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Hausmitteilung
16. April 2012                                                            Betr.: Piraten, Mormonen, Springer, Disney

I st die Frage, ob ich einen Song oder einen Film aus dem Internet kostenlos her-
  unterladen darf, eine politische Frage? Ja, sie ist es geworden, spätestens mit
dem Aufstieg der Piratenpartei, welche die Freiheit zum Klick fordert und damit
die anderen politischen Parteien herausfordert. Die Download-Debatte ist Teil
einer großen Diskussion; die Gretchenfrage an unsere digitale Gesellschaft lautet:
Wie hast du’s mit dem Internet? Es ist eine Frage nach der Freiheit und ihren Gren-
zen, der sich der SPIEGEL in dieser Ausgabe dreifach nähert. Autor Dirk Kurbju-
weit, 49, warnt in einem Essay vor neuer Barbarei; ein Team von Kollegen be-
schreibt den Widerstand von Künstlern gegen den laxen Umgang mit geistigem Ei-
gentum; und in einem Streitgespräch zoffen sich der Musiker Jan Delay, 35, und
der Berliner Piratenpartei-Abgeordnete Christopher Lauer, 27 (Seiten 20, 24, 116).


W      ie es einer mit der Religion hält, spielt heutzutage in der politischen Ausein-
      andersetzung in Deutschland normalerweise keine Rolle. Anders in den
USA, wo gerade über den Republikaner Mitt Romney, 65, und seinen Glauben dis-
kutiert wird. Romney – voraussichtlich Herausforderer von Präsi-
dent Barack Obama, 50 – ist Mormone. SPIEGEL-Redakteur Ger-
hard Spörl, 62, recherchierte die Geschichte dieser Religion. In


                                                                                                                       GEORGE FREY / DER SPIEGEL
Salt Lake City traf er Richard Hinckley, 70, der in den sechziger
Jahren im Ruhrgebiet missioniert hatte. Zu Spörls Verblüffung
zückte Hinckley triumphierend eine SPIEGEL-Ausgabe von 1994.
Unter der Titelzeile „Die Ego-Gesellschaft“ hatte der SPIEGEL
die Abkehr Deutschlands von der Solidargemeinschaft beschrie-
ben – eine Entwicklung, die Mormonen beklagen (Seite 96).              Hinckley



A    xel Sven Springer war 19 Jahre alt, als er aus dem Internat entführt wurde –
     seither ist der Enkel des Verlegers Axel Cäsar Springer (1912 bis 1985) im Um-
gang mit fremden Menschen vorsichtig. Jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert später,
gab Springer, 46, sein erstes Interview. „Das brennt sich ein, das ist immer da“, so
beschrieb er die Folgen des Kidnappings im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteu-
rinnen Susanne Beyer, 42, und Isabell Hülsen, 38. Als er fotografiert wurde, schien
es Beyer, „als prüfe Springer seine Umgebung auf versteckte Gefahren“. Gelassen
hingegen sprach er über sein Leben und auch den Rechtsstreit mit Friede Springer,
69, der fünften Ehefrau seines Großvaters und mächtigsten Frau im Konzern. Dort
wird sich der Enkel mit seinen Aussagen nicht beliebt machen (Seite 140).


D    er Löwe, den Regisseur Alastair Fothergill, 52, in der kenianischen Masai Mara
     bei der Jagd filmen wollte, hatte wenig Appetit. Gemächlich umkreiste der
Hauptdarsteller der Kinoproduktion „Im Reich der Raubkatzen“ den Jeep des Auf-
                         nahmeteams und markierte dann sein Territorium, indem
                         er sich an dem Fahrzeug erleichterte. SPIEGEL-Redakteur
                         Martin Wolf, 37, wurde Zeuge der Unwägbarkeiten der
                         Tierfilmerei, als er Fothergill, der als Bester seiner Zunft
                         gilt, bei den Dreharbeiten für zwei Dokumentationen des
                         Disney-Konzerns begleitete: jene über Großkatzen, die
                              MARTIN WOLF / DER SPIEGEL




                         diese Woche in deutschen Kinos anläuft, und eine über
                         Schimpansen. Die wiederum waren am Drehort im Ur-
                         wald in Uganda aktiver, als dem Team lieb war – sie ko-
                         pulierten. Die Szene wird fürs Kino herausgeschnitten:
                         „Die Zielgruppe sind Familien“, sagt Wolf, „die möchte
Fothergill, Wolf         der Disney-Konzern nicht verstören“ (Seite 122).

Im Internet: www.spiegel.de                               D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                   3
In diesem Heft
 Titel
Wenn Kollegen Feinde sind – rund zwei
Millionen Deutsche leiden unter Mobbing ..... 56

 Deutschland
Panorama: Spitzengespräch über Atom-
endlagerung / Diskussion um Steuersenkungen
neu entfacht / Bußgeldverfahren
gegen Fluggesellschaften häufen sich ............. 15
Parteien: Künstler und Intellektuelle
machen gegen die Piraten mobil .................... 20
Essay: Wird das Internet zu einer Schule
der neuen Barbarei? ....................................... 24
SPD: Im SPIEGEL-Gespräch verteidigt
Parteichef Sigmar Gabriel Günter Grass ........ 26
CSU: Horst Seehofer plant den
Befreiungsschlag gegen die Kanzlerin ............ 31
Nahverkehr: Tübingen will als erste deutsche
Stadt Busfahren zum Nulltarif einführen ....... 32
Regierung: Schäubles Steuerabkommen mit der
Schweiz wäscht Schwarzgeldkonten weiß ...... 34
FDP: Generalsekretär Patrick Döring klagt
                                                                                                            Piraten im Shitstorm                                         Seite 20
                                                                     MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPD




im Interview über Anfeindungen aus dem
Piraten-Milieu ................................................ 36                                          Deutschlands Kreative verbünden sich gegen die Piratenpartei.
Prozesse: Hat der Staat einen Angeklagten
zum Drogenhandel angestiftet? ..................... 38                                                      Intellektuelle und Künstler fürchten um ihre Existenzgrundlage. Erst-
Internet: US-Regierung überholt Deutschland                                                                 mals geraten die Piraten ins Visier eines einflussreichen Gegners –
beim Schutz persönlicher Daten .................... 40                                                      und offenbaren die Schwächen ihres basisdemokratischen Modells.
Migranten: Gutausgebildete junge Griechen
suchen ihr Heil in Berlin – und scheitern ....... 41
Geheimdienste: Der neue BND-Chef
Gerhard Schindler fordert mehr Risikofreude
von seinen Agenten ....................................... 43
Kriminalität: Die Aussage eines

                                                                                                        Machtkampf im IWF
Auftragskillers brachte drei mutmaßliche
Mafiosi in Hagen vor Gericht ......................... 44                                                                                                                  Seite 68
 Gesellschaft                                                                                           Die Schwellenländer wollen der Euro-Zone nur Hilfe gewähren, wenn sie
Szene: Trainingsanzug für Pferde / Interview                                                            im Gegenzug mehr Einfluss auf den Internationalen Währungsfonds (IWF)
über die Nachteile der Pendlerpauschale und                                                             bekommen. Ende der Woche kommt es in Washington zum Showdown.
moderne Mobilität ......................................... 48
Eine Meldung und ihre Geschichte –
ein Sexshop für Christen und seine
theologische Begründung ............................... 49

                                                                                                        Das Ende der Party
Migration: Wie ein mexikanischer Boxer in
den USA sein Aufstiegsmärchen erlebt .......... 50
Ortstermin: In Hildesheim kämpft ein
                                                                                                                                                                           Seite 84
Ehemann um seine Anerkennung als Opfer                                                                  Italien, Spanien, Portugal und Griechenland suchen nach Auswegen aus
häuslicher Gewalt .......................................... 55                                         der Schuldenkrise und reformieren ihre Arbeitsmärkte. Taugen Gerhard
                                                                                                        Schröders Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze als Vorbild?
 Wirtschaft
Trends: Fragwürdige Ökofonds der
Postbank / Conergy-Chef wehrt sich gegen
Vorwurf der Kapitalvernichtung /

                                                                                                                                                      Aufsteiger aus
Einreiseverbot für Überraschungseier ............ 66
Weltwirtschaft: Im IWF verlangen die
Schwellenländer endlich mehr Macht ............ 68
Internet: Was wird das nächste große Geschäft
nach Facebooks Instagram-Deal? ................... 71
Veterinäre: Wie Deutschlands Tierärzte zu
                                                                                                                                                      Mexiko      Seite 50
Handlangern der Agrarindustrie wurden ....... 74
Gesundheit: Apotheker wollen mit                                                                                                                      Als Kind illegaler Einwan-
eigener Firma noch mehr Reibach bei                                                                                                                   derer in Los Angeles suchte
Krebsmedikamenten machen ......................... 78                                                                                                 er sich sein Essen im Müll,
Rabattprogramme: Strafanzeige gegen                                                                                                                   pflegte Umgang mit Latino-
die Lufthansa wegen Miles & More-                                                                                                                     Gangs, wurde dann doch
Unstimmigkeiten ............................................ 79                                                                                       kein Krimineller, sondern
                                                                     TODD BIGELOW / NOVUS SELECT




Schifffahrt: Weltweit wurden die Reeder                                                                                                               Weltmeister im Bantam-
Opfer des eigenen Größenwahns ................... 80
                                                                                                                                                      gewicht. Der mexikanische
 Ausland                                                                                                                                              Boxer Abner Mares lebt
Panorama: Die Oppositionelle Sainab                                                                                                                   den amerikanischen
al-Chawadscha über die Proteste gegen die                                                                                                             Traum – und glaubt nicht
Formel 1 in Bahrain / Zerwürfnis zwischen                                                                                                             daran.
Vatikan und irischen Katholiken ..................... 82

4                                                                                    D E R                   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Schuldenkrise: Vorbild Deutschland – wie
                                                                                                       Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen
                                                                                                       ihre Arbeitsmärkte reformieren ..................... 84
                                                                                                       Debatte: Timothy Garton Ash über den
                                                                                                       wachsenden Machtanspruch der Türken ........ 90
                                                                                                       Israel: Auf nach Berlin! .................................. 92
                                                                                                       Frankreich: Wahlkampf der Versprechungen
                                                                                                       und Illusionen ................................................ 94
                                                                                                       USA: Der Präsidentschaftsbewerber
                                                                                                       Mitt Romney und seine Religion .................... 96
                                                                                                       China: Der tiefe Fall der Gu Kailai ............... 100
                                                                                                       Global Village: Wie zwei Deutsche in
                                                                                                       Abu Dhabi Kamele retten wollen ................. 103

                                                                                                        Wissenschaft · Technik
                                                                                                       Prisma: Rosmarinduft verbessert die
                                                                                                       Denkleistung / War der Mars immer schon
                                                                                                       ein Wüstenplanet? ........................................ 104
                                                                                                       Psychologie: Wie die Überlebenden des
                                                                                                       Massakers von Utøya gegen ihr Trauma

  Grass, Israel und ein Gedicht
                                                                                                       kämpfen ....................................................... 106
                                                                                                       Automobile: Gehört die Zukunft den
                                                        Seiten 26, 92, 126                             Plastikautos? ................................................. 110
  Die Debatte um das Israel-Gedicht von Günter Grass geht weiter: SPD-                                 Innovationen: Software-Patente als Waffen ... 111
  Chef Gabriel nimmt den Dichter im SPIEGEL in Schutz; junge Israelis                                  Lifestyle: Leiden unter dem Outfit – eine
                                                                                                       US-Therapeutin behandelt Patienten mit
  blicken entspannt auf Deutsche; der Schriftsteller Michael Kleeberg                                  Kleiderschrank-Depressionen ....................... 112
  erklärt das Verhältnis zwischen Israel, dem Islam und Deutschland.
                                                                                                        Kultur

                                                                                         AFP
                                                                                                       Szene: Martin Roth, Chef des Victoria and
                                                                                                       Albert Museum in London, über eine
                                                                                                       Street-Art-Ausstellung in Libyen /
                                                                                                       Martin Walsers Essay über das Thema
                                                                                                       Rechtfertigung .............................................. 114

Sturz eines roten Prinzen                                                Seite 100
                                                                                                       Urheberrecht: SPIEGEL-Streitgespräch
                                                                                                       zwischen dem Pop-Musiker Jan Delay und
                                                                                                       dem Piraten-Politiker Christopher Lauer über
Peking hat Bo Xilai, den populären Parteichef von Chongqing, entmachtet.                               den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter .... 116
Wurde er Opfer der Richtungskämpfe in der KP, oder hat sich seine Familie                              Kino: Der Disney-Konzern setzt wieder auf
bereichert – und schreckte sie nicht einmal vor einem Mord zurück?                                     Tierfilme mit Löwen und Schimpansen ........ 122
                                                                                                       Bestseller ..................................................... 125
                                                                                                       Essay: Der Schriftsteller Michael
                                                                                                       Kleeberg über das Verhältnis der Deutschen
                                                                                                       zu Israel und zum Islam ................................ 126

Das Trauma der Überlebenden                                              Seite 106
                                                                                                       Denkmalschutz: In Italien überlässt der Staat
                                                                                                       Konzernen den Erhalt von Kulturstätten ...... 130
                                                                                                       Filmkritik: „My Week with Marilyn“ erzählt
Mit Fahrten auf die Todesinsel versuchen die Überlebenden des Massakers                                charmant ein wahres Märchen
von Utøya, ihr Trauma zu bekämpfen. Ob die Therapie hilft, wird sich auch                              über eine Diva und ihren Verehrer ............... 132
vor Gericht zeigen, wenn die Patienten dem Attentäter wiederbegegnen.
                                                                                                        Sport
                                                                                                       Szene: Pekings olympische Sportstätten
                                                                                                       verkommen / Der Sportarzt Martin Brustmann
                                                                                                       – ein Pionier des Dopings im Jahr 1912 ........ 133

Der wahre König                                                                                        Fußball: Wie die Bunkermentalität des Trainers
                                                                                                       José Mourinho Real Madrid verändert hat ... 134
                                                                                                       Motorradrennen: Superstar Valentino Rossi
der Löwen Seite 122                                                                                    und sein Rennstall Ducati – eine italienische
                                                                                                       Beziehungskrise ............................................ 137

Der britische Regisseur                                                                                 Medien
Alastair Fothergill („Unsere                                                                           Trends: Thomas Gottschalk zieht Quotenbilanz
Erde“) dreht für den Disney-                                                                           der ARD nach unten / Neue Runde
Konzern Tierfilme über                                                                                 im Streit um ProSiebenSat.1-Verkauf ............ 139
Raubkatzen und Schim-                                                                                  Verlage: SPIEGEL-Gespräch mit Axel Sven
                                                                                                       Springer über seinen Großvater Axel Cäsar
pansen – kindgerechte Doku-                                                                            und seinen Erbstreit mit dem Konzern ......... 140
mentationen, die Disneys
Zeichentrick-Klassiker „Der                                                                            Briefe ............................................................... 8
König der Löwen“ nach-                                                                                 Impressum, Leserservice .............................. 148
eifern. Das Vorhaben erfor-
                                                                                         DISNEY FILM




                                                                                                       Register ........................................................ 150
dert Kompromisse: Sex im                                                                               Personalien ................................................... 152
Tierreich ist tabu.                                                                                    Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154
                                                                                                       Titelbild: Foto Axel Martens für den SPIEGEL

                                                D E R    S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                                       5
Briefe

                                                                                                                             den auf einer Eisenbahnbrücke im wei-
                                                                                                                             ßen Rauch gestanden. Dort haben wir
                                                                                                                             gierig den „Duft“ der Lok eingesogen
                                               „Heimat ist, wo mit wenig                                                     und immer wieder die Schelte unserer
                                                                                                                             Mütter hingenommen, so schön fanden
                                               Worten viel gesagt werden                                                     wir das Schauspiel! Dies noch einmal rie-
                                               kann und der Dialekt                                                          chen zu können, was wäre ich glücklich!
                                                                                                                                     CHRISTEL KRAMER, FERNWALD (HESSEN)
                                               so derb daherkommt,
                                                                                                                             Sie fragten: „Warum kann man nicht nach
                                               wie der Boden steinig ist.“                                                   Herzenslust Heimat sagen, Heimat lie-
                                                                                                                             ben, Heimat vermissen?“ Dazu gibt es
                                                                                                                             eine bewegende Aussage des Mannhei-
    SPIEGEL-Titel 15/2012, Ausgabe Bayern          KARL WEIS, HOLZGERLINGEN (BAD.-WÜRTT.)                                    mer Juristen Ernst Stiefel, den das Nazi-
                                                                                                                             Reich zwangsweise nach Amerika ver-
                                                                                                                             schlagen hat: „Man kann einen Menschen
Nr. 15/2012, Was ist Heimat? –                                                                                               aus seiner Heimat vertreiben, aber nicht
Eine Spurensuche in Deutschland                                                                                              die Heimat aus dem Menschen.“
                                                                                                                                                  BERND SCHULTZ, BERLIN

