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Hausmitteilung
7. April 2012                                                                        Betr.: Titel, Samenspender, Torero

E   s mag auch an der Deutschtümelei der Nazis liegen: Vom Missbrauch des Hei-
    matbegriffs haben sich die Deutschen bis heute nicht erholt. Wer von Heimat-
liebe spricht, setzt sich schnell dem Verdacht aus, nicht so recht ins moderne Leben
zu passen. Doch als SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit, 49, und Fotograf Michael
Trippel, 47, durch die Republik reisten, trafen sie auf Menschen, denen Heimat
sehr viel bedeutet – wenn auch jeder etwas anderes darunter versteht. Der eine
meint Haidenkofen, ein Dorf bei Regensburg, 97 Einwohner; der andere das Inter-
net, das seine Welt geworden ist. Kurbjuweit ist in Berlin aufgewachsen und lebt
auch heute dort. „Die intensivsten Heimatgefühle hatte ich bis vor kurzem in
einem Spielwarengeschäft in Reinickendorf“, sagt er, „dort habe ich als Kind Stun-
den verbracht, mir alles genau angeschaut und eine Menge Dinge mit nach Hause
genommen, aber leider nur in Gedanken.“ Für
ihn sei das Geschäft „ein Ort der Träume und
Sehnsüchte“. Nun sei es geschlossen, „aber die
Erinnerungen bleiben“. Mit dem Cover dieser




                                                                                                                          MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL
Ausgabe will der SPIEGEL jeder Leserin und je-
dem Leser ein Gefühl von Heimat bieten und
jedenfalls ein Bild seiner Region. Erstmals wird
das Heft mit dreizehn verschiedenen Titelbildern
ausgeliefert; elf Motive für elf Regionen Deutsch-
lands, dazu ein eigenes Titelbild für Österreich
und eines für die Schweiz (Seite 60).               Kurbjuweit in Haidenkofen



A     ls SPIEGEL-Redakteurin Barbara Hardinghaus, 36, von der Freizeitbeschäfti-
      gung des Niederländers Ed Houben, 42, erfuhr, war sie gespannt auf die Be-
gegnung mit ihm: Der Mann spendet Samen, er hat schon 82 Kinder. Frauen aus
dem In- und Ausland nehmen via Internet mit ihm Kontakt auf und bitten Houben,
mit ihnen zu schlafen. Hardinghaus traf in Maastricht, wo Houben als Stadtführer
arbeitet, nicht auf einen Beau, sondern auf einen Mann mit Übergewicht und ohne
besondere Ausstrahlung. „Die Frauen wollen ihn, weil er kein anonymer Samen-
spender ist, kein Geld nimmt und die Werte in seinem Spermiogramm sehr gut
sind“, sagt die Redakteurin. Sex mit einem Fremden, so Hardinghaus, „sehen sie
als reine Notwendigkeit, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen“ (Seite 52).


B   evor die SPIEGEL-Redakteure Cathrin Gilbert, 27, und Maik Großekathöfer,
    40, den Torero Juan José Padilla, 38, in Spanien aufsuchten, diskutierten sie
mit ihren Kollegen aus dem Sportressort: Ist das grausame Treiben wirklich eine
Sportart? Die Redakteure, die ähnliche Diskussionen über Schach, Poker und die
                                          Formel 1 geführt hatten, entschieden sich
                                          auch diesmal für den interessanten Stoff –
                                          spannender als Definitionsfragen er-
                                          schien ihnen, wie Padilla die Tierquälerei
                                          rechtfertigen würde. Der Torero, dem ein
                                             MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL




                                          Stier im Oktober das linke Auge ausge-
                                          stochen hatte, erzählte, dass er sich als
                                          „Tänzer“ empfinde und seine Arbeit als
                                          „Kunst“. Als die Redakteure das mörde-
                                          rische Schauspiel in den Arenen kritisier-
                                          ten, „hatte er es jedoch plötzlich eilig und
                                          beendete das Gespräch“, sagt Gilbert
Großekathöfer, Padilla, Gilbert bei Jerez (Seite 130).

Im Internet: www.spiegel.de   D E R   S P I E G E L                              1 5 / 2 0 1 2                       5
In diesem Heft                                                                                       Merkel, von der Leyen


 Titel
Wie sich das Heimatgefühl der Deutschen
verändert hat .................................................... 60
Für Österreich: Wie sich der Staat aus der
Provinz zurückzieht .......................................... 70
Für die Schweiz: Was ein Schweizer im
Ausland an seiner Heimat vermisst ................... 70
 Deutschland
Panorama: Bundesjustizministerin gegen
Betreuungsgeld / Schüler verschmähen
Mensa-Essen / Gerangel um Termin für
Bundestagswahl 2013 ......................................... 14
Union: Merkel positioniert sich als
Kanzlerin der Gerechtigkeit .............................. 18
Wirtschaftspolitik: Auf die Stromkunden
kommen neue Milliardenkosten zu ................... 22
Atomausstieg: Niedersachsens Ministerpräsident
McAllister fordert den Einstieg des Staates
beim Netzausbau .............................................. 24
Parteien: Sollen die Vorsitzenden der Piraten
ein Gehalt bekommen? ....................................... 26
Karrieren: Die private Griechenland-Mission
                                                                                                           Aus Schwarz wird Rot                                                     Seite 18
                                                                          SEAN GALLUP / GETTY IMAGES




des FDP-Politikers Chatzimarkakis ................... 28
Integration: Junge Migrantinnen flüchten
vor ihren Familien, um selbstbestimmt leben                                                                Auf keinen Fall will die Kanzlerin im nächsten Jahr einen Gerechtig-
zu können ......................................................... 32                                     keitswahlkampf führen. Deshalb räumt sie alle sozialpolitischen
Alter: Wie aktiv kann sich Walter Scheel noch                                                              Streitfälle ab, um der SPD möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.
mit der Tagespolitik befassen? .......................... 38
Verbrechen: Die Fehler der Polizei im Fall
des 18-jährigen Kindsmörders ........................... 40
Gesundheit: Fragwürdige Therapien
gegen Heuschnupfen ......................................... 42
Strafjustiz: Zu viel Aufmerksamkeit für
die Opfer von Strafverfahren? .......................... 44
Bestattungen: Fettleibige Leichname führen
zu Störfällen in Krematorien ............................ 48
                                                                                                       Grabenkämpfe bei der Deutschen Bank                                               S. 74
 Gesellschaft                                                                                          Im Handstreich beenden Anshu Jain und Jürgen Fitschen die Ära Ackermann.
Szene: Wal-Bergung in Brasilien / Interview
                                                                                                       Die Aktionäre jubeln, Politiker und Aufseher begegnen den neuen Chefs mit
über Organspenden und die Grenzen                                                                      Argwohn. Nun müssen die beiden die Deutsche Bank neu erfinden.
der Nächstenliebe ............................................. 50
Eine Meldung und ihre Geschichte – wie ein
sächsischer Zoo den Tod eines prominenten
Tiers verkraftet .................................................. 51
Fortpflanzung: Das seltsame Leben des
Samenspenders Ed Houben .............................. 52
Ortstermin: Eine Messe in Hannover probt
                                                                                                       Das Geschäft mit dem Krebs                                                     Seite 81
                                                                                                       Mit Chemotherapien verdienen Pharmafirmen und Apotheker besonders
den Umbau Deutschlands zur Altenrepublik .... 59
                                                                                                       gut. Um an die begehrten Rezepte zu kommen, sollen sie bundesweit
 Wirtschaft                                                                                            Krebsärzte geschmiert haben. Nun ermitteln die Staatsanwälte.
Trends: Audi baut Werk in Mexiko / Finanzgruppe
will Schlecker kaufen / Verkehrsminister
Ramsauer über die Folgen des
Nachtflugverbots ............................................... 72
Finanzindustrie: Wohin steuert die Deutsche
Bank unter Anshu Jain und Jürgen Fitschen? .... 74
Steuerhinterziehung: Unbeirrt von
                                                                                                                                                                   Die versteckten
Spionagevorwürfen kaufen deutsche Fahnder
neue Daten aus der Schweiz ............................. 79
                                                                                                                                                                   Mädchen Seite 32
Affären: Wie Pharmafirmen und Apotheker                                                                                                                            Sie wollen westlich und
die Krankenkassen mit Krebsmedikamenten                                                                                                                            selbstbestimmt leben –
ausnehmen ........................................................ 81                                                                                              doch sie dürfen es nicht.
 Ausland                                                                                                                                                           Manche Migrantinnen wer-
Panorama: Ende der Toleranz in den Vereinigten                                                                                                                     den von ihrer Familie aus
Arabischen Emiraten / Machtkampf in Mali ..... 86                                                                                                                  Deutschland verschleppt
Ukraine: Der Deal um Julija Timoschenko ........ 88                                                                                                                oder ermordet. Andere flie-
Frankreich: Der „Le Monde“-Reporter Philippe                                                                                                                       hen rechtzeitig und bekom-
Ridet über den Wahlkämpfer Sarkozy .............. 91
                                                                                                                                                                   men sogar eine neue Identi-
Griechenland: Pasok-Chef Evangelos Venizelos
über die Reformierbarkeit seines Landes .......... 93                                                                                                              tät. Trotzdem müssen sie
                                                                                                                                                   POLIZEI / DPA




Irak: Hoffen auf den Öl-Boom .......................... 95                                                                                                         ihr neues Leben im Verbor-
USA: Die neue alte Rassenfrage ........................ 98                                                                 Mordopfer Arzu                          genen führen, in ständiger
Global Village: Ein Niederländer wirbt fürs                                                                                                                        Angst vor Entdeckung.
Wandern in Palästina ....................................... 100

6                                                                        D E R                             S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2
Kultur
                                                                                                                   Szene: Ein Liebeslied aus „Mad Men“ macht
                                                                                                                   Karriere / Wie die Nazis ihre Kunstraubzüge
                                                                                                                   katalogisierten ................................................. 102
                                                                                                                   Debatte: Das seltsame Frauenbild
                                                                                                                   der Familienministerin Kristina Schröder ........ 104
                                                                                                                   Literatur: „Oblomow“, der Roman, der
                                                                                                                   den Müßiggang feiert, erscheint endlich in
                                                                                                                   einer Neuübersetzung ..................................... 108
                                                                                                                   Bestseller ......................................................... 110
                                                                                                                   Essay: Constanze Kurz vom Chaos Computer
                                                                                                                   Club über das Vorbild der Piraten für andere
                                                                                                                   Parteien ............................................................ 112
                                                                                                                   Autoren: Der amerikanische Konvertit
                                                                                                                   Michael Muhammad Knight entwirft die Vision
                                                                                                                   eines westlichen Islam ......................................... 114
                                                                                                                   Debattenkritik: Günter Grass und sein Israel-
                                                                                                                   Gedicht „Was gesagt werden muss“ ................. 117
                                                                                                                    Wissenschaft · Technik
                                                                                                                   Prisma: E-Books als Anreiz für Lesemuffel /
                                                                                                                   Ecstasy gefährdet Ungeborene ......................... 118
  Tauziehen um Timoschenko                                         Seite 88                                        Archäologie: In Israel wird ein 2500 Jahre altes
                                                                                                                   Bergheiligtum erforscht ..................................... 120




                                                                                      SERGEI CHUZAVKOV / AP
  Deutschland will die inhaftierte Julija Timoschenko an der Charité                                               Neurologie: Wie ein Schriftsteller plötzlich
  behandeln lassen. Ob sie nach Berlin kommt, ist offen: In der Ukraine                                            das Lesen verlernte ......................................... 124
  verschärft Staatschef Janukowitsch seinen Kurs gegen die Opposition.                                             Automobile: Das neue Elektro-Gefährt
                                                                                                                   von Renault ..................................................... 127
                                                                                                                   Naturkatastrophen: Tsunami an der deutschen
                                                                                                                   Nordseeküste ................................................... 128
                                                                                                                    Sport
                                                                                                                   Szene: Überteuerte Hotels bei Fußball-EM in
                                                                                                                   der Ukraine / Wie gerecht ist das Image von
Bagdads schwarzer Schatz                                                   Seite 95                                Spielerfrauen? ................................................. 129
                                                                                                                   Stierkampf: SPIEGEL-Gespräch mit dem
Nach Jahren des Niedergangs wächst auf Iraks Ölfeldern die Zuversicht.                                             Torero Juan José Padilla über einen Unfall,
Fast alle Konzerne haben Verträge mit Bagdad geschlossen – doch sie gehen                                          bei dem ihm ein Bulle das Auge ausstieß, und
                                                                                                                   sein Comeback in der Arena ........................... 130
mit der Ölförderung ein hohes Risiko ein: Stabil ist das Land bis heute nicht.
                                                                                                                    Medien
                                                                                                                   Trends: „taz“ macht Gewinn / Niggemeiers
                                                                                                                   Medienlexikon ................................................. 137
                                                                                                                   Filme: China entdeckt Hollywood –

Weltliteratur gegen den Burnout                                           Seite 108
                                                                                                                   und umgekehrt ................................................ 138

Er ist ehrgeizlos und liebt den Müßiggang: Ilja Oblomow, der Titelheld aus                                         Briefe .................................................................. 8
Iwan Gontscharows Roman von 1859. Seine Lebensart ist der Gegenentwurf                                             Impressum, Leserservice ................................. 142
zum Burnout-Menschen von heute. Jetzt wurde das Buch neu übersetzt.                                                Register ........................................................... 144
                                                                                                                   Personalien ...................................................... 146
                                                                                                                   Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 148
                                                                                                                   Titelbild:
                                                                                                                   Schleswig-Holstein: Dörthe Hagenguth/Agentur Focus;
                                                                                                                   Mecklenburg-Vorpommern: Berthold Steinhilber/laif; Hamburg:

Gottes zweiter                                                                                                     Peter Bialobrzeski/laif; Niedersachsen: Christian O. Bruch/laif;
                                                                                                                   Berlin: Maurice Weiss/Ostkreuz; Nordrhein-Westfalen: Peter
                                                                                                                   Bialobrzeski/laif/Aus dem Buch „Heimat“, Hatje Cantz Verlag, 2005;

Tempel Seite 120                                                                                                   Hessen: Markus Hanke/Visum; Rheinland-Pfalz: Dieter Roeseler/laif;
                                                                                                                   Sachsen: Look-Photo; Baden-Württemberg: Peter Bialobrzeski/laif;
                                                                                                                   Bayern: Berthold Steinhilber/laif; Österreich: Julia Knop/laif; Schweiz:
Überraschung im Heiligen                                                                                           Stefan Jaeggi/Keystone/laif
Land: 50 Kilometer vom
Tempel in Jerusalem ent-
fernt stand ein mächtiges
Gegenheiligtum – die Kult-                                                                                           Lauter denken
stätte der Samaritaner, die                                                                                          Jungphilosophen erklä-
mit den Juden um die wahre                                                                                           ren uns die Welt. Außer-
                                                                                      URIEL SINAI / GETTY IMAGES




Lehre Gottes stritten. Jetzt                                                                                         dem im UniSPIEGEL:
werten Forscher Funde aus                                                                                            wie man Fußballmana-
diesem „Haus des Herrn“                                                                                              ger wird, das Geschäft
und Handschriften der Sekte                                                                                          mit den Studienplatz-
aus, die als kleine Gemeinde    Samaritaner auf dem Berg Garizim                                                     klagen und der intime
fortexistiert.                                                                                                       Job der Sexologen.

