Hausmitteilung
7. April 2012                                                                        Betr.: Titel, Samenspender, Torero

E   s mag auch an der Deutschtümelei der Nazis liegen: Vom Missbrauch des Hei-
    matbegriffs haben sich die Deutschen bis heute nicht erholt. Wer von Heimat-
liebe spricht, setzt sich schnell dem Verdacht aus, nicht so recht ins moderne Leben
zu passen. Doch als SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit, 49, und Fotograf Michael
Trippel, 47, durch die Republik reisten, trafen sie auf Menschen, denen Heimat
sehr viel bedeutet – wenn auch jeder etwas anderes darunter versteht. Der eine
meint Haidenkofen, ein Dorf bei Regensburg, 97 Einwohner; der andere das Inter-
net, das seine Welt geworden ist. Kurbjuweit ist in Berlin aufgewachsen und lebt
auch heute dort. „Die intensivsten Heimatgefühle hatte ich bis vor kurzem in
einem Spielwarengeschäft in Reinickendorf“, sagt er, „dort habe ich als Kind Stun-
den verbracht, mir alles genau angeschaut und eine Menge Dinge mit nach Hause
genommen, aber leider nur in Gedanken.“ Für
ihn sei das Geschäft „ein Ort der Träume und
Sehnsüchte“. Nun sei es geschlossen, „aber die
Erinnerungen bleiben“. Mit dem Cover dieser




                                                                                                                          MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Ausgabe will der SPIEGEL jeder Leserin und je-
dem Leser ein Gefühl von Heimat bieten und
jedenfalls ein Bild seiner Region. Erstmals wird
das Heft mit dreizehn verschiedenen Titelbildern
ausgeliefert; elf Motive für elf Regionen Deutsch-
lands, dazu ein eigenes Titelbild für Österreich
und eines für die Schweiz (Seite 60).               Kurbjuweit in Haidenkofen



A     ls SPIEGEL-Redakteurin Barbara Hardinghaus, 36, von der Freizeitbeschäfti-
      gung des Niederländers Ed Houben, 42, erfuhr, war sie gespannt auf die Be-
gegnung mit ihm: Der Mann spendet Samen, er hat schon 82 Kinder. Frauen aus
dem In- und Ausland nehmen via Internet mit ihm Kontakt auf und bitten Houben,
mit ihnen zu schlafen. Hardinghaus traf in Maastricht, wo Houben als Stadtführer
arbeitet, nicht auf einen Beau, sondern auf einen Mann mit Übergewicht und ohne
besondere Ausstrahlung. „Die Frauen wollen ihn, weil er kein anonymer Samen-
spender ist, kein Geld nimmt und die Werte in seinem Spermiogramm sehr gut
sind“, sagt die Redakteurin. Sex mit einem Fremden, so Hardinghaus, „sehen sie
als reine Notwendigkeit, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen“ (Seite 52).


B   evor die SPIEGEL-Redakteure Cathrin Gilbert, 27, und Maik Großekathöfer,
    40, den Torero Juan José Padilla, 38, in Spanien aufsuchten, diskutierten sie
mit ihren Kollegen aus dem Sportressort: Ist das grausame Treiben wirklich eine
Sportart? Die Redakteure, die ähnliche Diskussionen über Schach, Poker und die
                                          Formel 1 geführt hatten, entschieden sich
                                          auch diesmal für den interessanten Stoff –
                                          spannender als Definitionsfragen er-
                                          schien ihnen, wie Padilla die Tierquälerei
                                          rechtfertigen würde. Der Torero, dem ein
                                             MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL




                                          Stier im Oktober das linke Auge ausge-
                                          stochen hatte, erzählte, dass er sich als
                                          „Tänzer“ empfinde und seine Arbeit als
                                          „Kunst“. Als die Redakteure das mörde-
                                          rische Schauspiel in den Arenen kritisier-
                                          ten, „hatte er es jedoch plötzlich eilig und
                                          beendete das Gespräch“, sagt Gilbert
Großekathöfer, Padilla, Gilbert bei Jerez (Seite 130).

Im Internet: www.spiegel.de   D E R   S P I E G E L                              1 5 / 2 0 1 2                       5
In diesem Heft                                                                                       Merkel, von der Leyen


 Titel
Wie sich das Heimatgefühl der Deutschen
verändert hat .................................................... 60
Für Österreich: Wie sich der Staat aus der
Provinz zurückzieht .......................................... 70
Für die Schweiz: Was ein Schweizer im
Ausland an seiner Heimat vermisst ................... 70
 Deutschland
Panorama: Bundesjustizministerin gegen
Betreuungsgeld / Schüler verschmähen
Mensa-Essen / Gerangel um Termin für
Bundestagswahl 2013 ......................................... 14
Union: Merkel positioniert sich als
Kanzlerin der Gerechtigkeit .............................. 18
Wirtschaftspolitik: Auf die Stromkunden
kommen neue Milliardenkosten zu ................... 22
Atomausstieg: Niedersachsens Ministerpräsident
McAllister fordert den Einstieg des Staates
beim Netzausbau .............................................. 24
Parteien: Sollen die Vorsitzenden der Piraten
ein Gehalt bekommen? ....................................... 26
Karrieren: Die private Griechenland-Mission
                                                                                                           Aus Schwarz wird Rot                                                     Seite 18
                                                                          SEAN GALLUP / GETTY IMAGES




des FDP-Politikers Chatzimarkakis ................... 28
Integration: Junge Migrantinnen flüchten
vor ihren Familien, um selbstbestimmt leben                                                                Auf keinen Fall will die Kanzlerin im nächsten Jahr einen Gerechtig-
zu können ......................................................... 32                                     keitswahlkampf führen. Deshalb räumt sie alle sozialpolitischen
Alter: Wie aktiv kann sich Walter Scheel noch                                                              Streitfälle ab, um der SPD möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.
mit der Tagespolitik befassen? .......................... 38
Verbrechen: Die Fehler der Polizei im Fall
des 18-jährigen Kindsmörders ........................... 40
Gesundheit: Fragwürdige Therapien
gegen Heuschnupfen ......................................... 42
Strafjustiz: Zu viel Aufmerksamkeit für
die Opfer von Strafverfahren? .......................... 44
Bestattungen: Fettleibige Leichname führen
zu Störfällen in Krematorien ............................ 48
                                                                                                       Grabenkämpfe bei der Deutschen Bank                                               S. 74
 Gesellschaft                                                                                          Im Handstreich beenden Anshu Jain und Jürgen Fitschen die Ära Ackermann.
Szene: Wal-Bergung in Brasilien / Interview
                                                                                                       Die Aktionäre jubeln, Politiker und Aufseher begegnen den neuen Chefs mit
über Organspenden und die Grenzen                                                                      Argwohn. Nun müssen die beiden die Deutsche Bank neu erfinden.
der Nächstenliebe ............................................. 50
Eine Meldung und ihre Geschichte – wie ein
sächsischer Zoo den Tod eines prominenten
Tiers verkraftet .................................................. 51
Fortpflanzung: Das seltsame Leben des
Samenspenders Ed Houben .............................. 52
Ortstermin: Eine Messe in Hannover probt
                                                                                                       Das Geschäft mit dem Krebs                                                     Seite 81
                                                                                                       Mit Chemotherapien verdienen Pharmafirmen und Apotheker besonders
den Umbau Deutschlands zur Altenrepublik .... 59
                                                                                                       gut. Um an die begehrten Rezepte zu kommen, sollen sie bundesweit
 Wirtschaft                                                                                            Krebsärzte geschmiert haben. Nun ermitteln die Staatsanwälte.
Trends: Audi baut Werk in Mexiko / Finanzgruppe
will Schlecker kaufen / Verkehrsminister
Ramsauer über die Folgen des
Nachtflugverbots ............................................... 72
Finanzindustrie: Wohin steuert die Deutsche
Bank unter Anshu Jain und Jürgen Fitschen? .... 74
Steuerhinterziehung: Unbeirrt von
                                                                                                                                                                   Die versteckten
Spionagevorwürfen kaufen deutsche Fahnder
neue Daten aus der Schweiz ............................. 79
                                                                                                                                                                   Mädchen Seite 32
Affären: Wie Pharmafirmen und Apotheker                                                                                                                            Sie wollen westlich und
die Krankenkassen mit Krebsmedikamenten                                                                                                                            selbstbestimmt leben –
ausnehmen ........................................................ 81                                                                                              doch sie dürfen es nicht.
 Ausland                                                                                                                                                           Manche Migrantinnen wer-
Panorama: Ende der Toleranz in den Vereinigten                                                                                                                     den von ihrer Familie aus
Arabischen Emiraten / Machtkampf in Mali ..... 86                                                                                                                  Deutschland verschleppt
Ukraine: Der Deal um Julija Timoschenko ........ 88                                                                                                                oder ermordet. Andere flie-
Frankreich: Der „Le Monde“-Reporter Philippe                                                                                                                       hen rechtzeitig und bekom-
Ridet über den Wahlkämpfer Sarkozy .............. 91
                                                                                                                                                                   men sogar eine neue Identi-
Griechenland: Pasok-Chef Evangelos Venizelos
über die Reformierbarkeit seines Landes .......... 93                                                                                                              tät. Trotzdem müssen sie
                                                                                                                                                   POLIZEI / DPA




Irak: Hoffen auf den Öl-Boom .......................... 95                                                                                                         ihr neues Leben im Verbor-
USA: Die neue alte Rassenfrage ........................ 98                                                                 Mordopfer Arzu                          genen führen, in ständiger
Global Village: Ein Niederländer wirbt fürs                                                                                                                        Angst vor Entdeckung.
Wandern in Palästina ....................................... 100

6                                                                        D E R                             S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2
Kultur
                                                                                                                   Szene: Ein Liebeslied aus „Mad Men“ macht
                                                                                                                   Karriere / Wie die Nazis ihre Kunstraubzüge
                                                                                                                   katalogisierten ................................................. 102
                                                                                                                   Debatte: Das seltsame Frauenbild
                                                                                                                   der Familienministerin Kristina Schröder ........ 104
                                                                                                                   Literatur: „Oblomow“, der Roman, der
                                                                                                                   den Müßiggang feiert, erscheint endlich in
                                                                                                                   einer Neuübersetzung ..................................... 108
                                                                                                                   Bestseller ......................................................... 110
                                                                                                                   Essay: Constanze Kurz vom Chaos Computer
                                                                                                                   Club über das Vorbild der Piraten für andere
                                                                                                                   Parteien ............................................................ 112
                                                                                                                   Autoren: Der amerikanische Konvertit
                                                                                                                   Michael Muhammad Knight entwirft die Vision
                                                                                                                   eines westlichen Islam ......................................... 114
                                                                                                                   Debattenkritik: Günter Grass und sein Israel-
                                                                                                                   Gedicht „Was gesagt werden muss“ ................. 117
                                                                                                                    Wissenschaft · Technik
                                                                                                                   Prisma: E-Books als Anreiz für Lesemuffel /
                                                                                                                   Ecstasy gefährdet Ungeborene ......................... 118
  Tauziehen um Timoschenko                                         Seite 88                                        Archäologie: In Israel wird ein 2500 Jahre altes
                                                                                                                   Bergheiligtum erforscht ..................................... 120




                                                                                      SERGEI CHUZAVKOV / AP
  Deutschland will die inhaftierte Julija Timoschenko an der Charité                                               Neurologie: Wie ein Schriftsteller plötzlich
  behandeln lassen. Ob sie nach Berlin kommt, ist offen: In der Ukraine                                            das Lesen verlernte ......................................... 124
  verschärft Staatschef Janukowitsch seinen Kurs gegen die Opposition.                                             Automobile: Das neue Elektro-Gefährt
                                                                                                                   von Renault ..................................................... 127
                                                                                                                   Naturkatastrophen: Tsunami an der deutschen
                                                                                                                   Nordseeküste ................................................... 128
                                                                                                                    Sport
                                                                                                                   Szene: Überteuerte Hotels bei Fußball-EM in
                                                                                                                   der Ukraine / Wie gerecht ist das Image von
Bagdads schwarzer Schatz                                                   Seite 95                                Spielerfrauen? ................................................. 129
                                                                                                                   Stierkampf: SPIEGEL-Gespräch mit dem
Nach Jahren des Niedergangs wächst auf Iraks Ölfeldern die Zuversicht.                                             Torero Juan José Padilla über einen Unfall,
Fast alle Konzerne haben Verträge mit Bagdad geschlossen – doch sie gehen                                          bei dem ihm ein Bulle das Auge ausstieß, und
                                                                                                                   sein Comeback in der Arena ........................... 130
mit der Ölförderung ein hohes Risiko ein: Stabil ist das Land bis heute nicht.
                                                                                                                    Medien
                                                                                                                   Trends: „taz“ macht Gewinn / Niggemeiers
                                                                                                                   Medienlexikon ................................................. 137
                                                                                                                   Filme: China entdeckt Hollywood –

Weltliteratur gegen den Burnout                                           Seite 108
                                                                                                                   und umgekehrt ................................................ 138

Er ist ehrgeizlos und liebt den Müßiggang: Ilja Oblomow, der Titelheld aus                                         Briefe .................................................................. 8
Iwan Gontscharows Roman von 1859. Seine Lebensart ist der Gegenentwurf                                             Impressum, Leserservice ................................. 142
zum Burnout-Menschen von heute. Jetzt wurde das Buch neu übersetzt.                                                Register ........................................................... 144
                                                                                                                   Personalien ...................................................... 146
                                                                                                                   Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 148
                                                                                                                   Titelbild:
                                                                                                                   Schleswig-Holstein: Dörthe Hagenguth/Agentur Focus;
                                                                                                                   Mecklenburg-Vorpommern: Berthold Steinhilber/laif; Hamburg:

Gottes zweiter                                                                                                     Peter Bialobrzeski/laif; Niedersachsen: Christian O. Bruch/laif;
                                                                                                                   Berlin: Maurice Weiss/Ostkreuz; Nordrhein-Westfalen: Peter
                                                                                                                   Bialobrzeski/laif/Aus dem Buch „Heimat“, Hatje Cantz Verlag, 2005;

Tempel Seite 120                                                                                                   Hessen: Markus Hanke/Visum; Rheinland-Pfalz: Dieter Roeseler/laif;
                                                                                                                   Sachsen: Look-Photo; Baden-Württemberg: Peter Bialobrzeski/laif;
                                                                                                                   Bayern: Berthold Steinhilber/laif; Österreich: Julia Knop/laif; Schweiz:
Überraschung im Heiligen                                                                                           Stefan Jaeggi/Keystone/laif
Land: 50 Kilometer vom
Tempel in Jerusalem ent-
fernt stand ein mächtiges
Gegenheiligtum – die Kult-                                                                                           Lauter denken
stätte der Samaritaner, die                                                                                          Jungphilosophen erklä-
mit den Juden um die wahre                                                                                           ren uns die Welt. Außer-
                                                                                      URIEL SINAI / GETTY IMAGES




Lehre Gottes stritten. Jetzt                                                                                         dem im UniSPIEGEL:
werten Forscher Funde aus                                                                                            wie man Fußballmana-
diesem „Haus des Herrn“                                                                                              ger wird, das Geschäft
und Handschriften der Sekte                                                                                          mit den Studienplatz-
aus, die als kleine Gemeinde    Samaritaner auf dem Berg Garizim                                                     klagen und der intime
fortexistiert.                                                                                                       Job der Sexologen.

                                                  D E R   S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2                                                                                                      7
Briefe

                                                                                                                                 Preisschwankungen und deren Auswir-
                                                                                                                                 kungen auf den Konsum statistisch aus-
                               „Bei diesen Benzinpreisen ist es                                                                  werten und die zukünftige Preispolitik so
                                                                                                                                 festlegen. Daher halte ich auch nichts von
                               Sache des Verbrauchers, ein                                                                       einer Erhöhung der Pendlerpauschale.
                                                                                                                                 Höhere Subventionen führen immer zu
                               kostengünstigeres Verkehrsmittel                                                                  höheren Preisen.
                                                                                                                                           CLEMENS JUNG, BRÜCKEN (RHLD.-PF.)
                               zu wählen. Die Angebote fahren
                                                                                                                                 Natürlich rege auch ich mich über die
                               bereits herum. Einfach zugreifen.“                                                                Preispolitik der Ölkonzerne auf. Und
                                                                                                                                 doch muss ich an der Tankstelle schmun-
                                                                                                                                 zeln, wenn einige ihr offensichtlich neues
                                                    ERIK SCHNEIDER, FRANKFURT AM MAIN                                            Geländefahrzeug volltanken und sich
    SPIEGEL-Titel 14/2012                                                                                                        wundern, dass sie mit dem Rechnungs-
                                                                                                                                 betrag locker eine Einzimmerwohnung
                                                                                                                                 für einen Monat hätten mieten können.
Nr. 14/2012, Das Benzin-Kartell – Wie                                                                                                               GIORGIO FORLANO, BERLIN
Öl-Konzerne die Spritpreise manipulieren
                                                                                                                                 Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Sprit-
Nach uns die Sintflut                                                                                                            preise ist mir gestern aufgefallen: Auf der
                                                                                                                                 Autobahn fahren am hellen Nachmittag
Kann es sein, dass wir Deutsche die                                                                                              bei gutem Wetter, kaum Verkehr und
dümmsten Europäer sind, weil wir uns                                                                                             ohne Tempolimit plötzlich (fast) alle Au-
die hohen Spritpreise gefallen lassen? Es                                                                                        tofahrer Tempo 120. Das gab’s noch nie.




                                                                                               GUIDO OHLENBOSTEL / DER SPIEGEL
ist geradezu lächerlich, dass ein und die-                                                                                          STEFFEN MÜLLER, TUTTLINGEN (BAD.-WÜRTT.)
selbe Lieferung an den Tankstellen un-
terschiedlich bepreist wird, sogar inner-
halb eines Tages. Die Begründung mit                                                                                             Nr. 13/2012, Wenn der eigene Sohn
den Spotpreisen in Rotterdam kann das                                                                                            ein Mörder ist
nicht erklären. Ob Aral, Shell, Total oder
andere: Sie erhöhen gleichzeitig auf glei-
che Preise – und das Kartellamt meint          Tankstelle in Köln
                                                                                                                                 Gelebtes Christentum
nicht eingreifen zu können!?                                                                                                     Gut, dass man auch mal die Opfer auf
               HUBERT SCHMOLL, WETTER (NRW)    die Parklücke kriegt. Deshalb fordert ja                                          der bösen Seite sieht und Mitgefühl
                                               der ADAC auch größere Parkhäuser.                                                 weckt. Schlimm, dass sich die Geschwis-
In einem ambulanten Pflegedienst mit ei-                                 MARK BIHLER, BERLIN                                     ter nur von hinten zeigen können. Schön,
nem Fuhrpark von 120 Fahrzeugen wer-                                                                                             dass die Familie die „Bestie“ weiter liebt.
den in einem Jahr rund 2,75 Millionen          Hohe Energiekosten erhöhen den Inno-                                              Gelebtes Christentum.
Kilometer gefahren. Bei einem Durch-           vationsdruck, um die Abhängigkeit vom                                                                    M. LENZEN, MÜNCHEN
schnittsverbrauch von insgesamt 6,37 Li-       Öl zu reduzieren. Darüber hinaus sind
tern zahlt ein Pflegedienst allein für den     die Spritpreise auch im Hinblick auf die                                          Mirco wird nie wieder draußen spielen
Sprit 275 000 Euro. Die Höhe der Sprit-        Folgekosten für Umwelt und Gesundheit                                             können, nie wieder seine Eltern oder Ge-
preise ist ein eminent politisches Thema.      viel zu niedrig. Verbreitet ist diese Er-                                         schwister in den Arm nehmen, er darf
Denn im Gegensatz zu anderen Unter-            kenntnis allerdings nicht in einer Gesell-                                        nicht erwachsen werden, eine Familie
nehmen, die mit Pkw arbeiten, sind Un-         schaft, die nach wie vor von der Auto-                                            gründen. Die letzten Stunden seines kur-
ternehmen im Gesundheitsbereich nicht          mobilindustrie und ihren Werbebotschaf-                                           zen Lebens müssen schrecklich gewesen
vorsteuerabzugsberechtigt. Der Steueran-       ten dominiert wird. Dazu kommen noch                                              sein. Mircos Familie wird bis zum Ende
teil von über 90 Cent pro Liter schlägt        die Trägheit und die Uneinsichtigkeit                                             ihrer Tage mit diesem furchtbaren Verlust
also voll durch. Wenn die Politik nicht        vieler Verbraucher.                                                               leben müssen. Man sehe es mir als Mutter
will, dass die ambulante Pflege insgesamt                       DR. HEINZ MESTRUP, MÜNSTER                                       zweier Söhne nach, dass ich nicht verste-
an die Wand fährt, muss sie dafür sorgen,                                                                                        hen kann, wie die Familie des Täters tickt.
dass sie die unabdingbare Mobilität noch       Die Höhe der Preisschwankungen kann                                               Dass auch die Täterfamilie sehr unter die-
bezahlen kann.                                 damit zusammenhängen, dass man mit                                                ser Tat leidet, ist nachvollziehbar, aber
     DR. MARIA PANZER, UNTERHACHING (BAYERN)   dem Kaufverhalten der Kunden experi-                                              zum Täter halten? Unvorstellbar.
                       HEIMBEATMUNGSSERVICE    mentiert. Man kann mit „Testregionen“                                                         JESSIKA SCHÜTEN, PULHEIM (NRW)

Wir verprassen derzeit Erdöl nach dem
Motto: Nach uns die Sintflut.
          STEFAN BLUEMER, MÜLHEIM A. D. RUHR
                                                 Diskutieren Sie im Internet
                                                 www.spiegel.de/forum und
                                                 www.facebook.com/DerSpiegel
Wenn sich die Autofahrer im weltweit
einzigen Land ohne Tempolimit über zu            ‣ Titel Was ist Heimat?
hohe Spritpreise aufregen, ist das an Ko-
mik kaum zu überbieten. Grinsen kann             ‣ Krebs Verdienen Apotheker zu viel
man auch täglich in deutschen Metropo-             an den Medikamenten?
len, wenn die überforderte Zahnarztgat-          ‣ Sport Ist der Stierkampf mehr als
tin den allradgetriebenen Spritmonster-            nur Tierquälerei?
SUV jenseits der 250 PS nicht mehr in
8                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 13/2012, Wie die Piratenpartei das                                  triebswirten hat mit 49,09 Prozent noch
politische Establishment herausfordert                                  Luft nach oben. Schlimm wird es bei den
                                                                        Ingenieuren: Maschinenbau (9,62 Pro-
Im Cyberspace verloren                                                  zent), Elektrotechnik (7,81 Prozent), Fahr-
                                                                        zeugtechnik (4,55 Prozent). Das Frauen-
Verwegen finde ich, dass die Piraten in                                 quotenproblem hat nichts mit Männern
ihrem Parteiprogramm für „alle Bürger                                   und nichts mit der Wirtschaft zu tun. Son-
jederzeit die volle Kontrolle über ihre In-                             dern mit einer Frauschaft, die führen will,
formationsverarbeitung und Kommuni-                                     aber die dazu nötigen Qualifikationen
                                                                        nicht anbieten kann.
                                                                           MANFRED POWELEIT, ARTLENBURG (NIEDERS.)

                                                                        Frau Reding meint, dass die Menschen
                                                                        viel vernünftiger seien als „wir Politiker“.
                                                                        Zu diesen Menschen rechne ich allerdings




                                                 STEFAN PUCHNER / DPA
                                                                        auch die Gegner der Quote und beson-
                                                                        ders die betreffenden Unternehmer. Ein
                                                                        Argument wird leider in solchen Diskus-
                                                                        sionen selten gesehen: Der Unternehmer
                                                                        muss die Freiheit behalten, selbst über
Bundesparteitag der Piraten 2011                                        sein Personal zu entscheiden. Wir brau-
                                                                        chen mehr Freiheiten und die dazugehö-
kation“ erreichen wollen und dazu for-                                  rige Ethik der Verantwortung.
dern, „die Macht über Systeme und Da-                                                        DIETER BRANDES, HAMBURG
ten … so breit wie möglich auf alle Bürger
zu verteilen und so ihre Freiheit und Pri-                              Klarer Punktsieg für Frau Schröder. Ge-
vatsphäre zu sichern“. Da ist den Piraten                               gen den Zeitgeist bietet sie souverän Brüs-
im Cyberspace wohl etwas die Bodenhaf-                                  seler Erpressungsversuchen die Stirn.
tung verlorengegangen. Aber unterhalt-                                  Warum auch sollten im 21. Jahrhundert
sam sind sie schon!                                                     Einstellungen und Beförderungen nach
     JÜRGEN SIEVERS, BÜDELSDORF (SCHL.-HOLST.)                          Geschlechterzugehörigkeit erfolgen – wa-
                                                                        ren wir da nicht schon mal weiter?
Fast alle unserer konkreten Programm-                                                      MICHAEL KEMPTER, STUTTGART
punkte stammen ursprünglich von einfa-
chen Parteimitgliedern ohne Amt und                                     Auffällig, dass nur in den Rosinen-Jobs
werden dann von meist informellen Ar-                                   nach der Frauenquote gefragt wird, nicht
beitsgruppen weiterentwickelt, bis die                                  jedoch in gefährlichen Berufen, in denen
Vorlagen beschlussfähig sind. Bei den                                   zu 92 Prozent Männer verunglücken.
etablierten Parteien dagegen (gerade bei
den Bündnis-Grünen!) ist es genau um-
gekehrt; dort brütet die Vorstandschaft




                                                                                                                        MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL
fertige „Meinungsvorlagen“ aus, die bes-
tenfalls vom Parteitag noch abgenickt
werden dürfen. Die Meinungs- und Wil-
lensbildung der Piratenpartei läuft prin-
zipiell „von unten nach oben“, wie es in
einer funktionierenden Demokratie auch
sein sollte. Ein Pirat hat keine feste Welt-
anschauung – ein Pirat, der schaut sich
die Welt an!
                 OLIVER VAILLANT, REGENSBURG                            Politikerinnen Schröder, Reding
                     PIRATENPARTEI OBERPFALZ
                                                                        Wenn Frauen ihre Kinder mit 25 statt mit
                                                                        39 bekämen, hätten wir diese Aufstiegs-
Nr. 13/2012, EU-Kommissarin Viviane Re-                                 diskussion eher nicht. Eine Vorstandskar-
ding und Familienministerin Kristina Schrö-                             riere beginnt nämlich ab Anfang 40.
der über Sinn und Unsinn der Frauenquote                                        RICHARD SCHEDEL, ERLENBACH (BAYERN)


Romanistinnen für VW?
Sehr viel höher als Frau Redings 60 Pro-                                  Korrektur
zent ist die Quote der Hochschulabsol-                                    zu Heft 14/2012
ventinnen bei Romanistik (86,43 Prozent),                                 Seite 143, „In der Problemzone“: Die
Germanistik (80,94 Prozent) und Anglis-                                   Grafik nennt für den März 2012
tik (78, 39 Prozent). Doch was sollen Vor-                                falsche Marktanteilswerte. Für RTL
stand und Aufsichtsrat von VW mit Ro-                                     muss es richtig heißen 17,6 statt 18,2
manisten, Germanisten und Anglisten?                                      Prozent und für Sat.1 10,2 statt 9,9
VW wird geführt von Kaufleuten und In-                                    Prozent.
genieuren. Die Frauenquote bei den Be-
10                             D E R   S P I E G E L                       1 5 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 13/2012, Die Mär von der anti-                                               sich die Suizidzahlen ansieht. Es fehlen         Nr. 13/2012, Knapp eine Milliarde Euro im
syrischen Verschwörung                                                           einfach Therapeuten! Die Patienten, die          Jahr für die Berliner Kultur – reicht das?
                                                                                 begutachtet werden, müssen unter einem
Einreiseverbot aufheben                                                          erheblichen Leidensdruck stehen, weil sie
                                                                                 sich sonst nicht in die stigmatisierte Be-
                                                                                                                                  Berliner Luxusprobleme
Die von Todenhöfer zu Syrien festgestell-                                        handlung begeben würden.                         Bevor wir uns weiter mit den kulturellen
te „gigantische Desinformationskampa-                                                                   KERSTIN VOSPOHL, ESSEN    Luxusproblemen Berlins beschäftigen,
gne“ ließe sich sehr leicht verifizieren:                                                                                         sollten wir die Entwicklung der einst
Der Despot von Damaskus müsste dazu                                              Jeder in Psychotherapie investierte Euro         so reichen föderalen Kulturlandschaft
lediglich das Einreiseverbot für unabhän-                                        spart an anderer Stelle zwei bis vier Euro       Deutschlands mit den Zentren Hamburg,
gige Journalisten aufheben.                                                      an Kosten. Demzufolge kann es nur wün-           München, Dresden, Düsseldorf, Köln, Es-
          PETER BERGER, HEILIGENHAUS (NRW)                                       schenswert sein, wenn Menschen auch
                                                                                 mit noch nicht chronifizierten Störungen
Im vergangenen Jahr habe ich Herrn To-                                           eine Behandlung bekommen. Die Gesell-
denhöfer mehrmals als Videojournalistin                                          schaft sollte sich fragen, warum die Zahl
nach Syrien begleitet. Vor Ort haben wir                                         der Hilfesuchenden, der Krankgeschrie-
Hunderte Gespräche mit den unterschied-                                          benen und der Erwerbsgeminderten auf-




                                                                                                                                                                                              P. PONZIAK / VISION PHOTOS
lichsten Menschen geführt. Die von To-                                           grund psychischen Leidens rasant und
denhöfer gemachten Aussagen kann ich                                             permanent steigt, statt diejenigen zu dif-
bezeugen. Zwischenzeitlich wurden eini-                                          famieren, die Hilfe anbieten.
ge Aussagen Todenhöfers – für die er hier                                                 SVEN QUILITZSCH, ZWICKAU (SACHSEN)
in Deutschland verhöhnt wurde – auch                                                       PSYCHOLOGISCHER PSYCHOTHERAPEUT
von Human Rights Watch, der Arabi-
schen Liga und Kofi Annan bestätigt. Bei                                         Dass die Psychotherapeutensitze so un-           Geschlossenes Schiller Theater 1993
der Recherche ist Todenhöfer akribisch                                           gleich verteilt sind, liegt an der Bedarfs-
vorgegangen. Er hat dafür ein hohes Risi-                                        planungsrichtlinie. Viele der jungen Psy-        sen und so weiter analysieren und hier
ko auf sich genommen. Auch im Ge-                                                chotherapeuten würden gern in die struk-         wieder Schwerpunkte der Förderung set-
spräch mit Assad, bei dem ich anwesend                                           turschwachen Gebiete gehen, wenn es              zen. Zum Europa der Regionen passt das
war, hat sich Todenhöfer vehement für                                            dort freie Sitze gäbe.                           besser als die Konzentration auf einen
Demokratie eingesetzt. Umso verwunder-                                                           DIETER BEST, LUDWIGSHAFEN        national bestimmten Kulturort.
licher war die Reaktion in Deutschland.                                             DEUTSCHE PSYCHOTHERAPEUTENVEREINIGUNG                              PETER SCHMIDT, HAMBURG
                        JULIA LEEB, MÜNCHEN                                                                                                   EHEM. BÜRGERSCHAFTSABGEORDNETER
                                                                                 Ich habe keinen einzigen Burnout-Patien-
                                                                                 ten, sondern behandle etwa 15 Prozent            Staatssekretär Schmitz hat recht damit,
Nr. 12/2012, Der Mangel an Psycho-                                               „leichte Fälle“, die „nur“ eine Anpas-           dass mit kleinen Beiträgen große Wir-
therapeuten führt zu langen Wartezeiten                                          sungsstörung haben, circa 50 Prozent             kung erzielt werden kann! Warum ent-
                                                                                 komplex Traumatisierte, die zum Beispiel         zieht seine Landesregierung diese Bei-
Bitterer Nachgeschmack                                                           eine Borderline- oder dissoziative Stö-
                                                                                 rung haben, 10 Prozent Psychose-Kranke,
                                                                                                                                  träge der musikalischen Bildung? Auch
                                                                                                                                  Niedersachsen hat den Musikunterricht
                                                                                 der Rest besteht aus Leuten mit depressi-        halbiert, an Baden-Württembergs Grund-
                                                                                 ven Störungen, Ängsten und Zwangser-             schulen gibt es das Fach Musik gar nicht
                                                                                 krankungen. Der reale Bedarf liegt hier          mehr. Man stelle sich vor, die Metropo-
                                                                                 170 Prozent höher als die zugelassene An-        lenbibliothek auf dem Tempelhofer Feld
                                                ACHENBACH PACINI / DER SPIEGEL




                                                                                 zahl von Therapeuten. Und dies ist in al-        wird vom Regierenden Bürgermeister er-
                                                                                 len anderen Ballungszentren genauso.             öffnet, während sein Schulsenator den
                                                                                                               ANKE STAHL, KÖLN   Deutschunterricht halbiert! Aus der Sta-
                                                                                                                                  tik wissen wir, dass Leuchttürme ohne
                                                                                 Die Arbeit mit schwer und schwerst psy-          Fundament zum Einsturz neigen.
                                                                                 chisch Kranken erfordert höchsten Ein-                 PROF. HANNO MÜLLER-BRACHMANN, BERLIN
                                                                                 satz – nicht nur fachlich, sondern auch
                                                                                                                                  Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
Psychologe Thomas Bock in Hamburg                                                emotional. Wer glaubt, dies an fünf Tagen        Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
                                                                                 die Woche von früh bis spät leisten zu           tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
Eine leichte Erkrankung wird – wenn                                              können, wird wahrscheinlich eines Tages          leserbriefe@spiegel.de
nicht richtig und frühzeitig behandelt –                                         selbst behandlungsbedürftig werden.              In dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich im Mittelbund
rasch zu einer schweren Erkrankung; es                                              DR. EVA-MARIA GLOFKE-SCHULZ, ROSENHEIM        ein 16-seitiger Beihefter der Firma DURAVIT, Hornberg.
macht also viel Sinn, auch „leichte“ Fälle
anzunehmen, vor allem wirtschaftlich ist
es erheblich effektiver für das Gemein-
wesen, wenn Erkrankungen frühzeitig
professionell behandelt werden.
                                                                                                       Aus der SPIEGEL-Redaktion
DIPL.-PSYCH. CORNELIA CORDES, SCHLEIDEN (NRW)                                                          Verwüstete Landstriche, gequälte Bauern, abgeschlachtete Söldner –
                                                                                                       mit dramatischen Bildern hat sich der Dreißigjährige Krieg in das
Hier entsteht er wieder, der bittere Nach-                                                             Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Was 1618 mit dem „Prager
geschmack, dass man sich als depressiver                                                               Fenstersturz“ begann, wurde zum europäischen Dauerkonflikt; der
Patient mit ein wenig Selbsthilfegruppe,                                                               Streit der Konfessionen war nur ein Kriegsgrund unter vielen. Erst
Sport oder autogenem Training helfen                                                                   mit dem Westfälischen Frieden kam wieder Ordnung in die politi-
soll, damit sich die Psychotherapeuten                                                                 schen und religiösen Verhältnisse. Historiker und SPIEGEL-Autoren
mit ernsthaften Erkrankungen beschäfti-                                                                erörtern die Ursachen des Krieges, porträtieren große Gestalten der
gen können. Ein Trugschluss, wenn man                                                                  Zeit und fragen, welches Erbe die Katastrophe hinterlassen hat.
12                                                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Panorama

               PA R T E I E N
                                                                                    Stau auf der A 1 bei Hamburg

        Linker Schwund
Erstmals seit der Fusion von Linkspar-
tei.PDS und WASG im Jahr 2007 ist
die Mitgliederzahl der Linken unter
70 000 gesunken. Während sich die
Zahl in den mitgliederstarken, aber
überalterten Ostverbänden hauptsäch-
lich durch Todesfälle dezimiert, leidet
die Linke im Westen unter Austritten
oder Parteiwechseln. Allein in Nord-
rhein-Westfalen verlor die Linke im
vergangenen Jahr mehr als 500 Mit-
glieder. Bundestagsfraktionschef Gre-
gor Gysi klagte kürzlich intern, der
Zustrom aus der SPD und von den Ge-
werkschaften sei völlig zum Erliegen
gekommen. Ihren Höchststand hatte
die Partei im Bundestagswahljahr 2009
mit mehr als 78 000 Mitgliedern er-
reicht.




                                                                                                                                                                        ULRICH PERREY / DPA
     N O R D R H E I N -W E S T FA L E N


     Clement pro Lindner
Der Ex-Sozialdemokrat Wolfgang Cle-                                                                                       BENZINPREISE
ment unterstützt die nordrhein-westfä-
lische FDP im Landtagswahlkampf.
Zehn Jahre nach seinem Abgang als
NRW-Ministerpräsident schlägt sich
Clement damit auf die Seite seines
                                                                                                      CDU-Politiker wollen
einstigen Gegners; von 1998 bis 2002
hatte er das Bundesland mit einem rot-
grünen Kabinett regiert. Derzeit wür-
                                                                                                        Pendlern helfen
den Clement und FDP-Spitzenkandi-                                                   Angesichts weiter steigender Benzinpreise wächst in der Union die Bereitschaft
dat Christian Lindner die Einzelheiten                                              zur Erhöhung der Pendlerpauschale. Zwar dürfe die Pauschale nicht ständig mit
der Zusammenarbeit klären, heißt es                                                 Blick auf den Spritpreis angehoben oder gesenkt werden, sagt Unionsfraktions-
bei den Liberalen. Die beiden Politi-                                               vize Michael Fuchs. Trotzdem sei eine Entlastung der Pendler geboten. „Wir
ker kennen sich noch aus der gemein-                                                können von den Leuten nicht verlangen, dass sie 150 Kilometer zum Arbeitsplatz
samen Zeit im Landtag. Seit seinem                                                  pendeln, und sie dann mit den Kosten alleinlassen“, sagt Fuchs. Ähnlicher An-
Austritt aus der SPD 2008 ist Clement                                               sicht ist Hessens Regierungschef Volker Bouffier. Er will zwar zunächst abwarten,
gelegentlich bei der FDP aufgetreten.                                               ob die Bundesratsinitiativen, mit denen die Marktmacht der Benzinkonzerne
Der ehemalige Bundeswirtschaftsmi-                                                  eingeschränkt werden soll, Wirkung zeigen. „Sollte dies nicht der Fall sein und
nister sitzt heute im Aufsichtsrat der                                              eine kritische Grenze erreicht werden, muss man über eine Erhöhung der Pend-
RWE Power AG in Essen.                                                              lerpauschale nachdenken“, sagt der CDU-Vizechef. Die Parteivorsitzende Angela
                                                                                    Merkel hat sich gegen eine solche Erhöhung ausgesprochen.
                                                                                    Derweil mahnt der Wirtschaftswissenschaftler Frank Hechtner von der Freien
                                                                                    Universität Berlin, dass nur ein geringer Teil der Deutschen von einer Erhöhung
                                                                                    der Pendlerpauschale von 30 auf 40 Cent pro Kilometer profitieren würde. Wie
                                                                                    seine Auswertung der Steuerstatistik zeigt, machen gerade einmal 30 Prozent
                                           MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL




                                                                                    der Steuerpflichtigen die Aufwendungen in ihrer Steuererklärung geltend. „Für
                                                                                    die meisten Beschäftigten ist die Pauschale nur relevant, wenn die Arbeit min-
                                                                                    destens 15 Kilometer vom Wohnort entfernt liegt“, sagt der Professor. Eine spür-
                                                                                    bare Entlastung ergebe sich sogar erst ab einem Arbeitsweg von mindestens 50
                                                                                    Kilometern, den laut Hechtner aber nur zwei Millionen Steuerzahler zurücklegen.
                                                                                    Nach seinen Berechnungen käme eine Erhöhung der Pauschale um 10 Cent vor
                                                                                    allem den Beziehern hoher Einkommen zugute. Ein Single, der 40 Kilometer
                                                                                    pendelt und 2500 Euro brutto verdient, hätte monatlich 24 Euro netto mehr, bei
                                                                                    einem Einkommen von 6000 Euro wären es 35 Euro.
Clement

14                                                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Deutschland
                                                                  FA M I L I E N



                     Justizministerin gegen Betreuungsgeld
 Im schwarz-gelben Regierungsbündnis ver-                                                                                                Kinder unter 3 Jahren in öffentlich
 schärft sich der Streit um das Betreuungsgeld.                                                                                               geförderter Tagesbetreuung,
 Mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnar-                                                                                                          Betreuungsquote
 renberger spricht sich erstmals ein liberales Mit-
 glied der Bundesregierung dafür aus, die koali-
 tionsinterne Vereinbarung zur Einführung des                 Landkreise
 Betreuungsgelds platzen zu lassen. Das von der                    unter
 CSU geforderte Instrument „passt eigentlich
 nicht mehr in die Zeit“, sagt die FDP-Politike-                     10
                                                                      %                                                       Hamburg
 rin. Beim Angebot von Kita-Plätzen bleibe                       Aurich
 Deutschland weit hinter Ländern wie Schwe-                         Leer
 den und Frankreich zurück. Deswegen könne
 auch keine Rede davon sein, dass Eltern die                                                                                                              Berlin
 Wahlfreiheit zwischen heimischer und externer                                                    Hannover
 Betreuung ihrer Kinder hätten. „Der Ausbau
 der Kinderbetreuung sollte angesichts der Un-
 terfinanzierung Priorität haben“, sagt Leut-
                                                      Oberhausen
 heusser-Schnarrenberger. Die Ministerin stellt             (Stadt)
 sich damit gegen eine Absprache, die die Par-
 teichefs von CDU, CSU und FDP im November                                                                                                                                Dresden
                                                         Heinsberg             Köln
 im Koalitionsausschuss getroffen haben. Dem-       Oberbergischer
 nach soll das Betreuungsgeld, das Eltern zugute-             Kreis
 kommt, die ihre Kinder nicht in eine öffentlich        Euskirchen
                                                                                                                                                                    60 % und mehr
                                                                                                    Frankfurt
 geförderte Kita bringen, zum 1. Januar 2013                                                        am Main
 eingeführt werden. Pro Monat sind für Kinder                                                                                                                       Wittenberg
 im zweiten Lebensjahr 100 Euro vorgesehen, im                                                                                                                      Salzlandkreis
 Jahr 2014 soll der Betrag auf 150 Euro für das                                                                                                                     Börde
 zweite und dritte Lebensjahr steigen.
 Der Plan sorgt auch innerhalb der Union zuneh-
 mend für Unmut. Während in der CDU der Wi-                      Neuburg-
                                                                                                                            Stuttgart
 derstand wächst, ist die CSU erzürnt darüber,           Schrobenhausen
 dass Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU)              Mühldorf a. Inn
                                                                                                                                        München
 die parteiinternen Kritiker nicht schärfer in die
 Schranken weist. CSU-Generalsekretär Alexan-
 der Dobrindt forderte Kauder am vergangenen
 Dienstag in einem Telefonat zum Einschreiten              DEUTSCHLAND
 auf. Bayerns Sozialministerin Christine Hader-                      25%
                                                                                                                                                 Zielvorgabe   35 %
 thauer (CSU) ermahnt mögliche Abweichler
 innerhalb der Union: Die Abstimmung über das
 Betreuungsgeld sei „keine Gewissensentschei-                       unter 15 Prozent      15 bis unter 25                      25 bis unter 35    35 bis unter 50      50 und mehr
 dung, die den Fraktionszwang aufhebt“.                                                                                                                    Quelle: Destatis, 1. März 2011




       B U N D E S TA G S WA H L
                                                 mindestens zwei Wochen Abstand lie-                                         Bundestagswahl müsste in diesem Fall
                                                 gen. Wegen der bayerischen Sommer-                                          am 29. September stattfinden. Diesen
                                                 ferien ist der früheste Termin für die                                      Termin lehnt jedoch das Bundesinnen-
    Schwieriger Termin                           Landtagswahl der 15. September, die                                         ministerium ab, weil dann bereits die
                                                                                                                             Herbstferien in Hamburg, Berlin und
Der bayerische Ministerpräsident                                                                                             Brandenburg beginnen. Andere Sonn-
Horst Seehofer und Bundesinnen-                                                                                              tage im September kollidieren eben-
minister Hans-Peter Friedrich – beide                                                                                        falls mit Ferienterminen. Dennoch
CSU – rangeln um den Termin für die                                                                                          beharrt die CSU-Fraktion im bayeri-
Bundestagswahl 2013. Friedrichs Haus-                                                                                        schen Landtag auf ihrer Position:
juristen wollen die Abstimmung für                                                                                           „Beide Wahlen müssen getrennt statt-
                                                                                                    MAGNUS SETTELE / DAPD




den 15. oder 22. September ansetzen.                                                                                         finden, nur so können landespolitische
Das läuft den Plänen der CSU in Mün-                                                                                         Themen zur Geltung kommen“, sagt
chen zuwider. Sie rechnet sich für die                                                                                       CSU-Fraktionschef Georg Schmid.
bayerischen Landtagswahlen bessere                                                                                           Der Streit soll nun bei einem Treffen
Chancen aus, wenn zwischen den Ab-                                                                                           der Parteichefs von CDU, CSU und
stimmungen im Bund und in Bayern                 Deutscher Bundestag                                                         FDP beigelegt werden.
                                                       D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                                          15
Deutschland                                                                                                                                               Panorama

                                                                                                                                                    E LBVE RTI E FUNG


                                                                                                                                                   Angst vor dem
                                                                                                                                                      Wasser




                                                                                                          ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE
                                                                                                                                           Wegen der von Hamburg geplanten
                                                                                                                                           Fahrrinnenvertiefung der Elbe fordert
                                                                                                                                           die stromabwärts gelegene Gemeinde
                                                                                                                                           Jork eine Erhöhung ihrer Deiche.
                                                                                                                                           „Wir rechnen durch die geplante
 Schüler in Wuppertal                                                                                                                      Maßnahme mit häufigeren und höhe-
                                                                                                                                           ren Sturmfluten und fühlen uns be-
                                                                                                                                           droht“, sagt Bürgermeister Gerd
                               VERPFLEGUNG
                                                                                                                                           Hubert. Daher müssten die Schutz-
                                                                                                                                           wälle gegen den dann schneller flie-
                                                                                                                                           ßenden Fluss „dringend erhöht wer-
                   Bäcker statt Mensa                                                                                                      den“. Hubert und andere Bürgermeis-
                                                                                                                                           ter des Obstanbaugebiets „Altes
                                                                                                                                           Land“ prüfen Klagen gegen das Pro-
 Trotz des teuren Ausbaus von Schulkantinen essen nur 15 Prozent der Schüler                                                               jekt, das die Elbe für große Container-
 regelmäßig in der Mensa. In einem Brief an die Kultusministerkonferenz beklagt                                                            schiffe mit einem Tiefgang von bis zu
 das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung, dass nur in gebundenen Ganztags-                                                                  14,5 Metern schiffbar machen soll. Be-
 schulen „respektable Umsatzgrößen“ erreicht würden. An Schulen mit sporadi-                                                               denken gibt es auch gegen die einge-
 schem Nachmittagsunterricht oder mit freiwilliger Ganztagsbetreuung, welche                                                               planten Süßwasserreservoirs, die als
 ebenfalls Essen anbieten, konstatieren die Experten eine „Mensaflucht“ insbe-                                                             Ausgleich für eine mögliche Verschie-
 sondere älterer Schüler. Diese favorisierten „benachbarte Döner- und Bäcker-                                                              bung der Salzwassergrenze elbauf-
 läden“, selbst wenn sie dort mehr bezahlen müssten. Die Kantinen würden den                                                               wärts dienen sollen. Es sei fraglich,
 „gastronomisch vorgeprägten Geschmackserwartungen“ nicht gerecht, heißt es                                                                „ob genügend Flächen dafür zur Ver-
 in dem Brief, außerdem erwarteten Schüler „Auswahl und To-go-Angebote“.                                                                   fügung stehen“, so Hubert. In dieser
 Auch eine „signifikante Mehrheit“ der Eltern steht demnach dem Schulessen                                                                 Woche stimmte die niedersächsische
 skeptisch gegenüber und behilft sich mit „Snackzugaben oder kleinem Bargeld“.                                                             Landesregierung dem Projekt zu und
 Der Verein, der im November im Bundestag angehört wurde, fordert Steuerver-                                                               räumte damit ein entscheidendes Hin-
 günstigungen für Schulessen sowie Berater, die Ernährungswissen vermitteln.                                                               dernis für die Elbvertiefung aus dem
                                                                                                                                           Weg.



             UM FRAGEN                    Anteil der Haushalte, in denen                                                                   hafen. Die Umfrage-Institute würden
                                          nur per Handy telefoniert wird                                                                   die Zahlen dann „durch Erfahrung
                                                                                                                                           und alte Umfragewerte interpretie-
     Handys verunsichern                  2011, in Prozent                    Quellen: Bitkom, Eurostat
                                                                                                                                           ren“, ihre Ursprungszahlen aber nicht

      Meinungsforscher                          81                   78                   59
                                                                                                                                           offenlegen, so Behnke. Auch dadurch
                                                                                                                                           könne es zu Fehlprognosen wie bei
                                                                                                                                           der Wahl im Saarland vor zwei Wo-
Das veränderte Telefonierverhalten                                                                                                         chen kommen, als Meinungsfor-
der Deutschen bereitet Meinungsfor-                                                                                                        schungsinstitute SPD und CDU gleich-
                                           Tschechien             Finnland            Slowakei
schern große Probleme bei Wahlum-                                                                                                          auf sahen, diese am Ende jedoch fast
fragen. Viele Bürger buchen zwar über                                                                                                      fünf Prozentpunkte auseinanderlagen.
Flatrates einen Internetanschluss plus                                                                                                     Eine deutliche Diskrepanz erlebten
Festnetznummer, telefonieren aber               47                   34                   31                                               die Demoskopen auch bei der Wahl
häufiger mit dem Handy; manche sind                                                                                                        zum Berliner Abgeordnetenhaus 2011.
über das Festnetz nicht oder nur                                                                                                           Die meisten Institute sahen die Pira-
schlecht zu erreichen. Ein noch größe-      Österreich             Italien             Spanien                                             tenpartei bei fünf Prozent, bei der
res Problem seien die Menschen, die                                                                                                        Wahl erreichte diese dann knapp neun
bei den Telefon-Stichproben nicht                                                                                                          Prozent. Meinungsforscher sehen die
mehr mitmachen wollen, so Klaus-Pe-             27                   17                   13                                               telefonischen Befragungen mit wach-
ter Schöppner, Geschäftsführer von                                                                                                         sender Skepsis. Solche Umfragen hät-
TNS Emnid. Viele Angerufene haben                                                                                                          ten ihre „methodische Unantastbar-
unterwegs keine Zeit oder Lust, Aus-      EU-Durchschn. Großbritannien               Frankreich                                            keit verloren“, sagt Thomas Schwabl,
kunft zu geben, andere wollen schlicht                                                                                                     dessen Markt- und Meinungsfor-
ihre Akku-Ladung schonen. „Stellen-                                                                                                        schungsinstitut Marketagent.com auf
weise nur zehn Prozent der Angerufe-            12                   11                                                                    Online-Umfragen setzt. Man müsse
nen nehmen an einer Umfrage teil“,                                                         2                                               „durch massive Veränderungen in der
sagt Politikwissenschaftler Joachim                                                                                                        Kommunikationslandschaft laufend
Behnke von der Universität Friedrichs-    Deutschland           Niederlande          Schweden                                              mit Weiterentwicklung rechnen“.
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Deutschland


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                                                                      UNION




                            Eine Frage der Gerechtigkeit
                             Ob beim Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst, dem Mindestlohn oder den
                           Renten – Angela Merkel versucht, alle sozialpolitischen Streitfragen abzuräumen.
                                Sie will der SPD keine Angriffsfläche im nächsten Wahlkampf bieten.
RAINER JENSEN / DPA




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         er Zwischenfall ereignete sich am „Professor aus Heidelberg“ zum Symbol forderern Sigmar Gabriel, Frank-Walter
         Freitag vor einer Woche. Es war der sozialen Kälte abzustempeln – und Steinmeier und Peer Steinbrück.
         mittags um kurz vor zwölf, als der seine Herausforderin gleich mit. So knapp                        Deutlich wurde Merkels Strategie, als
Regierungssprecher die Orientierung ver- war am Ende das Ergebnis, dass sich sich am frühen Samstagmorgen vor einer
lor. Steffen Seibert war vor die Front ge- Schröder bei seinem legendären Fernseh- Woche Bundesinnenminister Hans-Peter
raten, und er merkte es nicht.               auftritt am Wahlabend zunächst noch als Friedrich (CSU) und Ver.di-Chef Frank
   Was denn die Kanzlerin zum Verhalten Sieger sah.                                                     Bsirske nach vierwöchigen Verhandlun-
der FDP in Sachen Schlecker sage, wollte        Merkel hat aus dieser Beinahe-Nieder- gen die Hand schüttelten. Ein Plus von
ein Journalist während der Regierungs- lage ihre Schlüsse gezogen. Einen Wahl- 6,3 Prozent über zwei Jahre für die
Pressekonferenz wissen, und Seibert trug kampf um die Frage, wer ist der Sozialste Beschäftigten von Bund und Kommunen,
vor, was er für die richtige Antwort hielt. im ganzen Land, kann die Union nicht das ist ein Zuschlag, wie es ihn lange
„Es gibt Gründe für eine Transfergesell- gewinnen. Nicht gegen die SPD, die pro- nicht gegeben hat. Dabei hatte sich FDP-
schaft, und es gibt sehr gute Gründe da- blemlos noch eine Schippe Wohltaten Chef Philipp Rösler noch Mitte Januar
gegen.“ Nur wenig später meldeten die drauflegen kann.                                                  gegen kräftige Lohnerhöhungen ausge-
Nachrichtenagenturen: „Merkel stärkt            Die Kanzlerin weiß, dass sie angreifbar sprochen. Gerade die Lohnzurückhaltung
Rösler nach Schlecker-Entscheidung den ist. Ihre Regierung hat die Banken nach sei Grundlage für die Erfolge der vergan-
Rücken“.                                     der Lehman-Pleite mit Milliarden-Pro- genen Jahre am Arbeitsmarkt gewesen.
   Irgendetwas war schiefgelaufen. Die grammen gestützt, laufend werden neue, „Dabei sollte man bleiben“, sagte Rösler.
Kanzlerin an der Seite des FDP-Chefs? gewaltigere Rettungsschirme für die ma-                                Angela Merkel sieht das nicht so. Fried-
Ein Signal der sozialen Kälte? Das war roden Euro-Länder aufgespannt. Die teu- rich hatte sich schon vor den Tarifver-
nicht die Botschaft, die Angela Merkel ren Hilfsaktionen sind unpopulär, und sie handlungen Prokura für einen großzügi-
aussenden wollte. Nein, sie konnte sich verschärfen die Gerechtigkeitsdebatte, gen Abschluss eingeholt, Bundesfinanz-
sehr wohl eine Auffanggesellschaft für die sich auf einen einfachen Nenner brin- minister Wolfgang Schäuble hatte seinem
die entlassenen Schlecker-Mitarbeiterin- gen lässt: „Warum helft ihr den Bankern, Kollegen signalisiert, dass er gegen einen
nen vorstellen. Die Kanzlerin kümmert den Schlecker-Frauen aber nicht?“                                 üppigen Aufschlag für die öffentlich Be-
sich um die armen Schlecker-Frauen –            Und so versucht Merkel nun systema- diensteten kein Veto einle-
dieses Merkel-Bild hätte der Regierungs- tisch, alle Konflikte zu entschärfen, die gen würde.                                              +15,5
sprecher verbreiten sollen. Jetzt wurde
er zurückgepfiffen.
   Verzweifelt versuchte Seibert am Nach- Vermehrte Armut ...
mittag, seine Aussage nachzujustieren. Er Veränderung des verfügbaren Einkommens in Deutschland
sei da völlig missverstanden worden. Auf 2010 gegenüber 2000, in Prozent
keinen Fall habe sich die Kanzlerin an
die Seite der FDP gestellt. Es war zu spät.
Am folgenden Morgen titelte nicht nur Einkommensgruppen
die „Süddeutsche Zeitung“: „Merkel bil- 1. (unterstes)                                                  +1,1 +1,2 +1,3
                                                 Zehntel 2. Zehntel     3.          4.           5.                                 +2,0
ligt Nein der FDP zu Schlecker“.
   Zum Glück der Kanzlerin wurde das
                                                                                 – 2,9 – 1,0
                                                                                                            6.          7.    8.      9.  10. (oberstes)
                                                                                                                                             Zehntel
Missgeschick des Regierungssprechers be-
reits am Samstag von einer neuen Nach-                              – 5,7
richtenlage überdeckt. Die Merkel-Regie-
rung und die Kommunen hatten sich in                                                                                             ... vermehrter
der Nacht auf ein sattes Lohnplus für den
                                                –10,3
                                                          – 9,2 berechnet in Preisen von 2005, Panel Study (SOEP), DIW Berlin
                                                                    Quelle: German Socio-Economic                                        Reichtum
Öffentlichen Dienst verständigt. Das ent-
sprach sehr viel mehr dem Image, das
sich Merkel in diesen Zeiten gern zulegen der SPD einen Anlass für einen Gerech-                             Dass Städte und Gemeinden über die
möchte.                                      tigkeitswahlkampf bieten könnten. Kos- Zusatzkosten in Milliardenhöhe jammern
   Denn ihre Strategen im Kanzleramt ten spielen dabei keine Rolle. Dass die und andere Branchen wie die Metall-
und in der CDU-Zentrale haben bereits Unionsrechten dabei jammern, nimmt sie arbeitgeber vor der Vorbildfunktion des
das Bundestagswahljahr 2013 im Visier. in Kauf. Der konservative Landesverband Abschlusses warnen, stört Merkels Leute
Jede Festlegung wird von nun an unter Hessen hat sich bislang als Gegenpol zu nicht, im Gegenteil: Zufriedene Arbeit-
dem Blickwinkel geprüft, ob sie Merkel Merkels Linie verstanden, doch spä- nehmer sind zufriedene Wähler, das ist
in der Auseinandersetzung mit dem lin- testens seit dem Debakel bei der Frank- die Gleichung im Kanzleramt. „Das ist
ken Lager nutzen oder schaden könnte. furter Oberbürgermeister-Wahl ist klar, nichts anderes als eine Aufschwung-
In dieser Perspektive ist alles gut, was die dass die Strahlkraft des rechten Flügels dividende“, sagt ein Merkel-Vertrauter.
Kanzlerin an die Seite der Arbeitnehmer begrenzt ist.                                                   „Wenn die Wirtschaft wächst, sollen auch
stellt. Und alles schlecht, was den Sozial-     Geht Merkels Plan auf, tritt im nächs- die Arbeitnehmer etwas davon haben.“
demokraten Angriffsfläche für einen Ge- ten Jahr eine Union an, die sich in zen-                             Anlegen will sich die CDU allenfalls
rechtigkeitswahlkampf bieten könnte. De- tralen Positionen kaum noch von der SPD mit betuchteren Bürgern, Steuererhöhun-
ren Attacken sollen ins Leere laufen.        unterscheidet. Die Sozialdemokraten hät- gen jedenfalls sind für die Partei kein
   Es ist das Trauma von 2005, das Merkel ten es schwer, ihre Anhänger durch eine Tabu mehr. Mag der ehemalige Finanz-
verfolgt. Damals hatte sie nicht rechtzei- starke Polarisierung zu mobilisieren, und minister Steinbrück jetzt auch für eine
tig gespürt, dass sich die Ära des neolibe- am Ende würde sich die Wahl wohl auf stärkere Belastung der Reichen werben –
ralen Zeitgeistes dem Ende zuneigte, und eine einzige Frage verengen: Wer ist der die Union ist längst da.
war mit dem Steuervereinfacher Paul bessere Kanzler?                                                         Erst kürzlich hatte sich Bundestagsprä-
Kirchhof in den Wahlkampf gezogen. Ein          Diese Frage beantworten die Deut- sident Norbert Lammert für einen höhe-
verhängnisvoller Fehler.                     schen in allen Umfragen derzeit eindeutig ren Spitzensteuersatz ausgesprochen. Un-
   Dem amtierenden SPD-Kanzler Ger- zugunsten der Amtsinhaberin, sie liegt terstützt wird er dabei von Vertretern des
hard Schröder gelang es mühelos, den weit vor den drei möglichen SPD-Heraus- Sozialflügels der Partei wie der saarlän-
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                                                                                                                                die gleiche Bezahlung wie die Stamm-
                                                                                                                                belegschaft erhalten sollen. Andernfalls,
                                                                                                                                so die Drohung von der Leyens, werde
                                                                                                                                ihr Ministerium die Sache selbst in die
                                                                                                                                Hand nehmen.
                                                                                                                                   Die Strategie der sozialen Wärme ist
                                                                                                                                eng mit der CSU abgestimmt. In den ver-
                                                                                                                                gangenen Monaten drängte deren Partei-
                                                                                                                                chef Horst Seehofer die Kanzlerin wie-
                                                                                                                                derholt dazu, sozialpolitische Streitfragen
                                                                                                                                abzuräumen, um der SPD keine Angriffs-
                                                                                                                                fläche zu bieten. „Die Union darf nicht
                                                                                                                                als Partei der sozialen Kälte dastehen“,
                                                                                                                                heißt es in der Münchner Parteizentrale.
                                                                                                                                Auch Seehofer leidet noch unter dem
                                                                                                                                Trauma des missglückten Wahlkampfs




                                                                                              STEFFI LOOS / DAPD / DDP IMAGES
                                                                                                                                von 2005.
                                                                                                                                   Merkels Wohlfahrtsprogramm hat al-
                                                                                                                                lerdings einen hohen Preis. Allein der
                                                                                                                                Tarifabschluss für die Mitarbeiter des
                                                                                                                                Öffentlichen Dienstes wird den Bund pro
                                                                                                                                Jahr 1,7 Milliarden Euro kosten. Das Be-
                                                                                                                                treuungsgeld, mit dem Merkel die CSU
SPD-Politiker Gabriel, Steinmeier, Steinbrück: Attacken sollen ins Leere laufen                                                 und Hausfrauen erfreuen will, schlägt mit
                                                                                                                                bis zu 1,9 Milliarden Euro zu Buche, und
dischen Ministerpräsidentin Annegret           noch vor der Sommerpause durch das                                               noch teurer wird die Rechnung, wenn sich
Kramp-Karrenbauer und Peter Weiß,              Bundeskabinett. Darin enthalten sind                                             die Frauen in der Unionsfraktion durch-
dem Chef der Unionsarbeitnehmer im             Verbesserungen bei den Erwerbsminde-                                             setzen und im Gegenzug für das unge-
Bundestag. „Ich bin für höhere Steuern         rungsrenten, bessere Hinzuverdienstmög-                                          liebte Betreuungsgeld die Kindererzie-
für Besserverdiener, wenn wir dafür im         lichkeiten für Frührentner und eine Zu-                                          hungszeiten stärker bei der Rente ange-
Gegenzug Menschen mit kleinen und              schussrente für Geringverdiener.                                                 rechnet werden. Allein das würde am
mittleren Einkommen entlasten“, sagt der.         Selbst Erziehungszeiten könnten bald                                          Ende 3,5 Milliarden Euro kosten.
   Zwar hat die Kanzlerin bisher alle De-      stärker bei den Renten angerechnet wer-                                             Im Moment geht es der deutschen Wirt-
batten über Steuererhöhungen abge-             den, zumindest wenn es nach den Frauen                                           schaft zwar so gut, dass neue Wohltaten
blockt. Aber das geschah aus Rücksicht         in der Unionsfraktion geht. Als sie vor                                          nicht sofort Löcher in den Haushalt rei-
auf die FDP, die schon schwer genug dar-       kurzem im Kanzleramt vorstellig wurden,                                          ßen, aber der Bundesetat 2013 zeigt auch,
an trägt, dass ihre Steuersenkungsträume       beteuerte Merkel, man könne über die                                             wie labil die Lage ist. Schäuble muss 20
geplatzt sind.                                 Idee durchaus reden. Auch Finanzminis-                                           Milliarden Euro neue Kredite einplanen,
   Merkel registriert genau, wie der           ter Schäuble fand kürzlich Zeit, um mit                                          obwohl die Steuereinnahmen um fast drei
Wunsch in ihrer Partei wächst, die Rei-                                                                                         Prozent auf 257 Milliarden Euro steigen
chen zur Kasse zu bitten; ein Obolus für                                                                                        sollen. Verschlechtert sich die Konjunktur,
Begüterte wird nun auch in der Regie-          Angela Merkel will als                                                           wird es schwer, bereits 2016 einen nahezu
rungszentrale nicht mehr ausgeschlos-
sen – und könnte sogar Teil des CDU-
                                               fürsorgliche Regierungs-                                                         schuldenfreien Haushalt vorzulegen.
                                                                                                                                   Merkel stört das nicht. Für sie zählt im
Wahlprogramms für 2013 werden.                 chefin dastehen, nicht                                                           Moment allein das Wahljahr 2013, und
   Merkels wichtigste Waffe im Kampf um
die Deutungshoheit beim Thema Gerech-          als Kanzlerin der Kälte.                                                         da will sie als fürsorgliche Regierungs-
                                                                                                                                chefin dastehen und nicht als Kanzlerin
tigkeit ist Ursula von der Leyen (CDU).                                                                                         der Kälte. Nichts fürchtet sie mehr als
Sie treibt die Diskussion voran, ohne dass     der Frauen-Union und von der Leyen                                               den Vorwurf der SPD, kein Herz für die
Merkel selbst zwischen die parteiinternen      über das Projekt zu beraten.                                                     Armen und Benachteiligten zu haben. Im
Fronten gerät. Seit von der Leyen im Amt          Aus Schwarz wird Rot – das zeigt sich                                         Moment kann sie sich in diesem Punkt
ist, hat sie das Arbeitsministerium zur        auch beim Thema Mindestlohn. Während                                             zumindest sicher fühlen.
sozialen Wärmestube der schwarz-gelben         Merkels Amtszeit wurden mehr Mindest-                                               Denn selbst die Gewerkschaften regi-
Koalition ausgebaut.                           löhne in Deutschland eingeführt als unter                                        strieren Merkels Kurs mit Wohlwollen.
   Kein Interview, kein Auftritt, bei dem      allen sozialdemokratisch geführten Re-                                           Als DGB-Chef Michael Sommer Mitte Ja-
ihr nicht das Wort „Gerechtigkeit“ über        gierungen zusammen. Beim Projekt eines                                           nuar in einer halb privaten Veranstaltung
die Lippen kommt. „Ich verstehe soziale        allgemeinen Mindestlohns befindet sich                                           im Berliner Ensemble seinen 60. Geburts-
Gerechtigkeit nicht als Populismus“, sagt      die Union auf der Zielgeraden, er soll                                           tag feierte, war das halbe Kabinett an-
von der Leyen, und weil der Etat ihres         von einer Kommission aus Arbeitgebern                                            getreten, und die Kanzlerin hielt die
Hauses 126,5 Milliarden Euro umfasst,          und Arbeitnehmern festgelegt werden,                                             Laudatio. Zumindest die Atmosphäre zwi-
fällt es ihr auch nicht schwer, „soziale       zur Not könnte am Ende ein Schlichter                                            schen Regierung und Arbeitnehmerver-
Leitplanken“ zu bauen.                         entscheiden. Nach Ostern will eine Ar-                                           tretern könnte besser kaum sein. „Merkel
   Da sind zum Beispiel die 20 Millionen       beitsgruppe der Unionsfraktion das Mo-                                           strahlt aus: Sie gehört zu uns“, gibt ein
Rentner. Sie gehören zu den treuesten          dell offiziell vorstellen.                                                       hochrangiger Gewerkschaftsfunktionär
Wählern der Union, und in diesem Jahr             Auch die Zeitarbeiter hat von der                                             leicht amüsiert die Stimmung wieder.
wurde ihnen ein Plus von über zwei Pro-        Leyen nicht vergessen. Bis zum Sommer                                                                      MARKUS DETTMER,
zent gewährt. Nun schnürt die Ministerin       haben Gewerkschaften und Arbeitgeber                                                           KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,
ein neues Wohlfühlprogramm, es soll            noch Schonfrist, um sich darauf zu eini-                                                         PETER MÜLLER, RENÉ PFISTER

20                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
DAVID HECKER / DAPD
Offshore-Windpark vor der Nordseeinsel Borkum: Ein Land im Öko-Rausch

                                                                                                      Deutschlands werden im Rekordtempo
                            WIRTSCHAFTSPOLITIK                                                        Photovoltaik-Module auf die Hausdächer
                                                                                                      geschraubt – und die Zuschusskosten den

                 VEB Energiewende                                                                     Stromkunden aufgebürdet.
                                                                                                         Für Teile der Wirtschaft entwickelt sich
                                                                                                      der Umbau der Energieversorgung zu ei-
                                                                                                      nem gigantischen Subventionsprogramm.
 Der Atomausstieg wird zur Subventionsmaschine für Industrie-                                         Und die Regierung ist bereit, Milliarden-
     bosse, Elektrokonzerne und findige Geschäftemacher.                                              beträge in neue Stromtrassen, Stromspei-
                                                                                                      cher und Stromverteilnetze zu pumpen,
   Die Kosten und Risiken sollen andere tragen – die Bürger.                                          wo immer sie gebraucht werden. Geld
                                                                                                      scheint reichlich vorhanden. Denn dass


J
     ohann der Täufer Philipp Robert         Euro im Jahr erlösen lassen – und zwar                   es am Ende die Bürger sein werden, die
     Konrad Graf von Walderdorff, Herr       ohne großes finanzielles Risiko.                         über ihre Steuern und Stromgebühren die
     auf Schloss Dreis bei Wittlich an der      Ein Jahr nach Fukushima ist die Bun-                  Energiewende bezahlen müssen, spielt in
Mosel, macht neuerdings in Knöterich.        desrepublik ein Land im Öko-Rausch.                      der politischen Debatte bislang nur eine
Acht Hektar gräfliche Ländereien sind        Kaum eine Woche vergeht, ohne dass                       untergeordnete Rolle.
dieses Jahr für den Anbau der schnell        irgendwo der Grundstein für einen Solar-                    In der Energiebranche vollzieht sich
wachsenden Pflanze reserviert. Dem           park gelegt oder eine Biogasanlage ein-                  ein Mentalitätswandel, weg vom Markt,
Milchbauern, der hier früher seine Tiere     geweiht wird. Windräder schießen in die                  hin zur Lenkungswirtschaft. Die Unter-
weidete, hat der Graf gekündigt. Was die     Höhe, an der stürmischen Nordseeküste                    nehmen sind darauf aus, Investitionskos-
Gewinnspanne betrifft, konnten die           ebenso wie im Schwarzwald, wo sich                       ten und Verlustrisiken der Allgemeinheit
Kühe gegenüber dem Kraut bei weitem          vergleichsweise selten ein Lüftchen regt.                aufzubürden. Großkonzerne wie E.on,
nicht mithalten.                             Selbst in den sonnenärmsten Regionen                     Bosch und Siemens, die sonst gern von
   Als Knöterich-Produzent gehört Wal-                                                                freien Märkten schwärmen, rufen bei
derdorff zu den Profiteuren der Energie-     Stromkosten                       Dena-Prognose          jeder Gelegenheit nach zusätzlichen Sub-
politik von Union und FDP. Weil die Bun-                                       bis 2020:              ventionen. Der Staat soll es richten. Nur
                                             Monatliche Belastung
desregierung beschlossen hat, so schnell     eines Durchschnitts-              + 20 %                 die Gewinne des VEB Energiewende
wie möglich von Atom- auf Ökostrom           haushalts*                        durch Energie-         möchten die Konzerne auch in Zukunft
umzusteigen, sind Energiepflanzen zu ei-     in Euro                           wende bedingte         gern für sich behalten. Der Wissenschaft-
nem lukrativen Geschäft geworden, staat-                                       Steigerung             liche Beirat beim Bundeswirtschaftsmi-
lich garantierter Fördergelder sei Dank.                                                              nisterium spricht von Planwirtschaft.
   Die Knöterich-Ernte wird zu Biogas                                 72,77                              Durch das Hauruckverfahren beim
verarbeitet, welches wiederum der Öko-                                                                Atomausstieg hat sich die Bundesregie-
stromerzeugung dient. Und Grundbesit-                                                                 rung den Konzernen ausgeliefert. Der Um-
zer Walderdorff hat schon das nächste                                                                 stieg auf die erneuerbaren Energien soll
Projekt im Blick: Windenergie. Hier sind      40,66                                                   unbedingt ein Erfolg werden, doch keiner
                                                                              * bei einem Verbrauch
die Subventionen ebenfalls hoch. Kühl                                         von 3500 kwh im Jahr    weiß, wie. Stattdessen haben inzwischen
hat er ausgerechnet, dass sich mit einem                                                              alle 16 Bundesländer eigene Vorstellungen
                                             2000                     2011    Quelle: BDEW
einzigen Windrad mehrere zehntausend                                                                  entwickelt. Und so wird mancherorts der
22                                                  D E R   S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2
Deutschland

Ausbau von „Strom-Autobahnen“ be- ausgestattet werden, die den Bürgern beim nicht mehr lohne, fordern sie nun einen
schlossen und andernorts der Aufbau „re- Energiesparen helfen, was für die Allge- Ausgleich für jene Zeiten, in denen ihre
gionaler Strukturen“. Derweil wächst bei meinheit weitere Kosten von insgesamt Anlagen stillstehen.
der Stromversorgung die Gefahr eines bis zu 5,7 Milliarden Euro bedeutet.                   Besonders angespannt ist die Lage in
Blackout. Die Bundesnetzagentur spricht          Hemmungen, den Staat um Geld an- Bayern. Wenn 2015 mit Grafenrheinfeld
davon, das System sei auf Kante genäht. zugehen, haben weder die Verbandsfunk- ein weiterer Atommeiler vom Netz geht,
   Wie erpressbar die Politik ist, zeigt sich tionäre noch die Industriebosse. Der Elek- drohen dem Freistaat, der einst 58 Pro-
bei den aktuellen Verhandlungen über tronikkonzern Bosch hatte kürzlich zum zent seines Strombedarfs mit Kernkraft
die Frage, wie die geplanten Offshore- Kamingespräch ins Berliner Luxushotel deckte, massive Probleme. Die Staatsre-
Windparks vor der Nordseeküste an das Adlon eingeladen. Es gab Rinderfilet und gierung setzt deshalb auf Gaskraftwerke,
Stromnetz angeschlossen werden sollen. allerlei Getrüffeltes, ein angemessener die „auf Lastschwankungen kurzfristig
Zuständig ist der Netzbetreiber Tennet, Rahmen für einen Konzern, der mit 51 reagieren“ könnten. Doch die Energie-
ein Konzern, der dem niederländischen Milliarden Euro Umsatz 2011 eines der wirtschaft will die mindestens fünf feh-
Staat gehört. Doch das Unternehmen besten Geschäftsjahre seiner Firmenge- lenden Anlagen nur dann bauen, wenn
zeigt bislang kein Interesse, die Investi- schichte erlebt hat.                          sie zusätzliche Subventionen erhält und
tionskosten von insgesamt 15 Milliarden          Doch als die Firmenbosse dann ihre der Bund ein Beschleunigungsgesetz zum
Euro aufzubringen, obwohl es mit einer Vorschläge für die Energiepolitik präsen- Kraftwerksbau verabschiedet.
garantierten Verzinsung von rund neun tierten, traten sie plötzlich als arme Schlu-         Der Berliner Energiewissenschaftler
Prozent rechnen darf. Die Niederländer cker auf. Bosch-Vizechef Siegfried Dais Georg Erdmann, Mitglied der von der
sagen, sie seien knapp bei Kasse. Außer- verteilte ein Papier mit „Energiepoliti- Bundesregierung eingesetzten Monito-
dem möchten sie ungern die Haftung schen Handlungsempfehlungen“, die stets ring-Gruppe für die Energiewende, spricht
übernehmen für den Fall, dass beim Netz- auf dieselbe Forderung hinausliefen: von einer „Subventionsmaschine“. Holger
anschluss etwas schiefgeht, etwa infolge mehr Staatsknete. Im Bosch-Papier liest Krawinkel, Energieexperte vom Bundes-
einer technischen Panne.                      sich das dann so: „Erhöhung der finan- verband der Verbraucherzentralen sagt:
   Vor einigen Tagen verhandelten die ziellen Anreize für die Gebäudesanie- „Das Ganze ist eine typische Veranstal-
Tennet-Manager deshalb mit den beiden rung“, „stärkere Förderung von Spei- tung zu Lasten Dritter.“
für die Energiewende zuständi-                                                                        Tatsächlich sind es die Bür-
gen Bundesministern Philipp                                                                        ger, die am Ende die Rechnung
Rösler (Wirtschaft) und Nor-                                                                       bezahlen müssen. Im Gegen-
bert Röttgen (Umwelt) über                                                                         satz zu den stromfressenden In-
Sonderkonditionen. Die Bun-                                                                        dustriebetrieben können sich
desregierung ist zu weitreichen-                                                                   die Normalverbraucher nicht
den Zugeständnissen bereit.                                                                        von den hohen Preisen be-
Das Haftungsrisiko soll, so der                                                                    freien lassen. Die halbstaat-
Plan, weitgehend der deutsche                                                                      liche Deutsche Energie-Agen-
Staat übernehmen. Zur Finan-                                                                       tur rechnet damit, dass die
zierung des Projekts soll außer-                                                                   Stromkosten der Bürger in den
dem die staatliche KfW Ban-                                                                        nächsten Jahren aufgrund der
kengruppe einspringen, ob in                                                                       Energiewende um ein Fünftel
Form von Bürgschaften, Kre-                                                                        steigen werden. Energieexper-
                                                                                                 THOMAS PETER / REUTERS




diten oder einer Beteiligung,                                                                      te Erdmann aus der Monito-
ist noch offen. Niedersachsens                                                                     ring-Gruppe geht davon aus,
Ministerpräsident David McAl-                                                                      dass der Zuschlag zur Förde-
lister bringt eine „neue einheit-                                                                  rung erneuerbarer Energien
liche Netzgesellschaft unter der                                                                   auf die Stromrechnung von der-
aktiven Moderation des Bun- Minister Röttgen, Rösler: Weg vom Markt, hin zur Planwirtschaft zeit 3,59 Cent pro Kilowattstun-
des“ ins Spiel (siehe Interview                                                                    de auf über 6 Cent steigen wird.
Seite 24). Tatsächlich erwägt das Wirt- chern“, „Bereitstellung weiterer Förder-            Eine Durchschnittsfamilie würde dem-
schaftsministerium einen Staatseinstieg mittel für technologische Innovationen“. nach mit fast 200 Euro zusätzlich im Jahr
beim Netzausbau: Es sei denkbar, dass Unterstützt wurde Top-Manager Dais von belastet – und das, nachdem bereits in
sich die KfW als Miteigentümer ins Spiel einem Lobbyisten des Öko-Instituts. Sel- den vergangenen Jahren die Energieprei-
bringt.                                       ten waren sich Großkapital und Müsli- se kontinuierlich nach oben geklettert
   Mit dem 15-Milliarden-Euro-Projekt Bewegung so einig wie an jenem Abend. sind. Allein 2011 wurde bis zu 800 000
zur Verkabelung der Offshore-Windparks           Selbst Experten fällt es schwer, den Haushalten der Strom abgestellt, weil sie
ist es nicht getan. Der Strom muss an- Überblick über die Fördersummen zu be- ihre Rechnung nicht beglichen hatten.
schließend übers Land weitertransportiert halten. Zunächst werden die Hersteller            Wenn die Bürger nicht mehr in der
werden. Und auch hier soll nach Vorstel- von Strom aus Sonne, Wind und Biomas- Lage sind, die durch Subventionen für
lung der Wirtschaft möglichst die Allge- se im laufenden Jahr mit etwa 18 Milliar- die Industrie verteuerten Strompreise zu
meinheit für die Kosten aufkommen.            den Euro alimentiert, obwohl der Markt- bezahlen, müssen demnächst wohl auch
   Der Bundesverband der Energie- und wert ihres Stroms keine 5 Milliarden Euro sie vom Staat unterstützt werden. E.on-
Wasserwirtschaft rechnet mit jährlich einer beträgt. Als Nächstes rufen Netzbetreiber Chef Johannes Teyssen schlägt bereits
Milliarde Euro für den Bau neuer Höchst- wie Tennet nach dem Staat, die den vor, „Geringverdienern bei einer weite-
spannungsleitungen. Zusätzliche 2,4 bis Strom transportieren müssen. Das wie- ren Verteuerung des Stroms mit staat-
3,5 Milliarden Euro pro Jahr seien nötig, derum macht die Betreiber von Gaskraft- lichen Zuschüssen zu helfen“. Und so
um das Verteilnetz, das den Strom zu den werken begehrlich. Sie müssen ihre Tur- schließt sich am Ende der Zirkel; die Ener-
Bürgern bringt, zu „ertüchtigen“, wie es binen nun ständig hoch- und wieder run- giewende wird zum perfekten Subven-
im Fachjargon heißt. Und schließlich müss- terfahren, denn Sonne und Wind liefern tionskreislauf.
ten möglichst alle Haushalte mit neuen immer nur zeitweise Elektrizität. Weil                 ALEXANDER NEUBACHER, CONNY NEUMANN,
Stromzählern und Informationssystemen sich dadurch der Betrieb ihrer Kraftwerke                                      STEFFEN WINTER

                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                         23
Deutschland

                                                                                                         tun, um unsere industrielle Basis in
                                                                                                         Deutschland zu erhalten. Und dazu ge-
                               AT O M AU S S T I E G                                                     hört auch die energieintensive Industrie.
                                                                                                         SPIEGEL: Der zuständige Umweltminister


     „Nörgeln ist keine Tugend“                                                                          Norbert Röttgen sieht das anders. Er will
                                                                                                         die schmutzigen Industrien durch saubere
                                                                                                         Produktionszweige auf der Basis von Son-
                                                                                                         nen- und Windstrom ersetzen.
 Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, 41, über die                                         McAllister: Noch einmal: Deutschland ist
      Kosten der Energiewende, die Rolle des Staats beim                                                 ein Industrieland. Das sieht Norbert Rött-
                                                                                                         gen genauso. Dazu gehört Hightech, und
 Netzausbau und die Ängste der Bürger vor neuen Technologien                                             dazu gehören ebenso Lärm und Rauch.
                                                                                                         Das betone ich als Ministerpräsident eines
SPIEGEL: Herr Ministerpräsi-                              bleiben. Wir müssen auf-                       Bundeslands, das an so erfolgreichen
dent, haben Sie schon Ihren                               passen, dass die Energie-                      Unternehmen wie Volkswagen oder der
Stromanbieter gewechselt?                                 preise in Deutschland                          Salzgitter AG beteiligt ist. Die Energie-
McAllister: Privat bin ich                                nicht zu einer Deindustria-                    wende ist eben auch ein industrielles
Kunde bei der EWE AG in                                   lisierung unseres Landes                       Großprojekt.
Norddeutschland und ge-                                   führen. Wir sind Industrie-                    SPIEGEL: Das Großprojekt kommt aber
denke es zu bleiben.                                      land und wollen es blei-                       nicht voran. Bis heute ist unklar, wo der

                                                         CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL
SPIEGEL: Viele Bürger sind                                ben. Das garantiert uns Ar-                    Strom nach dem Ausstieg aus der Atom-
da weniger festgelegt. Sie                                beitsplätze und gibt den                       kraft für die deutsche Industrie produziert
sehen, wie die Energie-                                   Menschen Sicherheit.                           und wie er weitergeleitet werden soll.
wende die Strompreise in                                  SPIEGEL: Die Deindustriali-                    McAllister: Nun aber mal langsam. Die
die Höhe treibt, und su-                                  sierung gibt es bereits.                       Bundeskanzlerin hat die Energiewende
chen nach Alternativen.                                   Müssen wir uns damit ab-                       zu Recht als die größte wirtschaftliche,
Können Sie das verstehen? CDU-Politiker McAllister        finden, dass energieinten-                     politische und gesellschaftliche Heraus-
McAllister: Strompreise ha- „Krach gehört dazu“           sive Industrien hierzulan-                     forderung seit der Wiedervereinigung be-
ben für die Menschen eine                                 de keine Zukunft haben?                        zeichnet. Es geht um eine Aufgabe, die
besondere Bedeutung. Das ist mir be- McAllister: Nein, auf keinen Fall. Wir ar-                          bis ins Jahr 2050 reicht. Diese Aufgabe
wusst. Und natürlich hat jeder Bürger das beiten auf allen Ebenen sehr intensiv und                      ist so gewaltig, dass sie nicht im Hand-
Recht, seinen Strom dort einzukaufen, erfolgreich daran, dass energieintensive                           umdrehen erledigt werden kann. Nach
wo er ihn am günstigsten bekommt. Des- Unternehmen in Deutschland bleiben.                               nur knapp einem Jahr haben wir schon
halb ist es gut, dass es einen Wettbewerb Wir sollten froh und dankbar sein, dass                        sehr wichtige Schritte gemacht. Wir brau-
gibt. Die Energiewende entspricht dem Deutschland eine so starke Industrie hat.                          chen aber noch mehr Mut, Kreativität –
Willen der Menschen in Deutschland. Sie Sehen Sie sich Großbritannien an. Dort                           und auch mehr Dynamik. Nörgeln und
beruhte auf einem parteiübergreifenden hat man dem Niedergang der Industrie                              Dagegensein sind gerade jetzt keine gu-
Konsens. Jetzt müssen wir sie gemeinsam über Jahrzehnte tatenlos zugesehen. Heu-                         ten Tugenden.
zum Erfolg führen. Dass das nicht zum te will die Londoner Regierung die ver-                            SPIEGEL: Was muss geschehen, damit die
Nulltarif geht, war allen Beteiligten von lorengegangenen Produktionszweige zu-                          Energiewende endlich vorankommt?
vornherein klar.                           rückholen und muss feststellen, wie                           McAllister: Bund und Länder haben Pläne
SPIEGEL: Die Kosten drohen aber jedes schwer das ist. Wir müssen deshalb alles                           vorgelegt, wie die erneuerbaren Energien
vernünftige Maß zu sprengen. Ende ver-
gangenen Jahres haben die steigenden
Energiepreise das Lohnplus der Arbeit-
nehmer komplett aufgezehrt. Macht die
Energiewende die Deutschen ärmer?
McAllister: Der Umbau unserer Strom-
erzeugung auf erneuerbare Energien mag
kurzfristig zu Mehrkosten führen. Lang-
fristig wird er uns aber große Vorteile
bringen. Im Ausbau etwa der Windener-
gie stecken gerade für die norddeutschen
Länder große Chancen. Außerdem wer-
den wir unabhängiger von teuren Energie-
importen.
SPIEGEL: Da machen die Bürger ganz an-
dere Erfahrungen. Die Kosten steigen und
steigen, was vor allem Geringverdiener
und Hartz-IV-Empfänger belastet. Brau-
chen wir einen Sozialtarif für Strom, wie
                                                                                                                                                   HANS-GÜNTHER OED / VARIO IMAGES




ihn E.on-Chef Johannes Teyssen fordert?
McAllister: Was früher die Brotpreise wa-
ren, sind heute die Energiepreise. Des-
halb brauchen wir mehr Wettbewerb.
Und ich sehe ein weiteres Problem: Die
Kosten für die energieintensive Wirt-
schaft wie Stahl, Aluminium, Zink, Pa-
pier oder Chemie müssen kalkulierbar Bau eines Hochspannungsmastes: „Wir planen mit Hochdruck neue Trassen“
24                                               D E R   S P I E G E L                   1 5 / 2 0 1 2
Deutschland

weiterentwickelt und die Stromnetze ent-       anbindungen gesucht werden. Im Mittel-
sprechend ausgebaut werden sollen. Zu-         punkt solcher Überlegungen stehen frei-
gleich wird die Bundesregierung jährlich       willige Lösungen auch für die Errichtung
genauestens überprüfen, ob die verein-         einer neuen einheitlichen Netzgesellschaft
barten Ziele erreicht worden sind. An-         unter der aktiven Moderation des Bundes.
fang Juni wollen sich die Ministerpräsi-       SPIEGEL: Sie streiten sich mit Tennet nicht
denten mit der Kanzlerin treffen, um eine      nur beim Anschluss der Offshore-Wind-
erste Bilanz zu ziehen. Dann werden die        parks, sondern auch beim Ausbau der
weiteren Weichen gestellt.                     Stromtrassen. Wo liegt das Problem?
SPIEGEL: Die Pläne passen doch hinten          McAllister: Es gibt drei große Nord-Süd-
und vorn nicht zusammen. Bayern und            Verbindungen, die alle durch Niedersach-
Baden-Württemberg wollen neue Wind-            sen gehen. Zwei der Raumordnungsver-
parks vor allem im Süden errichten. Sie        fahren sind abgeschlossen. Dennoch hat
setzen auf Anlagen in der Nordsee. Wie         Tennet bislang nicht die erforderlichen
wollen Sie den Streit lösen?                   Anträge auf Durchführung eines Planfest-
McAllister: Es macht mehr Sinn, Wind-          stellungsverfahrens vorgelegt.
räder dort aufzustellen, wo der Wind kräf-     SPIEGEL: Warum nicht?
tig weht. Deshalb sind die Küstenlagen         McAllister: Unsere Planungen sehen einige
und das offene Meer besser geeignet als        Streckenabschnitte vor, in denen die
enge Täler im Schwarzwald. Die Off-            Stromkabel unter der Erde verlaufen sol-       Spitzen-Piraten Paul (r.)*, Weisband: Keine Polit-
shore-Windenergie ist eine Schlüsseltech-      len. Es entspricht der Gesetzeslage, dass
nologie für die Energiewende. Ohne sie         Leitungen, die in weniger als 400 Meter
wird das Projekt nicht gelingen. Dies wird     Entfernung zu Siedlungen verlaufen, un-                        PA R T E I E N
keiner ernsthaft bestreiten.                   terirdisch verlegt werden müssen. Das ist
SPIEGEL: Das Problem besteht aber darin,
dass der Strom dann über viele hundert
Kilometer von Nord nach Süd transpor-
                                               im Interesse der Menschen auch gut so.
                                               Mit dieser Vorgabe hat Tennet Probleme.
                                               SPIEGEL: Es gibt viele in der Union, die Ih-
                                                                                                   Das Ende der
tiert werden muss. Derzeit hapert es
schon beim Anschluss der Offshore-Wind-
parks an das Stromnetz an Land.
                                               nen eine Politik nach dem Sankt-Flori-
                                               ans-Prinzip vorwerfen. Niedersachsen
                                               will mit seinen Offshore-Windparks von
                                                                                                    Amateure
                                               der Energiewende profitieren, aber sei-          Der Erfolg der Piraten beruht
                                               nen Bürgern keine Lasten zumuten.
„Der Umbau unserer                             McAllister: Das ist falsch. Wir planen mit
                                                                                                  auch auf ihrem fröhlichen
                                                                                              Dilettantismus. Mit ihrer wachsen-
Stromerzeugung wird                            Hochdruck die neuen Trassen. Aber die
                                               Proteste der Betroffenen sind doch nach-            den Bedeutung stößt das
uns langfristig                                vollziehbar. Der Netzausbau beeinträchtigt         Konzept an seine Grenzen.
große Vorteile bringen.“                       das Landschaftsbild. Und er könnte dazu


                                                                                              E
                                               führen, dass der Wert der betroffenen                 in Abgeordneter der Piratenpartei
                                               Grundstücke sinkt. In Niedersachsen hat               und ein SPD-Ministerpräsident sit-
McAllister: Die fünf norddeutschen Minis-      es gegen die Trasse von Wahle nach Meck-              zen in einer Talkshow. Es geht um
terpräsidenten haben kürzlich in Berlin        lar 16 000 Einwendungen von Bürgern ge-        die Frage, wofür die Piraten eigentlich
mit dem zuständigen Netzbetreiber Ten-         geben. Das nehme ich sehr ernst.               stehen. Man diskutiert über die Schlecker-
net über das Problem gesprochen. Das           SPIEGEL: Nach dieser Melodie hat sich Nie-     Pleite, die Euro-Rettung, aber es kommt
Unternehmen hat verschiedene Zusagen           dersachsen auch der CCS-Technologie            nicht viel rum dabei. „Bei solchen The-
gemacht, sich aber außerstande gesehen,        verweigert, bei der CO2 unterirdisch ge-       men, wo wir dann tatsächlich auch nicht
die notwendigen Investitionen von etwa         speichert wird, um Kohlekraftwerke kli-        so viel Ahnung haben, sagen wir: Da spa-
15 Milliarden Euro zu finanzieren.             maneutral betreiben zu können. Wie soll        ren wir uns jetzt erst mal den Kommen-
SPIEGEL: Tennet ist doch gesetzlich zum        das gehen, wenn alle sagen: Energiewen-        tar“, sagt der Pirat. „Wenn das Leben so
Anschluss verpflichtet.                        de ja, aber nicht bei mir?                     primitiv wäre wie Ihre Argumentation,
McAllister: Das stimmt. Aber wenn der          McAllister: Von der CCS-Technologie bin        dann will ich hier nicht mehr leben“, sagt
Netzbetreiber das Geld nicht hat und sein      ich nicht überzeugt. Sie ist unausgereift      der Ministerpräsident.
Eigentümer, der niederländische Staat,         und verursacht Riesenängste bei den Men-          So wie das Treffen zwischen dem Ber-
die erforderlichen Summen ebenfalls            schen. Dafür habe ich Verständnis.             liner Piraten Christopher Lauer und dem
nicht aufbringen will, dann muss man           SPIEGEL: Es gibt keinerlei wissenschaft-       rheinland-pfälzischen Regierungschef
über andere Wege nachdenken.                   lichen Nachweis, dass CCS gefährlich ist.      Kurt Beck in einer ZDF-Talkshow Ende
SPIEGEL: Das klingt nach Krediten von der      McAllister: Dann sollen andere Bundeslän-      März sehen zurzeit viele Begegnungen
deutschen Staatsbank KfW.                      der doch mit der Erprobung voranschrei-        zwischen der Piratenpartei und der eta-
McAllister: Das wird nicht reichen. Denn       ten. Wir in Niedersachsen haben mit den        blierten Politik aus. Meistens offenbaren
Tennet fehlt es nicht an Kreditmitteln, son-   Problemen im Zusammenhang mit der              die Piraten dabei freimütig ihre Ahnungs-
dern an Eigenkapital. Die KfW könnte           Endlagerung des Atommülls – mit Gorle-         losigkeit, und allmählich müssen sie fest-
sich aber zumindest für eine Übergangs-        ben, der Asse und dem Schacht Konrad –         stellen, dass sie mit ihrem fröhlichen Di-
zeit mit geeigneten Beteiligungen engagie-     und dem Ausbau der Trassen schon ge-           lettantismus an Grenzen stoßen.
ren – und zwar als Miteigentümer, nicht        nug zu tragen. Wo ist der Beitrag der an-         Bislang sind sie mit ihrer demonstrati-
als Darlehensgeber. Das Bundeswirt-            deren? Das Land Brandenburg zum Bei-           ven Unprofessionalität weit gekommen.
schaftsministerium sollte gemeinsam mit        spiel, das bei der Energieerzeugung auf        Nach dem Berliner Abgeordnetenhaus
dem Bundesumweltministerium diese Fra-         Braunkohle setzt und CCS befürwortet,          zogen sie auch in Saarbrücken ins Par-
ge einmal klären. Mittel- und längerfristig    war nicht bereit, in dieser Frage eine Vor-    lament ein, im Mai dürften die Landtage
muss aber nach strukturellen Änderungen        reiterrolle zu übernehmen.
für die Finanzierung der Offshore-Netz-             INTERVIEW: PETER MÜLLER, MICHAEL SAUGA    * Mit Wahlkampfmanager Lukas Lamla.

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ANKE FLEIG / SVEN SIMON / PICTURE ALLIANCE / DPA (L.); HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF (R.)
                                                                                                                                                                            lung übers Netz war kaum zu bewältigen.“
                                                                                                                                                                            Im Februar gab er den Landesvorsitz auf.
                                                                                                                                                                               Der Anspruch, als Politiker bloß Voll-
                                                                                                                                                                            strecker des Basiswillens zu sein und stän-
                                                                                                                                                                            dig mit allen in Kontakt zu stehen, ist das
                                                                                                                                                                            Besondere an den Piraten. Aber nebenbei
                                                                                                                                                                            ist er kaum noch zu erfüllen. Das merkte
                                                                                                                                                                            auch Marina Weisband, 24, die kürzlich
                                                                                                                                                                            ihren Rückzug als Politische Geschäftsfüh-
                                                                                                                                                                            rerin verkündete – sie ertrug die Doppel-
                                                                                                                                                                            belastung zwischen Parteiamt und Di-
                                                                                                                                                                            plomarbeit nicht länger und litt auch unter
                                                                                                                                                                            dem rauen Ton, der die Oberpiraten oft
                                                                                                                                                                            trifft. Jüngstes Beispiel sind die Hasswel-
                                                                                                                                                                            len gegen Parteichef Sebastian Nerz, der
                                                                                                                                                                            im Netz als „pöbelnder Fuzzi“ und „zwei-
                                                                                                                                                                            ter Helmut Kohl“ verspottet wird. Als
                                                                                                                                                                            Nerz sich gegen das „Mobbing“ der Pira-
                                                                                                                                                                            ten wehrte, erlebte die Partei prompt ei-
Karrieristen, keine Hinterzimmerpolitik, kein Personenkult                                                                                                                  nen neuen Führungsstreit.
                                                                                                                                                                               „Wir haben noch keine Lösung für diese
    von Schleswig-Holstein und Nordrhein-                                                                                    Altersdurchschnitt der Piraten von 31 auf      Probleme“, sagt der frühere Berliner Lan-
    Westfalen folgen. In einer bundesweiten                                                                                  36 Jahre angestiegen. Viele ältere Mitglie-    deschef Anger. Es werde wohl auf eine
    Umfrage erreichten die Piraten diese Wo-                                                                                 der wie Paul teilen nicht die Euphorie jun-    weitere Professionalisierung der Piraten
    che ihr Rekordhoch von zwölf Prozent.                                                                                    ger Piraten, die mit der Netzdemokratie        hinauslaufen müssen, mit zwiespältigen
       Zeitgleich mit den Umfragewerten ist                                                                                  alle Probleme der Politik lösen wollen.        Folgen. „Ich sehe jetzt schon die Gefahr,
    auch die Mitgliederzahl der Partei nach                                                                                     „Wir werden nicht in allem immer so-        dass sich auch bei uns wieder der ähnliche
    oben geschossen. Seit der Berlin-Wahl im                                                                                 fort die Basis befragen können“, sagt Paul.    Typ durchsetzt wie in anderen Parteien.“
    vergangenen September hat sie sich ver-                                                                                  „Eine Fraktion braucht auch eine gewisse          Womöglich Leute wie Jens Seipen-
    doppelt, von 12 000 auf über 24 000. In-                                                                                 Autonomie.“ Für den Wahlkampf hat              busch, 43. „Ich habe schon immer macht-
    zwischen haben die Piraten eine Größe                                                                                    Paul bei seinem Arbeitgeber sofort Son-        politisch gedacht“, sagt er. Das Merkwür-
    und eine Bedeutung erreicht, die einige                                                                                  derurlaub beantragt. Er weiß, dass Politik     dige sei, dass bei den Piraten nur wenige
    ihrer Grundsätze in Frage stellen.                                                                                       vor allem Zeit kostet und dass die Piraten,    so dächten. „Taktik und Strategie sind
       Das Erfolgsrezept der Piraten ist ihr                                                                                 wenn sie langfristig ernst genommen wer-       doch ein wesentlicher Teil von Politik.“
    Anderssein. Sie wollen keine Hinterzim-                                                                                  den wollen, nicht wirken dürfen wie ein           Zwischen 2007 und 2011 war der Infor-
    merpolitik, keinen Personenkult und kei-                                                                                 Haufen planloser Hobbypolitiker.               matiker Seipenbusch zweimal Vorsitzen-
    ne Polit-Karrieristen. Ihr Mantra heißt                                                                                     „Professionalisierung heißt auch: Ich       der der Piraten, seither ist er einfaches
    Transparenz, ihr politischer Held ist der                                                                                muss mich sorgenfrei um die Belange der        Parteimitglied. „Früher war bei uns die
    Amateur. Parteiämter sollen nicht bezahlt                                                                                Bürger kümmern können“, sagt Paul. Er          ungeschriebene Regel: Der Chef führt die
    werden, die Macht soll beim Schwarm                                                                                      ist dafür, dass man mit guter Politik auch     Partei. Keiner wollte den Vorstand schwä-
    bleiben. All das birgt ein Versprechen auf                                                                               gutes Geld verdient. Ein Führungsamt in        chen. Basisdemokratie war nicht wichtig.“
    eine bessere Politik, auf Bürgernähe und                                                                                 der Piratenpartei nur ehrenamtlich auszu-      Es klingt, als habe Seipenbusch dieses
    selbstlose Volksvertreter. Aber je größer                                                                                üben gehe gar nicht. „Wenn Piraten als         Konzept ganz gut gefallen.
    sie werden, desto stärker geraten die Pi-                                                                                Abgeordnete im Parlament sitzen und Diä-          Vor einigen Wochen meldete er sich in
    raten in den Widerspruch zwischen dem                                                                                    ten bekommen, kann es nicht sein, dass         der Partei zurück. Mit 41 anderen Piraten
    Charme des Laienhaften und der Kom-                                                                                      der Parteivorstand unbezahlt bleibt. Dann      gründete Seipenbusch die „Gruppe 42“,
    plexität des politischen Betriebs. Die Fra-                                                                              gibt es keine Balance mehr“, sagt Paul.        ohne das vorher mit der Basis oder dem
    ge ist, ob der Amateur in der Politik auf                                                                                   Ihr Erfolg bringt die Piraten in ein Di-    Vorstand abzustimmen. Es gab Schlagzei-
    Dauer erfolgreich sein kann.                                                                                             lemma. Die große Mehrheit der Basis will       len, das war das Ziel der Gruppe. Sie for-
       „Wir müssen unsere Kompetenz bewei-                                                                                   die Aufwandsentschädigung für ihre Füh-        dert mehr Engagement bei Netzthemen,
    sen. Es schadet uns, wenn wir ahnungslos                                                                                 rungsleute auf ein paar hundert Euro be-       Urheberrecht und Datenschutz. „Die Par-
    rüberkommen“, sagt Joachim Paul, 54.                                                                                     grenzen, wenn überhaupt – zu groß ist die      tei vernachlässigt ihre Kernbereiche“,
    Der Biophysiker ist Spitzenkandidat der                                                                                  Sorge, andernfalls auch Karrieristen anzu-     sagt Seipenbusch, aber es geht ihm nicht
    Piraten in Nordrhein-Westfalen und Ver-                                                                                  ziehen, wie es sie bei den etablierten Par-    nur um Inhalte. Er will auch an die Macht.
    fechter des Vollprogramms. „Die Piraten                                                                                  teien gibt. Doch mit der wachsenden öf-           Wie ein klassischer Politiker hat Seipen-
    müssen sich zu allen Themen positionie-                                                                                  fentlichen Aufmerksamkeit ist der Piraten-     busch sich ein Thema gesucht und einen
    ren, auch in der Wirtschafts- und Außen-                                                                                 job ehrenamtlich kaum noch zu stemmen.         Aufschlag in den Medien gemacht, um sich
    politik, und zwar bald. Wir wollen schließ-                                                                                 Gerhard Anger konnte irgendwann             für einen Posten zu profilieren. Er möchte
    lich zur Bundestagswahl antreten, und die                                                                                nicht mehr. Als er im Frühjahr 2011 den        2014 für die Wahl zum Europaparlament
    kann ja schneller kommen als 2013.“                                                                                      Landesvorsitz der Berliner Piraten über-       kandidieren und endlich Politik machen
       Paul ist kein Pirat der ersten Stunde;                                                                                nahm, ging es recht gemütlich los. Aber        in einem bezahlten Amt; die Gruppe 42
    wie viele neuere Parteimitglieder gehört                                                                                 nach dem Wahlsieg erlebte Anger, 36, die       ist sein Vehikel dorthin. Ein oberer Listen-
    er nicht zu den Digital Natives, er ist nicht                                                                            ganz große Überforderung.                      platz scheint ihm sicher. Es werde nicht
    mit dem Internet groß geworden. Beim                                                                                        „Plötzlich verhundertfachte sich die        leicht, eine Konkurrenz zu ihm aufzubau-
    Treffen in einem Café in Neuss liegt sein                                                                                Zahl der Anfragen, von Wählern, Journa-        en, sagt Seipenbusch. Amateure hätten die
    Handy auf dem Tisch, es ist ein zehn Jahre                                                                               listen, Bürgerinitiativen“, erzählt Anger,     Piraten schon genug. Jetzt seien Leute
    altes Gerät von Samsung mit Antenne und                                                                                  der als Geschäftsführer einer Berliner Soft-   dran, die etwas vom politischen Geschäft
    briefmarkengroßem Bildschirm. Seit der                                                                                   ware-Firma arbeitet. „Das Ausmaß an Er-        verstünden. Er sei da ganz entspannt.
    Berlin-Wahl vor gut sechs Monaten ist der                                                                                wartungen und an direkter Rückkoppe-                                       MERLIND THEILE

                                                                                                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                             27
Deutschland


                                                             KARRI EREN




                                    Dr. Griechenland
 Das Image des FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis ist ähnlich ramponiert wie
das Image Griechenlands. Nach dem Verlust seines Doktortitels versucht er sich als Vermittler
     zwischen den Kulturen – und hofft auf einen Neuanfang. Von Markus Feldenkirchen




                                                                                                                                       NIKOS CHRISIKAKIS / DER SPIEGEL
Europaabgeordneter Chatzimarkakis auf Kreta: „Jetzt ist Schluss, künftig keine Hudeleien mehr“



K
       urz nach der Landung, auf der          Süden ringt, reist das Klischee vom trick-    glied der Euro-Gruppe, teilen gerade ein
       Straße von Heraklion nach Agios        senden Griechen irgendwie mit.                ähnliches Schicksal. Als das Land im vo-
       Nikolaos, kommt gleich so ein             Es ist das letzte Wochenende vor           rigen Jahr tief in die Krise rutschte, wurde
Griechenland-Moment. Jorgo Chatzimar-         Ostern, als sich Jorgo Chatzimarkakis, 45,    Chatzimarkakis der Doktortitel aber-
kakis sitzt am Steuer seines Lancia-Miet-     Abgeordneter für das Saarland und Sohn        kannt. Griechenland hatte bei seinen Bi-
wagens und heizt wie ein Irrer die Straße     eines Kreters, mit ausgelutschter Kupp-       lanzen gemogelt, um sich mit dem Euro
hinunter, links die Ägäis, rechts die Berge   lung und einem Affenzahn seiner zweiten       zu schmücken, er hatte bei seiner Disser-
Kretas. Hier sind seine Wurzeln, die Ge-      Heimat nähert. Gleich will er den 79. Ge-     tation geschlampt, um sich mit einem Ti-
danken schweifen zur Familie, die ihn         burtstag seines Vaters feiern, am nächsten    tel zu schmücken.
schon erwartet.                               Tag dann Ortstermine, Gespräche. Er wol-         Nach der Doktorgeschichte sei er im
  Plötzlich schlägt seine flache Hand auf     le als Mittler zwischen den Kulturen wir-     Grunde politisch erledigt gewesen, sagt
das Lenkrad. „Betrüger!“ ruft er. „Scheiß     ken, sagt Chatzimarkakis am Steuer des        er. Chatzimarkakis, im Internet unter
Betrüger!“ Er schüttelt den Kopf. „Die        Lancia. Gerade jetzt, in der Krise, gebe      www.chatzi.de, hat nicht nur seine aka-
haben mir gesagt: Ich krieg ’n Upgrade,       es viele Missverständnisse zwischen Deut-     demische Würde verloren; hinzu kommt,
der Wagen sei neu. Aber schauen Sie           schen und Griechen. Da wolle er helfen.       dass er Mitglied der FDP ist, schlimmer
hier.“ Er tritt theatralisch auf die Kupp-    Dass diese Mission auch ihm selbst helfen     noch: der Saar-FDP. Übler kann es einen
lung: „Vollkommen ausgelutscht.“              könnte, erwähnt er erst mal nicht.            Politiker derzeit nicht erwischen. Und ei-
  In diesen Tagen, da Europa mit seiner          Chatzimarkakis, Mitglied des Europäi-      nen Rettungsschirm hatte bislang auch
Währung und dem schwarzen Schaf im            schen Parlaments, und Griechenland, Mit-      niemand für ihn aufgespannt.
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Was jetzt gut käme, wäre ein Neustart. Sorgerecht zugesprochen, konnte es aber über dem Tisch, ob Griechenland deut-
Er müsse den Reset-Knopf drücken, sagt nicht ausfüllen, zu groß waren ihre Pro- scher werden müsse.
Chatzimarkakis. Es klingt wunderbar, bleme mit sich selbst. So musste sich der              Das Problem mit Deutschland und der
aber kann es auch funktionieren? Einfach älteste Sohn um seine Geschwister küm- EU sei, dass dort Regeln aufgestellt wür-
zurück auf null? Oder kann man seinem mern. In den Ferien fuhren die Kinder den, die in ganz Europa gelten sollten,
Naturell am Ende nicht entfliehen?         mit dem Vater nach Kreta, vier Sommer sagt Andreas, der Bruder. Das funktio-
  „Ich schaue jetzt am liebsten nach lang, dann eröffnete Nikolaos Chatzimar- niere aber nicht. „Wir Mittelmeerleute le-
vorn“, sagt Chatzimarkakis, die Hand am kakis ihnen, dass er nicht zurück nach ben nun mal anders. Wir haben Sonne,
Steuer, den Blick in die kretische Däm- Deutschland gehen werde. Und dass zwei wir machen Siesta.“ Vielleicht liege da
merung. Es bleibt offen, worauf der Satz seiner Söhne, Christo und Andreas, bei das Missverständnis.
sich bezieht: auf den Verkehr, sein Land ihm bleiben würden. Er fühlte sich von             Und vermutlich wird es verständlicher-
oder ihn selbst.                           seiner Ex-Frau und der deutschen Justiz weise immer ein Problem für die Grie-
   Der Mietwagen hält vor einer Taverne um seine Kinder betrogen. Jetzt nahm er chen bleiben, sich von Deutschen sagen
am Stadtrand von Agios Nikolaos. Drin- sich, was ihm aus seiner Sicht zustand.           zu lassen, wo es langgeht. Für sie wird es
nen eine innigen Umarmung                                                                           stets ein wenig wie „Eier“ klin-
mit Vater Nikolaos und Bruder                                                                       gen. Verdenken kann man es
Andreas. Auf dem Tisch ein                                                                          ihnen nicht.
Fläschchen Raki, alle fünf Mi-                                                                         Mit seinem Hintergrund ist
nuten wird eine neue kretische                                                                      Jorgo Chatzimarkakis eigent-
Delikatesse gebracht, Bauch-                                                                        lich der ideale Politiker für die
speck, Tintenfisch, Saganaki,                                                                       Euro-Krise. Er kennt sich bes-
am Ende werden es elf ver-                                                                          tens aus in jenen Kulturen, die
schiedene sein.                                                                                     derzeit Europas Extreme bil-
   Bald herrscht angenehme Ta-                                                                      den. Es gebe tatsächlich zu vie-




                                                                                                  MARO KOURI / POLARIS / STUDIO X
vernenlaune, lautes Plaudern,                                                                       le Missverständnisse zwischen
Raki, Wein, Gelächter, die Kri-                                                                     Deutschen und Griechen, sagt
se muss vorerst draußen blei-                                                                       er. Und kaum einer kenne sie
ben. Sein erstes deutsches Wort                                                                     so gut wie er.
sei „Eier“ gewesen, berichtet                                                                          Am nächsten Tag der erste
Papa Chatzimarkakis, ein                                                                            Praxistest. In einem verrauch-
freundlicher Mann mit grau-                                                                         ten Raum der Arbeiterwohl-
schwarzem Haar. Damals, 1943,                                                                       fahrt von Agios Nikolaos sitzen
sei ein Mann mit Mofa und der                                                                       Gewerkschaftsfunktionäre mit
Uniform der Wehrmacht auf                                                                           verschränkten Armen vor der
den Dorfplatz von Episkopi ge-                                                                      Brust und lassen sich für die
rollt, habe „Eier“ gebrüllt und                                                                     Krise schulen. Ein Beamer
auf die Hühner gezeigt. Weil                                                                        wirft eine Frage an die Wand:
im Dorf niemand Deutsch                                                                            „Wie begegnen wir der Verar-
konnte, habe man dem Mann                                                                           mung?“ Auf einem abgewetz-
flugs ein Huhn geschlachtet.                                                                        ten Stuhl steht eine gerahmte
Sohn Jorgo blickt seinen Vater                                                                      Jesus-Ikone.
                                                                                                  NIKOS CHRISIKAKIS / DER SPIEGEL




andächtig an, als höre er die                                                                          Sofort prasseln Fragen auf
Geschichte zum ersten Mal.                                                                          Chatzimarkakis ein. „Was ha-
   Der Osten Kretas wurde im                                                                        ben die Deutschen mit uns
Zweiten Weltkrieg zunächst                                                                          vor?“, will ein braungebrannter
von den Italienern und später                                                                       Glatzkopf wissen. Ein anderer
von Deutschen besetzt. „Die                                                                         sagt, ständig würden die Löhne
Italiener waren furchtbar. Hal-                                                                     gekürzt, während im Super-
lodris. Geklaut haben sie“, er- Demonstranten in Athen, Mediator Chatzimarkakis in Agios Nikolaos markt die Preise stiegen. „Vor
zählt der Vater. Als Besetzter Die Vergangenheit hatte sich schlafen gelegt, nun erwacht sie        allem bei Lidl, dem deutschen
habe man gar nicht gewusst,                                                                         Lidl. Das ist doch kein Zufall!“
wie man sich verhalten sollte. Auf die       Mit 15 Jahren musste Jorgo Chatzimar-         „Warum wollen die Deutschen uns aus-
Deutschen hingegen sei Verlass gewesen. kakis sich zum ersten Mal entscheiden, plündern?“, fragt der Mann im weißen
„Sie hatten klare Regeln. Wenn man sich zu welcher Kultur er gehören wollte. Soll- Hemd. Im Raum steht der Verdacht, es
widersetzte, konnten sie grausam sein. te er bei den Brüdern auf Kreta bleiben? gebe eine germanische Verschwörung ge-
Wenn man sich an sie hielt, ging es einem Sein Herz sei schon damals für Griechen- gen die Griechen.
gut.“ Er lächelt. „Im Grunde wie heute.“ land gewesen, sagt er, aber der Verstand           Lange war es friedlich zwischen beiden
   17 Jahre später standen wieder Deut- habe ihn nach Deutschland geschickt.             Völkern. Der Grieche schätzte den Deut-
sche in Episkopi, diesmal mit Metermaß       Zwischen zwei Schnäpsen lässt sein schen als zuverlässigen Urlauber. Der
und Mundspiegel, auf der Suche nach kräf- Bruder Andreas den Blick durch die Ta- Deutsche genoss drei Wochen Leichtig-
tigen Arbeitern für die Hochöfen des verne wandern, nur zwei Tische sind be- keit und die Auszeit von sich selbst.
Ruhrgebiets. 1960 traf Nikolaos Chatzi- setzt. „Es wird immer leerer hier.“ Früher          Nun erscheinen deutsche Magazine mit
markakis als einer der ersten griechischen hätten die Leute an einem Samstagabend einer Stinkefinger zeigenden Venus von
Gastarbeiter in Duisburg ein. Er heiratete sogar vor der Tür gestanden. Die Krise Milo auf dem Titel. Griechische Zeitun-
eine Deutsche und zeugte vier Kinder. mache vieles kaputt. Den Alltag. Die Le- gen präsentieren Angela Merkel im Nazi-
Dem ersten, 1966 geboren, gab er den Na- bensfreude. Das Griechische.                    Outfit. Die Vergangenheit hatte sich schla-
men seines Vaters, Georgios, kurz: Jorgo.    Zu später Stunde, nach vielen Raki und fen gelegt. Nun erwacht sie wieder.
   Als seine Eltern sich scheiden ließen, noch mehr griechischem Wein, dem Blut             Chatzimarkakis ist jetzt in seinem Ele-
war Jorgo zehn. Die Mutter bekam das der Erde, schwebt dann wieder die Frage ment, er wird zum Mediator und erklärt
                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                            29
Deutschland

den Funktionären, dass niemand den           ernst, leise, besonnen – zum ersten Mal                      ne Unterstützung rangen. „Ja, es gab ’ne
Griechen etwas Böses wolle, auch nicht       an diesem Wochenende.                                        Phase, da war ich sehr beliebt in der
die Deutschen. An den hohen Preisen bei        „Ich habe lange genug etwas falsch ge-                     FDP.“ Er habe sich damals keinem der
Lidl etwa seien griechische Zwischen-        macht. Das mit der Doktorarbeit, das war                     beiden angeschlossen. „Ich fand das …
händler schuld, die sich, gedeckt von der    gewiss kein Zufall. Aber jetzt ist Schluss.                  ja, wie soll ich sagen … Ich fand das un-
korrupten Politik des Landes, auf Kosten     Künftig keine Hudeleien mehr.“ Er presst                     seriös. Da fehlte mir die Gravitas.“ Er
der Bürger bereicherten.                     die Handflächen vor der Brust aneinan-                       macht eine kurze Pause. „Das klingt jetzt
   Die Jammerei bringe nichts. Wenn          der, als ringe er sich selbst ein Verspre-                   vielleicht ein bisschen komisch, wenn ich
man wieder auf die Beine kommen wolle,       chen ab. Das sei ja das Gute: dass man                       das sage. Aber es war so.“
müsse man sich selbst hinterfragen, sagt     etwas ändern könne.                                             Damals flüchtete Chatzimarkakis ins
Chatzimarkakis. Seine Arme fliegen             „Ich sag mal: Priming“, sagt Chatzi-                       Saarland und baute sich eine neue politi-
durch die Luft, er wirkt sehr überzeugend,   markakis. „Sie kennen Priming?“ Ge-                          sche Existenz auf. Nun könnte es wieder
aufgepumpt mit Leidenschaft. Man müsse       meint ist die Kunst, alte Assoziationen,                     Zeit für einen Wechsel sein, für eine wei-
fragen: Was haben wir falsch gemacht?        die im öffentlichen Bewusstsein an einer                     tere Flucht. Mit seiner Saar-FDP wird er
                                                                                                          jedenfalls nicht mehr weit kommen.
                                                                                                             Er habe sich vor einiger Zeit eine Fa-
                                                                                                          miliengruft in Episkopi zugelegt, dem
                                                                                                          Dorf seines Vaters, erzählt Chatzimarka-
                                                                                                          kis. „Wenn ich schon nicht in Griechen-
                                                                                                          land geboren wurde, will ich wenigstens
                                                                                                          hier begraben werden. Meine Seele ist
                                                                                                          hier.“ Zwei Grabhälften habe er gekauft,
                                                                                                          400 Euro das Stück. Mit Blick aufs Meer.
                                                                                                             Aber das hat noch Zeit. In einem Athe-
                                                                                                          ner Restaurant wird jetzt erst mal das
                                                                                                          neue Griechenland geplant. Um den
                                                                                                          Tisch sitzen drei feine ältere Griechen
                                                                                                          und Jorgo Chatzimarkakis. Sie wollen
                                                                                                          eine Bewegung ins Rollen bringen, eine
                                                                                                          neue Partei soll entstehen. Ein angesehe-
                                                                                                          ner Professor, der Romane schreibt, ist
                                                                                                          dabei, ein ehemaliger General, ein Ver-
                                                                                                          waltungsexperte, sympathisch, besonnen,
                                                                                           THOMAS WIECK   seriös. Von der Rückbesinnung auf alte
                                                                                                          griechische Werte ist die Rede, von der
                                                                                                          Athenischen Demokratie, für einen Mo-
                                                                                                          ment scheint alles möglich. Das Wort Pa-
FDP-Politiker Chatzimarkakis: „Wir haben wohl beide ein Stigma“                                           radigmenwechsel fällt oft.
                                                                                                             Es klingt schlüssig, dass die Griechen
Was müssen wir ändern? Wie wollen wir Person oder einem Land kleben, durch                                am Tisch ihren Wandel lieber selbst in
künftig wahrgenommen werden? „Unse- neue, positive zu ersetzen. Er habe sich                              die Hand nehmen wollen. Das Wort Pa-
re Probleme sind hausgemacht. Wir müs- mit Experten darüber ausgetauscht, mit                             radigma stammt schließlich von ihnen.
sen selbst handeln, es liegt an uns!“ Er Medienberatern, Professoren, Sozialpsy-                             Ein Manifest ist geschrieben, Promi-
sagt „wir“ und „uns“, es klingt, als rede chologen. Er glaubt, einen Weg gefunden                         nente haben ihre Unterstützung zugesagt.
er auch von sich selbst.                     zu haben, für sich, für Griechenland. Kei-                   Es soll etwas Solides entstehen, bloß kein
   Am Ende eines langen Kreta-Tags, ne Hudeleien mehr. Keine Tricks. Ein                                  Schnellschuss. Keine Hudelei. In die Öf-
beim Aegean-Airlines-Flug 327 nach Neustart.                                                              fentlichkeit wollen sie erst im Mai treten –
Athen, ergibt sich endlich die Gelegen-        Neulich schlug Chatzimarkakis vor,                         nach den Parlamentswahlen.
heit, über seine eigene Krise zu reden.      Griechenland in „Hellas“ umzubenennen,                          Chatzimarkakis verabschiedet sich, er
  „Halt die Fresse, du Penner“, ruft Chat- als Zeichen der Rückbesinnung auf hehre                        muss los zum Flughafen, zurück nach
zimarkakis. Er ballt die Faust. „Fresse antike Werte. Bald wird ein Buch erschei-                         Brüssel. Er sagt noch, dass in den nächs-
halten!“ Gemeint sind die Ansagen aus nen, in dem er Wege aus der Krise auf-                              ten Wochen harte Arbeit vor ihnen liege.
dem Bordlautsprecher. Die Begriffe zeigen will. Mit kretischen Freunden hat                               Die Herren nicken.
„Arsch“, „Penner“ und „Scheiße“ sind er zudem eine Website namens „reset-                                    Wieder schwankt Jorgo Chatzimarka-
zentral in seinem Wortschatz. Wenn Chat- greece“ entworfen. Er will Griechenland                          kis zwischen den Kulturen, wie damals,
zimarkakis über Leute spricht, die, wie zurücksetzen, zurück auf Los.                                     als 15-Jähriger. Gut möglich, dass er dem-
er, gern reden, sagt er: „Scheiße, da hast     „Nehmen Sie die Airline hier. Schöne                       nächst wieder eine Entscheidung fällen
du ’ne Stunde ein Kotelett am Ohr.“          Ledersitze.“ Er klopft auf die Kopflehne.                    muss. Und dass ausgerechnet das kranke
  „Natürlich war die Doktorarbeit gehu- „Durchaus ansehnliche Stewardessen.“ Er                           Griechenland ihm helfen wird.
delt“, sagt er, als die Lautsprecher schwei- zwinkert einer sehr blonden Frau zu, die                        Zum Schluss, im Flugzeug, noch die
gen. Zwar fühle er sich von der Universi- gerade am Sitz vorbeiläuft. „Na bitte, es                       Frage, wer wohl die besseren Chancen
tät Bonn unfair behandelt, zugleich er- geht doch.“ Vielleicht lassen Naturelle                           habe, auf den Reset-Knopf zu drücken:
kenne er seinen eigenen Anteil. „Ich habe sich nicht durch Beschluss ändern.                              er oder Griechenland?
zu sehr gehudelt.“                             Am nächsten Tag läuft Chatzimarkakis                         „Puuhhh“ sagt Chatzimarkakis. Er
   Dass so der Eindruck „Typisch Grie- über die Straßen Athens, er ist auf dem                            schaut aus dem Fenster, unter ihm Athen,
che“ entstanden ist, könne er nachvoll- Weg zu einer Verabredung. An einer                                in der Ferne die Akropolis. Nach einer
ziehen. „Wir haben jetzt wohl beide ein Kreuzung erzählt er, wie Jürgen Mölle-                            Weile sagt er: „Ich glaube: ich.“
Stigma an der Stirn. Das wird wohl lange mann und Guido Westerwelle in Nord-                                 Puhhh. Es wird nicht leicht für Grie-
an uns kleben.“ Er wirkt plötzlich sehr rhein-Westfalen vor vielen Jahren um sei-                         chenland.
30                                                 D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Deutschland


                                                          I N T E G R AT I O N




                                 Abschied zum Ich
     Sie fliehen vor Unterdrückung, körperlicher Gewalt und Todesdrohungen im Namen der
              Ehre. Hunderte junger Migrantinnen verstecken sich in Deutschland vor
      ihrer Familie, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Von Antje Windmann


B
        ahar war an einem frühen
        Wintermorgen geflüchtet,
        anderthalb Jahre nach dem
Mord an ihrer Mutter. Sie hatte
ihre kleinen Geschwister für die
Schule fertig gemacht, sie zum Ab-
schied auf die Stirn geküsst. Ihr
Onkel und ihre Brüder schliefen
noch. Auf Socken schlich Bahar
aus der Wohnung, durch das Trep-
penhaus. Dann rannte sie um ihr
Leben.
   Heute trägt Bahar, 26 Jahre alt,
am liebsten hohe Absätze. Sie hat
ein gutbesuchtes Café in einer
Kleinstadt als Treffpunkt be-
stimmt. Sie ist dezent geschminkt,
hat ihre schwarzen Haare zu ei-
nem Knoten geschlungen. Sie lä-
chelt unsicher, stellt sich mit jenem
Namen vor, der in ihrem neuen
Pass steht und zu ihrem Schutz
nicht genannt werden darf.
   Bahars Familie war 1996 aus
dem Irak nach Deutschland ge-
kommen. Die ersten beiden Jahre
lebte sie in Halle an der Saale, in
einer Hochhauswohnung mit schä-
biger Küche. Der Vater sei sich für
die meisten Jobs zu schade gewe-
sen, schlug seine Frau und „drück-
te Zigaretten auf ihrer Haut aus“,
erinnert sich Bahar. Oft ver-
schwand der Vater, monatelang.
Bahar vermutet, dass er in krimi-
nelle Geschäfte verwickelt war.
„Ohne ihn war immer alles fried- Geflohene Mariam: „Bei uns kriegst du einen Ring angesteckt, und deine Zukunft ist bestimmt“
lich, einmal haben wir im Park ge-
picknickt“, sagt Bahar. Von diesem Tag         Die Mutter tot, der Vater verurteilt zu Hunderte Migrantinnen wie Bahar vor ih-
gibt es Fotos, die sie bei ihrer Flucht mit- lebenslanger Freiheitsstrafe: Ein Onkel rer Familie versteckt leben. Sie haben al-
genommen hat. Jedoch könne sie es oft übernahm das Regime über Bahar und les zurückgelassen, ihr Zuhause, ihre
nicht ertragen, sie anzuschauen.             ihre fünf Geschwister. Dem Jugendamt Freunde, ihre Angehörigen. Sie wollen
   In den schönen Zeiten, allein mit den präsentierte er sich fürsorglich. Bevor er sich nicht aufgeben, nicht zerbrechen an
sechs Kindern, reifte bei Bahars Mutter zuschlug, drehte er die Musik laut. Die der Unvereinbarkeit ihrer eigenen Wün-
der Entschluss, sich von ihrem Despoten Blutergüsse überschminkte Bahar. „Ich sche mit den Erwartungen ihrer Umge-
zu trennen. Um sich über das deutsche durfte keine Bücher lesen, mich nicht mal bung. Sie wollen sich nicht den tradierten
Scheidungsrecht zu informieren, war sie mehr auf dem Balkon zeigen“, berichtet Werten ihrer Herkunftsregionen anpas-
mit Bahar im Rathaus gewesen. Als der sie. „Nur kochen, waschen, putzen.“              sen, sie wollen so leben wie Frauen in
Vater davon erfuhr, schloss er sich in         Anderthalb Jahre hielt Bahar das Skla- westlichen Gesellschaften: frei, selbstbe-
einer Sommernacht 2003 mit der Mutter vendasein aus. „Dann wusste ich, entwe- stimmt, emanzipiert.
und einem Messer im Schlafzimmer ein. der ich bringe mich um, oder ich gehe.“            Allein die Berliner Hilfsorganisation
Bahar zeigt ihre Hände. Zwei Narben            Die Bundesrepublik im 21. Jahrhun- Papatya nimmt im Jahr 60 Mädchen und
zeugen vom Versuch, ihre Mutter zu dert, fast 60 Jahre nach dem Zuzug der junge Frauen auf, die wegen kultureller
retten.                                      ersten Gastarbeiter, ist ein Land, in dem Konflikte vor ihrer Familie geflohen sind,
32                                                D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
denen Verschleppung, Zwangsheirat oder         Und doch ist Bahar immer noch eine       meine Familie uns findet, sind wir tot“,
gar der Tod drohten. Im Stuttgarter          Gefangene ihrer Familie. Sie muss Men-     sagt sie.
Schutzhaus Rosa bitten jährlich 80 Leid-     schen belügen, auch wenn sie diese in ihr     Mariam war drei Jahre alt, als ihre Fa-
tragende um Aufnahme. Die Jugendhilfe-       Herz geschlossen hat – Freunde, Nach-      milie aus dem Libanon nach Deutschland
einrichtung Yasemin dokumentiert etwa        barn, Arbeitskollegen. Jeder, der ihre Ver-zog. Sie hat elf Geschwister, das Leben
400 Beratungskontakte, das Online-Portal     gangenheit, ihren Geburtsnamen erfährt,    der Mädchen war beherrscht von Vor-
Sibel mehr als 300 Hilferufe pro Jahr. Der   könnte sie gefährden. Bahar lässt keinen   schriften und Verboten. Die älteste
Verein peri e. V. will seit 2008 etwa 50     in ihre „Schutzburg“, wie sie ihre Woh-    Schwester habe ihr Vater beim Karten-
Mädchen und Frauen zur Flucht verhol-        nung nennt. Selbst ihren deutschen         spielen verzockt, 14 oder 15 sei sie gewe-
fen haben.                                   Freund nicht.                              sen. „Bei uns kriegst du einen Ring ange-
   Die Liste der Herkunftsländer, aus de-      „Er wunderte sich, dass meine Eltern     steckt, eine Kette um den Hals, und deine
nen die Migrantinnen stammen, ist lang.      so tolerant sind, ich sie aber nie besuche.Zukunft ist bestimmt“, erklärt Mariam.
Sie kommen aus der Türkei, dem Kosovo,       Er ahnte, dass ich etwas verberge“, sagt      Dabei habe der Islam, ihre Religion, in
aus Albanien, Pakistan, Afghanistan, Iran,   Bahar und senkt den Kopf. Als sie sich     der Familie keine Rolle gespielt. Es wurde
                                                                                                nie gebetet, sie musste sich nicht
                                                                                                verhüllen.
                                                                                                   Der Verzicht auf den Gebets-
                                                                                                teppich, aufs Kopftuch oder aufs
                                                                                                Fasten, so lehrt Mariams Fall, ist
                                                                                                keinerlei Indiz für Liberalität in
                                                                                                Familienangelegenheiten. Archai-
                                                                                                sche Traditionen und patriarchali-
                                                                                                sche Denkmuster geständen den
                                                                                                Frauen keinen freien Willen zu,
                                                                                                erklärt der Freiburger Psychologie-
                                                                                                professor und Ethnologe Jan Kizil-
                                                                                                han, 46. Es gebe in schlecht inte-
                                                                                                grierten Clans eine „kollektive Ver-
                                                                                                ständigung“ darüber, was Frauen
                                                                                                tun dürften und was unehrenhaftes
                                                                                                Verhalten sei. „Diese Verständi-
                                                                                                gung ordnet und regelt das Zusam-
                                                                                                menleben.“ Kizilhan ist seit 15 Jah-
                                                                                                ren als Gerichtsgutachter auch in
                                                                                                Ehrenmord-Prozessen tätig.
                                                                                                   Die Verhaltensregeln stammen
                                                                                                aus Zeiten, in denen es in vielen
                                                                                                Herkunftsregionen keine Polizei
                                                                                                und keine Rechtsprechung gab,
                                                                                                sich die Patriarchen in den Dör-
                                                                                                fern eigene Gesetze schmiedeten.
                                                                                               „In einigen Familien werden diese
                                                                                                bis heute unreflektiert von Gene-
                                                                                                ration zu Generation weitergege-
                                                                                                ben“, sagt Kizilhan, „und fälschli-
                                                                                              RUEDIGER GAERTNER / RUEGA




                                                                                                cherweise religiös legitimiert.“
                                                                                                   Verletze eine Frau durch ihr Ver-
                                                                                                halten eine traditionelle Norm,
                                                                                                schade sie dem Ansehen der gan-
                                                                                                zen Familie, erklärt der Ethnologe.
                                                                                                Das Ansehen ist elementar in die-
Beerdigung von Morsal O. 2008: Der Sohn als Vollstrecker der Erziehungsmethoden der Eltern      sen Gesellschaften, in denen Frau-
                                                                                                en als Besitz des Mannes gelten.
und Indien. Vor ein paar Monaten wurde ihm nach einem halben Jahr nicht anver- Mit einem Mann, der diesen nicht unter
in einer deutschen Kleinstadt ein Mäd- traut hatte, trennte er sich.                    Kontrolle hat, macht man ungern Geschäf-
chen aus Sri Lanka von ihrem Vater mit         Bahar ist mit ihrem Geheimnis allein, te. Er gilt als schwach und unzuverlässig.
heißem Wasser verbrüht. Sie hatte sich die 28-jährige Libanesin Mariam kann es             Einen solchen Makel kann er wettma-
gegen eine Zwangsheirat gewehrt.             mit ihrem Freund Thomas, 34, teilen. Vor chen, wenn er sich mit Geld aus seiner
  Bahar flüchtete in ein Frauenhaus. dreieinhalb Jahren sind sie gemeinsam Schmach herauskauft. Oder wenn er die
Doch die Angst blieb, „an jeder Straßen- vor Mariams Familie geflohen, doch sie Frau – für alle erkennbar – züchtigt. Für
ecke sah ich meinen Onkel“. Erschien ihr leben in ständiger Angst vor Entdeckung diese Art, die vermeintlich verletzte Ehre
jemand im Bus verdächtig, stieg sie an und den Folgen. „Eine Verwandte wurde wiederherzustellen, erklärt Kizilhan,
der nächsten Haltestelle aus, in der Hand von ihrem Mann erschossen, weil sie ihn „gibt es klare Handlungsprogramme“. Im
eine Dose Pfefferspray. Viermal hat Ba- verlassen hatte“, berichtet Mariam, „mei- äußersten Fall zählt dazu auch ein Mord –
har seit ihrer Flucht inzwischen den ne Familie fand das richtig.“                      für den Wissenschaftler „ein soziales und
Wohnort gewechselt, lebt heute in einer        Sie ist eine ruhige junge Frau mit dunk- kein religiöses Phänomen“.
Kleinstadt. Sie hat den Realschulab- len Augen und ebenmäßigem Teint. Ih-                  Laut einer Schätzung der Vereinten
schluss geschafft, eine Ausbildung begon- ren Hals färben rötliche Flecken, ver- Nationen werden jährlich weltweit min-
nen, macht zurzeit den Führerschein.         mutlich Zeichen ihrer Aufregung. „Wenn destens 5000 Mädchen und Frauen im
                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                         33
Arzu Özmen
                                                                                  mit neuer




                                                                                                                                             POLIZEI / DPA
                                                                                  Identität


                                                                             Der Fall Arzu
                                                                             Sie lebte im Frauenhaus, bekam einen neuen Namen, verän-
                                                                             derte ihr Äußeres. Und doch spürten ihre Geschwister sie auf:
                                                                             In der Nacht zum 1. November wurde Arzu Özmen verschleppt.
                                                                             Elf Wochen später fand man ihre Leiche auf einem Golfplatz.
                                                                             Drei ihrer Geschwister sind wegen Mordes aus niedrigen Be-
           Opfer Arzu Özmen                                                  weggründen angeklagt.
POLIZEI




          Namen der Ehre getötet. In einer Studie    haus in einer anderen Stadt, stopfte ein   Arzus Anwältin erinnert sich noch ge-
          im Auftrag des Bundeskriminalamts iden-    paar Klamotten in eine Plastiktüte und nau an die erste Begegnung. Es war am
          tifizierten Kriminologen des Max-Planck-   versteckte sich bei Verwandten. Noch am 12. September 2011: „Sie kam in meine
          Instituts für ausländisches und inter-     selben Nachmittag klingelten die Handys Kanzlei und sagte: ‚Guten Tag, ich möchte
          nationales Strafrecht in Deutschland sie-  von Mariam und Thomas im Minutentakt. eine Namensänderung.‘“ Sie sei ruhig,
          ben bis zehn sogenannte Ehrenmorde           „Ich sei eine Schlampe, sie würden aber entschieden gewesen, sagt die Fami-
          pro Jahr. Die Forscher hatten sich 78 Fäl- mich umbringen“, so gibt Mariam die An- lienrechtlerin, die anonym bleiben möchte.
          le aus den Jahren 1996 bis 2005 ange-      rufe mit leiser Stimme wieder.           „Sie hat mich von Beginn an gewarnt: Wer
          schaut.                                      Nach vier Wochen sah sich das Paar für sie eintrete, müsse damit rechnen, von
             Kizilhan, der 2006 ein Buch über Eh-    erstmals wieder. Mariam konnte nicht ihrer Familie aufgesucht zu werden.“ Der
          renmorde veröffentlichte, glaubt jedoch,   schlafen, war in ständiger Panik. Um nä- Anwältin war klar, dass sie etliche Um-
          dass die Zahl „mit Sicherheit höher“ sei.  her bei ihr zu sein, zog Thomas in eine wege würde gehen müssen, um Arzu eine
          Sein größter Kritikpunkt: „Nicht nach-     Obdachlosenunterkunft, für mehr reichte neue Identität zu verschaffen – und alle
          vollziehbare und verdeckte Morde wur-      das Geld nicht. Sein bester Freund wurde Spuren zu verwischen, die zu der jungen
          den von den Forschern ebenso wenig ge-     zusammengeschlagen, weil er nicht sa- Frau führen könnten.
          prüft wie vermeintliche Suizide, Unfälle   gen konnte, wo Thomas und Mariam           Das größte Problem war Arzus ältere
          und Vermisstenmeldungen.“                  waren.                                   Schwester S., die bei der Detmolder Stadt-
                                                       Die Hilfsorganisation Terre des Fem- verwaltung arbeitete. Durch ihren Job ge-

          D    er Tag, an dem sich Mariam, die jun- mes vermittelte den beiden zunächst ein langte sie an interne Informationen. Und
               ge Libanesin, in Lebensgefahr begab, Zimmer in einem Schutzhaus. Dann bot über die Adresse der Kanzlei hätte sie
          war der Tag, an dem sie sich in ihren Chef ein Sozialarbeiter ihnen sein Ferienhaus auf Arzus Aufenthaltsort schließen kön-
          Thomas verliebte; die beiden arbeiteten im Wald an. Mehr als ein Jahr lang lebten nen. Also bat die Anwältin einen Kolle-
          in einem Schnellrestaurant.                die beiden dort, gedanklich umzingelt gen in Oberhausen, Arzus Geburts-
             Thomas hatte schon zuvor beobachtet, von Mariams Familie. Bei jedem Kontakt urkunde in Detmold anzufordern.
          wie Mariams Brüder sie jeden Tag zur mit anderen Menschen fürchteten sie sich         Und in der Tat: Kaum hatte der Rechts-
          Arbeit brachten und abholten. Er spürte, vor Entdeckung. Und vor dem, was dann anwalt dem Wunsch entsprochen, melde-
          dass sie zu Hause litt. Irgendwann sagte geschehen könnte. Vor dem, was vor we- te sich S. in dessen Kanzlei und schlug
          er: „Wenn der Moment kommt und du nigen Monaten mit der 18-jährigen Arzu vor, ein Treffen mit Arzu zu arrangieren.
          gehen willst, ich haue mit dir ab.“        Özmen aus Detmold geschah.                 Arzus Anwältin fand ein westfälisches
             Der Moment kam nach einem Jahr            Die junge Frau, die der Glaubensge- Standesamt, das die Notlage erkannte.
          heimlicher Liebe im November 2008. Ma- meinschaft der Jesiden angehört, wurde Mit den aus Detmold über Oberhausen
          riams Bruder hatte geheiratet, der Braut- am 13. Januar an Rande eines Golfplatzes eingetroffenen Papieren stellte Arzu sich
          vater wollte im Gegenzug Mariam für sei- in Schleswig-Holstein gefunden. Die dort vor. Zudem legte sie die Strafanzeige
          nen Sohn. Er war zur Brautschau bei der rechtsmedizinische Untersuchung ergab, gegen ihre Familie sowie eine Stellung-
          Familie zu Besuch gekommen, hatte sie dass sie mit zwei Kopfschüssen getötet nahme ihrer Anwältin vor, die ihre ge-
          von Kopf bis Fuß gemustert, ihr Auftreten worden war. Elf Wochen zuvor war Arzu fährliche Lebenslage beschrieb.
          und ihre Art sich zu bewegen geprüft und von ihren Geschwistern aus der Wohnung       „Das Mädchen hatte die deutsche
          sie am Ende ausgewählt. Aber Mariam ihres deutschen Freundes Alexander, 23, Staatsangehörigkeit, war im Alter von
          lehnte ab, zum Zorn ihrer Familie.         verschleppt worden.                      drei Jahren eingebürgert worden“, erklärt
             Drei Minuten habe er überlegt, als        Eine verbotene Liebe, eine vergebliche die Standesbeamtin. „Dadurch konnte es
          Mariam vor ihm stand, sagt Thomas. Er Flucht – Arzus Geschichte ist ebenso tra- seinen Namen nachträglich dem deut-
          organisierte ihr einen Platz im Frauen- gisch wie typisch.                          schen Recht angleichen.“ Artikel 47 des
          34                                              D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Täter Sobair O.


                                                                                                    Der Fall Morsal
                                                                                                    Akten des Hamburger Kinder- und Jugendnotdienstes und
                                                                                                    der Polizei dokumentieren Morsals Leid: die Schläge, die
MARCO ZITZOW / BILD ZEITUNG




                                                                                                    Unterdrückung, die Todesdrohungen. Und doch hatte sie nie
                                                                                                    gewollt, dass jemand aus ihrer Familie bestraft wird. Morsal
                                                                                                    wollte nur, dass die Gewalt gegen sie aufhört – und ein
                                                                                                    bisschen Toleranz. Am 15. Mai 2008 tötete Sobair O. seine
                                      Opfer Morsal O.                                               Schwester mit 23 Messerstichen.


                              Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen         chen“, sagt Sobair. „Das gehört sich nicht         Doch zurück in Deutschland, lebte
                              Gesetzbuch eröffnet diese Möglichkeit.       bei uns.“ Es ist ein Satz, der für vieles       Morsal wieder so, wie sie es für richtig
                                 Arzu Özmen wollte in ihrem neuen Le-      herhalten muss.                                 hielt. Manchmal sei sie tagelang nicht
                              ben Emily heißen, Emily Ostermann. Sie          Am 15. Mai 2008 tötete Sobair O. seine       nach Hause gekommen, habe die Eltern
                              veränderte ihr Äußeres, schnitt sich die     Schwester Morsal. Mehr als 20-mal stach         und ihn beklaut, behauptet Sobair. „Zwei-
                              Haare kurz, blondierte sie.                  er mit einem Klappmesser auf die 16-Jäh-        mal, dreimal am Tag hat mich meine Mut-
                                 Damit keine Mitteilung an die Stadt       rige ein, weil sie wie ein deutsches Mäd-       ter auf dem Handy angerufen und ge-
                              Detmold ging, verhängte die Standes-         chen leben wollte. Morsal verblutete am         schrien: Wo ist Morsal? Bring das in Ord-
                              beamtin auf Antrag von Arzu einen            Tatort.                                         nung! Alle reden über uns. Du bist schon
                              Sperrvermerk über deren Akte. Laut Pa-          Der Vorsitzende Richter am Hamburger         wie die Deutschen.“
                              ragraf 64 des Personenstandsgesetzes ist     Landgericht sprach von einer „Tötung aus           Sobair senkt seine Stimme, flüstert nun
                              dies zulässig, wenn dem Standesamt Tat-      reiner Intoleranz“ und vom Tatmotiv der         fast. „Wir wussten, dass sie einen Freund
                              sachen vorliegen, dass eine Person an-       verletzten Ehre. Bei der Verkündung des         hat. Doch bei uns darf das ein Mädchen
                              dernfalls in Lebensgefahr geraten könnte.    Urteils randalierte Sobairs Familie im Saal.    einfach nicht.“
                              Arzu Özmen holte ihre fertigen Papiere          Wenn Sobair, nun im Gefängnis, über             Und dann gab es den Tratsch von Be-
                              wenige Tage vor ihrer Entführung ab.         Morsal spricht, füllen sich seine Augen         kannten, die behaupteten, Morsal gehe
                                 Zum Verhängnis wurde ihr, dass ihre       mit Tränen, von denen man nur schwer            auf den Strich.
                              Sehnsucht nach dem Freund am Ende grö-       deuten kann, wem sie gelten.                       Dieser Satz wurde zum Verhängnis, für
                              ßer war als die Angst. Um bei ihm zu            Was ist passiert? Sobair zuckt mit den       Morsal, für Sobair, für die gesamte Fami-
                              sein, meldete sie sich für die Nacht zum     Achseln. „Als ich zu Hause ausgezogen           lie. Sobair bat einen Cousin, Morsal zu
                              1. November im Frauenhaus ab.                bin, ging alles den Bach runter. Da hing        einem Treffen zu locken.
                                 Drei ihrer Geschwister sind inzwischen    sie plötzlich mit komischen Leuten rum.“           Sie hätten auf dem Bordstein gesessen,
                              wegen Mordes angeklagt, warten auf den          Laut Sobair wurde Morsal im März 2007        erinnert sich Sobair, sie hätten Cola ge-
                              Prozess. Bislang schweigen sie, wer von      von den Eltern zu einer Tante nach Af-          trunken und geraucht.
                              ihnen Arzu tötete.                           ghanistan gebracht. „Sie wollten, dass sie         Dann habe er sie gefragt: „Stimmt es,
                                                                           lernt, wie sich eine Frau zu verhalten hat“,    dass du auf den Strich gehst?“

                              S  obair O. aus Hamburg sitzt wegen ei-
                                 nes sogenannten Ehrenmordes eine le-
                              benslange Freiheitsstrafe ab.
                                                                           sagt er. Noch im Flugzeug habe der Vater
                                                                           ihr ein Kopftuch umgebunden, habe Mor-
                                                                           sal ihm erzählt. Sie solle erst mal heiraten,
                                                                                                                              „Das geht dich einen Scheißdreck an“,
                                                                                                                           soll sie geantwortet haben.
                                                                                                                              Er wisse nur noch, dass er dann in die
                                Er war acht Jahre alt, als er mit seiner   fünf Kinder kriegen, dann könne sie wie-        Tasche gegriffen habe, sagt Sobair. Am
                              Familie nach Deutschland kam. Die Ehe        derkommen, habe seine Mutter gesagt.            folgenden Tag stellte er sich der Polizei.
                              der Eltern sei ein Tauschgeschäft gewe-         Ein Jahr lang musste Morsal in Afgha-           Sobair O. blickt auf seine Hände. „Ja,
                              sen, berichtet der heute 27-Jährige. Der     nistan bleiben. „Sie hat mich immer an-         ich wollte damals die Familienehre schüt-
                              Bruder seiner Mutter habe eine Frau ge-      gerufen und gebettelt, dass ich sie wie-        zen“, sagt er. „Heute weiß ich: Selbst
                              heiratet, deren Bruder dafür wiederum        derhole. Sie war traurig, dass dort keiner      wenn sie auf den Strich gegangen wäre,
                              seine Mutter bekommen habe.                  Deutsch mit ihr sprach“, erzählt Sobair.        hätte ich sie nicht töten dürfen.“
                                Seine Ausbildung zum Einzelhandels-        Als er erfahren habe, dass Morsal in Af-           Im Fall Morsal betonte das Gericht,
                              kaufmann brach Sobair ab, nachdem er         ghanistan verheiratet werden sollte, habe       dass die nicht angeklagten Eltern „eine
                              zwei Wochen Jugendarrest verbüßt hatte.      er für sie gekämpft, dafür gesorgt, dass        hohe moralische Mitschuld“ treffe. Sie
                              Er mochte seinen Arbeitgeber nicht bit-      sie zurückkommt. Seine Mutter habe ihm          hätten ihren ältesten Sohn möglicher-
                              ten, ihn wieder aufzunehmen. „Ich wollte     daraufhin die Verantwortung übertragen,         weise „zum Vollstrecker ihrer Erzie-
                              da nicht hin und den Kopf runterma-          „dass sie uns keinen Ärger mehr macht“.         hungsmethoden gemacht“. Morsals Vater
                                                                                 D E R   S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2                                            35
Deutschland

wurde wegen Misshandlung von Schutz-       manchmal sogar Steckbriefe erstellt, die     Einen enormen „sozialen Druck auf
befohlenen zu einer Bewährungsstrafe       Clan-Mitglieder bundesweit verteilen.     die Familienväter und auf die Söhne“ hat
verurteilt.                                   Mit welcher Radikalität die Familien   der Psychologe Kizilhan bei seinen Re-
                                           vorgehen, erfährt auch Eva K. beinahe     cherchen beobachtet. Für die Studie „So-

W      ie schützt man Migrantinnen vor der
       Moral, den Regeln, der Verfolgung
ihrer Familie? Der 53-jährige Sozialarbei-
                                           täglich. Im Jugendamt Charlottenburg-
                                           Wilmersdorf hat die Leiterin der Hilfe-
                                           einrichtung Papatya einmal miterlebt,
                                                                                     zialisation und Überzeugungen bei soge-
                                                                                     nannten Ehrenmördern“ hat er 21 tür-
                                                                                     kischstämmige Männer gesprochen, die
ter Johannes M. betreut mehr als ein Dut-  wie drei junge Männer plötzlich in das    wegen eines Ehrenmordes in Deutsch-
zend Migrantinnen, die vor ihrer Familie   Behördenzimmer stürmten, eine junge       land inhaftiert sind. Kizilhans Fazit: Die
geflüchtet und abgetaucht sind. Zu ihrer   Libanesin packten und mitnahmen: „Nie-    wenigsten haben typische Merkmale ei-
Sicherheit möchte er nicht, dass sein voll-mand hat gewagt, sie aufzuhalten. Wir     nes Killers oder Gewalttäters. Meist seien
ständiger Name veröffentlicht wird.        haben ein halbes Jahr nach ihr gesucht.   sie von Vätern, Müttern oder der Ge-
   Vor einiger Zeit hat Johannes M. in ei- Sie ist nie wieder aufgetaucht.“          meinde unter Druck gesetzt worden;
nem Schulzentrum in NRW eine Ausstel-         Das Leben mit einer neuen Identität,   besonders Männer mit wenig Bildung,
lung zum Thema Opferschutz organisiert.    ohne Familie und Freunde, ist eine un-    die selbst Opfer von Gewalt waren, seien
„Danach meldeten sich viele junge Mi-      menschliche Last. „Es sind allesamt sehr  potentielle Täter. Wenn dann noch das
grantinnen, die es zu Hause nicht mehr     angepasste Mädchen, die versuchen, es je- soziale Umfeld fanatisch ist, urteilt der
aushielten.“ Er versuche dann immer zu-    dem recht zu machen“, sagt Eva K. „Sie    Experte, sei die Gefahr eines Ehrenmor-
nächst herauszufinden, wie groß der Lei-                                             des groß.
                                           sind oft verzweifelt, dass ausgerechnet sie
densdruck der Mädchen tatsächlich ist.     dieses Leben nicht aushalten konnten.“       1994 hat der Bundesgerichtshof (BGH)
Ob Vermittlungsgespräche helfen könn-      Zudem quäle sie die Erkenntnis, dass das  entschieden, dass Ehrenmorde als Morde
ten oder ob das die Situation nur ver-                                               aus niedrigen Beweggründen einzustufen
                                           Ehrgefühl der Eltern größer sei als die Lie-
schärfen würde.                            be zu ihren Töchtern. Jede Zweite sei von sind. Maßgeblich seien die deutschen
   Bleibt nichts anderes als die Flucht,   einer Zwangsheirat bedroht gewesen, jede  Rechts- und Wertvorstellungen und nicht
rechnet der Sozialarbeiter mit drei Mona-  Fünfte habe von einem Ehrenmord in der    die einer Volksgruppe, welche die hiesi-
ten, um alle Formalitäten zu regeln. „Die  Verwandtschaft berichtet.                 gen Normen nicht anerkenne.
Finanzierung ist immer das                                                                            Dass dem BGH bei wei-
größte Problem“, sagt M.,                                                                          tem nicht alle Richter fol-
ein Tag in einem Wohnheim                                                                          gen, zeigt indes die Studie
koste etwa 200 Euro. „Fast                                                                         des Max-Planck-Instituts im
alle Schutzeinrichtungen                                                                           Auftrag des Bundeskrimi-
nehmen erst auf, wenn sie                                                                          nalamts: Demnach gilt in 25
eine Kostenzusage vom Ju-                                                                          Prozent der Verfahren das
gend- oder Sozialamt ha-                                                                           Ehrmotiv als strafmildernd.
ben“, klagt M., deshalb sei                                                                        In rund 40 Prozent der un-
oft eine intensive Aufklä-                                                                         tersuchten Fälle wurde gar
rung der Behörden nötig.                                                                           nicht geprüft, ob die Ehre
   In Großstädten mit ei-                                                                          einen niedrigen Beweg-
nem hohen Migrantenanteil                                                                          grund darstellt.
wie Berlin sind die Jugend-                                                                           Der Karlsruher Strafver-
ämter für die Problematik                                                                          teidiger Gunter Widmaier
inzwischen mehr sensibili-                                                                         erkennt darin eine Ängst-
siert als in ländlicheren Re-                                                                      lichkeit der Richter, „Dinge
gionen. Doch selbst in der                                                                         beim Namen zu nennen,
Hauptstadt hängen die Hil-                                                                         weil sie Revisionen vermei-
fen für ein Mädchen noch                                                                           den wollen“. Die unbefrie-
                                                                                                 CIRA MORO




zu oft davon ab, ob ein kun-                                                                       digende Folge sei, dass
diger Sachbearbeiter sich                                                                          Taten in ihrer Lebenswirk-
des Falles annimmt oder Experte Kizilhan: „Sozialer Druck auf die Väter und Söhne“                 lichkeit und gesellschaft-
ein ahnungsloser.                                                                                  liche Phänomene in ihrer
   Vieles liegt im Ermessen der Ämter.          Viele der Geflohenen tun sich schwer Häufigkeit nicht angemessen erfasst wür-
Hat eine Schutzsuchende noch keine mit ihrer neuen Freiheit. „Sie wurden ja den, so Widmaier.
deutsche Staatsangehörigkeit, kann sie in Systemen sozialisiert, die sie bewusst        Umso bemerkenswerter ist ein Urteil,
im Zuge der Einbürgerung eine neue in Abhängigkeit hielten“, sagt Eva K. das im Dezember 2009 vom Landgericht
Identität relativ problemlos erhalten. Wie Nach einiger Zeit bei Papatya ziehen sie Kleve gesprochen wurde, im Mordfall
viele Tarnidentitäten bundesweit im Jahr oft erst mal in betreute Wohngemein- Gülsüm S. Die 20-jährige Kurdin war von
vergeben werden, wird von den Ländern schaften oder Frauenwohnheime. „Viele ihrem Drillingsbruder mit Ästen erschla-
jedoch nicht erfasst.                        müssen wichtige Lebensfertigkeiten er- gen worden. Ihr Gesicht war so zerstört,
   Ist mit den Behörden alles geregelt, ver- lernen, zum Beispiel, mit Geld umzuge- dass sie kaum identifiziert werden konnte.
einbart Johannes M. einen Fluchttermin. hen“, berichtet die Sozialpädagogin.         Das Klever Landgericht entschloss sich
Der Sozialarbeiter sitzt dann mit laufen-       Der Grad der Unfreiheit, in dem die zu einem bislang einzigartigen Urteil: Es
dem Motor im Auto und wartet, dass die Mädchen oder Frauen zuvor gelebt ha- verurteilte nicht nur Gülsüms Bruder we-
Bedrohte angerannt kommt. Oft fährt er ben, hänge von zwei Faktoren ab: wie gen Mordes, sondern auch den Vater –
Hunderte Kilometer weit, um sie in rela- wenig die Familie in die westliche Kultur obwohl dieser nicht unmittelbar an der
tive Sicherheit zu bringen. Er weiß, dass integriert sei und wie viele Brüder über Tat beteiligt war.
ihre Familie und Männer hartnäckig nach sie wachten. Denn oft, erklärt Eva K., sol-     Markiert das Urteil das Ende einer über
ihnen suchen. Um den Aufenthaltsort der len die männlichen Geschwister garantie- Jahre falsch verstandenen Toleranz der
Abtrünnigen zu ermitteln, werden Men- ren, „dass ihre Schwestern nichts tun, was deutschen Justiz? Jan Kizilhan erhofft
schen bedroht, mit Geld bestochen, der Familienehre schaden könnte“.                 sich zumindest eine Signalwirkung. Denn
36                                               D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
ROLAND WEIHRAUCH / DPA
                                                                                              Gedenkstelle bei Rees am Niederrhein


                                                                                         Der Fall Gülsüm
                                                                                         Die junge Kurdin wurde 2007 zwangsverheiratet. 2008 ver-
                                                                                         suchte sie, sich umzubringen. Ihr Bruder erschlug sie 2009,
                                                                                         weil sie durch ihr Verhalten die Familienehre verletzt habe.
                                                                                         Das Landgericht Kleve verurteilte nicht nur den Bruder wegen
                                                                                         Mordes, sondern auch den Vater, obwohl dieser nicht aktiv
POLIZEI / DAPD




                                                                                         an der Tatausführung beteiligt war. Eine Revision wurde ab-
                  Opfer Gülsüm S.                                                        gelehnt, das Urteil ist rechtskräftig.


                 für den Psychologieprofessor ist klar, dass    an der Universität Bremen, wäre eine dop-            Nur einmal musste sie ihrer Familie
                 es „in den nächsten 10 bis 15 Jahren“ in       pelte Staatsbürgerschaft. „Sie fördert nicht      noch gegenübertreten. Auf Rat ihrer An-
                 Deutschland mehr Gewaltakte im Namen           nur Integration, sondern hätte auch posi-         wältin zeigte Mariam ihre Schwester an,
                 der Ehre geben wird. „Wir haben einen          tive Effekte auf die Hilfs- und Unterstüt-        nachdem sie von ihr am Telefon bedroht
                 nach außen nicht sichtbaren Kampf der          zungsmöglichkeiten für die Mädchen und            worden war. Weil das zuständige Gericht
                 Migrantengenerationen“, erklärt der Wis-       Frauen. Nach einer Verschleppung etwa             die Sicherheit der Geflüchteten nicht ge-
                 senschaftler. Die zweite und dritte Gene-      hätte man dadurch die rechtlichen Voraus-         fährden wollte, nahm Mariam per Video-
                 ration nutzten noch die alten Werte, um        setzungen, die Betroffenen wieder zurück          konferenz an der Verhandlung teil. Ihr
                 die Herrschaft zu sichern: „Zugleich leh-      nach Deutschland holen zu können.“                ängstliches Gesicht war auf drei Bildschir-
                 nen sich immer mehr weibliche Familien-           Die Vorteile einer doppelten Staatsbür-        men in dem Saal zu sehen. Die Szenerie
                 mitglieder dagegen auf.“                       gerschaft lassen sich in Großbritannien           ähnelte einem Mafia-Prozess.
                    Kizilhan setzt auf Prävention. Auf Fa-      gut beobachten. Dort gibt es eine „Forced            Es sei doch nur ein schwesterlicher Rat
                 milien, von denen bekannt ist, dass in ih-     Marriage Unit“, eine Abteilung gegen              gewesen, empörte sich die Angeklagte.
                 nen Gewalt und Unterdrückung herr-             Zwangsheirat. Sie setzt sich aus Mitarbei-        Deren Mann verhöhnte das Verfahren
                 schen, sollte die Polizei ein waches Auge      tern des Außen- und Innenministeriums             von einer der Zuschauerbänke.
                 haben. „Wenn die Beamten dem Patriar-          und von sozialen Einrichtungen zusam-                Die richterliche Befragung von Mari-
                 chen deutlich machen, dass sie ihn im          men. Wird etwa eine junge Frau, die ei-           ams älteren Schwestern ergab, dass sie
                 Blick haben, wird der sich scheuen, seine      nen britischen Pass besitzt, ins Ausland          mit Cousins verheiratet sind. „Das ist nor-
                 Tochter oder Frau zu schlagen, geschwei-       verschleppt, verständigt die Abteilung die        mal bei uns.“ Sie zeichneten das Bild ei-
                 ge denn zu töten.“                             Botschaft des Vereinigten Königreichs vor         ner liebevollen, „perfekten“ Familie, in
                    Andere Experten wollen die Strukturen       Ort. Diese forscht nach der Verschwun-            der jeder machen könne, was er wolle.
                 verändern. Eine Kindergartenpflicht für        denen und sorgt mit Hilfe von Sicherheits-           „Warum sollte ihre Schwester all das
                 Migranten, damit deren Töchter und Söh-        leuten für die Rückführung des Mädchens.          auf sich nehmen, wenn sie nichts zu be-
                 ne früh mit den liberalen Lebensformen                                                           fürchten hätte?“, fragte die Richterin. Dar-
                 des Westens vertraut werden, wäre so eine
                 Maßnahme. Oder dass Kommunen mehr
                 Zuwanderer einstellen, die in den Ämtern
                                                                M     ariam und Thomas diskutieren oft,
                                                                     wer mehr für den anderen aufgegeben
                                                                habe. Vorige Woche haben sie geheiratet,
                                                                                                                  auf hatte Mariams Familie keine Antwort,
                                                                                                                  zum ersten Mal herrschte Stille im Saal.
                                                                                                                     Mit dem Urteil setzte das Gericht ein
                 die kulturelle Kompetenz verbessern.           sie wollen eine eigene Familie gründen.           Zeichen für Mariam. Ihre Schwester wur-
                    Bilkay Öney, Integrationsministerin in         Mariam erzählt von dem „echten Zu-             de wegen Nötigung zu einer Freiheitsstra-
                 Baden-Württemberg, würde auch jenen            hause“, das sie nun hätten, eine Zweizim-         fe von sechs Monaten verurteilt, ausge-
                 Frauen gern helfen, die aus dem Ausland        merwohnung, irgendwo in Deutschland.              setzt zu zwei Jahren auf Bewährung.
                 nach Deutschland zwangsverheiratet wur-        Die Möbel stammten aus einer Haushalts-           „Sollte meiner Mandantin jetzt etwas zu-
                 den. Ihnen, so die Sozialdemokratin, müs-      auflösung, die Wände hätten sie in war-           stoßen, sind die Zusammenhänge deut-
                 se früher als erst nach drei Jahren ein ei-    men Farben gestrichen, auf das Klingel-           licher. Das war ein wichtiger Schritt“, er-
                 gener Aufenthaltstitel zuerkannt werden.       schild einen Allerweltsnamen geschrie-            klärte Mariams Anwältin noch im Ge-
                 Anders könnten sie sich unmöglich aus ei-      ben. Selbst Thomas’ Eltern wissen nicht,          richtssaal.
                 ner Gewaltsituation befreien: „Wenn sie        wo ihr Sohn ist.                                     Wenn Mariam an ihre kleine Schwester
                 durch eine Trennung in den Augen der Fa-          Inzwischen traut sich Mariam schon             denkt, muss sie gelegentlich weinen. Es
                 milie die Ehre befleckt haben, können sie      mal allein zum Bäcker. „Sich frei bewe-           tut ihr leid, sie allein gelassen zu haben.
                 oft auch nicht mehr zurück.“ Die ange-         gen zu dürfen, ist für mich der größte Lu-        Und wenn sie an ihre Eltern denkt? Ma-
                 messene Lösung, sagt Yasemin Karakaşo-         xus“, sagt sie. Sie absolviert jetzt eine         riam überlegt einen Moment. „Da ist
                 glu, Professorin für interkulturelle Bildung   kaufmännische Ausbildung.                         Hass“, sagt sie, „und Sehnsucht.“
                                                                      D E R   S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2                                               37
PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA
 FDP-Ehrenvorsitzender Scheel*


                                                                                             mit. Seit etlichen Monaten lebt der ehe-
                                         A LT E R                                            malige FDP-Politiker auch nicht mehr
                                                                                             permanent zu Hause, sondern alternie-

            „Schriftlich erarbeitet“                                                         rend in einem Seniorenstift in Bad Kro-
                                                                                             zingen, nur wenige hundert Meter von
                                                                                             seinem Büro entfernt.
                                                                                                „Auch Bundespräsidenten werden alt“,
     Alt-Bundespräsident Walter Scheel war zuletzt in der Presse                             lautete ein Gastbeitrag Scheels am 4. Fe-
        präsent wie lange nicht. Doch viele seiner Äußerungen                                bruar in der „Süddeutschen Zeitung“.
                                                                                             Die Gesellschaft, vor allem die Politik,
     werden dem greisen Politiker offenbar in den Mund gelegt.                               heißt es dort, habe „die Pflicht, sich der
                                                                                             Würde der Alten anzunehmen“. Wie man


K
         ein Politiker wirft gern den ersten      Scheels Zitate drücken aus, was viele      mit alten Menschen umgeht, wenn ir-
         Stein auf einen Bundespräsidenten,    Deutsche dachten. Aber dachte, sagte          gendwann einmal die Gedächtnisschwä-
         schon gar nicht einer, der selbst     und überblickte er auch, was da unter         chen sich offensichtlich als Demenz er-
einmal dieses Amt innehatte. Umso mehr         seinem Namen veröffentlicht wurde?            weisen, ist ein schwieriges Thema, egal
erstaunte, dass im vergangenen Dezem-             In Berlin wie im südbadischen Bad          ob jemand zuvor in der Öffentlichkeit
ber – nur wenige Tage nachdem die ersten       Krozingen, wohin Scheel vor drei Jahren       stand oder nicht.
Vorwürfe gegen Christian Wulff wegen           mit seiner dritten Ehefrau Barbara gezo-         Gerade am Beispiel von Prominenten
dessen Hauskredit laut geworden waren –        gen ist, mehren sich die Zweifel: Will und    kommt das Thema immer wieder hoch.
einer seiner Vorgänger mahnende Worte          kann sich der Altliberale wirklich noch       Tilmann Jens hat ein Buch geschrieben
fand: „Sitten und Gebräuche“, so wurde         so aktiv mit den Vorgängen der Tages-         über seinen dementen Vater, den großen
Walter Scheel, 92, von „Bild am Sonntag“       politik befassen, wie seine zahlreichen       Gelehrten Walter Jens. Gunter Sachs, Fo-
zitiert, hätten sich seit Gründung der Bun-    Interviews, Gastbeiträge und Schirmherr-      tograf und Playboy, nahm sich das Leben,
desrepublik „leider auch in der Politik sehr   schaften den Anschein erwecken?               weil er dem Abdriften in die geistige
geändert“; er sei deshalb „besorgt um das         Vom SPIEGEL auf die Zitate in „Bild        Dämmerung zuvorkommen wollte. Und
Amt des Bundespräsidenten“.                    am Sonntag“ angesprochen, betont Bar-         erst kürzlich machte der ehemalige Fuß-
   Neun Wochen später, kaum war Wulff          bara Scheel, 70, „das hat er zu mir per-      ballmanager Rudi Assauer seine Krank-
zurückgetreten, legte Scheel im selben         sönlich gesagt“. Doch was sowohl Scheels      heit publik. Das Outing verband der 67-
Blatt nach: Er „wünsche“ sich, dass Wulff      Büro als auch seine Ehefrau bisher sorg-      Jährige mit einer Botschaft an Fans und
„klug genug“ sei und „auf seinen Ehren-        sam vor der Öffentlichkeit verbargen: Die     Medien: Es ist traurig, aber ich kann nicht
sold verzichtet“; damit könne er „beim         geistige Leistungsfähigkeit des Alt-Bun-      mehr für euch da sein.
deutschen Volk verlorenes Vertrauen und        despräsidenten ist offenbar seit längerem        Einer der Auftritte, bei denen man
Glaubwürdigkeit zurückgewinnen“.               eingeschränkt. „Dass Herr Scheel Ge-          Scheel zuletzt noch beobachten konnte,
                                               dächtnisstörungen und -schwächen hat,         war im vergangenen Mai die Verleihung
* Am 6. September 2011 in seinem Büro.         ist nicht zu leugnen“, teilt Scheels Büro     des nach ihm, dem ersten Entwicklungs-
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Deutschland

hilfeminister der Bundesrepublik, be-          Auch wenn „sein Alter ihm doch zu material“, also ältere Stellungnahmen des
nannten „Walter-Scheel-Preises“ für be- schaffen macht“, so Höppel, versuche Freidemokraten, zu stützen: „Unsere Ar-
sonderes Engagement in der Entwick- Scheel „mit aller Kraft, die Dinge zu er- beit basiert auf Äußerungen, wie Scheel
lungsarbeit. Offiziell hat Scheel den Preis ledigen. Das Büro und seine Frau helfen sie früher getan hat, und unsere Entschei-
überreicht. Tatsächlich wurde Scheel von ihm dabei, so gut es geht“.                                dungen ergehen größtenteils auf Basis
seiner Frau – neben deren imposanter Er-       Schwierig wird es für Scheels Bürolei- seines früheren Handelns.“
scheinung, im grauen Hosenanzug und ter offenbar dann, wenn sich journalisti-                          Die gedruckte Realität weicht von
mit einem mächtigen Hut, er noch kleiner sche Anfragen nicht mit der Tagesform diesem Credo aber nicht selten ab. Da
und filigraner wirkte, als er ohnehin des Bundespräsidenten von 1974 bis 1979 stößt sich Scheel am 8. Januar in der
schon ist – zwar auf die Bühne geleitet. in Einklang bringen lassen. Es sei „nicht „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“
Doch dort verbeugte er sich nur gekonnt, zu leugnen“, erklärt Höppel, „dass in der an der „schleppenden Aufklärungstak-
schüttelte Hände und begab sich, auf sei- Eile des Tagesgeschäfts auch Äußerungen tik“ Wulffs, nimmt am 12. März in der
nen Stock gestützt, für Erinnerungsfotos autorisiert worden sind, die nicht hätten Wochenzeitung „Das Parlament“ Stel-
in Positur.                                 erfolgen dürfen oder die Herrn Scheel lung zu den „wichtigsten Aufgaben des
   Natürlich stellt sich die Frage, inwie- nicht vorgelegt werden konnten“.                         neuen Bundespräsidenten“ und äußert
weit man den Gesundheitszustand eines          Zwar wird Scheel „grundsätzlich“ sich am 18. März gegenüber der „B. Z.
Politikers öffentlich ausbreiten darf. „Das (Höppel) immer noch von einem Fahrer am Sonntag“ zu der Frage, ob ein Bun-
geht Sie überhaupt nichts an“, beginnt oder seiner Frau in die Büroräume im despräsident Joachim Gauck seine Le-
Barbara Scheel das Telefonat, als der Krozinger Rathaus gebracht. Scheel si- bensgefährtin heiraten müsse.
SPIEGEL mit ihr über ihren Mann reden gniert, empfängt gelegentliche Besucher,                         Dass jedenfalls das Interview in der
will, „das ist rein privat.“ Auch Scheels schaut in Zeitungen oder „beschäftigt“ „B. Z. am Sonntag“ an Scheel vorbeilief,
Büroleiter Christoph Höppel bittet, „die sich mit Büchern – wie viel er von solcher gibt Höppel zu: „Der Text ist ihm in den
Berichterstattung über Gesundheit und Lektüre aufnimmt, ist aber offen. „Er will Mund gelegt.“ Auch wenn der Bundes-
Agieren“ Scheels „maßvoll und möglichst an einem gewissen Geschehen nicht mehr präsident a. D. etwa ein Vorwort für ein
positiv zu erfüllen“. Der SPIEGEL re- teilhaben“, sagt Barbara Scheel, „er hat Buch schreibe, sei klar, „dass Herr Scheel
spektiert dieses Anliegen.                  ja sein ganzes Leben Politik gemacht.“                  sich damit nicht mehr richtig beschäftigen
   Allerdings wäre der Zustand Scheels         Scheels Büro ist voller Erinnerungsstü- kann und will“.
nur dann völlig privat, wenn es von cke an sein Leben als Außenminister, Vi-                           So hat Scheel auch zu einem Text, der
Scheel keine öffentlichen Äußerungen zekanzler und Staatsoberhaupt. An den jüngst unter seinem Namen in der Rubrik
mehr gäbe, zumindest keine zum aktu- Wänden hängen Fotos mit persönlicher „Fremde Federn“ in der „Frankfurter All-
ellen Politikgeschehen; wenn er in Wür- Widmung von der Queen und Kaiser Hai- gemeinen“ erschien, bestenfalls karge
de schwiege. Doch so ist es                                                                                     Stichworte geliefert. „Ein
nicht.                                                                                                          Weggefährte“, so Höppel,
   Dabei blockt sein Büro                                                                                       habe Scheel gebeten, zu dem
persönliche Kontakte zu                                                                                         Buch „Das Amt und die Ver-
Scheel erst mal ab. Wegen                                                                                       gangenheit“ Stellung zu neh-
dessen „Wortfindungsschwie-                                                                                     men, das sich mit der Ge-
rigkeiten“, erklärt Höppel,                                                                                     schichte des Auswärtigen Am-
könne man mit dem Alt-Bun-                                                                                      tes befasst. „Machen Sie mal
despräsidenten leider nicht te-                                                                                 was dazu“, habe Scheel gesagt
lefonieren, auch „Sprechinter-                                                                                  und noch gebeten, dass zwei
views“ gebe er seit längerem                                                                                    Personen positive Erwähnung
                                                                                                            PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA




nicht mehr. In jüngerer Zeit                                                                                    fänden. Im Übrigen aber sei
war aber nur die „Neue Zür-                                                                                     es Scheel „relativ egal“ gewe-
cher Zeitung am Sonntag“ so                                                                                     sen, „was da an Füllmaterial
ehrlich, ihr Scheel-Interview                                                                                   reinkommt“.
mit dem Hinweis zu versehen,                                                                                       Im Fall eines Interviews mit
man habe es „aufgrund des                                                                                       Viertklässlern für eine Schü-
Gesundheitszustands Scheels                                                                                     lerseite der „Badischen Zei-
schriftlich geführt“.                                                                                           tung“ ging die Inszenierung
   Menschen außerhalb des                                                                                       noch weiter: Das Blatt druckte
Büros, die Scheel in den ver- Jubilar Scheel, Ehefrau Barbara*: „Machen Sie mal was dazu“                       am 19. November ein Ge-
gangenen Monaten gespro-                                                                                        spräch, in dem Scheel lebhaft
chen haben, berichten, er habe Mühe, ein le Selassi, dazu das Fell eines Bären, ge- Gegenfragen stellt und das Wissen der
ordentliches Gespräch zu führen. Höppel schossen auf der Jagd mit Rumäniens frü- Schüler lobt, ein Foto zeigt die beiden
bestreitet, dass dies „generell“ so sei, herem Diktator Nicolae Ceauşescu.                          Schüler mit Scheel in dessen Büro. Auch
räumt aber ein, dass „es solche Tage           Auf Vergangenes versucht sich auch dieses Interview sei „schriftlich erarbeitet“
gibt“. Scheels geistige Leistungsfähigkeit der Büroleiter zu stützen, wenn er als worden, räumt Höppel ein. Das Foto ent-
„schwankt“ und hänge sehr „von der Ta- Ghostwriter tätig wird. Seit sieben Jahren stand bei einem gesonderten, auf Plaude-
gesform“ ab, so Höppel. Wenn Scheel ist er Scheel vom Bundespräsidialamt zu- rei beschränkten Termin.
aber einen guten Tag habe, sei es „die geteilt, ein „guter, lieber Freund“, wie                        Höppel wirbt um Verständnis dafür,
größte Freude“.                             man im Krozinger Rathaus weiß, ein be- dass Scheels Umfeld nach außen das Bild
   Solche guten Tage zu erleben ist nicht gnadeter Golfer, der mit Scheel in frühe- des präsenten Altpolitikers aufrechter-
einfach. Dem SPIEGEL wurde ein per- ren Zeiten auch etliche Bälle schlug.                           halte. Es sei „natürlich ein Leichtes“, zu
sönliches Treffen in Aussicht gestellt, in-    Bei Presseanfragen, erklärt Höppel, be- sagen, „der alte Mann kann nicht mehr“.
nerhalb von 14 Tagen kam es nicht zu- mühe er sich, „möglichst wenig Tagesak- Man könne aber auch zum Schluss kom-
stande. Man müsse Scheel „vorbereiten“, tuelles“ zu sagen und sich auf „Quellen- men, dass Büro „dem Alter entsprechend
hieß es aus dem Büro, das sei „schwierig“                                                           ganz vernünftig damit umgeht“.
und kurzfristig „absolut unmöglich“.        * Am 9. Juli 2011 bei der Feier seines 92. Geburtstags.                                 DIETMAR HIPP

                                                       D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                          39
Deutschland

                                                  Ein Jahr später bemerkt der Stiefvater, seine DNA festzustellen. Dies ist eigent-
            VERBRECHEN                         dass David H. Kinderpornos aus dem In- lich ein übliches Verfahren, wenn es um
                                               ternet heruntergeladen hat. Am 26. Sep- den Verdacht sexuellen Missbrauchs geht.