Urige Eingeborene                                                                                                            Heimat ist da, wo meine Familie und
Selten zuvor hat mich ein SPIEGEL-Bei-                                                                                       Freunde sind: in Bad Wörishofen, wo ich
trag emotional so berührt. Geboren in                                                                                        die Schule besuchte, in München, wo ich
Datteln (Kreis Recklinghausen) und auf-                                                                                      studierte und arbeitete, in Tirol, wo ich
gewachsen in Dortmund, habe ich meine                                                                                        jahrzehntelang Ferien machte, in Nicara-




                                                                                             MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Heimat vor drei Jahren studienbedingt                                                                                        gua, das ich in mein Herz geschlossen habe!
verlassen und seitdem phasenweise in                                                                                                   DR. HORST ENGLER-HAMM, MÜNCHEN
Mannheim, Frankfurt am Main und Sofia
(Bulgarien) gewohnt. Ich habe die regel-
mäßigen Wechsel meines Wohnorts im-                                                                                          Nr. 14/2012, Gespräch mit Daniel
mer als spannend empfunden. Und eines                                                                                        Cohn-Bendit über das Altern der 68er
habe ich dabei gelernt: Wohnort ist            Dortmunder Lokalpatriot vor Hochofen
Wohnort, und Heimat bleibt Heimat.
                TOBIAS OHLENHOLZ, MANNHEIM     Einer der schönsten Sprüche zur Heimat
                                                                                                                             Dicke Eier
                                               findet sich bei Tacitus: „Wer hätte auch                                      Mit welcher Nonchalance Cohn-Bendit
Zwölf interessante Landschafts- und Stim-      Germanien aufsuchen wollen, landschaft-                                       befindet, Fischer (Siemens) hätte im Ge-
mungsbilder. Und dann ein Brauchtums-          lich ohne Reiz, rau im Klima, trostlos für                                    gensatz zu Schröder (Gazprom) nie eine
bild. Und das soll Bayern repräsentieren?      den Bebauer wie für den Beschauer, es                                         Grenze überschritten! Als gäbe es einen
Für einen Franken ein starkes Stück und        müsste denn seine Heimat sein?“                                               Unterschied zwischen Räuber und Bandit.
garantiert kein Bild meiner Region.               EBERHARD FOTH, WALDBRONN (BAD.-WÜRTT.)                                     Beiden würde ich heute die Hand nicht
                  ANDREAS GEISLER, NÜRNBERG                                                                                  reichen.
                                               Danke dafür, dass ihr uns urigen Einge-                                                        GODRAM MOHR, RAVENSBURG
Mich wundert nicht, dass im Artikel die        borenen am Weißwurstäquator durch das
Millionen Heimatvertriebenen nicht er-         Titelbild für die Region Bayern klarge-                                       Mein Gott, SPIEGEL! Was interessieren
wähnt wurden: politisch unkorrekt! In un-      macht habt, was unsere Heimat ist: die                                        mich die dicken Eier von Daniel Cohn-
serem Großfamilienhaus hinter den Dü-          Bühne des Tegernseer Bauerntheaters,                                          Bendit? Angesichts der Aussage: „Mein
nen an der Ostsee leben seit 1945 Polen.       wo wir Jodelheinis in der Lederhosn Holz                                      ständiger Flirt mit allen Kindern nahm
Ist uns recht geschehen, wir waren ja alle     hacken für die „preißischen“ Gäste und                                        bald erotische Züge an“, kann man ja nur
Nazis, auch ich, das Kind, auch meine          wo die Jungs nicht das Smartphone, son-                                       hoffen, dass der Grüne Bendit seinen
alte Großmutter. Pardon, aber nicht einen      dern den Sepplhut am Ohr haben.                                               Phallus nur selbst im Griff hatte, auch
Tag vergesse ich meine verlorene Heimat.        MAXIMILIAN APFELBÖCK, SCHWABACH (BAYERN)                                     ohne Viagra. Ja, auch ich habe Angst vor
Die Deutschtürkin Selçuk hat zumindest                                                                                       dem Tod. Was mich aber jetzt am meisten
die Möglichkeit, nach Istanbul zurück-         In meiner Heimatstadt Gießen, geschun-                                        ängstigt, ist ein solcher Aufmacher in ei-
zukehren.                                      den nach dem Krieg, zu 80 Prozent in                                          nem Nachrichten-Magazin.
                   DAGMAR GALIN-BROCKSIEN,     Schutt und Asche gelegt, habe ich als                                                            THOMAS BÖWER, HAMBURG
         SAINT BONNET DE BELLAC (FRANKREICH)   Kind täglich mit Geschwistern und Freun-                                             VIZEPRÄS. DEUTSCHER FAMILIENVERBAND

Wie man es auch dreht und wendet: Die
Gewissheit, eine Heimat (gefunden) zu
haben, ist das Resultat intensiver Selbst-
                                                 Diskutieren Sie im Internet
findung, ganz unabhängig von irgendwel-          www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel
chen geografischen Koordinaten.
      MATTHIAS KAISER, HAUSACH (BAD.-WÜRTT.)     ‣ Titel Was können Unternehmen gegen Mobbing tun?

Heimat ist ein weiter Raum mit Traditio-         ‣ Umwelt Sollte Busfahren kostenlos sein?
nen, die wir zu pflegen haben. Das kann
nicht bloß konservativ-folkloristisch, son-      ‣ Internet Schluss mit der Anonymität in Blogs
dern muss sehr zeitbezogen sein.                   und Foren?
           RUDOLF PRIEMER, GRIMMA (SACHSEN)

8                                                    D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 14/2012, Wie Rumänen ihr Dorf nach                                               ihrerseits abverlangt, zum Beispiel die
Berlin verlegen                                                                      Kinder rechtzeitig zu Bett zu bringen und
                                                                                     rechtzeitig zu wecken, wird nicht mit der
In Gottes Hand?                                                                      nötigen Selbstdisziplin angenommen. Sie
                                                                                     ziehen es vor, ihre Zukunft in Gottes
Das Geld schenkt Mama Angela? Die So-                                                Hand zu legen.
zialhilfe der Staat? Mit dieser Lebenslüge                                              JOSEFINE NEUMANN UND HELGA METTERNICH,
halten wir erwachsene Menschen ein Le-                                                                                 BERLIN
ben lang infantil. Denn das alles bezahlen
Busfahrer, Putzfrauen, Verkäuferinnen,                                               Nr. 14/2012, Mangelnde Kontrolle
Lehrer und viele andere Menschen, die                                                im Organspendewesen
von morgens bis abends arbeiten. Von ih-
rem Monatslohn wird das Geld abgezo-
gen. Hier ist das Gleichgewicht zwischen
                                                                                     Handfestes Geschäft
Geben und Nehmen gestört. So wird das                                                Der gutrecherchierte Beitrag macht deut-
Sozialhilfe-Nomadentum gefördert. Be-                                                lich, dass es bei der Transplantations-
ten für Angela ist gut. Gerechter wäre es                                            medizin keineswegs nur um den humanen
aber, wenn die erste Frage der Angekom-                                              Aspekt der sogenannten Organspende
menen lauten würde: Und was können
wir für euch tun?
          DR. BOGLARKA HADINGER, TÜBINGEN

Ein Stück, eine Beschreibung, die dem
Leser die Chance lässt, seine eigenen
Schlüsse zu ziehen – diese unaufgeregte,
kurze und doch sehr spannende Repor-
tage von Özlem Gezer ist einfach gut ge-
machter Journalismus.




                                                                               EPD
                      RALF SCHEMEL, LEIPZIG
                                                                                     Organtransplantation, Transportbox
Bleibt zu hoffen, dass die volkswirtschaft-
liche Chance, die Kinder der beschriebe-                                         geht, sondern auch um ein handfestes Ge-
nen Familien gut auszubilden und durch                                           schäft, im Übrigen auf der Basis einer
beruflichen Erfolg zu Einzahlern in unser                                        vorsätzlichen Täuschung. Denn die
Sozialsystem werden zu lassen, nicht                                             „Spender“ sind weder tot noch Spender,
durch ordnungspolitisches Handeln ver-                                           soweit sie keinen Organspenderausweis
tan wird.                                                                        unterschrieben haben. Wenn Angehörige
                 MARTIN RAUNER, WUPPERTAL                                        ihre Zustimmung geben, spenden sie et-
                                                                                 was, das ihnen nicht gehört.
Wir haben in ehrenamtlicher Arbeit mit                                                                  RICHARD FUCHS, DÜSSELDORF
den Neuköllner Roma-Familien tiefe Ein-
sichten in deren Welt gewonnen. Auf-                                                 Es erinnert mich an das Drückergebaren
                                                                                     übler Verkäufer an der Haustür, wenn die
                                                                                     Krankenkassen offizielle Formulare der
                                                                                     Bundeszentrale für gesundheitliche Auf-
                                                                                     klärung an ihre Mitglieder versenden, den
                                                                                     Organspendeausweis. Das von mir so
                                                                                     empfundene Täuschungsmanöver bestä-
                                                                                     tigt leider meine große Skepsis gegenüber
                                                                                     der Organspende in der BRD.
                                                                                          REGINA WINSMANN, WEDEMARK (NIEDERS.)
                                              DJAMILA GROSSMAN / DER SPIEGEL




                                                                                       Korrekturen
                                                                                       zu Heft 13/2012
                                                                                       Seite 117, „Falscher Abschied“: Die
                                                                                       vermeintlich letzten Worte „Wehe
Roma-Unterkunft in Berlin                                                              mir, ich glaube, ich habe mich be-
                                                                                       schissen“ wurden nicht dem römi-
grund ihrer Religion stehlen die Neuköll-                                              schen Kaiser Tiberius zugeschrieben,
ner Roma nicht, sie schlagen ihre Frauen                                               sondern Kaiser Claudius.
nicht, sie trinken keinen Alkohol, sie flu-
chen nicht, sie rauchen nicht einmal. Zum                                              zu Heft 14/2012
anderen aber haben sie sehr große                                                      Seite 54, „it(wert1==wert2){“: Die in
Schwierigkeiten damit, die Wichtigkeit                                                 der Überschrift und später auch im
der zahlreichen Integrationsangebote ein-                                              Text genannte Anweisung muss mit
zusehen, vor allem für ihre Kinder. Alles,                                             if anstelle von it beginnen.
was auch nur die geringste Anstrengung
10                           D E R   S P I E G E L                                      1 6 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 14/2012, Der Versuch, mit Mathematik  Ganz ohne die von Ihnen thematisierten te ich, dann sagte ich meinem Sohn:
Menschen zusammenzubringen                „Kopfstandhocker“ und „Klangschalen“ „Kümmer dich in Zukunft selbst um deine
                                          besuchen wir seit mehreren Jahren mit Schulsachen, wenn du Hilfe brauchst, bin
Werk des Zufalls                          großem persönlichen Gewinn unseren ich da!“ Das funktioniert seit drei Mona-
                                          „Yogakurs für den gesunden Rücken“. ten, seine Noten haben sich nicht verän-
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net haben oft den Nachteil, dass sich die sen Yoga-Kurs und die davon ins tägliche
Nutzungsverträge automatisch verlän- Leben übernommenen Anregungen auf
gern. Auch ich habe meine Partnerin über Dauer weniger Besuche beim Orthopä-
das Internet kennengelernt, allerdings in den und Bitten um die rar gewordene Ver-
einer kostenlosen Single-Börse, ganz ohne schreibung von Krankengymnastik und
Fragebögen, Liebesformel und Psycho- Massage nötig sind.




                                                                                                                                                                                                 THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK
tests.                                          BEATE ERDMANN UND IDA PANKRAZ, BONN
                   FRANK SCHULZE, HAMBURG
                                                                                     Als Entspannungsmethode wäre Autoge-
Nach knapp zwei Jahren Parship komme                                                 nes Training tatsächlich einfacher und bil-
ich zu folgendem Resümee: Auch noch                                                  liger. Yoga kann aber durchaus körperlich
so ausgeklügelte Charakterformeln än-                                                und psychisch wirksame Prävention be-
dern nichts daran, dass alles ein Werk des                                           inhalten. Dazu müsste berücksichtigt wer-       Junge Gymnasiasten
Zufalls bleibt. Der emotionale Einsatz ist                                           den, dass Menschen in der westlichen Kul-
hoch, das Ergebnis oft enttäuschend. Bei                                             tur anders sozialisiert werden als in In-       dert. Er schreibt Dreien und Vieren, das
Parship muss Mann – erst recht, wenn er                                              dien. Deswegen sollte Yoga hier in der          ist total okay, so fällt er nicht durch und
der Generation 60plus angehört – stark                                               Regel mit psychologischer Selbsterfah-          schafft das Abi. Was will ich denn mehr
bleiben.                                                                             rung ergänzt werden, anstatt solche er-         von ihm?
                     RAINER RUTZ, MÜNCHEN                                            setzen zu wollen. Leider handelt es sich                          SANDRA CAPRARELLA, STUTTGART
                                                                                     oft wirklich nur um indische Folklore. Die
Das größte Problem vieler Menschen ist,                                              westliche Yoga-Szene scheint weniger auf        Wer heutzutage in der letzten Reihe sitzt,
dass sie zu hohe Ansprüche an einen et-                                              Qualität als auf Quantität zu setzen.           schwätzt, hinter dem Heft mit dem
waigen Partner stellen. Die Verweige-                                                              DR. BRIGITTE HALEWITSCH, KÖLN     Handy spielt und sich sonst nicht am Un-
                                                                                                                  YOGA-LEHRERIN      terricht beteiligen mag, bekommt bei den
                                                                                                                                     meisten Lehrern noch eine Vier. Vier, das
                                                                                                                                     heißt wörtlich „ausreichend“ und gilt als
                                             JÖRG MÜLLER / AG. FOCUS / DER SPIEGEL




                                                                                     Nr. 14/2012, Warum es falsch ist, aus           bestanden. Mit Strebertum und chinesi-
                                                                                     unseren Kindern Streber zu machen               schen Verhältnissen hat die Realität an
                                                                                                                                     deutschen Schulen nichts zu tun.
                                                                                     Im Takt des Zeitkorsetts                            MICHAEL KIND-LUNDT, GUMMERSBACH (NRW)
                                                                                                                                                                       SCHÜLER
                                                                                     Der Artikel trifft unsere Situation genau.
                                                                                     Nichts ist „unserem“ Schulalltag ferner         Dieser Artikel hetzt die Gesellschaft ge-
                                                                                     als Gelassenheit. Kinder, Eltern und Leh-       gen Schüler auf, die gern mehr für den
Diagramm aktiver Parship-User                                                        rer sind gehetzt, gestresst und nie mit         Unterricht tun. Es irritiert mich, wie El-
                                                                                     der Arbeit fertig. Jedes Vertiefen, Aus-        tern, deren Kinder lieber „Musik hören
rung, Menschen näher kennenzulernen,                                                 probieren, jede Hingabe an ein Thema            oder Fußball spielen oder einfach gar
die nicht den Wunschvorstellungen ent-                                               bringt „unser“ Zeitkorsett aus dem Takt.        nichts tun“, die Schüler, die freiwillig ihre
sprechen, hat vielleicht zur Folge, dass                                             Angesichts des immer offensichtlicher           Zeit in Schulaufgaben stecken, nicht re-
es keinen zweiten Blick „hinter die Ku-                                              werdenden Wahnsinns entscheiden „wir“           spektieren und diese lieber als Produkt
lissen“ gibt. Dieser würde aber vielleicht                                           uns immer häufiger für die frische Luft         ehrgeiziger Mittelschichtler darstellen.
doch einen Menschen enthüllen, mit dem                                               anstelle des Schreibtischs.                     Solche Diskriminierung wird von diesen
man sein Leben verbringen möchte.                                                           KATHRIN UND ELMAR KRASKA, DUISBURG       Eltern an ihre Kinder weitergegeben.
                FRAUKE SCHÖNHOFF, BOCHUM                                                                                                                A. ORBEN, FRANKFURT AM MAIN
                                                                                     Nach einem Schlüsselerlebnis muss ich                                                SCHÜLERIN
                                                                                     nicht mehr büffeln: Ein Bekannter sagte
                                                                                     mir, es sei doch normal, dass mein Sohn,        Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
Nr. 14/2012, Teuer und gefährlich –                                                                                                  Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
die Schattenseiten des Yoga-Booms                                                    11, keine Verantwortung für die Schule          tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
                                                                                     übernehmen wolle. Ein paar Tage grübel-         leserbriefe@spiegel.de

