärkte Kunststoffe ersetzt werden. Außenhaut aus Kohle- oder Glas- Als Vorbild, bei dem das Sandwich- faserkunststoffen Rezept bereits umgesetzt wurde, nennt Hartschaumfüllung Hedrich den neuesten Sportwagen der englischen Exotenmarke McLaren – und beleuchtet damit auch gleich das zentrale Problem: Der Weg von der Manufaktur in die Großserie dürfte beim Sandwich- Prinzip noch steiniger sein. Die Herstel- lung solcher Bauteile ist um einiges kom- plexer als das Pressen eines schwarzen Batterien Blechs aus CFK. Evonik-Composit-Entwurf BMW-Entwickler Kranz sieht durchaus Alle wesentlichen Bauteile sind in die Vorteile des Evonik-Ansatzes und hält Sandwich-Bauweise erstellt: Ein spezi- auch eine Umsetzung für möglich: „Für eller Hartschaum wird dabei mit Kohle- solche Lösungen brauchen wir allerdings oder Glasfaserkunststoffen ummantelt. noch ein paar Jahre Vorbereitung.“ CHRISTIAN WÜST 110 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Wissenschaft I N N O VA T I O N E N Ideen als Waffen Weltweit führen Konzerne einen Krieg um Software-Patente. Eines der wichtigsten Schlachtfelder ist Deutschland – Verlierer sind oft die Kunden. E s ist ein Kampf der Giganten, es geht um viele Milliarden Euro. Egal wie der Krieg endet, ein Verlierer steht bereits fest: Deutschland. Darf der US-Konzern Microsoft sein aktuelles Windows-Betriebssystem und seine Spielkonsole X-Box weiterhin hier- zulande verkaufen? Oder verletzt er Pa- tente anderer Firmen? Darüber will das Landgericht Mannheim diese Woche ent- scheiden. Doch egal wie das Urteil ausfällt – vor- OLIVER BERG / DPA sichtshalber verlegt Microsoft die Europa- Vertriebszentrale vom nordrhein-westfä- lischen Düren in die Niederlande; rund hundert Mitarbeiter sind davon betroffen. Es ist nur eine kleine Auseinanderset- X-Box-Spielkonsole von Microsoft: Minenfeld unsichtbarer Risiken zung in einem weltweit geführten Patent- krieg. Auffällig nur: Wenn sich Hightech- Patent überhaupt wirksam ist. Denn diese gibt Jahr für Jahr über 200 000 neue Pa- Riesen wie Apple, Samsung, Motorola, Prüfung liegt beim Bundespatentgericht tentanmeldungen am Europäischen Pa- HTC, Microsoft, LG oder Sony juristisch in München – und sie kann Jahre dauern. tentamt in München. Viele sind schwer zoffen, tun sie das gern in Deutschland – In der schnelllebigen Hightech-Branche verständlich geschrieben. Selbst große was mit der hiesigen Rechtsprechung zu kann die Trägheit dieses zweigleisigen Unternehmen schaffen es nicht, alle für tun hat. „Trennungsprinzips“ kleinen Firmen leicht sie relevanten Unterlagen durchzuarbei- Wenn ein Erfinder hierzulande eine das Genick brechen. Ihnen hilft auch nicht, ten, um sicherzustellen, dass man gegen Firma beschuldigt, seine Innovation ab- dass zwei von drei beanstandeten Paten- kein Patent verstößt.“ gekupfert zu haben, wird oft per einst- ten erstinstanzlich abgeschwächt oder für So tappen Erfinder durch ein Minen- weiliger Verfügung der Verkauf der strit- nichtig erklärt werden. feld von unsichtbaren Risiken, die ihnen tigen Ware untersagt. In anderen Ländern Gegenstand der juristischen Auseinan- um die Ohren fliegen können. Großkon- dagegen verordnen Gerichte eher eine Li- dersetzungen sind oft ohnehin keine ge- zerne können Gerichtskosten oder Um- zenzgebühr als einen Verkaufsstopp. nialen Geistesblitze. Microsoft etwa steht züge ins Ausland leicht verkraften. Etli- Durch diese juristische Härte ist Deutsch- jetzt vor Gericht, weil der Konzern zwei che Mittelständler dagegen fühlen sich land für Großkonzerne zum wichtigen alltägliche Standards verwendet, um die dem rigorosen System hilflos ausgeliefert. Schlachtfeld eines weltweit ausgetrage- fast niemand herumkommt: den Daten- Das Internet-Druckunternehmen Uni- nen Krieges geworden. „Bei uns werden funk WLAN und den Videocodec H.264. tedprint aus Radebeul zum Beispiel wur- etwa tausend Patentverletzungen pro Die Klägerfirma Motorola Mobility war de durch eine Firma auf den Bermudas Jahr verhandelt“, sagt Klaus Haft, ein Pa- an der Entwicklung beider Techniken be- verklagt. Das „Weltpatentgericht“ in Düs- tentanwalt aus Düsseldorf. „Das macht teiligt – wie viele andere Firmen auch. seldorf verurteilte die sächsischen Unter- rund 60 Prozent aller Fälle innerhalb „Firmen treiben ihre Patentzahlen nehmer zu Schadensersatz und Unterlas- Europas aus.“ hoch, indem sie banale Erfindungen an- sung. Über fünf Jahre später wurde das Besonders Düsseldorf profiliert sich melden oder einzelne Anmeldungen in Bermuda-Patent endgültig für nichtig er- dabei mit etwa 600 neuen Fällen pro Jahr viele einzelne Patente zerstückeln“, klärt. In der Internetbranche ist das eine als Hauptstadt der Patentverletzungs- warnt Joachim Henkel, Wirtschaftspro- halbe Ewigkeit. klagen. In Fachkreisen gelte seine fessor an der TU München. „Viele Firmen „Der Fall zeigt, dass selbst schwache Landeshauptstadt bereits als Sitz eines legen sich Patentportfolios an, um sie wie Patente scharfe Waffen sein können“, „Weltpatentgerichts“, frohlockte der Waffen zu verwenden. Das artet teilweise sagt Johannes Sommer vom Bundesver- nordrhein-westfälische Justizminister in einen richtigen Rüstungswettlauf aus.“ band Informations- und Kommunika- Thomas Kutschaty (SPD) Ende März – Unter den Kollateralschäden haben tionstechnologie und fordert Reformen. und kündigte sogleich die Einrichtung ei- auch die Nutzer zu leiden: Samsung muss Doch das Bundesjustizministerium hält ner dritten Kammer und die Aufstockung die Anzeige von Bildern künstlich ver- das System für „effizient und kompetent“ von acht auf elf Richterstellen an. schlechtern, Apple darf aufgrund eines und sieht keinen Änderungsbedarf. Doch der deutsche Sonderweg könnte Urteils auf deutschen iPhones keine eige- Der deutsche Sonderweg dürfte also Erfinder verunsichern, warnen Kritiker: nen Push-Dienste anbieten. erst enden, wenn ein einheitliches EU- Oft verhängen die zuständigen Land- Henkel warnt, dass das deutsche Pa- Patentsystem kommt. Und das kann Jah- gerichte zwar einen sofortigen Verkaufs- tentrecht in der derzeitigen Form zum In- re dauern. stopp, sie klären jedoch nicht, ob das novationshemmnis werden könnte: „Es HILMAR SCHMUNDT D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 111
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    Wissenschaft Sie lebt im Ostküsten-Bundesstaat Mary- land, betreibt ein eigenes Blog und er- LIFESTYLE scheint mit ihren psychologisch untermau- Krise im Kleiderschrank erten Bekleidungstipps regelmäßig im US- Fernsehen. In zwei- bis dreiminütigen Filmen klärt sie das Publikum seither über drohende Stilbrüche auf und endet stets mit der- Eine US-Therapeutin legt nicht ihre Patienten selben Formel: „Denk daran, du kannst auf die Couch, sondern deren Garderobe. Ihr Fazit: Wer unter immer noch mehr aus dir machen!“ Zumindest teilweise hat sie selbst seinem Outfit leidet, hat meist ganz andere Sorgen. jene seelischen Untiefen durchlebt, in denen ihre Klienten zu versinken drohen. D ie Kriseninterventionen von Jen- Kleiderschrank-Psychologin zu Hilfe. Früher war sie süchtig nach Marken- nifer Baumgartner, 34, beginnen Nun präsentiert sie eine Sammlung ku- namen wie dem Taschenfabrikanten für ihre Patienten mit einer pein- rioser Fälle der im textilen Niemandsland Louis Vuitton und shoppte in Boutiquen lichen Prozedur. Die hilfesuchenden Frau- Gestrandeten in einem Buch; auch Emp- weit über ihre finanziellen Möglichkeiten. en und Männer müssen zunächst den In- fehlungen, wie sich die Krisen durch Um- Auch kombinierte sie ihre Trophäen halt ihres Kleiderschranks vor der ameri- wälzungen in der Kleiderkammer lösen nicht immer ganz stilsicher, räumt sie kanischen Therapeutin ausbreiten. lassen, liefert sie mit*. selbst ein. Inzwischen hat Baumgartner Dann sichtet Baumgartner den ihr dar- Ursprünglich war die Seelenkundlerin sich ein tragbares Kleidungskonzept ge- gebotenen Klamottenberg mit unnach- auf die Behandlung von Ess- und Angst- schneidert: „Einfache Klassiker, unterstri- sichtiger Strenge. Und versetzt den an störungen spezialisiert. Doch im Gespräch chen durch besondere Accessoires – das der eigenen Kluft Verzweifelnden häufig mit ihrer in Kleiderfragen verunsicherten bin ich.“ Hohe Absätze gehören für sie un- den finalen Schlag. Schwester ging ihr auf, dass da draußen bedingt dazu. „Machen Absätze eine Frau Kostprobe: „Sarah, dein Wunsch, nie eine bislang gänzlich vernachlässigte Schar hilflos? Komm und versuch mich zu krie- einen Fehler zu machen, immer perfekt Hilfebedürftiger auf Rettung harrte. gen, dann wirst du merken, wie es sich an- auszusehen, hat zu einer leblosen, blut- Baumgartner – langes dunkles Haar, fühlt, einen Zehn-Zentimeter-Stiletto ins losen, leidenschaftslosen Garderobe ge- dunkle Augen – sieht aus, als könnte sie Auge gerammt zu bekommen“, droht sie. führt.“ Oder die Psychologin, die sich von ihren Beruf jederzeit gegen eine Karriere Ihre Patienten versucht die resolute ihren Klienten mit „Dr. B.“ ansprechen als attraktive Serienheldin eintauschen. Analytikerin mit zunächst scheinbar ro- lässt, erklärt: „Wann hast du angefangen, dich hinter deiner Kleidung zu verste- Nachwuchssängerin Popsängerin cken? Wann hast du angefangen, nur Boyle Madonna noch Schwarz zu tragen, um Makel zu überdecken?“ Aus Sicht von Baumgartner handelt nie- mand auf dieser Welt, der seinen nackten Körper mit irgendeiner Form von Stoff bedeckt, zufällig: „Jeder von uns versucht, etwas zu verbergen oder zu sagen mit der Art, wie er sich kleidet“, sagt sie. Manche Menschen verirren sich auf die- sem Weg derart, dass ihr Dasein in einer ausgemachten Kleiderschrankdepression mündet: Einer ihrer Patienten war ein al- ternder Sohn, der durch den frühen Tod des Vaters den Platz an der Seite der Mut- ter eingenommen hatte – noch im Ren- tenalter trug er seinen Velour-Overall auf, der zuletzt in den siebziger Jahren als schick gelten konnte. Oder jene Mutter Ende dreißig, die alles Weibliche aus ih- rem Erscheinungsbild getilgt hatte und bevorzugt Sweatshirts mit dem Schriftzug ihres Arbeitgebers auf dem Rücken über- streifte. Bemerkenswert auch der Fall einer 26- Jährigen, die partout nicht einsehen wollte, dass Stilettos in Kombination mit einem Minirock von der Breite eines Gür- BETHANY CLARKE / GETTY IMAGES tels für Büro und Kirchgang keine gute Wahl sind. KEVIN MAZUR / WIREIMAGE All diesen Betroffenen eilt Baum- gartner seit geraumer Zeit als welterste * Jennifer Baumgartner: „You Are What You Wear. What Clothes Reveal About You“. Da Capo Press, Boston; 252 Seiten; 12,25 Dollar. Prominente Modesünder: „Denk daran, du kannst immer noch mehr aus dir machen!“ 112 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    busten Methoden zukurieren. „Wow, du siehst wirklich entsetzlich aus in dieser Hose“, so begrüßte sie etwa eine Klientin, die mühsam an ihrem Selbstbewusstsein arbeitete. Statt zu kollabieren, entgegnete die Ge- scholtene allerdings kühl: „Nun, wirklich schade, dass du das so siehst.“ Der Dialog war ein sorgsam eingeübtes Rollenspiel. Denn vor kaum etwas haben jene von REBECCA BIXLER PHOTOGRAPHY ihrer Graumäusigkeit befreiten Menschen so viel Furcht wie vor einem beleidigen- den Kommentar zu ihrem Äußeren. Es sei überaus wichtig, sich für diesen Ver- balangriff eine passende Antwort zu über- legen, rät Baumgartner – in der Situation selbst falle einem bestimmt nichts ein. Psychologin Baumgartner: Früher süchtig nach Markennamen Ein Gutteil ihrer Kunden sind Frauen, die ihr Dasein im Schatten ihres allzu „Wie kann eine so unglaubliche Stimme Patientengruppe begangen, so die Exper- drögen Outfits fristen und deshalb von aus dieser Verpackung kommen?“, wun- tin: von jenen Kaufwütigen nämlich, die ihrer Umwelt auch als langweilig abge- derte sich Baumgartner aus der Ferne. in Truhen und Schränken krankhaft Klei- stempelt werden. Als Paradebeispiel die- Die Expertin diagnostizierte den klassi- der horten, ohne diese Stücke auch nur ses Typs gilt Baumgartner die Sängerin schen Fall einer tiefliegenden Identitäts- aus der Verpackung zu holen. Susan Boyle. Die mit Lockenwicklern störung. Aus lauter Angst aufzufallen Diese Geplagten fühlen sich nach dem ondulierte Vorstadtpomeranze fiel als dimmen solche Menschen ihr Erschei- Shopping, als hätten sie eine Beruhigungs- großes Gesangstalent in der britischen nungsbild derart herunter, dass sie para- pille eingeworfen. Baumgartner versucht Casting-Show „Britain’s got Talent“ auf, doxerweise gerade deshalb auffallen. ihnen behutsam zu vermitteln, dass sie pflegte dabei jedoch einen Kleidungsstil, Nicht minder verstörend das krasse einer allzu kostspieligen und auf Dauer der schon vor 30 Jahren altbacken ge- Gegenstück dazu: Jene kecken Omis, die unnützen Strategie der Problemlösung wirkt hat. auch jenseits des 60. Lebensjahres ihre anhängen. Liebe zu Netzstrümpfen und Miniröcken Andere Verirrte wiederum stopfen ihre Entertainer ausleben. Die Kultsängerin Debbie Harry Wohnung zum Verdruss ihrer Angehöri- Gottschalk von der Gruppe Blondie ist ihrem Stil gen mit abgetragenem Plunder voll, den mittlerweile über Jahrzehnte treu geblie- sie beim besten Willen nicht mehr als ben. Schon als 30-Jährige trug sie mit Vor- tragbar in Betracht ziehen dürften. Be- liebe Kleider von der Länge eines T-Shirts denklich findet die Psychologin etwa, und kniehohe Stiefel. wenn 50-Jährige für den Fall der Fälle Inzwischen ist die ergraute Interpretin ihre Umstandskleidung aufbewahren. 66 Jahre alt, und der zur Paarung locken- Der eichhörnchenhafte Sammeltrieb ist de Dress wird zunehmend zum Glaub- vermutlich aber unter allen Menschen würdigkeitsproblem. verbreitet. Der 80/20-Regel folgend, nut- Auch in der Männerwelt ist diese Art zen die meisten Erwachsenen in etwa 80 Paradiesvogel anzutreffen. In Deutschland Prozent der Zeit nur rund 20 Prozent ih- wird die Rolle seit Jahren zuverlässig von rer Garderobe. TV-Moderator Thomas Gottschalk ausge- Noch geringer war wohl die Quote bei füllt. Der gealterte Unterhalter verblüfft jener „Fußball-Mutti“, die sich aufopfe- regelmäßig mit Outfits am Rande des gu- rungsvoll ganz in den Dienst der Familie ten Geschmacks. „Wenn das Erscheinungs- gestellt hatte. Dazu trug sie meist jene bild nicht mit der Person übereinstimmt, bequemen Pullover von den Sportverei- nehmen die Leute als Erstes genau diese nen, in denen ihre Kinder aktiv waren. Unstimmigkeit wahr“, sagt Baumgartner. Als Baumgartner bei ihr nach im Ver- Auch Popsängerin Madonna macht als borgenen schlummernden Resten femini- über 50-Jährige noch immer manisch auf nen Strebens zur Schönheit fahndete, Mädchen. sprudelte alsbald ein in Vergessenheit Dennoch entdeckt die Expertin an geratener Quell. Zur Therapie stellte die dem nach Alterslosigkeit strebenden Star Psychologin ihrer Klientin ein modisch Gutes: Madonna sei „ein wunderbares attraktives Anfängersortiment zusam- Beispiel für jemanden, der sich ständig men, das die aus der Übung Geratene weiterentwickelt“, lobt Baumgartner. beim Kombinieren nicht überforderte. Im schnöden Alltag trifft die Psycho- Dr. B. verrät auch ihre goldenen Re- SASCHA BAUMANN / GETTY IMAGES login dagegen immer wieder auf Mütter, geln, um die schlimmsten Mode-Kata- die sich aus den Kleiderschränken ihrer strophen zu vermeiden: Niemals darf sich pubertierenden Töchter bedienen – oder die Unterwäsche unter Rock oder Hose auf mittelalte Männer, die sich kampflos abzeichnen; von allzu laut klappernden in das Heer beigefarbene Blousons tra- Accessoires ist abzuraten; zu keiner Zeit gender Herren einreihen. sollte Kleidung getragen werden, die mit Das schlimmste Modeverbrechen über- beleidigenden Botschaften bedruckt ist. haupt aber werde von einer ganz anderen FRANK THADEUSZ D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 113
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    Szene POP Furiose Trauerarbeit Ihre phänomenal düsteren, hymni- schen Lieder zu Klavierbegleitung ließen die Popwelt vor drei Jahren rätseln, woher die Schwermut der noch sehr jungen österreichischen Sängerin Anja Plaschg rührt, die unter dem Namen SoapSkin auf- tritt. Nun ist Plaschg 22 Jahre alt, wird von Musikfans in vielen euro- päischen Ländern als poetische Lei- densfrau verehrt und versucht mit ihrem zweiten Album „Narrow“, wie sie sagt, „einen Befreiungs- schlag“. Sie habe eine seelische Kri- COURTESY OF MOHAMED ALMANI se überstanden und sich wegen De- pressionen behandeln lassen, so Plaschg, „die Erschöpfung ist über mich hergerollt“. Zuletzt trat die Sängerin nur selten auf, in diesen Wochen aber will sie unter ande- rem in Hamburg und in Leipzig mit einem großen Ensemble auf die Anonyme Street-Art aus Tripolis Konzertbühne kommen. „Narrow“ verkauft sich prächtig, mit instän- KUNST diger Wucht singt Plaschg dort vom „Schüsse im Hintergrund“ Tod ihres Vaters („Wann kommst du wieder heim?“), von Fernweh und Verlorenheit, dazu gibt es eine sehr langsame Version des Achtzi- ger-Jahre-Klassikers „Voyage, voya- Martin Roth, 57, Direktor ausdrückten. Wir würdigen eine Kunstform, ge“. Sie wisse nicht, wie es mit ihr des Victoria and Albert die für die Revolution in Libyen wichtig weitergehen solle, sagt Plaschg. Ein Museum in London, über war, die für die Menschen dort eine echte eine von seinem Haus in- MOMENTPHOTO.DE / BONSS Malereistudium in Wien in der Klas- Bedeutung hat. Wir haben eng mit dem se von Daniel Richter hat sie aufge- itiierte Schau mit Werken British Council zusammengearbeitet, eini- geben, in dem preisgekrönten öster- der Street-Art in Libyen, ge libysche Mitarbeiter haben mitgekämpft reichischen Kinofilm „Stillleben“ ist die zunächst in Tripolis in dieser Revolution. Für sie, aber auch für sie erstmals als Schauspielerin zu zu sehen war und nun das libysche Kulturministerium ist es wich- sehen. Und auch auf der Leinwand nach Bengasi wechselt tig, endlich etwas auf die Beine stellen zu zeigt sie jene außergewöhnliche In- können, wenigstens in einem kleinen Rah- tensität, die ihre Musik auszeichnet. SPIEGEL: Herr Roth, wie war die Resonanz men so etwas wie kulturelles Leben zu auf die Eröffnung Ihrer Schau in Tripolis? ermöglichen. Immerhin war es die erste größere Ausstel- SPIEGEL: Warum fühlt sich ausgerechnet Ihr lung in Libyen seit dem Beginn der Revo- sehr britisches, sehr traditionelles Museum lution. dazu berufen, eine solche Schau zu veran- Roth: Zur Eröffnung war aus Sicherheits- stalten? gründen nur eine überschaubare Menge an Roth: Museen sollten ihre aristokratische Gästen eingeladen, Künstler, Leute, die mit Distanz abbauen. Unser Haus will sich Street-Art ihren Protest ausgedrückt haben, jedenfalls in den Alltag einbringen, und Menschen aus dem Dunstkreis der jetzt ent- das muss nicht nur der britische Alltag stehenden Ministerien. Man muss vorsich- sein. Deshalb besitzen wir übrigens auch tig sein. Auch wenn es sich nicht so gefähr- eine großartige Sammlung von Street-Art. lich anfühlte – wir hörten im Hintergrund Die Idee zu dieser Schau entstand, als immer mal wieder Schüsse, die an die Ge- uns der libysche Kulturminister besuchte. fahr erinnerten. Dann ging alles sehr schnell. Wir sind in SPIEGEL: Wozu diese Ausstellung, wenn Sie ein Land gereist, in dem gerade Zehntau- wegen genau dieser Gefahren nur ein be- sende Menschen umgebracht worden wa- grenztes Publikum erreichen? ren, das traumatisiert ist. Es braucht Hilfe ALEXANDRA FEKETE Roth: Wir verstehen sie als Signal. Unter beim Wiederaufbau, beim Aufbau einer Gaddafi war freie Kunst nicht denkbar. Normalität, Hilfe auch beim Überwinden Umso mutiger waren die Leute, die auf die der Fronten innerhalb der Gesellschaft, Straße gingen und malten, die ihre Haltung egal, woher. Plaschg 114 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Kultur L I T E R AT U R berichtete, Antisemitismus vorwerfen konnte. Aber auch von den eigenen Walsers letzte Fragen „nach Unverwechselbarkeit trachten- den Sätzen“ ist die Rede, die ihn bis- weilen selbst angeekelt hätten. So Dieser Essay ist lange vor der aktuel- changiert sein Essay zwischen Selbst- len Debatte um das Israel-Gedicht von abrechnung und Selbstbehauptung. Günter Grass entstanden – und doch Schnell wird klar, dass es hier nicht um lässt sich Martin Walsers Buch „Über Rechtfertigung im banalen Sinne geht. Rechtfertigung“ als nachdenklicher Höheres steht an: „Rechtfertigung Kommentar zur Affäre lesen. Walser, ohne Religion wird zur Rechthaberei“, 85, ist wie sein Kollege Grass, 84, ist Walsers neue Überzeugung. Er be- mehrfach wegen politischer Regelver- ruft sich dabei seitenweise auf Philo- stöße und verbaler Grenzverletzungen sophen, Dichter und Kirchenleute. Es in die Kritik geraten. Schon lange ist nicht immer leicht, Walser durch möchte er raus aus dem „Reizklima diese Stoffsammlung zu begleiten oder des Rechthabenmüssens“, in ihm bei seinen Gedanken- dem es darum gehe, den Ein- sprüngen zu folgen. Für ihn ist druck zu vermitteln, „man sei die Religion „anspruchsvoller der bessere Mensch“. Und er als jede andere Denk- und Aus- behauptet, dass er sich nun drucksbemühung“. Er fragt, „nicht mehr berühren lasse von was der Mensch gegenüber dem, was der Welt gerade am Gott ist, und antwortet mit den meisten weh tut“. Auf den ers- Worten des Theologen Karl ten Blick bemüht sich Walser in Barth (und Kafka im Sinn): seinem Essay um Selbstrecht- „Wie sollte er je und irgendwie fertigung: Von einem „Schluss- etwas anderes sein als der An- strich“ unter das Holocaust-Ge- Martin Walser geklagte?“ Da ist dann von denken, wie nach seiner Rede Über Rechtfer- letzten Dingen die Rede – sie in der Paulskirche 1998 unter- tigung, eine haben am Ende mit der pro- Versuchung stellt, habe er nie gesprochen. fanen politischen Sphäre nichts Und er habe nie begriffen, dass Rowohlt Verlag, mehr zu tun, in der ein mit Reinbek; man ausgerechnet ihm, der als 112 Seiten; „letzter Tinte“ von Grass ver- einer der Ersten 1964 vom 14,95 Euro. fasstes Gedichtpamphlet be- Frankfurter Auschwitz-Prozess heimatet ist. MFA KINO IN KÜRZE „Die Königin und der Leibarzt“ ist ein Historiendrama über die dänische Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) und ihre Affäre mit dem deutschen Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen). Nach einem Dreh- buch, an dem Lars von Trier mitschrieb, erzählt Regisseur Nikolaj Arcel von den gesellschaftlichen Umwälzungen des 18. Jahrhunderts, von der teilweisen Ent- machtung des Adels, von Sozialreformen und der Abschaffung der Zensur. Präzise und bewegend beschreibt der Film, wie der Wunsch, eine gerechtere Welt zu schaffen, eine große Liebe entstehen lässt. Leider findet die betuliche Inszenie- rung zu selten die Kraft, die erotischen und politischen Leidenschaften der Figu- ren in Bilder umzusetzen. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 115