  Falsches Etikett                             tember 2011 erstattet er Anzeige und             Eine DNA-Analyse wäre hilfreich ge-
                                               übergibt der Polizei die Festplatte mit den wesen, da David H. nur einen Tag nach
                                               Bildern. David H. besucht da bereits eine seinem Besuch bei der Polizei in Emden
Wegen einer Kette von Fehlern der psychiatrische Klinik in Papenburg. Sei- eine Joggerin zu vergewaltigen versucht –
     Polizei blieb der Pädophile               nem Freund erzählte er später, er sei dort und DNA-Spuren hinterlässt.
  David H. lange unbehelligt – bis             wegen eines Selbstmordversuchs behan-            In Aurich unterläuft den Beamten zu-
                                               delt worden. Nach seinem Aufenthalt in dem ein folgenschwerer Fehler: Sie lassen
    er die elfjährige Lena tötete.             der Psychiatrie meldet er sich am 23. No- die Ermittlungen weiter unter „Besitz von
                                               vember in Begleitung eines Betreuers des Kinderpornografie“ laufen, nicht wegen


N
        iedersachsen ist ein großes Land, Jugendamts bei der Polizei in Emden. Er sexuellen Missbrauchs – was strafrechtlich
        von Göttingen im Süden bis zu berichtet von der Behandlung, seinen se- wesentlich bedeutsamer ist.
        den Ostfriesischen Inseln sind es xuellen Neigungen und dem Vorfall mit                 Damit ist eine Weiche gestellt, nach
auf der Straße 366 Kilometer. Übers Land der Freundin seiner Schwester.                       der fortan der Fall David H. als minder-
verteilen sich 6 Polizeidirektionen mit 35        Die Polizei leitet jetzt auch ein Verfah- schwer und mindereilig bewertet wird.
Inspektionen, 88 Polizeikommissariaten, ren wegen sexuellen Missbrauchs ein. Da Entsprechend schickt Aurich die Akten
384 Polizeistationen – und dazu ein Lan- David H. in Krummhörn gemeldet ist, an die „Zentralstelle zur Bekämpfung ge-
deskriminalamt in Hannover.                    fällt sein Fall aber in die Zuständigkeit waltdarstellender, pornografischer oder
   Doch was geschehen kann, wenn fal- der Polizeiinspektion Aurich. Die Akte sonst jugendgefährdender Schriften“ bei
sche Prioritäten gesetzt und Akten falsch wandert deshalb von Emden nach Aurich. der Staatsanwaltschaft Hannover. Dort
etikettiert werden, wenn also Beamte ihr Dieser Umstand wird Folgen haben.                    arbeiten sechs Staatsanwälte, und sie ha-
Handwerk nicht verstehen – all das wurde          Denn weder in Emden noch in Aurich ben eine Menge zu tun. Vergangenes Jahr
vergangenen Dienstag sichtbar, als die nehmen Beamte eine Speichelprobe, um leiteten sie 1800 neue Verfahren ein.
Polizeidirektion Osnabrück Dis-                                                                           Das Amtsgericht Hannover er-
ziplinarverfahren gegen Kolle-                                                                         lässt, auf Antrag der Staatsan-
gen einleitete.                                                                                        waltschaft, am 20. Dezember ei-
   Der Tod der elfjährigen Lena                                                                        nen Durchsuchungsbeschluss für
aus Emden, mutmaßlich ermor-                                                                           die Wohnung von David H. –
det von einem 18-Jährigen, der                                                                         und sendet die Akten zurück
nur vier Monate zuvor der Poli-                                                                        nach Aurich. Nicht mal Kopien
zei seine Pädophilie offenbart                                                                         behält die Zentralstelle in Han-
hatte, wird für lange Zeit im kol-                                                                     nover, das geschieht nur bei be-
lektiven Gedächtnis bleiben – als                                                                      deutenden Fällen.
ein Fall des Versagens einer Be-                                                                          Der zuständige Staatsanwalt in
hörde.                                                                                                 Hannover machte sich einen Ver-
   Die Analyse der Ereignisse,                                                                         merk. In drei Monaten wollte er
die auch eine Chronologie der                                                                          noch einmal in Aurich nachfra-
Missverständnisse und Missdeu-                                                                         gen, wie der Stand der Ermittlun-
tungen ist, hat zweifelsfrei ermitt-                                                                   gen sei. Denn er weiß, dass es oft
lungstechnische Fehler zutage ge-                                                                      Monate dauert, bis die Compu-
fördert. Offen bleibt einstweilen                                                                      terbilder ausgewertet sind.
die Frage, ob es „individuelle                                                                            Allerdings stolperten auch die
Fehler“ waren, wie es Landes-                                                                          Juristen in Hannover nicht dar-
polizeidirektor Volker Kluwe be-                                                                       über, dass in den Akten von se-
tont. Oder ob es auch strukturel-                                                                      xuellem Missbrauch die Rede
le Probleme waren, wie Rudolf                                                                          war. Sie gingen womöglich davon
Egg, Direktor der Kriminologi-                                                                         aus, dass sich die Staatsanwalt-
schen Zentralstelle in Wiesbaden,                                                                      schaft Aurich darum kümmern
vermutet: „So jemanden kann                                                                            würde, oder sie übersahen es.
man nicht einfach gehen lassen“,                                                                          Vielleicht wäre Lenas Tod
sagt Egg. „Junge Pädophile                                                                             auch nicht zu verhindern gewe-
kämpfen und ringen mit ihrer                                                                           sen, wenn alle Dienststellen rei-
Neigung, und sie wissen nicht,                                                                         bungslos funktioniert hätten. Im
wie sie damit umgehen sollen –                                                                         Zentrum der internen Ermittlun-
genau das macht sie besonders                                                                          gen steht jetzt immerhin, war-
gefährlich.“                                                                                           um der Hausdurchsuchungsbe-
   Das gestörte Sexualleben des                                                                        schluss bei der Polizei in Aurich
David H. erkennt seine Familie                                                                         ein Vierteljahr lang nicht vollzo-
erstmals im Herbst 2010. Als sei-                                                                      gen wurde. Die Staatsanwalt-
ne jüngere Schwester eine Freun-                                                                       schaft ermittelt gegen zwei dor-
din zu Besuch hat, überredet er                                                                        tige Kriminalbeamte wegen des
diese, sich nackt vor ihm auszu-                                                                       Verdachts der Strafvereitelung
                                                                                                    DAVID HECKER / DAPD




ziehen. David fotografiert das                                                                         im Amt. Dafür müsste aber Vor-
siebenjährige Mädchen, bis                                                                             satz nachgewiesen werden.
plötzlich seine Mutter ins Zim-                                                                                    MICHAEL FRÖHLINGSDORF,
mer kommt. Sie informiert das                                                                                 ULF HANKE, ANDREAS ULRICH,
Jugendamt.                           Verdächtiger H., Polizeiinspektion Aurich: „Kämpfen und ringen“                     ANTJE WINDMANN

40                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Deutschland

                                               aus der chinesischen Medizin gelten, kos-       Gerät, das aussieht wie ein Babyphone,
             GESUNDHEIT                        tet rund 70 Euro. Andere Pilzsorten, für        sind zwei Dioden angebracht, die sich der
                                               deren Wirksamkeit es ebenfalls keine wis-       Käufer in die Nase stecken muss. Diese

         Dioden in                             senschaftlichen Belege gibt, sind schon
                                               für 30 Euro zu haben.
                                                  Wer seine Hoffnung hingegen in eine
                                                                                               strahlen „sichtbares kaltes Rotlicht“ auf
                                                                                               die Schleimhaut. „Keiner weiß bisher,
                                                                                               welche Nebenwirkungen das langfristig

         der Nase                              sogenannte Bioresonanztherapie setzt,
                                               muss tiefer in die Tasche greifen. Dafür
                                               bekommt der Leidende von seinem Hei-
                                                                                               mit sich bringt“, sagt Torsten Zuberbier,
                                                                                               Leiter der Europäischen Stiftung für Al-
                                                                                               lergieforschung. Die Innenseite der Nase
   Wenn im Frühjahr die Pollen                 ler eine ausgeklügelte Theorie serviert.        sei sehr empfindlich. „Es ist nicht auszu-
 fliegen, haben dubiose Wunder-                Nachzulesen etwa auf der Internetseite          schließen, dass dadurch bösartige Wuche-
  heiler Saison. Mit fragwürdigen              der Naturheilpraxis am Wald, die nahe           rungen entstehen können.“
                                               Kiel sitzt: Körperzellen unterhalten sich          Nebenwirkungsträchtig sind auch
 Therapien gegen Heuschnupfen                  demnach „in Form von Lichtblitzen“. Sei         Darmspülungen gegen Allergien, wie
      scheffeln sie Millionen.                 diese Zell-Kommunikation gestört, könne         etwa die Colon-Hydro-Therapie. Wendet
                                                                                                          ein Naturheiler die Behand-


R
       omina Rösch war 14, als                                                                            lung falsch an, kann die Darm-
       die Birke zu ihrem Feind                                                                           wand verletzt werden, zudem
       wurde. Von einem Tag                                                                               ist die Methode nichts für Men-
auf den anderen ließ der feine                                                                            schen mit schwachem Kreislauf.
gelbe Pollenstaub ihre Augen                                                                                 Viele Heiler schwören trotz-
zuschwellen, die Nase juckte,                                                                             dem auf die Methode, die etwa
der Hals kratzte. „An manchen                                                                             in der Talkshow von TV-Pfar-
Tagen war es so schlimm, dass                                                                             rer Jürgen Fliege vorgestellt
ich nicht mehr aus dem Haus                                                                               wurde. Der Darm des Pollen-
gehen konnte“, sagt die Medi-                                                                             opfers wird mehrmals wöchent-
zinstudentin aus Mainz.                                                                                   lich mit rund zehn Liter Wasser
   Jahrelang testete sie diverse                                                                          ausgespült, die Einläufe haben
Nasensprays, Augentropfen                                                                                 abwechselnd eine Temperatur
und ein Dutzend verschiedener                                                                             von 21 und 41 Grad Celsius.




                                                                                                       PHANIE / YOUR PHOTO TODAY
Tabletten. Es wurde nicht bes-                                                                            Kosten: zwischen 60 und 90
ser. Rösch stieg auf Naturheil-                                                                           Euro pro Sitzung.
kunde um, gab Hunderte Euro                                                                                  „Es gibt leider viel zu viele
für Alternativmedizin aus. Sie                                                                            obskure Angebote in diesem
schluckte täglich drei Esslöffel                                                                          Bereich, bei denen Vorsicht an-
Öl, ließ sich in der Apotheke                                                                             gebracht ist“, klagt Hans Merk,
Tees mischen und suchte einen Kind beim Allergietest: Markt für Wunderlichkeiten                          Präsident des Ärzteverbands
Homöopathen auf. Der ver-                                                                                 Deutscher Allergologen. Nach
schrieb ihr Globuli, kleine Kugeln in der es zu Allergien kommen. Die Therapeu-                seiner Auffassung gibt es nur wenige Re-
Glasflasche. „Danach ging es mit dem ten legen den Patienten deshalb Elektro-                  zepte, die bei Heuschnupfen nachweislich
Asthma los“, sagt sie.                      den an. Die sollen Therapieinformationen           helfen. Allgemein empfohlen wird die Be-
   Mittlerweile lässt sich die 23-Jährige an ein Bioresonanzgerät weiterleiten und             handlung mit Medikamenten wie Anti-
im Frühjahr eine Cortison-Spritze geben. das Problem beheben.                                  histaminika. „Diese können die Be-
Das lindert die Symptome. „Aber gut für       Die meisten Anbieter nehmen für ei-              schwerden zwar lindern, aber nicht hei-
den Körper ist das nicht“, sagt sie. Des- nen „Bioresonanz-Grundtest“ etwa 100                 len“, sagt Merk.
halb ist Rösch weiter auf der Suche nach Euro, Nachfolgebehandlungen kosten bis                   Ansonsten rät er zu einer sogenannten
der perfekten Therapie, nach dem klei- zu 50 Euro. Den wissenschaftlichen Nach-                Hyposensibilisierung. Dabei spritzt der
nen Wunder, das den Heuschnupfen killt. weis dafür, dass die Therapie wirkt, konn-             Arzt den Betroffenen in regelmäßigen
   Schätzungen zufolge leiden mehr als te bisher keiner erbringen.                             Abständen ein Allergenpräparat unter die
15 Millionen Deutsche an Pollenallergien.     Nicht weniger fragwürdig ist der Ein-            Haut. Zum Einsatz kommen auch Tablet-
Während für sie ab März die große Qual satz sogenannter Allergie-Nasenlampen.                  ten oder Tropfen. Im Idealfall reagiert
beginnt, brechen für Wunderheiler und Im Internet werden Exemplare zwischen                    das Immunsystem irgendwann nicht mehr
Geschäftemacher herrliche Zeiten an. 30 und 100 Euro vertrieben. An einem                      mit einer Abwehrreaktion auf die Pollen.
Zwar zahlt keine Krankenkasse die Be-                                                             Vielen Patienten geht es Studien zufol-
handlung mit Heilpilzen oder Nasenlam-                                                         ge danach besser – bei anderen versagt
pen, weil deren medizinische Wirkung Verbreitetes Leiden                                       aber auch diese Therapie. Allergikerin
nicht nachgewiesen ist. Aus Verzweiflung Allergiker-Anteil in Deutschland,* in Prozent         Rösch hatte es jahrelang damit versucht.
greifen viele Patienten trotzdem zur Eso-                                                      Die Behandlung half genauso wenig wie
terikmedizin. Die Kosten tragen sie selbst.  Heuschnupfen                           20 – 30    die Globuli des Homöopathen.
   Seriöse Ärzte sehen den Markt für                                                              Nun überlegt Rösch, eine Anti-IgE-The-
Wunderlichkeiten mit großem Missfallen. Kontaktallergien      7 – 10                           rapie zu machen. Durch Spritzen sollen
Denn die Allergiker geben nicht nur                                                            dabei die Antikörper im Organismus zer-
unnötig Geld aus, sie gehen zudem            Neurodermitis 5 – 8       *18- bis 65-Jährige;    stört werden, die die allergische Reaktion
unkalkulierbare Gefahren ein. Den Me- Nahrungsmittel-                  Mehrfach-               auslösen. Die Optimisten unter den Heu-
                                                                       nennungen möglich
dizinproduzenten hingegen bringen die              allergien 4 – 8     Quelle:
                                                                                               schnupfen-Forschern machen der Medi-
allergischen Reaktionen der Deutschen           Hausstaub-             Europäische Stiftung    zinstudentin Mut. Einen Haken gibt es
                                             milbenallergie   5
Gewinne, die so sicher sind wie der Früh-                              für Allergieforschung   trotzdem: Je nach Dosis kostet die The-
lingsanfang. Allein eine „Vorteilspackung“     Insektengift-   2–3                             rapie zwischen 6000 und 60 000 Euro.
von Reishi-Pilzen, die als Wundermittel            allergien                                                                       KATRIN ELGER, CATALINA SCHRÖDER

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Deutschland



                                                                STRAFJUSTIZ




                    Noch mehr Opferschutz?
          Im Strafverfahren drehte sich früher alles um den Täter und seine Schuld.
              Seit einigen Jahren stehen häufig die Opfer und ihre Angehörigen
      im Mittelpunkt – eine nicht nur segensreiche Entwicklung. Von Gisela Friedrichsen


D
         er Mann hatte seine 39 Jahre alte     Niemand wurde mit inhaltsloser Mit- 55. Deutschen Juristentag 1984 in Ham-
        Ehefrau, Mutter seiner beiden leidsrhetorik abgespeist. Schmacke hätte burg vorgetragen hatte. Darin war bereits
        Kinder, getötet. Er hatte ihr in ei- nie gesagt, die Getötete sei halt leider die Rede davon, dass das Opfer nunmehr
nem Bremer Hotel, wo sie arbeitete, auf- „zur falschen Zeit am falschen Ort“ ge- „in den Vordergrund strafprozessualer
gelauert und dann mit äußerster Gewalt wesen, wie es in Gerichtssälen oft zu hö- Reformüberlegungen“ trete. Damals be-
14-mal auf sie eingestochen. Weil sie mit ren ist, und die Angehörigen damit über gann, was heute die Wiederentdeckung
dem Leben besser zurechtgekommen war ihr Leid hinaus auch noch verärgert.              des Opfers genannt wird.
als er, weil sie sich gegen seine wahnwit-     Das Bremer Gericht verhielt sich rich-    1986 wurde das Erste Opferschutzge-
zigen Verfolgungsattacken gewehrt hatte, tig. Es behielt die Opfer im Auge, wie es setz beschlossen, das die Beteiligungs-
weil er sie hasste und doch nicht von ihr dem Geist der Gesetze zum Opferrecht rechte der Geschädigten stärkte. Eine
hatte lassen können.                         entsprach. Denn der Wind in der Gesell- „Kaskade“ von Gesetzen folgte, so der
   Das Landgericht Bremen ver-
urteilte den Mann 2005 wegen
Mordes, begangen im Zustand er-
heblich verminderter Steuerungs-
fähigkeit, zu einer Freiheitsstrafe
von 13 Jahren. Sachverständige
hatten bei ihm eine „schwere
Anpassungsstörung“ zur Tatzeit
nicht ausgeschlossen.
   Vorsitzender war Harald Schma-
cke, ein Richter von außergewöhn-
lichem Einfühlungsvermögen und
einem unbestechlichen Gespür für
falsche Töne. „Der Fall hat nicht
nur großes Leid über eine Familie
gebracht“, sagte Schmacke damals
in der Urteilsbegründung. Die Tat
habe auch „die Kammer deutlich
berührt“. Dieser Richter gab zu er-
kennen, was er dachte.
   Die Hinterbliebenen der Ermor-
deten hatten offensichtlich insge-
heim auf eine Verurteilung zu
lebenslang gehofft, was nach Auf-
                                  MARTIN OESER / DAPD




fassung des Staatsanwalts die ein-
zig richtige Antwort auf das Ver-
brechen gewesen wäre: „Die Tat
schreit geradezu danach!“
   Schmacke spürte die Unruhe Gedenken am Tatort: „Das Gericht muss deutlich sagen, wer die Schuld trägt“
der Angehörigen und ihre Ent-
täuschung, er registrierte, wie sie noch schaft und damit auch in den Gerichts- Bielefelder Rechtslehrer Stephan Barton,
während der Begründung angstvoll rech- sälen hat sich im Lauf der vergangenen die eine klare Opferzuwendung zum Ziel
neten, wann der Angeklagte wohl wieder 20, 30 Jahre gedreht, was die Rolle des hatten. Allein zwischen 1996 und 2006
in Freiheit kommen und dann möglicher- Opfers angeht. Heute ist es längst nicht wurde die Strafprozessordnung zu diesem
weise neuerlich zu einer Gefahr für die mehr nur Beweismittel zur Überführung Zweck achtmal reformiert.
Familie werden würde. Der Vorsitzende des Angeklagten, sondern befindet sich             Die Viktimologie als Lehre vom Ver-
schloss die Verhandlung, legte die Robe auf bestem Weg, Hauptdarsteller auf der brechensopfer etablierte sich, die forensi-
ab und ging mit seinen Mitrichtern auf Bühne des Rechts zu werden.                     sche Psychologie entdeckte Opferbelange.
die aufgewühlten Menschen zu. Er nahm          Als Ausgangspunkt dieses Weges gilt Die Sozialpsychologie, die Neuropsy-
sie mit in einen Raum des Landgerichts, das Gutachten zur „Rechtsstellung des chologie und vor allem die Psychotrau-
wo er mit ihnen sprach, zuhörte und er- Verletzten im Strafverfahren“ des dama- matologie sprangen auf den Zug auf, den
klärte. Er ließ sie mit ihren Ängsten nicht ligen Ministerialrats im Bundesjustizmi- nicht nur die verfassungsrechtliche Ord-
allein.                                      nisterium, Peter Rieß, das dieser auf dem nung, sondern auch der Zeitgeist antrieb.
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Denn wer sich um den Rechtsfrieden be-          Hilfe tat also not. Opferorientierte     rem wegen fahrlässiger Tötung eine Frei-
mühte, hatte, ob er wollte oder nicht, zur   Dienstleistungsangebote      entstanden,    heitsstrafe auf Bewährung verhängte.
Kenntnis zu nehmen, dass zu einer Straf-     neue Prozesssubjekte traten auf: die Ne-      Ähnlich der Prozess gegen die Ex-RAF-
tat der Täter und das Opfer gehören.         benklagevertreter und Opferanwälte auf      Terroristin Verena Becker, der vor allem
   Befördert durch die These des Entfüh-     Staatskosten. „Opfer sind Kult“, sagt ein   deshalb schon eineinhalb Jahre lang
rungsopfers Jan Philipp Reemtsma, dass       Münchner Strafverteidiger. Sie repräsen-    währt, weil der Sohn des 1977 ermordeten
es ein „Recht des Opfers auf die Bestra-     tieren heute, was jedem zustoßen kann.      Generalbundesanwalts Siegfried Buback
fung des Täters“ gebe, entwickelte sich         Die Debatte über diese neue Situation,   keinen Frieden findet, ehe er nicht den
eine lebhafte Diskussion über den Stel-      die Fachleute als „Paradigmenwechsel“       Namen der Person weiß, die die Waffe
lenwert des Opfers. Der Bundesgerichts-      charakterisieren, dauert, von der Öffent-   auf seinen Vater gerichtet hat. Dies aber
hof rief zur „Beachtung der Opferbelan-      lichkeit kaum beachtet, unvermindert an.    wirft die Bundesanwaltschaft Frau Becker
ge“ auf und warnte „vor rechtsstaatswid-     Doch nach bald drei Jahrzehnten stetiger    nicht vor. Gleichwohl dreht sich der Pro-
riger Verteidigung des Angeklagten“.         Ausweitung scheint der Opferschutz nun      zess um kaum etwas anderes.
Dies wiederum ließ die Strafverteidiger      an seine Grenzen zu stoßen.                   Geht es Kriminalitätsopfern, die heute
fragen, ob damit etwa ihre Arbeitshypo-         Mittlerweile sind Strafprozesse neuer    rechtlich umsorgt werden wie nie zuvor,
these, dass nämlich der Belastungszeuge      Art zu verzeichnen, in denen nicht der      unter anderem mit Prozessbegleitung,
lüge, nun hinfällig sei. Der Hoffnung der    Anklagevorwurf im Vordergrund steht,        mit eigenen Zeugenzimmern und allerlei
Opfer folgte – zu Recht – die Besorgnis      sondern die Erfüllung der Erwartungen       psychosozialen Maßnahmen, wenigstens
eines Verfalls rechtsstaatlich geschützter   von Nebenklägern. Der Eindruck, sie be-     besser als vor 25 Jahren? Nein, sagt die
Beschuldigtenrechte. Wurden nicht auch       stimmten, was und wie verhandelt wird,      Rechtspsychologin Renate Volbert: „Es
die Strafen höher, je mehr der Angeklagte    drängt sich auf. Im Münchner Demjan-        wird beinahe unverändert beklagt, dass
zugunsten des Opfers aus dem Fokus der       juk-Prozess, so befriedend er für die Hin-  die Bedürfnisse von Opfern viel zu wenig
Aufmerksamkeit schwand?                      terbliebenen der im Vernichtungslager       Berücksichtigung finden und die Verfah-
   Andererseits: Da gab es die Prozesse um   Sobibór ermordeten Juden gewesen sein       ren mit unverhältnismäßig hohen Belas-
den Düsseldorfer Flughafenbrand mit 17       mag, ging es nicht um einen konkreten       tungen verbunden sind.“ Diese Behaup-
Toten, das furchtbare Zugunglück von         Tatnachweis, sondern letztlich darum,       tung aber stütze sich nicht auf empirische
                                                                                                  Befunde, sondern werde einfach
                                                                                                  als evident unterstellt.
                                                                                                     Brauchen wir also doch noch
                                                                                                  mehr Opferschutz, wie ihn der
                                                                                                  Gesetzgeber plant? Auch Erwach-
                                                                                                  senen soll demnach in bestimm-
                                                                                                  ten Fällen die Konfrontation mit
                                                                                                  dem Angeklagten im Gericht er-
                                                                                                  spart bleiben und ihre Verneh-
                                                                                                  mung auf Video aufgezeichnet
                                                                                                  werden. Wo aber bleibt dann das
                                                                                                  Recht des Angeklagten, sich mit
                                                                                                  dem beschuldigenden Zeugen
                                                                                                  auseinanderzusetzen, wenn die-
                                                                                                  ser komplett abgeschirmt wird?
                                                                                                     Der Umgang mit Opfern, An-
                                                                                                  gehörigen und Hinterbliebenen
                                                                                                  gehört zu den sensibelsten und
                                                                                                  schwierigsten Aufgaben der Ge-
                                                                                                  richte. An den Universitäten wird
                                                                                                  er kaum gelehrt, im Referendariat
                                                                                                  selten geübt. Doch Opfer und Op-
                                                                                                  ferzeugen bringen eine eigene
                                                                                                  Perspektive ins Strafverfahren.
                                                                                                  Ihre Fragen, ihre Wünsche und
                                                                                               JÖRG SARBACH




                                                                                                  Vorstellungen von Gerechtigkeit
                                                                                                  decken sich nicht mit denen an-
                                                                                                  derer Beteiligter. Wie lässt sich
Bremer Gerichtssaal, Vorsitzender Schmacke (hinten M.) 2005: „Die Tat hat die Kammer berührt“     vereinbaren, dass hier der Ange-
                                                                                                  klagte sitzt, der Anspruch auf die
Eschede mit 101 Toten und 88 zum Teil entsprechend dem Wunsch der Opfer Unschuldsvermutung hat, und dort das
schwerst Verletzten, das Inferno in der Glet- dem Vergessen des Holocausts entgegen- Opfer, dem nicht nur etwas angetan wor-
scherbahn von Kaprun mit 155 Todesop- zuwirken und den Weg zu bereiten für den sein soll, sondern dessen Leben sich
fern, in denen kein Angeklagter zu Frei- weitere Anklagen dieser Art.                    vielleicht von einem Tag auf den anderen
heitsstrafen verurteilt wurde. Aber wer trug    Gegen den Vater des Amokläufers von komplett verändert hat? Was ist, wenn
denn die Verantwortung?, fragten die Hin- Winnenden hatte die Stuttgarter Staats- dem Angeklagten die Tat nicht nachzu-
terbliebenen. Es musste doch jemand anwaltschaft ursprünglich einen Straf- weisen war? Ist der wirklich Geschädigte
schuld sein! Waren es etwa die „unglückli- befehl wegen Verstoßes gegen das Waf- dann kein Opfer mehr? Wie geht man
chen Umstände“, die sich „verkettet“ hat- fengesetz erlassen wollen. Auf Druck der mit ihm um? Irritierende Fragen.
ten, wie die Gerichte urteilten? Die Ange- 43 Nebenkläger und ihrer 19 Anwälte, de-        Wolfram Schädler, seit 2004 Bundes-
hörigen in ihrer hilflosen Ratlosigkeit wa- nen gerade mal 2 Verteidiger gegenüber- anwalt, hat als Oberstaatsanwalt im hes-
ren ob solcher Worte empört und fühlten standen, landete die Sache dann vor dem sischen Justizministerium 1984 zusammen
sich auch noch von der Justiz geschädigt.     Landgericht, das schließlich unter ande- mit dem Psychologen Michael Baurmann
                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                         45
Deutschland

                                                                                      „minderschwerer“?, fragen sie. Warum
                                                                                      wird meine Sache eingestellt? Ist die Tat,
                                                                                      die an mir begangen wurde, etwa unwe-
                                                                                      sentlich? Warum ist eine weitere Aufklä-
                                                                                      rung „nicht geboten“? Warum bekommt
                                                                                      der Angeklagte eine geringere Strafe,
                                                                                      wenn er dem Gericht einen langen Pro-
                                                                                      zess erspart? Ist die Befindlichkeit der
                                                                                      Richter und ihre Eile, eine Sache zu erle-
                                                                                      digen, denn ein Strafmilderungsgrund?




                                                                                          CARMEN JASPERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA
                                                                                      Das muss erst einmal erklärt werden.
                                                                                         Hinterbliebene wollen wissen, was ge-
                                                                                      schehen ist und wer die Schuld trägt an
                                                                                      dem Verbrechen, das über sie kam. Das
                                                                                      Böse soll ein Gesicht haben. In Hamburg
                                                                                      wird zurzeit der „Horror-Crash von Ep-
                                                                                      pendorf“ verhandelt, ein furchtbarer Ver-
                                                                                      kehrsunfall, bei dem der Sozialforscher
                                                                                      Günter Amendt, der Schauspieler Diet-
„Maskenmann“-Prozess 2011: Fast 20 Jahre Ungewissheit für die Hinterbliebenen         mar Mues, dessen Ehefrau sowie die Bild-
                                                                                      hauerin Angelika Kurrer ums Leben ge-
vom Bundeskriminalamt die erste Opfer- nem Jahr in Krailling die beiden Töchter kommen sind. Es geht um die Frage, ob
betreuungsstelle „Hanauer Hilfe“ gegrün- seiner Schwägerin regelrecht abgeschlach- der Angeklagte, ein Epileptiker, schuld-
det. „Ich glaubte damals, von Opfern zu tet zu haben. Die Kammer mit dem Vor- haft handelte, als er sich hinters Steuer
wissen“, sagt Schädler heute. „Dann sitzenden Ralph Alt hat mit der Mutter setzte. Er hatte schon mehrere Unfälle
mussten wir feststellen, dass wir nichts der Kinder dreieinhalb Stunden lang ge- verursacht, weil ihn Krampfanfälle ereil-
darüber wissen, was in einem Menschen sprochen. Die Öffentlichkeit und der An- ten. Einer der Söhne des Ehepaars Mues
vorgeht, dem etwas angetan wurde.“          geklagte waren währenddessen von der sagte, für ihn sei es wichtig, dass die
   Schädler kennt die Praxis auf den Poli- Verhandlung ausgeschlossen. Wäre die Schuldfrage geklärt werde – um „in der
zeirevieren, und er kennt den Umgang traumatisierte Frau, die ihre Kinder ge- Trauer weiterzukommen und irgendwann
der Gerichte mit Opfern und ihren Ange- funden hatte, auch im Fall eines Geständ- hoffentlich mal einen Punkt zu finden,
hörigen. Zusammen mit Baurmann gab nisses angehört worden? Oder hätte man an dem die Sache abgeschlossen ist“.
er 1991 die erste wissenschaftliche Unter- sie womöglich noch mehr „verschont“?          Abschließen können – das wünschen
suchung über die Bedürfnisse und Erwar- Was wäre für sie besser gewesen?              sich viele Leidtragende von Straftaten.
tungen von Kriminalitätsopfern heraus,        Ein Gericht hat die Tat aufzuklären „Das Gericht muss diesen Menschen sa-
die eine Professionalisierung der Ermitt- und den Angeklagten gegebenenfalls zu gen, wer die Schuld trägt, schon um sie
ler auf diesem Gebiet zur Folge hatte.      verurteilen. Beim Opfer hingegen geht es von Selbstvorwürfen zu befreien“, so
   „Der Bundesgerichtshof fordert inzwi- um anderes. Schweigt ein Angeklagter, Schädler. Es müsse ihnen sagen, wenn es
schen eine besondere Fürsorgepflicht zu- was sein nicht verhandelbares Recht ist, denn so war, dass sie keine Mitschuld trü-
gunsten des Opfers vom Vorsitzenden ein. fühlen sich Opfer oft missachtet, ja ver- gen. Denn nur dann ließen sich auch ihre
Tendenz der Gerichte aber: Der Geschä- höhnt. Sie interpretieren dieses Schwei- quälenden Phantasien eindämmen – wer
digte soll möglichst von der Hauptverhand- gen als Ausnutzen eines Vorteils, als das wohl was und vor allem warum getan hat.
lung verschont bleiben“, stellt Schädler Gegenteil von Reue. Lässt der Angeklag-         Ulrich Jahr, Vater eines der Opfer des
fest. „Dabei wollen die meisten Opfer te sein Geständnis nur verlesen, lässt er sogenannten Maskenmanns, den das
nicht, dass einfach über ihren Kopf hinweg Reue nur durch seinen Verteidiger vor- Landgericht Stade wegen Mordes an drei
beschlossen wird, sie zu verschonen.“ Er tragen, wird ihm von Opfern meist nicht Jungen zur Höchststrafe verurteilte, hatte
kritisiert daher die um sich greifende Pra- geglaubt. Da ist der Vorsitzende in der die Ungewissheit, wie sein Sohn von wem
xis, einen geständigen Angeklagten, ohne Pflicht.                                     umgebracht worden ist, fast 20 Jahre lang
das Opfer zu fragen, auch deshalb mit ei-     Geschädigte, meist nicht gerichtserfah- gepeinigt. Er hatte selbst ermittelt, hatte
ner milderen Strafe zu belohnen, weil die- ren, verstehen auch häufig nicht die Spra- der Polizei widersprochen und sich ein
sem damit eine Aussage vor Gericht er- che des Rechts. Wieso ist mein Fall ein eigenes Bild vom Täter und dessen Vor-
spart bleibt. Das sei „Überprotektionismus                                                        gehensweise zurechtgelegt,
aus falsch verstandenem Mitleid“.                                                                 das ihn nicht mehr losließ. All
   Was nützt es denn auch einem Opfer,                                                            dies trug er als Zeuge vor Ge-
wenn per Absprache ein Verfahren been-                                                            richt vor. Der Vorsitzende Be-
det wird, ohne dass es sich dazu äußern                                                           rend Appelkamp unterbrach
kann, weil man es ja verschonen will?                                                             ihn nicht, weil es dem Mann
„Manche Richter sind froh, wenn sie mit                                                           offensichtlich ein dringendes
den Opfern nichts zu tun haben müssen.                                                            Anliegen war, seine Sicht zu
Sie können nicht umgehen mit Menschen,                                                            schildern. Den Angehörigen
denen Schreckliches widerfahren ist, und                                                          kann ein Gericht durchaus zu-
verschanzen sich dann hinter dem in-                                                              hören, ohne die Ohren vor
flationär gebrauchten Begriff der angeb-                                                          dem Angeklagten zu ver-
                                                                                                                                      ALABISO.DE / DER SPIEGEL




lichen sekundären Viktimisierung“, so                                                             schließen.
Schädler. „Doch man muss das Opfer an                                                                Ulrich Jahr hat durchgehal-
der Hauptverhandlung beteiligen, mit                                                              ten bis zum Urteil. Er über-
ihm arbeiten, nicht es fernhalten.“                                                               lebte es nicht einmal zwei
   In München steht gegenwärtig der                                                               Wochen, dann ereilte ihn ein
Mann vor Gericht, der bestreitet, vor ei- Bundesanwalt Schädler: „Falsch verstandenes Mitleid“    Herzinfarkt.
46                                                D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Einäscherung
                                                                                                                                               Odyssee im Leichenwagen

                                                                                                                                                im Jahr pro Anlage vor, sagen die Betrei-
                                                                                                                                                ber. Aber ob dies stimmt, kontrollieren
                                                                                                                                                die Behörden nicht.
                                                                                                                                                   Die Branche steht im harten Wettbe-
                                                                                                                                                werb. Die Zahl der Krematorien ist rasant
                                                                                                                                                gewachsen. 2000 gab es nur rund 100 öf-
                                                                                                                                                fentliche Anlagen, derzeit werden 159 ge-
                                                                                                                                                zählt, ein Drittel davon privat betrieben,
                                                                                                                                                weitere sind in Planung. Dabei sei der
                                       B E S TAT T U N G E N                                                                                    Bedarf an Krematorien eigentlich ge-
                                                                                                                                                deckt, so Aeternitas, eine Verbraucher-

                                      Feuerwehr                                                                                                 initiative für trauernde Angehörige. Der
STEPHAN ELLERINGMANN / LAIF




                                                                                                                                                Preis für eine Einäscherung ist wegen der
                                                                                                                                                Konkurrenz auf rund 300 Euro gesunken.

                                       am Sarg                                                                                                  Nur im Süden vermuten Investoren noch
                                                                                                                                                Potential. Dort müssen sie sich allerdings
                                                                                                                                                gegen Bürgerinitiativen durchsetzen, die
                                                                                                                                                auch mit dem Problem zu schwerer Lei-
                                                                                                                                                chen argumentieren.
                               Die Fettleibigkeit der Deutschen             Schadstoffspitzen im Abgas, die Experten                               Der Ingenieur Hubert Kerber führt im
                                        überfordert die                     bei gelegentlichen Untersuchungen fest-                             baden-württembergischen Sinsheim-Rei-
                                 Krematorien: Die Anlagen                   stellen. Das Bayerische Landesamt für                               hen den Protest gegen ein neues Kre-
                                  werden ruiniert, Abgase                   Umwelt ermittelte, dass der erlaubte Mit-                           matorium an. Er hält Anlagen im Bypass-
                                                                            telwert von 50 Milligramm Kohlenmono-                               betrieb für „Dreckschleudern“. Beruflich
                               ungefiltert in die Luft geblasen.            xid pro Kubikmeter Abgas und Stunde                                 hat Kerber als TÜV-Prüfer mit vielen
                                                                            oft überschritten wird, wenn der Holzsarg                           Verbrennungsanlagen zu tun, auch mit


                              D
                                      er Mitarbeiter des Krematoriums       einfällt und sich der Leichnam entzündet.                           Krematorien. Kerber hat Normen und
                                      in Hameln warf noch einen letz-       Im September 2009 beispielsweise über-                              Grenzwerte verglichen und sagt: „Jede
                                      ten Blick in den Sarg, bevor er die   forderte ein 150 Kilogramm schwerer                                 Müllverbrennung ist strenger reglemen-
                              Holzkiste in den Ofen schob. Es war der       Leichnam das Krematorium von Kemp-                                  tiert.“
                              dritte Leichnam am Morgen des 13. Janu-       ten im Allgäu, der Schlot glühte, Rohrtei-                             Im Krematorium Hamburg-Öjendorf
                              ar, und der wog mehr als 200 Kilogramm.       le schmolzen. Die Feuerwehr ging schließ-                           mussten die Feuerwehrleute im Januar
                              Nur rund zwei Kilogramm Asche sollten         lich mit Löschpulver gegen die Glut im                              2008 sogar Atemschutzmasken anlegen.
                              übrig bleiben. Doch 15 Minuten später         Kamin vor.                                                          Bei der Verbrennung eines schwergewich-
                              schlugen Flammen aus dem zehn Meter              „Unvorhergesehene Brände passieren                               tigen Mannes war es zu einer Verpuffung
                              hohen Schornstein des Krematoriums,           in vielen Krematorien“, sagt der nieder-                            gekommen. Dann klemmte auch noch die
                              Teile des Doppelrohr-Edelstahlschlots         sächsische Anlagenbauer und Sicherheits-                            Bypassklappe, und der Qualm konnte
                              schmolzen durch. Der Angestellte bekam        gutachter Jochen Sembdner. In solchen                               nicht über den Schlot entweichen. Bräun-
                              den Brand nicht mehr unter Kontrolle, er      Notfällen öffnen sich Klappen hinter den                            liche Schwaden waberten durchs Gebäu-
                              rief die Feuerwehr.                           Öfen. Im sogenannten Bypassbetrieb len-                             de, die Feuerwehr maß erhöhte Werte gif-
                                 Die Helfer kühlten den rauchenden          ken sie den Qualm samt Dioxinen und                                 tigen Kohlenmonoxids. Das defekte By-
                              Schlot von der Seite. Durch eine Wärme-       Furanen, Quecksilber aus Zahnfüllungen,                             passventil sei sofort ausgetauscht, die
                              bildkamera beobachteten sie, wie sich die     anderen Schwermetallen und Feinstaub                                Ofenanlage runderneuert worden, sagt
                              Hitze im Gebäude ausbreitete: Das Ka-         direkt in die Außenluft – an Messinstru-                            der Betriebsleiter.
                              minrohr glühte bei 600 Grad Celsius. Erst     menten und am Filter vorbei. Bypass-                                   Um Schadstoffspitzen zu vermeiden,
                              nach vier Stunden war der Leichnam zu         betriebe kommen nur ein- bis zweimal                                empfiehlt das Bayerische Landesamt für
                              Asche geworden.                                                                                                   Umwelt in einer Studie, Särge besonders
                                 Deutschlands Übergewichtige machen                                                                             schwergewichtiger Leichname „mit leicht
                              den Feuerbestattern zu schaffen. Mittler-                                                                         geöffnetem Deckel“ in den Ofen einzu-
                              weile wird rund die Hälfte aller Verstor-                                                                         fahren und „anlagenspezifische Gewichts-
                              benen eingeäschert. Die Zahl der fettlei-                                                                         obergrenzen“ einzuführen. Letztere sol-
                              bigen Deutschen liegt bei 15 Prozent, Ten-                                                                        len noch in diesem Jahr in die Branchen-
                              denz zunehmend. Die Branche hat sich                                                                              Richtlinien aufgenommen werden. Die
                              zwar darauf eingestellt, Särge werden in                                                                          Hersteller sollen das Maximalgewicht der
                              Übergrößen geliefert, Ofentüren für die                                                                           Leichname festlegen, die in ihren Öfen
                              extragroßen Kisten umgebaut. Aber ein                                                                             verbrannt werden dürfen.
                              Problem bleibt: Adipöse Körper brennen                                                                               Doch was passiert dann mit den schwe-
                              wegen ihres hohen Fettgehalts oft so heiß,                                                                        ren Toten? Die Suche nach einem geeig-
                              dass sie die Anlagen überlasten. Ursache                                                                          neten Krematorium könnte zur Odyssee
                              für den Schornsteinbrand in Hameln war                                                                            im Leichenwagen werden. In Frankreich
                                                                                                                          FRIEDRICH W. THIES




                              wohl „extreme Hitze durch hohe Fettver-                                                                           haben gleich mehrere Krematorien die
                              brennung“, so Carl Schmidt, Betriebslei-                                                                          Einäscherung einer 140 Kilogramm
                              ter des Krematoriums.                                                                                             schweren Frau abgelehnt. Deren Tochter
                                 Wie häufig so etwas vorkommt, weiß                                                                             klagte daraufhin in der Zeitung „Le Pa-
                              niemand genau. Dabei gelten schwere           Schornsteinbrand im Krematorium Hameln                              risien“ über die postmortale Diskriminie-
                              Leichen seit langem als eine Ursache für      „Extreme Hitze durch Fettverbrennung“                               rung ihrer Mutter.              ULF HANKE

                              48                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Szene


      Was war da los,
      Herr Marconi?
  Alan Marconi, 26, brasilianischer Ret-
  tungsschwimmer, über die Bergung eines
  Riesen: „Als ich mit meinen Kollegen
  ins Schlauchboot stieg, dachte ich, wir
  würden einen Brydewal zurück aufs
  offene Meer begleiten. Zunächst hieß
  es, das Tier würde gerade Junge be-
  kommen. Erst als wir uns ihm näher-
  ten, sahen wir, dass es tot war. Wir
  mussten nun verhindern, dass der Ka-
  daver an den Strand von Rio de
  Janeiro gespült wurde, wo Leute ba-
  deten. Wir waren zu acht und hatten
  nur das kleine Schlauchboot, der
  Schlepper war noch nicht in Sicht.
  Also habe ich mich an die Fluke des
  Wals gehängt, um das Seil daran fest-
  zumachen. Ich war traurig, dass der
                                            SERGIO MORAES / REUTERS




  Wal tot war, er stank schon. Es war
  schwierig, gegen die Brandung anzu-
  kämpfen, die den 20-Tonnen-Körper
  in Richtung Strand schob. Wir muss-
  ten aushalten, bis der Schlepper kam
  und den Wal raus aufs Meer zog.“                                    Marconi (an der Fluke)




            GESUNDHEIT
                                                                      ein Organ erhalten dürfen, die selbst        bereit erklärt, bekommt einen Bonus –
                                                                      nicht spenden will? Ich finde, das           und genießt Vorrang beispielsweise
                                                                      widerspricht elementaren Gerechtig-          vor jemandem, der die Spende
„Gedankenlosigkeit mit                                                keitsvorstellungen.                          für sich selbst ablehnt. Es ist doch

 einem Preis versehen“                                                SPIEGEL: Frank-Walter Steinmeier hat
                                                                      im Bundestag gesagt, eine Organ-
                                                                      spende müsse eine selbstlose Spende
                                                                                                                   eine Illusion zu glauben, wir
                                                                                                                   könnten ein knappes Gut kostenfrei
                                                                                                                   verteilen.
Hartmut Kliemt, 62, Professor für                                     bleiben.                                     SPIEGEL: Warum braucht Altruismus
Philosophie und Ökonomik an der                                       Kliemt: Selbstlosigkeit an sich ist aus      überhaupt einen Belohnungsanreiz?
Frankfurt School of Finance, über                                     meiner Sicht kein Wert. Selbstlosigkeit      Warum birgt er seinen Wert nicht in
Organspenden und die Grenzen der                                      für die richtigen Dinge ist ein Wert.        sich selbst?
Nächstenliebe                                                         SPIEGEL: Was fordern Sie konkret?            Kliemt: Natürlich wollen Menschen das
                                                                      Kliemt: Eine Art Solidaritätsmodell:         Gute tun, aber sie wollen sich nicht
SPIEGEL: Die Bundesregierung will im                                  Wer sich frühzeitig zur Organspende          dadurch, dass sie das Gute tun, aus-
Sommer das Transplantationsgesetz                                                                                            nutzen lassen. Deshalb
ändern, damit sich mehr Menschen als                                                                                         braucht der Beitrag zu kollek-
Organspender registrieren lassen, setzt                                                                                      tiven Gütern doch einen
aber weiterhin auf Freiwilligkeit. Also                                                                                      Anreiz.
auf Nächstenliebe. Reicht das?                                                                                               SPIEGEL: Haben Sie selbst
Kliemt: Nein, es ist keine gute Idee, die                                                                                    einen Organspendeausweis?
Motive exklusiv vorschreiben zu wol-                                                                                         Kliemt: Ja klar, aber ich finde,
len. Ich sage: Wer spendenbereit ist,                                                                                        dass das nicht ausreichend ist.
soll eine gewisse Bevorzugung erhal-                                                                                         Ich finde, dass ein Zentral-
ten, wenn er selbst bedürftig wird. Das                                                                                      register hermuss, um zu
ist die alte Idee des Versicherungs-                                                                                         dokumentieren, wer spenden
vereins auf Gegenseitigkeit.                                                                                                 will und wer nicht. Ich spende
SPIEGEL: Was spricht für Ihre Idee?                                                                                          für die Solidarischen, das
Kliemt: Dass sie viel gerechter ist.                                                                                         würde ich gern eintragen.
Nehmen Sie an, Sie haben zwei gleich-                                                                                        Ich bin dafür, Gedanken-
                                                                                                                          SIPA PRESS




geeignete und gleichbedürftige Per-                                                                                          losigkeit wenigstens mit
sonen. Beide brauchen ein Organ.                                                                                             einem gewissen Preis zu
Warum soll ausgerechnet die Person                                    Herztransplantation                                    versehen.
50                                                                         D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Gesellschaft

                                              Keinhase
       EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:       Wie ein Tierpark in Sachsen beinahe weltberühmt wurde



D
        ie Erste, die von dem schreckli- könnte irriger sein. Tiere sind weder ge-       streng zoologisch, um ein Oryctolagus cu-
        chen Vorfall erfuhr, war Frau mein noch lieb. Sie haben Bedürfnisse,             niculus domesticus handelte. Es waren
        Mildner – Frances Mildner, klein, die man erfüllen, Grenzen, die man re-         die Frauen im Tierpark, die die Chance
fröhlich, patent, Sachbearbeiterin für Bür- spektieren sollte. Kim, der Leopard, zum     witterten: der Keinohrhase! So wie der
gerkommunikation im Rathaus zu Lim- Beispiel, der seinen Oberpfleger Uwe                 erfolgreiche Film, Til Schweiger könnte
bach-Oberfrohna. Vor ihrem Schreibtisch Dempewolf seit zwölf Jahren kennt, des-          die Patenschaft für den kleinen Til über-
stand Oberpfleger Dempewolf, er hatte sen Geruch, Gangbild, Stimme, würde                nehmen, man würde ihn einladen, ein
sich gleich ins Auto geworfen und war zu sich sofort auf ihn stürzen, sollte Dempe-      leibhaftiger Star, das abgelegene
ihr gefahren, jetzt stand er vor ihr, groß wolf den Käfig betreten, ihn wahrschein-      L.-O. würde ans Filmgeschäft andocken.
und stark, bärtig und trostbedürftig, er lich in Sekunden zerfleischen. Tiere sind       Til Schweiger!
rang die Hände, während er                                                                             Einen Tag vor der Pressekon-
berichtete, und am Ende hatten                                                                      ferenz rückte aus Leipzig der
sie beide denselben Gedanken:                                                                       TV-Filmer Sascha D. an, er war,
Wie sagen wir’s dem Professor?                                                                      so schildern ihn die Tierpflege-
   Und dann war da noch eine                                                                        rinnen, ein netter Typ, sehr eif-
weitere Möglichkeit. Unausge-                                                                       rig. D. filmte draußen, mit Kin-
sprochen, doch nicht abwegig.                                                                       dern, ohne Kinder, am Ende
Fünf Tiere lebten ja noch. Man                                                                      wollte er im Stall ein paar Sze-
konnte den Unfall theoretisch                                                                       nen von Til mit Geschwistern
ungeschehen machen. Oder es                                                                         drehen, doch die Kaninchen



                                                                                          WOLFGANG THIEME / PICTURE ALLIANCE / DPA
zumindest so aussehen lassen.                                                                       waren inzwischen völlig hyste-
Ein neuer Keinohrhase. Eine                                                                         risch, sie flitzten irre umher.
Betäubung, zwei Schnitte.                                                                           Der Stall ist eng und dämmerig,
   Eine Entscheidung konnte                                                                         2,50 mal 2,50 Meter. D. ging in
aber nur der Professor treffen.                                                                     die Hocke, schimpfte leise, die
   Limbach-Oberfrohna liegt in                                                                      Viecher waren überall, und ei-
Sachsen, im Südwesten des                                                                           nes war vom anderen kaum zu
Landes, unweit der tsche-                                                                           unterscheiden, er wollte Sze-
chischen Grenze; die Randlage                                                                       nen auf Kaninchen-Augenhöhe,
begreift man hier als Herausfor-         Kaninchen Til (r.), Geschwistertier                        er hielt die Kamera tief und
derung. „Come to L.-O.“ heißt                                                                       machte einen Schritt zurück, es
der Slogan der Stadt, man ist                                                                       machte knacks.
stolz auf das Schwimmbad, das                                                                          Til hauchte mit einem
Heimatmuseum, vor allem auf                                                                         Knacks seine Seele aus, eine
den Tierpark.                                                                                       sehr kleine Seele.
   Die Anlage ist idyllisch. Die                                                                       Sascha D. war untröstlich, er-
Wisente sind zottelig, die Leo-                                                                     zählen die Leute aus dem Tier-
parden elegant. Die Lamas bli-           Aus der „B. Z.“                                            park, die unter Schock standen,
cken senil und lüstern, ein paar                                                                    Dempewolf, die Lehrlinge, die
Gehege weiter turnt ein Ara                                                                         Damen von der Kasse. Ade, Til
krächzend und zeternd am Draht-                                                                     Schweiger. Es flossen Tränen.
käfig herum. Schulkinder wetzen durchs unbestechlich, unverstellt; darin liegt ihre         Allein der Professor blieb gelassen.
Gelände. Der Teich wird gerade vergrößert ungeheure Schönheit.                              So sei es eben in der Natur. Ein Unfall,
und ausgeschachtet, hier soll ein Flamingo-    Eulenberger weiß allerdings auch, dass    Pech. Den Gedanken, einem anderen
gehege entstehen – man hat große Pläne, man, um einen Tierpark bekannt zu ma-            Kaninchen die Ohren abzuknipsen, weist
dahinter steht ein Mann, der hier aufwuchs, chen, etwas bieten muss. Die Leute sind      Eulenberger von sich. So was habe man
dann auswärts Karriere machte, jetzt aber, eben so. Verwöhnt. Ein flauschiger Eisbär     nicht nötig. Til liegt in der Tiefkühltruhe,
im Ruhestand, zurückgekehrt ist: Prof. Dr. ist Gold wert. Ein schielendes Opossum.       eingewickelt in eine weiß-rote Plastiktüte.
med. vet. Klaus Eulenberger, Anfang sieb- Oder ein Krake, der Fußballtore vorher-        Er soll ausgestopft werden.
zig, lange Jahre oberster Tierarzt im Leip- sagen kann. Eine Story, darum geht’s.           Ohne den Keinohrhasen-Trubel, er-
ziger Zoo, beste Kontakte in alle Zoos der     Am 27. Februar gab es im Kaninchen-       zählt Eulenberger, wäre Til ohnehin nur
Welt, Vorsitzender des Fördervereins. Für stall des Tierparks einen Wurf: sechs Jung-    ein kurzes Leben beschert gewesen, nor-
die Pfleger, Handwerker, Lehrlinge im tiere, nackt, blind. Für das Tier war es           malerweise enden Kaninchen als Futter
Tierpark ist er „der Professor“.             der erste Wurf. Wahrscheinlich hatte es,    für die Leoparden. Mindestens einmal in
   Eulenberger ist der pragmatische Typ. unerfahren, beim Ablecken des Frucht-           der Woche brauchen die Raubkatzen
Er weiß, dass die Tiere zwar in den Augen wassers dem ersten Neugeborenen die            Ganztiernahrung, kein schönes Wort,
der Besucher edel oder knuddelig oder Löffel abgebissen. Ein halbwegs wasch-             aber so ist es nun mal.
wunderschön sind; doch nichts, sagt er, echter Keinohrhase; auch wenn es sich,                                                       RALF HOPPE

                                                 D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                      51
Gesellschaft


                                                      FORTPFLANZUNG




                                                Papa Ed
 Ed Houben ist ein privater Samenspender aus Maastricht, der auch in Deutschland
           tätig ist. 82 Kinder hat er schon, 10 sind unterwegs. Er möchte
  kinderlose Frauen glücklich machen – und sich selbst. Von Barbara Hardinghaus


A
        uf dem Weg zu Kind Nummer 83 such“ heißt Geschlechtsverkehr mit einer wie über ein gutes Backrezept, und er ist
        tritt Ed Houben in die Ankunfts- Frau, die er aus dem Internet kennt, von der Meisterbäcker. In seinen Augen sind
        halle D im Flughafen Berlin-Schö- spermaspender.de. Ed Houben ist Samen- die Regeln einfach. Aber eigentlich sind
nefeld. Er trägt eine Outdoor-Hose mit spender, er schenkt Frauen seinen Samen, sie komplizierter. Es ist kein einfacher
Seitenklappen, einen Fleecepullover und in 80 Prozent der Fälle, sagt er, auch ein Weg, der Weg für kinderlose Frauen zum
einen Rucksack, in dem eine Trinkwas- Kind. „Das ist meine Erfolgsquote.“               Kind.
serflasche steckt. „Hallo“, sagt er mit vier-   Zehn der Frauen, die er schon zu Müt-     „Donogene Insemination“ heißt das,
fach betontem „l“, seinem niederländi- tern gemacht habe, seien Ärztinnen. Ge- was offiziell in deutschen Arztpraxen und
schen Akzent. Er marschiert gerade auf bildet, das findet Ed Houben, Historiker, Fruchtbarkeitskliniken praktiziert wird,
die Bushaltestelle zu. Er will sich beeilen, 42, wichtig. Und gesund, das auch.         also „das direkte Einbringen von Samen-
die „Wunschmama“ geht                                                                               zellen eines unbekannten
früh schlafen, und sie haben                                                                        Spenders in die Gebärmutter
noch etwas vor.                                                                                     einer Frau mit dem Ziel, un-
   Eigentlich reist Ed Houben                                                                       gewollte Kinderlosigkeit zu
schon lange nicht mehr zu                                                                           überwinden“.
den Frauen. Eigentlich kom-                                                                            Ein Heft mit Richtlinien
men die Frauen zu ihm. Aber                                                                         „zur Qualitätssicherung in
es gibt Notfälle wie diesen,                                                                        Deutschland“ umfasst 36 Sei-
11. Zyklustag, also zwei Tage                                                                       ten. Es stammt von Ärzten,
vor dem Eisprung, und die                                                                           die meisten sind Inhaber ei-
Wunschmama hat nieman-                                                                              ner Samenbank, etwa ein
den für die Katzen.                                                                                 Dutzend gibt es in Deutsch-
   Sie wartet in einer kleinen                                                                      land.
Wohnung am anderen Ende                                                                                Die Praxis dort ist kurz ge-
der Stadt. Sie hat das Luft-                                                                        sagt so: Die Wunscheltern
bett im Wohnzimmer auf-                                                                             sind heterosexuell, am besten
geblasen und schöne Unter-                                                                          verheiratet, sie bleiben dem
wäsche angezogen.                                                                                   Spender unbekannt. Der
   Ed Houben sitzt oben im                                                                          Spender, so wollen es die
Doppeldeckerbus, Linie X7,                                                                          Richtlinien, ist nicht älter als
vorn. Drei Kinder hat er                                                                            vierzig, er wird mehrfach
schon in Berlin, die anderen                                                                        untersucht, sein Sperma ent-
                                                                                                    STOCK RM / F1ONLINE




79 leben in anderen Städten,                                                                        spricht den „Mindestanfor-
anderen Ländern, in den Nie-                                                                        derungen“ in zehn Punkten.
derlanden, in Belgien, Spa-                                                                         Die „praktische Durchfüh-
nien, Italien und Neuseeland.                                                                       rung“ wird dokumentiert,
Ihre Namen, Geburtsdaten Menschliche Spermien: 100 Millionen pro Milliliter, darauf ist er stolz das Dokument 30 Jahre auf-
und Geschlechter hat Hou-                                                                           gehoben.
ben zu Hause in eine Excel-Tabelle ein-         Keine Drogen, kein HIV. Keine Hepa-        Die Samenbanken verlangen 3000 bis
getragen. Das älteste Kind ist fast neun titis B und C, keine Syphilis, keine Go- 4000 Euro pro Behandlung und zahlen
Jahre alt, das jüngste Kind zwei Monate. norrhö oder sonstige Geschlechtskrank- den Spendern, meist sind es Studenten,
Er wirft noch ein Pfefferminzbonbon heiten. Keine Chlamydien, also Bakte- knapp hundert Euro pro Portion.
nach, gähnt. „So langsam kommt das rien. „Das sind meine Bedingungen.“ Als                 Ein halbes Jahr dauert es bis zum
Schlafhormon durch“, sagt er, „aber Beweis verlangt er ein Gesundheitszeug- ersten Versuch. 1400 Frauen werden,
schlafen geht noch nicht.“                    nis und schickt selbst auch eins. Und ein so Schätzungen, jedes Jahr in Deutsch-
   In Rudow steigt er um in die U-Bahn. Spermiogramm vom Arzt.                          land durch offizielle Samenspenden
Am Hermannplatz stoppt der Zug, er              Das Spermiogramm zeigt seine Sper- schwanger.
muss wieder in einen Bus, Schienener- madichte. Weniger als 20 Millionen pro               Andere reisen ins Ausland, zu Kliniken
satzverkehr. Das kostet Zeit. Er sieht auf Milliliter Ejakulat bedeuteten „keine gu- in Spanien oder England, wo es einfacher
die Uhr, kurz vor 23 Uhr. „Da ist gleich ten Chancen“. Bei 80 bis 100 Millionen ist, wo es weniger Anforderungen gibt,
keine Gelegenheit mehr für Romantik.“ sind die Chancen besser. Er selbst hat 100 wo die Samenbanken gern auch lesbische
   Für den Abend ist noch ein Versuch Millionen, „oder 110 Millionen“, er lä- Paare als Kundinnen annehmen oder al-
geplant, für den Morgen ein zweiter. „Ver- chelt. Er spricht laut, frei durch den Bus, leinstehende Frauen.
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NORBERT MICHALKE / DER SPIEGEL
Spender Houben in Berlin: „Da ist gleich keine Gelegenheit mehr für Romantik“

   Wieder andere schreiben eine Mail           Ed Houben selbst sagt, was er mache,       Brötchen und Kaffee. „Wollen wir dann
nach Maastricht, zu Ed Houben, wo es sei das Natürlichste der Welt, in der Land-          mal rübergehen ins Schlafzimmer?“, sag-
so gut wie keine Anforderungen gibt. Er wirtschaft nennt man es „Natursprung“,            te sie dann.
ist die Lösung für diejenigen, die kein also Nachzucht auf die biologisch vorge-             Wie viele Versuche er in seinem Leben
Geld, keine Zeit, keine Chance haben, sehene Art.                                         schon hinter sich hat, weiß Ed Houben
den offiziellen Weg zu gehen.                  Aus dem Bus steigt er wieder in eine       nicht. Er trifft jeden Monat 10 bis 15 Frau-
   Es interessiert den Gesetzgeber nicht, Bahn, er fährt noch ein paar Stationen          en. Es fing an, als er 29 war, keine Freun-
wie in Deutschland ein Kind gezeugt und verschwindet dann mit strammem                    din hatte und sich eine Familie wünschte.
wird. Wie viele Kinder jemand bekom- Schritt über einen Gehweg in die Berliner            Er hörte, dass es anderen auch so ging,
men darf, ist nicht beschränkt. Ed ist der Nacht.                                         Paaren sogar. Denen, sagt er, wollte er
Erzeuger einer Großfamilie, was er tut,        Am nächsten Tag sitzt er zu einer Art      helfen.
ist nicht strafbar. Trotzdem lebt er mit ei- Mittagspause in einem Café und trinkt           Ed Houben fuhr in eine niederländi-
nem Risiko.                                  eine heiße Schokolade. Er ist noch müde.     sche Fruchtbarkeitsklinik und gab Samen
   Zwischen ihm und den Frauen gibt es „Ach, das war eine kurze Nacht“, sagt er.          ab. Er gab nach und nach so viel davon,
Vereinbarungen, die besagen: keine Er ist 1,90 Meter groß, schwer und schläft             dass es, nach vier Jahren, genug war für
Rechte, keine Pflichten. Keine Unter- nicht gut auf Luftbetten. Der erste Ver-            25 Kinder. Danach musste er aufhören,
haltszahlungen. Sollte es aber eine Frau such am Abend musste ausfallen. Er ist           so wollte es das Gesetz. Aber so wollte
geben, die sich das anders überlegt, eine halbe Stunde zu spät angekommen,                er es nicht. Er wollte weitermachen. Er
warum auch immer, hätten diese privaten durch den Schienenersatzverkehr.                  reiste in eine andere Klinik, nach Belgien.
Abmachungen vor einem Richter kei-             „Da war die Wunschmama nicht froh“,        Am Abend beschäftigte er sich weiter mit
nerlei Wert. Ed Houben müsste zahlen sagt Houben. „Also versuchen wir es heu-             seiner neuen Mission, er saß vor dem
für das Kind, in den ersten drei Jahren te tagsüber zweimal.“                             Computer, und im Internet fand er eine
sogar für die Mutter. Der Nachwuchs            Den ersten Versuch, sagt Ed, hatten sie    Seite für Lesbenpaare mit Kinderwunsch.
selbst kann Unterhalt einfordern, irgend- am Morgen. Houben musste früh aufste-              Was war eigentlich mit denen?
wann, wenn er älter ist, wenn er eine hen. Die Wunschmama fütterte die Kat-                  In Kleinanzeigen boten sich ihnen Män-
Stimme hat.                                  zen und machte Frühstück. Es gab frische     ner an. Hans, 28, sportlich. Ed Houben
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Gesellschaft

fand das plump. Die meisten Männer
wollten Geld, sie wollten anonym bleiben.
Er hingegen fand, dass jedes Kind das
Recht habe, schon früh zu erfahren, wer
sein Vater sei, und nicht erst, wenn es
volljährig ist und sein Recht einklagen
kann. Er schrieb den Frauen lange Briefe.
   Vor fast neun Jahren, so erzählt er in
dem Berliner Café, wurde er das erste
Mal Vater, ganz bewusst. Um das Kind
zu zeugen, war er in die Nähe von Ams-
terdam gereist. Er nehme kein Geld von
den Wunscheltern, sagt er, nur das Geld
für die Fahrt. 130 Euro zahlt ihm die
Wunschmama aus Berlin für den Bus und
die Flüge, plus Kreditkartenaufschlag. Sie
verpflegt ihn auch. Während er erzählt,
macht sie zu Hause Champignoncreme-
Suppe und strammen Max mit Salat, zum
Mittagessen.
   Um 14 Uhr muss er wieder da sein. Er
zieht seine Uhr an einer silbernen Kette
aus der Seitentasche seiner Outdoor-
Hose. Etwas Zeit hat er noch.
   Er erzählte damals seinem Bruder vom




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Kind bei Amsterdam. Auch seiner Schwes-
ter. Sie waren älter, „Alt-Hippies“, „An-
archos“, so nennt er sie. Sie beglück-
wünschten ihn. Er tue etwas Gutes, sag-
ten sie ihm, etwas wie Blutspenden. Er,                                                   Spendersamen in einer Reproduktionsklinik
Ed, verhalf anderen zum Leben.
  „Am Anfang hatte ich nur niederländi-
sche Frauen mit Bechermethode“, sagt er.         Sie tut vieles, von dem sie glaubt, dass   Sie forschte im Internet, sie erwischte
   Er unterbricht seine Erzählung, die Zeit es die Chancen erhöhe. Nach jedem zunächst nur Sexseiten. Dann stieß sie
ist um. Nach dem Mittagessen ist der Versuch bleibt sie 15 Minuten auf dem auf die Seite spermaspender.de und
zweite Versuch eingeplant.                     Rücken liegen, sie trinkt keinen Alkohol, klickte sich durch die Profile der Männer.
   Einen Tag später kommt eine blonde isst besser, mehr Fett, auch mal ein Eis.             Gerhard, 1,83 Meter, 40, Haarvolumen:
Frau in ein anderes Berliner Café, die Sie wählt die „natürliche Methode“, also voll; Brillenträger: ja; Spende überregio-
Wunschmama. Sie setzt sich und bestellt Sex, mit Männern, die Samen spenden nal möglich: ja; Methode: natürlich;
einen Tee.                                     wollen.                                    Familienstand: gebunden. Anzeigentext:
   Die Frau ist blond, hat große braune          „Das sehe ich ganz pragmatisch“, sagt Hallo ich helfe sehr gerne und unkompli-
Augen, schmal, sie trägt eine dicke Strick- sie. Sie hat Regeln für den Sex. Sie küsst ziert.
mütze, weil sie schnell friert. Sie ist zu ei- den Mann, das ja. Sie zieht schöne Un-       Oder: markus1976, 1,72 Meter, 35, Haar-
nem Gespräch bereit, solange ihr Name terwäsche an, aber keine sehr schöne. volumen: voll; Körperform: Bauchansatz.
nicht bekannt wird.                            „Und ich wichs ihm keinen und blas ihm       Sie entschied sich für einen Polizisten,
   Sie wirkt leicht, beschwingt. Ob es ge- auch keinen“, sagt sie. Am Ende unter- höhere Laufbahn, zwei Kinder, Gesund-
klappt hat, ob sie schwanger ist, weiß sie                                                heitszeugnis. Aber der wollte immer,
natürlich noch nicht, „man hat kein Ge-                                                   auch an Tagen, an denen sie nicht frucht-
fühl“, sagt sie. In zwei Wochen weiß sie    „Gerhard, 1,83 Meter,                         bar war, auf Parkplätzen. Das machte sie
mehr, an Zyklustag 28, wenn ihre Regel
eintritt oder nicht. „Die Zeit bis dahin ist
                                            Brillenträger: ja, Methode:                   skeptisch.
                                                                                            Sie traf noch einen Architekten, der
immer wie fliegen“, sagt sie.               natürlich“ – so werben                        schwitzte zu stark. Und einen Salsa-Tän-
   Sie sieht dann hoch, lächelt scheu und
sagt: „War gestern noch echt stressig.“     Männer für sich im Netz.                      zer, der war nicht zuverlässig. Sie machte
                                                                                          ein Jahr Pause und legte schließlich ihr
   Der erste Versuch am Morgen, sagt                                                      eigenes Profil an, „Kleopatra“. Es melde-
sie, sei ganz gut verlaufen. Aber am hält sie sich noch mit dem Mann, in den te sich Ed Houben aus Maastricht, mit ei-
Nachmittag, beim zweiten Versuch mit 15 Minuten auf dem Rücken.                           nem langen Brief.
Ed, sei es gar nicht mehr gelaufen. Sie          Sie kennt die Zeiten und Wege. Sie ist     Ed war anders. Ihn traf sie das erste
sagt ein paar Sätze, sie alle sollen be- Molekularbiologin, mit Doktortitel, sie Mal im Dezember, seitdem alle vier Wo-
schreiben, was schiefgelaufen ist. Zuletzt arbeitete lange in den USA. Sie hat in chen. Ed war zuverlässig, Ed war warm-
sagt sie: „Er ist halt nicht mehr in Form ihrem Leben schon kompliziertere Ab- herzig, Ed sprach gut über die Liebe. Das
gekommen.“                                     läufe erforscht, an Proteinen, sie kennt kannte sie nicht, nicht von anderen Spen-
   Seit fünf Jahren wünscht sie sich ein sich aus mit Codierungen und DNA-Se- dern, nicht von früheren Freunden und
Kind. Im Laufe der Zeit ist sie zur Exper- quenzen.                                       nicht einmal von ihren Eltern.
tin geworden. „Manche sagen, man solle           Sie hatte einige Freunde, aber sie woll-   Seit sie Ed kennt, geht sie in keine Dis-
ja auch nicht zweimal am Tag. Aber zwei- te früher nie Kinder. Dann war sie 30 Jah- cos mehr und sucht keinen Lebenspartner
mal bedeutet, das Sperma ist fünf Stun- re alt, wollte Kinder, hatte aber keinen im Internet. Sie sucht einen neuen Job
den länger im Körper.“ Das erhöhe die Freund. „Wartest du jetzt, bis der Richtige oder wartet auf Ed. Sie lebt ihr Leben im
Chancen.                                       vorbeikommt?“, fragte sie sich.            Rhythmus ihrer fruchtbaren Tage.
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Seiner Mutter erzählte er nichts. Nach
Künstliche Befruchtung                                                                           dem Abendessen fuhr er zu den Frauen,
in Europa für ...                                                                                zuerst lebten sie in der näheren Umge-
                                                                                                 bung, er verschwand in einem Zimmer,
                GROSSBRITANNIEN          NIEDERLANDE
                                                                                                 kam mit einem gefüllten Becher heraus,
   ... hetero-                                                                                   übergab den Becher, fuhr wieder zurück
    sexuelle                                                            DÄNEMARK
                                                                                                 und legte sich stumm in sein Zimmer.
        Paare
                                                                                                    2004 dann traf er auf ein Paar, er Nie-
... lesbische                                                                                    derländer und unfruchtbar, sie Südame-
        Paare                                                                                    rikanerin. Die beiden machten ihm klar,
                                                                                                 dass sie keinen Becher wollten. Sie
  ... Single-                                                                                    wünschten sich Intimität und Gefühle für
     Frauen                                                                                      ihr Kind, wenn es entstehen würde, das
                                                                        TSCHECHIEN
Anonymität                                                                                       sagte ihm der Ehemann. Dessen Frau lehr-
des Samen-                                                                                       te Ed, damals 34, was Leidenschaft ist.
  spenders                                                                                          Von nun an war es für Ed Houben auch
                                                                                                 gut ohne Becher. Es verblüffte ihn, denn
   Quelle: Max-Planck-Institut
   für ausländisches und                                                                         auch andere Wunschmamas wollten Sex
   internationales Strafrecht                                                                    mit ihm, Lesben und heterosexuelle Frau-
                                                                        ÖSTERREICH               en, deren Männer einverstanden waren,
                                         SPANIEN                                                 die zusahen, spazieren gingen oder fern-
                                                                                                 sahen, während es geschah.
                                                                                                    2005 erzählte er es dann auch seiner
                                                                                                 Mutter, sie entgegnete ihm nicht viel,
                                                                                                 2007 zog sie aus, in ein Haus mit Fahr-
                                                                                                 stuhl. Seitdem kommen die Frauen zu Ed
                                                                                                 Houben nach Hause und schlafen im Gäs-
  DEUTSCHLAND                                                                                    tezimmer, seinem alten Kinderzimmer.
  Keine eindeutige gesetzliche Regelung. Künstliche Befruchtung üblicherweise nur für hetero-       Er wäscht jetzt selbst die Wäsche, seine
  sexuelle Paare in dauerhafter Beziehung. Keine garantierte Anonymität des Samenspenders.       Mutter bügelt nur noch die Hemden und
                                                                                                 kommt zum Putzen. Zwei- oder dreimal
                                                                                                 in der Woche fährt er zu ihr zum Essen,
  „Ed ist so problemlos, den merkt man             Vater, ein Schuhverkäufer, hatte seine        er hatte sie früher nie umarmt, mittler-
gar nicht“, sagt sie. Nur gestern, am Nach-        Mutter gerade verlassen. Sein Bruder          weile kann er es. An den anderen Tagen
mittag, gab es dann doch das Problem.              war gestorben, mit 22, er hatte Multiple      hat er meist Besuch von den Frauen oder
Sie wusste, er würde den Flug zurück um            Sklerose. Als sie ihn bestattet hatten und    Paaren.
18 Uhr nehmen müssen, sie hörte die                alle weg waren, ging Ed noch einmal zu-          In der Küche steht Christiane aus Ber-
Kirchturmglocken schlagen, es war 16               rück zu ihm an den Sarg und schwor sich,      lin. Sie macht Wirsing mit Hackfleisch.
Uhr. Sie entschied sich um, für den Be-            nie wieder diesen Schmerz fühlen zu           Sie ist 42, ihre Frau, 32, wartet im Gäste-
cher, das ging schneller. Sie wickelte den         wollen.                                       zimmer, sie will sich nicht zeigen.
vollen Becher in ein Handtuch, stellte ihn            Es waren die Menschen, die in ihm             Die beiden sind das erste Mal nach
warm, auf die Heizung, fuhr mit dem                Schmerz auslösen konnten, weil er sie         Maastricht gekommen. Sie waren spät
Fahrrad in die Apotheke, kaufte eine               verlieren könnte. Also versuchte er von       dran, Zyklustag 13, letzter Tag, letzte
Spritze „für die Aufzucht von Hamstern“,           nun an, andere Menschen zu meiden.            Chance. Sie haben nur einen Versuch un-
sagte sie. Sie fuhr zurück, „ich habe mir             Er schwänzte die Schule, er wollte zu      ternommen, am ersten Abend.
das ganz langsam eingeführt und zugese-            Hause bleiben, seine Mutter schrieb ihn          Christiane hackt Zwiebeln. Sie war
hen, dass ich selbst noch einen Orgasmus           krank. Er war ein dickes Kind, Realschü-      schon einmal verheiratet, sie hat bereits
bekomme“.                                          ler, er ging zum Militärdienst und machte     ein Kind. Seit fünf Jahren versuchen sie
   Auch das erhöhe die Chancen.                    die Buchhaltung für die Reparatur von         und ihre Frau es mit einem gemeinsamen
   Da war Ed längst weg, zurück zum                Lastwagen. Er wurde Zeitsoldat, war sta-      Kind. Sie haben ein schönes Zuhause, sie
Flughafen, nach Maastricht, in seine klei-         tioniert in Deutschland, kehrte zurück        würden gern ein Kind adoptieren, sagt
ne Siedlung mit den Backsteinhäusern,              nach Maastricht, studierte Geschichte,        Christiane, aber die Chancen für lesbi-
wo er die Treppen hinaufstieg bis ins drit-        arbeitete als Fremdenführer für die Stadt     sche Paare sind schlecht.
te Obergeschoss links, Wohnung 8 C. Er             und lebte weiterhin bei seiner Mutter. Bis       Eine Samenbank wollten sie nie. Auch
erwartete am Abend noch Gäste, ein Les-            zu diesem Zeitpunkt hatte Ed Houben           sie wollen, dass das Kind früh weiß, wer
benpaar aus Aachen. Die Methode: nach              noch nichts in seinem Leben getan, wo-        sein Vater ist. Sie haben zuerst im Freun-
Absprache.                                         mit er aufgefallen war.                       deskreis nachgefragt, in der Schwulensze-
   Zwei Tage später öffnet er die Tür. Das            Und wenn er Frauen traf, waren sie für     ne, im Schwul-lesbischen Verein. Sie fan-
Lesbenpaar aus Aachen ist noch da, Ed              ihn wie aus einer anderen Welt, Bedro-        den auch Männer, aber es war schwierig.
läuft vor ins Wohnzimmer und legt sich             hung und Ikone zugleich. Frauen wollten       Sie bezahlten Medikamente, Vitamine für
zurück auf die Chaiselongue vor den                gutaussehende, sportliche Jungs, keinen       sie. Zuletzt trafen sie einen schwulen
Fernseher.                                         wie ihn.                                      Mann, 45, „der wirklich auch Vater sein
   Auf einem Sideboard steht ein digitaler            An der Uni hatte Ed manchmal auf Par-      wollte“, sagt Christiane. Eineinhalb Jahre
Fotorahmen. Im Zweisekundentakt wech-              tys im Vollrausch geknutscht, mehr nicht.     versuchten sie alles mit ihm, Becher-
seln die Gesichter seiner 82 Kinder.                  Eigentlich hatte er also keine Erfahrun-   methode, Arztmethode, Reagenzglas. Zu-
  „Doris, Elias, Emily, Emily, Finn“,              gen, als er sich im Jahr 2002 auf den Weg     letzt stellte sich heraus, dass sich nur noch
spricht Ed mit.                                    zu den Frauen machte, die sich nach ei-       20 Prozent seiner Spermien bewegten.
   In die Wohnung ist er 1979 mit seiner           nem Kind sehnten, wie er sich nach den           Sie und ihre Frau sind jetzt schlauer,
Mutter gezogen, da war er zehn. Sein               Frauen sehnte.                                aber auch pleite. 20 000 Euro haben sie
                                                         D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                             55
Gesellschaft

                                                                                                                            Vietnamesin, und es gibt Frauen, die wol-
                                                                                                                            len ein Geschwisterkind, so wie Pia, die
                                                                                                                            schon ein Kind hat von Ed. Max ist zwei-
                                                                                                                            einhalb Jahre alt, Kind Nummer 59.
                                                                                                                               Sie heißt nicht wirklich Pia, auch sie
                                                                                                                            möchte anonym bleiben. Sie ist 40, sie
                                                                                                                            lebt in einer großen Stadt in Deutschland,
                                                                                                                            sie hatte nur kurze Beziehungen, nach
                                                                                                                            spätestens acht Monaten rastet sie immer
                                                                                                                            aus. In den Kreißsaal ging sie mit ihrem
                                                                                                                            Bruder und ihrem Vater. Sie besuchte Ge-
                                                                                                                            burtsvorbereitungskurse, extra für Sin-
                                                                                                                            gles. Den Schwangerschaftstest kaufte sie
                                                                                                                            bei Schlecker. Zu Ed Houben nach Maas-
                                                                                                                            tricht war sie nur ein einziges Mal gereist.
                                                                                                                            Sie wollte den Becher und allein sein. Im
                                                                                                                            Gästezimmer legte sie sich ein Kissen un-
                                                                                                                            ter den Po, sie machte sich Musik an und
                                                                                                                            Kerzen. „Ich wollte mir selbst ein Kind
                                                                                                                            machen“, sagt sie. Dieses Kind holt Pia
                                                                                                                            jetzt jeden Tag von der Kita ab.
                                                                                                                               Seit Max’ Geburt hat sie allerdings
                                                                                                                            auch fast jeden Tag mit dem Jugendamt
                                                                                                                            zu tun. Sie bezieht Arbeitslosengeld, und
                                                                                                                            den Unterhalt, den eigentlich der Vater




                                                                                             EXCLUSIVE PIX / ACTION PRESS
                                                                                                                            zahlen müsste, bekommt sie vom Jugend-
                                                                                                                            amt. Wenn herauskäme, dass ihre An-
                                                                                                                            gaben nicht richtig sind, müsste sie das
                                                                                                                            Geld zurückzahlen, und ihr würde eine
                                                                                                                            Strafanzeige drohen wegen „Leistungs-
                                                                                                                            betrugs“.
Werbung für dänische Samenbank: Schon gibt es Aufklärungsbücher für Spenderkinder                                              Die Ämter prüfen das. Pia musste an-
                                                                                                                            geben, mit wem sie alles Sex hatte in dem
ausgegeben für den Wunsch, ein Kind zu ner jungen Frau mit langen braunen Haa-                                              Jahr vor Max’ Geburt. Mitarbeiter aus
haben. Also bleibt nur noch Ed Houben. ren, einer hübschen Spanierin, „meine                                                der Unterhaltsstelle nehmen Kontakt auf
Der hat sich von seiner Chaiselongue in Freundin“, sagt Ed.                                                                 zu den Männern. Sie arbeiten wie De-
sein Arbeitszimmer bewegt. Im Regal ste-       Er betrachtet sie eine Weile und sagt:                                       tektive.
hen Geschichtsbücher, auf dem Schreib- „Ja, die war auch mal eine Wunschmama.“                                                 Pia lebt mit dieser Lüge, weil sie das
tisch kleine Figuren, eine schwangere          Ed kennt sie seit drei Monaten. Sie ist sei-                                 Geld braucht, aber auch das Kind. Sie
Frau in Miniatur.                            ne dritte Freundin. Auch die beiden Freun-                                     sagt, sie sei glücklich wie noch nie. Es
   Er fährt den Rechner hoch. Er liest aus dinnen davor waren Wunschmamas. Die                                              störe sie nicht, dass das Kind 82 Halbge-
der Excel-Tabelle mit den Namen vor. Für erste kam nicht klar mit dem, was er tut.                                          schwister hat. Es störe sie auch nicht, dass
jedes Jahr hat er die Gesamtzahl neu er- Die zweite hat ihn verlassen, einfach so. Da                                       Ed so viele Frauen hatte. „Er gibt jeder
mittelt. 2011: elf Geburten. Gesamt: 45 hatte Ed das erste Mal Liebeskummer.                                                einzelnen das Gefühl, einzigartig zu sein“,
Mädchen, 35 Jungs. Das ist seine Bilanz.       Seitdem er Samenspender ist, erlebt                                          sagt Pia. Wenn ein anderes Kind Max
   Von zwei Kindern kennt er das Ge- Ed Houben Dinge, die sonst Teenager er-                                                fragt, wo sein Papa sei, antwortet er nicht.
schlecht nicht. Die Mütter haben es nicht                                                                                      Zu Hause hat Pia ein Buch für Max,
mitgeteilt. Ihr Vater fragt auch nicht nach.                                                                                ein Aufklärungsbuch für Kinder ab vier
Das ist der Deal, mündlich vereinbart. Es     20 000 Euro haben sie für                                                     Jahren, sie sehen da ab und zu schon mal
gibt keine Ansprüche, auf beiden Seiten.
   Die meisten Mütter wollen Kontakt.
                                              ihren Kinderwunsch schon                                                      hinein. Das Buch handelt von einer
                                                                                                                            Mama, die keinen Mann hatte, die aber
Sie schicken Briefe und Fotos zu Weih-        ausgegeben. Jetzt bleibt                                                      einen freundlichen Mann kannte, der der
nachten. Ed Houben schreibt nicht zu-
rück, das wäre zu teuer. Auf dem Klo          nur noch Ed Houben.                                                           Mama seinen Samen gab.
                                                                                                                               Einmal im Jahr besuchen Pia und Max
hängen zwei Kinderkalender. Für den                                                                                         ihren freundlichen Mann. Der freundliche
digitalen Fotorahmen hat er einen Trick leben. Den ersten echten Sex, die erste                                             Mann hat dann ein Lokal in Maastricht
entwickelt, um sich die Namen der Kin- Leidenschaft, die erste Trennung. Und er                                             gemietet und all seine Kinder eingeladen.
der besser zu merken, und die Bilder al- lernt, dass es nach dem Schmerz weiter-                                               15 Kinder kamen beim letzten Treffen,
phabetisch sortiert.                         geht. Als 42-Jähriger holt er nach, was er                                     im Mai saßen sie alle auf einer Terrasse
   „Im Moment sind zehn Frauen schwan- früher verpasst hat.                                                                 zusammen. Ed hatte ein Geschenk für je-
ger“, sagt er und schließt die Tabelle. Er     „Meine Freundin sagt, dass mich das,                                         des Kind, einen kleinen Ball.
geht noch schnell auf die Internetseite was ich tue, nur interessanter mache“,                                                 Pia sagt, Max sei einmal zu Ed gegan-
spermaspender.de. Er findet ein neues sagt er. Sie besuche ihn bald wieder. Noch                                            gen, mit langsamen Schritten, dabei sei
Gesuch. Er setzt den Namen in eine leere hat es bei ihr mit einem Kind nicht ge-                                            er eigentlich gar kein mutiges Kind. Max
Mail, kopiert seinen Brief hinein und klappt.                                                                               hat sich für einen kurzen Augenblick zu
drückt auf „Senden“, während er spricht.       Denkt er daran aufzuhören? Für sie?                                          Ed auf den Schoß gesetzt, zu „Papa Ed“.
Er schließt den Browser, schließt alle         „Nein“, sagt Ed, zögert, „vielleicht.“                                       Dann sind sie wieder gefahren.
Fenster in seinem Computer. Auf der            Er sieht im Moment kein Ende. Im Mo-                                            Max hat das Kinn wie Ed, rund und
Oberfläche flackert nur noch das Bild ei- ment steht er noch in Kontakt mit einer                                           mit einer Delle, wie alle seine Kinder. Er
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hat die Füße wie Ed, groß, auch wie alle
Kinder. Die Augen sind meistens die der
Mutter. Die Kinder sind noch klein. Sie
werden wachsen, mit jedem Jahr mehr
Fragen stellen, und sie werden Antwor-
ten wollen. Vielleicht wollen sie mehr
Nähe irgendwann, mehr Liebe. Oder
Unterhalt.
   Hat er nie Angst?
  „Wovor?“, fragt er.
   Dass sie eines Tages alle vor der Tür
stehen?
  „Dann hätte ich das so gewollt“, sagt
er. Und wenn sie alle Geld wollten von
ihm, dann hätte er es gar nicht. Hat er ja
auch nicht, für 84 Kinder. Oder mehr.
   Ed sitzt am Abend in einem Grill-
restaurant im Zentrum von Maastricht,
er trägt ein grünes T-Shirt mit der Auf-
schrift „POLIZEI“, vor ihm liegt ein Ein-
Kilo-Steak, er schneidet zufrieden daran
entlang, „Mmmmmh“, sagt er und nimmt
einen Schluck Rotwein. Er wischt sich die
Hände an einer Stoffserviette ab, er
kratzt sich mit dem Daumen flüchtig über
den dicken Bauch. Sein Gewicht störe ihn
nicht, sagt er, nicht mehr. Victoria, Johan-
na, sie alle sagten, er sei schön, wie er ist.
Von den Frauen, die ihn besuchen,
wünscht er sich mittlerweile, dass sie sei-
ne Leibspeise kochen, Fleisch auf jeden
Fall, das ist neu.


Er lässt sich jetzt vorher
Fotos schicken, er
will neuerdings keine
dicken Frauen mehr.
   Es ist auch neu, dass er den Frauen
nicht mehr die Stadt zeigt. Er ist nicht
mehr die ganze Zeit zu Hause, wenn sie
da sind. Er lässt sich Fotos schicken, er
will neuerdings keine dicken Frauen
mehr, keine zu großen. In 75 Prozent der
Fälle hat er Sex mit den Frauen.
  „Meine Freundin meint, ich sei ein Ma-
cho“, sagt er. Er spricht als Nächstes über
Stellungen, die „Missionarsstellung“ und
das „Chinesische Puzzle“. Es gibt Betrei-
ber von Internetforen, die ihn einladen,
in die USA, als Experten für privates Sa-
menspenden.
   Er redet, schneidet Fleisch, redet.
„Mmmmmh“, sagt er. Er wirkt wie im
Rausch. Als er aufgegessen hat, sieht er
auf sein Handy. Er findet eine Antwort
von der Website spermaspender.de. Die
Frau, der er am Nachmittag eine Nach-
richt geschickt hat, hat geantwortet. Sie
schreibt, sie würde ihn gern besuchen.


               Video: Besuch bei Ed Houben
               Für Smartphone-Benutzer:
               Bildcode scannen, etwa mit
               der App „Scanlife“.

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Gesellschaft




      HANNOVER
                           Warte nur, bald
                           ORTSTERMIN: In Hannover präsentiert eine Messe den Umbau
                           Deutschlands zur Altenrepublik.


D
         as Alter ist ein ferner, seltsamer schaft, dass sie den Besucher fast augen-     ganzen Haus verteilt, registriert mittels
         Planet, es gibt dort fürsorgliche blicklich erschöpfen. Diese Ausstellung        im Boden eingelassener Sensoren, ob der
         Roboter, mitdenkende Möbel, macht außerdem: Angst.                               Bewohner gestürzt ist, und alarmiert ge-
künstliche Robben und die saugkräftigs-          Auf Plakaten, in Prospekten stehen be-   gebenenfalls die Ambulanz.
ten Windeln der Welt. Wer dahin will drohliche Zahlen: 2035 wird jeder dritte                „Im Alter“, hat Schopenhauer mal ge-
oder muss, also jeder irgendwann, soll Deutsche über 60 Jahre alt sein. In we-            sagt, „verlässt uns Liebe, Scherz, Reise-
erst mal nach Hannover. Hier, auf der nigen Jahrzehnten wird die Zahl der                 lust und Tauglichkeit für die Gesell-
Fachmesse „Altenpflege 2012“, trifft sich Pflegebedürftigen von heute 2,4 auf über        schaft.“ Hightech, so das Versprechen der
die Pflegewirtschaft und zeigt, was die 4 Millionen steigen. Im Jahr 2030 werden          Pflegewirtschaft, kann vieles davon er-
Zukunft bringt. Wie sie sich das vorstellt 200 000 Pflegekräfte fehlen. Bis in 15 Jah-    setzen. Der alte Mensch, das Mängel-
mit der überalternden Gesellschaft. Wie ren muss Deutschland 2,5 Millionen Woh-           wesen, ist technisch optimierungsfähig.
man alte Menschen glücklich machen und nungen alterstauglich machen, weil die                „Was maunzt die denn so komisch?“
dabei Geld verdienen kann.                    Leute nicht mehr ins Heim, sondern zu       fragt eine Messebesucherin am Stand
  „Zeig mir das Spiel Soli-                                                                                 D.26 in Halle 4, sie hat
taire“, sagt der Mann zur                                                                                   ein weißes Wollknäuel im
Maschine.                                                                                                   Arm. Paro, die interakti-
  „Ich starte Solitaire“,                                                                                   ve Betreuungsrobbe, hat
antwortet der Roboter.                                                                                      das Gewicht eines Säug-
   Auf einem Bildschirm                                                                                     lings, und wenn man sie
auf seinem Bauch er-                                                                                        streichelt, fiept und stram-
scheint das Spiel Solitaire.                                                                                pelt sie normalerweise
Jetzt könnte der alte                                                                                       freudig. Ein Schlag aufs
Mensch am Touchscreen                                                                                       Köpfchen, und sie guckt
ein Spiel spielen, das nicht                                                                                enttäuscht. Jetzt aber hat
zufällig Einzelgänger heißt.                                                                                sie ein „internes Bedürf-
   Am Stand des Fraunho-                                                                                    nis“, wie der Verkäufer
fer-Instituts demonstriert                                                                                  sich ausdrückt, und muss
                                                                                                MICHAEL LÖWA / DER SPIEGEL




ein junger Mitarbeiter den                                                                                  an die Steckdose, Akku
Pflegeroboter „Alias“, was                                                                                  leer.
für „Adaptable Ambient                                                                                         Paro soll vor allem für
Living Assistant“ steht.                                                                                    Demenzkranke das echte
Der Android, noch nicht                                                                                     Haustier ersetzen, sie kos-
marktreif, reicht Erwachse-                                                                                 tet 4800 Euro. „Schade,
nen bis zur Brust und hat             Betreuungsrobbe Paro: Fiepen, strampeln                               dass das Ding so teuer ist“,
die Figur von Barbamama.                                                                                    bemerkt die Besucherin.
Er suche „den Dialog mit                                                                                   „Man kann Paro auch lea-
Alleinlebenden“, sagt der                                                                                   sen“, sagt der Mann.
Mitarbeiter: „Der Partner ist gestorben – Hause bleiben wollen. Die Richtung ist             Der Umbau Deutschlands zur Alten-
Einsamkeit. Das soll der Kerl verhindern.“ klar: Immer mehr Alte sollen von immer         republik birgt ein gewaltiges Marktpoten-
Alias kann nicht nur Medikamente dosie- weniger Personal immer länger in den ei-          tial, auf 60 bis 70 Milliarden Euro Umsatz-
ren und das Fernsehprogramm aufsagen, genen vier Wänden gepflegt werden.                  volumen pro Jahr wird die Pflegebranche
er kann mittels Stimmanalyse auch erken-         Also muss man automatisieren. Und        schon heute geschätzt. Alles muss schwel-
nen, dass der seufzende alte Mensch auf fernüberwachen.                                   lenlos und altentauglich gemacht werden,
dem Sofa traurig ist. Dann sagt er viel-         Das „Aufstehbett“ der Firma Göhler       Hunderttausende Häuser, ganze Nahver-
leicht: „Hey, Herr Entzelmann, rufen Sie wird mittels Knopfdruck vom Bett zum             kehrssysteme, auch Spielplätze, das ist die
doch mal Ihre Tochter an!“ Oder er wählt Sessel und erinnert an die mutierenden           Entwicklung der letzten Jahre. Statt nur
die Nummer gleich selbst. Alias ist der Science-Fiction-Figuren aus „Transfor-            für Kinderspielplätze produziert die Firma
Star der Messe. Am Eröffnungstag hat mers“. Der „Schrank-Butler“ von Häfele               Richter jetzt auch für „Generationen-Ak-
sich Bundesgesundheitsminister Daniel fährt die oberen, für Rollstuhlfahrer un-           tiv-Parks“, auf Illustrationen sieht man
Bahr mit ihm fotografieren lassen.            erreichbaren Fächer automatisch auf Knie-   fröhliche ältere Herrschaften über Wackel-
   650 Aussteller kämpfen auf 60 000 Qua- höhe herunter. Ein intelligenter Sessel         brücken wackeln und auf wetterfesten
dratmetern in vier riesigen Hallen gegen misst permanent Herzrhythmus und Blut-           Xylophonen musizieren, alles vandalis-
den Tod. Seltsame Slogans schwirren vor- druck des Sitzenden und informiert wenn          musresistent. Und so, mit dem Greis auf
bei: „Mobile Pflegedokumentation via nötig die medizinische Überwachungs-                 der Schaukel, schließt sich der Lebens-
Cloud-Computing“, „Der Mensch im zentrale. Der Elektrorollstuhl „Scooter                  bogen, neigt sich am Ende alles wieder
Wachkoma als pflegerische Herausforde- M35“ von Mobilis, „ideal für den Innen-            zum Anfang hin, der alte Mensch als
rung“, „IT-Lösungen für den Sozial- bereich“, lässt sich mit einer Hand bedie-            Kleinkind, abhängig, schutzlos, verspielt.
markt“. Fachmessen haben die Eigen- nen. Die Notruftechnik „sens@home“, im                                                   GUIDO MINGELS

                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                59
Titel




                          „Mein Herz hüpft“
Heimat ist mehr als schöne Landschaft und Filmkitsch. Heimat ist ein Hochofen, ein
     Dorf mit Schornsteinen, ein weißes Zimmer, ein Smartphone, ein patrio-
tisches Gefühl, ein Chatroom, ein Mensch. Eine Spurensuche von Dirk Kurbjuweit




                                                                                            MAURICE WEISS / OSTKREUZ




Heimatidyll Berlin (Mauerpark): „Ich mag die Unsortiertheit, die Toleranz, die Subkultur“

60                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
A
        ls Freddie Röckenhaus mit dem         land. Röckenhaus war nicht wohl, als er       die den Bildern das Pathos nimmt, aber
        Hubschrauber über Deutschland         im Schneideraum saß, um die Bilder für        das hat nicht funktioniert, weil Musik und
        flog, geriet er in Schwierigkeiten.   die ZDF-Serie „Deutschland von oben“          Bilder nicht zusammenpassten. Schließ-
Er sah ein schönes Land, ein Land, das        auszuwählen.                                  lich hätten sie, sagt Röckenhaus, „hier
ihm vorkam, als würden die Deutschen            „Ich tauge nicht zum Patrioten“, sagt       und dort Ironie in die Texte gelegt“.
in Wäldern und Parks leben. Selbst die        Röckenhaus, 55, „und werde es ange-              In Wahrheit hat es nicht viel genützt.
großen Städte wirkten aus der Luft grün       sichts der Katastrophen, die Deutschland      In „Deutschland von oben“ sieht Deutsch-
wie Gartenanlagen. Berge, Flüsse, Seen,       in seiner Geschichte angerichtet hat, auch    land wunderbar aus, Städte, Industrien,
alles herrlich, fand Röckenhaus. Die In-      nicht mehr werden, das kriege ich nicht       Wälder und Wiesen in satten Farben. Rö-
dustrieanlagen zeigten aus der Höhe die       hin.“ Und nun sollte er den Zauber dieses     ckenhaus hat den Deutschen einen neuen
feine Struktur von Skulpturen. Schönheit,     Landes zeigen? Er sträubte sich. Er setzte    Heimatfilm beschert, der nicht weniger
Erhabenheit, zauberhafte Bilder. Gut für      sich mit Kollegen zusammen und suchte         Schönheit zeigt als seine fiktionalen Vor-
einen Filmemacher.                            nach einem Weg, wie das schöne Deutsch-       gänger aus den fünfziger und sechziger
   Aber konnte er das so zeigen? Durfte       land nicht ganz so schön rüberkommen          Jahren. Damit muss er nun leben, lebt
er das? Es ging schließlich um Deutsch-       würde. Sie versuchten es mit einer Musik,     aber ganz gut damit. Er mag ja sein Land,




                                                                                                                                           AKG




Heimatidyll Rügen (Gemälde von Caspar David Friedrich, um 1818): „Die Natur ergreift mich umso mächtiger, je mehr ich sie studiere“

                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                             61
MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
„Zukunftsdorf“ Haidenkofen: „Wenn ich in die Stadt fahre, bekomme ich Kopfschmerzen“

aber ein bisschen schwierig ist es halt umso mächtiger, je mehr ich sie studiere“,        noch immer verbunden. Und deshalb ist
auch, immer noch.                            schrieb der Dichter Friedrich Hölderlin.     es manchen ein verdächtiges Wort, es
   Heimat bleibt ein Thema für die Deut- Zwar waren die Romantiker Aufbruchs-             klingt ihnen nach nazihafter Deutsch-
schen, ein schwieriges Thema. Im Mai fanatiker, hatten aber bald Heimweh.                 tümelei oder nach Schmalz und Pathos.
kommt das Beste aus „Deutschland von „Wo gehen wir denn hin?“, fragte Novalis                Hat Heimat das verdient? Oder ist es
oben“ in die Kinos. Und Edgar Reitz, der und gab die Antwort selbst: „Immer nach          nicht Zeit, sich vom kollektiven Heimat-
die monumentale Trilogie „Heimat“ ge- Hause.“                                             begriff zu verabschieden, weil der als Kli-
dreht hat, arbeitet am vierten Teil, hat        Der deutschen Heimat fehlte damals        schee vergangener Zeiten praktisch keine
inzwischen aber Zweifel, ob dies der rich- die politische Gestalt, es gab viele kleine    Bedeutung mehr hat? Vielleicht zählen
tige Titel ist angesichts deutscher Verhält- Staaten, aber nicht den einen, der alles     in der modernen Welt vor allem indivi-
nisse. Er findet das Wort anrüchig: „Man zusammenhielt. So richteten sich große           duelle Heimatbegriffe, die in der Summe
würde sich mit ,Heimat‘ gern ein kleines Sehnsüchte auf den Nationalstaat, der            aber auch ein Bild von Deutschland erge-
Stück Unschuld erobern in unserer so erst 1871 entstand. Die Folge war ein über-          ben können.
befleckten nationalen Geschichte“, sagte schießendes Deutschtum, ein Heimatge-               Die Heimat des Einzelnen ist in ihrer
er dem philosophischen Magazin „Der fühl, das zugleich romantisch und aggres-             reduziertesten Form die Erinnerung an
blaue Reiter“.                               siv war. Die Deutschen liebten sich als      eine Kellertreppe, die knarzt, an den Ge-
   Dabei ist es ein schönes Wort. Zu Hau- Volk der Kultur, der Gefühlsseligkeit und       ruch eingekochter Marmelade, an den
se steckt darin, Heimeligkeit, Vertrautheit, der Naturverbundenheit, und sie verach-      Blick auf eine Wäschestange im Hinter-
Sicherheit, Geborgenheit, Kindheit. Wer teten Franzosen und Angelsachsen als              hof, an einen Satz, den der Vater immer
fern der Heimat ist, hat manchmal Heim- kühle Rationalisten.                              vor dem Abendbrot gesagt hat, an den
weh, weil er etwas vermisst. Warum also         Die Nazis trieben das auf die Spitze.     Weihnachtsbaum, an die Kindheit. Aber
kann man nicht nach Herzenslust Heimat Für sie wurde die bäuerliche Familie zu            da sich die Welt so rasend schnell verän-
sagen, Heimat lieben, Heimat vermissen? einem deutschen Ideal, das sich in dem            dert, gibt es womöglich ganz neue For-
   Kaum ein anderes der schönen Wörter Begriff „Blut und Boden“ ausdrückte.               men von Heimat.
ist so mit Vergangenheit aufgeladen wie Das dörfliche Prinzip, die Gemeinschaft,             Eine Reise sollte klären, was den Deut-
dieses, weshalb es wenig Chancen hat, dehnten sie auf die Nation aus. Die Deut-           schen dieser Begriff bedeutet, eine Reise
sich eine Gegenwart zu erobern. Es gibt schen sollten Volksgemeinschaft in ihrer          an sechs Orte und Gespräche mit zwölf
einen kollektiven Begriff von Heimat, der schönen Heimat sein.                            Menschen. Ihre Aussagen ergeben, auf
stark von der deutschen Geschichte ge-          Nach dem Krieg war Deutschland nicht      den Kern konzentriert, folgende Liste:
prägt ist. In den öffentlichen Debatten mehr schön, die Städte waren zermalmt,               Haidenkofen ist unsere Heimat, sagen
geht es vor allem um diesen Begriff.         die Familien dezimiert. Hier setzte in       Eva Gerl und fünf Gefährten.
   Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde den fünfziger und sechziger Jahren der               Dortmund ist meine Heimat, sagt Fred-
das Schöne vergöttlicht, zumal die schöne Heimatfilm an. Er zeigte Gefühlsüber-           die Röckenhaus.
Landschaft, wie sie in den Bildern von schwang im ländlichen Idyll und spendete              Mein Zimmer ist meine Heimat, sagt
Caspar David Friedrich zu sehen ist. Die den Deutschen Trost in ihrer hässlich ge-        Aylin Selçuk.
Romantiker waren ständig verliebt, wordenen Welt.                                            Altötting ist nicht meine Heimat, sagt
manchmal in eine Frau, meistens in deut-        All das ist in den kollektiven Heimat-    Andreas Altmann. Altötting ist meine
sche Landschaften, deutsche Seele, deut- begriff eingeflossen: Natur, Dorf, Familie,      Heimat, sagt Herbert Bauer.
sche Heimat, sie wollten ein einfaches, Schönheit, Gemeinschaft, Einfachheit.                Deutschland ist meine Heimat, sagt
aber gemütstiefes und sehnsuchtsreiches Die gute Familie im intakten Dorf in schö-        Claus Mauersberger.
Leben im Einklang mit der Natur. „Die ner Natur, dazu das Glockengeläut der                  Das Netz ist eine meiner Heimaten,
heimatliche Natur ergreift mich auch Kirchen – damit wird das Wort Heimat                 sagt Christian Heller.
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MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Dorfbewohnerin Gerl (M.), Nachbarn: „Da ist es schön, jeder hilft dir gleich“

   Die Reise beginnt mit der Frage, ob es treff. Am Tisch sitzt auch eine ehemalige           SPIEGEL-UMFRAGE
noch Orte gibt, an denen der klassische Deutsche Zuckerrübenkönigin, Christina                Heimat
Heimatbegriff gilt. Wo ist das schöne und Rominger, 23, die im Vorstand vom Frau-
intakte Dorf, das so idyllisch ist, dass es entreff ist.                                      „Was verbinden Sie vor allem mit dem
kracht? Eine Antwort sollte die Home-          Was ist Heimat für diese Menschen?             Begriff Heimat?“
page des Wettbewerbs „Unser Dorf soll Sie sagen: „Wenn man sich zu Hause
schöner werden“ liefern. Aber die gibt fühlt.“ – „Wenn man von jedem Men-                     Wohnort                33                            Familie
es nicht mehr. Der Wettbewerb trägt jetzt schen akzeptiert wird.“ – „Da ist es schön,
einen anderen Namen: „Unser Dorf hat jeder hilft dir gleich.“ – „Wo ich mich
Zukunft“. Das klingt nicht mehr nach Blu- wohl fühle.“ – „Wo ich herkomme.“ Der
                                                                                                                                       31 25
men, nach Fachwerk, nach Schönheit. Es Landwirt Albert Rominger, 57, sagt:                    Freunde        5
hat sich offenbar einiges verändert.        „Wenn ich in die Stadt fahre, bekomme                                12          18
                                            ich Kopfschmerzen.“
                                                                                              Deutschland                                    Geburtsort
                                               Die sechs erzählen die Geschichte der                                         27
„Haidenkofen ist                            intakten, innigen Gemeinschaft. Der erste                       zum Vergleich:
unsere Heimat.“                             Kern ist die Familie, Scheidungen gab es
                                            ewig nicht, der zweite Kern ist das Dorf.
                                                                                                            Emnid-Umfrage 1999

              Flaches Land, Kartoffel- Sie haben gemeinsam ein neues Spritzen-                64%      der Befragten gaben an, dass Heimat
              äcker, Rübenäcker, Getrei- haus gebaut, sie haben gemeinsam einen               im Zeitalter der Globalisierung für sie eher an
              defelder, in der Ferne zwei Holzsteg über die Laber gebaut, sie haben           Bedeutung gewonnen hat. 1999 sagten das
              Schornsteine. Der Weg gemeinsam eine Kegelbahn gebaut, sie                      nur 56%.
              nach Haidenkofen in der haben gemeinsam den ehemaligen Gast-
              Oberpfalz ist nicht gerade hof in ein Vereinshaus verwandelt, wo                „Bewerten Sie die folgenden Aussagen zum
              bezaubernd, und für das sie sich freitags und sonntags zum Stamm-               Thema Heimat auf einer Skala von 0 bis 10.“
Dorf gilt das Gleiche. Ein paar Bauern- tisch treffen und ein paar Halbe trinken.
                                                                                              0: stimme über-                         10: stimme voll
höfe, schlichte Häuser, Schnapsbrenne- Sie treffen sich in den Vereinen, sie tref-            haupt nicht zu                              und ganz zu
reien, zu denen die Schornsteine gehö- fen sich in der Kirche, sie feiern regel-                                          Durchschnitt:
                                                                                                                                        8,0
ren. Der Ort wirkt nicht herausgeputzt, mäßig Feste, sie sagen, dass sie sich sehr
sondern mit Bedacht belassen. Beim gut verstehen und dass es im Dorf nur                      Ist wichtig für ein Volk.
letzten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zu- eine Familie gibt, die sich absondert.                                                                7,8
kunft“ gewann Haidenkofen eine Gold- Macht aber nichts, sagen sie.                            Ist Teil meiner Persönlichkeit.
medaille.                                      Wenn einer der sechs gesprochen hat,                                                       7,4
   Auf die Frage, wie viele Menschen hier sagt der Nächste oft, dass er das genauso
                                                                                              Gibt mir Rückhalt und Sicherheit.
leben, sagt Eva Gerl: „Zwei sind gerade sieht. Sie nicken und sagen: So ist es. In
                                                                                                                    4,2
gestorben, also 97.“ Sie ist 58 Jahre alt dieser Runde tritt ihre Individualität hin-
und die Frau eines Bauern. Zu dem Ge- ter die Gemeinschaft zurück, und das ist                Ist eher Vergangenheit als Gegenwart.
spräch hat sie noch fünf andere Dorfbe- generell die Idee von Gemeinschaften.                                    3,6
wohner eingeladen, die alle herausgeho-        Ist Haidenkofen ein Idyll? „Ja“, sagt          Ist etwas für Romantiker.
bene Positionen in den Vereinen von Hai- der Landwirt Hermann Gerl, 60. „Na ja“,                      1,8
denkofen bekleiden, bei der Freiwilligen sagt seine Frau Eva.
Feuerwehr, bei der Jagdgenossenschaft,         Ihre Gemeinschaft klingt ein bisschen          Engt mich ein.         TNS Forschung am 27. und 28. März 2012;
                                                                                                                           1000 Befragte; Angaben in Prozent;
beim Fischereiverein und beim Frauen- nach Stress, als müssten sie ständig Farbe                                       an 100 fehlende Prozent: keine Angabe

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MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Lokalpatriot Röckenhaus: „Ich hatte mitunter das Gefühl, dass man mir das Recht abspricht, diese Heimat so zu lieben“

anrühren, Halbe trinken, Kuchen backen
und dabei immer dieselben Gesichter
                                              „Dortmund ist                                  beitete im schönen Hamburg beim Ma-
                                                                                             gazin der „Zeit“ und hatte Heimweh. Die
sehen. Aber man muss das Glück dieser         meine Heimat.“                                 anderen Städte erlebte er als Nicht-Dort-
Leute nicht dekonstruieren, nur weil                                                         mund und versuchte, so oft wie möglich
Erzählungen vom Glück dazu herausfor-                        Als Freddie Röckenhaus ein      in seiner Heimatstadt zu sein. In Ham-
dern. Das Dorf gibt, das Dorf nimmt, und                     Junge war, balancierte er       burg konnte er gegenüber Kollegen stun-
diese sechs Haidenkofener machen den                         auf riesigen Gasröhren von      denlang und zunehmend verzweifelt das
Eindruck, als gehe es ihnen gut in ihrer                     einem Stahlwerk zum ande-       Lebenswerte seiner Stadt preisen, das vie-
Heimat. Ihre Sorge ist nur, dass das Dorf                    ren. Manchmal überholten        le Grün, die herzige Verquatschtheit der
schrumpft. Die Älteren erinnern sich                         ihn Züge, die mit Schlacke      Menschen, die Ekstasen im Stadion von
noch daran, wie 150 Menschen in Hai-                         beladen waren. Er winkte        Borussia Dortmund, erntete aber nur die
denkofen lebten.                              den Lokführern zu, sie winkten zurück.         Arroganz jener Endzwanziger, die sich
   Haidenkofen stirbt allmählich aus, so      Was Röckenhaus von seiner Kindheit vor         das, was als cool gilt, gleich zur Heimat
wie ganze Landstriche in der Uckermark        allem in Erinnerung blieb, ist eine Energie,   machen. Nach wenigen Jahren zog er zu-
oder im Mansfelder Land. Gasthöfe und         die Energie einer Industriestadt, das Wum-     rück nach Dortmund. Nun dreht er Filme
Läden schließen, die jüngeren Menschen        mern und Fauchen an einem Hochofen,            und schreibt für die „Süddeutsche Zei-
ziehen weg, Kinder werden nicht gebo-         das Rumpeln der Werksbahnen, der rote          tung“ über die Borussia.
ren, kaum einer siedelt sich neu an. Das      Himmel beim Abstich am Abend, die Hit-            Es überrascht nicht, dass sich die Ka-
deutsche Leben verlagert sich mehr und        ze glühender Schlacke, der Rhythmus der        mera im ersten Teil der Serie „Deutsch-
mehr in die großen Städte. Aber das sind      Arbeitsschichten, die eine Stadt leeren        land von oben“ ziemlich bald Dortmund
nicht Orte für Gemeinschaften, sondern        und füllen, die Aura von Menschen, die         nähert. Sie kommt aus dem Himmel, und
für Individuen. All das, was in Haiden-       mit den großen Elementen arbeiten, Feu-        der Zuschauer fliegt gleichsam ins Sta-
kofen Heimat ist, Familie, Kirche, Verein,    er, Wasser, Luft, Erde.                        dion hinein, wo gerade die Borussia spielt
verliert an Bedeutung.                           Wenn Freddie Röckenhaus von seiner          und, wie schön, ein Tor schießt. Von die-
   Gleichzeitig scheint die Sehnsucht nach    Heimatstadt erzählt, dann geht es um Lie-      sem Ereignis kommt der Sprecher irgend-
dem Landleben zu wachsen. Knapp               be. Das wirkt ein wenig seltsam, wenn          wie auf die Entstehungsgeschichte deut-
890 000 Menschen kaufen alle zwei Mo-         man auf den deutschen Begriff von Hei-         scher Städte am Beispiel Dortmunds. Das
nate die Zeitschrift „Landlust“, die eine     mat geeicht ist, weil dessen Zentrum die       folgt weniger einer Logik als dem Lokal-
der erfolgreichsten Neugründungen der         Schönheit ist, das Idyll. Röckenhaus liebt     patriotismus von Röckenhaus.
letzten Jahre ist. Doch zeigt sich darin      das Hässliche, aber das sieht er natürlich        Mit ihm durch Dortmund zu fahren ist
nicht der Wunsch nach Rückkehr zur Ge-        nicht so. Das Herrliche seiner Kindheit        allerdings keine Jubeltour. Er zeigt auch
meinschaft, sondern der Wunsch nach ei-       war, sagt er, dass ihn einerseits die Ener-    auf hässliche Häuser und erzählt, dass
ner ländlichen Individualität. Es geht vor    gie einer Stahlstadt auflud, dass er ande-     ihm lieber wäre, hier lebten mehr Leute,
allem darum, für sich selbst eine stilvolle   rerseits gleich im Grünen war, wenn er         mit denen er geistigen Austausch pflegen
Heimeligkeit zu schaffen. Heimat ist dann     die Wohnung verließ. Tatsächlich ist das       könnte. Im Kreuzviertel, wo bürgerliche
eine Frage der Ausstattung von Haus und       Ruhrgebiet auch eine grüne Region. Stahl-      Häuser stehen, sagt er, hier sehe es doch
Garten, sie wird käuflich.                    werke, Häuser, Wälder, Zechen, Felder,         aus wie in Hamburg-Eppendorf, und das
   Ohne reale Basis drückt der kollektive     Kokereien, Parks bildeten hier früher ein      kann vielleicht nur er so sehen.
Heimatbegriff nur noch aus, was schön         Mosaik. Inzwischen sind Zechen und                Er fährt durch die Emschermulde,
wäre, würde man anders leben wollen.          Stahlwerke aus Dortmund verschwunden.          rechts das Stadion, links ein Park, und
Aber die Mehrheit will nicht anders              Freddie Röckenhaus studierte im schö-       dann hält er vor zwei Hochöfen, die ein-
leben.                                        nen Münster und hatte Heimweh. Er ar-          sam dastehen, ohne Stahlwerk, ein rosti-
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MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Deutschtürkin Selçuk: „Istanbul ist die Stadt, die ich vermisse, der Wirrwarr, das Hupen“

ges Geschlängel, das eine Hässlichkeit        nen Teil meiner Identität, Istanbul ist die    sein kann, aber viele sahen eine Türkin
zeigt, die sich bei längerem Hinsehen in      Stadt, die ich vermisse, der Wirrwarr, das     in ihr. Und dann sah sie die eben selbst.
Schönheit verwandeln kann. Röckenhaus         Hupen, das Rauschen des Wassers, die              Selçuk wurde hellhörig, wenn über
sagt hier, dass es anstrengend war und        Gerüche des Essens. Dort kann ich aus          „Prügeltürken“ geredet wurde, sie fand
ist, ein Dortmunder zu sein, dass er im-      dem Sachlichen rauskommen und rein             nicht mehr, dass Türken nur selbst schuld
mer kämpfen muss um Verständnis für           ins Emotionale, aber nicht zu sehr. Ich        sind, wenn ihr Leben in Deutschland nicht
diese Liebe und dass es manchmal weh          muss dann auch bald wieder weg, zurück         gelingt, sie fand auch, dass es ihnen
tut, dieses Verständnis nicht zu finden.      in die deutsche Ordnung.“ Ihr Zimmer           schwergemacht werde. Als sie 18 war, tat
Er hatte mitunter das Gefühl, „dass man       liegt in Berlin, in Wilmersdorf, in der        sie etwas sehr Deutsches und gründete ei-
mir das Recht abspricht, diese Heimat so      Wohnung ihrer Eltern. Sie beschreibt es        nen Verein. Er heißt „DeuKische Genera-
zu lieben“.                                   als „klar und minimalistisch“, ein Riesen-     tion“, also die Generation, die zugleich
   Das liegt am normativen Charakter,         bett, ein Riesenschrank, alles weiß.           deutsch und türkisch ist. Der Verein küm-
den dieser Begriff in Deutschland hat. Hei-      Beim Wort Heimat denke sie sofort an        mert sich um die Integration junger Men-
mat muss für jedermann ersichtlich schön      ihr Zimmer, sagt Selçuk. Es ist die unver-     schen, sie sollen Deutsche werden können,
sein. Dabei hat sie vor allem mit den Prä-    fänglichste Heimat, die sie hat. Alles an-     sollen sich einfügen in diese Gesellschaft,
gungen der Kindheit zu tun. Den einen         dere ist ein bisschen kompliziert.             ohne ihre türkische Identität preiszugeben.
heimelt ein fauchender Hochofen an, den          Aylin Selçuk, 23, Studentin der Zahn-          Der Anteil von Menschen mit Migra-
anderen ein liebliches Alpental. Röcken-      medizin, trägt eine Bluse im Leoparden-        tionshintergrund liegt in Deutschland der-
haus’ Leben war und ist auch ein Aufbe-       look, eine Lederjacke und ein Herz am          zeit bei einem Fünftel, und er wird weiter
gehren gegen die deutsche Heimat-Norm.        Hals. Ihre Sonnenbrille steckt in ihrem        wachsen. Diese Menschen haben zum
   Als er kürzlich las, dass Dortmund im      Haar. Früher war sie Türkin, dem Pass          Teil andere Sehnsuchtsorte als deutsch-
vergangenen Jahr um 1400 Einwohner ge-        nach jedenfalls. Ihre Eltern sind als Ju-      stämmige Deutsche – Istanbul, die Sahara,
wachsen ist, freute er sich unglaublich.      gendliche eingewandert.                        den Urwald von Vietnam, Mumbai, den
Freddie Röckenhaus steht vor den beiden          Bis sie 17 war, tat Aylin Selçuk alles,     Kaukasus. Und wenn sie trotzdem ein
toten Hochöfen, eine Hand liegt auf sei-      um nicht Türkin zu sein. Wenn zu Hause         Heimatgefühl zu Deutschland entwickeln,
ner Brust, und aus seinem Lächeln strahlt     über Deutsche und Türken geredet wur-          dann ist es wahrscheinlich anders als das
großes Glück, aber auch die alte Verle-       de, bezog sie stets die Seite der Deut-        von Eva Gerl oder Freddie Röckenhaus.
genheit, ausgerechnet Dortmund zu lie-        schen. Sie sagte, ihr Ursprung sei italie-     Es mischt sich mit der Art, wie eine tür-
ben. „Mir hüpft das Herz, ehrlich gesagt“,    nisch, wenn sie wegen ihrer Haarfarbe          kischstämmige oder russlanddeutsche Fa-
sagt er.                                      und ihres Teints nach ihrer Herkunft ge-       milie lebt. Auch das macht den kollekti-
                                              fragt wurde. Das heißt, zunächst sagte         ven Heimatbegriff absurd.
                                              sie, sie sei aus Berlin. Aber dann folgte         Einmal war Aylin Selçuk halb weg aus
„Mein Zimmer ist                              meist die Frage: Woher wirklich? Sie hass-     Deutschland. Das war, als Thilo Sarrazin
meine Heimat.“                                te das. Wirklich aus Berlin, fand sie, fin-
                                              det sie immer noch.
                                                                                             seine kruden Thesen über Einwanderer
                                                                                             verbreitete. Sie machte ein Praktikum in
              Im Zimmer von Aylin Sel-           Sie bekam einen deutschen Pass, aber        England, um herauszufinden, ob sie dort
              çuk hängen zwei Bilder, die     man fragte sie weiterhin nach ihrer Her-       leben könne. Aber dann sagte der dama-
              Istanbul zeigen. Selçuk sagt    kunft. Sie spielte Klavier, spielte Handball   lige Bundespräsident Christian Wulff, der
              dazu: „Istanbul ist die         im Verein, wurde Klassenbeste, wurde           Islam gehöre zu Deutschland. „Wulff hat
              Stadt, die mich am meisten      das fleißigste, ordentlichste und struktu-     mich zurückgeholt“, sagt Selçuk, „das ist
              fasziniert, die mich an mei-    rierteste Mädchen unter der Berliner Son-      mein Land, mein Bundespräsident, habe
              ne Identität erinnert, an ei-   ne, wurde also so deutsch, wie man nur         ich nach seiner Rede gedacht.“
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MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Heimatmensch Bauer: „Barocktheater in Vollendung“

                                             fand das grässlich, Herbert Bauer fand        rüchige“ Bilder zeigt, sagt er: Wandel
„Altötting ist meine                         es wundervoll.                                muss sein.
Heimat.“ – „Altötting ist                       Er leitet heute das Wallfahrts- und Ver-
                                             kehrsbüro und ist Vorsitzender vom Oet-
                                                                                              Seit Jahrzehnten liest Bauer, was sein
                                                                                           ehemaliger Kornett geschrieben hat. Alt-
nicht meine Heimat.“                         tinger Heimatbund, sein Büro liegt am         mann war lange Reporter, nun ist er Rei-
                                             Kapellplatz. Ein Kreuz hängt über der         seschriftsteller, ein Mann des Abenteuers.
               Als Herbert Bauer, 58,        Sitzecke, auf dem Schreibtisch stehen         Bauer bewundert das, Altmann war und
               Hilfskornett bei den Pfad-    Weihnachtsmänner, und Bauer trinkt sei-       ist sein Altöttinger draußen in der Welt,
               findern von Altötting war,    nen Kaffee aus einer Tasse, die ein Foto      obwohl sie keinen Kontakt miteinander
               hatte er einen Kornett über   zeigt, auf dem er sich vor Papst Benedikt     hatten. Das Buch über das Altöttinger
               sich, den er bewunderte,      XVI. verneigt.                                Scheißleben hat er in einem Zug wegge-
               vier Jahre älter und „ein        Von seiner Jugend in Altötting erzählt     lesen, und er sagt, dass er „nachvollzie-
               Pfundskamerad“, sagt Bau-     Bauer so begeistert wie Röckenhaus von        hen“ kann, was Altmann empfindet. Es
er. Er war einmal zu Hause bei dem Kor-      seiner Jugend in Dortmund. Das „Wall-         sei tatsächlich übermäßig autoritär zuge-
nett, in einem großen Haus, das Bauer        fahrtsgeschehen“, sagt er, habe ihn ver-      gangen damals in Altötting.
als düster empfand, als abweisend, die       zaubert, die Pilgerscharen, das ständige         Als Altmann im Oktober 2011 zu einer
Stimmen hallten, er hörte irgendwo Tü-       Glockenläuten, Kreuze, Kerzen, festliche      Lesung nach Altötting kam, ging Bauer
ren aufgehen, zugehen. Ihm war ein biss-     Mienen, die großen Gottesdienste, an de-      hin. Danach sprach er Altmann an. „Es
chen unheimlich.                             nen er selbst beteiligt war, „das war Ba-     war durchaus herzlich“, sagt Bauer, „aber
   Kürzlich, rund 50 Jahre später, hat       rocktheater in Vollendung“, sagt Bauer.       da ist auch ein Kleinstadtbürger auf einen
Bauer ein Buch seines ehemaligen Kor-        Er fand es „ergreifend“, Altötting hatte      Kosmopoliten getroffen.“ Warum er das
netts gelesen, Titel: „Das Scheißleben       für ihn eine Menge Energie.                   so sieht? „Altmann hat mir dieses Gefühl
meines Vaters, das Scheißleben meiner           Als Bauer 16 war, kam ihm seine Hei-       gegeben.“
Mutter und meine eigene Scheißjugend“.       mat zu eng vor. Er ging nach München,            Bauer? „Ich weiß nicht genau, viel-
Andreas Altmann, 62, hat dieses Buch         es war die Zeit von 68, er ließ sich durch    leicht ein ehemaliger Mitschüler von mir.“
geschrieben, ein Heimatbuch mit negati-      das turbulente Schwabing treiben, war         Andreas Altmann sitzt in einem Café in
vem Vorzeichen, ein schwarzer Gesang.        bald sozialistisch gesinnt und besuchte ei-   Erlangen, wo er gleich eine Lesung hat.
Altmann hasst seinen Vater, hasst Alt-       nen Stammtisch der Jusos. Später machte       Seine Heimat? Ganz sicher nicht Altöt-
ötting, hasst die Lehrer und die Pfaffen.    er eine Karriere in der Tourismusbranche,     ting. Das Wort löst wieder diesen schwar-
Sein Vater war von solcher Bosheit, dass     kam viel herum in der Welt und dachte         zen Gesang aus, diesmal mündlich. Da
sich die Mutter in die Hosen machte,         gern an Altötting zurück. Als er Vater        wird gehasst, gerächt, gedanklich auf Grä-
wenn sie seine Stimme hörte. Für den         wurde und sich fragte, wie seine Kinder       ber gepisst, da entsteht ein Panoptikum
Sohn gab es Prügel, Missachtung und          aufwachsen sollten, endete er bei dem         von Jasagern, Betschwestern, Kindesmiss-
Lieblosigkeit. Die Lehrer und Pfarrer hat    Gedanken: so wie ich. Die Familie zog         brauchern. Wenn Altmann redet, bricht
Altmann nicht viel anders erlebt. Der        nach Altötting.                               Unruhe aus, er spricht laut, schreit manch-
Wallfahrtsort Altötting war seine Hölle,        Sein Leben, sagt er, habe einen „schö-     mal, sein Gesicht zeigt große Mienen, oft
Heimat als Grauen.                           nen Bogen“ gemacht. Bauer ist nun kon-        Abscheu, er zieht die Ärmel seines Pul-
   Es ist neun Uhr morgens, ein Mönch        servativ, aufgeklärt konservativ. Er geht     lovers über seine Hände, schiebt sie zu-
eilt über den Kapellplatz, die ersten        in die Kirche, aber nicht jeden Sonntag.      rück, zieht erneut.
Pilger und Touristen betrachten die Vo-      Ihm gefällt, dass Altötting nicht mehr von       Altmann lebt in Paris, er hat dort eine
tivbilder an der Gnadenkapelle, die          der CSU beherrscht wird; die Freien Wäh-      Wohnung, aber er sagt, dass er an keinem
Händler sortieren ihre Kerzen, Marienfi-     ler stellen derzeit den Bürgermeister. Das    Abend zu Hause ist. Wenn er nicht große
guren und Kreuze. Kirchtürme ringsum,        Internet hilft ihm, aus Altötting geistig     Reisen macht, macht er kleine, in Paris,
Glockengeläut, Altötting ist die Verdich-    herauszukommen, und den Leuten, die           für einen Abend, eine Nacht, er zieht los,
tung des Katholischen. Andreas Altmann       sich aufregen, wenn die Stadtgalerie „an-     ins Kino, ins Café, er sagt, dass es in sei-
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MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Heimathasser Altmann: „Was machen die Leute immer zu Hause?“

nem Viertel zwei Cafés gibt, die 24 Stun-       Nicht-Orten ab, an Flughäfen, in Hotels, dens für die Dorfbewohner gesunken
den offen sind. „Was machen die Leute           Konferenzräumen. Sie sind auf Flüchtig- sind. Das Internet hat die Provinz aus
immer zu Hause?“, fragt Altmann. „Mei-          keit eingerichtet und nicht zu unterschei- ihrer Abgeschiedenheit geholt. Dem mei-
ne Heimat ist da, wo es hell ist, wo Frauen     den, weshalb sie nicht Heimat sein kön- lensammelnden Kosmopolitismus der
sind, die meine Nähe mögen, wo es in-           nen. Heimat braucht Dauer, und Heimat Losgelösten steht ein stationärer Kosmo-
ternational zugeht.“                            ist spezifisch. In den Metropolen domi- politismus der Gebliebenen gegenüber.
   Bauer spricht langsam, leise, er spricht     niert die Architektur internationaler Spit-   Als der Weltreisende Andreas Altmann
so gelassen, als sei er versöhnt mit allem.     zenarchitekten, Norman Foster, I. M. Pei, nach der Lesung in Altötting mit dem
Es wäre ein bisschen platt zu behaupten,        Frank Gehry, Herzog & de Meuron, San- sesshaften Internetnutzer Herbert Bauer
dass das gute Heimatgefühl Bauer zu ei-         tiago Calatrava. Sie schaffen die neuen sprach, tat er das noch im „Duktus des
nem gelassenen Menschen gemacht hat,            Sehenswürdigkeiten, die man überall an- Vorsprungs“, wie Sloterdijk diese Art der
das schlechte Heimatgefühl Altmann zu           trifft und die kaum noch die Geschichte Arroganz genannt hat. Doch der Vor-
einem unruhigen. Altmann weiß aber              des Ortes repräsentieren. In den Innen- sprung ist nicht mehr groß.
selbst, welches Gewicht Altötting für sein      städten dominieren Hennes & Mauritz
Leben hat: „Der Ort repräsentiert alles,        und McDonald’s, und zwar überall in der
was ich nicht will, deshalb ist er so wichtig   Welt. Heimelig wird es einem dort nicht.     „Deutschland ist
für mich.“
   Bauer führt ein Heimatleben, Altmann
                                                   Der Globalisierungsnomade, der nicht
                                                nur reist, sondern sich niederlassen kann,
                                                                                             meine Heimat.“
ein Heimatgegenleben und damit auch             muss nach zwei Jahren weiterziehen,                      Er sagt das wirklich so,
ein Leben, das die Heimat geprägt hat.          nächster Aufbruch, nächster Job, nächste                 schnell und klar, ohne groß
Die Heimat ist eine enorm starke Macht,         Stadt. Ein paar Beziehungen aufgebaut,                   zu überlegen, es kommt
der kaum zu entkommen ist.                      dann geht es schon weiter. Zurücklassen                  aus ihm raus, weil er es so
   Altmann ist ein extremes Beispiel für        als Lebensform. Das Kontinuum in dieser                  empfindet. Auf die Frage,
den „Losgelösten“, wie das in der Sozio-        Rastlosigkeit ist das Smartphone. Zu ihm                 was seine Heimat sei, sagt
logie heißt. In der modernen Welt sind          hat man ständig Kontakt, es beherbergt                   Claus Mauersberger aus
Aufbrüche häufig gewünscht oder not-            die Bilder der Lieben, kann von überall Luckenwalde: „Deutschland ist meine
wendig. Man verlässt sein Dorf, weil man        her die Verbindung zur Heimat herstellen Heimat.“
anderswo bessere Chancen für sich sieht.        und hält das Wissen, das man als Nomade       Aus zwei Gründen kommt das überra-
Man verlässt sein Land aus dem gleichen         braucht, jederzeit parat. Über den Navi- schend. Erstens hat niemand sonst auf
Grund. In der globalisierten Welt sollen        gator und Apps wie „AroundMe“ kennt dieser Reise spontan mit ähnlichen Wor-
die Menschen besonders flexibel sein, mo-       man sich überall aus. Wer sein Smartphone ten auf diese Frage geantwortet. Zweitens
bil sein, sie sollen ihre Heimaten jederzeit    verliert, ist so hilflos wie ein Kind, das hätte Mauersberger vor 25 Jahren einen
hinter sich lassen können, räumlich wie         nicht nach Hause findet. Es ist die trans- ganz anderen Satz gesagt, diesen nämlich:
geistig oder moralisch.                         portable Heimat der globalisierten Welt. „Die DDR ist meine Heimat.“
   Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt         Der Rest ist Sehnsucht. Da im Leben        Mauersberger, 61, wurde in Sachsen ge-
in seinem Buch „Im Weltinnenraum des            der Unermüdlichen kaum eine neue Hei- boren, aber „die Partei, obwohl ich nicht
Kapitals“: „In ihrem Fortgang sprengt die       mat entstehen kann, bleibt die Kindheit in der Partei war“, schickte ihn 1975 für
Globalisierung Schicht für Schicht die          der Ort, der die melancholischen Gedan- drei Jahre nach Luckenwalde, südlich von
Traumhüllen des bodenständigen, des ein-        ken bindet. Heimweh wird zum epidemi- Berlin. Dort werde er gebraucht, als Leh-
gehausten, des in sich selbst orientierten      schen Gefühl, dem leider keine Erlösung rer. Im Regen kam er dort an. „Alles war
und aus Eigenem heilsmächtigen Kollek-          winkt. Beherrschbar ist das nur, wenn grau und irgendwie deprimierend, muss
tivlebens.“                                     man es genießt. Für Fernweh dagegen ich sagen“, sagt er. Aber nach den drei
   Die Globalisierung mutet ihren Noma-         gibt es Linderung, dank des Internets. Vir- Jahren fand er Luckenwalde gar nicht so
den Aufbrüche ohne Ankünfte zu. Das             tuell ist nun jede Reise möglich, weshalb schlecht und blieb. Als 1989 die Mauer
Leben spielt sich zum großen Teil an            die Gefahren des verdummenden Ermü- fiel, war das für Mauersberger in Ord-
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MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Patriot Mauersberger: „Die DDR ist ja größer geworden für mich“

nung, auch wenn er sein Leben in der          sagt dazu einen Satz, der noch überra-         drüberflog für seinen Film, glimmte plötz-
DDR annehmbar fand.                           schender kommt als der andere: „Die            lich ein bisschen Heimatgefühl auf, aus
   Mauersberger sagt, dass er dazu neige,     DDR ist ja größer geworden für mich.“          der Distanz.
das Gute zu sehen. In der DDR sei der         Man kennt das eher umgekehrt. Die Bun-            Nur zwölf Prozent der Deutschen se-
Zusammenhalt gut gewesen, die Solida-         desrepublik soll größer geworden sein          hen in ihrem Vaterland zuerst die Heimat.
rität. Nachdem die Mauer gefallen war,        durch Einverleibung der DDR.                   Da kann man eigentlich entspannt sein.
hätten die Leute angefangen, ihre Ellen-         Was Mauersberger meint, ist: Die DDR        Auch wenn sich Rechtsradikale des Wor-
bogen zu benutzen. Ihm gehe es aber           war seine Heimat, und jetzt will er das Hei-   tes gern bemächtigen, ist es nicht im Mas-
auch in seinem neuen Land gut.                matgefühl, das er gegenüber der DDR hat-       sengebrauch, um einen neuen Nationa-
   Claus Mauersberger trägt ein olivfar-      te, auf ganz Deutschland übertragen. Er        lismus auszudrücken. Wenn einer sagt,
benes Polohemd, auf das jemand „Claus“        hat da wirklich dran gearbeitet, er zog los,   Deutschland sei seine Heimat, so wie
gestickt hat, über dem Herzen. Er spricht     erst nach West-Berlin, dann in die Pfalz,      Claus Mauersberger, ist es oft nur ein wei-
langsam, macht Pausen, denkt nach.            nach Passau, an den Bodensee, nach Hel-        terer individueller Heimatbegriff, nicht
Auch Luckenwalde ist seine Heimat, er         goland, nach Rothenburg ob der Tauber,         schlimm also.
ist 1991 dem Heimatverein beigetreten,        nach Mallorca. Er hatte das gut erkannt:
und nun sieht er mit Trauer, wie die Leute    Wer sich Deutschland als Heimat erschlie-
wegziehen. Seit der Wende ist die Bevöl-      ßen will, muss nach Mallorca fliegen.          „Das Netz ist eine
kerung um 6000 geschrumpft, auf 20 000.
   Die Straßen sind hübsch renoviert,
                                                 Mauersberger las die westdeutschen Zei-
                                              tungen wie ein Ethnologe, der einen neuen
                                                                                             meiner Heimaten.“
aber leer, bei McTina’s Schlemmerwelt         Stamm kennenlernen will, und mit der                          Christian Heller, 27, wäre
sind die Rollläden heruntergezogen, wohl      Zeit hat er sich sein neues Deutschland                       es lieber, man würde die


                                                                                               @
schon seit Monaten. Aus einem Haus            zur Heimat gemacht. Er findet die Land-                       Schuhe ausziehen, aber er
hängt eine Fahne von Borussia Dort-           schaften schön, die Städte schön, die Poli-                   nimmt es hin, dass man sie
mund. Das Herz von Freddie Röckenhaus         tik interessant, die Menschen nett, vor al-                   anlässt, nachdem ihm versi-
würde hüpfen, wenn er das sähe. Es gibt       lem die Bayern. Aber enttäuscht ist er auch.                  chert wurde, sie seien nicht
in Luckenwalde offenbar eine größere          Er erarbeitete sich den Westen als neuen                      schmutzig. Nach dieser Be-
Sehnsucht nach anderen Heimaten. Eini-        Teil seiner Heimat, aber er traf nicht auf     grüßung führt er in ein Zimmer, in dem
ge Geschäfte stehen leer, es werde oft ge-    Westler, die sich den Osten erarbeiteten.      an einer Wand ein Poster mit der Auf-
wechselt, sagt Mauersberger bei einem            Ein Teil davon ist Ignoranz, ein anderer    schrift „Texas Chainsaw Massacre“ hängt.
Rundgang.                                     vielleicht ein skeptisches Verhältnis zur      Das Fenster ist verdunkelt, zwei giganti-
   Ein Teil des Lebens in Dörfern und         Nation. Mauersberger konnte Deutsch-           sche Mehrfachstecker verteilen Strom auf
Kleinstädten verlagert sich in Einkaufs-      land als Heimat annehmen, weil er kein         unzählige Kabel. Es gibt einen Beamer,
zentren auf der Wiese, Kästen ohne Ei-        Problem mit Deutschland hat. Die DDR           eine Leinwand, einen großen Fernsehbild-
genart, Nicht-Orte, die den Dörfern und       sah sich in der Tradition des Antifaschis-     schirm, einen kleinen Laptop, einen alten
Kleinstädten das Leben aussaugen. Der         mus, eine Haltung, die einen unbefangen        Computer, eine Sammlung Kronkorken,
Nicht-Ort von Luckenwalde heißt Markt-        macht gegenüber der deutschen Nation,          eine Sammlung DVDs, ein Bücherregal,
kauf, ein Einkaufszentrum mit der übli-       und Mauersberger hat diese Haltung auf         einen Stapel mit Matratzen, ein Bett in ei-
chen Ausstattung der Massenwelt. Jeder        ganz Deutschland übertragen.                   ner Ecke. Heller hat nur dieses eine Zim-
kennt es, auch wenn er nie dort war.             Die Bundesrepublik dagegen nahm das         mer, dazu eine Küche und ein Bad. Ein
   Mauersberger wird in Luckenwalde           böse Erbe des Nazismus an und arbeitete        Hinterhof in Friedrichshain, Berlin.
bleiben. Er hat schon einmal eine Heimat      die Schuld auf. Deshalb kann jemand wie          Er trägt ein blaues T-Shirt, blaue Jeans
verloren, die DDR. Aber weil er das Gute      Freddie Röckenhaus nicht Patriot sein,         und Socken ohne Schuhe. Er hat einen
sehen will, hat er sich gedacht, es sei nun   und er wäre lange nicht auf die Idee ge-       eher zufälligen Bart und mittellanges
seine Aufgabe, sich ganz Deutschland als      kommen, Deutschland seine Heimat zu            Haar, das sich frei entfalten kann. Heller
Heimat zu erschließen. Mauersberger           nennen. Von oben allerdings, als er so         sagt: „Ich würde eher für meine Räume
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MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Netzbewohner Heller: „Ich bin knapp zur Hälfte elternfinanziert“

im Netz auf die Barrikaden gehen als für         „Ich habe mehrere Heimaten“, sagt Hel-         Für den Losgelösten ist es schwierig, ein
mein Land.“                                    ler. Die eine ist Berlin. „Ich mag die Un-       neues Heimatgefühl zu entwickeln, weil
   Er ist in Karlshorst im Osten Berlins       sortiertheit, alles ist voll mit Graffiti, ich   Heimat auch eine zeitliche Dimension hat.
aufgewachsen und nennt sich selbst ein         mag die große Toleranz, die Subkultur,           Das Wort braucht Dauer, und wer viel rei-
„stubenhockerisches Kind“. Fußball mit         und ich habe hier ein Sicherheitsgefühl,         sen oder oft umziehen muss, bekommt
anderen Jungs hat ihn nicht interessiert,      ich kann mich durchschlagen, würde               die Tage und Jahre nicht zusammen. Hei-
erst spielte er am PC, dann kam das Netz       heimfinden, wenn man mich hier aussetz-          mat wird mehr denn je zur Sehnsucht.
zu ihm nach Hause. „Mit elf oder zwölf         te. Sehr viel davon zählt auch für meine            Für viele Migranten ist es die Sehnsucht
Jahren hat mehr oder weniger meine In-         digitale Heimat. Ich habe auch dort ein          nach einer Welt, die nicht deutsch ist. Et-
ternetsozialisation begonnen“, sagt Heller.    Sicherheitsgefühl, finde mich zurecht,           was davon wollen sie sich in Deutschland
   Heute sieht sein Leben so aus, dass die     freue mich der Offenheit.“                       erhalten und verändern damit deutsche
Jalousie meistens unten ist, damit er ei-         Die scheint bei einigen Imageboards           Heimat. Das Land wird bunt, wird ein
nen „Lebensrhythmus unabhängig vom             erheblich zu sein. Dort wird vor allem           bisschen istanbulisch, ein bisschen kasa-
Sonnenrhythmus führen kann“. Heller            über Bilder kommuniziert, anonym, ohne           chisch. Es wird eine neue Heimat, weit
steht mittags auf, tut „die notwendigen        Zensur, da die Bilder rasch vernichtet wer-      jenseits der deutschen Norm.
Dinge in der Kohlenstoffwelt“, einkaufen,      den. Der eine setzt ein Foto von seinem             Ganz neu ist die Heimat im Internet.
waschen, legt sich am Nachmittag wieder        Penis rein, berichtet Heller, der Nächste        Sie ist weitgehend ortlos, der Chatroom
hin, holt sich einen Döner oder brät zwei      reagiert mit einer digitalen Verstümme-          ist kein Raum, den Caspar David Friedrich
Minutensteaks und hat dann zwischen 20         lung, und dann folgt vielleicht eine Serie       malen könnte. Und dann ist sie so neu
und 6 Uhr seine „kreative Phase“, wie er       mit Fotos von Verkehrsunfällen. Jede Hei-        doch wieder nicht. Heller sucht Vertraut-
sagt. Er programmiert, schreibt, chattet.      mat hat ihre dunklen Seiten.                     heit, sucht Sicherheit, kehrt gern zurück
Das alles vom Bett aus. Wovon er lebt?                                                          zu den Wurzeln seiner virtuellen Existenz.
„Ich bin knapp zur Hälfte elternfinan-                                                          So wird der Heimatbegriff einen großen
ziert“, sagt Heller, der sich stets Mühe
gibt, die Fragen ernsthaft und genau zu
                                               Heimat Mensch                                    Teil seiner geografischen Komponente ein-
                                                                                                büßen, nicht aber seine anthropologische.
beantworten. Der Rest komme über Vor-          Was ist die Bilanz dieser Reise durch deut-      Ohne Anbindung geht es nicht. Die Zu-
träge und ein Buch herein.                     sche Heimaten? Weil sich die Kohlenstoff-        kunft der Heimat ist der Mensch, dem
   Wenn Heller über das Netz spricht,          welt stark verändert hat, ist der kollek-        man vertraut, vielleicht nicht ein Leben
klingt das grundsätzlich nicht viel anders     tive Heimatbegriff überholt. Das Dorf            lang, aber für ein paar Jahre, ein Mensch,
als die Erzählungen aus Haidenkofen. Er        schrumpft, und damit schwindet allmäh-           mit dem man mailt, chattet, skypt, telefo-
sagt: „Ich hänge in verschiedenen Chats        lich der Gemeinschaftssinn, der dort teil-       niert, meist von unterwegs, manchmal
ab, wo ich soziale Umfelder habe, die re-      weise noch gepflegt wird, in Großfami-           von zu Hause aus. Und dem man hin und
lativ stabil sind. Es gibt eine gewisse Ver-   lien, in Vereinen oder an Stammtischen.          wieder begegnet, kohlenstoffmäßig.
traulichkeit und Verlässlichkeit.“ In den      Das ländliche Leben, das die Romantiker             Christian Heller hat das Internet in ei-
„Separees“ der Chatrooms würden die            und die Nazis so fasziniert hat, spielt ge-      ner dialektischen Wendung ein wenig von
„Regulars“, also die Stammgäste, „kleine       samtgesellschaftlich keine große Rolle           seinem Dasein als Stubenhocker befreit.
Familien bilden“, er wisse, „wie es funk-      mehr. Heute dominieren die Städte, sogar         Er hat in seinen Chatrooms Leute ken-
tioniert“, und könne sich da „einiger-         Dortmund wächst wieder, und Berlin ist           nengelernt, die er so nett findet, dass er
maßen locker bewegen“, denn man ver-           als Metropole mittlerweile so stark, dass        sie nun auch in der realen Welt trifft.
wende „eine Insidersprache, es werden          es auf das ganze Land abstrahlt.
bestimmte Kenntnisse erwartet“. Wenn              Zudem entziehen die Nicht-Orte den                          Video: Dirk Kurbjuweit
Heller nicht zu Hause ist, chattet er über     Kleinstädten das Leben, sie zerstören klas-                    über seine Heimat
sein Smartphone, er ist nie off, immer on.     sische Heimat, ohne Heimatgefühle we-                          Für Smartphone-Benutzer:
Diese Zusammengluckerei übertrifft die         cken zu können. Als Flughäfen sind sie                         Bildcode scannen, etwa mit
von Haidenkofen bei weitem.                    die Relaisstationen des flüchtigen Lebens.                     der App „Scanlife“.

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Titel




                                  Entkernte Heimat
  Österreich feiert sich als Land der Bodenständigkeit. Doch der Staat, der einst kühn jedes
   Tal erschloss, zieht sich heute kleinmütig aus der Provinz zurück. Von Bernhard Zand


N
         ichts gegen Linz, Graz und St. Pöl-   Seit Jahren zieht der Staat, wie überall     Man könnte es einen Fall von europäi-
         ten – aber wenn es um das Bild in der Provinz, seine Institutionen aus schem Regionalismus nennen – wenn die
         und Selbstbild der Österreicher dem Salzkammergut ab. Zurzeit sind, in Betroffenen nicht einen viel schlichteren,
geht, bringen die zwölf kleinen Gemein- einer zweiten Runde bereits, die Gerichte viel einfacheren Ausdruck wählten: Sie
den, die da vor dem Bezirksgericht Bad dran. Das Bezirksgericht St. Gilgen, 1720 reden von der Entkernung und Aus-
Ischl vertreten sind, mehr auf die Waage von Mozarts Großvater Wolfgang Niko- dünnung ihrer ländlichen „Heimat“.
als manche Landeshauptstadt.                 laus Pertl gebaut, wurde vor Jahren schon      Sie meinen etwas anderes als die „Hei-
   Otto Kloiber zum Beispiel, 44, ist der geschlossen und nach Thalgau bei Salz- matliebe“, mit der eine rechtspopulisti-
Bürgermeister von St. Gilgen, einer Ort- burg verlegt. Nun soll auch Thalgau ge- sche Partei gerade den Innsbrucker Wahl-
schaft, die in Deutschland
fast jeder kennt: Hier hat
der ehemalige Bundeskanz-
ler Helmut Kohl jahrelang
mit Frau und Kindern sei-
nen Urlaub verbracht. Der
Schnappschuss, der Kohl bei
dem Versuch zeigt, eine Kuh
zu streicheln, ist unter Deut-
schen eine Österreich-Ikone.
   Alexander Scheutz, 49,
ist Bürgermeister von Hall-
statt, einem Dorf, dessen
Silhouette so zum Inbegriff
alpenländischer Baukunst
geworden ist, dass es ein
Immobilienentwickler in der
südchinesischen Provinz Gu-
angdong jetzt hat nachbauen




                                                                                                                                 IMAGEBROKER / SÜDDEUTSCHER VERLAG
lassen. Zwar soll das Projekt
sich schlecht verkaufen,
doch die Weltkulturgemein-
de Hallstatt ist heute noch
bekannter als vorher.
   Hannes Heide, 45, regiert
seit vier Jahren die ehema-
lige kaiserliche Sommer-
residenz Bad Ischl, berühmt Weltkulturerbe Hallstatt, Oberösterreich: „Die Leute feiern etwas, das es bald nicht mehr gibt“
als Schauplatz einer histori-
schen Romanze und eines Heimatfilms, schlossen werden. Das Gericht im steiri- kampf vergiftet. Aber sie haben auch
von dem noch offen ist, wo er mehr öster- schen Bad Aussee wurde 2004 nach Ird- keine Scheu, den von der Linken ironisch
reichische Identität gestiftet hat – unter ning verlegt (wo, nach dem tödlichen Ski- ausgehöhlten Begriff der Heimat mit Be-
den Österreichern selbst oder den Mil- unfall vor drei Jahren, das umstrittene deutung zu füllen.
lionen Europäern, welche die „Sissi“-Fil- Urteil gegen den damaligen thüringischen          Und die ist reich und vielfältig. Die
me sahen und dann zu Besuch gekom- Ministerpräsidenten Dieter Althaus fiel). „ländliche Heimat“ ist nicht nur, nach au-
men sind.                                    Nun fällt auch Irdning dem Sparwillen ßen hin, Österreichs bis heute unerreich-
   Von Österreich, dem großen Ganzen, zum Opfer.                                          tes und milliardenschweres Argument in
ist mit keinem Wort die Rede, als die Bür-     Das Gericht in Bad Ischl, haben die Bür- der Tourismuswerbung, das obligatori-
germeister des Inneren Salzkammerguts germeister des Salzkammerguts jetzt ge- sche Ensemble aus Almsee, grüner Wiese
an diesem verregneten Märztag in Ischl schworen, schließt keiner mehr, das bleibt. und Dirndlgwand auf jeder Österreich-
stehen und kundmachen: Wir wollen ei- Es ist ein politisch geschickter Schachzug Anzeige.
nen eigenen Gerichtsbezirk! Es geht um in einer von der Natur und vom Kaiser-               Sie ist zugleich, nach innen, ein Aus-
ihre Identität im Allerkleinsten. Es ist der haus einst reich beschenkten Gegend, die druck, der sich von einem ideologischen
schlichte, unverblümte Provinzialismus, ihre Privilegien aber allmählich eingebüßt zu einem Lifestyle-Konzept gewandelt
der aus ihnen spricht.                       hat. Kein Landeshauptmann hat sich dem hat. Was den deutschen Lesern das Haus-
   Aber vielleicht spricht noch etwas an- Schwur entgegengestellt, auch die Justiz- und-Garten-Magazin „Landlust“, ist den
deres aus ihnen.                             ministerin wird sich hüten.                  Österreichern das noch aufwendiger pro-
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Ich werde das Gefühl nicht los, dass an diesem Idyll etwas die SVP haben diese Debatte gewonnen. Nicht, weil alle Schwei-
nicht stimmt. Während Europa in der größten Finanzkrise seit zer ihre Vorstellungen teilen, sondern weil die SVP ihre defen-
Jahrzehnten steckt, während europäische Länder zusammen- sive Sicht, dass die Heimat von außen bedroht sei, dem ganzen
gespart werden und die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien gegen Land aufgezwungen hat. Die Angst vor dem Verlust der Heimat
50 Prozent steigt, erscheint mir die Schweiz als ein Ort abseits bewegt viele Schweizer tief. Sie gehört nicht einem politischen
der Realität. Ihr geht es so gut wie kaum je zuvor. In welchem Lager allein. Sie hat das Land dazu getrieben, den EWR-Beitritt
anderen Land ließe sich ernsthaft über einen Mindestlohn von abzulehnen, aber auch der Alpeninitiative und dem Verbot
4000 Franken diskutieren? Die Schweiz scheint sich vom Rest von Zweitwohnungen zuzustimmen. Vor diesem Hintergrund
der Welt entkoppelt zu haben, und obwohl mich freut, dass muss man auch die Annahme der Minarett-Initiative sehen
mein Land im Europa der Schulden eine Insel ist, liegt darin und das Verbot von Hochdeutsch in Zürcher Kindergärten.
auch etwas Unheimliches.


                                                                        I
   Wenn ich die Schweiz besuche, spüre ich, dass sich etwas               ch bin in Deutschland zum Schweiz-Erklärer geworden.
verändert hat, seit ich das Land 2004 verlassen habe. Hinter              Wenn ich mich aus der Ferne mit ihr auseinandersetzte,
der Fassade gärt eine Angst. Vor der Zukunft, um den Wohl-                habe ich oft von ihr geschwärmt, aber ich bin auch oft an
stand, um das Geld auf dem Bankkonto, vor den Deutschen ihr verzweifelt. Was ist das für ein Land, dessen Politik nur
und der „Massenzuwanderung“. Diese Angst zu spüren macht aus Rückzugsgefechten besteht? Noch ein Abkommen zur Auf-
mir die Schweiz fremd. Die Bilder aus dem SBB-Spot erzeugen weichung des Bankgeheimnisses, wieder 10 000 Steuerflücht-
dagegen das behütete Gefühl, das mir meine Kindheit in der linge an Amerika verraten. Es ist ein Land, das immer noch ei-
Schweiz gab, die Gewissheit, dass einem nichts passieren kann. nen Schritt rückwärts macht, in dem aber niemand eine Idee
   Die Heimat wird derzeit ja auch sonst unablässig inszeniert für die Zukunft hat. Die Frage, über die niemand spricht, lautet:
und von innen bespiegelt, es ist, als ob alle sie ein letztes Mal Wird die Schweiz, wenn das Bankgeheimnis eines Tages ganz
festhalten wollten: Man braucht sich nur die unzähligen Buch- verschwunden sein wird, immer noch so reich sein?
deckel anzusehen, von denen das Schweizerkreuz prangt, Sen-              Als ich nach Deutschland kam, versuchte ich, von der
dungen wie „SF bi de Lüt“ oder Filme wie „Sennentuntschi“. Schweiz zu erzählen, wie ich sie kenne. Von der wahren
Oder die urbanen Hipster, die alle                                                                Schweiz. Von dieser großen Vor-
das Jassen entdeckt haben.                                                                        stadt zwischen St. Gallen und Lau-
   Heimat war in der Schweiz nie                                                                  sanne, die Stiller Has in „Walliselle“
ein problematisches Wort. Der                                                                     besingen, vom helvetischen Mittel-
Schweizer mag seine Heimat oder                                                                   land in seiner melancholischen Ba-
liebt sie gar, ob er Christoph Blo-                                                               nalität, vom Aargau und vom Shop-
cher  oder Jean Ziegler heißt, die                                                                pyland. Aber natürlich interessierte
Frage war immer nur, auf welche                                                                   das niemanden.
Weise. Blocher erfand in den neun-                                                                   Welche Heimat meinen wir ei-
ziger Jahren den Kampfbegriff „hei-                                                               gentlich, wenn wir Heimat sagen?
matmüde“, um seine Gegner zu                                                                         Die Kunst-Schweiz im SBB-Werbe-
desavouieren. Ziegler ist der letzte                                                              spot rührt mich an, weil sie mich an
verbliebene Schweiz-Kritiker.                                                                     etwas erinnert, dessen Untergang
                                                                                             GEISSER / IMAGO




   In meiner Jugend gab es noch                                                                   ich selbst befürchte. Aber wenn ich
eine ganze Reihe von ihnen, im lin-                                                               ehrlich bin mit mir selbst, weiß ich,
ken Lager, sie sind aus der Mode ge-                                                              dass es nicht diese Nostalgie-Schweiz
kommen. Das Ende der linken                  Straßenszene zwei Tage vor der Bundesfeier 2010      ist, von der ich mir für die Zukunft
Schweiz-Kritik fällt interessanter-                                                               am meisten verspreche.
weise mit dem Erscheinen des Be-                 „Es geht dem Land so gut                            Ich bin groß geworden in der
richts der Bergier-Kommission zu-                                                                 Nähe von Olten, zwischen Jurahü-
sammen, die auf Druck des Aus-               wie kaum je zuvor, aber hinter                       geln, Schnellstraßen und Geleisen.
lands die Rolle der Schweiz im                der Fassade gärt eine Angst.“                       Die Alpen liegen von da aus weit
Zweiten Weltkrieg untersuchte.                                                                    am anderen Ende des Nebelmeeres,
Wenn die Schweiz von außen ange-                                                                  das wir an Herbstwochenenden von
griffen wird, sei es von amerikanischen Anwälten oder einem der Belchenflue aus überblickten. In dieser Vorstadt-Schweiz,
polternden Peer Steinbrück, rücken alle zusammen.                     in der die meisten von uns leben, sah eine junge Schweizerin
                                                                      schon vor 20 Jahren nicht mehr unbedingt aus wie die junge


E
       s gibt noch ein Video, das mich in den vergangenen Wo- blonde Frau im SBB-Spot, weil sie womöglich kroatische, ara-
       chen rührte: In einem amateurhaften Wahlspot der bische oder thailändische Wurzeln hatte. Die Schweiz war
       FDP Reinach waren Politiker zu sehen, die im Chor san- schon in meiner Jugend multikulturell, heute liegt der Ausländer-
gen: „Gäll du wählsch mi, gäll du willsch mi, mir sind FDP“. anteil bei über 22 Prozent. Das ist die wirkliche Schweiz, nicht
Das war alles. Natürlich fällt es leicht, sich über Provinzialität der SVP-Puurezmorge.
lustig zu machen. Aber mir schien bemerkenswert, dass sich               Das ist die Welt, aus der ein Rapper wie Baba Uslender
in diesem Werk genau das postpolitische Gefühl  ausdrückt, stammt, ein Albaner aus Luzern, der in seinem „Baustellsong“
das die Schweizer Politik jenseits der lauten SVP auszeichnet: auf YouTube in gebrochenem Schwyzerdütsch zu Handörgeli
Es geht uns gut, lasst uns nicht über die Wirklichkeit reden. rappt, ein bitterironischer Song, der vom Streit zwischen einem
Wählt uns, wir sagen euch aber nicht, warum.                          Italiener und einem Albaner auf einer Baustelle handelt.
   In Wahrheit wissen wir Schweizer seit 20 Jahren, dass es              Dieses Video treibt mir nicht die Tränen in die Augen. Aber
nicht weitergehen wird wie bisher. Es begann mit der Aus- ich weiß, dass es mehr mit der echten Schweiz zu tun hat. Ich
einandersetzung über nachrichtenlose Vermögen, es folgten würde Baba Uslender am liebsten bitten, den SBB-Werbespot
die bilateralen Abkommen mit der EU, die Angriffe auf das zu remixen. Das ergäbe ein realistisches Bild der S-Bahn-
Bankgeheimnis. Wenn ich den politischen Diskurs der vergan- Schweiz, in der es schon lange nicht mehr idyllisch zugeht, die
genen 20 Jahre zusammenfassen soll, würde ich ihn beschreiben aber voller Energie steckt, in der es manchmal eng ist und dre-
als einzigen Streit um das richtige Bild von der Heimat und ckig. Sie hat eine Kraft, die größer ist als die Nostalgie. Das ist
darum, wie man sie bewahren kann. Christoph Blocher und die Heimat, die ich vermisse.
                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                            71
Trends

         AU TO I N D U ST R I E


     Ein Audi aus Mexiko
Nach langem Ringen innerhalb des
VW-Konzerns hat sich Audi durch-
gesetzt: Die Ingolstädter können ein
eigenes neues Werk in Mexiko errich-
ten. Top-Manager des VW-Konzerns
hatten sich dagegen dafür eingesetzt,
dass das Volkswagen-Werk in Chatta-
nooga in den USA ausgebaut wird und
die Tochter Audi dort eine Fertigung
aufzieht. In der nächsten Sitzung des
VW-Aufsichtsrats am 18. April sollen
die Audi-Pläne besiegelt werden. Die
neue Fabrik in Mexiko wird ihre Pro-
duktion im Jahr 2015 beginnen. Gefer-
tigt wird dort die nächste Generation
des Geländewagens Q5. Audi-Chef Ru-




                                                                                                                                                      JÖRG LANTELME
pert Stadler will damit eine Offensive
auf dem nordamerikanischen Markt

                                                           Kundinnen beim Einkaufen

                                                                                                      KONSUM



                                                                        Junge shoppen seltener
                                          GETTY IMAGES




                                                           Leistungsdruck, Stress bei der Arbeit und ein vollgepacktes Freizeitprogramm
                                                           halten jüngere Verbraucher zunehmend vom Konsumieren ab. Das ist das Er-
                                                           gebnis einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens GfK. Die unter
Audi-Q5-Präsentation                                       Zeitdruck leidenden Jüngeren kauften seltener ein, schreibt die GfK. So sei die
                                                           Zahl der Shoppingtouren von Studenten, Berufseinsteigern und jungen Familien
starten, Audi liegt dort bislang noch                      zwischen 2006 und 2011 um 16 Prozent zurückgegangen – und damit mehr als
hinter BMW und Mercedes-Benz. Er                           doppelt so stark wie bei Rentnern oder älteren Alleinstehenden. So entfällt ge-
konnte nicht nur Bedenken aus Wolfs-                       rade noch ein Viertel aller Einkäufe auf die jüngere Zielgruppe. Zudem verändern
burg ausräumen, sondern auch die                           jüngere Konsumenten auch ihr Einkaufsumfeld: Sie geben ihr Geld hauptsächlich
eigenen Betriebsräte überzeugen. Der                       in ihrer unmittelbaren Umgebung aus. Sobald ein Geschäft mehr als fünf Minuten
Vorstand sichert ihnen zu, dass in                         von ihrer Wohnung oder ihrem Arbeitsplatz entfernt ist, lassen sie dort „spürbar
Ingolstadt, wo derzeit unter anderem                       weniger“ Geld. Und das hat Folgen für den Handel: So sind Discounter wie Lidl
der Q5 montiert wird, zum Ausgleich                        oder Aldi deutlich weniger gefragt als etwa Supermärkte mit ihrem „mundge-
ab 2015 ein anderes Modell produziert                      rechten“ Frischeangebot für die Mittagspause und ihrer Präsenz mitten in den
und die Beschäftigung damit gesichert                      Stadtzentren, so die GfK.
wird.



            F E R R O S TA A L
                                                         Griechenland und in Portugal mit 62              rund 140 Millionen Euro verdonnert.
                                                         Millionen Euro geschmiert haben, um              Dieser Deal wäre durch eine Revision
                                                         an lukrative U-Boot-Aufträge zu gelan-           der Manager in Gefahr geraten. Die
 Kuhhandel um Honorar                                    gen. Für die Zusage ihres früheren Ar-
                                                         beitgebers, die Anwaltskosten zu über-
                                                                                                          Staatsanwaltschaft hatte angekündigt,
                                                                                                          in diesem Falle Rechtsmittel gegen die
Der Ferrostaal-Konzern hat in der                        nehmen, mussten die beiden schrift-              vom Gericht verhängte Unterneh-
Korruptionsaffäre um den Verkauf von                     lich versichern, nicht gegen ihre Urteile        mensbuße einzulegen. Für Ferrostaal,
U-Booten die Anwaltshonorare für                         in Revision zu gehen. In einem inter-            so heißt es, sei es „von großer Bedeu-
zwei ehemalige Manager des Unter-                        nen Papier dazu heißt es, das Unter-             tung, dass das Strafverfahren nicht mit
nehmens übernommen. Sie waren im                         nehmen habe „großes Interesse daran,             einer höheren Geldbuße endet“. Da-
Dezember wegen Bestechung ausländi-                      dass die Verurteilung sobald wie mög-            her war der Konzern offenbar bereit,
scher Amtsträger zu jeweils zwei Jah-                    lich rechtskräftig wird“. Das Münch-             seinen Ex-Mitarbeitern „das Recht auf
ren auf Bewährung, sowie einer Geld-                     ner Landgericht hatte, ebenfalls im              Revision abzukaufen“, wie ein mit
strafe in fünfstelliger Höhe verurteilt                  Dezember, Ferrostaal im Rahmen der               dem Verfahren vertrauter Anwalt sagt.
worden. Der frühere Vorstand und der                     Gewinnabschöpfung aus den U-Boot-                Allerdings war die Übernahme der Kos-
Ex-Prokurist sollen Amtsträger in                        Geschäften zu einem Bußgeld von                  ten gedeckelt – auf jeweils 715 000 Euro.
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Wirtschaft
                                 LUFTVERKEHR                                                                                        WIESENHOF


                   „Frankfurt bleibt Drehkreuz“                                                                               Ermittler müssen
Bundesverkehrsminister Peter Ram-
sauer, 58 (CSU), über die Folgen des
                                             teil könnte vielleicht Türen für neue
                                             Kooperationen zwischen deutschen
                                                                                                                                nacharbeiten
Nachtflugverbots in Frankfurt                Flughäfen öffnen.
                                             SPIEGEL: Im Koalitionsvertrag ist verein-




                                                                                                                                                                   INGO WAGNER / PICTURE ALLIANCE / DPA
SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat das         bart, Ausnahmen vom Nachtflugverbot
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts         eher auszuweiten. Wie kann das jetzt
auf Deutschland als Wirtschaftsstand-        überhaupt noch erreicht werden? Wol-
ort?                                         len Sie die Lärm-Grenzwerte ändern?
Ramsauer: Wirtschaftsinteressen und          Ramsauer: Der Koalitionsvertrag sagt,
Lärmschutz sind zwei Seiten dersel-          dass wir das prüfen. Jetzt muss man
ben Medaille. Das muss man auch im           aber feststellen: Es steht nicht auf der
Flugverkehr berücksichtigen. Am 23.          Tagesordnung, Ausnahmen auszuweiten.
Mai gibt es bei mir im Haus ein Spit-        Ein generelles Nachtflugverbot aber                                        Jungtiere in Hühnermastbetrieb
zengespräch: Fluggesellschaften, Flug-       auch nicht. Jeder Flughafen-Standort ist
häfen, Länder und Verbände. Die              anders – da kann man keine Blaupause                                       Die Generalstaatsanwaltschaft in Celle
Menschen muss man bei Infrastruktur-         anwenden. Und was den Lärmschutz an-                                       hat sich in ein Tierschutzverfahren
projekten stärker einbinden, ohne den        geht: Die Spielräume hierfür stehen oh-                                    gegen den Geflügelkonzern Wiesenhof
Wirtschaftsstandort Deutschland in           nehin regelmäßig auf dem Prüfstand.                                        eingeschaltet und neue Ermittlungen
Frage zu stellen. Bei                                                                                                   gefordert. In Niedersachsen, der Hei-
dem Spitzengespräch                                                                                                     mat der Massentierhaltung, gilt eine
sollen alle Konzepte                                                                                                    solche Anweisung als ungewöhnlich.
auf den Tisch – ich                                                                                                     Konkret geht es um die Zustände auf
bin für viele Vor-                                                                                                      einer für die Wiesenhof-Gruppe produ-
schläge offen.                                                                                                          zierenden Hühnerfarm im Jahr 2009.
SPIEGEL: Frankfurt                                                                                                      Damals machte die Tierschutzorganisa-
am Main konkur-                                                                                                         tion Peta Aufnahmen von einem für
riert mit Städten wie                                                                                                   den Konzern tätigen Arbeiter, der Tiere
Dubai um die Rolle                                                                                                      trat, herumschleuderte und ihnen ohne
als internationales                                                                                                     Betäubung das Genick brach. Auch sei-
Drehkreuz. Wird                                                                                                         ne Notdurft soll einer der Mitarbeiter
Frankfurt abgehängt?                                                                                                    im Stall verrichtet haben. Die mit dem
Ramsauer: Nein.                                                                                                         Fall befasste Staatsanwaltschaft in Ver-
Frankfurt muss die                                                                                                      den stellte die Ermittlungen ein. Grund:
Betriebszeiten opti-                                                                                                    Die Bildaufnahmen seien nicht verwert-
mal ausnutzen.                                                                                                          bar, da sie „rechtswidrig hergestellt“
Dann bringt man                                                                                                         seien und Persönlichkeitsrechte ver-
                                                                                          BERTHOLD STEINHILBER / LAIF




schon eine Menge                                                                                                        letzten. Nach einer Beschwerde von
Verkehr in die Luft.                                                                                                    Peta konnte dieser Argumentation nun
Frankfurt bleibt ein                                                                                                    offenbar auch die Generalstaatsanwalt-
internationales                                                                                                         schaft nicht folgen. Wiesenhof hatte die
Drehkreuz – auch                                                                                                        Vorwürfe 2010 zurückgewiesen. Für
wenn Nachtstunden                                                                                                       eine aktuelle Stellungnahme war die
wegfallen. Das Ur-     Jet auf dem Flughafen Frankfurt am Main                                                          Firma nicht zu erreichen.



