Hausmitteilung
12. März 2012                                                          Betr.: Hollande, Gauck, Identität, SPIEGEL-Bücher

D    as Gespräch mit dem französischen Präsidentschaftskandidaten François Hol-
     lande, 57, war schon seit langem vereinbart. Da sorgte, in der vorigen Woche,
eine SPIEGEL-Meldung für Aufregung im Wahlkampf: Kanzlerin Angela Merkel,
57, habe mit wichtigen EU-Regierungschefs vereinbart, Hollande nicht zu empfan-
gen – weil der eine Neuverhandlung des europäischen Fiskalpaktes verlangt hatte.
Im Pariser SPIEGEL-Büro bestürmten französische Kollegen den Korrespondenten
Mathieu von Rohr, 34, mit der Bitte um Auskunft. Gemeinsam mit seinem Kollegen
Romain Leick, 62, traf er Hollande am Mittwoch zum SPIEGEL-Gespräch in dessen
Wahlkampfzentrale in Paris. Was der Sozialist sagte, wird die Kanzlerin sorgen:
Gewinne er die Wahl, so Hollande, werde Frankreich auch in der Europapolitik
„einen anderen Weg“ einschlagen (Seite 90).


                                                                       S    eit Joachim Gauck, 72, für die Bundespräsi-
                                                                            dentenwahl an diesem Sonntag nominiert
                                                                       wurde, verweigert er sich den Medien: keine
                                                                       Pressekonferenzen, keine Interviews, keine
                                                                       Hintergrundgespräche. SPIEGEL-Autor Markus
                                                                       Feldenkirchen, 36, der Gauck bereits bei dessen
                                                                       erster Kandidatur vor zwei Jahren begleitet hat-
                                                                       te, reiste ihm dennoch hinterher. „Was machen
                                                                       Sie denn hier?“, fragte Gauck seinen Verfolger,
                                       CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




                                                                       als er ihn in einer Hotellobby im polnischen
                                                                       LódŹ entdeckte. Am nächsten Abend sprachen
                                                                       die beiden an der Bar über Gaucks Zukunft. „Er
                                                                       steht vor der Erfüllung seines Lebenstraums“,
                                                                       sagt Feldenkirchen, „aber ein bisschen mulmig
Feldenkirchen, Gauck in LÓdŹ                                           ist ihm auch“ (Seite 30).


W      ie fühlt sich ein Mann, der im Alter von 70 Jahren erfährt, dass er um seine
       Identität betrogen wurde? Dass die Frau, die ihn großzog und sich als seine
Mutter ausgab, ein Leben lang gelogen hat? George Jaunzemis waren schon vor
Jahrzehnten Ungereimtheiten in seiner Biografie aufgefallen. Doch erst im Renten-
alter kam sich der Mann auf die Spur. Er war in Neuseeland aufgewachsen, hatte
dort auch sein Berufsleben verbracht; seine Mutter hatte ihm verschwiegen, dass
er Deutscher ist und aus Magdeburg stammt. Als SPIEGEL-Redakteurin Barbara
Hardinghaus, 36, ihn fragte, wo er seine Wurzeln orte, war er ratlos: „Von der
Ernährung her fifty-fifty, halb Bratwurst, halb Fish & Chips“, antwortete Jaunzemis,
„tatsächlich aber habe ich keine Heimat, ich bin eine Summe“ (Seite 52).


B    iosprit tanken, Müll sortieren oder Vegetarier werden – es gibt vermeintlich
     viele Möglichkeiten, die Umwelt zu schützen. SPIEGEL-Redakteur Alexander
Neubacher, 43, selbst Biokisten-Käufer, hat
einiges auf den Prüfstand gestellt und berichtet
darüber in dieser Ausgabe (Seite 60) und in
seinem Buch „Ökofimmel. Wie wir versuchen,
die Welt zu retten – und was wir damit anrich-
ten“. 33 Phänomene, die selbst Wissenschaftler
rätseln lassen, beschreibt SPIEGEL-ONLINE-
Redakteur Axel Bojanowski, 40, im ebenfalls
neuen SPIEGEL-Buch „Nach zwei Tagen Regen
folgt Montag“.

Im Internet: www.spiegel.de    D E R                        S P I E G E L         1 1 / 2 0 1 2                       3
In diesem Heft
 Titel
Die Selbstheilungskraft des Herzens – neue
Strategien im Kampf gegen den Infarkt ........ 118

 Deutschland
Panorama: Schäuble fordert Steuer auf
Finanztransaktionen / Linke-Mitglieder zahlen
am meisten / Fluglärm macht krank ............... 15
Außenpolitik: Die Europäer spielen im
Iran-Konflikt eine Schlüsselrolle .................... 20
Europa: Im SPIEGEL-Gespräch kritisiert
EU-Kommissar Günther Oettinger
die deutsche Energiewende ............................ 24
Regierung: Unionsfrauen meutern gegen
das Nein der FDP zur Quote .......................... 27
CSU: Parteichef Horst Seehofer ärgert
sich über den geringen
Einfluss seiner Hauptstadttruppe ................... 28
Karrieren: Der künftige Bundespräsident
Joachim Gauck will den
Deutschen ihre Ängste nehmen ..................... 30
Internet: Autoscout24 bringt Werkstätten
gegen sich auf ................................................ 35
Wahlkampf: Wie die Piraten im Saarland
                                                                                                         Das Präsidenten-Experiment                                   Seite 30
                                                                                                         Mit seinen Begriffen aus Psychologie und Seelsorge wird Joachim Gauck
                                                                     TORSTEN SILZ / DAPD




und in Schleswig-Holstein
ihre Basis erweitern wollen ............................ 36                                              als Bundespräsident viele Bürger verwundern. Seine Botschaften
Aktivisten: Was wird nach dem FBI-Schlag                                                                 dürften manche verstören, die ihn noch für „ihren“ Kandidaten halten.
aus der Hacker-Bewegung Anonymous? ........ 38
Koalition: Unionspolitiker werfen der
Bundesjustizministerin vor, sie habe eine Studie
zur Vorratsdatenspeicherung frisieren lassen ... 42
Erziehung: SPIEGEL-Gespräch mit dem
dänischen Familientherapeuten Jesper Juul
über die Fehler von Eltern und Pädagogen .... 44
Wintersport: Liftbetreiber wollen Skiwanderer
von den Pisten verbannen .............................. 47
                                                                                          Bei Scheitern Krieg                                                           Seite 20
                                                                                          Die Verhandlungen der Kontaktgruppe mit Iran sind die wohl letzte Chance,
 Gesellschaft                                                                             eine militärische Auseinandersetzung in der Region zu verhindern. Die
Szene: Abendmahl mit Nackten / Erfolgreiche                                               Verantwortung für einen Erfolg der Gespräche liegt jetzt bei den Europäern.
Honecker-Memoiren ...................................... 48
Ein Video und seine Geschichte –
warum ein Kalifornier im
Flughörnchen-Outfit sein Leben riskiert ........ 50
Identität: Ein 70-Jähriger erforscht seine
Biografie und entdeckt ein Verbrechen .......... 52                                                  Schlecker von unten                                                Seite 66
Ortstermin: Die Berliner Unterstützer der                                                            Diese Woche wird entschieden, welche der 6000 Filialen des Drogerie-
syrischen Revolution ...................................... 57
                                                                                                     riesen schließen und welchen 13 000 der insgesamt rund 30 000 Beschäftigten
                                                                                                     gekündigt wird. Drei Betroffene erzählen, wie sie die Pleite erleben.
 Wirtschaft
Trends: DGB macht gegen Datenschutzgesetz
mobil / Vitaminsäfte enthalten zu viel Folsäure /
Interview mit Peter Hintze über die jüngsten
deutsch-französischen Kämpfe um EADS ...... 58
Nachhaltigkeit: Unsere große Öko-Illusion
im täglichen Leben ......................................... 60
                                                                                                                                                   Eine Frage der
Übernahmen: Porsche wird die Gerichte
noch lange beschäftigen ................................. 64                                                                                       Macht
Handel: Drei Schlecker-Mitarbeiterinnen –
drei Meinungen über den Pleitekonzern ........ 66                                                                                                                 Seiten 27, 145
Benzin: Taugt das westaustralische Preismodell                                                                                                     Kanzlerin Angela Merkel
für deutsche Tankstellen? ............................... 68                                                                                       will sich mit dem Nein der
Affären: Ein krisengeschüttelter Ferrostaal-
Manager darf noch mal ran ............................ 69
                                                                                                                                                   Liberalen zur Frauenquote
Banken: Neue Milliardenlücken bei                                                                                                                  nicht abfinden. Notfalls will
                                                                     MICHAEL HÜBNER / ACTION PRESS




der Hypo Real Estate ...................................... 72                                                                                     sie mit dem Thema in den
                                                                                                                                                   Bundestagswahlkampf 2013
 Serie                                                                                                                                             ziehen. SPIEGEL-Redakteu-
Die Reichen (Teil III): Ein Finanzmanager, ein
                                                                                                                                                   rin Elke Schmitter plädiert
Konzernchef und ein Internetmilliardär erzählen                                                                                                    für die Quote. Sie sei lästig
von ihrem Verhältnis zum Geld ..................... 74                                                 Familienministerin Schröder                 und undemokratisch, aber
Wie ein Elite-Internat versucht, eine ganz                                                                                                         leider notwendig.
normale Schule zu sein .................................. 79

4                                                                                    D E R                S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Medien
                                                                                                         Trends: RTL baut Aufsichtsrat um / Gottschalk
                                                                                                         wünscht sich eine Sparringspartnerin ............. 81
                                                                                                         Debatte: Weshalb der Begriff „Raubkopie“ das
                                                                                                         Elend der Urheberrechtsdiskussion illustriert .... 82
                                                                                                         Handel: Amazon-Partner bieten indizierte
                                                                                                         Filme an ......................................................... 84

                                                                                                          Ausland
                                                                                                         Panorama: Machtgerangel im Hause Assad /
                                                                                                         US-Autor Tim Weiner über die Rechtsbrüche
                                                                                                         des FBI / Europarat kritisiert Ungarns neue
                                                                                                         Nationale Justizbehörde ................................. 87
                                                                                                         Frankreich: SPIEGEL-Gespräch mit Präsident-
                                                                                                         schaftskandidat Hollande über Kanzlerin
                                                                                                         Merkels Weigerung, ihn zu empfangen ............. 90
                                                                                                         USA: Obamas Kriegsdoktrin ........................... 94
                                                                                                         Polen: Geplante Atomkraftwerke provozieren
                                                                                                         die Deutschen ............................................... 98
                                                                                                         Russland: Die Opposition will die Macht
                                                                                                         in der Hauptstadt .......................................... 100
                                                                                                         Golfstaaten: Katars unverzichtbarer Emir .... 102
  Obamas Drohnen-Krieg                                           Seite 94                                Global Village: Eine Auswanderermesse in Dublin
                                                                                                         kapituliert vor dem Besucheransturm ........... 108
  Im Kampf gegen den Terrorismus übernimmt Barack Obama die zweifel-
  haften Rechtsgrundsätze seines Vorgängers George W. Bush. Gezielte                                      Sport
  Tötungen durch Fernlenkwaffen sind heute offizielle Militärdoktrin.                                    Szene: Wasserspringer Patrick Hausding



                                                                                       REUTERS
                                                                                                         über rigide Regeln für Athleten bei Olympia
                                                                                                         in London / Brauchen Deutschlands
                                                                                                         Fußball-Manager Ausbildungsstandards? ...... 111
                                                                                                         Fußball: SPIEGEL-Gespräch mit dem
                                                                                                         Dortmunder Trainer Jürgen Klopp über
                                                                                                         sein Leben im Rampenlicht .......................... 112
                                                                                                         Boxen: Wie Weltmeisterin Rola El-Halabi
Jungbrunnen fürs Herz                                                  Seite 118                         das Attentat bewältigt,
                                                                                                         das ihr Stiefvater auf sie verübte .................. 115
Mediziner entdecken die Selbstheilungskraft kranker Herzen. So führt
körperliche Aktivität dazu, dass neue Blutgefäße wachsen. Forscher suchen                                 Wissenschaft · Technik
nach Wirkstoffen, um die Bildung solcher natürlichen Bypässe zu fördern.                                 Prisma: Nachtfahren gefährlicher als gedacht /
                                                                                                         Weniger Ausgrabungen in Griechenland ...... 116
                                                                                                         Automobile: Die englische Traditionsmarke
                                                                                                         Morgan wagt die Wiedergeburt
                                                                                                         des dreirädrigen Sportwagens ....................... 128
                                                                                                         Hirnforschung: Warum können sich manche
Wie viel Kultur braucht das Land?                                      Seite 136                         Menschen an fast jedes Gesicht erinnern? .... 129
                                                                                                         Geschichte: Der Absturz einer
Das deutsche Subventionssystem steht vor einem Kollaps. Das behaupten                                    Militärmaschine wurde zur Geburtsstunde
vier Experten und fordern einen radikalen Umbau: Die Hälfte aller Theater,                               der alpinen Luftrettung ................................ 132
Museen und Bibliotheken sollte geschlossen werden.
                                                                                                          Kultur
                                                                                                         Szene: Eine beeindruckende Ausstellung von
                                                                                                         Kriegsfotografien aus Libyen / Historiker Paul
                                                                                                         Nolte über den Wandel der Demokratie ......... 134
                                                                                                         Kulturpolitik: Vier Experten fordern den
Mit Vollgas                                                                                              Umbau des deutschen Subventionssystems ... 136
                                                                                                         Bestseller ..................................................... 140
durchs Leben                                                                                             Kunst: SPIEGEL-Gespräch mit den Fotografen
                                                                                                         Andreas Gursky und Thomas Ruff
                                                                                                         über die Wahrhaftigkeit von Bildern ............. 142
                    Seite 112                                                                            Gleichberechtigung: Warum die Frauenquote
Sein Talent zum Wortführer                                                                               undemokratisch, aber notwendig ist ............. 145
                                                                                                         Autoren: Das Meisterwerk „Parallelgeschichten“
habe sich früh abgezeichnet,                                                                             des Ungarn Péter Nádas ............................... 146
sagt der Dortmunder Trainer                                                                              Verlage: Piper-Chef Marcel Hartges und seine
Jürgen Klopp im SPIEGEL-                                                                                 Strategie im E-Book-Geschäft ...................... 148
Gespräch: „Ich war schon im-                                                                             Literaturkritik: Die Dramatikerin Dea Loher
mer laut.“ Die Unbedingtheit,                                                                            debütiert eindrucksvoll als Romanautorin mit
mit der Klopp seine Ziele                                                                                „Bugatti taucht auf“ ..................................... 151
                                                                                       FIRO SPORTPHOTO




beim BVB verfolgt, verlangt                                                                              Briefe ............................................................... 6
er auch von seinen Profis.                                                                               Impressum, Leserservice .............................. 152
„Wir sind hier, um alles raus-   Klopp                                                                   Register ........................................................ 154
zuhauen. Also: Vollgas.“                                                                                 Personalien ................................................... 156
                                                                                                         Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 158

                                               D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                                           5
Briefe

                                                                                                                                   Was, wenn Israel die Schlagkraft der Iraner
                                                                                                                                   unterschätzt und erhebliche Opfer hinneh-
                              „Eine Analyse, wie sie derzeit in                                                                    men muss? Dann wird es wohl kaum bei
                              deutschen Medien nur selten zu finden                                                                einem Luftschlag gegen iranische Atom-
                                                                                                                                   anlagen bleiben, sondern es wird Krieg
                              ist. Nicht vergessen sollte man aber:                                                                mit unbekannter Dynamik geben. Zu glau-
                              Israel verfügt bereits über ein                                                                      ben, es werde nur die Region destabilisiert,
                                                                                                                                   ist entschieden zu kurz gedacht.
                              beträchtliches Kernwaffenarsenal,                                                                                  BERNHARD LANGLOTZ, HAMBURG
                              während das bei Iran selbst nach
                                                                                                                                   Der Zuwachs an Destabilisierung in der
                              Einschätzungen westlicher                                                                            Region durch eine iranische Atombombe
                              Geheimdienste nicht der Fall ist.                                                                    resultiert aus der Tatsache, dass es dann
                                                                                                                                   drei Atommächte in der Region gäbe, und
    SPIEGEL-Titel 10/2012                       DR. HUBERT THIELICKE, AHRENSFELDE (BRANDENB.)                                      nicht etwa daraus, dass einzelne Entschei-
                                                                                                                                   dungsträger irrational handeln könnten.
                                                                                                                                            HELMUT SUTTOR, FRANKFURT AM MAIN
Nr. 10/2012, Krieg um die Bombe? – Irans          Vielleicht sollte man nicht vergessen, wer
geheimes Atom-Programm                            2002 von wem auf der Achse des Bösen                                             Sind denn israelische und US-Politiker von
                                                  verortet wurde und die Nahost-Region                                             jeglicher Vernunft verlassen, dass sie durch
Zurück an den Tisch!                              um Iran mit Krieg überzogen hat. Dass
                                                  bei solchen Nachbarschaftsverhältnissen
                                                                                                                                   Provokation, Propaganda und Lügen einen
                                                                                                                                   Krieg entfachen? Ist es denn nur die irani-
Die Signale, die sowohl die israelische als       ein Land nach Kernwaffen strebt, braucht                                         sche Seite, die nicht die Wahrheit sagt?
auch die iranische Regierung aussenden,           heute keinen Diplomaten mehr zu ver-                                                             MARIE-LUISE KHAN, HAMBURG
sind wohl eher an die eigene Bevölkerung          wundern. Vertrauen muss wiederherge-
gerichtet: als Demonstration von Stärke           stellt werden, beispielsweise über gemein-                                       Das Titelbild suggeriert eine von Iran aus-
und Führungsanspruch in der Region.                                                                                                gehende Kriegsgefahr. Tatsächlich ist es
Denn sollte Iran die Atombombe eines                                                                                               Israel beziehungsweise die Netanjahu-
Tages haben, wäre das Risiko, sie gegen                                                                                            Clique, die den Frieden gefährdet. Also
Israel einzusetzen, viel zu hoch. Nicht                                                                                            gehört eigentlich Netanjahus Konterfei
nur wegen eventueller Reaktionen, son-                                                                                             auf das Titelblatt.
dern auch, weil die Gefahr bestünde, dass

                                                                                                  ZIV KOREN / POLARIS / STUDIO X
                                                                                                                                              KARL WUESTER, KRAILLING (BAYERN)
eine Rakete aufgrund unvorhersehbarer
technischer Schwierigkeiten nicht Tel                                                                                              Eine der Lehren der Geschichte ist doch:
Aviv, sondern Ostjerusalem treffen, in                                                                                             Wenn Antisemiten einen Massenmord an-
jedem Fall aber Tausende oder Zigtau-                                                                                              kündigen, dann werden sie alles unter-
sende Palästinenser töten oder verstrah-                                                                                           nehmen, ihr Ziel in die Tat umzusetzen.
len würde. Das wäre das Ende aller irani-                                                                                          Unbegreiflich bleibt daher die in der Bun-
schen Träume.                                     Israelischer Kampfpilot                                                          desrepublik vorherrschende Blindheit,
         CHRISTOPH MÜLLER-LUCKWALD, BINGEN                                                                                         welche die existentielle Bedrohung Israels
                                                  same Interessen in Afghanistan oder bei                                          nicht wahrhaben will und die Israelis als
Die Wahrnehmung, wer wen bedroht und              der Pirateriebekämpfung im Persischen                                            die eigentlichen Aggressoren darstellt.
schon angegriffen hat, ist in Palästina und       Golf und am Horn von Afrika. Daher: zu-                                                          THORSTEN WILLMANN, LEIPZIG
Iran eine ganz unterschiedliche.                  rück an den Verhandlungstisch!
            FRIEDEMANN UNGERER, WAHLENDOW                           CHRISTOPH LEISERING, BERLIN                                    Weshalb sind israelische Atomwaffen ein
                             (MECKL.-VORP.)                                                                                        Segen für die Welt, vermeintliche irani-
                                                  Eine hervorragende, aber auch erschre-                                           sche Nuklearwaffen aber eine Bedro-
Atomwaffen in der Hand Irans sind gleich-         ckende Analyse. Ein Angriff Israels auf                                          hung? Geht denn von Pakistan, das seit
zeitig Waffen gegen sich selbst. Die Sor-         die iranischen Atomanlagen und die zu                                            1998 die Atombombe besitzt und nach-
gen Israels sind verständlich, aber sind          erwartende Reaktion Irans ist eine Hor-                                          weislich die Taliban mit Waffen versorgt,
sie wirklich realistisch? Kein iranisches         rorvorstellung. Warum wird der IAEA                                              keine Bedrohung aus? Bedroht von diesen
Regime kann es auf ein Hiroshima in Te-           der Zugang zu den Anlagen verwehrt,                                              Atommächten und umzingelt von US-Mi-
heran ankommen lassen. Denn dies wäre             wenn sie doch ausschließlich zivilen und                                         litärbasen, haben Rattenfänger wie Ah-
die unweigerliche Folge eines Angriffs            friedlichen Zwecken dienen und es daher                                          madinedschad es leicht, die Mehrheit der
auf Israel.                                       gar nichts zu verheimlichen gäbe?                                                Iraner hinter sich zu bringen.
        WILFRIED WIEGAND, NEUBIBERG (BAYERN)         DR. REINHARD TILL, BACKNANG (BAD.-WÜRTT.)                                                         RAHIM BARADARI, BERLIN

Ein fundamentalistischer Gottesstaat, der
den Holocaust leugnet und Israel mit der
Vernichtung droht, darf niemals die
                                                     Diskutieren Sie im Internet
Atombombe in die Hände bekommen!                     www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel
Gewiss, ein israelischer Angriff mag un-             ‣ Titel Wie lassen sich Herzprobleme vermeiden?
kalkulierbare Folgen haben. Aber was ist
die Alternative? Die Mullahs wollen die              ‣ Umweltschutz Energiesparbirnen, Dosenpfand,
Bombe um jeden Preis. Selbst wenn sich                 Gelber Sack – was ist sinnvoll, was nicht?
die Führung in Teheran am Ende rational
verhalten sollte, kann Israel sich dieses            ‣ Kultur Leistet sich Deutschland zu viele Theater
Risiko nicht leisten.                                  und Museen?
       CHRISTOFER GRASS, FREIBURG IM BREISGAU

6                                                        D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 9/2012, Deutschland, deine Reichen:                                              Die Anzahl der Spitzenpromotionen im
Wer sind sie – und warum so viele?                                                   Fach Mathematik an der TU Berlin mag
                                                                                     auf den ersten Blick sehr befremdlich wir-
Fiktive Werte                                                                        ken, aber die TU ist sowohl Sprecher-
                                                                                     hochschule der „Berlin Mathematical
Manche Zeitgenossen mögen es als Ehre                                                School“, einer im Rahmen der Exzellenz-
empfinden, auf einem SPIEGEL-Titel das                                               initiative geförderten Graduiertenschule,
Thema „Reichtum in Deutschland“ mit-                                                 als auch Sprecherhochschule des DFG-
illustrieren zu dürfen. Ich fühle mich dort                                          Forschungszentrums „Matheon – Mathe-
reichlich deplatziert, denn ich halte mich                                           matik für Schlüsseltechnologien“. Die
mitnichten für reich. Die Verantwortung                                              hohe Berufungsquote von Nachwuchswis-
und Schulden für den Wiederaufbau und                                                senschaftlern der beiden Einrichtungen
die Erweiterung des neuen Schlosses El-                                              auf Professuren bestätigt die besondere
mau sind eine ganz reale Größe, die dort                                             Qualität der beiden Einrichtungen und
geschaffenen Werte heute allenfalls fiktiv.                                          zeigt, dass Ihre These – jedenfalls was die
Von den genannten Millionären und Mil-                                               Qualität der Mathematik an der TU Ber-
liardären bin ich in vielerlei Hinsicht weit                                         lin angeht – falsch ist.
entfernt. Schloss Elmau ist weder ein                                                     PROF. DR. DR. H. C. KURT KUTZLER, BERLIN
Reich der Reichen, noch sind meine sechs
Kinder in einem Bewusstsein von Armut
oder Luxus groß geworden. Reichtum ist                                               Nr. 9/2012, Die Shopping-Reise der CSU-
keine Frage des Geldes, sondern eine der                                             Bundestagsabgeordneten Dagmar Wöhrl
Ideen und des Vertrauens.
     DIETMAR MÜLLER-ELMAU, ELMAU (BAYERN)
                                                                                     Entschuldigung, Burma
Nr. 9/2012, Die Universitäten drohen
im Kampf gegen abgekupferte Doktor-
arbeiten zu scheitern

Erheblicher Schaden
Es geht letztendlich um mehr als um Tür-
schilder, weil solche „Plagiats-Doktoren“




                                                                                                                                     THOMAS IMO
als Politiker und Ministerialbeamte
durchaus einen erheblichen Schaden an-
richten können, indem sie ihre Vorstel-                                              Abgeordnete Wöhrl
lung von „Forschung“ bei ihrer Arbeit
anwenden. Können Plagiatsjäger die Wis-                                              Dagmar Wöhrl, Juristin und Mitglied ei-
senschaft retten? Das Zitieren ist ja nicht                                          ner Christlichen Union, offenbart mit ih-
das Problem. Bei einer Dissertation müss-                                            rem peinlichen Auftreten einen Charak-
te es eigentlich um das Darstellen von                                               ter, der keine Verwendung in öffentlichen
Forschungsergebnissen gehen. Etwas                                                   Ämtern zulässt. Wenn so ein Verhalten
Neues muss erarbeitet, gut begründet und                                             auch noch von Dirk Niebel geduldet oder
belegt werden. Der Doktorvater soll die                                              unterstützt wird, sollte das Ministerium
Arbeit betreuen, nicht nur lesen.                                                    auf den Prüfstand gestellt werden.
             JIRI SOBOTA, KRONBERG (HESSEN)                                          HARTMUT KAMIN, NEUENKIRCHEN (MECKL.-VORP.)

Im Kampf gegen Plagiate im Wissen-                                                   Als Vorsitzende des Entwicklungsaus-
schaftsbetrieb werden die Universitäten                                              schusses ist Wöhrl wohl fehl am Platz. Ihr
signifikante Erfolge erzielen, wenn die                                              Auftreten in Rangun spottet jeder Be-
Professoren die Betreuung ihrer Dokto-                                               schreibung. Es ist eine Unverschämtheit
randen und damit die zwischen ihnen be-                                              von ihr, wenn sie sagt, dass die Opposi-
stehende Forschungsbeziehung deutlich                                                tionsführerin Aung San Suu Kyi jahrelang
intensivieren.                                                                       keinen Stress hatte. Die CSU-Abgeordne-
                      HOLGER PILLAU, BERLIN                                          te hat keine Ahnung, wie es San Suu Kyi
                                                                                     ergangen ist, als diese 15 Jahre lang den
                                                                                     Hausarrest hat ertragen müssen.
                                                                                          MATTHIAS SCHWARZ, SULZBACH-ROSENBERG
                                              PETER ENDIG / PICTURE ALLIANCE / DPA




                                                                                     Ich entschuldige mich beim burmesischen
                                                                                     Volk für den Auftritt von Frau Wöhrl und
                                                                                     lege ihr nahe, von ihren Ämtern zurück-
                                                                                     zutreten. Weiterhin sollte Bundestagsprä-
                                                                                     sident Lammert ihre Eignung als Volks-
                                                                                     vertreterin überprüfen und nach diesem
                                                                                     Vorfall von ihr eine Entschuldigung beim
                                                                                     burmesischen Botschafter verlangen.
Hochschulabsolventen in Leipzig 2011                                                     HELMUT SCHWARZ, KANDERN (BAD.-WÜRTT.)

10                           D E R   S P I E G E L                                      1 1 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 10/2012, SPIEGEL-Gespräch mit dem           viele Sympathien. Mit dem gefassten Ent-
Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und           schluss, seine „eigene Kunst“ zu machen,
dessen Frau Helene                              hat Herr Beltracchi sich auf eine lange
                                                Reise begeben. Mal sehen, wohin sie
Klammheimliche Freude                           führt. Seine Frau stellt im Interview etwas
                                                naiv die Frage: „Sind Pinsel Waffen?“ Ja,
Ihr Interview mit den Beltracchis bescher-      Pinsel können Waffen sein.
te mir einen angenehmen Zustand be-                                  CHRISTIAN HÜBNER, MÜNCHEN
schwingter Heiterkeit, der mehrere Tage
anhielt. Lange nicht mehr so gelacht –
ganz famos! Wie sagte Frank Zappa doch
so schön: „Art is making something out
of nothing and selling it“ (Kunst ist, aus
nichts etwas zu machen und es zu ver-
kaufen –Red.).
            THOMAS BUSCH, HEINSBERG (NRW)

Mon dieu, wer möchte beim Lesen nicht
gern mit Beltracchis Leben tauschen?
Dem bigotten Kunstmarkt eine Nase dre-
hen, auf einem Amsterdamer Hausboot
leben oder im Wohnmobil durch Asien
abhängen oder eben auch am Millionen-
pool in Freiburg liegen und den französi-
schen Wein von der eigenen Propriété vi-
ticole dekantieren. Nur in den Knast ge-
hen – das ist dann doch ein bisschen zu
viel. Andererseits beweist es: In seinen
Handlungen war Beltracchi ein Fälscher,
in seinem Innersten ist er aber absolut




                                                                                                            MANFRED ESSER
authentisch – eben ein echter Beltracchi!
            DR. UWE GRANZOW, FREIBURG I. B.

Ihre bisherige Berichterstattung über die       Beltracchi-Kunstwerk „14 Fälschungen“
Beltracchi-Bande hat uns beeindruckt.
Umso befremdlicher ist es, dass W. Bel-         Chapeau, Herr Beltracchi! Wenn in dieser
tracchi nun die Gelegenheit erhält, seine       Gesellschaft, die meist nach Schein und
Selbstgefälligkeit in so epischer Breite        Preis, nicht nach Wert (be)handelt und
darzustellen. Widersprechen müssen wir          dadurch in Mediokrität versinkt, viel-
dem Artikel, wenn Beltracchi als unser          leicht das Prädikat „genial“ zu vergeben
Geschäftspartner dargestellt wird. Wir          wäre, dann gebührte es ohne Abstrich Ih-
kennen Beltracchi nur aus den Medien            nen. Sie werden noch deutliche Marken
und dem Gerichtssaal, zu keiner Zeit be-        in der Malerei setzen.
stand Kontakt zu ihm. Die Schwestern H.                              STEPHAN MEHLE, WARTHAUSEN
Beltracchi und J. Spurzem hatten die Exis-                                         (BAD.-WÜRTT.)
tenz eines (malenden) Ehemannes wohl-
weislich verschwiegen. Es ist falsch, wenn      Der Kunstmarkt ist entsetzt, und ich emp-
der Fälscher behauptet, vor der Auktion         finde so etwas wie klammheimliche Freu-
eine Expertise bestellt zu haben. Wir ha-       de. Sieger ist wieder einmal die Gier,
ben natürlich vor der Aufnahme des Ge-          nicht die Kunst.
mäldes in den Katalog externen Exper-                                 HARTMUT NEUMANN, AACHEN
tenrat eingeholt und den Sohn von Hein-
rich Campendonk konsultiert; dieser war         Dank medialer Sensationsgier ist es der
von der Echtheit des Bildes überzeugt.          betrogenen und blamierten Kunstwelt ge-
Nach der Auktion hat die Werkverzeich-          lungen, nicht als totaler Verlierer dazu-
nisbearbeiterin in Kenntnis eines Mate-         stehen: Ein „echter“ Wolfgang Beltracchi
rialgutachtens ihre Expertise erstellt.         dürfte sich mittlerweile gut verkaufen
                    HENRIK HANSTEIN, KÖLN       lassen. Schade nur, dass Bilder auch wei-
                      KUNSTHAUS LEMPERTZ        terhin nicht um ihrer Schönheit willen ge-
                                                liebt werden!
Die Mechanismen des Kunstmarkts sind                                             ROCHUS LAYRITZ
sehr zutreffend beschrieben. Kaufent-                                  NEUMARKT-ST. VEIT (BAYERN)
scheidungen werden häufig getrieben
durch Sehnsucht nach Status – die Unsi-         Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
                                                Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
cherheit, eine eigene Entscheidung zu           tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
treffen, ist groß. Insofern hat das Ehepaar     leserbriefe@spiegel.de
Beltracchi durchaus in künstlerischer Wei-
se dem Markt einen Spiegel vorgehalten          In der Gesamtauflage befindet sich im Mittelbund ein
und findet wahrscheinlich deswegen auch         vierseitiger Beihefter der Firma Dt. Telekom, Bonn.

12                           D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Panorama                                                                                          Deutschland
                                                                                                           Handelssaal der Frankfurter Börse




                                                                                                                                                ULRICH BAUMGARTEN / VARIO IMAGES
                 TRANSAKTIONSTEUER
                                                                 stände zu überwinden“. Schäuble lässt sein Ministerium des-
                                                                 halb einen eigenen Vorschlag für eine Finanztransaktionsteuer
               Große Lösung                                      ausarbeiten. Seine Steuerabteilung wies er an, eine große Lö-
                                                                 sung anzustreben. Die neue Abgabe soll nach Schäubles Vor-
                                                                 gabe alle Umsätze auf Finanzgeschäfte belasten, Aktien- und
 Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und acht           Anleiheverkäufe, Währungsgeschäfte sowie sämtliche Deri-
 seiner europäischen Kollegen forcieren eine Steuer auf Fi-      vate darauf. Gleichzeitig sollen die Vorschläge einfacher und
 nanzprodukte. „Wir sind davon überzeugt, dass eine Finanz-      praktikabler sein als die Überlegungen der EU-Kommission,
 transaktionsteuer auf europäischer Ebene eingeführt werden      die vergangenes Jahr ein Konzept vorlegte. Unterdessen
 sollte“, schreiben sie in einem Brief an die dä-                               wächst der parteiinterne Druck auf die SPD-
 nische Finanzministerin Margrethe Vestager.                                    Spitze, dem geplanten EU-Fiskalpakt nur zu-
 Dänemark hat derzeit die EU-Ratspräsident-                                     zustimmen, wenn sich die Bundesregierung
 schaft inne. Um eine rasche Entscheidung zu                                    auf eine Finanztransaktionsteuer festlege. Die
 erreichen, „würden wir es begrüßen, wenn die                                   Jusos fordern den SPD-Vorstand auf, beide Fra-
 Präsidentschaft den Verhandlungsprozess be-                                    gen miteinander zu verknüpfen. „Solange die
 schleunigt“, drängen die Unterzeichner, neben                                  Finanztransaktionsteuer blockiert wird, kann
 Schäuble unter anderem Frankreichs Finanz-                                     die SPD einem Fiskalpakt nicht zustimmen“,
 minister François Baroin und Italiens Minis-                                   heißt es in einem Beschluss des Juso-Bundes-
                                                                                  POLARIS / LAIF




 terpräsident Mario Monti, der zugleich Finanz-                                 vorstands. „Impulse für Wachstum und Be-
 minister ist. Bis Mitte des Jahres sollte der Pro-                             schäftigung können aus einer Spekulationsteu-
 zess abgeschlossen und Kompromissvorschlä-                                     er finanziert werden“, sagt etwa Ralf Stegner,
 ge sollten erörtert werden, „um alle Wider- Schäuble                           SPD-Fraktionschef in Schleswig-Holstein.



             RÜSTUNG
                                        nach will die Luftwaffe im nächsten                        Luftwaffe nicht plant, den „Euro-
                                        Jahrzehnt den Fliegerhorst Büchel in                       fighter“ für Nuklearwaffeneinsätze zu-
  Abzug der Atomwaffen                  Rheinland-Pfalz aufgeben, auf dem die
                                        Atombomben derzeit lagern; von den
                                                                                                   zulassen, zöge sich die Bundesrepublik
                                                                                                   aus der praktischen Umsetzung der so-
Die Bundesregierung rechnet offenbar    dort stationierten deutschen „Tornado“-                    genannten nuklearen Teilhabe in der
mit einem Abzug der amerikanischen      Kampfflugzeugen sollen die Bomben                          Nato zurück. „Die Bundesregierung
Atomwaffen aus Deutschland. Dies        im Kriegsfall getragen werden. Das                         richtet ihre Planung endlich darauf aus,
geht nach Angaben des Verteidigungs-    Bücheler „Tornado“-Geschwader soll                         dass der sogenannte Sonderwaffenein-
experten der SPD, Hans-Peter Bartels,   durch ein „Eurofighter“-Geschwader er-                     satz in Zukunft nicht mehr zu den Auf-
aus Bundeswehr-Unterlagen über die      setzt werden, das im niedersächsischen                     gaben der Bundeswehr gehört“, sagt
neue Luftwaffenstruktur hervor. Dem-    Wittmund stationiert wird. Weil die                        Bartels.
                                              D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                        15
Panorama

                      PA R T E I E N


                  Teure Linke
Die Mitgliedschaft bei der Linken ist
eine kostspielige Angelegenheit: Wäh-
rend die Mitglieder ihrer Partei im
Schnitt 135,58 Euro im Jahr überwei-
sen, zahlen jene von CDU und vor al-
lem CSU deutlich niedrigere Beiträge.
Das geht aus den neuen Rechen-
schaftsberichten der sechs Bundestags-
parteien für das Jahr 2010 hervor. Teilt
man die Summe der Beiträge durch
die Mitgliederzahl, bilden die Christ-
sozialen mit 59,58 Euro pro Mitglied
das Schlusslicht (siehe Grafik). Mit-
glieder der Linken unterstützen ihre
Partei durchschnittlich mit mehr als
der doppelten Summe.

Beitragszahlungen
                                                             WOLFGANG KUMM / DPA




Jahresdurchschnitt je Parteimitglied in Euro
Quelle: Rechenschaftsberichte 2010 der Parteien
           150
                                                                                    Seehofer, Wulff, de Maizière, Generalinspekteur Wieker bei Großem Zapfenstreich
Die Linke120                                        135,58

     Grüne90                                      124,38
                                                                                                                        BUNDESPRÄSIDENT
             60
       FDP                                   116,89

      SPD
             30


             0
                                      91,07                                                                     Begrenzter Luxus
      CDU                         80,99                                              Die Union will Ex-Bundespräsident Christian Wulff ein Büro nur zeitlich begrenzt
                                                                                     auf Staatskosten zugestehen. „Die Amtsausstattung sollte dann enden, wenn Wulff
      CSU                 59,58                                                      wieder eine entgeltliche Tätigkeit aufnimmt“, sagt der für den Etat des Bundes-
                                                                                     präsidialamts zuständige Haushaltspolitiker Herbert Frankenhauser (CSU). Diese
                                                                                     Einschränkung solle für alle künftigen Präsidenten gleichermaßen gelten. Die Op-
                                                                                     position will Wulff erst gar kein Büro samt Sekretärin und Fahrer zugestehen. Er
      ZAHL DER WOCHE                                                                 habe dem höchsten Amt im Staat schweren Schaden zugefügt, sagt der SPD-Chef-
                                                                                     haushälter Carsten Schneider, „eine Gleichbehandlung mit seinen Amtsvorgängern
                                                                                     halte ich nicht für akzeptabel“. Das Bundespräsidialamt, das im Haushaltsausschuss
     Nur   42 %                                                                      die Ausstattung beantragen muss, versucht derweil, die Kosten niedrig zu halten –
                                                                                     und Wulffs künftiges Büro in einer bundeseigenen Liegenschaft unterzubringen,
                                                                                     um Miete zu sparen.
     der Summe, die Union und FDP im
     Bundeshaushalt 2011 einsparen woll-
     ten, wurden tatsächlich nicht ausge-
     geben. Wie aus Berechnungen des In-
     stituts der deutschen Wirtschaft her-                                                  ENTFÜHRUNGEN
                                                                                                                                 nem Bekunden gehören die Kidnapper
     vorgeht, kamen lediglich 4,7 der 11,2                                                                                       zum Stamm der Afar und hatten die
                                                                                                                                 Deutschen im Januar in der Danakil-
     Milliarden Euro zusammen, die im so-
     genannten Sparpaket veranschlagt
     waren. Auch für 2012 liegt die Regie-
                                                                                         Druck statt Geld                        Wüste verschleppt. Eine Delegation
                                                                                                                                 äthiopischer Stammesältester bewegte
     rung hinter ihrem Plan zurück: Von                                            Die beiden deutschen Geiseln, die in          die Afar nun zur Freilassung der Gei-
     den ursprünglich vorgesehenen Ein-                                            Äthiopien entführt waren, sind offen-         seln. Den beiden Deutschen geht es
     sparungen in Höhe von 19,1 Milliar-                                           bar durch diplomatische Bemühungen            den Umständen entsprechend gut. Zu-
     den Euro ist nicht einmal die Hälfte                                          der Bundesregierung freigekommen –            gespitzt hat sich dagegen die Lage ei-
     umgesetzt. Für das kommende Jahr                                              und anders als bei vielen Entführun-          nes entführten deutschen Ingenieurs in
     decken die konkreten Maßnahmen,                                               gen ohne Lösegeldzahlung. Der Kri-            Nordnigeria. Bei einer missglückten
     die bisher beschlossen wurden, so-                                            senstab im Auswärtigen Amt hatte pa-          Befreiungsaktion nigerianischer und
     gar nur ein Drittel des avisierten                                            rallel mit dem Diktator Eritreas, Isayas      britischer Spezialkräfte am vergange-
     Sparvolumens ab. Die Eckwerte für                                             Afewerki, sowie äthiopischen Stam-            nen Donnerstag kamen in dem Land
     den Haushalt 2013 will das Kabinett                                           mesältesten verhandelt, die jeweils           zwei Geiseln ums Leben. Von dem
     noch im März verabschieden.                                                   versprochen hatten, Emissäre zu den           Deutschen, der in Kano auf der Straße
                                                                                   Entführern zu entsenden. Nach eige-           entführt worden war, fehlt jede Spur.
16                                                                                      D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Deutschland


                          Fremdschämen                                                                                      BUNDESVERSAMM LUNG


                          KOMMENTAR: Von Klaus Brinkbäumer                                                                    NPD ohne Platz
  Ein Mensch, der einem Wankenden in            immer härter nachtritt? „Der Unersättli-                                  Die Bundestagsparteien streiten
  den Rücken sticht, einen Fallenden            che“, so heißt es nun, und natürlich:                                     darüber, wo die Vertreter der
  schubst, auf einen Liegenden tritt, ein       „Das Volk … hat recht.“                                                   rechtsextremen NPD in der Bun-
  solcher Mensch ist uns allen zuwider.         Man kann jeden Text über Wulff mit                                        desversammlung Platz finden sol-
  Doch was, wenn sich eine Gesellschaft         Worten wie „ja, aber“ doppelbödig aus-                                    len. Bei der letzten Präsidenten-
  oder der hörbare Teil einer Gesellschaft      statten, mit Anmerkungen über Gier                                        wahl hatten die NPD-Vertreter hin-
  so verhält? Was also sagen die Wochen         und Ehrensold oder dem Fazit „selber                                      ter den Grünen gesessen. Eine sol-
  seit dem Rücktritt Christian Wulffs über      schuld“, weil es richtig bleibt: Medien                                   che Platzierung der drei NPD-
  das Land aus?                                 haben Wulff nicht gejagt, sondern eine                                    Wahlmänner wollen die Grünen
  Es ist ein Unterschied, ob investigative      Affäre recherchiert; Wulff ist nicht ele-                                 diesmal nicht akzeptieren, weil sie
  Journalisten den Lügen eines amtieren-        gant zurückgetreten; und das Militaristi-                                 eine Angehörige eines Opfers der
  den Politikers und diversen Indizien          sche dieses Zapfenstreichs wirkte nord-                                   rechten Terrorzelle „Nationalso-
  nachgehen und dann, begründet, den            koreanisch.                                                               zialistischer Untergrund“ unter ih-
  Charakter dieses Politikers hinterfragen      Doch geht es darum noch?                                                  ren Wahlleuten haben. Auch CDU
  – oder ob eine Meute über einen Zu-           Man muss auch nicht biblisch werden                                       und CSU wollen Nähe zur NPD
  rückgetretenen herfällt mit Worten, mit       und vom ersten Stein reden, doch wie                                      vermeiden. Unter ihren Wahlleu-
  Lärm, mit Lust und Hass. Es ist schon         viele der wütenden Gnadenlosen wür-                                       ten befindet sich Mevlüde Genç,
  deshalb ein Unterschied, weil ein Politi-     den eigentlich auf Dinge verzichten, die                                  die 1993 beim fremdenfeindlichen
  ker, der im Amt ist, eine gewisse Härte       ihnen juristisch zustehen, mag auch das                                   Brandanschlag in Solingen mehre-
  verdient, da sich mit seinem Amt Privi-       Gesetz, das ihnen ihr Recht gibt, gro-                                    re Angehörige verloren hatte. Auf
  legien und Ansprüche verbinden. Ein           tesk sein?                                                                eine Vorstellung der Kandidaten
  ehemaliger Politiker, der am Boden            Für jene, die keine Möglichkeit haben,                                    zu Beginn der Wahl solle verzich-
  liegt, verdient Milde. Und manchmal           selbst zu recherchieren, sollte es genü-                                  tet werden, so eine Überlegung im
  Mitleid.                                      gen, sich den zurückgetretenen Wulff in                                   Ältestenrat, damit sich der NPD-
  Was also bedeuten die Vuvuzelas wäh-          seinem Haus in Großburgwedel vorzu-                                       Kandidat, der Historiker Olaf
  rend des Zapfenstreichs, und was bedeu-       stellen. Wie sich das alles aus seiner Per-                               Rose, nicht präsentieren könne.
  tet diese Wut jener Demonstranten, die        spektive anfühlen mag. Wie er wohl
  nicht in der Lage waren zu erklären,          weiterleben wird. Wie er langsam ver-
  wieso sie demonstrierten? „Es ist ... na      steht, dass er, 52 Jahre alt, womöglich
  ja ... ick weeß ooch nich … eine Schan-       nie wieder arbeiten und nicht mal mehr
  de eben“, so redeten sie, und nicht zum       ein Buch schreiben kann, das irgendwer
  ersten Mal in den Monaten der Wulff-          lesen wollte. Und wer Gelegenheit zur
  Affäre schämte man sich nicht mehr für        Recherche hat, wer Wulffs Vertraute fra-
  Wulff. Denn was will ein Kommentator          gen kann, der hört: Sie sorgen sich um
                                                                                                MICHAEL KAPPELER / DAPD




  wie Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“            Wulff. Es gehe ihm nicht gut.
  wirklich sagen, der Wulff wochenlang          Jede Gemeinschaft und darum auch
  verteidigte und dann, als deutlich wur-       jede Gesellschaft sollte eine tolerante
  de, dass Wulff gehen musste, die Mei-         Gemeinschaft sein wollen. Eine, die
  nung wechselte und immer noch und             nicht vergisst, was Empathie ist.
                                                                                                                          Plenarsaal vor Bundesversammlung




               GRÜNE
                                              mit persönlichen Kandidaturen ver-              enquote unterstreiche. Der NRW-Lan-
                                              knüpfen.“ Eveline Lemke, grüne Wirt-            desvorsitzende Sven Lehmann bemän-
                                              schaftsministerin von Rheinland-Pfalz,          gelt „mangelndes Teamwork“ in der
 „Weitgehend wurscht“                         begrüßt Roths Vorstoß dagegen als
                                              „richtige Botschaft in die Parteifami-
                                                                                              Grünen-Führung – die Mitglieder soll-
                                                                                              ten per Urabstimmung die Spitzenkan-
Nach der Kandidatur der Parteivorsit-         lie“, weil sie die Bedeutung der Frau-          didaten bestimmen: „Wenn vier sich
zenden Claudia Roth für eine führen-                                                          streiten, freut sich die Basis.“ Der hes-
de Position im Bundestagswahlkampf                                                            sische Partei- und Fraktionschef Tarek
ist bei den Grünen heftiger Zank aus-                                                         Al-Wazir dagegen hält eine Basisbefra-
gebrochen. Roth hatte eine männliche                                                          gung für ein „Zeichen von Schwäche“
Einzelspitze unter Hinweis auf die                                                            und sagt: „Wir sind hier nicht bei einer
Frauenquote abgelehnt und zugleich                                                            Casting-Show.“ Der schleswig-holstei-
ihre Kandidatur angemeldet. Ekin De-                                                          nische Fraktionschef Robert Habeck
ligöz, stellvertretende Vorsitzende der                                                       wiederum zeigt sich von der Debatte
Bundestagsfraktion, kritisiert die Par-                                                       genervt: Den Wählern der Grünen sei
teichefin: „Die Quote verteidigen wir                                                         es „weitgehend wurscht, wer an der
Frauen besser nicht damit, dass wir sie       Roth auf Plakat der Grünen                      Spitze der Partei steht“.
                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                     17
Deutschland                                                                                                                     Panorama
                                                            SPIEGEL: Welche Folgen hat der Krach?               empfiehlt etwa in der Nacht Grenz-
                                                            Flasbarth: Lärm ist das am stärksten un-            werte von 40 Dezibel, in Deutschland
                                                            terschätzte Umweltproblem in                        gelten deutlich höhere Werte.
                                                            Deutschland. Wir wissen durch eine                  SPIEGEL: Das Meeresrauschen im Ur-
                                                            Reihe von Studien definitiv, dass er –              laub stört nicht, aber wenn zu Hause
                                                            gerade wenn er nachts auftritt – die                in gleicher Lautstärke Autos vorbeirau-
                                                            Gesundheit schädigt.                                schen, steigt der Blutdruck?
                                                            SPIEGEL: Wer an der Schnellstraße oder              Flasbarth: Lärm ist eben mehr als nur
                                                            in der Einflugschneise lebt, stirbt eher?           Geräusch. Der Mensch bewertet Ge-




                                          MARC DARCHINGER
                                                            Flasbarth: Er hat ein höheres Risiko.               räusche unterschiedlich. Wenn er den
                                                            Hinzu kommt auch ein ökonomischer                   Eindruck hat, diese wären vermeidbar
                             Flasbarth                      Aspekt: Auf europäischer Ebene rech-                oder werden sogar absichtlich erzeugt,
                                                            net man mit Kosten durch Verkehrs-                  stören sie ihn viel mehr als Geräusche,
                                                            lärm in Höhe von 40 Milliarden Euro                 die er als neutral einstuft.
              U M W E LT
                                                            pro Jahr, unter anderem durch Ge-                   SPIEGEL: Das Bundesverwaltungs-
                                                            sundheitsschäden. Allein im Raum                    gericht verhandelt in dieser Woche
                                                            Frankfurt werden nach unseren Schät-                über ein Flugverbot in Frankfurt
       „Höheres Risiko“                                     zungen in den nächsten zehn Jahren
                                                            durch Fluglärm zusätzliche Kosten von
                                                                                                                nachts zwischen 23 und 5 Uhr. Reicht
                                                                                                                ein solches Verbot aus?
Der Präsident des Umweltbundesamts,                         etwa 400 Millionen Euro nur für die                 Flasbarth: Erwachsene brauchen nach
Jochen Flasbarth, 49, über den Krach                        Behandlung von Herz-Kreislauf-Pa-                   Empfehlungen der WHO 7,5 bis 8
durch Autos, Flugzeuge und Züge                             tienten entstehen.                                  Stunden Schlaf, Kinder deutlich mehr.
                                                            SPIEGEL: Es gibt gesetzliche Grenzwer-              Deshalb halten wir für stadtnahe Flug-
SPIEGEL: In Frankfurt am Main de-                           te gegen unzumutbare Belastungen.                   häfen Nachtflugverbote in der Zeit
monstrieren jede Woche Tausende ge-                         Flasbarth: Die Werte reichen nicht aus,             von 22 bis 6 Uhr für notwendig.
gen Fluglärm, andernorts protestieren                       die Belastung ist deutlich zu hoch. Die             SPIEGEL: Das sei völlig unrealistisch,
die Bürger gegen Güterzüge oder neue                        Weltgesundheitsorganisation (WHO)                   meint die Luftverkehrswirtschaft.
Umgehungsstraßen. Ist die Belastung                                                                             Flasbarth: Eine führende Wirtschafts-
durch Verkehrslärm in Deutschland                                                                               nation wie Deutschland wird wohl
gestiegen – oder sind die Menschen                          Lästiger Lärm                                       nicht ganz ohne Nachtflüge auskom-
empfindlicher geworden?                                     Wodurch sich die Deutschen                          men. Die Frage ist aber, ob die überall
Flasbarth: Beides. Trotz technischer                        am meisten gestört fühlen                           stattfinden müssen. Deshalb brauchen
Verbesserungen an Autos, Zügen und                                                                              wir dringend eine nationale Flugver-
Flugzeugen wächst der Lärm allein                              Straßenverkehr                             55%   kehrsplanung. Derzeit wird ein unseli-
durch die Zunahme des Verkehrs.                                                                                 ger Standortwettbewerb zwischen den
Gleichzeitig nimmt das Umwelt- und                               Nachbarschaft                    37 %          Flughäfen auf dem Rücken der Bevöl-
Gesundheitsbewusstsein der Men-                                      Flugverkehr             29 %               kerung ausgetragen. Viel vernünftiger
schen zu. Nach unseren Umfragen füh-                                                                            wäre es doch, wenn sich alle Beteilig-
len sich 55 Prozent der Deutschen                                       Industrie            28 %               ten einigen, dass Verkehr, der unver-
durch Straßenlärm belästigt. Bei Flug-                                                                          meidlich ist, nur noch dort abgewi-
                                                               Schienenverkehr             22 %
lärm ist es jeder Dritte, bei Schienen-                                                                         ckelt wird, wo er am wenigsten Proble-
lärm jeder Fünfte.                                          Quelle: Umweltbundesamt 2010                        me bereitet.




          AT O M E N E R G I E
                                                            Der Rückbau der Anlagen könnte sich                 produzieren, weil die Genehmigung
                                                            auch deswegen verzögern, weil Behäl-                fehlt, wie die Firma bestätigte. Die Zu-
                                                            ter für nicht mehr benötigten Kern-                 lassung wird nicht vor Ende 2013 er-
Rückbau verzögert sich                                      brennstoff fehlen. So kann die Firma
                                                            GNS derzeit keine Castoren für Brenn-
                                                                                                                wartet. Für die Lagerung nicht voll-
                                                                                                                ständig abgebrannter oder beschädig-
Ein Jahr nach dem endgültigen Aus                           elemente aus Siedewasserreaktoren                   ter Brennelemente gibt es nicht einmal
für acht Atomreaktoren in Deutsch-                                                                                     ein Genehmigungsverfahren.
land ist unklar, wann und wie die An-                                                                                  Schon heute führt der Castor-
lagen abgebaut werden sollen. Derzeit                                                                                  Engpass zu Problemen: Im still-
liegt noch keiner Aufsichtsbehörde ei-                                                                                 gelegten Kraftwerk Brunsbüttel
nes Bundeslands ein Antrag auf Still-                                                                                  in Schleswig-Holstein können
legung nach dem Atomgesetz vor. Das                                                                                    abgekühlte Brennelemente
ergibt sich aus einer Umfrage der                                                                                      nicht in einem sicheren Zwi-
atompolitischen Sprecherin der Grü-                                                                                    schenlager untergebracht wer-
nen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl,                                                                                  den. Die alten Brennstäbe müs-
unter den betroffenen Ländern. Exper-                                                                                  sen vorübergehend im Reaktor-
ten vermuten, dass die Betreiber keine                                                                                 druckbehälter lagern. Vorige
Fakten schaffen wollen, bevor über                                                                                     Woche sorgte das Atomkraft-
                                                                                                                    PATRICK LUX




ihre Schadensersatzforderungen ent-                                                                                    werk für Schlagzeilen, weil in
schieden ist, die sie wegen des Atom-                                                                                  einer Kaverne ein Atommüll-
ausstiegs gegen den Bund erheben.                           Kraftwerk Brunsbüttel                                      fass völlig verrostet war.
18                                                                  D E R    S P I E G E L    1 1 / 2 0 1 2
Deutschland


                                AU S S E N P O L I T I K




               Spiel auf Zeit
 Die Europäer haben eine Schlüsselrolle im Konflikt
mit Iran: Sie sollen Teheran vom Atomkurs abbringen,
 um einen Krieg zu verhindern. Die bislang glücklose
EU-Außenbeauftragte Ashton leitet die Verhandlungen.


A
         ls Catherine Margaret Ashton, Ba-   Westen keinen Misserfolg erlauben. Ein
        roness of Upholland, vor zwei Jah-   Scheitern bedeutet wohl Krieg.
        ren zur europäischen Außenminis-        Der israelische Ministerpräsident Ben-
terin ernannt wurde, registrierte selbst     jamin Netanjahu hat in der vergangenen
ihr Ehemann die Skepsis. Das Volk habe       Woche bei seinem Besuch in Washington
bei der Nominierung seiner Frau „nicht       keinen Zweifel daran gelassen, dass er
gerade auf den Straßen getanzt“, räumte      Iran mit allen Mitteln am Bau einer Atom-
Peter Kellner, der Chef des bekannten        bombe hindern will. Auch mit militäri-
Umfrageinstituts YouGov, ein. Nach ei-       scher Gewalt.
nem wenig verheißungsvollen Start be-           Obama setzt wie die Europäer darauf,
wegte sich Ashtons Reputation weiter in      dass Verhandlungen und Sanktionen Te-
eine Richtung: nach unten.                   heran möglicherweise doch zum Umden-
   Nach anderthalb Jahren war die Bilanz     ken bewegen. Er hat aber zugleich klar-
der ersten Hohen Vertreterin für die Au-     gemacht, dass er Israel unterstützen wer-
ßen- und Sicherheitspolitik der EU so        de, wenn eine iranische Atombombe sich
dürftig, dass offen über ihre Ablösung       nur durch einen Angriff verhindern lässt.
nachgedacht wurde. „Langsam läuft die        „Ich mache keine Eindämmungspolitik“,
Zeit ab“, warnte Elmar Brok, der außen-      sagt Obama.
politische Experte der CDU im Europa-           Damit liegt es jetzt an den Europäern,
parlament. Der liberale Fraktionschef        einen Krieg in einer Region zu verhin-
Guy Verhofstadt nannte Ashtons Politik       dern, deren Ölvorräte der Treibstoff der
schlicht „lächerlich“.                       Weltwirtschaft sind. In der „internatio-
   Die Britin mit dem „Charisma eines        nalen Kontaktgruppe“ sind zwar neben
Campingplatzes auf der Insel Sheppey“        Deutschen, Briten, Franzosen und Ame-
(der britische Journalist Rod Liddle) er-    rikanern auch Russen und Chinesen ver-
trug die Vorwürfe klaglos. Wenn sie kri-     treten. Die Regie liegt aber bei Ashton,
tisiert wurde, machte sie brav Notizen.      weil Peking und Moskau bremsen und Außenpolitikerin Ashton, Bundeskanzlerin Merkel,
Gern las sie vorbereitete Statements ab.     Obama wegen der bevorstehenden Prä-
Ihre Stärke sei die Arbeit hinter den Ku-    sidentschaftswahl nicht frei handeln
lissen, behauptete sie. „Ich bin kein wan-   kann.
delndes Ego, aber verhandeln kann ich.“         Die Europäer sind in einem Punkt ka-
   In den kommenden Monaten kann             tegorisch: Sie lehnen eine militärische Lö-
Ashton beweisen, ob das stimmt. Die          sung ab. Ein Krieg könnte die ganze Re-
Außenbeauftragte hat das derzeit schwie-     gion ins Chaos stürzen, fürchten sie. Zu-
rigste Mandat in der internationalen         dem würden Militärschläge den Bau einer
Politik inne. Sie soll mit Iran über das     Bombe allenfalls verzögern, aber nicht
umstrittene Atomprogramm verhandeln.         verhindern, heißt es im Berliner Auswär-
   Im Westen zweifelt kaum jemand dar-       tigen Amt. Aber was ist, wenn Iran wie
an, dass die Führung in Teheran zumin-       so oft in der Vergangenheit, nur auf Zeit
dest die Fähigkeit zum Bau einer Bombe       spielt, um sein Nuklearprogramm unge-
erwerben will. Das würde die Machtba-        stört vorantreiben zu können?
lance in einer der explosivsten Regionen        Die Frau, die für die Kontaktgruppe
der Welt verändern und vermutlich ein        die Gespräche vorbereiten soll, ist eine
atomares Wettrüsten auslösen. Ashton         Deutsche. Helga Schmid, 51, frühere Bü-
muss Poker mit einem hohen Einsatz spie-     roleiterin des damaligen Außenministers
len. Gibt es eine Chance, Iran noch von      Joschka Fischer und seit über einem Jahr
seinen Atomplänen abzubringen?               stellvertretende Generalsekretärin des
   Es gab schon vorher Verhandlungen,        Auswärtigen Dienstes der EU. Die Diplo-
die alle am Unwillen Irans scheiterten.      matin genießt nicht nur das Vertrauen
Das Land wollte an seinem Atompro-           Ashtons. Auch die Bundeskanzlerin un-
gramm festhalten. Diesmal kann sich der      terstützt sie.
20                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Bereits in dieser Woche könnte sich
                                                                                                                          Schmid mit Ali Bagheri, dem stellvertre-
                                                                                                                          tenden Verhandlungsführer Teherans,
                                                                                                                          treffen. Das hat sie dem Iraner angeboten.
                                                                                                                          Schmid und Bagheri haben in den ver-
                                                                                                                          gangenen Wochen regelmäßig miteinan-
                                                                                                                          der telefoniert. Es wäre der erste offizielle
                                                                                                                          Kontakt seit dem Scheitern der letzten
                                                                                                                          Verhandlungen im Januar 2011. Ein Tref-
                                                                                                                          fen soll in Genf oder Wien stattfinden.
                                                                                                                             Die Verantwortlichen in Berlin und
                                                                                                                          Brüssel spielen auf Zeit. Die Bundesre-
                                                                                                                          gierung hat nach Gesprächen mit israeli-
                                                                                                                          schen Regierungsvertretern in der ver-
                                                                                                                          gangenen Woche den Eindruck gewon-
                                                                                                                          nen, dass Netanjahu nach den Zusiche-
                                                                                                                          rungen Obamas keinen schnellen Angriff
                                                                                                                          plant. Nach israelischen Medienberichten
                                                                                                                          hat der US-Präsident den Israelis zuge-
                                                                                                                          sagt, bunkerbrechende Munition zu lie-
                                                                                                                          fern, wenn Israel in diesem Jahr nicht an-
                                                                                                                          greift. Israel könnte iranische Anlagen
                                                                                                                          damit selbst dann attackieren, wenn sie
                                                                                                                          in tiefere Bunker verlegt werden sollten.
                                                                                                                          Die Israelis dementieren den Deal aller-
                                                                                                                          dings.
                                                                                                                             Aus Sicht von Deutschen, Briten und
                                                                                                                          Franzosen wäre ein solches Abkommen
                                                                                                                          gut, denn damit wäre etwas Zeit gewon-
                                                                                                                          nen. Und Zeit ist in Krisen ein wertvolles
                                                                                                                          Gut. Deshalb soll es, so die Planung, eine
                                                                                                                          Serie von Gesprächen zwischen Ashton
                                                                                                                          und dem iranischen Chefunterhändler
                                                                                                                          Said Dschalili geben, die sich über meh-
                                                                                                                          rere Monate hinziehen könnten.
                                                                                                                             Offiziell fordert Ashton die iranische
                                                                                                                          Führung auf, ernsthaft zu verhandeln.
                                                                                                                          „Wir wollen keine Gespräche um der Ge-
                                                                                                                          spräche willen“, sagte sie dem SPIEGEL.
                                                                                                                          „Wir brauchen greifbare Fortschritte.“
                                                                                                                             Doch in Wahrheit hoffen die Europäer
                                                                                                                          darauf, bis über die amerikanische Präsi-
                                                                                              REUTERS




                                                                                                                          dentschaftswahl im November hinaus zu
                                                                                                                          verhandeln. Würde Obama wiederge-
Irans Präsident Ahmadinedschad: Angst vor Chaos in der Region                                                             wählt, müsste er weniger Rücksicht auf
                                                                                                                          seine republikanischen Gegner und die
                                                                                                                          einflussreiche Israel-Lobby nehmen. Der
                                                                                                                          US-Präsident, der ebenfalls keinen An-
                                                                                                                          griff auf Iran will, könnte dann mehr
                                                                                                                          Druck auf Netanjahu ausüben.
                                                                                                                             Neben der Strategie für die Gespräche
                                                                                                                          hat man in den europäischen Hauptstäd-
                                                                                                                          ten auch erste inhaltliche Punkte verein-
                                                                                                                          bart, die den Iranern einen Deal schmack-
                                                                                                                          haft machen sollen. Bislang hat Teheran
                                                                                                                          alle Avancen zurückgewiesen.
                                                                                                                             Dabei geht es ausgerechnet um das
                                                                                                                          Atomkraftwerk von Buschehr. Die Anla-
                                                                                                                          ge ist technisch nicht auf dem neuesten
                                                                                                                          Stand, die Anfänge stammen noch aus
                                                                                                                          der Zeit vor der Islamischen Revolution.
                                                                                                                          Nach der Atomkatastrophe von Fukushi-
                                                                                                                          ma wachsen die Sorgen der Golfanrainer,
                                                                                              ABEDIN TAHERKENAREH / DPA




                                                                                                                          aber auch der Iraner, dass das Kraftwerk
                                                                                                                          nicht sicher sei. Die Europäer wollen Iran
                                                                                                                          daher in den Verhandlungen anbieten,
                                                                                                                          den Reaktor technisch aufzurüsten.
                                                                                                                             Außerdem will der Westen Teheran
                                                                                                                          versprechen, Iran politisch und wirtschaft-
                                                      D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                         21
Deutschland

                                                                                                                              In Israel ist man weit weniger optimis-
                                                                                                                           tisch. Netanjahus Sicherheitsberater Jaa-
                                                                                                                           kov Amidror sagt, man müsse darauf vor-
                                                                                                                           bereitet sein, dass die Verhandlungen
                                                                                                                           scheitern würden. Die Israelis fürchten,
                                                                                                                           die Gespräche könnten den Druck auf
                                                                                                                           Iran verringern und die Kriegsdrohung
                                                                                                                           abschwächen. Der israelische Alptraum
                                                                                                                           wäre eine Reihe endloser Verhandlungen,
                                                                                                                           die den Machthabern in Teheran Gele-
                                                                                                                           genheit geben würden, weiter an der
                                                                                                                           Bombe zu bauen.
                                                                                                                              Die Treffen der vergangenen Jahre ge-
                                                                                                                           ben in der Tat kaum Anlass zu Optimis-
                                                                                                                           mus. Seitdem die Internationale Atom-




                                                                                             REX FEATURES / ACTION PRESS
                                                                                                                           energiebehörde 2003 erstmals bis dahin
                                                                                                                           verheimlichte Atomanlagen betreten
                                                                                                                           durfte, fühlten sich besonders Europäer
                                                                                                                           und Amerikaner immer wieder von Te-
                                                                                                                           heran an der Nase herumgeführt.
                                                                                                                              So revidierte Iran einen im November
Gesprächspartner Netanjahu, Obama*: „Wir brauchen greifbare Fortschritte“                                                  2004 verkündeten Stopp der Urananrei-
                                                                                                                           cherung bereits ein knappes Jahr später.
lich zu unterstützen, wenn es den Atom-        israelischen Militärschlag wäre Deutsch-                                    Auch das Angebot der EU, das Land beim
kurs aufgibt. Die Europäer wollen dann         land besonders betroffen.                                                   Beitritt zur Welthandelsorganisation zu
auch beim Kampf gegen das gewaltige               Kein anderer europäischer Staat hat                                      unterstützen, lehnte Teheran ab. Als die
Drogenproblem im Land helfen.                  sich so eindeutig an die Seite Israels ge-                                  USA, Russland und Frankreich im Okto-
   Ashton und ihre Ansprechpartner in          stellt wie Deutschland. „Die Sicherheit                                     ber 2009 dem Regime anboten, Uran für
den europäischen Hauptstädten hoffen,          Israels ist für mich als deutsche Bundes-                                   die zivile Kernkraftnutzung im Ausland
dass die Iraner dieses Mal ernsthaft ver-      kanzlerin niemals verhandelbar“, hat An-                                    anzureichern, wies Iran die Offerte zu-
handeln wollen. Sie weisen darauf hin,         gela Merkel 2008 vor der israelischen                                       rück. Anfang vergangenen Jahres brach
dass Teheran seine Bereitschaft zu den Ge-     Knesset bekannt, „und wenn das so ist,                                      Ashton die Gespräche ab, weil Teheran
sprächen schriftlich bekundet hat, obwohl      dann dürfen das in der Stunde der Be-                                       ganz offen auf Zeit spielte und nicht ernst-
sich die Kontaktgruppe schon mit einer         währung keine leeren Worte bleiben.“                                        haft verhandeln wollte.
mündlichen Zusage zufriedengegeben hät-           Im Auswärtigen Amt war man nicht                                            Offen ist auch, ob die Sanktionen das
te. Zudem hätten die Iraner zum ersten         glücklich über die Formulierung. Das er-                                    Regime wirklich gefügiger machen. In der
Mal ihre Bereitschaft erklärt, über alle As-   innere an das Versprechen der „uneinge-                                     Bundesregierung fürchten manche, dass
pekte des iranischen Atomprogramms zu          schränkten Solidarität“, das Bundeskanz-                                    auch das Gegenteil eintreten könnte. Der
verhandeln, heißt es in Ashtons Umfeld.        ler Gerhard Schröder den USA nach den                                       starke Druck von außen könnte die ver-
Das sei ein bedeutender Fortschritt.           Terroranschlägen vom 11. September 2001                                     schiedenen Fraktionen in der Führungs-
   Im Westen ist man davon überzeugt,                                                                                      elite des Landes zusammenschweißen.
dass die jüngsten Sanktionen den Druck                                                                                     Und weil auch weite Teile der Bevölke-
auf das Regime in Teheran gewaltig er-         Niemand im Westen                                                           rung die wirtschaftlichen Folgen der Sank-
höht haben. Die Sanktionen hätten Iran         durchschaut die                                                             tionen spüren, ist es denkbar, dass die ira-
an den Verhandlungstisch zurückge-                                                                                         nische Regierung von der Solidarisierung
bracht. Niemand möchte zugeben, dass           wirklichen Machtverhält-                                                    gegen den Westen profitiert.
für die scheinbare Konzilianz Teherans                                                                                        Die Verhandlungen werden zusätzlich
womöglich eher die Kriegsdrohungen             nisse in Teheran.                                                           erschwert, weil niemand im Westen die
Israels verantwortlich sind.                                                                                               wirklichen Machtverhältnisse in Teheran
   Doch eines stimmt: Das europäische          gegeben habe, hieß es. Damit habe Mer-                                      durchschaut. Gibt es überhaupt eine Frak-
Ölembargo wird Iran schwer treffen. Das        kel den Israelis weitgehend freie Hand                                      tion, die gegen entsprechende Gegen-
Land ist der drittgrößte Exporteur der Welt,   eingeräumt, klagt ein Spitzendiplomat.                                      leistungen auf die Bombe verzichten wür-
50 Prozent seiner Staatseinnahmen stam-        Allerdings sei klar, dass man am Ende in                                    de? „Es ist ein bisschen wie früher die
men aus dem Ölgeschäft. Die EU schätzt,        einem solchen Konflikt nicht neutral blei-                                  Kremlologie“, sagt ein hoher Berliner Re-
dass Teheran durch das Embargo ein Vier-       ben könne.                                                                  gierungsbeamter.
tel seiner Einnahmen verlieren wird.              Es war vor allem Merkels Büroleiterin                                       Dennoch gibt es aus europäischer Sicht
   Benzin hat sich bereits jetzt exorbitant    Beate Baumann, die auf das starke Be-                                       keine Alternative zu den Gesprächen.
verteuert, der iranische Rial befindet sich    kenntnis zu Israels Sicherheit in der Knes-                                 „Diese Verhandlungen sind die allerletzte
im freien Fall. Und weil Europa und die        set gedrängt hatte. Damit wäre Deutsch-                                     Chance“, sagt der luxemburgische Au-
USA die Konten der iranischen National-        land im Falle eines Krieges automatisch                                     ßenminister Jean Asselborn. „Wenn sie
bank eingefroren haben, ist auch der Fi-       in der Pflicht, stärker als andere europäi-                                 scheitern, ist ein israelischer Militärschlag
nanzverkehr des Landes massiv einge-           sche Staaten. „Wenn die Israelis von uns                                    so gut wie sicher. Das müssen wir um
schränkt.                                      bei einem iranischen Angriff Abwehr-                                        jeden Preis verhindern.“ Um jeden Preis,
   Doch sind die Iraner kompromissbe-          raketen haben wollen, dann werden wir                                       das heißt für Asselborn: „Selbst wenn
reit? In Berlin gibt man sich verhalten op-    sofort liefern“, heißt es in der Bundesre-                                  wir inhaltlich nicht vorankommen, müs-
timistisch. Zweckoptimistisch. Von einem       gierung. Und möglicherweise bliebe es                                       sen wir die Verhandlungen am Laufen
Scheitern der Gespräche und einem              nicht bei Abwehrraketen. Kein Wunder,                                       halten.“
                                               dass Berlin seine ganzen Hoffnungen nun                                        JULIANE VON MITTELSTAEDT, RALF NEUKIRCH,
* Am vergangenen Montag in Washington.         auf die Verhandlungen setzt.                                                                          CHRISTOPH SCHULT

22                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
JOCK FISTICK
Europapolitiker Oettinger: „Wir müssen die Gartenzaunmentalität abbauen“

                                                                                                    SPIEGEL: Wie sicher sind die europäischen
                                     SPI EGEL-GESPRÄCH                                              Atomkraftwerke?
                                                                                                    Oettinger: Noch vor der Sommerpause


                 „Stresstest für alle“                                                              werden wir unseren umfassenden Ab-
                                                                                                    schlussbericht vorlegen und so für Trans-
                                                                                                    parenz sorgen. Zuerst haben wir die Be-
                                                                                                    treiber der Kernkraftwerke in die Pflicht
       EU-Energiekommissar Günther Oettinger, 58, über seine                                        genommen. Dann haben die nationalen
               Kritik an der deutschen Energiewende                                                 Behörden Prüfungen vorgenommen.
                                                                                                    Jetzt prüfen zum ersten Mal unsere euro-
          und die Sicherheit europäischer Atomkraftwerke                                            päischen Teams. Dass Kollegen aus dem
                                                                                                    Ausland deutsche oder französische Kern-
SPIEGEL: Herr Kommissar, hat sich                     SPIEGEL: Das Problem dürfte sich noch ver-    kraftwerke inspizieren, gab es noch nie.
Deutschland mit seiner abrupten Energie-              schärfen, wenn bis Ende 2022 die restli-      SPIEGEL: Luxemburg, Rheinland-Pfalz und
wende in Europa isoliert?                             chen Meiler abgeschaltet werden.              das Saarland haben vergangene Woche
Oettinger: Über den Energiemix darf zwar              Oettinger: Bislang wurden acht Kernkraft-     die sofortige Abschaltung des französi-
jedes Mitgliedsland allein entscheiden,               werke älterer Bauart mit einer geringeren     schen Kernkraftwerks Cattenom gefor-
aber viele Partner sind besorgt, wenn ein             Leistung abgeschaltet. Die eigentliche        dert, weil das Kraftwerk ein enormes
großes Land wie Deutschland so eine                   Herausforderung ist die Stilllegung der       Risikopotential berge.
Kehrtwende ohne Konsultationen hin-                   neun größeren Kraftwerke, die noch lau-       Oettinger: Ich werde mich zu einzelnen
legt. Und zur Wahrheit gehört, dass                   fen. Ich erwarte, dass sich die Bundesre-     Kernkraftwerken nicht vor unserem Ab-
Deutschland die Energiewende ohne                     gierung dabei eng mit der Europäischen        schlussbericht äußern. Sollten die Stress-
seine Nachbarn gar nicht vollziehen                   Union und den Nachbarstaaten abstimmt.        tests ergeben, dass ein Meiler nicht sicher
kann.                                                 Es darf keine Alleingänge geben.              ist, muss er nachgerüstet …
SPIEGEL: Warum?                                       SPIEGEL: Ein Jahr nach Fukushima haben        SPIEGEL: … oder ganz stillgelegt werden?
Oettinger: Die Energiewende ist nur mög-              die Europäer ganz unterschiedliche Leh-       Oettinger: Alles ist möglich.
lich, weil Deutschland mit den Nachbar-               ren aus der Atomkatastrophe gezogen.          SPIEGEL: Auch bei anderen Energiethemen
staaten vernetzt ist. Sie nehmen uns über-            Deutschland steigt aus der Atomenergie        geht die Bundesregierung auf Konfronta-
schüssigen Strom ab, wenn wir zu viel                 aus, unsere Nachbarn Polen und Frank-         tionskurs mit der EU. Wirtschaftsminister
produzieren, oder beliefern uns mit                   reich planen neue Atomkraftwerke. Wer         Philipp Rösler hat in den Verhandlungen
Strom, wenn es eng wird. So fließt der                gibt die richtigen Antworten?                 mit Umweltminister Norbert Röttgen
Windstrom aus Norddeutschland nicht                   Oettinger: Wir haben gemeinsam entschie-      durchgesetzt, dass Deutschland Ihre neue
direkt nach Süddeutschland, sondern                   den, dass wir alle 143 Atomkraftwerke in      Richtlinie zur Energieeffizienz kippen
sucht sich seinen Weg durch Polen und                 der EU einem Stresstest unterziehen und       soll. War das ein unfreundlicher Akt?
Tschechien, die aber nicht gefragt wor-               in einem zweiten Schritt überlegen, ob        Oettinger: Wir sind mitten in den Beratun-
den sind.                                             wir EU-weite Sicherheitsstandards für         gen für ein europäisches Gesetz, um eine
                                                      den Bau neuer Kernkraftwerke per EU-          effizientere Energienutzung europaweit
Das Gespräch führten die Redakteure Christoph Pauly   Gesetz vorschreiben. Das ist die richtige     durchzusetzen. 2020 sollen Einsparungen
und Christoph Schult.                                 Antwort.                                      von 20 Prozent erreicht werden. Ich bin
24                                                          D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Deutschland

mit der Position der deutschen Regierung
nicht zufrieden, aber nach der Einigung
zwischen den beiden Ministern ist
Deutschland zumindest verhandlungsfä-
hig. Nun können die Beratungen im EU-
Rat und mit dem EU-Parlament beginnen.
SPIEGEL: Sie wollten die Energiekonzerne
zwingen, ihren Energieabsatz um jährlich
1,5 Prozent zu senken. Das hält Rösler
für zu dirigistisch.
Oettinger: Wir haben zahlreiche Mitglied-
staaten, die das seit Jahren praktizieren.
Es funktioniert also im Markt und wird
von Verbrauchern und Energiewirtschaft
akzeptiert. Wir halten an unserem Ver-
handlungsziel fest. Deutschland ist zwar
ein großes Mitgliedsland, aber nicht das
Maß aller Dinge.
SPIEGEL: Was machen die Deutschen
falsch?
Oettinger: Sie setzen weiterhin stark auf
Freiwilligkeit. Das hat aber seit 2007 nicht
sonderlich viel gebracht. Wenn wir so
weitermachen wie bisher, schaffen wir ge-
rade einmal die Hälfte unseres Ziels –
nämlich 10 statt 20 Prozent höhere Ener-
gieeffizienz. Allein mit freiwilligen Zusa-
gen der Industrie und der Länder wird es
daher nicht gehen. Ich setze darauf, dass
es im EU-Rat eine Mehrheit für ehrgeizi-
ge und verbindliche Maßnahmen gibt.
Die dänische Ratspräsidentschaft hat die
Energiepolitik zu einem Schwerpunktthe-
ma gemacht. Ich bin zuversichtlich, dass
es zu einer Regelung kommt.
SPIEGEL: Rösler nennt das Brüsseler Vor-
haben Planwirtschaft.
Oettinger: Die Mitgliedstaaten der EU ha-
ben sich in der Tat auf drei Ziele geeinigt.
Die CO2-Emissionen sollen um 20 Pro-
zent sinken. Aus erneuerbaren Energien
sollen 20 Prozent kommen, und wir wol-
len 20 Prozent mehr Energieeffizienz.
Wenn Sie ehrgeizige Ziele für die Ener-
giepolitik und die Umwelt erreichen wol-
len, hilft die reine Lehre der Marktwirt-
schaft nicht. Natürlich würde eine deutli-
che Verteuerung der Energie helfen. Aber
das ist sozial ungerecht und würde die
Deindustrialisierung beschleunigen.
SPIEGEL: Auch der Bundeswirtschaftsmi-
nister will der Industrie helfen.
Oettinger: Wir haben in Europa verbindli-
che Vorgaben für den Ausstoß von CO2.
Die deutschen Autobauer müssen hart
kämpfen, aber sie werden sie erreichen.
Damit haben wir der Umwelt geholfen
und geben gleichzeitig unseren Ingenieu-
ren einen Ansporn für Höchstleistungen.
Wenn das Ganze über Jahre hinaus mit
Planungssicherheit verbunden wird, pro-
fitiert auch die Wirtschaft. In öffentlichen
und privaten Gebäuden gibt es ein riesi-
ges Potential für Energieeinsparungen.
Wenn in Schulen, Kindergärten oder Ka-
sernen pro Jahr drei Prozent der beste-
henden Gebäudeflächen energieeffizient
saniert würden, hätten wir in 30 Jahren
alle Gebäude saniert. Das gilt einigen
  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2   25
schon als zu ehrgeizig, aber ich halte das SPIEGEL: Wer soll das bezahlen?               Oettinger: Weil wir bislang weitgehend re-
für zumutbar.                               Oettinger: Zum einen können wir den gionale Netze haben. Maximal 150 Kilo-
SPIEGEL: Mit wie viel Geld wollen Sie die Griechen anbieten, dass sie EU-Program- meter, am einen Ende das Kraftwerk, am
Energiesparmaßnahmen unterstützen?          me zur Co-Finanzierung dafür abrufen. anderen der Verbraucher. Schon in
Oettinger: Wir schlagen vor, dass in Zu- Zum zweiten können wir mittelfristig un- Deutschland existieren vier Übertra-
kunft die europäischen Struktur- und Re- sere Fördermöglichkeiten einsetzen, um gungsnetze, aber keine gesamtdeutsche
gionalförderprogramme schwerpunktmä- Griechenland schneller mit den Mitglied- Netzstrategie. Nehmen Sie Tennet, den
ßig diesem Zweck dienen sollen. So wer- staaten zu vernetzen. Zum dritten kön- Betreiber der alten Netze von Viag, Preus-
den in den kommenden Jahren viele Mil- nen wir prüfen, ob sich Länder bei der sen-Elektra und Veba. Tennet ist ein nie-
liarden Euro abrufbar.                      Vorgabe, wie viel Prozent erneuerbare derländisches Staatsunternehmen. Um in
SPIEGEL: Nervt es Sie, dass Sie immer mit Energien sie aufbauen müssen, auch In- Deutschland zu investieren, benötigt Ten-
zwei Ministern in Deutschland verhan- vestitionen in anderen Mitgliedstaaten net eine Kapitalerhöhung. Es wird nicht
deln müssen?                                anrechnen lassen können. Und die Bun- ganz einfach sein, im holländischen Par-
Oettinger: Aus eigener Erfahrung weiß ich, desregierung sollte das Erneuerbare- lament eine Kapitalerhöhung zu bewilli-
dass Neuzuschnitte von Ressorts in der Energien-Gesetz öffnen.                           gen, damit in Deutschland das Netz aus-
Amtsperiode einer Regierung schlecht zu SPIEGEL: Deutsche Stromkunden sollen So- gebaut wird. Da bin ich mal auf die Wort-
machen sind. Aber ich empfehle Bund laranlagen in Griechenland finanzieren? meldung von Herrn Wilders gespannt …
und Ländern, nach den nächs-                                                                          SPIEGEL: … des populistischen
ten Wahlen die Energiezu-                                                                             EU-Skeptikers, auf dessen
ständigkeit in einem eigenen                                                                          Unterstützung die Minder-
Ministerium zu bündeln.                                                                               heitsregierung in Den Haag
SPIEGEL: Die Solarenergie                                                                             angewiesen ist.
wird von deutschen Strom-                                                                             Oettinger: Es gibt auch nicht
kunden mit Milliarden sub-                                                                            genug Investitionssicherheit.
ventioniert. Nun sollen die                                                                           Eigentlich wäre der Energie-
Subventionen um bis zu 30                                                                             sektor eine ideale Geldan-
Prozent fallen. Wird das den                                                                          lage für Lebensversicherer,




                                                                                                     KIMIMASA MAYAMA / AP / DDP IMAGES
Anstieg der Strompreise ein-                                                                          doch dazu brauchen wir eine
dämmen?                                                                                               gesamteuropäische Planung.
Oettinger: Zumindest ist da-                                                                          Ein Beispiel: Es ist nicht klug,
durch ein Sprengsatz im deut-                                                                         in der Nordsee jeden Wind-
schen Erneuerbare-Energien-                                                                           park mit dem Land zu ver-
Gesetz entschärft worden.                                                                             binden, aus dem die jeweilige
Das Ziel, die Umlage bei 3,5                                                                          Investition kommt. Wir
Cent zu stabilisieren, ist da-                                                                        brauchten einen Nordseering,
durch etwas wahrscheinlicher                                                                          der mit allen Anrainern ab-
geworden.                                                                                             gestimmt ist und auch die ge-
SPIEGEL: Ein Lob klingt anders.                                                                       planten Off-Shore-Kraftwer-
Oettinger: Wir haben im Ener-                                                                         ke einbezieht.
giesektor einen Weltmarkt-                                                                            SPIEGEL: Der Ölpreis steigt im-
preis für Öl, für Gas und für                                                                         mer weiter an. Wie gut ist die
Kohle. Der deutsche Strom-                                                                            EU vorbereitet, wenn dem-
preis ist dagegen zu 48 Pro-                                                                          nächst Iran als Öllieferant
zent von der Politik getrieben                                                                        völlig ausfällt?
und gehört zu den höchsten                                                                            Oettinger: Die EU-Staaten
                                                                                                     WESTEND61 / VARIO IMAGES




in Europa. Das kann zur so-                                                                           sind unterschiedlich stark
zialen Spaltung der Gesell-                                                                           auf Ölimporte angewiesen.
schaft führen und hat bereits                                                                         Irland und Dänemark gar
einen Prozess der Deindu-                                                                             nicht, Griechenland zu rund
strialisierung eingeleitet. Ich                                                                       40 Prozent. Die Fachleute
rate der deutschen Politik da-                                                                        sind zuversichtlich, dass an-
her dringend, alles dafür zu Atomunfall in Japan, griechische Solaranlagen: „Partner sind besorgt“ dere Exportstaaten wie Sau-
tun, damit der Strompreis                                                                             di-Arabien willens und in
nicht weiter steigt. Wir müssen die För- Oettinger: Wenn die Solarproduktion so der Lage sind, Iran als Öllieferanten zu
derung europaweit koordinieren und die langfristig kosteneffizienter wird, dann ersetzen.
Gartenzaunmentalität abbauen.               ja. In anderen Ländern kommen andere SPIEGEL: Sie haben bereits angekündigt,
SPIEGEL: Wie soll das funktionieren?        Argumente hinzu: Luxemburg hat zum dass Sie gern in die Privatwirtschaft wech-
Oettinger: Mittwoch vor einer Woche hat- Beispiel Vorgaben, die es als kleines Land seln würden, wenn 2014 Ihre Amtszeit
ten wir in der Kommission den grie- nicht erreichen kann. Oder nehmen Sie ausläuft. Stellen Sie sich bereits darauf
chischen Premierminister Papademos zu Malta. Dort wird bislang überhaupt kein ein, dass dann eine Große Koalition in
Besuch. Er hat uns geschildert, welche Ökostrom produziert. In Valletta wollen Berlin regiert, die einen anderen deut-
wichtige Rolle das Thema Energie für die die Malteser wegen ihres historischen schen Kommissar entsenden würde?
wirtschaftliche Stabilisierung seines Lan- Stadtbilds keine schwarzen Photovoltaik- Oettinger: Mein Mandat geht bis 2014, und
des spielt. Die Griechen sind derzeit stark platten auf ihren Dächern.                   darauf stelle ich mich ein. Ich bin dann
von Öl abhängig. Wir sollten dort alte SPIEGEL: Der Stromaustausch zwischen noch zu jung, um in den Ruhestand zu
Ölkraftwerke abschalten und die Solar- den Ländern im Süden und im Norden gehen. Dann ist auch eine Aufgabe au-
energie aufbauen. Das würde Arbeitsplät- funktioniert nicht richtig. Warum küm- ßerhalb der Politik eine Option.
ze schaffen und dem Staat eine verläss- mern sich die europäischen Behörden SPIEGEL: Herr Kommissar, wir danken Ih-
liche Einnahmequelle erschließen.           nicht um dieses Problem?                     nen für dieses Gespräch.
26                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Deutschland

             REGIERUNG



        Aufstand
       der Frauen
Das Nein der FDP zur Quote stiftet
 Unfrieden in der Koalition. Die
Kanzlerin will mit dem Thema zur
   Not auch in den Wahlkampf
  ziehen – gegen die Liberalen.


N
         iederlage? Nein, von einer Nieder-
         lage will sie nicht sprechen, Nie-
         derlagen kommen nicht vor im Le-
ben der Ursula von der Leyen, schon gar
nicht am diesjährigen 8. März, dem Welt-




                                                                                         TIMUR EMEK / DAPD
frauentag. In den Zeitungen steht, dass




                                                                                                                                  DAVIDS / DARMER
sich die schwarz-gelbe Koalition endgültig
von dem Ziel verabschiedet, eine gesetz-
liche Quote für Frauen in Unternehmen
zu fixieren, aber die Arbeitsministerin Kontrahentinnen Schröder, von der Leyen: „Das Thema ist nicht mehr wegzubekommen“
mag sich von solch trüben Schlagzeilen
nicht die Laune verderben lassen.           fraktion, Michael Grosse-Brömer, das The- setz über die Präimplantationsdiagnostik.
   Sie sitzt in ihrem Büro und unterzeich- ma Quote zu beerdigen. Die Fraktion ste- Im Moment deutet nichts darauf hin, dass
net noch schnell eine Urkunde, mit der he doch mit großer Mehrheit dagegen, rief der FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle
sie eine Mitarbeiterin zur Beamtin auf Le- er in die Runde. Doch der Abgeordnete und sein Unionskollege Volker Kauder
benszeit befördert. Von der Leyen vergisst Marco Wanderwitz warf ein, es gebe auch die Quote zur Gewissensfrage erklären.
nicht zu erwähnen, dass die Frau Kinder jede Menge Männer, die eine Quote für            Merkels Leute denken deshalb über ein
habe, schon wieder so ein Beispiel, dass richtig hielten. Wanderwitz hat inzwi- anderes Szenario nach. Die Frauen in den
beides geht, Familie und Karriere. Ist die schen die „Berliner Erklärung“ unterzeich- Fraktionen von CDU, CSU und FDP ver-
Quote tot? Nein, sagt von der Leyen. Si- net, die eine Quote von 30 Prozent für bünden sich und erhöhen so den Druck
cherlich, die Nachrichten des Tages seien Frauen in Aufsichtsräten von mitbestim- auf die Führung. Am Ende, so die Hoff-
ein Dämpfer. Aber: „Das Thema ist nicht mungspflichtigen Dax-Unternehmen for- nung, kann sich FDP-Chef Rösler dem
mehr wegzubekommen“ (siehe Seite 150). dert. Zu den Erstunterzeichnerinnen der Drängen der Frauen nicht mehr verwei-
   Tatsächlich will sich die Union nicht Erklärung gehört das Spitzenpersonal fast gern. Allerdings gleicht der Plan einem
mit dem Veto der FDP gegen die Quote aller Bundestagsparteien: SPD-General- Luftschloss, denn in der FDP-Fraktion
abfinden. Der Ärger über die Liberalen sekretärin Andrea Nahles, von der Leyen, kann man die Freunde einer Frauenquote
ist groß, Parteichef Philipp Rösler wollte Linke-Parteichefin Gesine Lötzsch, Renate an einer Hand abzählen. Die FDP habe
nicht einmal die sogenannte Flexi-Quote Künast, die Vorsitzende der Grünen-Bun- das Thema Quote immer noch nicht ver-
von Familienministerin Kristina Schröder destagsfraktion.                             standen, klagt Doris Buchholz, die Bun-
(CDU) akzeptieren, die bloß eine gesetz-       Schon bald wollen die Initiatorinnen desvorsitzende der Liberalen Frauen.
lich fixierte Selbstverpflichtung der Un- der Berliner Erklärung bei der Kanzlerin       Merkel blickt deshalb auf die Bundes-
ternehmen war und damit ein Vorschlag vorstellig werden. Intern denken von der tagswahl 2013. Die Kanzlerin hat schon
zur Güte. Auch Angela Merkel ist sauer: Leyen sowie etliche Frauen in der Unions- signalisiert, dass die Quote Teil des Pro-
Wenn die Kanzlerin die Quote in dieser fraktion darüber nach, den Schwung der gramms sein soll, mit dem die CDU das
Legislaturperiode nicht mehr durchsetzen Erklärung zu nutzen, um im Parlament Wahljahr bestreiten will. „Spätestens im
kann, will sie mit dem Thema Wahlkampf eine Mehrheit für die Quote zu organi- Wahlprogramm muss die Quote veran-
machen – zur Not auch gegen die FDP.        sieren. „Als Ultima Ratio halte ich einen kert werden“, sagt Maria Böhmer, Vorsit-
   Noch aber denken die Frauen in der Gruppenantrag für denkbar“, sagt Rita zende der Frauen Union.
Unionsfraktion darüber nach, wie sie vor Pawelski (CDU), die Vorsitzende der             Zwar bremste Merkel von der Leyen,
2013 eine Lösung finden. Die radikale Va- Gruppe der Unionsfrauen im Bundestag. als diese im Januar 2011 starre Vorschriften
riante wäre ein fraktionsübergreifender Ähnlich argumentiert die stellvertretende für Frauen in Führungspositionen verlangt
Gruppenantrag im Bundestag. Das klingt CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär: hatte. Aber das machte sie aus Rücksicht
technisch, würde aber bedeuten, dass sich „Die Selbstverpflichtungen haben nichts auf die FDP und den Koalitionsfrieden.
die Quotenbefürworter aus allen Parteien gebracht. Ich sehe keine Lösung mehr, Inzwischen, so heißt es im Kanzleramt,
zusammenfänden und ein Gesetz auf den die ohne Gesetz auskommt.“                      sei auch Merkel überzeugt, dass sich ohne
Weg brächten. Dass auf diesem Weg eine         Der Gruppenantrag hat allerdings ei- Druck nichts bewege. Von der Leyen hört
Mehrheit zustande käme, ist wahrschein- nen Haken: Er könnte leicht zum Bruch es gern. Beim Kampf um die Quote sei
lich, denn SPD, Grüne und Linkspartei der schwarz-gelben Koalition führen. sie zwar „unverzichtbar“, sagt sie ganz
sind längst für eine Quote, und auch in Denn in der Regel dürfen die Abgeord- ohne falsche Bescheidenheit in ihrem
den Reihen der Union wächst die Zahl der neten nur dann frei abstimmen, wenn es Büro. Aber ohne Verbündete gehe es
Unterstützer, selbst bei den Männern.       die Führung erlaubt, und das kommt äu- dann eben doch nicht.
   In der Arbeitsgruppe Recht versuchte ßerst selten vor. Die Novelle des Paragra-                  ULRIKE DEMMER, PETER MÜLLER,
vergangene Woche der Justitiar der Unions- fen 218 war so ein Beispiel oder das Ge-                              MERLIND THEILE

                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                       27
Deutschland




                                                                                                                                       MAJA HITIJ / DAPD
                                                                                                                                       FRANK OSSENBRINK
                                                               THOMAS GRABKA




Berliner Christsoziale Friedrich, Aigner, Ramsauer, Hasselfeldt: Rote Linien entpuppen sich als Wanderdünen

                                                                                               ne Stimme gibt, wählt daher auch ein klei-
                                          CSU                                                  nes Stück Macht in Berlin, entscheidet
                                                                                               sich für ein wenig mehr Bayern in der

                 Die mickrigen Vier                                                            Hauptstadt.
                                                                                                  Bundesweit kommt die CSU zwar nur
                                                                                               auf 6,5 Prozent der Stimmen, doch wer
                                                                                               in Berlin 100 Prozent Aufmerksamkeit
       Im Kampf um die Macht in Bayern braucht Horst Seehofer                                  erzielt, wird dafür in Bayern meist auch
            eine starke CSU in Berlin. Doch in der Hauptstadt                                  mit Stimmen belohnt.
                                                                                                  Doch dafür müsste man in der Haupt-
     verliert die Partei an Einfluss. Das liegt vor allem am Personal.                         stadt auffallen. Gerda Hasselfeldt aller-
                                                                                               dings denkt anders. Die CSU-Landesgrup-


W
           enn Horst Seehofer in der Öf-       kürzlich in kleiner Runde. Zwei, drei           penchefin glaubt daran, dass sie die Poli-
          fentlichkeit über die Berliner       Leuchtfeuer müsse die CSU in Berlin             tik Angela Merkels auch ohne schrille
          CSU-Vertreter redet, dann lobt       schon zünden.                                   Überschriften beeinflussen kann. Seit
er sie meist. Manchmal noch mehr als              Doch das ist nicht so einfach. Seehofer      einem Jahr ist Hasselfeldt nun schon im
sich selbst. Als Speerspitze der Partei in     muss mit dem Personal arbeiten, das in          Amt, und kein einziges Mal ist es ihr in
der Hauptstadt gilt dem CSU-Chef seine         Berlin sitzt. Üblicherweise ist die Haupt-      dieser Zeit gelungen, eine politische
Ministerriege dann. Als eingeschworene         stadt der Ort, an dem bayerische Landes-        Nachricht von Gewicht zu produzieren.
Truppe eben, die Bayerns Fahne in Berlin       politiker Kontur gewinnen. Doch den             Findet nicht nur Seehofer.
hochhält.                                      mickrigen vier gelingt das nicht. Der Ein-         Vor zwei Wochen hätte sie immerhin
   Im kleinen Kreis dagegen ist von Lob        fluss der CSU schrumpft in Berlin. Das          die Chance zu einer Schlagzeile gehabt.
keine Rede mehr. Die Minister Ilse Aigner,     ist keine gute Nachricht für eine Partei,       CSU-Innenminister Friedrich hatte dafür
Hans-Peter Friedrich und Peter Ramsauer        die im kommenden Jahr in Bayern ihre            plädiert, die Griechen sollten aus dem
schrumpfen da zu politischen Zwergen zu-       Macht verteidigen muss. Und möglichst           Euro austreten (SPIEGEL 9/2012). Die
sammen, die in den Augen des Chefs vor         die absolute Mehrheit zurückgewinnen            kargen Sätze sorgten für Entsetzen in der
allem eines sind: zu blass. Bleibt noch Ger-   will.                                           Koalition, in der CSU allerdings wirkten
da Hasselfeldt, die CSU-Landesgruppen-            Im Gegensatz zu allen anderen Partei-        sie wie ein Akt der Befreiung.
chefin. Da fällt selbst Seehofer lange         en in Bayern regiert die CSU als eigen-            Beim weiß-blauen Stammtisch, dem
nichts ein. „Welcher Wähler verbindet mit      ständige Kraft auch in Berlin mit. Wer          wöchentlichen Treff der Hauptstadtjour-
diesen Namen ein Thema?“, seufzte er           der CSU in Garmisch oder Wunsiedel sei-         nalisten mit der Landesgruppenchefin,
28                                                   D E R   S P I E G E L     1 1 / 2 0 1 2
Dabei brauchte die CSU in Berlin in        einer der Berliner auf Platz eins der Liste
                                                                                     diesen Tagen nichts dringender als einen      für den Bundestag. So war es 2009, als
                                                                                     Tätigkeitsnachweis. Beim wichtigsten          Seehofer gerade zum Ministerpräsidenten
                                                                                     Thema, der Euro-Rettung, verschwindet         gewählt worden war und Ramsauer Spit-
                                                                                     die Partei im Schatten einer übermächti-      zenkandidat bei der Bundestagswahl wur-
                                                                                     gen Kanzlerin. Bei den Verhandlungen          de. Doch jetzt steht für die CSU so viel
                                                                                     in Brüssel sitzt die CSU nicht mit am         auf dem Spiel, dass sie sich auf die Aus-
                                                                                     Tisch. Rote Linien, die die Christsozialen    strahlung der Berliner allein lieber nicht
                                                                                     bei der Euro-Rettung festsetzen, entpupp-     verlassen will.
                                                                                     ten sich als Wanderdünen, wie der Euro-          Im Franz-Josef-Strauß-Haus, der
                                                                                     Kritiker Peter Gauweiler ätzt.                Münchner Parteizentrale, reift deshalb
                                                                                        Auch jenseits von Krise und Euro ist       die Idee, die Wahlkämpfe für die Land-
                                                                                     eine Handschrift der Christsozialen bei       tags- und Bundestagswahl zu verbinden.
                                                                                     der Regierungspolitik nur schwer zu er-       Wahrscheinlich liegen die Termine ohne-
                                                                                     kennen. Steuersenkungen, die Beseiti-         hin eng zusammen. Die Werbung für die
                                                                                     gung der kalten Progression, für die die      Christsozialen könnte so in beiden Fällen
                                                                                     Christsozialen ähnlich vehement wie die       ganz auf Seehofer zugeschnitten werden.
                                                                                     FDP gefochten haben, stecken im Bun-             Für Gerda Hasselfeldt ist die Kandida-
                                                                                     desrat fest. Und das Betreuungsgeld für       tur eine typische Journalistenfrage. Jetzt,
                                                                                     Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen,    anderthalb Jahre vor der Wahl. In ihrem
                                                                                     ist selbst in den eigenen Reihen um-          Büro hängt eine handgeschnitzte Madon-
                                                                                     kämpft.                                       na über dem Schreibtisch. Die gehörte
                                                                                        Ein Jahr nach dem Plagiatsrücktritt von    schon immer der Landesgruppe. Sonst
                                                                                     Karl-Theodor zu Guttenberg fehlt der Mi-      aber hat Hasselfeldt mit der Tradition
                                                                                     nisterriege der Christsozialen der Glanz,     ihrer Vorgänger gründlich gebrochen. „Je-
                                                                                     um die inhaltliche Leere zu überdecken.       dem war bei meiner Wahl klar, dass ich
                                                                                     Die CSU-Ressortchefs leisten bestenfalls      keine Krawallmacherin bin“, sagt sie. Die
                                            MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL




                                                                                     solide Facharbeit, von Friedrichs Euro-       Polit-Folklore am weiß-blauen Stamm-
                                                                                     Attacke abgesehen, bleiben sie blass.         tisch, Veranstaltungen, in denen vor
                                                                                        Ilse Aigner, die Verbraucherschutzmi-      allem Wind gemacht wird, all das ist ihr
                                                                                     nisterin, fällt vor allem durch ihren wir-    zuwider. Doch wo ist sonst die Hand-
                                                                                     kungslosen Kampf gegen Facebook auf.          schrift der CSU erkennbar?
                                                                                     Seehofer hat zudem nicht vergessen, dass         Hasselfeldt zögert, nennt das Betreu-
                                                                                     sie die Personalspekulationen über die        ungsgeld und dann die Solarförderung.
                                                                                     Nachfolge des zurückgetretenen bayeri-        Da hat die CSU erreicht, dass der Stichtag
                                                                                     schen Finanzministers Georg Fahren-           für die Kappung der Subventionen ver-
                                                                                     schon befeuerte, indem sie sich ungefragt     schoben wird. Ein kleiner Sieg, doch weil
                                                                                     selbst ins Gespräch brachte.                  Hasselfeldt ihn nicht groß herausstreicht,
wurde Hasselfeldt anschließend gefragt,                                                 Und Peter Ramsauer helfen nicht ein-       bekommt ihn keiner mit.
was sie von Friedrichs Äußerungen halte.                                             mal die Millionen, die er aus dem Ver-           Stattdessen hat sich die Christsoziale
Frauen in gestärkten Schürzen trugen                                                 kehrsetat verteilen kann, um populär zu       auf ein gewagtes Experiment eingelassen.
dampfende Kessel mit Weißwürsten auf,                                                werden. Auf dem letzten Parteitag wurde       Nach dem Willen Seehofers sollte sie ein
Hasselfeldt rührte etwas Honig in den                                                er fast Opfer der Spontankandidatur des       Stück weit zum Gegenpart der Kanzlerin
Tee. Die Landesgruppenchefin war ver-                                                Parteirebellen Gauweiler um den Posten        werden. Doch Hasselfeldt suchte lieber
schnupft, das Auge tränte nach einer Ope-                                            des CSU-Vizes. Greift er Themen auf, die      Merkels Nähe und lobt die „professionel-
ration.                                                                              die Menschen in Bayern wirklich inter-        le Zusammenarbeit“. Ein guter Draht zur
  „Ich empfehle, ihn da selbst zu fragen“,                                           essieren, dann hat ihn oft Seehofer dazu      Kanzlerin ist in der Hauptstadt ein wert-
sagte sie.                                                                           gezwungen. So wie bei der Forderung,          volles Gut, aber gilt das auch für Has-
   Hasselfeldt ist lange genug im politi-                                            eine Pkw-Maut einzuführen.                    selfeldt? Teilnehmer berichten, die CSU-
schen Geschäft, um zu wissen, dass es                                                   Bleibt der glücklose Innenminister, der    Statthalterin habe beim letzten Koali-
ihre Aufgabe gewesen wäre, den Kurs der                                              sich um seinen Job ohnehin nicht gerissen     tionsausschuss kein einziges Mal den
Kanzlerin zu attackieren. So wie es See-                                             hat. Dabei könnte man mit dem Thema           Mund aufgemacht.
hofer an ihrer Stelle sicherlich getan hätte.                                        innere Sicherheit perfekt die konservati-        Die legendäre Geschlossenheit der
Im Gegensatz zu Ministern ist sie nicht                                              ven Truppen an sich binden. Friedrich         CSU ist so dahin. Berlin und München
der Kabinettsdisziplin unterworfen. Sie                                              aber musste von seinem Parteichef nach        wursteln unabhängig voneinander vor
kann die Meinung weiter Teile der CSU                                                dem Guttenberg-Rücktritt fast genötigt        sich hin, eine gemeinsame Strategie gibt
äußern, auch wenn es Merkel nicht passt.                                             werden, vom Landesgruppenvorsitz an           es nicht. Ob die CSU die Unionslinie ver-
   Ein Journalist fragte nach. Ob Fried-                                             die Spitze des Innenministeriums zu           tritt oder brachial für bayerische Inter-
richs Äußerung am Wochenende vor der                                                 wechseln. „Du musst es jetzt machen“,         essen eintritt, bleibt so meist dem Zufall
Abstimmung über das Griechenland-                                                    bestimmte Seehofer. Seitdem fremdelt          überlassen.
Paket denn geschickt gewesen sei: „Sie                                               Friedrich mit dem Amt, obwohl der                Sehr zum Missfallen Seehofers. Wie er
haben doch auch eine eigene Meinung!“                                                rechtsextreme Terror und die Integra-         die Lage einschätzt, bekamen seine Ber-
  „Ob ich das geschickt finde?“, antwor-                                             tionsproblematik von Muslimen genü-           liner kürzlich im Parteivorstand zu spü-
tete Hasselfeldt, „auch das will ich nicht                                           gend Betätigungsfelder bieten würden.         ren. „Es geht um Bayern“, mahnte See-
bewerten.“                                                                              Zu allem Überdruss ist eine zentrale       hofer da immer wieder. „Ihr Berliner seid
   Die Journalisten der Nachrichtenagen-                                             Frage bislang nicht beantwortet: Wer wird     dazu da, in Berlin bayerische Interessen
turen hatten ihre Laptops aufgeklappt                                                die CSU in die Bundestagswahl 2013 füh-       zu vertreten, und nicht dazu, uns in Mün-
und warteten hungrig auf Nachrichten.                                                ren? Da der CSU-Chef als Ministerprä-         chen Berlin zu erklären.“
Doch Hasselfeldt weigerte sich zu liefern.                                           sident in Bayern antritt, muss eigentlich                                  PETER MÜLLER

                                                                                           D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                           29
Deutschland


                                                                                             KARRI EREN




                  Deutschland auf der Couch
  Der künftige Präsident Joachim Gauck blickt auf ein bewegtes Leben zurück und hat sich
   intensiv mit den eigenen Schwächen beschäftigt. Nun will er ein ganzes Volk an seinen
  Erfahrungen teilhaben lassen – und ihm die Ängste nehmen. Von Markus Feldenkirchen


D
         er Morgen beginnt mit einem
         klassischen Freiheitsproblem. Joa-
         chim Gauck läuft ein weiteres Mal
das Frühstücksbuffet des Hotel Andel’s
in Lódź entlang, 15 Meter hin, 15 zurück,
den Kopf über Lachs, Speck, Forelle ge-
beugt, über Cabanossi, Muffins, Müsli, Ei-
ersalat, das volle Programm moderner
Frühstückskultur, den heillosen Überfluss.
Gauck schüttelt den Kopf.
   So viele Optionen, so viele Entschei-
dungen, Müsli oder Muffin, Forelle oder
Wurst – ja, die Freiheit kann auch an-
strengend sein, man muss wissen, was
man will. Gauck weiß es.
   „Es fehlt die Marmelade“, murmelt er.
„Und Eier. Ganz normale Eier. Ich früh-
stücke am liebsten Eier und Marmelade.“
Es folgt ein weiterer prüfender Blick über
das Buffet. „Keine Marmelade da. Oder
haben Sie hier die Marmelade gesehen?“
Er schüttelt den Kopf. „Gibt’s doch nicht.“
   Er wendet sich vom Buffet ab und geht
auf eine Kellnerin zu. „Do you have
eggs?“, fragt Gauck. Er kennt den richti-
gen Umgang mit der Freiheit.
   Nach dem Frühstück dann rüber zur
Universität von Lódź, wo er eine Rede
hält, Thema „Freiheit – Verheißung und
permanente Herausforderung“, im An-
schluss ein Essen mit polnischen Freiheits-
                                               CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




kämpfern und am Abend, zurück im Ho-
tel, die Frage an der Bar, ob Angela Mer-
kel eigentlich recht hatte? Damit, dass er
nur dieses eine Thema habe, die Freiheit?
   Mit diesem Einwand hatte ihn die
Kanzlerin an jenem Sonntag, noch bevor
Gauck ungewaschen im Taxi saß, als Kan-                                        Kandidat Gauck: „Mir begegnen Tränen, die ich vorher nicht kannte“
didaten verhindern wollen. Das reiche
nicht für einen Bundespräsidenten, er-                                         Auf-den-Tisch-Hauen, eher ein gauck-          wird. Einen, der das Land fordern will, der
klärte sie dem CDU-Präsidium am Tele-                                          sches Hauen, sanft, reflektiert, dafür        mehr über die Befindlichkeit der Deut-
fon. „Eins ist klar: Gauck wird’s nicht.“                                      umso entschiedener. „Das würde in dem         schen zu wissen glaubt, über ihre Ängste
   „Ich kann gar nicht beurteilen, ob sie                                      Moment aufhören, wenn sie alle von Frei-      und Sehnsüchte, als die Deutschen selbst.
das so gesagt hat“, sagt Gauck an der Bar                                      heit reden und von Eigenverantwortung,        Einen, der Deutschland in seinen Reden
in Lódź und deutet in die Tiefen seines                                        dann würde ich die vernachlässigten The-      auf die Couch legen wird, der sich selbst
Cappuccinos. „Das wäre Kaffeesatzlese-                                         men nehmen. Aber die Sozialstaatsdebat-       schon zweimal einer Therapie unterzogen
rei.“ Er lächelt, natürlich weiß er, was ge-                                   te und die Gerechtigkeitsdebatte sind in      hat und dadurch noch selbstbewusster,
redet wurde. „Was soll ich sagen? Mein                                         Deutschland nicht unterversorgt.“             noch autonomer wurde, als er es vorher
Hauptthema ist nun mal die Freiheit. Das                                          An Joachim Gauck und seiner Trotzig-       schon war. Einen, der von sich behauptet,
ist so. Und wissen Sie was?“ Kurze Pause.                                      keit wird in Zukunft nicht nur Angela Mer-    dass er oft spüre, was in Menschen vorge-
„Das wird auch so bleiben. Das verspre-                                        kel ihre Freude haben. Die Bundesrepublik     he, noch bevor sie es selbst spürten.
che ich den lieben Deutschen mal.“                                             wird am Sonntag einen Präsidenten be-           Gauck sitzt auf der Bühne der Comö-
   Gauck schlägt mit der rechten Faust                                         kommen, der für die einen erfrischend an-     die Fürth und kündigt an, was er selbst
auf die Bartheke, es ist kein aggressives                                      ders, für die anderen eine Zumutung sein      gleich spüren werde. Er liest aus seiner
30                                                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Biografie, es ist die letzte Lesung vor und sie nicht zu verdrängen, sich dem studierte Medizin, heute arbeitet er als
Schloss Bellevue. Gleich müsse er ver- Leid, den Verletzungen, sich all dem Oberarzt in der Orthopädie.
mutlich wieder weinen, lautet die Ankün- Schmutz zu stellen, den das System der                Gaucks Sohn serviert Budweiser-Bier,
digung. „Dieses Kapitel hat mich viele Unfreiheit über sie gebracht hatte.                  Chipsletten und zeigt auf die Fotos unter
Tränen gekostet. Und es wird mir wieder       Als Gauck im Herbst 2000 die Behörde dem Glas des Sofatisches. Auf einem Bild
schwer werden, es zu lesen.“                verließ, deren Name sich längst mit sei- sieht man ihn als Baby auf dem Bauch
   Dann taucht er ein in jene Zeit, als er nem verschmolzen hatte, war er selbst seines Vaters, auf dem nächsten im Kreis
Pfarrer in Rostock war, in den Dezember nicht mehr mit sich im Reinen. Gauck der Familie am Strand des Ostseebads
1987, da seine zwei Söhne endlich ausrei- wartete auf Angebote aus der Politik, ge- Wustrow, ein drittes zeigt Vater und Sohn
sen durften und er versteinert am Bahn- trieben vom Wunsch nach Anerkennung, bei einem Treffen in Amerika, dem Land
steig stand, sich nichts anmerken ließ und doch er wartete vergebens. „Ich hätte der Freiheit. Ihre Geschichte ist die des
seine Frau auf ihre Brust deutete und frag- gern gesehen, wenn mich die Politik ein- verlorenen Vaters.
te: „Andere Menschen haben hier ein geladen hätte, etwas Interessantes zu ma-                  Lange Zeit, sagt der Sohn, sei sein Va-
Herz. Was hast du?“                         chen“, sagt er heute über diese Zeit.           ter weit weniger empathisch und herzlich
   Gauck atmet schwer ins Für-                                                                         gewesen, eher ein „Verdränger
ther Mikrofon, er kämpft, von                                                                          vor dem Herrn“.
seiner Geschichte gerührt, mit                                                                            „Diese Warmherzigkeit, die
jedem Satz; gleich kommen                                                                              ihn heute auszeichnet, die hät-
dann wohl die Tränen. „Am                                                                              ten wir als Kinder damals ge-
Heiligen Abend 1987 fehlten                                                                            braucht“, sagt sein Sohn. Frü-
zwei Kinder, zwei Schwieger-                                                                           her aber sei es dem künftigen
töchter, drei Enkelkinder. Sie-                                                                        Bundespräsidenten schwerge-
ben der uns liebsten Menschen                                                                          fallen, seine Kinder zu loben,
waren fort, nur vier blieben un-                                                                       sich mit ihnen zu freuen. „El-
ter dem Tannenbaum.“                                                                                   terliche Liebesbezeugungen,
   Die Lautsprecher übertra-                                                                           die gab es bei uns selten. Das
gen ein Schlucken, die Tränen                                                                          höchste der Gefühle war mal
schießen in seine Augen, dann                                                                          eine Hand auf der Schulter.“
trinkt er Mineralwasser gegen                                                                          Wie gepanzert sei der Vater
die Emotionen. Es ist nicht                                                                            ihm vorgekommen.