Ganz ohne Klangschalen
Zwar habe ich Yoga selbst nie betrieben,
aber ich habe einen Arbeitskollegen, der
angibt, durch regelmäßiges Yoga keine
                                                                                                              Aus der SPIEGEL-Redaktion
Rückenbeschwerden mehr zu haben.                                                                              Geschichte und Politik, Kultur und Religion – zu diesen Themen
Wahrscheinlich ist es so, dass man mit                                                                        hat der SPIEGEL im vergangenen Jahr große Wissenstests
Yoga gesundheitlichen Problemen besser                                                                        veröffentlicht, die Taschenbuchreihe „Wie gut ist Ihre Allgemein-
begegnen kann, als die Pharma-Industrie                                                                       bildung?“ fand Hunderttausende Leser. Auf all die schweren
(und der SPIEGEL) es zugeben will. Wie-                                                                       Stoffe folgt nun ein Test zum Thema Fußball, der unwichtigsten
so sollten die Krankenkassen nicht auf                                                                        Hauptsache der Welt. Das Buch enthält 150 Fragen zu bekann-
diese Weise in die Gesundheit ihrer Ver-                                                                      ten Ereignissen, berühmten Spielern und mancher Skurrilität,
sicherten investieren?                                                                                        dazu Interviews mit den Stürmern Uwe Seeler und Mario Gomez.
                    GORDINA STECKERT, KÖLN                                                                    Es erscheint am 19. April.
12                                                                                         D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2
Panorama                                                                                                    Deutschland




                                                                                                                                                           DANIEL ROSENTHAL / LAIF
  Salzstock Gorleben



                                   AT O M M Ü L L
                                                                                                             das nach Jahre dauerndem Streit eine
                                                                                                             Grundlage für eine geordnete Suche

   Einigung über Endlagergespräche
                                                                                                             nach einem Atomendlager bieten soll.
                                                                                                             Ein ursprünglich für den 11. März ge-
                                                                                                             plantes Treffen war wegen Unstimmig-
                                                                                                             keiten geplatzt. Umstritten ist vor allem,
  Die Verhandlungen über ein Gesetz zur    weltminister Norbert Röttgen (CDU),                               ob und wie der Salzstock Gorleben mit
  Endlagersuche stehen anscheinend vor     die Ministerpräsidenten von Nieder-                               anderen potentiellen Standorten vergli-
  einem Durchbruch. Nach wochenlan-        sachsen und Baden-Württemberg, Da-                                chen werden soll. Jetzt rechnet Röttgen
  gem Ringen haben sich Vertreter von      vid McAllister (CDU) und Winfried                                 offenbar mit einer Einigung. „Ziel ist
  Regierung und Opposition auf den 24.     Kretschmann (Grüne), teilnehmen so-                               es, den jahrzehntelangen Kampf um
  April als Termin für ein Spitzen-        wie SPD-Chef Sigmar Gabriel und der                               diese Frage endlich zu beenden und bis
  gespräch zum sogenannten Standort-       Grünen-Fraktionschef im Bundestag                                 zum Sommer ein Rahmengesetz über
  auswahlgesetz geeinigt. An dem Tref-     Jürgen Trittin. Bund und Länder bera-                             die einzelnen Verfahrensschritte zu be-
  fen sollen unter anderem Bundesum-       ten seit fünf Monaten über ein Gesetz,                            schließen“, sagt er.




     RECHTSTERRORISMUS
                                           serie mit einem Sprengstoffanschlag                                schen den Radfahrern. In ihrem Be-
                                           des NSU in Köln untersucht, bei dem                                richt fasste die Soko „Bosporus“ im

      Zwei Männer auf                      im Juni 2004 22 Menschen teils lebens-
                                           gefährlich verletzt wurden: Auch hier
                                                                                                              Mai 2008 zusammen: „Aufgrund der
                                                                                                              Opferauswahl (Türken)“ und „der Ver-

        Fahrrädern                         waren zwei Männer mit Mountain-
                                           bikes gesehen und von einer Video-
                                           kamera gefilmt worden. Die Ermittler
                                                                                                              wendung von Fahrrädern“ könne „ein
                                                                                                              Zusammenhang nicht ausgeschlossen
                                                                                                              werden“. Sogar im Fall der 2007 in
Bayerische Ermittler waren den Terro-      zeigten einer Zeugin des dritten Nürn-                             Heilbronn ermordeten Polizistin Mi-
risten des „Nationalsozialistisches Un-    berger Mordes die Aufnahmen: Die                                   chèle Kiesewetter gab es Hinweise auf
tergrunds“ (NSU) offenbar dichter auf      Frau erkannte Ähnlichkeiten zwi-                                   verdächtige Radler: Gleisarbeiter der
der Spur als bislang bekannt. Wie aus                                                                         Bahn hatten damals zwei Mountain-
einem vertraulichen Bericht der Son-                                                                          bike-Fahrer beobachtet, die in unmit-
derkommission „Bosporus“ hervor-                                                                              telbarer Nähe des Tatorts miteinander
geht, war den Fahndern bereits früh                                                                           diskutierten. Wenig später seien
ein außergewöhnliches Muster im Ver-                                                                          Schüsse gefallen. Warum der Radfah-
halten der Täter aufgefallen: In vier                                                                         rer-Spur letztlich keine größere Be-
von neun Mordfällen der sogenannten                                                                           deutung beigemessen wurde, ist un-
Ceska-Serie hatten Zeugen jeweils                                                                             klar.
zwei Männer auf Fahrrädern beobach-                                                                           Ein weiteres potentielles Opfer des
tet, die sich in Tatortnähe aufhielten.                                                                       braunen Terrorkommandos war offen-
Die detaillierten Personenbeschrei-                                                                           bar der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl.
bungen passen teilweise exakt auf die                                                                         Durch einen Anruf des Bundeskrimi-
NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und                                                                              nalamts erfuhr der Bundestagsabge-
Uwe Mundlos, die im November nach                                                                             ordnete nach dem Tod der Terroristen,
einem Banküberfall in Eisenach er-                                                                            dass Mundlos und Böhnhardt ihn of-
schossen gefunden wurden. Das ver-                                                                            fenbar bereits ausgespäht hatten.
dächtige Radfahrer-Duo war dem Er-                                                                            „Sehr gute Lage, Zugang im Garten“,
mittlungsbericht zufolge zuerst im                                                                            hatten sie auf einer Liste notiert. Uhls
September 2000 gesichtet worden, als                                                                          Wahlkreisbüro gehört zu einer Reihe
in Nürnberg ein türkischer Blumen-                                                                            von Adressen von Prominenten, Ver-
                                                                                        POLIZEI KÖLN / DPA




händler ermordet wurde. Dann tauch-                                                                           einen und Politikern, die Ermittler am
te es 2001 (München), 2005 (Nürnberg)                                                                         Wohnsitz der Terrortruppe in der
und 2006 (Dortmund) an Tatorten auf.                                                                          Zwickauer Frühlingsstraße fanden und
Überdies hatte die bayerische Polizei                                                                         die sie für eine mögliche Todesliste
eine mögliche Verbindung der Mord-         Fahndungsfoto nach Kölner Anschlag 2004                            halten.
                                                D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                 15
Panorama

                                            L U F T FA H R T
                                                                                                                     line, kann der Passagier zwar beim LBA
                                                                                                                     einen Verstoß anmelden, die Ausgleichs-

       Entschädigung gleich ausbezahlen
                                                                                                                     zahlung muss er aber vor Gericht er-
                                                                                                                     streiten. Neuerdings gibt es sogar eigene
                                                                                                                     Service-Unternehmen wie EUclaim, die
                                                                                                                     anbieten, die Ansprüche für die Pas-
     Die Zahl der Bußgeldverfahren gegen             ein Bußgeld, das bis zu 25 000 Euro be-                         sagiere einzufordern. „Die Regierung
     Fluggesellschaften wegen verspäteter            trug. Insgesamt über 2,3 Millionen Euro                         muss die Airlines endlich zwingen, eine
     oder annullierter Flüge steigt sprunghaft       mussten die Airlines seit Einführung                            Schlichtungsstelle zu akzeptieren“, sagt
     an. Im vergangenen Jahr ermittelte das          neuer Fluggastrechte im Jahr 2005 zah-                          Tressel. Das Bundesverkehrsministe-
     Luftfahrtbundesamt (LBA) bei 1787 Be-           len. „Trotzdem kontrolliert die Bundes-                         rium bestätigte dem Parlamenta-
     schwerden von Passagieren. Sie hatten           regierung immer noch nicht ausreichend                          rier indes, was viele Passagie-
     insbesondere darüber geklagt, dass ih-          die Durchsetzung der Fluggastrechte“,                           re nicht wissen: Die Air-
     nen die Airlines den bei Verspätungen           kritisiert der Grünen-Abgeordnete Mar-                          lines müssen die Ent-          1787
     ab drei Stunden zustehenden Ausgleich           kus Tressel, der eine parlamentarische                          schädigung noch
     von mindestens 250 Euro nicht auszahl-          Anfrage zu diesem Thema im Bundes-                              am Flughafen
     ten. In 161 Fällen verhängte das LBA            tag gestellt hatte. Weigert sich die Air-                       auszahlen.           1222


     Bußgeldverfahren gegen                                                                                                  942                            11616
                                                                                              696                                                        stark verspätete*
     Fluggesellschaften                                                                                                                                   und annullierte
                                                                                                                                                          Flüge deutscher
     seit Einführung neuer Fluggastrechte                                                                                                               Fluggesellschaften
     2005, deutsche und internationale                                                                                                                          2011
     Fluggesellschaften                                                                                              243

                                                                1              37                                                         * ab 3 Stunden Verspätung

     Quelle: Bundesverkehrs-
     ministerium, EUclaim                                      2005           2006            2007                   2008       2009         2010               2011




                 FINANZPOLITI K
                                                     wird sie sich im Wahlkampf dafür ver-                             profitieren. SPD und Grüne wollen
                                                     antworten müssen“, sagt CSU-Gene-                                 das Gesetz im Bundesrat ablehnen.

             Steuern runter,                         ralsekretär Alexander Dobrindt. Ähn-
                                                     lich äußerte sich Unionsfraktionsvize
                                                                                                                       „Wir bleiben bei unserem Nein, weil
                                                                                                                       die Koalition die falschen Prioritäten

             Schulden rauf?                          Michael Meister (CDU): „Die Koali-
                                                     tion hat ihre Hausaufgaben gemacht,
                                                     jetzt sind andere gefordert, ihren Bei-
                                                                                                                       setzt“, sagt die finanzpolitische Spre-
                                                                                                                       cherin der SPD-Bundestagsfraktion,
                                                                                                                       Nicolette Kressl. Schuldenabbau und
Die steigende finanzielle Last der Bun-              trag zur Entlastung der Arbeitnehmer                              Bildungsinvestitionen hätten Vorrang
desbürger hat die Debatte über die                   zu leisten.“ Die schwarz-gelbe Koali-                             vor einer Entlastung der Bürger. „So-
Steuerpolitik neu angefacht. Führende                tion hatte Ende März ein Gesetz im                                lange der Bundeshaushalt ein riesiges
Unionspolitiker warnten SPD und                      Bundestag verabschiedet, mit dem die                              Defizit aufweist, können wir uns Min-
Grüne davor, die von der Koalition ge-               sogenannte kalte Progression abgemil-                             dereinnahmen nicht leisten“, sagt auch
planten Steuersenkungen zu verhin-                   dert werden soll. Diese ist dafür ver-                            Grünen-Finanzexperte Gerhard
dern. „Wenn die SPD die Entlastung                   antwortlich, dass Arbeitnehmer von                                Schick. Zudem seien die schwarz-gel-
der Bürger im Bundesrat blockiert,                   Lohnerhöhungen real vielfach nicht                                ben Reformpläne „sozial ungerecht“.



                           LINKE
                                                     als falsche Strategie. Im Hinblick auf                           hängigkeit von Lafontaines Entschei-
                                                     die Wahlkämpfe müsse zügig geklärt                               dung für fatal: „Eine Partei muss dafür

             Die Wut wächst                          werden, mit wem die Partei in die Zu-
                                                     kunft gehen wolle. Auch der Landes-
                                                     vorsitzende von Mecklenburg-Vorpom-
                                                                                                                      sorgen, dass sie eigenständig agiert
                                                                                                                      und nicht darauf wartet, was einer
                                                                                                                      sagt.“ Bockhahn wendet sich gegen
Nach dem Rücktritt der Vorsitzenden                  mern, Steffen Bockhahn, hält die Ab-                             eine Rückkehr Lafontaines: „Wir brau-
Gesine Lötzsch wächst in der Linken                                                                                   chen keinen Erlöser.“ Die Linke solle
die Wut über das Schweigen von Os-                                                                                    „jetzt schon an übermorgen denken“
kar Lafontaine. Der saarländische                                                                                     und sich „auf etwas jüngere Leute kon-
Fraktionschef will erst nach der Land-                                                                                zentrieren“. Matthias Höhn, Landes-
tagswahl in Nordrhein-Westfalen am                                                                                    chef in Sachsen-Anhalt, fordert ein
13. Mai erklären, ob er im Juni wieder                                                                                Ende des „Wettrennens um den spa-
für den Vorsitz der Linken kandidie-                                                                                  ßigsten Personalvorschlag“. Eine soli-
                                                                                                      BECKERBREDEL




ren wird. Die Vize-Vorsitzende Katja                                                                                  de Vorbereitung des Bundesparteitags
Kipping kritisierte das in einer Tele-                 Lafontaine                                                     Anfang Juni in Göttingen sehe anders
fonkonferenz der linken Landeschefs                                                                                   aus.
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Deutschland




                                                                                               MARIO VEDDER / DAPD
Verteilung von Gratis-Koranen an einem Stand in Offenbach

            SALAFISTEN
                                                  „dass in der Vergangenheit Geldströme
                                                  von der Arabischen Halbinsel an das

  Dubiose Finanzströme                            salafistische Netzwerk in Deutschland
                                                  geflossen sind.“ Laut der Vereinigung
                                                  werden die Kosten durch den Verkauf
Verfassungsschützer rätseln über die              von Koranen an Muslime und Spenden
Finanzierung der umstrittenen Aktion              finanziert.
salafistischer Prediger, die kostenlose
Korane in deutschen Innenstädten ver-
teilen. „Ich gehe davon aus, dass es
externe Geldgeber gibt“, sagt Hans-                   ZAHL DER WOCHE
Werner Wargel, Chef des niedersächsi-
schen Landesamts für Verfassungs-
schutz. Die als extremistisch eingestuf-
te salafistische Vereinigung „Die wahre
Religion“ ließ bei der Ulmer Druckerei
                                                  Etwa    500 000               Bibeln

Ebner & Spiegel in sechs Tranchen ins-            der Deutschen Bibelgesellschaft wur-
gesamt 300 000 Exemplare des Korans               den laut United Bible Societies in
in deutscher Sprache drucken. Die Kos-            deutscher Sprache 2010 verkauft
ten in Höhe von rund 300 000 Euro                 oder verschenkt. Nicht nur Privatper-
überwiesen die Salafisten vorab. Mögli-           sonen erhalten die Heilige Schrift,
che Geldgeber für das Projekt vermu-              sondern auch Hotels, Kreuzfahrtschif-
tet der niedersächsische Verfassungs-             fe, Altersheime, Schulen oder Kran-
schutz in Saudi-Arabien oder Katar.               kenhäuser nehmen die Bibeln ab.
„Wir haben Erkenntnisse“, so Wargel,



              P L AG I AT E
                                                  schen Denkens in den USA und
                                                  Europa“ promoviert. Der Promotions-

     Ohne Dr. kein Prof.                          ausschuss hat bereits empfohlen, den
                                                  Titel zu entziehen. Die Technische Uni-
                                                  versität Braunschweig will eine beste-
Der FDP-Politikerin und Unternehme-               hende Honorarprofessur widerrufen,
rin Margarita Mathiopoulos droht der              falls die Universität Bonn Mathiopou-
Verlust ihrer beiden Honorarprofessu-             los den Doktorgrad rechtskräftig ab-
ren. Grund ist die anstehende Entschei-           erkennen sollte. Das gleiche Vorgehen
dung des Bonner Fakultätsrats, der die-           hat die Universität Potsdam angedeu-
se Woche klären soll, ob die Politikerin          tet. Eine Sprecherin der TU Braun-
in ihrer Doktorarbeit plagiiert hat oder          schweig erklärte, die Hochschule bestel-
nicht. Darüber wird seit mehr als 20              le „nur solche Personen zu Honorarpro-
Jahren gestritten. 1986 hatte Mathio-             fessorinnen oder Honorarprofessoren,
poulos an der Philosophischen Fakultät            die nach ihren wissenschaftlichen Leis-
Bonn über den „Vergleich des politi-              tungen den Anforderungen genügen“.
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Deutschland                                                                                                        Panorama




                                                                                                                                             JOERG SARBACH
     Pferderennsport-Veranstaltung im Watt vor Cuxhaven


                 GLÜCKSSPIEL
                                                   Kraft treten soll, sei nicht europarechts-   stimmung erwartet. Dürr begründet den
                                                   konform und zu restriktiv für die Sport-     Umschwung damit, dass die EU-Kom-

         FDP lenkt ein
                                                   wettenanbieter. In mehreren Ländern          mission in einem Schreiben anders als
                                                   drohte deshalb eine Ratifizierung an         erwartet keine grundlegenden Beden-
                                                   einem Veto der Liberalen zu scheitern.       ken gegen den Vertrag geäußert habe.
                                                   Nun aber kündigt etwa der niedersäch-        In der Partei heißt es aber auch, die Ent-
     Die Freien Demokraten geben ihren Wi-         sische FDP-Fraktionsvorsitzende Chris-       scheidung sei eine Kompensation dafür,
     derstand gegen einen neuen Glücks-            tian Dürr an: „Wir stimmen zu.“ Auch         dass sich die CDU in Niedersachsen, wie
     spielstaatsvertrag der Länder auf. Bis-       die Freien Demokraten in Bayern wol-         von den Liberalen gewünscht, gegen
     lang hatten die Liberalen stets kritisiert,   len das Vorhaben nicht weiter behin-         eine Transfergesellschaft für die Schle-
     die Vereinbarung, die zum 1. Juli in          dern. In Hessen wird ebenfalls eine Zu-      cker-Mitarbeiter ausgesprochen habe.