               HANDEL
                                             für die Übernahme des Drogerie-Kon-                                        tionsvolumen von insgesamt rund 90
                                             zerns. Allerdings wollen die Investo-                                      Millionen Euro. Das Konzept von Pen-
                                             ren sich nicht mit den Schlecker-Kin-                                      ta sieht vor, im besten Fall keine weite-
     Finanzinvestor will                     dern Meike und Lars zusammentun.                                           ren Filialen zu schließen und die ver-

      Schlecker kaufen                       Die suchen ebenfalls nach einem Co-
                                             Investor, um das Unternehmen in Fa-
                                             milienhand zu halten. Bei Penta kann
                                                                                                                        bliebenen Jobs zu erhalten. Penta ist
                                                                                                                        in zehn Ländern aktiv und hat eine Bi-
                                                                                                                        lanzsumme von 3,4 Milliarden Euro.
Die Private-Equity-Gesellschaft Penta        man sich aber allenfalls eine symbo-                                       In Deutschland gehört die Firma H.
Investments will bei der insolventen         lische Minderheitsbeteiligung der Ge-                                      von Gimborn, ein Hersteller von Tier-
Drogeriemarktkette Schlecker einstei-        schwister vorstellen. Der Kaufpreis                                        nahrung, zu Penta Investments. In der
gen. „Wir haben ein unverbindliches          und die Investitionssumme, die Penta                                       Slowakei geriet der Investor zuletzt we-
Angebot eingereicht“, bestätigte ein         für Schlecker bereitstellen müsste,                                        gen der sogenannten Gorilla-Affäre in
Penta-Sprecher. Zu Details wollte er         sind noch unklar. Für die Modernisie-                                      die Schlagzeilen: Vermeintliche Geheim-
sich nicht äußern. Die tschechisch-slo-      rung von rund 3000 Schlecker-Filialen                                      dienstprotokolle legten dubiose Kon-
wakische Finanzgruppe ist bisher der         würden etwa 30 000 Euro pro Laden                                          takte zur Regierung nahe. Penta spricht
einzig ernstzunehmende Interessent           fällig, heißt es. Das ergäbe ein Investi-                                  von einer „Verleumdungskampagne“.
                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                       73
Wirtschaft




                                                                                                                        MARTIN LENGEMANN / INTRO / FOTOFINDER
                                                                       Designierte Deutsche-Bank-Chefs Fitschen, Jain




                                 FINANZINDUSTRI E




           Bollywood in Frankfurt
     Der Führungswechsel bei der Deutschen Bank gerät zur absurden Komödie.
       Vor der Machtübernahme durch Anshu Jain liefern sich Spitzenmanager
      einen bizarren Kampf um Macht, Ruhm und die Zukunft des Konzerns.

74                             D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
D
         ie Beichtstunde ist an einem Sams-
         tag angesetzt, unter der Woche
         hat Anshu Jain keine Zeit. Da
muss der oberste Investmentbanker der
Deutschen Bank kämpfen wie nie zuvor
in seinem Leben. Gerade ist der ameri-
kanische Immobilienmarkt kollabiert, auf
dessen Boom Jain und seine Händler Dut-
zende Milliarden Dollar gewettet haben.
   Also reisen Josef Ackermann, Chef der
Deutschen Bank, und sein oberster Risi-
komanager Hugo Bänziger an einem Wo-
chenende im November 2008 in die Great
Winchester Street in London. Sie wollen
hören, welche Horrornachrichten in den
folgenden Wochen aus Jains Reich zu er-
warten sind. An dem runden Konferenz-
tisch herrscht Weltuntergangsstimmung.
Selten hat man die lange als „Regenma-
                                               HENNING SCHACHT




cher“ gefeierten Investmentbanker so
kleinlaut erlebt. Einige sollen aus Angst
vor einem totalen Crash privat schon
Zehntausende Pfund abgehoben und
nach Hause geschafft haben.                                      Bankier Ackermann: Allen internen Kandidaten misstraut
   Vor Bänziger und Ackermann geben
sie nun mit Grabesstimmen zu Protokoll,                          schäfte, die Jains Mannen in den wilden          Jain verliert nicht gern. Seine 15 000
welche Verluste sie für die Deutsche Bank                        Zeiten vor der Finanzkrise gemacht ha-        Mann starke Armee hat in ihren besten
erwarten. Die Summe ist gewaltig. Dann                           ben (SPIEGEL 5/2012).                         Jahren vier Fünftel des Konzerngewinns
lesen Bänziger und Ackermann ihre Gift-                            „Die Alten können nicht loslassen“, be-     verdient. Doch er schluckt den Ärger run-
liste vor, mit den Maßnahmen, die nun                            haupten die anderen. Sie sehen in den         ter. Ein letztes Mal.
als allererste getroffen werden müssen.                          jüngsten Grabenkämpfen den verzweifel-           Als am 7. März durch eine Indiskretion
   Einer der wichtigsten Punkte: Jain                            ten Versuch von Ackermann und seinen          bekannt wird, dass die neuen Chefs Jain
muss den Eigenhandel drastisch herun-                            Getreuen, ihren Nachfolgern Steine in         und Fitschen zwei langgediente Vorstän-
terfahren, in dem seine geschicktesten Fi-                       den Weg zu legen.                             de abservieren wollen, ist Schluss mit der
nanzakrobaten bislang mit dem Geld der                              In Deutschlands größtem Geldhaus           Zurückhaltung. Die Neuen planten keine
Bank gezockt haben. Es sind mit die dun-                         kämpfen drei Männer um ihre Reputa-           Revolution, hatten Leute aus ihrem Um-
kelsten Stunden seiner Karriere.                                 tion. Jain will unter allen Umständen ver-    feld lange verbreitet. Doch was jetzt ge-
   Heute, knapp dreieinhalb Jahre später,                        meiden, das Image des kalten Zockers          streut wird, wirkt wie ein Umsturz: Der
ist Jain, 49, wieder ganz oben: Am 1. Juni                       übergestülpt zu bekommen. Der künftige        strenge Risikochef Bänziger muss gehen
wird er gemeinsam mit Jürgen Fitschen,                           Co-Chef Fitschen wehrt sich gegen das         und mit ihm drei weitere Manager des
63, die Führung der Deutschen Bank                               Label des Grußonkels. Und Ackermann           engsten Führungszirkels, darunter IT-Vor-
übernehmen. Seine einstigen Aufpasser,                           fürchtet um sein Ansehen – als Großban-       stand Hermann-Josef Lamberti.
Ackermann und Bänziger, werden dann                              kier, der die Deutsche Bank stabil durch         Der erweiterte Vorstand, das sogenann-
die Bank verlassen. Und selbst die här-                          die Finanzkrise lotste und nebenbei als       te Group Executive Committee, wird um
testen Zeiten des Investmentbanking-Gu-                          Retter des Finanzsystems mit den Großen       6 auf 18 Personen ausgebaut und ist in
rus werden nun in Erfolge umgemünzt:                             der Welt verhandelte.                         Zukunft gespickt mit internationalen Ma-
Der frühe Abbau des Eigenhandels, lange                             Teilweise hat die Auseinandersetzung       nagern aus Jains Umfeld. Von „Kehraus“
bevor entsprechende Gesetze erwogen                              den Unterhaltungswert einer Komödie           und einem „Durchmarsch der Investment-
wurden, zeige doch Verantwortungs-                               aus den Filmstudios von Bollywood. Doch       banker“ ist schnell die Rede.
gefühl und Lernfähigkeit des gebürtigen                          unbeantwortet bleibt dabei eine Frage,           Im Handstreich zertrümmern Jain und
Inders mit britischem Pass, heißt es aus                         die Aufseher, Politiker und auch die Steu-    Fitschen die von Ackermann aufgebauten
seinem Umfeld.                                                   erzahler stärker bewegt als der Kampf der     und über Jahre zementierten Hierarchien.
   Aktionäre feiern den anstehenden                              Finanztitanen: Wohin steuert eigentlich       Die offiziellen Gremien werden vor voll-
Machtwechsel in Deutschlands größtem                             das Kreditinstitut, das Aufsehern zufolge     endete Tatsachen gestellt. Aufsichtsräte
Kreditinstitut als „Befreiungsschlag“. Re-                       für die Stabilität des Weltfinanzsystems      und Vorstandskollegen waren lange ah-
gulierer und Politiker allerdings sind alar-                     so zentral ist wie kaum ein anderes?          nungslos, nur Jain, Fitschen, Ackermann
miert. „Jetzt haben wir einen an der Spit-                                                                     und zuletzt der Präsidialausschuss des
ze, der die Deutsche Bank als globalen                           Jains erste Schlappe                          Aufsichtsrats kannten die Namen der neu-
Konzern sieht, der zufällig in Deutsch-                          Die Suche nach einer Antwort beginnt          en Führung.
land sitzt“, sagt ein CDU-Politiker, der                         an einem Wintermorgen im Frankfurter             Wer mit den Interna der Deutschen
sich wie so viele in diesen Tagen zum                            Hermann-Josef-Abs-Saal. Dort zieht            Bank weniger vertraut ist, kann die neuen
Thema Deutsche Bank nicht namentlich                             Josef Ackermann ein letztes Mal Bilanz        Namen für die Mitglieder einer britischen
zitieren lassen will. Und in der Bank                            über ein Geschäftsjahr. Jain sitzt ein paar   Cricket-Mannschaft halten: Grassie, Rit-
selbst ist seit Jains Ernennung offener                          Meter weiter rechts von ihm und lächelt       chotte, Leithner, Chadha, Faissola. Die
Krieg ausgebrochen.                                              gequält, als Ackermann der internatio-        Traditionalisten in der Bank fühlen sich
   „Die Investmentbanker übernehmen                              nalen Presse erklärt, Jains Abteilung habe    überrumpelt. Sie fragen: „Wo ist Fit-
die Macht“, sagen die einen. Sie fürchten,                       nicht geliefert. Deshalb habe die Bank        schen?“
dass die Deutsche Bank ihre Wurzeln ver-                         das Ziel von zehn Milliarden Euro Ge-            Natürlich war Fitschen dabei, als der
liert, und verweisen auf die dubiosen Ge-                        winn verfehlt.                                Masterplan für die neue Bank entstand,
                                                                       D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                          75
Machtwechsel
Veränderungen im Top-Management
der Deutschen Bank


                                                                                                                                                                             Josef Ack
                                                                                                                                                                                      e
                                         Jürgen                    Anshu Jain                                                                                                Vorstands rmann
                                                                                                                                                                             vorsitzend -
                                         Fitschen                  Co-Vorstands-                                                                                                       er
                                         Co-Vorstands-             vorsitzender
Vorstand                                                                                                                                                                                      AUS
                                                                                                                                                                        SCHEIDEN
                                         vorsitzender

                                                                                     BLEIBEN



                                                                                                                                            Hugo Bänziger
 Stephan Leithner    Stuart Lewis        Henry Ritchotte           Rainer Neske             Stefan Krause                                   Risiko-
                                                                                                                                                                                  Hermann-Jose
 Europa-Geschäft,    Risiko-             IT, Strategie             Privat- und              Finanzen                                        Management                                         f
 Personal, Recht     Management                                    Geschäftskunden                                                                                                Lamberti
                                                                                                                                                                                  IT, Personal
                                       NEU                                                ob en : DPA / DA P D (2x); u n ten : DE UTSCHE BA NK (2x) / P E TE J O NE S /
                                                                                          RA I N E R U N K E L / F RA N K DA RC H I N G E R ( 2 x ) / RA I N E R U N K E L

Erweitertes Führungsgremium
                                                                                                                                                                                 Kevin Parker
 Gunit Chadha        Alan Cloete         Colin Fan                 David Folkerts-          Robert Rankin                               Werner                                   Vermögens-
 Asien-Geschäft      Asien-Geschäft      Investmentbanking         Landau                   Investmentbanking                           Steinmüller                              verwaltung
                                                                   Ökon. Analyse                                                        Zahlungsverkehr

                                                                                                                                                                                             Weck
 Michele Faissola    Colin Grassie       Christian Ricken          Richard Walker           – noch offen –                                  Seth Wau                               Pierre de e
 Vermögens-          Großbritannien-     Privat- und Ge-           Recht                    Amerika-Geschäft                                                   gh                   Verm ögend
                                                                                                                                            Amerika-G                                         den
 verwaltung          Geschäft            schäftskunden                                                                                               eschäft                        Privatkun



die Co-Chefs haben jeden einzelnen der          men. Doch in die entscheidenden Sitzun-                                    Personalien wie diese haben eine ge-
neuen Männer gemeinsam ausgesucht.              gen „geht er oft mit dünner Mappe“, wie                                  wisse Logik, andere werfen Fragen auf.
Von Jain ist aus dieser Zeit der Satz über-     ein Wegbegleiter weiß. Fitschen sei ein                                  Warum müssen für Asien zwei Leute im
liefert, er spreche mehr mit Fitschen als       Bauchmensch.                                                             erweiterten Vorstand sitzen? Warum wur-
mit seiner Frau. Und einige der neuen              Jain ist ein Kontroll-Freak. So findet                                de mit Christian Ricken erst ein paar Tage
Manager kann man durchaus Fitschen zu-          regelmäßig eine Konferenz zur Einschät-                                  nach den anderen Personalien ein deut-
ordnen, der für das weltweite Regional-         zung der Lage auf den globalen Märkten                                   scher Privatkundenmanager für das Gre-
Geschäft zuständig ist, aber oft auf das        statt, zu der Mitarbeiter aus aller Welt                                 mium benannt? Wollten Jain und Fit-
Deutschland-Geschäft reduziert wird.            per Video zugeschaltet werden. Doch von                                  schen Kritik entkräften, das deutsche
   Dennoch glauben selbst Leute, die eine       offener Diskussion kann keine Rede sein.                                 Geschäft könnte von den Investmentban-
Menge von Fitschen halten, er sei von           Etwaige Fragen an den Chef müssen im                                     kern an den Rand gedrückt werden?
Jain überrumpelt worden. „Es reicht             Vorfeld bei seinem Büro eingereicht wer-                                   Seinen Höhepunkt erreicht der Streit
nicht, wenn er hinter Jains Leute auch          den. Selbst nachts beantwortet Jain ge-                                  um die neue Führung am Vorabend der
seinen Haken macht“, sagt ein wirt-             schäftliche Mails noch binnen Minuten.                                   entscheidenden Aufsichtsratssitzung. Da
schaftsnaher CDU-Politiker.                       „Jain ist der strategische Kopf“, sagt ein                             wird bekannt, dass die Bundesanstalt
   Andere sehen in Fitschen durchaus ein        Analyst, der die Bank sei langem beob-                                   für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)
Gegengewicht zu Jain. Immerhin wird er          achtet. Und Jain hat Bataillone von loya-                                eine Schlüsselfigur in Jains Kabinett ab-
künftig genauso gut verdienen wie sein          len Mitarbeitern hinter sich, „Anshu’s                                   lehnt, den designierten Risikovorstand
Co-Chef. Für ihn bedeutet das einen Ge-         Army“ werden seine Getreuen genannt,                                     William Broeksmit. Die Spin-Doktoren
haltssprung, Jain muss auf etwas Geld           künftig werden sie Schlüsselpositionen be-                               der neuen Führung hatten ihn als „Dr.
verzichten, beide sollen etwas weniger          setzen. Der Amerikaner Henry Ritchotte                                   No“ etikettiert, um ihn als knallharten
verdienen als ihr Vorgänger, der zuletzt        wird als Mann für Informationstechnolo-                                  Risikomanager und ebenbürtigen Bänzi-
mit 9,4 Millionen Euro nach Hause ging.         gie die Bank auf Effizienz trimmen. Auch                                 ger-Ersatz zu platzieren. Den BaFin-Leu-
Fitschen wird zudem auch künftig das            die Strategieabteilung liegt künftig bei                                 ten hatte er zu wenig Führungserfahrung.
Deutschland-Geschäft leiten, er wird sich       ihm. Michele Faissola, ein Italiener, soll                                 Broeksmit hatte Jain auf vielen Stufen
womöglich an die Spitze des deutschen           aus dem Geschäft mit den Superreichen,                                   der Karriereleiter eng begleitet. In den
Bankenverbandes wählen lassen, und er           dem klassischen Fondsgeschäft und den                                    vergangenen drei Jahren kontrollierte er
ist in Industrie und Politik so gut vernetzt,   boomenden börsengehandelten Fonds                                        Risiken jener Handelsgeschäfte, für die
wie Jain es auf Jahre hinaus nicht sein         die Vermögensverwaltung der Zukunft                                      Jain verantwortlich war. Sollte hier ein
wird. Fitschen redet gern und schnörkel-        schweißen. Bisher waren diese Geschäfte                                  Risikovorstand installiert werden, der
los, er versteht es, Menschen mitzuneh-         auf drei unterschiedliche Bereiche verteilt.                             Jain an der langen Leine lässt?
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Wirtschaft

   Bänziger hatte zum Missvergnügen
mancher Jain-Jünger festgeschrieben,
dass die Kundeneinlagen der Postbank
nicht als Spielgeld für Zockergeschäfte
der Investmentbank dienen dürften.
   Es ärgert Jain und Fitschen, dass die
Leute glauben, Bänziger habe gehen müs-
sen, weil er unbequem war. Das Dümms-
te, was sie tun könnten, wäre doch, genau
dieses Vorurteil durch eine laxere Risiko-
politik zu nähren, heißt es in ihrem Um-
feld. Doch die Panne mit Broeksmit hat
das Misstrauen der Aufsicht gegenüber




                                                                                                                                       LAUREN LANCASTER / VERASIMAGES / AGENTUR FOCUS
der neuen Führung verstärkt. „Es ist
schon sehr ungewöhnlich, dass die Finanz-
aufsicht die Deutsche Bank so bloßstellt“,
sagt ein hochrangiger Frankfurter Banker.
   Unmut herrscht auch im Aufsichtsrat,
als er am 16. März in den verspiegelten
Zwillingstürmen zusammenkommt. Aus
den Medien haben die Kontrolleure die
neue Führungsriege kennengelernt, über
die sie hier und heute abstimmen sollen.
Jetzt werden sie Zeugen, wie zerrüttet
die Beziehung zwischen den Managern           Handelsraum der Deutschen Bank in New York: Zurück zur Zockerbude?
ist, die das Gesicht der Bank zehn Jahre
geprägt haben. Auch Ackermann, Jain           nehmen. Früher als andere habe er er-        so glänzend da, wie Ackermann glauben
und Fitschen sind anwesend. Zunächst er-      kannt, wie lange die Finanzkrise dauern      machen will. Der – gemessen an der Bi-
greift Ackermann das Wort. Er ist aufge-      werde, schneller sei ihm klar gewesen,       lanzsumme von 2,16 Billionen Euro –
bracht wie selten, über die Art und Weise,    dass Griechenland seine Schulden nicht       größte Finanzkonzern Europas enttäuscht
wie der Umbau inszeniert worden ist. So       zurückzahlen kann. Manches interpre-         seine Aktionäre seit Jahren. Seit Acker-
dürfe man verdiente Vorstände wie Bän-        tiert Ackermann dabei nachträglich zu        mann die Führung übernahm, ist der Bör-
ziger und Lamberti nicht bloßstellen.         seinen Gunsten um.                           senwert um 29 Prozent gefallen.
   Als die beiden Geschassten dazusto-           Doch eine Niederlage kann auch der           Fragt man Investoren nach der Ära
ßen, kommt es beinahe zum Eklat. Auf-         beredte Vorstandschef nicht wegdiskutie-     Ackermann, kommen sie schnell auf die
sichtsratschef Clemens Börsig macht stof-     ren: Bei der Suche nach einem Nachfolger     Defizite zu sprechen. Die Deutsche Bank
felige Bemerkungen über den bevorste-         verrannte er sich genauso wie Aufsichts-     sei zu hoch verschuldet und habe zu we-
henden Abgang der beiden. „Da wäre                                                         nig Kapital. Unter den zehn größten eu-
Bänziger ihm fast an die Gurgel gegan-                                                     ropäischen Kreditinstituten arbeitet nur
gen“, sagt einer, der dabei war. Bänziger     Die Deutsche Bank                            die französische Crédit Agricole mit we-
läuft rot an und schlägt mit der Hand auf
den Tisch. „Und nicht ein Wort des Dan-
                                              steht nicht so glänzend                      niger Eigenkapital und mehr Schulden
                                                                                           als die Deutsche Bank. US-Wettbewerber
kes“, donnert der Risikomanager.              da, wie Ackermann                            wie Goldman Sachs und Morgan Stanley
   Bänziger war selbst als Ackermann-
Erbe im Gespräch, offenbar in einer Dop-      glauben machen will.                         kommen nach den neuen, strengeren Ka-
                                                                                           pitalregeln auf eine Quote von rund zehn
pelspitze mit Jain. „Aber Jain wollte das                                                  Prozent bezogen auf die Risikoaktiva,
nicht“, sagt ein Insider. Aus seiner Ent-     ratschef Börsig. Ackermann misstraute al-    also etwa Kredite und alle Arten von
täuschung über die Niederlage habe Bän-       len internen Kandidaten und versteifte       Wertpapiergeschäften, die Banken ma-
ziger fortan kein Hehl gemacht, erklären      sich auf Ex-Bundesbank-Chef Axel We-         chen. Die Deutsche Bank liegt Ende des
die neuen Chefs an jenem Freitag den          ber, der es aber vorzog, zur Schweizer       Jahres nach Schätzungen von J. P. Morgan
Aufsichtsräten. Deshalb könne man nicht       UBS zu wechseln. Die „Kronjuwelen der        nur bei 7,4 Prozent.
mehr zusammenarbeiten. Zwei Kontrol-          deutschen Wirtschaft“ müssten von               Wer mit höheren Schulden hantiert,
leure stimmen trotzdem gegen die Perso-       einem Manager aus diesem Kulturkreis         kann in guten Zeiten auf jeden Euro ein-
nalpläne, auch das ein ungewöhnlicher         bewacht werden, soll Ackermann einmal        gesetztes Eigenkapital höhere Gewinne
Vorgang für die Deutsche Bank.                gesagt haben. Seine Haltung in der Nach-     erzielen. Doch wenn die Märkte verrückt-
   Doch es ist mehr als ein Manager-Bund,     folgefrage haben die Neuen nicht verges-     spielen, ist so eine Strategie riskant, es
der hier zerfällt. Es ist auch das Ende ei-   sen. Als Jain und Fitschen vom Aufsichts-    fehlt der Risikopuffer. Nur Banken, die
ner Ära, der Ära Ackermann.                   rat berufen wurden, soll ihr Vorgänger       wie die Deutsche zu groß sind, um sie
                                              stumm geblieben sein. „Nach so vielen        pleitegehen zu lassen, können sich einen
100 Prozent Shareholder-Value                 Jahren gemeinsamer Arbeit hätte man er-      solchen Kurs erlauben.
Als den Höhepunkt seiner Karriere erleb-      warten können, dass er den Neuen mal            Auch Investoren fordern nun Korrek-
te Ackermann ausgerechnet die Finanz-         Glück wünscht“, heißt es im Umfeld der       turen. „Ackermann hat intern zu viel lie-
krise, die 2007 begann und seitdem nicht      neuen Führung. Stattdessen sei er mit der    genlassen, Loyalität war zuletzt ein wich-
richtig aufgehört hat. Spricht er heute       Wahrung seines eigenen Ruhms beschäf-        tigerer Maßstab als Leistung“, kritisiert
über seine Zeit bei der Deutschen Bank,       tigt gewesen.                                der Manager eines der größten Aktionäre
hebt er gern hervor, wie recht er mit sei-       Zwar erkennen auch Ackermanns Kri-        der Bank. Manager wie der Amerikaner
nen Entscheidungen immer wieder behal-        tiker an, dass er die Bank sicher durch      Kevin Parker und der Schweizer Pierre
ten habe, auch wenn sie umstritten waren,     die Krise gesteuert habe. Doch steht die     de Weck hätten viel früher gehen müssen.
etwa seine Weigerung, Staatshilfe anzu-       Deutsche Bank in mancher Hinsicht nicht      Der eine führte die Vermögensverwal-
                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                          77
Wirtschaft
                                                                                                                                   Die Angst der Deutschen
                                                                                                                                   Aber wird das größte deutsche Geldhaus
                                                                                                                                   deshalb wieder zur Zockerbude? „Es wird
                                                                                                                                   kein Zurück zum wilden Investmentban-
                                                                                                                                   king geben“, heißt es aus dem Umfeld
                                                                                                                                   Jains und Fitschens beruhigend. Das Pri-
                                                                                                                                   vatkundengeschäft solle weiter wachsen,
                                                                                                                                   auch in London erkenne man, dass der
                                                                                                                                   Kauf der Postbank Gold wert sei, weil
                                                                                                                                   die Einlagen Sicherheit geben.
                                                                                                                                      Doch erst einmal werden auch bei der
                                                                                                                                   Kleine-Leute-Bank weitere Stellen abge-
                                                                                                                                   baut. Im Zuge der Integration sollen noch
                                                                                                                                   mehrere hundert Arbeitsplätze wegfallen.
                                                                                                                                   Allein im Zahlungsverkehr verschwinden
                                                                                                                                   voraussichtlich bis 2016 netto 350 Jobs,




                                                                                            ROBERT BREMBECK / VISUM / FOTOFINDER
                                                                                                                                   bei Kreditabwicklungs- und Kontofüh-
                                                                                                                                   rungseinheiten wahrscheinlich weitere 200.
                                                                                                                                   Außerdem machen Befürchtungen die
                                                                                                                                   Runde, dass in den kommenden Jahren
                                                                                                                                   verstärkt Arbeitsplätze ins Ausland ver-
                                                                                                                                   lagert werden.
                                                                                                                                      Auch in der Politik bleibt man skep-
                                                                                                                                   tisch. Manch einer in Berlin sorgt sich,
Künftiger Chefkontrolleur Achleitner: Rolle des Vermittlers zwischen Bank und Politik                                              die Deutsche Bank könnte unter dem in-
                                                                                                                                   dischen Chef die Verwurzelung im Hei-
tung, der andere das Geschäft mit reichen     len im Konzern. Seit der Finanzkrise sind                                            matmarkt verlieren. „Inwieweit steht der
Privatkunden. Beide Bereiche werden           für die einstigen Regenmacher schwerere                                              letzte deutsche Global Player unter den
nun zusammengelegt. Und auch an Lam-          Zeiten angebrochen. Analysten erwarten                                               Banken der Politik noch als Ansprech-
berti habe Ackermann zu lange festgehal-      für Investmentbanken in den nächsten                                                 partner zur Verfügung?“, fragt ein CDU-
ten. Dem Vorstand für IT und Personal         Jahren deutlich kleinere Gewinne.                                                    Politiker.
werfen Kritiker Versagen bei der Moder-          In den USA wurden der Branche be-                                                    Deshalb soll künftig ein Österreicher
nisierung der Infrastruktur vor, einem der    stimmte Geschäfte schlicht verboten.                                                 die Rolle des Vermittlers zwischen Bank
größten Kostenblöcke in jeder Bank.           Weltweit einigten sich Regulierer auf                                                und Politik übernehmen: Paul Achleitner,
   Die Aktionäre hatten Ackermann lan-        strengere Regeln für das Kapital, mit dem                                            55. Er soll von Ende Mai an als Aufsichts-
ge dafür geliebt, dass er dem Sharehol-       Banken Risiken absichern müssen. Das                                                 ratschef über die Deutsche Bank wachen.
der-Value huldigte und schnittige Ziele       trifft die Investmentbanken härter als alle                                          Einst war Achleitner Deutschland-Chef
wie jene 25-Prozent-Rendite ausgab, die       anderen, weil ihre Handelsgeschäfte be-                                              von Goldman Sachs, seit 2000 ist er Fi-
viele Deutsche so empört. Aber sie fin-       sonders risikoreich sind.                                                            nanzvorstand beim Versicherungskon-
den, er habe zuletzt nicht mehr genug            Der Handel mit Derivaten, die in der                                              zern Allianz. In seinem Umfeld wird be-
dafür getan. Er sei nur noch zu 80 Prozent    Bilanz der Deutschen Bank fast 800 Mil-                                              tont, dass er sich aus aktienrechtlichen
für die Aktionäre da gewesen.                 liarden Euro ausmachen, soll zudem aus                                               Gründen noch vollkommen aus dem Ge-
  „Anshu Jain ist 100 Prozent Sharehol-       den Hinterzimmern auf öffentliche Bör-                                               schehen in Frankfurt heraushalte.
der-Value“, sagt ein Investor. Sie erwar-     sen geholt und transparenter gemacht                                                    Doch Insider versichern, dass er in die
ten, dass er die Eigenkapitalrendite, die     werden. Das macht auch diese Geschäfte                                               Planspiele Jains natürlich eingeweiht ge-
zuletzt nach Steuern nur bei 8,2 Prozent      weniger profitabel.                                                                  wesen sei. Das Schauspiel der vergan-
lag, deutlich steigert. Jain und Fitschen        Außerdem sitzt die Bank auf Altlasten                                             genen Wochen habe ihn allerdings be-
wollen vor allem das Geschäft in Asien        aus der Zeit der Finanzkrise. Analysten                                              fremdet.
und den USA ausbauen. Sie haben               erwarten, dass die neuen Chefs anders                                                   In Berlin hoffen viele, dass Achleitner
außerdem Zauberformeln wie „Silos auf-        als Ackermann bereit sind, wertlos ge-                                               sich künftig kräftig einmischt – vor allem
brechen“ und „Geschäftsbereiche verzah-       wordene verschachtelte Finanzprodukte                                                in drei Jahren, wenn Fitschen in den Ru-
nen“ nach außen dringen lassen, um an-        zur Not auch mit Verlust zu verkaufen.                                               hestand geht und womöglich Jains Allein-
zudeuten, was sie vorhaben. In den Oh-        So könne das Kapital gestärkt werden.                                                herrschaft beginnt. Denn in der Deutsch-
ren der Aktionäre klingt das gut. Doch           Wegen der Probleme im Investment-                                                 land AG, mit ihren undurchschaubaren
dahinter steckt vor allem eins: Die Kosten    banking müssen sich Jains Truppen wie                                                Netzwerken zwischen Politik, Wirtschaft
sollen sinken, vor allem im IT-Bereich.       die ganze Branche neu erfinden. Um Ge-                                               und Gewerkschaften, wird Jain noch lan-
   Arbeitnehmervertreter rechnen in den       schäfte an Land zu ziehen, sollen sie künf-                                          ge ein Fremdkörper bleiben.
nächsten Jahren mit einem drastischen         tig unter anderem mehr Produkte an die                                                  Zwar heißt es seit kurzem, der gebürti-
Stellenabbau. Denn Großaktionäre ma-          hauseigene Vermögensverwaltung und                                                   ge Inder, der derzeit noch in London lebt,
chen Druck: In den Bereichen Infrastruk-      die Privatkunden verkaufen: „Wie kann                                                lerne Deutsch. Zu hören freilich bekam
tur und regionales Management, die zum        es sein, dass Sal. Oppenheim mehr Ge-                                                man von den vermeintlichen Kenntnissen
größten Teil Lamberti unterstehen, könn-      schäft mit Goldman Sachs macht als mit                                               bislang nichts. Als Jain neulich persönlich
ten 15 Prozent der 35 000 Jobs wegfallen,     der Deutschen Bank?“, fragt ein Investor.                                            die Frage gestellt bekam, ob denn die Ge-
finden sie. Mehr als 5000 Stellen stehen      Auch Postbank-Chef Stefan Jütte kündig-                                              rüchte über den Unterricht stimmten, lä-
also auf der Kippe.                           te kürzlich an, man werde künftig die                                                chelte er nur verschämt, nickte – und sag-
   Und noch etwas anderes steckt dahin-       Fonds der Mutter vorn ins Regal stellen.                                             te kein einziges Wort. Es war einer der
ter, wenn Jain die Investmentbank mit         Bald dürften auch andere Anlagepro-                                                  seltenen Momente, in denen Jain unsi-
anderen Bereichen stärker verbinden will:     dukte aus den Finanzfabriken Jains dort                                              cher wirkte.
Sein Bereich ist eine der größten Baustel-    landen.                                                                                                MARTIN HESSE, ANNE SEITH

78                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Wirtschaft


                                                            A F FÄ R E N




                                    Die Krebs-Mafia
  Nur 400 Apotheken in Deutschland dürfen Chemotherapie-Infusionen zubereiten. Viele
        werden offenbar seit Jahren von Pharmafirmen geschmiert, damit sie deren
 Präparate bevorzugen. Die Kassen müssen deshalb Höchstpreise für Medikamente zahlen.


E
      s gibt vermutlich keinen                                                               therapien. Bei keiner Therapie zah-
      Pharmachef in Deutschland,     Rund 2,5 Milliarden Euro gaben die Krankenkassen        len die Firmen mehr Schmiergeld.
      der sich so gut beraten lässt  2010 für Krebs-Chemotherapien aus.                         Krebs ist bis heute für jeden
wie Rolf-Dieter Lampey. Als Poli-                                                            Menschen eine erschütternde Dia-
zisten am frühen Morgen des          Durch strengere Rabattregeln könnten sie mindestens     gnose. Man kann einen Tumor


                                       200 Millionen Euro
29. März 2009 die Geschäftsräume                                                             chirurgisch entfernen, man kann
seiner Firma Zyo Pharma in Ham-                                                              ihn bestrahlen oder ihn mit che-
burg durchsuchten, stießen sie                                             einsparen.        mischen Wirkstoffen bekämpfen.
auf Leitz-Ordner voller „Berater-                                                               Patienten, die sich für eine sol-
verträge“ mit Ärzten und Apo-                                                                che Chemotherapie entscheiden,
thekern.                                                                                     bezahlen diese Hoffnung oft mit
   Zyo Pharma hat sich auf Krebs-                                                            zusätzlichem Leid: Ihnen fallen
medikamente spezialisiert. Die Fir-                                                          die Haare aus, sie erbrechen stän-
ma stellt eine Handvoll Chemothe-                                                            dig, bekommen Schwellungen
rapie-Präparate selbst her, darüber                                                          oder Taubheit an Händen und
hinaus beliefert sie Apotheken in                                                            Füßen, Juckreiz am ganzen Kör-
der ganzen Republik mit Krebs-                                                               per, sie fühlen sich vollständig er-
medikamenten (Zytostatika).                                                                  schöpft, sie schwitzen, oder ihr
   Wozu aber braucht eine solche                                                             Mund trocknet aus.
Firma Dutzende Berater? Wes-                                                                    Für Zytostatika-Apotheker ha-
halb konnte ein Arzt oder Apo-                                                               ben die Chemotherapien dagegen
theker jeden Monat mehrere tau-                                                              höchst angenehme Nebenwirkun-
send Euro „Beraterhonorar“ von                                                               gen. Denn mit keiner Arznei ver-
Rolf-Dieter Lampey bekommen?                                                                 dienen sie mehr als mit Infusio-
   Eine ehemalige Buchhalterin                                                               nen für Krebspatienten.
von Zyo Pharma lüftete gegen-                                                                   Wenn ein Patient mit einem Re-
über der Polizei das Geheimnis:                                                              zept in die Apotheke kommt, er-
Sie erklärte, dass es angeblich gar                                                          hält der Apotheker normalerweise
nicht um Beratung gegangen sei.                                                              6,05 Euro Honorar dafür, dass er
Die ganzen Verträge seien nur                                                                das Präparat abgibt. Bereitet er aber
dazu da, den Ärzten und Apothe-                                                              eine Krebsinfusion zu, bekommt er
kern „finanzielle Anreize zu bie-                                                            79 Euro. Denn um eine Chemo-
ten, die Ware bei uns zu bestel-                                                             therapie herzustellen, braucht er
len“. Die Höhe des Honorars                                                                  einen gesicherten Laborraum, er
                                                                                              OBERHAEUSER / CARO




habe sich dabei am Umsatz der                                                                muss abhängig vom Gewicht des
Medikamente orientiert.                                                                      Patienten die Wirkstoffmenge be-
   Das Modell scheint in der Bran-                                                           rechnen und das hochgiftige Tro-
che verbreitet: Ein Krebspräparat,                                                           ckenpulver mit Flüssigkeit mischen.
für das die Krankenkasse 1000 Krebspatientin mit Chemo-Infusion: „Schlicht obszön“              Doch der Zuschlag von 79 Euro
Euro erstattet, kostet den Apothe-                                                           scheint für viele Zyto-Apotheker
ker im Einkauf offiziell 900 Euro. Tat- und elend verrecken … Dein Ende ist eher ein Trinkgeld. Den eigentlichen Rei-
sächlich zahlt der Apotheker aber nur nahe.“                                          bach machen sie mit der Gewinnspanne
etwa 300 Euro. Die Differenz von 600        Der Poststempel zeigt, dass der Brief zwischen ihrem Einkaufspreis und dem
Euro erhält er über einen „Beraterver- in Hamburg aufgegeben wurde. Bei einer Preis, den sie bei der Kasse abrechnen.
trag“ oder andere Kick-backs zurück.      erneuten Durchsuchung beschlagnahmte          So kann ein Apotheker an einer einzi-
   Nachdem bekannt wurde, dass die die Polizei das Notebook von Geschäfts- gen Infusionsflasche des Wirkstoffs Pacli-
Buchhalterin gegenüber der Polizei ge- führer Rolf-Dieter Lampey. Unter den ge- taxel mehr als 600 Euro verdienen – also
plaudert hatte, fand sie in ihrem Brief- löschten Dateien fanden die Ermittler den das Hundertfache dessen, was er bei der
kasten ein Drohschreiben ohne Absender, wörtlichen Inhalt des Briefs.                 Abgabe einer Packung Tabletten erhält.
computergetippt und anschließend aus-       Apotheker ködern, Ärzte schmieren, Diese Gewinne gehören zu den best-
gedruckt: „Du bist wirklich ein armes Zeugen bedrohen – ein mieses Image hat gehüteten Geheimnissen der Branche.
Schwein, dein Ehemann betrügt dich die Pharmaindustrie schon lange. Aber nir-           Die Kosten für Medikamente befinden
regelmäßig mit anderen Frauen … Ich gendwo in der Branche wird so verbissen sich trotz aller Spargesetze in schwindel-
denke, du solltest den Abgang machen um Marktanteile gekämpft wie bei Chemo- erregender Höhe. Im Jahr 2000 gaben die
                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                        81
Wirtschaft

Krankenkassen 20 Milliarden Euro für Pil-                                                                      ‣ AEP für Epirubicin Hexal (200 Milli-
len, Salben und Pülverchen aus, im vori-                                                                          gramm): 627,17 Euro. Tatsächlicher Ein-
gen Jahr waren es fast 30 Milliarden Euro.                                                                        kaufspreis über Zyo Pharma: 380,00
   Mehr als 4 Milliarden Euro haben die                                                                           Euro.
Kassen im Jahr 2010 für Krebsmedika-                                                                           ‣ AEP für Zyofolin (Calciumfolinat, 1000
mente ausgegeben (neuere Zahlen gibt                                                                              Milligramm): 344,50 Euro. Tatsächli-
es nicht), davon 2,5 Milliarden Euro für                                                                          cher Einkaufspreis: 50,00 Euro.
Krebsinfusionen. „Das ist ein Markt, der                                                                          Hexal teilt auf Anfrage mit, das Ra-
für die Kassen undurchschaubar ist“, sagt                                                                      battverbot des AVWG selbstverständlich
der Heidelberger Pharmakologe Ulrich                                                                           zu achten. Außerdem habe keine Ge-
Schwabe. „Wir wissen bis heute nicht, zu                                                                       schäftsbeziehung mit Zyo Pharma bestan-
welchen Preisen die Apotheker wirklich                                                                         den. Die günstige Ware müsse demnach
einkaufen.“                                                                                                    vom Graumarkt stammen.
   Die größten Gewinne lassen sich dabei                                                                          Zytostatika-Apotheken aus dem gan-
mit Generika machen, mit Wirkstoffen                                                                           zen Bundesgebiet bestellten ihre Präpa-
wie Paclitaxel, Docetaxel oder Oxali-                                                                          rate bei Lampey, und bei diesen Rabatten
platin, deren Patentschutz vor Jahren ab-                                                                      flossen offenbar auch die „Beraterhono-
gelaufen ist und die seitdem von jeder                                                                         rare“ üppig zurück: So stellte eine Apo-
Pharmafirma billig hergestellt werden                                                                          theke in Königstein im Taunus von Mai
können.                                                                                                        2006 bis April 2007 „Beraterrechnungen“
   Neben den Branchenriesen Ratio-                                                                             über mehr als 38 000 Euro an Zyo Pharma
pharm, Hexal oder Stada drängen sich                                                                           aus. Auf eine Anfrage des SPIEGEL ant-
auch kleine Firmen wie Zyo Pharma, Ri-                                                                         wortete der Anwalt des Apothekers:
bosepharm oder Omnicare ins lukrative        Zyo-Pharma-Chef Lampey                                            „Mein Mandant ist weder verpflichtet
Krebs-Business. Bei Zytoservice, einer       „Ich denke, du solltest elend verrecken“                          noch geneigt, die von Ihnen gestellten
Firma, die derzeit in den Markt drängt,                                                                        Fragen zu beantworten.“
hält der Finanzinvestor Capiton 40 Pro-      nommen die Umgehung des neu gelten-                                  Eine Apotheke in Cottbus kassierte in
zent der Anteile. Die Investoren wissen,     den AVWG.“                                                        einem einzigen Monat 10 591 Euro „Be-
dass die Rohmaterialen meist kostengüns-        Eine interne Preisliste der Krebspräpa-                        raterhonorar“. Bei einer Apotheke in
tig sind, die Chemos also zu einem Spott-    rate von Zyo Pharma aus dem Jahr 2008                             Hamm waren es zwischen April 2007 und
preis hergestellt werden können.             zeigt, wie viel Geld die Apotheker beim                           Januar 2008 im Schnitt mehr als 3300
   Der Chef eines Pharmakonzerns er-         Einkauf eines einzigen Krebsmedika-                               Euro jeden Monat. In seinen Rechnungen
klärt das Modell, er will anonym bleiben.    ments sparen konnten. Die 13-seitige Lis-                         an Zyo Pharma schrieb der Apotheker
Er sagt, dass sein Unternehmen die Preise    te trägt auf jeder Seite den Hinweis „VER-                        jeweils: „Für Tätigkeiten für Ihre Firma
um mehr als 50 Prozent senken könnte,        TRAULICH – nur zum persönlichen Ge-                               im Monat … erlaube ich mir zu berech-
wenn er dann mehr Umsatz machen wür-         brauch!“ Darin sind mehr als hundert                              nen …“ Keine der Apotheken beantwor-
de. Er könnte zum Beispiel Paclitaxel für    Preise für Krebsmedikamente aufgelistet:                          tete Fragen zu den Honorarzahlungen.
300 Euro anbieten. Aber dann würden          ‣ Offizieller Apothekeneinkaufspreis                                 Es gibt bundesweit nur 400 öffentliche
die Kassen nur noch 400 Euro pro Pa-           (AEP) für Paclitaxel Hexal (300 Milli-                          Apotheken, die Chemotherapien zube-
ckung erstatten. Der Apotheker hätte also       gramm): 1460,90 Euro. Tatsächlicher                            reiten dürfen. Allein Zyo Pharma hatte
nur 100 statt 600 Euro Gewinn.                  Preis, zu dem Zyo lieferte: 600,00 Euro.                       mit mindestens 65 von ihnen einen Bera-
   „Würden wir als Erste die Preise massiv
senken, wären wir einem Sturm der Apo-
theker ausgesetzt“, sagt der Pharmachef.      Das Geschäft mit dem Krebs
„Wir kämen in keine Apotheke mehr rein,       Welche Margen Apotheker bei der Zubereitung von Chemotherapien erreichen können
weil wir die Preise kaputtmachen.“
   Das Erstaunliche ist, dass den Apothe-
kern schon mit dem Arzneiverordnungs-                             Hospira                                  Hexal                                 Actavis
Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) im                          Paclitaxel                            Carboplatin                              Docetaxel
Jahr 2006 jeglicher Rabatt, der höher als                    300 mg, 50 ml                                450 mg                                 140 mg
sieben Prozent war, verboten wurde.
Doch dem SPIEGEL liegen mehr als tau-             Einkaufspreis
send Seiten interner Pharmaunterlagen             Pharmagroßhandel             110,00 €                       49,00 €                                      k. A.
und polizeiliche Ermittlungsakten vor, die        Einkaufspreis
zeigen, dass das bis 2009 geltende Verbot         Apotheken                    350,00 €                       75,00 €                               360,00 €
nicht zu mehr Transparenz führte – son-           Abrechnungspreis
dern offenbar zu einem ausgeklügelten             gegenüber
System illegaler Rückvergütungen.                 Krankenkasse                 980,22 €                     236,05 €                                945,99 €
   Genau zu jener Zeit, als das Gesetz in         Marge
Kraft trat, startete Zyo Pharma etwa seine        für den Apotheker        630,22 €                     161,05 €                                585,99 €
„Beraterverträge“ mit den Apothekern.
   Mehrere Außendienstler der Firma
schildern gegenüber der Polizei den Zu-
sammenhang: „Den Apothekern wurden
Beraterverträge angeboten, um vorherig
bestehende Rabatte, die jetzt nicht mehr      Quellen:
gewährt werden dürfen, auszugleichen.“        Einkaufspreis Pharmagroßhandel: Preisliste Zyo Pharma vom 13. März 2009; Einkaufspreis Apotheke: Großhändler-Preisliste vom
   Ein anderer Außendienstler erklärte:       16. Januar 2012; Abrechnungspreis gegenüber Krankenkasse: Hilfstaxe vom 15. März 2012 zuzüglich 79 Euro Zuschlag; Marge für den
                                              Apotheker: Eigene Berechnung aus Abrechnungspreis gegenüber Krankenkasse minus Einkaufspreis Apotheken, ohne Mehrwertsteuer
„Die Beraterverträge sind im Grunde ge-
82                                                  D E R     S P I E G E L       1 5 / 2 0 1 2
Fällen nicht ausgeführt“, so der Pharma-
                                                                                                            referent gegenüber den Ermittlern. Die
                                                                                                            WKV habe praktisch nur als Provision für
                                                                                                            den Einkauf der Apotheke gedient.
                                                                                                               Wenn man Dr. Stahl mit diesen Fakten
                                                                                                            konfrontiert, listet er diverse Beratungs-
                                                                                                            leistungen auf, die er für Zyo erbracht
                                                                                                            habe. „Der monatliche Zeitaufwand lag
                                                                                                            im Bereich von 18-22 Stunden“, teilt er
                                                                                                            per Fax mit. Außerdem sagt Dr. Stahl, er
                                                                                                            habe „keinerlei Einfluss auf die Bestel-
                                                                                                            lungen und den Einkauf des Zytostatika
                                                                                                            liefernden Apothekers“ genommen.
                                                                                                               Auch Zyo-Chef Lampey versichert:
                                                                                                            „Dr. Stahl hat für uns sehr umfangreiche
                                                                                                            medizinische Ausarbeitungen“ und ande-
                                                                                                            res erstellt. „Die entsprechenden Ärzte
                                                                                                            wurden definitiv nicht für etwaige Ver-
                                                                                                            schreibungen belohnt“, so Lampey.




                                                                                         STEINACH / IMAGO
                                                                                                               Was die Wohltaten für Ärzte angeht,
                                                                                                            stehen die verschiedenen Unternehmen
                                                                                                            allerdings in scharfer Konkurrenz. Auch
                                                                                                            Ribosepharm, die Krebssparte der Firma
Apotheke in Berlin: Nebenwirkungen von Haarausfall bis Erbrechen                                            Hikma, stellt eine Vielzahl von Chemo-
                                                                                                            therapeutika her. Ihr Firmenmotto lautet:
tervertrag geschlossen. Jede sechste Zyto-    Schließlich konnte Lampey seine Medi-                         „Das Menschenmögliche tun“.
Apotheke in Deutschland hätte sich dem- kamente nur deshalb so günstig anbieten,                               Die Staatsanwaltschaft München hat ein
nach auf Rabatt-Deals mit Zyo Pharma weil er selbst günstig eingekauft hat. Laut                            Ermittlungsverfahren gegen Ribosepharm-
eingelassen – dabei gibt es mindestens der „vertraulichen“ Preisliste bezog er im                           Geschäftsführer Martin Stapf eröffnet, we-
ein Dutzend ähnlicher Firmen. Bei den Jahr 2008 eine Flasche Calciumfolinat für                             gen des Verdachts der Bestechung von
Krebsapothekern stellt sich nicht die Fra- 8,41 Euro – den Kassen wurden dafür                              Ärzten. Das Pikante an dem Fall: Die In-
ge, ob es schwarze Schafe gibt.            431,90 Euro in Rechnung gestellt. Epirubi-                       formationen, die den Ermittlern vorliegen,
   Die Frage ist: Gibt es auch weiße?      cin (200 Milligramm) bezog er für 80,00                          kommen von einem Insider – einem ehe-
   Zyo-Chef Lampey beharrt auf Nach- Euro, die Kasse zahlte dafür 774,89 Euro.                              maligen Pharmareferenten von Ribose-
frage darauf, dass es sich bei den Bera-      Von solchen Margen können selbst                              pharm. Die 140 Seiten starke Anzeige, die
terverträgen „nicht um Scheinverträge“ Drogenhändler nur träumen.                                           von der AOK Niedersachsen bei der
gehandelt habe, weil die Apotheker eine       Doch was nützen einem Apotheker die                           Staatsanwaltschaft eingereicht wurde, lis-
„Beratungsleistung erbracht“ hätten. Au- schönsten Preise, wenn er keinen Arzt                              tet unter anderem 25 Onkologie-Praxen
ßerdem gebe es „definitiv keinen Zusam- hat, der ihn mit Rezepten versorgt? Ein                             in ganz Deutschland auf, denen das Un-
menhang zwischen rabattierten Waren Krebspatient selbst hat keinen Einfluss                                 ternehmen über eine zwischengeschaltete
und Rückflüssen über Beraterverträge“. darauf, welche Apotheke sein Rezept er-                              Firma die Homepage finanziert haben soll.
Schließlich habe das AVWG Rabatte für hält. Er bekommt es noch nicht einmal                                    In einer E-Mail vom 12. November
eine Chemotherapie-Zubereitung erlaubt, zu sehen, weil der Doktor alles für ihn                             2008 teilt der Vertriebsleiter der Ribose-
schreibt Lampey. Dies bestreitet Oliver regelt: Die Infusion wird direkt in die Pra-                        pharm, Michael K., der Geschäftsführung
Ewald, Sprecher des Bundesgesundheits- xis geliefert und ihm dort verabreicht.                              mit, zwei Onkologen hätten sich „be-
ministeriums, allerdings entschieden.         Pharmafirmen ködern deshalb nicht                             schwert, dass wir die Praxis Homepage
   Einen Strafbefehl erhielt Lampey bis- nur Apotheker, sondern auch Onkologen                              einstellen möchten“. Die Firma müsse
her nur für seine illegalen Importe von (Krebsärzte). Zyo Pharma etwa hat mit                               mit weiteren Beschwerden rechnen, „da
Krebsmedikamenten. So soll er rund ihnen sogenannte Wissenschaftliche Ko-                                   wir aufgrund der Budgetkürzungen wei-
8000 Packungen Gemzar günstig aus operationsvereinbarungen (WKV) ge-                                        tere Homepages kündigen werden“.
Ägypten bezogen haben. Mehr als hun- schlossen, die im Grunde wohl genauso                                     Ribosepharm erfuhr erst durch eine
dert Apotheker aus Deutschland order- funktionierten wie die Beraterverträge.                               Anfrage des SPIEGEL von dem Ermitt-
ten die Ware.                                 Wie lukrativ diese Verträge sind, zeigt                       lungsverfahren. Zu Details wollte sich die
   Das Amtsgericht Hamburg verhängte das Beispiel von Dr. Jörg Stahl, dem ehe-                              Firma nicht äußern.
gegen Lampey wegen dieser Importe eine maligen Chefarzt der Krebsklinik Rein-                                  Eines der beliebtesten Mittel, Ärzten
Geldbuße über 480 000 Euro und eine hardshöhe, der jetzt eine Schwerpunkt-                                  Gutes zu tun, sind sogenannte Anwen-
Freiheitsstrafe von zwölf Monaten auf Be- praxis für Tumorpatienten betreibt.                               dungsbeobachtungen (AWB). Sie gelten
währung. Der Unternehmer geht mit ei-         Dr. Stahl schickte zwischen März 2004                         vielfach als Scheinstudien, bei denen der
ner Riege aus Top-Anwälten gegen den und Februar 2006 mehr als 20 Rechnungen                                Arzt für jeden Patienten, dem er ein be-
Strafbefehl vor. So behauptet er, der an Zyo Pharma, in denen er „für meine Be-                             stimmtes Medikament verordnet, mehre-
Ägypten-Import stelle keinen Verstoß ge- ratertätigkeit“ pro Monat jeweils zwischen                         re hundert Euro Honorar erhalten kann.
gen das Arzneimittelrecht dar. Das Mi- 2672,64 Euro und 3489,28 Euro forderte.                                 Im vergangenen Jahr deckte der SPIE-
nisterium widerspricht dem aber.              Der Zyo-Außendienstler, der Dr. Stahl                         GEL auf, wie die in Leipzig ansässige Fir-
   Nach jahrelangen Ermittlungen er- betreute, erklärt, dass aus seiner Sicht die                           ma Oncosachs Ärzte mit solchen Studien
scheint Lampey derzeit als der Hauptböse- einzige Aufgabe des Arztes darin bestand,                         köderte. Oncosachs gehörte damals der
wicht der Branche. Doch das zu glauben den Apotheker anzuhalten, seine Medi-                                Leipziger Apothekerfamilie Krasselt, wur-
wäre naiv. Der eigentliche Skandal be- kamente bei Zyo zu ordern. Die Leistun-                              de inzwischen aber verkauft.
steht darin, dass große Teile der Branche gen, die Dr. Stahl in seiner Rechnung                                Ein 56-jähriger Krebsarzt aus Berlin be-
korrupt erscheinen.                        dann auflistet, „wurden in den meisten                           richtete, wie ihm eine Mitarbeiterin an-
                                                 D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                              83
Wirtschaft




                                                                                                 MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL (L.); SILVIO BÜRGER / BILD ZEITUNG (R.)
Oncosachs-Firmensitz, Razzia bei einer Apotheke in Leipzig: Krebsärzte sollen Geld für Scheinstudien und „Mietzuschüsse“ kassiert haben

geboten habe, er könne für jeden Krebs-       Umsatz das entspricht pro Praxis und Prä-                                                                                      Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat in-
patienten 300, 600 oder auch 900 Euro         parat. Bräuchte ich bis morgen.“                                                                                            zwischen Anklage gegen das ehrenwerte
extra kassieren, vorausgesetzt er bestelle       In Thüringen erwarb ein Zyto-Apothe-                                                                                     Duo erhoben – auch in diesem Fall wegen
die Medikamente künftig bei Oncosachs.        ker gemeinsam mit einem Onkologen ein                                                                                       Bestechung und Bestechlichkeit im ge-
   Die Sondereinheit INES der sächsi-         Ärztehaus für 2,3 Millionen Euro. Dabei                                                                                     schäftlichen Verkehr nach Paragraf 299.
schen Justiz ermittelt wegen des Ver-         verfügte der Arzt über gar kein Geld. Er                                                                                       Es ist eine juristische Grundsatzfrage,
dachts der banden- und gewerbsmäßigen         steckte sogar tief in den Schulden, als er                                                                                  und sie versetzt viele Pharmafirmen der-
Bestechung und Bestechlichkeit – nicht        die Immobilie erwarb.                                                                                                       zeit in Nervosität. Denn der Große Senat
nur gegen die Verantwortlichen von On-           Für den Apotheker war das aber kein                                                                                      des Bundesgerichtshofs (BGH) will dem-
cosachs, die die Vorwürfe stets bestritten    Problem. Er schlug dem Arzt einen Deal                                                                                      nächst entscheiden, ob Ärzte als Amts-
haben, sondern auch gegen 46 Krebs-           vor: Der Doktor solle die Medikamente                                                                                       träger oder Beauftragte der Krankenkas-
ärzte. Die Mediziner sollen bis 2008 vor      ausschließlich bei ihm bestellen. Im Ge-                                                                                    sen agieren – und deshalb wegen Bestech-
allem „Mietzuschüsse“ kassiert haben,         genzug übernahm der Apotheker die                                                                                           lichkeit verurteilt werden können.
seither soll das Geld mit Hilfe von AWBs      Finanzierung der Kredite. Zum Zer-                                                                                             Der Jurist Oliver Pragal hatte diese An-
geflossen sein. Ein Arzt soll von 2005 bis    würfnis zwischen den beiden kam es of-                                                                                      sicht in seiner Doktorarbeit im Jahr 2005
2011 mehr als eine halbe Million Euro         fenbar, als der Arzt für weitere Ver-                                                                                       vertreten. Es war zwar nur eine Doktor-
Schmiergeld erhalten haben, wie der           ordnungen 250 000 Euro jährlich forderte.                                                                                   arbeit, aber seither wird das Thema er-
Dresdner Oberstaatsanwalt Wolfgang            Daraufhin zeigte der Apotheker ihn an,                                                                                      bittert diskutiert. Pharmajuristen legen
Klein mitteilt. Mit einer Anklage gegen       weil er sich nicht an die Abmachungen                                                                                       dezidiert dar, warum der Arzt als Freibe-
die Ärzte wird in den kommenden Wo-           gehalten habe.                                                                                                              rufler gar nicht bestechlich sein könne.
chen gerechnet.
   Ribosepharm finanzierte ebenfalls Stu-
dien, mit denen Ärzte Geld verdienen                               Sun                         Hospira                                                                                         Hospira
konnten. Als Mittler beauftragte das Un-
ternehmen die Firma rgb Onkologisches                   Calciumfolinat                       Epirubicin                                                                                    Oxaliplatin
Management GmbH. Deren Geschäfts-                              1000 mg                         200 mg                                                                                          100 mg
führer schickte am 24. November 2008
eine Liste mit 34 onkologischen Praxen             Einkaufspreis
aus ganz Deutschland an Ribosepharm.
                                                   Pharmagroßhandel            k. A.            100,00 €                                                                                          60,00 €
   Aus einer rgb-internen „Honorarliste“           Einkaufspreis
vom 1. April 2009 ist ersichtlich, dass ein        Apotheken                 26,00 €            200,00 €                                                                                         200,00 €
Arzt für diese Studien bis zu 700 Euro „Ho-        Abrechnungspreis
norar“ pro Patient erhalten konnte, wenn           gegenüber
er ihm zum Beispiel Ribosepharm-Präpa-             Krankenkasse           211,07 €              497,80 €                                                                                         342,75 €
rate verordnete. rgb-Chef Rainer Göttel            Marge
bestätigt die Zahlungen an Ärzte, betont           für den Apotheker     185,07 €             297,80 €                                                                                        142,75 €
aber, dass es sich dabei um Honorar für
seriöse epidemiologische Studien handle.
Rund 350 Ärzte machen dabei mit, das sei
jeder zweite Krebsarzt in Deutschland.
   Vertriebschef K. schickte die Liste der
beteiligten Arztpraxen noch am selben
Tag an eine Kollegin mit der Aufforde-
rung: „Könntest du ausrechnen, wie viel
84                                                  D E R    S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Doch immer mehr Gerichte haben sich                                                                                 die Einkaufspreise offenzulegen, kaum
zuletzt Pragals Ansicht angeschlossen                                                                                  nachkommen. Als beliebteste Ausreden
und Ärzte zumindest in erster Instanz                                                                                  bekommt er zu hören: „Urlaub der ver-
wegen Bestechlichkeit verurteilt. Zum                                                                                  antwortlichen Person“, „allgemeine Über-
Beispiel Hausärzte, die Schecks von Ra-                                                                                lastung“, „Krankheit“, „laufende wichtige
tiopharm erhielten, weil sie deren Präpa-                                                                              Projekte“ und „andere Apothekenkolle-
rate bevorzugten.                                                                                                      gen wurden auch nicht gefragt“.
   In Mannheim hat die Staatsanwalt-                                                                                      Die Taktik ist klar: Wüssten die Kran-
schaft drei weitere Pharmaunternehmer                                                                                  kenkassen über die hohen Rabatte der
angeklagt, die ähnlich wie Lampey bun-                                                                                 Apotheker Bescheid, würden sie nicht 75
desweit Apotheken mit günstigen Import-                                                                                Prozent erstatten, sondern nur noch 50,
medikamenten beliefert haben sollen.                                                                                   40 oder 20 Prozent der Listenpreise.
Die drei sollen dabei seit 2005 in Deutsch-                                                                               Experten der AOK gehen davon aus,
land nicht zugelassene Medikamente aus                                                                                 dass sich allein bei den Chemo-Infusionen
Argentinien bezogen haben.                                                                                             mindestens 200 Millionen Euro im Jahr
   Seine Anklage schließt der Mannhei-                                                                                 einsparen lassen. Die Versorgung der
mer Staatsanwalt mit der Bemerkung,                                                                                    Krebspatienten könnte man damit einen




                                                                                          ESPEN EICHHÖFER / OSTKREUZ
dass „der vorliegende Ermittlungskom-                                                                                  großen Schritt nach vorn bringen, sagt
plex ein beängstigendes Bild auf eine Viel-                                                                            Wolf-Dieter Ludwig, einer der angese-
zahl deutscher Apotheker wirft“.                                                                                       hensten Krebsärzte der Republik.
   Nicht immer geht es dabei nur um ille-                                                                                 Er kritisiert seit Jahren die Preise für
gale Profite, manchmal geht es auch um                                                                                 neue Krebsmittel als „schlicht obszön“.
den fahrlässigen Umgang mit dem Leben                                                                                  In Ludwigs Abteilung am Helios Klini-
von Patienten. Erst vor wenigen Wochen Krebsarzt Ludwig                                                                kum Berlin-Buch werden jedes Jahr 3000
schlug die US-Gesundheitsbehörde FDA Geld einzusparen ist kein Selbstzweck                                             Tumorpatienten behandelt. Seiner Beob-
Alarm, weil das Krebspräparat Avastin,                                                                                 achtung nach fehlt es insbesondere in
das die Schweizer Firma Hadicon aus ten. Am 1. März 2012 wurden die Erstat-                                            ländlichen Gebieten an einer guten Zu-
Ägypten bezogen hatte und das über Zwi- tungspreise auf 75 Prozent gesenkt.                                            Hause-Versorgung von Patienten, denen
schenhändler an 19 Krebsärzte in den           Dafür haben die Kassen mit der Hilfs-                                   im Krankenhaus nicht mehr geholfen wer-
USA geliefert wurde, gefälscht war. Dem taxe aber eine andere Kröte geschluckt:                                        den kann. „Das ist doch sehr inhuman,
Avastin fehlte schlicht der Wirkstoff. Ha- Seither dürfen Zytostatika-Apotheker mit                                    dass eines der reichsten Länder der Welt
dicon-Geschäftsführer Klaus-Rainer Töd- den Pharmafirmen frei über die Preise                                          die letzten Monate eines Krebspatienten
ter beteuert auf Anfrage, selbst „Opfer verhandeln. Den Kassen wurde lediglich                                         nicht mehr menschenwürdig organisiert.“
eines Betrugs geworden zu sein“, die das Recht eingeräumt, sich die Einkaufs-                                             Ein Tumorpatient sollte am Ende des
Avastin-Fälschung sei „mit unserer Hilfe belege der Apotheker zeigen zu lassen.                                        Lebens eine Fachkraft haben, die täglich
aufgedeckt“ worden.                            Das heißt: Die Rabatte sind jetzt legal.                                nach ihm schaue, beispielsweise ob er
   Die Hamburger Polizei interessierte Weil die Apotheker aber weiterhin ihre                                          eine höhere Dosis Schmerzmittel braucht,
sich bereits im Jahr 2010 für Hadicon, weil ausgehandelten Einkaufspreise verheim-                                     ob er Sauerstoff benötige oder man Flüs-
Lampey andere, nicht aber wirkstofffreie lichen wollen, bleiben offenbar vielfach                                      sigkeit aus dem Rippenfell absaugen müs-
Krebsmedikamente aus Ägypten über die alten Kickback-Modelle bestehen.                                                 se. Geld einzusparen sei im Gesundheits-
diesen Importeur bezog. Diesbezügliche         So liefert die Firma Axios Krebsmedi-                                   wesen kein Selbstzweck, sagt Professor
Fragen beantwortete Tödter nicht. Er ste- kamente zu einem hohen Preis an Apo-                                         Ludwig. „Es kommt darauf an, die Mittel,
he „nur den zuständigen Behörden für theken. Gleichzeitig schaltet Axios kleine                                        die man hat, am wirkungsvollsten für die
Auskünfte zur Verfügung“. Merkwürdig Werbekästchen, sogenannte Banner, auf                                             Patienten einzusetzen.“
nur: Die Hamburger Polizei hat Tödter den Homepages der Apotheken, die dann                                               Doch würden die Kassen eingesparte
2010 einen Katalog von acht Fragen ge- erstaunlich hoch honoriert werden. Ein                                          Gelder tatsächlich in eine bessere Versor-
schickt. Eine Antwort hat sie bis heute Apotheker räumt ein, dass seine Home-                                          gung von Patienten investieren? Wohl
nicht erhalten. Nachdem die Polizei die page am Tag zwar nur zehnmal angeklickt                                        kaum. Wahrscheinlich ändert sich also
erste Razzia bei Lampey durchgeführt werde, er dennoch von Axios mehr als                                              gar nichts. Nicht mal nach dem Urteil des
und die illegalen Importe ermittelt hatte, tausend Euro für Werbung pro Monat kas-                                     BGH. Darauf deuten jedenfalls die Äu-
schickte Tödter ein handschriftliches Fax siere. Seine Einschätzung: „Das ist wie                                      ßerungen von Jens Spahn hin, er ist Spre-
nach Hamburg: „Lieber Rolf, wie verein- früher: Es wird schlicht die Differenz zwi-                                    cher der Arbeitsgruppe Gesundheit der
bart versuchen wir derzeit Euch zu helfen, schen dem Listenpreis und dem echten                                        CDU/CSU-Fraktion.
die Ware weiter zu verkaufen. Bei Erfolg Preis ausbezahlt.“ Axios hingegen betont,                                        Mitte Februar war Spahn zu Gast bei
überweisen wir umgehend die erzielten mit den „Werbemaßnahmen keine wie                                                den „1. Münsterischen Gesprächen zum
Einnahmen. Gruß, Klaus.“                     auch immer geartete Rabattgewährung                                       Gesundheitsrecht“. Das Podium disku-
   Auch wenn die Krankenkassen die in- durchzuführen“, da die Bannerwerbung                                            tierte besorgt, was wohl passiere, wenn
ternen Preislisten nicht kennen, ahnen sie „ausschließlich dem Beratungs- und Infor-                                   der BGH demnächst tatsächlich entschei-
doch, dass sie bei den Krebsmedikamen- mationsbedürfnis der Apotheker und Pa-                                          det, dass Ärzte wegen der Annahme von
ten wohl seit Jahren übers Ohr gehauen tienten dient und keinen produktbezoge-                                         Schmiergeld verurteilt werden können.
werden. Im Sommer 2009 pochten sie des- nen Bezug besitzt“. Detaillierte Antwor-                                       Der CDU-Politiker nahm den Medizinern
halb darauf, dass die Preise reduziert wer- ten könne die Geschäftsleitung aber erst                                   allerdings ihre Sorge. „Wir werden das
den. Gemeinsam handelte damals der Mitte April nach ihrem Urlaub geben.                                                rechtlich so klarstellen, dass ein solches
Spitzenverband der gesetzlichen Kranken-       Unklar ist, ob die Kassen unwillig oder                                 Urteil künftig anders aussehen müsste.“
kassen mit dem Deutschen Apothekerver- unfähig sind. Frank-Ullrich Schmidt, beim                                          Auf die schützenden Hände der Politik
band eine neue Preisliste aus. Diese „Hilfs- Spitzenverband der gesetzlichen Kranken-                                  können sich Ärzte und Apotheker also
taxe“ legte fest, dass die Krankenkassen kassen für die Zytostatika verantwortlich,                                    weiterhin verlassen. Den Krebspatienten
bei generischen Chemotherapeutika nur schilderte auf einem Vortrag in Berlin,                                          fehlt eine solche Lobby.
noch 90 Prozent des Listenpreises erstat- dass die Apotheker seiner Aufforderung,                                                                   MARKUS GRILL

                                                  D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                        85
Panorama

                                                                                                                       Nach dem Sturz von Staatschef Amadou
                                                                                                                       Toumani Touré durch das Militär und
                                                                                                                       dem Vormarsch der Tuareg-Rebellen
                                                                                                                       befürchten Experten, der Wüstenstaat
                                                                                                                       Mali könne sich zum nächsten afrika-
                                                                                                                       nischen „failed state“, zu einem zweiten
                                                                                                                       Somalia entwickeln. Mali liegt inmitten
                                                                                                                       eines Konfliktgürtels, der sich inzwi-
                                                                                                                       schen südlich der Sahara vom Indischen
                                                                                                                       Ozean bis zum Atlantik erstreckt: So-
                                                                                                                       malia, Südsudan und auch Nigeria ge-
                                                                                                                       hören dazu. Seit dem vergangenen Wo-
                                                                                                                       chenende wird Malis Norden von Tua-
                                                                                                                       reg-Rebellen kontrolliert, unterstützt
                                                                                                                       von Stammesbrüdern, die zuvor im li-
                                                                                                                       byschen Bürgerkrieg gekämpft haben.
                                                                                                                       Im Süden herrschen die Putschisten der
                                                                                                             Tuareg-   Armee. „Eine weitere Zuspitzung der
                                                                                                            Rebellen   Lage ist wahrscheinlich“, sagt Charlotte
                                                                                                                       Heyl, Mali-Expertin des Hamburger
                                                                  MALI
                                                                                                                       Giga-Instituts, „vor allem wenn es kei-
                                                                                                                       nen klar definierten Verhandlungspart-
                                                                                                                       ner für die Rebellen gibt.“ Zudem ha-
                                          Zweites Somalia?
FERHAT BOUDA




                                                                                                                       ben die verschiedenen Rebellengruppen,
                                                                                                                       die die Armee gemeinsam vertrieben
                                                                                                                       hatten, ihre Kooperation offenbar auf-
                                                                                                                       gekündigt. Nachdem die Tuareg von der
                                                                                     Konfliktherde in den Sahel-        MNLA (Nationale Bewegung zur Befrei-
                                                             TUNESIEN                Ländern und am Horn von Afrika    ung des Azawad) in Timbuktu einmar-
                          MAROKKO                                                    Operationsgebiet von „al-Qaida    schiert waren, wurden sie tags darauf
                                                                                     im Islamischen Maghreb“ (AQMI)    von den Islamisten der Ansar al-Din
                                          ALGERIEN                 LIBYEN                                              (Verteidiger des Glaubens) wieder ver-
                                                                                                                       trieben. Die Ansar-al-Din-Anhänger,
                                                                                                                       ebenfalls überwiegend Tuareg, sollen
                    MAURETANIEN    MALI                                                                                enge Kontakte zu den Extremisten der
                                  Timbuktu                                                                             Qaida im Maghreb unterhalten. Die lai-
                                             Gao        NIGER
                                                                    TSCHAD                                             zistische MNLA strebt nach mehr Au-
                                                                                     SUDAN
                     Bamako       Mopti                                                                                tonomie und will sich, eigenen Angaben
                                                                                                                       zufolge, mit den erreichten Geländege-
                                                   NIGERIA                                                             winnen zufriedengeben. Die Glaubens-
                                                                                                                       krieger dagegen wollen die Scharia ein-
                                                                                 SÜDSUDAN            ÄTHIOPIEN
                                                                                                                       führen und im Süden offenbar die Stadt
                    1000 km                                                                                            Mopti erobern. In Timbuktu verboten
                                                                                                          SOMALIA      sie Frauen bereits, Hosen zu tragen.
                                                                                                KENIA




                                   IRAN
                                                                        reicht habe. Experten benutzen diese             lösung. Doch auch er beharrt auf dem
                                                                        Formulierung, wenn ein Land über                 Recht zur Anreicherung für zivile
                                                                        ausreichend niedrig angereichertes               Zwecke: Im Gegenzug könne Teheran
                       Fatale Wortwahl                                  Uran verfügt, um zumindest einen
                                                                        Atomsprengkopf zu bauen. Seine An-
                                                                                                                         ein „Maximum an Transparenz“ bie-
                                                                                                                         ten. Bislang hatte Mussawian mit aus-
               Wird einer der international renom-                      lage zur Urananreicherung in Natans              geprägtem Selbstbewusstsein die Inter-
               miertesten Vertreter der iranischen                      hatte Teheran aber erst in jenem Jahr            essen Teherans vertreten, etwa als
               Führung zum Kronzeugen der Ankla-                        bei der Internationalen Atomenergie-             langjähriger Botschafter in der Bundes-
               ge im Streit um Irans Nuklearpro-                        behörde in Wien angemeldet. Dem                  republik. Später war er Vize-Chef-
               gramm? Der langjährige Spitzendiplo-                     SPIEGEL sagte Mussawian, in seinem               unterhändler in den Verhandlungen um
               mat Hossein Mussawian, 54, scheint                       ursprünglichen Text habe er „selbst              das Nuklearprogramm und galt dabei
               nun den Beweis dafür zu liefern, dass                    nichts von breakout capability ge-               als der eigentliche Strippenzieher. Un-
               Teheran schon vor Jahren genügend                        schrieben“. Unter dem Begriff verste-            ter Mahmud Ahmadinedschad fiel er
               Uran angereichert und gehortet hat,                      he er zudem nur die grundsätzliche               dann in Ungnade und fand Exil in den
               um eine Atombombe zu bauen. In ei-                       Fähigkeit zur Anreicherung, und die              USA: Dort lehrt er nun an der Elite-
               nem Beitrag für eine US-Tageszeitung                     habe Iran damals durchaus besessen.              Universität Princeton. Demnächst er-
               schreibt Mussawian, dass sein Land be-                   In seinem Artikel wirbt Mussawian                scheint in Amerika sein Buch „Die ira-
               reits 2002 die „breakout capability“ er-                 vor allem für eine Verhandlungs-                 nische Nuklearkrise“.
               86                                                            D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Ausland
                                   NORWEGEN                                                                                          G R O S S B R I TA N N I E N


                              Eisiges Faustpfand                                                                                    Datenangriff 2.0
                                                                                                                              Während die Deutschen noch über die
                                                                                                                              Vorratsdatenspeicherung streiten,
                                                                                                                              plant die Regierung in London eine
                                                                                                                              Verschärfung der britischen Regelung.
                                                                                                                              Schon seit 2009 müssen Telekommuni-
                                                                                                                              kationsunternehmen zwölf Monate
                                                                                                                              lang speichern, wer mit wem, wann,
                                                                                                                              wie lange und wo telefoniert hat. Sie
                                                                                                                              halten auch fest, wer wem E-Mails
                                                                                                                              schickt. In Zukunft aber sollen die Fir-
                                                                                                                              men auch Informationen darüber sam-
                                                                                                                              meln, was ihre Kunden in sozialen
                                                                                                                              Netzwerken wie Facebook tun oder
                                                                                                                              mit wem sie über Internettelefondiens-
                                                                                                                              te wie Skype sprechen und welche




                                                                                        STANISLAS FAUTRE / LE FIGARO / LAIF
                                                                                                                              Websites sie besuchen. Polizei, Ge-
                                                                                                                              heimdienste und andere staatliche
                                                                                                                              Stellen sollen auf diese Verbindungs-
                                                                                                                              daten ohne richterlichen Beschluss zu-
                                                                                                                              greifen dürfen – sogar in Echtzeit. Wei-
 Fjord in Spitzbergen                                                                                                         tere Details will Premier David Came-
                                                                                                                              ron bei seiner Regierungserklärung
                                                                                                                              Anfang Mai mitteilen. Doch schon
Größe muss nicht der entscheidende         schen Rat aufgenommen werden. An                                                   jetzt schlägt Cameron und seinem libe-
Faktor im Machtspiel der Staaten sein.     Norwegen als einem von acht Anrai-                                                 ralen Vize Nick Clegg heftige Kritik
Den Beweis dafür tritt gerade Norwe-       nerstaaten führt dabei kein Weg vor-                                               entgegen, gerade aus den eigenen Rei-
gen gegen die Supermacht China an.         bei, auch Russland hat Bedenken. Au-                                               hen. Die staatliche Datensammelwut
Nach der Verleihung des Friedens-          ßenminister Jonas Gahr Støre beteuert                                              gehe weit über das hinaus, was einer
nobelpreises an den Dissidenten Liu        nun öffentlich, China sei willkommen                                               zivilisierten Gesellschaft gebühre,
Xiabao hatte Peking politische Kontak-     im Rat, knüpft dies aber an einen Dia-                                             sagte der konservative Abgeordnete
te mit dem Fünf-Millionen-Volk ge-         log. China hat wegen der großen Roh-                                               David Davies. Aus Angst vor einem in-
kappt. Oslo bedient sich nun eines eisi-   stoffvorkommen und der verkürzten                                                  nerparteilichen Aufstand redet Clegg
gen Faustpfands: Denn China will als       Handelsroute über die Nord-Ost-Passa-                                              bereits davon, über das geplante Ge-
ständiger Beobachter in den Arkti-         ge starkes Interesse an der Polarregion.                                           setz lieber länger zu debattieren.



               E M I R AT E
                                                                                                                              Stiftungen hätten, so die Begründung
                                                                                                                              der Machthaber, keinen Rechtsstatus.
                                                                                                                              Die Adenauer-Stiftung und Gallup
  Klimawandel am Golf                                                                                                         können sogar auf eine persönliche Ein-
                                                                                                                              ladung des Kronprinzen von Abu Dha-
Mit Dialog und Zivilgesellschaft ist es                                                                                       bi, Scheich Mohammed, verweisen.
wie mit Müllhalden: Schon gut, dass es                                                                                        Außerdem hatte Gallup sich als Bera-
sie gibt – aber bitte beim Nachbarn,                                                                                          tungsfirma offiziell registriert. Beob-
nicht im eigenen Haus. Die Vereinig-                                                                                          achter sehen in dem Vorgang daher
ten Arabischen Emirate präsentieren                                                                                           eine konservative Wende. Offenbar sei
sich gern weltoffen und loben die Re-                                                                                         einigen die Modernisierung zu schnell
bellionen in Syrien, Ägypten, Tune-                                                                                           gegangen. Zu viele Ausländer, zu viele
sien und Jemen. Doch nun ist ein                                                                                              Blogger, zu viele westliche Projekte
Kurswechsel zu beobachten. In den                                                                                             und Universitäten. „Diese Fraktion
Herrscherhäusern von Abu Dhabi und                                                                                            hat nach der Arabellion Oberwasser
Dubai wurde die Parole „Keine Expe-                                                                                           bekommen und will nur noch ihre
rimente, keine Toleranz mehr“ ausge-                                                                                          Herrschaft absichern“, sagt ein lang-
geben. Trotz des Protestes von Angela                                                                                         jähriger Kenner. Kürzlich wurde der
Merkel, Guido Westerwelle und Hilla-                                                                                          Ökonom und Sorbonne-Dozent Nas-
ry Clinton bleiben die örtlichen Büros                                                                                        ser Bin Ghaith zusammen mit vier an-
                                                                                        VINCENT THIAN / AP




der Konrad-Adenauer-Stiftung, des                                                                                             deren Bloggern wegen Beleidigung
National Democratic Institute und des                                                                                         des Staatschefs zu mehreren Jahren
Umfrageinstituts Gallup endgültig ge-                                                                                         Haft verurteilt, wenn auch sofort be-
schlossen, in einigen Fällen müssen                                                                                           gnadigt. Die Blogger hatten lediglich
Mitarbeiter ausreisen. Die politischen     Kronprinz Mohammed von Abu Dhabi                                                   mehr politische Teilhabe angemahnt.
                                                D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                               87
Ausland


                                                            UKRAINE




               „Er will sie umbringen“
 Deutschland drängt auf Freilassung von Julija Timoschenko – vorher dürfe es keine
Annäherung zwischen der EU und Kiew geben. In Brüssel hat sich die Bundesregierung
   damit isoliert. Aber Staatschef Janukowitsch treibt tatsächlich ein böses Spiel.


R
       uhe umgibt das Anwesen in der           Timoschenko, nur 1,60 Meter groß,             Bislang obsiegt die Empörung: Der
       Kiewer Turowskaja-Straße 13. Die aber selbst von Gegnern anerkennend als Ukrainer Janukowitsch ist isoliert wie
       ockerfarbene Villa mit angeschlos- „der einzige Mann in der ukrainischen kaum ein zweiter Staatschef auf dem
senem Bürogebäude steht im alten Viertel Politik“ bezeichnet, lässt ihm keine Ruhe. Kontinent. „Jeder geht auf die andere
Podol, nicht weit vom Ufer des Dnjepr Ihretwegen hat die EU das erste Assozi- Straßenseite, wenn er ihn kommen sieht“,
entfernt. Es gibt keine Tafel, kein Na- ierungsabkommen mit der Ukraine auf sagt ein Brüsseler Politiker. Ein früherer
mensschild, aber an jeder Hausecke Be- Eis gelegt, der Europarat fordert ihre Frei- Botschafter in Kiew ist davon überzeugt,
obachtungskameras: Wachleute verfolgen lassung, auch die deutsche Bundesregie- dass sich „Julijas Fall wie eine Schlinge
die kleinste Bewegung auf der Straße.       rung setzt Janukowitsch unter Druck. Das um den Hals von Janukowitsch“ legt.
   Uliza Turowskaja 13 – das ist die Adres- ist das Lager der Empörten. Jener, die           Sergej Wlassenko ist auch der Anwalt
se der Partei Batkiwschtschina, zu meinen, Willkür und politische Verant- Julija Timoschenkos, erst am Tag zuvor
Deutsch: Vaterland. Jener Partei, die vor wortungslosigkeit hätten im Lande Janu- war er bei ihr im Gefängnis. Der 45-Jäh-
gut sieben Jahren in der Ukraine die Re- kowitschs ein unerträgliches Maß erreicht. rige ist nervös, es hält ihn keine fünf
volution in Orange ausrief.                    Das andere Lager ist das der Realpoliti- Minuten auf seinem Stuhl. Seit Monaten
   So still das Hauptquartier in der Tu- ker. Zu ihm zählen jene, die davor warnen, lebt er im immer gleichen Wochenrhyth-
rowskaja nach außen hin auch wirkt: Hin- den Umgang mit dem größten Flächen- mus: Montags, mittwochs und manchmal
ter den Mauern herrscht Aufruhr, erst staat im Osten Europas an das Schicksal auch freitags steigt er morgens ins Flug-
recht an diesem Tag. Aus Italien ist die einer einzigen Frau zu binden. Einer Frau, zeug nach Charkow, gegen sechs Uhr
Nachricht eingetroffen, dass Arsen Awa- die zudem keine Dissidentin sei, sondern abends nimmt er die Maschine zurück.
kow verhaftet worden ist, in der Klein- eher die weibliche Ausgabe Michail Cho-             „Um halb elf bin ich bei Frau Timoschen-
stadt Frosinone, nicht weit von Rom. dorkowskis: Auch sie kam früher auf dunk- ko“, erzählt Wlassenko. „Wir dürfen in
Awakow war einst Gouverneur des ost- len Wegen zu viel Geld.                              ein kleines Zimmer gegenüber ihrer Zelle,
ukrainischen Gebiets Charkow und dort
Chef der Vaterlandspartei, jetzt wird er
von der Ukraine über Interpol gesucht –
wegen „Amtsmissbrauchs“.
   In der Parteizentrale tagt ein Sonder-
stab, Sergej Wlassenko, Parlamentsabge-
ordneter und der wichtigste Anwalt von
Batkiwschtschina, muss bis zum Abend
einen Rechtsbeistand finden, um Awa-
kows Auslieferung zu verhindern.
   Es ist der neueste Schlag, zu dem der
ukrainische Präsident ausgeholt hat, um
Batkiwschtschina zum Verstummen zu
bringen. Mehrere Ex-Minister der Partei
sind bereits in Haft, andere ins ausländi-
sche Exil geflohen. Doch Staatschef Wik-
tor Janukowitsch gibt keine Ruhe. Die
Opposition auszuschalten, jene Leute,
die ihn mit ihrer Revolution in Orange
2004 daran gehindert hatten, bereits da-
mals das Präsidentenamt zu überneh-
men – das ist für ihn zur Obsession ge-
worden.
   Aber hat er dieses Ziel eigentlich nicht
schon erreicht? Selbst seine ärgste Feindin
                                                                                                                                   METODI POPOW / IMAGO




ist bereits hinter Stacheldraht: Julija Ti-
moschenko, 51, die frühere Ministerprä-
sidentin und Vorsitzende der Vaterlands-
partei, sitzt für sieben Jahre im Charko-
wer Frauengefängnis. Auch sie verurteilt
wegen „Amtsmissbrauchs“.                    Politiker Janukowitsch, Merkel: War die Zusage nichts wert?

88                                                D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
AFP
Angeklagte Timoschenko mit Tochter Jewgenija vor Gericht im Oktober 2011: „Sie wird sich nicht aus diesem Land absetzen“

in dem ein eisernes Bett und ein Stuhl ste-     „Sie hat genügend Informationen, dass      nicht zurück in die Haftanstalt, sondern
hen, weiter nichts. Sie liegt auf jenem Bett, das möglich wäre“, wiederholt ihr An-        forderten plötzlich mein Juristendiplom
stehen kann sie wegen eines Bandschei- walt, „und deswegen verweigert sie jeg-             im Original.“ Er zieht sein iPhone hervor,
benvorfalls nicht, ich sitze ihr gegenüber.“ liche Behandlung im Gefängnis.“ Man           er hat die Szene per Video festgehalten.
Es folgen zweieinhalb Stunden Aktenstu- habe ja 2004 bereits ihren damaligen Ver-             Ja, sagt Wlassenko dann noch, seine
dium, Mittagspause, und noch einmal drei bündeten, den späteren Präsidenten Wik-           Mandantin wolle in die Berliner Charité,
Stunden bis nachmittags um fünf.              tor Juschtschenko, zu vergiften versucht.    aber sie werde sich nicht „aus diesem
   Meist dreht sich das Gespräch um das „Timoschenko ist seit ihrer Einlieferung           Land absetzen“, also nicht um Asyl bitten.
nächste Verfahren, das der Generalstaats- im November nicht behandelt worden,                 Lange hatten deutsche wie westeuro-
anwalt am 19. April gegen Timoschenko ihr Rückenleiden hat sich verschlimmert,             päische Politiker geglaubt, die stolze Ju-
eröffnen will: Es geht um Steuerhinter- eine Heilung wird immer schwieriger.“              lija Timoschenko habe ihre Verhaftung
ziehung und Veruntreuung staatlicher            Wlassenko klopft auf die Akte, die vor     und den darauffolgenden Prozess als PR-
Gelder in ihrer Zeit als Chefin des Kon- ihm liegt: Es ist das Gutachten des Berli-        Veranstaltung genossen – weil sie sich vor
zerns „Vereinigte Energiesysteme“. Das ner Charité-Chefs, Professor Karl Max               Gericht als ukrainische Jeanne d’Arc prä-
war in den neunziger Jahren.                  Einhäupl, der Timoschenko an einem           sentieren konnte. Sie hatten auch ge-
   Die Akten, 72 Bände, sind fertig. Be- Abend im Februar fünf Stunden lang un-            glaubt, dass Janukowitsch nur der Ge-
obachter nehmen an, dass das Urteil ge- tersuchen konnte. Eine „sofortige statio-          triebene jener Oligarchen sei, die die Ex-
nau dann gesprochen wird, wenn das Kas- näre Behandlung“ sei notwendig, steht              Premierin bis aufs Blut hassen – weil sie
sationsgericht endgültig über das erste in dem zwölfseitigen Papier.                       ihnen in den vergangenen Jahren man-
Verfahren entscheidet. In dem wurde der         Dass die Kiewer Gefängnisbehörde Ein-      ches Filetstück abgenommen habe.
Ex-Regierungschefin „Amtsmissbrauch“ lenken signalisiert habe, wie ukrainische                Inzwischen sieht es eher umgekehrt aus.
beim Abschluss des ukrainisch-russischen Medien berichten, „ist Unfug“, sagt Wlas-         Timoschenko, sagt ein Diplomat in Kiew,
Gasvertrags im Januar 2009 vorgeworfen. senko. Der stellvertretende Generalstaats-         habe den Ernst ihrer Lage begriffen. Janu-
Das wäre Mitte Mai der Fall. Die Zeitpla- anwalt sei erst vorige Woche durch               kowitsch aber handele auf eigene Faust, er
nung ist so angelegt, dass Timoschenko Europa getourt und habe dort verbreitet,            wolle seine ärgste Konkurrentin ausschal-
auf keinen Fall das Gefängnis verlässt.       Timoschenko sei gar nicht krank. „Sie        ten. Seine eigenen und die Popularitätswer-
  „Janukowitsch will Timoschenko um- nennen Schwarz Weiß und Weiß                          te seiner Partei sind nach zwei Jahren Prä-
bringen“, sagt Wlassenko.                     Schwarz“, sagt der Anwalt, „sie behin-       sidentschaft dramatisch abgerutscht, nur
   Kann man eine Frau umbringen, die der dern ja auch mich, wo sie können: Neu-            noch 13 Prozent Zustimmung gab ihm
Westen derzeit nicht aus den Augen lässt? lich ließen sie mich nach der Mittagspause       jüngst eine Umfrage. Janukowitsch, ein
                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                           89
Ausland

Mann, der in jungen Jahren wegen Raubes reisen darf. Es könnte ein neuer Trick des        zuweisen, räumt Bogoslowskaja ein, dazu
und Körperverletzung im Gefängnis saß ukrainischen Staatschefs sein, den Fall             gehöre ein Vorsatz. Aber Timoschenko
und nie durch besondere Klugheit aufge- scheinbar zu entschärfen – nur um sich            habe ohne Wissen der Regierung gehandelt.
fallen ist, kann keine Erfolge vorweisen. Er über die bevorstehende Fußball-Europa-          Dann zieht sie Papier um Papier aus
hat die Schulden der Ukraine gefährlich meisterschaft zu retten.                          einer Mappe, um Brisanteres zu erzählen:
angehäuft, im Umgang mit Russland nicht        „Sie glauben doch nicht, dass wir jetzt    dass Timoschenko in ihrer Zeit als Ge-
den richtigen Weg gefunden und Investoren einfach unsere Gesetze ändern, um Ti-           schäftsfrau Schulden beim russischen
verschreckt. Janukowitsch fahre die Ukrai- moschenko freizulassen“, entrüstet sich        Verteidigungsministerium angehäuft und
ne „an die Wand“, sagt ein westlicher Be- Inna Bogoslowskaja – „dann stünden wir          diese später auf den ukrainischen Staat
rater von Ex-Präsident Juschtschenko.        erst recht im Ruf einer Bananenrepublik.“    übertragen habe. Dass sie von Moskau
   Er hat auch im Fall Timoschenko nie         Die Juristin Bogoslowskaja ist die spie-   abhängig war und von Wladimir Putin
eine gute Figur gemacht, er hat sich immer gelverkehrte Julija Timoschenko. Sie ist       im nächtlichen Vieraugengespräch zu
weiter in ihm verheddert, mit Tricks, mit ebenfalls 51 Jahre alt, genauso attraktiv       dem Gas-Deal gezwungen wurde. Im Ge-
Unaufrichtigkeit, mit Lügen. Viele haben und ebenso brünett wie die frühere Pre-          richtsurteil steht nichts davon.
inzwischen ihre Erfahrungen mit Januko- mierministerin, bevor die ihr Haar zu                Dass Timoschenko in den neunziger
witsch und dessen Apparat.                   färben begann. Politisch jedoch steht sie    Jahren Agentin des russischen Geheim-
   Charité-Professor Karl Max                                                                       dienstes gewesen sei, sagt Bo-
Einhäupl ist ein freundlicher,                                                                      goslowskaja nicht direkt. Aber
aber zurückhaltender Mann, der                                                                      es gilt in der Janukowitsch-Par-
die ärztliche Schweigepflicht                                                                       tei als gesetzt. „Wenn wir dieser
sehr ernst nimmt. Doch auch er                                                                      Frau verzeihen, dass sie Milliar-
erinnert sich nur ungern daran,                                                                     denverluste angehäuft hat – wo
wie er sich in Charkow und                                                                          kämen wir da hin? Sie ist eine
Kiew stundenlang mit General-                                                                       Verbrecherin“, befindet ihre Ge-
staatsanwaltschaft und Gefäng-                                                                      genspielerin. Und schiebt eine
nisverwaltung herumschlagen                                                                         erpresserische Botschaft nach:
musste, bevor er seine Patientin                                                                    „Wollen Sie, dass wir wieder
überhaupt zu Gesicht bekam.                                                                         Richtung Moskau driften, wol-
   Ingo Lange wiederum, Leiter                                                                      len Sie ein neues russisches Im-
der Adenauer-Stiftung in Kiew,                                                                      perium?“ Die EU müsse ent-
war Zeuge, als Janukowitsch                                                                         scheiden, ob sie ihre Beziehun-
dem Chef der christdemokrati-                                                                       gen zur Ukraine weiter mit dem
schen Volkspartei im Europäi-                                                                       Schicksal Timoschenkos ver-
schen Parlament versprach, sei-                                                                     knüpfe.
ne Parlamentsfraktion werde                                                                            „Alle in der Ukraine wissen,
Artikel 365 des Strafgesetzbu-                                                                      welches Spiel mit Timoschenko
ches ändern – was er gegenüber                                                                      getrieben wird“, sagt der Chef-
Angela Merkel wiederholte. Mit                                                                      redakteur einer Kiewer Zeitung.
diesem schwammigen Paragra-                                                                         Der bauernschlaue Janukowitsch
fen wird die „Kompetenzüber-                                                                        wolle die Vorteile einer Zusam-
schreitung“ von Politikern kri-                                                                     menarbeit mit Europa, gleichzei-
minalisiert. Er diente dazu, Ti-                                                                    tig privatisiere er das Land. Er
moschenko wegen des für die                                                                         allein entscheide, wer wofür ver-
Ukraine unvorteilhaften Gas-                                                                        urteilt und wer begnadigt werde,
vertrags mit Russland ins Ge-                                                                       sein ältester Sohn Alexander, ein
fängnis zu bringen – obwohl der                                                                     Banker, regele die wichtigsten
Regierungschefin während der                                                                        Kaderfragen. Janukowitsch pfei-
Gaskrise im Winter 2009 gar kei-                                                                    fe im Notfall auf Europa, ihm
ne Wahl geblieben war. Die Zu-                                                                      gehe es nur noch um die Macht.
                                                                                                 REUTERS




sage des Staatschefs gegenüber                                                                      Timoschenko ist ihm in Kiew so
Merkel war nichts wert, seine                                                                       lästig wie in Berlin.
Partei lehnte die Änderung des Skateboarder in Kiew: Ein neues russisches Imperium?                    Man mag zur Ex-Regierungs-
Artikels Mitte November ab.                                                                         chefin stehen, wie man will,
   Alles müsse nach Recht und Gesetz ge- auf der anderen Seite der Barrikade.             und es mag unglücklich sein, dass ihr Fall
regelt werden, betont Janukowitsch fort- Bogoslowskaja leitete jene Parlaments-           zum Dreh- und Angelpunkt der west-
während. In Berliner Regierungskreisen kommission, welche die Umstände des                lichen Ukraine-Politik geworden ist. Wäre
erinnert man sich jedoch mit Befremden von Timoschenko geschlossenen Gas-                 es nicht so, wäre jedoch ein anderer Stol-
an seine Bemerkung, Frau Timoschenko abkommens prüfte. Und sie ist die Stim-              perstein aufgetaucht.
brauche nur 300 Millionen Dollar hinzu- me der Janukowitsch-Partei, wenn diese               Setzen sich die Befürworter einer EU-
blättern, dann käme sie wieder frei.         Gerüchte über Timoschenko lancieren          Assoziierung durch – und sie sind derzeit
   Janukowitschs Unzuverlässigkeit ist der will. Zu treffen ist sie in einem Büro         in der Mehrheit, bekäme die Ukraine
Grund dafür, dass im Kanzleramt Skepsis gleich hinter dem Präsidentenpalast.              einen Status wie die Schweiz. Dann sieht
herrscht. Auch nach jener Lösung, die          Der Vertrag mit Russland, unterschrie-     selbst der weißrussische Diktator Luka-
Merkels außenpolitischer Berater Chris- ben für zehn Jahre, sei diskriminierend,          schenko keine Notwendigkeit mehr, sein
toph Heusgen mit Sergej Ljowotschkin, sagt sie: „Wir zahlen Moskau jetzt monat-           Land zu demokratisieren. Deswegen
dem Leiter der Kiewer Präsidialadmini- lich 1,2 Milliarden Dollar fürs Gas, während       verwundert es, dass allein die Deutschen
stration, ausgehandelt hat: dass Frau Ti- es früher 400 Millionen waren.“ Darin sehe      im Fall Timoschenko hart bleiben wol-
moschenko „aus humanitären Gründen“ sie Anzeichen eines Staatsverrats – nur sei           len.
zur Behandlung nach Deutschland aus- die Tatsache des Staatsverrats schwer nach-                                      CHRISTIAN NEEF

90                                                D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Kandidat Sarkozy




                                                                                                                                             MOUSSE / ABACA
                                                                                             der Yacht seines Freundes Vincent Bolloré
                                    FRANKREICH                                               in maltesischen Gewässern ruinierte.
                                                                                                Nach Paris zurückzufliegen, im Flug-

      Die Sehnsucht zu gefallen                                                              zeug des Präsidenten der Republik, ist
                                                                                             weder eine Ehre noch eine Auszeichnung.
                                                                                             Es ist etwas, das verhandelt werden muss,
                                                                                             in SMS und vertraulichen Gesprächen mit
                 Über den Wahlkämpfer Nicolas Sarkozy                                        seinem Presseberater Franck Louvrier.
                          Von Philippe Ridet                                                 „Heute nicht“, „ich versuche es, aber eher
                                                                                             morgen“, „ich glaube, es klappt eher
                                                                                             nicht, ich sage dir später Bescheid“. Lou-
Der „Le Monde“-Journalist Philippe Ridet       nicht gut, und man kann das jetzt lang-       vrier verspricht wenig. Letztendlich ist
begleitete 2007 den damaligen Kandidaten       sam sehen. François Hollande ist eine         es Sarkozy, der entscheidet: „Wenn du
Nicolas Sarkozy über Wochen im Präsident-      Null! Eine Null, verstehst du? Man kann       willst, nehmen wir dich mit.“ Ich habe
schaftswahlkampf und schrieb anschlie-         über Ségolène Royal sagen, was man will,      noch nie einen Journalisten gesehen, der
ßend darüber ein vielbeachtetes Buch. In-      aber sie hatte Charisma. Du behältst das      die Einladung ausgeschlagen hat. Wäh-
zwischen berichtet Ridet, 56, für „Le Monde“   natürlich für dich.“                          rend wir uns immer weiter vom Mittel-
aus Italien, kehrte aber für die aktuelle         Dann setzt er seine Ortsbesichtigung       meer entfernen, setzt sich Sarkozy zu mir.
Kampagne nach Frankreich zurück und be-        in dieser dunklen Halle, die nach Staub,      Nachdem ich vier Jahre in seiner direkten
obachtete Sarkozy erneut. Der Präsident        alten Decken und Holzkisten riecht, fort.     Umgebung nicht mehr präsent war, be-
offenbarte Ridet in Hintergrundgesprächen      30 Minuten später, nach einer Diskus-         komme ich eine Privatlektion. Er nimmt
seine Sicht der Dinge, ließ dessen Darstel-    sion mit Vertretern der Algerien-Heim-        sich eine Stunde Zeit, damit ich alles ver-
lung nach Erscheinen des Artikels in Frank-    kehrer anlässlich des 50. Jahrestags der      stehe: seine Gewissheit zu siegen in „die-
reich in Teilen aber dementieren.              Unabhängigkeit, steigen wir wieder in         ser Wahl, die die überraschendste seit
                                               den Bus, der uns zur Promenade des            Jahrzehnten sein wird“, vor allem aber


B
       ei allen Wahlkämpfen, die ich be-       Anglais in Nizza bringen soll, wo Sarko-      will er mich davon überzeugen, dass er
      gleitete, habe ich zwei unverzicht-      zy die Rede des Tages halten wird.            ein anderer geworden ist.
      bare Dinge für den Beruf des poli-       Schnell Notizen machen, bevor sich alles         Und das stimmt vielleicht sogar, zumin-
tischen Berichterstatters gelernt: Erstens,    verwischt.                                    dest hat es den Anschein. Fünf Jahre an
man sollte sich in den Bussen, die uns            Es ist schönes Wetter in Nizza, in die-    der Macht, drei Krisen, einige Erfolge und
von einem Termin zum anderen fahren,           sem Departement Alpes-Maritimes, das          ein noch immer anhaltendes Missver-
nicht auf die Sitze über den Rädern set-       ihn 2007 mit dem höchsten Stimmen-            ständnis mit den Franzosen haben ihn
zen. Zweitens, es kann, es darf kein so-       anteil gewählt hat. Für Nicolas Sarkozy,      wie Leder gegerbt und Spuren hinterlas-
genanntes Off-Gespräch, kein vereinbar-        dem die Umfragen gerade das Leben             sen. Er hat jetzt nicht mehr das Gesicht
tes Stillschweigen mit Sarkozy geben.          schwermachen, kommt eine Reise nach           des idealen Schwiegersohns aus Neuilly.
Berücksichtigt man beides, ist man ge-         Nizza, zwei Tage vor der ersten großen        Das graumelierte Haar trägt er ein wenig
wappnet. Und so hatte ich, als er mich         Wahlkampfveranstaltung in Villepinte          länger. Seine leicht erschlaffenden Ge-
an jenem Freitag, dem 9. März, an die          (Region Ile-de-France), einem Lourdes-        sichtszüge haben den verzerrten Aus-
Hand nahm und mich in eine Ecke des            Besuch für einen Gelähmten gleich.            druck der Verachtung und die Anspan-
Umzugsunternehmens Démépool zog –                 Es ist nicht sicher, ob es funktioniert,   nung, die Franzosen erobern zu müssen,
wo die Sarkozy-Tour 2012 ein paar Stun-        aber man muss es versuchen – auch hier        verschwinden lassen. Er scheint nicht
den Halt machte –, meine Geschichte.           an dieser Strandpromenade, wo die Fer-        mehr vom Versagen bedroht, sein Sieg
   Abseits der Truppe seiner Begleiter de-     raris flitzen, als wollten sie ihm seine      2007 hat alte Rechnungen beglichen. Die
monstriert Sarkozy Siegesgewissheit. Er        „bling-bling“-Jahre vorwerfen, diesen         Herausforderungen sind seltener gewor-
duzt mich kategorisch: „Ich werde gewin-       Wahlsieg, den er mit einem Abend im           den. Er hat das Spiel gegen seine Brüder
nen, und ich sage dir auch, warum. Er ist      Fouquet’s und drei Tagen Kreuzfahrt auf       endgültig für sich entschieden, er hat sei-
                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                              91
Ausland

ne Mutter verblüfft, die ihm stets die          dung auf France 2 mitgeteilt und seine
beiden älteren vorzog, und er hat seinen        späte Zerknirschung zur Schau getragen
Mentor Edouard Balladur gerächt (der            wegen des Abends im Fouquet’s , des an-
bei den Präsidentschaftswahlen 1995             schließenden Ausflugs auf der Yacht, we-
Jacques Chirac unterlag –Red.). Er hat          gen seines „Verpiss dich, du Arschloch“-
eine neue Frau erobert. Zum ersten Mal          Ausrasters (mit dem er auf der Pariser
in seiner mehr als 30-jährigen politischen      Landwirtschaftsmesse einen Besucher be-
Karriere muss er sich nichts mehr bewei-        dachte –Red.) und wegen des Versuchs,
sen. Das scheint ihn zu erleichtern.            seinen Sohn Jean an der Spitze eines
   Er spricht von sich, wie er es schon im-     Staatsunternehmens zu platzieren.
mer getan hat, aber er redet nun weniger           „Ich habe mich geändert“, will er mich
schlecht über die anderen. Er fegt die          überzeugen. Der Mann, der fünf Jahre
Fragen zu (seinen parteiinternen Kriti-         zuvor auf dem Rückflug von der Insel La
kern –Red.) Dominique de Villepin und           Réunion sagte, er wolle „Präsident sein“
Jean-Louis Borloo vom Tisch. Aber er ist        und „Kohle machen“, und der keine Kom-
bereit, über die Wahlen zu sprechen:            plexe hatte, dies zuzugeben, vertieft sich
„Diese Kampagne ist wie ein dahin-              nun in die Lektüre und den Genuss der
treibendes Boot. Sie verliert sich in alle      Filmklassiker.
Richtungen. Aber ihr, die Beobachter, ihr          „150 Filme pro Jahr!“, posaunt er her-
lebt noch in einem anderen Jahrhundert.         aus. Der Regisseur Martin Scorsese, „der
Ihr werdet euch ein weiteres Mal irren.“        bei uns zu Hause zum Abendessen war“,
So ist er eben. Er muss nicht nur seine         hat ihm 100 DVDs geschickt. Er zählt de
Gegner bezwingen, sondern auch noch             Sica, Visconti und Buñuel auf. „Wenn du
die Prognosen widerlegen.                       fernsiehst“, fährt er fort, „dann wachst du
   Schon 2007 sagte er, dass alle Medien,       am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen
„sogar TF1“ (größter französischer Pri-         auf. Ein guter Film aber macht dir gute Lau-
vatsender, der seinem Freund, dem Bau-          ne.“ Ich erinnere mich an die Zeiten, als er
unternehmer Martin Bouygues, gehört             ständig betonte, ein Politiker, der nicht fern-
  –Red.), gegen ihn seien. Aber dieses          sehe, „kann die Franzosen nicht kennen“.
Mal geht es um seine Niederlage, und er            1995 hatte Jacques Chirac etwas Ähn-
selbst spricht bereitwillig über einen mög-     liches wie Sarkozy mit Erfolg versucht.
lichen Rückzug aus der Politik: „Ich sage       Es hieß damals, Chirac höre nur Militär-
das nicht nur so, zur Show. Oder siehst         musik und lese Krimis. Und auf einmal
du mich etwa als Generalsekretär der            interessierte er sich für den indigenen
                                                Stamm der Taíno, für japanische Haikus,
                                                die Kunst der Naturvölker und Zitate des
Er scheint nicht mehr                           Philosophen Jean Guitton. Das Bild der
vom Versagen bedroht.                           Medien von Jacques Chirac änderte sich,
                                                innerhalb von drei Monaten war aus ihm
Sein Sieg hat alte                              ein geheimnisvoller „Weiser“ geworden,
Rechnungen beglichen.                           unergründlich und deshalb interessant.
                                                   Dieselbe Operation ist jetzt in Gang:
                                                Sarkozy muss Sarkozy vergessen machen.
UMP (Sarkozys konservative Partei, die             Im Moment hat er gerade, so sagt er,
„Union pour un mouvement populaire“             seine Stefan-Zweig-Phase, er liest den Au-
 –Red.)? Ich möchte nicht, dass es Zweifel      tor von „Rausch der Verwandlung“ und
an meinem Einsatz gibt. Ich stehe mit           begeistert sich wie ein Teenager für die
dem Rücken zur Wand. Wenn man nicht             Lektüre der „Verwirrung der Gefühle“.
bereit ist, etwas aufzugeben, dann ge-             „Die unmögliche Sehnsucht zu gefal-
winnt man nichts.“ Aber was bedeutet            len“, kommentiert er anschließend, mit
das für den Fall der Niederlage? Er will        träumerischem Blick, es ist derselbe
darauf nicht antworten – „sonst schreibst       Mann, der sich früher lieber aufgehängt
du es noch“ –, aber er lässt die Sehnsucht      hätte als zuzugeben, dass er frustriert sei.
nach einem anderen Leben erkennen:                 Und während er seinen Hummersalat
„Ich würde Giulia gerne zur Schule brin-        mit Jakobsmuscheln herunterschlingt,
gen. Das ist gleich bei uns nebenan. Wenn       sagt er noch: „Wenn man älter wird, muss
ich da vorbeikomme und die Familien-            man besser werden, das ist die einzige
väter sehe, die auf ihre Kinder warten,         Art und Weise zu akzeptieren, dass die
dann sage ich mir: ,Schau, das sind deine       Zeit vergeht.“
zukünftigen Freunde.‘“ Das ist wohl die            Aus dem Flugzeug ausgestiegen, schrei-
größte List des Storytelling in Wahl-           be ich in mein Notizbuch: „Ich habe vor
kampfzeiten: Der Ehrgeizige von gestern,        fünf Jahren einen präpubertären Jugend-
der „jeden Morgen beim Rasieren“ an             lichen verlassen, nun finde ich einen jun-
die Präsidentschaft dachte, soll innerhalb      gen Mann wieder.“ Das sagt er im Übri-
von fünf Jahren zu einem Mann gewor-            gen selbst von sich: „Ich bin 25 Jahre alt!“
den sein, der nicht mehr mit derselben          Man muss ihm das natürlich nicht glau-
Leidenschaft an die Macht strebt.               ben, obwohl man bei Sarkozy nie aus-
  „Ich bereue“ – hat er ein paar Tage zu-       schließen darf, dass es ernst gemeint sein
vor den Zuschauern während einer Sen-           könnte.
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Venizelos: Das Land braucht jemanden mit
                                                                                                                                               Erfahrung und Entschlossenheit, um
                                                                                                                                               schwierige Entscheidungen zu treffen. Es
                                                                                                                                               geht ja neben all den Milliarden auch
                                                                                                                                               darum, dass Griechenland seinen Ruf
                                                                                                                                               wiederherstellt.
                                                                                                                                               SPIEGEL: Die vergangenen Monate haben
                                                                                                                                               vor allem kleineren Parteien Zulauf ver-
                                                                                                                                               schafft, die gegen den Kreditvertrag sind.
                                                                                                                                               Wird Griechenland dann für Sie nicht un-




                                                                                             NIKOS CHRISIKAKIS / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL
                                                                                                                                               regierbar?
                                                                                                                                               Venizelos: Die Wähler werden entscheiden.
                                                                                                                                               Das Land braucht eine verantwortungs-
                                                                                                                                               volle Regierung. Wir müssen ja nicht nur
                                                                                                                                               die Beschlüsse unserer Partner umsetzen,
                                                                                                                                               sondern eine eigene Agenda für den Um-
                                                                                                                                               bau unseres Landes entwickeln.
                                                                                                                                               SPIEGEL: Heute ist Griechenland vor allem
                                                                                                                                               ein Symbol für den Niedergang.
                                                                                                                                               Venizelos: Ja, und das müssen wir schnell
                                                                                                                                               ändern. Ich will, dass meine Heimat wie-
Sozialistenführer Venizelos: „ Ich will, dass meine Heimat wieder für Hoffnung steht“                                                          der für Hoffnung, Glaubwürdigkeit und
                                                                                                                                               Professionalität steht.
                                                                                                                                               SPIEGEL: Macht Sie der schlechte Ruf Ihres
                                  GRIECHENLAND                                                                                                 Landes traurig?
                                                                                                                                               Venizelos: Natürlich. Wir sind aber nicht


    „Das Spiel ist nicht vorbei“                                                                                                               der größte Krisenherd.
                                                                                                                                               SPIEGEL: Wie bitte?
                                                                                                                                               Venizelos: Griechenland ist ein mittelgro-
                                                                                                                                               ßer Staat in Europa, unsere Schulden ma-
  Pasok-Chef Evangelos Venizelos, 55, verwahrt sich gegen den                                                                                  chen nur 2,5 Prozent der Verbindlichkei-
    Eindruck, sein Land sei reformunfähig. Er lobt Wolfgang                                                                                    ten aller Mitglieder der Euro-Zone aus.
                                                                                                                                               SPIEGEL: Das sieht der deutsche Finanz-
Schäuble und erklärt, wie Berlin an Athens Schuldenkrise verdient.                                                                             minister Wolfgang Schäuble wahrschein-
                                                                                                                                               lich anders. Kein Land hat ihn in den ver-
SPIEGEL: Herr Venizelos, als Sie im ver-       Sozialisten, aber die Partei ist nicht mein                                                     gangenen zwei Jahren so beschäftigt wie
gangenen Jahr vom Verteidigungs- zum           Eigentum.                                                                                       Griechenland.
Finanzminister wurden, haben Sie gesagt:       SPIEGEL: Was ist Ihr Plan für Griechenland?                                                     Venizelos: Wolfgang Schäuble ist in diesen
„Jetzt ziehe ich in den wahren Krieg.“ Ist     Wo soll Ihr Land in zehn Jahren stehen?                                                         Monaten ein Freund von mir geworden.
dieser Krieg nun vorbei?                       Venizelos: Ich will, dass mein Land wieder                                                      Wir wollen beide unsere Länder schützen
Venizelos: Nein, das zweite Rettungspaket      allein über sein Schicksal bestimmen                                                            – und das hat naturgemäß zu unterschied-
für unser Land ist verabschiedet und der       kann – und wir nicht mehr von anderen                                                           lichen Prioritäten geführt. Entsprechend
Schuldenschnitt geglückt. Das ist nicht        finanziell abhängig sind. Dafür müssen                                                          unterscheiden sich unsere Ansichten.
nur das Ergebnis meiner persönlichen An-       wir die Regeln unseres gesamten Staates                                                         SPIEGEL: Schäuble hat vorgeschlagen, die
strengungen, sondern eine Leistung aller       und der Gesellschaft verändern. Das                                                             Wahlen in Griechenland zu verschieben.
meiner Kollegen in der Euro-Zone, der          Projekt ist sehr ambitioniert: Wir müssen                                                       Venizelos: Jeder in der EU respektiert die
Vertreter der Europäischen Zentralbank         Opfer bringen, dürfen aber auch nicht in                                                        Souveränität der Staaten, die Organisa-
und des Internationalen Währungsfonds.         Hoffnungslosigkeit verfallen. Der erste                                                         tion von Wahlen ist eine Frage der natio-
Der Rahmen ist nun sicherer, aber das          Schritt sind die Neuwahlen, die hoffent-                                                        nalen Politik. Da braucht es keinen Druck
Spiel ist längst nicht vorbei. Vor uns liegt   lich im Mai stattfinden werden.                                                                 von außen. Die große Mehrheit der Grie-
ein langer und schwieriger Weg.                SPIEGEL: Den etablierten Parteien droht                                                         chen akzeptiert die Notwendigkeit zu
SPIEGEL: Sie sind seit Jahrzehnten in der      dabei ein Desaster. Bei den letzten Wah-                                                        Reformen und will, dass unser Land in
Politik aktiv und haben sich gerade zum        len im Oktober 2009 vereinigten Sozia-                                                          der Euro-Zone bleibt.
Chef der Sozialisten wählen lassen. Nun        listen und Konservative noch fast 90 Pro-                                                       SPIEGEL: Sind die Deutschen bei der Ret-
wollen Sie der Ministerpräsident werden,       zent der Stimmen auf sich. Nach aktuel-                                                         tung Griechenlands zu hart vorgegangen?
der den Neustart Griechenlands verkör-         len Umfragen kommen sie gemeinsam                                                               Venizelos: Es sollte immer allen Beteiligten
pert. Ist das glaubwürdig?                     gerade noch auf knapp 40 Prozent. Ist die                                                       klar sein, dass wir zwar über Zahlen und
Venizelos: Ich bin erst seit 18 Jahren im      Zweiparteienherrschaft der vergangenen                                                          Reformen verhandeln, dahinter aber im-
griechischen Parlament. Der Kandidat           vier Jahrzehnte zu Ende?                                                                        mer Menschen stehen, über deren Schick-
der Konservativen, mein Rivale Antonis         Venizelos: Wir Sozialisten haben noch vier                                                      sal entschieden wird.
Samaras, sitzt bereits seit Ende der sieb-     Wochen Zeit, um den Leuten klarzu-                                                              SPIEGEL: Sie waren neun Monate lang
ziger Jahre im Parlament.                      machen, dass nur wir einen umfassenden                                                          Finanzminister. Wie haben Sie es emp-
SPIEGEL: Die Familie des ehemaligen Pre-       Vorschlag haben, wie das Land zur Nor-                                                          funden, als Bittsteller nach Brüssel zu
mierministers Georgios Papandreou hat          malität zurückkehren kann.                                                                      reisen?
Ihre Partei Pasok über Jahrzehnte domi-        SPIEGEL: Bis jetzt sieht es so aus, als woll-                                                   Venizelos: Zwischen meinem ersten Tref-
niert. Wird die sogenannte Papandreou-         ten die Griechen weder von Ihnen noch                                                           fen mit den europäischen Kollegen im
Partei jetzt zur Venizelos-Versammlung?        von Herrn Samaras gerettet werden. Die                                                          Juni 2011 und dem letzten Treffen im
Venizelos: Nein, ich gehöre keiner poli-       Zustimmung zu den Hilfspaketen hat vor                                                          vergangenen Monat lag ein sehr langer,
tischen Dynastie an. Ich bin Chef der          allem Sie viele Sympathien gekostet.                                                            schmerzvoller Weg: Zunächst ging es dar-
                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                                              93
Ausland

um, überhaupt die Glaubwürdigkeit des        lange die notwendige Unterstützung be-         SPIEGEL: Sind die Forderungen der Troika
Landes wiederherzustellen. Beim letzten      kommen, bis wir wieder an privates Geld        zu ambitioniert?
Mal war es viel leichter, weil ja die Um-    kommen.                                        Venizelos: Ich bin Mitglied einer sozialis-
schuldung unter Dach und Fach war.           SPIEGEL: Warum tut sich Griechenland mit       tischen Partei, aber in den meisten Län-
SPIEGEL: Trotzdem findet man in Deutsch-     der Umsetzung der von der Troika gefor-        dern Europas gibt es konservative Regie-
land fast niemanden, der glaubt, dass        derten Reformen so schwer?                     rungen. Deren Auflagen muss ich ak-
Griechenland jetzt gerettet ist.             Venizelos: Wir hatten zu wenig Zeit. In den    zeptieren – zumal Griechenland auch
Venizelos: Ich respektiere die öffentliche   vergangenen zwei Jahren war viel zu tun.       Fehler gemacht hat. Klar ist aber auch:
Meinung in Deutschland, aber für mich        Überall gab es nur schlechte Nachrichten,      Wenn wir einige Elemente des zweiten
ist der Bericht der Troika entscheidend.     Ausgaben, Löhne und Gehälter wurden            Hilfspakets wie den Schuldenschnitt und
Der beinhaltet nun deutlich realistischere   gekürzt, Steuern erhöht. Da fällt es schwer,   die niedrigeren Zinskosten früher um-
Annahmen als zuvor – und sagt voraus,        die Zustimmung der Bevölkerung für die         gesetzt hätten, wären wir jetzt schon
dass unsere Schulden 2020 nur noch rund      notwendigen Reformen zu bekommen.              weiter.
116 Prozent unserer Wirtschaftsleistung      SPIEGEL: Sie riskieren aber auch die Un-       SPIEGEL: Falls Sie Premierminister werden,
entsprechen.                                 terstützung der Geldgeber, wenn Sie die        verhandeln Sie das Hilfspaket also nicht
SPIEGEL: Das ist noch immer ein sehr ho-     wichtigsten Reformziele verfehlen. Ei-         nach – so wie es Ihr konservativer Gegner
her Wert, zumal Griechenland im Ver-         gentlich hat die Regierung für 2011 Priva-     Samaras angekündigt hat?
gleich zu anderen Ländern                                                                                 Venizelos: Es gibt alle drei Mo-
mit ähnlichen Schuldenquo-                                                                                nate eine Überprüfung, ob
ten keine wettbewerbsfähige                                                                               das Programm funktioniert.
Wirtschaft hat. Glauben Sie                                                                               Wir sind bereit, die Vorgaben
trotzdem, dass Ihr Land die-                                                                              umzusetzen, aber sie können
se Verbindlichkeiten tragen                                                                               auch angepasst werden.
kann?                                                                                                     SPIEGEL: Griechenland befin-
Venizelos: Das sagen zumin-                                                                               det sich im fünften Jahr der
dest die Experten der Troika.                                                                             Rezession. Es wird gespart,
SPIEGEL: Glauben Sie es eben-                                                                             die Wirtschaft schrumpft.
so?                                                                                                       Diese Abwärtsspirale kann
Venizelos: Acht Jahre sind                                                                                nur durch Wachstum durch-
eine lange Zeit. Bis 2020                                                                                 brochen werden. Wo soll das
kann vieles passieren, das                                                                                herkommen?
wir heute gar nicht erwarten.                                                                             Venizelos: Einige Leute mö-
Wenn sich Griechenland erst                                                                               gen Vorurteile gegen Grie-
einmal berappelt hat, ist eine                                                                            chenland haben, aber wir
sehr dynamische Entwick-                                                                                  werden ihnen zeigen, dass
lung möglich.                                                                                             sie unrecht haben.
SPIEGEL: Die neuen Staats-                                                                                SPIEGEL: Aber es ist doch un-
anleihen, die Griechenland                                                                                strittig, dass die Reformen
nach der Umschuldung aus-                                                                                 viel zu langsam vorankom-
gegeben hat, haben bereits                                                                                men. Im vergangenen Jahr
dramatisch an Wert verloren.                                                                              sollten 30 000 Beamte ent-
Venizelos: Die Märkte haben                                                                               lassen werden, nur 7000 sind
ein sehr kurzes Gedächtnis.                                                                               tatsächlich gegangen, die
Das kann sich schnell ändern.                                                                             meisten davon hätten sich
SPIEGEL: In wenigen Jahren                                                                                eh in den Ruhestand verab-
                                                                                                       ALKIS KONSTANTINIDIS / DPA




werden etwa 80 Prozent aller                                                                              schiedet.
griechischen Schulden in der                                                                              Venizelos: Wir wollen uns auf
Hand öffentlicher Gläubiger                                                                               Strukturreformen konzen-
wie der Europäischen Zen-                                                                                 trieren und allgemeine Kür-
tralbank und der Euro-Staa-                                                                               zungen bei Löhnen und Ren-
ten sein. Bekommen alle ihr                                                                               ten vermeiden. Aber im Juni
Geld zurück?                                                                                              müssen wir unsere mittelfris-
Venizelos: Natürlich. Der deutsche Steuer-   tisierungserlöse in Höhe von fünf Milliar-     tige Finanzplanung beschließen, und ich
zahler profitiert doch von der guten Geld-   den Euro angepeilt – nur ein Drittel da-       schließe nicht aus, dass es weitere Kür-
anlage der deutschen Regierung.              von wurde erreicht.                            zungen gibt, um die Auflagen des Hilfs-
SPIEGEL: Sie finden, die Deutschen sollen    Venizelos: Das Privatisierungsprogramm         programms zu erfüllen.
sich freuen, dass ihre Regierung Griechen-   muss schneller vorankommen – und das           SPIEGEL: Wird das Volk das dulden, wird
land helfen darf? Ist das Ihr Ernst?         wird es auch. Aber wir brauchen auch           Athen dann wieder brennen?
Venizelos: Ja. Der deutsche Finanzminister   die Unterstützung der EU-Kommission.           Venizelos: Die Reformen werden schmerz-
kann sich fast kostenlos Geld leihen und     In einigen Bereichen würde die Regie-          haft. Ohne die Unterstützung der Bevöl-
gibt es für ein paar Prozent Zinsen an       rung gern schneller reformieren, aber die-     kerung können wir sie nicht umsetzen.
uns weiter. Deutschland hat in den ver-      ses Ziel kollidiert mit dem europäischen       SPIEGEL: Ist es denkbar, dass Griechenland
gangenen zwei Jahren bereits rund 400        Recht. Das ist ein großes Problem.             die Euro-Zone am Ende doch noch ver-
Millionen Euro an uns verdient.              SPIEGEL: Ein großes Problem wird auch          lässt?
SPIEGEL: 2015 will Griechenland sich wie-    sein, dieses Jahr sogar elf Milliarden Euro    Venizelos: Nein, wir erleben gerade die
der an den Finanzmärkten refinanzieren.      durch Privatisierungen zu erlösen.             kritischste Phase der Rettung unseres Lan-
Ist das realistisch?                         Venizelos: Wir machen Fortschritte. Für        des. Wenn wir die durchstehen, wird sich
Venizelos: Wir haben ein Bekenntnis aller    die staatliche Erdgasgesellschaft Depa         diese Frage bald nicht mehr stellen.
Mitglieder der Euro-Zone, dass wir so        etwa gibt es immerhin 17 Bieter.                  INTERVIEW: SVEN BÖLL, JULIA AMALIA HEYER

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SCOTT NELSON / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL
Verladeterminal bei Basra: „Die müssen schon so ziemlich alles falsch machen, damit dieses Land nicht in ein paar Jahren boomt“



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                                    Der Super-Gigant
 Seit dem Fall Bagdads wartet die Welt auf das Öl des Irak. Nun, Monate nach dem Abzug
   des letzten US-Soldaten, hat das Land die Chance zum wirtschaftlichen Durchbruch.
Hält einer der größten Ölstaaten der Welt, was sich die Energie-Multis von ihm versprechen?


E
       s ist ein feiner Unterschied zwi-       könnte? FC Exxon Samarra? Mobil Basra         und die Lagertanks zu reparieren. Zwölf
      schen Herablassung und Demüti-           United? Ein kühner Gedanke.                   Jahre Sanktionen, die Invasion, der Bür-
      gung. Welcher Iraker wüsste das             Dann, fast eine Stunde nach ihrem          gerkrieg danach, die Terroranschläge auf
besser als Hussein al-Schahristani.            Zwölf-Uhr-Termin im Adnan-Palast in der       Arbeiter, Ingenieure und Anlagen haben
   Zwei Manager des weltgrößten priva-         Hochsicherheitszone von Bagdad, klin-         den Aufbau der Ölindustrie um Jahre zu-
ten Energiekonzerns ExxonMobil sitzen          gelt endlich das Telefon, und die Sekre-      rückgeworfen. Bis heute produziert das
im Vorzimmer von Bagdads mächtigstem           tärin bittet die beiden Amerikaner mit-       Land kaum mehr als die knapp 2,5 Mil-
Ölbeamten und warten. Zehn Minuten             zukommen. Doktor Schahristani habe            lionen Barrel pro Tag, die es schon vor
lang halten sie sich aufrecht, jederzeit be-   jetzt Zeit für sie.                           dem Irak-Krieg exportierte.
reit aufzuspringen, sobald Schahristani           Seit neun Jahren wartet die Welt auf          Und bis heute hat das Land kein ver-
nach ihnen fragt. Aber Schahristani fragt      das Öl des Irak. Seit dem Sturz Saddam        bindliches Öl- und Gasgesetz. Araber und
nicht. Sie sinken ein wenig zusammen in        Husseins 2003 haben Politiker in Bagdad       Kurden, Sunniten und Schiiten streiten
ihren tiefen Fauteuils und fangen an, mit      und Washington angekündigt, das Land          genauso erbittert um die Verteilung künf-
ihren Smartphones zu spielen. Nach einer       werde seinen Erdölexport verdoppeln,          tiger Ressourcen wie vor fünf Jahren, als
halben Stunde fragen sie ihren irakischen      verdreifachen, verfünffachen. Mit seinem      das Parlament zum ersten Mal über das
Begleiter, ob etwas nicht stimme. Dann         Ölreichtum, hatte Paul Wolfowitz, einer       Gesetz beriet.
hat die Sekretärin ein Einsehen und ruft       der Architekten des Irak-Kriegs, schließ-        Vor drei Monaten schließlich hat der
einen Mitarbeiter, um den Besuchern die        lich versprochen, werde das Land seinen       letzte US-Soldat den Irak verlassen – und
Zeit zu vertreiben. Sie erzählen ihm von       Wiederaufbau selbst finanzieren.              mit ihm die Gewissheit, dass im schlimms-
ihrer Anreise aus Dubai, über die Fuß-            Es waren leere Versprechen. Jahrelang      ten aller Fälle eine Armee bereitstünde,
ball-Liga von Katar, am Ende wagen sie         ist es weder den Irakern noch ihren Be-       um das Land vor einem neuerlichen Ver-
eine vorsichtige Frage: Ob es wohl denk-       satzern gelungen, die vernachlässigten        sinken im Bürgerkrieg zu retten.
bar sei, dass ein Ölkonzern einmal eine        Ölfelder zu entwickeln, die Löcher in den        Warum also warten zwei amerikani-
Fußballmannschaft im Irak sponsern             Pipelines zu stopfen, die Pumpstationen       sche Ölmanager aus der ExxonMobil-
                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                         95
Ausland

Zentrale in Irving, Texas, so geduldig auf      13 Millionen Barrel – das ist eine ma-                                                und auf Ölbohrinseln vor Kuwait und
einen Termin bei Doktor Schahristani?        gische Zahl: Sie ist um eine Million Barrel                                              Iran. Im Frühjahr 2003, erzählt er, sah er
   Es hat, nach der deprimierenden Ver-      höher als die maximale Förderquote Sau-                                                  von dort die ersten Cruise Missiles, die
gangenheit des Irak, wohl mit der Zu-        di-Arabiens, des einzigen Opec-Staates,                                                  von US-Zerstörern auf Saddams Irak ab-
kunft dieses Landes zu tun, mit seinen       der über die sogenannte swing capacity                                                   gefeuert wurden. „Ich habe mir damals
nach wie vor atemberaubenden wirt-           verfügt: die Fähigkeit, den Ausfall jedes                                                nicht vorstellen können, dass es fast zehn
schaftlichen Aussichten: Um mindestens       anderen Mitgliedstaates auszugleichen.                                                   Jahre dauern würde, bis wir auch hier
ein Zehntel der heutigen Weltfördermen-         Wie viel das Land tatsächlich fördern                                                 ernsthaft anfangen zu buddeln.“
ge wird der Ölbedarf in den kommenden        werde, hänge von der Nachfrage und vom                                                      Bei allem Zynismus, den eine Karriere
20 Jahren steigen. 90 Prozent dieses Be-     Ölpreis ab, sagt Schahristani. Exportiere                                                auf den Ölfeldern dieser Welt in einem
darfs dürften Quellen im Nahen Osten         Bagdad auch nur acht Millionen Barrel                                                    Menschen hinterlässt – Mallia ist guter
und in Nordafrika decken. Die meisten        pro Tag, käme das beim derzeitigen Öl-                                                   Dinge und hält für sinnvoll, was er hier
Staaten dieser Region fördern heute aber     preis einer Bruttotageseinnahme von                                                      tut: „Der Irak ist doch der Hit in der Öl-
am Rande ihrer Kapazität, manche von         knapp einer Milliarde Dollar gleich –                                                    welt“, sagt er. „Die Chinesen und die In-
ihnen stecken mitten in Aufständen und       mehr Geld, als das kriegszerstörte Land                                                  der brauchen den Stoff, die Iraker haben
Revolutionen, anderen steht ein gewalt-      in seiner heutigen Verfassung überhaupt                                                  ihn. Die müssen schon so ziemlich alles
samer Umbruch womöglich noch bevor.          in der Lage wäre zu absorbieren.                                                         falsch machen, damit dieses Land nicht
   Der Irak ist das derzeit einzige Land        Waren solche Zahlen nach 2003 nicht                                                   in ein paar Jahren boomt.“
der Region, das die Ressourcen hat, den      das Papier wert, auf dem sie standen, lässt                                                 Tag und Nacht treibt Mallia von seinem
Ölbedarf der kommenden Jahre fast im         sich inzwischen auf den Ölfeldern des                                                    Bohrturm eine Stange nach der anderen
Alleingang zu decken: 115 Milliarden Bar-    Irak beobachten, dass die Arbeit tatsäch-                                                in den lehmigen Boden. Zwei Schächte
rel gesicherte und bis zu 200 Milliarden     lich vorangeht. In den Palmenhainen ein                                                  hat er gebohrt, die erste Quelle fördert
Barrel vermutete Reserven lagern, seit       paar Kilometer östlich von Bagdad, einer                                                 bereits 2000 Barrel pro Tag, der zweite
zwei Jahrzehnten weitgehend unangetas-       Gegend, in die sich Ausländer jahrelang                                                  Schacht hat in 3600 Meter Tiefe gerade
tet, in den geologischen Tiefen des Irak.    nur in schwerbewaffneten Konvois hin-                                                    sein Ziel erreicht. Zwei junge kanadische
   Hussein Schahristani, 69, vier Jahre      auswagten, bohrt mittlerweile Raymond                                                    Ingenieure berechnen mit Sonden den zu
lang Ölminister und Ende 2010 zum Vi-        Mallia aus Malta nach dem schweren,                                                      erwartenden Ertrag. Es wird Hunderte
zepremier befördert, hat den Auftrag,        nach Schwefel stinkenden Öl des East-                                                    solcher Schächte brauchen, bis das East-
Iraks gewaltigen Schatz zu heben. Er         Baghdad-Feldes.                                                                          Baghdad-Feld auch nur annähernd aus-
weiß, dass die Zeit drängt und dass er auf      East Baghdad ist mit mehr als acht Mil-                                               gebeutet werden kann. Da es in dicht-
die Hilfe der großen internationalen         liarden Barrel förderbarem Öl ein soge-                                                  besiedeltem Gebiet liegt, geht die Arbeit
Ölkonzerne angewiesen ist. Er scheint        nannter Super-Gigant. Ölfelder dieser                                                    viel langsamer voran als in den Wüsten-
aber auch zu wissen, was er von ihnen        Größe gibt es nur ein paar Dutzend auf                                                   gebieten des Südirak.
verlangen kann. 1979 hat sich der Atom-      der Welt, und East Baghdad ist selbst in                                                    Sein Vorgesetzter Madschid Abdullah,
physiker, ein frommer Schiit, Saddams        diesem exklusiven Kreis eine Ausnahme:                                                   61, hat wie Mallia 30 Jahre lang im Aus-
persönlichem Befehl widersetzt, ein mi-      Ein Teil des Feldes liegt unter der Sie-                                                 land gearbeitet; vor einem Jahr entschloss
litärisches Nuklearprogramm aufzubau-        ben-Millionen-Stadt Bagdad, unterhalb                                                    er sich, endgültig in sein Geburtsland zu-
en. Dafür saß er elf Jahre lang im Kerker    des im Bürgerkrieg besonders brutal um-                                                  rückzukehren. Wäre er erst 30, sagt er,
von Abu Ghuraib und wurde gefoltert.         kämpften Schiitenviertels Sadr City.                                                     hätte er das nicht getan, aber für die Zeit,
Schahristani ist berüchtigt für seinen Ei-      Raymond Mallia, 54, hat in Libyen und                                                 die ihm noch bleibe, gehe er jetzt das Ri-
gensinn und seine starken Nerven.            Kasachstan gearbeitet, in Bangladesch                                                    siko ein, auf ein paar stabile Jahre in sei-
   Im Frühjahr 2009 schrieb er eine erste                                                                                             ner unsteten Heimat zu vertrauen. „East
Runde von sogenannten Service-Verträ-                                                                                                 Baghdad ist für mich das bequemste Öl-
gen für Iraks größte Ölfelder aus – Ab-                                                                                               feld meines Lebens: Ich kann nach jeder
kommen, bei denen die Ölmultis eine                                                                                                   Schicht nach Hause fahren und in mei-
gewisse Summe pro gefördertes Barrel                                                                                                  nem eigenen Bett schlafen.“
erhalten, das Öl aber bis zum Verkauf                                                                                                    Abdullahs Zuversicht hat keinen poli-
Eigentum ihres Gastlandes bleibt. Die                                                                                                 tischen Dreh, sie ist die eines Fachmanns.
Ausschreibung scheiterte, weil die Multis                                                                                             Öl zu fördern, das weiß er spätestens seit
mit den gebotenen Summen unzufrieden                                                                                                  seiner Flucht aus dem revolutionären Li-
waren und andere Konzessionen wollten                                                                                                 byen, reicht allein nicht aus, um eine
– Verträge, bei denen sie mit einem Teil                                                                                              nachhaltige Wirtschaft aufzubauen und
der Fördermenge entlohnt werden, die                                                                                                  einen stabilen Staat zu errichten. Es
sie dann als Sicherheit für ihre Börsen-                                                                                              braucht ein Mindestmaß an Sicherheit
geschäfte nutzen können. Schahristani                                                                                                 und an juristischer und politischer Bere-
wurde nur einen einzigen Vertrag los.                                                                                                 chenbarkeit. Und es braucht Pipelines,
   Doch er blieb hart, und in der zweiten                                                                                             Pumpen, Rückhaltedepots und sichere
                                                                                           KAMARAN NAJM / METROGRAPHY / DER SPIEGEL




Runde fügten sich die ersten Ölmultis, in                                                                                             Häfen, um das Erdöl zu exportieren.
einer dritten zogen die anderen nach. In-                                                                                                An den Häfen immerhin wird jetzt ge-
zwischen bohren alle großen internatio-                                                                                               baut: Anfang März ging an der Mündung
nalen Konzerne nach irakischem Öl, die                                                                                                des Schatt al-Arab die erste von vier neu-
britische BP und die britisch-niederlän-                                                                                              en Moorings-Stationen in Betrieb – riesi-
dische Shell, Lukoil und Gazprom aus                                                                                                  gen, an Tiefsee-Bojen montierten Tank-
Russland, Italiens Eni, Malaysias Petronas                                                                                            stellen, an denen Ölschiffe befüllt wer-
und Chinas CNPC. Sie haben sich ver-                                                                                                  den. Bislang verfügte der Irak nur über
pflichtet, insgesamt mehr als 100 Milliar-                                                                                            einen funktionsfähigen Ölterminal, von
den Dollar zu investieren und Iraks För-                                                                                              dem das wirtschaftliche Überleben des
derkapazität bis 2017 auf 13 Millionen       Vizepremier Schahristani                                                                 ganzen Landes abhing: 95 Prozent des
Barrel pro Tag auszubauen.                   Berüchtigt für seine starken Nerven                                                      Staatshaushalts werden aus dem Ölexport
96                                                 D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
48 überwiegend kleinere Firmen in Ira-
                                                                                                                                             kisch-Kurdistan.
                                                                                                                                                Im November wurde bekannt, dass mit
                                                                                                                                             ExxonMobil auch ein erster internatio-
                                                                                                                                             naler Ölmulti einen Vertrag mit den Kur-
                                                                                                                                             den geschlossen hatte. Hussein Schahris-
                                                                                                                                             tanis Stimme wird kalt und schneidend,




                                                                                                  KAMARAN NAJM / METROGRAPHY / DER SPIEGEL
                                                                                                                                             wenn er über die beiden ExxonMobil-
                                                                                                                                             Vertreter spricht, die er eine Stunde in
                                                                                                                                             seinem Wartezimmer hat sitzen lassen:
                                                                                                                                             „Firmen, die solche Verträge schließen,
                                                                                                                                             haben kein Recht, auf irakischem Terri-
                                                                                                                                             torium zu arbeiten.“ Mehr habe er zu Ex-
                                                                                                                                             xon nicht zu sagen. Es ist nicht der Ton,
                                                                                                                                             den Unternehmer gern hören, die Milli-
                                                            Ölarbeiter am East-Baghdad-Feld                                                  arden in einem Land investieren, das ge-
                                                                                                                                             rade aus einem Bürgerkrieg erwacht ist.
                                                                                                                                                Doch die rechtliche Unsicherheit ist ein
Die größten Ölfelder im Irak                                                                                                                 abstraktes Problem, verglichen mit einem
Geschätzte Reserven in Milliarden Barrel                                                                                                     anderen, das dem Aufbau einer moder-
                                                                          Kirkuk                                                             nen Ölindustrie täglich im Wege steht:
zum Vergleich                         TÜRKEI
Gesicherte Reserven in der
Nordsee: rund 10 Mrd.
                                                                          8,7                                                                Der Irak ist eines der korruptesten Länder
                                                                                                                                             der Welt. Die Forderungen, die Funktio-
                                                                                                                                             näre der irakischen Ministerien und Pro-
                                                                                                                                             vinzräte bei den Verhandlungen erheben,
            SYRIEN                                                                 IRAN                                                      sind vielfach so dreist und unverschämt,
                                                                                                                                             dass dies sogar erfahrene Geschäftsleute
                                                Kirkuk                                                                                       verblüfft. „Ich habe einen Minister erlebt,
                                                                         East
                                                                       Baghdad                                                               der schlicht nach zwölf Reisebussen für

                                                                        8,5
                                                                                                                                             seine private Transportfirma fragte“, sagt
                                                                                                                                             ein europäischer Ölmanager.

                         IRAK
                                                                                                                                                Vermutlich hängt der Aufstieg der Öl-
                                                                                                                                             macht Irak eher von der Entwicklung des
                                              Bagdad                                                                                         Landes im Inneren ab als von den großen
 SAUDI-ARA                                                                           Majnoon                                                 geopolitischen Umbrüchen im Nahen Os-
           B   IEN

                                                                                     12,6                                                    ten. Es wird mehr darauf ankommen, ob
                                                                                                                                             in Bagdad endlich Strom aus der Steck-
                                                                                                                                             dose kommt, ob sauberes Trinkwasser
       West Qurna                                                                                                                            fließt und ein zumindest annähernd ver-
        I und II                                                                                                                             lässlicher Beamtenapparat seine Arbeit

            21
                                                                                                                                             aufnimmt – als auf die Frage, ob Israel
                                                                                                                                             Iran angreift und die Straße von Hormus
                                                                          Basra                                                              geschlossen wird.
                                                                                                                                                Wenn es dem Irak gelingt, seine Öl-
                                 Rumaila                                                                                                     produktion in den kommenden zwei Jah-

                                  18                                   KUWAIT
                                                                                                                                             ren zu verdoppeln und eine kritische
                                                                                                                                             Masse von etwa fünf Millionen Barrel zu
                                                                                                                                             erreichen, dann allerdings wird sich tat-
   100 km
                                                                                                                                             sächlich eine geopolitische Frage stellen.
                                                                                                                                             Wo steht der Irak – seit dem Überfall auf
                                                                                                                                             Kuwait vor 22 Jahren aus dem Quoten-
finanziert – und 80 Prozent dieses Öls          kriegs, als die Arbeit auch hinter den                                                       system der Opec ausgeschlossen – unter
wurden über die acht Füllstutzen des Bas-       Splitterschutzmauern lebensgefährlich                                                        den führenden Ölstaaten der Welt? Stellt
ra-Terminals in die Tanker gepumpt.             war, halten die Ölfirmen das Risiko heute                                                    er sich auf die Seite der Hardliner, die,
   Eine andere Bedingung für einen nach-        aber zumindest für kalkulierbar. Wie lan-                                                    wie Iran, Venezuela und früher Libyen,
haltigen Ausbau der Ölindustrie scheint         ge das so bleibt, ist nicht vorauszusagen.                                                   für einen möglichst hohen Ölpreis strei-
im Augenblick ebenfalls annähernd er-              Denn zwei andere Bedingungen für                                                          ten – oder auf die Seite der Gemäßigten,
füllt zu sein: die Sicherheit von Ingenieu-     den Aufstieg der Ölmacht Irak sind kei-                                                      die wie Saudi-Arabien oder die Vereinig-
ren, Anlagen und Nachschub. Zwar leben          neswegs erfüllt. Solange Bagdad und die                                                      ten Arabischen Emirate an einem mög-
und arbeiten die Experten der Ölmultis          Regierung der Autonomen Region Kur-                                                          lichst stabilen Preis interessiert sind?
und ihrer Zulieferer auch heute noch in         distan im Norden sich nicht auf ein na-                                                         „Da kann ich Sie beunruhigen“, sagt
schwerbewachten Camps und meiden je-            tionales Ölgesetz geeinigt haben, ist der                                                    der ehemalige Ölminister Ahmed Tscha-
den Schritt vor den Zaun: Nach wie vor          Staat zweigeteilt: Die Zentralregierung                                                      labi, einer der einflussreichsten irakischen
kommt es im Irak täglich zu Bomben-             besteht darauf, dass alle Verträge mit in-                                                   Politiker, der einst an der Seite der Ame-
anschlägen, politischen Morden und Ent-         ternationalen Ölfirmen nur von Bagdad                                                        rikaner gegen Saddam Hussein kämpfte
führungen; 2011 starben dabei über 4000         ausgehandelt werden. Die Regierung der                                                       und mittlerweile als Gefolgsmann Tehe-
Zivilisten, weit mehr als während der           kurdischen Autonomiezone hat aber                                                            rans gilt, „gemäßigt war der Irak noch
Umbrüche in Ägypten oder Tunesien.              schon 2005 begonnen, an Bagdad vorbei                                                        nie.“
Gemessen an den Jahren des Bürger-              Verträge abzuschließen. Bislang arbeiten                                                                                 BERNHARD ZAND

                                                         D E R   S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2                                                                                       97
Ausland


                                      USA




       Sechs Minuten in Florida
Nach dem Tod eines schwarzen Jugendlichen flammt in Amerika
         erneut der Rassenkonflikt auf. Nun muss ein
 Gericht entscheiden, ob der Täter überhaupt angeklagt wird.


A
        m 26. Februar um 19.11 Uhr kreuz- chen an die Öffentlichkeit. Es stellte sich
        ten sich in der umzäunten Sied- heraus, dass die Ermittler wohl Martins
        lung Twin Lakes an der Oregon Leichnam auf Alkohol- und Drogenspu-
Avenue von Sanford, Florida, verhängnis- ren hin untersuchten, nicht aber den
voll die Wege zweier ungleicher Men- Schützen Zimmerman. Der diensthaben-
schen. Trayvon Martin, 17 Jahre alt, laut de Mordkommissar der Nacht, Chris Se-
Polizeibericht 1,82 Meter groß, kam zu- rino, plädierte dafür, den kurzzeitig fest-
rück vom Einkauf in einem 7-Eleven-La- genommenen Zimmerman in Haft zu be-
den mit einer Dose Arizona Eistee und halten und wegen Totschlags anzuklagen,
einer Tüte Skittles-Kaudragees; George während die Staatsanwaltschaft anordne-
Zimmerman, 28, laut Polizei 1,75 Meter te, ihn laufenzulassen.
groß, aber bewaffnet mit                                     Aus Notrufen von An-
einer 9-mm-Pistole Marke                                  wohnern – und einem bei
Kel-Tec, ging auf eigene                                  der Polizei gespeicherten
Faust Streife in seiner Nach-                             Telefonat mit dem späteren
barschaft. Sechs Minuten                                  Todesschützen selbst – geht
später war Trayvon Martin                                 hervor, dass Zimmerman
tot. Und einen Monat spä-                                 sein Opfer vor der Tat ver-
ter wütet in den USA eine                                 folgte und nicht etwa um-
neue Debatte über die alte                                gekehrt. Im Protokoll sei-
Wunde des Rassenkonflikts.                                nes Anrufs bei der Notruf-
   Martin war schwarz, ein                                zentrale steht zu lesen,
junger Afroamerikaner aus                                 dass er Martin für einen
Miami, der in Sanford, ei-                                „Typen“ hielt, „der nichts
ner schön am Lake Monroe                                  Gutes vorhat“. Später sagt
gelegenen Vorstadt Orlan-                                 er, ohne Zusammenhang,
                                                        AP




dos, seinen geschiedenen Schütze Zimmerman                „diese Arschlöcher kom- Solidaritätsdemonstration für Trayvon Martin in
Vater besuchte. Zimmer- Amerikanischer Jedermann men doch immer davon“.
man war weiß, das heißt,                                  Und auf die Frage, ob er Zustand ihrer Gesellschaft erschrickt. Ver-
der Polizeibericht nannte ihn so, ehe sich den Verdächtigen etwa verfolge, sagt er: handelt wird die fortschreitende Bruta-
herausstellte, dass seine Mutter eine La- „Yeah“.                                      lisierung eines Landes, in dem sich die
tina war, worauf seine Verteidiger fortan      Die Eltern des Opfers erfuhren von Hälfte der Bundesstaaten inzwischen Ge-
großen Wert legten.                         solchen Unterhaltungen erst, nachdem setze gegeben hat, die einem Europäer
   Denn Zimmerman, das ist unstrittig, sie bei den Behörden vorstellig wurden. verrückt vorkommen müssen.
erschoss Trayvon Martin an jenem Abend Zwei Wochen nach dem Tod ihres Sohnes,             Angefeuert und finanziell gesponsert
zwischen 19.16 Uhr und 19.17 Uhr. Auf empört über ausbleibende Nachrichten von der Waffenlobby, war Florida der
freiem Fuß ist er dennoch, und erst am von der Polizei, forderten sie Aufklärung erste Staat in den USA, der sich im Jahr
Dienstag nach Ostern wird sich eine über die näheren Umstände und gaben 2005 – unter seinem damaligen Gouver-
Grand Jury, besetzt mit 18 Geschworenen, damit den Anstoß zur nationalen Debatte. neur Jeb Bush, dem Bruder des Ex-Präsi-
der Frage widmen, ob gegen ihn Anklage         Viel Vertrauen in die Behörden hatten denten George W. – ein neues Gesetz zu
zu erheben sei.                             sie nicht: Den Vater des Opfers, Tracy Fragen der Notwehr bastelte. Aus der gel-
   Die Frage, die das Land spaltet, lautet, Martin, der mit seiner neuen Verlobten tenden Gesetzeslage, dass es im Gefah-
ob Zimmerman die Tat kaltblütig verübte, am Abend des 26. Februar im Kino war, renfall erste Pflicht des Bürgers sei, sich
aus rassistischen Motiven gar, oder ob er, suchten die Polizisten von Sanford erst der Gefahr wenn möglich zu entziehen,
ganz am Ende von Martin attackiert, aus gar nicht, sondern ließen ihn ahnungslos wurde die markige Parole: „Stand your
Notwehr handelte und folglich, nach ame- zu Bett gehen. Als er sein Kind tags dar- ground“, was ungefähr so viel heißt wie:
rikanischem Verständnis, zu einer „ge- auf als vermisst melden wollte, bekam er „Behaupte dich“.
rechtfertigten Tötung“ schritt.             Besuch von Beamten, die ihm kurzer-           Im Gesetz von Florida – dem ähnliche
   Die bislang bekannten Zeugenaussa- hand ein Foto seines toten Sohnes hin- in 25 weiteren US-Bundesstaaten folgten
gen dazu sind widersprüchlich und uner- hielten und um Identifizierung baten.          – wird einem Bürger, „der attackiert
giebig. Dasselbe gilt für den Ablauf der       Der Furor der Diskussionen, die erst wird“, jetzt bescheinigt, er habe gerade
polizeilichen und staatsanwaltlichen Er- aus Solidarität mit den Eltern begonnen „keine Pflicht, sich zurückzuziehen“. Er
mittlungen, die in vielen politischen Fern- haben, nun aber in giftigen Streit mit den habe im Gegenteil „das Recht, sich zu be-
seh-Talkshows als der eigentliche Skandal Verteidigern Zimmermans münden, er- haupten, Gewalt mit Gewalt zu begegnen,
diskutiert werden. Immer neue, verstö- klärt sich damit, dass wenigstens die einschließlich tödlicher Gewalt“, um sich
rende Einzelheiten kommen seit zwei Wo- Hälfte der Amerikaner über sich und den vor Tod oder Versehrtheit zu schützen.
98                                              D E R    S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
verkreuzen: „Wir können einen schwar-
                                                                                                                zen Mann im Weißen Haus haben, aber
                                                                                                                wir können ein schwarzes Kind nicht
                                                                                                                durch eine Wohnsiedlung laufen lassen.“
                                                                                                                   Wie weit sich die Debatte hochgeschau-
                                                                                                                kelt hat, lässt sich auch daran messen, wie
                                                                                                                seit Wochen die sozialen Netzwerke glü-
                                                                                                                hen. Eine Online-Petition für die Festnah-
                                                                                                                me Zimmermans wurde von weit über
                                                                                                                zwei Millionen Menschen gezeichnet. Im
                                                                                                                Twitter-Dienst rattern die Kurznachrich-
                                                                                                                ten in Sachen „#trayvon“ im Minutentakt
                                                                                                                unter Beteiligung von Justin Bieber und
                                                                                                                Regisseur Spike Lee, der vergangene Wo-
                                                                                                                che Zimmermans Adresse weitergetwit-
                                                                                                                tert hatte, tatsächlich aber eine völlig un-
                                                                                                                beteiligte Familie der geballten Wut eines
                                                                                                                digitalen Mobs aussetzte.
                                                                                                                   Auch der „Mann im Weißen Haus“ hat
                                                                                                                sich eingemischt, mit ruhigen Worten der
                                                                                                                Empathie. Am Ende einer Pressekonfe-
                                                                                                                renz sagte US-Präsident Barack Obama,
                                                                                                                er fühle mit den Eltern, und: Hätte er
                                                                                                                einen Sohn, „sähe er aus wie Trayvon“.
                                                                                                                Er empfahl den Amerikanern, den tragi-
                                                                                                                schen Fall zum Anlass zu nehmen, „ihre
                                                                                                                Seelen zu erforschen“.
                                                                                                                   Das muss auch für die Feinde Zimmer-
                                                                                                                mans gelten. Nach allem, was über ihn
                                                                                                                bekannt ist – er selbst hat sich öffentlich
                                                                                                                noch nicht geäußert –, ist er ein amerika-
                                                                                                                nischer Jedermann, der an seine Version
                                                                                                                von Recht und Ordnung glaubt, gern Poli-
                                                                                                                zist geworden wäre, aber dann doch nur
                                                                                                                ein kleiner Versicherungsvertreter wurde.
                                                                                                                46-mal hat er in den vergangenen Jahren
                                                                                               POLARIS / LAIF




                                                                                                                den Notruf der Polizei wegen Kleinigkei-
                                                                                                                ten angerufen, es scheint, er hätte einen
                                                                                                                guten Blockwart abgegeben.
Sanford: „Wir können ein schwarzes Kind nicht durch eine Wohnsiedlung laufen lassen“                               Wie Zimmerman nicht nur grundböse
                                                                                                                war, so war auch Trayvon Martin nicht
       Derlei Bestimmungen haben, folgt man      März zu Kundgebungen nach Sanford                              nur gut, sondern ein gewöhnlicher Teen-
    den Berichten der seriösen amerikani-        rief, kamen die Menschen zu Tausenden,                         ager in Amerika. Es kursieren Geschich-
    schen Zeitungen, Polizei und Justiz derart   und das Schauspiel wiederholt sich seit-                       ten, dass er wochenweise von der Schule
    verwirrt, dass in der Zwischenzeit selbst    her fast täglich irgendwo in den USA.                          verwiesen wurde, weil er Wände mit Graf-
    Bandenkriminelle nach Schießereien er-          Die Demonstranten tragen Kapuzen-                           fiti besprühte oder Spuren von Marihuana
    folgreich auf Notwehr plädieren und auch     pullover wie das Opfer, und sie tragen                         im Rucksack hatte. Ein schlechter Schüler
    andere Angeklagte als vermeintlich wehr-     Schilder, auf denen steht: „Ohne Gerech-                       war er nicht, es heißt, er habe Pferde ge-
    hafte Opfer davonkommen, obwohl sie          tigkeit kein Frieden“, „Ich bin Trayvon                        liebt und das Reiten, es gibt schöne Kin-
    in Wahrheit zu Mördern wurden.               Martin!“, „Hundert Jahre Lynchjustiz“.                         derfotos von ihm als Sportler, am Abend
       Die Fakten sprechen ein Urteil über       Beim ersten Massenaufmarsch in Sanford,                        seines Todes wollte er das All-Star-Game
    die Wirkungen – und die Güte – der neu-      unter den sich nur vereinzelt Amerikaner                       der Basketball-Profiliga ansehen, bei dem
    en Gesetze: In den Jahren vor der Geset-     anderer Hautfarbe mischten, sangen                             Kevin Durant 36 Punkte machte.
    zesverabschiedung 2005 wurden in Flori-      Frauen „We shall overcome“, und Händ-                             Wenn seine Angehörigen oder deren
    da im Durchschnitt 34 Fälle „gerechtfer-     ler verkauften T-Shirts mit Martins Por-                       Anwälte nun solche Geschichten über
    tigter Tötungen“ aus Notwehr gezählt.        trät und solche mit der Parole „Arrest                         den Jungen erzählen, landauf, landab, auf
    Zwei Jahre nach dem Inkrafttreten der        Zimmerman“.                                                    allen Kanälen und rund um die Uhr, fühlt
    Stand-your-ground-Regel sprang ihre             In der Luft lag nicht das 21. Jahrhun-                      sich das absurd an, so als hätte Trayvon
    Zahl im Staat erstmals auf über 100. Die     dert, sondern die kämpferische Stimmung                        Martin Verteidigung nötig. Aber selbst
    Bundespolizei FBI hat ermittelt, dass US-    der späten sechziger Jahre, samt den in                        wenn er, in den letzten Sekunden seines
    Staaten, die neue Notwehrgesetze erlas-      die Luft gereckten Rosen in Fäusten und                        Lebens, aus Wut vielleicht über die grund-
    sen haben, 53,5 Prozent mehr Tötungen        Schildern, auf denen an die Black Pan-                         lose Verfolgung, doch noch auf seinen
    aus Notwehr registrieren.                    thers erinnert wird. Die hier Versammel-                       Verfolger George Zimmerman losgegan-
       Trayvon Martins Fall hat die schwarze     ten fühlen sich weiterhin als zweitklassige                    gen sein sollte – er bleibt doch das Opfer.
    Minderheit im Land aufgewühlt wie            Bürger behandelt, ein Gefühl, das die                          Er wurde, unbewaffnet, erschossen. Den
    kaum ein vergleichbares Vorkommnis in        überwältigende Mehrheit der schwarzen                          Gesetzgebern in den USA, der amerika-
    den vergangenen Jahren. Als der bekann-      Amerikaner teilt. Prediger Sharpton rief                       nischen Gesellschaft bleibt es überlassen,
    te Bürgerrechtler Reverend Al Sharpton       am vergangenen Sonntag aus, wie para-                          das für verhältnismäßig zu halten.
    über seinen Haussender MSNBC Mitte           dox sich die Gefühle in Amerika derzeit                                                  ULLRICH FICHTNER

                                                       D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                             99
Ausland




      MAGHROUR
                            Auf Jesus’ Pfaden
                                          Ein niederländischer Diplomat hat den ersten Wanderführer
                            GLOBAL VILLAGE:
                            für das Westjordanland geschrieben.


S
      tefan Szepesi steht auf einer Wiese, gend. Irgendwann professionalisierte er lästina, das ist ein Land, zusammengehal-
      überall Klatschmohn, wilde Orchi- seine Ausflüge. Er besorgte sich Karten ten von nicht viel mehr als einer Idee.
      deen, er atmet tief ein. Vor ihm liegt und stellte fest, dass es nur zwei Arten Welcher Tourist sollte durch diesen Irr-
das Wadi Maghrour, ein Tal mit Oliven- gibt: die Karten des israelischen Natur- sinn navigieren?
baum-Terrassen, manche der Bäume sind schutzverbands, auf Hebräisch, und die               Deshalb begann Szepesi, einen Wan-
mehr als hundert Jahre alt. Ein Pfad der Uno, in denen die Kontrollpunkte derführer zu schreiben. Drei Jahre lang
schlängelt sich durch das Tal, rot-weiß verzeichnet sind. Beide hatten wenig mit hat er daran gearbeitet, die letzten zwei
markiert, elf Kilometer lang, Höhenun- der Realität zu tun, die er auf seinen Aus- Jahre in Teilzeit: zwei Tage Nahostquar-
terschied: 400 Meter, Schwierigkeitsgrad: flügen entdeckte: gastfreundliche Men- tett, drei Tage Wandern. Als er anfing
mittel.                                       schen, ursprüngliche Dörfer, römische zu schreiben, gab es noch Hoffnung auf
   Szepesi hat diesen Weg entdeckt und Ruinen, fast unangetastet.                        Frieden. Doch seit fast zwei Jahren steckt
beschrieben: den Wanderweg 23, vom              Man könne im Westjordanland hervor- alles fest. Und der Diplomat fragte sich:
Dorf Batir bis nach Beit Jala bei Betle- ragend wandern, sagt Szepesi. Es gibt die „Was zum Teufel mache ich hier eigent-
hem. Im Westen und im                                                                                   lich? Ich schreibe ein Buch
Norden die Grüne Linie,                                                                                 über Wandern in Palä-
die Grenze zu Israel, im                                                                                stina?“
Osten der Checkpoint, im                                                                                   Doch das Projekt wuchs.
Süden israelische Siedlun-                                                                              Er warb palästinensische
gen. Und mittendrin diese                                                                               Guides an, rekonstruierte
Insel der Ruhe, vermessen                                                                               Namen von Orten, er über-
und von der Unesco für gut                                                                              redete Gemeinden, die We-
befunden, eines Tages                                                                                   ge zu markieren. Es war
Weltnaturerbe zu werden.                                                                                nicht immer einfach. Die
Wenn nicht Israel hier eine                                                                             Palästinenser verstanden
Mauer baut, so wie es ge-                                                                               oft nicht, was dieser merk-
plant ist.                                                                                              würdige Niederländer woll-
                                                                                                AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL
   Doch um Politik geht es                                                                              te. Wenn er nach dem Weg
nicht. Es geht um das Wan-                                                                              fragte, sagten sie: „Immer
dern, in der Hand hält Sze-                                                                             der Straße nach, am besten
pesi ein Buch, es trägt den                                                                             nimmst du ein Taxi.“ Er
unwahrscheinlichen Titel                                                                                musste erklären, dass er
„Walking Palestine“. 25 Ta-                                                                             den schönsten Weg suchte,
geswanderungen für Palä-                                                                                nicht den schnellsten. Pa-
stina mit Routenbeschrei-             Autor Szepesi: „Am besten nimmst du ein Taxi“                     lästinenser wandern kaum.
bungen, Empfehlungen für                                                                                Er hat in seinem Buch für
Restaurants und Unterkünf-                                                                              sie kurze Routen erstellt.
te. Die Fotos zeigen: Blu-                                                                              Ein, zwei Stunden: Schnup-
men, Vögel, Schmetterlinge, außerdem Wüste, es gibt Berge, schroffe Täler. Eine perwandern in der Heimat. Kilometer 4,9:
Klöster, Schafhirten, Menschen auf Eseln. arabische Toskana, zumindest wenn man Restaurant Maghrour. Szepesi hat darauf
Es ist ein anderes Palästina als das in den auf einige Grundregeln achtet: auf einen geachtet, dass möglichst oft ein Restau-
Abendnachrichten, aber sehr ähnlich dem sicheren Parkplatz fürs Auto und etwas rant an der Strecke liegt. Der Besitzer
Palästina, durch das Jesus wanderte.          Entfernung zu palästinensischen Städten, tischt warmes Fladenbrot auf, Salate,
   Szepesi weiß, dass Palästina andere Pro- israelischen Siedlungen und Militäran- gegrilltes Fleisch. Der Niederländer isst
bleme hat als Wanderwege. Er kennt diese lagen.                                          hastig, er hat einen Termin bei der palä-
Probleme besser als die meisten. Der Nie-       Während Szepesi weiterläuft, vorbei stinensischen Tourismusministerin, die
derländer, 32 Jahre alt, lebte bis vor kur- an Bauern, die gerade ihre Terrasse neu Exemplare bei ihm bestellen will. Es
zem in Ostjerusalem. Er arbeitete als Be- zementieren, erzählt er, dass er Wandern könnte bald sehr viel mehr Wanderer in
rater zuerst für die EU, dann für das Nah- immer langweilig fand. Er fuhr lieber Palästina geben.
ostquartett, das Frieden zwischen Israel Mountainbike, lief Marathon; aber hier            Stefan Szepesi hat inzwischen beim
und Palästina stiften soll. Damit war Sze- begann er, das Wandern zu lieben. Nach Nahostquartett gekündigt, er ist seit kur-
pesi einer dieser vielen Diplomaten, die einem Jahr dachte er sich, es wäre schön, zem Geschäftsführer der gemeinnützigen
Palästina vor allem aus einem Gelände- diese Freude zu teilen.                           Initiative Abrahamsweg. Die will einen
wagen mit CD-Kennzeichen wahrnehmen             Bisher fahren die meisten Touristen nur Wanderpfad für Touristen entwickeln,
und am Wochenende entweder nach Tel nach Betlehem. Palästina hat zwar viel entlang der biblischen Route Abrahams
Aviv oder ans Tote Meer fliehen.              zu bieten, aber keiner traut sich her. Das von der Türkei über Syrien und Palästina
   Er aber setzte sich in sein Auto und liegt auch daran, dass es so zersplittert bis nach Israel, 1200 Kilometer. Szepesi
fuhr ins Westjordanland. Er stieg aus, wo ist, in Militärgebiete, Siedlungen und wandert jetzt nur noch, Vollzeit.
es ihm gefiel, und wanderte durch die Ge- Sperranlagen, in Zonen A, B und C. Pa-                             JULIANE VON MITTELSTAEDT

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Szene

         AU S ST E L LU N GE N


        Schätze in der
      Damenhandtasche
Seine Mutter ist schuld. Sie ließ ihren
Sohn nie in ihre Handtasche blicken.
Also interessierte sich Hans-Peter Feld-
mann, 1941 in Düsseldorf geboren,
umso mehr für die Handtaschen frem-
der Frauen. Irgendwann, da war er ein
älterer Herr und ein weltweit erfolg-
                                                                   RON JAFFE / AMC COURTESY EVERETT COLLECTION
reicher Künstler, sprach er sogar ihm
unbekannte Damen auf der Straße an.
Er überredete sie dazu, ihm ihre Ta-
schen zu verkaufen, wobei es ihm vor
allem um den Inhalt ging, um Creme-
dosen, Kreditkarten, Adressbücher.
Nun widmet die renommierte Londo-
ner Serpentine Gallery dem Fotogra-
fen und Konzeptkünstler eine umfas-                                                                               Paré in „Mad Men“
sende Schau, sie beginnt am Mittwoch
                       nach Ostern,
                       und dort werden                                                                                                                        FERNSEHEN
                       auch diese Schät-
                       ze zu sehen sein,
                       präsentiert wie
                       archäologische
                       Fundstücke in
                                                                                                                                              Küsschen für Don
                     HANS-PETER FELDMANN, VG-BILDKUNST BONN 2012




                       Vitrinen (bis 5.                                                                           Der Auftritt ist ein Versprechen, eine Verheißung für Zuschauer in aller Welt. Eine
                       Juni). In jedem                                                                            schöne Frau in einem sehr kurzen schwarzen Kleid singt ein Lied, und zwar so lasziv,
                       seiner Werke                                                                               dass sich die Männer um sie herum verlegen an ihren Whiskey-Gläsern festhalten:
                       zeigt Feldmann,                                                                            Die Szene, in der die kanadische Schauspielerin Jessica Paré auf einer Party den Song
                       dass der Alltag                                                                            „Zou Bisou Bisou“ vorträgt, war der Höhepunkt der ersten Episode der neuen, fünften
                       nie alltäglich ist.                                                                        Staffel der Fernsehserie „Mad Men“, die gerade in den USA und Großbritannien an-
                       Um das zu er-                                                                              gelaufen ist. Paré, 29, spielt Megan, die zweite Gattin von Don Draper (Jon Hamm),
                       kennen, muss                                                                               dem Werber und Frauenhelden im New York der sechziger Jahre. Die Serie liefert ein
                       man die Dinge                                                                              präzises Sittenbild jener Epoche, eine perfekte Mischung aus Nostalgie, Reflexion und
                       nur in einen                                                                               Unterhaltung und eine Erinnerung an die Zeit, als die USA selbst noch als Verheißung
Feldmann-David         anderen Zusam-                                                                             galten. „Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner sagt, seine Serie zeige, „was Frauen für
                       menhang rü-                                                                                Männer tun“. Im Fall von Megan Draper alias Jessica Paré versprechen sie „Küsschen“,
cken. 2006 hat er Michelangelos be-                                                                               französisch bisou: „Zou Bisou Bisou“ ist ein Geschenk zum 40. Geburtstag von Don
rühmte David-Skulptur aus Metall und                                                                              Draper. Das Original des Songs aus dem Jahr 1960 arrangierte George Martin, später
Kunststoff nachgebildet, bunt ange-                                                                               Produzent der Beatles. Parés Version dürfte Fernsehgeschichte schreiben, ein Klick-
malt und die Kopie vor dem Kölner                                                                                 Hit auf YouTube ist sie schon jetzt und mittlerweile auch als Single erhältlich.
Dom aufgestellt.