                                                                                                    JOACHIM GAUCK
ganz klar, ob es die Trauer von                                                                           Entschuldigend fügt er hin-
damals ist, die in ihm wütet,                                                                          zu, dass seine Eltern von ihren
oder die Freude, sie überwun-                                                                          eigenen Eltern auch nur wenig
den zu haben. Die Pause dau- Wahlkämpfer Gauck 1990: „Mein Hauptthema ist die Freiheit“                Herzlichkeit erfahren hätten.
ert 16 Sekunden.                                                                                       Als Joachim Gauck elf war,
   „Ich dachte, ich sei früher                                                                         wurde sein Vater eines Abends
cool gewesen“, sagt er dann,                                                                           von fremden Männern in ei-
den wässrigen Blick ins Publi-                                                                         nem blauen Opel abgeholt und
kum gerichtet. „Ich hab mich                                                                           später nach Sibirien verfrach-
zumindest ziemlich cool gege-                                                                          tet, verurteilt zu zweimal 25
ben. Aber in diesem Buch kom-                                                                          Jahren Gulag. Wo der Vater
me ich in eine Tiefe des Erin-                                                                         war, ob er noch lebte, erfuhr
nerns, die mich an den Rand                                                                            die Familie nicht. Der Mutter
meiner psychischen Möglich-                                                                            rieten die Behörden, sich schei-
keiten bringt. Jedenfalls begeg-                                                                       den zu lassen, ihr Mann sei
nen mir Tränen, die ich vorher                                                                         schließlich ein Spion.
nicht kannte.“ Einen Bundes-                                                                              Vier Jahre später, nach Sta-
präsidenten, der sein Inneres                                                                          lins Tod, stand der Vater wie-
so freizügig nach außen kehrt,                                                                         der vor der Tür, ausgemergelt,
                                                                                                    JOACHIM GAUCK




kannte die Republik bislang                                                                            in jeder Hinsicht unterkühlt.
noch nicht.                                                                                               Er sei glücklich, sagt Chris-
   Er habe gemerkt, wie wich-                                                                          tian Gauck, dass sein Vater in
tig es war, das Buch zu schrei- Sohn Gauck (2. v. r.), Schwester, Eltern 1943: Wenig Herzlichkeit      den vergangenen Jahren seine
ben, erklärt er dem Fürther                                                                            Defizite aufgearbeitet habe.
Publikum. „Als ich durch diese Tränen         Damals sei er ganz in sich selbst ver- Als er diesen Prozess abgeschlossen hatte,
durch war, ist etwas Wunderschönes pas- sunken und depressiv geworden, sagt sein schrieb Joachim Gauck Briefe an seine
siert. Ich habe gemerkt, dass ich mich als ältester Sohn. Christian Gauck empfängt Kinder und suchte das Gespräch. Das
69-jähriger Mann noch mal verändern mit Espadrilles an den Füßen und ent- habe ihnen den eigenen Vater wieder na-
konnte. Es hat mir dazu verholfen, ein schuldigt sich erst mal. „Ich musste eben hegebracht, sagt sein Sohn. Wenn man
Stück näher zu mir zu kommen, zu mei- mit mir selbst auf ein Bier anstoßen.“ Es den früheren Joachim Gauck mit dem
nen Gefühlen, auch zu meiner verdeck- sind wunderbare Tage, sein Vater wird heutigen vergleiche, dann müsse er sagen:
ten, verborgenen Trauer über ein Leben Bundespräsident, und gerade eben hat er „Das ist ein völlig anderer Mensch!“
in Unfreiheit.“                             den Zuschlag für ein altes Häuschen in             Die Folge einer intensiven Beschäfti-
   Zehn Jahre lang hatte Gauck nach der Blankenese bekommen. Seit er im Winter gung mit sich selbst ist oft nicht nur be-
Wende zunächst die Stasi-Unterlagenbe- 1987 mit dem Zug der DDR entkam und wussteres Handeln, sondern auch ein
hörde geleitet, die größte Therapiebehör- den Vater zurückließ, lebt Christian übersteigertes Selbstbewusstsein. Der
de des Landes. Er half vielen Ostdeut- Gauck in Hamburg. Hier konnte er jenen heutige Gauck ist mit sich und seinen
schen, nicht ohne sanften Zwang, sich mit Traum verwirklichen, der ihm drüben aus Qualitäten ziemlich zufrieden und teilt
ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen politischen Gründen verwehrt wurde, er das auch gern mit. Zu Beginn seiner Le-
                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                           31
Deutschland

sung in Fürth erklärt er dem                                                                                gen zu Stuttgart 21 oder zur Oc-
Publikum, worauf es sich freu-                                                                              cupy-Bewegung. So haben fast
en dürfe: „Ich habe in den letz-                                                                            alle Parteien, die ihn nun öffent-
ten zwei Jahren viele Lesungen                                                                              lich preisen müssen, in Wahr-
gemacht, die alle nicht schief-                                                                             heit Angst vor ihm.
gegangen sind. Und diese heu-                                                                                  In den vergangenen Wochen
te wird auch nicht schief-                                                                                  bekam Gauck bereits eine Ah-




                                                                                                           THOMAS TRUTSCHEL / PHOTOTHEK.NET
gehen.“                                                                                                     nung von seiner neuen Welt, in
   Nach der Euphorie, die seine                                                                             welcher der Hintergedanke weit
erste Kandidatur für das Schloss                                                                            wichtiger ist als der Gedanke. Er,
begleitete, ist Gauck als glückli-                                                                          der lange an sich gearbeitet hat,
cher Bürger durch sein Land ge-                                                                             um seinen Schutzpanzer abzule-
reist. Er war versöhnt mit seiner                                                                           gen, begibt sich nun in ein Reich
Familie, und endlich schlug ihm                                                                             voller Panzerträger und Panzer-
auch jene Aufmerksamkeit und                                                                                glas. Er wird seine hart erkämpf-
Zuneigung entgegen, nach der Bewerber Gauck, Parteichefs*: „Nein, nein, bitte nicht!“                       te Freiheit beschneiden müssen,
er sich lange gesehnt hatte. Er                                                                             die innere wie die äußere.
las aus seinem Buch, nahm Preise entge- Geschichte des Landes in sich verdichtet.                    Im Präsidialamt werden künftig Fach-
gen und ließ sich für allerlei Vorträge bu- Im Politikbetrieb aber gilt Kontrolle als             leute darauf achten, welchen Anzug und
chen. Es schien mitunter, als sage er über- oberstes Gebot. Gefährlich ist, wer sagt,             welche Krawatte er zu welchem Anlass
all zu, bei verschiedensten Firmen, bei was er wirklich denkt. Dass Gauck nicht                   trägt und ob die Bügelfalten auch scharf
Banken und auch bei „alverde“, dem Kun- nur die Wortgewalt, sondern auch den                      genug sind. Zu seiner letzten Lesung er-
denmagazin der „dm“-Drogerien, dessen Mut besitzt, Debatten anzustoßen, die                       schien Gauck noch mit einer Plastiktüte,
Titel er noch im Januar zierte.             über Hotelsuiten und Geldmarktkredite                 die die Aufschrift „Fußball-WM 2006“
   „Die Lesungen und Vorträge haben mir hinausgehen, ist jedenfalls gewiss.                       trug.
Spaß gemacht, weil ich ja diesen pädago-      Gleich nach seiner Nominierung erhielt                 Gauck weiß um sein ganz persönliches
gischen Eros habe. Ich möchte, dass die Gauck den dringenden Rat, sich bis zum                    Freiheitsproblem, es beschäftigt ihn
Leute etwas kapieren“, sagt Gauck. Nach Tag seiner Wahl zurückzuhalten, keine                     schon. Er sitzt auf seinem Barhocker und
solchen Sätzen versteht man besser, war- Pressekonferenzen zu geben, keine Inter-                 seufzt. „Wenn ich den Politikern bei mei-
um Merkel diesen Mann, dessen Biografie views, bloß nicht anzuecken. Angela Mer-                  ner Vorstellungsrunde sage: Ich werde als
so viele Schnittmengen mit ihrer eigenen kel fürchtete, Abweichler aus ihrer Partei               Bundespräsident auch bald so sein wie
aufweist, nicht haben wollte. Mit pädago- könnten ihr in der Bundesversammlung                    ein abgeschliffener Kiesel, weil mir ja die-
gischem Eros hat sie es nicht so.           wieder mal eins auswischen. Sigmar Ga-                se Sarrazin-Geschichte an der Backe
   „Immer wenn ich in solchen Begegnun- briel fürchtete, der Kandidat könne Thilo                 klebt, dann reißen sie alle die Arme hoch
gen war, wo die Leute plötzlich ihr Herz Sarrazin noch einmal „mutig“ nennen.                     und rufen: ,Nein, nein, bitte nicht!‘“
aufschließen, Dinge verstehen und Em- Die Grünen fürchteten freche Bemerkun-                      Gauck macht die Politiker nach und wirft
pathie entwickeln, entstehen                                                                                empört die Arme in die Luft.
Momente von großer Intensi-                                                                                 „Wenn ich aber dieselben Sprü-
tät“, sagt Gauck. „Oder pathe-                                                                              che loslasse wie in der Vergan-
tisch gesagt: etwas, das unsere                                                                             genheit, dann bin ich bald in ei-
Seelen nährt.“                                                                                              ner äußerst misslichen Lage.“
   Gaucks Sprache klingt bis-                                                                               Deshalb werde er der Öffent-
weilen wie eine Kreuzung aus                                                                                lichkeit künftig anders begeg-
Eugen Drewermann und Sig-                                                                                   nen müssen, abgewogener. „Ich
mund Freud. Er scheut weder                                                                                 bin dann ja nicht mehr der Bür-
den hohen Ton noch das Wort                                                                                 ger Gauck, sondern ich bin die
„Liebe“, sein Vokabular be-                                                                                 BRD.“
dient sich bei politikfernen Be-                                                                               Wird ihm der Wandel schwer-
reichen, der Psychologie, der                                                                               fallen?
Theologie und auch bei Liebes-                                                                                 „Ich denke schon“, sagt er.
gedichten. Im politischen Alltag                                                                            „Ich muss richtig an mir arbei-
aber, wo die Sätze zigfach ge-                                                                              ten, mich beraten lassen. Wel-
testet und abgeschmeckt wer-                                                                                ches ist der Weg, authentisch
den, war eine solche Sprache                                                                                zu bleiben und doch nicht wie
bislang unerhört.                                                                                           ein Provokateur zu wirken?“
   Für den Präsidenten Gauck                                                                                   Kurz nach dem Gespräch an
birgt seine Neigung, anders zu                                                                              der Bar in Polen beginnt in der
reden und frei zu denken, ge-                                                                               Heimat die beliebteste The-
wisse Risiken. Im Zeitalter des                                                                             rapiestunde im deutschen
Zynismus und des schnellen                                                                                  Fernsehen. Gast bei „Beck-
Überdrusses wird es nicht lange                                                                             mann“ ist heute Joachim
dauern, bis sich einige genervt                                                                             Gauck. Dass er nicht live im
                                                                                                           CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




von ihm abwenden.                                                                                           Studio sitzt, dass eine Wieder-
   Das größere Risiko ist seine                                                                             holung früherer Auftritte läuft,
innere Unabhängigkeit, gewon-                                                                               fällt nicht auf.
nen aus einer Biografie, die die                                                                               Wahrscheinlich, weil Gauck
                                                                                                            am liebsten über die großen
* Am 19. Februar bei seiner Vorstellung                                                                     Themen redet, über Demokra-
im Berliner Kanzleramt.                   Gauck-Sohn Christian: „Das ist ein völlig anderer Mensch“         tie, Freiheit, Eigenverantwor-
32                                                         D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Deutschland

tung. Für Bundespräsidenten ist diese Zeit-         Gaucks Freiheitsbegriff jedenfalls wenig tigen Mainstream in ihren Reden Gehör
losigkeit keine schlechte Voraussetzung.            anfangen können. Gauck wird ein Präsi- zu verschaffen. Gauck hingegen rät, der
   Nach Richard von Weizsäcker wird                 dent für alle sein müssen. Die Kunst wird „Macht eines modischen Zeitgeistes“ zu
Gauck der erste Präsident sein, dessen              darin bestehen, nicht einer wie alle zu widerstehen, und plädiert für weniger
Thema tief aus der eigenen Biografie er-            werden.                                    Staat. Anders als die ziemlich deutsche
wächst. Es war kein Zufall, dass Weiz-                 Die Gefahr, die die Idealisierung der Auffassung, wonach alles besser werde,
säcker, der mit Widerstandskämpfern des             westlichen Freiheit birgt, hat Gauck in wenn man erst die Gesellschaft verändert
20. Juli befreundet war und dessen Vater            seiner Biografie aus der Sicht des DDR- habe, ähnelt Gaucks Ansatz dem Credo
in Nürnberg als Mitwirkender bei der                Bürgers selbst beschrieben. „Der Westen vieler Therapeuten: Die Gesellschaft, in
Deportation französischer Juden nach                war wie eine Frau, die man als Siebzehn- der du lebst, wirst du nicht ändern. Du
Auschwitz verurteilt wurde, 40 Jahre spä-           jähriger auf den Sockel hebt und anbetet. kannst nur dich selbst ändern.
ter den richtigen hohen Ton traf und den            Die Runzeln und Abgründe, die Mängel          Im Hörsaal von Lódź zitiert Gauck nun
Tag der Kapitulation als „Tag der Befrei-           und Beschneidungen von Freiheit haben „Die Furcht vor der Freiheit“, das Werk
ung von dem menschenverachtenden Sys-               viele von uns nicht oder nur wie durch des Psychologen Erich Fromm, das er fast
tem der nationalsozialistischen Gewalt-             einen Schleier gesehen.“                   immer zitiert. Angst könnten Deutsche
herrschaft“ bezeichnete. Weizsäckers                   Wie sehr ihn noch heute das Glück gut, erklärt er den Polen. Man könne von
Rede wurde später sogar als Langspiel-              über die Freiheit beseelt, spürt man am einer „deutschen Nationalkultur“ spre-
platte herausgebracht. Seine Nachfolger             Vormittag im großen Hörsaal der Univer- chen. Während er redet, lächelt er süf-
schafften allenfalls noch Single-Hits mit           sität von Lódź. Wie meistens, wenn er fisant. „Der Deutsche fühlt sich beson-
                                                                                                          ders wohl, wenn er sich unwohl
                                                                                                          fühlt.“
                                                                                                             So wie Gauck einst seine ei-
                                                                                                          gene Verzagtheit und Depressi-
                                                                                                          vität überwand, will er nun ein
                                                                                                          ganzes Volk zu diesem Prozess
                                                                                                          ermutigen. Er will den Deut-
                                                                                                          schen die Angst vor der Freiheit
                                                                                                          nehmen, vor der Unübersicht-
                                                                                                          lichkeit der offenen Gesellschaft,
                                                                                                          der Vielfalt der Optionen.
                                                                                                             Er möchte sie aus ihrer bür-
                                                                                                          gerlichen Lethargie holen, sie an-
                                                                                                          spornen zum Engagement, zur
                                                                                                          Teilnahme am mühsamen Spiel
                                                                                                          der Demokratie, das weniger an
                                                                                                          der Qualität der Politiker als an
                                                                                                          der Faulheit ihrer Teilnehmer,
                                                                                                          der Bürger, krankt. „Zugang zu
                                                                                                          aktuellen Glückselementen“, so
                                                                                                       CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL



                                                                                                          Gauck, erwachse nur aus Verant-
                                                                                                          wortung und Engagement, nicht
                                                                                                          aus Teilnahmslosigkeit.
                                                                                                             An der Bar in Lódź ist es spät
                                                                                                          geworden. Gauck muss zurück
                                                                                                          nach Deutschland, seine Beglei-
Polen-Reisender Gauck*: „Im Vergleich zu Deutschland herrscht hier weniger Verdruss“                      ter drängen. Eines aber will er
                                                                                                          noch sagen. Es falle ihm schwer,
Titeln wie „Ruck“ (Herzog), „Monster“ über die Freiheit redet, haftet sein Blick seine jetzige Situation und seine Empfin-
(Köhler) oder „Islam“ (Wulff).                      am hinteren Ende des Saals, wo Decke dungen zu beschreiben, ohne dabei kit-
   Wie bei allen Menschen aber, die an und Rückwand zusammenfließen, wie an schig zu werden. Und dann wird es natür-
den großen Fragen der Menschheit inter- einem leuchtenden Horizont.                            lich doch etwas kitschig. „Es ist der Herbst
essiert sind, neigt Gauck dazu, Alltags-               In seiner Rede wird Polen zum Vorbild, meines Lebens, und im Herbst ist in der
probleme geringzuschätzen. Fragen, wie weil es früher als andere Länder des Ostens Kirche Erntedank. Da ist dieses Gefühl
hoch die Pendlerpauschale oder die den Schrei nach Freiheit erklingen ließ. des Staunens und der Dankbarkeit, ohne
Hartz-IV-Regelsätze liegen sollten und Gauck preist ein Land, „das der Freiheit das ich jetzt viele Befürchtungen hätte.
was man bei Vogelgrippe machen könnte, in seiner Geschichte den Vorrang vor Si- Das ist so ein großes Amt, da kann man
erscheinen ihm, der sich 50 Jahre seines cherheit gegeben hat“ und „dessen Bürger so viele Fehler machen. Aber ich bin mitt-
Lebens nach einer freien Gesellschaft weniger Staat entschieden mehr schätzen lerweile anders gegründet. Ich weiß: Das
sehnte, banal. Wie Peanuts.                         als mehr Staat“. Dieses Polen könne gerade ist jetzt so, und ich habe es nicht forciert.“
   Das ist die Kehrseite einer leidenschaft- den Deutschen Ängste nehmen und Mut                  Ist die Präsidentschaft die Krönung seines
lichen Politik, die sich stark aus persönli- geben. „Im Vergleich zu Deutschland herr- Lebens? „Ja, das ist schon so“, sagt Gauck.
chen Erfahrungen speist. Sie steht immer schen hier in meiner Wahrnehmung weit Er steht auf und will gehen, aber dann
unter Verdacht, anderen das persönliche weniger Verdruss und Depressivität.“                   fügt er noch etwas an: „Das heißt aber
Lebensmodell aufzwingen zu wollen. Ein                 In Deutschland, wo der starke Staat nicht, dass man automatisch glücklich ist,
Arbeitsloser, der sich täglich um einen wegen der Finanz- und Währungskrisen wenn man gerade diese Krönung erfährt.“
Job bemüht, ohne ihn zu finden, wird mit gerade eine Renaissance erlebt, dürfte                   Gauck weiß, dass genau wie die Frei-
                                                    Gaucks Präsidentschaft ein spannendes heit auch das Glück harte Arbeit bedeu-
* Am 1. März beim Besuch einer Gedenkstätte für die Experiment werden. Bislang bemühten tet. Er setzt sich ins Auto, auf geht’s, nach
Opfer des Nazi-Regimes in Lódź.                     sich die deutschen Präsidenten, dem geis- Berlin.
34                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
INTERNET



   Auf Crashkurs
  Aufruhr im Kfz-Gewerbe: Das
Online-Portal Autoscout24 weitet
sein Geschäft aus und macht Prei-
se von Inspektionen transparent –
  mit erstaunlichen Ergebnissen.




                                                                                                                                  ARMIN BROSCH / DER SPIEGEL
M
         it ihrem neuen Angebot würden
         sie sich in der Branche nicht nur
         Freunde machen. So viel war
den beiden Geschäftsführern des Online-
Portals Autoscout24, André Stark und Al-
berto Sanz de Lama, von vornherein klar.
Dass der Widerstand jedoch so vehement Autoscout24-Geschäftsführer Stark, Sanz de Lama: „Keine Ahnung, was hinten rauskommt“
ausfallen würde, hatten die beiden auch
nicht erwartet.                            und die bislang üppigen Preise purzeln sogar noch drastischer aus. Ein Grund für
   Seit Wochen bereits hagelt es Proteste lassen.                                     die Unterschiede: Bei Autoscout24 haben
und Beschwerden aus der Autobranche.         Im sogenannten Werkstattportal von sich auch kleine, oft wenig bekannte Meis-
Ganz offen warnt der Zentralverband Autoscout24 müssen Kunden nur noch terbetriebe angemeldet. Sie kalkulieren
des Deutschen Kfz-Gewerbes (ZDK) sei- die Marke, den genauen Typ und den Ki- mit deutlich geringeren Margen, Aufschlä-
ne Mitgliedsunternehmen vor einer zu lometerstand ihres Wagens eingeben. We- gen und Stundenlöhnen als etwa große
schnellen Anmeldung bei dem Internet- nige Sekunden später hat das Programm Markenhäuser.
portal mit Sitz in München. ZDK-Vize- berechnet, welche Inspektion fällig ist,          Einer von ihnen ist Carsten Breucker,
präsident Wilhelm Hülsendonk schimpfte, welche Teile, welches Öl und welche Ma- der mit seinem Acht-Mann-Betrieb im
nun beginne ein ruinöser „Druck auf die terialien dazu benötigt werden.               Osten von Düsseldorf seit Jahren gegen
Preise“. Bei der Kalkulation müssten die     Anschließend erhält der Kunde eine die Übermacht von Großketten wie ATU
Betriebe gegenüber Autoscout24 kom- Übersicht mit Werkstätten im Umkreis, und glitzernden Autohäusern ankämpft.
plett „die Hosen runterlassen“. Jeder sol- bei denen er per Mausklick einen Inspek- Knapp 59 Euro plus Steuer berechnet
le sich „genau überlegen“, ob er bei dem tionstermin vereinbaren kann. Das wäre Breucker für die Werkstattstunde. Bei
gewagten Spiel mitmachen wolle.            nicht weiter spektakulär, gäbe es dazu Markenhändlern, nur wenige Kilometer
   Was die Branche der Schrauber, Aus- nicht auch noch eine verbindliche Preis- weiter, sind es bereits 119 Euro.
beuler und Ölwechsler so in Rage liste – mit verblüffenden Differenzen.                 Kein Wunder, dass Breucker zu den
versetzt, ist ein von der Öffentlichkeit     So bietet die billigste Werkstatt im Um- Profiteuren des neuen Werkstattportals
noch wenig beachteter Pilotversuch des kreis der Landeshauptstadt die Inspek- zählt. Die 49 Euro, die er monatlich an
Internetportals in Nordrhein-Westfalen: tion für einen Passat Diesel mit fast Autoscout24 für die Teilnahme bezahlt,
Bislang hatte sich Autoscout24 darauf 100 000 Kilometern für rund 258 Euro an. hält er für „gut investiertes Geld“.
beschränkt, neue und gebrauchte Fahr- Bei einem der größten Düsseldorfer VW-            Die etablierten Autohäuser lassen der-
zeuge via Internet zu vermitteln. Nun Händler kostet die gleiche Leistung weit weil in Branchenumfragen verbreiten,
will das Unternehmen, eine Tochterfir- mehr als das Doppelte – knapp 548 Euro. dass die Teilnahme an Werkstattportalen
ma der Deutschen Telekom, auch in den        Das ist kein Einzelbeispiel, wissen die Betrieben bislang keine nennenswerten
Markt der Autoinspektionen und Repa- Autoexperten in München. Mangels Vorteile gebracht hätte. Doch schon in
raturen einsteigen – ein Geschäft, dem Transparenz ist der Kunde oft der Dum- wenigen Wochen will Autoscout24 seinen
seit Jahren schon der Ruch anhaftet, ge- me. Teilweise fallen die Preisunterschiede Dienst auf weitere Teile Deutschlands
nauso undurchsichtig wie teuer                                                                 ausweiten. Spielraum für nied-
zu sein.                                                                                       rigere Preise gibt es genug.
   Konkrete Kostenvoranschläge                                                                    Obwohl die Autowerkstätten
gibt es in dieser Welt selten. Es                                                              nur 23 Prozent des Umsatzes in
werde getrickst und geschum-                                                                   der milliardenschweren Indu-
melt, monieren Verbraucher-                                                                    strie erwirtschaften, heißt es in
schützer. „Kunden erleben die                                                                  einer Studie, sacken sie rund
Branche oft als eine riesige Black-                                                            54 Prozent der gesamten Ge-
box“, sagt Autoscout24-Mann                                                                    winne ein. Haupt- und Abgas-
Stark. „Man gibt sein Auto vorn                                                                untersuchungen, Autopflege
ab und hat keine Ahnung, was                                                                   und Verschrottung sind weitere
hinten wieder rauskommt.“                                                                      lukrative Spielfelder – auch für
   Das soll sich mit dem neuen                                                                 Internetspezialisten wie Auto-
                                                                                              OLIVER TJADEN / DER SPIEGEL




Autoscout24-Service in Zukunft                                                                 scout24.
ändern. Was die Manager in                                                                        Dort, verrät Manager Stark,
den vergangenen Monaten ent-                                                                   arbeiten derzeit ganze Teams
wickelt haben und in NRW ohne                                                                  daran, den Kfz-Markt mit wei-
großes Aufsehen testen, dürfte                                                                 teren Angeboten rund ums The-
den abgeschotteten Markt in                                                                    ma Auto „zu beglücken“.
kurzer Zeit radikal verändern – Werkstattbesitzer Breucker: „Gut investiertes Geld“               FRANK DOHMEN, BARBARA SCHMID

                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                       35
Unter ihnen sind Kaufleute, mittelständi-
                                                                                                                            sche Unternehmer, eine Sozialarbeiterin
                                                                     WA H L K A M P F                                       mit ihrem fast erwachsenen Sohn. Dem
                                                                                                                            Piraten-Klischee – jung, männlich, mit

                                    „Wir sind die Mitmachpartei“                                                            Nerd-Ausstrahlung – entsprechen nur
                                                                                                                            Dennis und sein Parteifreund Benjamin
                                                                                                                            Freiling, die Nummer 24 der Landesliste.
                                                                                                                               Der Rest gehört zur Alterskohorte
                                        Bei den Wahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein                                35 plus. Thorsten Lang etwa, 46, Kauf-
                                               könnten die Piraten in beide Parlamente                                      mann, kommt seit drei Monaten zum
                                                                                                                            Stammtisch. „Vor langer Zeit“, so sagt er,
                                    einziehen. Sie versprechen ihren Anhängern mehr Beteiligung.                            habe er sich einmal „von einer sozial-
                                                                                                                            liberal orientierten FDP politisch vertre-


                                   D
                                ennis ist 21 Jahre alt und hat ein            wo die „Partei der Informationsgesell-        ten gefühlt“. Mit den heutigen Liberalen,
                                pausbäckiges Jungengesicht. Laut              schaft“ (Eigenwerbung) vom Ende der Ja-       „einer Splitterpartei, die es bald nicht
                                Selbstauskunft im „Piratenwiki“,              maika-Koalition und den Neuwahlen am          mehr gibt“, verbinde ihn nichts mehr.
                       der „Informations- und Koordinations-                  25. März kalt erwischt wurden, gilt ihr       Was ihn ins Hemingway zieht, sei die
                       plattform“ der Piratenpartei, ist er zu 35             Einzug in den Landtag als wahrscheinlich.     Hoffnung, dass die Piraten die Bürger
                       Prozent kosmopolitisch, zu 72 Prozent                  Um die fünf Prozent pendeln die Umfrage-      wirklich beteiligen wollen. „Die Voraus-
                       laizistisch und zu 57 Prozent visionär.                werte – und das für eine Truppe, die An-      setzungen sind ja da.“
                       „Erstes piratisches Gedankengut“ will er               fang März noch nicht einmal ein Landes-          Liquid Feedback etwa, die Internet-
                       bereits am Tag seiner Geburt verspürt                  programm hatte.                               abstimmungssoftware der Piratenpartei,
                       haben.                                                    Was zieht die Wähler zu einer Partei,      die der Stimme jedes Einzelnen mehr Ge-
                          Der Web-Designer wartet am „Piraten-                die mancherorts keine arbeitsfähigen          hör verschaffen kann, als dies bislang in
                       stammtisch“ im Norderstedter Restaurant                Strukturen hat? Was fasziniert sie an         Parteien der Fall war (SPIEGEL 9/2012).
                       Hemingway. Dort will er ab 19.30 Uhr                   Politikneulingen, die nach ihrem Über-        Oder Mumble, ein Sprachkonferenz-
                       mit Parteifreunden und Gästen darüber                  raschungserfolg bei der Wahl zum Berli-       programm, mit dem Piraten von zu Hau-
                       reden, wie die Piraten in Schleswig-Hol-               ner Abgeordnetenhaus im September             se aus mit Gott und der Welt diskutieren
                       stein die „Hinterzimmerpolitik“ der eta-               eher durch interne Querelen als durch         können – sofern sie über einen Computer,
                       blierten Parteien durch Transparenz und                konzentrierte Arbeit im Parlament auf-        einen Internetanschluss, ein Mikrofon
                       Bürgerbeteiligung ersetzen wollen. Auf                 gefallen sind? Wer sind die Menschen,         und Lautsprecher verfügen.
                       die Frage eines Journalisten, was er denn              die ihre Hoffnungen an eine Partei bin-          Claudia Beyer hat es vor wenigen Ta-
                       kurz nach der Entbindung Piratisches in                den, die auf ihrem Bundesparteitag mit        gen getestet. Die Endvierzigerin wollte
                       sich gespürt habe, grinst er und sagt: „Das            Zweidrittelmehrheit die Legalisierung al-     hören, was zu ihrem „Steckenpferd be-
                       war fröhlicher Unfug, aber ich sollte das              ler Drogen und ein bedingungsloses            dingungsloses Grundeinkommen“ debat-
                       mal ändern. So wie es momentan aus-                    Grundeinkommen für alle beschlossen           tiert wird. „Sagen wollte ich eigentlich
                       sieht, wird es ja langsam ernst.“                      hat?                                          nix, doch dann hat mich einer angespro-
                          Zwischen fünf und sieben Prozent                       Den meisten der zehn Mitglieder, Sym-      chen und da hab ich mich vor Schreck
                       prognostizieren Meinungsforscher den Pi-               pathisanten und Neugierigen, die sich         wieder rausgeklickt. Ich hab nur noch
                       raten für die Landtagswahl in Schleswig-               Ende Februar am Stammtisch in Norder-         gehört, wie der mir hinterhergerufen hat:
                       Holstein am 6. Mai. Auch im Saarland,                  stedt einfinden, sind diese Themen egal.      Nicht weglaufen.“

                                                                                                                            Klar zum Entern
                                                                                                                            „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am
                                                                                                                            kommenden Sonntag Landtagswahl wäre?“

                                                                                                                             33    33    in Schleswig-Holstein
                                                                                                                                         Infratest-dimap-Umfrage
                                                                                                                                         vom 13. bis 16. Februar



                                                                                                                                          16


                                                                                                                                                    5        3       3          3
                                                                                                                             CDU   SPD Grüne Piraten Linke          FDP     SSW

                                                                                                                             35    36
                                                                                                                                         im Saarland
TIM RIEDIGER / DDP IMAGES / DAPD




                                                                                                                                         Infratest-dimap-Umfrage
                                                                                                                                         vom 21. bis 22. Februar

                                                                                                                                                   jeweils 1000 Befragte;
                                                                                                                                          15       Angaben in Prozent; an 100
                                                                                                                                                   fehlende Prozent: Sonstige

                                                                                                                                                    5                2
                                   Schleswig-Holstein-Wahlkämpfer Schmidt: „Koalitionsverhandlungen per Livestream“          CDU   SPD   Linke Piraten Grüne FDP

                                   36                                               D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Deutschland

   Die Frau mit der Lockenfrisur und den             Wer sich für die Piraten entscheidet,                                    welche der beiden Volksparteien den Mi-
strichdünn gezupften Augenbrauen ist            wählt zunächst eine andere Form von Po-                                       nisterpräsidenten stellen darf.
kein Computer-Nerd. Den Umgang mit              litik. Um die Inhalte kann man sich später                                       Die Grünen dümpeln derzeit bei vier
den Tools, den Werkzeugen, die sie              kümmern. Überdies hätten die Piraten ja                                       Prozent, die FDP bei zwei, ein rot-rotes
braucht, um bei den Piraten mitreden zu         auch inhaltlich durchaus etwas vorzuwei-                                      Bündnis hat Maas bereits kategorisch aus-
können, hat sie in einer der Schulungen         sen, meint Frank Sobolewski, ein selb-                                        geschlossen. Die Wahl am 25. März er-
gelernt, die die Partei in loser Folge rund     ständiger Elektronikunternehmer aus                                           scheint vielen deshalb als Farce.
um ihre Stammtische organisiert.                Norderstedt: „Die SPD-Leute in Stegners                                          Vor diesem Hintergrund ist es kein
   „Da kannst du alles fragen, da schaut        Alter haben Dutzende Male gegen Atom-                                         Wunder, dass es die im Saarland mit 347
dich niemand schief an, wenn du es nicht        raketen demonstriert, die dann doch sta-                                      Mitgliedern nur rudimentär existenten
auf Anhieb kapierst“, sagt Beyer. Dieses        tioniert wurden. Die Piraten haben mit                                        Piraten mühelos schafften, in nur drei
„Ernst-genommen-Werden, dieses wert-            ihren Anti-Acta-Demos gleich das ganze                                        Tagen die erforderlichen 900 Unterstüt-
schätzende Verhalten“, schwärmt Beyer,          Gesetz ausgebremst.“                                                          zer-Unterschriften einzusammeln, um zur
werde auch in den politischen Debatten              Genau deshalb könnte auch der Alarm-                                      Wahl antreten zu können. Dabei ist das
gelebt. „Da hast du das Gefühl, die wol-        start, den die Partei im Saarland hinlegen                                    Saarland alles andere als ein ideales Pira-
len wirklich, dass du dich beteiligst – egal,   musste, erfolgreich sein. „Natürlich wäre                                     ten-Revier. Das Land ist überaltert und
wie viel Vorwissen du hast.“                    es uns lieber gewesen, wir hätten noch                                        ländlich geprägt. Urbane Internet-Nerds
   Das, so die Sozialarbeiterin, sei auch       mehr Vorbereitungszeit gehabt“, sagt Jas-                                     sind hier eine seltene Spezies.
der Grund, warum die Piraten es als ein-        min Maurer, 22, Auszubildende zur IT-                                            Aber es gibt ein Thema, das den Pira-
zige Partei schafften, Jugendliche für Po-      Systemkauffrau, Landesvorsitzende und                                         ten Auftrieb gibt. Der allgegenwärtige
litik zu begeistern. „Wir sind halt die Mit-    Spitzenkandidatin der saarländischen Pi-                                      Filz. Der war unter Oskar Lafontaine rot
machpartei“, sagt Dennis. Claudia Beyer         raten. „Aber wir sind gut vernetzt, und                                       und unter Peter Müller schwarz. Und an
und der Rest der Stammtischgäste nicken.        für mich ist es keine Frage, dass wir in                                      der Jamaika-Koalition haftete von Beginn
Es ist vor allem dieses Gefühl, dass Bür-       den Landtag einziehen werden.“                                                an der Verdacht der Käuflichkeit – dank
gerbeteiligung und Basisdemokratie bei             „Sechs bis acht Prozent“ hält Maurer                                       der großzügigen Wahlkampfspende eines
den Piraten mehr sind als bloße Floskeln,       für möglich und verspricht eine „Politik                                      saarländischen Hoteliers und FDP-Politi-
das die Stammtischler an diesem Abend           der offenen Karten“. Sie will die „Men-                                       kers an die Grünen.
in Norderstedt über alle inhaltlichen Dif-      schen wieder für die Demokratie begeis-                                          „Transparenz ist ein Thema für alle im
ferenzen hinweg eint.                           tern“. Damit treffen Maurer und ihre                                          Saarland“, sagt Michael Hilberer, Land-
   Stammtische sind im Piraten-Wahl-            überwiegend männlichen Kollegen im                                            tagskandidat der Piraten. „Das Erste, was
kampf ein wichtiges Element. In den lo-         Saarland einen Nerv. Denn die Lust an                                         ich mir im Landtag anschaffe, ist ein Do-
ckeren Runden gibt es die Partei für Inter-     der herkömmlichen Form der Demokra-                                           kumentenscanner.“ Verträge der öffent-
essenten unverbindlich zur Ansicht – und        tie ist den Bürgern im kleinsten Flächen-                                     lichen Hand sollen dann im Internet eben-
für die Partei gibt es die Chance, ihre der-    land der Republik gründlich vergangen.                                        so frei zugänglich sein wie die Protokolle
zeit noch schmale Basis zu verbreitern.             Im Januar hatte CDU-Ministerpräsiden-                                     von Ausschusssitzungen. Es gehe nicht
   Kritik wie die des schleswig-holsteini-      tin Annegret Kramp-Karrenbauer Hals                                           darum, Protestpartei zu sein, sondern der
schen SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner             über Kopf die sogenannte Jamaika-Ko-                                          Basis mehr Einfluss zu ermöglichen.
läuft deshalb ins Leere. Der hatte den Pi-      alition mit den Grünen und der FDP auf-                                          Auch die schleswig-holsteinischen Pira-
raten vorgeworfen, sie hätten kein Pro-         gekündigt, um mit Heiko Maas und der                                          ten wollen sich – nach einem Einzug ins
gramm, und zu landespolitischen Themen          SPD eine Große Koalition zu bilden. Das                                       Kieler Landeshaus – nicht mit Klamauk
sei von ihnen ohnehin nichts zu hören.          Volk soll jetzt eigentlich nur entscheiden,                                   und symbolischen Aktionen aufhalten.
                                                                                                                              Mit Kandidaten wie Patrick Breyer und
                                                                                                                              der ehemaligen Grünen-Spitzenpolitike-
                                                                                                                              rin Angelika Beer auf vorderen Listen-
                                                                                                                              plätzen sind die Nord-Piraten weitaus bes-
                                                                                                                              ser aufgestellt als ihre Kollegen in Saar-
                                                                                                                              brücken oder Berlin.
                                                                                                                                 Breyer ist Jurist und hat über die sys-
                                                                                                                              tematische Aufzeichnung von Telekom-
                                                                                                                              munikationsdaten für staatliche Zwecke
                                                                                                                              promoviert. Ende Februar gab das Bun-
                                                                                                                              desverfassungsgericht seiner Verfassungs-
                                                                                                                              beschwerde gegen die Speicherung und
                                                                                                                              Herausgabe von Kundendaten teilweise
                                                                                                                              statt. Zuvor war er bereits erfolgreich ge-
                                                                                                                              gen das Gesetz zur Vorratsdatenspeiche-
                                                                                                                              rung nach Karlsruhe gezogen.
                                                                                                                                 „Patrick Breyer hat alles, was ein Innen-
                                                                                                                              minister braucht“, sagt Torge Schmidt,
                                                                                                                              Spitzenkandidat der Küsten-Piraten. Ge-
                                                                                                                              fragt, ob dies bedeute, dass seine Partei
                                                                                                                              für eine Koalition zur Verfügung stünde,
                                                                                              CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




                                                                                                                              lacht er und sagt: „Unter der Bedingung,
                                                                                                                              dass die Koalitionsverhandlungen per
                                                                                                                              Livestream im Internet übertragen wer-
                                                                                                                              den. Dass die anderen Parteien da mit-
                                                                                                                              machen, kann ich mir beim besten Willen
                                                                                                                              nicht vorstellen.“
Saarland-Piraten Hilberer, Maurer: „Menschen wieder für die Demokratie begeistern“                                                         SIMONE KAISER, GUNTHER LATSCH

                                                      D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                            37
Deutschland


                                                             AKTIVISTEN




                     Der Maskenmann des FBI
       Einer der Wortführer der Anonymous-Bewegung arbeitete monatelang als Informant
           für US-Ermittler und half, wichtige Mitstreiter zu enttarnen. Ist die Protest-
     bewegung damit am Ende – oder wird sie nach den spektakulären Festnahmen radikaler?


D
        ie Jacob-Riis-Siedlung im East Vil-   men. Sie waren stolz auf die dezentrale,             wieder; in den USA gibt es Stiftungen
        lage gehört zu den ärmeren Ge-        führerlose Struktur ihrer Bewegung, auf              wie die Electronic Frontier Foundation,
        genden Manhattans. Zwischen           ihre Hacker-Angriffe, die immer für Auf-             die ähnliche Ideale verfolgen, es gibt die
Touristenbars und einem Highway leben         sehen sorgten – aber nur selten aufgeklärt           internationalen Piratenparteien, es gibt
hier in 19 Backsteinbauten über 4000          wurden.                                              die Enthüllungsplattform WikiLeaks. Sie
Menschen in Sozialwohnungen, häufig              Nun gibt es nicht nur ein neues Gesicht           alle treten für ein freies und weithin un-
Zuwanderer aus Lateinamerika ohne Job,        für Anonymous, sondern mehrere. Es                   reguliertes Internet ein.
Geld und Perspektive.                         zeigt sich, dass die eigentlich anarchisch-             Keine zweite Gruppe aber agiert so ra-
   Einer von ihnen war Hector Xavier          egalitär geprägte Truppe zumindest zeit-             dikal und – mitunter – auch so kriminell,
Monsegur. Der 28-jährige Arbeitslose          weise von einigen führenden Köpfen ge-               wie es manche Aktivisten unter der Dach-
puerto-ricanischer Abstammung lebte in        prägt und radikalisiert wurde. Sie hätten            marke Anonymous tun. Hier finden sich
Apartment 6F und kümmerte sich um die         einer gefährlichen Gruppe der Bewegung               Mitstreiter zusammen, die alle kreativen
beiden Töchter seiner inhaftierten Tante.     „den Kopf abgeschlagen“, feiern US-Er-               und destruktiven Möglichkeiten des In-
Was er sonst hinter jener Tür trieb, auf      mittler sich nun selbst, ihr Zugriff sei „ver-       ternets kennen und virtuos mit dem In-
der ein abgewetzter Aufkleber der US-         nichtend“.                                           strumentenkasten der digitalen Welt um-
Flagge prangt, wusste niemand so genau.          Ihr Triumph mag vorschnell sein, doch             gehen.
   Bis vorigen Dienstag, als die US-Bun-      die Verunsicherung unter den Aktivisten                 Es ist ein Clan, der schon mal mit jako-
despolizei FBI bekanntgab, dass sechs         ist groß. Es geht um die Schlagkraft ihrer           binischem Furor agiert und früheren so-
mutmaßliche Hacker festgenommen wor-          Attacken, die künftig womöglich leichter             zialen Strömungen gleicht; zum Beispiel
den seien. Seither wurde Monsegur in der      zu entlarven sind; es geht um ihr Selbst-            in der Frage, ob „gewaltsame Mittel“ zur
Riis-Siedlung nicht mehr gesehen. Sein        verständnis, um ihre Ausrichtung zwischen            Durchsetzung dieser Anliegen legitim
neuer Aufenthaltsort ist geheim, dafür ist    bloßer Spaß-Guerilla und „Hacktivismus“              sind. Und wenn ja, wie weit diese Ge-
seine doppelte Identität nun weltbekannt.     aus politischen Motiven. Und es geht um              waltanwendung gehen darf.
   Monsegur war der Mann hinter der           den Korpsgeist der Anonymen. Wem kön-                   Wie viele andere Bewegungen zuvor
Maske, unter dem Pseudonym „The Real          nen sie noch trauen, wenn das FBI erfolg-            knüpft Anonymous erfolgreich an eine
Sabu“ entwickelte er sich zu einer der        reich V-Leute in ihrer Mitte platziert?              Revolutionssehnsucht an, verbindendes
führenden Stimmen von Anonymous. Er              Etwa ein Jahrzehnt nach ihren Anfän-              Symbol ist die Grinsemaske aus der Co-
galt als Phantom, war lange einer der         gen geraten die Anons in eine Identitäts-            mic-Verfilmung „V wie Vendetta“, das
meistgesuchten Hacker der Welt.               krise: Ist die Bewegung durch den FBI-               Konterfei des fanatischen katholischen Re-
   Außerdem war er ein Verräter. Seit ver-    Zugriff am Ende? Oder wird sie im Ge-                voluzzers Guy Fawkes, der 1605 das eng-
gangenem Juni arbeitete Monsegur mit          genteil sogar gestärkt, weil immer neue              lische Parlament in die Luft jagen wollte.
dem FBI zusammen, dank seiner Hilfe           Aktivisten nachrücken – getreu ihrem                    Die Maske tauchte schon beim ersten
gelang den Fahndern der bislang spekta-       Motto: „Wir sind viele. Wir vergeben                 größeren Anonymous-Projekt auf – dem
kulärste Schlag gegen eine aggressive         nicht. Wir vergessen nicht“?                         Kampf gegen Scientology. Andere Anons
Splittergruppe des Kollektivs.                   Wenn in ihrer diffusen Gruppe so et-              legten sich mit der mexikanischen Dro-
   Nun steht die Szene unter Schock, auf      was wie ein einendes Moment existiert,               genmafia an, sie kaperten aus Protest ge-
Twitter wird Sabu wahlweise als „Judas“       ein zentrales Glaubensbekenntnis, dann               gen Internet-Reglementierung und staat-
oder „Ratte“ beschimpft. Seit Jahren ver-     ist es ihre radikale, kämpferische Forde-            liche Überwachung die Websites der CIA,
stecken sich zahllose Aktivisten, auch        rung nach Freiheit.                                  des FBI und des US-Senats, in Europa
„Anons“ genannt, erfolgreich hinter der          Diese Freiheitsbewegung findet sich               machten sie gegen das Urheberrechtsab-
Anonymous-Maske und ihren Pseudony-           auch in anderen Organisationsformen                  kommen Acta mobil.



  Die Namenlosen                                                                   2003
                                                                                   Start des Internet- und Bilder-
                                                                                                                      2010
                                                                                                                      Nach der Sperrung von
                                                                                   forums 4chan, in deren Foren       Spendenkonten für
  Hinter der Bezeichnung „Anonymous“                                               erste Anonymous-Aktivitäten        WikiLeaks protestieren
  verbergen sich Netzaktivisten aus aller Welt,                                    ihren Anfang nahmen.               Anonymous-Anhänger
  die sich zu unterschiedlichen Aktionen zu-                                                                          mit Überlastungs-Attacken
  sammenschließen – etwa dem Kampf gegen                                           2008                               (Denial-of-Service) gegen
  Abkommen wie Acta, aber auch Hacker-Angriffen                                    Die Bewegung „Project              Mastercard, Visa und
  gegen Regierungen, Behörden und Unternehmen.                                     Chanology“ ruft zu Protesten       PayPal.
                                                                                   gegen Scientology auf.

38                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Jeder kann unter dem Label Anony-
                                                                                                                                mous auftreten, das ist Teil der Faszina-
                                                                                                                                tion. Es ist eine Bewegung der Selbster-
                                                                                                                                mächtigung: eine amorphe Masse, die
                                                                                                                                sich nur zu selbstgewählten Schlachten
                                                                                                                                formiert. Nur wenige kennen einander
                                                                                                                                persönlich, im Netz sind Anons unter
                                                                                                                                Pseudonymen unterwegs.
                                                                                                                                   In dieser Szene war The Real Sabu alias
                                                                                                                                Hector Xavier Monsegur eine Legende.
                                                                                                                                Allein beim Kurznachrichtendienst Twit-
                                                                                                                                ter, seinem bevorzugten Draht in die Au-
                                                                                                                                ßenwelt, hatte er fast 45 000 Follower aus
                                                                                                                                aller Welt.
                                                                                                                                   Monsegur ist, anders als viele Anony-
                                                                                                                                mous-Mitläufer, ein echter Hacker. Schon
                                                                                                                                vor zehn Jahren, so berichtete er seinen
                                                                                                                                Fans in einer Art Online-Sprechstunde




                                                                                                   ISOPIX SPRL / ACTION PRESS
                                                                                                                                vergangenen Sommer, manipulierte er
                                                                                                                                Websites und hinterließ das Kürzel Sabu
                                                                                                                                als Kennung.
                                                                                                                                   Zu Anonymous stieß er nach eigenen
                                                                                                                                Angaben wie viele andere Aktivisten rund
                                                                                                                                um die WikiLeaks-Enthüllungen. Das
Anonymous-Erkennungszeichen Fawkes-Maske: „Wir vergeben nicht, wir vergessen nicht“                                             Schicksal von Julian Assange habe ihn
                                                                                                                                dazu motiviert, den angeblichen Wiki-
                                                                                                                                Leaks-Informanten Bradley Manning be-
                                                                                                                                zeichnete Sabu als „Inspiration“.
                                                                                                                                   Laut FBI-Unterlagen bekennt sich Mon-
                                                                                                                                segur tatsächlich schuldig, an der „Opera-
                                                                                                                                tion Payback“ teilgenommen zu haben.
                                                                                                                                Es war diese „Strafaktion“, die Anony-
                                                                                                                                mous erstmals außerhalb der Netzgemein-
                                                                                                                                de eine größere Öffentlichkeit bescherte.
                                                                                                                                Auslöser waren Finanzdienstleister wie
                                                                                                                                PayPal, Visa und Mastercard, die den Zah-
                                                                                                                                lungsverkehr mit WikiLeaks einstellten,
                                                                                                                                nachdem die Enthüllungsplattform zusam-
                                                                                                                                men mit Medien wie dem SPIEGEL diplo-
                                                                                                                                matische Depeschen des US-Außenminis-
                                                                                                                                teriums veröffentlicht hatte.
                                                                                                                                   Die Blockade führte zu einem Sturm
                                                                                                                                der Entrüstung auf Twitter und zu einer
                                                                                                                                Attacke auf die Websites der Unterneh-
                                                                                                                                men, die zeitweise nicht mehr erreichbar
                                                                                                                                waren. Der Angriff war die Blaupause für
                                                                                                                                eine beliebte Anonymous-Methode, auch
                                                                                                                                weil sie vergleichsweise einfach ist.
                                                                                                                                   Es reicht, eine kleine Software aus dem
                                                                                                                                Netz herunterzuladen, in einer Befehlzei-
                                                                                                                                le eine Ziel-Website einzutippen und
                                                                                                   POLARIS / STUDIO X




                                                                                                                                dann den Aufrufen via Twitter oder den
                                                                                                                                einschlägigen Anonymous-Chats zu fol-
                                                                                                                                gen: „Fire, fire, fire!“
                                                                                                                                   Wie diese Aktionen zu bewerten sind,
Hacker Monsegur alias „Sabu“: „Freunde werden dich am Ende fertigmachen“                                                        ist umstritten. Man kann der Auffassung


Februar 2011                                                                   Dezember 2011                                           März 2012
Anonymous hackt die Sicherheitsfirma HBGary Federal                             Im Zeichen der Splitter-                                Mit Hilfe der Kooperation des
und stellt interne E-Mails und Dokumente ins Netz.                             gruppe AntiSec wird der                                 LulzSec-Kopfes „Sabu“, der seit
                                                                               US-Informationsdienst                                   Sommer2011 als FBI-Informant
Mai 2011                                                                       Stratfor gehackt. Die Hacker                            arbeitet, werden mehrere mut-
Die Anonymous-Splittergruppe „Lulz Security“ startet einen aggressiven         erbeuten rund 860000                                    maßliche LulzSec-Hacker verhaftet.
50-tägigen Hacker-Feldzug, der sich gegen Unternehmen wie Fox und Nin-         Kundendaten, damit auch                                 Auch Jeremy H. alias Anarchaos
tendo richtet. Dem Elektronikkonzern Sony werden mehr als 75 Millionen         den Zugang zu etwa 60000                                wird festgenommen. Ihm wirft das
Kundendaten entwendet. Kurzfristig gelingt es LulzSec-Mitstreitern,            Kreditkarten, sowie mehrere                             FBI vor, maßgeblich am Stratfor-
die öffentlich zugängliche Website der CIA zu blockieren.                      Millionen E-Mails.                                      Hack beteiligt gewesen zu sein.

                                                       D E R   S P I E G E L     1 1 / 2 0 1 2                                                                              39
via Twitter zu neuen Raubzügen auf. In-
                                                                                                                         terpol habe Anonymous „den Krieg er-
                                                                                                                         klärt“, schrieb Monsegur, „infiltriert sie“.
                                                                                                                         Er beschimpfte die „Scheiß Feds“ als
                                                                                                                         „Feiglinge“ – obwohl er längst die Seiten
                                                                                                                         gewechselt hatte.
                                                                                                                            Offenbar funktionierte der vermeintli-
                                                                                                                         che Staatsfeind als Zuträger so zuverlässig
                                                                                                                         wie als Hacker. Arglos informierten ihn
                                                                                                                         seine Anonymous-Freunde über ihre neu-
                                                                                                                         en Angriffsziele und Erfolge, manchmal
                                                                                                                         lagerten sie auf sein Geheiß ihre Beute
                                                                                                                         sogar auf einem Server, der nur scheinbar




                                                                                           REX FEATURES / ACTION PRESS
                                                                                                                         zur Bewegung gehörte – in Wirklichkeit
                                                                                                                         aber vom FBI betrieben wurde.
                                                                                                                            Hatte Monsegur neben der Identifizie-
                                                                                                                         rung anderer Köpfe auch die Aufgabe,
                                                                                                                         die gesamte Bewegung weiter zu radika-
                                                                                                                         lisieren und damit zu diskreditieren? Sind
LulzSec-Verdächtiger „Topiary“: Der Bewegung Gesichter zuordnen                                                          seine wichtigsten Mitstreiter jetzt ent-
                                                                                                                         tarnt, oder droht bald eine weitere Ver-
sein, dass sie sich kaum von den Straßen-    sich auf die Suche nach dem Gesicht hin-                                    haftungswelle?
blockaden und Sit-ins früherer Tage un-      ter dem Pseudonym.                                                             Wie ernst es den Fahndern ist, hat FBI-
terscheiden, dass sie eine neue Protest-        Wie bei mysteriösen Serienmördern er-                                    Chef Robert Mueller jüngst klargemacht:
form sind, um gegen durchaus kritikwür-      stellte das FBI psychologische Profile                                      „Die Bedrohung aus dem Cyberspace
diges Verhalten etwa der Finanzkonzerne      über die Führungscrew, zu der auch die                                      wird die Bedrohung Nummer eins im
zu protestieren – sicher grenzwertig, aber   Anons „Topiary“ und „Kayla“ zählten.                                        Land sein.“ Mit aller Härte sollen seine
ein schweres Verbrechen?                     Die Ermittler beobachteten ihr Online-                                      Beamten gegen Anonymous vorgehen, in
   Betroffene und Behörden sind davon        Verhalten und analysierten ihren Sprach-                                    enger Zusammenarbeit mit internationa-
überzeugt. Staatliche Stellen haben den      gebrauch.                                                                   len Behörden. Erst in der vorvergangenen
Kampf gegen die Auswüchse der neuen             Sie stellten fest, dass The Real Sabu für                                Woche hatten Ermittler mit der „Opera-
Bewegung aufgenommen. Im Sommer              die anderen Aktivisten eine Autorität                                       tion Demaskierung“ in Südamerika und
2011 nahm das FBI in den USA 14 mut-         war, einer, der Ziele benannte, andere                                      Spanien zugeschlagen. Solche Aktionen
maßliche Anonymous-Aktivisten fest,          anstiftete oder maßregelte. Sie vermute-                                    zeigen, „dass Kriminalität in der virtuel-
nachdem PayPal der Behörde verdächtige       ten hinter dem Pseudonym, das auf einen                                     len Welt für die Verantwortlichen reale
IP-Adressen übergeben hatte. Auch in         bekannten amerikanischen Wrestler an-                                       Konsequenzen hat“, kommentierte ein
den Niederlanden und Großbritannien          spielt, einen Mann mit narzisstischen Nei-                                  Beamter von Interpol.
schlugen die Ermittler zu.                   gungen an der US-Ostküste und lagen da-                                        Was das bedeutet, konnte vorige Wo-
   Es war der erste großangelegte Versuch,   mit nicht falsch.                                                           che in Chicago Jeremy H. erleben, der
Anonymous weniger anonym zu machen,             Doch zum Verhängnis wurde dem Ha-                                        dem FBI durch Monsegurs Hilfe in die
der Bewegung Gesichter zuzuordnen –          cker seine Unachtsamkeit. Einmal beweg-                                     Falle ging.
und die waren häufig sehr jung. In Groß-     te sich Sabu in einschlägigen Foren, ohne                                      Er war offenbar ein führendes Mitglied
britannien standen die Polizisten im         jenes Anonymisierungsverfahren zu ak-                                       der Anonymous-Kadergruppe „AntiSec“,
Zimmer eines 16-Jährigen; in den USA er-                                                                                 die vor allem auf Sicherheit spezialisierte
wischte es eine 20-jährige Journalistik-                                                                                 Behörden und Firmen im Visier hat und
studentin an der Universität von Nevada,     Ihr zentrales Glaubens-                                                     über Weihnachten in die Server des
die unter dem Kürzel „No“ aktiv war. Soll-   bekenntnis ist die                                                          US-Informationsdienstes Stratfor einge-
te sie in allen Anklagepunkten schuldig                                                                                  brochen war. Die Hacker hatten dabei un-
gesprochen werden, drohen ihr 15 Jahre       radikale, kämpferische                                                      ter anderem 860 000 Kundendaten ent-
Haft und eine Geldstrafe von 500000 Euro.                                                                                wendet, in 60 000 Fällen sogar samt Kre-
   Während die Behörden ihren Verfol-        Forderung nach Freiheit.                                                    ditkartendaten, sowie mehrere Millionen
gungsdruck spürbar verschärften und die                                                                                  E-Mails. Danach löschten sie die internen
Justiz mit drakonischen Strafforderungen     tivieren, das er ansonsten stets nutzte.                                    Datenbanken und verkündeten ihre Tat
auf Abschreckung setzte, gingen Sabu         Das genügte den Ermittlern. Die IP-                                         am 24. Dezember auf Stratfors Website.
und einige Gefährten immer radikaler         Adresse seines Rechners führte sie direkt                                   Das FBI beziffert den entstandenen Scha-
vor. Unter dem Namen „LulzSec“ mach-         in die Wohnung 6F in der New Yorker Ja-                                     den auf mehrere Millionen Dollar.
ten sie sich als autonome Untergruppe von    cob-Riis-Siedlung.                                                             Noch während und kurz nach dem An-
Anonymous selbständig und starteten eine        Monsegur bekannte sich in zwölf Punk-                                    griff prahlte Jeremy H. in Chats mit der
50-tägige Hacking-Kampagne, wie sie das      ten schuldig. Würde er in allen verurteilt,                                 Aktion. Sabu war FBI-Unterlagen zufolge
Internet bis dahin nicht gesehen hatte. In   drohten ihm 124 Jahre und sechs Monate                                      oft dabei oder erhielt die Chat-Protokolle
schneller Folge brachen sie unter anderem    Haft. Für seine Kooperation wurde ihm                                       später von anderen Beteiligten.
in die Server von Konzernen wie Fox,         ein weitgehender Strafrabatt in Aussicht                                       Dadurch verfolgten die Ermittler die
Sony und Nintendo ein, dann veröffent-       gestellt, gegen eine Kaution von 50 000                                     Tat sozusagen live, sie lasen mit, wie
lichten sie die privaten Daten von Kunden.   Dollar kam er frei. Fortan konnte Sabu                                      Anons ihren Einbruch feierten („Wir ha-
Der brachiale Kurs stieß auch innerhalb      die eigene Bewegung unterwandern, das                                       ben eine große und ernstzunehmende In-
von Anonymous auf erhebliche Kritik.         FBI lieferte ihm eine speziell präparierte                                  tel-Firma zerstört“). Und sie sorgten da-
   Spätestens mit seiner Führungsrolle bei   Ausrüstung und überwachte ihn.                                              für, dass Sabu den Angreifern einen Ser-
LulzSec hatte Sabu die Aufmerksamkeit           Nach außen ließ er sich nichts anmer-                                    ver anbot, auf dem sie ihre gestohlenen
der Bundespolizisten erregt. Sie machten     ken, noch in der vorigen Woche rief Sabu                                    Daten zwischenlagern konnten. So über-
40                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Deutschland

spielten die ahnungslosen Täter einen Teil FBI-Zugriffs zu verarbeiten. Die Ermitt-       Wo ein Kopf abgeschlagen werde, wüch-
ihrer Beute direkt an das FBI.             ler wirken mit ihrem Coup zufrieden.           sen sofort zwei neue nach.
  Kurz nachdem AntiSec den Coup ver- „Anonymous besteht aus einem kleinen                    So ähnlich war es auch in der Vergan-
meldet hatte, kommunizierte Sabu im Kreis versierter Hacker und einer großen              genheit, repressive Maßnahmen der Be-
Chat mit Jeremy H. und scherzte: „Ihr Schar von Mitläufern“, sagt ein mit dem             hörden haben Aktivisten selten abge-
Motherfuckers werdet noch dafür sorgen, Fall vertrauter Beamter. „Dieser kleine           schreckt, eher weiter radikalisiert.
dass ich durchsucht werde.“ Da saßen die Kreis der echten Hacker ist nun empfind-           „Anonymous ist längst über LulzSec
FBI-Beamten längst neben ihm.              lich getroffen.“                               und Sabu hinausgewachsen“, hieß es in
  Unter Hochdruck arbeiteten sie seither      Doch die Behörde muss auch mit pein-        einer vielfach weiterverbreiteten Twitter-
daran, H. zu enttarnen, was nicht einfach lichen Fragen rechnen. Warum hat sie            Botschaft. Der bekannte Anonymous-Ver-
war, denn er nutzte mindestens sieben Sabu nicht früher aus dem Verkehr gezo-             treter Barrett Brown, bei dem vorige Wo-
verschiedene Kürzel und Pseudonyme.        gen? Wie konnte sie es zulassen, dass ihr      che ebenfalls durchsucht wurde, kündigte
  Auf Rechnern ihres Informanten Sabu Informant junge Anons zu Straftaten mo-             bereits an, das FBI könne eine „größere
fanden die Ermittler schließlich entschei- tivierte, die sie ohne ihn womöglich nicht     Antwort“ erwarten.
dende Hinweise. In älteren Chat-Pro- begangen hätten? Und was ist mit dem                    Tatsächlich entschieden einige Anony-
tokollen konnten sie nachlesen, wie H. Stratfor-Hack, den Sabu mit einem FBI-             mous-Mitstreiter noch am Dienstag, ihre
Sabu von früheren Problemen mit der Server unterstützte – hätten die Beamten              Schlagkraft unter Beweis zu stellen. Nur
Polizei berichtet hatte: Er habe Ärger we- die Veröffentlichung der E-Mails womög-        Stunden nach der FBI-Pressemitteilung
gen Marihuana-Besitzes bekommen, lich verhindern können?                                  hackten sie die Seite der Sicherheitsfirma
schrieb H., auch sei er in Polizeigewahr-     Bei Anonymous rätseln Mitstreiter seit      Panda Security – nachdem der For-
sam gewesen, weil er auf einer Parteiver- Tagen über ihre Zukunft, in der Szene           schungsleiter sich im Firmen-Blog über




anstaltung der Republikaner protestiert     herrscht eine Mischung aus Unglauben,         die FBI-Zugriffe gefreut und prognosti-
habe.                                       Verunsicherung und blankem Hass auf           ziert hatte, damit würden die ernstzuneh-
   Solche Puzzleteile führten die Beamten   den Verräter. In einschlägigen Kanälen        menderen Hacks im Namen der Bewe-
zu einem roten Klinkerbau im Chicagoer      wird viel über eine bessere Eigensiche-       gung wohl Geschichte sein.
Süden, dem Wohnsitz des 27-jährigen Je-     rung geschrieben und vor allem darüber           Die AntiSec-Hacker platzierten auf der
remy H. Vom 29. Februar an überwachte       spekuliert, was das FBI an weiteren In-       Website des Unternehmens einen offenen
das FBI das Haus und die Internetverbin-    formationen gewonnen haben könnte –           Brief an Monsegur: „Verrat ist etwas, das
dungen seiner Bewohner. Der letzte Spit-    etwa über die jüngste Zusammenarbeit          wir nicht vergeben.“
zeleinsatz von Sabu begann.                 von Anonymous mit WikiLeaks und des-             Sabu, der früher manchmal Dutzende
   Er meldete, wann der Stratfor-Hacker     sen Gründer Julian Assange.                   Nachrichten täglich allein via Twitter ab-
online war und wann er sich verabschie-        Einen „Abkühlungseffekt“ vermutete         feuerte und häufig 16 Stunden täglich on-
dete. Die Beamten vor Ort in Chicago        umgehend die Anonymous-Expertin               line war, schweigt.
verglichen das mit den Zeiten, in denen     Gabriella Coleman in der „New York               Aufmerksame Leser seiner Online-
Jeremy H. das Haus verließ; es passte. In   Times“. Die Anthropologin von der ka-         Sprechstunde aus dem vorigen Septem-
der Nacht auf vorigen Dienstag holten       nadischen McGill-Universität erwartet,        ber hätten vielleicht etwas ahnen können.
sie H. ab, dem sie nun nachweisen zu        die Bewegung werde nun intensiv reflek-       Er riet jungen aufstrebenden Hackern, al-
können glauben, dass er unter anderem       tieren müssen: „Wer sind wir? Was wollen      lein zu arbeiten und in Gruppen auf ma-
als „Anarchaos“ und „sup_g“ ein wichti-     wir sein?“                                    ximale Eigensicherung zu achten: „Freun-
ger AntiSec-Hacker war.                        Die ersten Anons allerdings haben die-     de werden dich am Ende fertigmachen,
   Und nun? Beide Seiten, Fahnder und       se Phase bereits abgeschlossen, sie ver-      wenn sie dazu gezwungen werden.“
Hacker, sind jetzt dabei, die Folgen des    gleichen Anonymous mit einer Hydra:                       GEORG DIEZ, MARCEL ROSENBACH

                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                          41
Deutschland

             KOA L I T I ON



 Gutachten nach
     Wunsch
 Hat die liberale Justizministerin
 bei einer Expertise zur Vorrats-




                                                                                                                      STRATO / OBS
datenspeicherung tricksen lassen?
    Innenexperten der Union
  werfen ihr Manipulation vor.              Speicherzentrale eines Rechenzentrums in Berlin, FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger:



A
        m vergangenen Mittwoch sollte       nachdem die vorübergehend eingeführte             Doch der 61-jährige Kriminologe sagte
        Hans-Jörg Albrecht seinen gro-      Speicherpflicht entfiel, heißt es darin. Da-   ab. Aus terminlichen Gründen. Mitt-
        ßen Auftritt vor dem Innenaus-      mit ist nach Ansicht der Ministerin belegt:    wochs, wenn der Innenausschuss gewöhn-
schuss des Bundestags haben. Der Chef       Die Daten der Bundesbürger müssen              lich tage, sei es für ihn grundsätzlich
des Freiburger Max-Planck-Instituts war     nicht gehortet werden.                         schwierig, nach Berlin zu kommen. Ein
geladen, um sein Gutachten zur Vorrats-        Die Berliner Koalition streitet seit        Abgeordneter mutmaßt, die Terminnot
datenspeicherung zu erklären. Diese         langem um das Schnüffelinstrument.             sei nur vorgetäuscht, tatsächlich habe der
Ende Januar publik gewordene Expertise      Unionspolitiker und das Bundesinnen-           Professor wohl „kalte Füße bekommen“.
war eine Steilvorlage für Bundesjustiz-     ministerium wollen unbedingt, dass Tele-          Denn inzwischen hat ein Papier den
ministerin Sabine Leutheusser-Schnar-       fon- und Internetanbieter die Verbin-          Weg in den Innenausschuss gefunden, das
renberger.                                  dungsdaten ihrer Kunden für sechs Mo-          zeigt, mit welchen Tricks in der strittigen
  Die FDP-Politikerin lehnt die sechsmo-    nate speichern. Die FDP-Justizministerin       Speicherfrage gerungen wird. Es handelt
natige Speicherpflicht für Internet- und    ist ebenso vehement dagegen. Mit der Al-       sich dabei um die erste Fassung des Al-
Telefonverbindungsdaten strikt ab und       brecht-Studie schien sie ein wesentliches      brecht-Gutachtens. Leutheusser-Schnar-
sah sich durch Albrechts Studie bestärkt.   Argument auf ihrer Seite zu haben. Dazu        renberger hat sie bislang unter Verschluss
Es sei bislang nicht zu belegen, dass die   wollten die Befürworter der Speicher-          gehalten. Das Papier kommt zu anderen
Aufklärung von Verbrechen gelitten habe,    regelung den Professor befragen.               Ergebnissen als die spätere Version.
ten, Richtern. Diese berichteten von gra- den befragten Ermittlern zugeschrieben.
                                                                                              vierenden Folgen, nachdem das Bundes- Das Justizministerium war zufrieden.
                                                                                              verfassungsgericht die Speicherpflicht im       Ganz im Gegensatz zu Unionsleuten.
                                                                                              März 2010 kassiert hatte. Die Suche nach Verständlich, denn denen gibt Variante




                                               TOBIAS KLEINSCHMIDT / PICTURE-ALLIANCE / DPA
                                                                                              IP-Adressen und Telefondaten von Ver- eins der Studie Argumentationshilfe. Das
                                                                                              dächtigen scheitere nun regelmäßig. Viele Herumfrisieren an der Expertise sei ein
                                                                                              Fälle vor allem bei der Kinderpornografie „bemerkenswerter Vorgang“, sagt Innen-
                                                                                              blieben „derzeit offensichtlich unaufklär- ausschuss-Chef Wolfgang Bosbach von
                                                                                              bar“, schrieben die Wissenschaftler.          der CDU. „Offensichtlich war der Bun-
                                                                                                 Doch als Kriminologe Albrecht diese desjustizministerin die Originalstudie zu
                                                                                              Ergebnisse im Sommer 2010 dem Hause positiv.“ Darum habe sie Nachbesserun-
                                                                                              Leutheusser-Schnarrenberger präsentierte, gen in ihrem Sinne erwartet. CSU-Innen-
                                                                                              fiel er glatt durch. Er habe sich in der Stu- experte Stephan Mayer wirft Leutheus-
                                                                                              die zu sehr auf die Wünsche der Ermittler ser-Schnarrenberger gar „Manipulation“
Andere Ergebnisse als in der Originalversion                                                  konzentriert, vertraglich vereinbarte Leis- vor. Es handele sich bei dem Papier „frag-
                                                                                              tungen seien nicht erbracht worden, hieß los um ein Gefälligkeitsgutachten auf Kos-
      In der 200 Seiten umfassenden Ur-                                                       es aus dem Ministerium. Das Max-Planck- ten der Steuerzahler“. Ein Sprecher des
    sprungsexpertise aus dem August 2010 ist                                                  Institut musste nachbessern. Neben zusätz- Justizministeriums wies die Vorwürfe zu-
    Kritik an der Vorratsdatenspeicherung                                                     lichen Daten aus dem Jahr 2009, die in die rück. Die Ergebnisse des renommierten
    nicht zu finden. Im Gegenteil: Damals                                                     Studie einflossen, sollte auf Wunsch des Max-Planck-Instituts sprächen für sich.
    drängten Albrecht und seine Co-Autoren                                                    Hauses Leutheusser-Schnarrenberger ein Institutsdirektor Albrecht war für eine
    geradezu auf eine Neuregelung der Spei-                                                   neuer Schwerpunkt aufgenommen wer- Stellungnahme trotz mehrfacher Anfra-
    cherpflicht: „In Anbetracht der vielfältigen                                              den. Das Thema: „Ermittlungseffizienz gen bis Freitagabend nicht erreichbar.
    Einschränkungen, die sich in Deutschland                                                  und Aufklärungsquoten“ – und dort wer-          Der Streit um die Vorratsdatenspeiche-
    derzeit bei dem Zugriff auf Verkehrsda-                                                   den jetzt jene Fakten betont, die dem Mi- rung geht nun wohl in eine neue Runde.
    ten ergeben, erscheint der Handlungsbe-                                                   nisterium später als Argumente gegen die Und der gerade erst im Kanzleramt de-
    darf dringend.“ Auf dieses Instrument zu                                                  Vorratsdatenspeicherung dienen sollten.       monstrierte Koalitionsfriede könnte be-
    verzichten sei eine „politische Abwägung                                                     Das Freiburger Institut lieferte im ver- reits Geschichte sein. „Wenn die FDP
    zu Lasten der Strafverfolgung“.                                                           gangenen Juli die um 92 Seiten erweiterte glaubt, das sitzen wir bis zum Ende der
      Das Freiburger Max-Planck-Institut hat-                                                 Fassung mit deutlich modifizierten Wahlperiode aus“, droht Bosbach, „dann
    te für die Originalstudie Interviews mit                                                  „Schlussfolgerungen“. Frühere Bewertun- erwarte ich von der CDU-Spitze, dass sie
    Experten aus der Praxis im In- und Aus-                                                   gen der Wissenschaftler standen im Kon- das nicht einfach hinnimmt.“
    land geführt, mit Staatsanwälten, Polizis-                                                junktiv oder wurden in der Neufassung                                      HUBERT GUDE
Deutschland


                                                                 SPI EGEL-GESPRÄCH




                  „Ungeheurer Bildungsdruck“
   Der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul, 63, gilt als Verfechter
        einer entspannten Erziehung. Dabei hat er einiges zu beanstanden: zu viel
 Pädagogik, zu viele Frauen in Schulen und zu viele Eltern, die ihre Kinder nie allein lassen.

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch widmen Sie                                                                                             Mutter oder erfolgreicher Vater fühlen
sich gemeinsam mit anderen skandinavi-                                                                                              will. Diese Projekteltern wollen ihren
schen Autoren der Herzensbildung*. Ist                                                                                              Kindern so viele Anreize bieten wie mög-
es so schwierig, Kinder zu mitfühlenden                                                                                             lich. Danach werden die Kinder süchtig.
Wesen zu erziehen?                                                                                                                  SPIEGEL: Was schlagen Sie stattdessen vor?
Juul: Das Beste ist, wenn sie mit echten                                                                                            Juul: Ich war in den vergangenen Wochen
Menschen aufwachsen und nicht mit                                                                                                   auf drei Kontinenten, und überall klagen
Schauspielern, die immerzu ihre Eltern-                                                                                             Eltern über Kinder, die dauernd sagen:
rolle aufführen. Wer dauernd pädago-                                                                                                Mama, Papa, mir ist langweilig. Die El-
gisch handelt, zieht den Nachwuchs zur                                                                                              tern springen dann auf und bieten einen
Gefühlskälte heran. Solche Kinder erfah-                                                                                            Katalog von Beschäftigungen an. Aber
ren nie, dass andere Menschen auch Ge-                                                                                              haben Sie schon einmal erlebt, dass Kin-
fühle und Grenzen haben. Liebe heißt                                                                                                der sagen: Oh, Punkt sieben von der Liste
für sie, im Mittelpunkt zu stehen.                                                                                                  gefällt mir? Stattdessen sollten Eltern sa-
SPIEGEL: Die wohlmeinenden Eltern, die                                                                                              gen: Ich freue mich darauf zu sehen, was



                                                                                                       MANFRED WITT / DER SPIEGEL
auf alles aufpassen, züchten Problemfälle                                                                                           du in einer halben Stunde machst.
heran?                                                                                                                              SPIEGEL: Ziehen Eltern heute ihre Kinder
Juul: In Dänemark nennen wir sie Cur-                                                                                               zu Tyrannen heran, wie der Psychiater
ling-Eltern, weil sie wie beim Eisstock-                                                                                            und Autor Michael Winterhoff schreibt?
schießen alle Hindernisse vor ihrem Kind                                                                                            Juul: Ich würde das anders ausdrücken:
aus dem Weg räumen. Sie ersparen ihren                                                                                              Es gibt Eltern, die immer den Weg des
Söhnen und Töchtern sogar den Anblick                    Therapeut Juul                                                             geringsten Widerstands gehen. Da heißt
eigener Trauer, etwa beim Tod der Groß-                  „Kinder wollen kooperieren“                                                es: Was willst du heute essen?
eltern. Solche Kinder wissen nichts über                                                                                            SPIEGEL: Das Kind wird zu viel gefragt?
andere Menschen und nichts über sich                     Juul: Ich bin Familientherapeut, kein Er-                                  Juul: Man kann nicht ein Kind zu viel fra-
selbst. Sie wissen nicht, was es heißt, trau-            ziehungsexperte. Ich weiß nicht, was das                                   gen. Du kannst auch deine Frau nicht zu
rig oder frustriert zu sein, sie kennen des-             sein soll, gute Erziehung.                                                 viel fragen. Man kann nur die falschen
halb kein Mitgefühl.                                     SPIEGEL: Eltern wollen heute nicht in ers-                                 Fragen stellen. Kinder sind überfordert,
SPIEGEL: Also sollen Eltern härter sein?                 ter Linie Gehorsam. Kinder sollen glück-                                   wenn sie zu viel wählen müssen. Ein
Juul: Solche Kategorien sind sinnlos. Das,               lich sein, sozial und lernbereit.                                          Zweijähriger ist nicht in der Lage zu ent-
was Väter und Mütter unter Erziehung                     Juul: Ja, das würden alle unterschreiben:                                  scheiden, was ein gutes Abendessen für
verstehen, wenn sie den Finger und die                   Wir wollen nette Kinder. Aber eigentlich                                   ihn ist. Er weiß vielleicht, worauf er Lust
Stimme heben, macht auf Kinder ohnehin                   wollen auch wir Gehorsam, nur ohne Ge-                                     hat: Pizza, Bolognese, Pommes.
kaum Eindruck, und wenn, dann höchs-                     walt. Wir signalisieren: Wenn alle um                                      SPIEGEL: Und was soll er dann bekommen?
tens einen schlechten. Von Goethe                        dich herum zufrieden sind, bist du ein                                     Juul: Das auszuwählen ist Aufgabe der Er-
stammt der schöne Satz: So fühlt man                     nettes Kind. Nur klappt das leider nicht.                                  wachsenen. Wir haben leider zu wenige
Absicht, und man ist verstimmt. Ähnlich                  Die Kinder sind dann brav, aber hilflos.                                   Vorbilder, die vorleben, wie man das
geht es den Kindern. Erziehung findet                    SPIEGEL: Es ist doch erstaunlich, dass El-                                 ohne Zwang macht. Mein inzwischen er-
zwischen den Zeilen statt.                               tern sich mit der Erziehung so viel Mühe                                   wachsener Sohn wollte im Alter von sie-
SPIEGEL: Wodurch also?                                   geben wie nie zuvor, dass es aber trotz-                                   ben oder acht Jahren plötzlich nicht mehr
Juul: Wie die Eltern miteinander umge-                   dem enorm viele Probleme gibt.                                             essen, was ich gekocht habe. Dann habe
hen, wie sie mit dem Bäcker sprechen,                    Juul: Die Eltern springen ja ständig um                                    ich ihn mit zum Einkaufen genommen,
wie sie zu ihren Verwandten stehen.                      das Kind herum, die wollen etwas mit                                       und er durfte mit mir aussuchen.
Erziehung ist wie Osmose, sie kommt                      ihm machen. Das arme Kind hat kaum                                         SPIEGEL: Dann gab es Pizza oder Pommes?
durch die Haut. Kinder wollen kooperie-                  eine Minute für sich, es darf sich nie in                                  Juul: Nein. Der Unterschied zu meinen
ren, sie orientieren sich am Vorbild ihrer               einer erwachsenenfreien Zone aufhalten.                                    Käufen war minimal. Beim Essen geht es
Eltern.                                                  SPIEGEL: Warum sind Eltern heute so stark                                  oft nicht um Geschmacksnerven. Es ging
SPIEGEL: Wenn es so einfach ist, warum                   auf ihre Kinder fixiert?                                                   um sein Verhältnis zu mir, der kochte.
gelten Sie dann manchen Eltern als Heils-                Juul: Früher, als unsere Gesellschaft noch                                 Ich bestimmte, was es gab, und bekam
bringer, als Marke für gute Erziehung?                   weniger wohlhabend war, waren die Müt-                                     immer viel Lob für meine Kochkünste.
                                                         ter auch anwesend, nur hatten sie meist                                    Mein Sohn wollte mir zeigen: So ver-
* Jesper Juul, Peter Høeg u. a.: „Miteinander. Wie Em-
                                                         zu tun. Heute sehen viele ihre Eltern-                                     dammt genial bist du gar nicht.
pathie Kinder stark macht“. Beltz Verlag, Weinheim       schaft als Projekt. Eine sehr egozentrische                                SPIEGEL: Aber wie gewinnen Eltern Auto-
und Basel; 160 Seiten; 14,95 Euro.                       Sicht, weil man sich dabei als erfolgreiche                                rität, um etwas durchzusetzen?
44                                                             D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
miert, anstatt ein antiautoritäres Zeitalter
                                                                                                                          auszurufen. Was mir an den deutschen
                                                                                                                          Antiautoritären aufstößt: Sie sind sehr
                                                                                                                          autoritär, sie wissen sehr genau, was rich-
                                                                                                                          tig und was falsch ist. Besuchen Sie eine
                                                                                                                          Waldorf-Schule oder einen Montessori-
                                                                                                                          Kindergarten, die sind beinhart.
                                                                                                                          SPIEGEL: Welchen Blick haben Sie auf das
                                                                                                                          deutsche Schulsystem?
                                                                                                                          Juul: Ich bin bisweilen erschrocken. Alle
                                                                                                                          sind traumatisiert. Die Lehrer finden die
                                                                                                                          Schüler schrecklich, die Schüler fühlen
                                                                                                                          sich gegängelt, die Eltern überfordert.
                                                                                                                          Das liegt an dem ungeheuren Bildungs-
                                                                                                                          druck, der in Deutschland zuletzt aufge-
                                                                                                                          baut wurde.
                                                                                                                          SPIEGEL: Bildung ist doch der entscheiden-
                                                                                                                          de Schlüssel für das spätere Leben.
                                                                                                                          Juul: Ja, aber jeder, der sich ein bisschen
                                                                                                                          mit Physik auskennt, weiß, dass Druck
                                                                                                                          Gegendruck erzeugt. Wenn wir ständig
                                                                                                                          unseren Kindern vermitteln, wie wichtig
                                                                                                                          es ist, gut in der Schule zu sein und das
                                                                                                                          Abitur zu machen, dann wirkt das eher
                                                                                                                          kontraproduktiv. Der Schuldruck wird
                                                                                                                          auch in die Familien getragen und macht
                                                                                                                          sie kaputt. Jeden Nachmittag kämpfen
                                                                                                                          Mütter mit ihren Kinder um die Haus-




                                                                                            MANFRED SOBOTTKA / KEYSTONE
                                                                                                                          aufgaben, das sind zwei Stunden Hölle.
                                                                                                                          SPIEGEL: Was wäre die Alternative, keine
                                                                                                                          Hausaufgaben?
                                                                                                                          Juul: Hausaufgaben sollten eine Verabre-
                                                                                                                          dung zwischen Lehrer und Schüler sein.
                                                                                                                          Es kommt darauf an, eine gute, funktio-
                                                                                                                          nierende Beziehung zwischen ihnen auf-
Kunsterziehung in Düsseldorf 1974: „Die Antiautoritären sind sehr autoritär“                                              zubauen. Doch stattdessen macht die
                                                                                                                          Schule bei den Hausaufgaben wieder die
                                                                                                                          Eltern verantwortlich. Das ist doch blöde.
                                                                                                                          Dafür sollen die Kinder selbst verant-
                                                                                                                          wortlich sein.
                                                                                                                          SPIEGEL: Funktioniert das Prinzip Eigenver-
                                                                                                                          antwortung auch in kaputten Familien?
                                                                                                                          Juul: Ja, solche Kinder brauchen eben
                                                                                                                          mehr Hilfe von außen. Ich ärgere mich
                                                                                                                          zum Beispiel über das Wort Schulverwei-
                                                                                                                          gerer. Es gibt keine Schulverweigerer.
                                                                                                                          Eine Schule, die nur für die Braven und
                                                                                                                          Guten funktioniert, leistet zu wenig.
                                                                                                                          SPIEGEL: Braucht Deutschland dazu neue
                                                                                                                          Schulformen?
                                                                                                                          Juul: Mich hat sehr überrascht, dass die
                                                                                                                          Hamburger sich in einem Volksentscheid
                                                                                                                          gegen eine Grundschule ausgesprochen
                                                                                            MIKE SCHRÖDER / ARGUS




                                                                                                                          haben, in der alle Schüler sechs Jahre
                                                                                                                          gemeinsam lernen. Diese Leute müssen
                                                                                                                          sehr wenig Vertrauen in ihre eigenen
                                                                                                                          Kinder haben, wenn sie nicht glauben,
                                                                                                                          dass die sich in einer gemischten Klasse
Gegner der Primarschule in Hamburg 2009: „Wenig Vertrauen in die eigenen Kinder“                                          behaupten können. Aus lauter Angst set-
                                                                                                                          zen sie auf ein Konzept früherer Jahr-
Juul: Es geht darum, persönliche Maßstä-     autoritär. Und jemandem, der autoritär                                       hunderte: Es gibt Herrscher und Be-
be und Überzeugungen vorzuleben. Kin-        ist, folgen Kinder höchstens aus Angst.                                      herrschte.
der spüren sehr schnell, ob sich jemand      SPIEGEL: Wo liegt das rechte Maß zwischen                                    SPIEGEL: Immerhin holt Deutschland bei
sicher ist. Menschen, die persönliche Au-    autoritär und antiautoritär?                                                 der Frühpädagogik auf und führt den
torität besitzen, haben normalerweise        Juul: Diese Antibewegungen sind ja eine                                      Rechtsanspruch auf einen Kindergarten-
wenig Probleme mit ihren Kindern. Ob-        deutsche Spezialität. Auch in Dänemark                                       platz für Kinder unter drei Jahren ein.
wohl sie genau dasselbe sagen wie Eltern,    waren wir unzufrieden mit den autoritä-                                      Juul: In Dänemark ist es selbstverständlich,
die diese Autorität nicht haben. Es geht     ren Strukturen in den Schulen. Aber in                                       dass Kleinkinder in die Krippe gehen, ge-
nicht um Machtdemonstrationen, die sind      der Folge haben wir die Schulen refor-                                       nau wie in Norwegen oder Schweden. Bis
                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                          45
Haben Sie die allein? Die Antwort lautet
                                                                                                                          dann oft: Mein Mann ist viel weg.
                                                                                                                          SPIEGEL: Mit welchen Folgen?
                                                                                                                          Juul: Viele Mütter sind Alleinerziehende,
                                                                                                                          auch wenn der Mann manchmal hilft. Das
                                                                                                                          führt dazu, dass sie bisweilen einen Müt-
                                                                                                                          ter-Chauvinismus entwickeln: Sie haben
                                                                                                                          die Verantwortung, da stört es nur, wenn
                                                                                                                          der Idiot gelegentlich im Weg herumsteht.
                                                                                                                          SPIEGEL: Was sollen Männer tun, die voll
                                                                                                                          berufstätig sind?
                                                                                                                          Juul: Vor allem nicht die Beziehung zu ih-
                                                                                                                          ren Kindern verlieren. Was heißt es denn,
                                                                                                                          wenn ein Manager sagt: Meine Familie




                                                                                             GOTTFRIED STOPPEL
                                                                                                                          steht hinter mir. Es heißt doch: Ich stehe
                                                                                                                          neben der Familie, oder, noch schlimmer,
                                                                                                                          die Familie ist unter mir. Sie funktioniert
                                                                                                                          in jedem Fall ohne mich. Später, in der
Polizeieinsatz nach Schul-Amoklauf in Winnenden 2009: „Unheimliche Wut“                                                   Pubertät, kommen die Kinder nicht mehr
                                                                                                                          zum Vater, wenn sie einen Erwachsenen
zum Alter von 15 Jahren verbringt heute        SPIEGEL: Wie sollten Erzieherinnen auf                                     brauchen. Aus solchen fehlenden Bindun-
jedes Kind 25 000 Stunden in pädago-           Aggressivität reagieren?                                                   gen entstehen viele Probleme.
gischen Einrichtungen, schärfer gesagt         Juul: Gar nicht. Ein Junge hat einem an-                                   SPIEGEL: Sie gelten als Vertreter einer ent-
in zwangspädagogischen Einrichtungen.          deren sein Spielzeug weggenommen, der                                      spannten Erziehung. Dafür stellen Sie
Umgerechnet auf die Woche entspricht           erste rennt ihm hinterher, sie prügeln                                     ganz schön hohe Ansprüche an Eltern.
das dem Arbeitspensum eines Industrie-         sich. Die normalste Sache auf der Welt.                                    Juul: Es gibt keine perfekte Familie. Doch
arbeiters im vorigen Jahrhundert.              Kinder müssen die Fähigkeit entwickeln,                                    die größte therapeutische Kraft in unse-
SPIEGEL: Das hört sich nicht so an, als ob     die die Amerikaner „street smart“ nen-                                     rem Leben ist die Familie.
Sie das für Fortschritt halten.                nen: Ist der andere stärker als ich, oder                                  SPIEGEL: Das heißt, wenn etwas schief-
Juul: Es gibt keine ausreichende For-          kann ich ihm eins auf die Nase hauen?                                      läuft, ist die Familie schuld?
schung, ob diese Betreuung den Kindern         Doch die Mütter rufen dann einander an                                     Juul: Schuld, was heißt schuld? Deutsche
schadet. Wir wissen aber, dass rund ein        und erzählen, wer wen geschlagen hat.                                      Eltern fragen immer nach der Schuld. Bu-
Fünftel der Ein- bis Zweijährigen darun-       Eltern müssen ihren Kindern signalisie-                                    limie, Magersucht, Drogenmissbrauch,
ter leiden, in die Kita gehen zu müssen,       ren: Du musst dich selber schützen.                                        Komasaufen sind Ausdruck einer exis-
weil sie Trennungsängste haben.                SPIEGEL: Haben die Mädchen weniger Pro-                                    tentiellen Krise, und die hat meist ihren
SPIEGEL: Das ist eine schmerzhafte Zahl,       bleme?                                                                     Ausgang in der Familie. Allerdings neigen
insbesondere für berufstätige Frauen. Sol-     Juul: Bei Teenagern haben Mädchen grö-                                     wir auch dazu, unsere Jugendlichen zu
len Mütter lieber zu Hause bleiben?            ßere Probleme, besonders die, die bis                                      pathologisieren. Wer heute 16 oder 17 ist,
Juul: Ich glaube, es ist besser, wenn unsere   dahin immer gut funktioniert haben. Ich                                    könnte fast meinen, er sei das größte
Kinder die ersten drei Jahre mit ihren         sage immer: Seid nicht zufrieden mit den                                   Feindbild unserer Gesellschaft. Dabei gab
Eltern verbringen dürfen, ob mit Mutter        stillen Mädchen. Sie haben das geringste                                   es Komasaufen auch schon zu meiner
oder Vater ist nicht so wichtig. Das ist       Selbstbewusstsein. Sie haben sich nie ab-                                  Jugend, und bei den um die 40-Jährigen
meine Meinung, ich weiß, dass sie in           gegrenzt und wurden dafür noch be-                                         gibt es viel mehr Trinker.
Deutschland politisch inkorrekt ist. Die       lohnt.                                                                     SPIEGEL: Schul-Amokläufer waren früher
meisten Kinder gehen gern in die Kita,         SPIEGEL: Mütter, Lehrerinnen, Kita-Be-                                     unbekannt. Einige kommen aus relativ
aber einzelne leiden.                          treuerinnen, alle, die Erziehungsverant-                                   intakten Familien und waren vor ihrer
SPIEGEL: Können Eltern das erkennen?           wortung tragen, scheinen Frauen zu sein.                                   Tat nicht auffällig.
Juul: Eltern merken das an den Tonalitä-       Wo bleiben eigentlich die Männer?                                          Juul: Ich finde es auffällig, wenn ein Teen-
ten, in denen ein Kind weint. Bei den ers-     Juul: Die Mehrheit ist leider abwesend,                                    ager sieben, acht, neun Stunden pro Tag
ten Stufen muss man sich keine Sorgen          sie nehmen sich zu wenig Zeit. Wenn ich                                    Computer spielt. Dann hat er den Kon-
machen. Aber ein bestimmter Grad               Mütter in einer Gesprächsgruppe betreue                                    takt mit seinen Eltern abgebrochen. Viele
drückt echte Ängste aus. Kitas sollten         und eine Vorstellungsrunde mache, dann                                     sagen dann, die bösen Ballerspiele seien
nicht für alle die Norm sein.                  heißt es in Deutschland und Österreich                                     schuld. Doch das kommt nicht vom Com-
SPIEGEL : Von der Kita über die Grund-         meistens: Mein Name ist Julia, ich habe                                    puterspielen. Es kommt daher, dass die
schule bis zum Gymnasium sind die Kin-         drei Kinder. Ich frage dann immer zurück:                                  Familie nicht funktioniert und die Kinder
der überwiegend mit Frauen zusammen.                                                                                      nicht Widerstandskraft, sondern eine un-
Ist das ein Problem?                                                                                                      heimliche Wut aufbauen. Wenn Eltern zu
Juul: Viele Pädagoginnen können mit der                                                                                   mir kommen und klagen, dass ihr Sohn
Aggressivität von Jungen nicht umgehen.                                                                                   dauernd daddelt, frage ich, ob sie wissen,
Die passt nicht in ihr weibliches Werte-                                                                                  wie es ihm geht. Das können die meisten
system. Frauen wollen immer darüber                                                                                       nicht beantworten.
                                                                                             MANFRED WITT / DER SPIEGEL




reden, schon im Kindergarten. Für Jungs                                                                                   SPIEGEL: Den Eltern fehlt das aufrichtige
ist dagegen wichtig, immer wieder aufs                                                                                    Interesse an ihren Kindern?
Neue eine Hierarchie festzusetzen. Ein                                                                                    Juul: Unser großer Fehler ist, dass wir nur
Junge sagte mir einmal: Weißt du, wenn                                                                                    darauf schauen, wie sich jemand verhält,
wir Fußball spielen, kann nur einer Mi-                                                                                   nicht darauf, wie es ihm geht. Hinterher
chael Laudrup sein, der Star, nicht alle.                                                                                 heißt es dann: Er war immer so nett.
                                               Juul (M.), SPIEGEL-Redakteure*                                             SPIEGEL: Herr Juul, wir danken Ihnen für
* Cordula Meyer und Jan Friedmann in Aarhus.   „So verdammt genial bist du gar nicht“                                     dieses Gespräch.
46                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Deutschland




                                                                                                                                       WOLFGANG EHN / FOTOFINDER / LOOK-FOTO
Skiwanderer im Allgäu: Naturschönheiten zu jeder Tages- und Nachtzeit

                                               In Garmisch-Partenkirchen demon-           ter lieber in der freien Natur verausgaben
           WINTERSPORT                      strierten etwa 60 aufgebrachte Skiwande-      als in einem Fitnessstudio. Sporthändler
                                            rer kürzlich unter dem Motto „Natur für       verkaufen inzwischen 180 000 Paar Tou-

        Freigeister                         alle“ gegen die Bayerische Zugspitzbahn,
                                            die ihnen die besten Pisten zum Aufge-
                                            hen gesperrt hat. „Freiheit für unsere Ber-
                                                                                          renskier jährlich. Übliche Abfahrtskier
                                                                                          werden drei Millionen Mal abgesetzt,
                                                                                          doch das Geschäft stagniert. Weil die Ski-

        der Alpen                           ge“ stand auf einem Plakat. Tatsächlich
                                            sehen sich die Naturfreunde durch Bay-
                                            erns Verfassung bestärkt. Denn Artikel
                                                                                          Industrie die meisten freien Hänge zur
                                                                                          Piste planiert hat, werde es eng, klagen
                                                                                          die Tourengeher.
   Tourengehen auf Skiern ist               141 regelt den „freien Zugang zu Natur-          Beide Seiten haben Juristen engagiert.
   ein Trendsport geworden.                 schönheiten“ zu jeder Tages- und Nacht-       Der Verband Deutscher Seilbahnen und
                                            zeit. Das Betreten von Wald und Berg-         Schlepplifte ließ per Rechtsgutachten
  Doch nun wollen Liftbetreiber             weide ist danach „jedermann gestattet“.       klären, ob die Skipisten nun freie Natur
      die Schneewanderer                       Die Gegenseite beruft sich auf Haf-        gemäß Verfassung oder doch eher Sport-
   von den Pisten vertreiben.               tungsfragen, DIN-Normen und auf die           stätten seien. Das wenig überraschende
                                            Sicherheit.                                   Ergebnis lautet: Per Hausrecht könne


D
         ie Blutspur wurde im weißen           Freie Bewegung auf der Piste sei „zu       jeder Liftbetreiber die Tourengeher „von
         Schnee der Olympia-Abfahrt von     gefährlich“, sagt Peter Huber, Vorstand       der Nutzung seiner Pisten ausschließen“.
         Garmisch-Partenkirchen gefun-      der Zugspitzbahn. Er hat ausgerechnet,        Die Abfahrtsstrecke sei eben keine freie
den. Sie führte bis zum Parkplatz im Tal.   dass an einem normalen Skitag 250 Tou-        Natur.
Ein Skiwanderer, so spekulierte das hei-    rengeher rund 500 000-mal Abfahrern auf          Der Deutsche Alpenverein kommt in
mische „Tagblatt“ vor vier Wochen, müs-     dem Weg ins Tal begegnen. Dabei müsse         einem eigenen Rechtsgutachten allerdings
se wohl nachts mit einer Pistenraupe kol-   es ja Unfälle geben, meint Huber. Aber        zum gegenteiligen Ergebnis. Juraprofes-
lidiert sein und sich dann zu seinem Wa-    er kann sich nur vage an zwei Unfälle         sor Gerrit Manssen von der Universität
gen geschleppt haben.                       mit Pistengehern in den vergangenen Jah-      Regensburg stellte fest, dass der Hang
   Gruseliges tut sich anscheinend auf      ren erinnern.                                 freie Natur sei – Sperrungen seien mithin
Deutschlands Bergen. Nicht weit entfernt,      Trotzdem sieht er die Tourengeher als      rechtswidrig.
am Brauneck, soll es im Januar einen ähn-   Geisterfahrer, weil sie die Pisten in die        Bahnbetreiber Huber hat trotzdem
lich rätselhaften Unfall gegeben haben.     falsche Richtung benutzten. Sie geisterten    schon für 80 000 Euro Verbotsschilder am
Ein Raupenpilot will nachts ein Paar Tou-   zudem nachts zwischen den Pistenbullys        Rand der Olympia-Abfahrt platziert. Er
renskier mitten auf der Piste gefunden      umher und stiegen selbst dann noch auf,       regt sich furchtbar auf, wenn zum Bei-
haben. Ein Skiwanderer sei gegen das        wenn wegen Lawinengefahr gesprengt            spiel der Tourengeher Christian Pritzl
Halteseil des Pistengefährts geprallt und   werden müsse.                                 einfach an den Tafeln vorbeimarschiert.
habe sich nach dem Crash aus Angst vor         Aber natürlich geht es auch um viel        Bürger Pritzl hat Briefe ans Ministerium
Strafe ins Unterholz geschlagen.            Geld. Die renitenten Naturburschen kau-       geschrieben, auf rechtliche Probleme hin-
   Die Skiwanderer, auch Tourengeher        fen keine Liftkarten, benutzen die prä-       gewiesen und den Verdacht geäußert,
genannt, sind die Freigeister der Alpen,    parierten Pisten kostenlos und nehmen         dass für die Liftbetreiber wirtschaftliche
weil sie meist abseits der Massen ihre      zahlenden Kunden Parkplätze weg. Auch         Interessen im Vordergrund stünden. Pritzl
Spuren durch den Schnee ziehen. Doch        Jäger fühlen sich neuerdings von ihnen ge-    sagt: „Hier werden in Wildwestmanier
nun soll Schluss sein mit der Natur-        stört. Angeblich vertreiben die Tourenge-     Tatsachen geschaffen.“
romantik: Eine Phalanx aus Liftbetrei-      her nachts das Wild von den Futterstellen.       Das ärgert Huber sehr, vor allem we-
bern, Bürokraten und Jägern will den           Und Männer wie Huber müssen damit          gen des Berufs seines Kritikers. Touren-
Puristen des Wintersports, mit denen sich   rechnen, dass zunehmend mehr Skiwan-          geher Pritzl ist Direktor des örtlichen
kaum Geld verdienen lässt, ihre Regeln      derer kommen. Tourengehen ist ein Trend,      Amtsgerichts.
aufzwingen.                                 viele Menschen wollen sich auch im Win-                                   STEFFEN WINTER

                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                          47
Gesellschaft                                                                                                                                 Szene


        Was war da los,
         Herr Ebener?
  David Ebener, 29, Agenturfotograf, über
  das Leben: „Bilder mit Nackten, davon
  handelt eine Ausstellung im Würz-
  burger Museum am Dom, das fand
  ich interessant. Das Hauptbild dieser
  Ausstellung soll an Leonardo da Vin-
  cis ,Abendmahl‘ erinnern. Wo Jesus
  wäre, ist der Platz aber leer. Stattdes-
  sen projiziert ein Beamer das Bild des
  Betrachters in die Bildmitte; so bin
  ich auf diesen prominenten Platz ge-
  kommen. Die Installation soll das Le-
  ben in Gegensätzen zeigen: jung und
  alt. Gesund und krank. Schön und
  hässlich. Der Künstler, Henning von
  Gierke, nennt es ‚Liebeserklärung an
  das Leben‘. Manche regen sich auf
  über diese Nackten, in unmittelbarer
  Nähe zum Dom, aber mir gefiel das.
  Denn auch meine Arbeit als Agentur-
  fotograf ist voller Gegensätze. Nach
  dem Museum musste ich gleich weiter.




                                                                                                                                                                 DAVID EBENER / DPA
  Ein Winzer hatte seinen Bruder er-
  schlagen. Der Winzer stand vor Ge-
  richt, mein nächstes Motiv.“               Ebener (M.), Gierke-Installation




             MEMOIREN
                                              rungen, die Hitze in der Zelle, er klagt,     Schumann: Nicht nur. Wir besetzen
                                              dass die Staatsanwaltschaft „ein Gru-         aber mit Ostthemen eine Nische. Die
                                              selbild“ von ihm male. Er war wegen           dritte Auflage von Honecker ist jetzt
      „Honecker läuft                         der Todesschüsse an der Mauer ange-           raus, wieder 15 000 Exemplare.

         immer“                               klagt. Wollen Sie seinen Ruf retten?
                                              Schumann: Ich finde, dass in der Haft-
                                              zeit mies mit Honecker umgegangen
                                                                                            SPIEGEL: Die gehen alle in den Osten?
                                                                                            Schumann: Die meisten Bücher gehen
                                                                                            wohl in den Westen.
Frank Schumann, 60, Verleger, über            wurde. Der Mann war 80, todkrank,             SPIEGEL: Was sagt Margot zum Erfolg?
einen zuverlässigen Bestsellerautor           jeden Tag stand in Zeitungen, um wie          Schumann: Sie war skeptisch, nun be-
                                              viel das Karzinom in seiner Leber ge-         kommt sie viele Mails von Lesern, das
SPIEGEL: Mit einem Tagebuch von Erich         wachsen ist. Einfach würdelos.                freut sie. Sie lebt in Santiago de Chile
Honecker hat es Ihr Verlag auf die            SPIEGEL: In Ihrem Verlag erscheinen           ganz bescheiden, die Rente ist ja nicht
SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft.            sonst Erinnerungen von Stasi-Vetera-          doll, in einem Häuschen, drei kleine
Sind Sie überrascht?                          nen oder Bücher, in denen der Mauer-          Räume unten, drei oben. Ich hatte das
Schumann: Honecker läuft bei uns              bau verteidigt wird.                          Gefühl, dass die Möbel noch aus der
immer gut. 1994 haben wir seine                                                                          DDR-Botschaft sind, die Fo-
„Moabiter Notizen“ veröffentlicht,                                                                       lie löst sich von den Press-
sein politisches Vermächtnis, das er                                                                     spanplatten, wie früher.
aufschrieb, als er in Berlin-Moabit in                                                                   SPIEGEL: Wird sie jetzt neue
Untersuchungshaft saß. Da haben wir                                                                      Möbel kaufen?
in sechs Wochen 35 000 Stück verkauft.                                                                   Schumann: Sie wollte kein
SPIEGEL: Auch das private Tagebuch                                                                       Geld, sie versteht das als
schrieb Honecker in der Haft. Wo                                                                         politische Arbeit. Wir
kommt das Material auf einmal her?                                                                       bringen diese Woche aber
Schumann: Im September 2011 habe ich                                                                     auch ein Buch von ihr her-
Margot Honecker, seine Witwe, in Chi-                                                                    aus: „Zur Volksbildung“.
                                                                                                     EASTBLOCKWORLD.COM




le besucht, weil ich eine Honecker-Bio-                                                                  Sie bekommt dieselbe Start-
grafie machen wollte. Plötzlich holte                                                                    auflage wie ihr Mann.
sie eine Mappe, 400 handgeschriebene
Seiten, das Tagebuch ihres Mannes.                                                                                        Erich Honecker: „Letzte Aufzeich-
SPIEGEL: Honecker beschwert sich über                                                                                     nungen“. Verlag Edition Ost, Berlin;
die „Klassenjustiz“, seine Schlafstö-         Ehepaar Honecker 1987                                                       192 Seiten; 14,95 Euro.

48                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Gesellschaft                                                                                                               Szene



                          Der Fels ist das Limit
        EIN VIDEO UND SEINE GESCHICHTE:        Wie ein Amerikaner seine Depression in Ruhm verwandelt



J
      eb Corliss stand weit oben auf dem springen. Unter dem Arm der Christus-                 Südafrika driftete sein Fallschirm in den
     Tafelberg, auf einem Felsvorsprung. Un- Statue über Rio de Janeiro durchfliegen.          Wasserfall hinein. Corliss brach sich drei
     ter ihm lagen Kapstadt und das Meer. Aus einem Helikopter über China ab-                  Rückenwirbel, mehrere Rippen, beide
Corliss konnte bis zum Horizont sehen.          springen und dann durch ein Loch in ei-        Füße und das rechte Knie.
   Es war ein perfekter Tag, sonnig, kaum nem Berg fliegen.                                      Warum macht er das? Was ist so toll
Wind. Corliss trat an den Rand des Vor-            Seine Schwester nennt das gefährlich,       daran? Hört er diese Fragen, antwortet
sprungs, zählte: „drei, zwei, eins“, dann egoistisch, sie rät ihm, er solle mal dar-           Corliss: „Ist schwer zu beschreiben; wie
sprang er ins Nichts, den Kopf voran, die über nachdenken, was er ihr und anderen              erklärt man einer Jungfrau, was so toll
Arme seitlich gestreckt, die Beine ge- Familienmitgliedern antue, wenn er sich                 an Sex ist?“
spreizt zu einem V. Zwischen Armen und bei einem seiner Sprünge schließlich um-                  Wenn er sich trotzdem an einer Er-
Beinen spannten sich Tragflächen aus bringe. Corliss ist der Meinung, dass seine               klärung versucht, sagt er entweder: „Ich
Stoff, in seinem Wingsuit                                                                                   wollte immer schon fliegen.“
glich Corliss einem übergro-                                                                                Das ist dann die simple Va-
ßen Flughörnchen.                                                                                           riante.
   Während der ersten Meter                                                                                    Die etwas komplexere und
fiel er wie ein Stein, aber                                                                                 wahrscheinlich auch wahr-
schnell entwickelte sein An-                                                                                haftigere Erklärung lautet:
zug genug Auftrieb, und Cor-                                                                                Corliss litt als Kind, als Ju-
liss ging in einen kontrollier-                                                                             gendlicher unter schweren
ten Gleitflug über. Er filmte                                                                               Depressionen, und der einzi-
seinen Flug mit einer Helm-                                                                                 ge Weg, den er fand, um aus
kamera, und er wurde auch                                                                                   dem schwarzen Loch, in dem
gefilmt, von einem Freund,                                                                                  er lebte, rauszukommen, we-
der ebenfalls einen Wingsuit                                                                                nigstens für kurze Zeit, war,
trug und ihm in einiger Di-                                                                                 sich in lebensgefährliche Si-
stanz folgte.                                                                                               tuationen zu bringen. Mal
   Eine Anzeige in Corliss’                                                                                 fing er eine Klapperschlange
Helm meldete, dass er mit                                                                                   und hielt sie als Haustier, mal
rund 190 Stundenkilometer                                                                                   tauchte er mit Haien. Irgend-
durch die Luft schoss. Alles             Corliss am Tafelberg                                               wann fing er an, von hohen
war wie erwartet, es gab keine                                                                              Häusern zu springen. Seine
überraschenden Windböen,                                                                                    Eltern arrangierten sich mit
und Corliss steuerte zwei                                                                                   der Obsession ihres Sohnes.
Ballons an, die ein weiterer                                                                                   Corliss sieht sich heute
Freund kurz vorher platziert                                                                                in einer Win-win-Situation.
hatte. Sie schwebten an der                                                                                 Überlebt er seine Sprünge,
Bergflanke, gut 500 Meter                                                                                   hat er etwas gewagt, was nur
entfernt, gehalten von dün-                                                                                 wenige Menschen wagen.
nen Schnüren. Sie sollten ihm                                                                               Stirbt er, muss er sich nicht
als Ziel dienen, übungshalber, er wollte Schwester erstens den Mund halten und                 mehr mit seiner Depression herumpla-
testen, wie nah er an eine Felswand her- zweitens nicht versuchen sollte, ihm ein              gen.
ankam. Ein Ballon war silberfarben, er langes, aber ödes Leben aufzuzwingen.                     Während seines Flugs vom Tafelberg
pendelte etwa zwei Meter über dem Fels. Das sei egoistisch.                                    kam er dem endgültigen Ende seiner
Der andere Ballon war schwarz und nur              Es sei gut möglich, dass er bei einem       Depression ziemlich nahe, er streifte mit
etwa einen Meter vom Fels entfernt. Cor- seiner Sprünge sterben werde, er wäre                 einem Fuß einen Felsen, schlug mit Hüfte
liss wollte versuchen, einen der beiden nicht der erste Basejumper, dem das pas-               und Oberschenkeln auf die Felskante auf,
Ballons mit dem Fuß zu berühren. Im siert, aber ihm gehe nun mal „Qualität                     überschlug sich mehrmals in der Luft und
Flug. Bevor er seinen Fallschirm öffnete. vor Quantität“.                                      konnte nur mühsam seinen Fallschirm
    Sechs Wochen und drei Hauttransplan-           Sechs Freunde hat Corliss in den ver-       öffnen.
tationen später, mit zwei neuen Schrau- gangenen 15 Jahren verloren. Einer, Dwain                Der Aufschlag auf den Fels zerstörte
ben im rechten Knöchel, sagt er am Tele- Weston, starb, als er zusammen mit Cor-               Teile seines Muskelgewebes in den Bei-
fon: „Ich war wohl etwas übermütig.“            liss die Royal Gorge Bridge in Colorado        nen, außerdem konnten seine Retter ei-
   Übermütig trifft es nicht so ganz, dieser ansteuerte. Die Absprache war, dass Cor-          nen direkten Blick auf eines seiner
Meinung sind viele Menschen, wenn sie liss unter der Brücke durchfliegt und                    Schienbeine werfen. Nach fünf Wochen
hören, wie Jeb Corliss, 35, seine Tage Weston über sie hinweg. Weston verkal-                  im Krankenhaus kehrte Corliss zurück
verbringt.                                      kulierte sich. Er flog ein bisschen zu tief.   nach Hause, nach Kalifornien.
   Vom Eiffelturm springen. Von einem              Und auch Corliss hatte schon Pech. Bei        In drei Monaten will er wieder fliegen.
der Petronas Towers in Kuala Lumpur einem Sprung am Howick-Wasserfall in                                                         UWE BUSE

50                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Gesellschaft


                                                            I D E N T I TÄT




                          Das falsche Leben
Noch gibt es Menschen, für die der Zweite Weltkrieg eben erst zu Ende geht. George
Jaunzemis suchte lange nach seiner Herkunft, jetzt weiß er, dass er ohne ein Verbrechen
   von damals ein anderer wäre. Weiß er nun, wer er ist? Von Barbara Hardinghaus


H
        inter einem Jägerzaun in einer       muss seine Biografie noch üben. Er ist        Frage nach der Herkunft, sagen Kultur-
        kleinen Straße von Magdeburg         ein alter Mann mit runden Schultern und       wissenschaftler, sagen Psychologen, wer-
        standen sie versammelt, Männer       rosiger, weicher Haut. Auf sein T-Shirt       de für die Menschen wichtiger in einer
in gebügelten Hemden, Frauen in Blusen,      sind bunte Palmen gedruckt und der            Welt, die unübersichtlich ist, in der Be-
sie winkten ihm zu. George Jaunzemis         Schriftzug der Stadt, in der er aufgewach-    ziehungen oft unverbindlich sind. Dafür
stieg aus dem Wagen, er spürte die Arme      sen ist, Christchurch in Neuseeland. Von      braucht der Mensch genaue Orte und ver-
der anderen auf seinen Armen, sie klopf-     dort kam er hierher nach Riga, die Winter     lässliche Zahlen. Er möchte sich alle Fra-
ten ihm auf die Schulter, er hörte ihre      sind dunkel, sie dauern sechs Monate,         gen beantworten, weil er glaubt, dass die
Stimmen nah, fern. Er sah sich um, er        Ende April taut der Schnee. Seine Frau,       Beantwortung aller Fragen ihn zu seiner
kannte diese Menschen nicht, aber viele      Vija, hört ihm zu. Ihretwegen lebt er in      wahren Geschichte führt. Er will wissen:
von ihnen kannten ihn.                       Lettland, er lernte sie kennen auf der Su-    Wie sind meine Eltern, wie meine Ge-
   Auf der Terrasse hinter dem Haus          che nach seinem Leben.                        schwister? Was ist einzigartig an mir? Was
stand Streuselkuchen bereit, George aß                                                     ist meine Identität?
ihn, er beantwortete Fragen und stellte                                                       George Jaunzemis war auf der Suche,
welche, er saß auf dem grünen Kunst-                                                       seit seine Mutter 1978 in Neuseeland
rasen, hielt die Brille in seinen Händen                                                   starb. Sie war Lettin, über seinen Vater
ganz fest. Er sah sich ein zweites Mal um,                                                 sprach sie kaum, er sei gefallen, im Krieg,
er kannte dieses Haus nicht, aber als er                                                   sagte sie immer, auch der Rest der Familie
später im Garten stand und die Obstbäu-                                                    sei tot. Es gab Momente, in denen er ihr
me ihn umgaben und der Wind wehte,                                                         nicht glaubte.
dachte er, möglicherweise schon einmal                                                        „Mutter: Anna Jaunzemis aus Riga.“
an diesem Ort gewesen zu sein.                                                                „Vater: Jaunzemis, Offizier, im Krieg
   Ein halbes Leben lang hatte er ohne                                                     gefallen.“
Kenntnis seiner Herkunft gelebt, ohne                                                          Mit diesen Angaben von George Jaun-
das Wissen um Kindheitstage. In diesem                                                     zemis machte sich Vija Sarmite, seine
Magdeburger Garten kam etwas davon                                                         Helferin, an die Arbeit in den Archiven
zurück, eine ferne Erinnerung ohne Far-                                                    von Riga. Sie suchte nach Georges Vater.
be, wie aus einem Traum.                                                                   Als sie einen passenden Jaunzemis fand,
   Oft, sagt er, hatte er das Gefühl, dass                                                 einen Kapitän namens Alexander, und
etwas nicht stimmte an der Erzählung,                                                      wusste, wo der begraben war, schrieb Vija
die angeblich sein Leben war. „32 Jahre                                                    einen zweiten Brief. George kam nach
lang hatte ich gesucht“, sagt Jaunzemis.                                                   Riga, sie legten Blumen auf das Grab des
   Er besaß nicht einmal eine Geburts-                                                     Kapitäns.
urkunde, es gab keine Spuren und keine                                                        Aber der Kapitän, stand auf dem Grab-
Vergangenheit. Dann, im 33. Jahr der Su-                                                   stein, sei in Australien gestorben. Er
che, kam ein brauner Umschlag mit der                                                      konnte nicht Georges Vater sein.
Post zu ihm nach Riga in Lettland, wo er     Kind Jaunzemis 1946                              George blieb vier Wochen lang in Lett-
lebt, der Umschlag brachte ihn zu diesen     Lette? Deutscher? Neuseeländer?               land. Er begleitete Vija bei den Recher-
Leuten hinter dem Jägerzaun.                                                               chen, und manchmal, am Abend, gingen
   Dieser Umschlag liegt jetzt vor ihm auf      Vija Sarmite hatte sich auf eine Anzei-    sie im kleinen Park vor dem Plattenbau
dem Wohnzimmertisch in seiner Wohnung        ge gemeldet, die Jaunzemis im Jahr 2000       spazieren. Vija, Anfang sechzig, seit 30
in Riga. George Jaunzemis hat die Daten,     in einer Zeitung in Riga aufgegeben hatte.    Jahren unglücklich verheiratet, drei Kin-
die Orte aus den Dokumenten in diesem        Er suche jemanden, der ihm helfen kön-        der, alle aus dem Haus. Und George,
Umschlag in eine Zeitleiste auf Millime-     ne, seine Familie zu finden, schrieb er.      Rentner aus Christchurch, davor 27 Jahre
terpapier eingetragen, Riga, Magdeburg,      „Weil ich eine Vorliebe für Archive habe,     lang Oberfeldwebel bei der Royal New
Brüssel, München, Christchurch. Er will      antworte ich Ihnen“, schrieb ihm Vija zu-     Zealand Airforce, er hatte Flugzeuge
sich Klarheit verschaffen über sein Leben.   rück.                                         repariert, führte nun ein ruhiges Rent-
   Die Suche hat ein Ende, aber auch die        Wer bin ich? Der Mensch möchte wis-        nerleben. Einmal in der Woche aß er
Sehnsucht. Mit 70 Jahren weiß George         sen, woher er kommt, wer Mutter, Vater,       Fish & Chips aus dem Papierblatt, mit To-
Jaunzemis, wer er ist.                       wer die Großeltern sind. Er möchte eine       matenketchup, Mayonnaise, im Gehen.
   George Jaunzemis spricht leise und        vollständige Geschichte erzählen können          In Riga besuchte er mit Vija die Archi-
langsam über seine Biografie. Er sieht im-   über sich, mit einem Anfang und mit ei-       ve, sie lud ihn ein zu Kaffee und Schoko-
mer wieder auf das Millimeterpapier. Er      nem Ende, das ist menschentypisch. Die        ladenkuchen, schließlich, am Ende seiner
52                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
INTERNATIONALER SUCHDIENST (L.); REINIS HOFMANIS / DER SPIEGEL (R.)