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    Kultur STREITGESPRÄCH „Abschalten, Digger“ Der Musiker Jan Delay und der Abgeordnete der Piratenpartei Christopher Lauer ringen um den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter und die Frage, ob Musik im Internet kostenlos zur Verfügung stehen sollte. Jan Delay ist einer der erfolgreichsten Popmusiker in Deutschland. Wie viele seiner Kollegen fühlt er sich von der For- derung der Piratenpartei, die Musik- Tauschbörsen im Internet zu legalisieren, bedroht, weil dann kein Musiker mehr von seiner Arbeit leben könne. Am ver- gangenen Dienstag traf er sich im Ham- burger SPIEGEL-Haus mit dem Piraten- politiker Christopher Lauer, um eine Diskussion weiterzuführen, die der Mu- siker und Schriftsteller Sven Regener (Element of Crime, „Herr Lehmann“) vor vier Wochen losgetreten hatte: Die Weigerung, Musik als ein zu bezahlen- des Gut anzuerkennen, sei „eine Unver- schämtheit“. Delay, 35, ist gebürtiger Hamburger, sei- ne letzten beiden Alben (darunter „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“) standen auf Platz eins der deutschen Charts; im Mai erscheint die Konzert-DVD „Hamburg brennt“. Lauer, 27, ist Abgeordneter der Piratenpartei im Berliner Parlament und kulturpolitischer Sprecher der Fraktion. SPIEGEL: Herr Lauer, die Piratenpartei for- dert die Legalisierung von Musik-Tausch- börsen im Internet. Das bedeutet, dass nie wieder jemand nur einen Cent für ein Lied von Jan Delay bezahlen müsste. Wie erklären Sie ihm, dass Sie seine Arbeit offenbar für wertlos halten? Lauer: Ich sage nicht, dass seine Arbeit wertlos ist. Wir Piraten sagen, dass es kei- nen Sinn hat, Menschen, die sich Musik im Netz herunterladen, zu kriminalisie- ren. Es geht doch um den 15-Jährigen, der kaum Geld hat. Jan, du solltest schon genug Phantasie haben, dir vorzustellen, dass dieser 15-Jährige, der sich heute dein Album herunterlädt oder sich etwas von dir umsonst auf YouTube ansieht, denkt: Okay, das ist gute Musik, und später, wenn ich einmal Geld habe, kaufe ich mir eine CD oder gehe zu einem Konzert von Jan Delay. Delay: Ach ja? Komisch. Die CD-Verkäufe haben sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert. Und jetzt kommt einer von Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Hüetlin und Philipp Oehmke. Kontrahenten Lauer, Delay: „Das System funktioniert nicht mehr, das ist der Ist-Zustand, findet 116 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    der Piratenpartei undsagt, das soll Wer- men hätten. Angebot und Nachfrage – Lauer: Ein Künstler soll seine Urheber- bung für die Musiker sein? Ich verstehe das regelt der Markt nun direkt. rechte natürlich behalten. Der soll nicht jeden 15-Jährigen, der kein Geld hat. Es SPIEGEL: Wie denn? arm werden. Wir sagen, wenn ein Urhe- ist trotzdem eine komische Argumenta- Lauer: Indem die Künstler direkt von ber einen Vertrag mit einem Verwerter tion. Wenn der 15-Jährige sich im Super- den Konsumenten Geld erhalten – durch abschließt, dann bekommt der Verwerter markt eine Flasche Wodka klaut, soll man direkte Bezahlsysteme, durch Verkäufe die exklusiven Nutzungsrechte nur noch das dann auch erlauben, weil der Junge auf Internetplattformen, durch Konzerte. für maximal 25 Jahre. Das heißt, wenn kein Geld hat? Was eben nicht mehr funktioniert, ist das du, Jan, einen Vertrag mit Universal ab- Lauer: Es gibt einen Markt von Konsumen- alte System zwischen Künstlern, Labeln schließt, hat Universal die Nutzungsrech- ten. Die bezahlen Geld für kulturelle Gü- und Konsumenten. Ich verstehe, dass man te nur noch maximal 25 Jahre – und auch ter. Durch das Internet verteilt sich das sich darüber aufregt. Aber das ist der Ist- nur für Vertriebswege, die zum Zeitpunkt Geld nur anders. Unbekanntere Künstler Zustand. Findet euch damit ab. des Vertragsabschlusses bekannt waren. bekommen die Möglichkeit, eine Auf- Delay: Ich finde mich sicherlich nicht da- Das stärkt dich als Künstler. merksamkeit zu erlangen, die sie im klas- mit ab, weil ihr unsere gesamten Urheber- Delay: Ich glaube, ich muss euch Piraten sischen Plattenfirmen-System nie bekom- rechte abschaffen wollt. dringend mal ein paar Dinge erklären. Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Halbwissen. Ihr strickt euch eure Meinun- gen aus irgendwelchen Blog-Posts und Wikipedia-Einträgen zusammen. Aber keiner von euch hat sich 20 Jahre lang im Musikgeschäft bewegt, weder als Schaffender noch als Verkaufender. Bei euch sind die Plattenfirmen immer die Bösen, aber das ist ein Klischee. Was ihr immer vergesst, ist die komplette Infra- struktur, die da dranhängt: Videoproduk- tionen, Studios, all die Zulieferbetriebe, die seit zehn Jahren nur noch sterben, sterben, sterben. Lauer: Für 95 Prozent der Musiker lief es auch ohne das Internet, auch ohne die Piratenpartei nicht gut. Die Urheber- rechtsdiskussion lenkt den Blick auf die Bedingungen, unter denen die meisten Künstler arbeiten. Die in der Künstler- sozialkasse versicherten Musiker verdien- ten im letzten Jahr durchschnittlich nicht einmal 12 000 Euro. Delay: Sorry, aber ihr wollt euch jetzt nicht wirklich zum Rächer der schlechtver- dienenden Künstler aufschwingen? Lauer: Ich will nur nicht die Behauptung gelten lassen, die Piratenpartei wolle die Urheber alle arbeitslos machen. Nach unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht beim Urheber. Wir ändern lediglich die Spielregeln zwischen Urheber und Ver- werter. Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte über- haupt keine Spielregeln. Was du da ge- rade erzählst, verhandelt ein Künstler mit seinem Label. Wenn er einen schlechten Anwalt hat, kriegt er einen schlechten Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will. Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt. Lauer: Es geht doch um die Frage, wie man CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL Künstler und Konsumenten zusammen- bringt. Delay: Nein. Kannst du gar nicht. Denn dazwischen sind immer die Verwerter, also die Plattenfirmen, über die ihr so schimpft. Und die brauchen wir auch. Denn wir machen Musik und Kunst. Wir können uns nicht darum kümmern, wie euch damit ab“ – „Sicherlich nicht“ etwas verkauft wird, wie etwas abge- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 117
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    Kultur rechnet wird, wieetwas geschützt wird. Dafür brauchen wir die Ver- werter. Lauer: Wir wollen nicht die Verwer- ter verbieten. Aber die Rolle des Verwerters verändert sich. Delay: Ich werfe denen in der Platten- industrie seit zehn Jahren vor, dass die nicht auf so etwas wie iTunes gekommen sind. Dass die das ver- pennt haben. Mag alles sein. Aber die Versäumnisse der Plattenindu- strie sind kein Argument für die Le- galisierung der Tauschbörsen. Al- lein der Begriff ist falsch. Hört sich Musiker Delay, Politiker Lauer: „All die Betriebe, die seit zehn Jahren nur sterben, sterben, sterben“ – so harmlos an. Aber da wird nichts getauscht. Da werden meine Lieder für teilt ist, ohne Deep Packet Inspection ab- Delay: Und das findest du in Ordnung? umsonst dupliziert. schalten? Lauer: Auf Tauschbörsen wie Pirate Bay Lauer: Ja. Aber wir haben eine Bevölke- Delay: Ey, Alter, was? gibt es auch Angebote, die ich legal eben rung, die benutzt Tauschbörsen. Deswe- Lauer: Also: Wie will man ein solches nicht kaufen kann. Ich gucke zum Bei- gen sagen wir: Tauschbörsen ja. Nur: Wie Netzwerk abschalten, ohne in die Netz- spiel gerade die amerikanische Zeichen- gehen wir damit um? Kriminalisieren wir struktur massiv einzugreifen? Zum Bei- trickserie „Family Guy“. Bei iTunes kann einen Großteil der jungen Bevölkerung? spiel Jan Delays Lied „Klar“, das ich toll man sich die aktuellen Folgen im Origi- Etwa mit der Two-Strikes-/Three-Strikes- finde, obwohl ich ihn sonst eigentlich nal nicht herunterladen, also gehe ich zu Regelung, die gerade im Gespräch ist und nicht höre … Pirate Bay, wo ich die aus dem amerikani- bedeutet, dass man nach zwei oder drei Delay: Ich hör euch auch nicht. schen Fernsehen aufgenommenen Folgen Vergehen den Internetanschluss verliert? Lauer: Dieses Lied habe ich jetzt auf mei- finden kann. Tauschbörsen ermöglichen Es sind Netzsperren im Gespräch, und es ner Festplatte und öffne ein sogenanntes es den Menschen, Kulturgut auszutau- gibt Anwälte, die Abmahnungen über Torrent-Programm. Damit kann sich das schen. Damit helfen sie unbekannteren 1500 Euro rausschicken. jeder von mir runterladen. Die Rechner Künstlern, ihre Kunst zu verbreiten. Delay: Da sind wir zum ersten Mal einer fangen also an, die Dateien zu kopieren. Delay: Das hat Kim Schmitz mit Mega- Meinung. Diese Abmahnungen sind so, Eine Kontrollinstanz, die das verhindern upload auch getan. So kannst du nicht ar- als würde man mit einem Baseballschlä- wollte, müsste nun in jedes Datenpaket, gumentieren. ger jedem auf die Fresse hauen, der ein das meinen Computer verlässt, hinein- Lauer: Aber dort steckt ein kommerzielles Kaugummi klaut. Das schürt nur den gucken, um festzustellen, was da hin und Interesse dahinter. Hass auf die Plattenindustrie. Es ist ein her geschickt wird. Ein Musikstück von Delay: Bei den Tauschbörsen wie Pirate windiges Geschäftsmodell, das sich ein Jan Delay oder eine Liebes-E-Mail an mei- Bay gibt es auch Bannerwerbung. Wieso paar Anwälte ausgedacht haben, die von ne Freundin? Tauschbörsen zu legalisieren ist das eine okay, das andere nicht? der Notlage der Künstler und Plattenlabel ist gesamtgesellschaftlich einfacher als der Lauer: Pirate Bay ist eine Suchmaschine profitieren und richtig Asche machen. Aufbau einer Überwachungsinfrastruktur. für Torrents. Megaupload oder kino.to stel- Die holen sich Niedriglöhner, die für fünf Delay: Websites wie Megaupload von Kim len die Dateien für Geld zur Verfügung. Euro die Stunde in Sweatshops sitzen und Schmitz oder kino.to sind doch auch ab- Delay: Nein. Dort gibt es die Sachen auch IP-Adressen rausfiltern. geschaltet worden. umsonst. SPIEGEL: Wird dieses eingeforderte Geld Lauer: Das sind keine Tauschbörsen. Da Lauer: Aber kino.to ist ein kommerzielles eigentlich an die Künstler ausgeschüttet? werden Musik oder Filme auf eine Web- Angebot, weil sie Werbebanner schalten. Delay: Peinlicherweise habe ich auf mei- Delay: Das tun deine Torrent-Börsen auch. ner letzten Abrechnung auch einen sol- Da hast du immer noch nicht drauf ge- chen Posten entdeckt. Das ist eklig. Ich „Aber, Leute, habt ihr antwortet. will dieses Geld nicht und spende es. Und Lauer: Gut. Jetzt hast du mich. ich glaube, es gibt Bands und Labels, die Lösungen, wisst ihr über- Delay: Um ehrlich zu sein: Bei den meisten damit inzwischen richtig Geld machen. haupt, wovon ihr redet?“ Punkten, die du bisher hier gemacht hast, Lauer: Mit der Zahlungsaufforderung kom- habe ich dich. Ist jetzt nicht böse gemeint, men auch meist Unterlassungserklärungen, Jan Delay aber auch unabhängig von der Urheber- und die werden uns noch richtig um die frage erscheint mir das ganze Piratenpar- Ohren fliegen. Wenn man die unterschreibt, site geladen, und Geld verdienen die tei-Ding, als käme da jemand um die Ecke verpflichtet man sich, beim nächsten Ver- durch Porno-Werbung. Das ist Mafia. Tor- und sagt: Ey, wir sind hier eine Partei und gehen bis zu 250000 Euro zu bezahlen. Wir rent-Tauschbörsen funktionieren anders: es gibt Schokolade für alle umsonst. Und sagen: Es gibt jenseits der Tauschbörsen Da lade ich mir eine Torrent-Datei auf ein paar Nichtwähler sagen: Geil, Scho- genügend Möglichkeiten, wie man den meinen Rechner. Das ist nicht das Lied kolade umsonst, das ist doch mal Politik. Künstlern Geld zukommen lassen kann. oder der Film selbst, sondern nur die Aber, Leute, habt ihr Lösungen? Wisst SPIEGEL: Welcher 15-Jährige, der kaum Information, wo es zu finden ist. Im Grun- ihr überhaupt, wovon ihr redet? Ich glau- Geld hat, bezahlt für etwas, das er auch de so etwas wie die Gelben Seiten. Das be euch, dass ihr Ahnung von Computern legal umsonst haben kann? Was Sie vor- Programm sucht sich von allen Rech- habt, das ist dann aber auch schon alles. schlagen, ist eine Art Almosenwirtschaft. nern und Servern, auf denen die Musik- Lauer: Wir machen zumindest Vorschlä- Lauer: Verstehen Sie doch: Tauschbörsen datei liegt, die Informationen und kopiert ge. kriegt man nicht weg. sie auf meinem Rechner zusammen. Delay: Nee, Digger, die Vorschläge, die du Delay: Doch. Abschalten, Digger. Gleichzeitig stellt mein Rechner die Mu- bisher hier gemacht hast, kann ich alle in Lauer: Wie willst du ein Peer-to-Peer- sikdatei wieder anderen Rechnern zur der Luft zerreißen. Soll ich dir mal ein Netzwerk, das auf tausend Rechner ver- Verfügung. paar Vorschläge machen? 118 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Delay: Dieser Songist noch da. Aber der Musiker, der ihn ge- macht hat, wird keinen zweiten aufnehmen können, weil er mit FOTOS: CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL dem ersten kein Geld verdient hat. Insofern nehmt ihr den Leuten durchaus etwas weg. Meine eigene Biografie als Künstler veranschau- licht das gut: Mit 15 habe ich an- gefangen, Musik zu machen, nur so. Ich ging noch zur Schule, dann Zivildienst, habe weitergemacht mit der Musik, weil es gut lief, dann Studium, und plötzlich hatte „Für 95 Prozent der Musiker lief es schon schlecht, auch ohne Piratenpartei“ ich einen Hit und keine Zeit mehr fürs Studium. Das heißt, ich habe Lauer: Bitte. pitalismuskritisch. Da ist es schwierig, zu nur weitergemacht, weil es, jetzt mal Delay: Du sagst einerseits, man soll die sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen. krass formuliert, damals kein Internet Kids, die sich Songs oder Filme bei Pirate Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se anti- gab. Hätten sich alle meine Musik einfach Bay oder kino.to besorgen, nicht krimina- kapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht. umsonst runtergesaugt, hätte ich aufge- lisieren. Finde ich auch, aber: Wenn du in Lauer: Als ich Regener gehört habe, dach- hört. Dann hätte ich Jura studiert oder einen Laden gehst und ein Duplo klaust te ich, die Forderung nach dem Verbot BWL oder wäre jetzt ein Junkie. und erwischt wirst, bekommst du eine von Tauschbörsen klingt, als wollte man SPIEGEL: Ein junger Künstler kann heute Strafe. So ist das nun mal. Ich fahre seit die Schwerkraft verbieten. Wir leiten vie- nicht mehr von seinen Platten leben? Geburt schwarz. Wenn ich erwischt wer- le unserer Forderungen aus den techni- Delay: Jedenfalls nicht, wenn man wie ich de, zahle ich 60 Euro, und das ist okay. schen Gegebenheiten des Netzes ab. Die Wert auf eine hochwertige Produktion „Superman“-Film runtergeladen, erwischt stehen für uns wie Naturgesetze. Deswe- und aufwendige Videos legt. Heutzutage worden, 60 Euro. Dieses Geld sollte dann gen fällt es Ihnen und vielen anderen verdienst du dein Geld mit Live-Shows, nicht den großen Musikern zugutekom- manchmal schwer, uns zu verstehen. mit Merchandise, oder du stellst dich für men, sondern denen, die unter dem Run- Werbung zur Verfügung. Als ich von mei- tergelade wirklich leiden. Dieter Bohlen nem letzten Album 100 000 Stück ver- und ich bekommen davon nichts. „Tauschbörsen abschaffen – kauft und damit Gold-Status erreicht hat- SPIEGEL: Die Leute sollen ruhig versuchen, te, war ich immer noch im Minus. Sie zu bestehlen, Sie dürfen sich nur nicht das klingt, als wollte man Lauer: Warum? erwischen lassen? Delay: Heute reichen in einer schwachen Delay: Ja. Ich bin doch nicht Lars Ulrich die Schwerkraft verbieten.“ Woche 10 000 Verkäufe, um in Deutsch- von Metallica, der ständig sagt, Klauen ist Christoph Lauer land auf Nummer eins zu gehen. Dafür doof. Ich bin HipHopper. Wir malen nachts war vor 15 Jahren ein Vielfaches nötig. Züge an! Wir klauen Musik und machen SPIEGEL: Uns fällt es schwer, weil Sie als Die Kosten für Marketing sind aber eher daraus neue Musik! Das ist unsere Kunst. Piraten eine Umsonst-Kultur im Netz pro- gestiegen. Es wird viel investiert von der SPIEGEL: Und trotzdem pochen Sie jetzt pagieren, für die es keine Rechtfertigung Plattenfirma, aber das meiste wird mir auf Einhaltung ganz bürgerlicher Grund- gibt: Musik, Filme, auch Journalismus, al- gegengerechnet. Viel bleibt nicht übrig, prinzipien: Bitte bezahlt mich, wenn ihr les darf nichts kosten. vor allem wenn du so aufwendige Videos etwas von mir haben wollt. Lauer: Wir suchen doch nach Lösungen, drehst wie zum Beispiel mein „Oh Jon- Delay: Mir ist es egal, ob die ganze schlech- auch zur Bezahlung von geistigem Eigen- ny“. Da musst du schon ein Platin-Album te Musik aus dem Netz gesaugt wird. tum. Wenn ein Musiker eine Idee für eine haben, also 200 000 Einheiten verkaufen Aber bei den guten Sachen, die mit Herz- Platte hat, kann er die doch im Netz be- wie ich jetzt, damit man am Ende viel- blut gemacht sind, möchte ich, dass die kannt machen und fragen, wer bereit ist, leicht ein bisschen verdient. Leute bezahlen. Und ich finde es nicht dafür zahlen. Lauer: Verkaufst du über iTunes? uncool, das laut auszusprechen. Delay: Der soll mit dem Hut rumgehen? Delay: Klar. Aber von den 99 Cent, die SPIEGEL: Offensichtlich befürchten Musi- Das funktioniert nur, wenn dieser Künst- ein Song dort im Schnitt kostet, gehen ker genau das: als uncool zu gelten, wenn ler schon einen großen Namen hast. Ein gerade mal 15 Prozent an mich, davon sie darauf beharren, dass illegales Kopie- unbekannter Künstler, der Geld für eine muss ich aber noch die Produktion und ren verhindert werden soll. Idee sammelt? Vergiss es. die Musiker bezahlen. Das ist ein Witz. Delay: Alter, das finde ich so schwanzlos. Lauer: Entschuldigung. Wir müssen, was Lauer: Siehst du. Die sollten sich lieber Sorgen darum ma- Bezahlmodelle im Netz angeht, schon ein Delay: Aber du hast dir vorhin eine Ab- chen, keine uncoole Musik zu machen. bisschen experimentieren. Wenn hier mahnung über 1500 Euro eingehandelt. SPIEGEL: Der Berliner Musiker Sven Rege- jeder Vorschlag nur abgeschmettert wird, Lauer: Was? ner hat durch ein Radio-Interview die brauchen wir uns nicht zusammenzuset- Delay: Du hast gestanden, dass du dir Diskussion um die Urheberrechte und die zen. Natürlich machen wir Fehler und „Family Guy“ bei Pirate Bay besorgt Pläne der Piraten neu entfacht. Er hat kennen uns manchmal nicht aus. Aber hast. Ist schon notiert. Das kostet. auch gesagt, dass sich viele Musiker nicht ich hoffe, es kommt rüber, dass wir uns SPIEGEL: Herr Lauer, Herr Delay, wir dan- trauen würden, ihre Meinung zu sagen. mit dem Urheberrecht und den Produk- ken Ihnen für dieses Gespräch. Delay: Ich fand die Wutrede von Sven Re- tionsbedingungen von Kulturschaffenden gener super. Aber ich verstehe nicht, auseinandersetzen. Im Übrigen geht es Animation: Was ein Rockstar warum er die Sorge äußert, dass seine nicht ums Klauen. Wenn ich dir die Kap- wirklich verdient Haltung uncool sein könnte. pe vom Kopf klaue, Jan, dann ist die weg. Für Smartphone-Benutzer: SPIEGEL: Möglicherweise hat er ja recht? Wenn ich einen Song von dir im Netz ko- Bildcode scannen, etwa mit Der Gestus des Pop war immer eher ka- piere, dann ist der aber noch da. der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 119