             SACH BUCH
                                                                                                                 den das Mittel der dokumentarischen              um das Zusammenfinden zweier Ju-
                                                                                                                 Gesprächsmontage, um vom Entste-                 gendkulturen (West-Berliner Postpunk-
                                                                                                                 hen der letzten ganz großen Jugend-              Agonie, Ost-Berliner Breakdance-Vita-
         Stunde null                                                                                             bewegung, der Techno- und Ravekul-               lität), um die Stunde null des heutigen

       im neuen Berlin                                                                                           tur während der Wende-Jahre in Ber-
                                                                                                                 lin, zu erzählen. Die beiden Autoren
                                                                                                                 haben 20 Jahre danach in langen Ge-
                                                                                                                                                                  Berlin und darum, wie dieses Bündnis
                                                                                                                                                                  eine Stadt eroberte, deren heutiges
                                                                                                                                                                  Zentrum damals nur eine Brache war,
Der große deutsche Wende-Roman,                                                                                  sprächen die treibenden Kräfte von da-           für die sich niemand zuständig fühlte.
immer wieder wird er gefordert und                                                                               mals sich erinnern lassen. Rund 70 Be-           Doch die Geschichte der ersten ge-
herbeigesehnt, doch bisher gibt es ihn                                                                           teiligte kommen zu Wort, Clubbetrei-             samtdeutschen Jugendkultur, die die-
nicht. Und auch dieses gerade bei                                                                                ber, Musiker, Künstler, darunter der             ses Land bis heute prägt, ist wie jede
Suhrkamp erschienene Buch „Der                                                                                   heutige Star-DJ WestBam oder der in-             gute Geschichte auch eine des Schei-
Klang der Familie“ ist natürlich nicht                                                                           zwischen weltberühmte Fotograf Wolf-             terns, sie endet unter Bergen von
der große deutsche Wende-Roman,                                                                                  gang Tillmans. Sie haben die Stimmen             Kokain, in totaler Zerrüttung – und
doch es kommt ihm nahe. Denn Felix                                                                               ediert und so geschickt montiert, dass           schließlich in der Love-Parade-Kata-
Denk und Sven von Thülen verwen-                                                                                 daraus eine Erzählung wird: Es geht              strophe von Duisburg.
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Kultur
                                      RAU B KU N ST


                         Folianten des „Führers“
Knapp 67 Jahre nach Ende des Zwei-          Jahrhundert aufgeführt. Die in Leder
ten Weltkriegs sind in den USA wich-        gebundenen Alben waren offenbar
tige Beweisstücke für den systemati-        1945 von zwei Soldaten der vorrücken-
schen Kunstraub des Hitler-Regimes          den US-Truppen auf dem „Berghof“
wiederentdeckt worden. Wie das Na-          Hitlers bei Berchtesgaden entdeckt
tionalarchiv in Washington mitteilte,       und als Kriegssouvenirs mit in die USA
handelt es sich um zwei bislang ver-        genommen worden. Die Angehörigen
schollene Bände eines umfangreichen         der inzwischen verstorbenen Vetera-
Raubkunst-Katalogs, in dem der be-          nen übergaben die Bände jetzt über
rüchtigte „Einsatzstab Reichsleiter Ro-     eine Stiftung dem US-Nationalarchiv.
senberg“ einst akribisch seine




                                                                                             JEAN-HONORÉ FRAGONARD/COURTESY OF ROBERT M. EDSEL AND THE MONUMENTS MEN FOUNDATION
Beutestücke aufgelistet hatte.
Im Auftrag des „Führers“ soll-
te die Spezialeinheit seiner-
zeit in den von Nazi-Deutsch-
land besetzten Gebieten ge-
zielt Kunstwerke beschlagnah-
men, mit denen Hitler später
ein eigenes Museum in Linz
zu bestücken gedachte. Die
jetzt aufgetauchten Folian-
ten – Band 7 und 15 des Ro-
senberg-Konvoluts – enthalten
Fotografien von insgesamt 69
geraubten Gemälden und 41
kostbaren Möbelstücken, größ-
tenteils aus dem Besitz der
französischen Bankiersfamilie
Rothschild. Unter anderem ist
darin ein Gemälde des franzö-
sischen Künstlers Jean-Honoré
Fragonard („Mädchen mit
zwei Tauben“) aus dem 18.        Raubkunst-Katalogseite mit Fragonard-Gemälde




   KINO IN KÜRZE


  „Monsieur Lazhar“ heißt der neue Lehrer einer Grundschule in Montreal, Kanada,
  ein melancholisch lächelnder Herr von Mitte fünfzig mit einer Vorliebe für Balzac-Roma-
  ne, ein Außenseiter in jeder Hinsicht: Er stammt, wie sein Darsteller Mohamed Fellag,
  aus Algerien. Lazhar muss nicht nur unterrichten, sondern auch Trost spenden. Die Stel-
  le war vakant, nachdem sich eine Lehrerin in der Schule das Leben genommen hatte.
  Viele Schüler sind traumatisiert, und auch Lazhar weiß mehr über Tod und Verlust, als er
  zugeben mag. Der kanadische Regisseur Philippe Falardeau erzählt mit Leichtigkeit und
  subtilem Humor von den Folgen einer Tragödie – ein kleiner Film mit großem Herzen.

  „The Grey – Unter Wölfen“ ist, rein zoologisch, ungefähr so stimmig wie das
  Märchen vom Rotkäppchen. Dramaturgisch folgt der Regisseur Joe Carnahan („Das
  A-Team“) in seinem Thriller dagegen eher dem Abzählreim über die „Zehn kleinen
                                        Negerlein“, angereichert um ein paar schöne
                                        Schockeffekte vor grandioser Kulisse. Statt auf
                                        zähe Großmütter haben es die Wölfe hier auf die
                                        Arbeiter einer Ölfirma abgesehen, deren Flug-
                                        zeug in der Wildnis von Alaska abgestürzt ist,
                                        mitten in Wolfs Revier. Angeführt von einem
                                        Überlebenskünstler (Liam Neeson), kämpfen die
                                        UNIVERSUM FILM




                                        Männer gegen Hunger, Schneestürme und das
   Szene aus „The Grey …“               dumpfe Gefühl an, am Ende der Welt sterben zu
                                        müssen, ohne dass es jemand merkt.


                              D E R   S P I E G E L      1 5 / 2 0 1 2                   103
Kultur


                                                              D E B AT T E




                                    Selber schuld
            Sie ist jung, Mutter und seit gut zwei Jahren Ministerin für Familie.
                      Und sie ist gegen die Quote. In einem Buch wirbt
        Kristina Schröder jetzt für das Frauenglück im Privaten. Von Claudia Voigt




                                                                                           MARC-STEFFEN UNGER




Buchautorin Schröder: Für Frauen und Familien hat sie noch nicht viel getan

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BORIS ROESSLER / DPA
                                                                         KROHNFOTO.DE
Ministerin Schröder in der Bundespressekonferenz, Buch-Cover, Brautpaar Schröder 2010: Das Private soll privat sein



E
        in Buch also. Seit zwei Jahren und                 terinnen des Familienministeriums zu Denken nicht ins Offene führt. Es ist ihren
        fünf Monaten ist Kristina Schröder                 tun, eine davon die zuständige Ministerin. politischen Interessen untergeordnet.
        die Bundesministerin für Familie,                  Und was spricht eigentlich gegen politi- Und damit langweilige Rhetorik.
Senioren, Frauen und Jugend. Bisher                        sche Schlussfolgerungen?                        Der Feminismus, meint Schröder, sei
kennt man sie vor allem aus zwei Grün-                        Seit der Jahrtausendwende hat sich für schuld am Ideal der voll berufstätigen
den: Sie wurde während ihrer Amtszeit                      Familien und Frauen in diesem Land vie- Mütter, ein Joch, unter dem viele Frauen
Mutter. Und sie ist gegen eine gesetzliche                 les verändert. Die Hausfrauenrepublik in Deutschland litten. Ist das so? Im Welt-
Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichts-                   wurde kräftig durcheinandergeschüttelt. bild der Ministerin wird der Feminismus
räten und Vorstandsetagen. Darüber hin-                    Dazu haben auch politische Maßnahmen zudem von einer einzigen Person verkör-
aus hat sie sich eingeprägt durch die Ent-                 beigetragen: der Rechtsanspruch auf ei- pert, von Alice Schwarzer.
scheidung, in ihrem Ministerium ein Män-                   nen Krippenplatz ab 2013, das Elterngeld.       Man kann durchaus geteilter Meinung
nerreferat einzurichten. Für Frauen und                       Sogar in der CSU gibt es mittlerweile sein über Alice Schwarzer, aber Schrö-
Familie hat sie noch nicht viel getan. Kris-               Frauen, die sich zu den Feministinnen zäh- ders Einschätzung bedeutet zu viel der
tina Schröder hat deshalb ein Problem.                     len, Väter schieben vormittags Kinderwa- Ehre. Fast 70 Seiten widmet sie der Tirade
Es mangelt ihr an Kontur. Das Buch könn-                   gen durch die Straßen, in vielen Familien „Feminismus war gestern“. Man fragt sich,
te der Versuch sein, gegen ihr eigenes                     wird nicht mehr mittags, sondern abends wie eine Familien- und Frauenministerin
Verschwinden anzuschreiben.                                warm gekocht, weil die Mutter arbeitet.      im Jahr 2012 so dezidiert antifeministisch
   „Danke, emanzipiert sind wir selber!“                      Schröder, es wundert einen leider kaum, eingestellt sein kann.
heißt es. Mit Ausrufezeichen. Der Unter-                   will da mit ihrem Buch politisch nicht an-      Die Feministinnen der Generation
titel lautet „Abschied vom Diktat der Rol-                 knüpfen. Stattdessen beschreibt sie, war- Schwarzer mussten radikale Positionen
lenbilder“. Auf dem Cover ist die Ministe-                 um sie Rollenleitbilder ablehnt. Ganz beziehen, um die alten Rollenbilder zu
rin abgebildet, sie trägt ein strahlendes Lä-              gleich, ob es um Hausfrauen, Karriere- sprengen. Deshalb ist die berufstätige
cheln, ein dunkles Jackett, und sie stemmt                 mütter oder berufstätige Frauen ohne Kin- Frau heute eine Selbstverständlichkeit,
die Hände in die Hüften. Das soll vermut-                                                               zum Glück. Die Ministerin allerdings er-
lich Charme und Kampfeslust signalisieren.                                                              kennt in diesem Rollenideal ein Feindbild.
Und weil an solch einem Buchtitel lange                    Kristina Schröder könnte für                 Doch wer war mit 25 bereits Abgeordnete
getüftelt wird, zeigt das Cover auch, wel-
ches Bild die Familien- und Frauenminis-
                                                           nachwachsende Generatio-                     des Deutschen Bundestags?
                                                                                                           Schröders Auseinandersetzung mit
terin gern abgeben würde.                                  nen ein Vorbild sein. Aber                   Alice Schwarzer hat Geschichte. Sie be-
   Im Vorwort betonen Schröder und ihre
Co-Autorin Caroline Waldeck, dass „Dan-                    sie lehnt das kategorisch ab.                gann mit einem SPIEGEL-Interview 2010,
                                                                                                        in dem die Ministerin Schwarzers Thesen
ke, emanzipiert sind wir selber!“ nicht et-                                                             zu heterosexuellem Sex frei interpretierte,
wa im Familienministerium entstanden                       der geht – diese Leitbilder würden den daraufhin schrieb die Feministin einen
ist, sondern im Urlaub und während                         Frauen „samtene Fesseln“ anlegen. Nach offenen Brief, bald war das Thema in der
Schröders Mutterschutz. Es muss der Mi-                    Einschätzung Schröders befinden sich „Bild“-Zeitung.
nisterin sehr wichtig gewesen sein.                        Deutschlands Frauen in einem Leitbilder-        Dass Schröder im Februar zugesichert
   Der Text ist aus der Perspektive von                    Krieg, der sie am Glücklichsein hindert. hat, den FrauenMediaTurm in Köln finan-
Kristina Schröder verfasst, obwohl ihm                     Und daran, mehr Kinder zu bekommen. ziell abzusichern, in dem die „Emma“-Re-
die Erfahrungen der Ministerin und ihrer                      Um dafür einen Schuldigen zu finden, daktion untergebracht ist und das feminis-
Co-Autorin zugrunde liegen, zweier Frau-                   macht Schröder eine eigenwillige Unter- tische Archiv, kann man nach der Lektüre
en Mitte dreißig, „beide bekennende, voll                  scheidung. Sie grenzt die Frauenbewe- von „Danke, emanzipiert sind wir selber!“
berufstätige ‚Rabenmütter‘, die ihr Kind                   gung gegen den Feminismus ab. Was his- nur als politisches Manöver interpretieren.
lieben und Familie für das Wichtigste im                   torisch untrennbar miteinander verbun-          Schröder ärgert sich darüber, dass
Leben halten; beide aber frei von der Ab-                  den ist, wird von der Ministerin getrennt: Schwarzers feministischer Kampf stets
sicht, aus der eigenen, privaten Auffassung                da die gute Frauenbewegung, dort der davon geprägt war, das Private politisch
von einem guten Leben politische Schluss-                  böse Feminismus, verbissen und rück- zu betrachten. (Wenigstens solange es
folgerungen für das ‚richtige‘ Leben zu                    wärtsgewandt.                                nicht um Schwarzers eigenes Leben ging.)
ziehen.“ Ist das möglich? Immerhin haben                      In Porträts ist Schröder als scharfe Den- Die Ministerin dagegen möchte das Pri-
wir es hier mit zwei leitenden Mitarbei-                   kerin beschrieben worden, einzelne Pas- vate wieder zu einer Privatsache machen.
                                                           sagen in ihrem Buch bestätigen das. Doch „Spätestens mit dem ersten Kind wird
Kristina Schröder, Caroline Waldeck: „Danke, emanzi-
                                                           die Volte, Feminismus und Frauenbewe- jede Frau zur ‚öffentlichen Frau‘ – zu
piert sind wir selber!“. Piper Verlag, München; 240 Sei-   gung voneinander zu lösen, macht schon einer Person, über deren Privatleben wild-
ten; 14,99 Euro. Erscheint am 16. April.                   zu Beginn des Buchs deutlich, dass ihr fremde Menschen hemmungslos Wert-
                                                                 D E R                  S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                          105
Kultur




                                                                                                                                                                       MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPD
                                                       TIMUR EMEK / DAPD




                                                                                                           HENNING SCHACHT
Politikerin Schröder auf Dienstreise, nach der Landtagswahl im Saarland, beim Besuch eines Kinderhauses: „Samtene Fesseln der Frauen“

urteile fällen dürfen“, schreibt sie. „Hier     An einer Stelle im Buch wagt Schröder                                        che Chefs nicht mehr rund um die Uhr ar-
tobt vielleicht der letzte Kulturkampf un-    22 Zeilen Offenheit. Abgesichert durch                                         beiten, wären sogar Teilzeit und Karriere
serer postideologischen Gesellschaft.“        den Konjunktiv, durch die Möglichkeits-                                        nicht mehr völlig ausgeschlossen.
   Wenn es nach Schröder ginge, würde         form, schreibt sie: „Ich könnte wortreich                                         Nur macht Schröder, die selber vermut-
jede Frau ihr Leben „selbst gestalten“.       erläutern, wie mein Mann und ich unsere                                        lich mehr als 40 Stunden die Woche ar-
Sie würde Fragen nach Vereinbarkeit von       Arbeit so organisieren, dass unsere Toch-                                      beitet, überhaupt keine Vorschläge, wie
Kindern und Berufstätigkeit mit ihrer         ter auf die Liebe und Fürsorge ihrer El-                                       aus der rosaroten Idee Wirklichkeit wer-
Familie und ihrem Arbeitgeber klären,         tern nicht verzichten muss … Ich könnte                                        den könnte. Geht es ihr womöglich nur
sich nicht länger von Rollenbildern be-       beteuern, dass unser Kind selbst dann in                                       um eine Revanche an Ursula von der
vormunden lassen, sondern sich „endlich       besten (und keineswegs fremden) Hän-                                           Leyen, in deren Ressort die Umstruktu-
frei entscheiden“, wie sie leben möchte.      den ist, wenn wir beide berufliche Termi-                                      rierung der Arbeitswelt fallen würde? Das
   Für eine amtierende Familien- und          ne wahrnehmen … Ich könnte deutlich                                            wäre dann einfach zynisch.
Frauenministerin ist das eine feige Sicht     machen, dass ich sofort bereit wäre, mein                                         Ihre einzige Idee zum Thema Teilzeit
der Dinge. Schröder enthebt sich jeder        Amt als Ministerin aufzugeben, wenn ich                                        kommt einem jedenfalls bekannt vor: Ei-
Forderung, politisch etwas zu verändern       den Eindruck hätte, dass dies die Voraus-                                      geninitiative. Jeder sollte am besten mit
und Strukturen zu schaffen, die den All-      setzung für ein glückliches und geborge-                                       seinem Chef reden. Und wenn dies ganz
tag leichter machen. Kinderbetreuung,         nes Aufwachsen meiner Tochter ist.“                                            viele tun, dann wird sich etwas ändern
die Probleme Alleinerziehender, Gehalts-        Diese Passage zeigt, wie sehr auch ei-                                       und so weiter und so fort. Was ist noch
unterschiede zwischen Männern und             ne Familien- und Frauenministerin unter                                        mal Kristina Schröders Beruf? Politikerin?
Frauen – alles Privatsache? Das erklärt,      der Unsicherheit leidet, vielleicht doch                                       Kummerkastentante? Wenn man ihre Auf-
warum sie bisher so untätig war. Eine         keine gute Mutter zu sein. Das berühmte                                        forderungen zum persönlichen Engage-
Frauenministerin, liebe Frau Schröder, ist    schlechte Gewissen.                                                            ment weiterdenkt, bedeuten sie nichts an-
übrigens auch für die Frauen da.                                                                                             ders, als dass jede Frau, die sich über-
   Wenn man mit Wissenschaftlerinnen,                                                                                        fordert fühlt von Beruf und Familie, sel-
Juristinnen oder mit Unternehmerinnen         Was ist noch mal                                                               ber schuld ist.
redet, die in Deutschland Karriere ge-
macht haben, dann sagen viele, dass es
                                              Kristina Schröders Beruf?                                                         Schröders argumentatives Problem
                                                                                                                             beim Thema Teilzeit liegt in ihrem Nein
auch deshalb schwierig war, weil ihnen        Politikerin?                                                                   zur gesetzlichen Quote von 30 Prozent.
hierzulande die Vorbilder fehlten. Oft
haben sie erst bei Auslandsaufenthalten       Kummerkastentante?                                                             Denn deren Umsetzung würde die Ar-
                                                                                                                             beitswelt verändern. Wenn jeder dritte
jene Frauen kennengelernt, an denen sie                                                                                      Chef eine Frau ist, beeinflusst das zwangs-
sich auf ihrem Weg nach oben orientiert          Es ist auch eine berührende Passage,                                        läufig die Unternehmenskultur. Aber
haben.                                        weil der Druck spürbar wird, der auf ihr                                       Schröder hat sich festgelegt auf die Flexi-
   Kristina Schröder könnte für die nach-     zu lasten scheint und für den sie als Poli-                                    Quote, und die kommt auch deshalb nicht
wachsenden Generationen so ein Vorbild        tikerin doch nur eine Antwort kennt: Das                                       in Fahrt, weil der Koalitionspartner FDP
sein. Aber sie lehnt diese Rolle katego-      Private ist privat. Genau das aber ist es                                      keine gesetzliche Festschreibung will.
risch ab. Sie will keine Karrieremutter       nicht. Ihre eigene Zerrissenheit zeigt, dass                                      Am Ende empfiehlt Schröder ihren
sein, trotz ihres offensichtlichen Ehrgei-    dieses Land andere Strukturen und Rea-                                         Lesern die Lektüre eines amerikani-
zes, warum sonst hätte sie dieses Buch in     litäten braucht, kein Ehegattensplitting,                                      schen Sachbuchs (Marc und Amy Vachon:
ihrer freien Zeit geschrieben? Sie könnte     sondern Kindergartenplätze.                                                    „Equally Shared Parenting“), um sich An-
beispielsweise mit dem Vorurteil aufräu-         Im dritten Teil schließlich von „Danke,                                     regungen zu holen, wie jeder sein Leben
men, dass Frauen Ehrgeiz nicht gut steht.     emanzipiert sind wir selber!“ beschreibt                                       auf eigene Faust ein bisschen gleichbe-
Stattdessen betont sie, dass sie Abend-       Schröder ihren politischen Ausweg aus                                          rechtigter gestalten könnte. Soll das ein
termine seit der Geburt ihres Kindes nur      dem Dilemma vieler Frauen und Männer                                           Scherz sein?
in Ausnahmefällen annimmt.                    zwischen Beruf und Familie: Teilzeitarbeit.                                       240 Seiten „Danke, emanzipiert sind
   Es gibt sehr viele Wege, ein Leben mit     Spätestens jetzt würde man das Buch gern                                       wir selber!“. Es ist das Buch einer Frau,
Kind und Beruf zu gestalten. Was ist so       an die Wand pfeffern. Nichts gegen Teil-                                       die denken kann, die sich aber wortreich
schlimm daran zu sagen, seht her, dies ist    zeitarbeit. Sie kommt den Wünschen vie-                                        verweigert, den Job zu machen, den sie
mein Weg – um damit zu einem Vorbild          ler Angestellter entgegen. Sie ermöglicht                                      angenommen hat: Ministerin für Familie
zu werden? Auch ein Spektrum sehr             es, in bestimmten Phasen des Lebens ne-                                        und Frauen. Viel wird von ihr nicht blei-
unterschiedlicher Rollenbilder bewahrt        ben der Berufstätigkeit Kinder zu erziehen                                     ben, womöglich nur das, wovon sie nicht
junge Frauen vor dem Diktat durch we-         oder Verwandte zu pflegen. Und wenn in                                         möchte, dass es bleibt: das Kind im Amt,
nige, starre Rollenvorstellungen.             irgendeiner fernen Zukunft auch männli-                                        das Nein zur Quote.
106                                                 D E R                  S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Kultur


                                                                                                         L I T E R AT U R




       Ein Herrenmensch, aber ein guter
   Das Dösen auf dem Diwan ist seine liebste Beschäftigung: Oblomow, der Titelheld aus
    Iwan Gontscharows Roman, entpuppt sich als Gegenmodell zum Burnout-Menschen.
   Jetzt wurde das Buch endlich neu übersetzt. Eine Meisterleistung. Von Elke Schmitter


W
           arum nicht auf der Chaise-                                                     genheit, in der Absichten und Sorgen, Be-     dessen Lebensart in einigen Ländern
          longue lagern, ein Buch auf                                                     gehrlichkeiten und Ängste unmerklich in       sprichwörtlich geworden ist. „Oblomowe-
          dem Schoß, Tee oder Wein ne-                                                    die Ferne ziehen und sich schließlich auf-    rei“ umfasst den Schlummer und das Trö-
ben sich, und durch das halbgeöffnete                                                     lösen wie Eisschollen auf einem sonnen-       deln, die liebenswürdige Apathie und das
Fenster den Geräuschen lauschen, die das                                                  beschienenen See.                             Zaudern vor Entscheidung und Tat, die
Leben so macht, den Schritten, Stimmen,                                                     Der Experte für diese Praxis heißt Ob-      kindliche Seele und die vollkommene Un-
dem Verkehr und der Unterhaltung der                                                      lomow, ein Held der russischen Literatur,     fähigkeit, irgendwas auf die Reihe zu krie-
Vögel beiläufig folgen wie den Gedanken,
die kommen und gehen. Der Brust ent-
ringt sich ein Seufzer, wenn die Gedan-
ken an Schmerzliches stoßen, aber sie
gleiten weiter, zu einer freundlichen Er-
innerung, die lächeln macht, in eine sanf-
te Dämmerung des Geistes, die man den
Schlummer nennt. Empfindungen mar-
morieren den Schlaf, das große Sinken
kündigt sich an, eine weiche, wohlige Tie-
fe, bis, man weiß nicht, wie, das Erwa-
chen beginnt, das Auftauchen aus der
Drift in die verlassene Welt, das Räkeln,
die mähliche Drehung zurück, bis die
Hand den Stoff der Decke wieder fühlt.
Man sieht, die Tasse steht noch da, die
Kirchenglocken schlagen irgendeine Stun-
de an, das Leben räuspert sich wieder,
und das Bewusstsein kehrt zurück.
   Das war einmal.
   In der Geschichte der Zivilisation ist
der Schlummer eine verlorene Praxis, wie
der Glaube ans Paradies, der Gebrauch
von Messerbänkchen und das Singen
beim Wandern. Die absichtslose Dämme-
rung des Geistes ist nicht mehr zeitgemäß,
stattdessen trainiert man die Meditation,
um dem Burnout zu entgehen. Auch lädt
das normale Sofa nicht mehr zum Dahin-
sinken ein. Der Aufwand, den man für
den ungestörten Schlummer treiben müss-
te, ist enorm: die Telefone ausschalten,
den Computer in den Ruhezustand ver-
setzen, die Türklingel irgendwie zur Stre-
cke bringen, womöglich andere Men-
schen vorsorglich informieren.
   Ein Wochenendflug nach Dubai ist
leichter zu organisieren; außerdem stehen
Umtrieb und Vorsätzlichkeit in direktem
                                                         ALEXANDER YAKOVLEV / ITAR-TASS




Gegensatz zu dem, worum es eigentlich
geht, um das absichtslose Treiben, das
unmerkliche Trudeln, das lautlose Ver-
schwinden aus der Welt. Um nichts zu er-
reichen. Um nichts zu machen als die Er-
fahrung einer unendlich sanften Umfan-

* Mit Alexej Agapow im Künstlertheater in Moskau 2003.                                    „Oblomow“-Dramatisierung*: „Nie musste ich mir selber einen Strumpf anziehen“

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nem wohlhabenden Gut, der Oblomowka
                                                           eben, ist er mit den Genüssen der russi-
                                                           schen Küche von klein auf vertraut, und
                                                           all ihre Düfte und Konsistenzen machen
                                                           ihn nicht nur unmittelbar froh, sondern
                                                           evozieren dazu noch das Glück einer sorg-
                                                           losen Kindheit. Und sicher ist es für ihn
                                                           kein betrüblicher Umstand, dass die Ver-
                                                           dauung müde macht.
                                                              So ein selig dämmernder Held macht
                                                           natürlich noch keinen Roman.
 Romanautor                                                   Der Konflikt, in den sein Autor ihn
 Gontscharow*                                              treibt, ist kein sozialer. Von den Debatten


                                                     AKG
                                                           um die Leibeigenschaft, von den Ideen
                                                           der russischen Aufklärung ist in „Oblo-
gen. Auf gut 700 Seiten widmete der Au-                    mow“ nur am Rande die Rede; das herr-
tor und Staatsbeamte Iwan Gontscharow                      schende Unrecht treibt den Besitzer von
(1812 bis 1891) seiner Figur ein anteil-                   300 Seelen nicht um. Er bemüht sich, ein
nehmendes Porträt, das schon 1859, beim                    guter Mensch zu sein, auf rein privatwirt-
Erscheinen, ein Abgesang auf eine unter-                   schaftlicher Basis: Er ist aufrichtig und
gehende Lebensweise war.                                   lauter, er spricht nicht schlecht von den
   Denn in ihrer reinsten Form setzt die                   Leuten seiner Umgebung, er behandelt
gediegene Oblomowerei Leibeigenschaft                      seine Mitmenschen mit Nachsicht und
und Vermögen voraus, sie verbietet Auto-                   Respekt.
lärm und Gebrauchsgegenstände aus Plas-                       Sein leibeigener Diener Sachar zieht
tik, reproduzierte Musik und jede Art                      sich seinen gerechten Zorn nicht zu,
von Kommunikation, die schneller ist als                   wenn er Geschirr fallen lässt, Stuhllehnen
ein Brief. Sie braucht weitläufige Ge-                     zerbricht, Kleingeld wie Bratenreste ver-
mächer, Chalats, diese orientalischen                      schwinden lässt oder das Stiefelputzen
Morgenmäntel, und Stubenmädchen oh-                        vergisst, sondern bei jenem einen Male,
ne Staubsauger, Bäume vor dem Fenster,                     an dem er sich gewissermaßen gedanklich
in denen Vögel ihrer Arbeit nachgehen,                     vergisst.
und den Klang von zitterndem Porzel-                          Oblomow soll die Wohnung in St. Pe-
lan, sie braucht Landschaften mit Hori-                    tersburg räumen, die er seit vielen Jahren
zont und Geselligkeit, deren Akustik nur                   bewohnt, was ihm selbstverständlich
aus menschlichen Stimmen besteht, sie                      höchst lästig ist. Nachdem er erfolglos
braucht das Schleifen langer Röcke auf                     versucht hat, das Problem zu umgehen,
Holz und knarrende Türen und schließ-                      indem er Sachar verbietet, davon zu spre-
lich das zufriedene, leise Schnarchen ei-                  chen, kommt dieser doch wieder darauf
nes Menschen auf dem Diwan, am Nach-                       zurück:
mittag in seinen Morgenrock gehüllt.                          „Was soll ich denn nun dem Verwalter
   Nun wurde „Oblomow“ neu über-                           sagen?“
setzt**. Nach sieben Übertragungen ins                        „Worüber?“
Deutsche, die letzte ist mehr als 50 Jahre                    „Na darüber, dass wir umziehen sol-
alt, hat sich die Slawistin Vera Bischitzky                len.“
der großen Sache angenommen, und sie                          „Fängst du schon wieder damit an?“,
präsentiert einen Roman, dessen ruhiger                    fragte Oblomow überrascht.
Fluss, dessen Innehalten und Mäandern                         Nach einem Wortwechsel über viele
in jeder Passage, in jedem einzelnen                       Minuten, in dem Oblomow seinem Die-
Satz im Deutschen fühlbar wird. Die                        ner erklärt, welche Unzumutbarkeit ein
versunkene Welt, die sie wiederaufer-                      Umzug für ihn ist – er muss einen ganzen
stehen lässt, kann wieder besichtigt, ge-                  Tag aus dem Haus, er wird am Abend sei-
hört, gefühlt, ertastet, geschmeckt und                    ne Sachen nicht finden, er muss sich an
gerochen werden.                                           neue Geräusche und eine ganz neue Aus-
   Denn Oblomow lebt mit fast allen Sin-                   sicht gewöhnen –, entschlüpft Sachar der
nen (von seiner Erotik ist keine Rede).                    Satz:
Er ist kein Trinker wie so viele russische                    „Ich habe gedacht, dass ja auch andere
Helden, sondern ein Genießer. Piroggen                     umziehen, die nicht schlechter sind als
mit Pilzen und Suppe mit Gänseklein,                       wir, da könnten wir’s ja auch tun …“
Lachs mit Sauerkraut und getrüffelte                          „Was? Was?“, fragte Ilja Iljitsch plötz-
Hühnchen en Papilotte, Fischpastete und                    lich verblüfft und richtete sich in seinem
Austern, Kalbsbraten und geröstete Grüt-                   Lehnstuhl auf. „Was hast du gesagt?“
ze, Kaffee mit Sahne und Zimt. Umhät-                         Sachar geriet plötzlich in Verwirrung,
schelt von seiner Kinderfrau und seiner                    denn er wusste nicht, wodurch er seinem
Mama, einziges Herrschaftskind auf ei-                     Herrn einen Vorwand für diesen patheti-
                                                           schen Aufschrei und diese Gebärde gege-
* Gemälde von Iwan Nikolajewitsch Kramskoi, 1874.
** Iwan Gontscharow: „Oblomow“. Aus dem Russischen
                                                           ben hatte. Er schwieg.
von Vera Bischitzky. Carl Hanser Verlag, München;             „Andere, die nicht schlechter sind!“,
840 Seiten; 34,90 Euro.                                    wiederholte Ilja Iljitsch entsetzt. „So weit
                                  D E R   S P I E G E L       1 5 / 2 0 1 2                        109
Kultur

versteigst du dich also! Nun weiß ich we-
nigstens, dass ich für dich nichts weiter
bin als ein anderer!“
                                                     Bestseller
   Seine superiore Einzigartigkeit ist Oblo-
mow derart selbstverständlich, dass ihn
                                                     Belletristik
die Achtlosigkeit seines Dieners wirklich             1   (1)   Jonas Jonasson
                                                                Der Hundertjährige, der aus dem
in Rage bringt.                                                 Fenster stieg und verschwand
  „Ich soll ein anderer sein! Haste ich                         Carl’s Books; 14,99 Euro
etwa hin und her, arbeite ich etwa? Esse              2   (2)   Suzanne Collins
ich vielleicht wenig? Bin ich mager, sehe                       Die Tribute von Panem – Tödliche
ich kümmerlich aus? Fehlt mir etwa ir-                          Spiele Oetinger; 17,90 Euro
gendetwas? Zum Bedienen und fürs Auf-                 3   (4)   Suzanne Collins
räumen habe ich ja wohl jemanden! Kein                          Die Tribute von Panem –
einziges Mal musste ich mir, solange ich                        Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro
lebe, selber einen Strumpf anziehen, Gott             4   (3)   Jussi Adler-Olsen
sei Dank! Werde ich mich etwa allein ab-                        Das Alphabethaus dtv; 15,90 Euro
mühen? Wie komme ich dazu? Und wem                    5   (7)   Suzanne Collins
sage ich das?“                                                  Die Tribute von Panem –
   Man sieht: ein Herrenmensch. Aber ein                        Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro
guter.                                                6   (6)   Tess Gerritsen
   Der, vom Leben verwöhnt, von seinen                          Grabesstille
                                                                Limes; 19,99 Euro
Dienstboten auf Händen getragen, für
eine Karriere im großen St. Petersburg                7   (11) Dora  Heldt
                                                                Bei Hitze ist es wenigstens
nicht gerüstet ist. Als Jüngling kam er in                      nicht kalt dtv; 14,90 Euro
die große Stadt, mittelmäßig gebildet,
                                                      8   (8)   Fred Vargas
wohlhabend, ohne reich zu sein, mit je-                         Die Nacht des Zorns
nen unbestimmten, aber hochfliegenden                           Aufbau; 22,99 Euro
Plänen, wie alle in seiner Sphäre sie hat-            9   (10) Susanne  Fröhlich
ten: Man wollte Dichter werden, im                              Lackschaden
Staatsdienst eine Position erringen, eine                       Krüger; 16,99 Euro
reiche Frau gewinnen, die natürlich auch             10   (9)   Arne Dahl
schön wäre, singen und tanzen könnte.                           Gier
Irgendwann, nach langen Reisen ins Aus-                         Piper; 16,99 Euro
land, wo man sich bilden würde, ginge                11   (5)   Wolfgang Herrndorf
man wieder zurück nach Oblomowka,                               Sand
um sich um die Bauern zu kümmern, ih-                           Rowohlt Berlin; 19,95 Euro
nen eine Schule zu bauen und überhaupt               12 (19) Moritz Netenjakob
diese Reformen zu machen, von denen                          Der Boss
                                                                Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro
allenthalben die Rede war. Man hatte
schließlich die Philosophen gelesen und              13 (14) Jussi Adler-Olsen
                                                             Schändung
ein paar Zeitungen abonniert.                                   dtv; 14,90 Euro
   Aber wie mühsam das alles war!
Ganze zwei Jahre ging Oblomow bei-                   14 (13) Christian Kracht
                                                             Imperium
nahe täglich ins Amt, dann verlor er die                        Kiepenheuer & Witsch; 18,99 Euro
Lust, sich herumkommandieren zu las-                 15 (17) Jussi Adler-Olsen
sen. Er sah seine Mitbewerber um die                         Erlösung
Gunst des Vorgesetzten, er nahm ihre                            dtv; 14,90 Euro
Manöver und Rankünen, ihre Speichel-                 16 (20) Ursula Poznanski
leckerei und ihre Wichtigtuerei, den gan-                    Fünf
zen Wucher mit dem sozialen Kapital                             Wunderlich; 14,95 Euro
wahr und sagte sich: Was soll’s, da ist
mir mein Diwan lieber.
   Sein Freund Andrej Stolz, Sohn eines
Deutschen und Vertrauter von Kindesbei-               Thriller um Geocaching,
nen an, der ist aus anderem Holz ge-                     die Schatzsuche per
                                                           GPS: Ein Salzburger
schnitzt – aus deutschem Hartholze                     Ermittler-Duo geht auf
eben –, der hat auch keine 300 Seelen,                           Schnitzeljagd
muss also tüchtig sein, ist außerdem tüch-
tig aus Freude an der Tüchtigkeit und                17 (12) Javier Marías
geht hinaus in die Welt, kommt reich und                     Die sterblich Verliebten
                                                                S. Fischer; 19,99 Euro
erfolgreich wieder und sucht, ihn vom
Sofa zu zerren. Sogar ins Ausland soll er            18 (18) Moritz Matthies
                                                             Ausgefressen
mitkommen!                                                      Scherz; 13,99 Euro
   Das ist Oblomows erster Konflikt.
                                                     19 (15) Daniel Glattauer
   Dann ist da der lästige Hausbesitzer,                     Ewig Dein
der die Wohnung mitten in Petersburg                            Deuticke; 17,90 Euro
für seinen Sohn haben will, weil der sich            20 (16) Paulo Coelho
verheiratet hat.                                             Aleph Diogenes; 19,90 Euro
   Das ist Oblomows zweiter Konflikt.
110                          D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom       Und schließlich gibt es eine junge
Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl-       Dame, mit der Stolz ihn bekannt gemacht
   kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
                                                                  hat, die jene Arie „Casta Diva“ aus „Nor-
                                                                  ma“ so singen kann, dass es ihn zu Trä-
Sachbücher                                                        nen rührt. Er verliebt sich, zum ersten
  1   (1)   Joachim Gauck                                         und letzten Mal, sein schläfriges Herz er-
            Freiheit
            Kösel; 10 Euro                                        wacht, und für diese Olga steht er mor-
  2   (2)   Rolf Dobelli
                                                                  gens auf und kleidet sich an, lässt Sachar
            Die Kunst des klaren Denkens                          seine Stiefel wienern, zwängt sich in der
            Hanser; 14,90 Euro                                    Oper auf einen Parkettplatz, liest dicke
  3   (5)   Philippe Pozzo di Borgo                               Bücher und macht auf Gesellschaften
            Ziemlich beste Freunde                                Konversation.
            Hanser; 14,90 Euro                                       Das ist Oblomows dritter Konflikt.
  4   (3)   Hans-Ulrich Grimm                                        Denn er fürchtet das Selbstgefühl der
            Vom Verzehr wird                                      jungen Dame, er fühlt sich unbeholfen,
            abgeraten                                             nicht schnell und witzig genug. Sie will
            Droemer; 18 Euro
                                                                  mit beiden Händen ins Leben greifen, das
                                                                  er nur betrachten mag; sie lechzt nach
                                                                  Taten, wo er sich mit Träumen begnügt;
              Nichts für Fein-                                    sie strahlt, während er dämmert. Sie be-
          schmecker: Fakten
            über die Machen-                                      schämt ihn allein durch ihr Sein. „Solche
      schaften der Nahrungs-                                      wie mich liebt man nicht.“
              mittelindustrie                                        Doch ist es schließlich um beide gesche-
  5   (7)   Hans Küng                                             hen, in jenem langen Sommer, den Stolz
            Jesus Piper; 19,99 Euro                               in Europa verbringt, während Olga und
  6   (4)   Norbert Robers                                        Ilja Gedichte lesen und unter Birken wan-
            Joachim Gauck – Vom Pastor zum                        deln. „An allem ist Andrej schuld: Er hat
            Präsidenten – Die Biografie                            uns beiden die Liebe eingeimpft wie die
            Koehler & Amelang; 19,90 Euro                         Pocken.“ Und was folgt auf die Liebe?
  7   (12) Cid    Jonas Gutenrath                                 Eine stille Verlobung. Und was folgt der
            110 – Ein Bulle hört zu – Aus der                     stillen Verlobung, wenn sie offiziell wer-
            Notrufzentrale der Polizei
            Ullstein extra; 14,99 Euro
                                                                  den soll?
                                                                     Oblomow müsste aufs Amt, die not-
  8   (10) Bill Mockridge
            Je oller, je doller                                   wendigen Papiere besorgen. Er müsste
            Scherz; 14,99 Euro                                    seinem Verwalter schreiben, der ihn nach
  9   (6)   Wibke Bruhns                                          Strich und Faden betrügt, mehr noch: Er
            Nachrichtenzeit                                       müsste nach Oblomowka reisen, um dort
            Droemer; 22,99 Euro                                   nach dem Rechten zu sehen, einen neuen
 10   (8)Carsten Maschmeyer                                       Verwalter suchen, sich um die entlaufe-
         Selfmade Ariston; 19,99 Euro                             nen Bauern kümmern, er müsste einen
 11 (13) Martin Wehrle                                            Plan machen und ihn am Ende umsetzen.
         Ich arbeite in einem Irrenhaus                           Er müsste, kurz gesagt, erwachsen wer-
            Econ; 14,99 Euro                                      den, sein Leben in die Hand nehmen. Er
 12 (17) Joe Bausch                                               müsste ein anderer werden.
         Knast Ullstein; 19,99 Euro                                  Hier habt ihr einen Helden, der keiner
 13 (16) Gian Domenico Borasio                                    ist. Kein tragisches Opfer, kein rauer, be-
         Über das Sterben                                         wunderungswürdiger Täter, kein faustisch
            C. H. Beck; 17,95 Euro
                                                                  Suchender und kein selbstverliebter Er-
 14   (–)   Harry Belafonte mit Michael Shnayerson                oberer. Ein schläfriges, freundliches Kind
            My Song                                               im Körper eines Mannes, ein Zauderer
            Kiepenheuer & Witsch; 24,99 Euro
                                                                  und Zögerer, an dessen Grübelsucht kein
 15 (11) Walter Isaacson                                          Königreich zu Schaden geht, sondern nur
         Steve Jobs
            C. Bertelsmann; 24,99 Euro                            eine Lebensmöglichkeit. Seit mehr als 150
 16   (–)   Heiner Geißler
                                                                  Jahren gibt er Rätsel auf, wie man ihn
            Sapere aude! Warum wir eine neue                      betrachten soll. Ist er ein Neurotiker, ein
            Aufklärung brauchen                                   Parasit, ein überflüssiger Mensch? Ein un-
            Ullstein; 16,99 Euro                                  reifer, Ich-schwacher Egoist? Eine reine
 17 (19) Thea Dorn / Richard Wagner                               Seele, die der Schonung bedarf und sich
         Die deutsche Seele                                       damit revanchiert, dass sie die Welt eben-
            Knaus; 26,99 Euro                                     so schont? Ein Trostbild der Untüchtig-
 18   (–)Bud Spencer mit Lorenzo De Luca                          keit, eine liebeswürdige Unschuld?
         Bud Spencer – In achtzig Jahren um                          Wer immer sich auf ihn einlässt, ist mit
         die Welt Schwarzkopf & Schwarzkopf; 19,95 Euro
                                                                  den eigenen Werten konfrontiert, mit
 19 (14) Dieter Nuhr                                              dem eigenen Wunsch zu gefallen, etwas
         Der ultimative Ratgeber für alles
            Bastei Lübbe; 12,99 Euro
                                                                  zu gelten und nützlich zu sein. Mit der
                                                                  eigenen Urteilssucht.
 20   (9)   Tomáš Sedláček
            Die Ökonomie von Gut und Böse                            Und mit mindestens einer verlorenen
            Hanser; 24,90 Euro                                    Praxis, beispielsweise dem Schlummern.
                                                                  Was Literatur eben so macht.
                                               D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                     111
Kultur




                                                                                   E S S AY




                                                          Keine Angst!
                                           Warum die anderen Parteien von den Piraten lernen müssen
                                                            Von Constanze Kurz

                                 Kurz, 37, ist Informatikerin und Sprecherin des       isten eingefangen und beeinflusst. Oft genug ist es schlicht de-
                                 Chaos Computer Clubs                                  ren inhaltliche Zuarbeit, die kostenlos und zur rechten Zeit of-
                                                                                       feriert wird, die den Ausschlag für Gesetzesinitiativen gibt.


                                 S
                                       ie müssen früher auf den politischen Prüf-         Die Piraten sind angetreten, vieles davon zu ändern. Dass
                                       stand, als sie es selbst vermutet hatten: Es ihnen aus den etablierten Parteien eine Kombination aus Spott,
ULLSTEIN BILD




                                       scheint nicht unrealistisch, dass in wenigen Ignoranz und neuerdings auch Angst entgegenschlägt, ist nicht
                                 Wochen in vier deutschen Landesparlamenten verwunderlich. Besonders beängstigend aus Sicht der in Parla-
                                 Piraten-Abgeordnete Platz nehmen werden. In menten vertretenen Parteien muss es sein, dass die Piraten mit
                                 den Sonntagsfragen deklassieren die Neulinge ihrem politischen Selbstverständnis, das so ganz anders wirkt
                die FDP bei weitem und landen bei Werten, die man von Links- als das der bräsig und behäbig wirkenden Konkurrenten, Men-
                partei oder Grünen gewöhnt ist. Die                                                                  schen in Scharen mobilisieren. Un-
                Vergleiche mit dem Entstehen der                                                                     ter ihnen sind nicht nur besonders
                grünen Bewegung und deren Einzug                                                                     viele Erstwähler, sondern auch Men-
                in die Volksvertretungen hinken                                                                      schen, die vom politischen System
                nicht nur bei der Zeitspanne, die                                                                    längst aufgegeben worden waren.
                eine Idee wachsen muss, ehe sich                                                                        Obendrein fällt das Einsortieren
                ihr vielleicht immer mehr Menschen                                                                   des Phänomens in das beliebte Rechts-
                anschließen, sondern vor allem                                                                       links-Schema schwer. Der gescheiter-
                beim gedanklichen Unterbau. Wel-                                                                     te Ex-Generalsekretär der Liberalen,
                cher Art ist das prinzipielle Umden-                                                                 Christian Lindner, versuchte es trotz-
                ken, das Piraten eint und ihnen die                                                                  dem, als er die Piraten kürzlich die
                Kraft geben könnte, immer mehr                                                                      „Linkspartei mit Internetanschluss“
                Mitstreiter zu finden?                                                                               nannte. Schon ein flüchtiger Blick in
                   Die Piraten sind in ihrem Kern                                                                    die Programme beider Parteien hätte
                                                                                                                DARMER / DAVIDS




                technologiebejahend, besonders bei                                                                   ihm allerdings zeigen können, dass
                der innerparteilichen Meinungsfin-                                                                   die inhaltliche Distanz in etwa so groß
                dung. Eine Vielzahl von Mailing-Lis-                                                                 ist wie die der heutigen FDP zu ihrem
                ten, Wikis, Chat-, Internettelefonie-                        Parlamentssitzung                       einstigen Wahlziel 18 Prozent.
                und Social-Media-Kanälen wird für                                                                       Was aber ist dieses Neue, so Reiz-
                Austausch, Debatte und Streit ge-                    „Die Auswüchse der                              volle an den Piraten? Im Kern ist es
                nutzt. Die womöglich für die Ent-                                                                    das Versprechen einer niedrig-
                wicklung der politischen Kultur fol-          parlamentarischen Demokratie                           schwelligen Möglichkeit zur Mitge-
                genreichste Technik ist aber ein auf                   sind offenkundig.“                            staltung und politischer Teilhabe,
                den ersten Blick wenig einladendes                                                                   auch für Menschen, die nicht die Po-
                System namens „Liquid Feedback“.                                                                     litik zu ihrem Lebensinhalt machen
                   Die Idee dahinter beruht auf der Erkenntnis, dass die alten wollen und die nichts zu tun haben mit der Kaste der Berufs-
                Methoden innerparteilicher Meinungsbildung kein Gefühl von politiker. Liquid Feedback und verwandte Werkzeuge sind das
                Teilhabe und Gestaltbarkeit mehr erzeugen. Das System aus mächtigste Mittel der Piraten für diese neue Art des Politik-
                Regionalgliederungen, Delegiertenkonferenzen, Kungelrunden, prozesses. Der Gedanke: Jeder Pirat kann zu jedem Thema
                Netzwerken und Kommissionen verhindert, dass innovative seine Meinung einbringen, beim Priorisieren der Inhalte mit
                Ansätze diskutiert werden oder sich gar durchsetzen.                   entscheiden und darüber abstimmen.
                   Die Auswüchse der parlamentarischen Demokratie, die Po-


                                                                                          W
                litiker und Wähler einander entfremden, sind offenkundig:                        ie in jeder politischen Organisation sind auch bei den
                Statt über Inhalte wird über Parteitaktik und Personen gestrit-                  Piraten nur wenige Mitglieder andauernd aktiv. Nicht
                ten. Die Sprache gleicht zuweilen der in schlecht synchroni-                     alle zerbrechen sich permanent den Kopf um heutige
                sierten Filmen. Gute Ideen werden zu oft abgeschossen und und zukünftige politische Fragen, streiten um Formulierungen
                begraben, manchmal gar nicht erst diskutiert, weil sie vom fal- und Inhalte und fällen Entscheidungen. Viele arbeiten nur an
                schen Landesverband oder der falschen Person geäußert wur- einzelnen Themen, die sie besonders interessieren.
                den oder innerparteilichen Interessen entgegenstehen.                     Spannend ist jedoch, dass diese Minderheit nach größtmög-
                   Proporzarchitekturen, die Machtgefüge abbilden, prägen licher Offenheit gegenüber Mitstreitern strebt. Ein Neumitglied
                den politischen Alltag. Entsprechend intellektuell und hand- der Piraten erlebt praktische Politik fundamental anders als
                werklich dürftig ist die aktuelle Realpolitik. Spitzenkräfte haben Neugenossen anderswo im politischen Spektrum. Unabhängig
                schon lange keine Zeit mehr zum Durchdringen eines Themas. von Alter, Eloquenz oder Protegés ist der Zugang zum inhalt-
                Regierende werden nicht nur durch Gefälligkeiten der Lobby- lichen Herz der Partei sofort gegeben. Diese Durchlässigkeit
                112                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
ist prägend und motivierend, ebenso wie die überwiegend po- Außenverhältnis der Partei profilieren, sondern bringt sich am
sitive Neugier, die den Piraten allerorten entgegenschlägt.          besten mit guten Ideen und Vorschlägen in die digitalen Mei-
   Das Ideal der Beteiligung ist nicht neu. Emanzipatorische nungsbildungsprozesse ein.
politische Bewegungen, zuletzt die Grünen, haben versucht,


                                                                       D
Mechanismen zu finden, um die Basis kontinuierlich zu betei-                 er politische Piraten-Ansatz ist also nicht unbedingt in
ligen und die Kluft zwischen Berufspolitikern und interessierten             seinen Themen oder inhaltlichen Forderungen radikal,
Mitgliedern nicht zu groß werden zu lassen. Doch Basisbetei-                 sondern in seiner grundlegenden Infragestellung des
ligung ist anstrengend, zeitraubend und wird in einer Zeit, in existierenden Politikbetriebes. Die permanente Einbindung
der Hektik und Effizienzwahn auch die Politik erfasst haben, der Mitglieder in inhaltliche Entscheidungen ist etwas, wovon
als unpraktikabel und zu langsam empfunden.                          die grünen Basisdemokraten zwar träumten, aber aus prakti-
   Doch es geht anders, auch ohne eine Petra Kelly: Basisdemo- schen Erwägungen mehr und mehr Abstand nahmen, spätes-
kratie im Digitalzeitalter heißt bei den Piraten, dass Anträge tens als es um Koalitionsbildungen und damit um wirkliche
online verfasst, diskutiert, dann optimiert werden. Änderungs- Macht ging.
und Gegenanträge werden im selben System eingestellt, jede              Die Piraten sind angetreten, einen Versuch der basisdemo-
Änderung bleibt bis ins Detail nachvollziehbar. Wenn es nötig kratischen Politikgestaltung zu unternehmen, der sich der Mit-
ist, können Entscheidungen über die Position der Partei innerhalb tel des 21. Jahrhunderts bedient, ohne dabei in die Falle des
von wenigen Stunden organisiert und durchgeführt werden.             niemals endenden Gelabers ohne bindende Entscheidungen
   Am Schluss des Prozesses wird der Vorschlag zur landes- zu tappen. Gleichzeitig sollen verholzte Strukturen wie Lan-
oder bundesweiten Abstimmung gestellt, jedes Mitglied kann desverbände und Antragskommissionen vermieden werden.
seine Stimme abgeben. Es kann aber auch einem anderen, dem Den Vorwurf, sie würden so kein „Vollprogramm“ entwickeln,
es vertraut, die Stimme übertragen. Delegation heißt das Ver- können sie gelassen hinnehmen. Denn was das sein soll, dürf-
fahren, das fließend ist: Wenn der mit dem Vertrauen Beschenk- ten die Spitzenpolitiker der konkurrierenden Parteien anhand
te nicht im Sinne des Stimmdelegators handelt, kann der seine der eigenen Programme kaum zeigen können. Einen visio-
Stimme ohne Umschweife wieder entziehen. Die Machtver- nären Gesellschaftsentwurf hat auch von ihnen niemand in
hältnisse verflüssigen sich, jederzeit, abhängig vom Thema.          petto. Das Versprechen der direkten Partizipation macht die
   Das Liquid-Experiment hat na-                                                                 Piraten so attraktiv für die von der
türlich Aspekte, die sich im Laufe                                                               Parteipolitik Verdrossenen. Ob die
seiner Nutzung als problematisch                                                                 politischen Neulinge aus dem Netz
herausstellten. Sie sind Gegenstand                                                              dieses Versprechen halten können,
heftiger Debatten. So ist etwa die                                                               ist eine der spannendsten Fragen
derzeit bestehende Möglichkeit der                                                               des aktuellen Zeitgeschehens. Wenn
mehrfachen Delegation umstritten.                                                                das Experiment scheitert, die junge
Jemand, dem die Stimmen von an-                                                                  Partei im Chaos versinkt oder sich
deren übertragen wurden, kann die-                                                               Sektierer und Partikularinteressen-
se wiederum en bloc weitertransfe-                                                               ten ihrer bemächtigen, ist das
rieren, beispielsweise an einen Ex-                                                              Modell einer permanenten direk-
perten. In der Praxis entstehen                                                                  ten politischen Online-Beteiligung
durch diese Delegationsketten er-                                                                wohl für eine ganze Weile diskre-
                                                                                           TOBIAS M. ECKRICH




staunliche Machtballungen bei ein-                                                               ditiert.
zelnen Piraten, die keine offizielle                                                                Die Angst vor der Ochlokratie,
Parteifunktion innehaben, jedoch                                                                 der Herrschaft des Pöbels, ist in
de facto die Parteimeinung bestim-                                                               Deutschland ohnehin ausgeprägt.
men. Zudem ist die mehrfache                               Piraten-Parteitag                     Auch das Liquid-System bietet kei-
Stimmdelegation nicht unmittelbar                                                                ne Garantie für einen hochwertigen
sichtbar. Dadurch registriert nicht               „Das Versprechen der                           politischen Diskurs. Es funktioniert
jeder Abstimmende, dass er bei-                                                                  nur, wenn eine hinreichend große
spielsweise bei einem Thema viele          Partizipation macht die Piraten                       Zahl motivierter Teilnehmer dafür
Mitglieder hinter sich hat und sein        attraktiv für die Verdrossenen.“                      sorgt, dass es eine zielführende in-
Verhalten wahlentscheidend sein                                                                  haltliche Debatten- und Entschei-
könnte.                                                                                          dungskultur gibt.
   Das Prinzip der Liquid Democracy ist auch deshalb so span-           Die große Chance läge darin, dass die anderen Parteien die
nend, weil die Geschäftsordnung der Meinungsbildung direkt faszinierende Möglichkeit zum Neustart der politischen Betei-
in Software abgebildet wird, die Regeln der Entscheidungsfin- ligung durch Einbeziehung neuer technischer Möglichkeiten
dung dadurch zum Betriebssystem der Partei werden. Die in- ebenfalls nutzen. Dazu bedarf es jedoch einer grundlegenden
nerparteiliche Digitaldemokratie wirft grundlegende Fragen Änderung im Selbstverständnis.
nach dem Selbstverständnis des Politikers auf. Früher durchlief         Der Anspruch, alles zu kontrollieren und zu steuern, um nur
der typische Politiker die parteiinternen Stationen, baute an ja keinen Imageschaden im Koordinatensystem der alten Regeln
seiner Hausmacht, war oftmals wortmächtig. Letzteres ist bei aus Profilierung und Geschlossenheit zu riskieren, lässt derzeit
Berufspolitikern heute eher die Ausnahme, wie beliebige Bun- noch wenige Experimente zu. Dabei ist es schlicht notwendig,
destagsdebatten zeigen. So gelangen vor allem Menschen an dass alle politischen Parteien in Deutschland schnellstmöglich
die politische Macht, die durchsetzungsfähig und in der Lage von den Piraten abkupfern. Die digitale Beschleunigung, vor
sind, sogar rückgratlose Kompromisse auszuhandeln und zu allem aber die Herausforderungen, die sich aus den aktuellen
vertreten. Hauptsache, es wird nach außen das Bild der Ge- Krisen – Energie, Rohstoffe, Klima, Demografie, Finanzmärkte
schlossenheit gewahrt und das, wie sie so gern sagen, „Profil – ergeben, erfordern eine wesentlich breitere Basis von Politik.
der Partei geschärft“.                                               Die Überwindung dieser Krisen bedarf kluger, radikaler Ideen
   Die Piraten setzen ein anderes Ideal. Der idealtypische Pira- und neuer Mechanismen, um den nötigen Rückhalt für die Um-
ten-Politiker ist möglichst transparent und kann die im Liquid- setzung zu finden. Nun, da diese Mechanismen vorhanden und
System ausgearbeitete und abgestimmte Parteimeinung direkt auszuprobieren sind, sollten die anderen Parteien es nicht nur
nach außen vertreten. Er muss sich nicht durch Initiativen im den Piraten überlassen, sie anzuwenden und zu verfeinern.
                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                         113
Kultur


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                                                              Der Islam-Erneuerer
                                        Eigentlich schrieb der amerikanische Konvertit Michael Muhammad Knight nur,
                                                um seine eigene Religion zu verstehen. Doch dann wurde aus der
                                     Fiktion seines Romans „Taqwacore“ über die Subkultur der Islam-Punks Wirklichkeit.


                                                                                                                      D
                                                                                                                               em amerikanischen Schriftsteller
                                                                                                                               Michael Muhammad Knight eilt
                                                                                                                               ein Ruf voraus. Im Internet kur-
                                                                                                                      sieren Videos, die ihn dabei zeigen, wie
                                                                                                                      er bei einem Konzert Pogo tanzt und
                                                                                                                      dabei eine Burka trägt. Oder wie er mit
                                                                                                                      einer Horde Punks in einem Bus durch
                                                                                                                      Pakistan tourt, immerhin eines der Zen-
                                                                                                                      tren des Kriegs gegen den Terror. Dort
                                                                                                                      legt er sich dann mit konservativen Geist-
                                                                                                                      lichen an und trifft sich mit Kiffern an
                                                                                                                      Sufi-Schreinen.
                                                                                                                         Aus der Nähe, in der amerikanischen
                                                                                                                      Provinz, sieht alles ein wenig anders aus.
                                                                                                                      Knight lebt bei Raleigh, der Hauptstadt
                                                                                                                      von North Carolina, mehrere Universi-
                                                                                                                      täten, mehrere große Gefängnisse, alles
                                                                                                                      ziemlich unvermittelt nebeneinander. Die
                                                                                                                      Zukunft des westlichen Islam hätte man
                                                                                                                      woanders vermutet. Außerdem hat sich
                                                                                                                      der ehemalige Krawallbruder in einen
                                                                                                                      freundlichen Gelehrten verwandelt.
                                                                                                                      Knight studiert Islamwissenschaften in
                                                                                                                      Raleigh. Sein Programm hat sich aller-
                                                                                                                      dings nicht verändert: Michael Muham-
                                                                                                                      mad Knight will den westlichen Islam ver-
                                                                                                                      ändern.
                                                                                                                         Neun Jahre sind vergangen, seit er
                                                                                                                      „Taqwacore“ veröffentlicht hat, seinen
                                                                                                                      Roman, der vom Leben einer fiktiven
                                                                                                                      Gruppe muslimischer Punks in ihrem
                                                                                                                      Haus in Buffalo erzählt, nun ist er auf
                                                                                                                      Deutsch erschienen*. Und auch wenn
                                                                                                                      keine Islamkonferenz, kein sogenannter
                                                                                                                      Islamkritiker und erst recht kein musli-
                                                                                                                      mischer Geistlicher auf die Übersetzung
                                                                                                                      gewartet haben dürfte: Es ist das interes-
                                                                                                                      santeste und wichtigste Buch eines ame-
                                                                                                                      rikanischen Muslims seit der Autobiogra-
                                                                                                                      fie von Malcolm X.
                                                                                                                         Die Lektüre des Korans öffnete Mal-
                                                                                                                      colm X in den fünfziger Jahren die Augen
                                                                                                                      für den Rassismus der US-Gesellschaft
                                                                                                                      und die systematische Diskriminierung
                                                                                                                      des schwarzen Amerika. Mehrere Gene-
                                                                                                                      rationen fanden sich darin wieder.
                                                                                                                         „Taqwacore“ erzählt vom großen Dra-
CHARLES HARRIS / DER SPIEGEL




                                                                                                                      ma der islamischen Identität im Westen
                                                                                                                      heute: Wie kann man an eine Religion
                                                                                                                      glauben, die Unterwerfung fordert, wenn

                                                                                                                      * Michael Muhammad Knight: „Taqwacore“. Aus dem
                                                                                                                      amerikanischen Englisch von Yamin von Rauch. Verlag
                               Schriftsteller Knight: „Dieses Buch bin ich“                                           Rogner & Bernhard, Berlin; 306 Seiten; 19,95 Euro.

                               114                                            D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
das ganze sonstige Leben aus Selbstbe- migkeit, und „Core“ wie Hardcore – ist ständig im Konflikt zwischen den Anfor-
stimmung aufgebaut ist? Wie bekommt ein Gesprächsbuch, ständig sitzen die derungen, die der Glaube an sie stellt,
man einen Glauben, der den Anspruch Figuren zusammen und reden. Warum und den Schwierigkeiten, sie zu erfüllen.
hat, den Alltag zu regeln, aber aus dem eigentlich kein Alkohol, fragen sie mit Und am Ende stellen sie fest, dass nicht
7. Jahrhundert stammt, mit den Wider- besoffenem Kopf. Wie ist das mit den die Zerrissenheit das Problem ist, sondern
sprüchen des Lebens im 21. Jahrhundert Frauen und der Gleichberechtigung? Gibt der Glaube, es dürfte keine Zweifel und
zusammen?                                  es eigentlich richtige und falsche Aus- keine Zerrissenheit geben.
   Es ist ein Buch, das aus dem existen- legungen der heiligen Schrift? Existiert        Michael Muhammad Knight, 34, ist ka-
tiellen Zweifel heraus entstanden ist. Es ein amerikanischer Islam? Wenn ja, kann tholisch aufgewachsen. Sein Vater war
schildert eine Phantasiewelt, das Haus das überhaupt ein echter Islam sein, wenn ein paranoider und gewalttätiger Nazi-
hat es nie gegeben, die Personen, die dar- er anders ist als die anderen? Manchmal Rocker, seine Mutter brachte sich mit
in leben, auch nicht. Trotzdem dürfte führt die verschleierte Rabeya die Män- ihrem Sohn in Sicherheit, als der kleine
keine Studie über die sogenannte Inte- ner beim Gebet. Ein Song in dieser ima- Michael zwei Jahre alt war. Die beiden
grationswilligkeit muslimischer Jugend- ginären Punkwelt heißt „Muhammad was zogen nach Geneva, in eine Kleinstadt,
licher im Westen ihren tat-                                                                       ein paar Stunden von New
sächlichen Gefühlswelten so                                                                       York City entfernt. Zum Is-
nahe kommen wie die Figuren                                                                       lam findet er über MTV, in
aus „Taqwacore“.                                                                                  einem HipHop-Video sieht er
   Der Erzähler ist Yusef, ein                                                                    zum ersten Mal Malcolm X.
braver und langweiliger Junge,                                                                    Er will sich durch das Studium
der Ingenieurwissenschaften                                                                       des Korans auch verändern.
studiert und zur Freude seiner                                                                       Er fängt an, in eine Mo-
Eltern in ein Wohnheim voller                                                                     schee zu gehen, und tritt zum
Muslime zieht. Er ist fassungs-                                                                   Islam über. Mit 17 fährt er für
los, als er seine neuen Mitbe-                                                                    zwei Monate ins pakistanische
wohner kennenlernt.                                                                               Islamabad. Dort besucht er
   Da gibt es Jehangir, den                                                                       eine Moschee, die mit saudi-




                                                                                                 KIM BADAWI / GETTY IMAGES
Sufi-Philosophen mit dem                                                                          schem Geld finanziert ist, ei-
Irokesenschnitt. Er versucht,                                                                     ne radikal-islamistische Blase
Hedonismus und Islam zu-                                                                          ohne Kontakt zur pakistani-
sammenzubringen, und ruft                                                                         schen Restrealität.
manchmal mit der E-Gitarre                                                                           Knight kommt als Extre-
zum Gebet. Dann ist da Ra-                                                                        mist zurück. Er hängt ein Pla-
beya, das Riot-Girl in einer Islam-Punk-Band The Kominas: Auf Tour in Pakistan                    kat des Ajatollah Chomeini
mit Punk-Aufnähern verzier-                                                                       in seinem Jugendzimmer auf
ten Burka, das die Zeilen des                                                                     – Mitte der Neunziger. Ein
Korans, die ihm nicht passen,                                                                     paar Jahre später wäre es
mit einem dicken Filzstift                                                                        wohl eines von Bin Laden
wegstreicht. Lynn, die weiße                                                                      gewesen.
Konvertitin, sucht nach dem                                                                          Ein weißer Junge, der über
Wohlfühl-Islam. Muzammil ist                                                                      HipHop zum Islam und über
Muslim und schwul. Und                                                                            Pakistan zum Fundamentalis-
Umar, der Gewichte stem-                                                                          mus findet: Vielen westlichen
mende Steinzeit-Islamist, mag                                                                     Konvertiten dürfte es ähnlich
weder Frauen noch Schwule,                                                                        ergangen sein. Konvertiten
dabei ist er mit seinen Tattoos                                                                   suchen in der neuen Religion
in der Welt der konservativen                                                                     die Ordnung, die genauen An-
Muslime selbst ein Exot.                                                                          weisungen dazu, wie das Le-
   Im Gebetsraum des Hauses                                                                       ben zu leben ist. Viele ziehen
                                                                                                 MAST IRHAM / DPA




hängt eine saudische Fahne,                                                                       dafür in den Heiligen Krieg.
auf die ein Anarchie-A ge-                                                                        Auch Knight ist einmal kurz
sprüht ist. Ein Loch in der                                                                       davor, nach Tschetschenien zu
Wand markiert die Gebets-                                                                         gehen, um gegen die Ungläu-
richtung nach Mekka, jemand Indonesische Islam-Punks: Die Polizei schneidet ihnen die Haare       bigen zu kämpfen. Er macht
hat es mit einem Baseball-                                                                        es nicht.
schläger hineingekloppt. Immer läuft a Punk Rocker“, ein anderer „Our Holy               Tatsächlich kommen ihm Zweifel. Auf
Punkmusik, die Bands heißen Vote Hez- Prophet Fingered His Six-Year-Old Bride dem College in Buffalo realisiert er, wie
bollah oder Osama Bin Laden’s Tunnel in Her Dirty Ass“.                                wenig er mit dem Leben klarkommt. Er
Diggers.                                     Als der Skandal um die dänischen Mo- kann sich nicht mit Mädchen unterhalten,
   Es ist eine Outlaw-Gemeinde, diese auf hammed-Karikaturen durch die arabische jede Bar empfindet er als Bedrohung. Er
eine Punk-WG zusammengeschrumpfte Welt fegte und die Veröffentlichung der hat ein paar Punk-Freunde, Außenseiter
Umma. Ein Labor für den Clash von britischen Ausgabe von „Taqwacore“ an- wie er, aber über Religion kann er mit
Islam und westlichem Lebensstil sowie stand, entschied sich der Verlag, das Buch ihnen nicht reden. Die Welt versteht ihn
ein Modell des Welt-Islam: So unter- zu zensieren. Die deutsche Ausgabe ba- nicht, er versteht die Welt nicht.
schiedlich wie die Bewohner sind schließ- siert auf dem amerikanischen Original.         So fängt er an, „Taqwacore“ zu schrei-
lich auch die verschiedenen islamischen      „Taqwacore“ ist das Buch eines Autors, ben. Es beginnt als Gedankenspiel: Was
Gemeinden.                                 der am Anfang seiner Karriere steht. Es wäre, wenn ich Menschen hätte, mit de-
   „Taqwacore“ – das Wort setzt sich zu- glüht vor Intensität. Alle Figuren des nen ich mich über meine Zweifel unter-
sammen aus „Taqwa“, das heißt Fröm- Buchs leben eine zerrissene Existenz, halten könnte? Was wäre, wenn es ein
                                                 D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                       115
Kultur




                                                                                                                                             STRAND RELEASING
                                               Szene aus „Taqwacore“-Verfilmung: Kombination aus „Allahu akbar“ und „Fuck you“

                                               Haus gäbe, wo ich mit diesen Leuten zu-         nen anschließend die Haare geschnitten
                                               sammen wohnen würde? „Dieses Buch               werden.
                                               bin ich“, sagt Knight. „Ich, wie ich mich          Irgendetwas ist dran an dieser Kombi-
                                               mit mir selbst unterhalte.“                     nation aus „Allahu akbar“ und „Fuck
                                                  Es dauert eine Weile, bis das Buch sich      you“. Vielleicht liegt es an der eigentüm-
                                               verbreitet, Knight hat zunächst keinen          lichen Geschichte des Islam in den USA.
                                               Verlag, er kopiert die ersten Exemplare         Anders als in Deutschland (und den meis-
                                               per Hand, bindet sie im Copyshop und            ten anderen europäischen Ländern) ist
                                               verschickt sie an jeden, der eins will. Der     der Islam dort nämlich keine Einwande-
                                               Punk-Veteran und Ex-Sänger der Dead             rerreligion, zumindest nicht ausschließ-
                                               Kennedys Jello Biafra nimmt das Buch            lich. Ein großer Teil der Muslime dort
                                               schließlich in den Katalog seines Platten-      sind Afroamerikaner, und ihr Glaube ist
                                               versands auf.                                   so amerikanisch, dass die meisten Araber
                                                  Knight bekommt Post. Dutzende Kids           ihn kaum ernst nehmen.
                                               melden sich bei ihm, schreiben ihm, dass           Dieser schwarze Islam entstand in den
                                               sie sich wiedergefunden hätten in seinem        dreißiger Jahren in den Ghettos von Chi-
                                               Buch, bitten ihn, Kontakt zur Taqwacore-        cago und Detroit, ihr bekanntester An-
Früher lesen:
 Früher lesen:                                 Szene herzustellen, fragen, wo sie die          hänger ist der Boxer Muhammad Ali. Er
Sonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®,      Musik der Muslim-Punk-Bands bekom-              war in der Nation of Islam, einer umstrit-
Android-Tablets und -Smartphones sowie auf     men können.                                     tenen Organisation, der auch Malcolm X
Mac und PC: einmal anmelden und auf jedem         Die Szene, die Knight sich in seiner         viele Jahre angehörte. Der größte Unter-
Gerät lesen – egal wo Sie gerade sind.         Verzweiflung ausgedacht hat, entsteht auf       schied zum Islam anderswo: Viele Black
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 Mehr sehen:                                   einmal wirklich. Bands gründen sich, un-        Muslims glauben noch immer, der weiße
Nutzen Sie Videos, Fotostrecken und            ter dem Label Muslim-Punk gehen sie so-         Mann sei der „blue-eyed devil“.
interaktive Grafiken.                           gar auf Tour. „Sharia Law in the U.S.A.“           Hier hat sich Knight sein Religions-
                                               heißt ein bekanntes Stück, The Kominas          verständnis geborgt, beim widerständi-
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 Mehr hören:                                   die Band, eine Gruppe pakistanisch-ame-         gen Glauben des schwarzen Amerika,
Lauschen Sie Interviews, neuen Songs           rikanischer Punks, ihr Song erinnert an         der nicht aus der Tradition lebt, sondern
oder historischen Tondokumenten.               den Sex-Pistols-Klassiker „Anarchy in the       aus der Selbsterfindung. Wo etwa die
Mehr wissen:
 Mehr wissen:                                  U.K.“.                                          Sekte der Five Percenters glaubt, Allah
Lesen Sie weiter auf den Themenseiten.            Knight will bei all der Aufregung nicht      lebe in jedem Menschen, deshalb heiße
Lassen Sie sich vom Reporter erklären, wie     abseitsstehen, es ist der Traum eines           er auch so: A-L-L-A-H, Arm-Leg-Leg-
                                               Schriftstellers, seine Phantasie ist Wirk-      Arm-Head.
er recherchiert hat.
                                               lichkeit geworden. Als die Kominas Kon-            Wer weiß, vielleicht entsteht ja irgend-
                                               zerte in Pakistan geben, ist Knight dabei,      wo im deutschen Neukölln, im engli-
                                               ein Dokumentarfilm entsteht.                    schen Birmingham oder in der Pariser
Jetzt exklusiv in der neuen Ausgabe:              Die Bewegung trennt sich rasch von           Banlieue gerade Ähnliches? Ein Islam,
  Mehr als ein Pass? – Videos und Fotos über   ihren Wurzeln, einige Bands haben sich          der sich von den Absolutheitsansprüchen
                                               mittlerweile aufgelöst, andere haben sich       seiner verschiedenen Schulen getrennt
  das Heimatgefühl der Deutschen               weiterentwickelt.                               hat und die Vielfalt gelten lassen kann.
  Blut im Sand – Video über den einäugigen        In Asien blüht die Bewegung auf. So          Nicht weil es im Koran steht, sondern
  Stierkämpfer Juan José Padilla               wie die Welt der schwarzen Muslime über         weil es der westliche Beitrag zum Welt-
                                               HipHop-Songs in Knights Kinderzimmer            Islam sein könnte.
  Samenspender – Video-Besuch bei einem        landete und dort ihre eigentümliche                Dass es überhaupt möglich sein könn-
  82fachen Vater                               Wirkung entfaltete, ist es heute mit            te, so etwas zu beschreiben, das ist das
                                               Taqwacore in Burma und Indonesien, wo           große Verdienst von Michael Muhammad
                                               die Konzerte der Muslim-Punks von der           Knights „Taqwacore“.
                                               Polizei aufgelöst und den Festgenomme-                                         TOBIAS RAPP

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Zombies
                            DEBATTENKRITIK :   Was taugt das Israel-Gedicht von Günter Grass?


B
       itte nicht schon wieder eine Debat- Grass – aber weil sich, so sieht er das,        dort oft genug gesagt. Damit ist Iran erst
       te, die keine ist. Bitte nicht schon niemand traut, Israel dafür zu kritisieren,    mal der Aggressor in dieser Angelegen-
       wieder eines dieser ewigen deut- dass es bereit ist, einen Präventivkrieg           heit – es sei denn, und das ist der Antise-
schen Selbstgespräche, die so voller Weh- gegen Iran zu beginnen, bleibt ihm, ganz         mitismus, von dem Broder spricht, Günter
leidigkeit, Selbsthass und mühsam unter- lutherisch, gerade nichts anderes übrig,          Grass wäre der Meinung, dass die Grün-
drückter Aggression sind. Bitte nicht als das zu sagen, was er für die Wahr-               dung Israels die eigentliche Aggression ist,
schon wieder alte Männer, die mit den heit hält: „Das allgemeine Verschweigen              gegen die sich Palästinenser und letztlich
Worten von gestern und vorgestern auf- dieses Tatbestandes, dem sich mein                  auch Ahmadinedschad zu Recht wehren.
einander einprügeln.                           Schweigen untergeordnet hat, empfinde          Das würde Grass natürlich nie direkt
   Was ist passiert? Günter Grass hat ein ich als belastende Lüge und Zwang, der           sagen, er hat ja auch mit Bedacht und aus
Gedicht geschrieben, in dem er die Welt Strafe in Aussicht stellt, sobald er               Feigheit die Form des Gedichts gewählt
retten will und vor allem sich selbst, mit missachtet wird.“                               und keinen Essay geschrieben, in dem er
dem ganzen klapperigen Pa-                                                                            argumentieren müsste – so
thos, das ihm zur Verfügung                                                                           kann er immer sagen, Entschul-
steht: Es geht um Israel, Iran,                                                                       digung, aber das hat Verse, die
die Atombombe, ein deutsches                                                                          sich zwar nicht reimen, aber
U-Boot – und Henryk M. Bro-                                                                           doch Kunst sind.
der schrieb in der „Welt“ so-                                                                            Ob Kunst oder nicht: Dieses
fort, dass hier der „Prototyp                                                                         Gedicht öffnet den Blick auf
des gebildeten Antisemiten“                                                                           Grass, den man als selbstge-
spricht.                                                                                              recht beschrieben hat und der
   Schon sind wir mittendrin in                                                                       sich hier darüber hinaus als
einer Diskussion, die einem we-                                                                       sehr kalt erweist – so kalt, dass
nig sagt über das, was im Na-                                                                         er sich im Mantel seiner eige-
hen Osten passiert, und viel                                                                          nen, triumphalen Moral wär-
darüber, wie sehr die Deut-                                                                           men muss: „Ich schweige nicht
schen immer noch mit ihren                                                                            mehr, weil ich der Heuchelei
Gespenstern ringen.                                                                                   des Westens überdrüssig bin“,
   „Was gesagt werden muss“,                                                                          schreibt er. „Nur so ist allen,
so heißt das Gedicht, das Grass                                                                       den Israelis und Palästinensern,
vergangenen Mittwoch gleich-                                                                          mehr noch, allen Menschen,
zeitig in der „Süddeutschen                                                                           die in dieser vom Wahn okku-
Zeitung“, „El País“ und „La                                                                           pierten Region dicht bei dicht
Repubblica“ veröffentlichte –                                                                         verfeindet leben und letztlich
und schon der Titel ist unfass-                                                                       auch uns zu helfen.“
                                                                                            JAKOB CARLSEN




bar verbohrt und anmaßend.                                                                               Warum uns? Das sind die
Grass tut ja gerade so, als stün-                                                                     Worte einer Generation, die,
de er vor einem Hinrichtungs-                                                                         scheint es, vor vielen, vielen
kommando, das Hemd weit                   Polit-Lyriker Grass                                         Jahren gestorben ist, Zombies
aufgerissen, um seine Wahrheit                                                                        seit Kriegstagen, und die sich
einer widrigen Welt entgegen-                                                                         seither selbst erlösen will. Und
zuwerfen.                                                                                             zwar über den Umweg Israel.
   „Warum schweige ich, verschweige zu            Wow. Es ist das gleiche Muster wie bei      Das Problem bei diesem Gedicht ist
lange, was offensichtlich ist“, so beginnt Martin Walser und seiner „Moralkeule“           damit nicht, ob es gut ist oder schlecht,
das Gedicht, und wie gut für Grass, dass Auschwitz, und es ist doch immer wieder           das lässt sich leicht sagen. Das Problem
er diese Frage nicht wirklich mit einer atemberaubend zu sehen, mit welcher                ist auch nicht, ob Günter Grass Antisemit
kritischen Selbstreflexion beantworten Dreistigkeit es die Männer dieser Gene-             ist oder nicht, ich glaube das nicht. Das
muss, die ihn nur zu dem Hitler-Soldaten ration der heute über 80-Jährigen schaf-          Problem ist, dass Grass eine Art von
geführt hätte, der er mal war, und zu dem fen, Ursache und Wirkung zu verdrehen            Vereinfachung vorführt, wie sie im
ganzen Hitler-Irrsinn, den er in seiner Ju- und mit ein paar Sätzen ihre eigene Wirk-      deutschen Denken verwurzelt ist und
gend eingeatmet hat – wie gut für Grass, lichkeit zu konstruieren. Wir sind die Op-        auch von Teilen der Linken in den sieb-
dass er die Schuldigen gleich parat hat: fer, wir dürfen nicht sagen, was wir den-         ziger Jahren praktiziert wurde – was
die Opfer, die ihn zwingen, sich zu erin- ken, behaupten sie und schieben damit            dann in der Konsequenz zu Antisemitis-
nern, und die heute angeblich noch mit die Schuld den eigentlichen Opfern zu.              mus führen kann.
der Erinnerung Politik machen. Die Ju- Es ist das ewig dämliche Spiel dieser Flak-            Grass jedenfalls hat, „gealtert und mit
den also, ein Wort, das Günter Grass in helfergeneration.                                  letzter Tinte“, getan, was Grass eben tun
seinem Gedicht verdruckst vermeidet.              Deshalb noch mal ganz einfach: Iran      musste, weil er Grass ist. Und? Hat ihn
   Dass er „dem Land Israel“ verbunden will, dass Israel von der Landkarte ver-            jemand daran gehindert?
ist und verbunden „bleiben will“, betont schwindet, das hat der verrückte Führer                                           GEORG DIEZ

                                                   D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                           117
Prisma




      Fliege hinter Gittern
      Im Dienste der Wissen-
      schaft surrt diese Frucht-
      fliege in einem Feld,
      das durch Leuchtdioden
      begrenzt ist. Das Experi-




                                                                                                                                                               FLORIS VAN BREUGEL
      ment soll zeigen, wie sich
      die Tiere orientieren.




                BILDUNG
                                         elektronische Medium im Laufe der                                                     ARCHÄOLOGI E
                                         Zeit eher das Interesse am Schmö-
                                         kern. „Vielleicht vergraben sich Mäd-
Starthilfe für Lesemuffel                chen in diesem Alter doch einfach                                                  Promi-Werbung
Elf- bis Fünfzehnjährige, die Bücher
meiden, bekommen durch E-Book-
                                         lieber mit einer Schwarte im Sessel“,
                                         meint Studienautorin Dara Williams-
                                         Rossi von der Southern Methodist
                                                                                                                             für die Armee
Reader mehr Lust aufs Lesen. Aller-      University in Dallas. Anfangs aber                                          Stars aus der Welt des Sports wurden
dings gilt die Initialzündung eher für   profitierten die früheren Lesemuffel                                        in der Antike offenbar gezielt einge-
Jungen als für Mädchen, wie US-          beiderlei Geschlechts von der elek-                                         setzt, um junge Männer für den Dienst
Forscher aus Texas bei einer Studie      tronischen Einstiegshilfe, berichten                                        in der römischen Armee zu begeistern.
mit knapp 200 Schulkindern heraus-       die beteiligten Forscher im „Interna-                                       Belegt ist dies zumindest für die Stadt
gefunden haben. Während sich die         tional Journal of Applied Science and                                       Oinoanda im Südwesten der heutigen
männlichen Teilnehmer der Studie         Technology“ – einige der auf den                                            Türkei. Dort warb vor rund 1800 Jah-
dauerhaft fasziniert von der Bild-       Geschmack gekommenen Schüler                                                ren der erfolgreiche Ringer und Athlet
schirmlektüre zeigten, verloren die      verschlangen binnen zwei Monaten                                            Lucius Septimius Flavianus Flavillia-
gleichaltrigen Mädchen durch das         vier E-Book-Geschichten.                                                    nus Rekruten für die römischen Legio-
                                                                                                                     nen an, wie eine in der Zeitschrift
                                                                                                                     „Anatolian Studies“ veröffentlichte
                                                                                                                     Inschrift verrät. Dem Text zufolge
                                                                                                                     eskortierte Flavillianus die Männer
                                                                                                                     anschließend selbst in die Stadt Hiera-
                                                                                                                     polis. Das Charisma des Ausnahme-
                                                                                                                     kämpfers tat offenbar seine Wirkung:
                                                                                                                     Die Jugend folgte seinem Werben in
                                                                                                                     Scharen. Von den Siegen des Athleten
                                                                                                                     im Ringen und im Pankration, einer
                                                                                     RONALD FROMMANN / DER SPIEGEL




                                                                                                                     besonders blutigen Kampfsportart,
                                                                                                                     berichten auch andere Inschriften in
                                                                                                                     der Stadt. „Dank seiner immensen
                                                                                                                     Berühmtheit fiel es Flavillianus wahr-
                                                                                                                     scheinlich leicht, Freiwillige zusam-
                                                                                                                     menzutrommeln“, erklärt Studien-
                                                                                                                     autor Nicholas Milner vom British
Jugendliche E-Book-Leserin                                                                                           Institute in Ankara.
118                                          D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Wissenschaft · Technik
     M AT E R I A L F O R S C H U N G


        Kunststoff mit
         Bluterguss
Ein Material mit verblüffenden Selbst-
heilungskräften haben Forscher bei ei-
nem Expertentreffen in den USA prä-
sentiert. Der Chemiker Marek Urban
von der University of Southern Missis-
sippi in Hattiesburg hat ein Polymer
entwickelt, das bei Kratzern oder Ris-
sen ähnlich reagiert wie die menschli-
che Haut: Einem Bluterguss vergleich-
bar bilden sich rund um die aufgetrete-
nen Schäden erst rötliche Flecken; da-
nach kann durch Licht ein im Material
enthaltener Reparaturmechanismus




                                                                                                                                                               DAVID HALL / SEAPHOTOS.COM
aktiviert werden, der die zugrunde lie-
genden Molekülbrüche selbsttätig kit-
tet. „Unser neuer Kunststoff versucht
die Natur zu imitieren, indem er auf
Schäden mit einem sichtbaren Signal                                     Red Irish Lord
hinweist und sich anschließend selbst
erneuert“, erklärt Urban. Für solche
an biologischen Systemen orientierten                                                                          FOTOGRAFIE
Werkstoffe gibt es nach Ansicht der
Forscher eine Vielzahl von Anwen-
dungsmöglichkeiten. Denkbar wären
Plastikgehäuse für Handys oder Lap-
tops, bei denen Sprünge von selbst
                                                                                   Wunderwelt unter Wasser
wieder zusammenwachsen; oder Auto-                                     Kunstwerk oder wissenschaftliche Fotografie? Mit den Bildern, die er in den
teile, deren Kratzer in der Sonne ver-                                 Tiefen des Nordpazifiks macht, gelingt David Hall beides. Der Zoologe, leiden-
heilen. Und Flugzeugingenieure könn-                                   schaftlicher Taucher und Fotograf aus New York, hat im Laufe von 15 Jahren die
ten anhand der roten Flecken an der                                    kalten Gewässer mit der Kamera erforscht und dabei einen Kosmos von uner-
Oberfläche entscheiden, ob für Risse                                   hörter Farbenpracht dokumentiert, der jetzt in seinem Band „Unbekannte Kalt-
im Material eine simple Lichttherapie                                  wasserwelten“ zu betrachten ist (Frederking & Thaler; 39,95 Euro). Wie Gemälde
genügt oder ob die defekten Teile                                      wirken die Bilder von Algenwäldern; die Wanderungen der Lachse gleichen Or-
besser ersetzt werden sollten.                                         gien von Rot und Grün. Und Seenelken, Medusensterne oder der Red Irish Lord,
                                                                       einer der spektakulärsten Fische des Nordpazifiks, leuchten wie psychedelische
                                                                       Kostbarkeiten. „Unter Wasser sind wir unbeholfene Neulinge“, schreibt Hall,
                                                                       der mit seinen Fotomodellen wiederholt Abenteuerliches erlebte: Neugierige
                                                                       Seelöwen etwa, die größten Exemplare rund tausend Kilogramm schwer, umzin-
                                          WODICKA / BILDMASCHINE.DE




                                                                       gelten den Eindringling auf einer seiner Expeditionen. Der New Yorker Fotograf
                                                                       rückte auch monströsen Wesen wie dem 2,5 Meter langen Seewolf, gigantischen
                                                                       Quallen oder dem furchterregenden Pazifischen Riesenkraken auf den Leib.
  Kratzer im                                                           „Aufnahmen mit hoher Auflösung“, so Halls Devise, „gelingen nämlich nur,
  Autolack                                                             wenn sich möglichst wenig Wasser zwischen Linse und Motiv befindet.“




               DROGEN
                                                                      hat. Die Folgen der Muntermacher-              gen- und Handbewegungen zu koordi-
                                                                      pillen zeigen sich demnach schon vier          nieren. Ob auch die kognitiven Fähig-
                                                                      Monate nach der Geburt. Die Exper-             keiten der Kinder und ihre emotionale
 Ecstasy schädigt Babys                                               ten registrierten bei den Kindern ge-
                                                                      häuft motorische Entwicklungsdefizite:
                                                                                                                     Reifung aufgrund des Drogenkonsums
                                                                                                                     der Mütter leiden, sollen Nachfolge-
Frauen, die während der Schwanger-                                    Einige von ihnen schafften es erst spä-        untersuchungen nach dem zwölften
schaft Ecstasy einnehmen, gefährden                                   ter als üblich, den Kopf aus eigener           Lebensmonat klären. „Besonders
das Wohlergehen ihres Kindes. Zu                                      Kraft aufrecht zu halten; andere, heißt        tückisch“, warnt Studienleiterin Lynn
diesem Ergebnis kommt ein internatio-                                 es im Fachblatt „Neurotoxicology and           Singer von der Case Western Reserve
nales Forscherteam, das erstmals die                                  Teratology“, hinkten Gleichaltrigen            University in Cleveland, seien die
Auswirkungen der Partydroge auf den                                   hinterher, wenn es darum ging, sich            Ecstasy-Risiken „für Frauen, die die
Fötus im Mutterleib und auf die späte-                                vom Rücken auf die Seite zu drehen,            Pillen konsumieren und dabei gar
re Entwicklung des Kindes untersucht                                  mit Unterstützung zu sitzen oder Au-           nicht wissen, dass sie schwanger sind“.
                                                                           D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                         119
Wissenschaft




                                                                                ARCHÄOLOGI E




                                Gottes vergessene Kinder
                            Das antike Volk der Juden hatte religiöse Konkurrenz. Ausgräber sind nahe
                                Jerusalem auf einen zweiten riesigen Jahwe-Tempel gestoßen – eine
ISRAELIMAGES / AKG




                           Sensation. Die Erben der ersten Priester leben noch heute am Fuß der Ruinen.



                     G
                              ewandet in einen grauen Mantel,            Besonders wichtig: Die Sekte glaubt        Gruppe in Holon bei Tel Aviv, wieder 751
                              sitzt Aaron Ben Ab-Hisda Ben            nur an das schriftliche Vermächtnis von       Personen zur Gemeinde.
                              Jakob, 85, im Dämmerlicht seines        Mose, die fünf Bücher des Pentateuch             Die Zunahme erfolgte allerdings nur,
                     Hauses. Er stimmt einen kehligen Singsang        (Hebräisch: Tora). Alle anderen Schriften     weil man frevelte und das Verbot der
                     an, eine althebräische Litanei. Er trägt Voll-   der Bibel lehnen sie ab.                      Mischehe aufhob. Im Jahr 2004 wurden
                     bart und auf dem Kopf ein rotes Käppi.              Historisch gesehen gehören Samarita-       fünf heiratswillige Jüdinnen aus der
                        Der Mann ist Hohepriester. Sein Stamm-        ner und Juden einem Volk an. Das Alte         Ukraine und eine aus Sibirien in die Ge-
                     baum reicht 132 Generationen zurück. Er          Testament berichtet, dass zehn der zwölf      meinde aufgenommen.
                     sagt: „Ich bin ein Urenkel von Aaron, dem        Stämme in der Region Samarien den Staat          Dennoch: Wegen der Inzucht gibt es
                     Bruder des Propheten Mose.“ Der lebte            Israel gründeten – um 926 vor Christus.       vermehrt Erbschäden. Fachblätter haben
                     vielleicht vor über 3000 Jahren.                 Die beiden anderen Clans lebten weiter        Studien über die vergessenen Kinder Got-
                        Die Sekte der Samaritaner, die Aaron          südlich im bergigen Juda, mit der Haupt-      tes vorgelegt. Sie leiden gehäuft an einer
                     Ben Ab-Hisda anführt, ist so strenggläu-         stadt Jerusalem (siehe Karte).                Muskelschwäche und dem Usher-Syn-
                     big, dass ihre Mitglieder am Sabbat nicht           Die Samaritaner waren also einst in        drom („Taubblindheit“).
                     einmal die Heizung anschalten. Sie essen         der Mehrheit. In der Antike gab es               Ihr Kult aber ist vital. Zum Pessachfest
                     nie Krabben und heiraten nur unterein-           300 000 von ihnen, vielleicht sogar über      versammeln sich alle. Die Männer tragen
                     ander. Ihre Frauen gelten während der            eine Million. Doch ihr härtestes Gesetz       dann weiße Gewänder und begehen ein
                     Menstruation als so unrein, dass sie sie-        hätte fast ihren Untergang bedeutet. Es       großes Tieropfer.
                     ben Tage in speziellen Räumen abge-              lautet: „Niemand von euch darf außer-            Auf Kommando schneidet ein Priester
                     schirmt werden.                                  halb des Gelobten Landes siedeln.“            rund 50 Lämmern die Kehle durch. In
                        Draußen, in den Straßen von Kirjat               Ergebnis: Während die Juden vor der        Strömen fließt das Blut über eine Stein-
                     Luza (bei Nablus), fegt ein kalter Sturm.        Drangsal fremder Herrscher in alle Welt       rinne in ein Loch, wo es mitsamt dem
                     Das Dorf liegt knapp unter dem Gipfel            flohen, verharrten ihre Verwandten vor        Gedärm verbrannt wird. Das Fleisch, in
                     des Garizim. Es gibt eine Schule, zwei Lä-       Ort und litten unter byzantinischen Ty-       einem großen Erdofen gegart, muss noch
                     den, einen Opferplatz. 367 Samaritaner           rannen oder grausamen Sultanen. Am            in der Nacht gegessen werden. Sonst wird
                     leben dort. Es ist eine kleine Gemeinde.         Ende des Ersten Weltkriegs gab es noch        es unkoscher.
                        Der Besuch der Synagoge am Samstag            146 von ihnen.                                   Woher aber kommen diese archaischen
                     ist hier Zwang. „Jeder Junge muss genau            „Heute geht es uns besser“, sagt der        Menschen?
                     am achten Tag beschnitten werden“, er-           Greis Aaron Ben Ab-Hisda und schaut              Diese Frage interessiert immer mehr
                     klärt der Hohepriester. Nicht vorher,            munter aus dem Fenster. Inzwischen ge-        Religionswissenschaftler. Neue Erkennt-
                     nicht nachher.                                   hören, zusammen mit einer weiteren            nisse belegen, dass die Samaritaner ein
                     120                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Gespaltenes Reich                                         ten vorchristlichen Jahrhundert spalteten
                                                                                                        sich die Samaritaner als radikale Sekte
                                              Die Staaten Israel und Juda                               ab. In der Bibel treten sie als Eigenbrötler
                                              im 10. Jh. v. Chr.                                        und Götzendiener auf, sie sind böse. Der
                                                                                                        „barmherzige Samariter“ (Lukas Kapitel
                                                                                                        10, Vers 25–37) verhält sich eher un-




                                                               r
                                                                                                        typisch.




                                                            ee
                                                          lm
                                                                                        See
                                                                                                           Der Historiker Flavius Josephus, selbst




                                                       te
                                                                                        Genezareth      jüdischen Glaubens, erwähnt, dass die




                                                     it
                                                                                                        Abtrünnigen um 330 vor Christus eher




                                                   M
                                                              ISRAEL                                    stümperhaft und „in aller Eile“ ein Hei-




                                                                                          Jordan
                                                              10 Stämme                                 ligtum errichtet hätten, um den Tempel
                                                                                                        von Jerusalem nachzuahmen.
                                                                     Samaria Berg Ebal                     Doch nun zeigt sich, dass die Bibel nur
                                                                           Berg    Sichem               ein Zerrbild liefert. Papyrusrollen aus
                                                      (Tel Aviv)           Garizim                      Qumran am Toten Meer, aber auch ein
                                                      (Holon)
                                                                                                        jüngst auf dem Antikenmarkt aufgetauch-
                                              (Westjordanland)
                                                                                 Bethel                 tes Fragment der Bibel zwängen zu einer
                                              (Gaza-
                                                                                                        „völligen Neubewertung“, sagt Schorch.
                                                                   Jerusalem        Jericho                Den spannendsten Hinweis darauf, wie
                                              Streifen)
                                                                               Betlehem
                                                                                                        die Geschichte wirklich ablief, hat jetzt
                                                                                                        Jizchak Magen geliefert. Seit 25 Jahren
                                                                        Hebron
                                                                                                        gräbt der Archäologe abgeschirmt hinter
                                                                                   To t e s             Sicherheitszäunen auf der Kuppe des
                                                                                   Meer                 windumtosten Garizim.
                                                              JUDA                                         Seine Befunde, erst zum Teil veröffent-
                                                              2 Stämme
                                                                                                        licht, kommen einer Sensation gleich: Auf
                                                                                                        dem Berg stand bereits vor 2500 Jahren
                                                                                                        ein gewaltiges, hell schimmerndes Heilig-
                                                                       heutige
                                                                                                        tum, umschlossen von einer 96 mal 98 Me-
                                                                       Grenzen                          ter großen Einfriedung. Die Mauer hatte
                                                                                         Möglicher
                                                                       Israels
                                                                                         Wanderzug der  sechskammrige Tore mit riesigen Holz-
                                                                                         Israeliten vor türen.
                                                                                         der Eroberung     Der Tempel von Jerusalem war zu jener
                     Samaritaner bei einer                                               des Gelobten   Zeit allenfalls ein simpler Kubus.
                                                         50 km
                  Zeremonie mit Tora-Rolle                                               Landes            400 000 Knochenreste von Opfertieren
                                                                                                        hat Magen entdeckt. Inschriften weisen
                                                                                                        die Stätte als „Haus des Herrn“ aus. Auf
düsteres Schicksal erlitten. Einst waren      Und er vergleicht die samaritanische Tora einem Silberring prangt das Tetragramm
sie die Wächter der Bundeslade und die        mit der jüdischen Version.                                JHWH. Es steht für „Jahwe“.
Gralshüter der mosaischen Tradition.             „Eigentlich gibt es nur eine wesentliche                  All das bedeutet: Nur 50 Kilometer von
Doch dann wurden sie Opfer einer Ruf-         Abweichung“ erklärt er. Bei den Juden Jerusalem entfernt stand ein gigantisches
mordkampagne.                                 gilt Jerusalem als zentraler Kultort, bei Gegenheiligtum.
   Stefan Schorch steht mit windzerzaus-      den Samaritanern ist es der Berg Gari-                       Was für eine Entdeckung. Unter den
tem Haar vor der Synagoge in Kirjat           zim.                                                      Israeliten brodelte ein Glaubenskrieg, die
Luza. Der Alttestamentler von der Uni-            Nur: Welche Tora ist das Original? Die Nation war gespalten. Die Juden hatten
versität Halle-Wittenberg kommt oft hier-     bisherige Lehrmeinung geht so: Im vier- mächtige Vettern, mit denen sie einen
her, meist mit dem Tonband. Er arbeitet
wie ein Ethnologe, der ein abgelegenes
Naturvolk untersucht.
   Vor allem sucht Schorch nach heiligen
Büchern.
   Es ist halb acht Uhr morgens. Ein Pries-
ter schließt das kleine Gebetshaus auf
und verschwindet in einer Nische, die mit
einem roten Teppich verhängt ist. Dahin-
ter steht ein Panzerschrank, gefüllt mit
alten Folianten des Pentateuch. „Un-
glaublich“, sagt der Forscher und blättert
in einem von ihnen, „ein vollständig er-
haltenes Exemplar aus dem 14. Jahr-
hundert.“ Er fotografiert jede Seite der
Schwarte. Dann wird sie wieder weg-
geschlossen.
                                                                                                                                                      ISRAELIMAGES / AKG




   Fast jede reiche Familie besaß einst
solch eine kostbare Handschrift. Einige
davon gelangten nach Europa. Der Pro-
fessor aus der Lutherstadt studiert diese
Texte. Er prüft jede Zeile, jeden Wortlaut.   Ruinen des Jahwe-Tempels auf dem Garizim: 400 000 Knochenreste von Opfertieren

                                                     D E R         S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                121
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                                                                   AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL (L.); POLARIS / LAIF (R.)




Hohepriester Aaron Ben Ab-Hisda, samaritanische Gemeinde beim Pessachfest: Das Opferfleisch wird in einem glühenden Erdofen gegart

Zwist ums Kultmonopol ausfochten. Es blickt über den Fluss hinweg ins Land                                                                     Fluchbergs“, sagt Schorch, „wollte man
ging um die Frage: Welchem Ort gebührt der Verheißung, wo „Milch und Honig                                                                     die ganze Erzählung in ein negatives
die Ehre, Heimstatt und Brandopferplatz fließen“.                                                                                              Licht rücken und dem Garizim seine bib-
des Allmächtigen zu sein?                     Kurz vor seinem Tod erteilt Mose einen                                                           lische Legitimation entziehen.“
   Noch haben die Forscher längst nicht wichtigen Befehl: Das Volk müsse zuerst                                                                   Schorch datiert den Eingriff auf die
alle Details dieses Konflikts erfasst. Si- zum Garizim ziehen. Sechs Stämme sol-                                                               Zeit um 150 vor Christus. Von Betrug mag
cher ist nur, dass man ihn mit Härte aus- len ihn erklimmen und Segenssprüche ru-                                                              der Forscher nicht sprechen, lieber von
trug. Es wurde geeifert, verleumdet, ge- fen. Den anderen sechs Clans obliegt es,                                                              einer „Anpassung der Bibel an die eigene
mordet – und am Ende sogar die heilige vom benachbarten Zwillingsberg Ebal aus                                                                 religiöse Sicht“.
Schrift verändert.                          zu fluchen.                                                                                           Nur, wieso setzte sich die Mogelei am
   Anfangs, so viel ist klar, waren die Sa-   Es ist eine Art rituelle Inbesitznahme                                                           Ende durch? Warum triumphierte die
maritaner in der stärkeren Position. Denn des Gelobten Landes.                                                                                 Minderheit? Besaßen die Gegner nicht
verglichen mit Jerusalem hatte der Gari-      Schließlich fordert der Prophet, dass                                                            das volkreichere Land? In ihrer Haupt-
zim die deutlich älteren Rechte: In der die Israeliten auf dem Garizim ein Hei-                                                                stadt Samaria stand bereits um 1000 vor
großen Erzählung von der Geschichte des ligtum „aus Steinen“ errichten, getüncht                                                               Christus ein Palast. Man fand dort Elfen-
Auserwählten Volkes nimmt der Berg mit „Kalk“. Denn dies sei „der Ort, den                                                                     bein. Jerusalem war da noch ein Nest mit
eine Schlüsselstellung ein.                 der Herr erwählt hat“.                                                                             kaum 1500 Einwohnern.
   Bereits der Stammvater Abraham (der        So jedenfalls steht es in den ältesten                                                              Die Forschung kann dieses Rätsel
angeblich um 1500 vor Christus als Wan- Bibelschriften. Es sind brüchige Papyrus-                                                              erklären, die Antwort besitzt sogar ein
derhirte durch den Orient zieht) macht rollen, die vor über 2000 Jahren in Qum-                                                                Gesicht: Es trägt einen gekräuselten Kinn-
an der Stätte halt, weil ihm Gott in einer ran entstanden und erst kürzlich zur Aus-                                                           bart und einen Bronzehelm. Es waren die
herrlichen Vision erscheint.                wertung kamen.                                                                                     Assyrer, die ab 732 vor Christus mit
   Später kommt auch der Patriarch Ja-        In der hebräischen Bibel (an der Jeru-                                                           Kampfwagen bis zum Mittelmeer vor-
kob vorbei, um dort ein Urheiligtum zu salems Priesterschaft womöglich noch                                                                    rückten und den Staat Israel unterjochten.
errichten.                                  sehr lange herumschrieb) hört sich das                                                             Bewohner wurden gepfählt und ver-
   Im 5. Buch Mose tritt der Gipfel end- Ganze plötzlich anders an. Von einem                                                                  schleppt.
gültig in den Brennpunkt: Nach der „erwählten Ort“ ist nicht mehr die Rede.                                                                       Das schwächte das Land. Gewalttäter
Flucht aus Ägypten sind die Israeliten 40     Auch das Wort „Garizim“ ist an der                                                               waren ins Hauptland des Herrn eingebro-
Jahre lang durch die Wüste Sinai geirrt. entscheidenden Stelle gestrichen. Statt-                                                              chen. Viele flohen deshalb zu den Vettern
Endlich erreichen sie von Osten aus den dessen wird der Jahwe-Altar hier auf dem                                                               in Juda. Jerusalems Einwohnerzahl stieg
Jordan. Ihr sterbensmüder Anführer „Ebal“ errichtet. „Durch die Nennung des                                                                    auf 15 000.
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Gestärkt durch diese Völkerflut, bean-                                               Schließlich eskalierte der Zwist. Im
spruchten die Priester dort nun selbst die                                           Jahr 128 vor Christus erklomm der jüdi-
Führung in sakralen Dingen. Schon we-                                                sche Fürst Johannes Hyrkanos mit einer
nige Jahre nach dem Überfall lotste König                                            Armee den Garizim und äscherte das
Hiskija alle Israeliten – Juden wie Sama-                                            stolze Heiligtum ein. Die Ausgräber fan-




                                                                                   AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL
ritaner – zur Wallfahrt nach Jerusalem.                                              den eine „Feuersbrunstschicht“, dazu
Nur hier seien die Freiheit und die Rein-                                            Pfeilspitzen, Schwerter, Dolche und
heit gewahrt, um dem Allmächtigen zu                                                 Wurfbleie.
huldigen. Das Nachbarland war ja von                                                    Die Samaritaner bauten ihren Tempel
saufenden und hurenden Heiden besetzt.                                               nie wieder auf. Fortan schrieben die Sie-
   Um ihren Anspruch zu unterstreichen,                                              ger (biblische) Geschichte und drängten
ersannen die Leute aus dem kleinen Süd-                                              ihre Gegner weiter ins Abseits.
reich eine Heilsgeschichte. Demnach re- Alttestamentler Schorch                         Und doch existieren die „Bewahrer des
gierte bereits um 1000 vor Christus der Welche Tora ist das Original?                Gesetzes“, wie sie sich selbst nennen, bis
Ur-König David von Jerusalem aus ein                                                 in die Gegenwart fort. Als Mark Twain
glänzendes Großreich. Sein Nachfolger         Das Buch Esra erzählt gar, dass diese 1867 die Gegend bereiste, traf er auf den
Salomo schuf in der Stadt angeblich einen „Feinde“ den Wiederaufbau des zerstör- „traurigen, stolzen Überrest einer einst
Tempel aus Zedernholz, „vollständig mit ten Jerusalemer Tempels hintertreiben mächtigen Gemeinschaft“, die er anstarr-
Gold überzogen“. Über 180 000 Arbeiter wollten – und zwar aus Neid, weil sie kei- te, als wären es „lebende Mastodonten“.
hätten sich geplagt, so die Bibel.         nen eigenen besessen hätten.                 Heute geht es den erstaunlichen
   Alles Unsinn: Vom Sakrosanktum des         In Wahrheit stand damals auf dem Frömmlern wieder besser. Sie haben ei-
Salomo wurde bis heute nicht ein Stein Garizim längst eine leuchtende Götter- nen Sitz im palästinensischen Parlament
gefunden.                                  festung. Der Archäologe Magen entdeck- und halten Kontakte zur Uno. „Wir wol-
   Das Ziel der Trickserei aber ist klar: te Schmuck, Silber, ein edles Kosmetikset, len mit allen in Frieden leben“, meint der
Judas Priester wollten den Ruhm der ei- auch ein goldenes Glöckchen vom Pracht- Hohepriester Aaron Ben Ab-Hisda.
genen Metropole mehren. Und sie lie- gewand eines Hohepriesters.                        Auch seinen Humor hat der Oberhirte
ßen keine Gelegenheit aus, ihre Gegner        Um 180 vor Christus wuchs der Zere- nicht verloren. Auf die Frage, wie denn
mit Schimpf zu belegen: In der Bibel monialbau sogar noch auf eine Größe von das samaritanische Paradies aussehe,
werden die Samaritaner fast durchweg etwa 200 mal 200 Metern. Er erhielt eine stockt der Alte kurz. Dann sagt er ver-
als üble Leute dargestellt. Auch gelten monumentale Treppe sowie Magazine für schmitzt: „Es muss ein wunderbarer Ort
sie als ethnisch unrein, weil sie ihr Blut „Tausende Pilger“. Es gab offenbar Wall- sein. Noch keiner ist zurückgekehrt, um
mit dem fremder Kolonisten vermischt fahrten mit Massenandrang. Die Bibel sich zu beschweren.“
hätten.                                    übergeht all das mit Schweigen.                                      MATTHIAS SCHULZ
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                                                                                                                             sinnlose Zeichen. Nicht einmal sein ei-
                                                                                                                             genes Tagebuch konnte Engel entziffern.
                                     NEUROLOGIE                                                                                 Engel weckte seinen damals elfjährigen
                                                                                                                             Sohn Jacob, rief ein Taxi und fuhr mit

              Tanz der Buchstaben                                                                                            ihm ins Mount Sinai Hospital. Und tat-
                                                                                                                             sächlich: Die Bilder des Kernspintomo-
                                                                                                                             grafen zeigten in der linken Hirnhälfte
                                                                                                                             eine kleine graue Verfärbung. Engel sah
 Seit einem Schlaganfall leidet der Krimi-Autor Howard Engel                                                                 den „kastenartigen Tintenfleck“ und ver-
an einer seltsamen Störung: Er kann nicht mehr lesen. Trotzdem                                                               stand nur ein Wort: Schlaganfall.
                                                                                                                                In der Stroke Unit erklärten ihm die
   schreibt er weiterhin Bücher. Seine Zunge hilft ihm dabei.                                                                Neurologen, warum die Lettern EMER-
                                                                                                                             GENCY ROOM an der Tür für ihn nichts
                                                                                                                             als sinnlose Striche waren: Der fehlende
                                                                                                                             Blutfluss hatte Millionen Nervenzellen in
                                                                                                                             Engels Gehirn lahmgelegt, die für das
                                                                                                                             Erkennen von Buchstaben wichtig sind.
                                                                                                                             Neurologen nennen es Alexie ohne Agra-
                                                                                                                             phie und meinen damit, dass Engel zwar
                                                                                                                             noch schreiben, aber nicht lesen konnte:
                                                                                                                             Schriftblindheit.
                                                                                                                                Der „Tintenfleck“ hinter der Schläfe
                                                                                                                             ließ Buchstaben tanzen, vernebelte Wör-
                                                                                                                             ter – und hatte weitere unheimliche Fol-
                                                                                                                             gen: Engel vergaß Namen und Gesichter
                                                                                                                             und verirrte sich mehrmals täglich im
                                                                                                                             Krankenhaus.
                                                                                                                                „Es war ein bisschen wie bei Alice im
                                                                                                                             Wunderland“, sagt er heute. „Ich wusste
                                                                                                                             nie, wo ich landen würde, wenn ich mein
                                                                                                                             Zimmer verließ.“
                                                                                                                                Besonders verwirrend war die so-
                                                                                                                             genannte Seelenblindheit oder visuelle
                                                                                                                             Agnosie – die Unfähigkeit, Dinge sehend
                                                                                                                             zu erkennen: „Ich wusste nicht, ob ich
                                                                                                                             eine Orange, eine Grapefruit, eine Toma-
                                                                                                                             te oder einen Apfel vor mir hatte. Sie wa-
                                                                                                                             ren mir fremd wie exotische Früchte“, so
                                                                                                                             Engel. „Einen Apfel erkannte ich erst,
                                                                                                                             wenn ich an seiner Schale roch.“
                                                                                                                                Auch zu Hause, nach drei Monaten
                                                                                              NADIA MOLINARI / DER SPIEGEL




                                                                                                                             Reha, griff Engel noch daneben. Er fand
                                                                                                                             Thunfischdosen im Geschirrspüler und
                                                                                                                             Bleistiftboxen im Gefrierschrank – oder
                                                                                                                             er goss morgens Orangensaft über sein
                                                                                                                             Müsli. Gesichter, Türen und Wege wur-
                                                                                                                             den mit der Zeit vertraut, die Seelen-
Schriftblinder Schriftsteller Engel: Kyrillische Zeichen?, koreanische?                                                      blindheit ging vorbei. Das Leseproblem
                                                                                                                             aber blieb.


E
       s ist ein kühler Wintermorgen in        auf den 31. Juli 2001. Dabei schien es ein                                       Gerade dieses jedoch war für Engel das
       Toronto. Howard Engel sitzt an sei-     gewöhnlicher Morgen zu sein: Der da-                                          Schlimmste: „Ein Schriftsteller, der nicht
       nem Schreibtisch und starrt auf den     mals 70-Jährige zog sich seinen Bade-                                         lesen kann, ist wie ein Läufer mit gebro-
Bildschirm.                                    mantel an, fütterte seine Katze Alice,                                        chenem Bein“, sagt er. Wie sollte er fort-
   Vor sich sieht der 81-jährige Krimi-        kochte Kaffee. Dann holte er die Tages-                                       an schreiben, wenn er doch nicht lesen
Autor nur Linien, Kreise und Schnörkel.        zeitung von der Veranda.                                                      konnte?
Dabei ist das, was er da zu entziffern            Bilder, Spalten, Schlagzeilen: Auf den                                        Der Fall Engel offenbart, dass beim
versucht, doch sein eigenes Manuskript:        ersten Blick sah „The Globe and Mail“                                         Lesen und Schreiben verschiedene Teile
„Alles, was ich schreibe, verwandelt sich      aus wie immer. Doch Engel stutzte: Was                                        des Gehirns im Team arbeiten. Beim
in eine mir unbekannte Schrift, sobald         waren das für Zeichen? Kyrillische?, ko-                                      Schreiben wird unter anderem das mo-
ich es mir ansehe“, sagt Engel, während        reanische? Der Krimi-Autor hielt es für                                       torische Gedächtnis aktiviert. Das visu-
er mit dem Zeigefinger einzelne Buch-          einen Streich. Dann blätterte er weiter                                       elle Erkennen von Wörtern hingegen, so
staben des Textes nachzeichnet.                und wurde nervös: Kein einziger Buch-                                         fanden die französischen Neurowissen-
   Engel ist weder dement noch blind.          stabe erinnerte ihn an das Alphabet, mit                                      schaftler Stanislas Dehaene und Laurent
Verstand und Augen arbeiten gut, nur           dem er aufgewachsen war.                                                      Cohen heraus, vollzieht sich dort, wo
dass sie eben keine Buchstaben erkennen.          Zurück im Haus, griff Engel wahllos                                        auch Gesichter und Gegenstände erkannt
Seit bald elf Jahren ist das jetzt schon so.   ins Bücherregal. Die „Canadian Encyclo-                                       werden: in einer Hirnregion am unteren
   Das Übel, das Buchstaben in Stolper-        pedia“: unlesbar. Das Kochbuch über die                                       Rand des Schläfenlappens. Für das Lesen
steine verwandelte, überfiel den Schrift-      französische Küche: nur Hieroglyphen.                                         ist die linke Seite zuständig, Objekte wer-
steller im Schlaf, in der Nacht vom 30.        „Ulysses“ von James Joyce: nichts als                                         den eher rechts verarbeitet.
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Um Schrift zu entschlüsseln, zerlegt        Kopf erwacht die Erinnerung, plötzlich         sen ist sehr anstrengend“, sagt er. Für
dieses sogenannte Wortform-Areal die           vermag er den Strichen eine Bedeutung          Schmöker, die er sonst an einem Abend
Wörter in ihre Bestandteile – erst in          zu geben. Jetzt kann er die Buchstaben         gelesen habe, brauche er nun einen
Buchstaben, dann in Silben. Hat dieser         auch zu Lauten zusammenfassen, ihnen           Monat.
Teil des Gehirns eine Buchstabengruppe         Sinn geben: „L - i - f - e – Life“, sagt er       Mit einem Mal hatten Straßen wieder
identifiziert, leitet er sie an die Hör- und   lächelnd, Leben.                               Namen, und Zeitungen waren Nachrich-
Sprachzentren weiter. Das erlaubt es dem          Wie ein Grundschulkind hangelt sich         ten zu entlocken. Begeistert erzählt En-
Leser, die Wörter zu begreifen und in den      der Schriftsteller von Buchstabe zu Buch-      gel von dem Moment, da er die Mauer
Kontext einzuordnen.                           stabe, von Wort zu Wort. „Jeder einzelne       zwischen Sehen und Erkennen nieder-
   Bricht der Kontakt zum Wortform-Areal       Buchstabe erhöht das Gewicht, das ich          riss. Es sei gewesen, als erwache sein Ge-
ab oder wird es beschädigt, kommt es zur       stemmen muss“, sagt er und entziffert          hirn aus einem Dornröschenschlaf. Pures
Schriftblindheit: Buchstaben und Wörter        stockend: „Life. Around. Here. Never.          Glück, sagt er. Mittlerweile kommt er
erscheinen wie sinnentleerte Symbole.          Seems. To. Follow. A. Routine“ (Das            manchmal sogar bei den Untertiteln aus-
   Noch immer, gut zehn Jahre nach dem         Leben hier scheint nie einer Routine zu        ländischer Filme mit.
Schlaganfall, mutet es etwas hilflos an,       folgen).                                          Engel ist ein mit Literaturpreisen ge-
wenn Engel mit dem Zeigefinger um                 Einmal, als er sich gerade durch einen      ehrter Schriftsteller. Einige seiner Bücher
seine haselnussbraunen Augen fährt, als        Sherlock-Holmes-Band kämpfte, bemerk-          wurden in über zwölf Sprachen übersetzt,
male er sich eine Brille ins Gesicht, und      te Engel, dass seine Zunge angefangen          zwei wurden verfilmt. Auf seinem Kla-
sagt: „Hier ist nichts kaputt. Es ist das      hatte, sich zu bewegen. Auf der Rückseite      vier steht eine Bronzebüste von James
Gehirn, das nicht richtig funktioniert.“       seiner Schneidezähne verfolgte sie die         Joyce, auf dem Schemel stapeln sich No-
   Fast scheint es Engel wie ein Vorteil,      Umrisse der Buchstaben – und unverse-          ten von Bach. Und überall liegen Bücher:
dass er schon vor dem Schlaganfall ge-         hens flossen die Wörter schneller.
wohnt war, gehandicapt zu sein: Seiner            Zeigefinger und Zunge entlocken den            Für Lese- und Sprachverarbeitung ist überwiegend
linken Hand fehlen von Geburt an die           Buchstaben ihren Sinn, der sich durch die      die linke Hirnhälfte zuständig. Das visuelle Wortform-
Finger. Dass er Buchseiten mit dem             Augen nicht mehr erschließt.                   areal, das bei Howard Engel durch den Schlaganfall
Handrücken umblättern und Texte ein-              Zwar ist richtiger Lesefluss so nicht       zerstört wurde, wertet zunächst die bildlichen Merk-
händig tippen musste, hatte ihn nie daran      möglich. Eher ist es, als reihe Engel          male der Zeichen aus. Noch unbewusst erkennt der
hindern können zu schreiben. Warum             in seinem Gehirn Buchstabe für                                                   Leser eine Abfolge
also sollte ihn nun die Schriftblindheit       Buchstabe wie Bücher in einem                                                           bestimmter
                                                                                                                                         Buchstaben.
davon abhalten zu lesen?                       Regal aneinander. „Das Le-
   Aber es war harte Arbeit, sich die
Schrift zurückzuerobern. Den Weg dort-
hin hatte Engel bald begriffen: Weil seine         Bestimmte Areale der
Augen die Wörter nicht erkennen konn-          Großhirnrinde verknüpfen                                                               primärer
ten, musste er es mit den Fingern versu-       nun die visuell erkannten                                                              visueller
chen. Anhand einer Grußkarte führt er es       Silben und Wörter mit den                                                              Cortex
vor: Dicht über das Papier gebeugt, folgt      entsprechenden Sprach-
der Krimi-Autor mit dem Zeigefinger dem        lauten. Der Text wird ge-
Schriftzug. Buchstabe für Buchstabe zieht      danklich mitgesprochen.
                                                                                                                                Kleinhirn
er die Linien nach: „L“, „i“, „f“, „e“.
   Die Bewegung setzt Engels motori-
sches Gedächtnis in Gang – und in seinem           Weitere Regionen
                                               im Frontal- und Schlä-
                                               fenlappen erschließen
Denksport Lektüre                              den Wortsinn, oder sie
                                               registrieren unverständ-
Was im Hirn beim Lesen geschieht               liche Ausdrücke.


                    Das Auge bewegt sich in winzigen, vom Kleinhirn
                 gesteuerten Sprüngen über die Zeilen. Durch den
                     Sehnerv gelangen so jeweils bis zu 20 Buchstaben                                             Über die lexikalische Wort-
                             umfassende Informationspakete ins Hirn.                                          bedeutung hinaus erfährt das
                                  Sie gelangen wie jede bildliche                                             Gelesene schließlich im Hippo-
                                     Wahrnehmung zunächst zum                                                 campus und in der Amygdala
                                        primären visuellen Cortex.                                            eine Ankopplung an Gedächt-
                                                                                                              nisinhalte und eine emotionale
                                                                                                              Färbung.




                                                      D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                 125
Wissenschaft

Hemingway, Homer, Proust und Poe be-                                                                                            Auf diese Weise liest Engel seine Texte
gleiteten ihn durchs Leben. Früher war                                                                                       Korrektur. Wenn ein Satz holprig klingt,
er viel unterwegs, flog für Lesungen um                                                                                      markiert er ihn mit eckigen Klammern.
die halbe Welt.                                                                                                              Wiederholt sich ein Gedanke, setzt er ei-
   Jetzt kennen ihn die Nachbarn als den                                                                                     nen Strich mit zwei Punkten neben die
Mann, der nicht mehr lesen kann; der                                                                                         Textstelle, ähnlich dem Wiederholungs-
Radio hört, statt sich die Zeitung zu                                                                                        zeichen der Notenlehre.




                                                                                            NICOLAS TAVERNIER / REA / LAIF
kaufen. Und der Wirt in seinem Stamm-                                                                                           Möchte Engel einen Satz dann umfor-
café Dooney’s spottet: Wenn Engel über                                                                                       mulieren, orientiert er sich mit Hilfe von
einem Artikel brüte, dann kriege kein                                                                                        Seitenzahlen, Absätzen, kursiv gedruck-
anderer mehr die Zeitung. Mit einer                                                                                          ten Wörtern und Anführungszeichen im
Seite sei der ja eine ganze Woche be-                                                                                        Text. Nur so kann er schnell die richtige
schäftigt.                                                                                                                   Stelle finden, ohne die ganze Seite lesen
   Niemand bemerkt, wie kränkend sol-          Hirnforscher Dehaene                                                          zu müssen.
che Scherze für Engel sind. Kaum einer         Kontaktstörung im Wortform-Areal                                                 Engel wischt sich mit dem Handrücken
kommt auf die Idee, dass sich Unsicher-                                                                                      über die Augen, wärmt sich die Hand
heit und Scham hinter seinem Lächeln           unterbrochen wird. Dann muss sich Engel                                       dann an der Kaffeetasse. Er sieht müde
verstecken und dass ihm der Schweiß den        das, was er soeben notiert hat, langsam                                       aus. Zurzeit schreibt er täglich bis zu
Rücken hinabläuft.                             wieder zurückerobern, in Bröckchen – so                                       sechs Stunden am 13. Roman seiner
   Das Schreiben dagegen bereitet Engel        als blickte er durch ein Schlüsselloch auf                                    Krimi-Reihe über Detektiv Benny Coo-
keine Mühe. Er schreibt viel, fast beiläu-     sein eigenes Manuskript. Und oft er-                                          perman – das vierte Buch seit seinem
fig. Überall im Haus liegt Schmierpapier       schließt sich ihm dabei der Zusammen-                                         Schlaganfall.
herum. Er kritzelt auf Briefumschläge,         hang nicht.                                                                      Seit über 30 Jahren schickt Engel sei-
Kassenzettel, herumliegende Zeitungen             Deshalb kommt mehrmals pro Woche                                           nen Helden Cooperman auf Verbrecher-
und in sein „Memory Book“ – ein lila           sein alter Freund Grif Cunningham vor-                                        jagd. Bei seinem neuesten Abenteuer
Buch, in dem er Gedanken festhält. Es          bei. Die beiden sitzen dann im ersten                                         findet der Geheimagent ein altes, vom
dient ihm als Tagebuch und Terminpla-          Stock zwischen Engels Büchern, Skizzen                                        Wetter verwaschenes Manuskript, das er
ner, erinnert ihn an Gesprächspartner          und Notizen. Es riecht nach alten Mö-                                         entschlüsseln muss. Doch das Papier ist
und Ideen. „Up“ steht auf dem Buch-            beln und frisch gekochtem Kaffee. Am                                          mürbe, fällt auseinander. Cooperman
deckel – damit er es stets richtig herum       Boden liegen schwere Teppiche, an jeder                                       kann es kaum entziffern.
liest.                                         freien Wand stapeln sich Bücher im Re-                                           An seinen Fingern kleben einzelne
   Schwierig ist das Schreiben erst, wenn      gal. Und Cunningham liest und liest und                                       Buchstaben.
der Schriftsteller in der Mitte eines Satzes   liest.                                                                                                 NADINE PONIEWASS
Technik

                                                                                                                     Neues Elektrofahrzeug „Twizy“
                                                                                                                     Verzichtmobil als Trendgefährt?

                                                                                                                      sprechen, werde der Konzern über eine
                                                                                                                      halbe Million solcher Fahrzeuge produ-
                                                                                                                      zieren können.
                                                                                                                         Der Finanzfachmann definierte dieses
                                                                                                                      Ziel offenbar in Unkenntnis der naturwis-
                                                                                                                      senschaftlichen Rahmenbedingungen sei-
                                                                                                                      nes Vorhabens. Die Elektromobile, die
                                                                                                                      Renault und Nissan inzwischen auf den
                                                                                                                      Markt gebracht haben, sind batteriebe-
                                                                                                                      wehrte Standardautos, die trotz teurer
                                                                                                                      und schwerer Akkus nur bescheidene
                                                                                                                      Reichweiten erzielen und obendrein der-
                                                                                                                      art viel Strom fressen, dass auch der Öko-
                                                                                                                      segen ausbleibt.
                                                                                                                         Ghosn hielt es für unnötig, auf dem
                                                                                                                      Weg über die Hybridtechnik den Elektro-
                                                                                                                      antrieb gründlich verstehen zu lernen.




                                                                                             SEBASTIEN FEVAL / AFP
                                                                                                                      Nun hat er Produkte wie den Nissan Leaf
                                                                                                                      im Angebot, die zum Preis reisetauglicher
                                                                                                                      Mittelklassewagen den Aktionsradius der
                                                                                                                      städtischen U-Bahn bedienen.
                                                                                                                         Das Stadtmobil Twizy dagegen illu-
                                                                                                                      striert bescheidener und glaubwürdiger,
                                                  Das Renault-Management bezeichnet                                   wozu der Elektroantrieb bei heutigem
            AU TOM O B I L E                   Twizy als „völlig neues Fahrzeugkon-                                   Entwicklungsstand sinnvollerweise taugt.
                                               zept“; die Zulassungsbehörden ordnen                                   Es fährt 60 bis 100 Kilometer weit, was

       Zwitter des                             den Wagen in der Fahrzeuggattung
                                               „Quad“ ein, einer Mischform aus Auto
                                               und Motorrad, in der auch diverse Spaß-
                                                                                                                      für ein solches Spaßmobil durchaus aus-
                                                                                                                      reichend ist. Dafür genügt ein Lithium-
                                                                                                                      Akku mit gut sechs Kilowattstunden La-

        Zeitgeists                             traktoren amtlich beheimatet sind. Die
                                               Einstufung in diese Fahrzeuggattung er-
                                               spart es dem Hersteller, jegliche Form
                                                                                                                      dekapazität.
                                                                                                                         Die schweren, aus konventionellen Au-
                                                                                                                      tos abgeleiteten E-Mobile verbrauchen
  Mit dem spartanischen Strom-                 von Crash-Sicherheit nachzuweisen. Re-                                 mehr als das Doppelte an Strom und hän-
    Mobil „Twizy“ präsentiert                  nault stattete den Twizy immerhin frei-                                gen beim Nachtanken acht Stunden lang
  Renault das bislang drolligste               willig mit Airbag und Gurten aus und                                   an einer Ladestation, die zudem über
                                               verweist auf eine Rohrrahmen-Struktur,                                 eine robuste Sicherung verfügen muss.
       Resultat einer toll-                    welche die Insassen „nach Art eines                                    Dem Twizy genügen dreieinhalb Stun-
  kühnen Elektroauto-Strategie.                Sturzhelms“ abschirmen soll.                                           den, auch an einer üblichen Steckdose.
                                                  Anders als andere Quads hat der Wa-                                 Er ist entsprechend eine weit geringere


D
         ie Idee des maximal reduzierten       gen ein Dach und auf Wunsch auch Türen,                                Belastung für das Netz.
        Automobils führte in den neunzi-       wenngleich ohne Seitenfenster. Vollstän-                                  So ernüchternd es auch sein mag: Rein
        ger Jahren zur Erschaffung des         diger Witterungsschutz mit Heizung und                                 physikalisch ist der Elektro-Kabinenroller
Smart. Der kugelige Zweisitzer des Daim-       Lüftung, erklären die Konstrukteure, hät-                              das überzeugendere Konzept, verglichen
ler-Konzerns gilt seither als das Stadtauto    te zu viel Aufwand bedeutet und die Kos-                               etwa mit einem Strom-Sportler vom Typ
schlechthin.                                   ten gesprengt. Twizy soll ein zeitgeistrei-                            Tesla. Renault muss nun der Kunstgriff
   Dass es noch um einiges kleiner geht,       cher Zwitter aus Auto und Motorroller                                  gelingen, das Verzichtmobil als elitäres
stellt nun der französische Hersteller Re-     sein, wobei vorerst offenbleibt, ob er eher                            Trendgefährt in Szene zu setzen. Denn
nault unter Beweis. In diesem Frühjahr         die Vor- oder die Nachteile beider Fahr-                               auch dieses Elektrofahrzeug ist, gemessen
wird er ein Großstadtgefährt in den Han-       zeugtypen vereinigt.                                                   an seiner Transportleistung, kein billiges
del bringen, das deutlich weniger Ver-            Unabhängig von seinem Nutzwert                                      Produkt.
kehrsfläche in Anspruch nimmt. Auf             taugt das Gefährt jedenfalls als Gradmes-                                 Im Grundpreis von 7690 Euro für die
einem Standard-Parkplatz sollen drei da-       ser für die Chancen und Grenzen der                                    80-km/h-Version sind weder die halbho-
von quer zur Fahrtrichtung abgestellt wer-     Elektromobilität – einer Antriebsform,                                 hen Türen noch die Batterie inbegriffen.
den können.                                    welcher sich der Firmenverbund aus Re-                                 Renault wird den Akku wie bei anderen
   Der Wagen heißt „Twizy“, hat auch           nault und Nissan kategorisch verschrie-                                Modellen vermieten, je nach Vertrag zu
zwei Sitze, allerdings hintereinander, frei-   ben hat wie kein anderer Automobilpro-                                 Monatsraten zwischen 50 und 72 Euro.
stehende Räder wie manche Kabinenrol-          duzent.                                                                   Auf ein zehnjähriges Autoleben hoch-
ler der Nachkriegsjahre, und er könnte            Konzernchef Carlos Ghosn, einst als                                 gerechnet kostet der Twizy damit mehr
der Phantasie eines Comic-Zeichners ent-       Nissan-Sanierer zur Lichtgestalt aufge-                                als manch vollwertiger Kleinwagen.
sprungen sein.                                 stiegen, hat den baldigen Durchbruch des                                                              CHRISTIAN WÜST
   Twizy fährt rein elektrisch. Es gibt eine   Stromantriebs in die Großserienproduk-
starke Version mit 13 Kilowatt, die 80         tion zur Schicksalsfrage gemacht. Mit                                                Video: Christian Wüst fährt
km/h erreicht und einen Autoführer-            einem Entwicklungsbudget von vier Mil-                                               Renaults neues Elektromobil
schein erfordert, sowie eine auf 45 km/h       liarden Euro will er Renault und Nissan                                              Für Smartphone-Benutzer:
begrenzte, die schon 16-Jährige mit ent-       zu führenden Anbietern von Elektroau-                                                Bildcode scannen, etwa mit
sprechender Lizenz fahren dürfen.              tos machen. Im Jahr 2015, so sein Ver-                                               der App „Scanlife“.

                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                     127
Wissenschaft

                                                         Selbst auf der hoch aufragenden Fel- dass keine Berichte über Tote vorliegen.
        N AT U R K ATA S T R O P H E N               seninsel Helgoland sorgte die aus dem „Das grenzt an ein Wunder“, sagt Newig.
                                                     Nichts auftauchende Welle für Panik. Erklären lässt sich das dadurch, dass die

 Kochendes Meer                                      „Daß die im Wasser stehenden Frauen Einheimischen großen Respekt vor der Ur-
                                                     ein jämmerliches Geschrei ausstießen, gewalt des Meeres hatten. Niemand baute
                                                     wird wohl jeder begreifen“, schrieb die sein Haus früher in Strandnähe. Und als

  vor Helgoland                                      „Staats und Gelehrte Zeitung des Ham- die Welle auftauchte, funktionierten die
                                                     burgischen unpartheiischen Correspon- sturmfluterprobten Fluchtreflexe. „Wenn
                                                     denten“. „Wundersam war es, daß diese ein Tsunami auf den Strand trifft, ist er
   Geokundler warnen vor einer                       ängstliche Scene sich bei dem schönsten meist nur noch um die 20 Stundenkilo-
    unterschätzten Gefahr: Auch                      Wetter zutrug und daß trotz der schein- meter schnell“, sagt Kelletat. „Wer beim
  an der deutschen Nordseeküste                      baren Ruhe das Wasser rund um die Insel Herannahen der Wasserwand davonläuft,
                                                     zu kochen schien.“                                                   hat reelle Chancen, ihr zu entkommen.“
    können Tsunamis auftreten.                           Auf die unheimliche Naturkatastrophe                                  Weit Schlimmeres wäre seinerzeit pas-
                                                     ist der Kieler Geografieprofessor Jürgen siert, wenn sich Badegäste am Strand ge-


S
      till ruhte das Meer. Kaum ein Lüft- Newig gestoßen. Zusammen mit seinem sonnt hätten. Aber der Tourismus steckte
      chen regte sich an jenem warmen Essener Kollegen Dieter Kelletat hat er noch in den Anfängen. Nur in den Hoch-
      Sommertag auf Sylt. Ohne Hast die erstaunlich präzisen Augenzeugen- sommermonaten Juli und August kamen
kehrten die Fischer vom Fang zurück.                 berichte im „Journal of Coastal Research“ vereinzelt Urlauber auf die Inseln.
  Kurz vor fünf Uhr nachmittags war es ausgewertet. Nach Überzeugung der Ge-                                                   Newig und Kelletat haben bereits ver-
mit der Ruhe vorbei. Die Männer hatten lehrten lassen die Beschreibungen nur sucht, den Ursprung des Tsunamis aus-
gerade ihre Boote vertäut, als sich am einen Schluss zu: „Unsere Vorfahren wur- findig zu machen. Wie ihre Recherchen
Horizont eine Wand aus Wasser auf- den von einem Tsunami heimgesucht“, ergaben, wütete die Riesenwelle nicht nur
türmte.                                              sagt Newig. „So etwas kann jederzeit wie- an der deutschen Küste. Berichte von
  „Haushoch“, so schilderte es einer von der passieren.“                                                                  dem ungewöhnlichen Naturereignis lie-
ihnen, rollte die Welle „brausend dem                    Eine Sensation – denn bislang galten gen auch aus Frankreich, England und
Strande zu“. Die Fischer rannten um ihr diese Brecher als Naturphänomene, die den Niederlanden vor. Am heftigsten
Leben, retteten sich in die Dünen. Als sie nur am anderen Ende der Welt vorkom- jedoch krachte der Tsunami gegen die
zurückschauten, sahen sie noch, „wie dies men. Nach der klassischen Lehrmeinung dänische Küste (siehe Grafik).
Ungeheuer mit tobender Gewalt am bleiben die heimischen Badestrände da-                                                        Aus der zeitlichen Abfolge lässt sich
Strande überbrach und unser Boot hart von verschont. In der flachen Nordsee, rekonstruieren, dass der Tsunami süd-
an die Dünenkante schleuderte“.                      so die Begründung, würden sich die Rie- westlich im Atlantik entstanden sein
  Ähnliche Dramen spielten sich am 5. senwellen rasch totlaufen.                                                          muss. Was die Welle ausgelöst hat, wissen
Juni 1858 an der ganzen Nordseeküste                    „Das ist ein Irrtum“, sagt nun Geowis- die Forscher allerdings noch nicht. „Für
ab. Auf der Ostfriesischen Insel Wanger- senschaftler Kelletat. „Schon seit der dieses Datum ist weder ein Seebeben
ooge riss die Riesenwelle Kinder mit sich, Jahrhundertkatastrophe 2004 in Südost- noch gar ein Meteoriteneinschlag ver-
die am Strand spielten. „Ein großes Glück asien wissen wir, dass Tsunamis auch in zeichnet“, erläutert Newig. Für die wahr-
von Gott ist es, daß man ihnen gleich hat flachen Gewässern verheerende Wirkun- scheinlichste Ursache halten die Forscher
zu Hülfe kommen können“, meldete die gen haben können.“                                                                   einen unterseeischen Hangabrutsch, bei
„Weser-Zeitung“, „sonst wären sie unfehl-                Unfassbar an dem historischen Nord- dem mehrere Kubikkilometer Gestein auf
bar verloren gewesen.“                               see-Tsunami erscheint aus heutiger Sicht, den Meeresgrund stürzten. Beispielsweise
                                                                                                                                 könnte unbemerkt ein Teil einer Ka-
                                                                     Wellen- 6 m 16 Uhr Ringkøbing-Fjord                         narischen Insel abgebrochen sein.
        Der Nordsee-Tsunami                                          höhe             „Die See stand in den                         Die beiden Forscher gehen davon
        am 5. Juni 1858                                                               Dünen ... . Das Wasser                     aus, dass in früheren Jahrhunderten
                                                                                      stieg auf 20 Fuß.“                         immer wieder Tsunamis gegen die
                                                                                                                                 Nordseeküste brandeten. Doch
                            Schottland                                                                                           wenn es überhaupt Aufzeichnungen
                                                            3 Nachmittags trifft sie
                                                           von Schottland kommend                                                darüber gebe, seien die Riesenwel-
                                                           auf die dänische und                                                  len vermutlich mit gewöhnlichen
                                                                                             see
                                    2 Vormittags
                                                           deutsche Küste.
                                                                                       N ord                                     Sturmfluten verwechselt worden.
                                   erreicht die Welle                    12 Uhr
                                                                                                                                 Kelletat: „Das Risiko von Tsunamis
                                   den Ärmelkanal                        Katwijk                                                 an der Nordseeküste ist größer als
                                   und wird abgebremst.                                    17 Uhr Sylt                           bislang gedacht – die Riesenwellen
                                                                                                                                 bedrohen eine Region, die jedes
                                                                 9 Uhr                     „Es sah aus, als hätten
                                                                                    4m sich Himmel und Wasser                    Jahr von Millionen Touristen be-
                                                                 Calais
                                                                                           zu einer gewaltigen                   sucht wird.“
            Atlantik                            nach                                                                                Eine düstere Ahnung hatte schon
                                                6.30 Uhr*                                  Mauer vereint.“
                                                Le Havre                                                                         1858 der Landvogt Johann Meyer,
                                                                                                                                 der auf Wangerooge miterlebte, wie
         1 Der Tsunami                                                                                                           sich die Welle mit „donnerähnli-
        wird irgendwo im                                  8.30 Uhr Boulogne-sur-Mer                                              chem Getöse“ näherte. „Ich kann
        Atlantik ausgelöst.                               „Die Flut zog sich plötzlich zurück                                    dieses Ereigniß nicht anders aus-
                                                          und leerte den Hafen, kehrte aber                                      legen“, notierte Meyer, „als daß in
                                                   2,4 m
 200 km                                                   innerhalb von fünf Minuten mit
                                                          großer Macht zurück.“                                                  ferneren Gegenden ein Erdbeben
                                                                                                                                 stattgefunden haben muß, was die
                                                                                                                                 furchtbare Erschütterung im Wasser
                                                                          * jeweils Beobachterzeit; Quelle: Newig und Kelletat
                                                                                                                                 verursacht hat.“
                                                                                                                                                     OLAF STAMPF

128                                                            D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Szene                                                                                                                                                                      Sport
                                                                     EM 2012


                                                    Überteuerte Hotels




                                                                                                                                                                                                  ALEKSEY FURMAN / PICTURE ALLIANCE / DPA
                                                                                                                                                                            EM-Stadion in Kiew


  Gute und günstige Zimmer im EM-Ausrichterland Ukraine künften wie dem „Victoria“ haben sich die Zimmerpreise auf
  sind für Fußballfans seit Monaten nur schwer zu bekommen. bis zu 300 Euro pro Nacht fast verdreifacht. Auch in der
  Kurz vor Beginn des Turniers verschärft sich die Situation Hauptstadt Kiew hat TUI massive Probleme mit Vertrags-
  um bezahlbare Unterkünfte sogar noch: Zahlreiche ukraini- hotels. Vor wenigen Wochen stürmten Maskierte die Lobby
  sche Hotelbetreiber steigen aus ihren Verträgen mit dem Reise- der 400-Betten-Herberge „Slawutitsch“ und brachten sie unter
  veranstalter TUI aus. Der deutsche Konzern hatte als Gene- Kontrolle der „Luschnikow“-Bande, einer berüchtigten Mafia-
  ralbeauftragter der Europäischen Fußball-Union (Uefa) rund Gruppe. Seither haben sich dort die Zimmerpreise verdoppelt.
  14 000 Zimmer in der Ukraine angemietet. Nach Angaben Auf der Homepage des Hotels stand noch Mitte der Woche:
  von Kiewer TUI-Mitarbeitern wollen viele Hotels nun „hö- „Wir sind gekapert.“ Der deutsche Reisekonzern schreckt
  here Preise durchsetzen“. Allein in Charkow, wo die Mann- wohl wegen der unsicheren Rechtslage in der Ukraine vor
  schaft der Niederlande sämtliche Gruppenspiele bestreiten Prozessen gegen abtrünnige Vertragshotels zurück. Auf An-
  wird, darunter auch die Partie gegen Deutschland am 13. Juni, frage bestätigen Uefa und TUI die Vorgänge, sprechen aber
  kündigten elf Häuser ihre Abkommen mit TUI auf. In Unter- nur „von einer kleinen Zahl“ problematischer Hotels.




                                                     Eisenbeis: Das Image des hübschen            wurde die Optik wichtiger. Victoria
                  FUSSBALL
                                                     Dummchens trifft nicht zu. Barbara           Beckham oder Sylvie van der Vaart
                                                     Megert war mit dem Schweizer Natio-          sind Stilikonen, die selber Karriere ge-
     „Mädchen reizt                                  nalspieler Blerim Džemaili zusammen,         macht haben.

   die Aufstiegschance“                              auf den ersten Blick bedient sie alle
                                                     Klischees: Sie nahm an Miss-Wahlen
                                                     teil und tritt als Losfee
                                                                                                  SPIEGEL: Streben deshalb viele Mäd-
                                                                                                  chen ein Leben als Spielerfrau an?
                                                                                                                  Eisenbeis: Es gibt Frau-
                           Sportwissenschaftlerin    im Fernsehen auf. Aber                                       en, die über ihre Bezie-
                           und Buchautorin Chris-    Megert ist auch Juristin,                                    hung mit einem Profi
                           tine Eisenbeis, 32,       arbeitet für eine große                                      populär wurden. Co-
             ZELLER LENK




                           über das Phänomen         Schweizer Bank.                                              leen Rooney bekam
                                                                                                                 CLAUS CREMER / PRESSEFOTO ULMER / PICTURE ALLIANCE / DPA




                           der Spielerfrauen         SPIEGEL: Wie hat sich                                        eine Fernsehshow und
                                                     der Typus der Spieler-                                       einen Werbevertrag
SPIEGEL: Sie haben sich für Ihr Buch                 frau entwickelt?                                             mit Nike. Sarah Brand-
mit Biografien von Frauen beschäftigt,               Eisenbeis: Gaby Schus-                                       ner ist Model, in den
die mit Fußballstars liiert sind. Sie sa-            ter oder Bianca Illgner                                      Medien ist sie aber,
gen, es gebe keine Frauengruppe mit                  haben das Image des                                          weil sie mit Bastian
schlechterem Image. Warum?                           Anhängsels aufgebro-                                         Schweinsteiger liiert ist.
Eisenbeis: Spielerfrauen werden in der               chen und in den achtzi-                                      Mädchen reizt die Auf-
Öffentlichkeit belächelt. Sie gelten nur             ger und neunziger Jah-                                       stiegschance, doch
als Beiwerk der Profis und werden auf                ren Verträge für ihre                                        Spielerfrauen können
ihr Leben im goldenen Käfig reduziert.               Männer ausgehandelt.                                         sich schwerer selbst
SPIEGEL: Sie haben Interviews mit 14                 Sie waren der Typ Spie-                                      verwirklichen, die Kar-
Partnerinnen von Profis geführt. Wie                 lerberater. Mit steigen-                                     riere der Fußballer
lautet Ihr Fazit?                                    dem Medieninteresse       Paar Brandner, Schweinsteiger      geht immer vor.
                                                          D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                                             129
Sport


                                    SPI EGEL-GESPRÄCH




           „Eine Explosion im Kopf“
       Der Torero Juan José Padilla, 38, über seine schwere Verletzung bei einem
                      Stierkampf, die Überwindung der Angst in
            der Arena und die Kritik von Tierschützern an seinem Gewerbe




                                                                                   MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL




 Stierkämpfer Padilla


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D
         em Tier hängt die geschwollene Padilla: Ach, so haben Sie das gemeint. SPIEGEL: Als ein Stier Sie am 7. Oktober
         Zunge aus dem Maul, Speichel Doch, natürlich, wenn ich meinen Beruf in Saragossa fast umgebracht hat, war
         rinnt in den Sand, sein blutüber- ausübe, habe ich immer Angst. Im Ring es windstill, der Kampf fand in einer
strömter Rücken glänzt rot, das Tier begleitet mich die Angst wie mein Schat- überdachten Arena statt. Können Sie
steht still im Ring, es atmet schwer, sein ten. Das hat aber nichts mit meinem Un- sich noch erinnern, was genau passiert
Herz pumpt rasend. Ihm gegenüber war- fall zu tun, das war vorher auch schon so. ist?
tet Juan José Padilla, ein schmächtiger Jeder Torero hat Angst.                                 Padilla: Ich war zu der Zeit sehr sicher auf
Mann von 38 Jahren, er trägt eine Lei- SPIEGEL: Wovor?                                          dem Platz, ich hatte bis dahin eine gute
nenhose mit Nadelstreifen, weißes Padilla: In erster Linie vor dem Publikum. Saison hinter mir, es gab einige kritische
Hemd, braune Lederschuhe. Und eine Es erwartet in den Bewegungen Voll- Situationen, die ich aber immer gemeis-
schwarze Augenklappe. In den Händen endung von mir. Ich fühle mich verpflich- tert habe. Vielleicht habe ich mich des-
hält er einen silbernen Degen und ein tet, den Zuschauern einen guten Kampf halb an dem Tag zu sicher gefühlt. Zu
rotes Tuch, die Muleta. Das Tier scharrt zu bieten, ich habe die Verantwortung, überlegen. Wie ich schon sagte: Man soll-
mit den Hufen, dann greift es an. Das sie zu unterhalten. Aber ich darf auch te vor dem Stier immer Respekt haben.
Duell findet auf der Finca los Alburejos nicht den Fehler machen, den Stier zu un- Der Stier kommt, um dich zu fassen. Da-
statt, die in der Nähe von                                                                                    für ist er da. Das ist seine
Medina-Sidonia liegt, in An-                                                                                  Natur.
dalusien. Juan José Padilla,                                                                                  SPIEGEL: War der Stier ag-
der Torero, macht ein paar                                                                                    gressiver, als Sie es erwartet
routinierte Schwenks, er di-                                                                                  haben?
rigiert das Tier wie eine Ma-                                                                                 Padilla: Es war der zweite
rionette. Padilla trainiert an                                                                                Stierkampf für mich an dem
diesem Nachmittag mit                                                                                         Tag. Der Stier, den man mir
zweijährigen Kühen; er will                                                                                   zugelost hatte, hieß Mar-
herausfinden, ob sie mutig,                                                                                   qués. Er wog knapp 600 Ki-
kräftig und ausdauernd sind,                                                                                  logramm, hatte schwarzes
er testet, ob sie für die Zucht                                                                               Fell und war eigentlich ziem-
von Kampfstieren taugen.                                                                                      lich zurückhaltend. Kein lei-
   Anfang Oktober rammte                                                                                      denschaftlicher Angreifer.
ein Bulle sein Horn in Padillas                                                                               Das machte den Auftritt
Kiefer und stach ihm das lin-                                                                                 kompliziert. Ich konnte Mar-
ke Auge aus. Der Torero über-                                                                                 qués schwer einschätzen, er
lebte nur knapp. Fünf Monate                                                                                  hat sich unberechenbar be-
später schon gab er sein                                                                                      wegt. Ich habe nicht viel ris-
Comeback, und diejenigen,                                                                                     kiert, hatte den Stier aber
die Stierkampf für ein schüt-                                                                                 im Griff, der Kampf lief gut.
zenswertes Kulturerbe Spa-                                                                                    SPIEGEL: Und dann haben Sie
niens halten, verehren Padilla                                                                                einen Fehler gemacht?
seitdem als lebende Legende.                                                                                  Padilla: Nein, es war einfach
   Sein Großvater war Torero,                                                                                 Pech. Ich hatte schon vier
sein Vater war Torero. „Du                                                                                    Banderillas gepflanzt, die
kannst vom Auto überfahren                                                                                    mit buntem Tand verzierten
werden, du kannst mit dem                                                                                     Stöcke haben Widerhaken,
Flugzeug abstürzen. Mich hat                                                                                  sie steckten in der linken
der Stier umgerannt“, sagt Pa-                                                                                Schulter des Stiers. Ich woll-
dilla. „Ich denke selten an die                                                                               te das dritte Paar Banderillas
Katastrophe.“ Sein linker                                                                                     setzen, in die rechte Schul-
                                                                                                           JESUS DIGES / DPA




Mundwinkel hängt, die ganze                                                                                   ter dieses Mal, aber der Stier
linke Gesichtshälfte sieht aus,                                                                               schnitt mir immer den Weg
als schliefe sie. Er erinnert an                                                                              ab. Ich war kurz davor ab-
einen gefühlsarmen Poker-                                                                                     zubrechen, aber mein Stolz
spieler, er redet langsam und Torero Padilla im Juli 2010 in Pamplona: „Am Ende steht der Tod“                hat mich verleitet, es doch
nuschelt dabei, weil die Zun-                                                                                 zu versuchen.
ge noch nicht alles so macht, wie sie soll. terschätzen. Sonst wäre ich dumm. Ich SPIEGEL: Also haben Sie doch einen Fehler
„Die Augenklappe – ich finde, sie steht mir.“ kann mich noch so gut auf eine Corrida gemacht.
                                                    vorbereiten, ich weiß nie, was im Ring Padilla: Nein, habe ich nicht. Als ich das
SPIEGEL: Señor Padilla, sind Sie ein ängst- passieren wird. Ich weiß nicht, wie der dritte Paar Banderillas gesetzt hatte und
licher Mann?                                        Stier reagiert, ob er mir die Möglichkeit zurückwich, hat der Stier mich umge-
Padilla: Nein. Bin ich nicht.                       bietet, meine Künste zu präsentieren. Viel- stoßen. Ich fiel, er rammte mir sein Horn
SPIEGEL: Ostersonntag beginnt in Sevilla die leicht ist er zu stur dafür. Und dann ist da unterhalb des linken Ohrs in den Kopf.
Feria Taurina de Abril, sie gehört zu den noch der Wind, der mir Angst macht. Er Das Horn trat aus der Augenhöhle wie-
bekanntesten Stierkampf-Spielen der Welt. ist der größte Feind eines Toreros.                   der heraus. Die linke Gesichtshälfte war
Dort treten Sie vor 18 000 Menschen auf, SPIEGEL: Warum das?                                    zerfetzt. Es war ein massiver Einschlag.
obwohl Sie vor sechs Monaten bei einer Padilla: Weil der Wind dich überraschen Als ob eine Handgranate unterhalb
Corrida fast von einem Stier getötet wor- kann. Es ist möglich, dass eine Böe plötz- meines Mundes in die Luft geflogen
den wären. Und Sie haben keine Angst?               lich die Muleta hebt und dir die Deckung wäre. Aber es war ein Unfall, so etwas
                                                    nimmt. Dann stehst du auf einmal passiert.
Das Gespräch führten die Redakteure Cathrin Gilbert schutzlos vor dem Stier. Das ist nicht so SPIEGEL: Sie sagen das so dahin. Es ist ein
und Maik Großekathöfer in Medina-Sidonia.           schön.                                      Wunder, dass Sie noch leben.
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Sport

Padilla: Ich weiß. Der Stier hat mit dem
Horn meinen Kiefer und das Jochbein
zerschlagen, er hat die Haut entlang dem
Unterkiefer aufgerissen. Ich habe viel
Glück gehabt. Es hat nicht viel gefehlt,
und das Horn hätte mein Gehirn getrof-
fen. Dann säße ich jetzt nicht hier.
SPIEGEL: War Ihnen sofort klar, wie schwer
der Stier Sie getroffen hatte?
Padilla: Überall war Blut. Ich weiß noch,
wie ich mich aufrichte und mein Auge
aus dem Sand aufsammle. Ich bin damit
zur Krankenstation der Arena gegangen,
zuerst lief ich noch allein, dann haben
mich vier Leute gestützt. Zum Schluss
mussten sie mich tragen. Ich habe ge-
schrien: „Ich kann nichts sehen! Ich kann
gar nichts sehen!“ Danach fehlte mir der
Atem, weil eine meiner Halsschlagadern
beschädigt war. Ich weiß noch, wie ich
zum Arzt gesagt habe: „Ich bin jetzt in
Ihrer Hand und in der Hand Gottes.“
Dann wurde es dunkel. Zwei Tage später
                                               EFE / PHOTOSHOT




bin ich im Krankenhaus auf der Intensiv-
station aufgewacht.
SPIEGEL: Wie ging es Ihnen da?
Padilla: Ganz gut, denke ich. Ich bin noch                       Unfall in Saragossa im Oktober 2011: „Vielleicht habe ich mich zu sicher gefühlt“
am Tag des Unfalls fünf Stunden operiert
worden. Die Chirurgen haben mir Titan-                           SPIEGEL: Wie oft hat es Sie schon erwischt?    scheidet, wann meine Karriere zu Ende
platten und Gewebe eingesetzt, haben                             Padilla: Ich war 37-mal verletzt, davon        ist, sondern ich.
die Nase, den Kiefer, das Jochbein und                           7-mal schwer. Ich habe schon eine Corna-       SPIEGEL: Am Ende haben Sie Ihr Auge so-
die Augenhöhle rekonstruiert. Sie haben                          da am Bauch erlitten, der Stier hat mich       gar gern gegeben?
auch versucht, den Sehnerv zu retten. Mir                        mit dem Horn in Höhe des Magens ge-            Padilla: Logisch hat es sich gelohnt, es hat
wurden Nervenbahnen aus der Wade ins                             troffen. Einmal hat mir ein Stier das Horn     sich sehr gelohnt. Ich hätte sterben müs-
Gesicht transplantiert. Ich kann auf dem                         in den Hals gestoßen, unterhalb des Kehl-      sen, aber Gott wollte nicht, dass ich zu
linken Ohr nicht mehr hören, habe einen                          kopfes. Und einmal in den Oberschenkel,        ihm komme. Ich verneige mein Haupt
furchtbaren Tinnitus. Der Kiefer schließt                        dabei hat er die Arteria femoralis und die     vor seiner Entscheidung.
nicht gut, es fehlen ein paar Millimeter.                        Vena saphena lädiert. Verletzungen sind        SPIEGEL: Profitieren Sie von Ihrer Verlet-
Beim Essen, Trinken und Reden muss ich                           meine Medaillen. Das jetzt ist meine           zung?
mit der Hand nachhelfen. Meine Zunge                             schlimmste Cornada. Jetzt habe ich Gold.       Padilla: Ja, ja, ja. Ich bin jetzt eine beson-
ist taub, die ganze linke Gesichtshälfte                                                                        dere Attraktion. Ich kann nun gegen die
ist gelähmt und komplett gefühllos. Da                           Juan José Padilla zieht das Hemd aus der       Stiere aus den besten Zuchten kämpfen
kann ich reinkneifen und merke nichts.                           Hose und zeigt seinen nackten Oberkörper.      und starte an der Seite der berühmtesten
SPIEGEL: Wie lange waren Sie im Kranken-                         Über den Bauch verläuft eine Narbe von         Toreros, die viel weiter sind als ich. Ich
haus?                                                                                                           habe schon immer gut verdient mit dem
Padilla: Insgesamt vier Wochen. Ich habe                                                                        Stierkampf. Aber nicht so. Ich habe Ver-
18 Kilogramm abgenommen. Als ich auf                    „Ein Torero lebt mit dem                                träge für Valencia und Sevilla in Spanien
der Intensivstation zum ersten Mal mit
meiner Frau gesprochen habe, habe ich
                                                        Bewusstsein, dass er                                    und für Arles in Frankreich.
                                                                                                                SPIEGEL: Wann haben Sie zum ersten Mal
ihr gesagt, ich wolle so schnell wie                    bei jedem Kampf in jedem                                nach dem Unfall wieder trainiert?
möglich wieder kämpfen. Ich hatte ein
Engagement in Peru, in Lima. Da wollte                  Moment sterben kann.“                                   Padilla: Da war ich noch im Krankenhaus.
                                                                                                                Mit einem Freund habe ich im Zimmer
ich hin.                                                                                                        oder auf dem Flur der Station geübt: Er
SPIEGEL: Wie hat Ihre Frau reagiert?                             der Brust herunter bis unterhalb des Na-       hat den Bullen gemimt, und ich habe ihn
Padilla: Sie hat das Thema gewechselt.                           bels; unter dem rechten Rippenbogen ist        mit einem Handtuch toriert. Zum ersten
SPIEGEL: Haben Sie sich geschämt für das,                        eine Delle in der Haut, fast rund und so       Mal im Ring stand ich am 30. Dezember.
was Ihnen widerfahren ist? War es Ihnen                          groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Padilla         Aber das war eine private Corrida. Ich
peinlich, dass der Stier Sie verwundet                           trägt eine Kette, an der ein braunes Holz-     habe meine Familie, die engsten Freunde
hat?                                                             kreuz hängt. „Das ist das Auge des Tigers“,    und meine Ärzte versammelt und ihnen
Padilla: Ganz im Gegenteil. Ich war stolz                        sagt er. Niemand dürfe das Kreuz berüh-        diesen Moment gewidmet.
und empfand das Gefühl des Ruhmes.                               ren, sonst verliere es seine Wirkung. Es be-   SPIEGEL: Merken Sie bei der Corrida, dass
SPIEGEL: Ach so.                                                 schütze ihn dann nicht mehr vor dem Tod.       Ihnen ein Auge fehlt?
Padilla: Ein Torero lebt mit dem Bewusst-                                                                       Padilla: Nein. Ich kann zwar nicht richtig
sein, dass er bei jedem Kampf in jedem                           SPIEGEL: Sie haben nie daran gedacht auf-      räumlich sehen, aber es gelingt mir gut,
Moment sterben kann. Aber ein Torero                             zuhören?                                       die Tiefe einzuschätzen. Ich habe auch
ist ein Mensch mit einem unbezwingba-                            Padilla: Wo denken Sie hin? Ich habe jetzt     die Selbstsicherheit gegenüber dem Stier
ren Willen. Er wünscht sich keine Verlet-                        die Möglichkeit zu beweisen, dass ich mit      wiedererlangt. Ich bin in der Lage, ihn
zung, aber er ist stolz darauf, eine Verlet-                     einem Auge besser mit dem Stier tanzen         zu beherrschen. Wenn das nicht so wäre,
zung zu überstehen.                                              kann als mit beiden. Nicht der Stier ent-      würde ich nicht in die Arena gehen.
132                                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Prozent bio. Der Stier genießt ein Leben,
                                                                                                                        von dem jedes Huhn, jede Schlachtkuh nur
                                                                                                                        träumen kann. Teil unserer Kultur ist es,
                                                                                                                        dass am Ende dieses Lebens der Tod im
                                                                                                                        Ring steht.
                                                                                                                        SPIEGEL: Der Stierkampf ist ein archai-
                                                                                                                        sches Schauspiel. Das katalanische Parla-
                                                                                                                        ment hat die Corrida für alle vier katala-
                                                                                                                        nischen Provinzen verboten.
                                                                                                                        Padilla: Ich beklage die Situation. Ich
                                                                                                                        bedaure, dass es Menschen gibt, die ein
                                                                                                                        verachtendes Bild von der Corrida ha-
                                                                                                                        ben.  Diese Menschen kennen sich mit
                                                                                                                        unserer Kunst nicht aus. Sie lehnen den
                                                                                                                        Stierkampf aus Unkenntnis ab.
                                                                                                                        SPIEGEL: Ist es nicht offensichtlich, dass
                                                                                                                        der Stier gequält wird?
                                                                                                                        Padilla: Sie sind nicht im Bilde. Wir Tore-
                                                                                                                        ros haben eine andere Sicht auf die Dinge.
                                                                                                                        Der Stier leidet nicht, er ist in einem Zu-




                                                                                            DANIEL OCHOA DE OLZA / AP
                                                                                                                        stand der völligen Hingabe. Und dieser
                                                                                                                        Zustand gebiert Schönheit.
                                                                                                                        SPIEGEL: Der Stier wird von Ihnen und Ihren
                                                                                                                        Helfern etwa 20 Minuten lang bis zur Apa-
                                                                                                                        thie erschöpft. Der berittene Picador richtet
                                                                                                                        ihn mit seiner Lanze übel zu, der Blutver-
Idol Padilla: „Verletzungen sind meine Medaillen, jetzt habe ich Gold“                                                  lust schwächt den Stier, der Muskelstrang
                                                                                                                        in seinem Nacken wird verstümmelt, damit
SPIEGEL: Aber wenn der Stier von links        Padilla: Es waren zwei in der Arena, bei                                  er seinen Schädel kaum mehr heben kann.
kommt, können Sie ihn nicht sehen.            offiziellen Auftritten. Zur Vorbereitung                                  Beim Todesstoß dringt die Klinge des De-
Padilla: Ein Torero beobachtet den Stier      auf dem Feld etwa 40.                                                     gens zwischen den Schulterblättern hin-
die ganze Zeit, er studiert ihn, versucht,    SPIEGEL: Und wie viele Stiere sind es in                                  durch, an der Wirbelsäule vorbei, in die
seine Schwächen ausfindig zu machen.          Ihrer ganzen Karriere?                                                    Eingeweide. Oft springt die Klinge aber an
Die Kunst ist es, den Stier zu verlang-       Padilla: Sicher mehr als tausend.                                         einem Knochen ab, und der Matador muss
samen und so an dir vorbeizulenken,           SPIEGEL: Haben Sie ein anderes Verhältnis                                 es noch einmal versuchen. Der Stich tötet
dass er nicht das Tuch berührt, aber so       zum Stier, seit einer Ihnen Ihr Auge aus-                                 den Stier in der Regel nicht sofort, darum
nah wie möglich dran ist. Daraus ergibt       gestochen hat?                                                            wird er von den Helfern gereizt, den Kopf
sich ein Tanz zwischen Stier und Tore-        Padilla: Kurz vor der Corrida bin ich im-                                 hin und her zu bewegen und zu laufen, bis
ro …                                          mer angespannt, jeder Torero ist das. In-                                 er niedersinkt. Erst dann wird er gezielt
SPIEGEL: … ein Paartanz mit dem Tod …         zwischen bin ich aber erregter als früher.                                getötet, mit einem Dolchstoß ins Genick.
Padilla: … ein Ballett. Aber wenn es das      Ich hege aber keine Rachegelüste.                                         Wo ist da die Hingabe? Die Schönheit?
Schicksal des Toreros ist, dass der Stier     SPIEGEL: Ist der Stier in der Arena Ihr Geg-                              Padilla: Ich werde diese Frage nicht beant-
ihn schnappt, dann kann er noch so viele      ner? Oder ist er ein Partner für Sie?                                     worten. Ich sitze nicht hier, um einen
Augen haben, 3, 6 oder 13 – der Stier         Padilla: Wir sind eine Gemeinschaft, er ist                               Streit mit Stierkampfgegnern zu begin-
kriegt ihn dann so oder so.                   mein Mitstreiter. Der Stier hat vollen An-                                nen. Ich werde keine Zeit darauf verwen-
SPIEGEL: Träumen Sie von Ihrem Unfall?        teil am Triumph des Toreros.                                              den, auf die Argumente der Stierkampf-
Padilla: Nein. Ich gehe auch nicht zum        SPIEGEL: Der Anteil des Stiers ist, dass er                               gegner einzugehen.
Psychiater und mache kein mentales            sein Leben lässt. Seinen Mitstreiter zu
Training. Ich habe mir das Video vom Un-      töten, ist das etwas, was man lernen kann,                                Juan José Padilla steht auf, er sagt, er
fall angeschaut: kein Problem. Die Sache      oder wird man dazu geboren?                                               müsse jetzt dringend weg, sagt, er habe
ist abgehakt. Ein Torero muss sich täglich    Padilla: Ich beantworte Ihre Frage so: Es                                 es eilig. Padilla winkt seinen Fahrer zu
selbst überwinden, Auge in Auge mit ei-       ist fester Bestandteil der Corrida, dass                                  sich, der ihn nach Hause bringen wird,
ner der kraftvollsten Kreaturen, die auf      der Stier stirbt. Es sei denn, er wird be-                                nach Sanlúcar de Barrameda. Dort erwar-
der Welt gehen. Das ist seine Therapie.       gnadigt, weil er außergewöhnlich stark                                    ten ihn seine Frau und die beiden Kinder,
SPIEGEL: Wie trainieren Sie?                  und mutig war. Aber das passiert sehr sel-                                an den Wänden hängen präparierte Stier-
Padilla: Im Moment so, dass ich vormittags    ten. Ansonsten ist es die Bestimmung des                                  köpfe in Reihe. „Wir haben über alles ge-
zur Logopädie und zur Physiotherapie          Stiers, im Ring zu sterben.                                               sprochen“, sagt Padilla und will gehen.
gehe. Nachmittags arbeite ich mit mei-        SPIEGEL: Für die Anhänger des Stier-
nem Fitnesstrainer, ich fahre viel Rad, ma-   kampfs sind Sie ein Held. Für Tierschüt-                                  SPIEGEL: Eine Frage haben wir noch: Essen
che Pilates, auch Yoga, um meine Körper-      zer sind Sie ein Mörder.                                                  Sie gern Fleisch?
beherrschung zu schulen. Ich versuche,        Padilla: Mörder? Der Ausdruck gefällt mir                                 Padilla: Oh ja. Sehr gern sogar.
mein Reaktionsvermögen zu verbessern.         gar nicht, gegen dieses Wort wehre ich                                    SPIEGEL: Señor Padilla, wir danken Ihnen
Beim Toreo de Sálon greift mich ein           mich. Wir Toreros sind Menschen, die die                                  für dieses Gespräch.
Mensch an, der eine Karre schiebt, an der     Tiere pflegen, wir kümmern uns um die
sich vorn echte Hörner befinden. Oder         Stiere, wir lieben sie.                                                                 Video: Wie Stierkämpfer
ich übe im Ring mit echten Tieren.            SPIEGEL: Tatsächlich?                                                                   Padilla sein Auge verlor
SPIEGEL: Wie vielen Stieren haben Sie den     Padilla: Ja. Die Stiere leben in Gruppen auf                                            Für Smartphone-Benutzer:
Todesstoß versetzt, seit Sie das Kranken-     der Weide, in der Natur, sie erhalten keine                                             Bildcode scannen, etwa mit
haus verlassen haben?                         Hormone oder anderen Substanzen. 100                                                    der App „Scanlife“.

                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                          133
Trends                                                                                                        Medien
                      PRESSE
                                                   zahlte die „taz“ einen Einheitslohn –        damals von einem finanzstarken guten
                                                   650 Mark netto.                              Investor, der uns so weiterwurschteln
                                                   Ruch: Damals wusste noch keiner hier,        ließ wie bisher. Aber das war irreal, so
            „Es sah                                was der Unterschied zwischen Brutto
                                                   und Netto ist. Der Einheitslohn wuchs
                                                                                                einen gab es nicht.
                                                                                                SPIEGEL: Sie waren gegen einen Verkauf?


            mies aus“
                                                   in den achtziger Jahren aber schon           Ruch: Sicher, aber eine optimale Lösung
                                                   auf 1600 Mark und wurde mit Grün-            hatte ich damals nicht …
                                                   dung der Genossenschaft 1992 aufge-          SPIEGEL: … bis Olaf Scholz anrief, heute
                                                   geben.                                       Erster Bürgermeister von Hamburg.
  Karl-Heinz Ruch, 58, Geschäftsführer             SPIEGEL: Anfang der neunziger Jahre          Ruch: Genau, der hatte von unserer Dis-
  der Berliner „tageszeitung“, über 20 Jah-        fielen in Berlin Subventionen weg, von       kussion gehört. Er arbeitete damals als
  re „taz“-Genossenschaft und den Un-              denen auch die „taz“ profitiert hatte.       Syndikus beim Zentralverband der Kon-
  terschied zwischen Brutto und Netto              Wie schlecht stand es um die Zeitung?        sumgenossenschaften und meinte, so
                                                   Ruch: Es sah mies aus, wir lebten von        ein Modell sei auch für uns ’ne gute Sa-
  SPIEGEL: Nach vielen klammen Jahren              der Hand in den Mund. Einige träumten        che. Es hat uns wohl gerettet.
  steht die „taz“-Genossenschaft, die Ei-
  gentümerin der Zeitung, heute besser
  da denn je, woran liegt’s?
  Ruch: Wir haben seit 2009 tatsächlich
  pro Jahr etwa 300 000 Euro erwirtschaf-
  tet und Einlagen von elf Millionen Euro.
  Das stecken wir vor allem in taz.de –
  unser digitales Angebot, das wir uns leis-
  ten und weiterentwickeln.
  SPIEGEL: Werden auch die finanziell kurz-
  gehaltenen „tazlerInnen“ vom neuen
  Reichtum profitieren?
  Ruch: Wir nähern uns zumindest Tarif-
  gehältern an und lagern unsere Mitarbei-
  ter nicht in Servicegesellschaften aus. An-
  gehen müssen wir die Altersversorgung,
  wenngleich die bei uns noch komfortabler




                                                                                                                                            ANJA WEBER / TAZ
  ist als bei den Schlecker-Kolleginnen.
  SPIEGEL: Besser als in den Anfangszeiten
  sieht es jedenfalls heute aus, damals                                                                                            Ruch




   N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N   vor der Tür“ mit der schönen Formu-            haltung ihren Eierbedarf im Ausland
                                                   lierung „Augen auf beim Eierkauf“              decken müssen. Aber das ist natürlich
                                                   kombinieren. Man kann die Konven-              nicht halb so attraktiv wie die Ge-
  Eier|not|stand                                   tionen sprengen und eine Besichtigung
                                                   beim Bio-Bauern mit dem nicht ganz
                                                                                                  schichte von Tschechen, die uns un-
                                                                                                  sere Ostereier wegkaufen, zu Bildern
1.) saisonal bedingte Knappheit von                klassischen Satz beenden: „Ich möchte          von Hamsterkäufen und halbleeren
Eiern in Geschäften; 2.) saisonal                  auch ein Huhn sein.“ Und man kann,             Regalen. Meldungen über die verspä-
bedingtes Übermaß von Eiern in Medien              wenn man für die WDR-„Servicezeit“             tete Umsetzung des Käfigverbots und
                                                   arbeitet, so tun, als hätten die Zu-           Eierknappheit gibt es zwar schon seit
Ostern ist ein Fest. Für die Menschen              schauer noch nie etwas davon gehört,           Wochen („gestiegene Eierpreise trü-
an den Fließbändern in der Magazin-                dass sich Eier „auspusten“ lassen.             ben vorösterliche Stimmung in Bulga-
befüllungsindustrie vor allem. Es ist              In diesem Jahr ließen sich die üblichen        rien“), bekommen aber natürlich eine
die kurze Zeit zwischen der Produk-                Geschichten mit der existentiellen Fra-        andere Attraktivität, wenn sie sich wie
tion von Beiträgen, die mit den Wor-               ge kombinieren, ob es                                      in der „Abendschau“ des
ten „Frühlingszeit – Pollenzeit“ und               überhaupt genug Eier zum                                   BR mit der Frage kombi-
„Sommerzeit – Urlaubszeit“ eingelei-               Färben und Sich-über-                                      nieren lassen: „Wird der
tet werden, Letzteres zu Bildern von               Cholesterin-Sorgen geben                                   Osterhase arbeitslos?“
langen Autoschlangen. Es ist die Zeit,             würde, weil so manche                                      Der „Sachsenspiegel“ des
in der sich Filmberichte einfach ver-              Produzenten in Polen und                                   MDR beruhigte seine
edeln lassen: durch ausdauerndes Un-               Tschechien nicht recht-                                    Landsleute, die es womög-
terlegen mit melodischem Hühnerge-                 zeitig auf das Verbot von                                  lich besonders beunruhi-
gacker oder dem massiven Einsatz von               konventioneller Käfig-                                     gend fänden, wenn daran
Hasenstatisten. Man kann endlich ein-              haltung reagiert hätten.                                   ausgerechnet wieder die
mal, wie jedes Jahr, mit dem Mythos                Vor zwei Jahren hieß es                                    Ausländer schuld wären,
aufräumen, dass braune Hühner brau-                zu Ostern noch, dass die                                   mit dem Hinweis: „Das
ne Eier legen und weiße weiße. Man                 Deutschen nach der                                         sächsische Ei bleibt in
kann den beliebten Satz „Ostern steht              Abschaffung der Käfig-                                     Sachsen.“
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Kinobesucher in der chinesischen Stadt Hefei: Gefragt sind große Produktionen, bei denen es ordentlich kracht und knallt



                                                                FILME




               Liebesgrüße aus Peking
  Hollywood hofft auf chinesische Geldgeber und den chinesischen Markt. Doch
             die umworbenen Investoren aus Asien verfolgen vor allem
  ein Ziel: Sie wollen eine eigene globale Medien- und Kulturindustrie aufbauen.