Rentner Jaunzemis in Riga: Kein Pass, keine Geburtsurkunde, keine Spuren, keine Vergangenheit

                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2         53
Gesellschaft

                                                                                                   bleib von Opfern der nationalsozialisti-
                                                                                                   schen Verfolgung und anderen Vermiss-
                                                                                                   ten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit.
                                                                                                   2000 Menschen suchen die Mitarbeiter
                                                                                                   jedes Jahr, und auch sie bestätigen, ihren
                                                                                                   Zahlen zufolge wachse die Sehnsucht der
                                                                                                   Menschen, Genaues über ihre Herkunft
                                                                                                   zu erfahren.
                                                                                                      Dem Fall Jaunzemis gab die Leiterin
                                                                                                   der Schicksalsklärung im Oktober 2010
                                                                                                   die Nummer T/D-2241576. Sie fand in der
                                                                                                   Zentralen Namenskartei einen Hinweis
                                                                                                   auf eine Kindersuchakte. Auf Seite zwei
                                                                                                   der Akte gab es einen Hinweis auf eine
                                                                                                   Anna Jaunzemis oder Anna Rause und
                                                                                                   einen Jungen. Damit lag der Fall auf 128
                                                                                                   Seiten vor.
                                                                                                      Die Mitarbeiter der Abteilung Schick-
                                                                                                   salsklärung forschten in den Einwohner-
                                                                                                   meldeämtern von Magdeburg und Berlin,
                                                                                                   sie recherchierten Telefonnummern, fan-
                                                                                                   den Freunde, Neffen und Cousins. Sie
                                                                                                   schickten den braunen Umschlag nach




                                                                                             AKG
                                                                                                   Riga, mit 28 Seiten Dokumenten.
Suchaufrufe um 1948: Noch immer Arbeit für die Abteilung „Schicksalsklärung“                          Seit George den Umschlag im Brief-
                                                                                                   kasten fand, weiß er, dass er mit einer
Riga-Reise, gab sie ihm für den Rückflug      Name wieder auf, die Spalte „Kind“ war               falschen Mutter aufgewachsen war, im
einen sehr persönlichen Brief. Er durfte      1944 jedoch leer, kein Kind. Kein Hinweis            falschen Land, im falschen Leben.
ihn erst im Flugzeug öffnen. Als George       auf George, der ja 1941 geboren war.                    So suchte er sich nun seine Biografie
gelandet war, rief er Vija an, er werde so-      In diesem Moment, sagt George Jaun-               zusammen, rückwärts, Stück für Stück,
fort einen Flug zurück buchen. Er ver-        zemis, dachte er zum ersten Mal ernst-               von der klaren, scharfen Erinnerung zu-
kaufte seine Wohnung in Christchurch,         haft, dass er vielleicht nicht das Kind je-          rück ins Verschwommene, von Riga in
verschenkte seine Möbel, packte seine         ner Frau war, die er bis dahin für seine             Lettland über Christchurch in Neuseeland
Platten und ein paar seiner Kleider ein       Mutter gehalten hatte.                               zurück nach Magdeburg, dem Ort, aus
und brach auf zu Vija nach Riga. Vija ließ       Vija und er befragten Historiker, sie er-         dem er kam.
sich scheiden, dann heirateten sie.           hielten Passagierlisten mit den Namen von               Im Memorial Park von Christchurch
   George Jaunzemis steht jetzt, als alter    Menschen aus Riga, die im Zweiten Welt-              liegt ein schwarzer Stein mit der Inschrift:
Mann, von seinem Sofa auf und kommt           krieg, kurz vor dem Einmarsch der Roten              „A DEARLY BELOVED MOTHER“ (Eine
mit Tellern und Tassen aus der Küche zu-      Armee, mit dem Schiff geflüchtet waren.              innig geliebte Mutter), „Anna Jaunzemis,
rück. Er stellt sie behutsam auf den Tisch,   Sie fanden Anna auf einer der Listen, sie            18. Mai 1901 – 1. Mai 1978“. Gut 20 Jahre
er legt die Löffel auf Untertassen, schenkt   war ins Deutsche Reich, nach Ostpreußen,             lang, bevor er nach Riga zu Vija fand, hatte
Kaffee ein, alles wackelt, auch der alte      entkommen, allein, ohne Kind. Im Januar              George Jaunzemis oft grübelnd, rätselnd,
Mann. Er steht da wie ein Schuljunge,         2010 schließlich schrieben sie dem Inter-            zweifelnd an diesem Grabstein gestanden,
auf Socken im tiefen Teppich. Er kennt        nationalen Suchdienst des Roten Kreuzes              hatte sich gefragt, was sie ihm alles nicht
das nicht, Gäste zu bewirten. Er hatte nie    in Bad Arolsen. Sie fragten nach Anna                erzählt hatte und warum. Seine Mutter
welche, aber er kann es noch lernen, also     Jaunzemis, vormals Rauze, den Namen                  war zuletzt krank gewesen, sie hatte eine
übt er.                                       hatten sie aus einem der Archive. Sie frag-          Gehirnblutung erlitten. George besuchte
   Er hat beschlossen, jetzt seine eigene     ten nach Akten über George. Sie warteten             sie jeden Tag im Krankenhaus, vor oder
Geschichte zu leben. Er wusste lange          auf die Antwort aus Deutschland, aßen                nach seinem Dienst, sie sprach kaum noch,
nicht, was an ihm die Gene waren, was         Müsli am Morgen, mittags träumte George              sie war fast blind.
der Einfluss seiner Umwelt war. Jetzt         von Fish & Chips. Am Abend sahen sie                    In den siebziger Jahren in Christchurch
weiß er es.                                   fern, „Bingo“, „Glücksrad“.                          hatten sie zusammen in der Westminster
   Im Jahr 2002 wandten sich Vija und er         Die Abteilung „Schicksalsklärung“ in              Street gelebt, seine Mutter arbeitete nicht
an die Zentrale Registerstelle für Perso-     Bad Arolsen beschäftigt sich mit dem Ver-            mehr, seit ihr Sohn das Geld nach Hause
nendaten. Sie erfuhren, dass in Riga, der                                                          brachte. Sie sah nur fern, er hasste das.
Heimatstadt seiner Mutter, in seinem Ge-                                                           Und wenn sie stritten und er sauer wurde,
burtsjahr 1941 bei den Behörden kein                                                               schrie er sie manchmal an und sagte, was
Kind mit dem Namen George Jaunzemis                                                                er manchmal fühlte: „Du bist nicht meine
registriert worden war. Sie überprüften                                                            Mutter!“ Sie schwieg. Sie zappte weiter
auch die Krankenhäuser der Stadt, sie                                                              durch die Programme.
fanden keinen Eintrag.                                                                                Drei Jahre vor ihrem Tod war George
   Im Staatsarchiv stießen sie schließlich                                                         in ein Reisebüro gegangen und hatte eine
auf eine Anna Jaunzemis, ihr Geburtsjahr                                                           Reise nach Calais in Frankreich gebucht,
war nicht 1901, wie sie angenommen hat-                                                            er blieb einen Monat lang. Er war zum
ten, sondern 1893. Sie war in der Peter-                                                           ersten Mal in seinem Leben ausgebro-
und Paulskirche getauft worden. Sie fan-                                                           chen, und als er zurückkam, war seine
den Adressen; im Hausbuch der Alberta                                                              Mutter krank und gab ihm die Schuld.
Straße 8, eines Altbaus an einer Straße       Junge Jaunzemis, Ziehmutter Anna um 1958                Sie kannte so etwas nicht, ihr Sohn war
mit Kopfsteinpflaster, tauchte Annas          Sie isolierte ihn                                    immer dageblieben, ohne Gäste, allein
54                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
mit ihr. Einmal hatte er eine Frau ken-
nengelernt, als er Anfang zwanzig war,
eine Chinesin. Sie gingen aus, aber nicht
sehr häufig, seine Mutter verbot es ihm.
Er blieb allein.
   Er nahm es hin, so, wie er es als 20-
Jähriger hingenommen hatte, im April
1961, dass er an seinem ersten Tag bei der
Luftwaffe ohne Geburtsurkunde antreten
musste. Die sei in den Kriegswirren ver-
lorengegangen, hatte die Mutter gesagt.
Er hatte nur ein Zertifikat der Behörden:
„Born in Riga (not verified); 18. Novem-
ber 1941 (not verified)“. Geboren in Riga,
nicht überprüft. Das Dokument sollte sei-
ne Identität bestätigen, aber es trug nicht
einmal einen Stempel.
   George wusste als Jugendlicher lange
nicht, wo Lettland liegt. Seine Mutter
sprach mit ihm Lettisch, aber er verstand
nur hundert Wörter. Ihr Fragen zu stellen




                                                                                                                                         ULLSTEIN BILD
hatte er sich abgewöhnt, er kannte die
immer gleiche Antwort: Sein Vater sei
Offizier, im Krieg gefallen, sein Bruder
sei in Sibirien erfroren, seine Schwester     Ost-Flüchtlinge, Rote-Kreuz-Schwestern 1945: Millionen Gestrandete in ganz Europa
auch. Er hatte keine Familie, nur eine
Mutter.                                       Sueskanal, an die Hitze auf dem Roten         Fenster, irgendwo stieg Nebel auf. Es
   Die nannte ihn aber nur „George“ und       Meer und an die Souvenir-Verkäufer, die       gibt auch ein Foto aus jener Zeit, jemand
nie „mein Sohn“. Sie küsste ihn nicht.        in kleinen Booten ans Schiff kamen“, sagt     hatte es ans Rote Kreuz geschickt, das
Sie gab ihm keine süßen Speisen. Sie leb-     George.                                       dazu aufgerufen hatte, bei der Suche
ten zusammen, aber er fühlte sich einsam.        George trug Shorts und einen Seiten-       nach verschollenen Kindern zu helfen.
Sie isolierte ihn.                            scheitel, als er in Wellington von Bord       Dem Absender war diese Frau mit dem
   Mit fünfzehn hatte George das erste        ging, und wenn ihn jemand fragte, wie         Kind aufgefallen, er fragte sich, warum
Mal einen Schulfreund, sein Name war          er heiße, sagte er „George Jaunzemis“.        die Frau Lettisch sprach. Das Foto, es
Laurence. Mit ihm saß George am Nach-         Er hatte diesen Namen noch nicht lange.       lag später im braunen Umschlag, zeigt
mittag am Fluss, mit ihm fuhr er Floß,        Er hatte ihn erst seit München, wo seine      den Jungen in München an der Kaserne,
ihm folgte er zur Luftwaffe.                  Mutter vor der Ausreise nach Neuseeland       zusammen mit Anna, sie liegen auf einer
   Seine Mutter arbeitete, während            drei Jahre lang mit ihm gelebt hatte, 1946    Wiese.
George in die Schule ging, am Tage als        bis 1949, in einer ehemaligen SS-Kaserne         „Alles, was davor war, weiß ich nur
Dienstmädchen bei einem katholischen          in Freimann. „George Jaunzemis/Anna           aus den Akten“, sagt er. Erst mit drei
Pfarrer, sie fertigte auch Gummiteile für     Jaunzemis“, so hatte sie sich und den Jun-    oder vier Jahren beginnt der Mensch sich
Schuhe in einer Fabrik an, am Abend           gen angemeldet. Anna hielt den Jungen         zu erinnern, in erinnerten Geschichten
machte sie weiter, George half ihr, oder      eng bei sich, schickte ihn nicht in die       zu denken. Manche Details aber speichert
er saß auf dem Fußboden und baute Mo-         deutsche Schule, hielt ihn von deutschen      das Gehirn schon früher ab.
dellflugzeuge.                                Kindern fern.                                    An die Zeit vor München, an Brüssel,
   Sie sprachen wenig, seine Mutter konn-        Die Kaserne in München ist das Erste,      erinnert er sich nicht mehr. Nur die Akten
te nicht schreiben, sie las ihm nie etwas     woran er sich erinnern kann. Er saß am        erzählen von Brüssel, von Annas Tat.
vor. Manchmal hatte George das Gefühl,                                                         „Hier“, sagt George Jaunzemis, „das
dass die Wände um ihn herum einfallen                                                       war der Punkt, an dem sie mich mitge-
und ihn zerdrücken würden.                                                                  nommen hat.“
   An die Wohnung damals, sagt George,                                                         „Kidnapping“, sagt er in breitem neu-
der 70-Jährige, könne er sich noch erin-                                                    seeländischem Englisch. In seinen Unter-
nern. Er dreht an seinem Tisch in Riga                                                      lagen steht es auf Seite drei.
das Millimeterpapier um und malt sie auf.                                                      Direkt nach dem Krieg, das war die
„Die Räume waren klein“, sagt er. „Das                                                      Zeit, in der Millionen von Entwurzelten,
war in der Rugby Street.“                                                                   von Flüchtlingen und Vertriebenen, von
   Oder war es in Darfield?                                                                 „Displaced Persons“, so hieß es damals,
   Oder die Orbell Street?                                                                  durch Europa zogen, Anna war eine von
   Er bekommt die Stationen aus seinem                                                      ihnen. Und auch eine gewisse Gertrud,
Leben durcheinander. Er blättert durch                                                      die aus Magdeburg kam.
die Akten. Sie wissen besser, wo er ge-                                                        Die Akten sagen es: Unter den Flücht-
wesen ist. Er zog 16-mal um mit seiner                                                      lingen in Brüssel, im Sommer 1945, war
Mutter. Sie war auf der Flucht.                                                             auch eine dreiköpfige Kleinfamilie na-
   Acht Jahre alt war George, als Anna                                                      mens Vandevelde: Gertrud, Georges leib-
Jaunzemis am 26. Juni 1949 mit ihm Neu-                                                     liche Mutter, Albert, sein Stiefvater, und
seeland erreichte, mit der „Dundalk                                                         er selbst, der dreijährige Sohn.
Bay“, 138 Meter lang, die von Triest aus                                                       Albert war Belgier, war Zwangsar-
in 36 Tagen über die Meere nach Wel-          Mutter Gertrud, Stiefvater Albert um 1965     beiter gewesen in Magdeburg, dort hatte
lington kam. „Ich erinnere mich an den        „Sie ist vor zwei Jahren gestorben“           sich die verwitwete Gertrud in ihn ver-
                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                          55
Gesellschaft

liebt. Noch im Mai 1945 hatten sie ge-          te nicht hineingehört. Anna habe auch                                   mer als sicher annahmen, nämlich dass
heiratet. Sie hatten es mit einem Trans-        anderen geholfen. Sie habe mal einer                                    die Erde fest steht, ist in wenigen Augen-
port nach Belgien geschafft, in Alberts         Gruppe Ungarn, die auch geflüchtet wa-                                  blicken weg gewesen. Was ist, wenn das
Heimat. Weil sie keine Papiere hatten,          ren, 100 Pfund geschenkt für Möbel und                                  im eigenen Haus, im eigenen Leben pas-
hielt man das Paar bei der Ankunft in           Tapeten.                                                                siert? George Jaunzemis machte es miss-
Brüssel fest. Den Jungen schickten die             Und seine leibliche Mutter? Gertrud?                                 trauisch. Auf der Terrasse, im Garten, war
Beamten in ein Haus vom Sozialen                   „Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“                                 er glücklich, aber er hatte auch Angst.
Dienst. Eine Frau aus Lettland war auch            Als der braune Umschlag in Riga ein-                                    Klaus-Dieter, Gerdas Sohn, konnte vie-
dort untergebracht. Sie war 52 Jahre alt,       traf, nach 32 Jahren Suche, rief George                                 le Fragen beantworten, aber nicht alle.
und ihr Name war Anna Rauze. Sie                Jaunzemis als Erstes eine Telefonnummer                                    Es scheint, als ließen sich nie alle Fra-
sprach den Jungen an, sie kümmerte sich         aus Deutschland an, die darin stand, mit                                gen beantworten, als gebe es in jeder Er-
um ihn. Dann, in einer Nacht, nahm sie          Berliner Vorwahl, 030. Es meldete sich                                  zählung noch einen Rest, der wieder eine
ihn mit.                                        ein Winkler, Klaus-Dieter, aus Berlin-                                  neue Erzählung verlangt. Die Erzählung,
   Albert kam schnell wieder frei, bei          Treptow-Köpenick, er war ein Mitglied                                   die wahre Geschichte, die der Mensch er-
Gertrud dauerte es drei Monate. Sie such-       der Familie. Es gebe zehn weitere Fami-                                 zählen will, ist kein Gegenstand. Sie ist,
ten den Sohn, aber Anna war mit dem             lienmitglieder, erzählte der Mann am Te-                                wie die Identität, nur ein Oberbegriff. Sie
Kind längst weg. Sie floh, erst durch           lefon. Die meisten lebten in Magdeburg.                                 lässt sich nicht erarbeiten mit einer Häk-
Europa, dann übers Meer, war immer ein          Ein paar Tage später setzte George sich                                 chenliste und dann beschreiben.
bisschen schneller als die Suchmeldun-          mit Vija in einen Bus und fuhr 20 Stunden                                  Warum war Anna wie Gertrud zuerst
gen, die ihr folgten.                           lang dorthin.                                                           in Magdeburg und dann in Brüssel?
   Wer war Anna Jaunzemis? Ein Arbei-              Hinter einem Jägerzaun in einer kleinen                              Kannten sich Anna und Gertrud? Warum
terkind aus Riga, sie hatte acht Geschwis-      Straße von Magdeburg standen sie ver-                                   hatte Gertrud, die beim Roten Kreuz die
ter, arbeitete als Hausangestellte, sie         sammelt, Männer in gebügelten Hemden,                                   Suchanfrage gestellt und erfahren hatte,
wohnte an 23 Adressen, das ergab die Su-        Frauen in Blusen, sie winkten ihm zu.                                   dass ihr Sohn in Neuseeland war, warum
                                                                                                                        hatte sie ihn nicht zu sich geholt? Mochte
                                                                                                                        Albert, der Stiefvater, keine Kinder?
                                                                                                                           George Jaunzemis hat versucht, auch
                                                                                                                        diese Fragen zu beantworten. Er hat ver-
                                                                                                                        sucht, seinen Stiefvater zu sprechen.
                                                                                                                        Aber Albert wollte nicht, nach einem
                                                                                                                        Schlaganfall konnte er kaum mehr reden.
                                                                                                                        Er ließ nur ausrichten, es tue ihm leid.
                                                                                                                        Mehr sagte er nicht. Im vergangenen
                                                                                                                        Sommer starb auch er.
                                                                                                                           George Jaunzemis hat lange nach sei-
                                                                                                                        ner wahren Geschichte gesucht, 32 Jahre
                                                                                                                        lang. Er hat geglaubt, sie gefunden zu ha-
                                                                                                                        ben, in einem Umschlag in seinem Brief-
                                                                                                                        kasten, Daten, Namen von Menschen und
                                                                                                                        Orten. Sie überwältigten ihn zunächst,
                                                                                                                        sie beantworteten viele Frage, die ihn
                                                                                               RIVO SARAPIK / EST&OST




                                                                                                                        lange beschäftigt hatten.
                                                                                                                           Weiß er deswegen, wer er ist?
                                                                                                                           „Ich fühle mich jetzt vollständig“, sagt
                                                                                                                        er und lächelt. Er verstehe sich jetzt. Er
                                                                                                                        begreife, warum er in der deutschen Spra-
Ehepaar Jaunzemis im Staatsarchiv von Riga: Beschwingt durch Peter Alexander                                            che immer etwas Vertrautes hörte. War-
                                                                                                                        um er immer Bach mochte und Beet-
che in den Rigaer Archiven. Es liefen Ver-        „Du siehst aus wie deine Schwester“,                                  hoven, und warum er in Neuseeland, am
fahren gegen Anna wegen Diebstahls, ihr         sagte Klaus-Dieter zu George. „Du hältst                                anderen Ende der Welt, schon immer be-
erster Mann war in Russland gefallen, ihr       die Hände auf dem Bauch wie sie.“                                       schwingt war bei Liedern von Peter Alex-
zweiter Mann, er hieß Rauze, trennte              Zum ersten Mal erzählte ihm jemand,                                   ander.
sich, da war sie 33 Jahre alt und kinderlos.    dass es diese ältere Schwester Gerda gab.                                  Als er seine Vergangenheit suchte, fand
Sie verließ Lettland am 7. Oktober 1944,        Gerda, erzählte die Verwandtschaft, war                                 George Jaunzemis seine Zukunft. Er
gelangte nach Magdeburg und von dort            von ihrer Mutter Gertrud in Magdeburg                                   suchte nach Daten und fand Vija, er weiß
nach Brüssel.                                   bei der Großmutter zurückgelassen wor-                                  nun auch ihretwegen, wer er ist, Vijas
   George Jaunzemis zeigt noch ein an-          den, als sie 1945 mit Albert und George                                 Mann. Auch, wenn sie weitersuchen in
deres Bild, ein Porträt von sich, als kleiner   nach Brüssel aufbrach. Wenn Gertrud aus                                 den Archiven, immer dienstags und don-
Junge. Es hatte auch im Umschlag gele-          Belgien zu Besuch kam, das tat sie gele-                                nerstags, George mit seiner Brille, Vija
gen. Auf dem Bild sah er das erste Mal,         gentlich, fragte Gerda nach dem kleinen                                 mit der Lupe, sie wissen, die wahre Ge-
wie er ausgesehen hatte als Kind. „Ich          Bruder. Die Mutter sagte dann, sie wisse                                schichte eines Menschen lässt sich nicht
habe es nie gewusst“, sagt George.              nichts über ihn.                                                        nur aus seiner Herkunft erzählen.
   Denkt er noch an Anna?                         „Ich habe oft geträumt, eine Schwester                                   George Jaunzemis holt das letzte Pa-
   „Ich versuche, das zu lassen.“               zu haben“, sagt George. Ihm laufen Tränen                               pier aus dem braunen Umschlag. Darauf
   Ist er böse auf sie?                         über die Wangen. Auch Gerda hat er ver-                                 erfuhr er das erste Mal, wie sein echter
   „Ich war böse. Jetzt bin ich es nicht        passt, in seinen Träumen hat er sie gesehen.                            Name ist. Er liest aus dem Dokument:
mehr.“ Er sagt, Anna sei auch gut gewe-         Auch sie ist gestorben, vier Jahre zuvor.                               „Geboren wurde ich als Peter Thomas
sen, das sagt er leise. So, als hätte er          Als in Japan die Erde bebte, gab es                                   am 28. Oktober 1941 in Ottersleben bei
Angst, dass dieser Satz in seine Geschich-      Menschen, die sagten: Etwas, das sie im-                                Magdeburg. So steht es in meinem Pass.“
56                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Gesellschaft




        BERLIN             Ein Herz für Hama
                           ORTSTERMIN: Wie in einem Berliner Hinterhof am Sturz des syrischen Diktators
                           Assad gearbeitet wird


D
         ie Adresse muss geheim bleiben, komitees sind die Patenkinder, die er und        bekomme ein Komitee im Monat. Ein Ku-
        sagen sie, weil man auch hier seine Freunde vermitteln.                           rier sei umgekommen auf seinem Weg,
        nicht ganz sicher sein kann, in ei-   In Abazids Heimatstadt Daraa fing es        sonst habe bisher alles funktioniert.
nem Berliner Hinterhof, wenn man gegen an, dort gab es die ersten Demonstra-                 Die Komitees schicken Berichte zurück.
Baschar al-Assad kämpft, den syrischen tionen. Abazid ist 38, er kam vor zwölf            Die deutschen Paten sollen wissen, was
Diktator. Vom Hinterhof aus betreten Jahren aus Syrien als Student nach                   mit ihrem Geld geschieht. Perabo öffnet
Aktham Abazid und zwei deutsche Deutschland und blieb, um dem Militär-                    ein Dokument. Leute aus Midan, einem
Freunde ein Büro, das aussieht wie eine dienst zu entgehen. Er entzog sich der            Viertel von Damaskus, haben sich gemel-
Abstellkammer. Draußen dämmert es, sie Diktatur, aber ein richtiger Oppositionel-         det. 2250 Euro bekamen sie bisher. „Ge-
klappen ihre Laptops auf, es gibt Plastik- ler sei er vorher nicht gewesen, sagt er.      kauft haben wir Speicherkarten, Mobil-
stühle, eine Internetverbindung, mehr         Neben ihm sitzt Elias Perabo, 31, er        telefone und Sim-Karten, werden zwei
brauchen sie nicht. Abazid schreibt drei machte Urlaub mit seiner Freundin in Sy-         Internetanschlüsse und vier Telefonrech-
Namen auf einen Zettel:                                                                                  nungen bezahlen“, schrei-
Hama, Aleppo, Derik.                                                                                     ben sie. Außerdem reiche
   Drei Städte in Syrien, in                                                                             das Geld für Drucker, Pa-
denen Leute in versteckten                                                                               pier und die Miete für zwei
Büros sitzen wie sie und                                                                                 Wohnungen.
auf ihre Hilfe warten. Drei                                                                                „Die Komitees bekom-
Orte, die sie neu aufneh-                                                                                men nicht mehr Geld, weil
men wollen in ein Hilfspro-                                                                              sie keine Waffen kaufen sol-
gramm für die syrische Op-                                                                               len“, sagt Abazid. Die Idee
position, das sie sich aus-                                                                              sei eine friedliche Revoluti-
gedacht haben.                                                                                           on. Er glaube an diese Idee,
   Die Arabische Liga zog                                                                                sagt Abazid, noch immer.
ihre Beobachter aus Syrien                                                                                  Kontrollieren können sie
wieder ab, China und Russ-                                                                               nicht, was mit dem Geld
                                                                                               CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL


land verhinderten eine Re-                                                                               geschieht. Sie müssen selbst
solution gegen Assad im                                                                                  unter Kontrolle stehen.
Uno-Sicherheitsrat. Es gibt                                                                              „Bei uns gibt es 16 ver-
jetzt noch die „Freunde Sy-                                                                              schiedene Sicherheitsdiens-
riens“, Politiker aus 60 Län-                                                                            te“, sagt Abazid. Seit er
dern, die versuchen, auf                                                                                 sich aus der Ferne dem Auf-
den Diktator einzuwirken.            Spendensammler Abazid: Drucker, Papier, Sim-Karten                  stand in seiner Heimat an-
   Und es gibt Aktham                                                                                    geschlossen hat, wurden
Abazid und seine Freunde                                                                                 seine Mutter und seine
in Berlin. „Adopt a Revo-                                                                                Schwester bedroht, sein
lution“, so haben sie ihr Programm ge- rien, als die Menschen dort anfingen zu            Onkel verhört. Und man weiß: Der sy-
nannt. Adoptieren Sie eine Revolution. demonstrieren, das Land kannte er vor-             rische Geheimdienst greift bis nach
Sie suchen nach deutschen Pateneltern her nicht. Perabo öffnet eine Karte von             Deutschland. Zwei mutmaßliche Spione
für den syrischen Aufstand.                 Syrien auf seinem Laptop, darauf 26           Assads wurden in Berlin vor kurzem fest-
   Es gibt solche Patenschaften für Kinder blaue Punkte, so viele Komitees unter-         genommen.
aus armen Ländern, für Bäume, sogar für stützen sie bisher, fast 85 000 Euro an              Aber soll man die Leute in Syrien des-
Kästen mit toten Insekten im Berliner Na- Spenden bekamen sie seit Januar, sagt er.       halb allein lassen, so wie es der Rest der
turkundemuseum kann man Pate werden.          An diesem Abend nehmen sie drei wei-        Welt macht?
Das Prinzip ist dasselbe, die Paten geben tere Komitees auf, drei neue Patenkinder,          Auf den Bildschirmen blinkt eine neue
Geld, einmal oder regelmäßig, und fühlen Hama, Aleppo, Derik.                             E-Mail, es ist Freitag, der Tag, an dem
sich einer Sache verbunden.                   Hama liegt 50 Kilometer nördlich von        viele Syrer erst in eine Moschee gehen,
   Der syrische Aufstand ist etwas schwie- Homs, der Stadt, in der der Aufstand zum       dann auf eine Demonstration, dann ins
riger zu vermitteln als Kinder oder kran- Krieg geworden ist. In Aleppo, der alten        Internet.
ke Wälder, aber es geht. Abazid spricht Händlerstadt, bitten Aktivisten um 350               Die Mails sind voller Zahlen, 25 Tote
von kleinen Gruppen, die überall vor Ort Euro für Miete, 100 Euro für Lebensmittel        in Hama, 16 Tote in Homs, 10 in Hasakah,
den Aufstand organisieren. „Revolutions- im Monat. Derik liegt im armen Nord-             3 in Daraa, 4 in Aleppo, 6 in Idlib, so geht
komitees“ nennen sich diese Gruppen. osten, im Kurdengebiet. Auf Arabisch                 es weiter, Mail um Mail, Liste um Liste.
Sie planen Demo-Routen mit Google heißt der Ort Malikijah.                                   Es ist Freitag. In Syrien sterben die
Earth, filmen mit ihren Handys, stellen       In den Untergrund kann man kein Geld        Menschen. Es gehe ihm um die Frage,
die Filme auf Facebook oder YouTube.        überweisen, Helfer schmuggeln die Spen-       sagt Abazid, „ob sich jemand für sie inter-
   Sie tanzen auf den Demos, wenn alles den ins Land, Bargeld, in überschaubaren          essiert“.
gutgeht, sagt Abazid. Die Revolutions- Beträgen. Mal 700 Euro, mal 900 Euro                                                  WIEBKE HOLLERSEN

                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                   57
Trends

         DEUTSCH E BANK


       Hohe Abfindungen
Als Durchmarsch der Investmentban-
ker lesen die Traditionalisten in der
Deutschen Bank den Umbau der Füh-
rung unter Anshu Jain und Jürgen Fit-
schen. Vergangene Woche war be-
kannt geworden, wie die Nachfolger
Josef Ackermanns die Bankspitze be-
setzen wollen: Sie drängen Risiko-
vorstand Hugo Bänziger und Personal-
chef Hermann-Josef Lamberti aus
dem Vorstand und ziehen ihre Gefolgs-
leute nach. Die Führung wird weniger
deutsch und stärker von Investment-
bankern geprägt sein. Allein im Vor-
stand sitzen mit Stephan Leithner, Hen-
ry Ritchotte und Bill Broeksmit drei
neue Investmentbanker mit ausländi-
schem Pass. Doch im erweiterten Vor-
stand, der künftig 17 Manager umfassen
soll, erhält auch die deutsche Fraktion




                                                                                                                                                                                                                      JOCHEN ZICK / KEYSTONE
Zulauf: Christian Ricken, 45, seit 1996
in der Bank, vertritt künftig neben Vor-
standsmitglied Rainer Neske das Privat-
kundengeschäft. Ricken gilt als Neskes

                                                                                             Deutsche-Bahn-Zentrale in Berlin

                                                                                                                                   DAT E N S C H U T Z



                                                                                                        DGB gegen Gesetzentwurf
                                           HANNELORE FOERSTER / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES




                                                                                             Der Deutsche Gewerkschaftsbund                  tat. Damit würde der automatisierte
                                                                                             (DGB) fordert den Bundestag auf, den            Datenabgleich der Deutschen Bahn
                                                                                             Gesetzentwurf zum Beschäftigtenda-              von 2009 künftig erleichtert. Zudem
                                                                                             tenschutz zu stoppen. Mit einem Brief           solle das Fragerecht des Arbeitgebers
                                                                                             an alle Bundestagsabgeordneten ver-             bei Einstellungen ausgeweitet werden
                                                                                             schickte DGB-Chef Michael Sommer                ebenso wie die Möglichkeit, ärztliche
                                                                                             am vergangenen Donnerstag eine Re-              Untersuchungen zu verlangen, so die
                                                                                             solution des DGB-Bundesausschusses.             Befürchtungen des DGB. Der Entwurf
Jain                                                                                         Der Regierungsentwurf des Innenmi-              sei nicht geeignet, so Sommer, „ekla-
                                                                                             nisteriums habe nichts mit dem Schutz           tante Eingriffe in die Grundrechte von
rechte Hand und soll vor allem die Inte-                                                     der Arbeitnehmer zu tun, heißt es dar-          Beschäftigten einzuschränken“.
gration der Postbank vorantreiben. Da-                                                       in: „Die Interessen des Arbeitgebers
mit sind nur noch zwei Positionen in                                                         an Ausforschung und Überwachung
der erweiterten Führung offen. Als                                                           werden vielmehr in den Vordergrund
Kandidaten für das Asien-Geschäft gel-                                                       gestellt.“ Nach den Datenschutzskan-
ten der Inder Ashok Aram und Boon-                                                           dalen etwa bei Deutscher Bahn, Tele-
Chye Loh aus Singapur. Die Suche                                                             kom oder Lidl wird seit Jahren über
nach einem Amerika-Chef dürfte noch                                                          ein Gesetz debattiert, das festlegt, wel-
einige Wochen dauern. Der Ausstieg                                                           che Daten ein Arbeitgeber über seine
von Bänziger und Lamberti wird für                                                           Beschäftigten sammeln darf. Bereits im
die Bank wohl teuer werden: Intern ist                                                       Dezember 2010 lag ein Gesetzentwurf
                                                                                                                                                                                      CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




jeweils von einer Abfindung im hohen                                                         vor. Der DGB kritisiert , dass das soge-
einstelligen Millionenbereich die Rede.                                                      nannte Screening, der Abgleich von
Beide haben noch Verträge bis 2014.                                                          Mitarbeiterdaten, schon erlaubt wer-
Auf den Wechsel an der Spitze stellt                                                         den solle, wenn nur das Risiko für be-
sich die Bank unterdessen auch kulina-                                                       trügerische Handlungen vorliege – und
risch ein: In den Zwillingstürmen eröff-                                                     nicht erst bei einer schwerwiegenden
net demnächst ein vegetarisches Re-                                                          Pflichtverletzung oder bei einer Straf-         Sommer
staurant. Anshu Jain isst kein Fleisch.
58                                                                                              D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Wirtschaft
                                                  GESUNDHEIT
                                                                                                 Zu viel Folsäure ist zum Beispiel in der Lage, einen Vitamin-B-
                                                                                                 12-Mangel zu verdecken, aus dem dann eine Schädigung des
                                                                                                 Nervensystems folgen kann. Der Gehalt an Folsäure in frisch
                                      Zu viel Folsäure im Saft                                   abgefüllten Vitaminsäften ist laut der Studie so hoch, dass be-
                                                                                                 reits drei Gläser Saft (0,6 Liter) „die tolerierbare Tageshöchst-
                          Zu viel des Guten kann auch schädlich sein: Das Bundesfor-             menge“ überschreiten. Die Unterschiede zwischen den einzel-
                          schungsinstitut für Ernährung hat festgestellt, dass in handels-       nen Säften seien bereits von der Abfüllung an erheblich, sagt
                          üblichen Multivitaminsäften die auf der Verpackung angege-             ein Mitarbeiter des Instituts für Ernährungsforschung. Weil sich
                          bene Menge an Folsäure im Durchschnitt um 80 Prozent über-             Folsäure im Lauf der Monate in den Säften wieder abbaut,
                          schritten ist. Folsäure ist ein lebenswichtiges Vitamin, das           dosieren die Hersteller die Menge offenbar zunächst sehr hoch,
                          insbesondere in grünem Salat oder Spinat vorkommt. Aller-              damit auch am Ende der Haltbarkeitsspanne noch die auf der
                          dings wird eine Überversorgung zunehmend kritisch gesehen.             Verpackung angegebene Menge mindestens enthalten ist.



                                       L U F T FA H R T
                                                                        tens: Dieses deutsch-französische Ge-           SPIEGEL: Wenn Sie es ernst meinen mit
                                                                        meinschaftsprojekt muss auch in den             Ihrem Kampf für deutsche Interessen,
                                                                        beiden Konzernzentralen in Deutsch-             müssten Sie nach dem Einstieg der
                                 „Faire Balance“                        land und Frankreich seinen äußeren
                                                                        Ausdruck finden. Zweitens geht es
                                                                                                                        bundeseigenen KfW bei Airbus eigent-
                                                                                                                        lich einen Vertreter in den Verwal-
                                         Peter Hintze, 61,              darum, dass wir auch in Deutschland             tungsrat schicken. Streben Sie selbst
                                         Luft- und Raumfahrt-           einen fairen Anteil an den Entwick-             das Amt an?
HANS-CHRISTIAN PLAMBECK




                                         koordinator der                lungszuständigkeiten haben wollen, da-          Hintze: Ich kann Sie beruhigen: Ich
                                         Bundesregierung, über          mit nicht nur die Produktion hier statt-        werde dort nicht einziehen. Über die
                                         den Führungsstreit             findet, sondern auch die Entwicklung            Konsequenzen einer stärkeren staatli-
                                         beim deutsch-fran-             neuer Flugzeugtypen. Ich will, dass             chen Beteiligung bei Airbus wird aber
                                         zösischen Flugzeug-            die hochqualifizierten Zulieferer in            zu sprechen sein. Als Miteigentümer
                                         konzern EADS                   Deutschland weiterhin einen substan-            haben wir eine Vorstellung von der
                                                                        tiellen Beitrag zu Airbus leisten können.       Zukunft des Unternehmens.
                          SPIEGEL: Sie fordern, bei der Besetzung                                                                      SPIEGEL: Ihr Brief an
                          von Managementposten wieder                                                                                  Herrn Enders wurde
                          stärker auf den Proporz zwischen                                                                             öffentlich und sorgt für
                          Deutschen und Franzosen zu achten.                                                                           großen Ärger bei EADS.
                          Warum?                                                                                                       Noch-Chef Louis Gal-
                          Hintze: Mein industriepolitisches Ziel                                                                       lois verbat sich bereits
                          ist es, Forschung, Entwicklung und                                                                           jede Einmischung. Und
                          industrielle Produktion im Flugzeug-                                                                         nun?
                          bau in Deutschland stark zu halten.                                                                          Hintze: Unser lebendiges
                          Bei allen fälligen Neuorganisationen                                                                         Gespräch geht weiter.
                          von EADS sollten wir an dessen                                                                               Ich habe mit Herrn En-
                          Gründungsidee festhalten: eine faire                                                                         ders vereinbart, dass wir
                          Balance zwischen Deutschland und                                                                             uns noch im März zu-
                          Frankreich.                                                                                                  sammensetzen und diese
                                                                                                                                     ARNE WEYCHARDT / WIRTSCHAFTSWOCHE




                          SPIEGEL: Der neue EADS-Chef Thomas                                                                           Fragen besprechen. Ich
                          Enders möchte einige ausgewählte                                                                             respektiere unterneh-
                          Management-Positionen von Otto-                                                                              mensinterne Entschei-
                          brunn nach Toulouse verlegen. Nun                                                                            dungen. Ich erwarte
                          wollen ausgerechnet Sie als Politiker                                                                        aber, dass das Unterneh-
                          ihm vorschreiben, wie er die Firma                                                                           men auch Verständnis
                          organisieren soll?                                                                                           für das besondere Ver-
                          Hintze: Es geht nicht um einzelne Posi-                                                                      hältnis der Trägerstaaten
                          tionen, sondern um das Prinzip. Ers-          Airbus-Produktionshalle in Toulouse                            zu EADS hat.



                                   F I N A N Z A F FÄ R E N
                                                                        Objekte im In- und Ausland durch-               in Ermittlungsakten zum Verfahren ge-
                                                                        sucht, um einem Netzwerk von mut-               gen die beiden Ex-Aktionärsschützer
                                                                        maßlichen Börsenbetrügern nachzu-               Markus Straub und Tobias Bosler auf.
                            Razzia bei Bekannten                        spüren. Sie sollen Aktienkurse kleine-
                                                                        rer Firmen gezielt nach oben gedrückt
                                                                                                                        Beide stehen zurzeit in München we-
                                                                                                                        gen ähnlicher Vorwürfe vor Gericht
                          Eine Riege altbekannter Verdächtiger          und anschließend Kasse gemacht ha-              und wollen einen Freispruch durchset-
                          spielt auch bei den Ermittlungen der          ben. Knapp ein Dutzend der gut 30               zen. Einer ihrer früheren Spezls, der
                          Münchner Staatsanwaltschaft wegen             Beschuldigten, darunter vor allem Au-           ehemalige „Focus Money“-Journalist
                          des Verdachts auf illegale Marktmani-         toren von Finanzmedien oder Börsen-             Oliver Janich, ist nun erneut ins Visier
                          pulation eine tragende Rolle. Vorver-         briefen, wird von den Fahndern schon            der Ermittler geraten. Er habe nichts
                          gangene Woche hatten rund 200 Poli-           seit längerem beobachtet. Ihre Namen            „Widerrechtliches oder Unmoralisches
                          zisten und 11 Staatsanwälte knapp 90          tauchten bereits vor etwa zwei Jahren           getan“, beteuert er.
                                                                             D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                       59
Wirtschaft


                                                                              N A C H H A LT I G K E I T




 Deutschland – ein Ökomärchen
 Die Energiesparbirne endet als Sondermüll, das Hausdämmen fördert Fäulnis, und
   aus dem Gully dringt Gestank, weil alle am Wasser sparen. Warum wir beim
 Versuch, die Umwelt zu schützen, chronisch scheitern. Von Alexander Neubacher


D
         ie Deutschen sind für Umwelt-
         schutz, die Natur liegt ihnen am
         Herzen. Wir mögen die Tiere und
die Pflanzen, den blauen Himmel und das
Meer. Wir wollen, dass unsere Kinder in
einer intakten Umgebung aufwachsen,
und wir gehen mit gutem Beispiel voran.
Die Welt soll gerettet werden? Wir sind
dabei, wir tun unser Bestes. An uns soll
es ganz gewiss nicht scheitern.
   Früher hat Deutschland seinen Nach-
barn den Krieg erklärt, heute erklären
wir ihnen, wie sie der Atomkraft ent-
sagen. Den Titel des Exportweltmeisters
haben wir verloren, im Welt-Fußball
reicht es gerade für Platz drei, aber beim
gelben Sack macht uns niemand etwas
vor. Der saure Regen und das Waldster-
ben haben unseren Blick für die Zerstö-
rungskraft der Zivilisation von Kindes-
beinen an geschärft, auch wenn der deut-
sche Wald wider Erwarten überlebt hat.
   Nun geht es darum, unseren ökologi-
schen Fußabdruck zu minimieren. Don-
nerstags ist Veggieday, Omas Kurbel-
waschmaschine kommt wieder in Mode.
Ratgeberseiten im Internet halten Öko-
tipps für alle Lebenslagen bereit, von der
Mondphasen-Kosmetik bis zum Vibrator
ohne chemischen Weichmacher. Es gibt
Urnen aus Maisstärke und Särge aus Pap-
pe; so treten wir ökologisch korrekt selbst
die letzte Reise an, eine finale gute Tat,
bevor dann alles zu Kompost wird.
   Wenn etwas der Umwelt dient, entfällt
jede Begründungsnotwendigkeit; wo ein
Öko-Label draufklebt, erübrigt sich jeder
Streit. Die politischen Parteien sind sich
im Prinzip einig: Umwelt kann es nicht
                                                                              56
                                                                               Prozent
genug geben. Kein fortschrittlicher Politi-
ker will sich dem Verdacht aussetzen, es
mangle ihm an ökologischem Bewusstsein,                                     aller Wasserfla-
sonst wäre seine Karriere am Ende.                                           schen sind Ein-
   Weil die Umweltpolitik edle Ziele ver-                                    wegverpackun-
folgt, sind Umweltpolitiker gegenüber                                       gen aus Plastik,
ihren Kollegen, die sich mit Staatsfinan-                                   ständig werden
zen, innerer Sicherheit oder Rentenbei-                                       es mehr. Das
                                               HEIKO SPECHT / IMAGETRUST




tragssätzen herumschlagen, moralisch im                                     Dosenpfand soll-
Vorteil. Die positive Aura im Umweltmi-                                    te den Trend stop-
nisterium ist so stark, dass sie einen Tech-                                 pen, doch das
nokraten wie Jürgen Trittin in mildes                                      Gegenteil trat ein.
Licht tauchte. Der derzeitige Amtsinha-                                                                            Plastikabfall
ber Norbert Röttgen, ein kühler Stratege,
60                                                                         D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
der vor ein paar Jahren gern als Spitzen-   Zwang nicht verzichten; das Polizei- und                                 statt nach unten – na und? Wir stellen
lobbyist zum Bundesverband der Deut-        Ordnungsrecht hält die nötigen Instru-                                   trotzdem im Wandel der Jahreszeiten un-
schen Industrie gewechselt wäre, gibt       mente bereit.                                                            sere Uhren um, erst eine Stunde vor,
jetzt den Ökoheiligen, der mit dem Fahr-      Ob eine Umweltschutzmaßnahme den                                       dann eine Stunde zurück.
rad zur Kanzlerin rollt.                    gewünschten Erfolg hat, ist dann am Ende                                    Wir kaufen im Bioladen, tanken E10
   Im Gesetzgebungsverfahren geht die       gar nicht so wichtig. Das Dosenpfand hat                                 und steigen auf Ökostrom um. Unsere
Politik die Probleme dann mit bürokra-      nicht nur die Dose vom Markt gefegt, son-                                Häuser sind mit Solardächern gedeckt und
tischer Gründlichkeit an. Das Bundes-       dern leider auch die ökologisch vorteil-                                 mit Dämmplatten beklebt. Das verschafft
umweltministerium ist nicht zufällig aus    hafte Mehrwegflasche – aber egal: Das                                    uns ein gutes Gefühl. Die Frage ist nur:
einer Abteilung des Bundesinnenminis-       Pfand bleibt, wie es ist.                                                Was hat eigentlich die Umwelt davon?
teriums entstanden. Weil Umweltschutz         Ausgerechnet in den Umweltzonen ex-
für Wirtschaft und Verbraucher in der Re-   plodieren die Feinstaubwerte – doch was                                  Müll
gel mit Belastungen, mindestens aber mit    soll’s. Der Plakettenzwang wird ausge-                                   Ich trenne meinen Müll. Vor meiner Haus-
Unbequemlichkeiten einhergeht, lässt        dehnt. Die Sommerzeit treibt wider Er-                                   tür stehen, symmetrisch geordnet, vier
sich auf straffe Beplanung, Lenkung und     warten den Energieverbrauch nach oben                                    Tonnen: rechts blau für Papier und gelb
                                                                                                                     für Plastik, links braun für Gartenabfälle
                                                                                                                     und grau für den Rest. Das sieht nicht
                                                                                                                     schön aus. Es riecht auch etwas streng,
                                                                                                                     zumal an Sommertagen, wenn ich gern
                                                                                                                     draußen säße. Doch mir ist klar, dass ich
                                                                                                                     Opfer bringen muss.
                                                                                                                        Die deutsche Verpackungsverordnung
                                                                                                                     wird respektiert, das Kreislaufwirtschafts-
                                                                                                                     gesetz hoch geachtet. Joghurtbecher sind
                                                                                                                     „restentleert“, „tropffrei“ und „löffelrein“
                                                                                                                     zurückzugeben, so steht es in den Regeln
                                                                                                                     des Dualen Systems. Nicht wenige stellen
                                                                                                                     den Becher sogar in die Geschirrspülma-
                                                                                                                     schine, bevor sie ihn in den gelben Sack
                                                                                                                     stopfen.
                                                                                                                        Doch dann passiert etwas Merkwürdi-
                                                                                                                     ges. Mein Joghurtbecher, den ich so lie-
                                                                                                                     bevoll gespült und sortiert habe, wird gar
                                                                                                                     nicht recycelt. Er wird wieder mit dem
                                                                                                                     ganzen anderen Müll zusammengekippt.
                                                                                                                     In einem Ofen. Und dort wird er dann
                                                                                                                     verbrannt.
                                                                                                                        Ja, das ist erlaubt. Genau 36 Prozent
                                                                                                                     des Plastikmülls muss das Duale System
                                                                                                                     „wertstofflich verwerten“, also recyceln,
                                                                                                                     so steht es im Gesetz. Mit den restlichen
                                                                                                                     64 Prozent kann die Müllfirma machen,
                                                                                                                     was sie will und womit sie das meiste
                                                                                                                     Geld verdient. Der Dreck landet in der
                                                                                                                     Verbrennungsanlage; man spricht von
                                                                                                                     „thermischer Verwertung“. So findet der
                                                                                                                     Kreislauf ein jähes Ende.
                                                                                                                        Der von der Bundesregierung ein-
                                                                                                                     gesetzte Sachverständigenrat für Umwelt-
                                                                                                                     fragen plädiert seit Jahren dafür, das gan-
                                                                                                                     ze System gründlich zu überdenken. Zwei


   147
     Gramm
                                                                                                                     Mülltonnen würden im Prinzip ausrei-
                                                                                                                     chen, so die Experten: die erste für feuch-
                                                                                                                     ten Abfall wie Essensreste und Windeln,
                                                                                                                     die zweite für den ganzen Rest.
                                                                                                                        Der Müll aus der feuchten Tonne wird
                                                                                                                     zunächst genutzt, um Biogas zu erzeugen,
 Kohlendioxid ver-                                                                                                   und anschließend verbrannt. Der Trocken-
     ursacht ein                                                                                                     müll wird automatisch sortiert und so weit
  Elektroauto pro                                                                                                    wie möglich recycelt. Es handelt sich um
 Kilometer, wenn                                                                                                     ein Konzept, das viele Vorteile hätte. Der
 es mit herkömm-                                                                                                     Bürger hätte weniger Arbeit. Der Umwelt
   lichem Strom                                                                                                      wäre geholfen. Alles würde einfacher.
 betrieben wird –                                                                                                       Doch daraus wird nichts. Stattdessen
                                                                                            RICHARD WAREHAM / CARO




 weit mehr als ein                                                                                                   ist jetzt zwischen den privaten Entsor-
 normales Benzin-                                                                                                    gungsunternehmen und den Abfallfirmen
      fahrzeug.                                                                                                      der Kommunen ein Streit darüber ent-
                                                                             Elektroautos                            brannt, wer für welchen Abfall zuständig
                                                                                                                     ist. Seit kurzem haben wir deshalb eine
                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                       61
fünfte Tonne, die „Wertstoff-                                                                                Umso erstaunlicher ist die Re-
tonne“.                                                                                                   naissance, die das giftige Schwer-
  Als ich eines Abends von der
Arbeit kam, stand sie da, grell
orange, 240 Liter Fassungsvermö-
gen. In unserer Einfahrt ist es
                                                5
                                            Milligramm
                                                                                                          metall bei uns zu Hause erlebt.
                                                                                                          Wie alle guten Europäer sind wir
                                                                                                          dabei, unsere alten Glühbirnen
                                                                                                          durch moderne Energiespar-
noch enger geworden, aber dar-                                                                            leuchten zu ersetzen. So hat es
an werde ich mich bestimmt ge-             Quecksilber ste-                                               die Kommission der Europäi-
wöhnen. Ich denke darüber nach,           cken in einer ein-                                              schen Union verfügt. Dass jede
eine sechste Tonne für das Alt-            zelnen Energie-                                                Sparleuchte bis zu fünf Milli-
glas anzuschaffen, das wir bis-           sparbirne, ein Fall                                             gramm Quecksilber enthält, gilt
lang provisorisch in einem Kar-            für die Sonder-                                                als notwendiges Übel, denn sie
ton an der Kellertreppe unterge-            mülldeponie.                                                  verbraucht weniger Strom als
bracht haben. Mit sechs Tonnen            Auch die Lampen-                                                herkömmliche Birnen.
wäre auch die Symmetrie wie-                produktion in                                                    Leicht fällt uns der Abschied
derhergestellt.                            China belastet                                                 nicht. Wir mochten die alte Glüh-
                                                                                                          birne. Wenn man sie anknipste,




                                                                                                      JOERG KOCH
                                          die Umwelt stark.                       Energiesparleuchten
Wasser                                                                                                    brannte sofort das Licht; das
Die Duschkopftechnik hat in den                                                                           kann man von unseren neuen
vergangenen Jahren eine rasante                                                                           Lampen nicht behaupten. Man
Entwicklung vollzogen: weg vom Wasser, den Aromasorten Lavendel, Zitrus und sollte sie auch nicht auf den Boden fallen
hin zur Luft, so regelt es die EU-Ökodesign- Fichtennadel beizukommen. Doch in der lassen, denn dann wird die Ökolampe
Richtlinie. Die Zeiten, in denen es genügte, Kanalisation lagern sich auch giftige zum Ökokiller.
einfach nur Wasser zu verteilen, sind vor- Schwermetalle wie Kupfer, Nickel und                   „Eingeatmetes Quecksilber geht übers
bei. Heute wird im Innern des Brausekopfs Blei ab. Schwefelsäure greift die Leitun- Blut ins Gehirn“, sagt Gary Zörner vom
durch ein kompliziertes Verfahren ein gen an, lässt Stahl rosten und Beton brö- Labor für chemische Analytik in Delmen-
Aerosol erzeugt. Der Feuchtigkeitsanteil seln. Dagegen hilft dann auch kein Deo. horst. „Und jedes bisschen Quecksilber
in dem erzeugten Luft-Wasser-Gemisch ist         Die Wasserwerke müssen ihre Rohre macht ein bisschen dümmer. Das kann bis
so gering und der Luftanteil so hoch, dass und Kanäle jetzt immer kräftig durchspü- zur völligen Geistesgestörtheit führen.“
man das Gefühl hat, das Föhnen werde un- len. Was wir oben mit der WC-Stopptaste                   Wissenschaftler des Umweltbundes-
ter der Dusche gleich miterledigt.             eingespart haben, pumpen sie unten mit amts haben untersucht, wie gefährlich die
   Schon unseren Kleinsten bringt die Re- dem Schlauch direkt in die Kanalisation. Energiesparleuchten sind. Sie zerbrachen
gierung bei, wie wichtig es sei, verant- In das Berliner Leitungsnetz werden an Lampen aus dem Sortiment eines euro-
wortungsvoll mit dem kostbaren Leitungs- manchen Tagen eine halbe Million Kubik- päischen Markenherstellers. Anschlie-
wasser umzugehen. „Überlege, wie Du meter Leitungswasser zusätzlich abgelas- ßend maßen sie die Giftkonzentration in
Wasser sparen kannst!“, heißt es auf der sen, um, wie es heißt, die „notwendige der Raumluft, einmal nach fünf Minuten,
Kinderseite des Umweltministeriums im Fließgeschwindigkeit“ zu gewährleisten. ein weiteres Mal nach fünf Stunden.
Internet. „Duschen ist ökologisch besser         Nun ist Deutschland ein wasserreiches             Alle gemessenen Werte lagen weit jen-
als baden. Dreh den Hahn zu, wenn Du Land. Es verfügt über zahlreiche Flüsse seits des Erlaubten. Teils lag die Queck-
Dich einseifst. Lass nie Wasser laufen, und Seen. Die Regenmenge, die vom silber-Belastung um das 20fache über
wenn Du es nicht brauchst. Vielleicht Himmel auf Deutschland herabfällt, ist dem Richtwert. Auch nach fünf Stunden
kannst Du ja auch etwas kürzer duschen.“ fünfmal größer als der gesamte Wasser- war noch so viel Quecksilber in der Luft,
   So könnte alles in bester Ordnung sein, bedarf von Mensch und Industrie. Weni- dass die Gesundheit von Schwangeren,
wenn es nur ein Problem nicht gäbe: Es ger als drei Prozent der Reserven reichten kleinen Kindern und empfindlichen Men-
stinkt. Fäulnisgeruch durchweht unsere aus, um alle Haushalte zu versorgen.                     schen gefährdet gewesen wäre.
Straße. Besonders schlimm ist es im Som-         Die naheliegende Lösung unserer Rohr-             Wegen des Quecksilbers ist es natürlich
mer. Halb Berlin liegt dann unter einer leitungsprobleme wäre, wieder mehr Was- streng verboten, kaputte Energiesparlam-
Gaswolke.                                      ser zu verbrauchen. Doch so funktionie- pen in den Hausmüll zu werfen. Eine
   Ein von den Berliner Wasserbetrieben ren die Deutschen nicht. Wer so lange Nürnberger Entsorgungsfirma hat eine
gegründetes „Kompetenzzentrum“ ver- darauf gedrillt wurde, beim Duschen mit Maschine erfunden, die jede Birne vor-
öffentlichte jüngst eine Liste der beson- einem Minimum an Flüssigkeit auszukom- sichtig zersägt und den Leuchtstoff samt
ders betroffenen Ecken. Auf Platz eins men, wirft nicht seine Gewohnheiten über Quecksilber absaugt. Die Mixtur wird
steht ausgerechnet der vornehme Gen- Bord. Die Maßhalte-Appelle haben tiefe dann luftdicht in Tüten verpackt und zu
darmenmarkt. Auch der Pariser Platz am Spuren in unserer Psyche hinterlassen.                   jeweils 300 Kilogramm in blaue Tonnen
Brandenburger Tor riecht wie ein Windel-                                                        verfüllt. Diese werden auf einen Lkw ver-
eimer. Und es handelt sich nicht nur um Licht                                                   laden und zu einem ehemaligen Salzberg-
ein Berliner Problem. In Hamburg, Ros- Quecksilber ist ein gefährlicher Stoff. Es werk im Harz gebracht. Und so landet
tock und im Ruhrgebiet sind ebenfalls verdampft bei Zimmertemperatur. Schon die Ökobirne schließlich auf einer Son-
ganze Stadtteile betroffen.                    kleine Mengen schädigen Leber, Lunge dermülldeponie unter der Erde, als gifti-
   Weil wegen unseres geringen Ver- und Gehirn. Der berühmte Doktor Para- ger Altlast bis ans Ende aller Tage.
brauchs zu wenig Wasser durch die Rohre celsus hat sich mit Quecksilber versehent-
rauscht, verstopft neuerdings die Kanali- lich umgebracht; seither raten Ärzte da- Dämmen
sation. Fäkalien, Urin und Speisereste flie- von ab, es einzuatmen.                             Zuerst werden die Putten und Simse von
ßen nicht mehr ab. Träge schwappt der                                                           der Fassade abgeschlagen. Dann kommen
braune Schlick durch die viel zu breiten                      Video: Alexander Neubacher        der Stuck und die Giebeldreiecke weg.
Rohre und entfaltet dort sein volles Aro-                     über Ökolügen des Alltags         Das alte Mauerwerk verschwindet unter
ma.                                                           Für Smartphone-Benutzer:          matratzendicken Dämmplatten, Farbe
   Die Wasserwerke versuchen, dem Ge-                         Bildcode scannen, etwa mit        drauf – fertig ist das Energiesparhaus. Die
stank durch Geruchsfilter und Duftgel in                      der App „Scanlife“.               fehlenden Altbauteile werden einfach auf-
62                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Wirtschaft

gemalt. Optisch macht das keinen großen                                                      seien. Sie waren die Voraussetzung für ei-
Unterschied, jedenfalls von weitem.                            ÜBERNAHM EN                   nen 500-Millionen-Euro-Kredit der BNP.
  Wer mit Albert Schett vom Hamburger                                                           Porsche war zu dieser Zeit in aller-
Denkmalschutzamt an den historischen
Backsteingebäuden am Dulsberg vorbei-
spaziert, dem wird der Unterschied zwi-
                                                       Theoretisch                           höchster Not. Wenige Tage später, am 24.
                                                                                             März, lief ein 10-Milliarden-Euro-Kredit
                                                                                             aus. Sollten die Stuttgarter keine neuen
schen gedämmten und ungedämmten
Häusern sogar akustisch vorgeführt. „Hö-
ren Sie mal“, sagt Schett und pocht gegen
                                                         brutto                              Kredite erhalten, drohte der Konkurs. Ein
                                                                                             Finanzinstitut gewährte Porsche erst ei-
                                                                                             nen neuen Kredit, nachdem der damalige
die Fassaden, die neuerdings aus einer             Die Anklage gegen Porsches Ex-            Chef Wiedeking angeboten hatte, mit sei-
mit Backstein-Imitat beklebten Dämm-                   Finanzvorstand zeigt: Die             nem Privatvermögen zu haften.
schicht bestehen: „Klingt ganz hohl.“             juristische Aufarbeitung der alten            Vor diesem Hintergrund liegt der Ver-
Doch was tut man nicht alles, um ein paar                                                    dacht nicht fern, dass Porsche den Banken
Liter Heizöl zu sparen.                                   VW-Eroberungspläne                 geschönte Zahlen präsentiert habe, um
  Das Problem sind jetzt nur noch die                birgt noch jede Menge Ärger.            an frisches Geld zu kommen. BNP wollte
Menschen, die in den thermo-isolierten                                                       sich von Porsche unter anderem bestäti-


                                                 H
Häusern wohnen und ein „mangelhaftes                      ans Richter lädt Besucher gerade- gen lassen, dass der Sportwagenhersteller
Lüftungsverhalten“ an den Tag legen, wie                 zu ein, ihn in puncto Modernität bei seinen damaligen Optionsgeschäften
es in einer Broschüre des Bundesbaumi-                   und Effizienz zu unterschätzen. mit VW-Aktien einen Nettokaufpreis von
nisteriums heißt. Dass jede Isolierung das       Das Büro des Stuttgarter Oberstaatsan- 70 Euro je Aktie vereinbart habe. Daraus
Raumklima verändert, wird leider allzu           walts ist vollgestellt mit Regalen, Schrän- errechnete sich allein für diese Geschäfte
oft vergessen. Und so breitet sich Schim-        ken und einem Schreibtisch, der mit An- ein Kreditbedarf von 4,1 Milliarden Euro.
mel aus an Stellen, an denen man es nie          bauten gleich mehrfach verlängert wurde. Finanzvorstand Härter bestätigte dies
erwartet hätte: im Rollokasten, hinter der       Darauf liegen Papierstapel, Mappen und durch seine Unterschrift.
Heizung, unter der Fensterbank.                  Bücher, eine Ordnung ist wohl nur für          Oberstaatsanwalt Richter untersuchte
  Sobald tragendes Gebälk vom Pilz               Richter selbst erkennbar. 64 Jahre alt ist die Optionsgeschäfte von Porsche und
durchdrungen ist, muss das Haus aufge-           Richter, er leitet die größte Abteilung für kam zu dem Ergebnis, der Kaufpreis der
geben werden, zumal die Dämmplatten              Wirtschaftsstrafsachen in                                      Aktien habe bei 93 Euro
mit der Zeit immer feuchter werden.              Deutschland und ermit-                                         gelegen, der Kreditbe-
„Das ist dann so, als würden wir bei Kälte       telt seit mehr als zwei                                        darf hochgerechnet bei
einen klatschnassen Pullover tragen“, be-        Jahren gegen die einstigen                                     5,5 Milliarden Euro. Här-
schreibt ein Baufachmann die Lage. „Ja,          Porsche-Manager Wende-                                         ter und seine beiden Mit-
wir dämmen wie die Weltmeister“, sagt            lin Wiedeking und Hol-                                         arbeiter hätten die BNP
Boris Palmer, Grünen-Oberbürgermeister           ger Härter.                                                    demnach getäuscht.
von Tübingen, „und, ja, wir verschandeln            Drei      Ermittlungen                                         Härters Anwältin Anne
unseren Gebäudebestand ganz bewusst.“            musste er schon einstel-                                       Wehnert hat das Gutach-
                                                 len: wegen des Verdachts                                       ten eines renommierten
Was tun?                                         der Marktmanipulation                                          Experten eingeholt. Er
Es wäre gut, würden wir unsere Gewiss-           durch Aktiengeschäfte,                                         kommt zu dem Ergebnis,
heiten ab und zu einem Realitäts-Check           wegen des Verstoßes ge-                                        dass 93 Euro allenfalls
unterziehen. Falls sich herausstellt, dass       gen Insider-Regeln und                                         eine Art theoretischer
wir uns geirrt haben, spricht nichts dage-       wegen einer verspäteten                                        Bruttokaufpreis gewesen
gen, einen Schritt zurückzugehen und es          Börsenmeldung. Doch                                            seien. Von diesem müss-
anders zu versuchen. Ein Dosenpfand,             jetzt hat der Oberstaats-                                      ten aber noch gut 20 Euro
                                                                                                            MARIJAN MURAT / DPA




das ausgerechnet die umweltfreundlichen          anwalt Anklage erhoben                                         abgezogen werden, weil
Mehrwegflaschen aus dem Handel drängt,           gegen den einstigen Por-                                       Porsche eine entsprechen-
sollte grundlegend reformiert werden,            sche-Finanzchef Härter,                                        de Prämie je Option von
ebenso die Förderung der ineffizienten           einen ehemaligen und ei-                                       der Bank erstattet bekom-
Solarenergie, die eine oder andere               nen noch bei Porsche be- Manager Wiedeking, Härter 2007 men hätte. In dem Schrei-
Dämmvorschrift und der gelbe Sack.               schäftigten Finanzmana- Geschönte Zahlen?                      ben der BNP war aber
   Niemand sollte gezwungen werden, sich         ger. Kreditbetrug sollen                                       ausdrücklich der Netto-
giftige Quecksilberleuchten ins Haus zu ho-      die drei begangen und dem Unternehmen kaufpreis genannt. Deshalb sei die Bestä-
len. Es ist unvernünftig, weitere Atomkraft-     mit falschen Angaben ein Darlehen über tigung Härters korrekt gewesen.
werke abzuschalten, wenn wir dadurch von         500 Millionen Euro erschlichen haben.          Die Auseinandersetzung um dieses De-
Atomstrom-Importen aus Frankreich ab-               Oberstaatsanwalt Richter hat sich in tail zeigt, wie schwierig die juristische
hängig werden. Und solange eine einmal           alle Verästelungen der Übernahme- Aufarbeitung der Übernahmeschlacht
verwendete Papiertüte eine schlechtere           schlacht Porsche-VW hineingearbeitet, Porsche-VW ist. Härters Verteidigerin will
Ökobilanz aufweist als eine Plastiktüte, soll-   bei der der kleine Sportwagenbauer zu- nun erst einmal erreichen, dass das Land-
ten grüne Sittenpolizisten noch einmal dar-      erst den großen Weltkonzern schlucken gericht Stuttgart die Anklage in Sachen
über nachdenken, ob es wirklich der Kunst-       wollte und dann selbst zur Beute wurde. Kreditbetrug gar nicht annimmt.
stoffbeutel ist, den sie verbieten wollen.       Beim Punkt Kreditbetrug zeigt Richter,         Die BNP hat sich übrigens nie beklagt,
   Wer im Bioladen einkauft, sich vegan          wie penibel er nach Spuren sucht.           sie sei falsch informiert worden. Der Kredit
ernährt oder ein Elektroauto fährt, kann            In mehreren hundert Aktenordnern, wurde inzwischen zurückbezahlt, Porsche
das gern tun. Daraus die Berechtigung ab-        welche die Staatsanwaltschaft beschlag- macht weiterhin Geschäfte mit der franzö-
zuleiten, man dürfe anderen Leuten eine          nahmte, fand sich auch ein Schreiben der sischen Bank. Doch zu den juristischen Be-
Lektion in ökologisch korrekter Lebens-          französischen Großbank BNP Paribas sonderheiten des Kreditbetrugs zählt, dass
führung erteilen, ist indes nicht angebracht.    vom 19. März 2009. Darin fragte das Insti- er auch dann strafbar ist, wenn einer Bank
Die Dinge sind manchmal komplizierter,           tut an, ob verschiedene Informationen zur gar kein Schaden entstanden ist.
als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.   wirtschaftlichen Lage von Porsche korrekt                              DIETMAR HAWRANEK

64                                                     D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Wirtschaft




Schlecker-Beschäftigte Soldo, Übler, Weidinger: „Wir haben Anton Schlecker besiegt, theoretisch – es wäre fatal, wenn es sich nicht gelohnt

                                                                                            Frauen wie Gunde Weidinger, Tanja
                                       HANDEL                                               Übler und Adrijana Soldo.


                 Miss Management                                                            Schikane als Methode
                                                                                            Eigentlich hat sie immer gern bei Schle-
                                                                                            cker gearbeitet, obwohl es Jahre gegeben
 Zumindest in einem war der Drogerie-Konzern Schlecker seiner                               hat, in denen Gunde Weidinger mit 17
   Zeit voraus: Er beschäftigte überwiegend Frauen. Tausende                                Abmahnungen überzogen wurde. Wegen
                                                                                            Kleinigkeiten: weil sie den „aktiven Ver-
bangen jetzt um ihren Job. Drei Schlecker-Frauen – drei Perspektiven.                       kauf“ unterlassen habe, es also versäumt
                                                                                            habe, einen Kunden auf das neue Home-


W
           enn die Rettung des Drogerie-        Und obwohl es um insgesamt 30 000           shopping hinzuweisen und ihm den da-
          Riesen Schlecker etwas mit öf-     Jobs geht, bleibt es erstaunlich still im      zugehörigen Prospekt in die Hand zu drü-
          fentlichen Beileidsbezeugungen     Land. Kein Wort ist von der Kanzlerin zu       cken. Weil sie sich mal bei einer Kollegin
zu tun hat, kann Anton Schlecker, 67, sein   hören, auch von den zuständigen Minis-         krankmeldete, mit der Bitte, es der Vor-
Imperium seit vergangenem Donnerstag         terien kommt kaum Unterstützung. Selbst        gesetzten zu übermitteln, statt es der di-
endgültig vergessen. Zur Solidaritäts-       der für Ehingen zuständige Ver.di-Mit-         rekt zu sagen. Oder weil ihr ein Testkäu-
kundgebung in der Ehinger Innenstadt,        arbeiter hatte keine Zeit für die Schlecker-   fer – und jetzt wird die 46-jährige Filial-
dem Schlecker-Sitz, erschienen nur 20,       Frauen, er musste woanders einen neuen         leiterin wirklich wütend – ein Produkt
vielleicht 30 Frauen.                        Betriebsrat beraten.                           mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum ins
   300 Unterschriften für den Erhalt ihrer      Liegt das Desinteresse daran, dass An-      Sortiment gestellt habe. Minuten später
Arbeitsplätze hatten sie am Ende des Ta-     ton Schlecker nicht eben zum Sympathie-        habe der Vorgesetzte ebenjenes Produkt
ges gesammelt. Und das, obwohl der Pa-       träger unter Deutschlands Unternehmern         aus dem Regal gezogen und es ihr vorge-
triarch nicht nur in Ehingen aufgewach-      taugt? Dass die schmuddeligen Filialen         halten. Ob sie nicht regelmäßig ihre Re-
sen ist, sondern von der schwäbischen        auch bei den Kunden zum Schluss kaum           gale prüfe? Abmahnung!
Kleinstadt aus auch sein Imperium be-        noch Anklang fanden? Oder weil fast nur           Gunde Weidinger arbeitet seit knapp
gründete – bis er vor wenigen Wochen         Frauen betroffen sind, wie Gesamtbe-           16 Jahren bei Schlecker im fränkischen
Insolvenz anmelden musste.                   triebsratschefin Christel Hoffmann mut-        Zirndorf. Sie hat das andauernde Miss-
   Von den rund 6000 Filialen des Schle-     maßt?                                          trauen gegenüber den Mitarbeitern ertra-
cker-Imperiums sollen höchstens 3000 üb-        Jedenfalls sind es viele Frauen, und sie    gen, die Gängeleien, die Geringschätzung
rig bleiben, hat Insolvenzverwalter Arndt    haben über Jahre hinweg für wenig Geld         der Vorgesetzten. „Sie werden nicht fürs
Geiwitz angekündigt. Fast jeder zweite       gearbeitet und Druck und Schikanen aus-        Denken bezahlt, sondern fürs Arbeiten“,
Mitarbeiter in Deutschland wird seinen       gehalten, weil sie auf den Job angewiesen      hieß es, sobald sie einen Vorschlag vor-
Arbeitsplatz verlieren. Mitte dieser Wo-     sind. Es sind Frauen, die das System mit-      trug. Etwa, welche Artikel man vor dem
che soll bekanntgegeben werden, welche       getragen, die daran geglaubt haben. Aber       Geschäft präsentieren könne. Oder den
Standorte es trifft, wer gehen muss.         auch solche, die sich aufgelehnt haben.        Wunsch, die Filiale mit mehr als einer
66                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Dass die Pleite durch Inkompetenz in ne wieder zurück. Doch das Image war
                                                                                        der Führung verursacht worden sei, wie irreparabel beschädigt. „Spätestens da
                                                                                        Insolvenzverwalter Geiwitz mehr als hätte sich Anton Schlecker öffentlich hin-
                                                                                        deutlich sagte, kann Übler nicht erken- stellen und seinen Fehler eingestehen
                                                                                        nen. Wie auch, Tanja Übler war schließ- müssen“, sagt Tanja Übler. „Diese vier
                                                                                        lich Miss Management, nicht Missmanage- Wochen haben 20 Jahre Arbeit ruiniert.“
                                                                                        ment.
                                                                                           Für sie ist noch heute vieles selbstver-
                                                                                        ständlich, was bei anderen Kopfschütteln Rebellion und Konflikte
                                                                                        auslöst. Etwa, dass in jeder Filiale ein Bild Dass Schlecker heute flächendeckend ei-
                                                                                        des Chefs hängen sollte. „Die Mitarbeiter nen Tariflohn zahlt, ist auch ihr Verdienst.
                                                                                        müssen ihn doch kennen, wenn er Adrijana Soldo, 40, ist Betriebsratsvorsit-
                                                                                        kommt“, sagt sie.                             zende von Schlecker in Oberasbach. Im
                                                                                           Ihrer Meinung nach hat die Pleite einen Mai 2010 bekam sie für ihren „langjähri-
                                                                                        anderen Grund: unsauberer Wettbewerb. gen, engagierten Einsatz“ vom bayeri-
                                                                                        „Schlecker ist die einzige Drogerie-Kette, schen Erzbischof Ludwig Schick den Preis
                                                                                        die Tariflöhne bezahlt hat“, sagt Tanja „Arbeiter für Gerechtigkeit“. Es war ein
                                                                                        Übler. 25 bis 30 Prozent des Umsatzes Preis für ihren „Kampf gegen das Patriar-
                                                                                        seien für Löhne draufgegangen – und das, chat des Anton Schlecker“, wie Soldo sagt.
                                                                                        wo manche Filialen nur Umsätze von              „Wir haben Sozialgeschichte geschrie-
                                                                                        12 000 bis 15 000 Euro im Monat machten. ben“, glaubt sie. Noch nie habe eine Be-
                                                FOTOS: PETER ROGGENTHIN / DER SPIEGEL




                                                                                           Dieser Kostenblock habe das Unterneh- legschaft, die fast ausschließlich aus Frau-
                                                                                        men irgendwann erdrückt. Andere Kon- en besteht, eine derartige Bewegung in
                                                                                        kurrenten, „die sich jetzt als Retter insze- Gang gesetzt. 1994 gründete Soldo einen
                                                                                        nieren“, würden dagegen überwiegend der ersten Betriebsräte bei Schlecker
                                                                                        400-Euro-Kräfte beschäftigen, selbst eine überhaupt. Damals noch gegen erbitter-
                                                                                        Vollzeitkraft verdiene kaum mehr als ten Widerstand: Schlecker verweigerte
                                                                                        1300 Euro im Monat – brutto.                  die Kostenübernahme für Betriebsrats-
                                                                                           Nur einen Fehler sieht die Schlecker- seminare, zog die Zeit vom Gehalt ab.
                                                                                        Managerin: die geplante Einführung von Betriebsvereinbarungen mussten häufig
hätte“                                                                                  Zeitarbeit in den neugegründeten Schle- per Schlichterspruch von Arbeitsgerich-
                                                                                        cker-XL-Filialen vor knapp drei Jahren. ten erzwungen werden. Anfangs ging es
   Person zu besetzen. Denn dann wäre viel-                                             Mit diesen Geschäften, die als eigenstän- darum, überhaupt ein Telefon für jede Fi-
   leicht auch der 26. Oktober 1998 anders                                              dige GmbH gegründet wurden, um alte liale durchzusetzen, damit die Mitarbei-
   verlaufen.                                                                           Tarifverträge auszuhebeln, wollte man terinnen im Notfall erreichbar wären.
      Gunde Weidinger hatte Frühdienst und                                              Geld sparen. Die Verkäuferinnen, die aus Später ging es um die Bezahlung. Dann
   nahm ab fünf Uhr morgens die Waren                                                   den alten Läden in die neuen übernom- um den Einsatz von Leiharbeiterinnen.
   entgegen. Um 13 Uhr wurde sie von ihrer                                              men wurden, sollten zum Teil ein halbier-       Was Anton Schlecker angeordnet hat,
   Kollegin abgelöst. Um 16 Uhr kam der                                                 tes Gehalt akzeptieren, mussten statt 37,5 sei blind umgesetzt worden, ohne Diskus-
   Anruf, ihre Filiale sei überfallen worden,                                           Stunden nun 42 Stunden arbeiten, beka- sion, selbst wenn es möglicherweise ge-
   sie möge bitte wiederkommen, die Kolle-                                              men eine Woche weniger Urlaub und we- gen Gesetze verstieß, sagt die zweifache
   gin könne nicht weiterarbeiten, weil sie                                             der Weihnachts- noch Urlaubsgeld mehr. Mutter. Dabei hatte sie als Handelsfach-
   mit einem Messer bedroht worden sei.                                                    Ein Vorgehen, das Tanja Übler unter wirtin durchaus Ahnung von der Materie.
   „Das wäre sicher nicht passiert, wenn wir                                            wirtschaftlichen Gesichtspunkten nach- Sie ahnte, dass sich in diesem Betrieb et-
   zu zweit in der Filiale gewesen wären.“                                              vollziehen konnte – im Gegensatz zu vie- was ändern musste.
      Ausgehalten hat sie all das, weil sie ihre                                        len Mitarbeitern und der Öffentlichkeit.        „Schlecker hat unsere Betriebsrats-
   Kunden hatte, die auch noch zu ihr ge-                                               Doch als im Dezember 2009 auch noch arbeit nie als Mehrwert im Unternehmen
   halten haben, als Schlecker wegen seiner                                             bekanntwurde, dass mehr als zwei Drittel akzeptiert“, sagt Soldo. „Es ging immer
   Personalpolitik in die Schlagzeilen geriet.                                          der Beschäftigten der Schlecker XL nur darum, wer mehr Macht hat, wer die
   Doch auch hier bröckelt die Solidarität:                                             GmbH als Leiharbeitskräfte von einer Konfrontationen länger durchhält, wer
   Das Mitleid schlägt neuerdings in Häme                                               Firma namens Meniar Personalservice die Taktik des Mobbings und Mürbema-
   um. Häufig würden sie und ihre Kollegin-                                             GmbH rekrutiert wurden, schlugen die chens geschickter anwendet. Um Inhalte
   nen gefragt, wann endlich Schluss sei und                                            Wogen hoch. Denn der Gründer und Ge- ging es nie.“ Anton Schlecker, so scheint
   wann man mit den Schnäppchenpreisen                                                  schäftsführer von Meniar war zuvor aus- es, hat seine Beschäftigten immer als Geg-
   zum Ausverkauf rechnen könne.                                                        gerechnet Personalbereichsleiter in der ner begriffen.
                                                                                        Schlecker-Firmenzentrale.                       Das habe sich vor etwa zwei Jahren
                                                                                           Das Leiharbeitsunternehmen hatte sei- geändert, etwa seit die Schlecker-Kinder
    Imagekiller Zeitarbeit                                                              nen Sitz allerdings nach Zwickau verlegt, Lars und Meike unter dem Slogan „Fit
    Tanja Übler ist Schlecker. Die 34-Jährige                                           um offenbar auch den Mitarbeiterinnen for Future“ die Wende einleiteten. Wenn
    ist Bezirksleiterin, sie exekutierte die Vor-                                       in westdeutschen Filialen nur die niedri- Soldo von den letzten Monaten spricht,
    gaben, die sie vom Management in Ehin-                                              geren Ostgehälter zahlen zu müssen: teil- sagt sie immer „seit der Wende“ – so wie
    gen erhielt. Wenn sie redet, ist viel von                                           weise weniger als sieben Euro die Stunde. früher DDR-Bürger, die sich 1989 von der
    der „Umsetzung der Richtlinien“ die                                                 Die Gewerkschaft Ver.di kochte, die Kun- SED-Diktatur befreiten. „Wir waren wirk-
    Rede, von „rentablem Wareneinsatz“                                                  den blieben fern, Bundesarbeitsministerin lich auf einem guten Weg“, sagt Soldo.
    und von „Filialen, die man im Griff ha-                                             Ursula von der Leyen schaffte mit einem         „Wir haben Anton Schlecker besiegt.
    ben“ muss. Tanja Übler hat das System                                               Gesetz gegen Missbrauch von Leiharbeit Theoretisch. Es wäre fatal, wenn es sich
    verinnerlicht, schon ihre Mutter war jah-                                           gar eine „Lex Schlecker“.                     nicht gelohnt hätte.“
    relang Bezirksleiterin bei ihrem heutigen                                              Derart unter Druck, nahm der Konzern               SUSANNE AMANN, CATALINA SCHRÖDER,
    Arbeitgeber.                                                                        kurze Zeit später, im Januar 2010, die Plä-                  JANKO TIETZ, FLORIAN ZERFASS

                                                                                              D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                           67
Wirtschaft

                                                                                                                               Seit 25 Jahren verfolgt Cadd die Ben-
                                                                                                                            zinpreise in seiner Heimat. Nach seiner
                                                                                                                            Beobachtung ist Sprit aufgrund der Preis-
                                                                                                                            bindung in Westaustralien im Schnitt
                                                                                                                            zwei Cent teurer. Das System dort brem-
                                                                                                                            se den Wettbewerb aus, er verliere an In-
                                                                                                                            tensität, und das komme insbesondere
                                                                                                                            den mächtigen Ölgesellschaften zugute.
                                                                                                                               Dafür gibt es Hinweise. Als sich Austra-
                                                                                                                            lien 2008 gegen eine Übertragung des Mo-
                                                                                                                            dells auf das ganze Land entschied, wurde
                                                                                                                            in einer Anhörung darauf verwiesen, dass
                                                                                                                            die Ölkonzerne ausgerechnet in West-
                                                                                                                            australien die größten Gewinnspannen
                                                                                                                            verbuchten. Die kleinen Tankstellen da-
                                                                                                                            gegen zögen den Kürzeren.
                                                                                                                               Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsfüh-
                                                                                                                            rer des Bundesverbandes Freier Tank-
                                                                                                                            stellen, hat dafür eine Erklärung: Mit der
                                                                                                                            Preisbindung verlieren die Stationen die




                                                                                            MARC DOZIER / HEMIS.FR / LAIF
                                                                                                                            Freiheit, sofort auf Vorgaben der Kon-
                                                                                                                            kurrenz zu reagieren. Wer sich auf einen
                                                                                                                            zu hohen Preis festgelegt habe, sei der
                                                                                                                            Dumme – und zwar einen ganzen Tag
                                                                                                                            lang. Die Branchenriesen könnten das
                                                                                                                            locker durchstehen, nicht aber die
Tankstelle in Australien: Höchstpreise in den Weiten des Landes                                                             Kleinen.
                                                                                                                               Verbandsmann Bülow hält daher eine
                                              Esso und Co., die an der Zapfsäule zur-                                       Preisbindung nach australischem Vorbild
                BENZIN                        zeit ein wildes Preis-Auf-und-Ab veran-                                       für „ziemlichen Unfug“. Er fürchtet einen
                                              stalten, die Tour vermasseln, meint er.                                       „Vernichtungspreiskampf“, der zu Lasten

     Achterbahn in                               Zuletzt schwankten die Preise bei den
                                              Marktführern in Deutschland um bis zu
                                              14 Cent – innerhalb eines Tages. Selbst
                                                                                                                            der unabhängigen Betreiber ginge.
                                                                                                                               In Deutschland beherrschen die zwei
                                                                                                                            Marktführer Aral und Shell fast die Hälfte

       Zeitlupe                               am Wochenende verteuern die Ölkon-
                                              zerne den Kraftstoff, vor kurzem war dies
                                              noch tabu. Solche Ausschläge empfänden
                                                                                                                            des Geschäfts. Sie können es sich am
                                                                                                                            ehesten leisten, ein bisschen teurer zu
                                                                                                                            sein. Ihre Stationen sind meist günstiger
  Die Spritpreise an deutschen                die Autofahrer als frustrierend, hatte das                                    gelegen und bieten ein breiteres Sorti-
     Tankstellen schwanken                    Kartellamt bereits im vorigen Jahr in ei-                                     ment, vom Brötchen bis zur Fachzeit-
extrem. Das Bundeskartellamt rät              ner Studie bemerkt und auf die Verläss-                                       schrift. Viele ihrer Kunden sind Stamm-
                                              lichkeit des westaustralischen Modells                                        gäste, denen es nicht allein darum geht,
     zu einem australischen                   verwiesen. Nun hat Mundt es erneut ins                                        das billigste Benzin zu tanken.
  Modell. Doch was taugt das?                 Gespräch gebracht. Aber taugt das Sys-                                           Diese starke Position spielt „Big Oil“
                                              tem wirklich, um die Preise zu bändigen?                                      aus, in Deutschland wie in Westaustralien.


G
         opal, der freundliche Tankwart          Die Verantwortlichen von FuelWatch                                         Auch dort schrecken die Marktführer
         indischer Herkunft, hat nicht viel   behaupten dies jedenfalls. Mehr als 20                                        nicht vor drastischen Aufschlägen zurück.
         Zeit. „Draußen wartet Kund-          australische Cent betrage zuweilen die                                        Von Mittwoch auf Donnerstag vergange-
schaft“, sagt der junge Mann. Seine Sta-      Differenz zwischen der billigsten und der                                     ner Woche hat beispielsweise die Tank-
tion in Roleystone, gut 30 Kilometer von      teuersten Tankstelle im Bundesstaat, eine                                     stelle von Caltex, einer der großen Ketten
Perth entfernt, gehört an diesem Tag mit      Durchschnittsfamilie könne im Jahr gut                                        des Landes, in Stratton bei Perth den
umgerechnet 1,12 Euro pro Liter Benzin        und gern 600 Dollar sparen – in der Theo-                                     Preis um gleich 17 Cent hochgejazzt. Am
zu den billigsten in ganz Westaustralien.     rie zumindest.                                                                Freitag sank er wieder um 2 Cent.
Und das ist kein Geheimnis.                      In der Praxis fällt dies freilich schwer.                                     Rasant nach oben, dann langsam wie-
   Grund: Unter der Internetadresse           Wer irgendwo in den Weiten der Pilbara-                                       der zurück: Das Muster ist bekannt, in
www.fuelwatch.wa.gov.au können Auto-          Wüste Benzin benötigt, hat keine große                                        Westaustralien sind die Ausschläge also
fahrer herausfinden, welche der 556           Wahl und zahlt notgedrungen auch                                              mindestens so intensiv wie hierzulande.
Stationen im Bundesstaat den günstigsten      Höchstpreise. Nicht nur deshalb hegen                                         Es gibt nur einen Unterschied: Am an-
Kraftstoff anbietet. Alle Tankstellen sind    Fachleute Zweifel am Sinn des Modells.                                        deren Ende der Welt bewegt sich die
verpflichtet, dem Handelsministerium             Don Harding, ein australischer Öko-                                        Spritpreis-Achterbahn gleichsam in Zeit-
den Preis zu melden, den sie am nächsten      nom, ist in einer Studie zu dem Schluss                                       lupe.
Tag verlangen werden. Dann müssen sie         gekommen, dass das FuelWatch-System                                              Mit dem australischen Modell hätten
sich 24 Stunden lang an die eigene Vorga-     sogar zu eher höheren Preisen führt. Man                                      die deutschen Autofahrer also kaum et-
be halten, sonst droht ihnen ein Bußgeld.     sollte es deshalb eher „FoolWatch“ nen-                                       was gewonnen, im Gegenteil: Der Sprit
   Seit 2001 können die Westaustralier auf    nen, lästert er: „Fool“ wie Narr. Auch                                        würde möglicherweise noch teurer, die
diese Weise in Ruhe die Spritpreise ver-      Alan Cadd, Geschäftsführer der Markt-                                         Preissprünge setzten sich fort. Kartell-
gleichen. Das System hat es Andreas           forschungsfirma Informed Sources, über-                                       wächter Mundt aber hätte das Gegenteil
Mundt, dem Präsidenten des Bonner Bun-        zeugt das Modell keinesfalls. „Wenn es                                        dessen bewirkt, was seine Aufgabe ist:
deskartellamts, angetan. Mit solchen fes-     so großartig ist, warum übernimmt es                                          den Wettbewerb zu stärken.
ten Tageskursen könnte man Aral, Shell,       dann keiner?“                                                                                            ALEXANDER JUNG

68                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
UNTERNEHMEN



          Spur nach
         Indonesien
Der Ferrostaal-Konzern bemühte




                                                                                                                                                                        MARTIN WESTLAKE / ASIA IMAGES / CORBIS
 sich nach der Schmiergeldaffäre
um ein sauberes Image. Nun rückt
  ausgerechnet ein Mann an die
 Spitze, gegen den ermittelt wird.


S
      ollte sich je ein Fahnder den Spaß
      machen, Top-Ten-Listen aufzustel-
      len, mit den besten Ausreden oder
den besten schauspielerischen Leistungen             Indonesische Hauptstadt Jakarta: „Klar und direkt beteiligt“
in der Geschichte der Kriminalistik, dann
hätte Klaus Lesker einen Platz verdient.             GmbH umgewandelt wird. Eine riskante man immerhin 600 000 Dollar erhalten hat-
In der Kategorie „Bester Satz im Moment              Personalie, denn die Essener Staatsan- te. Aber um diese kleine Sauerei geht es
der Verhaftung“.                                     waltschaft lässt mitteilen, sie stecke noch für die Ermittler eher am Rande. Sie inter-
   Von Lesker ist der Stoßseufzer überlie-           tief in den Ermittlungen gegen Lesker. essieren sich mehr dafür, warum die Indo-
fert: „Nicht schon wieder!“                          Worum es geht, zeigt ein konzerninterner nesier plötzlich doch zahlten und wo die
   Klang das entsetzt? Genervt? Oder ein-            Geheimbericht von 2011, in dem bisher restlichen 5,4 Millionen Dollar blieben.
fach routiniert? Jedenfalls fiel der Satz,           unbekannte Vorwürfe auftauchen. Auch           Es gebe Hinweise, dass sich Ferrostaal-
als Münchner Staatsanwälte am 24. März               gegen Lesker.                               Angestellte die Beute mit indonesischen
2010 in Leskers Vorstandsbüro bei der Es-               Die Spur führt nach Indonesien: Im Regierungsmitgliedern geteilt hätten, heißt
sener Ferrostaal AG einmarschierten.                 Jahr 1996 sollte Ferrostaal dort mit zwei es in dem Konzernbericht. Die hätten zu-
Schon im Juli 2009 hatte der Manager un-             anderen Firmen einen Windkanal für 152 vor dafür gesorgt, dass die Staatsfirma ihre
angemeldeten Staatsbesuch bekommen,                  Millionen Dollar bauen. Das Geschäft zer- Blockade aufgab. Eine Tochter des frühe-
auch damals wegen Korruptionsverdacht.               schlug sich, doch dem Konsortium blieb ren Diktators Suharto soll den krummen
Und schon damals saß er kurz darauf ein              ein Anspruch auf sechs Millionen Dollar, Deal eingefädelt haben. Und Lesker steht
erstes Mal in U-Haft; später wurde das               für die eine indonesische Staatsfirma ge- im Verdacht, das alles gedeckt zu haben.
Verfahren eingestellt, Lesker zahlte eine            radestehen sollte. Die aber stellte sich      „Das für Indonesien zuständige frühere
Geldbuße von 240 000 Euro.                           taub. Jahrelang forderte das Konsortium Vorstandsmitglied“ – Lesker – war „klar
   Bis heute laufen zwei Ermittlungsver-             das Geld, jahrelang rührte sich nichts.     und direkt daran beteiligt“, stellten die
fahren gegen ihn, eines in München, eines               2006 ging dann alles plötzlich ganz Konzernermittler fest. Dafür spreche: Les-
in Essen. Umso überraschender, dass nun              schnell. Im Oktober verkaufte die Toch- ker habe einen Repräsentanten der Brief-
ausgerechnet „Nicht schon wieder“-Les-               tergesellschaft Ferrostaal Singapur die kastenfirma schon seit Jahren gekannt,
ker an die Spitze des Anlagenbauers mit              scheinbar aussichtslose Forderung. Sie habe sich außerdem über den Fortschritt
mehr als 4000 Mitarbeitern rückt. Schließ-           landete für nur zehn Prozent ihres Wer- der Verhandlungen und die Zahlungen
lich kämpft das Unternehmen schon seit               tes, rund 600 000 Dollar, bei einer Brief- auf dem Laufenden halten lassen.
fast zwei Jahren mit den Folgen einer ge-            kastenfirma, die erst einen Monat zuvor        Unterdessen ermittelt München weiter
waltigen Korruptionsaffäre.                          gegründet worden war. Schon im Dezem- wegen „Bestechung im geschäftlichen
   Mit dem Aufbau einer riesigen Anti-               ber zahlten die Indonesier an diese Adres- Verkehr“. Der Manager soll noch von
Korruptionsabteilung sollte seitdem der              se die erste Hälfte der Außenstände, den mehr dubiosen Zahlungen gewusst haben.
ramponierte Ruf wieder aufgebessert wer-             Rest gab es ein Jahr später.                „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagt
den. Und erst kürzlich hat sich der Kon-                Gegenüber ihren Konsortialpartnern dagegen Lesker und zeigt sich überzeugt:
zern mit der federführenden Staatsan-                verschwieg die Ferrostaal-Führung, dass „Zu dieser Ansicht wird auch die Staats-
waltschaft München geeinigt, für                                                                        anwaltschaft kommen.“ Und die
alte Sünden 140 Millionen Euro                                                                          MPC, neue Herrin im Haus Ferro-
Geldbuße zu zahlen.                                                                                     staal, stellt ihm das dazu passende
   Vergangene Woche übernahm                                                                            Leumundszeugnis aus: „Wir ken-
der Hamburger Investor MPC In-                                                                          nen Dr. Lesker seit vielen Jahren,
dustries die Ferrostaal. Damit                                                                          in denen wir uns von seiner inte-
kommt auch ein alter Bekannter                                                                          gren Persönlichkeit überzeugen
zurück, Lesker, der nach der letz-                                                                      konnten“, beteuert MPC-Gesell-
ten Verhaftung seinen Posten in                                                                         schafter John Benjamin Schroeder,
                                                                                                        FRANZISKA KRUG / ACTION PRESS




Essen auf Druck des Aufsichtsrats                                                                       der sich künftig die Ferrostaal-Füh-
räumen musste – und anschließend                                                                        rung mit ihm teilt. Die laufenden
bei MPC angeheuert hatte. Er wird                                                                       Ermittlungen würden sicher bald
einer der beiden führenden Vor-                                                                         eingestellt.
stände der Ferrostaal, die in eine                                                                         Diesen Optimismus teilt bislang
                                                                                                        allerdings weder die Staatsanwalt-
* Mit den MPC-Gesellschaftern Axel und John                                                             schaft Essen noch die in München.
Benjamin Schroeder im Juli 2008.              Beschuldigter Lesker (l.)*: „Integre Persönlichkeit“                                      JÜRGEN DAHLKAMP, JÖRG SCHMITT

                                                            D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                 69
Wirtschaft

                                                                    meinsam mit seinem Finanzminister einen Anspruch zu erfahren, welche Risi-
                                       BANKEN                       Evangelos Venizelos ausgehandelt hat. ken noch auf die Steuerzahler zukom-
                                                                    Knapp neun Milliarden Euro verlieren men“, sagt Gerhard Schick, Finanzexperte

                             Schmerzhafter                          die Steuerzahler als Eigner der FMSW der Grünen im parlamentarischen Kon-
                                                                    bei dem schmerzhaften Schnitt.            trollausschuss für den Soffin. SPD-Finanz-
                                                                       Damit sind zugleich alle Rechnungen experte Carsten Schneider will in diesem

                                Schnitt                             hinfällig, die in der Berliner Regierung Monat den neuen Abwicklungsplan sehen.
                                                                    und bei ihrem Bankenrettungsfonds Sof- „Das Versteckspiel muss aufhören.“
                                                                    fin aufgestellt wurden, nachdem sie die      Die Opposition wirft der Regierung vor,
                                                                    HRE 2008 vor dem Kollaps bewahrt und die Bankenverluste außerhalb des Haus-
                           Die Abwicklung der Hypo                  später aufgespalten hatten.               halts zu verstecken. „Wir müssen aufpas-
                         Real Estate wird viel teurer als              Die FMSW sollte ihren Wertpapierbe- sen, dass der Bankenrettungsfonds nicht
                           gedacht. In Berlin wachsen               stand in Höhe von 176 Milliarden Euro mit zu einem großen Schattenhaushalt wird,
                        die Zweifel, ob die Skandalbank nur 3,9Hoffnung schwindet jetzt ebenso in dem über Griechenland-Umschuldung
                                                                    Diese
                                                                             Milliarden Euro Verlust abbauen.
                                                                                                              die aus der
                                                                                                                           Jahre Milliardendefizite wie

                            privatisiert werden kann.               wie der Traum, die Pfandbriefbank in ab- versteckt werden“, kritisiert Schick.
                                                                    sehbarer Zeit privatisieren zu können.       Die üblen Aussichten für die Bad Bank


                        D
                                ie Designer-Villa in der Nobelsied- Bankenexperten halten mittlerweile bei- ließen sich besser ertragen, wenn die
                               lung Son Vida auf der spanischen des für ausgeschlossen. Aus der Bad Bank Schwester HRE privatisiert werden könn-
                               Ferieninsel Mallorca lockt mit kommen düstere Zahlen.                          te, wie es die Regierung anstrebt. Zwar
                        3000 Quadratmeter Wohnfläche, acht             Nach drei Milliarden Euro Verlust 2010 präsentierte HRE-Chefin Manuela Better
                        Schlafzimmern und ebenso vielen Bädern. werden nach dem Griechenland-Ausfall Anfang März für 2011 einen kleinen Ge-
                        Kaufpreis: 29 Millionen Euro. Anbieter: für 2011 wohl rund zehn Milliarden Euro winn und zeigte sich überzeugt, dass sich
                        Georg Funke, 56, neuerdings Immobilien- Miese anfallen. Gerade haben die FMSW- die Bank verkaufen lässt. Aber Daniel
                        makler. In Deutschland ist er aber weitaus Manager eine neue Analyse ausgearbei- Zimmer von der Universität Bonn, der
                        besser bekannt als Ex-Chef der Skandal- tet, die allein bis 2020 weitere rund zehn schon vor einem Jahr in einem Gutachten
                        bank Hypo Real Estate (HRE).                Milliarden Euro Verlust ausweist, wie es einen Verkauf skeptisch beurteilt hatte,

                                                                                                                   Klotz am Bein
                                                                                                                   Verluste der FMS Wertmanagement

                                                                                                                    Die Bad Bank FMSW ist aus der Hypo Real
                                                                                                                    Estate hervorgegangen. Der Banken-
                                                                                                                    rettungsfonds Soffin (und
                                                                                                                    damit der Bund) muss ihre
                                                                                                                    Verluste ausgleichen.

                                                                                                                   Verlust 2010                      3 Mrd. €
                                                                                                                   1. Halbjahr 2011                690 Mio. €
YVES HERMAN / REUTERS




                                                                                                                   Verlust durch Schulden-
                                                                                                                   schnitt Griechenlands            8,9 Mrd. €
                                                                                                                   weiterer Verlust bis 2020
                                                                                                                   laut Abwicklungsplan              10 Mrd. €
                        Griechische Regierungsmitglieder Venizelos, Papademos: Deutsche Steuerzahler verlieren knapp neun Milliarden Euro

                           Während Funke mit seiner neuen Fir-       in Berlin heißt. Bad Bank und Soffin wol-     hält eine erfolgreiche Privatisierung der
                        ma A1 Villas Mallorca teure Immobilien       len sich dazu nicht äußern.                   HRE zwar grundsätzlich für wünschens-
                        verhökert, gewährten die Nachlassverwal-        Verabschiedet ist der sogenannte Ab-       wert. „Doch die Chancen auf einen Erfolg
                        ter der HRE zu Hause gerade wieder ei-       wicklungsplan noch nicht. Doch immer-         sind nach wie vor gering.“
                        nen kleinen Einblick in die rauchenden       hin hat sich das Management mit dem              Die Oppositionspolitiker Schneider
                        Ruinen des Geldhauses. Das Institut hatte    Soffin, formal Eigentümer der FMSW,           und Schick fordern die Regierung deshalb
                        sich einst im Übermaß mit Ramschpapie-       nach monatelangem Gehakel geeinigt.           unverhohlen auf, den Verkauf aufzuge-
                        ren vom US-Immobilienmarkt und Staats-       Die Regierung will allerdings das wahre       ben. Und auch in der Regierung wachsen
                        anleihen europäischer Schuldenländer         Ausmaß des Desasters lieber so lange wie      offenbar die Zweifel an den Plänen. „Wir
                        eingedeckt.                                  möglich unter der Decke halten.               sollten das knallhart ökonomisch ent-
                           Mittlerweile wurde das Unternehmen           Den ersten – viel zu optimistischen –      scheiden: Kommt uns der weitere Betrieb
                        aufgespalten: Die eine, die „gute“ Hälfte,   Abwicklungsplan veröffentlichte der           oder eine Abwicklung günstiger?“, sagt
                        soll als Deutsche Pfandbriefbank neue        Bund bis heute nicht. Der neue Plan gilt      FDP-Finanzexperte Florian Toncar.
                        Geschäfte finanzieren und bis 2015 priva-    als ambitioniert, aber wenigstens mach-          So viel Realitätssinn ist bei Georg Fun-
                        tisiert werden. Die andere ist quasi die     bar. Bis alle Altlasten abgewickelt sind,     ke auf Mallorca noch nicht eingekehrt.
                        Giftmülldeponie geworden. Sie heißt          dürften allerdings Jahrzehnte vergehen.       Er habe eine gesunde Bank hinterlassen,
                        FMS Wertmanagement (FMSW) und ist            Und im Umfeld der Bad Bank gilt es als        ließ er neulich die „Mallorca Zeitung“
                        eine Bad Bank. Sie muss sich auch an         wahrscheinlich, dass auch nach 2020 noch      wissen. Erst die Politik habe die HRE mit
                        dem Schuldenverzicht privater Griechen-      viele Milliarden Verlust entstehen.           ihrem Gerede von einer Zerschlagung in
                        land-Gläubiger beteiligen, den Athens           Deshalb wächst der Druck, die Gefah-       die Schieflage gebracht.
                        Premierminister Loukas Papademos ge-         ren offenzulegen. „Das Parlament hat                               SVEN BÖLL, MARTIN HESSE

                        72                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Serie


                                           SERIE REICHE (III) Ver.di und IG Metall fordern in den                                 globale Top-Ten-Liste des US-Magazins „Forbes“ – mit
                                           aktuellen Tarifstreits ein Plus von 6,5 Prozent. Die                                   einem geschätzten Vermögen von 19,2 Milliarden
                                           Arbeitgeber sind entsetzt. Zugleich wuchsen die                         Die            Euro. Was von alldem ist gerecht? Und wie erlebt die
                                           Gagen von Managern in den vergangenen Jahren                          Reichen          finanzielle Elite der Republik die kapitalismuskriti-
                                           teils exorbitant. Und als reichster Deutscher rutsch-                                  schen Debatten? Nach der Kaste der schrillen Reichen
                                           te Aldi-Gründer Karl Albrecht jüngst wieder in die                                     (Station 1 bis 3) geht es nun um die eher stillen.