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    Kultur KINO Hamlet in Afrika Nach jahrzehntelanger Pause produziert der Disney-Konzern wieder aufwendige Tierdokumentationen. Als Vorbild für die neuen Dokus über Raubkatzen und Schimpansen dient der Zeichentrickfilm-Klassiker „Der König der Löwen“. D er Regisseur Alastair Fothergill ist ein Gepard, der eine Gazelle hetzt. Titeln, auch im Kino: „Deep Blue“ (2003) kann stundenlang über Tiere re- Die Gazelle ist schnell, aber der Gepard wollten allein in Deutschland 800 000 den, über Schimpansen, Löwen, ist schneller, der Abstand zwischen den Zuschauer sehen, „Unsere Erde“ (2007) Geparden, und darüber, wie Geparden beiden Tieren wird geringer, die Gazelle sogar 3,8 Millionen. Weltweit spielte „Un- sich fortpflanzen, nämlich sehr hastig. schlägt Haken, vergebens. Am Ende er- sere Erde“ 110 Millionen Dollar ein. „Wham, bang, thank you, mam“, sagt Fo- wischt der Gepard seine Beute am Hin- Seit 2008 ist Fothergill nur noch sechs thergill. Doch eigentlich möchte er jetzt terlauf, die Gazelle stürzt, sie rutscht auf Monate pro Jahr für die BBC im Einsatz, erst einmal etwas zeigen, „den Disney- dem Bauch noch ein paar Meter weiter in der übrigen Zeit arbeitet er für Holly- Kill“. und bleibt zufällig genau dort liegen, wood, für den amerikanischen Unterhal- Fothergill steht in einem Safarizelt in wo das Gras einen halben Meter hoch tungskonzern Disney. Drei Filme, so der der Masai Mara, Kenia, einem Natur- ist. Der Gepard springt hinterher, das Deal, muss er Disney liefern. Der erste, schutzgebiet, das die schönsten Afrika- Gras verdeckt, wie er sein Opfer tötet. Es „Im Reich der Raubkatzen“, läuft jetzt in Klischees vereint. Die Masai Mara ist die ist ein bisschen wie bei Shakespeare, den deutschen und britischen Kinos an. Heimat von Löwen, Elefanten, Giraffen wenn Hamlet den hinter einem Vorhang Im nächsten Jahr startet „Schimpansen“. und den Hirten vom Stamm der Masai; verborgenen Polonius ersticht. Naturdokumentationen im Kino, das „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep Alastair Fothergill, geboren 1960 in ist eine Wachstumsbranche. Mehr als 50 und Robert Redford wurde hier gedreht. London, studierter Zoologe, Vater von Jahre nachdem Bernhard Grzimek für Der Regisseur schaltet einen Flachbild- zwei Söhnen, ist der erfolgreichste Tier- „Serengeti darf nicht sterben“ einen Os- schirm ein, er zeigt ein paar Szenen der filmer der Welt. Jahrelang leitete er die car gewann, ist das Genre wieder populär. neuen Kino-Dokumentation „Im Reich „Natural History“-Abteilung der BBC, die Anders als früher wollen die meisten der Raubkatzen“, die sein Team in den Naturdokumentationen für Fernsehsender Tierfilmer die Zuschauer heute nicht vergangenen Wochen ganz in der Nähe in aller Welt produziert. Als Regisseur mehr in erster Linie belehren, sondern gefilmt hat, darunter einen Disney-Kill. verantwortete er Großprojekte wie die unterhalten, Spektakel statt Biologie- Das Wichtigste bei einem Disney-Kill TV-Serien „Unser blauer Planet“ und Unterricht. Wenn Fothergill vom Hub- ist, was man nicht sieht. Was man sieht, „Planet Erde“, die das Genre mit gran- schrauber aus filmt, wie Löwen hinter diosen Bildern und zuvor unvorstellba- Gazellen herhetzen, benutzt er dafür die * Co-Regisseur Keith Scholey, Produzentin Alix Tid- rem Aufwand revolutionierten. Best-of- gleichen Spezialkameras, mit denen in marsh, Kamerafrau Sophie Darlington in der Masai Fassungen dieser Serien liefen, in Spiel- Hollywood Autoverfolgungsjagden ge- Mara, Kenia. filmlänge und unter leicht veränderten dreht werden. CECILE BURBAN / DISNEY ENTERPRISES Regisseur Fothergill (r.), Kollegen*: Warten auf den Disney-Kill 122 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    WALT DISNEY STUDIOS/ KOBAL COLLECTION Geparden im Film „Im Reich der Raubkatzen“: „Am wichtigsten ist das Casting“ Tierfilme erzählen eine Menge über te Disney ein Hollywood-taugliches Hap- wen“, das ist „Hamlet“ in der Savanne: Menschen, über die, die sie machen, und py End hinzu, Szenen mit spielenden Eis- Ein junger Löwe kämpft um die Macht über die, die sie gucken. Die Filme spie- bären, badenden Elefanten und fröh- gegen seinen hinterlistigen Onkel, der geln unsere Ängste, unsere Wünsche. Die lichen Pinguinen. „Manchmal ist es das bereits den Vater des Jungen auf dem klaren Regeln der Wildnis, fressen und Paradies“, heißt es dazu im amerikani- Gewissen hat. gefressen werden, faszinieren Großstäd- schen Kommentar, während die letzten Ein Zeichentrickfilm als Vorbild? Fo- ter. Das Paarungsverhalten von Karni- Einstellungen des europäischen Originals thergill sagt, er wolle einen „epischen ckeln, das Imponiergehabe von Affen, es einen Eisbären zeigen, der im Meer zu Thriller“ drehen, nur eben mit echten gibt offenbar vieles, in dem der Mensch ertrinken droht, sowie einen verdursten- Raubkatzen, eine Dokumentation mit sich wiedererkennen kann. den Elefanten. Dazu warnt der Sprecher dem Plot eines Spielfilms, mit einer rich- Auch der Disney-Konzern, Heimat von vor den Folgen des Klimawandels. tigen Handlung, zoologisch korrekt, aber Donald Duck, entdeckt gerade das Star- Die treibende Kraft hinter Disneyna- mit Blockbuster-Potential. Die Story: Potential echter Tiere, wieder einmal. In ture ist ein Franzose, Jean-François Ca- Zwei Löwenrudel kämpfen um ein Revier, den fünfziger Jahren präsentierte Walt milleri, im Hauptberuf Frankreich-Chef außerdem geht es um eine Gepardenmut- Disney persönlich hauseigene Dokus wie des Disney-Konzerns. Er erkannte das ter, die ihre Jungen durchzubringen ver- „Die Wüste lebt“, doch später produzierte Potential von Tierdokus, als er 2005 „Die sucht. der Konzern über Jahrzehnte keine eige- Reise der Pinguine“ in die französischen Fothergill und sein Co-Regisseur Keith nen Tierfilme mehr. Kinos brachte. Das Konzept: spektakuläre Scholey erstellten vorab eine Art Wunsch- Inzwischen wurde eine neue Abteilung Tierszenen, so geschnitten, dass sie eine liste mit möglichen Szenen für ihr Doku- für Dokumentationen gegründet, Disney- richtige Handlung ergeben, wie bei einem Drama: Löwen jagen, Löwen kämpfen nature. Zum Einstand kaufte man die Spielfilm. Den Vögeln legte man Dialoge gegeneinander, Geparden verteidigen ih- US-Rechte an „Unsere Erde“. Der Film, in den Schnabel, ein Sprecher feierte Pa- ren Nachwuchs und so weiter. Geschickt internationaler Titel: „Earth“, war längst pa und Mama Pinguin als liebevolle El- montiert, können diese Sequenzen den fertig und bereits in vielen Ländern er- tern, die glückliche Kleinfamilie aus der Eindruck einer in sich abgeschlossenen folgreich in den Kinos gelaufen. Für das Antarktis. „Die Reise der Pinguine“ spiel- Erzählung vermitteln. Was sich davon vor amerikanische Publikum jedoch wurden te weltweit 130 Millionen Dollar ein, bei Ort tatsächlich drehen ließ, das wussten wichtige Änderungen vorgenommen. nur 8 Millionen Dollar Produktionskosten, die Macher anfangs nicht. Dieses Konzept In Fothergills Original erklärt zu Be- der Regisseur Luc Jacquet gewann einen ist eine Gratwanderung für Tierfilmer, die ginn ein Sprecher, dass vor „Milliarden Oscar. sich der Authentizität verpflichtet fühlen Jahren ein gewaltiger Asteroid auf die Als Blaupause für Fothergills „Im Reich und zugleich eine runde, kindgerechte Erde gestürzt ist“. In der US-Version fehlt der Raubkatzen“ diente nun der Zeichen- Geschichte erzählen wollen. dieser Satz. Bibeltreue Amerikaner, die trickfilm „Der König der Löwen“ aus „Am wichtigsten ist das Casting“, sagt die Schöpfungsgeschichte wörtlich neh- dem Jahr 1994, bis heute einer der größ- Fothergill, die Auswahl telegener Tiere. men, sollten nicht verschreckt werden. ten Erfolge des Disney-Studios, im Kino, Zwar sollten die Stars, anders als in „Die Und für die US-Fassung von „Earth“ füg- auf DVD, als Musical. „Der König der Lö- Reise der Pinguine“, nicht sprechen, aber D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 123
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    FOTOFINDER / WALTDISNEY STUDIOS / KOBAL COLLECTION CINETEXT / ALLSTAR / DISNEY Hauptdarsteller Löwe, Schimpanse in Fothergill-Filmen: Spektakel statt Biologie-Unterricht es sollten gut wiedererkennbare Charak- machern habe es nicht gegeben, die Ein- Die Handlung wurde entsprechend an- tere sein, an deren Schicksal das Publi- schränkungen seien allen Beteiligten klar. gepasst, der Schwerpunkt liegt jetzt auf kum Anteil nehmen kann. Fothergills Vor- Deshalb der Disney-Kill? Kämpfen und der Beziehung zwischen Oscar und sei- schlag, auch einen Film über Elefanten jagen „ist okay“, sagt Camilleri, solange nem Ziehvater. zu machen, hatte Disneynature-Chef Ca- nicht zu viel Blut zu sehen sei. Bei einer Es ist dunkel im Dschungel, nur wenig milleri abgelehnt, weil Elefanten „nicht Szene habe man nachträglich per Com- Licht dringt durch die Baumkronen, Re- genug Mimik“ zeigen, um die Zuschauer puter das blutige Maul eines Löwen „ein gen tropft durch die Blätter. „Schimpan- zu fesseln. bisschen geputzt“. „Im Reich der Raub- sen sind so kräftig, dass sie einem Men- Durch Recherchen wusste Fothergills katzen“ zeigt eine domestizierte Wildnis, schen den Arm abreißen könnten“, er- Team von zwei rivalisierenden Löwenru- die dem Weltbild von Disney unterwor- zählt Fothergill. „Zum Glück wissen sie deln, das versprach Action. Der Boss des fen wird. Was nicht passt, wird passend das nicht.“ einen Rudels eignete sich zudem perfekt gemacht. Nach einer halben Stunde Fußmarsch für eine Hauptrolle, ein aggressiver alter Schimpansen, die Stars von Fothergills werden die Kundschafter fündig. Eine Löwe mit einem sichtbar lädierten Fang- nächstem Film, sind eigentlich besonders Gruppe Schimpansen, allerdings nicht Os- zahn. Im Film heißt das Tier nun „Fang“, ungeeignet als Symbole einer besseren cars Sippe, hockt in 20 Meter Höhe in ei- sein Widersacher „Kali“. Welt. Wie Menschen neigen auch Men- ner Baumkrone, ein kräftiges Männchen, Eine Minute brauchbares Material pro schenaffen zu Gewaltausbrüchen. Außer- ein halbes Dutzend Weibchen, einige Woche, das ist in etwa das Pensum, und dem haben sie sehr oft Sex. Wenn man Jungtiere. Sie lausen sich, sehr entspannt; so ist es kein Wunder, dass Fothergill auch das Leben von Schimpansen realistisch die Menschen scheinen sie nicht zu be- viele ruhige Szenen auswählt, wunderba- darstelle, „dann wird der Film erst für 18- achten. Irgendwann beginnt das Männ- re Bilder: die Gepardenmama mit ihren Jährige freigegeben“, sagt Fothergill. Sein chen mit einem der Weibchen zu kopu- Kindern, eine kleine Löwin namens Mara, Kameramann filmte, wie Schimpansen lieren. die langsam erwachsen wird. Im Kom- eine andere, kleinere Affenart jagen, die „Das dauert im Durchschnitt sieben Se- mentar beschwört ein Sprecher die Mut- Beute in Stücke reißen und bis auf die kunden“, sagt Fothergill, „wenn sie Glück terliebe, eine heile Welt mit Löwen wie Knochen abnagen. Definitiv kein Disney- hat.“ du und ich. Kill, nicht zu gebrauchen. Schimpansen seien wie Porno-Darstel- „Man schützt, was man liebt, und man Ein Großteil des Schimpansenfilms ler, sehr schnell erregt, „wir hatten eine liebt, was man kennt“, sagt Disneynature- entsteht in Uganda; die Fahrt geht von Szene, in der sechs erigierte Penisse zu Chef Camilleri. Er meint die Tiere, aber Entebbe am Victoria-See ins Hochland, sehen waren“. Fothergill grinst. „Jean- der Satz trifft auch auf die Marke Disney in das Affengebiet an der Grenze zum François Camilleri war nicht begeistert.“ zu. Disney, das ist mehr als ein Firmen- Kongo, acht Stunden über Schlagloch- Der Ober-Affe pinkelt vom Baum her- name, es ist ein Versprechen, das Syno- pisten. unter. Das Zeichen zum Aufbruch. nym für keimfreie Unterhaltung für die Gedreht wird im Kibale National Park, Die Schimpansen klettern am Stamm ganze Familie. Der global vermarktbare der Heimat mehrerer Schimpansenfami- herunter, nur ein paar Meter von den Be- Film, das ist das Ziel, ein Produkt, das lien. Ursprünglich sollte der Film eine suchern entfernt laufen sie vorbei, breit- sechsjährige Japaner ebenso mögen wie ganz normale Schimpansenkindheit do- beinig wie Fußballprofis. Unter einem Großmütter in Texas oder Teenager in kumentieren. Ein niedlicher Hauptdar- Busch bleiben sie sitzen, einige schmat- Berlin. steller war bald gefunden, ein kleiner zen, es sieht beinahe aus wie eine ganz Was also kann man zeigen in einem Dis- Affe, den das Team „Oscar“ taufte. Doch normale Großfamilie beim Picknick. Ein neynature-Film? Fressen, gefressen wer- dann starb dessen Mutter, was im Urwald kleiner Schimpanse will ausbüxen, er han- den, Geparden-Sex? meist auch den baldigen Tod der Nach- gelt unsicher an einem Ast, ein Weibchen „Wir wollen Eltern, die mit ihren Kin- kommen bedeutet. „Wir standen kurz da- zieht ihn routiniert an die Brust. Ein Idyll dern einen solchen Film sehen, nicht in vor, Disney anzurufen und ihnen zu sa- wie in einem Disney-Film. eine Situation bringen, in der sie Fragen gen: Es gibt keinen Film“, sagt Fothergill. Fothergill hockt sich auf den Wald- beantworten müssen, die sie nicht beant- Doch Affe und Affen-Regisseur hatten boden, ein paar Meter von den Affen ent- worten wollen. Wir sind da sehr vorsich- Glück: Ein fremdes Männchen adoptierte fernt. Er beobachtet die Tiere, er lächelt. tig“, sagt Camilleri. Spezielle Absprachen Oscar, „so etwas hat bisher noch nie- Er hat den besten Job der Welt. mit Fothergill und den anderen Filme- mand filmen können“, sagt Fothergill. MARTIN WOLF 124 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Im Auftrag desSPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Bestseller Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller Belletristik Sachbücher 1 (1) Jonas Jonasson 1 (3) Philippe Pozzo di Borgo Der Hundertjährige, der aus dem Ziemlich beste Freunde Fenster stieg und verschwand Hanser; 14,90 Euro Carl’s Books; 14,99 Euro 2 (2) Rolf Dobelli 2 (2) Suzanne Collins Die Kunst des klaren Denkens Die Tribute von Panem – Hanser; 14,90 Euro Tödliche Spiele Oetinger; 17,90 Euro 3 (1) Joachim Gauck 3 (3) Suzanne Collins Freiheit Kösel; 10 Euro Die Tribute von Panem – Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro 4 (4) Hans-Ulrich Grimm Vom Verzehr wird abgeraten 4 (4) Jussi Adler-Olsen Droemer; 18 Euro Das Alphabethaus dtv; 15,90 Euro 5 (14) Harry Belafonte mit Michael Shnayerson 5 Suzanne Collins (5) My Song Die Tribute von Panem – Kiepenheuer Witsch; Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro 24,99 Euro 6 (7) Dora Heldt Bei Hitze ist es wenigstens Frieden, Freiheit, nicht kalt dtv; 14,90 Euro Freundschaft: die 7 (10) Arne Dahl Botschaft des großen Gier Piper; 16,99 Euro Entertainers und Bürgerrechtlers 8 (8) Fred Vargas Die Nacht des Zorns 6 (6) Norbert Robers Aufbau; 22,99 Euro Joachim Gauck – Vom Pastor zum 9 (9) Susanne Fröhlich Präsidenten – Eine Biografie Lackschaden Koehler Amelang; 19,90 Euro Krüger; 16,99 Euro 7 (7) Cid Jonas Gutenrath 10 (12) Moritz Netenjakob 110: Ein Bulle hört zu – Aus der Der Boss Notrufzentrale der Polizei Kiepenheuer Witsch; 14,99 Euro Ullstein extra; 14,99 Euro 11 (15) Jussi Adler-Olsen 8 (5) Hans Küng Erlösung Jesus Piper; 19,99 Euro dtv; 14,90 Euro 9 (9) Wibke Bruhns 12 (6) Tess Gerritsen Nachrichtenzeit Grabesstille Droemer; 22,99 Euro Limes; 19,99 Euro 10 (8) Bill Mockridge 13 (13) Jussi Adler-Olsen Je oller, je doller Schändung Scherz; 14,99 Euro dtv; 14,90 Euro 11 (12) Joe Bausch 14 (20) Paulo Coelho Knast Ullstein; 19,99 Euro Aleph Diogenes; 19,90 Euro 12 (19) Dieter Nuhr Der ultimative Ratgeber für alles 15 (18) Moritz Matthies Bastei Lübbe; 12,99 Euro Ausgefressen Scherz; 13,99 Euro 13 (16) Heiner Geißler Sapere aude! Warum wir eine neue 16 (–) Sarah Lark Aufklärung brauchen Ullstein; 16,99 Euro Die Tränen der Maori-Göttin 14 (10) Carsten Maschmeyer Bastei Lübbe; 15,99 Euro Selfmade Ariston; 19,99 Euro 15 (11) Martin Wehrle Ich arbeite in einem Irrenhaus Neuseeland anno Econ; 14,99 Euro 1899: Eine junge Frau emanzipiert sich 16 (15) Walter Isaacson und studiert Ingenieur- Steve Jobs wissenschaften C. Bertelsmann; 24,99 Euro 17 (11) Wolfgang Herrndorf 17 (20) Tomáš Sedláček Sand Die Ökonomie von Gut und Böse Rowohlt Berlin; 19,95 Euro Hanser; 24,90 Euro 18 (–) Marc Elsberg 18 (–) Rudi Assauer mit Patrick Strasser Blackout – Morgen ist es zu spät Wie ausgewechselt Blanvalet; 19,99 Euro Riva; 19,99 Euro 19 (16) Ursula Poznanski 19 Josef Wilfling (–) Fünf Unheil Heyne; 19,99 Euro Wunderlich; 14,95 Euro 20 (18) Bud Spencer mit Lorenzo De Luca 20 (–) Jean-Luc Bannalec Bud Spencer – In achtzig Jahren Bretonische Verhältnisse um die Welt Kiepenheuer Witsch; 14,99 Euro Schwarzkopf Schwarzkopf; 19,95 Euro D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 125