                                                  D E R   S P I E G E L    1 5 / 2 0 1 2                                                                                                      7
Briefe

                                                                                                                                 Preisschwankungen und deren Auswir-
                                                                                                                                 kungen auf den Konsum statistisch aus-
                               „Bei diesen Benzinpreisen ist es                                                                  werten und die zukünftige Preispolitik so
                                                                                                                                 festlegen. Daher halte ich auch nichts von
                               Sache des Verbrauchers, ein                                                                       einer Erhöhung der Pendlerpauschale.
                                                                                                                                 Höhere Subventionen führen immer zu
                               kostengünstigeres Verkehrsmittel                                                                  höheren Preisen.
                                                                                                                                           CLEMENS JUNG, BRÜCKEN (RHLD.-PF.)
                               zu wählen. Die Angebote fahren
                                                                                                                                 Natürlich rege auch ich mich über die
                               bereits herum. Einfach zugreifen.“                                                                Preispolitik der Ölkonzerne auf. Und
                                                                                                                                 doch muss ich an der Tankstelle schmun-
                                                                                                                                 zeln, wenn einige ihr offensichtlich neues
                                                    ERIK SCHNEIDER, FRANKFURT AM MAIN                                            Geländefahrzeug volltanken und sich
    SPIEGEL-Titel 14/2012                                                                                                        wundern, dass sie mit dem Rechnungs-
                                                                                                                                 betrag locker eine Einzimmerwohnung
                                                                                                                                 für einen Monat hätten mieten können.
Nr. 14/2012, Das Benzin-Kartell – Wie                                                                                                               GIORGIO FORLANO, BERLIN
Öl-Konzerne die Spritpreise manipulieren
                                                                                                                                 Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Sprit-
Nach uns die Sintflut                                                                                                            preise ist mir gestern aufgefallen: Auf der
                                                                                                                                 Autobahn fahren am hellen Nachmittag
Kann es sein, dass wir Deutsche die                                                                                              bei gutem Wetter, kaum Verkehr und
dümmsten Europäer sind, weil wir uns                                                                                             ohne Tempolimit plötzlich (fast) alle Au-
die hohen Spritpreise gefallen lassen? Es                                                                                        tofahrer Tempo 120. Das gab’s noch nie.




                                                                                               GUIDO OHLENBOSTEL / DER SPIEGEL
ist geradezu lächerlich, dass ein und die-                                                                                          STEFFEN MÜLLER, TUTTLINGEN (BAD.-WÜRTT.)
selbe Lieferung an den Tankstellen un-
terschiedlich bepreist wird, sogar inner-
halb eines Tages. Die Begründung mit                                                                                             Nr. 13/2012, Wenn der eigene Sohn
den Spotpreisen in Rotterdam kann das                                                                                            ein Mörder ist
nicht erklären. Ob Aral, Shell, Total oder
andere: Sie erhöhen gleichzeitig auf glei-
che Preise – und das Kartellamt meint          Tankstelle in Köln
                                                                                                                                 Gelebtes Christentum
nicht eingreifen zu können!?                                                                                                     Gut, dass man auch mal die Opfer auf
               HUBERT SCHMOLL, WETTER (NRW)    die Parklücke kriegt. Deshalb fordert ja                                          der bösen Seite sieht und Mitgefühl
                                               der ADAC auch größere Parkhäuser.                                                 weckt. Schlimm, dass sich die Geschwis-
In einem ambulanten Pflegedienst mit ei-                                 MARK BIHLER, BERLIN                                     ter nur von hinten zeigen können. Schön,
nem Fuhrpark von 120 Fahrzeugen wer-                                                                                             dass die Familie die „Bestie“ weiter liebt.
den in einem Jahr rund 2,75 Millionen          Hohe Energiekosten erhöhen den Inno-                                              Gelebtes Christentum.
Kilometer gefahren. Bei einem Durch-           vationsdruck, um die Abhängigkeit vom                                                                    M. LENZEN, MÜNCHEN
schnittsverbrauch von insgesamt 6,37 Li-       Öl zu reduzieren. Darüber hinaus sind
tern zahlt ein Pflegedienst allein für den     die Spritpreise auch im Hinblick auf die                                          Mirco wird nie wieder draußen spielen
Sprit 275 000 Euro. Die Höhe der Sprit-        Folgekosten für Umwelt und Gesundheit                                             können, nie wieder seine Eltern oder Ge-
preise ist ein eminent politisches Thema.      viel zu niedrig. Verbreitet ist diese Er-                                         schwister in den Arm nehmen, er darf
Denn im Gegensatz zu anderen Unter-            kenntnis allerdings nicht in einer Gesell-                                        nicht erwachsen werden, eine Familie
nehmen, die mit Pkw arbeiten, sind Un-         schaft, die nach wie vor von der Auto-                                            gründen. Die letzten Stunden seines kur-
ternehmen im Gesundheitsbereich nicht          mobilindustrie und ihren Werbebotschaf-                                           zen Lebens müssen schrecklich gewesen
vorsteuerabzugsberechtigt. Der Steueran-       ten dominiert wird. Dazu kommen noch                                              sein. Mircos Familie wird bis zum Ende
teil von über 90 Cent pro Liter schlägt        die Trägheit und die Uneinsichtigkeit                                             ihrer Tage mit diesem furchtbaren Verlust
also voll durch. Wenn die Politik nicht        vieler Verbraucher.                                                               leben müssen. Man sehe es mir als Mutter
will, dass die ambulante Pflege insgesamt                       DR. HEINZ MESTRUP, MÜNSTER                                       zweier Söhne nach, dass ich nicht verste-
an die Wand fährt, muss sie dafür sorgen,                                                                                        hen kann, wie die Familie des Täters tickt.
dass sie die unabdingbare Mobilität noch       Die Höhe der Preisschwankungen kann                                               Dass auch die Täterfamilie sehr unter die-
bezahlen kann.                                 damit zusammenhängen, dass man mit                                                ser Tat leidet, ist nachvollziehbar, aber
     DR. MARIA PANZER, UNTERHACHING (BAYERN)   dem Kaufverhalten der Kunden experi-                                              zum Täter halten? Unvorstellbar.
                       HEIMBEATMUNGSSERVICE    mentiert. Man kann mit „Testregionen“                                                         JESSIKA SCHÜTEN, PULHEIM (NRW)

Wir verprassen derzeit Erdöl nach dem
Motto: Nach uns die Sintflut.
          STEFAN BLUEMER, MÜLHEIM A. D. RUHR
                                                 Diskutieren Sie im Internet
                                                 www.spiegel.de/forum und
                                                 www.facebook.com/DerSpiegel
Wenn sich die Autofahrer im weltweit
einzigen Land ohne Tempolimit über zu            ‣ Titel Was ist Heimat?
hohe Spritpreise aufregen, ist das an Ko-
mik kaum zu überbieten. Grinsen kann             ‣ Krebs Verdienen Apotheker zu viel
man auch täglich in deutschen Metropo-             an den Medikamenten?
len, wenn die überforderte Zahnarztgat-          ‣ Sport Ist der Stierkampf mehr als
tin den allradgetriebenen Spritmonster-            nur Tierquälerei?
SUV jenseits der 250 PS nicht mehr in
8                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 13/2012, Wie die Piratenpartei das                                  triebswirten hat mit 49,09 Prozent noch
politische Establishment herausfordert                                  Luft nach oben. Schlimm wird es bei den
                                                                        Ingenieuren: Maschinenbau (9,62 Pro-
Im Cyberspace verloren                                                  zent), Elektrotechnik (7,81 Prozent), Fahr-
                                                                        zeugtechnik (4,55 Prozent). Das Frauen-
Verwegen finde ich, dass die Piraten in                                 quotenproblem hat nichts mit Männern
ihrem Parteiprogramm für „alle Bürger                                   und nichts mit der Wirtschaft zu tun. Son-
jederzeit die volle Kontrolle über ihre In-                             dern mit einer Frauschaft, die führen will,
formationsverarbeitung und Kommuni-                                     aber die dazu nötigen Qualifikationen
                                                                        nicht anbieten kann.
                                                                           MANFRED POWELEIT, ARTLENBURG (NIEDERS.)

                                                                        Frau Reding meint, dass die Menschen
                                                                        viel vernünftiger seien als „wir Politiker“.
                                                                        Zu diesen Menschen rechne ich allerdings




                                                 STEFAN PUCHNER / DPA
                                                                        auch die Gegner der Quote und beson-
                                                                        ders die betreffenden Unternehmer. Ein
                                                                        Argument wird leider in solchen Diskus-
                                                                        sionen selten gesehen: Der Unternehmer
                                                                        muss die Freiheit behalten, selbst über
Bundesparteitag der Piraten 2011                                        sein Personal zu entscheiden. Wir brau-
                                                                        chen mehr Freiheiten und die dazugehö-
kation“ erreichen wollen und dazu for-                                  rige Ethik der Verantwortung.
dern, „die Macht über Systeme und Da-                                                        DIETER BRANDES, HAMBURG
ten … so breit wie möglich auf alle Bürger
zu verteilen und so ihre Freiheit und Pri-                              Klarer Punktsieg für Frau Schröder. Ge-
vatsphäre zu sichern“. Da ist den Piraten                               gen den Zeitgeist bietet sie souverän Brüs-
im Cyberspace wohl etwas die Bodenhaf-                                  seler Erpressungsversuchen die Stirn.
tung verlorengegangen. Aber unterhalt-                                  Warum auch sollten im 21. Jahrhundert
sam sind sie schon!                                                     Einstellungen und Beförderungen nach
     JÜRGEN SIEVERS, BÜDELSDORF (SCHL.-HOLST.)                          Geschlechterzugehörigkeit erfolgen – wa-
                                                                        ren wir da nicht schon mal weiter?
Fast alle unserer konkreten Programm-                                                      MICHAEL KEMPTER, STUTTGART
punkte stammen ursprünglich von einfa-
chen Parteimitgliedern ohne Amt und                                     Auffällig, dass nur in den Rosinen-Jobs
werden dann von meist informellen Ar-                                   nach der Frauenquote gefragt wird, nicht
beitsgruppen weiterentwickelt, bis die                                  jedoch in gefährlichen Berufen, in denen
Vorlagen beschlussfähig sind. Bei den                                   zu 92 Prozent Männer verunglücken.
etablierten Parteien dagegen (gerade bei
den Bündnis-Grünen!) ist es genau um-
gekehrt; dort brütet die Vorstandschaft




                                                                                                                        MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL
fertige „Meinungsvorlagen“ aus, die bes-
tenfalls vom Parteitag noch abgenickt
werden dürfen. Die Meinungs- und Wil-
lensbildung der Piratenpartei läuft prin-
zipiell „von unten nach oben“, wie es in
einer funktionierenden Demokratie auch
sein sollte. Ein Pirat hat keine feste Welt-
anschauung – ein Pirat, der schaut sich
die Welt an!
                 OLIVER VAILLANT, REGENSBURG                            Politikerinnen Schröder, Reding
                     PIRATENPARTEI OBERPFALZ
                                                                        Wenn Frauen ihre Kinder mit 25 statt mit
                                                                        39 bekämen, hätten wir diese Aufstiegs-
Nr. 13/2012, EU-Kommissarin Viviane Re-                                 diskussion eher nicht. Eine Vorstandskar-
ding und Familienministerin Kristina Schrö-                             riere beginnt nämlich ab Anfang 40.
der über Sinn und Unsinn der Frauenquote                                        RICHARD SCHEDEL, ERLENBACH (BAYERN)


Romanistinnen für VW?
Sehr viel höher als Frau Redings 60 Pro-                                  Korrektur
zent ist die Quote der Hochschulabsol-                                    zu Heft 14/2012
ventinnen bei Romanistik (86,43 Prozent),                                 Seite 143, „In der Problemzone“: Die
Germanistik (80,94 Prozent) und Anglis-                                   Grafik nennt für den März 2012
tik (78, 39 Prozent). Doch was sollen Vor-                                falsche Marktanteilswerte. Für RTL
stand und Aufsichtsrat von VW mit Ro-                                     muss es richtig heißen 17,6 statt 18,2
manisten, Germanisten und Anglisten?                                      Prozent und für Sat.1 10,2 statt 9,9
VW wird geführt von Kaufleuten und In-                                    Prozent.
genieuren. Die Frauenquote bei den Be-
10                             D E R   S P I E G E L                       1 5 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 13/2012, Die Mär von der anti-                                               sich die Suizidzahlen ansieht. Es fehlen         Nr. 13/2012, Knapp eine Milliarde Euro im
syrischen Verschwörung                                                           einfach Therapeuten! Die Patienten, die          Jahr für die Berliner Kultur – reicht das?
                                                                                 begutachtet werden, müssen unter einem
Einreiseverbot aufheben                                                          erheblichen Leidensdruck stehen, weil sie
                                                                                 sich sonst nicht in die stigmatisierte Be-
                                                                                                                                  Berliner Luxusprobleme
Die von Todenhöfer zu Syrien festgestell-                                        handlung begeben würden.                         Bevor wir uns weiter mit den kulturellen
te „gigantische Desinformationskampa-                                                                   KERSTIN VOSPOHL, ESSEN    Luxusproblemen Berlins beschäftigen,
gne“ ließe sich sehr leicht verifizieren:                                                                                         sollten wir die Entwicklung der einst
Der Despot von Damaskus müsste dazu                                              Jeder in Psychotherapie investierte Euro         so reichen föderalen Kulturlandschaft
lediglich das Einreiseverbot für unabhän-                                        spart an anderer Stelle zwei bis vier Euro       Deutschlands mit den Zentren Hamburg,
gige Journalisten aufheben.                                                      an Kosten. Demzufolge kann es nur wün-           München, Dresden, Düsseldorf, Köln, Es-
          PETER BERGER, HEILIGENHAUS (NRW)                                       schenswert sein, wenn Menschen auch
                                                                                 mit noch nicht chronifizierten Störungen
Im vergangenen Jahr habe ich Herrn To-                                           eine Behandlung bekommen. Die Gesell-
denhöfer mehrmals als Videojournalistin                                          schaft sollte sich fragen, warum die Zahl
nach Syrien begleitet. Vor Ort haben wir                                         der Hilfesuchenden, der Krankgeschrie-
Hunderte Gespräche mit den unterschied-                                          benen und der Erwerbsgeminderten auf-




                                                                                                                                                                                              P. PONZIAK / VISION PHOTOS
lichsten Menschen geführt. Die von To-                                           grund psychischen Leidens rasant und
denhöfer gemachten Aussagen kann ich                                             permanent steigt, statt diejenigen zu dif-
bezeugen. Zwischenzeitlich wurden eini-                                          famieren, die Hilfe anbieten.
ge Aussagen Todenhöfers – für die er hier                                                 SVEN QUILITZSCH, ZWICKAU (SACHSEN)
in Deutschland verhöhnt wurde – auch                                                       PSYCHOLOGISCHER PSYCHOTHERAPEUT
von Human Rights Watch, der Arabi-
schen Liga und Kofi Annan bestätigt. Bei                                         Dass die Psychotherapeutensitze so un-           Geschlossenes Schiller Theater 1993
der Recherche ist Todenhöfer akribisch                                           gleich verteilt sind, liegt an der Bedarfs-
vorgegangen. Er hat dafür ein hohes Risi-                                        planungsrichtlinie. Viele der jungen Psy-        sen und so weiter analysieren und hier
ko auf sich genommen. Auch im Ge-                                                chotherapeuten würden gern in die struk-         wieder Schwerpunkte der Förderung set-
spräch mit Assad, bei dem ich anwesend                                           turschwachen Gebiete gehen, wenn es              zen. Zum Europa der Regionen passt das
war, hat sich Todenhöfer vehement für                                            dort freie Sitze gäbe.                           besser als die Konzentration auf einen
Demokratie eingesetzt. Umso verwunder-                                                           DIETER BEST, LUDWIGSHAFEN        national bestimmten Kulturort.
licher war die Reaktion in Deutschland.                                             DEUTSCHE PSYCHOTHERAPEUTENVEREINIGUNG                              PETER SCHMIDT, HAMBURG
                        JULIA LEEB, MÜNCHEN                                                                                                   EHEM. BÜRGERSCHAFTSABGEORDNETER
                                                                                 Ich habe keinen einzigen Burnout-Patien-
                                                                                 ten, sondern behandle etwa 15 Prozent            Staatssekretär Schmitz hat recht damit,
Nr. 12/2012, Der Mangel an Psycho-                                               „leichte Fälle“, die „nur“ eine Anpas-           dass mit kleinen Beiträgen große Wir-
therapeuten führt zu langen Wartezeiten                                          sungsstörung haben, circa 50 Prozent             kung erzielt werden kann! Warum ent-
                                                                                 komplex Traumatisierte, die zum Beispiel         zieht seine Landesregierung diese Bei-
Bitterer Nachgeschmack                                                           eine Borderline- oder dissoziative Stö-
                                                                                 rung haben, 10 Prozent Psychose-Kranke,
                                                                                                                                  träge der musikalischen Bildung? Auch
                                                                                                                                  Niedersachsen hat den Musikunterricht
                                                                                 der Rest besteht aus Leuten mit depressi-        halbiert, an Baden-Württembergs Grund-
                                                                                 ven Störungen, Ängsten und Zwangser-             schulen gibt es das Fach Musik gar nicht
                                                                                 krankungen. Der reale Bedarf liegt hier          mehr. Man stelle sich vor, die Metropo-
                                                                                 170 Prozent höher als die zugelassene An-        lenbibliothek auf dem Tempelhofer Feld
                                                ACHENBACH PACINI / DER SPIEGEL