                   ORDEN                               N O R D R H E I N -W E S T FA L E N                  V O R R AT S DAT E N


     Ehrt Gauck Klarsfeld?                            Sprechblase geplatzt                                Frostige Zeiten
Bundespräsident Joachim Gauck be-                  Die Wahlkämpferinnen Hannelore                Kurz vor Ablauf der ultimativen EU-
kommt einen heiklen Fall auf den                   Kraft (SPD) und Sylvia Löhrmann               Aufforderung, die Richtlinie zur soge-
Tisch – die Ordensangelegenheit Beate              (Grüne) müssen ihre vielbeschworene           nannten Vorratsdatenspeicherung um-
Klarsfeld. Er wird dazu gedrängt, sei-             Frauenfreundschaft einer Belastungs-          zusetzen, steuert der Dauerkonflikt
ner Gegenkandidatin und weltweit an-               probe unterziehen. Anlass ist eine Pla-       zwischen FDP und Union auf eine Es-
erkannten Nazi-Jägerin das Bundesver-              katidee der Grünen, die der Regie-            kalation zu. Obwohl Bundeskanzlerin
dienstkreuz zu verleihen. Entsprechen-             rungschefin Kraft zu weit geht. Das           Angela Merkel die Hauptkontrahenten
de Schreiben der Linkspartei und des               vergangene Woche präsentierte Wahl-           Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Initiativkreises Deportationsausstel-              plakat zeigt die beiden Frauen auf            (FDP) und Hans-Peter Friedrich (CSU)
lung Bielefeld sind im Bundespräsidial-            grünem Grund mit der Überschrift              Ende März ermahnt hatte, sich zu ver-
amt eingetroffen. Außerdem befürwor-               „Schön, wenn Frauen wieder den                ständigen, bleiben die Fronten verhär-
tet auch das Land Berlin weiterhin den             Haushalt machen – Grün macht den              tet. Die Justizministerin hatte nach
Vorschlag, Klarsfeld zu ehren. Gaucks              Unterschied“. Eine knallige Sprechbla-        dem Gespräch mit der Kanzlerin ihren
Behörde versucht, den Vorgang auf                  se legt Kraft eine Zweitstimmenkam-           Alternativvorschlag eines sogenannten
dem Amtsweg zu erledigen. Sie be-                  pagne für die Grünen in den Mund.             Quick-Freeze-Modells zur Abstim-
streitet, dass Berlin für die Beurteilung          Das Plakat musste auf ihr Betreiben           mung an die beteiligten Ministerien ge-
der „Ordenswürdigkeit“ zuständig sei.              hin eingestampft und ohne Sprechbla-          schickt. Danach sollen vorhandene
Nach Ansicht des Präsidialamts ist für             se neu gedruckt werden. Die beiden            Telefonverbindungsdaten nur in kon-
die in Paris lebende Klarsfeld das Aus-            Frauen regieren Nordrhein-Westfalen           kreten Verdachtsfällen aufbewahrt
wärtige Amt verantwortlich, das be-                und wollen das Bündnis auch nach der          werden. Für Internetdaten schlägt sie
reits mehrmals gegen die Auszeich-                 Neuwahl am 13. Mai fortsetzen. Bis da-        eine anlasslose Speicherung vor, aller-
nung votiert hat. Klarsfeld ist im Besitz          hin gehen sie vorerst als Rivalinnen          dings lediglich für eine Woche. Minis-
eines deutschen Reisepasses. Außer-                auf Stimmenfang.                              ter Friedrich bleibt demgegenüber bei
dem hat sie einen Personalausweis                                                                seiner Auffassung, dass dieses Modell
vom Einwohneramt der Hauptstadt mit                                                              nicht den Vorgaben der EU-Richtlinie
heimischer Adresse. Deshalb rekla-                                                               entspreche und deshalb auch nicht das
miert Berlin die Prüfungskompetenz                                                               drohende Verfahren vor dem Europäi-
für sich. Eine Ehrung war schon etliche                                                          schen Gerichtshof verhindern könne.
Male abgelehnt worden, offenbar weil                                                             Dafür sei eine anlasslose, sechsmonati-
Klarsfeld 1968 Kanzler Kurt Georg Kie-                                                           ge Speicherung aller Verbindungs-
singer wegen dessen NSDAP-Mitglied-                                                              daten notwendig. Vor diesem Hinter-
schaft geohrfeigt hatte. Aus dem Präsi-                                                          grund dürften Union und FDP nur
dialamt heißt es nun, Gauck werde                                                                schwer noch vor Ablauf der Frist aus
sich persönlich eine Meinung bilden                                                              Brüssel zu einem gemeinsamen Ergeb-
und „zu gegebener Zeit“ entscheiden.               Wahlplakat mit strittiger Sprechblase         nis kommen.
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GORDON WELTERS / STERN / LAIF
Treffen der Jungen Piraten in Berlin: Sie treibt keine Idee an, sondern der Glaube an die Macht der Technik



                                                               PA R T E I E N




                    Aufstand der Autoren
 Bislang schien der Aufstieg der Piratenpartei unaufhaltsam, nun formiert sich Wider-
       stand. Künstler und Intellektuelle erklären ihren Protest gegen den laxen
  Umgang mit geistigem Eigentum. Die Piraten haben Mühe, Antworten zu finden.


W
          enn es um revolutionäre Bewe-        er den Grünen die Daumen gedrückt, bei        nichts. Es ist sogar überraschend spieß-
          gungen geht, ist Hans Magnus         ihrem Marsch durch die Parlamente.            bürgerlich. Wie bei unseren Großeltern,
          Enzensberger, 82, ein idealer           Am Donnerstag vergangener Woche            die sich gefreut haben, wenn es was um-
Auskunftgeber. Der Essayist, Dichter und       packt er in seiner Wohnung in München         sonst gab.“
Schriftsteller war zunächst als Beteiligter,   seinen Koffer. Am folgenden Tag wird er         Pause. Kurzes Gegrummel. Dann noch
dann als Zaungast und Chronist bei je-         in Belfast erwartet, wo sein Oratorium        zwei Sätze, bevor es wieder ans Packen
dem politischen Aufbruch dabei, der in         „Untergang der Titanic“ zur Aufführung        geht.
den vergangenen fünf Jahrzehnten in die        kommt; aber bevor er sich auf den Weg           „Ich frag mich, warum die nicht zum
Zukunft führen sollte.                         macht, will er doch noch ein paar Worte       Bäcker gehen und da sagen, dass sie lie-
  Er hat an der Wiege der 68er gestan-         zur Piratenpartei sagen, der neuen Hoff-      ber nicht bezahlen wollen. Warum muss
den, da war er noch Marxist. Er hat mit        nung am politischen Firmament.                das immer gegen uns Autoren gehen?“
den Sozialdemokraten gefiebert, als es           „Politisch? Nein, politisch ist da eine       Die Piratenpartei hat in ihrer kurzen
gegen Franz Josef Strauß und später ge-        Leerstelle“, knurrt Enzensberger durchs       Karriere schon einige bemerkenswerte
gen Helmut Kohl ging. Und natürlich hat        Telefon. „Revolutionär ist da erst recht      Rekorde aufgestellt. Keine andere Partei
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Deutschland

                                hat in so kurzer Zeit einen so steilen         Es hat ein wenig gedauert, bis sich der                         Die Piraten müssen nun sogar mit dem
                                Höhenflug erlebt, seit der Berlin-Wahl Widerstand formierte. Mehr Demokratie                                   Vorwurf leben, die Axt an die deutsche
                                im September vergangenen Jahres mar- zu wagen ist ein Versprechen, das bei Ver-                                Kulturnation zu legen.
                                schierten sie in den Umfragen auf jetzt tretern der Geisteswelt immer auf Zustim-                                 Zum ersten Mal steht die Partei einem
                                13 Prozent. Keine andere Partei hat mehr mung stößt. Aber je genauer die Autoren                               harten Kontrahenten gegenüber, der
                                Zulauf. 25 000 Mitglieder meldete die Par- und Künstler hinsehen, desto weniger                                nicht im Verdacht steht, Parteipolitik zu
                                teiführung vergangene Woche, damit ist gefällt ihnen das, was sie entdecken.                                   betreiben. Die Künstler fordern die Pira-
                                die junge Formation schon jetzt fast halb      Mit dem Aufstieg der Piratenpartei hat                          ten auf, eine Lösung anzubieten, wie
                                so groß wie die 32 Jahre alte Partei der auch ihre Kernforderung nach einer Re-                                Kreative Geld verdienen können, wenn
                                Grünen. Nun kommt eine weitere Pre- form des Urheberrechts Konjunktur. Was                                     ihre Werke im Internet von anderen kos-
                                miere hinzu: Die Piraten sind die erste sie dazu an Ideen formulieren, berührt                                 tenlos bereitgestellt werden.
                                Partei links der Mitte, die einen Gutteil die Existenzgrundlage vieler Künstler. So                               Doch genau dazu sind die Piraten nicht
                                der Intellektuellen nicht für, sondern ge- wollen die Piraten das Recht auf die                                in der Lage, und das nicht nur, weil ihr
                                gen sich hat.                               „nichtkommerzielle Vervielfältigung“                               Programm so lückenhaft ist. Das Prinzip
                                   Wenn es um die gute Sache geht, den festschreiben. Künftig wären nur noch                                   der radikalen Basisdemokratie führt da-
                                Einsatz für mehr Demokratie und Gerech- Unternehmungen verboten, die mit dem                                   zu, dass die Partei in Krisensituationen
                                tigkeit, dann ist auf die Künstler eigent- illegalen Angebot von Musik, Büchern                                nicht wirklich sprechfähig ist. Jede Äu-
                                lich immer Verlass. Seit Günter Grass vor oder Filmen im Internet ihr Geschäft be-                             ßerung eines führenden Mitglieds muss
                                40 Jahren für Willy Brandt und die SPD treiben. Das Kopieren und Downloaden                                    zuvor mit den einfachen Piraten abge-
                                trommelte, versammelt sich das intellek- urheberrechtlich geschützter Inhalte hin-                             sprochen werden, das verlangsamt die
                                tuelle Deutschland auf der Seite des Fort- gegen wäre erlaubt.                                                 Reaktionszeiten. Die größte Last aber ist
                                schritts. Im Zweifel links zu sein gehört      Vielen Kreativen, die sich im linken La-                        der egalitäre Anspruch der neuen Bewe-
                                in diesem Milieu zum guten Ton; an der ger beheimatet fühlen, fällt beim zweiten                               gung. Weil die Piraten jeder Form von
                                Spitze des Zeitgeists zu marschieren gilt Blick auch auf, dass die Erfolge der Pira-                           Autorität misstrauen, geraten alle in Ver-
                                hier als innere Verpflichtung.              ten zu Lasten von Grünen und Sozialde-                             dacht, die der jungen Partei nach außen
                                   Im Fall der Piraten ist die Liebe erkal- mokraten gehen. In Nordrhein-Westfalen                             Gesicht und Stimme geben. Wer trotz des
                                tet, bevor sie richtig beginnen konnte. muss Hannelore Kraft schon um den Sieg                                 Gleichheitspostulats aufsteigen will, tut
                                Reihenweise melden sich in diesen Tagen fürchten. Dass die SPD als stärkste Partei                             gut daran, sich als bescheidener Diener
                                Künstler zu Wort, die ihr Unbehagen durchs Ziel gehen wird, scheint ausge-                                     der Partei zu empfehlen. Die Versuche
                                über die Forderungen der Bewegung nach macht, ob es am Ende für Rot-Grün rei-                                  des Berliner Abgeordneten Lauer, bei
                                Freigabe aller digitalen Inhalte äußern. chen wird, ist hingegen wieder fraglich.                              den Piraten weiter nach oben zu kom-
                                Seit der Musiker und Autor Sven Regener        Auch im Bund könnten sich die Gewich-                           men, scheitern auch deshalb, weil ihm
                                vor fast vier Wochen im Bayerischen te verschieben. Sollten die Piraten den                                    viele seine mediale Präsenz neiden.
                                Rundfunk seinem Ärger freien Lauf ließ, Sprung in den Bundestag schaffen, wird                                    Zurzeit hat nicht mal der Vorstand Pro-
                                reißt der Protest nicht mehr ab.            es für die Sozialdemokraten schwer, eine                           kura, die Partei nach außen zu vertreten.
                                   Es ist eine breite Allianz, die in ver- Regierungsmehrheit gegen die Union zu-                              Als Parteichef Sebastian Nerz und sein
                                schiedenen Medien zusammenkommt, sie sammenzubekommen. „Natürlich freuen                                       Stellvertreter Bernd Schlömer vergange-
                                versammelt bekannte Namen wie die wir uns über den Erfolg der Piraten. Man                                     ne Woche offen darüber sinnierten, ob
                                Regisseurin Doris Dörrie, den Hanser-Ver- darf es nur nicht laut sagen“, sagt ein en-                          es zu bestimmten Themen wie dem Ur-
                                leger Michael Krüger, die Autorin Julia ger Gefolgsmann der Kanzlerin.                                         heberrecht nicht „feste Ansprechpartner“
                                Franck. „Ich glaube, ich muss euch Pira-       Der Aufstand der Autoren bringt die                             brauchte, ging sofort einer der gefürch-
                                ten dringend mal ein paar Dinge erklären. Piratenpartei in eine schwierige Lage.                               teten „Shitstorms“ los.
                                Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Musiker und Schriftsteller sind einfluss-                             Bei Twitter hagelte es Aufrufe, die zwei
                                Halbwissen“, sagt der Musiker Jan Delay reiche Leute. Wer wortgewaltige Intel-                                 auf dem Parteitag Ende April ihrer Ämter
                                im SPIEGEL-Streitgespräch mit dem Pira- lektuelle auf seiner Seite hat, besitzt im                             zu entheben. Der Berliner Abgeordnete
                                ten Christopher Lauer (siehe Seite 116).    politischen Meinungskampf einen Vorteil.                           Oliver Höfinghoff forderte die „lieben

                                Künstler gegen Piraten
PRO.MEDIA KOMMUNIKATION / OBS




                                                                                                                                                                                             TORSTEN SILZ / DAPD
                                                                                                                          ENNIO LEANZA / AP




                                HANS M. ENZENSBERGER, 82                    JAN DELAY, 35                                                     SVEN REGENER, 51
                                Schriftsteller, lebt in München             Musiker, lebt in Hamburg                                          Musiker und Autor, lebt in Berlin
                                                                                  D E R   S P I E G E L   1 6 / 2 0 1 2                                                                21
Deutschland