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    Kultur E S S AY Israel und wir und der Islam Von Michael Kleeberg I ch würde ungern den Eindruck stehen lassen, das Gedicht Armee aufnehmen kann. Vielleicht ist es also so, dass Iran die von Günter Grass sei der einzige oder der typische Beitrag Atombombe nur will, um auf Augenhöhe mit Israel auftreten eines deutschen Schriftstellers zum Konflikt Israels mit Iran, zu können, wie einst die Sowjetunion gegenüber den USA, und möchte daher, soweit es mir möglich ist, ein paar eigene und sich selbst und der ganzen Region den Stolz zurückzu- aus Erfahrungen, Gesprächen und Lektüren hervorgegangene geben, der ihnen so schmerzlich fehlt. Wohlgemerkt: viel- Gedanken zur Diskussion stellen. leicht. Was geschehen würde, wenn Israel und die USA dem- nächst versuchten, die iranischen Atomanlagen zu zerstören, ISRAEL UND DIE DERZEITIGE LAGE darüber lässt sich nur spekulieren, denn nach dem Gesetz der Zunächst einmal in aller Deutlichkeit: Wäre ich ein Israeli, wür- Entropie sind die möglichen Folgen viel zu komplex, um in de ich nicht tatenlos zuwarten, bis die von Iran seit langem einem klaren Szenario ausgemalt werden zu können. Bleiben laut ausgesprochenen Drohungen wir also bei simplen Beobach- gegen Israel wahrgemacht werden tungen: können. Wäre ich ein Israeli, würde Glückte ein solcher Schlag, wäre ich alles daransetzen, dass Iran die damit nicht das Regime in Teheran Atombombe nicht bekommt. Wäre beschädigt, das einfach wieder dar- ich ein Israeli, würde ich aus der angehen würde, das Zerstörte neu historischen Erfahrung heraus ar- aufzubauen. Das Problem wäre nur gumentieren, dass man, droht ei- verschoben, aber noch virulenter nem ein irrer Despot schriftlich und als zuvor. mündlich mit Vernichtung, immer Käme es infolge eines Bombar- URIEL SINAI / GETTY IMAGES die Alternative hat: ihn ernst zu dements zu Gegenschlägen Irans, nehmen oder nicht. die dann wiederum eventuell eine Ich bin aber kein Israeli, sondern Bombardierung iranischer Städte lebe in einem Land, das von keiner zur Folge hätten, so ist die Chance iranischen Atomrakete erreicht wer- sehr gering, dass dies das iranische den könnte. Und obwohl die Bürger Regime kurz- und mittelfristig unseres Landes zur Angst und zum Friedensdemonstranten in Israel schwächen würde. Die Erfahrung Fremdängstigen neigen, kann ich da- lehrt das Gegenteil: Die Solidarität her die Problematik vielleicht mit Droht einem ein irrer Despot mit eines Volks mit seiner Regierung größerer Ruhe analysieren, was na- wächst in solchen Fällen. Um Iran türlich aus Sicht der Betroffenen Vernichtung, hat man die Alternative: langfristig am Bau einer Atombom- auch heißt: mit größerer Beliebigkeit. ihn ernst zu nehmen oder nicht. be zu hindern, müsste das Land Die bisherige Geschichte zeigt: ebenso am Boden angegriffen und Seit dem Doppelschlag der Ameri- erobert werden wie der Irak. Was kaner gegen Japan 1945 ist die Atombombe nicht mehr eingesetzt sehr wahrscheinlich ähnliche Folgen hätte: Chaos, Anarchie worden. Nicht von den USA und der UdSSR, trotz Kalten Kriegs, und Bürgerkrieg. nicht von Frankreich, nicht von China, nicht von Indien, nicht Die amerikanische Strategie des „nation building“ durch einmal von Pakistan. Und wohlgemerkt auch nicht von Israel. Bombardierung und Eroberung des Feindes hat im letzten Die Bombe zu haben und die Bombe zu benutzen ist also Jahrhundert nur in zwei Fällen zur sofortigen Errichtung de- definitiv zweierlei, und wenn ein instabiles Regime wie Pa- mokratischer Staaten geführt: Deutschland und Japan, die kistan bisher nicht annähernd in Versuchung gekommen ist, zuvor (vor ihrem jeweiligen Fall in die Barbarei) zu den zivi- die Hölle loszulassen, scheint die Gefahr, Teheran werde sie lisiertesten Völkern der Welt gehört hatten. Ansonsten ist die gegen Israel einsetzen und damit die definitive Vernichtung Strategie immer schiefgegangen, unter entsetzlichen mensch- des eigenen Landes provozieren, den meisten Beobachtern lichen Verlusten auf allen Seiten. offenbar ein minderes Risiko. Sicher ist, dass ein Schlag gegen Iran den Hass der Anrainer- Wer den islamischen Nahen Osten ein wenig kennt, weiß, staaten auf Israel noch steigern würde; dass der radikale poli- dass seine Staaten und Völker durchweg an einem großen tische Islam noch stärkeren Zulauf bekäme; dass Afghanistan Minderwertigkeitskomplex gegenüber Isra- sofort und Pakistan bald an die Taliban ver- el leiden und mehr noch als von seinem Kleeberg, 52, ist loren wären. Ein wahrscheinliches Ergebnis Verschwinden davon träumen, sich endlich Schriftsteller wäre also, dass Iran zwar zunächst über einmal auf Augenhöhe mit ihm zu befin- und lebt in keine Atomwaffen verfügen würde, dafür den, was Macht, Effizienz und Tapferkeit Berlin. Zuletzt aber die Taliban in Pakistan. betrifft. Die Hisbollah ist dafür das beste erschien von Alle weiteren Konsequenzen, die auch ULLSTEIN BILD Beispiel, die sich mit großem Stolz rühmt, ihm der Roman über die Region hinausreichen würden, von die einzige arabische Kampftruppe zu sein, „Das amerikani- Szenarien eines sprunghaften Preisanstiegs deren Disziplin es mit der der israelischen sche Hospital“. für Erdöl und nachfolgenden ökonomi- 126 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    schen Verteilungskämpfen undsozialen Revolten auch in DAS NAHOST-PROBLEM UND DER REST DER WELT Europa bis zu Vorhersagen über losbrechende Domino-Kriege Ob uns das gefällt oder nicht, ob uns das empört oder nicht: und eine neue Welle islamistischen Terrors, vermag ich mir In weiten Teilen der Welt ist der Holocaust sehr wohl mit den weder genau auszumalen noch ihre Wahrscheinlichkeit einzu- anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verglichen wor- schätzen. den (was ja nicht heißen muss: gleichgesetzt), die das wahn- sinnig mörderische 20. Jahrhundert erlebt hat, er ist vergli- DER HOLOCAUST UND DIE DEUTSCHE VERANTWORTUNG chen und eingeordnet worden, auf welcher Position der Skala Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt: „Die der Unmenschlichkeit auch immer – und ist Geschichte ge- Sicherheit Israels zu schützen ist Teil der Staatsräson Deutsch- worden. lands.“ Offen gestanden bezweifele ich, dass Frau Merkel be- Die Zeit tut ihr Werk, das sie voller Gleichmut immer tut – wusst war, was sie da gesagt hat. Oder aber sie hat es nur so sie entfernt die Dinge aus dem Gesichtskreis und der Erinne- dahingesagt, im zynischen Bewusstsein, dass niemand kommen rung und lässt ihre Bedeutung und die Mahnungen, die sie ent- und dieses Versprechen einklagen wird. Am allerwenigsten halten, verblassen und vergessen. wird Israel einen solchen Satz in aller Konsequenz ernst Ich glaube, schon heute gibt es nur noch wenige Völker auf nehmen. Dort weiß man, dass die Lieferung von Waffen wie der Erde, für die der Holocaust eine Katastrophe ist, die sie U-Booten und natürlich im Zweifelsfall von Geld und guten noch betrifft: die Israelis, die Juden der Diaspora (vor allem Worten alles ist, was man von Deutschland zu erwarten hat. in den USA), die Deutschen, eine Handvoll westeuropäischer Der quer durch die deutsche Bevölkerung laufende Konsens, Staaten, die Palästinenser. Für alle übrigen haben weder der dass es keine causa gibt, die das Opfer eines deutschen Lebens Judenmord noch der Staat Israel noch überhaupt nur der ehren- und sinnvoll machen könnte – denn unser „Nie wieder unruhige Flecken Erde im Nahen Osten eine existentielle Be- Krieg“ heißt ja nichts anderes als „Nie wieder Krieg mit uns“ –, deutung. ist natürlich die Konsequenz des von uns angezettelten und Die Welt bewegt sich langsam von einem Zentrum zum an- verlorenen Zweiten Weltkriegs, in dessen Rahmen der Holo- deren: Waren im 19. Jahrhundert Europa und im 20. Nordame- caust stattfand. Aus ebendiesem rika der Mittelpunkt des Weltge- Holocaust leitet die Bundesrepu- schehens und der Machtkonzentra- blik ihre besondere Verantwor- tion, so deutet manches darauf hin, tung für die Existenz Israels ab, dass sich im 21. Jahrhundert der die wiederum zu Versprechen Fokus nach Asien verlagern wird. führt, die man gar nicht einhalten Aber weder für China noch für In- will und kann, weil doch die ande- dien oder Korea steht Israel, seine re Konsequenz des Zweiten Welt- Geschichte, seine Zukunft, im Mit- kriegs ist: Nie wieder Krieg. telpunkt des Interesses. Man sieht Manche Deutsche winden sich dort vielleicht mit Genugtuung, dass aus dieser moralischen Zwickmüh- die Konflikte der Region die Kräfte le, indem sie Israel an den Pranger der Konkurrenten binden, aber ich ODED BALILTY / AP stellen: Wenn dieses Land durch glaube nicht, dass viele verstehen, „Untaten“ oder „Drohungen“ sein warum. Existenzrecht selbst verspielte, Das heißt aber auch: Da zahlrei- dann müssten wir auch nicht mehr che Mächte sich für die Israel-Frage an unserer Verantwortung tragen. Installation in der Ausstellung „Iran“ in Tel Aviv im März nicht interessieren, besteht die Ge- Es reicht diesen Leuten also nicht fahr, dass das Land für die, die sich zu wissen, dass sie das Verspre- Aber: Ein Schlag gegen Iran hieße noch dafür interessieren, irgend- chen ohnehin nicht einhalten wür- wann zum Klotz am Bein wird. Na- den, sie wären am liebsten gänz- auch, dass der radikale politische türlich entwickelt sich Geschichte lich davon entbunden. Islam stärkeren Zulauf bekäme. nie linear, es gibt immer unerwarte- Man sieht: Wann immer Deut- te Sprünge. Aber projiziert man die sche sich mit dem Thema beschäf- derzeitigen Entwicklungen hundert tigen, landen sie früher oder später wieder bei sich. Solche Jahre in die Zukunft, ist die Chance, dass es noch einen Staat Verbündeten sind meist nicht die verlässlichsten – Israel weiß Israel im heutigen Sinne geben wird, nicht groß. das vermutlich am allerbesten. Aber die von Deutschland ins Werk gesetzte Ermordung der ISRAEL UND SEINE NACHBARN SOWIE DIE PALÄSTINENSER europäischen Juden hat ja der westlichen Welt nach 1945 erst Natürlich ist Israel, wie viele Araber hetzenderweise argumen- den entscheidenden Anstoß gegeben, das zionistische Projekt tieren, der Brückenkopf des Westens im islamischen Nahen in Palästina zu legalisieren, das 30 Jahre zuvor halbherzige Osten. Es ist die einzige Demokratie der Region, das einzige und halb verlogene Realisierungsversprechen durch die Briten Land, in dem die Menschenrechte gelten, in dem Rechtssicher- erhalten hatte und das nunmehr ungleich mehr war als nur ein heit herrscht, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ge- zionistisches Projekt. sichert ist und in dem es eine freie Presse und das Recht auf Ohne Holocaust kein Staat Israel und ohne Holocaust auch freie Meinungsäußerung gibt. Das einzige andere Land dort, nicht das Selbstverständnis des israelischen Volkes, sich nicht in dem es ähnliche Freiheiten gibt, die aber in ständiger Gefahr noch einmal, durch niemanden, vernichten zu lassen. Die Er- sind, kassiert oder übergangen zu werden, ist der Libanon. innerung an den Holocaust verbindet also die Bundesrepublik Als der libanesische Dichter Abbas Beydoun, ein Schiit, vor mit Israel, wenngleich mit gänzlich unterschiedlichen Konse- einigen Jahren vom französischen Fernsehen gefragt wurde, quenzen für beide Seiten. woran es liege, dass der Libanon so viel liberaler sei als seine Dass die Ermordung der europäischen Juden für das Volk, arabischen Nachbarn, lächelte er bitter und antwortete: „Es ist das sie zu verantworten hat, und für das, das sie erlitten hat, vielleicht ein wenig peinlich, es zu sagen, aber das liegt daran, eine einzigartige Katastrophe und Untat darstellt, ist klar und dass der Libanon kein islamisches Land ist.“ wird sich so schnell nicht ändern. Für die meisten anderen Es ist nämlich weniger die arabische Welt an sich, die Israels bleibt festzustellen, dass der Holocaust diesen Stellenwert nicht Existenz heute in Frage stellt, als der politische Islam. Sowohl mehr hat oder nie gehabt hat. der säkulare Arm der PLO unter Arafat als auch Ägypten und D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 127
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    Kultur Jordanien haben denStaat Israel schließlich anerkannt. Das gierungen von jeder Zukunftsperspektive abgeschnitten sind Hauptgewicht antiisraelischen Hasses ist von den panarabischen und sich in die Verheißungen des politischen Islam flüchten, Trägern auf die islamistischen übergegangen. wächst über den Maghreb bis tief nach Afrika und auch am Andererseits kenne ich auch unter den europäisch soziali- Indischen Ozean. Ganz gleich wie viele tausend Kilometer das sierten, gebildeten, atheistischen Arabern, die nicht antisemi- jeweilige Land von Israel entfernt ist, die Komponente des tisch sind, keinen, der nicht antizionistisch wäre und der, selbst Antizionismus gehört immer dazu. wenn er den Staat Israel als Faktum hinnimmt, dessen Politik Der Arabische Frühling ist das Werk um ihre ökonomischen gegenüber den Palästinensern nicht als Apartheidpolitik und Aussichten betrogener urbaner Schichten gewesen, das isla- dessen Außenpolitik gegenüber den Nachbarn nicht als per- mistische Rollback seither beruht auf der Tatsache, dass große manente aggressive Demonstration der Überlegenheit und Ver- Teile der Bevölkerung in Ländern wie Ägypten, Libyen oder achtung brandmarken würde. auch Syrien wenig Chancen auf Partizipation am Wohlstand Zugleich ist für die arabischen Gesellschaften Israel nach sehen und seit langem vor allem eine organisierte Struktur den USA das zweite große, wenn auch verhasste Vorbild. So kennen, die unterhalb der verkommenen Herrscherkasten prak- reich, so effizient, so frei wie ihre Feinde, von denen sie per- tische Hilfe leistet und zugleich (falsche) utopische Hoffnungen manent lernen, möchten sie auch sein. Manchmal erscheinen schürt: die Islamisten. mir Israelis und Palästinenser wie die zwei Königskinder, die Da in diesen Ländern keine strukturelle und historische Grund- nicht zueinander kommen können. lage für den Aufbau demokratischer Systeme herrscht, sehr wohl Dabei stimmt der Eindruck von Sprachlosigkeit und Abschot- aber das Bedürfnis nach Veränderung der Verhältnisse, waren tung und permanentem Antagonismus gar nicht. Israelische und kürzlich auf einer Tagung in Frankfurt am Main Autoren wie der palästinensische Wirtschaft und Administration sind eng verfloch- Algerier Boualem Sansal, maghrebinische, ägyptische und syri- ten, der jeweilige Lebensstil färbt ab – de facto kann der eine sche Autoren durchweg der Überzeugung, dass alle diese Länder, gar nicht ohne den anderen. Das palästinensische Volk ist hoch- die die Pest militärisch geprägter Diktaturen hinter sich haben, gebildet, es besitzt den urlevantinischen Handelsgenius – eigent- die Cholera eines islamischen Despotismus durchmachen werden, lich könnte so ein Staatenbund Israel-Großpalästina (mit Jorda- bevor die Chance auf eine demokratische Entwicklung besteht. nien) die erste Boomregion des Na- Der politische Islam ist keine hen Ostens sein. Eigentlich müsste intellektuelle Herausforderung an er es sein. Aber er ist es nicht. die offenen Gesellschaften, son- Es muss also Gruppen geben, die dern eine faktische. Er trifft sie an von der derzeitigen Situation profi- ihren zwei schwachen Punkten mit tieren. Jahrzehntelang haben sich seinen Stärken. Ihrem Glauben an Unrechtsregime der Region mit Mehrheitsentscheidungen und ih- dem Argument der Befreiung Paläs- rer Scheu davor, unverhandelbare tinas von den Juden an der Macht Grundwerte positiv zu besetzen, gehalten, noch heute lenkt in Iran begegnet er mit Bevölkerungs- die Fokussierung auf Israel viele wachstum und eschatologischen Menschen davon ab, das Scheitern Heilsversprechen. Ich habe den fa- des eigenen Regimes wahrzuneh- natischen politisierten Islam in sei- men. Die Bosse der PLO sind fett ner schiitischen Spielart im Haupt- geworden von all den internationa- quartier der Hisbollah in Beirut er- DPA len Milliarden, die nie bei der Be- lebt, in seiner sunnitischen in Kairo völkerung angekommen sind, die Iranische Kurzstreckenrakete Shahab-1 – und ob er nun Staatsdoktrin ist ausländischen Waffenexporteure wie in Iran oder heimlich in Berli- verdienen an allen Beteiligten, und Vorbild Israel und USA: So reich, ner Hinterhofmoscheen gepredigt Israel selbst kann mit der perma- wird, er ist taub für die intellektu- nenten Beschwörung der Umzinge- so effizient, so frei möchten die elle Diskussion. lung vom Konstruktionsfehler des arabischen Gesellschaften auch sein. Ein Blick auf andere Weltregio- eigenen Staates ablenken: der Tat- nen zeigt, dass die Bevölkerung sache nämlich, dass das Land, so- autoritärer Systeme langsam demo- lange es Gegner innerhalb des eigenen Machtbereichs hat oder kratische Rechte einzufordern beginnt, wenn wie in China fürchtet, immer mit zweierlei Maß messen wird – sobald es durch ein System aus Geburtenkontrolle und wirtschaftlicher aber keine mehr hätte und darüber hinaus ein von friedlichen Freiheit ihre Bildung, ihre ökonomische Teilhabe und damit Nachbarn umgebener Staat mit offenen Grenzen wäre, womög- ihr Bedürfnis nach Rechtssicherheit und Menschenrechten lich aufhören würde, Israel zu sein, der Staat der Juden. wachsen. Der politische Islam jedoch ist ein Hemmschuh für Denn genau darauf spekulieren diejenigen der feindseligen derartige Entwicklungen. Niemand weiß das besser als das ira- Araber, die langfristig und strategisch denken: auf die Macht nische Bildungsbürgertum, das seit gut 30 Jahren unter einer der Demografie. Gelänge der Frieden und öffnete sich Israel, islamistischen Diktatur lebt, über einen hohen Bildungsgrad so wären – das ist ihr Kalkül – die Juden binnen weniger Ge- verfügt, ökonomisch und wissenschaftlich aktiv ist und für nerationen eine Minderheit in ihrem eigenen, demokratisch relative soziale Sicherheit den Preis permanenter Repression verfassten Lande, mit allen ganz legalen Konsequenzen, die zahlt, die das menschenrechtsverletzende Regime ausübt. sich aus einer arabischen Bevölkerungsmehrheit ergäben. Und so sollten auch all diejenigen, denen an der Existenz Israels nichts liegt, dessen derzeitigen Konflikt mit Iran offenen DER POLITISCHE ISLAM, DIE DEMOGRAFIE UND WIR Auges betrachten: Hier geht es auch um die Konkurrenz zwi- Blickt man boshaft und ohne Empathie auf die heutige islami- schen der offenen Gesellschaft und ihren Feinden, auch um sche/arabische Welt und fragt, was sie denn Produktives zum den Wettstreit der Systeme zwischen Menschenrechten und Weltganzen beitrage, so kommt man auf zwei Dinge: Erdöl religiösem Recht. und junge Männer. Das Bevölkerungswachstum islamischer Zwei Fragen stellen sich: Ist Israel die offene Gesellschaft, Staaten ist seit einigen Jahrzehnten enorm. für die der Westen ein Exempel gegen den politischen Islam Die Anzahl junger Muslime, die in ihren Ländern gerade statuieren will? Ist Iran der Staat, an dessen Volk und Regime aufgrund ihrer Masse und der Unfähigkeit der jeweiligen Re- der Westen dieses Exempel statuieren muss? 128 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Kultur die Totalrenovierung des 2000 Jahre alten Bauwerks, für 25 Millionen, samt Errich- DENKMALSCHUTZ tung eines Besucherzentrums. Roms Bür- Tempel zu vermieten germeister Giovanni Alemanno war be- geistert. Aber dann klagte die Gewerk- schaft der Kulturbeschäftigten, weil sie das Verfahren für gesetzeswidrig hält. Die Renovierungsarbeiten hätten im März In der Staatskrise übernehmen Konzerne die Pflege beginnen sollen, nichts passierte, und der Kulturstätten Italiens. jetzt, als Papst Benedikt XVI. die Karfrei- tagsprozession wie jedes Jahr vor dem Kolosseum abhielt, wurde er wieder sicht- M arco Zambuto kann sich vieles Kultur ist der Rohstoff Italiens, beinahe bar, der Zerfall des Bauwerks: abbrö- vorstellen, er muss es wohl auch so wie das Öl im Orient. 44 Denkmäler ckelnder Mörtel und eine rußgeschwärzte in diesen Tagen. Die antiken Säu- des Weltkulturerbes sind zu besichtigen, Fassade, auf einer verkehrsumtosten Insel len aus dem Tal der Tempel beispielswei- knapp 5000 Museen und 60 000 archäolo- mitten in Rom. se, Jahrtausende alt, eine hellenische Hin- gische Stätten, so viele wie nirgendwo Vorreiter im Kultursponsoring ist Vene- terlassenschaft auf Sizilien, als Logo auf sonst auf der Welt. Aber die Schätze wer- dig. Auch hier erhoffen sich Firmen aus T-Shirts. Ein Symbolbild der griechischen den nicht gepflegt, sondern sich selbst der Luxusbranche einen Imagegewinn. Antike, der Wiege Europas. Heute Trost überlassen: Unter Silvio Berlusconi Die Modemarke Diesel soll die Sanierung und Kaufanreiz in Zeiten der Finanzkrise schrumpfte der Kulturetat in drei Jahren der Rialtobrücke finanzieren; der Dogen- in Athen und Rom. um rund ein Drittel. Sein Finanzminister palast sowie die Seufzerbrücke sind ganz- Zwei Milliarden Euro, das sei der Wert verteidigte die Kürzungen mit den Wor- jährig von gigantischen Tafeln zugehängt, dieser Ausgrabungsstätte, sagt Zambuto, ten: „Ich weiß gar nicht, was ihr habt: auf denen Banken und Modefirmen wie der Bürgermeister von Agrigent auf Sizi- Kultur kann man schließlich nicht essen.“ Bulgari und Guess für sich werben. Die lien. Er will dieses Erbe vermarkten. Zam- Heute werden nur noch 1,4 Milliarden Stadt freute sich, dass der französische buto, 39, steht auf einer kleinen Bühne, Euro des nationalen Haushalts in die Kul- Luxusunternehmer und Kunstsammler im Mai sind Kommunalwahlen, er ist tur investiert, das sind nicht mal 0,2 Pro- François Pinault im Palazzo Grassi ein ei- auf Stimmenfang und träumt genes Museum errichten ließ öffentlich von einer Verstei- und dass Miuccia Prada ihre gerung der Nutzungsrechte, Sammlung in ihrem Palast am von Großinvestoren aus aller Canal Grande zeigt. Venedig Welt. Nur der Beste bekäme ist mit 400 Millionen Euro heil- den Zuschlag, ruft er. Einer, los verschuldet, die Subventio- der als Gegenleistung in die In- nen aus Rom stecken vor allem standhaltung der Tempel inves- in dem mindestens fünf Mil- tiert, denn die sei dringend liarden teuren Staudammpro- notwendig. jekt Mose, das die Stadt vor „Italien hat das weltweit den Meeresfluten schützen soll. größte Erbe an Kulturschät- Seit jedoch die Benetton- zen“, ruft Zambuto, „aber wir Gruppe nach dem Erwerb ei- SCAVUZZO / EIDON / ROPI tun nichts für ihren Erhalt. nes Eisenbahngebäudes auch Dafür ist der Staat zuständig, den Zuschlag bekam für den klar, aber wenn der pleite ist – Fondaco dei Tedesci, die alte dann kann Versace durchaus Handelsvertretung deutscher eine Lösung sein.