                                                                 Die 1-Prozent-Partei
                                                  Drei erfolgreiche Endvierziger erzählen von ihrem Verhältnis zum Geld.
MIKE WOLFF / PICTURE-ALLIANCE / DPA




                                      Neubauten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg: Der Club der Besserverdiener hat mehr Mitglieder als die FDP – ist aber unauffälliger

                                      74                                                        D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Station 4 Reiche wider Willen                 wird – ob man will oder nicht. Das Gros       bereitet. Ihre jüngere Schwester soll im
                                              der Leute in Volker Webers Gehaltsregion      Sommer in die erste Klasse kommen.
Willkommen in der Unterschicht der Ober-      will eher nicht.                                 Die 1-Prozent-Partei empfindet das
schicht! Hier werden Häuschen abbezahlt          Weber ist Finanzchef einer kleinen Ber-    nicht als Abschottung, sondern als Sicher-
und die Kinder auf Privatschulen geschickt.   liner Firma, die anderen Jungunterneh-        heitsmaßnahme. Sie will dem Staat nicht
Wohlhabend sind immer die anderen.            mern auf die Beine hilft. Er kommt sogar      zur Last fallen, hat aber auch den Glauben
                                              auf ein Gehalt von 142 000 Euro pro Jahr.     an großes Verständnis oder gar Unterstüt-
Wenn Volker Weber im Bio-Supermarkt           Aber das Reichen-Gerede hat er wirklich       zung verloren – zumindest wenn es um
die Einkaufsliste seiner Frau abarbeitet,     satt, nicht nur weil fast die Hälfte seines   Steuer- oder Bildungsfragen geht. Auch
muss er sich nicht über jeden Cent Ge-        Gehalts für Steuern und Sozialabgaben         Webers Kinder aus erster Ehe können sich
danken machen. Manchmal leistet er sich       draufgeht.                                    auf Papa verlassen: Die 22-jährige Tochter
am Wochenende auch eine unter Emis-              Die obersten zehn Prozent der hiesi-       studiert Betriebswirtschaft in Stendal und
sionsgesichtspunkten fragwürdige Mon-         gen Bevölkerung liefern rund zwei Drit-       war vorher auf der Internatsschule Päd-
tecristo für 20 Euro, weil ihm die Zigarren   tel des Steueraufkommens, die untere          agogium in Bad Sachsa (Kosten 1500 Euro
einfach schmecken.                            Hälfte quasi nichts. „Im Wahlkampf            pro Monat). Ihr älterer Bruder ist mit dem
   Der Kredit für seine 230-Quadratmeter-     musste ich mir dennoch oft Anfeindun-         Studium fertig, wird aber auch noch un-
Doppelhaushälfte in Berlin-Steglitz wird      gen anhören in der Art: Die Besserver-        terstützt, „wenn er Hilfe braucht“.
pünktlich bedient. Aber es nervt ihn doch     dienenden hätten einfach keine Ahnung            Volker Webers 34-jährige Frau hat ge-
enorm, wenn man ihn deshalb schon für         davon, wie man über die Runden                rade erst ihr zweites juristisches Staats-
Oberklasse hält.                              kommt“, sagt Weber.                           examen abgelegt. Er muss die Familie al-
   Reich? Wer? Ich? „Mir geht es nicht
schlecht“, sagt der 49-Jährige. „Ich habe
ein schönes Einkommen und kann mir
das eine oder andere leisten. Aber wir le-
ben nicht im Überfluss. Ich bin wirklich
alles andere als reich.“
   Emotional betrachtet hat Volker Weber
recht. Sozialpsychologen können wunder-
bar erklären, dass die eigene Reichtums-
Definition nach oben angepasst wird, je
höher man selbst steigt. Rein finanziell
allerdings sollte er sich mit seinem Wohl-
stand abfinden. Ab einem Jahreseinkom-
men von 120 000 Euro brutto gehört man
in Deutschland mittlerweile zum obersten
einen Prozent der Bevölkerung.
   Von wegen „Wir sind die 99 Prozent!“,
wie es die Occupy-Bewegung skandiert.
Volker Weber ist Teil der 1-Prozent-Par-
tei. Die hat deutlich mehr Mitglieder als




                                                                                                                                        MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
jene FDP, deren Vize-Landesvorsitzender
er in Thüringen mal war. Und die rund
450 000 Mitglieder der 1-Prozent-Partei
der Besserverdiener sind mächtig, wenn
auch völlig verhaltensunauffällig. Also
das Gegenteil der FDP.
   Es ist die Liga der niedergelassenen       Finanzmanager Weber mit Familie: „Wir leben nicht im Überfluss“
Ärzte und IT-Chefs, der gutausgebildeten
Ingenieure, Unternehmensberater und Ju-          Er hat durchaus Träume, für deren Er- lein ernähren. Für ihn bleibt allenfalls
risten. Journalisten bei „Zeit“ und „Bild“,   füllung ihm schlicht das Geld fehlt. Ein noch die Zigarre zwischendurch. Manch-
„Stern“ oder SPIEGEL gehören ebenso           Urlaub in Asien oder Lateinamerika zum mal, wenn er mit seiner Familie in der
dazu wie erfolgreiche Vertriebsleiter oder    Beispiel sei „einfach nicht drin“. Und Mercedes-B-Klasse durch Berlin zuckelt,
Fluglotsen. Es ist die Klasse jener Hoff-     wenn seine beiden kleinen Töchter in die sagt er deshalb an einer Kreuzung:
nungs- bis Leistungsträger, die das Busi-     Pferdeshow „Apassionata“ gehen wollen, „Schaut mal, Mädels, da fährt mein Por-
ness erledigen und doch meist noch Eco-       fängt selbst er an zu rechnen, denn da sche vorbei.“
nomy fliegen müssen.                          braucht seine vierköpfige Familie für Kar-    Es ist nur Spaß. Er will sich nicht be-
   Sie leben in einer Welt, in der man den    ten und ein bisschen Verpflegung gleich klagen. Er will aber auch keine Vorwürfe
BMW X3 oder Audi-Kombi vor dem                ein paar hundert Euro.                      mehr hören, dass es ihm zu gut gehe.
Townhouse in Berlin stehen hat, vor der          Volker Weber setzt Prioritäten, die für Reich? Reich sind wirklich andere.
Altbauwohnung rund um die Hamburger           Mitglieder der 1-Prozent-Partei typisch
Alster oder der Doppelgarage des länd-        sind: Er investiert in Bildung. Die Bildung Station 5 Die Top-Angestellten
lichen Einfamilienhauses. Meist ärgert        seiner eigenen Kinder, die es mal besser
man sich noch über einen Chef, während        haben sollen. Noch besser als er, obwohl Sie bekommen Millionen, verlieren aber
die Putzfrau einen schon selbst als Chef      er auch da weniger Mittel hat als echte allenfalls den Job, wenn was schiefgeht: Top-
betrachtet.                                   Reiche.                                     Manager sind Superstars geworden – mit
   Ab einem Bruttojahresgehalt von rund          Seine siebenjährige Tochter besucht die allen Licht- und Schattenseiten des Ruhms.
120 000 Euro gehört man dazu, zur Un-         zweite Klasse einer Berliner Privatschule,
terschicht der Oberschicht. Es markiert       die mit zweisprachigem Unterricht auf Für eine ordentliche Runde Kapitalismus-
die Grenze, ab der man Clubmitglied           die Tücken einer globalisierten Welt vor- kritik muss René Obermann, Chef der
                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                          75
Serie




                                                                                                                                    WOLFGANG WILDE / ROBA PRESS (L.); FOCKE STRANGMANN / DAPD (R.)
Telekom-Chef Obermann*, Teilnehmer des Eiswettfestes in Bremen: „Natürlich gibt es Fehlentwicklungen“

Deutschen Telekom AG, nicht lange su-                     Siemens-Boss Peter Löscher und Josef          nanzkapitalismus und Aktienkultur. Das
chen. Er hat Volkes Stimme quasi ge-                      Ackermann von der Deutschen Bank (je          Credo dieser Ära: Manager, die am Erfolg
heiratet.                                                 8,8 Millionen Euro). Aber es gibt allein      ihrer Unternehmen beteiligt werden, sind
   Einst saß er in Maybrit Illners ZDF-                   bei dem Geldinstitut noch einige im In-       fleißiger. Es gibt inzwischen genug Bei-
Talkshow. So lernten die beiden sich ken-                 vestmentbanking, die dank hoher Boni          spiele, die diese These widerlegt haben.
nen. Und weil Oskar Lafontaine an jenem                   mehr verdienen. Ganz unten in der Liste       Das Geld macht die klügsten Leute ja
Abend nicht wirklich gut war, übernahm                    hängt Martin Blessing, weil der Bund sei-     nicht klüger, manchmal macht es sie nur
Illner die Linken-Rolle gleich mit. Auch                  ne Commerzbank retten musste und des-         gieriger.
gegen Obermann, der eigentlich ein Be-                    halb sein Gehalt gedeckelt hat. Es lag bei       Kreativ sind viele immerhin bei den Ar-
leg dafür ist, dass es eine gesellschaftliche             nur 617 000 Euro.                             gumenten für ihre Bezahlung, zum Bei-
Durchlässigkeit von unten nach oben                          Man hätte gern mit Blessing darüber        spiel sagen sie gern: Man müsse im globa-
noch gibt. Drei Jahre später haben sich                   geredet. Aber er wollte über Reichtum         len Vergleich bezahlt werden, der weltwei-
der Manager und die Moderatorin das Ja-                   und Vermögensverteilung nicht sprechen.       te Personalmarkt dirigiere die Preise.
wort gegeben.                                             So wenig wie Nikolaus von Bomhard von            Warum eigentlich? So groß ist der Be-
   Sie entstammt dem Osten, er „einfa-                    Munich Re, einem der größten Rück-            darf britischer oder amerikanischer Kon-
chen Verhältnissen“ im Westen: frühe                      versicherer der Welt. Ein tolles Thema,       zerne an deutschen Managern auch wie-
Scheidung der Eltern, Tod des Vaters, auf-                aber … Alexander Dibelius, Deutschland-       der nicht. Oder – weiteres Argument:
gewachsen bei den Krefelder Großeltern                    Chef der Investmentbank Goldman               Mein Gehalt legt doch der Aufsichtsrat
im sozialen Wohnungsbau, Abi mit zu                       Sachs, ließ seine Sprecherin gleichfalls      fest. Das stimmt, wobei in den Kontroll-
schlechtem Schnitt, als dass er den Traum                 abwinken. Und auch der Chef der Axel          gremien natürlich auch viele Ex-Manager
vom Medizinstudium hätte wahrmachen                       Springer AG, Mathias Döpfner, der eine        des eigenen Konzerns oder Top-Leute an-
können, Bundeswehr, Ausbildung zum                        hohe Millionengage erreichen dürfte,          derer Unternehmen sitzen.
Industriekaufmann bei BMW. Dann                           mochte nicht über Geld sprechen. Schade,         Manche empfinden zumindest einen
Volkswirtschaftsstudium, das er erst mit                  denn Döpfners Boulevardblätter sind           Teil ihrer Gage auch einfach als Schmer-
einem kleinen Telefonhandels- und Tech-                   mit Die-da-oben-zocken-uns-nur-ab-Ru-         zensgeld: Aufsichtsräte, Aktionäre, Ana-
nikbetrieb finanziert und dafür bald sau-                 fen sonst nicht allzu zögerlich.              lysten, Verbände, Medien, Politik, Ge-
sen lässt, weil die Firma schnell wächst.                    An keinem anderen Punkt dieser Reise       werkschaften, Konkurrenten und deren
   Als Telekom-Chef führt der 49-Jährige                  in die Welt des deutschen Wohlstands gin-     PR-Berater – sie alle sind heute potentiel-
heute knapp eine Viertelmillion Beschäf-                  gen so viele Türen zu wie bei den Top-        le Gegner von Managern.
tigte. Der Geschäftsbericht listet seine Be-              Managern der Republik. Aber man muss             Bei der Telekom ist das besonders hef-
züge akribisch auf: 3,26 Millionen Euro                   sie vielleicht verstehen: Wer zu marktkri-    tig, weil der Bund dort Großaktionär ist
waren es 2011. Unteres Mittelfeld im                      tisch auftritt, wird von den anderen Alpha-   und der Konzern folglich immer für ir-
Olymp der Vorstandsvorsitzenden jener                     tieren schnell als Schleimer und Populist     gendetwas als Symbol herhalten muss:
30 Konzerne, die den Deutschen Aktien-                    belächelt. Wer alle Exzesse verteidigt, ist   von Modernität bis sozialer Kälte.
index Dax bilden.                                         beim Volk unten durch, was noch schlim-          Es ist Samstagabend, René Obermann
   Ganz oben rangierten schon 2010 VW-                    mer ist. Denn sie alle spüren heute ge-       steht in Freizeitklamotten in einem voll-
Chef Martin Winterkorn (9,3 Millionen),                   waltigen öffentlichen Druck.                  besetzten Mainzer Lokal und wird weder
                                                             Dass Angestellte wie sie Millionen ver-    beschimpft noch um ein Autogramm ge-
* Am 10. Januar 2011 bei einer Präsentation in der Bon-   dienen, ist ja noch keine jahrhundertealte    beten. Er fällt auf angenehme Weise nicht
ner Telekom-Zentrale.                                     Tradition, sondern Nebeneffekt von Fi-        auf. Ein Tourist, dessen Tischreservierung
76                                                              D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Dass der Aktienkurs nicht besser steht,
                                                                                               ärgert uns natürlich auch, wenngleich sich
                                                                                               ein Blick auf die gute Dividende und den
                                                                                               starken Cash-flow lohnt, den wir erwirt-
                                                                                               schaften.
                                                                                               SPIEGEL: Sie haben 50 000 Mitarbeiter in
                                                                                               eine Beschäftigungsgesellschaft ausgela-
                                                                                               gert. Das bedeutete für viele mehr Arbeit
                                                                                               zu schlechteren Konditionen.
                                                                                               Obermann: Immerhin gehören diese 50 000
                                                                                               weiterhin zur Telekom, und das zu bes-
                                                                                               seren Bedingungen als bei den meisten
                                                                                               Wettbewerbern. Ich will unsere teils har-
                                                                                               ten Maßnahmen nicht schönreden, aber
                                                                                               das Unternehmen hat seither in einem
                                                                                               schrumpfenden Markt an Wettbewerbs-
                                                                                               fähigkeit deutlich zugelegt.
                                                                                               SPIEGEL: In der Öffentlichkeit kommt in
                                                                                               ähnlichen Fällen an: Manager, die Löhne
                                                                                               kappen oder Leute rausschmeißen, wer-
                                                                                               den mit Boni belohnt …
                                                                                               Obermann: … was so pauschal nicht
                                                                                               stimmt. Unser Aufsichtsrat zum Beispiel
                                                                                               achtet – wie wir im Management auch –
                                                                                               sehr genau darauf, dass wir sozialverant-
                                                                                               wortlich handeln. Und er legt unsere Be-
                                                                                               züge im Übrigen fest.
                                                                                               SPIEGEL: Werden Telekom-Beschäftigte
                                                                                               gut bezahlt?
nicht geklappt hat. Seine Frau Maybrit         schlagen haben als die meisten vergleich-       Obermann: Ich denke schon. Aber noch
Illner hilft gerade beim „heute journal“       baren Telekomfirmen in Europa. Wir ar-          mal: Wir müssen wettbewerbsfähig sein.
auf dem Lerchenberg aus. Er wartet auf         beiten in einer Industrie, in der Preise ra-    Und wissen Sie, was mich immer wieder
sie und hat Zeit für eine neue Runde Ka-       sant purzeln und Umsätze zurückgehen.           nervt? Die, die am lautesten geschrien
pitalismuskritik.                              Darauf müssen wir jeden Tag antworten,          haben über unseren vermeintlichen So-
   Auch Obermann hat sich überlegt, ob         mit Preisanpassungen, neuen Produkten,          zialabbau, haben uns auf der anderen Sei-
er sich den Fragen stellen soll. Es ist ein-   ja, auch mit harten Kostensenkungen.            te vorgeworfen, wir seien zu teuer – und
facher, über den missglückten Milliarden-                                                      deshalb Verträge gekündigt. Da ist viel
verkauf seiner US-Mobilfunksparte zu                                                           Scheinheiligkeit im Spiel.
sprechen als über Vermögensverteilung          Wachsender Abstand                              SPIEGEL: Würden Sie persönlich eine hö-
im Land. Dennoch wird es ein gutes Ge-         Durchschnittliches verfügbares                  here Vermögensteuer akzeptieren?
spräch, das sich am Ende auf typische          Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr                     Obermann: Ja, damit hätte ich kein Pro-
Schlüsselfragen und -antworten reduzie-        in Euro*                                        blem, wenn das Geld zum Beispiel für
ren lässt. Nirgends ist das Auseinander-                                                       eine Art Bildungs-Soli und für bessere
driften von Arm und Reich ja so offen-         Q der oberen 5 Prozent                          Chancen von Kindern und Jugendlichen
sichtlich wie bei den Manager-Gagen: IG        Q der unteren 50 Prozent                        in sozial schwachen Familien genutzt
Metall und Ver.di fordern aktuell 6,5 Pro-                                                     würde. Es gibt in Deutschland immer
zent höhere Löhne und Gehälter. Da grei-                                                       noch viel zu viel Kinderarmut. Allein in
fen die Top-Leute anders zu: Allein im                                                         Berlin leben über ein Drittel der Kinder
Jahr 2010 haben sich Vorstandsbezüge in                                                        in Hartz-IV-Haushalten. Einen Steuer-
Deutschland um 22 Prozent im Vergleich                                                         Freibrief würde ich der Politik aber nicht
zum Jahr davor erhöht.                                                                         ausstellen.
SPIEGEL: Ist das fair, Herr Obermann?                                                          SPIEGEL: Wie erleben Sie generell die Po-
Obermann: Natürlich gibt es da Fehlent-                                                        litik in der Verteilungsdebatte?
wicklungen. Deshalb halte ich die Debat-                                                       Obermann: Die Kritik an Besserverdienern
ten über Angemessenheit, Maß und Mitte                                                         begann Mitte der neunziger Jahre mit Os-
für gut und wichtig, weil sie das Verant-                         Quelle: DIW
                                                                                               kar Lafontaine und dem Vorwurf, die Rei-
wortungsbewusstsein aller Akteure schär-                         *Einkommen nach               chen würden alle keine Steuern zahlen.
fen. Aufgabe guter Unternehmensführung                            Steuern, Sozial-             SPIEGEL: Da war ja auch etwas dran.
                                                                  beiträgen und Sozial-
muss es aber zuallererst sein, so vernünf-                        transfers, in Preisen        Obermann: Aber obwohl viele Steuer-
tig zu wirtschaften, dass es der Firma gut-                       von 2005                     schlupflöcher gestopft wurden, hat die
geht, und neben angemessenen Renditen                                                          Reichen-Debatte seither an Schärfe ge-
auch gute Arbeitsplätze zu sichern. Das                                                        wonnen. Politik ist da sehr … wie soll
hat doch hierzulande in den vergangenen                                                        man sagen …
Jahren weitestgehend funktioniert.                                                             SPIEGEL: … populistisch?
SPIEGEL: Sind Sie persönlich Ihr Geld                                                          Obermann: Populär. Sie schaut aus der
wert? Der Kurs der Telekom ist in Ihrer                                                        Sicht der Normaleinkommen auf die Din-
Ära abgerutscht …                              12338 45048                12690 62197          ge. Auch Politiker sind ja in der Regel
Obermann: … wobei Sie fairerweise aner-                                                        nicht mit allzu großen Reichtümern ge-
kennen müssen, dass wir uns besser ge-                1992                           2010      segnet. Da ist die kritische Sicht verständ-
                                                     D E R   S P I E G E L     1 1 / 2 0 1 2                                            77
Serie




                                                                                                 SVEN SIMON (L.); MAURICE WEISS / DER SPIEGEL (R.)
United-Internet-Yacht vor Kiel, Unternehmensgründer Dommermuth: „Boah, dachte ich, jetzt bist du wirklich reich“

lich und legitim. Und sie wissen eben        Station 6 Die neuen Reichen                                                                             er dahin kam, wo er heute ist. Sein Presse-
auch, was ankommt, selbst wenn ich die                                                                                                               sprecher muss draußen bleiben.
sozialen Ungleichgewichte in Deutsch-        einer neuen Zeit                                                                                           Unternehmer war Dommermuth ei-
land noch für vergleichsweise zivilisiert    Was stellt man in Montabaur mit einer Mil-                                                              gentlich immer – schon in der Handels-
halte. Schauen Sie sich die blutigen De-     liarde an? Wie verschiebt sich die Ein-                                                                 schule, als er es nebenbei mit einem
monstrationen in Griechenland oder           stellung zum Geld – mit Geld? Und welche                                                                Streusalzhandel schaffen wollte. Dum-
England an, die Jugendarbeitslosigkeit in    Hobbys sind dann erlaubt?                                                                               merweise stimmten damals weder Zeit
Spanien oder das Elend in vielen Ge-                                                                                                                 noch Ort. Es war Sommer, und in Lim-
genden und Bevölkerungsschichten der         Ralph Dommermuth macht an diesem                                                                        burg schneite es sogar im Winter fast nie,
USA!                                         Wintertag eine selbst für seine finanziel-                                                              so dass es dann doch noch eine Weile
SPIEGEL: Wie legen Sie Ihr Geld an?          len Verhältnisse unbezahlbare Erfahrung:                                                                dauerte mit dem Reichtum. Genauer ge-
Obermann: Zum guten Teil in Immobilien       Er wird über seinen Reichtum sprechen.                                                                  sagt, bis er 31 war. Damals stiegen Risiko-
und in Telekom-Aktien.                       Hat er noch nie gemacht. Er ist selbst ge-                                                              kapitalfirmen bei ihm ein, Dommermuth
SPIEGEL: Das ist nicht Ihr Ernst.            spannt, wie sich das anfühlt.                                                                           verkaufte einen Anteil und hatte auf ei-
Obermann: Wieso? Das ist für mich bislang       Der 48-Jährige aus Montabaur gibt ge-                                                                nen Schlag 14 Millionen Mark, die er ein-
unterm Strich ein gutes Investment           nerell selten Interviews, und wenn, dann                                                                fach in die Tasche stecken konnte.
gewesen. Ich bin weder Spieler, noch         geht es um sein Unternehmen
pflege ich einen barocken Lebensstil.        United Internet, zu dem
Und überschätzen Sie mein Vermögen           Marken wie web.de,                        60,3 %
bitte nicht!                                 GMX und 1&1 gehö-
                                                                                        trägt das
   Spät am Abend ist es wieder da, das       ren. Aber heute will
                                                                                    reichste Zehntel
Reich?-Ich?-Nee-Argument. Der Ange-          er mal versuchen,                     der Steuerzahler
stellte Obermann fühlt sich nicht reich.     etwas zu erklären,
Aber es gibt doch Menschen, die ihr Ver-     vielleicht auch
mögen nicht mehr kleinreden können.          sich selbst. Wie                        davon: 26,8 %
                                                                                      das reichste
Wer zahlt die                                                                         Hundertstel
Einkommensteuer?                                 2,9 %
Anteile am Gesamtaufkommen                        zahlt                                         12,5 %
von rund 160 Mrd. €, 2005                                                                     das reichste
                                          die ärmere Hälfte                                   Tausendstel
Quelle: DIW, FU Berlin                     der Steuerzahler




78                                                  D E R     S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
„Boah, dachte ich, jetzt bist du wirklich
reich.“ In den sieben Jahren seit der
Gründung seiner Firma hatte er fast jeden
Samstag und Sonntag gearbeitet und sich
nur einmal Urlaub gegönnt – zwischen
Weihnachten und Neujahr. Das sei die
                                                                     Klassenziel: Elite
andere Seite, die gern vergessen werde,
                                               Wie das Internat Louisenlund mit dem Geld vermögender Eltern
wenn über Erfolg gesprochen wird.                        versucht, eine ganz normale Schule zu sein
   Was machte er? Er arbeitete weiter. Es


                                               I
macht ihm immer noch Freude. Er tritt              ngeborg Prinzessin zu Schleswig-       die Elite von morgen werden. Luxus
nicht groß auf, ist in keinem Verein aktiv         Holstein gönnt sich bisweilen ei-      geht dennoch anders. Man wolle keine
und fühlt sich in seinem Heimatort Monta-          nen Hauch von Häme, wenn sie           Schnöselschule sein, so der Internats-
baur wohl. Einmal hat er seinen vier Vor-      mit ihrem BMW Cabrio das Kopfstein-        leiter Werner Esser, der vorher in Sa-
ständen versprochen, wenn die Firma 100        pflaster erreicht. Einmal pro Woche        lem unterrichtete.
Millionen Mark Gewinn abwirft, werde er        fährt sie von Hamburg an die schles-          Die Mischung ist ihm wichtig. Man-
jedem einen Ferrari spendieren. Als es so      wig-holsteinische Schlei. „Nicht sehr      che der Schüler (mit ärmeren Eltern)
weit war, rief Dommermuth den Händler          sportwagenfreundlich“, sagt sie und        haben Leistungsstipendien, andere
in Mühlheim-Kärlich an, sagte: „Heute ist      lächelt die Strapazen weg auf der letz-    kommen aus dem Umland, weil Loui-
Ihr Glückstag“, und bestellte fünf Ferraris    ten Etappe zum Internat Louisenlund,       senlund für sie auch einfach eine nahe
statt des einen, den er für sich wollte.       dessen Trägerstiftung sie anführt. Auf     liegende Schule ist. Ein Vorfahr der
   In einer Ecke seines Büros hat er das       der Rumpelstrecke hätten es zumin-         Prinzessin habe das Schloss einst aus
Foto jenes Moments hängen, als das Quin-       dest jene ihrer Schützlinge oder deren     schierem Mangel zur Bildungsstätte
tett die Autos abholte. Er erzählt das ganz    Eltern schwer, die mit dem tieferge-       umfunktioniert: „Die ersten Schüler
ruhig und ohne prahlend-raumgreifende          legten Porsche kommen.                     waren drei Brüder mit zwei Paar Schu-
Theatralik. Seine hohe Stirn, das weiche          Einerseits will sie eben nicht, dass    hen“, so ihre Gründungslegende.
Gesicht, die langsamen Bewegungen – es         die schon auf dem Parkplatz zeigen,           Die Zweibettzimmer, in denen die
gibt wahrscheinlich Leute, die Dommer-         was sie haben (und sie haben oft eine      Zöglinge zumeist leben, sind sparta-
muth unterschätzen, und man könnte die         Menge). Andererseits ist sie auf das       nisch geblieben, die Wäsche muss
Geschichte mit den Ferraris natürlich          Wohlwollen der reichen Eltern durch-       selbst gewaschen werden. „Eine Mut-
auch sehr hämisch erzählen: wie da einer       aus angewiesen. Zwar schicken viele        ter sagte mal zu mir, dass ihr Kind ein
durchdreht angesichts des Geldes.              Vermögende ihre Kinder auch auf ganz       solch bescheidenes Zimmer nicht ge-
   Aber wäre das die Wahrheit? Dommer-         normale staatliche Gymnasien. Zwar         wohnt sei und darin nicht leben kön-
muth findet, dass die Sache komplexer          gibt es andere teure Privatschulen wie     ne. Ich habe mit dem Schüler gespro-
ist. „Das war eine tolle Zeit. Wir haben       das fast paramilitärisch anmutende Sa-     chen, der das alles völlig in Ordnung
gemeinsam an unsere Chance geglaubt            lem am Bodensee oder das abgeschie-        fand“, so Prinzessin Ingeborg. „Das
und alles gegeben. Als es dann so weit         dene Lyceum Alpinum im Schweizer           Problem haben oft eher die Eltern als
war, war ich froh und stolz.“                  Zuoz, wo das Schuljahr mit rund 70000      die Kinder.“
   Er hält sich weder für verschwende-         Schweizer Franken zu Buche schlägt –          Auf großzügige Helfer ist die Schule
risch noch für geizig. „Natürlich verschie-    ohne Extras wie etwa den Einzelzim-        dennoch angewiesen: „Das Internat
ben sich die Verhältnisse im Laufe der         merzuschlag. Aber Louisenlund hat          macht unter wirtschaftlichen Gesichts-
Jahre.“ Das Preis-Leistungs-Verhältnis         zumindest in Deutschland einen be-         punkten keinen Sinn“, sagt die Prin-
muss stimmen. Bei allem. Er kauft seine        sonderen Ruf.                              zessin.
Cola nicht an teuren Autobahnraststätten.         320 Schüler werden hier zurzeit von        Einfach ist trotzdem manchmal be-
Abends achtet er darauf, dass die Lichter      58 Lehrern betreut. In den Klassen sit-    sonders teuer: 30 000 Euro zahlen für
in den Büros ausgeschaltet werden, und         zen im Schnitt 14 Schüler. In der Frei-    Louisenlund jene, die sich das leisten
noch immer konnte er sich nicht aufraf-        zeit wird gesegelt, Tennis und Hockey      können. Pro Schuljahr.
fen, die graue Auslegeware in seinem           gespielt. Der Bildungsauftrag ist klar:                          MARTIN U. MÜLLER
Büro zu wechseln. Ist doch noch gut.
   Andererseits steuert er persönlich
schon mal 28 Millionen Euro bei, um
beim America’s Cup das erste deutsche
Boot zu starten – natürlich unter United-
Internet-Flagge. Es war PR, aber Segeln
ist zugleich Dommermuths einziges
Hobby. Schon als junger Mann hatte er
eine kleine Jolle. Mittlerweile besitzt er
eine Segelyacht und lässt sich nach zwölf
Jahren gerade in den Niederlanden ein
neues „Boot“ bauen, wie er das nennt.
   Nächstes Jahr soll es fertig werden, 142
Fuß lang, etwa 43 Meter, und von einer
sechsköpfigen Crew dann rund um die
Uhr betreut. Es gibt weitaus gewaltigere,
wobei selbst die größte deutsche im inter-
                                                                                                                                   RETO KLAR




nationalen Vergleich ärmlich wirkt: Der
Schraubenmilliardär Reinhold Würth hat
sich vor drei Jahren die 85-Meter-Yacht        Internatsleiter Esser: Mischung ist ihm wichtig
„Vibrant Curiosity“ gegönnt. Preis: rund
hundert Millionen Dollar. Wenn Reiche
                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                        79
Serie

einer in ihren Kreisen zurzeit                                                                          Auf Unterstützung setzt er
besonders beliebten Leiden-                                                                          nicht. „Der Staat sollte nicht
schaft frönen wie Segeln,                                                                            genötigt werden, in die Wirt-
Pferdezucht oder Kunstsam-                                                                           schaft einzugreifen, indem er
meln, ist Expertise wichtiger                                                                        beispielsweise für schlecht
als das Geld an sich: Günther                                                                        wirtschaftende Banken einste-
Jauch kann lange Vorträge                                                                            hen muss“, sagt er. „Und, sor-
über Hanglagen halten, seit                                                                          ry, ich finde, dass ich wirklich
er das alte Familienweingut                                                                          nachhaltig wirtschafte und ge-
an der Saar gekauft hat. Julia                                                                       nug Steuern zahle.“ Er macht
Stoschek, Gesellschafterin                                                                           jetzt doch mal eine Rechnung
des milliardenschweren Co-                                                                           auf, was unterm Strich über-
burger Autozulieferers Brose,                                                                        haupt bei ihm ankommt.
hat sich als Sammlerin von                                                                              United Internet hat im ver-
Videokunst international ei-                                                                         gangenen Jahr vor Steuern
nen Namen gemacht und um                                                                             rund 250 Millionen Euro ver-
ihre Passion herum in Düssel-                                                                        dient. Davon gehen etwa 80
dorf gleich ein Museum eröff-                                                                        Millionen an den Fiskus. Von
net. Andreas Jacobs aus der                                                                          dem verbleibenden Netto-
gleichnamigen Kaffee-Dynas-                                                                          gewinn stehen Dommermuth
tie ist ein Pferdenarr und                                                                           gemäß seinem Aktienpaket 79
stieg 2010 bei der pleitegegan-                                                                      Millionen zu. Von diesen wer-
genen Galopprennbahn Iffez-                                                                          den maximal 25 Prozent aus-
heim ein.                                                                                            geschüttet, mindestens drei
   Ralph Dommermuth fährt                                                                            Viertel bleiben im Konzern.
nur winters gern mal in die                                                                             Das sind für Dommermuth
Berge. Und weil er sich in St.                                                                       18 Millionen, die er wiederum
Moritz als Ausländer kein                                                                            versteuern muss, so dass am
Haus kaufen darf, hat er sich                                                                        Ende beim Gründer und
im dortigen Kempinski eine                                                                           Hauptaktionär „nur“ rund 13
Wohnung gepachtet. „Ist das                                                                          Millionen Euro ankommen.
übertrieben? Für einen Nor-                                                                          Ralph Dommermuths Bruder
malverdiener sicher, aber im                                                                         managt das. Ihm vertraut er
Verhältnis zu meinen Mög-                                                                            blind. Ein Großteil des Geldes
lichkeiten überschaubar.“                                                                            fließt in Immobilien. Und was
   Ein bisschen verrückt sei                                                                         wird daraus später mal? Seit
allenfalls das Haus gewesen,                                                                         sein Sohn mit dem Studium
das er sich zu seinem 40. Ge-                                                                        fertig ist, gibt es vom Vater
burtstag am Rande seiner                                                                             kein Geld mehr. Das war
Heimatstadt gebaut hat. Ein-                                                                         schon immer klar, auch wenn
fach, weil man in so einer                                                                           der Filius bereits in einer an-
ländlichen Gegend das Geld                                                                           deren Welt groß wurde. Er traf
beim Verkauf ja nie wieder-                                                                          Gleichaltrige, die mit 16 von
kriegen würde. Er hat dort                                                                           Papa den ersten Porsche ge-
                                                                                                    HORST OSSINGER




fünf Hausangestellte, mit we-                                                                        schenkt bekamen und darüber
niger lässt sich das Objekt                                                                          die Bodenhaftung verloren.
nicht unterhalten. Es ist so                                                                            „Sag mir bitte Bescheid,
gebaut, dass der Personalbe- Kunstsammlerin Stoschek: Expertise ist wichtiger als Geld an sich       wenn ich mal so ein Idiot wer-
reich vollständig abgetrennt                                                                         de“, sagte Dommermuth ju-
ist. Ralph Dommermuth will seine Ruhe, für das Areal zahlen, 75 Hektar Guts- nior, dessen Vater ihm zum 18. Geburtstag
wenn er in Shorts durch die Glasfronten gelände mit zwei Kilometern Privatstrand 5000 Euro für einen gebrauchten Ford Fo-
des Wohnzimmers auf den künstlich an- und 30 sehr historischen Bruchbuden. cus beisteuerte. In den Sommerferien hat
gelegten See hinausschaut.               Das Zehnfache steckt er nun rein.             er auf dem Bau gejobbt. Gefragt, was er
   Sein Haus, sein Auto, sein Boot.         Bernd Kolb verkaufte seine Firma ID- dort so mache, antwortete er: „Alles, wor-
Manchmal fragt er sich dann doch, ob es Media, probiert es heute mit Hotels in auf die polnischen Arbeiter keine Lust
noch ein anderes Leben gibt. Dank der Marrakesch und hält Vorträge zu globalen haben.“ Jetzt lebt er in Berlin und baut
Internethysterie um die Jahrtausendwen- Herausforderungen.                             sich mit Freunden eine eigene Internet-
de haben andere ja auch Kasse gemacht.      Online-Ära und Aktien-Boom haben firma auf.
Jan Henric Buettner etwa hat einst AOL auch in Deutschland viele reich gemacht.           Er ist jetzt 25 und erlebt das typische
Europe mitaufgebaut und – nachdem Manche stiegen zumindest rechtzeitig aus. Paradoxon des Erben: Es wird mühsam
Bertelsmann mit dem Verkauf Milliarden      Ralph Dommermuth blieb, als die Blase werden für ihn. Auch weil alle es für so
erzielt hatte – den Medienkonzern ver- im Jahr 2000 platzte. Er sparte, strich zu- einfach halten.
klagt. Gemeinsam mit einem Partner er- sammen, baute um und wieder auf. Heute                         MARKUS DETTMER, KATRIN ELGER,
                                                                                                    MARTIN U. MÜLLER, THOMAS TUMA
stritt Buettner 160 Millionen Euro.      hat United Internet 5400 Beschäftigte und
   Jetzt rumpelt er mit einem Aston Mar- ist an der Börse rund drei Milliarden Euro
tin („mein Dienstwagen“) regelmäßig von wert. „Wenn morgen meine Welt zusam-
Hamburg zur Hohwachter Bucht, wo er menbräche, würde ich mich nach drei Lesen Sie im nächsten Heft:
ein komplettes Dorf zum Luxushotel um- Tagen wieder berappeln und mit etwas Wo das alte Geld zu Hause ist – und die
baut. Sieben Millionen Euro musste er Neuem anfangen.“                                 Angst wächst, es wieder zu verlieren
80                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Trends                                                                                                                   Medien
                            ARD


    Gottschalk wünscht
      sich eine Frau
Entertainer Thomas Gottschalk ist auf
der Suche nach einer Sparringspartne-
rin. Vorige Woche castete die Redaktion
seiner quotenschwachen ARD-Show
„Gottschalk live“ mehrere Nachwuchs-
kräfte, die dem 61-Jährigen künftig zur
Seite stehen könnten. Gottschalk selbst
wünsche sich „eine möglichst unbekann-
te, freche, kluge Frau“, heißt es aus
seinem Umfeld. Sie solle ihm Themen
                                                    RTL




                     zuspielen, er selbst
                     wäre dann „nicht                       RTL-Nachrichtensendung
                     mehr Motor“, son-
                     dern könnte „spon-                                                                RTL GROUP
                     tan reagieren“ – ähn-
                     lich wie bei „Wet-
                     ten, dass ...?“, wo
                     ihm in seinen letzten
                     beiden Jahren die
                                                                          Zurück zu Bertelsmann
                      METODI POPOW / T & T




                     Schweizerin Michelle                   Der neue Bertelsmann-Boss Thomas Rabe holt zwei altgediente Manager in
                     Hunziker assistierte.                  den Konzern zurück. Der frühere Sony-Music-Boss Rolf Schmidt-Holtz, 63, und
                     Freitag und Samstag                    Ex-Gruner-&-Jahr-Chef Bernd Kundrun, 54, sollen auf der Hauptversammlung
                     dieser Woche sollen                    am 18. April in den Aufsichtsrat der RTL Group gewählt werden. Kundrun hatte
Gottschalk           in internen Testsen-                   den Konzern Weihnachten 2008 im Streit um Investitionen verlassen. Schmidt-
                     dungen verschiede-                     Holtz war Manager der Bertelsmann-Beteiligung Sony-BMG, schied aber nach
ne neue Konzepte ausprobiert werden.                        deren Verkauf an Sony aus dem Konzern aus und folgte den Japanern. Beide
Strittig ist, ob Gottschalk künftig einen                   haben in ihrer Bertelsmann-Zeit Fernseherfahrung gesammelt. Schmidt-Holtz
oder mehrere Prominente zu Gast ha-                         war früher Chef des Bertelsmann-Ablegers CLT-Ufa, der Vorgängerin der RTL
ben soll und wie tagesaktuell die Sen-                      Group. Kundrun hatte für den Konzern das Pay-TV-Geschäft aufgebaut.
dung sein wird.



    N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N         schäftigt ist, vergünstigte Tickets für            fern dürfte ihr die Entscheidung leicht-
                                                          Journalisten auszustellen. Und die an-             gefallen sein, demnächst keine Journa-
                                                          dere Hälfte damit, Reklamationen zu                listen-BahnCard zum reduzierten Preis
 Pres|se|ra|batt                                          beantworten und geduldig zu erklären,
                                                          dass es zwar die tolle kostenlose
                                                                                                             mehr anzubieten. Sicherheitshalber
                                                                                                             nutzte sie dafür den Windschatten der
der: total unproblematische Sonder-                       Pressekarte mit besonderen Vorzügen                Debatte um Christian Wulff, in der man-
behandlung von Journalisten, die sich                     nicht mehr gebe, aber das Angebot,                 che Journalisten beim Sich-Echauffieren
von Sonderbehandlungen nicht                              die „Silver Card“ mit ähnlichen Vortei-            über Vergünstigungen, die der Ex-Bun-
beeinflussen lassen.                                      len zu kaufen, auch noch ein besonde-              despräsident in Anspruch genommen
                                                          res Entgegenkommen darstelle. „Sehr                hatte, so dicke Backen machten, dass
Es ist leicht, das Journalistenleben zu                   kundenunfreundlich“ nennt das ein ge-              man mit dem ganzen Wind von Berlin
romantisieren. Dabei ist es oft ein                       wisser Andreas im Forum.                           nach Hannover hätte fliegen könnte.
Fluch. Allein diese ganzen Privilegien!                   Schon als Air Berlin vor zwei Jahren be-           Der Deutsche Journalisten-Verband
Internetseiten wie www.pressekondi                        schloss, den Rabatt von 50 Prozent auf             wies die Forderung von „Transparency
tionen.de bieten einen eindrucksvol-                      25 zu halbieren, erkaltete die Bezie-              International“ nach einem generellen
len Einblick, welchen Zumutungen                          hung vieler Profi-Rabattneh-                                   Verzicht auf Presserabatte
man sich aussetzen muss, nur weil                         mer zu der Fluggesellschaft.                                   zurück. Sein Sprecher sagte,
man mit seiner Familie für 25 Prozent                     Man mag sich nicht ausma-                                      das sei „Sache eines jeden
weniger in den Urlaub fliegen will. Es                    len, wie viele freundliche Er-                                 Journalisten, ob er Presse-
sind erschütternde Zeugnisse von ver-                     wähnungen von Air Berlin                                       rabatte annimmt oder nicht.
schwendeten Leben in Warteschleifen,                      in Artikelnebensätzen seit-                                    Da bedürfen wir keiner Be-
emotionale Schicksalsberichte über                        dem weggefallen sind. Die                                      lehrung durch andere Orga-
nicht erfüllte Sonderwünsche bei der                      Sorge muss sich die Deut-                                      nisationen“. Auch was
Platzwahl im Flugzeug inklusive.                          sche Bahn unter Rüdiger                                        Transparenz und Selbstkri-
Man kann hier leicht den Eindruck                         Grube (Bild) zum Glück                                         tik angeht, scheinen zumin-
bekommen, dass die Hälfte der Presse-                     mangels freundlicher Erwäh-                                    dest manche Journalisten
stelle von Air Berlin nur damit be-                       nungen nicht machen. Inso-                                     auf Rabatt zu pochen.
                                                               D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                              81
Medien




                                                             D E B AT T E




                                             Raubkopie
               Das ganze Elend der Urheberrechts-Diskussion steckt in diesem einen Wort.
                                       Von Stefan Niggemeier



E
       s ist kein neues Wort: Urheber und Produzenten benut- „Ich kämpfe für die Urheber. Für mich steht bei dieser ganzen
       zen es seit Jahrzehnten, um den ungenehmigten Vertrieb Novellierung der Schutz des geistigen Eigentums als Existenz-
       ihrer Produkte zu bezeichnen. Schon Goethe klagte 1775 grundlage aller Wertschöpfer an oberster Stelle, und ich lasse
über den „Raub“ durch einen „unverschämten Nachdrucker“ das nicht ausspielen gegen irgendein diffuses Nutzerrecht.“ Es
seiner Werke. Der Ursprung des Begriffs „Raubkopie“ liegt ist bezeichnend, dass diejenigen, deren Interessen hier also
im Dunkeln, aber die Rechteindustrie hatte ein großes Interesse ganz an den Rand gewischt werden, die sind, die man eigentlich
daran, seinen Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch im Zentrum vermuten sollte: das Publikum, die Kunden.
zu fördern. Er ersetzt einen abstrakten Vorgang, die Verletzung        Es gab, lange bevor der Satz „content is king“ Mode wurde,
von Urheberrechten, durch eine anschauliche Metapher.                einen anderen sprichwörtlichen Herrscher. „Der Kunde ist Kö-
   Metaphern sind mächtig. Sie machen einen Sachverhalt nicht nig“, hieß es damals. Große Teile der Branche haben viele Jahre
nur anschaulich; sie bestimmen fundamental, wie wir ihn wahr- blendend damit gelebt, diese Weisheit zu ignorieren. Sie haben
nehmen. Bilder werden zu Rahmen,                                                              ihre Angebote künstlich verknappt
innerhalb deren wir denken. Das Bild                                                          oder das, was der Kunde wollte, nur
von der Raubkopie ist falsch. Ein                                                             im Paket mit dem angeboten, was der
Raub ist im Grundsatz das gewaltsa-                                                           Kunde nicht wollte. Nicht der Kunde
me Wegnehmen fremder Sachen. Es                                                               war König, sondern der eigene Profit.
lässt sich schon darüber streiten, ob                                                         Dann kam das Internet.
beim ungenehmigten Kopieren je-                                                                  Das eigentlich Zerstörerische die-
mandem tatsächlich eine Sache weg-                                                            ses Mediums für die alten Geschäfts-
genommen wird. Ganz sicher aber                                                               modelle war nicht die darin angeblich
lässt sich feststellen, dass ihm dabei                                                        herrschende „Gratiskultur“. Sondern
keine Gewalt angetan wird.                                                                    die Macht, die es dem einzelnen Nut-
   Wenn wir von Raubkopieren spre-                                                            zer und möglichen Kunden gab.
chen, machen wir aus Menschen, die                                                            Wenn der Vertrieb eines Musikstücks
                                                                                           WALTRAUD GRUBITZSCH / DPA




einen Inhalt ungenehmigt nutzen, Ge-                                                          plötzlich fast nichts mehr kostet, gibt
walttäter. Es wäre eine Illusion, zu                                                          es keinen guten Grund, es nur im Pa-
glauben, dass der Begriff diese Wir-                                                          ket anzubieten, gebündelt mit neun
kung nicht hat, nur weil wir das nicht                                                        anderen Titeln, auf Metall gebrannt,
jedes Mal bewusst mitdenken. Schon                                                            in Plastik gesteckt und durch die Welt
der Begriff macht die Handlung zu ei-                                                         geschickt.
nem indiskutablen Akt und legitimiert           Messestand auf der „Games Convention“            Es ist nicht so, dass die Menschen
drastische Schritte. Selbst das reichte                                                       im Internet alles kostenlos wollen.
der deutschen Filmindustrie nicht. Sie        Nicht der Kunde war König,                      Aber sie wollen alles, und zwar so-
begann im Jahr 2003, flankiert von                                                            fort. Sie wollen nicht mehr warten,
der Bundes-Filmförderungsanstalt,               sondern der eigene Profit.                    bis ihre amerikanische Lieblingsserie
eine Kampagne „Raubkopierer sind                  Dann kam das Internet.                      mit Monaten Verspätung in Deutsch-
Verbrecher“. „Raubkopierer“ wurden                                                            land als DVD oder zum Download
wie auf einem Steckbrief dargestellt.                                                         angeboten wird. Und wenn sie nicht
   Das Ziel, bei den Angesprochenen ein Unrechtsbewusstsein legal zu bekommen sind, nehmen viele sie auch illegal. Man
zu schaffen, dürfte mit solchen Dämonisierungsaktionen höchs- kann das beklagen. Man kann auf das vermeintliche Recht des
tens insofern erreicht worden sein, dass vielen Menschen be- Produzenten pochen, selbst zu entscheiden, wann, wie und in
wusst wurde: Jemand, der so offensichtlich unlauter argumen- welchen Formen er seine Inhalte anbietet. Man muss dann al-
tierte, konnte nicht im Recht sein. Das ist ein Grund dafür, lerdings immer höhere Schutzzäune basteln, die Befestigungen
warum der Graben heute so tief ist zwischen den Rechtever- ausbauen, Verstöße verfolgen – zu erheblichen Kosten für die
wertern einerseits und einem großen Teil des Publikums ande- Allgemeinheit.
rerseits. Die Rechteindustrie – die Verlage, die Filmverleiher,


                                                                       D
die Plattenfirmen –, sie tut so, als hätte sie ein gottgegebenes            ie Alternative wäre: dieses Bedürfnis des Publikums zu
Recht, den Umgang mit ihren Werken vollständig zu kontrol-                  befriedigen. Aus der Nachfrage der Kunden einen Markt
lieren. Sie tut so, als wären Schwarzkopien verantwortlich für              zu machen. Ihnen das zu geben, was sie wollen, zu ei-
ihren Niedergang. Sie tut so, als wären ihre geschäftlichen In- nem Preis, den sie als fair empfinden.
teressen identisch mit denen der Allgemeinheit. Und sie fordert,       Die Geschichte der Inhalteindustrie ist voll von Beispielen
dass bei deren Durchsetzung keine Rücksicht auf andere ge- dafür, wie die Branche bewusst darauf verzichtet hat, den Kun-
nommen wird.                                                         den legale neue Angebote zu machen, etwa für den Online-
   Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat das vor einigen Download von Musik, um die etablierten Geschäftsmodelle
Wochen auf dem Deutschen Produzententag deutlich gesagt: mit hohen Margen und größerer Kontrolle zu stützen, wie den
82                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Verkauf von CDs. Es haben dann, als es eigentlich schon zu           Nun sollen die Verlage also ein eigenes Leistungsschutzrecht
spät war, andere den Markt geschaffen: zum Beispiel Apple         bekommen, um dagegen vorgehen zu können. Sie stellen das
mit seinem Online-Musikkaufhaus iTunes.                           als eine Art Notwehr dar – dabei bedeutet es eine erhebliche
  Seit Mitte November bietet der Store auch in Deutschland        Ausweitung des Eigentumanspruchs. Immerhin hat die Regie-
die Möglichkeit, die meisten Songs kostenlos 90 Sekunden lang     rung den Verlegerwunsch nicht erfüllt, dass sogar das bloße
anzuhören – vorher war es nur eine halbe Minute. Man darf         Ausdrucken einer kostenfrei anwählbaren Online-Nachrichten-
davon ausgehen, dass Apple herausgefunden hat, dass sich das      seite in Unternehmen kostenpflichtig zu sein habe.
positiv auf die Verkaufszahlen auswirkt. Wer hätte das gedacht:      Aber die Logik der Verlage und ihres Leistungsschutzrechts
Ein größeres kostenloses Angebot scheint zu höheren Verkaufs-     lautet: Jeder, der professionell Inhalte anderer verwendet und
zahlen zu führen.                                                 verwertet, soll dafür zahlen. Das ist ebenso wenig durchsetzbar
                                                                  wie wünschenswert. Medien wären die Ersten, die das wissen


A
         pple beweist, dass es sich auch lohnen kann, einen Kon- müssten. Sie bestehen zu einem erheblichen Teil daraus, die
        trollverlust hinzunehmen. Seit 2009 enthalten die Stü- Ideen, Gedanken, Produkte, Inhalte anderer kostenlos zu ver-
        cke, die über iTunes verkauft werden, keinen Kopier- wenden. In besonders krasser Form ist das bei der Art zu sehen,
schutz mehr. Theoretisch kann jeder die einmal gekauften wie Online-Medien aus dem Nacherzählen von Talk- oder
Musikdateien an all seine Freunde und die halbe Welt weiter- Dschungelshows Kapital schlagen. Im künstlerischen Bereich
verteilen. Vermutlich geschieht das sogar gelegentlich. Es ist es noch eindeutiger: Ideen und Inhalte wachsen auf dem
spricht aber viel dafür, dass der Schaden, der dadurch entsteht, Boden der Inhalte anderer.
mehr als ausgewogen wird durch Mehrkäufe dank höherer                Ein Grund, warum die Debatten um das Urheberrecht so
Kundenzufriedenheit: Die Käufer können die legal erstandene furchtbar und fruchtlos sind, liegt darin, dass es missbraucht
Musik ohne frühere Zumutungen frei auf verschiedenen Gerä- wird. Das geplante Leistungsschutzrecht zeigt es. Mit größter
ten verwenden.                                                    Verbissenheit haben die Verlage dafür gekämpft, als wären
   Doch die digitale Welt steht nicht nur für Kontrollverlust. Angebote wie Google News für die Probleme der Verlage ver-
Sie ermöglicht auch die Verwirklichung der kühnsten Kontroll- antwortlich. Sie sind es nicht, und ein Leistungsschutzrecht
träume der Produzenten und Veranstalter. Das zeigt sich in wird die Probleme nicht lösen.
der Akribie, mit der sie etwa auf You-                                                          Gegner wie Google oder die
Tube auch kürzeste Ausschnitte ihrer                                                         Schwarzkopierer sind willkommene
Programme löschen lassen. Beson-                                                             Sündenböcke für andere Fehler und
ders eindrucksvoll ist die Technik, die                                                      Probleme. Und die Rechteverwerter
beim digitalen Satellitenpaket HD+                                                           sind keine glaubwürdigen Vertreter
eingesetzt wird. Die Privatsender                                                            der Interessen der Urheber. Im Fall
können dort nicht nur das Aufneh-                                                            der Musikindustrie ist deutlich gewor-
men von Sendungen grundsätzlich                                                              den, dass die großen Plattenlabel oft
unterbinden – was wie ein später Sieg                                                        nicht im Interesse der Künstler agie-
wirkt, schließlich hatte die Branche                                                         ren. Und auch die Zeitungs- und Zeit-
Mitte der Siebziger in den USA auch                                                          schriftenverlage, die sich angeblich
gegen die Aufnahmefunktion am da-                                                            so darum sorgen, dass die Arbeit von
mals neuen Videorecorder geklagt.                                                            Journalisten auch in Zukunft noch or-
Es lässt sich auch das Vorspulen von                                                         dentlich bezahlt wird, sind in großer
                                                                                          STEFAN BONESS / IPON




Programmen unterbinden, damit die                                                            Zahl dadurch aufgefallen, dass sie
Werbung nicht übersprungen werden                                                            diesen Urhebern Verträge zu ihrem
kann.                                                                                        Nachteil diktieren wollen, die von
   Es spricht wenig dafür, dass sich                                                         Gerichten als gesetzeswidrig kassiert
auf diese Weise dauerhaft auf Kosten                                                         wurden.
der Kundenzufriedenheit ein Ge-                        Spaß-Demonstrant 2011                    Auch daran scheitert regelmäßig
schäft machen lässt. Aber die HD+-                                                           die Debatte: dass man denjenigen,
Technik spiegelt ganz gut wider, was              Menschen im Internet                       die am lautesten nach einem Ausbau
die Branche ohnehin als ihr Recht an-                                                        oder „Schutz“ des Urheberrechts ru-
sieht: die vollständige Kontrolle über        wollen nicht alles kostenlos.                  fen, am wenigsten abnehmen kann,
die Verwendung ihrer Inhalte.                     Sie wollen alles sofort.                   dass sie das Gemeinwohl im Sinn ha-
   Das zeigt sich im fast mantraarti-                                                        ben, dem dieses Recht letztlich die-
gen Gebrauch der Formulierung vom                                                            nen soll.
„geistigen Eigentum“, das es zu schützen gelte. Gemeint sind         Verlage oder Sender werden auch in Zukunft nicht überflüssig.
damit Urheber- und Verwertungsrechte. Auch beim Begriff Aber ihre Rolle ist in der digitalen Welt erheblich reduziert. Der
„geistiges Eigentum“ handelt es sich um eine interessengesteu- Vertrieb der Inhalte ist deutlich weniger aufwendig geworden;
erte Metapher. Der Begriff suggeriert, dass sich Ideen und In- sie haben ihr Monopol als Vermittler zwischen Inhalt und Publi-
halte in gleichem Maße beherrschen lassen wie körperliche kum verloren. Es ist nur logisch, dass mit dem Bedeutungs- auch
Dinge, dabei handelt es sich um sehr unterschiedliche Formen ein Umsatzverlust einhergeht, und das versuchen sie mit allen
von Rechten.                                                      Mitteln zu verhindern. Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer
   Der Inbegriff des Eigentums ist seine Exklusivität: Mein „Public Affairs“ bei Axel Springer, hat gesagt, dass die Branche
Auto gehört mir und nicht anderen. Ideen und Inhalte aber für „alternative Vergütungssysteme“ offen wäre, die nicht auf
vervielfältigen sich beim Teilen.                                 eine rigide Verbreitungskontrolle der Inhalte hinausläuft, wenn
   Ist der Gedanke vom Inhalt als Eigentum erst einmal eta- sich dadurch die Gewinne der Unternehmen steigern ließen;
bliert, lässt sich leicht jeder nicht erwünschte Gebrauch als wenn also mehr „Geld in die Kasse“ der Verlage käme.
„Diebstahl“ kriminalisieren. Entsprechend hat Gabor Steingart,       Die Sorge dieser Leute ist nicht, dass in Zukunft kein Anreiz
Chefredakteur des „Handelsblattes“, die – noch legale – Praxis mehr besteht, Artikel zu schreiben, Filme zu machen, Bücher
von Google diskreditiert, Inhalte von Verlagsangeboten zu verfassen. Ihre Sorge ist es, mit diesen Produkten nicht
auffindbar zu machen und mit kurzen Ausschnitten zu aggre- mehr so viel Geld zu verdienen wie bisher. Sie kämpfen nicht
gieren.                                                           für das Urheberrecht, sondern für ein Profitschutzrecht.
                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                         83
Medien

                                              Postbote den Ausweis des Kunden kon-             Auch Spiele wie die Playstation-Baller-
                HANDEL                        trolliert. Soweit die Theorie. Doch in der    orgie „Killzone III“ lassen sich problemlos
                                              Praxis scheren sich zahlreiche Online-        ohne Altersprüfung ordern. Sogar Nazi-

 Verbotene Hiebe                              Händler offenbar gar nicht um die hier-
                                              zulande besonders strengen Jugend-
                                              schutzgesetze.
                                                                                            CDs werden immer wieder offeriert. Das
                                                                                            verbotene Horst-Wessel-Lied, Hymne der
                                                                                            NSDAP, konnten Kunden noch im vergan-
 Händler bei Amazon verstoßen                    Denn Amazon.de versendet nicht nur         genen Jahr herunterladen. Amazon muss-
   gegen Jugendschutzgesetze:                 selbst Produkte, sondern bietet auch an-      te das Lied entfernen, das Landeskrimi-
 Horrorfilme können problemlos                deren Händlern die Möglichkeit, ihre          nalamt Niedersachsen ermittelte. Das Un-
                                              Ware auf der Plattform anzubieten. Das        ternehmen kam ungeschoren davon, weil
 bestellt werden. Selbst indizierte           Angebot heißt Marketplace; auf Wunsch         die Ermittler keinen Vorsatz sahen.
    DVDs werden verschickt.                   wickelt der Online-Gigant den Versand            Der Online-Riese reagiert auf die neuer-
                                              für seine Unterhändler ab. Eine Reihe         lichen Vorwürfe nüchtern: Werde man


F
     ilme wie „Man Eater“ verwirren           von Testbestellungen bestätigt: Ein gro-      darüber informiert, dass verbotene oder
     nicht mit allzu vielen Dialogen: Ein     ßer Teil der bei Marketplace-Händlern         indizierte Titel auf Amazon feilgeboten
     Menschenfresser verspeist in dieser      bestellten Pakete mit „FSK 18“-Filmen         werden, „entfernen wir die Titel umge-
„Kannibalismus-Orgie billigster Machart“      wird nicht – wie vom Gesetzgeber vor-         hend und ergreifen gegebenenfalls wei-
(„Lexikon des internationalen Films“)         geschrieben – als persönliches Einschrei-     tere Maßnahmen“. Dafür gebe es einen
Diverses und auch einen Fötus. Für das        ben zugestellt. Auf einigen Verpackungen      Link auf der Produktseite.
Machwerk gilt in der Originalversion ein      steht der Satz: „Versand durch Amazon –          Beim Bundesfamilienministerium sieht
deutschlandweites Verbreitungsverbot.         36248 Bad Hersfeld“. Andere Händler           man die praktische Umsetzung des Ju-
  Trotzdem kann man solchen Horror            verschickten gar beschlagnahmte Produk-       gendschutzes bei Online-Geschäften „mit
ohne Probleme kaufen – per Mausklick          te, deren Vertrieb in Deutschland verbo-      Sorge“. „Verstöße gegen den Jugend-
auf Amazons Marketplace. Mehr noch:           ten ist.                                      schutz sind keine Kleinigkeit. Rechtlich
Auch Minderjährige können, sofern sie            Ein Verkäufer war besonders dreist: Er     ist der Bereich klar definiert – das Pro-
das nötige Taschengeld haben, bequem          versendete über Amazon eine richterlich       blem liegt eher in der praktischen Um-




                                                                                                                                      MATT CARDY / GETTY IMAGES
                                                                     AP




Szene aus dem Computerspiel „Killzone III“, Amazon-Auslieferungslager: „Ohne Verifizierung, Postbote oder Gesichtskontrolle“

ordern. Schaut man sich genauer bei Ama-      beschlagnahmte Version des Splatter- setzung und der Kontrolle der Vorschrif-
zon um, entpuppt sich manches Angebot         Streifens „Braindead – Dead Alive“ – ten durch die Aufsichtsbehörden der
als Alptraum für Jugendschützer.              ohne jede Alterskontrolle.                  Länder.“
   Sebastian Gutknecht, Jurist bei der           Egal, wie hart die Ware ist: Etliche       Den Kunden gefällt es auf jeden Fall,
Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugend-       Amazon-Marketplace-Händler verschi- ohne jede Hürde beinahe alles kaufen zu
schutz Nordrhein-Westfalen, sagt: „Es ist     cken sie einfach als normales Päckchen können. Nutzer „S. Lenz“ schwärmt im
skandalös, dass bei Amazon Marketplace        oder Einwurfeinschreiben mit der Post. Amazon-Forum davon, dass er noch nicht
indizierte und von der Staatsanwaltschaft     Minderjährige brauchen also nur ein ei- mal seinen „Perso an der Haustür“ zü-
beschlagnahmte Filme angeboten wer-           genes Konto oder eine Kreditkarte, schon cken musste, Nutzer „DVD Junkie“ kann
den.“ Geliefert werden Massaker-Filme,        landen Gewalt- und Sex-DVDs im heimi- sich ebenfalls nicht erinnern, jemals sein
aber auch garantiert nichtjugendfreie Wa-     schen Briefkasten.                          Alter nachgewiesen haben zu müssen.
re wie „Lesbian Beauties – Feurige Schön-        Bei 49 von 50 SPIEGEL-Testbestellun- „Ohne Verifizierung, Postbote oder Ge-
heiten“ oder „Analsex for Lovers“, die        gen von Medien ohne Jugendfreigabe per sichtskontrolle, und vor allem ohne extra
auf Wunsch ebenfalls unkontrolliert in        Standardversand über eine Reihe von Gebühren.“
deutschen Jugendzimmern landen.               Marketplace-Händlern lieferte die Post        Ein anderer Amazon-Kunde glaubt den
   Der Versandhandel mit Filmen unter         oder ein Paketdienst ohne jede Alters- Grund dafür zu kennen, warum vielen
„FSK 18“-Klassifizierung ist zwar verbo-      kontrolle. Lediglich in einem Fall verhielt Händlern egal ist, wo die Ware landet:
ten, es sei denn, der Anbieter stellt zwei-   sich der Anbieter gesetzeskonform, bei „Die Marketplace-Verkäufer sind froh,
felsfrei sicher, dass der tatsächliche Emp-   der Zustellung wurde ein Ausweis ver- wenn sie was verkaufen.“
fänger volljährig ist. Etwa, indem der        langt.                                                   TOBIAS LILL, MARTIN U. MÜLLER

84                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Panorama                                                                                                                              Ausland
                                      SYRIEN
                                                                                                                       tung vor – „ohne viel Rücksicht auf Ba-
                                                                                                                       schar“, der zwar alle Entscheidungen
                                                                                                                       mittrage, „aber schon früher getan hat,
            Brutalität und Intelligenz                                                                                 was man ihm sagt“. 1999 hatte der ex-
                                                                                                                       trem jähzornige Mahir bei einem Streit
                                                                                                                       noch auf Schaukat geschossen. Doch in
                                                                                                                       der jetzigen Notlage scheint sich der
                                                                                                                       eingeheiratete Offizier, dem gleicher-
                                                                                                                       maßen Brutalität und Intelligenz nach-
                                                                                                                       gesagt werden, unentbehrlich gemacht
                                                                                                                       zu haben. Wofür auch spricht, dass Ma-
                                                                                                                       hir einen Großteil der 4. Division unter
                                                                                                                       Schaukats Kommando stellte, der den
                                                                                                                       wochenlangen Beschuss der Stadt
                                                                                                                       Homs befehligte. Mahir und Baschar
                                                                                                                       sollen sich dagegen seit Monaten kaum
                                                                                                                       noch begegnet sein, bei Treffen des in-
                                                                                                                       nersten Zirkels sei nur jeweils einer von
                                                                                                                       beiden anwesend, der andere per Tele-
                                                                                                                       fon zugeschaltet.
                                                                                                                       Gänzlich hinter den Kulissen bestimme
                                                                                                                       eine Person den Kurs, die seit Jahren
                                                                                                                       überhaupt nicht mehr in der Öffentlich-
                                                                                                                       keit aufgetreten ist: Anisa Machluf, die
                                                                                                                       Witwe von Hafis al-Assad sowie Mutter
                                                                                                                       von Baschar und seinen Geschwistern.
                                                                                                                       Zeugen verschiedener Treffen mit Ba-
                                                                                                                       schar bestätigen, dass der Präsident in

                                                                                          IMAGO
                                                                                                                       kleinem Kreis ständig darüber geklagt
  Bombenangriff auf Homs                                                                                               habe, sich etwa bei Personalentschei-
                                                                                                                       dungen gegen seine Mutter nicht durch-
  Seit Beginn des Aufstands vor einem        einheit der 4. Division, sowie Assif                                      setzen zu können. Auch sei es die
  Jahr hat sich die syrische Führungsspit-   Schaukat, Vize-Verteidigungsminister                                      Mutter, die die einander beargwöhnen-
  ze abgeschottet. Was im innersten          und Ehemann von Baschars einziger                                         den Sippen zusammenhalte. Insbeson-
  Machtzirkel des Landes, dem Clan der       Schwester Buschra. Sie gäben die Rich-                                    dere Rami Machluf, der milliarden-
  Assads und Machlufs sowie einiger Ge-                                                                                schwere Cousin Baschars, wird trotz Ri-
  neräle, diskutiert und beschlossen wird,                                                                             valität dringend gebraucht: Mit seinem
  dringt kaum nach außen. Nach überein-                                                                                Geld und mit Hilfe Hunderter irani-
  stimmenden Aussagen ehemaliger Ge-                                                                                   scher Ausbilder sollen die bislang losen
  schäftspartner der Assads, hoher isla-                                                                               Einheiten der Schabiha-Milizen zu ei-
  mischer Kleriker und anderer Insider                                                                                 ner Armeedivision vereint und hochge-
                                                                                          KHALED AL-HARIRI / REUTERS




  ergibt sich jedoch ein ungefähres Bild:                                                                              rüstet werden. Am wichtigsten aber sei
  So hat sich innerhalb der etwa ein Dut-                                                                              Anisas Rolle, ihre Söhne auf Linie zu
  zend Personen umfassenden Führungs-                                                                                  halten: „Sonst würde Mahir irgend-
  spitze eine neue Machtachse gebildet,                                                                                wann wieder durchdrehen und auf Ba-
  die aus zwei ehemaligen Kontrahenten                                                                                 schar schießen, weil er dessen Dumm-
  besteht: Baschar al-Assads jüngerem                                                                                  heit nicht mehr erträgt“, so ein Kenner
  Bruder Mahir, Befehlshaber der Elite-      Assad-Brüder Mahir, Baschar, Schaukat (M.)                                der Familie.




             UNGARN
                                             nur europäischen Standards, sie wür-                                        keinem anderen Mitgliedstaat des Eu-
                                             den im Falle einer gerichtlichen Ausein-                                    roparats verfügt eine einzelne Person
                                             andersetzung auch das Recht auf ei-                                         über solche Macht“, schreiben die Ver-
      Abhängige Justiz                       nen fairen Prozess in Frage stellen,
                                             heißt es in dem Bericht. „Die Reform
                                                                                                                         treter der Organisation, zu der 47 Staa-
                                                                                                                         ten gehören. Die Führung des Landes-
Die vom rechtskonservativen Premier-         als Ganzes bedroht die Unabhängig-                                          richteramts habe „weitgehenden Er-
minister Viktor Orbán eingeführte Ver-       keit der Justiz“, so das Urteil. Scharfe                                    messensspielraum, der meistens nicht
fassung verstößt in ihren Kernpunkten        Kritik üben die Autoren auch an dem                                         einer juristischen Kontrolle unter-
gegen demokratische Grundrechte. Zu          neugeschaffenen ungarischen Landes-                                         steht“. Sobald das Parlament in Buda-
diesem Schluss kommt ein bislang ver-        richteramt. Dessen im Dezember vom                                          pest einen Leiter eingesetzt habe, be-
trauliches Rechtsgutachten der „Vene-        Parlament gewählte Leiterin hat das                                         sitze es keine Möglichkeit, diesen zu
dig-Kommission“ des Europarats, das          Recht, Richter zu ernennen, zu verset-                                      kontrollieren. „Der Bericht ist besorg-
dem SPIEGEL vorliegt. Entscheidende          zen und zu entscheiden, welcher Rich-                                       niserregend“, sagt der CDU-Europa-
Teile der Reform widersprächen nicht         ter welchen Fall bearbeiten darf. „In                                       abgeordnete Andreas Schwab.
                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                            87
Panorama

                   GRIECHENLAND                                                   Kartoffelverkauf in Thessaloniki



         Findige Bauern
  In griechischen Rathäusern werden seit kurzem
  auch Bestellungen für Kartoffeln entgegengenom-
  men. 32 Cent kostet das Kilo zum Beispiel in zwei
  Athener Vororten – das ist etwa um die Hälfte bil-
  liger als in einem griechischen Supermarkt. Der
  Grund: Angesichts steigender Lebensmittelpreise
  haben sich die Bauern vielerorts entschieden, ihre
  Produkte direkt an die Kommunen zu verkaufen.
  Zwischenhändler, die die Preise in die Höhe trei-
  ben, können so von den Verbrauchern umgangen
  werden. Was als Graswurzelbewegung in der nord-
  griechischen Region Pieria begann, breitet sich
  mittlerweile über das ganze Land aus. Nach den
  Kartoffelbauern entschlossen sich auch Olivenöl-
  produzenten auf Kreta und nordgriechische Vieh-
  züchter, auf Zwischenhändler zu verzichten. In
  fast allen größeren Städten kaufen die Griechen
  Gemüse, Olivenöl, sogar Fleisch nun direkt vom
  Bauern. Bei der Vermittlung helfen nicht nur die
  örtlichen Rathäuser, sondern auch das Internet:
  Auf der Seite otoposmou.gr können die Ver-
  braucher direkt bei den Erzeugern bestellen, die
  ihrerseits davon profitieren, dass das Preisdumping
  der Großhändler wegfällt; sie bekommen mehr
  für ihre Ware. Für die Griechen, deren Gehälter
  weiter gekürzt werden, sind viele Lebensmittel
  kaum noch bezahlbar: Die Lebenshaltungskosten
  liegen inzwischen bis zu 30 Prozent höher als in
  Deutschland.




                                USA
                                                                     zum Machterhalt. Rechtsstaatlichkeit            sehr wahrscheinlich, dass sie irgendwo
                                                                     hat nie eine wichtige Rolle gespielt.           durch einen US-Server läuft.
                                                                     SPIEGEL: Wie kein anderer verkörpert J.         SPIEGEL: Wie reagierte das FBI auf die
Amerikanische Gestapo                                                Edgar Hoover, der die Behörde 48 Jah-
                                                                     re lang führte, das FBI. Wie konnte
                                                                                                                     Forderungen der Bush-Regierung, die
                                                                                                                     Überwachung weiter auszudehnen?
                                              Bestseller-Autor Tim   ein einzelner Mann so viel Macht er-            Weiner: Irgendwann war das Maß voll.
                                              Weiner, 55, über das   langen?                                         Im März 2004 hatte FBI-Chef Robert
                                              FBI und dessen         Weiner: Indem er über je-
                                              früheren Chef J. Ed-   den eine Akte anlegte.
                 JÖRG STEINMETZ PHOTOGRAPHY




                                                                                                  Hoover 1954
                                              gar Hoover             Hoover diente nicht dem
                                                                     Gesetz, er war das Ge-
                    SPIEGEL: In Ihrem                                setz. Präsident Harry
                    neuen Buch zeich-                                Truman warf ihm 1945
                    nen Sie ein düsteres                             sogar vor, eine amerika-
                    Bild der amerikani-                              nische Gestapo aufzu-
                    schen Bundespolizei                              bauen. Doch kein Präsi-
FBI. Seit der Gründung vor 103 Jahren                                dent hatte je den Mut,
soll sie kontinuierlich das Gesetz ge-                               Hoover zu entlassen.
brochen haben. Ist sie eine Gefahr für                               SPIEGEL: Nach den An-
den Rechtsstaat?                                                     schlägen vom 11. Septem-
Weiner: Das FBI war und ist vor allem                                ber enthüllten Ermittlun-
ein Machtinstrument des Präsidenten.                                 gen eines der größten
Bislang hat sich noch jeder unserer                                  Überwachungsprogram-
Präsidenten als ein Staatschef im                                    me in der Geschichte.
                                                                                                    ULLSTEIN BILD




Krieg gefühlt. Und in diesen Kriegen                                 Weiner: Wenn Sie eine
war das FBI ein willkommenes Werk-                                   Mail von Hamburg nach
zeug zum Spionieren, Intrigieren und                                 Karatschi schicken, ist es
88                                                                        D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Ausland

                                                                                                     UGA N DA


                                                                                              Jagd auf Kony
                                                                                „Kony 2012“ heißt die jüngste Internet-
                                                                                kampagne der US-amerikanischen
                                                                                Hilfsorganisation „Invisible Children“.
                                                                                Ihr Mitgründer, der Filmemacher Jason
                                                                                Russell, hat es sich zur Aufgabe ge-
                                                                                macht, den ugandischen Rebellenfüh-                          Videoausschnitt aus „Kony 2012“
                                                                                rer Joseph Kony hinter Gitter zu brin-
                                                                                gen. Der selbsternannte „General Got-                        in den Kongo fliehen, wo sie nun von
                                                                                tes“ kommandiert noch immer seine                            ugandischen Soldaten und einer US-
                                                                                „Lord’s Resistance Army“ (LRA), für                          amerikanischen Spezialeinheit verfolgt
                                                                                die er in den letzten 20 Jahren Tausen-                      werden. Auch ist seine Truppe auf
                                                                                de Kinder als Soldaten zwangsrekru-                          wohl einige hundert Mann zusammen-
                                                                                tierte. Russell und seine Mitstreiter                        geschmolzen. Schon vor zehn Jahren
                                                                                wollen die Welt mit ihrer aktuellen                          hat Kampala ein Amnestie-Programm
                                                                                Kampagne aufrütteln – und zumindest                          aufgelegt. Wer seine Waffen abgibt,
                                                                                das kann als erreicht gelten. Denn in-                       dem wird Straffreiheit gewährt. Tausen-
                                                                                nerhalb von nur vier Tagen hatten sich                       de Kämpfer gingen auf das Angebot
                                                                                vorige Woche mehr als 70 Millionen                           ein. Ferner verschweigt der Film, dass
                                                                                Menschen weltweit allein auf den Vi-                         das ugandische Militär bei der Jagd auf
                                                                                deo-Plattformen wie YouTube und Vi-                          Kony schwere Menschenrechtsverlet-
                                                                                meo den 30-minütigen Film zur Kam-                           zungen begangen hat. Afrikanische Me-
                                                                                pagne angesehen. Atemberaubend ist                           dien haben die Aktion von Invisible
                                                                                auch die Karriere des Hashtags „#Stop-                       Children deshalb scharf verurteilt. Der
                                                                                Kony“ beim Kurznachrichtendienst                             ugandische Publizist Angelo Izama
                                                                                Twitter. Nachdem im Film und auf der                         meint: „Die Kampagne wird vor allem
                                                                                Kampagnen-Website dazu aufgerufen                            ein Ziel erreichen: Invisible Children
                                                                                wurde, gezielt US-amerikanische Politi-                      bekannter zu machen.“
                                                       SAKIS MITROLIDIS / AFP




                                                                                ker und Prominente mit „#Kony2012“-
                                                                                Botschaften zu fluten, twitterten unter
                                                                                                                                             8. März:
                                                                                anderem Popstars wie Rihanna und
                                                                                Justin Bieber Appelle an ihre zahlrei-                       9,45 Mio. Tweets                       56,6    **


                                                                                chen Follower. Zum Ende der ersten                           über Kony oder mit dem
                                                                                Woche wurde die Kampagne schon in                            Stichwort „StopKony“
                                                                                                                                             seit 1. März; Quelle: Isaac Hepworth
                                                                                mehr als zehn Millionen Twitter-Beiträ-                      (Twitter)                                **Stand:
                                                                                gen erwähnt.                                                                                          19.00 Uhr
Mueller Bedenken und wandte sich an                                             Die Internetkarriere der Kampagne
Justizminister Ashcroft. In der glei-                                           wird es als Musterbeispiel für den „vira-                    7. März:
chen Nacht wurde Ashcroft wegen ei-                                             len Effekt“ wohl in die Lehrbücher                           2,5 Mio. Aufrufe
ner lebensgefährlichen Entzündung                                               schaffen – ein merkwürdiger Erfolg,                          der englischsprachigen                         40
der Bauchspeicheldrüse notoperiert.                                             denn Kony hat den Kampf eigentlich                           Wikipedia-Seite über
                                                                                                                                             Joseph Kony – zuvor
Weil Bush das Programm aber unbe-                                               schon verloren. Anders als der Film                          waren es im Schnitt
dingt verlängern wollte, entsandte das                                          suggeriert, ist der Norden Ugandas                           weniger als 1000
Weiße Haus eine Delegation auf die                                              nämlich schon lange nicht mehr das                           am Tag
Intensivstation, um Ashcrofts Unter-                                            Schlachtfeld; Kony und seine LRA
schrift einzuholen. Als Mueller das                                             mussten vor sechs Jahren von dort in
hörte, fuhr er ebenfalls hin. Bushs Ab-                                         die Zentralafrikanische Republik und
gesandte standen schon am Bett des
Ministers, aber Ashcroft lehnte ab. Es                                                                                     7. März:
war eine Szene wie in einem Mafia-
                                                                                Lauffeuer                                  Popstar Rihanna
Film. Unglaublich.                                                              Anzahl der Aufrufe der                     twittert: „#KONY2012                                             20
SPIEGEL: Welchen Einfluss hat die Wahl
                                                                                Videokampagne                              Spread the word!!!“
Obamas auf das FBI gehabt?                                                      „Kony 2012“ auf YouTube,                   und erreicht damit ihre
Weiner: In den vergangenen drei Jah-                                            in Millionen*                              14,7 Mio. Follower
                                                                                * kumuliert
ren hat sich einiges zum Guten verän-
dert. Zum ersten Mal in der Geschich-                                                         6. März:
te des FBI kann man davon sprechen,                                                           Der Artikel „Kony 2012“ wird bei der
dass sich Freiheit und Sicherheit eini-                                                       englischsprachigen Wikipedia
                                                                                              eingerichtet. Zwei Tage später gibt
germaßen in einer Balance befinden.                                                           es 180 000 Zugriffe.

Tim Weiner: „FBI. Die wahre Geschichte einer le-
gendären Organisation“. S. Fischer Verlag, Frankfurt
am Main; 704 Seiten; 22,99 Euro.                                                  5. März 2012              6. März                      7. März                      8. März          9. März

                                                                                        D E R    S P I E G E L    1 1 / 2 0 1 2                                                            89
Ausland


                                                     SPI EGEL-GESPRÄCH




„Man wird auf mich hören müssen“
     Der französische Präsidentschaftskandidat François Hollande reagiert auf
Angela Merkels Weigerung, ihn zu empfangen, und begründet seine Entschlossenheit,
       im Falle seiner Wahl den europäischen Fiskalpakt neu zu verhandeln.




                                                                                                                         OLIVIER ROLLER




Kandidat Hollande: „ Es sind nicht ausländische Regierungschefs, die für das französische Volk die Wahlen entscheiden“

90                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Er gilt in Deutschland als farbloser Un-
bekannter, doch François Hollande, der
sozialistische Herausforderer von Nicolas
Sarkozy, hat gute Chancen, am 6. Mai
zum Präsidenten gewählt zu werden. Er
ist der Mann, vor dem Angela Merkel sich
fürchtet, weil er ihr europäisches Ver-
mächtnis in Frage stellt. Hollande will
den im Dezember von 25 EU-Mitglied-
staaten beschlossenen Fiskalpakt zur Ret-
tung der Euro-Zone neu verhandeln.
Auch aus diesem Grund unterstützt Mer-
kel offen Sarkozy, sie hat sich bisher ge-




                                                                                                                                                             JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN / AFP
weigert, dessen Herausforderer in Berlin
zu empfangen. Hollande, 57, war sozia-
listischer Parteivorsitzender von 1997 bis
2008; ohne je Minister oder Regierungs-
chef gewesen zu sein, wäre er nach Fran-
çois Mitterrand, unter dem seine Karriere
1981 begann, erst der zweite linke Staats-
chef der Fünften Republik.                     Bundeskanzlerin Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel: „Wir dürfen nicht so arrogant sein“

SPIEGEL: Herr Hollande, wenn Sie am 6.         Falls Sie gewählt werden: Könnte Ihr ers-                        Staatschef Napolitano empfangen. In
Mai zum Präsidenten Frankreichs gewählt        tes Treffen etwas peinlich ausfallen?                            Brüssel bin ich beim Präsidenten der EU-
werden sollten, wohin würde Ihre erste         Hollande: Peinlich würde es für niemanden.                       Kommission und bei Außenministerin
Auslandsreise Sie führen?                      Für mich wäre es die Gelegenheit, ihr                            Ashton gewesen. Soll ich die Liste fort-
Hollande: Nach Berlin, zu Bundeskanzle-        deutlich zu machen, was ich will: eine                           setzen?
rin Angela Merkel.                             Neuausrichtung Europas auf mehr Wachs-                           SPIEGEL: Wir reden von denen, die sich
SPIEGEL: Heißt das, wenn Frau Merkel Sie       tum. Das ist eine Notwendigkeit, die der                         nicht mit Ihnen treffen wollen. Die Mel-
vorher nicht sehen wollte, wird sie Sie        Fiskalpakt nicht berücksichtigt.                                 dung, dass Frau Merkel und andere Re-
nachher empfangen müssen?                      SPIEGEL: Heißt das, dass Sie wie ein her-                        gierungschefs Sie nicht treffen wollen,
Hollande: Ich zwinge niemanden. Ich habe       ausfordernder Sieger aufträten? Oder                             hat in Frankreich für Aufregung gesorgt.
signalisiert: Ich stehe zur Verfügung, falls   würde es für Sie eher ein Canossa-Gang?                          Hollande: Ich habe diesen Artikel im SPIE-
es vor der Wahl eine Gelegenheit gibt, ein-    Hollande: Weder noch. Ich habe großen                            GEL nicht geschrieben, da sind Sie meine
ander zu treffen. Das war nicht möglich.       Respekt für Frau Merkel, aber auch für                           Zeugen. Er hatte jedenfalls zwei Effekte:
Ich verstehe Frau Merkels Gründe, sie un-      das deutsche Volk, das im September                              Die Franzosen fragten sich erstens, war-
terstützt ja schließlich den Amtsinhaber.      2013 bekanntlich selbst seine Wahl treffen                       um es diese Absicht gab. Und zweitens
SPIEGEL: Hat sie Ihnen eine förmliche Ab-      wird. Und jeder weiß, dass ich als Sozia-                        folgten Dementis. Es sind aber nicht aus-
sage zukommen lassen?                          list gute Verbindungen zur SPD habe.                             ländische Regierungschefs, die für das
Hollande: Nein, aber ich glaube, es hat kei-   SPIEGEL: Sie haben nicht nur Frau Merkel,                        französische Volk die Wahlen entschei-
nen Sinn nachzubohren. Ich habe aus-           sondern auch andere europäische Regie-                           den. Vielleicht haben diejenigen mir einen
richten lassen, dass ich bereit wäre, und      rungschefs verärgert. Fürchten Sie nicht,                        Dienst erwiesen, ohne es zu wissen.
es gab keine Reaktion.                         in Europa eine Art Paria zu werden?                              SPIEGEL: Dominique de Villepin nannte
SPIEGEL: Eine demütigende Abfuhr.              Hollande: Also wirklich, nein! Ich bin gera-                     die Unterstützung Sarkozys durch die
Hollande: Die Kanzlerin kann natürlich         de auf dem Weg zum polnischen Präsi-                             Kanzlerin „den Kuss des Todes“.
frei entscheiden, wie sie sich während des     denten Komorowski, in Italien hat mich                           Hollande: Ich habe Frau Merkel wirklich
Wahlkampfs in einem großen Partnerland                                                                          nicht gebeten, auf diese Weise meine
wie Frankreich verhalten will. Ich verste-                                                                      Wahl zu arrangieren. Aber alle kennen
he auch, dass Frau Merkel Herrn Sarkozy        Umfrage zur Präsidentschafts-                                    nun meine Haltung zum Fiskalpakt, und
unterstützt, sie sind ja in der gleichen       wahl in Frankreich                                               nach der Wahl werden sie darauf Rück-
konservativen Parteienfamilie. Was zählt,                                                                       sicht nehmen müssen. Wenn ich Präsident
                                               Stimmenanteile der beiden Favoriten
ist, dass wir im Falle meiner Wahl in der                                                                       werde, schlägt Frankreich einen anderen
                                               im Fall einer Stichwahl*
Lage sind, gute Beziehungen zwischen                                                                            Weg ein als unter Nicolas Sarkozy – und
unseren Ländern zu unterhalten.                 60                                                              zwar sowohl in der Innenpolitik als auch
SPIEGEL: Wirklich kein Groll?                           François Hollande                                       in der Außen- und Europapolitik.
                                                                                                         58
Hollande: Nein. Sarkozy und Merkel ha-                                                                          SPIEGEL: Und so treten Sie jetzt in Frank-
ben mal mit mehr, mal mit weniger In-                                                          55               reich als der Kandidat auf, der Deutsch-
nigkeit zusammengearbeitet, und mein                                                                            land die Stirn bietet.
Eindruck ist, dass die Kanzlerin und der                * sollte keiner der Kandidaten                          Hollande: Ich bin auch der Kandidat, der
Präsident am Ende ein Gleichgewicht in                    im ersten Wahlgang die                                weiß, dass die deutsch-französische
                                                          absolute Mehrheit erreichen
ihrer Beziehung gefunden haben. Der                                                                             Freundschaft unverzichtbar für Europa
Fiskalpakt, den die beiden zu verant-                                                          45               ist. Und ich werde mich nie zu Äußerun-
worten haben, trägt allerdings zweifel-                 Nicolas Sarkozy                                         gen hinreißen lassen, die ihr schaden.
                                                                                                         42
los stärker die Handschrift von Frau                                                                            SPIEGEL: Die gibt es aber. Ihr sozialisti-
Merkel.                                         40                                                              scher Parteifreund Arnaud Montebourg
SPIEGEL: Sie haben die Bundeskanzlerin                                 2011        2012                         sagte: „Die Frage des deutschen Natio-
verärgert, weil Sie fordern, dass der EU-        Okt.                  Dez.        Jan.                  März   nalismus kehrt zurück durch die Politik
Fiskalpakt neu verhandelt werden muss,         Quelle: LH2 / Yahoo-Umfrage in Frankreich;                       nach bismarckscher Art, die Frau Merkel
der die Staaten zum Sparen verpflichtet.       jeweils rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent                   betreibt.“ Distanzieren Sie sich davon?
                                                         D E R     S P I E G E L         1 1 / 2 0 1 2                                                 91
Ausland

Hollande: Ich finde, Helmut Schmidt hat tig. Ich habe mich selbst zu einem aus-
darauf beim SPD-Parteitag die beste Ant- geglichenen Budget verpflichtet, zu einer
wort gegeben. Unsere beiden Völker, un- besseren wirtschaftlichen Abstimmung.
sere politischen Eliten, dürfen nicht in Aber mich stört vor allem, dass im Fis-
Nationalismus zurückfallen. Wir dürfen kalpakt gar nichts über Wachstum steht.
nicht zu arrogant sein, wozu auch die Und dann gibt es eine Unsicherheit in
Franzosen manchmal neigen. Und ein Bezug auf die automatischen Sanktio-
großes Land mit einer so herausragenden nen, also auf das, was von den Staaten
Wirtschaftsleistung wie Deutschland darf verlangt wird, um ihr Defizit zu redu-
nicht vergessen, dass es seine Erfolge zieren.
auch der Nachfrage der anderen europäi- SPIEGEL: Was wollen Sie denn nun genau
schen Länder verdankt.                        erreichen?
SPIEGEL: Sie haben Sarkozy vorgeworfen, Hollande: Einige Bestimmungen sollten
Frankreich habe sich Deutschland „un- neu verhandelt werden. Zum Beispiel die
terworfen“.                                   Rolle des Europäischen Gerichtshofs –
Hollande: Ich finde, dass Frankreich in letz- ich bin dagegen, dass er in die nationale
ter Zeit gegenüber unseren deutschen Budgethoheit eingreifen kann. Kein Par-
Freunden nicht deutlich genug gemacht lament kann damit einverstanden sein,
hat, wie wichtig es ist, Euro-Bonds ein- einem Gerichtshof zu unterstehen.
zuführen als Mittel gegen die Spekula- SPIEGEL: Und was ist mit den automati-
tion. Und wie notwendig es ist, die Spar- schen Strafen bei Verstößen?
politik durch Wachstum zu ergänzen. Hollande: Die sind notwendig. Was wir mit
Und das zweifellos deshalb, weil mein dem Maastrichter Vertrag erlebt haben,




                                                                                                         ELODIE GREGOIRE / REA / LAIF
Land mit einem besorgniserregend hohen darf sich nicht wiederholen.
Defizit zu kämpfen hat, weil eine Rating- SPIEGEL: Warum wollen Sie dann keine
Agentur seine Bonität herabgesetzt hat, Schuldenbremse in der Verfassung?
und das war nicht gut für ein ausgegli- Hollande: Nicht in der Verfassung, aber
chenes Kräfteverhältnis.                      ich würde dem französischen Parlament
SPIEGEL: Wie wollen Sie das wieder her- ein Gesetz vorschlagen, das vorsieht, das
stellen?                                      Haushaltsdefizit Jahr für Jahr zu verrin-                                                 Amtsinhaber Sarkozy: „Er schlägt um sich, er
Hollande: Ein neugewählter Präsident mit gern, bis wir 2017 ein ausgeglichenes Bud-
einer vollen Amtszeit hat zwangsläufig get erreicht haben.                                                                              Hollande: Deswegen brauchen wir euro-
ein größeres Gewicht als ein Präsident SPIEGEL: Wachstum lässt sich nicht per De-                                                       päische Anleihen. Dann könnte sich
am Ende seines Mandats. Wenn das fran- kret herbeizaubern. Und die EU-Staaten                                                           Europa als Institution selbst Geld leihen,
zösische Volk meine Position bestätigt, haben kein Geld für Konjunkturprogram-                                                          um Wachstumsprojekte anzustoßen, und
muss sie bei den anderen Ländern Gehör me, die in der Vergangenheit ohnehin oft                                                         zwar aus den Ersparnissen seiner Bürger.
finden. Aus diesem Grund wollte ich die verpufft sind.                                                                                  SPIEGEL: Frau Merkel lehnt Euro-Bonds
anderen Staatschefs sehr früh vorwarnen. Hollande: Ja, unsere Staaten haben keine                                                       ab, auch weil Deutschland dann höhere
Man wird auf mich hören müssen.               Spielräume, außer Deutschland.                                                            Schuldzinsen zahlen müsste.
SPIEGEL: Sie meinen, Sie können dem Rest SPIEGEL: Deutschland soll die Lokomotive                                                       Hollande: Ich will auch keine Euro-Bonds,
Europas mit Ihrer frischen Legitimation sein? Da überfordern Sie Ihren Partner.                                                         mit denen alle Schulden der Euro-Zone
einen Kurswechsel aufzwingen?                 Hollande: Sie haben in Deutschland das De-                                                vergemeinschaftet werden, das geht nur
Hollande: Nicht aufzwingen! In Europa fizit deutlich verringert. Und Sie haben                                                          langfristig. Ich will, dass mit Euro-Bonds
zwingt man niemandem etwas auf. Das noch Wachstumsreserven. Die deutschen                                                               zielgerichtete Investitionen in Zukunfts-
ist nicht meine Vorstellung und nicht mein Gewerkschaften verhandeln gerade über                                                        projekte finanziert werden. Das ist nicht
Temperament. Die EU hat immer im Zei- Lohnzuwächse. Mehr Kaufkraft würde in                                                             das Gleiche. Reden wir von „Projekt-
chen des Respekts, des Gleichgewichts und Deutschland eine Binnennachfrage auslö-                                                       bonds“ statt Euro-Bonds.
des Vertrauens funktioniert. Ohne Neu- sen, von der auch wir profitieren können.                                                        SPIEGEL: So radikal, wie Sie zunächst klan-
verhandlung erreichen wir aber unsere SPIEGEL: Und woher soll nun das Geld                                                              gen, hören Sie sich jetzt gar nicht mehr
Ziele nicht. Wer glaubt denn im Ernst, au- kommen, mit dem Sie die Wirtschaft an-                                                       an. Haben Sie das falsche Wort gewählt,
ßer vielleicht ein paar Leuten in Deutsch- kurbeln wollen?                                                                              als Sie Neuverhandlungen verlangten?
land, dass wir unsere Defizite reduzieren Hollande: Es gibt eine paar Strukturfonds                                                     Hollande: Der Amtsinhaber hat ja diesen
können, wenn es kein Wachstum gibt?           in der EU, die noch über Restmittel ver-                                                  Vertrag ausgehandelt, aber das Parlament
SPIEGEL: Frau Merkel bestreitet die Not- fügen. Wir haben zudem die Europäische                                                         hat ihn noch nicht ratifiziert. Ich will ei-
wendigkeit von Wachstum doch nicht. Investitionsbank.                                                                                   nige Punkte verändern, nicht den ganzen
Die Debatte geht darum, auf welchem SPIEGEL: Wenn die EU zahlt, muss immer                                                              Pakt aufreißen, aber ich möchte einen Zu-
Weg man zu Wachstum gelangt.                  Deutschland am meisten zahlen.                                                            satz zum Thema Wachstum, und der ge-
Hollande: Umso besser! Dann                                                                                                             hört in den Vertrag hineingeschrieben.
haben wir ja einen gemeinsa-                                                                                                            SPIEGEL: Selbst der deutsche Sozialdemo-
men Ausgangspunkt.                                                                                                                      krat Peer Steinbrück hat Ihr Ansinnen als
SPIEGEL: Die Bundeskanzlerin                                                                                                            „naiv“ bezeichnet.
glaubt, dass der Fiskalpakt der                                                                                                         Hollande: Herr Steinmeier und Herr Ga-
einzige Weg für Europa ist,                                                                                                             briel haben inzwischen gesagt, Europa
die Schulden abzubauen und                                                                                                              neu ausrichten zu wollen sei nicht naiv.
den Euro zu retten. Was stört                                                                                                           Bei einer Wahl braucht man zum Teil
                                                                                           MYR MURATET




Sie daran?                                                                                                                              Hoffnung und zum anderen Wagemut.
Hollande: Ich will ihn neu ver-
handeln. Nicht alles, einige                                                                                                            * Mit den Redakteuren Mathieu von Rohr und Romain
Sachen scheinen mir vernünf- Hollande (r.) beim SPIEGEL-Gespräch*: „Nichts Protziges“                                                   Leick in Hollandes Wahlkampfzentrale in Paris.

92                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Hollande: Es gibt immer eine Linke, der
                                                                                               nichts genug ist. Aber wenn wir jetzt zu
                                                                                               viel wollen, scheitern wir.
                                                                                               SPIEGEL: Sie wollen alle Einkommen über
                                                                                               einer Million Euro pro Jahr mit einer
                                                                                               Steuer von 75 Prozent belegen. Ist das
                                                                                               kein Populismus von links?
                                                                                               Hollande: Schockierend sind nicht die 75
                                                                                               Prozent. Schockierend ist ein Gehalt von
                                                                                               mehr als einer Million Euro. Die Vor-
                                                                                               standsvorsitzenden der großen börsen-
                                                                                               notierten Unternehmen Frankreichs ha-
                                                                                               ben sich 2010, mitten in der Krise, die
                                                                                               Gehälter um 34 Prozent erhöht. Das ist
                                                                                               der Grund meines Vorschlags. In der Kri-
                                                                                               se kann man von ihnen Patriotismus ver-
                                                                                               langen, zu dem auch Solidarität gehört.
                                                                                               SPIEGEL: Wollen Sie nach Sarkozy, der als
                                                                                               Präsident der Reichen gilt, der Präsident
                                                                                               sein, der die Reichen hasst?
                                                                                               Hollande: Ich mag den unanständigen, den
                                                                                               unverdienten Reichtum nicht. Dass ein
                                                                                               Unternehmer, der etwas geschaffen hat,
                                                                                               gut verdient, ist legitim.
                                                                                               SPIEGEL: Sarkozy wirft Ihnen vor, den Er-
                                                                                               folg zu stigmatisieren.
                                                                                               Hollande: Wenn ich das Versagen predigen
                                                                                               würde, würde ich Nicolas Sarkozy unter-
                                                                                               stützen.
benutzt die Themen der extremen Rechten, um zu punkten“                                        SPIEGEL: Haben Sie die Wahl schon ge-
                                                                                               wonnen? Die Umfragen sagen Ihnen ei-
   SPIEGEL: In den vergangenen Jahren wur-      sagen: Deutschland und Frankreich set-         nen historisch hohen Sieg um die 58 Pro-
   de Europa faktisch von einem deutsch-        zen auf die Jugend. In der Ausbildung,         zent voraus.
   französischen Direktorium gelenkt, dem       in der Wissenschaft, bei den Innovatio-        Hollande: Wenn es jene beruhigt, die in
   Tandem „Merkozy“. Wird das so weiter-        nen. Damit könnten wir Europa ein schö-        den Hauptstädten Europas gegen mich
   gehen mit „Merlande“?                        nes Beispiel geben. Vielleicht könnten         mobil machen – in zwei Monaten kann
   Hollande: Im Augenblick sind wir noch        wir vereinbaren, dass die Jugendlichen         noch sehr viel passieren. Der Noch-Amts-
   nicht so weit, dass wir unsere Familien-     Praktika in deutschen und französischen        inhaber ist ein Kämpfer, er schlägt um
   namen verschmelzen. Ich bin kein lau-        Unternehmen absolvieren, dass wir wie-         sich, benutzt die Themen der extremen
   warmer Europäer. Ich weiß, dass die          der vermehrt die Sprache des anderen           Rechten, die Immigration, um zu punk-
   deutsch-französische Freundschaft unver-     lernen. Wir könnten auch vereinbaren,          ten. Ich werde an meinem Programm da-
   zichtbar ist, wer auch immer an der Spit-    dass wir uns gemeinsam den Heraus-             gegen nichts verändern. Und ich werde
   ze der Staaten steht. Aber wir dürfen        forderungen stellen, vor denen unser Pla-      billige Polemiken und übermäßige Ag-
   nicht den Eindruck erwecken, dass es in      net steht: der Klimaerwärmung, neuen           gressivität vermeiden, ich will die Fran-
   Europa eine Zweierherrschaft gibt, der       Technologien.                                  zosen überzeugen.
   die anderen folgen müssen. Viele Länder      SPIEGEL: Wollen Sie mit einer schönen          SPIEGEL: Nach seinem Wahlsieg 1981 hat
   können das nicht akzeptieren – nicht,        Geste die politischen Meinungsverschie-        François Mitterrand, Ihr Vorbild, im Pan-
   dass es eine Führung gibt, aber dass man     denheiten verwischen?                          theon das Grab des großen Reformsozia-
   ihnen Entscheidungen aufdrückt.              Hollande: In der Politik zählen Symbole        listen Jean Jaurès besucht. Nicolas Sar-
   SPIEGEL: Sie streben nicht nur einen neuen   viel. Sie bekunden einen Willen und            kozy hat im Luxusrestaurant Fouquet’s
   Fiskalpakt an, Sie haben auch angekün-       schaffen neue Realitäten.                      mit Milliardären gefeiert. Welches Sym-
   digt, dass Sie den deutsch-französischen     SPIEGEL: Frankreich hat Schulden von über      bol würden Sie wählen, um zu zeigen,
   Freundschaftsvertrag von 1963 zum 50-        1700 Milliarden Euro, und Ihr Programm         dass Sie ein anderer Präsident sind?
   Jahr-Jubiläum gern durch einen neuen         enthält teure Versprechen. 60 000 neue         Hollande: Mitterrand hatte einen Sinn für
   ersetzen möchten. Ist er denn veraltet?      Stellen im Erziehungswesen, Senkung des        Symbole, und er war der erste sozialisti-
   Hollande: Nein, wir wollen ihn gebührend     Renteneintrittsalters auf 60 für Franzosen,    sche Präsident seit 1958. Er wollte zeigen,
   würdigen im kommenden Jahr. Der Ely-         die früh ins Berufsleben eingetreten sind.     dass es eine geschichtliche Kontinuität
   sée-Vertrag hatte einen stark symboli-       Insgesamt wollen Sie 20 Milliarden neu         gibt, eine Verbindung mit den großen
   schen Charakter. Adenauer und de             ausgeben. Eine Luftnummer?                     Figuren der französischen Geschichte. Ich
   Gaulle haben einen Pakt geschlossen, der     Hollande: Alles, was ich vorschlage, ist so-   hingegen würde in einer ganz anderen
   überwand, was uns einmal trennte, und        lide finanziert. Auch die 20 Milliarden.       Zeit Präsident. Mir ist es wichtig, die
   der unsere Beziehung auf ein Fundament       Am Ende meines Mandats wird ein aus-           Nähe zu den Menschen zu behalten. Ich
   des Vertrauens gestellt hat. Besonders       geglichener Haushalt stehen.                   würde nichts Protziges unternehmen und
   wichtig scheint mir im Rückblick der Ju-     SPIEGEL: Ein linker Rivale hat Sie schon       nichts, was die Menschen verletzt, die
   gendaustausch zwischen beiden Ländern.       „Hollandreou“ genannt. In Anspielung           nicht für mich gestimmt haben. Trium-
   SPIEGEL: Warum dann ein neuer Vertrag?       auf den früheren sozialistischen Minister-     phalismus liegt mir fern. Man ist Präsi-
   Hollande: Eine Fortschreibung 50 Jahre       präsidenten in Athen, der auf einen har-       dent aller Franzosen.
   danach wäre ein eindringliches Signal.       ten Sparkurs einschwenken musste. Wer-         SPIEGEL: Herr Hollande, wir danken Ihnen
   Mir würde es vor allem darum gehen zu        den auch Sie die Linke enttäuschen?            für dieses Gespräch.
                                                      D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                            93
M. MCDERMOTT / POLARIS / STUDIO X
Präsident Obama beim Truppenbesuch in Fort Campbell: „Wir halten die Leine sehr kurz“



                                                                 USA




                                             Bushs Erbe
      Wenn es um Amerikas Sicherheit geht, ist Friedensnobelpreisträger Barack Obama
               so rücksichtslos entschlossen wie sein Vorgänger. Jetzt ließ er
         seinen geheimen Drohnenkrieg zur offiziellen Regierungspolitik erklären.


D
        er Präsident sitzt an diesem Mon-   Gesetz überschreite, wenn er per Knopf-        lig Auskunft. Sorgen um die Rechtmäßig-
        tagnachmittag im Weißen Haus,       druck Menschen töten lasse, die vielleicht     keit solchen Tuns müsse sich niemand
        die Kamera ist auf ihn gerichtet,   unschuldig seien?                              machen: „Wir halten die Leine sehr kurz.“
er redet mit handverlesenen Internet-          Offen über Amerikas Drohnenkrieg in            Es ist das erste Mal, dass der Präsident
nutzern, die sich für eine Gesprächsrunde   Pakistan zu reden, war für Regierungs-         der Vereinigten Staaten öffentlich über
per Video zuschalten dürfen. Es sind eher   mitglieder bislang eine Art Geheimnis-         das geheime Drohnenprogramm spricht,
seichte Themen, über die Präsident und      verrat, kein Wort mieden Obamas Mit-           so nebenbei, so selbstverständlich, dass
Bürger sich austauschen, etwa der Segen,    arbeiter so panisch wie das Wort „Droh-        sich die Frage stellt, ob es ihm gar nicht
Töchter zu haben, oder die Frage, ob Ba-    ne“. Aber an diesem Montag Ende Januar         mehr auffällt, wie brisant seine Worte ei-
rack Obama nicht Lust verspüre, vor der     findet der Präsident nichts dabei, das Un-     gentlich sind. Denn dieser Krieg, sosehr
Kamera ein Tänzchen aufzuführen. Und        wort gleich mehrfach auszusprechen. Bei        sich die Amerikaner auch an ihn gewöhnt
dann, mitten in dieses Geplänkel hinein,    dem Drohnenkrieg – dem Einsatz fern-           haben, ist ein Tabubruch: Unter Feder-
erscheint „Evan aus Brooklyn, New York“     gelenkter, unbemannter Flugkörper, aus-        führung des Geheimdienstes CIA werden
im Bild und will wissen, wie es denn um     gestattet mit schlagkräftigen Präzisions-      irgendwo auf der Welt Menschen per
den Drohnenkrieg stehe. Ob der Präsi-       waffen – gehe es darum, die Führer von         Knopfdruck getötet – ohne Anklage,
dent nicht die Grenzen von Moral und        al-Qaida auszulöschen, gibt er bereitwil-      ohne die Verpflichtung, Beweise für ihre
94                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Ausland

Schuld vorzulegen. Es ist ein Krieg, der kanische Staatsbürger, die eigentlich den Attacke gegen die Vereinigten Staaten
nicht an die üblichen Regeln gebunden besonderen Schutz der US-Verfassung plane. „In einem solchen Fall hat die Re-
ist, der Einsatz eines Tötungskommandos, genießen. Der Erste war der Islamisten- gierung ganz klar die Vollmacht, die USA
das sogar auf eigene Landsleute zielt.     Prediger Anwar al Awlaki, geboren in mit tödlicher Gewalt zu verteidigen.“
   Eigentlich war Barack Obama angetre- New Mexico, den ein Drohnenangriff im              Den Chefjuristen Holder plagt kein
ten, die „imperiale Präsidentschaft“ von Jemen tötete.                                  schlechtes Gewissen. „Die Verfassung ga-
George W. Bush zu beenden, dessen Re-         Dass dieser Krieg per Knopfdruck der rantiert ein ordentliches Verfahren“, do-
gierung sich eine Machtvollkommenheit Kern einer neuen Obama-Doktrin zur zierte er in Chicago kühl, „aber nicht un-
angemaßt hatte, wie es sie seit Richard Kriegsführung sein könnte, fürchteten bedingt ein Gerichtsverfahren.“
Nixons Watergate-Skandal nicht mehr ge- Menschenrechtsorganisationen, aber auch            Es müssten nur ein paar Voraussetzun-
geben hat. So hatte Obama versprochen, US-Strategen schon seit längerem. Vori- gen erfüllt sein, so Holder, um eine „Ziel-
das Gefangenenlager Guantanamo zu gen Montag räumte das Team Obama die person“ mittels einer Drohne hinrichten
schließen, die menschenrechtswidrigen letzten Zweifel daran aus, dass die geziel- zu dürfen. Der Gesuchte müsse bei der
Foltermethoden zu beenden. Er hatte der te Tötung selbst von US-Bürgern nun- Qaida oder ihren Verbündeten in verant-
Geheimniskrämerei der Regierung Bush mehr offizielle Regierungspolitik ist.             wortlicher Stellung aktiv sein, also ein
den Kampf angesagt und deren um-              Vor einer Woche nämlich hielt Ameri- „enemy combatant“ sein, ein feindlicher
strittenen Abhörprogrammen. Seine Re- kas Justizminister Eric Holder eine Rede Kämpfer. Er müsse eine Attacke gegen
gierung sollte transparenter                                                                         Amerika planen und sich in
werden, offener, ehrlicher,                                                                          einem Land aufhalten, das
weniger kriegerisch. Obama,                                                                          den USA Erlaubnis zum Zu-
der studierte Verfassungs-                                                                           schlagen erteilt habe. Und
rechtler, wollte Amerika                                                                             eine Festnahme des Ver-
wieder auf die Grenzen des                                                                           dächtigen müsse zu dem
Rechtsstaats verpflichten.                                                                           Zeitpunkt nicht möglich
   Von seinen Versprechen,                                                                           sein.
soviel steht nach drei Jah-                                                                             Wann eine Bedrohung
ren im Amt fest, ist wenig                                                                           genau vorliegt, welche Be-
geblieben. Zwar verbot                                                                               weise regierungsintern nö-
Obama die Folterpraktiken                                                                            tig sind, wie eine Möglich-
der Vorgängerregierung,                                                                              keit zur Festnahme geprüft
aber die unbegrenzte Inhaf-                                                                          werden soll – all dies ließ
tierung von Terrorverdäch-                                                                           Holder offen.
tigen konnte auch er nicht                                                                              Diese rechtliche Grau-




                                                                                                    POLARIS / LAIF
abschaffen. Guantanamo ist                                                                           zone tritt umso deutlicher
immer noch in Betrieb,                                                                               hervor, je offener Ameri-
auch künftig soll es dort                                                                            kas „Drohnenabhängigkeit“
Prozesse vor Militärgerich- Drohne auf einer Startbahn in Afghanistan: Töten auf Knopfdruck          („Washington Post“) erkenn-
ten geben. Für seine grim-                                                                           bar wird. 2002 gaben US-Mi-
mig harte Haltung im inzwi-                                                                          litärs für Drohnen rund 550
schen wieder weltweit ge-                                                                            Millionen Dollar aus, heute
führten Anti-Terror-Krieg                                                                            sind es beinahe 5 Milliarden
erntete er Lob ausgerech-                                                                            Dollar. Tendenz: dramatisch
net vom ehemaligen Vize-                                                                             steigend. Die US-Luftwaffe
präsidenten Dick Cheney,                                                                             trainiert mittlerweile mehr
der für alles steht, was Oba-                                                                        Piloten für Drohnenein-
ma einst bekämpfen wollte                                                                            sätze als für Kampfflieger,
(SPIEGEL 39/2011).                                                                                   erst im Herbst wurden neue
   Wenn es um die nationa-                                                                           Startbasen bekannt, in
le Sicherheit geht, greift der                                                                       Äthiopien und auf den Sey-
Demokrat mindestens eben-                                                                            chellen.
so bedingungslos durch wie                                                                              Wie kam es zu dieser Be-
sein Vorgänger, und viele sa-                                                                        geisterung für die leisen Kil-
                                                                                                    ASIF HASSAN / AFP




gen, er sei mit seinem Droh-                                                                         ler? Obama-Kritiker glau-
nenkrieg längst den ent-                                                                             ben, dem Präsidenten kä-
scheidenden Schritt weiter-                                                                          men sie zupass, weil die
gegangen. Im Schnitt lässt                                                                           Beseitigung des Gegners
der Friedensnobelpreisträ- Proteste gegen US-Militäreinsätze in Pakistan: 2300 Menschen exekutiert   nun einmal schneller und
ger jeden vierten Tag eine                                                                           unkomplizierter sei als Fest-
raketenbestückte Drohne aufsteigen, Vor- an der Northwestern University School nahmen von und langwierige Prozesse
gänger Bush schickte nur an jedem 47. Tag of Law in Chicago – nicht weit entfernt gegen Top-Terroristen. Am Beispiel Osa-
eine Drohne los.                           von jenem Campus, auf dem ein junger ma Bin Laden habe Obama das vor-
   Über 2300 Menschen haben die Ame- Rechtsdozent namens Barack Obama Stu- exerziert.
rikaner schon auf diese Weise exekutiert, denten einst beibrachte, wie Freiheit und       „Absurd“ nennen Regierungssprecher
vornehmlich bei der Jagd auf Taliban, Sicherheit vereinbar bleiben.                     derlei Spekulationen. Sei eine Ergreifung
die sich im pakistanischen Grenzgebiet        Holder machte deutlich, dass ihm die von Terroristen möglich, habe diese stets
zu Afghanistan versteckt halten. Auch Sicherheit mittlerweile das höhere Gut Vorrang. Unbestritten ist aber, was Droh-
gegen die somalischen Piraten könnte ist. Es sei nicht immer möglich, einen Ter- nen zu so attraktiven Waffen macht: Sie
Obama künftig Drohnen einsetzen. Und roristen mit amerikanischem Pass festzu- können selbst in unwegsamstem Gelände
zu den Opfern zählen bisher drei ameri- nehmen, dozierte er, während dieser eine zuschlagen, sie versetzen Top-Terroristen
                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                         95
Ausland

in größeren Schrecken als jedes Elitekom- töten oder Erwachsene. Sie töten einfach                                 sagt das Völkerrecht, ist der früheste Zeit-
mando, weil sie kaum sichtbar und nahe- alle.“                                                                     punkt fürs Zuschlagen. In die „Bewer-
zu lautlos sind. Vor allem aber, das ist im    Selbst US-Außenministerin Hillary                                   tung“, ob eine solche Bedrohung vorlie-
kriegsmüden Amerika von besonderer Clinton und der ehemalige Generalstabs-                                         ge, sagt Holder nun, müsse auch einge-
Bedeutung, gefährdet ihr Einsatz das Le- chef Mike Mullen erhoben intern Einwän-                                   hen, ob die „Gelegenheit zum Handeln“
ben keines einzigen amerikanischen Sol- de gegen den Drohnenregen auf Pakistan                                     günstig sei, wie groß „der Schaden für
daten.                                      – die Militärschläge schwächten die ohne-                              Zivilisten“ wäre, wann die Gelegenheit
   Obwohl es auch die massive Kritik am hin wackelige Regierung von Präsident                                      verstreichen würde und welche Wahr-
Irak-Krieg seines Vorgängers war, die Asif Ali Zardari weiter, argumentierten                                      scheinlichkeit dann noch bestehe, „künf-
Obama ins Weiße Haus getragen hatte, sie. Als voriges Jahr Nato-Truppen ver-                                       tige verheerende Attacken auf die Ver-
erlaubt ihm nun der aus der Ferne geführ- sehentlich 24 pakistanische Soldaten an                                  einigten Staaten zu verhindern“.
te Krieg, den Anti-Terror-Kampf weit ent- der afghanisch-pakistanischen Grenze tö-                                    Wer so redet, sagen die Völkerrechtler,
schlossener fortzuführen, als es die meis- teten und Proteste gegen Zardari hoch-                                  könnte auch einen Präventivkrieg vorbe-
ten seiner Anhänger erwartet hatten. In kochten, stellte die CIA die Drohnenflüge                                  reiten. Denn der Justizminister spricht
seinem ersten Amtsjahr schickte Obama auf Bitten Islamabads ein. Doch kurz dar-                                    hier Themen an, die sie mit größter Skep-
nicht nur mehr Soldaten nach Afghani- auf setzte der Geheimdienst durch, dass                                      sis betrachten: Vorsorgliche Erwägungen
stan, er stockte auch die Zahl der CIA- die leisen Killer wieder über Pakistan sur-                                der Effektivität können keinen Militär-
Mitarbeiter in Pakistan auf.                ren dürfen.                                                            schlag rechtfertigen – sei es gegen einzelne
   Überdies unterzeichnete der Präsident       Peter Singer, Militärexperte der Broo-                              Terroristen, sei es gegen andere Staaten.
den umstrittenen National Defense Au- kings Institution in Washington, sieht in                                       Erst wenn der Gegner seine Waffe er-
thorization Act (NDAA). Danach darf das dieser neuen Lust am risikolosen Töten                                     hoben hat, ist ein Angriff „imminent“
amerikanische Militär künftig Bürger jeg- die größte Gefahr des Drohnenpro-                                        und kann einen Gewaltakt der Selbstver-
                                                                                                                   teidigung rechtfertigen – dies ist die herr-
                                                                                                                   schende Ansicht unter Völkerrechtlern.
                                                                                                                      Deshalb fürchten die Experten, dass
                                                                                                                   Holders Argumentation für den Anti-Ter-
                                                                                                                   ror-Krieg auch geeignet wäre als Recht-
                                                                                                                   fertigung für mögliche künftige Militär-
                                                                                                                   schläge des Oberbefehlshabers Obama.
                                                                                                                   Der Kölner Völkerrechtsprofessor Claus
                                                                                                                   Kreß, ein international gefragter Kenner
                                                                                                                   des Kriegsrechts made in USA, hält es
                                                                                                                   „nicht für ausgeschlossen“, dass Obamas
                                                                                                                   Chefjuristen bei ihren Rechtfertigungen
                                                                                                                   für den Drohnenkrieg im Hinterkopf be-
                                                                                                                   reits an einen möglichen Präventivschlag
                                                                                                                   gegen ein anderes Ziel gedacht haben
                                                                                                                   könnten – gegen Iran.
                                                                                                                      Denn auch ein militärischer Einsatz ge-
                                                                                            REUTERS TV / REUTERS




                                                                                                                   gen das Atomprogramm der Mullahs, den
                                                                                                                   Obama für denkbar hält, wenn nachweis-
                                                                                                                   bar klar ist, dass Iran anders am Bom-
                                                                                                                   benbau nicht mehr gehindert werden
                                                                                                                   kann, wäre juristisch nur mit Erlaubnis
Kontrollraum in iranischer Atomanlage: Möglicher Präventivschlag gegen ein anderes Ziel?                           des Uno-Sicherheitsrates möglich. Dessen
                                                                                                                   Zustimmung aber würde wohl am Veto
licher Nationalität überall auf der Welt     gramms. „200 Jahre lang waren amerika-                                der Russen und der Chinesen scheitern.
ergreifen und sie ohne Gerichtsverhand-      nische Kriegserklärungen immer damit                                  Also käme es darauf an, ob sich die Ver-
lung auf unbestimmte Zeit inhaftieren.       verbunden, dass so ein Krieg auch US-                                 einigten Staaten gemäß Artikel 51 der
   Dabei ist höchst umstritten, ob die Tö-   Menschenleben kosten würde.“ Das sei                                  Uno-Charta auf ihr „naturgegebenes“
tungen per Fernsteuerung Amerikas stra-      im Zeitalter der Drohnen ganz anders –                                Selbstverteidigungsrecht berufen könn-
tegischen Zielen wirklich dienen – der       und werde die Bereitschaft zu Militär-                                ten. Dieses aber setzt voraus, dass Iran
Drohneneinsatz zeigt nämlich bereits un-     schlägen erhöhen.                                                     quasi seine Waffen gegen Israel oder
erwünschte Nebenwirkungen.                      Auch für diese Behauptung bietet die                               Amerika erhoben hat. Eine geplante, ja
   Solche Attacken schafften in Ländern      Holder-Rede Hinweise. Dass ausgerech-                                 selbst eine gebaute Atombombe wäre
wie Pakistan jede Menge Märtyrer, warnt      net die Obama-Administration zur Dok-                                 nach herkömmlichem Verständnis für
Jeffrey Smith, ehemals Chefjurist der        trin des weltweiten Kampfes gegen den                                 sich genommen kein unmittelbar bevor-
CIA. Immerhin sollen die Drohnen laut        Terror zurückkehrt, erzürnt Bürgerrecht-                              stehender Angriff.
Schätzungen siebenmal so viele Mitläu-       ler und Friedensaktivisten. Einige Völ-                                  Es sei denn, die Welt der Kriegsrechtler
fer töten wie hochkarätige Terroristen.      kerrechtler sorgen sich dagegen über ei-                              sieht ein: Ein präventiver Schlag gegen
   Eine Umfrage des Pew Research Cen-        nen besonders dubiosen Satz des Justiz-                               die Atomanlagen Irans ist die letzte Mög-
ter ergab, dass 97 Prozent der Pakistaner    ministers.                                                            lichkeit, die unkontrollierte Verbreitung
die ferngesteuerten Attacken zuwider            Die Stelle in der Rede Holders behan-                              von Nuklearwaffen und die drohende
sind. Faisal Shahzad, der im Mai 2010 auf    delt die Frage, von welchem Zeitpunkt                                 Vernichtung Israels zu verhindern.
dem New Yorker Times Square eine             an die Vereinigten Staaten ihr „Recht auf                                War es das, was Holder der Welt über
Bombe zu zünden versuchte, antwortete        Selbstverteidigung“ mit tödlicher Waf-                                seine Rechtfertigung des Anti-Terror-
auf die Frage nach Gewissensbissen über      fengewalt gegenüber Einzelpersonen gel-                               Kampfes hinaus sagen wollte?
mögliche unschuldige Opfer: „Amerikas        tend machen können. Ein „imminent                                                            THOMAS DARNSTÄDT,
Drohnen sehen auch nicht, ob sie Kinder      threat“, eine unmittelbare Bedrohung, so                                       MARC HUJER, GREGOR PETER SCHMITZ

96                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Ausland




                                                                          FOTOS: WITOLD KRASSOWSKI / DER SPIEGEL
Nuklearanhänger Krzemiński vor der Atomruine von Zarnowiec, Gemeindevorsteher Doering: Protest-E-Mails aus Deutschland

                                                                                        Produzenten und deutsche Politiker ge-
                                      POLEN                                             geneinander aufbringt. Zusätzlich befeu-
                                                                                        ert wird die Auseinandersetzung durch

      Zorn auf die Besserwisser                                                         Schiefergasfunde: Geologen haben tief
                                                                                        unter der waldreichen Hügellandschaft
                                                                                        Pommerns und Kaschubiens, eingeschlos-
                                                                                        sen im Gestein, riesige Gasvorräte ausge-
       Selten haben sich Polen und Deutsche so gut verstanden                           macht. Außenminister Radek Sikorski
   wie heute. Doch nun setzt Warschau unbeirrt auf Atomkraft –                          sieht sein Land schon als das Norwegen
                                                                                        Osteuropas. Doch wieder sind es vor al-
               und weist Belehrungen der Nachbarn zurück.                               lem deutsche Umweltschützer, die die
                                                                                        Euphorie bremsen. Jo Leinen, Umwelt-