                                                                                 zahl von Therapeuten. Und dies ist in al-        wird vom Regierenden Bürgermeister er-
                                                                                 len anderen Ballungszentren genauso.             öffnet, während sein Schulsenator den
                                                                                                               ANKE STAHL, KÖLN   Deutschunterricht halbiert! Aus der Sta-
                                                                                                                                  tik wissen wir, dass Leuchttürme ohne
                                                                                 Die Arbeit mit schwer und schwerst psy-          Fundament zum Einsturz neigen.
                                                                                 chisch Kranken erfordert höchsten Ein-                 PROF. HANNO MÜLLER-BRACHMANN, BERLIN
                                                                                 satz – nicht nur fachlich, sondern auch
                                                                                                                                  Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
Psychologe Thomas Bock in Hamburg                                                emotional. Wer glaubt, dies an fünf Tagen        Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
                                                                                 die Woche von früh bis spät leisten zu           tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
Eine leichte Erkrankung wird – wenn                                              können, wird wahrscheinlich eines Tages          leserbriefe@spiegel.de
nicht richtig und frühzeitig behandelt –                                         selbst behandlungsbedürftig werden.              In dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich im Mittelbund
rasch zu einer schweren Erkrankung; es                                              DR. EVA-MARIA GLOFKE-SCHULZ, ROSENHEIM        ein 16-seitiger Beihefter der Firma DURAVIT, Hornberg.
macht also viel Sinn, auch „leichte“ Fälle
anzunehmen, vor allem wirtschaftlich ist
es erheblich effektiver für das Gemein-
wesen, wenn Erkrankungen frühzeitig
professionell behandelt werden.
                                                                                                       Aus der SPIEGEL-Redaktion
DIPL.-PSYCH. CORNELIA CORDES, SCHLEIDEN (NRW)                                                          Verwüstete Landstriche, gequälte Bauern, abgeschlachtete Söldner –
                                                                                                       mit dramatischen Bildern hat sich der Dreißigjährige Krieg in das
Hier entsteht er wieder, der bittere Nach-                                                             Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Was 1618 mit dem „Prager
geschmack, dass man sich als depressiver                                                               Fenstersturz“ begann, wurde zum europäischen Dauerkonflikt; der
Patient mit ein wenig Selbsthilfegruppe,                                                               Streit der Konfessionen war nur ein Kriegsgrund unter vielen. Erst
Sport oder autogenem Training helfen                                                                   mit dem Westfälischen Frieden kam wieder Ordnung in die politi-
soll, damit sich die Psychotherapeuten                                                                 schen und religiösen Verhältnisse. Historiker und SPIEGEL-Autoren
mit ernsthaften Erkrankungen beschäfti-                                                                erörtern die Ursachen des Krieges, porträtieren große Gestalten der
gen können. Ein Trugschluss, wenn man                                                                  Zeit und fragen, welches Erbe die Katastrophe hinterlassen hat.
12                                                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Panorama

               PA R T E I E N
                                                                                    Stau auf der A 1 bei Hamburg

        Linker Schwund
Erstmals seit der Fusion von Linkspar-
tei.PDS und WASG im Jahr 2007 ist
die Mitgliederzahl der Linken unter
70 000 gesunken. Während sich die
Zahl in den mitgliederstarken, aber
überalterten Ostverbänden hauptsäch-
lich durch Todesfälle dezimiert, leidet
die Linke im Westen unter Austritten
oder Parteiwechseln. Allein in Nord-
rhein-Westfalen verlor die Linke im
vergangenen Jahr mehr als 500 Mit-
glieder. Bundestagsfraktionschef Gre-
gor Gysi klagte kürzlich intern, der
Zustrom aus der SPD und von den Ge-
werkschaften sei völlig zum Erliegen
gekommen. Ihren Höchststand hatte
die Partei im Bundestagswahljahr 2009
mit mehr als 78 000 Mitgliedern er-
reicht.




                                                                                                                                                                        ULRICH PERREY / DPA
     N O R D R H E I N -W E S T FA L E N


     Clement pro Lindner
Der Ex-Sozialdemokrat Wolfgang Cle-                                                                                       BENZINPREISE
ment unterstützt die nordrhein-westfä-
lische FDP im Landtagswahlkampf.
Zehn Jahre nach seinem Abgang als
NRW-Ministerpräsident schlägt sich
Clement damit auf die Seite seines
                                                                                                      CDU-Politiker wollen
einstigen Gegners; von 1998 bis 2002
hatte er das Bundesland mit einem rot-
grünen Kabinett regiert. Derzeit wür-
                                                                                                        Pendlern helfen
den Clement und FDP-Spitzenkandi-                                                   Angesichts weiter steigender Benzinpreise wächst in der Union die Bereitschaft
dat Christian Lindner die Einzelheiten                                              zur Erhöhung der Pendlerpauschale. Zwar dürfe die Pauschale nicht ständig mit
der Zusammenarbeit klären, heißt es                                                 Blick auf den Spritpreis angehoben oder gesenkt werden, sagt Unionsfraktions-
bei den Liberalen. Die beiden Politi-                                               vize Michael Fuchs. Trotzdem sei eine Entlastung der Pendler geboten. „Wir
ker kennen sich noch aus der gemein-                                                können von den Leuten nicht verlangen, dass sie 150 Kilometer zum Arbeitsplatz
samen Zeit im Landtag. Seit seinem                                                  pendeln, und sie dann mit den Kosten alleinlassen“, sagt Fuchs. Ähnlicher An-
Austritt aus der SPD 2008 ist Clement                                               sicht ist Hessens Regierungschef Volker Bouffier. Er will zwar zunächst abwarten,
gelegentlich bei der FDP aufgetreten.                                               ob die Bundesratsinitiativen, mit denen die Marktmacht der Benzinkonzerne
Der ehemalige Bundeswirtschaftsmi-                                                  eingeschränkt werden soll, Wirkung zeigen. „Sollte dies nicht der Fall sein und
nister sitzt heute im Aufsichtsrat der                                              eine kritische Grenze erreicht werden, muss man über eine Erhöhung der Pend-
RWE Power AG in Essen.                                                              lerpauschale nachdenken“, sagt der CDU-Vizechef. Die Parteivorsitzende Angela
                                                                                    Merkel hat sich gegen eine solche Erhöhung ausgesprochen.
                                                                                    Derweil mahnt der Wirtschaftswissenschaftler Frank Hechtner von der Freien
                                                                                    Universität Berlin, dass nur ein geringer Teil der Deutschen von einer Erhöhung
                                                                                    der Pendlerpauschale von 30 auf 40 Cent pro Kilometer profitieren würde. Wie
                                                                                    seine Auswertung der Steuerstatistik zeigt, machen gerade einmal 30 Prozent
                                           MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL




                                                                                    der Steuerpflichtigen die Aufwendungen in ihrer Steuererklärung geltend. „Für
                                                                                    die meisten Beschäftigten ist die Pauschale nur relevant, wenn die Arbeit min-
                                                                                    destens 15 Kilometer vom Wohnort entfernt liegt“, sagt der Professor. Eine spür-
                                                                                    bare Entlastung ergebe sich sogar erst ab einem Arbeitsweg von mindestens 50
                                                                                    Kilometern, den laut Hechtner aber nur zwei Millionen Steuerzahler zurücklegen.
                                                                                    Nach seinen Berechnungen käme eine Erhöhung der Pauschale um 10 Cent vor
                                                                                    allem den Beziehern hoher Einkommen zugute. Ein Single, der 40 Kilometer
                                                                                    pendelt und 2500 Euro brutto verdient, hätte monatlich 24 Euro netto mehr, bei
                                                                                    einem Einkommen von 6000 Euro wären es 35 Euro.
Clement

14                                                                                     D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
Deutschland
                                                                  FA M I L I E N



                     Justizministerin gegen Betreuungsgeld
 Im schwarz-gelben Regierungsbündnis ver-                                                                                                Kinder unter 3 Jahren in öffentlich
 schärft sich der Streit um das Betreuungsgeld.                                                                                               geförderter Tagesbetreuung,
 Mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnar-                                                                                                          Betreuungsquote
 renberger spricht sich erstmals ein liberales Mit-
 glied der Bundesregierung dafür aus, die koali-
 tionsinterne Vereinbarung zur Einführung des                 Landkreise
 Betreuungsgelds platzen zu lassen. Das von der                    unter
 CSU geforderte Instrument „passt eigentlich
 nicht mehr in die Zeit“, sagt die FDP-Politike-                     10
                                                                      %                                                       Hamburg
 rin. Beim Angebot von Kita-Plätzen bleibe                       Aurich
 Deutschland weit hinter Ländern wie Schwe-                         Leer
 den und Frankreich zurück. Deswegen könne
 auch keine Rede davon sein, dass Eltern die                                                                                                              Berlin
 Wahlfreiheit zwischen heimischer und externer                                                    Hannover
 Betreuung ihrer Kinder hätten. „Der Ausbau
 der Kinderbetreuung sollte angesichts der Un-
 terfinanzierung Priorität haben“, sagt Leut-
                                                      Oberhausen
 heusser-Schnarrenberger. Die Ministerin stellt             (Stadt)
 sich damit gegen eine Absprache, die die Par-
 teichefs von CDU, CSU und FDP im November                                                                                                                                Dresden
                                                         Heinsberg             Köln
 im Koalitionsausschuss getroffen haben. Dem-       Oberbergischer
 nach soll das Betreuungsgeld, das Eltern zugute-             Kreis
 kommt, die ihre Kinder nicht in eine öffentlich        Euskirchen
                                                                                                                                                                    60 % und mehr
                                                                                                    Frankfurt
 geförderte Kita bringen, zum 1. Januar 2013                                                        am Main
 eingeführt werden. Pro Monat sind für Kinder                                                                                                                       Wittenberg
 im zweiten Lebensjahr 100 Euro vorgesehen, im                                                                                                                      Salzlandkreis
 Jahr 2014 soll der Betrag auf 150 Euro für das                                                                                                                     Börde
 zweite und dritte Lebensjahr steigen.
 Der Plan sorgt auch innerhalb der Union zuneh-
 mend für Unmut. Während in der CDU der Wi-                      Neuburg-
                                                                                                                            Stuttgart
 derstand wächst, ist die CSU erzürnt darüber,           Schrobenhausen
 dass Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU)              Mühldorf a. Inn
                                                                                                                                        München
 die parteiinternen Kritiker nicht schärfer in die
 Schranken weist. CSU-Generalsekretär Alexan-
 der Dobrindt forderte Kauder am vergangenen
 Dienstag in einem Telefonat zum Einschreiten              DEUTSCHLAND
 auf. Bayerns Sozialministerin Christine Hader-                      25%
                                                                                                                                                 Zielvorgabe   35 %
 thauer (CSU) ermahnt mögliche Abweichler
 innerhalb der Union: Die Abstimmung über das
 Betreuungsgeld sei „keine Gewissensentschei-                       unter 15 Prozent      15 bis unter 25                      25 bis unter 35    35 bis unter 50      50 und mehr
 dung, die den Fraktionszwang aufhebt“.                                                                                                                    Quelle: Destatis, 1. März 2011




       B U N D E S TA G S WA H L
                                                 mindestens zwei Wochen Abstand lie-                                         Bundestagswahl müsste in diesem Fall
                                                 gen. Wegen der bayerischen Sommer-                                          am 29. September stattfinden. Diesen
                                                 ferien ist der früheste Termin für die                                      Termin lehnt jedoch das Bundesinnen-
    Schwieriger Termin                           Landtagswahl der 15. September, die                                         ministerium ab, weil dann bereits die
                                                                                                                             Herbstferien in Hamburg, Berlin und
Der bayerische Ministerpräsident                                                                                             Brandenburg beginnen. Andere Sonn-
Horst Seehofer und Bundesinnen-                                                                                              tage im September kollidieren eben-
minister Hans-Peter Friedrich – beide                                                                                        falls mit Ferienterminen. Dennoch
CSU – rangeln um den Termin für die                                                                                          beharrt die CSU-Fraktion im bayeri-
Bundestagswahl 2013. Friedrichs Haus-                                                                                        schen Landtag auf ihrer Position:
juristen wollen die Abstimmung für                                                                                           „Beide Wahlen müssen getrennt statt-
                                                                                                    MAGNUS SETTELE / DAPD




den 15. oder 22. September ansetzen.                                                                                         finden, nur so können landespolitische
Das läuft den Plänen der CSU in Mün-                                                                                         Themen zur Geltung kommen“, sagt
chen zuwider. Sie rechnet sich für die                                                                                       CSU-Fraktionschef Georg Schmid.
bayerischen Landtagswahlen bessere                                                                                           Der Streit soll nun bei einem Treffen
Chancen aus, wenn zwischen den Ab-                                                                                           der Parteichefs von CDU, CSU und
stimmungen im Bund und in Bayern                 Deutscher Bundestag                                                         FDP beigelegt werden.
                                                       D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2                                                                                          15
Deutschland                                                                                                                                               Panorama

                                                                                                                                                    E LBVE RTI E FUNG


                                                                                                                                                   Angst vor dem
                                                                                                                                                      Wasser




                                                                                                          ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE
                                                                                                                                           Wegen der von Hamburg geplanten
                                                                                                                                           Fahrrinnenvertiefung der Elbe fordert
                                                                                                                                           die stromabwärts gelegene Gemeinde
                                                                                                                                           Jork eine Erhöhung ihrer Deiche.
                                                                                                                                           „Wir rechnen durch die geplante
 Schüler in Wuppertal                                                                                                                      Maßnahme mit häufigeren und höhe-
                                                                                                                                           ren Sturmfluten und fühlen uns be-
                                                                                                                                           droht“, sagt Bürgermeister Gerd
                               VERPFLEGUNG
                                                                                                                                           Hubert. Daher müssten die Schutz-
                                                                                                                                           wälle gegen den dann schneller flie-
                                                                                                                                           ßenden Fluss „dringend erhöht wer-
                   Bäcker statt Mensa                                                                                                      den“. Hubert und andere Bürgermeis-
                                                                                                                                           ter des Obstanbaugebiets „Altes
                                                                                                                                           Land“ prüfen Klagen gegen das Pro-
 Trotz des teuren Ausbaus von Schulkantinen essen nur 15 Prozent der Schüler                                                               jekt, das die Elbe für große Container-
 regelmäßig in der Mensa. In einem Brief an die Kultusministerkonferenz beklagt                                                            schiffe mit einem Tiefgang von bis zu
 das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung, dass nur in gebundenen Ganztags-                                                                  14,5 Metern schiffbar machen soll. Be-
 schulen „respektable Umsatzgrößen“ erreicht würden. An Schulen mit sporadi-                                                               denken gibt es auch gegen die einge-
 schem Nachmittagsunterricht oder mit freiwilliger Ganztagsbetreuung, welche                                                               planten Süßwasserreservoirs, die als
 ebenfalls Essen anbieten, konstatieren die Experten eine „Mensaflucht“ insbe-                                                             Ausgleich für eine mögliche Verschie-
 sondere älterer Schüler. Diese favorisierten „benachbarte Döner- und Bäcker-                                                              bung der Salzwassergrenze elbauf-
 läden“, selbst wenn sie dort mehr bezahlen müssten. Die Kantinen würden den                                                               wärts dienen sollen. Es sei fraglich,
 „gastronomisch vorgeprägten Geschmackserwartungen“ nicht gerecht, heißt es                                                                „ob genügend Flächen dafür zur Ver-
 in dem Brief, außerdem erwarteten Schüler „Auswahl und To-go-Angebote“.                                                                   fügung stehen“, so Hubert. In dieser
 Auch eine „signifikante Mehrheit“ der Eltern steht demnach dem Schulessen                                                                 Woche stimmte die niedersächsische
 skeptisch gegenüber und behilft sich mit „Snackzugaben oder kleinem Bargeld“.                                                             Landesregierung dem Projekt zu und
 Der Verein, der im November im Bundestag angehört wurde, fordert Steuerver-                                                               räumte damit ein entscheidendes Hin-
 günstigungen für Schulessen sowie Berater, die Ernährungswissen vermitteln.                                                               dernis für die Elbvertiefung aus dem
                                                                                                                                           Weg.