“ Zur Not Kaufleute wie der Fugger, pro- auch Louis Vuitton. Hauptsa- Roms Bürgermeister Alemanno, Sponsor Della Valle: Bröckelnde Insel testieren die Venezianer. Auch che, kein russischer Oligarch hier soll ein gigantisches Ein- wie Michail Prochorow, Herausforderer zent. „Anorexie der Kultur“ nennt das kaufszentrum entstehen, Architekt wird von Wladimir Putin bei den Präsident- der Schriftsteller Umberto Eco. Rem Koolhaas sein. Nun gibt es Bürger- schaftswahlen im März, der schon Inter- Die zur Neige gehenden staatlichen initiativen, die die Kommerzialisierung esse bekundet haben soll am Kauf des Subventionen, vor denen sich die deut- des öffentlichen Kulturguts kritisieren Zeus-Tempels, zu welchem Zweck, wisse sche Kulturhauptstadt Berlin zurzeit so und nicht zulassen wollen, dass die Stadt niemand. Das, sagt Zambuto, ginge dann fürchtet – all das, was gerade in der deut- als Marke nur noch zum Abziehbild ihrer doch zu weit. Kaufen sei undenkbar, mie- schen Kulturdebatte die Gemüter erhitzt, selbst wird. ten aber möglich, für Modenschauen oder ist in Italien seit Jahren bittere Realität. Ausverkauf der Kultur und gleichzeitig Partys. „Ich kann mir vieles vorstellen“, Unter der neuen Regierung von Mario der Versuch, die Denkmäler dieses Lan- sagt der grinsende Zambuto, „solange die Monti geht es um Schadensminimierung. des zu erhalten, das sind die beiden Pole Kasse klingelt.“ In Rom galt Diego Della Valle, 58, als der Diskussion, und nirgendwo wird der Seit die Regierung in Rom den Kultur- Sponsoring-Pionier, jetzt aber droht seine Konflikt so deutlich wie beim Umgang etat radikal zusammengestrichen und die Privatinitiative an der Bürokratie und der mit Pompeji und Herculaneum, den bei- Haushaltssanierung zur Regionalsache ge- Staatshoheit in Sachen Denkmalpflege den antiken Städten, die bei einem Aus- macht hat, stopfen Provinzen und Städte zu scheitern. Der Inhaber der Schuhfirma bruch des Vesuv am 24. August 79 nach ihre Löcher dadurch, dass sie Staatsgüter Tod’s setzte sich im vergangenen Jahr ge- Christus zerstört und erst im 18. Jahrhun- verscherbeln, Klöster, Kasernen, etrus- gen weitere Interessenten durch, darunter dert wieder freigegraben wurden. kische Villen, und die Nutzungsrechte an die Billigfluglinie Ryanair und Immobi- Pompeji ist seit den Einstürzen in den Privatinvestoren vergeben. Sie nennen lienfirmen, und erhielt die Exklusivrechte vergangenen zwei Jahren zum Symbolbild das Kultursponsoring, darin war Italien für die visuelle Nutzung des Kolosseums eines verfallenden Landes geworden, kul- lange Zeit Schlusslicht in Europa. in Rom. Als Gegenleistung versprach er turell bankrott, lahmgelegt durch die Polit- 130 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Gladiatoren, deren Dienstlimousinenan- geblich das Doppelte des Kulturetats ver- schlingen. Jährlich kommen knapp drei Millionen Touristen, sie zahlen elf Euro Eintritt, hinzu kommen Subventionen aus Rom, aber die ständig wechselnden Superintendenten verschwendeten das Geld für pompöse Shows oder steckten es in die sechs Millionen Euro teure Beton- restaurierung des Großen Theaters. Immer noch liegt in Pompeji auf dem Weg zur Villa von Marcus Lucretius, dem mächtigsten Geldverleiher der Stadt, ein vor sich hin rottender roter Teppich, den man für einen Besuch Berlusconis ausge- rollt hatte. Er hatte vor ein paar Jahren Pompeji zum Notstandsgebiet erklärt, weil die Stadt von streunenden Hunden und mafiösen Touristenführer-Banden be- herrscht wurde und nur noch ein Bruch- teil der Häuser zu besichtigen war. Aber Berlusconi ließ sich nie blicken, auch nicht, als Ende 2010 die berühmte Gla- diatorenschule einstürzte und Staatsprä- sident Giorgio Napolitano von einer „Schande für die Nation“ sprach. In Herculaneum aber, der Schwester- stadt Pompejis, sorgt der Amerikaner Da- vid Woodley Packard, Sohn des Hewlett- Packard-Gründers, dafür, dass 30 Re- stauratoren am Erhalt der antiken Stadt arbeiten, es gibt Geld für Forschung und neue Ausgrabungen: Das Herculaneum Conservation Project investierte zusam- men mit der British School at Rome be- reits 15 Millionen Euro, nirgendwo hän- gen Werbetafeln. Rund 20 000 solcher Privatinitiativen soll es schon in Italien geben, Bürger grün- den Heimatmuseen, finanzieren den Denkmalschutz, und in Rom besetzten sie sogar das Teatro Valle, das sie nun in eigener Regie führen. Sie alle profitieren davon, dass der Staat so schwach ist. Salvatore Settis war früher einmal Ita- liens oberster Denkmalpfleger, bis er aus Protest gegen die Politik Berlusconis zu- rücktrat. Auch er weiß, dass es ohne Mä- zene nicht mehr gehen wird. Die Zeiten, sagt er, dass Italien aus Nationalstolz einer japanischen Firma untersagte, zwölf Millionen Euro zur Stabilisierung des Schiefen Turms von Pisa beizusteuern, seien lange vorbei. „Heute gehen wir mit dem Hut herum und betteln um Almosen. Und dabei haben wir es mit Bürgermeis- tern zu tun, die nichts von der Antike verstehen, sondern sie wie Oldtimer be- trachten oder wie schicke Immobilien in bester Lage, die sich meistbietend ver- scherbeln lassen.“ Nun muss das Land vor dem Bankrott gerettet werden. Die Kultur spielt dabei keine Rolle. Immerhin: Die Europäische Kommission hat jetzt beschlossen, den Erhalt von Pompeji mit 42 Millionen Eu- F1ONLINE ro zu bezuschussen. Ein Rettungsschirm, schon wieder. Seufzerbrücke in Venedig mit Werbeplakaten 2009: Die Stadt als Abziehbild ihrer selbst FIONA EHLERS D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 131
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    Kultur Im siebten Blondinenhimmel FILMKRITIK: „My Week with Marilyn“ ist ein wahres Märchen über die Begegnung zwischen der Diva und einem jungen Kinofan. W ahrscheinlich gibt es Projekte, gend bleich, den Blick meist flirrend ins vom Blondinenhimmel hinabgestiegen in die das Weltkino im Jahr 2012 Nirgendwo gerichtet, auf Schritt und Tritt das frühlingsfrische britische Inselreich. dringender braucht als einen von ihrer Schauspiellehrerin begleitet, im- Von der erhabenen Leidensfigur, die Spielfilm über die am gründlichsten be- mer Stunden zu spät. Und ist sie endlich Hardcore-Verehrer in Marilyn sehen, bleibt schriebene, aufs Finsterste missverstan- da, dann macht sie oft auf dem Stöckel- in diesem oft komischen Film wenig übrig, dene, am meisten vergötterte aller Holly- absatz kehrt, weil ihr ein Gesicht, ein Ge- zum Glück. Viel wurde über ihre Verletz- wood-Schauspielerinnen. In diesem Be- räusch oder sonst irgendwas nicht passt. lichkeit, ihre Tablettensucht und ihre wusstsein hat der Regisseur Simon Curtis Welch Wunder aber, wenn die Diva Elendskindheit geschrieben. Ihre Erotik einen Film über Marilyn Monroe (1926 doch mal in Stimmung ist: Dann wird aus und ihre Komik sind in Filmen und in bis 1962) gedreht. „My Week with Mari- dem verschreckten Geisterwesen eine Er- Fotobänden prachtvoll konserviert. Und lyn“ ist voller satter Farben, leicht und scheinung, eine absurd schöne, strahlen- doch würde es genügen, Michelle Williams amüsant, aber auch ein wenig zuzusehen, um den Befund des altmodisch. Der Charme dieses Dramatikers Arthur Miller nach Films entsteht dadurch, dass er seiner Ehe mit Marilyn zu begrei- sich, seine Geschichte und seine fen. „In ihrer Nähe treten bei den Hauptfigur keinen Moment lang meisten Männern jene Charak- wichtiger oder tragischer nimmt terzüge noch stärker hervor, die als nötig. sie sowieso haben“, schrieb „My Week with Marilyn“ er- Miller. „Ein Heuchler wird noch zählt davon, wie ein junger bri- heuchlerischer, ein Wirrkopf noch tischer Grünschnabel namens verwirrter, ein Zurückhaltender Colin (Eddie Redmayne), der hält sich noch mehr zurück.“ die Monroe gerade noch im Der Regisseur-Laufbursche Dunkel eines Kinosaals ange- Colin in „My Week with Mari- himmelt hat, plötzlich als dritter lyn“ jedenfalls ist ein naiv Begeis- Regieassistent auf einem Filmset terter, der sich in einen rettungs- vor den Toren Londons landet. los Liebenden verwandelt: Nach- Wie ein Alien, der mitten in den dem Miller, der hier als ulkige fünfziger Jahren auf der Erde Nebenfigur auftritt, sich entnervt eingetrudelt ist, tapst er stau- vom Filmset verkrümelt hat, nend herum zwischen Kame- wählt sich die Schauspielerin den ras, Schminkspiegeln und hyper- Kindskopf Colin als Vertrauten nervösen Künstlermenschen. und Spielgefährten. Er darf ihr Der junge Held in „My Week Beschützer sein, wenn sie sich with Marilyn“ ist engagiert für von Rauschmitteln zugedröhnt die Dreharbeiten zu einem Film, in ihrem Zimmer verbarrikadiert, ASCOT ELITE der heute Kinogeschichte ist. er darf ihr während einer Land- Das Werk heißt „Der Prinz und partie beim Nacktbaden zusehen, die Tänzerin“ und kam 1957 her- Monroe-Darstellerin Williams und er darf ein paar Nächte und aus, die Monroe und der be- Tage lang in ihren Armen liegen. rühmte Theaterschauspieler Sir Der Film basiert auf dem Buch Laurence Olivier spielten darin des britischen Autors Colin Clark die Hauptrollen, der Regisseur war Oli- de, Männer und Frauen gleichermaßen über seine Erlebnisse am Set von „Der vier selbst – und zwischen ihm und der verzückende Frau. Prinz und die Tänzerin“. Doch den Regis- amerikanischen Diva soll es zu vielen, Die Schauspielerin Michelle Williams seur Curtis interessiert nicht, was wirklich bald legendären Krächen gekommen sein. sah in ihren bisherigen Filmen, zu denen passierte zwischen dem Unschuldsknaben Wie turbulent es dabei im Einzelnen zu- „Brokeback Mountain“ oder „Blue Valen- und der Kinogöttin. Stattdessen beschwört ging, davon erzählt Simon Curtis’ Film. tine“ gehören, der Monroe nicht beson- er in „My Week with Marilyn“ den Zauber Kenneth Branagh spielt den brillanten, ders ähnlich. Trotzdem ist sie hier von der des Kinos. Der sorgt dafür, dass manche eitlen Theaterhaudegen Olivier. Vor Wut ersten Sekunde an eine plausible, umwer- im realen Leben nicht spektakulär begabte schnaubend, vor Entsetzen stierend, trifft fende Besetzung. Gerade weil sie nicht auf Menschen auf der Leinwand wie Sterne er auf eine Schauspielerin, die offenbar Nachahmung setzt, sondern ihre Filmfigur funkeln. Zugleich treibt dieser Zauber vie- aus einer anderen Galaxie stammt. Ein neu erfindet. Williams mag nicht die Ober- le Zuschauer – ähnlich wie den Filmhelden Meistermime, der glaubt, in seinem Me- weite, das Kinn und das breite Lächeln Colin – in den süßen Wahn, die Figuren auf tier wirklich alles erlebt zu haben, begeg- der Monroe haben. Deren Launen, deren der Leinwand seien einem so vertraut, dass net einem Star, wie ihn die Welt bis dahin Reiz und deren einzigartigen Flirt mit der man mit ihnen tatsächlich sein Glück fin- nicht gesehen hat. Die Monroe erscheint Kamera aber beschwört sie so lässig, als den könnte. Und sei es nur für sieben Tage. am Set wie ein Gespenst. Besorgniserre- wäre ihre Heldin tatsächlich noch einmal WOLFGANG HÖBEL 132 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Szene Sport ZEITGESCHICHTE Pionier des Dopings Der junge Mediziner Martin Brust- mann, der die deutschen Athleten bei den Olympischen Spielen 1912 betreu- te, genoss unter Sportlern schnell ei- FOTOS: DAVID GRAY / REUTERS nen guten Ruf. Warum, das wurde bald nach den Spielen von Stockholm klar. Da veröffentlichte Brustmann, später einer der führenden deutschen Sportärzte, sein „Olympisches Trai- nierbuch“ – eine der ersten Anleitun- gen zum Leistungsbetrug. Einen Ab- schnitt widmete er der Frage: „Wie soll man dopen?“ Der Begriff stammt aus einer Bantu-Spra- che und war zur Jahr- hundertwende in Deutschland auf- getaucht. Ein „Reizmit- tel“, dozierte der Me- dicus, müsse „sowohl dem sportlichen Erfor- dernis wie der Person sorgfältig angepasst sein“. Er selbst habe in Stockholm, „wenn eine Notwendigkeit dazu vorlag, die vorsichtige Anwendung sol- cher Mittel nicht verschmäht“. Welche Präparate Brustmann verabreichte, gab er in dem Buch nicht preis – vage erwähnte er „Kola-Tabletten“ und „Al- kohol, am besten Champagner“. Jahre zuvor hatte Brustmann Radfahrer bei Beachvolleyball-Arena, Kajak-Strecke, Olympiastadion in Peking Sechstagerennen untersucht, die Ko- kain nahmen. Erst 1952 stolperte der O LY M P I S C H E S P I E L E Mediziner, der im „Dritten Reich“ ei- ner der Leibärzte Reinhard Heydrichs, Unkraut auf der Tribüne des Chefs des Reichssicherheitshaupt- amts, geworden war, über seine Do- pingpraktiken: Nachdem er bei den deutschen Meisterschaften zwei Ruder- Das Olympiastadion in Peking ist cke ein mit Unkraut überwuchertes Achtern vor dem Rennen ein Testo- 333 Meter lang und 294 Meter breit, Feld samt verwitterter Tribüne. Den steronpräparat und das Amphetamin mit 69 Metern ist es so hoch wie die Organisatoren der Spiele in London ist Pervitin verabreicht hatte, wurde Türme von Notre-Dame in Paris, vor Peking ein mahnendes Beispiel. Das Brustmann suspendiert. Die Folge des vier Jahren wurde die „Vogelnest“ ge- East End galt lange als ein Schmuddel- Skandals: ein generelles Dopingverbot nannte Arena als eine architektonische viertel mit alten Fabriken und Hafen- durch den Deutschen Sportbund. Ikone des frühen 21. Jahrhunderts ge- docks, die Olympischen Spiele sollen feiert. Heute wird in dem Stadion spo- die Gegend nachhaltig aufwerten: Das radisch Fußball gespielt, manchmal fin- Athletendorf wird zu einem Wohnkom- den Konzerte statt, es war auch schon plex umfunktioniert werden und das ZITAT Platz für einen Winter-Wunderland- Pressezentrum zum Bürogebäude, die Themenpark. 30 Jahre werde es dau- Basketball-Halle soll wieder komplett „Alte Herren können ern, sagt das Stadion-Management, um verschwinden, die Schwimmhalle kann die 350 Millionen Euro zu refinanzie- von 17 500 Plätzen auf 2500 zurück- meinen Hintern küssen.“ ren, die der Bau gekostet hat. Viele der gebaut werden. Auch das Olympia- anderen olympischen Spielstätten Pe- stadion soll nach den Spielen schrump- Bubba Watson, 33, Golfprofi und vor- kings sind seit 2008 unbenutzt und ver- fen und nicht mehr 80 000, sondern nur vergangenen Sonntag Überraschungs- kommen. Die Beachvolleyball-Arena noch 60 000 Menschen fassen. Der Fuß- sieger beim Masters in Augusta, USA, ist eine Ruine, der Kajak-Parcours ein ballclub West Ham United möchte die bei einem Turnier 2008 zu seinem ausgetrockneter Kanal, die BMX-Stre- Arena zu seiner neuen Heimat machen. Gegner Steve Elkington, damals 45 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 133
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    Sport FUSSBALL Die Festung Der Trainer José Mourinho hat beim ehrenwerten Verein Real Madrid alles unter seine Kontrolle gebracht. Er hat die Macht und bestimmt, was die Öffentlichkeit erfahren soll. Vieles missfällt den Fans, manches den Spielern. DANIEL OCHOA DE OLZA / AP / DAPD Madrid-Stars Özil, Benzema, Ronaldo 134 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    V or der Schranke zur Einfahrt ins und allen unheimlich ist. Der Club ist bedeutendsten der rund 2000 „Peñas“ Trainingszentrum von Valdebebas nicht wiederzuerkennen. weltweit, so werden die Fan-Organisatio- stehen die Touristen mit ihren Ka- Mourinho ließ den Koch austauschen, nen genannt. „Real Madrid hatte einen meras, geduldig wie die Menschen am er hat seinen eigenen Presseattaché. Ver- tollen Ruf in der Welt“, sagt Arnaldo, „bis Vorabend in der Madrider Innenstadt süd- letzte Spieler schickt der Trainer zu portu- Mourinho kam.“ Wenn dies der Preis sei, lich der Puerta del Sol. Dort warteten sie giesischen Ärzten statt zu den Medizinern um Titel zu gewinnen, nämlich „dass wir auf die Karfreitagsprozession. der privaten Krankenkasse, die vertrags- unsere Seele dem Teufel verkaufen, die- Hier wird nun keine trauernde Jung- gemäß mit dem Club zusammenarbeitet. sem egoistischen, selbstverliebten Ty- frau Maria durch die Gassen getragen, Er glaubt, dass die acht Spanier seines Pro- pen“, dann sei dieser Preis zu hoch. hier steuert gleich Cristiano Ronaldo sei- fi-Kaders von der spanischen Presse über Eine Stunde vor der Partie gegen Va- nen Dienst-Audi aufs Gelände, gefolgt Gebühr protegiert würden, und er hasst lencia am vorvergangenen Sonntag steht von anderen Halbgöttern Real Madrids: es, wenn seine spanischen Spieler mit Kol- José Emilio Martín, 47, an der Nordseite Karim Benzema, Mesut Özil, Torwart legen des FC Barcelona, mit denen sie ge- des Stadions Bernabéu vor einem ande- Iker Casillas, den sie den „heiligen Iker“ meinsam Weltmeister wurden und befreun- ren Restaurant. Er ist der Präsident der nennen. Viele der Autos sind weiß wie det sind, auch nur telefonieren. Denn sei- Cinco Estrellas, dies ist der Treffpunkt die Trikots des Clubs, des weltbe- der gehobenen Fan-Gemeinschaft, rühmtesten und umsatzstärksten ein Hamburger vom Kobe-Kalb Fußballvereins. kostet 21 Euro. Martín trägt rote Die Fans und Touristen können Schuhe zur roten Hose, so erkennt die durchrauschenden Wagen knip- man ihn schnell. Er verteilt die Kar- sen, weiter sehen sie nichts. Das ten, auch die Flugtickets für Mün- Gelände ist abgeriegelt, Zaungäste chen. Früher hielt er Kontakt zu duldet der Cheftrainer José Mou- den Spielern. Die Ikone Raúl, jetzt rinho nicht. Angemeldete Journa- bei Schalke 04, würde ihn noch er- listen dürfen an Tagen wie diesem kennen, sagt er. herein, für exakt 13 Minuten öffnet Jetzt verbietet Mourinho den sich die Tür zur Terrasse des Pres- Fans diese Nähe, selbst Martín darf seraums. Von dort sind die Stars nicht mal zum Trainingsplatz. Die- zu erkennen, wie sie sich im Nie- ser Coach habe die Fan-Gemeinde selregen aufwärmen; diesmal spie- gespalten, meint er. Vor allem die len sie eine Art Basketball auf Fuß- hasenfüßigen Auftritte in den „Clá- balltore. Die teuerste Mannschaft sicos“ genannten Duellen mit Bar- der Erde, 475 Millionen Euro an celona haben Teile der stolzen An- DANIEL OCHOA DE / DAPD Ablösegeld, stellt gute Laune zur hänger als eine Erniedrigung emp- Schau. funden. Denn die Defensivtaktik Dann schließt die Tür, zehn Ka- wurde allseits verspottet. merateams werden vom Sicher- Was, wenn Mourinhos Team den heitspersonal hineingebeten, die Vorsprung gegenüber Barça, der Cracks verschwinden hinter herab- Real-Trainer Mourinho: „Gemeinsam weinen oder lachen“ mal zehn Punkte betrug, noch ver- gelassenen Rollläden. Zwei Stun- spielt? Und wenn es auch dem FC den später erscheint der Co-Trainer, um ner Vorstellung nach befindet sich Real Bayern unterliegt im „Clásico de Europa“, genau vier Fragen zu beantworten. Madrid mit Barça in einem Kriegszustand. wie die Zeitungen das Prestigeduell nen- Mourinho hat Real Madrid zur Festung Der Präsident wirkt in Mourinhos Ge- nen? Müsste „The Special One“, wie Mou- umgebaut. Die Spieler dürfen keine In- genwart nur noch willenlos. Bei seiner rinho sich selbst rühmte, dann gehen? terviews geben, er selbst mag nichts sa- Rückkehr an die Macht hatte der schwer- Präsident Pérez würde nie gegen die gen. Bei den wenigen Äußerungen nach reiche Unternehmer Florentino Pérez vor Mehrheit im Bernabéu entscheiden, heißt den Partien geht es immer um dasselbe: knapp drei Jahren noch von der Würde es. Aber kann man sicher sein, dass die Es sind wirre Andeutungen über eine an- des Clubs schwadroniert, von der „seño- Mehrheit die albernen Scharmützel Mou- gebliche Verschwörung finsterer Mächte, río“, der quasi in der Satzung verankerten rinhos wirklich noch unterstützt? zum Beispiel des europäischen Verbands Vornehmheit. „Damit erobern wir die Das Spiel gegen Valencia beginnt, das Uefa und der Schiedsrichter, die angeb- Herzen der Kinder.“ Stadion wummert. „Nessun dorma“ wird lich den Real-Rivalen FC Barcelona ge- Jetzt verteidigt er den kapriziösen abgespielt, die Arie aus Puccinis „Turan- winnen lassen und Madrid das Leben Coach sogar, wenn der einem Betreuer dot“, gesungen von Luciano Pavarotti – schwermachen in der Champions League Barcelonas hinterhältig einen Finger ins „diese Nacht soll niemand schlafen!“ Real und nun auch in der nationalen Liga. Auge bohrt. „Die Vornehmheit von Real Madrid spiele nicht, sagen die Spieler, die Kaum jemand nimmt das mehr ernst. Madrid ist, Real Madrid zu verteidigen“, jetzt auf der Leinwand auftauchen, Real Auf der Zielgeraden der Saison, kurz sagt Pérez inzwischen. So sehen es wohl Madrid rühre, gehe zu Herzen. vor dem europäischen Halbfinale gegen auch die Radikalsten der Fans, die im Sta- Unten auf dem Rasen greift sich Cris- Bayern München, ist der Real Madrid dion Santiago Bernabéu hinter dem Tor tiano Ronaldo noch schnell eine Plastik- Club de Fútbol in eine Identitätskrise ge- stehen, wenn die Hymne vom „Ehrenka- flasche und träufelt sich Wasser auf die rutscht. Früher war es so, dass die Trainer valier“ erklingt, der „im ehrlichen Kampf“ Frisur. Es folgt ein wilder Ansturm, of- hier mit Autoritätsproblemen zu kämpfen siegen soll. Aber die Unterstützung für fensiv, Chancen hüben wie drüben, Pfos- hatten, Spielbälle der mächtigen Präsi- Mourinhos Bunkerphilosophie schwindet. tenschüsse. Doch kein Tor. Null zu null. denten waren und die teuersten Stars he- Alfonso Arnaldo, 42, betreibt mit sei- Dann kommt Mourinhos Assistent Aitor gen mussten wie Könige. nem Bruder das Restaurant Oviedo, das Karanka zur Pressekonferenz und sagt, Jetzt hat der portugiesische Coach die von Real Madrids Fanclubs frequentiert das mit dem Schiedsrichter habe ja wohl ganze Macht und kontrolliert alles, er wird, er ist selbst seit 25 Jahren Vereins- jeder gesehen, „die ganze Welt“. misstraut jedem und macht sich einen mitglied und gehört zu den „Cinco Estrel- Niemand weiß, was er genau meinen Spaß daraus, dass er so unberechenbar las“, den fünf Sternen. Das ist eine der könnte. Die Frage ist, ob die paranoide D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 135