D
         ie Straße, die in Polens strahlende ein zunehmend einflussreiches EU-Mit- experte im Europaparlament, fordert, das
         Zukunft führen soll, ist verrottet, glied verwandelt, die Wirtschaft boomt Spezialverfahren zur Förderung des Erd-
         überall ragt rostiges Stahlgeflecht und braucht Strom, viel Strom. Und des- gases, das „Fracking“, zu reglementieren.
aus dem Beton hervor, einige Platten halb glaubt Bürgermeister Krzemiński, Dabei werden auch Chemikalien ins Ge-
sind so weit abgesunken, dass sich tiefe dass sein Jugendtraum doch noch in Er- stein gepresst, die dann ins Grundwasser
Pfützen gebildet haben. Doch den En- füllung gehen und am Zarnowiec-See ein gelangen können.
thusiasmus von Krzysztof Krzemiński Meiler entstehen wird. Er sagt: „Die Koh-              Janusz Reiter, als ehemaliger Botschaf-
können solche Widrigkeiten nicht er- le wird weniger, der Wind weht schwach ter Polens in der Bundesrepublik mit ei-
schüttern.                                   in Polen, und die Sonne zeigt sich selten. nem feinen Sensorium für Stimmungs-
   Der Bürgermeister des pommerschen Wir brauchen Atomkraft.“                           lagen im deutsch-polnischen Verhältnis
Städtchens Reda bugsiert seinen grauen          Deshalb aber ist Ärger mit dem Nach- ausgestattet, fürchtet, dass ein Streit um
Passat zwischen den Schlaglöchern hin- barn im Westen programmiert. Selten in Atomkraft und Schiefergas auf beiden Sei-
durch und hält vor einem klapprigen Ma- den vergangenen tausend Jahren haben ten alte Stereotype wiederbeleben kön-
schendrahtzaun. Dahinter erheben sich, sich Polen und Deutsche so gut verstan- ne: „Die Energiefrage ist ein hochemo-
grüngrau bewachsen, gewaltige Mauern den wie jetzt. Doch als Antwort auf den tionales Politikfeld“, sagt er. „Für viele
aus einer vergangenen Epoche.                Entschluss Polens, Atomkraftwerke zu deutsche Umweltschützer geht es ums
   Hier, 50 Kilometer westlich von Dan- bauen, verabschiedeten Abgeordnete al- Überleben der Menschheit.“
zig, am Zarnowiec-See, goss das kommu- ler Fraktionen in den Parlamenten von               Die Polen dagegen reagieren empfind-
nistische Polen einst die Fundamente ei- Berlin, Brandenburg und Mecklenburg- lich auf Bevormundung – vor allem wenn
nes Atomkraftwerks, und Krzemiński Vorpommern Appelle an die Nachbarn, sie aus Deutschland kommt. Sie sorgen
führte damals eine Brigade. „Es war mein ebenso wie Deutschland auf die Nutzung sich um die Früchte des schmerzhaften
erster Job als Ingenieur“, sagt er, „eine von Nuklearenergie zu verzichten.             Transformationsprozesses, haben Angst,
schöne Zeit, sehr anspruchsvoll, sehr her-      Doch Warschau setzt auch nach der ohne Atomstrom niemals den Lebensstan-
ausfordernd.“                                Katastrophe von Fukushima unbeirrt auf dard zu erreichen, den die Westeuropäer
   Doch mit der Wende war alles vorbei. Atomkraft. „Wenn jemand keine Atom- für selbstverständlich halten.
Die neuen, demokratischen Machthaber kraftwerke bauen will, dann ist das sein              Am Drei-Kreuze-Platz in Warschau re-
stoppten den Kraftwerksbau. „1989 haben Problem“, sagt Premier Donald Tusk. sidiert die Kernenergieabteilung des Wirt-
wir zugemacht“, sagt Krzemiński. „Eini- Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak be- schaftsministeriums. Direktor Zbigniew
ge Beton- und Stahlteile wurden für ein kräftigte vorige Woche in der „FAZ“, dass Kubacki bittet in ein tristes Besprechungs-
paar Groschen verkauft, der Reaktor ging die Entscheidung gefallen sei. Zwei Mei- zimmer, der einzige Wandschmuck be-
nach Finnland.“                              ler soll der staatliche Energiekonzern steht aus einer Karte, die zeigt: Polen ist
   Heute hingegen, mehr als 20 Jahre spä- PGE errichten – einen wohl in Zarnowiec umgeben von Atomkraftnutzern. Die
ter, hat sich die Lage gründlich verändert. bei Bürgermeister Krzemiński.               Skandinavier produzieren Nuklearener-
Polen, längst nicht mehr der bettelarme         Der Streit um die Kernkraft ist nicht gie, die Balten, die Tschechen, die Ukrai-
Bittsteller der Nachwendezeit, hat sich in der einzige Energiedisput, der polnische ner und die Deutschen immerhin einst-
98                                                D E R   S P I E G E L                               1 1 / 2 0 1 2
weilen noch. Die Slowaken und sogar die          An manchem Tag treffen bis zu 2500         deutsche Vergangenheit gehört zu unse-
Weißrussen wollen demnächst neue Mei-         Protest-E-Mails aus dem Nachbarland ein.      rer Geschichte“, sagt er.
ler bauen. Nur Polen, so glaubt der Chef,     Umweltinitiativen aus Brandenburg und            Doch seit den Schiefergasfunden ver-
hinke mal wieder hinterher.                   Mecklenburg-Vorpommern bieten die             bittet er sich den Einspruch der Umwelt-
   Kubacki weist darauf hin, dass der         Schreiben zum Herunterladen an.               schützer von der anderen Seite der Gren-
Energieverbrauch des Landes parallel             „Wir nehmen alle Einwände ernst“,          ze. Zweimal schon hat der staatliche
zum Wachstum der Wirtschaft jedes Jahr        sagt Kubacki artig, doch es klingt wie eine   Gaskonzern Probebohrungen in seiner
um vier Prozent steige. Derzeit deckt         Klage.                                        Gemeinde unternommen, und zweimal
Braunkohle etwa 90 Prozent des Energie-          Viele Polen fürchten, von den Deut-        wurde Gas gefunden. „In zwei Jahren
bedarfs ab. „Aber wir haben europäische       schen trotz ihrer enormen wirtschaft-         wird hier hoffentlich in industriellem Maß-
Verpflichtungen“, sagt Kubacki. „Wir          lichen Erfolge nach wie vor als zurück-       stab gefördert werden können“, sagt er.
müssen den CO2-Ausstoß reduzieren und         gebliebene Hinterwäldler betrachtet zu           Polen bezieht sein Erdgas derzeit zu
den Energiemix diversifizieren.“              werden, die sich in der Atomfrage eigen-      zwei Dritteln vom staatlichen russischen
   Natürlich werde Warschau erneuerbare       sinnig und unbelehrbar zeigen.                Gaskonzern. Und Gazprom verlangt von
Energien fördern, so teuer die auch seien.       Besonders erregen sich die Polen,          den einstigen Verbündeten höhere Preise
Aber das reiche bei weitem nicht aus. Ku-     wenn Deutsche und Russen miteinander          als von den Geschäftspartnern im Westen.
backi versichert, Polen werde das Neueste     paktieren – so wie vor fast sieben Jahren.    500 Dollar muss Warschau derzeit für
vom Neuen an Reaktoren kaufen und             Damals einigten sich Berlin und Moskau        1000 Kubikmeter Gas aus Russland über-
höchste Sicherheitsstandards erfüllen. Er     darauf, eine Erdgas-Pipeline durch die        weisen, der Rest Europas zahlt nur 300.
gibt allerdings zu, dass auch in Polen noch   Ostsee an Polen vorbei zu verlegen.           Dagegen klagt Polen vor einem interna-
niemand weiß, wohin mit dem über Jahr-           Kanzler Gerhard Schröder hielt es          tionalen Schiedsgericht in Stockholm.
tausende strahlenden Atommüll. Und er         nicht einmal für nötig, Warschau zu kon-         „Die Russen behandeln uns einfach im-
räumt ein, dass Umfragen zufolge die Zu-      sultieren. Dass Deutsche sie nun auch         mer noch wie abtrünnige Untertanen“,
stimmung der Polen zur Kernenergie            noch daran hindern wollen, ihre eigenen       sagt Doering, doch sein Unmut richtet
nach Fukushima unter die Marke von 50         Erdgasvorräte zu erschließen, ist aus der     sich nicht nur gen Osten.
Prozent gesunken sei.                         Sicht vieler Polen schlicht eine Frechheit.      Der Gemeindechef dreht sich in Rich-
   Trotzdem sagt er: „An der Atomkraft           Henryk Doering jedenfalls, Gemeinde-       tung Ostsee, wo die deutsch-russische Pipe-
geht kein Weg vorbei.“ Selbst wenn er es      vorsteher im Flecken Krokowa nördlich         line verläuft. Er schlägt sich mit der linken
diplomatisch formuliert, seine Botschaft      von Danzig, versteht die Nachbarn nicht       Hand in die rechte Armbeuge, der Unter-
ist klar: Die Deutschen sollten sich mit      mehr, denen er eigentlich wohlgesinnt ist.    arm schnellt hoch, die Faust ist zornig ge-
Kritik zurückhalten. Schließlich – so sieht   An der Schule hat er gegen den Wider-         ballt. Er sagt: „Wenn wir erst unser Schie-
er das – seien sie auch deshalb so reich,     stand der örtlichen Nationalisten deut-       fergas fördern, könnt ihr uns alle mal.“
weil sie seit 50 Jahren Atomkraft nutzen.     sche Inschriften konservieren lassen: „Die                                       JAN PUHL
Ausland

                                                                                               Die Debatte darüber, wie es nach der
                                                                                            Präsidentenwahl vom 4. März weitergeht,
                                     RUSSLAND                                               wie die Tatsache zu deuten ist, dass Putin
                                                                                            13 Millionen Stimmen mehr erhielt als

                Kampf um Moskau                                                             seine Partei bei der Parlamentswahl im
                                                                                            Dezember, wie Strategie und Taktik im
                                                                                            Kampf gegen den Kreml nun zu wählen
                                                                                            sind – der Streit darüber schüttelt Russ-
    Die Kreml-Gegner demonstrieren weiter. Aber wofür?                                      lands Opposition kräftig durch.
      Darüber ist Streit entbrannt. Das nächste Ziel soll                                      Putin verfolgt das mit Genuss. Seine
                                                                                            Erleichterung, die Meinungshoheit zu-
 heißen: erst einmal die Macht in der Hauptstadt übernehmen.                                rückerlangt zu haben, wurde am Wahl-
                                                                                            abend geradezu physisch spürbar. Sofort


D
         as Gesicht von Sergej Parchomen-     immer nicht klar, wie das wahre Ergebnis      kam wieder der Zyniker in ihm durch –
         ko ist noch rot vom eisigen Wind,    aussieht.                                     und die Verachtung für seine Gegner.
         der durch Moskau weht. Es ist          Parchomenko erzählt von seinem eige-           Die Oppositionellen seien nicht mal
Mittwoch vergangener Woche, zehn Uhr          nen Wahllokal Nr. 149, in das plötzlich       halb so intelligent wie einfache russische
abends, Parchomenko lässt den Tag in ei-      300 Fahrer eines Moskauer Transport-          Arbeiter, erklärte er. Die Proteste hätten
nem Steakhaus am Weißrussischen Bahn-         betriebs mit einer Sondergenehmigung          auch „keinen Bezug zur Wahl“, die Op-
hof ausklingen, dort, wo Moskau schon         zur Abstimmung gekommen seien – ihr           position habe jetzt einfach mal „in der
ein bisschen aussieht wie New York. Es        Direktor war der Chef des Wahllokals –,       Nase gebohrt und entschieden“, dass sie
ist eher eine Bar, Hunderte junge Leute       und wie die fast alle für Putin gestimmt      das Ergebnis entgegen ersten Aussagen
drängeln sich in ihr, das Steak kostet um-    hätten. Oder davon, auf welch wunder-         doch nicht akzeptiere. Er pfiff auch kei-
gerechnet 35 Euro, aber das stört nieman-     same Weise sich in den drei Monaten seit      neswegs den Chef seines Wahlstabs zu-
den. Wer hier sitzt, gehört zum hippen,       der Duma-Wahl die Zahl der Stimmbe-           rück, als der öffentlich vom „ungesunden
aufstrebenden Moskau.                         rechtigten in Russland um 622 551 Men-        Teil“ des russischen Volkes schwadronier-
   Der Publizist Parchomenko ist 48 Jahre     schen erhöhte.                                te, der da immer wieder auf die Straße
alt, er war Chefredakteur mehrerer Ma-          Aber selbst wenn der Kreml bis zu           gehe – ein Begriff, der an Stalins Wort
gazine, dann Verleger, aber er hat den        zehn Prozent der Stimmen gefälscht ha-        von den Volksfeinden erinnerte, die es
Job erst mal beiseitegelegt, er zieht jetzt   ben sollte: Das ändert nichts daran, dass     auch physisch auszumerzen gelte.
in anderer Mission durch die Stadt. Heute     der Sieger dieser Wahl Putin heißt, rein         Der brutale Hinterhof-Jargon, den Pu-
hat er sechs Stunden lang mit den Spitzen     rechnerisch ist sein Sieg legitim. Doch       tin nun wieder benutzt, hatte vergangene
der Moskauer Polizei verhandelt, als Ver-     schon mit dieser These kann Russlands         Woche bei der Montagsdemonstration be-
treter der „Liga der Wähler“.                 Opposition nur schwer leben.                  reits Wirkung gezeigt: Es kamen weniger
   Es ging um die Demonstration der Be-         Das zeigte sich vergangene Woche wäh-       Menschen als sonst. „Die Angst ist wieder
wegung „Für ehrliche Wahlen“ am 10.           rend der ersten Demonstration nach dem        da“, sagt Parchomenko, „viele fürchten,
März, die zweite Großveranstaltung der        Abstimmungstag auf dem Moskauer               dass Putin mit einer neuen Welle der Un-
Kreml-Gegner nach der Präsidentenwahl,        Puschkin-Platz. „Wir müssen der Wahr-         terdrückung auf die Proteste reagiert.“
diesmal auf der Einkaufsmeile Nowy Ar-        heit ins Auge sehen: Putin hat gesiegt“,         Aber das andere Problem ist die Op-
bat. Parchomenko hatte der Stadtregie-        sagte dort Sergej Mitrochin, der Führer       position selbst. Die Leichtigkeit und die
rung die Genehmigung für diesen zentra-       der sozial-liberal orientierten Jabloko-      Ideenfreude, mit der sie im Dezember
len Ort abgerungen, heute ist er mit den      Partei – und wurde dafür ausgepfiffen.        auf die Straße ging, scheinen verloren, an
Polizeioffizieren die Straße abgegangen,
vorbei am Edel-Italiener Wesna, am Pent-
house-Stripclub und am Radiosender
Echo Moskwy, bei dem er freitags eine
eigene Sendung hat.
   Mit der Staatsmacht eine Demo auszu-
handeln, die sich gegen die Staatsmacht
richtet, das ist ein zäher Kampf. Er wird
nicht um Parolen oder Losungen geführt,
sondern darum, wo Metalldetektoren
oder Klohäuschen aufzustellen sind und
wie viele Menschen auf einem Quadrat-
meter stehen dürfen. Exakt zweieinhalb,
nicht mehr, so hat die Polizei Parchomen-
ko beschieden, und sie hat heute erst ein-
mal nur den Bürgersteig freigegeben: 300
Meter lang und 20 Meter breit ist er,
macht 6000 Quadratmeter, also 15 000
Menschen. Erst wenn der 15 001. kommt,
würde die Polizei auch den Verkehr am
Kundgebungsort stoppen. Aber die Pro-
                                                                                                                                     JEREMY NICHOLL / LAIF




testler, die zählt die Polizei.
   Parchomenko und seine Mitstreiter
wollen neue Beweise für die Tricksereien
des Kreml vorlegen. Eine Woche nach
den „saubersten Wahlen in der russischen
Geschichte“ (Putins Stabschef) ist noch       Poizeieinsatz auf dem Moskauer Puschkin-Platz am 5. März: Nur noch radikale Rhetorik

100                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Wie kann eine Opposition, in der Libe-
                                                                                                                     rale neben Linksfrontlern und Rechtsex-
                                                                                                                     tremen stehen, zu einer gemeinsamen
                                                                                                                     Sprache finden? Dass der vergangene
                                                                                                                     Montag in einer Knüppelorgie der Polizei
                                                                                                                     endete, lag auch daran, dass sich Männer
                                                                                                                     wie Nawalny nicht an Absprachen hielten.
                                                                                                                        Viele Oppositionelle sind einander in
                                                                                                                     tiefer Abneigung verbunden, Ex-Präsi-
                                                                                                                     dentschaftskandidat Grigorij Jawlinski
                                                                                                                     und Ex-Vizepremier Boris Nemzow etwa.
                                                                                                                     Nemzow nennt die namhafte Umweltak-
                                                                                                                     tivistin Jewgenija Tschirikowa schon mal
                                                                                                                     „durchgefickt“ und den Schriftsteller Aku-
                                                                                                                     nin einen „Scheißkerl“, weil der nicht sei-
                                                                                                                     ner „Solidarnost“-Bewegung beitrete.
                                                                                                                        Die Situation wird auch dadurch nicht
                                                                                                                     erleichtert, dass sich bei jeder Kundge-
                                                                                                                     bung die soziale Schichtung der Demon-
                                                                                                                     stranten verändert: Immer wieder stoßen
                                                                                                                     neue Gruppen aus der Bevölkerung dazu,
                                                                                                                     andere dagegen kommen nicht mehr. Al-
                                                                                                                     lein die Ankündigung, man wolle im
                                                                                                                     Stadtzentrum ein Zeltstädtchen der Pro-
                                                                                                                     testler errichten, hat viele verschreckt.
                                                                                                                     Denn sofort waren die Bilder vom Regie-
                                                                                                                     rungssturz 2004 in der Ukraine wieder
                                                                                                                     da – im revolutionsgeplagten Russland
                                                                                                                     hat fast jeder vor solchen Wirren Angst.
                                                                                                                        Aber es gebe da doch eine Losung, die
                                                                                                                     zu einer realistischen Leitschnur werden
                                                                                                                     könnte, sagt Publizist Parchomenko
                                                                                                                     durch den Lärm im Steakhaus am Weiß-
                                                                                                                     russischen Bahnhof hindurch: die Losung
                                                                                                                     „Kampf um Moskau“. Die Opposition
                                                                                                                     müsse erst einmal die Hauptstadt erobern.
                                                                                                                        In Moskau haben am 4. März nicht mal
                                                                                                                     47 Prozent für Putin gestimmt, das ist
                                                                                           DAVIDE MONTELEONE / VII




                                                                                                                     weit unter dem Landesdurchschnitt. Als
                                                                                                                     Putin sich 2004 das letzte Mal zur Ab-
                                                                                                                     stimmung stellte, erhielt er auch in der
                                                                                                                     Hauptstadt noch fast 70 Prozent. Nun hof-
                                                                                                                     fen seine Gegner, ihn in Moskau umzin-
Triumphator Putin: Die Proteste haben „keinen Bezug zur Wahl“                                                        geln zu können, in dieser Stadt, die ihn
                                                                                                                     so gar nicht mag und die in Wahlbezirken
ihre Stelle trat radikale Rhetorik – viele   keine neuen Vorschläge, keine neuen For-                                im Zentrum mehrheitlich für den Milliar-
der Kundgebungsredner sanken auf das         men des politischen Kampfes, wird sie an                                där Michail Prochorow stimmte.
Niveau der Putin-Mannschaft herab.           ihre Grenzen stoßen.                                                       Aber wie bitte soll das geschehen?
   Der namhafte Blogger Alexej Nawalny          „Wieder einmal ist der progressive Teil                                 Da die Moskauer Stadtduma nicht
schimpfte Putin einen „Schwanz“. Und         der russischen Gesellschaft dabei, einen                                mehr die politischen Verhältnisse in der
die Journalistin Olga Romanowa rief:         Sieg zu verspielen“, sagt der Musikkriti-                               Metropole widerspiegle, müssten die Ab-
„Die Gefängnisse haben zu 90 Prozent         ker Artjom Troizki. Putin-Gegner wie er                                 geordneten abberufen werden und Ver-
für Putin gestimmt, die Verbrecher wis-      vermissen vor allem Aussagen, wie die                                   treter der Opposition ins Stadtparlament,
sen, wer ihr Pate ist: Putin ab in den       Opposition über die Zukunft des Landes                                  sagt Parchomenko. Das solle dann Pro-
Knast!“ So mancher Moskauer wandte           denkt. Während Putin nach den Dezem-                                    chorow zum Oberbürgermeister wählen,
sich daraufhin von den Protestlern ab.       ber-Demonstrationen das Volk mit einer                                  der selbst zur Machtübernahme in Mos-
„Ich fühlte mich wie in einem paläonto-      Serie programmatischer Artikel bom-                                     kau rät und der mit seinem dritten Platz
logischen Museum: Viele ausgestorbene        bardierte, schwieg die Opposition. Und                                  bei der Präsidentenwahl auch landesweit
Arten des rechten und linken politischen     das, obwohl an ihrer Spitze einige der                                  einen Achtungserfolg errang.
Spektrums waren da zu sehen“, beschwer-      besten Intellektuellen des Landes wie der                                  Aus diesem mächtigen Amt heraus, das
te sich ein junger Aktivist.                 Schriftsteller Boris Akunin stehen oder                                 stets ein politisches war und deswegen
   Es ist ein Irrtum, wenn die radikalen     Männer mit Regierungserfahrung. Ledig-                                  noch immer vom Präsidenten besetzt
Oppositionsführer behaupten, sie brauch-     lich Blogger Nawalny meldete sich mit                                   wird, könnte man den Angriff auf den
ten keine neuen Losungen, die Forderung      einem dilettantischen Artikel über Russ-                                Kreml starten. Auch Boris Jelzin habe im
nach Neuwahlen reiche, notfalls müsse        lands Wirtschaft zu Wort. „Um die Kor-                                  Moskauer Rathaus seinen Kampf gegen
man den Protest eben eskalieren lassen.      ruption zu bekämpfen, brauchen wir kei-                                 Gorbatschow begonnen.
Wenn die Bewegung, die nach der ge-          ne Reformen und keine neuen Gesetze“,                                     „Aber dafür braucht es einen langen
fälschten Duma-Wahl entstand, jetzt          schrieb er, es genüge allein der politische                             Atem“, sagt Parchomenko.
nichts Positives, nichts Konkretes bietet,   Wille.                                                                             CHRISTIAN NEEF, MATTHIAS SCHEPP

                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                    101
MOHAMMED AL-OSTAZ / ZUMAPRESS.COM
Emir Hamad Al Thani (M.) beim Freitagsgebet in Doha: Licht und Erleuchtung für die Gläubigen



                                                           G O L F S TA AT E N




                               Flüssige Diplomatie
        Mit seinem Reichtum, seiner Wendigkeit und seinem Fernsehsender al-Dschasira
               ist Katars Emir Hamad Al Thani zu einem der wichtigsten Politiker
           des Nahen Ostens aufgestiegen. Seine Agenda ist weniger offensichtlich.


D
        as ist sein Platz. Hier unter den    tritte. Ob es die „Konferenz zur Vertei-       reichste Land der Welt, mit einem jähr-
        schweren Lüstern des Ballsaals im    digung Jerusalems“ ist, wie Ende Februar,      lichen Pro-Kopf-Einkommen von 98 000
        Ritz-Carlton, umgeben von Wür-       oder das Versöhnungstreffen zwischen           Dollar. Es wird die Fußball-Weltmeister-
denträgern aus den Nachbarnationen,          den Palästinenserfraktionen im Januar.         schaft 2022 ausrichten und für mindestens
von Delegierten der Uno und der Arabi-       Meist steht am Ende eine „Doha-Dekla-          150 Milliarden Dollar Stadien, Autobah-
schen Liga. Er schnurrt geradezu, als der    ration“, und wieder ist der Name der           nen und eine Metro bauen lassen.
Palästinenserpräsident ihn preist als den,   Hauptstadt von Katar in die Annalen ge-           „Im Namen Gottes …“ Der Emir er-
der „das Öl in die Moschee“ bringe, also     meißelt.                                       hebt sich zum Mittagessen. Eine massige
für Licht und Erleuchtung sorge unter           „Um noch einmal auf das Öl zurück-          Gestalt, wenn auch nicht mehr ganz so
den Gläubigen. Hier ist Seine Hoheit der     zukommen“, sagt Scheich Hamad und              imposant wie damals, als Muammar al-
Emir von Katar, Scheich Hamad Bin Cha-       schildert dann, wie sein Emirat den ab-        Gaddafi auf dem Treffen der Arabischen
lifa Al Thani, ganz er selbst. Oder besser   geriegelten Gaza-Streifen mit Geld und         Liga noch Witze über den Bauch des
noch: ganz, wie er sein möchte.              Lebensmitteln versorgt. Da murmeln sie         Emirs machen konnte. Aber wo ist Gad-
   Der Ölscheich neuen Typs. Der Global      alle zustimmend, die eingeflogenen Ver-        dafi jetzt? Und wo der Emir von Katar?
Player. Der Mittler zwischen Orient und      treter aus Ramallah und dem Jemen, aus            Er steht im Zentrum der Diplomatie
Okzident. Der Herrscher einer „neuen         Marokko und dem neuen Libyen, weil             des Nahen Ostens, dort, wo die Entschei-
Weltmacht“, wie eine französische Zei-       sie wissen, dass sie hier immer Kredit ha-     dungen fallen. Er war es, der in der Ara-
tung neulich über sein kleines Reich         ben werden, im Emirat Katar.                   bischen Liga die entscheidenden Resolu-
schrieb.                                        Eine Halbinsel im Persischen Golf, in       tionen gegen Gaddafi durchbrachte und
   Ernst macht er sich Notizen, das Ge-      den Umrissen Dänemarks, allerdings             so auch den Einsatz der Nato vorantrieb.
sicht mit dem mächtigen Moustache ruht       viermal kleiner und ganz aus Sand. 1949        Er war es, der als Erster dazu aufrief, die
auf dem Polster seines Doppelkinns, der      wurden hier 16 000 Seelen geschätzt, von       syrischen Rebellen mit Waffen zu belie-
Goldsaum des Umhangs scheint vor Wür-        denen gerade 630 mehr als ihren Namen          fern, ja notfalls militärisch einzugreifen,
de zu glimmen. Der Emir liebt diese Auf-     schreiben konnten. Heute ist Katar das         um Baschar al-Assad zu stürzen.
102                                                D E R    S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Ausland

   Ähnliches tat er auch vor Beginn des Brookings Institution in Doha. „Er achtet        Das ist vielen suspekt. Manche vermu-
arabischen Frühlings. Er schickte seine darauf, dass er nie alle Eier in dieselbe ten, der Emir habe eine religiöse Agenda,
Diplomaten los, um zwischen der Regie- Schale legt.“                                   um den sunnitischen Islam zu stärken,
rung des Sudan und den Rebellen in Dar-      Mit seinem Reichtum hat Katar es sich und es ist ihnen unheimlich, wie der
fur zu vermitteln, zwischen Eritrea und in einer Nische der Weltpolitik eingerich- Winzling Katar zur „Eroberung der Welt“
Äthiopien, zwischen den USA und den tet. Der Emir zahlte, als den libyschen („Le Monde“) ansetzt. In Deutschland ist
afghanischen Taliban. Nicht immer war Rebellen das Geld ausging, schickte Waf- die Qatar Investment Authority an Volks-
er so erfolgreich wie 2008, als er den er- fen und „Mirage“-Jets nach Bengasi. Das wagen (17 Prozent), Hochtief (9 Prozent)
neuten Ausbruch eines Bürgerkriegs im neue Ägypten bekam eine halbe Milliar- und Porsche (10 Prozent) beteiligt. Von
Libanon verhinderte. Doch für den Emir de Dollar an Hilfe und die Zusage, zehn der Ukraine bis nach Pakistan und Thai-
und seinen Staat bedeutete jeder diplo- weitere Milliarden zu investieren.             land kauft das Emirat Landwirtschafts-
matische Erfolg ein Stück mehr an Aner-      Eine Gruppe französischer Multikulti- flächen, investiert in Banken, Tourismus
kennung: Ich verhandle, also bin ich.      Kommunalpolitiker schrieb kürzlich an und Immobilien.
   Dohas Diplomatenviertel ist dabei, sich die Botschaft von Katar, der Emir möge        In Frankreich pokert Katar um Anteile
zu einer Art Mini-Weltorganisation zu den Banlieues helfen, den Pariser Vor- am Luftfahrtkonzern EADS und hält sie
entwickeln, wo Gut und Böse                                                                      bereits am Energiekonzern
gleichberechtigt ihre Fahnen                                                                     Suez, der Dexia-Bank sowie der
hissen dürfen. Säkulare Gegner                                                                   Verlagsgruppe Lagardère. Dazu
der somalischen Schabab-Miliz,                                                                   hat sich der Emir den Fußball-
abgewickelte irakische Generä-                                                                   club Paris Saint-Germain ein-
le und ägyptische Muslimbrüder                                                                   gekauft. „Katar besetzt Posi-
fanden hier Zuflucht. Der Emir                                                                   tionen, die gefährlich für unse-
hat die palästinensische Hamas                                                                   re nationale Unabhängigkeit
gedrängt, ihren Sitz von Da-                                                                     sind“, erklärte die rechtsextre-
maskus nach Doha zu verlegen.                                                                    me Präsidentschaftskandidatin
Hamas-Führer Chalid Maschaal                                                                     Marine Le Pen. „Ich sage das in
hat schon einen Wohnsitz hier,                                                                   allem Ernst: Diese Leute sind
und auch die Taliban werden in                                                                   finanzielle Unterstützer von is-
Doha bald eine Vertretung auf-                                                                   lamistischen Fundamentalisten




                                                                                               GETTY IMAGES
machen, ihre erste überhaupt.                                                                    und Scharia-Spinnern.“
   Bald könnten sich im Diplo-                                                                      Stimmt das etwa? Was treibt
matic Club von Doha US-Ge-                                                                       den Emir wirklich an?
neräle von der Air-Force-Basis Skyline von Doha: In die Annalen der Geschichte gemeißelt            Scheich Hamad ist der Pro-
al-Udeid, Hamas-Strategen und                                                                    totyp eines Golf-Monarchen der
schwarzbetuchte Taliban über                                                                     zweiten Generation. Geboren
den Weg laufen. Es wäre die At-                                                                  1952, wuchs er im – noch – be-
mosphäre von „Casablanca“.                                                                       scheidenen Wohlstand einer be-
   Der Allmächtige hat den Mee-                                                                  duinischen Herrscherfamilie auf
resgrund vor diesem Flecken                                                                      und wurde auf die britische Mi-
Sand mit den größten bekannten                                                                   litärakademie Sandhurst ge-
Gasvorkommen des Planeten                                                                        schickt. Mit knapp 20 Jahren
versehen. Und leider auch mit                                                                    kehrte er zurück nach Katar,
zwei großen, verfeindeten Nach-                                                                  das, wie andere Golfstaaten,
barn, Saudi-Arabien und Iran.                                                                    1971 unabhängig wurde, und
Da muss man sich behaupten.                                                                      avancierte dort alsbald zum Ge-
   Jahrelang weigerten sich die                                                                  neralmajor, schließlich zum
                                                                                               HAMID JALAUDIN / AP




Saudis, ihre Grenze zu Katar                                                                     Oberkommandierenden.
vertraglich festzulegen. Der Emir                                                                   Als sein Vater den Palast
sah sich anderweitig nach Bünd-                                                                  nicht räumen wollte, setzte der
nispartnern um und entfaltete                                                                    ehrgeizige Kronprinz ihn ein-
einen diplomatischen Eifer, der Fernsehsender al-Dschasira: Verkünder des Arabischen Frühlings fach ab – was ihm das Herr-
den aller anderen arabischen                                                                     scherhaus der Sauds aus Angst
Staaten in den Schatten stellt: Hamad städten, angesichts „der Vernachlässigung vor eigenen Palastrevolutionen bis heute
überzeugte Washington, ein Hauptquar- durch den französischen Staat“. Katar nicht verziehen hat.
tier des US-Zentralkommandos und eine legte umgehend einen Fonds von 50 Mil-             Geprägt haben Hamad, wie auch die
der größten amerikanischen Luftwaffen- lionen Euro auf.                                fast gleichaltrigen Herrscher von Dubai,
basen nach Katar zu verlegen, lud aber       Über all das berichtet, möglichst live, Abu Dhabi und Bahrain, vor allem drei
gleichzeitig Irans Präsidenten Mahmud der Fernsehsender al-Dschasira. Das ist, Erfahrungen: die trüben Jahre zwischen
Ahmadinedschad zu Arabergipfeln ein.       neben seinen Milliarden, das wichtigste dem Suezkrieg und der arabischen Nie-
   Er bot der Welthandelsorganisation Werkzeug des Emirs Hamad. Al-Dscha- derlage im Sechs-Tage-Krieg, die Herab-
WTO seine Hauptstadt als Tagungsort für sira sendet in Arabisch und Englisch und lassung, welche die urbanen Eliten von
Verhandlungen, die „Doha-Runde“, an, hat jetzt einen eigenen Sender für den Kairo, Beirut und Bagdad ihnen als Be-
er regte freie politische Foren wie die Balkan sowie Programme für Lateiname- duinensöhnen entgegenbrachten – und
„Doha Debates“ an und lud Israelis wie rika und Afrika gestartet.                      der enorme Reichtum, der ihnen nach
die damalige Außenministerin Zipi Livni      Über al-Dschasira verbreitet der ein- der ersten Ölkrise 1973 zuteilwurde.
und den heutigen Präsidenten Schimon flussreiche Prediger Jussuf al-Karadawi,            Der politische Fixstern dieser Genera-
Peres zu Diskussionsrunden ein.            Meisterdenker der Muslimbrüder, seine tion war der ägyptische Volksheld Gamal
   „Der Emir ist der ultimative Realpoli- Botschaften. Scheich Hamad bewundert Abd al-Nasser, der den Arabern zwar kei-
tiker“, sagt Ibrahim Scharkieh von der diesen Mann.                                    nen Triumph über Israel bescherte, aber
                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                      103
Ausland

                                                                                                                                        belassen hätte, suchte er den Beistand
                                                                                                                                        der Türken; als deutlich wurde, dass Riad
                                                                                                                                        den syrischen Diktator Baschar al-Assad
                                                                                                                                        stürzen wollte, belebte er die Achse mit
                                                                                                                                        Saudi-Arabien wieder.
                                                                                                                                           Die Bündnispolitik des Emirs würde
                                                                                                                                        einem Bismarck oder Talleyrand zur Ehre
                                                                                                                                        gereichen. Man könnte ihn einen Meister
                                                                                                                                        der flüssigen Diplomatie nennen.
                                                                                                                                           Oder prinzipienlos. Denn bei all seiner
                                                                                                                                        revolutionären Pose ist Katar beileibe
                                                                                                                                        kein Musterland der Demokratie. Die Be-
                                                                                                                                        ratende Versammlung wird vom Emir er-




                                                                                                                XINHUA / ACTION PRESS
                                                                                                                                        nannt und hat noch weniger Einfluss als
                                                                                                                                        die saudi-arabische. Das seit Jahren ver-
                                                                                                                                        sprochene erweiterte Wahlrecht lässt auf
                                                                                                                                        sich warten. Amnesty International spricht
                                                                                                                                        von Auspeitschungen und der Ausbeu-
Nato-Angriff auf Tripolis im Juni 2011: „Aggressivere Außenpolitik“                                                                     tung ausländischer Arbeitsmigranten. Der
                                                                                                                                        strenge Islam wahhabitischer Prägung ist
ein Gefühl von Selbstwert verlieh. Mit         Rachid al-Ghannouchi, Tunesiens neuer                                                    auch in Katar Staatsreligion.
Nassers sozialistischen Ideen konnten die      starker Mann. Katars Herrscher sieht sich                                                   Über die Niederschlagung der Protest-
Fürstensöhne nichts anfangen. Sie über-        ohnehin an der Spitze der „Arabellion“.                                                  bewegung im Königreich Bahrain, an der
nahmen seinen arabischen Nationalis-           Zum ersten Jahrestag der tunesischen Re-                                                 sich auch Katar beteiligte, wurde von al-
mus, aber Nasseristen wurden sie nie.          volution hielt Hamad in Tunis eine Rede,                                                 Dschasira erst gar nicht berichtet.
   Mit Nassers Erben, Männern wie Mu-          die klang, als hätte er selbst am Aufstand                                                  Zuletzt ist Scheich Hamad in seiner
ammar al-Gaddafi, Saddam Hussein oder          teilgenommen. Die Revolution müsse                                                       neuen Rolle allerdings an Grenzen ge-
dem syrischen Diktator Hafis al-Assad,         weitergehen, sagte er, er sei bereit, Trup-                                              stoßen. Dem Übergangsrat in Tripolis
dem Vater des heutigen Machthabers,            pen nach Syrien zu schicken, „um das                                                     scheint die Präsenz des Emirs inzwischen
verband sie tiefe Abneigung. Die Dikta-        Morden zu beenden.“                                                                      unheimlich zu werden: „Unsere Brüder
toren, die sich in Tripolis, Bagdad und           Katars Allianzen aber wechseln von                                                    aus Katar haben uns geholfen. Aber ich
Damaskus an die Macht putschten, galten        Land zu Land und von Krise zu Krise. In                                                  fürchte, Katar wird das gleiche Schicksal
ihnen als Usurpatoren, und das, was sie        Libyen kooperierte er mit Saudi-Arabien,                                                 treffen wie Libyen wegen Gaddafis Groß-
aus Libyen, Irak und Syrien machten, als       um den gemeinsamen Gegner Gaddafi                                                        mannssucht“, sagte Libyens Uno-Vertre-
ein Ausverkauf wahren Arabertums.              loszuwerden; als er bemerkte, dass der                                                   ter Abd al-Rahman Schalgham.
   Der Wunsch, dieses in den Stammes-          König von Saudi-Arabien weniger ent-                                                        Im Südlibanon wurde der Emir wie ein
traditionen der Arabischen Halbinsel           schlossen war als er selbst, Jemens da-                                                  Held von der Hisbollah empfangen, weil
verwurzelte Arabertum wiederzubele-            maligen Präsidenten Ali Abdullah Salih                                                   er nach dem Krieg 2006 beim Wiederauf-
ben, ist eines der stärksten Motive hinter     zum Rückzug zu bewegen, verließ er die                                                   bau der Städte geholfen hat. Das ist vor-
dem politischen Aktivismus des Emirs.          Verhandlungen und überließ es Washing-                                                   bei: „Seit er sich gegen Assad gestellt hat,
Dieser Wunsch habe auch hinter der             ton, die Saudis unter Druck zu setzen.                                                   ist der Emir im Libanon und in Syrien
Gründung des Nachrichtenkanals al-                Als er erkannte, dass Saudi-Arabien                                                   zur Unperson geworden, mitsamt seinem
Dschasira gestanden, sagt der Palästinen-      Ägyptens Mubarak lieber an der Macht                                                     Dschasira-Sender“, meint ein deutscher
ser Ahmed Scheich, einer der ersten Mit-                                                                                                Beobachter in Damaskus.
arbeiter und späterer Chefredakteur des                                                             IRAN
                                                                                                                                           Der Golf-Experte der Konrad-Ade-
Senders.                                         KUWAIT                  IRAN                                                           nauer-Stiftung, Thomas Birringer, ver-
   Mit dem arabischen Frühling hat sich                 Persischer                    SAUDI-                                            gleicht Katar mit – „Luxemburg. Ein-
die Rolle des Emirs verändert. Vom Ver-                    Golf                       ARABIEN                                           schließlich RTL und Jean-Claude Juncker.
mittler ist er zum politischen Akteur ge-        SAUDI-                                                                                 Aber ein starker Fernsehsender und ein
worden. „Katar hat eine aggressivere und         ARABIEN                                                                                eifriger Diplomat machen aus einem
möglicherweise riskantere Außenpolitik                     Gasfeld                                                                      Kleinststaat noch keine Führungsmacht“.
angenommen“, schreibt die ehemalige              BAHRAIN                                                                                   Neue Weltmacht? Eher ein Weltmächt-
Irak-Beauftragte von George W. Bush,                                       K ATAR                                                       le. Auch Katars Staatsfonds ist in absolu-
                                                     al-Udeid            Doha
Meghan O’Sullivan.                                                                                                                      ten Zahlen kleiner als etwa der der Ver-
                                                   (Militärbasis)                   Abu Dhabi
   Jetzt bewährten sich die Freundschaf-                                                                                                einigten Arabischen Emirate. Der Emir
ten des Emirs – darunter die zum liby-                                                                                                  hat keine Divisionen. Seine Armee be-
                                                                             VER. ARAB.
schen Scheich Ali al-Salabi, der islamis-                                                                                               steht zum großen Teil aus Söldnern. Als
                                                   200 km                    EMIRATE
tische Netzwerke im Osten des Landes                                                             OMAN                                   Katar seine „Mirage“-Piloten nach Li-
zum Sturz Gaddafis mobilisierte. Die                                                                                                    byen schickte, wurden sie von amerika-
Aufstände in Tunesien, Libyen, Ägypten                                                                                                  nischen und französischen Kampffliegern
fanden ihren visuellen Ausdruck auf al-          Einwohner                           ca. 1,7 Millionen                                  begleitet, damit ihnen nichts passiert.
Dschasira, der Sender lieferte die Ikonen.       davon Katarer                                ca. 15 %                                     Militärisch kann Katar also wenig in
Tagelang wurde live vom Tahrir-Platz be-         BIP pro Kopf, 2011                    98000 Dollar                                     die Waagschale werfen, und realpolitisch
richtet.                                                                                                                                ist das Emirat deswegen eher ein Leicht-
                                                 zum Vergleich Deutschland                  44 600 Dollar
   An den Checkpoints in Libyen weht                                                                                                    gewicht. Aber vielleicht kommt es dem
die Fahne Katars noch heute gleichbe-            Anteil des Öl- und Gas-                                                                Emir darauf gar nicht an. Vielleicht reicht
rechtigt neben der eigenen. „Wir erwar-          sektors am BIP, 2010                       rund   56 %                                 es ihm ja, dass die Schwergewichte seine
ten nur Gutes von Katar. Es ist ein wahrer                                  Quellen: IWF; Qatar National Bank
                                                                                                                                        Freunde sind.
Partner im arabischen Frühling“, erklärte                                                                                                     ALEXANDER SMOLTCZYK, BERNHARD ZAND

104                                                    D E R        S P I E G E L    1 1 / 2 0 1 2
Ausland




        DUBLIN
                            Neue Heimat Saskatchewan
                                         In Dublin hat eine Auswanderermesse so viel Erfolg,
                            GLOBAL VILLAGE:
                            dass es den Veranstaltern peinlich ist.


A
         lles ging so schnell, da haben Bar- an Hebammen vorbei, Radiologieassis-           tionen steigen, und der leergefegte Ar-
         ry Boyle und seine Freundin, bei- tenten an Bergbauingenieuren, Zahntech-          beitsmarkt giert nach gutausgebildeten
         de aus Dublin, gar nicht richtig niker an Fliesenlegern, alle englischspra-        Einwanderern.
mitbekommen, wohin es sie nun eigent- chig, alle arbeitslos, unzufrieden oder                  „Wir brauchen Ihre Zeit, Ihr Talent, Ihre
lich verschlagen hat. „Nach Tirnum oder zumindest skeptisch gegenüber ihrer                 Energie, Ihre Fähigkeiten“, rief Wall in den
so“, jubelt Tania Borne, 35. „Nach Ti- Zukunft in Irland – oder in Europa.                  Saal – wo sich sogleich überwältigte Stille
maro“, sagt Boyle, 37, stolz. „Oder Ti-          Und sie trafen auf Menschen wie Brad       breitmachte. In Irland herrscht derzeit eine
mari?“                                         Wall. „Ich weiß, was Sie durchmachen“,       Arbeitslosenquote von 15 Prozent.
   Egal. Auf jeden Fall liegt beider Zuhau- rief Wall, 46, ihnen vom Rednerpult zu.            Immerhin 27 Arbeitgeber aus Saskat-
se künftig am anderen Ende der Welt: in Langzeitarbeitslosigkeit oder Emigra -              chewan sind ihrem Premier nach Dublin
Neuseeland. Was sie dort erwartet, wissen tion, dazwischen müssten sie sich ent-            gefolgt. Rund 500 Stellen konnten sie an
sie nicht, „aber alles ist besser als Irland“, scheiden. „Ich will Ihnen sagen, dass Sas-   Ort und Stelle vergeben, vom Schweißer
glaubt Boyle. Kinder will                                                                                     bis zum Intensivpfleger,
er da haben, Hunde, ein                                                                                       mehr Jobs noch gibt es
dickes Auto – und vor al-                                                                                     in naher Zukunft. Ho-
lem: „keine finanziellen                                                                                      ward Tierney, 35, ist
Sorgen mehr“.                                                                                                 nach langer Arbeitslosig-
   Seit 20 Jahren arbeitet                                                                                    keit vor 18 Monaten in
Boyle als Koch, lange                                                                                         Saskatchewans Haupt-
richtete er Traumbuffets                                                                                      stadt Regina ausgewan-
an Bord von Kreuzfahrt-                                                                                       dert. „Ich war noch nie
schiffen an. Aber sein                                                                                        glücklicher“, berichtete
Job ist mies bezahlt, und                                                                                     der Zimmermann jetzt
außerdem nimmt ihm                                                                                            seinen Landsleuten. „Es
die am Staatsbankrott                                                                                         gibt überall Arbeit.“ Sei-
entlangschrammende Re-                                                                                        ne Frau Sinéad, 40,
                                                                                                    LAURA HUTTON/PHOTOCALL IRELAND
gierung spürbar steigen-                                                                                      stimmte zu. Die beiden
de Steuern und Abga-                                                                                          kaufen bereits ihr erstes
ben ab. Krise, Frust und                                                                                      Haus.
Angst trieben ihn und                                                                                            Obwohl sich Irland
mehr als 12 000 weitere                                                                                       mühsam aus der Schul-
Iren jetzt auf die größte                                                                                     denfalle zu befreien
Auswanderermesse, die                                                                                         scheint, werden rund
Dublin je gesehen hat.               Auswanderer Borne, Boyle: „Nach Tirnum oder so“                          50 000 Iren in diesem
   Für Boyle hat sich das                                                                                     Jahr die grüne Insel ver-
Gedränge gelohnt: Zu-                                                                                         lassen, mehr als ein Pro-
erst steuerte er den Stand                                                                                    zent der Bevölkerung,
des australischen Northern Territory an, katchewan für Sie eine hervorragende               genau wie 2011. Ein Ende der Auswan-
dann einen von Neuseeland, schon war Wahl ist.“                                             derungswelle ist nicht absehbar. Wieder,
alles klar. In nur vier Wochen soll Boyle        Wall ist der Premierminister dieser zen-   wie im 19. Jahrhundert, wie in den fünf-
in der Hafenstadt Timaru in der Küche tralkanadischen Provinz. Die Krise, die               ziger und achtziger Jahren des 20. Jahr-
eines neuen Restaurants loslegen, zu ei- den großen Rest der Welt so fest im Griff          hunderts, zerreißt die Massenemigration
nem Jahresgehalt von umgerechnet 32 500 hat, ist bei ihm in der Prärie längst ver-          ganze Familien.
Euro. „Wir werden leben wie König und wunden. China und Indien brauchen, was                   Keira Murphy, 25, zählt zu jener Mehr-
Königin“, sagt der Instant-Emigrant.           Saskatchewan in Hülle und Fülle zu bie-      heit, die leer ausgegangen ist auf Dublins
   Die meisten anderen jedoch empfan- ten hat: Agrarprodukte wie Weizen, Erb-               Auswanderermesse. Nach vier Jahren
den die „Working Abroad Expo 2012“ sen oder Linsen und Bodenschätze wie                     Uni unterrichtet sie Englisch für Auslän-
mehr als Tragödie denn als Triumph. Öl, Gas, Uran oder Kalisalz. Der Boom,                  der – nichts, wonach es Kanada, Austra-
Selbst der Veranstalter, die kleine irische verspricht er, währe mindestens noch            lien, Neuseeland oder auch Irland gelüs-
Firma SGMC, hielt den Ansturm der In- eine Generation.                                      tet. Sie muss weg. Doch wohin?
teressenten für bedrückend: „So ein An-          Der Politiker Wall ist deutlich glück-        „Ich gehe wohl nach China zurück“,
blick tut einfach weh“, sagte ein Manager. licher dran als der irische Premier Enda         sagt die junge Frau tapfer. Südlich von
Tausende standen stundenlang Schlange, Kenny. Seit fünf Jahren wächst Saskat-               Peking hat sie gerade über ein Jahr lang
nicht wenige rausgeputzt im Sonntags- chewan so kräftig, also genauso lange,                gearbeitet. Dort könnte sie sofort wieder
anzug; es war so voll, dass Hunderte abge- wie Irland, der einstige keltische Tiger,        anfangen, aber sie fühlt sich da nicht zu
wiesen werden mussten.                         mit der Krise zu kämpfen hat. In Walls       Hause. „Chinesen wissen nicht einmal“,
   Drinnen in der Messehalle schoben sich Paralleluniversum schmelzen Staatsschul-          sagt sie, „wo Irland liegt.“
dicht an dicht erfahrene Industriemetzger den und Steuersätze dahin, die Investi-                                                    MARCO EVERS

108                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Szene                                                                                                                                                    Sport
                                                                                                                                                  FUSSBALL


                                                                                                                                      Studium für Manager
                                                                                                                                    Brauchen Deutschlands Fußballmana-
                                                                                                                                    ger Ausbildungsstandards? Trainer
                                                                                                                                    müssen eine Lizenz vorweisen, die
                                                                                                                                    Sportdirektoren und -manager der
                                                                                                                                    Bundesliga nicht. Als Oliver Bierhoff,
                                                                                                                                    Teammanager der Nationalelf, jetzt
                                                                                                                                    ein Managerzertifikat und die Zusam-
                                                                                                                                    menarbeit mit einer Universität vor-
                                                                                                                                    schlug, löste das eine Debatte aus. Als
                                                                                                                                    Anmaßung empfand Liga-Chef Chris-
                                                                                                                                    tian Seifert, dass jemand vom DFB die
                                                                                                                                    Manager der Bundesliga-Clubs ausbil-
                                                                                                                                    den wolle, da sei die Liga zuständig.
                                                                                                                                    Einige Bundesliga-Manager verwiesen
                                                                                                                                    auf unterschied-
                                                                                                                                    liche Anforde-
                                                                                                                                    rungsprofile der
                                                                                                                                    Clubs. Nun bietet




                                                                                                                                                        JOERN POLLEX / BONGARTS / GETTY IMAGES
                                                                                                                                    die private Fach-
                                                                                                                                    hochschule für
                                                                                                                                    angewandtes Ma-
                                                                                                                                    nagement in Er-
                                                                                                                                    ding eine berufs-
ACTION PLUS / IMAGO




                                                                                                                                    begleitende Maß-
                                                                                                                                    nahme über zehn
                                                                                                                         Hausding   Monate für ehe-                Bierhoff
                                                                                                                                    malige Fußball-
                                                                                                                                    profis und Funk-
                                                                     WA S S E R S P R I N G E N
                                                                                                                                    tionäre an. Zu erwerben ist ein Hoch-
                                                                                                                                    schulzertifikat „Soccermanager“, das
                                                                                                                                    Programm mit nur zehn Präsenztagen
                                                                     Im Tunnel                                                      läuft derzeit das zweite Mal. Die Teil-
                                                                                                                                    nehmer, darunter der frühere Bundes-
                                                                                                                                    liga-Profi Markus Schroth, nutzen fürs
                                                      Der Turmspringer Patrick     hüpfe gern ins kalte Wasser und du-              Seminar Räume des DFB in Frankfurt
                                                      Hausding, 23, über ein-      sche heiß, wegen der Durchblutung.               am Main; Bierhoff hat sich dort bereits
                      KOPATSCH / DAPD




                                                      geschränkte Bewegungs-       Das war alles nicht möglich. Wir konn-           über die Lehrinhalte informiert. Die
                                                      freiheit bei den Olympi-     ten auch den Wettkampf nicht verfol-             Lehrgangsgebühr beträgt 4800 Euro.
                                                      schen Spielen in London      gen. Dabei ist es wichtig zu wissen,             Zu den Referenten gehört der Luxem-
                                                                                   was die Konkurrenz macht. Bei Olym-              burger Anwalt Michael Becker, der
                                        SPIEGEL: Kürzlich starteten Sie beim       pia in Peking konnten wir uns noch               auch als Spielerberater arbeitet, unter
                                        Weltcup der Wasserspringer im neuen        frei bewegen.                                    anderem für Michael Ballack. Der gilt
                                        Aquatics Centre in London. Der Wett-       SPIEGEL: Hat sich jemand beschwert?              seit seiner Amtsenthebung als Kapitän
                                        bewerb war die Generalprobe für            Hausding: Springer und Trainer aus an-           der Nationalmannschaft nicht als DFB-
                                        Olympia, wie fällt Ihr Fazit aus?          deren Nationen sind zu den Ordnern               Freund.
                                        Hausding: Die Wettkämpfe waren per-        gegangen und haben gesagt, dass die
                                        fekt organisiert, etwas zu perfekt viel-   Regeln lächerlich seien. Doch die Ord-
                                        leicht. Es gab strenge Regeln für uns      ner blieben hart. Beim Vorkampf vom
                                        Springer. Wir mussten während des          Dreimeterbrett starteten 60 Männer,               ZITAT
                                        Wettbewerbs in einer Art Tunnel unter      alle hockten in dem Tunnel wie beim
                                        der Zuschauertribüne sitzen, durften       Arzt im Wartezimmer.
                                        nur für unseren Sprung herauskom-          SPIEGEL: Haben Sie von den Organisa-             „Hättest du was Ge-
                                        men. Danach sollten wir sofort wieder      toren eine Erklärung bekommen?
                                        in diesem Gang verschwinden. Das           Hausding: Vor dem Weltcup wurden un-
                                                                                                                                     scheites gelernt,
                                        habe ich noch nie erlebt.
                                        SPIEGEL: Inwiefern hat Sie diese Vor-
                                                                                   sere Trainer informiert, dass es hohe
                                                                                   Sicherheitsvorkehrungen geben werde.
                                                                                                                                     wärst du auch Fußball-
                                        schrift denn beeinträchtigt?               Ich denke nicht, dass solche Regeln mit           profi geworden.“
                                        Hausding: Zwischen den Versuchen ha-       der Angst vor Attentaten zu erklären
                                        ben manche Athleten feste Rituale.         sind. Es geht wohl eher darum, dass              Ex-Profi Mario Basler, 43, heute Trai-
                                        Manche gehen in die Erwärmungs-            beim Wettkampf alles ordentlich und              ner von Rot-Weiß Oberhausen, in ei-
                                        halle, springen auf dem Trampolin. Ich     aufgeräumt aussehen soll.                        ner TV-Talkrunde mit Fans auf Sport1


                                                                                          D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                      111
Sport


                                                                                           SPI EGEL-GESPRÄCH




                                              „Schnauze!“
  Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, 44, über bohrende Fragen im Meister-
     schaftsrennen, laute Ansprachen in der Kabine und sein Verhältnis zu Gott
SPIEGEL: Herr Klopp, Sie sind ein emotio-
naler Trainer. Wie lange dauert es, bis
Sie sich nach einem Spiel beruhigen?
Klopp: Ein Spiel zu verarbeiten, das geht
eigentlich recht zügig. Das ist vor dem
Einschlafen erledigt. Das Bewusste. Wie
es im Unterbewusstsein aussieht, kann
ich nicht sagen. Ich schlafe, ehrlich gesagt,
immer gut. Meine Frau sagt zwar manch-
mal, ich sei ein bisschen unruhig gewesen,
aber das bekomme ich ja nicht mit.
SPIEGEL: Und wie sieht dann der nächste
Tag aus? Liegen Sie mit leerem Kopf zu
Hause auf der Couch?
Klopp: Och, weiß nicht, leer im Kopf? Das
perfekte Wochenende sieht so aus: frei-
tags gewinnen, samstags Bundesliga gu-
cken, sonntags zweite Liga gucken. Ich
würde jetzt nicht sagen, dass ich dabei
besonders voll bin im Kopf.
SPIEGEL: Legen Sie nie eine Pause vom
Fußball ein?
Klopp: Doch.
SPIEGEL: Und was machen Sie dann?
Klopp: Ja – nichts. Lesen. Schlafen. Mit
meiner Familie zusammen sein. Wir re-
den, wir spielen. Wir haben einen Hund.
                                                      DEFODI.DE




Wir gehen spazieren. Ich brauche keine
Drogen. Keinen Alkohol. Keine wilden
Partys. Ich verbringe ganz normal meine
Zeit, wie ihr das auch macht. Hoffe ich
wenigstens. Ich würde es euch gönnen.
SPIEGEL: Sie sind ein gläubiger Mensch.
Gehen Sie sonntags in die Kirche?
Klopp: Seit ich drüber nachdenke, bin ich
gläubig. Bei den meisten Menschen ist es
ja anders: Wenn sie anfangen zu denken,
sind sie es nicht mehr. Ich suche aber kei-
nen Trost in meinem Glauben. Das wäre
peinlich, dafür ist mein Leben zu gut.
Glaube ist ein ständiger Wegbegleiter für
mich, es ist nicht so, dass ich ihn in be-
stimmten Momenten besonders brauche.
Meine Probleme kriege ich schon selbst
geregelt. Ich bitte Gott auch nicht um Bei-
stand für den BVB – das geht gar nicht.
SPIEGEL: Manchmal springen Sie vor der
                                                      FRANK AUGSTEIN / DDP IMAGES / DAPD




Trainerbank herum wie ein Verrückter.
Macht sich dann der Druck Luft, den Sie
spüren?
Klopp: Ich spüre keinen Druck.
SPIEGEL: Schon klar.

Das Gespräch führten die Redakteure Maik Große-
kathöfer und Gerhard Pfeil.

112           D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Klopp: Ich spüre nur den Druck, den man     mer, wollt ihr deutscher Meister werden,                                   Jungs sein lassen, kann ihnen ganz viel
sich eben macht, wenn man ein Fußball-      die ist so doof. Das will doch jeder. Mich                                 Vertrauen entgegenbringen. Ich weiß,
spiel gewinnen will. Seit meinem fünften    interessiert nur, wie wir den nächsten                                     dass ich das, was ich mache, kann. An
Lebensjahr ist das so. Wenn ich mit dem     Gegner schnappen können. Idealerweise                                      jedem Ort der Welt. Meine Leidenschaft
Fahrrad zum Spiel gefahren bin, wollte      überlässt man ihm vor dem Spiel keine                                      stimmt, mein Wille stimmt, mein Know-
ich unbedingt gewinnen.                     Vorteile durch blöde Bemerkungen. Die                                      how, mein Einsatz. Alles ist da.
SPIEGEL: Aber nun sind Sie der Trainer      können uns alle hypen, wie sie wollen.                                     SPIEGEL: An Selbstbewusstsein mangelt es
des amtierenden deutschen Meisters, und     Wir kicken einfach weiter.                                                 Ihnen nicht, oder?
alle erwarten, dass Sie wieder den Titel    SPIEGEL: Sie waren Profi-Fußballer. Wäre                                   Klopp: Es gibt Menschen, die sich beschis-
holen.                                      der Spieler Klopp mit dem Trainer Klopp                                    sener finden als ich mich.
Klopp: Da sage ich: Ist mir wurscht. Und    klargekommen?                                                              SPIEGEL: Woher kommt Ihr Talent zum
heißt es, wir seien fast unschlagbar, da    Klopp: Gut sogar. Ich denke, ich bin ein                                   Schnellredner, zur Rampensau?
sage ich: Schnauze! Diese Frage jetzt im-   relativ angenehmer Chef. Ich kann meine                                    Klopp: Ich war schon immer laut. Ein biss-
                                                                                                                       chen ein Klassenkasper. Ich war auch
                                                                                                                       Schulsprecher. Das hatte wohl damit zu
                                                                                                                       tun, dass ich ein guter Sportler war, der
                                                                                                                       klassische Fall. Ich war auch kein richtiges
                                                                                                                       Arschloch. Und nicht richtig dumm. Es
                                                                                                                       war für mich nie ein Problem, vorn zu
                                                                                                                       stehen. Aber dass ich dahin wollte – das
                                                                                                                       war nie so. Die Leute denken, ich hätte
                                                                                                                       ein riesiges Sendungsbewusstsein. Stimmt
                                                                                                                       gar nicht. Da können 30 Menschen zu-
                                                                                                                       sammenstehen, 29 reden, und ich höre
                                                                                                                       zu, stundenlang. Da fühle ich mich pu-
                                                                                                                       delwohl. Aber wenn ich der Einzige bin,
                                                                                                                       der quatscht, dann ist es mir völlig egal,
                                                                                                                       ob 29 zuhören oder eine Million. Dass
                                                                                                                       ich das kann, ist Zufall.
                                                                                                                       SPIEGEL: Was muss ein Spieler haben, da-
                                                                                                                       mit Sie ihn nach Dortmund holen?
                                                                                                                       Klopp: Talent, klar. Aber wir sind in der
                                                                                                                       Woche acht-, neunmal zusammen, auf
                                                                                                                       relativ engem Raum, und da einen Voll-
                                                                                                                       idioten dabeizuhaben, nur weil er ein biss-
                                                                                                                       chen besser kicken kann, halte ich für total
                                                                                                                       lästig. Wir sind eine homogene Truppe.
                                                                                         LARS BARON / GETTY IMAGES




                                                                                                                       Haben nicht wahnsinnig viele Leute dabei,
                                                                                                                       die nebenher Expressionisten sammeln,
                                                                                                                       bei uns sind alle ähnlich gestrickt. Das ist
                                                                                                                       eine gute Basis. Und dann verhält man
                                                                                                                       sich eben so, wie es sein muss: Man ist
                                                                                                                       freundlich, man ist nett, man ist höflich.
                                                                                                                       Auch mal flapsig. Witzig. Und ich treffe
                                                                                                                       die Entscheidungen.
                                                                                                                       SPIEGEL: Sind Sie autoritär?
                                                                                                                       Klopp: Man kann sich streiten, auch mal
                                                                                                                       anmachen. Aber wenn sich ein Spieler
                                                                                                                       zu wichtig nimmt, haue ich dazwischen.
                                                                                                                       SPIEGEL: Wie?
                                                                                                                       Klopp: Entweder ich schnapp mir den Be-
                                                                                                                       treffenden allein. Oder ich lasse ihn vor
                                                                                                                       der Mannschaft auflaufen.
                                                                                                                       SPIEGEL: Auflaufen?
                                                                                                                       Klopp: Na ja, ich sprech ihn vor allen an-
                                                                                                                       deren an: „Hey, wie hast du denn das ge-
                                                                                                                       meint, was du da in der Presse über die
                                                                                                                       Mannschaft gesagt hast? War ja ein ziem-
                                                                                                                       lich großer Bericht in der Zeitung. Ich
                                                                                                                       hab das aber alles nicht richtig kapiert.
                                                                                         MARTIN ROSE / GETTY IMAGES




                                                                                                                       Sag es uns doch noch mal schnell, damit
                                                                                                                       wir das auch verstehen.“ Da ist dann
                                                                                                                       schnell Ruhe.
                                                                                                                       SPIEGEL: Man sollte sich besser nicht mit
                                                                                                                       Ihnen anlegen?
                                                                                                                       Klopp: Anlegen ist ganz schlecht.

                                                                                                                      Trainer Klopp, Dortmunder Spieler
                                                                                                                      „Es geht nicht um die Weltherrschaft“
                                                                                                                                                               113
Sport

SPIEGEL: Wie reagieren Sie, wenn ein Spie-    Klopp: Nein.                                                         SPIEGEL: Finden Sie? Für Marco Reus hat
ler in der Halbzeitpause zu Ihnen sagt:       SPIEGEL: Götze ist Ihr talentiertester Spie-                         Ihr Verein 17 Millionen bezahlt, damit er
„Trainer, wir müssen umstellen, sonst         ler, er leidet an einer Schambeinverlet-                             zum BVB geht und nicht nach München.
wird das heute nichts mehr.“                  zung. Das ist eine langwierige, unange-                              Klopp: Weil es eine schöne Geschichte ist.
Klopp: Wenn mir einer so kommt, erlaube       nehme Sache. Haben Sie ihn verheizt?                                 Marco ist Dortmunder! Er hat beim BVB
ich mir schon zu sagen: „Entschuldigung,      Klopp: Mario ist durch seinen Laufstil ein                           in der Jugend gespielt. Dann sehe ich,
wer bist du denn? Halt mal die Klappe,        bisschen anfälliger. Er hatte auch als Ju-                           wie er auf dem Platz auftritt, ich sehe sei-
bitte!“                                       gendspieler manchmal Leisten- und Ad-                                ne Mimik. Sehe, wie er mit Fehlentschei-
SPIEGEL: Sie diskutieren nicht gern?          duktorenverletzungen. Das ist alles.                                 dungen umgeht. Sehe, wie er sich ein-
Klopp: Mein Trainerteam ist das beste, das    SPIEGEL: Warum ist der BVB in der Cham-                              bringt, wie er kämpft, beißt, sich quält.
ich mir vorstellen kann, wir machen uns       pions League in der Gruppenphase aus-                                Als er mir schließlich gegenübersaß, er-
die ganze Woche Gedanken darüber, wie         geschieden?                                                          gab sich ein rundes Bild.
wir spielen. Das heißt: Wenn es zu einer      Klopp: Wir haben nicht das gemacht, was                              SPIEGEL: Worüber haben Sie beim Vorstel-
Planänderung käme, dann würden wir            notwendig war, sondern das, was wir geil                             lungsgespräch mit ihm gesprochen?
die festlegen. Wenn ein Spieler eine spon-    fanden.                                                              Klopp: Auf dem Platz sehe ich, was ich se-
tane Idee hat, kann die nicht die gleiche     SPIEGEL: Können Sie das erklären?                                    hen will. Jetzt geht es darum, ob ich höre,
Substanz haben. Mir ist die Sache viel zu     Klopp: Wir dachten, okay, Champions                                  was ich hören will. Wo kommst du her?
ernst, ich lasse sie mir nicht durch un-      League, tausendmal gesehen, nie dabei                                Wie war das, als du vor fünf Jahren von
qualifizierte Einwürfe kaputtmachen.          gewesen. Jetzt läuft für uns auch mal die                            Dortmund nach Ahlen gegangen bist?
SPIEGEL: Gibt es Geldstrafen bei Ihnen?       Musik. Jetzt zeigen wir, wie man richtig                             Welcher Idiot hat damals …? Ich wollte
Klopp: Manchmal. Aber immer angemes-          Fußball spielt. Haben wir auch probiert.                             wissen, welches Gefühl ihn hierhertreibt.
sen. Einem jungen Spieler, der noch nicht     War cool. Doch dann hat es wumm ge-                                  Es gab ja viele Möglichkeiten für ihn.
so viel verdient, dem haue ich gefühlt        macht. Das haben wir so nicht erwartet.                              SPIEGEL: Sie mussten ihn nicht überzeu-
hinter die Löffel, wenn er mal das Trai-      SPIEGEL: Was denn?                                                   gen?
ning verschlafen hat. Wenn einer ver-                                                                              Klopp: Wir hätten viel falsch machen müs-
pennt, der 32 Jahre alt ist und schon mal                                                                          sen, damit es schiefgeht. Bei Reus war
Kapitän war, dann zahlt der mehr. Aber                                                                             der Vater dabei. Das ist immer gut, wenn
ich verpacke das dann eher lustig: So, Jun-                                                                        der Papa mitkommt. Dann entscheidet
ge, jetzt gehen wir alle auf deine Kosten                                                                          sich der Spieler immer für uns. Am Ende
essen, weil du so blöd bist.                                                                                       des Gesprächs gehen wir einen Deal ein:
SPIEGEL: Arbeiten Sie an der Persönlich-                                                                           Alles, was bisher war, war gut, aber ab
keit Ihrer Spieler?                                                                                                jetzt will ich mehr.
Klopp: Wie könnte das aussehen?                                                                                    SPIEGEL: Woran orientiert sich der Trainer
SPIEGEL: Lies doch mal ein Buch. Geh mal                                                                           Jürgen Klopp? An Real Madrid? An Bar-
ins Theater. Guck über den Tellerrand.                                                                             celona?
Klopp: Ich habe zwei Söhne im Fußballer-                                                                           Klopp: Pep Guardiola, Barcelonas Trainer,
alter. Der eine liest gern, der andere                                                                             ist der Größte. Ich darf noch viele, viele
nicht. Beide sind Supertypen. Beide kom-                                                                           Jahre nicht in Zusammenhang mit seinem
men zurecht. Und ich habe keinem ge-                                                                               Namen genannt werden. Und wenn Bar-
sagt: Lies doch mal. So halte ich es auch                                                                          ça gegen Real spielt, dann sitzen wir vor
                                                                                             MARCUS BRANDT / DPA




mit meinen Spielern. Ich will nur, dass                                                                            dem Laptop und gucken den Livestream
sie sich in einem Punkt einig sind: Sobald                                                                         im Internet. Die ganze Mannschaft. Und
sie das Vereinsgelände betreten, gibt es                                                                           alle sind genervt, weil das Bild so ruckelt.
nichts, was wichtiger wäre als die Borus-                                                                          SPIEGEL: Ist das eine Fortbildungsmaß-
sia. Wir sind ein Verein auf dem Weg.                                                                              nahme?
Und wer auf dem Weg ist, muss gehen.          Nationalspieler Reus                                                 Klopp: Nein, es ist ja nicht so, dass Barce-
Und wer weit gehen will, muss mehr lau-       „Ab jetzt will ich mehr“                                             lona immer neue Sachen rausbringt. Ge-
fen, schneller laufen. Das fordere ich von                                                                         genpressing wird bei uns auch schon lan-
meinen Jungs.                                 Klopp: Etwa in Marseille: Die Spieler dort,                          ge gespielt. Aber es hilft, wenn ich einem
SPIEGEL: Und Ihre Spieler rennen und ren-     alles harte Jungs, die mit Personenschutz                            Spieler sagen kann: Du, schau mal, Bar-
nen und rennen.                               leben, um nicht überfallen zu werden.                                celona macht das auch.
Klopp: Weil es unsere Pflicht ist.            Die sind mit allen Abwassern gewaschen.                              SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um, perma-
SPIEGEL: Wie halten Ihre Profis diese hoch-   Die haben ihren Körper voll reingehauen                              nent unter Beobachtung zu stehen?
tourige Spielweise durch?                     im Spiel. Dann kommst du nach Piräus:                                Klopp: Eine meiner größten Stärken ist
Klopp: Die sind fit. Und aus einer Alltags-   eine Stadt wie im Krieg an dem Tag. Alle                             gesunder Menschenverstand. Ich weiß,
laune heraus ist so eine Leistung, wie wir    laufen, als ginge es um ihr Leben, die                               dass ich nicht einfach so einen draufma-
sie relativ oft zeigen, nicht möglich. Bei    wichsen dich durch die Gegend wie sonst                              chen kann. Danach strebe ich aber auch
uns heißt es: Zack, heute ist wieder Spiel-   was. Dabei wollten wir doch nur spielen.                             nicht. Ich bin seit ziemlich genau elf Jah-
tag, High Noon. Wir sind hier, um alles       SPIEGEL: Waren Sie naiv?                                             ren Trainer, und ich habe mich in dieser
rauszuhauen. Also: Vollgas.                   Klopp: Erfahrungen kann man sich nicht                               Zeit null Komma null verändert.
SPIEGEL: Man kann mit so einer Vollgas-       einreden. Die muss man machen.                                       SPIEGEL: Tatsächlich?
mentalität ein Team aber auch aufreiben.      SPIEGEL: Borussia Dortmund hat sich zum                              Klopp: Ich habe mir in diesem relativ auf-
Klopp: Wir sind schon in der Lage, Spiele     größten Konkurrenten des FC Bayern                                   geblasenen, intensiven Geschäft Freiräu-
zu gewinnen, ohne dass jeder 40 Kilome-       München entwickelt. Sind Sie in der                                  me geschaffen. Ich will nichts haben, was
ter rennen muss. Mir geht es darum, dass      Lage, dessen Dominanz zu brechen?                                    ich nicht kriegen kann. Ich liebe meine
wir in der Lage sind, mehr zu investieren,    Klopp: Locker bleiben. Wir sind hier nicht                           Arbeit, aber ich bin auch gern zu Hause.
wenn es nötig wird.                           bei James Bond, es geht nicht um die                                 Das hilft.
SPIEGEL: Von Mario Götze war das offen-       Weltherrschaft. Borussia Dortmund hat                                SPIEGEL: Herr Klopp, wir danken Ihnen
sichtlich zu viel verlangt.                   nicht die Möglichkeiten wie die Bayern.                              für dieses Gespräch.
114                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
GUIDO MENTZ / ACTION PRESS




                                                                                                                                            DDP IMAGES / DAPD
Abtransport der niedergeschossenen El-Halabi im April 2011 in Berlin, WM-Kämpferin El-Halabi 2009: Er wollte sie zum Krüppel machen

                                             Rola stürzte, das Kreuzband und der Me- rapeuten. Sie muss Muskeln aufbauen
                 BOXEN                       niskus des rechten Knies rissen. Die dritte und abnehmen, sie hat fast zehn Kilo-
                                             Kugel traf das linke Knie, die vierte den gramm Übergewicht.

Ehre, Liebe, Hass                            rechten Fuß.                                   Im April will Rola El-Halabi mit ihrem
                                                Erst dann hörte der Stiefvater auf. Wi- Coach Jürgen Grabosch wieder mit dem
                                             derstandslos ließ er sich festnehmen. Grundlagentraining beginnen. „Langsam,
Ihr Stiefvater schoss Rola El-Halabi,        „Jetzt siehst du, wozu du mich getrieben dreimal täglich Ausdauer, sechs bis acht
      Weltmeisterin im Leicht-               hast“, sagte er, bevor Polizisten ihn ab- Wochen lang“, sagt Grabosch. Rola werde
 gewicht, vor einem Kampf nieder.            führten. Rola El-Halabi lag in ihrem Blut das schaffen, sie sei schon immer eine
                                             am Boden.                                    Kämpferin gewesen, „mental sehr stark“,
      Nun träumt die Deutsch-                   Das Familiendrama ging um die Welt. sagt der Trainer.
  Libanesin von einem Comeback.              Wie konnte ein Mann, der seine Stief-          Ihre Ärzte am Ulmer Bundeswehrkran-
                                             tochter wie sein eigenes Kind geliebt zu kenhaus halten ein Comeback für mög-


E
       lf Narben hat sie am Körper, die      haben schien, der der wichtigste Mentor lich, denn Nerven seien nicht zerstört.
       auffälligsten, streichholzlang, auf   ihrer Karriere gewesen war, diese junge Sie wolle zurück in den Ring, sagt Rola
       der Oberseite und der Innenfläche     Frau vor einem WM-Kampf kaltblütig El-Halabi, unbedingt: „Ich habe diesen
der rechten Hand. Die Haut des Hand-         niederschießen?                              Traum. Ich sehe meine Gegnerin, das Pu-
rückens spannt über einer Metallplatte,         Die Absicht des Attentats, das wurde blikum, höre meine Einlaufmusik, einen
sie stabilisiert die Mittelhandknochen. Es   schnell klar, war nicht der Tod der Boxe- Gospel.“
ist ihre Schlaghand.                         rin. Die Absicht war ihre Verstümmelung.       Hinter dem Tresen des Cafés läuft Kosta
   Vor knapp einem Jahr war Rola El-Ha-      Roy El-Halabi wollte seine Stieftochter Papastergiou, 28, auf und ab. Gestikulie-
labi, 26, eine der besten Boxerinnen der     zum Krüppel machen.                          rend spricht er ins Telefon, in einem Mix
Welt, ihre Titel als Welt- und Europameis-      Das Schicksal der Sportlerin ist großer aus Schwäbisch und Griechisch. Ein Künst-
terin im Leichtgewicht hält sie noch im-     Filmstoff, der längst auch amerikanische ler soll Pin-up-Girls an die Wände des Do-
mer. Jetzt sitzt sie in einem Café in Ulm    Produzenten interessiert – derzeit verhan- mino malen, es ist kompliziert.
und versucht, ihre Rechte zu einer Faust     delt Rola El-Halabi über den Verkauf der       An ihrem Krankenbett hielt der Grieche
zu ballen. Es gelingt ihr nicht ganz, der    Rechte. Ihre Geschichte erzählt vom Auf- um Rolas Hand an, die beiden wollen bald
Mittelfinger krampft, er will den anderen    stieg einer Immigrantenfamilie aus dem heiraten. Papastergiou ist der Grund, war-
Fingern nicht folgen. Die Sehne ist zu       Bürgerkriegsland Libanon in Deutschland, um Roy El-Halabi das Leben seiner Stief-
kurz, wegen der Platte.                      einer Familie, deren Bande unzertrennlich tochter zerstören wollte. Er wollte die Kon-
   Die Ärzte würden das Metall bald ent-     scheinen. Und deren Abgründe sich auf- trolle über die junge Frau behalten, er ver-
fernen, sagt El-Halabi, dann könne sie       tun, als die Boxerin sich in einen jungen bot ihr den Kontakt mit ihrem Freund, er
die Faust wieder schließen. „Das ist das     Mann verliebt und mit dem unversöhn- drohte dem Paar mit Gewalt, schon Mo-
Wichtigste, wenn ich wieder boxen will.“     lichen Stiefvater bricht. Es ist alles drin: nate vor dem Attentat. Doch Rola wider-
   Wieder boxen.                             Ehre, Erfolg, Liebe, Eifersucht, Hass. Und setzte sich. Sie war 25. Papastergiou war
   Am späten Abend des 1. April 2011 saß     blinde Gewalt.                               der erste Mann, den sie liebte.
Rola El-Halabi in einer Kabine der Trab-        Die Wände des Cafés in der Ulmer Alt-       Ihren Stiefvater hat Rola El-Halabi
rennbahn Berlin-Karlshorst, ihr WM-          stadt sind kahl, das Licht wirkt steril. noch einmal gesehen: im Verhandlungs-
Kampf gegen die Bosnierin Irma Balija-       Rola El-Halabi hat viel zu tun, wenn das raum des Berliner Landgerichts, das ihn
gić-Adler stand unmittelbar bevor. Plötz-    „Domino“ diese Woche eröffnet werden im November wegen gefährlicher und
lich wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann     soll. Es ist derzeit ihr Projekt, der Stress versuchter schwerer Körperverletzung zu
stürmte herein, die 9-Millimeter-Pistole     ist ihr kaum anzumerken, sie sieht wach sechs Jahren Gefängnis verurteilte.
im Anschlag. Ihr Stiefvater. Zwei Men-       aus, beinahe erholt, ihr Blick ist offen.      Als sie als Zeugin vor Gericht die Tat
schen hatte Roy El-Halabi schon nieder-      Obwohl die Qualen noch so nah sind.          beschrieb, saß er nur wenige Meter links
geschossen, nun zielte er auf Rola.             Nach mehreren Operationen saß sie von ihr. Rola El-Halabi sah ihn nicht an.
   Die erste Kugel bohrte sich durch den     sechs Wochen lang in einem Rollstuhl. „Er ist für mich gestorben“, sagt sie heute,
Boxhandschuh und pulverisierte die Mit-      Schmerzvoll musste sie das Laufen wie- „er existiert in meiner emotionalen Welt
telhandknochen der rechten Hand. Die         der lernen, noch immer arbeitet sie drei- nicht mehr.“
zweite Kugel durchschlug den linken Fuß,     mal in der Woche mit einem Physiothe-                                       SARA PESCHKE

                                                    D E R   S P I E G E L                         1 1 / 2 0 1 2                       115
Prisma




      Unruhiger Stern
      Den heftigsten Sonnen-
      sturm seit fünf Jahren
      haben Astrophysiker regi-
      striert. Ausläufer des
      kosmischen Unwetters
      erreichten Ende voriger
      Woche die Erde.

                                                                                                                                  NASA / AFP




                                  ERFINDUNGEN                                                                GESUNDHEIT


                   Flugzwerg mit Überschalltempo                                                   Rauchfreie Wohnungen
Flugzeugbauer von der University of        zer mit Mach 1,4 mehr als Schall-                    Rauchverbote am Arbeitsplatz und in öf-
Colorado in Boulder haben einen nur        geschwindigkeit erreichen. Spätere                   fentlichen Räumen führen nicht dazu,
50 Kilogramm schweren Deltaflügler         Versionen werden nach Angaben der                    dass Nikotinsüchtige öfter daheim qual-
entwickelt, der schneller und weiter       Ingenieure bis zu Mach 1,7 schnell                   men und dadurch ihre Familie den schäd-
fliegen soll als alle anderen Fluggeräte   sein. Mit geplanten Herstellungskosten               lichen Schwaden aussetzen. Erhebungen
dieser Gewichtsklasse. Bei ersten Tests    um die 75 000 Dollar ist der unbe-                   aus Irland, Frankreich, Deutschland und
könnte der 1,8 Meter lange Düsenflit-      mannte Flieger preisgünstig und könn-                den Niederlanden zeigen, dass Raucher
                                                         te als Testvehikel für die             auch zu Hause häufiger vor die Tür
                                                         Flugzeugindustrie nütz-                gehen. Einsicht bewiesen der Studie zu-
                                                         lich sein. Auch meteoro-               folge vor allem Paffer, die selbst mit ihrer
                                                         logische Missionen wä-                 Abhängigkeit haderten oder bei denen
                                                         ren mit dem Überschall-                ein Neugeborenes in die Familie ge-
                                                         zwerg nach Meinung                     kommen war. Damit ist einer der wich-
                                                         von Chefentwickler                     tigsten Einwände der Rauchverbotsgegner
                                                        COURTESY RYAN STARKEY




                                                         Ryan Starkey möglich:                  widerlegt: Sie hatten argumentiert, dass
                                                         „Bei den Einsatzmöglich-               durch Verbote im öffentlichen Raum
                                                         keiten haben wir bisher                nichtrauchende Familienangehörige und
                                                         nur an der Oberfläche                  vor allem Kinder stärker den Gefahren
                                                         gekratzt“, erklärt der                 des Passivrauchens ausgesetzt werden
Deltaflügler (Modell)                                    Luftfahrtingenieur.                    würden.
116                                             D E R   S P I E G E L           1 1 / 2 0 1 2
Wissenschaft · Technik
           ARCHÄOLOGI E


       Griechen in Not                                                                                        VERKEHR


Auch für Ausgrabungen fehlt in Grie-
chenland derzeit das Geld. Griechische
Archäologen sind deshalb dazu über-
                                                                                    Schlingern bei Nacht
gegangen, neue Funde lieber nicht
auszugraben, als sie an der Oberfläche
verfallen zu lassen. „Mutter Erde ist
die beste Beschützerin für unsere Al-
tertümer“, erklärte Michalis Tiverios
von der Aristoteles-Universität Thessa-
loniki am Rande eines Kongresses in




                                                                                                                                                           BERNHARD FREISEN / GLOBAL-PICTURE.NET
Athen. Auf sein Betreiben bleiben
etwa Reste einer frühchristlichen Kir-
che in Thessaloniki unangetastet, die
vor zwei Jahren entdeckt worden sind.
„Lasst unsere Altertümer in der Erde,
damit Archäologen sie 10 000 nach
Christus finden können – wenn die
Griechen und ihre Politiker mehr Re-
spekt für ihre Geschichte gelernt ha-
ben“, forderte Tiverios. Ein weiteres
Problem sind Plünderer: Auch für Si-                             Längere Nachtfahrten mit dem Auto                lich stark durch die Nacht, als hätten
cherheitspersonal, das die Altertümer                            beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit ge-          sie einen Blutalkoholgehalt von 0,5
bewacht, ist kaum Geld da. Unlängst                              nauso stark wie Alkoholgenuss. Zu                Promille. Nach drei Stunden ent-
machten sich Grabräuber über den an-                             diesem Ergebnis kommen Forscher aus              sprachen die Kursabweichungen 0,8
tiken Friedhof von Pella her, der einsti-                        den Niederlanden und Frankreich, die             Promille – dieser Wert nahm aller-
gen Hauptstadt des Makedonenreiches                              männliche Autofahrer mittleren Alters            dings auch bei längerer Fahrtdauer
unter Alexander dem Großen. Auf                                  zwischen 21 Uhr und 5 Uhr jeweils                kaum noch weiter zu. Jeder fünfte
dem Areal wurden verstorbene Herr-                               zwei, vier oder acht Stunden lang auf            Autounfall in den Industrieländern
scher oft mit reichen Goldbeigaben be-                           die Autobahn schickten. Eine Video-              geht nach Angaben der Verkehrsfor-
stattet. „Im Jahr 2011 konnten wir dort                          kamera registrierte dabei zehnmal pro            scher auf Ermüdung am Steuer zurück.
nicht arbeiten“, klagt Grabungsleiter                            Sekunde, wie häufig der Wagen vom                Für Nachtfahrten empfehlen die
Pavlos Chrysostomou. „Wir fanden                                 rechten Seitenstreifen abwich. Den               Studienautoren deshalb „ein Maxi-
aber zehn neue Gruben vor, die nicht                             Messungen zufolge schlingerten die               mum von zwei Stunden ununterbro-
wir geschaufelt hatten.“                                         Fahrer schon nach zwei Stunden ähn-              chenen Fahrens“.



                                                                                   TIERE
                                                                                                                  lien jedes Jahr zu Zehntausenden aus
                                                                                                                  ihren unterirdischen Winterquartieren
                                                                                                                  schlängeln, um sich bei wüsten Paa-
                                                                   Lockstoff der Nattern                          rungsorgien ineinander zu verknäueln.
                                                                                                                  Ergebnis des Feldversuchs: Die mit
                                                                 Das Geschlechtshormon Östradiol ver-             dem Hormon gedopten Männchen
                                                                 hilft weiblichen Exemplaren der Rot-             wirkten auf ihre Geschlechtsgenossen
                                                                 seitigen Strumpfbandnatter zu jenem              plötzlich genauso sexy und verführe-
                                                                 aufreizenden Duft, der sie für begat-            risch wie die echten Weibchen.
                                                                 tungswillige Männchen
                                                                 so verführerisch macht.
                                                                 Das zeigen Versuche,
                                                                 bei denen US-Forscher
                                                                 von der Oregon State
                                                                                                                                                           ROBERTA OLENICK / ALL CANADA PHOTOS/CORBIS




                                                                 University wildlebende
                                                                 Schlangenmännchen im
                                                                 Labor manipulierten:
                                                                 Sie implantierten ihnen
                                                                 winzige Kapseln, die das
                                                                 weibliche Geschlechts-
                                            HECHTENBERG / CARO




                                                                 hormon enthielten. Im
                                                                 darauffolgenden Früh-
                                                                 jahr setzten sie die Tiere
                                                                 in einer Gegend Kana-
Raucher bei Zigarettenpause                                      das aus, in der die Repti- Rotseitige Strumpfbandnattern bei der Partnersuche
                                                                      D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                          117
Titel




                                                                                           BRYAN CHRISTIE DESIGN




                                              Forschungsobjekt Herz (Computersimulation)


118   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Selbstheilende Herzen
Im Kampf gegen den Infarkt rettet die Hochleistungsmedizin viele Menschenleben,
      doch Heilung bringt sie nicht. Nun beschreiten Ärzte neue Wege in der
Herztherapie: Sie setzen auf körpereigene Bypässe – und die Mithilfe der Patienten.


D
         er 54-jährige Dietmar K. aus Köln
        hat ein krankes Herz und muss
        trotzdem nicht leiden. Ärzte ha-
ben dem Mann schon viermal Engstellen
in den Herzkranzarterien mit einem win-
zigen, aufblasbaren Ballon aufgedehnt.
Um die Gefäße dauerhaft offen zu halten,
bauten sie ihm dann Stents ein, winzige
Stützröhren aus Metall.
   Dank der implantierten Gitter strömte
das Blut wie in alten Zeiten, die Enge in
der Brust war wie weggeblasen – zumin-
dest für ein paar Jahre. Wenn sich der
Herzschmerz erneut meldete, vereinbarte
Dietmar K. den nächsten Termin beim
Kardiologen. Am vergangenen Dienstag
war es wieder einmal so weit.




                                                                                                                               MICHAEL TIMM / FOTOFINDER
   Dietmar K. trägt ein helles OP-Hemd
und liegt im Herzkatheterlabor der Köl-
ner Uniklinik. In seiner rechten Leiste
steckt eine Plastikkanüle. Um 9.45 Uhr
tritt Chefkardiologe Erland Erdmann, 67,
an den Tisch. Er begrüßt Herrn K., und
nach ein wenig Small Talk fragt er den Ärzte-Team beim Einsetzen einer Aortenklappe: Wunderdinge im OP
Patienten, ob er immer noch rauche.
  „30 Zigaretten am Tag, wie seit 30 Jah- fach weitet der Arzt die Stelle vor, gibt Wippermann kündigt die sofortige By-
ren“, antwortet der Herzkranke. „Das noch mal 10 atü. Plötzlich ist das Gefäß pass-Operation an.“
sollten Sie wirklich lassen“, entgegnet vollkommen verschlossen – die Arterie          Dietmar K. ist einer von 4000 Men-
Erdmann. Es sei nun mal eine Sucht, ist eingerissen.                                 schen, die jedes Jahr im Herzzentrum der
rechtfertigt sich Dietmar K. und versucht     Um 10.13 Uhr bekommt Dietmar K. Uniklinik Köln einen Herzkatheter be-
einen Witz: „Damit aufzuhören, dazu Kammerflimmern. Sein Herz zuckt jetzt kommen. Zudem werden hier Hunderte
brauchte man eine gewisse Stärke, einen nur noch, es wirft kein Blut mehr aus, Bypass-Operationen durchgeführt, bei de-
Charakter, was weiß ich?“                  und es wird nicht mehr durchblutet. Grel- nen nicht mehr zu öffnende Engstellen
   Der Stent im absteigenden Ast der lin- le Lampen im Raum gehen an, Ärzte und chirurgisch überbrückt werden müssen.
ken Herzkranzarterie von Dietmar K. ist Pfleger springen herbei. Einer von ihnen Auf der Intensivstation ist der Atem der
zu 80 Prozent verschlossen, das erkennt drückt die Elektroden des Defibrillators, Beatmungsmaschinen zu hören, im licht-
Erdmann auf einem Röntgenbildschirm. des Schockgebers, auf den Brustkorb: durchfluteten Atrium wachsen Bäume in
Durch Aufblasen eines Ballons will er die Die Stromstöße bringen das flimmernde den Himmel, auf den Gängen hasten
Stelle wieder freibekommen. Dazu schiebt Herz wieder in Takt. Herr K. guckt ver- Menschen im weißen Kittel.
er einen Schlauch durch die Hauptschlag- wundert, die Ärzte rufen: „Er ist wieder      Nach außen hin erscheint das Handeln
ader des rechten Beins bis vor die linke da!“                                        der Schwestern, Pfleger, Ärztinnen und
Herzkammer. An dessen Spitze sitzt der        Man möge seine Frau anrufen, bittet Ärzte in diesem Kraftwerk der Herzme-
Ballon.                                    Dietmar K. noch, ehe ihn zwölf Hände dizin wie eine einzige Erfolgsgeschichte.
   Erdmann pumpt ihn auf: Der Druck um 10.15 Uhr in ein Transportbett heben. Früher hätten die meisten Patienten nur
steigt, 18 atü, 20 atü, aber der Chefarzt Kaum haben sie ihn in einen Aufzug ge- mit Beschwerden leben können oder wä-
sieht nicht zufrieden aus. Von Dietmar schoben, wirft Erland Erdmann die blut- ren längst den Herztod gestorben. Heute
K. ist ein Keuchen zu hören, eine Kran- verschmierten Handschuhe in den Müll- nimmt ihnen die moderne Medizin den
kenschwester sprüht ihm Glyceroltrinitrat eimer, setzt sich ins Nebenzimmer, schal- Schmerz und hält sie am Leben.
in den Mund, das weitet die Gefäße.        tet ein Aufnahmegerät an und diktiert       So ist es in Köln und in allen anderen
   „Der Ballon will in den blöden Stent das Protokoll, das er mit folgenden Wor- großen Städten. Die Zahl der herzchirur-
nicht rein“, sagt Erdmann leise und ruft ten beendet: „Der Patient wird in Arzt- gischen Zentren in Deutschland hat sich
nach einem Schmerzmittel. Eine halbe begleitung auf die Intensivstation verlegt in den vergangenen 20 Jahren beinahe
Spritze wird Herrn K. verabreicht. Mehr- (Aufwachraum vor dem OP). Oberarzt verdoppelt. Die Zahl der Katheterbehand-
                                                D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                    119
Titel




                                                                                                                                                     DO C-STO CK
   Natürlicher Bypass
   Überbrückung von Gefäßverengungen
   durch Arteriogenese




                                       verengte Arterie                                                                                  Dieser
                                                                                                                                   Prozess soll künftig
                                                                                                                                       durch neue
                                                                                                                                  Therapien und Medi-
                                                                                                                                    kamente gezielt
                                                                                                                                        gefördert
                                                                                                                                        werden.



            Arterie
                                                                                     verengte
                                                                                     Arterie



                      Kollaterale


     Das Blut fließt durch größere Arterien,            Wenn sich eine größere Arterie                Der Blutfluss bewirkt eine Umwandlung
  die durch kleine Brückengefäße (Kollate-          verengt, wird das Blut zunehmend              der Kollateralen in große Arterien. Die Eng-
  ralen) verbunden sind. In diesen ist der          durch die Kollateralen gelenkt.               stelle wird so überbrückt und das Gewebe
  Blutfluss sehr gering.                                                                           wieder ausreichend mit Blut versorgt.


lungen hat sich seit 1990 auf mehr als           Mehr als 40 Prozent der Deutschen ster-            menschliche Herz, so zeigt sich deutlich,
325 000 Eingriffe verzehnfacht. Und zu           ben daran.                                         kann verstopfte Gefäße überbrücken, in-
den größten Blockbustern der pharma-                Namhafte Ärzte fordern deshalb ein              dem es um Engstellen herum Umleitun-
zeutischen Industrie gehören Medikamen-          Umdenken – und können sich dabei auf               gen wachsen lässt – wie von Zauberhand
te gegen Cholesterin; sie werden mittler-        faszinierende Erkenntnisse aus der For-            entstehen so natürliche Bypässe.
weile von schätzungsweise vier Millionen         schung berufen: Selbst dem bereits er-                Gestärkt werden die selbstheilenden
Bundesbürgern geschluckt.                        krankten Herzen wohnt noch die Fähig-              Adern vor allem durch Bewegung. Wer
   Die Erfolgsgeschichte scheint sich in         keit inne, sich selbst zu heilen. Diese            Sport treibt, lässt die körpereigenen By-
den Zahlen widerzuspiegeln. Die Zahl             Selbstheilungskraft wollen die Pioniere            pässe sprießen.
der Infarkttoten in Deutschland geht Jahr        wecken – und so eine Revolution in der                Doch die Medizinpioniere bauen nicht
für Jahr zurück – sie ist seit 1980 um fast      Herztherapie einleiten.                            allein auf gesunden Lebensstil. Auch fu-
die Hälfte gesunken.                                Derzeit betreibt die Hochleistungs-             turistisch erscheinende Apparate wie eine
   Das alles nährt die Illusion, Herzerkran-     medizin vielfach nur Reparaturen, wenn-            an der Berliner Charité entwickelte
kungen seien inzwischen ein technisch            gleich auf hohem Niveau, und rettet Tau-           „Herz-Hose“ sollen zur Bildung der Bio-
lösbares Problem, die Ärzte würden es            senden Menschen das Leben. Die lebens-             Bypässe beitragen. Andere Forscher fahn-
schon richten. In Wahrheit werden viele          gefährliche Verkalkung der Herzkranz-              den bereits nach Medikamenten, die das
der Behandelten niemals mehr gesund.             gefäße zu heilen, das gelingt mit Stents           wundersame Gefäßwachstum fördern
Der größte Feind des Herzens, die Durch-         und Pillen allerdings nicht.                       sollen.
blutungsstörungen seiner Gefäße, lässt              Gerhard Schuler, Direktor des Leipzi-              Wie kaum ein Zweiter hat Erdmann
sich durch chirurgische Eingriffe und teu-       ger Herzzentrums, vergleicht das Dilem-            Glanz und Elend der Herzmedizin miter-
re Medikamente nicht aufhalten.                  ma mit einem Auto, das einen Rostfleck             lebt. Während Dietmar K. im OP der Köl-
   Tatsächlich bleibt die Zahl der Herz-         trägt. „Wir können die Stelle ordentlich           ner Uniklinik mit einer Vibrationssäge
kranken hoch. Während die Zahl töd-              lackieren, so dass man sie nicht mehr              der Brustkorb geöffnet wird, hat sich der
licher Infarkte sinkt, sterben heute viele       sieht“, sagt der Kardiologe. „Aber der             Chefarzt ein Stockwerk tiefer in sein
Menschen an anderen Folgen der Gefäß-            Fleck zeigt, dass das Auto an vielen an-           Büro zurückgezogen. Wenn der Mann
verkalkung: Das Herz schlägt nicht mehr          deren Stellen Rost ansetzen wird.“ Seine           mit dem stets akkuraten Scheitel Ende
normal (Rhythmusstörungen), es ist aus-          Kollegen würden Patienten diese Wahr-              des Jahres in den Ruhestand geht, blickt
gelaugt (Herzinsuffizienz), seine Klappen        heit nicht immer verraten. Schuler sagt:           er auf eine fast 20-jährige Karriere als
gehen kaputt (Klappenkrankheiten). Hin-          „Zu viele Ärzte schenken keinen reinen             Chefarzt der Kardiologie zurück.
zu kommt eine große Zahl an Schlagan-            Wein ein.“                                            Seine persönliche Bilanz: „Wir haben
fällen, bei denen das Gehirn von der Blut-          Doch jetzt haben Mediziner damit be-            viele Patienten, die ihren Lebensstil über-
zufuhr abgeschnitten wird. So bleiben Er-        gonnen, neue Wege zu beschreiten. Sie              haupt nicht ändern. Denen muss man hel-
krankungen des Herz-Kreislauf-Systems            setzen darauf, dass der Patient zu seiner          fen, und sie wollen, dass man ihnen hilft.
die mit Abstand häufigste Todesursache.          Heilung beitragen kann. Denn das                   Sie lassen sich von uns die besten Medi-
120                                                       D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
kamente verschreiben und die moderns-            Schließlich könnten Statine sogar das                                           Doch all die Triumphe der Herzmedi-
ten Therapien angedeihen“, sagt Erd-          Herz selbst schädigen, sagt Elisabeth                                           zin helfen nur einem Teil der Patienten.
mann. „Sie sagen: ,Nö, mit dem Rauchen        Deindl vom Walter-Brendel-Zentrum am                                            Die meisten leiden an der Verkalkung
aufhören oder dünner werden, das kann         Klinikum der Universität München. Die                                           der Herzkranzgefäße, jener modernen
ich nicht.‘ Aber wir behandeln ja nur ihre    Molekularbiologin ist führend darin, die                                        Volksseuche, die kein Arzt zu heilen ver-
Symptome, ihre Erkrankung selbst kön-         Selbstheilungskraft des menschlichen                                            mag. Zu den populären Irrtümern der Pa-
nen wir Ärzte gar nicht heilen – das ist ja   Herzens zu erforschen. Arteriogenese                                            tienten gehört die Überzeugung, eine
das Fatale.“                                  nennen Fachleute das Phänomen, bei                                              Stent-Behandlung verlängere in solchen
   Im Herzzentrum Leipzig findet Schuler,     dem sich winzig kleine Gefäße in taug-                                          Fällen das Leben. „Dabei ändert der
65, ähnlich klare Worte. Sein Klinikum        liche Adern verwandeln. Doch auf Ein-                                           Stent nichts an der Prognose“, sagt Schu-
ist noch größer als das in Köln, wie ein      flüsse von außen scheint die Selbsthei-                                         ler. „Die Leute sind immer ganz erstaunt,
Trumm aus Glas und Granit steht es am         lung empfindlich zu reagieren. „Statine                                         wenn ich ihnen das sage.“
Stadtrand. Im Eingangsbereich ist vorigen     bewirken da nichts Gutes“, befürchtet                                              Im Gegenteil ist das Einsetzen eines
Mittwoch kein Sitz mehr frei, auch weil       Deindl. „Die natürlichen Bypässe bilden                                         Stents nicht einmal besser als eine The-
es noch einmal empfindlich kalt gewor-        sich womöglich sogar zurück.“                                                   rapie mit Aspirin, Betablockern und an-
den ist im Land. Dann spüren die Men-                                                                                         deren bewährten Medikamenten, wie die
schen die Brustenge, die Angina pectoris,                                                                                     aktuelle Studie in den „Archives of In-
besonders deutlich.                           Millionen Menschen-                                                             ternal Medicine“ offenbart. Die Autoren
   „Wenn wir die Patienten behandeln,         schlucken Cholesterin-                                                          hatten Daten von 7229 Menschen ausge-
dann gehen ihre Schmerzen sofort weg“,                                                                                        wertet, die an Brustenge litten. Sie spür-
sagt Schuler. „Sie haben deshalb das Ge-      senker – doch den                                                               ten ihre Beschwerden zumeist nur bei
fühl, wir hätten ihre Krankheit geheilt –                                                                                     körperlicher Anstrengung oder emotio-
das ist der große Trugschluss.“               meisten hilft das nicht.                                                        nalem Stress. Nach vier Jahren waren
   Die Warnrufe fallen in eine Zeit, in der                                                                                   zwischen beiden Behandlungsarten kaum
sich auch in den Fachzeitschriften die           Niemand bestreitet die Fortschritte der                                      Unterschiede auszumachen: Von den
Anzeichen dafür mehren, dass die Herz-        modernen Herzmedizin. Kardiologen                                               Stent-Patienten bekamen 8,9 Prozent ei-
medizin in eine falsche Richtung abgedrif-    und Chirurgen vollbringen heutzutage                                            nen Herzinfarkt, von den Tablettenschlu-
tet ist. In der aktuellen Ausgabe der „Ar-    wahre Wunderdinge, sie reparieren an-                                           ckern waren es 8,1 Prozent. Auch die
chives of Internal Medicine“ steht eine       geborene Herzfehler und retten bei                                              Zahl der Todesfälle in den Gruppen war
Übersichtsarbeit, derzufolge das zuneh-       akuten Attacken vielen Menschen das                                             nahezu gleich: 8,9 Prozent aller Stent-Pa-
mende Einsetzen von Stents Patienten mit      Leben.                                                                          tienten starben an einem Infarkt und 9,1
stabiler Angina pectoris keineswegs bes-         Der Wissenschaftshistoriker und Buch-                                        Prozent der Tablettenschlucker.
ser hilft als bewährte Medikamente. Das       autor Ernst Peter Fischer, 65, wurde vori-                                         Zwar macht der Stent den Patienten
„Stenten“, kommentiert die US-Kardiolo-       gen September mit einem 40 Zentimeter                                           sofort schmerzfrei, aber nur, wenn keine
gin Rita Redberg, werde übertrieben, ob-      langen Riss in der Hauptschlagader in die                                       Komplikationen auftreten. Bei einem von
wohl es „keinen bekannten Nutzen hat          Klinik für Herzchirurgie des Universitäts-                                      tausend Stent-Behandlungen kommt es
und es eindeutige Schäden“ gebe.              klinikums Heidelberg eingeliefert. Die                                          zu einem Schlaganfall, einem Herz-
   Auf der anderen Seite geraten Mittel       Chirurgin eröffnete Fischers Frau, es gebe                                      infarkt, Nierenschäden oder einem Ge-
zur Absenkung des Cholesterinspiegels,        eigentlich kaum mehr Hoffnung – und                                             fäßriss, wie ihn Dietmar K. erlitt.
die zunehmend auch von gesunden Men-          machte sich ans Werk.                                                              Über die ernüchternde Bilanz freuen
schen zur Vorbeugung geschluckt werden,          Acht Stunden später verfügte der Au-                                         sich die Chirurgen – weil sie mit den Kar-
in die Kritik. So warnte die amerikani-       tor über eine künstliche Aorta. Er trägt                                        diologen um die Patienten buhlen und
sche Arzneimittelbehörde FDA vorver-          noch an den Folgen, aber schreibt schon                                         diesen lieber gleich einen Bypass ins Herz
gangene Woche vor bislang unbekannten         wieder am nächsten Buch. „Ich bin dank-                                         nähen. Aber auch die Chirurgen doktern
Nebenwirkungen von Statinen.                  bar“, sagt Fischer, „ich habe überlebt.“                                        nur den an Symptomen herum. Schon
                                                                                                                              nach einem Jahr sind 10 bis 15 Prozent
                                                                                                                              der Gefäßbrücken verschlackt und ver-
                                                                                                                              stopft. Spätestens nach zehn Jahren ent-
                                                                                                                              stehen in jedem zweiten Bypass Engstel-
                                                                                                                              len oder Verschlüsse.
                                                                                                                                 Schließlich wird auch die Rolle des
                                                                                                                              Cholesterins falsch eingeschätzt. Die
                                                                                                                              wachsartige Substanz spielt im Drama
                                                                                                                              Herzinfarkt die Schurkenrolle, weil Cho-
                                                                                                                              lesterin im Ruf steht, die Gefäße zu ver-
                                                                                                                              stopfen. Doch zunächst einmal ist es ein
                                                                                                                              Stoff, ohne den kein Mensch leben kann.
                                                                                                                              So besteht das Gehirn zu zehn Prozent
                                                                                                                              seiner Trockenmasse aus Cholesterin. Es
                                                                                                                              ist so wichtig, dass es die meisten Kör-
                                                                                                                              perzellen selbst herstellen können.
                                                                                                                                 Weil sich das Cholesterin nicht im Blut-
                                                                                            ZAC MACAULAY / CULTURA / CORBIS




                                                                                                                              serum löst, wird es in sogenannten Lipo-
                                                                                                                              proteinen durch den Körper befördert.
                                                                                                                              Das LDL liefert das Cholesterin überall
                                                                                                                              dorthin, wo es gebraucht wird, unter an-
                                                                                                                              derem zu den Gefäßwänden – Mediziner
                                                     Herzförderndes Schwimmtraining                                           haben es das „böse“ Cholesterin getauft.
                                                                                                                              Das HDL dagegen kann Cholesterin aus
                                                    D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                            121
Titel




                                                                                                                  Notfallspray zum Weiten der Gefäße




                                                                                                                       Einsetzen eines Herzkatheters

Kardiologe Erdmann: „Es wird im großen Stil betrogen“

den Gefäßwänden aufnehmen – angeb-           einen Nutzen haben, die anderen 96 da-                          Das Problem ist nur: Die meisten Cho-
lich ist es das „gute“ Cholesterin. Beide    gegen profitieren nicht.                                     lesterinsenker werden heute von Men-
Werte werden beim Gesundheitscheck             „Der Effekt ist nicht sehr groß“, sagt                     schen eingenommen, die noch keinen
gemessen, sie ergeben das Gesamt-            Erdmann. „Aber es ist das erste Mal, dass                    Infarkt hatten. Ob aber die Mittel zur
cholesterin.                                 Medikamente nach einem Infarkt über-                         Vorbeugung taugen, das erscheint frag-
   Eine Reihenuntersuchung an 760 gesun-     haupt etwas bringen.“ Deshalb ver-                           lich.
den Frauen und Männern aus Bayern hat-       schreibt er die Mittel, wenn Patienten ei-                      Die Substanz Ezetimib beispielsweise
te einen Durchschnittswert von 245 Milli-    nen Herzinfarkt überstanden haben.                           hemmt die Aufnahme von Cholesterin
gramm pro Deziliter Blut ergeben. Doch                                                                    im Darm. In einer klinischen Studie woll-
die Nationale Cholesterin-Initiative, ein                                                                 ten Ärzte nachweisen, dass Ezetimib kalk-
privater Interessenverbund von 13 Medi-      Cholesterinsenkende                                          haltige Einlagerungen verringert. Doch
zinprofessoren, legte vor mehr als 20 Jah-   Pharmaka                                  1471               das Gegenteil trat ein, die Gefäße ver-
                                                                                                 1500
ren einen Grenzwert von nur 200 fest –                                                                    dickten, die Verkalkungen nahmen zu.
und verwandelte mit diesem Beschluss die     Verordnungen von Statinen,                                      Nach Abschluss dieser Studie hat es
Mehrheit der Deutschen in Risikopatienten.   in Millionen definierten                                      die Pharmaindustrie geschickt vermieden,
   Und selbst diese Norm wurde weiter        Tagesdosen,                                                  den Nutzen von Ezetimib in einer Ver-
abgesenkt – auf 193. Nähme man diesen        in Deutschland                                      1200     gleichsstudie zu testen. Und doch schlu-
Grenzwert der europäischen Leitlinien                                                                     cken rund 300 000 Menschen allein in
zur Vermeidung kardiovaskulärer Krank-                                                                    Deutschland das Mittel – Tag für Tag.
heiten ernst, hätten in einer norwegischen                                                                „Für das Medikament werden 220 Millio-
Untersuchung von den über 50-Jährigen                                                             900
                                                                                                          nen Euro im Jahr unsinnig ausgegeben“,
mehr als 90 Prozent einen behandlungs-                                                                    sagt Erdmann. „Hier wird im großen Stil
würdigen Cholesterinspiegel.                                783                                           betrogen.“
                                                                       Veränderung
   Die strengen Grenzwerte erfreuen die                                2010 gegen-                           Der Direktor am Kölner Herzzentrum
Pharmaindustrie. In Deutschland hat sich                                über 2001                         studierte für einen Vortrag wochenlang
der Verbrauch von cholesterinsenkenden       518                                                  600     die Literatur über Cholesterinsenker. Er-
Statinen in den vergangenen zehn Jahren                                 +184%                             staunt erkannte er: Viele Mittel verändern
fast verdreifacht. Mittlerweile schlucken                                                                 zwar die Laborwerte, an dem Gesund-
schätzungsweise bereits vier Millionen                Patienten in                                        heitszustand der Menschen jedoch än-
Menschen hierzulande Statine.                           täglicher                                         dern sie so gut wie nichts. Als er das Er-
                                                                                                  300
   Doch die meisten von ihnen werden                Behandlung, 2010                                      gebnis seiner Recherchen vor den ver-
davon nicht profitieren. Dass Statine das            ca.   4 Mio.*                                        sammelten Kollegen vortrug, ging ein
Leben verlängern können, gilt offenbar                                                                    Raunen durch das Seminar.
                                                                             *statistischer Wert,
nur für Menschen, die nach einem Herz-                                        bezogen auf Standarddosen      In der sogenannten Primärprophylaxe
infarkt damit behandelt werden: Wenn                                                                      für jene Menschen, die noch gar keinen
100 von ihnen Statine nehmen, werden 4       2001             2005                     2010               Herzinfarkt hatten, ist der Nutzen von
122                                                 D E R    S P I E G E L     1 1 / 2 0 1 2
Ärzte sollten Statine nur mit Vorsicht
                                                                                                                                      verschreiben.
                                                                                                                                         Mehr noch: Der pharmakologische Ein-
                                                                                                                                      griff in die Biologie der Gefäße könnte
                                                                                                                                      auch deren Fähigkeit zur Selbstheilung
                                                                                                                                      hemmen. Denn das von den Statinen
                                                                                                                                      blockierte Schlüsselenzym ist wichtig für
                                                                                                                                      die Zelle, unter anderem wird es für das
                                                                                                                                      Wachstum natürlicher Bypässe benötigt.
                                                                                                                                         „Die Statine zerstören die biochemi-
                                                                                                                                      schen Stoffwechselwege, die der Körper
                                                                                                                                      braucht, um neue Adern wachsen zu las-
                                                                                                                                      sen“, warnt die Biologin Deindl.
                                                                                                                                         Die Forscherin erläutert, wie die Arte-
                                                                                                                                      riogenese abläuft: In allen Organen be-
                                                                                                                                      findet sich neben den großen Arterien
                                                                                                                                      ein Geflecht winzig dünner Gefäße, der
                                                                                                                                      sogenannten Kollateralen. Kommt es in
                                                                                                                                      einer großen Arterie zu einer allmäh-
                                                                                                                                      lichen Verengung, etwa durch Kalk-
                                                                                                                                      ablagerungen im Alter, dann staut sich




                                                                                         FOTOS: HEINER MUELLER-ELSNER / DER SPIEGEL
                                                                                                                                      davor das Blut zurück und sucht sich neue
                                                                                                                                      Wege – in die Kollateralen hinein. Diese
                                                                                                                                      spüren die erhöhte Schubkraft – und
                                                                                                                                      können sich nach und nach in große
                                                                                                                                      Arterien verwandeln. Diese natürlichen
                                                                                                                                      Bypässe bergen das Potential zur
                                                                                                                                      Heilung: Schlecht durchblutete Organe
                                                                                                                                      lassen sich gleichsam verjüngen – wenn
                                                                                                                                      der Kranke dabei mithilft, etwa durch
                                                                                                                                      Sport.
Intensivstation des Herzzentrums Köln: „Wir behandeln nur die Symptome“                                                                  In Experimenten mit Versuchstieren
                                                                                                                                      klappt das schon verblüffend gut. Wolf-
Statinen folglich umstritten. Die Mittel    Unterm Strich hält die Fixierung auf                                                      gang Schaper, emeritierter Professor am
hemmen ein Schlüsselenzym für die kör- die Cholesterinsenker Menschen davon                                                           Max-Planck-Institut für Herz- und Lun-
pereigene Cholesterinherstellung, aber ab, Dinge zu tun, die gegen den Herztod                                                        genforschung im hessischen Bad Nau-
sie haben auch noch unverstandene Ne- tatsächlich helfen. Mit dem Rauchen auf-                                                        heim, band Versuchskaninchen den Hin-
benwirkungen. Wenn Statine überhaupt zuhören ist sinnvoll, weil Kohlenmono-                                                           terlauf mit einem Faden ab. Das Blut
irgendeinen Nutzen hätten, urteilt der xid and andere Substanzen aus dem                                                              wurde dadurch umgeleitet in Kollatera-
Kölner Chefarzt, dann sei der „so klein, Qualm die Gefäße schädigen. Wer ab-                                                          len. Anfangs waren diese viel zu eng.
dass wir ihn vergessen können“. Die vie- nimmt, der verringert den Blutdruck.                                                         Aber mit der Zeit weiteten sie sich – am
len Menschen, die zur Prophylaxe Statine                                                                                              Ende waren die neugewachsenen Blut-
nähmen, erhofften sich davon, dass sie                                                                                                brücken im Stande, das abgebundene
später keinen Herzinfarkt und keinen       Wird es irgendwann                                                                         Bein vollständig mit Blut zu versorgen.
Schlaganfall bekämen. Erdmann: „Doch       eine Jungbrunnenpille                                                                         Die natürlichen Bypässe scheinen sich
das ist eine irrige Annahme.“                                                                                                         auf einen biophysikalischen Befehl hin
   Und schlimmer noch, es mehren sich      geben, die hilft, das                                                                      zu bilden. Wenn das Blut in die Kollate-
Hinweise darauf, dass Statine sogar Scha-                                                                                             ralen drückt, entsteht dort ein molekula-
den anrichten. Einerseits können sie Mus-  kranke Herz zu heilen?                                                                     res Signal. In den Zellen der Kollateralen
kelschmerzen bewirken. Die betroffenen                                                                                                werden bestimmte Gene angeschaltet –
Patienten werden deshalb davon abgehal- Nach einem Herzinfarkt, so Erdmann,                                                           der Startschuss für eine Kaskade von bio-
ten, sich körperlich zu bewegen – obwohl „bringt es viel mehr, den Bauchumfang                                                        chemischen Reaktionen, die darin mün-
genau das ihre Gefäße stärken würde.      im normalen Bereich zu halten als Stati-                                                    den, dass die Gefäße dicker und länger
   Zum anderen können Statine offenbar ne zu nehmen“.                                                                                 werden.
das Risiko, am Stoffwechselleiden Typ-2-    Ein allzu stark abgesenkter Choleste-                                                        Vor allem durch körperliche Aktivität
Diabetes zu erkranken, erhöhen und bei rinspiegel könnte das Leben sogar ver-                                                         wird die Arteriogenese begünstigt: Im be-
älteren Menschen aufs Gedächtnis schla- kürzen. In Japan haben Ärzte mehr als                                                         wegten Leib strömt Blut besonders flott
gen. Es sind bedenkliche Befunde, die 12 300 Landbewohner in einem Zeitraum                                                           und regt die Kollateralen zum Wachsen
jetzt zu der aktuellen FDA-Warnung ge- von zehn Jahren untersucht – ausgerech-                                                        an. Menschen, die sich viel bewegen, le-
führt haben.                              net in der Gruppe der Menschen mit                                                          gen sich deshalb tatsächlich immer wie-
   Die meisten Patienten ahnen von die- niedrigem Gesamtcholesterin (unter 160)                                                       der neue Bypässe.
sen Nebenwirkungen nichts. Treuherzig war die Sterblichkeit erhöht.                                                                      Wer über ein gutes Netz an Kollatera-
schlucken sie ihre Tabletten und wiegen     Das Ergebnis einer ähnlichen Studie                                                       len verfügt, trägt demnach ein Schutz-
sich in falscher Sicherheit. Der Kölner mit 12 740 Teilnehmern haben Ärzte aus                                                        schild im Herzen. Genau dieser Effekt
Herzkranke Dietmar K. etwa nahm bis- dem südkoreanischen Seoul Anfang des                                                             könnte ein Phänomen erklären, das Ärzte
her jeden Tag 40 Milligramm Simvastatin Jahres vorgelegt.                                                                             häufig beobachten. Viele Menschen ha-
und hoffte, so könnten die 30 Zigaretten    Auch hier hatten jene Menschen eine                                                       ben im Alter zwar Verschlüsse in den gro-
am Tag seinen Gefäßen nicht mehr viel erhöhte Sterblichkeit, deren Cholesterin-                                                       ßen Herzarterien, sie spüren jedoch keine
anhaben.                                  wert unter 160 lag. Die Autoren warnen:                                                     Beschwerden – offenbar haben bei ihnen
                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                                      123
Titel

die Kollateralen die Blutversorgung des       Ballon im Blutgefäß                                Trainingsgerät. Neben der Tür steht ein
Pumpmuskels übernommen.                                                                          Notfallkoffer.
   Der Konsum von Zigaretten und kör-         Stent-Einbringung bei der           Gefäßwand         Benutzen würde ihn Ulrike Müller, 34,
perliches Nichtstun dagegen wirken wie        Herzkatheter-Behandlung                            eine Fachärztin für Innere Medizin und
Gift auf den Prozess der Arteriogenese.                                                          Kardiologie. Sie hat am vorigen Mittwoch
   Der Zustand der Kollateralen hat ver-                                                         Dienst im „Sporthaus“; sie passt auf, dass
mutlich auch einen entscheidenden Ein-                                            Ablagerung     sich keiner der Männer überanstrengt.
fluss darauf, wie gut ein Mensch einen                                                              Sie alle haben verkalkte Herzkranz-
Herzinfarkt wegsteckt. Ärzte sehen große      Ein zusammengefaltetes Gitterröhrchen              gefäße und nehmen an medizinischen
Unterschiede: Den einen rafft es sogleich     (Stent) wird mit dem Ballonkatheter bis zur        Studien teil. Vier Wochen lang kommen
dahin, der andere ist nicht kleinzukrie-      verengten Stelle vorgeschoben.                     sie jeden Tag hierher und rackern sich
gen – weil ihn vermutlich sein körper-                                                           insgesamt jeweils zweieinhalb Stunden
eigenes Sicherheitsnetz rettet.                                                         Ballon   lang ab. Jede Trainingseinheit wird peni-
   Wer seine Kollateralen trainiert, lebt                                               Stent    bel protokolliert.
länger. Eindrucksvoll haben das der Arzt                                                            Die Daten sollen den Beweis dafür lie-
Christian Seiler, 55, von der Universitäts-   Mit dem aufgeblasenen Ballon wird der              fern, dass Bewegung eine beginnende
klinik für Kardiologie und Kollegen in        Engpass geweitet. Der Stent entfaltet sich.        Herzverkalkung umkehren kann. Beein-
Bern nachgewiesen, als sie die Daten von                                                         druckende Hinweise haben die Leipziger
6529 Patienten auswerteten: Die Men-                                                             bereits gefunden. In einer früheren Studie
schen mit stark ausgeprägten Kollateralen                                                        mit 101 Patienten haben sie die eine Hälf-
hatten demnach ein 36 Prozent geringeres                                                         te wie üblich behandelt – die Engstellen
Sterberisiko als jene mit schwachen Kol-                                                         geweitet und mit Stents versehen. Die
lateralen.                                    Der Stent bleibt im Gefäß zurück.                  anderen jedoch bekamen lediglich das
   Die erstaunliche Selbstheilungskraft       Das Blut kann wieder fließen.                       Training verordnet.
des Herzens lassen der Leipziger Schuler                                                            Nach einem Jahr zogen die Kardiologen
und seine Kollegen schon heute ihren             Wer das Gebäude betritt, dem schlägt            Bilanz: Von den Radlern blieben 88 Pro-
Patienten zugutekommen. Dazu haben            warme Luft entgegen. Im Erdgeschoss                zent ohne erneute Beschwerden – bei den
die Mediziner ein ungewöhnliches Labor        keucht ein Mann, der eine Atemmaske                Stent-Patienten traf das nur auf 70 Pro-
aufgebaut. Es ist nicht im Herzzentrum        trägt und auf dessen nackter Brust Elek-           zent zu. Die bewegte Herzkur war nicht
untergebracht, sondern liegt drei Mi-         troden kleben. Unterm Dach strampeln               nur wirksamer, sondern auch lediglich
nuten zu Fuß entfernt, in einem Endrei-       fünf Männer auf Fahrradergometern, ein             halb so teuer wie die Apparatemedizin.
henhaus des angrenzenden Neubauge-            Rothaariger marschiert auf dem Stepper,               Nun wollen die Leipziger herausfin-
biets.                                        ein siebter schließlich rudert auf einem           den, ob der heilsame Effekt des Sports
tatsächlich auf der Entstehung natürlicher                                                                                       Der Gefäßmediziner steckt Patienten in
Bypässe beruht. Zu diesem Zweck ließen                                                                                           eine seltsame, dicke blaue Hose, die aus
sie 20 Patienten vier Wochen lang trai-                                                                                          aufblasbaren Manschetten besteht. Das
nieren und ermittelten anschließend, in-                                                                                         Beinkleid wird segmentweise aufge-
wiefern sich die Durchblutung der Kolla-                                                                                         pumpt – mit der Folge, dass das Blut nach
teralen verändert hatte. Das Ergebnis:                                                                                           oben bis ins Herz schießt. Dieser künst-
„Bei den Patienten, die gut trainiert ha-                                                                                        lich gesteigerte Blutfluss soll die Kollate-
ben, war die Funktionsfähigkeit der Kol-                                                                                         ralen zum Wachstum anregen.
lateralen deutlich verbessert“, konstatiert                                                                                         Derzeit testet Buschmann die Appara-