             UM FRAGEN                    Anteil der Haushalte, in denen                                                                   hafen. Die Umfrage-Institute würden
                                          nur per Handy telefoniert wird                                                                   die Zahlen dann „durch Erfahrung
                                                                                                                                           und alte Umfragewerte interpretie-
     Handys verunsichern                  2011, in Prozent                    Quellen: Bitkom, Eurostat
                                                                                                                                           ren“, ihre Ursprungszahlen aber nicht

      Meinungsforscher                          81                   78                   59
                                                                                                                                           offenlegen, so Behnke. Auch dadurch
                                                                                                                                           könne es zu Fehlprognosen wie bei
                                                                                                                                           der Wahl im Saarland vor zwei Wo-
Das veränderte Telefonierverhalten                                                                                                         chen kommen, als Meinungsfor-
der Deutschen bereitet Meinungsfor-                                                                                                        schungsinstitute SPD und CDU gleich-
                                           Tschechien             Finnland            Slowakei
schern große Probleme bei Wahlum-                                                                                                          auf sahen, diese am Ende jedoch fast
fragen. Viele Bürger buchen zwar über                                                                                                      fünf Prozentpunkte auseinanderlagen.
Flatrates einen Internetanschluss plus                                                                                                     Eine deutliche Diskrepanz erlebten
Festnetznummer, telefonieren aber               47                   34                   31                                               die Demoskopen auch bei der Wahl
häufiger mit dem Handy; manche sind                                                                                                        zum Berliner Abgeordnetenhaus 2011.
über das Festnetz nicht oder nur                                                                                                           Die meisten Institute sahen die Pira-
schlecht zu erreichen. Ein noch größe-      Österreich             Italien             Spanien                                             tenpartei bei fünf Prozent, bei der
res Problem seien die Menschen, die                                                                                                        Wahl erreichte diese dann knapp neun
bei den Telefon-Stichproben nicht                                                                                                          Prozent. Meinungsforscher sehen die
mehr mitmachen wollen, so Klaus-Pe-             27                   17                   13                                               telefonischen Befragungen mit wach-
ter Schöppner, Geschäftsführer von                                                                                                         sender Skepsis. Solche Umfragen hät-
TNS Emnid. Viele Angerufene haben                                                                                                          ten ihre „methodische Unantastbar-
unterwegs keine Zeit oder Lust, Aus-      EU-Durchschn. Großbritannien               Frankreich                                            keit verloren“, sagt Thomas Schwabl,
kunft zu geben, andere wollen schlicht                                                                                                     dessen Markt- und Meinungsfor-
ihre Akku-Ladung schonen. „Stellen-                                                                                                        schungsinstitut Marketagent.com auf
weise nur zehn Prozent der Angerufe-            12                   11                                                                    Online-Umfragen setzt. Man müsse
nen nehmen an einer Umfrage teil“,                                                         2                                               „durch massive Veränderungen in der
sagt Politikwissenschaftler Joachim                                                                                                        Kommunikationslandschaft laufend
Behnke von der Universität Friedrichs-    Deutschland           Niederlande          Schweden                                              mit Weiterentwicklung rechnen“.
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Deutschland


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                                                                      UNION




                            Eine Frage der Gerechtigkeit
                             Ob beim Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst, dem Mindestlohn oder den
                           Renten – Angela Merkel versucht, alle sozialpolitischen Streitfragen abzuräumen.
                                Sie will der SPD keine Angriffsfläche im nächsten Wahlkampf bieten.
RAINER JENSEN / DPA




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         er Zwischenfall ereignete sich am „Professor aus Heidelberg“ zum Symbol forderern Sigmar Gabriel, Frank-Walter
         Freitag vor einer Woche. Es war der sozialen Kälte abzustempeln – und Steinmeier und Peer Steinbrück.
         mittags um kurz vor zwölf, als der seine Herausforderin gleich mit. So knapp                        Deutlich wurde Merkels Strategie, als
Regierungssprecher die Orientierung ver- war am Ende das Ergebnis, dass sich sich am frühen Samstagmorgen vor einer
lor. Steffen Seibert war vor die Front ge- Schröder bei seinem legendären Fernseh- Woche Bundesinnenminister Hans-Peter
raten, und er merkte es nicht.               auftritt am Wahlabend zunächst noch als Friedrich (CSU) und Ver.di-Chef Frank
   Was denn die Kanzlerin zum Verhalten Sieger sah.                                                     Bsirske nach vierwöchigen Verhandlun-
der FDP in Sachen Schlecker sage, wollte        Merkel hat aus dieser Beinahe-Nieder- gen die Hand schüttelten. Ein Plus von
ein Journalist während der Regierungs- lage ihre Schlüsse gezogen. Einen Wahl- 6,3 Prozent über zwei Jahre für die
Pressekonferenz wissen, und Seibert trug kampf um die Frage, wer ist der Sozialste Beschäftigten von Bund und Kommunen,
vor, was er für die richtige Antwort hielt. im ganzen Land, kann die Union nicht das ist ein Zuschlag, wie es ihn lange
„Es gibt Gründe für eine Transfergesell- gewinnen. Nicht gegen die SPD, die pro- nicht gegeben hat. Dabei hatte sich FDP-
schaft, und es gibt sehr gute Gründe da- blemlos noch eine Schippe Wohltaten Chef Philipp Rösler noch Mitte Januar
gegen.“ Nur wenig später meldeten die drauflegen kann.                                                  gegen kräftige Lohnerhöhungen ausge-
Nachrichtenagenturen: „Merkel stärkt            Die Kanzlerin weiß, dass sie angreifbar sprochen. Gerade die Lohnzurückhaltung
Rösler nach Schlecker-Entscheidung den ist. Ihre Regierung hat die Banken nach sei Grundlage für die Erfolge der vergan-
Rücken“.                                     der Lehman-Pleite mit Milliarden-Pro- genen Jahre am Arbeitsmarkt gewesen.
   Irgendetwas war schiefgelaufen. Die grammen gestützt, laufend werden neue, „Dabei sollte man bleiben“, sagte Rösler.
Kanzlerin an der Seite des FDP-Chefs? gewaltigere Rettungsschirme für die ma-                                Angela Merkel sieht das nicht so. Fried-
Ein Signal der sozialen Kälte? Das war roden Euro-Länder aufgespannt. Die teu- rich hatte sich schon vor den Tarifver-
nicht die Botschaft, die Angela Merkel ren Hilfsaktionen sind unpopulär, und sie handlungen Prokura für einen großzügi-
aussenden wollte. Nein, sie konnte sich verschärfen die Gerechtigkeitsdebatte, gen Abschluss eingeholt, Bundesfinanz-
sehr wohl eine Auffanggesellschaft für die sich auf einen einfachen Nenner brin- minister Wolfgang Schäuble hatte seinem
die entlassenen Schlecker-Mitarbeiterin- gen lässt: „Warum helft ihr den Bankern, Kollegen signalisiert, dass er gegen einen
nen vorstellen. Die Kanzlerin kümmert den Schlecker-Frauen aber nicht?“                                 üppigen Aufschlag für die öffentlich Be-
sich um die armen Schlecker-Frauen –            Und so versucht Merkel nun systema- diensteten kein Veto einle-
dieses Merkel-Bild hätte der Regierungs- tisch, alle Konflikte zu entschärfen, die gen würde.                                              +15,5
sprecher verbreiten sollen. Jetzt wurde
er zurückgepfiffen.
   Verzweifelt versuchte Seibert am Nach- Vermehrte Armut ...
mittag, seine Aussage nachzujustieren. Er Veränderung des verfügbaren Einkommens in Deutschland
sei da völlig missverstanden worden. Auf 2010 gegenüber 2000, in Prozent
keinen Fall habe sich die Kanzlerin an
die Seite der FDP gestellt. Es war zu spät.
Am folgenden Morgen titelte nicht nur Einkommensgruppen
die „Süddeutsche Zeitung“: „Merkel bil- 1. (unterstes)                                                  +1,1 +1,2 +1,3
                                                 Zehntel 2. Zehntel     3.          4.           5.                                 +2,0
ligt Nein der FDP zu Schlecker“.
   Zum Glück der Kanzlerin wurde das
                                                                                 – 2,9 – 1,0
                                                                                                            6.          7.    8.      9.  10. (oberstes)
                                                                                                                                             Zehntel
Missgeschick des Regierungssprechers be-
reits am Samstag von einer neuen Nach-                              – 5,7
richtenlage überdeckt. Die Merkel-Regie-
rung und die Kommunen hatten sich in                                                                                             ... vermehrter
der Nacht auf ein sattes Lohnplus für den
                                                –10,3
                                                          – 9,2 berechnet in Preisen von 2005, Panel Study (SOEP), DIW Berlin
                                                                    Quelle: German Socio-Economic                                        Reichtum
Öffentlichen Dienst verständigt. Das ent-
sprach sehr viel mehr dem Image, das
sich Merkel in diesen Zeiten gern zulegen der SPD einen Anlass für einen Gerech-                             Dass Städte und Gemeinden über die
möchte.                                      tigkeitswahlkampf bieten könnten. Kos- Zusatzkosten in Milliardenhöhe jammern
   Denn ihre Strategen im Kanzleramt ten spielen dabei keine Rolle. Dass die und andere Branchen wie die Metall-
und in der CDU-Zentrale haben bereits Unionsrechten dabei jammern, nimmt sie arbeitgeber vor der Vorbildfunktion des
das Bundestagswahljahr 2013 im Visier. in Kauf. Der konservative Landesverband Abschlusses warnen, stört Merkels Leute
Jede Festlegung wird von nun an unter Hessen hat sich bislang als Gegenpol zu nicht, im Gegenteil: Zufriedene Arbeit-
dem Blickwinkel geprüft, ob sie Merkel Merkels Linie verstanden, doch spä- nehmer sind zufriedene Wähler, das ist
in der Auseinandersetzung mit dem lin- testens seit dem Debakel bei der Frank- die Gleichung im Kanzleramt. „Das ist
ken Lager nutzen oder schaden könnte. furter Oberbürgermeister-Wahl ist klar, nichts anderes als eine Aufschwung-
In dieser Perspektive ist alles gut, was die dass die Strahlkraft des rechten Flügels dividende“, sagt ein Merkel-Vertrauter.
Kanzlerin an die Seite der Arbeitnehmer begrenzt ist.                                                   „Wenn die Wirtschaft wächst, sollen auch
stellt. Und alles schlecht, was den Sozial-     Geht Merkels Plan auf, tritt im nächs- die Arbeitnehmer etwas davon haben.“
demokraten Angriffsfläche für einen Ge- ten Jahr eine Union an, die sich in zen-                             Anlegen will sich die CDU allenfalls
rechtigkeitswahlkampf bieten könnte. De- tralen Positionen kaum noch von der SPD mit betuchteren Bürgern, Steuererhöhun-
ren Attacken sollen ins Leere laufen.        unterscheidet. Die Sozialdemokraten hät- gen jedenfalls sind für die Partei kein
   Es ist das Trauma von 2005, das Merkel ten es schwer, ihre Anhänger durch eine Tabu mehr. Mag der ehemalige Finanz-
verfolgt. Damals hatte sie nicht rechtzei- starke Polarisierung zu mobilisieren, und minister Steinbrück jetzt auch für eine
tig gespürt, dass sich die Ära des neolibe- am Ende würde sich die Wahl wohl auf stärkere Belastung der Reichen werben –
ralen Zeitgeistes dem Ende zuneigte, und eine einzige Frage verengen: Wer ist der die Union ist längst da.
war mit dem Steuervereinfacher Paul bessere Kanzler?                                                         Erst kürzlich hatte sich Bundestagsprä-
Kirchhof in den Wahlkampf gezogen. Ein          Diese Frage beantworten die Deut- sident Norbert Lammert für einen höhe-
verhängnisvoller Fehler.                     schen in allen Umfragen derzeit eindeutig ren Spitzensteuersatz ausgesprochen. Un-
   Dem amtierenden SPD-Kanzler Ger- zugunsten der Amtsinhaberin, sie liegt terstützt wird er dabei von Vertretern des
hard Schröder gelang es mühelos, den weit vor den drei möglichen SPD-Heraus- Sozialflügels der Partei wie der saarlän-
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                                                                                                                                die gleiche Bezahlung wie die Stamm-
                                                                                                                                belegschaft erhalten sollen. Andernfalls,
                                                                                                                                so die Drohung von der Leyens, werde
                                                                                                                                ihr Ministerium die Sache selbst in die
                                                                                                                                Hand nehmen.
                                                                                                                                   Die Strategie der sozialen Wärme ist
                                                                                                                                eng mit der CSU abgestimmt. In den ver-
                                                                                                                                gangenen Monaten drängte deren Partei-
                                                                                                                                chef Horst Seehofer die Kanzlerin wie-
                                                                                                                                derholt dazu, sozialpolitische Streitfragen
                                                                                                                                abzuräumen, um der SPD keine Angriffs-
                                                                                                                                fläche zu bieten. „Die Union darf nicht
                                                                                                                                als Partei der sozialen Kälte dastehen“,
                                                                                                                                heißt es in der Münchner Parteizentrale.
                                                                                                                                Auch Seehofer leidet noch unter dem
                                                                                                                                Trauma des missglückten Wahlkampfs