D
        ie Chinesen haben einen tradi-       fin, sie tragen teure Anzüge, wertvolle       und exportierte für Siemens und Bosch
        tionsreichen Treffpunkt gewählt,     Uhren und elegante Taschen. „Wir wollen       Waschmaschinen nach China. Aber Haus-
        das Roosevelt Hotel im Herzen        eines der größten Medienunternehmen           haltsgeräte seien ein Markt von gestern,
von Hollywood. Marilyn Monroe lebte          Chinas werden“, sagt Liu Yuan. Und dazu       da sei der Kuchen längst verteilt, sagt Liu.
hier in einer Suite, im Ballsaal wurden      brauche es Präsenz in Hollywood: „Hier          Jetzt lebt sie in Beverly Hills und leitet
die ersten Oscars vergeben.                  ist das Zentrum der Kreativität.“             die US-Dependance der China Main
   Sie sind zu dritt gekommen, der Vor-         Liu spricht Deutsch. Früher, in den        Stream Media Group. Drei bis fünf Filme
standschef, der Finanzchef, die US-Che-      neunziger Jahren, lebte sie in Mannheim       wollen die Chinesen finanzieren, jeweils
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Medien

mit einem Budget von bis zu 60 Millionen      Iger. Das Land werde „ohne Frage der          schen Studios versucht, die Quote aufzu-
Dollar. Für den Anfang.                       größte Markt der Zukunft werden“, sagt        weichen, auch mit Unterstützung der US-
   Der Aufstieg Chinas ließ in den ver-       Jeffrey Katzenberg, Chef des Studios          Regierung – immerhin erzielt die ameri-
gangenen Jahren kaum einen Wirtschafts-       DreamWorks Animation. Die Macher              kanische Filmindustrie einen jährlichen
zweig in der Welt unberührt. Fast überall     von Kassenschlagern wie „Findet Nemo“         Handelsüberschuss von zwölf Milliarden
führte die Gravitationskraft des neuen        haben sich im Februar mit zwei chinesi-       Dollar.
Giganten zu grundlegenden Umwälzun-           schen Unternehmen zusammengetan, um              Im Februar schließlich konnte US-Vize-
gen. Nur für die Medienindustrie spielte      Film- und Fernsehprogramme für den chi-       präsident Joe Biden bei persönlichen Ver-
China bislang kaum eine Rolle.                nesischen Markt zu produzieren. Katzen-       handlungen mit seinem Amtskollegen Xi
   Für ausländische Konzerne wies der         berg ist überzeugt, dass das Studio damit     Jingping einen ersten Durchbruch errei-
chinesische Medienmarkt bislang hohe          seine Zukunft sichern wird: „Das ist das      chen: Künftig dürfen 14 zusätzliche Filme
gesetzliche Hürden auf. Joint Ventures        absolut Beste, was wir tun können.“           im Jahr nach China exportiert werden –
mit chinesischen Unternehmen zahlten             Durch den Zusammenschluss mit loka-        allerdings nur, wenn sie im 3-D- oder
sich oft nicht aus. Auf anfänglichen Enthu-   len Partnern umgeht DreamWorks die            Imax-Format produziert sind. Damit ist
siasmus folgte in vielen Medienhäusern        Quotenregel, die bislang die Studios aus      garantiert, dass nur die aufwendigsten,
Ernüchterung. Umgekehrt kauften sich          China ferngehalten hat: Pro Jahr durften      actionlastigen Hollywood-Produktionen
chinesische Unternehmen zwar gern bei         bisher nur 20 ausländische Filme gezeigt      ihren Weg in die chinesischen Kinos fin-
deutschen Maschinenbauern oder ameri-         werden. Jahrelang hatten die amerikani-       den. Kleine sozialkritische Dramen etwa
kanischen Software-Firmen ein, aber für                                                     sind damit ausgeschlossen.
Zeitungen, Magazine oder Fernsehsender                                                         Die Quote gilt nicht für Co-Produktio-
interessierten sie sich bisher nicht.                                                       nen, bei denen eine chinesische Filmfirma
   Vor allem für die Filmindustrie schien                                                   beteiligt ist und die auch chinesische Schau-
das Thema China längst abgehakt: als                                                        spieler beschäftigen muss. Angesichts von
Quelle billiger Raubkopien, als Feind der                                                   potentiellen Umsätzen im dreistelligen Mil-
Kreativität, als toter Markt.                                                               lionenbereich sind die Hollywood-Studios
   Doch mit einem Mal hat sich die Lage                                                     hier neuerdings äußerst flexibel.
radikal geändert. Hollywood und China                                                          Will Smith etwa drehte sein Remake
entdecken ihre Liebe füreinander. Chine-                                                    von „Karate Kid“ gleich ganz in Peking.
sische Unternehmer, Investoren und Ban-                                                     Und die Produktionsfirma Endgame
ker fliegen regelmäßig in Hollywood ein,                                                    Entertainment erfüllte für den neuen
auf der Suche nach Beteiligungen an Stu-                                                    Action-Film mit Bruce Willis, den Sony
dios und Produktionsfirmen oder Filmen,                                                     Pictures im Herbst in die US-Kinos
die sie finanzieren können. Nicht selten                                                    bringt, gleich alle Co-Produktionskrite-
mit offener Unterstützung der Regierung                                                     rien, um sich auch ganz sicher Zugang
in Peking. Denn die Medien- und Kultur-                                                     zum chinesischen Markt zu verschaffen:
industrie ist Schwerpunkt des aktuellen                                                     Sie holte sich den chinesischen Medien-
chinesischen Fünfjahresplans. Bis 2015                                                      konzern DMG als Finanzierer an Bord,
sollen vor allem mit Film und Fernsehen                                                     ließ eine Rolle für eine chinesische Schau-
fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts                                                      spielerin neu ins Drehbruch schreiben
erzielt werden.                                                                             und verlegte den Drehort quasi von Paris
   Fast wöchentlich landen allerdings                                                       nach Peking.
auch amerikanische und europäische Stu-                                                        Die Studios haben schnell gelernt, dass
diomanager, Regisseure und Schauspieler                                                     vor allem kleinere Action-Produktionen,
in Peking. Der deutsche Oscar-Gewinner                                                      die in den USA nur mittelmäßig erfolg-
Florian Henckel von Donnersmarck flog                                                       reich sind, in China das Potential zum
vergangenes Frühjahr ebenfalls nach Chi-                                                    Kassenschlager haben. Der letzte Sylves-
na, um die Möglichkeiten auszuloten.                                                        ter-Stallone-Film, vom Rest der Welt mä-
   Der Grund des Stimmungswandels: Der                                                      ßig beachtet, landete auf Platz neun der
chinesische Kinomarkt wuchs in den ver-                                                     Einspielliste.
gangenen zwei Jahren um 100 Prozent, er                                                        Der begehrteste Mann in Hollywood
ist inzwischen mit über zwei Milliarden                                                     ist deswegen derzeit Han Sanping, Chef
Dollar der zweitgrößte der Welt – hinter                                                    der staatlichen China Film Group, des
den USA. In den vergangenen zwei Jahren                                                     alleinigen Importeurs für alle auslän-
entstanden überall im Land neue moderne                                                     dischen Filme. Nur mit Hans Zu-
Kinos. Allein 2011 kamen 3000 Säle hinzu,                                                   stimmung schafft es ein Film in die Kinos
in den kommenden drei Jahren sollen 7000                                                    des Landes. Als Han Anfang März zu
weitere folgen. 3-D, HD und Surround-                                                       Besuch in Hollywood war, überschlu-
Sound schlagen schlechte Raubkopien. Ge-                                                    gen sich die Studios fast mit Ehrerbie-
fragt sind jetzt große Hollywood-Produk-                                                    tung.
tionen, bei denen es ordentlich kracht und                                                     Auch die Führung von China Main
knallt: Allein „Avatar“ setzte mehr als 200                                                 Stream, der Gruppe um die ehemalige
Millionen Dollar in China um, „Transfor-                                                    Siemens-Mitarbeiterin Liu Yuan, hat
mers“ 170 Millionen und der letzte Tom-                                                     enge Verbindungen zu staatlichen Stel-
Cruise-Streifen „Mission: Impossible IV“                                                    len. Zum Vorstand zählen unter ande-
über 100 Millionen.                                                                         rem Hans Vorgänger als Chef der China
   Angesichts solcher Zahlen geraten die                                                    Film Group und mehrere Führungskräfte
Hollywood-Bosse plötzlich ins Schwär-                                                       der China Film Foundation, eines staat-
men. China sei „eine riesige Chance für       Hollywood-Hits „Karate Kid“, „Avatar“         lichen Filmfonds. „Kein Filmfonds ist
die Branche“, sagt Disney-Chef Robert         „Riesige Chance für die Branche“              besser mit staatlichen Stellen vertraut als
                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                            139
Medien




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                                            FOTOS: GETTY IMAGES




Filmschaffende Han, Liu, Schauspieler beim Filmfest in Jiangyin: Ohne das Wohlwollen der staatlichen Stellen funktioniert nichts

wir“, sagt Liu. „Wir arbeiten mit der einem Studio für einen Investor bürgen,                             sche Bank arbeitet mit dem einflussreichen
Regierung Hand in Hand.“                    wenn ich nicht sicher bin, dass das Geld                      Medienunternehmer Bruno Wu zusammen,
   Dies sei ein großer Vorteil, betont Liu. auch wirklich da ist.“                                        der auch der „Rupert Murdoch von China“
Denn letztlich funktioniert nichts ohne       Dennoch werden die chinesischen In-                         genannt wird. Harvest Fund Management,
das Wohlwollen der staatlichen Verwal- vestoren in Hollywood mit offenen Armen                            eine von Deutscher Bank und der halbstaat-
tung für Radio, Fernsehen und Film, die empfangen. Denn seit der Finanzkrise sitzt                        lichen China Credit Trust getragene Firma,
ihre Zustimmung zu Co-Produktionen das Geld bei den Banken und Investoren                                 hat mit Wu einen 800 Millionen Dollar
und dem Vertrieb von Filmen geben muss für die Finanzierung von Filmen nicht                              schweren Fonds aufgelegt, mit dem er Fil-
– die sie zuvor auch zensiert hat. Da wer- mehr so locker wie in den Vorjahren. „Hol-                     me finanzieren und Beteiligungen an Hol-
den dann auch schon mal bei Szenen in lywood ist auf der Suche nach neuen Quel-                           lywood-Firmen aufkaufen will.
Shanghai die Wäscheleinen rausgeschnit- len für Kapital, und das Interesse an China                          Allerdings blieb es bisher meist bei Ab-
ten, weil sie die Stadt in unglücklichem ist deswegen definitiv groß“, sagt Hallren.                      sichtserklärungen, nur wenige Geschäfte
Licht erscheinen ließen – so geschehen        In den Jahren vor der Lehman-Pleite                         kamen wirklich zustande. Unter anderem
bei „Mission: Impossible III“.              hatten vor allem Hedgefonds Hollywood                         kaufte etwa die in Hongkong ansässige
   Die Regierungsnähe lässt den chinesi- für sich entdeckt. Die New Yorker Geld-                          Firma Orange Sky Golden Harvest ver-
schen Investoren jedoch auch Skepsis ent- manager waren bei den Studios gern ge-                          gangenen Herbst einen Anteil an Legen-
gegenschlagen. „Ich bin nicht sicher, ob sehen, weil sie anders als die Banken kei-                       dary Pictures, dem Studio, das den letz-
das wirklich eine gute Sache ist oder eher ne Kredite mit entsprechenden Zinsen                           ten „Batman“-Film und den Kassenknal-
alles nur schwieriger macht“, sagt Clark vergaben, sondern Bargeld gegen Erfolgs-                         ler „Inception“ produziert hat.
Hallren, Partner der Beratungsgesell- beteiligung investierten – oft gleich für                              Filmindustrie-Anwalt Schuyler Moore
schaft Clear Scope, die Finanzierungs- eine ganze Jahresproduktion von zwölf                              glaubt, dass es am Ende „keine Geldflut
deals für Studios und Produktionsfirmen und mehr Filmen.                                                  von China nach Hollywood, sondern eher
arrangiert. Hallren war zuvor Leiter der      Damals „konnte man in manchen Wo-                           von Hollywood nach China geben wird“,
Entertainment-Abteilung von JPMorgan. chen 20, 30 Privatjets aus New York auf                             weil die Studios sich über Co-Produktio-
Die Investmentbank hat mit Abstand den dem Flughafen von Santa Monica zäh-                                nen Marktzugang sichern wollen.
größten Marktanteil in Hollywood, und len“, sagt Finanzexperte Moore. Mehr als                               „Die Chinesen wollen etwas ganz an-
Hallren kümmerte sich in den vergange- 15 Milliarden Dollar verteilten Invest-                            deres: unser Know-how, unsere Schau-
nen 20 Jahren unter anderem um den mentbanken und Hedgefonds allein zwi-                                  spieler und Regisseure, unser Geschäft
Börsengang von DreamWorks Animation schen 2005 und 2008 in Hollywood.                                     lernen, um am Ende ihre eigene Industrie
und die Finanzierung von zahllosen Stu-       Doch mit Beginn der Finanzkrise zo-                         aufzubauen“, sagt Moore. Und offensicht-
dioproduktionen.                            gen sich die Hedgefonds wieder komplett                       lich lernen die chinesischen Filmemacher
   „In den letzten Monaten sind über ein aus dem Geschäft zurück, ebenso wie vie-                         schnell. Für einen Film über das Massaker
Dutzend chinesische Investoren in mei- le Banken, vor allem die europäischen.                             von Nanking ließ sich „Batman“-Star
nem Büro aufgeschlagen, aber die Frage So entstand ein „Finanzierungsvakuum“                              Christian Bale als Hauptdarsteller gewin-
ist, wer von denen wirklich Geld hat“, (Hallren), das nicht zuletzt chinesische In-                       nen. Das Budget: 95 Millionen Dollar,
sagt Hallren. In der Branche sei vieles vestoren gern füllen würden.                                      deutlich mehr also als für eine normale
nur Geschwätz, da heiße es dann gern:         Diesen Trend wollen auch die Invest-                        US-Produktion.
„Brad Pitt ist bei meiner Produktion da- mentbanken nicht verpassen. Goldman                                 Moore ist sicher: „Sobald sie uns nicht
bei, na klar.“ Mit der Realität habe das Sachs etwa soll laut „Business Week“ den                         mehr brauchen, werden sie versuchen,
dann aber nur selten etwas zu tun, erklärt Staatsfonds China Investment Corp. bei                         ohne Hollywood auszukommen.“
Hallren. „Ich werde bestimmt nicht bei Filmfinanzierungen beraten. Und die Deut-                                                      THOMAS SCHULZ

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Jeden Tag. 24 Stunden.
                                                                                                                                          MONTAG, 9. 4., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1
                                                                                                                                          SPIEGEL TV REPORTAGE
                                                                                                                                          Die Sendung entfällt aufgrund des
                                                                                                                                          Osterprogramms.
                                                                                                                                          SONNTAG, 15. 4., 22.15 – 23.00 UHR | RTL
                                                                                                                                          SPIEGEL TV MAGAZIN
                                                                                                                                          Heidis Scheinwelt – der Unterschied
                                                                                                                                          zwischen GNT und echten Top-
                                                                                                                                          Models; Auf diese Steine können Sie
                                                                                                                                          bauen – portugiesische Arbeitslose
                                                                                                                                          stürmen Schwäbisch Hall; Rabatt-
                                                                                                                                          schlacht via Internet – das Geschäfts-
JONAS GÜTTLER / DPA




                                                                                                                                          prinzip „Groupon“.




                           THEMA DER WOCHE

                           Wahlkampf ums Überleben
                                                       Bei den Wahlen in Nordrhein-Westfalen und
                                                       Schleswig-Holstein im Mai drohen der
                                                       FDP die nächsten Pleiten. Die Liberalen ver-
                                                       suchen verzweifelt, Profil zu gewinnen
CARSTEN REHDER / DPA




                                                                                                                    C. MARKUS ALEXANDER
                                                       – auf Kosten des Koalitionsfriedens in Berlin.

                                                       ‣ Die FDP-Spitzenkandidaten scheren aus
                                                       ‣ Wie sich Merkels Regierung lahmlegt
                                                                                                                                          Nachwuchsmodel Micha

                                                                                                                                          SAMSTAG, 14. 4., 20.15 – 0.15 UHR | VOX
                           PANORAMA | Der prominenteste Unbekannte der Welt                                                               DIE GROSSE SAMSTAGSDOKUMENTATION
                           Greg Packer will immer da sein, wo etwas los ist. Er war bei der Trauerfeier für                               Diätlügen – Was hilft wirklich?
                           Whitney Houston, kampierte vorm Apple-Store beim Run auf das erste iPhone,                                     Jeder zweite Deutsche ist übergewich-
                           allein um als „Mann von der Straße“ in die Medien zu kommen.                                                   tig – und das, obwohl 80 Prozent
                                                                                                                                          schon mindestens einen Diätversuch
                           NETZWELT | Trickserei im Schmuddel-Web                                                                         hinter sich haben. Der Kampf gegen
                           Porno- und Raubkopieseiten ergaunern ihr Geld mit erschlichenen Werbeschal-                                    die Pfunde ist zu einem gigantischen
                           tungen. Im Extremfall beklauen sie sich einfach gegenseitig. Die Zeche zahlen                                  Industriezweig geworden. Die Ver-
                           seriöse Unternehmen.                                                                                           sprechen sind groß, die Erfolgsquote
                                                                                                                                          ist gering. Auch die Wissenschaft
                           SPORT | Das vorgezogene Finale                                                                                 beschäftigt sich intensiv mit den Ur-
                           Zweiter gegen Erster, Meister gegen Rekordmeister: Borussia Dortmund und                                       sachen der neuen Volkskrankheit
                           Bayern München treten im Duell der beiden Bundesliga-Spitzenteams gegen-                                       Übergewicht. Mediziner und Ernäh-
                           einander an. SPIEGEL ONLINE berichtet live.                                                                    rungswissenschaftler erklären, welche
                                                                                                                                          Fehler man bei einer Diät vermeiden
                                                                                                                                          sollte. Vieldiskutierte Studien gehen
                                                                                                                                          zum Beispiel der Frage nach, welche
                                              | Rockerfürst der Reeperbahn                                                                Rolle täglicher Stress spielt oder in-
                                                               Er entdeckte die Beatles und erfand den                                    wieweit entscheidende Weichen wäh-
                                                               Star-Club: Das Geschrammel der                                             rend der Schwangerschaft gestellt
MAURIZIO GAMBARINI / DPA




                                                               Newcomer-Band lehnte Horst Fascher zwar                                    werden. Was also hilft wirklich im
                                                               ab, ihren Aufstieg förderte er trotzdem.                                   Kampf gegen das Übergewicht? Die
                                                               Doch während die vier Briten in Hamburg                                    große Samstagsdokumentation stellt
                                                               ihre Jahrhundert-Karriere begannen,                                        die bekanntesten Diäten auf den
                                                               scheiterte der legendäre Club – und sein                                   Prüfstand. „Moppel-Ich“-Verfasserin
                                                               Gründer musste ins Gefängnis.                                              Susanne Fröhlich, die Bestsellerauto-
                                                                                                                                          rin Ildikó von Kürthy und Schauspie-
                                                                                                                                          lerin Christine Neubauer beschreiben
                           www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist                                                             ihre oft frustrierenden Diätkarrieren.
                                                                            D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                    143
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              GESTORBEN                                                             den aus der Politik wurde de la Madrid
                                                                                    Vorsitzender des größten mexikanischen
Giorgio Chinaglia, 65. Die Fans von La-                                             Verlagshauses. Miguel de la Madrid starb
zio Rom tauften den bulligen Mittelstür-                                            am 1. April in Mexico-City.
mer „il bisonte“, der Büffel. Sein Talent
am Ball war überschaubar, doch seine                                                Neslişah Osmanoglu, 91. Eine Prinzessin
Klasse als eiskalter Vollstrecker im Straf-                                         war sie in zwei Reichen, doch ihr Prin-
raum war unbestrit-                                                                 zessinnensein dauerte nicht einmal vier
ten, und so avancierte                                                              Jahre. Immer kam die Geschichte dazwi-
der Torjäger zu ei-                                                                 schen: Fatma Neslişah wurde als letztes
nem der populärsten                                                                 Mitglied der Herrscherfamilie im Osma-
Fußballprofis Italiens                                                              nischen Reich geboren, zwei Jahre bevor




                                             ROBERTO KOCH / CONTRASTO / LAIF
in den siebziger Jah-                                                               Mustafa Kemal Atatürk die Türkei zur
ren. Seine Karriere                                                                 Republik und die Regentschaft der Osma-
ließ der Lebemann,                                                                  nen für beendet erklärte. Anfang 1924
der als Kind mit sei-                                                               ging die Familie ins Exil nach Frankreich,
ner toskanischen Fa-                                                                Neslişah wuchs mit ihren Geschwistern
milie nach Wales aus-                                                               in Nizza auf. 1940 wurde sie durch die
wandern musste, 1983                                                                Heirat mit dem ägyptischen Prinzen Mo-
bei New York Cos-                                                                   hammed Abd al-Munaim erneut Mitglied
mos ausklingen – jenem glamourösen                                                  einer Dynastie, doch 1953 fiel auch hier
Team, in dem auch Pelé und Franz Be-                                                die Monarchie, und Ägypten wurde Re-
ckenbauer spielten. In den USA verbrach-                                                                publik; 1957 musste
te Chinaglia auch seine letzten Jahre –                                                                 Neslişah mit Mann
als italienischer Justizflüchtling. 2006 war                                                            und Kindern erneut
gegen ihn ein Haftbefehl ergangen, ein                                                                  ins europäische Exil
Jahr später wurde er von der italienischen                                                              gehen. Lange vor ih-
Börsenaufsicht wegen Kursmanipulation                                                                   ren männlichen Ver-
zu einer Geldstrafe von 4,2 Millionen                                                                   wandten durfte sie in
Euro verurteilt. Zudem wurde Chinaglia                                                                  die Türkei zurückkeh-
der Versuch vorgeworfen, als Strohmann                                                                  ren und ließ sich 1963
der Camorra Lazio in die Hände der kam-                                                                 in ihrer Geburtsstadt
panischen Mafia zu bringen. Giorgio Chi-                                       AP
                                                                                                        Istanbul nieder, wo
naglia starb am 1. April in Naples, Florida,                                                            sie ein unauffälliges
nach einem Herzinfarkt.                                                             Leben führte. Sie seien ja nun „eine ganz
                                                                                    normale Familie“, sagte die letzte Enkelin
Miguel de la Madrid, 77. Sechs Jahre                                                der Sultane ohne Groll nach dem Tod
lang führte der studierte Jurist und Öko-                                           ihres Bruders Osman Ertugrul 2009. Nes-
nom Mexiko als Präsident mit ruhiger                                                lişah Osmanoglu starb am 2. April in
Hand durch schwierige Zeiten. 1982 hatte                                            Istanbul.
er als Staatsoberhaupt ein Land in der
Krise geerbt: Die Wirtschaft lag am Bo- Harry Crews, 76. Jede Narbe habe etwas
den, der veraltete Staatsapparat lähmte Schönes, fand der amerikanische Schrift-
jeden Fortschritt; 1985 erschütterte ein steller aus Georgia. Denn „eine Narbe
schweres Erdbeben Mexiko-Stadt. Der bedeutet, dass der Schmerz vorbei, die
Präsident begann eine Reihe von Privati- Wunde geschlossen und geheilt ist; erle-
sierungen und brachte sein Land auf den digt“. Crews, in bitterer Armut groß ge-
Weg in die freie Marktwirtschaft. Trotz worden, erlebte zahlreiche Verletzungen,
Auslandsschulden von 103 Milliarden Dol- körperlicher und seelischer Natur. Mit sei-
lar am Ende seiner Amtszeit zog de la nen Alkohol- und Drogenexzessen ging
Madrid eine positive Bilanz. Vielen aber er offen um, die literarische Welt scho-
blieb sein Name vor                       ckierte und faszinierte er damit gleicher-
allem wegen des                           maßen. Groteske, kaputte Figuren bevöl-
Skandals im Gedächt-                      kern seine Romane und Geschichten; er
nis, der die Wahl sei-                    lässt sie leiden, lieben – und oft zu viel
nes Nachfolgers 1988                      trinken. Spätestens mit seinen Memoiren
begleitete: Erstmals                      „A Childhood: The Biography of a Place“
seit 60 Jahren hatte                      (1978) errang Crews Kultstatus. Kritiker
                                             MOISES PABLO / DPA




die Regierungspartei                      feiern ihn als herausragenden Vertreter
PRI deutliche Stimm-                      des „Southern Gothic“, denn seine düs-
verluste hinnehmen                        teren, oft auch witzigen Erzählungen spie-
müssen – und den-                         len zumeist da, wo er sich am besten aus-
noch rief sie ihren                       kennt: im armen weißen Süden der USA.
Kandidaten zum Wahlsieger aus, bevor Seine Studenten – der Bauernsohn lehrte
das Ergebnis feststand. Die Manipula- bis 1997 Kreatives Schreiben – verehrten
tionsvorwürfe konnten nie aus der Welt ihn ohnehin. Harry Crews starb am 28.
geräumt werden. Nach seinem Ausschei- März in Gainesville, Florida.
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Personalien
                                                                                                                                                    Hillary Clinton, 64, US-Außenministerin,
                                                                                                                                                    und Ehemann Bill, ehemaliger Präsident
                                                                                                                                                    der Vereinigten Staaten, freuen sich über
                                                                                                                                                    eine besondere Ehre: Der Flughafen von
                                                                                                                                                    Little Rock in Arkansas ist in „Bill and
                                                                                                                                                    Hillary Clinton National Airport“ um-
                                                                                                                                                    benannt worden. Die Abstimmung des
                                                                                                                                                    Flughafenkomitees verlief weitgehend
                                                                                                                                                    harmonisch. Dass die Außenministerin
                                                                                                                                                    als Namenspatronin würdig sei, bestritt
                                                                                                                                                    niemand. Beim einstigen Chef des Wei-
                                                                                                                                                    ßen Hauses erhoben jedoch drei Personen
                                                                                                                                                    Einwände. Sie führten Bill Clintons „Aus-
                                                                                                                                                    schweifungen“ und „fleischliche Gelüste“
                                                                                                                                                    während seiner Amtszeit als Hinderungs-
                                                                                                                                                    grund für die Ehrung an. Die Bedenken
                                                                                                                                                    fanden allerdings keine Mehrheit.

                                                                                                                                                    Xenija Sobtschak, 30, russisches It-Girl,
                                                                                                                                                    kehrt ihrem guten Bekannten, Wladimir




                                                                                                               MARC TIRL / PICTURE ALLIANCE / DPA
                                                                                                                                                    Putin, den Rücken. Dem Präsidenten ist
                                                                                                                                                    die junge Frau seit Kindertagen verbun-
                                                                                                                                                    den: Unter Vater Anatolij Sobtschak, dem
                                                                                                                                                    einstigen Oberbürgermeister von St. Pe-
                                                                                                                                                    tersburg, hat Putin seine politische Kar-
                                                                                                                                                    riere begonnen. Ausgerechnet im Lager
                                                                                                                                                    der Opposition fand die Glamour-Lady
Hagens                                                                                                                                              nun nicht nur eine neue politische Rolle,

Gunther von Hagens, 67, Leichenpräpa-                         Baroness Margaret Thatcher, 86, Ikone
rator, macht dem britischen Künstler                          der britischen Politik, hadert mit ihrem
Damien Hirst Konkurrenz. Der umstrit-                         Lebensweg. Das zumindest behauptet ihr
tene Anatom zeigt zum ersten Mal in                           Parteifreund und Vertrauter Baron Mi-
England seine Ausstellung „Körperwel-                         chael Spicer in seinen Tagebüchern, die
ten der Tiere“, zu deren Prunkstücken                         er jetzt sukzessive im „Sunday Tele-
ein plastinierter Hai gehört. Ein Tigerhai                    graph“ veröffentlicht. Der Tory-Mann
in Formaldehyd wiederum ist bekannt-                          war unter Thatcher Staatssekretär und
lich Hirsts Markenzeichen – er wird zeit-                     über 36 Jahre Abgeordneter für die Kon-
gleich in London ausgestellt. Eine Mit-                       servativen. Entsprechend reichhaltig ist
arbeiterin des „Plastinators“ verspricht                      sein Schatz an Anekdoten. Am 20. April
einen Mehrwert bei der Betrachtung des                        1995, fast fünf Jahre nach Thatchers Rück-




                                                                                                                                                                                             ALEXANDER ZEMLIANI / DAPD
gehäuteten Raubfischs: „In der Vorstel-                       tritt als Premierministerin, notierte Spicer
lung der meisten Leute ist ein Hai ein                        in seinem Tagebuch: „Als ich aufstehe,
Monster“, sagt sie. „Aber wenn man die-                       um zu gehen, sagt sie: ,Wenn ich mich
ses Exemplar anschaut, sieht man, dass                        noch mal entscheiden könnte, würde ich
es ein Herz hat und Blutbahnen, genau                         nicht wieder in die Politik gehen. Das hat                                             Sobtschak
wie Sie und ich.“                                             meine Familie kaputtgemacht.‘“

                                                                                                                                                    sondern womöglich auch eine neue Liebe.
                                                               ZITAT                                                                                Seit die Fernsehjournalistin gegen Wahl-
                                                                                                                                                    fälschungen und Putin demonstriert,
                                                                                                                                                    spekulieren Moskauer Boulevardzeitun-
                                                              „Es war phantastisch.                                                                 gen über eine Affäre mit Ilja Jaschin,
                                                               Ich bin ein neugieriger                                                              einem der Anführer der außerparlamen-
                                                                                                                                                    tarischen Opposition. Nachdem Xenija
                                                               Bengel, und ich will                                                                 Sobtschaks regierungskritische TV-Talk-
                                                                                                                                                    show auf Druck des Kreml eingestellt
                                                               immer etwas sehen,                                                                   werden musste, sagte sie: „Ich bin zwar
                                                                                                                                                    keine Revolutionärin, würde jetzt aber
                                                               das noch kein Mensch                                                                 gern lernen, wie man einen Molotowcock-
                                                                                                                                                    tail bastelt.“ Als zwei Reporterinnen
                                                               zuvor gesehen hat.“                                                                  eines regierungsnahen Medienhauses
                                                                                                                                                    Sobtschak und den 27-jährigen Jaschin
                                         MARK THIESSEN / AP




                                                              James Cameron, 57, Oscar-                                                             mit Freunden in einem Restaurant auf-
                                                              prämierter Regisseur („Titanic“),                                                     spürten, zeigte sich das Paar schon einmal
                                                              über seinen Tauchgang im                                                              widerständig: Es entwand den Paparazze
                                                              elf Kilometer tiefen Marianengraben                                                   die Kamera.
146                                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Armin Laschet, 51, früherer Integrations-
                                                                                                                      minister von Nordrhein-Westfalen (CDU)
                                                                                                                      und damals Erster in dieser Funktion,
                                                                                                                      wechselt das Fach. Der christdemokrati-
                                                                                                                      sche Spitzenkandidat Norbert Röttgen
                                                                                                                      will den Aachener Juristen als Super-
                                                                                                                      minister in sein Schattenkabinett berufen
                                                                                                                      und Laschet das Innenministerium anver-
                                                                                                                      trauen, erweitert um die Zuständigkeit
                                                                                                                      für den demografischen Wandel. Im Bund
                                                                                                                      gehört dieser Bereich zwar auch zum
                                                                                                                      Innenministerium, Laschet will sich aber
                                                                                                                      noch mehr auf die immer älter werdende
                                                                                                                      Gesellschaft konzentrieren. Christdemo-
                                                                                                                      krat Röttgen hält das für eine der wich-
                                                                                                                      tigsten Zukunftsfragen der Politik. Schon
                                                                                                                      heute ist jeder fünfte Nordrhein-Westfale
                                                                                                                      65 Jahre alt oder älter. Die fortschrei-
                                                                                                                      tende Deindustrialisierung habe in der
                                                                                                                      Region zu hoher Arbeitslosigkeit geführt,
                                                                                                                      so Laschet; die Strukturprobleme sind
                                                                                                                      enorm. Im Ruhrgebiet gebe es über-
                                                                                                                      proportional viele Ältere: „Wir sind in
                                                                                                                      der Entwicklung hier dem Bund um sie-
                                                                                                                      ben Jahre voraus.“

                                                                                                                      Sean Connery, 81, erster und für viele
                                                                                                                      bester James-Bond-Darsteller, inspiriert
                                                                                                                      50 Jahre nach Start der kultigen Agen-
                                                                                                                      tenfilme seine ehemalige Schneiderei.
                                                                                                                      Pünktlich zum Jubiläum bietet der
                                                                                                                      Kleidermacher Anthony Sinclair Anzüge
                                                                                                                      an, deren Vorbilder seinerzeit Connery
                                                                                                                      auf den Leib geschneidert wurden. Ein
                                                                                                                      Ensemble wie jenes, in dem Bond den
                                                                                                                      Bösewicht Goldfinger jagte, kostet um
                                                                                                                      die 2400 Euro; eine Tweedjacke, gleich
                                                                                                                      jener, die der Superagent im selben Film
                                                                                                                      trug, ist für knapp 3000 Euro zu haben.
                                                                                                                      Das Jackett sei eher locker geschnitten,
                                                                                                                      damit eine Waffe elegant verdeckt wer-
                                                                                                                      den könne, teilte die Schneiderei mit. Gut
                                                                                                                      zu wissen.

                             January Jones, 34, amerikanische Schauspielerin,
                             hadert mit dem Image ihrer Figur in der Kultserie
                             „Mad Men“. Als Betty Draper ist sie weltberühmt;
                             doch wirke sie zusehends unsympathisch, sagte
                             Jones der „Sunday Times“. Gemein, kaltherzig und
                                                                                            STAR MAX / ACTION PRESS




                             als schlechte Mutter – so würden viele Zuschauer
                             die Figur im TV inzwischen sehen. Fans der Serie
                             hätten regelrecht Angst vor ihr.



Luis Moreno Ocampo, 59, Chefankläger          Soldaten missbraucht haben soll. Der Film
des Internationalen Strafgerichtshofs         fand viele Bewunderer, aber auch etliche
(IStGH), hat die „Kony 2012“-Kampagne         Kritiker. Die Darstellung der Probleme sei
gelobt. Das 30-minütige Video der Orga-       zu simpel, hieß es, außerdem würden die
nisation Invisible Children sorgte mit rund   schweren Menschenrechtsverletzungen
hundert Millionen Internetklicks für Fu-      verschwiegen, die das ugandische Militär
                                                                                                                                                                  HARRY MYERS / REX FEATURES




rore. Die Filmemacher wollen dazu bei-        bei der Jagd nach Kony begangen habe.
tragen, den ugandischen Rebellenführer        Vergangene Woche begrüßte Moreno
Joseph Kony hinter Gitter zu bringen.         Ocampo vor mehr als 40 Hollywood-Grö-
Kony wird seit Oktober 2005 per Haft-         ßen gleichwohl die Initiative: „Ich denke,
befehl des IStGH gesucht, unter anderem,      Invisible Children wird noch dieses Jahr                                 Connery 1965
weil er Tausende Kinder entführt und als      dafür sorgen, dass Kony verhaftet wird.“
                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                   147
Hohlspiegel                                    Rückspiegel

Aus dem „Tagesspiegel“: „Mitte der ers-                         Zitate
ten Halbzeit machte sich der Mopp dann
aber auf den Weg, kletterte über Absper-      Die „Welt am Sonntag“ zum SPIEGEL-
rungen und bahnte sich – lautstark ange-      Gespräch „Wir haben unterschiedliche
feuert von den Berliner Fans – seinen         Gewalten“ mit Gregor Gysi über Recht
Weg in den Gästefanblock.“                    im SED-Staat (Nr. 11/1989):

                                              Für Gregor Gysi ist es offenbar die Frage
                                              aller Fragen: Wie hat er es mit dem DDR-
                                              Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ge-
                                              halten? Seit zwei Jahrzehnten strengt der
                                              Anwalt immer wieder Prozesse an und
                                              lässt Berichte über eine Zusammenarbeit
Aus einer Anzeige in „natur & heilen“         gerichtlich untersagen. Doch jetzt liegen
                                              der „Welt am Sonntag“ Unterlagen vor,
                                              die mindestens ein vertrauliches Ge-
Aus der „Frankfurter Neuen Presse“:           spräch zweier Stasi-Offiziere mit dem da-
„Klune hat aber auch Hobbies: Wenn er         maligen Vorsitzenden der DDR-Anwalts-
am Kochtopf seiner Vorliebe für die süd-      kollegien zum Inhalt haben. Danach be-
französische Cousine frönt oder einen         richtete Gysi über ein Interview, das zwei
schmackhaften heimischen Grünkohlein-         Redakteure des Magazins DER SPIEGEL
topf zaubert, sieht es in der Küche schnell   am Vortag mit ihm geführt hatten. Dem
so unübersichtlich aus, wie ehedem auf        Dokument aus Beständen der Stasi-Un-
dem Schreibtisch eines vielbeschäftigten      terlagen-Behörde zufolge äußerte er sich
Wirtschaftsstaatsanwaltes.“                   abfällig über die „Unseriosität des Blat-
                                              tes“ und beschwerte sich, dass der Ost-
                                              Berlin-Korrespondent des SPIEGEL, Ul-
Aus der „Frankfurter Allgemeinen Sonn-        rich Schwarz, ihn „nur in Fallen“ locken
tagszeitung“: „Kielings Mutter kam 1981       wollte. Gysi bestreitet auf Nachfrage, dass
bei einem Unfall ums Leben, er sah sie        ein solches Gespräch stattgefunden habe.
nie wieder.“                                  Seine Sicht der Dinge hat er beharrlich,
                                              beispielsweise 2008 vor dem Bundestag,
                                              so dargestellt: „Ich brauchte keine Kon-
                                              takte zur Staatssicherheit. Sie waren gar
                                              nicht nötig, entsprachen weder meinem
                                              Stil noch meiner Würde.“

                                              Die „Süddeutsche Zeitung“ zum SPIE-
                                              GEL-Bericht „Deutsche Post – Klingeln
                                              bei Waldi“ über bayerische Briefträger,
Schild vor einem Laden in Zürich              die als Abo-Werber eingesetzt werden
                                              (Nr. 13/2012):

Aus der „Stuttgarter Zeitung“: „So viele      Wir leben bekanntlich in einer Welt, in
waren es noch nie: Knapp 100 Schüler          der keiner mehr etwas zahlen will. Per-
des Dillmann-Gymnasiums in Stuttgart          sönliche Schreiben zum Beispiel. Wie viel
brühten über der ersten Abiturprüfung         Mühe haben sich früher die Leute ge-
im Fach Deutsch.“                             macht! … Nun aber schreiben die Men-
                                              schen online. Sie produzieren E-Mails, bis
                                              die Datenleitung glüht. Der Leidtragende
Aus dem „Mitteilungsblatt Bad Driburg“:       der ganzen Verweigerung ist der Briefträ-
„Tageskarten für Erwachsene kosten 5€         ger, der immer weniger zu transportieren
und für Schüler und Studenten 4€ und          hat. Sein Auftritt im Hausgang war zum
können zu 50 Prozent verzehrt werden.“        Ritual der Gesellschaft geworden, aber er
                                              hat ja immer weniger dabei. Und so wurde
                                              das Management der Deutschen Post in
                                              Bonn mit einer Idee erleuchtet, die nur
                                              Tierliebhaber haben können: Wie wäre es,
                                              wenn der Postillon zum Beispiel allen Hun-
                                              debesitzern unter den Haushaltsvorstän-
                                              den ruck, zuck das Abo einer Hundezeit-
Aus der Anzeige einer Schäferei in            schrift verkauft, die dann ja via Post gelie-
Gaggenau                                      fert wird – und so einen Ausweg aus dem
                                              ökonomischen Zwinger dieser E-Mail-
                                              Tage, dieser Hundstage bieten könnte? Das
Aus der „Frankfurter Rundschau“: „Die         alles wird im Postzustellungsbezirk Frei-
richtige Lagerung ist entscheidend für die    sing, in halb Oberbayern also, dieser Tage
Haltbarkeit eines Lebensmittels. Das gilt     tatsächlich ausprobiert, wie die Spürhunde
auch für den Verbraucher.“                    des SPIEGEL herausgefunden haben.
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Der Spiegel 2012 15