Piraten“ über den Kurznachrichtendienst          an die Kraft der Technik. Sie sind mit
auf, den Grundsätzen der Partei treu zu          dem Internet aufgewachsen, und nun
bleiben und die „gehypten Kandidaten             wollen sie die Regeln der digitalen Welt
nach hinten“ zu verbannen.                       auf die reale übertragen. Ihr Gründungs-
   Nerz ist ein Mann mit einer stabilen          mythos ist nicht die Angst vor dem Atom-
Konstitution, auch deshalb wird er partei-       tod; ihnen liegt eher am Herzen, dass
intern öfter mit Helmut Kohl verglichen.         man sie weiter ungestört „Counterstrike“
Aber die Dauerangriffe machen selbst ihn         spielen lässt. Zu den ersten Kampagnen
langsam mürbe. Bei Twitter gibt es Nut-          der Partei in Deutschland gehörte nicht
zer, die sich einen Scherz daraus machen,        der Protest gegen Krieg und soziale Un-
ebenfalls als Sebastian Nerz aufzutreten.        gerechtigkeit, sondern der Widerstand
Im Namen des „Bundes Nerzilein“ hin-             gegen das Verbot von Killerspielen.
terlassen sie sarkastische Kommentare.             Bislang haben die alteingesessenen
„Mein Nervenkostüm ist dünner gewor-             Kräfte im linken Lager mit einer Mi-
den“, bekennt Nerz. Anfang des Jahres            schung aus Angst und Ehrfurcht auf die
habe er daran gedacht, alles hinzuwerfen.        neue Konkurrenz geblickt. Die Spitze der
Auch wenn er sich letztlich dagegen ent-         Grünen in Person von Renate Künast hat
schied, erfüllt ihn bis heute eine „gewisse      schon eilfertig erklärt, ihre Partei halte
Grundgereiztheit“.                               das Urheberrecht ebenfalls für dringend
   Die Angst vor den Attacken aus den            reformbedürftig. Es zirkuliert die Idee
eigenen Reihen führt inzwischen dazu,            einer Kultur-Flatrate, auch wenn bislang
dass sich viele Piraten nicht mehr ins
Fernsehen trauen. Die Berliner Piratin
Julia Schramm kandidiert auf dem anste-
henden Bundesparteitag für den Partei-
vorsitz. Andernorts wäre es normal,
wenn sie sich jetzt auch über die Medien
bekannt machen würde – Schramm sagt
seit einiger Zeit alle Auftritte ab. Erst vor
kurzem hatte sie eine Einladung zu der
Talkshow von Maybrit Illner, ohne lange
nachzudenken, ausgeschlagen, um ihre
Chancen nicht zu gefährden.
   Ringt sich ein Parteimitglied doch zum
Interview durch, muss es stets darauf
bedacht sein, nicht zu weit von der Partei-
linie abzuweichen. „Wenn man nicht an-
eckt, bleibt es im besten Fall ruhig“, sagt
Schramm. „Wenn man Mist baut, bricht
die Hölle los.“
   Es ist auch der raue Ton im Netz, der
nun viele abschreckt, gerade im Milieu
der Künstler. Wie jede neue Kraft links
der Mitte waren die Piraten von den




                                                                                                   HCP
Intellektuellen erst einmal freundlich in
die Arme genommen worden. Man                    Piratin Schramm
schätzte an ihnen das Unkonventionelle           Nur nicht anecken
und Freche; wie einst die Grünen bargen
sie das Versprechen, die verkrusteten            niemand so recht erklären kann, wie die
Rituale der Politik aufzubrechen.                eigentlich funktionieren soll.
   Jetzt zeigt sich, dass die Welt der              Nach dem ersten Schrecken fragen sich
Künstler und die der Nerds nicht viel ge-        nun die ersten Vertreter, ob es wirklich
mein haben. Wer im Intelligenzmilieu             so schlau ist, den Positionen der Piraten
kann schon jemanden ernst nehmen, der            hinterherzulaufen. „Es kann nicht sein,
seine freie Zeit mit Rollenspielen ver-          dass geistiges Eigentum einfach ver-
bringt und J. R. R. Tolkiens Roman „Herr         schleudert wird“, sagt Agnes Krumwiede,
der Ringe“ für die Krone der Literatur           die kulturpolitische Sprecherin der Grü-
hält? Mit etwas Verspätung wird vielen           nen im Bundestag.
klar, dass der Pirat ein Politiker neuen            Krumwiede hat Klavier studiert, sie
Typs ist. Die Grünen rekrutierten ihr Per-       kennt die finanziellen Nöte vieler Künst-
sonal aus den geistes- und sozialwissen-         ler und ihre Furcht vor der Netzgemein-
schaftlichen Fakultäten des Landes, ein          de. „Ich halte es für einen unhaltbaren
typischer Berufsabschluss war hier das           Zustand, wenn Musiker sich nicht mehr
abgebrochene Soziologiestudium. Sie zo-          trauen, öffentlich für ihre Interessen ein-
gen Leute an, die an die Macht der Idee          zutreten, nur weil einige sich daran ge-
glaubten und aus ihrer Verachtung für            wöhnt haben, alles umsonst aus dem Netz
alles Technische keinen Hehl machten.            zu ziehen.“
   Bei den Piraten ist es umgekehrt, sie                          SVEN BECKER, JAN FLEISCHHAUER,
treibt keine Idee an, sondern der Glaube                                            RENÉ PFISTER