                                                                                              STEFFI LOOS / DAPD / DDP IMAGES
                                                                                                                                von 2005.
                                                                                                                                   Merkels Wohlfahrtsprogramm hat al-
                                                                                                                                lerdings einen hohen Preis. Allein der
                                                                                                                                Tarifabschluss für die Mitarbeiter des
                                                                                                                                Öffentlichen Dienstes wird den Bund pro
                                                                                                                                Jahr 1,7 Milliarden Euro kosten. Das Be-
                                                                                                                                treuungsgeld, mit dem Merkel die CSU
SPD-Politiker Gabriel, Steinmeier, Steinbrück: Attacken sollen ins Leere laufen                                                 und Hausfrauen erfreuen will, schlägt mit
                                                                                                                                bis zu 1,9 Milliarden Euro zu Buche, und
dischen Ministerpräsidentin Annegret           noch vor der Sommerpause durch das                                               noch teurer wird die Rechnung, wenn sich
Kramp-Karrenbauer und Peter Weiß,              Bundeskabinett. Darin enthalten sind                                             die Frauen in der Unionsfraktion durch-
dem Chef der Unionsarbeitnehmer im             Verbesserungen bei den Erwerbsminde-                                             setzen und im Gegenzug für das unge-
Bundestag. „Ich bin für höhere Steuern         rungsrenten, bessere Hinzuverdienstmög-                                          liebte Betreuungsgeld die Kindererzie-
für Besserverdiener, wenn wir dafür im         lichkeiten für Frührentner und eine Zu-                                          hungszeiten stärker bei der Rente ange-
Gegenzug Menschen mit kleinen und              schussrente für Geringverdiener.                                                 rechnet werden. Allein das würde am
mittleren Einkommen entlasten“, sagt der.         Selbst Erziehungszeiten könnten bald                                          Ende 3,5 Milliarden Euro kosten.
   Zwar hat die Kanzlerin bisher alle De-      stärker bei den Renten angerechnet wer-                                             Im Moment geht es der deutschen Wirt-
batten über Steuererhöhungen abge-             den, zumindest wenn es nach den Frauen                                           schaft zwar so gut, dass neue Wohltaten
blockt. Aber das geschah aus Rücksicht         in der Unionsfraktion geht. Als sie vor                                          nicht sofort Löcher in den Haushalt rei-
auf die FDP, die schon schwer genug dar-       kurzem im Kanzleramt vorstellig wurden,                                          ßen, aber der Bundesetat 2013 zeigt auch,
an trägt, dass ihre Steuersenkungsträume       beteuerte Merkel, man könne über die                                             wie labil die Lage ist. Schäuble muss 20
geplatzt sind.                                 Idee durchaus reden. Auch Finanzminis-                                           Milliarden Euro neue Kredite einplanen,
   Merkel registriert genau, wie der           ter Schäuble fand kürzlich Zeit, um mit                                          obwohl die Steuereinnahmen um fast drei
Wunsch in ihrer Partei wächst, die Rei-                                                                                         Prozent auf 257 Milliarden Euro steigen
chen zur Kasse zu bitten; ein Obolus für                                                                                        sollen. Verschlechtert sich die Konjunktur,
Begüterte wird nun auch in der Regie-          Angela Merkel will als                                                           wird es schwer, bereits 2016 einen nahezu
rungszentrale nicht mehr ausgeschlos-
sen – und könnte sogar Teil des CDU-
                                               fürsorgliche Regierungs-                                                         schuldenfreien Haushalt vorzulegen.
                                                                                                                                   Merkel stört das nicht. Für sie zählt im
Wahlprogramms für 2013 werden.                 chefin dastehen, nicht                                                           Moment allein das Wahljahr 2013, und
   Merkels wichtigste Waffe im Kampf um
die Deutungshoheit beim Thema Gerech-          als Kanzlerin der Kälte.                                                         da will sie als fürsorgliche Regierungs-
                                                                                                                                chefin dastehen und nicht als Kanzlerin
tigkeit ist Ursula von der Leyen (CDU).                                                                                         der Kälte. Nichts fürchtet sie mehr als
Sie treibt die Diskussion voran, ohne dass     der Frauen-Union und von der Leyen                                               den Vorwurf der SPD, kein Herz für die
Merkel selbst zwischen die parteiinternen      über das Projekt zu beraten.                                                     Armen und Benachteiligten zu haben. Im
Fronten gerät. Seit von der Leyen im Amt          Aus Schwarz wird Rot – das zeigt sich                                         Moment kann sie sich in diesem Punkt
ist, hat sie das Arbeitsministerium zur        auch beim Thema Mindestlohn. Während                                             zumindest sicher fühlen.
sozialen Wärmestube der schwarz-gelben         Merkels Amtszeit wurden mehr Mindest-                                               Denn selbst die Gewerkschaften regi-
Koalition ausgebaut.                           löhne in Deutschland eingeführt als unter                                        strieren Merkels Kurs mit Wohlwollen.
   Kein Interview, kein Auftritt, bei dem      allen sozialdemokratisch geführten Re-                                           Als DGB-Chef Michael Sommer Mitte Ja-
ihr nicht das Wort „Gerechtigkeit“ über        gierungen zusammen. Beim Projekt eines                                           nuar in einer halb privaten Veranstaltung
die Lippen kommt. „Ich verstehe soziale        allgemeinen Mindestlohns befindet sich                                           im Berliner Ensemble seinen 60. Geburts-
Gerechtigkeit nicht als Populismus“, sagt      die Union auf der Zielgeraden, er soll                                           tag feierte, war das halbe Kabinett an-
von der Leyen, und weil der Etat ihres         von einer Kommission aus Arbeitgebern                                            getreten, und die Kanzlerin hielt die
Hauses 126,5 Milliarden Euro umfasst,          und Arbeitnehmern festgelegt werden,                                             Laudatio. Zumindest die Atmosphäre zwi-
fällt es ihr auch nicht schwer, „soziale       zur Not könnte am Ende ein Schlichter                                            schen Regierung und Arbeitnehmerver-
Leitplanken“ zu bauen.                         entscheiden. Nach Ostern will eine Ar-                                           tretern könnte besser kaum sein. „Merkel
   Da sind zum Beispiel die 20 Millionen       beitsgruppe der Unionsfraktion das Mo-                                           strahlt aus: Sie gehört zu uns“, gibt ein
Rentner. Sie gehören zu den treuesten          dell offiziell vorstellen.                                                       hochrangiger Gewerkschaftsfunktionär
Wählern der Union, und in diesem Jahr             Auch die Zeitarbeiter hat von der                                             leicht amüsiert die Stimmung wieder.
wurde ihnen ein Plus von über zwei Pro-        Leyen nicht vergessen. Bis zum Sommer                                                                      MARKUS DETTMER,
zent gewährt. Nun schnürt die Ministerin       haben Gewerkschaften und Arbeitgeber                                                           KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,
ein neues Wohlfühlprogramm, es soll            noch Schonfrist, um sich darauf zu eini-                                                         PETER MÜLLER, RENÉ PFISTER

20                                                    D E R   S P I E G E L   1 5 / 2 0 1 2
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Der Spiegel 2012 15