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    Sport Rhetorik wenigstens nachinnen wirkt. einem Jahr. Danach tadelte er Mourinho der Deutschtunesier vor der Presse, ne- Ob Mourinhos Festungspolitik eine stabi- nie wieder. ben ihm Mourinho. Als eine kritische Fra- le Wagenburg hinterlässt, ob sich die Spie- Direktor Campillo wird energisch. ge zur Öffentlichkeitsarbeit gestellt wur- ler mit ihm gegen all die vermeintlich „Mourinho ist eingestellt worden, um die de, bedeutete der Trainer dem Spieler, er feindlichen Mächte verbünden. Hegemonie Barcelonas zu brechen“, sagt solle die Veranstaltung verlassen. Khedira Alle sind ja gegen sie, zum Beispiel die er. „Wenn er nun keine Titel holt, hat es stand auf und ging. Presse. Was die wieder alles geschrieben keinen Sinn, all die Spannungen, die er Sicherlich, die Profis sind stolz, für den habe, wetterte Mourinho in künstlicher erzeugt hat, weiter zu ertragen und sein Club zu spielen, der allein in Europa Aufregung kurz vor Ostern, als er noch unsportliches Auftreten zu dulden.“ 31 Millionen Fans haben soll. Der Brasi- öffentlich sprach. Als habe er auf solch Im Januar gab das Blatt einen Disput lianer Marcelo hat sich die 12, seine Rü- vermeintliche Fehlspekulationen nur ge- vom Trainingsplatz wieder, den Wortlaut ckennummer, auf den linken Unterarm wartet, zählte er auf: Ihn hätten sie mit bestätigt oder dementiert der Club nicht. tätowieren lassen. Und Mourinho scheint Manchester City in Verbindung gebracht, Demnach habe der Trainer mit Abwehr- recht zu behalten mit seiner These: In sei- Casillas mit Schalke 04, Angel Di María spieler Sergio Ramos über ein taktisches nem zweiten Jahr spielen seine Mann- mit wer weiß wem – alles unwahr, da sehe Stellungsspiel gegen Barcelona bei einem schaften stets besser als zuvor. Seine Akri- man mal. „Aber“, schloss Mourin- bie, mit der er die Seinen auf den ho, „die Gruppe ist stark, wir ge- Gegner vorbereitet, wird oft gelobt. hen zusammen bis zum letzten Jetzt hieß es allerdings, Mourin- Tag, dann werden wir gemeinsam ho sei sogar imstande, sein Team weinen oder lachen.“ zu verraten. Einmal, beim 2:2 Ende Immerhin hat die Mannschaft Januar im Pokalrückspiel gegen schon mehr als hundert Tore in der den FC Barcelona, hatte er seine Liga erzielt, geschlossen und sys- Angsthasentaktik überraschend tematisch geht sie vor, wenn sie aufgegeben. Aus perfidem Grund, den Ball erobert. Der Gegner, behaupten Reporter: um das eige- schreiben die Kommentatoren, ne Team in den Untergang zu ja- werde entwaffnet wie von einem gen – damit alle Welt sehe, dass er Heer. Und wenn der Tabellenfüh- zuvor doch richtig gelegen habe rer mal auf Einzelaktionen seines mit der ultradefensiven Ausrich- fulminanten Torschützen Ronaldo tung in all den „Clásicos“ zuvor. angewiesen ist wie vorigen Mitt- Ein krauser Vorwurf vielleicht, nur woch beim 4:1 im Lokalderby bei ein Gerücht. Aber es kam aus der MONTSE VELANDO / CONTACTO / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL Atlético Madrid, vergisst der Held Mannschaft. anschließend nicht zu erwähnen, Alfredo Relaño traut diesem dass auch dies ein Gemeinschafts- Trainer alles zu. Der Chef des werk gewesen sei. „Marca“-Konkurrenten „As“ traf „Wir haben an uns geglaubt, als sich früher regelmäßig mit Real- wir für tot erklärt wurden“, sagte Präsident Pérez. Der redet nun des Trainers Sprachrohr Karanka nicht mehr mit ihm, seit die beiden schön pathetisch – da war wieder sich über Mourinho stritten. Rela- die Kernaussage: Allen, die gegen ño beschrieb den Coach in seinen uns sind, zeigen wir es. Kolumnen als manisch und rüpel- Im nördlichen Stadtteil Horta- haft. Den Presseboykott hält er für leza hat „Marca“, das führende eine tyrannische Entscheidung, Sportblatt Spaniens mit täglich denn „Tyrannen lassen gern ihre 270 000 verkauften Exemplaren, Zeitungschef Campillo: „Unsportliches Auftreten“ Macht spielen“, sagt er am Vor- seinen Sitz; es ist die Zeitung für abend des Derbys gegen Atlético. die „Madridistas“, die Fans von Real. Os- Eckball gestritten. Ramos soll Mourinho Eine demütigende Niederlage, das 0:5 car Campillo ist der Direktor seit einem vorgehalten haben, selber nie ein Spieler in Barcelona vor eineinhalb Jahren, Jahr, er trägt eine fröhliche Krawatte mit gewesen zu sein. Und als der Coach ge- glaubt Relaño, habe Mourinho traumati- Karos in Weiß und Pink. An Mourinho genüber Ramos gerade etwas über „den siert, ihn „erblinden“ lassen in seiner Ra- droht er zu verzweifeln. Früher hat Torwart“ habe sagen wollen, rief Iker Ca- serei. Fachlich halten viele den Coach für Campillo im politischen Journalismus ge- sillas laut „Marca“ aus einiger Entfernung: genial. Aber er macht alle verrückt. arbeitet, nirgends seien die politischen „Eh, Mister, hier bei uns ist es üblich, dass Vor dem Duell mit den Bayern ist auch Verzweigungen jedoch so weitreichend man sich die Sachen ins Gesicht sagt!“ noch Di Stéfano krank. Seit zwei Wochen wie bei Real Madrid, sagt er und atmet Der Vorgang könnte etwas über das ging er nicht in sein Büro in der Arena, schwer. Klima hinter den Mauern von Valdebebas er liege im Bett seiner Wohnung in Sta- Wenn beispielsweise die Vereinslegen- verraten. Sami Khedira, der deutsche Na- dionnähe, sagt der gebürtige Argentinier, de Alfredo Di Stéfano, heute Ehrenpräsi- tionalspieler, widerspricht am Telefon: Held der fünfziger Jahre, am Telefon. dent und „Marca“-Kolumnist, sich kri- Wenn die Mannschaft in Auswärtsspielen Di Stéfano, 85, spricht nicht, er röhrt. tisch äußere, müsse man befürchten, dass wie gegen Osasuna fünf Tore schieße, Dies sei „die beste Mannschaft, die Ma- Mourinho die Subventionen für die Vete- könne die Stimmung so schlecht ja nicht drid je hatte“. Der FC Bayern? „Ein mit- ranenmannschaft streichen lasse. Einmal sein. Mehr will er nicht sagen – das Inter- telmäßiges Team.“ Aber was ist mit sei- hat sich Di Stéfano, einst Anführer des viewverbot. ner Kritik an Mourinho, mit der ängstli- „Weißen Balletts“, das fünf Europapokal- Über Khedira sagen sie in Madrid, chen Maus? „Ich habe nie etwas über siege in Serie einfuhr, abschätzig über die Mourinho habe ihn zu einem Fußball- Mourinho gesagt und werde nie etwas Taktik des Portugiesen geäußert: Die soldaten geformt, wenig kreativ, aber ge- über ihn sagen“, ruft der heisere Ehren- Mannschaft, ängstlich „wie eine Maus“, horsam. Neulich vor dem Champions- präsident. Alle seien glücklich. habe keine Persönlichkeit. Das war vor League-Spiel im zyprischen Nikosia saß JÖRG KRAMER 136 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    verkündete, in Zukunftfür Ducati zu star- Technisch ausgedrückt: Sie hat ein Kon- MOTORRADRENNEN ten, schien sich eine Traumehe anzubah- struktionsproblem. Zicke! nen. Der erfolgreichste und aufregendste Auf einem Rennmotorrad ist es für den Rennfahrer der Gegenwart hatte jahrelang Fahrer wichtig zu spüren, wann das Vor- im Dienste der japanischen Massenherstel- derrad in den Kurven zu rutschen beginnt. ler Honda und Yamaha triumphiert. Nun, Geht die Haftung verloren, lässt sich ein Alle Euphorie über die Liaison so der Plan, würde er seine Laufbahn krö- Sturz kaum noch vermeiden. Diese Gren- von Superstar Valentino nen, bei einer legendären Marke, die Sport- ze ist schmal, sollte aber wenigstens so Rossi mit Ducati ist verflogen: motorräder baut und weit über Italien hin- breit sein, dass dem Piloten Zeit bleibt zu aus einen Klang wie Ferrari hat. reagieren. Bei der Ducati gibt es solch ei- Der Italiener fährt auf seiner Was folgte, war die düsterste Saison in nen Moment offenbar nicht. Sie schmiert Rennmaschine lustlos hinterher. Rossis Karriere. Obwohl er seine vertrau- vorn ohne Warnsignal weg, als ob der te Crew aus einem Dutzend Technikern Asphalt plötzlich aus Seife wäre. E ine Rennmaschine habe eine Seele, mitgebracht hatte, gewann er keinen ein- Er bekomme kein Gefühl für das Vor- sagte Valentino Rossi einmal, er zigen Grand Prix. Er stürzte öfters. Im derrad, klagt Rossi immer wieder, ihm hege „menschliche Gefühle“ für sie. Oktober wurde er in einen tragischen Un- fehle das Vertrauen in das Motorrad. Die „Ich frage sie, ob sie etwas für mich ma- fall verwickelt. In Malaysia rutschte der Folge ist, dass er vorsichtig fährt. Dass er chen kann. Und wenn es eine Beziehung italienische Ex-Weltmeister Marco Simon- zu langsam wird. Sein Selbstvertrauen gibt, dann macht sie das für mich. Des- celli ausgangs einer Kurve aus dem Sattel, verliert. Noch langsamer wird. Den An- wegen sehe ich das Motorrad nicht nur zwei dichtauf folgende Fahrer konnten schluss an die Spitzenreiter verpasst. als ein Stück Eisen.“ nicht ausweichen, überrollten und ver- Noch vorsichtiger fährt. Ein Rossi hat kei- PETR DAVID JOSEK / DAPD PICTURE ALLIANCE / DPA Ducati-Fahrer Rossi in Doha, Pilot Rossi: „Ich kann dieses Motorrad nicht fahren“ Esoterisch geworden? Benzindämpfe letzten ihn tödlich. Einer der beiden war ne Lust mehr, für einen Rang im Mittel- eingeatmet? ein Freund Simoncellis: Rossi. feld seine Knochen zu riskieren. Rossi, 33, steht nicht im Verdacht, ein Er habe diesen Schicksalsschlag ver- Das Konstruktionsbüro von Ducati hat Wirrkopf zu sein. Auf zwei Rädern hat kraftet, sagen Beobachter, Rossi wisse um auf Drängen von Rossi und seiner Crew er neun Weltmeistertitel und 105 Grands das Berufsrisiko. Zwar sei er ernster als bereits begonnen, sich von technischen Prix gewonnen, sein Jahrestarif liegt bei früher, aber das liege daran, dass er mitt- Irrtümern zu verabschieden. Das Chassis etwa 15 Millionen Euro – das alles hat er lerweile zu den Ältesten im Starterfeld wird nicht mehr aus Kohlefaser gefertigt, seiner Cleverness zu verdanken. Nach- gehöre. Scherze sind ihm angesichts sei- sondern aus Aluminium, weil es weicher vollziehbar ist trotzdem, was er sagt. ner Probleme vergangen. Anders als frü- ist und so dem Fahrer ein besseres Gefühl Denn jedes Mal, wenn er aufsteigt, ver- her geschehen, dreht er nicht mehr mit für den heiklen Vorderreifen vermittelt. traut sich Rossi einer Rakete mit einer einer Sexpuppe als Sozia die Auslauf- Trotzdem wird die Manufaktur Ducati in Schubkraft von 230 PS an, die ihn, wenn runde. Wer will schon einen Clown sehen, absehbarer Zeit kaum eine Chance haben es unglücklich liefe, schnurstracks vom der das Rennen lang unauffällig bleibt, gegen die Giganten aus Japan und deren Leben zum Tode befördern könnte. Oder aber hinterher seine Show abzieht? Heerscharen von Ingenieuren. zumindest ins Krankenhaus. In dieser Saison, dem zweiten und vor- Rossi sagt, er könne sich vorstellen, So klang es denn auch wie das Ende erst letzten Vertragsjahr bei Ducati, soll noch zwei Jahre weiterzufahren, bevor einer Liebe, als Rossi am vorvergangenen es endlich vorangehen. Nach den ersten er seine Karriere beende. Drei Arbeit- Sonntag nach dem ersten Saisonrennen Testfahrten war von Optimismus die geber stünden zur Auswahl. Theoretisch. in Katar sagte: „Ich kann dieses Motorrad Rede, doch der hielt sich nur kurz. „Du- Denn bei Honda und Yamaha war Rossi nicht fahren.“ Nur Platz zehn im Ziel, ein cati hat nicht das Motorrad gebaut, das bereits, und dort hält sich das Verlangen Konkurrent hatte Rossi respektlos mit ei- ich verlangt habe“, meckert Rossi jetzt. nach einer Rückkehr des eigenwilligen, nem Rempler überholt. Kurz dachte Rossi Von außen betrachtet mag seine Renn- hochbezahlten Superstars in Grenzen. daran, die Boxengarage anzusteuern und maschine einer Schönheit gleichen, ele- Bliebe einzig und allein Ducati. Die aufzugeben. gant ist ihre Form und glatt ihre Ober- Zeit der großen Gefühle ist vorbei, es Katar ist der Tiefpunkt einer Liaison, fläche, ihr Name – Ducati Desmosedici – geht darum, eine Zweckgemeinschaft zu die vor eineinhalb Jahren verheißungsvoll hört sich rassig an. Aber erwiesen hat sie retten. begonnen hatte. Als Rossi im Sommer 2010 sich als Zicke. DETLEF HACKE D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 137
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    Trends Medien SPRINGER-URTEIL Aufseher wehren sich Das Urteil des Bayerischen Verwal- tungsgerichtshofs im Februar war ein Triumph für das Haus Axel Springer. Die Richter hatten erklärt, dass die MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD Medienaufseher, darunter die KEK, die einst geplante Übernahme des Fernsehkonzerns ProSiebenSat.1 durch Springer zu Unrecht untersagt hatten. Eine Revision ließ das Gericht „Gottschalk live“-Talkshow nicht zu. Nun wehrt sich die Kontroll- kommission KEK gegen das Urteil. An diesem Montag, dem letzten Tag der T V- Q U O T E N Frist, werde man Nichtzulassungs- beschwerde zum Bundesverwaltungs- gericht einreichen, erklärte die KEK- Vorsitzende Insa Sjurts. „Wir erhoffen Gottschalk zieht ARD nach unten uns eine abschließende Klärung und Die schlechten Zuschauerzahlen von „Gottschalk live“ haben das erste Programm ein deutliches Signal zugunsten einer in der Publikumsgunst auf den vierten Rang abrutschen lassen. Zu diesem Er- effektiven Konzentrationskontrolle“, gebnis jedenfalls kommt die Analyse eines internen ARD-Papiers zur aktuellen so Sjurts. Die Fusion des Verlags mit Wettbewerbssituation. Im ersten Quartal 2012 habe das Erste trotz Wintersport- dem TV-Konzern hatte 2006 auch das übertragungen keine zufriedenstellenden Einschaltzahlen gehabt. Mit einem Kartellamt untersagt. Marktanteil von 12,3 Prozent der Zuschauer ab drei Jahren lag es hinter RTL (13,5 Prozent) und dem ZDF (12,6 Prozent) sowie den eigenen dritten Program- GORAN GAJANIN / ACTION PRESS men (12,5 Prozent). Als wesentlichen Grund nennt das Papier das seit Januar ver- änderte Vorabendprogramm. Die Zuschauerresonanz liege deutlich hinter der der bisher auf diesem Sendeplatz gezeigten Sendungen. Fatal seien nicht nur die schlechten Quoten der neuen Gottschalk-Show, sondern auch die Verschiebungen auf den anderen Vorabendplätzen, die die ARD für Gottschalk bewerkstelligen musste. Der Verlust summiere sich zwischen 18 und 20 Uhr auf 600 000 Zuschauer. Wenn sich daran nichts ändere, werde es schwer, das Jahr 2012 erfolgreich abzu- ProSiebenSat.1-Sendezentrale schließen, heißt es warnend in dem Papier. N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N Das Beste an dieser Rolle ist, dass in tende Chefredakteur Philipp Gut, der ihr jede Reaktion zur Bestätigung der als Autor einen Artikel zu diesem The- eigenen Position wird. Je größer die ma mitverfasst hat. Nun gibt es zahl- Denk|ver|bot Zustimmung, desto stärker der Ein- druck, dass endlich jemand gesagt hat, reiche Beweise dafür, dass es tatsäch- lich möglich ist, ernsthaft und offen was gesagt werden musste. Je heftiger über solche Probleme zu reden. In die das: Tabu-Attrappe zur Aufmerksamkeits- die Ablehnung, desto offenkundiger, attraktive Rolle des Tabu-Brechers steigerung dass man, wie gesagt, eigentlich nicht kam die „Weltwoche“ nur dadurch, sagen durfte, was man gesagt hat. dass sie einen Roma-Jungen auf dem Wenn immer mehr Menschen Dinge Die Schweizer Zeitung „Weltwoche“ Cover zeigte, der mit einer Waffe auf sagen, die man nicht sagen darf, weil hat unter ihrem Besitzer und Chef- den Betrachter zielt, und dazu titelte: man sie nicht sagen darf – müsste man redakteur Roger Köppel (Bild) in den „Die Roma kommen – Raubzüge in die sich dann nicht irgendwann von dem vergangenen Jahren fast ihr ganzes pu- Schweiz“ – als bestehe ein ganzes Gedanken verabschieden, dass man blizistisches Image auf dem Gedanken Volk aus Verbrechern. sie nicht sagen darf? aufgebaut, dass die Welt (und ins- Es ist leider überhaupt nicht möglich, Verwirrenderweise scheint es heute besondere die Schweiz) voller Denk- mit Gut oder Köppel auch nur darüber mehr Tabu-Brecher als Tabus zu geben. verbote ist, und dass das, zu streiten, weil sie jede Kri- Die Medien sind voll von Leuten, die was zu denken verboten ist, tik an ihrer demagogischen sich einer angeblich herrschenden „Poli- vermutlich deshalb verboten Darstellung als Kritik an den tical Correctness“ widersetzen. Entwe- ist, weil es wahr ist. Tatsachen oder ihrer Ver- der haben die Strafen, die die vermeint- Aktuell tut sie so, als dürfe öffentlichung behandeln. liche Denk- und Sprechpolizei aus- man nicht über kriminelle Man sollte annehmen, dass sprechen kann, jede abschreckende Banden von osteuropäi- sie zwischen beidem unter- Wirkung verloren. Oder die Tabus sind schen Roma-Familien berich- scheiden können müssten. ohnehin nur imaginiert, um in die ten. „Es muss doch möglich Aber es sieht tatsächlich so attraktive und aufmerksamkeitsstarke sein, ernsthaft und offen aus, als hätten sich die Pose des Widerstandskämpfers schlüp- über solche Probleme zu beiden da ein Denkverbot fen zu können wie zuletzt Günter Grass. reden“, klagt der stellvertre- auferlegt. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 139