                                                                                           HEINER MUELLER-ELSNER / DER SPIEGEL
Schuler.                                                                                                                         tur, die er „Herz-Hose“ nennt, an 300 Pa-
   Sosehr sich die Leipziger Bewegungs-                                                                                          tienten. Seine Studie ist zwar noch nicht
forscher über ihre Erkenntnisse freuen,                                                                                          ausgewertet, aber die ersten Ergebnisse
so groß ist ihr Frust über das Verhalten                                                                                         stimmen den Mediziner hoffnungsfroh:
vieler Patienten. Nach Abschluss einer                                                                                           „Vielen Patienten sind zusätzliche Um-
Studie verfallen viele wieder in den alten,                                                                                      gehungskreisläufe gewachsen“, sagt er.
bewegungsarmen Trott.                                                                                                               Demnächst will Buschmann seine Me-
   Dabei hatte Jens Schierhold, 47, Kraft-                                                                                       thode Patienten im ganzen Bundesgebiet
fahrer aus Leipzig, das Training zum          Kardiologe Schuler                                                                 zur Verfügung stellen. Der Charité-For-
Schluss sogar gefallen. Der Mann, dessen      Mit dem Fahrrad 20 Kilometer zur Arbeit                                            scher plant bereits einen Herz-Hosen-Ver-
Herzkranzgefäße „ziemlich verschlossen                                                                                           leih mit Stationen in 20 Städten. Fach-
sind“, wie er sagt, kaufte sich deshalb ein   helfen, die akut einen Herzinfarkt erlei-                                          ärzte könnten die aufblasbare Büx dort
Fahrradergometer. Aber irgendwie sei          den. Denn bei ihnen kommt die Arterio-                                             buchen, die Kosten sollen die Kranken-
das mit der Bewegung „dann bald wieder        genese zu spät, wenn sie in normalem                                               kassen übernehmen.
Nebensache geworden“.                         Tempo abläuft. Es dauert Tage und Wo-                                                 Dass Menschen mit der Herz-Hose
   Wie Schierhold träumen viele Men-          chen, ehe sich ein natürlicher Bypass neu                                          vorm Fernsehgerät hocken und sich
schen davon, die Früchte der Bewegung         gebildet hat. Im Falle eines Infarkts aber                                         durchwalken lassen, anstatt sich selbst zu
ernten zu können, ohne sich anstrengen        braucht das Herz binnen Minuten frische                                            bewegen, ist allerdings nicht sein Ziel.
zu müssen. Und tatsächlich suchen Herz-       Adern. Profitieren würden zudem Patien-                                            Das Gerät soll vor allem als Starthilfe die-
mediziner bereits nach Wegen, die na-         ten, die aufgrund von Gebrechen und Be-                                            nen, um das Wachstum der Gefäße so
türliche Arteriogenese gezielt herbeizu-      hinderungen nicht in der Lage sind, Sport                                          weit anzuregen, bis der herzmalade
führen.                                       zu treiben.                                                                        Mensch trainieren kann.
   Das Anschalten der Arteriogenese auf         Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Ivo                                               Im Klinikum Großhadern verfolgt die
Knopfdruck würde auch jenen Menschen          Buschmann, 44, von der Berliner Charité.                                           Biologin Deindl eine andere Strategie,
Titel




                                                                                                                                         JULIANE WERNER
Gefäßmediziner Buschmann bei Behandlung eines Patienten mit der „Herz-Hose“: Starthilfe für Herzkranke, die kaum Sport treiben können

um das Wachstum neuer Gefäße zu för-         skeptisch. „Ich kann mir nicht vorstellen,     körperliche Verfallserscheinungen traten
dern. Die Forscherin sucht nach Wirk-        dass es funktioniert“, sagt Karl-Ludwig        bei ihnen im Durchschnitt 16 Jahre später
stoffen, mit denen sich die Arteriogenese    Schulte, Chefarzt am Gefäßzentrum Ber-         auf als bei den trägen Vergleichspersonen.
bei Bedarf anschalten lasst. „Wenn wir       lin. „Das halte ich für eine Illusion“, sagt   James Fries sagt: „Im Großen und Ganzen
von der Natur lernen, wie es geht“, sagt     auch der Leipziger Schuler, ein drahtiger      sind die Läufer gesund geblieben.“
Deindl, „dann können wir dem Herzen          Kerl, der jeden Tag 20 Kilometer weit mit         Die Vitalität war verbunden mit einem
befehlen, neue Adern auszubilden.“           dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Die Be-          deutlich verlängerten Leben. 21 Jahre
   In ihrem Labor stehen Flaschen voller     wegung könne man nicht pharmakolo-             nach Beginn der Studie waren von den
Isofluran, einem Narkosegas. Auf der         gisch ersetzen, sagt er: „Es gibt keine        Läufern nur 15 Prozent verstorben – von
Bank liegen Scheren und Zangen. In ei-       Abkürzung.“                                    den trägen Menschen waren zu diesem
ner Kiste aus Styropor raschelt eine dunk-      Allerdings muss auch niemand zum            Zeitpunkt schon 34 Prozent tot.
le Maus. Eine junge Doktorandin hat dem      Spitzensportler werden, wie Bewegungs-            So alt wie das Wissen über den Segen,
Nager die Hauptarterie des rechten Beins     forscher jüngst im britischen Fachmaga-        sich zu regen, so alt ist auch die Abnei-
abgebunden, dennoch bewegt er sich nor-      zin „Lancet“ berichteten. Die Wissen-          gung vieler Menschen dagegen – ein
mal – dem Tier sind natürliche Bypässe       schaftler hatten die Gesundheitsdaten          Trauerspiel. Der Dichter Goethe hat es
gewachsen. Das Blut der Maus muss des-       von 400 000 Menschen ausgewertet und           in seinem „Faust“ vor mehr als 200 Jah-
halb alle notwendigen Botenstoffe ent-       dabei festgestellt: Schon wer sich jeden       ren in Worte gefasst.
halten, die für das Wachstum neuer Ge-       Tag 15 Minuten lang körperlich betätigt,          Mephisto verrät Faust das Geheimnis
fäße erforderlich sind.                      verringert sein Risiko, am Herzinfarkt zu      der Verjüngung: Er brauche bloß auf dem
   „Wir erforschen, wie der mechanische      sterben, um 20 Prozent und verlängert          Feld hacken und graben. Doch davon will
Reiz durch das Abbinden des Beins in         sein Leben statistisch gesehen um min-         Doktor Faust nichts hören: „Das bin ich
biologische Signale übersetzt wird“, er-     destens drei Jahre.                            nicht gewöhnt, ich kann mich nicht be-
läutert Deindl. „Und erstmals scheinen          Und es lässt sich noch mehr Lebenszeit      quemen, den Spaten in die Hand zu neh-
wir diese Schnittstelle zu verstehen.“       hinzugewinnen, hat der Mediziner James         men. Das enge Leben steht mir gar nicht
   Offenbar benötigt die Arteriogenese       Fries von der Stanford University in Ka-       an.“
einen Cocktail von Wuchsstoffen, den die     lifornien nachgewiesen. Dazu untersuch-           So wie Faust hat es auch Herr K. aus
Forscher zu einem Medikament weiter-         te er 538 Mitglieder eines Lauf-Clubs so-      Köln bisher gehalten, nur rettet ihn heute
entwickeln wollen. In fünf bis zehn Jah-     wie 423 träge Menschen. Die Probanden          die moderne Medizin. Die Notoperation,
ren, hofft die Biologin, könne die Mixtur    waren zu Beginn der Studie 50 Jahre oder       bei der ihm vorige Woche zwei Bypässe
erstmals am Menschen getestet werden.        älter, und Fries hat jahrelang dokumen-        eingenäht wurden, ist gut verlaufen.
   Wird es also wirklich irgendwann eine     tiert, wie es ihnen weiter erging.                Der Mann fühlt sich geheilt, bis zur
Art Jungbrunnenpille für die Herzver-           Das beeindruckende Ergebnis: Die Läu-       nächsten Herzattacke.
jüngung geben? Andere Experten bleiben       fer klagten weit seltener über Gebrechen –                                    JÖRG BLECH

126                                                D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Technik

                                                                                                                     Neuer Morgan Threewheeler
                                                                                                                     Tugend des Leichtbaus

                                                                                                                         Letzteren ist es auch vorwiegend ge-
                                                                                                                     schuldet, dass die englische Manufaktur
                                                                                                                     mit der Auslieferung des neuen Dreirads
                                                                                                                     um fast ein Jahr in Verzug geriet und die
                                                                                                                     ersten Threewheeler erst in diesem Früh-
                                                                                                                     jahr in den Handel bringen wird. Charles
                                                                                                                     Morgan, der als oberste Firmenmaximen
                                                                                                                     „Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit“
                                                                                                                     nennt, macht kein Hehl aus den Schwie-
                                                                                                                     rigkeiten: „Grundsätzlich“, erklärt er,
                                                                                                                     „ist Automobilbau eine sehr komplizierte
                                                                                                                     Sache.“
                                                                                                                         Im Besonderen entstanden Komplika-
                                                                                                                     tionen durch die gewaltigen Drehmo-
                                                                                                                     mentspitzen, die der Zweizylindermotor




                                                                                           MARTYN GODDARD / CORBIS
                                                                                                                     wie Hammerschläge ins Getriebe sandte.
                                                                                                                     Das Zahnräderwerk (es wurde bei Mazda
                                                                                                                     eingekauft) war diesem Angriff nicht ge-
                                                                                                                     wachsen und musste durch ein Zwischen-
                                                                                                                     element geschützt werden, das „ähnlich
                                                                                                                     wie eine Feder“ (Morgan) die Stoßkraft
                                                                                                                     mildert.
                                                Mit dem „Threewheeler“ leistete Fir-                                     Zweifel an der Fahrstabilität, versichert
            AU TOM O B I L E                 mengründer Henry Frederick Stanley                                      Morgan, seien unbegründet. Er verweist
                                             Morgan einen achtbaren Beitrag zur                                      auf die großen Rennsporterfolge der frü-

      Springen statt                         frühen Volksmotorisierung Großbritan-
                                             niens. Seine Dreiräder waren günstig und
                                             ausgesprochen dynamisch, die schnells-
                                                                                                                     hen Threewheeler, deren wichtigstes Bau-
                                                                                                                     prinzip übernommen wurde: „Zwei Räder
                                                                                                                     müssen nach vorn, sonst geht das nicht

          rollen                             ten erreichten über 180 Kilometer pro
                                             Stunde. Erst 1936 präsentierte Morgan
                                             sein erstes vierrädriges Modell und
                                                                                                                     gut.“ Die Antriebskraft wird wie bei
                                                                                                                     Motorrädern – und auch bei den alten
                                                                                                                     Threewheelern – auf das Hinterrad ge-
  Die englische Automanufaktur               schwenkte bald ganz auf diese allgemein                                 leitet. Das gebe dem Fahrer reichlich
     Morgan kämpft mit den                   bewährte Bauart um.                                                     Spielraum für „gut kontrollierbare Drifts“,
 Tücken einer traditionsschweren                Heute ist der Manufakturbetrieb in                                   erklärt der Firmenchef, wodurch sich der
                                             Malvern, einer Ansammlung eingeschos-                                   Wagen einmal mehr als Spaßmobil qua-
   Mission – der Wiedergeburt                siger Backsteinhallen, der letzte nennens-                              lifiziere.
  des dreirädrigen Sportwagens.              werte Autoproduzent Großbritanniens,                                        Der Spieltrieb der anvisierten Klientel
                                             der nicht im Ruin oder im Besitz eines                                  muss sich allerdings mit der Bereitschaft


D
        er Druckknopf, über den der Pilot    fremdländischen Großkonzerns endete.                                    verbinden, den Gegenwert eines gutaus-
        den Abwurf einer Bombe ver-          Etwa 180 Mitarbeiter haben dort im ver-                                 gestatteten Mittelklassewagens für ein
        anlasst, ist in manchen Militär-     gangenen Jahr über 700 Sportwagen her-                                  Dreirad ohne Verdeck zu bezahlen. Der
flugzeugen mit einer Sicherungskappe         gestellt. Das Design der Modelle folgt der                              Threewheeler wird knapp 40000 Euro kos-
bedeckt. Sie muss vor dem Betätigen          Formensprache der Vorkriegszeit, die                                    ten und soll, wie andere Produkte der Mar-
hochgeklappt werden und soll so ein ver-     Aluminiumkarosserie – bei den meisten                                   ke, auch eine gute Investition sein.
sehentliches Auslösen verhindern.            Modellen noch mit Eschenholzrahmen –                                        Morgan-Fahrzeuge gelten nicht als
   Den Starter eines Automobils wie ei-      der zeitlosen Tugend des Leichtbaus.                                    die zuverlässigsten, zählen aber zu den
nen Bombenauslöser zu gestalten und             Und diese wird der neue Threewheeler                                 wertstabilsten der Welt, da das Familien-
auch so zu nennen erscheint weder prak-      nun auf die Spitze treiben. Sein altaero-                               unternehmen, anders als viele sonstige
tisch noch geschmackvoll – im jüngsten       nautisches Blechkleid ist ebenfalls aus                                 Exotenmarken, auch in Boomzeiten der
Produkt der englischen Sportwagenmar-        Leichtmetall; das gesamte Fahrzeug wiegt                                Versuchung widerstand, die Produktion
ke Morgan aber nicht unpassend. Es hat       nur etwa 500 Kilogramm und soll die                                     sprunghaft anzuheben.
drei Räder – vorn zwei, hinten eines –       Spurtstärke eines Porsche mit der Spar-                                     Vom Threewheeler will Charles Morgan
und sieht aus wie die Zweitverwertung        samkeit eines Motorrads vereinen. Ange-                                 600 Exemplare pro Jahr fertigen, die
eines ausgebeinten Jagdflugzeugs der         strebt ist der Spurt auf 100 km/h in etwa                               Gesamtproduktion in Malvern also fast
Richthofen-Ära. Angelassen wird es über      fünf Sekunden und ein Spitzentempo von                                  verdoppeln. Seine Händler schätzen die
einen Knopf mit Kappe. Prospektbezeich-      mehr als 180 km/h – bei einem Verbrauch                                 Marktchancen des Dreirads vorsichtiger
nung: „bomb release button“.                 von etwa fünf Litern auf 100 Kilometer.                                 ein: „Die Gelegenheit, mit so einem Auto
   Dass das Gefährt im Dienste Britan-          Laut Geschäftsführer Charles Morgan,                                 zu fahren“, gesteht ein deutscher Morgan-
niens steht, lässt sich mit Dekorbeklebun-   Enkel des Firmengründers und Initiator                                  Vertreter, „müssen Sie erst mal erfinden.“
gen deutlich machen, die Morgan als Zu-      der Dreirad-Renaissance, wird das neue                                                               CHRISTIAN WÜST
behör anbietet. Insignien der Königlichen    Gefährt „eher springen als rollen“. Für
Luftwaffe nebst fingierten Einschusslö-      Vortrieb sorgt ein urwüchsiger V2-Motor                                               Video: Christian Wüst testet
chern flankieren die fahrzeugtechnische      amerikanischer Herkunft, der wie bei den                                              den Morgan Threewheeler
Spaßoffensive, die obendrein einem Hei-      Ur-Morgans geweihartig die Wagenfront                                                 Für Smartphone-Benutzer:
ligtum der über hundertjährigen Unter-       ziert. Seine großen Kolben produzieren                                                Bildcode scannen, etwa mit
nehmensgeschichte huldigt.                   neben 115 PS enorme Rüttelkräfte.                                                     der App „Scanlife“.

128                                                D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
CPP / ROPI / CIRIC / FOTOFINDER
                                                                                                                                                         ROTA / CAMERA PRESS
                                                                                      POLARIS / LAIF


                                                                                  1                                                                  2                                                                  3
                                                ARCHIVIO GBB / CONTRASTO / LAIF




                                                                                                                                                                                                                               P.S.I.BONN / ULLSTEIN BILD
                                                                                                                                                                                   BETTMANN / CORBIS




                                         4                                                                                                                                     5                                        6
Kinderfotos bekannter Persönlichkeiten*: Erfassen Begabte das Gesicht als Ganzes?



                                                                                                                HIRNFORSCHUNG




             Superhelden aus dem Museum
        Ein englischer Wissenschaftler sucht nach Menschen mit einer ungewöhnlichen
    Fähigkeit: Sie können sich an fast jedes Gesicht erinnern, auch an das von Wildfremden.
                Die Gedächtnisprofis sollen helfen, nach Verbrechern zu fahnden.


D
        er Forscher, der aussieht wie ein                                                              aus seinem Leben ein, etwa die beiden                                   erblickte, wusste er sofort: Das ist Stefani.
        indischer George Michael, interes-                                                             Florida-Reisen.                                                         Seine Frau erklärte ihn für verrückt.
        siert sich seit kurzem sehr für das                                                               Im Jahr 2005, anlässlich ihres ersten                                  Doch er behielt recht. „Stefani guckte
Gehirn seines kleinen Bruders.                                                                         Hochzeitstags, waren er und seine Frau                                  mich an, als würde ich sie verfolgen wie
   Durch Zufall fand Ashok Jansari her-                                                                nach Orlando geflogen. Am Eingang ei-                                   ein Stalker“, erzählt Jansari. Er vergaß
aus, dass dieser eine besondere Begabung                                                               nes Freizeitparks gab ihnen eine junge                                  die Begegnung aber schnell wieder. Er
hat. Nur hatte sein Bruder davon selbst nie                                                            Frau namens Stefani einen kurzen Über-                                  hielt das Ereignis nicht für ungewöhnlich.
etwas bemerkt. Erst jetzt, im Nachhinein,                                                              blick über das Gelände. Zwei Jahre später                                 Anfang Januar besuchte er seinen Bru-
fallen Ajay Jansari seltsame Episoden                                                                  reisten sie wieder in die Stadt. In einem                               der, einen Neuropsychologen, um ihn bei
                                                                                                       Küchengeschäft kauften sie einen Pizza-                                 einem Versuch zu unterstützen. In einer
* Die Auflösung folgt auf der nächsten Seite.                                                          schneider. Als er die Dame an der Kasse                                 Ecke des Londoner Science Museum hat-
                                                                                                             D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                      129
VATICAN POOL / CONTRASTO / LAIF
                                                                                                                                                                                         Jansari, habe ihn einmal für den briti-
                                                                                                                                                                                         schen Sänger George Michael gehalten –




                                                                                     INDIGO / GETTY IMAGES
                                                                                                                                                                                         wegen seines Barts und des Goldohrrings.




                        JEWEL SAMAD / AFP
                                                                                                                                                                                            Die meisten Menschen liegen irgendwo
                                                                                                                                                                                         zwischen diesen beiden Extremen. Ein
                                                                                                                                                                                         Großteil der Gesichtserkennung läuft in
      1. Barack Obama                                           2. Kate Middleton                                              3. Benedikt XVI.                                          einem kleinen Teil einer Hirnregion na-
                                                                                                                                                                                         mens Gyrus fusiformis ab, die auf der
                                                                                                                                                                                         Höhe der Ohren liegt. Nimmt sie Schaden,
                                                                                                                                                                                         können die Betroffenen Gesichter noch
                        NANCY KASZERMAN / ZUMA PRESS / CORBIS




                                                                                                                                                                                         sehen, aber nicht mehr einer Person zu-
                                                                                                                                                                                         ordnen. Die Frage ist, ob diese Hirnregion
                                                                                                                                                                                         bei Jansaris Bruder und den anderen Su-
                                                                                                                                                                                         per-Recognizern stärker vernetzt ist? Und
                                                                                                                                                                                         warum erinnern sich die Gesichtserkenner




                                                                                                                                                  FRANK OSSENBRINK
                                                                                     TARGET / FOTEX.DE
                                                                                                                                                                                         auch so auffallend gut an Namen und Si-
                                                                                                                                                                                         tuationen?
                                                                                                                                                                                            Jansari will diesen Fragen nun nachge-
          4. Madonna                                              5. Elvis Presley                                           6. Angela Merkel                                            hen. Die sieben Hochbegabten, die er im
                                                                                                                                                                                         Museum ermittelt hat, sollen jetzt nach
te Ashok Jansari sein Experiment aufge-                                 nis gaben die meisten Testpersonen rund                                                                          allen Regeln der Hirnforschungskunst
baut. Der Forscher lud die Museumsbe-                                   70 Prozent richtige Antworten.                                                                                   durchleuchtet werden. Seine Erkenntnis-
sucher ein, sich auf eine seltene Fähigkeit                                Jansari schaffte 98 Prozent. Er habe                                                                          se könnten einmal dazu beitragen, Ge-
testen zu lassen, und hoffte, dass so viele                             sich gefragt, wann es endlich schwieriger                                                                        sichtsblinden zu helfen oder Computer-
wie möglich mitmachen.                                                  werden würde. 725 Testpersonen kamen                                                                             programme für die Gesichtserkennung zu
   Jansari suchte nach Menschen, die sich                               insgesamt ins Museum, darunter befan-                                                                            verbessern, hofft er.
an fast jedes Gesicht erinnern können,                                  den sich gerade mal sieben Super-Reco-                                                                              Doch schon bald könnten sich einige
das sie irgendwann einmal gesehen ha-                                   gnizer – jeder Hundertste.                                                                                       der Gesichter-Genies für die Allgemein-
ben – und sei es auch nur einen kurzen                                     Warum ein paar wenige auch auf stark                                                                          heit nützlich machen, bei der Verbre-
Moment auf einer Party, in der U-Bahn                                   verpixelten Bildern noch Gesichter zu er-                                                                        chensbekämpfung. Bei der Londoner Po-
oder im Supermarkt. Der wissenschaftli-                                 kennen vermögen ist bislang ein Rätsel.                                                                          lizei möchte Detective Chief Inspector
che Fachausdruck dafür lautet „Super-                                   Der Neuropsychologe Jansari vermutet,                                                                            Mick Neville am liebsten ein Team zu-
Recognizer“ und klingt wie aus einem                                    dass sein Bruder und die anderen Super-                                                                          sammenstellen, das aus diesen Superhel-
Helden-Comic. Drei Monate lang fahn-                                    begabten Gesichter eher als Ganzes ver-                                                                          den besteht.
dete Jansari nach den Gedächtnisprofis.                                 arbeiten; sie konzentrieren sich weniger                                                                            In einer Polizeistation in Central Lon-
Er hätte nicht für möglich gehalten, dass                               auf einzelne Teile wie Nase, Mund oder                                                                           don sitzt der Mann, der von sich be-
auch sein Bruder dazugehören würde.                                     Augen.                                                                                                           hauptet, so fleißig Fahndungsfotos zu
   Ein paar Wochen danach sitzt der neue                                   Anders Menschen, die unter sogenann-                                                                          sammeln wie Scotland Yard Fingerab-
Super-Recognizer in einem Café im Nor-                                  ter Gesichtsblindheit leiden. Die Betrof-                                                                        drücke. Mick Neville ist ein Mann mit
den Londons, seine hochschwangere Frau                                  fenen nehmen nur die Puzzleteile eines                                                                           Bürstenhaarschnitt, der gern kurze Sätze
hockt neben ihm. Im Mai erwarten sie                                    Gesichts wahr und schaffen es nicht, sie                                                                         spricht, wovon jeder klingt wie ein Be-
ihr erstes Kind. Ajay Jansari wackelt auf                               zu einem sinnvollen Ganzen zusammen-                                                                             fehl und auch einer ist. Sein Büro ist Lon-
seinem Stuhl herum, er sei immer hippe-                                 zufügen. Gesichtsblinde erkennen oft                                                                             dons Umschlagsplatz für Überwachungs-
lig, sagt seine Frau. Sie habe Freunden                                 nicht einmal engste Freunde oder Ver-                                                                            aufnahmen.
von den Testergebnissen erzählen wollen;                                wandte. Eine solche Patientin, erzählt                                                                              Viele Stunden Videomaterial zeichnen
aber er war dagegen, ihm ist die Sache                                                                                                                                                   die Kameras der Metropolitan Police in
unangenehm. Vielleicht waren es ja auch                                                                                                                                                  London Jahr für Jahr auf, darunter auch
alles nur Zufallstreffer.                                                                                                                                                                Überfälle, Einbrüche oder Messersteche-
   Im Museum hatte ihm sein Bruder zu-                                                                                                                                                   reien. Kritiker sagen, die Totalüberwa-
nächst Jugendfotos von Christina Agui-                                                                                                                                                   chung nütze wenig. Mick Neville sieht
lera, Tom Hanks, Bill Clinton und ande-                                                                                                                                                  das anders: „Wir müssen die Videoüber-
ren Berühmtheiten gezeigt. Jansari fiel                                                                                                                                                  wachung professionalisieren.“
es leicht, die Porträts Menschen zuzuord-                                                                                                                                                   Seine Mitarbeiter sitzen zwischen
nen, deren Gesichter er bislang nur als                                                                                                                                                  Pappkartons an alten Rechnern in einem
Erwachsene kannte (siehe Bilderstrecke).                                                                                                                                                 Raum, in dem es nach dem letzten Mit-
   Der zweite Test dauerte mehrere Run-                                                                                                                                                  tagessen riecht. Von hier aus werden
den: Jansari musste sich jeweils das                                                                                                                                                     Überwachungsfotos von Verdächtigen
Schwarzweißbild eines Mannes einprägen                                                                                                                                                   übers Internet verbreitet, zumeist aus Fil-
und diesen dann auf einer Reihe von Bil-                                                                                                                                                 men herauskopierte Standbilder, dunkel
                                                                                                                                                  UPPA TRUEBA / PICTURE-ALLIANCE / DPA




dern wiederfinden. Der Schwierigkeits-                                                                                                                                                   und unscharf.
grad für ihn und die anderen Testperso-                                                                                                                                                     Was Neville fehlt, sind Menschen, die
nen steigerte sich dabei kontinuierlich:                                                                                                                                                 perfekt darin sind, Gesichter zu erken-
Die gezeigten Gesichter ähnelten einan-                                                                                                                                                  nen – und zwar auch dann, wenn die Auf-
der zunehmend. Später wurden den Pro-                                                                                                                                                    nahmen extrem schlecht sind. Aus diesem
banden Porträts gezeigt, die über der                                                                                                                                                    Grund hat der Kriminalhauptkommissar
Stirn und am Kinn abgeschnitten waren.                                                                                                                                                   die Hirnforschung für sich entdeckt. Ein
Am Ende sahen die Fotos so verschwom-                                                                                                                                                    Psychologe hat schon mit ähnlichen Me-
men aus, dass viele Teilnehmer kaum                                     Überwachungszentrale der Polizei                                                                                 thoden wie Jansari erste Polizeibeamte
noch etwas erkennen konnten. Im Ergeb-                                  Menschen als die besseren Maschinen                                                                              auf diese Fähigkeit getestet.
130                                                                             D E R                        S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Wissenschaft

   Kommissar Neville vertraut lieber auf
Menschen als auf Maschinen. Zwar kön-
nen Computer mittlerweile recht zuver-
lässig Personen auf Fotos erkennen, aller-
dings nur, wenn die Aufnahmen etwas
taugen. Und das ist nicht bei vielen Bil-
dern der Überwachungskameras der Fall.
Häufig sind die Filme unscharf und die
Farben verwaschen. Die Tatverdächtigen
ziehen die Kapuze tief ins Gesicht. Auch
Gesichtsausdrücke können einen Compu-
ter verwirren.
   Mick Neville präsentiert auf seinem
Rechner eine Liste von 20 Mitarbeitern,
die ihm heute schon zuverlässig bei der
Identifizierung von Verbrechern helfen.
Einer von ihnen heißt Idris Bada. „Idris
ist die bessere Maschine“, ruft Mick und
haut auf den Tisch.
   Bada schweigt lieber. Alles an dem Hü-
nen wirkt mächtig, die Hände, die Lippen,
der Nacken, alles, nur nicht seine Stimme.
Die klingt sanft und leise. Er arbeitet in
einer Polizeistation nahe der teuren Re-
gent Street, in der Ferrari und Apple ei-
nen Laden haben. Heute am Freitag-
abend sammeln sich in den Nebenstraßen
vor den Pubs Londons Partygänger. Es
kommt zu Ladendiebstählen, Einbrüchen
und Schlägereien.
   Kurz vor acht Uhr ist auf der Wache
noch nicht viel los. Bada fotografiert alle
Verdächtigen, die seine Kollegen auf die
Wache bringen, nimmt Fingerabdrücke
und schaut jede halbe Stunde in die Zel-
len, ob es den Insassen gutgeht. Bada
schaut durch das Guckloch zu einem hin-
ein. Ein Betrunkener, sagt er.
   Sonntagabend, wenn die Stadt sich be-
ruhigt, werden sich auch die Zellen lee-
ren. Dann surft Bada während seiner
Nachtschicht durch die im Netz veröffent-
lichten Überwachungsfotos von mutmaß-
lichen Straftätern, um zu schauen, ob ein
alter Bekannter darunter ist: War der
Mann oder die Frau schon einmal Gast
bei ihm in einer Zelle?
   Vergangenen Monat ist er auf das Foto
eines Mannes gestoßen, der als Betrüger
gesucht wird. Den habe ich schon mal ge-
sehen, erkannte Bada und fand ihn im
Polizeicomputer wieder. Er schickte den
Namen des Verdächtigen an die Mitarbei-
ter von Mick Neville. Pro Monat liefert
Bada rund drei, vier solcher Hinweise. Es
macht aus ihm, dem Helfer, einen gern-
gesehenen Kollegen.
   Seit kurzem arbeitet Kommissar Nevil-
le mit dem Neuropsychologen Jansari zu-
sammen. Die Forscher kommen so an
weitere Versuchspersonen heran, und die
Beamten erhalten nützliche Tipps aus der
Wissenschaft.
   Erste Erkenntnisse der Hirnforscher
überlegt Neville demnächst umzusetzen:
Menschen auf bewegten Bildern lassen
sich viel einfacher identifizieren als auf
Standbildern.
                               LAURA HÖFLINGER

 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2     131
Wissenschaft




Abgestürzte US-Maschine auf dem Gauligletscher 1946: „Wir halten noch maximal 24 Stunden durch, Verletzte an Bord“

                                                                                                    Am 19. November 1946 war die US-Ma-
                                  GESCHICHTE                                                      schine in München um 13.05 Uhr mit Ziel
                                                                                                  Marseille gestartet. Alsbald kam Pilot

            Abflug vom Gletscher                                                                  Captain Ralph H. Tate junior jedoch von
                                                                                                  der geplanten Flugroute ab; die „Dakota“
                                                                                                  verschwand im Alpennebel.
                                                                                                    Weil sich etliche hochrangige US-Mili-
  Mit einer spektakulären Aktion retteten Schweizer Piloten 1946                                  tärs an Bord befanden, setzte die Suche
   die Besatzung eines abgestürzten US-Flugzeugs. Jetzt wurde                                     der U. S. Army nach den Vermissten
                                                                                                  gleich mit voller Kraft ein, war aber zum
diese Geburtsstunde der alpinen Luftrettung erstmals rekonstruiert.                               Scheitern verurteilt. Denn die Amerika-
                                                                                                  ner suchten ihre auf Schweizer Boden ab-


G
        ut eine Stunde lang glitt das US-    bergauf geradewegs auf eine tiefe Glet-              gestürzten Landsleute in den französi-
        Militärflugzeug „Dakota C-53“        scherspalte zu. Wenige Meter vor dem                 schen Hochalpen.
        sanft und ruhig durch die Luft.      Abgrund drehte ein Schneestau vor dem                  Pilot Tate und seine Kameraden hatten
Nichts deutete auf jene Gewalten hin, von    rechten Flügel das Geschoss und brachte              keinen Schimmer, wo sie niedergegangen
denen die Propellermaschine plötzlich        es so zum Stehen. Doch nun riss die                  waren, und konnten über Funk zur Klä-
von einer Sekunde zur anderen erfasst        Glückssträhne der zwölf Amerikaner vor-              rung wenig beitragen. Mit schweren B-17-
werden sollte.                               erst ab.                                             Bombern, sogenannten Fliegenden Fes-
  Tückische Turbulenzen schleuderten           Fünf Tage und Nächte harrten die im                tungen, fahndeten die Amerikaner in
das Flugzeug zunächst 300 Meter in die       Tiefschnee Gestrandeten im November                  5000 Meter Flughöhe nach den Verschol-
Höhe, kurz darauf wurde der Flieger wie-     1946 bei minus 15 Grad und eisigen Win-              lenen. Deren Lage wurde zunehmend
der Hunderte Meter in die Tiefe gedrückt.    den auf dem Bergmassiv aus. Dann erst                kritisch.
Schließlich prallte die Maschine mit vier    kam Hilfe – ausgerechnet aus der Luft.                 Ein Passagier war bei der Bruchlan-
Besatzungsmitgliedern und acht Passagie-       Rechercheure von SPIEGEL TV haben                  dung samt Sitz durch die Kabine geschleu-
ren an Bord mit Tempo 280 auf den Gauli-     gemeinsam mit dem Schweizer Militär-                 dert worden und hatte sich dabei einen
gletscher in den Berner Alpen.               forscher Roger Cornioley in einem Do-                komplizierten Beinbruch zugezogen. An-
  25 Minuten lang war der Pilot zuvor im     kumentarfilm jene dramatischen Ereig-                dere erlitten schwere Prellungen. Hunger,
Blindflug auf etwa 3350 Meter Reiseflug-     nisse rekonstruiert, die zur spektakulären           Durst und Kälte setzten allen gleicherma-
höhe über das Gebirge geirrt. Es grenzt      Rettung der Verunglückten führten – und              ßen zu. Um die Eiseskälte zu überstehen,
an ein Wunder, dass das Flugzeug dabei       zur Geburtsstunde der alpinen Luftret-               rollten sich die Bibbernden in Fallschirme
nicht an einer Bergspitze zerschellte, die   tung wurden*.                                        ein.
dort bis zu 3600 Meter hoch aufragen.                                                               Am 21. November, zwei Tage nach
  Auch beim Aufprall hatten die Reisen-      * „Terra X: Notlandung in den Alpen“; Sonntag, 25.   dem Start in München, setzte Pilot Ralph
den Riesenglück: Die „Dakota“ schlitterte    März, 19.30 Uhr im ZDF.                              H. Tate den verzweifelten letzten Funk-
132                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
spruch der Mannschaft ab: „Wir halten rikaner gewesen, amüsiert sich Geschichts-          scherzunge kreisten nun zwei Flieger des
noch maximal 24 Stunden durch. Verletz- forscher Cornioley: „Dazu brauchte man            Typs „Fieseler Storch“.
te an Bord.“                               immer einen rechten Fuß, um das Gas-              An Bord befanden sich Hauptmann
   Dann setzte ein Unwetter ein und pedal zu drücken.“                                    Victor Hug und Major Pista Hitz, die über
bedeckte die Unglücksmaschine mit             Von zweifelhaftem Erfolg war auch die       der Kolonne eine Meldetasche mit ver-
Schnee – von oben war die „Dakota“ nun Mobilmachung der US-Streitkräfte im                wegener Botschaft abwarfen: Die beiden
kaum noch zu erspähen. Am 22. Novem- Luftraum. Über dem Ort des Absturzes                 Schweizer Militärpiloten teilten mit, dass
ber, drei Tage nach dem Absturz, schwand warfen amerikanische Militärflugzeuge            sie auf dem Gletscherplateau zu landen
die Hoffnung auf Rettung.                  aus 4500 Meter Höhe Care-Pakete auf die        gedachten.
   Doch plötzlich wendete sich das Blatt eingeschneiten Bruchpiloten und ihre Pas-           Die „Störche“ konnten zwar auf fast
in einer Weise, wie es kein Hollywood- sagiere hinab.                                     jedem Acker aufsetzen. Eine Landung
Regisseur besser hätte inszenieren kön-       Nur versank die meiste Fracht unauf-        auf schneebedeckter Fläche galt jedoch
nen.                                       findbar im Schnee oder in Gletscherspal-       als kühnes Manöver ohne Beispiel.
   Auch der Vater des Unglückspiloten ten. Als ein 60 Kilogramm schwerer Koh-                Hug und Hitz waren indes keine Ha-
war in einem Flieger unterwegs, um nach lensack auf einen Flügel des Wracks der           sardeure. Noch während des Zweiten
der vermissten „Dakota“ zu suchen. Ge- „Dakota“ aufgeschlagen war, wurde den              Weltkriegs hatten Schweizer Piloten in-
neral Ralph Tate hatte sich in einer mas- Bombardierten mulmig. Einer der Passa-          tensiv Starts und Landungen im Schnee
sigen B-29 bereits enttäuscht auf den giere schrieb eilig mit großen Buchstaben           geübt, um für mögliche Notlandungen im
Rückweg gemacht, als die dröhnende das Wort „FINI“ in den Schnee.                         Gebirge gerüstet zu sein. Zur Vorberei-
Maschine unverhofft den Unglücksort           Am Samstagmorgen um 4.15 Uhr setz-          tung auf die Rettungsaktion hatten sie Ku-
kreuzte.                                   te auch noch das Schweizer Militär eine        fen unter die Flugzeuge geschraubt. Der
   Sofort machte sich die Crew mit einer 80-köpfige Rettungskolonne in Bewegung.          Abflug vom Gletscher war in der Praxis
roten Signalrakete bemerkbar. Vater Tate Diese Mission befiel kurzzeitig Endzeit-         freilich nie zuvor erprobt worden.
antwortete mit einer grünen. Die Batterie stimmung, als die wackeren Bergführer              Die Bergung gelang auch, weil die „Fie-
des Funkgeräts der „Dakota“ war inzwi- gewahr wurden, dass sie mit ihrer Mann-            seler Storch“ bereits bei einem Tempo
schen ausgefallen. Für Sekunden konnte schaft wegen falscher Koordinaten statt            von nur 50 Kilometern pro Stunde abhe-
Tate junior den Kasten reaktivieren. Am 9 sogar 13 Stunden durch teils brusthohen         ben kann. Nach sieben Stunden war der
anderen Ende der Leitung erkannte er Schnee stapfen mussten.                              letzte Passagier der Unglücksmaschine
seinen Vater. „Hallo Dad“, rief er. „Hallo    Erschöpft, ausgehungert und durch-          zum nahegelegenen Militärflughafen Mei-
Ralph, wie …“, hörte er noch als Antwort. nässt kamen die Männer nach dem                 ringen-Unterbach ausgeflogen worden.
Dann war die Leitung tot.                  Gewaltmarsch am Unglücksort an. Die            Hier fielen sich General Ralph Tate und
   Tate wusste nun, dass sein Vater die Begeisterung der Geretteten währte ent-           sein Sohn, der einen blutverschmierten
Koordinaten der Absturzstelle anpeilen sprechend kurz. Wie sollte dieser aus-             Turban um den Kopf trug, in die Arme.
lassen konnte. Umgehend rüsteten die gemergelte Trupp einen 36-stündigen                     Wie knapp die Verunglückten dem Tod
USA zur Rettungsschlacht am Gletscher. Abtransport der teils schwer lädierten             entgangen waren, offenbarte sich bereits
150 Gebirgsjäger der 88. Division sollten Amerikaner über unwegsames Gelände              einen Tag später: Ein schwerer Wetter-
mit Jeeps, Krankenwagen und Kettenfahr- hinbekommen?                                      umsturz mit drei Tage währendem
zeugen zum Unglücksort vorrücken.             In den Morgenstunden des 24. Novem-         Schneefall setzte ein. Heimatforscher Cor-
   Doch die Schweizer fürchteten ein Fi- ber nahm das Drama um die abgestürzte            nioley: Von dem abgestürzten Flugzeug
asko: Fahrend sei der Berg nicht zu be- „Dakota“ nach fünftägigem Martyrium               war danach „weit und breit nichts mehr
zwingen, warnten die Einheimischen. Das erneut eine unverhoffte Wendung. Über             zu sehen“.
sei eben die typische Methode der Ame- dem Rettungstrupp auf der oberen Glet-                                       FRANK THADEUSZ




                                                                                                                                      FOTOS: PHOTOPRESS ARCHIV / KEYSTONE ZÜRICH / DPA




Rettungsmaschine „Fieseler Storch“, gerettete Passagiere 1946: Nie zuvor erprobtes Manöver

                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                         133
Szene

                L I T E R AT U R


              Mäuserest
   Der Mann, der diese Geschichte er-
   zählt, will selbst keine haben. Er ist
   noch nicht alt, er scheint gesund zu
   sein, doch weder Wünsche noch Ziele
   treiben ihn um. „Ich bin hierherge-
   kommen, weil ich wollte, daß nichts
   mehr geschieht. So habe ich mir das
   vorgestellt: Je weiter im Süden, desto


                                               ANDRE LIOHN
   weniger wird geschehen.“ Hier stehe
   ich, sagt dieser Pawel in mittleren Jah-                                                                                  Liohn-Foto
   ren, und sehe dem Leben zu. Der Ort,
   den Pawel sich ausgesucht hat, ist ei-
   gentlich schon gestorben. Ein Kreisver-
   kehr, vier Kreuzungen irgendwo im
   südlichen Polen; eine Tankstelle, in
   der man Alkohol kaufen kann, und
   die Videotheken. Wer Arbeit und Zu-
                   kunft hat, wohnt hier
                   nicht mehr. „Übrig blei-
                   ben diejenigen, die kei-
                   ne Kraft mehr haben.
                   Sie bleiben überall üb-
                   rig und befassen sich
                   mit den Resten. So wie
                   ich.“ Die Reste, mit de-
                   nen Pawel sich befasst,
                   sind harmlos, billig und
Andrzej            bunt. Es sind die ausran-
Stasiuk            gierten Kleider von
Hinter der         Menschen, die ein paar
Blechwand          Autostunden weiter
Aus dem Polni-     westlich wohnen. „Die
                                               JEHAD NGA




schen von Renate   Sachen kommen alle                                                                                    Jehad-Nga-Foto
Schmidgall.        aus Europa. Heißt es je-
Suhrkamp Verlag,
Berlin; 352 Sei-   denfalls.“ Europa ist
ten; 22,90 Euro.   hier keine rechtliche                                                             FOTOGRAFIE
                   Sphäre, keine politische
                   Realität, sondern eine
   Verheißung von Schnelligkeit und
   Konsum, die fern ist und bleibt.
   Europa ist für die anderen. Pawel und
                                                                                     Blut an der Wand
   sein Geschäftspartner Wladek fahren                Ein verzweifelter Arzt mit einem Verwundeten, ein Kind auf einer Bahre, Rauchsäulen
   zu den Frauen in der leeren Ödnis von              über der Wüste, jubelnde Rebellen, rote Farbe an der Wand eines Hauses, fast wie mit
   Ungarn, in den Dörfern Rumäniens                   einem blutigen Pinsel gemalt – diese Szenen vom Krieg gingen als Fotos um die Welt.
   und der Ukraine, im bulgarischen Nie-              Ab Mai werden hundert davon in vier Ausstellungen dort gezeigt, wo sie entstanden
   mandsland, um ihnen zu bringen, was                sind: in Libyen, in den Städten Tripolis, Bengasi, Zintan und Misurata. Acht preisge-
   die Mäuse in den Containern übrig ge-              krönte Kriegsfotografen haben sich dafür zusammengetan. „Wir haben Schlachten ge-
   lassen haben. Eine unkalkulierbare                 sehen, Tod, Zerstörung, Leiden“, meint einer von ihnen, der Brasilianer André Liohn,
   Liebe bringt sie dabei in Gefahr. Seit             38, der dort vor allem für den SPIEGEL fotografierte. „Wir hoffen, dass jeder sich an
   20 Jahren besingt der Pole Andrzej                 das erinnert, was passierte, damit das Leiden nicht umsonst war.“ Organisationen wie
   Stasiuk, 51, in grauer Schönheit die               „Reporter ohne Grenzen“, libysche Zeitungen und Bürgerrechtler unterstützen die
   graue, schöne Vergangenheit. Als Me-               Ausstellungen, finanziert werden sie auch durch Crowdfunding im Internet. Das
   lancholiker kann er sein Lebensthema               Projekt heißt „Almost Dawn in Libya“ – fast schon Morgendämmerung über Libyen.
   nicht wählen, aber er variiert die äs-             Das war die Überschrift eines Artikels, den ein Reporter der „New York Times“ über
   thetische Form. In seinem dritten Ro-              den Tod zweier Freunde schrieb: Fotografen, die vor einem Jahr in Misurata gestorben
   man vermählt er seine slawischen Be-               sind. Der amerikanische Reporter und Bestsellerautor Sebastian Junger („Der perfekte
   trachtungen mit einer Krimi-Handlung,              Sturm“, „War“) hätte eigentlich mit einem der beiden nach Misurata fahren sollen.
   so dass der große Gesang auf den Un-               Doch es kam etwas dazwischen, Junger fuhr nicht und hat nun den Begleittext für die
   tergang einer Lebenswelt dramatische               Ausstellung geschrieben: Der Tod seiner Freunde in Misurata habe sein Leben geändert;
   und verzweifelte Töne aufnimmt. Am                 er will an keine Front mehr gehen. Kein Film, kein Foto, kein Buch sei so viel wert
   Ende geht die kleine Geschichte gut                wie das Leben, so Junger, „aber irgendjemand muss diese Arbeit machen“.
   aus. Die große ist längst geschehen.
  134                                                        D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Kultur
                                     GESCHICHTE


                      „Kreatives Kuddelmuddel“
Der Berliner Historiker Paul Nolte, 48,          aber auch zurückgestellt werden
über sein Buch „Was ist Demokratie?“             können, wenn eine Mehrheit ent-
(Verlag C. H. Beck), das in dieser               schieden hat.
Woche erscheint                                  SPIEGEL: Wie sehen Sie die Zukunft der
                                                 Demokratie?
SPIEGEL: Herr Nolte, Sie haben eine              Nolte: Optimistischer als andere. Ich
Geschichte der Demokratie geschrie-              finde es großartig, dass die Menschen
ben. Was haben Sie Neues gelernt?                mit der Parole Demokratie auf die
Nolte: Dass die Geschichte der Demo-             Straße gehen, ob in Kairo, New York
kratie viel offener und flüssiger ist, als       oder in Stuttgart. Ich finde es beruhi-
mir vorher klar war. Wir stehen in               gend, dass niemand eine radikale
Deutschland ja unter dem Eindruck,               Alternative zur Demokratie sieht. Die
die Demokratie sei zu einer gewissen             Monopolstellung der Parlamente
Erfüllung gekommen. Dem ist aber                 scheint allerdings verlorenzugehen, sie
nicht so. Sie verändert sich ständig.            werden aber sicher ein Kern der
SPIEGEL: Die Wutbürger mischen sich              Demokratie bleiben. Es wird mehr
ein und wollen ihre Interessen                   kreatives Kuddelmuddel geben. Wir
gegen parlamentarische Entscheidun-              sind auf dem Weg zu einer multiplen
gen durchsetzen. Halten Sie das für              Demokratie.
gefährlich?
Nolte: Nein, das ist eine Fortführung
von Bewegungen der sechziger und
siebziger Jahre, etwa der Studenten-
proteste.
SPIEGEL: Ist es nicht undemokratisch,
wenn – wie im Fall von Stuttgart 21 –
Bürger sich einer Volksabstimmung
nicht fügen wollen und ihren
Widerstand gegen den neuen Stutt-
                                                                                              EDGAR ZIPPEL / IMAGETRUST




garter Bahnhof fortsetzen?
Nolte: Manche der wütenden Bürger
müssen noch zu unterscheiden lernen,
was demokratische Entscheidungen
sind und was ihre eigenen Interessen.                                              Nolte
Die mögen legitim sein, müssen dann



   KINO IN KÜRZE


  „Viva Riva!“ ist ein heftig pulsierender Gangsterfilm aus dem Kongo, in dem
  um ein paar Fässer Benzin so erbittert gekämpft wird wie um das letzte Wasser
  auf Erden. Der Zuschauer weiß oft nicht, was schwerer auszuhalten ist – die
  Brutalität der Männer, die sich gegenseitig massakrieren, oder die Schönheit der
  Frauen, die den Männern den Verstand raubt. So drastisch der Regisseur Djo
                                                          Munga, 39, Mord und
                                                          Folter zeigt, so sinnlich
                                                          setzt er seine Haupt-
                                                          darstellerin Manie Malone
                                                          in Szene. Er macht sie
                                                          zum Inbild der Anmut in
                                                          einer Welt voller Gier und
                                                          Gewalt. So erotische
                                                          Liebesszenen wie in die-
                                                          sem Film gab es lange
                                                          nicht mehr im Kino zu
                                                              SUMMITEER FILM




                                                          sehen, sie wirken kostbar
                                                          in einer Welt, in der jeder
                                                          Atemzug der letzte sein
  Malone in „Viva Riva!“                                  könnte.


                             D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                      135
Kultur


                                                                    Seit Jahren klagen Theater, Opern, Biblio-      Kulturforschung bei Bonn. Armin Klein, 60,
                                                                    theken und Museen über Kürzungen und die        war Dramaturg in Frankfurt am Main, nun
                                                                    zuständigen Minister über die Kosten. Geän-     ist er Professor für Kulturmanagement in
                                                                    dert hat sich wenig. Der Kulturbetrieb läuft    Ludwigsburg. Pius Knüsel, 54, hat als Re-
                                                                    weiter, die Etats steigen oder bleiben zumin-   dakteur für das Schweizer Fernsehen gear-
                                                                    dest gleich. Nächste Woche nun erscheint        beitet und ist heute Direktor der Kulturstif-
 ANDREAS PAVELIC / KNAUS VERLAG




                                                                    ein Buch, das für Aufregung sorgen wird.        tung Pro Helvetia. Stephan Opitz, 60, hat
                                                                    „Der Kulturinfarkt“* stellt die Kulturpolitik   das Nordkolleg in Rendsburg gegründet
                                                                    dieses Landes grundsätzlich in Frage und        und leitet heute das Referat für Kulturelle
                                                                    bietet eine radikale Lösung: Die Hälfte aller   Grundsatzfragen im Bildungs- und Kultur-
                                                                    Theater und Museen könnten verschwinden.        ministerium von Schleswig-Holstein. Der
                                  Haselbach, Knüsel, Opitz, Klein   Die Autoren kennen die Materie bestens.         SPIEGEL dokumentiert ihre provokanten
                                                                    Dieter Haselbach, 57, leitet das Zentrum für    Thesen.




                                                                                 K U LT U R P O L I T I K




                                                                    Die Hälfte?
                                       Warum die Subventionskultur, wie wir sie kennen, ein Ende finden muss
                                        Von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz


E
       uro-Krise, Globalisierung, Demo-                              der Kulturbudgets. Seit 1977 hat sich die           Die sechziger Jahre brachten Bewe-
       grafie, Migration, Digitalisierung –                          Zahl der Musikschulen knapp verdoppelt, gung. Auf das von Ludwig Erhard ent-
       die gesellschaftlichen Fliehkräfte                            seit 1981 die Zahl der Museen knapp ver- wickelte wirtschaftliche Expansionspro-
sind ungeheuer. Kirchen werden geschlos-                             dreifacht. „Soziokultur“ gab es 1977 als gramm („Wohlstand für alle“, 1957) folgte
sen, weil es an Gläubigen mangelt, Schu-                             etablierte und institutionalisierte Einrich- die von Georg Picht („Die deutsche
len aufgelöst, weil weniger Nachwuchs                                tung – zumindest im Westen – eher sel- Bildungskatastrophe“, 1964) inspirierte
kommt, Krankenhäuser zusammengelegt,                                 ten, jetzt spannt sich ein flächendecken- politische Forderung „Bildung für alle“
um die Kosten zu senken. Die Bundes-                                 des Netz soziokultureller Einrichtungen und Mitte der siebziger Jahre dann
wehr wird von der Bürgerwehr zur Be-                                 über das Land.                                   schließlich das kulturpolitische Pendant
rufsarmee. Atomkraftwerke werden ab-                                    Natürlich, die Zahlen von damals be- „Kultur für alle“.
gestellt, weil sich die Bürger andere Ener-                          treffen die alte Bundesrepublik, mit der            Der Frankfurter Kulturdezernent Hil-
gie wünschen. Nur in Kunst und Kultur                                deutschen Einheit kamen Einrichtungen mar Hoffmann brachte dieses Credo 1979
darf sich nichts ändern. Die Welt mag un-                            aus der DDR hinzu, die Zahl der Theater auf den Punkt: „Jeder Bürger muss grund-
tergehen, Deutschland geht ins Theater.                              etwa verdoppelte sich mit der Vereinigung, sätzlich in die Lage versetzt werden, An-
   Dabei ist eine Schuldenbremse verab-                              doch das erklärt längst nicht alles. Unter gebote in allen Sparten und mit allen Spe-
schiedet worden, Bund und Länder müs-                                der Programmhoheit von „Kultur für alle“ zialisierungsgraden wahrzunehmen, und
sen ihre Verschuldungen zurückfahren. Es                             setzte die kulturelle Aufrüstung ein. Die zwar mit einem zeitlichen Aufwand und
wäre absurd zu glauben, die Kultur würde                             kommunalen Kulturhaushalte wuchsen oft einer finanziellen Beteiligung, die so be-
davon nicht betroffen. Den kommenden                                 zweistellig, 1979 etwa um 26,5 Prozent. messen sein müssen, dass keine einkom-
Aufschrei kennen wir schon: „Die Kultur-                             Die Nachbarländer Deutschlands standen mensspezifischen Schranken aufgerichtet
nation ist in Gefahr!“ „Kultur darf keine                            dabei nicht zurück. Das Ziel, die Privile- werden.“
Ware sein!“ „Theater muss bleiben!“ Ein                              gien des Establishments zum Komfort aller           Der Glaube an die Gestaltungskraft der
Ritual, tausendmal eingeübt in alten De-                             zu machen, leuchtete rundum ein.                 Kultur, an ihr Zusammenhalt und Frieden
batten. Kein neues Argument in Sicht.                                   Wie kam es dazu? Sicherlich hatte sich stiftendes Wesen ist inzwischen erlahmt.
    Tatsächlich sollte aber nichts so blei-                          in Deutschland ein großer Nachholbedarf Die 68er wollten den Umgang mit Kunst
ben, wie es ist. Der staatlich finanzierte                           aufgebaut. Kulturpolitik hatte sich vom von der Straße her ändern. Doch Kunst
Kulturbetrieb ist ein Patient, der sich                              Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der sech- war, ist und bleibt ein Medium der sozia-
nicht für das interessiert, was jenseits sei-                        ziger Jahre um einen möglichst ewigkeits- len Differenzierung, der Abgrenzung und
nes Krankenzimmers geschieht, wie soll-                              orientierten Wiederaufbau und eine Wie- Ausgrenzung. Den inneren Widerspruch
te er auch, dazu ist er viel zu sehr mit                             derbelebung der Institutionen der Hoch- eines Programms „Kultur für alle“ kann
sich selbst beschäftigt.                                             kultur gekümmert. Das „Volk der Richter keine Politik und keine Kulturförderung
   Seine Geschichte beginnt in den Sieb-                             und Henker“ wollte durch Kultur wieder beseitigen. Da klingt das Lied vom Kul-
zigern.                                                              zum „Volk der Dichter und Denker“ wer- turstaat wie eine Hymne auf Besitzstands-
                                                                     den. Der Bezug auf den großen europäi- wahrung.
Kultur für alle                                                      schen Kulturrahmen, die Weimarer Klas-              Als es nach 1989 mit den Haushaltsmit-
Mit dem Grundsatz „Kultur für alle“, aus-                            sik, war bestimmend. Es ging um das teln etwas problematischer wurde, riefen
gerufen vom Deutschen Städtetag 1973,                                Wahre, Schöne und Gute.                          alle nach Kulturmanagement. Funktionä-
begannen die Vermehrung der staatli-                                                                                  re, Formulare und Abläufe sollten den
chen Kulturbetriebe und das Wachstum                                 * Albrecht Knaus Verlag; 288 Seiten; 19,99 Euro. Status quo sichern und die Fiktion von
136                                                                         D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
GETTY IMAGES (3); DPA (3); DAPD (5); BARBIRAD (3); IMAGO (2); LAIF (3); ACTION PRESS (2); INTERFOTO; AKG; F1ONLINE; ANZENBERGER; STOCKHAUSEN; ZAPF; WEISFLOG




D E R
S P I E G E L
1 1 / 2 0 1 2
                Theater- und Opernbühnen in Deutschland: Und was, wenn es sie wirklich nicht mehr gäbe?

137
Kultur

effizientem Mitteleinsatz erzeugen. Eine
Verständigung darüber, welche öffentli-
chen kulturellen Ziele mit welchen Mit-
teln erreicht werden könnten, war nicht
gewollt. Kulturpolitik beschränkt sich bis
heute darauf, alle Wünsche zu addieren,
beraten vom Deutschen Kulturrat.
   Die kulturelle Flutung Deutschlands
wurde stets vom Angebot, nicht von der
Nachfrage her gedacht. Der Vormarsch
der geförderten Kultur produziert nicht
Vielfalt, sondern Konformität – Überein-
stimmung mit Fördermatrizen, Projekt-




                                                                                                                                CHRISTIAN JUNGEBLODT / LAIF
formaten und vertraglich abgesicherten
Leistungen. Und: Die Nachfrage für die
Angebote sinkt, weil sich die Kulturnut-
zer nicht vermehrt haben. Besucher und
Besucherinnen sind ein kostbares Gut,
ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen ist teu-
er. Noch immer sind es höchstens die ge-      Nofretete-Bewunderer in Berlin, Bibliotheksneubau in Stuttgart, Protest gegen Etatkürzungen beim
bildeten und gutverdienenden fünf bis
zehn Prozent der Bevölkerung, die sich        digt. Diese Kultur steht für immer. Des-       Rückbau und die Diskussion der Frage,
für das Hochkulturangebot interessieren.      halb strebt jede kulturelle Kraft hierzu-      was öffentliche Kulturförderung bewirken
Und sogar der Erfolg ist paradox: Je öfter    lande nach Institutionalisierung, nach         soll und wie dies nachhaltig bewerkstel-
ein Theaterstück ausverkauft ist, umso        Aufnahme in den Kanon des Kulturstaats.        ligt werden könnte, sind nicht sexy. Poli-
mehr Defizite produziert es.                  Deshalb strebt jeder Kulturmanager in          tiker eröffnen lieber ein neues Museum
                                              den Beamtenstatus.                             oder gründen ein weiteres Festival, als
Gefangen in Unmündigkeit                         In Stein gefügte Einrichtungen stehen       nach dem Sinn der Veranstaltung zu fra-
Hinter dem Programm „Kultur für alle“         für Macht. Jemand hat sie entworfen, fi-       gen. Wo es ans Eingemachte geht, handelt
steht eine mächtige Tradition der deut-       nanziert, gebaut. Sie kosten eine Stange       man sich nur neue Feinde ein.
schen Kulturgeschichte aus dem vorde-         Geld – je dicker die Stange, umso größer          In den geförderten Institutionen wird
mokratischen 18. Jahrhundert. Bühnen          die Macht. Es geht nicht allein um die         die Krise der Kulturpolitik als eine Finan-
und Museen waren die Schulen des neuen        Frage, wie teuer diese oder jene Kunst         zierungskrise empfunden, als Stagnation
Bürgers, der sich sonst politisch nicht ar-   ist, wie viel eine Ausstellung oder ein        oder Rückgang öffentlicher Zuwendun-
tikulieren konnte. Dafür ging es um das       Musiktheater kosten darf. Die Spanne           gen. Doch die Art und Weise, wie der öf-
Große und Ganze: um die „ästhetische          zwischen Kellertheater und Staatstheater       fentliche Kulturbetrieb organisiert ist,
Erziehung des Menschengeschlechts“            verweist vielmehr auf den politisch un-        wird neuen Herausforderungen nicht ge-
(Friedrich Schiller). Das demokratische       termauerten Anspruch, dass am einen            recht. Der langjährige Direktor der Ham-
Projekt des mündigen, selbstbestimmten        Ende höchste Kunst entsteht, indem sie         burger Kunsthalle, Uwe Schneede, fasste
Bürgers aber stand von Anfang an im Wi-       ihrer Selbstfinanzierung praktisch entho-      dies in einer Anhörung der Enquete-Kom-
derspruch zum ästhetischen Projekt des        ben ist, und am anderen Ende flüchtiges        mission „Kultur in Deutschland“ für die
Kunstbürgers. Der Kunstbürger muss eine       Vergnügen. Dieser Anspruch bleibt den          Museen zusammen: Es herrschten „weit-
bestimmte ästhetische Qualifikation er-       großen Institutionen eingeschrieben. Kei-      gehend veraltete Strukturen, zu viel Ver-
reichen, die nicht für alle erreichbar sein   ne schafft es, gegen ihr Existenzgesetz zu     waltung, zu viel Mitsprache von Politik
darf. Sonst würde die Distinktion hinfäl-     handeln.                                       und Administration, ein zu starres Haus-
lig, die den Kunstbürger erst ausmacht.          Es ist so kein Zufall, dass die Exkursio-   haltssystem, zu wenig aktive Öffnung
   Man kann den rasanten Ausbau der           nen der deutschen Bühnen ins Antithea-         zum Publikum, zu wenig Selbständigkeit,
kulturellen Infrastruktur als die letzte      ter der siebziger Jahre scheiterten, dass      Leistungskontrolle und Selbstbewusstsein
Offensive des vordemokratischen Modells       die Provokateure der achtziger Jahre heu-      im Umgang mit Mäzenen, Sponsoren und
des Kunstbürgers interpretieren. Aller-       te Opern inszenieren und im System fest        Privatsammlern“.
dings ist ein zentrales Axiom von Demo-       etabliert sind. Die Provokation war ein           Kulturpolitik ist in einer selbstverschul-
kratie hinzugekommen: die Freiheit. Al-       Sturm im Wasserglas. Immerhin gibt es          deten Lähmung. Sie sieht sich in der
les muss zulässig sein, jede Aussage und      jetzt mehr nackte Haut und originelleres       Pflicht, bei sinkenden Haushalten eine
jede Form. Die Freiheit der Kunst, ge-        Dekor, doch Oper bleibt Oper. Noch im-         bleibende, ja wachsende Zahl von Struk-
dacht als Schutz vor politischer Repres-      mer ist sie rituelle Opulenz. Ihr Gewicht      turen zu erhalten. Indem sie dies tut, trägt
sion, wandelt sich zur Befreiung von der      zementiert ihre Macht.                         sie dazu bei, dass öffentliche Kulturein-
Nachfrage, manifest in Institutionen mit                                                     richtungen von der privaten Konkurrenz
Selbstfinanzierungsgraden von rund 15         Bedeutungserosion                              abgehängt werden.
Prozent.                                      Wir leben im Paradies. Wer Kunst für              Einen Ausweg aus der Stagnation gibt
   Demokratisch mutet der Staat jedem         sein Dasein benötigt, findet sie reichlich     es nur, wenn es gelingt, das System der
Bürger, jeder Bürgerin eine Mündigkeit        und zu günstigen Preisen. Immer unüber-        Kulturförderung neu auszurichten. Es ist
im Urteilen und im Gestalten seines Le-       sehbarer werden die Nebenfolgen: stän-         an der Zeit, die Ziele von Kulturförde-
bens zu. Die Kulturpolitik spricht sie ihm    diges Wachstum der Produktionskosten           rung neu zu fassen, dann die Strukturen
gleichzeitig ab. Sie nimmt ihn an die Lei-    bei laufend sinkenden Kartenpreisen (ge-       der öffentlichen Kulturförderung umzu-
ne der kulturellen Erziehung.                 schuldet der scharfen Konkurrenz und           bauen. Öffentliche Kultur kann von der
   Die Programme des Kulturbetriebs           dem pädagogischen Anspruch), die kul-          Kulturwirtschaft lernen. Das Existenz-
sind zwar etwas bunter geworden, doch         turelle Segregation, die Hinwendung der        risiko, welches die privaten Kulturbetrie-
das ändert nichts daran, dass er unter al-    Jugend zu den digitalen Formen kulturel-       be umtreibt, zwingt diese zu ständiger In-
len Umständen seine Privilegien vertei-       ler Konsumption. Allein, der notwendige        novation. Solche Sorgen nehmen Staat
138                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
BACH / ACTION PRESS




                                                                                                                                                           OLIVER FANTITSCH
Deutschen Schauspielhaus in Hamburg: Politiker eröffnen lieber ein neues Museum, als nach dem Sinn der Veranstaltung zu fragen

    und Kommunen ihren Kulturbetrieben Ausbau, durch Ausweitung der Förder-                                   voll, wenn sie eine Nachfrage finden.
    weitgehend ab. So angenehm und wär- kreise. Doch angesichts von 13-stelligen                              Dass es ein solches Angebot gibt, geht
    mend dies erscheint, so gefährlich ist es. Staatsschulden ist damit wohl Schluss.                         auf kulturelle, bildungsbezogene, ge-
       Um eine eigene Zukunftsposition auf-        Die vorhandenen institutionellen Struk-                    schichtliche, sozialpolitische oder staat-
    zubauen, benötigen kulturelle Einrichtun- turen der geförderten Kultur absorbieren                        lich-repräsentative Erwägungen zurück.
    gen eine Vorstellung von sich selbst, ihrer einen zu großen Teil der kulturellen Mit-                     Öffentliches Geld begünstigt oder vergrö-
    Rolle und ihrem Markt. Misserfolge wie tel. Durch ihr pures Gewicht verhindern                            ßert das Angebot in der Absicht, die
    Erfolge im Markt müssen sich für Kultur- sie Innovation. Ein Rückbau muss kom-                            Nachfrage zu stimulieren.
    einrichtungen auswirken, neben aller Sub- men, nicht wegen der wirtschaftlichen                              Diese Klassifikation spielt in der kul-
    vention. Dass Kultureinrichtungen im Krise, sondern wegen der Immobilität, in                             turpolitischen Diskussion derzeit keine
    Markt erfolgreich agieren können, setzt der das kulturelle System sich befindet.                          Rolle. Für öffentliche Güter und Dienst-
    voraus, dass der Markt nicht mit geför- Das wird hart, da die parlamentarische                            leistungen müsste kulturpolitisch festge-
    derten Institutionen überbesetzt ist, die Demokratie sich mit neuen Versprechen                           legt werden, in welchem Umfang und
    sich gegenseitig das Publikum abjagen leichter tut als mit dem Rückbau, der                               nach welchen Verfahren sie zu erbringen
    und sich im Wettrennen um Förderung Wähler kostet.                                                        sind. Für meritorische Güter müsste fest-
    überbieten.                                    Der Rückbau schafft die Gelegenheit,                       gelegt werden, welchen öffentlichen Zie-
       Politik hat der geförderten Kultur einen sich über ein paar ordnungspolitische                         len sie dienen, ob und wie kulturelle
    immer kostspieligeren Platz eingeräumt, Prinzipien klarzuwerden, auf die unsere                           Angebote in größerem Umfang oder ver-
    getrieben vom Wachstumsglauben und Staaten bauen und die auch im Kulturbe-                                billigt auf dem Markt erscheinen sollen.
    den sprudelnden Steuern der Boomjahre. reich zur Anwendung kommen sollten.                                Und es stellt sich auch die Frage, wie viel
    Die Idee, dass die öffentliche Kultur sys- Klassifiziert man kulturelle Güter in drei                     Angebotsvermehrung und welche Ver-
    temrelevant sei, jede Produktionsstätte Kategorien, wird vieles deutlicher.                               billigung notwendig sind, um diese Ziele
    unverzichtbar, ist nur ein Versuch, die       (1) Wirtschaftsgüter werden von priva-                      zu erreichen. Immer ist – ein ordnungs-
    Präsentation der Rechnung hinauszuzö- ten Anbietern auf die Märkte gebracht, sie                          politischer Grundsatz der sozialen Markt-
    gern. Kultur profitierte von all den Bla- unterliegen dem Gesetz von Angebot und                          wirtschaft – eine Lösung, die im Markt
    sen, die unsere Ökonomie befeuert und Nachfrage. Wenn der Bedarf das Angebot                              entsteht, dem meritorischen Eingriff vor-
    die Staatskasse gefüllt haben. „Mehr Kul- übersteigt, spricht man von knappen Gü-                         zuziehen.
    tur“ legte sich als glänzendes Dekor über tern und Dienstleistungen. Ist die Nach-                           Wenn aber von Kultur die Rede ist,
    den Finanzkapitalismus, der nebenher frage nach einem künstlerischen oder kul-                            wird immer gleich alles, was ist, für not-
    fleißig kritisiert wurde; neuerdings auch turellen Gut hoch, das Angebot aber                             wendig und unverzichtbar erklärt, ohne
    dafür, dass er nicht mehr funktioniert. Da- knapp und sind die Märkte nicht reguliert,                    Ziele und Wirkungen von Förderung
    für macht das Wort von der Wertschöp- so werden die Preise in die Höhe schnellen                          überhaupt in den Blick zu nehmen. Und
    fung jetzt die Runde. Kultur, so die Hoff- – das kennt man vom Kunstmarkt.                                so kann sich noch jedes Angebot hinter
    nung, könne das Perpetuum mobile sein,        (2) An der Herstellung öffentlicher Gü-                     dem Globalziel „Kultur für alle“ wegdu-
    das mit unbegrenzter Kreativität die Wis- ter und Dienstleistungen hat der Staat ein                      cken – ohne weitere Pflichten.
    sensgesellschaft antreibe.                  primäres Interesse, er entzieht sie deshalb                      Was wäre, wenn die Hälfte der Theater
       Tatsächlich aber ist die Kultur binnen dem Marktmechanismus durch Konkur-                              und Museen verschwände, einige Archive
    40 Jahren zu einem normalen Politikfeld renzausschluss. Archivwesen und Denk-                             zusammengelegt und Konzertbühnen pri-
    geworden, in dem bewahrende und ver- malschutz sind in Deutschland und vielen                             vatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen
    ändernde Kräfte um mittlerweile 9,6 Mil- Ländern Europas gesetzlich gebunden,                             in Deutschland, 70 staatliche und städti-
    liarden Euro jährlich ringen. Warum das sachliche Mindeststandards festgelegt.                            sche Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken
    besondere Schonung verlangt, ist unbe-        (3) Meritorische Güter: Die überwie-                        statt 8200 – wäre das die Apokalypse?
    greiflich.                                  gende Anzahl der Förderfälle gehört zu                           Was, wenn die frei gewordenen Mittel
                                                einer dritten Kategorie von Gütern und                        sich verteilten auf die verbleibenden
    Die Hälfte genügt                           Dienstleistungen. Die Kunstausstellung,                       Einrichtungen, auf neue Formen und
    Die Gretchenfrage lautet: Wo nimmt Kul- der Theaterabend, die Musikstunde in                              Medien kultureller Produktion und Dis-
    turpolitik den Spielraum her, um Zukunft der Musikschule oder der Alphabetisie-                           tribution, auf die Laienkultur, die Kunst-
    zu gestalten? Bisher geschah das durch rungskurs in der VHS sind erst dann sinn-                          ausbildung und eine tatsächlich interkul-
                                                      D E R                   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                          139
Kultur

turell ausgerichtete kulturelle Bildung?
Das hieße, das Mantra der „Kultur für
alle“ fallenzulassen, dem Individuum für
                                                     Bestseller
seine Entwicklung die Selbstverantwor-
tung zu überlassen, nachfrageorientierter
                                                     Belletristik
zu produzieren und, am wichtigsten, die               1   (2)   Jonas Jonasson
                                                                Der Hundertjährige, der aus dem
erneuernden Kräfte zu stärken. So wäre                          Fenster stieg und verschwand
Zukunftsfähigkeit wieder Teil der Kultur-                       Carl’s Books; 14,99 Euro
politik.                                              2   (1)   Jussi Adler-Olsen
   Wenn wir optimistisch schätzen, würde                        Das Alphabethaus
die Halbierung zwei der knapp zehn öf-                          dtv; 15,90 Euro
fentlichen Milliarden in Deutschland frei-            3   (3)   Daniel Glattauer
setzen. Das wären vielleicht 8000 Einrich-                      Ewig Dein
tungen, jede im Schnitt mit einer viertel                       Deuticke; 17,90 Euro
Million subventioniert. Die Mittel kämen              4   (4)   Christian Kracht
fünf Zwecken zu, die für Entwicklung,                           Imperium
                                                                Kiepenheuer & Witsch; 18,99 Euro
Zukunftsoptimismus, strukturellen Um-
bau und soziale Integration stehen.                   5   (5)   Dora Heldt
                                                                Bei Hitze ist es wenigstens
   Der erste Teil würde dazu dienen, die                        nicht kalt dtv; 14,90 Euro
überlebende Hälfte der öffentlichen Kul-
                                                      6   (6)   Paulo Coelho
turinfrastruktur finanziell angemessen                          Aleph Diogenes; 19,90 Euro
auszustatten. Über Bedeutung und An-
                                                      7   (7)   Jussi Adler-Olsen
ziehungskraft verfügt nur, was Klasse hat.                      Schändung
Klasse kostet. Ausgestattet mit einem er-                       dtv; 14,90 Euro
weiterten Auftrag, bis zur Übernahme so-              8   (8)   Jussi Adler-Olsen
zialer Verantwortung im kommunalen                              Erlösung
Umfeld, werden die Institutionen der Zu-                        dtv; 14,90 Euro
kunft nicht günstiger, auch wenn man ih-              9   (–)   Javier Marías
nen höhere Selbstfinanzierungsgrade auf-                        Die sterblich
erlegt. Statt nur Intendanten anzustellen,                      Verliebten
                                                                S. Fischer; 19,99 Euro
müsste man alle paar Jahre auch den Auf-
trag der Institutionen in einen Wettbe-
werb geben, um Veränderungen jenseits                Amouröser Krimi voller Wen-
ästhetischer Trends abzuholen.                       dungen: Täglich beobachtet
   Den zweiten Teil bekäme die Laienkul-                     eine junge Frau ein
tur, die anders als die Institutionen der             Ehepaar – bald darauf wird
                                                            der Mann ermordet
Hochkultur eine sozial integrative und
kulturvermittelnde Funktion wahrnimmt                10   (–)   Arne Dahl
und Identifikation mit der Gesellschaft                         Gier
herstellt. Hilfe brauchen jene Strukturen,                      Piper; 16,99 Euro
die Laienkultur ermöglichen und voran-               11   (9)Kerstin Gier
treiben. Je knapper die Gemeinden bei                        Auf der anderen Seite ist das
Kasse sind, umso weniger stille Leistun-                     Gras viel grüner Bastei Lübbe; 12,99 Euro
gen erbringen sie für die Amateure.                  12 (11) Frank Goosen
   Der dritte Teil flösse in die noch nicht                  Sommerfest
                                                                Kiepenheuer & Witsch; 19,99 Euro
existente Kulturindustrie, die nationale
und globale Ambitionen vereint. Die För-             13 (10) Suzanne Collins
derung digitaler Distribution sowie ein                      Die Tribute von Panem – Tödliche
                                                             Spiele Oetinger; 17,90 Euro
klares und einfaches Urheberrecht müss-
ten dazugehören, Kulturparks und Busi-               14 (–) Moritz Matthies
                                                             Ausgefressen
ness-Coaching für Start-ups, günstige                           Scherz; 13,99 Euro
rechtliche und ökonomische Rahmenbe-                 15 (13) Stephen King
dingungen. Kulturindustrie ist mehr als                      Der Anschlag
Kunstproduktion und Kunsthandwerk,                              Heyne; 26,99 Euro
weit mehr als Beschäftigung. Sie ist Her-            16 (16) Christopher Paolini
stellung und Vertrieb von ästhetischen Er-                   Eragon – Das Erbe der Macht
lebnissen in Warenform mit dem Willen                           cbj; 24,99 Euro
zum Erfolg. Kulturindustrie setzt auf Un-            17 (12) Eugen Ruge
ternehmergeist. In diesem Projekt liegen                     In Zeiten des abnehmenden Lichts
höchste Schwierigkeiten. Denn es impli-                         Rowohlt; 19,95 Euro
ziert, dass Kunst als Ware auch Kunst ist            18 (14) Ally Condie
und dass es nützlich ist, Kulturgelder in                    Die Flucht – Cassia & Ky, Band 2
                                                                FJB; 16,99 Euro
eine Ökonomie der Ästhetik zu lenken,
die tatsächlich nachfrageorientiert funk-            19 (15) Ursula Poznanski
                                                             Fünf
tioniert und dafür besonders innovativ                          Wunderlich; 14,95 Euro
sein muss.
                                                     20 (18) Rita Falk
   Der vierte Teil würde an die Hochschu-                    Schweinskopf al dente
len für Kunst, Musik, Design verteilt. Sie                      dtv; 14,90 Euro
müssen zu Produktionszentren ausgebaut
140                          D E R   S P I E G E L    1 1 / 2 0 1 2
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom      werden, wo nicht nur Theorie gebüffelt
Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl-         und Konzeptkunst erstellt, sondern im
   kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
                                                                    Verbund mit Produzenten am Markt –
                                                                    Filmherstellern, Galerien, öffentlichen
   Sachbücher                                                       und privaten Museen, Verlagen, Konzert-
     1    (1)   Joachim Gauck                                       veranstaltern, Radio- und Fernsehstatio-
                Freiheit Kösel; 10 Euro
                                                                    nen – die Produkte dem laufenden Wirk-
     2    (2)   Rolf Dobelli                                        lichkeitstest unterworfen werden. Das
                Die Kunst des klaren Denkens
                Hanser; 14,90 Euro                                  wäre das Gegenteil von Elfenbeintürmen
     3    (7)   Gian Domenico Borasio
                                                                    des europäischen Kultur- und Zukunfts-
                Über das Sterben                                    skeptizismus, das Gegenteil von Kapellen
                C. H. Beck; 17,95 Euro                              für die Anbetung staatlicher Garantien.
     4    (6)   Walter Isaacson                                     An deren Stelle stünden selektive Syste-
                Steve Jobs                                          me für Künstler und Kulturmanager, die
                C. Bertelsmann; 24,99 Euro                          vom ersten Tag an für diverse Publika
     5    (4)   Martin Wehrle                                       produzieren und sich als Unternehmer
                Ich arbeite in einem Irrenhaus                      erproben.
                Econ; 14,99 Euro                                       Die letzte Tranche ginge an eine ge-
     6    (3)   Rudi Assauer mit Patrick Strasser                   genwartsbezogene kulturelle Bildung:
                Wie ausgewechselt                                   eine Bildung, die uns türkische Kunst,
                Riva; 19,99 Euro
                                                                    amerikanische Kulturindustrie oder chi-
     7    (–)   Hans-Ulrich Grimm                                   nesischen Nationalismus näherbringt.
                Vom Verzehr wird abgeraten
                Droemer; 18 Euro                                    Oder andere kulturelle Kräfte, die die
                                                                    Gegenwart gestalten. Sie zu verstehen
     8    (5)   Hellmuth Karasek
                Soll das ein Witz sein?                             ist so wichtig, wie die deutsche Klassik
                Quadriga; 16,99 Euro                                oder die Literatur der Vorkriegszeit zu
     9    (–)   Wibke Bruhns                                        kennen. Was wir derzeit über sie lernen,
                Nachrichtenzeit                                     stammt höchstens aus der „Tagesschau“.
                Droemer; 22,99 Euro                                 Also nichts.
    10 (10) Dieter Nuhr
            Der ultimative Ratgeber für alles                       Ein subsidiärer Schluss
                Bastei Lübbe; 12,99 Euro                            Kunst entsteht nicht durch Kulturpolitik.
    11 (14) Mark Benecke / Lydia Benecke                            Doch Kulturpolitik kann das Entstehen
                Aus der Dunkelkammer des Bösen                      von Kunst erleichtern. Verstünde sie dies
                Bastei Lübbe; 14,99 Euro
                                                                    als ihre Aufgabe, wäre der Unterschied
    12    (8)   Siddharta Mukherjee                                 zur gegenwärtigen Politik groß. Aus der
                Der König aller Krankheiten –
                Krebs – eine Biografie                               Zukunft zurückgeschaut, liegt dieser Un-
                DuMont; 26 Euro                                     terschied darin, dass das Erlebnis nicht
    13    (9)   Erich Honecker                                      mehr gerichtet wird, dass der erzieheri-
                Letzte Aufzeichnungen                               sche Anspruch wegfällt, dass Kulturpoli-
                edition ost; 14,95 Euro                             tik sich keine moralischen Urteile mehr
    14 (11) Thea Dorn / Richard Wagner                              anmaßt. Sie ist weder auf einen idealen
                Die deutsche Seele                                  Endzustand ausgerichtet, noch ist sie Ad-
                Knaus; 26,99 Euro                                   vokatin einer bestimmten Ästhetik. Sie
    15 (13) Richard David Precht                                    ist ein dynamisches Regelsystem. Um die
            Wer bin ich – und wenn ja,                              Dynamik zu erhalten, baut sie auf Wider-
            wie viele? Goldmann; 14,95 Euro                         sprüche, statt sie auszublenden. Sie will
    16 (12) Edmund de Waal                                          nicht die Zähmung optimieren, sondern
            Der Hase mit den Bernsteinaugen                         die Kollision.
                Zsolnay; 19,90 Euro
                                                                       Heute ist Kulturpolitik ein anonymer
    17 (16) Tomáš Sedláček                                          Auftrag an viele zur normativen Anpas-
            Die Ökonomie von Gut und Böse
                Hanser; 24,90 Euro                                  sung an wenige. Morgen könnte Kultur-
    18 (15) Richard David Precht                                    politik eine große Möglichkeit für alle
                Warum gibt es alles und nicht                       sein. Doch dafür braucht sie ein Prinzip.
                nichts? Goldmann; 16,99 Euro                        Es existiert bereits und heißt Subsidiarität.
    19    (–)   Rudolf Hickel                                       Es gilt als eines der tragenden politischen
                Zerschlagt die                                      Prinzipien der Europäischen Gemein-
                Banken                                              schaft.
                Econ; 14,99 Euro                                       Subsidiarität ist der technische Aus-
                                                                    druck dafür, dass es keine übergreifenden
                                                                    Systeme geben soll, nur Regeln, in denen
             Der Bremer Ökonom                                      die Menschen, frei und ihrer selbst mäch-
                 nennt Gründe für
         die Krise und entwickelt                                   tig, sich entfalten. Dieser Grundsatz ge-
                ein Modell für ein                                  hört in jede zeitgemäße Kulturpolitik. Sie
          besseres Finanzsystem                                     stärkt die Position des Individuums zu
                                                                    Lasten der Institutionen. Sie fördert die
    20 (17) Joachim Fuchsberger
            Altwerden ist nichts für Feiglinge                      Beziehungen zu Lasten der Strukturen.
                Gütersloher Verlagshaus; 19,99 Euro                 Sie gestaltet unvermeidliche Veränderun-
                                                                    gen, statt sie zu behindern.
                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                       141
Kultur



                                                      SPI EGEL-GESPRÄCH




  „Das mit der Wahrheit ist Quatsch“
                   Die Fotokünstler und Nachbarn Andreas Gursky und
      Thomas Ruff über die Glaubwürdigkeit von Bildern und die Zukunft der Fotografie


Z
       wei der berühmtesten Fotografen SPIEGEL: Herr Gursky, Herr Ruff, für Ihre unsere Bilder, technisch gesehen, tatsäch-
       der Welt leben und arbeiten weni- Kunst ist der Computer wichtiger als die lich keine Fotos sind. Es sind Pigment-
       ge Schritte voneinander entfernt in Kamera. Sie verändern Fotos digital. Wür- drucke, also gedruckte Dateien.
Düsseldorf.                                  den Sie sich noch als Fotografen bezeich- Ruff: Die Fotos, die ich brauche, mit denen
   Thomas Ruff hat sich hier von den nen?                                                  ich mich beschäftige, kann ich nicht selbst
Schweizer Architekten Herzog & de Meu- Ruff: Wenn Sie damit jemanden meinen, machen. Ich kann den Mars oder den Sa-
ron vor kurzem ein Atelier bauen lassen, der seine Bilder ausschließlich mit dem turn nun einmal nicht aus nächster Nähe
außen Holz, innen grauer Beton, 1600 Fotoapparat herstellt, dann bin ich keiner fotografieren. Eine Raumsonde der Nasa
Quadratmeter groß. Man könnte dort auf- mehr.                                              kann das, und ich benutze dieses phan-
wendige Fotos produzieren. Doch die Bil- SPIEGEL: Was sind Sie dann? Ein Foto- tastische Material.
der, die an den Wänden hängen, sind am künstler?                                           Gursky: Ich habe für meine Ozean-Bilder
Computer entstanden. Sie zeigen den Sa- Ruff: Das ist ein Schimpfwort, jedenfalls auch Satellitenaufnahmen verwendet.
turn und in 3-D den Mars, es sind wie im- für mich. Es klingt nach einem Künstler Auf die Idee zu dieser Serie kam ich, als
mer bei ihm riesige Formate. Sie wirken zweiten Grades.                                    ich zu einer Ausstellungseröffnung nach
trotzdem ein wenig verloren, so verloren Gursky: Ich sehe das anders. Künstler, Fo- Australien reiste und im Flugzeug nachts
wie der Künstler selbst in diesen weitläu- tograf, ich denke, ich bin beides. Obwohl den Monitor mit den Landkarten anstarr-
figen Hallen. Ruff, 54, wohnt                                                                         te. Irgendwann sah man fast
auf der anderen Straßenseite                                                                          nur noch Blau, kaum noch
in einem ehemaligen Umspann-                                                                          Land, die Welt war wie ein mo-
werk, sein Nachbar in dem Ge-                                                                         nochromes Bild, mich hat das
bäudekomplex ist Andreas                                                                              an die Gemälde des abstrakten
Gursky, 57.                                                                                           amerikanischen Expressionis-
   Die beiden kennen sich seit                                                                        mus erinnert. Ich hatte eine
ihrer Studienzeit an der Düs-                                                                         Bildidee, nur kann man das,
seldorfer Akademie. Beide                                                                             was ich zeigen wollte, nicht fo-
prägten das, was wir unter                                                                            tografieren.
zeitgenössischer Fotografie ver-                                                                      SPIEGEL: Also haben Sie am
stehen. Gurskys Supermarkt-                                                                           Computer Satellitenbilder zu-
und Raverpanoramen, Ruffs                                                                             sammenmontiert.
Ansichten vom Sternenhimmel                                                                           Gursky: Ich war auf das Material
und Verfremdungen von Por-                                                                            angewiesen, um zu einem op-
noseiten gingen in die Kunst-                                                                         timalen Ergebnis zu kommen.
geschichte ein. Gursky ist zu-                                                                        Das klingt jetzt sicher sehr tech-
gleich der teuerste Fotokünst-                                                                        nisch.
ler der Welt, seine Arbeiten                                                                          SPIEGEL: Ist es doch auch.
werden bei Auktionen für                                                                              Gursky: Aber am Anfang steht
mehr als drei Millionen Euro                                                                          eben immer das reale visuelle
versteigert. Auch seine Kunst                                                                         Erlebnis, es ist Pate für die Bild-
entsteht längst am Computer,                                                                          findung. Im vergangenen Jahr
er montiert sie aus solchen                                                                           bin ich durch Bangkok gefah-
Fotos zusammen, die er meis-                                                                          ren, weil ich eine noch unver-
tens, immerhin, noch an realen                                                                        öffentlichte Serie erweitern
Schauplätzen aufnimmt.                                                                                wollte. Ich habe aus einem
   Ruffs Serien werden derzeit                                                                        zweistöckigen Nahverkehrszug
im Haus der Kunst in München                                                                          heraus fotografiert, fünf Tage
ausgestellt. Gursky wird im                                                                           lang. Dann stellte ich fest, dass
Louisiana Museum im däni-                                                                             dieses Material unbrauchbar
                                                                                                     ANDREAS TEICHMANN / DER SPIEGEL




schen Humlebaek gewürdigt.                                                                            war. Es passte nicht zu dem,
Dort ist unter anderem sein                                                                           was ich im Sinn hatte. Als ich
neues Bilderkonvolut „Oceans“                                                                         ein, zwei Tage später an einer
zu sehen, mit dem er einen                                                                            Bootsanlegestelle stand und
neuen Blick auf die Weltmeere                                                                         auf den Shuttle wartete, fiel
ermöglicht. Die beiden haben
noch nie ein gemeinsames In-                                                                          Das Gespräch führte die Redakteurin
terview gegeben.                  Kollegen Ruff, Gursky: „Eine geheizte Garage würde auch reichen“    Ulrike Knöfel.

142                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
THOMAS RUFF / VG BILD-KUNST, BONN 2012 (L.); ANDREAS GURSKY / VG BILD-KUNST, BONN 2012, COURTESY SPRÜTH MAGERS BERLIN LONDON (R.)
Werke aus Bilderserien von Ruff („ma.r.s. 13“, 2011) und Gursky („Ocean II“, 2010): „Keine Lust auf Regeln“

mir die ungewöhnliche Farbe des Chao-          SPIEGEL: Wie soll man das, was Sie tun,        SPIEGEL: Der Kunst wird abverlangt, Wahr-
Phraya-Flusses auf. Das waren merkwür-         denn nun bezeichnen?                           heiten zu finden, die Realität zu kommen-
dige, sehr abstrakte Reflexionen auf dem       Gursky: Wir machen Bilder. Und vielleicht      tieren. Kunst soll kritisch sein, besser
Wasser, ich war vollkommen fasziniert.         gibt es, wenn man sich an diesen Ober-         noch brisant oder gar subversiv.
Das war es, dieser Moment war wichtig,         begriff hält, plötzlich keinen so großen       Gursky: Wenn ich zu dem Ergebnis kom-
daraus entstand eine neue, andere Bild-        Unterschied zwischen Malerei und Foto-         me, ein Bild sage nichts über den Status
idee.                                          grafie.                                        quo dieser Welt aus, lasse ich es. Zivili-
SPIEGEL: Andreas Gursky reist durch die        Ruff: Wir arbeiten gegen die Bilderflut an.    sationsmüll, der im Wasser des Chao
Welt, Thomas Ruff sitzt im Atelier?            Wir setzen dicke, schwere Bilder dagegen.      Phraya schwimmt, ist mir wichtig, weil
Ruff: Ich bin der geborene Atelierkünstler,    Gursky: Aber das sind wenige Bilder, 10        er etwas über den Zustand unserer Welt
und ich gehe am liebsten ins Atelier, ohne     pro Jahr.                                      verrät. Also erscheint er auch auf meinen
mir etwas Konkretes vorzunehmen. Ich           Ruff: Bei mir sind es 50, 60, die ich in       Bildern. Aber erst einmal zählt das Bild
tauche dann ein in ganz alltägliche Bild-      Serien zusammenfasse. Zurzeit mache            an sich. Mir geht es ums Bild, nicht um
welten, die uns überall begegnen, in der       ich Science-Fiction, ich zeige den Mars,       Inhalte.
Zeitung, in Zeitschriften, im Internet. Man-   als wäre er greifbar. Das ist vorstellbar,     SPIEGEL: Ein fast schon provokantes Be-
che Bilder, die ich speichere, vergesse ich    Science-Fiction ist immer vorstellbar. Viel-   kenntnis in dieser auf Botschaften fixier-
wieder, andere lassen mich nicht los. Dann     leicht will ich gerade mit diesen Bildern      ten Kunstwelt.
beginne ich mit dem Material zu arbeiten.      den Stand der Fotografie 2012 diskutieren:     Ruff: Wir gestalten nun einmal Bilder. Und
Gursky: Ich könnte mich nicht so treiben       Was ist wahr, was ist falsch, was ist vor-     wir gestalten sie nach unseren Vorstellun-
lassen. Ich brauche eine innere Gewiss-        stellbar? Glauben wir den Bildern?             gen. Dabei ist alles erlaubt, was sich der
heit, eine Idee, die ich verfolge. Gerade      SPIEGEL: Dürfen wir Ihren Bildern glauben,     Künstler vorstellt. Ich zum Beispiel habe
weil ich an einem Bild jeden Zentimeter        auf denen immer alles so eindrucksvoll         auch keine Lust, auf die traditionelle
bearbeite, weil das viel Zeit kostet. Auch     aussieht, aber nicht alles echt ist?           Fotografie und auf ihre Regeln Rücksicht
für mich gibt es, wenn ich von einer Reise     Ruff: Glauben Sie der Malerei, glauben         zu nehmen.
zurückkomme, oft monatelang kein Her-          Sie einem Porträt, das Lovis Corinth um        SPIEGEL: Begeistert die Leute, dass sich in
auskommen aus dem Atelier.                     1900 gemacht hat? Die Frage nach der           Ihren Bildern Fiktion und Realität so
SPIEGEL: Im Grunde führen Sie also beide       Wahrheit taucht immer nur bei der Foto-        schön vermischen?
das Leben von Computerverrückten.              grafie auf. Die wird einem Bildhauer, ei-      Gursky: Ich betreibe keinen digitalen Sur-
Ruff: Für das, was ich hauptsächlich ma-       nem Maler nicht gestellt. Und auch in der      realismus. Ich führe mit Hilfe des Com-
che, würde jedenfalls eine geheizte Ga-        Fotografie ist das mit der Wahrheit eine       puters mehrere Aufnahmen, also mehrere
rage reichen.                                  Illusion, also Quatsch.                        Momente, in einem Werk zusammen. Das
                                                     D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                           143
Kultur

entspricht einer filmischen Vor-                                                                leicht wieder auf klassische
gehensweise, ist aber nicht we-                                                                 Weise Fotos machen, vielleicht
niger wahrhaftig. Es ist eher                                                                   sogar mit einer analogen Ka-
eine Verdichtung von Realität.                                                                  mera?
Es gibt nicht nur die eine                                                                      Ruff: Ich kann mit einem Fo-
gültige Form der Fotografie,                                                                    toapparat umgehen, ich habe
und es gibt auch mehr als eine                                                                  das nicht verlernt. Ich würde
Ausprägung von Authentizität.                                                                   auch nicht sagen, dass die klas-




                                                                                               THOMAS RUFF / VG BILDKUNST BONN 2012
Es geht nicht darum, dass Bil-                                                                  sische Fotografie tot ist. Aber
der wahr sind, sondern darum,                                                                   ich wüsste zurzeit nicht, was
dass sie stimmig sind.                                                                          mich daran reizen sollte.
Ruff: Ich würde gern alle Fotos,                                                                Gursky: Ich kann mich gar nicht
die ich benutze, auch selbst                                                                    mehr daran erinnern, wann
machen, und das wäre dann in                                                                    ich das letzte analoge Foto
Ihrem Sinne authentischer,                                                                      aufgenommen habe. Als Pro-
aber das ist ein Ding der                                                                       fessor an der Akademie stelle
Unmöglichkeit, denken Sie an                                                                    ich ein Interesse, eine Neugier
die Weltraumfotos. Soll ich                                                                     für die traditionelle Foto-
deshalb auf die Bilder ver-                                                                     grafie fest. Ich glaube, diese
zichten? Nein. Das fremde Bild                                                                  junge Generation, die jetzt stu-
wird durch die Bearbeitung                                                                      diert, hat noch nicht entschie-
endgültig zu meinem Bild.                                                                       den, welche Richtung sie ein-
Es besitzt eine Aussagekraft,                                                                   schlägt.
die ich ihm gegeben habe, also                                                                  SPIEGEL: Auch Sie, Herr Ruff,
ist es in diesem Sinne authen-                                                                  waren Professor an der Akade-
tisch. Das Problem ist ein an-                                                                  mie in Düsseldorf, haben sich
deres.                                                                                          dann aber zurückgezogen.
SPIEGEL: Welches?                                                                               Unterhalten Sie sich manchmal
Ruff: Als ich anfing, fehlte den                                                                mit Andreas Gursky darüber,
Kunsthistorikern und Kritikern                                                                  was Sie alles – meistens fast
das Vokabular für unsere Art                                                                    gleichzeitig – erreicht haben,
der Fotografie, man sprach                                                                      etwa über Ihren Platz in der
über uns wie über Maler; An-                                                                    Kunstgeschichte?
dreas zum Beispiel wurde mit                                                                    Ruff: Über unsere Karriere, dar-
Caspar David Friedrich ver-                                                                     über, wie es zu all dem gekom-


                                                                                               ANDREAS GURSKY / VG BILD-KUNST, BONN 2012, COURTESY SPRÜTH MAGERS BERLIN LONDON
glichen. Später haben die alle                                                                  men ist, haben wir noch nie
nachgerüstet, haben eine Be-                                                                    gesprochen. So oft treffen wir
grifflichkeit entwickelt. Inzwi-                                                                uns aber auch nicht.
schen ist aber auch die Foto-                                                                   SPIEGEL: Ihre Haustüren sind ein
grafie schon wieder in ein ganz                                                                 paar Meter voneinander ent-
neues Zeitalter eingetreten,                                                                    fernt.
und erneut fehlen Begriffe.                                                                     Gursky: Wir haben beide Fa-
Schon wieder hängen alle hin-                                                                   milie, wir haben beide ein gu-
terher.                                                                                         tes Arbeitspensum, und so
SPIEGEL: Was genau kann denn                                                                    schmort jeder im eigenen Saft.
nicht formuliert werden?                                                                        Aber natürlich sind wir Freun-
Gursky: Viele Experten versu-                                                                   de, auch wenn wir uns nicht
chen den Werken Informa-                                                                        ständig sehen.
tionen zu entlocken, eine Ge-                                                                   SPIEGEL: Sehen Sie sich auch als
schichte darin zu entdecken.                                                                    Konkurrenten?
Bilder sollen, so denken viele,                                                                 Gursky: Generell denke ich, dass
etwas erzählen – doch das                                                                       Wettbewerb wichtig ist. Ein
wäre Journalismus. Und wenn                                                                     Steve Jobs brauchte einen Bill
Kunstwerke auch noch an-                                                                        Gates. Man spiegelt sich und
fangen literarisch werden zu Ruff-Werk „Nudes lu 10“ 1999, Gursky-Foto „Nha Trang“ 2004         fordert sich heraus. Aber wir
wollen, langweilt mich das. Ich „Es geht ums Bild, nicht um Inhalte“                            haben uns nie als echte Kon-
muss keine Geschichten er-                                                                      kurrenten gesehen. Ich habe
finden. Wir machen das beide nicht. Beim Kolorieren der Bilder etwa gehe ich großen Respekt vor seiner Arbeit, ich
Wir beide vertrauen den Bildern, und intuitiv vor.                                    bewundere ihn, da ist kein Gefühl der
die Bilder folgen ihrer eigenen Sprache SPIEGEL: Wie ein Cézanne an der Tastatur? Gegnerschaft.
und Grammatik, die sich eben nicht mit Ruff: So in etwa.                              SPIEGEL: Wollen Sie beide eigentlich, in
dem üblichen begrifflichen Denken Gursky: Ich werde nicht zum Impressio- guter Nachbarschaft, gemeinsam alt
deckt.                                      nisten, auch die Farbgebung ist durch- werden?
SPIEGEL: Wie viel Zufall erlauben Sie Ihrer dacht. Aber es schleichen sich trotzdem Gursky: Wir haben uns das so konkret
durchkomponierten Kunst?                    immer Zufälle ein, und die lasse ich nicht vorgenommen, aber das wird so
Ruff: Weil wir die Bilder mit dem Compu- auch zu.                                     kommen. Vielleicht treten wir dann sogar
ter bearbeiten, denkt man, wir wollten SPIEGEL: Wie wird sich die Fotografie als Duo auf. Wir wären unschlagbar.
die absolute Kontrolle darüber ausüben, oder die Kunst mit fotografischen Bil- SPIEGEL: Herr Gursky, Herr Ruff, wir dan-
aber das stimmt in meinem Fall nicht. dern entwickeln? Werden Sie selbst viel- ken Ihnen für dieses Gespräch.
144                                              D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Konfliktthema Chancengleichheit*
                                                                                                                               Japsen müssen nur die Gestrandeten

                                                                                                                                eben nicht reüssiert. Trotz gleicher Aus-
                                                                                                                                bildung, vergleichbarem sozialem Hinter-
                                                                                                                                grund et cetera pp. liegt der Anteil weib-
                                                                                                                                licher Führungskräfte in Deutschland bei
                                                                                                                                15,6 Prozent. Die jungen Frauen, die bei
                                                                                                                                ihrem Karrierebeginn mit paternalisti-
                                                                                                                                schem Wohlwollen betrachtet und geför-
                                                                                                                                dert werden, sie kommen nicht weit.




                                                                                           STANISLAS MERLIN/CULTURA / CORBIS
                                                                                                                                   Dafür gibt es offensichtliche Ursachen:
                                                                                                                                das Steuerrecht, den Mangel an Ganztags-
                                                                                                                                schulen und all das andere Gedöns. Ent-
                                                                                                                                scheidend aber ist die soziale Erfahrung,
                                                                                                                                dass es für Männer unter sich einfach ge-
                                                                                                                                mütlicher ist. Das Patriarchat hat sich für
                                                                                                                                seine Nutznießer hervorragend bewährt.
                                                                                                                                Vor allem ist es ihnen so selbstverständ-
                                                                                                                                lich wie das Wasser dem Fisch. Japsen
                                                                                                                                müssen nur die Gestrandeten.
                               GLEICHBERECHTIGUNG                                                                                  Nicht erst vom Mond aus, sondern
                                                                                                                                schon in Skandinavien erscheint ein Me-

             Es macht keinen Spaß                                                                                               dium wie der gedruckte SPIEGEL als ein
                                                                                                                                Reservat der fünfziger Jahre: 26,7 Prozent
                                                                                                                                Frauen in der Textredaktion des Nach-
                                                                                                                                richten-Magazins, drei stellvertretende
            Warum die Frauenquote undemokratisch ist –                                                                          Ressortleiterinnen; alle anderen leitenden
          und wir sie trotzdem brauchen. Von Elke Schmitter                                                                     25 Posten sind männlich besetzt. Die In-
                                                                                                                                dustrie mag sich Monokulturen leisten
                                                                                                                                können, die Medien nicht. Es ist ihre Auf-
                                             um in einer Ressortleiterkonferenz zu sit-
„Demokratie ist schön. Macht aber viel Arbeit.“                                                                                 gabe, die Gegenwart zu spiegeln und zu
                     (BEINAHE KARL VALENTIN) zen, erfolgreich genug, um dabei zu sein.                                          analysieren, und über sie entscheidet sich
                                             Aber eben nicht: erfolgreich genug, um                                             vor allem, wie wir uns selber wahrneh-


V
        ersuchen Sie ein kleines Experi- dazuzugehören. Es macht keinen Spaß.                                                   men. Was am Privaten aber politisch ist
        ment: Versetzen Sie sich in die Vor allem aber hindert es beim Arbeiten.                                                und welche Erfahrung von öffentlichem
        Lage eines Chinesen, der mit 19         Die Wissenschaft weiß längst, dass das                                          Interesse, wird nicht im Kopf, sondern
Amerikanern in einer Konferenz sitzt. Er rationale Verstehen das geringste Ergeb-                                               am Konferenztisch entschieden.
trägt einen Anzug, er spricht Englisch, nis einer Verständigung ist. Wenn jemand                                                   Monokulturen sind nur dann effizient,
und er weiß, wie man Kaffee trinkt. Wird zu Ihnen spricht, sind etwa 80 Prozent                                                 wenn sie sich einer begrenzten Aufgabe
er sich auf der Höhe seiner Kraft fühlen, Ihrer Aufmerksamkeit von der sinnlichen                                               widmen, die keinerlei Fragen aufwirft
wird er unbefangen, kreativ und konzen- und sozialen Präsenz Ihres Gegenübers                                                   (ich denke hier an den Fußball). Bei je-
triert sein? Oder wird er die Gesten, das gefangen, etwa 13 Prozent bleiben an der                                              dem komplexen Phänomen tritt Lange-
Verhalten seiner Gesprächspartner beob- Stimme hängen, und der klägliche Rest                                                   weile oder Zerstörungswut auf, weil krea-
achten und darüber grübeln, ob er alles von 7 Prozent gilt dem Argument.                                                        tive Lösungen auf Überraschungen beru-
richtig macht? Vor allem, wenn er mit lei-      Wenn Sie mit dem Anderssein des Ge-                                             hen. Und überraschen kann man sich
sem Schrecken feststellt, dass er die Scher- sprächspartners beschäftigt sind – seiner                                          selbst nur schwer.
ze nicht versteht, den Andeutungen nicht sexuellen Orientierung, seinem Migra-                                                     Je diverser eine Gruppe zusammenge-
folgen kann, den Rhythmus von Sprechen tionshintergrund, seinem Geschlecht –,                                                   setzt ist, vorausgesetzt, ihre Spielregeln
und Schweigen nicht kennt und nicht ist die rationale Ausbeute noch geringer.                                                   sind demokratisch, umso lebendiger, also
weiß, ob man immer noch, wie er gelesen Weder Sie noch der andere können her-                                                   intelligenter kann sie sein. Je mehr un-
hat, gemeinsam pinkeln geht, um dort ausfinden aus dem Spiel. Aber nur für                                                      ausgesprochene Vorgaben gelten, je mehr
das Wesentliche zu klären. Und feststellt, den anderen ist das ein Problem. Denn                                                Einschränkungen es gibt, je homogener
dass man das, was er sagt, anders wahr- die Norm spürt immer nur, wer davon ab-                                                 sie sich formiert, umso träger wird sie
nimmt als das, was die anderen sagen.        weicht. Der Homosexuelle unter Heteros,                                            sich organisieren und verhalten. Sie re-
   Man hört ihm mit nachsichtiger Unge- der muslimische Kollege, der Vater auf                                                  produziert sich selbst, statt auf Differenz
duld zu, man raschelt mit den Papieren, dem Spielplatz, die Frau unter Chefs.                                                   und Entwicklung zu setzen. Sie nimmt
während er spricht, und in den Augen            Die Quote ist lästig, sie nervt, sie ist                                        ihre Umwelt nur noch eingeschränkt
der anderen liest er eine Aufmerksamkeit undemokratisch. Die hehre Idee der De-                                                 wahr; sie leidet unter Realitätsverlust.
eher zoologischer Natur. Der Chinese mokratie beruht ja darauf, dass wir als                                                    Der Verfassungsschutz ist ein Beispiel für
denkt über seine Hautfarbe nach, über Freie und Gleiche miteinander umgehen,                                                    diesen Prozess, die FDP ein anderes und
sein glänzendes schwarzes Haar, über sei- ungeachtet unserer Hautfarbe, Herkunft,                                               beinahe jede Behörde ein drittes.
ne Stimme, die ihm selbst merkwürdig Religion, unseres Vermögens und Ge-                                                           So weit die schlechte Nachricht.
hoch in den Ohren klingt, und unwillkür- schlechts. Insofern ist jede Quotierung                                                   Die gute folgt auf dem Fuße: Der Weg
lich fragt er sich, ob sein Anzug auch ein Rückschritt. Aber auch die Realität                                                  ins Offene ist kurz, wenn man die Quote
wirklich dem Anlass angemessen ist.          ist lästig, sie nervt, und sie ist undemo-                                         bemüht. Das Arbeiten, das Denken
   Nun wissen Sie, wie Frauen sich fühlen, kratisch. Der soziale Darwinismus hat                                                macht mehr Spaß; die Verhältnisse ent-
wenn sie erfolgreich sind. Erfolgreich ge-                                                                                      spannen sich. Und man kann sich endlich
nug – wie vergleichbar beim SPIEGEL –, * Fotomontage von Stanislas Merlin.                                                      anderen Dingen widmen.
                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                               145
Kultur


                                      AU TO R E N




                   Sex und Erlösung
 Péter Nádas’ „Parallelgeschichten“ erzählt auf 1728 Seiten von
menschlichen Grausamkeiten und Obsessionen. Ein Meisterwerk,
 das Worte für etwas findet, das keine Sprache hat: Sexualität.