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  • 2. Hausmitteilung 7. April 2012 Betr.: Titel, Samenspender, Torero E s mag auch an der Deutschtümelei der Nazis liegen: Vom Missbrauch des Hei- matbegriffs haben sich die Deutschen bis heute nicht erholt. Wer von Heimat- liebe spricht, setzt sich schnell dem Verdacht aus, nicht so recht ins moderne Leben zu passen. Doch als SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit, 49, und Fotograf Michael Trippel, 47, durch die Republik reisten, trafen sie auf Menschen, denen Heimat sehr viel bedeutet – wenn auch jeder etwas anderes darunter versteht. Der eine meint Haidenkofen, ein Dorf bei Regensburg, 97 Einwohner; der andere das Inter- net, das seine Welt geworden ist. Kurbjuweit ist in Berlin aufgewachsen und lebt auch heute dort. „Die intensivsten Heimatgefühle hatte ich bis vor kurzem in einem Spielwarengeschäft in Reinickendorf“, sagt er, „dort habe ich als Kind Stun- den verbracht, mir alles genau angeschaut und eine Menge Dinge mit nach Hause genommen, aber leider nur in Gedanken.“ Für ihn sei das Geschäft „ein Ort der Träume und Sehnsüchte“. Nun sei es geschlossen, „aber die Erinnerungen bleiben“. Mit dem Cover dieser MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL Ausgabe will der SPIEGEL jeder Leserin und je- dem Leser ein Gefühl von Heimat bieten und jedenfalls ein Bild seiner Region. Erstmals wird das Heft mit dreizehn verschiedenen Titelbildern ausgeliefert; elf Motive für elf Regionen Deutsch- lands, dazu ein eigenes Titelbild für Österreich und eines für die Schweiz (Seite 60). Kurbjuweit in Haidenkofen A ls SPIEGEL-Redakteurin Barbara Hardinghaus, 36, von der Freizeitbeschäfti- gung des Niederländers Ed Houben, 42, erfuhr, war sie gespannt auf die Be- gegnung mit ihm: Der Mann spendet Samen, er hat schon 82 Kinder. Frauen aus dem In- und Ausland nehmen via Internet mit ihm Kontakt auf und bitten Houben, mit ihnen zu schlafen. Hardinghaus traf in Maastricht, wo Houben als Stadtführer arbeitet, nicht auf einen Beau, sondern auf einen Mann mit Übergewicht und ohne besondere Ausstrahlung. „Die Frauen wollen ihn, weil er kein anonymer Samen- spender ist, kein Geld nimmt und die Werte in seinem Spermiogramm sehr gut sind“, sagt die Redakteurin. Sex mit einem Fremden, so Hardinghaus, „sehen sie als reine Notwendigkeit, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen“ (Seite 52). B evor die SPIEGEL-Redakteure Cathrin Gilbert, 27, und Maik Großekathöfer, 40, den Torero Juan José Padilla, 38, in Spanien aufsuchten, diskutierten sie mit ihren Kollegen aus dem Sportressort: Ist das grausame Treiben wirklich eine Sportart? Die Redakteure, die ähnliche Diskussionen über Schach, Poker und die Formel 1 geführt hatten, entschieden sich auch diesmal für den interessanten Stoff – spannender als Definitionsfragen er- schien ihnen, wie Padilla die Tierquälerei rechtfertigen würde. Der Torero, dem ein MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL Stier im Oktober das linke Auge ausge- stochen hatte, erzählte, dass er sich als „Tänzer“ empfinde und seine Arbeit als „Kunst“. Als die Redakteure das mörde- rische Schauspiel in den Arenen kritisier- ten, „hatte er es jedoch plötzlich eilig und beendete das Gespräch“, sagt Gilbert Großekathöfer, Padilla, Gilbert bei Jerez (Seite 130). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 5
  • 3. In diesem Heft Merkel, von der Leyen Titel Wie sich das Heimatgefühl der Deutschen verändert hat .................................................... 60 Für Österreich: Wie sich der Staat aus der Provinz zurückzieht .......................................... 70 Für die Schweiz: Was ein Schweizer im Ausland an seiner Heimat vermisst ................... 70 Deutschland Panorama: Bundesjustizministerin gegen Betreuungsgeld / Schüler verschmähen Mensa-Essen / Gerangel um Termin für Bundestagswahl 2013 ......................................... 14 Union: Merkel positioniert sich als Kanzlerin der Gerechtigkeit .............................. 18 Wirtschaftspolitik: Auf die Stromkunden kommen neue Milliardenkosten zu ................... 22 Atomausstieg: Niedersachsens Ministerpräsident McAllister fordert den Einstieg des Staates beim Netzausbau .............................................. 24 Parteien: Sollen die Vorsitzenden der Piraten ein Gehalt bekommen? ....................................... 26 Karrieren: Die private Griechenland-Mission Aus Schwarz wird Rot Seite 18 SEAN GALLUP / GETTY IMAGES des FDP-Politikers Chatzimarkakis ................... 28 Integration: Junge Migrantinnen flüchten vor ihren Familien, um selbstbestimmt leben Auf keinen Fall will die Kanzlerin im nächsten Jahr einen Gerechtig- zu können ......................................................... 32 keitswahlkampf führen. Deshalb räumt sie alle sozialpolitischen Alter: Wie aktiv kann sich Walter Scheel noch Streitfälle ab, um der SPD möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. mit der Tagespolitik befassen? .......................... 38 Verbrechen: Die Fehler der Polizei im Fall des 18-jährigen Kindsmörders ........................... 40 Gesundheit: Fragwürdige Therapien gegen Heuschnupfen ......................................... 42 Strafjustiz: Zu viel Aufmerksamkeit für die Opfer von Strafverfahren? .......................... 44 Bestattungen: Fettleibige Leichname führen zu Störfällen in Krematorien ............................ 48 Grabenkämpfe bei der Deutschen Bank S. 74 Gesellschaft Im Handstreich beenden Anshu Jain und Jürgen Fitschen die Ära Ackermann. Szene: Wal-Bergung in Brasilien / Interview Die Aktionäre jubeln, Politiker und Aufseher begegnen den neuen Chefs mit über Organspenden und die Grenzen Argwohn. Nun müssen die beiden die Deutsche Bank neu erfinden. der Nächstenliebe ............................................. 50 Eine Meldung und ihre Geschichte – wie ein sächsischer Zoo den Tod eines prominenten Tiers verkraftet .................................................. 51 Fortpflanzung: Das seltsame Leben des Samenspenders Ed Houben .............................. 52 Ortstermin: Eine Messe in Hannover probt Das Geschäft mit dem Krebs Seite 81 Mit Chemotherapien verdienen Pharmafirmen und Apotheker besonders den Umbau Deutschlands zur Altenrepublik .... 59 gut. Um an die begehrten Rezepte zu kommen, sollen sie bundesweit Wirtschaft Krebsärzte geschmiert haben. Nun ermitteln die Staatsanwälte. Trends: Audi baut Werk in Mexiko / Finanzgruppe will Schlecker kaufen / Verkehrsminister Ramsauer über die Folgen des Nachtflugverbots ............................................... 72 Finanzindustrie: Wohin steuert die Deutsche Bank unter Anshu Jain und Jürgen Fitschen? .... 74 Steuerhinterziehung: Unbeirrt von Die versteckten Spionagevorwürfen kaufen deutsche Fahnder neue Daten aus der Schweiz ............................. 79 Mädchen Seite 32 Affären: Wie Pharmafirmen und Apotheker Sie wollen westlich und die Krankenkassen mit Krebsmedikamenten selbstbestimmt leben – ausnehmen ........................................................ 81 doch sie dürfen es nicht. Ausland Manche Migrantinnen wer- Panorama: Ende der Toleranz in den Vereinigten den von ihrer Familie aus Arabischen Emiraten / Machtkampf in Mali ..... 86 Deutschland verschleppt Ukraine: Der Deal um Julija Timoschenko ........ 88 oder ermordet. Andere flie- Frankreich: Der „Le Monde“-Reporter Philippe hen rechtzeitig und bekom- Ridet über den Wahlkämpfer Sarkozy .............. 91 men sogar eine neue Identi- Griechenland: Pasok-Chef Evangelos Venizelos über die Reformierbarkeit seines Landes .......... 93 tät. Trotzdem müssen sie POLIZEI / DPA Irak: Hoffen auf den Öl-Boom .......................... 95 ihr neues Leben im Verbor- USA: Die neue alte Rassenfrage ........................ 98 Mordopfer Arzu genen führen, in ständiger Global Village: Ein Niederländer wirbt fürs Angst vor Entdeckung. Wandern in Palästina ....................................... 100 6 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
  • 4. Kultur Szene: Ein Liebeslied aus „Mad Men“ macht Karriere / Wie die Nazis ihre Kunstraubzüge katalogisierten ................................................. 102 Debatte: Das seltsame Frauenbild der Familienministerin Kristina Schröder ........ 104 Literatur: „Oblomow“, der Roman, der den Müßiggang feiert, erscheint endlich in einer Neuübersetzung ..................................... 108 Bestseller ......................................................... 110 Essay: Constanze Kurz vom Chaos Computer Club über das Vorbild der Piraten für andere Parteien ............................................................ 112 Autoren: Der amerikanische Konvertit Michael Muhammad Knight entwirft die Vision eines westlichen Islam ......................................... 114 Debattenkritik: Günter Grass und sein Israel- Gedicht „Was gesagt werden muss“ ................. 117 Wissenschaft · Technik Prisma: E-Books als Anreiz für Lesemuffel / Ecstasy gefährdet Ungeborene ......................... 118 Tauziehen um Timoschenko Seite 88 Archäologie: In Israel wird ein 2500 Jahre altes Bergheiligtum erforscht ..................................... 120 SERGEI CHUZAVKOV / AP Deutschland will die inhaftierte Julija Timoschenko an der Charité Neurologie: Wie ein Schriftsteller plötzlich behandeln lassen. Ob sie nach Berlin kommt, ist offen: In der Ukraine das Lesen verlernte ......................................... 124 verschärft Staatschef Janukowitsch seinen Kurs gegen die Opposition. Automobile: Das neue Elektro-Gefährt von Renault ..................................................... 127 Naturkatastrophen: Tsunami an der deutschen Nordseeküste ................................................... 128 Sport Szene: Überteuerte Hotels bei Fußball-EM in der Ukraine / Wie gerecht ist das Image von Bagdads schwarzer Schatz Seite 95 Spielerfrauen? ................................................. 129 Stierkampf: SPIEGEL-Gespräch mit dem Nach Jahren des Niedergangs wächst auf Iraks Ölfeldern die Zuversicht. Torero Juan José Padilla über einen Unfall, Fast alle Konzerne haben Verträge mit Bagdad geschlossen – doch sie gehen bei dem ihm ein Bulle das Auge ausstieß, und sein Comeback in der Arena ........................... 130 mit der Ölförderung ein hohes Risiko ein: Stabil ist das Land bis heute nicht. Medien Trends: „taz“ macht Gewinn / Niggemeiers Medienlexikon ................................................. 137 Filme: China entdeckt Hollywood – Weltliteratur gegen den Burnout Seite 108 und umgekehrt ................................................ 138 Er ist ehrgeizlos und liebt den Müßiggang: Ilja Oblomow, der Titelheld aus Briefe .................................................................. 8 Iwan Gontscharows Roman von 1859. Seine Lebensart ist der Gegenentwurf Impressum, Leserservice ................................. 142 zum Burnout-Menschen von heute. Jetzt wurde das Buch neu übersetzt. Register ........................................................... 144 Personalien ...................................................... 146 Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 148 Titelbild: Schleswig-Holstein: Dörthe Hagenguth/Agentur Focus; Mecklenburg-Vorpommern: Berthold Steinhilber/laif; Hamburg: Gottes zweiter Peter Bialobrzeski/laif; Niedersachsen: Christian O. Bruch/laif; Berlin: Maurice Weiss/Ostkreuz; Nordrhein-Westfalen: Peter Bialobrzeski/laif/Aus dem Buch „Heimat“, Hatje Cantz Verlag, 2005; Tempel Seite 120 Hessen: Markus Hanke/Visum; Rheinland-Pfalz: Dieter Roeseler/laif; Sachsen: Look-Photo; Baden-Württemberg: Peter Bialobrzeski/laif; Bayern: Berthold Steinhilber/laif; Österreich: Julia Knop/laif; Schweiz: Überraschung im Heiligen Stefan Jaeggi/Keystone/laif Land: 50 Kilometer vom Tempel in Jerusalem ent- fernt stand ein mächtiges Gegenheiligtum – die Kult- Lauter denken stätte der Samaritaner, die Jungphilosophen erklä- mit den Juden um die wahre ren uns die Welt. Außer- URIEL SINAI / GETTY IMAGES Lehre Gottes stritten. Jetzt dem im UniSPIEGEL: werten Forscher Funde aus wie man Fußballmana- diesem „Haus des Herrn“ ger wird, das Geschäft und Handschriften der Sekte mit den Studienplatz- aus, die als kleine Gemeinde Samaritaner auf dem Berg Garizim klagen und der intime fortexistiert. Job der Sexologen. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 7
  • 5. Briefe Preisschwankungen und deren Auswir- kungen auf den Konsum statistisch aus- „Bei diesen Benzinpreisen ist es werten und die zukünftige Preispolitik so festlegen. Daher halte ich auch nichts von Sache des Verbrauchers, ein einer Erhöhung der Pendlerpauschale. Höhere Subventionen führen immer zu kostengünstigeres Verkehrsmittel höheren Preisen. CLEMENS JUNG, BRÜCKEN (RHLD.-PF.) zu wählen. Die Angebote fahren Natürlich rege auch ich mich über die bereits herum. Einfach zugreifen.“ Preispolitik der Ölkonzerne auf. Und doch muss ich an der Tankstelle schmun- zeln, wenn einige ihr offensichtlich neues ERIK SCHNEIDER, FRANKFURT AM MAIN Geländefahrzeug volltanken und sich SPIEGEL-Titel 14/2012 wundern, dass sie mit dem Rechnungs- betrag locker eine Einzimmerwohnung für einen Monat hätten mieten können. Nr. 14/2012, Das Benzin-Kartell – Wie GIORGIO FORLANO, BERLIN Öl-Konzerne die Spritpreise manipulieren Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Sprit- Nach uns die Sintflut preise ist mir gestern aufgefallen: Auf der Autobahn fahren am hellen Nachmittag Kann es sein, dass wir Deutsche die bei gutem Wetter, kaum Verkehr und dümmsten Europäer sind, weil wir uns ohne Tempolimit plötzlich (fast) alle Au- die hohen Spritpreise gefallen lassen? Es tofahrer Tempo 120. Das gab’s noch nie. GUIDO OHLENBOSTEL / DER SPIEGEL ist geradezu lächerlich, dass ein und die- STEFFEN MÜLLER, TUTTLINGEN (BAD.-WÜRTT.) selbe Lieferung an den Tankstellen un- terschiedlich bepreist wird, sogar inner- halb eines Tages. Die Begründung mit Nr. 13/2012, Wenn der eigene Sohn den Spotpreisen in Rotterdam kann das ein Mörder ist nicht erklären. Ob Aral, Shell, Total oder andere: Sie erhöhen gleichzeitig auf glei- che Preise – und das Kartellamt meint Tankstelle in Köln Gelebtes Christentum nicht eingreifen zu können!? Gut, dass man auch mal die Opfer auf HUBERT SCHMOLL, WETTER (NRW) die Parklücke kriegt. Deshalb fordert ja der bösen Seite sieht und Mitgefühl der ADAC auch größere Parkhäuser. weckt. Schlimm, dass sich die Geschwis- In einem ambulanten Pflegedienst mit ei- MARK BIHLER, BERLIN ter nur von hinten zeigen können. Schön, nem Fuhrpark von 120 Fahrzeugen wer- dass die Familie die „Bestie“ weiter liebt. den in einem Jahr rund 2,75 Millionen Hohe Energiekosten erhöhen den Inno- Gelebtes Christentum. Kilometer gefahren. Bei einem Durch- vationsdruck, um die Abhängigkeit vom M. LENZEN, MÜNCHEN schnittsverbrauch von insgesamt 6,37 Li- Öl zu reduzieren. Darüber hinaus sind tern zahlt ein Pflegedienst allein für den die Spritpreise auch im Hinblick auf die Mirco wird nie wieder draußen spielen Sprit 275 000 Euro. Die Höhe der Sprit- Folgekosten für Umwelt und Gesundheit können, nie wieder seine Eltern oder Ge- preise ist ein eminent politisches Thema. viel zu niedrig. Verbreitet ist diese Er- schwister in den Arm nehmen, er darf Denn im Gegensatz zu anderen Unter- kenntnis allerdings nicht in einer Gesell- nicht erwachsen werden, eine Familie nehmen, die mit Pkw arbeiten, sind Un- schaft, die nach wie vor von der Auto- gründen. Die letzten Stunden seines kur- ternehmen im Gesundheitsbereich nicht mobilindustrie und ihren Werbebotschaf- zen Lebens müssen schrecklich gewesen vorsteuerabzugsberechtigt. Der Steueran- ten dominiert wird. Dazu kommen noch sein. Mircos Familie wird bis zum Ende teil von über 90 Cent pro Liter schlägt die Trägheit und die Uneinsichtigkeit ihrer Tage mit diesem furchtbaren Verlust also voll durch. Wenn die Politik nicht vieler Verbraucher. leben müssen. Man sehe es mir als Mutter will, dass die ambulante Pflege insgesamt DR. HEINZ MESTRUP, MÜNSTER zweier Söhne nach, dass ich nicht verste- an die Wand fährt, muss sie dafür sorgen, hen kann, wie die Familie des Täters tickt. dass sie die unabdingbare Mobilität noch Die Höhe der Preisschwankungen kann Dass auch die Täterfamilie sehr unter die- bezahlen kann. damit zusammenhängen, dass man mit ser Tat leidet, ist nachvollziehbar, aber DR. MARIA PANZER, UNTERHACHING (BAYERN) dem Kaufverhalten der Kunden experi- zum Täter halten? Unvorstellbar. HEIMBEATMUNGSSERVICE mentiert. Man kann mit „Testregionen“ JESSIKA SCHÜTEN, PULHEIM (NRW) Wir verprassen derzeit Erdöl nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. STEFAN BLUEMER, MÜLHEIM A. D. RUHR Diskutieren Sie im Internet www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel Wenn sich die Autofahrer im weltweit einzigen Land ohne Tempolimit über zu ‣ Titel Was ist Heimat? hohe Spritpreise aufregen, ist das an Ko- mik kaum zu überbieten. Grinsen kann ‣ Krebs Verdienen Apotheker zu viel man auch täglich in deutschen Metropo- an den Medikamenten? len, wenn die überforderte Zahnarztgat- ‣ Sport Ist der Stierkampf mehr als tin den allradgetriebenen Spritmonster- nur Tierquälerei? SUV jenseits der 250 PS nicht mehr in 8 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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  • 7. Briefe Nr. 13/2012, Wie die Piratenpartei das triebswirten hat mit 49,09 Prozent noch politische Establishment herausfordert Luft nach oben. Schlimm wird es bei den Ingenieuren: Maschinenbau (9,62 Pro- Im Cyberspace verloren zent), Elektrotechnik (7,81 Prozent), Fahr- zeugtechnik (4,55 Prozent). Das Frauen- Verwegen finde ich, dass die Piraten in quotenproblem hat nichts mit Männern ihrem Parteiprogramm für „alle Bürger und nichts mit der Wirtschaft zu tun. Son- jederzeit die volle Kontrolle über ihre In- dern mit einer Frauschaft, die führen will, formationsverarbeitung und Kommuni- aber die dazu nötigen Qualifikationen nicht anbieten kann. MANFRED POWELEIT, ARTLENBURG (NIEDERS.) Frau Reding meint, dass die Menschen viel vernünftiger seien als „wir Politiker“. Zu diesen Menschen rechne ich allerdings STEFAN PUCHNER / DPA auch die Gegner der Quote und beson- ders die betreffenden Unternehmer. Ein Argument wird leider in solchen Diskus- sionen selten gesehen: Der Unternehmer muss die Freiheit behalten, selbst über Bundesparteitag der Piraten 2011 sein Personal zu entscheiden. Wir brau- chen mehr Freiheiten und die dazugehö- kation“ erreichen wollen und dazu for- rige Ethik der Verantwortung. dern, „die Macht über Systeme und Da- DIETER BRANDES, HAMBURG ten … so breit wie möglich auf alle Bürger zu verteilen und so ihre Freiheit und Pri- Klarer Punktsieg für Frau Schröder. Ge- vatsphäre zu sichern“. Da ist den Piraten gen den Zeitgeist bietet sie souverän Brüs- im Cyberspace wohl etwas die Bodenhaf- seler Erpressungsversuchen die Stirn. tung verlorengegangen. Aber unterhalt- Warum auch sollten im 21. Jahrhundert sam sind sie schon! Einstellungen und Beförderungen nach JÜRGEN SIEVERS, BÜDELSDORF (SCHL.