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    Erbe Axel SvenSpringer, Großvater Axel Springer um 1955: „Er hat sich große, große Mühe mit mir gegeben“ SPI EGEL-GESPRÄCH „Leider hatte ich Vertrauen“ Axel Sven Springer, Enkel des verstorbenen Verlegers Axel Cäsar Springer, über den Jubiläumstaumel des Konzerns, seine Entführung als Jugendlicher und den dauernden Erbstreit mit Friede Springer E r hat eines der größten Medien- Am Donnerstag dieser Woche kommt Axel Sven Springer wurde Kaufmann, imperien Europas geschaffen und ein Buch heraus, das die Jubiläumsselig- lernte in der verlagseigenen Journalisten- die umstrittenste und einflussreichs- keit im Verlag trüben könnte. Axel Sven schule und ging zur „Bild“-Gruppe. We- te Zeitung Deutschland erfunden, die Springer, 46, der Enkel des Verlegers, be- gen des Rechtsstreits zog er sich 2002 zu- „Bild“-Zeitung. Axel Cäsar Springer, der schreibt in „Das neue Testament“, dass rück und widmete sich sechs Jahre lang 1985 starb, hat die Bundesrepublik ge- er sich um große Teile des Erbes betrogen den Prozessen. prägt und polarisiert wie kein anderer fühlt und warum er jahrelang Prozesse Verbittert wie ein Rechthaber wirkt Verleger, er war das Feindbild der revol- führte gegen die Haupterbin und Witwe Axel Sven Springer nicht. Er spricht tierenden Studenten von 1968. Am 2. Mai seines Großvaters, Friede Springer*. gelassen über die vielen Katastrophen würde er 100 Jahre alt. Der von ihm ge- seines Lebens, wie jemand, der daran ge- gründete Axel-Springer-Verlag wird die- * Axel Sven Springer: „Das neue Testament“. Verlag wöhnt ist, dass es normal ist, wenn gar ses Jubiläum groß feiern. Haffmans Tolkemitt, Berlin; 288 Seiten; 19,95 Euro. nichts normal ist. 140 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Medien gerade ist ein Buch erschienen mit dem Untertitel „Ein deutsches Feindbild“. Springer: Vieles, was in den Biografien über meinen Großvater steht, ist Quatsch, teilweise bösartig. Ich bin sehr stolz auf ihn, obwohl er für mich kein Übermensch war. Als Verleger eine Sensation, fast genial, aber als Familienmensch absolut untauglich. SPIEGEL: Ihr Vater, der als Fotograf unter dem Namen Sven Simon arbeitete, brach- te sich 1980 um, Sie waren 13 Jahre alt. Um seinen Sohn hat sich Axel Springer nie gekümmert, um Sie dafür rührend. Springer: Ja, er hat sich große, große Mühe gegeben. Aber erst nach dem Tod meines Vaters. Er hat wohl einiges gutmachen wollen, was er bei ihm versäumt hatte. SPIEGEL: Was denn? Springer: Jeder durchschnittlich begabte Vater, der merkt, dass sein Kind gern ins Unternehmen möchte, setzt doch alles daran, ihm den Weg zu ebnen. Und zwar instinktiv und selbstverständlich. Mein Großvater hat es schlichtweg verpasst, sei- nen Sohn als Nachfolger sukzessive auf- zubauen, er hat ihn wohl alleingelassen. SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das? Springer: Die Springers waren keine nor- male Familie. Mein Großvater war passiv, was Familie betraf, desinteressiert. Und er hatte kein Regulativ. SPIEGEL: Friede Springer war in den letz- ten zwanzig Jahren seines Lebens seine engste Vertraute. War sie kein Regulativ? Springer: Die Friede Springer von damals hat mit der Friede Springer von heute we- nig zu tun. Damals war sie nicht sehr selbstbewusst. SPIEGEL: Es war kein Verhältnis auf Augen- SPIEGEL: Herr Springer, Sie haben in Ihrem die Feier stören, dann hätte ich gewartet – höhe? Leben noch nie ein Interview gegeben. bis zum 101. Geburtstag. Dass sich nicht Springer: Niemand hatte zu meinem Warum geben Sie uns nun eines? jeder über jede Zeile freuen wird, ist klar. Großvater ein Verhältnis auf Augenhöhe. Springer: Ich gehe nicht gern in die Öf- Aber wenn das Buch für manche störend Friede war für meinen Großvater da. fentlichkeit. Das ist jetzt eine Ausnahme. wirkt, dann sollten die sich mal fragen, Das hat sie auch wirklich sehr liebevoll Aber dann wird wieder Ruhe sein. ob sie die Störung nicht selbst zu verant- gemacht. SPIEGEL: In diesen Tagen veröffentlichen worten haben. SPIEGEL: Aber sie tat nur, was er wollte? Sie ein Buch. Darin schreiben Sie, Sie sei- SPIEGEL: Sie meinen Friede Springer, Ihre Springer: Egal, was passierte, egal, wonach en um den Großteil Ihres Erbes gebracht Stiefgroßmutter? er fragte – mein Großvater bekam fast worden. Mit diesem Vorwurf sind Sie Springer: Das klingt ja schlimm, fast böse. immer von allen nur die Antwort: „Be- schon 2008 bei Gericht gescheitert. War- Nennen wir sie Friede Springer. Ein paar reits veranlasst, Herr Springer“. Das ist um dieses Buch und warum jetzt? ehemalige leitende Angestellte des Ver- ein geflügeltes Wort in der Familie. Springer: Ich dachte, es sei Zeit, einer brei- lags und sicherlich auch Friede sollten SPIEGEL: Wie nahe kamen Sie ihm? ten Öffentlichkeit zu erklären, warum sich fragen, warum sie da sind, wo sie Springer: Nach dem Tod meines Vaters ich sieben Jahre lang wegen des Erbes sind, und warum sie gesellschaftlich ein schrieben wir uns wöchentlich Briefe und prozessiert habe. Der 100. Geburtstag solches Ansehen genießen. sahen uns oft. Mich interessierten Zeitun- meines Großvaters am 2. Mai ist der SPIEGEL: Der Verlag erinnert sich oft und gen wahnsinnig, und ich habe mit ihm richtige Anlass, um mein Verhältnis zu gern an seinen Gründer. Das Jubiläum viel übers Zeitungmachen und über Poli- ihm und die Machenschaften hinter sei- der deutschen Einheit wurde zelebriert, tik gesprochen. Er hat mir erklärt, warum nem Erbe aus meiner Sicht darzulegen. als wäre sie Ihrem Großvater persönlich er DDR in Anführungszeichen setzen ließ Das habe ich ja noch nie getan, außer zu verdanken. Reicht Ihnen das nicht? – er fand alle drei Buchstaben verlogen, vor Gericht. Springer: Ich habe das Gefühl, dass jenseits so wie Willy Brandt sagte: weder deutsch SPIEGEL: Der Axel-Springer-Verlag wird der großen Jubiläen nicht mehr so gern noch demokratisch, noch Republik. den 100. Geburtstag groß feiern. Ihr Buch an den Verleger gedacht wird, einige son- SPIEGEL: Haben Sie mit ihm darüber gere- wird für einige sehr unangenehm sein. nen sich lieber im eigenen Glanz. Etwas det, welch schwierige Rolle der Verlag Wollen Sie die Feierlichkeiten torpedieren? mehr Dankbarkeit fände ich angemessen. bei den Studentenprotesten gespielt hat? Springer: Nein. Das wäre destruktiv. Ich SPIEGEL: Es hat doch Gründe, dass sich der Springer: Auch wenn Sie das nicht gern bin mit meinem Großvater im Reinen. Verlag abnabelt. Axel Springer war für hören werden, ich habe immer vollstes Hätte ich das Gefühl gehabt, es würde eine ganze Generation eine Hassfigur, Verständnis dafür gehabt, für welche Wer- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 141
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    2 1 [1]Axel Sven Springer mit Großvater Axel und keinen einzigen Gedanken, das können ter entschuldigte sich darin für den Dum- SVEN SIMON / VERLAGE HAFFMANS TOLKEMITT (2); SCHWEIZER ILLUSTRIERTE/VERLAGE HAFFMANS TOLKEMITT; RONDHOLZ / ULLSTEIN BILD; REETZ / ADOLPH PRESS (V.L.N.R.) dessen späterer Frau Friede auf Sylt 1976 Sie mir glauben. Hinterher habe ich mich me-Jungen-Streich ihres Sohns. Hat das [2] Axel Springer junior alias Sven Simon 1968 natürlich gefragt: Warum ich? Ich bin ja Ihren Blick auf diesen Verlag und auf Ih- [3] Berichterstattung über Entführungsopfer auch so unhandlich mit meinen fast zwei ren Großvater verändert? Axel Sven Springer, Februar 1985 Metern. Als die Entführer sagten, ich solle Springer: Ich habe erst vor kurzem davon [4] Axel Sven Springers Mutter Rosemarie und mich in den Kofferraum eines Golfs legen, erfahren. Ich bin mir noch nicht mal sicher, Schwester Ariane auf der Beerdigung Axel habe ich so getan, als würde ich da nicht ob mein Großvater und meine Mutter das Springers am 27. September 1985 reinpassen. Sie haben mir aber schnell überhaupt wussten. Das werden irgendwel- [5] Springer-Führungstrio Servatius, Friede klargemacht, dass das doch geht. Ich hatte che Leute bei Springer aufgesetzt haben. Springer, Döpfner 2001 die Bilder des Arbeitgeberpräsidenten SPIEGEL: Der Selbstmord Ihres Vaters, Hanns Martin Schleyer im Kopf, der tot dann die Entführung – warum haben Sie im Kofferraum lag. Unter mir hatten die sich nie psychologische Hilfe geholt? te sich mein Großvater starkgemacht hat Entführer eine Folie ausgelegt. Vor Ge- Springer: Eine großartige Erfindung des und dass er, unabhängig von momenta- richt sagten sie, sie hätten das getan, da- lieben Gottes ist ja die der Mutter. Ich nen Stimmungen, daran festhielt. Er war mit ich es wärmer habe. Ich dachte, die hatte eine tolle Mutter und habe eine tolle Verleger, kein Politiker. liegt da, um mein Blut aufzufangen. Schwester, wir haben nach der Entfüh- SPIEGEL: Wie sind Sie als Kind mit dem SPIEGEL: Die vier Entführer, darunter zwei rung das Normalste getan, was man tun Tod Ihres Vaters zurechtgekommen? ehemalige Schüler des Internats, verlang- kann: uns hingesetzt und geredet. Springer: Mit 13 hat man wohl noch eine ten 15 Millionen Mark Lösegeld. Haben SPIEGEL: Wie war das Verhältnis zu Ihrem Art Schutzfilm, aber mit 17 oder 18 gibt Sie sich Sorgen gemacht, ob Ihr Groß- Großvater nach der Entführung? es Fragen, die kann man nur dem Vater vater so viel bezahlen kann? Springer: Ich hatte während der Entfüh- stellen. Da ist es besonders schlimm, Springer: Die Entführer sagten mir: „Egal, rung so ein Bild vor Augen, dass, wenn wenn er fehlt. Auch heute noch. ob gezahlt wird oder nicht, wir bringen ich befreit werde, die ganze Familie da SPIEGEL: Sie kamen nach dem Tod Ihres dich sowieso um.“ Ich habe nie verstan- steht und mich in den Arm nimmt. Meine Vaters aufs Internat. Nach Zuoz in die den, warum man so brutal sein musste. Mutter und meine Schwester waren da, Schweiz, dasselbe Internat, auf dem Um das Geld habe ich mir keine Sorgen und das war wunderbar. Aber mehr war schon Ihr Vater als Kind unglücklich war. gemacht, ich war sicher, dass er mir hilft. eben nicht. Mein Großvater muss gesund- Das muss doch furchtbar gewesen sein. SPIEGEL: Nach Ihrer Freilassung glaubten heitlich schon sehr angeschlagen gewesen Springer: Es stimmt, dass mein Vater nicht die Polizei und auch die Presse Ihnen zu- sein. Er wäre sonst gekommen. glücklich war dort. Einen Neunjährigen nächst nicht, dass Sie wirklich entführt SPIEGEL: Er starb im September desselben schickt man nicht aufs Internat. Ich selbst worden waren. In den Blättern – leider Jahres, 1985. Hatten Sie darüber nachge- war aber schon 15. Im ersten Jahr hatte auch im SPIEGEL – wurde suggeriert, Sie dacht, was er Ihnen vererben würde? ich Heimweh, dann fand ich es toll. Im hätten das nur inszeniert. Vom großen Springer: Ich hatte überhaupt nicht damit Internat hat man alle Freunde versam- Bluff des Springer-Enkels war die Rede, gerechnet, dass er bald sterben würde, melt. Mir hat das gutgetan. dessen Großvater mit „Bild“ Millionen das zog mir den Boden unter den Füßen SPIEGEL: Gutgetan? verdiente. Hatten Sie das Gefühl, noch weg. Und gerade in dieser Zeit hatte ich Springer: Wenn sich der eigene Vater so einmal Opfer zu werden, diesmal das Op- andere Dinge im Kopf als das Erbe. Der aus dem Leben verabschiedet, wie es fer einer Anti-Springer-Stimmung? Prozess gegen die Entführer lief, ich muss- mein Vater getan hat, dann kriegt man Springer: Das war schlimm. Da wurde auf te um mein Abitur kämpfen. es mit der Angst zu tun. Das ist wirklich den Enkel eingeprügelt, obwohl der Groß- SPIEGEL: Kurz nach dem Tod Ihres Groß- furchterregend. Ich brauchte Abstand. vater gemeint war. Dass sogar der ehrwür- vaters bekamen Sie eine Einladung nach SPIEGEL: Sie wurden 1985 aus dem Internat dige SPIEGEL so danebengriff, habe ich Berlin. Hatten Sie eine Ahnung, was dort entführt, Sie waren damals 19 Jahre alt. nicht verstanden. Das kam wohl alles da- ablaufen würde? Welche Erinnerungen haben Sie daran? her, dass die Entführer plötzlich die Ner- Springer: Ich wurde abgeholt, mit einer Springer: Erinnerungen habe ich an jede ven verloren und mich am Zürcher Flug- Limousine. Das hatte es vorher nie gege- Minute der 68 Stunden. Das brennt sich hafen freigelassen hatten, ohne Lösegeld. ben. Der Chauffeur fuhr mich zum Zür- ein, das ist immer da. Man wird vorsich- Sie sagten mir, ich solle der Polizei erzäh- cher Flughafen, mit der PanAm flog ich tig, vor allem mit Menschen. len, ich sei in einem Mercedes entführt nach Berlin, wurde wieder abgeholt, der SPIEGEL: Ist Ihnen bei der Entführung zum worden, was ich zuerst auch tat. Zehn Mi- Fahrer fuhr mich nach Schwanenwerder. ersten Mal bewusst geworden, was es nuten später korrigierte ich meine Aussage, SPIEGEL: Zum Anwesen Ihres verstorbe- heißt, den Namen Springer zu tragen? und schon wurde mir unterstellt: alles Lüge. nen Großvaters in Berlin. Springer: Wenn man im Kofferraum eines SPIEGEL: Sie schreiben, Ihre Anwältin habe Springer: Ich kam da nicht an mit dem Ge- Autos eingesperrt ist, macht man sich später im Springer-Archiv eine vorberei- danken: Jetzt geht es ums Erbe, mal sehen, über die Bedeutung des Namens Springer tete Pressemitteilung gefunden. Ihre Mut- wie viel ich bekomme. Man hatte mir vor- 142 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    3 5 4 her nicht gesagt, worum es bei dem Tref- Springer: Er hat aber definitiv einige wich- gültig war, aber weil Sie die Erbregelung fen gehen sollte, mir weder eine Tages- tige Details weggelassen. Ich wusste da- 1985 unterschrieben und so lange nichts ordnung noch ein Testament zur Durch- mals nicht, was ich heute weiß. einzuwenden hatten, habe es damit Gül- sicht geschickt, wie es üblich ist. SPIEGEL: 2002 kam es zur Klage, weil Sie tigkeit. Haben die Anwälte Sie nicht ge- SPIEGEL: Warum nahmen Sie keinen An- sich plötzlich um große Teile Ihres Erbes warnt, dass Sie vor Gericht wenig Aus- walt mit? War das nicht naiv? Sie waren betrogen fühlten. Warum kamen Ihnen sicht auf Erfolg haben dürften? doch alt genug, um zu verstehen, dass es die Bedenken denn erst 17 Jahre nach Ih- Springer: Wir waren uns sicher, dass wir nun um eines der größten Vermögen rer Unterschrift? gewinnen. Deutschlands gehen würde. Springer: Ein Freund und Anwalt, dem ich SPIEGEL: Welches Interesse hätte Servatius Springer: Wenn überhaupt, dachte ich mir, die Geschichte anvertraute, hatte Zweifel daran haben sollen, dass Friede Springer dass die mir hier schon erzählen werden, und recherchierte. Dabei kam heraus, dass 70 statt 50 Prozent bekommt? wie mein Großvater das alles haben woll- Servatius schon am 2. September mit mei- Springer: Das kann ich nicht wissen, und te. Und es war meine Familie, die da zu- nem Großvater über ein neues Testament ich will auch nichts unterstellen. Aber sie sammenkam: Friede, Großvaters Kinder gesprochen hatte. Aber erst drei Wochen war eine junge Witwe, extrem unerfahren. Nicolaus und Barbara, meine Schwester später ist mein Großvater gestorben. Da lag Je mehr sie bekam, desto mächtiger war Ariane und eben ich. Das waren alles also ein neues Testament drei Wochen lang auch Servatius als ihr wichtigster Berater. Leute, die ich gut kannte und die ich auf seinem Nachttisch, und er hat es nicht Ich glaube nicht, dass Friede die treibende mochte. Der Testamentsvollstrecker Bern- unterschrieben. Warum denn nicht? Er war Kraft war. Aber sie hat hingenommen, hard Servatius war damals beinahe ein durchaus noch in der Lage zu schreiben, er dass mir Unrecht angetan worden ist. Freund der Familie, wir duzten uns, er hat noch kurz vor seinem Tod eine Postkar- SPIEGEL: Was treibt Sie an? Das Geld? war Aufsichtsratsvorsitzender bei Springer te an seinen Freund Max Schmeling ge- Springer: Es geht einfach darum, dass der und derjenige, der mit meinen Entführern schrieben. Er hat in den drei Wochen noch letzte Wille meines Großvaters nicht so verhandelt hatte. Das war unser Anwalt, an einer Aufsichtsratssitzung im Verlag teil- umgesetzt wurde, wie er hätte umgesetzt der Anwalt der Familie. Zu all diesen Leu- genommen und auch noch seinen Ehever- werden müssen. Darauf hat er aber ein ver- ten hatte ich volles Vertrauen. trag notariell verändert, wie ich heute weiß. dammtes Recht. SPIEGEL: Was hat Ihnen Servatius gesagt? Es war also ein Notar im Haus, er hätte ihm SPIEGEL: Wir sollen Ihnen abnehmen, dass Springer: Es war frühmorgens, in dem un- das Testament nur übergeben müssen. Frie- es um Ihre eigenen Interessen, um verlo- glaublich schönen Haus, in dem unglaub- des Anwälte meinten, er habe das Honorar rene Millionen in dem Streit nicht ging? lich schönen Raum, alles außerordentlich sparen wollen. Das ist lächerlich. Springer: Hätte ich den Prozess gewonnen, stilvoll. Granddaddy, wie ich meinen SPIEGEL: Aber Servatius wird kaum frei hätte sich das auch finanziell gelohnt, mit Großvater nannte, fehlte mir, aber um erfunden haben, wie Ihr Großvater sein Sicherheit. Ich habe den Prozess aber ge- den ging es nun. Servatius eröffnete uns, Testament gern geändert hätte. führt, weil ich überzeugt war, dass man dass es ein Testament von 1983 gebe, in Springer: Ich unterstelle ihm nicht, dass mich damals falsch behandelt hat. dem vorgesehen sei, dass Friede 50 Pro- er gelogen hat, aber da schwingt sich SPIEGEL: Als es 2002 zur Klage kam, hatten zent des Erbes bekommen solle und jemand auf und erzählt, der Großvater Sie sich zuvor schon mit Friede Springer Granddaddys Tochter Barbara und ich 25. wollte es anders haben? Es kann ja sogar ums Mitspracherecht im Konzern gestrit- Mein Großvater aber habe vor seinem sein, dass mein Großvater es zwischen- ten. Spielte das eine Rolle für Ihre Ent- Tod das Testament ändern wollen, damit durch anders haben wollte. Aber er woll- scheidung, die Erbregelung anzufechten? Friede 70 Prozent bekomme und auch te es dann offenbar doch nicht so anders, Springer: Es geht nicht um Animositäten, andere Familienmitglieder berücksichtigt dass er es auch wirklich geändert hätte. sondern darum, eine grobe große Unge- würden. Nach der neuen Regelung blieben SPIEGEL: Aber es ist doch nicht ausge- rechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Und mir 5 Prozent. schlossen, dass Ihr Großvater dachte, er wenn man ungerecht behandelt wird, SPIEGEL: Warum haben Sie denn damals überstehe diese Krankheit noch. Die Un- dann kämpft man. Ich jedenfalls. einfach akzeptiert und unterzeichnet? terschrift habe Zeit. SPIEGEL: Der Konzern wurde, so schreiben Springer: Ich bekam den Eindruck, mein Springer: Das hört sich vielleicht despek- Sie es, unter der Herrschaft von Friede Großvater sei so krank gewesen, dass er tierlich an, aber mein Großvater war kein Springer und Servatius jahrelang aben- es nicht mehr geschafft hatte, dieses Tes- ausgeflippter Hippie, der in anderen teuerlich geführt. tament zu unterschreiben. Und es gab kei- Sphären schwebte. Er war ein ernsthafter Springer: Wir Erben mussten ständig von nen Grund anzunehmen, dass das, was Mann. Wenn so jemand sein Erbe anders Millionenabfindungen für immer neue Servatius uns erzählte, nicht der Wahrheit regeln will, dann regelt er das auch. Manager lesen. Wir hatten das Gefühl, das entsprach. SPIEGEL: Das Oberlandesgericht Hamburg Erbe wird einfach verspielt. SPIEGEL: Servatius hat immer bestritten, konnte Ihnen nicht folgen. In seinem Ur- SPIEGEL: Als Ihre Anwälte die Erbauftei- dass er damals gesagt habe, Ihr Großvater teil stellte das Gericht 2008 fest, dass das lung anfochten, schrieben sie, Friede sei todkrank gewesen. neue Testament zwar ursprünglich nicht Springer sei „erbunwürdig“. Dass Sie da- D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 143
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    Medien nach nicht mehrauf eine gütliche Lösung Springer: Der ist doch nicht böse, vielleicht hoffen konnten, war doch klar. doppeldeutig. Das war meine Idee, ich Springer: Ja, das hat Friede sehr verletzt. fand es gut, originell. Und so fromm ist Sie hat wohl nicht abstrahiert, dass es sich Friede auch wieder nicht. nur um einen juristischen Begriff handel- SPIEGEL: Sie sagen, Friede Springer sei heu- te. Ich stelle nicht in Frage, dass Friede te viel selbstbewusster als früher. Wel- zu Recht Erbin geworden ist. Ich stelle chen Anteil trägt Springer-Chef Mathias nur in Frage, wie Servatius und dann Döpfner an dieser Wandlung? auch Friede mit mir umgegangen sind. Springer: Döpfner kam, und Friede steht SPIEGEL: Haben Sie Friede Springer unter- seitdem viel mehr im Mittelpunkt als zu schätzt? Servatius’ Zeiten. Sie verstehen sich gut. Springer: Ich habe sie nicht unterschätzt, SPIEGEL: Sogar so gut, dass sie ihm zu güns- weil ich gar nichts eingeschätzt habe. In tigen Konditionen vor Jahren ein Aktien- der Biografie, die 2005 über sie erschienen paket überlassen hat. Schmerzt Sie das? ist und an der sie ja offensichtlich mitge- Springer: Nein. Döpfner ist Döpfner, weder arbeitet hat, klingt oft an, wir – also die die Reinkarnation von Axel Springer noch Familie – hätten sie nicht ernst genommen, der von Friede angeblich vermisste Sohn. weil sie nur das Kindermädchen gewesen SPIEGEL: Was halten Sie von „Bild“? Sie sei. Das ist Blödsinn, solche Gedanken hat haben nach Ihrer Entführung selbst er- in meiner Anwesenheit niemand aus der fahren, wie es sich anfühlt, zum Opfer ei- Familie ihr gegenüber je geäußert. Ich bin ner Kampagne zu werden. Wie ertragen so nicht erzogen worden. Im Gegenteil. Sie diesen Kampagnenjournalismus? SPIEGEL: Ihnen gehören jetzt 2,6 Prozent Springer: Ich habe fünf Jahre lang bei des Konzerns. Damit haben Sie viel Ein- „Bild“ als Polizeireporter gearbeitet, hatte fluss. Sie können über ein Veto in der Fa- milienholding wichtige Entscheidungen wie Kapitalerhöhungen blockieren. Springer: 2,6 Prozent – da haben Sie jetzt aber den Taschenrechner benutzt. Sie ma- chen so etwas. Ich nicht. SPIEGEL: Sie wissen nicht, wie viel Ihnen gehört? Springer: Nein, ich weiß das nicht. SPIEGEL: Ihre 2,6 Prozent sind gerade knapp 100 Millionen Euro wert. Wäre das Testament nicht geändert worden, wären es fast 500 Millionen. Springer beim SPIEGEL-Gespräch* Springer: Ob 100 oder 500 Millionen, beides „Eine große Ungerechtigkeit“ ist so viel Geld, da bekomme ich wie Sie einen Schreck. Aber erstens hängt die Sum- tolle, ehrliche Kollegen, da wurde nicht me am Aktienkurs, und zweitens habe ich gelogen. Ich nehme nicht an, dass sich das Geld nicht, es steckt in den Aktien. Ich das geändert hat, als ich draußen war. kann nicht an der Elbe entlanglaufen und SPIEGEL: Es geht nicht um den Vorwurf der sagen, ach, da steht ein Haus für zehn Mil- Lüge, sondern um den des Kampagnen- lionen Euro, das kaufe ich mir. Geht nicht. journalismus. SPIEGEL: Haben Sie nie darüber nachge- Springer: „Bild“ und Kampagnenjourna- dacht, Ihren Anteil einfach zu verkaufen lismus, das ist Unsinn. und das leidige Kapitel zu beenden? SPIEGEL: Würden Sie gern wieder im Ver- Springer: Nein. Ich habe es auch nicht vor. lag arbeiten? SPIEGEL: Wollen Sie sich mit Friede Sprin- Springer: Die Frage stellt sich zurzeit nicht. ger bis ans Lebensende streiten? Was er- Wenn man mit Friede Springer nicht har- warten Sie denn von ihr? moniert, wird es schwierig beim Axel- Springer: Wie wär’s mit reden? Wir haben Springer-Verlag. Ob es einen Wiederein- mal geredet, aber das war nicht so ergie- stieg gibt, wird die Zeit zeigen. big. Ich hoffe aber, dass sich in ruhigen SPIEGEL: Sie könnten doch woanders hin. Momenten auch Friede mal überlegen Springer: Ich bin ein Springer, und dann wird, dass das nicht so toll gelaufen ist. arbeite ich auch bei Springer. SPIEGEL: Wie Friede Springer ihr Erbe ge- SPIEGEL: Welche Reaktionen auf das Buch regelt hat, ist bisher nicht bekannt. Sie erwarten Sie – ein Versöhnungsangebot werden wohl leer ausgehen. oder eine Klage? Springer: Sieht so aus. Springer: Ersteres wäre mir lieber. Aber SPIEGEL: Friede Springer gilt als fromme ich habe noch leere Ordner im Keller. Frau. Der Titel Ihres Buchs „Das neue SPIEGEL: Werden Sie bei den Feierlichkei- Testament“ ist wirklich böse. Ein from- ten für Ihren Großvater dabei sein? mer Mensch muss das als Blasphemie Springer: Ich bin eingeladen und habe zu- empfinden. gesagt. Bisher bin ich auch noch nicht ausgeladen worden. * Mit den Redakteurinnen Isabell Hülsen und Susanne SPIEGEL: Herr Springer, wir danken Ihnen Beyer. für dieses Gespräch. 