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  • 3. Hausmitteilung 16. April 2012 Betr.: Piraten, Mormonen, Springer, Disney I st die Frage, ob ich einen Song oder einen Film aus dem Internet kostenlos her- unterladen darf, eine politische Frage? Ja, sie ist es geworden, spätestens mit dem Aufstieg der Piratenpartei, welche die Freiheit zum Klick fordert und damit die anderen politischen Parteien herausfordert. Die Download-Debatte ist Teil einer großen Diskussion; die Gretchenfrage an unsere digitale Gesellschaft lautet: Wie hast du’s mit dem Internet? Es ist eine Frage nach der Freiheit und ihren Gren- zen, der sich der SPIEGEL in dieser Ausgabe dreifach nähert. Autor Dirk Kurbju- weit, 49, warnt in einem Essay vor neuer Barbarei; ein Team von Kollegen be- schreibt den Widerstand von Künstlern gegen den laxen Umgang mit geistigem Ei- gentum; und in einem Streitgespräch zoffen sich der Musiker Jan Delay, 35, und der Berliner Piratenpartei-Abgeordnete Christopher Lauer, 27 (Seiten 20, 24, 116). W ie es einer mit der Religion hält, spielt heutzutage in der politischen Ausein- andersetzung in Deutschland normalerweise keine Rolle. Anders in den USA, wo gerade über den Republikaner Mitt Romney, 65, und seinen Glauben dis- kutiert wird. Romney – voraussichtlich Herausforderer von Präsi- dent Barack Obama, 50 – ist Mormone. SPIEGEL-Redakteur Ger- hard Spörl, 62, recherchierte die Geschichte dieser Religion. In GEORGE FREY / DER SPIEGEL Salt Lake City traf er Richard Hinckley, 70, der in den sechziger Jahren im Ruhrgebiet missioniert hatte. Zu Spörls Verblüffung zückte Hinckley triumphierend eine SPIEGEL-Ausgabe von 1994. Unter der Titelzeile „Die Ego-Gesellschaft“ hatte der SPIEGEL die Abkehr Deutschlands von der Solidargemeinschaft beschrie- ben – eine Entwicklung, die Mormonen beklagen (Seite 96). Hinckley A xel Sven Springer war 19 Jahre alt, als er aus dem Internat entführt wurde – seither ist der Enkel des Verlegers Axel Cäsar Springer (1912 bis 1985) im Um- gang mit fremden Menschen vorsichtig. Jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert später, gab Springer, 46, sein erstes Interview. „Das brennt sich ein, das ist immer da“, so beschrieb er die Folgen des Kidnappings im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteu- rinnen Susanne Beyer, 42, und Isabell Hülsen, 38. Als er fotografiert wurde, schien es Beyer, „als prüfe Springer seine Umgebung auf versteckte Gefahren“. Gelassen hingegen sprach er über sein Leben und auch den Rechtsstreit mit Friede Springer, 69, der fünften Ehefrau seines Großvaters und mächtigsten Frau im Konzern. Dort wird sich der Enkel mit seinen Aussagen nicht beliebt machen (Seite 140). D er Löwe, den Regisseur Alastair Fothergill, 52, in der kenianischen Masai Mara bei der Jagd filmen wollte, hatte wenig Appetit. Gemächlich umkreiste der Hauptdarsteller der Kinoproduktion „Im Reich der Raubkatzen“ den Jeep des Auf- nahmeteams und markierte dann sein Territorium, indem er sich an dem Fahrzeug erleichterte. SPIEGEL-Redakteur Martin Wolf, 37, wurde Zeuge der Unwägbarkeiten der Tierfilmerei, als er Fothergill, der als Bester seiner Zunft gilt, bei den Dreharbeiten für zwei Dokumentationen des Disney-Konzerns begleitete: jene über Großkatzen, die MARTIN WOLF / DER SPIEGEL diese Woche in deutschen Kinos anläuft, und eine über Schimpansen. Die wiederum waren am Drehort im Ur- wald in Uganda aktiver, als dem Team lieb war – sie ko- pulierten. Die Szene wird fürs Kino herausgeschnitten: „Die Zielgruppe sind Familien“, sagt Wolf, „die möchte Fothergill, Wolf der Disney-Konzern nicht verstören“ (Seite 122). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 3
  • 4. In diesem Heft Titel Wenn Kollegen Feinde sind – rund zwei Millionen Deutsche leiden unter Mobbing ..... 56 Deutschland Panorama: Spitzengespräch über Atom- endlagerung / Diskussion um Steuersenkungen neu entfacht / Bußgeldverfahren gegen Fluggesellschaften häufen sich ............. 15 Parteien: Künstler und Intellektuelle machen gegen die Piraten mobil .................... 20 Essay: Wird das Internet zu einer Schule der neuen Barbarei? ....................................... 24 SPD: Im SPIEGEL-Gespräch verteidigt Parteichef Sigmar Gabriel Günter Grass ........ 26 CSU: Horst Seehofer plant den Befreiungsschlag gegen die Kanzlerin ............ 31 Nahverkehr: Tübingen will als erste deutsche Stadt Busfahren zum Nulltarif einführen ....... 32 Regierung: Schäubles Steuerabkommen mit der Schweiz wäscht Schwarzgeldkonten weiß ...... 34 FDP: Generalsekretär Patrick Döring klagt Piraten im Shitstorm Seite 20 MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPD im Interview über Anfeindungen aus dem Piraten-Milieu ................................................ 36 Deutschlands Kreative verbünden sich gegen die Piratenpartei. Prozesse: Hat der Staat einen Angeklagten zum Drogenhandel angestiftet? ..................... 38 Intellektuelle und Künstler fürchten um ihre Existenzgrundlage. Erst- Internet: US-Regierung überholt Deutschland mals geraten die Piraten ins Visier eines einflussreichen Gegners – beim Schutz persönlicher Daten .................... 40 und offenbaren die Schwächen ihres basisdemokratischen Modells. Migranten: Gutausgebildete junge Griechen suchen ihr Heil in Berlin – und scheitern ....... 41 Geheimdienste: Der neue BND-Chef Gerhard Schindler fordert mehr Risikofreude von seinen Agenten ....................................... 43 Kriminalität: Die Aussage eines Machtkampf im IWF Auftragskillers brachte drei mutmaßliche Mafiosi in Hagen vor Gericht ......................... 44 Seite 68 Gesellschaft Die Schwellenländer wollen der Euro-Zone nur Hilfe gewähren, wenn sie Szene: Trainingsanzug für Pferde / Interview im Gegenzug mehr Einfluss auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) über die Nachteile der Pendlerpauschale und bekommen. Ende der Woche kommt es in Washington zum Showdown. moderne Mobilität ......................................... 48 Eine Meldung und ihre Geschichte – ein Sexshop für Christen und seine theologische Begründung ............................... 49 Das Ende der Party Migration: Wie ein mexikanischer Boxer in den USA sein Aufstiegsmärchen erlebt .......... 50 Ortstermin: In Hildesheim kämpft ein Seite 84 Ehemann um seine Anerkennung als Opfer Italien, Spanien, Portugal und Griechenland suchen nach Auswegen aus häuslicher Gewalt .......................................... 55 der Schuldenkrise und reformieren ihre Arbeitsmärkte. Taugen Gerhard Schröders Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze als Vorbild? Wirtschaft Trends: Fragwürdige Ökofonds der Postbank / Conergy-Chef wehrt sich gegen Vorwurf der Kapitalvernichtung / Aufsteiger aus Einreiseverbot für Überraschungseier ............ 66 Weltwirtschaft: Im IWF verlangen die Schwellenländer endlich mehr Macht ............ 68 Internet: Was wird das nächste große Geschäft nach Facebooks Instagram-Deal? ................... 71 Veterinäre: Wie Deutschlands Tierärzte zu Mexiko Seite 50 Handlangern der Agrarindustrie wurden ....... 74 Gesundheit: Apotheker wollen mit Als Kind illegaler Einwan- eigener Firma noch mehr Reibach bei derer in Los Angeles suchte Krebsmedikamenten machen ......................... 78 er sich sein Essen im Müll, Rabattprogramme: Strafanzeige gegen pflegte Umgang mit Latino- die Lufthansa wegen Miles & More- Gangs, wurde dann doch Unstimmigkeiten ............................................ 79 kein Krimineller, sondern TODD BIGELOW / NOVUS SELECT Schifffahrt: Weltweit wurden die Reeder Weltmeister im Bantam- Opfer des eigenen Größenwahns ................... 80 gewicht. Der mexikanische Ausland Boxer Abner Mares lebt Panorama: Die Oppositionelle Sainab den amerikanischen al-Chawadscha über die Proteste gegen die Traum – und glaubt nicht Formel 1 in Bahrain / Zerwürfnis zwischen daran. Vatikan und irischen Katholiken ..................... 82 4 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • 5. Schuldenkrise: Vorbild Deutschland – wie Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen ihre Arbeitsmärkte reformieren ..................... 84 Debatte: Timothy Garton Ash über den wachsenden Machtanspruch der Türken ........ 90 Israel: Auf nach Berlin! .................................. 92 Frankreich: Wahlkampf der Versprechungen und Illusionen ................................................ 94 USA: Der Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney und seine Religion .................... 96 China: Der tiefe Fall der Gu Kailai ............... 100 Global Village: Wie zwei Deutsche in Abu Dhabi Kamele retten wollen ................. 103 Wissenschaft · Technik Prisma: Rosmarinduft verbessert die Denkleistung / War der Mars immer schon ein Wüstenplanet? ........................................ 104 Psychologie: Wie die Überlebenden des Massakers von Utøya gegen ihr Trauma Grass, Israel und ein Gedicht kämpfen ....................................................... 106 Automobile: Gehört die Zukunft den Seiten 26, 92, 126 Plastikautos? ................................................. 110 Die Debatte um das Israel-Gedicht von Günter Grass geht weiter: SPD- Innovationen: Software-Patente als Waffen ... 111 Chef Gabriel nimmt den Dichter im SPIEGEL in Schutz; junge Israelis Lifestyle: Leiden unter dem Outfit – eine US-Therapeutin behandelt Patienten mit blicken entspannt auf Deutsche; der Schriftsteller Michael Kleeberg Kleiderschrank-Depressionen ....................... 112 erklärt das Verhältnis zwischen Israel, dem Islam und Deutschland. Kultur AFP Szene: Martin Roth, Chef des Victoria and Albert Museum in London, über eine Street-Art-Ausstellung in Libyen / Martin Walsers Essay über das Thema Rechtfertigung .............................................. 114 Sturz eines roten Prinzen Seite 100 Urheberrecht: SPIEGEL-Streitgespräch zwischen dem Pop-Musiker Jan Delay und dem Piraten-Politiker Christopher Lauer über Peking hat Bo Xilai, den populären Parteichef von Chongqing, entmachtet. den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter .... 116 Wurde er Opfer der Richtungskämpfe in der KP, oder hat sich seine Familie Kino: Der Disney-Konzern setzt wieder auf bereichert – und schreckte sie nicht einmal vor einem Mord zurück? Tierfilme mit Löwen und Schimpansen ........ 122 Bestseller ..................................................... 125 Essay: Der Schriftsteller Michael Kleeberg über das Verhältnis der Deutschen zu Israel und zum Islam ................................ 126 Das Trauma der Überlebenden Seite 106 Denkmalschutz: In Italien überlässt der Staat Konzernen den Erhalt von Kulturstätten ...... 130 Filmkritik: „My Week with Marilyn“ erzählt Mit Fahrten auf die Todesinsel versuchen die Überlebenden des Massakers charmant ein wahres Märchen von Utøya, ihr Trauma zu bekämpfen. Ob die Therapie hilft, wird sich auch über eine Diva und ihren Verehrer ............... 132 vor Gericht zeigen, wenn die Patienten dem Attentäter wiederbegegnen. Sport Szene: Pekings olympische Sportstätten verkommen / Der Sportarzt Martin Brustmann – ein Pionier des Dopings im Jahr 1912 ........ 133 Der wahre König Fußball: Wie die Bunkermentalität des Trainers José Mourinho Real Madrid verändert hat ... 134 Motorradrennen: Superstar Valentino Rossi der Löwen Seite 122 und sein Rennstall Ducati – eine italienische Beziehungskrise ............................................ 137 Der britische Regisseur Medien Alastair Fothergill („Unsere Trends: Thomas Gottschalk zieht Quotenbilanz Erde“) dreht für den Disney- der ARD nach unten / Neue Runde Konzern Tierfilme über im Streit um ProSiebenSat.1-Verkauf ............ 139 Raubkatzen und Schim- Verlage: SPIEGEL-Gespräch mit Axel Sven Springer über seinen Großvater Axel Cäsar pansen – kindgerechte Doku- und seinen Erbstreit mit dem Konzern ......... 140 mentationen, die Disneys Zeichentrick-Klassiker „Der Briefe ............................................................... 8 König der Löwen“ nach- Impressum, Leserservice .............................. 148 eifern. Das Vorhaben erfor- DISNEY FILM Register ........................................................ 150 dert Kompromisse: Sex im Personalien ................................................... 152 Tierreich ist tabu. Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154 Titelbild: Foto Axel Martens für den SPIEGEL D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 5
  • 6.
  • 7.
  • 8. Briefe den auf einer Eisenbahnbrücke im wei- ßen Rauch gestanden. Dort haben wir gierig den „Duft“ der Lok eingesogen „Heimat ist, wo mit wenig und immer wieder die Schelte unserer Mütter hingenommen, so schön fanden Worten viel gesagt werden wir das Schauspiel! Dies noch einmal rie- kann und der Dialekt chen zu können, was wäre ich glücklich! CHRISTEL KRAMER, FERNWALD (HESSEN) so derb daherkommt, Sie fragten: „Warum kann man nicht nach wie der Boden steinig ist.“ Herzenslust Heimat sagen, Heimat lie- ben, Heimat vermissen?“ Dazu gibt es eine bewegende Aussage des Mannhei- SPIEGEL-Titel 15/2012, Ausgabe Bayern KARL WEIS, HOLZGERLINGEN (BAD.-WÜRTT.) mer Juristen Ernst Stiefel, den das Nazi- Reich zwangsweise nach Amerika ver- schlagen hat: „Man kann einen Menschen Nr. 15/2012, Was ist Heimat? – aus seiner Heimat vertreiben, aber nicht Eine Spurensuche in Deutschland die Heimat aus dem Menschen.“ BERND SCHULTZ, BERLIN Urige Eingeborene Heimat ist da, wo meine Familie und Selten zuvor hat mich ein SPIEGEL-Bei- Freunde sind: in Bad Wörishofen, wo ich trag emotional so berührt. Geboren in die Schule besuchte, in München, wo ich Datteln (Kreis Recklinghausen) und auf- studierte und arbeitete, in Tirol, wo ich gewachsen in Dortmund, habe ich meine jahrzehntelang Ferien machte, in Nicara- MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL Heimat vor drei Jahren studienbedingt gua, das ich in mein Herz geschlossen habe! verlassen und seitdem phasenweise in DR. HORST ENGLER-HAMM, MÜNCHEN Mannheim, Frankfurt am Main und Sofia (Bulgarien) gewohnt. Ich habe die regel- mäßigen Wechsel meines Wohnorts im- Nr. 14/2012, Gespräch mit Daniel mer als spannend empfunden. Und eines Cohn-Bendit über das Altern der 68er habe ich dabei gelernt: Wohnort ist Dortmunder Lokalpatriot vor Hochofen Wohnort, und Heimat bleibt Heimat. TOBIAS OHLENHOLZ, MANNHEIM Einer der schönsten Sprüche zur Heimat Dicke Eier findet sich bei Tacitus: „Wer hätte auch Mit welcher Nonchalance Cohn-Bendit Zwölf interessante Landschafts- und Stim- Germanien aufsuchen wollen, landschaft- befindet, Fischer (Siemens) hätte im Ge- mungsbilder. Und dann ein Brauchtums- lich ohne Reiz, rau im Klima, trostlos für gensatz zu Schröder (Gazprom) nie eine bild. Und das soll Bayern repräsentieren? den Bebauer wie für den Beschauer, es Grenze überschritten! Als gäbe es einen Für einen Franken ein starkes Stück und müsste denn seine Heimat sein?“ Unterschied zwischen Räuber und Bandit. garantiert kein Bild meiner Region. EBERHARD FOTH, WALDBRONN (BAD.-WÜRTT.) Beiden würde ich heute die Hand nicht ANDREAS GEISLER, NÜRNBERG reichen. Danke dafür, dass ihr uns urigen Einge- GODRAM MOHR, RAVENSBURG Mich wundert nicht, dass im Artikel die borenen am Weißwurstäquator durch das Millionen Heimatvertriebenen nicht er- Titelbild für die Region Bayern klarge- Mein Gott, SPIEGEL! Was interessieren wähnt wurden: politisch unkorrekt! In un- macht habt, was unsere Heimat ist: die mich die dicken Eier von Daniel Cohn- serem Großfamilienhaus hinter den Dü- Bühne des Tegernseer Bauerntheaters, Bendit? Angesichts der Aussage: „Mein nen an der Ostsee leben seit 1945 Polen. wo wir Jodelheinis in der Lederhosn Holz ständiger Flirt mit allen Kindern nahm Ist uns recht geschehen, wir waren ja alle hacken für die „preißischen“ Gäste und bald erotische Züge an“, kann man ja nur Nazis, auch ich, das Kind, auch meine wo die Jungs nicht das Smartphone, son- hoffen, dass der Grüne Bendit seinen alte Großmutter. Pardon, aber nicht einen dern den Sepplhut am Ohr haben. Phallus nur selbst im Griff hatte, auch Tag vergesse ich meine verlorene Heimat. MAXIMILIAN APFELBÖCK, SCHWABACH (BAYERN) ohne Viagra. Ja, auch ich habe Angst vor Die Deutschtürkin Selçuk hat zumindest dem Tod. Was mich aber jetzt am meisten die Möglichkeit, nach Istanbul zurück- In meiner Heimatstadt Gießen, geschun- ängstigt, ist ein solcher Aufmacher in ei- zukehren. den nach dem Krieg, zu 80 Prozent in nem Nachrichten-Magazin. DAGMAR GALIN-BROCKSIEN, Schutt und Asche gelegt, habe ich als THOMAS BÖWER, HAMBURG SAINT BONNET DE BELLAC (FRANKREICH) Kind täglich mit Geschwistern und Freun- VIZEPRÄS. DEUTSCHER FAMILIENVERBAND Wie man es auch dreht und wendet: Die Gewissheit, eine Heimat (gefunden) zu haben, ist das Resultat intensiver Selbst- Diskutieren Sie im Internet findung, ganz unabhängig von irgendwel- www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel chen geografischen Koordinaten. MATTHIAS KAISER, HAUSACH (BAD.-WÜRTT.) ‣ Titel Was können Unternehmen gegen Mobbing tun? Heimat ist ein weiter Raum mit Traditio- ‣ Umwelt Sollte Busfahren kostenlos sein? nen, die wir zu pflegen haben. Das kann nicht bloß konservativ-folkloristisch, son- ‣ Internet Schluss mit der Anonymität in Blogs dern muss sehr zeitbezogen sein. und Foren? RUDOLF PRIEMER, GRIMMA (SACHSEN) 8 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • 9.