                      Um die heimlichen rungen des 20. Jahrhunderts, vor allem
                      Geschichten der Men- aber sind es die körperlichen, sexuellen,
                      schen ging es Péter obsessiven Erlebnisse der Figuren, die
                      Nádas immer, und sie den Stoff zusammenhalten, die heimli-
verlassen ihn auch nicht, wenn er hier chen Geschichten der Seele.
auf dem Boulevard Saint-Germain an ei-              Hinter fast jeder Figur öffnet sich eine
ner Ampel steht, vergangenen Dienstag- Schleuse, die in die Alpträume, in das
morgen, Nieselregen in Paris. Die heimli- Sensuelle, Körperliche und Sexuelle führt,
chen sind jene Geschichten, die sich nicht wie es als Literatur noch nie beschrieben
erzählen lassen, weil man sie nicht kennt wurde. Klingt es abschreckend, wenn
oder weil es für sie keine Sprache gibt. man sagt, dass es eine Sexszene gibt, die
Dort, der Fahrradkurier, der sein Rad an in all ihren körperlichen Einzelheiten und
einen Laternenpfahl wirft und in einen aus abwechselnder Perspektive über hun-
Hauseingang hastet, was ist seine heimli- dert Seiten hinweg beschrieben wird?
che Geschichte, was sind seine Erlebnisse,          Péter Nádas, als er den Boulevard
Erinnerungen, sexuellen Prägungen, Un- Saint-Germain überquert und auf das
aussprechlichkeiten? Was ist seine kör- Café de Flore zusteuert, versucht nun
perliche und sexuelle „Rückseite“, wie eine Antwort auf seine Eingangsfrage:
Nádas es einmal nannte, neben seiner „Warum die Grausamkeiten immer wie-
sichtbaren Existenz als Fahrradkurier?          derkehren? Es gibt einen Teil unseres
   Die Fußgängerampel springt auf Grün, Lebens, der fast jeden Menschen betrifft,
Péter Nádas sagt: „In unserer Zivilisation der aber ohne Sprache geblieben ist. Wir
ist fast alles durchleuchtet. Und doch keh- haben keine Worte für unsere körper-
ren Grausamkeit, Gewalt und Unsinn im- lichen Erfahrungen. Doch ohne seinen
mer wieder zurück. Warum ist das so?“           erotischen Bestand kann man über einen
   Über diese Frage hat Péter Nádas einen Menschen nicht sprechen.“
Roman geschrieben. 18 Jahre hat er da-              Seltsam klingt das, schließlich ist das Schriftsteller Nádas: „Soll ich Ihnen etwas sagen
für gebraucht, 1728 Seiten ist er lang, er halbe Internet voll mit Sex, das Fern-
heißt „Parallelgeschichten“, ist gerade auf sehen auch und die Romane von Philip schrieben, das „Buch der Erinnerung“,
Deutsch erschienen und ein ziemlich Roth. Doch Nádas geht es nicht um die das in Deutschland 1991 erschien und für
wahnsinniges Monumentalwerk. Als das Beschreibung von Sex, ihm geht es um das er – man will fast sagen: nur – elf Jah-
Buch 2005 in Ungarn herauskam, nannten die Schilderung von Sexualität, das ist re gebraucht hat.
manche es ein „Krieg und Frieden des 21. ein Unterschied. Die Beschreibung von                  So geht es an diesem Vormittag in Paris
Jahrhunderts“, doch anders als Tolstois Sex ist Alltagsplatitude, Sexualität aber auch darum, ob Literatur, was ihr immer
Universalepos erzählt Nádas nicht eine macht Angst – mit all ihren körperlichen wieder unterstellt wird, eine Wahrheit
große Geschichte, sondern viele Ge- und seelischen Implikationen, der ihr ver- freilegen kann, die der empirischen Wis-
schichten, die sich treffen, wie-                         bundenen Hoffnung auf Erlö- senschaft verborgen bleibt. Ohne Wissen-
der verlieren, parallel verlaufen,                        sung und all ihrer Vergeblich- schaft, sagt Nádas, gehe es nicht. Alles,
sich kreuzen, miteinander ver-                            keit. Gegen Ende des hundert- was er über die historischen und sexuel-
weben.                                                    seitigen, im Roman vier Tage len Grausamkeiten berichtet, hat er re-
   Es gibt keine konventionelle                           überspannenden Liebesakts sagt cherchiert. In einem Begleitband zu den
Romanstruktur, keinen Plot,                               Ágost, der männliche Part, er „Parallelgeschichten“ findet sich ein Brief,
kaum Auflösungen, keine Span-                             fürchte, „dass sie sich vergeb- den er an einen Arzt schrieb, in dem er
nungsbögen, keinen Anfang                                 lich bemühten“.                    sich nach genauer Funktion und Beschaf-
und kein Ende, nur ein Hinein-                               Nádas hat mit diesem Roman, fenheit des männlichen Präejakulats er-
springen in Handlungsströme,                              den er 1985 begonnen und 2003 kundigt. Weil Nádas von seinen Figuren
die den Leser an anderer Stelle,                          beendet hat, alles riskiert. Die auch das berichtet, was sie nicht bemer-
zu anderer Zeit wieder hinaus- Péter Nádas                Suche seiner Figuren ist auch sei- ken, weil es unbewusst in ihren Körpern
spülen. Das klingt nach müh- Parallelge-                  ne Suche. Eine Suche nach Wor- abläuft – das Zucken eines Schließmus-
samer Postmoderne, nach Tho- schichten                    ten für eine kollektive Leerstelle kels, das Spannen einer Sehne im Zeh –,
mas Pynchon oder David Foster        Aus dem Unga-        und die Suche nach einer Be- kommen einem in dieser Intimität die Fi-
                                     rischen von
Wallace. Doch dieser Roman           Christina Viragh.    schreibungsmöglichkeit für das guren auf eine merkwürdige Weise nahe.
verfügt über Bindemittel, die        Rowohlt Verlag,      Chaos, das Nádas in unserer           Da ist der schwer in seiner Identität ge-
stärker sind als ein Plot. Es        Reinbek; 1728 Sei-   Welt erkennt. Er hat schon ein- störte Philosophiestudent Döhring, mit
sind einerseits die Verwüstun- ten; 39,95 Euro.           mal einen ähnlichen, wenn auch ihm beginnt der Roman, der kurz nach
gen durch die totalitären Erfah-                          konventionelleren Roman ge- dem Mauerfall in Berlin 1989 im Tiergar-
146                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
klos herumdrückt. Und dann wird seine
                                                                                                                                               Annäherung an die wilden Männer in den
                                                                                                                                               Pissoirs abwechselnd in der Ich-Perspek-
                                                                                                                                               tive und der eines auktorialen Erzählers
                                                                                                                                               geschildert. Die Ich-Perspektive wird stär-
                                                                                                                                               ker, je näher die Erzählung der grausa-
                                                                                                                                               men Initiation kommt. Erst ganz am
                                                                                                                                               Ende, als es vorbei ist, heißt es, fast un-
                                                                                                                                               beteiligt, wieder in der dritten Person:
                                                                                                                                               „Er hätte nicht zu zählen vermocht, wie
                                                                                                                                               viele Männer es waren, die mit seltsamen
                                                                                                                                               kleinen Lauten ihr Sperma auf den ent-
                                                                                                                                               blößten, auf dem Boden liegenden Kör-
                                                                                                                                               per abluden. Es fiel mit leichtem Plat-
                                                                                                                                               schen auf seinen Bauch, seine Brust, es
                                                                                                                                               war warm.“
                                                                                                                                                  Auch Péter Nádas war noch ein Junge,
                                                                                                                                               als seine Eltern starben. Beide waren Sta-
                                                                                                                                               linisten, Funktionäre im kommunisti-
                                                                                                                                               schen Ungarn. Die Mutter erlag früh dem
                                                                                                                                               Krebs, da war Nádas zwölf, der Vater er-
                                                                                                                                               schoss sich drei Jahre später am Donau-
                                                                                                                                               ufer. Nádas hat wie der Vater Depressio-
                                                                                                                                               nen bekommen, einige Male musste er
                                                                                                                                               in die Klinik, es gab auch Selbstmord-
                                                                                                                                               gedanken. Und er hat wie Kristóf Männer
                                                                                                                                               geliebt, auch wenn er heute mit einer
                                                                                                                                               Frau verheiratet ist. „Eigenartig“, sagt




                                                                                              PATRICK ZACHMANN / MAGNUM PHOTOS / DER SPIEGEL
                                                                                                                                               Nádas, „bisher hat mich noch nie jemand
                                                                                                                                               danach gefragt.“
                                                                                                                                                  Wonach?
                                                                                                                                                 „Biografisches. Bei so einem Buch!“
                                                                                                                                                  Und zum Schluss fragt er: „Soll ich
                                                                                                                                               Ihnen etwas sagen? Das Sexuelle gibt es
                                                                                                                                               eigentlich gar nicht. Das Sexuelle ist
                                                                                                                                               bloß eine Körperfunktion. Was wir ei-
                                                                                                                                               gentlich meinen und suchen, ist Empathie.
                                                                                                                                               Das Fühlen eines anderen Wesens. Die
                                                                                                                                               meisten schaffen das nur noch über das
– das Sexuelle gibt es eigentlich gar nicht“                                                                                                   Sexuelle.“
                                                                                                                                                  So lesen sich Nádas’ körperliche Be-
   ten eine Leiche findet und sich sonst teu-   auch einen Döhring gibt – einen Verwand-                                                       schreibungen wie aus einer Zeit vor You-
   re, durchsichtige Kunststoffunterhosen       ten des Berliner Studenten? –, einen La-                                                       Porn, der Zeit vor der allgemeinen Por-
   kauft oder sich am Badesee von den           geraufseher, der sich gerade noch brachial                                                     nografisierung. Sie haben keine Gemein-
   Nackten nicht losreißen kann. Ein Krimi-     selbst befriedigt, bevor die befreiten Häft-                                                   samkeiten mit den „Feuchtgebieten“ von
   nalroman mit einem schwer beschädigten       linge ihn totschlagen.                                                                         Charlotte Roche, denn Nádas geht es
   jungen Mann als Protagonisten, so scheint       Aber wenn Péter Nádas nun dasitzt im                                                        nicht um die Provokation einer ver-
   es, doch dann springen die Ereignisse        Café de Flore, dieser sanfte, in fließen-                                                      klemmten Sexualmoral. Er möchte zei-
   nach Budapest, zum Nationalfeiertag im       dem Deutsch seine Worte leise setzende,                                                        gen, was Menschen wirklich tun, wenn
   Jahr 1961, eine herrschaftliche Wohnung      fast 70-jährige Mann, dann ist es schwer                                                       sie das tun, wofür sie keine Worte haben.
   an der Ringstraße, die halb jüdische, halb   vorstellbar, dass all dies aus seinem Kopf                                                     Und er zeigt, dass genau von dort aus ein
   deutsche Familie Lippay-Lehr. Der deut-      herauskommt.                                                                                   Geheimgang verläuft mitten hinein in die
   sche Vater, Kollaborateur unter den Nazis,      18 Jahre lang? Jeden Tag? Das klingt                                                        gewaltsamen Katastrophen des vergange-
   Opportunist unter den Kommunisten,           zu manisch für ein rein wissenschaftlich                                                       nen Jahrhunderts.
   liegt im Sterben. Seine jüdische Frau Erna   begründetes Erkenntnisprojekt.                                                                    Den Fahrradkurier auf dem Boulevard
   im Taxi zum Sterbebett unterwegs, kann          Natürlich war es das nicht, sagt Nádas.                                                     Saint-Germain, als man zusammen zum
   sich von Erinnerungen an eine lesbische         Denn da gibt es die Waise Kristóf in                                                        Café spazierte, hat er den gesehen?
   Liebesszene aus vergangener Zeit nicht       dem Roman, er lebt als Ziehsohn bei der                                                          „Den Fahrradkurier?“, fragt Péter Ná-
   fortreißen, und Ágost, der schwermütige      Familie Lippay-Lehr in Budapest in den                                                         das. „Nein.“
   Sohn, kann nichts fühlen. Aus Verzweif-      frühen sechziger Jahren. Seine Mutter,                                                            Das Geschlecht des Kuriers hatte sich
   lung schläft er tagelang mit dem Mädchen     sagt er, habe ihn „wegen einer Frau ver-                                                       in der Radlerhose genauso abgedrückt,
   Gyöngyvér, das nichts kann außer fühlen.     lassen“, den Vater hätten „seine Genos-                                                        wie Nádas es beim Philosophiestudenten
   Von dort aus entstehen Verwebungen zur       sen aus dem Weg geräumt“. Kristóf ist                                                          Döhring beschrieben hat. „Ich weiß, was
   ungarischen Revolution 1956, der Depor-      der Einzige, den Nádas zeitweilig auch                                                         Sie meinen“, sagt Péter Nádas.
   tation der Juden 1944 und weiter in das      aus der Ich-Perspektive erzählen lässt.                                                           Dann verliert er sich auf dem Boulevard
   Berlin der Hitler-Zeit, zu adligen Rassen-      „Aber ich habe doch noch ein anderes                                                        zwischen all den Menschen mit ihren ge-
   forschern in Dahlem oder zu einem Lager      Leben“, damit beginnt dieser Kristóf eine                                                      heimen Geschichten. Man geht anders
   an der deutsch-holländischen Grenze          Episode auf der Budapester Margareten-                                                         durch die Welt nach diesen 1728 Seiten.
   zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wo es       insel, wo er sich nachts in den Männer-                                                                                    PHILIPP OEHMKE

                                                      D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                                           147
Kultur

                                                                                            Prozent. Diese Zahlen klingen beeindru-
                                                                                            ckender, als sie sind, das E-Book machte
                                      VERLAGE                                               bei dem Gesamtumsatz des Münchner
                                                                                            Verlags 2011 nur 1 Prozent aus, doch für


            Ein durchschnittlicher                                                          dieses Jahr rechnet Hartges schon mit ei-
                                                                                            nem Anteil von 4 bis 5 Prozent.
                                                                                               In Zukunft, oder besser: in etwas fer-
                                                                                            nerer Zukunft, werden sich die E-Book-

                  Charakter                                                                 Umsätze auch in Deutschland bei etwa
                                                                                            20 Prozent einpendeln, diese Einschät-
                                                                                            zung teilen viele aus der Buchbranche.
                                                                                            Große Unterschiede gibt es allerdings bei
   Der Piper-Verleger Marcel Hartges hat Autoren wie Charlotte                              der Frage, wie man der Digitalisierung
        Roche und Ferdinand von Schirach groß gemacht.                                      am besten begegnen sollte. Hartges gehört
                                                                                            zu denjenigen, die sie für eine Chance
   Dafür schmäht ihn die Branche. Nun setzt er auf das E-Book.                              halten.
                                                                                               Mit dem E-Book wenden sich Verlage
                     Bei seinem letzten       chen will. Ein Verleger ist immer auch        vor allem an junge Leser, an die, die mit
                     Umzug hat Marcel         ein Leser. Vor allem aber ist Hartges ein     Internet und MP3-Playern groß geworden
                     Hartges tausend Bü-      Profi, der früh begriffen hat, dass das       sind. Manche Ideen sind bei der Musik-
                     cher verschenkt. Er      Buch auch eine Massenware ist.                industrie abgeguckt oder bei YouTube.
zog von Köln nach München, in Köln               In diesem Jahr wird der Piper Verlag       So können digital erscheinende Romane
hatte er drei Jahre lang den DuMont-          alle Neuerscheinungen, und das sind etwa      angereichert sein mit kleinen Filmen zu
Buchverlag geleitet, aus dieser Zeit ist      450 Bücher, konvertieren und digital          Themen aus dem Buch. Hartges sieht
vor allem ein dünnes, pinkfarbenes Buch       zugänglich machen. Die Steigerung der         auch einen Markt für „Single-Auskopp-
übrig geblieben, Charlotte Roches             E-Book-Absätze von Piper betrug im ver-       lungen“, ein Buch von Ferdinand von
„Feuchtgebiete“, doch dazu später. In         gangenen Jahr zwischen 4000 und 5000          Schirach wird dann nicht nur im Ganzen
München übernahm er die Leitung des
Piper Verlags. 2009 war das. Obwohl er
schon großzügig aussortiert hatte, packte
er weit über hundert Bücherkisten. Zwei-
fel kamen ihm, als er die hundert Kisten
in der neuen Wohnung wieder auspackte.
So viele gebundene Bücher.
   Marcel Hartges, 50, ist ein guter Kron-
zeuge, wenn es um die Veränderung des
Buchmarkts geht. Er hat mit Charlotte
Roche und Ferdinand von Schirach zwei
der erfolgreichsten deutschen Autoren
der vergangenen Jahre entdeckt. Er ver-
sucht Antworten zu finden auf die große
Krise des Lesens, die alle gedruckten Me-
dien betrifft. Vorvergangene Woche wur-
de zudem bekannt, dass der Piper Verlag,
dessen Chef er ist, den Berlin Verlag kau-
fen will. 2,6 Millionen Euro soll der Preis
betragen, plus 800 000 für die deutschen
Rechte an internationalen Buchtiteln. Zu-
erst muss noch das Kartellamt zustimmen;
sollte das geschehen, wird Piper etwas
machtvoller dastehen als ohnehin schon
und mit dem Verlag auch der Verleger
und Geschäftsführer Marcel Hartges.
   Die absehbare Partnerschaft zwischen
Piper und Berlin Verlag fällt in ein Jahr,
das Hartges für ein entscheidendes in der
Buchbranche hält. „Rückblickend“, sagt
er, „wird uns 2012 in Erinnerung bleiben
als das Jahr, in dem das Phantasma vom
E-Book in Deutschland real geworden
ist.“
   In den USA beträgt der Anteil von
                                                                                                                                        DIETER MAYR / DER SPIEGEL




E-Books an den verkauften Büchern be-
reits über 20 Prozent, in Deutschland sind
es bisher gerade mal rund 2 Prozent. Das
ist nicht viel. Doch es sagt etwas aus,
wenn einer der wichtigsten deutschen
Verleger beim Anhäufen gebundener Bü-
cher nicht mehr uneingeschränkt mitma-        Verleger Hartges: Kronzeuge der Veränderung

148                                                 D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
herunterzuladen sein, sondern Kurzge-
schichte für Kurzgeschichte.
   Es wird auch möglich sein, Bücher zu
veröffentlichen, die nur 50 Seiten haben,
was gebunden immer etwas zu schmal
wirkt, und natürlich, glaubt Hartges, wer-
de es Unterhaltungsbücher und Krimis




                                                                                                                                        WRITER PICTURES / INTERFOTO (L.); WERNER SCHUERING / IMAGETRUST (R.)
geben, die extra für die digitale Veröf-
fentlichung geschrieben werden, zur ra-
schen Lektüre, „ohne Chichi“. Digitale
Sachbücher könnten in viel kürzerer Zeit
erscheinen und sich unmittelbar auf ak-
tuelle Ereignisse beziehen.
   Unter diesen Entwicklungen wird das
herkömmliche Taschenbuch am stärksten
leiden, weil es als Medium für schnell zu
konsumierende Inhalte durch das E-Book
die stärkste Konkurrenz erfährt. Und
Hartges, der sein Know-how für den di-
gitalen Markt genau dort geschult hat,
genießt eine Art Heimvorteil.
   14 Jahre lang hat er für Rowohlt gear-
beitet, 6 Jahre davon als Leiter des Ta-
schenbuchverlags. Er hat in dieser Zeit      Autoren Roche, Schirach: „Ein Unikat, ein richtig mutiges Ding“
entscheidende Erfahrungen gemacht für
seine Arbeit als Verleger. Das erste Buch,   ökonomisch zu betrachten. Es machte
das er lektorierte, trug den Titel „Heißer   ihm Spaß.
Sommerwind“, und Hartges war, um es             Aus seiner Taschenbuchzeit kennt
vorsichtig auszudrücken, erstaunt, welche    Hartges jene Klagen, die auch jetzt wie-
Bücher im großen Rowohlt Verlag so er-       der zu hören sind von den Kulturpes-
schienen.                                    simisten unter den Literaturfreunden.
   Er hatte Germanistik, Spanisch und So-    Heute beziehen sie sich auf das E-Book:
ziologie studiert, und Rowohlt, das war      Die hohe Literatur sei in Gefahr. Der
für ihn Pynchon und Updike, Sartre und       Massenmarkt werde sie verdrängen.
Camus, Hemingway und Tucholsky.              „Manche fürchten ja schon bei einem
Stattdessen landete ein Softporno auf sei-   Einband, der nicht auf 500 Jahre ange-




                                                                                                                                        RICHARD DREW / AP
nem Schreibtisch.                            legt ist, um das Buch als Kulturgut“, sagt
   „Mischkalkulation“ nennen die Verla-      der Verleger.
ge diese Art der Programmgestaltung.            Wenn man Hartges zufällig träfe, wür-
Bücher wie „Heißer Sommerwind“ fi-           de man vielleicht darauf tippen, dass er
nanzieren Gesamtausgaben mittelameri-        von Beruf Tischler ist oder Gymnasial-        Elektronische Lesegeräte
kanischer Dichter oder Flops namhafter       lehrer, Deutsch und Sport. Zu zwei Ver-       Die Zahlen klingen beeindruckend
Autoren. Gleich zu Beginn seiner Karrie-     abredungen erschien er jeweils gleich
re wurde Hartges der Illusion beraubt,       gekleidet, schwarze Jeans, schwarzes          steller Edward St. Aubyn in Deutschland
dass es im Buchgeschäft ausschließlich       Hemd, schwarzer Pullover, das Hemd            groß gemacht und John Cheever, einen
um Inhalte gehe.                             über der Hose. Beim zweiten Mal trug er       vor 30 Jahren verstorbenen amerikani-
   Taschenbücher von Rosamunde Pilcher       schwere Wanderschuhe und entschuldigte        schen Autor, auf die Bestsellerliste beför-
beispielsweise erzielten in den neunziger    sich dafür. Er hatte am Abend zuvor mit       dert. Wenn man Hartges fragt, was für
Jahren Rekordauflagen, von jedem neuen       Charlotte Roche und deren Mann ein            ihn Erfolg ist, dann antwortet er: „Mein
Titel wurden mindestens 500000 Exempla-      Spiel von Schalke besucht, und weil sein      Anspruch war schon immer, dass der Ver-
re verkauft. „Rosy pays“, habe der dama-     Flug zurück nach München Verspätung           lag, den ich leite, sich selbst trägt. Das
lige Rohwohlt-Chef Michael Naumann im-       hatte, blieb keine Zeit mehr, vor dem In-     schafft programmatische Unabhängigkeit
mer gesagt.                                  terview die Schuhe zu wechseln.               und das für einen Verlag notwendige
   Doch andere Verlage verbesserten             Fürs Mittagessen hat er bei einem der      Selbstbewusstsein.“
bald schon akribisch ihre Taschenbücher,     besten Italiener Münchens reserviert,            Als Hartges 2007 das Manuskript von
sie lieferten dickeres Papier, aufwendi-     dem Rossini. Er bestellt Fisch und sagt,      Charlotte Roches Roman „Feuchtgebie-
gere Umschläge, schönere Cover. „Wir         dass es ihn getroffen habe, in der „Zeit“     te“ las, wusste er, dass er „ein Unikat“ in
machten im Wesentlichen die Dinge, die       als Stefan Raab der Buchbranche bezeich-      den Händen hielt, „ein richtig mutiges
wir gut fanden, während von den an-          net worden zu sein. Er sagt das mit un-       Ding“. Sie vereinbarten ein Abendessen
deren ein hoher Professionalisierungs-       aufgeregter Stimme. „Wobei ich auf Ste-       in Köln. Roches Flugzeug hatte Verspä-
druck ausging“, sagt Hartges. Sie drohten    fan Raab nicht herabschaue, ich finde den     tung, sie wollte absagen, Hartges sagte,
den Anschluss an die Entwicklung des         ziemlich clever, der hat originelle Ideen     nein, nein, er bleibe einfach im Restau-
Markts zu verpassen. Ende der Neunzi-        und viele Dinge bewegt. Deshalb wollte        rant sitzen, bis sie da sei. Es dauerte bis
ger verkaufte Rosy plötzlich nicht mehr,     ich mich davon nicht distanzieren, aber       Viertel nach elf.
Rowohlt schrieb rote Zahlen, und Hart-       ich fühlte mich in dem Moment total un-          Hartges war gerade von Rowohlt zu
ges begriff sein Versäumnis. Er habe         zutreffend beschrieben.“                      DuMont nach Köln gewechselt und dort
dann begonnen, das Thema Taschenbuch            Hartges hat nicht nur Charlotte Roche      für das Belletristik- und Sachbuchpro-
sehr strukturiert und analytisch aufzu-      und Ferdinand von Schirach entdeckt. Er       gramm verantwortlich. Dass „Feuchtge-
rollen. Er begann das Büchermachen           hat auch den brillanten englischen Schrift-   biete“ kein klassisches Hardcoverbuch
                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                          149
werden durfte, war ihm klar. Dafür war
der Inhalt zu ungewöhnlich. Er entschied
sich für eine sogenannte Klappbroschur,
die ein bisschen mehr hermacht als das
einfache Taschenbuch und nicht so seriös
wirkt wie ein Hardcover.
   Bücher, die so gebunden sind, in be-
sonders festen Pappumschlägen, waren
in den vergangenen Jahren auf dem
Buchmarkt enorm erfolgreich, Jussi Ad-
ler-Olsens Bücher erscheinen in dieser
Form und auch Jonas Jonassons Dauer-
erfolg „Der Hundertjährige, der aus dem
Fenster stieg und verschwand“. Sie sind
so erfolgreich, dass sie ab Oktober nicht
mehr zur SPIEGEL-Bestsellerliste gezählt
werden, weil sie dort die Hardcover-
bücher verdrängen.
   Warum war er sich eigentlich so sicher,
„Feuchtgebiete“ auf den Markt bringen
zu wollen?
  „Weil es mich zum Lachen gebracht
hat“, sagt er. „Meine Erfahrung ist tat-
sächlich, dass, wenn ich mich für etwas
interessiert oder begeistert habe, es oft
auch viele Leser gab, denen es ähnlich
ging. Es spricht offenbar alles dafür, dass
ich ein erschreckend durchschnittlicher
Charakter bin.“
   Durchschnittlicher Charakter, das sind
seine eigenen etwas selbstironischen Wor-
te, aber sie erklären seinen Erfolg. Anders
als mit Anfang dreißig, als er mit dem
Beruf begann, empfindet er es nicht mehr
als Zumutung, Unterhaltungsliteratur zu
verlegen. Schlechte Laune macht es ihm
nur, Geld zu verlieren mit Büchern, die
ihm keinen Spaß gemacht haben.
   Gern jongliert Hartges mit den Zahlen
seiner Erfolge. Da ist von Bestsellerplät-
zen im Laufe eines Jahres die Rede, wie
lange welches Buch die Nummer eins war,
davon, wie teuer er ein Manuskript ein-
gekauft und wieder verkauft hat, und na-
türlich auch von Auflagenzahlen. Als Zu-
hörer hat man irgendwann den Eindruck,
in eine Mathe-Textaufgabe zur Literatur-
branche verstrickt zu sein.
  „Die Zahlen sind in einem Verlag wie
in jedem anderen Unternehmen wichtig
und ernst zu nehmen. Aber sie sind nicht
das Entscheidende für meine Motivation
und meine Freude an der Arbeit. Ein Ver-
lag, der nur ein Geschäft ist, würde mich
bedrücken“, sagt Hartges. Bei Piper muss
er in den nächsten Jahren zeigen, wie
ernst es ihm mit den Inhalten ist. Dass
ihm der Einstieg in den digitalen Markt
gelingen wird, trauen ihm viele zu. Zum
Selbstverständnis des Verlags gehört aber
auch das literarische Profil, und da gibt
es noch einigen Spielraum.
   Nervt es ihn manchmal, dass der
Münchner Kollege Michael Krüger im
Carl Hanser Verlag lauter Nobelpreisträ-
ger verlegt, während er vor allem mit
Bestsellern in Verbindung gebracht wird?
„Ehrlich gesagt: nein“, sagt Hartges.
                               CLAUDIA VOIGT

150         D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Kultur




                              Nabe im Schlick
                              LITERATURKRITIK: Der großartige Debütroman „Bugatti taucht auf“
                              der meistgespielten deutschen Dramatikerin Dea Loher


E
        igentlich wollte Dea Loher immer Hauptgeschichte und sind doch eigenstän-                         genaussagen und oftmals widerrufenen
        schon Prosa schreiben. Aber ihre dige Prosastücke.                                                Teilgeständnissen so etwas wie einen Ab-
        ersten Versuche stießen auf wenig                Bugatti taucht auf, gleich zu Beginn:            lauf des Geschehens zu rekonstruieren,
Interesse. So besuchte sie nach ihrem Ger- Es ist allerdings nicht Ettore Bugatti, der                    geschweige denn eine gesicherte Wahr-
manistikstudium 1990 in Berlin einen legendäre Autobauer, dessen Stimme                                   heit herauszufiltern.
Kurs „Szenisches Schreiben“. Einer ihrer zuerst in diesem Roman zu vernehmen                                 Die eigentliche Erzählung beginnt da-
Lehrer war der Dramatiker Heiner Müller. ist, sondern die seines jüngeren Bruders                         nach. In den Bergen Venezuelas erreicht
   Heute gehört Loher, 47, zu Deutschlands Rembrandt. Der Tagebuchschreiber hat                           den aus Ascona stammenden Jordi die
erfolgreichsten und meistgespielten Thea- seinem Vornamen als Bildhauer alle Ehre                         Nachricht vom Tod Lucas, mit dessen El-
terautoren. Ihre Stücke, darunter „Olgas gemacht. Von Rembrandt Bugatti stammt                            tern er befreundet ist. Jordi hat von sei-
Raum“, „Blaubart – Hoffnung der Frauen“, die kleine Skulptur des aufgerichteten Ele-                      nem Vater eine Firma für Unterwasser-
„Unschuld“ und „Diebe“, sind in 15 Spra- fanten, die später als Kühlerfigur das Bu-                       arbeiten übernommen, die er in den Win-
chen übersetzt worden. An Auszeichnun- gatti-Modell „Royale“ schmückte. Aber                              termonaten schließt und die ihm so die
gen hat es nicht gemangelt, den Mülheimer da ist er schon tot.                                            Freiheit für seine Abenteuerreisen gibt.
Dramatikerpreis erhielt sie                                                                                                Nun kehrt er unverzüglich
gleich zweimal zugesprochen.                                                                                            nach Ascona zurück, um den
   Die erfolgreiche Dramati-                                                                                            Eltern des toten Jungen zur
kerin ließ sich viel Zeit da-                                                                                           Seite zu stehen. Und irgend-
mit, doch noch als Erzähle-                                                                                             wann fällt ihm jenes sagen-
rin in Erscheinung zu treten.                                                                                           umwobene Auto auf dem
Erst 13 Jahre nach ihrem                                                                                                Grund des Lago Maggiore
Theaterdebüt publizierte sie                                                                                            ein, von dem nur noch eine
2005 den Geschichtenband                                                                                                Radnabe aus dem Schlick
„Hundskopf“, eine Samm-                                                                                                 herausragt und das zu einem
lung eigenwilliger Alltagsmi-                                                                                           Anziehungspunkt für Tau-
niaturen mit einem Stich ins                                                                                            cher geworden ist. Auch Jor-
Skurrile.                                                                                                               di war dort unten in 50 Meter
   Und noch einmal sieben                                                                                               Tiefe. Luca aber wollte nicht
Jahre hat es gedauert, bis                                                                                              hinabtauchen, zu deprimie-
Dea Loher nun auch als Ro-                                                                                              rend fand er es – „der Scheiß-
                                         ALEXANDER PAUL ENGLERT




manautorin ihren ersten Auf-                                                                                            see ist ein Scheißgrab“.
tritt hat. Einen großartigen                                                                                               Von der Idee getrieben, et-
und applauswürdigen Auf-                                                                                                was zu Ehren des toten Luca
tritt, das vorweg. Ihr Debüt-                    Autorin Loher                                                          zu tun, beginnt Jordi mit ei-
roman mit dem vieldeutigen                                                                                              nem Team, das vor mehr als
Titel „Bugatti taucht auf“ ist                                                                                          70 Jahren versenkte Auto
ein filigranes und bestechen-                                                                                           vorsichtig freizulegen und zu
des Prosakunstwerk*.                                                                                                    bergen. Es gelingt schließlich:
   Die Geschichten, die hier erzählt wer-                Sein Tagebuch läuft auf den historisch           Ein Bugatti T 22 erhebt sich, von einem
den, gehen allesamt von realen Ereignis- verbürgten Selbstmord mit Anfang drei-                           Kran gehoben, aus dem Wasser.
sen aus. Die Figuren machen aber von ih- ßig zu, im Januar 1916 in Paris. Der junge                          Das ist bis zur letzten Seite spannend
rem Recht auf eigene Wahrheit Gebrauch: Künstler hat zuvor die Verheerungen des                           erzählt, ohne dass die Symbolik jemals
Was eben noch eindeutig scheint, hebt Ersten Weltkriegs als freiwilliger Helfer                           übertrieben wirkt. Auch die Geschichte
sich unversehens in subjektiver Wahrneh- in einem Soldatenlazarett erlebt, das im                         des Bugatti ist real und bestens recher-
mung auf, verschwimmt in Selbstbehaup- Zoo von Antwerpen eingerichtet worden                              chiert. Zu Literatur aber wird das alles
tungen und Phantasien, sinkt in Träume war – auch die Nähe der von ihm gelieb-                            erst durch den behutsam eindringlichen
und ungenaue Erinnerungen ab.                         ten Zootiere kann ihn aus der Depression            Erzählton von Dea Loher, der die Fakten
   Zwei Vorspiele gibt es, zum einen ein nicht befreien.                                                  erhebt und sanft in Fiktion übergehen
kurzes Tagebuchfragment aus der Zeit                     Dann, knapp hundert Jahre später, der            lässt.
von Ende 1913 bis Anfang 1916, zum brutale Totschlag in der Schweiz: In einer                                Im Nachspann des Romans wird berich-
anderen das akribische Protokoll eines Februarnacht wird ein junger Mann na-                              tet, dass jener Bugatti aus dem Lago Mag-
Totschlags in Ascona im Jahre 2008. Die mens Luca mit Tritten gegen den Kopf                              giore im Januar 2010 auf einer Auktion
beiden Präludien recht unterschiedlicher umgebracht. Selten ist in einem Erzähl-                          in Paris für 230 000 Euro unter den Ham-
Prägung bereiten den Boden für die stück so genau gezeigt worden, wie bei-                                mer kam. Das ist dann wieder die Reali-
                                                      läufig das Schlimmste passieren kann, ein           tät, und die hält ohnehin die besten Über-
* Dea Loher: „Bugatti taucht auf“. Wallstein Verlag,  Mensch getötet wird – und wie schwer es             raschungen parat – und die schlimmsten.
Göttingen; 208 Seiten; 19,90 Euro.                    ist, später aus den widersprüchlichen Zeu-                                          VOLKER HAGE

                                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                            151
Jeden Tag. 24 Stunden.
                                                                                                                             MONTAG, 12. 3., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1
                                                                                                                             SPIEGEL TV REPORTAGE
                                                                                                                             Alpine Helden von morgen –
                                                                                                                             In der Kaderschmiede
                                                                                                                             des Wintersports
                                                                                                                             Skipiste und Sprungschanze nach Ma-
                                                                                                                             the und Deutsch: In der Christopho-
                                                                                                                             russchule von Berchtesgaden werden
RAINER JENSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA




                                                                                                                             die Olympioniken der Zukunft ge-
                                                                                                                             drillt. Unbedingte Voraussetzungen
                                                                                                                             für eine Sportlerkarriere: Talent, Ehr-
                                                                                                                             geiz und eiserne Disziplin. Andreas
                                                                                                                             Lünser über Deutschlands einziges
                                                                                                                             Eliteinternat für Wintersport.

                                                                                                                             SONNTAG, 18. 3., 22.40 – 23.25 UHR | RTL
                                                                                                                             SPIEGEL TV MAGAZIN
                                         THEMA DER WOCHE

                                         Neuer Boss im Schloss
                                                                   In Berlin kommt am Sonntag die
                                                                   Bundesversammlung zusammen und
                                                                   wählt den neuen Bundespräsidenten.
                                                                   Was können die Deutschen vom                              Polizeieinsatz in Bayern
                                                                   Kandidaten Joachim Gauck erwarten?
                                                                   SPIEGEL ONLINE berichtet live                             Erst schlagen, dann fragen – Polizei-
LUKAS BARTH / DAPD




                                                                   vom Tag der Wahl und erklärt die Agenda                   übergriffe in Bayern; Gefährlicher
                                                                                                                             Schlaf – Narkolepsie im Alltag; Rechte
                                                                   des neuen Mannes im Schloss Bellevue.                     Bande – Rocker und Neonazis.

                                                                                                                             DONNERSTAG, 15. 3., 20.15 – 21.00 UHR | SKY
                                                                                                                             SPIEGEL GESCHICHTE
                                                                                                                             Amerika im Treibsand – Der
                                         WISSENSCHAFT | Mittelalter zum Mitmachen                                            Irak-Krieg; Folge 1: Der Diktator
                                         Im baden-württembergischen Meßkirch entsteht eine Klosterstadt nach Vorbild         und die Bush-Krieger
                                         des 9. Jahrhunderts – unter historischen Bedingungen: Regenmäntel und               „Mission accomplished!“, verkündet
                                         Kaffee sind verboten, die Kirche wird ganz ohne moderne Maschinen gebaut.           US-Präsident George W. Bush selbst-
                                                                                                                             bewusst im Mai 2003. Der Feldzug
                                         PANORAMA | Die bekanntesten Unbekannten der Welt                                    gegen Diktator Saddam Hussein gilt
                           „Spotlight-Seeker“ drängen sich auf Pressefotos, schmiegen sich an Promi-                         als siegreich beendet. Doch bald wird
                           nente, verpassen keine Premiere. Porträts von Menschen, die sich im Licht                         klar: Die amerika-
                           der Sternchen sonnen.                                                                             nische Vision eines
                                                                                                                             demokratischen
                                         UNISPIEGEL | Was die Phrasendrescher wirklich meinen                                Modellstaats im Na-
                                         Manche Akademiker kommen mit Floskeln in ihren Hausarbeiten und                     hen Osten wird auf
                                         Dissertationen ziemlich weit. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Wissenschaftler             absehbare Zeit
                                                                                                                                                      KARIM SAHIB / DPA




                                         gewieft verschleiern, dass sie keine Ahnung von ihrem Thema haben.                  Wunschtraum blei-
                                                                                                                             ben. Mit seiner
                                                                                                                             Irak-Invasion hat
                                                           | Der Busenfreund                                                 Amerika das Volk
                                                                                                                             zwar von einem        Saddam-Statue 2003
                                                                       Seine Filme hießen „Die Satansweiber von              Tyrannen befreit,
                                                                       Tittfield“ und „Supervixens“, seine                   aber das Recht gebrochen, Zehntau-
                                                                       Schauspielerinnen sollten eine Oberweite von          sende Menschenleben zerstört und
PICTURE-ALLIANCE / DPA




                                                                       mindestens 120 Zentimetern haben. Doch                seine Autorität als moralische Super-
                                                                       Russ Meyers Werk ist alles andere als Erotik-         macht verspielt. Doch wie konnte es
                                                                       Trash. In diesen Tagen wäre er 90 geworden.           zu diesem fatalen „Feldzug gegen
                                                                       einestages.de erinnert an seine besten Filme –        das Böse“ kommen? Und warum war
                                                                       und seine großartigsten Amazonen.                     der Despot vom Tigris noch in den
                                                                                                                             achtziger Jahren ein Verbündeter der
                                                                                                                             US-Regierung? Wie lebten die Men-
                                         www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist                                  schen im „Saddam-Staat“?
                                                                                     D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                 153
Register
                                                           GESTORBEN                    James Q. Wilson, 80. Als „klügsten Mann
                                                                                        Amerikas“ bezeichnete ihn einmal ein
                                             Ralph McQuarrie, 82.                       demokratischer US-Senator. Der in Ka-
                                             Sein einziger Auftritt                     lifornien aufgewachsene Wilson gehörte
                                             als Schauspieler dau-                      zu den wichtigsten konservativen In-




                                                                                         TONY KORODY / SYGMA / CORBIS
                                             erte nur ein paar                          tellektuellen der Vereinigten Staaten.
                                             Sekunden: In „Das                          Der Sozial- und Politikwissenschaftler
                                             Imperium schlägt zu-                       war ein Moralist, den brennend interes-
                                             rück“ (1980), der ers-                     sierte, was Menschen zu Vergehen moti-
                                             ten Fortsetzung von                        viert; nur durch das Wissen darum könne
                                             George Lucas’ legen-                       man die Selbstheilungskräfte der Gesell-
                                             därem „Star Wars“-                         schaft aktivieren. Nach der „Broken
                                             Film, läuft McQuarrie                      Windows“-Theorie, die er als Co-Autor
                                             durchs Bild, verkleidet als General. „Star 1982 beschrieben hatte, kann ein einziges
                                             Wars“ war auch McQuarries Werk. Im zerbrochenes Fenster den Niedergang ei-
                                             Auftrag von Lucas entwarf der Designer                           nes ganzen Stadtvier-
                                             Raumschiffe, Planeten und Figuren wie                            tels nach sich ziehen.
                                             den Roboter R2-D2 und den unheim-                                Die Theorie wurde
                                             lichen Asthmatiker Darth Vader. Erst                             zur Grundlage eines
                                             McQuarries Zeichnungen verwandelten                              neuen Ansatzes in
                                             Lucas’ krude Science-Fiction-Mythologie                          der Polizeiarbeit welt-
                                             in jene phantastischen Bilderwelten, die                         weit, in Städten wie
                                             Filmgeschichte schreiben sollten. Nach                           New York, Los An-
                                             einem Kunststudium und einer Tätigkeit                           geles, Mexico City




                                                                                                                        REUTERS
                                             als technischer Zeichner gestaltete                              und London. Wilson,
                                             McQuarrie später den Look von Holly-                             der damit als „Vater
                                             wood-Filmen wie „Unheimliche Begeg-                              der    gemeinwesen-
                                             nung der dritten Art“ und „E. T. – Der orientierten Polizeiarbeit“ Geschichte
                                             Außerirdische“. Für die visuellen Effekte machte, war Professor unter anderem an
                                             von „Cocoon“ wurde er 1986 mit einem der Harvard University und schrieb mehr
                                             Oscar ausgezeichnet. Die Arbeit an „Star als 20 Bücher. James Q. Wilson starb am
                                             Wars“ blieb seiner Meinung nach „der 2. März in Boston an Leukämie.
                                             beste Job, den je ein Künstler bei einem
                                             Film hatte“. Ralph McQuarrie starb am Robert Sherman, 86. Der amerikanische
                                             3. März in Berkeley, Kalifornien.          Filmkomponist wollte nicht ins Pan-
                                                                                        theon der Künste vordringen, sondern
Früher lesen:
 Früher lesen:                               Ronnie Montrose, 64. Ob Folk, Jazz oder Menschen im Alltag begeistern. Zusam-
Sonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®,    Hardrock, überall hatte der US-amerika- men mit seinem drei Jahre jüngeren Bru-
Android-Tablets und -Smartphones sowie auf   nische Gitarrist seine Finger im Spiel.                          der Richard schrieb
Mac und PC: einmal anmelden und auf jedem    Montrose spielte auf dem Van-Morrison-                           der in New York ge-
Gerät lesen – egal wo Sie gerade sind.       Album „Tupelo Honey“ von 1971, arbei-                            borene Sohn russisch-
Mehr sehen:
 Mehr sehen:                                 tete mit dem Pianisten Herbie Hancock                            jüdischer Einwande-
Nutzen Sie Videos, Fotostrecken und          zusammen, als dieser auf „Mwandishi“                             rer Songs, die man
                                             im selben Jahr Jazz und Funk verschmolz,                         auch ohne jedes
                                                                                                                        BRUCE GLIKAS / FILMMAGIC




interaktive Grafiken.
                                             und gründete schließlich seine eigene                            stimmliche Talent
Mehr hören:
 Mehr hören:                                 Band, Montrose, eine Hardrock-Gruppe,                            singen und summen
Lauschen Sie Interviews, neuen Songs         die Sprungbrett für den späteren Van-                            können sollte. „Wir
oder historischen Tondokumenten.             Halen-Sänger Sammy Hagar war. Neben                              schreiben für jeden“,
Mehr wissen:
 Mehr wissen:                                seinen Jobs als Session-Musiker nahm                             lautete Roberts Cre-
Lesen Sie weiter auf den Themenseiten.       Montrose zahlreiche Soloalben auf; deren                         do. Kein Wunder
Lassen Sie sich vom Reporter erklären, wie   Erfolg war allerdings überschaubar. Ron- also, dass bei den Shermans sogar die
                                             nie Montrose starb am 3. März in der Tiere sangen; im Zeichentrickfilm „Das
er recherchiert hat.
                                             Nähe von San Francisco an Prostatakrebs. Dschungelbuch“ etwa säuselte eine
                                                                                        Schlange „Vertraue mir“, und ein Quar-
                                                                                        tett von Geiern intonierte „That’s What
                                                                                        Friends Are For“. Bei den Shermans, die
                                                                                        zwei Oscars errangen und vorwiegend
                                                                                        für Disney arbeiteten („Winnie Puuh“,
                                                                                        „Aristocats“, „Tschitti Tschitti Bäng
                                                                                        Bäng“), war alles erlaubt, nur keine
                                                                                        Tristesse. Vermutlich ließen ihre vielen
                                                                                        Hymnen auf die Lebenslust – etwa
                                                                                        „Chim Chim Cher-ee“ und „Supercali-
                                                                                        fragilisticexpialigetisch“ – Millionen Men-
                                                                                        schen beschwingter durch den Tag gehen.
                                                                                        Robert Sherman starb am 5. März in
                                                                                        London.
                                                                                         AP




                                             154                         D E R   S P I E G E L                                                     1 1 / 2 0 1 2
Personalien
                                                                                                                Heiko Maas, 45, SPD-Spitzenkandidat
                                                                                                                für die Landtagswahl im Saarland, bezich-
                                                                                                                tigt die Linkspartei und deren Fraktions-
                                                                                                                vorsitzenden Oskar Lafontaine, 68, der
                                                                                                                Wählertäuschung. „Ich habe Lafontaines
                                                                                                                Gequatsche satt“, sagt Maas. Das An-
                                                                                                                gebot der Linken, nach der Saar-Wahl
                                                                                                                am 25. März mit der SPD eine rot-rote
                                                                                                                Regierung zu bilden, sei nur ein Wahl-
                                                                                                                kampfmanöver. Lafontaine habe ihm im
                                                                                                                persönlichen Gespräch erklärt, er werde
                                                                                                                Spitzenkandidat der Linken im Bundes-
                                                                                                                tagswahlkampf 2013. Dann ziele Lafon-
                                                                                                                taine auf Stimmengewinne von der SPD
                                                                                                                – und dafür sei eine rot-rote Regierung,
                                                                                                                die angesichts des prekären Haushalts im
                                                                                                                Saarland Sparbeschlüsse tragen müsse,
                                                                                                                „nur hinderlich“, so Maas. Lafontaine hin-
                                                                                                                gegen erklärte auf Nachfrage, er habe
                                                                                                                noch keine Entscheidung über seine poli-




                                                                                              HERLINDE KOELBL
                                                                                                                tische Zukunft getroffen. Er wolle das Er-
                                                                                                                gebnis der Landtagswahl abwarten.

                                                                                                                Franziska Brantner, 32, Europaparlamen-
 Egon Bahr, 89, SPD-Senior und Ex-Bun-          Christian Pfeiffer, 68, deutscher Krimi-                        tarierin der Grünen, versuchte sich in
 desminister, begab sich auf eine kunsthis-     nologe, nimmt sich im Frühling eine Aus-                        Brüssel als Schauspielerin. Zusammen
 torische Zeitreise. Der einstige Berater       zeit vom Verbrechen. Der Ex-Justizmi-                           mit acht weiteren weiblichen Abgeordne-
 von Kanzler Willy Brandt ließ sich von         nister von Niedersachsen möchte in fünf                         ten führte sie vergangene Woche das
 Starfotografin Herlinde Koelbl vor jenem       Wochen 1456 Kilometer mit dem Rad zu-                           Theaterstück „Vagina-Monologe“ der US-
 Tintoretto-Gemälde ablichten, das schon        rücklegen, von Wismar bis nach Mün-                             amerikanischen Autorin Eve Ensler auf.
 einmal als Hintergrund für ein Bahr-Bild-      chen. Auf seiner Route liegen 35 Orte mit                       Brantner verkörperte unter anderem eine
 nis diente: Ein SPIEGEL-Titelbild von          Bürgerstiftungen, die Geld für gemein-                          Kongolesin, die vom Leiden vergewaltig-
 1970 zeigt Bahr und Brandt vor dem Ge-         nützige Zwecke sammeln. Mit der Tour                            ter Frauen in ihrer Heimat erzählt. „Wenn
                     mälde. Das alte Titel-     will Pfeiffer weitere Unterstützer für sol-                     man in einer solchen Szene auf der
                     bild und das neue          che Stiftungen gewinnen. Dazu trainiert                         Bühne steht, merkt man, wie die Luft im
                     Bahr-Foto werden ab        er nun zu Hause auf dem Ergometer –                             Raum immer schwerer wird“, sagt sie.
                     dem 3. Oktober im Köl-     und ist selbst gespannt, ob er die Strapa-                      Die positiven Reaktionen der über 500
                     ner Wallraf-Richartz-      zen durchhält. Denn die durchschnittliche                       Zuschauer hätten sie in ihrer Ansicht be-
                     Museum zu sehen sein,      Tagesstrecke von 42 Kilometern ist zwar                         stärkt, dass „die EU Gewalt gegen Frauen
                     zusammen mit ande-         für geübte Radler keine besondere Her-                          mit allen zur Verfügung stehenden Mit-
                     ren Renaissance-Wer-       ausforderung. Doch Pfeiffer kennt Fahr-                         teln bekämpfen muss“. Vor der Inszenie-
                     ken. Das Museum fei-       radtouren nur von gelegentlichen Spa-                           rung hatte der deutsche Abgeordnete
                     ert mit der Ausstel-       zierfahrten, und auf die Frage nach sport-                      Werner Langen (CDU) kritisiert, eine
                     lung die Ankunft von       lichen Betätigungen in seinem Leben fällt                       solche Vorführung gehöre nicht ins EU-
                     Tintorettos Gemälde,       ihm genau eine ein: Schach spielen.                             Parlament.
SPIEGEL-Titel 7/1970 das in Köln verbleiben
                     soll. In seiner wechsel-
 vollen Geschichte war es von Venedig
 über London nach Mailand gereist, wo es          ZITAT
 1941 für das „Führermuseum“ in Linz er-
 worben wurde. Ab 1967 hing es dann als
 Dauerleihgabe des Bundes im Kanzleramt,
                                                „Was Amerika wirklich
 zunächst in Kurt Georg Kiesingers Büro.         geblendet hat, war ihre
 Brandt übernahm den Raum bei seinem
 Amtsantritt 1969, ohne größere Änderun-         unglaubliche Fähigkeit
 gen vorzunehmen. Bei dem imposanten             zu bezaubern, zu unter-
 Herrn in Öl handelt es sich um den mit
 heiklen Missionen betrauten Diplomaten          halten, zu kommunizieren.
 Paolo Tiepolo aus Venedig, wie der Kura-        Das hat man nicht
 tor Roland Krischel herausfand. Insofern,
 meint der Kunsthistoriker, sei das SPIE-        sehr oft bei Politikern.“
                                                                                                                                                         ARMANDO GALLO / INTERTOPICS




 GEL-Cover von 1970 für eine Titelge-
 schichte, die Bahrs Wirken als Sonderbot-       Julianne Moore, 50, Schauspielerin,
 schafter in Sachen Ost-West-Verständigung       über die ehemalige US-Vizepräsident-
 beschreibt, besonders geeignet – und das,       schaftskandidatin Sarah Palin,
 obwohl damals noch niemand wusste, wer          die sie in dem Fernsehfilm „Game
 der Mann auf dem Ölbild ist.                    Change“ verkörpert
 156                                                  D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Rachida Dati, 46, ehemalige                                                                                       Mary, 40, dänische Kronprinzessin, und
Justizministerin Frankreichs,                                                                                     Pentti Arajärvi, 63, Gatte der ehemaligen
vermasselte ihren Auftritt als                                                                                    finnischen Präsidentin Tarja Halonen,
Wahlkampfhelferin von Präsi-                                                                                      wurden wider Willen zu Internetstars. Ein
dent Nicolas Sarkozy. Sie fiel in                                                                                 Kurzfilm auf YouTube, der die beiden in
Lille vor allem wegen ihrer knall-                                                                                einer vermeintlich pikanten Situation
roten Highheels auf. Die Fuß-                                                                                     zeigt, wurde fast eine Million Mal aufge-
bekleidung passte nicht zum                                                                                       rufen. Während eines Galadiners anläss-
neuen Stil Sarkozys, der sich als                                                                                 lich des 40-jährigen Thronjubiläums von
Kandidat des einfachen Volkes                                                                                     Königin Margrethe II. hatten Mary und
zu präsentieren versucht. „Lou-                                                                                   Arajärvi nebeneinandergesessen. Auf
boutin oder nicht Louboutin?“,                                                                                    dem Video sieht es so aus, als starre der
fragten selbst seriöse Magazine.                                                                                  finnische Staatsgast seiner royalen Tisch-
Dati dementierte in einem TV-                                                                                     nachbarin ins Dekolleté. Dann blickt er
Interview wütend, dass die                                                                                        in die Kamera, sieht sich wie ertappt um
Schuhe von dem prominenten                                                                                        und schaut schnell in die andere Richtung;
Designer stammten.                                                                                                Prinzessin Mary zupft sich derweil am
                                                                                                                  Ausschnitt. Die scheinbare Ungehörigkeit
                                                                                                                  fand weltweite Aufmerksamkeit, auch die
                                                                                                                  amerikanischen ABC News berichteten.
                                                                                                                  Inzwischen entpuppte sich Arajärvis Sei-
                                                                                                                  tenblick als harmlos – und der Dekolleté-
                                                                                                                  Clip als Manipulation. Der Film war für
                                                                                                                  ein Satireprogramm zusammengeschnit-
                                                                                                                  ten worden.




                                                                                                                                                               ABC-NEWS
                                                                                                                  Mary, Arajärvi

                                                                                                                  Zbigniew Brzezinski, 83, Sicherheitsbe-
                                                                                                                  rater unter dem damaligen US-Präsiden-
                                                                                                                  ten Jimmy Carter, begegnet der verbrei-
                                                                                                                  teten Terrorismusangst mit Humor. Bei
                                                                                                                  der Präsentation seines neuen Buchs in
                                                                                                                  Washington mokierte sich Brzezinski, ei-
                                                                                                                  ner der profiliertesten amerikanischen
                                                                                                                  Außenpolitikexperten, über die Panik vie-
                                                                                                                  ler seiner Landsleute vor einem neuen
                                                                                                                  Anschlag – und kritisierte die Sicherheits-
                                                                                                                  maßnahmen. „Wenn ich ein Regierungs-
                                                                                           LUDOVIC / REA / LAIF




                                                                                                                  gebäude in den USA nur betreten will,
                                                                                                                  muss ich am Eingang stets meinen Aus-
                                                                                                                  weis vorzeigen und einen Registrierungs-
                                                                                                                  schein unterschreiben“, klagte er. Brze-
                                                                                                                  zinski berichtete, solchen Bitten zwar
 Barack Obama, 50, Präsident der Verei-      unterstützer des Demokraten, reagierte                               nachzukommen, jedoch auf eigenwillige
 nigten Staaten, wollte Hollywood-Mogul      per E-Mail. „Du bist der überqualifizier-                            Weise: „Seit geraumer Zeit unterschreibe
 Harvey Weinstein beeinflussen. Obama        teste Filmvorlagen-Scout, den ich je ge-                             ich die Anmeldung mit ,Osama Bin La-
 empfahl dem legendären Produzenten          troffen habe“, beschied er seinem Be-                                den‘.“ Aufsehen habe dies selbst vor dem
 („Pulp Fiction“, „Herr der Ringe“, „In-     kannten. Um welches Buch es sich han-                                Tod des Terroristen im Mai 2011 nicht er-
 glourious Basterds“) ein Buch zur Verfil-   delte, will Weinstein nicht verraten, nur                            regt. Ihn habe, sagte Brzezinski, „noch
 mung. Weinstein, fleißiger Wahlkampf-       so viel: „Es war ein Spionageroman.“                                 nie jemand gestoppt“.
                                                   D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2                                                                 157
Hohlspiegel                                  Rückspiegel

Aus dem „Hamburger Ärzteblatt“:                              Zitate
„ADHS-kranke und bipolare Kinder ver-
mehren sich (besonders in den USA) ex-     Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum SPIE-
ponentiell.“                               GEL-Gespräch „Geständnis eines ewigen
                                           Hippies“ mit dem Kunstfälscher Wolfgang
                                           Beltracchi und dessen Frau Helene (Nr.
                                           10/2012):

                                           Auch Wolfgang Beltracchi wurde von sei-
Aus der „Westdeutschen Zeitung“            nem Karriereende als Meisterfälscher kalt
                                           erwischt, wie sich einem Interview in der
                                           neuesten Ausgabe des SPIEGEL entneh-
Aus der Nürnberger „Abendzeitung“:         men lässt. Im Gegensatz zu betrügerischen
„Dafür garantieren der alle höllischen     Finanzjongleuren wie Bernie Madoff, die
Höhen erklimmende Uwe Stickert und         ihr Leben im Gefängnis beenden, sehen
die kokett auf Koloraturen posierende      Strafrecht und Gesellschaft für überführte
Leah Gordon, die ein Paar wie Geissen-     Kunstfälscher aber eine zweite Chance vor.
peter mit Pompadour abgeben, beklem-
mende Szenen.“                             Die „Berliner Zeitung“ zum SPIEGEL-
                                           Bericht „Währung – Der Riss“ über den
                                           Streit in der Europäischen Zentralbank
                                           (Nr. 10/2012):

                                           Der Rat der Europäischen Zentralbank
                                           (EZB) ist gewöhnlich darauf bedacht, dass
                                           Meinungsverschiedenheiten nicht nach au-
Aus der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“      ßen dringen … Schon deshalb genießt je-
                                           des vertrauliche Schreiben, das in Zeiten
                                           wie diesen publik wird, große Aufmerk-
Aus dem „Wolfenbütteler Schaufenster“:     samkeit. Das gilt erst recht, wenn der Ab-
„Ebenfalls dankte und ehrte Pink den       sender Jens Weidmann heißt und der
‚Marcel Reich-Ranicki‘ der Kleingärtner,   Empfänger Mario Draghi, zumal es der
Herbert Wendt.“                            am Donnerstag bekanntgewordene Brief
                                           des Bundesbankpräsidenten an den EZB-
                                           Chef in sich hat: Weidmann stellt in sei-
                                           nem Positionspapier in Frage, dass die
                                           Zentralbank im Gegenzug für immer rie-
                                           sigere Kredite an Geschäftsbanken zuneh-
                                           mend schlechtere Sicherheiten akzeptiert.
                                           Im Magazin DER SPIEGEL legt Weid-
                                           mann noch einmal nach. Dort bezeichnet
                                           er die Konditionen als „sehr generös“.
Aus dem Bonner „General-Anzeiger“
vom 7. März 2012                           Das „Hamburger Abendblatt“ zum SPIE-
                                           GEL-Bericht „Schleswig-Holstein –
                                           Schmutzige Scheidung“ über den Streit
Aus der „Märkischen Oderzeitung“:          des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki mit
„Vom dritten Jahrhundert bis heute hat     einem ehemaligen Kanzleikollegen (Nr.
das Museum Beispiele für misslungene       10/2012):
Keramik gesammelt ...“
                                           Schleswig-Holsteins FDP-Spitzenkandi-
                                           dat Wolfgang Kubicki hat am Wochen-
                                           ende ein Wechselbad der Gefühle erlebt.
                                           Am Sonnabend feierte er in Kiel mit der
                                           ersten Garde der Bundes-FDP seinen 60.
                                           Geburtstag. Am Sonntag berichtete der
                                           SPIEGEL vorab von einem Rosenkrieg,
                                           den der Rechtsanwalt und sein früherer
                                           Kanzleipartner Trutz Graf Kerssenbrock
                                           (58, CDU) mit Strafanzeigen ausfechten.
                                           „Ich finde es schade, dass es dazu gekom-
                                           men ist“, sagte Kubicki. „Das Ganze ist
                                           eine traurige Sache“, meinte auch Kers-
                                           senbrock. Die Schuld für den Schmud-
                                           del-Streit um viel Geld und harte Vor-
                                           würfe wie Betrug und versuchte Erpres-
                                           sung buchten beide Juristen im Gespräch
                                           mit dem „Abendblatt“ auf das Konto des
Anzeige aus der „Stuttgarter Zeitung“      jeweils anderen.
158                                              D E R   S P I E G E L   1 1 / 2 0 1 2
Der spiegel 2012 11
Der spiegel 2012 11