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    Hausmitteilung 7. April 2012 Betr.: Titel, Samenspender, Torero E s mag auch an der Deutschtümelei der Nazis liegen: Vom Missbrauch des Hei- matbegriffs haben sich die Deutschen bis heute nicht erholt. Wer von Heimat- liebe spricht, setzt sich schnell dem Verdacht aus, nicht so recht ins moderne Leben zu passen. Doch als SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit, 49, und Fotograf Michael Trippel, 47, durch die Republik reisten, trafen sie auf Menschen, denen Heimat sehr viel bedeutet – wenn auch jeder etwas anderes darunter versteht. Der eine meint Haidenkofen, ein Dorf bei Regensburg, 97 Einwohner; der andere das Inter- net, das seine Welt geworden ist. Kurbjuweit ist in Berlin aufgewachsen und lebt auch heute dort. „Die intensivsten Heimatgefühle hatte ich bis vor kurzem in einem Spielwarengeschäft in Reinickendorf“, sagt er, „dort habe ich als Kind Stun- den verbracht, mir alles genau angeschaut und eine Menge Dinge mit nach Hause genommen, aber leider nur in Gedanken.“ Für ihn sei das Geschäft „ein Ort der Träume und Sehnsüchte“. Nun sei es geschlossen, „aber die Erinnerungen bleiben“. Mit dem Cover dieser MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL Ausgabe will der SPIEGEL jeder Leserin und je- dem Leser ein Gefühl von Heimat bieten und jedenfalls ein Bild seiner Region. Erstmals wird das Heft mit dreizehn verschiedenen Titelbildern ausgeliefert; elf Motive für elf Regionen Deutsch- lands, dazu ein eigenes Titelbild für Österreich und eines für die Schweiz (Seite 60). Kurbjuweit in Haidenkofen A ls SPIEGEL-Redakteurin Barbara Hardinghaus, 36, von der Freizeitbeschäfti- gung des Niederländers Ed Houben, 42, erfuhr, war sie gespannt auf die Be- gegnung mit ihm: Der Mann spendet Samen, er hat schon 82 Kinder. Frauen aus dem In- und Ausland nehmen via Internet mit ihm Kontakt auf und bitten Houben, mit ihnen zu schlafen. Hardinghaus traf in Maastricht, wo Houben als Stadtführer arbeitet, nicht auf einen Beau, sondern auf einen Mann mit Übergewicht und ohne besondere Ausstrahlung. „Die Frauen wollen ihn, weil er kein anonymer Samen- spender ist, kein Geld nimmt und die Werte in seinem Spermiogramm sehr gut sind“, sagt die Redakteurin. Sex mit einem Fremden, so Hardinghaus, „sehen sie als reine Notwendigkeit, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen“ (Seite 52). B evor die SPIEGEL-Redakteure Cathrin Gilbert, 27, und Maik Großekathöfer, 40, den Torero Juan José Padilla, 38, in Spanien aufsuchten, diskutierten sie mit ihren Kollegen aus dem Sportressort: Ist das grausame Treiben wirklich eine Sportart? Die Redakteure, die ähnliche Diskussionen über Schach, Poker und die Formel 1 geführt hatten, entschieden sich auch diesmal für den interessanten Stoff – spannender als Definitionsfragen er- schien ihnen, wie Padilla die Tierquälerei rechtfertigen würde. Der Torero, dem ein MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL Stier im Oktober das linke Auge ausge- stochen hatte, erzählte, dass er sich als „Tänzer“ empfinde und seine Arbeit als „Kunst“. Als die Redakteure das mörde- rische Schauspiel in den Arenen kritisier- ten, „hatte er es jedoch plötzlich eilig und beendete das Gespräch“, sagt Gilbert Großekathöfer, Padilla, Gilbert bei Jerez (Seite 130). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 5
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    In diesem Heft Merkel, von der Leyen Titel Wie sich das Heimatgefühl der Deutschen verändert hat .................................................... 60 Für Österreich: Wie sich der Staat aus der Provinz zurückzieht .......................................... 70 Für die Schweiz: Was ein Schweizer im Ausland an seiner Heimat vermisst ................... 70 Deutschland Panorama: Bundesjustizministerin gegen Betreuungsgeld / Schüler verschmähen Mensa-Essen / Gerangel um Termin für Bundestagswahl 2013 ......................................... 14 Union: Merkel positioniert sich als Kanzlerin der Gerechtigkeit .............................. 18 Wirtschaftspolitik: Auf die Stromkunden kommen neue Milliardenkosten zu ................... 22 Atomausstieg: Niedersachsens Ministerpräsident McAllister fordert den Einstieg des Staates beim Netzausbau .............................................. 24 Parteien: Sollen die Vorsitzenden der Piraten ein Gehalt bekommen? ....................................... 26 Karrieren: Die private Griechenland-Mission Aus Schwarz wird Rot Seite 18 SEAN GALLUP / GETTY IMAGES des FDP-Politikers Chatzimarkakis ................... 28 Integration: Junge Migrantinnen flüchten vor ihren Familien, um selbstbestimmt leben Auf keinen Fall will die Kanzlerin im nächsten Jahr einen Gerechtig- zu können ......................................................... 32 keitswahlkampf führen. Deshalb räumt sie alle sozialpolitischen Alter: Wie aktiv kann sich Walter Scheel noch Streitfälle ab, um der SPD möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. mit der Tagespolitik befassen? .......................... 38 Verbrechen: Die Fehler der Polizei im Fall des 18-jährigen Kindsmörders ........................... 40 Gesundheit: Fragwürdige Therapien gegen Heuschnupfen ......................................... 42 Strafjustiz: Zu viel Aufmerksamkeit für die Opfer von Strafverfahren? .......................... 44 Bestattungen: Fettleibige Leichname führen zu Störfällen in Krematorien ............................ 48 Grabenkämpfe bei der Deutschen Bank S. 74 Gesellschaft Im Handstreich beenden Anshu Jain und Jürgen Fitschen die Ära Ackermann. Szene: Wal-Bergung in Brasilien / Interview Die Aktionäre jubeln, Politiker und Aufseher begegnen den neuen Chefs mit über Organspenden und die Grenzen Argwohn. Nun müssen die beiden die Deutsche Bank neu erfinden. der Nächstenliebe ............................................. 50 Eine Meldung und ihre Geschichte – wie ein sächsischer Zoo den Tod eines prominenten Tiers verkraftet .................................................. 51 Fortpflanzung: Das seltsame Leben des Samenspenders Ed Houben .............................. 52 Ortstermin: Eine Messe in Hannover probt Das Geschäft mit dem Krebs Seite 81 Mit Chemotherapien verdienen Pharmafirmen und Apotheker besonders den Umbau Deutschlands zur Altenrepublik .... 59 gut. Um an die begehrten Rezepte zu kommen, sollen sie bundesweit Wirtschaft Krebsärzte geschmiert haben. Nun ermitteln die Staatsanwälte. Trends: Audi baut Werk in Mexiko / Finanzgruppe will Schlecker kaufen / Verkehrsminister Ramsauer über die Folgen des Nachtflugverbots ............................................... 72 Finanzindustrie: Wohin steuert die Deutsche Bank unter Anshu Jain und Jürgen Fitschen? .... 74 Steuerhinterziehung: Unbeirrt von Die versteckten Spionagevorwürfen kaufen deutsche Fahnder neue Daten aus der Schweiz ............................. 79 Mädchen Seite 32 Affären: Wie Pharmafirmen und Apotheker Sie wollen westlich und die Krankenkassen mit Krebsmedikamenten selbstbestimmt leben – ausnehmen ........................................................ 81 doch sie dürfen es nicht. Ausland Manche Migrantinnen wer- Panorama: Ende der Toleranz in den Vereinigten den von ihrer Familie aus Arabischen Emiraten / Machtkampf in Mali ..... 86 Deutschland verschleppt Ukraine: Der Deal um Julija Timoschenko ........ 88 oder ermordet. Andere flie- Frankreich: Der „Le Monde“-Reporter Philippe hen rechtzeitig und bekom- Ridet über den Wahlkämpfer Sarkozy .............. 91 men sogar eine neue Identi- Griechenland: Pasok-Chef Evangelos Venizelos über die Reformierbarkeit seines Landes .......... 93 tät. Trotzdem müssen sie POLIZEI / DPA Irak: Hoffen auf den Öl-Boom .......................... 95 ihr neues Leben im Verbor- USA: Die neue alte Rassenfrage ........................ 98 Mordopfer Arzu genen führen, in ständiger Global Village: Ein Niederländer wirbt fürs Angst vor Entdeckung. Wandern in Palästina ....................................... 100 6 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Kultur Szene: Ein Liebeslied aus „Mad Men“ macht Karriere / Wie die Nazis ihre Kunstraubzüge katalogisierten ................................................. 102 Debatte: Das seltsame Frauenbild der Familienministerin Kristina Schröder ........ 104 Literatur: „Oblomow“, der Roman, der den Müßiggang feiert, erscheint endlich in einer Neuübersetzung ..................................... 108 Bestseller ......................................................... 110 Essay: Constanze Kurz vom Chaos Computer Club über das Vorbild der Piraten für andere Parteien ............................................................ 112 Autoren: Der amerikanische Konvertit Michael Muhammad Knight entwirft die Vision eines westlichen Islam ......................................... 114 Debattenkritik: Günter Grass und sein Israel- Gedicht „Was gesagt werden muss“ ................. 117 Wissenschaft · Technik Prisma: E-Books als Anreiz für Lesemuffel / Ecstasy gefährdet Ungeborene ......................... 118 Tauziehen um Timoschenko Seite 88 Archäologie: In Israel wird ein 2500 Jahre altes Bergheiligtum erforscht ..................................... 120 SERGEI CHUZAVKOV / AP Deutschland will die inhaftierte Julija Timoschenko an der Charité Neurologie: Wie ein Schriftsteller plötzlich behandeln lassen. Ob sie nach Berlin kommt, ist offen: In der Ukraine das Lesen verlernte ......................................... 124 verschärft Staatschef Janukowitsch seinen Kurs gegen die Opposition. Automobile: Das neue Elektro-Gefährt von Renault ..................................................... 127 Naturkatastrophen: Tsunami an der deutschen Nordseeküste ................................................... 128 Sport Szene: Überteuerte Hotels bei Fußball-EM in der Ukraine / Wie gerecht ist das Image von Bagdads schwarzer Schatz Seite 95 Spielerfrauen? ................................................. 129 Stierkampf: SPIEGEL-Gespräch mit dem Nach Jahren des Niedergangs wächst auf Iraks Ölfeldern die Zuversicht. Torero Juan José Padilla über einen Unfall, Fast alle Konzerne haben Verträge mit Bagdad geschlossen – doch sie gehen bei dem ihm ein Bulle das Auge ausstieß, und sein Comeback in der Arena ........................... 130 mit der Ölförderung ein hohes Risiko ein: Stabil ist das Land bis heute nicht. Medien Trends: „taz“ macht Gewinn / Niggemeiers Medienlexikon ................................................. 137 Filme: China entdeckt Hollywood – Weltliteratur gegen den Burnout Seite 108 und umgekehrt ................................................ 138 Er ist ehrgeizlos und liebt den Müßiggang: Ilja Oblomow, der Titelheld aus Briefe .................................................................. 8 Iwan Gontscharows Roman von 1859. Seine Lebensart ist der Gegenentwurf Impressum, Leserservice ................................. 142 zum Burnout-Menschen von heute. Jetzt wurde das Buch neu übersetzt. Register ........................................................... 144 Personalien ...................................................... 146 Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 148 Titelbild: Schleswig-Holstein: Dörthe Hagenguth/Agentur Focus; Mecklenburg-Vorpommern: Berthold Steinhilber/laif; Hamburg: Gottes zweiter Peter Bialobrzeski/laif; Niedersachsen: Christian O. Bruch/laif; Berlin: Maurice Weiss/Ostkreuz; Nordrhein-Westfalen: Peter Bialobrzeski/laif/Aus dem Buch „Heimat“, Hatje Cantz Verlag, 2005; Tempel Seite 120 Hessen: Markus Hanke/Visum; Rheinland-Pfalz: Dieter Roeseler/laif; Sachsen: Look-Photo; Baden-Württemberg: Peter Bialobrzeski/laif; Bayern: Berthold Steinhilber/laif; Österreich: Julia Knop/laif; Schweiz: Überraschung im Heiligen Stefan Jaeggi/Keystone/laif Land: 50 Kilometer vom Tempel in Jerusalem ent- fernt stand ein mächtiges Gegenheiligtum – die Kult- Lauter denken stätte der Samaritaner, die Jungphilosophen erklä- mit den Juden um die wahre ren uns die Welt. Außer- URIEL SINAI / GETTY IMAGES Lehre Gottes stritten. Jetzt dem im UniSPIEGEL: werten Forscher Funde aus wie man Fußballmana- diesem „Haus des Herrn“ ger wird, das Geschäft und Handschriften der Sekte mit den Studienplatz- aus, die als kleine Gemeinde Samaritaner auf dem Berg Garizim klagen und der intime fortexistiert. Job der Sexologen. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 7
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    Briefe Preisschwankungen und deren Auswir- kungen auf den Konsum statistisch aus- „Bei diesen Benzinpreisen ist es werten und die zukünftige Preispolitik so festlegen. Daher halte ich auch nichts von Sache des Verbrauchers, ein einer Erhöhung der Pendlerpauschale. Höhere Subventionen führen immer zu kostengünstigeres Verkehrsmittel höheren Preisen. CLEMENS JUNG, BRÜCKEN (RHLD.-PF.) zu wählen. Die Angebote fahren Natürlich rege auch ich mich über die bereits herum. Einfach zugreifen.“ Preispolitik der Ölkonzerne auf. Und doch muss ich an der Tankstelle schmun- zeln, wenn einige ihr offensichtlich neues ERIK SCHNEIDER, FRANKFURT AM MAIN Geländefahrzeug volltanken und sich SPIEGEL-Titel 14/2012 wundern, dass sie mit dem Rechnungs- betrag locker eine Einzimmerwohnung für einen Monat hätten mieten können. Nr. 14/2012, Das Benzin-Kartell – Wie GIORGIO FORLANO, BERLIN Öl-Konzerne die Spritpreise manipulieren Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Sprit- Nach uns die Sintflut preise ist mir gestern aufgefallen: Auf der Autobahn fahren am hellen Nachmittag Kann es sein, dass wir Deutsche die bei gutem Wetter, kaum Verkehr und dümmsten Europäer sind, weil wir uns ohne Tempolimit plötzlich (fast) alle Au- die hohen Spritpreise gefallen lassen? Es tofahrer Tempo 120. Das gab’s noch nie. GUIDO OHLENBOSTEL / DER SPIEGEL ist geradezu lächerlich, dass ein und die- STEFFEN MÜLLER, TUTTLINGEN (BAD.-WÜRTT.) selbe Lieferung an den Tankstellen un- terschiedlich bepreist wird, sogar inner- halb eines Tages. Die Begründung mit Nr. 13/2012, Wenn der eigene Sohn den Spotpreisen in Rotterdam kann das ein Mörder ist nicht erklären. Ob Aral, Shell, Total oder andere: Sie erhöhen gleichzeitig auf glei- che Preise – und das Kartellamt meint Tankstelle in Köln Gelebtes Christentum nicht eingreifen zu können!? Gut, dass man auch mal die Opfer auf HUBERT SCHMOLL, WETTER (NRW) die Parklücke kriegt. Deshalb fordert ja der bösen Seite sieht und Mitgefühl der ADAC auch größere Parkhäuser. weckt. Schlimm, dass sich die Geschwis- In einem ambulanten Pflegedienst mit ei- MARK BIHLER, BERLIN ter nur von hinten zeigen können. Schön, nem Fuhrpark von 120 Fahrzeugen wer- dass die Familie die „Bestie“ weiter liebt. den in einem Jahr rund 2,75 Millionen Hohe Energiekosten erhöhen den Inno- Gelebtes Christentum. Kilometer gefahren. Bei einem Durch- vationsdruck, um die Abhängigkeit vom M. LENZEN, MÜNCHEN schnittsverbrauch von insgesamt 6,37 Li- Öl zu reduzieren. Darüber hinaus sind tern zahlt ein Pflegedienst allein für den die Spritpreise auch im Hinblick auf die Mirco wird nie wieder draußen spielen Sprit 275 000 Euro. Die Höhe der Sprit- Folgekosten für Umwelt und Gesundheit können, nie wieder seine Eltern oder Ge- preise ist ein eminent politisches Thema. viel zu niedrig. Verbreitet ist diese Er- schwister in den Arm nehmen, er darf Denn im Gegensatz zu anderen Unter- kenntnis allerdings nicht in einer Gesell- nicht erwachsen werden, eine Familie nehmen, die mit Pkw arbeiten, sind Un- schaft, die nach wie vor von der Auto- gründen. Die letzten Stunden seines kur- ternehmen im Gesundheitsbereich nicht mobilindustrie und ihren Werbebotschaf- zen Lebens müssen schrecklich gewesen vorsteuerabzugsberechtigt. Der Steueran- ten dominiert wird. Dazu kommen noch sein. Mircos Familie wird bis zum Ende teil von über 90 Cent pro Liter schlägt die Trägheit und die Uneinsichtigkeit ihrer Tage mit diesem furchtbaren Verlust also voll durch. Wenn die Politik nicht vieler Verbraucher. leben müssen. Man sehe es mir als Mutter will, dass die ambulante Pflege insgesamt DR. HEINZ MESTRUP, MÜNSTER zweier Söhne nach, dass ich nicht verste- an die Wand fährt, muss sie dafür sorgen, hen kann, wie die Familie des Täters tickt. dass sie die unabdingbare Mobilität noch Die Höhe der Preisschwankungen kann Dass auch die Täterfamilie sehr unter die- bezahlen kann. damit zusammenhängen, dass man mit ser Tat leidet, ist nachvollziehbar, aber DR. MARIA PANZER, UNTERHACHING (BAYERN) dem Kaufverhalten der Kunden experi- zum Täter halten? Unvorstellbar. HEIMBEATMUNGSSERVICE mentiert. Man kann mit „Testregionen“ JESSIKA SCHÜTEN, PULHEIM (NRW) Wir verprassen derzeit Erdöl nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. STEFAN BLUEMER, MÜLHEIM A. D. RUHR Diskutieren Sie im Internet www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel Wenn sich die Autofahrer im weltweit einzigen Land ohne Tempolimit über zu ‣ Titel Was ist Heimat? hohe Spritpreise aufregen, ist das an Ko- mik kaum zu überbieten. Grinsen kann ‣ Krebs Verdienen Apotheker zu viel man auch täglich in deutschen Metropo- an den Medikamenten? len, wenn die überforderte Zahnarztgat- ‣ Sport Ist der Stierkampf mehr als tin den allradgetriebenen Spritmonster- nur Tierquälerei? SUV jenseits der 250 PS nicht mehr in 8 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Briefe Nr. 13/2012, Wiedie Piratenpartei das triebswirten hat mit 49,09 Prozent noch politische Establishment herausfordert Luft nach oben. Schlimm wird es bei den Ingenieuren: Maschinenbau (9,62 Pro- Im Cyberspace verloren zent), Elektrotechnik (7,81 Prozent), Fahr- zeugtechnik (4,55 Prozent). Das Frauen- Verwegen finde ich, dass die Piraten in quotenproblem hat nichts mit Männern ihrem Parteiprogramm für „alle Bürger und nichts mit der Wirtschaft zu tun. Son- jederzeit die volle Kontrolle über ihre In- dern mit einer Frauschaft, die führen will, formationsverarbeitung und Kommuni- aber die dazu nötigen Qualifikationen nicht anbieten kann. MANFRED POWELEIT, ARTLENBURG (NIEDERS.) Frau Reding meint, dass die Menschen viel vernünftiger seien als „wir Politiker“. Zu diesen Menschen rechne ich allerdings STEFAN PUCHNER / DPA auch die Gegner der Quote und beson- ders die betreffenden Unternehmer. Ein Argument wird leider in solchen Diskus- sionen selten gesehen: Der Unternehmer muss die Freiheit behalten, selbst über Bundesparteitag der Piraten 2011 sein Personal zu entscheiden. Wir brau- chen mehr Freiheiten und die dazugehö- kation“ erreichen wollen und dazu for- rige Ethik der Verantwortung. dern, „die Macht über Systeme und Da- DIETER BRANDES, HAMBURG ten … so breit wie möglich auf alle Bürger zu verteilen und so ihre Freiheit und Pri- Klarer Punktsieg für Frau Schröder. Ge- vatsphäre zu sichern“. Da ist den Piraten gen den Zeitgeist bietet sie souverän Brüs- im Cyberspace wohl etwas die Bodenhaf- seler Erpressungsversuchen die Stirn. tung verlorengegangen. Aber unterhalt- Warum auch sollten im 21. Jahrhundert sam sind sie schon! Einstellungen und Beförderungen nach JÜRGEN SIEVERS, BÜDELSDORF (SCHL.-HOLST.) Geschlechterzugehörigkeit erfolgen – wa- ren wir da nicht schon mal weiter? Fast alle unserer konkreten Programm- MICHAEL KEMPTER, STUTTGART punkte stammen ursprünglich von einfa- chen Parteimitgliedern ohne Amt und Auffällig, dass nur in den Rosinen-Jobs werden dann von meist informellen Ar- nach der Frauenquote gefragt wird, nicht beitsgruppen weiterentwickelt, bis die jedoch in gefährlichen Berufen, in denen Vorlagen beschlussfähig sind. Bei den zu 92 Prozent Männer verunglücken. etablierten Parteien dagegen (gerade bei den Bündnis-Grünen!) ist es genau um- gekehrt; dort brütet die Vorstandschaft MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL fertige „Meinungsvorlagen“ aus, die bes- tenfalls vom Parteitag noch abgenickt werden dürfen. Die Meinungs- und Wil- lensbildung der Piratenpartei läuft prin- zipiell „von unten nach oben“, wie es in einer funktionierenden Demokratie auch sein sollte. Ein Pirat hat keine feste Welt- anschauung – ein Pirat, der schaut sich die Welt an! OLIVER VAILLANT, REGENSBURG Politikerinnen Schröder, Reding PIRATENPARTEI OBERPFALZ Wenn Frauen ihre Kinder mit 25 statt mit 39 bekämen, hätten wir diese Aufstiegs- Nr. 13/2012, EU-Kommissarin Viviane Re- diskussion eher nicht. Eine Vorstandskar- ding und Familienministerin Kristina Schrö- riere beginnt nämlich ab Anfang 40. der über Sinn und Unsinn der Frauenquote RICHARD SCHEDEL, ERLENBACH (BAYERN) Romanistinnen für VW? Sehr viel höher als Frau Redings 60 Pro- Korrektur zent ist die Quote der Hochschulabsol- zu Heft 14/2012 ventinnen bei Romanistik (86,43 Prozent), Seite 143, „In der Problemzone“: Die Germanistik (80,94 Prozent) und Anglis- Grafik nennt für den März 2012 tik (78, 39 Prozent). Doch was sollen Vor- falsche Marktanteilswerte. Für RTL stand und Aufsichtsrat von VW mit Ro- muss es richtig heißen 17,6 statt 18,2 manisten, Germanisten und Anglisten? Prozent und für Sat.1 10,2 statt 9,9 VW wird geführt von Kaufleuten und In- Prozent. genieuren. Die Frauenquote bei den Be- 10 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Briefe Nr. 13/2012, DieMär von der anti- sich die Suizidzahlen ansieht. Es fehlen Nr. 13/2012, Knapp eine Milliarde Euro im syrischen Verschwörung einfach Therapeuten! Die Patienten, die Jahr für die Berliner Kultur – reicht das? begutachtet werden, müssen unter einem Einreiseverbot aufheben erheblichen Leidensdruck stehen, weil sie sich sonst nicht in die stigmatisierte Be- Berliner Luxusprobleme Die von Todenhöfer zu Syrien festgestell- handlung begeben würden. Bevor wir uns weiter mit den kulturellen te „gigantische Desinformationskampa- KERSTIN VOSPOHL, ESSEN Luxusproblemen Berlins beschäftigen, gne“ ließe sich sehr leicht verifizieren: sollten wir die Entwicklung der einst Der Despot von Damaskus müsste dazu Jeder in Psychotherapie investierte Euro so reichen föderalen Kulturlandschaft lediglich das Einreiseverbot für unabhän- spart an anderer Stelle zwei bis vier Euro Deutschlands mit den Zentren Hamburg, gige Journalisten aufheben. an Kosten. Demzufolge kann es nur wün- München, Dresden, Düsseldorf, Köln, Es- PETER BERGER, HEILIGENHAUS (NRW) schenswert sein, wenn Menschen auch mit noch nicht chronifizierten Störungen Im vergangenen Jahr habe ich Herrn To- eine Behandlung bekommen. Die Gesell- denhöfer mehrmals als Videojournalistin schaft sollte sich fragen, warum die Zahl nach Syrien begleitet. Vor Ort haben wir der Hilfesuchenden, der Krankgeschrie- Hunderte Gespräche mit den unterschied- benen und der Erwerbsgeminderten auf- P. PONZIAK / VISION PHOTOS lichsten Menschen geführt. Die von To- grund psychischen Leidens rasant und denhöfer gemachten Aussagen kann ich permanent steigt, statt diejenigen zu dif- bezeugen. Zwischenzeitlich wurden eini- famieren, die Hilfe anbieten. ge Aussagen Todenhöfers – für die er hier SVEN QUILITZSCH, ZWICKAU (SACHSEN) in Deutschland verhöhnt wurde – auch PSYCHOLOGISCHER PSYCHOTHERAPEUT von Human Rights Watch, der Arabi- schen Liga und Kofi Annan bestätigt. Bei Dass die Psychotherapeutensitze so un- Geschlossenes Schiller Theater 1993 der Recherche ist Todenhöfer akribisch gleich verteilt sind, liegt an der Bedarfs- vorgegangen. Er hat dafür ein hohes Risi- planungsrichtlinie. Viele der jungen Psy- sen und so weiter analysieren und hier ko auf sich genommen. Auch im Ge- chotherapeuten würden gern in die struk- wieder Schwerpunkte der Förderung set- spräch mit Assad, bei dem ich anwesend turschwachen Gebiete gehen, wenn es zen. Zum Europa der Regionen passt das war, hat sich Todenhöfer vehement für dort freie Sitze gäbe. besser als die Konzentration auf einen Demokratie eingesetzt. Umso verwunder- DIETER BEST, LUDWIGSHAFEN national bestimmten Kulturort. licher war die Reaktion in Deutschland. DEUTSCHE PSYCHOTHERAPEUTENVEREINIGUNG PETER SCHMIDT, HAMBURG JULIA LEEB, MÜNCHEN EHEM. BÜRGERSCHAFTSABGEORDNETER Ich habe keinen einzigen Burnout-Patien- ten, sondern behandle etwa 15 Prozent Staatssekretär Schmitz hat recht damit, Nr. 12/2012, Der Mangel an Psycho- „leichte Fälle“, die „nur“ eine Anpas- dass mit kleinen Beiträgen große Wir- therapeuten führt zu langen Wartezeiten sungsstörung haben, circa 50 Prozent kung erzielt werden kann! Warum ent- komplex Traumatisierte, die zum Beispiel zieht seine Landesregierung diese Bei- Bitterer Nachgeschmack eine Borderline- oder dissoziative Stö- rung haben, 10 Prozent Psychose-Kranke, träge der musikalischen Bildung? Auch Niedersachsen hat den Musikunterricht der Rest besteht aus Leuten mit depressi- halbiert, an Baden-Württembergs Grund- ven Störungen, Ängsten und Zwangser- schulen gibt es das Fach Musik gar nicht krankungen. Der reale Bedarf liegt hier mehr. Man stelle sich vor, die Metropo- 170 Prozent höher als die zugelassene An- lenbibliothek auf dem Tempelhofer Feld ACHENBACH PACINI / DER SPIEGEL zahl von Therapeuten. Und dies ist in al- wird vom Regierenden Bürgermeister er- len anderen Ballungszentren genauso. öffnet, während sein Schulsenator den ANKE STAHL, KÖLN Deutschunterricht halbiert! Aus der Sta- tik wissen wir, dass Leuchttürme ohne Die Arbeit mit schwer und schwerst psy- Fundament zum Einsturz neigen. chisch Kranken erfordert höchsten Ein- PROF. HANNO MÜLLER-BRACHMANN, BERLIN satz – nicht nur fachlich, sondern auch Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Psychologe Thomas Bock in Hamburg emotional. Wer glaubt, dies an fünf Tagen Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- die Woche von früh bis spät leisten zu tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: Eine leichte Erkrankung wird – wenn können, wird wahrscheinlich eines Tages leserbriefe@spiegel.de nicht richtig und frühzeitig behandelt – selbst behandlungsbedürftig werden. In dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich im Mittelbund rasch zu einer schweren Erkrankung; es DR. EVA-MARIA GLOFKE-SCHULZ, ROSENHEIM ein 16-seitiger Beihefter der Firma DURAVIT, Hornberg. macht also viel Sinn, auch „leichte“ Fälle anzunehmen, vor allem wirtschaftlich ist es erheblich effektiver für das Gemein- wesen, wenn Erkrankungen frühzeitig professionell behandelt werden. Aus der SPIEGEL-Redaktion DIPL.-PSYCH. CORNELIA CORDES, SCHLEIDEN (NRW) Verwüstete Landstriche, gequälte Bauern, abgeschlachtete Söldner – mit dramatischen Bildern hat sich der Dreißigjährige Krieg in das Hier entsteht er wieder, der bittere Nach- Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Was 1618 mit dem „Prager geschmack, dass man sich als depressiver Fenstersturz“ begann, wurde zum europäischen Dauerkonflikt; der Patient mit ein wenig Selbsthilfegruppe, Streit der Konfessionen war nur ein Kriegsgrund unter vielen. Erst Sport oder autogenem Training helfen mit dem Westfälischen Frieden kam wieder Ordnung in die politi- soll, damit sich die Psychotherapeuten schen und religiösen Verhältnisse. Historiker und SPIEGEL-Autoren mit ernsthaften Erkrankungen beschäfti- erörtern die Ursachen des Krieges, porträtieren große Gestalten der gen können. Ein Trugschluss, wenn man Zeit und fragen, welches Erbe die Katastrophe hinterlassen hat. 12 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Panorama PA R T E I E N Stau auf der A 1 bei Hamburg Linker Schwund Erstmals seit der Fusion von Linkspar- tei.PDS und WASG im Jahr 2007 ist die Mitgliederzahl der Linken unter 70 000 gesunken. Während sich die Zahl in den mitgliederstarken, aber überalterten Ostverbänden hauptsäch- lich durch Todesfälle dezimiert, leidet die Linke im Westen unter Austritten oder Parteiwechseln. Allein in Nord- rhein-Westfalen verlor die Linke im vergangenen Jahr mehr als 500 Mit- glieder. Bundestagsfraktionschef Gre- gor Gysi klagte kürzlich intern, der Zustrom aus der SPD und von den Ge- werkschaften sei völlig zum Erliegen gekommen. Ihren Höchststand hatte die Partei im Bundestagswahljahr 2009 mit mehr als 78 000 Mitgliedern er- reicht. ULRICH PERREY / DPA N O R D R H E I N -W E S T FA L E N Clement pro Lindner Der Ex-Sozialdemokrat Wolfgang Cle- BENZINPREISE ment unterstützt die nordrhein-westfä- lische FDP im Landtagswahlkampf. Zehn Jahre nach seinem Abgang als NRW-Ministerpräsident schlägt sich Clement damit auf die Seite seines CDU-Politiker wollen einstigen Gegners; von 1998 bis 2002 hatte er das Bundesland mit einem rot- grünen Kabinett regiert. Derzeit wür- Pendlern helfen den Clement und FDP-Spitzenkandi- Angesichts weiter steigender Benzinpreise wächst in der Union die Bereitschaft dat Christian Lindner die Einzelheiten zur Erhöhung der Pendlerpauschale. Zwar dürfe die Pauschale nicht ständig mit der Zusammenarbeit klären, heißt es Blick auf den Spritpreis angehoben oder gesenkt werden, sagt Unionsfraktions- bei den Liberalen. Die beiden Politi- vize Michael Fuchs. Trotzdem sei eine Entlastung der Pendler geboten. „Wir ker kennen sich noch aus der gemein- können von den Leuten nicht verlangen, dass sie 150 Kilometer zum Arbeitsplatz samen Zeit im Landtag. Seit seinem pendeln, und sie dann mit den Kosten alleinlassen“, sagt Fuchs. Ähnlicher An- Austritt aus der SPD 2008 ist Clement sicht ist Hessens Regierungschef Volker Bouffier. Er will zwar zunächst abwarten, gelegentlich bei der FDP aufgetreten. ob die Bundesratsinitiativen, mit denen die Marktmacht der Benzinkonzerne Der ehemalige Bundeswirtschaftsmi- eingeschränkt werden soll, Wirkung zeigen. „Sollte dies nicht der Fall sein und nister sitzt heute im Aufsichtsrat der eine kritische Grenze erreicht werden, muss man über eine Erhöhung der Pend- RWE Power AG in Essen. lerpauschale nachdenken“, sagt der CDU-Vizechef. Die Parteivorsitzende Angela Merkel hat sich gegen eine solche Erhöhung ausgesprochen. Derweil mahnt der Wirtschaftswissenschaftler Frank Hechtner von der Freien Universität Berlin, dass nur ein geringer Teil der Deutschen von einer Erhöhung der Pendlerpauschale von 30 auf 40 Cent pro Kilometer profitieren würde. Wie seine Auswertung der Steuerstatistik zeigt, machen gerade einmal 30 Prozent MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL der Steuerpflichtigen die Aufwendungen in ihrer Steuererklärung geltend. „Für die meisten Beschäftigten ist die Pauschale nur relevant, wenn die Arbeit min- destens 15 Kilometer vom Wohnort entfernt liegt“, sagt der Professor. Eine spür- bare Entlastung ergebe sich sogar erst ab einem Arbeitsweg von mindestens 50 Kilometern, den laut Hechtner aber nur zwei Millionen Steuerzahler zurücklegen. Nach seinen Berechnungen käme eine Erhöhung der Pauschale um 10 Cent vor allem den Beziehern hoher Einkommen zugute. Ein Single, der 40 Kilometer pendelt und 2500 Euro brutto verdient, hätte monatlich 24 Euro netto mehr, bei einem Einkommen von 6000 Euro wären es 35 Euro. Clement 14 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland FA M I L I E N Justizministerin gegen Betreuungsgeld Im schwarz-gelben Regierungsbündnis ver- Kinder unter 3 Jahren in öffentlich schärft sich der Streit um das Betreuungsgeld. geförderter Tagesbetreuung, Mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnar- Betreuungsquote renberger spricht sich erstmals ein liberales Mit- glied der Bundesregierung dafür aus, die koali- tionsinterne Vereinbarung zur Einführung des Landkreise Betreuungsgelds platzen zu lassen. Das von der unter CSU geforderte Instrument „passt eigentlich nicht mehr in die Zeit“, sagt die FDP-Politike- 10 % Hamburg rin. Beim Angebot von Kita-Plätzen bleibe Aurich Deutschland weit hinter Ländern wie Schwe- Leer den und Frankreich zurück. Deswegen könne auch keine Rede davon sein, dass Eltern die Berlin Wahlfreiheit zwischen heimischer und externer Hannover Betreuung ihrer Kinder hätten. „Der Ausbau der Kinderbetreuung sollte angesichts der Un- terfinanzierung Priorität haben“, sagt Leut- Oberhausen heusser-Schnarrenberger. Die Ministerin stellt (Stadt) sich damit gegen eine Absprache, die die Par- teichefs von CDU, CSU und FDP im November Dresden Heinsberg Köln im Koalitionsausschuss getroffen haben. Dem- Oberbergischer nach soll das Betreuungsgeld, das Eltern zugute- Kreis kommt, die ihre Kinder nicht in eine öffentlich Euskirchen 60 % und mehr Frankfurt geförderte Kita bringen, zum 1. Januar 2013 am Main eingeführt werden. Pro Monat sind für Kinder Wittenberg im zweiten Lebensjahr 100 Euro vorgesehen, im Salzlandkreis Jahr 2014 soll der Betrag auf 150 Euro für das Börde zweite und dritte Lebensjahr steigen. Der Plan sorgt auch innerhalb der Union zuneh- mend für Unmut. Während in der CDU der Wi- Neuburg- Stuttgart derstand wächst, ist die CSU erzürnt darüber, Schrobenhausen dass Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) Mühldorf a. Inn München die parteiinternen Kritiker nicht schärfer in die Schranken weist. CSU-Generalsekretär Alexan- der Dobrindt forderte Kauder am vergangenen Dienstag in einem Telefonat zum Einschreiten DEUTSCHLAND auf. Bayerns Sozialministerin Christine Hader- 25% Zielvorgabe 35 % thauer (CSU) ermahnt mögliche Abweichler innerhalb der Union: Die Abstimmung über das Betreuungsgeld sei „keine Gewissensentschei- unter 15 Prozent 15 bis unter 25 25 bis unter 35 35 bis unter 50 50 und mehr dung, die den Fraktionszwang aufhebt“. Quelle: Destatis, 1. März 2011 B U N D E S TA G S WA H L mindestens zwei Wochen Abstand lie- Bundestagswahl müsste in diesem Fall gen. Wegen der bayerischen Sommer- am 29. September stattfinden. Diesen ferien ist der früheste Termin für die Termin lehnt jedoch das Bundesinnen- Schwieriger Termin Landtagswahl der 15. September, die ministerium ab, weil dann bereits die Herbstferien in Hamburg, Berlin und Der bayerische Ministerpräsident Brandenburg beginnen. Andere Sonn- Horst Seehofer und Bundesinnen- tage im September kollidieren eben- minister Hans-Peter Friedrich – beide falls mit Ferienterminen. Dennoch CSU – rangeln um den Termin für die beharrt die CSU-Fraktion im bayeri- Bundestagswahl 2013. Friedrichs Haus- schen Landtag auf ihrer Position: juristen wollen die Abstimmung für „Beide Wahlen müssen getrennt statt- MAGNUS SETTELE / DAPD den 15. oder 22. September ansetzen. finden, nur so können landespolitische Das läuft den Plänen der CSU in Mün- Themen zur Geltung kommen“, sagt chen zuwider. Sie rechnet sich für die CSU-Fraktionschef Georg Schmid. bayerischen Landtagswahlen bessere Der Streit soll nun bei einem Treffen Chancen aus, wenn zwischen den Ab- der Parteichefs von CDU, CSU und stimmungen im Bund und in Bayern Deutscher Bundestag FDP beigelegt werden. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 15
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    Deutschland Panorama E LBVE RTI E FUNG Angst vor dem Wasser ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE Wegen der von Hamburg geplanten Fahrrinnenvertiefung der Elbe fordert die stromabwärts gelegene Gemeinde Jork eine Erhöhung ihrer Deiche. „Wir rechnen durch die geplante Schüler in Wuppertal Maßnahme mit häufigeren und höhe- ren Sturmfluten und fühlen uns be- droht“, sagt Bürgermeister Gerd VERPFLEGUNG Hubert. Daher müssten die Schutz- wälle gegen den dann schneller flie- ßenden Fluss „dringend erhöht wer- Bäcker statt Mensa den“. Hubert und andere Bürgermeis- ter des Obstanbaugebiets „Altes Land“ prüfen Klagen gegen das Pro- Trotz des teuren Ausbaus von Schulkantinen essen nur 15 Prozent der Schüler jekt, das die Elbe für große Container- regelmäßig in der Mensa. In einem Brief an die Kultusministerkonferenz beklagt schiffe mit einem Tiefgang von bis zu das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung, dass nur in gebundenen Ganztags- 14,5 Metern schiffbar machen soll. Be- schulen „respektable Umsatzgrößen“ erreicht würden. An Schulen mit sporadi- denken gibt es auch gegen die einge- schem Nachmittagsunterricht oder mit freiwilliger Ganztagsbetreuung, welche planten Süßwasserreservoirs, die als ebenfalls Essen anbieten, konstatieren die Experten eine „Mensaflucht“ insbe- Ausgleich für eine mögliche Verschie- sondere älterer Schüler. Diese favorisierten „benachbarte Döner- und Bäcker- bung der Salzwassergrenze elbauf- läden“, selbst wenn sie dort mehr bezahlen müssten. Die Kantinen würden den wärts dienen sollen. Es sei fraglich, „gastronomisch vorgeprägten Geschmackserwartungen“ nicht gerecht, heißt es „ob genügend Flächen dafür zur Ver- in dem Brief, außerdem erwarteten Schüler „Auswahl und To-go-Angebote“. fügung stehen“, so Hubert. In dieser Auch eine „signifikante Mehrheit“ der Eltern steht demnach dem Schulessen Woche stimmte die niedersächsische skeptisch gegenüber und behilft sich mit „Snackzugaben oder kleinem Bargeld“. Landesregierung dem Projekt zu und Der Verein, der im November im Bundestag angehört wurde, fordert Steuerver- räumte damit ein entscheidendes Hin- günstigungen für Schulessen sowie Berater, die Ernährungswissen vermitteln. dernis für die Elbvertiefung aus dem Weg. UM FRAGEN Anteil der Haushalte, in denen hafen. Die Umfrage-Institute würden nur per Handy telefoniert wird die Zahlen dann „durch Erfahrung und alte Umfragewerte interpretie- Handys verunsichern 2011, in Prozent Quellen: Bitkom, Eurostat ren“, ihre Ursprungszahlen aber nicht Meinungsforscher 81 78 59 offenlegen, so Behnke. Auch dadurch könne es zu Fehlprognosen wie bei der Wahl im Saarland vor zwei Wo- Das veränderte Telefonierverhalten chen kommen, als Meinungsfor- der Deutschen bereitet Meinungsfor- schungsinstitute SPD und CDU gleich- Tschechien Finnland Slowakei schern große Probleme bei Wahlum- auf sahen, diese am Ende jedoch fast fragen. Viele Bürger buchen zwar über fünf Prozentpunkte auseinanderlagen. Flatrates einen Internetanschluss plus Eine deutliche Diskrepanz erlebten Festnetznummer, telefonieren aber 47 34 31 die Demoskopen auch bei der Wahl häufiger mit dem Handy; manche sind zum Berliner Abgeordnetenhaus 2011. über das Festnetz nicht oder nur Die meisten Institute sahen die Pira- schlecht zu erreichen. Ein noch größe- Österreich Italien Spanien tenpartei bei fünf Prozent, bei der res Problem seien die Menschen, die Wahl erreichte diese dann knapp neun bei den Telefon-Stichproben nicht Prozent. Meinungsforscher sehen die mehr mitmachen wollen, so Klaus-Pe- 27 17 13 telefonischen Befragungen mit wach- ter Schöppner, Geschäftsführer von sender Skepsis. Solche Umfragen hät- TNS Emnid. Viele Angerufene haben ten ihre „methodische Unantastbar- unterwegs keine Zeit oder Lust, Aus- EU-Durchschn. Großbritannien Frankreich keit verloren“, sagt Thomas Schwabl, kunft zu geben, andere wollen schlicht dessen Markt- und Meinungsfor- ihre Akku-Ladung schonen. „Stellen- schungsinstitut Marketagent.com auf weise nur zehn Prozent der Angerufe- 12 11 Online-Umfragen setzt. Man müsse nen nehmen an einer Umfrage teil“, 2 „durch massive Veränderungen in der sagt Politikwissenschaftler Joachim Kommunikationslandschaft laufend Behnke von der Universität Friedrichs- Deutschland Niederlande Schweden mit Weiterentwicklung rechnen“. 16 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland Parteifreundinnen Merkel, von der Leyen UNION Eine Frage der Gerechtigkeit Ob beim Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst, dem Mindestlohn oder den Renten – Angela Merkel versucht, alle sozialpolitischen Streitfragen abzuräumen. Sie will der SPD keine Angriffsfläche im nächsten Wahlkampf bieten. RAINER JENSEN / DPA 18 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    D er Zwischenfall ereignete sich am „Professor aus Heidelberg“ zum Symbol forderern Sigmar Gabriel, Frank-Walter Freitag vor einer Woche. Es war der sozialen Kälte abzustempeln – und Steinmeier und Peer Steinbrück. mittags um kurz vor zwölf, als der seine Herausforderin gleich mit. So knapp Deutlich wurde Merkels Strategie, als Regierungssprecher die Orientierung ver- war am Ende das Ergebnis, dass sich sich am frühen Samstagmorgen vor einer lor. Steffen Seibert war vor die Front ge- Schröder bei seinem legendären Fernseh- Woche Bundesinnenminister Hans-Peter raten, und er merkte es nicht. auftritt am Wahlabend zunächst noch als Friedrich (CSU) und Ver.di-Chef Frank Was denn die Kanzlerin zum Verhalten Sieger sah. Bsirske nach vierwöchigen Verhandlun- der FDP in Sachen Schlecker sage, wollte Merkel hat aus dieser Beinahe-Nieder- gen die Hand schüttelten. Ein Plus von ein Journalist während der Regierungs- lage ihre Schlüsse gezogen. Einen Wahl- 6,3 Prozent über zwei Jahre für die Pressekonferenz wissen, und Seibert trug kampf um die Frage, wer ist der Sozialste Beschäftigten von Bund und Kommunen, vor, was er für die richtige Antwort hielt. im ganzen Land, kann die Union nicht das ist ein Zuschlag, wie es ihn lange „Es gibt Gründe für eine Transfergesell- gewinnen. Nicht gegen die SPD, die pro- nicht gegeben hat. Dabei hatte sich FDP- schaft, und es gibt sehr gute Gründe da- blemlos noch eine Schippe Wohltaten Chef Philipp Rösler noch Mitte Januar gegen.“ Nur wenig später meldeten die drauflegen kann. gegen kräftige Lohnerhöhungen ausge- Nachrichtenagenturen: „Merkel stärkt Die Kanzlerin weiß, dass sie angreifbar sprochen. Gerade die Lohnzurückhaltung Rösler nach Schlecker-Entscheidung den ist. Ihre Regierung hat die Banken nach sei Grundlage für die Erfolge der vergan- Rücken“. der Lehman-Pleite mit Milliarden-Pro- genen Jahre am Arbeitsmarkt gewesen. Irgendetwas war schiefgelaufen. Die grammen gestützt, laufend werden neue, „Dabei sollte man bleiben“, sagte Rösler. Kanzlerin an der Seite des FDP-Chefs? gewaltigere Rettungsschirme für die ma- Angela Merkel sieht das nicht so. Fried- Ein Signal der sozialen Kälte? Das war roden Euro-Länder aufgespannt. Die teu- rich hatte sich schon vor den Tarifver- nicht die Botschaft, die Angela Merkel ren Hilfsaktionen sind unpopulär, und sie handlungen Prokura für einen großzügi- aussenden wollte. Nein, sie konnte sich verschärfen die Gerechtigkeitsdebatte, gen Abschluss eingeholt, Bundesfinanz- sehr wohl eine Auffanggesellschaft für die sich auf einen einfachen Nenner brin- minister Wolfgang Schäuble hatte seinem die entlassenen Schlecker-Mitarbeiterin- gen lässt: „Warum helft ihr den Bankern, Kollegen signalisiert, dass er gegen einen nen vorstellen. Die Kanzlerin kümmert den Schlecker-Frauen aber nicht?“ üppigen Aufschlag für die öffentlich Be- sich um die armen Schlecker-Frauen – Und so versucht Merkel nun systema- diensteten kein Veto einle- dieses Merkel-Bild hätte der Regierungs- tisch, alle Konflikte zu entschärfen, die gen würde. +15,5 sprecher verbreiten sollen. Jetzt wurde er zurückgepfiffen. Verzweifelt versuchte Seibert am Nach- Vermehrte Armut ... mittag, seine Aussage nachzujustieren. Er Veränderung des verfügbaren Einkommens in Deutschland sei da völlig missverstanden worden. Auf 2010 gegenüber 2000, in Prozent keinen Fall habe sich die Kanzlerin an die Seite der FDP gestellt. Es war zu spät. Am folgenden Morgen titelte nicht nur Einkommensgruppen die „Süddeutsche Zeitung“: „Merkel bil- 1. (unterstes) +1,1 +1,2 +1,3 Zehntel 2. Zehntel 3. 4. 5. +2,0 ligt Nein der FDP zu Schlecker“. Zum Glück der Kanzlerin wurde das – 2,9 – 1,0 6. 7. 8. 9. 10. (oberstes) Zehntel Missgeschick des Regierungssprechers be- reits am Samstag von einer neuen Nach- – 5,7 richtenlage überdeckt. Die Merkel-Regie- rung und die Kommunen hatten sich in ... vermehrter der Nacht auf ein sattes Lohnplus für den –10,3 – 9,2 berechnet in Preisen von 2005, Panel Study (SOEP), DIW Berlin Quelle: German Socio-Economic Reichtum Öffentlichen Dienst verständigt. Das ent- sprach sehr viel mehr dem Image, das sich Merkel in diesen Zeiten gern zulegen der SPD einen Anlass für einen Gerech- Dass Städte und Gemeinden über die möchte. tigkeitswahlkampf bieten könnten. Kos- Zusatzkosten in Milliardenhöhe jammern Denn ihre Strategen im Kanzleramt ten spielen dabei keine Rolle. Dass die und andere Branchen wie die Metall- und in der CDU-Zentrale haben bereits Unionsrechten dabei jammern, nimmt sie arbeitgeber vor der Vorbildfunktion des das Bundestagswahljahr 2013 im Visier. in Kauf. Der konservative Landesverband Abschlusses warnen, stört Merkels Leute Jede Festlegung wird von nun an unter Hessen hat sich bislang als Gegenpol zu nicht, im Gegenteil: Zufriedene Arbeit- dem Blickwinkel geprüft, ob sie Merkel Merkels Linie verstanden, doch spä- nehmer sind zufriedene Wähler, das ist in der Auseinandersetzung mit dem lin- testens seit dem Debakel bei der Frank- die Gleichung im Kanzleramt. „Das ist ken Lager nutzen oder schaden könnte. furter Oberbürgermeister-Wahl ist klar, nichts anderes als eine Aufschwung- In dieser Perspektive ist alles gut, was die dass die Strahlkraft des rechten Flügels dividende“, sagt ein Merkel-Vertrauter. Kanzlerin an die Seite der Arbeitnehmer begrenzt ist. „Wenn die Wirtschaft wächst, sollen auch stellt. Und alles schlecht, was den Sozial- Geht Merkels Plan auf, tritt im nächs- die Arbeitnehmer etwas davon haben.“ demokraten Angriffsfläche für einen Ge- ten Jahr eine Union an, die sich in zen- Anlegen will sich die CDU allenfalls rechtigkeitswahlkampf bieten könnte. De- tralen Positionen kaum noch von der SPD mit betuchteren Bürgern, Steuererhöhun- ren Attacken sollen ins Leere laufen. unterscheidet. Die Sozialdemokraten hät- gen jedenfalls sind für die Partei kein Es ist das Trauma von 2005, das Merkel ten es schwer, ihre Anhänger durch eine Tabu mehr. Mag der ehemalige Finanz- verfolgt. Damals hatte sie nicht rechtzei- starke Polarisierung zu mobilisieren, und minister Steinbrück jetzt auch für eine tig gespürt, dass sich die Ära des neolibe- am Ende würde sich die Wahl wohl auf stärkere Belastung der Reichen werben – ralen Zeitgeistes dem Ende zuneigte, und eine einzige Frage verengen: Wer ist der die Union ist längst da. war mit dem Steuervereinfacher Paul bessere Kanzler? Erst kürzlich hatte sich Bundestagsprä- Kirchhof in den Wahlkampf gezogen. Ein Diese Frage beantworten die Deut- sident Norbert Lammert für einen höhe- verhängnisvoller Fehler. schen in allen Umfragen derzeit eindeutig ren Spitzensteuersatz ausgesprochen. Un- Dem amtierenden SPD-Kanzler Ger- zugunsten der Amtsinhaberin, sie liegt terstützt wird er dabei von Vertretern des hard Schröder gelang es mühelos, den weit vor den drei möglichen SPD-Heraus- Sozialflügels der Partei wie der saarlän- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 19
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    Deutschland gen, wann Zeitarbeiter in Unternehmen die gleiche Bezahlung wie die Stamm- belegschaft erhalten sollen. Andernfalls, so die Drohung von der Leyens, werde ihr Ministerium die Sache selbst in die Hand nehmen. Die Strategie der sozialen Wärme ist eng mit der CSU abgestimmt. In den ver- gangenen Monaten drängte deren Partei- chef Horst Seehofer die Kanzlerin wie- derholt dazu, sozialpolitische Streitfragen abzuräumen, um der SPD keine Angriffs- fläche zu bieten. „Die Union darf nicht als Partei der sozialen Kälte dastehen“, heißt es in der Münchner Parteizentrale. Auch Seehofer leidet noch unter dem Trauma des missglückten Wahlkampfs STEFFI LOOS / DAPD / DDP IMAGES von 2005. Merkels Wohlfahrtsprogramm hat al- lerdings einen hohen Preis. Allein der Tarifabschluss für die Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes wird den Bund pro Jahr 1,7 Milliarden Euro kosten. Das Be- treuungsgeld, mit dem Merkel die CSU SPD-Politiker Gabriel, Steinmeier, Steinbrück: Attacken sollen ins Leere laufen und Hausfrauen erfreuen will, schlägt mit bis zu 1,9 Milliarden Euro zu Buche, und dischen Ministerpräsidentin Annegret noch vor der Sommerpause durch das noch teurer wird die Rechnung, wenn sich Kramp-Karrenbauer und Peter Weiß, Bundeskabinett. Darin enthalten sind die Frauen in der Unionsfraktion durch- dem Chef der Unionsarbeitnehmer im Verbesserungen bei den Erwerbsminde- setzen und im Gegenzug für das unge- Bundestag. „Ich bin für höhere Steuern rungsrenten, bessere Hinzuverdienstmög- liebte Betreuungsgeld die Kindererzie- für Besserverdiener, wenn wir dafür im lichkeiten für Frührentner und eine Zu- hungszeiten stärker bei der Rente ange- Gegenzug Menschen mit kleinen und schussrente für Geringverdiener. rechnet werden. Allein das würde am mittleren Einkommen entlasten“, sagt der. Selbst Erziehungszeiten könnten bald Ende 3,5 Milliarden Euro kosten. Zwar hat die Kanzlerin bisher alle De- stärker bei den Renten angerechnet wer- Im Moment geht es der deutschen Wirt- batten über Steuererhöhungen abge- den, zumindest wenn es nach den Frauen schaft zwar so gut, dass neue Wohltaten blockt. Aber das geschah aus Rücksicht in der Unionsfraktion geht. Als sie vor nicht sofort Löcher in den Haushalt rei- auf die FDP, die schon schwer genug dar- kurzem im Kanzleramt vorstellig wurden, ßen, aber der Bundesetat 2013 zeigt auch, an trägt, dass ihre Steuersenkungsträume beteuerte Merkel, man könne über die wie labil die Lage ist. Schäuble muss 20 geplatzt sind. Idee durchaus reden. Auch Finanzminis- Milliarden Euro neue Kredite einplanen, Merkel registriert genau, wie der ter Schäuble fand kürzlich Zeit, um mit obwohl die Steuereinnahmen um fast drei Wunsch in ihrer Partei wächst, die Rei- Prozent auf 257 Milliarden Euro steigen chen zur Kasse zu bitten; ein Obolus für sollen. Verschlechtert sich die Konjunktur, Begüterte wird nun auch in der Regie- Angela Merkel will als wird es schwer, bereits 2016 einen nahezu rungszentrale nicht mehr ausgeschlos- sen – und könnte sogar Teil des CDU- fürsorgliche Regierungs- schuldenfreien Haushalt vorzulegen. Merkel stört das nicht. Für sie zählt im Wahlprogramms für 2013 werden. chefin dastehen, nicht Moment allein das Wahljahr 2013, und Merkels wichtigste Waffe im Kampf um die Deutungshoheit beim Thema Gerech- als Kanzlerin der Kälte. da will sie als fürsorgliche Regierungs- chefin dastehen und nicht als Kanzlerin tigkeit ist Ursula von der Leyen (CDU). der Kälte. Nichts fürchtet sie mehr als Sie treibt die Diskussion voran, ohne dass der Frauen-Union und von der Leyen den Vorwurf der SPD, kein Herz für die Merkel selbst zwischen die parteiinternen über das Projekt zu beraten. Armen und Benachteiligten zu haben. Im Fronten gerät. Seit von der Leyen im Amt Aus Schwarz wird Rot – das zeigt sich Moment kann sie sich in diesem Punkt ist, hat sie das Arbeitsministerium zur auch beim Thema Mindestlohn. Während zumindest sicher fühlen. sozialen Wärmestube der schwarz-gelben Merkels Amtszeit wurden mehr Mindest- Denn selbst die Gewerkschaften regi- Koalition ausgebaut. löhne in Deutschland eingeführt als unter strieren Merkels Kurs mit Wohlwollen. Kein Interview, kein Auftritt, bei dem allen sozialdemokratisch geführten Re- Als DGB-Chef Michael Sommer Mitte Ja- ihr nicht das Wort „Gerechtigkeit“ über gierungen zusammen. Beim Projekt eines nuar in einer halb privaten Veranstaltung die Lippen kommt. „Ich verstehe soziale allgemeinen Mindestlohns befindet sich im Berliner Ensemble seinen 60. Geburts- Gerechtigkeit nicht als Populismus“, sagt die Union auf der Zielgeraden, er soll tag feierte, war das halbe Kabinett an- von der Leyen, und weil der Etat ihres von einer Kommission aus Arbeitgebern getreten, und die Kanzlerin hielt die Hauses 126,5 Milliarden Euro umfasst, und Arbeitnehmern festgelegt werden, Laudatio. Zumindest die Atmosphäre zwi- fällt es ihr auch nicht schwer, „soziale zur Not könnte am Ende ein Schlichter schen Regierung und Arbeitnehmerver- Leitplanken“ zu bauen. entscheiden. Nach Ostern will eine Ar- tretern könnte besser kaum sein. „Merkel Da sind zum Beispiel die 20 Millionen beitsgruppe der Unionsfraktion das Mo- strahlt aus: Sie gehört zu uns“, gibt ein Rentner. Sie gehören zu den treuesten dell offiziell vorstellen. hochrangiger Gewerkschaftsfunktionär Wählern der Union, und in diesem Jahr Auch die Zeitarbeiter hat von der leicht amüsiert die Stimmung wieder. wurde ihnen ein Plus von über zwei Pro- Leyen nicht vergessen. Bis zum Sommer MARKUS DETTMER, zent gewährt. Nun schnürt die Ministerin haben Gewerkschaften und Arbeitgeber KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, ein neues Wohlfühlprogramm, es soll noch Schonfrist, um sich darauf zu eini- PETER MÜLLER, RENÉ PFISTER 20 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    DAVID HECKER /DAPD Offshore-Windpark vor der Nordseeinsel Borkum: Ein Land im Öko-Rausch Deutschlands werden im Rekordtempo WIRTSCHAFTSPOLITIK Photovoltaik-Module auf die Hausdächer geschraubt – und die Zuschusskosten den VEB Energiewende Stromkunden aufgebürdet. Für Teile der Wirtschaft entwickelt sich der Umbau der Energieversorgung zu ei- nem gigantischen Subventionsprogramm. Der Atomausstieg wird zur Subventionsmaschine für Industrie- Und die Regierung ist bereit, Milliarden- bosse, Elektrokonzerne und findige Geschäftemacher. beträge in neue Stromtrassen, Stromspei- cher und Stromverteilnetze zu pumpen, Die Kosten und Risiken sollen andere tragen – die Bürger. wo immer sie gebraucht werden. Geld scheint reichlich vorhanden. Denn dass J ohann der Täufer Philipp Robert Euro im Jahr erlösen lassen – und zwar es am Ende die Bürger sein werden, die Konrad Graf von Walderdorff, Herr ohne großes finanzielles Risiko. über ihre Steuern und Stromgebühren die auf Schloss Dreis bei Wittlich an der Ein Jahr nach Fukushima ist die Bun- Energiewende bezahlen müssen, spielt in Mosel, macht neuerdings in Knöterich. desrepublik ein Land im Öko-Rausch. der politischen Debatte bislang nur eine Acht Hektar gräfliche Ländereien sind Kaum eine Woche vergeht, ohne dass untergeordnete Rolle. dieses Jahr für den Anbau der schnell irgendwo der Grundstein für einen Solar- In der Energiebranche vollzieht sich wachsenden Pflanze reserviert. Dem park gelegt oder eine Biogasanlage ein- ein Mentalitätswandel, weg vom Markt, Milchbauern, der hier früher seine Tiere geweiht wird. Windräder schießen in die hin zur Lenkungswirtschaft. Die Unter- weidete, hat der Graf gekündigt. Was die Höhe, an der stürmischen Nordseeküste nehmen sind darauf aus, Investitionskos- Gewinnspanne betrifft, konnten die ebenso wie im Schwarzwald, wo sich ten und Verlustrisiken der Allgemeinheit Kühe gegenüber dem Kraut bei weitem vergleichsweise selten ein Lüftchen regt. aufzubürden. Großkonzerne wie E.on, nicht mithalten. Selbst in den sonnenärmsten Regionen Bosch und Siemens, die sonst gern von Als Knöterich-Produzent gehört Wal- freien Märkten schwärmen, rufen bei derdorff zu den Profiteuren der Energie- Stromkosten Dena-Prognose jeder Gelegenheit nach zusätzlichen Sub- politik von Union und FDP. Weil die Bun- bis 2020: ventionen. Der Staat soll es richten. Nur Monatliche Belastung desregierung beschlossen hat, so schnell eines Durchschnitts- + 20 % die Gewinne des VEB Energiewende wie möglich von Atom- auf Ökostrom haushalts* durch Energie- möchten die Konzerne auch in Zukunft umzusteigen, sind Energiepflanzen zu ei- in Euro wende bedingte gern für sich behalten. Der Wissenschaft- nem lukrativen Geschäft geworden, staat- Steigerung liche Beirat beim Bundeswirtschaftsmi- lich garantierter Fördergelder sei Dank. nisterium spricht von Planwirtschaft. Die Knöterich-Ernte wird zu Biogas 72,77 Durch das Hauruckverfahren beim verarbeitet, welches wiederum der Öko- Atomausstieg hat sich die Bundesregie- stromerzeugung dient. Und Grundbesit- rung den Konzernen ausgeliefert. Der Um- zer Walderdorff hat schon das nächste stieg auf die erneuerbaren Energien soll Projekt im Blick: Windenergie. Hier sind 40,66 unbedingt ein Erfolg werden, doch keiner * bei einem Verbrauch die Subventionen ebenfalls hoch. Kühl von 3500 kwh im Jahr weiß, wie. Stattdessen haben inzwischen hat er ausgerechnet, dass sich mit einem alle 16 Bundesländer eigene Vorstellungen 2000 2011 Quelle: BDEW einzigen Windrad mehrere zehntausend entwickelt. Und so wird mancherorts der 22 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland Ausbau von „Strom-Autobahnen“be- ausgestattet werden, die den Bürgern beim nicht mehr lohne, fordern sie nun einen schlossen und andernorts der Aufbau „re- Energiesparen helfen, was für die Allge- Ausgleich für jene Zeiten, in denen ihre gionaler Strukturen“. Derweil wächst bei meinheit weitere Kosten von insgesamt Anlagen stillstehen. der Stromversorgung die Gefahr eines bis zu 5,7 Milliarden Euro bedeutet. Besonders angespannt ist die Lage in Blackout. Die Bundesnetzagentur spricht Hemmungen, den Staat um Geld an- Bayern. Wenn 2015 mit Grafenrheinfeld davon, das System sei auf Kante genäht. zugehen, haben weder die Verbandsfunk- ein weiterer Atommeiler vom Netz geht, Wie erpressbar die Politik ist, zeigt sich tionäre noch die Industriebosse. Der Elek- drohen dem Freistaat, der einst 58 Pro- bei den aktuellen Verhandlungen über tronikkonzern Bosch hatte kürzlich zum zent seines Strombedarfs mit Kernkraft die Frage, wie die geplanten Offshore- Kamingespräch ins Berliner Luxushotel deckte, massive Probleme. Die Staatsre- Windparks vor der Nordseeküste an das Adlon eingeladen. Es gab Rinderfilet und gierung setzt deshalb auf Gaskraftwerke, Stromnetz angeschlossen werden sollen. allerlei Getrüffeltes, ein angemessener die „auf Lastschwankungen kurzfristig Zuständig ist der Netzbetreiber Tennet, Rahmen für einen Konzern, der mit 51 reagieren“ könnten. Doch die Energie- ein Konzern, der dem niederländischen Milliarden Euro Umsatz 2011 eines der wirtschaft will die mindestens fünf feh- Staat gehört. Doch das Unternehmen besten Geschäftsjahre seiner Firmenge- lenden Anlagen nur dann bauen, wenn zeigt bislang kein Interesse, die Investi- schichte erlebt hat. sie zusätzliche Subventionen erhält und tionskosten von insgesamt 15 Milliarden Doch als die Firmenbosse dann ihre der Bund ein Beschleunigungsgesetz zum Euro aufzubringen, obwohl es mit einer Vorschläge für die Energiepolitik präsen- Kraftwerksbau verabschiedet. garantierten Verzinsung von rund neun tierten, traten sie plötzlich als arme Schlu- Der Berliner Energiewissenschaftler Prozent rechnen darf. Die Niederländer cker auf. Bosch-Vizechef Siegfried Dais Georg Erdmann, Mitglied der von der sagen, sie seien knapp bei Kasse. Außer- verteilte ein Papier mit „Energiepoliti- Bundesregierung eingesetzten Monito- dem möchten sie ungern die Haftung schen Handlungsempfehlungen“, die stets ring-Gruppe für die Energiewende, spricht übernehmen für den Fall, dass beim Netz- auf dieselbe Forderung hinausliefen: von einer „Subventionsmaschine“. Holger anschluss etwas schiefgeht, etwa infolge mehr Staatsknete. Im Bosch-Papier liest Krawinkel, Energieexperte vom Bundes- einer technischen Panne. sich das dann so: „Erhöhung der finan- verband der Verbraucherzentralen sagt: Vor einigen Tagen verhandelten die ziellen Anreize für die Gebäudesanie- „Das Ganze ist eine typische Veranstal- Tennet-Manager deshalb mit den beiden rung“, „stärkere Förderung von Spei- tung zu Lasten Dritter.“ für die Energiewende zuständi- Tatsächlich sind es die Bür- gen Bundesministern Philipp ger, die am Ende die Rechnung Rösler (Wirtschaft) und Nor- bezahlen müssen. Im Gegen- bert Röttgen (Umwelt) über satz zu den stromfressenden In- Sonderkonditionen. Die Bun- dustriebetrieben können sich desregierung ist zu weitreichen- die Normalverbraucher nicht den Zugeständnissen bereit. von den hohen Preisen be- Das Haftungsrisiko soll, so der freien lassen. Die halbstaat- Plan, weitgehend der deutsche liche Deutsche Energie-Agen- Staat übernehmen. Zur Finan- tur rechnet damit, dass die zierung des Projekts soll außer- Stromkosten der Bürger in den dem die staatliche KfW Ban- nächsten Jahren aufgrund der kengruppe einspringen, ob in Energiewende um ein Fünftel Form von Bürgschaften, Kre- steigen werden. Energieexper- THOMAS PETER / REUTERS diten oder einer Beteiligung, te Erdmann aus der Monito- ist noch offen. Niedersachsens ring-Gruppe geht davon aus, Ministerpräsident David McAl- dass der Zuschlag zur Förde- lister bringt eine „neue einheit- rung erneuerbarer Energien liche Netzgesellschaft unter der auf die Stromrechnung von der- aktiven Moderation des Bun- Minister Röttgen, Rösler: Weg vom Markt, hin zur Planwirtschaft zeit 3,59 Cent pro Kilowattstun- des“ ins Spiel (siehe Interview de auf über 6 Cent steigen wird. Seite 24). Tatsächlich erwägt das Wirt- chern“, „Bereitstellung weiterer Förder- Eine Durchschnittsfamilie würde dem- schaftsministerium einen Staatseinstieg mittel für technologische Innovationen“. nach mit fast 200 Euro zusätzlich im Jahr beim Netzausbau: Es sei denkbar, dass Unterstützt wurde Top-Manager Dais von belastet – und das, nachdem bereits in sich die KfW als Miteigentümer ins Spiel einem Lobbyisten des Öko-Instituts. Sel- den vergangenen Jahren die Energieprei- bringt. ten waren sich Großkapital und Müsli- se kontinuierlich nach oben geklettert Mit dem 15-Milliarden-Euro-Projekt Bewegung so einig wie an jenem Abend. sind. Allein 2011 wurde bis zu 800 000 zur Verkabelung der Offshore-Windparks Selbst Experten fällt es schwer, den Haushalten der Strom abgestellt, weil sie ist es nicht getan. Der Strom muss an- Überblick über die Fördersummen zu be- ihre Rechnung nicht beglichen hatten. schließend übers Land weitertransportiert halten. Zunächst werden die Hersteller Wenn die Bürger nicht mehr in der werden. Und auch hier soll nach Vorstel- von Strom aus Sonne, Wind und Biomas- Lage sind, die durch Subventionen für lung der Wirtschaft möglichst die Allge- se im laufenden Jahr mit etwa 18 Milliar- die Industrie verteuerten Strompreise zu meinheit für die Kosten aufkommen. den Euro alimentiert, obwohl der Markt- bezahlen, müssen demnächst wohl auch Der Bundesverband der Energie- und wert ihres Stroms keine 5 Milliarden Euro sie vom Staat unterstützt werden. E.on- Wasserwirtschaft rechnet mit jährlich einer beträgt. Als Nächstes rufen Netzbetreiber Chef Johannes Teyssen schlägt bereits Milliarde Euro für den Bau neuer Höchst- wie Tennet nach dem Staat, die den vor, „Geringverdienern bei einer weite- spannungsleitungen. Zusätzliche 2,4 bis Strom transportieren müssen. Das wie- ren Verteuerung des Stroms mit staat- 3,5 Milliarden Euro pro Jahr seien nötig, derum macht die Betreiber von Gaskraft- lichen Zuschüssen zu helfen“. Und so um das Verteilnetz, das den Strom zu den werken begehrlich. Sie müssen ihre Tur- schließt sich am Ende der Zirkel; die Ener- Bürgern bringt, zu „ertüchtigen“, wie es binen nun ständig hoch- und wieder run- giewende wird zum perfekten Subven- im Fachjargon heißt. Und schließlich müss- terfahren, denn Sonne und Wind liefern tionskreislauf. ten möglichst alle Haushalte mit neuen immer nur zeitweise Elektrizität. Weil ALEXANDER NEUBACHER, CONNY NEUMANN, Stromzählern und Informationssystemen sich dadurch der Betrieb ihrer Kraftwerke STEFFEN WINTER D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 23
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    Deutschland tun, um unsere industrielle Basis in Deutschland zu erhalten. Und dazu ge- AT O M AU S S T I E G hört auch die energieintensive Industrie. SPIEGEL: Der zuständige Umweltminister „Nörgeln ist keine Tugend“ Norbert Röttgen sieht das anders. Er will die schmutzigen Industrien durch saubere Produktionszweige auf der Basis von Son- nen- und Windstrom ersetzen. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, 41, über die McAllister: Noch einmal: Deutschland ist Kosten der Energiewende, die Rolle des Staats beim ein Industrieland. Das sieht Norbert Rött- gen genauso. Dazu gehört Hightech, und Netzausbau und die Ängste der Bürger vor neuen Technologien dazu gehören ebenso Lärm und Rauch. Das betone ich als Ministerpräsident eines SPIEGEL: Herr Ministerpräsi- bleiben. Wir müssen auf- Bundeslands, das an so erfolgreichen dent, haben Sie schon Ihren passen, dass die Energie- Unternehmen wie Volkswagen oder der Stromanbieter gewechselt? preise in Deutschland Salzgitter AG beteiligt ist. Die Energie- McAllister: Privat bin ich nicht zu einer Deindustria- wende ist eben auch ein industrielles Kunde bei der EWE AG in lisierung unseres Landes Großprojekt. Norddeutschland und ge- führen. Wir sind Industrie- SPIEGEL: Das Großprojekt kommt aber denke es zu bleiben. land und wollen es blei- nicht voran. Bis heute ist unklar, wo der CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL SPIEGEL: Viele Bürger sind ben. Das garantiert uns Ar- Strom nach dem Ausstieg aus der Atom- da weniger festgelegt. Sie beitsplätze und gibt den kraft für die deutsche Industrie produziert sehen, wie die Energie- Menschen Sicherheit. und wie er weitergeleitet werden soll. wende die Strompreise in SPIEGEL: Die Deindustriali- McAllister: Nun aber mal langsam. Die die Höhe treibt, und su- sierung gibt es bereits. Bundeskanzlerin hat die Energiewende chen nach Alternativen. Müssen wir uns damit ab- zu Recht als die größte wirtschaftliche, Können Sie das verstehen? CDU-Politiker McAllister finden, dass energieinten- politische und gesellschaftliche Heraus- McAllister: Strompreise ha- „Krach gehört dazu“ sive Industrien hierzulan- forderung seit der Wiedervereinigung be- ben für die Menschen eine de keine Zukunft haben? zeichnet. Es geht um eine Aufgabe, die besondere Bedeutung. Das ist mir be- McAllister: Nein, auf keinen Fall. Wir ar- bis ins Jahr 2050 reicht. Diese Aufgabe wusst. Und natürlich hat jeder Bürger das beiten auf allen Ebenen sehr intensiv und ist so gewaltig, dass sie nicht im Hand- Recht, seinen Strom dort einzukaufen, erfolgreich daran, dass energieintensive umdrehen erledigt werden kann. Nach wo er ihn am günstigsten bekommt. Des- Unternehmen in Deutschland bleiben. nur knapp einem Jahr haben wir schon halb ist es gut, dass es einen Wettbewerb Wir sollten froh und dankbar sein, dass sehr wichtige Schritte gemacht. Wir brau- gibt. Die Energiewende entspricht dem Deutschland eine so starke Industrie hat. chen aber noch mehr Mut, Kreativität – Willen der Menschen in Deutschland. Sie Sehen Sie sich Großbritannien an. Dort und auch mehr Dynamik. Nörgeln und beruhte auf einem parteiübergreifenden hat man dem Niedergang der Industrie Dagegensein sind gerade jetzt keine gu- Konsens. Jetzt müssen wir sie gemeinsam über Jahrzehnte tatenlos zugesehen. Heu- ten Tugenden. zum Erfolg führen. Dass das nicht zum te will die Londoner Regierung die ver- SPIEGEL: Was muss geschehen, damit die Nulltarif geht, war allen Beteiligten von lorengegangenen Produktionszweige zu- Energiewende endlich vorankommt? vornherein klar. rückholen und muss feststellen, wie McAllister: Bund und Länder haben Pläne SPIEGEL: Die Kosten drohen aber jedes schwer das ist. Wir müssen deshalb alles vorgelegt, wie die erneuerbaren Energien vernünftige Maß zu sprengen. Ende ver- gangenen Jahres haben die steigenden Energiepreise das Lohnplus der Arbeit- nehmer komplett aufgezehrt. Macht die Energiewende die Deutschen ärmer? McAllister: Der Umbau unserer Strom- erzeugung auf erneuerbare Energien mag kurzfristig zu Mehrkosten führen. Lang- fristig wird er uns aber große Vorteile bringen. Im Ausbau etwa der Windener- gie stecken gerade für die norddeutschen Länder große Chancen. Außerdem wer- den wir unabhängiger von teuren Energie- importen. SPIEGEL: Da machen die Bürger ganz an- dere Erfahrungen. Die Kosten steigen und steigen, was vor allem Geringverdiener und Hartz-IV-Empfänger belastet. Brau- chen wir einen Sozialtarif für Strom, wie HANS-GÜNTHER OED / VARIO IMAGES ihn E.on-Chef Johannes Teyssen fordert? McAllister: Was früher die Brotpreise wa- ren, sind heute die Energiepreise. Des- halb brauchen wir mehr Wettbewerb. Und ich sehe ein weiteres Problem: Die Kosten für die energieintensive Wirt- schaft wie Stahl, Aluminium, Zink, Pa- pier oder Chemie müssen kalkulierbar Bau eines Hochspannungsmastes: „Wir planen mit Hochdruck neue Trassen“ 24 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland weiterentwickelt und dieStromnetze ent- anbindungen gesucht werden. Im Mittel- sprechend ausgebaut werden sollen. Zu- punkt solcher Überlegungen stehen frei- gleich wird die Bundesregierung jährlich willige Lösungen auch für die Errichtung genauestens überprüfen, ob die verein- einer neuen einheitlichen Netzgesellschaft barten Ziele erreicht worden sind. An- unter der aktiven Moderation des Bundes. fang Juni wollen sich die Ministerpräsi- SPIEGEL: Sie streiten sich mit Tennet nicht denten mit der Kanzlerin treffen, um eine nur beim Anschluss der Offshore-Wind- erste Bilanz zu ziehen. Dann werden die parks, sondern auch beim Ausbau der weiteren Weichen gestellt. Stromtrassen. Wo liegt das Problem? SPIEGEL: Die Pläne passen doch hinten McAllister: Es gibt drei große Nord-Süd- und vorn nicht zusammen. Bayern und Verbindungen, die alle durch Niedersach- Baden-Württemberg wollen neue Wind- sen gehen. Zwei der Raumordnungsver- parks vor allem im Süden errichten. Sie fahren sind abgeschlossen. Dennoch hat setzen auf Anlagen in der Nordsee. Wie Tennet bislang nicht die erforderlichen wollen Sie den Streit lösen? Anträge auf Durchführung eines Planfest- McAllister: Es macht mehr Sinn, Wind- stellungsverfahrens vorgelegt. räder dort aufzustellen, wo der Wind kräf- SPIEGEL: Warum nicht? tig weht. Deshalb sind die Küstenlagen McAllister: Unsere Planungen sehen einige und das offene Meer besser geeignet als Streckenabschnitte vor, in denen die enge Täler im Schwarzwald. Die Off- Stromkabel unter der Erde verlaufen sol- Spitzen-Piraten Paul (r.)*, Weisband: Keine Polit- shore-Windenergie ist eine Schlüsseltech- len. Es entspricht der Gesetzeslage, dass nologie für die Energiewende. Ohne sie Leitungen, die in weniger als 400 Meter wird das Projekt nicht gelingen. Dies wird Entfernung zu Siedlungen verlaufen, un- PA R T E I E N keiner ernsthaft bestreiten. terirdisch verlegt werden müssen. Das ist SPIEGEL: Das Problem besteht aber darin, dass der Strom dann über viele hundert Kilometer von Nord nach Süd transpor- im Interesse der Menschen auch gut so. Mit dieser Vorgabe hat Tennet Probleme. SPIEGEL: Es gibt viele in der Union, die Ih- Das Ende der tiert werden muss. Derzeit hapert es schon beim Anschluss der Offshore-Wind- parks an das Stromnetz an Land. nen eine Politik nach dem Sankt-Flori- ans-Prinzip vorwerfen. Niedersachsen will mit seinen Offshore-Windparks von Amateure der Energiewende profitieren, aber sei- Der Erfolg der Piraten beruht nen Bürgern keine Lasten zumuten. „Der Umbau unserer McAllister: Das ist falsch. Wir planen mit auch auf ihrem fröhlichen Dilettantismus. Mit ihrer wachsen- Stromerzeugung wird Hochdruck die neuen Trassen. Aber die Proteste der Betroffenen sind doch nach- den Bedeutung stößt das uns langfristig vollziehbar. Der Netzausbau beeinträchtigt Konzept an seine Grenzen. große Vorteile bringen.“ das Landschaftsbild. Und er könnte dazu E führen, dass der Wert der betroffenen in Abgeordneter der Piratenpartei Grundstücke sinkt. In Niedersachsen hat und ein SPD-Ministerpräsident sit- McAllister: Die fünf norddeutschen Minis- es gegen die Trasse von Wahle nach Meck- zen in einer Talkshow. Es geht um terpräsidenten haben kürzlich in Berlin lar 16 000 Einwendungen von Bürgern ge- die Frage, wofür die Piraten eigentlich mit dem zuständigen Netzbetreiber Ten- geben. Das nehme ich sehr ernst. stehen. Man diskutiert über die Schlecker- net über das Problem gesprochen. Das SPIEGEL: Nach dieser Melodie hat sich Nie- Pleite, die Euro-Rettung, aber es kommt Unternehmen hat verschiedene Zusagen dersachsen auch der CCS-Technologie nicht viel rum dabei. „Bei solchen The- gemacht, sich aber außerstande gesehen, verweigert, bei der CO2 unterirdisch ge- men, wo wir dann tatsächlich auch nicht die notwendigen Investitionen von etwa speichert wird, um Kohlekraftwerke kli- so viel Ahnung haben, sagen wir: Da spa- 15 Milliarden Euro zu finanzieren. maneutral betreiben zu können. Wie soll ren wir uns jetzt erst mal den Kommen- SPIEGEL: Tennet ist doch gesetzlich zum das gehen, wenn alle sagen: Energiewen- tar“, sagt der Pirat. „Wenn das Leben so Anschluss verpflichtet. de ja, aber nicht bei mir? primitiv wäre wie Ihre Argumentation, McAllister: Das stimmt. Aber wenn der McAllister: Von der CCS-Technologie bin dann will ich hier nicht mehr leben“, sagt Netzbetreiber das Geld nicht hat und sein ich nicht überzeugt. Sie ist unausgereift der Ministerpräsident. Eigentümer, der niederländische Staat, und verursacht Riesenängste bei den Men- So wie das Treffen zwischen dem Ber- die erforderlichen Summen ebenfalls schen. Dafür habe ich Verständnis. liner Piraten Christopher Lauer und dem nicht aufbringen will, dann muss man SPIEGEL: Es gibt keinerlei wissenschaft- rheinland-pfälzischen Regierungschef über andere Wege nachdenken. lichen Nachweis, dass CCS gefährlich ist. Kurt Beck in einer ZDF-Talkshow Ende SPIEGEL: Das klingt nach Krediten von der McAllister: Dann sollen andere Bundeslän- März sehen zurzeit viele Begegnungen deutschen Staatsbank KfW. der doch mit der Erprobung voranschrei- zwischen der Piratenpartei und der eta- McAllister: Das wird nicht reichen. Denn ten. Wir in Niedersachsen haben mit den blierten Politik aus. Meistens offenbaren Tennet fehlt es nicht an Kreditmitteln, son- Problemen im Zusammenhang mit der die Piraten dabei freimütig ihre Ahnungs- dern an Eigenkapital. Die KfW könnte Endlagerung des Atommülls – mit Gorle- losigkeit, und allmählich müssen sie fest- sich aber zumindest für eine Übergangs- ben, der Asse und dem Schacht Konrad – stellen, dass sie mit ihrem fröhlichen Di- zeit mit geeigneten Beteiligungen engagie- und dem Ausbau der Trassen schon ge- lettantismus an Grenzen stoßen. ren – und zwar als Miteigentümer, nicht nug zu tragen. Wo ist der Beitrag der an- Bislang sind sie mit ihrer demonstrati- als Darlehensgeber. Das Bundeswirt- deren? Das Land Brandenburg zum Bei- ven Unprofessionalität weit gekommen. schaftsministerium sollte gemeinsam mit spiel, das bei der Energieerzeugung auf Nach dem Berliner Abgeordnetenhaus dem Bundesumweltministerium diese Fra- Braunkohle setzt und CCS befürwortet, zogen sie auch in Saarbrücken ins Par- ge einmal klären. Mittel- und längerfristig war nicht bereit, in dieser Frage eine Vor- lament ein, im Mai dürften die Landtage muss aber nach strukturellen Änderungen reiterrolle zu übernehmen. für die Finanzierung der Offshore-Netz- INTERVIEW: PETER MÜLLER, MICHAEL SAUGA * Mit Wahlkampfmanager Lukas Lamla. 26 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    ANKE FLEIG /SVEN SIMON / PICTURE ALLIANCE / DPA (L.); HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF (R.) lung übers Netz war kaum zu bewältigen.“ Im Februar gab er den Landesvorsitz auf. Der Anspruch, als Politiker bloß Voll- strecker des Basiswillens zu sein und stän- dig mit allen in Kontakt zu stehen, ist das Besondere an den Piraten. Aber nebenbei ist er kaum noch zu erfüllen. Das merkte auch Marina Weisband, 24, die kürzlich ihren Rückzug als Politische Geschäftsfüh- rerin verkündete – sie ertrug die Doppel- belastung zwischen Parteiamt und Di- plomarbeit nicht länger und litt auch unter dem rauen Ton, der die Oberpiraten oft trifft. Jüngstes Beispiel sind die Hasswel- len gegen Parteichef Sebastian Nerz, der im Netz als „pöbelnder Fuzzi“ und „zwei- ter Helmut Kohl“ verspottet wird. Als Nerz sich gegen das „Mobbing“ der Pira- ten wehrte, erlebte die Partei prompt ei- Karrieristen, keine Hinterzimmerpolitik, kein Personenkult nen neuen Führungsstreit. „Wir haben noch keine Lösung für diese von Schleswig-Holstein und Nordrhein- Altersdurchschnitt der Piraten von 31 auf Probleme“, sagt der frühere Berliner Lan- Westfalen folgen. In einer bundesweiten 36 Jahre angestiegen. Viele ältere Mitglie- deschef Anger. Es werde wohl auf eine Umfrage erreichten die Piraten diese Wo- der wie Paul teilen nicht die Euphorie jun- weitere Professionalisierung der Piraten che ihr Rekordhoch von zwölf Prozent. ger Piraten, die mit der Netzdemokratie hinauslaufen müssen, mit zwiespältigen Zeitgleich mit den Umfragewerten ist alle Probleme der Politik lösen wollen. Folgen. „Ich sehe jetzt schon die Gefahr, auch die Mitgliederzahl der Partei nach „Wir werden nicht in allem immer so- dass sich auch bei uns wieder der ähnliche oben geschossen. Seit der Berlin-Wahl im fort die Basis befragen können“, sagt Paul. Typ durchsetzt wie in anderen Parteien.“ vergangenen September hat sie sich ver- „Eine Fraktion braucht auch eine gewisse Womöglich Leute wie Jens Seipen- doppelt, von 12 000 auf über 24 000. In- Autonomie.“ Für den Wahlkampf hat busch, 43. „Ich habe schon immer macht- zwischen haben die Piraten eine Größe Paul bei seinem Arbeitgeber sofort Son- politisch gedacht“, sagt er. Das Merkwür- und eine Bedeutung erreicht, die einige derurlaub beantragt. Er weiß, dass Politik dige sei, dass bei den Piraten nur wenige ihrer Grundsätze in Frage stellen. vor allem Zeit kostet und dass die Piraten, so dächten. „Taktik und Strategie sind Das Erfolgsrezept der Piraten ist ihr wenn sie langfristig ernst genommen wer- doch ein wesentlicher Teil von Politik.“ Anderssein. Sie wollen keine Hinterzim- den wollen, nicht wirken dürfen wie ein Zwischen 2007 und 2011 war der Infor- merpolitik, keinen Personenkult und kei- Haufen planloser Hobbypolitiker. matiker Seipenbusch zweimal Vorsitzen- ne Polit-Karrieristen. Ihr Mantra heißt „Professionalisierung heißt auch: Ich der der Piraten, seither ist er einfaches Transparenz, ihr politischer Held ist der muss mich sorgenfrei um die Belange der Parteimitglied. „Früher war bei uns die Amateur. Parteiämter sollen nicht bezahlt Bürger kümmern können“, sagt Paul. Er ungeschriebene Regel: Der Chef führt die werden, die Macht soll beim Schwarm ist dafür, dass man mit guter Politik auch Partei. Keiner wollte den Vorstand schwä- bleiben. All das birgt ein Versprechen auf gutes Geld verdient. Ein Führungsamt in chen. Basisdemokratie war nicht wichtig.“ eine bessere Politik, auf Bürgernähe und der Piratenpartei nur ehrenamtlich auszu- Es klingt, als habe Seipenbusch dieses selbstlose Volksvertreter. Aber je größer üben gehe gar nicht. „Wenn Piraten als Konzept ganz gut gefallen. sie werden, desto stärker geraten die Pi- Abgeordnete im Parlament sitzen und Diä- Vor einigen Wochen meldete er sich in raten in den Widerspruch zwischen dem ten bekommen, kann es nicht sein, dass der Partei zurück. Mit 41 anderen Piraten Charme des Laienhaften und der Kom- der Parteivorstand unbezahlt bleibt. Dann gründete Seipenbusch die „Gruppe 42“, plexität des politischen Betriebs. Die Fra- gibt es keine Balance mehr“, sagt Paul. ohne das vorher mit der Basis oder dem ge ist, ob der Amateur in der Politik auf Ihr Erfolg bringt die Piraten in ein Di- Vorstand abzustimmen. Es gab Schlagzei- Dauer erfolgreich sein kann. lemma. Die große Mehrheit der Basis will len, das war das Ziel der Gruppe. Sie for- „Wir müssen unsere Kompetenz bewei- die Aufwandsentschädigung für ihre Füh- dert mehr Engagement bei Netzthemen, sen. Es schadet uns, wenn wir ahnungslos rungsleute auf ein paar hundert Euro be- Urheberrecht und Datenschutz. „Die Par- rüberkommen“, sagt Joachim Paul, 54. grenzen, wenn überhaupt – zu groß ist die tei vernachlässigt ihre Kernbereiche“, Der Biophysiker ist Spitzenkandidat der Sorge, andernfalls auch Karrieristen anzu- sagt Seipenbusch, aber es geht ihm nicht Piraten in Nordrhein-Westfalen und Ver- ziehen, wie es sie bei den etablierten Par- nur um Inhalte. Er will auch an die Macht. fechter des Vollprogramms. „Die Piraten teien gibt. Doch mit der wachsenden öf- Wie ein klassischer Politiker hat Seipen- müssen sich zu allen Themen positionie- fentlichen Aufmerksamkeit ist der Piraten- busch sich ein Thema gesucht und einen ren, auch in der Wirtschafts- und Außen- job ehrenamtlich kaum noch zu stemmen. Aufschlag in den Medien gemacht, um sich politik, und zwar bald. Wir wollen schließ- Gerhard Anger konnte irgendwann für einen Posten zu profilieren. Er möchte lich zur Bundestagswahl antreten, und die nicht mehr. Als er im Frühjahr 2011 den 2014 für die Wahl zum Europaparlament kann ja schneller kommen als 2013.“ Landesvorsitz der Berliner Piraten über- kandidieren und endlich Politik machen Paul ist kein Pirat der ersten Stunde; nahm, ging es recht gemütlich los. Aber in einem bezahlten Amt; die Gruppe 42 wie viele neuere Parteimitglieder gehört nach dem Wahlsieg erlebte Anger, 36, die ist sein Vehikel dorthin. Ein oberer Listen- er nicht zu den Digital Natives, er ist nicht ganz große Überforderung. platz scheint ihm sicher. Es werde nicht mit dem Internet groß geworden. Beim „Plötzlich verhundertfachte sich die leicht, eine Konkurrenz zu ihm aufzubau- Treffen in einem Café in Neuss liegt sein Zahl der Anfragen, von Wählern, Journa- en, sagt Seipenbusch. Amateure hätten die Handy auf dem Tisch, es ist ein zehn Jahre listen, Bürgerinitiativen“, erzählt Anger, Piraten schon genug. Jetzt seien Leute altes Gerät von Samsung mit Antenne und der als Geschäftsführer einer Berliner Soft- dran, die etwas vom politischen Geschäft briefmarkengroßem Bildschirm. Seit der ware-Firma arbeitet. „Das Ausmaß an Er- verstünden. Er sei da ganz entspannt. Berlin-Wahl vor gut sechs Monaten ist der wartungen und an direkter Rückkoppe- MERLIND THEILE D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 27
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    Deutschland KARRI EREN Dr. Griechenland Das Image des FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis ist ähnlich ramponiert wie das Image Griechenlands. Nach dem Verlust seines Doktortitels versucht er sich als Vermittler zwischen den Kulturen – und hofft auf einen Neuanfang. Von Markus Feldenkirchen NIKOS CHRISIKAKIS / DER SPIEGEL Europaabgeordneter Chatzimarkakis auf Kreta: „Jetzt ist Schluss, künftig keine Hudeleien mehr“ K urz nach der Landung, auf der Süden ringt, reist das Klischee vom trick- glied der Euro-Gruppe, teilen gerade ein Straße von Heraklion nach Agios senden Griechen irgendwie mit. ähnliches Schicksal. Als das Land im vo- Nikolaos, kommt gleich so ein Es ist das letzte Wochenende vor rigen Jahr tief in die Krise rutschte, wurde Griechenland-Moment. Jorgo Chatzimar- Ostern, als sich Jorgo Chatzimarkakis, 45, Chatzimarkakis der Doktortitel aber- kakis sitzt am Steuer seines Lancia-Miet- Abgeordneter für das Saarland und Sohn kannt. Griechenland hatte bei seinen Bi- wagens und heizt wie ein Irrer die Straße eines Kreters, mit ausgelutschter Kupp- lanzen gemogelt, um sich mit dem Euro hinunter, links die Ägäis, rechts die Berge lung und einem Affenzahn seiner zweiten zu schmücken, er hatte bei seiner Disser- Kretas. Hier sind seine Wurzeln, die Ge- Heimat nähert. Gleich will er den 79. Ge- tation geschlampt, um sich mit einem Ti- danken schweifen zur Familie, die ihn burtstag seines Vaters feiern, am nächsten tel zu schmücken. schon erwartet. Tag dann Ortstermine, Gespräche. Er wol- Nach der Doktorgeschichte sei er im Plötzlich schlägt seine flache Hand auf le als Mittler zwischen den Kulturen wir- Grunde politisch erledigt gewesen, sagt das Lenkrad. „Betrüger!“ ruft er. „Scheiß ken, sagt Chatzimarkakis am Steuer des er. Chatzimarkakis, im Internet unter Betrüger!“ Er schüttelt den Kopf. „Die Lancia. Gerade jetzt, in der Krise, gebe www.chatzi.de, hat nicht nur seine aka- haben mir gesagt: Ich krieg ’n Upgrade, es viele Missverständnisse zwischen Deut- demische Würde verloren; hinzu kommt, der Wagen sei neu. Aber schauen Sie schen und Griechen. Da wolle er helfen. dass er Mitglied der FDP ist, schlimmer hier.“ Er tritt theatralisch auf die Kupp- Dass diese Mission auch ihm selbst helfen noch: der Saar-FDP. Übler kann es einen lung: „Vollkommen ausgelutscht.“ könnte, erwähnt er erst mal nicht. Politiker derzeit nicht erwischen. Und ei- In diesen Tagen, da Europa mit seiner Chatzimarkakis, Mitglied des Europäi- nen Rettungsschirm hatte bislang auch Währung und dem schwarzen Schaf im schen Parlaments, und Griechenland, Mit- niemand für ihn aufgespannt. 28 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Was jetzt gutkäme, wäre ein Neustart. Sorgerecht zugesprochen, konnte es aber über dem Tisch, ob Griechenland deut- Er müsse den Reset-Knopf drücken, sagt nicht ausfüllen, zu groß waren ihre Pro- scher werden müsse. Chatzimarkakis. Es klingt wunderbar, bleme mit sich selbst. So musste sich der Das Problem mit Deutschland und der aber kann es auch funktionieren? Einfach älteste Sohn um seine Geschwister küm- EU sei, dass dort Regeln aufgestellt wür- zurück auf null? Oder kann man seinem mern. In den Ferien fuhren die Kinder den, die in ganz Europa gelten sollten, Naturell am Ende nicht entfliehen? mit dem Vater nach Kreta, vier Sommer sagt Andreas, der Bruder. Das funktio- „Ich schaue jetzt am liebsten nach lang, dann eröffnete Nikolaos Chatzimar- niere aber nicht. „Wir Mittelmeerleute le- vorn“, sagt Chatzimarkakis, die Hand am kakis ihnen, dass er nicht zurück nach ben nun mal anders. Wir haben Sonne, Steuer, den Blick in die kretische Däm- Deutschland gehen werde. Und dass zwei wir machen Siesta.“ Vielleicht liege da merung. Es bleibt offen, worauf der Satz seiner Söhne, Christo und Andreas, bei das Missverständnis. sich bezieht: auf den Verkehr, sein Land ihm bleiben würden. Er fühlte sich von Und vermutlich wird es verständlicher- oder ihn selbst. seiner Ex-Frau und der deutschen Justiz weise immer ein Problem für die Grie- Der Mietwagen hält vor einer Taverne um seine Kinder betrogen. Jetzt nahm er chen bleiben, sich von Deutschen sagen am Stadtrand von Agios Nikolaos. Drin- sich, was ihm aus seiner Sicht zustand. zu lassen, wo es langgeht. Für sie wird es nen eine innigen Umarmung stets ein wenig wie „Eier“ klin- mit Vater Nikolaos und Bruder gen. Verdenken kann man es Andreas. Auf dem Tisch ein ihnen nicht. Fläschchen Raki, alle fünf Mi- Mit seinem Hintergrund ist nuten wird eine neue kretische Jorgo Chatzimarkakis eigent- Delikatesse gebracht, Bauch- lich der ideale Politiker für die speck, Tintenfisch, Saganaki, Euro-Krise. Er kennt sich bes- am Ende werden es elf ver- tens aus in jenen Kulturen, die schiedene sein. derzeit Europas Extreme bil- Bald herrscht angenehme Ta- den. Es gebe tatsächlich zu vie- MARO KOURI / POLARIS / STUDIO X vernenlaune, lautes Plaudern, le Missverständnisse zwischen Raki, Wein, Gelächter, die Kri- Deutschen und Griechen, sagt se muss vorerst draußen blei- er. Und kaum einer kenne sie ben. Sein erstes deutsches Wort so gut wie er. sei „Eier“ gewesen, berichtet Am nächsten Tag der erste Papa Chatzimarkakis, ein Praxistest. In einem verrauch- freundlicher Mann mit grau- ten Raum der Arbeiterwohl- schwarzem Haar. Damals, 1943, fahrt von Agios Nikolaos sitzen sei ein Mann mit Mofa und der Gewerkschaftsfunktionäre mit Uniform der Wehrmacht auf verschränkten Armen vor der den Dorfplatz von Episkopi ge- Brust und lassen sich für die rollt, habe „Eier“ gebrüllt und Krise schulen. Ein Beamer auf die Hühner gezeigt. Weil wirft eine Frage an die Wand: im Dorf niemand Deutsch „Wie begegnen wir der Verar- konnte, habe man dem Mann mung?“ Auf einem abgewetz- flugs ein Huhn geschlachtet. ten Stuhl steht eine gerahmte Sohn Jorgo blickt seinen Vater Jesus-Ikone. NIKOS CHRISIKAKIS / DER SPIEGEL andächtig an, als höre er die Sofort prasseln Fragen auf Geschichte zum ersten Mal. Chatzimarkakis ein. „Was ha- Der Osten Kretas wurde im ben die Deutschen mit uns Zweiten Weltkrieg zunächst vor?“, will ein braungebrannter von den Italienern und später Glatzkopf wissen. Ein anderer von Deutschen besetzt. „Die sagt, ständig würden die Löhne Italiener waren furchtbar. Hal- gekürzt, während im Super- lodris. Geklaut haben sie“, er- Demonstranten in Athen, Mediator Chatzimarkakis in Agios Nikolaos markt die Preise stiegen. „Vor zählt der Vater. Als Besetzter Die Vergangenheit hatte sich schlafen gelegt, nun erwacht sie allem bei Lidl, dem deutschen habe man gar nicht gewusst, Lidl. Das ist doch kein Zufall!“ wie man sich verhalten sollte. Auf die Mit 15 Jahren musste Jorgo Chatzimar- „Warum wollen die Deutschen uns aus- Deutschen hingegen sei Verlass gewesen. kakis sich zum ersten Mal entscheiden, plündern?“, fragt der Mann im weißen „Sie hatten klare Regeln. Wenn man sich zu welcher Kultur er gehören wollte. Soll- Hemd. Im Raum steht der Verdacht, es widersetzte, konnten sie grausam sein. te er bei den Brüdern auf Kreta bleiben? gebe eine germanische Verschwörung ge- Wenn man sich an sie hielt, ging es einem Sein Herz sei schon damals für Griechen- gen die Griechen. gut.“ Er lächelt. „Im Grunde wie heute.“ land gewesen, sagt er, aber der Verstand Lange war es friedlich zwischen beiden 17 Jahre später standen wieder Deut- habe ihn nach Deutschland geschickt. Völkern. Der Grieche schätzte den Deut- sche in Episkopi, diesmal mit Metermaß Zwischen zwei Schnäpsen lässt sein schen als zuverlässigen Urlauber. Der und Mundspiegel, auf der Suche nach kräf- Bruder Andreas den Blick durch die Ta- Deutsche genoss drei Wochen Leichtig- tigen Arbeitern für die Hochöfen des verne wandern, nur zwei Tische sind be- keit und die Auszeit von sich selbst. Ruhrgebiets. 1960 traf Nikolaos Chatzi- setzt. „Es wird immer leerer hier.“ Früher Nun erscheinen deutsche Magazine mit markakis als einer der ersten griechischen hätten die Leute an einem Samstagabend einer Stinkefinger zeigenden Venus von Gastarbeiter in Duisburg ein. Er heiratete sogar vor der Tür gestanden. Die Krise Milo auf dem Titel. Griechische Zeitun- eine Deutsche und zeugte vier Kinder. mache vieles kaputt. Den Alltag. Die Le- gen präsentieren Angela Merkel im Nazi- Dem ersten, 1966 geboren, gab er den Na- bensfreude. Das Griechische. Outfit. Die Vergangenheit hatte sich schla- men seines Vaters, Georgios, kurz: Jorgo. Zu später Stunde, nach vielen Raki und fen gelegt. Nun erwacht sie wieder. Als seine Eltern sich scheiden ließen, noch mehr griechischem Wein, dem Blut Chatzimarkakis ist jetzt in seinem Ele- war Jorgo zehn. Die Mutter bekam das der Erde, schwebt dann wieder die Frage ment, er wird zum Mediator und erklärt D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 29
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    Deutschland den Funktionären, dassniemand den ernst, leise, besonnen – zum ersten Mal ne Unterstützung rangen. „Ja, es gab ’ne Griechen etwas Böses wolle, auch nicht an diesem Wochenende. Phase, da war ich sehr beliebt in der die Deutschen. An den hohen Preisen bei „Ich habe lange genug etwas falsch ge- FDP.“ Er habe sich damals keinem der Lidl etwa seien griechische Zwischen- macht. Das mit der Doktorarbeit, das war beiden angeschlossen. „Ich fand das … händler schuld, die sich, gedeckt von der gewiss kein Zufall. Aber jetzt ist Schluss. ja, wie soll ich sagen … Ich fand das un- korrupten Politik des Landes, auf Kosten Künftig keine Hudeleien mehr.“ Er presst seriös. Da fehlte mir die Gravitas.“ Er der Bürger bereicherten. die Handflächen vor der Brust aneinan- macht eine kurze Pause. „Das klingt jetzt Die Jammerei bringe nichts. Wenn der, als ringe er sich selbst ein Verspre- vielleicht ein bisschen komisch, wenn ich man wieder auf die Beine kommen wolle, chen ab. Das sei ja das Gute: dass man das sage. Aber es war so.“ müsse man sich selbst hinterfragen, sagt etwas ändern könne. Damals flüchtete Chatzimarkakis ins Chatzimarkakis. Seine Arme fliegen „Ich sag mal: Priming“, sagt Chatzi- Saarland und baute sich eine neue politi- durch die Luft, er wirkt sehr überzeugend, markakis. „Sie kennen Priming?“ Ge- sche Existenz auf. Nun könnte es wieder aufgepumpt mit Leidenschaft. Man müsse meint ist die Kunst, alte Assoziationen, Zeit für einen Wechsel sein, für eine wei- fragen: Was haben wir falsch gemacht? die im öffentlichen Bewusstsein an einer tere Flucht. Mit seiner Saar-FDP wird er jedenfalls nicht mehr weit kommen. Er habe sich vor einiger Zeit eine Fa- miliengruft in Episkopi zugelegt, dem Dorf seines Vaters, erzählt Chatzimarka- kis. „Wenn ich schon nicht in Griechen- land geboren wurde, will ich wenigstens hier begraben werden. Meine Seele ist hier.“ Zwei Grabhälften habe er gekauft, 400 Euro das Stück. Mit Blick aufs Meer. Aber das hat noch Zeit. In einem Athe- ner Restaurant wird jetzt erst mal das neue Griechenland geplant. Um den Tisch sitzen drei feine ältere Griechen und Jorgo Chatzimarkakis. Sie wollen eine Bewegung ins Rollen bringen, eine neue Partei soll entstehen. Ein angesehe- ner Professor, der Romane schreibt, ist dabei, ein ehemaliger General, ein Ver- waltungsexperte, sympathisch, besonnen, THOMAS WIECK seriös. Von der Rückbesinnung auf alte griechische Werte ist die Rede, von der Athenischen Demokratie, für einen Mo- ment scheint alles möglich. Das Wort Pa- FDP-Politiker Chatzimarkakis: „Wir haben wohl beide ein Stigma“ radigmenwechsel fällt oft. Es klingt schlüssig, dass die Griechen Was müssen wir ändern? Wie wollen wir Person oder einem Land kleben, durch am Tisch ihren Wandel lieber selbst in künftig wahrgenommen werden? „Unse- neue, positive zu ersetzen. Er habe sich die Hand nehmen wollen. Das Wort Pa- re Probleme sind hausgemacht. Wir müs- mit Experten darüber ausgetauscht, mit radigma stammt schließlich von ihnen. sen selbst handeln, es liegt an uns!“ Er Medienberatern, Professoren, Sozialpsy- Ein Manifest ist geschrieben, Promi- sagt „wir“ und „uns“, es klingt, als rede chologen. Er glaubt, einen Weg gefunden nente haben ihre Unterstützung zugesagt. er auch von sich selbst. zu haben, für sich, für Griechenland. Kei- Es soll etwas Solides entstehen, bloß kein Am Ende eines langen Kreta-Tags, ne Hudeleien mehr. Keine Tricks. Ein Schnellschuss. Keine Hudelei. In die Öf- beim Aegean-Airlines-Flug 327 nach Neustart. fentlichkeit wollen sie erst im Mai treten – Athen, ergibt sich endlich die Gelegen- Neulich schlug Chatzimarkakis vor, nach den Parlamentswahlen. heit, über seine eigene Krise zu reden. Griechenland in „Hellas“ umzubenennen, Chatzimarkakis verabschiedet sich, er „Halt die Fresse, du Penner“, ruft Chat- als Zeichen der Rückbesinnung auf hehre muss los zum Flughafen, zurück nach zimarkakis. Er ballt die Faust. „Fresse antike Werte. Bald wird ein Buch erschei- Brüssel. Er sagt noch, dass in den nächs- halten!“ Gemeint sind die Ansagen aus nen, in dem er Wege aus der Krise auf- ten Wochen harte Arbeit vor ihnen liege. dem Bordlautsprecher. Die Begriffe zeigen will. Mit kretischen Freunden hat Die Herren nicken. „Arsch“, „Penner“ und „Scheiße“ sind er zudem eine Website namens „reset- Wieder schwankt Jorgo Chatzimarka- zentral in seinem Wortschatz. Wenn Chat- greece“ entworfen. Er will Griechenland kis zwischen den Kulturen, wie damals, zimarkakis über Leute spricht, die, wie zurücksetzen, zurück auf Los. als 15-Jähriger. Gut möglich, dass er dem- er, gern reden, sagt er: „Scheiße, da hast „Nehmen Sie die Airline hier. Schöne nächst wieder eine Entscheidung fällen du ’ne Stunde ein Kotelett am Ohr.“ Ledersitze.“ Er klopft auf die Kopflehne. muss. Und dass ausgerechnet das kranke „Natürlich war die Doktorarbeit gehu- „Durchaus ansehnliche Stewardessen.“ Er Griechenland ihm helfen wird. delt“, sagt er, als die Lautsprecher schwei- zwinkert einer sehr blonden Frau zu, die Zum Schluss, im Flugzeug, noch die gen. Zwar fühle er sich von der Universi- gerade am Sitz vorbeiläuft. „Na bitte, es Frage, wer wohl die besseren Chancen tät Bonn unfair behandelt, zugleich er- geht doch.“ Vielleicht lassen Naturelle habe, auf den Reset-Knopf zu drücken: kenne er seinen eigenen Anteil. „Ich habe sich nicht durch Beschluss ändern. er oder Griechenland? zu sehr gehudelt.“ Am nächsten Tag läuft Chatzimarkakis „Puuhhh“ sagt Chatzimarkakis. Er Dass so der Eindruck „Typisch Grie- über die Straßen Athens, er ist auf dem schaut aus dem Fenster, unter ihm Athen, che“ entstanden ist, könne er nachvoll- Weg zu einer Verabredung. An einer in der Ferne die Akropolis. Nach einer ziehen. „Wir haben jetzt wohl beide ein Kreuzung erzählt er, wie Jürgen Mölle- Weile sagt er: „Ich glaube: ich.“ Stigma an der Stirn. Das wird wohl lange mann und Guido Westerwelle in Nord- Puhhh. Es wird nicht leicht für Grie- an uns kleben.“ Er wirkt plötzlich sehr rhein-Westfalen vor vielen Jahren um sei- chenland. 30 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland I N T E G R AT I O N Abschied zum Ich Sie fliehen vor Unterdrückung, körperlicher Gewalt und Todesdrohungen im Namen der Ehre. Hunderte junger Migrantinnen verstecken sich in Deutschland vor ihrer Familie, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Von Antje Windmann B ahar war an einem frühen Wintermorgen geflüchtet, anderthalb Jahre nach dem Mord an ihrer Mutter. Sie hatte ihre kleinen Geschwister für die Schule fertig gemacht, sie zum Ab- schied auf die Stirn geküsst. Ihr Onkel und ihre Brüder schliefen noch. Auf Socken schlich Bahar aus der Wohnung, durch das Trep- penhaus. Dann rannte sie um ihr Leben. Heute trägt Bahar, 26 Jahre alt, am liebsten hohe Absätze. Sie hat ein gutbesuchtes Café in einer Kleinstadt als Treffpunkt be- stimmt. Sie ist dezent geschminkt, hat ihre schwarzen Haare zu ei- nem Knoten geschlungen. Sie lä- chelt unsicher, stellt sich mit jenem Namen vor, der in ihrem neuen Pass steht und zu ihrem Schutz nicht genannt werden darf. Bahars Familie war 1996 aus dem Irak nach Deutschland ge- kommen. Die ersten beiden Jahre lebte sie in Halle an der Saale, in einer Hochhauswohnung mit schä- biger Küche. Der Vater sei sich für die meisten Jobs zu schade gewe- sen, schlug seine Frau und „drück- te Zigaretten auf ihrer Haut aus“, erinnert sich Bahar. Oft ver- schwand der Vater, monatelang. Bahar vermutet, dass er in krimi- nelle Geschäfte verwickelt war. „Ohne ihn war immer alles fried- Geflohene Mariam: „Bei uns kriegst du einen Ring angesteckt, und deine Zukunft ist bestimmt“ lich, einmal haben wir im Park ge- picknickt“, sagt Bahar. Von diesem Tag Die Mutter tot, der Vater verurteilt zu Hunderte Migrantinnen wie Bahar vor ih- gibt es Fotos, die sie bei ihrer Flucht mit- lebenslanger Freiheitsstrafe: Ein Onkel rer Familie versteckt leben. Sie haben al- genommen hat. Jedoch könne sie es oft übernahm das Regime über Bahar und les zurückgelassen, ihr Zuhause, ihre nicht ertragen, sie anzuschauen. ihre fünf Geschwister. Dem Jugendamt Freunde, ihre Angehörigen. Sie wollen In den schönen Zeiten, allein mit den präsentierte er sich fürsorglich. Bevor er sich nicht aufgeben, nicht zerbrechen an sechs Kindern, reifte bei Bahars Mutter zuschlug, drehte er die Musik laut. Die der Unvereinbarkeit ihrer eigenen Wün- der Entschluss, sich von ihrem Despoten Blutergüsse überschminkte Bahar. „Ich sche mit den Erwartungen ihrer Umge- zu trennen. Um sich über das deutsche durfte keine Bücher lesen, mich nicht mal bung. Sie wollen sich nicht den tradierten Scheidungsrecht zu informieren, war sie mehr auf dem Balkon zeigen“, berichtet Werten ihrer Herkunftsregionen anpas- mit Bahar im Rathaus gewesen. Als der sie. „Nur kochen, waschen, putzen.“ sen, sie wollen so leben wie Frauen in Vater davon erfuhr, schloss er sich in Anderthalb Jahre hielt Bahar das Skla- westlichen Gesellschaften: frei, selbstbe- einer Sommernacht 2003 mit der Mutter vendasein aus. „Dann wusste ich, entwe- stimmt, emanzipiert. und einem Messer im Schlafzimmer ein. der ich bringe mich um, oder ich gehe.“ Allein die Berliner Hilfsorganisation Bahar zeigt ihre Hände. Zwei Narben Die Bundesrepublik im 21. Jahrhun- Papatya nimmt im Jahr 60 Mädchen und zeugen vom Versuch, ihre Mutter zu dert, fast 60 Jahre nach dem Zuzug der junge Frauen auf, die wegen kultureller retten. ersten Gastarbeiter, ist ein Land, in dem Konflikte vor ihrer Familie geflohen sind, 32 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    denen Verschleppung, Zwangsheiratoder Und doch ist Bahar immer noch eine meine Familie uns findet, sind wir tot“, gar der Tod drohten. Im Stuttgarter Gefangene ihrer Familie. Sie muss Men- sagt sie. Schutzhaus Rosa bitten jährlich 80 Leid- schen belügen, auch wenn sie diese in ihr Mariam war drei Jahre alt, als ihre Fa- tragende um Aufnahme. Die Jugendhilfe- Herz geschlossen hat – Freunde, Nach- milie aus dem Libanon nach Deutschland einrichtung Yasemin dokumentiert etwa barn, Arbeitskollegen. Jeder, der ihre Ver-zog. Sie hat elf Geschwister, das Leben 400 Beratungskontakte, das Online-Portal gangenheit, ihren Geburtsnamen erfährt, der Mädchen war beherrscht von Vor- Sibel mehr als 300 Hilferufe pro Jahr. Der könnte sie gefährden. Bahar lässt keinen schriften und Verboten. Die älteste Verein peri e. V. will seit 2008 etwa 50 in ihre „Schutzburg“, wie sie ihre Woh- Schwester habe ihr Vater beim Karten- Mädchen und Frauen zur Flucht verhol- nung nennt. Selbst ihren deutschen spielen verzockt, 14 oder 15 sei sie gewe- fen haben. Freund nicht. sen. „Bei uns kriegst du einen Ring ange- Die Liste der Herkunftsländer, aus de- „Er wunderte sich, dass meine Eltern steckt, eine Kette um den Hals, und deine nen die Migrantinnen stammen, ist lang. so tolerant sind, ich sie aber nie besuche.Zukunft ist bestimmt“, erklärt Mariam. Sie kommen aus der Türkei, dem Kosovo, Er ahnte, dass ich etwas verberge“, sagt Dabei habe der Islam, ihre Religion, in aus Albanien, Pakistan, Afghanistan, Iran, Bahar und senkt den Kopf. Als sie sich der Familie keine Rolle gespielt. Es wurde nie gebetet, sie musste sich nicht verhüllen. Der Verzicht auf den Gebets- teppich, aufs Kopftuch oder aufs Fasten, so lehrt Mariams Fall, ist keinerlei Indiz für Liberalität in Familienangelegenheiten. Archai- sche Traditionen und patriarchali- sche Denkmuster geständen den Frauen keinen freien Willen zu, erklärt der Freiburger Psychologie- professor und Ethnologe Jan Kizil- han, 46. Es gebe in schlecht inte- grierten Clans eine „kollektive Ver- ständigung“ darüber, was Frauen tun dürften und was unehrenhaftes Verhalten sei. „Diese Verständi- gung ordnet und regelt das Zusam- menleben.“ Kizilhan ist seit 15 Jah- ren als Gerichtsgutachter auch in Ehrenmord-Prozessen tätig. Die Verhaltensregeln stammen aus Zeiten, in denen es in vielen Herkunftsregionen keine Polizei und keine Rechtsprechung gab, sich die Patriarchen in den Dör- fern eigene Gesetze schmiedeten. „In einigen Familien werden diese bis heute unreflektiert von Gene- ration zu Generation weitergege- ben“, sagt Kizilhan, „und fälschli- RUEDIGER GAERTNER / RUEGA cherweise religiös legitimiert.“ Verletze eine Frau durch ihr Ver- halten eine traditionelle Norm, schade sie dem Ansehen der gan- zen Familie, erklärt der Ethnologe. Das Ansehen ist elementar in die- Beerdigung von Morsal O. 2008: Der Sohn als Vollstrecker der Erziehungsmethoden der Eltern sen Gesellschaften, in denen Frau- en als Besitz des Mannes gelten. und Indien. Vor ein paar Monaten wurde ihm nach einem halben Jahr nicht anver- Mit einem Mann, der diesen nicht unter in einer deutschen Kleinstadt ein Mäd- traut hatte, trennte er sich. Kontrolle hat, macht man ungern Geschäf- chen aus Sri Lanka von ihrem Vater mit Bahar ist mit ihrem Geheimnis allein, te. Er gilt als schwach und unzuverlässig. heißem Wasser verbrüht. Sie hatte sich die 28-jährige Libanesin Mariam kann es Einen solchen Makel kann er wettma- gegen eine Zwangsheirat gewehrt. mit ihrem Freund Thomas, 34, teilen. Vor chen, wenn er sich mit Geld aus seiner Bahar flüchtete in ein Frauenhaus. dreieinhalb Jahren sind sie gemeinsam Schmach herauskauft. Oder wenn er die Doch die Angst blieb, „an jeder Straßen- vor Mariams Familie geflohen, doch sie Frau – für alle erkennbar – züchtigt. Für ecke sah ich meinen Onkel“. Erschien ihr leben in ständiger Angst vor Entdeckung diese Art, die vermeintlich verletzte Ehre jemand im Bus verdächtig, stieg sie an und den Folgen. „Eine Verwandte wurde wiederherzustellen, erklärt Kizilhan, der nächsten Haltestelle aus, in der Hand von ihrem Mann erschossen, weil sie ihn „gibt es klare Handlungsprogramme“. Im eine Dose Pfefferspray. Viermal hat Ba- verlassen hatte“, berichtet Mariam, „mei- äußersten Fall zählt dazu auch ein Mord – har seit ihrer Flucht inzwischen den ne Familie fand das richtig.“ für den Wissenschaftler „ein soziales und Wohnort gewechselt, lebt heute in einer Sie ist eine ruhige junge Frau mit dunk- kein religiöses Phänomen“. Kleinstadt. Sie hat den Realschulab- len Augen und ebenmäßigem Teint. Ih- Laut einer Schätzung der Vereinten schluss geschafft, eine Ausbildung begon- ren Hals färben rötliche Flecken, ver- Nationen werden jährlich weltweit min- nen, macht zurzeit den Führerschein. mutlich Zeichen ihrer Aufregung. „Wenn destens 5000 Mädchen und Frauen im D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 33
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    Arzu Özmen mit neuer POLIZEI / DPA Identität Der Fall Arzu Sie lebte im Frauenhaus, bekam einen neuen Namen, verän- derte ihr Äußeres. Und doch spürten ihre Geschwister sie auf: In der Nacht zum 1. November wurde Arzu Özmen verschleppt. Elf Wochen später fand man ihre Leiche auf einem Golfplatz. Drei ihrer Geschwister sind wegen Mordes aus niedrigen Be- Opfer Arzu Özmen weggründen angeklagt. POLIZEI Namen der Ehre getötet. In einer Studie haus in einer anderen Stadt, stopfte ein Arzus Anwältin erinnert sich noch ge- im Auftrag des Bundeskriminalamts iden- paar Klamotten in eine Plastiktüte und nau an die erste Begegnung. Es war am tifizierten Kriminologen des Max-Planck- versteckte sich bei Verwandten. Noch am 12. September 2011: „Sie kam in meine Instituts für ausländisches und inter- selben Nachmittag klingelten die Handys Kanzlei und sagte: ‚Guten Tag, ich möchte nationales Strafrecht in Deutschland sie- von Mariam und Thomas im Minutentakt. eine Namensänderung.‘“ Sie sei ruhig, ben bis zehn sogenannte Ehrenmorde „Ich sei eine Schlampe, sie würden aber entschieden gewesen, sagt die Fami- pro Jahr. Die Forscher hatten sich 78 Fäl- mich umbringen“, so gibt Mariam die An- lienrechtlerin, die anonym bleiben möchte. le aus den Jahren 1996 bis 2005 ange- rufe mit leiser Stimme wieder. „Sie hat mich von Beginn an gewarnt: Wer schaut. Nach vier Wochen sah sich das Paar für sie eintrete, müsse damit rechnen, von Kizilhan, der 2006 ein Buch über Eh- erstmals wieder. Mariam konnte nicht ihrer Familie aufgesucht zu werden.“ Der renmorde veröffentlichte, glaubt jedoch, schlafen, war in ständiger Panik. Um nä- Anwältin war klar, dass sie etliche Um- dass die Zahl „mit Sicherheit höher“ sei. her bei ihr zu sein, zog Thomas in eine wege würde gehen müssen, um Arzu eine Sein größter Kritikpunkt: „Nicht nach- Obdachlosenunterkunft, für mehr reichte neue Identität zu verschaffen – und alle vollziehbare und verdeckte Morde wur- das Geld nicht. Sein bester Freund wurde Spuren zu verwischen, die zu der jungen den von den Forschern ebenso wenig ge- zusammengeschlagen, weil er nicht sa- Frau führen könnten. prüft wie vermeintliche Suizide, Unfälle gen konnte, wo Thomas und Mariam Das größte Problem war Arzus ältere und Vermisstenmeldungen.“ waren. Schwester S., die bei der Detmolder Stadt- Die Hilfsorganisation Terre des Fem- verwaltung arbeitete. Durch ihren Job ge- D er Tag, an dem sich Mariam, die jun- mes vermittelte den beiden zunächst ein langte sie an interne Informationen. Und ge Libanesin, in Lebensgefahr begab, Zimmer in einem Schutzhaus. Dann bot über die Adresse der Kanzlei hätte sie war der Tag, an dem sie sich in ihren Chef ein Sozialarbeiter ihnen sein Ferienhaus auf Arzus Aufenthaltsort schließen kön- Thomas verliebte; die beiden arbeiteten im Wald an. Mehr als ein Jahr lang lebten nen. Also bat die Anwältin einen Kolle- in einem Schnellrestaurant. die beiden dort, gedanklich umzingelt gen in Oberhausen, Arzus Geburts- Thomas hatte schon zuvor beobachtet, von Mariams Familie. Bei jedem Kontakt urkunde in Detmold anzufordern. wie Mariams Brüder sie jeden Tag zur mit anderen Menschen fürchteten sie sich Und in der Tat: Kaum hatte der Rechts- Arbeit brachten und abholten. Er spürte, vor Entdeckung. Und vor dem, was dann anwalt dem Wunsch entsprochen, melde- dass sie zu Hause litt. Irgendwann sagte geschehen könnte. Vor dem, was vor we- te sich S. in dessen Kanzlei und schlug er: „Wenn der Moment kommt und du nigen Monaten mit der 18-jährigen Arzu vor, ein Treffen mit Arzu zu arrangieren. gehen willst, ich haue mit dir ab.“ Özmen aus Detmold geschah. Arzus Anwältin fand ein westfälisches Der Moment kam nach einem Jahr Die junge Frau, die der Glaubensge- Standesamt, das die Notlage erkannte. heimlicher Liebe im November 2008. Ma- meinschaft der Jesiden angehört, wurde Mit den aus Detmold über Oberhausen riams Bruder hatte geheiratet, der Braut- am 13. Januar an Rande eines Golfplatzes eingetroffenen Papieren stellte Arzu sich vater wollte im Gegenzug Mariam für sei- in Schleswig-Holstein gefunden. Die dort vor. Zudem legte sie die Strafanzeige nen Sohn. Er war zur Brautschau bei der rechtsmedizinische Untersuchung ergab, gegen ihre Familie sowie eine Stellung- Familie zu Besuch gekommen, hatte sie dass sie mit zwei Kopfschüssen getötet nahme ihrer Anwältin vor, die ihre ge- von Kopf bis Fuß gemustert, ihr Auftreten worden war. Elf Wochen zuvor war Arzu fährliche Lebenslage beschrieb. und ihre Art sich zu bewegen geprüft und von ihren Geschwistern aus der Wohnung „Das Mädchen hatte die deutsche sie am Ende ausgewählt. Aber Mariam ihres deutschen Freundes Alexander, 23, Staatsangehörigkeit, war im Alter von lehnte ab, zum Zorn ihrer Familie. verschleppt worden. drei Jahren eingebürgert worden“, erklärt Drei Minuten habe er überlegt, als Eine verbotene Liebe, eine vergebliche die Standesbeamtin. „Dadurch konnte es Mariam vor ihm stand, sagt Thomas. Er Flucht – Arzus Geschichte ist ebenso tra- seinen Namen nachträglich dem deut- organisierte ihr einen Platz im Frauen- gisch wie typisch. schen Recht angleichen.“ Artikel 47 des 34 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Täter Sobair O. Der Fall Morsal Akten des Hamburger Kinder- und Jugendnotdienstes und der Polizei dokumentieren Morsals Leid: die Schläge, die MARCO ZITZOW / BILD ZEITUNG Unterdrückung, die Todesdrohungen. Und doch hatte sie nie gewollt, dass jemand aus ihrer Familie bestraft wird. Morsal wollte nur, dass die Gewalt gegen sie aufhört – und ein bisschen Toleranz. Am 15. Mai 2008 tötete Sobair O. seine Opfer Morsal O. Schwester mit 23 Messerstichen. Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen chen“, sagt Sobair. „Das gehört sich nicht Doch zurück in Deutschland, lebte Gesetzbuch eröffnet diese Möglichkeit. bei uns.“ Es ist ein Satz, der für vieles Morsal wieder so, wie sie es für richtig Arzu Özmen wollte in ihrem neuen Le- herhalten muss. hielt. Manchmal sei sie tagelang nicht ben Emily heißen, Emily Ostermann. Sie Am 15. Mai 2008 tötete Sobair O. seine nach Hause gekommen, habe die Eltern veränderte ihr Äußeres, schnitt sich die Schwester Morsal. Mehr als 20-mal stach und ihn beklaut, behauptet Sobair. „Zwei- Haare kurz, blondierte sie. er mit einem Klappmesser auf die 16-Jäh- mal, dreimal am Tag hat mich meine Mut- Damit keine Mitteilung an die Stadt rige ein, weil sie wie ein deutsches Mäd- ter auf dem Handy angerufen und ge- Detmold ging, verhängte die Standes- chen leben wollte. Morsal verblutete am schrien: Wo ist Morsal? Bring das in Ord- beamtin auf Antrag von Arzu einen Tatort. nung! Alle reden über uns. Du bist schon Sperrvermerk über deren Akte. Laut Pa- Der Vorsitzende Richter am Hamburger wie die Deutschen.“ ragraf 64 des Personenstandsgesetzes ist Landgericht sprach von einer „Tötung aus Sobair senkt seine Stimme, flüstert nun dies zulässig, wenn dem Standesamt Tat- reiner Intoleranz“ und vom Tatmotiv der fast. „Wir wussten, dass sie einen Freund sachen vorliegen, dass eine Person an- verletzten Ehre. Bei der Verkündung des hat. Doch bei uns darf das ein Mädchen dernfalls in Lebensgefahr geraten könnte. Urteils randalierte Sobairs Familie im Saal. einfach nicht.“ Arzu Özmen holte ihre fertigen Papiere Wenn Sobair, nun im Gefängnis, über Und dann gab es den Tratsch von Be- wenige Tage vor ihrer Entführung ab. Morsal spricht, füllen sich seine Augen kannten, die behaupteten, Morsal gehe Zum Verhängnis wurde ihr, dass ihre mit Tränen, von denen man nur schwer auf den Strich. Sehnsucht nach dem Freund am Ende grö- deuten kann, wem sie gelten. Dieser Satz wurde zum Verhängnis, für ßer war als die Angst. Um bei ihm zu Was ist passiert? Sobair zuckt mit den Morsal, für Sobair, für die gesamte Fami- sein, meldete sie sich für die Nacht zum Achseln. „Als ich zu Hause ausgezogen lie. Sobair bat einen Cousin, Morsal zu 1. November im Frauenhaus ab. bin, ging alles den Bach runter. Da hing einem Treffen zu locken. Drei ihrer Geschwister sind inzwischen sie plötzlich mit komischen Leuten rum.“ Sie hätten auf dem Bordstein gesessen, wegen Mordes angeklagt, warten auf den Laut Sobair wurde Morsal im März 2007 erinnert sich Sobair, sie hätten Cola ge- Prozess. Bislang schweigen sie, wer von von den Eltern zu einer Tante nach Af- trunken und geraucht. ihnen Arzu tötete. ghanistan gebracht. „Sie wollten, dass sie Dann habe er sie gefragt: „Stimmt es, lernt, wie sich eine Frau zu verhalten hat“, dass du auf den Strich gehst?“ S obair O. aus Hamburg sitzt wegen ei- nes sogenannten Ehrenmordes eine le- benslange Freiheitsstrafe ab. sagt er. Noch im Flugzeug habe der Vater ihr ein Kopftuch umgebunden, habe Mor- sal ihm erzählt. Sie solle erst mal heiraten, „Das geht dich einen Scheißdreck an“, soll sie geantwortet haben. Er wisse nur noch, dass er dann in die Er war acht Jahre alt, als er mit seiner fünf Kinder kriegen, dann könne sie wie- Tasche gegriffen habe, sagt Sobair. Am Familie nach Deutschland kam. Die Ehe derkommen, habe seine Mutter gesagt. folgenden Tag stellte er sich der Polizei. der Eltern sei ein Tauschgeschäft gewe- Ein Jahr lang musste Morsal in Afgha- Sobair O. blickt auf seine Hände. „Ja, sen, berichtet der heute 27-Jährige. Der nistan bleiben. „Sie hat mich immer an- ich wollte damals die Familienehre schüt- Bruder seiner Mutter habe eine Frau ge- gerufen und gebettelt, dass ich sie wie- zen“, sagt er. „Heute weiß ich: Selbst heiratet, deren Bruder dafür wiederum derhole. Sie war traurig, dass dort keiner wenn sie auf den Strich gegangen wäre, seine Mutter bekommen habe. Deutsch mit ihr sprach“, erzählt Sobair. hätte ich sie nicht töten dürfen.“ Seine Ausbildung zum Einzelhandels- Als er erfahren habe, dass Morsal in Af- Im Fall Morsal betonte das Gericht, kaufmann brach Sobair ab, nachdem er ghanistan verheiratet werden sollte, habe dass die nicht angeklagten Eltern „eine zwei Wochen Jugendarrest verbüßt hatte. er für sie gekämpft, dafür gesorgt, dass hohe moralische Mitschuld“ treffe. Sie Er mochte seinen Arbeitgeber nicht bit- sie zurückkommt. Seine Mutter habe ihm hätten ihren ältesten Sohn möglicher- ten, ihn wieder aufzunehmen. „Ich wollte daraufhin die Verantwortung übertragen, weise „zum Vollstrecker ihrer Erzie- da nicht hin und den Kopf runterma- „dass sie uns keinen Ärger mehr macht“. hungsmethoden gemacht“. Morsals Vater D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 35
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    Deutschland wurde wegen Misshandlungvon Schutz- manchmal sogar Steckbriefe erstellt, die Einen enormen „sozialen Druck auf befohlenen zu einer Bewährungsstrafe Clan-Mitglieder bundesweit verteilen. die Familienväter und auf die Söhne“ hat verurteilt. Mit welcher Radikalität die Familien der Psychologe Kizilhan bei seinen Re- vorgehen, erfährt auch Eva K. beinahe cherchen beobachtet. Für die Studie „So- W ie schützt man Migrantinnen vor der Moral, den Regeln, der Verfolgung ihrer Familie? Der 53-jährige Sozialarbei- täglich. Im Jugendamt Charlottenburg- Wilmersdorf hat die Leiterin der Hilfe- einrichtung Papatya einmal miterlebt, zialisation und Überzeugungen bei soge- nannten Ehrenmördern“ hat er 21 tür- kischstämmige Männer gesprochen, die ter Johannes M. betreut mehr als ein Dut- wie drei junge Männer plötzlich in das wegen eines Ehrenmordes in Deutsch- zend Migrantinnen, die vor ihrer Familie Behördenzimmer stürmten, eine junge land inhaftiert sind. Kizilhans Fazit: Die geflüchtet und abgetaucht sind. Zu ihrer Libanesin packten und mitnahmen: „Nie- wenigsten haben typische Merkmale ei- Sicherheit möchte er nicht, dass sein voll-mand hat gewagt, sie aufzuhalten. Wir nes Killers oder Gewalttäters. Meist seien ständiger Name veröffentlicht wird. haben ein halbes Jahr nach ihr gesucht. sie von Vätern, Müttern oder der Ge- Vor einiger Zeit hat Johannes M. in ei- Sie ist nie wieder aufgetaucht.“ meinde unter Druck gesetzt worden; nem Schulzentrum in NRW eine Ausstel- Das Leben mit einer neuen Identität, besonders Männer mit wenig Bildung, lung zum Thema Opferschutz organisiert. ohne Familie und Freunde, ist eine un- die selbst Opfer von Gewalt waren, seien „Danach meldeten sich viele junge Mi- menschliche Last. „Es sind allesamt sehr potentielle Täter. Wenn dann noch das grantinnen, die es zu Hause nicht mehr angepasste Mädchen, die versuchen, es je- soziale Umfeld fanatisch ist, urteilt der aushielten.“ Er versuche dann immer zu- dem recht zu machen“, sagt Eva K. „Sie Experte, sei die Gefahr eines Ehrenmor- nächst herauszufinden, wie groß der Lei- des groß. sind oft verzweifelt, dass ausgerechnet sie densdruck der Mädchen tatsächlich ist. dieses Leben nicht aushalten konnten.“ 1994 hat der Bundesgerichtshof (BGH) Ob Vermittlungsgespräche helfen könn- Zudem quäle sie die Erkenntnis, dass das entschieden, dass Ehrenmorde als Morde ten oder ob das die Situation nur ver- aus niedrigen Beweggründen einzustufen Ehrgefühl der Eltern größer sei als die Lie- schärfen würde. be zu ihren Töchtern. Jede Zweite sei von sind. Maßgeblich seien die deutschen Bleibt nichts anderes als die Flucht, einer Zwangsheirat bedroht gewesen, jede Rechts- und Wertvorstellungen und nicht rechnet der Sozialarbeiter mit drei Mona- Fünfte habe von einem Ehrenmord in der die einer Volksgruppe, welche die hiesi- ten, um alle Formalitäten zu regeln. „Die Verwandtschaft berichtet. gen Normen nicht anerkenne. Finanzierung ist immer das Dass dem BGH bei wei- größte Problem“, sagt M., tem nicht alle Richter fol- ein Tag in einem Wohnheim gen, zeigt indes die Studie koste etwa 200 Euro. „Fast des Max-Planck-Instituts im alle Schutzeinrichtungen Auftrag des Bundeskrimi- nehmen erst auf, wenn sie nalamts: Demnach gilt in 25 eine Kostenzusage vom Ju- Prozent der Verfahren das gend- oder Sozialamt ha- Ehrmotiv als strafmildernd. ben“, klagt M., deshalb sei In rund 40 Prozent der un- oft eine intensive Aufklä- tersuchten Fälle wurde gar rung der Behörden nötig. nicht geprüft, ob die Ehre In Großstädten mit ei- einen niedrigen Beweg- nem hohen Migrantenanteil grund darstellt. wie Berlin sind die Jugend- Der Karlsruher Strafver- ämter für die Problematik teidiger Gunter Widmaier inzwischen mehr sensibili- erkennt darin eine Ängst- siert als in ländlicheren Re- lichkeit der Richter, „Dinge gionen. Doch selbst in der beim Namen zu nennen, Hauptstadt hängen die Hil- weil sie Revisionen vermei- fen für ein Mädchen noch den wollen“. Die unbefrie- CIRA MORO zu oft davon ab, ob ein kun- digende Folge sei, dass diger Sachbearbeiter sich Taten in ihrer Lebenswirk- des Falles annimmt oder Experte Kizilhan: „Sozialer Druck auf die Väter und Söhne“ lichkeit und gesellschaft- ein ahnungsloser. liche Phänomene in ihrer Vieles liegt im Ermessen der Ämter. Viele der Geflohenen tun sich schwer Häufigkeit nicht angemessen erfasst wür- Hat eine Schutzsuchende noch keine mit ihrer neuen Freiheit. „Sie wurden ja den, so Widmaier. deutsche Staatsangehörigkeit, kann sie in Systemen sozialisiert, die sie bewusst Umso bemerkenswerter ist ein Urteil, im Zuge der Einbürgerung eine neue in Abhängigkeit hielten“, sagt Eva K. das im Dezember 2009 vom Landgericht Identität relativ problemlos erhalten. Wie Nach einiger Zeit bei Papatya ziehen sie Kleve gesprochen wurde, im Mordfall viele Tarnidentitäten bundesweit im Jahr oft erst mal in betreute Wohngemein- Gülsüm S. Die 20-jährige Kurdin war von vergeben werden, wird von den Ländern schaften oder Frauenwohnheime. „Viele ihrem Drillingsbruder mit Ästen erschla- jedoch nicht erfasst. müssen wichtige Lebensfertigkeiten er- gen worden. Ihr Gesicht war so zerstört, Ist mit den Behörden alles geregelt, ver- lernen, zum Beispiel, mit Geld umzuge- dass sie kaum identifiziert werden konnte. einbart Johannes M. einen Fluchttermin. hen“, berichtet die Sozialpädagogin. Das Klever Landgericht entschloss sich Der Sozialarbeiter sitzt dann mit laufen- Der Grad der Unfreiheit, in dem die zu einem bislang einzigartigen Urteil: Es dem Motor im Auto und wartet, dass die Mädchen oder Frauen zuvor gelebt ha- verurteilte nicht nur Gülsüms Bruder we- Bedrohte angerannt kommt. Oft fährt er ben, hänge von zwei Faktoren ab: wie gen Mordes, sondern auch den Vater – Hunderte Kilometer weit, um sie in rela- wenig die Familie in die westliche Kultur obwohl dieser nicht unmittelbar an der tive Sicherheit zu bringen. Er weiß, dass integriert sei und wie viele Brüder über Tat beteiligt war. ihre Familie und Männer hartnäckig nach sie wachten. Denn oft, erklärt Eva K., sol- Markiert das Urteil das Ende einer über ihnen suchen. Um den Aufenthaltsort der len die männlichen Geschwister garantie- Jahre falsch verstandenen Toleranz der Abtrünnigen zu ermitteln, werden Men- ren, „dass ihre Schwestern nichts tun, was deutschen Justiz? Jan Kizilhan erhofft schen bedroht, mit Geld bestochen, der Familienehre schaden könnte“. sich zumindest eine Signalwirkung. Denn 36 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    ROLAND WEIHRAUCH /DPA Gedenkstelle bei Rees am Niederrhein Der Fall Gülsüm Die junge Kurdin wurde 2007 zwangsverheiratet. 2008 ver- suchte sie, sich umzubringen. Ihr Bruder erschlug sie 2009, weil sie durch ihr Verhalten die Familienehre verletzt habe. Das Landgericht Kleve verurteilte nicht nur den Bruder wegen Mordes, sondern auch den Vater, obwohl dieser nicht aktiv POLIZEI / DAPD an der Tatausführung beteiligt war. Eine Revision wurde ab- Opfer Gülsüm S. gelehnt, das Urteil ist rechtskräftig. für den Psychologieprofessor ist klar, dass an der Universität Bremen, wäre eine dop- Nur einmal musste sie ihrer Familie es „in den nächsten 10 bis 15 Jahren“ in pelte Staatsbürgerschaft. „Sie fördert nicht noch gegenübertreten. Auf Rat ihrer An- Deutschland mehr Gewaltakte im Namen nur Integration, sondern hätte auch posi- wältin zeigte Mariam ihre Schwester an, der Ehre geben wird. „Wir haben einen tive Effekte auf die Hilfs- und Unterstüt- nachdem sie von ihr am Telefon bedroht nach außen nicht sichtbaren Kampf der zungsmöglichkeiten für die Mädchen und worden war. Weil das zuständige Gericht Migrantengenerationen“, erklärt der Wis- Frauen. Nach einer Verschleppung etwa die Sicherheit der Geflüchteten nicht ge- senschaftler. Die zweite und dritte Gene- hätte man dadurch die rechtlichen Voraus- fährden wollte, nahm Mariam per Video- ration nutzten noch die alten Werte, um setzungen, die Betroffenen wieder zurück konferenz an der Verhandlung teil. Ihr die Herrschaft zu sichern: „Zugleich leh- nach Deutschland holen zu können.“ ängstliches Gesicht war auf drei Bildschir- nen sich immer mehr weibliche Familien- Die Vorteile einer doppelten Staatsbür- men in dem Saal zu sehen. Die Szenerie mitglieder dagegen auf.“ gerschaft lassen sich in Großbritannien ähnelte einem Mafia-Prozess. Kizilhan setzt auf Prävention. Auf Fa- gut beobachten. Dort gibt es eine „Forced Es sei doch nur ein schwesterlicher Rat milien, von denen bekannt ist, dass in ih- Marriage Unit“, eine Abteilung gegen gewesen, empörte sich die Angeklagte. nen Gewalt und Unterdrückung herr- Zwangsheirat. Sie setzt sich aus Mitarbei- Deren Mann verhöhnte das Verfahren schen, sollte die Polizei ein waches Auge tern des Außen- und Innenministeriums von einer der Zuschauerbänke. haben. „Wenn die Beamten dem Patriar- und von sozialen Einrichtungen zusam- Die richterliche Befragung von Mari- chen deutlich machen, dass sie ihn im men. Wird etwa eine junge Frau, die ei- ams älteren Schwestern ergab, dass sie Blick haben, wird der sich scheuen, seine nen britischen Pass besitzt, ins Ausland mit Cousins verheiratet sind. „Das ist nor- Tochter oder Frau zu schlagen, geschwei- verschleppt, verständigt die Abteilung die mal bei uns.“ Sie zeichneten das Bild ei- ge denn zu töten.“ Botschaft des Vereinigten Königreichs vor ner liebevollen, „perfekten“ Familie, in Andere Experten wollen die Strukturen Ort. Diese forscht nach der Verschwun- der jeder machen könne, was er wolle. verändern. Eine Kindergartenpflicht für denen und sorgt mit Hilfe von Sicherheits- „Warum sollte ihre Schwester all das Migranten, damit deren Töchter und Söh- leuten für die Rückführung des Mädchens. auf sich nehmen, wenn sie nichts zu be- ne früh mit den liberalen Lebensformen fürchten hätte?“, fragte die Richterin. Dar- des Westens vertraut werden, wäre so eine Maßnahme. Oder dass Kommunen mehr Zuwanderer einstellen, die in den Ämtern M ariam und Thomas diskutieren oft, wer mehr für den anderen aufgegeben habe. Vorige Woche haben sie geheiratet, auf hatte Mariams Familie keine Antwort, zum ersten Mal herrschte Stille im Saal. Mit dem Urteil setzte das Gericht ein die kulturelle Kompetenz verbessern. sie wollen eine eigene Familie gründen. Zeichen für Mariam. Ihre Schwester wur- Bilkay Öney, Integrationsministerin in Mariam erzählt von dem „echten Zu- de wegen Nötigung zu einer Freiheitsstra- Baden-Württemberg, würde auch jenen hause“, das sie nun hätten, eine Zweizim- fe von sechs Monaten verurteilt, ausge- Frauen gern helfen, die aus dem Ausland merwohnung, irgendwo in Deutschland. setzt zu zwei Jahren auf Bewährung. nach Deutschland zwangsverheiratet wur- Die Möbel stammten aus einer Haushalts- „Sollte meiner Mandantin jetzt etwas zu- den. Ihnen, so die Sozialdemokratin, müs- auflösung, die Wände hätten sie in war- stoßen, sind die Zusammenhänge deut- se früher als erst nach drei Jahren ein ei- men Farben gestrichen, auf das Klingel- licher. Das war ein wichtiger Schritt“, er- gener Aufenthaltstitel zuerkannt werden. schild einen Allerweltsnamen geschrie- klärte Mariams Anwältin noch im Ge- Anders könnten sie sich unmöglich aus ei- ben. Selbst Thomas’ Eltern wissen nicht, richtssaal. ner Gewaltsituation befreien: „Wenn sie wo ihr Sohn ist. Wenn Mariam an ihre kleine Schwester durch eine Trennung in den Augen der Fa- Inzwischen traut sich Mariam schon denkt, muss sie gelegentlich weinen. Es milie die Ehre befleckt haben, können sie mal allein zum Bäcker. „Sich frei bewe- tut ihr leid, sie allein gelassen zu haben. oft auch nicht mehr zurück.“ Die ange- gen zu dürfen, ist für mich der größte Lu- Und wenn sie an ihre Eltern denkt? Ma- messene Lösung, sagt Yasemin Karakaşo- xus“, sagt sie. Sie absolviert jetzt eine riam überlegt einen Moment. „Da ist glu, Professorin für interkulturelle Bildung kaufmännische Ausbildung. Hass“, sagt sie, „und Sehnsucht.“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 37
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    PATRICK SEEGER /PICTURE ALLIANCE / DPA FDP-Ehrenvorsitzender Scheel* mit. Seit etlichen Monaten lebt der ehe- A LT E R malige FDP-Politiker auch nicht mehr permanent zu Hause, sondern alternie- „Schriftlich erarbeitet“ rend in einem Seniorenstift in Bad Kro- zingen, nur wenige hundert Meter von seinem Büro entfernt. „Auch Bundespräsidenten werden alt“, Alt-Bundespräsident Walter Scheel war zuletzt in der Presse lautete ein Gastbeitrag Scheels am 4. Fe- präsent wie lange nicht. Doch viele seiner Äußerungen bruar in der „Süddeutschen Zeitung“. Die Gesellschaft, vor allem die Politik, werden dem greisen Politiker offenbar in den Mund gelegt. heißt es dort, habe „die Pflicht, sich der Würde der Alten anzunehmen“. Wie man K ein Politiker wirft gern den ersten Scheels Zitate drücken aus, was viele mit alten Menschen umgeht, wenn ir- Stein auf einen Bundespräsidenten, Deutsche dachten. Aber dachte, sagte gendwann einmal die Gedächtnisschwä- schon gar nicht einer, der selbst und überblickte er auch, was da unter chen sich offensichtlich als Demenz er- einmal dieses Amt innehatte. Umso mehr seinem Namen veröffentlicht wurde? weisen, ist ein schwieriges Thema, egal erstaunte, dass im vergangenen Dezem- In Berlin wie im südbadischen Bad ob jemand zuvor in der Öffentlichkeit ber – nur wenige Tage nachdem die ersten Krozingen, wohin Scheel vor drei Jahren stand oder nicht. Vorwürfe gegen Christian Wulff wegen mit seiner dritten Ehefrau Barbara gezo- Gerade am Beispiel von Prominenten dessen Hauskredit laut geworden waren – gen ist, mehren sich die Zweifel: Will und kommt das Thema immer wieder hoch. einer seiner Vorgänger mahnende Worte kann sich der Altliberale wirklich noch Tilmann Jens hat ein Buch geschrieben fand: „Sitten und Gebräuche“, so wurde so aktiv mit den Vorgängen der Tages- über seinen dementen Vater, den großen Walter Scheel, 92, von „Bild am Sonntag“ politik befassen, wie seine zahlreichen Gelehrten Walter Jens. Gunter Sachs, Fo- zitiert, hätten sich seit Gründung der Bun- Interviews, Gastbeiträge und Schirmherr- tograf und Playboy, nahm sich das Leben, desrepublik „leider auch in der Politik sehr schaften den Anschein erwecken? weil er dem Abdriften in die geistige geändert“; er sei deshalb „besorgt um das Vom SPIEGEL auf die Zitate in „Bild Dämmerung zuvorkommen wollte. Und Amt des Bundespräsidenten“. am Sonntag“ angesprochen, betont Bar- erst kürzlich machte der ehemalige Fuß- Neun Wochen später, kaum war Wulff bara Scheel, 70, „das hat er zu mir per- ballmanager Rudi Assauer seine Krank- zurückgetreten, legte Scheel im selben sönlich gesagt“. Doch was sowohl Scheels heit publik. Das Outing verband der 67- Blatt nach: Er „wünsche“ sich, dass Wulff Büro als auch seine Ehefrau bisher sorg- Jährige mit einer Botschaft an Fans und „klug genug“ sei und „auf seinen Ehren- sam vor der Öffentlichkeit verbargen: Die Medien: Es ist traurig, aber ich kann nicht sold verzichtet“; damit könne er „beim geistige Leistungsfähigkeit des Alt-Bun- mehr für euch da sein. deutschen Volk verlorenes Vertrauen und despräsidenten ist offenbar seit längerem Einer der Auftritte, bei denen man Glaubwürdigkeit zurückgewinnen“. eingeschränkt. „Dass Herr Scheel Ge- Scheel zuletzt noch beobachten konnte, dächtnisstörungen und -schwächen hat, war im vergangenen Mai die Verleihung * Am 6. September 2011 in seinem Büro. ist nicht zu leugnen“, teilt Scheels Büro des nach ihm, dem ersten Entwicklungs- 38 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland hilfeminister der Bundesrepublik,be- Auch wenn „sein Alter ihm doch zu material“, also ältere Stellungnahmen des nannten „Walter-Scheel-Preises“ für be- schaffen macht“, so Höppel, versuche Freidemokraten, zu stützen: „Unsere Ar- sonderes Engagement in der Entwick- Scheel „mit aller Kraft, die Dinge zu er- beit basiert auf Äußerungen, wie Scheel lungsarbeit. Offiziell hat Scheel den Preis ledigen. Das Büro und seine Frau helfen sie früher getan hat, und unsere Entschei- überreicht. Tatsächlich wurde Scheel von ihm dabei, so gut es geht“. dungen ergehen größtenteils auf Basis seiner Frau – neben deren imposanter Er- Schwierig wird es für Scheels Bürolei- seines früheren Handelns.“ scheinung, im grauen Hosenanzug und ter offenbar dann, wenn sich journalisti- Die gedruckte Realität weicht von mit einem mächtigen Hut, er noch kleiner sche Anfragen nicht mit der Tagesform diesem Credo aber nicht selten ab. Da und filigraner wirkte, als er ohnehin des Bundespräsidenten von 1974 bis 1979 stößt sich Scheel am 8. Januar in der schon ist – zwar auf die Bühne geleitet. in Einklang bringen lassen. Es sei „nicht „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“ Doch dort verbeugte er sich nur gekonnt, zu leugnen“, erklärt Höppel, „dass in der an der „schleppenden Aufklärungstak- schüttelte Hände und begab sich, auf sei- Eile des Tagesgeschäfts auch Äußerungen tik“ Wulffs, nimmt am 12. März in der nen Stock gestützt, für Erinnerungsfotos autorisiert worden sind, die nicht hätten Wochenzeitung „Das Parlament“ Stel- in Positur. erfolgen dürfen oder die Herrn Scheel lung zu den „wichtigsten Aufgaben des Natürlich stellt sich die Frage, inwie- nicht vorgelegt werden konnten“. neuen Bundespräsidenten“ und äußert weit man den Gesundheitszustand eines Zwar wird Scheel „grundsätzlich“ sich am 18. März gegenüber der „B. Z. Politikers öffentlich ausbreiten darf. „Das (Höppel) immer noch von einem Fahrer am Sonntag“ zu der Frage, ob ein Bun- geht Sie überhaupt nichts an“, beginnt oder seiner Frau in die Büroräume im despräsident Joachim Gauck seine Le- Barbara Scheel das Telefonat, als der Krozinger Rathaus gebracht. Scheel si- bensgefährtin heiraten müsse. SPIEGEL mit ihr über ihren Mann reden gniert, empfängt gelegentliche Besucher, Dass jedenfalls das Interview in der will, „das ist rein privat.“ Auch Scheels schaut in Zeitungen oder „beschäftigt“ „B. Z. am Sonntag“ an Scheel vorbeilief, Büroleiter Christoph Höppel bittet, „die sich mit Büchern – wie viel er von solcher gibt Höppel zu: „Der Text ist ihm in den Berichterstattung über Gesundheit und Lektüre aufnimmt, ist aber offen. „Er will Mund gelegt.“ Auch wenn der Bundes- Agieren“ Scheels „maßvoll und möglichst an einem gewissen Geschehen nicht mehr präsident a. D. etwa ein Vorwort für ein positiv zu erfüllen“. Der SPIEGEL re- teilhaben“, sagt Barbara Scheel, „er hat Buch schreibe, sei klar, „dass Herr Scheel spektiert dieses Anliegen. ja sein ganzes Leben Politik gemacht.“ sich damit nicht mehr richtig beschäftigen Allerdings wäre der Zustand Scheels Scheels Büro ist voller Erinnerungsstü- kann und will“. nur dann völlig privat, wenn es von cke an sein Leben als Außenminister, Vi- So hat Scheel auch zu einem Text, der Scheel keine öffentlichen Äußerungen zekanzler und Staatsoberhaupt. An den jüngst unter seinem Namen in der Rubrik mehr gäbe, zumindest keine zum aktu- Wänden hängen Fotos mit persönlicher „Fremde Federn“ in der „Frankfurter All- ellen Politikgeschehen; wenn er in Wür- Widmung von der Queen und Kaiser Hai- gemeinen“ erschien, bestenfalls karge de schwiege. Doch so ist es Stichworte geliefert. „Ein nicht. Weggefährte“, so Höppel, Dabei blockt sein Büro habe Scheel gebeten, zu dem persönliche Kontakte zu Buch „Das Amt und die Ver- Scheel erst mal ab. Wegen gangenheit“ Stellung zu neh- dessen „Wortfindungsschwie- men, das sich mit der Ge- rigkeiten“, erklärt Höppel, schichte des Auswärtigen Am- könne man mit dem Alt-Bun- tes befasst. „Machen Sie mal despräsidenten leider nicht te- was dazu“, habe Scheel gesagt lefonieren, auch „Sprechinter- und noch gebeten, dass zwei views“ gebe er seit längerem Personen positive Erwähnung PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA nicht mehr. In jüngerer Zeit fänden. Im Übrigen aber sei war aber nur die „Neue Zür- es Scheel „relativ egal“ gewe- cher Zeitung am Sonntag“ so sen, „was da an Füllmaterial ehrlich, ihr Scheel-Interview reinkommt“. mit dem Hinweis zu versehen, Im Fall eines Interviews mit man habe es „aufgrund des Viertklässlern für eine Schü- Gesundheitszustands Scheels lerseite der „Badischen Zei- schriftlich geführt“. tung“ ging die Inszenierung Menschen außerhalb des noch weiter: Das Blatt druckte Büros, die Scheel in den ver- Jubilar Scheel, Ehefrau Barbara*: „Machen Sie mal was dazu“ am 19. November ein Ge- gangenen Monaten gespro- spräch, in dem Scheel lebhaft chen haben, berichten, er habe Mühe, ein le Selassi, dazu das Fell eines Bären, ge- Gegenfragen stellt und das Wissen der ordentliches Gespräch zu führen. Höppel schossen auf der Jagd mit Rumäniens frü- Schüler lobt, ein Foto zeigt die beiden bestreitet, dass dies „generell“ so sei, herem Diktator Nicolae Ceauşescu. Schüler mit Scheel in dessen Büro. Auch räumt aber ein, dass „es solche Tage Auf Vergangenes versucht sich auch dieses Interview sei „schriftlich erarbeitet“ gibt“. Scheels geistige Leistungsfähigkeit der Büroleiter zu stützen, wenn er als worden, räumt Höppel ein. Das Foto ent- „schwankt“ und hänge sehr „von der Ta- Ghostwriter tätig wird. Seit sieben Jahren stand bei einem gesonderten, auf Plaude- gesform“ ab, so Höppel. Wenn Scheel ist er Scheel vom Bundespräsidialamt zu- rei beschränkten Termin. aber einen guten Tag habe, sei es „die geteilt, ein „guter, lieber Freund“, wie Höppel wirbt um Verständnis dafür, größte Freude“. man im Krozinger Rathaus weiß, ein be- dass Scheels Umfeld nach außen das Bild Solche guten Tage zu erleben ist nicht gnadeter Golfer, der mit Scheel in frühe- des präsenten Altpolitikers aufrechter- einfach. Dem SPIEGEL wurde ein per- ren Zeiten auch etliche Bälle schlug. halte. Es sei „natürlich ein Leichtes“, zu sönliches Treffen in Aussicht gestellt, in- Bei Presseanfragen, erklärt Höppel, be- sagen, „der alte Mann kann nicht mehr“. nerhalb von 14 Tagen kam es nicht zu- mühe er sich, „möglichst wenig Tagesak- Man könne aber auch zum Schluss kom- stande. Man müsse Scheel „vorbereiten“, tuelles“ zu sagen und sich auf „Quellen- men, dass Büro „dem Alter entsprechend hieß es aus dem Büro, das sei „schwierig“ ganz vernünftig damit umgeht“. und kurzfristig „absolut unmöglich“. * Am 9. Juli 2011 bei der Feier seines 92. Geburtstags. DIETMAR HIPP D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 39
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    Deutschland Ein Jahr später bemerkt der Stiefvater, seine DNA festzustellen. Dies ist eigent- VERBRECHEN dass David H. Kinderpornos aus dem In- lich ein übliches Verfahren, wenn es um ternet heruntergeladen hat. Am 26. Sep- den Verdacht sexuellen Missbrauchs geht. Falsches Etikett tember 2011 erstattet er Anzeige und Eine DNA-Analyse wäre hilfreich ge- übergibt der Polizei die Festplatte mit den wesen, da David H. nur einen Tag nach Bildern. David H. besucht da bereits eine seinem Besuch bei der Polizei in Emden Wegen einer Kette von Fehlern der psychiatrische Klinik in Papenburg. Sei- eine Joggerin zu vergewaltigen versucht – Polizei blieb der Pädophile nem Freund erzählte er später, er sei dort und DNA-Spuren hinterlässt. David H. lange unbehelligt – bis wegen eines Selbstmordversuchs behan- In Aurich unterläuft den Beamten zu- delt worden. Nach seinem Aufenthalt in dem ein folgenschwerer Fehler: Sie lassen er die elfjährige Lena tötete. der Psychiatrie meldet er sich am 23. No- die Ermittlungen weiter unter „Besitz von vember in Begleitung eines Betreuers des Kinderpornografie“ laufen, nicht wegen N iedersachsen ist ein großes Land, Jugendamts bei der Polizei in Emden. Er sexuellen Missbrauchs – was strafrechtlich von Göttingen im Süden bis zu berichtet von der Behandlung, seinen se- wesentlich bedeutsamer ist. den Ostfriesischen Inseln sind es xuellen Neigungen und dem Vorfall mit Damit ist eine Weiche gestellt, nach auf der Straße 366 Kilometer. Übers Land der Freundin seiner Schwester. der fortan der Fall David H. als minder- verteilen sich 6 Polizeidirektionen mit 35 Die Polizei leitet jetzt auch ein Verfah- schwer und mindereilig bewertet wird. Inspektionen, 88 Polizeikommissariaten, ren wegen sexuellen Missbrauchs ein. Da Entsprechend schickt Aurich die Akten 384 Polizeistationen – und dazu ein Lan- David H. in Krummhörn gemeldet ist, an die „Zentralstelle zur Bekämpfung ge- deskriminalamt in Hannover. fällt sein Fall aber in die Zuständigkeit waltdarstellender, pornografischer oder Doch was geschehen kann, wenn fal- der Polizeiinspektion Aurich. Die Akte sonst jugendgefährdender Schriften“ bei sche Prioritäten gesetzt und Akten falsch wandert deshalb von Emden nach Aurich. der Staatsanwaltschaft Hannover. Dort etikettiert werden, wenn also Beamte ihr Dieser Umstand wird Folgen haben. arbeiten sechs Staatsanwälte, und sie ha- Handwerk nicht verstehen – all das wurde Denn weder in Emden noch in Aurich ben eine Menge zu tun. Vergangenes Jahr vergangenen Dienstag sichtbar, als die nehmen Beamte eine Speichelprobe, um leiteten sie 1800 neue Verfahren ein. Polizeidirektion Osnabrück Dis- Das Amtsgericht Hannover er- ziplinarverfahren gegen Kolle- lässt, auf Antrag der Staatsan- gen einleitete. waltschaft, am 20. Dezember ei- Der Tod der elfjährigen Lena nen Durchsuchungsbeschluss für aus Emden, mutmaßlich ermor- die Wohnung von David H. – det von einem 18-Jährigen, der und sendet die Akten zurück nur vier Monate zuvor der Poli- nach Aurich. Nicht mal Kopien zei seine Pädophilie offenbart behält die Zentralstelle in Han- hatte, wird für lange Zeit im kol- nover, das geschieht nur bei be- lektiven Gedächtnis bleiben – als deutenden Fällen. ein Fall des Versagens einer Be- Der zuständige Staatsanwalt in hörde. Hannover machte sich einen Ver- Die Analyse der Ereignisse, merk. In drei Monaten wollte er die auch eine Chronologie der noch einmal in Aurich nachfra- Missverständnisse und Missdeu- gen, wie der Stand der Ermittlun- tungen ist, hat zweifelsfrei ermitt- gen sei. Denn er weiß, dass es oft lungstechnische Fehler zutage ge- Monate dauert, bis die Compu- fördert. Offen bleibt einstweilen terbilder ausgewertet sind. die Frage, ob es „individuelle Allerdings stolperten auch die Fehler“ waren, wie es Landes- Juristen in Hannover nicht dar- polizeidirektor Volker Kluwe be- über, dass in den Akten von se- tont. Oder ob es auch strukturel- xuellem Missbrauch die Rede le Probleme waren, wie Rudolf war. Sie gingen womöglich davon Egg, Direktor der Kriminologi- aus, dass sich die Staatsanwalt- schen Zentralstelle in Wiesbaden, schaft Aurich darum kümmern vermutet: „So jemanden kann würde, oder sie übersahen es. man nicht einfach gehen lassen“, Vielleicht wäre Lenas Tod sagt Egg. „Junge Pädophile auch nicht zu verhindern gewe- kämpfen und ringen mit ihrer sen, wenn alle Dienststellen rei- Neigung, und sie wissen nicht, bungslos funktioniert hätten. Im wie sie damit umgehen sollen – Zentrum der internen Ermittlun- genau das macht sie besonders gen steht jetzt immerhin, war- gefährlich.“ um der Hausdurchsuchungsbe- Das gestörte Sexualleben des schluss bei der Polizei in Aurich David H. erkennt seine Familie ein Vierteljahr lang nicht vollzo- erstmals im Herbst 2010. Als sei- gen wurde. Die Staatsanwalt- ne jüngere Schwester eine Freun- schaft ermittelt gegen zwei dor- din zu Besuch hat, überredet er tige Kriminalbeamte wegen des diese, sich nackt vor ihm auszu- Verdachts der Strafvereitelung DAVID HECKER / DAPD ziehen. David fotografiert das im Amt. Dafür müsste aber Vor- siebenjährige Mädchen, bis satz nachgewiesen werden. plötzlich seine Mutter ins Zim- MICHAEL FRÖHLINGSDORF, mer kommt. Sie informiert das ULF HANKE, ANDREAS ULRICH, Jugendamt. Verdächtiger H., Polizeiinspektion Aurich: „Kämpfen und ringen“ ANTJE WINDMANN 40 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland aus der chinesischen Medizin gelten, kos- Gerät, das aussieht wie ein Babyphone, GESUNDHEIT tet rund 70 Euro. Andere Pilzsorten, für sind zwei Dioden angebracht, die sich der deren Wirksamkeit es ebenfalls keine wis- Käufer in die Nase stecken muss. Diese Dioden in senschaftlichen Belege gibt, sind schon für 30 Euro zu haben. Wer seine Hoffnung hingegen in eine strahlen „sichtbares kaltes Rotlicht“ auf die Schleimhaut. „Keiner weiß bisher, welche Nebenwirkungen das langfristig der Nase sogenannte Bioresonanztherapie setzt, muss tiefer in die Tasche greifen. Dafür bekommt der Leidende von seinem Hei- mit sich bringt“, sagt Torsten Zuberbier, Leiter der Europäischen Stiftung für Al- lergieforschung. Die Innenseite der Nase Wenn im Frühjahr die Pollen ler eine ausgeklügelte Theorie serviert. sei sehr empfindlich. „Es ist nicht auszu- fliegen, haben dubiose Wunder- Nachzulesen etwa auf der Internetseite schließen, dass dadurch bösartige Wuche- heiler Saison. Mit fragwürdigen der Naturheilpraxis am Wald, die nahe rungen entstehen können.“ Kiel sitzt: Körperzellen unterhalten sich Nebenwirkungsträchtig sind auch Therapien gegen Heuschnupfen demnach „in Form von Lichtblitzen“. Sei Darmspülungen gegen Allergien, wie scheffeln sie Millionen. diese Zell-Kommunikation gestört, könne etwa die Colon-Hydro-Therapie. Wendet ein Naturheiler die Behand- R omina Rösch war 14, als lung falsch an, kann die Darm- die Birke zu ihrem Feind wand verletzt werden, zudem wurde. Von einem Tag ist die Methode nichts für Men- auf den anderen ließ der feine schen mit schwachem Kreislauf. gelbe Pollenstaub ihre Augen Viele Heiler schwören trotz- zuschwellen, die Nase juckte, dem auf die Methode, die etwa der Hals kratzte. „An manchen in der Talkshow von TV-Pfar- Tagen war es so schlimm, dass rer Jürgen Fliege vorgestellt ich nicht mehr aus dem Haus wurde. Der Darm des Pollen- gehen konnte“, sagt die Medi- opfers wird mehrmals wöchent- zinstudentin aus Mainz. lich mit rund zehn Liter Wasser Jahrelang testete sie diverse ausgespült, die Einläufe haben Nasensprays, Augentropfen abwechselnd eine Temperatur und ein Dutzend verschiedener von 21 und 41 Grad Celsius. PHANIE / YOUR PHOTO TODAY Tabletten. Es wurde nicht bes- Kosten: zwischen 60 und 90 ser. Rösch stieg auf Naturheil- Euro pro Sitzung. kunde um, gab Hunderte Euro „Es gibt leider viel zu viele für Alternativmedizin aus. Sie obskure Angebote in diesem schluckte täglich drei Esslöffel Bereich, bei denen Vorsicht an- Öl, ließ sich in der Apotheke gebracht ist“, klagt Hans Merk, Tees mischen und suchte einen Kind beim Allergietest: Markt für Wunderlichkeiten Präsident des Ärzteverbands Homöopathen auf. Der ver- Deutscher Allergologen. Nach schrieb ihr Globuli, kleine Kugeln in der es zu Allergien kommen. Die Therapeu- seiner Auffassung gibt es nur wenige Re- Glasflasche. „Danach ging es mit dem ten legen den Patienten deshalb Elektro- zepte, die bei Heuschnupfen nachweislich Asthma los“, sagt sie. den an. Die sollen Therapieinformationen helfen. Allgemein empfohlen wird die Be- Mittlerweile lässt sich die 23-Jährige an ein Bioresonanzgerät weiterleiten und handlung mit Medikamenten wie Anti- im Frühjahr eine Cortison-Spritze geben. das Problem beheben. histaminika. „Diese können die Be- Das lindert die Symptome. „Aber gut für Die meisten Anbieter nehmen für ei- schwerden zwar lindern, aber nicht hei- den Körper ist das nicht“, sagt sie. Des- nen „Bioresonanz-Grundtest“ etwa 100 len“, sagt Merk. halb ist Rösch weiter auf der Suche nach Euro, Nachfolgebehandlungen kosten bis Ansonsten rät er zu einer sogenannten der perfekten Therapie, nach dem klei- zu 50 Euro. Den wissenschaftlichen Nach- Hyposensibilisierung. Dabei spritzt der nen Wunder, das den Heuschnupfen killt. weis dafür, dass die Therapie wirkt, konn- Arzt den Betroffenen in regelmäßigen Schätzungen zufolge leiden mehr als te bisher keiner erbringen. Abständen ein Allergenpräparat unter die 15 Millionen Deutsche an Pollenallergien. Nicht weniger fragwürdig ist der Ein- Haut. Zum Einsatz kommen auch Tablet- Während für sie ab März die große Qual satz sogenannter Allergie-Nasenlampen. ten oder Tropfen. Im Idealfall reagiert beginnt, brechen für Wunderheiler und Im Internet werden Exemplare zwischen das Immunsystem irgendwann nicht mehr Geschäftemacher herrliche Zeiten an. 30 und 100 Euro vertrieben. An einem mit einer Abwehrreaktion auf die Pollen. Zwar zahlt keine Krankenkasse die Be- Vielen Patienten geht es Studien zufol- handlung mit Heilpilzen oder Nasenlam- ge danach besser – bei anderen versagt pen, weil deren medizinische Wirkung Verbreitetes Leiden aber auch diese Therapie. Allergikerin nicht nachgewiesen ist. Aus Verzweiflung Allergiker-Anteil in Deutschland,* in Prozent Rösch hatte es jahrelang damit versucht. greifen viele Patienten trotzdem zur Eso- Die Behandlung half genauso wenig wie terikmedizin. Die Kosten tragen sie selbst. Heuschnupfen 20 – 30 die Globuli des Homöopathen. Seriöse Ärzte sehen den Markt für Nun überlegt Rösch, eine Anti-IgE-The- Wunderlichkeiten mit großem Missfallen. Kontaktallergien 7 – 10 rapie zu machen. Durch Spritzen sollen Denn die Allergiker geben nicht nur dabei die Antikörper im Organismus zer- unnötig Geld aus, sie gehen zudem Neurodermitis 5 – 8 *18- bis 65-Jährige; stört werden, die die allergische Reaktion unkalkulierbare Gefahren ein. Den Me- Nahrungsmittel- Mehrfach- auslösen. Die Optimisten unter den Heu- nennungen möglich dizinproduzenten hingegen bringen die allergien 4 – 8 Quelle: schnupfen-Forschern machen der Medi- allergischen Reaktionen der Deutschen Hausstaub- Europäische Stiftung zinstudentin Mut. Einen Haken gibt es milbenallergie 5 Gewinne, die so sicher sind wie der Früh- für Allergieforschung trotzdem: Je nach Dosis kostet die The- lingsanfang. Allein eine „Vorteilspackung“ Insektengift- 2–3 rapie zwischen 6000 und 60 000 Euro. von Reishi-Pilzen, die als Wundermittel allergien KATRIN ELGER, CATALINA SCHRÖDER 42 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland STRAFJUSTIZ Noch mehr Opferschutz? Im Strafverfahren drehte sich früher alles um den Täter und seine Schuld. Seit einigen Jahren stehen häufig die Opfer und ihre Angehörigen im Mittelpunkt – eine nicht nur segensreiche Entwicklung. Von Gisela Friedrichsen D er Mann hatte seine 39 Jahre alte Niemand wurde mit inhaltsloser Mit- 55. Deutschen Juristentag 1984 in Ham- Ehefrau, Mutter seiner beiden leidsrhetorik abgespeist. Schmacke hätte burg vorgetragen hatte. Darin war bereits Kinder, getötet. Er hatte ihr in ei- nie gesagt, die Getötete sei halt leider die Rede davon, dass das Opfer nunmehr nem Bremer Hotel, wo sie arbeitete, auf- „zur falschen Zeit am falschen Ort“ ge- „in den Vordergrund strafprozessualer gelauert und dann mit äußerster Gewalt wesen, wie es in Gerichtssälen oft zu hö- Reformüberlegungen“ trete. Damals be- 14-mal auf sie eingestochen. Weil sie mit ren ist, und die Angehörigen damit über gann, was heute die Wiederentdeckung dem Leben besser zurechtgekommen war ihr Leid hinaus auch noch verärgert. des Opfers genannt wird. als er, weil sie sich gegen seine wahnwit- Das Bremer Gericht verhielt sich rich- 1986 wurde das Erste Opferschutzge- zigen Verfolgungsattacken gewehrt hatte, tig. Es behielt die Opfer im Auge, wie es setz beschlossen, das die Beteiligungs- weil er sie hasste und doch nicht von ihr dem Geist der Gesetze zum Opferrecht rechte der Geschädigten stärkte. Eine hatte lassen können. entsprach. Denn der Wind in der Gesell- „Kaskade“ von Gesetzen folgte, so der Das Landgericht Bremen ver- urteilte den Mann 2005 wegen Mordes, begangen im Zustand er- heblich verminderter Steuerungs- fähigkeit, zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren. Sachverständige hatten bei ihm eine „schwere Anpassungsstörung“ zur Tatzeit nicht ausgeschlossen. Vorsitzender war Harald Schma- cke, ein Richter von außergewöhn- lichem Einfühlungsvermögen und einem unbestechlichen Gespür für falsche Töne. „Der Fall hat nicht nur großes Leid über eine Familie gebracht“, sagte Schmacke damals in der Urteilsbegründung. Die Tat habe auch „die Kammer deutlich berührt“. Dieser Richter gab zu er- kennen, was er dachte. Die Hinterbliebenen der Ermor- deten hatten offensichtlich insge- heim auf eine Verurteilung zu lebenslang gehofft, was nach Auf- MARTIN OESER / DAPD fassung des Staatsanwalts die ein- zig richtige Antwort auf das Ver- brechen gewesen wäre: „Die Tat schreit geradezu danach!“ Schmacke spürte die Unruhe Gedenken am Tatort: „Das Gericht muss deutlich sagen, wer die Schuld trägt“ der Angehörigen und ihre Ent- täuschung, er registrierte, wie sie noch schaft und damit auch in den Gerichts- Bielefelder Rechtslehrer Stephan Barton, während der Begründung angstvoll rech- sälen hat sich im Lauf der vergangenen die eine klare Opferzuwendung zum Ziel neten, wann der Angeklagte wohl wieder 20, 30 Jahre gedreht, was die Rolle des hatten. Allein zwischen 1996 und 2006 in Freiheit kommen und dann möglicher- Opfers angeht. Heute ist es längst nicht wurde die Strafprozessordnung zu diesem weise neuerlich zu einer Gefahr für die mehr nur Beweismittel zur Überführung Zweck achtmal reformiert. Familie werden würde. Der Vorsitzende des Angeklagten, sondern befindet sich Die Viktimologie als Lehre vom Ver- schloss die Verhandlung, legte die Robe auf bestem Weg, Hauptdarsteller auf der brechensopfer etablierte sich, die forensi- ab und ging mit seinen Mitrichtern auf Bühne des Rechts zu werden. sche Psychologie entdeckte Opferbelange. die aufgewühlten Menschen zu. Er nahm Als Ausgangspunkt dieses Weges gilt Die Sozialpsychologie, die Neuropsy- sie mit in einen Raum des Landgerichts, das Gutachten zur „Rechtsstellung des chologie und vor allem die Psychotrau- wo er mit ihnen sprach, zuhörte und er- Verletzten im Strafverfahren“ des dama- matologie sprangen auf den Zug auf, den klärte. Er ließ sie mit ihren Ängsten nicht ligen Ministerialrats im Bundesjustizmi- nicht nur die verfassungsrechtliche Ord- allein. nisterium, Peter Rieß, das dieser auf dem nung, sondern auch der Zeitgeist antrieb. 44 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Denn wer sichum den Rechtsfrieden be- Hilfe tat also not. Opferorientierte rem wegen fahrlässiger Tötung eine Frei- mühte, hatte, ob er wollte oder nicht, zur Dienstleistungsangebote entstanden, heitsstrafe auf Bewährung verhängte. Kenntnis zu nehmen, dass zu einer Straf- neue Prozesssubjekte traten auf: die Ne- Ähnlich der Prozess gegen die Ex-RAF- tat der Täter und das Opfer gehören. benklagevertreter und Opferanwälte auf Terroristin Verena Becker, der vor allem Befördert durch die These des Entfüh- Staatskosten. „Opfer sind Kult“, sagt ein deshalb schon eineinhalb Jahre lang rungsopfers Jan Philipp Reemtsma, dass Münchner Strafverteidiger. Sie repräsen- währt, weil der Sohn des 1977 ermordeten es ein „Recht des Opfers auf die Bestra- tieren heute, was jedem zustoßen kann. Generalbundesanwalts Siegfried Buback fung des Täters“ gebe, entwickelte sich Die Debatte über diese neue Situation, keinen Frieden findet, ehe er nicht den eine lebhafte Diskussion über den Stel- die Fachleute als „Paradigmenwechsel“ Namen der Person weiß, die die Waffe lenwert des Opfers. Der Bundesgerichts- charakterisieren, dauert, von der Öffent- auf seinen Vater gerichtet hat. Dies aber hof rief zur „Beachtung der Opferbelan- lichkeit kaum beachtet, unvermindert an. wirft die Bundesanwaltschaft Frau Becker ge“ auf und warnte „vor rechtsstaatswid- Doch nach bald drei Jahrzehnten stetiger nicht vor. Gleichwohl dreht sich der Pro- riger Verteidigung des Angeklagten“. Ausweitung scheint der Opferschutz nun zess um kaum etwas anderes. Dies wiederum ließ die Strafverteidiger an seine Grenzen zu stoßen. Geht es Kriminalitätsopfern, die heute fragen, ob damit etwa ihre Arbeitshypo- Mittlerweile sind Strafprozesse neuer rechtlich umsorgt werden wie nie zuvor, these, dass nämlich der Belastungszeuge Art zu verzeichnen, in denen nicht der unter anderem mit Prozessbegleitung, lüge, nun hinfällig sei. Der Hoffnung der Anklagevorwurf im Vordergrund steht, mit eigenen Zeugenzimmern und allerlei Opfer folgte – zu Recht – die Besorgnis sondern die Erfüllung der Erwartungen psychosozialen Maßnahmen, wenigstens eines Verfalls rechtsstaatlich geschützter von Nebenklägern. Der Eindruck, sie be- besser als vor 25 Jahren? Nein, sagt die Beschuldigtenrechte. Wurden nicht auch stimmten, was und wie verhandelt wird, Rechtspsychologin Renate Volbert: „Es die Strafen höher, je mehr der Angeklagte drängt sich auf. Im Münchner Demjan- wird beinahe unverändert beklagt, dass zugunsten des Opfers aus dem Fokus der juk-Prozess, so befriedend er für die Hin- die Bedürfnisse von Opfern viel zu wenig Aufmerksamkeit schwand? terbliebenen der im Vernichtungslager Berücksichtigung finden und die Verfah- Andererseits: Da gab es die Prozesse um Sobibór ermordeten Juden gewesen sein ren mit unverhältnismäßig hohen Belas- den Düsseldorfer Flughafenbrand mit 17 mag, ging es nicht um einen konkreten tungen verbunden sind.“ Diese Behaup- Toten, das furchtbare Zugunglück von Tatnachweis, sondern letztlich darum, tung aber stütze sich nicht auf empirische Befunde, sondern werde einfach als evident unterstellt. Brauchen wir also doch noch mehr Opferschutz, wie ihn der Gesetzgeber plant? Auch Erwach- senen soll demnach in bestimm- ten Fällen die Konfrontation mit dem Angeklagten im Gericht er- spart bleiben und ihre Verneh- mung auf Video aufgezeichnet werden. Wo aber bleibt dann das Recht des Angeklagten, sich mit dem beschuldigenden Zeugen auseinanderzusetzen, wenn die- ser komplett abgeschirmt wird? Der Umgang mit Opfern, An- gehörigen und Hinterbliebenen gehört zu den sensibelsten und schwierigsten Aufgaben der Ge- richte. An den Universitäten wird er kaum gelehrt, im Referendariat selten geübt. Doch Opfer und Op- ferzeugen bringen eine eigene Perspektive ins Strafverfahren. Ihre Fragen, ihre Wünsche und JÖRG SARBACH Vorstellungen von Gerechtigkeit decken sich nicht mit denen an- derer Beteiligter. Wie lässt sich Bremer Gerichtssaal, Vorsitzender Schmacke (hinten M.) 2005: „Die Tat hat die Kammer berührt“ vereinbaren, dass hier der Ange- klagte sitzt, der Anspruch auf die Eschede mit 101 Toten und 88 zum Teil entsprechend dem Wunsch der Opfer Unschuldsvermutung hat, und dort das schwerst Verletzten, das Inferno in der Glet- dem Vergessen des Holocausts entgegen- Opfer, dem nicht nur etwas angetan wor- scherbahn von Kaprun mit 155 Todesop- zuwirken und den Weg zu bereiten für den sein soll, sondern dessen Leben sich fern, in denen kein Angeklagter zu Frei- weitere Anklagen dieser Art. vielleicht von einem Tag auf den anderen heitsstrafen verurteilt wurde. Aber wer trug Gegen den Vater des Amokläufers von komplett verändert hat? Was ist, wenn denn die Verantwortung?, fragten die Hin- Winnenden hatte die Stuttgarter Staats- dem Angeklagten die Tat nicht nachzu- terbliebenen. Es musste doch jemand anwaltschaft ursprünglich einen Straf- weisen war? Ist der wirklich Geschädigte schuld sein! Waren es etwa die „unglückli- befehl wegen Verstoßes gegen das Waf- dann kein Opfer mehr? Wie geht man chen Umstände“, die sich „verkettet“ hat- fengesetz erlassen wollen. Auf Druck der mit ihm um? Irritierende Fragen. ten, wie die Gerichte urteilten? Die Ange- 43 Nebenkläger und ihrer 19 Anwälte, de- Wolfram Schädler, seit 2004 Bundes- hörigen in ihrer hilflosen Ratlosigkeit wa- nen gerade mal 2 Verteidiger gegenüber- anwalt, hat als Oberstaatsanwalt im hes- ren ob solcher Worte empört und fühlten standen, landete die Sache dann vor dem sischen Justizministerium 1984 zusammen sich auch noch von der Justiz geschädigt. Landgericht, das schließlich unter ande- mit dem Psychologen Michael Baurmann D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 45
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    Deutschland „minderschwerer“?, fragen sie. Warum wird meine Sache eingestellt? Ist die Tat, die an mir begangen wurde, etwa unwe- sentlich? Warum ist eine weitere Aufklä- rung „nicht geboten“? Warum bekommt der Angeklagte eine geringere Strafe, wenn er dem Gericht einen langen Pro- zess erspart? Ist die Befindlichkeit der Richter und ihre Eile, eine Sache zu erle- digen, denn ein Strafmilderungsgrund? CARMEN JASPERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA Das muss erst einmal erklärt werden. Hinterbliebene wollen wissen, was ge- schehen ist und wer die Schuld trägt an dem Verbrechen, das über sie kam. Das Böse soll ein Gesicht haben. In Hamburg wird zurzeit der „Horror-Crash von Ep- pendorf“ verhandelt, ein furchtbarer Ver- kehrsunfall, bei dem der Sozialforscher Günter Amendt, der Schauspieler Diet- „Maskenmann“-Prozess 2011: Fast 20 Jahre Ungewissheit für die Hinterbliebenen mar Mues, dessen Ehefrau sowie die Bild- hauerin Angelika Kurrer ums Leben ge- vom Bundeskriminalamt die erste Opfer- nem Jahr in Krailling die beiden Töchter kommen sind. Es geht um die Frage, ob betreuungsstelle „Hanauer Hilfe“ gegrün- seiner Schwägerin regelrecht abgeschlach- der Angeklagte, ein Epileptiker, schuld- det. „Ich glaubte damals, von Opfern zu tet zu haben. Die Kammer mit dem Vor- haft handelte, als er sich hinters Steuer wissen“, sagt Schädler heute. „Dann sitzenden Ralph Alt hat mit der Mutter setzte. Er hatte schon mehrere Unfälle mussten wir feststellen, dass wir nichts der Kinder dreieinhalb Stunden lang ge- verursacht, weil ihn Krampfanfälle ereil- darüber wissen, was in einem Menschen sprochen. Die Öffentlichkeit und der An- ten. Einer der Söhne des Ehepaars Mues vorgeht, dem etwas angetan wurde.“ geklagte waren währenddessen von der sagte, für ihn sei es wichtig, dass die Schädler kennt die Praxis auf den Poli- Verhandlung ausgeschlossen. Wäre die Schuldfrage geklärt werde – um „in der zeirevieren, und er kennt den Umgang traumatisierte Frau, die ihre Kinder ge- Trauer weiterzukommen und irgendwann der Gerichte mit Opfern und ihren Ange- funden hatte, auch im Fall eines Geständ- hoffentlich mal einen Punkt zu finden, hörigen. Zusammen mit Baurmann gab nisses angehört worden? Oder hätte man an dem die Sache abgeschlossen ist“. er 1991 die erste wissenschaftliche Unter- sie womöglich noch mehr „verschont“? Abschließen können – das wünschen suchung über die Bedürfnisse und Erwar- Was wäre für sie besser gewesen? sich viele Leidtragende von Straftaten. tungen von Kriminalitätsopfern heraus, Ein Gericht hat die Tat aufzuklären „Das Gericht muss diesen Menschen sa- die eine Professionalisierung der Ermitt- und den Angeklagten gegebenenfalls zu gen, wer die Schuld trägt, schon um sie ler auf diesem Gebiet zur Folge hatte. verurteilen. Beim Opfer hingegen geht es von Selbstvorwürfen zu befreien“, so „Der Bundesgerichtshof fordert inzwi- um anderes. Schweigt ein Angeklagter, Schädler. Es müsse ihnen sagen, wenn es schen eine besondere Fürsorgepflicht zu- was sein nicht verhandelbares Recht ist, denn so war, dass sie keine Mitschuld trü- gunsten des Opfers vom Vorsitzenden ein. fühlen sich Opfer oft missachtet, ja ver- gen. Denn nur dann ließen sich auch ihre Tendenz der Gerichte aber: Der Geschä- höhnt. Sie interpretieren dieses Schwei- quälenden Phantasien eindämmen – wer digte soll möglichst von der Hauptverhand- gen als Ausnutzen eines Vorteils, als das wohl was und vor allem warum getan hat. lung verschont bleiben“, stellt Schädler Gegenteil von Reue. Lässt der Angeklag- Ulrich Jahr, Vater eines der Opfer des fest. „Dabei wollen die meisten Opfer te sein Geständnis nur verlesen, lässt er sogenannten Maskenmanns, den das nicht, dass einfach über ihren Kopf hinweg Reue nur durch seinen Verteidiger vor- Landgericht Stade wegen Mordes an drei beschlossen wird, sie zu verschonen.“ Er tragen, wird ihm von Opfern meist nicht Jungen zur Höchststrafe verurteilte, hatte kritisiert daher die um sich greifende Pra- geglaubt. Da ist der Vorsitzende in der die Ungewissheit, wie sein Sohn von wem xis, einen geständigen Angeklagten, ohne Pflicht. umgebracht worden ist, fast 20 Jahre lang das Opfer zu fragen, auch deshalb mit ei- Geschädigte, meist nicht gerichtserfah- gepeinigt. Er hatte selbst ermittelt, hatte ner milderen Strafe zu belohnen, weil die- ren, verstehen auch häufig nicht die Spra- der Polizei widersprochen und sich ein sem damit eine Aussage vor Gericht er- che des Rechts. Wieso ist mein Fall ein eigenes Bild vom Täter und dessen Vor- spart bleibt. Das sei „Überprotektionismus gehensweise zurechtgelegt, aus falsch verstandenem Mitleid“. das ihn nicht mehr losließ. All Was nützt es denn auch einem Opfer, dies trug er als Zeuge vor Ge- wenn per Absprache ein Verfahren been- richt vor. Der Vorsitzende Be- det wird, ohne dass es sich dazu äußern rend Appelkamp unterbrach kann, weil man es ja verschonen will? ihn nicht, weil es dem Mann „Manche Richter sind froh, wenn sie mit offensichtlich ein dringendes den Opfern nichts zu tun haben müssen. Anliegen war, seine Sicht zu Sie können nicht umgehen mit Menschen, schildern. Den Angehörigen denen Schreckliches widerfahren ist, und kann ein Gericht durchaus zu- verschanzen sich dann hinter dem in- hören, ohne die Ohren vor flationär gebrauchten Begriff der angeb- dem Angeklagten zu ver- ALABISO.DE / DER SPIEGEL lichen sekundären Viktimisierung“, so schließen. Schädler. „Doch man muss das Opfer an Ulrich Jahr hat durchgehal- der Hauptverhandlung beteiligen, mit ten bis zum Urteil. Er über- ihm arbeiten, nicht es fernhalten.“ lebte es nicht einmal zwei In München steht gegenwärtig der Wochen, dann ereilte ihn ein Mann vor Gericht, der bestreitet, vor ei- Bundesanwalt Schädler: „Falsch verstandenes Mitleid“ Herzinfarkt. 46 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Einäscherung Odyssee im Leichenwagen im Jahr pro Anlage vor, sagen die Betrei- ber. Aber ob dies stimmt, kontrollieren die Behörden nicht. Die Branche steht im harten Wettbe- werb. Die Zahl der Krematorien ist rasant gewachsen. 2000 gab es nur rund 100 öf- fentliche Anlagen, derzeit werden 159 ge- zählt, ein Drittel davon privat betrieben, weitere sind in Planung. Dabei sei der B E S TAT T U N G E N Bedarf an Krematorien eigentlich ge- deckt, so Aeternitas, eine Verbraucher- Feuerwehr initiative für trauernde Angehörige. Der STEPHAN ELLERINGMANN / LAIF Preis für eine Einäscherung ist wegen der Konkurrenz auf rund 300 Euro gesunken. am Sarg Nur im Süden vermuten Investoren noch Potential. Dort müssen sie sich allerdings gegen Bürgerinitiativen durchsetzen, die auch mit dem Problem zu schwerer Lei- chen argumentieren. Die Fettleibigkeit der Deutschen Schadstoffspitzen im Abgas, die Experten Der Ingenieur Hubert Kerber führt im überfordert die bei gelegentlichen Untersuchungen fest- baden-württembergischen Sinsheim-Rei- Krematorien: Die Anlagen stellen. Das Bayerische Landesamt für hen den Protest gegen ein neues Kre- werden ruiniert, Abgase Umwelt ermittelte, dass der erlaubte Mit- matorium an. Er hält Anlagen im Bypass- telwert von 50 Milligramm Kohlenmono- betrieb für „Dreckschleudern“. Beruflich ungefiltert in die Luft geblasen. xid pro Kubikmeter Abgas und Stunde hat Kerber als TÜV-Prüfer mit vielen oft überschritten wird, wenn der Holzsarg Verbrennungsanlagen zu tun, auch mit D er Mitarbeiter des Krematoriums einfällt und sich der Leichnam entzündet. Krematorien. Kerber hat Normen und in Hameln warf noch einen letz- Im September 2009 beispielsweise über- Grenzwerte verglichen und sagt: „Jede ten Blick in den Sarg, bevor er die forderte ein 150 Kilogramm schwerer Müllverbrennung ist strenger reglemen- Holzkiste in den Ofen schob. Es war der Leichnam das Krematorium von Kemp- tiert.“ dritte Leichnam am Morgen des 13. Janu- ten im Allgäu, der Schlot glühte, Rohrtei- Im Krematorium Hamburg-Öjendorf ar, und der wog mehr als 200 Kilogramm. le schmolzen. Die Feuerwehr ging schließ- mussten die Feuerwehrleute im Januar Nur rund zwei Kilogramm Asche sollten lich mit Löschpulver gegen die Glut im 2008 sogar Atemschutzmasken anlegen. übrig bleiben. Doch 15 Minuten später Kamin vor. Bei der Verbrennung eines schwergewich- schlugen Flammen aus dem zehn Meter „Unvorhergesehene Brände passieren tigen Mannes war es zu einer Verpuffung hohen Schornstein des Krematoriums, in vielen Krematorien“, sagt der nieder- gekommen. Dann klemmte auch noch die Teile des Doppelrohr-Edelstahlschlots sächsische Anlagenbauer und Sicherheits- Bypassklappe, und der Qualm konnte schmolzen durch. Der Angestellte bekam gutachter Jochen Sembdner. In solchen nicht über den Schlot entweichen. Bräun- den Brand nicht mehr unter Kontrolle, er Notfällen öffnen sich Klappen hinter den liche Schwaden waberten durchs Gebäu- rief die Feuerwehr. Öfen. Im sogenannten Bypassbetrieb len- de, die Feuerwehr maß erhöhte Werte gif- Die Helfer kühlten den rauchenden ken sie den Qualm samt Dioxinen und tigen Kohlenmonoxids. Das defekte By- Schlot von der Seite. Durch eine Wärme- Furanen, Quecksilber aus Zahnfüllungen, passventil sei sofort ausgetauscht, die bildkamera beobachteten sie, wie sich die anderen Schwermetallen und Feinstaub Ofenanlage runderneuert worden, sagt Hitze im Gebäude ausbreitete: Das Ka- direkt in die Außenluft – an Messinstru- der Betriebsleiter. minrohr glühte bei 600 Grad Celsius. Erst menten und am Filter vorbei. Bypass- Um Schadstoffspitzen zu vermeiden, nach vier Stunden war der Leichnam zu betriebe kommen nur ein- bis zweimal empfiehlt das Bayerische Landesamt für Asche geworden. Umwelt in einer Studie, Särge besonders Deutschlands Übergewichtige machen schwergewichtiger Leichname „mit leicht den Feuerbestattern zu schaffen. Mittler- geöffnetem Deckel“ in den Ofen einzu- weile wird rund die Hälfte aller Verstor- fahren und „anlagenspezifische Gewichts- benen eingeäschert. Die Zahl der fettlei- obergrenzen“ einzuführen. Letztere sol- bigen Deutschen liegt bei 15 Prozent, Ten- len noch in diesem Jahr in die Branchen- denz zunehmend. Die Branche hat sich Richtlinien aufgenommen werden. Die zwar darauf eingestellt, Särge werden in Hersteller sollen das Maximalgewicht der Übergrößen geliefert, Ofentüren für die Leichname festlegen, die in ihren Öfen extragroßen Kisten umgebaut. Aber ein verbrannt werden dürfen. Problem bleibt: Adipöse Körper brennen Doch was passiert dann mit den schwe- wegen ihres hohen Fettgehalts oft so heiß, ren Toten? Die Suche nach einem geeig- dass sie die Anlagen überlasten. Ursache neten Krematorium könnte zur Odyssee für den Schornsteinbrand in Hameln war im Leichenwagen werden. In Frankreich FRIEDRICH W. THIES wohl „extreme Hitze durch hohe Fettver- haben gleich mehrere Krematorien die brennung“, so Carl Schmidt, Betriebslei- Einäscherung einer 140 Kilogramm ter des Krematoriums. schweren Frau abgelehnt. Deren Tochter Wie häufig so etwas vorkommt, weiß klagte daraufhin in der Zeitung „Le Pa- niemand genau. Dabei gelten schwere Schornsteinbrand im Krematorium Hameln risien“ über die postmortale Diskriminie- Leichen seit langem als eine Ursache für „Extreme Hitze durch Fettverbrennung“ rung ihrer Mutter. ULF HANKE 48 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Szene Was war da los, Herr Marconi? Alan Marconi, 26, brasilianischer Ret- tungsschwimmer, über die Bergung eines Riesen: „Als ich mit meinen Kollegen ins Schlauchboot stieg, dachte ich, wir würden einen Brydewal zurück aufs offene Meer begleiten. Zunächst hieß es, das Tier würde gerade Junge be- kommen. Erst als wir uns ihm näher- ten, sahen wir, dass es tot war. Wir mussten nun verhindern, dass der Ka- daver an den Strand von Rio de Janeiro gespült wurde, wo Leute ba- deten. Wir waren zu acht und hatten nur das kleine Schlauchboot, der Schlepper war noch nicht in Sicht. Also habe ich mich an die Fluke des Wals gehängt, um das Seil daran fest- zumachen. Ich war traurig, dass der SERGIO MORAES / REUTERS Wal tot war, er stank schon. Es war schwierig, gegen die Brandung anzu- kämpfen, die den 20-Tonnen-Körper in Richtung Strand schob. Wir muss- ten aushalten, bis der Schlepper kam und den Wal raus aufs Meer zog.“ Marconi (an der Fluke) GESUNDHEIT ein Organ erhalten dürfen, die selbst bereit erklärt, bekommt einen Bonus – nicht spenden will? Ich finde, das und genießt Vorrang beispielsweise widerspricht elementaren Gerechtig- vor jemandem, der die Spende „Gedankenlosigkeit mit keitsvorstellungen. für sich selbst ablehnt. Es ist doch einem Preis versehen“ SPIEGEL: Frank-Walter Steinmeier hat im Bundestag gesagt, eine Organ- spende müsse eine selbstlose Spende eine Illusion zu glauben, wir könnten ein knappes Gut kostenfrei verteilen. Hartmut Kliemt, 62, Professor für bleiben. SPIEGEL: Warum braucht Altruismus Philosophie und Ökonomik an der Kliemt: Selbstlosigkeit an sich ist aus überhaupt einen Belohnungsanreiz? Frankfurt School of Finance, über meiner Sicht kein Wert. Selbstlosigkeit Warum birgt er seinen Wert nicht in Organspenden und die Grenzen der für die richtigen Dinge ist ein Wert. sich selbst? Nächstenliebe SPIEGEL: Was fordern Sie konkret? Kliemt: Natürlich wollen Menschen das Kliemt: Eine Art Solidaritätsmodell: Gute tun, aber sie wollen sich nicht SPIEGEL: Die Bundesregierung will im Wer sich frühzeitig zur Organspende dadurch, dass sie das Gute tun, aus- Sommer das Transplantationsgesetz nutzen lassen. Deshalb ändern, damit sich mehr Menschen als braucht der Beitrag zu kollek- Organspender registrieren lassen, setzt tiven Gütern doch einen aber weiterhin auf Freiwilligkeit. Also Anreiz. auf Nächstenliebe. Reicht das? SPIEGEL: Haben Sie selbst Kliemt: Nein, es ist keine gute Idee, die einen Organspendeausweis? Motive exklusiv vorschreiben zu wol- Kliemt: Ja klar, aber ich finde, len. Ich sage: Wer spendenbereit ist, dass das nicht ausreichend ist. soll eine gewisse Bevorzugung erhal- Ich finde, dass ein Zentral- ten, wenn er selbst bedürftig wird. Das register hermuss, um zu ist die alte Idee des Versicherungs- dokumentieren, wer spenden vereins auf Gegenseitigkeit. will und wer nicht. Ich spende SPIEGEL: Was spricht für Ihre Idee? für die Solidarischen, das Kliemt: Dass sie viel gerechter ist. würde ich gern eintragen. Nehmen Sie an, Sie haben zwei gleich- Ich bin dafür, Gedanken- SIPA PRESS geeignete und gleichbedürftige Per- losigkeit wenigstens mit sonen. Beide brauchen ein Organ. einem gewissen Preis zu Warum soll ausgerechnet die Person Herztransplantation versehen. 50 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft Keinhase EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie ein Tierpark in Sachsen beinahe weltberühmt wurde D ie Erste, die von dem schreckli- könnte irriger sein. Tiere sind weder ge- streng zoologisch, um ein Oryctolagus cu- chen Vorfall erfuhr, war Frau mein noch lieb. Sie haben Bedürfnisse, niculus domesticus handelte. Es waren Mildner – Frances Mildner, klein, die man erfüllen, Grenzen, die man re- die Frauen im Tierpark, die die Chance fröhlich, patent, Sachbearbeiterin für Bür- spektieren sollte. Kim, der Leopard, zum witterten: der Keinohrhase! So wie der gerkommunikation im Rathaus zu Lim- Beispiel, der seinen Oberpfleger Uwe erfolgreiche Film, Til Schweiger könnte bach-Oberfrohna. Vor ihrem Schreibtisch Dempewolf seit zwölf Jahren kennt, des- die Patenschaft für den kleinen Til über- stand Oberpfleger Dempewolf, er hatte sen Geruch, Gangbild, Stimme, würde nehmen, man würde ihn einladen, ein sich gleich ins Auto geworfen und war zu sich sofort auf ihn stürzen, sollte Dempe- leibhaftiger Star, das abgelegene ihr gefahren, jetzt stand er vor ihr, groß wolf den Käfig betreten, ihn wahrschein- L.-O. würde ans Filmgeschäft andocken. und stark, bärtig und trostbedürftig, er lich in Sekunden zerfleischen. Tiere sind Til Schweiger! rang die Hände, während er Einen Tag vor der Pressekon- berichtete, und am Ende hatten ferenz rückte aus Leipzig der sie beide denselben Gedanken: TV-Filmer Sascha D. an, er war, Wie sagen wir’s dem Professor? so schildern ihn die Tierpflege- Und dann war da noch eine rinnen, ein netter Typ, sehr eif- weitere Möglichkeit. Unausge- rig. D. filmte draußen, mit Kin- sprochen, doch nicht abwegig. dern, ohne Kinder, am Ende Fünf Tiere lebten ja noch. Man wollte er im Stall ein paar Sze- konnte den Unfall theoretisch nen von Til mit Geschwistern ungeschehen machen. Oder es drehen, doch die Kaninchen WOLFGANG THIEME / PICTURE ALLIANCE / DPA zumindest so aussehen lassen. waren inzwischen völlig hyste- Ein neuer Keinohrhase. Eine risch, sie flitzten irre umher. Betäubung, zwei Schnitte. Der Stall ist eng und dämmerig, Eine Entscheidung konnte 2,50 mal 2,50 Meter. D. ging in aber nur der Professor treffen. die Hocke, schimpfte leise, die Limbach-Oberfrohna liegt in Viecher waren überall, und ei- Sachsen, im Südwesten des nes war vom anderen kaum zu Landes, unweit der tsche- unterscheiden, er wollte Sze- chischen Grenze; die Randlage nen auf Kaninchen-Augenhöhe, begreift man hier als Herausfor- Kaninchen Til (r.), Geschwistertier er hielt die Kamera tief und derung. „Come to L.-O.“ heißt machte einen Schritt zurück, es der Slogan der Stadt, man ist machte knacks. stolz auf das Schwimmbad, das Til hauchte mit einem Heimatmuseum, vor allem auf Knacks seine Seele aus, eine den Tierpark. sehr kleine Seele. Die Anlage ist idyllisch. Die Sascha D. war untröstlich, er- Wisente sind zottelig, die Leo- zählen die Leute aus dem Tier- parden elegant. Die Lamas bli- Aus der „B. Z.“ park, die unter Schock standen, cken senil und lüstern, ein paar Dempewolf, die Lehrlinge, die Gehege weiter turnt ein Ara Damen von der Kasse. Ade, Til krächzend und zeternd am Draht- Schweiger. Es flossen Tränen. käfig herum. Schulkinder wetzen durchs unbestechlich, unverstellt; darin liegt ihre Allein der Professor blieb gelassen. Gelände. Der Teich wird gerade vergrößert ungeheure Schönheit. So sei es eben in der Natur. Ein Unfall, und ausgeschachtet, hier soll ein Flamingo- Eulenberger weiß allerdings auch, dass Pech. Den Gedanken, einem anderen gehege entstehen – man hat große Pläne, man, um einen Tierpark bekannt zu ma- Kaninchen die Ohren abzuknipsen, weist dahinter steht ein Mann, der hier aufwuchs, chen, etwas bieten muss. Die Leute sind Eulenberger von sich. So was habe man dann auswärts Karriere machte, jetzt aber, eben so. Verwöhnt. Ein flauschiger Eisbär nicht nötig. Til liegt in der Tiefkühltruhe, im Ruhestand, zurückgekehrt ist: Prof. Dr. ist Gold wert. Ein schielendes Opossum. eingewickelt in eine weiß-rote Plastiktüte. med. vet. Klaus Eulenberger, Anfang sieb- Oder ein Krake, der Fußballtore vorher- Er soll ausgestopft werden. zig, lange Jahre oberster Tierarzt im Leip- sagen kann. Eine Story, darum geht’s. Ohne den Keinohrhasen-Trubel, er- ziger Zoo, beste Kontakte in alle Zoos der Am 27. Februar gab es im Kaninchen- zählt Eulenberger, wäre Til ohnehin nur Welt, Vorsitzender des Fördervereins. Für stall des Tierparks einen Wurf: sechs Jung- ein kurzes Leben beschert gewesen, nor- die Pfleger, Handwerker, Lehrlinge im tiere, nackt, blind. Für das Tier war es malerweise enden Kaninchen als Futter Tierpark ist er „der Professor“. der erste Wurf. Wahrscheinlich hatte es, für die Leoparden. Mindestens einmal in Eulenberger ist der pragmatische Typ. unerfahren, beim Ablecken des Frucht- der Woche brauchen die Raubkatzen Er weiß, dass die Tiere zwar in den Augen wassers dem ersten Neugeborenen die Ganztiernahrung, kein schönes Wort, der Besucher edel oder knuddelig oder Löffel abgebissen. Ein halbwegs wasch- aber so ist es nun mal. wunderschön sind; doch nichts, sagt er, echter Keinohrhase; auch wenn es sich, RALF HOPPE D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 51
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    Gesellschaft FORTPFLANZUNG Papa Ed Ed Houben ist ein privater Samenspender aus Maastricht, der auch in Deutschland tätig ist. 82 Kinder hat er schon, 10 sind unterwegs. Er möchte kinderlose Frauen glücklich machen – und sich selbst. Von Barbara Hardinghaus A uf dem Weg zu Kind Nummer 83 such“ heißt Geschlechtsverkehr mit einer wie über ein gutes Backrezept, und er ist tritt Ed Houben in die Ankunfts- Frau, die er aus dem Internet kennt, von der Meisterbäcker. In seinen Augen sind halle D im Flughafen Berlin-Schö- spermaspender.de. Ed Houben ist Samen- die Regeln einfach. Aber eigentlich sind nefeld. Er trägt eine Outdoor-Hose mit spender, er schenkt Frauen seinen Samen, sie komplizierter. Es ist kein einfacher Seitenklappen, einen Fleecepullover und in 80 Prozent der Fälle, sagt er, auch ein Weg, der Weg für kinderlose Frauen zum einen Rucksack, in dem eine Trinkwas- Kind. „Das ist meine Erfolgsquote.“ Kind. serflasche steckt. „Hallo“, sagt er mit vier- Zehn der Frauen, die er schon zu Müt- „Donogene Insemination“ heißt das, fach betontem „l“, seinem niederländi- tern gemacht habe, seien Ärztinnen. Ge- was offiziell in deutschen Arztpraxen und schen Akzent. Er marschiert gerade auf bildet, das findet Ed Houben, Historiker, Fruchtbarkeitskliniken praktiziert wird, die Bushaltestelle zu. Er will sich beeilen, 42, wichtig. Und gesund, das auch. also „das direkte Einbringen von Samen- die „Wunschmama“ geht zellen eines unbekannten früh schlafen, und sie haben Spenders in die Gebärmutter noch etwas vor. einer Frau mit dem Ziel, un- Eigentlich reist Ed Houben gewollte Kinderlosigkeit zu schon lange nicht mehr zu überwinden“. den Frauen. Eigentlich kom- Ein Heft mit Richtlinien men die Frauen zu ihm. Aber „zur Qualitätssicherung in es gibt Notfälle wie diesen, Deutschland“ umfasst 36 Sei- 11. Zyklustag, also zwei Tage ten. Es stammt von Ärzten, vor dem Eisprung, und die die meisten sind Inhaber ei- Wunschmama hat nieman- ner Samenbank, etwa ein den für die Katzen. Dutzend gibt es in Deutsch- Sie wartet in einer kleinen land. Wohnung am anderen Ende Die Praxis dort ist kurz ge- der Stadt. Sie hat das Luft- sagt so: Die Wunscheltern bett im Wohnzimmer auf- sind heterosexuell, am besten geblasen und schöne Unter- verheiratet, sie bleiben dem wäsche angezogen. Spender unbekannt. Der Ed Houben sitzt oben im Spender, so wollen es die Doppeldeckerbus, Linie X7, Richtlinien, ist nicht älter als vorn. Drei Kinder hat er vierzig, er wird mehrfach schon in Berlin, die anderen untersucht, sein Sperma ent- STOCK RM / F1ONLINE 79 leben in anderen Städten, spricht den „Mindestanfor- anderen Ländern, in den Nie- derungen“ in zehn Punkten. derlanden, in Belgien, Spa- Die „praktische Durchfüh- nien, Italien und Neuseeland. rung“ wird dokumentiert, Ihre Namen, Geburtsdaten Menschliche Spermien: 100 Millionen pro Milliliter, darauf ist er stolz das Dokument 30 Jahre auf- und Geschlechter hat Hou- gehoben. ben zu Hause in eine Excel-Tabelle ein- Keine Drogen, kein HIV. Keine Hepa- Die Samenbanken verlangen 3000 bis getragen. Das älteste Kind ist fast neun titis B und C, keine Syphilis, keine Go- 4000 Euro pro Behandlung und zahlen Jahre alt, das jüngste Kind zwei Monate. norrhö oder sonstige Geschlechtskrank- den Spendern, meist sind es Studenten, Er wirft noch ein Pfefferminzbonbon heiten. Keine Chlamydien, also Bakte- knapp hundert Euro pro Portion. nach, gähnt. „So langsam kommt das rien. „Das sind meine Bedingungen.“ Als Ein halbes Jahr dauert es bis zum Schlafhormon durch“, sagt er, „aber Beweis verlangt er ein Gesundheitszeug- ersten Versuch. 1400 Frauen werden, schlafen geht noch nicht.“ nis und schickt selbst auch eins. Und ein so Schätzungen, jedes Jahr in Deutsch- In Rudow steigt er um in die U-Bahn. Spermiogramm vom Arzt. land durch offizielle Samenspenden Am Hermannplatz stoppt der Zug, er Das Spermiogramm zeigt seine Sper- schwanger. muss wieder in einen Bus, Schienener- madichte. Weniger als 20 Millionen pro Andere reisen ins Ausland, zu Kliniken satzverkehr. Das kostet Zeit. Er sieht auf Milliliter Ejakulat bedeuteten „keine gu- in Spanien oder England, wo es einfacher die Uhr, kurz vor 23 Uhr. „Da ist gleich ten Chancen“. Bei 80 bis 100 Millionen ist, wo es weniger Anforderungen gibt, keine Gelegenheit mehr für Romantik.“ sind die Chancen besser. Er selbst hat 100 wo die Samenbanken gern auch lesbische Für den Abend ist noch ein Versuch Millionen, „oder 110 Millionen“, er lä- Paare als Kundinnen annehmen oder al- geplant, für den Morgen ein zweiter. „Ver- chelt. Er spricht laut, frei durch den Bus, leinstehende Frauen. 52 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    NORBERT MICHALKE /DER SPIEGEL Spender Houben in Berlin: „Da ist gleich keine Gelegenheit mehr für Romantik“ Wieder andere schreiben eine Mail Ed Houben selbst sagt, was er mache, Brötchen und Kaffee. „Wollen wir dann nach Maastricht, zu Ed Houben, wo es sei das Natürlichste der Welt, in der Land- mal rübergehen ins Schlafzimmer?“, sag- so gut wie keine Anforderungen gibt. Er wirtschaft nennt man es „Natursprung“, te sie dann. ist die Lösung für diejenigen, die kein also Nachzucht auf die biologisch vorge- Wie viele Versuche er in seinem Leben Geld, keine Zeit, keine Chance haben, sehene Art. schon hinter sich hat, weiß Ed Houben den offiziellen Weg zu gehen. Aus dem Bus steigt er wieder in eine nicht. Er trifft jeden Monat 10 bis 15 Frau- Es interessiert den Gesetzgeber nicht, Bahn, er fährt noch ein paar Stationen en. Es fing an, als er 29 war, keine Freun- wie in Deutschland ein Kind gezeugt und verschwindet dann mit strammem din hatte und sich eine Familie wünschte. wird. Wie viele Kinder jemand bekom- Schritt über einen Gehweg in die Berliner Er hörte, dass es anderen auch so ging, men darf, ist nicht beschränkt. Ed ist der Nacht. Paaren sogar. Denen, sagt er, wollte er Erzeuger einer Großfamilie, was er tut, Am nächsten Tag sitzt er zu einer Art helfen. ist nicht strafbar. Trotzdem lebt er mit ei- Mittagspause in einem Café und trinkt Ed Houben fuhr in eine niederländi- nem Risiko. eine heiße Schokolade. Er ist noch müde. sche Fruchtbarkeitsklinik und gab Samen Zwischen ihm und den Frauen gibt es „Ach, das war eine kurze Nacht“, sagt er. ab. Er gab nach und nach so viel davon, Vereinbarungen, die besagen: keine Er ist 1,90 Meter groß, schwer und schläft dass es, nach vier Jahren, genug war für Rechte, keine Pflichten. Keine Unter- nicht gut auf Luftbetten. Der erste Ver- 25 Kinder. Danach musste er aufhören, haltszahlungen. Sollte es aber eine Frau such am Abend musste ausfallen. Er ist so wollte es das Gesetz. Aber so wollte geben, die sich das anders überlegt, eine halbe Stunde zu spät angekommen, er es nicht. Er wollte weitermachen. Er warum auch immer, hätten diese privaten durch den Schienenersatzverkehr. reiste in eine andere Klinik, nach Belgien. Abmachungen vor einem Richter kei- „Da war die Wunschmama nicht froh“, Am Abend beschäftigte er sich weiter mit nerlei Wert. Ed Houben müsste zahlen sagt Houben. „Also versuchen wir es heu- seiner neuen Mission, er saß vor dem für das Kind, in den ersten drei Jahren te tagsüber zweimal.“ Computer, und im Internet fand er eine sogar für die Mutter. Der Nachwuchs Den ersten Versuch, sagt Ed, hatten sie Seite für Lesbenpaare mit Kinderwunsch. selbst kann Unterhalt einfordern, irgend- am Morgen. Houben musste früh aufste- Was war eigentlich mit denen? wann, wenn er älter ist, wenn er eine hen. Die Wunschmama fütterte die Kat- In Kleinanzeigen boten sich ihnen Män- Stimme hat. zen und machte Frühstück. Es gab frische ner an. Hans, 28, sportlich. Ed Houben D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 53