  • 10. Briefe Nr. 14/2012, Wie Rumänen ihr Dorf nach ihrerseits abverlangt, zum Beispiel die Berlin verlegen Kinder rechtzeitig zu Bett zu bringen und rechtzeitig zu wecken, wird nicht mit der In Gottes Hand? nötigen Selbstdisziplin angenommen. Sie ziehen es vor, ihre Zukunft in Gottes Das Geld schenkt Mama Angela? Die So- Hand zu legen. zialhilfe der Staat? Mit dieser Lebenslüge JOSEFINE NEUMANN UND HELGA METTERNICH, halten wir erwachsene Menschen ein Le- BERLIN ben lang infantil. Denn das alles bezahlen Busfahrer, Putzfrauen, Verkäuferinnen, Nr. 14/2012, Mangelnde Kontrolle Lehrer und viele andere Menschen, die im Organspendewesen von morgens bis abends arbeiten. Von ih- rem Monatslohn wird das Geld abgezo- gen. Hier ist das Gleichgewicht zwischen Handfestes Geschäft Geben und Nehmen gestört. So wird das Der gutrecherchierte Beitrag macht deut- Sozialhilfe-Nomadentum gefördert. Be- lich, dass es bei der Transplantations- ten für Angela ist gut. Gerechter wäre es medizin keineswegs nur um den humanen aber, wenn die erste Frage der Angekom- Aspekt der sogenannten Organspende menen lauten würde: Und was können wir für euch tun? DR. BOGLARKA HADINGER, TÜBINGEN Ein Stück, eine Beschreibung, die dem Leser die Chance lässt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen – diese unaufgeregte, kurze und doch sehr spannende Repor- tage von Özlem Gezer ist einfach gut ge- machter Journalismus. EPD RALF SCHEMEL, LEIPZIG Organtransplantation, Transportbox Bleibt zu hoffen, dass die volkswirtschaft- liche Chance, die Kinder der beschriebe- geht, sondern auch um ein handfestes Ge- nen Familien gut auszubilden und durch schäft, im Übrigen auf der Basis einer beruflichen Erfolg zu Einzahlern in unser vorsätzlichen Täuschung. Denn die Sozialsystem werden zu lassen, nicht „Spender“ sind weder tot noch Spender, durch ordnungspolitisches Handeln ver- soweit sie keinen Organspenderausweis tan wird. unterschrieben haben. Wenn Angehörige MARTIN RAUNER, WUPPERTAL ihre Zustimmung geben, spenden sie et- was, das ihnen nicht gehört. Wir haben in ehrenamtlicher Arbeit mit RICHARD FUCHS, DÜSSELDORF den Neuköllner Roma-Familien tiefe Ein- sichten in deren Welt gewonnen. Auf- Es erinnert mich an das Drückergebaren übler Verkäufer an der Haustür, wenn die Krankenkassen offizielle Formulare der Bundeszentrale für gesundheitliche Auf- klärung an ihre Mitglieder versenden, den Organspendeausweis. Das von mir so empfundene Täuschungsmanöver bestä- tigt leider meine große Skepsis gegenüber der Organspende in der BRD. REGINA WINSMANN, WEDEMARK (NIEDERS.) DJAMILA GROSSMAN / DER SPIEGEL Korrekturen zu Heft 13/2012 Seite 117, „Falscher Abschied“: Die vermeintlich letzten Worte „Wehe Roma-Unterkunft in Berlin mir, ich glaube, ich habe mich be- schissen“ wurden nicht dem römi- grund ihrer Religion stehlen die Neuköll- schen Kaiser Tiberius zugeschrieben, ner Roma nicht, sie schlagen ihre Frauen sondern Kaiser Claudius. nicht, sie trinken keinen Alkohol, sie flu- chen nicht, sie rauchen nicht einmal. Zum zu Heft 14/2012 anderen aber haben sie sehr große Seite 54, „it(wert1==wert2){“: Die in Schwierigkeiten damit, die Wichtigkeit der Überschrift und später auch im der zahlreichen Integrationsangebote ein- Text genannte Anweisung muss mit zusehen, vor allem für ihre Kinder. Alles, if anstelle von it beginnen. was auch nur die geringste Anstrengung 10 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • 11.
  • 12. Briefe Nr. 14/2012, Der Versuch, mit Mathematik Ganz ohne die von Ihnen thematisierten te ich, dann sagte ich meinem Sohn: Menschen zusammenzubringen „Kopfstandhocker“ und „Klangschalen“ „Kümmer dich in Zukunft selbst um deine besuchen wir seit mehreren Jahren mit Schulsachen, wenn du Hilfe brauchst, bin Werk des Zufalls großem persönlichen Gewinn unseren ich da!“ Das funktioniert seit drei Mona- „Yogakurs für den gesunden Rücken“. ten, seine Noten haben sich nicht verän- Kostenpflichtige Partnerbörsen im Inter- Wir wagen zu behaupten, dass durch die- net haben oft den Nachteil, dass sich die sen Yoga-Kurs und die davon ins tägliche Nutzungsverträge automatisch verlän- Leben übernommenen Anregungen auf gern. Auch ich habe meine Partnerin über Dauer weniger Besuche beim Orthopä- das Internet kennengelernt, allerdings in den und Bitten um die rar gewordene Ver- einer kostenlosen Single-Börse, ganz ohne schreibung von Krankengymnastik und Fragebögen, Liebesformel und Psycho- Massage nötig sind. THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK tests. BEATE ERDMANN UND IDA PANKRAZ, BONN FRANK SCHULZE, HAMBURG Als Entspannungsmethode wäre Autoge- Nach knapp zwei Jahren Parship komme nes Training tatsächlich einfacher und bil- ich zu folgendem Resümee: Auch noch liger. Yoga kann aber durchaus körperlich so ausgeklügelte Charakterformeln än- und psychisch wirksame Prävention be- dern nichts daran, dass alles ein Werk des inhalten. Dazu müsste berücksichtigt wer- Junge Gymnasiasten Zufalls bleibt. Der emotionale Einsatz ist den, dass Menschen in der westlichen Kul- hoch, das Ergebnis oft enttäuschend. Bei tur anders sozialisiert werden als in In- dert. Er schreibt Dreien und Vieren, das Parship muss Mann – erst recht, wenn er dien. Deswegen sollte Yoga hier in der ist total okay, so fällt er nicht durch und der Generation 60plus angehört – stark Regel mit psychologischer Selbsterfah- schafft das Abi. Was will ich denn mehr bleiben. rung ergänzt werden, anstatt solche er- von ihm? RAINER RUTZ, MÜNCHEN setzen zu wollen. Leider handelt es sich SANDRA CAPRARELLA, STUTTGART oft wirklich nur um indische Folklore. Die Das größte Problem vieler Menschen ist, westliche Yoga-Szene scheint weniger auf Wer heutzutage in der letzten Reihe sitzt, dass sie zu hohe Ansprüche an einen et- Qualität als auf Quantität zu setzen. schwätzt, hinter dem Heft mit dem waigen Partner stellen. Die Verweige- DR. BRIGITTE HALEWITSCH, KÖLN Handy spielt und sich sonst nicht am Un- YOGA-LEHRERIN terricht beteiligen mag, bekommt bei den meisten Lehrern noch eine Vier. Vier, das heißt wörtlich „ausreichend“ und gilt als JÖRG MÜLLER / AG. FOCUS / DER SPIEGEL Nr. 14/2012, Warum es falsch ist, aus bestanden. Mit Strebertum und chinesi- unseren Kindern Streber zu machen schen Verhältnissen hat die Realität an deutschen Schulen nichts zu tun. Im Takt des Zeitkorsetts MICHAEL KIND-LUNDT, GUMMERSBACH (NRW) SCHÜLER Der Artikel trifft unsere Situation genau. Nichts ist „unserem“ Schulalltag ferner Dieser Artikel hetzt die Gesellschaft ge- als Gelassenheit. Kinder, Eltern und Leh- gen Schüler auf, die gern mehr für den Diagramm aktiver Parship-User rer sind gehetzt, gestresst und nie mit Unterricht tun. Es irritiert mich, wie El- der Arbeit fertig. Jedes Vertiefen, Aus- tern, deren Kinder lieber „Musik hören rung, Menschen näher kennenzulernen, probieren, jede Hingabe an ein Thema oder Fußball spielen oder einfach gar die nicht den Wunschvorstellungen ent- bringt „unser“ Zeitkorsett aus dem Takt. nichts tun“, die Schüler, die freiwillig ihre sprechen, hat vielleicht zur Folge, dass Angesichts des immer offensichtlicher Zeit in Schulaufgaben stecken, nicht re- es keinen zweiten Blick „hinter die Ku- werdenden Wahnsinns entscheiden „wir“ spektieren und diese lieber als Produkt lissen“ gibt. Dieser würde aber vielleicht uns immer häufiger für die frische Luft ehrgeiziger Mittelschichtler darstellen. doch einen Menschen enthüllen, mit dem anstelle des Schreibtischs. Solche Diskriminierung wird von diesen man sein Leben verbringen möchte. KATHRIN UND ELMAR KRASKA, DUISBURG Eltern an ihre Kinder weitergegeben. FRAUKE SCHÖNHOFF, BOCHUM A. ORBEN, FRANKFURT AM MAIN Nach einem Schlüsselerlebnis muss ich SCHÜLERIN nicht mehr büffeln: Ein Bekannter sagte mir, es sei doch normal, dass mein Sohn, Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Nr. 14/2012, Teuer und gefährlich – Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- die Schattenseiten des Yoga-Booms 11, keine Verantwortung für die Schule tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: übernehmen wolle. Ein paar Tage grübel- leserbriefe@spiegel.de Ganz ohne Klangschalen Zwar habe ich Yoga selbst nie betrieben, aber ich habe einen Arbeitskollegen, der angibt, durch regelmäßiges Yoga keine Aus der SPIEGEL-Redaktion Rückenbeschwerden mehr zu haben. Geschichte und Politik, Kultur und Religion – zu diesen Themen Wahrscheinlich ist es so, dass man mit hat der SPIEGEL im vergangenen Jahr große Wissenstests Yoga gesundheitlichen Problemen besser veröffentlicht, die Taschenbuchreihe „Wie gut ist Ihre Allgemein- begegnen kann, als die Pharma-Industrie bildung?“ fand Hunderttausende Leser. Auf all die schweren (und der SPIEGEL) es zugeben will. Wie- Stoffe folgt nun ein Test zum Thema Fußball, der unwichtigsten so sollten die Krankenkassen nicht auf Hauptsache der Welt. Das Buch enthält 150 Fragen zu bekann- diese Weise in die Gesundheit ihrer Ver- ten Ereignissen, berühmten Spielern und mancher Skurrilität, sicherten investieren? dazu Interviews mit den Stürmern Uwe Seeler und Mario Gomez. GORDINA STECKERT, KÖLN Es erscheint am 19. April. 12 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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  • 15. Panorama Deutschland DANIEL ROSENTHAL / LAIF Salzstock Gorleben AT O M M Ü L L das nach Jahre dauerndem Streit eine Grundlage für eine geordnete Suche Einigung über Endlagergespräche nach einem Atomendlager bieten soll. Ein ursprünglich für den 11. März ge- plantes Treffen war wegen Unstimmig- keiten geplatzt. Umstritten ist vor allem, Die Verhandlungen über ein Gesetz zur weltminister Norbert Röttgen (CDU), ob und wie der Salzstock Gorleben mit Endlagersuche stehen anscheinend vor die Ministerpräsidenten von Nieder- anderen potentiellen Standorten vergli- einem Durchbruch. Nach wochenlan- sachsen und Baden-Württemberg, Da- chen werden soll. Jetzt rechnet Röttgen gem Ringen haben sich Vertreter von vid McAllister (CDU) und Winfried offenbar mit einer Einigung. „Ziel ist Regierung und Opposition auf den 24. Kretschmann (Grüne), teilnehmen so- es, den jahrzehntelangen Kampf um April als Termin für ein Spitzen- wie SPD-Chef Sigmar Gabriel und der diese Frage endlich zu beenden und bis gespräch zum sogenannten Standort- Grünen-Fraktionschef im Bundestag zum Sommer ein Rahmengesetz über auswahlgesetz geeinigt. An dem Tref- Jürgen Trittin. Bund und Länder bera- die einzelnen Verfahrensschritte zu be- fen sollen unter anderem Bundesum- ten seit fünf Monaten über ein Gesetz, schließen“, sagt er. RECHTSTERRORISMUS serie mit einem Sprengstoffanschlag schen den Radfahrern. In ihrem Be- des NSU in Köln untersucht, bei dem richt fasste die Soko „Bosporus“ im Zwei Männer auf im Juni 2004 22 Menschen teils lebens- gefährlich verletzt wurden: Auch hier Mai 2008 zusammen: „Aufgrund der Opferauswahl (Türken)“ und „der Ver- Fahrrädern waren zwei Männer mit Mountain- bikes gesehen und von einer Video- kamera gefilmt worden. Die Ermittler wendung von Fahrrädern“ könne „ein Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden“. Sogar im Fall der 2007 in Bayerische Ermittler waren den Terro- zeigten einer Zeugin des dritten Nürn- Heilbronn ermordeten Polizistin Mi- risten des „Nationalsozialistisches Un- berger Mordes die Aufnahmen: Die chèle Kiesewetter gab es Hinweise auf tergrunds“ (NSU) offenbar dichter auf Frau erkannte Ähnlichkeiten zwi- verdächtige Radler: Gleisarbeiter der der Spur als bislang bekannt. Wie aus Bahn hatten damals zwei Mountain- einem vertraulichen Bericht der Son- bike-Fahrer beobachtet, die in unmit- derkommission „Bosporus“ hervor- telbarer Nähe des Tatorts miteinander geht, war den Fahndern bereits früh diskutierten. Wenig später seien ein außergewöhnliches Muster im Ver- Schüsse gefallen. Warum der Radfah- halten der Täter aufgefallen: In vier rer-Spur letztlich keine größere Be- von neun Mordfällen der sogenannten deutung beigemessen wurde, ist un- Ceska-Serie hatten Zeugen jeweils klar. zwei Männer auf Fahrrädern beobach- Ein weiteres potentielles Opfer des tet, die sich in Tatortnähe aufhielten. braunen Terrorkommandos war offen- Die detaillierten Personenbeschrei- bar der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl. bungen passen teilweise exakt auf die Durch einen Anruf des Bundeskrimi- NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und nalamts erfuhr der Bundestagsabge- Uwe Mundlos, die im November nach ordnete nach dem Tod der Terroristen, einem Banküberfall in Eisenach er- dass Mundlos und Böhnhardt ihn of- schossen gefunden wurden. Das ver- fenbar bereits ausgespäht hatten. dächtige Radfahrer-Duo war dem Er- „Sehr gute Lage, Zugang im Garten“, mittlungsbericht zufolge zuerst im hatten sie auf einer Liste notiert. Uhls September 2000 gesichtet worden, als Wahlkreisbüro gehört zu einer Reihe in Nürnberg ein türkischer Blumen- von Adressen von Prominenten, Ver- POLIZEI KÖLN / DPA händler ermordet wurde. Dann tauch- einen und Politikern, die Ermittler am te es 2001 (München), 2005 (Nürnberg) Wohnsitz der Terrortruppe in der und 2006 (Dortmund) an Tatorten auf. Zwickauer Frühlingsstraße fanden und Überdies hatte die bayerische Polizei die sie für eine mögliche Todesliste eine mögliche Verbindung der Mord- Fahndungsfoto nach Kölner Anschlag 2004 halten. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 15
  • 16. Panorama L U F T FA H R T line, kann der Passagier zwar beim LBA einen Verstoß anmelden, die Ausgleichs- Entschädigung gleich ausbezahlen zahlung muss er aber vor Gericht er- streiten. Neuerdings gibt es sogar eigene Service-Unternehmen wie EUclaim, die anbieten, die Ansprüche für die Pas- Die Zahl der Bußgeldverfahren gegen ein Bußgeld, das bis zu 25 000 Euro be- sagiere einzufordern. „Die Regierung Fluggesellschaften wegen verspäteter trug. Insgesamt über 2,3 Millionen Euro muss die Airlines endlich zwingen, eine oder annullierter Flüge steigt sprunghaft mussten die Airlines seit Einführung Schlichtungsstelle zu akzeptieren“, sagt an. Im vergangenen Jahr ermittelte das neuer Fluggastrechte im Jahr 2005 zah- Tressel. Das Bundesverkehrsministe- Luftfahrtbundesamt (LBA) bei 1787 Be- len. „Trotzdem kontrolliert die Bundes- rium bestätigte dem Parlamenta- schwerden von Passagieren. Sie hatten regierung immer noch nicht ausreichend rier indes, was viele Passagie- insbesondere darüber geklagt, dass ih- die Durchsetzung der Fluggastrechte“, re nicht wissen: Die Air- nen die Airlines den bei Verspätungen kritisiert der Grünen-Abgeordnete Mar- lines müssen die Ent- 1787 ab drei Stunden zustehenden Ausgleich kus Tressel, der eine parlamentarische schädigung noch von mindestens 250 Euro nicht auszahl- Anfrage zu diesem Thema im Bundes- am Flughafen ten. In 161 Fällen verhängte das LBA tag gestellt hatte. Weigert sich die Air- auszahlen. 1222 Bußgeldverfahren gegen 942 11616 696 stark verspätete* Fluggesellschaften und annullierte Flüge deutscher seit Einführung neuer Fluggastrechte Fluggesellschaften 2005, deutsche und internationale 2011 Fluggesellschaften 243 1 37 * ab 3 Stunden Verspätung Quelle: Bundesverkehrs- ministerium, EUclaim 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 FINANZPOLITI K wird sie sich im Wahlkampf dafür ver- profitieren. SPD und Grüne wollen antworten müssen“, sagt CSU-Gene- das Gesetz im Bundesrat ablehnen. Steuern runter, ralsekretär Alexander Dobrindt. Ähn- lich äußerte sich Unionsfraktionsvize „Wir bleiben bei unserem Nein, weil die Koalition die falschen Prioritäten Schulden rauf? Michael Meister (CDU): „Die Koali- tion hat ihre Hausaufgaben gemacht, jetzt sind andere gefordert, ihren Bei- setzt“, sagt die finanzpolitische Spre- cherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nicolette Kressl. Schuldenabbau und Die steigende finanzielle Last der Bun- trag zur Entlastung der Arbeitnehmer Bildungsinvestitionen hätten Vorrang desbürger hat die Debatte über die zu leisten.“ Die schwarz-gelbe Koali- vor einer Entlastung der Bürger. „So- Steuerpolitik neu angefacht. Führende tion hatte Ende März ein Gesetz im lange der Bundeshaushalt ein riesiges Unionspolitiker warnten SPD und Bundestag verabschiedet, mit dem die Defizit aufweist, können wir uns Min- Grüne davor, die von der Koalition ge- sogenannte kalte Progression abgemil- dereinnahmen nicht leisten“, sagt auch planten Steuersenkungen zu verhin- dert werden soll. Diese ist dafür ver- Grünen-Finanzexperte Gerhard dern. „Wenn die SPD die Entlastung antwortlich, dass Arbeitnehmer von Schick. Zudem seien die schwarz-gel- der Bürger im Bundesrat blockiert, Lohnerhöhungen real vielfach nicht ben Reformpläne „sozial ungerecht“. LINKE als falsche Strategie. Im Hinblick auf hängigkeit von Lafontaines Entschei- die Wahlkämpfe müsse zügig geklärt dung für fatal: „Eine Partei muss dafür Die Wut wächst werden, mit wem die Partei in die Zu- kunft gehen wolle. Auch der Landes- vorsitzende von Mecklenburg-Vorpom- sorgen, dass sie eigenständig agiert und nicht darauf wartet, was einer sagt.“ Bockhahn wendet sich gegen Nach dem Rücktritt der Vorsitzenden mern, Steffen Bockhahn, hält die Ab- eine Rückkehr Lafontaines: „Wir brau- Gesine Lötzsch wächst in der Linken chen keinen Erlöser.“ Die Linke solle die Wut über das Schweigen von Os- „jetzt schon an übermorgen denken“ kar Lafontaine. Der saarländische und sich „auf etwas jüngere Leute kon- Fraktionschef will erst nach der Land- zentrieren“. Matthias Höhn, Landes- tagswahl in Nordrhein-Westfalen am chef in Sachsen-Anhalt, fordert ein 13. Mai erklären, ob er im Juni wieder Ende des „Wettrennens um den spa- für den Vorsitz der Linken kandidie- ßigsten Personalvorschlag“. Eine soli- BECKERBREDEL ren wird. Die Vize-Vorsitzende Katja de Vorbereitung des Bundesparteitags Kipping kritisierte das in einer Tele- Lafontaine Anfang Juni in Göttingen sehe anders fonkonferenz der linken Landeschefs aus. 16 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • 17. Deutschland MARIO VEDDER / DAPD Verteilung von Gratis-Koranen an einem Stand in Offenbach SALAFISTEN „dass in der Vergangenheit Geldströme von der Arabischen Halbinsel an das Dubiose Finanzströme salafistische Netzwerk in Deutschland geflossen sind.“ Laut der Vereinigung werden die Kosten durch den Verkauf Verfassungsschützer rätseln über die von Koranen an Muslime und Spenden Finanzierung der umstrittenen Aktion finanziert. salafistischer Prediger, die kostenlose Korane in deutschen Innenstädten ver- teilen. „Ich gehe davon aus, dass es externe Geldgeber gibt“, sagt Hans- ZAHL DER WOCHE Werner Wargel, Chef des niedersächsi- schen Landesamts für Verfassungs- schutz. Die als extremistisch eingestuf- te salafistische Vereinigung „Die wahre Religion“ ließ bei der Ulmer Druckerei Etwa 500 000 Bibeln Ebner & Spiegel in sechs Tranchen ins- der Deutschen Bibelgesellschaft wur- gesamt 300 000 Exemplare des Korans den laut United Bible Societies in in deutscher Sprache drucken. Die Kos- deutscher Sprache 2010 verkauft ten in Höhe von rund 300 000 Euro oder verschenkt. Nicht nur Privatper- überwiesen die Salafisten vorab. Mögli- sonen erhalten die Heilige Schrift, che Geldgeber für das Projekt vermu- sondern auch Hotels, Kreuzfahrtschif- tet der niedersächsische Verfassungs- fe, Altersheime, Schulen oder Kran- schutz in Saudi-Arabien oder Katar. kenhäuser nehmen die Bibeln ab. „Wir haben Erkenntnisse“, so Wargel, P L AG I AT E schen Denkens in den USA und Europa“ promoviert. Der Promotions- Ohne Dr. kein Prof. ausschuss hat bereits empfohlen, den Titel zu entziehen. Die Technische Uni- versität Braunschweig will eine beste- Der FDP-Politikerin und Unternehme- hende Honorarprofessur widerrufen, rin Margarita Mathiopoulos droht der falls die Universität Bonn Mathiopou- Verlust ihrer beiden Honorarprofessu- los den Doktorgrad rechtskräftig ab- ren. Grund ist die anstehende Entschei- erkennen sollte. Das gleiche Vorgehen dung des Bonner Fakultätsrats, der die- hat die Universität Potsdam angedeu- se Woche klären soll, ob die Politikerin tet. Eine Sprecherin der TU Braun- in ihrer Doktorarbeit plagiiert hat oder schweig erklärte, die Hochschule bestel- nicht. Darüber wird seit mehr als 20 le „nur solche Personen zu Honorarpro- Jahren gestritten. 1986 hatte Mathio- fessorinnen oder Honorarprofessoren, poulos an der Philosophischen Fakultät die nach ihren wissenschaftlichen Leis- Bonn über den „Vergleich des politi- tungen den Anforderungen genügen“. D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 17