144 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Jeden Tag. 24Stunden. MONTAG, 16. 4., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1 SPIEGEL TV REPORTAGE Ruhelos – Mieter stören Mieter Wenn Bewohner einer Kölner Sied- lung vom Kinderlärm bei ihren Mit- mietern genervt sind und ihrerseits mit lauter Musik reagieren, schlägt die Stunde von Hausverwalter Uwe Arentz. Um den häuslichen Frieden zu retten und der Wahrheit näher- zukommen, hilft nur der „Hörtest“ am Ort des Geschehens. Markus Grün hat den Lauscheinsatz des Hausmeis- ters dokumentiert. MICHEL EULER / AP SONNTAG, 22. 4., 22.35 – 23.20 UHR | RTL SPIEGEL TV MAGAZIN Mit vorgehaltener Zapfpistole – der Preis- krieg an deutschen Tankstellen; Angies THEMA DER WOCHE Herdprämie – Staatsknete für gute Kampf um den Elysée Mütter?; Das gequälte Kind – Mütter mit Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Wer wird Frankreich künftig regieren? Zehn SAMSTAG, 21. 4., 20.15 – 0.15 UHR | VOX DIE GROSSE SAMSTAGSDOKUMENTATION Kandidaten treten im ersten Wahlgang für Die Macht des Bösen – Von die Präsidentschaft an. Der Sozialist menschlichen Abgründen Hollande liegt in den Umfragen vorn, aber Das Böse ist Teil der menschlichen ROBERT PRATTA / REUTERS Amtsinhaber Sarkozy holt auf. Seele. Dennoch reagieren wir scho- ckiert, wenn die dunkle Seite des Menschen hervorkommt. Wo manifes- ‣ Wie Sarkozy das Blatt wenden will tiert sich das Böse, wie findet es ‣ Wer als Favorit für die Stichwahl gilt seinen Ausdruck? In der großen Sams- tagsdokumentation berichtet SPIEGEL TV von Serienmorden, Ent- führungen und anderen Verbrechen. WIRTSCHAFT | Die Gnaden-Praxis Zu Uwe Denker kommen die Verlierer des deutschen Gesundheitssystems – MONTAG, 16. 4., 20.15 – 21.15 UHR | 3SAT Ex-Besserverdiener und Selbständige. Der Arzt behandelt Patienten, die nicht WISSENSCHAFTSSHOW krankenversichert sind. Besuch bei einem Mediziner, der lieber arbeitslos wäre. Die 20 größten Fortschritt-Flops Fortschritt im 21. Jahrhundert sollte PANORAMA | Massenmörder vor Gericht nachhaltig und verantwortungsvoll Er tötete in Norwegen an einem Tag 77 Menschen. Ein erstes Gutachten sein. Unkritische Technikbegeisterung erklärte Anders Breivik für unzurechnungsfähig, ein zweites für schuldfähig. erzeugt allzu oft nur Flops. Was nützt Nun beginnt der Prozess gegen den Attentäter. SPORT | „Schwarze Bestie“ gegen „Königliche“ Mission München: Für den Traum vom Champions-League-Finale im eigenen Stadion muss der FC Bayern im Halbfinale Real Madrid bezwingen. Die Spanier haben großen Respekt vor dem Angstgegner. SPIEGEL ONLINE berichtet live. | Die Babyjäger Seine Geburt galt als medizinische Sensation – und war ethisch umstritten: Vor 30 Jahren erblickte Deutschlands erstes Retortenbaby Oliver das Licht der Welt. Schon Tage zuvor hatten Reporter die der Fortschritt von heute, wenn er Geburtsklinik belagert, es wurde um Fotorechte ge- morgen zur Belastung unserer Gesell- feilscht, Journalisten boten angeblich 300 000 Mark schaft wird? SPIEGEL-TV-Autor für den Namen des Kindes. einestages.de über den Christopher Gerisch stellt in der 3sat- Medienhype um einen Star wider Willen. Wissenschaftsshow die Rangliste der DAPD 20 größten Fortschritt-Flops vor: von Asbest über Biosprit und Müll- www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist trennung bis hin zur Atomkraft. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 149
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    Register GESTORBEN Jack Tramiel, 83. Seinen Spitznamen „The Survivor“ hat er sich erkämpft: Als Ivan Nagel, 80. Als staatenloser Jude aus Idek Tramielski im polnischen Lódź ge- Budapest, dessen Familie die Nazis über- boren, überlebte der spätere Computer- lebt hatte, kam er in die junge Bundes- pionier Auschwitz und Arbeitslager. republik, um zu studieren. Seine Viel- Nach Kriegsende wanderte er in die USA sprachigkeit und die aus, änderte seinen Namen und gründete Spannweite seiner In- die Firma Commodore International. Er teressen in Musik, Li- wollte Computer für die Massen produ- teratur und bildender zieren und entwickelte den C64, der als Kunst hätten ihm aka- erfolgreichster Computer aller Zeiten WRITER PICTURES / INTERFOTO demische Wege geöff- gilt. Doch während das Geschäft florier- net. Doch statt bei te, kam es intern zu Streitigkeiten. Tra- Adorno zu promovie- miel musste gehen. Dem Motto „Ge- ren, folgte Nagel sei- schäft ist Krieg“ folgend, stieg er beim ner Leidenschaft fürs Konkurrenten Atari ein, der es unter sei- Theater. 1962 wurde ner Führung noch einmal zu Erfolg er Chefdramaturg an brachte. Jack Tramiel starb am 8. April den Münchner Kammerspielen, 1972 In- in Monte Sereno, Kalifornien. tendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Längst hat die Erinnerung Ludwig Werner Munzinger, 91. Mit über die glorreichen sieben Hamburger Nagel- 10 000 Einträgen bereicherte der Jurist aus Jahre zu einer „Ära“ voller Überra- Oberschwaben das 1913 von seinem Vater schungslust und künstlerischem Reichtum gegründete „Archiv für publizistische verklärt. Nagel selbst nannte im Rückblick Arbeit“. Jeder Journalist kennt „den die Regisseure Peter Zadek, Luc Bondy Munzinger“ als Quelle verlässlicher In- und Jérôme Savary seine wichtigsten Ar- formationen über Personen des öffentli- beitspartner. Von 1989 an ermöglichte ihm chen Lebens, aber auch über politische in Berlin eine Professur für Geschichte Ereignisse, über Sport und Kultur. Ludwig und Ästhetik der Darstellenden Künste Munzinger hatte nach Kriegsgefangen- sein bis dahin unausgeschöpftes Potential schaft und Promotion als Kunst-Denker, Lehrer und Autor zu das Ravensburger Ar- entfalten. Ivan Nagel starb am Ostermon- chiv 1957 übernom- tag in Berlin. men und leitete es 43 Jahre lang, bis zur Ferdinand Alexander Porsche, 76. Es Weitergabe an Sohn PICTURE ALLIANCE / DPA gibt wenige Menschen, die von einem Ernst im Jahr 2000. Produkt überlebt werden, das sie geschaf- Dabei bewies er un- fen haben. Der Designer Ferdinand Alex- ternehmerische Weit- ander Porsche, Enkel des Käfer-Entwick- sicht, indem er seinen lers Ferdinand Porsche, zählt dazu. Dem Dienst in den sechzi- Porsche 911, den er entwarf, scheint ein ger Jahren für Biblio- ewiges Leben als Sportwagen-Ikone ga- theken und Ämter zugänglich machte und rantiert. Ferdinand Alexander galt des- später auch die digitale Revolution nicht halb Anfang der siebziger Jahre als Kan- verschlief. Seit 1997 gibt es den Munzin- didat für die Führung des Unternehmens, ger Online. Ludwig Werner Munzinger zusammen mit seinem Cousin Ferdinand starb am 7. April in Ravensburg. Piëch. Doch die Familien zerstritten sich und entschieden, dass alle Mitglieder aus Heinz Kahlau, 81. Er war einer der er- dem Management ausscheiden mussten. folgreichsten Schriftsteller der DDR. Die Ferdinand Alexander Porsche machte nur Auflagen seiner Lyrikbände gehen in die Hunderttausende, an der Spitze sein Buch „Du“ (1971) über „Irrtümer, Müh- sal, Freuden und Siege“ der Liebe. Die- sem Thema blieb er treu, so auch in dem Band „Zweisam“ (1999). Kahlau, als äl- testes von vier Kindern einer Arbeiter- familie in Drewitz bei Potsdam geboren, war mit 14 bei Hitlerjugend und Volks- sturm dabei und mit 17 als FDJ-Funktio- när ein „Aktivist der ersten Stunde“. Spä- AP ter wurde er Traktorfahrer und schließ- noch das, was er so gut beherrschte: Er lich, von Bertolt Brecht gefördert, zum versah alltägliche Gegenstände mit be- populären Dichter, ebenso erfolgreich bei sonderem Design – Uhren, Brillen, Ta- Theater, Film und Fernsehen wie als schen. Ferdinand Alexander Porsche Übersetzer und Kinderbuchautor. Heinz starb am 5. April in Salzburg. Kahlau starb am 6. April in Greifswald. 150 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Personalien Karlheinz Schreiber, 78, ehemaliger Par- teispender, steht auch als kranker Mann unter strenger Beobachtung. Schreiber, der vor einem Monat in der Untersu- chungshaft in Landsberg einen Herzin- farkt erlitt, erholt sich zurzeit in einer Reha-Klinik im Allgäu. Dort wurden Pa- tienten von Polizeistreifen auf den Fluren überrascht, die den früheren Rüstungs- lobbyisten bewachen. Offenbar befürch- ten Sicherheitsbehörden, Schreiber könn- te sich auch schwerkrank noch einmal aus ONKEL SAFT / YOUTUBE dem Staub machen. 14 Jahre lang war der Kaufmann in der Schweiz und in Ka- nada vor der bayerischen Justiz auf der Flucht gewesen. 2008 wurde er in Augs- burg zu acht Jahren Freiheitsstrafe wegen Künstlergruppe „Onkel Saft“ auf der Alten Stadtbrücke von Trondheim Steuerhinterziehung verurteilt. Der BGH hob das Urteil jedoch auf, eine neue Ver- Christian Fossen, 52, Informationschef Jens Böhrnsen, 62, Bremer Bürgermeis- handlung ist noch nicht terminiert. der Universität im norwegischen Trond- ter, muss auf dem Weg zur Arbeit stets an heim, ärgert sich über eine ungewöhnli- einem Antisemiten vorbei: Neben der Tür Benedikt XVI., Papst, hätte seinen 85. Ge- che Liebeserklärung an seine Hochschule. zu Böhrnsens Amtszimmer steht einer sei- burtstag am liebsten ausfallen lassen. In Auf YouTube ist ein Filmbeitrag zu sehen, ner Vorgänger, Johann Smidt (1773 bis seiner Familie seien stets nur der Namens- der zunächst harmlos wie ein Werbespot 1857), als überlebensgroße Marmorstatue. tag und runde Geburtstage gefeiert wor- für die Uni daherkommt. Doch plötzlich Der Gründer Bremerhavens gilt als bedeu- den, sagte der Heilige Vater. Doch sein springen acht junge, unbekleidete Männer tendster Politiker der Hansestadt im 19. ins Bild und machen zu harten Techno- Jahrhundert. Aber er wollte auch die Ju- Beats vor dem Eingangsportal der Hoch- den vertreiben und bekämpfte Bremens schule eindeutige Bewegungen: Stehend, demokratische Verfassung von 1848. Den- kniend und liegend zeigen die Jungs ihren noch wurde er im Zwei-Städte-Staat bisher Hintern und zucken rhythmisch mit den überwiegend verehrt. Erst kritische Me- Hüften. Uni-Pressechef Fossen distanzier- dienberichte über die Statue lösten zuletzt te sich heftig von der freizügigen Perfor- eine breitere Smidt-Debatte aus. Resultat: mance: „Wir sind nicht gefragt worden Die Skulptur wurde nicht in den Keller und hätten auch niemals die Erlaubnis verbannt, sondern am vergangenen Diens- dazu gegeben. Das ist niederer Humor tag durch eine unscheinbare Wandtafel er- und schlechte Kunst.“ In anderen Beiträ- gänzt. Neun Zeilen loben Smidts Verdiens- gen der Künstlergruppe, die sich „Onkel te, vier erwähnen die „Schattenseiten sei- Saft“ nennt, widmen sich die Aktivisten nes Handelns“, etwa „seine Politik gegen Sehenswürdigkeiten wie der Alten Stadt- die bürgerliche Gleichberechtigung und brücke. Dem Osloer „Dagbladet“ erklärte Niederlassungsfreiheit von Juden in Bre- ein anonymer Sprecher von „Onkel Saft“: men“. Noch unklar ist der Umgang mit „Wir wollen einfach ein bisschen auf weiteren Smidt-Huldigungen: In Bremen Trondheim aufmerksam machen; denn und Bremerhaven sind eine Brücke, eine wir lieben unsere Stadt, wie man auf den Kirche, zwei Schulen und zwei Straßen PIER PAOLO CITO / AP Videos unschwer erkennen kann.“ nach dem Antisemiten benannt. ZITAT Benedikt XVI. „Mich würde es Privatsekretär Georg Gänswein hat eine lange Besucherliste für den Ehrentag des mehr beschweren, gebürtigen Deutschen vorgelegt. Vor al- lem Gratulanten aus Bayern werden sich wenn ich wie im Laufe dieses Montags die Klinke in die Hand geben; Ministerpräsident Horst Seehofer erscheint bereits zum frühen Sigmar Gabriel Morgengottesdienst in der Privatkapelle Paolina im Apostolischen Palast. Bene- aussehen würde.“ dikts fehlende Feierlaune bekommen die Angestellten im Vatikanstaat zu spüren: MARIJAN MURAT / DPA Clemens Binninger, 49, CDU-Bundes- Zum 80. Geburtstag hatte noch jeder von tagsabgeordneter, über seine ihnen eine Sonderprämie von 500 Euro Ähnlichkeit mit Ex-Bundespräsident erhalten. Davon ist in diesem Jahr keine Christian Wulff Rede. 152 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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    Günter Grass, 84,umstrittener Nobel- preisträger mit Einreiseverbot nach Israel, wurde einst in Jerusalem besonders ge- schätzt. Das israelische Außenministe- rium schwärmte von der „intellektuellen Redlichkeit“, der „freiheitlichen Gesin- nung“ und dem „persönlichen Charme“ des Autors, dem die Diplomaten eine be- eindruckende „Aufrichtigkeit“ attestier- ten, wie aus Akten des Auswärtigen Amts hervorgeht. Das Lob stammt aus dem Jahr 1967; Grass hatte zuvor seine erste Israel-Reise absolviert – auf Einladung der Regierung in Jerusalem. Diese durch- brach damit ein 1961 verhängtes Verbot für öffentliche Auftritte deutscher Künst- ler. Sogar Ministerpräsident Levi Eschkol empfing den Deutschen. Hinterher schwärmte das israelische Außenministe- rium, die herkömmlichen Deutschland- Klischees seien „nun nicht mehr anwend- bar“. Grass hingegen scheint weniger be- geistert gewesen zu sein. Als vier Jahre später ein erneuter Besuch in Israel an- stand, schrieb er an die deutsche Bot- schaft in Tel Aviv, er wisse, dass Israel ein „anstrengendes Land“ sei. Dennoch fuhr er hin. Eine Lesung in Tel Aviv er- öffnete der Dichter mit den Worten: „Wer als Deutscher nach Israel kommt, wird Rita Ora, 21, im Koso- lebenslänglich mit kritischen Fragen, mit vo geborene britische grotesker, ja mit schroffer Ablehnung Sängerin, glaubt an die Macht der Sterne. Die Newcomerin kann auf eine traumhafte Karriere hoffen, denn sie hat einen Vertrag beim Musiklabel von Superstar Jay-Z. Dass sie sich mit dem Rap- per auf Anhieb so gut verstand, führt Ora auf astrologische Einflüs- se zurück: „Bei uns DABROWSKI / CINETEXT hat es gleich geklickt. Er ist Schütze, ich bin Schütze.“ Grass (r.) 1967 Michele Marsching, 33, Vorsitzender der Stephen King, 64, US-Schriftsteller, ha- rechnen müssen.“ Das bleibe zwar ver- NRW-Piraten, hat derzeit Probleme im dert mit seinem Wohlstand. Der König ständlich, er wolle jedoch „vor nur pau- Bahnverkehr. Der IT-Spezialist verlor vor des Horrors sagte der „Sunday Times“, schaler Kritik, vor einer Verurteilung von kurzem seine Brieftasche, deshalb hat er dass er erst Mitte der achtziger Jahre auf- Generation zu Generation warnen“. Heu- einen provisorischen Personalausweis. In gehört habe, sich ständig Sorgen um seine te wirft die israelische Regierung Grass dem stimmt sein Geburtsdatum nicht – Existenz zu machen. Da hatte King be- vor, im iranisch-israelischen Konflikt Te- mit nervtötenden Folgen. Der Pirat be- reits mehrere Bestseller auf dem Markt, heran zu unterstützen. Und viele Israelis stellt seine Bahnfahrkarten natürlich on- darunter „Carrie“ und „Shining“. Bis nehmen Grass übel, dass dieser seine Mit- line, das Dokument benötigt er jedoch zur 1985 habe er ständig befürchtet, dass er gliedschaft in der Waffen-SS jahrzehnte- Identifizierung beim Ausdruck der Tickets seine Besitztümer wieder verlieren kön- lang verschwieg. Beim ersten Besuch in am Automaten. Jüngst habe er „gefühlte ne, sagte King. Mit mehr als 400 Millionen Israel 1967 hatte Grass noch eine geschön- anderthalb Stunden“ gebraucht, um einen verkauften Büchern hat der Autor inzwi- te Version seines Lebenslaufs verbreitet: Fahrschein zu bekommen, klagt Mar- schen längst ausgesorgt, aber noch heute „Als 14-Jähriger war ich ein Hitlerjunge, sching. Was ihn in der Piraten-Forderung finde er es „sehr befremdlich“, Eigentü- als 16-Jähriger wurde ich Soldat, und mit nach kostenloser und belegfreier Fahrt in mer einer Sommerresidenz mit Gäste- 17 Jahren war ich ein amerikanischer ganz Nordrhein-Westfalen bestärke. haus und Pool zu sein. Kriegsgefangener.“ D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 153
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    Hohlspiegel Rückspiegel Aus dem „Diepholzer Kreisblatt“: „In der Zitate Justizvollzugsanstalt Bernau am Chiem- see betreuen beispielsweise zweieinhalb Die „Frankfurter Allgemeine“ zur SPIE- Psychologen 859 Gefangene.“ GEL-TV-Produktion „‚Titanic‘ – Anato- mie einer Katastrophe“: Falls jemanden Zweifel überkommen soll- ten, zu welchen Informationsleistungen das hiesige Privatfernsehen in der Lage ist, sollte derjenige ab und an bei Vox vorbeischauen, gern am Wochenende zur Hauptsendezeit … Es gilt das Verspre- chen: Der Abend vergeht im Nu, denn dieses Stück ist aus einem Guss und so geschickt aufbereitet, dass, wer immer was auch immer über die „Titanic“ und deren Untergang, den Hergang der Kata- Schild vor einer Pizzeria in Dresden strophe und deren Hintergründe erfahren will, hier an der richtigen Adresse ist. Abermals eine Best-of-Produktion aus Aus einer Restaurant-Anzeige in der dem Hause Alexander Kluge/DCTP und „Wuppertaler Rundschau“: „Es erwarten SPIEGEL TV. Sie verschiedene Fischsorten … Austern, Meeresfrüchte und hiesiger Spargel aus Die „Berliner Zeitung“ zum SPIEGEL- Bodenhaltung.“ Bericht „Parteien – Das Ende der Ama- teure“ über konzeptuelle Auseinander- setzungen in der Piratenpartei (Nr. 15/2012): Richtig beschaulich waren die Ostertage für Piraten-Chef Sebastian Nerz nicht. Gerade erst hat er in einem Brief („Ich habe die Schnauze voll“) den Vorsitzen- den seiner Berliner Abgeordnetenhaus- fraktion gemaßregelt und die Sexismus- Aus den „Badischen Neuesten Nachrichten“ Vorwürfe der eigenen Jugendorganisation abgewehrt („sehr vereinfacht und sehr einseitig“), da meldet sich im SPIEGEL Aus dem Kölner „Express“: „Es geht um der nordrhein-westfälische Spitzenkandi- Tausende von Frauen, die Gaddafi ver- dat Joachim Paul zu Wort. Er fordert, die gewaltigt haben sollen.“ Mitglieder des Bundesvorstands sollten für ihre Arbeit mit regelmäßigem Ein- kommen entlohnt werden. Das ist ein Tabubruch bei den Piraten. „Selbst wenn wir es wollten, derzeit verfügt die Partei gar nicht über ausreichend Geld, um Vor- ständen einen regulären Lohn zu zahlen“, kontert Nerz. Der SPIEGEL berichtete … … in Nr. 12/2012 „Katholiken – ,Scham und Bestürzung‘“ über den milden Um- gang mit pädophilen Priestern im Bistum Aus der „Mittelbayerischen Zeitung“ Trier, das vom Missbrauchsbeauftragten der Kirche, Bischof Stephan Ackermann, geführt wird. Aus den „Potsdamer Neuesten Nachrich- ten“: „Ihr Königlicher Campingpark Sans- Vergangene Woche gab das Bistum be- souci zu Potsdam / Berlin sucht für die kannt, dass zwei Priester entpflichtet wur- Tätigkeit in der Rezeption 5 tatkräftige den, sie dürfen fortan keinen priester- Herren oder eine Dame, Mitte 50, deren lichen Dienst mehr tun. Bischof Acker- Kinder aus dem Haus sind, wo der Mann mann hat zudem angekündigt, er wolle gut und ausreichend verdient, er ihr aber die Leitlinien zum Umgang mit pädophi- daheim so dermaßen auf die Nerven geht, len Priestern überarbeiten und verschär- dass sie möglichst viel weg sein will, vor- fen. Das Thema steht jetzt auf der Agen- zugsweise unter Menschen in einer schö- da für die Vollversammlung der Bischöfe nen Umgebung und Auto fährt.“ im Herbst. 154 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2