-HOLST.) Geschlechterzugehörigkeit erfolgen – wa- ren wir da nicht schon mal weiter? Fast alle unserer konkreten Programm- MICHAEL KEMPTER, STUTTGART punkte stammen ursprünglich von einfa- chen Parteimitgliedern ohne Amt und Auffällig, dass nur in den Rosinen-Jobs werden dann von meist informellen Ar- nach der Frauenquote gefragt wird, nicht beitsgruppen weiterentwickelt, bis die jedoch in gefährlichen Berufen, in denen Vorlagen beschlussfähig sind. Bei den zu 92 Prozent Männer verunglücken. etablierten Parteien dagegen (gerade bei den Bündnis-Grünen!) ist es genau um- gekehrt; dort brütet die Vorstandschaft MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL fertige „Meinungsvorlagen“ aus, die bes- tenfalls vom Parteitag noch abgenickt werden dürfen. Die Meinungs- und Wil- lensbildung der Piratenpartei läuft prin- zipiell „von unten nach oben“, wie es in einer funktionierenden Demokratie auch sein sollte. Ein Pirat hat keine feste Welt- anschauung – ein Pirat, der schaut sich die Welt an! OLIVER VAILLANT, REGENSBURG Politikerinnen Schröder, Reding PIRATENPARTEI OBERPFALZ Wenn Frauen ihre Kinder mit 25 statt mit 39 bekämen, hätten wir diese Aufstiegs- Nr. 13/2012, EU-Kommissarin Viviane Re- diskussion eher nicht. Eine Vorstandskar- ding und Familienministerin Kristina Schrö- riere beginnt nämlich ab Anfang 40. der über Sinn und Unsinn der Frauenquote RICHARD SCHEDEL, ERLENBACH (BAYERN) Romanistinnen für VW? Sehr viel höher als Frau Redings 60 Pro- Korrektur zent ist die Quote der Hochschulabsol- zu Heft 14/2012 ventinnen bei Romanistik (86,43 Prozent), Seite 143, „In der Problemzone“: Die Germanistik (80,94 Prozent) und Anglis- Grafik nennt für den März 2012 tik (78, 39 Prozent). Doch was sollen Vor- falsche Marktanteilswerte. Für RTL stand und Aufsichtsrat von VW mit Ro- muss es richtig heißen 17,6 statt 18,2 manisten, Germanisten und Anglisten? Prozent und für Sat.1 10,2 statt 9,9 VW wird geführt von Kaufleuten und In- Prozent. genieuren. Die Frauenquote bei den Be- 10 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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  • 9. Briefe Nr. 13/2012, Die Mär von der anti- sich die Suizidzahlen ansieht. Es fehlen Nr. 13/2012, Knapp eine Milliarde Euro im syrischen Verschwörung einfach Therapeuten! Die Patienten, die Jahr für die Berliner Kultur – reicht das? begutachtet werden, müssen unter einem Einreiseverbot aufheben erheblichen Leidensdruck stehen, weil sie sich sonst nicht in die stigmatisierte Be- Berliner Luxusprobleme Die von Todenhöfer zu Syrien festgestell- handlung begeben würden. Bevor wir uns weiter mit den kulturellen te „gigantische Desinformationskampa- KERSTIN VOSPOHL, ESSEN Luxusproblemen Berlins beschäftigen, gne“ ließe sich sehr leicht verifizieren: sollten wir die Entwicklung der einst Der Despot von Damaskus müsste dazu Jeder in Psychotherapie investierte Euro so reichen föderalen Kulturlandschaft lediglich das Einreiseverbot für unabhän- spart an anderer Stelle zwei bis vier Euro Deutschlands mit den Zentren Hamburg, gige Journalisten aufheben. an Kosten. Demzufolge kann es nur wün- München, Dresden, Düsseldorf, Köln, Es- PETER BERGER, HEILIGENHAUS (NRW) schenswert sein, wenn Menschen auch mit noch nicht chronifizierten Störungen Im vergangenen Jahr habe ich Herrn To- eine Behandlung bekommen. Die Gesell- denhöfer mehrmals als Videojournalistin schaft sollte sich fragen, warum die Zahl nach Syrien begleitet. Vor Ort haben wir der Hilfesuchenden, der Krankgeschrie- Hunderte Gespräche mit den unterschied- benen und der Erwerbsgeminderten auf- P. PONZIAK / VISION PHOTOS lichsten Menschen geführt. Die von To- grund psychischen Leidens rasant und denhöfer gemachten Aussagen kann ich permanent steigt, statt diejenigen zu dif- bezeugen. Zwischenzeitlich wurden eini- famieren, die Hilfe anbieten. ge Aussagen Todenhöfers – für die er hier SVEN QUILITZSCH, ZWICKAU (SACHSEN) in Deutschland verhöhnt wurde – auch PSYCHOLOGISCHER PSYCHOTHERAPEUT von Human Rights Watch, der Arabi- schen Liga und Kofi Annan bestätigt. Bei Dass die Psychotherapeutensitze so un- Geschlossenes Schiller Theater 1993 der Recherche ist Todenhöfer akribisch gleich verteilt sind, liegt an der Bedarfs- vorgegangen. Er hat dafür ein hohes Risi- planungsrichtlinie. Viele der jungen Psy- sen und so weiter analysieren und hier ko auf sich genommen. Auch im Ge- chotherapeuten würden gern in die struk- wieder Schwerpunkte der Förderung set- spräch mit Assad, bei dem ich anwesend turschwachen Gebiete gehen, wenn es zen. Zum Europa der Regionen passt das war, hat sich Todenhöfer vehement für dort freie Sitze gäbe. besser als die Konzentration auf einen Demokratie eingesetzt. Umso verwunder- DIETER BEST, LUDWIGSHAFEN national bestimmten Kulturort. licher war die Reaktion in Deutschland. DEUTSCHE PSYCHOTHERAPEUTENVEREINIGUNG PETER SCHMIDT, HAMBURG JULIA LEEB, MÜNCHEN EHEM. BÜRGERSCHAFTSABGEORDNETER Ich habe keinen einzigen Burnout-Patien- ten, sondern behandle etwa 15 Prozent Staatssekretär Schmitz hat recht damit, Nr. 12/2012, Der Mangel an Psycho- „leichte Fälle“, die „nur“ eine Anpas- dass mit kleinen Beiträgen große Wir- therapeuten führt zu langen Wartezeiten sungsstörung haben, circa 50 Prozent kung erzielt werden kann! Warum ent- komplex Traumatisierte, die zum Beispiel zieht seine Landesregierung diese Bei- Bitterer Nachgeschmack eine Borderline- oder dissoziative Stö- rung haben, 10 Prozent Psychose-Kranke, träge der musikalischen Bildung? Auch Niedersachsen hat den Musikunterricht der Rest besteht aus Leuten mit depressi- halbiert, an Baden-Württembergs Grund- ven Störungen, Ängsten und Zwangser- schulen gibt es das Fach Musik gar nicht krankungen. Der reale Bedarf liegt hier mehr. Man stelle sich vor, die Metropo- 170 Prozent höher als die zugelassene An- lenbibliothek auf dem Tempelhofer Feld ACHENBACH PACINI / DER SPIEGEL zahl von Therapeuten. Und dies ist in al- wird vom Regierenden Bürgermeister er- len anderen Ballungszentren genauso. öffnet, während sein Schulsenator den ANKE STAHL, KÖLN Deutschunterricht halbiert! Aus der Sta- tik wissen wir, dass Leuchttürme ohne Die Arbeit mit schwer und schwerst psy- Fundament zum Einsturz neigen. chisch Kranken erfordert höchsten Ein- PROF. HANNO MÜLLER-BRACHMANN, BERLIN satz – nicht nur fachlich, sondern auch Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Psychologe Thomas Bock in Hamburg emotional. Wer glaubt, dies an fünf Tagen Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- die Woche von früh bis spät leisten zu tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: Eine leichte Erkrankung wird – wenn können, wird wahrscheinlich eines Tages leserbriefe@spiegel.de nicht richtig und frühzeitig behandelt – selbst behandlungsbedürftig werden. In dieser SPIEGEL-Ausgabe befindet sich im Mittelbund rasch zu einer schweren Erkrankung; es DR. EVA-MARIA GLOFKE-SCHULZ, ROSENHEIM ein 16-seitiger Beihefter der Firma DURAVIT, Hornberg. macht also viel Sinn, auch „leichte“ Fälle anzunehmen, vor allem wirtschaftlich ist es erheblich effektiver für das Gemein- wesen, wenn Erkrankungen frühzeitig professionell behandelt werden. Aus der SPIEGEL-Redaktion DIPL.-PSYCH. CORNELIA CORDES, SCHLEIDEN (NRW) Verwüstete Landstriche, gequälte Bauern, abgeschlachtete Söldner – mit dramatischen Bildern hat sich der Dreißigjährige Krieg in das Hier entsteht er wieder, der bittere Nach- Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Was 1618 mit dem „Prager geschmack, dass man sich als depressiver Fenstersturz“ begann, wurde zum europäischen Dauerkonflikt; der Patient mit ein wenig Selbsthilfegruppe, Streit der Konfessionen war nur ein Kriegsgrund unter vielen. Erst Sport oder autogenem Training helfen mit dem Westfälischen Frieden kam wieder Ordnung in die politi- soll, damit sich die Psychotherapeuten schen und religiösen Verhältnisse. Historiker und SPIEGEL-Autoren mit ernsthaften Erkrankungen beschäfti- erörtern die Ursachen des Krieges, porträtieren große Gestalten der gen können. Ein Trugschluss, wenn man Zeit und fragen, welches Erbe die Katastrophe hinterlassen hat. 12 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
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  • 11. Panorama PA R T E I E N Stau auf der A 1 bei Hamburg Linker Schwund Erstmals seit der Fusion von Linkspar- tei.PDS und WASG im Jahr 2007 ist die Mitgliederzahl der Linken unter 70 000 gesunken. Während sich die Zahl in den mitgliederstarken, aber überalterten Ostverbänden hauptsäch- lich durch Todesfälle dezimiert, leidet die Linke im Westen unter Austritten oder Parteiwechseln. Allein in Nord- rhein-Westfalen verlor die Linke im vergangenen Jahr mehr als 500 Mit- glieder. Bundestagsfraktionschef Gre- gor Gysi klagte kürzlich intern, der Zustrom aus der SPD und von den Ge- werkschaften sei völlig zum Erliegen gekommen. Ihren Höchststand hatte die Partei im Bundestagswahljahr 2009 mit mehr als 78 000 Mitgliedern er- reicht. ULRICH PERREY / DPA N O R D R H E I N -W E S T FA L E N Clement pro Lindner Der Ex-Sozialdemokrat Wolfgang Cle- BENZINPREISE ment unterstützt die nordrhein-westfä- lische FDP im Landtagswahlkampf. Zehn Jahre nach seinem Abgang als NRW-Ministerpräsident schlägt sich Clement damit auf die Seite seines CDU-Politiker wollen einstigen Gegners; von 1998 bis 2002 hatte er das Bundesland mit einem rot- grünen Kabinett regiert. Derzeit wür- Pendlern helfen den Clement und FDP-Spitzenkandi- Angesichts weiter steigender Benzinpreise wächst in der Union die Bereitschaft dat Christian Lindner die Einzelheiten zur Erhöhung der Pendlerpauschale. Zwar dürfe die Pauschale nicht ständig mit der Zusammenarbeit klären, heißt es Blick auf den Spritpreis angehoben oder gesenkt werden, sagt Unionsfraktions- bei den Liberalen. Die beiden Politi- vize Michael Fuchs. Trotzdem sei eine Entlastung der Pendler geboten. „Wir ker kennen sich noch aus der gemein- können von den Leuten nicht verlangen, dass sie 150 Kilometer zum Arbeitsplatz samen Zeit im Landtag. Seit seinem pendeln, und sie dann mit den Kosten alleinlassen“, sagt Fuchs. Ähnlicher An- Austritt aus der SPD 2008 ist Clement sicht ist Hessens Regierungschef Volker Bouffier. Er will zwar zunächst abwarten, gelegentlich bei der FDP aufgetreten. ob die Bundesratsinitiativen, mit denen die Marktmacht der Benzinkonzerne Der ehemalige Bundeswirtschaftsmi- eingeschränkt werden soll, Wirkung zeigen. „Sollte dies nicht der Fall sein und nister sitzt heute im Aufsichtsrat der eine kritische Grenze erreicht werden, muss man über eine Erhöhung der Pend- RWE Power AG in Essen. lerpauschale nachdenken“, sagt der CDU-Vizechef. Die Parteivorsitzende Angela Merkel hat sich gegen eine solche Erhöhung ausgesprochen. Derweil mahnt der Wirtschaftswissenschaftler Frank Hechtner von der Freien Universität Berlin, dass nur ein geringer Teil der Deutschen von einer Erhöhung der Pendlerpauschale von 30 auf 40 Cent pro Kilometer profitieren würde. Wie seine Auswertung der Steuerstatistik zeigt, machen gerade einmal 30 Prozent MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL der Steuerpflichtigen die Aufwendungen in ihrer Steuererklärung geltend. „Für die meisten Beschäftigten ist die Pauschale nur relevant, wenn die Arbeit min- destens 15 Kilometer vom Wohnort entfernt liegt“, sagt der Professor. Eine spür- bare Entlastung ergebe sich sogar erst ab einem Arbeitsweg von mindestens 50 Kilometern, den laut Hechtner aber nur zwei Millionen Steuerzahler zurücklegen. Nach seinen Berechnungen käme eine Erhöhung der Pauschale um 10 Cent vor allem den Beziehern hoher Einkommen zugute. Ein Single, der 40 Kilometer pendelt und 2500 Euro brutto verdient, hätte monatlich 24 Euro netto mehr, bei einem Einkommen von 6000 Euro wären es 35 Euro. Clement 14 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
  • 12. Deutschland FA M I L I E N Justizministerin gegen Betreuungsgeld Im schwarz-gelben Regierungsbündnis ver- Kinder unter 3 Jahren in öffentlich schärft sich der Streit um das Betreuungsgeld. geförderter Tagesbetreuung, Mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnar- Betreuungsquote renberger spricht sich erstmals ein liberales Mit- glied der Bundesregierung dafür aus, die koali- tionsinterne Vereinbarung zur Einführung des Landkreise Betreuungsgelds platzen zu lassen. Das von der unter CSU geforderte Instrument „passt eigentlich nicht mehr in die Zeit“, sagt die FDP-Politike- 10 % Hamburg rin. Beim Angebot von Kita-Plätzen bleibe Aurich Deutschland weit hinter Ländern wie Schwe- Leer den und Frankreich zurück. Deswegen könne auch keine Rede davon sein, dass Eltern die Berlin Wahlfreiheit zwischen heimischer und externer Hannover Betreuung ihrer Kinder hätten. „Der Ausbau der Kinderbetreuung sollte angesichts der Un- terfinanzierung Priorität haben“, sagt Leut- Oberhausen heusser-Schnarrenberger. Die Ministerin stellt (Stadt) sich damit gegen eine Absprache, die die Par- teichefs von CDU, CSU und FDP im November Dresden Heinsberg Köln im Koalitionsausschuss getroffen haben. Dem- Oberbergischer nach soll das Betreuungsgeld, das Eltern zugute- Kreis kommt, die ihre Kinder nicht in eine öffentlich Euskirchen 60 % und mehr Frankfurt geförderte Kita bringen, zum 1. Januar 2013 am Main eingeführt werden. Pro Monat sind für Kinder Wittenberg im zweiten Lebensjahr 100 Euro vorgesehen, im Salzlandkreis Jahr 2014 soll der Betrag auf 150 Euro für das Börde zweite und dritte Lebensjahr steigen. Der Plan sorgt auch innerhalb der Union zuneh- mend für Unmut. Während in der CDU der Wi- Neuburg- Stuttgart derstand wächst, ist die CSU erzürnt darüber, Schrobenhausen dass Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) Mühldorf a. Inn München die parteiinternen Kritiker nicht schärfer in die Schranken weist. CSU-Generalsekretär Alexan- der Dobrindt forderte Kauder am vergangenen Dienstag in einem Telefonat zum Einschreiten DEUTSCHLAND auf. Bayerns Sozialministerin Christine Hader- 25% Zielvorgabe 35 % thauer (CSU) ermahnt mögliche Abweichler innerhalb der Union: Die Abstimmung über das Betreuungsgeld sei „keine Gewissensentschei- unter 15 Prozent 15 bis unter 25 25 bis unter 35 35 bis unter 50 50 und mehr dung, die den Fraktionszwang aufhebt“. Quelle: Destatis, 1. März 2011 B U N D E S TA G S WA H L mindestens zwei Wochen Abstand lie- Bundestagswahl müsste in diesem Fall gen. Wegen der bayerischen Sommer- am 29. September stattfinden. Diesen ferien ist der früheste Termin für die Termin lehnt jedoch das Bundesinnen- Schwieriger Termin Landtagswahl der 15. September, die ministerium ab, weil dann bereits die Herbstferien in Hamburg, Berlin und Der bayerische Ministerpräsident Brandenburg beginnen. Andere Sonn- Horst Seehofer und Bundesinnen- tage im September kollidieren eben- minister Hans-Peter Friedrich – beide falls mit Ferienterminen. Dennoch CSU – rangeln um den Termin für die beharrt die CSU-Fraktion im bayeri- Bundestagswahl 2013. Friedrichs Haus- schen Landtag auf ihrer Position: juristen wollen die Abstimmung für „Beide Wahlen müssen getrennt statt- MAGNUS SETTELE / DAPD den 15. oder 22. September ansetzen. finden, nur so können landespolitische Das läuft den Plänen der CSU in Mün- Themen zur Geltung kommen“, sagt chen zuwider. Sie rechnet sich für die CSU-Fraktionschef Georg Schmid. bayerischen Landtagswahlen bessere Der Streit soll nun bei einem Treffen Chancen aus, wenn zwischen den Ab- der Parteichefs von CDU, CSU und stimmungen im Bund und in Bayern Deutscher Bundestag FDP beigelegt werden. D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 15