  • 18. Deutschland Panorama JOERG SARBACH Pferderennsport-Veranstaltung im Watt vor Cuxhaven GLÜCKSSPIEL Kraft treten soll, sei nicht europarechts- stimmung erwartet. Dürr begründet den konform und zu restriktiv für die Sport- Umschwung damit, dass die EU-Kom- FDP lenkt ein wettenanbieter. In mehreren Ländern mission in einem Schreiben anders als drohte deshalb eine Ratifizierung an erwartet keine grundlegenden Beden- einem Veto der Liberalen zu scheitern. ken gegen den Vertrag geäußert habe. Nun aber kündigt etwa der niedersäch- In der Partei heißt es aber auch, die Ent- Die Freien Demokraten geben ihren Wi- sische FDP-Fraktionsvorsitzende Chris- scheidung sei eine Kompensation dafür, derstand gegen einen neuen Glücks- tian Dürr an: „Wir stimmen zu.“ Auch dass sich die CDU in Niedersachsen, wie spielstaatsvertrag der Länder auf. Bis- die Freien Demokraten in Bayern wol- von den Liberalen gewünscht, gegen lang hatten die Liberalen stets kritisiert, len das Vorhaben nicht weiter behin- eine Transfergesellschaft für die Schle- die Vereinbarung, die zum 1. Juli in dern. In Hessen wird ebenfalls eine Zu- cker-Mitarbeiter ausgesprochen habe. ORDEN N O R D R H E I N -W E S T FA L E N V O R R AT S DAT E N Ehrt Gauck Klarsfeld? Sprechblase geplatzt Frostige Zeiten Bundespräsident Joachim Gauck be- Die Wahlkämpferinnen Hannelore Kurz vor Ablauf der ultimativen EU- kommt einen heiklen Fall auf den Kraft (SPD) und Sylvia Löhrmann Aufforderung, die Richtlinie zur soge- Tisch – die Ordensangelegenheit Beate (Grüne) müssen ihre vielbeschworene nannten Vorratsdatenspeicherung um- Klarsfeld. Er wird dazu gedrängt, sei- Frauenfreundschaft einer Belastungs- zusetzen, steuert der Dauerkonflikt ner Gegenkandidatin und weltweit an- probe unterziehen. Anlass ist eine Pla- zwischen FDP und Union auf eine Es- erkannten Nazi-Jägerin das Bundesver- katidee der Grünen, die der Regie- kalation zu. Obwohl Bundeskanzlerin dienstkreuz zu verleihen. Entsprechen- rungschefin Kraft zu weit geht. Das Angela Merkel die Hauptkontrahenten de Schreiben der Linkspartei und des vergangene Woche präsentierte Wahl- Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Initiativkreises Deportationsausstel- plakat zeigt die beiden Frauen auf (FDP) und Hans-Peter Friedrich (CSU) lung Bielefeld sind im Bundespräsidial- grünem Grund mit der Überschrift Ende März ermahnt hatte, sich zu ver- amt eingetroffen. Außerdem befürwor- „Schön, wenn Frauen wieder den ständigen, bleiben die Fronten verhär- tet auch das Land Berlin weiterhin den Haushalt machen – Grün macht den tet. Die Justizministerin hatte nach Vorschlag, Klarsfeld zu ehren. Gaucks Unterschied“. Eine knallige Sprechbla- dem Gespräch mit der Kanzlerin ihren Behörde versucht, den Vorgang auf se legt Kraft eine Zweitstimmenkam- Alternativvorschlag eines sogenannten dem Amtsweg zu erledigen. Sie be- pagne für die Grünen in den Mund. Quick-Freeze-Modells zur Abstim- streitet, dass Berlin für die Beurteilung Das Plakat musste auf ihr Betreiben mung an die beteiligten Ministerien ge- der „Ordenswürdigkeit“ zuständig sei. hin eingestampft und ohne Sprechbla- schickt. Danach sollen vorhandene Nach Ansicht des Präsidialamts ist für se neu gedruckt werden. Die beiden Telefonverbindungsdaten nur in kon- die in Paris lebende Klarsfeld das Aus- Frauen regieren Nordrhein-Westfalen kreten Verdachtsfällen aufbewahrt wärtige Amt verantwortlich, das be- und wollen das Bündnis auch nach der werden. Für Internetdaten schlägt sie reits mehrmals gegen die Auszeich- Neuwahl am 13. Mai fortsetzen. Bis da- eine anlasslose Speicherung vor, aller- nung votiert hat. Klarsfeld ist im Besitz hin gehen sie vorerst als Rivalinnen dings lediglich für eine Woche. Minis- eines deutschen Reisepasses. Außer- auf Stimmenfang. ter Friedrich bleibt demgegenüber bei dem hat sie einen Personalausweis seiner Auffassung, dass dieses Modell vom Einwohneramt der Hauptstadt mit nicht den Vorgaben der EU-Richtlinie heimischer Adresse. Deshalb rekla- entspreche und deshalb auch nicht das miert Berlin die Prüfungskompetenz drohende Verfahren vor dem Europäi- für sich. Eine Ehrung war schon etliche schen Gerichtshof verhindern könne. Male abgelehnt worden, offenbar weil Dafür sei eine anlasslose, sechsmonati- Klarsfeld 1968 Kanzler Kurt Georg Kie- ge Speicherung aller Verbindungs- singer wegen dessen NSDAP-Mitglied- daten notwendig. Vor diesem Hinter- schaft geohrfeigt hatte. Aus dem Präsi- grund dürften Union und FDP nur dialamt heißt es nun, Gauck werde schwer noch vor Ablauf der Frist aus sich persönlich eine Meinung bilden Brüssel zu einem gemeinsamen Ergeb- und „zu gegebener Zeit“ entscheiden. Wahlplakat mit strittiger Sprechblase nis kommen. 18 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
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  • 20. GORDON WELTERS / STERN / LAIF Treffen der Jungen Piraten in Berlin: Sie treibt keine Idee an, sondern der Glaube an die Macht der Technik PA R T E I E N Aufstand der Autoren Bislang schien der Aufstieg der Piratenpartei unaufhaltsam, nun formiert sich Wider- stand. Künstler und Intellektuelle erklären ihren Protest gegen den laxen Umgang mit geistigem Eigentum. Die Piraten haben Mühe, Antworten zu finden. W enn es um revolutionäre Bewe- er den Grünen die Daumen gedrückt, bei nichts. Es ist sogar überraschend spieß- gungen geht, ist Hans Magnus ihrem Marsch durch die Parlamente. bürgerlich. Wie bei unseren Großeltern, Enzensberger, 82, ein idealer Am Donnerstag vergangener Woche die sich gefreut haben, wenn es was um- Auskunftgeber. Der Essayist, Dichter und packt er in seiner Wohnung in München sonst gab.“ Schriftsteller war zunächst als Beteiligter, seinen Koffer. Am folgenden Tag wird er Pause. Kurzes Gegrummel. Dann noch dann als Zaungast und Chronist bei je- in Belfast erwartet, wo sein Oratorium zwei Sätze, bevor es wieder ans Packen dem politischen Aufbruch dabei, der in „Untergang der Titanic“ zur Aufführung geht. den vergangenen fünf Jahrzehnten in die kommt; aber bevor er sich auf den Weg „Ich frag mich, warum die nicht zum Zukunft führen sollte. macht, will er doch noch ein paar Worte Bäcker gehen und da sagen, dass sie lie- Er hat an der Wiege der 68er gestan- zur Piratenpartei sagen, der neuen Hoff- ber nicht bezahlen wollen. Warum muss den, da war er noch Marxist. Er hat mit nung am politischen Firmament. das immer gegen uns Autoren gehen?“ den Sozialdemokraten gefiebert, als es „Politisch? Nein, politisch ist da eine Die Piratenpartei hat in ihrer kurzen gegen Franz Josef Strauß und später ge- Leerstelle“, knurrt Enzensberger durchs Karriere schon einige bemerkenswerte gen Helmut Kohl ging. Und natürlich hat Telefon. „Revolutionär ist da erst recht Rekorde aufgestellt. Keine andere Partei 20 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2
  • 21. Deutschland hat in so kurzer Zeit einen so steilen Es hat ein wenig gedauert, bis sich der Die Piraten müssen nun sogar mit dem Höhenflug erlebt, seit der Berlin-Wahl Widerstand formierte. Mehr Demokratie Vorwurf leben, die Axt an die deutsche im September vergangenen Jahres mar- zu wagen ist ein Versprechen, das bei Ver- Kulturnation zu legen. schierten sie in den Umfragen auf jetzt tretern der Geisteswelt immer auf Zustim- Zum ersten Mal steht die Partei einem 13 Prozent. Keine andere Partei hat mehr mung stößt. Aber je genauer die Autoren harten Kontrahenten gegenüber, der Zulauf. 25 000 Mitglieder meldete die Par- und Künstler hinsehen, desto weniger nicht im Verdacht steht, Parteipolitik zu teiführung vergangene Woche, damit ist gefällt ihnen das, was sie entdecken. betreiben. Die Künstler fordern die Pira- die junge Formation schon jetzt fast halb Mit dem Aufstieg der Piratenpartei hat ten auf, eine Lösung anzubieten, wie so groß wie die 32 Jahre alte Partei der auch ihre Kernforderung nach einer Re- Kreative Geld verdienen können, wenn Grünen. Nun kommt eine weitere Pre- form des Urheberrechts Konjunktur. Was ihre Werke im Internet von anderen kos- miere hinzu: Die Piraten sind die erste sie dazu an Ideen formulieren, berührt tenlos bereitgestellt werden. Partei links der Mitte, die einen Gutteil die Existenzgrundlage vieler Künstler. So Doch genau dazu sind die Piraten nicht der Intellektuellen nicht für, sondern ge- wollen die Piraten das Recht auf die in der Lage, und das nicht nur, weil ihr gen sich hat. „nichtkommerzielle Vervielfältigung“ Programm so lückenhaft ist. Das Prinzip Wenn es um die gute Sache geht, den festschreiben. Künftig wären nur noch der radikalen Basisdemokratie führt da- Einsatz für mehr Demokratie und Gerech- Unternehmungen verboten, die mit dem zu, dass die Partei in Krisensituationen tigkeit, dann ist auf die Künstler eigent- illegalen Angebot von Musik, Büchern nicht wirklich sprechfähig ist. Jede Äu- lich immer Verlass. Seit Günter Grass vor oder Filmen im Internet ihr Geschäft be- ßerung eines führenden Mitglieds muss 40 Jahren für Willy Brandt und die SPD treiben. Das Kopieren und Downloaden zuvor mit den einfachen Piraten abge- trommelte, versammelt sich das intellek- urheberrechtlich geschützter Inhalte hin- sprochen werden, das verlangsamt die tuelle Deutschland auf der Seite des Fort- gegen wäre erlaubt. Reaktionszeiten. Die größte Last aber ist schritts. Im Zweifel links zu sein gehört Vielen Kreativen, die sich im linken La- der egalitäre Anspruch der neuen Bewe- in diesem Milieu zum guten Ton; an der ger beheimatet fühlen, fällt beim zweiten gung. Weil die Piraten jeder Form von Spitze des Zeitgeists zu marschieren gilt Blick auch auf, dass die Erfolge der Pira- Autorität misstrauen, geraten alle in Ver- hier als innere Verpflichtung. ten zu Lasten von Grünen und Sozialde- dacht, die der jungen Partei nach außen Im Fall der Piraten ist die Liebe erkal- mokraten gehen. In Nordrhein-Westfalen Gesicht und Stimme geben. Wer trotz des tet, bevor sie richtig beginnen konnte. muss Hannelore Kraft schon um den Sieg Gleichheitspostulats aufsteigen will, tut Reihenweise melden sich in diesen Tagen fürchten. Dass die SPD als stärkste Partei gut daran, sich als bescheidener Diener Künstler zu Wort, die ihr Unbehagen durchs Ziel gehen wird, scheint ausge- der Partei zu empfehlen. Die Versuche über die Forderungen der Bewegung nach macht, ob es am Ende für Rot-Grün rei- des Berliner Abgeordneten Lauer, bei Freigabe aller digitalen Inhalte äußern. chen wird, ist hingegen wieder fraglich. den Piraten weiter nach oben zu kom- Seit der Musiker und Autor Sven Regener Auch im Bund könnten sich die Gewich- men, scheitern auch deshalb, weil ihm vor fast vier Wochen im Bayerischen te verschieben. Sollten die Piraten den viele seine mediale Präsenz neiden. Rundfunk seinem Ärger freien Lauf ließ, Sprung in den Bundestag schaffen, wird Zurzeit hat nicht mal der Vorstand Pro- reißt der Protest nicht mehr ab. es für die Sozialdemokraten schwer, eine kura, die Partei nach außen zu vertreten. Es ist eine breite Allianz, die in ver- Regierungsmehrheit gegen die Union zu- Als Parteichef Sebastian Nerz und sein schiedenen Medien zusammenkommt, sie sammenzubekommen. „Natürlich freuen Stellvertreter Bernd Schlömer vergange- versammelt bekannte Namen wie die wir uns über den Erfolg der Piraten. Man ne Woche offen darüber sinnierten, ob Regisseurin Doris Dörrie, den Hanser-Ver- darf es nur nicht laut sagen“, sagt ein en- es zu bestimmten Themen wie dem Ur- leger Michael Krüger, die Autorin Julia ger Gefolgsmann der Kanzlerin. heberrecht nicht „feste Ansprechpartner“ Franck. „Ich glaube, ich muss euch Pira- Der Aufstand der Autoren bringt die brauchte, ging sofort einer der gefürch- ten dringend mal ein paar Dinge erklären. Piratenpartei in eine schwierige Lage. teten „Shitstorms“ los. Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Musiker und Schriftsteller sind einfluss- Bei Twitter hagelte es Aufrufe, die zwei Halbwissen“, sagt der Musiker Jan Delay reiche Leute. Wer wortgewaltige Intel- auf dem Parteitag Ende April ihrer Ämter im SPIEGEL-Streitgespräch mit dem Pira- lektuelle auf seiner Seite hat, besitzt im zu entheben. Der Berliner Abgeordnete ten Christopher Lauer (siehe Seite 116). politischen Meinungskampf einen Vorteil. Oliver Höfinghoff forderte die „lieben Künstler gegen Piraten PRO.MEDIA KOMMUNIKATION / OBS TORSTEN SILZ / DAPD ENNIO LEANZA / AP HANS M. ENZENSBERGER, 82 JAN DELAY, 35 SVEN REGENER, 51 Schriftsteller, lebt in München Musiker, lebt in Hamburg Musiker und Autor, lebt in Berlin D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2 21
  • 22. Deutschland Piraten“ über den Kurznachrichtendienst an die Kraft der Technik. Sie sind mit auf, den Grundsätzen der Partei treu zu dem Internet aufgewachsen, und nun bleiben und die „gehypten Kandidaten wollen sie die Regeln der digitalen Welt nach hinten“ zu verbannen. auf die reale übertragen. Ihr Gründungs- Nerz ist ein Mann mit einer stabilen mythos ist nicht die Angst vor dem Atom- Konstitution, auch deshalb wird er partei- tod; ihnen liegt eher am Herzen, dass intern öfter mit Helmut Kohl verglichen. man sie weiter ungestört „Counterstrike“ Aber die Dauerangriffe machen selbst ihn spielen lässt. Zu den ersten Kampagnen langsam mürbe. Bei Twitter gibt es Nut- der Partei in Deutschland gehörte nicht zer, die sich einen Scherz daraus machen, der Protest gegen Krieg und soziale Un- ebenfalls als Sebastian Nerz aufzutreten. gerechtigkeit, sondern der Widerstand Im Namen des „Bundes Nerzilein“ hin- gegen das Verbot von Killerspielen. terlassen sie sarkastische Kommentare. Bislang haben die alteingesessenen „Mein Nervenkostüm ist dünner gewor- Kräfte im linken Lager mit einer Mi- den“, bekennt Nerz. Anfang des Jahres schung aus Angst und Ehrfurcht auf die habe er daran gedacht, alles hinzuwerfen. neue Konkurrenz geblickt. Die Spitze der Auch wenn er sich letztlich dagegen ent- Grünen in Person von Renate Künast hat schied, erfüllt ihn bis heute eine „gewisse schon eilfertig erklärt, ihre Partei halte Grundgereiztheit“. das Urheberrecht ebenfalls für dringend Die Angst vor den Attacken aus den reformbedürftig. Es zirkuliert die Idee eigenen Reihen führt inzwischen dazu, einer Kultur-Flatrate, auch wenn bislang dass sich viele Piraten nicht mehr ins Fernsehen trauen. Die Berliner Piratin Julia Schramm kandidiert auf dem anste- henden Bundesparteitag für den Partei- vorsitz. Andernorts wäre es normal, wenn sie sich jetzt auch über die Medien bekannt machen würde – Schramm sagt seit einiger Zeit alle Auftritte ab. Erst vor kurzem hatte sie eine Einladung zu der Talkshow von Maybrit Illner, ohne lange nachzudenken, ausgeschlagen, um ihre Chancen nicht zu gefährden. Ringt sich ein Parteimitglied doch zum Interview durch, muss es stets darauf bedacht sein, nicht zu weit von der Partei- linie abzuweichen. „Wenn man nicht an- eckt, bleibt es im besten Fall ruhig“, sagt Schramm. „Wenn man Mist baut, bricht die Hölle los.“ Es ist auch der raue Ton im Netz, der nun viele abschreckt, gerade im Milieu der Künstler. Wie jede neue Kraft links der Mitte waren die Piraten von den HCP Intellektuellen erst einmal freundlich in die Arme genommen worden. Man Piratin Schramm schätzte an ihnen das Unkonventionelle Nur nicht anecken und Freche; wie einst die Grünen bargen sie das Versprechen, die verkrusteten niemand so recht erklären kann, wie die Rituale der Politik aufzubrechen. eigentlich funktionieren soll. Jetzt zeigt sich, dass die Welt der Nach dem ersten Schrecken fragen sich Künstler und die der Nerds nicht viel ge- nun die ersten Vertreter, ob es wirklich mein haben. Wer im Intelligenzmilieu so schlau ist, den Positionen der Piraten kann schon jemanden ernst nehmen, der hinterherzulaufen. „Es kann nicht sein, seine freie Zeit mit Rollenspielen ver- dass geistiges Eigentum einfach ver- bringt und J. R. R. Tolkiens Roman „Herr schleudert wird“, sagt Agnes Krumwiede, der Ringe“ für die Krone der Literatur die kulturpolitische Sprecherin der Grü- hält? Mit etwas Verspätung wird vielen nen im Bundestag. klar, dass der Pirat ein Politiker neuen Krumwiede hat Klavier studiert, sie Typs ist. Die Grünen rekrutierten ihr Per- kennt die finanziellen Nöte vieler Künst- sonal aus den geistes- und sozialwissen- ler und ihre Furcht vor der Netzgemein- schaftlichen Fakultäten des Landes, ein de. „Ich halte es für einen unhaltbaren typischer Berufsabschluss war hier das Zustand, wenn Musiker sich nicht mehr abgebrochene Soziologiestudium. Sie zo- trauen, öffentlich für ihre Interessen ein- gen Leute an, die an die Macht der Idee zutreten, nur weil einige sich daran ge- glaubten und aus ihrer Verachtung für wöhnt haben, alles umsonst aus dem Netz alles Technische keinen Hehl machten. zu ziehen.“ Bei den Piraten ist es umgekehrt, sie SVEN BECKER, JAN FLEISCHHAUER, treibt keine Idee an, sondern der Glaube RENÉ PFISTER 22 D E R S P I E G E L 1 6 / 2 0 1 2