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    Gesellschaft fand das plump.Die meisten Männer wollten Geld, sie wollten anonym bleiben. Er hingegen fand, dass jedes Kind das Recht habe, schon früh zu erfahren, wer sein Vater sei, und nicht erst, wenn es volljährig ist und sein Recht einklagen kann. Er schrieb den Frauen lange Briefe. Vor fast neun Jahren, so erzählt er in dem Berliner Café, wurde er das erste Mal Vater, ganz bewusst. Um das Kind zu zeugen, war er in die Nähe von Ams- terdam gereist. Er nehme kein Geld von den Wunscheltern, sagt er, nur das Geld für die Fahrt. 130 Euro zahlt ihm die Wunschmama aus Berlin für den Bus und die Flüge, plus Kreditkartenaufschlag. Sie verpflegt ihn auch. Während er erzählt, macht sie zu Hause Champignoncreme- Suppe und strammen Max mit Salat, zum Mittagessen. Um 14 Uhr muss er wieder da sein. Er zieht seine Uhr an einer silbernen Kette aus der Seitentasche seiner Outdoor- Hose. Etwas Zeit hat er noch. Er erzählte damals seinem Bruder vom NORBERT ENKER / DER SPIEGEL Kind bei Amsterdam. Auch seiner Schwes- ter. Sie waren älter, „Alt-Hippies“, „An- archos“, so nennt er sie. Sie beglück- wünschten ihn. Er tue etwas Gutes, sag- ten sie ihm, etwas wie Blutspenden. Er, Spendersamen in einer Reproduktionsklinik Ed, verhalf anderen zum Leben. „Am Anfang hatte ich nur niederländi- sche Frauen mit Bechermethode“, sagt er. Sie tut vieles, von dem sie glaubt, dass Sie forschte im Internet, sie erwischte Er unterbricht seine Erzählung, die Zeit es die Chancen erhöhe. Nach jedem zunächst nur Sexseiten. Dann stieß sie ist um. Nach dem Mittagessen ist der Versuch bleibt sie 15 Minuten auf dem auf die Seite spermaspender.de und zweite Versuch eingeplant. Rücken liegen, sie trinkt keinen Alkohol, klickte sich durch die Profile der Männer. Einen Tag später kommt eine blonde isst besser, mehr Fett, auch mal ein Eis. Gerhard, 1,83 Meter, 40, Haarvolumen: Frau in ein anderes Berliner Café, die Sie wählt die „natürliche Methode“, also voll; Brillenträger: ja; Spende überregio- Wunschmama. Sie setzt sich und bestellt Sex, mit Männern, die Samen spenden nal möglich: ja; Methode: natürlich; einen Tee. wollen. Familienstand: gebunden. Anzeigentext: Die Frau ist blond, hat große braune „Das sehe ich ganz pragmatisch“, sagt Hallo ich helfe sehr gerne und unkompli- Augen, schmal, sie trägt eine dicke Strick- sie. Sie hat Regeln für den Sex. Sie küsst ziert. mütze, weil sie schnell friert. Sie ist zu ei- den Mann, das ja. Sie zieht schöne Un- Oder: markus1976, 1,72 Meter, 35, Haar- nem Gespräch bereit, solange ihr Name terwäsche an, aber keine sehr schöne. volumen: voll; Körperform: Bauchansatz. nicht bekannt wird. „Und ich wichs ihm keinen und blas ihm Sie entschied sich für einen Polizisten, Sie wirkt leicht, beschwingt. Ob es ge- auch keinen“, sagt sie. Am Ende unter- höhere Laufbahn, zwei Kinder, Gesund- klappt hat, ob sie schwanger ist, weiß sie heitszeugnis. Aber der wollte immer, natürlich noch nicht, „man hat kein Ge- auch an Tagen, an denen sie nicht frucht- fühl“, sagt sie. In zwei Wochen weiß sie „Gerhard, 1,83 Meter, bar war, auf Parkplätzen. Das machte sie mehr, an Zyklustag 28, wenn ihre Regel eintritt oder nicht. „Die Zeit bis dahin ist Brillenträger: ja, Methode: skeptisch. Sie traf noch einen Architekten, der immer wie fliegen“, sagt sie. natürlich“ – so werben schwitzte zu stark. Und einen Salsa-Tän- Sie sieht dann hoch, lächelt scheu und sagt: „War gestern noch echt stressig.“ Männer für sich im Netz. zer, der war nicht zuverlässig. Sie machte ein Jahr Pause und legte schließlich ihr Der erste Versuch am Morgen, sagt eigenes Profil an, „Kleopatra“. Es melde- sie, sei ganz gut verlaufen. Aber am hält sie sich noch mit dem Mann, in den te sich Ed Houben aus Maastricht, mit ei- Nachmittag, beim zweiten Versuch mit 15 Minuten auf dem Rücken. nem langen Brief. Ed, sei es gar nicht mehr gelaufen. Sie Sie kennt die Zeiten und Wege. Sie ist Ed war anders. Ihn traf sie das erste sagt ein paar Sätze, sie alle sollen be- Molekularbiologin, mit Doktortitel, sie Mal im Dezember, seitdem alle vier Wo- schreiben, was schiefgelaufen ist. Zuletzt arbeitete lange in den USA. Sie hat in chen. Ed war zuverlässig, Ed war warm- sagt sie: „Er ist halt nicht mehr in Form ihrem Leben schon kompliziertere Ab- herzig, Ed sprach gut über die Liebe. Das gekommen.“ läufe erforscht, an Proteinen, sie kennt kannte sie nicht, nicht von anderen Spen- Seit fünf Jahren wünscht sie sich ein sich aus mit Codierungen und DNA-Se- dern, nicht von früheren Freunden und Kind. Im Laufe der Zeit ist sie zur Exper- quenzen. nicht einmal von ihren Eltern. tin geworden. „Manche sagen, man solle Sie hatte einige Freunde, aber sie woll- Seit sie Ed kennt, geht sie in keine Dis- ja auch nicht zweimal am Tag. Aber zwei- te früher nie Kinder. Dann war sie 30 Jah- cos mehr und sucht keinen Lebenspartner mal bedeutet, das Sperma ist fünf Stun- re alt, wollte Kinder, hatte aber keinen im Internet. Sie sucht einen neuen Job den länger im Körper.“ Das erhöhe die Freund. „Wartest du jetzt, bis der Richtige oder wartet auf Ed. Sie lebt ihr Leben im Chancen. vorbeikommt?“, fragte sie sich. Rhythmus ihrer fruchtbaren Tage. 54 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Seiner Mutter erzählteer nichts. Nach Künstliche Befruchtung dem Abendessen fuhr er zu den Frauen, in Europa für ... zuerst lebten sie in der näheren Umge- bung, er verschwand in einem Zimmer, GROSSBRITANNIEN NIEDERLANDE kam mit einem gefüllten Becher heraus, ... hetero- übergab den Becher, fuhr wieder zurück sexuelle DÄNEMARK und legte sich stumm in sein Zimmer. Paare 2004 dann traf er auf ein Paar, er Nie- ... lesbische derländer und unfruchtbar, sie Südame- Paare rikanerin. Die beiden machten ihm klar, dass sie keinen Becher wollten. Sie ... Single- wünschten sich Intimität und Gefühle für Frauen ihr Kind, wenn es entstehen würde, das TSCHECHIEN Anonymität sagte ihm der Ehemann. Dessen Frau lehr- des Samen- te Ed, damals 34, was Leidenschaft ist. spenders Von nun an war es für Ed Houben auch gut ohne Becher. Es verblüffte ihn, denn Quelle: Max-Planck-Institut für ausländisches und auch andere Wunschmamas wollten Sex internationales Strafrecht mit ihm, Lesben und heterosexuelle Frau- ÖSTERREICH en, deren Männer einverstanden waren, SPANIEN die zusahen, spazieren gingen oder fern- sahen, während es geschah. 2005 erzählte er es dann auch seiner Mutter, sie entgegnete ihm nicht viel, 2007 zog sie aus, in ein Haus mit Fahr- stuhl. Seitdem kommen die Frauen zu Ed Houben nach Hause und schlafen im Gäs- DEUTSCHLAND tezimmer, seinem alten Kinderzimmer. Keine eindeutige gesetzliche Regelung. Künstliche Befruchtung üblicherweise nur für hetero- Er wäscht jetzt selbst die Wäsche, seine sexuelle Paare in dauerhafter Beziehung. Keine garantierte Anonymität des Samenspenders. Mutter bügelt nur noch die Hemden und kommt zum Putzen. Zwei- oder dreimal in der Woche fährt er zu ihr zum Essen, „Ed ist so problemlos, den merkt man Vater, ein Schuhverkäufer, hatte seine er hatte sie früher nie umarmt, mittler- gar nicht“, sagt sie. Nur gestern, am Nach- Mutter gerade verlassen. Sein Bruder weile kann er es. An den anderen Tagen mittag, gab es dann doch das Problem. war gestorben, mit 22, er hatte Multiple hat er meist Besuch von den Frauen oder Sie wusste, er würde den Flug zurück um Sklerose. Als sie ihn bestattet hatten und Paaren. 18 Uhr nehmen müssen, sie hörte die alle weg waren, ging Ed noch einmal zu- In der Küche steht Christiane aus Ber- Kirchturmglocken schlagen, es war 16 rück zu ihm an den Sarg und schwor sich, lin. Sie macht Wirsing mit Hackfleisch. Uhr. Sie entschied sich um, für den Be- nie wieder diesen Schmerz fühlen zu Sie ist 42, ihre Frau, 32, wartet im Gäste- cher, das ging schneller. Sie wickelte den wollen. zimmer, sie will sich nicht zeigen. vollen Becher in ein Handtuch, stellte ihn Es waren die Menschen, die in ihm Die beiden sind das erste Mal nach warm, auf die Heizung, fuhr mit dem Schmerz auslösen konnten, weil er sie Maastricht gekommen. Sie waren spät Fahrrad in die Apotheke, kaufte eine verlieren könnte. Also versuchte er von dran, Zyklustag 13, letzter Tag, letzte Spritze „für die Aufzucht von Hamstern“, nun an, andere Menschen zu meiden. Chance. Sie haben nur einen Versuch un- sagte sie. Sie fuhr zurück, „ich habe mir Er schwänzte die Schule, er wollte zu ternommen, am ersten Abend. das ganz langsam eingeführt und zugese- Hause bleiben, seine Mutter schrieb ihn Christiane hackt Zwiebeln. Sie war hen, dass ich selbst noch einen Orgasmus krank. Er war ein dickes Kind, Realschü- schon einmal verheiratet, sie hat bereits bekomme“. ler, er ging zum Militärdienst und machte ein Kind. Seit fünf Jahren versuchen sie Auch das erhöhe die Chancen. die Buchhaltung für die Reparatur von und ihre Frau es mit einem gemeinsamen Da war Ed längst weg, zurück zum Lastwagen. Er wurde Zeitsoldat, war sta- Kind. Sie haben ein schönes Zuhause, sie Flughafen, nach Maastricht, in seine klei- tioniert in Deutschland, kehrte zurück würden gern ein Kind adoptieren, sagt ne Siedlung mit den Backsteinhäusern, nach Maastricht, studierte Geschichte, Christiane, aber die Chancen für lesbi- wo er die Treppen hinaufstieg bis ins drit- arbeitete als Fremdenführer für die Stadt sche Paare sind schlecht. te Obergeschoss links, Wohnung 8 C. Er und lebte weiterhin bei seiner Mutter. Bis Eine Samenbank wollten sie nie. Auch erwartete am Abend noch Gäste, ein Les- zu diesem Zeitpunkt hatte Ed Houben sie wollen, dass das Kind früh weiß, wer benpaar aus Aachen. Die Methode: nach noch nichts in seinem Leben getan, wo- sein Vater ist. Sie haben zuerst im Freun- Absprache. mit er aufgefallen war. deskreis nachgefragt, in der Schwulensze- Zwei Tage später öffnet er die Tür. Das Und wenn er Frauen traf, waren sie für ne, im Schwul-lesbischen Verein. Sie fan- Lesbenpaar aus Aachen ist noch da, Ed ihn wie aus einer anderen Welt, Bedro- den auch Männer, aber es war schwierig. läuft vor ins Wohnzimmer und legt sich hung und Ikone zugleich. Frauen wollten Sie bezahlten Medikamente, Vitamine für zurück auf die Chaiselongue vor den gutaussehende, sportliche Jungs, keinen sie. Zuletzt trafen sie einen schwulen Fernseher. wie ihn. Mann, 45, „der wirklich auch Vater sein Auf einem Sideboard steht ein digitaler An der Uni hatte Ed manchmal auf Par- wollte“, sagt Christiane. Eineinhalb Jahre Fotorahmen. Im Zweisekundentakt wech- tys im Vollrausch geknutscht, mehr nicht. versuchten sie alles mit ihm, Becher- seln die Gesichter seiner 82 Kinder. Eigentlich hatte er also keine Erfahrun- methode, Arztmethode, Reagenzglas. Zu- „Doris, Elias, Emily, Emily, Finn“, gen, als er sich im Jahr 2002 auf den Weg letzt stellte sich heraus, dass sich nur noch spricht Ed mit. zu den Frauen machte, die sich nach ei- 20 Prozent seiner Spermien bewegten. In die Wohnung ist er 1979 mit seiner nem Kind sehnten, wie er sich nach den Sie und ihre Frau sind jetzt schlauer, Mutter gezogen, da war er zehn. Sein Frauen sehnte. aber auch pleite. 20 000 Euro haben sie D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 55
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    Gesellschaft Vietnamesin, und es gibt Frauen, die wol- len ein Geschwisterkind, so wie Pia, die schon ein Kind hat von Ed. Max ist zwei- einhalb Jahre alt, Kind Nummer 59. Sie heißt nicht wirklich Pia, auch sie möchte anonym bleiben. Sie ist 40, sie lebt in einer großen Stadt in Deutschland, sie hatte nur kurze Beziehungen, nach spätestens acht Monaten rastet sie immer aus. In den Kreißsaal ging sie mit ihrem Bruder und ihrem Vater. Sie besuchte Ge- burtsvorbereitungskurse, extra für Sin- gles. Den Schwangerschaftstest kaufte sie bei Schlecker. Zu Ed Houben nach Maas- tricht war sie nur ein einziges Mal gereist. Sie wollte den Becher und allein sein. Im Gästezimmer legte sie sich ein Kissen un- ter den Po, sie machte sich Musik an und Kerzen. „Ich wollte mir selbst ein Kind machen“, sagt sie. Dieses Kind holt Pia jetzt jeden Tag von der Kita ab. Seit Max’ Geburt hat sie allerdings auch fast jeden Tag mit dem Jugendamt zu tun. Sie bezieht Arbeitslosengeld, und den Unterhalt, den eigentlich der Vater EXCLUSIVE PIX / ACTION PRESS zahlen müsste, bekommt sie vom Jugend- amt. Wenn herauskäme, dass ihre An- gaben nicht richtig sind, müsste sie das Geld zurückzahlen, und ihr würde eine Strafanzeige drohen wegen „Leistungs- betrugs“. Werbung für dänische Samenbank: Schon gibt es Aufklärungsbücher für Spenderkinder Die Ämter prüfen das. Pia musste an- geben, mit wem sie alles Sex hatte in dem ausgegeben für den Wunsch, ein Kind zu ner jungen Frau mit langen braunen Haa- Jahr vor Max’ Geburt. Mitarbeiter aus haben. Also bleibt nur noch Ed Houben. ren, einer hübschen Spanierin, „meine der Unterhaltsstelle nehmen Kontakt auf Der hat sich von seiner Chaiselongue in Freundin“, sagt Ed. zu den Männern. Sie arbeiten wie De- sein Arbeitszimmer bewegt. Im Regal ste- Er betrachtet sie eine Weile und sagt: tektive. hen Geschichtsbücher, auf dem Schreib- „Ja, die war auch mal eine Wunschmama.“ Pia lebt mit dieser Lüge, weil sie das tisch kleine Figuren, eine schwangere Ed kennt sie seit drei Monaten. Sie ist sei- Geld braucht, aber auch das Kind. Sie Frau in Miniatur. ne dritte Freundin. Auch die beiden Freun- sagt, sie sei glücklich wie noch nie. Es Er fährt den Rechner hoch. Er liest aus dinnen davor waren Wunschmamas. Die störe sie nicht, dass das Kind 82 Halbge- der Excel-Tabelle mit den Namen vor. Für erste kam nicht klar mit dem, was er tut. schwister hat. Es störe sie auch nicht, dass jedes Jahr hat er die Gesamtzahl neu er- Die zweite hat ihn verlassen, einfach so. Da Ed so viele Frauen hatte. „Er gibt jeder mittelt. 2011: elf Geburten. Gesamt: 45 hatte Ed das erste Mal Liebeskummer. einzelnen das Gefühl, einzigartig zu sein“, Mädchen, 35 Jungs. Das ist seine Bilanz. Seitdem er Samenspender ist, erlebt sagt Pia. Wenn ein anderes Kind Max Von zwei Kindern kennt er das Ge- Ed Houben Dinge, die sonst Teenager er- fragt, wo sein Papa sei, antwortet er nicht. schlecht nicht. Die Mütter haben es nicht Zu Hause hat Pia ein Buch für Max, mitgeteilt. Ihr Vater fragt auch nicht nach. ein Aufklärungsbuch für Kinder ab vier Das ist der Deal, mündlich vereinbart. Es 20 000 Euro haben sie für Jahren, sie sehen da ab und zu schon mal gibt keine Ansprüche, auf beiden Seiten. Die meisten Mütter wollen Kontakt. ihren Kinderwunsch schon hinein. Das Buch handelt von einer Mama, die keinen Mann hatte, die aber Sie schicken Briefe und Fotos zu Weih- ausgegeben. Jetzt bleibt einen freundlichen Mann kannte, der der nachten. Ed Houben schreibt nicht zu- rück, das wäre zu teuer. Auf dem Klo nur noch Ed Houben. Mama seinen Samen gab. Einmal im Jahr besuchen Pia und Max hängen zwei Kinderkalender. Für den ihren freundlichen Mann. Der freundliche digitalen Fotorahmen hat er einen Trick leben. Den ersten echten Sex, die erste Mann hat dann ein Lokal in Maastricht entwickelt, um sich die Namen der Kin- Leidenschaft, die erste Trennung. Und er gemietet und all seine Kinder eingeladen. der besser zu merken, und die Bilder al- lernt, dass es nach dem Schmerz weiter- 15 Kinder kamen beim letzten Treffen, phabetisch sortiert. geht. Als 42-Jähriger holt er nach, was er im Mai saßen sie alle auf einer Terrasse „Im Moment sind zehn Frauen schwan- früher verpasst hat. zusammen. Ed hatte ein Geschenk für je- ger“, sagt er und schließt die Tabelle. Er „Meine Freundin sagt, dass mich das, des Kind, einen kleinen Ball. geht noch schnell auf die Internetseite was ich tue, nur interessanter mache“, Pia sagt, Max sei einmal zu Ed gegan- spermaspender.de. Er findet ein neues sagt er. Sie besuche ihn bald wieder. Noch gen, mit langsamen Schritten, dabei sei Gesuch. Er setzt den Namen in eine leere hat es bei ihr mit einem Kind nicht ge- er eigentlich gar kein mutiges Kind. Max Mail, kopiert seinen Brief hinein und klappt. hat sich für einen kurzen Augenblick zu drückt auf „Senden“, während er spricht. Denkt er daran aufzuhören? Für sie? Ed auf den Schoß gesetzt, zu „Papa Ed“. Er schließt den Browser, schließt alle „Nein“, sagt Ed, zögert, „vielleicht.“ Dann sind sie wieder gefahren. Fenster in seinem Computer. Auf der Er sieht im Moment kein Ende. Im Mo- Max hat das Kinn wie Ed, rund und Oberfläche flackert nur noch das Bild ei- ment steht er noch in Kontakt mit einer mit einer Delle, wie alle seine Kinder. Er 56 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    hat die Füßewie Ed, groß, auch wie alle Kinder. Die Augen sind meistens die der Mutter. Die Kinder sind noch klein. Sie werden wachsen, mit jedem Jahr mehr Fragen stellen, und sie werden Antwor- ten wollen. Vielleicht wollen sie mehr Nähe irgendwann, mehr Liebe. Oder Unterhalt. Hat er nie Angst? „Wovor?“, fragt er. Dass sie eines Tages alle vor der Tür stehen? „Dann hätte ich das so gewollt“, sagt er. Und wenn sie alle Geld wollten von ihm, dann hätte er es gar nicht. Hat er ja auch nicht, für 84 Kinder. Oder mehr. Ed sitzt am Abend in einem Grill- restaurant im Zentrum von Maastricht, er trägt ein grünes T-Shirt mit der Auf- schrift „POLIZEI“, vor ihm liegt ein Ein- Kilo-Steak, er schneidet zufrieden daran entlang, „Mmmmmh“, sagt er und nimmt einen Schluck Rotwein. Er wischt sich die Hände an einer Stoffserviette ab, er kratzt sich mit dem Daumen flüchtig über den dicken Bauch. Sein Gewicht störe ihn nicht, sagt er, nicht mehr. Victoria, Johan- na, sie alle sagten, er sei schön, wie er ist. Von den Frauen, die ihn besuchen, wünscht er sich mittlerweile, dass sie sei- ne Leibspeise kochen, Fleisch auf jeden Fall, das ist neu. Er lässt sich jetzt vorher Fotos schicken, er will neuerdings keine dicken Frauen mehr. Es ist auch neu, dass er den Frauen nicht mehr die Stadt zeigt. Er ist nicht mehr die ganze Zeit zu Hause, wenn sie da sind. Er lässt sich Fotos schicken, er will neuerdings keine dicken Frauen mehr, keine zu großen. In 75 Prozent der Fälle hat er Sex mit den Frauen. „Meine Freundin meint, ich sei ein Ma- cho“, sagt er. Er spricht als Nächstes über Stellungen, die „Missionarsstellung“ und das „Chinesische Puzzle“. Es gibt Betrei- ber von Internetforen, die ihn einladen, in die USA, als Experten für privates Sa- menspenden. Er redet, schneidet Fleisch, redet. „Mmmmmh“, sagt er. Er wirkt wie im Rausch. Als er aufgegessen hat, sieht er auf sein Handy. Er findet eine Antwort von der Website spermaspender.de. Die Frau, der er am Nachmittag eine Nach- richt geschickt hat, hat geantwortet. Sie schreibt, sie würde ihn gern besuchen. Video: Besuch bei Ed Houben Für Smartphone-Benutzer: Bildcode scannen, etwa mit der App „Scanlife“. 58 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft HANNOVER Warte nur, bald ORTSTERMIN: In Hannover präsentiert eine Messe den Umbau Deutschlands zur Altenrepublik. D as Alter ist ein ferner, seltsamer schaft, dass sie den Besucher fast augen- ganzen Haus verteilt, registriert mittels Planet, es gibt dort fürsorgliche blicklich erschöpfen. Diese Ausstellung im Boden eingelassener Sensoren, ob der Roboter, mitdenkende Möbel, macht außerdem: Angst.  Bewohner gestürzt ist, und alarmiert ge- künstliche Robben und die saugkräftigs- Auf Plakaten, in Prospekten stehen be- gebenenfalls die Ambulanz. ten Windeln der Welt. Wer dahin will drohliche Zahlen: 2035 wird jeder dritte „Im Alter“, hat Schopenhauer mal ge- oder muss, also jeder irgendwann, soll Deutsche über 60 Jahre alt sein. In we- sagt, „verlässt uns Liebe, Scherz, Reise- erst mal nach Hannover. Hier, auf der nigen Jahrzehnten wird die Zahl der lust und Tauglichkeit für die Gesell- Fachmesse „Altenpflege 2012“, trifft sich Pflegebedürftigen von heute 2,4 auf über schaft.“ Hightech, so das Versprechen der die Pflegewirtschaft und zeigt, was die 4 Millionen steigen. Im Jahr 2030 werden Pflegewirtschaft, kann vieles davon er- Zukunft bringt. Wie sie sich das vorstellt 200 000 Pflegekräfte fehlen. Bis in 15 Jah- setzen. Der alte Mensch, das Mängel- mit der überalternden Gesellschaft. Wie ren muss Deutschland 2,5 Millionen Woh- wesen, ist technisch optimierungsfähig. man alte Menschen glücklich machen und nungen alterstauglich machen, weil die „Was maunzt die denn so komisch?“ dabei Geld verdienen kann.  Leute nicht mehr ins Heim, sondern zu fragt eine Messebesucherin am Stand „Zeig mir das Spiel Soli- D.26 in Halle 4, sie hat taire“, sagt der Mann zur ein weißes Wollknäuel im Maschine. Arm. Paro, die interakti- „Ich starte Solitaire“, ve Betreuungsrobbe, hat antwortet der Roboter.  das Gewicht eines Säug- Auf einem Bildschirm lings, und wenn man sie auf seinem Bauch er- streichelt, fiept und stram- scheint das Spiel Solitaire. pelt sie normalerweise Jetzt könnte der alte freudig. Ein Schlag aufs Mensch am Touchscreen Köpfchen, und sie guckt ein Spiel spielen, das nicht enttäuscht. Jetzt aber hat zufällig Einzelgänger heißt. sie ein „internes Bedürf- Am Stand des Fraunho- nis“, wie der Verkäufer fer-Instituts demonstriert sich ausdrückt, und muss MICHAEL LÖWA / DER SPIEGEL ein junger Mitarbeiter den an die Steckdose, Akku Pflegeroboter „Alias“, was leer. für „Adaptable Ambient Paro soll vor allem für Living Assistant“ steht. Demenzkranke das echte Der Android, noch nicht Haustier ersetzen, sie kos- marktreif, reicht Erwachse- tet 4800 Euro. „Schade, nen bis zur Brust und hat Betreuungsrobbe Paro: Fiepen, strampeln dass das Ding so teuer ist“, die Figur von Barbamama. bemerkt die Besucherin. Er suche „den Dialog mit „Man kann Paro auch lea- Alleinlebenden“, sagt der sen“, sagt der Mann. Mitarbeiter: „Der Partner ist gestorben – Hause bleiben wollen. Die Richtung ist Der Umbau Deutschlands zur Alten- Einsamkeit. Das soll der Kerl verhindern.“ klar: Immer mehr Alte sollen von immer republik birgt ein gewaltiges Marktpoten- Alias kann nicht nur Medikamente dosie- weniger Personal immer länger in den ei- tial, auf 60 bis 70 Milliarden Euro Umsatz- ren und das Fernsehprogramm aufsagen, genen vier Wänden gepflegt werden.  volumen pro Jahr wird die Pflegebranche er kann mittels Stimmanalyse auch erken- Also muss man automatisieren. Und schon heute geschätzt. Alles muss schwel- nen, dass der seufzende alte Mensch auf fernüberwachen.  lenlos und altentauglich gemacht werden, dem Sofa traurig ist. Dann sagt er viel- Das „Aufstehbett“ der Firma Göhler Hunderttausende Häuser, ganze Nahver- leicht: „Hey, Herr Entzelmann, rufen Sie wird mittels Knopfdruck vom Bett zum kehrssysteme, auch Spielplätze, das ist die doch mal Ihre Tochter an!“ Oder er wählt Sessel und erinnert an die mutierenden Entwicklung der letzten Jahre. Statt nur die Nummer gleich selbst. Alias ist der Science-Fiction-Figuren aus „Transfor- für Kinderspielplätze produziert die Firma Star der Messe. Am Eröffnungstag hat mers“. Der „Schrank-Butler“ von Häfele Richter jetzt auch für „Generationen-Ak- sich Bundesgesundheitsminister Daniel fährt die oberen, für Rollstuhlfahrer un- tiv-Parks“, auf Illustrationen sieht man Bahr mit ihm fotografieren lassen. erreichbaren Fächer automatisch auf Knie- fröhliche ältere Herrschaften über Wackel- 650 Aussteller kämpfen auf 60 000 Qua- höhe herunter. Ein intelligenter Sessel brücken wackeln und auf wetterfesten dratmetern in vier riesigen Hallen gegen misst permanent Herzrhythmus und Blut- Xylophonen musizieren, alles vandalis- den Tod. Seltsame Slogans schwirren vor- druck des Sitzenden und informiert wenn musresistent. Und so, mit dem Greis auf bei: „Mobile Pflegedokumentation via nötig die medizinische Überwachungs- der Schaukel, schließt sich der Lebens- Cloud-Computing“, „Der Mensch im zentrale. Der Elektrorollstuhl „Scooter bogen, neigt sich am Ende alles wieder Wachkoma als pflegerische Herausforde- M35“ von Mobilis, „ideal für den Innen- zum Anfang hin, der alte Mensch als rung“, „IT-Lösungen für den Sozial- bereich“, lässt sich mit einer Hand bedie- Kleinkind, abhängig, schutzlos, verspielt. markt“. Fachmessen haben die Eigen- nen. Die Notruftechnik „sens@home“, im GUIDO MINGELS D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 59
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    Titel „Mein Herz hüpft“ Heimat ist mehr als schöne Landschaft und Filmkitsch. Heimat ist ein Hochofen, ein Dorf mit Schornsteinen, ein weißes Zimmer, ein Smartphone, ein patrio- tisches Gefühl, ein Chatroom, ein Mensch. Eine Spurensuche von Dirk Kurbjuweit MAURICE WEISS / OSTKREUZ Heimatidyll Berlin (Mauerpark): „Ich mag die Unsortiertheit, die Toleranz, die Subkultur“ 60 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    A ls Freddie Röckenhaus mit dem land. Röckenhaus war nicht wohl, als er die den Bildern das Pathos nimmt, aber Hubschrauber über Deutschland im Schneideraum saß, um die Bilder für das hat nicht funktioniert, weil Musik und flog, geriet er in Schwierigkeiten. die ZDF-Serie „Deutschland von oben“ Bilder nicht zusammenpassten. Schließ- Er sah ein schönes Land, ein Land, das auszuwählen. lich hätten sie, sagt Röckenhaus, „hier ihm vorkam, als würden die Deutschen „Ich tauge nicht zum Patrioten“, sagt und dort Ironie in die Texte gelegt“. in Wäldern und Parks leben. Selbst die Röckenhaus, 55, „und werde es ange- In Wahrheit hat es nicht viel genützt. großen Städte wirkten aus der Luft grün sichts der Katastrophen, die Deutschland In „Deutschland von oben“ sieht Deutsch- wie Gartenanlagen. Berge, Flüsse, Seen, in seiner Geschichte angerichtet hat, auch land wunderbar aus, Städte, Industrien, alles herrlich, fand Röckenhaus. Die In- nicht mehr werden, das kriege ich nicht Wälder und Wiesen in satten Farben. Rö- dustrieanlagen zeigten aus der Höhe die hin.“ Und nun sollte er den Zauber dieses ckenhaus hat den Deutschen einen neuen feine Struktur von Skulpturen. Schönheit, Landes zeigen? Er sträubte sich. Er setzte Heimatfilm beschert, der nicht weniger Erhabenheit, zauberhafte Bilder. Gut für sich mit Kollegen zusammen und suchte Schönheit zeigt als seine fiktionalen Vor- einen Filmemacher. nach einem Weg, wie das schöne Deutsch- gänger aus den fünfziger und sechziger Aber konnte er das so zeigen? Durfte land nicht ganz so schön rüberkommen Jahren. Damit muss er nun leben, lebt er das? Es ging schließlich um Deutsch- würde. Sie versuchten es mit einer Musik, aber ganz gut damit. Er mag ja sein Land, AKG Heimatidyll Rügen (Gemälde von Caspar David Friedrich, um 1818): „Die Natur ergreift mich umso mächtiger, je mehr ich sie studiere“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 61
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL „Zukunftsdorf“ Haidenkofen: „Wenn ich in die Stadt fahre, bekomme ich Kopfschmerzen“ aber ein bisschen schwierig ist es halt umso mächtiger, je mehr ich sie studiere“, noch immer verbunden. Und deshalb ist auch, immer noch. schrieb der Dichter Friedrich Hölderlin. es manchen ein verdächtiges Wort, es Heimat bleibt ein Thema für die Deut- Zwar waren die Romantiker Aufbruchs- klingt ihnen nach nazihafter Deutsch- schen, ein schwieriges Thema. Im Mai fanatiker, hatten aber bald Heimweh. tümelei oder nach Schmalz und Pathos. kommt das Beste aus „Deutschland von „Wo gehen wir denn hin?“, fragte Novalis Hat Heimat das verdient? Oder ist es oben“ in die Kinos. Und Edgar Reitz, der und gab die Antwort selbst: „Immer nach nicht Zeit, sich vom kollektiven Heimat- die monumentale Trilogie „Heimat“ ge- Hause.“ begriff zu verabschieden, weil der als Kli- dreht hat, arbeitet am vierten Teil, hat Der deutschen Heimat fehlte damals schee vergangener Zeiten praktisch keine inzwischen aber Zweifel, ob dies der rich- die politische Gestalt, es gab viele kleine Bedeutung mehr hat? Vielleicht zählen tige Titel ist angesichts deutscher Verhält- Staaten, aber nicht den einen, der alles in der modernen Welt vor allem indivi- nisse. Er findet das Wort anrüchig: „Man zusammenhielt. So richteten sich große duelle Heimatbegriffe, die in der Summe würde sich mit ,Heimat‘ gern ein kleines Sehnsüchte auf den Nationalstaat, der aber auch ein Bild von Deutschland erge- Stück Unschuld erobern in unserer so erst 1871 entstand. Die Folge war ein über- ben können. befleckten nationalen Geschichte“, sagte schießendes Deutschtum, ein Heimatge- Die Heimat des Einzelnen ist in ihrer er dem philosophischen Magazin „Der fühl, das zugleich romantisch und aggres- reduziertesten Form die Erinnerung an blaue Reiter“. siv war. Die Deutschen liebten sich als eine Kellertreppe, die knarzt, an den Ge- Dabei ist es ein schönes Wort. Zu Hau- Volk der Kultur, der Gefühlsseligkeit und ruch eingekochter Marmelade, an den se steckt darin, Heimeligkeit, Vertrautheit, der Naturverbundenheit, und sie verach- Blick auf eine Wäschestange im Hinter- Sicherheit, Geborgenheit, Kindheit. Wer teten Franzosen und Angelsachsen als hof, an einen Satz, den der Vater immer fern der Heimat ist, hat manchmal Heim- kühle Rationalisten. vor dem Abendbrot gesagt hat, an den weh, weil er etwas vermisst. Warum also Die Nazis trieben das auf die Spitze. Weihnachtsbaum, an die Kindheit. Aber kann man nicht nach Herzenslust Heimat Für sie wurde die bäuerliche Familie zu da sich die Welt so rasend schnell verän- sagen, Heimat lieben, Heimat vermissen? einem deutschen Ideal, das sich in dem dert, gibt es womöglich ganz neue For- Kaum ein anderes der schönen Wörter Begriff „Blut und Boden“ ausdrückte. men von Heimat. ist so mit Vergangenheit aufgeladen wie Das dörfliche Prinzip, die Gemeinschaft, Eine Reise sollte klären, was den Deut- dieses, weshalb es wenig Chancen hat, dehnten sie auf die Nation aus. Die Deut- schen dieser Begriff bedeutet, eine Reise sich eine Gegenwart zu erobern. Es gibt schen sollten Volksgemeinschaft in ihrer an sechs Orte und Gespräche mit zwölf einen kollektiven Begriff von Heimat, der schönen Heimat sein. Menschen. Ihre Aussagen ergeben, auf stark von der deutschen Geschichte ge- Nach dem Krieg war Deutschland nicht den Kern konzentriert, folgende Liste: prägt ist. In den öffentlichen Debatten mehr schön, die Städte waren zermalmt, Haidenkofen ist unsere Heimat, sagen geht es vor allem um diesen Begriff. die Familien dezimiert. Hier setzte in Eva Gerl und fünf Gefährten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde den fünfziger und sechziger Jahren der Dortmund ist meine Heimat, sagt Fred- das Schöne vergöttlicht, zumal die schöne Heimatfilm an. Er zeigte Gefühlsüber- die Röckenhaus. Landschaft, wie sie in den Bildern von schwang im ländlichen Idyll und spendete Mein Zimmer ist meine Heimat, sagt Caspar David Friedrich zu sehen ist. Die den Deutschen Trost in ihrer hässlich ge- Aylin Selçuk. Romantiker waren ständig verliebt, wordenen Welt. Altötting ist nicht meine Heimat, sagt manchmal in eine Frau, meistens in deut- All das ist in den kollektiven Heimat- Andreas Altmann. Altötting ist meine sche Landschaften, deutsche Seele, deut- begriff eingeflossen: Natur, Dorf, Familie, Heimat, sagt Herbert Bauer. sche Heimat, sie wollten ein einfaches, Schönheit, Gemeinschaft, Einfachheit. Deutschland ist meine Heimat, sagt aber gemütstiefes und sehnsuchtsreiches Die gute Familie im intakten Dorf in schö- Claus Mauersberger. Leben im Einklang mit der Natur. „Die ner Natur, dazu das Glockengeläut der Das Netz ist eine meiner Heimaten, heimatliche Natur ergreift mich auch Kirchen – damit wird das Wort Heimat sagt Christian Heller. 62 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL Dorfbewohnerin Gerl (M.), Nachbarn: „Da ist es schön, jeder hilft dir gleich“ Die Reise beginnt mit der Frage, ob es treff. Am Tisch sitzt auch eine ehemalige SPIEGEL-UMFRAGE noch Orte gibt, an denen der klassische Deutsche Zuckerrübenkönigin, Christina Heimat Heimatbegriff gilt. Wo ist das schöne und Rominger, 23, die im Vorstand vom Frau- intakte Dorf, das so idyllisch ist, dass es entreff ist. „Was verbinden Sie vor allem mit dem kracht? Eine Antwort sollte die Home- Was ist Heimat für diese Menschen? Begriff Heimat?“ page des Wettbewerbs „Unser Dorf soll Sie sagen: „Wenn man sich zu Hause schöner werden“ liefern. Aber die gibt fühlt.“ – „Wenn man von jedem Men- Wohnort 33 Familie es nicht mehr. Der Wettbewerb trägt jetzt schen akzeptiert wird.“ – „Da ist es schön, einen anderen Namen: „Unser Dorf hat jeder hilft dir gleich.“ – „Wo ich mich Zukunft“. Das klingt nicht mehr nach Blu- wohl fühle.“ – „Wo ich herkomme.“ Der 31 25 men, nach Fachwerk, nach Schönheit. Es Landwirt Albert Rominger, 57, sagt: Freunde 5 hat sich offenbar einiges verändert. „Wenn ich in die Stadt fahre, bekomme 12 18 ich Kopfschmerzen.“ Deutschland Geburtsort Die sechs erzählen die Geschichte der 27 „Haidenkofen ist intakten, innigen Gemeinschaft. Der erste zum Vergleich: unsere Heimat.“ Kern ist die Familie, Scheidungen gab es ewig nicht, der zweite Kern ist das Dorf. Emnid-Umfrage 1999 Flaches Land, Kartoffel- Sie haben gemeinsam ein neues Spritzen- 64% der Befragten gaben an, dass Heimat äcker, Rübenäcker, Getrei- haus gebaut, sie haben gemeinsam einen im Zeitalter der Globalisierung für sie eher an defelder, in der Ferne zwei Holzsteg über die Laber gebaut, sie haben Bedeutung gewonnen hat. 1999 sagten das Schornsteine. Der Weg gemeinsam eine Kegelbahn gebaut, sie nur 56%. nach Haidenkofen in der haben gemeinsam den ehemaligen Gast- Oberpfalz ist nicht gerade hof in ein Vereinshaus verwandelt, wo „Bewerten Sie die folgenden Aussagen zum bezaubernd, und für das sie sich freitags und sonntags zum Stamm- Thema Heimat auf einer Skala von 0 bis 10.“ Dorf gilt das Gleiche. Ein paar Bauern- tisch treffen und ein paar Halbe trinken. 0: stimme über- 10: stimme voll höfe, schlichte Häuser, Schnapsbrenne- Sie treffen sich in den Vereinen, sie tref- haupt nicht zu und ganz zu reien, zu denen die Schornsteine gehö- fen sich in der Kirche, sie feiern regel- Durchschnitt: 8,0 ren. Der Ort wirkt nicht herausgeputzt, mäßig Feste, sie sagen, dass sie sich sehr sondern mit Bedacht belassen. Beim gut verstehen und dass es im Dorf nur Ist wichtig für ein Volk. letzten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zu- eine Familie gibt, die sich absondert. 7,8 kunft“ gewann Haidenkofen eine Gold- Macht aber nichts, sagen sie. Ist Teil meiner Persönlichkeit. medaille. Wenn einer der sechs gesprochen hat, 7,4 Auf die Frage, wie viele Menschen hier sagt der Nächste oft, dass er das genauso Gibt mir Rückhalt und Sicherheit. leben, sagt Eva Gerl: „Zwei sind gerade sieht. Sie nicken und sagen: So ist es. In 4,2 gestorben, also 97.“ Sie ist 58 Jahre alt dieser Runde tritt ihre Individualität hin- und die Frau eines Bauern. Zu dem Ge- ter die Gemeinschaft zurück, und das ist Ist eher Vergangenheit als Gegenwart. spräch hat sie noch fünf andere Dorfbe- generell die Idee von Gemeinschaften. 3,6 wohner eingeladen, die alle herausgeho- Ist Haidenkofen ein Idyll? „Ja“, sagt Ist etwas für Romantiker. bene Positionen in den Vereinen von Hai- der Landwirt Hermann Gerl, 60. „Na ja“, 1,8 denkofen bekleiden, bei der Freiwilligen sagt seine Frau Eva. Feuerwehr, bei der Jagdgenossenschaft, Ihre Gemeinschaft klingt ein bisschen Engt mich ein. TNS Forschung am 27. und 28. März 2012; 1000 Befragte; Angaben in Prozent; beim Fischereiverein und beim Frauen- nach Stress, als müssten sie ständig Farbe an 100 fehlende Prozent: keine Angabe D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 63
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL Lokalpatriot Röckenhaus: „Ich hatte mitunter das Gefühl, dass man mir das Recht abspricht, diese Heimat so zu lieben“ anrühren, Halbe trinken, Kuchen backen und dabei immer dieselben Gesichter „Dortmund ist beitete im schönen Hamburg beim Ma- gazin der „Zeit“ und hatte Heimweh. Die sehen. Aber man muss das Glück dieser meine Heimat.“ anderen Städte erlebte er als Nicht-Dort- Leute nicht dekonstruieren, nur weil mund und versuchte, so oft wie möglich Erzählungen vom Glück dazu herausfor- Als Freddie Röckenhaus ein in seiner Heimatstadt zu sein. In Ham- dern. Das Dorf gibt, das Dorf nimmt, und Junge war, balancierte er burg konnte er gegenüber Kollegen stun- diese sechs Haidenkofener machen den auf riesigen Gasröhren von denlang und zunehmend verzweifelt das Eindruck, als gehe es ihnen gut in ihrer einem Stahlwerk zum ande- Lebenswerte seiner Stadt preisen, das vie- Heimat. Ihre Sorge ist nur, dass das Dorf ren. Manchmal überholten le Grün, die herzige Verquatschtheit der schrumpft. Die Älteren erinnern sich ihn Züge, die mit Schlacke Menschen, die Ekstasen im Stadion von noch daran, wie 150 Menschen in Hai- beladen waren. Er winkte Borussia Dortmund, erntete aber nur die denkofen lebten. den Lokführern zu, sie winkten zurück. Arroganz jener Endzwanziger, die sich Haidenkofen stirbt allmählich aus, so Was Röckenhaus von seiner Kindheit vor das, was als cool gilt, gleich zur Heimat wie ganze Landstriche in der Uckermark allem in Erinnerung blieb, ist eine Energie, machen. Nach wenigen Jahren zog er zu- oder im Mansfelder Land. Gasthöfe und die Energie einer Industriestadt, das Wum- rück nach Dortmund. Nun dreht er Filme Läden schließen, die jüngeren Menschen mern und Fauchen an einem Hochofen, und schreibt für die „Süddeutsche Zei- ziehen weg, Kinder werden nicht gebo- das Rumpeln der Werksbahnen, der rote tung“ über die Borussia. ren, kaum einer siedelt sich neu an. Das Himmel beim Abstich am Abend, die Hit- Es überrascht nicht, dass sich die Ka- deutsche Leben verlagert sich mehr und ze glühender Schlacke, der Rhythmus der mera im ersten Teil der Serie „Deutsch- mehr in die großen Städte. Aber das sind Arbeitsschichten, die eine Stadt leeren land von oben“ ziemlich bald Dortmund nicht Orte für Gemeinschaften, sondern und füllen, die Aura von Menschen, die nähert. Sie kommt aus dem Himmel, und für Individuen. All das, was in Haiden- mit den großen Elementen arbeiten, Feu- der Zuschauer fliegt gleichsam ins Sta- kofen Heimat ist, Familie, Kirche, Verein, er, Wasser, Luft, Erde. dion hinein, wo gerade die Borussia spielt verliert an Bedeutung. Wenn Freddie Röckenhaus von seiner und, wie schön, ein Tor schießt. Von die- Gleichzeitig scheint die Sehnsucht nach Heimatstadt erzählt, dann geht es um Lie- sem Ereignis kommt der Sprecher irgend- dem Landleben zu wachsen. Knapp be. Das wirkt ein wenig seltsam, wenn wie auf die Entstehungsgeschichte deut- 890 000 Menschen kaufen alle zwei Mo- man auf den deutschen Begriff von Hei- scher Städte am Beispiel Dortmunds. Das nate die Zeitschrift „Landlust“, die eine mat geeicht ist, weil dessen Zentrum die folgt weniger einer Logik als dem Lokal- der erfolgreichsten Neugründungen der Schönheit ist, das Idyll. Röckenhaus liebt patriotismus von Röckenhaus. letzten Jahre ist. Doch zeigt sich darin das Hässliche, aber das sieht er natürlich Mit ihm durch Dortmund zu fahren ist nicht der Wunsch nach Rückkehr zur Ge- nicht so. Das Herrliche seiner Kindheit allerdings keine Jubeltour. Er zeigt auch meinschaft, sondern der Wunsch nach ei- war, sagt er, dass ihn einerseits die Ener- auf hässliche Häuser und erzählt, dass ner ländlichen Individualität. Es geht vor gie einer Stahlstadt auflud, dass er ande- ihm lieber wäre, hier lebten mehr Leute, allem darum, für sich selbst eine stilvolle rerseits gleich im Grünen war, wenn er mit denen er geistigen Austausch pflegen Heimeligkeit zu schaffen. Heimat ist dann die Wohnung verließ. Tatsächlich ist das könnte. Im Kreuzviertel, wo bürgerliche eine Frage der Ausstattung von Haus und Ruhrgebiet auch eine grüne Region. Stahl- Häuser stehen, sagt er, hier sehe es doch Garten, sie wird käuflich. werke, Häuser, Wälder, Zechen, Felder, aus wie in Hamburg-Eppendorf, und das Ohne reale Basis drückt der kollektive Kokereien, Parks bildeten hier früher ein kann vielleicht nur er so sehen. Heimatbegriff nur noch aus, was schön Mosaik. Inzwischen sind Zechen und Er fährt durch die Emschermulde, wäre, würde man anders leben wollen. Stahlwerke aus Dortmund verschwunden. rechts das Stadion, links ein Park, und Aber die Mehrheit will nicht anders Freddie Röckenhaus studierte im schö- dann hält er vor zwei Hochöfen, die ein- leben. nen Münster und hatte Heimweh. Er ar- sam dastehen, ohne Stahlwerk, ein rosti- 64 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL Deutschtürkin Selçuk: „Istanbul ist die Stadt, die ich vermisse, der Wirrwarr, das Hupen“ ges Geschlängel, das eine Hässlichkeit nen Teil meiner Identität, Istanbul ist die sein kann, aber viele sahen eine Türkin zeigt, die sich bei längerem Hinsehen in Stadt, die ich vermisse, der Wirrwarr, das in ihr. Und dann sah sie die eben selbst. Schönheit verwandeln kann. Röckenhaus Hupen, das Rauschen des Wassers, die Selçuk wurde hellhörig, wenn über sagt hier, dass es anstrengend war und Gerüche des Essens. Dort kann ich aus „Prügeltürken“ geredet wurde, sie fand ist, ein Dortmunder zu sein, dass er im- dem Sachlichen rauskommen und rein nicht mehr, dass Türken nur selbst schuld mer kämpfen muss um Verständnis für ins Emotionale, aber nicht zu sehr. Ich sind, wenn ihr Leben in Deutschland nicht diese Liebe und dass es manchmal weh muss dann auch bald wieder weg, zurück gelingt, sie fand auch, dass es ihnen tut, dieses Verständnis nicht zu finden. in die deutsche Ordnung.“ Ihr Zimmer schwergemacht werde. Als sie 18 war, tat Er hatte mitunter das Gefühl, „dass man liegt in Berlin, in Wilmersdorf, in der sie etwas sehr Deutsches und gründete ei- mir das Recht abspricht, diese Heimat so Wohnung ihrer Eltern. Sie beschreibt es nen Verein. Er heißt „DeuKische Genera- zu lieben“. als „klar und minimalistisch“, ein Riesen- tion“, also die Generation, die zugleich Das liegt am normativen Charakter, bett, ein Riesenschrank, alles weiß. deutsch und türkisch ist. Der Verein küm- den dieser Begriff in Deutschland hat. Hei- Beim Wort Heimat denke sie sofort an mert sich um die Integration junger Men- mat muss für jedermann ersichtlich schön ihr Zimmer, sagt Selçuk. Es ist die unver- schen, sie sollen Deutsche werden können, sein. Dabei hat sie vor allem mit den Prä- fänglichste Heimat, die sie hat. Alles an- sollen sich einfügen in diese Gesellschaft, gungen der Kindheit zu tun. Den einen dere ist ein bisschen kompliziert. ohne ihre türkische Identität preiszugeben. heimelt ein fauchender Hochofen an, den Aylin Selçuk, 23, Studentin der Zahn- Der Anteil von Menschen mit Migra- anderen ein liebliches Alpental. Röcken- medizin, trägt eine Bluse im Leoparden- tionshintergrund liegt in Deutschland der- haus’ Leben war und ist auch ein Aufbe- look, eine Lederjacke und ein Herz am zeit bei einem Fünftel, und er wird weiter gehren gegen die deutsche Heimat-Norm. Hals. Ihre Sonnenbrille steckt in ihrem wachsen. Diese Menschen haben zum Als er kürzlich las, dass Dortmund im Haar. Früher war sie Türkin, dem Pass Teil andere Sehnsuchtsorte als deutsch- vergangenen Jahr um 1400 Einwohner ge- nach jedenfalls. Ihre Eltern sind als Ju- stämmige Deutsche – Istanbul, die Sahara, wachsen ist, freute er sich unglaublich. gendliche eingewandert. den Urwald von Vietnam, Mumbai, den Freddie Röckenhaus steht vor den beiden Bis sie 17 war, tat Aylin Selçuk alles, Kaukasus. Und wenn sie trotzdem ein toten Hochöfen, eine Hand liegt auf sei- um nicht Türkin zu sein. Wenn zu Hause Heimatgefühl zu Deutschland entwickeln, ner Brust, und aus seinem Lächeln strahlt über Deutsche und Türken geredet wur- dann ist es wahrscheinlich anders als das großes Glück, aber auch die alte Verle- de, bezog sie stets die Seite der Deut- von Eva Gerl oder Freddie Röckenhaus. genheit, ausgerechnet Dortmund zu lie- schen. Sie sagte, ihr Ursprung sei italie- Es mischt sich mit der Art, wie eine tür- ben. „Mir hüpft das Herz, ehrlich gesagt“, nisch, wenn sie wegen ihrer Haarfarbe kischstämmige oder russlanddeutsche Fa- sagt er. und ihres Teints nach ihrer Herkunft ge- milie lebt. Auch das macht den kollekti- fragt wurde. Das heißt, zunächst sagte ven Heimatbegriff absurd. sie, sie sei aus Berlin. Aber dann folgte Einmal war Aylin Selçuk halb weg aus „Mein Zimmer ist meist die Frage: Woher wirklich? Sie hass- Deutschland. Das war, als Thilo Sarrazin meine Heimat.“ te das. Wirklich aus Berlin, fand sie, fin- det sie immer noch. seine kruden Thesen über Einwanderer verbreitete. Sie machte ein Praktikum in Im Zimmer von Aylin Sel- Sie bekam einen deutschen Pass, aber England, um herauszufinden, ob sie dort çuk hängen zwei Bilder, die man fragte sie weiterhin nach ihrer Her- leben könne. Aber dann sagte der dama- Istanbul zeigen. Selçuk sagt kunft. Sie spielte Klavier, spielte Handball lige Bundespräsident Christian Wulff, der dazu: „Istanbul ist die im Verein, wurde Klassenbeste, wurde Islam gehöre zu Deutschland. „Wulff hat Stadt, die mich am meisten das fleißigste, ordentlichste und struktu- mich zurückgeholt“, sagt Selçuk, „das ist fasziniert, die mich an mei- rierteste Mädchen unter der Berliner Son- mein Land, mein Bundespräsident, habe ne Identität erinnert, an ei- ne, wurde also so deutsch, wie man nur ich nach seiner Rede gedacht.“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 65
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL Heimatmensch Bauer: „Barocktheater in Vollendung“ fand das grässlich, Herbert Bauer fand rüchige“ Bilder zeigt, sagt er: Wandel „Altötting ist meine es wundervoll. muss sein. Heimat.“ – „Altötting ist Er leitet heute das Wallfahrts- und Ver- kehrsbüro und ist Vorsitzender vom Oet- Seit Jahrzehnten liest Bauer, was sein ehemaliger Kornett geschrieben hat. Alt- nicht meine Heimat.“ tinger Heimatbund, sein Büro liegt am mann war lange Reporter, nun ist er Rei- Kapellplatz. Ein Kreuz hängt über der seschriftsteller, ein Mann des Abenteuers. Als Herbert Bauer, 58, Sitzecke, auf dem Schreibtisch stehen Bauer bewundert das, Altmann war und Hilfskornett bei den Pfad- Weihnachtsmänner, und Bauer trinkt sei- ist sein Altöttinger draußen in der Welt, findern von Altötting war, nen Kaffee aus einer Tasse, die ein Foto obwohl sie keinen Kontakt miteinander hatte er einen Kornett über zeigt, auf dem er sich vor Papst Benedikt hatten. Das Buch über das Altöttinger sich, den er bewunderte, XVI. verneigt. Scheißleben hat er in einem Zug wegge- vier Jahre älter und „ein Von seiner Jugend in Altötting erzählt lesen, und er sagt, dass er „nachvollzie- Pfundskamerad“, sagt Bau- Bauer so begeistert wie Röckenhaus von hen“ kann, was Altmann empfindet. Es er. Er war einmal zu Hause bei dem Kor- seiner Jugend in Dortmund. Das „Wall- sei tatsächlich übermäßig autoritär zuge- nett, in einem großen Haus, das Bauer fahrtsgeschehen“, sagt er, habe ihn ver- gangen damals in Altötting. als düster empfand, als abweisend, die zaubert, die Pilgerscharen, das ständige Als Altmann im Oktober 2011 zu einer Stimmen hallten, er hörte irgendwo Tü- Glockenläuten, Kreuze, Kerzen, festliche Lesung nach Altötting kam, ging Bauer ren aufgehen, zugehen. Ihm war ein biss- Mienen, die großen Gottesdienste, an de- hin. Danach sprach er Altmann an. „Es chen unheimlich. nen er selbst beteiligt war, „das war Ba- war durchaus herzlich“, sagt Bauer, „aber Kürzlich, rund 50 Jahre später, hat rocktheater in Vollendung“, sagt Bauer. da ist auch ein Kleinstadtbürger auf einen Bauer ein Buch seines ehemaligen Kor- Er fand es „ergreifend“, Altötting hatte Kosmopoliten getroffen.“ Warum er das netts gelesen, Titel: „Das Scheißleben für ihn eine Menge Energie. so sieht? „Altmann hat mir dieses Gefühl meines Vaters, das Scheißleben meiner Als Bauer 16 war, kam ihm seine Hei- gegeben.“ Mutter und meine eigene Scheißjugend“. mat zu eng vor. Er ging nach München, Bauer? „Ich weiß nicht genau, viel- Andreas Altmann, 62, hat dieses Buch es war die Zeit von 68, er ließ sich durch leicht ein ehemaliger Mitschüler von mir.“ geschrieben, ein Heimatbuch mit negati- das turbulente Schwabing treiben, war Andreas Altmann sitzt in einem Café in vem Vorzeichen, ein schwarzer Gesang. bald sozialistisch gesinnt und besuchte ei- Erlangen, wo er gleich eine Lesung hat. Altmann hasst seinen Vater, hasst Alt- nen Stammtisch der Jusos. Später machte Seine Heimat? Ganz sicher nicht Altöt- ötting, hasst die Lehrer und die Pfaffen. er eine Karriere in der Tourismusbranche, ting. Das Wort löst wieder diesen schwar- Sein Vater war von solcher Bosheit, dass kam viel herum in der Welt und dachte zen Gesang aus, diesmal mündlich. Da sich die Mutter in die Hosen machte, gern an Altötting zurück. Als er Vater wird gehasst, gerächt, gedanklich auf Grä- wenn sie seine Stimme hörte. Für den wurde und sich fragte, wie seine Kinder ber gepisst, da entsteht ein Panoptikum Sohn gab es Prügel, Missachtung und aufwachsen sollten, endete er bei dem von Jasagern, Betschwestern, Kindesmiss- Lieblosigkeit. Die Lehrer und Pfarrer hat Gedanken: so wie ich. Die Familie zog brauchern. Wenn Altmann redet, bricht Altmann nicht viel anders erlebt. Der nach Altötting. Unruhe aus, er spricht laut, schreit manch- Wallfahrtsort Altötting war seine Hölle, Sein Leben, sagt er, habe einen „schö- mal, sein Gesicht zeigt große Mienen, oft Heimat als Grauen. nen Bogen“ gemacht. Bauer ist nun kon- Abscheu, er zieht die Ärmel seines Pul- Es ist neun Uhr morgens, ein Mönch servativ, aufgeklärt konservativ. Er geht lovers über seine Hände, schiebt sie zu- eilt über den Kapellplatz, die ersten in die Kirche, aber nicht jeden Sonntag. rück, zieht erneut. Pilger und Touristen betrachten die Vo- Ihm gefällt, dass Altötting nicht mehr von Altmann lebt in Paris, er hat dort eine tivbilder an der Gnadenkapelle, die der CSU beherrscht wird; die Freien Wäh- Wohnung, aber er sagt, dass er an keinem Händler sortieren ihre Kerzen, Marienfi- ler stellen derzeit den Bürgermeister. Das Abend zu Hause ist. Wenn er nicht große guren und Kreuze. Kirchtürme ringsum, Internet hilft ihm, aus Altötting geistig Reisen macht, macht er kleine, in Paris, Glockengeläut, Altötting ist die Verdich- herauszukommen, und den Leuten, die für einen Abend, eine Nacht, er zieht los, tung des Katholischen. Andreas Altmann sich aufregen, wenn die Stadtgalerie „an- ins Kino, ins Café, er sagt, dass es in sei- 66 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL Heimathasser Altmann: „Was machen die Leute immer zu Hause?“ nem Viertel zwei Cafés gibt, die 24 Stun- Nicht-Orten ab, an Flughäfen, in Hotels, dens für die Dorfbewohner gesunken den offen sind. „Was machen die Leute Konferenzräumen. Sie sind auf Flüchtig- sind. Das Internet hat die Provinz aus immer zu Hause?“, fragt Altmann. „Mei- keit eingerichtet und nicht zu unterschei- ihrer Abgeschiedenheit geholt. Dem mei- ne Heimat ist da, wo es hell ist, wo Frauen den, weshalb sie nicht Heimat sein kön- lensammelnden Kosmopolitismus der sind, die meine Nähe mögen, wo es in- nen. Heimat braucht Dauer, und Heimat Losgelösten steht ein stationärer Kosmo- ternational zugeht.“ ist spezifisch. In den Metropolen domi- politismus der Gebliebenen gegenüber. Bauer spricht langsam, leise, er spricht niert die Architektur internationaler Spit- Als der Weltreisende Andreas Altmann so gelassen, als sei er versöhnt mit allem. zenarchitekten, Norman Foster, I. M. Pei, nach der Lesung in Altötting mit dem Es wäre ein bisschen platt zu behaupten, Frank Gehry, Herzog & de Meuron, San- sesshaften Internetnutzer Herbert Bauer dass das gute Heimatgefühl Bauer zu ei- tiago Calatrava. Sie schaffen die neuen sprach, tat er das noch im „Duktus des nem gelassenen Menschen gemacht hat, Sehenswürdigkeiten, die man überall an- Vorsprungs“, wie Sloterdijk diese Art der das schlechte Heimatgefühl Altmann zu trifft und die kaum noch die Geschichte Arroganz genannt hat. Doch der Vor- einem unruhigen. Altmann weiß aber des Ortes repräsentieren. In den Innen- sprung ist nicht mehr groß. selbst, welches Gewicht Altötting für sein städten dominieren Hennes & Mauritz Leben hat: „Der Ort repräsentiert alles, und McDonald’s, und zwar überall in der was ich nicht will, deshalb ist er so wichtig Welt. Heimelig wird es einem dort nicht. „Deutschland ist für mich.“ Bauer führt ein Heimatleben, Altmann Der Globalisierungsnomade, der nicht nur reist, sondern sich niederlassen kann, meine Heimat.“ ein Heimatgegenleben und damit auch muss nach zwei Jahren weiterziehen, Er sagt das wirklich so, ein Leben, das die Heimat geprägt hat. nächster Aufbruch, nächster Job, nächste schnell und klar, ohne groß Die Heimat ist eine enorm starke Macht, Stadt. Ein paar Beziehungen aufgebaut, zu überlegen, es kommt der kaum zu entkommen ist. dann geht es schon weiter. Zurücklassen aus ihm raus, weil er es so Altmann ist ein extremes Beispiel für als Lebensform. Das Kontinuum in dieser empfindet. Auf die Frage, den „Losgelösten“, wie das in der Sozio- Rastlosigkeit ist das Smartphone. Zu ihm was seine Heimat sei, sagt logie heißt. In der modernen Welt sind hat man ständig Kontakt, es beherbergt Claus Mauersberger aus Aufbrüche häufig gewünscht oder not- die Bilder der Lieben, kann von überall Luckenwalde: „Deutschland ist meine wendig. Man verlässt sein Dorf, weil man her die Verbindung zur Heimat herstellen Heimat.“ anderswo bessere Chancen für sich sieht. und hält das Wissen, das man als Nomade Aus zwei Gründen kommt das überra- Man verlässt sein Land aus dem gleichen braucht, jederzeit parat. Über den Navi- schend. Erstens hat niemand sonst auf Grund. In der globalisierten Welt sollen gator und Apps wie „AroundMe“ kennt dieser Reise spontan mit ähnlichen Wor- die Menschen besonders flexibel sein, mo- man sich überall aus. Wer sein Smartphone ten auf diese Frage geantwortet. Zweitens bil sein, sie sollen ihre Heimaten jederzeit verliert, ist so hilflos wie ein Kind, das hätte Mauersberger vor 25 Jahren einen hinter sich lassen können, räumlich wie nicht nach Hause findet. Es ist die trans- ganz anderen Satz gesagt, diesen nämlich: geistig oder moralisch. portable Heimat der globalisierten Welt. „Die DDR ist meine Heimat.“ Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt Der Rest ist Sehnsucht. Da im Leben Mauersberger, 61, wurde in Sachsen ge- in seinem Buch „Im Weltinnenraum des der Unermüdlichen kaum eine neue Hei- boren, aber „die Partei, obwohl ich nicht Kapitals“: „In ihrem Fortgang sprengt die mat entstehen kann, bleibt die Kindheit in der Partei war“, schickte ihn 1975 für Globalisierung Schicht für Schicht die der Ort, der die melancholischen Gedan- drei Jahre nach Luckenwalde, südlich von Traumhüllen des bodenständigen, des ein- ken bindet. Heimweh wird zum epidemi- Berlin. Dort werde er gebraucht, als Leh- gehausten, des in sich selbst orientierten schen Gefühl, dem leider keine Erlösung rer. Im Regen kam er dort an. „Alles war und aus Eigenem heilsmächtigen Kollek- winkt. Beherrschbar ist das nur, wenn grau und irgendwie deprimierend, muss tivlebens.“ man es genießt. Für Fernweh dagegen ich sagen“, sagt er. Aber nach den drei Die Globalisierung mutet ihren Noma- gibt es Linderung, dank des Internets. Vir- Jahren fand er Luckenwalde gar nicht so den Aufbrüche ohne Ankünfte zu. Das tuell ist nun jede Reise möglich, weshalb schlecht und blieb. Als 1989 die Mauer Leben spielt sich zum großen Teil an die Gefahren des verdummenden Ermü- fiel, war das für Mauersberger in Ord- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 67
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL Patriot Mauersberger: „Die DDR ist ja größer geworden für mich“ nung, auch wenn er sein Leben in der sagt dazu einen Satz, der noch überra- drüberflog für seinen Film, glimmte plötz- DDR annehmbar fand. schender kommt als der andere: „Die lich ein bisschen Heimatgefühl auf, aus Mauersberger sagt, dass er dazu neige, DDR ist ja größer geworden für mich.“ der Distanz. das Gute zu sehen. In der DDR sei der Man kennt das eher umgekehrt. Die Bun- Nur zwölf Prozent der Deutschen se- Zusammenhalt gut gewesen, die Solida- desrepublik soll größer geworden sein hen in ihrem Vaterland zuerst die Heimat. rität. Nachdem die Mauer gefallen war, durch Einverleibung der DDR. Da kann man eigentlich entspannt sein. hätten die Leute angefangen, ihre Ellen- Was Mauersberger meint, ist: Die DDR Auch wenn sich Rechtsradikale des Wor- bogen zu benutzen. Ihm gehe es aber war seine Heimat, und jetzt will er das Hei- tes gern bemächtigen, ist es nicht im Mas- auch in seinem neuen Land gut. matgefühl, das er gegenüber der DDR hat- sengebrauch, um einen neuen Nationa- Claus Mauersberger trägt ein olivfar- te, auf ganz Deutschland übertragen. Er lismus auszudrücken. Wenn einer sagt, benes Polohemd, auf das jemand „Claus“ hat da wirklich dran gearbeitet, er zog los, Deutschland sei seine Heimat, so wie gestickt hat, über dem Herzen. Er spricht erst nach West-Berlin, dann in die Pfalz, Claus Mauersberger, ist es oft nur ein wei- langsam, macht Pausen, denkt nach. nach Passau, an den Bodensee, nach Hel- terer individueller Heimatbegriff, nicht Auch Luckenwalde ist seine Heimat, er goland, nach Rothenburg ob der Tauber, schlimm also. ist 1991 dem Heimatverein beigetreten, nach Mallorca. Er hatte das gut erkannt: und nun sieht er mit Trauer, wie die Leute Wer sich Deutschland als Heimat erschlie- wegziehen. Seit der Wende ist die Bevöl- ßen will, muss nach Mallorca fliegen. „Das Netz ist eine kerung um 6000 geschrumpft, auf 20 000. Die Straßen sind hübsch renoviert, Mauersberger las die westdeutschen Zei- tungen wie ein Ethnologe, der einen neuen meiner Heimaten.“ aber leer, bei McTina’s Schlemmerwelt Stamm kennenlernen will, und mit der Christian Heller, 27, wäre sind die Rollläden heruntergezogen, wohl Zeit hat er sich sein neues Deutschland es lieber, man würde die @ schon seit Monaten. Aus einem Haus zur Heimat gemacht. Er findet die Land- Schuhe ausziehen, aber er hängt eine Fahne von Borussia Dort- schaften schön, die Städte schön, die Poli- nimmt es hin, dass man sie mund. Das Herz von Freddie Röckenhaus tik interessant, die Menschen nett, vor al- anlässt, nachdem ihm versi- würde hüpfen, wenn er das sähe. Es gibt lem die Bayern. Aber enttäuscht ist er auch. chert wurde, sie seien nicht in Luckenwalde offenbar eine größere Er erarbeitete sich den Westen als neuen schmutzig. Nach dieser Be- Sehnsucht nach anderen Heimaten. Eini- Teil seiner Heimat, aber er traf nicht auf grüßung führt er in ein Zimmer, in dem ge Geschäfte stehen leer, es werde oft ge- Westler, die sich den Osten erarbeiteten. an einer Wand ein Poster mit der Auf- wechselt, sagt Mauersberger bei einem Ein Teil davon ist Ignoranz, ein anderer schrift „Texas Chainsaw Massacre“ hängt. Rundgang. vielleicht ein skeptisches Verhältnis zur Das Fenster ist verdunkelt, zwei giganti- Ein Teil des Lebens in Dörfern und Nation. Mauersberger konnte Deutsch- sche Mehrfachstecker verteilen Strom auf Kleinstädten verlagert sich in Einkaufs- land als Heimat annehmen, weil er kein unzählige Kabel. Es gibt einen Beamer, zentren auf der Wiese, Kästen ohne Ei- Problem mit Deutschland hat. Die DDR eine Leinwand, einen großen Fernsehbild- genart, Nicht-Orte, die den Dörfern und sah sich in der Tradition des Antifaschis- schirm, einen kleinen Laptop, einen alten Kleinstädten das Leben aussaugen. Der mus, eine Haltung, die einen unbefangen Computer, eine Sammlung Kronkorken, Nicht-Ort von Luckenwalde heißt Markt- macht gegenüber der deutschen Nation, eine Sammlung DVDs, ein Bücherregal, kauf, ein Einkaufszentrum mit der übli- und Mauersberger hat diese Haltung auf einen Stapel mit Matratzen, ein Bett in ei- chen Ausstattung der Massenwelt. Jeder ganz Deutschland übertragen. ner Ecke. Heller hat nur dieses eine Zim- kennt es, auch wenn er nie dort war. Die Bundesrepublik dagegen nahm das mer, dazu eine Küche und ein Bad. Ein Mauersberger wird in Luckenwalde böse Erbe des Nazismus an und arbeitete Hinterhof in Friedrichshain, Berlin. bleiben. Er hat schon einmal eine Heimat die Schuld auf. Deshalb kann jemand wie Er trägt ein blaues T-Shirt, blaue Jeans verloren, die DDR. Aber weil er das Gute Freddie Röckenhaus nicht Patriot sein, und Socken ohne Schuhe. Er hat einen sehen will, hat er sich gedacht, es sei nun und er wäre lange nicht auf die Idee ge- eher zufälligen Bart und mittellanges seine Aufgabe, sich ganz Deutschland als kommen, Deutschland seine Heimat zu Haar, das sich frei entfalten kann. Heller Heimat zu erschließen. Mauersberger nennen. Von oben allerdings, als er so sagt: „Ich würde eher für meine Räume 68 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    MICHAEL TRIPPEL /DER SPIEGEL Netzbewohner Heller: „Ich bin knapp zur Hälfte elternfinanziert“ im Netz auf die Barrikaden gehen als für „Ich habe mehrere Heimaten“, sagt Hel- Für den Losgelösten ist es schwierig, ein mein Land.“ ler. Die eine ist Berlin. „Ich mag die Un- neues Heimatgefühl zu entwickeln, weil Er ist in Karlshorst im Osten Berlins sortiertheit, alles ist voll mit Graffiti, ich Heimat auch eine zeitliche Dimension hat. aufgewachsen und nennt sich selbst ein mag die große Toleranz, die Subkultur, Das Wort braucht Dauer, und wer viel rei- „stubenhockerisches Kind“. Fußball mit und ich habe hier ein Sicherheitsgefühl, sen oder oft umziehen muss, bekommt anderen Jungs hat ihn nicht interessiert, ich kann mich durchschlagen, würde die Tage und Jahre nicht zusammen. Hei- erst spielte er am PC, dann kam das Netz heimfinden, wenn man mich hier aussetz- mat wird mehr denn je zur Sehnsucht. zu ihm nach Hause. „Mit elf oder zwölf te. Sehr viel davon zählt auch für meine Für viele Migranten ist es die Sehnsucht Jahren hat mehr oder weniger meine In- digitale Heimat. Ich habe auch dort ein nach einer Welt, die nicht deutsch ist. Et- ternetsozialisation begonnen“, sagt Heller. Sicherheitsgefühl, finde mich zurecht, was davon wollen sie sich in Deutschland Heute sieht sein Leben so aus, dass die freue mich der Offenheit.“ erhalten und verändern damit deutsche Jalousie meistens unten ist, damit er ei- Die scheint bei einigen Imageboards Heimat. Das Land wird bunt, wird ein nen „Lebensrhythmus unabhängig vom erheblich zu sein. Dort wird vor allem bisschen istanbulisch, ein bisschen kasa- Sonnenrhythmus führen kann“. Heller über Bilder kommuniziert, anonym, ohne chisch. Es wird eine neue Heimat, weit steht mittags auf, tut „die notwendigen Zensur, da die Bilder rasch vernichtet wer- jenseits der deutschen Norm. Dinge in der Kohlenstoffwelt“, einkaufen, den. Der eine setzt ein Foto von seinem Ganz neu ist die Heimat im Internet. waschen, legt sich am Nachmittag wieder Penis rein, berichtet Heller, der Nächste Sie ist weitgehend ortlos, der Chatroom hin, holt sich einen Döner oder brät zwei reagiert mit einer digitalen Verstümme- ist kein Raum, den Caspar David Friedrich Minutensteaks und hat dann zwischen 20 lung, und dann folgt vielleicht eine Serie malen könnte. Und dann ist sie so neu und 6 Uhr seine „kreative Phase“, wie er mit Fotos von Verkehrsunfällen. Jede Hei- doch wieder nicht. Heller sucht Vertraut- sagt. Er programmiert, schreibt, chattet. mat hat ihre dunklen Seiten. heit, sucht Sicherheit, kehrt gern zurück Das alles vom Bett aus. Wovon er lebt? zu den Wurzeln seiner virtuellen Existenz. „Ich bin knapp zur Hälfte elternfinan- So wird der Heimatbegriff einen großen ziert“, sagt Heller, der sich stets Mühe gibt, die Fragen ernsthaft und genau zu Heimat Mensch Teil seiner geografischen Komponente ein- büßen, nicht aber seine anthropologische. beantworten. Der Rest komme über Vor- Was ist die Bilanz dieser Reise durch deut- Ohne Anbindung geht es nicht. Die Zu- träge und ein Buch herein. sche Heimaten? Weil sich die Kohlenstoff- kunft der Heimat ist der Mensch, dem Wenn Heller über das Netz spricht, welt stark verändert hat, ist der kollek- man vertraut, vielleicht nicht ein Leben klingt das grundsätzlich nicht viel anders tive Heimatbegriff überholt. Das Dorf lang, aber für ein paar Jahre, ein Mensch, als die Erzählungen aus Haidenkofen. Er schrumpft, und damit schwindet allmäh- mit dem man mailt, chattet, skypt, telefo- sagt: „Ich hänge in verschiedenen Chats lich der Gemeinschaftssinn, der dort teil- niert, meist von unterwegs, manchmal ab, wo ich soziale Umfelder habe, die re- weise noch gepflegt wird, in Großfami- von zu Hause aus. Und dem man hin und lativ stabil sind. Es gibt eine gewisse Ver- lien, in Vereinen oder an Stammtischen. wieder begegnet, kohlenstoffmäßig. traulichkeit und Verlässlichkeit.“ In den Das ländliche Leben, das die Romantiker Christian Heller hat das Internet in ei- „Separees“ der Chatrooms würden die und die Nazis so fasziniert hat, spielt ge- ner dialektischen Wendung ein wenig von „Regulars“, also die Stammgäste, „kleine samtgesellschaftlich keine große Rolle seinem Dasein als Stubenhocker befreit. Familien bilden“, er wisse, „wie es funk- mehr. Heute dominieren die Städte, sogar Er hat in seinen Chatrooms Leute ken- tioniert“, und könne sich da „einiger- Dortmund wächst wieder, und Berlin ist nengelernt, die er so nett findet, dass er maßen locker bewegen“, denn man ver- als Metropole mittlerweile so stark, dass sie nun auch in der realen Welt trifft. wende „eine Insidersprache, es werden es auf das ganze Land abstrahlt. bestimmte Kenntnisse erwartet“. Wenn Zudem entziehen die Nicht-Orte den Video: Dirk Kurbjuweit Heller nicht zu Hause ist, chattet er über Kleinstädten das Leben, sie zerstören klas- über seine Heimat sein Smartphone, er ist nie off, immer on. sische Heimat, ohne Heimatgefühle we- Für Smartphone-Benutzer: Diese Zusammengluckerei übertrifft die cken zu können. Als Flughäfen sind sie Bildcode scannen, etwa mit von Haidenkofen bei weitem. die Relaisstationen des flüchtigen Lebens. der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 69
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    Titel Entkernte Heimat Österreich feiert sich als Land der Bodenständigkeit. Doch der Staat, der einst kühn jedes Tal erschloss, zieht sich heute kleinmütig aus der Provinz zurück. Von Bernhard Zand N ichts gegen Linz, Graz und St. Pöl- Seit Jahren zieht der Staat, wie überall Man könnte es einen Fall von europäi- ten – aber wenn es um das Bild in der Provinz, seine Institutionen aus schem Regionalismus nennen – wenn die und Selbstbild der Österreicher dem Salzkammergut ab. Zurzeit sind, in Betroffenen nicht einen viel schlichteren, geht, bringen die zwölf kleinen Gemein- einer zweiten Runde bereits, die Gerichte viel einfacheren Ausdruck wählten: Sie den, die da vor dem Bezirksgericht Bad dran. Das Bezirksgericht St. Gilgen, 1720 reden von der Entkernung und Aus- Ischl vertreten sind, mehr auf die Waage von Mozarts Großvater Wolfgang Niko- dünnung ihrer ländlichen „Heimat“. als manche Landeshauptstadt. laus Pertl gebaut, wurde vor Jahren schon Sie meinen etwas anderes als die „Hei- Otto Kloiber zum Beispiel, 44, ist der geschlossen und nach Thalgau bei Salz- matliebe“, mit der eine rechtspopulisti- Bürgermeister von St. Gilgen, einer Ort- burg verlegt. Nun soll auch Thalgau ge- sche Partei gerade den Innsbrucker Wahl- schaft, die in Deutschland fast jeder kennt: Hier hat der ehemalige Bundeskanz- ler Helmut Kohl jahrelang mit Frau und Kindern sei- nen Urlaub verbracht. Der Schnappschuss, der Kohl bei dem Versuch zeigt, eine Kuh zu streicheln, ist unter Deut- schen eine Österreich-Ikone. Alexander Scheutz, 49, ist Bürgermeister von Hall- statt, einem Dorf, dessen Silhouette so zum Inbegriff alpenländischer Baukunst geworden ist, dass es ein Immobilienentwickler in der südchinesischen Provinz Gu- angdong jetzt hat nachbauen IMAGEBROKER / SÜDDEUTSCHER VERLAG lassen. Zwar soll das Projekt sich schlecht verkaufen, doch die Weltkulturgemein- de Hallstatt ist heute noch bekannter als vorher. Hannes Heide, 45, regiert seit vier Jahren die ehema- lige kaiserliche Sommer- residenz Bad Ischl, berühmt Weltkulturerbe Hallstatt, Oberösterreich: „Die Leute feiern etwas, das es bald nicht mehr gibt“ als Schauplatz einer histori- schen Romanze und eines Heimatfilms, schlossen werden. Das Gericht im steiri- kampf vergiftet. Aber sie haben auch von dem noch offen ist, wo er mehr öster- schen Bad Aussee wurde 2004 nach Ird- keine Scheu, den von der Linken ironisch reichische Identität gestiftet hat – unter ning verlegt (wo, nach dem tödlichen Ski- ausgehöhlten Begriff der Heimat mit Be- den Österreichern selbst oder den Mil- unfall vor drei Jahren, das umstrittene deutung zu füllen. lionen Europäern, welche die „Sissi“-Fil- Urteil gegen den damaligen thüringischen Und die ist reich und vielfältig. Die me sahen und dann zu Besuch gekom- Ministerpräsidenten Dieter Althaus fiel). „ländliche Heimat“ ist nicht nur, nach au- men sind. Nun fällt auch Irdning dem Sparwillen ßen hin, Österreichs bis heute unerreich- Von Österreich, dem großen Ganzen, zum Opfer. tes und milliardenschweres Argument in ist mit keinem Wort die Rede, als die Bür- Das Gericht in Bad Ischl, haben die Bür- der Tourismuswerbung, das obligatori- germeister des Inneren Salzkammerguts germeister des Salzkammerguts jetzt ge- sche Ensemble aus Almsee, grüner Wiese an diesem verregneten Märztag in Ischl schworen, schließt keiner mehr, das bleibt. und Dirndlgwand auf jeder Österreich- stehen und kundmachen: Wir wollen ei- Es ist ein politisch geschickter Schachzug Anzeige. nen eigenen Gerichtsbezirk! Es geht um in einer von der Natur und vom Kaiser- Sie ist zugleich, nach innen, ein Aus- ihre Identität im Allerkleinsten. Es ist der haus einst reich beschenkten Gegend, die druck, der sich von einem ideologischen schlichte, unverblümte Provinzialismus, ihre Privilegien aber allmählich eingebüßt zu einem Lifestyle-Konzept gewandelt der aus ihnen spricht. hat. Kein Landeshauptmann hat sich dem hat. Was den deutschen Lesern das Haus- Aber vielleicht spricht noch etwas an- Schwur entgegengestellt, auch die Justiz- und-Garten-Magazin „Landlust“, ist den deres aus ihnen. ministerin wird sich hüten. Österreichern das noch aufwendiger pro- 70 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Ich werde dasGefühl nicht los, dass an diesem Idyll etwas die SVP haben diese Debatte gewonnen. Nicht, weil alle Schwei- nicht stimmt. Während Europa in der größten Finanzkrise seit zer ihre Vorstellungen teilen, sondern weil die SVP ihre defen- Jahrzehnten steckt, während europäische Länder zusammen- sive Sicht, dass die Heimat von außen bedroht sei, dem ganzen gespart werden und die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien gegen Land aufgezwungen hat. Die Angst vor dem Verlust der Heimat 50 Prozent steigt, erscheint mir die Schweiz als ein Ort abseits bewegt viele Schweizer tief. Sie gehört nicht einem politischen der Realität. Ihr geht es so gut wie kaum je zuvor. In welchem Lager allein. Sie hat das Land dazu getrieben, den EWR-Beitritt anderen Land ließe sich ernsthaft über einen Mindestlohn von abzulehnen, aber auch der Alpeninitiative und dem Verbot 4000 Franken diskutieren? Die Schweiz scheint sich vom Rest von Zweitwohnungen zuzustimmen. Vor diesem Hintergrund der Welt entkoppelt zu haben, und obwohl mich freut, dass muss man auch die Annahme der Minarett-Initiative sehen mein Land im Europa der Schulden eine Insel ist, liegt darin und das Verbot von Hochdeutsch in Zürcher Kindergärten. auch etwas Unheimliches. I Wenn ich die Schweiz besuche, spüre ich, dass sich etwas ch bin in Deutschland zum Schweiz-Erklärer geworden. verändert hat, seit ich das Land 2004 verlassen habe. Hinter Wenn ich mich aus der Ferne mit ihr auseinandersetzte, der Fassade gärt eine Angst. Vor der Zukunft, um den Wohl- habe ich oft von ihr geschwärmt, aber ich bin auch oft an stand, um das Geld auf dem Bankkonto, vor den Deutschen ihr verzweifelt. Was ist das für ein Land, dessen Politik nur und der „Massenzuwanderung“. Diese Angst zu spüren macht aus Rückzugsgefechten besteht? Noch ein Abkommen zur Auf- mir die Schweiz fremd. Die Bilder aus dem SBB-Spot erzeugen weichung des Bankgeheimnisses, wieder 10 000 Steuerflücht- dagegen das behütete Gefühl, das mir meine Kindheit in der linge an Amerika verraten. Es ist ein Land, das immer noch ei- Schweiz gab, die Gewissheit, dass einem nichts passieren kann. nen Schritt rückwärts macht, in dem aber niemand eine Idee Die Heimat wird derzeit ja auch sonst unablässig inszeniert für die Zukunft hat. Die Frage, über die niemand spricht, lautet: und von innen bespiegelt, es ist, als ob alle sie ein letztes Mal Wird die Schweiz, wenn das Bankgeheimnis eines Tages ganz festhalten wollten: Man braucht sich nur die unzähligen Buch- verschwunden sein wird, immer noch so reich sein? deckel anzusehen, von denen das Schweizerkreuz prangt, Sen- Als ich nach Deutschland kam, versuchte ich, von der dungen wie „SF bi de Lüt“ oder Filme wie „Sennentuntschi“. Schweiz zu erzählen, wie ich sie kenne. Von der wahren Oder die urbanen Hipster, die alle Schweiz. Von dieser großen Vor- das Jassen entdeckt haben. stadt zwischen St. Gallen und Lau- Heimat war in der Schweiz nie sanne, die Stiller Has in „Walliselle“ ein problematisches Wort. Der besingen, vom helvetischen Mittel- Schweizer mag seine Heimat oder land in seiner melancholischen Ba- liebt sie gar, ob er Christoph Blo- nalität, vom Aargau und vom Shop- cher  oder Jean Ziegler heißt, die pyland. Aber natürlich interessierte Frage war immer nur, auf welche das niemanden. Weise. Blocher erfand in den neun- Welche Heimat meinen wir ei- ziger Jahren den Kampfbegriff „hei- gentlich, wenn wir Heimat sagen? matmüde“, um seine Gegner zu Die Kunst-Schweiz im SBB-Werbe- desavouieren. Ziegler ist der letzte spot rührt mich an, weil sie mich an verbliebene Schweiz-Kritiker. etwas erinnert, dessen Untergang GEISSER / IMAGO In meiner Jugend gab es noch ich selbst befürchte. Aber wenn ich eine ganze Reihe von ihnen, im lin- ehrlich bin mit mir selbst, weiß ich, ken Lager, sie sind aus der Mode ge- dass es nicht diese Nostalgie-Schweiz kommen. Das Ende der linken Straßenszene zwei Tage vor der Bundesfeier 2010 ist, von der ich mir für die Zukunft Schweiz-Kritik fällt interessanter- am meisten verspreche. weise mit dem Erscheinen des Be- „Es geht dem Land so gut Ich bin groß geworden in der richts der Bergier-Kommission zu- Nähe von Olten, zwischen Jurahü- sammen, die auf Druck des Aus- wie kaum je zuvor, aber hinter geln, Schnellstraßen und Geleisen. lands die Rolle der Schweiz im der Fassade gärt eine Angst.“ Die Alpen liegen von da aus weit Zweiten Weltkrieg untersuchte. am anderen Ende des Nebelmeeres, Wenn die Schweiz von außen ange- das wir an Herbstwochenenden von griffen wird, sei es von amerikanischen Anwälten oder einem der Belchenflue aus überblickten. In dieser Vorstadt-Schweiz, polternden Peer Steinbrück, rücken alle zusammen. in der die meisten von uns leben, sah eine junge Schweizerin schon vor 20 Jahren nicht mehr unbedingt aus wie die junge E s gibt noch ein Video, das mich in den vergangenen Wo- blonde Frau im SBB-Spot, weil sie womöglich kroatische, ara- chen rührte: In einem amateurhaften Wahlspot der bische oder thailändische Wurzeln hatte. Die Schweiz war FDP Reinach waren Politiker zu sehen, die im Chor san- schon in meiner Jugend multikulturell, heute liegt der Ausländer- gen: „Gäll du wählsch mi, gäll du willsch mi, mir sind FDP“. anteil bei über 22 Prozent. Das ist die wirkliche Schweiz, nicht Das war alles. Natürlich fällt es leicht, sich über Provinzialität der SVP-Puurezmorge. lustig zu machen. Aber mir schien bemerkenswert, dass sich Das ist die Welt, aus der ein Rapper wie Baba Uslender in diesem Werk genau das postpolitische Gefühl  ausdrückt, stammt, ein Albaner aus Luzern, der in seinem „Baustellsong“ das die Schweizer Politik jenseits der lauten SVP auszeichnet: auf YouTube in gebrochenem Schwyzerdütsch zu Handörgeli Es geht uns gut, lasst uns nicht über die Wirklichkeit reden. rappt, ein bitterironischer Song, der vom Streit zwischen einem Wählt uns, wir sagen euch aber nicht, warum. Italiener und einem Albaner auf einer Baustelle handelt. In Wahrheit wissen wir Schweizer seit 20 Jahren, dass es Dieses Video treibt mir nicht die Tränen in die Augen. Aber nicht weitergehen wird wie bisher. Es begann mit der Aus- ich weiß, dass es mehr mit der echten Schweiz zu tun hat. Ich einandersetzung über nachrichtenlose Vermögen, es folgten würde Baba Uslender am liebsten bitten, den SBB-Werbespot die bilateralen Abkommen mit der EU, die Angriffe auf das zu remixen. Das ergäbe ein realistisches Bild der S-Bahn- Bankgeheimnis. Wenn ich den politischen Diskurs der vergan- Schweiz, in der es schon lange nicht mehr idyllisch zugeht, die genen 20 Jahre zusammenfassen soll, würde ich ihn beschreiben aber voller Energie steckt, in der es manchmal eng ist und dre- als einzigen Streit um das richtige Bild von der Heimat und ckig. Sie hat eine Kraft, die größer ist als die Nostalgie. Das ist darum, wie man sie bewahren kann. Christoph Blocher und die Heimat, die ich vermisse. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 71
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    Trends AU TO I N D U ST R I E Ein Audi aus Mexiko Nach langem Ringen innerhalb des VW-Konzerns hat sich Audi durch- gesetzt: Die Ingolstädter können ein eigenes neues Werk in Mexiko errich- ten. Top-Manager des VW-Konzerns hatten sich dagegen dafür eingesetzt, dass das Volkswagen-Werk in Chatta- nooga in den USA ausgebaut wird und die Tochter Audi dort eine Fertigung aufzieht. In der nächsten Sitzung des VW-Aufsichtsrats am 18. April sollen die Audi-Pläne besiegelt werden. Die neue Fabrik in Mexiko wird ihre Pro- duktion im Jahr 2015 beginnen. Gefer- tigt wird dort die nächste Generation des Geländewagens Q5. Audi-Chef Ru- JÖRG LANTELME pert Stadler will damit eine Offensive auf dem nordamerikanischen Markt Kundinnen beim Einkaufen KONSUM Junge shoppen seltener GETTY IMAGES Leistungsdruck, Stress bei der Arbeit und ein vollgepacktes Freizeitprogramm halten jüngere Verbraucher zunehmend vom Konsumieren ab. Das ist das Er- gebnis einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens GfK. Die unter Audi-Q5-Präsentation Zeitdruck leidenden Jüngeren kauften seltener ein, schreibt die GfK. So sei die Zahl der Shoppingtouren von Studenten, Berufseinsteigern und jungen Familien starten, Audi liegt dort bislang noch zwischen 2006 und 2011 um 16 Prozent zurückgegangen – und damit mehr als hinter BMW und Mercedes-Benz. Er doppelt so stark wie bei Rentnern oder älteren Alleinstehenden. So entfällt ge- konnte nicht nur Bedenken aus Wolfs- rade noch ein Viertel aller Einkäufe auf die jüngere Zielgruppe. Zudem verändern burg ausräumen, sondern auch die jüngere Konsumenten auch ihr Einkaufsumfeld: Sie geben ihr Geld hauptsächlich eigenen Betriebsräte überzeugen. Der in ihrer unmittelbaren Umgebung aus. Sobald ein Geschäft mehr als fünf Minuten Vorstand sichert ihnen zu, dass in von ihrer Wohnung oder ihrem Arbeitsplatz entfernt ist, lassen sie dort „spürbar Ingolstadt, wo derzeit unter anderem weniger“ Geld. Und das hat Folgen für den Handel: So sind Discounter wie Lidl der Q5 montiert wird, zum Ausgleich oder Aldi deutlich weniger gefragt als etwa Supermärkte mit ihrem „mundge- ab 2015 ein anderes Modell produziert rechten“ Frischeangebot für die Mittagspause und ihrer Präsenz mitten in den und die Beschäftigung damit gesichert Stadtzentren, so die GfK. wird. F E R R O S TA A L Griechenland und in Portugal mit 62 rund 140 Millionen Euro verdonnert. Millionen Euro geschmiert haben, um Dieser Deal wäre durch eine Revision an lukrative U-Boot-Aufträge zu gelan- der Manager in Gefahr geraten. Die Kuhhandel um Honorar gen. Für die Zusage ihres früheren Ar- beitgebers, die Anwaltskosten zu über- Staatsanwaltschaft hatte angekündigt, in diesem Falle Rechtsmittel gegen die Der Ferrostaal-Konzern hat in der nehmen, mussten die beiden schrift- vom Gericht verhängte Unterneh- Korruptionsaffäre um den Verkauf von lich versichern, nicht gegen ihre Urteile mensbuße einzulegen. Für Ferrostaal, U-Booten die Anwaltshonorare für in Revision zu gehen. In einem inter- so heißt es, sei es „von großer Bedeu- zwei ehemalige Manager des Unter- nen Papier dazu heißt es, das Unter- tung, dass das Strafverfahren nicht mit nehmens übernommen. Sie waren im nehmen habe „großes Interesse daran, einer höheren Geldbuße endet“. Da- Dezember wegen Bestechung ausländi- dass die Verurteilung sobald wie mög- her war der Konzern offenbar bereit, scher Amtsträger zu jeweils zwei Jah- lich rechtskräftig wird“. Das Münch- seinen Ex-Mitarbeitern „das Recht auf ren auf Bewährung, sowie einer Geld- ner Landgericht hatte, ebenfalls im Revision abzukaufen“, wie ein mit strafe in fünfstelliger Höhe verurteilt Dezember, Ferrostaal im Rahmen der dem Verfahren vertrauter Anwalt sagt. worden. Der frühere Vorstand und der Gewinnabschöpfung aus den U-Boot- Allerdings war die Übernahme der Kos- Ex-Prokurist sollen Amtsträger in Geschäften zu einem Bußgeld von ten gedeckelt – auf jeweils 715 000 Euro. 72 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft LUFTVERKEHR WIESENHOF „Frankfurt bleibt Drehkreuz“ Ermittler müssen Bundesverkehrsminister Peter Ram- sauer, 58 (CSU), über die Folgen des teil könnte vielleicht Türen für neue Kooperationen zwischen deutschen nacharbeiten Nachtflugverbots in Frankfurt Flughäfen öffnen. SPIEGEL: Im Koalitionsvertrag ist verein- INGO WAGNER / PICTURE ALLIANCE / DPA SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat das bart, Ausnahmen vom Nachtflugverbot Urteil des Bundesverwaltungsgerichts eher auszuweiten. Wie kann das jetzt auf Deutschland als Wirtschaftsstand- überhaupt noch erreicht werden? Wol- ort? len Sie die Lärm-Grenzwerte ändern? Ramsauer: Wirtschaftsinteressen und Ramsauer: Der Koalitionsvertrag sagt, Lärmschutz sind zwei Seiten dersel- dass wir das prüfen. Jetzt muss man ben Medaille. Das muss man auch im aber feststellen: Es steht nicht auf der Flugverkehr berücksichtigen. Am 23. Tagesordnung, Ausnahmen auszuweiten. Mai gibt es bei mir im Haus ein Spit- Ein generelles Nachtflugverbot aber Jungtiere in Hühnermastbetrieb zengespräch: Fluggesellschaften, Flug- auch nicht. Jeder Flughafen-Standort ist häfen, Länder und Verbände. Die anders – da kann man keine Blaupause Die Generalstaatsanwaltschaft in Celle Menschen muss man bei Infrastruktur- anwenden. Und was den Lärmschutz an- hat sich in ein Tierschutzverfahren projekten stärker einbinden, ohne den geht: Die Spielräume hierfür stehen oh- gegen den Geflügelkonzern Wiesenhof Wirtschaftsstandort Deutschland in nehin regelmäßig auf dem Prüfstand. eingeschaltet und neue Ermittlungen Frage zu stellen. Bei gefordert. In Niedersachsen, der Hei- dem Spitzengespräch mat der Massentierhaltung, gilt eine sollen alle Konzepte solche Anweisung als ungewöhnlich. auf den Tisch – ich Konkret geht es um die Zustände auf bin für viele Vor- einer für die Wiesenhof-Gruppe produ- schläge offen. zierenden Hühnerfarm im Jahr 2009. SPIEGEL: Frankfurt Damals machte die Tierschutzorganisa- am Main konkur- tion Peta Aufnahmen von einem für riert mit Städten wie den Konzern tätigen Arbeiter, der Tiere Dubai um die Rolle trat, herumschleuderte und ihnen ohne als internationales Betäubung das Genick brach. Auch sei- Drehkreuz. Wird ne Notdurft soll einer der Mitarbeiter Frankfurt abgehängt? im Stall verrichtet haben. Die mit dem Ramsauer: Nein. Fall befasste Staatsanwaltschaft in Ver- Frankfurt muss die den stellte die Ermittlungen ein. Grund: Betriebszeiten opti- Die Bildaufnahmen seien nicht verwert- mal ausnutzen. bar, da sie „rechtswidrig hergestellt“ Dann bringt man seien und Persönlichkeitsrechte ver- BERTHOLD STEINHILBER / LAIF schon eine Menge letzten. Nach einer Beschwerde von Verkehr in die Luft. Peta konnte dieser Argumentation nun Frankfurt bleibt ein offenbar auch die Generalstaatsanwalt- internationales schaft nicht folgen. Wiesenhof hatte die Drehkreuz – auch Vorwürfe 2010 zurückgewiesen. Für wenn Nachtstunden eine aktuelle Stellungnahme war die wegfallen. Das Ur- Jet auf dem Flughafen Frankfurt am Main Firma nicht zu erreichen. HANDEL für die Übernahme des Drogerie-Kon- tionsvolumen von insgesamt rund 90 zerns. Allerdings wollen die Investo- Millionen Euro. Das Konzept von Pen- ren sich nicht mit den Schlecker-Kin- ta sieht vor, im besten Fall keine weite- Finanzinvestor will dern Meike und Lars zusammentun. ren Filialen zu schließen und die ver- Schlecker kaufen Die suchen ebenfalls nach einem Co- Investor, um das Unternehmen in Fa- milienhand zu halten. Bei Penta kann bliebenen Jobs zu erhalten. Penta ist in zehn Ländern aktiv und hat eine Bi- lanzsumme von 3,4 Milliarden Euro. Die Private-Equity-Gesellschaft Penta man sich aber allenfalls eine symbo- In Deutschland gehört die Firma H. Investments will bei der insolventen lische Minderheitsbeteiligung der Ge- von Gimborn, ein Hersteller von Tier- Drogeriemarktkette Schlecker einstei- schwister vorstellen. Der Kaufpreis nahrung, zu Penta Investments. In der gen. „Wir haben ein unverbindliches und die Investitionssumme, die Penta Slowakei geriet der Investor zuletzt we- Angebot eingereicht“, bestätigte ein für Schlecker bereitstellen müsste, gen der sogenannten Gorilla-Affäre in Penta-Sprecher. Zu Details wollte er sind noch unklar. Für die Modernisie- die Schlagzeilen: Vermeintliche Geheim- sich nicht äußern. Die tschechisch-slo- rung von rund 3000 Schlecker-Filialen dienstprotokolle legten dubiose Kon- wakische Finanzgruppe ist bisher der würden etwa 30 000 Euro pro Laden takte zur Regierung nahe. Penta spricht einzig ernstzunehmende Interessent fällig, heißt es. Das ergäbe ein Investi- von einer „Verleumdungskampagne“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 73
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    Wirtschaft MARTIN LENGEMANN / INTRO / FOTOFINDER Designierte Deutsche-Bank-Chefs Fitschen, Jain FINANZINDUSTRI E Bollywood in Frankfurt Der Führungswechsel bei der Deutschen Bank gerät zur absurden Komödie. Vor der Machtübernahme durch Anshu Jain liefern sich Spitzenmanager einen bizarren Kampf um Macht, Ruhm und die Zukunft des Konzerns. 74 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    D ie Beichtstunde ist an einem Sams- tag angesetzt, unter der Woche hat Anshu Jain keine Zeit. Da muss der oberste Investmentbanker der Deutschen Bank kämpfen wie nie zuvor in seinem Leben. Gerade ist der ameri- kanische Immobilienmarkt kollabiert, auf dessen Boom Jain und seine Händler Dut- zende Milliarden Dollar gewettet haben. Also reisen Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, und sein oberster Risi- komanager Hugo Bänziger an einem Wo- chenende im November 2008 in die Great Winchester Street in London. Sie wollen hören, welche Horrornachrichten in den folgenden Wochen aus Jains Reich zu er- warten sind. An dem runden Konferenz- tisch herrscht Weltuntergangsstimmung. Selten hat man die lange als „Regenma- HENNING SCHACHT cher“ gefeierten Investmentbanker so kleinlaut erlebt. Einige sollen aus Angst vor einem totalen Crash privat schon Zehntausende Pfund abgehoben und nach Hause geschafft haben. Bankier Ackermann: Allen internen Kandidaten misstraut Vor Bänziger und Ackermann geben sie nun mit Grabesstimmen zu Protokoll, schäfte, die Jains Mannen in den wilden Jain verliert nicht gern. Seine 15 000 welche Verluste sie für die Deutsche Bank Zeiten vor der Finanzkrise gemacht ha- Mann starke Armee hat in ihren besten erwarten. Die Summe ist gewaltig. Dann ben (SPIEGEL 5/2012). Jahren vier Fünftel des Konzerngewinns lesen Bänziger und Ackermann ihre Gift- „Die Alten können nicht loslassen“, be- verdient. Doch er schluckt den Ärger run- liste vor, mit den Maßnahmen, die nun haupten die anderen. Sie sehen in den ter. Ein letztes Mal. als allererste getroffen werden müssen. jüngsten Grabenkämpfen den verzweifel- Als am 7. März durch eine Indiskretion Einer der wichtigsten Punkte: Jain ten Versuch von Ackermann und seinen bekannt wird, dass die neuen Chefs Jain muss den Eigenhandel drastisch herun- Getreuen, ihren Nachfolgern Steine in und Fitschen zwei langgediente Vorstän- terfahren, in dem seine geschicktesten Fi- den Weg zu legen. de abservieren wollen, ist Schluss mit der nanzakrobaten bislang mit dem Geld der In Deutschlands größtem Geldhaus Zurückhaltung. Die Neuen planten keine Bank gezockt haben. Es sind mit die dun- kämpfen drei Männer um ihre Reputa- Revolution, hatten Leute aus ihrem Um- kelsten Stunden seiner Karriere. tion. Jain will unter allen Umständen ver- feld lange verbreitet. Doch was jetzt ge- Heute, knapp dreieinhalb Jahre später, meiden, das Image des kalten Zockers streut wird, wirkt wie ein Umsturz: Der ist Jain, 49, wieder ganz oben: Am 1. Juni übergestülpt zu bekommen. Der künftige strenge Risikochef Bänziger muss gehen wird er gemeinsam mit Jürgen Fitschen, Co-Chef Fitschen wehrt sich gegen das und mit ihm drei weitere Manager des 63, die Führung der Deutschen Bank Label des Grußonkels. Und Ackermann engsten Führungszirkels, darunter IT-Vor- übernehmen. Seine einstigen Aufpasser, fürchtet um sein Ansehen – als Großban- stand Hermann-Josef Lamberti. Ackermann und Bänziger, werden dann kier, der die Deutsche Bank stabil durch Der erweiterte Vorstand, das sogenann- die Bank verlassen. Und selbst die här- die Finanzkrise lotste und nebenbei als te Group Executive Committee, wird um testen Zeiten des Investmentbanking-Gu- Retter des Finanzsystems mit den Großen 6 auf 18 Personen ausgebaut und ist in rus werden nun in Erfolge umgemünzt: der Welt verhandelte. Zukunft gespickt mit internationalen Ma- Der frühe Abbau des Eigenhandels, lange Teilweise hat die Auseinandersetzung nagern aus Jains Umfeld. Von „Kehraus“ bevor entsprechende Gesetze erwogen den Unterhaltungswert einer Komödie und einem „Durchmarsch der Investment- wurden, zeige doch Verantwortungs- aus den Filmstudios von Bollywood. Doch banker“ ist schnell die Rede. gefühl und Lernfähigkeit des gebürtigen unbeantwortet bleibt dabei eine Frage, Im Handstreich zertrümmern Jain und Inders mit britischem Pass, heißt es aus die Aufseher, Politiker und auch die Steu- Fitschen die von Ackermann aufgebauten seinem Umfeld. erzahler stärker bewegt als der Kampf der und über Jahre zementierten Hierarchien. Aktionäre feiern den anstehenden Finanztitanen: Wohin steuert eigentlich Die offiziellen Gremien werden vor voll- Machtwechsel in Deutschlands größtem das Kreditinstitut, das Aufsehern zufolge endete Tatsachen gestellt. Aufsichtsräte Kreditinstitut als „Befreiungsschlag“. Re- für die Stabilität des Weltfinanzsystems und Vorstandskollegen waren lange ah- gulierer und Politiker allerdings sind alar- so zentral ist wie kaum ein anderes? nungslos, nur Jain, Fitschen, Ackermann miert. „Jetzt haben wir einen an der Spit- und zuletzt der Präsidialausschuss des ze, der die Deutsche Bank als globalen Jains erste Schlappe Aufsichtsrats kannten die Namen der neu- Konzern sieht, der zufällig in Deutsch- Die Suche nach einer Antwort beginnt en Führung. land sitzt“, sagt ein CDU-Politiker, der an einem Wintermorgen im Frankfurter Wer mit den Interna der Deutschen sich wie so viele in diesen Tagen zum Hermann-Josef-Abs-Saal. Dort zieht Bank weniger vertraut ist, kann die neuen Thema Deutsche Bank nicht namentlich Josef Ackermann ein letztes Mal Bilanz Namen für die Mitglieder einer britischen zitieren lassen will. Und in der Bank über ein Geschäftsjahr. Jain sitzt ein paar Cricket-Mannschaft halten: Grassie, Rit- selbst ist seit Jains Ernennung offener Meter weiter rechts von ihm und lächelt chotte, Leithner, Chadha, Faissola. Die Krieg ausgebrochen. gequält, als Ackermann der internatio- Traditionalisten in der Bank fühlen sich „Die Investmentbanker übernehmen nalen Presse erklärt, Jains Abteilung habe überrumpelt. Sie fragen: „Wo ist Fit- die Macht“, sagen die einen. Sie fürchten, nicht geliefert. Deshalb habe die Bank schen?“ dass die Deutsche Bank ihre Wurzeln ver- das Ziel von zehn Milliarden Euro Ge- Natürlich war Fitschen dabei, als der liert, und verweisen auf die dubiosen Ge- winn verfehlt. Masterplan für die neue Bank entstand, D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 75
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    Machtwechsel Veränderungen im Top-Management derDeutschen Bank Josef Ack e Jürgen Anshu Jain Vorstands rmann vorsitzend - Fitschen Co-Vorstands- er Co-Vorstands- vorsitzender Vorstand AUS SCHEIDEN vorsitzender BLEIBEN Hugo Bänziger Stephan Leithner Stuart Lewis Henry Ritchotte Rainer Neske Stefan Krause Risiko- Hermann-Jose Europa-Geschäft, Risiko- IT, Strategie Privat- und Finanzen Management f Personal, Recht Management Geschäftskunden Lamberti IT, Personal NEU ob en : DPA / DA P D (2x); u n ten : DE UTSCHE BA NK (2x) / P E TE J O NE S / RA I N E R U N K E L / F RA N K DA RC H I N G E R ( 2 x ) / RA I N E R U N K E L Erweitertes Führungsgremium Kevin Parker Gunit Chadha Alan Cloete Colin Fan David Folkerts- Robert Rankin Werner Vermögens- Asien-Geschäft Asien-Geschäft Investmentbanking Landau Investmentbanking Steinmüller verwaltung Ökon. Analyse Zahlungsverkehr Weck Michele Faissola Colin Grassie Christian Ricken Richard Walker – noch offen – Seth Wau Pierre de e Vermögens- Großbritannien- Privat- und Ge- Recht Amerika-Geschäft gh Verm ögend Amerika-G den verwaltung Geschäft schäftskunden eschäft Privatkun die Co-Chefs haben jeden einzelnen der men. Doch in die entscheidenden Sitzun- Personalien wie diese haben eine ge- neuen Männer gemeinsam ausgesucht. gen „geht er oft mit dünner Mappe“, wie wisse Logik, andere werfen Fragen auf. Von Jain ist aus dieser Zeit der Satz über- ein Wegbegleiter weiß. Fitschen sei ein Warum müssen für Asien zwei Leute im liefert, er spreche mehr mit Fitschen als Bauchmensch. erweiterten Vorstand sitzen? Warum wur- mit seiner Frau. Und einige der neuen Jain ist ein Kontroll-Freak. So findet de mit Christian Ricken erst ein paar Tage Manager kann man durchaus Fitschen zu- regelmäßig eine Konferenz zur Einschät- nach den anderen Personalien ein deut- ordnen, der für das weltweite Regional- zung der Lage auf den globalen Märkten scher Privatkundenmanager für das Gre- Geschäft zuständig ist, aber oft auf das statt, zu der Mitarbeiter aus aller Welt mium benannt? Wollten Jain und Fit- Deutschland-Geschäft reduziert wird. per Video zugeschaltet werden. Doch von schen Kritik entkräften, das deutsche Dennoch glauben selbst Leute, die eine offener Diskussion kann keine Rede sein. Geschäft könnte von den Investmentban- Menge von Fitschen halten, er sei von Etwaige Fragen an den Chef müssen im kern an den Rand gedrückt werden? Jain überrumpelt worden. „Es reicht Vorfeld bei seinem Büro eingereicht wer- Seinen Höhepunkt erreicht der Streit nicht, wenn er hinter Jains Leute auch den. Selbst nachts beantwortet Jain ge- um die neue Führung am Vorabend der seinen Haken macht“, sagt ein wirt- schäftliche Mails noch binnen Minuten. entscheidenden Aufsichtsratssitzung. Da schaftsnaher CDU-Politiker. „Jain ist der strategische Kopf“, sagt ein wird bekannt, dass die Bundesanstalt Andere sehen in Fitschen durchaus ein Analyst, der die Bank sei langem beob- für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Gegengewicht zu Jain. Immerhin wird er achtet. Und Jain hat Bataillone von loya- eine Schlüsselfigur in Jains Kabinett ab- künftig genauso gut verdienen wie sein len Mitarbeitern hinter sich, „Anshu’s lehnt, den designierten Risikovorstand Co-Chef. Für ihn bedeutet das einen Ge- Army“ werden seine Getreuen genannt, William Broeksmit. Die Spin-Doktoren haltssprung, Jain muss auf etwas Geld künftig werden sie Schlüsselpositionen be- der neuen Führung hatten ihn als „Dr. verzichten, beide sollen etwas weniger setzen. Der Amerikaner Henry Ritchotte No“ etikettiert, um ihn als knallharten verdienen als ihr Vorgänger, der zuletzt wird als Mann für Informationstechnolo- Risikomanager und ebenbürtigen Bänzi- mit 9,4 Millionen Euro nach Hause ging. gie die Bank auf Effizienz trimmen. Auch ger-Ersatz zu platzieren. Den BaFin-Leu- Fitschen wird zudem auch künftig das die Strategieabteilung liegt künftig bei ten hatte er zu wenig Führungserfahrung. Deutschland-Geschäft leiten, er wird sich ihm. Michele Faissola, ein Italiener, soll Broeksmit hatte Jain auf vielen Stufen womöglich an die Spitze des deutschen aus dem Geschäft mit den Superreichen, der Karriereleiter eng begleitet. In den Bankenverbandes wählen lassen, und er dem klassischen Fondsgeschäft und den vergangenen drei Jahren kontrollierte er ist in Industrie und Politik so gut vernetzt, boomenden börsengehandelten Fonds Risiken jener Handelsgeschäfte, für die wie Jain es auf Jahre hinaus nicht sein die Vermögensverwaltung der Zukunft Jain verantwortlich war. Sollte hier ein wird. Fitschen redet gern und schnörkel- schweißen. Bisher waren diese Geschäfte Risikovorstand installiert werden, der los, er versteht es, Menschen mitzuneh- auf drei unterschiedliche Bereiche verteilt. Jain an der langen Leine lässt? 76 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft Bänziger hatte zum Missvergnügen mancher Jain-Jünger festgeschrieben, dass die Kundeneinlagen der Postbank nicht als Spielgeld für Zockergeschäfte der Investmentbank dienen dürften. Es ärgert Jain und Fitschen, dass die Leute glauben, Bänziger habe gehen müs- sen, weil er unbequem war. Das Dümms- te, was sie tun könnten, wäre doch, genau dieses Vorurteil durch eine laxere Risiko- politik zu nähren, heißt es in ihrem Um- feld. Doch die Panne mit Broeksmit hat das Misstrauen der Aufsicht gegenüber LAUREN LANCASTER / VERASIMAGES / AGENTUR FOCUS der neuen Führung verstärkt. „Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass die Finanz- aufsicht die Deutsche Bank so bloßstellt“, sagt ein hochrangiger Frankfurter Banker. Unmut herrscht auch im Aufsichtsrat, als er am 16. März in den verspiegelten Zwillingstürmen zusammenkommt. Aus den Medien haben die Kontrolleure die neue Führungsriege kennengelernt, über die sie hier und heute abstimmen sollen. Jetzt werden sie Zeugen, wie zerrüttet die Beziehung zwischen den Managern Handelsraum der Deutschen Bank in New York: Zurück zur Zockerbude? ist, die das Gesicht der Bank zehn Jahre geprägt haben. Auch Ackermann, Jain nehmen. Früher als andere habe er er- so glänzend da, wie Ackermann glauben und Fitschen sind anwesend. Zunächst er- kannt, wie lange die Finanzkrise dauern machen will. Der – gemessen an der Bi- greift Ackermann das Wort. Er ist aufge- werde, schneller sei ihm klar gewesen, lanzsumme von 2,16 Billionen Euro – bracht wie selten, über die Art und Weise, dass Griechenland seine Schulden nicht größte Finanzkonzern Europas enttäuscht wie der Umbau inszeniert worden ist. So zurückzahlen kann. Manches interpre- seine Aktionäre seit Jahren. Seit Acker- dürfe man verdiente Vorstände wie Bän- tiert Ackermann dabei nachträglich zu mann die Führung übernahm, ist der Bör- ziger und Lamberti nicht bloßstellen. seinen Gunsten um. senwert um 29 Prozent gefallen. Als die beiden Geschassten dazusto- Doch eine Niederlage kann auch der Fragt man Investoren nach der Ära ßen, kommt es beinahe zum Eklat. Auf- beredte Vorstandschef nicht wegdiskutie- Ackermann, kommen sie schnell auf die sichtsratschef Clemens Börsig macht stof- ren: Bei der Suche nach einem Nachfolger Defizite zu sprechen. Die Deutsche Bank felige Bemerkungen über den bevorste- verrannte er sich genauso wie Aufsichts- sei zu hoch verschuldet und habe zu we- henden Abgang der beiden. „Da wäre nig Kapital. Unter den zehn größten eu- Bänziger ihm fast an die Gurgel gegan- ropäischen Kreditinstituten arbeitet nur gen“, sagt einer, der dabei war. Bänziger Die Deutsche Bank die französische Crédit Agricole mit we- läuft rot an und schlägt mit der Hand auf den Tisch. „Und nicht ein Wort des Dan- steht nicht so glänzend niger Eigenkapital und mehr Schulden als die Deutsche Bank. US-Wettbewerber kes“, donnert der Risikomanager. da, wie Ackermann wie Goldman Sachs und Morgan Stanley Bänziger war selbst als Ackermann- Erbe im Gespräch, offenbar in einer Dop- glauben machen will. kommen nach den neuen, strengeren Ka- pitalregeln auf eine Quote von rund zehn pelspitze mit Jain. „Aber Jain wollte das Prozent bezogen auf die Risikoaktiva, nicht“, sagt ein Insider. Aus seiner Ent- ratschef Börsig. Ackermann misstraute al- also etwa Kredite und alle Arten von täuschung über die Niederlage habe Bän- len internen Kandidaten und versteifte Wertpapiergeschäften, die Banken ma- ziger fortan kein Hehl gemacht, erklären sich auf Ex-Bundesbank-Chef Axel We- chen. Die Deutsche Bank liegt Ende des die neuen Chefs an jenem Freitag den ber, der es aber vorzog, zur Schweizer Jahres nach Schätzungen von J. P. Morgan Aufsichtsräten. Deshalb könne man nicht UBS zu wechseln. Die „Kronjuwelen der nur bei 7,4 Prozent. mehr zusammenarbeiten. Zwei Kontrol- deutschen Wirtschaft“ müssten von Wer mit höheren Schulden hantiert, leure stimmen trotzdem gegen die Perso- einem Manager aus diesem Kulturkreis kann in guten Zeiten auf jeden Euro ein- nalpläne, auch das ein ungewöhnlicher bewacht werden, soll Ackermann einmal gesetztes Eigenkapital höhere Gewinne Vorgang für die Deutsche Bank. gesagt haben. Seine Haltung in der Nach- erzielen. Doch wenn die Märkte verrückt- Doch es ist mehr als ein Manager-Bund, folgefrage haben die Neuen nicht verges- spielen, ist so eine Strategie riskant, es der hier zerfällt. Es ist auch das Ende ei- sen. Als Jain und Fitschen vom Aufsichts- fehlt der Risikopuffer. Nur Banken, die ner Ära, der Ära Ackermann. rat berufen wurden, soll ihr Vorgänger wie die Deutsche zu groß sind, um sie stumm geblieben sein. „Nach so vielen pleitegehen zu lassen, können sich einen 100 Prozent Shareholder-Value Jahren gemeinsamer Arbeit hätte man er- solchen Kurs erlauben. Als den Höhepunkt seiner Karriere erleb- warten können, dass er den Neuen mal Auch Investoren fordern nun Korrek- te Ackermann ausgerechnet die Finanz- Glück wünscht“, heißt es im Umfeld der turen. „Ackermann hat intern zu viel lie- krise, die 2007 begann und seitdem nicht neuen Führung. Stattdessen sei er mit der genlassen, Loyalität war zuletzt ein wich- richtig aufgehört hat. Spricht er heute Wahrung seines eigenen Ruhms beschäf- tigerer Maßstab als Leistung“, kritisiert über seine Zeit bei der Deutschen Bank, tigt gewesen. der Manager eines der größten Aktionäre hebt er gern hervor, wie recht er mit sei- Zwar erkennen auch Ackermanns Kri- der Bank. Manager wie der Amerikaner nen Entscheidungen immer wieder behal- tiker an, dass er die Bank sicher durch Kevin Parker und der Schweizer Pierre ten habe, auch wenn sie umstritten waren, die Krise gesteuert habe. Doch steht die de Weck hätten viel früher gehen müssen. etwa seine Weigerung, Staatshilfe anzu- Deutsche Bank in mancher Hinsicht nicht Der eine führte die Vermögensverwal- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 77
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    Wirtschaft Die Angst der Deutschen Aber wird das größte deutsche Geldhaus deshalb wieder zur Zockerbude? „Es wird kein Zurück zum wilden Investmentban- king geben“, heißt es aus dem Umfeld Jains und Fitschens beruhigend. Das Pri- vatkundengeschäft solle weiter wachsen, auch in London erkenne man, dass der Kauf der Postbank Gold wert sei, weil die Einlagen Sicherheit geben. Doch erst einmal werden auch bei der Kleine-Leute-Bank weitere Stellen abge- baut. Im Zuge der Integration sollen noch mehrere hundert Arbeitsplätze wegfallen. Allein im Zahlungsverkehr verschwinden voraussichtlich bis 2016 netto 350 Jobs, ROBERT BREMBECK / VISUM / FOTOFINDER bei Kreditabwicklungs- und Kontofüh- rungseinheiten wahrscheinlich weitere 200. Außerdem machen Befürchtungen die Runde, dass in den kommenden Jahren verstärkt Arbeitsplätze ins Ausland ver- lagert werden. Auch in der Politik bleibt man skep- tisch. Manch einer in Berlin sorgt sich, Künftiger Chefkontrolleur Achleitner: Rolle des Vermittlers zwischen Bank und Politik die Deutsche Bank könnte unter dem in- dischen Chef die Verwurzelung im Hei- tung, der andere das Geschäft mit reichen len im Konzern. Seit der Finanzkrise sind matmarkt verlieren. „Inwieweit steht der Privatkunden. Beide Bereiche werden für die einstigen Regenmacher schwerere letzte deutsche Global Player unter den nun zusammengelegt. Und auch an Lam- Zeiten angebrochen. Analysten erwarten Banken der Politik noch als Ansprech- berti habe Ackermann zu lange festgehal- für Investmentbanken in den nächsten partner zur Verfügung?“, fragt ein CDU- ten. Dem Vorstand für IT und Personal Jahren deutlich kleinere Gewinne. Politiker. werfen Kritiker Versagen bei der Moder- In den USA wurden der Branche be- Deshalb soll künftig ein Österreicher nisierung der Infrastruktur vor, einem der stimmte Geschäfte schlicht verboten. die Rolle des Vermittlers zwischen Bank größten Kostenblöcke in jeder Bank. Weltweit einigten sich Regulierer auf und Politik übernehmen: Paul Achleitner, Die Aktionäre hatten Ackermann lan- strengere Regeln für das Kapital, mit dem 55. Er soll von Ende Mai an als Aufsichts- ge dafür geliebt, dass er dem Sharehol- Banken Risiken absichern müssen. Das ratschef über die Deutsche Bank wachen. der-Value huldigte und schnittige Ziele trifft die Investmentbanken härter als alle Einst war Achleitner Deutschland-Chef wie jene 25-Prozent-Rendite ausgab, die anderen, weil ihre Handelsgeschäfte be- von Goldman Sachs, seit 2000 ist er Fi- viele Deutsche so empört. Aber sie fin- sonders risikoreich sind. nanzvorstand beim Versicherungskon- den, er habe zuletzt nicht mehr genug Der Handel mit Derivaten, die in der zern Allianz. In seinem Umfeld wird be- dafür getan. Er sei nur noch zu 80 Prozent Bilanz der Deutschen Bank fast 800 Mil- tont, dass er sich aus aktienrechtlichen für die Aktionäre da gewesen. liarden Euro ausmachen, soll zudem aus Gründen noch vollkommen aus dem Ge- „Anshu Jain ist 100 Prozent Sharehol- den Hinterzimmern auf öffentliche Bör- schehen in Frankfurt heraushalte. der-Value“, sagt ein Investor. Sie erwar- sen geholt und transparenter gemacht Doch Insider versichern, dass er in die ten, dass er die Eigenkapitalrendite, die werden. Das macht auch diese Geschäfte Planspiele Jains natürlich eingeweiht ge- zuletzt nach Steuern nur bei 8,2 Prozent weniger profitabel. wesen sei. Das Schauspiel der vergan- lag, deutlich steigert. Jain und Fitschen Außerdem sitzt die Bank auf Altlasten genen Wochen habe ihn allerdings be- wollen vor allem das Geschäft in Asien aus der Zeit der Finanzkrise. Analysten fremdet. und den USA ausbauen. Sie haben erwarten, dass die neuen Chefs anders In Berlin hoffen viele, dass Achleitner außerdem Zauberformeln wie „Silos auf- als Ackermann bereit sind, wertlos ge- sich künftig kräftig einmischt – vor allem brechen“ und „Geschäftsbereiche verzah- wordene verschachtelte Finanzprodukte in drei Jahren, wenn Fitschen in den Ru- nen“ nach außen dringen lassen, um an- zur Not auch mit Verlust zu verkaufen. hestand geht und womöglich Jains Allein- zudeuten, was sie vorhaben. In den Oh- So könne das Kapital gestärkt werden. herrschaft beginnt. Denn in der Deutsch- ren der Aktionäre klingt das gut. Doch Wegen der Probleme im Investment- land AG, mit ihren undurchschaubaren dahinter steckt vor allem eins: Die Kosten banking müssen sich Jains Truppen wie Netzwerken zwischen Politik, Wirtschaft sollen sinken, vor allem im IT-Bereich. die ganze Branche neu erfinden. Um Ge- und Gewerkschaften, wird Jain noch lan- Arbeitnehmervertreter rechnen in den schäfte an Land zu ziehen, sollen sie künf- ge ein Fremdkörper bleiben. nächsten Jahren mit einem drastischen tig unter anderem mehr Produkte an die Zwar heißt es seit kurzem, der gebürti- Stellenabbau. Denn Großaktionäre ma- hauseigene Vermögensverwaltung und ge Inder, der derzeit noch in London lebt, chen Druck: In den Bereichen Infrastruk- die Privatkunden verkaufen: „Wie kann lerne Deutsch. Zu hören freilich bekam tur und regionales Management, die zum es sein, dass Sal. Oppenheim mehr Ge- man von den vermeintlichen Kenntnissen größten Teil Lamberti unterstehen, könn- schäft mit Goldman Sachs macht als mit bislang nichts. Als Jain neulich persönlich ten 15 Prozent der 35 000 Jobs wegfallen, der Deutschen Bank?“, fragt ein Investor. die Frage gestellt bekam, ob denn die Ge- finden sie. Mehr als 5000 Stellen stehen Auch Postbank-Chef Stefan Jütte kündig- rüchte über den Unterricht stimmten, lä- also auf der Kippe. te kürzlich an, man werde künftig die chelte er nur verschämt, nickte – und sag- Und noch etwas anderes steckt dahin- Fonds der Mutter vorn ins Regal stellen. te kein einziges Wort. Es war einer der ter, wenn Jain die Investmentbank mit Bald dürften auch andere Anlagepro- seltenen Momente, in denen Jain unsi- anderen Bereichen stärker verbinden will: dukte aus den Finanzfabriken Jains dort cher wirkte. Sein Bereich ist eine der größten Baustel- landen. MARTIN HESSE, ANNE SEITH 78 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft A F FÄ R E N Die Krebs-Mafia Nur 400 Apotheken in Deutschland dürfen Chemotherapie-Infusionen zubereiten. Viele werden offenbar seit Jahren von Pharmafirmen geschmiert, damit sie deren Präparate bevorzugen. Die Kassen müssen deshalb Höchstpreise für Medikamente zahlen. E s gibt vermutlich keinen therapien. Bei keiner Therapie zah- Pharmachef in Deutschland, Rund 2,5 Milliarden Euro gaben die Krankenkassen len die Firmen mehr Schmiergeld. der sich so gut beraten lässt 2010 für Krebs-Chemotherapien aus. Krebs ist bis heute für jeden wie Rolf-Dieter Lampey. Als Poli- Menschen eine erschütternde Dia- zisten am frühen Morgen des Durch strengere Rabattregeln könnten sie mindestens gnose. Man kann einen Tumor 200 Millionen Euro 29. März 2009 die Geschäftsräume chirurgisch entfernen, man kann seiner Firma Zyo Pharma in Ham- ihn bestrahlen oder ihn mit che- burg durchsuchten, stießen sie einsparen. mischen Wirkstoffen bekämpfen. auf Leitz-Ordner voller „Berater- Patienten, die sich für eine sol- verträge“ mit Ärzten und Apo- che Chemotherapie entscheiden, thekern. bezahlen diese Hoffnung oft mit Zyo Pharma hat sich auf Krebs- zusätzlichem Leid: Ihnen fallen medikamente spezialisiert. Die Fir- die Haare aus, sie erbrechen stän- ma stellt eine Handvoll Chemothe- dig, bekommen Schwellungen rapie-Präparate selbst her, darüber oder Taubheit an Händen und hinaus beliefert sie Apotheken in Füßen, Juckreiz am ganzen Kör- der ganzen Republik mit Krebs- per, sie fühlen sich vollständig er- medikamenten (Zytostatika). schöpft, sie schwitzen, oder ihr Wozu aber braucht eine solche Mund trocknet aus. Firma Dutzende Berater? Wes- Für Zytostatika-Apotheker ha- halb konnte ein Arzt oder Apo- ben die Chemotherapien dagegen theker jeden Monat mehrere tau- höchst angenehme Nebenwirkun- send Euro „Beraterhonorar“ von gen. Denn mit keiner Arznei ver- Rolf-Dieter Lampey bekommen? dienen sie mehr als mit Infusio- Eine ehemalige Buchhalterin nen für Krebspatienten. von Zyo Pharma lüftete gegen- Wenn ein Patient mit einem Re- über der Polizei das Geheimnis: zept in die Apotheke kommt, er- Sie erklärte, dass es angeblich gar hält der Apotheker normalerweise nicht um Beratung gegangen sei. 6,05 Euro Honorar dafür, dass er Die ganzen Verträge seien nur das Präparat abgibt. Bereitet er aber dazu da, den Ärzten und Apothe- eine Krebsinfusion zu, bekommt er kern „finanzielle Anreize zu bie- 79 Euro. Denn um eine Chemo- ten, die Ware bei uns zu bestel- therapie herzustellen, braucht er len“. Die Höhe des Honorars einen gesicherten Laborraum, er OBERHAEUSER / CARO habe sich dabei am Umsatz der muss abhängig vom Gewicht des Medikamente orientiert. Patienten die Wirkstoffmenge be- Das Modell scheint in der Bran- rechnen und das hochgiftige Tro- che verbreitet: Ein Krebspräparat, ckenpulver mit Flüssigkeit mischen. für das die Krankenkasse 1000 Krebspatientin mit Chemo-Infusion: „Schlicht obszön“ Doch der Zuschlag von 79 Euro Euro erstattet, kostet den Apothe- scheint für viele Zyto-Apotheker ker im Einkauf offiziell 900 Euro. Tat- und elend verrecken … Dein Ende ist eher ein Trinkgeld. Den eigentlichen Rei- sächlich zahlt der Apotheker aber nur nahe.“ bach machen sie mit der Gewinnspanne etwa 300 Euro. Die Differenz von 600 Der Poststempel zeigt, dass der Brief zwischen ihrem Einkaufspreis und dem Euro erhält er über einen „Beraterver- in Hamburg aufgegeben wurde. Bei einer Preis, den sie bei der Kasse abrechnen. trag“ oder andere Kick-backs zurück. erneuten Durchsuchung beschlagnahmte So kann ein Apotheker an einer einzi- Nachdem bekannt wurde, dass die die Polizei das Notebook von Geschäfts- gen Infusionsflasche des Wirkstoffs Pacli- Buchhalterin gegenüber der Polizei ge- führer Rolf-Dieter Lampey. Unter den ge- taxel mehr als 600 Euro verdienen – also plaudert hatte, fand sie in ihrem Brief- löschten Dateien fanden die Ermittler den das Hundertfache dessen, was er bei der kasten ein Drohschreiben ohne Absender, wörtlichen Inhalt des Briefs. Abgabe einer Packung Tabletten erhält. computergetippt und anschließend aus- Apotheker ködern, Ärzte schmieren, Diese Gewinne gehören zu den best- gedruckt: „Du bist wirklich ein armes Zeugen bedrohen – ein mieses Image hat gehüteten Geheimnissen der Branche. Schwein, dein Ehemann betrügt dich die Pharmaindustrie schon lange. Aber nir- Die Kosten für Medikamente befinden regelmäßig mit anderen Frauen … Ich gendwo in der Branche wird so verbissen sich trotz aller Spargesetze in schwindel- denke, du solltest den Abgang machen um Marktanteile gekämpft wie bei Chemo- erregender Höhe. Im Jahr 2000 gaben die D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 81
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    Wirtschaft Krankenkassen 20 MilliardenEuro für Pil- ‣ AEP für Epirubicin Hexal (200 Milli- len, Salben und Pülverchen aus, im vori- gramm): 627,17 Euro. Tatsächlicher Ein- gen Jahr waren es fast 30 Milliarden Euro. kaufspreis über Zyo Pharma: 380,00 Mehr als 4 Milliarden Euro haben die Euro. Kassen im Jahr 2010 für Krebsmedika- ‣ AEP für Zyofolin (Calciumfolinat, 1000 mente ausgegeben (neuere Zahlen gibt Milligramm): 344,50 Euro. Tatsächli- es nicht), davon 2,5 Milliarden Euro für cher Einkaufspreis: 50,00 Euro. Krebsinfusionen. „Das ist ein Markt, der Hexal teilt auf Anfrage mit, das Ra- für die Kassen undurchschaubar ist“, sagt battverbot des AVWG selbstverständlich der Heidelberger Pharmakologe Ulrich zu achten. Außerdem habe keine Ge- Schwabe. „Wir wissen bis heute nicht, zu schäftsbeziehung mit Zyo Pharma bestan- welchen Preisen die Apotheker wirklich den. Die günstige Ware müsse demnach einkaufen.“ vom Graumarkt stammen. Die größten Gewinne lassen sich dabei Zytostatika-Apotheken aus dem gan- mit Generika machen, mit Wirkstoffen zen Bundesgebiet bestellten ihre Präpa- wie Paclitaxel, Docetaxel oder Oxali- rate bei Lampey, und bei diesen Rabatten platin, deren Patentschutz vor Jahren ab- flossen offenbar auch die „Beraterhono- gelaufen ist und die seitdem von jeder rare“ üppig zurück: So stellte eine Apo- Pharmafirma billig hergestellt werden theke in Königstein im Taunus von Mai können. 2006 bis April 2007 „Beraterrechnungen“ Neben den Branchenriesen Ratio- über mehr als 38 000 Euro an Zyo Pharma pharm, Hexal oder Stada drängen sich aus. Auf eine Anfrage des SPIEGEL ant- auch kleine Firmen wie Zyo Pharma, Ri- wortete der Anwalt des Apothekers: bosepharm oder Omnicare ins lukrative Zyo-Pharma-Chef Lampey „Mein Mandant ist weder verpflichtet Krebs-Business. Bei Zytoservice, einer „Ich denke, du solltest elend verrecken“ noch geneigt, die von Ihnen gestellten Firma, die derzeit in den Markt drängt, Fragen zu beantworten.“ hält der Finanzinvestor Capiton 40 Pro- nommen die Umgehung des neu gelten- Eine Apotheke in Cottbus kassierte in zent der Anteile. Die Investoren wissen, den AVWG.“ einem einzigen Monat 10 591 Euro „Be- dass die Rohmaterialen meist kostengüns- Eine interne Preisliste der Krebspräpa- raterhonorar“. Bei einer Apotheke in tig sind, die Chemos also zu einem Spott- rate von Zyo Pharma aus dem Jahr 2008 Hamm waren es zwischen April 2007 und preis hergestellt werden können. zeigt, wie viel Geld die Apotheker beim Januar 2008 im Schnitt mehr als 3300 Der Chef eines Pharmakonzerns er- Einkauf eines einzigen Krebsmedika- Euro jeden Monat. In seinen Rechnungen klärt das Modell, er will anonym bleiben. ments sparen konnten. Die 13-seitige Lis- an Zyo Pharma schrieb der Apotheker Er sagt, dass sein Unternehmen die Preise te trägt auf jeder Seite den Hinweis „VER- jeweils: „Für Tätigkeiten für Ihre Firma um mehr als 50 Prozent senken könnte, TRAULICH – nur zum persönlichen Ge- im Monat … erlaube ich mir zu berech- wenn er dann mehr Umsatz machen wür- brauch!“ Darin sind mehr als hundert nen …“ Keine der Apotheken beantwor- de. Er könnte zum Beispiel Paclitaxel für Preise für Krebsmedikamente aufgelistet: tete Fragen zu den Honorarzahlungen. 300 Euro anbieten. Aber dann würden ‣ Offizieller Apothekeneinkaufspreis Es gibt bundesweit nur 400 öffentliche die Kassen nur noch 400 Euro pro Pa- (AEP) für Paclitaxel Hexal (300 Milli- Apotheken, die Chemotherapien zube- ckung erstatten. Der Apotheker hätte also gramm): 1460,90 Euro. Tatsächlicher reiten dürfen. Allein Zyo Pharma hatte nur 100 statt 600 Euro Gewinn. Preis, zu dem Zyo lieferte: 600,00 Euro. mit mindestens 65 von ihnen einen Bera- „Würden wir als Erste die Preise massiv senken, wären wir einem Sturm der Apo- theker ausgesetzt“, sagt der Pharmachef. Das Geschäft mit dem Krebs „Wir kämen in keine Apotheke mehr rein, Welche Margen Apotheker bei der Zubereitung von Chemotherapien erreichen können weil wir die Preise kaputtmachen.“ Das Erstaunliche ist, dass den Apothe- kern schon mit dem Arzneiverordnungs- Hospira Hexal Actavis Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) im Paclitaxel Carboplatin Docetaxel Jahr 2006 jeglicher Rabatt, der höher als 300 mg, 50 ml 450 mg 140 mg sieben Prozent war, verboten wurde. Doch dem SPIEGEL liegen mehr als tau- Einkaufspreis send Seiten interner Pharmaunterlagen Pharmagroßhandel 110,00 € 49,00 € k. A. und polizeiliche Ermittlungsakten vor, die Einkaufspreis zeigen, dass das bis 2009 geltende Verbot Apotheken 350,00 € 75,00 € 360,00 € nicht zu mehr Transparenz führte – son- Abrechnungspreis dern offenbar zu einem ausgeklügelten gegenüber System illegaler Rückvergütungen. Krankenkasse 980,22 € 236,05 € 945,99 € Genau zu jener Zeit, als das Gesetz in Marge Kraft trat, startete Zyo Pharma etwa seine für den Apotheker 630,22 € 161,05 € 585,99 € „Beraterverträge“ mit den Apothekern. Mehrere Außendienstler der Firma schildern gegenüber der Polizei den Zu- sammenhang: „Den Apothekern wurden Beraterverträge angeboten, um vorherig bestehende Rabatte, die jetzt nicht mehr Quellen: gewährt werden dürfen, auszugleichen.“ Einkaufspreis Pharmagroßhandel: Preisliste Zyo Pharma vom 13. März 2009; Einkaufspreis Apotheke: Großhändler-Preisliste vom Ein anderer Außendienstler erklärte: 16. Januar 2012; Abrechnungspreis gegenüber Krankenkasse: Hilfstaxe vom 15. März 2012 zuzüglich 79 Euro Zuschlag; Marge für den Apotheker: Eigene Berechnung aus Abrechnungspreis gegenüber Krankenkasse minus Einkaufspreis Apotheken, ohne Mehrwertsteuer „Die Beraterverträge sind im Grunde ge- 82 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Fällen nicht ausgeführt“,so der Pharma- referent gegenüber den Ermittlern. Die WKV habe praktisch nur als Provision für den Einkauf der Apotheke gedient. Wenn man Dr. Stahl mit diesen Fakten konfrontiert, listet er diverse Beratungs- leistungen auf, die er für Zyo erbracht habe. „Der monatliche Zeitaufwand lag im Bereich von 18-22 Stunden“, teilt er per Fax mit. Außerdem sagt Dr. Stahl, er habe „keinerlei Einfluss auf die Bestel- lungen und den Einkauf des Zytostatika liefernden Apothekers“ genommen. Auch Zyo-Chef Lampey versichert: „Dr. Stahl hat für uns sehr umfangreiche medizinische Ausarbeitungen“ und ande- res erstellt. „Die entsprechenden Ärzte wurden definitiv nicht für etwaige Ver- schreibungen belohnt“, so Lampey. STEINACH / IMAGO Was die Wohltaten für Ärzte angeht, stehen die verschiedenen Unternehmen allerdings in scharfer Konkurrenz. Auch Ribosepharm, die Krebssparte der Firma Apotheke in Berlin: Nebenwirkungen von Haarausfall bis Erbrechen Hikma, stellt eine Vielzahl von Chemo- therapeutika her. Ihr Firmenmotto lautet: tervertrag geschlossen. Jede sechste Zyto- Schließlich konnte Lampey seine Medi- „Das Menschenmögliche tun“. Apotheke in Deutschland hätte sich dem- kamente nur deshalb so günstig anbieten, Die Staatsanwaltschaft München hat ein nach auf Rabatt-Deals mit Zyo Pharma weil er selbst günstig eingekauft hat. Laut Ermittlungsverfahren gegen Ribosepharm- eingelassen – dabei gibt es mindestens der „vertraulichen“ Preisliste bezog er im Geschäftsführer Martin Stapf eröffnet, we- ein Dutzend ähnlicher Firmen. Bei den Jahr 2008 eine Flasche Calciumfolinat für gen des Verdachts der Bestechung von Krebsapothekern stellt sich nicht die Fra- 8,41 Euro – den Kassen wurden dafür Ärzten. Das Pikante an dem Fall: Die In- ge, ob es schwarze Schafe gibt. 431,90 Euro in Rechnung gestellt. Epirubi- formationen, die den Ermittlern vorliegen, Die Frage ist: Gibt es auch weiße? cin (200 Milligramm) bezog er für 80,00 kommen von einem Insider – einem ehe- Zyo-Chef Lampey beharrt auf Nach- Euro, die Kasse zahlte dafür 774,89 Euro. maligen Pharmareferenten von Ribose- frage darauf, dass es sich bei den Bera- Von solchen Margen können selbst pharm. Die 140 Seiten starke Anzeige, die terverträgen „nicht um Scheinverträge“ Drogenhändler nur träumen. von der AOK Niedersachsen bei der gehandelt habe, weil die Apotheker eine Doch was nützen einem Apotheker die Staatsanwaltschaft eingereicht wurde, lis- „Beratungsleistung erbracht“ hätten. Au- schönsten Preise, wenn er keinen Arzt tet unter anderem 25 Onkologie-Praxen ßerdem gebe es „definitiv keinen Zusam- hat, der ihn mit Rezepten versorgt? Ein in ganz Deutschland auf, denen das Un- menhang zwischen rabattierten Waren Krebspatient selbst hat keinen Einfluss ternehmen über eine zwischengeschaltete und Rückflüssen über Beraterverträge“. darauf, welche Apotheke sein Rezept er- Firma die Homepage finanziert haben soll. Schließlich habe das AVWG Rabatte für hält. Er bekommt es noch nicht einmal In einer E-Mail vom 12. November eine Chemotherapie-Zubereitung erlaubt, zu sehen, weil der Doktor alles für ihn 2008 teilt der Vertriebsleiter der Ribose- schreibt Lampey. Dies bestreitet Oliver regelt: Die Infusion wird direkt in die Pra- pharm, Michael K., der Geschäftsführung Ewald, Sprecher des Bundesgesundheits- xis geliefert und ihm dort verabreicht. mit, zwei Onkologen hätten sich „be- ministeriums, allerdings entschieden. Pharmafirmen ködern deshalb nicht schwert, dass wir die Praxis Homepage Einen Strafbefehl erhielt Lampey bis- nur Apotheker, sondern auch Onkologen einstellen möchten“. Die Firma müsse her nur für seine illegalen Importe von (Krebsärzte). Zyo Pharma etwa hat mit mit weiteren Beschwerden rechnen, „da Krebsmedikamenten. So soll er rund ihnen sogenannte Wissenschaftliche Ko- wir aufgrund der Budgetkürzungen wei- 8000 Packungen Gemzar günstig aus operationsvereinbarungen (WKV) ge- tere Homepages kündigen werden“. Ägypten bezogen haben. Mehr als hun- schlossen, die im Grunde wohl genauso Ribosepharm erfuhr erst durch eine dert Apotheker aus Deutschland order- funktionierten wie die Beraterverträge. Anfrage des SPIEGEL von dem Ermitt- ten die Ware. Wie lukrativ diese Verträge sind, zeigt lungsverfahren. Zu Details wollte sich die Das Amtsgericht Hamburg verhängte das Beispiel von Dr. Jörg Stahl, dem ehe- Firma nicht äußern. gegen Lampey wegen dieser Importe eine maligen Chefarzt der Krebsklinik Rein- Eines der beliebtesten Mittel, Ärzten Geldbuße über 480 000 Euro und eine hardshöhe, der jetzt eine Schwerpunkt- Gutes zu tun, sind sogenannte Anwen- Freiheitsstrafe von zwölf Monaten auf Be- praxis für Tumorpatienten betreibt. dungsbeobachtungen (AWB). Sie gelten währung. Der Unternehmer geht mit ei- Dr. Stahl schickte zwischen März 2004 vielfach als Scheinstudien, bei denen der ner Riege aus Top-Anwälten gegen den und Februar 2006 mehr als 20 Rechnungen Arzt für jeden Patienten, dem er ein be- Strafbefehl vor. So behauptet er, der an Zyo Pharma, in denen er „für meine Be- stimmtes Medikament verordnet, mehre- Ägypten-Import stelle keinen Verstoß ge- ratertätigkeit“ pro Monat jeweils zwischen re hundert Euro Honorar erhalten kann. gen das Arzneimittelrecht dar. Das Mi- 2672,64 Euro und 3489,28 Euro forderte. Im vergangenen Jahr deckte der SPIE- nisterium widerspricht dem aber. Der Zyo-Außendienstler, der Dr. Stahl GEL auf, wie die in Leipzig ansässige Fir- Nach jahrelangen Ermittlungen er- betreute, erklärt, dass aus seiner Sicht die ma Oncosachs Ärzte mit solchen Studien scheint Lampey derzeit als der Hauptböse- einzige Aufgabe des Arztes darin bestand, köderte. Oncosachs gehörte damals der wicht der Branche. Doch das zu glauben den Apotheker anzuhalten, seine Medi- Leipziger Apothekerfamilie Krasselt, wur- wäre naiv. Der eigentliche Skandal be- kamente bei Zyo zu ordern. Die Leistun- de inzwischen aber verkauft. steht darin, dass große Teile der Branche gen, die Dr. Stahl in seiner Rechnung Ein 56-jähriger Krebsarzt aus Berlin be- korrupt erscheinen. dann auflistet, „wurden in den meisten richtete, wie ihm eine Mitarbeiterin an- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 83
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    Wirtschaft MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL (L.); SILVIO BÜRGER / BILD ZEITUNG (R.) Oncosachs-Firmensitz, Razzia bei einer Apotheke in Leipzig: Krebsärzte sollen Geld für Scheinstudien und „Mietzuschüsse“ kassiert haben geboten habe, er könne für jeden Krebs- Umsatz das entspricht pro Praxis und Prä- Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat in- patienten 300, 600 oder auch 900 Euro parat. Bräuchte ich bis morgen.“ zwischen Anklage gegen das ehrenwerte extra kassieren, vorausgesetzt er bestelle In Thüringen erwarb ein Zyto-Apothe- Duo erhoben – auch in diesem Fall wegen die Medikamente künftig bei Oncosachs. ker gemeinsam mit einem Onkologen ein Bestechung und Bestechlichkeit im ge- Die Sondereinheit INES der sächsi- Ärztehaus für 2,3 Millionen Euro. Dabei schäftlichen Verkehr nach Paragraf 299. schen Justiz ermittelt wegen des Ver- verfügte der Arzt über gar kein Geld. Er Es ist eine juristische Grundsatzfrage, dachts der banden- und gewerbsmäßigen steckte sogar tief in den Schulden, als er und sie versetzt viele Pharmafirmen der- Bestechung und Bestechlichkeit – nicht die Immobilie erwarb. zeit in Nervosität. Denn der Große Senat nur gegen die Verantwortlichen von On- Für den Apotheker war das aber kein des Bundesgerichtshofs (BGH) will dem- cosachs, die die Vorwürfe stets bestritten Problem. Er schlug dem Arzt einen Deal nächst entscheiden, ob Ärzte als Amts- haben, sondern auch gegen 46 Krebs- vor: Der Doktor solle die Medikamente träger oder Beauftragte der Krankenkas- ärzte. Die Mediziner sollen bis 2008 vor ausschließlich bei ihm bestellen. Im Ge- sen agieren – und deshalb wegen Bestech- allem „Mietzuschüsse“ kassiert haben, genzug übernahm der Apotheker die lichkeit verurteilt werden können. seither soll das Geld mit Hilfe von AWBs Finanzierung der Kredite. Zum Zer- Der Jurist Oliver Pragal hatte diese An- geflossen sein. Ein Arzt soll von 2005 bis würfnis zwischen den beiden kam es of- sicht in seiner Doktorarbeit im Jahr 2005 2011 mehr als eine halbe Million Euro fenbar, als der Arzt für weitere Ver- vertreten. Es war zwar nur eine Doktor- Schmiergeld erhalten haben, wie der ordnungen 250 000 Euro jährlich forderte. arbeit, aber seither wird das Thema er- Dresdner Oberstaatsanwalt Wolfgang Daraufhin zeigte der Apotheker ihn an, bittert diskutiert. Pharmajuristen legen Klein mitteilt. Mit einer Anklage gegen weil er sich nicht an die Abmachungen dezidiert dar, warum der Arzt als Freibe- die Ärzte wird in den kommenden Wo- gehalten habe. rufler gar nicht bestechlich sein könne. chen gerechnet. Ribosepharm finanzierte ebenfalls Stu- dien, mit denen Ärzte Geld verdienen Sun Hospira Hospira konnten. Als Mittler beauftragte das Un- ternehmen die Firma rgb Onkologisches Calciumfolinat Epirubicin Oxaliplatin Management GmbH. Deren Geschäfts- 1000 mg 200 mg 100 mg führer schickte am 24. November 2008 eine Liste mit 34 onkologischen Praxen Einkaufspreis aus ganz Deutschland an Ribosepharm. Pharmagroßhandel k. A. 100,00 € 60,00 € Aus einer rgb-internen „Honorarliste“ Einkaufspreis vom 1. April 2009 ist ersichtlich, dass ein Apotheken 26,00 € 200,00 € 200,00 € Arzt für diese Studien bis zu 700 Euro „Ho- Abrechnungspreis norar“ pro Patient erhalten konnte, wenn gegenüber er ihm zum Beispiel Ribosepharm-Präpa- Krankenkasse 211,07 € 497,80 € 342,75 € rate verordnete. rgb-Chef Rainer Göttel Marge bestätigt die Zahlungen an Ärzte, betont für den Apotheker 185,07 € 297,80 € 142,75 € aber, dass es sich dabei um Honorar für seriöse epidemiologische Studien handle. Rund 350 Ärzte machen dabei mit, das sei jeder zweite Krebsarzt in Deutschland. Vertriebschef K. schickte die Liste der beteiligten Arztpraxen noch am selben Tag an eine Kollegin mit der Aufforde- rung: „Könntest du ausrechnen, wie viel 84 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Doch immer mehrGerichte haben sich die Einkaufspreise offenzulegen, kaum zuletzt Pragals Ansicht angeschlossen nachkommen. Als beliebteste Ausreden und Ärzte zumindest in erster Instanz bekommt er zu hören: „Urlaub der ver- wegen Bestechlichkeit verurteilt. Zum antwortlichen Person“, „allgemeine Über- Beispiel Hausärzte, die Schecks von Ra- lastung“, „Krankheit“, „laufende wichtige tiopharm erhielten, weil sie deren Präpa- Projekte“ und „andere Apothekenkolle- rate bevorzugten. gen wurden auch nicht gefragt“. In Mannheim hat die Staatsanwalt- Die Taktik ist klar: Wüssten die Kran- schaft drei weitere Pharmaunternehmer kenkassen über die hohen Rabatte der angeklagt, die ähnlich wie Lampey bun- Apotheker Bescheid, würden sie nicht 75 desweit Apotheken mit günstigen Import- Prozent erstatten, sondern nur noch 50, medikamenten beliefert haben sollen. 40 oder 20 Prozent der Listenpreise. Die drei sollen dabei seit 2005 in Deutsch- Experten der AOK gehen davon aus, land nicht zugelassene Medikamente aus dass sich allein bei den Chemo-Infusionen Argentinien bezogen haben. mindestens 200 Millionen Euro im Jahr Seine Anklage schließt der Mannhei- einsparen lassen. Die Versorgung der mer Staatsanwalt mit der Bemerkung, Krebspatienten könnte man damit einen ESPEN EICHHÖFER / OSTKREUZ dass „der vorliegende Ermittlungskom- großen Schritt nach vorn bringen, sagt plex ein beängstigendes Bild auf eine Viel- Wolf-Dieter Ludwig, einer der angese- zahl deutscher Apotheker wirft“. hensten Krebsärzte der Republik. Nicht immer geht es dabei nur um ille- Er kritisiert seit Jahren die Preise für gale Profite, manchmal geht es auch um neue Krebsmittel als „schlicht obszön“. den fahrlässigen Umgang mit dem Leben In Ludwigs Abteilung am Helios Klini- von Patienten. Erst vor wenigen Wochen Krebsarzt Ludwig kum Berlin-Buch werden jedes Jahr 3000 schlug die US-Gesundheitsbehörde FDA Geld einzusparen ist kein Selbstzweck Tumorpatienten behandelt. Seiner Beob- Alarm, weil das Krebspräparat Avastin, achtung nach fehlt es insbesondere in das die Schweizer Firma Hadicon aus ten. Am 1. März 2012 wurden die Erstat- ländlichen Gebieten an einer guten Zu- Ägypten bezogen hatte und das über Zwi- tungspreise auf 75 Prozent gesenkt. Hause-Versorgung von Patienten, denen schenhändler an 19 Krebsärzte in den Dafür haben die Kassen mit der Hilfs- im Krankenhaus nicht mehr geholfen wer- USA geliefert wurde, gefälscht war. Dem taxe aber eine andere Kröte geschluckt: den kann. „Das ist doch sehr inhuman, Avastin fehlte schlicht der Wirkstoff. Ha- Seither dürfen Zytostatika-Apotheker mit dass eines der reichsten Länder der Welt dicon-Geschäftsführer Klaus-Rainer Töd- den Pharmafirmen frei über die Preise die letzten Monate eines Krebspatienten ter beteuert auf Anfrage, selbst „Opfer verhandeln. Den Kassen wurde lediglich nicht mehr menschenwürdig organisiert.“ eines Betrugs geworden zu sein“, die das Recht eingeräumt, sich die Einkaufs- Ein Tumorpatient sollte am Ende des Avastin-Fälschung sei „mit unserer Hilfe belege der Apotheker zeigen zu lassen. Lebens eine Fachkraft haben, die täglich aufgedeckt“ worden. Das heißt: Die Rabatte sind jetzt legal. nach ihm schaue, beispielsweise ob er Die Hamburger Polizei interessierte Weil die Apotheker aber weiterhin ihre eine höhere Dosis Schmerzmittel braucht, sich bereits im Jahr 2010 für Hadicon, weil ausgehandelten Einkaufspreise verheim- ob er Sauerstoff benötige oder man Flüs- Lampey andere, nicht aber wirkstofffreie lichen wollen, bleiben offenbar vielfach sigkeit aus dem Rippenfell absaugen müs- Krebsmedikamente aus Ägypten über die alten Kickback-Modelle bestehen. se. Geld einzusparen sei im Gesundheits- diesen Importeur bezog. Diesbezügliche So liefert die Firma Axios Krebsmedi- wesen kein Selbstzweck, sagt Professor Fragen beantwortete Tödter nicht. Er ste- kamente zu einem hohen Preis an Apo- Ludwig. „Es kommt darauf an, die Mittel, he „nur den zuständigen Behörden für theken. Gleichzeitig schaltet Axios kleine die man hat, am wirkungsvollsten für die Auskünfte zur Verfügung“. Merkwürdig Werbekästchen, sogenannte Banner, auf Patienten einzusetzen.“ nur: Die Hamburger Polizei hat Tödter den Homepages der Apotheken, die dann Doch würden die Kassen eingesparte 2010 einen Katalog von acht Fragen ge- erstaunlich hoch honoriert werden. Ein Gelder tatsächlich in eine bessere Versor- schickt. Eine Antwort hat sie bis heute Apotheker räumt ein, dass seine Home- gung von Patienten investieren? Wohl nicht erhalten. Nachdem die Polizei die page am Tag zwar nur zehnmal angeklickt kaum. Wahrscheinlich ändert sich also erste Razzia bei Lampey durchgeführt werde, er dennoch von Axios mehr als gar nichts. Nicht mal nach dem Urteil des und die illegalen Importe ermittelt hatte, tausend Euro für Werbung pro Monat kas- BGH. Darauf deuten jedenfalls die Äu- schickte Tödter ein handschriftliches Fax siere. Seine Einschätzung: „Das ist wie ßerungen von Jens Spahn hin, er ist Spre- nach Hamburg: „Lieber Rolf, wie verein- früher: Es wird schlicht die Differenz zwi- cher der Arbeitsgruppe Gesundheit der bart versuchen wir derzeit Euch zu helfen, schen dem Listenpreis und dem echten CDU/CSU-Fraktion. die Ware weiter zu verkaufen. Bei Erfolg Preis ausbezahlt.“ Axios hingegen betont, Mitte Februar war Spahn zu Gast bei überweisen wir umgehend die erzielten mit den „Werbemaßnahmen keine wie den „1. Münsterischen Gesprächen zum Einnahmen. Gruß, Klaus.“ auch immer geartete Rabattgewährung Gesundheitsrecht“. Das Podium disku- Auch wenn die Krankenkassen die in- durchzuführen“, da die Bannerwerbung tierte besorgt, was wohl passiere, wenn ternen Preislisten nicht kennen, ahnen sie „ausschließlich dem Beratungs- und Infor- der BGH demnächst tatsächlich entschei- doch, dass sie bei den Krebsmedikamen- mationsbedürfnis der Apotheker und Pa- det, dass Ärzte wegen der Annahme von ten wohl seit Jahren übers Ohr gehauen tienten dient und keinen produktbezoge- Schmiergeld verurteilt werden können. werden. Im Sommer 2009 pochten sie des- nen Bezug besitzt“. Detaillierte Antwor- Der CDU-Politiker nahm den Medizinern halb darauf, dass die Preise reduziert wer- ten könne die Geschäftsleitung aber erst allerdings ihre Sorge. „Wir werden das den. Gemeinsam handelte damals der Mitte April nach ihrem Urlaub geben. rechtlich so klarstellen, dass ein solches Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- Unklar ist, ob die Kassen unwillig oder Urteil künftig anders aussehen müsste.“ kassen mit dem Deutschen Apothekerver- unfähig sind. Frank-Ullrich Schmidt, beim Auf die schützenden Hände der Politik band eine neue Preisliste aus. Diese „Hilfs- Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- können sich Ärzte und Apotheker also taxe“ legte fest, dass die Krankenkassen kassen für die Zytostatika verantwortlich, weiterhin verlassen. Den Krebspatienten bei generischen Chemotherapeutika nur schilderte auf einem Vortrag in Berlin, fehlt eine solche Lobby. noch 90 Prozent des Listenpreises erstat- dass die Apotheker seiner Aufforderung, MARKUS GRILL D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 85
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    Panorama Nach dem Sturz von Staatschef Amadou Toumani Touré durch das Militär und dem Vormarsch der Tuareg-Rebellen befürchten Experten, der Wüstenstaat Mali könne sich zum nächsten afrika- nischen „failed state“, zu einem zweiten Somalia entwickeln. Mali liegt inmitten eines Konfliktgürtels, der sich inzwi- schen südlich der Sahara vom Indischen Ozean bis zum Atlantik erstreckt: So- malia, Südsudan und auch Nigeria ge- hören dazu. Seit dem vergangenen Wo- chenende wird Malis Norden von Tua- reg-Rebellen kontrolliert, unterstützt von Stammesbrüdern, die zuvor im li- byschen Bürgerkrieg gekämpft haben. Im Süden herrschen die Putschisten der Tuareg- Armee. „Eine weitere Zuspitzung der Rebellen Lage ist wahrscheinlich“, sagt Charlotte Heyl, Mali-Expertin des Hamburger MALI Giga-Instituts, „vor allem wenn es kei- nen klar definierten Verhandlungspart- ner für die Rebellen gibt.“ Zudem ha- Zweites Somalia? FERHAT BOUDA ben die verschiedenen Rebellengruppen, die die Armee gemeinsam vertrieben hatten, ihre Kooperation offenbar auf- gekündigt. Nachdem die Tuareg von der Konfliktherde in den Sahel- MNLA (Nationale Bewegung zur Befrei- TUNESIEN Ländern und am Horn von Afrika ung des Azawad) in Timbuktu einmar- MAROKKO Operationsgebiet von „al-Qaida schiert waren, wurden sie tags darauf im Islamischen Maghreb“ (AQMI) von den Islamisten der Ansar al-Din ALGERIEN LIBYEN (Verteidiger des Glaubens) wieder ver- trieben. Die Ansar-al-Din-Anhänger, ebenfalls überwiegend Tuareg, sollen MAURETANIEN MALI enge Kontakte zu den Extremisten der Timbuktu Qaida im Maghreb unterhalten. Die lai- Gao NIGER TSCHAD zistische MNLA strebt nach mehr Au- SUDAN Bamako Mopti tonomie und will sich, eigenen Angaben zufolge, mit den erreichten Geländege- NIGERIA winnen zufriedengeben. Die Glaubens- krieger dagegen wollen die Scharia ein- SÜDSUDAN ÄTHIOPIEN führen und im Süden offenbar die Stadt 1000 km Mopti erobern. In Timbuktu verboten SOMALIA sie Frauen bereits, Hosen zu tragen. KENIA IRAN reicht habe. Experten benutzen diese lösung. Doch auch er beharrt auf dem Formulierung, wenn ein Land über Recht zur Anreicherung für zivile ausreichend niedrig angereichertes Zwecke: Im Gegenzug könne Teheran Fatale Wortwahl Uran verfügt, um zumindest einen Atomsprengkopf zu bauen. Seine An- ein „Maximum an Transparenz“ bie- ten. Bislang hatte Mussawian mit aus- Wird einer der international renom- lage zur Urananreicherung in Natans geprägtem Selbstbewusstsein die Inter- miertesten Vertreter der iranischen hatte Teheran aber erst in jenem Jahr essen Teherans vertreten, etwa als Führung zum Kronzeugen der Ankla- bei der Internationalen Atomenergie- langjähriger Botschafter in der Bundes- ge im Streit um Irans Nuklearpro- behörde in Wien angemeldet. Dem republik. Später war er Vize-Chef- gramm? Der langjährige Spitzendiplo- SPIEGEL sagte Mussawian, in seinem unterhändler in den Verhandlungen um mat Hossein Mussawian, 54, scheint ursprünglichen Text habe er „selbst das Nuklearprogramm und galt dabei nun den Beweis dafür zu liefern, dass nichts von breakout capability ge- als der eigentliche Strippenzieher. Un- Teheran schon vor Jahren genügend schrieben“. Unter dem Begriff verste- ter Mahmud Ahmadinedschad fiel er Uran angereichert und gehortet hat, he er zudem nur die grundsätzliche dann in Ungnade und fand Exil in den um eine Atombombe zu bauen. In ei- Fähigkeit zur Anreicherung, und die USA: Dort lehrt er nun an der Elite- nem Beitrag für eine US-Tageszeitung habe Iran damals durchaus besessen. Universität Princeton. Demnächst er- schreibt Mussawian, dass sein Land be- In seinem Artikel wirbt Mussawian scheint in Amerika sein Buch „Die ira- reits 2002 die „breakout capability“ er- vor allem für eine Verhandlungs- nische Nuklearkrise“. 86 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Ausland NORWEGEN G R O S S B R I TA N N I E N Eisiges Faustpfand Datenangriff 2.0 Während die Deutschen noch über die Vorratsdatenspeicherung streiten, plant die Regierung in London eine Verschärfung der britischen Regelung. Schon seit 2009 müssen Telekommuni- kationsunternehmen zwölf Monate lang speichern, wer mit wem, wann, wie lange und wo telefoniert hat. Sie halten auch fest, wer wem E-Mails schickt. In Zukunft aber sollen die Fir- men auch Informationen darüber sam- meln, was ihre Kunden in sozialen Netzwerken wie Facebook tun oder mit wem sie über Internettelefondiens- te wie Skype sprechen und welche STANISLAS FAUTRE / LE FIGARO / LAIF Websites sie besuchen. Polizei, Ge- heimdienste und andere staatliche Stellen sollen auf diese Verbindungs- daten ohne richterlichen Beschluss zu- greifen dürfen – sogar in Echtzeit. Wei- Fjord in Spitzbergen tere Details will Premier David Came- ron bei seiner Regierungserklärung Anfang Mai mitteilen. Doch schon Größe muss nicht der entscheidende schen Rat aufgenommen werden. An jetzt schlägt Cameron und seinem libe- Faktor im Machtspiel der Staaten sein. Norwegen als einem von acht Anrai- ralen Vize Nick Clegg heftige Kritik Den Beweis dafür tritt gerade Norwe- nerstaaten führt dabei kein Weg vor- entgegen, gerade aus den eigenen Rei- gen gegen die Supermacht China an. bei, auch Russland hat Bedenken. Au- hen. Die staatliche Datensammelwut Nach der Verleihung des Friedens- ßenminister Jonas Gahr Støre beteuert gehe weit über das hinaus, was einer nobelpreises an den Dissidenten Liu nun öffentlich, China sei willkommen zivilisierten Gesellschaft gebühre, Xiabao hatte Peking politische Kontak- im Rat, knüpft dies aber an einen Dia- sagte der konservative Abgeordnete te mit dem Fünf-Millionen-Volk ge- log. China hat wegen der großen Roh- David Davies. Aus Angst vor einem in- kappt. Oslo bedient sich nun eines eisi- stoffvorkommen und der verkürzten nerparteilichen Aufstand redet Clegg gen Faustpfands: Denn China will als Handelsroute über die Nord-Ost-Passa- bereits davon, über das geplante Ge- ständiger Beobachter in den Arkti- ge starkes Interesse an der Polarregion. setz lieber länger zu debattieren. E M I R AT E Stiftungen hätten, so die Begründung der Machthaber, keinen Rechtsstatus. Die Adenauer-Stiftung und Gallup Klimawandel am Golf können sogar auf eine persönliche Ein- ladung des Kronprinzen von Abu Dha- Mit Dialog und Zivilgesellschaft ist es bi, Scheich Mohammed, verweisen. wie mit Müllhalden: Schon gut, dass es Außerdem hatte Gallup sich als Bera- sie gibt – aber bitte beim Nachbarn, tungsfirma offiziell registriert. Beob- nicht im eigenen Haus. Die Vereinig- achter sehen in dem Vorgang daher ten Arabischen Emirate präsentieren eine konservative Wende. Offenbar sei sich gern weltoffen und loben die Re- einigen die Modernisierung zu schnell bellionen in Syrien, Ägypten, Tune- gegangen. Zu viele Ausländer, zu viele sien und Jemen. Doch nun ist ein Blogger, zu viele westliche Projekte Kurswechsel zu beobachten. In den und Universitäten. „Diese Fraktion Herrscherhäusern von Abu Dhabi und hat nach der Arabellion Oberwasser Dubai wurde die Parole „Keine Expe- bekommen und will nur noch ihre rimente, keine Toleranz mehr“ ausge- Herrschaft absichern“, sagt ein lang- geben. Trotz des Protestes von Angela jähriger Kenner. Kürzlich wurde der Merkel, Guido Westerwelle und Hilla- Ökonom und Sorbonne-Dozent Nas- ry Clinton bleiben die örtlichen Büros ser Bin Ghaith zusammen mit vier an- VINCENT THIAN / AP der Konrad-Adenauer-Stiftung, des deren Bloggern wegen Beleidigung National Democratic Institute und des des Staatschefs zu mehreren Jahren Umfrageinstituts Gallup endgültig ge- Haft verurteilt, wenn auch sofort be- schlossen, in einigen Fällen müssen gnadigt. Die Blogger hatten lediglich Mitarbeiter ausreisen. Die politischen Kronprinz Mohammed von Abu Dhabi mehr politische Teilhabe angemahnt. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 87
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    Ausland UKRAINE „Er will sie umbringen“ Deutschland drängt auf Freilassung von Julija Timoschenko – vorher dürfe es keine Annäherung zwischen der EU und Kiew geben. In Brüssel hat sich die Bundesregierung damit isoliert. Aber Staatschef Janukowitsch treibt tatsächlich ein böses Spiel. R uhe umgibt das Anwesen in der Timoschenko, nur 1,60 Meter groß, Bislang obsiegt die Empörung: Der Kiewer Turowskaja-Straße 13. Die aber selbst von Gegnern anerkennend als Ukrainer Janukowitsch ist isoliert wie ockerfarbene Villa mit angeschlos- „der einzige Mann in der ukrainischen kaum ein zweiter Staatschef auf dem senem Bürogebäude steht im alten Viertel Politik“ bezeichnet, lässt ihm keine Ruhe. Kontinent. „Jeder geht auf die andere Podol, nicht weit vom Ufer des Dnjepr Ihretwegen hat die EU das erste Assozi- Straßenseite, wenn er ihn kommen sieht“, entfernt. Es gibt keine Tafel, kein Na- ierungsabkommen mit der Ukraine auf sagt ein Brüsseler Politiker. Ein früherer mensschild, aber an jeder Hausecke Be- Eis gelegt, der Europarat fordert ihre Frei- Botschafter in Kiew ist davon überzeugt, obachtungskameras: Wachleute verfolgen lassung, auch die deutsche Bundesregie- dass sich „Julijas Fall wie eine Schlinge die kleinste Bewegung auf der Straße. rung setzt Janukowitsch unter Druck. Das um den Hals von Janukowitsch“ legt. Uliza Turowskaja 13 – das ist die Adres- ist das Lager der Empörten. Jener, die Sergej Wlassenko ist auch der Anwalt se der Partei Batkiwschtschina, zu meinen, Willkür und politische Verant- Julija Timoschenkos, erst am Tag zuvor Deutsch: Vaterland. Jener Partei, die vor wortungslosigkeit hätten im Lande Janu- war er bei ihr im Gefängnis. Der 45-Jäh- gut sieben Jahren in der Ukraine die Re- kowitschs ein unerträgliches Maß erreicht. rige ist nervös, es hält ihn keine fünf volution in Orange ausrief. Das andere Lager ist das der Realpoliti- Minuten auf seinem Stuhl. Seit Monaten So still das Hauptquartier in der Tu- ker. Zu ihm zählen jene, die davor warnen, lebt er im immer gleichen Wochenrhyth- rowskaja nach außen hin auch wirkt: Hin- den Umgang mit dem größten Flächen- mus: Montags, mittwochs und manchmal ter den Mauern herrscht Aufruhr, erst staat im Osten Europas an das Schicksal auch freitags steigt er morgens ins Flug- recht an diesem Tag. Aus Italien ist die einer einzigen Frau zu binden. Einer Frau, zeug nach Charkow, gegen sechs Uhr Nachricht eingetroffen, dass Arsen Awa- die zudem keine Dissidentin sei, sondern abends nimmt er die Maschine zurück. kow verhaftet worden ist, in der Klein- eher die weibliche Ausgabe Michail Cho- „Um halb elf bin ich bei Frau Timoschen- stadt Frosinone, nicht weit von Rom. dorkowskis: Auch sie kam früher auf dunk- ko“, erzählt Wlassenko. „Wir dürfen in Awakow war einst Gouverneur des ost- len Wegen zu viel Geld. ein kleines Zimmer gegenüber ihrer Zelle, ukrainischen Gebiets Charkow und dort Chef der Vaterlandspartei, jetzt wird er von der Ukraine über Interpol gesucht – wegen „Amtsmissbrauchs“. In der Parteizentrale tagt ein Sonder- stab, Sergej Wlassenko, Parlamentsabge- ordneter und der wichtigste Anwalt von Batkiwschtschina, muss bis zum Abend einen Rechtsbeistand finden, um Awa- kows Auslieferung zu verhindern. Es ist der neueste Schlag, zu dem der ukrainische Präsident ausgeholt hat, um Batkiwschtschina zum Verstummen zu bringen. Mehrere Ex-Minister der Partei sind bereits in Haft, andere ins ausländi- sche Exil geflohen. Doch Staatschef Wik- tor Janukowitsch gibt keine Ruhe. Die Opposition auszuschalten, jene Leute, die ihn mit ihrer Revolution in Orange 2004 daran gehindert hatten, bereits da- mals das Präsidentenamt zu überneh- men – das ist für ihn zur Obsession ge- worden. Aber hat er dieses Ziel eigentlich nicht schon erreicht? Selbst seine ärgste Feindin METODI POPOW / IMAGO ist bereits hinter Stacheldraht: Julija Ti- moschenko, 51, die frühere Ministerprä- sidentin und Vorsitzende der Vaterlands- partei, sitzt für sieben Jahre im Charko- wer Frauengefängnis. Auch sie verurteilt wegen „Amtsmissbrauchs“. Politiker Janukowitsch, Merkel: War die Zusage nichts wert? 88 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    AFP Angeklagte Timoschenko mitTochter Jewgenija vor Gericht im Oktober 2011: „Sie wird sich nicht aus diesem Land absetzen“ in dem ein eisernes Bett und ein Stuhl ste- „Sie hat genügend Informationen, dass nicht zurück in die Haftanstalt, sondern hen, weiter nichts. Sie liegt auf jenem Bett, das möglich wäre“, wiederholt ihr An- forderten plötzlich mein Juristendiplom stehen kann sie wegen eines Bandschei- walt, „und deswegen verweigert sie jeg- im Original.“ Er zieht sein iPhone hervor, benvorfalls nicht, ich sitze ihr gegenüber.“ liche Behandlung im Gefängnis.“ Man er hat die Szene per Video festgehalten. Es folgen zweieinhalb Stunden Aktenstu- habe ja 2004 bereits ihren damaligen Ver- Ja, sagt Wlassenko dann noch, seine dium, Mittagspause, und noch einmal drei bündeten, den späteren Präsidenten Wik- Mandantin wolle in die Berliner Charité, Stunden bis nachmittags um fünf. tor Juschtschenko, zu vergiften versucht. aber sie werde sich nicht „aus diesem Meist dreht sich das Gespräch um das „Timoschenko ist seit ihrer Einlieferung Land absetzen“, also nicht um Asyl bitten. nächste Verfahren, das der Generalstaats- im November nicht behandelt worden, Lange hatten deutsche wie westeuro- anwalt am 19. April gegen Timoschenko ihr Rückenleiden hat sich verschlimmert, päische Politiker geglaubt, die stolze Ju- eröffnen will: Es geht um Steuerhinter- eine Heilung wird immer schwieriger.“ lija Timoschenko habe ihre Verhaftung ziehung und Veruntreuung staatlicher Wlassenko klopft auf die Akte, die vor und den darauffolgenden Prozess als PR- Gelder in ihrer Zeit als Chefin des Kon- ihm liegt: Es ist das Gutachten des Berli- Veranstaltung genossen – weil sie sich vor zerns „Vereinigte Energiesysteme“. Das ner Charité-Chefs, Professor Karl Max Gericht als ukrainische Jeanne d’Arc prä- war in den neunziger Jahren. Einhäupl, der Timoschenko an einem sentieren konnte. Sie hatten auch ge- Die Akten, 72 Bände, sind fertig. Be- Abend im Februar fünf Stunden lang un- glaubt, dass Janukowitsch nur der Ge- obachter nehmen an, dass das Urteil ge- tersuchen konnte. Eine „sofortige statio- triebene jener Oligarchen sei, die die Ex- nau dann gesprochen wird, wenn das Kas- näre Behandlung“ sei notwendig, steht Premierin bis aufs Blut hassen – weil sie sationsgericht endgültig über das erste in dem zwölfseitigen Papier. ihnen in den vergangenen Jahren man- Verfahren entscheidet. In dem wurde der Dass die Kiewer Gefängnisbehörde Ein- ches Filetstück abgenommen habe. Ex-Regierungschefin „Amtsmissbrauch“ lenken signalisiert habe, wie ukrainische Inzwischen sieht es eher umgekehrt aus. beim Abschluss des ukrainisch-russischen Medien berichten, „ist Unfug“, sagt Wlas- Timoschenko, sagt ein Diplomat in Kiew, Gasvertrags im Januar 2009 vorgeworfen. senko. Der stellvertretende Generalstaats- habe den Ernst ihrer Lage begriffen. Janu- Das wäre Mitte Mai der Fall. Die Zeitpla- anwalt sei erst vorige Woche durch kowitsch aber handele auf eigene Faust, er nung ist so angelegt, dass Timoschenko Europa getourt und habe dort verbreitet, wolle seine ärgste Konkurrentin ausschal- auf keinen Fall das Gefängnis verlässt. Timoschenko sei gar nicht krank. „Sie ten. Seine eigenen und die Popularitätswer- „Janukowitsch will Timoschenko um- nennen Schwarz Weiß und Weiß te seiner Partei sind nach zwei Jahren Prä- bringen“, sagt Wlassenko. Schwarz“, sagt der Anwalt, „sie behin- sidentschaft dramatisch abgerutscht, nur Kann man eine Frau umbringen, die der dern ja auch mich, wo sie können: Neu- noch 13 Prozent Zustimmung gab ihm Westen derzeit nicht aus den Augen lässt? lich ließen sie mich nach der Mittagspause jüngst eine Umfrage. Janukowitsch, ein D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 89
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    Ausland Mann, der injungen Jahren wegen Raubes reisen darf. Es könnte ein neuer Trick des zuweisen, räumt Bogoslowskaja ein, dazu und Körperverletzung im Gefängnis saß ukrainischen Staatschefs sein, den Fall gehöre ein Vorsatz. Aber Timoschenko und nie durch besondere Klugheit aufge- scheinbar zu entschärfen – nur um sich habe ohne Wissen der Regierung gehandelt. fallen ist, kann keine Erfolge vorweisen. Er über die bevorstehende Fußball-Europa- Dann zieht sie Papier um Papier aus hat die Schulden der Ukraine gefährlich meisterschaft zu retten. einer Mappe, um Brisanteres zu erzählen: angehäuft, im Umgang mit Russland nicht „Sie glauben doch nicht, dass wir jetzt dass Timoschenko in ihrer Zeit als Ge- den richtigen Weg gefunden und Investoren einfach unsere Gesetze ändern, um Ti- schäftsfrau Schulden beim russischen verschreckt. Janukowitsch fahre die Ukrai- moschenko freizulassen“, entrüstet sich Verteidigungsministerium angehäuft und ne „an die Wand“, sagt ein westlicher Be- Inna Bogoslowskaja – „dann stünden wir diese später auf den ukrainischen Staat rater von Ex-Präsident Juschtschenko. erst recht im Ruf einer Bananenrepublik.“ übertragen habe. Dass sie von Moskau Er hat auch im Fall Timoschenko nie Die Juristin Bogoslowskaja ist die spie- abhängig war und von Wladimir Putin eine gute Figur gemacht, er hat sich immer gelverkehrte Julija Timoschenko. Sie ist im nächtlichen Vieraugengespräch zu weiter in ihm verheddert, mit Tricks, mit ebenfalls 51 Jahre alt, genauso attraktiv dem Gas-Deal gezwungen wurde. Im Ge- Unaufrichtigkeit, mit Lügen. Viele haben und ebenso brünett wie die frühere Pre- richtsurteil steht nichts davon. inzwischen ihre Erfahrungen mit Januko- mierministerin, bevor die ihr Haar zu Dass Timoschenko in den neunziger witsch und dessen Apparat. färben begann. Politisch jedoch steht sie Jahren Agentin des russischen Geheim- Charité-Professor Karl Max dienstes gewesen sei, sagt Bo- Einhäupl ist ein freundlicher, goslowskaja nicht direkt. Aber aber zurückhaltender Mann, der es gilt in der Janukowitsch-Par- die ärztliche Schweigepflicht tei als gesetzt. „Wenn wir dieser sehr ernst nimmt. Doch auch er Frau verzeihen, dass sie Milliar- erinnert sich nur ungern daran, denverluste angehäuft hat – wo wie er sich in Charkow und kämen wir da hin? Sie ist eine Kiew stundenlang mit General- Verbrecherin“, befindet ihre Ge- staatsanwaltschaft und Gefäng- genspielerin. Und schiebt eine nisverwaltung herumschlagen erpresserische Botschaft nach: musste, bevor er seine Patientin „Wollen Sie, dass wir wieder überhaupt zu Gesicht bekam. Richtung Moskau driften, wol- Ingo Lange wiederum, Leiter len Sie ein neues russisches Im- der Adenauer-Stiftung in Kiew, perium?“ Die EU müsse ent- war Zeuge, als Janukowitsch scheiden, ob sie ihre Beziehun- dem Chef der christdemokrati- gen zur Ukraine weiter mit dem schen Volkspartei im Europäi- Schicksal Timoschenkos ver- schen Parlament versprach, sei- knüpfe. ne Parlamentsfraktion werde „Alle in der Ukraine wissen, Artikel 365 des Strafgesetzbu- welches Spiel mit Timoschenko ches ändern – was er gegenüber getrieben wird“, sagt der Chef- Angela Merkel wiederholte. Mit redakteur einer Kiewer Zeitung. diesem schwammigen Paragra- Der bauernschlaue Janukowitsch fen wird die „Kompetenzüber- wolle die Vorteile einer Zusam- schreitung“ von Politikern kri- menarbeit mit Europa, gleichzei- minalisiert. Er diente dazu, Ti- tig privatisiere er das Land. Er moschenko wegen des für die allein entscheide, wer wofür ver- Ukraine unvorteilhaften Gas- urteilt und wer begnadigt werde, vertrags mit Russland ins Ge- sein ältester Sohn Alexander, ein fängnis zu bringen – obwohl der Banker, regele die wichtigsten Regierungschefin während der Kaderfragen. Janukowitsch pfei- Gaskrise im Winter 2009 gar kei- fe im Notfall auf Europa, ihm ne Wahl geblieben war. Die Zu- gehe es nur noch um die Macht. REUTERS sage des Staatschefs gegenüber Timoschenko ist ihm in Kiew so Merkel war nichts wert, seine lästig wie in Berlin. Partei lehnte die Änderung des Skateboarder in Kiew: Ein neues russisches Imperium? Man mag zur Ex-Regierungs- Artikels Mitte November ab. chefin stehen, wie man will, Alles müsse nach Recht und Gesetz ge- auf der anderen Seite der Barrikade. und es mag unglücklich sein, dass ihr Fall regelt werden, betont Janukowitsch fort- Bogoslowskaja leitete jene Parlaments- zum Dreh- und Angelpunkt der west- während. In Berliner Regierungskreisen kommission, welche die Umstände des lichen Ukraine-Politik geworden ist. Wäre erinnert man sich jedoch mit Befremden von Timoschenko geschlossenen Gas- es nicht so, wäre jedoch ein anderer Stol- an seine Bemerkung, Frau Timoschenko abkommens prüfte. Und sie ist die Stim- perstein aufgetaucht. brauche nur 300 Millionen Dollar hinzu- me der Janukowitsch-Partei, wenn diese Setzen sich die Befürworter einer EU- blättern, dann käme sie wieder frei. Gerüchte über Timoschenko lancieren Assoziierung durch – und sie sind derzeit Janukowitschs Unzuverlässigkeit ist der will. Zu treffen ist sie in einem Büro in der Mehrheit, bekäme die Ukraine Grund dafür, dass im Kanzleramt Skepsis gleich hinter dem Präsidentenpalast. einen Status wie die Schweiz. Dann sieht herrscht. Auch nach jener Lösung, die Der Vertrag mit Russland, unterschrie- selbst der weißrussische Diktator Luka- Merkels außenpolitischer Berater Chris- ben für zehn Jahre, sei diskriminierend, schenko keine Notwendigkeit mehr, sein toph Heusgen mit Sergej Ljowotschkin, sagt sie: „Wir zahlen Moskau jetzt monat- Land zu demokratisieren. Deswegen dem Leiter der Kiewer Präsidialadmini- lich 1,2 Milliarden Dollar fürs Gas, während verwundert es, dass allein die Deutschen stration, ausgehandelt hat: dass Frau Ti- es früher 400 Millionen waren.“ Darin sehe im Fall Timoschenko hart bleiben wol- moschenko „aus humanitären Gründen“ sie Anzeichen eines Staatsverrats – nur sei len. zur Behandlung nach Deutschland aus- die Tatsache des Staatsverrats schwer nach- CHRISTIAN NEEF 90 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Kandidat Sarkozy MOUSSE / ABACA der Yacht seines Freundes Vincent Bolloré FRANKREICH in maltesischen Gewässern ruinierte. Nach Paris zurückzufliegen, im Flug- Die Sehnsucht zu gefallen zeug des Präsidenten der Republik, ist weder eine Ehre noch eine Auszeichnung. Es ist etwas, das verhandelt werden muss, in SMS und vertraulichen Gesprächen mit Über den Wahlkämpfer Nicolas Sarkozy seinem Presseberater Franck Louvrier. Von Philippe Ridet „Heute nicht“, „ich versuche es, aber eher morgen“, „ich glaube, es klappt eher nicht, ich sage dir später Bescheid“. Lou- Der „Le Monde“-Journalist Philippe Ridet nicht gut, und man kann das jetzt lang- vrier verspricht wenig. Letztendlich ist begleitete 2007 den damaligen Kandidaten sam sehen. François Hollande ist eine es Sarkozy, der entscheidet: „Wenn du Nicolas Sarkozy über Wochen im Präsident- Null! Eine Null, verstehst du? Man kann willst, nehmen wir dich mit.“ Ich habe schaftswahlkampf und schrieb anschlie- über Ségolène Royal sagen, was man will, noch nie einen Journalisten gesehen, der ßend darüber ein vielbeachtetes Buch. In- aber sie hatte Charisma. Du behältst das die Einladung ausgeschlagen hat. Wäh- zwischen berichtet Ridet, 56, für „Le Monde“ natürlich für dich.“ rend wir uns immer weiter vom Mittel- aus Italien, kehrte aber für die aktuelle Dann setzt er seine Ortsbesichtigung meer entfernen, setzt sich Sarkozy zu mir. Kampagne nach Frankreich zurück und be- in dieser dunklen Halle, die nach Staub, Nachdem ich vier Jahre in seiner direkten obachtete Sarkozy erneut. Der Präsident alten Decken und Holzkisten riecht, fort. Umgebung nicht mehr präsent war, be- offenbarte Ridet in Hintergrundgesprächen 30 Minuten später, nach einer Diskus- komme ich eine Privatlektion. Er nimmt seine Sicht der Dinge, ließ dessen Darstel- sion mit Vertretern der Algerien-Heim- sich eine Stunde Zeit, damit ich alles ver- lung nach Erscheinen des Artikels in Frank- kehrer anlässlich des 50. Jahrestags der stehe: seine Gewissheit zu siegen in „die- reich in Teilen aber dementieren. Unabhängigkeit, steigen wir wieder in ser Wahl, die die überraschendste seit den Bus, der uns zur Promenade des Jahrzehnten sein wird“, vor allem aber B ei allen Wahlkämpfen, die ich be- Anglais in Nizza bringen soll, wo Sarko- will er mich davon überzeugen, dass er gleitete, habe ich zwei unverzicht- zy die Rede des Tages halten wird. ein anderer geworden ist. bare Dinge für den Beruf des poli- Schnell Notizen machen, bevor sich alles Und das stimmt vielleicht sogar, zumin- tischen Berichterstatters gelernt: Erstens, verwischt. dest hat es den Anschein. Fünf Jahre an man sollte sich in den Bussen, die uns Es ist schönes Wetter in Nizza, in die- der Macht, drei Krisen, einige Erfolge und von einem Termin zum anderen fahren, sem Departement Alpes-Maritimes, das ein noch immer anhaltendes Missver- nicht auf die Sitze über den Rädern set- ihn 2007 mit dem höchsten Stimmen- ständnis mit den Franzosen haben ihn zen. Zweitens, es kann, es darf kein so- anteil gewählt hat. Für Nicolas Sarkozy, wie Leder gegerbt und Spuren hinterlas- genanntes Off-Gespräch, kein vereinbar- dem die Umfragen gerade das Leben sen. Er hat jetzt nicht mehr das Gesicht tes Stillschweigen mit Sarkozy geben. schwermachen, kommt eine Reise nach des idealen Schwiegersohns aus Neuilly. Berücksichtigt man beides, ist man ge- Nizza, zwei Tage vor der ersten großen Das graumelierte Haar trägt er ein wenig wappnet. Und so hatte ich, als er mich Wahlkampfveranstaltung in Villepinte länger. Seine leicht erschlaffenden Ge- an jenem Freitag, dem 9. März, an die (Region Ile-de-France), einem Lourdes- sichtszüge haben den verzerrten Aus- Hand nahm und mich in eine Ecke des Besuch für einen Gelähmten gleich. druck der Verachtung und die Anspan- Umzugsunternehmens Démépool zog – Es ist nicht sicher, ob es funktioniert, nung, die Franzosen erobern zu müssen, wo die Sarkozy-Tour 2012 ein paar Stun- aber man muss es versuchen – auch hier verschwinden lassen. Er scheint nicht den Halt machte –, meine Geschichte. an dieser Strandpromenade, wo die Fer- mehr vom Versagen bedroht, sein Sieg Abseits der Truppe seiner Begleiter de- raris flitzen, als wollten sie ihm seine 2007 hat alte Rechnungen beglichen. Die monstriert Sarkozy Siegesgewissheit. Er „bling-bling“-Jahre vorwerfen, diesen Herausforderungen sind seltener gewor- duzt mich kategorisch: „Ich werde gewin- Wahlsieg, den er mit einem Abend im den. Er hat das Spiel gegen seine Brüder nen, und ich sage dir auch, warum. Er ist Fouquet’s und drei Tagen Kreuzfahrt auf endgültig für sich entschieden, er hat sei- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 91
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    Ausland ne Mutter verblüfft,die ihm stets die dung auf France 2 mitgeteilt und seine beiden älteren vorzog, und er hat seinen späte Zerknirschung zur Schau getragen Mentor Edouard Balladur gerächt (der wegen des Abends im Fouquet’s , des an- bei den Präsidentschaftswahlen 1995 schließenden Ausflugs auf der Yacht, we- Jacques Chirac unterlag –Red.). Er hat gen seines „Verpiss dich, du Arschloch“- eine neue Frau erobert. Zum ersten Mal Ausrasters (mit dem er auf der Pariser in seiner mehr als 30-jährigen politischen Landwirtschaftsmesse einen Besucher be- Karriere muss er sich nichts mehr bewei- dachte –Red.) und wegen des Versuchs, sen. Das scheint ihn zu erleichtern. seinen Sohn Jean an der Spitze eines Er spricht von sich, wie er es schon im- Staatsunternehmens zu platzieren. mer getan hat, aber er redet nun weniger „Ich habe mich geändert“, will er mich schlecht über die anderen. Er fegt die überzeugen. Der Mann, der fünf Jahre Fragen zu (seinen parteiinternen Kriti- zuvor auf dem Rückflug von der Insel La kern –Red.) Dominique de Villepin und Réunion sagte, er wolle „Präsident sein“ Jean-Louis Borloo vom Tisch. Aber er ist und „Kohle machen“, und der keine Kom- bereit, über die Wahlen zu sprechen: plexe hatte, dies zuzugeben, vertieft sich „Diese Kampagne ist wie ein dahin- nun in die Lektüre und den Genuss der treibendes Boot. Sie verliert sich in alle Filmklassiker. Richtungen. Aber ihr, die Beobachter, ihr „150 Filme pro Jahr!“, posaunt er her- lebt noch in einem anderen Jahrhundert. aus. Der Regisseur Martin Scorsese, „der Ihr werdet euch ein weiteres Mal irren.“ bei uns zu Hause zum Abendessen war“, So ist er eben. Er muss nicht nur seine hat ihm 100 DVDs geschickt. Er zählt de Gegner bezwingen, sondern auch noch Sica, Visconti und Buñuel auf. „Wenn du die Prognosen widerlegen. fernsiehst“, fährt er fort, „dann wachst du Schon 2007 sagte er, dass alle Medien, am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen „sogar TF1“ (größter französischer Pri- auf. Ein guter Film aber macht dir gute Lau- vatsender, der seinem Freund, dem Bau- ne.“ Ich erinnere mich an die Zeiten, als er unternehmer Martin Bouygues, gehört ständig betonte, ein Politiker, der nicht fern- –Red.), gegen ihn seien. Aber dieses sehe, „kann die Franzosen nicht kennen“. Mal geht es um seine Niederlage, und er 1995 hatte Jacques Chirac etwas Ähn- selbst spricht bereitwillig über einen mög- liches wie Sarkozy mit Erfolg versucht. lichen Rückzug aus der Politik: „Ich sage Es hieß damals, Chirac höre nur Militär- das nicht nur so, zur Show. Oder siehst musik und lese Krimis. Und auf einmal du mich etwa als Generalsekretär der interessierte er sich für den indigenen Stamm der Taíno, für japanische Haikus, die Kunst der Naturvölker und Zitate des Er scheint nicht mehr Philosophen Jean Guitton. Das Bild der vom Versagen bedroht. Medien von Jacques Chirac änderte sich, innerhalb von drei Monaten war aus ihm Sein Sieg hat alte ein geheimnisvoller „Weiser“ geworden, Rechnungen beglichen. unergründlich und deshalb interessant. Dieselbe Operation ist jetzt in Gang: Sarkozy muss Sarkozy vergessen machen. UMP (Sarkozys konservative Partei, die Im Moment hat er gerade, so sagt er, „Union pour un mouvement populaire“ seine Stefan-Zweig-Phase, er liest den Au- –Red.)? Ich möchte nicht, dass es Zweifel tor von „Rausch der Verwandlung“ und an meinem Einsatz gibt. Ich stehe mit begeistert sich wie ein Teenager für die dem Rücken zur Wand. Wenn man nicht Lektüre der „Verwirrung der Gefühle“. bereit ist, etwas aufzugeben, dann ge- „Die unmögliche Sehnsucht zu gefal- winnt man nichts.“ Aber was bedeutet len“, kommentiert er anschließend, mit das für den Fall der Niederlage? Er will träumerischem Blick, es ist derselbe darauf nicht antworten – „sonst schreibst Mann, der sich früher lieber aufgehängt du es noch“ –, aber er lässt die Sehnsucht hätte als zuzugeben, dass er frustriert sei. nach einem anderen Leben erkennen: Und während er seinen Hummersalat „Ich würde Giulia gerne zur Schule brin- mit Jakobsmuscheln herunterschlingt, gen. Das ist gleich bei uns nebenan. Wenn sagt er noch: „Wenn man älter wird, muss ich da vorbeikomme und die Familien- man besser werden, das ist die einzige väter sehe, die auf ihre Kinder warten, Art und Weise zu akzeptieren, dass die dann sage ich mir: ,Schau, das sind deine Zeit vergeht.“ zukünftigen Freunde.‘“ Das ist wohl die Aus dem Flugzeug ausgestiegen, schrei- größte List des Storytelling in Wahl- be ich in mein Notizbuch: „Ich habe vor kampfzeiten: Der Ehrgeizige von gestern, fünf Jahren einen präpubertären Jugend- der „jeden Morgen beim Rasieren“ an lichen verlassen, nun finde ich einen jun- die Präsidentschaft dachte, soll innerhalb gen Mann wieder.“ Das sagt er im Übri- von fünf Jahren zu einem Mann gewor- gen selbst von sich: „Ich bin 25 Jahre alt!“ den sein, der nicht mehr mit derselben Man muss ihm das natürlich nicht glau- Leidenschaft an die Macht strebt. ben, obwohl man bei Sarkozy nie aus- „Ich bereue“ – hat er ein paar Tage zu- schließen darf, dass es ernst gemeint sein vor den Zuschauern während einer Sen- könnte. 92 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Venizelos: Das Landbraucht jemanden mit Erfahrung und Entschlossenheit, um schwierige Entscheidungen zu treffen. Es geht ja neben all den Milliarden auch darum, dass Griechenland seinen Ruf wiederherstellt. SPIEGEL: Die vergangenen Monate haben vor allem kleineren Parteien Zulauf ver- schafft, die gegen den Kreditvertrag sind. Wird Griechenland dann für Sie nicht un- NIKOS CHRISIKAKIS / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL regierbar? Venizelos: Die Wähler werden entscheiden. Das Land braucht eine verantwortungs- volle Regierung. Wir müssen ja nicht nur die Beschlüsse unserer Partner umsetzen, sondern eine eigene Agenda für den Um- bau unseres Landes entwickeln. SPIEGEL: Heute ist Griechenland vor allem ein Symbol für den Niedergang. Venizelos: Ja, und das müssen wir schnell ändern. Ich will, dass meine Heimat wie- Sozialistenführer Venizelos: „ Ich will, dass meine Heimat wieder für Hoffnung steht“ der für Hoffnung, Glaubwürdigkeit und Professionalität steht. SPIEGEL: Macht Sie der schlechte Ruf Ihres GRIECHENLAND Landes traurig? Venizelos: Natürlich. Wir sind aber nicht „Das Spiel ist nicht vorbei“ der größte Krisenherd. SPIEGEL: Wie bitte? Venizelos: Griechenland ist ein mittelgro- ßer Staat in Europa, unsere Schulden ma- Pasok-Chef Evangelos Venizelos, 55, verwahrt sich gegen den chen nur 2,5 Prozent der Verbindlichkei- Eindruck, sein Land sei reformunfähig. Er lobt Wolfgang ten aller Mitglieder der Euro-Zone aus. SPIEGEL: Das sieht der deutsche Finanz- Schäuble und erklärt, wie Berlin an Athens Schuldenkrise verdient. minister Wolfgang Schäuble wahrschein- lich anders. Kein Land hat ihn in den ver- SPIEGEL: Herr Venizelos, als Sie im ver- Sozialisten, aber die Partei ist nicht mein gangenen zwei Jahren so beschäftigt wie gangenen Jahr vom Verteidigungs- zum Eigentum. Griechenland. Finanzminister wurden, haben Sie gesagt: SPIEGEL: Was ist Ihr Plan für Griechenland? Venizelos: Wolfgang Schäuble ist in diesen „Jetzt ziehe ich in den wahren Krieg.“ Ist Wo soll Ihr Land in zehn Jahren stehen? Monaten ein Freund von mir geworden. dieser Krieg nun vorbei? Venizelos: Ich will, dass mein Land wieder Wir wollen beide unsere Länder schützen Venizelos: Nein, das zweite Rettungspaket allein über sein Schicksal bestimmen – und das hat naturgemäß zu unterschied- für unser Land ist verabschiedet und der kann – und wir nicht mehr von anderen lichen Prioritäten geführt. Entsprechend Schuldenschnitt geglückt. Das ist nicht finanziell abhängig sind. Dafür müssen unterscheiden sich unsere Ansichten. nur das Ergebnis meiner persönlichen An- wir die Regeln unseres gesamten Staates SPIEGEL: Schäuble hat vorgeschlagen, die strengungen, sondern eine Leistung aller und der Gesellschaft verändern. Das Wahlen in Griechenland zu verschieben. meiner Kollegen in der Euro-Zone, der Projekt ist sehr ambitioniert: Wir müssen Venizelos: Jeder in der EU respektiert die Vertreter der Europäischen Zentralbank Opfer bringen, dürfen aber auch nicht in Souveränität der Staaten, die Organisa- und des Internationalen Währungsfonds. Hoffnungslosigkeit verfallen. Der erste tion von Wahlen ist eine Frage der natio- Der Rahmen ist nun sicherer, aber das Schritt sind die Neuwahlen, die hoffent- nalen Politik. Da braucht es keinen Druck Spiel ist längst nicht vorbei. Vor uns liegt lich im Mai stattfinden werden. von außen. Die große Mehrheit der Grie- ein langer und schwieriger Weg. SPIEGEL: Den etablierten Parteien droht chen akzeptiert die Notwendigkeit zu SPIEGEL: Sie sind seit Jahrzehnten in der dabei ein Desaster. Bei den letzten Wah- Reformen und will, dass unser Land in Politik aktiv und haben sich gerade zum len im Oktober 2009 vereinigten Sozia- der Euro-Zone bleibt. Chef der Sozialisten wählen lassen. Nun listen und Konservative noch fast 90 Pro- SPIEGEL: Sind die Deutschen bei der Ret- wollen Sie der Ministerpräsident werden, zent der Stimmen auf sich. Nach aktuel- tung Griechenlands zu hart vorgegangen? der den Neustart Griechenlands verkör- len Umfragen kommen sie gemeinsam Venizelos: Es sollte immer allen Beteiligten pert. Ist das glaubwürdig? gerade noch auf knapp 40 Prozent. Ist die klar sein, dass wir zwar über Zahlen und Venizelos: Ich bin erst seit 18 Jahren im Zweiparteienherrschaft der vergangenen Reformen verhandeln, dahinter aber im- griechischen Parlament. Der Kandidat vier Jahrzehnte zu Ende? mer Menschen stehen, über deren Schick- der Konservativen, mein Rivale Antonis Venizelos: Wir Sozialisten haben noch vier sal entschieden wird. Samaras, sitzt bereits seit Ende der sieb- Wochen Zeit, um den Leuten klarzu- SPIEGEL: Sie waren neun Monate lang ziger Jahre im Parlament. machen, dass nur wir einen umfassenden Finanzminister. Wie haben Sie es emp- SPIEGEL: Die Familie des ehemaligen Pre- Vorschlag haben, wie das Land zur Nor- funden, als Bittsteller nach Brüssel zu mierministers Georgios Papandreou hat malität zurückkehren kann. reisen? Ihre Partei Pasok über Jahrzehnte domi- SPIEGEL: Bis jetzt sieht es so aus, als woll- Venizelos: Zwischen meinem ersten Tref- niert. Wird die sogenannte Papandreou- ten die Griechen weder von Ihnen noch fen mit den europäischen Kollegen im Partei jetzt zur Venizelos-Versammlung? von Herrn Samaras gerettet werden. Die Juni 2011 und dem letzten Treffen im Venizelos: Nein, ich gehöre keiner poli- Zustimmung zu den Hilfspaketen hat vor vergangenen Monat lag ein sehr langer, tischen Dynastie an. Ich bin Chef der allem Sie viele Sympathien gekostet. schmerzvoller Weg: Zunächst ging es dar- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 93
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    Ausland um, überhaupt dieGlaubwürdigkeit des lange die notwendige Unterstützung be- SPIEGEL: Sind die Forderungen der Troika Landes wiederherzustellen. Beim letzten kommen, bis wir wieder an privates Geld zu ambitioniert? Mal war es viel leichter, weil ja die Um- kommen. Venizelos: Ich bin Mitglied einer sozialis- schuldung unter Dach und Fach war. SPIEGEL: Warum tut sich Griechenland mit tischen Partei, aber in den meisten Län- SPIEGEL: Trotzdem findet man in Deutsch- der Umsetzung der von der Troika gefor- dern Europas gibt es konservative Regie- land fast niemanden, der glaubt, dass derten Reformen so schwer? rungen. Deren Auflagen muss ich ak- Griechenland jetzt gerettet ist. Venizelos: Wir hatten zu wenig Zeit. In den zeptieren – zumal Griechenland auch Venizelos: Ich respektiere die öffentliche vergangenen zwei Jahren war viel zu tun. Fehler gemacht hat. Klar ist aber auch: Meinung in Deutschland, aber für mich Überall gab es nur schlechte Nachrichten, Wenn wir einige Elemente des zweiten ist der Bericht der Troika entscheidend. Ausgaben, Löhne und Gehälter wurden Hilfspakets wie den Schuldenschnitt und Der beinhaltet nun deutlich realistischere gekürzt, Steuern erhöht. Da fällt es schwer, die niedrigeren Zinskosten früher um- Annahmen als zuvor – und sagt voraus, die Zustimmung der Bevölkerung für die gesetzt hätten, wären wir jetzt schon dass unsere Schulden 2020 nur noch rund notwendigen Reformen zu bekommen. weiter. 116 Prozent unserer Wirtschaftsleistung SPIEGEL: Sie riskieren aber auch die Un- SPIEGEL: Falls Sie Premierminister werden, entsprechen. terstützung der Geldgeber, wenn Sie die verhandeln Sie das Hilfspaket also nicht SPIEGEL: Das ist noch immer ein sehr ho- wichtigsten Reformziele verfehlen. Ei- nach – so wie es Ihr konservativer Gegner her Wert, zumal Griechenland im Ver- gentlich hat die Regierung für 2011 Priva- Samaras angekündigt hat? gleich zu anderen Ländern Venizelos: Es gibt alle drei Mo- mit ähnlichen Schuldenquo- nate eine Überprüfung, ob ten keine wettbewerbsfähige das Programm funktioniert. Wirtschaft hat. Glauben Sie Wir sind bereit, die Vorgaben trotzdem, dass Ihr Land die- umzusetzen, aber sie können se Verbindlichkeiten tragen auch angepasst werden. kann? SPIEGEL: Griechenland befin- Venizelos: Das sagen zumin- det sich im fünften Jahr der dest die Experten der Troika. Rezession. Es wird gespart, SPIEGEL: Glauben Sie es eben- die Wirtschaft schrumpft. so? Diese Abwärtsspirale kann Venizelos: Acht Jahre sind nur durch Wachstum durch- eine lange Zeit. Bis 2020 brochen werden. Wo soll das kann vieles passieren, das herkommen? wir heute gar nicht erwarten. Venizelos: Einige Leute mö- Wenn sich Griechenland erst gen Vorurteile gegen Grie- einmal berappelt hat, ist eine chenland haben, aber wir sehr dynamische Entwick- werden ihnen zeigen, dass lung möglich. sie unrecht haben. SPIEGEL: Die neuen Staats- SPIEGEL: Aber es ist doch un- anleihen, die Griechenland strittig, dass die Reformen nach der Umschuldung aus- viel zu langsam vorankom- gegeben hat, haben bereits men. Im vergangenen Jahr dramatisch an Wert verloren. sollten 30 000 Beamte ent- Venizelos: Die Märkte haben lassen werden, nur 7000 sind ein sehr kurzes Gedächtnis. tatsächlich gegangen, die Das kann sich schnell ändern. meisten davon hätten sich SPIEGEL: In wenigen Jahren eh in den Ruhestand verab- ALKIS KONSTANTINIDIS / DPA werden etwa 80 Prozent aller schiedet. griechischen Schulden in der Venizelos: Wir wollen uns auf Hand öffentlicher Gläubiger Strukturreformen konzen- wie der Europäischen Zen- trieren und allgemeine Kür- tralbank und der Euro-Staa- zungen bei Löhnen und Ren- ten sein. Bekommen alle ihr ten vermeiden. Aber im Juni Geld zurück? müssen wir unsere mittelfris- Venizelos: Natürlich. Der deutsche Steuer- tisierungserlöse in Höhe von fünf Milliar- tige Finanzplanung beschließen, und ich zahler profitiert doch von der guten Geld- den Euro angepeilt – nur ein Drittel da- schließe nicht aus, dass es weitere Kür- anlage der deutschen Regierung. von wurde erreicht. zungen gibt, um die Auflagen des Hilfs- SPIEGEL: Sie finden, die Deutschen sollen Venizelos: Das Privatisierungsprogramm programms zu erfüllen. sich freuen, dass ihre Regierung Griechen- muss schneller vorankommen – und das SPIEGEL: Wird das Volk das dulden, wird land helfen darf? Ist das Ihr Ernst? wird es auch. Aber wir brauchen auch Athen dann wieder brennen? Venizelos: Ja. Der deutsche Finanzminister die Unterstützung der EU-Kommission. Venizelos: Die Reformen werden schmerz- kann sich fast kostenlos Geld leihen und In einigen Bereichen würde die Regie- haft. Ohne die Unterstützung der Bevöl- gibt es für ein paar Prozent Zinsen an rung gern schneller reformieren, aber die- kerung können wir sie nicht umsetzen. uns weiter. Deutschland hat in den ver- ses Ziel kollidiert mit dem europäischen SPIEGEL: Ist es denkbar, dass Griechenland gangenen zwei Jahren bereits rund 400 Recht. Das ist ein großes Problem. die Euro-Zone am Ende doch noch ver- Millionen Euro an uns verdient. SPIEGEL: Ein großes Problem wird auch lässt? SPIEGEL: 2015 will Griechenland sich wie- sein, dieses Jahr sogar elf Milliarden Euro Venizelos: Nein, wir erleben gerade die der an den Finanzmärkten refinanzieren. durch Privatisierungen zu erlösen. kritischste Phase der Rettung unseres Lan- Ist das realistisch? Venizelos: Wir machen Fortschritte. Für des. Wenn wir die durchstehen, wird sich Venizelos: Wir haben ein Bekenntnis aller die staatliche Erdgasgesellschaft Depa diese Frage bald nicht mehr stellen. Mitglieder der Euro-Zone, dass wir so etwa gibt es immerhin 17 Bieter. INTERVIEW: SVEN BÖLL, JULIA AMALIA HEYER 94 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    SCOTT NELSON /AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL Verladeterminal bei Basra: „Die müssen schon so ziemlich alles falsch machen, damit dieses Land nicht in ein paar Jahren boomt“ IRAK Der Super-Gigant Seit dem Fall Bagdads wartet die Welt auf das Öl des Irak. Nun, Monate nach dem Abzug des letzten US-Soldaten, hat das Land die Chance zum wirtschaftlichen Durchbruch. Hält einer der größten Ölstaaten der Welt, was sich die Energie-Multis von ihm versprechen? E s ist ein feiner Unterschied zwi- könnte? FC Exxon Samarra? Mobil Basra und die Lagertanks zu reparieren. Zwölf schen Herablassung und Demüti- United? Ein kühner Gedanke. Jahre Sanktionen, die Invasion, der Bür- gung. Welcher Iraker wüsste das Dann, fast eine Stunde nach ihrem gerkrieg danach, die Terroranschläge auf besser als Hussein al-Schahristani. Zwölf-Uhr-Termin im Adnan-Palast in der Arbeiter, Ingenieure und Anlagen haben Zwei Manager des weltgrößten priva- Hochsicherheitszone von Bagdad, klin- den Aufbau der Ölindustrie um Jahre zu- ten Energiekonzerns ExxonMobil sitzen gelt endlich das Telefon, und die Sekre- rückgeworfen. Bis heute produziert das im Vorzimmer von Bagdads mächtigstem tärin bittet die beiden Amerikaner mit- Land kaum mehr als die knapp 2,5 Mil- Ölbeamten und warten. Zehn Minuten zukommen. Doktor Schahristani habe lionen Barrel pro Tag, die es schon vor lang halten sie sich aufrecht, jederzeit be- jetzt Zeit für sie. dem Irak-Krieg exportierte. reit aufzuspringen, sobald Schahristani Seit neun Jahren wartet die Welt auf Und bis heute hat das Land kein ver- nach ihnen fragt. Aber Schahristani fragt das Öl des Irak. Seit dem Sturz Saddam bindliches Öl- und Gasgesetz. Araber und nicht. Sie sinken ein wenig zusammen in Husseins 2003 haben Politiker in Bagdad Kurden, Sunniten und Schiiten streiten ihren tiefen Fauteuils und fangen an, mit und Washington angekündigt, das Land genauso erbittert um die Verteilung künf- ihren Smartphones zu spielen. Nach einer werde seinen Erdölexport verdoppeln, tiger Ressourcen wie vor fünf Jahren, als halben Stunde fragen sie ihren irakischen verdreifachen, verfünffachen. Mit seinem das Parlament zum ersten Mal über das Begleiter, ob etwas nicht stimme. Dann Ölreichtum, hatte Paul Wolfowitz, einer Gesetz beriet. hat die Sekretärin ein Einsehen und ruft der Architekten des Irak-Kriegs, schließ- Vor drei Monaten schließlich hat der einen Mitarbeiter, um den Besuchern die lich versprochen, werde das Land seinen letzte US-Soldat den Irak verlassen – und Zeit zu vertreiben. Sie erzählen ihm von Wiederaufbau selbst finanzieren. mit ihm die Gewissheit, dass im schlimms- ihrer Anreise aus Dubai, über die Fuß- Es waren leere Versprechen. Jahrelang ten aller Fälle eine Armee bereitstünde, ball-Liga von Katar, am Ende wagen sie ist es weder den Irakern noch ihren Be- um das Land vor einem neuerlichen Ver- eine vorsichtige Frage: Ob es wohl denk- satzern gelungen, die vernachlässigten sinken im Bürgerkrieg zu retten. bar sei, dass ein Ölkonzern einmal eine Ölfelder zu entwickeln, die Löcher in den Warum also warten zwei amerikani- Fußballmannschaft im Irak sponsern Pipelines zu stopfen, die Pumpstationen sche Ölmanager aus der ExxonMobil- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 95
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    Ausland Zentrale in Irving,Texas, so geduldig auf 13 Millionen Barrel – das ist eine ma- und auf Ölbohrinseln vor Kuwait und einen Termin bei Doktor Schahristani? gische Zahl: Sie ist um eine Million Barrel Iran. Im Frühjahr 2003, erzählt er, sah er Es hat, nach der deprimierenden Ver- höher als die maximale Förderquote Sau- von dort die ersten Cruise Missiles, die gangenheit des Irak, wohl mit der Zu- di-Arabiens, des einzigen Opec-Staates, von US-Zerstörern auf Saddams Irak ab- kunft dieses Landes zu tun, mit seinen der über die sogenannte swing capacity gefeuert wurden. „Ich habe mir damals nach wie vor atemberaubenden wirt- verfügt: die Fähigkeit, den Ausfall jedes nicht vorstellen können, dass es fast zehn schaftlichen Aussichten: Um mindestens anderen Mitgliedstaates auszugleichen. Jahre dauern würde, bis wir auch hier ein Zehntel der heutigen Weltfördermen- Wie viel das Land tatsächlich fördern ernsthaft anfangen zu buddeln.“ ge wird der Ölbedarf in den kommenden werde, hänge von der Nachfrage und vom Bei allem Zynismus, den eine Karriere 20 Jahren steigen. 90 Prozent dieses Be- Ölpreis ab, sagt Schahristani. Exportiere auf den Ölfeldern dieser Welt in einem darfs dürften Quellen im Nahen Osten Bagdad auch nur acht Millionen Barrel Menschen hinterlässt – Mallia ist guter und in Nordafrika decken. Die meisten pro Tag, käme das beim derzeitigen Öl- Dinge und hält für sinnvoll, was er hier Staaten dieser Region fördern heute aber preis einer Bruttotageseinnahme von tut: „Der Irak ist doch der Hit in der Öl- am Rande ihrer Kapazität, manche von knapp einer Milliarde Dollar gleich – welt“, sagt er. „Die Chinesen und die In- ihnen stecken mitten in Aufständen und mehr Geld, als das kriegszerstörte Land der brauchen den Stoff, die Iraker haben Revolutionen, anderen steht ein gewalt- in seiner heutigen Verfassung überhaupt ihn. Die müssen schon so ziemlich alles samer Umbruch womöglich noch bevor. in der Lage wäre zu absorbieren. falsch machen, damit dieses Land nicht Der Irak ist das derzeit einzige Land Waren solche Zahlen nach 2003 nicht in ein paar Jahren boomt.“ der Region, das die Ressourcen hat, den das Papier wert, auf dem sie standen, lässt Tag und Nacht treibt Mallia von seinem Ölbedarf der kommenden Jahre fast im sich inzwischen auf den Ölfeldern des Bohrturm eine Stange nach der anderen Alleingang zu decken: 115 Milliarden Bar- Irak beobachten, dass die Arbeit tatsäch- in den lehmigen Boden. Zwei Schächte rel gesicherte und bis zu 200 Milliarden lich vorangeht. In den Palmenhainen ein hat er gebohrt, die erste Quelle fördert Barrel vermutete Reserven lagern, seit paar Kilometer östlich von Bagdad, einer bereits 2000 Barrel pro Tag, der zweite zwei Jahrzehnten weitgehend unangetas- Gegend, in die sich Ausländer jahrelang Schacht hat in 3600 Meter Tiefe gerade tet, in den geologischen Tiefen des Irak. nur in schwerbewaffneten Konvois hin- sein Ziel erreicht. Zwei junge kanadische Hussein Schahristani, 69, vier Jahre auswagten, bohrt mittlerweile Raymond Ingenieure berechnen mit Sonden den zu lang Ölminister und Ende 2010 zum Vi- Mallia aus Malta nach dem schweren, erwartenden Ertrag. Es wird Hunderte zepremier befördert, hat den Auftrag, nach Schwefel stinkenden Öl des East- solcher Schächte brauchen, bis das East- Iraks gewaltigen Schatz zu heben. Er Baghdad-Feldes. Baghdad-Feld auch nur annähernd aus- weiß, dass die Zeit drängt und dass er auf East Baghdad ist mit mehr als acht Mil- gebeutet werden kann. Da es in dicht- die Hilfe der großen internationalen liarden Barrel förderbarem Öl ein soge- besiedeltem Gebiet liegt, geht die Arbeit Ölkonzerne angewiesen ist. Er scheint nannter Super-Gigant. Ölfelder dieser viel langsamer voran als in den Wüsten- aber auch zu wissen, was er von ihnen Größe gibt es nur ein paar Dutzend auf gebieten des Südirak. verlangen kann. 1979 hat sich der Atom- der Welt, und East Baghdad ist selbst in Sein Vorgesetzter Madschid Abdullah, physiker, ein frommer Schiit, Saddams diesem exklusiven Kreis eine Ausnahme: 61, hat wie Mallia 30 Jahre lang im Aus- persönlichem Befehl widersetzt, ein mi- Ein Teil des Feldes liegt unter der Sie- land gearbeitet; vor einem Jahr entschloss litärisches Nuklearprogramm aufzubau- ben-Millionen-Stadt Bagdad, unterhalb er sich, endgültig in sein Geburtsland zu- en. Dafür saß er elf Jahre lang im Kerker des im Bürgerkrieg besonders brutal um- rückzukehren. Wäre er erst 30, sagt er, von Abu Ghuraib und wurde gefoltert. kämpften Schiitenviertels Sadr City. hätte er das nicht getan, aber für die Zeit, Schahristani ist berüchtigt für seinen Ei- Raymond Mallia, 54, hat in Libyen und die ihm noch bleibe, gehe er jetzt das Ri- gensinn und seine starken Nerven. Kasachstan gearbeitet, in Bangladesch siko ein, auf ein paar stabile Jahre in sei- Im Frühjahr 2009 schrieb er eine erste ner unsteten Heimat zu vertrauen. „East Runde von sogenannten Service-Verträ- Baghdad ist für mich das bequemste Öl- gen für Iraks größte Ölfelder aus – Ab- feld meines Lebens: Ich kann nach jeder kommen, bei denen die Ölmultis eine Schicht nach Hause fahren und in mei- gewisse Summe pro gefördertes Barrel nem eigenen Bett schlafen.“ erhalten, das Öl aber bis zum Verkauf Abdullahs Zuversicht hat keinen poli- Eigentum ihres Gastlandes bleibt. Die tischen Dreh, sie ist die eines Fachmanns. Ausschreibung scheiterte, weil die Multis Öl zu fördern, das weiß er spätestens seit mit den gebotenen Summen unzufrieden seiner Flucht aus dem revolutionären Li- waren und andere Konzessionen wollten byen, reicht allein nicht aus, um eine – Verträge, bei denen sie mit einem Teil nachhaltige Wirtschaft aufzubauen und der Fördermenge entlohnt werden, die einen stabilen Staat zu errichten. Es sie dann als Sicherheit für ihre Börsen- braucht ein Mindestmaß an Sicherheit geschäfte nutzen können. Schahristani und an juristischer und politischer Bere- wurde nur einen einzigen Vertrag los. chenbarkeit. Und es braucht Pipelines, Doch er blieb hart, und in der zweiten Pumpen, Rückhaltedepots und sichere KAMARAN NAJM / METROGRAPHY / DER SPIEGEL Runde fügten sich die ersten Ölmultis, in Häfen, um das Erdöl zu exportieren. einer dritten zogen die anderen nach. In- An den Häfen immerhin wird jetzt ge- zwischen bohren alle großen internatio- baut: Anfang März ging an der Mündung nalen Konzerne nach irakischem Öl, die des Schatt al-Arab die erste von vier neu- britische BP und die britisch-niederlän- en Moorings-Stationen in Betrieb – riesi- dische Shell, Lukoil und Gazprom aus gen, an Tiefsee-Bojen montierten Tank- Russland, Italiens Eni, Malaysias Petronas stellen, an denen Ölschiffe befüllt wer- und Chinas CNPC. Sie haben sich ver- den. Bislang verfügte der Irak nur über pflichtet, insgesamt mehr als 100 Milliar- einen funktionsfähigen Ölterminal, von den Dollar zu investieren und Iraks För- dem das wirtschaftliche Überleben des derkapazität bis 2017 auf 13 Millionen Vizepremier Schahristani ganzen Landes abhing: 95 Prozent des Barrel pro Tag auszubauen. Berüchtigt für seine starken Nerven Staatshaushalts werden aus dem Ölexport 96 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    48 überwiegend kleinereFirmen in Ira- kisch-Kurdistan. Im November wurde bekannt, dass mit ExxonMobil auch ein erster internatio- naler Ölmulti einen Vertrag mit den Kur- den geschlossen hatte. Hussein Schahris- tanis Stimme wird kalt und schneidend, KAMARAN NAJM / METROGRAPHY / DER SPIEGEL wenn er über die beiden ExxonMobil- Vertreter spricht, die er eine Stunde in seinem Wartezimmer hat sitzen lassen: „Firmen, die solche Verträge schließen, haben kein Recht, auf irakischem Terri- torium zu arbeiten.“ Mehr habe er zu Ex- xon nicht zu sagen. Es ist nicht der Ton, den Unternehmer gern hören, die Milli- Ölarbeiter am East-Baghdad-Feld arden in einem Land investieren, das ge- rade aus einem Bürgerkrieg erwacht ist. Doch die rechtliche Unsicherheit ist ein Die größten Ölfelder im Irak abstraktes Problem, verglichen mit einem Geschätzte Reserven in Milliarden Barrel anderen, das dem Aufbau einer moder- Kirkuk nen Ölindustrie täglich im Wege steht: zum Vergleich TÜRKEI Gesicherte Reserven in der Nordsee: rund 10 Mrd. 8,7 Der Irak ist eines der korruptesten Länder der Welt. Die Forderungen, die Funktio- näre der irakischen Ministerien und Pro- vinzräte bei den Verhandlungen erheben, SYRIEN IRAN sind vielfach so dreist und unverschämt, dass dies sogar erfahrene Geschäftsleute Kirkuk verblüfft. „Ich habe einen Minister erlebt, East Baghdad der schlicht nach zwölf Reisebussen für 8,5 seine private Transportfirma fragte“, sagt ein europäischer Ölmanager. IRAK Vermutlich hängt der Aufstieg der Öl- macht Irak eher von der Entwicklung des Bagdad Landes im Inneren ab als von den großen SAUDI-ARA Majnoon geopolitischen Umbrüchen im Nahen Os- B IEN 12,6 ten. Es wird mehr darauf ankommen, ob in Bagdad endlich Strom aus der Steck- dose kommt, ob sauberes Trinkwasser West Qurna fließt und ein zumindest annähernd ver- I und II lässlicher Beamtenapparat seine Arbeit 21 aufnimmt – als auf die Frage, ob Israel Iran angreift und die Straße von Hormus Basra geschlossen wird. Wenn es dem Irak gelingt, seine Öl- Rumaila produktion in den kommenden zwei Jah- 18 KUWAIT ren zu verdoppeln und eine kritische Masse von etwa fünf Millionen Barrel zu erreichen, dann allerdings wird sich tat- 100 km sächlich eine geopolitische Frage stellen. Wo steht der Irak – seit dem Überfall auf Kuwait vor 22 Jahren aus dem Quoten- finanziert – und 80 Prozent dieses Öls kriegs, als die Arbeit auch hinter den system der Opec ausgeschlossen – unter wurden über die acht Füllstutzen des Bas- Splitterschutzmauern lebensgefährlich den führenden Ölstaaten der Welt? Stellt ra-Terminals in die Tanker gepumpt. war, halten die Ölfirmen das Risiko heute er sich auf die Seite der Hardliner, die, Eine andere Bedingung für einen nach- aber zumindest für kalkulierbar. Wie lan- wie Iran, Venezuela und früher Libyen, haltigen Ausbau der Ölindustrie scheint ge das so bleibt, ist nicht vorauszusagen. für einen möglichst hohen Ölpreis strei- im Augenblick ebenfalls annähernd er- Denn zwei andere Bedingungen für ten – oder auf die Seite der Gemäßigten, füllt zu sein: die Sicherheit von Ingenieu- den Aufstieg der Ölmacht Irak sind kei- die wie Saudi-Arabien oder die Vereinig- ren, Anlagen und Nachschub. Zwar leben neswegs erfüllt. Solange Bagdad und die ten Arabischen Emirate an einem mög- und arbeiten die Experten der Ölmultis Regierung der Autonomen Region Kur- lichst stabilen Preis interessiert sind? und ihrer Zulieferer auch heute noch in distan im Norden sich nicht auf ein na- „Da kann ich Sie beunruhigen“, sagt schwerbewachten Camps und meiden je- tionales Ölgesetz geeinigt haben, ist der der ehemalige Ölminister Ahmed Tscha- den Schritt vor den Zaun: Nach wie vor Staat zweigeteilt: Die Zentralregierung labi, einer der einflussreichsten irakischen kommt es im Irak täglich zu Bomben- besteht darauf, dass alle Verträge mit in- Politiker, der einst an der Seite der Ame- anschlägen, politischen Morden und Ent- ternationalen Ölfirmen nur von Bagdad rikaner gegen Saddam Hussein kämpfte führungen; 2011 starben dabei über 4000 ausgehandelt werden. Die Regierung der und mittlerweile als Gefolgsmann Tehe- Zivilisten, weit mehr als während der kurdischen Autonomiezone hat aber rans gilt, „gemäßigt war der Irak noch Umbrüche in Ägypten oder Tunesien. schon 2005 begonnen, an Bagdad vorbei nie.“ Gemessen an den Jahren des Bürger- Verträge abzuschließen. Bislang arbeiten BERNHARD ZAND D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 97