  • 13. Deutschland Panorama E LBVE RTI E FUNG Angst vor dem Wasser ROLAND GEISHEIMER / ATTENZIONE Wegen der von Hamburg geplanten Fahrrinnenvertiefung der Elbe fordert die stromabwärts gelegene Gemeinde Jork eine Erhöhung ihrer Deiche. „Wir rechnen durch die geplante Schüler in Wuppertal Maßnahme mit häufigeren und höhe- ren Sturmfluten und fühlen uns be- droht“, sagt Bürgermeister Gerd VERPFLEGUNG Hubert. Daher müssten die Schutz- wälle gegen den dann schneller flie- ßenden Fluss „dringend erhöht wer- Bäcker statt Mensa den“. Hubert und andere Bürgermeis- ter des Obstanbaugebiets „Altes Land“ prüfen Klagen gegen das Pro- Trotz des teuren Ausbaus von Schulkantinen essen nur 15 Prozent der Schüler jekt, das die Elbe für große Container- regelmäßig in der Mensa. In einem Brief an die Kultusministerkonferenz beklagt schiffe mit einem Tiefgang von bis zu das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung, dass nur in gebundenen Ganztags- 14,5 Metern schiffbar machen soll. Be- schulen „respektable Umsatzgrößen“ erreicht würden. An Schulen mit sporadi- denken gibt es auch gegen die einge- schem Nachmittagsunterricht oder mit freiwilliger Ganztagsbetreuung, welche planten Süßwasserreservoirs, die als ebenfalls Essen anbieten, konstatieren die Experten eine „Mensaflucht“ insbe- Ausgleich für eine mögliche Verschie- sondere älterer Schüler. Diese favorisierten „benachbarte Döner- und Bäcker- bung der Salzwassergrenze elbauf- läden“, selbst wenn sie dort mehr bezahlen müssten. Die Kantinen würden den wärts dienen sollen. Es sei fraglich, „gastronomisch vorgeprägten Geschmackserwartungen“ nicht gerecht, heißt es „ob genügend Flächen dafür zur Ver- in dem Brief, außerdem erwarteten Schüler „Auswahl und To-go-Angebote“. fügung stehen“, so Hubert. In dieser Auch eine „signifikante Mehrheit“ der Eltern steht demnach dem Schulessen Woche stimmte die niedersächsische skeptisch gegenüber und behilft sich mit „Snackzugaben oder kleinem Bargeld“. Landesregierung dem Projekt zu und Der Verein, der im November im Bundestag angehört wurde, fordert Steuerver- räumte damit ein entscheidendes Hin- günstigungen für Schulessen sowie Berater, die Ernährungswissen vermitteln. dernis für die Elbvertiefung aus dem Weg. UM FRAGEN Anteil der Haushalte, in denen hafen. Die Umfrage-Institute würden nur per Handy telefoniert wird die Zahlen dann „durch Erfahrung und alte Umfragewerte interpretie- Handys verunsichern 2011, in Prozent Quellen: Bitkom, Eurostat ren“, ihre Ursprungszahlen aber nicht Meinungsforscher 81 78 59 offenlegen, so Behnke. Auch dadurch könne es zu Fehlprognosen wie bei der Wahl im Saarland vor zwei Wo- Das veränderte Telefonierverhalten chen kommen, als Meinungsfor- der Deutschen bereitet Meinungsfor- schungsinstitute SPD und CDU gleich- Tschechien Finnland Slowakei schern große Probleme bei Wahlum- auf sahen, diese am Ende jedoch fast fragen. Viele Bürger buchen zwar über fünf Prozentpunkte auseinanderlagen. Flatrates einen Internetanschluss plus Eine deutliche Diskrepanz erlebten Festnetznummer, telefonieren aber 47 34 31 die Demoskopen auch bei der Wahl häufiger mit dem Handy; manche sind zum Berliner Abgeordnetenhaus 2011. über das Festnetz nicht oder nur Die meisten Institute sahen die Pira- schlecht zu erreichen. Ein noch größe- Österreich Italien Spanien tenpartei bei fünf Prozent, bei der res Problem seien die Menschen, die Wahl erreichte diese dann knapp neun bei den Telefon-Stichproben nicht Prozent. Meinungsforscher sehen die mehr mitmachen wollen, so Klaus-Pe- 27 17 13 telefonischen Befragungen mit wach- ter Schöppner, Geschäftsführer von sender Skepsis. Solche Umfragen hät- TNS Emnid. Viele Angerufene haben ten ihre „methodische Unantastbar- unterwegs keine Zeit oder Lust, Aus- EU-Durchschn. Großbritannien Frankreich keit verloren“, sagt Thomas Schwabl, kunft zu geben, andere wollen schlicht dessen Markt- und Meinungsfor- ihre Akku-Ladung schonen. „Stellen- schungsinstitut Marketagent.com auf weise nur zehn Prozent der Angerufe- 12 11 Online-Umfragen setzt. Man müsse nen nehmen an einer Umfrage teil“, 2 „durch massive Veränderungen in der sagt Politikwissenschaftler Joachim Kommunikationslandschaft laufend Behnke von der Universität Friedrichs- Deutschland Niederlande Schweden mit Weiterentwicklung rechnen“. 16 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
  • 14.
  • 15. Deutschland Parteifreundinnen Merkel, von der Leyen UNION Eine Frage der Gerechtigkeit Ob beim Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst, dem Mindestlohn oder den Renten – Angela Merkel versucht, alle sozialpolitischen Streitfragen abzuräumen. Sie will der SPD keine Angriffsfläche im nächsten Wahlkampf bieten. RAINER JENSEN / DPA 18 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2
  • 16. D er Zwischenfall ereignete sich am „Professor aus Heidelberg“ zum Symbol forderern Sigmar Gabriel, Frank-Walter Freitag vor einer Woche. Es war der sozialen Kälte abzustempeln – und Steinmeier und Peer Steinbrück. mittags um kurz vor zwölf, als der seine Herausforderin gleich mit. So knapp Deutlich wurde Merkels Strategie, als Regierungssprecher die Orientierung ver- war am Ende das Ergebnis, dass sich sich am frühen Samstagmorgen vor einer lor. Steffen Seibert war vor die Front ge- Schröder bei seinem legendären Fernseh- Woche Bundesinnenminister Hans-Peter raten, und er merkte es nicht. auftritt am Wahlabend zunächst noch als Friedrich (CSU) und Ver.di-Chef Frank Was denn die Kanzlerin zum Verhalten Sieger sah. Bsirske nach vierwöchigen Verhandlun- der FDP in Sachen Schlecker sage, wollte Merkel hat aus dieser Beinahe-Nieder- gen die Hand schüttelten. Ein Plus von ein Journalist während der Regierungs- lage ihre Schlüsse gezogen. Einen Wahl- 6,3 Prozent über zwei Jahre für die Pressekonferenz wissen, und Seibert trug kampf um die Frage, wer ist der Sozialste Beschäftigten von Bund und Kommunen, vor, was er für die richtige Antwort hielt. im ganzen Land, kann die Union nicht das ist ein Zuschlag, wie es ihn lange „Es gibt Gründe für eine Transfergesell- gewinnen. Nicht gegen die SPD, die pro- nicht gegeben hat. Dabei hatte sich FDP- schaft, und es gibt sehr gute Gründe da- blemlos noch eine Schippe Wohltaten Chef Philipp Rösler noch Mitte Januar gegen.“ Nur wenig später meldeten die drauflegen kann. gegen kräftige Lohnerhöhungen ausge- Nachrichtenagenturen: „Merkel stärkt Die Kanzlerin weiß, dass sie angreifbar sprochen. Gerade die Lohnzurückhaltung Rösler nach Schlecker-Entscheidung den ist. Ihre Regierung hat die Banken nach sei Grundlage für die Erfolge der vergan- Rücken“. der Lehman-Pleite mit Milliarden-Pro- genen Jahre am Arbeitsmarkt gewesen. Irgendetwas war schiefgelaufen. Die grammen gestützt, laufend werden neue, „Dabei sollte man bleiben“, sagte Rösler. Kanzlerin an der Seite des FDP-Chefs? gewaltigere Rettungsschirme für die ma- Angela Merkel sieht das nicht so. Fried- Ein Signal der sozialen Kälte? Das war roden Euro-Länder aufgespannt. Die teu- rich hatte sich schon vor den Tarifver- nicht die Botschaft, die Angela Merkel ren Hilfsaktionen sind unpopulär, und sie handlungen Prokura für einen großzügi- aussenden wollte. Nein, sie konnte sich verschärfen die Gerechtigkeitsdebatte, gen Abschluss eingeholt, Bundesfinanz- sehr wohl eine Auffanggesellschaft für die sich auf einen einfachen Nenner brin- minister Wolfgang Schäuble hatte seinem die entlassenen Schlecker-Mitarbeiterin- gen lässt: „Warum helft ihr den Bankern, Kollegen signalisiert, dass er gegen einen nen vorstellen. Die Kanzlerin kümmert den Schlecker-Frauen aber nicht?“ üppigen Aufschlag für die öffentlich Be- sich um die armen Schlecker-Frauen – Und so versucht Merkel nun systema- diensteten kein Veto einle- dieses Merkel-Bild hätte der Regierungs- tisch, alle Konflikte zu entschärfen, die gen würde. +15,5 sprecher verbreiten sollen. Jetzt wurde er zurückgepfiffen. Verzweifelt versuchte Seibert am Nach- Vermehrte Armut ... mittag, seine Aussage nachzujustieren. Er Veränderung des verfügbaren Einkommens in Deutschland sei da völlig missverstanden worden. Auf 2010 gegenüber 2000, in Prozent keinen Fall habe sich die Kanzlerin an die Seite der FDP gestellt. Es war zu spät. Am folgenden Morgen titelte nicht nur Einkommensgruppen die „Süddeutsche Zeitung“: „Merkel bil- 1. (unterstes) +1,1 +1,2 +1,3 Zehntel 2. Zehntel 3. 4. 5. +2,0 ligt Nein der FDP zu Schlecker“. Zum Glück der Kanzlerin wurde das – 2,9 – 1,0 6. 7. 8. 9. 10. (oberstes) Zehntel Missgeschick des Regierungssprechers be- reits am Samstag von einer neuen Nach- – 5,7 richtenlage überdeckt. Die Merkel-Regie- rung und die Kommunen hatten sich in ... vermehrter der Nacht auf ein sattes Lohnplus für den –10,3 – 9,2 berechnet in Preisen von 2005, Panel Study (SOEP), DIW Berlin Quelle: German Socio-Economic Reichtum Öffentlichen Dienst verständigt. Das ent- sprach sehr viel mehr dem Image, das sich Merkel in diesen Zeiten gern zulegen der SPD einen Anlass für einen Gerech- Dass Städte und Gemeinden über die möchte. tigkeitswahlkampf bieten könnten. Kos- Zusatzkosten in Milliardenhöhe jammern Denn ihre Strategen im Kanzleramt ten spielen dabei keine Rolle. Dass die und andere Branchen wie die Metall- und in der CDU-Zentrale haben bereits Unionsrechten dabei jammern, nimmt sie arbeitgeber vor der Vorbildfunktion des das Bundestagswahljahr 2013 im Visier. in Kauf. Der konservative Landesverband Abschlusses warnen, stört Merkels Leute Jede Festlegung wird von nun an unter Hessen hat sich bislang als Gegenpol zu nicht, im Gegenteil: Zufriedene Arbeit- dem Blickwinkel geprüft, ob sie Merkel Merkels Linie verstanden, doch spä- nehmer sind zufriedene Wähler, das ist in der Auseinandersetzung mit dem lin- testens seit dem Debakel bei der Frank- die Gleichung im Kanzleramt. „Das ist ken Lager nutzen oder schaden könnte. furter Oberbürgermeister-Wahl ist klar, nichts anderes als eine Aufschwung- In dieser Perspektive ist alles gut, was die dass die Strahlkraft des rechten Flügels dividende“, sagt ein Merkel-Vertrauter. Kanzlerin an die Seite der Arbeitnehmer begrenzt ist. „Wenn die Wirtschaft wächst, sollen auch stellt. Und alles schlecht, was den Sozial- Geht Merkels Plan auf, tritt im nächs- die Arbeitnehmer etwas davon haben.“ demokraten Angriffsfläche für einen Ge- ten Jahr eine Union an, die sich in zen- Anlegen will sich die CDU allenfalls rechtigkeitswahlkampf bieten könnte. De- tralen Positionen kaum noch von der SPD mit betuchteren Bürgern, Steuererhöhun- ren Attacken sollen ins Leere laufen. unterscheidet. Die Sozialdemokraten hät- gen jedenfalls sind für die Partei kein Es ist das Trauma von 2005, das Merkel ten es schwer, ihre Anhänger durch eine Tabu mehr. Mag der ehemalige Finanz- verfolgt. Damals hatte sie nicht rechtzei- starke Polarisierung zu mobilisieren, und minister Steinbrück jetzt auch für eine tig gespürt, dass sich die Ära des neolibe- am Ende würde sich die Wahl wohl auf stärkere Belastung der Reichen werben – ralen Zeitgeistes dem Ende zuneigte, und eine einzige Frage verengen: Wer ist der die Union ist längst da. war mit dem Steuervereinfacher Paul bessere Kanzler? Erst kürzlich hatte sich Bundestagsprä- Kirchhof in den Wahlkampf gezogen. Ein Diese Frage beantworten die Deut- sident Norbert Lammert für einen höhe- verhängnisvoller Fehler. schen in allen Umfragen derzeit eindeutig ren Spitzensteuersatz ausgesprochen. Un- Dem amtierenden SPD-Kanzler Ger- zugunsten der Amtsinhaberin, sie liegt terstützt wird er dabei von Vertretern des hard Schröder gelang es mühelos, den weit vor den drei möglichen SPD-Heraus- Sozialflügels der Partei wie der saarlän- D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2 19
  • 17. Deutschland gen, wann Zeitarbeiter in Unternehmen die gleiche Bezahlung wie die Stamm- belegschaft erhalten sollen. Andernfalls, so die Drohung von der Leyens, werde ihr Ministerium die Sache selbst in die Hand nehmen. Die Strategie der sozialen Wärme ist eng mit der CSU abgestimmt. In den ver- gangenen Monaten drängte deren Partei- chef Horst Seehofer die Kanzlerin wie- derholt dazu, sozialpolitische Streitfragen abzuräumen, um der SPD keine Angriffs- fläche zu bieten. „Die Union darf nicht als Partei der sozialen Kälte dastehen“, heißt es in der Münchner Parteizentrale. Auch Seehofer leidet noch unter dem Trauma des missglückten Wahlkampfs STEFFI LOOS / DAPD / DDP IMAGES von 2005. Merkels Wohlfahrtsprogramm hat al- lerdings einen hohen Preis. Allein der Tarifabschluss für die Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes wird den Bund pro Jahr 1,7 Milliarden Euro kosten. Das Be- treuungsgeld, mit dem Merkel die CSU SPD-Politiker Gabriel, Steinmeier, Steinbrück: Attacken sollen ins Leere laufen und Hausfrauen erfreuen will, schlägt mit bis zu 1,9 Milliarden Euro zu Buche, und dischen Ministerpräsidentin Annegret noch vor der Sommerpause durch das noch teurer wird die Rechnung, wenn sich Kramp-Karrenbauer und Peter Weiß, Bundeskabinett. Darin enthalten sind die Frauen in der Unionsfraktion durch- dem Chef der Unionsarbeitnehmer im Verbesserungen bei den Erwerbsminde- setzen und im Gegenzug für das unge- Bundestag. „Ich bin für höhere Steuern rungsrenten, bessere Hinzuverdienstmög- liebte Betreuungsgeld die Kindererzie- für Besserverdiener, wenn wir dafür im lichkeiten für Frührentner und eine Zu- hungszeiten stärker bei der Rente ange- Gegenzug Menschen mit kleinen und schussrente für Geringverdiener. rechnet werden. Allein das würde am mittleren Einkommen entlasten“, sagt der. Selbst Erziehungszeiten könnten bald Ende 3,5 Milliarden Euro kosten. Zwar hat die Kanzlerin bisher alle De- stärker bei den Renten angerechnet wer- Im Moment geht es der deutschen Wirt- batten über Steuererhöhungen abge- den, zumindest wenn es nach den Frauen schaft zwar so gut, dass neue Wohltaten blockt. Aber das geschah aus Rücksicht in der Unionsfraktion geht. Als sie vor nicht sofort Löcher in den Haushalt rei- auf die FDP, die schon schwer genug dar- kurzem im Kanzleramt vorstellig wurden, ßen, aber der Bundesetat 2013 zeigt auch, an trägt, dass ihre Steuersenkungsträume beteuerte Merkel, man könne über die wie labil die Lage ist. Schäuble muss 20 geplatzt sind. Idee durchaus reden. Auch Finanzminis- Milliarden Euro neue Kredite einplanen, Merkel registriert genau, wie der ter Schäuble fand kürzlich Zeit, um mit obwohl die Steuereinnahmen um fast drei Wunsch in ihrer Partei wächst, die Rei- Prozent auf 257 Milliarden Euro steigen chen zur Kasse zu bitten; ein Obolus für sollen. Verschlechtert sich die Konjunktur, Begüterte wird nun auch in der Regie- Angela Merkel will als wird es schwer, bereits 2016 einen nahezu rungszentrale nicht mehr ausgeschlos- sen – und könnte sogar Teil des CDU- fürsorgliche Regierungs- schuldenfreien Haushalt vorzulegen. Merkel stört das nicht. Für sie zählt im Wahlprogramms für 2013 werden. chefin dastehen, nicht Moment allein das Wahljahr 2013, und Merkels wichtigste Waffe im Kampf um die Deutungshoheit beim Thema Gerech- als Kanzlerin der Kälte. da will sie als fürsorgliche Regierungs- chefin dastehen und nicht als Kanzlerin tigkeit ist Ursula von der Leyen (CDU). der Kälte. Nichts fürchtet sie mehr als Sie treibt die Diskussion voran, ohne dass der Frauen-Union und von der Leyen den Vorwurf der SPD, kein Herz für die Merkel selbst zwischen die parteiinternen über das Projekt zu beraten. Armen und Benachteiligten zu haben. Im Fronten gerät. Seit von der Leyen im Amt Aus Schwarz wird Rot – das zeigt sich Moment kann sie sich in diesem Punkt ist, hat sie das Arbeitsministerium zur auch beim Thema Mindestlohn. Während zumindest sicher fühlen. sozialen Wärmestube der schwarz-gelben Merkels Amtszeit wurden mehr Mindest- Denn selbst die Gewerkschaften regi- Koalition ausgebaut. löhne in Deutschland eingeführt als unter strieren Merkels Kurs mit Wohlwollen. Kein Interview, kein Auftritt, bei dem allen sozialdemokratisch geführten Re- Als DGB-Chef Michael Sommer Mitte Ja- ihr nicht das Wort „Gerechtigkeit“ über gierungen zusammen. Beim Projekt eines nuar in einer halb privaten Veranstaltung die Lippen kommt. „Ich verstehe soziale allgemeinen Mindestlohns befindet sich im Berliner Ensemble seinen 60. Geburts- Gerechtigkeit nicht als Populismus“, sagt die Union auf der Zielgeraden, er soll tag feierte, war das halbe Kabinett an- von der Leyen, und weil der Etat ihres von einer Kommission aus Arbeitgebern getreten, und die Kanzlerin hielt die Hauses 126,5 Milliarden Euro umfasst, und Arbeitnehmern festgelegt werden, Laudatio. Zumindest die Atmosphäre zwi- fällt es ihr auch nicht schwer, „soziale zur Not könnte am Ende ein Schlichter schen Regierung und Arbeitnehmerver- Leitplanken“ zu bauen. entscheiden. Nach Ostern will eine Ar- tretern könnte besser kaum sein. „Merkel Da sind zum Beispiel die 20 Millionen beitsgruppe der Unionsfraktion das Mo- strahlt aus: Sie gehört zu uns“, gibt ein Rentner. Sie gehören zu den treuesten dell offiziell vorstellen. hochrangiger Gewerkschaftsfunktionär Wählern der Union, und in diesem Jahr Auch die Zeitarbeiter hat von der leicht amüsiert die Stimmung wieder. wurde ihnen ein Plus von über zwei Pro- Leyen nicht vergessen. Bis zum Sommer MARKUS DETTMER, zent gewährt. Nun schnürt die Ministerin haben Gewerkschaften und Arbeitgeber KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, ein neues Wohlfühlprogramm, es soll noch Schonfrist, um sich darauf zu eini- PETER MÜLLER, RENÉ PFISTER 20 D E R S P I E G E L 1 5 / 2 0 1 2