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    Ausland USA Sechs Minuten in Florida Nach dem Tod eines schwarzen Jugendlichen flammt in Amerika erneut der Rassenkonflikt auf. Nun muss ein Gericht entscheiden, ob der Täter überhaupt angeklagt wird. A m 26. Februar um 19.11 Uhr kreuz- chen an die Öffentlichkeit. Es stellte sich ten sich in der umzäunten Sied- heraus, dass die Ermittler wohl Martins lung Twin Lakes an der Oregon Leichnam auf Alkohol- und Drogenspu- Avenue von Sanford, Florida, verhängnis- ren hin untersuchten, nicht aber den voll die Wege zweier ungleicher Men- Schützen Zimmerman. Der diensthaben- schen. Trayvon Martin, 17 Jahre alt, laut de Mordkommissar der Nacht, Chris Se- Polizeibericht 1,82 Meter groß, kam zu- rino, plädierte dafür, den kurzzeitig fest- rück vom Einkauf in einem 7-Eleven-La- genommenen Zimmerman in Haft zu be- den mit einer Dose Arizona Eistee und halten und wegen Totschlags anzuklagen, einer Tüte Skittles-Kaudragees; George während die Staatsanwaltschaft anordne- Zimmerman, 28, laut Polizei 1,75 Meter te, ihn laufenzulassen. groß, aber bewaffnet mit Aus Notrufen von An- einer 9-mm-Pistole Marke wohnern – und einem bei Kel-Tec, ging auf eigene der Polizei gespeicherten Faust Streife in seiner Nach- Telefonat mit dem späteren barschaft. Sechs Minuten Todesschützen selbst – geht später war Trayvon Martin hervor, dass Zimmerman tot. Und einen Monat spä- sein Opfer vor der Tat ver- ter wütet in den USA eine folgte und nicht etwa um- neue Debatte über die alte gekehrt. Im Protokoll sei- Wunde des Rassenkonflikts. nes Anrufs bei der Notruf- Martin war schwarz, ein zentrale steht zu lesen, junger Afroamerikaner aus dass er Martin für einen Miami, der in Sanford, ei- „Typen“ hielt, „der nichts ner schön am Lake Monroe Gutes vorhat“. Später sagt gelegenen Vorstadt Orlan- er, ohne Zusammenhang, AP dos, seinen geschiedenen Schütze Zimmerman „diese Arschlöcher kom- Solidaritätsdemonstration für Trayvon Martin in Vater besuchte. Zimmer- Amerikanischer Jedermann men doch immer davon“. man war weiß, das heißt, Und auf die Frage, ob er Zustand ihrer Gesellschaft erschrickt. Ver- der Polizeibericht nannte ihn so, ehe sich den Verdächtigen etwa verfolge, sagt er: handelt wird die fortschreitende Bruta- herausstellte, dass seine Mutter eine La- „Yeah“. lisierung eines Landes, in dem sich die tina war, worauf seine Verteidiger fortan Die Eltern des Opfers erfuhren von Hälfte der Bundesstaaten inzwischen Ge- großen Wert legten. solchen Unterhaltungen erst, nachdem setze gegeben hat, die einem Europäer Denn Zimmerman, das ist unstrittig, sie bei den Behörden vorstellig wurden. verrückt vorkommen müssen. erschoss Trayvon Martin an jenem Abend Zwei Wochen nach dem Tod ihres Sohnes, Angefeuert und finanziell gesponsert zwischen 19.16 Uhr und 19.17 Uhr. Auf empört über ausbleibende Nachrichten von der Waffenlobby, war Florida der freiem Fuß ist er dennoch, und erst am von der Polizei, forderten sie Aufklärung erste Staat in den USA, der sich im Jahr Dienstag nach Ostern wird sich eine über die näheren Umstände und gaben 2005 – unter seinem damaligen Gouver- Grand Jury, besetzt mit 18 Geschworenen, damit den Anstoß zur nationalen Debatte. neur Jeb Bush, dem Bruder des Ex-Präsi- der Frage widmen, ob gegen ihn Anklage Viel Vertrauen in die Behörden hatten denten George W. – ein neues Gesetz zu zu erheben sei. sie nicht: Den Vater des Opfers, Tracy Fragen der Notwehr bastelte. Aus der gel- Die Frage, die das Land spaltet, lautet, Martin, der mit seiner neuen Verlobten tenden Gesetzeslage, dass es im Gefah- ob Zimmerman die Tat kaltblütig verübte, am Abend des 26. Februar im Kino war, renfall erste Pflicht des Bürgers sei, sich aus rassistischen Motiven gar, oder ob er, suchten die Polizisten von Sanford erst der Gefahr wenn möglich zu entziehen, ganz am Ende von Martin attackiert, aus gar nicht, sondern ließen ihn ahnungslos wurde die markige Parole: „Stand your Notwehr handelte und folglich, nach ame- zu Bett gehen. Als er sein Kind tags dar- ground“, was ungefähr so viel heißt wie: rikanischem Verständnis, zu einer „ge- auf als vermisst melden wollte, bekam er „Behaupte dich“. rechtfertigten Tötung“ schritt. Besuch von Beamten, die ihm kurzer- Im Gesetz von Florida – dem ähnliche Die bislang bekannten Zeugenaussa- hand ein Foto seines toten Sohnes hin- in 25 weiteren US-Bundesstaaten folgten gen dazu sind widersprüchlich und uner- hielten und um Identifizierung baten. – wird einem Bürger, „der attackiert giebig. Dasselbe gilt für den Ablauf der Der Furor der Diskussionen, die erst wird“, jetzt bescheinigt, er habe gerade polizeilichen und staatsanwaltlichen Er- aus Solidarität mit den Eltern begonnen „keine Pflicht, sich zurückzuziehen“. Er mittlungen, die in vielen politischen Fern- haben, nun aber in giftigen Streit mit den habe im Gegenteil „das Recht, sich zu be- seh-Talkshows als der eigentliche Skandal Verteidigern Zimmermans münden, er- haupten, Gewalt mit Gewalt zu begegnen, diskutiert werden. Immer neue, verstö- klärt sich damit, dass wenigstens die einschließlich tödlicher Gewalt“, um sich rende Einzelheiten kommen seit zwei Wo- Hälfte der Amerikaner über sich und den vor Tod oder Versehrtheit zu schützen. 98 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    verkreuzen: „Wir könneneinen schwar- zen Mann im Weißen Haus haben, aber wir können ein schwarzes Kind nicht durch eine Wohnsiedlung laufen lassen.“ Wie weit sich die Debatte hochgeschau- kelt hat, lässt sich auch daran messen, wie seit Wochen die sozialen Netzwerke glü- hen. Eine Online-Petition für die Festnah- me Zimmermans wurde von weit über zwei Millionen Menschen gezeichnet. Im Twitter-Dienst rattern die Kurznachrich- ten in Sachen „#trayvon“ im Minutentakt unter Beteiligung von Justin Bieber und Regisseur Spike Lee, der vergangene Wo- che Zimmermans Adresse weitergetwit- tert hatte, tatsächlich aber eine völlig un- beteiligte Familie der geballten Wut eines digitalen Mobs aussetzte. Auch der „Mann im Weißen Haus“ hat sich eingemischt, mit ruhigen Worten der Empathie. Am Ende einer Pressekonfe- renz sagte US-Präsident Barack Obama, er fühle mit den Eltern, und: Hätte er einen Sohn, „sähe er aus wie Trayvon“. Er empfahl den Amerikanern, den tragi- schen Fall zum Anlass zu nehmen, „ihre Seelen zu erforschen“. Das muss auch für die Feinde Zimmer- mans gelten. Nach allem, was über ihn bekannt ist – er selbst hat sich öffentlich noch nicht geäußert –, ist er ein amerika- nischer Jedermann, der an seine Version von Recht und Ordnung glaubt, gern Poli- zist geworden wäre, aber dann doch nur ein kleiner Versicherungsvertreter wurde. 46-mal hat er in den vergangenen Jahren POLARIS / LAIF den Notruf der Polizei wegen Kleinigkei- ten angerufen, es scheint, er hätte einen guten Blockwart abgegeben. Sanford: „Wir können ein schwarzes Kind nicht durch eine Wohnsiedlung laufen lassen“ Wie Zimmerman nicht nur grundböse war, so war auch Trayvon Martin nicht Derlei Bestimmungen haben, folgt man März zu Kundgebungen nach Sanford nur gut, sondern ein gewöhnlicher Teen- den Berichten der seriösen amerikani- rief, kamen die Menschen zu Tausenden, ager in Amerika. Es kursieren Geschich- schen Zeitungen, Polizei und Justiz derart und das Schauspiel wiederholt sich seit- ten, dass er wochenweise von der Schule verwirrt, dass in der Zwischenzeit selbst her fast täglich irgendwo in den USA. verwiesen wurde, weil er Wände mit Graf- Bandenkriminelle nach Schießereien er- Die Demonstranten tragen Kapuzen- fiti besprühte oder Spuren von Marihuana folgreich auf Notwehr plädieren und auch pullover wie das Opfer, und sie tragen im Rucksack hatte. Ein schlechter Schüler andere Angeklagte als vermeintlich wehr- Schilder, auf denen steht: „Ohne Gerech- war er nicht, es heißt, er habe Pferde ge- hafte Opfer davonkommen, obwohl sie tigkeit kein Frieden“, „Ich bin Trayvon liebt und das Reiten, es gibt schöne Kin- in Wahrheit zu Mördern wurden. Martin!“, „Hundert Jahre Lynchjustiz“. derfotos von ihm als Sportler, am Abend Die Fakten sprechen ein Urteil über Beim ersten Massenaufmarsch in Sanford, seines Todes wollte er das All-Star-Game die Wirkungen – und die Güte – der neu- unter den sich nur vereinzelt Amerikaner der Basketball-Profiliga ansehen, bei dem en Gesetze: In den Jahren vor der Geset- anderer Hautfarbe mischten, sangen Kevin Durant 36 Punkte machte. zesverabschiedung 2005 wurden in Flori- Frauen „We shall overcome“, und Händ- Wenn seine Angehörigen oder deren da im Durchschnitt 34 Fälle „gerechtfer- ler verkauften T-Shirts mit Martins Por- Anwälte nun solche Geschichten über tigter Tötungen“ aus Notwehr gezählt. trät und solche mit der Parole „Arrest den Jungen erzählen, landauf, landab, auf Zwei Jahre nach dem Inkrafttreten der Zimmerman“. allen Kanälen und rund um die Uhr, fühlt Stand-your-ground-Regel sprang ihre In der Luft lag nicht das 21. Jahrhun- sich das absurd an, so als hätte Trayvon Zahl im Staat erstmals auf über 100. Die dert, sondern die kämpferische Stimmung Martin Verteidigung nötig. Aber selbst Bundespolizei FBI hat ermittelt, dass US- der späten sechziger Jahre, samt den in wenn er, in den letzten Sekunden seines Staaten, die neue Notwehrgesetze erlas- die Luft gereckten Rosen in Fäusten und Lebens, aus Wut vielleicht über die grund- sen haben, 53,5 Prozent mehr Tötungen Schildern, auf denen an die Black Pan- lose Verfolgung, doch noch auf seinen aus Notwehr registrieren. thers erinnert wird. Die hier Versammel- Verfolger George Zimmerman losgegan- Trayvon Martins Fall hat die schwarze ten fühlen sich weiterhin als zweitklassige gen sein sollte – er bleibt doch das Opfer. Minderheit im Land aufgewühlt wie Bürger behandelt, ein Gefühl, das die Er wurde, unbewaffnet, erschossen. Den kaum ein vergleichbares Vorkommnis in überwältigende Mehrheit der schwarzen Gesetzgebern in den USA, der amerika- den vergangenen Jahren. Als der bekann- Amerikaner teilt. Prediger Sharpton rief nischen Gesellschaft bleibt es überlassen, te Bürgerrechtler Reverend Al Sharpton am vergangenen Sonntag aus, wie para- das für verhältnismäßig zu halten. über seinen Haussender MSNBC Mitte dox sich die Gefühle in Amerika derzeit ULLRICH FICHTNER D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 99
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    Ausland MAGHROUR Auf Jesus’ Pfaden Ein niederländischer Diplomat hat den ersten Wanderführer GLOBAL VILLAGE: für das Westjordanland geschrieben. S tefan Szepesi steht auf einer Wiese, gend. Irgendwann professionalisierte er lästina, das ist ein Land, zusammengehal- überall Klatschmohn, wilde Orchi- seine Ausflüge. Er besorgte sich Karten ten von nicht viel mehr als einer Idee. deen, er atmet tief ein. Vor ihm liegt und stellte fest, dass es nur zwei Arten Welcher Tourist sollte durch diesen Irr- das Wadi Maghrour, ein Tal mit Oliven- gibt: die Karten des israelischen Natur- sinn navigieren? baum-Terrassen, manche der Bäume sind schutzverbands, auf Hebräisch, und die Deshalb begann Szepesi, einen Wan- mehr als hundert Jahre alt. Ein Pfad der Uno, in denen die Kontrollpunkte derführer zu schreiben. Drei Jahre lang schlängelt sich durch das Tal, rot-weiß verzeichnet sind. Beide hatten wenig mit hat er daran gearbeitet, die letzten zwei markiert, elf Kilometer lang, Höhenun- der Realität zu tun, die er auf seinen Aus- Jahre in Teilzeit: zwei Tage Nahostquar- terschied: 400 Meter, Schwierigkeitsgrad: flügen entdeckte: gastfreundliche Men- tett, drei Tage Wandern. Als er anfing mittel. schen, ursprüngliche Dörfer, römische zu schreiben, gab es noch Hoffnung auf Szepesi hat diesen Weg entdeckt und Ruinen, fast unangetastet. Frieden. Doch seit fast zwei Jahren steckt beschrieben: den Wanderweg 23, vom Man könne im Westjordanland hervor- alles fest. Und der Diplomat fragte sich: Dorf Batir bis nach Beit Jala bei Betle- ragend wandern, sagt Szepesi. Es gibt die „Was zum Teufel mache ich hier eigent- hem. Im Westen und im lich? Ich schreibe ein Buch Norden die Grüne Linie, über Wandern in Palä- die Grenze zu Israel, im stina?“ Osten der Checkpoint, im Doch das Projekt wuchs. Süden israelische Siedlun- Er warb palästinensische gen. Und mittendrin diese Guides an, rekonstruierte Insel der Ruhe, vermessen Namen von Orten, er über- und von der Unesco für gut redete Gemeinden, die We- befunden, eines Tages ge zu markieren. Es war Weltnaturerbe zu werden. nicht immer einfach. Die Wenn nicht Israel hier eine Palästinenser verstanden Mauer baut, so wie es ge- oft nicht, was dieser merk- plant ist. würdige Niederländer woll- AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL Doch um Politik geht es te. Wenn er nach dem Weg nicht. Es geht um das Wan- fragte, sagten sie: „Immer dern, in der Hand hält Sze- der Straße nach, am besten pesi ein Buch, es trägt den nimmst du ein Taxi.“ Er unwahrscheinlichen Titel musste erklären, dass er „Walking Palestine“. 25 Ta- den schönsten Weg suchte, geswanderungen für Palä- nicht den schnellsten. Pa- stina mit Routenbeschrei- Autor Szepesi: „Am besten nimmst du ein Taxi“ lästinenser wandern kaum. bungen, Empfehlungen für Er hat in seinem Buch für Restaurants und Unterkünf- sie kurze Routen erstellt. te. Die Fotos zeigen: Blu- Ein, zwei Stunden: Schnup- men, Vögel, Schmetterlinge, außerdem Wüste, es gibt Berge, schroffe Täler. Eine perwandern in der Heimat. Kilometer 4,9: Klöster, Schafhirten, Menschen auf Eseln. arabische Toskana, zumindest wenn man Restaurant Maghrour. Szepesi hat darauf Es ist ein anderes Palästina als das in den auf einige Grundregeln achtet: auf einen geachtet, dass möglichst oft ein Restau- Abendnachrichten, aber sehr ähnlich dem sicheren Parkplatz fürs Auto und etwas rant an der Strecke liegt. Der Besitzer Palästina, durch das Jesus wanderte. Entfernung zu palästinensischen Städten, tischt warmes Fladenbrot auf, Salate, Szepesi weiß, dass Palästina andere Pro- israelischen Siedlungen und Militäran- gegrilltes Fleisch. Der Niederländer isst bleme hat als Wanderwege. Er kennt diese lagen. hastig, er hat einen Termin bei der palä- Probleme besser als die meisten. Der Nie- Während Szepesi weiterläuft, vorbei stinensischen Tourismusministerin, die derländer, 32 Jahre alt, lebte bis vor kur- an Bauern, die gerade ihre Terrasse neu Exemplare bei ihm bestellen will. Es zem in Ostjerusalem. Er arbeitete als Be- zementieren, erzählt er, dass er Wandern könnte bald sehr viel mehr Wanderer in rater zuerst für die EU, dann für das Nah- immer langweilig fand. Er fuhr lieber Palästina geben. ostquartett, das Frieden zwischen Israel Mountainbike, lief Marathon; aber hier Stefan Szepesi hat inzwischen beim und Palästina stiften soll. Damit war Sze- begann er, das Wandern zu lieben. Nach Nahostquartett gekündigt, er ist seit kur- pesi einer dieser vielen Diplomaten, die einem Jahr dachte er sich, es wäre schön, zem Geschäftsführer der gemeinnützigen Palästina vor allem aus einem Gelände- diese Freude zu teilen. Initiative Abrahamsweg. Die will einen wagen mit CD-Kennzeichen wahrnehmen Bisher fahren die meisten Touristen nur Wanderpfad für Touristen entwickeln, und am Wochenende entweder nach Tel nach Betlehem. Palästina hat zwar viel entlang der biblischen Route Abrahams Aviv oder ans Tote Meer fliehen. zu bieten, aber keiner traut sich her. Das von der Türkei über Syrien und Palästina Er aber setzte sich in sein Auto und liegt auch daran, dass es so zersplittert bis nach Israel, 1200 Kilometer. Szepesi fuhr ins Westjordanland. Er stieg aus, wo ist, in Militärgebiete, Siedlungen und wandert jetzt nur noch, Vollzeit. es ihm gefiel, und wanderte durch die Ge- Sperranlagen, in Zonen A, B und C. Pa- JULIANE VON MITTELSTAEDT 100 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Szene AU S ST E L LU N GE N Schätze in der Damenhandtasche Seine Mutter ist schuld. Sie ließ ihren Sohn nie in ihre Handtasche blicken. Also interessierte sich Hans-Peter Feld- mann, 1941 in Düsseldorf geboren, umso mehr für die Handtaschen frem- der Frauen. Irgendwann, da war er ein älterer Herr und ein weltweit erfolg- RON JAFFE / AMC COURTESY EVERETT COLLECTION reicher Künstler, sprach er sogar ihm unbekannte Damen auf der Straße an. Er überredete sie dazu, ihm ihre Ta- schen zu verkaufen, wobei es ihm vor allem um den Inhalt ging, um Creme- dosen, Kreditkarten, Adressbücher. Nun widmet die renommierte Londo- ner Serpentine Gallery dem Fotogra- fen und Konzeptkünstler eine umfas- Paré in „Mad Men“ sende Schau, sie beginnt am Mittwoch nach Ostern, und dort werden FERNSEHEN auch diese Schät- ze zu sehen sein, präsentiert wie archäologische Fundstücke in Küsschen für Don HANS-PETER FELDMANN, VG-BILDKUNST BONN 2012 Vitrinen (bis 5. Der Auftritt ist ein Versprechen, eine Verheißung für Zuschauer in aller Welt. Eine Juni). In jedem schöne Frau in einem sehr kurzen schwarzen Kleid singt ein Lied, und zwar so lasziv, seiner Werke dass sich die Männer um sie herum verlegen an ihren Whiskey-Gläsern festhalten: zeigt Feldmann, Die Szene, in der die kanadische Schauspielerin Jessica Paré auf einer Party den Song dass der Alltag „Zou Bisou Bisou“ vorträgt, war der Höhepunkt der ersten Episode der neuen, fünften nie alltäglich ist. Staffel der Fernsehserie „Mad Men“, die gerade in den USA und Großbritannien an- Um das zu er- gelaufen ist. Paré, 29, spielt Megan, die zweite Gattin von Don Draper (Jon Hamm), kennen, muss dem Werber und Frauenhelden im New York der sechziger Jahre. Die Serie liefert ein man die Dinge präzises Sittenbild jener Epoche, eine perfekte Mischung aus Nostalgie, Reflexion und nur in einen Unterhaltung und eine Erinnerung an die Zeit, als die USA selbst noch als Verheißung Feldmann-David anderen Zusam- galten. „Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner sagt, seine Serie zeige, „was Frauen für menhang rü- Männer tun“. Im Fall von Megan Draper alias Jessica Paré versprechen sie „Küsschen“, cken. 2006 hat er Michelangelos be- französisch bisou: „Zou Bisou Bisou“ ist ein Geschenk zum 40. Geburtstag von Don rühmte David-Skulptur aus Metall und Draper. Das Original des Songs aus dem Jahr 1960 arrangierte George Martin, später Kunststoff nachgebildet, bunt ange- Produzent der Beatles. Parés Version dürfte Fernsehgeschichte schreiben, ein Klick- malt und die Kopie vor dem Kölner Hit auf YouTube ist sie schon jetzt und mittlerweile auch als Single erhältlich. Dom aufgestellt. SACH BUCH den das Mittel der dokumentarischen um das Zusammenfinden zweier Ju- Gesprächsmontage, um vom Entste- gendkulturen (West-Berliner Postpunk- hen der letzten ganz großen Jugend- Agonie, Ost-Berliner Breakdance-Vita- Stunde null bewegung, der Techno- und Ravekul- lität), um die Stunde null des heutigen im neuen Berlin tur während der Wende-Jahre in Ber- lin, zu erzählen. Die beiden Autoren haben 20 Jahre danach in langen Ge- Berlin und darum, wie dieses Bündnis eine Stadt eroberte, deren heutiges Zentrum damals nur eine Brache war, Der große deutsche Wende-Roman, sprächen die treibenden Kräfte von da- für die sich niemand zuständig fühlte. immer wieder wird er gefordert und mals sich erinnern lassen. Rund 70 Be- Doch die Geschichte der ersten ge- herbeigesehnt, doch bisher gibt es ihn teiligte kommen zu Wort, Clubbetrei- samtdeutschen Jugendkultur, die die- nicht. Und auch dieses gerade bei ber, Musiker, Künstler, darunter der ses Land bis heute prägt, ist wie jede Suhrkamp erschienene Buch „Der heutige Star-DJ WestBam oder der in- gute Geschichte auch eine des Schei- Klang der Familie“ ist natürlich nicht zwischen weltberühmte Fotograf Wolf- terns, sie endet unter Bergen von der große deutsche Wende-Roman, gang Tillmans. Sie haben die Stimmen Kokain, in totaler Zerrüttung – und doch es kommt ihm nahe. Denn Felix ediert und so geschickt montiert, dass schließlich in der Love-Parade-Kata- Denk und Sven von Thülen verwen- daraus eine Erzählung wird: Es geht strophe von Duisburg. 102 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Kultur RAU B KU N ST Folianten des „Führers“ Knapp 67 Jahre nach Ende des Zwei- Jahrhundert aufgeführt. Die in Leder ten Weltkriegs sind in den USA wich- gebundenen Alben waren offenbar tige Beweisstücke für den systemati- 1945 von zwei Soldaten der vorrücken- schen Kunstraub des Hitler-Regimes den US-Truppen auf dem „Berghof“ wiederentdeckt worden. Wie das Na- Hitlers bei Berchtesgaden entdeckt tionalarchiv in Washington mitteilte, und als Kriegssouvenirs mit in die USA handelt es sich um zwei bislang ver- genommen worden. Die Angehörigen schollene Bände eines umfangreichen der inzwischen verstorbenen Vetera- Raubkunst-Katalogs, in dem der be- nen übergaben die Bände jetzt über rüchtigte „Einsatzstab Reichsleiter Ro- eine Stiftung dem US-Nationalarchiv. senberg“ einst akribisch seine JEAN-HONORÉ FRAGONARD/COURTESY OF ROBERT M. EDSEL AND THE MONUMENTS MEN FOUNDATION Beutestücke aufgelistet hatte. Im Auftrag des „Führers“ soll- te die Spezialeinheit seiner- zeit in den von Nazi-Deutsch- land besetzten Gebieten ge- zielt Kunstwerke beschlagnah- men, mit denen Hitler später ein eigenes Museum in Linz zu bestücken gedachte. Die jetzt aufgetauchten Folian- ten – Band 7 und 15 des Ro- senberg-Konvoluts – enthalten Fotografien von insgesamt 69 geraubten Gemälden und 41 kostbaren Möbelstücken, größ- tenteils aus dem Besitz der französischen Bankiersfamilie Rothschild. Unter anderem ist darin ein Gemälde des franzö- sischen Künstlers Jean-Honoré Fragonard („Mädchen mit zwei Tauben“) aus dem 18. Raubkunst-Katalogseite mit Fragonard-Gemälde KINO IN KÜRZE „Monsieur Lazhar“ heißt der neue Lehrer einer Grundschule in Montreal, Kanada, ein melancholisch lächelnder Herr von Mitte fünfzig mit einer Vorliebe für Balzac-Roma- ne, ein Außenseiter in jeder Hinsicht: Er stammt, wie sein Darsteller Mohamed Fellag, aus Algerien. Lazhar muss nicht nur unterrichten, sondern auch Trost spenden. Die Stel- le war vakant, nachdem sich eine Lehrerin in der Schule das Leben genommen hatte. Viele Schüler sind traumatisiert, und auch Lazhar weiß mehr über Tod und Verlust, als er zugeben mag. Der kanadische Regisseur Philippe Falardeau erzählt mit Leichtigkeit und subtilem Humor von den Folgen einer Tragödie – ein kleiner Film mit großem Herzen. „The Grey – Unter Wölfen“ ist, rein zoologisch, ungefähr so stimmig wie das Märchen vom Rotkäppchen. Dramaturgisch folgt der Regisseur Joe Carnahan („Das A-Team“) in seinem Thriller dagegen eher dem Abzählreim über die „Zehn kleinen Negerlein“, angereichert um ein paar schöne Schockeffekte vor grandioser Kulisse. Statt auf zähe Großmütter haben es die Wölfe hier auf die Arbeiter einer Ölfirma abgesehen, deren Flug- zeug in der Wildnis von Alaska abgestürzt ist, mitten in Wolfs Revier. Angeführt von einem Überlebenskünstler (Liam Neeson), kämpfen die UNIVERSUM FILM Männer gegen Hunger, Schneestürme und das Szene aus „The Grey …“ dumpfe Gefühl an, am Ende der Welt sterben zu müssen, ohne dass es jemand merkt. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 103
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    Kultur D E B AT T E Selber schuld Sie ist jung, Mutter und seit gut zwei Jahren Ministerin für Familie. Und sie ist gegen die Quote. In einem Buch wirbt Kristina Schröder jetzt für das Frauenglück im Privaten. Von Claudia Voigt MARC-STEFFEN UNGER Buchautorin Schröder: Für Frauen und Familien hat sie noch nicht viel getan 104 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    BORIS ROESSLER /DPA KROHNFOTO.DE Ministerin Schröder in der Bundespressekonferenz, Buch-Cover, Brautpaar Schröder 2010: Das Private soll privat sein E in Buch also. Seit zwei Jahren und terinnen des Familienministeriums zu Denken nicht ins Offene führt. Es ist ihren fünf Monaten ist Kristina Schröder tun, eine davon die zuständige Ministerin. politischen Interessen untergeordnet. die Bundesministerin für Familie, Und was spricht eigentlich gegen politi- Und damit langweilige Rhetorik. Senioren, Frauen und Jugend. Bisher sche Schlussfolgerungen? Der Feminismus, meint Schröder, sei kennt man sie vor allem aus zwei Grün- Seit der Jahrtausendwende hat sich für schuld am Ideal der voll berufstätigen den: Sie wurde während ihrer Amtszeit Familien und Frauen in diesem Land vie- Mütter, ein Joch, unter dem viele Frauen Mutter. Und sie ist gegen eine gesetzliche les verändert. Die Hausfrauenrepublik in Deutschland litten. Ist das so? Im Welt- Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichts- wurde kräftig durcheinandergeschüttelt. bild der Ministerin wird der Feminismus räten und Vorstandsetagen. Darüber hin- Dazu haben auch politische Maßnahmen zudem von einer einzigen Person verkör- aus hat sie sich eingeprägt durch die Ent- beigetragen: der Rechtsanspruch auf ei- pert, von Alice Schwarzer. scheidung, in ihrem Ministerium ein Män- nen Krippenplatz ab 2013, das Elterngeld. Man kann durchaus geteilter Meinung nerreferat einzurichten. Für Frauen und Sogar in der CSU gibt es mittlerweile sein über Alice Schwarzer, aber Schrö- Familie hat sie noch nicht viel getan. Kris- Frauen, die sich zu den Feministinnen zäh- ders Einschätzung bedeutet zu viel der tina Schröder hat deshalb ein Problem. len, Väter schieben vormittags Kinderwa- Ehre. Fast 70 Seiten widmet sie der Tirade Es mangelt ihr an Kontur. Das Buch könn- gen durch die Straßen, in vielen Familien „Feminismus war gestern“. Man fragt sich, te der Versuch sein, gegen ihr eigenes wird nicht mehr mittags, sondern abends wie eine Familien- und Frauenministerin Verschwinden anzuschreiben. warm gekocht, weil die Mutter arbeitet. im Jahr 2012 so dezidiert antifeministisch „Danke, emanzipiert sind wir selber!“ Schröder, es wundert einen leider kaum, eingestellt sein kann. heißt es. Mit Ausrufezeichen. Der Unter- will da mit ihrem Buch politisch nicht an- Die Feministinnen der Generation titel lautet „Abschied vom Diktat der Rol- knüpfen. Stattdessen beschreibt sie, war- Schwarzer mussten radikale Positionen lenbilder“. Auf dem Cover ist die Ministe- um sie Rollenleitbilder ablehnt. Ganz beziehen, um die alten Rollenbilder zu rin abgebildet, sie trägt ein strahlendes Lä- gleich, ob es um Hausfrauen, Karriere- sprengen. Deshalb ist die berufstätige cheln, ein dunkles Jackett, und sie stemmt mütter oder berufstätige Frauen ohne Kin- Frau heute eine Selbstverständlichkeit, die Hände in die Hüften. Das soll vermut- zum Glück. Die Ministerin allerdings er- lich Charme und Kampfeslust signalisieren. kennt in diesem Rollenideal ein Feindbild. Und weil an solch einem Buchtitel lange Kristina Schröder könnte für Doch wer war mit 25 bereits Abgeordnete getüftelt wird, zeigt das Cover auch, wel- ches Bild die Familien- und Frauenminis- nachwachsende Generatio- des Deutschen Bundestags? Schröders Auseinandersetzung mit terin gern abgeben würde. nen ein Vorbild sein. Aber Alice Schwarzer hat Geschichte. Sie be- Im Vorwort betonen Schröder und ihre Co-Autorin Caroline Waldeck, dass „Dan- sie lehnt das kategorisch ab. gann mit einem SPIEGEL-Interview 2010, in dem die Ministerin Schwarzers Thesen ke, emanzipiert sind wir selber!“ nicht et- zu heterosexuellem Sex frei interpretierte, wa im Familienministerium entstanden der geht – diese Leitbilder würden den daraufhin schrieb die Feministin einen ist, sondern im Urlaub und während Frauen „samtene Fesseln“ anlegen. Nach offenen Brief, bald war das Thema in der Schröders Mutterschutz. Es muss der Mi- Einschätzung Schröders befinden sich „Bild“-Zeitung. nisterin sehr wichtig gewesen sein. Deutschlands Frauen in einem Leitbilder- Dass Schröder im Februar zugesichert Der Text ist aus der Perspektive von Krieg, der sie am Glücklichsein hindert. hat, den FrauenMediaTurm in Köln finan- Kristina Schröder verfasst, obwohl ihm Und daran, mehr Kinder zu bekommen. ziell abzusichern, in dem die „Emma“-Re- die Erfahrungen der Ministerin und ihrer Um dafür einen Schuldigen zu finden, daktion untergebracht ist und das feminis- Co-Autorin zugrunde liegen, zweier Frau- macht Schröder eine eigenwillige Unter- tische Archiv, kann man nach der Lektüre en Mitte dreißig, „beide bekennende, voll scheidung. Sie grenzt die Frauenbewe- von „Danke, emanzipiert sind wir selber!“ berufstätige ‚Rabenmütter‘, die ihr Kind gung gegen den Feminismus ab. Was his- nur als politisches Manöver interpretieren. lieben und Familie für das Wichtigste im torisch untrennbar miteinander verbun- Schröder ärgert sich darüber, dass Leben halten; beide aber frei von der Ab- den ist, wird von der Ministerin getrennt: Schwarzers feministischer Kampf stets sicht, aus der eigenen, privaten Auffassung da die gute Frauenbewegung, dort der davon geprägt war, das Private politisch von einem guten Leben politische Schluss- böse Feminismus, verbissen und rück- zu betrachten. (Wenigstens solange es folgerungen für das ‚richtige‘ Leben zu wärtsgewandt. nicht um Schwarzers eigenes Leben ging.) ziehen.“ Ist das möglich? Immerhin haben In Porträts ist Schröder als scharfe Den- Die Ministerin dagegen möchte das Pri- wir es hier mit zwei leitenden Mitarbei- kerin beschrieben worden, einzelne Pas- vate wieder zu einer Privatsache machen. sagen in ihrem Buch bestätigen das. Doch „Spätestens mit dem ersten Kind wird Kristina Schröder, Caroline Waldeck: „Danke, emanzi- die Volte, Feminismus und Frauenbewe- jede Frau zur ‚öffentlichen Frau‘ – zu piert sind wir selber!“. Piper Verlag, München; 240 Sei- gung voneinander zu lösen, macht schon einer Person, über deren Privatleben wild- ten; 14,99 Euro. Erscheint am 16. April. zu Beginn des Buchs deutlich, dass ihr fremde Menschen hemmungslos Wert- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 105
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    Kultur MICHAEL LATZ / DDP IMAGES / DAPD TIMUR EMEK / DAPD HENNING SCHACHT Politikerin Schröder auf Dienstreise, nach der Landtagswahl im Saarland, beim Besuch eines Kinderhauses: „Samtene Fesseln der Frauen“ urteile fällen dürfen“, schreibt sie. „Hier An einer Stelle im Buch wagt Schröder che Chefs nicht mehr rund um die Uhr ar- tobt vielleicht der letzte Kulturkampf un- 22 Zeilen Offenheit. Abgesichert durch beiten, wären sogar Teilzeit und Karriere serer postideologischen Gesellschaft.“ den Konjunktiv, durch die Möglichkeits- nicht mehr völlig ausgeschlossen. Wenn es nach Schröder ginge, würde form, schreibt sie: „Ich könnte wortreich Nur macht Schröder, die selber vermut- jede Frau ihr Leben „selbst gestalten“. erläutern, wie mein Mann und ich unsere lich mehr als 40 Stunden die Woche ar- Sie würde Fragen nach Vereinbarkeit von Arbeit so organisieren, dass unsere Toch- beitet, überhaupt keine Vorschläge, wie Kindern und Berufstätigkeit mit ihrer ter auf die Liebe und Fürsorge ihrer El- aus der rosaroten Idee Wirklichkeit wer- Familie und ihrem Arbeitgeber klären, tern nicht verzichten muss … Ich könnte den könnte. Geht es ihr womöglich nur sich nicht länger von Rollenbildern be- beteuern, dass unser Kind selbst dann in um eine Revanche an Ursula von der vormunden lassen, sondern sich „endlich besten (und keineswegs fremden) Hän- Leyen, in deren Ressort die Umstruktu- frei entscheiden“, wie sie leben möchte. den ist, wenn wir beide berufliche Termi- rierung der Arbeitswelt fallen würde? Das Für eine amtierende Familien- und ne wahrnehmen … Ich könnte deutlich wäre dann einfach zynisch. Frauenministerin ist das eine feige Sicht machen, dass ich sofort bereit wäre, mein Ihre einzige Idee zum Thema Teilzeit der Dinge. Schröder enthebt sich jeder Amt als Ministerin aufzugeben, wenn ich kommt einem jedenfalls bekannt vor: Ei- Forderung, politisch etwas zu verändern den Eindruck hätte, dass dies die Voraus- geninitiative. Jeder sollte am besten mit und Strukturen zu schaffen, die den All- setzung für ein glückliches und geborge- seinem Chef reden. Und wenn dies ganz tag leichter machen. Kinderbetreuung, nes Aufwachsen meiner Tochter ist.“ viele tun, dann wird sich etwas ändern die Probleme Alleinerziehender, Gehalts- Diese Passage zeigt, wie sehr auch ei- und so weiter und so fort. Was ist noch unterschiede zwischen Männern und ne Familien- und Frauenministerin unter mal Kristina Schröders Beruf? Politikerin? Frauen – alles Privatsache? Das erklärt, der Unsicherheit leidet, vielleicht doch Kummerkastentante? Wenn man ihre Auf- warum sie bisher so untätig war. Eine keine gute Mutter zu sein. Das berühmte forderungen zum persönlichen Engage- Frauenministerin, liebe Frau Schröder, ist schlechte Gewissen. ment weiterdenkt, bedeuten sie nichts an- übrigens auch für die Frauen da. ders, als dass jede Frau, die sich über- Wenn man mit Wissenschaftlerinnen, fordert fühlt von Beruf und Familie, sel- Juristinnen oder mit Unternehmerinnen Was ist noch mal ber schuld ist. redet, die in Deutschland Karriere ge- macht haben, dann sagen viele, dass es Kristina Schröders Beruf? Schröders argumentatives Problem beim Thema Teilzeit liegt in ihrem Nein auch deshalb schwierig war, weil ihnen Politikerin? zur gesetzlichen Quote von 30 Prozent. hierzulande die Vorbilder fehlten. Oft haben sie erst bei Auslandsaufenthalten Kummerkastentante? Denn deren Umsetzung würde die Ar- beitswelt verändern. Wenn jeder dritte jene Frauen kennengelernt, an denen sie Chef eine Frau ist, beeinflusst das zwangs- sich auf ihrem Weg nach oben orientiert Es ist auch eine berührende Passage, läufig die Unternehmenskultur. Aber haben. weil der Druck spürbar wird, der auf ihr Schröder hat sich festgelegt auf die Flexi- Kristina Schröder könnte für die nach- zu lasten scheint und für den sie als Poli- Quote, und die kommt auch deshalb nicht wachsenden Generationen so ein Vorbild tikerin doch nur eine Antwort kennt: Das in Fahrt, weil der Koalitionspartner FDP sein. Aber sie lehnt diese Rolle katego- Private ist privat. Genau das aber ist es keine gesetzliche Festschreibung will. risch ab. Sie will keine Karrieremutter nicht. Ihre eigene Zerrissenheit zeigt, dass Am Ende empfiehlt Schröder ihren sein, trotz ihres offensichtlichen Ehrgei- dieses Land andere Strukturen und Rea- Lesern die Lektüre eines amerikani- zes, warum sonst hätte sie dieses Buch in litäten braucht, kein Ehegattensplitting, schen Sachbuchs (Marc und Amy Vachon: ihrer freien Zeit geschrieben? Sie könnte sondern Kindergartenplätze. „Equally Shared Parenting“), um sich An- beispielsweise mit dem Vorurteil aufräu- Im dritten Teil schließlich von „Danke, regungen zu holen, wie jeder sein Leben men, dass Frauen Ehrgeiz nicht gut steht. emanzipiert sind wir selber!“ beschreibt auf eigene Faust ein bisschen gleichbe- Stattdessen betont sie, dass sie Abend- Schröder ihren politischen Ausweg aus rechtigter gestalten könnte. Soll das ein termine seit der Geburt ihres Kindes nur dem Dilemma vieler Frauen und Männer Scherz sein? in Ausnahmefällen annimmt. zwischen Beruf und Familie: Teilzeitarbeit. 240 Seiten „Danke, emanzipiert sind Es gibt sehr viele Wege, ein Leben mit Spätestens jetzt würde man das Buch gern wir selber!“. Es ist das Buch einer Frau, Kind und Beruf zu gestalten. Was ist so an die Wand pfeffern. Nichts gegen Teil- die denken kann, die sich aber wortreich schlimm daran zu sagen, seht her, dies ist zeitarbeit. Sie kommt den Wünschen vie- verweigert, den Job zu machen, den sie mein Weg – um damit zu einem Vorbild ler Angestellter entgegen. Sie ermöglicht angenommen hat: Ministerin für Familie zu werden? Auch ein Spektrum sehr es, in bestimmten Phasen des Lebens ne- und Frauen. Viel wird von ihr nicht blei- unterschiedlicher Rollenbilder bewahrt ben der Berufstätigkeit Kinder zu erziehen ben, womöglich nur das, wovon sie nicht junge Frauen vor dem Diktat durch we- oder Verwandte zu pflegen. Und wenn in möchte, dass es bleibt: das Kind im Amt, nige, starre Rollenvorstellungen. irgendeiner fernen Zukunft auch männli- das Nein zur Quote. 106 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Kultur L I T E R AT U R Ein Herrenmensch, aber ein guter Das Dösen auf dem Diwan ist seine liebste Beschäftigung: Oblomow, der Titelheld aus Iwan Gontscharows Roman, entpuppt sich als Gegenmodell zum Burnout-Menschen. Jetzt wurde das Buch endlich neu übersetzt. Eine Meisterleistung. Von Elke Schmitter W arum nicht auf der Chaise- genheit, in der Absichten und Sorgen, Be- dessen Lebensart in einigen Ländern longue lagern, ein Buch auf gehrlichkeiten und Ängste unmerklich in sprichwörtlich geworden ist. „Oblomowe- dem Schoß, Tee oder Wein ne- die Ferne ziehen und sich schließlich auf- rei“ umfasst den Schlummer und das Trö- ben sich, und durch das halbgeöffnete lösen wie Eisschollen auf einem sonnen- deln, die liebenswürdige Apathie und das Fenster den Geräuschen lauschen, die das beschienenen See. Zaudern vor Entscheidung und Tat, die Leben so macht, den Schritten, Stimmen, Der Experte für diese Praxis heißt Ob- kindliche Seele und die vollkommene Un- dem Verkehr und der Unterhaltung der lomow, ein Held der russischen Literatur, fähigkeit, irgendwas auf die Reihe zu krie- Vögel beiläufig folgen wie den Gedanken, die kommen und gehen. Der Brust ent- ringt sich ein Seufzer, wenn die Gedan- ken an Schmerzliches stoßen, aber sie gleiten weiter, zu einer freundlichen Er- innerung, die lächeln macht, in eine sanf- te Dämmerung des Geistes, die man den Schlummer nennt. Empfindungen mar- morieren den Schlaf, das große Sinken kündigt sich an, eine weiche, wohlige Tie- fe, bis, man weiß nicht, wie, das Erwa- chen beginnt, das Auftauchen aus der Drift in die verlassene Welt, das Räkeln, die mähliche Drehung zurück, bis die Hand den Stoff der Decke wieder fühlt. Man sieht, die Tasse steht noch da, die Kirchenglocken schlagen irgendeine Stun- de an, das Leben räuspert sich wieder, und das Bewusstsein kehrt zurück. Das war einmal. In der Geschichte der Zivilisation ist der Schlummer eine verlorene Praxis, wie der Glaube ans Paradies, der Gebrauch von Messerbänkchen und das Singen beim Wandern. Die absichtslose Dämme- rung des Geistes ist nicht mehr zeitgemäß, stattdessen trainiert man die Meditation, um dem Burnout zu entgehen. Auch lädt das normale Sofa nicht mehr zum Dahin- sinken ein. Der Aufwand, den man für den ungestörten Schlummer treiben müss- te, ist enorm: die Telefone ausschalten, den Computer in den Ruhezustand ver- setzen, die Türklingel irgendwie zur Stre- cke bringen, womöglich andere Men- schen vorsorglich informieren. Ein Wochenendflug nach Dubai ist leichter zu organisieren; außerdem stehen Umtrieb und Vorsätzlichkeit in direktem ALEXANDER YAKOVLEV / ITAR-TASS Gegensatz zu dem, worum es eigentlich geht, um das absichtslose Treiben, das unmerkliche Trudeln, das lautlose Ver- schwinden aus der Welt. Um nichts zu er- reichen. Um nichts zu machen als die Er- fahrung einer unendlich sanften Umfan- * Mit Alexej Agapow im Künstlertheater in Moskau 2003. „Oblomow“-Dramatisierung*: „Nie musste ich mir selber einen Strumpf anziehen“ 108 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    nem wohlhabenden Gut,der Oblomowka eben, ist er mit den Genüssen der russi- schen Küche von klein auf vertraut, und all ihre Düfte und Konsistenzen machen ihn nicht nur unmittelbar froh, sondern evozieren dazu noch das Glück einer sorg- losen Kindheit. Und sicher ist es für ihn kein betrüblicher Umstand, dass die Ver- dauung müde macht. So ein selig dämmernder Held macht natürlich noch keinen Roman. Romanautor Der Konflikt, in den sein Autor ihn Gontscharow* treibt, ist kein sozialer. Von den Debatten AKG um die Leibeigenschaft, von den Ideen der russischen Aufklärung ist in „Oblo- gen. Auf gut 700 Seiten widmete der Au- mow“ nur am Rande die Rede; das herr- tor und Staatsbeamte Iwan Gontscharow schende Unrecht treibt den Besitzer von (1812 bis 1891) seiner Figur ein anteil- 300 Seelen nicht um. Er bemüht sich, ein nehmendes Porträt, das schon 1859, beim guter Mensch zu sein, auf rein privatwirt- Erscheinen, ein Abgesang auf eine unter- schaftlicher Basis: Er ist aufrichtig und gehende Lebensweise war. lauter, er spricht nicht schlecht von den Denn in ihrer reinsten Form setzt die Leuten seiner Umgebung, er behandelt gediegene Oblomowerei Leibeigenschaft seine Mitmenschen mit Nachsicht und und Vermögen voraus, sie verbietet Auto- Respekt. lärm und Gebrauchsgegenstände aus Plas- Sein leibeigener Diener Sachar zieht tik, reproduzierte Musik und jede Art sich seinen gerechten Zorn nicht zu, von Kommunikation, die schneller ist als wenn er Geschirr fallen lässt, Stuhllehnen ein Brief. Sie braucht weitläufige Ge- zerbricht, Kleingeld wie Bratenreste ver- mächer, Chalats, diese orientalischen schwinden lässt oder das Stiefelputzen Morgenmäntel, und Stubenmädchen oh- vergisst, sondern bei jenem einen Male, ne Staubsauger, Bäume vor dem Fenster, an dem er sich gewissermaßen gedanklich in denen Vögel ihrer Arbeit nachgehen, vergisst. und den Klang von zitterndem Porzel- Oblomow soll die Wohnung in St. Pe- lan, sie braucht Landschaften mit Hori- tersburg räumen, die er seit vielen Jahren zont und Geselligkeit, deren Akustik nur bewohnt, was ihm selbstverständlich aus menschlichen Stimmen besteht, sie höchst lästig ist. Nachdem er erfolglos braucht das Schleifen langer Röcke auf versucht hat, das Problem zu umgehen, Holz und knarrende Türen und schließ- indem er Sachar verbietet, davon zu spre- lich das zufriedene, leise Schnarchen ei- chen, kommt dieser doch wieder darauf nes Menschen auf dem Diwan, am Nach- zurück: mittag in seinen Morgenrock gehüllt. „Was soll ich denn nun dem Verwalter Nun wurde „Oblomow“ neu über- sagen?“ setzt**. Nach sieben Übertragungen ins „Worüber?“ Deutsche, die letzte ist mehr als 50 Jahre „Na darüber, dass wir umziehen sol- alt, hat sich die Slawistin Vera Bischitzky len.“ der großen Sache angenommen, und sie „Fängst du schon wieder damit an?“, präsentiert einen Roman, dessen ruhiger fragte Oblomow überrascht. Fluss, dessen Innehalten und Mäandern Nach einem Wortwechsel über viele in jeder Passage, in jedem einzelnen Minuten, in dem Oblomow seinem Die- Satz im Deutschen fühlbar wird. Die ner erklärt, welche Unzumutbarkeit ein versunkene Welt, die sie wiederaufer- Umzug für ihn ist – er muss einen ganzen stehen lässt, kann wieder besichtigt, ge- Tag aus dem Haus, er wird am Abend sei- hört, gefühlt, ertastet, geschmeckt und ne Sachen nicht finden, er muss sich an gerochen werden. neue Geräusche und eine ganz neue Aus- Denn Oblomow lebt mit fast allen Sin- sicht gewöhnen –, entschlüpft Sachar der nen (von seiner Erotik ist keine Rede). Satz: Er ist kein Trinker wie so viele russische „Ich habe gedacht, dass ja auch andere Helden, sondern ein Genießer. Piroggen umziehen, die nicht schlechter sind als mit Pilzen und Suppe mit Gänseklein, wir, da könnten wir’s ja auch tun …“ Lachs mit Sauerkraut und getrüffelte „Was? Was?“, fragte Ilja Iljitsch plötz- Hühnchen en Papilotte, Fischpastete und lich verblüfft und richtete sich in seinem Austern, Kalbsbraten und geröstete Grüt- Lehnstuhl auf. „Was hast du gesagt?“ ze, Kaffee mit Sahne und Zimt. Umhät- Sachar geriet plötzlich in Verwirrung, schelt von seiner Kinderfrau und seiner denn er wusste nicht, wodurch er seinem Mama, einziges Herrschaftskind auf ei- Herrn einen Vorwand für diesen patheti- schen Aufschrei und diese Gebärde gege- * Gemälde von Iwan Nikolajewitsch Kramskoi, 1874. ** Iwan Gontscharow: „Oblomow“. Aus dem Russischen ben hatte. Er schwieg. von Vera Bischitzky. Carl Hanser Verlag, München; „Andere, die nicht schlechter sind!“, 840 Seiten; 34,90 Euro. wiederholte Ilja Iljitsch entsetzt. „So weit D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 109
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    Kultur versteigst du dichalso! Nun weiß ich we- nigstens, dass ich für dich nichts weiter bin als ein anderer!“ Bestseller Seine superiore Einzigartigkeit ist Oblo- mow derart selbstverständlich, dass ihn Belletristik die Achtlosigkeit seines Dieners wirklich 1 (1) Jonas Jonasson Der Hundertjährige, der aus dem in Rage bringt. Fenster stieg und verschwand „Ich soll ein anderer sein! Haste ich Carl’s Books; 14,99 Euro etwa hin und her, arbeite ich etwa? Esse 2 (2) Suzanne Collins ich vielleicht wenig? Bin ich mager, sehe Die Tribute von Panem – Tödliche ich kümmerlich aus? Fehlt mir etwa ir- Spiele Oetinger; 17,90 Euro gendetwas? Zum Bedienen und fürs Auf- 3 (4) Suzanne Collins räumen habe ich ja wohl jemanden! Kein Die Tribute von Panem – einziges Mal musste ich mir, solange ich Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro lebe, selber einen Strumpf anziehen, Gott 4 (3) Jussi Adler-Olsen sei Dank! Werde ich mich etwa allein ab- Das Alphabethaus dtv; 15,90 Euro mühen? Wie komme ich dazu? Und wem 5 (7) Suzanne Collins sage ich das?“ Die Tribute von Panem – Man sieht: ein Herrenmensch. Aber ein Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro guter. 6 (6) Tess Gerritsen Der, vom Leben verwöhnt, von seinen Grabesstille Limes; 19,99 Euro Dienstboten auf Händen getragen, für eine Karriere im großen St. Petersburg 7 (11) Dora Heldt Bei Hitze ist es wenigstens nicht gerüstet ist. Als Jüngling kam er in nicht kalt dtv; 14,90 Euro die große Stadt, mittelmäßig gebildet, 8 (8) Fred Vargas wohlhabend, ohne reich zu sein, mit je- Die Nacht des Zorns nen unbestimmten, aber hochfliegenden Aufbau; 22,99 Euro Plänen, wie alle in seiner Sphäre sie hat- 9 (10) Susanne Fröhlich ten: Man wollte Dichter werden, im Lackschaden Staatsdienst eine Position erringen, eine Krüger; 16,99 Euro reiche Frau gewinnen, die natürlich auch 10 (9) Arne Dahl schön wäre, singen und tanzen könnte. Gier Irgendwann, nach langen Reisen ins Aus- Piper; 16,99 Euro land, wo man sich bilden würde, ginge 11 (5) Wolfgang Herrndorf man wieder zurück nach Oblomowka, Sand um sich um die Bauern zu kümmern, ih- Rowohlt Berlin; 19,95 Euro nen eine Schule zu bauen und überhaupt 12 (19) Moritz Netenjakob diese Reformen zu machen, von denen Der Boss Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro allenthalben die Rede war. Man hatte schließlich die Philosophen gelesen und 13 (14) Jussi Adler-Olsen Schändung ein paar Zeitungen abonniert. dtv; 14,90 Euro Aber wie mühsam das alles war! Ganze zwei Jahre ging Oblomow bei- 14 (13) Christian Kracht Imperium nahe täglich ins Amt, dann verlor er die Kiepenheuer & Witsch; 18,99 Euro Lust, sich herumkommandieren zu las- 15 (17) Jussi Adler-Olsen sen. Er sah seine Mitbewerber um die Erlösung Gunst des Vorgesetzten, er nahm ihre dtv; 14,90 Euro Manöver und Rankünen, ihre Speichel- 16 (20) Ursula Poznanski leckerei und ihre Wichtigtuerei, den gan- Fünf zen Wucher mit dem sozialen Kapital Wunderlich; 14,95 Euro wahr und sagte sich: Was soll’s, da ist mir mein Diwan lieber. Sein Freund Andrej Stolz, Sohn eines Deutschen und Vertrauter von Kindesbei- Thriller um Geocaching, nen an, der ist aus anderem Holz ge- die Schatzsuche per GPS: Ein Salzburger schnitzt – aus deutschem Hartholze Ermittler-Duo geht auf eben –, der hat auch keine 300 Seelen, Schnitzeljagd muss also tüchtig sein, ist außerdem tüch- tig aus Freude an der Tüchtigkeit und 17 (12) Javier Marías geht hinaus in die Welt, kommt reich und Die sterblich Verliebten S. Fischer; 19,99 Euro erfolgreich wieder und sucht, ihn vom Sofa zu zerren. Sogar ins Ausland soll er 18 (18) Moritz Matthies Ausgefressen mitkommen! Scherz; 13,99 Euro Das ist Oblomows erster Konflikt. 19 (15) Daniel Glattauer Dann ist da der lästige Hausbesitzer, Ewig Dein der die Wohnung mitten in Petersburg Deuticke; 17,90 Euro für seinen Sohn haben will, weil der sich 20 (16) Paulo Coelho verheiratet hat. Aleph Diogenes; 19,90 Euro Das ist Oblomows zweiter Konflikt. 110 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Im Auftrag desSPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Und schließlich gibt es eine junge Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- Dame, mit der Stolz ihn bekannt gemacht kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller hat, die jene Arie „Casta Diva“ aus „Nor- ma“ so singen kann, dass es ihn zu Trä- Sachbücher nen rührt. Er verliebt sich, zum ersten 1 (1) Joachim Gauck und letzten Mal, sein schläfriges Herz er- Freiheit Kösel; 10 Euro wacht, und für diese Olga steht er mor- 2 (2) Rolf Dobelli gens auf und kleidet sich an, lässt Sachar Die Kunst des klaren Denkens seine Stiefel wienern, zwängt sich in der Hanser; 14,90 Euro Oper auf einen Parkettplatz, liest dicke 3 (5) Philippe Pozzo di Borgo Bücher und macht auf Gesellschaften Ziemlich beste Freunde Konversation. Hanser; 14,90 Euro Das ist Oblomows dritter Konflikt. 4 (3) Hans-Ulrich Grimm Denn er fürchtet das Selbstgefühl der Vom Verzehr wird jungen Dame, er fühlt sich unbeholfen, abgeraten nicht schnell und witzig genug. Sie will Droemer; 18 Euro mit beiden Händen ins Leben greifen, das er nur betrachten mag; sie lechzt nach Taten, wo er sich mit Träumen begnügt; Nichts für Fein- sie strahlt, während er dämmert. Sie be- schmecker: Fakten über die Machen- schämt ihn allein durch ihr Sein. „Solche schaften der Nahrungs- wie mich liebt man nicht.“ mittelindustrie Doch ist es schließlich um beide gesche- 5 (7) Hans Küng hen, in jenem langen Sommer, den Stolz Jesus Piper; 19,99 Euro in Europa verbringt, während Olga und 6 (4) Norbert Robers Ilja Gedichte lesen und unter Birken wan- Joachim Gauck – Vom Pastor zum deln. „An allem ist Andrej schuld: Er hat Präsidenten – Die Biografie uns beiden die Liebe eingeimpft wie die Koehler & Amelang; 19,90 Euro Pocken.“ Und was folgt auf die Liebe? 7 (12) Cid Jonas Gutenrath Eine stille Verlobung. Und was folgt der 110 – Ein Bulle hört zu – Aus der stillen Verlobung, wenn sie offiziell wer- Notrufzentrale der Polizei Ullstein extra; 14,99 Euro den soll? Oblomow müsste aufs Amt, die not- 8 (10) Bill Mockridge Je oller, je doller wendigen Papiere besorgen. Er müsste Scherz; 14,99 Euro seinem Verwalter schreiben, der ihn nach 9 (6) Wibke Bruhns Strich und Faden betrügt, mehr noch: Er Nachrichtenzeit müsste nach Oblomowka reisen, um dort Droemer; 22,99 Euro nach dem Rechten zu sehen, einen neuen 10 (8)Carsten Maschmeyer Verwalter suchen, sich um die entlaufe- Selfmade Ariston; 19,99 Euro nen Bauern kümmern, er müsste einen 11 (13) Martin Wehrle Plan machen und ihn am Ende umsetzen. Ich arbeite in einem Irrenhaus Er müsste, kurz gesagt, erwachsen wer- Econ; 14,99 Euro den, sein Leben in die Hand nehmen. Er 12 (17) Joe Bausch müsste ein anderer werden. Knast Ullstein; 19,99 Euro Hier habt ihr einen Helden, der keiner 13 (16) Gian Domenico Borasio ist. Kein tragisches Opfer, kein rauer, be- Über das Sterben wunderungswürdiger Täter, kein faustisch C. H. Beck; 17,95 Euro Suchender und kein selbstverliebter Er- 14 (–) Harry Belafonte mit Michael Shnayerson oberer. Ein schläfriges, freundliches Kind My Song im Körper eines Mannes, ein Zauderer Kiepenheuer & Witsch; 24,99 Euro und Zögerer, an dessen Grübelsucht kein 15 (11) Walter Isaacson Königreich zu Schaden geht, sondern nur Steve Jobs C. Bertelsmann; 24,99 Euro eine Lebensmöglichkeit. Seit mehr als 150 16 (–) Heiner Geißler Jahren gibt er Rätsel auf, wie man ihn Sapere aude! Warum wir eine neue betrachten soll. Ist er ein Neurotiker, ein Aufklärung brauchen Parasit, ein überflüssiger Mensch? Ein un- Ullstein; 16,99 Euro reifer, Ich-schwacher Egoist? Eine reine 17 (19) Thea Dorn / Richard Wagner Seele, die der Schonung bedarf und sich Die deutsche Seele damit revanchiert, dass sie die Welt eben- Knaus; 26,99 Euro so schont? Ein Trostbild der Untüchtig- 18 (–)Bud Spencer mit Lorenzo De Luca keit, eine liebeswürdige Unschuld? Bud Spencer – In achtzig Jahren um Wer immer sich auf ihn einlässt, ist mit die Welt Schwarzkopf & Schwarzkopf; 19,95 Euro den eigenen Werten konfrontiert, mit 19 (14) Dieter Nuhr dem eigenen Wunsch zu gefallen, etwas Der ultimative Ratgeber für alles Bastei Lübbe; 12,99 Euro zu gelten und nützlich zu sein. Mit der eigenen Urteilssucht. 20 (9) Tomáš Sedláček Die Ökonomie von Gut und Böse Und mit mindestens einer verlorenen Hanser; 24,90 Euro Praxis, beispielsweise dem Schlummern. Was Literatur eben so macht. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 111
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    Kultur E S S AY Keine Angst! Warum die anderen Parteien von den Piraten lernen müssen Von Constanze Kurz Kurz, 37, ist Informatikerin und Sprecherin des isten eingefangen und beeinflusst. Oft genug ist es schlicht de- Chaos Computer Clubs ren inhaltliche Zuarbeit, die kostenlos und zur rechten Zeit of- feriert wird, die den Ausschlag für Gesetzesinitiativen gibt. S ie müssen früher auf den politischen Prüf- Die Piraten sind angetreten, vieles davon zu ändern. Dass stand, als sie es selbst vermutet hatten: Es ihnen aus den etablierten Parteien eine Kombination aus Spott, ULLSTEIN BILD scheint nicht unrealistisch, dass in wenigen Ignoranz und neuerdings auch Angst entgegenschlägt, ist nicht Wochen in vier deutschen Landesparlamenten verwunderlich. Besonders beängstigend aus Sicht der in Parla- Piraten-Abgeordnete Platz nehmen werden. In menten vertretenen Parteien muss es sein, dass die Piraten mit den Sonntagsfragen deklassieren die Neulinge ihrem politischen Selbstverständnis, das so ganz anders wirkt die FDP bei weitem und landen bei Werten, die man von Links- als das der bräsig und behäbig wirkenden Konkurrenten, Men- partei oder Grünen gewöhnt ist. Die schen in Scharen mobilisieren. Un- Vergleiche mit dem Entstehen der ter ihnen sind nicht nur besonders grünen Bewegung und deren Einzug viele Erstwähler, sondern auch Men- in die Volksvertretungen hinken schen, die vom politischen System nicht nur bei der Zeitspanne, die längst aufgegeben worden waren. eine Idee wachsen muss, ehe sich Obendrein fällt das Einsortieren ihr vielleicht immer mehr Menschen des Phänomens in das beliebte Rechts- anschließen, sondern vor allem links-Schema schwer. Der gescheiter- beim gedanklichen Unterbau. Wel- te Ex-Generalsekretär der Liberalen, cher Art ist das prinzipielle Umden- Christian Lindner, versuchte es trotz- ken, das Piraten eint und ihnen die dem, als er die Piraten kürzlich die Kraft geben könnte, immer mehr „Linkspartei mit Internetanschluss“ Mitstreiter zu finden? nannte. Schon ein flüchtiger Blick in Die Piraten sind in ihrem Kern die Programme beider Parteien hätte DARMER / DAVIDS technologiebejahend, besonders bei ihm allerdings zeigen können, dass der innerparteilichen Meinungsfin- die inhaltliche Distanz in etwa so groß dung. Eine Vielzahl von Mailing-Lis- ist wie die der heutigen FDP zu ihrem ten, Wikis, Chat-, Internettelefonie- Parlamentssitzung einstigen Wahlziel 18 Prozent. und Social-Media-Kanälen wird für Was aber ist dieses Neue, so Reiz- Austausch, Debatte und Streit ge- „Die Auswüchse der volle an den Piraten? Im Kern ist es nutzt. Die womöglich für die Ent- das Versprechen einer niedrig- wicklung der politischen Kultur fol- parlamentarischen Demokratie schwelligen Möglichkeit zur Mitge- genreichste Technik ist aber ein auf sind offenkundig.“ staltung und politischer Teilhabe, den ersten Blick wenig einladendes auch für Menschen, die nicht die Po- System namens „Liquid Feedback“. litik zu ihrem Lebensinhalt machen Die Idee dahinter beruht auf der Erkenntnis, dass die alten wollen und die nichts zu tun haben mit der Kaste der Berufs- Methoden innerparteilicher Meinungsbildung kein Gefühl von politiker. Liquid Feedback und verwandte Werkzeuge sind das Teilhabe und Gestaltbarkeit mehr erzeugen. Das System aus mächtigste Mittel der Piraten für diese neue Art des Politik- Regionalgliederungen, Delegiertenkonferenzen, Kungelrunden, prozesses. Der Gedanke: Jeder Pirat kann zu jedem Thema Netzwerken und Kommissionen verhindert, dass innovative seine Meinung einbringen, beim Priorisieren der Inhalte mit Ansätze diskutiert werden oder sich gar durchsetzen. entscheiden und darüber abstimmen. Die Auswüchse der parlamentarischen Demokratie, die Po- W litiker und Wähler einander entfremden, sind offenkundig: ie in jeder politischen Organisation sind auch bei den Statt über Inhalte wird über Parteitaktik und Personen gestrit- Piraten nur wenige Mitglieder andauernd aktiv. Nicht ten. Die Sprache gleicht zuweilen der in schlecht synchroni- alle zerbrechen sich permanent den Kopf um heutige sierten Filmen. Gute Ideen werden zu oft abgeschossen und und zukünftige politische Fragen, streiten um Formulierungen begraben, manchmal gar nicht erst diskutiert, weil sie vom fal- und Inhalte und fällen Entscheidungen. Viele arbeiten nur an schen Landesverband oder der falschen Person geäußert wur- einzelnen Themen, die sie besonders interessieren. den oder innerparteilichen Interessen entgegenstehen. Spannend ist jedoch, dass diese Minderheit nach größtmög- Proporzarchitekturen, die Machtgefüge abbilden, prägen licher Offenheit gegenüber Mitstreitern strebt. Ein Neumitglied den politischen Alltag. Entsprechend intellektuell und hand- der Piraten erlebt praktische Politik fundamental anders als werklich dürftig ist die aktuelle Realpolitik. Spitzenkräfte haben Neugenossen anderswo im politischen Spektrum. Unabhängig schon lange keine Zeit mehr zum Durchdringen eines Themas. von Alter, Eloquenz oder Protegés ist der Zugang zum inhalt- Regierende werden nicht nur durch Gefälligkeiten der Lobby- lichen Herz der Partei sofort gegeben. Diese Durchlässigkeit 112 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    ist prägend undmotivierend, ebenso wie die überwiegend po- Außenverhältnis der Partei profilieren, sondern bringt sich am sitive Neugier, die den Piraten allerorten entgegenschlägt. besten mit guten Ideen und Vorschlägen in die digitalen Mei- Das Ideal der Beteiligung ist nicht neu. Emanzipatorische nungsbildungsprozesse ein. politische Bewegungen, zuletzt die Grünen, haben versucht, D Mechanismen zu finden, um die Basis kontinuierlich zu betei- er politische Piraten-Ansatz ist also nicht unbedingt in ligen und die Kluft zwischen Berufspolitikern und interessierten seinen Themen oder inhaltlichen Forderungen radikal, Mitgliedern nicht zu groß werden zu lassen. Doch Basisbetei- sondern in seiner grundlegenden Infragestellung des ligung ist anstrengend, zeitraubend und wird in einer Zeit, in existierenden Politikbetriebes. Die permanente Einbindung der Hektik und Effizienzwahn auch die Politik erfasst haben, der Mitglieder in inhaltliche Entscheidungen ist etwas, wovon als unpraktikabel und zu langsam empfunden. die grünen Basisdemokraten zwar träumten, aber aus prakti- Doch es geht anders, auch ohne eine Petra Kelly: Basisdemo- schen Erwägungen mehr und mehr Abstand nahmen, spätes- kratie im Digitalzeitalter heißt bei den Piraten, dass Anträge tens als es um Koalitionsbildungen und damit um wirkliche online verfasst, diskutiert, dann optimiert werden. Änderungs- Macht ging. und Gegenanträge werden im selben System eingestellt, jede Die Piraten sind angetreten, einen Versuch der basisdemo- Änderung bleibt bis ins Detail nachvollziehbar. Wenn es nötig kratischen Politikgestaltung zu unternehmen, der sich der Mit- ist, können Entscheidungen über die Position der Partei innerhalb tel des 21. Jahrhunderts bedient, ohne dabei in die Falle des von wenigen Stunden organisiert und durchgeführt werden. niemals endenden Gelabers ohne bindende Entscheidungen Am Schluss des Prozesses wird der Vorschlag zur landes- zu tappen. Gleichzeitig sollen verholzte Strukturen wie Lan- oder bundesweiten Abstimmung gestellt, jedes Mitglied kann desverbände und Antragskommissionen vermieden werden. seine Stimme abgeben. Es kann aber auch einem anderen, dem Den Vorwurf, sie würden so kein „Vollprogramm“ entwickeln, es vertraut, die Stimme übertragen. Delegation heißt das Ver- können sie gelassen hinnehmen. Denn was das sein soll, dürf- fahren, das fließend ist: Wenn der mit dem Vertrauen Beschenk- ten die Spitzenpolitiker der konkurrierenden Parteien anhand te nicht im Sinne des Stimmdelegators handelt, kann der seine der eigenen Programme kaum zeigen können. Einen visio- Stimme ohne Umschweife wieder entziehen. Die Machtver- nären Gesellschaftsentwurf hat auch von ihnen niemand in hältnisse verflüssigen sich, jederzeit, abhängig vom Thema. petto. Das Versprechen der direkten Partizipation macht die Das Liquid-Experiment hat na- Piraten so attraktiv für die von der türlich Aspekte, die sich im Laufe Parteipolitik Verdrossenen. Ob die seiner Nutzung als problematisch politischen Neulinge aus dem Netz herausstellten. Sie sind Gegenstand dieses Versprechen halten können, heftiger Debatten. So ist etwa die ist eine der spannendsten Fragen derzeit bestehende Möglichkeit der des aktuellen Zeitgeschehens. Wenn mehrfachen Delegation umstritten. das Experiment scheitert, die junge Jemand, dem die Stimmen von an- Partei im Chaos versinkt oder sich deren übertragen wurden, kann die- Sektierer und Partikularinteressen- se wiederum en bloc weitertransfe- ten ihrer bemächtigen, ist das rieren, beispielsweise an einen Ex- Modell einer permanenten direk- perten. In der Praxis entstehen ten politischen Online-Beteiligung durch diese Delegationsketten er- wohl für eine ganze Weile diskre- TOBIAS M. ECKRICH staunliche Machtballungen bei ein- ditiert. zelnen Piraten, die keine offizielle Die Angst vor der Ochlokratie, Parteifunktion innehaben, jedoch der Herrschaft des Pöbels, ist in de facto die Parteimeinung bestim- Deutschland ohnehin ausgeprägt. men. Zudem ist die mehrfache Piraten-Parteitag Auch das Liquid-System bietet kei- Stimmdelegation nicht unmittelbar ne Garantie für einen hochwertigen sichtbar. Dadurch registriert nicht „Das Versprechen der politischen Diskurs. Es funktioniert jeder Abstimmende, dass er bei- nur, wenn eine hinreichend große spielsweise bei einem Thema viele Partizipation macht die Piraten Zahl motivierter Teilnehmer dafür Mitglieder hinter sich hat und sein attraktiv für die Verdrossenen.“ sorgt, dass es eine zielführende in- Verhalten wahlentscheidend sein haltliche Debatten- und Entschei- könnte. dungskultur gibt. Das Prinzip der Liquid Democracy ist auch deshalb so span- Die große Chance läge darin, dass die anderen Parteien die nend, weil die Geschäftsordnung der Meinungsbildung direkt faszinierende Möglichkeit zum Neustart der politischen Betei- in Software abgebildet wird, die Regeln der Entscheidungsfin- ligung durch Einbeziehung neuer technischer Möglichkeiten dung dadurch zum Betriebssystem der Partei werden. Die in- ebenfalls nutzen. Dazu bedarf es jedoch einer grundlegenden nerparteiliche Digitaldemokratie wirft grundlegende Fragen Änderung im Selbstverständnis. nach dem Selbstverständnis des Politikers auf. Früher durchlief Der Anspruch, alles zu kontrollieren und zu steuern, um nur der typische Politiker die parteiinternen Stationen, baute an ja keinen Imageschaden im Koordinatensystem der alten Regeln seiner Hausmacht, war oftmals wortmächtig. Letzteres ist bei aus Profilierung und Geschlossenheit zu riskieren, lässt derzeit Berufspolitikern heute eher die Ausnahme, wie beliebige Bun- noch wenige Experimente zu. Dabei ist es schlicht notwendig, destagsdebatten zeigen. So gelangen vor allem Menschen an dass alle politischen Parteien in Deutschland schnellstmöglich die politische Macht, die durchsetzungsfähig und in der Lage von den Piraten abkupfern. Die digitale Beschleunigung, vor sind, sogar rückgratlose Kompromisse auszuhandeln und zu allem aber die Herausforderungen, die sich aus den aktuellen vertreten. Hauptsache, es wird nach außen das Bild der Ge- Krisen – Energie, Rohstoffe, Klima, Demografie, Finanzmärkte schlossenheit gewahrt und das, wie sie so gern sagen, „Profil – ergeben, erfordern eine wesentlich breitere Basis von Politik. der Partei geschärft“. Die Überwindung dieser Krisen bedarf kluger, radikaler Ideen Die Piraten setzen ein anderes Ideal. Der idealtypische Pira- und neuer Mechanismen, um den nötigen Rückhalt für die Um- ten-Politiker ist möglichst transparent und kann die im Liquid- setzung zu finden. Nun, da diese Mechanismen vorhanden und System ausgearbeitete und abgestimmte Parteimeinung direkt auszuprobieren sind, sollten die anderen Parteien es nicht nur nach außen vertreten. Er muss sich nicht durch Initiativen im den Piraten überlassen, sie anzuwenden und zu verfeinern. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 113
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    Kultur AU TO R E N Der Islam-Erneuerer Eigentlich schrieb der amerikanische Konvertit Michael Muhammad Knight nur, um seine eigene Religion zu verstehen. Doch dann wurde aus der Fiktion seines Romans „Taqwacore“ über die Subkultur der Islam-Punks Wirklichkeit. D em amerikanischen Schriftsteller Michael Muhammad Knight eilt ein Ruf voraus. Im Internet kur- sieren Videos, die ihn dabei zeigen, wie er bei einem Konzert Pogo tanzt und dabei eine Burka trägt. Oder wie er mit einer Horde Punks in einem Bus durch Pakistan tourt, immerhin eines der Zen- tren des Kriegs gegen den Terror. Dort legt er sich dann mit konservativen Geist- lichen an und trifft sich mit Kiffern an Sufi-Schreinen. Aus der Nähe, in der amerikanischen Provinz, sieht alles ein wenig anders aus. Knight lebt bei Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina, mehrere Universi- täten, mehrere große Gefängnisse, alles ziemlich unvermittelt nebeneinander. Die Zukunft des westlichen Islam hätte man woanders vermutet. Außerdem hat sich der ehemalige Krawallbruder in einen freundlichen Gelehrten verwandelt. Knight studiert Islamwissenschaften in Raleigh. Sein Programm hat sich aller- dings nicht verändert: Michael Muham- mad Knight will den westlichen Islam ver- ändern. Neun Jahre sind vergangen, seit er „Taqwacore“ veröffentlicht hat, seinen Roman, der vom Leben einer fiktiven Gruppe muslimischer Punks in ihrem Haus in Buffalo erzählt, nun ist er auf Deutsch erschienen*. Und auch wenn keine Islamkonferenz, kein sogenannter Islamkritiker und erst recht kein musli- mischer Geistlicher auf die Übersetzung gewartet haben dürfte: Es ist das interes- santeste und wichtigste Buch eines ame- rikanischen Muslims seit der Autobiogra- fie von Malcolm X. Die Lektüre des Korans öffnete Mal- colm X in den fünfziger Jahren die Augen für den Rassismus der US-Gesellschaft und die systematische Diskriminierung des schwarzen Amerika. Mehrere Gene- rationen fanden sich darin wieder. „Taqwacore“ erzählt vom großen Dra- CHARLES HARRIS / DER SPIEGEL ma der islamischen Identität im Westen heute: Wie kann man an eine Religion glauben, die Unterwerfung fordert, wenn * Michael Muhammad Knight: „Taqwacore“. Aus dem amerikanischen Englisch von Yamin von Rauch. Verlag Schriftsteller Knight: „Dieses Buch bin ich“ Rogner & Bernhard, Berlin; 306 Seiten; 19,95 Euro. 114 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    das ganze sonstigeLeben aus Selbstbe- migkeit, und „Core“ wie Hardcore – ist ständig im Konflikt zwischen den Anfor- stimmung aufgebaut ist? Wie bekommt ein Gesprächsbuch, ständig sitzen die derungen, die der Glaube an sie stellt, man einen Glauben, der den Anspruch Figuren zusammen und reden. Warum und den Schwierigkeiten, sie zu erfüllen. hat, den Alltag zu regeln, aber aus dem eigentlich kein Alkohol, fragen sie mit Und am Ende stellen sie fest, dass nicht 7. Jahrhundert stammt, mit den Wider- besoffenem Kopf. Wie ist das mit den die Zerrissenheit das Problem ist, sondern sprüchen des Lebens im 21. Jahrhundert Frauen und der Gleichberechtigung? Gibt der Glaube, es dürfte keine Zweifel und zusammen? es eigentlich richtige und falsche Aus- keine Zerrissenheit geben. Es ist ein Buch, das aus dem existen- legungen der heiligen Schrift? Existiert Michael Muhammad Knight, 34, ist ka- tiellen Zweifel heraus entstanden ist. Es ein amerikanischer Islam? Wenn ja, kann tholisch aufgewachsen. Sein Vater war schildert eine Phantasiewelt, das Haus das überhaupt ein echter Islam sein, wenn ein paranoider und gewalttätiger Nazi- hat es nie gegeben, die Personen, die dar- er anders ist als die anderen? Manchmal Rocker, seine Mutter brachte sich mit in leben, auch nicht. Trotzdem dürfte führt die verschleierte Rabeya die Män- ihrem Sohn in Sicherheit, als der kleine keine Studie über die sogenannte Inte- ner beim Gebet. Ein Song in dieser ima- Michael zwei Jahre alt war. Die beiden grationswilligkeit muslimischer Jugend- ginären Punkwelt heißt „Muhammad was zogen nach Geneva, in eine Kleinstadt, licher im Westen ihren tat- ein paar Stunden von New sächlichen Gefühlswelten so York City entfernt. Zum Is- nahe kommen wie die Figuren lam findet er über MTV, in aus „Taqwacore“. einem HipHop-Video sieht er Der Erzähler ist Yusef, ein zum ersten Mal Malcolm X. braver und langweiliger Junge, Er will sich durch das Studium der Ingenieurwissenschaften des Korans auch verändern. studiert und zur Freude seiner Er fängt an, in eine Mo- Eltern in ein Wohnheim voller schee zu gehen, und tritt zum Muslime zieht. Er ist fassungs- Islam über. Mit 17 fährt er für los, als er seine neuen Mitbe- zwei Monate ins pakistanische wohner kennenlernt. Islamabad. Dort besucht er Da gibt es Jehangir, den eine Moschee, die mit saudi- KIM BADAWI / GETTY IMAGES Sufi-Philosophen mit dem schem Geld finanziert ist, ei- Irokesenschnitt. Er versucht, ne radikal-islamistische Blase Hedonismus und Islam zu- ohne Kontakt zur pakistani- sammenzubringen, und ruft schen Restrealität. manchmal mit der E-Gitarre Knight kommt als Extre- zum Gebet. Dann ist da Ra- mist zurück. Er hängt ein Pla- beya, das Riot-Girl in einer Islam-Punk-Band The Kominas: Auf Tour in Pakistan kat des Ajatollah Chomeini mit Punk-Aufnähern verzier- in seinem Jugendzimmer auf ten Burka, das die Zeilen des – Mitte der Neunziger. Ein Korans, die ihm nicht passen, paar Jahre später wäre es mit einem dicken Filzstift wohl eines von Bin Laden wegstreicht. Lynn, die weiße gewesen. Konvertitin, sucht nach dem Ein weißer Junge, der über Wohlfühl-Islam. Muzammil ist HipHop zum Islam und über Muslim und schwul. Und Pakistan zum Fundamentalis- Umar, der Gewichte stem- mus findet: Vielen westlichen mende Steinzeit-Islamist, mag Konvertiten dürfte es ähnlich weder Frauen noch Schwule, ergangen sein. Konvertiten dabei ist er mit seinen Tattoos suchen in der neuen Religion in der Welt der konservativen die Ordnung, die genauen An- Muslime selbst ein Exot. weisungen dazu, wie das Le- Im Gebetsraum des Hauses ben zu leben ist. Viele ziehen MAST IRHAM / DPA hängt eine saudische Fahne, dafür in den Heiligen Krieg. auf die ein Anarchie-A ge- Auch Knight ist einmal kurz sprüht ist. Ein Loch in der davor, nach Tschetschenien zu Wand markiert die Gebets- gehen, um gegen die Ungläu- richtung nach Mekka, jemand Indonesische Islam-Punks: Die Polizei schneidet ihnen die Haare bigen zu kämpfen. Er macht hat es mit einem Baseball- es nicht. schläger hineingekloppt. Immer läuft a Punk Rocker“, ein anderer „Our Holy Tatsächlich kommen ihm Zweifel. Auf Punkmusik, die Bands heißen Vote Hez- Prophet Fingered His Six-Year-Old Bride dem College in Buffalo realisiert er, wie bollah oder Osama Bin Laden’s Tunnel in Her Dirty Ass“. wenig er mit dem Leben klarkommt. Er Diggers. Als der Skandal um die dänischen Mo- kann sich nicht mit Mädchen unterhalten, Es ist eine Outlaw-Gemeinde, diese auf hammed-Karikaturen durch die arabische jede Bar empfindet er als Bedrohung. Er eine Punk-WG zusammengeschrumpfte Welt fegte und die Veröffentlichung der hat ein paar Punk-Freunde, Außenseiter Umma. Ein Labor für den Clash von britischen Ausgabe von „Taqwacore“ an- wie er, aber über Religion kann er mit Islam und westlichem Lebensstil sowie stand, entschied sich der Verlag, das Buch ihnen nicht reden. Die Welt versteht ihn ein Modell des Welt-Islam: So unter- zu zensieren. Die deutsche Ausgabe ba- nicht, er versteht die Welt nicht. schiedlich wie die Bewohner sind schließ- siert auf dem amerikanischen Original. So fängt er an, „Taqwacore“ zu schrei- lich auch die verschiedenen islamischen „Taqwacore“ ist das Buch eines Autors, ben. Es beginnt als Gedankenspiel: Was Gemeinden. der am Anfang seiner Karriere steht. Es wäre, wenn ich Menschen hätte, mit de- „Taqwacore“ – das Wort setzt sich zu- glüht vor Intensität. Alle Figuren des nen ich mich über meine Zweifel unter- sammen aus „Taqwa“, das heißt Fröm- Buchs leben eine zerrissene Existenz, halten könnte? Was wäre, wenn es ein D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 115
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    Kultur STRAND RELEASING Szene aus „Taqwacore“-Verfilmung: Kombination aus „Allahu akbar“ und „Fuck you“ Haus gäbe, wo ich mit diesen Leuten zu- nen anschließend die Haare geschnitten sammen wohnen würde? „Dieses Buch werden. bin ich“, sagt Knight. „Ich, wie ich mich Irgendetwas ist dran an dieser Kombi- mit mir selbst unterhalte.“ nation aus „Allahu akbar“ und „Fuck Es dauert eine Weile, bis das Buch sich you“. Vielleicht liegt es an der eigentüm- verbreitet, Knight hat zunächst keinen lichen Geschichte des Islam in den USA. Verlag, er kopiert die ersten Exemplare Anders als in Deutschland (und den meis- per Hand, bindet sie im Copyshop und ten anderen europäischen Ländern) ist verschickt sie an jeden, der eins will. Der der Islam dort nämlich keine Einwande- Punk-Veteran und Ex-Sänger der Dead rerreligion, zumindest nicht ausschließ- Kennedys Jello Biafra nimmt das Buch lich. Ein großer Teil der Muslime dort schließlich in den Katalog seines Platten- sind Afroamerikaner, und ihr Glaube ist versands auf. so amerikanisch, dass die meisten Araber Knight bekommt Post. Dutzende Kids ihn kaum ernst nehmen. melden sich bei ihm, schreiben ihm, dass Dieser schwarze Islam entstand in den sie sich wiedergefunden hätten in seinem dreißiger Jahren in den Ghettos von Chi- Buch, bitten ihn, Kontakt zur Taqwacore- cago und Detroit, ihr bekanntester An- Früher lesen: Früher lesen: Szene herzustellen, fragen, wo sie die hänger ist der Boxer Muhammad Ali. Er Sonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®, Musik der Muslim-Punk-Bands bekom- war in der Nation of Islam, einer umstrit- Android-Tablets und -Smartphones sowie auf men können. tenen Organisation, der auch Malcolm X Mac und PC: einmal anmelden und auf jedem Die Szene, die Knight sich in seiner viele Jahre angehörte. Der größte Unter- Gerät lesen – egal wo Sie gerade sind. Verzweiflung ausgedacht hat, entsteht auf schied zum Islam anderswo: Viele Black Mehr sehen: Mehr sehen: einmal wirklich. Bands gründen sich, un- Muslims glauben noch immer, der weiße Nutzen Sie Videos, Fotostrecken und ter dem Label Muslim-Punk gehen sie so- Mann sei der „blue-eyed devil“. interaktive Grafiken. gar auf Tour. „Sharia Law in the U.S.A.“ Hier hat sich Knight sein Religions- heißt ein bekanntes Stück, The Kominas verständnis geborgt, beim widerständi- Mehr hören: Mehr hören: die Band, eine Gruppe pakistanisch-ame- gen Glauben des schwarzen Amerika, Lauschen Sie Interviews, neuen Songs rikanischer Punks, ihr Song erinnert an der nicht aus der Tradition lebt, sondern oder historischen Tondokumenten. den Sex-Pistols-Klassiker „Anarchy in the aus der Selbsterfindung. Wo etwa die Mehr wissen: Mehr wissen: U.K.“. Sekte der Five Percenters glaubt, Allah Lesen Sie weiter auf den Themenseiten. Knight will bei all der Aufregung nicht lebe in jedem Menschen, deshalb heiße Lassen Sie sich vom Reporter erklären, wie abseitsstehen, es ist der Traum eines er auch so: A-L-L-A-H, Arm-Leg-Leg- Schriftstellers, seine Phantasie ist Wirk- Arm-Head. er recherchiert hat. lichkeit geworden. Als die Kominas Kon- Wer weiß, vielleicht entsteht ja irgend- zerte in Pakistan geben, ist Knight dabei, wo im deutschen Neukölln, im engli- ein Dokumentarfilm entsteht. schen Birmingham oder in der Pariser Jetzt exklusiv in der neuen Ausgabe: Die Bewegung trennt sich rasch von Banlieue gerade Ähnliches? Ein Islam, Mehr als ein Pass? – Videos und Fotos über ihren Wurzeln, einige Bands haben sich der sich von den Absolutheitsansprüchen mittlerweile aufgelöst, andere haben sich seiner verschiedenen Schulen getrennt das Heimatgefühl der Deutschen weiterentwickelt. hat und die Vielfalt gelten lassen kann. Blut im Sand – Video über den einäugigen In Asien blüht die Bewegung auf. So Nicht weil es im Koran steht, sondern Stierkämpfer Juan José Padilla wie die Welt der schwarzen Muslime über weil es der westliche Beitrag zum Welt- HipHop-Songs in Knights Kinderzimmer Islam sein könnte. Samenspender – Video-Besuch bei einem landete und dort ihre eigentümliche Dass es überhaupt möglich sein könn- 82fachen Vater Wirkung entfaltete, ist es heute mit te, so etwas zu beschreiben, das ist das Taqwacore in Burma und Indonesien, wo große Verdienst von Michael Muhammad die Konzerte der Muslim-Punks von der Knights „Taqwacore“. Polizei aufgelöst und den Festgenomme- TOBIAS RAPP 116 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Zombies DEBATTENKRITIK : Was taugt das Israel-Gedicht von Günter Grass? B itte nicht schon wieder eine Debat- Grass – aber weil sich, so sieht er das, dort oft genug gesagt. Damit ist Iran erst te, die keine ist. Bitte nicht schon niemand traut, Israel dafür zu kritisieren, mal der Aggressor in dieser Angelegen- wieder eines dieser ewigen deut- dass es bereit ist, einen Präventivkrieg heit – es sei denn, und das ist der Antise- schen Selbstgespräche, die so voller Weh- gegen Iran zu beginnen, bleibt ihm, ganz mitismus, von dem Broder spricht, Günter leidigkeit, Selbsthass und mühsam unter- lutherisch, gerade nichts anderes übrig, Grass wäre der Meinung, dass die Grün- drückter Aggression sind. Bitte nicht als das zu sagen, was er für die Wahr- dung Israels die eigentliche Aggression ist, schon wieder alte Männer, die mit den heit hält: „Das allgemeine Verschweigen gegen die sich Palästinenser und letztlich Worten von gestern und vorgestern auf- dieses Tatbestandes, dem sich mein auch Ahmadinedschad zu Recht wehren. einander einprügeln. Schweigen untergeordnet hat, empfinde Das würde Grass natürlich nie direkt Was ist passiert? Günter Grass hat ein ich als belastende Lüge und Zwang, der sagen, er hat ja auch mit Bedacht und aus Gedicht geschrieben, in dem er die Welt Strafe in Aussicht stellt, sobald er Feigheit die Form des Gedichts gewählt retten will und vor allem sich selbst, mit missachtet wird.“ und keinen Essay geschrieben, in dem er dem ganzen klapperigen Pa- argumentieren müsste – so thos, das ihm zur Verfügung kann er immer sagen, Entschul- steht: Es geht um Israel, Iran, digung, aber das hat Verse, die die Atombombe, ein deutsches sich zwar nicht reimen, aber U-Boot – und Henryk M. Bro- doch Kunst sind. der schrieb in der „Welt“ so- Ob Kunst oder nicht: Dieses fort, dass hier der „Prototyp Gedicht öffnet den Blick auf des gebildeten Antisemiten“ Grass, den man als selbstge- spricht. recht beschrieben hat und der Schon sind wir mittendrin in sich hier darüber hinaus als einer Diskussion, die einem we- sehr kalt erweist – so kalt, dass nig sagt über das, was im Na- er sich im Mantel seiner eige- hen Osten passiert, und viel nen, triumphalen Moral wär- darüber, wie sehr die Deut- men muss: „Ich schweige nicht schen immer noch mit ihren mehr, weil ich der Heuchelei Gespenstern ringen. des Westens überdrüssig bin“, „Was gesagt werden muss“, schreibt er. „Nur so ist allen, so heißt das Gedicht, das Grass den Israelis und Palästinensern, vergangenen Mittwoch gleich- mehr noch, allen Menschen, zeitig in der „Süddeutschen die in dieser vom Wahn okku- Zeitung“, „El País“ und „La pierten Region dicht bei dicht Repubblica“ veröffentlichte – verfeindet leben und letztlich und schon der Titel ist unfass- auch uns zu helfen.“ JAKOB CARLSEN bar verbohrt und anmaßend. Warum uns? Das sind die Grass tut ja gerade so, als stün- Worte einer Generation, die, de er vor einem Hinrichtungs- scheint es, vor vielen, vielen kommando, das Hemd weit Polit-Lyriker Grass Jahren gestorben ist, Zombies aufgerissen, um seine Wahrheit seit Kriegstagen, und die sich einer widrigen Welt entgegen- seither selbst erlösen will. Und zuwerfen. zwar über den Umweg Israel. „Warum schweige ich, verschweige zu Wow. Es ist das gleiche Muster wie bei Das Problem bei diesem Gedicht ist lange, was offensichtlich ist“, so beginnt Martin Walser und seiner „Moralkeule“ damit nicht, ob es gut ist oder schlecht, das Gedicht, und wie gut für Grass, dass Auschwitz, und es ist doch immer wieder das lässt sich leicht sagen. Das Problem er diese Frage nicht wirklich mit einer atemberaubend zu sehen, mit welcher ist auch nicht, ob Günter Grass Antisemit kritischen Selbstreflexion beantworten Dreistigkeit es die Männer dieser Gene- ist oder nicht, ich glaube das nicht. Das muss, die ihn nur zu dem Hitler-Soldaten ration der heute über 80-Jährigen schaf- Problem ist, dass Grass eine Art von geführt hätte, der er mal war, und zu dem fen, Ursache und Wirkung zu verdrehen Vereinfachung vorführt, wie sie im ganzen Hitler-Irrsinn, den er in seiner Ju- und mit ein paar Sätzen ihre eigene Wirk- deutschen Denken verwurzelt ist und gend eingeatmet hat – wie gut für Grass, lichkeit zu konstruieren. Wir sind die Op- auch von Teilen der Linken in den sieb- dass er die Schuldigen gleich parat hat: fer, wir dürfen nicht sagen, was wir den- ziger Jahren praktiziert wurde – was die Opfer, die ihn zwingen, sich zu erin- ken, behaupten sie und schieben damit dann in der Konsequenz zu Antisemitis- nern, und die heute angeblich noch mit die Schuld den eigentlichen Opfern zu. mus führen kann. der Erinnerung Politik machen. Die Ju- Es ist das ewig dämliche Spiel dieser Flak- Grass jedenfalls hat, „gealtert und mit den also, ein Wort, das Günter Grass in helfergeneration. letzter Tinte“, getan, was Grass eben tun seinem Gedicht verdruckst vermeidet. Deshalb noch mal ganz einfach: Iran musste, weil er Grass ist. Und? Hat ihn Dass er „dem Land Israel“ verbunden will, dass Israel von der Landkarte ver- jemand daran gehindert? ist und verbunden „bleiben will“, betont schwindet, das hat der verrückte Führer GEORG DIEZ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 117
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    Prisma Fliege hinter Gittern Im Dienste der Wissen- schaft surrt diese Frucht- fliege in einem Feld, das durch Leuchtdioden begrenzt ist. Das Experi- FLORIS VAN BREUGEL ment soll zeigen, wie sich die Tiere orientieren. BILDUNG elektronische Medium im Laufe der ARCHÄOLOGI E Zeit eher das Interesse am Schmö- kern. „Vielleicht vergraben sich Mäd- Starthilfe für Lesemuffel chen in diesem Alter doch einfach Promi-Werbung Elf- bis Fünfzehnjährige, die Bücher meiden, bekommen durch E-Book- lieber mit einer Schwarte im Sessel“, meint Studienautorin Dara Williams- Rossi von der Southern Methodist für die Armee Reader mehr Lust aufs Lesen. Aller- University in Dallas. Anfangs aber Stars aus der Welt des Sports wurden dings gilt die Initialzündung eher für profitierten die früheren Lesemuffel in der Antike offenbar gezielt einge- Jungen als für Mädchen, wie US- beiderlei Geschlechts von der elek- setzt, um junge Männer für den Dienst Forscher aus Texas bei einer Studie tronischen Einstiegshilfe, berichten in der römischen Armee zu begeistern. mit knapp 200 Schulkindern heraus- die beteiligten Forscher im „Interna- Belegt ist dies zumindest für die Stadt gefunden haben. Während sich die tional Journal of Applied Science and Oinoanda im Südwesten der heutigen männlichen Teilnehmer der Studie Technology“ – einige der auf den Türkei. Dort warb vor rund 1800 Jah- dauerhaft fasziniert von der Bild- Geschmack gekommenen Schüler ren der erfolgreiche Ringer und Athlet schirmlektüre zeigten, verloren die verschlangen binnen zwei Monaten Lucius Septimius Flavianus Flavillia- gleichaltrigen Mädchen durch das vier E-Book-Geschichten. nus Rekruten für die römischen Legio- nen an, wie eine in der Zeitschrift „Anatolian Studies“ veröffentlichte Inschrift verrät. Dem Text zufolge eskortierte Flavillianus die Männer anschließend selbst in die Stadt Hiera- polis. Das Charisma des Ausnahme- kämpfers tat offenbar seine Wirkung: Die Jugend folgte seinem Werben in Scharen. Von den Siegen des Athleten im Ringen und im Pankration, einer RONALD FROMMANN / DER SPIEGEL besonders blutigen Kampfsportart, berichten auch andere Inschriften in der Stadt. „Dank seiner immensen Berühmtheit fiel es Flavillianus wahr- scheinlich leicht, Freiwillige zusam- menzutrommeln“, erklärt Studien- autor Nicholas Milner vom British Jugendliche E-Book-Leserin Institute in Ankara. 118 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Wissenschaft · Technik M AT E R I A L F O R S C H U N G Kunststoff mit Bluterguss Ein Material mit verblüffenden Selbst- heilungskräften haben Forscher bei ei- nem Expertentreffen in den USA prä- sentiert. Der Chemiker Marek Urban von der University of Southern Missis- sippi in Hattiesburg hat ein Polymer entwickelt, das bei Kratzern oder Ris- sen ähnlich reagiert wie die menschli- che Haut: Einem Bluterguss vergleich- bar bilden sich rund um die aufgetrete- nen Schäden erst rötliche Flecken; da- nach kann durch Licht ein im Material enthaltener Reparaturmechanismus DAVID HALL / SEAPHOTOS.COM aktiviert werden, der die zugrunde lie- genden Molekülbrüche selbsttätig kit- tet. „Unser neuer Kunststoff versucht die Natur zu imitieren, indem er auf Schäden mit einem sichtbaren Signal Red Irish Lord hinweist und sich anschließend selbst erneuert“, erklärt Urban. Für solche an biologischen Systemen orientierten FOTOGRAFIE Werkstoffe gibt es nach Ansicht der Forscher eine Vielzahl von Anwen- dungsmöglichkeiten. Denkbar wären Plastikgehäuse für Handys oder Lap- tops, bei denen Sprünge von selbst Wunderwelt unter Wasser wieder zusammenwachsen; oder Auto- Kunstwerk oder wissenschaftliche Fotografie? Mit den Bildern, die er in den teile, deren Kratzer in der Sonne ver- Tiefen des Nordpazifiks macht, gelingt David Hall beides. Der Zoologe, leiden- heilen. Und Flugzeugingenieure könn- schaftlicher Taucher und Fotograf aus New York, hat im Laufe von 15 Jahren die ten anhand der roten Flecken an der kalten Gewässer mit der Kamera erforscht und dabei einen Kosmos von uner- Oberfläche entscheiden, ob für Risse hörter Farbenpracht dokumentiert, der jetzt in seinem Band „Unbekannte Kalt- im Material eine simple Lichttherapie wasserwelten“ zu betrachten ist (Frederking & Thaler; 39,95 Euro). Wie Gemälde genügt oder ob die defekten Teile wirken die Bilder von Algenwäldern; die Wanderungen der Lachse gleichen Or- besser ersetzt werden sollten. gien von Rot und Grün. Und Seenelken, Medusensterne oder der Red Irish Lord, einer der spektakulärsten Fische des Nordpazifiks, leuchten wie psychedelische Kostbarkeiten. „Unter Wasser sind wir unbeholfene Neulinge“, schreibt Hall, der mit seinen Fotomodellen wiederholt Abenteuerliches erlebte: Neugierige Seelöwen etwa, die größten Exemplare rund tausend Kilogramm schwer, umzin- WODICKA / BILDMASCHINE.DE gelten den Eindringling auf einer seiner Expeditionen. Der New Yorker Fotograf rückte auch monströsen Wesen wie dem 2,5 Meter langen Seewolf, gigantischen Quallen oder dem furchterregenden Pazifischen Riesenkraken auf den Leib. Kratzer im „Aufnahmen mit hoher Auflösung“, so Halls Devise, „gelingen nämlich nur, Autolack wenn sich möglichst wenig Wasser zwischen Linse und Motiv befindet.“ DROGEN hat. Die Folgen der Muntermacher- gen- und Handbewegungen zu koordi- pillen zeigen sich demnach schon vier nieren. Ob auch die kognitiven Fähig- Monate nach der Geburt. Die Exper- keiten der Kinder und ihre emotionale Ecstasy schädigt Babys ten registrierten bei den Kindern ge- häuft motorische Entwicklungsdefizite: Reifung aufgrund des Drogenkonsums der Mütter leiden, sollen Nachfolge- Frauen, die während der Schwanger- Einige von ihnen schafften es erst spä- untersuchungen nach dem zwölften schaft Ecstasy einnehmen, gefährden ter als üblich, den Kopf aus eigener Lebensmonat klären. „Besonders das Wohlergehen ihres Kindes. Zu Kraft aufrecht zu halten; andere, heißt tückisch“, warnt Studienleiterin Lynn diesem Ergebnis kommt ein internatio- es im Fachblatt „Neurotoxicology and Singer von der Case Western Reserve nales Forscherteam, das erstmals die Teratology“, hinkten Gleichaltrigen University in Cleveland, seien die Auswirkungen der Partydroge auf den hinterher, wenn es darum ging, sich Ecstasy-Risiken „für Frauen, die die Fötus im Mutterleib und auf die späte- vom Rücken auf die Seite zu drehen, Pillen konsumieren und dabei gar re Entwicklung des Kindes untersucht mit Unterstützung zu sitzen oder Au- nicht wissen, dass sie schwanger sind“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 119
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    Wissenschaft ARCHÄOLOGI E Gottes vergessene Kinder Das antike Volk der Juden hatte religiöse Konkurrenz. Ausgräber sind nahe Jerusalem auf einen zweiten riesigen Jahwe-Tempel gestoßen – eine ISRAELIMAGES / AKG Sensation. Die Erben der ersten Priester leben noch heute am Fuß der Ruinen. G ewandet in einen grauen Mantel, Besonders wichtig: Die Sekte glaubt Gruppe in Holon bei Tel Aviv, wieder 751 sitzt Aaron Ben Ab-Hisda Ben nur an das schriftliche Vermächtnis von Personen zur Gemeinde. Jakob, 85, im Dämmerlicht seines Mose, die fünf Bücher des Pentateuch Die Zunahme erfolgte allerdings nur, Hauses. Er stimmt einen kehligen Singsang (Hebräisch: Tora). Alle anderen Schriften weil man frevelte und das Verbot der an, eine althebräische Litanei. Er trägt Voll- der Bibel lehnen sie ab. Mischehe aufhob. Im Jahr 2004 wurden bart und auf dem Kopf ein rotes Käppi. Historisch gesehen gehören Samarita- fünf heiratswillige Jüdinnen aus der Der Mann ist Hohepriester. Sein Stamm- ner und Juden einem Volk an. Das Alte Ukraine und eine aus Sibirien in die Ge- baum reicht 132 Generationen zurück. Er Testament berichtet, dass zehn der zwölf meinde aufgenommen. sagt: „Ich bin ein Urenkel von Aaron, dem Stämme in der Region Samarien den Staat Dennoch: Wegen der Inzucht gibt es Bruder des Propheten Mose.“ Der lebte Israel gründeten – um 926 vor Christus. vermehrt Erbschäden. Fachblätter haben vielleicht vor über 3000 Jahren. Die beiden anderen Clans lebten weiter Studien über die vergessenen Kinder Got- Die Sekte der Samaritaner, die Aaron südlich im bergigen Juda, mit der Haupt- tes vorgelegt. Sie leiden gehäuft an einer Ben Ab-Hisda anführt, ist so strenggläu- stadt Jerusalem (siehe Karte). Muskelschwäche und dem Usher-Syn- big, dass ihre Mitglieder am Sabbat nicht Die Samaritaner waren also einst in drom („Taubblindheit“). einmal die Heizung anschalten. Sie essen der Mehrheit. In der Antike gab es Ihr Kult aber ist vital. Zum Pessachfest nie Krabben und heiraten nur unterein- 300 000 von ihnen, vielleicht sogar über versammeln sich alle. Die Männer tragen ander. Ihre Frauen gelten während der eine Million. Doch ihr härtestes Gesetz dann weiße Gewänder und begehen ein Menstruation als so unrein, dass sie sie- hätte fast ihren Untergang bedeutet. Es großes Tieropfer. ben Tage in speziellen Räumen abge- lautet: „Niemand von euch darf außer- Auf Kommando schneidet ein Priester schirmt werden. halb des Gelobten Landes siedeln.“ rund 50 Lämmern die Kehle durch. In Draußen, in den Straßen von Kirjat Ergebnis: Während die Juden vor der Strömen fließt das Blut über eine Stein- Luza (bei Nablus), fegt ein kalter Sturm. Drangsal fremder Herrscher in alle Welt rinne in ein Loch, wo es mitsamt dem Das Dorf liegt knapp unter dem Gipfel flohen, verharrten ihre Verwandten vor Gedärm verbrannt wird. Das Fleisch, in des Garizim. Es gibt eine Schule, zwei Lä- Ort und litten unter byzantinischen Ty- einem großen Erdofen gegart, muss noch den, einen Opferplatz. 367 Samaritaner rannen oder grausamen Sultanen. Am in der Nacht gegessen werden. Sonst wird leben dort. Es ist eine kleine Gemeinde. Ende des Ersten Weltkriegs gab es noch es unkoscher. Der Besuch der Synagoge am Samstag 146 von ihnen. Woher aber kommen diese archaischen ist hier Zwang. „Jeder Junge muss genau „Heute geht es uns besser“, sagt der Menschen? am achten Tag beschnitten werden“, er- Greis Aaron Ben Ab-Hisda und schaut Diese Frage interessiert immer mehr klärt der Hohepriester. Nicht vorher, munter aus dem Fenster. Inzwischen ge- Religionswissenschaftler. Neue Erkennt- nicht nachher. hören, zusammen mit einer weiteren nisse belegen, dass die Samaritaner ein 120 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Gespaltenes Reich ten vorchristlichen Jahrhundert spalteten sich die Samaritaner als radikale Sekte Die Staaten Israel und Juda ab. In der Bibel treten sie als Eigenbrötler im 10. Jh. v. Chr. und Götzendiener auf, sie sind böse. Der „barmherzige Samariter“ (Lukas Kapitel 10, Vers 25–37) verhält sich eher un- r typisch. ee lm See Der Historiker Flavius Josephus, selbst te Genezareth jüdischen Glaubens, erwähnt, dass die it Abtrünnigen um 330 vor Christus eher M ISRAEL stümperhaft und „in aller Eile“ ein Hei- Jordan 10 Stämme ligtum errichtet hätten, um den Tempel von Jerusalem nachzuahmen. Samaria Berg Ebal Doch nun zeigt sich, dass die Bibel nur Berg Sichem ein Zerrbild liefert. Papyrusrollen aus (Tel Aviv) Garizim Qumran am Toten Meer, aber auch ein (Holon) jüngst auf dem Antikenmarkt aufgetauch- (Westjordanland) Bethel tes Fragment der Bibel zwängen zu einer (Gaza- „völligen Neubewertung“, sagt Schorch. Jerusalem Jericho Den spannendsten Hinweis darauf, wie Streifen) Betlehem die Geschichte wirklich ablief, hat jetzt Jizchak Magen geliefert. Seit 25 Jahren Hebron gräbt der Archäologe abgeschirmt hinter To t e s Sicherheitszäunen auf der Kuppe des Meer windumtosten Garizim. JUDA Seine Befunde, erst zum Teil veröffent- 2 Stämme licht, kommen einer Sensation gleich: Auf dem Berg stand bereits vor 2500 Jahren ein gewaltiges, hell schimmerndes Heilig- heutige tum, umschlossen von einer 96 mal 98 Me- Grenzen ter großen Einfriedung. Die Mauer hatte Möglicher Israels Wanderzug der sechskammrige Tore mit riesigen Holz- Israeliten vor türen. der Eroberung Der Tempel von Jerusalem war zu jener Samaritaner bei einer des Gelobten Zeit allenfalls ein simpler Kubus. 50 km Zeremonie mit Tora-Rolle Landes 400 000 Knochenreste von Opfertieren hat Magen entdeckt. Inschriften weisen die Stätte als „Haus des Herrn“ aus. Auf düsteres Schicksal erlitten. Einst waren Und er vergleicht die samaritanische Tora einem Silberring prangt das Tetragramm sie die Wächter der Bundeslade und die mit der jüdischen Version. JHWH. Es steht für „Jahwe“. Gralshüter der mosaischen Tradition. „Eigentlich gibt es nur eine wesentliche All das bedeutet: Nur 50 Kilometer von Doch dann wurden sie Opfer einer Ruf- Abweichung“ erklärt er. Bei den Juden Jerusalem entfernt stand ein gigantisches mordkampagne. gilt Jerusalem als zentraler Kultort, bei Gegenheiligtum. Stefan Schorch steht mit windzerzaus- den Samaritanern ist es der Berg Gari- Was für eine Entdeckung. Unter den tem Haar vor der Synagoge in Kirjat zim. Israeliten brodelte ein Glaubenskrieg, die Luza. Der Alttestamentler von der Uni- Nur: Welche Tora ist das Original? Die Nation war gespalten. Die Juden hatten versität Halle-Wittenberg kommt oft hier- bisherige Lehrmeinung geht so: Im vier- mächtige Vettern, mit denen sie einen her, meist mit dem Tonband. Er arbeitet wie ein Ethnologe, der ein abgelegenes Naturvolk untersucht. Vor allem sucht Schorch nach heiligen Büchern. Es ist halb acht Uhr morgens. Ein Pries- ter schließt das kleine Gebetshaus auf und verschwindet in einer Nische, die mit einem roten Teppich verhängt ist. Dahin- ter steht ein Panzerschrank, gefüllt mit alten Folianten des Pentateuch. „Un- glaublich“, sagt der Forscher und blättert in einem von ihnen, „ein vollständig er- haltenes Exemplar aus dem 14. Jahr- hundert.“ Er fotografiert jede Seite der Schwarte. Dann wird sie wieder weg- geschlossen. ISRAELIMAGES / AKG Fast jede reiche Familie besaß einst solch eine kostbare Handschrift. Einige davon gelangten nach Europa. Der Pro- fessor aus der Lutherstadt studiert diese Texte. Er prüft jede Zeile, jeden Wortlaut. Ruinen des Jahwe-Tempels auf dem Garizim: 400 000 Knochenreste von Opfertieren D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 121
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    Wissenschaft AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL (L.); POLARIS / LAIF (R.) Hohepriester Aaron Ben Ab-Hisda, samaritanische Gemeinde beim Pessachfest: Das Opferfleisch wird in einem glühenden Erdofen gegart Zwist ums Kultmonopol ausfochten. Es blickt über den Fluss hinweg ins Land Fluchbergs“, sagt Schorch, „wollte man ging um die Frage: Welchem Ort gebührt der Verheißung, wo „Milch und Honig die ganze Erzählung in ein negatives die Ehre, Heimstatt und Brandopferplatz fließen“. Licht rücken und dem Garizim seine bib- des Allmächtigen zu sein? Kurz vor seinem Tod erteilt Mose einen lische Legitimation entziehen.“ Noch haben die Forscher längst nicht wichtigen Befehl: Das Volk müsse zuerst Schorch datiert den Eingriff auf die alle Details dieses Konflikts erfasst. Si- zum Garizim ziehen. Sechs Stämme sol- Zeit um 150 vor Christus. Von Betrug mag cher ist nur, dass man ihn mit Härte aus- len ihn erklimmen und Segenssprüche ru- der Forscher nicht sprechen, lieber von trug. Es wurde geeifert, verleumdet, ge- fen. Den anderen sechs Clans obliegt es, einer „Anpassung der Bibel an die eigene mordet – und am Ende sogar die heilige vom benachbarten Zwillingsberg Ebal aus religiöse Sicht“. Schrift verändert. zu fluchen. Nur, wieso setzte sich die Mogelei am Anfangs, so viel ist klar, waren die Sa- Es ist eine Art rituelle Inbesitznahme Ende durch? Warum triumphierte die maritaner in der stärkeren Position. Denn des Gelobten Landes. Minderheit? Besaßen die Gegner nicht verglichen mit Jerusalem hatte der Gari- Schließlich fordert der Prophet, dass das volkreichere Land? In ihrer Haupt- zim die deutlich älteren Rechte: In der die Israeliten auf dem Garizim ein Hei- stadt Samaria stand bereits um 1000 vor großen Erzählung von der Geschichte des ligtum „aus Steinen“ errichten, getüncht Christus ein Palast. Man fand dort Elfen- Auserwählten Volkes nimmt der Berg mit „Kalk“. Denn dies sei „der Ort, den bein. Jerusalem war da noch ein Nest mit eine Schlüsselstellung ein. der Herr erwählt hat“. kaum 1500 Einwohnern. Bereits der Stammvater Abraham (der So jedenfalls steht es in den ältesten Die Forschung kann dieses Rätsel angeblich um 1500 vor Christus als Wan- Bibelschriften. Es sind brüchige Papyrus- erklären, die Antwort besitzt sogar ein derhirte durch den Orient zieht) macht rollen, die vor über 2000 Jahren in Qum- Gesicht: Es trägt einen gekräuselten Kinn- an der Stätte halt, weil ihm Gott in einer ran entstanden und erst kürzlich zur Aus- bart und einen Bronzehelm. Es waren die herrlichen Vision erscheint. wertung kamen. Assyrer, die ab 732 vor Christus mit Später kommt auch der Patriarch Ja- In der hebräischen Bibel (an der Jeru- Kampfwagen bis zum Mittelmeer vor- kob vorbei, um dort ein Urheiligtum zu salems Priesterschaft womöglich noch rückten und den Staat Israel unterjochten. errichten. sehr lange herumschrieb) hört sich das Bewohner wurden gepfählt und ver- Im 5. Buch Mose tritt der Gipfel end- Ganze plötzlich anders an. Von einem schleppt. gültig in den Brennpunkt: Nach der „erwählten Ort“ ist nicht mehr die Rede. Das schwächte das Land. Gewalttäter Flucht aus Ägypten sind die Israeliten 40 Auch das Wort „Garizim“ ist an der waren ins Hauptland des Herrn eingebro- Jahre lang durch die Wüste Sinai geirrt. entscheidenden Stelle gestrichen. Statt- chen. Viele flohen deshalb zu den Vettern Endlich erreichen sie von Osten aus den dessen wird der Jahwe-Altar hier auf dem in Juda. Jerusalems Einwohnerzahl stieg Jordan. Ihr sterbensmüder Anführer „Ebal“ errichtet. „Durch die Nennung des auf 15 000. 122 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Gestärkt durch dieseVölkerflut, bean- Schließlich eskalierte der Zwist. Im spruchten die Priester dort nun selbst die Jahr 128 vor Christus erklomm der jüdi- Führung in sakralen Dingen. Schon we- sche Fürst Johannes Hyrkanos mit einer nige Jahre nach dem Überfall lotste König Armee den Garizim und äscherte das Hiskija alle Israeliten – Juden wie Sama- stolze Heiligtum ein. Die Ausgräber fan- AMIT SHABI / LAIF / DER SPIEGEL ritaner – zur Wallfahrt nach Jerusalem. den eine „Feuersbrunstschicht“, dazu Nur hier seien die Freiheit und die Rein- Pfeilspitzen, Schwerter, Dolche und heit gewahrt, um dem Allmächtigen zu Wurfbleie. huldigen. Das Nachbarland war ja von Die Samaritaner bauten ihren Tempel saufenden und hurenden Heiden besetzt. nie wieder auf. Fortan schrieben die Sie- Um ihren Anspruch zu unterstreichen, ger (biblische) Geschichte und drängten ersannen die Leute aus dem kleinen Süd- ihre Gegner weiter ins Abseits. reich eine Heilsgeschichte. Demnach re- Alttestamentler Schorch Und doch existieren die „Bewahrer des gierte bereits um 1000 vor Christus der Welche Tora ist das Original? Gesetzes“, wie sie sich selbst nennen, bis Ur-König David von Jerusalem aus ein in die Gegenwart fort. Als Mark Twain glänzendes Großreich. Sein Nachfolger Das Buch Esra erzählt gar, dass diese 1867 die Gegend bereiste, traf er auf den Salomo schuf in der Stadt angeblich einen „Feinde“ den Wiederaufbau des zerstör- „traurigen, stolzen Überrest einer einst Tempel aus Zedernholz, „vollständig mit ten Jerusalemer Tempels hintertreiben mächtigen Gemeinschaft“, die er anstarr- Gold überzogen“. Über 180 000 Arbeiter wollten – und zwar aus Neid, weil sie kei- te, als wären es „lebende Mastodonten“. hätten sich geplagt, so die Bibel. nen eigenen besessen hätten. Heute geht es den erstaunlichen Alles Unsinn: Vom Sakrosanktum des In Wahrheit stand damals auf dem Frömmlern wieder besser. Sie haben ei- Salomo wurde bis heute nicht ein Stein Garizim längst eine leuchtende Götter- nen Sitz im palästinensischen Parlament gefunden. festung. Der Archäologe Magen entdeck- und halten Kontakte zur Uno. „Wir wol- Das Ziel der Trickserei aber ist klar: te Schmuck, Silber, ein edles Kosmetikset, len mit allen in Frieden leben“, meint der Judas Priester wollten den Ruhm der ei- auch ein goldenes Glöckchen vom Pracht- Hohepriester Aaron Ben Ab-Hisda. genen Metropole mehren. Und sie lie- gewand eines Hohepriesters. Auch seinen Humor hat der Oberhirte ßen keine Gelegenheit aus, ihre Gegner Um 180 vor Christus wuchs der Zere- nicht verloren. Auf die Frage, wie denn mit Schimpf zu belegen: In der Bibel monialbau sogar noch auf eine Größe von das samaritanische Paradies aussehe, werden die Samaritaner fast durchweg etwa 200 mal 200 Metern. Er erhielt eine stockt der Alte kurz. Dann sagt er ver- als üble Leute dargestellt. Auch gelten monumentale Treppe sowie Magazine für schmitzt: „Es muss ein wunderbarer Ort sie als ethnisch unrein, weil sie ihr Blut „Tausende Pilger“. Es gab offenbar Wall- sein. Noch keiner ist zurückgekehrt, um mit dem fremder Kolonisten vermischt fahrten mit Massenandrang. Die Bibel sich zu beschweren.“ hätten. übergeht all das mit Schweigen. MATTHIAS SCHULZ
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    Wissenschaft sinnlose Zeichen. Nicht einmal sein ei- genes Tagebuch konnte Engel entziffern. NEUROLOGIE Engel weckte seinen damals elfjährigen Sohn Jacob, rief ein Taxi und fuhr mit Tanz der Buchstaben ihm ins Mount Sinai Hospital. Und tat- sächlich: Die Bilder des Kernspintomo- grafen zeigten in der linken Hirnhälfte eine kleine graue Verfärbung. Engel sah Seit einem Schlaganfall leidet der Krimi-Autor Howard Engel den „kastenartigen Tintenfleck“ und ver- an einer seltsamen Störung: Er kann nicht mehr lesen. Trotzdem stand nur ein Wort: Schlaganfall. In der Stroke Unit erklärten ihm die schreibt er weiterhin Bücher. Seine Zunge hilft ihm dabei. Neurologen, warum die Lettern EMER- GENCY ROOM an der Tür für ihn nichts als sinnlose Striche waren: Der fehlende Blutfluss hatte Millionen Nervenzellen in Engels Gehirn lahmgelegt, die für das Erkennen von Buchstaben wichtig sind. Neurologen nennen es Alexie ohne Agra- phie und meinen damit, dass Engel zwar noch schreiben, aber nicht lesen konnte: Schriftblindheit. Der „Tintenfleck“ hinter der Schläfe ließ Buchstaben tanzen, vernebelte Wör- ter – und hatte weitere unheimliche Fol- gen: Engel vergaß Namen und Gesichter und verirrte sich mehrmals täglich im Krankenhaus. „Es war ein bisschen wie bei Alice im Wunderland“, sagt er heute. „Ich wusste nie, wo ich landen würde, wenn ich mein Zimmer verließ.“ Besonders verwirrend war die so- genannte Seelenblindheit oder visuelle Agnosie – die Unfähigkeit, Dinge sehend zu erkennen: „Ich wusste nicht, ob ich eine Orange, eine Grapefruit, eine Toma- te oder einen Apfel vor mir hatte. Sie wa- ren mir fremd wie exotische Früchte“, so Engel. „Einen Apfel erkannte ich erst, wenn ich an seiner Schale roch.“ Auch zu Hause, nach drei Monaten NADIA MOLINARI / DER SPIEGEL Reha, griff Engel noch daneben. Er fand Thunfischdosen im Geschirrspüler und Bleistiftboxen im Gefrierschrank – oder er goss morgens Orangensaft über sein Müsli. Gesichter, Türen und Wege wur- den mit der Zeit vertraut, die Seelen- Schriftblinder Schriftsteller Engel: Kyrillische Zeichen?, koreanische? blindheit ging vorbei. Das Leseproblem aber blieb. E s ist ein kühler Wintermorgen in auf den 31. Juli 2001. Dabei schien es ein Gerade dieses jedoch war für Engel das Toronto. Howard Engel sitzt an sei- gewöhnlicher Morgen zu sein: Der da- Schlimmste: „Ein Schriftsteller, der nicht nem Schreibtisch und starrt auf den mals 70-Jährige zog sich seinen Bade- lesen kann, ist wie ein Läufer mit gebro- Bildschirm. mantel an, fütterte seine Katze Alice, chenem Bein“, sagt er. Wie sollte er fort- Vor sich sieht der 81-jährige Krimi- kochte Kaffee. Dann holte er die Tages- an schreiben, wenn er doch nicht lesen Autor nur Linien, Kreise und Schnörkel. zeitung von der Veranda. konnte? Dabei ist das, was er da zu entziffern Bilder, Spalten, Schlagzeilen: Auf den Der Fall Engel offenbart, dass beim versucht, doch sein eigenes Manuskript: ersten Blick sah „The Globe and Mail“ Lesen und Schreiben verschiedene Teile „Alles, was ich schreibe, verwandelt sich aus wie immer. Doch Engel stutzte: Was des Gehirns im Team arbeiten. Beim in eine mir unbekannte Schrift, sobald waren das für Zeichen? Kyrillische?, ko- Schreiben wird unter anderem das mo- ich es mir ansehe“, sagt Engel, während reanische? Der Krimi-Autor hielt es für torische Gedächtnis aktiviert. Das visu- er mit dem Zeigefinger einzelne Buch- einen Streich. Dann blätterte er weiter elle Erkennen von Wörtern hingegen, so staben des Textes nachzeichnet. und wurde nervös: Kein einziger Buch- fanden die französischen Neurowissen- Engel ist weder dement noch blind. stabe erinnerte ihn an das Alphabet, mit schaftler Stanislas Dehaene und Laurent Verstand und Augen arbeiten gut, nur dem er aufgewachsen war. Cohen heraus, vollzieht sich dort, wo dass sie eben keine Buchstaben erkennen. Zurück im Haus, griff Engel wahllos auch Gesichter und Gegenstände erkannt Seit bald elf Jahren ist das jetzt schon so. ins Bücherregal. Die „Canadian Encyclo- werden: in einer Hirnregion am unteren Das Übel, das Buchstaben in Stolper- pedia“: unlesbar. Das Kochbuch über die Rand des Schläfenlappens. Für das Lesen steine verwandelte, überfiel den Schrift- französische Küche: nur Hieroglyphen. ist die linke Seite zuständig, Objekte wer- steller im Schlaf, in der Nacht vom 30. „Ulysses“ von James Joyce: nichts als den eher rechts verarbeitet. 124 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Um Schrift zuentschlüsseln, zerlegt Kopf erwacht die Erinnerung, plötzlich sen ist sehr anstrengend“, sagt er. Für dieses sogenannte Wortform-Areal die vermag er den Strichen eine Bedeutung Schmöker, die er sonst an einem Abend Wörter in ihre Bestandteile – erst in zu geben. Jetzt kann er die Buchstaben gelesen habe, brauche er nun einen Buchstaben, dann in Silben. Hat dieser auch zu Lauten zusammenfassen, ihnen Monat. Teil des Gehirns eine Buchstabengruppe Sinn geben: „L - i - f - e – Life“, sagt er Mit einem Mal hatten Straßen wieder identifiziert, leitet er sie an die Hör- und lächelnd, Leben. Namen, und Zeitungen waren Nachrich- Sprachzentren weiter. Das erlaubt es dem Wie ein Grundschulkind hangelt sich ten zu entlocken. Begeistert erzählt En- Leser, die Wörter zu begreifen und in den der Schriftsteller von Buchstabe zu Buch- gel von dem Moment, da er die Mauer Kontext einzuordnen. stabe, von Wort zu Wort. „Jeder einzelne zwischen Sehen und Erkennen nieder- Bricht der Kontakt zum Wortform-Areal Buchstabe erhöht das Gewicht, das ich riss. Es sei gewesen, als erwache sein Ge- ab oder wird es beschädigt, kommt es zur stemmen muss“, sagt er und entziffert hirn aus einem Dornröschenschlaf. Pures Schriftblindheit: Buchstaben und Wörter stockend: „Life. Around. Here. Never. Glück, sagt er. Mittlerweile kommt er erscheinen wie sinnentleerte Symbole. Seems. To. Follow. A. Routine“ (Das manchmal sogar bei den Untertiteln aus- Noch immer, gut zehn Jahre nach dem Leben hier scheint nie einer Routine zu ländischer Filme mit. Schlaganfall, mutet es etwas hilflos an, folgen). Engel ist ein mit Literaturpreisen ge- wenn Engel mit dem Zeigefinger um Einmal, als er sich gerade durch einen ehrter Schriftsteller. Einige seiner Bücher seine haselnussbraunen Augen fährt, als Sherlock-Holmes-Band kämpfte, bemerk- wurden in über zwölf Sprachen übersetzt, male er sich eine Brille ins Gesicht, und te Engel, dass seine Zunge angefangen zwei wurden verfilmt. Auf seinem Kla- sagt: „Hier ist nichts kaputt. Es ist das hatte, sich zu bewegen. Auf der Rückseite vier steht eine Bronzebüste von James Gehirn, das nicht richtig funktioniert.“ seiner Schneidezähne verfolgte sie die Joyce, auf dem Schemel stapeln sich No- Fast scheint es Engel wie ein Vorteil, Umrisse der Buchstaben – und unverse- ten von Bach. Und überall liegen Bücher: dass er schon vor dem Schlaganfall ge- hens flossen die Wörter schneller. wohnt war, gehandicapt zu sein: Seiner Zeigefinger und Zunge entlocken den Für Lese- und Sprachverarbeitung ist überwiegend linken Hand fehlen von Geburt an die Buchstaben ihren Sinn, der sich durch die die linke Hirnhälfte zuständig. Das visuelle Wortform- Finger. Dass er Buchseiten mit dem Augen nicht mehr erschließt. areal, das bei Howard Engel durch den Schlaganfall Handrücken umblättern und Texte ein- Zwar ist richtiger Lesefluss so nicht zerstört wurde, wertet zunächst die bildlichen Merk- händig tippen musste, hatte ihn nie daran möglich. Eher ist es, als reihe Engel male der Zeichen aus. Noch unbewusst erkennt der hindern können zu schreiben. Warum in seinem Gehirn Buchstabe für Leser eine Abfolge also sollte ihn nun die Schriftblindheit Buchstabe wie Bücher in einem bestimmter Buchstaben. davon abhalten zu lesen? Regal aneinander. „Das Le- Aber es war harte Arbeit, sich die Schrift zurückzuerobern. Den Weg dort- hin hatte Engel bald begriffen: Weil seine Bestimmte Areale der Augen die Wörter nicht erkennen konn- Großhirnrinde verknüpfen primärer ten, musste er es mit den Fingern versu- nun die visuell erkannten visueller chen. Anhand einer Grußkarte führt er es Silben und Wörter mit den Cortex vor: Dicht über das Papier gebeugt, folgt entsprechenden Sprach- der Krimi-Autor mit dem Zeigefinger dem lauten. Der Text wird ge- Schriftzug. Buchstabe für Buchstabe zieht danklich mitgesprochen. Kleinhirn er die Linien nach: „L“, „i“, „f“, „e“. Die Bewegung setzt Engels motori- sches Gedächtnis in Gang – und in seinem Weitere Regionen im Frontal- und Schlä- fenlappen erschließen Denksport Lektüre den Wortsinn, oder sie registrieren unverständ- Was im Hirn beim Lesen geschieht liche Ausdrücke. Das Auge bewegt sich in winzigen, vom Kleinhirn gesteuerten Sprüngen über die Zeilen. Durch den Sehnerv gelangen so jeweils bis zu 20 Buchstaben Über die lexikalische Wort- umfassende Informationspakete ins Hirn. bedeutung hinaus erfährt das Sie gelangen wie jede bildliche Gelesene schließlich im Hippo- Wahrnehmung zunächst zum campus und in der Amygdala primären visuellen Cortex. eine Ankopplung an Gedächt- nisinhalte und eine emotionale Färbung. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 125
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    Wissenschaft Hemingway, Homer, Proustund Poe be- Auf diese Weise liest Engel seine Texte gleiteten ihn durchs Leben. Früher war Korrektur. Wenn ein Satz holprig klingt, er viel unterwegs, flog für Lesungen um markiert er ihn mit eckigen Klammern. die halbe Welt. Wiederholt sich ein Gedanke, setzt er ei- Jetzt kennen ihn die Nachbarn als den nen Strich mit zwei Punkten neben die Mann, der nicht mehr lesen kann; der Textstelle, ähnlich dem Wiederholungs- Radio hört, statt sich die Zeitung zu zeichen der Notenlehre. NICOLAS TAVERNIER / REA / LAIF kaufen. Und der Wirt in seinem Stamm- Möchte Engel einen Satz dann umfor- café Dooney’s spottet: Wenn Engel über mulieren, orientiert er sich mit Hilfe von einem Artikel brüte, dann kriege kein Seitenzahlen, Absätzen, kursiv gedruck- anderer mehr die Zeitung. Mit einer ten Wörtern und Anführungszeichen im Seite sei der ja eine ganze Woche be- Text. Nur so kann er schnell die richtige schäftigt. Stelle finden, ohne die ganze Seite lesen Niemand bemerkt, wie kränkend sol- Hirnforscher Dehaene zu müssen. che Scherze für Engel sind. Kaum einer Kontaktstörung im Wortform-Areal Engel wischt sich mit dem Handrücken kommt auf die Idee, dass sich Unsicher- über die Augen, wärmt sich die Hand heit und Scham hinter seinem Lächeln unterbrochen wird. Dann muss sich Engel dann an der Kaffeetasse. Er sieht müde verstecken und dass ihm der Schweiß den das, was er soeben notiert hat, langsam aus. Zurzeit schreibt er täglich bis zu Rücken hinabläuft. wieder zurückerobern, in Bröckchen – so sechs Stunden am 13. Roman seiner Das Schreiben dagegen bereitet Engel als blickte er durch ein Schlüsselloch auf Krimi-Reihe über Detektiv Benny Coo- keine Mühe. Er schreibt viel, fast beiläu- sein eigenes Manuskript. Und oft er- perman – das vierte Buch seit seinem fig. Überall im Haus liegt Schmierpapier schließt sich ihm dabei der Zusammen- Schlaganfall. herum. Er kritzelt auf Briefumschläge, hang nicht. Seit über 30 Jahren schickt Engel sei- Kassenzettel, herumliegende Zeitungen Deshalb kommt mehrmals pro Woche nen Helden Cooperman auf Verbrecher- und in sein „Memory Book“ – ein lila sein alter Freund Grif Cunningham vor- jagd. Bei seinem neuesten Abenteuer Buch, in dem er Gedanken festhält. Es bei. Die beiden sitzen dann im ersten findet der Geheimagent ein altes, vom dient ihm als Tagebuch und Terminpla- Stock zwischen Engels Büchern, Skizzen Wetter verwaschenes Manuskript, das er ner, erinnert ihn an Gesprächspartner und Notizen. Es riecht nach alten Mö- entschlüsseln muss. Doch das Papier ist und Ideen. „Up“ steht auf dem Buch- beln und frisch gekochtem Kaffee. Am mürbe, fällt auseinander. Cooperman deckel – damit er es stets richtig herum Boden liegen schwere Teppiche, an jeder kann es kaum entziffern. liest. freien Wand stapeln sich Bücher im Re- An seinen Fingern kleben einzelne Schwierig ist das Schreiben erst, wenn gal. Und Cunningham liest und liest und Buchstaben. der Schriftsteller in der Mitte eines Satzes liest. NADINE PONIEWASS
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    Technik Neues Elektrofahrzeug „Twizy“ Verzichtmobil als Trendgefährt? sprechen, werde der Konzern über eine halbe Million solcher Fahrzeuge produ- zieren können. Der Finanzfachmann definierte dieses Ziel offenbar in Unkenntnis der naturwis- senschaftlichen Rahmenbedingungen sei- nes Vorhabens. Die Elektromobile, die Renault und Nissan inzwischen auf den Markt gebracht haben, sind batteriebe- wehrte Standardautos, die trotz teurer und schwerer Akkus nur bescheidene Reichweiten erzielen und obendrein der- art viel Strom fressen, dass auch der Öko- segen ausbleibt. Ghosn hielt es für unnötig, auf dem Weg über die Hybridtechnik den Elektro- antrieb gründlich verstehen zu lernen. SEBASTIEN FEVAL / AFP Nun hat er Produkte wie den Nissan Leaf im Angebot, die zum Preis reisetauglicher Mittelklassewagen den Aktionsradius der städtischen U-Bahn bedienen. Das Stadtmobil Twizy dagegen illu- striert bescheidener und glaubwürdiger, Das Renault-Management bezeichnet wozu der Elektroantrieb bei heutigem AU TOM O B I L E Twizy als „völlig neues Fahrzeugkon- Entwicklungsstand sinnvollerweise taugt. zept“; die Zulassungsbehörden ordnen Es fährt 60 bis 100 Kilometer weit, was Zwitter des den Wagen in der Fahrzeuggattung „Quad“ ein, einer Mischform aus Auto und Motorrad, in der auch diverse Spaß- für ein solches Spaßmobil durchaus aus- reichend ist. Dafür genügt ein Lithium- Akku mit gut sechs Kilowattstunden La- Zeitgeists traktoren amtlich beheimatet sind. Die Einstufung in diese Fahrzeuggattung er- spart es dem Hersteller, jegliche Form dekapazität. Die schweren, aus konventionellen Au- tos abgeleiteten E-Mobile verbrauchen Mit dem spartanischen Strom- von Crash-Sicherheit nachzuweisen. Re- mehr als das Doppelte an Strom und hän- Mobil „Twizy“ präsentiert nault stattete den Twizy immerhin frei- gen beim Nachtanken acht Stunden lang Renault das bislang drolligste willig mit Airbag und Gurten aus und an einer Ladestation, die zudem über verweist auf eine Rohrrahmen-Struktur, eine robuste Sicherung verfügen muss. Resultat einer toll- welche die Insassen „nach Art eines Dem Twizy genügen dreieinhalb Stun- kühnen Elektroauto-Strategie. Sturzhelms“ abschirmen soll. den, auch an einer üblichen Steckdose. Anders als andere Quads hat der Wa- Er ist entsprechend eine weit geringere D ie Idee des maximal reduzierten gen ein Dach und auf Wunsch auch Türen, Belastung für das Netz. Automobils führte in den neunzi- wenngleich ohne Seitenfenster. Vollstän- So ernüchternd es auch sein mag: Rein ger Jahren zur Erschaffung des diger Witterungsschutz mit Heizung und physikalisch ist der Elektro-Kabinenroller Smart. Der kugelige Zweisitzer des Daim- Lüftung, erklären die Konstrukteure, hät- das überzeugendere Konzept, verglichen ler-Konzerns gilt seither als das Stadtauto te zu viel Aufwand bedeutet und die Kos- etwa mit einem Strom-Sportler vom Typ schlechthin. ten gesprengt. Twizy soll ein zeitgeistrei- Tesla. Renault muss nun der Kunstgriff Dass es noch um einiges kleiner geht, cher Zwitter aus Auto und Motorroller gelingen, das Verzichtmobil als elitäres stellt nun der französische Hersteller Re- sein, wobei vorerst offenbleibt, ob er eher Trendgefährt in Szene zu setzen. Denn nault unter Beweis. In diesem Frühjahr die Vor- oder die Nachteile beider Fahr- auch dieses Elektrofahrzeug ist, gemessen wird er ein Großstadtgefährt in den Han- zeugtypen vereinigt. an seiner Transportleistung, kein billiges del bringen, das deutlich weniger Ver- Unabhängig von seinem Nutzwert Produkt. kehrsfläche in Anspruch nimmt. Auf taugt das Gefährt jedenfalls als Gradmes- Im Grundpreis von 7690 Euro für die einem Standard-Parkplatz sollen drei da- ser für die Chancen und Grenzen der 80-km/h-Version sind weder die halbho- von quer zur Fahrtrichtung abgestellt wer- Elektromobilität – einer Antriebsform, hen Türen noch die Batterie inbegriffen. den können. welcher sich der Firmenverbund aus Re- Renault wird den Akku wie bei anderen Der Wagen heißt „Twizy“, hat auch nault und Nissan kategorisch verschrie- Modellen vermieten, je nach Vertrag zu zwei Sitze, allerdings hintereinander, frei- ben hat wie kein anderer Automobilpro- Monatsraten zwischen 50 und 72 Euro. stehende Räder wie manche Kabinenrol- duzent. Auf ein zehnjähriges Autoleben hoch- ler der Nachkriegsjahre, und er könnte Konzernchef Carlos Ghosn, einst als gerechnet kostet der Twizy damit mehr der Phantasie eines Comic-Zeichners ent- Nissan-Sanierer zur Lichtgestalt aufge- als manch vollwertiger Kleinwagen. sprungen sein. stiegen, hat den baldigen Durchbruch des CHRISTIAN WÜST Twizy fährt rein elektrisch. Es gibt eine Stromantriebs in die Großserienproduk- starke Version mit 13 Kilowatt, die 80 tion zur Schicksalsfrage gemacht. Mit Video: Christian Wüst fährt km/h erreicht und einen Autoführer- einem Entwicklungsbudget von vier Mil- Renaults neues Elektromobil schein erfordert, sowie eine auf 45 km/h liarden Euro will er Renault und Nissan Für Smartphone-Benutzer: begrenzte, die schon 16-Jährige mit ent- zu führenden Anbietern von Elektroau- Bildcode scannen, etwa mit sprechender Lizenz fahren dürfen. tos machen. Im Jahr 2015, so sein Ver- der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 127
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    Wissenschaft Selbst auf der hoch aufragenden Fel- dass keine Berichte über Tote vorliegen. N AT U R K ATA S T R O P H E N seninsel Helgoland sorgte die aus dem „Das grenzt an ein Wunder“, sagt Newig. Nichts auftauchende Welle für Panik. Erklären lässt sich das dadurch, dass die Kochendes Meer „Daß die im Wasser stehenden Frauen Einheimischen großen Respekt vor der Ur- ein jämmerliches Geschrei ausstießen, gewalt des Meeres hatten. Niemand baute wird wohl jeder begreifen“, schrieb die sein Haus früher in Strandnähe. Und als vor Helgoland „Staats und Gelehrte Zeitung des Ham- die Welle auftauchte, funktionierten die burgischen unpartheiischen Correspon- sturmfluterprobten Fluchtreflexe. „Wenn denten“. „Wundersam war es, daß diese ein Tsunami auf den Strand trifft, ist er Geokundler warnen vor einer ängstliche Scene sich bei dem schönsten meist nur noch um die 20 Stundenkilo- unterschätzten Gefahr: Auch Wetter zutrug und daß trotz der schein- meter schnell“, sagt Kelletat. „Wer beim an der deutschen Nordseeküste baren Ruhe das Wasser rund um die Insel Herannahen der Wasserwand davonläuft, zu kochen schien.“ hat reelle Chancen, ihr zu entkommen.“ können Tsunamis auftreten. Auf die unheimliche Naturkatastrophe Weit Schlimmeres wäre seinerzeit pas- ist der Kieler Geografieprofessor Jürgen siert, wenn sich Badegäste am Strand ge- S till ruhte das Meer. Kaum ein Lüft- Newig gestoßen. Zusammen mit seinem sonnt hätten. Aber der Tourismus steckte chen regte sich an jenem warmen Essener Kollegen Dieter Kelletat hat er noch in den Anfängen. Nur in den Hoch- Sommertag auf Sylt. Ohne Hast die erstaunlich präzisen Augenzeugen- sommermonaten Juli und August kamen kehrten die Fischer vom Fang zurück. berichte im „Journal of Coastal Research“ vereinzelt Urlauber auf die Inseln. Kurz vor fünf Uhr nachmittags war es ausgewertet. Nach Überzeugung der Ge- Newig und Kelletat haben bereits ver- mit der Ruhe vorbei. Die Männer hatten lehrten lassen die Beschreibungen nur sucht, den Ursprung des Tsunamis aus- gerade ihre Boote vertäut, als sich am einen Schluss zu: „Unsere Vorfahren wur- findig zu machen. Wie ihre Recherchen Horizont eine Wand aus Wasser auf- den von einem Tsunami heimgesucht“, ergaben, wütete die Riesenwelle nicht nur türmte. sagt Newig. „So etwas kann jederzeit wie- an der deutschen Küste. Berichte von „Haushoch“, so schilderte es einer von der passieren.“ dem ungewöhnlichen Naturereignis lie- ihnen, rollte die Welle „brausend dem Eine Sensation – denn bislang galten gen auch aus Frankreich, England und Strande zu“. Die Fischer rannten um ihr diese Brecher als Naturphänomene, die den Niederlanden vor. Am heftigsten Leben, retteten sich in die Dünen. Als sie nur am anderen Ende der Welt vorkom- jedoch krachte der Tsunami gegen die zurückschauten, sahen sie noch, „wie dies men. Nach der klassischen Lehrmeinung dänische Küste (siehe Grafik). Ungeheuer mit tobender Gewalt am bleiben die heimischen Badestrände da- Aus der zeitlichen Abfolge lässt sich Strande überbrach und unser Boot hart von verschont. In der flachen Nordsee, rekonstruieren, dass der Tsunami süd- an die Dünenkante schleuderte“. so die Begründung, würden sich die Rie- westlich im Atlantik entstanden sein Ähnliche Dramen spielten sich am 5. senwellen rasch totlaufen. muss. Was die Welle ausgelöst hat, wissen Juni 1858 an der ganzen Nordseeküste „Das ist ein Irrtum“, sagt nun Geowis- die Forscher allerdings noch nicht. „Für ab. Auf der Ostfriesischen Insel Wanger- senschaftler Kelletat. „Schon seit der dieses Datum ist weder ein Seebeben ooge riss die Riesenwelle Kinder mit sich, Jahrhundertkatastrophe 2004 in Südost- noch gar ein Meteoriteneinschlag ver- die am Strand spielten. „Ein großes Glück asien wissen wir, dass Tsunamis auch in zeichnet“, erläutert Newig. Für die wahr- von Gott ist es, daß man ihnen gleich hat flachen Gewässern verheerende Wirkun- scheinlichste Ursache halten die Forscher zu Hülfe kommen können“, meldete die gen haben können.“ einen unterseeischen Hangabrutsch, bei „Weser-Zeitung“, „sonst wären sie unfehl- Unfassbar an dem historischen Nord- dem mehrere Kubikkilometer Gestein auf bar verloren gewesen.“ see-Tsunami erscheint aus heutiger Sicht, den Meeresgrund stürzten. Beispielsweise könnte unbemerkt ein Teil einer Ka- Wellen- 6 m 16 Uhr Ringkøbing-Fjord narischen Insel abgebrochen sein. Der Nordsee-Tsunami höhe „Die See stand in den Die beiden Forscher gehen davon am 5. Juni 1858 Dünen ... . Das Wasser aus, dass in früheren Jahrhunderten stieg auf 20 Fuß.“ immer wieder Tsunamis gegen die Nordseeküste brandeten. Doch Schottland wenn es überhaupt Aufzeichnungen 3 Nachmittags trifft sie von Schottland kommend darüber gebe, seien die Riesenwel- auf die dänische und len vermutlich mit gewöhnlichen see 2 Vormittags deutsche Küste. N ord Sturmfluten verwechselt worden. erreicht die Welle 12 Uhr Kelletat: „Das Risiko von Tsunamis den Ärmelkanal Katwijk an der Nordseeküste ist größer als und wird abgebremst. 17 Uhr Sylt bislang gedacht – die Riesenwellen bedrohen eine Region, die jedes 9 Uhr „Es sah aus, als hätten 4m sich Himmel und Wasser Jahr von Millionen Touristen be- Calais zu einer gewaltigen sucht wird.“ Atlantik nach Eine düstere Ahnung hatte schon 6.30 Uhr* Mauer vereint.“ Le Havre 1858 der Landvogt Johann Meyer, der auf Wangerooge miterlebte, wie 1 Der Tsunami sich die Welle mit „donnerähnli- wird irgendwo im 8.30 Uhr Boulogne-sur-Mer chem Getöse“ näherte. „Ich kann Atlantik ausgelöst. „Die Flut zog sich plötzlich zurück dieses Ereigniß nicht anders aus- und leerte den Hafen, kehrte aber legen“, notierte Meyer, „als daß in 2,4 m 200 km innerhalb von fünf Minuten mit großer Macht zurück.“ ferneren Gegenden ein Erdbeben stattgefunden haben muß, was die furchtbare Erschütterung im Wasser * jeweils Beobachterzeit; Quelle: Newig und Kelletat verursacht hat.“ OLAF STAMPF 128 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Szene Sport EM 2012 Überteuerte Hotels ALEKSEY FURMAN / PICTURE ALLIANCE / DPA EM-Stadion in Kiew Gute und günstige Zimmer im EM-Ausrichterland Ukraine künften wie dem „Victoria“ haben sich die Zimmerpreise auf sind für Fußballfans seit Monaten nur schwer zu bekommen. bis zu 300 Euro pro Nacht fast verdreifacht. Auch in der Kurz vor Beginn des Turniers verschärft sich die Situation Hauptstadt Kiew hat TUI massive Probleme mit Vertrags- um bezahlbare Unterkünfte sogar noch: Zahlreiche ukraini- hotels. Vor wenigen Wochen stürmten Maskierte die Lobby sche Hotelbetreiber steigen aus ihren Verträgen mit dem Reise- der 400-Betten-Herberge „Slawutitsch“ und brachten sie unter veranstalter TUI aus. Der deutsche Konzern hatte als Gene- Kontrolle der „Luschnikow“-Bande, einer berüchtigten Mafia- ralbeauftragter der Europäischen Fußball-Union (Uefa) rund Gruppe. Seither haben sich dort die Zimmerpreise verdoppelt. 14 000 Zimmer in der Ukraine angemietet. Nach Angaben Auf der Homepage des Hotels stand noch Mitte der Woche: von Kiewer TUI-Mitarbeitern wollen viele Hotels nun „hö- „Wir sind gekapert.“ Der deutsche Reisekonzern schreckt here Preise durchsetzen“. Allein in Charkow, wo die Mann- wohl wegen der unsicheren Rechtslage in der Ukraine vor schaft der Niederlande sämtliche Gruppenspiele bestreiten Prozessen gegen abtrünnige Vertragshotels zurück. Auf An- wird, darunter auch die Partie gegen Deutschland am 13. Juni, frage bestätigen Uefa und TUI die Vorgänge, sprechen aber kündigten elf Häuser ihre Abkommen mit TUI auf. In Unter- nur „von einer kleinen Zahl“ problematischer Hotels. Eisenbeis: Das Image des hübschen wurde die Optik wichtiger. Victoria FUSSBALL Dummchens trifft nicht zu. Barbara Beckham oder Sylvie van der Vaart Megert war mit dem Schweizer Natio- sind Stilikonen, die selber Karriere ge- „Mädchen reizt nalspieler Blerim Džemaili zusammen, macht haben. die Aufstiegschance“ auf den ersten Blick bedient sie alle Klischees: Sie nahm an Miss-Wahlen teil und tritt als Losfee SPIEGEL: Streben deshalb viele Mäd- chen ein Leben als Spielerfrau an? Eisenbeis: Es gibt Frau- Sportwissenschaftlerin im Fernsehen auf. Aber en, die über ihre Bezie- und Buchautorin Chris- Megert ist auch Juristin, hung mit einem Profi tine Eisenbeis, 32, arbeitet für eine große populär wurden. Co- ZELLER LENK über das Phänomen Schweizer Bank. leen Rooney bekam CLAUS CREMER / PRESSEFOTO ULMER / PICTURE ALLIANCE / DPA der Spielerfrauen SPIEGEL: Wie hat sich eine Fernsehshow und der Typus der Spieler- einen Werbevertrag SPIEGEL: Sie haben sich für Ihr Buch frau entwickelt? mit Nike. Sarah Brand- mit Biografien von Frauen beschäftigt, Eisenbeis: Gaby Schus- ner ist Model, in den die mit Fußballstars liiert sind. Sie sa- ter oder Bianca Illgner Medien ist sie aber, gen, es gebe keine Frauengruppe mit haben das Image des weil sie mit Bastian schlechterem Image. Warum? Anhängsels aufgebro- Schweinsteiger liiert ist. Eisenbeis: Spielerfrauen werden in der chen und in den achtzi- Mädchen reizt die Auf- Öffentlichkeit belächelt. Sie gelten nur ger und neunziger Jah- stiegschance, doch als Beiwerk der Profis und werden auf ren Verträge für ihre Spielerfrauen können ihr Leben im goldenen Käfig reduziert. Männer ausgehandelt. sich schwerer selbst SPIEGEL: Sie haben Interviews mit 14 Sie waren der Typ Spie- verwirklichen, die Kar- Partnerinnen von Profis geführt. Wie lerberater. Mit steigen- riere der Fußballer lautet Ihr Fazit? dem Medieninteresse Paar Brandner, Schweinsteiger geht immer vor. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 129
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    Sport SPI EGEL-GESPRÄCH „Eine Explosion im Kopf“ Der Torero Juan José Padilla, 38, über seine schwere Verletzung bei einem Stierkampf, die Überwindung der Angst in der Arena und die Kritik von Tierschützern an seinem Gewerbe MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL Stierkämpfer Padilla 130 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    D em Tier hängt die geschwollene Padilla: Ach, so haben Sie das gemeint. SPIEGEL: Als ein Stier Sie am 7. Oktober Zunge aus dem Maul, Speichel Doch, natürlich, wenn ich meinen Beruf in Saragossa fast umgebracht hat, war rinnt in den Sand, sein blutüber- ausübe, habe ich immer Angst. Im Ring es windstill, der Kampf fand in einer strömter Rücken glänzt rot, das Tier begleitet mich die Angst wie mein Schat- überdachten Arena statt. Können Sie steht still im Ring, es atmet schwer, sein ten. Das hat aber nichts mit meinem Un- sich noch erinnern, was genau passiert Herz pumpt rasend. Ihm gegenüber war- fall zu tun, das war vorher auch schon so. ist? tet Juan José Padilla, ein schmächtiger Jeder Torero hat Angst. Padilla: Ich war zu der Zeit sehr sicher auf Mann von 38 Jahren, er trägt eine Lei- SPIEGEL: Wovor? dem Platz, ich hatte bis dahin eine gute nenhose mit Nadelstreifen, weißes Padilla: In erster Linie vor dem Publikum. Saison hinter mir, es gab einige kritische Hemd, braune Lederschuhe. Und eine Es erwartet in den Bewegungen Voll- Situationen, die ich aber immer gemeis- schwarze Augenklappe. In den Händen endung von mir. Ich fühle mich verpflich- tert habe. Vielleicht habe ich mich des- hält er einen silbernen Degen und ein tet, den Zuschauern einen guten Kampf halb an dem Tag zu sicher gefühlt. Zu rotes Tuch, die Muleta. Das Tier scharrt zu bieten, ich habe die Verantwortung, überlegen. Wie ich schon sagte: Man soll- mit den Hufen, dann greift es an. Das sie zu unterhalten. Aber ich darf auch te vor dem Stier immer Respekt haben. Duell findet auf der Finca los Alburejos nicht den Fehler machen, den Stier zu un- Der Stier kommt, um dich zu fassen. Da- statt, die in der Nähe von für ist er da. Das ist seine Medina-Sidonia liegt, in An- Natur. dalusien. Juan José Padilla, SPIEGEL: War der Stier ag- der Torero, macht ein paar gressiver, als Sie es erwartet routinierte Schwenks, er di- haben? rigiert das Tier wie eine Ma- Padilla: Es war der zweite rionette. Padilla trainiert an Stierkampf für mich an dem diesem Nachmittag mit Tag. Der Stier, den man mir zweijährigen Kühen; er will zugelost hatte, hieß Mar- herausfinden, ob sie mutig, qués. Er wog knapp 600 Ki- kräftig und ausdauernd sind, logramm, hatte schwarzes er testet, ob sie für die Zucht Fell und war eigentlich ziem- von Kampfstieren taugen. lich zurückhaltend. Kein lei- Anfang Oktober rammte denschaftlicher Angreifer. ein Bulle sein Horn in Padillas Das machte den Auftritt Kiefer und stach ihm das lin- kompliziert. Ich konnte Mar- ke Auge aus. Der Torero über- qués schwer einschätzen, er lebte nur knapp. Fünf Monate hat sich unberechenbar be- später schon gab er sein wegt. Ich habe nicht viel ris- Comeback, und diejenigen, kiert, hatte den Stier aber die Stierkampf für ein schüt- im Griff, der Kampf lief gut. zenswertes Kulturerbe Spa- SPIEGEL: Und dann haben Sie niens halten, verehren Padilla einen Fehler gemacht? seitdem als lebende Legende. Padilla: Nein, es war einfach Sein Großvater war Torero, Pech. Ich hatte schon vier sein Vater war Torero. „Du Banderillas gepflanzt, die kannst vom Auto überfahren mit buntem Tand verzierten werden, du kannst mit dem Stöcke haben Widerhaken, Flugzeug abstürzen. Mich hat sie steckten in der linken der Stier umgerannt“, sagt Pa- Schulter des Stiers. Ich woll- dilla. „Ich denke selten an die te das dritte Paar Banderillas Katastrophe.“ Sein linker setzen, in die rechte Schul- JESUS DIGES / DPA Mundwinkel hängt, die ganze ter dieses Mal, aber der Stier linke Gesichtshälfte sieht aus, schnitt mir immer den Weg als schliefe sie. Er erinnert an ab. Ich war kurz davor ab- einen gefühlsarmen Poker- zubrechen, aber mein Stolz spieler, er redet langsam und Torero Padilla im Juli 2010 in Pamplona: „Am Ende steht der Tod“ hat mich verleitet, es doch nuschelt dabei, weil die Zun- zu versuchen. ge noch nicht alles so macht, wie sie soll. terschätzen. Sonst wäre ich dumm. Ich SPIEGEL: Also haben Sie doch einen Fehler „Die Augenklappe – ich finde, sie steht mir.“ kann mich noch so gut auf eine Corrida gemacht. vorbereiten, ich weiß nie, was im Ring Padilla: Nein, habe ich nicht. Als ich das SPIEGEL: Señor Padilla, sind Sie ein ängst- passieren wird. Ich weiß nicht, wie der dritte Paar Banderillas gesetzt hatte und licher Mann? Stier reagiert, ob er mir die Möglichkeit zurückwich, hat der Stier mich umge- Padilla: Nein. Bin ich nicht. bietet, meine Künste zu präsentieren. Viel- stoßen. Ich fiel, er rammte mir sein Horn SPIEGEL: Ostersonntag beginnt in Sevilla die leicht ist er zu stur dafür. Und dann ist da unterhalb des linken Ohrs in den Kopf. Feria Taurina de Abril, sie gehört zu den noch der Wind, der mir Angst macht. Er Das Horn trat aus der Augenhöhle wie- bekanntesten Stierkampf-Spielen der Welt. ist der größte Feind eines Toreros. der heraus. Die linke Gesichtshälfte war Dort treten Sie vor 18 000 Menschen auf, SPIEGEL: Warum das? zerfetzt. Es war ein massiver Einschlag. obwohl Sie vor sechs Monaten bei einer Padilla: Weil der Wind dich überraschen Als ob eine Handgranate unterhalb Corrida fast von einem Stier getötet wor- kann. Es ist möglich, dass eine Böe plötz- meines Mundes in die Luft geflogen den wären. Und Sie haben keine Angst? lich die Muleta hebt und dir die Deckung wäre. Aber es war ein Unfall, so etwas nimmt. Dann stehst du auf einmal passiert. Das Gespräch führten die Redakteure Cathrin Gilbert schutzlos vor dem Stier. Das ist nicht so SPIEGEL: Sie sagen das so dahin. Es ist ein und Maik Großekathöfer in Medina-Sidonia. schön. Wunder, dass Sie noch leben. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 131
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    Sport Padilla: Ich weiß.Der Stier hat mit dem Horn meinen Kiefer und das Jochbein zerschlagen, er hat die Haut entlang dem Unterkiefer aufgerissen. Ich habe viel Glück gehabt. Es hat nicht viel gefehlt, und das Horn hätte mein Gehirn getrof- fen. Dann säße ich jetzt nicht hier. SPIEGEL: War Ihnen sofort klar, wie schwer der Stier Sie getroffen hatte? Padilla: Überall war Blut. Ich weiß noch, wie ich mich aufrichte und mein Auge aus dem Sand aufsammle. Ich bin damit zur Krankenstation der Arena gegangen, zuerst lief ich noch allein, dann haben mich vier Leute gestützt. Zum Schluss mussten sie mich tragen. Ich habe ge- schrien: „Ich kann nichts sehen! Ich kann gar nichts sehen!“ Danach fehlte mir der Atem, weil eine meiner Halsschlagadern beschädigt war. Ich weiß noch, wie ich zum Arzt gesagt habe: „Ich bin jetzt in Ihrer Hand und in der Hand Gottes.“ Dann wurde es dunkel. Zwei Tage später EFE / PHOTOSHOT bin ich im Krankenhaus auf der Intensiv- station aufgewacht. SPIEGEL: Wie ging es Ihnen da? Padilla: Ganz gut, denke ich. Ich bin noch Unfall in Saragossa im Oktober 2011: „Vielleicht habe ich mich zu sicher gefühlt“ am Tag des Unfalls fünf Stunden operiert worden. Die Chirurgen haben mir Titan- SPIEGEL: Wie oft hat es Sie schon erwischt? scheidet, wann meine Karriere zu Ende platten und Gewebe eingesetzt, haben Padilla: Ich war 37-mal verletzt, davon ist, sondern ich. die Nase, den Kiefer, das Jochbein und 7-mal schwer. Ich habe schon eine Corna- SPIEGEL: Am Ende haben Sie Ihr Auge so- die Augenhöhle rekonstruiert. Sie haben da am Bauch erlitten, der Stier hat mich gar gern gegeben? auch versucht, den Sehnerv zu retten. Mir mit dem Horn in Höhe des Magens ge- Padilla: Logisch hat es sich gelohnt, es hat wurden Nervenbahnen aus der Wade ins troffen. Einmal hat mir ein Stier das Horn sich sehr gelohnt. Ich hätte sterben müs- Gesicht transplantiert. Ich kann auf dem in den Hals gestoßen, unterhalb des Kehl- sen, aber Gott wollte nicht, dass ich zu linken Ohr nicht mehr hören, habe einen kopfes. Und einmal in den Oberschenkel, ihm komme. Ich verneige mein Haupt furchtbaren Tinnitus. Der Kiefer schließt dabei hat er die Arteria femoralis und die vor seiner Entscheidung. nicht gut, es fehlen ein paar Millimeter. Vena saphena lädiert. Verletzungen sind SPIEGEL: Profitieren Sie von Ihrer Verlet- Beim Essen, Trinken und Reden muss ich meine Medaillen. Das jetzt ist meine zung? mit der Hand nachhelfen. Meine Zunge schlimmste Cornada. Jetzt habe ich Gold. Padilla: Ja, ja, ja. Ich bin jetzt eine beson- ist taub, die ganze linke Gesichtshälfte dere Attraktion. Ich kann nun gegen die ist gelähmt und komplett gefühllos. Da Juan José Padilla zieht das Hemd aus der Stiere aus den besten Zuchten kämpfen kann ich reinkneifen und merke nichts. Hose und zeigt seinen nackten Oberkörper. und starte an der Seite der berühmtesten SPIEGEL: Wie lange waren Sie im Kranken- Über den Bauch verläuft eine Narbe von Toreros, die viel weiter sind als ich. Ich haus? habe schon immer gut verdient mit dem Padilla: Insgesamt vier Wochen. Ich habe Stierkampf. Aber nicht so. Ich habe Ver- 18 Kilogramm abgenommen. Als ich auf „Ein Torero lebt mit dem träge für Valencia und Sevilla in Spanien der Intensivstation zum ersten Mal mit meiner Frau gesprochen habe, habe ich Bewusstsein, dass er und für Arles in Frankreich. SPIEGEL: Wann haben Sie zum ersten Mal ihr gesagt, ich wolle so schnell wie bei jedem Kampf in jedem nach dem Unfall wieder trainiert? möglich wieder kämpfen. Ich hatte ein Engagement in Peru, in Lima. Da wollte Moment sterben kann.“ Padilla: Da war ich noch im Krankenhaus. Mit einem Freund habe ich im Zimmer ich hin. oder auf dem Flur der Station geübt: Er SPIEGEL: Wie hat Ihre Frau reagiert? der Brust herunter bis unterhalb des Na- hat den Bullen gemimt, und ich habe ihn Padilla: Sie hat das Thema gewechselt. bels; unter dem rechten Rippenbogen ist mit einem Handtuch toriert. Zum ersten SPIEGEL: Haben Sie sich geschämt für das, eine Delle in der Haut, fast rund und so Mal im Ring stand ich am 30. Dezember. was Ihnen widerfahren ist? War es Ihnen groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Padilla Aber das war eine private Corrida. Ich peinlich, dass der Stier Sie verwundet trägt eine Kette, an der ein braunes Holz- habe meine Familie, die engsten Freunde hat? kreuz hängt. „Das ist das Auge des Tigers“, und meine Ärzte versammelt und ihnen Padilla: Ganz im Gegenteil. Ich war stolz sagt er. Niemand dürfe das Kreuz berüh- diesen Moment gewidmet. und empfand das Gefühl des Ruhmes. ren, sonst verliere es seine Wirkung. Es be- SPIEGEL: Merken Sie bei der Corrida, dass SPIEGEL: Ach so. schütze ihn dann nicht mehr vor dem Tod. Ihnen ein Auge fehlt? Padilla: Ein Torero lebt mit dem Bewusst- Padilla: Nein. Ich kann zwar nicht richtig sein, dass er bei jedem Kampf in jedem SPIEGEL: Sie haben nie daran gedacht auf- räumlich sehen, aber es gelingt mir gut, Moment sterben kann. Aber ein Torero zuhören? die Tiefe einzuschätzen. Ich habe auch ist ein Mensch mit einem unbezwingba- Padilla: Wo denken Sie hin? Ich habe jetzt die Selbstsicherheit gegenüber dem Stier ren Willen. Er wünscht sich keine Verlet- die Möglichkeit zu beweisen, dass ich mit wiedererlangt. Ich bin in der Lage, ihn zung, aber er ist stolz darauf, eine Verlet- einem Auge besser mit dem Stier tanzen zu beherrschen. Wenn das nicht so wäre, zung zu überstehen. kann als mit beiden. Nicht der Stier ent- würde ich nicht in die Arena gehen. 132 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Prozent bio. DerStier genießt ein Leben, von dem jedes Huhn, jede Schlachtkuh nur träumen kann. Teil unserer Kultur ist es, dass am Ende dieses Lebens der Tod im Ring steht. SPIEGEL: Der Stierkampf ist ein archai- sches Schauspiel. Das katalanische Parla- ment hat die Corrida für alle vier katala- nischen Provinzen verboten. Padilla: Ich beklage die Situation. Ich bedaure, dass es Menschen gibt, die ein verachtendes Bild von der Corrida ha- ben.  Diese Menschen kennen sich mit unserer Kunst nicht aus. Sie lehnen den Stierkampf aus Unkenntnis ab. SPIEGEL: Ist es nicht offensichtlich, dass der Stier gequält wird? Padilla: Sie sind nicht im Bilde. Wir Tore- ros haben eine andere Sicht auf die Dinge. Der Stier leidet nicht, er ist in einem Zu- DANIEL OCHOA DE OLZA / AP stand der völligen Hingabe. Und dieser Zustand gebiert Schönheit. SPIEGEL: Der Stier wird von Ihnen und Ihren Helfern etwa 20 Minuten lang bis zur Apa- thie erschöpft. Der berittene Picador richtet ihn mit seiner Lanze übel zu, der Blutver- Idol Padilla: „Verletzungen sind meine Medaillen, jetzt habe ich Gold“ lust schwächt den Stier, der Muskelstrang in seinem Nacken wird verstümmelt, damit SPIEGEL: Aber wenn der Stier von links Padilla: Es waren zwei in der Arena, bei er seinen Schädel kaum mehr heben kann. kommt, können Sie ihn nicht sehen. offiziellen Auftritten. Zur Vorbereitung Beim Todesstoß dringt die Klinge des De- Padilla: Ein Torero beobachtet den Stier auf dem Feld etwa 40. gens zwischen den Schulterblättern hin- die ganze Zeit, er studiert ihn, versucht, SPIEGEL: Und wie viele Stiere sind es in durch, an der Wirbelsäule vorbei, in die seine Schwächen ausfindig zu machen. Ihrer ganzen Karriere? Eingeweide. Oft springt die Klinge aber an Die Kunst ist es, den Stier zu verlang- Padilla: Sicher mehr als tausend. einem Knochen ab, und der Matador muss samen und so an dir vorbeizulenken, SPIEGEL: Haben Sie ein anderes Verhältnis es noch einmal versuchen. Der Stich tötet dass er nicht das Tuch berührt, aber so zum Stier, seit einer Ihnen Ihr Auge aus- den Stier in der Regel nicht sofort, darum nah wie möglich dran ist. Daraus ergibt gestochen hat? wird er von den Helfern gereizt, den Kopf sich ein Tanz zwischen Stier und Tore- Padilla: Kurz vor der Corrida bin ich im- hin und her zu bewegen und zu laufen, bis ro … mer angespannt, jeder Torero ist das. In- er niedersinkt. Erst dann wird er gezielt SPIEGEL: … ein Paartanz mit dem Tod … zwischen bin ich aber erregter als früher. getötet, mit einem Dolchstoß ins Genick. Padilla: … ein Ballett. Aber wenn es das Ich hege aber keine Rachegelüste. Wo ist da die Hingabe? Die Schönheit? Schicksal des Toreros ist, dass der Stier SPIEGEL: Ist der Stier in der Arena Ihr Geg- Padilla: Ich werde diese Frage nicht beant- ihn schnappt, dann kann er noch so viele ner? Oder ist er ein Partner für Sie? worten. Ich sitze nicht hier, um einen Augen haben, 3, 6 oder 13 – der Stier Padilla: Wir sind eine Gemeinschaft, er ist Streit mit Stierkampfgegnern zu begin- kriegt ihn dann so oder so. mein Mitstreiter. Der Stier hat vollen An- nen. Ich werde keine Zeit darauf verwen- SPIEGEL: Träumen Sie von Ihrem Unfall? teil am Triumph des Toreros. den, auf die Argumente der Stierkampf- Padilla: Nein. Ich gehe auch nicht zum SPIEGEL: Der Anteil des Stiers ist, dass er gegner einzugehen. Psychiater und mache kein mentales sein Leben lässt. Seinen Mitstreiter zu Training. Ich habe mir das Video vom Un- töten, ist das etwas, was man lernen kann, Juan José Padilla steht auf, er sagt, er fall angeschaut: kein Problem. Die Sache oder wird man dazu geboren? müsse jetzt dringend weg, sagt, er habe ist abgehakt. Ein Torero muss sich täglich Padilla: Ich beantworte Ihre Frage so: Es es eilig. Padilla winkt seinen Fahrer zu selbst überwinden, Auge in Auge mit ei- ist fester Bestandteil der Corrida, dass sich, der ihn nach Hause bringen wird, ner der kraftvollsten Kreaturen, die auf der Stier stirbt. Es sei denn, er wird be- nach Sanlúcar de Barrameda. Dort erwar- der Welt gehen. Das ist seine Therapie. gnadigt, weil er außergewöhnlich stark ten ihn seine Frau und die beiden Kinder, SPIEGEL: Wie trainieren Sie? und mutig war. Aber das passiert sehr sel- an den Wänden hängen präparierte Stier- Padilla: Im Moment so, dass ich vormittags ten. Ansonsten ist es die Bestimmung des köpfe in Reihe. „Wir haben über alles ge- zur Logopädie und zur Physiotherapie Stiers, im Ring zu sterben. sprochen“, sagt Padilla und will gehen. gehe. Nachmittags arbeite ich mit mei- SPIEGEL: Für die Anhänger des Stier- nem Fitnesstrainer, ich fahre viel Rad, ma- kampfs sind Sie ein Held. Für Tierschüt- SPIEGEL: Eine Frage haben wir noch: Essen che Pilates, auch Yoga, um meine Körper- zer sind Sie ein Mörder. Sie gern Fleisch? beherrschung zu schulen. Ich versuche, Padilla: Mörder? Der Ausdruck gefällt mir Padilla: Oh ja. Sehr gern sogar. mein Reaktionsvermögen zu verbessern. gar nicht, gegen dieses Wort wehre ich SPIEGEL: Señor Padilla, wir danken Ihnen Beim Toreo de Sálon greift mich ein mich. Wir Toreros sind Menschen, die die für dieses Gespräch. Mensch an, der eine Karre schiebt, an der Tiere pflegen, wir kümmern uns um die sich vorn echte Hörner befinden. Oder Stiere, wir lieben sie. Video: Wie Stierkämpfer ich übe im Ring mit echten Tieren. SPIEGEL: Tatsächlich? Padilla sein Auge verlor SPIEGEL: Wie vielen Stieren haben Sie den Padilla: Ja. Die Stiere leben in Gruppen auf Für Smartphone-Benutzer: Todesstoß versetzt, seit Sie das Kranken- der Weide, in der Natur, sie erhalten keine Bildcode scannen, etwa mit haus verlassen haben? Hormone oder anderen Substanzen. 100 der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 133
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    Trends Medien PRESSE zahlte die „taz“ einen Einheitslohn – damals von einem finanzstarken guten 650 Mark netto. Investor, der uns so weiterwurschteln Ruch: Damals wusste noch keiner hier, ließ wie bisher. Aber das war irreal, so „Es sah was der Unterschied zwischen Brutto und Netto ist. Der Einheitslohn wuchs einen gab es nicht. SPIEGEL: Sie waren gegen einen Verkauf? mies aus“ in den achtziger Jahren aber schon Ruch: Sicher, aber eine optimale Lösung auf 1600 Mark und wurde mit Grün- hatte ich damals nicht … dung der Genossenschaft 1992 aufge- SPIEGEL: … bis Olaf Scholz anrief, heute geben. Erster Bürgermeister von Hamburg. Karl-Heinz Ruch, 58, Geschäftsführer SPIEGEL: Anfang der neunziger Jahre Ruch: Genau, der hatte von unserer Dis- der Berliner „tageszeitung“, über 20 Jah- fielen in Berlin Subventionen weg, von kussion gehört. Er arbeitete damals als re „taz“-Genossenschaft und den Un- denen auch die „taz“ profitiert hatte. Syndikus beim Zentralverband der Kon- terschied zwischen Brutto und Netto Wie schlecht stand es um die Zeitung? sumgenossenschaften und meinte, so Ruch: Es sah mies aus, wir lebten von ein Modell sei auch für uns ’ne gute Sa- SPIEGEL: Nach vielen klammen Jahren der Hand in den Mund. Einige träumten che. Es hat uns wohl gerettet. steht die „taz“-Genossenschaft, die Ei- gentümerin der Zeitung, heute besser da denn je, woran liegt’s? Ruch: Wir haben seit 2009 tatsächlich pro Jahr etwa 300 000 Euro erwirtschaf- tet und Einlagen von elf Millionen Euro. Das stecken wir vor allem in taz.de – unser digitales Angebot, das wir uns leis- ten und weiterentwickeln. SPIEGEL: Werden auch die finanziell kurz- gehaltenen „tazlerInnen“ vom neuen Reichtum profitieren? Ruch: Wir nähern uns zumindest Tarif- gehältern an und lagern unsere Mitarbei- ter nicht in Servicegesellschaften aus. An- gehen müssen wir die Altersversorgung, wenngleich die bei uns noch komfortabler ANJA WEBER / TAZ ist als bei den Schlecker-Kolleginnen. SPIEGEL: Besser als in den Anfangszeiten sieht es jedenfalls heute aus, damals Ruch N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N vor der Tür“ mit der schönen Formu- haltung ihren Eierbedarf im Ausland lierung „Augen auf beim Eierkauf“ decken müssen. Aber das ist natürlich kombinieren. Man kann die Konven- nicht halb so attraktiv wie die Ge- Eier|not|stand tionen sprengen und eine Besichtigung beim Bio-Bauern mit dem nicht ganz schichte von Tschechen, die uns un- sere Ostereier wegkaufen, zu Bildern 1.) saisonal bedingte Knappheit von klassischen Satz beenden: „Ich möchte von Hamsterkäufen und halbleeren Eiern in Geschäften; 2.) saisonal auch ein Huhn sein.“ Und man kann, Regalen. Meldungen über die verspä- bedingtes Übermaß von Eiern in Medien wenn man für die WDR-„Servicezeit“ tete Umsetzung des Käfigverbots und arbeitet, so tun, als hätten die Zu- Eierknappheit gibt es zwar schon seit Ostern ist ein Fest. Für die Menschen schauer noch nie etwas davon gehört, Wochen („gestiegene Eierpreise trü- an den Fließbändern in der Magazin- dass sich Eier „auspusten“ lassen. ben vorösterliche Stimmung in Bulga- befüllungsindustrie vor allem. Es ist In diesem Jahr ließen sich die üblichen rien“), bekommen aber natürlich eine die kurze Zeit zwischen der Produk- Geschichten mit der existentiellen Fra- andere Attraktivität, wenn sie sich wie tion von Beiträgen, die mit den Wor- ge kombinieren, ob es in der „Abendschau“ des ten „Frühlingszeit – Pollenzeit“ und überhaupt genug Eier zum BR mit der Frage kombi- „Sommerzeit – Urlaubszeit“ eingelei- Färben und Sich-über- nieren lassen: „Wird der tet werden, Letzteres zu Bildern von Cholesterin-Sorgen geben Osterhase arbeitslos?“ langen Autoschlangen. Es ist die Zeit, würde, weil so manche Der „Sachsenspiegel“ des in der sich Filmberichte einfach ver- Produzenten in Polen und MDR beruhigte seine edeln lassen: durch ausdauerndes Un- Tschechien nicht recht- Landsleute, die es womög- terlegen mit melodischem Hühnerge- zeitig auf das Verbot von lich besonders beunruhi- gacker oder dem massiven Einsatz von konventioneller Käfig- gend fänden, wenn daran Hasenstatisten. Man kann endlich ein- haltung reagiert hätten. ausgerechnet wieder die mal, wie jedes Jahr, mit dem Mythos Vor zwei Jahren hieß es Ausländer schuld wären, aufräumen, dass braune Hühner brau- zu Ostern noch, dass die mit dem Hinweis: „Das ne Eier legen und weiße weiße. Man Deutschen nach der sächsische Ei bleibt in kann den beliebten Satz „Ostern steht Abschaffung der Käfig- Sachsen.“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 137
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    GETTY IMAGES Kinobesucher inder chinesischen Stadt Hefei: Gefragt sind große Produktionen, bei denen es ordentlich kracht und knallt FILME Liebesgrüße aus Peking Hollywood hofft auf chinesische Geldgeber und den chinesischen Markt. Doch die umworbenen Investoren aus Asien verfolgen vor allem ein Ziel: Sie wollen eine eigene globale Medien- und Kulturindustrie aufbauen. D ie Chinesen haben einen tradi- fin, sie tragen teure Anzüge, wertvolle und exportierte für Siemens und Bosch tionsreichen Treffpunkt gewählt, Uhren und elegante Taschen. „Wir wollen Waschmaschinen nach China. Aber Haus- das Roosevelt Hotel im Herzen eines der größten Medienunternehmen haltsgeräte seien ein Markt von gestern, von Hollywood. Marilyn Monroe lebte Chinas werden“, sagt Liu Yuan. Und dazu da sei der Kuchen längst verteilt, sagt Liu. hier in einer Suite, im Ballsaal wurden brauche es Präsenz in Hollywood: „Hier Jetzt lebt sie in Beverly Hills und leitet die ersten Oscars vergeben. ist das Zentrum der Kreativität.“ die US-Dependance der China Main Sie sind zu dritt gekommen, der Vor- Liu spricht Deutsch. Früher, in den Stream Media Group. Drei bis fünf Filme standschef, der Finanzchef, die US-Che- neunziger Jahren, lebte sie in Mannheim wollen die Chinesen finanzieren, jeweils 138 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Medien mit einem Budgetvon bis zu 60 Millionen Iger. Das Land werde „ohne Frage der schen Studios versucht, die Quote aufzu- Dollar. Für den Anfang. größte Markt der Zukunft werden“, sagt weichen, auch mit Unterstützung der US- Der Aufstieg Chinas ließ in den ver- Jeffrey Katzenberg, Chef des Studios Regierung – immerhin erzielt die ameri- gangenen Jahren kaum einen Wirtschafts- DreamWorks Animation. Die Macher kanische Filmindustrie einen jährlichen zweig in der Welt unberührt. Fast überall von Kassenschlagern wie „Findet Nemo“ Handelsüberschuss von zwölf Milliarden führte die Gravitationskraft des neuen haben sich im Februar mit zwei chinesi- Dollar. Giganten zu grundlegenden Umwälzun- schen Unternehmen zusammengetan, um Im Februar schließlich konnte US-Vize- gen. Nur für die Medienindustrie spielte Film- und Fernsehprogramme für den chi- präsident Joe Biden bei persönlichen Ver- China bislang kaum eine Rolle. nesischen Markt zu produzieren. Katzen- handlungen mit seinem Amtskollegen Xi Für ausländische Konzerne wies der berg ist überzeugt, dass das Studio damit Jingping einen ersten Durchbruch errei- chinesische Medienmarkt bislang hohe seine Zukunft sichern wird: „Das ist das chen: Künftig dürfen 14 zusätzliche Filme gesetzliche Hürden auf. Joint Ventures absolut Beste, was wir tun können.“ im Jahr nach China exportiert werden – mit chinesischen Unternehmen zahlten Durch den Zusammenschluss mit loka- allerdings nur, wenn sie im 3-D- oder sich oft nicht aus. Auf anfänglichen Enthu- len Partnern umgeht DreamWorks die Imax-Format produziert sind. Damit ist siasmus folgte in vielen Medienhäusern Quotenregel, die bislang die Studios aus garantiert, dass nur die aufwendigsten, Ernüchterung. Umgekehrt kauften sich China ferngehalten hat: Pro Jahr durften actionlastigen Hollywood-Produktionen chinesische Unternehmen zwar gern bei bisher nur 20 ausländische Filme gezeigt ihren Weg in die chinesischen Kinos fin- deutschen Maschinenbauern oder ameri- werden. Jahrelang hatten die amerikani- den. Kleine sozialkritische Dramen etwa kanischen Software-Firmen ein, aber für sind damit ausgeschlossen. Zeitungen, Magazine oder Fernsehsender Die Quote gilt nicht für Co-Produktio- interessierten sie sich bisher nicht. nen, bei denen eine chinesische Filmfirma Vor allem für die Filmindustrie schien beteiligt ist und die auch chinesische Schau- das Thema China längst abgehakt: als spieler beschäftigen muss. Angesichts von Quelle billiger Raubkopien, als Feind der potentiellen Umsätzen im dreistelligen Mil- Kreativität, als toter Markt. lionenbereich sind die Hollywood-Studios Doch mit einem Mal hat sich die Lage hier neuerdings äußerst flexibel. radikal geändert. Hollywood und China Will Smith etwa drehte sein Remake entdecken ihre Liebe füreinander. Chine- von „Karate Kid“ gleich ganz in Peking. sische Unternehmer, Investoren und Ban- Und die Produktionsfirma Endgame ker fliegen regelmäßig in Hollywood ein, Entertainment erfüllte für den neuen auf der Suche nach Beteiligungen an Stu- Action-Film mit Bruce Willis, den Sony dios und Produktionsfirmen oder Filmen, Pictures im Herbst in die US-Kinos die sie finanzieren können. Nicht selten bringt, gleich alle Co-Produktionskrite- mit offener Unterstützung der Regierung rien, um sich auch ganz sicher Zugang in Peking. Denn die Medien- und Kultur- zum chinesischen Markt zu verschaffen: industrie ist Schwerpunkt des aktuellen Sie holte sich den chinesischen Medien- chinesischen Fünfjahresplans. Bis 2015 konzern DMG als Finanzierer an Bord, sollen vor allem mit Film und Fernsehen ließ eine Rolle für eine chinesische Schau- fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts spielerin neu ins Drehbruch schreiben erzielt werden. und verlegte den Drehort quasi von Paris Fast wöchentlich landen allerdings nach Peking. auch amerikanische und europäische Stu- Die Studios haben schnell gelernt, dass diomanager, Regisseure und Schauspieler vor allem kleinere Action-Produktionen, in Peking. Der deutsche Oscar-Gewinner die in den USA nur mittelmäßig erfolg- Florian Henckel von Donnersmarck flog reich sind, in China das Potential zum vergangenes Frühjahr ebenfalls nach Chi- Kassenschlager haben. Der letzte Sylves- na, um die Möglichkeiten auszuloten. ter-Stallone-Film, vom Rest der Welt mä- Der Grund des Stimmungswandels: Der ßig beachtet, landete auf Platz neun der chinesische Kinomarkt wuchs in den ver- Einspielliste. gangenen zwei Jahren um 100 Prozent, er Der begehrteste Mann in Hollywood ist inzwischen mit über zwei Milliarden ist deswegen derzeit Han Sanping, Chef Dollar der zweitgrößte der Welt – hinter der staatlichen China Film Group, des den USA. In den vergangenen zwei Jahren alleinigen Importeurs für alle auslän- entstanden überall im Land neue moderne dischen Filme. Nur mit Hans Zu- Kinos. Allein 2011 kamen 3000 Säle hinzu, stimmung schafft es ein Film in die Kinos in den kommenden drei Jahren sollen 7000 des Landes. Als Han Anfang März zu weitere folgen. 3-D, HD und Surround- Besuch in Hollywood war, überschlu- Sound schlagen schlechte Raubkopien. Ge- gen sich die Studios fast mit Ehrerbie- fragt sind jetzt große Hollywood-Produk- tung. tionen, bei denen es ordentlich kracht und Auch die Führung von China Main knallt: Allein „Avatar“ setzte mehr als 200 Stream, der Gruppe um die ehemalige Millionen Dollar in China um, „Transfor- Siemens-Mitarbeiterin Liu Yuan, hat mers“ 170 Millionen und der letzte Tom- enge Verbindungen zu staatlichen Stel- Cruise-Streifen „Mission: Impossible IV“ len. Zum Vorstand zählen unter ande- über 100 Millionen. rem Hans Vorgänger als Chef der China Angesichts solcher Zahlen geraten die Film Group und mehrere Führungskräfte Hollywood-Bosse plötzlich ins Schwär- der China Film Foundation, eines staat- men. China sei „eine riesige Chance für Hollywood-Hits „Karate Kid“, „Avatar“ lichen Filmfonds. „Kein Filmfonds ist die Branche“, sagt Disney-Chef Robert „Riesige Chance für die Branche“ besser mit staatlichen Stellen vertraut als D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 139
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    Medien CHINE NOUVELLE / SIPA FOTOS: GETTY IMAGES Filmschaffende Han, Liu, Schauspieler beim Filmfest in Jiangyin: Ohne das Wohlwollen der staatlichen Stellen funktioniert nichts wir“, sagt Liu. „Wir arbeiten mit der einem Studio für einen Investor bürgen, sche Bank arbeitet mit dem einflussreichen Regierung Hand in Hand.“ wenn ich nicht sicher bin, dass das Geld Medienunternehmer Bruno Wu zusammen, Dies sei ein großer Vorteil, betont Liu. auch wirklich da ist.“ der auch der „Rupert Murdoch von China“ Denn letztlich funktioniert nichts ohne Dennoch werden die chinesischen In- genannt wird. Harvest Fund Management, das Wohlwollen der staatlichen Verwal- vestoren in Hollywood mit offenen Armen eine von Deutscher Bank und der halbstaat- tung für Radio, Fernsehen und Film, die empfangen. Denn seit der Finanzkrise sitzt lichen China Credit Trust getragene Firma, ihre Zustimmung zu Co-Produktionen das Geld bei den Banken und Investoren hat mit Wu einen 800 Millionen Dollar und dem Vertrieb von Filmen geben muss für die Finanzierung von Filmen nicht schweren Fonds aufgelegt, mit dem er Fil- – die sie zuvor auch zensiert hat. Da wer- mehr so locker wie in den Vorjahren. „Hol- me finanzieren und Beteiligungen an Hol- den dann auch schon mal bei Szenen in lywood ist auf der Suche nach neuen Quel- lywood-Firmen aufkaufen will. Shanghai die Wäscheleinen rausgeschnit- len für Kapital, und das Interesse an China Allerdings blieb es bisher meist bei Ab- ten, weil sie die Stadt in unglücklichem ist deswegen definitiv groß“, sagt Hallren. sichtserklärungen, nur wenige Geschäfte Licht erscheinen ließen – so geschehen In den Jahren vor der Lehman-Pleite kamen wirklich zustande. Unter anderem bei „Mission: Impossible III“. hatten vor allem Hedgefonds Hollywood kaufte etwa die in Hongkong ansässige Die Regierungsnähe lässt den chinesi- für sich entdeckt. Die New Yorker Geld- Firma Orange Sky Golden Harvest ver- schen Investoren jedoch auch Skepsis ent- manager waren bei den Studios gern ge- gangenen Herbst einen Anteil an Legen- gegenschlagen. „Ich bin nicht sicher, ob sehen, weil sie anders als die Banken kei- dary Pictures, dem Studio, das den letz- das wirklich eine gute Sache ist oder eher ne Kredite mit entsprechenden Zinsen ten „Batman“-Film und den Kassenknal- alles nur schwieriger macht“, sagt Clark vergaben, sondern Bargeld gegen Erfolgs- ler „Inception“ produziert hat. Hallren, Partner der Beratungsgesell- beteiligung investierten – oft gleich für Filmindustrie-Anwalt Schuyler Moore schaft Clear Scope, die Finanzierungs- eine ganze Jahresproduktion von zwölf glaubt, dass es am Ende „keine Geldflut deals für Studios und Produktionsfirmen und mehr Filmen. von China nach Hollywood, sondern eher arrangiert. Hallren war zuvor Leiter der Damals „konnte man in manchen Wo- von Hollywood nach China geben wird“, Entertainment-Abteilung von JPMorgan. chen 20, 30 Privatjets aus New York auf weil die Studios sich über Co-Produktio- Die Investmentbank hat mit Abstand den dem Flughafen von Santa Monica zäh- nen Marktzugang sichern wollen. größten Marktanteil in Hollywood, und len“, sagt Finanzexperte Moore. Mehr als „Die Chinesen wollen etwas ganz an- Hallren kümmerte sich in den vergange- 15 Milliarden Dollar verteilten Invest- deres: unser Know-how, unsere Schau- nen 20 Jahren unter anderem um den mentbanken und Hedgefonds allein zwi- spieler und Regisseure, unser Geschäft Börsengang von DreamWorks Animation schen 2005 und 2008 in Hollywood. lernen, um am Ende ihre eigene Industrie und die Finanzierung von zahllosen Stu- Doch mit Beginn der Finanzkrise zo- aufzubauen“, sagt Moore. Und offensicht- dioproduktionen. gen sich die Hedgefonds wieder komplett lich lernen die chinesischen Filmemacher „In den letzten Monaten sind über ein aus dem Geschäft zurück, ebenso wie vie- schnell. Für einen Film über das Massaker Dutzend chinesische Investoren in mei- le Banken, vor allem die europäischen. von Nanking ließ sich „Batman“-Star nem Büro aufgeschlagen, aber die Frage So entstand ein „Finanzierungsvakuum“ Christian Bale als Hauptdarsteller gewin- ist, wer von denen wirklich Geld hat“, (Hallren), das nicht zuletzt chinesische In- nen. Das Budget: 95 Millionen Dollar, sagt Hallren. In der Branche sei vieles vestoren gern füllen würden. deutlich mehr also als für eine normale nur Geschwätz, da heiße es dann gern: Diesen Trend wollen auch die Invest- US-Produktion. „Brad Pitt ist bei meiner Produktion da- mentbanken nicht verpassen. Goldman Moore ist sicher: „Sobald sie uns nicht bei, na klar.“ Mit der Realität habe das Sachs etwa soll laut „Business Week“ den mehr brauchen, werden sie versuchen, dann aber nur selten etwas zu tun, erklärt Staatsfonds China Investment Corp. bei ohne Hollywood auszukommen.“ Hallren. „Ich werde bestimmt nicht bei Filmfinanzierungen beraten. Und die Deut- THOMAS SCHULZ 140 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Jeden Tag. 24Stunden. MONTAG, 9. 4., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1 SPIEGEL TV REPORTAGE Die Sendung entfällt aufgrund des Osterprogramms. SONNTAG, 15. 4., 22.15 – 23.00 UHR | RTL SPIEGEL TV MAGAZIN Heidis Scheinwelt – der Unterschied zwischen GNT und echten Top- Models; Auf diese Steine können Sie bauen – portugiesische Arbeitslose stürmen Schwäbisch Hall; Rabatt- schlacht via Internet – das Geschäfts- JONAS GÜTTLER / DPA prinzip „Groupon“. THEMA DER WOCHE Wahlkampf ums Überleben Bei den Wahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein im Mai drohen der FDP die nächsten Pleiten. Die Liberalen ver- suchen verzweifelt, Profil zu gewinnen CARSTEN REHDER / DPA C. MARKUS ALEXANDER – auf Kosten des Koalitionsfriedens in Berlin. ‣ Die FDP-Spitzenkandidaten scheren aus ‣ Wie sich Merkels Regierung lahmlegt Nachwuchsmodel Micha SAMSTAG, 14. 4., 20.15 – 0.15 UHR | VOX PANORAMA | Der prominenteste Unbekannte der Welt DIE GROSSE SAMSTAGSDOKUMENTATION Greg Packer will immer da sein, wo etwas los ist. Er war bei der Trauerfeier für Diätlügen – Was hilft wirklich? Whitney Houston, kampierte vorm Apple-Store beim Run auf das erste iPhone, Jeder zweite Deutsche ist übergewich- allein um als „Mann von der Straße“ in die Medien zu kommen. tig – und das, obwohl 80 Prozent schon mindestens einen Diätversuch NETZWELT | Trickserei im Schmuddel-Web hinter sich haben. Der Kampf gegen Porno- und Raubkopieseiten ergaunern ihr Geld mit erschlichenen Werbeschal- die Pfunde ist zu einem gigantischen tungen. Im Extremfall beklauen sie sich einfach gegenseitig. Die Zeche zahlen Industriezweig geworden. Die Ver- seriöse Unternehmen. sprechen sind groß, die Erfolgsquote ist gering. Auch die Wissenschaft SPORT | Das vorgezogene Finale beschäftigt sich intensiv mit den Ur- Zweiter gegen Erster, Meister gegen Rekordmeister: Borussia Dortmund und sachen der neuen Volkskrankheit Bayern München treten im Duell der beiden Bundesliga-Spitzenteams gegen- Übergewicht. Mediziner und Ernäh- einander an. SPIEGEL ONLINE berichtet live. rungswissenschaftler erklären, welche Fehler man bei einer Diät vermeiden sollte. Vieldiskutierte Studien gehen zum Beispiel der Frage nach, welche | Rockerfürst der Reeperbahn Rolle täglicher Stress spielt oder in- Er entdeckte die Beatles und erfand den wieweit entscheidende Weichen wäh- Star-Club: Das Geschrammel der rend der Schwangerschaft gestellt MAURIZIO GAMBARINI / DPA Newcomer-Band lehnte Horst Fascher zwar werden. Was also hilft wirklich im ab, ihren Aufstieg förderte er trotzdem. Kampf gegen das Übergewicht? Die Doch während die vier Briten in Hamburg große Samstagsdokumentation stellt ihre Jahrhundert-Karriere begannen, die bekanntesten Diäten auf den scheiterte der legendäre Club – und sein Prüfstand. „Moppel-Ich“-Verfasserin Gründer musste ins Gefängnis. Susanne Fröhlich, die Bestsellerauto- rin Ildikó von Kürthy und Schauspie- lerin Christine Neubauer beschreiben www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist ihre oft frustrierenden Diätkarrieren. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 143
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    Register GESTORBEN den aus der Politik wurde de la Madrid Vorsitzender des größten mexikanischen Giorgio Chinaglia, 65. Die Fans von La- Verlagshauses. Miguel de la Madrid starb zio Rom tauften den bulligen Mittelstür- am 1. April in Mexico-City. mer „il bisonte“, der Büffel. Sein Talent am Ball war überschaubar, doch seine Neslişah Osmanoglu, 91. Eine Prinzessin Klasse als eiskalter Vollstrecker im Straf- war sie in zwei Reichen, doch ihr Prin- raum war unbestrit- zessinnensein dauerte nicht einmal vier ten, und so avancierte Jahre. Immer kam die Geschichte dazwi- der Torjäger zu ei- schen: Fatma Neslişah wurde als letztes nem der populärsten Mitglied der Herrscherfamilie im Osma- Fußballprofis Italiens nischen Reich geboren, zwei Jahre bevor ROBERTO KOCH / CONTRASTO / LAIF in den siebziger Jah- Mustafa Kemal Atatürk die Türkei zur ren. Seine Karriere Republik und die Regentschaft der Osma- ließ der Lebemann, nen für beendet erklärte. Anfang 1924 der als Kind mit sei- ging die Familie ins Exil nach Frankreich, ner toskanischen Fa- Neslişah wuchs mit ihren Geschwistern milie nach Wales aus- in Nizza auf. 1940 wurde sie durch die wandern musste, 1983 Heirat mit dem ägyptischen Prinzen Mo- bei New York Cos- hammed Abd al-Munaim erneut Mitglied mos ausklingen – jenem glamourösen einer Dynastie, doch 1953 fiel auch hier Team, in dem auch Pelé und Franz Be- die Monarchie, und Ägypten wurde Re- ckenbauer spielten. In den USA verbrach- publik; 1957 musste te Chinaglia auch seine letzten Jahre – Neslişah mit Mann als italienischer Justizflüchtling. 2006 war und Kindern erneut gegen ihn ein Haftbefehl ergangen, ein ins europäische Exil Jahr später wurde er von der italienischen gehen. Lange vor ih- Börsenaufsicht wegen Kursmanipulation ren männlichen Ver- zu einer Geldstrafe von 4,2 Millionen wandten durfte sie in Euro verurteilt. Zudem wurde Chinaglia die Türkei zurückkeh- der Versuch vorgeworfen, als Strohmann ren und ließ sich 1963 der Camorra Lazio in die Hände der kam- in ihrer Geburtsstadt panischen Mafia zu bringen. Giorgio Chi- AP Istanbul nieder, wo naglia starb am 1. April in Naples, Florida, sie ein unauffälliges nach einem Herzinfarkt. Leben führte. Sie seien ja nun „eine ganz normale Familie“, sagte die letzte Enkelin Miguel de la Madrid, 77. Sechs Jahre der Sultane ohne Groll nach dem Tod lang führte der studierte Jurist und Öko- ihres Bruders Osman Ertugrul 2009. Nes- nom Mexiko als Präsident mit ruhiger lişah Osmanoglu starb am 2. April in Hand durch schwierige Zeiten. 1982 hatte Istanbul. er als Staatsoberhaupt ein Land in der Krise geerbt: Die Wirtschaft lag am Bo- Harry Crews, 76. Jede Narbe habe etwas den, der veraltete Staatsapparat lähmte Schönes, fand der amerikanische Schrift- jeden Fortschritt; 1985 erschütterte ein steller aus Georgia. Denn „eine Narbe schweres Erdbeben Mexiko-Stadt. Der bedeutet, dass der Schmerz vorbei, die Präsident begann eine Reihe von Privati- Wunde geschlossen und geheilt ist; erle- sierungen und brachte sein Land auf den digt“. Crews, in bitterer Armut groß ge- Weg in die freie Marktwirtschaft. Trotz worden, erlebte zahlreiche Verletzungen, Auslandsschulden von 103 Milliarden Dol- körperlicher und seelischer Natur. Mit sei- lar am Ende seiner Amtszeit zog de la nen Alkohol- und Drogenexzessen ging Madrid eine positive Bilanz. Vielen aber er offen um, die literarische Welt scho- blieb sein Name vor ckierte und faszinierte er damit gleicher- allem wegen des maßen. Groteske, kaputte Figuren bevöl- Skandals im Gedächt- kern seine Romane und Geschichten; er nis, der die Wahl sei- lässt sie leiden, lieben – und oft zu viel nes Nachfolgers 1988 trinken. Spätestens mit seinen Memoiren begleitete: Erstmals „A Childhood: The Biography of a Place“ seit 60 Jahren hatte (1978) errang Crews Kultstatus. Kritiker MOISES PABLO / DPA die Regierungspartei feiern ihn als herausragenden Vertreter PRI deutliche Stimm- des „Southern Gothic“, denn seine düs- verluste hinnehmen teren, oft auch witzigen Erzählungen spie- müssen – und den- len zumeist da, wo er sich am besten aus- noch rief sie ihren kennt: im armen weißen Süden der USA. Kandidaten zum Wahlsieger aus, bevor Seine Studenten – der Bauernsohn lehrte das Ergebnis feststand. Die Manipula- bis 1997 Kreatives Schreiben – verehrten tionsvorwürfe konnten nie aus der Welt ihn ohnehin. Harry Crews starb am 28. geräumt werden. Nach seinem Ausschei- März in Gainesville, Florida. 144 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Personalien Hillary Clinton, 64, US-Außenministerin, und Ehemann Bill, ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten, freuen sich über eine besondere Ehre: Der Flughafen von Little Rock in Arkansas ist in „Bill and Hillary Clinton National Airport“ um- benannt worden. Die Abstimmung des Flughafenkomitees verlief weitgehend harmonisch. Dass die Außenministerin als Namenspatronin würdig sei, bestritt niemand. Beim einstigen Chef des Wei- ßen Hauses erhoben jedoch drei Personen Einwände. Sie führten Bill Clintons „Aus- schweifungen“ und „fleischliche Gelüste“ während seiner Amtszeit als Hinderungs- grund für die Ehrung an. Die Bedenken fanden allerdings keine Mehrheit. Xenija Sobtschak, 30, russisches It-Girl, kehrt ihrem guten Bekannten, Wladimir MARC TIRL / PICTURE ALLIANCE / DPA Putin, den Rücken. Dem Präsidenten ist die junge Frau seit Kindertagen verbun- den: Unter Vater Anatolij Sobtschak, dem einstigen Oberbürgermeister von St. Pe- tersburg, hat Putin seine politische Kar- riere begonnen. Ausgerechnet im Lager der Opposition fand die Glamour-Lady Hagens nun nicht nur eine neue politische Rolle, Gunther von Hagens, 67, Leichenpräpa- Baroness Margaret Thatcher, 86, Ikone rator, macht dem britischen Künstler der britischen Politik, hadert mit ihrem Damien Hirst Konkurrenz. Der umstrit- Lebensweg. Das zumindest behauptet ihr tene Anatom zeigt zum ersten Mal in Parteifreund und Vertrauter Baron Mi- England seine Ausstellung „Körperwel- chael Spicer in seinen Tagebüchern, die ten der Tiere“, zu deren Prunkstücken er jetzt sukzessive im „Sunday Tele- ein plastinierter Hai gehört. Ein Tigerhai graph“ veröffentlicht. Der Tory-Mann in Formaldehyd wiederum ist bekannt- war unter Thatcher Staatssekretär und lich Hirsts Markenzeichen – er wird zeit- über 36 Jahre Abgeordneter für die Kon- gleich in London ausgestellt. Eine Mit- servativen. Entsprechend reichhaltig ist arbeiterin des „Plastinators“ verspricht sein Schatz an Anekdoten. Am 20. April einen Mehrwert bei der Betrachtung des 1995, fast fünf Jahre nach Thatchers Rück- ALEXANDER ZEMLIANI / DAPD gehäuteten Raubfischs: „In der Vorstel- tritt als Premierministerin, notierte Spicer lung der meisten Leute ist ein Hai ein in seinem Tagebuch: „Als ich aufstehe, Monster“, sagt sie. „Aber wenn man die- um zu gehen, sagt sie: ,Wenn ich mich ses Exemplar anschaut, sieht man, dass noch mal entscheiden könnte, würde ich es ein Herz hat und Blutbahnen, genau nicht wieder in die Politik gehen. Das hat Sobtschak wie Sie und ich.“ meine Familie kaputtgemacht.‘“ sondern womöglich auch eine neue Liebe. ZITAT Seit die Fernsehjournalistin gegen Wahl- fälschungen und Putin demonstriert, spekulieren Moskauer Boulevardzeitun- „Es war phantastisch. gen über eine Affäre mit Ilja Jaschin, Ich bin ein neugieriger einem der Anführer der außerparlamen- tarischen Opposition. Nachdem Xenija Bengel, und ich will Sobtschaks regierungskritische TV-Talk- show auf Druck des Kreml eingestellt immer etwas sehen, werden musste, sagte sie: „Ich bin zwar keine Revolutionärin, würde jetzt aber das noch kein Mensch gern lernen, wie man einen Molotowcock- tail bastelt.“ Als zwei Reporterinnen zuvor gesehen hat.“ eines regierungsnahen Medienhauses Sobtschak und den 27-jährigen Jaschin MARK THIESSEN / AP James Cameron, 57, Oscar- mit Freunden in einem Restaurant auf- prämierter Regisseur („Titanic“), spürten, zeigte sich das Paar schon einmal über seinen Tauchgang im widerständig: Es entwand den Paparazze elf Kilometer tiefen Marianengraben die Kamera. 146 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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    Armin Laschet, 51,früherer Integrations- minister von Nordrhein-Westfalen (CDU) und damals Erster in dieser Funktion, wechselt das Fach. Der christdemokrati- sche Spitzenkandidat Norbert Röttgen will den Aachener Juristen als Super- minister in sein Schattenkabinett berufen und Laschet das Innenministerium anver- trauen, erweitert um die Zuständigkeit für den demografischen Wandel. Im Bund gehört dieser Bereich zwar auch zum Innenministerium, Laschet will sich aber noch mehr auf die immer älter werdende Gesellschaft konzentrieren. Christdemo- krat Röttgen hält das für eine der wich- tigsten Zukunftsfragen der Politik. Schon heute ist jeder fünfte Nordrhein-Westfale 65 Jahre alt oder älter. Die fortschrei- tende Deindustrialisierung habe in der Region zu hoher Arbeitslosigkeit geführt, so Laschet; die Strukturprobleme sind enorm. Im Ruhrgebiet gebe es über- proportional viele Ältere: „Wir sind in der Entwicklung hier dem Bund um sie- ben Jahre voraus.“ Sean Connery, 81, erster und für viele bester James-Bond-Darsteller, inspiriert 50 Jahre nach Start der kultigen Agen- tenfilme seine ehemalige Schneiderei. Pünktlich zum Jubiläum bietet der Kleidermacher Anthony Sinclair Anzüge an, deren Vorbilder seinerzeit Connery auf den Leib geschneidert wurden. Ein Ensemble wie jenes, in dem Bond den Bösewicht Goldfinger jagte, kostet um die 2400 Euro; eine Tweedjacke, gleich jener, die der Superagent im selben Film trug, ist für knapp 3000 Euro zu haben. Das Jackett sei eher locker geschnitten, damit eine Waffe elegant verdeckt wer- den könne, teilte die Schneiderei mit. Gut zu wissen. January Jones, 34, amerikanische Schauspielerin, hadert mit dem Image ihrer Figur in der Kultserie „Mad Men“. Als Betty Draper ist sie weltberühmt; doch wirke sie zusehends unsympathisch, sagte Jones der „Sunday Times“. Gemein, kaltherzig und STAR MAX / ACTION PRESS als schlechte Mutter – so würden viele Zuschauer die Figur im TV inzwischen sehen. Fans der Serie hätten regelrecht Angst vor ihr. Luis Moreno Ocampo, 59, Chefankläger Soldaten missbraucht haben soll. Der Film des Internationalen Strafgerichtshofs fand viele Bewunderer, aber auch etliche (IStGH), hat die „Kony 2012“-Kampagne Kritiker. Die Darstellung der Probleme sei gelobt. Das 30-minütige Video der Orga- zu simpel, hieß es, außerdem würden die nisation Invisible Children sorgte mit rund schweren Menschenrechtsverletzungen hundert Millionen Internetklicks für Fu- verschwiegen, die das ugandische Militär HARRY MYERS / REX FEATURES rore. Die Filmemacher wollen dazu bei- bei der Jagd nach Kony begangen habe. tragen, den ugandischen Rebellenführer Vergangene Woche begrüßte Moreno Joseph Kony hinter Gitter zu bringen. Ocampo vor mehr als 40 Hollywood-Grö- Kony wird seit Oktober 2005 per Haft- ßen gleichwohl die Initiative: „Ich denke, befehl des IStGH gesucht, unter anderem, Invisible Children wird noch dieses Jahr Connery 1965 weil er Tausende Kinder entführt und als dafür sorgen, dass Kony verhaftet wird.“ D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 147
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    Hohlspiegel Rückspiegel Aus dem „Tagesspiegel“: „Mitte der ers- Zitate ten Halbzeit machte sich der Mopp dann aber auf den Weg, kletterte über Absper- Die „Welt am Sonntag“ zum SPIEGEL- rungen und bahnte sich – lautstark ange- Gespräch „Wir haben unterschiedliche feuert von den Berliner Fans – seinen Gewalten“ mit Gregor Gysi über Recht Weg in den Gästefanblock.“ im SED-Staat (Nr. 11/1989): Für Gregor Gysi ist es offenbar die Frage aller Fragen: Wie hat er es mit dem DDR- Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ge- halten? Seit zwei Jahrzehnten strengt der Anwalt immer wieder Prozesse an und lässt Berichte über eine Zusammenarbeit Aus einer Anzeige in „natur & heilen“ gerichtlich untersagen. Doch jetzt liegen der „Welt am Sonntag“ Unterlagen vor, die mindestens ein vertrauliches Ge- Aus der „Frankfurter Neuen Presse“: spräch zweier Stasi-Offiziere mit dem da- „Klune hat aber auch Hobbies: Wenn er maligen Vorsitzenden der DDR-Anwalts- am Kochtopf seiner Vorliebe für die süd- kollegien zum Inhalt haben. Danach be- französische Cousine frönt oder einen richtete Gysi über ein Interview, das zwei schmackhaften heimischen Grünkohlein- Redakteure des Magazins DER SPIEGEL topf zaubert, sieht es in der Küche schnell am Vortag mit ihm geführt hatten. Dem so unübersichtlich aus, wie ehedem auf Dokument aus Beständen der Stasi-Un- dem Schreibtisch eines vielbeschäftigten terlagen-Behörde zufolge äußerte er sich Wirtschaftsstaatsanwaltes.“ abfällig über die „Unseriosität des Blat- tes“ und beschwerte sich, dass der Ost- Berlin-Korrespondent des SPIEGEL, Ul- Aus der „Frankfurter Allgemeinen Sonn- rich Schwarz, ihn „nur in Fallen“ locken tagszeitung“: „Kielings Mutter kam 1981 wollte. Gysi bestreitet auf Nachfrage, dass bei einem Unfall ums Leben, er sah sie ein solches Gespräch stattgefunden habe. nie wieder.“ Seine Sicht der Dinge hat er beharrlich, beispielsweise 2008 vor dem Bundestag, so dargestellt: „Ich brauchte keine Kon- takte zur Staatssicherheit. Sie waren gar nicht nötig, entsprachen weder meinem Stil noch meiner Würde.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ zum SPIE- GEL-Bericht „Deutsche Post – Klingeln bei Waldi“ über bayerische Briefträger, Schild vor einem Laden in Zürich die als Abo-Werber eingesetzt werden (Nr. 13/2012): Aus der „Stuttgarter Zeitung“: „So viele Wir leben bekanntlich in einer Welt, in waren es noch nie: Knapp 100 Schüler der keiner mehr etwas zahlen will. Per- des Dillmann-Gymnasiums in Stuttgart sönliche Schreiben zum Beispiel. Wie viel brühten über der ersten Abiturprüfung Mühe haben sich früher die Leute ge- im Fach Deutsch.“ macht! … Nun aber schreiben die Men- schen online. Sie produzieren E-Mails, bis die Datenleitung glüht. Der Leidtragende Aus dem „Mitteilungsblatt Bad Driburg“: der ganzen Verweigerung ist der Briefträ- „Tageskarten für Erwachsene kosten 5€ ger, der immer weniger zu transportieren und für Schüler und Studenten 4€ und hat. Sein Auftritt im Hausgang war zum können zu 50 Prozent verzehrt werden.“ Ritual der Gesellschaft geworden, aber er hat ja immer weniger dabei. Und so wurde das Management der Deutschen Post in Bonn mit einer Idee erleuchtet, die nur Tierliebhaber haben können: Wie wäre es, wenn der Postillon zum Beispiel allen Hun- debesitzern unter den Haushaltsvorstän- den ruck, zuck das Abo einer Hundezeit- Aus der Anzeige einer Schäferei in schrift verkauft, die dann ja via Post gelie- Gaggenau fert wird – und so einen Ausweg aus dem ökonomischen Zwinger dieser E-Mail- Tage, dieser Hundstage bieten könnte? Das Aus der „Frankfurter Rundschau“: „Die alles wird im Postzustellungsbezirk Frei- richtige Lagerung ist entscheidend für die sing, in halb Oberbayern also, dieser Tage Haltbarkeit eines Lebensmittels. Das gilt tatsächlich ausprobiert, wie die Spürhunde auch für den Verbraucher.“ des SPIEGEL herausgefunden haben. 148 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2