Der spiegel 2012 11

  • 3.
    Hausmitteilung 12. März 2012 Betr.: Hollande, Gauck, Identität, SPIEGEL-Bücher D as Gespräch mit dem französischen Präsidentschaftskandidaten François Hol- lande, 57, war schon seit langem vereinbart. Da sorgte, in der vorigen Woche, eine SPIEGEL-Meldung für Aufregung im Wahlkampf: Kanzlerin Angela Merkel, 57, habe mit wichtigen EU-Regierungschefs vereinbart, Hollande nicht zu empfan- gen – weil der eine Neuverhandlung des europäischen Fiskalpaktes verlangt hatte. Im Pariser SPIEGEL-Büro bestürmten französische Kollegen den Korrespondenten Mathieu von Rohr, 34, mit der Bitte um Auskunft. Gemeinsam mit seinem Kollegen Romain Leick, 62, traf er Hollande am Mittwoch zum SPIEGEL-Gespräch in dessen Wahlkampfzentrale in Paris. Was der Sozialist sagte, wird die Kanzlerin sorgen: Gewinne er die Wahl, so Hollande, werde Frankreich auch in der Europapolitik „einen anderen Weg“ einschlagen (Seite 90). S eit Joachim Gauck, 72, für die Bundespräsi- dentenwahl an diesem Sonntag nominiert wurde, verweigert er sich den Medien: keine Pressekonferenzen, keine Interviews, keine Hintergrundgespräche. SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen, 36, der Gauck bereits bei dessen erster Kandidatur vor zwei Jahren begleitet hat- te, reiste ihm dennoch hinterher. „Was machen Sie denn hier?“, fragte Gauck seinen Verfolger, CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL als er ihn in einer Hotellobby im polnischen LódŹ entdeckte. Am nächsten Abend sprachen die beiden an der Bar über Gaucks Zukunft. „Er steht vor der Erfüllung seines Lebenstraums“, sagt Feldenkirchen, „aber ein bisschen mulmig Feldenkirchen, Gauck in LÓdŹ ist ihm auch“ (Seite 30). W ie fühlt sich ein Mann, der im Alter von 70 Jahren erfährt, dass er um seine Identität betrogen wurde? Dass die Frau, die ihn großzog und sich als seine Mutter ausgab, ein Leben lang gelogen hat? George Jaunzemis waren schon vor Jahrzehnten Ungereimtheiten in seiner Biografie aufgefallen. Doch erst im Renten- alter kam sich der Mann auf die Spur. Er war in Neuseeland aufgewachsen, hatte dort auch sein Berufsleben verbracht; seine Mutter hatte ihm verschwiegen, dass er Deutscher ist und aus Magdeburg stammt. Als SPIEGEL-Redakteurin Barbara Hardinghaus, 36, ihn fragte, wo er seine Wurzeln orte, war er ratlos: „Von der Ernährung her fifty-fifty, halb Bratwurst, halb Fish & Chips“, antwortete Jaunzemis, „tatsächlich aber habe ich keine Heimat, ich bin eine Summe“ (Seite 52). B iosprit tanken, Müll sortieren oder Vegetarier werden – es gibt vermeintlich viele Möglichkeiten, die Umwelt zu schützen. SPIEGEL-Redakteur Alexander Neubacher, 43, selbst Biokisten-Käufer, hat einiges auf den Prüfstand gestellt und berichtet darüber in dieser Ausgabe (Seite 60) und in seinem Buch „Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrich- ten“. 33 Phänomene, die selbst Wissenschaftler rätseln lassen, beschreibt SPIEGEL-ONLINE- Redakteur Axel Bojanowski, 40, im ebenfalls neuen SPIEGEL-Buch „Nach zwei Tagen Regen folgt Montag“. Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 3
  • 4.
    In diesem Heft Titel Die Selbstheilungskraft des Herzens – neue Strategien im Kampf gegen den Infarkt ........ 118 Deutschland Panorama: Schäuble fordert Steuer auf Finanztransaktionen / Linke-Mitglieder zahlen am meisten / Fluglärm macht krank ............... 15 Außenpolitik: Die Europäer spielen im Iran-Konflikt eine Schlüsselrolle .................... 20 Europa: Im SPIEGEL-Gespräch kritisiert EU-Kommissar Günther Oettinger die deutsche Energiewende ............................ 24 Regierung: Unionsfrauen meutern gegen das Nein der FDP zur Quote .......................... 27 CSU: Parteichef Horst Seehofer ärgert sich über den geringen Einfluss seiner Hauptstadttruppe ................... 28 Karrieren: Der künftige Bundespräsident Joachim Gauck will den Deutschen ihre Ängste nehmen ..................... 30 Internet: Autoscout24 bringt Werkstätten gegen sich auf ................................................ 35 Wahlkampf: Wie die Piraten im Saarland Das Präsidenten-Experiment Seite 30 Mit seinen Begriffen aus Psychologie und Seelsorge wird Joachim Gauck TORSTEN SILZ / DAPD und in Schleswig-Holstein ihre Basis erweitern wollen ............................ 36 als Bundespräsident viele Bürger verwundern. Seine Botschaften Aktivisten: Was wird nach dem FBI-Schlag dürften manche verstören, die ihn noch für „ihren“ Kandidaten halten. aus der Hacker-Bewegung Anonymous? ........ 38 Koalition: Unionspolitiker werfen der Bundesjustizministerin vor, sie habe eine Studie zur Vorratsdatenspeicherung frisieren lassen ... 42 Erziehung: SPIEGEL-Gespräch mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul über die Fehler von Eltern und Pädagogen .... 44 Wintersport: Liftbetreiber wollen Skiwanderer von den Pisten verbannen .............................. 47 Bei Scheitern Krieg Seite 20 Die Verhandlungen der Kontaktgruppe mit Iran sind die wohl letzte Chance, Gesellschaft eine militärische Auseinandersetzung in der Region zu verhindern. Die Szene: Abendmahl mit Nackten / Erfolgreiche Verantwortung für einen Erfolg der Gespräche liegt jetzt bei den Europäern. Honecker-Memoiren ...................................... 48 Ein Video und seine Geschichte – warum ein Kalifornier im Flughörnchen-Outfit sein Leben riskiert ........ 50 Identität: Ein 70-Jähriger erforscht seine Biografie und entdeckt ein Verbrechen .......... 52 Schlecker von unten Seite 66 Ortstermin: Die Berliner Unterstützer der Diese Woche wird entschieden, welche der 6000 Filialen des Drogerie- syrischen Revolution ...................................... 57 riesen schließen und welchen 13 000 der insgesamt rund 30 000 Beschäftigten gekündigt wird. Drei Betroffene erzählen, wie sie die Pleite erleben. Wirtschaft Trends: DGB macht gegen Datenschutzgesetz mobil / Vitaminsäfte enthalten zu viel Folsäure / Interview mit Peter Hintze über die jüngsten deutsch-französischen Kämpfe um EADS ...... 58 Nachhaltigkeit: Unsere große Öko-Illusion im täglichen Leben ......................................... 60 Eine Frage der Übernahmen: Porsche wird die Gerichte noch lange beschäftigen ................................. 64 Macht Handel: Drei Schlecker-Mitarbeiterinnen – drei Meinungen über den Pleitekonzern ........ 66 Seiten 27, 145 Benzin: Taugt das westaustralische Preismodell Kanzlerin Angela Merkel für deutsche Tankstellen? ............................... 68 will sich mit dem Nein der Affären: Ein krisengeschüttelter Ferrostaal- Manager darf noch mal ran ............................ 69 Liberalen zur Frauenquote Banken: Neue Milliardenlücken bei nicht abfinden. Notfalls will MICHAEL HÜBNER / ACTION PRESS der Hypo Real Estate ...................................... 72 sie mit dem Thema in den Bundestagswahlkampf 2013 Serie ziehen. SPIEGEL-Redakteu- Die Reichen (Teil III): Ein Finanzmanager, ein rin Elke Schmitter plädiert Konzernchef und ein Internetmilliardär erzählen für die Quote. Sie sei lästig von ihrem Verhältnis zum Geld ..................... 74 Familienministerin Schröder und undemokratisch, aber Wie ein Elite-Internat versucht, eine ganz leider notwendig. normale Schule zu sein .................................. 79 4 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 5.
    Medien Trends: RTL baut Aufsichtsrat um / Gottschalk wünscht sich eine Sparringspartnerin ............. 81 Debatte: Weshalb der Begriff „Raubkopie“ das Elend der Urheberrechtsdiskussion illustriert .... 82 Handel: Amazon-Partner bieten indizierte Filme an ......................................................... 84 Ausland Panorama: Machtgerangel im Hause Assad / US-Autor Tim Weiner über die Rechtsbrüche des FBI / Europarat kritisiert Ungarns neue Nationale Justizbehörde ................................. 87 Frankreich: SPIEGEL-Gespräch mit Präsident- schaftskandidat Hollande über Kanzlerin Merkels Weigerung, ihn zu empfangen ............. 90 USA: Obamas Kriegsdoktrin ........................... 94 Polen: Geplante Atomkraftwerke provozieren die Deutschen ............................................... 98 Russland: Die Opposition will die Macht in der Hauptstadt .......................................... 100 Golfstaaten: Katars unverzichtbarer Emir .... 102 Obamas Drohnen-Krieg Seite 94 Global Village: Eine Auswanderermesse in Dublin kapituliert vor dem Besucheransturm ........... 108 Im Kampf gegen den Terrorismus übernimmt Barack Obama die zweifel- haften Rechtsgrundsätze seines Vorgängers George W. Bush. Gezielte Sport Tötungen durch Fernlenkwaffen sind heute offizielle Militärdoktrin. Szene: Wasserspringer Patrick Hausding REUTERS über rigide Regeln für Athleten bei Olympia in London / Brauchen Deutschlands Fußball-Manager Ausbildungsstandards? ...... 111 Fußball: SPIEGEL-Gespräch mit dem Dortmunder Trainer Jürgen Klopp über sein Leben im Rampenlicht .......................... 112 Boxen: Wie Weltmeisterin Rola El-Halabi Jungbrunnen fürs Herz Seite 118 das Attentat bewältigt, das ihr Stiefvater auf sie verübte .................. 115 Mediziner entdecken die Selbstheilungskraft kranker Herzen. So führt körperliche Aktivität dazu, dass neue Blutgefäße wachsen. Forscher suchen Wissenschaft · Technik nach Wirkstoffen, um die Bildung solcher natürlichen Bypässe zu fördern. Prisma: Nachtfahren gefährlicher als gedacht / Weniger Ausgrabungen in Griechenland ...... 116 Automobile: Die englische Traditionsmarke Morgan wagt die Wiedergeburt des dreirädrigen Sportwagens ....................... 128 Hirnforschung: Warum können sich manche Wie viel Kultur braucht das Land? Seite 136 Menschen an fast jedes Gesicht erinnern? .... 129 Geschichte: Der Absturz einer Das deutsche Subventionssystem steht vor einem Kollaps. Das behaupten Militärmaschine wurde zur Geburtsstunde vier Experten und fordern einen radikalen Umbau: Die Hälfte aller Theater, der alpinen Luftrettung ................................ 132 Museen und Bibliotheken sollte geschlossen werden. Kultur Szene: Eine beeindruckende Ausstellung von Kriegsfotografien aus Libyen / Historiker Paul Nolte über den Wandel der Demokratie ......... 134 Kulturpolitik: Vier Experten fordern den Mit Vollgas Umbau des deutschen Subventionssystems ... 136 Bestseller ..................................................... 140 durchs Leben Kunst: SPIEGEL-Gespräch mit den Fotografen Andreas Gursky und Thomas Ruff über die Wahrhaftigkeit von Bildern ............. 142 Seite 112 Gleichberechtigung: Warum die Frauenquote Sein Talent zum Wortführer undemokratisch, aber notwendig ist ............. 145 Autoren: Das Meisterwerk „Parallelgeschichten“ habe sich früh abgezeichnet, des Ungarn Péter Nádas ............................... 146 sagt der Dortmunder Trainer Verlage: Piper-Chef Marcel Hartges und seine Jürgen Klopp im SPIEGEL- Strategie im E-Book-Geschäft ...................... 148 Gespräch: „Ich war schon im- Literaturkritik: Die Dramatikerin Dea Loher mer laut.“ Die Unbedingtheit, debütiert eindrucksvoll als Romanautorin mit mit der Klopp seine Ziele „Bugatti taucht auf“ ..................................... 151 FIRO SPORTPHOTO beim BVB verfolgt, verlangt Briefe ............................................................... 6 er auch von seinen Profis. Impressum, Leserservice .............................. 152 „Wir sind hier, um alles raus- Klopp Register ........................................................ 154 zuhauen. Also: Vollgas.“ Personalien ................................................... 156 Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 158 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 5
  • 6.
    Briefe Was, wenn Israel die Schlagkraft der Iraner unterschätzt und erhebliche Opfer hinneh- „Eine Analyse, wie sie derzeit in men muss? Dann wird es wohl kaum bei deutschen Medien nur selten zu finden einem Luftschlag gegen iranische Atom- anlagen bleiben, sondern es wird Krieg ist. Nicht vergessen sollte man aber: mit unbekannter Dynamik geben. Zu glau- Israel verfügt bereits über ein ben, es werde nur die Region destabilisiert, ist entschieden zu kurz gedacht. beträchtliches Kernwaffenarsenal, BERNHARD LANGLOTZ, HAMBURG während das bei Iran selbst nach Der Zuwachs an Destabilisierung in der Einschätzungen westlicher Region durch eine iranische Atombombe Geheimdienste nicht der Fall ist. resultiert aus der Tatsache, dass es dann drei Atommächte in der Region gäbe, und SPIEGEL-Titel 10/2012 DR. HUBERT THIELICKE, AHRENSFELDE (BRANDENB.) nicht etwa daraus, dass einzelne Entschei- dungsträger irrational handeln könnten. HELMUT SUTTOR, FRANKFURT AM MAIN Nr. 10/2012, Krieg um die Bombe? – Irans Vielleicht sollte man nicht vergessen, wer geheimes Atom-Programm 2002 von wem auf der Achse des Bösen Sind denn israelische und US-Politiker von verortet wurde und die Nahost-Region jeglicher Vernunft verlassen, dass sie durch Zurück an den Tisch! um Iran mit Krieg überzogen hat. Dass bei solchen Nachbarschaftsverhältnissen Provokation, Propaganda und Lügen einen Krieg entfachen? Ist es denn nur die irani- Die Signale, die sowohl die israelische als ein Land nach Kernwaffen strebt, braucht sche Seite, die nicht die Wahrheit sagt? auch die iranische Regierung aussenden, heute keinen Diplomaten mehr zu ver- MARIE-LUISE KHAN, HAMBURG sind wohl eher an die eigene Bevölkerung wundern. Vertrauen muss wiederherge- gerichtet: als Demonstration von Stärke stellt werden, beispielsweise über gemein- Das Titelbild suggeriert eine von Iran aus- und Führungsanspruch in der Region. gehende Kriegsgefahr. Tatsächlich ist es Denn sollte Iran die Atombombe eines Israel beziehungsweise die Netanjahu- Tages haben, wäre das Risiko, sie gegen Clique, die den Frieden gefährdet. Also Israel einzusetzen, viel zu hoch. Nicht gehört eigentlich Netanjahus Konterfei nur wegen eventueller Reaktionen, son- auf das Titelblatt. dern auch, weil die Gefahr bestünde, dass ZIV KOREN / POLARIS / STUDIO X KARL WUESTER, KRAILLING (BAYERN) eine Rakete aufgrund unvorhersehbarer technischer Schwierigkeiten nicht Tel Eine der Lehren der Geschichte ist doch: Aviv, sondern Ostjerusalem treffen, in Wenn Antisemiten einen Massenmord an- jedem Fall aber Tausende oder Zigtau- kündigen, dann werden sie alles unter- sende Palästinenser töten oder verstrah- nehmen, ihr Ziel in die Tat umzusetzen. len würde. Das wäre das Ende aller irani- Unbegreiflich bleibt daher die in der Bun- schen Träume. Israelischer Kampfpilot desrepublik vorherrschende Blindheit, CHRISTOPH MÜLLER-LUCKWALD, BINGEN welche die existentielle Bedrohung Israels same Interessen in Afghanistan oder bei nicht wahrhaben will und die Israelis als Die Wahrnehmung, wer wen bedroht und der Pirateriebekämpfung im Persischen die eigentlichen Aggressoren darstellt. schon angegriffen hat, ist in Palästina und Golf und am Horn von Afrika. Daher: zu- THORSTEN WILLMANN, LEIPZIG Iran eine ganz unterschiedliche. rück an den Verhandlungstisch! FRIEDEMANN UNGERER, WAHLENDOW CHRISTOPH LEISERING, BERLIN Weshalb sind israelische Atomwaffen ein (MECKL.-VORP.) Segen für die Welt, vermeintliche irani- Eine hervorragende, aber auch erschre- sche Nuklearwaffen aber eine Bedro- Atomwaffen in der Hand Irans sind gleich- ckende Analyse. Ein Angriff Israels auf hung? Geht denn von Pakistan, das seit zeitig Waffen gegen sich selbst. Die Sor- die iranischen Atomanlagen und die zu 1998 die Atombombe besitzt und nach- gen Israels sind verständlich, aber sind erwartende Reaktion Irans ist eine Hor- weislich die Taliban mit Waffen versorgt, sie wirklich realistisch? Kein iranisches rorvorstellung. Warum wird der IAEA keine Bedrohung aus? Bedroht von diesen Regime kann es auf ein Hiroshima in Te- der Zugang zu den Anlagen verwehrt, Atommächten und umzingelt von US-Mi- heran ankommen lassen. Denn dies wäre wenn sie doch ausschließlich zivilen und litärbasen, haben Rattenfänger wie Ah- die unweigerliche Folge eines Angriffs friedlichen Zwecken dienen und es daher madinedschad es leicht, die Mehrheit der auf Israel. gar nichts zu verheimlichen gäbe? Iraner hinter sich zu bringen. WILFRIED WIEGAND, NEUBIBERG (BAYERN) DR. REINHARD TILL, BACKNANG (BAD.-WÜRTT.) RAHIM BARADARI, BERLIN Ein fundamentalistischer Gottesstaat, der den Holocaust leugnet und Israel mit der Vernichtung droht, darf niemals die Diskutieren Sie im Internet Atombombe in die Hände bekommen! www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel Gewiss, ein israelischer Angriff mag un- ‣ Titel Wie lassen sich Herzprobleme vermeiden? kalkulierbare Folgen haben. Aber was ist die Alternative? Die Mullahs wollen die ‣ Umweltschutz Energiesparbirnen, Dosenpfand, Bombe um jeden Preis. Selbst wenn sich Gelber Sack – was ist sinnvoll, was nicht? die Führung in Teheran am Ende rational verhalten sollte, kann Israel sich dieses ‣ Kultur Leistet sich Deutschland zu viele Theater Risiko nicht leisten. und Museen? CHRISTOFER GRASS, FREIBURG IM BREISGAU 6 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 10.
    Briefe Nr. 9/2012, Deutschland,deine Reichen: Die Anzahl der Spitzenpromotionen im Wer sind sie – und warum so viele? Fach Mathematik an der TU Berlin mag auf den ersten Blick sehr befremdlich wir- Fiktive Werte ken, aber die TU ist sowohl Sprecher- hochschule der „Berlin Mathematical Manche Zeitgenossen mögen es als Ehre School“, einer im Rahmen der Exzellenz- empfinden, auf einem SPIEGEL-Titel das initiative geförderten Graduiertenschule, Thema „Reichtum in Deutschland“ mit- als auch Sprecherhochschule des DFG- illustrieren zu dürfen. Ich fühle mich dort Forschungszentrums „Matheon – Mathe- reichlich deplatziert, denn ich halte mich matik für Schlüsseltechnologien“. Die mitnichten für reich. Die Verantwortung hohe Berufungsquote von Nachwuchswis- und Schulden für den Wiederaufbau und senschaftlern der beiden Einrichtungen die Erweiterung des neuen Schlosses El- auf Professuren bestätigt die besondere mau sind eine ganz reale Größe, die dort Qualität der beiden Einrichtungen und geschaffenen Werte heute allenfalls fiktiv. zeigt, dass Ihre These – jedenfalls was die Von den genannten Millionären und Mil- Qualität der Mathematik an der TU Ber- liardären bin ich in vielerlei Hinsicht weit lin angeht – falsch ist. entfernt. Schloss Elmau ist weder ein PROF. DR. DR. H. C. KURT KUTZLER, BERLIN Reich der Reichen, noch sind meine sechs Kinder in einem Bewusstsein von Armut oder Luxus groß geworden. Reichtum ist Nr. 9/2012, Die Shopping-Reise der CSU- keine Frage des Geldes, sondern eine der Bundestagsabgeordneten Dagmar Wöhrl Ideen und des Vertrauens. DIETMAR MÜLLER-ELMAU, ELMAU (BAYERN) Entschuldigung, Burma Nr. 9/2012, Die Universitäten drohen im Kampf gegen abgekupferte Doktor- arbeiten zu scheitern Erheblicher Schaden Es geht letztendlich um mehr als um Tür- schilder, weil solche „Plagiats-Doktoren“ THOMAS IMO als Politiker und Ministerialbeamte durchaus einen erheblichen Schaden an- richten können, indem sie ihre Vorstel- Abgeordnete Wöhrl lung von „Forschung“ bei ihrer Arbeit anwenden. Können Plagiatsjäger die Wis- Dagmar Wöhrl, Juristin und Mitglied ei- senschaft retten? Das Zitieren ist ja nicht ner Christlichen Union, offenbart mit ih- das Problem. Bei einer Dissertation müss- rem peinlichen Auftreten einen Charak- te es eigentlich um das Darstellen von ter, der keine Verwendung in öffentlichen Forschungsergebnissen gehen. Etwas Ämtern zulässt. Wenn so ein Verhalten Neues muss erarbeitet, gut begründet und auch noch von Dirk Niebel geduldet oder belegt werden. Der Doktorvater soll die unterstützt wird, sollte das Ministerium Arbeit betreuen, nicht nur lesen. auf den Prüfstand gestellt werden. JIRI SOBOTA, KRONBERG (HESSEN) HARTMUT KAMIN, NEUENKIRCHEN (MECKL.-VORP.) Im Kampf gegen Plagiate im Wissen- Als Vorsitzende des Entwicklungsaus- schaftsbetrieb werden die Universitäten schusses ist Wöhrl wohl fehl am Platz. Ihr signifikante Erfolge erzielen, wenn die Auftreten in Rangun spottet jeder Be- Professoren die Betreuung ihrer Dokto- schreibung. Es ist eine Unverschämtheit randen und damit die zwischen ihnen be- von ihr, wenn sie sagt, dass die Opposi- stehende Forschungsbeziehung deutlich tionsführerin Aung San Suu Kyi jahrelang intensivieren. keinen Stress hatte. Die CSU-Abgeordne- HOLGER PILLAU, BERLIN te hat keine Ahnung, wie es San Suu Kyi ergangen ist, als diese 15 Jahre lang den Hausarrest hat ertragen müssen. MATTHIAS SCHWARZ, SULZBACH-ROSENBERG PETER ENDIG / PICTURE ALLIANCE / DPA Ich entschuldige mich beim burmesischen Volk für den Auftritt von Frau Wöhrl und lege ihr nahe, von ihren Ämtern zurück- zutreten. Weiterhin sollte Bundestagsprä- sident Lammert ihre Eignung als Volks- vertreterin überprüfen und nach diesem Vorfall von ihr eine Entschuldigung beim burmesischen Botschafter verlangen. Hochschulabsolventen in Leipzig 2011 HELMUT SCHWARZ, KANDERN (BAD.-WÜRTT.) 10 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 12.
    Briefe Nr. 10/2012, SPIEGEL-Gesprächmit dem viele Sympathien. Mit dem gefassten Ent- Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und schluss, seine „eigene Kunst“ zu machen, dessen Frau Helene hat Herr Beltracchi sich auf eine lange Reise begeben. Mal sehen, wohin sie Klammheimliche Freude führt. Seine Frau stellt im Interview etwas naiv die Frage: „Sind Pinsel Waffen?“ Ja, Ihr Interview mit den Beltracchis bescher- Pinsel können Waffen sein. te mir einen angenehmen Zustand be- CHRISTIAN HÜBNER, MÜNCHEN schwingter Heiterkeit, der mehrere Tage anhielt. Lange nicht mehr so gelacht – ganz famos! Wie sagte Frank Zappa doch so schön: „Art is making something out of nothing and selling it“ (Kunst ist, aus nichts etwas zu machen und es zu ver- kaufen –Red.). THOMAS BUSCH, HEINSBERG (NRW) Mon dieu, wer möchte beim Lesen nicht gern mit Beltracchis Leben tauschen? Dem bigotten Kunstmarkt eine Nase dre- hen, auf einem Amsterdamer Hausboot leben oder im Wohnmobil durch Asien abhängen oder eben auch am Millionen- pool in Freiburg liegen und den französi- schen Wein von der eigenen Propriété vi- ticole dekantieren. Nur in den Knast ge- hen – das ist dann doch ein bisschen zu viel. Andererseits beweist es: In seinen Handlungen war Beltracchi ein Fälscher, in seinem Innersten ist er aber absolut MANFRED ESSER authentisch – eben ein echter Beltracchi! DR. UWE GRANZOW, FREIBURG I. B. Ihre bisherige Berichterstattung über die Beltracchi-Kunstwerk „14 Fälschungen“ Beltracchi-Bande hat uns beeindruckt. Umso befremdlicher ist es, dass W. Bel- Chapeau, Herr Beltracchi! Wenn in dieser tracchi nun die Gelegenheit erhält, seine Gesellschaft, die meist nach Schein und Selbstgefälligkeit in so epischer Breite Preis, nicht nach Wert (be)handelt und darzustellen. Widersprechen müssen wir dadurch in Mediokrität versinkt, viel- dem Artikel, wenn Beltracchi als unser leicht das Prädikat „genial“ zu vergeben Geschäftspartner dargestellt wird. Wir wäre, dann gebührte es ohne Abstrich Ih- kennen Beltracchi nur aus den Medien nen. Sie werden noch deutliche Marken und dem Gerichtssaal, zu keiner Zeit be- in der Malerei setzen. stand Kontakt zu ihm. Die Schwestern H. STEPHAN MEHLE, WARTHAUSEN Beltracchi und J. Spurzem hatten die Exis- (BAD.-WÜRTT.) tenz eines (malenden) Ehemannes wohl- weislich verschwiegen. Es ist falsch, wenn Der Kunstmarkt ist entsetzt, und ich emp- der Fälscher behauptet, vor der Auktion finde so etwas wie klammheimliche Freu- eine Expertise bestellt zu haben. Wir ha- de. Sieger ist wieder einmal die Gier, ben natürlich vor der Aufnahme des Ge- nicht die Kunst. mäldes in den Katalog externen Exper- HARTMUT NEUMANN, AACHEN tenrat eingeholt und den Sohn von Hein- rich Campendonk konsultiert; dieser war Dank medialer Sensationsgier ist es der von der Echtheit des Bildes überzeugt. betrogenen und blamierten Kunstwelt ge- Nach der Auktion hat die Werkverzeich- lungen, nicht als totaler Verlierer dazu- nisbearbeiterin in Kenntnis eines Mate- stehen: Ein „echter“ Wolfgang Beltracchi rialgutachtens ihre Expertise erstellt. dürfte sich mittlerweile gut verkaufen HENRIK HANSTEIN, KÖLN lassen. Schade nur, dass Bilder auch wei- KUNSTHAUS LEMPERTZ terhin nicht um ihrer Schönheit willen ge- liebt werden! Die Mechanismen des Kunstmarkts sind ROCHUS LAYRITZ sehr zutreffend beschrieben. Kaufent- NEUMARKT-ST. VEIT (BAYERN) scheidungen werden häufig getrieben durch Sehnsucht nach Status – die Unsi- Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- cherheit, eine eigene Entscheidung zu tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: treffen, ist groß. Insofern hat das Ehepaar leserbriefe@spiegel.de Beltracchi durchaus in künstlerischer Wei- se dem Markt einen Spiegel vorgehalten In der Gesamtauflage befindet sich im Mittelbund ein und findet wahrscheinlich deswegen auch vierseitiger Beihefter der Firma Dt. Telekom, Bonn. 12 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 15.
    Panorama Deutschland Handelssaal der Frankfurter Börse ULRICH BAUMGARTEN / VARIO IMAGES TRANSAKTIONSTEUER stände zu überwinden“. Schäuble lässt sein Ministerium des- halb einen eigenen Vorschlag für eine Finanztransaktionsteuer Große Lösung ausarbeiten. Seine Steuerabteilung wies er an, eine große Lö- sung anzustreben. Die neue Abgabe soll nach Schäubles Vor- gabe alle Umsätze auf Finanzgeschäfte belasten, Aktien- und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und acht Anleiheverkäufe, Währungsgeschäfte sowie sämtliche Deri- seiner europäischen Kollegen forcieren eine Steuer auf Fi- vate darauf. Gleichzeitig sollen die Vorschläge einfacher und nanzprodukte. „Wir sind davon überzeugt, dass eine Finanz- praktikabler sein als die Überlegungen der EU-Kommission, transaktionsteuer auf europäischer Ebene eingeführt werden die vergangenes Jahr ein Konzept vorlegte. Unterdessen sollte“, schreiben sie in einem Brief an die dä- wächst der parteiinterne Druck auf die SPD- nische Finanzministerin Margrethe Vestager. Spitze, dem geplanten EU-Fiskalpakt nur zu- Dänemark hat derzeit die EU-Ratspräsident- zustimmen, wenn sich die Bundesregierung schaft inne. Um eine rasche Entscheidung zu auf eine Finanztransaktionsteuer festlege. Die erreichen, „würden wir es begrüßen, wenn die Jusos fordern den SPD-Vorstand auf, beide Fra- Präsidentschaft den Verhandlungsprozess be- gen miteinander zu verknüpfen. „Solange die schleunigt“, drängen die Unterzeichner, neben Finanztransaktionsteuer blockiert wird, kann Schäuble unter anderem Frankreichs Finanz- die SPD einem Fiskalpakt nicht zustimmen“, minister François Baroin und Italiens Minis- heißt es in einem Beschluss des Juso-Bundes- POLARIS / LAIF terpräsident Mario Monti, der zugleich Finanz- vorstands. „Impulse für Wachstum und Be- minister ist. Bis Mitte des Jahres sollte der Pro- schäftigung können aus einer Spekulationsteu- zess abgeschlossen und Kompromissvorschlä- er finanziert werden“, sagt etwa Ralf Stegner, ge sollten erörtert werden, „um alle Wider- Schäuble SPD-Fraktionschef in Schleswig-Holstein. RÜSTUNG nach will die Luftwaffe im nächsten Luftwaffe nicht plant, den „Euro- Jahrzehnt den Fliegerhorst Büchel in fighter“ für Nuklearwaffeneinsätze zu- Abzug der Atomwaffen Rheinland-Pfalz aufgeben, auf dem die Atombomben derzeit lagern; von den zulassen, zöge sich die Bundesrepublik aus der praktischen Umsetzung der so- Die Bundesregierung rechnet offenbar dort stationierten deutschen „Tornado“- genannten nuklearen Teilhabe in der mit einem Abzug der amerikanischen Kampfflugzeugen sollen die Bomben Nato zurück. „Die Bundesregierung Atomwaffen aus Deutschland. Dies im Kriegsfall getragen werden. Das richtet ihre Planung endlich darauf aus, geht nach Angaben des Verteidigungs- Bücheler „Tornado“-Geschwader soll dass der sogenannte Sonderwaffenein- experten der SPD, Hans-Peter Bartels, durch ein „Eurofighter“-Geschwader er- satz in Zukunft nicht mehr zu den Auf- aus Bundeswehr-Unterlagen über die setzt werden, das im niedersächsischen gaben der Bundeswehr gehört“, sagt neue Luftwaffenstruktur hervor. Dem- Wittmund stationiert wird. Weil die Bartels. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 15
  • 16.
    Panorama PA R T E I E N Teure Linke Die Mitgliedschaft bei der Linken ist eine kostspielige Angelegenheit: Wäh- rend die Mitglieder ihrer Partei im Schnitt 135,58 Euro im Jahr überwei- sen, zahlen jene von CDU und vor al- lem CSU deutlich niedrigere Beiträge. Das geht aus den neuen Rechen- schaftsberichten der sechs Bundestags- parteien für das Jahr 2010 hervor. Teilt man die Summe der Beiträge durch die Mitgliederzahl, bilden die Christ- sozialen mit 59,58 Euro pro Mitglied das Schlusslicht (siehe Grafik). Mit- glieder der Linken unterstützen ihre Partei durchschnittlich mit mehr als der doppelten Summe. Beitragszahlungen WOLFGANG KUMM / DPA Jahresdurchschnitt je Parteimitglied in Euro Quelle: Rechenschaftsberichte 2010 der Parteien 150 Seehofer, Wulff, de Maizière, Generalinspekteur Wieker bei Großem Zapfenstreich Die Linke120 135,58 Grüne90 124,38 BUNDESPRÄSIDENT 60 FDP 116,89 SPD 30 0 91,07 Begrenzter Luxus CDU 80,99 Die Union will Ex-Bundespräsident Christian Wulff ein Büro nur zeitlich begrenzt auf Staatskosten zugestehen. „Die Amtsausstattung sollte dann enden, wenn Wulff CSU 59,58 wieder eine entgeltliche Tätigkeit aufnimmt“, sagt der für den Etat des Bundes- präsidialamts zuständige Haushaltspolitiker Herbert Frankenhauser (CSU). Diese Einschränkung solle für alle künftigen Präsidenten gleichermaßen gelten. Die Op- position will Wulff erst gar kein Büro samt Sekretärin und Fahrer zugestehen. Er ZAHL DER WOCHE habe dem höchsten Amt im Staat schweren Schaden zugefügt, sagt der SPD-Chef- haushälter Carsten Schneider, „eine Gleichbehandlung mit seinen Amtsvorgängern halte ich nicht für akzeptabel“. Das Bundespräsidialamt, das im Haushaltsausschuss Nur 42 % die Ausstattung beantragen muss, versucht derweil, die Kosten niedrig zu halten – und Wulffs künftiges Büro in einer bundeseigenen Liegenschaft unterzubringen, um Miete zu sparen. der Summe, die Union und FDP im Bundeshaushalt 2011 einsparen woll- ten, wurden tatsächlich nicht ausge- geben. Wie aus Berechnungen des In- stituts der deutschen Wirtschaft her- ENTFÜHRUNGEN nem Bekunden gehören die Kidnapper vorgeht, kamen lediglich 4,7 der 11,2 zum Stamm der Afar und hatten die Deutschen im Januar in der Danakil- Milliarden Euro zusammen, die im so- genannten Sparpaket veranschlagt waren. Auch für 2012 liegt die Regie- Druck statt Geld Wüste verschleppt. Eine Delegation äthiopischer Stammesältester bewegte rung hinter ihrem Plan zurück: Von Die beiden deutschen Geiseln, die in die Afar nun zur Freilassung der Gei- den ursprünglich vorgesehenen Ein- Äthiopien entführt waren, sind offen- seln. Den beiden Deutschen geht es sparungen in Höhe von 19,1 Milliar- bar durch diplomatische Bemühungen den Umständen entsprechend gut. Zu- den Euro ist nicht einmal die Hälfte der Bundesregierung freigekommen – gespitzt hat sich dagegen die Lage ei- umgesetzt. Für das kommende Jahr und anders als bei vielen Entführun- nes entführten deutschen Ingenieurs in decken die konkreten Maßnahmen, gen ohne Lösegeldzahlung. Der Kri- Nordnigeria. Bei einer missglückten die bisher beschlossen wurden, so- senstab im Auswärtigen Amt hatte pa- Befreiungsaktion nigerianischer und gar nur ein Drittel des avisierten rallel mit dem Diktator Eritreas, Isayas britischer Spezialkräfte am vergange- Sparvolumens ab. Die Eckwerte für Afewerki, sowie äthiopischen Stam- nen Donnerstag kamen in dem Land den Haushalt 2013 will das Kabinett mesältesten verhandelt, die jeweils zwei Geiseln ums Leben. Von dem noch im März verabschieden. versprochen hatten, Emissäre zu den Deutschen, der in Kano auf der Straße Entführern zu entsenden. Nach eige- entführt worden war, fehlt jede Spur. 16 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 17.
    Deutschland Fremdschämen BUNDESVERSAMM LUNG KOMMENTAR: Von Klaus Brinkbäumer NPD ohne Platz Ein Mensch, der einem Wankenden in immer härter nachtritt? „Der Unersättli- Die Bundestagsparteien streiten den Rücken sticht, einen Fallenden che“, so heißt es nun, und natürlich: darüber, wo die Vertreter der schubst, auf einen Liegenden tritt, ein „Das Volk … hat recht.“ rechtsextremen NPD in der Bun- solcher Mensch ist uns allen zuwider. Man kann jeden Text über Wulff mit desversammlung Platz finden sol- Doch was, wenn sich eine Gesellschaft Worten wie „ja, aber“ doppelbödig aus- len. Bei der letzten Präsidenten- oder der hörbare Teil einer Gesellschaft statten, mit Anmerkungen über Gier wahl hatten die NPD-Vertreter hin- so verhält? Was also sagen die Wochen und Ehrensold oder dem Fazit „selber ter den Grünen gesessen. Eine sol- seit dem Rücktritt Christian Wulffs über schuld“, weil es richtig bleibt: Medien che Platzierung der drei NPD- das Land aus? haben Wulff nicht gejagt, sondern eine Wahlmänner wollen die Grünen Es ist ein Unterschied, ob investigative Affäre recherchiert; Wulff ist nicht ele- diesmal nicht akzeptieren, weil sie Journalisten den Lügen eines amtieren- gant zurückgetreten; und das Militaristi- eine Angehörige eines Opfers der den Politikers und diversen Indizien sche dieses Zapfenstreichs wirkte nord- rechten Terrorzelle „Nationalso- nachgehen und dann, begründet, den koreanisch. zialistischer Untergrund“ unter ih- Charakter dieses Politikers hinterfragen Doch geht es darum noch? ren Wahlleuten haben. Auch CDU – oder ob eine Meute über einen Zu- Man muss auch nicht biblisch werden und CSU wollen Nähe zur NPD rückgetretenen herfällt mit Worten, mit und vom ersten Stein reden, doch wie vermeiden. Unter ihren Wahlleu- Lärm, mit Lust und Hass. Es ist schon viele der wütenden Gnadenlosen wür- ten befindet sich Mevlüde Genç, deshalb ein Unterschied, weil ein Politi- den eigentlich auf Dinge verzichten, die die 1993 beim fremdenfeindlichen ker, der im Amt ist, eine gewisse Härte ihnen juristisch zustehen, mag auch das Brandanschlag in Solingen mehre- verdient, da sich mit seinem Amt Privi- Gesetz, das ihnen ihr Recht gibt, gro- re Angehörige verloren hatte. Auf legien und Ansprüche verbinden. Ein tesk sein? eine Vorstellung der Kandidaten ehemaliger Politiker, der am Boden Für jene, die keine Möglichkeit haben, zu Beginn der Wahl solle verzich- liegt, verdient Milde. Und manchmal selbst zu recherchieren, sollte es genü- tet werden, so eine Überlegung im Mitleid. gen, sich den zurückgetretenen Wulff in Ältestenrat, damit sich der NPD- Was also bedeuten die Vuvuzelas wäh- seinem Haus in Großburgwedel vorzu- Kandidat, der Historiker Olaf rend des Zapfenstreichs, und was bedeu- stellen. Wie sich das alles aus seiner Per- Rose, nicht präsentieren könne. tet diese Wut jener Demonstranten, die spektive anfühlen mag. Wie er wohl nicht in der Lage waren zu erklären, weiterleben wird. Wie er langsam ver- wieso sie demonstrierten? „Es ist ... na steht, dass er, 52 Jahre alt, womöglich ja ... ick weeß ooch nich … eine Schan- nie wieder arbeiten und nicht mal mehr de eben“, so redeten sie, und nicht zum ein Buch schreiben kann, das irgendwer ersten Mal in den Monaten der Wulff- lesen wollte. Und wer Gelegenheit zur Affäre schämte man sich nicht mehr für Recherche hat, wer Wulffs Vertraute fra- Wulff. Denn was will ein Kommentator gen kann, der hört: Sie sorgen sich um MICHAEL KAPPELER / DAPD wie Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ Wulff. Es gehe ihm nicht gut. wirklich sagen, der Wulff wochenlang Jede Gemeinschaft und darum auch verteidigte und dann, als deutlich wur- jede Gesellschaft sollte eine tolerante de, dass Wulff gehen musste, die Mei- Gemeinschaft sein wollen. Eine, die nung wechselte und immer noch und nicht vergisst, was Empathie ist. Plenarsaal vor Bundesversammlung GRÜNE mit persönlichen Kandidaturen ver- enquote unterstreiche. Der NRW-Lan- knüpfen.“ Eveline Lemke, grüne Wirt- desvorsitzende Sven Lehmann bemän- schaftsministerin von Rheinland-Pfalz, gelt „mangelndes Teamwork“ in der „Weitgehend wurscht“ begrüßt Roths Vorstoß dagegen als „richtige Botschaft in die Parteifami- Grünen-Führung – die Mitglieder soll- ten per Urabstimmung die Spitzenkan- Nach der Kandidatur der Parteivorsit- lie“, weil sie die Bedeutung der Frau- didaten bestimmen: „Wenn vier sich zenden Claudia Roth für eine führen- streiten, freut sich die Basis.“ Der hes- de Position im Bundestagswahlkampf sische Partei- und Fraktionschef Tarek ist bei den Grünen heftiger Zank aus- Al-Wazir dagegen hält eine Basisbefra- gebrochen. Roth hatte eine männliche gung für ein „Zeichen von Schwäche“ Einzelspitze unter Hinweis auf die und sagt: „Wir sind hier nicht bei einer Frauenquote abgelehnt und zugleich Casting-Show.“ Der schleswig-holstei- ihre Kandidatur angemeldet. Ekin De- nische Fraktionschef Robert Habeck ligöz, stellvertretende Vorsitzende der wiederum zeigt sich von der Debatte Bundestagsfraktion, kritisiert die Par- genervt: Den Wählern der Grünen sei teichefin: „Die Quote verteidigen wir es „weitgehend wurscht, wer an der Frauen besser nicht damit, dass wir sie Roth auf Plakat der Grünen Spitze der Partei steht“. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 17
  • 18.
    Deutschland Panorama SPIEGEL: Welche Folgen hat der Krach? empfiehlt etwa in der Nacht Grenz- Flasbarth: Lärm ist das am stärksten un- werte von 40 Dezibel, in Deutschland terschätzte Umweltproblem in gelten deutlich höhere Werte. Deutschland. Wir wissen durch eine SPIEGEL: Das Meeresrauschen im Ur- Reihe von Studien definitiv, dass er – laub stört nicht, aber wenn zu Hause gerade wenn er nachts auftritt – die in gleicher Lautstärke Autos vorbeirau- Gesundheit schädigt. schen, steigt der Blutdruck? SPIEGEL: Wer an der Schnellstraße oder Flasbarth: Lärm ist eben mehr als nur in der Einflugschneise lebt, stirbt eher? Geräusch. Der Mensch bewertet Ge- MARC DARCHINGER Flasbarth: Er hat ein höheres Risiko. räusche unterschiedlich. Wenn er den Hinzu kommt auch ein ökonomischer Eindruck hat, diese wären vermeidbar Flasbarth Aspekt: Auf europäischer Ebene rech- oder werden sogar absichtlich erzeugt, net man mit Kosten durch Verkehrs- stören sie ihn viel mehr als Geräusche, lärm in Höhe von 40 Milliarden Euro die er als neutral einstuft. U M W E LT pro Jahr, unter anderem durch Ge- SPIEGEL: Das Bundesverwaltungs- sundheitsschäden. Allein im Raum gericht verhandelt in dieser Woche Frankfurt werden nach unseren Schät- über ein Flugverbot in Frankfurt „Höheres Risiko“ zungen in den nächsten zehn Jahren durch Fluglärm zusätzliche Kosten von nachts zwischen 23 und 5 Uhr. Reicht ein solches Verbot aus? Der Präsident des Umweltbundesamts, etwa 400 Millionen Euro nur für die Flasbarth: Erwachsene brauchen nach Jochen Flasbarth, 49, über den Krach Behandlung von Herz-Kreislauf-Pa- Empfehlungen der WHO 7,5 bis 8 durch Autos, Flugzeuge und Züge tienten entstehen. Stunden Schlaf, Kinder deutlich mehr. SPIEGEL: Es gibt gesetzliche Grenzwer- Deshalb halten wir für stadtnahe Flug- SPIEGEL: In Frankfurt am Main de- te gegen unzumutbare Belastungen. häfen Nachtflugverbote in der Zeit monstrieren jede Woche Tausende ge- Flasbarth: Die Werte reichen nicht aus, von 22 bis 6 Uhr für notwendig. gen Fluglärm, andernorts protestieren die Belastung ist deutlich zu hoch. Die SPIEGEL: Das sei völlig unrealistisch, die Bürger gegen Güterzüge oder neue Weltgesundheitsorganisation (WHO) meint die Luftverkehrswirtschaft. Umgehungsstraßen. Ist die Belastung Flasbarth: Eine führende Wirtschafts- durch Verkehrslärm in Deutschland nation wie Deutschland wird wohl gestiegen – oder sind die Menschen Lästiger Lärm nicht ganz ohne Nachtflüge auskom- empfindlicher geworden? Wodurch sich die Deutschen men. Die Frage ist aber, ob die überall Flasbarth: Beides. Trotz technischer am meisten gestört fühlen stattfinden müssen. Deshalb brauchen Verbesserungen an Autos, Zügen und wir dringend eine nationale Flugver- Flugzeugen wächst der Lärm allein Straßenverkehr 55% kehrsplanung. Derzeit wird ein unseli- durch die Zunahme des Verkehrs. ger Standortwettbewerb zwischen den Gleichzeitig nimmt das Umwelt- und Nachbarschaft 37 % Flughäfen auf dem Rücken der Bevöl- Gesundheitsbewusstsein der Men- Flugverkehr 29 % kerung ausgetragen. Viel vernünftiger schen zu. Nach unseren Umfragen füh- wäre es doch, wenn sich alle Beteilig- len sich 55 Prozent der Deutschen Industrie 28 % ten einigen, dass Verkehr, der unver- durch Straßenlärm belästigt. Bei Flug- meidlich ist, nur noch dort abgewi- Schienenverkehr 22 % lärm ist es jeder Dritte, bei Schienen- ckelt wird, wo er am wenigsten Proble- lärm jeder Fünfte. Quelle: Umweltbundesamt 2010 me bereitet. AT O M E N E R G I E Der Rückbau der Anlagen könnte sich produzieren, weil die Genehmigung auch deswegen verzögern, weil Behäl- fehlt, wie die Firma bestätigte. Die Zu- ter für nicht mehr benötigten Kern- lassung wird nicht vor Ende 2013 er- Rückbau verzögert sich brennstoff fehlen. So kann die Firma GNS derzeit keine Castoren für Brenn- wartet. Für die Lagerung nicht voll- ständig abgebrannter oder beschädig- Ein Jahr nach dem endgültigen Aus elemente aus Siedewasserreaktoren ter Brennelemente gibt es nicht einmal für acht Atomreaktoren in Deutsch- ein Genehmigungsverfahren. land ist unklar, wann und wie die An- Schon heute führt der Castor- lagen abgebaut werden sollen. Derzeit Engpass zu Problemen: Im still- liegt noch keiner Aufsichtsbehörde ei- gelegten Kraftwerk Brunsbüttel nes Bundeslands ein Antrag auf Still- in Schleswig-Holstein können legung nach dem Atomgesetz vor. Das abgekühlte Brennelemente ergibt sich aus einer Umfrage der nicht in einem sicheren Zwi- atompolitischen Sprecherin der Grü- schenlager untergebracht wer- nen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, den. Die alten Brennstäbe müs- unter den betroffenen Ländern. Exper- sen vorübergehend im Reaktor- ten vermuten, dass die Betreiber keine druckbehälter lagern. Vorige Fakten schaffen wollen, bevor über Woche sorgte das Atomkraft- PATRICK LUX ihre Schadensersatzforderungen ent- werk für Schlagzeilen, weil in schieden ist, die sie wegen des Atom- einer Kaverne ein Atommüll- ausstiegs gegen den Bund erheben. Kraftwerk Brunsbüttel fass völlig verrostet war. 18 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 20.
    Deutschland AU S S E N P O L I T I K Spiel auf Zeit Die Europäer haben eine Schlüsselrolle im Konflikt mit Iran: Sie sollen Teheran vom Atomkurs abbringen, um einen Krieg zu verhindern. Die bislang glücklose EU-Außenbeauftragte Ashton leitet die Verhandlungen. A ls Catherine Margaret Ashton, Ba- Westen keinen Misserfolg erlauben. Ein roness of Upholland, vor zwei Jah- Scheitern bedeutet wohl Krieg. ren zur europäischen Außenminis- Der israelische Ministerpräsident Ben- terin ernannt wurde, registrierte selbst jamin Netanjahu hat in der vergangenen ihr Ehemann die Skepsis. Das Volk habe Woche bei seinem Besuch in Washington bei der Nominierung seiner Frau „nicht keinen Zweifel daran gelassen, dass er gerade auf den Straßen getanzt“, räumte Iran mit allen Mitteln am Bau einer Atom- Peter Kellner, der Chef des bekannten bombe hindern will. Auch mit militäri- Umfrageinstituts YouGov, ein. Nach ei- scher Gewalt. nem wenig verheißungsvollen Start be- Obama setzt wie die Europäer darauf, wegte sich Ashtons Reputation weiter in dass Verhandlungen und Sanktionen Te- eine Richtung: nach unten. heran möglicherweise doch zum Umden- Nach anderthalb Jahren war die Bilanz ken bewegen. Er hat aber zugleich klar- der ersten Hohen Vertreterin für die Au- gemacht, dass er Israel unterstützen wer- ßen- und Sicherheitspolitik der EU so de, wenn eine iranische Atombombe sich dürftig, dass offen über ihre Ablösung nur durch einen Angriff verhindern lässt. nachgedacht wurde. „Langsam läuft die „Ich mache keine Eindämmungspolitik“, Zeit ab“, warnte Elmar Brok, der außen- sagt Obama. politische Experte der CDU im Europa- Damit liegt es jetzt an den Europäern, parlament. Der liberale Fraktionschef einen Krieg in einer Region zu verhin- Guy Verhofstadt nannte Ashtons Politik dern, deren Ölvorräte der Treibstoff der schlicht „lächerlich“. Weltwirtschaft sind. In der „internatio- Die Britin mit dem „Charisma eines nalen Kontaktgruppe“ sind zwar neben Campingplatzes auf der Insel Sheppey“ Deutschen, Briten, Franzosen und Ame- (der britische Journalist Rod Liddle) er- rikanern auch Russen und Chinesen ver- trug die Vorwürfe klaglos. Wenn sie kri- treten. Die Regie liegt aber bei Ashton, tisiert wurde, machte sie brav Notizen. weil Peking und Moskau bremsen und Außenpolitikerin Ashton, Bundeskanzlerin Merkel, Gern las sie vorbereitete Statements ab. Obama wegen der bevorstehenden Prä- Ihre Stärke sei die Arbeit hinter den Ku- sidentschaftswahl nicht frei handeln lissen, behauptete sie. „Ich bin kein wan- kann. delndes Ego, aber verhandeln kann ich.“ Die Europäer sind in einem Punkt ka- In den kommenden Monaten kann tegorisch: Sie lehnen eine militärische Lö- Ashton beweisen, ob das stimmt. Die sung ab. Ein Krieg könnte die ganze Re- Außenbeauftragte hat das derzeit schwie- gion ins Chaos stürzen, fürchten sie. Zu- rigste Mandat in der internationalen dem würden Militärschläge den Bau einer Politik inne. Sie soll mit Iran über das Bombe allenfalls verzögern, aber nicht umstrittene Atomprogramm verhandeln. verhindern, heißt es im Berliner Auswär- Im Westen zweifelt kaum jemand dar- tigen Amt. Aber was ist, wenn Iran wie an, dass die Führung in Teheran zumin- so oft in der Vergangenheit, nur auf Zeit dest die Fähigkeit zum Bau einer Bombe spielt, um sein Nuklearprogramm unge- erwerben will. Das würde die Machtba- stört vorantreiben zu können? lance in einer der explosivsten Regionen Die Frau, die für die Kontaktgruppe der Welt verändern und vermutlich ein die Gespräche vorbereiten soll, ist eine atomares Wettrüsten auslösen. Ashton Deutsche. Helga Schmid, 51, frühere Bü- muss Poker mit einem hohen Einsatz spie- roleiterin des damaligen Außenministers len. Gibt es eine Chance, Iran noch von Joschka Fischer und seit über einem Jahr seinen Atomplänen abzubringen? stellvertretende Generalsekretärin des Es gab schon vorher Verhandlungen, Auswärtigen Dienstes der EU. Die Diplo- die alle am Unwillen Irans scheiterten. matin genießt nicht nur das Vertrauen Das Land wollte an seinem Atompro- Ashtons. Auch die Bundeskanzlerin un- gramm festhalten. Diesmal kann sich der terstützt sie. 20 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 21.
    Bereits in dieserWoche könnte sich Schmid mit Ali Bagheri, dem stellvertre- tenden Verhandlungsführer Teherans, treffen. Das hat sie dem Iraner angeboten. Schmid und Bagheri haben in den ver- gangenen Wochen regelmäßig miteinan- der telefoniert. Es wäre der erste offizielle Kontakt seit dem Scheitern der letzten Verhandlungen im Januar 2011. Ein Tref- fen soll in Genf oder Wien stattfinden. Die Verantwortlichen in Berlin und Brüssel spielen auf Zeit. Die Bundesre- gierung hat nach Gesprächen mit israeli- schen Regierungsvertretern in der ver- gangenen Woche den Eindruck gewon- nen, dass Netanjahu nach den Zusiche- rungen Obamas keinen schnellen Angriff plant. Nach israelischen Medienberichten hat der US-Präsident den Israelis zuge- sagt, bunkerbrechende Munition zu lie- fern, wenn Israel in diesem Jahr nicht an- greift. Israel könnte iranische Anlagen damit selbst dann attackieren, wenn sie in tiefere Bunker verlegt werden sollten. Die Israelis dementieren den Deal aller- dings. Aus Sicht von Deutschen, Briten und Franzosen wäre ein solches Abkommen gut, denn damit wäre etwas Zeit gewon- nen. Und Zeit ist in Krisen ein wertvolles Gut. Deshalb soll es, so die Planung, eine Serie von Gesprächen zwischen Ashton und dem iranischen Chefunterhändler Said Dschalili geben, die sich über meh- rere Monate hinziehen könnten. Offiziell fordert Ashton die iranische Führung auf, ernsthaft zu verhandeln. „Wir wollen keine Gespräche um der Ge- spräche willen“, sagte sie dem SPIEGEL. „Wir brauchen greifbare Fortschritte.“ Doch in Wahrheit hoffen die Europäer darauf, bis über die amerikanische Präsi- REUTERS dentschaftswahl im November hinaus zu verhandeln. Würde Obama wiederge- Irans Präsident Ahmadinedschad: Angst vor Chaos in der Region wählt, müsste er weniger Rücksicht auf seine republikanischen Gegner und die einflussreiche Israel-Lobby nehmen. Der US-Präsident, der ebenfalls keinen An- griff auf Iran will, könnte dann mehr Druck auf Netanjahu ausüben. Neben der Strategie für die Gespräche hat man in den europäischen Hauptstäd- ten auch erste inhaltliche Punkte verein- bart, die den Iranern einen Deal schmack- haft machen sollen. Bislang hat Teheran alle Avancen zurückgewiesen. Dabei geht es ausgerechnet um das Atomkraftwerk von Buschehr. Die Anla- ge ist technisch nicht auf dem neuesten Stand, die Anfänge stammen noch aus der Zeit vor der Islamischen Revolution. Nach der Atomkatastrophe von Fukushi- ma wachsen die Sorgen der Golfanrainer, ABEDIN TAHERKENAREH / DPA aber auch der Iraner, dass das Kraftwerk nicht sicher sei. Die Europäer wollen Iran daher in den Verhandlungen anbieten, den Reaktor technisch aufzurüsten. Außerdem will der Westen Teheran versprechen, Iran politisch und wirtschaft- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 21
  • 22.
    Deutschland In Israel ist man weit weniger optimis- tisch. Netanjahus Sicherheitsberater Jaa- kov Amidror sagt, man müsse darauf vor- bereitet sein, dass die Verhandlungen scheitern würden. Die Israelis fürchten, die Gespräche könnten den Druck auf Iran verringern und die Kriegsdrohung abschwächen. Der israelische Alptraum wäre eine Reihe endloser Verhandlungen, die den Machthabern in Teheran Gele- genheit geben würden, weiter an der Bombe zu bauen. Die Treffen der vergangenen Jahre ge- ben in der Tat kaum Anlass zu Optimis- mus. Seitdem die Internationale Atom- REX FEATURES / ACTION PRESS energiebehörde 2003 erstmals bis dahin verheimlichte Atomanlagen betreten durfte, fühlten sich besonders Europäer und Amerikaner immer wieder von Te- heran an der Nase herumgeführt. So revidierte Iran einen im November Gesprächspartner Netanjahu, Obama*: „Wir brauchen greifbare Fortschritte“ 2004 verkündeten Stopp der Urananrei- cherung bereits ein knappes Jahr später. lich zu unterstützen, wenn es den Atom- israelischen Militärschlag wäre Deutsch- Auch das Angebot der EU, das Land beim kurs aufgibt. Die Europäer wollen dann land besonders betroffen. Beitritt zur Welthandelsorganisation zu auch beim Kampf gegen das gewaltige Kein anderer europäischer Staat hat unterstützen, lehnte Teheran ab. Als die Drogenproblem im Land helfen. sich so eindeutig an die Seite Israels ge- USA, Russland und Frankreich im Okto- Ashton und ihre Ansprechpartner in stellt wie Deutschland. „Die Sicherheit ber 2009 dem Regime anboten, Uran für den europäischen Hauptstädten hoffen, Israels ist für mich als deutsche Bundes- die zivile Kernkraftnutzung im Ausland dass die Iraner dieses Mal ernsthaft ver- kanzlerin niemals verhandelbar“, hat An- anzureichern, wies Iran die Offerte zu- handeln wollen. Sie weisen darauf hin, gela Merkel 2008 vor der israelischen rück. Anfang vergangenen Jahres brach dass Teheran seine Bereitschaft zu den Ge- Knesset bekannt, „und wenn das so ist, Ashton die Gespräche ab, weil Teheran sprächen schriftlich bekundet hat, obwohl dann dürfen das in der Stunde der Be- ganz offen auf Zeit spielte und nicht ernst- sich die Kontaktgruppe schon mit einer währung keine leeren Worte bleiben.“ haft verhandeln wollte. mündlichen Zusage zufriedengegeben hät- Im Auswärtigen Amt war man nicht Offen ist auch, ob die Sanktionen das te. Zudem hätten die Iraner zum ersten glücklich über die Formulierung. Das er- Regime wirklich gefügiger machen. In der Mal ihre Bereitschaft erklärt, über alle As- innere an das Versprechen der „uneinge- Bundesregierung fürchten manche, dass pekte des iranischen Atomprogramms zu schränkten Solidarität“, das Bundeskanz- auch das Gegenteil eintreten könnte. Der verhandeln, heißt es in Ashtons Umfeld. ler Gerhard Schröder den USA nach den starke Druck von außen könnte die ver- Das sei ein bedeutender Fortschritt. Terroranschlägen vom 11. September 2001 schiedenen Fraktionen in der Führungs- Im Westen ist man davon überzeugt, elite des Landes zusammenschweißen. dass die jüngsten Sanktionen den Druck Und weil auch weite Teile der Bevölke- auf das Regime in Teheran gewaltig er- Niemand im Westen rung die wirtschaftlichen Folgen der Sank- höht haben. Die Sanktionen hätten Iran durchschaut die tionen spüren, ist es denkbar, dass die ira- an den Verhandlungstisch zurückge- nische Regierung von der Solidarisierung bracht. Niemand möchte zugeben, dass wirklichen Machtverhält- gegen den Westen profitiert. für die scheinbare Konzilianz Teherans Die Verhandlungen werden zusätzlich womöglich eher die Kriegsdrohungen nisse in Teheran. erschwert, weil niemand im Westen die Israels verantwortlich sind. wirklichen Machtverhältnisse in Teheran Doch eines stimmt: Das europäische gegeben habe, hieß es. Damit habe Mer- durchschaut. Gibt es überhaupt eine Frak- Ölembargo wird Iran schwer treffen. Das kel den Israelis weitgehend freie Hand tion, die gegen entsprechende Gegen- Land ist der drittgrößte Exporteur der Welt, eingeräumt, klagt ein Spitzendiplomat. leistungen auf die Bombe verzichten wür- 50 Prozent seiner Staatseinnahmen stam- Allerdings sei klar, dass man am Ende in de? „Es ist ein bisschen wie früher die men aus dem Ölgeschäft. Die EU schätzt, einem solchen Konflikt nicht neutral blei- Kremlologie“, sagt ein hoher Berliner Re- dass Teheran durch das Embargo ein Vier- ben könne. gierungsbeamter. tel seiner Einnahmen verlieren wird. Es war vor allem Merkels Büroleiterin Dennoch gibt es aus europäischer Sicht Benzin hat sich bereits jetzt exorbitant Beate Baumann, die auf das starke Be- keine Alternative zu den Gesprächen. verteuert, der iranische Rial befindet sich kenntnis zu Israels Sicherheit in der Knes- „Diese Verhandlungen sind die allerletzte im freien Fall. Und weil Europa und die set gedrängt hatte. Damit wäre Deutsch- Chance“, sagt der luxemburgische Au- USA die Konten der iranischen National- land im Falle eines Krieges automatisch ßenminister Jean Asselborn. „Wenn sie bank eingefroren haben, ist auch der Fi- in der Pflicht, stärker als andere europäi- scheitern, ist ein israelischer Militärschlag nanzverkehr des Landes massiv einge- sche Staaten. „Wenn die Israelis von uns so gut wie sicher. Das müssen wir um schränkt. bei einem iranischen Angriff Abwehr- jeden Preis verhindern.“ Um jeden Preis, Doch sind die Iraner kompromissbe- raketen haben wollen, dann werden wir das heißt für Asselborn: „Selbst wenn reit? In Berlin gibt man sich verhalten op- sofort liefern“, heißt es in der Bundesre- wir inhaltlich nicht vorankommen, müs- timistisch. Zweckoptimistisch. Von einem gierung. Und möglicherweise bliebe es sen wir die Verhandlungen am Laufen Scheitern der Gespräche und einem nicht bei Abwehrraketen. Kein Wunder, halten.“ dass Berlin seine ganzen Hoffnungen nun JULIANE VON MITTELSTAEDT, RALF NEUKIRCH, * Am vergangenen Montag in Washington. auf die Verhandlungen setzt. CHRISTOPH SCHULT 22 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 24.
    JOCK FISTICK Europapolitiker Oettinger:„Wir müssen die Gartenzaunmentalität abbauen“ SPIEGEL: Wie sicher sind die europäischen SPI EGEL-GESPRÄCH Atomkraftwerke? Oettinger: Noch vor der Sommerpause „Stresstest für alle“ werden wir unseren umfassenden Ab- schlussbericht vorlegen und so für Trans- parenz sorgen. Zuerst haben wir die Be- treiber der Kernkraftwerke in die Pflicht EU-Energiekommissar Günther Oettinger, 58, über seine genommen. Dann haben die nationalen Kritik an der deutschen Energiewende Behörden Prüfungen vorgenommen. Jetzt prüfen zum ersten Mal unsere euro- und die Sicherheit europäischer Atomkraftwerke päischen Teams. Dass Kollegen aus dem Ausland deutsche oder französische Kern- SPIEGEL: Herr Kommissar, hat sich SPIEGEL: Das Problem dürfte sich noch ver- kraftwerke inspizieren, gab es noch nie. Deutschland mit seiner abrupten Energie- schärfen, wenn bis Ende 2022 die restli- SPIEGEL: Luxemburg, Rheinland-Pfalz und wende in Europa isoliert? chen Meiler abgeschaltet werden. das Saarland haben vergangene Woche Oettinger: Über den Energiemix darf zwar Oettinger: Bislang wurden acht Kernkraft- die sofortige Abschaltung des französi- jedes Mitgliedsland allein entscheiden, werke älterer Bauart mit einer geringeren schen Kernkraftwerks Cattenom gefor- aber viele Partner sind besorgt, wenn ein Leistung abgeschaltet. Die eigentliche dert, weil das Kraftwerk ein enormes großes Land wie Deutschland so eine Herausforderung ist die Stilllegung der Risikopotential berge. Kehrtwende ohne Konsultationen hin- neun größeren Kraftwerke, die noch lau- Oettinger: Ich werde mich zu einzelnen legt. Und zur Wahrheit gehört, dass fen. Ich erwarte, dass sich die Bundesre- Kernkraftwerken nicht vor unserem Ab- Deutschland die Energiewende ohne gierung dabei eng mit der Europäischen schlussbericht äußern. Sollten die Stress- seine Nachbarn gar nicht vollziehen Union und den Nachbarstaaten abstimmt. tests ergeben, dass ein Meiler nicht sicher kann. Es darf keine Alleingänge geben. ist, muss er nachgerüstet … SPIEGEL: Warum? SPIEGEL: Ein Jahr nach Fukushima haben SPIEGEL: … oder ganz stillgelegt werden? Oettinger: Die Energiewende ist nur mög- die Europäer ganz unterschiedliche Leh- Oettinger: Alles ist möglich. lich, weil Deutschland mit den Nachbar- ren aus der Atomkatastrophe gezogen. SPIEGEL: Auch bei anderen Energiethemen staaten vernetzt ist. Sie nehmen uns über- Deutschland steigt aus der Atomenergie geht die Bundesregierung auf Konfronta- schüssigen Strom ab, wenn wir zu viel aus, unsere Nachbarn Polen und Frank- tionskurs mit der EU. Wirtschaftsminister produzieren, oder beliefern uns mit reich planen neue Atomkraftwerke. Wer Philipp Rösler hat in den Verhandlungen Strom, wenn es eng wird. So fließt der gibt die richtigen Antworten? mit Umweltminister Norbert Röttgen Windstrom aus Norddeutschland nicht Oettinger: Wir haben gemeinsam entschie- durchgesetzt, dass Deutschland Ihre neue direkt nach Süddeutschland, sondern den, dass wir alle 143 Atomkraftwerke in Richtlinie zur Energieeffizienz kippen sucht sich seinen Weg durch Polen und der EU einem Stresstest unterziehen und soll. War das ein unfreundlicher Akt? Tschechien, die aber nicht gefragt wor- in einem zweiten Schritt überlegen, ob Oettinger: Wir sind mitten in den Beratun- den sind. wir EU-weite Sicherheitsstandards für gen für ein europäisches Gesetz, um eine den Bau neuer Kernkraftwerke per EU- effizientere Energienutzung europaweit Das Gespräch führten die Redakteure Christoph Pauly Gesetz vorschreiben. Das ist die richtige durchzusetzen. 2020 sollen Einsparungen und Christoph Schult. Antwort. von 20 Prozent erreicht werden. Ich bin 24 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 25.
    Deutschland mit der Positionder deutschen Regierung nicht zufrieden, aber nach der Einigung zwischen den beiden Ministern ist Deutschland zumindest verhandlungsfä- hig. Nun können die Beratungen im EU- Rat und mit dem EU-Parlament beginnen. SPIEGEL: Sie wollten die Energiekonzerne zwingen, ihren Energieabsatz um jährlich 1,5 Prozent zu senken. Das hält Rösler für zu dirigistisch. Oettinger: Wir haben zahlreiche Mitglied- staaten, die das seit Jahren praktizieren. Es funktioniert also im Markt und wird von Verbrauchern und Energiewirtschaft akzeptiert. Wir halten an unserem Ver- handlungsziel fest. Deutschland ist zwar ein großes Mitgliedsland, aber nicht das Maß aller Dinge. SPIEGEL: Was machen die Deutschen falsch? Oettinger: Sie setzen weiterhin stark auf Freiwilligkeit. Das hat aber seit 2007 nicht sonderlich viel gebracht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, schaffen wir ge- rade einmal die Hälfte unseres Ziels – nämlich 10 statt 20 Prozent höhere Ener- gieeffizienz. Allein mit freiwilligen Zusa- gen der Industrie und der Länder wird es daher nicht gehen. Ich setze darauf, dass es im EU-Rat eine Mehrheit für ehrgeizi- ge und verbindliche Maßnahmen gibt. Die dänische Ratspräsidentschaft hat die Energiepolitik zu einem Schwerpunktthe- ma gemacht. Ich bin zuversichtlich, dass es zu einer Regelung kommt. SPIEGEL: Rösler nennt das Brüsseler Vor- haben Planwirtschaft. Oettinger: Die Mitgliedstaaten der EU ha- ben sich in der Tat auf drei Ziele geeinigt. Die CO2-Emissionen sollen um 20 Pro- zent sinken. Aus erneuerbaren Energien sollen 20 Prozent kommen, und wir wol- len 20 Prozent mehr Energieeffizienz. Wenn Sie ehrgeizige Ziele für die Ener- giepolitik und die Umwelt erreichen wol- len, hilft die reine Lehre der Marktwirt- schaft nicht. Natürlich würde eine deutli- che Verteuerung der Energie helfen. Aber das ist sozial ungerecht und würde die Deindustrialisierung beschleunigen. SPIEGEL: Auch der Bundeswirtschaftsmi- nister will der Industrie helfen. Oettinger: Wir haben in Europa verbindli- che Vorgaben für den Ausstoß von CO2. Die deutschen Autobauer müssen hart kämpfen, aber sie werden sie erreichen. Damit haben wir der Umwelt geholfen und geben gleichzeitig unseren Ingenieu- ren einen Ansporn für Höchstleistungen. Wenn das Ganze über Jahre hinaus mit Planungssicherheit verbunden wird, pro- fitiert auch die Wirtschaft. In öffentlichen und privaten Gebäuden gibt es ein riesi- ges Potential für Energieeinsparungen. Wenn in Schulen, Kindergärten oder Ka- sernen pro Jahr drei Prozent der beste- henden Gebäudeflächen energieeffizient saniert würden, hätten wir in 30 Jahren alle Gebäude saniert. Das gilt einigen D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 25
  • 26.
    schon als zuehrgeizig, aber ich halte das SPIEGEL: Wer soll das bezahlen? Oettinger: Weil wir bislang weitgehend re- für zumutbar. Oettinger: Zum einen können wir den gionale Netze haben. Maximal 150 Kilo- SPIEGEL: Mit wie viel Geld wollen Sie die Griechen anbieten, dass sie EU-Program- meter, am einen Ende das Kraftwerk, am Energiesparmaßnahmen unterstützen? me zur Co-Finanzierung dafür abrufen. anderen der Verbraucher. Schon in Oettinger: Wir schlagen vor, dass in Zu- Zum zweiten können wir mittelfristig un- Deutschland existieren vier Übertra- kunft die europäischen Struktur- und Re- sere Fördermöglichkeiten einsetzen, um gungsnetze, aber keine gesamtdeutsche gionalförderprogramme schwerpunktmä- Griechenland schneller mit den Mitglied- Netzstrategie. Nehmen Sie Tennet, den ßig diesem Zweck dienen sollen. So wer- staaten zu vernetzen. Zum dritten kön- Betreiber der alten Netze von Viag, Preus- den in den kommenden Jahren viele Mil- nen wir prüfen, ob sich Länder bei der sen-Elektra und Veba. Tennet ist ein nie- liarden Euro abrufbar. Vorgabe, wie viel Prozent erneuerbare derländisches Staatsunternehmen. Um in SPIEGEL: Nervt es Sie, dass Sie immer mit Energien sie aufbauen müssen, auch In- Deutschland zu investieren, benötigt Ten- zwei Ministern in Deutschland verhan- vestitionen in anderen Mitgliedstaaten net eine Kapitalerhöhung. Es wird nicht deln müssen? anrechnen lassen können. Und die Bun- ganz einfach sein, im holländischen Par- Oettinger: Aus eigener Erfahrung weiß ich, desregierung sollte das Erneuerbare- lament eine Kapitalerhöhung zu bewilli- dass Neuzuschnitte von Ressorts in der Energien-Gesetz öffnen. gen, damit in Deutschland das Netz aus- Amtsperiode einer Regierung schlecht zu SPIEGEL: Deutsche Stromkunden sollen So- gebaut wird. Da bin ich mal auf die Wort- machen sind. Aber ich empfehle Bund laranlagen in Griechenland finanzieren? meldung von Herrn Wilders gespannt … und Ländern, nach den nächs- SPIEGEL: … des populistischen ten Wahlen die Energiezu- EU-Skeptikers, auf dessen ständigkeit in einem eigenen Unterstützung die Minder- Ministerium zu bündeln. heitsregierung in Den Haag SPIEGEL: Die Solarenergie angewiesen ist. wird von deutschen Strom- Oettinger: Es gibt auch nicht kunden mit Milliarden sub- genug Investitionssicherheit. ventioniert. Nun sollen die Eigentlich wäre der Energie- Subventionen um bis zu 30 sektor eine ideale Geldan- Prozent fallen. Wird das den lage für Lebensversicherer, KIMIMASA MAYAMA / AP / DDP IMAGES Anstieg der Strompreise ein- doch dazu brauchen wir eine dämmen? gesamteuropäische Planung. Oettinger: Zumindest ist da- Ein Beispiel: Es ist nicht klug, durch ein Sprengsatz im deut- in der Nordsee jeden Wind- schen Erneuerbare-Energien- park mit dem Land zu ver- Gesetz entschärft worden. binden, aus dem die jeweilige Das Ziel, die Umlage bei 3,5 Investition kommt. Wir Cent zu stabilisieren, ist da- brauchten einen Nordseering, durch etwas wahrscheinlicher der mit allen Anrainern ab- geworden. gestimmt ist und auch die ge- SPIEGEL: Ein Lob klingt anders. planten Off-Shore-Kraftwer- Oettinger: Wir haben im Ener- ke einbezieht. giesektor einen Weltmarkt- SPIEGEL: Der Ölpreis steigt im- preis für Öl, für Gas und für mer weiter an. Wie gut ist die Kohle. Der deutsche Strom- EU vorbereitet, wenn dem- preis ist dagegen zu 48 Pro- nächst Iran als Öllieferant zent von der Politik getrieben völlig ausfällt? und gehört zu den höchsten Oettinger: Die EU-Staaten WESTEND61 / VARIO IMAGES in Europa. Das kann zur so- sind unterschiedlich stark zialen Spaltung der Gesell- auf Ölimporte angewiesen. schaft führen und hat bereits Irland und Dänemark gar einen Prozess der Deindu- nicht, Griechenland zu rund strialisierung eingeleitet. Ich 40 Prozent. Die Fachleute rate der deutschen Politik da- sind zuversichtlich, dass an- her dringend, alles dafür zu Atomunfall in Japan, griechische Solaranlagen: „Partner sind besorgt“ dere Exportstaaten wie Sau- tun, damit der Strompreis di-Arabien willens und in nicht weiter steigt. Wir müssen die För- Oettinger: Wenn die Solarproduktion so der Lage sind, Iran als Öllieferanten zu derung europaweit koordinieren und die langfristig kosteneffizienter wird, dann ersetzen. Gartenzaunmentalität abbauen. ja. In anderen Ländern kommen andere SPIEGEL: Sie haben bereits angekündigt, SPIEGEL: Wie soll das funktionieren? Argumente hinzu: Luxemburg hat zum dass Sie gern in die Privatwirtschaft wech- Oettinger: Mittwoch vor einer Woche hat- Beispiel Vorgaben, die es als kleines Land seln würden, wenn 2014 Ihre Amtszeit ten wir in der Kommission den grie- nicht erreichen kann. Oder nehmen Sie ausläuft. Stellen Sie sich bereits darauf chischen Premierminister Papademos zu Malta. Dort wird bislang überhaupt kein ein, dass dann eine Große Koalition in Besuch. Er hat uns geschildert, welche Ökostrom produziert. In Valletta wollen Berlin regiert, die einen anderen deut- wichtige Rolle das Thema Energie für die die Malteser wegen ihres historischen schen Kommissar entsenden würde? wirtschaftliche Stabilisierung seines Lan- Stadtbilds keine schwarzen Photovoltaik- Oettinger: Mein Mandat geht bis 2014, und des spielt. Die Griechen sind derzeit stark platten auf ihren Dächern. darauf stelle ich mich ein. Ich bin dann von Öl abhängig. Wir sollten dort alte SPIEGEL: Der Stromaustausch zwischen noch zu jung, um in den Ruhestand zu Ölkraftwerke abschalten und die Solar- den Ländern im Süden und im Norden gehen. Dann ist auch eine Aufgabe au- energie aufbauen. Das würde Arbeitsplät- funktioniert nicht richtig. Warum küm- ßerhalb der Politik eine Option. ze schaffen und dem Staat eine verläss- mern sich die europäischen Behörden SPIEGEL: Herr Kommissar, wir danken Ih- liche Einnahmequelle erschließen. nicht um dieses Problem? nen für dieses Gespräch. 26 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 27.
    Deutschland REGIERUNG Aufstand der Frauen Das Nein der FDP zur Quote stiftet Unfrieden in der Koalition. Die Kanzlerin will mit dem Thema zur Not auch in den Wahlkampf ziehen – gegen die Liberalen. N iederlage? Nein, von einer Nieder- lage will sie nicht sprechen, Nie- derlagen kommen nicht vor im Le- ben der Ursula von der Leyen, schon gar nicht am diesjährigen 8. März, dem Welt- TIMUR EMEK / DAPD frauentag. In den Zeitungen steht, dass DAVIDS / DARMER sich die schwarz-gelbe Koalition endgültig von dem Ziel verabschiedet, eine gesetz- liche Quote für Frauen in Unternehmen zu fixieren, aber die Arbeitsministerin Kontrahentinnen Schröder, von der Leyen: „Das Thema ist nicht mehr wegzubekommen“ mag sich von solch trüben Schlagzeilen nicht die Laune verderben lassen. fraktion, Michael Grosse-Brömer, das The- setz über die Präimplantationsdiagnostik. Sie sitzt in ihrem Büro und unterzeich- ma Quote zu beerdigen. Die Fraktion ste- Im Moment deutet nichts darauf hin, dass net noch schnell eine Urkunde, mit der he doch mit großer Mehrheit dagegen, rief der FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sie eine Mitarbeiterin zur Beamtin auf Le- er in die Runde. Doch der Abgeordnete und sein Unionskollege Volker Kauder benszeit befördert. Von der Leyen vergisst Marco Wanderwitz warf ein, es gebe auch die Quote zur Gewissensfrage erklären. nicht zu erwähnen, dass die Frau Kinder jede Menge Männer, die eine Quote für Merkels Leute denken deshalb über ein habe, schon wieder so ein Beispiel, dass richtig hielten. Wanderwitz hat inzwi- anderes Szenario nach. Die Frauen in den beides geht, Familie und Karriere. Ist die schen die „Berliner Erklärung“ unterzeich- Fraktionen von CDU, CSU und FDP ver- Quote tot? Nein, sagt von der Leyen. Si- net, die eine Quote von 30 Prozent für bünden sich und erhöhen so den Druck cherlich, die Nachrichten des Tages seien Frauen in Aufsichtsräten von mitbestim- auf die Führung. Am Ende, so die Hoff- ein Dämpfer. Aber: „Das Thema ist nicht mungspflichtigen Dax-Unternehmen for- nung, kann sich FDP-Chef Rösler dem mehr wegzubekommen“ (siehe Seite 150). dert. Zu den Erstunterzeichnerinnen der Drängen der Frauen nicht mehr verwei- Tatsächlich will sich die Union nicht Erklärung gehört das Spitzenpersonal fast gern. Allerdings gleicht der Plan einem mit dem Veto der FDP gegen die Quote aller Bundestagsparteien: SPD-General- Luftschloss, denn in der FDP-Fraktion abfinden. Der Ärger über die Liberalen sekretärin Andrea Nahles, von der Leyen, kann man die Freunde einer Frauenquote ist groß, Parteichef Philipp Rösler wollte Linke-Parteichefin Gesine Lötzsch, Renate an einer Hand abzählen. Die FDP habe nicht einmal die sogenannte Flexi-Quote Künast, die Vorsitzende der Grünen-Bun- das Thema Quote immer noch nicht ver- von Familienministerin Kristina Schröder destagsfraktion. standen, klagt Doris Buchholz, die Bun- (CDU) akzeptieren, die bloß eine gesetz- Schon bald wollen die Initiatorinnen desvorsitzende der Liberalen Frauen. lich fixierte Selbstverpflichtung der Un- der Berliner Erklärung bei der Kanzlerin Merkel blickt deshalb auf die Bundes- ternehmen war und damit ein Vorschlag vorstellig werden. Intern denken von der tagswahl 2013. Die Kanzlerin hat schon zur Güte. Auch Angela Merkel ist sauer: Leyen sowie etliche Frauen in der Unions- signalisiert, dass die Quote Teil des Pro- Wenn die Kanzlerin die Quote in dieser fraktion darüber nach, den Schwung der gramms sein soll, mit dem die CDU das Legislaturperiode nicht mehr durchsetzen Erklärung zu nutzen, um im Parlament Wahljahr bestreiten will. „Spätestens im kann, will sie mit dem Thema Wahlkampf eine Mehrheit für die Quote zu organi- Wahlprogramm muss die Quote veran- machen – zur Not auch gegen die FDP. sieren. „Als Ultima Ratio halte ich einen kert werden“, sagt Maria Böhmer, Vorsit- Noch aber denken die Frauen in der Gruppenantrag für denkbar“, sagt Rita zende der Frauen Union. Unionsfraktion darüber nach, wie sie vor Pawelski (CDU), die Vorsitzende der Zwar bremste Merkel von der Leyen, 2013 eine Lösung finden. Die radikale Va- Gruppe der Unionsfrauen im Bundestag. als diese im Januar 2011 starre Vorschriften riante wäre ein fraktionsübergreifender Ähnlich argumentiert die stellvertretende für Frauen in Führungspositionen verlangt Gruppenantrag im Bundestag. Das klingt CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär: hatte. Aber das machte sie aus Rücksicht technisch, würde aber bedeuten, dass sich „Die Selbstverpflichtungen haben nichts auf die FDP und den Koalitionsfrieden. die Quotenbefürworter aus allen Parteien gebracht. Ich sehe keine Lösung mehr, Inzwischen, so heißt es im Kanzleramt, zusammenfänden und ein Gesetz auf den die ohne Gesetz auskommt.“ sei auch Merkel überzeugt, dass sich ohne Weg brächten. Dass auf diesem Weg eine Der Gruppenantrag hat allerdings ei- Druck nichts bewege. Von der Leyen hört Mehrheit zustande käme, ist wahrschein- nen Haken: Er könnte leicht zum Bruch es gern. Beim Kampf um die Quote sei lich, denn SPD, Grüne und Linkspartei der schwarz-gelben Koalition führen. sie zwar „unverzichtbar“, sagt sie ganz sind längst für eine Quote, und auch in Denn in der Regel dürfen die Abgeord- ohne falsche Bescheidenheit in ihrem den Reihen der Union wächst die Zahl der neten nur dann frei abstimmen, wenn es Büro. Aber ohne Verbündete gehe es Unterstützer, selbst bei den Männern. die Führung erlaubt, und das kommt äu- dann eben doch nicht. In der Arbeitsgruppe Recht versuchte ßerst selten vor. Die Novelle des Paragra- ULRIKE DEMMER, PETER MÜLLER, vergangene Woche der Justitiar der Unions- fen 218 war so ein Beispiel oder das Ge- MERLIND THEILE D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 27
  • 28.
    Deutschland MAJA HITIJ / DAPD FRANK OSSENBRINK THOMAS GRABKA Berliner Christsoziale Friedrich, Aigner, Ramsauer, Hasselfeldt: Rote Linien entpuppen sich als Wanderdünen ne Stimme gibt, wählt daher auch ein klei- CSU nes Stück Macht in Berlin, entscheidet sich für ein wenig mehr Bayern in der Die mickrigen Vier Hauptstadt. Bundesweit kommt die CSU zwar nur auf 6,5 Prozent der Stimmen, doch wer in Berlin 100 Prozent Aufmerksamkeit Im Kampf um die Macht in Bayern braucht Horst Seehofer erzielt, wird dafür in Bayern meist auch eine starke CSU in Berlin. Doch in der Hauptstadt mit Stimmen belohnt. Doch dafür müsste man in der Haupt- verliert die Partei an Einfluss. Das liegt vor allem am Personal. stadt auffallen. Gerda Hasselfeldt aller- dings denkt anders. Die CSU-Landesgrup- W enn Horst Seehofer in der Öf- kürzlich in kleiner Runde. Zwei, drei penchefin glaubt daran, dass sie die Poli- fentlichkeit über die Berliner Leuchtfeuer müsse die CSU in Berlin tik Angela Merkels auch ohne schrille CSU-Vertreter redet, dann lobt schon zünden. Überschriften beeinflussen kann. Seit er sie meist. Manchmal noch mehr als Doch das ist nicht so einfach. Seehofer einem Jahr ist Hasselfeldt nun schon im sich selbst. Als Speerspitze der Partei in muss mit dem Personal arbeiten, das in Amt, und kein einziges Mal ist es ihr in der Hauptstadt gilt dem CSU-Chef seine Berlin sitzt. Üblicherweise ist die Haupt- dieser Zeit gelungen, eine politische Ministerriege dann. Als eingeschworene stadt der Ort, an dem bayerische Landes- Nachricht von Gewicht zu produzieren. Truppe eben, die Bayerns Fahne in Berlin politiker Kontur gewinnen. Doch den Findet nicht nur Seehofer. hochhält. mickrigen vier gelingt das nicht. Der Ein- Vor zwei Wochen hätte sie immerhin Im kleinen Kreis dagegen ist von Lob fluss der CSU schrumpft in Berlin. Das die Chance zu einer Schlagzeile gehabt. keine Rede mehr. Die Minister Ilse Aigner, ist keine gute Nachricht für eine Partei, CSU-Innenminister Friedrich hatte dafür Hans-Peter Friedrich und Peter Ramsauer die im kommenden Jahr in Bayern ihre plädiert, die Griechen sollten aus dem schrumpfen da zu politischen Zwergen zu- Macht verteidigen muss. Und möglichst Euro austreten (SPIEGEL 9/2012). Die sammen, die in den Augen des Chefs vor die absolute Mehrheit zurückgewinnen kargen Sätze sorgten für Entsetzen in der allem eines sind: zu blass. Bleibt noch Ger- will. Koalition, in der CSU allerdings wirkten da Hasselfeldt, die CSU-Landesgruppen- Im Gegensatz zu allen anderen Partei- sie wie ein Akt der Befreiung. chefin. Da fällt selbst Seehofer lange en in Bayern regiert die CSU als eigen- Beim weiß-blauen Stammtisch, dem nichts ein. „Welcher Wähler verbindet mit ständige Kraft auch in Berlin mit. Wer wöchentlichen Treff der Hauptstadtjour- diesen Namen ein Thema?“, seufzte er der CSU in Garmisch oder Wunsiedel sei- nalisten mit der Landesgruppenchefin, 28 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 29.
    Dabei brauchte dieCSU in Berlin in einer der Berliner auf Platz eins der Liste diesen Tagen nichts dringender als einen für den Bundestag. So war es 2009, als Tätigkeitsnachweis. Beim wichtigsten Seehofer gerade zum Ministerpräsidenten Thema, der Euro-Rettung, verschwindet gewählt worden war und Ramsauer Spit- die Partei im Schatten einer übermächti- zenkandidat bei der Bundestagswahl wur- gen Kanzlerin. Bei den Verhandlungen de. Doch jetzt steht für die CSU so viel in Brüssel sitzt die CSU nicht mit am auf dem Spiel, dass sie sich auf die Aus- Tisch. Rote Linien, die die Christsozialen strahlung der Berliner allein lieber nicht bei der Euro-Rettung festsetzen, entpupp- verlassen will. ten sich als Wanderdünen, wie der Euro- Im Franz-Josef-Strauß-Haus, der Kritiker Peter Gauweiler ätzt. Münchner Parteizentrale, reift deshalb Auch jenseits von Krise und Euro ist die Idee, die Wahlkämpfe für die Land- eine Handschrift der Christsozialen bei tags- und Bundestagswahl zu verbinden. der Regierungspolitik nur schwer zu er- Wahrscheinlich liegen die Termine ohne- kennen. Steuersenkungen, die Beseiti- hin eng zusammen. Die Werbung für die gung der kalten Progression, für die die Christsozialen könnte so in beiden Fällen Christsozialen ähnlich vehement wie die ganz auf Seehofer zugeschnitten werden. FDP gefochten haben, stecken im Bun- Für Gerda Hasselfeldt ist die Kandida- desrat fest. Und das Betreuungsgeld für tur eine typische Journalistenfrage. Jetzt, Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anderthalb Jahre vor der Wahl. In ihrem ist selbst in den eigenen Reihen um- Büro hängt eine handgeschnitzte Madon- kämpft. na über dem Schreibtisch. Die gehörte Ein Jahr nach dem Plagiatsrücktritt von schon immer der Landesgruppe. Sonst Karl-Theodor zu Guttenberg fehlt der Mi- aber hat Hasselfeldt mit der Tradition nisterriege der Christsozialen der Glanz, ihrer Vorgänger gründlich gebrochen. „Je- um die inhaltliche Leere zu überdecken. dem war bei meiner Wahl klar, dass ich Die CSU-Ressortchefs leisten bestenfalls keine Krawallmacherin bin“, sagt sie. Die MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL solide Facharbeit, von Friedrichs Euro- Polit-Folklore am weiß-blauen Stamm- Attacke abgesehen, bleiben sie blass. tisch, Veranstaltungen, in denen vor Ilse Aigner, die Verbraucherschutzmi- allem Wind gemacht wird, all das ist ihr nisterin, fällt vor allem durch ihren wir- zuwider. Doch wo ist sonst die Hand- kungslosen Kampf gegen Facebook auf. schrift der CSU erkennbar? Seehofer hat zudem nicht vergessen, dass Hasselfeldt zögert, nennt das Betreu- sie die Personalspekulationen über die ungsgeld und dann die Solarförderung. Nachfolge des zurückgetretenen bayeri- Da hat die CSU erreicht, dass der Stichtag schen Finanzministers Georg Fahren- für die Kappung der Subventionen ver- schon befeuerte, indem sie sich ungefragt schoben wird. Ein kleiner Sieg, doch weil selbst ins Gespräch brachte. Hasselfeldt ihn nicht groß herausstreicht, wurde Hasselfeldt anschließend gefragt, Und Peter Ramsauer helfen nicht ein- bekommt ihn keiner mit. was sie von Friedrichs Äußerungen halte. mal die Millionen, die er aus dem Ver- Stattdessen hat sich die Christsoziale Frauen in gestärkten Schürzen trugen kehrsetat verteilen kann, um populär zu auf ein gewagtes Experiment eingelassen. dampfende Kessel mit Weißwürsten auf, werden. Auf dem letzten Parteitag wurde Nach dem Willen Seehofers sollte sie ein Hasselfeldt rührte etwas Honig in den er fast Opfer der Spontankandidatur des Stück weit zum Gegenpart der Kanzlerin Tee. Die Landesgruppenchefin war ver- Parteirebellen Gauweiler um den Posten werden. Doch Hasselfeldt suchte lieber schnupft, das Auge tränte nach einer Ope- des CSU-Vizes. Greift er Themen auf, die Merkels Nähe und lobt die „professionel- ration. die Menschen in Bayern wirklich inter- le Zusammenarbeit“. Ein guter Draht zur „Ich empfehle, ihn da selbst zu fragen“, essieren, dann hat ihn oft Seehofer dazu Kanzlerin ist in der Hauptstadt ein wert- sagte sie. gezwungen. So wie bei der Forderung, volles Gut, aber gilt das auch für Has- Hasselfeldt ist lange genug im politi- eine Pkw-Maut einzuführen. selfeldt? Teilnehmer berichten, die CSU- schen Geschäft, um zu wissen, dass es Bleibt der glücklose Innenminister, der Statthalterin habe beim letzten Koali- ihre Aufgabe gewesen wäre, den Kurs der sich um seinen Job ohnehin nicht gerissen tionsausschuss kein einziges Mal den Kanzlerin zu attackieren. So wie es See- hat. Dabei könnte man mit dem Thema Mund aufgemacht. hofer an ihrer Stelle sicherlich getan hätte. innere Sicherheit perfekt die konservati- Die legendäre Geschlossenheit der Im Gegensatz zu Ministern ist sie nicht ven Truppen an sich binden. Friedrich CSU ist so dahin. Berlin und München der Kabinettsdisziplin unterworfen. Sie aber musste von seinem Parteichef nach wursteln unabhängig voneinander vor kann die Meinung weiter Teile der CSU dem Guttenberg-Rücktritt fast genötigt sich hin, eine gemeinsame Strategie gibt äußern, auch wenn es Merkel nicht passt. werden, vom Landesgruppenvorsitz an es nicht. Ob die CSU die Unionslinie ver- Ein Journalist fragte nach. Ob Fried- die Spitze des Innenministeriums zu tritt oder brachial für bayerische Inter- richs Äußerung am Wochenende vor der wechseln. „Du musst es jetzt machen“, essen eintritt, bleibt so meist dem Zufall Abstimmung über das Griechenland- bestimmte Seehofer. Seitdem fremdelt überlassen. Paket denn geschickt gewesen sei: „Sie Friedrich mit dem Amt, obwohl der Sehr zum Missfallen Seehofers. Wie er haben doch auch eine eigene Meinung!“ rechtsextreme Terror und die Integra- die Lage einschätzt, bekamen seine Ber- „Ob ich das geschickt finde?“, antwor- tionsproblematik von Muslimen genü- liner kürzlich im Parteivorstand zu spü- tete Hasselfeldt, „auch das will ich nicht gend Betätigungsfelder bieten würden. ren. „Es geht um Bayern“, mahnte See- bewerten.“ Zu allem Überdruss ist eine zentrale hofer da immer wieder. „Ihr Berliner seid Die Journalisten der Nachrichtenagen- Frage bislang nicht beantwortet: Wer wird dazu da, in Berlin bayerische Interessen turen hatten ihre Laptops aufgeklappt die CSU in die Bundestagswahl 2013 füh- zu vertreten, und nicht dazu, uns in Mün- und warteten hungrig auf Nachrichten. ren? Da der CSU-Chef als Ministerprä- chen Berlin zu erklären.“ Doch Hasselfeldt weigerte sich zu liefern. sident in Bayern antritt, muss eigentlich PETER MÜLLER D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 29
  • 30.
    Deutschland KARRI EREN Deutschland auf der Couch Der künftige Präsident Joachim Gauck blickt auf ein bewegtes Leben zurück und hat sich intensiv mit den eigenen Schwächen beschäftigt. Nun will er ein ganzes Volk an seinen Erfahrungen teilhaben lassen – und ihm die Ängste nehmen. Von Markus Feldenkirchen D er Morgen beginnt mit einem klassischen Freiheitsproblem. Joa- chim Gauck läuft ein weiteres Mal das Frühstücksbuffet des Hotel Andel’s in Lódź entlang, 15 Meter hin, 15 zurück, den Kopf über Lachs, Speck, Forelle ge- beugt, über Cabanossi, Muffins, Müsli, Ei- ersalat, das volle Programm moderner Frühstückskultur, den heillosen Überfluss. Gauck schüttelt den Kopf. So viele Optionen, so viele Entschei- dungen, Müsli oder Muffin, Forelle oder Wurst – ja, die Freiheit kann auch an- strengend sein, man muss wissen, was man will. Gauck weiß es. „Es fehlt die Marmelade“, murmelt er. „Und Eier. Ganz normale Eier. Ich früh- stücke am liebsten Eier und Marmelade.“ Es folgt ein weiterer prüfender Blick über das Buffet. „Keine Marmelade da. Oder haben Sie hier die Marmelade gesehen?“ Er schüttelt den Kopf. „Gibt’s doch nicht.“ Er wendet sich vom Buffet ab und geht auf eine Kellnerin zu. „Do you have eggs?“, fragt Gauck. Er kennt den richti- gen Umgang mit der Freiheit. Nach dem Frühstück dann rüber zur Universität von Lódź, wo er eine Rede hält, Thema „Freiheit – Verheißung und permanente Herausforderung“, im An- schluss ein Essen mit polnischen Freiheits- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL kämpfern und am Abend, zurück im Ho- tel, die Frage an der Bar, ob Angela Mer- kel eigentlich recht hatte? Damit, dass er nur dieses eine Thema habe, die Freiheit? Mit diesem Einwand hatte ihn die Kanzlerin an jenem Sonntag, noch bevor Gauck ungewaschen im Taxi saß, als Kan- Kandidat Gauck: „Mir begegnen Tränen, die ich vorher nicht kannte“ didaten verhindern wollen. Das reiche nicht für einen Bundespräsidenten, er- Auf-den-Tisch-Hauen, eher ein gauck- wird. Einen, der das Land fordern will, der klärte sie dem CDU-Präsidium am Tele- sches Hauen, sanft, reflektiert, dafür mehr über die Befindlichkeit der Deut- fon. „Eins ist klar: Gauck wird’s nicht.“ umso entschiedener. „Das würde in dem schen zu wissen glaubt, über ihre Ängste „Ich kann gar nicht beurteilen, ob sie Moment aufhören, wenn sie alle von Frei- und Sehnsüchte, als die Deutschen selbst. das so gesagt hat“, sagt Gauck an der Bar heit reden und von Eigenverantwortung, Einen, der Deutschland in seinen Reden in Lódź und deutet in die Tiefen seines dann würde ich die vernachlässigten The- auf die Couch legen wird, der sich selbst Cappuccinos. „Das wäre Kaffeesatzlese- men nehmen. Aber die Sozialstaatsdebat- schon zweimal einer Therapie unterzogen rei.“ Er lächelt, natürlich weiß er, was ge- te und die Gerechtigkeitsdebatte sind in hat und dadurch noch selbstbewusster, redet wurde. „Was soll ich sagen? Mein Deutschland nicht unterversorgt.“ noch autonomer wurde, als er es vorher Hauptthema ist nun mal die Freiheit. Das An Joachim Gauck und seiner Trotzig- schon war. Einen, der von sich behauptet, ist so. Und wissen Sie was?“ Kurze Pause. keit wird in Zukunft nicht nur Angela Mer- dass er oft spüre, was in Menschen vorge- „Das wird auch so bleiben. Das verspre- kel ihre Freude haben. Die Bundesrepublik he, noch bevor sie es selbst spürten. che ich den lieben Deutschen mal.“ wird am Sonntag einen Präsidenten be- Gauck sitzt auf der Bühne der Comö- Gauck schlägt mit der rechten Faust kommen, der für die einen erfrischend an- die Fürth und kündigt an, was er selbst auf die Bartheke, es ist kein aggressives ders, für die anderen eine Zumutung sein gleich spüren werde. Er liest aus seiner 30 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 31.
    Biografie, es istdie letzte Lesung vor und sie nicht zu verdrängen, sich dem studierte Medizin, heute arbeitet er als Schloss Bellevue. Gleich müsse er ver- Leid, den Verletzungen, sich all dem Oberarzt in der Orthopädie. mutlich wieder weinen, lautet die Ankün- Schmutz zu stellen, den das System der Gaucks Sohn serviert Budweiser-Bier, digung. „Dieses Kapitel hat mich viele Unfreiheit über sie gebracht hatte. Chipsletten und zeigt auf die Fotos unter Tränen gekostet. Und es wird mir wieder Als Gauck im Herbst 2000 die Behörde dem Glas des Sofatisches. Auf einem Bild schwer werden, es zu lesen.“ verließ, deren Name sich längst mit sei- sieht man ihn als Baby auf dem Bauch Dann taucht er ein in jene Zeit, als er nem verschmolzen hatte, war er selbst seines Vaters, auf dem nächsten im Kreis Pfarrer in Rostock war, in den Dezember nicht mehr mit sich im Reinen. Gauck der Familie am Strand des Ostseebads 1987, da seine zwei Söhne endlich ausrei- wartete auf Angebote aus der Politik, ge- Wustrow, ein drittes zeigt Vater und Sohn sen durften und er versteinert am Bahn- trieben vom Wunsch nach Anerkennung, bei einem Treffen in Amerika, dem Land steig stand, sich nichts anmerken ließ und doch er wartete vergebens. „Ich hätte der Freiheit. Ihre Geschichte ist die des seine Frau auf ihre Brust deutete und frag- gern gesehen, wenn mich die Politik ein- verlorenen Vaters. te: „Andere Menschen haben hier ein geladen hätte, etwas Interessantes zu ma- Lange Zeit, sagt der Sohn, sei sein Va- Herz. Was hast du?“ chen“, sagt er heute über diese Zeit. ter weit weniger empathisch und herzlich Gauck atmet schwer ins Für- gewesen, eher ein „Verdränger ther Mikrofon, er kämpft, von vor dem Herrn“. seiner Geschichte gerührt, mit „Diese Warmherzigkeit, die jedem Satz; gleich kommen ihn heute auszeichnet, die hät- dann wohl die Tränen. „Am ten wir als Kinder damals ge- Heiligen Abend 1987 fehlten braucht“, sagt sein Sohn. Frü- zwei Kinder, zwei Schwieger- her aber sei es dem künftigen töchter, drei Enkelkinder. Sie- Bundespräsidenten schwerge- ben der uns liebsten Menschen fallen, seine Kinder zu loben, waren fort, nur vier blieben un- sich mit ihnen zu freuen. „El- ter dem Tannenbaum.“ terliche Liebesbezeugungen, Die Lautsprecher übertra- die gab es bei uns selten. Das gen ein Schlucken, die Tränen höchste der Gefühle war mal schießen in seine Augen, dann eine Hand auf der Schulter.“ trinkt er Mineralwasser gegen Wie gepanzert sei der Vater die Emotionen. Es ist nicht ihm vorgekommen. JOACHIM GAUCK ganz klar, ob es die Trauer von Entschuldigend fügt er hin- damals ist, die in ihm wütet, zu, dass seine Eltern von ihren oder die Freude, sie überwun- eigenen Eltern auch nur wenig den zu haben. Die Pause dau- Wahlkämpfer Gauck 1990: „Mein Hauptthema ist die Freiheit“ Herzlichkeit erfahren hätten. ert 16 Sekunden. Als Joachim Gauck elf war, „Ich dachte, ich sei früher wurde sein Vater eines Abends cool gewesen“, sagt er dann, von fremden Männern in ei- den wässrigen Blick ins Publi- nem blauen Opel abgeholt und kum gerichtet. „Ich hab mich später nach Sibirien verfrach- zumindest ziemlich cool gege- tet, verurteilt zu zweimal 25 ben. Aber in diesem Buch kom- Jahren Gulag. Wo der Vater me ich in eine Tiefe des Erin- war, ob er noch lebte, erfuhr nerns, die mich an den Rand die Familie nicht. Der Mutter meiner psychischen Möglich- rieten die Behörden, sich schei- keiten bringt. Jedenfalls begeg- den zu lassen, ihr Mann sei nen mir Tränen, die ich vorher schließlich ein Spion. nicht kannte.“ Einen Bundes- Vier Jahre später, nach Sta- präsidenten, der sein Inneres lins Tod, stand der Vater wie- so freizügig nach außen kehrt, der vor der Tür, ausgemergelt, JOACHIM GAUCK kannte die Republik bislang in jeder Hinsicht unterkühlt. noch nicht. Er sei glücklich, sagt Chris- Er habe gemerkt, wie wich- tian Gauck, dass sein Vater in tig es war, das Buch zu schrei- Sohn Gauck (2. v. r.), Schwester, Eltern 1943: Wenig Herzlichkeit den vergangenen Jahren seine ben, erklärt er dem Fürther Defizite aufgearbeitet habe. Publikum. „Als ich durch diese Tränen Damals sei er ganz in sich selbst ver- Als er diesen Prozess abgeschlossen hatte, durch war, ist etwas Wunderschönes pas- sunken und depressiv geworden, sagt sein schrieb Joachim Gauck Briefe an seine siert. Ich habe gemerkt, dass ich mich als ältester Sohn. Christian Gauck empfängt Kinder und suchte das Gespräch. Das 69-jähriger Mann noch mal verändern mit Espadrilles an den Füßen und ent- habe ihnen den eigenen Vater wieder na- konnte. Es hat mir dazu verholfen, ein schuldigt sich erst mal. „Ich musste eben hegebracht, sagt sein Sohn. Wenn man Stück näher zu mir zu kommen, zu mei- mit mir selbst auf ein Bier anstoßen.“ Es den früheren Joachim Gauck mit dem nen Gefühlen, auch zu meiner verdeck- sind wunderbare Tage, sein Vater wird heutigen vergleiche, dann müsse er sagen: ten, verborgenen Trauer über ein Leben Bundespräsident, und gerade eben hat er „Das ist ein völlig anderer Mensch!“ in Unfreiheit.“ den Zuschlag für ein altes Häuschen in Die Folge einer intensiven Beschäfti- Zehn Jahre lang hatte Gauck nach der Blankenese bekommen. Seit er im Winter gung mit sich selbst ist oft nicht nur be- Wende zunächst die Stasi-Unterlagenbe- 1987 mit dem Zug der DDR entkam und wussteres Handeln, sondern auch ein hörde geleitet, die größte Therapiebehör- den Vater zurückließ, lebt Christian übersteigertes Selbstbewusstsein. Der de des Landes. Er half vielen Ostdeut- Gauck in Hamburg. Hier konnte er jenen heutige Gauck ist mit sich und seinen schen, nicht ohne sanften Zwang, sich mit Traum verwirklichen, der ihm drüben aus Qualitäten ziemlich zufrieden und teilt ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen politischen Gründen verwehrt wurde, er das auch gern mit. Zu Beginn seiner Le- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 31
  • 32.
    Deutschland sung in Fürtherklärt er dem gen zu Stuttgart 21 oder zur Oc- Publikum, worauf es sich freu- cupy-Bewegung. So haben fast en dürfe: „Ich habe in den letz- alle Parteien, die ihn nun öffent- ten zwei Jahren viele Lesungen lich preisen müssen, in Wahr- gemacht, die alle nicht schief- heit Angst vor ihm. gegangen sind. Und diese heu- In den vergangenen Wochen te wird auch nicht schief- bekam Gauck bereits eine Ah- THOMAS TRUTSCHEL / PHOTOTHEK.NET gehen.“ nung von seiner neuen Welt, in Nach der Euphorie, die seine welcher der Hintergedanke weit erste Kandidatur für das Schloss wichtiger ist als der Gedanke. Er, begleitete, ist Gauck als glückli- der lange an sich gearbeitet hat, cher Bürger durch sein Land ge- um seinen Schutzpanzer abzule- reist. Er war versöhnt mit seiner gen, begibt sich nun in ein Reich Familie, und endlich schlug ihm voller Panzerträger und Panzer- auch jene Aufmerksamkeit und glas. Er wird seine hart erkämpf- Zuneigung entgegen, nach der Bewerber Gauck, Parteichefs*: „Nein, nein, bitte nicht!“ te Freiheit beschneiden müssen, er sich lange gesehnt hatte. Er die innere wie die äußere. las aus seinem Buch, nahm Preise entge- Geschichte des Landes in sich verdichtet. Im Präsidialamt werden künftig Fach- gen und ließ sich für allerlei Vorträge bu- Im Politikbetrieb aber gilt Kontrolle als leute darauf achten, welchen Anzug und chen. Es schien mitunter, als sage er über- oberstes Gebot. Gefährlich ist, wer sagt, welche Krawatte er zu welchem Anlass all zu, bei verschiedensten Firmen, bei was er wirklich denkt. Dass Gauck nicht trägt und ob die Bügelfalten auch scharf Banken und auch bei „alverde“, dem Kun- nur die Wortgewalt, sondern auch den genug sind. Zu seiner letzten Lesung er- denmagazin der „dm“-Drogerien, dessen Mut besitzt, Debatten anzustoßen, die schien Gauck noch mit einer Plastiktüte, Titel er noch im Januar zierte. über Hotelsuiten und Geldmarktkredite die die Aufschrift „Fußball-WM 2006“ „Die Lesungen und Vorträge haben mir hinausgehen, ist jedenfalls gewiss. trug. Spaß gemacht, weil ich ja diesen pädago- Gleich nach seiner Nominierung erhielt Gauck weiß um sein ganz persönliches gischen Eros habe. Ich möchte, dass die Gauck den dringenden Rat, sich bis zum Freiheitsproblem, es beschäftigt ihn Leute etwas kapieren“, sagt Gauck. Nach Tag seiner Wahl zurückzuhalten, keine schon. Er sitzt auf seinem Barhocker und solchen Sätzen versteht man besser, war- Pressekonferenzen zu geben, keine Inter- seufzt. „Wenn ich den Politikern bei mei- um Merkel diesen Mann, dessen Biografie views, bloß nicht anzuecken. Angela Mer- ner Vorstellungsrunde sage: Ich werde als so viele Schnittmengen mit ihrer eigenen kel fürchtete, Abweichler aus ihrer Partei Bundespräsident auch bald so sein wie aufweist, nicht haben wollte. Mit pädago- könnten ihr in der Bundesversammlung ein abgeschliffener Kiesel, weil mir ja die- gischem Eros hat sie es nicht so. wieder mal eins auswischen. Sigmar Ga- se Sarrazin-Geschichte an der Backe „Immer wenn ich in solchen Begegnun- briel fürchtete, der Kandidat könne Thilo klebt, dann reißen sie alle die Arme hoch gen war, wo die Leute plötzlich ihr Herz Sarrazin noch einmal „mutig“ nennen. und rufen: ,Nein, nein, bitte nicht!‘“ aufschließen, Dinge verstehen und Em- Die Grünen fürchteten freche Bemerkun- Gauck macht die Politiker nach und wirft pathie entwickeln, entstehen empört die Arme in die Luft. Momente von großer Intensi- „Wenn ich aber dieselben Sprü- tät“, sagt Gauck. „Oder pathe- che loslasse wie in der Vergan- tisch gesagt: etwas, das unsere genheit, dann bin ich bald in ei- Seelen nährt.“ ner äußerst misslichen Lage.“ Gaucks Sprache klingt bis- Deshalb werde er der Öffent- weilen wie eine Kreuzung aus lichkeit künftig anders begeg- Eugen Drewermann und Sig- nen müssen, abgewogener. „Ich mund Freud. Er scheut weder bin dann ja nicht mehr der Bür- den hohen Ton noch das Wort ger Gauck, sondern ich bin die „Liebe“, sein Vokabular be- BRD.“ dient sich bei politikfernen Be- Wird ihm der Wandel schwer- reichen, der Psychologie, der fallen? Theologie und auch bei Liebes- „Ich denke schon“, sagt er. gedichten. Im politischen Alltag „Ich muss richtig an mir arbei- aber, wo die Sätze zigfach ge- ten, mich beraten lassen. Wel- testet und abgeschmeckt wer- ches ist der Weg, authentisch den, war eine solche Sprache zu bleiben und doch nicht wie bislang unerhört. ein Provokateur zu wirken?“ Für den Präsidenten Gauck Kurz nach dem Gespräch an birgt seine Neigung, anders zu der Bar in Polen beginnt in der reden und frei zu denken, ge- Heimat die beliebteste The- wisse Risiken. Im Zeitalter des rapiestunde im deutschen Zynismus und des schnellen Fernsehen. Gast bei „Beck- Überdrusses wird es nicht lange mann“ ist heute Joachim dauern, bis sich einige genervt Gauck. Dass er nicht live im CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL von ihm abwenden. Studio sitzt, dass eine Wieder- Das größere Risiko ist seine holung früherer Auftritte läuft, innere Unabhängigkeit, gewon- fällt nicht auf. nen aus einer Biografie, die die Wahrscheinlich, weil Gauck am liebsten über die großen * Am 19. Februar bei seiner Vorstellung Themen redet, über Demokra- im Berliner Kanzleramt. Gauck-Sohn Christian: „Das ist ein völlig anderer Mensch“ tie, Freiheit, Eigenverantwor- 32 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 34.
    Deutschland tung. Für Bundespräsidentenist diese Zeit- Gaucks Freiheitsbegriff jedenfalls wenig tigen Mainstream in ihren Reden Gehör losigkeit keine schlechte Voraussetzung. anfangen können. Gauck wird ein Präsi- zu verschaffen. Gauck hingegen rät, der Nach Richard von Weizsäcker wird dent für alle sein müssen. Die Kunst wird „Macht eines modischen Zeitgeistes“ zu Gauck der erste Präsident sein, dessen darin bestehen, nicht einer wie alle zu widerstehen, und plädiert für weniger Thema tief aus der eigenen Biografie er- werden. Staat. Anders als die ziemlich deutsche wächst. Es war kein Zufall, dass Weiz- Die Gefahr, die die Idealisierung der Auffassung, wonach alles besser werde, säcker, der mit Widerstandskämpfern des westlichen Freiheit birgt, hat Gauck in wenn man erst die Gesellschaft verändert 20. Juli befreundet war und dessen Vater seiner Biografie aus der Sicht des DDR- habe, ähnelt Gaucks Ansatz dem Credo in Nürnberg als Mitwirkender bei der Bürgers selbst beschrieben. „Der Westen vieler Therapeuten: Die Gesellschaft, in Deportation französischer Juden nach war wie eine Frau, die man als Siebzehn- der du lebst, wirst du nicht ändern. Du Auschwitz verurteilt wurde, 40 Jahre spä- jähriger auf den Sockel hebt und anbetet. kannst nur dich selbst ändern. ter den richtigen hohen Ton traf und den Die Runzeln und Abgründe, die Mängel Im Hörsaal von Lódź zitiert Gauck nun Tag der Kapitulation als „Tag der Befrei- und Beschneidungen von Freiheit haben „Die Furcht vor der Freiheit“, das Werk ung von dem menschenverachtenden Sys- viele von uns nicht oder nur wie durch des Psychologen Erich Fromm, das er fast tem der nationalsozialistischen Gewalt- einen Schleier gesehen.“ immer zitiert. Angst könnten Deutsche herrschaft“ bezeichnete. Weizsäckers Wie sehr ihn noch heute das Glück gut, erklärt er den Polen. Man könne von Rede wurde später sogar als Langspiel- über die Freiheit beseelt, spürt man am einer „deutschen Nationalkultur“ spre- platte herausgebracht. Seine Nachfolger Vormittag im großen Hörsaal der Univer- chen. Während er redet, lächelt er süf- schafften allenfalls noch Single-Hits mit sität von Lódź. Wie meistens, wenn er fisant. „Der Deutsche fühlt sich beson- ders wohl, wenn er sich unwohl fühlt.“ So wie Gauck einst seine ei- gene Verzagtheit und Depressi- vität überwand, will er nun ein ganzes Volk zu diesem Prozess ermutigen. Er will den Deut- schen die Angst vor der Freiheit nehmen, vor der Unübersicht- lichkeit der offenen Gesellschaft, der Vielfalt der Optionen. Er möchte sie aus ihrer bür- gerlichen Lethargie holen, sie an- spornen zum Engagement, zur Teilnahme am mühsamen Spiel der Demokratie, das weniger an der Qualität der Politiker als an der Faulheit ihrer Teilnehmer, der Bürger, krankt. „Zugang zu aktuellen Glückselementen“, so CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL Gauck, erwachse nur aus Verant- wortung und Engagement, nicht aus Teilnahmslosigkeit. An der Bar in Lódź ist es spät geworden. Gauck muss zurück nach Deutschland, seine Beglei- Polen-Reisender Gauck*: „Im Vergleich zu Deutschland herrscht hier weniger Verdruss“ ter drängen. Eines aber will er noch sagen. Es falle ihm schwer, Titeln wie „Ruck“ (Herzog), „Monster“ über die Freiheit redet, haftet sein Blick seine jetzige Situation und seine Empfin- (Köhler) oder „Islam“ (Wulff). am hinteren Ende des Saals, wo Decke dungen zu beschreiben, ohne dabei kit- Wie bei allen Menschen aber, die an und Rückwand zusammenfließen, wie an schig zu werden. Und dann wird es natür- den großen Fragen der Menschheit inter- einem leuchtenden Horizont. lich doch etwas kitschig. „Es ist der Herbst essiert sind, neigt Gauck dazu, Alltags- In seiner Rede wird Polen zum Vorbild, meines Lebens, und im Herbst ist in der probleme geringzuschätzen. Fragen, wie weil es früher als andere Länder des Ostens Kirche Erntedank. Da ist dieses Gefühl hoch die Pendlerpauschale oder die den Schrei nach Freiheit erklingen ließ. des Staunens und der Dankbarkeit, ohne Hartz-IV-Regelsätze liegen sollten und Gauck preist ein Land, „das der Freiheit das ich jetzt viele Befürchtungen hätte. was man bei Vogelgrippe machen könnte, in seiner Geschichte den Vorrang vor Si- Das ist so ein großes Amt, da kann man erscheinen ihm, der sich 50 Jahre seines cherheit gegeben hat“ und „dessen Bürger so viele Fehler machen. Aber ich bin mitt- Lebens nach einer freien Gesellschaft weniger Staat entschieden mehr schätzen lerweile anders gegründet. Ich weiß: Das sehnte, banal. Wie Peanuts. als mehr Staat“. Dieses Polen könne gerade ist jetzt so, und ich habe es nicht forciert.“ Das ist die Kehrseite einer leidenschaft- den Deutschen Ängste nehmen und Mut Ist die Präsidentschaft die Krönung seines lichen Politik, die sich stark aus persönli- geben. „Im Vergleich zu Deutschland herr- Lebens? „Ja, das ist schon so“, sagt Gauck. chen Erfahrungen speist. Sie steht immer schen hier in meiner Wahrnehmung weit Er steht auf und will gehen, aber dann unter Verdacht, anderen das persönliche weniger Verdruss und Depressivität.“ fügt er noch etwas an: „Das heißt aber Lebensmodell aufzwingen zu wollen. Ein In Deutschland, wo der starke Staat nicht, dass man automatisch glücklich ist, Arbeitsloser, der sich täglich um einen wegen der Finanz- und Währungskrisen wenn man gerade diese Krönung erfährt.“ Job bemüht, ohne ihn zu finden, wird mit gerade eine Renaissance erlebt, dürfte Gauck weiß, dass genau wie die Frei- Gaucks Präsidentschaft ein spannendes heit auch das Glück harte Arbeit bedeu- * Am 1. März beim Besuch einer Gedenkstätte für die Experiment werden. Bislang bemühten tet. Er setzt sich ins Auto, auf geht’s, nach Opfer des Nazi-Regimes in Lódź. sich die deutschen Präsidenten, dem geis- Berlin. 34 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 35.
    INTERNET Auf Crashkurs Aufruhr im Kfz-Gewerbe: Das Online-Portal Autoscout24 weitet sein Geschäft aus und macht Prei- se von Inspektionen transparent – mit erstaunlichen Ergebnissen. ARMIN BROSCH / DER SPIEGEL M it ihrem neuen Angebot würden sie sich in der Branche nicht nur Freunde machen. So viel war den beiden Geschäftsführern des Online- Portals Autoscout24, André Stark und Al- berto Sanz de Lama, von vornherein klar. Dass der Widerstand jedoch so vehement Autoscout24-Geschäftsführer Stark, Sanz de Lama: „Keine Ahnung, was hinten rauskommt“ ausfallen würde, hatten die beiden auch nicht erwartet. und die bislang üppigen Preise purzeln sogar noch drastischer aus. Ein Grund für Seit Wochen bereits hagelt es Proteste lassen. die Unterschiede: Bei Autoscout24 haben und Beschwerden aus der Autobranche. Im sogenannten Werkstattportal von sich auch kleine, oft wenig bekannte Meis- Ganz offen warnt der Zentralverband Autoscout24 müssen Kunden nur noch terbetriebe angemeldet. Sie kalkulieren des Deutschen Kfz-Gewerbes (ZDK) sei- die Marke, den genauen Typ und den Ki- mit deutlich geringeren Margen, Aufschlä- ne Mitgliedsunternehmen vor einer zu lometerstand ihres Wagens eingeben. We- gen und Stundenlöhnen als etwa große schnellen Anmeldung bei dem Internet- nige Sekunden später hat das Programm Markenhäuser. portal mit Sitz in München. ZDK-Vize- berechnet, welche Inspektion fällig ist, Einer von ihnen ist Carsten Breucker, präsident Wilhelm Hülsendonk schimpfte, welche Teile, welches Öl und welche Ma- der mit seinem Acht-Mann-Betrieb im nun beginne ein ruinöser „Druck auf die terialien dazu benötigt werden. Osten von Düsseldorf seit Jahren gegen Preise“. Bei der Kalkulation müssten die Anschließend erhält der Kunde eine die Übermacht von Großketten wie ATU Betriebe gegenüber Autoscout24 kom- Übersicht mit Werkstätten im Umkreis, und glitzernden Autohäusern ankämpft. plett „die Hosen runterlassen“. Jeder sol- bei denen er per Mausklick einen Inspek- Knapp 59 Euro plus Steuer berechnet le sich „genau überlegen“, ob er bei dem tionstermin vereinbaren kann. Das wäre Breucker für die Werkstattstunde. Bei gewagten Spiel mitmachen wolle. nicht weiter spektakulär, gäbe es dazu Markenhändlern, nur wenige Kilometer Was die Branche der Schrauber, Aus- nicht auch noch eine verbindliche Preis- weiter, sind es bereits 119 Euro. beuler und Ölwechsler so in Rage liste – mit verblüffenden Differenzen. Kein Wunder, dass Breucker zu den versetzt, ist ein von der Öffentlichkeit So bietet die billigste Werkstatt im Um- Profiteuren des neuen Werkstattportals noch wenig beachteter Pilotversuch des kreis der Landeshauptstadt die Inspek- zählt. Die 49 Euro, die er monatlich an Internetportals in Nordrhein-Westfalen: tion für einen Passat Diesel mit fast Autoscout24 für die Teilnahme bezahlt, Bislang hatte sich Autoscout24 darauf 100 000 Kilometern für rund 258 Euro an. hält er für „gut investiertes Geld“. beschränkt, neue und gebrauchte Fahr- Bei einem der größten Düsseldorfer VW- Die etablierten Autohäuser lassen der- zeuge via Internet zu vermitteln. Nun Händler kostet die gleiche Leistung weit weil in Branchenumfragen verbreiten, will das Unternehmen, eine Tochterfir- mehr als das Doppelte – knapp 548 Euro. dass die Teilnahme an Werkstattportalen ma der Deutschen Telekom, auch in den Das ist kein Einzelbeispiel, wissen die Betrieben bislang keine nennenswerten Markt der Autoinspektionen und Repa- Autoexperten in München. Mangels Vorteile gebracht hätte. Doch schon in raturen einsteigen – ein Geschäft, dem Transparenz ist der Kunde oft der Dum- wenigen Wochen will Autoscout24 seinen seit Jahren schon der Ruch anhaftet, ge- me. Teilweise fallen die Preisunterschiede Dienst auf weitere Teile Deutschlands nauso undurchsichtig wie teuer ausweiten. Spielraum für nied- zu sein. rigere Preise gibt es genug. Konkrete Kostenvoranschläge Obwohl die Autowerkstätten gibt es in dieser Welt selten. Es nur 23 Prozent des Umsatzes in werde getrickst und geschum- der milliardenschweren Indu- melt, monieren Verbraucher- strie erwirtschaften, heißt es in schützer. „Kunden erleben die einer Studie, sacken sie rund Branche oft als eine riesige Black- 54 Prozent der gesamten Ge- box“, sagt Autoscout24-Mann winne ein. Haupt- und Abgas- Stark. „Man gibt sein Auto vorn untersuchungen, Autopflege ab und hat keine Ahnung, was und Verschrottung sind weitere hinten wieder rauskommt.“ lukrative Spielfelder – auch für Das soll sich mit dem neuen Internetspezialisten wie Auto- OLIVER TJADEN / DER SPIEGEL Autoscout24-Service in Zukunft scout24. ändern. Was die Manager in Dort, verrät Manager Stark, den vergangenen Monaten ent- arbeiten derzeit ganze Teams wickelt haben und in NRW ohne daran, den Kfz-Markt mit wei- großes Aufsehen testen, dürfte teren Angeboten rund ums The- den abgeschotteten Markt in ma Auto „zu beglücken“. kurzer Zeit radikal verändern – Werkstattbesitzer Breucker: „Gut investiertes Geld“ FRANK DOHMEN, BARBARA SCHMID D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 35
  • 36.
    Unter ihnen sindKaufleute, mittelständi- sche Unternehmer, eine Sozialarbeiterin WA H L K A M P F mit ihrem fast erwachsenen Sohn. Dem Piraten-Klischee – jung, männlich, mit „Wir sind die Mitmachpartei“ Nerd-Ausstrahlung – entsprechen nur Dennis und sein Parteifreund Benjamin Freiling, die Nummer 24 der Landesliste. Der Rest gehört zur Alterskohorte Bei den Wahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein 35 plus. Thorsten Lang etwa, 46, Kauf- könnten die Piraten in beide Parlamente mann, kommt seit drei Monaten zum Stammtisch. „Vor langer Zeit“, so sagt er, einziehen. Sie versprechen ihren Anhängern mehr Beteiligung. habe er sich einmal „von einer sozial- liberal orientierten FDP politisch vertre- D ennis ist 21 Jahre alt und hat ein wo die „Partei der Informationsgesell- ten gefühlt“. Mit den heutigen Liberalen, pausbäckiges Jungengesicht. Laut schaft“ (Eigenwerbung) vom Ende der Ja- „einer Splitterpartei, die es bald nicht Selbstauskunft im „Piratenwiki“, maika-Koalition und den Neuwahlen am mehr gibt“, verbinde ihn nichts mehr. der „Informations- und Koordinations- 25. März kalt erwischt wurden, gilt ihr Was ihn ins Hemingway zieht, sei die plattform“ der Piratenpartei, ist er zu 35 Einzug in den Landtag als wahrscheinlich. Hoffnung, dass die Piraten die Bürger Prozent kosmopolitisch, zu 72 Prozent Um die fünf Prozent pendeln die Umfrage- wirklich beteiligen wollen. „Die Voraus- laizistisch und zu 57 Prozent visionär. werte – und das für eine Truppe, die An- setzungen sind ja da.“ „Erstes piratisches Gedankengut“ will er fang März noch nicht einmal ein Landes- Liquid Feedback etwa, die Internet- bereits am Tag seiner Geburt verspürt programm hatte. abstimmungssoftware der Piratenpartei, haben. Was zieht die Wähler zu einer Partei, die der Stimme jedes Einzelnen mehr Ge- Der Web-Designer wartet am „Piraten- die mancherorts keine arbeitsfähigen hör verschaffen kann, als dies bislang in stammtisch“ im Norderstedter Restaurant Strukturen hat? Was fasziniert sie an Parteien der Fall war (SPIEGEL 9/2012). Hemingway. Dort will er ab 19.30 Uhr Politikneulingen, die nach ihrem Über- Oder Mumble, ein Sprachkonferenz- mit Parteifreunden und Gästen darüber raschungserfolg bei der Wahl zum Berli- programm, mit dem Piraten von zu Hau- reden, wie die Piraten in Schleswig-Hol- ner Abgeordnetenhaus im September se aus mit Gott und der Welt diskutieren stein die „Hinterzimmerpolitik“ der eta- eher durch interne Querelen als durch können – sofern sie über einen Computer, blierten Parteien durch Transparenz und konzentrierte Arbeit im Parlament auf- einen Internetanschluss, ein Mikrofon Bürgerbeteiligung ersetzen wollen. Auf gefallen sind? Wer sind die Menschen, und Lautsprecher verfügen. die Frage eines Journalisten, was er denn die ihre Hoffnungen an eine Partei bin- Claudia Beyer hat es vor wenigen Ta- kurz nach der Entbindung Piratisches in den, die auf ihrem Bundesparteitag mit gen getestet. Die Endvierzigerin wollte sich gespürt habe, grinst er und sagt: „Das Zweidrittelmehrheit die Legalisierung al- hören, was zu ihrem „Steckenpferd be- war fröhlicher Unfug, aber ich sollte das ler Drogen und ein bedingungsloses dingungsloses Grundeinkommen“ debat- mal ändern. So wie es momentan aus- Grundeinkommen für alle beschlossen tiert wird. „Sagen wollte ich eigentlich sieht, wird es ja langsam ernst.“ hat? nix, doch dann hat mich einer angespro- Zwischen fünf und sieben Prozent Den meisten der zehn Mitglieder, Sym- chen und da hab ich mich vor Schreck prognostizieren Meinungsforscher den Pi- pathisanten und Neugierigen, die sich wieder rausgeklickt. Ich hab nur noch raten für die Landtagswahl in Schleswig- Ende Februar am Stammtisch in Norder- gehört, wie der mir hinterhergerufen hat: Holstein am 6. Mai. Auch im Saarland, stedt einfinden, sind diese Themen egal. Nicht weglaufen.“ Klar zum Entern „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Landtagswahl wäre?“ 33 33 in Schleswig-Holstein Infratest-dimap-Umfrage vom 13. bis 16. Februar 16 5 3 3 3 CDU SPD Grüne Piraten Linke FDP SSW 35 36 im Saarland TIM RIEDIGER / DDP IMAGES / DAPD Infratest-dimap-Umfrage vom 21. bis 22. Februar jeweils 1000 Befragte; 15 Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: Sonstige 5 2 Schleswig-Holstein-Wahlkämpfer Schmidt: „Koalitionsverhandlungen per Livestream“ CDU SPD Linke Piraten Grüne FDP 36 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 37.
    Deutschland Die Frau mit der Lockenfrisur und den Wer sich für die Piraten entscheidet, welche der beiden Volksparteien den Mi- strichdünn gezupften Augenbrauen ist wählt zunächst eine andere Form von Po- nisterpräsidenten stellen darf. kein Computer-Nerd. Den Umgang mit litik. Um die Inhalte kann man sich später Die Grünen dümpeln derzeit bei vier den Tools, den Werkzeugen, die sie kümmern. Überdies hätten die Piraten ja Prozent, die FDP bei zwei, ein rot-rotes braucht, um bei den Piraten mitreden zu auch inhaltlich durchaus etwas vorzuwei- Bündnis hat Maas bereits kategorisch aus- können, hat sie in einer der Schulungen sen, meint Frank Sobolewski, ein selb- geschlossen. Die Wahl am 25. März er- gelernt, die die Partei in loser Folge rund ständiger Elektronikunternehmer aus scheint vielen deshalb als Farce. um ihre Stammtische organisiert. Norderstedt: „Die SPD-Leute in Stegners Vor diesem Hintergrund ist es kein „Da kannst du alles fragen, da schaut Alter haben Dutzende Male gegen Atom- Wunder, dass es die im Saarland mit 347 dich niemand schief an, wenn du es nicht raketen demonstriert, die dann doch sta- Mitgliedern nur rudimentär existenten auf Anhieb kapierst“, sagt Beyer. Dieses tioniert wurden. Die Piraten haben mit Piraten mühelos schafften, in nur drei „Ernst-genommen-Werden, dieses wert- ihren Anti-Acta-Demos gleich das ganze Tagen die erforderlichen 900 Unterstüt- schätzende Verhalten“, schwärmt Beyer, Gesetz ausgebremst.“ zer-Unterschriften einzusammeln, um zur werde auch in den politischen Debatten Genau deshalb könnte auch der Alarm- Wahl antreten zu können. Dabei ist das gelebt. „Da hast du das Gefühl, die wol- start, den die Partei im Saarland hinlegen Saarland alles andere als ein ideales Pira- len wirklich, dass du dich beteiligst – egal, musste, erfolgreich sein. „Natürlich wäre ten-Revier. Das Land ist überaltert und wie viel Vorwissen du hast.“ es uns lieber gewesen, wir hätten noch ländlich geprägt. Urbane Internet-Nerds Das, so die Sozialarbeiterin, sei auch mehr Vorbereitungszeit gehabt“, sagt Jas- sind hier eine seltene Spezies. der Grund, warum die Piraten es als ein- min Maurer, 22, Auszubildende zur IT- Aber es gibt ein Thema, das den Pira- zige Partei schafften, Jugendliche für Po- Systemkauffrau, Landesvorsitzende und ten Auftrieb gibt. Der allgegenwärtige litik zu begeistern. „Wir sind halt die Mit- Spitzenkandidatin der saarländischen Pi- Filz. Der war unter Oskar Lafontaine rot machpartei“, sagt Dennis. Claudia Beyer raten. „Aber wir sind gut vernetzt, und und unter Peter Müller schwarz. Und an und der Rest der Stammtischgäste nicken. für mich ist es keine Frage, dass wir in der Jamaika-Koalition haftete von Beginn Es ist vor allem dieses Gefühl, dass Bür- den Landtag einziehen werden.“ an der Verdacht der Käuflichkeit – dank gerbeteiligung und Basisdemokratie bei „Sechs bis acht Prozent“ hält Maurer der großzügigen Wahlkampfspende eines den Piraten mehr sind als bloße Floskeln, für möglich und verspricht eine „Politik saarländischen Hoteliers und FDP-Politi- das die Stammtischler an diesem Abend der offenen Karten“. Sie will die „Men- kers an die Grünen. in Norderstedt über alle inhaltlichen Dif- schen wieder für die Demokratie begeis- „Transparenz ist ein Thema für alle im ferenzen hinweg eint. tern“. Damit treffen Maurer und ihre Saarland“, sagt Michael Hilberer, Land- Stammtische sind im Piraten-Wahl- überwiegend männlichen Kollegen im tagskandidat der Piraten. „Das Erste, was kampf ein wichtiges Element. In den lo- Saarland einen Nerv. Denn die Lust an ich mir im Landtag anschaffe, ist ein Do- ckeren Runden gibt es die Partei für Inter- der herkömmlichen Form der Demokra- kumentenscanner.“ Verträge der öffent- essenten unverbindlich zur Ansicht – und tie ist den Bürgern im kleinsten Flächen- lichen Hand sollen dann im Internet eben- für die Partei gibt es die Chance, ihre der- land der Republik gründlich vergangen. so frei zugänglich sein wie die Protokolle zeit noch schmale Basis zu verbreitern. Im Januar hatte CDU-Ministerpräsiden- von Ausschusssitzungen. Es gehe nicht Kritik wie die des schleswig-holsteini- tin Annegret Kramp-Karrenbauer Hals darum, Protestpartei zu sein, sondern der schen SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner über Kopf die sogenannte Jamaika-Ko- Basis mehr Einfluss zu ermöglichen. läuft deshalb ins Leere. Der hatte den Pi- alition mit den Grünen und der FDP auf- Auch die schleswig-holsteinischen Pira- raten vorgeworfen, sie hätten kein Pro- gekündigt, um mit Heiko Maas und der ten wollen sich – nach einem Einzug ins gramm, und zu landespolitischen Themen SPD eine Große Koalition zu bilden. Das Kieler Landeshaus – nicht mit Klamauk sei von ihnen ohnehin nichts zu hören. Volk soll jetzt eigentlich nur entscheiden, und symbolischen Aktionen aufhalten. Mit Kandidaten wie Patrick Breyer und der ehemaligen Grünen-Spitzenpolitike- rin Angelika Beer auf vorderen Listen- plätzen sind die Nord-Piraten weitaus bes- ser aufgestellt als ihre Kollegen in Saar- brücken oder Berlin. Breyer ist Jurist und hat über die sys- tematische Aufzeichnung von Telekom- munikationsdaten für staatliche Zwecke promoviert. Ende Februar gab das Bun- desverfassungsgericht seiner Verfassungs- beschwerde gegen die Speicherung und Herausgabe von Kundendaten teilweise statt. Zuvor war er bereits erfolgreich ge- gen das Gesetz zur Vorratsdatenspeiche- rung nach Karlsruhe gezogen. „Patrick Breyer hat alles, was ein Innen- minister braucht“, sagt Torge Schmidt, Spitzenkandidat der Küsten-Piraten. Ge- fragt, ob dies bedeute, dass seine Partei für eine Koalition zur Verfügung stünde, CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL lacht er und sagt: „Unter der Bedingung, dass die Koalitionsverhandlungen per Livestream im Internet übertragen wer- den. Dass die anderen Parteien da mit- machen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“ Saarland-Piraten Hilberer, Maurer: „Menschen wieder für die Demokratie begeistern“ SIMONE KAISER, GUNTHER LATSCH D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 37
  • 38.
    Deutschland AKTIVISTEN Der Maskenmann des FBI Einer der Wortführer der Anonymous-Bewegung arbeitete monatelang als Informant für US-Ermittler und half, wichtige Mitstreiter zu enttarnen. Ist die Protest- bewegung damit am Ende – oder wird sie nach den spektakulären Festnahmen radikaler? D ie Jacob-Riis-Siedlung im East Vil- men. Sie waren stolz auf die dezentrale, wieder; in den USA gibt es Stiftungen lage gehört zu den ärmeren Ge- führerlose Struktur ihrer Bewegung, auf wie die Electronic Frontier Foundation, genden Manhattans. Zwischen ihre Hacker-Angriffe, die immer für Auf- die ähnliche Ideale verfolgen, es gibt die Touristenbars und einem Highway leben sehen sorgten – aber nur selten aufgeklärt internationalen Piratenparteien, es gibt hier in 19 Backsteinbauten über 4000 wurden. die Enthüllungsplattform WikiLeaks. Sie Menschen in Sozialwohnungen, häufig Nun gibt es nicht nur ein neues Gesicht alle treten für ein freies und weithin un- Zuwanderer aus Lateinamerika ohne Job, für Anonymous, sondern mehrere. Es reguliertes Internet ein. Geld und Perspektive. zeigt sich, dass die eigentlich anarchisch- Keine zweite Gruppe aber agiert so ra- Einer von ihnen war Hector Xavier egalitär geprägte Truppe zumindest zeit- dikal und – mitunter – auch so kriminell, Monsegur. Der 28-jährige Arbeitslose weise von einigen führenden Köpfen ge- wie es manche Aktivisten unter der Dach- puerto-ricanischer Abstammung lebte in prägt und radikalisiert wurde. Sie hätten marke Anonymous tun. Hier finden sich Apartment 6F und kümmerte sich um die einer gefährlichen Gruppe der Bewegung Mitstreiter zusammen, die alle kreativen beiden Töchter seiner inhaftierten Tante. „den Kopf abgeschlagen“, feiern US-Er- und destruktiven Möglichkeiten des In- Was er sonst hinter jener Tür trieb, auf mittler sich nun selbst, ihr Zugriff sei „ver- ternets kennen und virtuos mit dem In- der ein abgewetzter Aufkleber der US- nichtend“. strumentenkasten der digitalen Welt um- Flagge prangt, wusste niemand so genau. Ihr Triumph mag vorschnell sein, doch gehen. Bis vorigen Dienstag, als die US-Bun- die Verunsicherung unter den Aktivisten Es ist ein Clan, der schon mal mit jako- despolizei FBI bekanntgab, dass sechs ist groß. Es geht um die Schlagkraft ihrer binischem Furor agiert und früheren so- mutmaßliche Hacker festgenommen wor- Attacken, die künftig womöglich leichter zialen Strömungen gleicht; zum Beispiel den seien. Seither wurde Monsegur in der zu entlarven sind; es geht um ihr Selbst- in der Frage, ob „gewaltsame Mittel“ zur Riis-Siedlung nicht mehr gesehen. Sein verständnis, um ihre Ausrichtung zwischen Durchsetzung dieser Anliegen legitim neuer Aufenthaltsort ist geheim, dafür ist bloßer Spaß-Guerilla und „Hacktivismus“ sind. Und wenn ja, wie weit diese Ge- seine doppelte Identität nun weltbekannt. aus politischen Motiven. Und es geht um waltanwendung gehen darf. Monsegur war der Mann hinter der den Korpsgeist der Anonymen. Wem kön- Wie viele andere Bewegungen zuvor Maske, unter dem Pseudonym „The Real nen sie noch trauen, wenn das FBI erfolg- knüpft Anonymous erfolgreich an eine Sabu“ entwickelte er sich zu einer der reich V-Leute in ihrer Mitte platziert? Revolutionssehnsucht an, verbindendes führenden Stimmen von Anonymous. Er Etwa ein Jahrzehnt nach ihren Anfän- Symbol ist die Grinsemaske aus der Co- galt als Phantom, war lange einer der gen geraten die Anons in eine Identitäts- mic-Verfilmung „V wie Vendetta“, das meistgesuchten Hacker der Welt. krise: Ist die Bewegung durch den FBI- Konterfei des fanatischen katholischen Re- Außerdem war er ein Verräter. Seit ver- Zugriff am Ende? Oder wird sie im Ge- voluzzers Guy Fawkes, der 1605 das eng- gangenem Juni arbeitete Monsegur mit genteil sogar gestärkt, weil immer neue lische Parlament in die Luft jagen wollte. dem FBI zusammen, dank seiner Hilfe Aktivisten nachrücken – getreu ihrem Die Maske tauchte schon beim ersten gelang den Fahndern der bislang spekta- Motto: „Wir sind viele. Wir vergeben größeren Anonymous-Projekt auf – dem kulärste Schlag gegen eine aggressive nicht. Wir vergessen nicht“? Kampf gegen Scientology. Andere Anons Splittergruppe des Kollektivs. Wenn in ihrer diffusen Gruppe so et- legten sich mit der mexikanischen Dro- Nun steht die Szene unter Schock, auf was wie ein einendes Moment existiert, genmafia an, sie kaperten aus Protest ge- Twitter wird Sabu wahlweise als „Judas“ ein zentrales Glaubensbekenntnis, dann gen Internet-Reglementierung und staat- oder „Ratte“ beschimpft. Seit Jahren ver- ist es ihre radikale, kämpferische Forde- liche Überwachung die Websites der CIA, stecken sich zahllose Aktivisten, auch rung nach Freiheit. des FBI und des US-Senats, in Europa „Anons“ genannt, erfolgreich hinter der Diese Freiheitsbewegung findet sich machten sie gegen das Urheberrechtsab- Anonymous-Maske und ihren Pseudony- auch in anderen Organisationsformen kommen Acta mobil. Die Namenlosen 2003 Start des Internet- und Bilder- 2010 Nach der Sperrung von forums 4chan, in deren Foren Spendenkonten für Hinter der Bezeichnung „Anonymous“ erste Anonymous-Aktivitäten WikiLeaks protestieren verbergen sich Netzaktivisten aus aller Welt, ihren Anfang nahmen. Anonymous-Anhänger die sich zu unterschiedlichen Aktionen zu- mit Überlastungs-Attacken sammenschließen – etwa dem Kampf gegen 2008 (Denial-of-Service) gegen Abkommen wie Acta, aber auch Hacker-Angriffen Die Bewegung „Project Mastercard, Visa und gegen Regierungen, Behörden und Unternehmen. Chanology“ ruft zu Protesten PayPal. gegen Scientology auf. 38 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 39.
    Jeder kann unterdem Label Anony- mous auftreten, das ist Teil der Faszina- tion. Es ist eine Bewegung der Selbster- mächtigung: eine amorphe Masse, die sich nur zu selbstgewählten Schlachten formiert. Nur wenige kennen einander persönlich, im Netz sind Anons unter Pseudonymen unterwegs. In dieser Szene war The Real Sabu alias Hector Xavier Monsegur eine Legende. Allein beim Kurznachrichtendienst Twit- ter, seinem bevorzugten Draht in die Au- ßenwelt, hatte er fast 45 000 Follower aus aller Welt. Monsegur ist, anders als viele Anony- mous-Mitläufer, ein echter Hacker. Schon vor zehn Jahren, so berichtete er seinen Fans in einer Art Online-Sprechstunde ISOPIX SPRL / ACTION PRESS vergangenen Sommer, manipulierte er Websites und hinterließ das Kürzel Sabu als Kennung. Zu Anonymous stieß er nach eigenen Angaben wie viele andere Aktivisten rund um die WikiLeaks-Enthüllungen. Das Anonymous-Erkennungszeichen Fawkes-Maske: „Wir vergeben nicht, wir vergessen nicht“ Schicksal von Julian Assange habe ihn dazu motiviert, den angeblichen Wiki- Leaks-Informanten Bradley Manning be- zeichnete Sabu als „Inspiration“. Laut FBI-Unterlagen bekennt sich Mon- segur tatsächlich schuldig, an der „Opera- tion Payback“ teilgenommen zu haben. Es war diese „Strafaktion“, die Anony- mous erstmals außerhalb der Netzgemein- de eine größere Öffentlichkeit bescherte. Auslöser waren Finanzdienstleister wie PayPal, Visa und Mastercard, die den Zah- lungsverkehr mit WikiLeaks einstellten, nachdem die Enthüllungsplattform zusam- men mit Medien wie dem SPIEGEL diplo- matische Depeschen des US-Außenminis- teriums veröffentlicht hatte. Die Blockade führte zu einem Sturm der Entrüstung auf Twitter und zu einer Attacke auf die Websites der Unterneh- men, die zeitweise nicht mehr erreichbar waren. Der Angriff war die Blaupause für eine beliebte Anonymous-Methode, auch weil sie vergleichsweise einfach ist. Es reicht, eine kleine Software aus dem Netz herunterzuladen, in einer Befehlzei- le eine Ziel-Website einzutippen und POLARIS / STUDIO X dann den Aufrufen via Twitter oder den einschlägigen Anonymous-Chats zu fol- gen: „Fire, fire, fire!“ Wie diese Aktionen zu bewerten sind, Hacker Monsegur alias „Sabu“: „Freunde werden dich am Ende fertigmachen“ ist umstritten. Man kann der Auffassung Februar 2011 Dezember 2011 März 2012 Anonymous hackt die Sicherheitsfirma HBGary Federal Im Zeichen der Splitter- Mit Hilfe der Kooperation des und stellt interne E-Mails und Dokumente ins Netz. gruppe AntiSec wird der LulzSec-Kopfes „Sabu“, der seit US-Informationsdienst Sommer2011 als FBI-Informant Mai 2011 Stratfor gehackt. Die Hacker arbeitet, werden mehrere mut- Die Anonymous-Splittergruppe „Lulz Security“ startet einen aggressiven erbeuten rund 860000 maßliche LulzSec-Hacker verhaftet. 50-tägigen Hacker-Feldzug, der sich gegen Unternehmen wie Fox und Nin- Kundendaten, damit auch Auch Jeremy H. alias Anarchaos tendo richtet. Dem Elektronikkonzern Sony werden mehr als 75 Millionen den Zugang zu etwa 60000 wird festgenommen. Ihm wirft das Kundendaten entwendet. Kurzfristig gelingt es LulzSec-Mitstreitern, Kreditkarten, sowie mehrere FBI vor, maßgeblich am Stratfor- die öffentlich zugängliche Website der CIA zu blockieren. Millionen E-Mails. Hack beteiligt gewesen zu sein. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 39
  • 40.
    via Twitter zuneuen Raubzügen auf. In- terpol habe Anonymous „den Krieg er- klärt“, schrieb Monsegur, „infiltriert sie“. Er beschimpfte die „Scheiß Feds“ als „Feiglinge“ – obwohl er längst die Seiten gewechselt hatte. Offenbar funktionierte der vermeintli- che Staatsfeind als Zuträger so zuverlässig wie als Hacker. Arglos informierten ihn seine Anonymous-Freunde über ihre neu- en Angriffsziele und Erfolge, manchmal lagerten sie auf sein Geheiß ihre Beute sogar auf einem Server, der nur scheinbar REX FEATURES / ACTION PRESS zur Bewegung gehörte – in Wirklichkeit aber vom FBI betrieben wurde. Hatte Monsegur neben der Identifizie- rung anderer Köpfe auch die Aufgabe, die gesamte Bewegung weiter zu radika- lisieren und damit zu diskreditieren? Sind LulzSec-Verdächtiger „Topiary“: Der Bewegung Gesichter zuordnen seine wichtigsten Mitstreiter jetzt ent- tarnt, oder droht bald eine weitere Ver- sein, dass sie sich kaum von den Straßen- sich auf die Suche nach dem Gesicht hin- haftungswelle? blockaden und Sit-ins früherer Tage un- ter dem Pseudonym. Wie ernst es den Fahndern ist, hat FBI- terscheiden, dass sie eine neue Protest- Wie bei mysteriösen Serienmördern er- Chef Robert Mueller jüngst klargemacht: form sind, um gegen durchaus kritikwür- stellte das FBI psychologische Profile „Die Bedrohung aus dem Cyberspace diges Verhalten etwa der Finanzkonzerne über die Führungscrew, zu der auch die wird die Bedrohung Nummer eins im zu protestieren – sicher grenzwertig, aber Anons „Topiary“ und „Kayla“ zählten. Land sein.“ Mit aller Härte sollen seine ein schweres Verbrechen? Die Ermittler beobachteten ihr Online- Beamten gegen Anonymous vorgehen, in Betroffene und Behörden sind davon Verhalten und analysierten ihren Sprach- enger Zusammenarbeit mit internationa- überzeugt. Staatliche Stellen haben den gebrauch. len Behörden. Erst in der vorvergangenen Kampf gegen die Auswüchse der neuen Sie stellten fest, dass The Real Sabu für Woche hatten Ermittler mit der „Opera- Bewegung aufgenommen. Im Sommer die anderen Aktivisten eine Autorität tion Demaskierung“ in Südamerika und 2011 nahm das FBI in den USA 14 mut- war, einer, der Ziele benannte, andere Spanien zugeschlagen. Solche Aktionen maßliche Anonymous-Aktivisten fest, anstiftete oder maßregelte. Sie vermute- zeigen, „dass Kriminalität in der virtuel- nachdem PayPal der Behörde verdächtige ten hinter dem Pseudonym, das auf einen len Welt für die Verantwortlichen reale IP-Adressen übergeben hatte. Auch in bekannten amerikanischen Wrestler an- Konsequenzen hat“, kommentierte ein den Niederlanden und Großbritannien spielt, einen Mann mit narzisstischen Nei- Beamter von Interpol. schlugen die Ermittler zu. gungen an der US-Ostküste und lagen da- Was das bedeutet, konnte vorige Wo- Es war der erste großangelegte Versuch, mit nicht falsch. che in Chicago Jeremy H. erleben, der Anonymous weniger anonym zu machen, Doch zum Verhängnis wurde dem Ha- dem FBI durch Monsegurs Hilfe in die der Bewegung Gesichter zuzuordnen – cker seine Unachtsamkeit. Einmal beweg- Falle ging. und die waren häufig sehr jung. In Groß- te sich Sabu in einschlägigen Foren, ohne Er war offenbar ein führendes Mitglied britannien standen die Polizisten im jenes Anonymisierungsverfahren zu ak- der Anonymous-Kadergruppe „AntiSec“, Zimmer eines 16-Jährigen; in den USA er- die vor allem auf Sicherheit spezialisierte wischte es eine 20-jährige Journalistik- Behörden und Firmen im Visier hat und studentin an der Universität von Nevada, Ihr zentrales Glaubens- über Weihnachten in die Server des die unter dem Kürzel „No“ aktiv war. Soll- bekenntnis ist die US-Informationsdienstes Stratfor einge- te sie in allen Anklagepunkten schuldig brochen war. Die Hacker hatten dabei un- gesprochen werden, drohen ihr 15 Jahre radikale, kämpferische ter anderem 860 000 Kundendaten ent- Haft und eine Geldstrafe von 500000 Euro. wendet, in 60 000 Fällen sogar samt Kre- Während die Behörden ihren Verfol- Forderung nach Freiheit. ditkartendaten, sowie mehrere Millionen gungsdruck spürbar verschärften und die E-Mails. Danach löschten sie die internen Justiz mit drakonischen Strafforderungen tivieren, das er ansonsten stets nutzte. Datenbanken und verkündeten ihre Tat auf Abschreckung setzte, gingen Sabu Das genügte den Ermittlern. Die IP- am 24. Dezember auf Stratfors Website. und einige Gefährten immer radikaler Adresse seines Rechners führte sie direkt Das FBI beziffert den entstandenen Scha- vor. Unter dem Namen „LulzSec“ mach- in die Wohnung 6F in der New Yorker Ja- den auf mehrere Millionen Dollar. ten sie sich als autonome Untergruppe von cob-Riis-Siedlung. Noch während und kurz nach dem An- Anonymous selbständig und starteten eine Monsegur bekannte sich in zwölf Punk- griff prahlte Jeremy H. in Chats mit der 50-tägige Hacking-Kampagne, wie sie das ten schuldig. Würde er in allen verurteilt, Aktion. Sabu war FBI-Unterlagen zufolge Internet bis dahin nicht gesehen hatte. In drohten ihm 124 Jahre und sechs Monate oft dabei oder erhielt die Chat-Protokolle schneller Folge brachen sie unter anderem Haft. Für seine Kooperation wurde ihm später von anderen Beteiligten. in die Server von Konzernen wie Fox, ein weitgehender Strafrabatt in Aussicht Dadurch verfolgten die Ermittler die Sony und Nintendo ein, dann veröffent- gestellt, gegen eine Kaution von 50 000 Tat sozusagen live, sie lasen mit, wie lichten sie die privaten Daten von Kunden. Dollar kam er frei. Fortan konnte Sabu Anons ihren Einbruch feierten („Wir ha- Der brachiale Kurs stieß auch innerhalb die eigene Bewegung unterwandern, das ben eine große und ernstzunehmende In- von Anonymous auf erhebliche Kritik. FBI lieferte ihm eine speziell präparierte tel-Firma zerstört“). Und sie sorgten da- Spätestens mit seiner Führungsrolle bei Ausrüstung und überwachte ihn. für, dass Sabu den Angreifern einen Ser- LulzSec hatte Sabu die Aufmerksamkeit Nach außen ließ er sich nichts anmer- ver anbot, auf dem sie ihre gestohlenen der Bundespolizisten erregt. Sie machten ken, noch in der vorigen Woche rief Sabu Daten zwischenlagern konnten. So über- 40 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 41.
    Deutschland spielten die ahnungslosenTäter einen Teil FBI-Zugriffs zu verarbeiten. Die Ermitt- Wo ein Kopf abgeschlagen werde, wüch- ihrer Beute direkt an das FBI. ler wirken mit ihrem Coup zufrieden. sen sofort zwei neue nach. Kurz nachdem AntiSec den Coup ver- „Anonymous besteht aus einem kleinen So ähnlich war es auch in der Vergan- meldet hatte, kommunizierte Sabu im Kreis versierter Hacker und einer großen genheit, repressive Maßnahmen der Be- Chat mit Jeremy H. und scherzte: „Ihr Schar von Mitläufern“, sagt ein mit dem hörden haben Aktivisten selten abge- Motherfuckers werdet noch dafür sorgen, Fall vertrauter Beamter. „Dieser kleine schreckt, eher weiter radikalisiert. dass ich durchsucht werde.“ Da saßen die Kreis der echten Hacker ist nun empfind- „Anonymous ist längst über LulzSec FBI-Beamten längst neben ihm. lich getroffen.“ und Sabu hinausgewachsen“, hieß es in Unter Hochdruck arbeiteten sie seither Doch die Behörde muss auch mit pein- einer vielfach weiterverbreiteten Twitter- daran, H. zu enttarnen, was nicht einfach lichen Fragen rechnen. Warum hat sie Botschaft. Der bekannte Anonymous-Ver- war, denn er nutzte mindestens sieben Sabu nicht früher aus dem Verkehr gezo- treter Barrett Brown, bei dem vorige Wo- verschiedene Kürzel und Pseudonyme. gen? Wie konnte sie es zulassen, dass ihr che ebenfalls durchsucht wurde, kündigte Auf Rechnern ihres Informanten Sabu Informant junge Anons zu Straftaten mo- bereits an, das FBI könne eine „größere fanden die Ermittler schließlich entschei- tivierte, die sie ohne ihn womöglich nicht Antwort“ erwarten. dende Hinweise. In älteren Chat-Pro- begangen hätten? Und was ist mit dem Tatsächlich entschieden einige Anony- tokollen konnten sie nachlesen, wie H. Stratfor-Hack, den Sabu mit einem FBI- mous-Mitstreiter noch am Dienstag, ihre Sabu von früheren Problemen mit der Server unterstützte – hätten die Beamten Schlagkraft unter Beweis zu stellen. Nur Polizei berichtet hatte: Er habe Ärger we- die Veröffentlichung der E-Mails womög- Stunden nach der FBI-Pressemitteilung gen Marihuana-Besitzes bekommen, lich verhindern können? hackten sie die Seite der Sicherheitsfirma schrieb H., auch sei er in Polizeigewahr- Bei Anonymous rätseln Mitstreiter seit Panda Security – nachdem der For- sam gewesen, weil er auf einer Parteiver- Tagen über ihre Zukunft, in der Szene schungsleiter sich im Firmen-Blog über anstaltung der Republikaner protestiert herrscht eine Mischung aus Unglauben, die FBI-Zugriffe gefreut und prognosti- habe. Verunsicherung und blankem Hass auf ziert hatte, damit würden die ernstzuneh- Solche Puzzleteile führten die Beamten den Verräter. In einschlägigen Kanälen menderen Hacks im Namen der Bewe- zu einem roten Klinkerbau im Chicagoer wird viel über eine bessere Eigensiche- gung wohl Geschichte sein. Süden, dem Wohnsitz des 27-jährigen Je- rung geschrieben und vor allem darüber Die AntiSec-Hacker platzierten auf der remy H. Vom 29. Februar an überwachte spekuliert, was das FBI an weiteren In- Website des Unternehmens einen offenen das FBI das Haus und die Internetverbin- formationen gewonnen haben könnte – Brief an Monsegur: „Verrat ist etwas, das dungen seiner Bewohner. Der letzte Spit- etwa über die jüngste Zusammenarbeit wir nicht vergeben.“ zeleinsatz von Sabu begann. von Anonymous mit WikiLeaks und des- Sabu, der früher manchmal Dutzende Er meldete, wann der Stratfor-Hacker sen Gründer Julian Assange. Nachrichten täglich allein via Twitter ab- online war und wann er sich verabschie- Einen „Abkühlungseffekt“ vermutete feuerte und häufig 16 Stunden täglich on- dete. Die Beamten vor Ort in Chicago umgehend die Anonymous-Expertin line war, schweigt. verglichen das mit den Zeiten, in denen Gabriella Coleman in der „New York Aufmerksame Leser seiner Online- Jeremy H. das Haus verließ; es passte. In Times“. Die Anthropologin von der ka- Sprechstunde aus dem vorigen Septem- der Nacht auf vorigen Dienstag holten nadischen McGill-Universität erwartet, ber hätten vielleicht etwas ahnen können. sie H. ab, dem sie nun nachweisen zu die Bewegung werde nun intensiv reflek- Er riet jungen aufstrebenden Hackern, al- können glauben, dass er unter anderem tieren müssen: „Wer sind wir? Was wollen lein zu arbeiten und in Gruppen auf ma- als „Anarchaos“ und „sup_g“ ein wichti- wir sein?“ ximale Eigensicherung zu achten: „Freun- ger AntiSec-Hacker war. Die ersten Anons allerdings haben die- de werden dich am Ende fertigmachen, Und nun? Beide Seiten, Fahnder und se Phase bereits abgeschlossen, sie ver- wenn sie dazu gezwungen werden.“ Hacker, sind jetzt dabei, die Folgen des gleichen Anonymous mit einer Hydra: GEORG DIEZ, MARCEL ROSENBACH D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 41
  • 42.
    Deutschland KOA L I T I ON Gutachten nach Wunsch Hat die liberale Justizministerin bei einer Expertise zur Vorrats- STRATO / OBS datenspeicherung tricksen lassen? Innenexperten der Union werfen ihr Manipulation vor. Speicherzentrale eines Rechenzentrums in Berlin, FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger: A m vergangenen Mittwoch sollte nachdem die vorübergehend eingeführte Doch der 61-jährige Kriminologe sagte Hans-Jörg Albrecht seinen gro- Speicherpflicht entfiel, heißt es darin. Da- ab. Aus terminlichen Gründen. Mitt- ßen Auftritt vor dem Innenaus- mit ist nach Ansicht der Ministerin belegt: wochs, wenn der Innenausschuss gewöhn- schuss des Bundestags haben. Der Chef Die Daten der Bundesbürger müssen lich tage, sei es für ihn grundsätzlich des Freiburger Max-Planck-Instituts war nicht gehortet werden. schwierig, nach Berlin zu kommen. Ein geladen, um sein Gutachten zur Vorrats- Die Berliner Koalition streitet seit Abgeordneter mutmaßt, die Terminnot datenspeicherung zu erklären. Diese langem um das Schnüffelinstrument. sei nur vorgetäuscht, tatsächlich habe der Ende Januar publik gewordene Expertise Unionspolitiker und das Bundesinnen- Professor wohl „kalte Füße bekommen“. war eine Steilvorlage für Bundesjustiz- ministerium wollen unbedingt, dass Tele- Denn inzwischen hat ein Papier den ministerin Sabine Leutheusser-Schnar- fon- und Internetanbieter die Verbin- Weg in den Innenausschuss gefunden, das renberger. dungsdaten ihrer Kunden für sechs Mo- zeigt, mit welchen Tricks in der strittigen Die FDP-Politikerin lehnt die sechsmo- nate speichern. Die FDP-Justizministerin Speicherfrage gerungen wird. Es handelt natige Speicherpflicht für Internet- und ist ebenso vehement dagegen. Mit der Al- sich dabei um die erste Fassung des Al- Telefonverbindungsdaten strikt ab und brecht-Studie schien sie ein wesentliches brecht-Gutachtens. Leutheusser-Schnar- sah sich durch Albrechts Studie bestärkt. Argument auf ihrer Seite zu haben. Dazu renberger hat sie bislang unter Verschluss Es sei bislang nicht zu belegen, dass die wollten die Befürworter der Speicher- gehalten. Das Papier kommt zu anderen Aufklärung von Verbrechen gelitten habe, regelung den Professor befragen. Ergebnissen als die spätere Version.
  • 43.
    ten, Richtern. Dieseberichteten von gra- den befragten Ermittlern zugeschrieben. vierenden Folgen, nachdem das Bundes- Das Justizministerium war zufrieden. verfassungsgericht die Speicherpflicht im Ganz im Gegensatz zu Unionsleuten. März 2010 kassiert hatte. Die Suche nach Verständlich, denn denen gibt Variante TOBIAS KLEINSCHMIDT / PICTURE-ALLIANCE / DPA IP-Adressen und Telefondaten von Ver- eins der Studie Argumentationshilfe. Das dächtigen scheitere nun regelmäßig. Viele Herumfrisieren an der Expertise sei ein Fälle vor allem bei der Kinderpornografie „bemerkenswerter Vorgang“, sagt Innen- blieben „derzeit offensichtlich unaufklär- ausschuss-Chef Wolfgang Bosbach von bar“, schrieben die Wissenschaftler. der CDU. „Offensichtlich war der Bun- Doch als Kriminologe Albrecht diese desjustizministerin die Originalstudie zu Ergebnisse im Sommer 2010 dem Hause positiv.“ Darum habe sie Nachbesserun- Leutheusser-Schnarrenberger präsentierte, gen in ihrem Sinne erwartet. CSU-Innen- fiel er glatt durch. Er habe sich in der Stu- experte Stephan Mayer wirft Leutheus- die zu sehr auf die Wünsche der Ermittler ser-Schnarrenberger gar „Manipulation“ Andere Ergebnisse als in der Originalversion konzentriert, vertraglich vereinbarte Leis- vor. Es handele sich bei dem Papier „frag- tungen seien nicht erbracht worden, hieß los um ein Gefälligkeitsgutachten auf Kos- In der 200 Seiten umfassenden Ur- es aus dem Ministerium. Das Max-Planck- ten der Steuerzahler“. Ein Sprecher des sprungsexpertise aus dem August 2010 ist Institut musste nachbessern. Neben zusätz- Justizministeriums wies die Vorwürfe zu- Kritik an der Vorratsdatenspeicherung lichen Daten aus dem Jahr 2009, die in die rück. Die Ergebnisse des renommierten nicht zu finden. Im Gegenteil: Damals Studie einflossen, sollte auf Wunsch des Max-Planck-Instituts sprächen für sich. drängten Albrecht und seine Co-Autoren Hauses Leutheusser-Schnarrenberger ein Institutsdirektor Albrecht war für eine geradezu auf eine Neuregelung der Spei- neuer Schwerpunkt aufgenommen wer- Stellungnahme trotz mehrfacher Anfra- cherpflicht: „In Anbetracht der vielfältigen den. Das Thema: „Ermittlungseffizienz gen bis Freitagabend nicht erreichbar. Einschränkungen, die sich in Deutschland und Aufklärungsquoten“ – und dort wer- Der Streit um die Vorratsdatenspeiche- derzeit bei dem Zugriff auf Verkehrsda- den jetzt jene Fakten betont, die dem Mi- rung geht nun wohl in eine neue Runde. ten ergeben, erscheint der Handlungsbe- nisterium später als Argumente gegen die Und der gerade erst im Kanzleramt de- darf dringend.“ Auf dieses Instrument zu Vorratsdatenspeicherung dienen sollten. monstrierte Koalitionsfriede könnte be- verzichten sei eine „politische Abwägung Das Freiburger Institut lieferte im ver- reits Geschichte sein. „Wenn die FDP zu Lasten der Strafverfolgung“. gangenen Juli die um 92 Seiten erweiterte glaubt, das sitzen wir bis zum Ende der Das Freiburger Max-Planck-Institut hat- Fassung mit deutlich modifizierten Wahlperiode aus“, droht Bosbach, „dann te für die Originalstudie Interviews mit „Schlussfolgerungen“. Frühere Bewertun- erwarte ich von der CDU-Spitze, dass sie Experten aus der Praxis im In- und Aus- gen der Wissenschaftler standen im Kon- das nicht einfach hinnimmt.“ land geführt, mit Staatsanwälten, Polizis- junktiv oder wurden in der Neufassung HUBERT GUDE
  • 44.
    Deutschland SPI EGEL-GESPRÄCH „Ungeheurer Bildungsdruck“ Der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul, 63, gilt als Verfechter einer entspannten Erziehung. Dabei hat er einiges zu beanstanden: zu viel Pädagogik, zu viele Frauen in Schulen und zu viele Eltern, die ihre Kinder nie allein lassen. SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch widmen Sie Mutter oder erfolgreicher Vater fühlen sich gemeinsam mit anderen skandinavi- will. Diese Projekteltern wollen ihren schen Autoren der Herzensbildung*. Ist Kindern so viele Anreize bieten wie mög- es so schwierig, Kinder zu mitfühlenden lich. Danach werden die Kinder süchtig. Wesen zu erziehen? SPIEGEL: Was schlagen Sie stattdessen vor? Juul: Das Beste ist, wenn sie mit echten Juul: Ich war in den vergangenen Wochen Menschen aufwachsen und nicht mit auf drei Kontinenten, und überall klagen Schauspielern, die immerzu ihre Eltern- Eltern über Kinder, die dauernd sagen: rolle aufführen. Wer dauernd pädago- Mama, Papa, mir ist langweilig. Die El- gisch handelt, zieht den Nachwuchs zur tern springen dann auf und bieten einen Gefühlskälte heran. Solche Kinder erfah- Katalog von Beschäftigungen an. Aber ren nie, dass andere Menschen auch Ge- haben Sie schon einmal erlebt, dass Kin- fühle und Grenzen haben. Liebe heißt der sagen: Oh, Punkt sieben von der Liste für sie, im Mittelpunkt zu stehen. gefällt mir? Stattdessen sollten Eltern sa- SPIEGEL: Die wohlmeinenden Eltern, die gen: Ich freue mich darauf zu sehen, was MANFRED WITT / DER SPIEGEL auf alles aufpassen, züchten Problemfälle du in einer halben Stunde machst. heran? SPIEGEL: Ziehen Eltern heute ihre Kinder Juul: In Dänemark nennen wir sie Cur- zu Tyrannen heran, wie der Psychiater ling-Eltern, weil sie wie beim Eisstock- und Autor Michael Winterhoff schreibt? schießen alle Hindernisse vor ihrem Kind Juul: Ich würde das anders ausdrücken: aus dem Weg räumen. Sie ersparen ihren Es gibt Eltern, die immer den Weg des Söhnen und Töchtern sogar den Anblick Therapeut Juul geringsten Widerstands gehen. Da heißt eigener Trauer, etwa beim Tod der Groß- „Kinder wollen kooperieren“ es: Was willst du heute essen? eltern. Solche Kinder wissen nichts über SPIEGEL: Das Kind wird zu viel gefragt? andere Menschen und nichts über sich Juul: Ich bin Familientherapeut, kein Er- Juul: Man kann nicht ein Kind zu viel fra- selbst. Sie wissen nicht, was es heißt, trau- ziehungsexperte. Ich weiß nicht, was das gen. Du kannst auch deine Frau nicht zu rig oder frustriert zu sein, sie kennen des- sein soll, gute Erziehung. viel fragen. Man kann nur die falschen halb kein Mitgefühl. SPIEGEL: Eltern wollen heute nicht in ers- Fragen stellen. Kinder sind überfordert, SPIEGEL: Also sollen Eltern härter sein? ter Linie Gehorsam. Kinder sollen glück- wenn sie zu viel wählen müssen. Ein Juul: Solche Kategorien sind sinnlos. Das, lich sein, sozial und lernbereit. Zweijähriger ist nicht in der Lage zu ent- was Väter und Mütter unter Erziehung Juul: Ja, das würden alle unterschreiben: scheiden, was ein gutes Abendessen für verstehen, wenn sie den Finger und die Wir wollen nette Kinder. Aber eigentlich ihn ist. Er weiß vielleicht, worauf er Lust Stimme heben, macht auf Kinder ohnehin wollen auch wir Gehorsam, nur ohne Ge- hat: Pizza, Bolognese, Pommes. kaum Eindruck, und wenn, dann höchs- walt. Wir signalisieren: Wenn alle um SPIEGEL: Und was soll er dann bekommen? tens einen schlechten. Von Goethe dich herum zufrieden sind, bist du ein Juul: Das auszuwählen ist Aufgabe der Er- stammt der schöne Satz: So fühlt man nettes Kind. Nur klappt das leider nicht. wachsenen. Wir haben leider zu wenige Absicht, und man ist verstimmt. Ähnlich Die Kinder sind dann brav, aber hilflos. Vorbilder, die vorleben, wie man das geht es den Kindern. Erziehung findet SPIEGEL: Es ist doch erstaunlich, dass El- ohne Zwang macht. Mein inzwischen er- zwischen den Zeilen statt. tern sich mit der Erziehung so viel Mühe wachsener Sohn wollte im Alter von sie- SPIEGEL: Wodurch also? geben wie nie zuvor, dass es aber trotz- ben oder acht Jahren plötzlich nicht mehr Juul: Wie die Eltern miteinander umge- dem enorm viele Probleme gibt. essen, was ich gekocht habe. Dann habe hen, wie sie mit dem Bäcker sprechen, Juul: Die Eltern springen ja ständig um ich ihn mit zum Einkaufen genommen, wie sie zu ihren Verwandten stehen. das Kind herum, die wollen etwas mit und er durfte mit mir aussuchen. Erziehung ist wie Osmose, sie kommt ihm machen. Das arme Kind hat kaum SPIEGEL: Dann gab es Pizza oder Pommes? durch die Haut. Kinder wollen kooperie- eine Minute für sich, es darf sich nie in Juul: Nein. Der Unterschied zu meinen ren, sie orientieren sich am Vorbild ihrer einer erwachsenenfreien Zone aufhalten. Käufen war minimal. Beim Essen geht es Eltern. SPIEGEL: Warum sind Eltern heute so stark oft nicht um Geschmacksnerven. Es ging SPIEGEL: Wenn es so einfach ist, warum auf ihre Kinder fixiert? um sein Verhältnis zu mir, der kochte. gelten Sie dann manchen Eltern als Heils- Juul: Früher, als unsere Gesellschaft noch Ich bestimmte, was es gab, und bekam bringer, als Marke für gute Erziehung? weniger wohlhabend war, waren die Müt- immer viel Lob für meine Kochkünste. ter auch anwesend, nur hatten sie meist Mein Sohn wollte mir zeigen: So ver- * Jesper Juul, Peter Høeg u. a.: „Miteinander. Wie Em- zu tun. Heute sehen viele ihre Eltern- dammt genial bist du gar nicht. pathie Kinder stark macht“. Beltz Verlag, Weinheim schaft als Projekt. Eine sehr egozentrische SPIEGEL: Aber wie gewinnen Eltern Auto- und Basel; 160 Seiten; 14,95 Euro. Sicht, weil man sich dabei als erfolgreiche rität, um etwas durchzusetzen? 44 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 45.
    miert, anstatt einantiautoritäres Zeitalter auszurufen. Was mir an den deutschen Antiautoritären aufstößt: Sie sind sehr autoritär, sie wissen sehr genau, was rich- tig und was falsch ist. Besuchen Sie eine Waldorf-Schule oder einen Montessori- Kindergarten, die sind beinhart. SPIEGEL: Welchen Blick haben Sie auf das deutsche Schulsystem? Juul: Ich bin bisweilen erschrocken. Alle sind traumatisiert. Die Lehrer finden die Schüler schrecklich, die Schüler fühlen sich gegängelt, die Eltern überfordert. Das liegt an dem ungeheuren Bildungs- druck, der in Deutschland zuletzt aufge- baut wurde. SPIEGEL: Bildung ist doch der entscheiden- de Schlüssel für das spätere Leben. Juul: Ja, aber jeder, der sich ein bisschen mit Physik auskennt, weiß, dass Druck Gegendruck erzeugt. Wenn wir ständig unseren Kindern vermitteln, wie wichtig es ist, gut in der Schule zu sein und das Abitur zu machen, dann wirkt das eher kontraproduktiv. Der Schuldruck wird auch in die Familien getragen und macht sie kaputt. Jeden Nachmittag kämpfen Mütter mit ihren Kinder um die Haus- MANFRED SOBOTTKA / KEYSTONE aufgaben, das sind zwei Stunden Hölle. SPIEGEL: Was wäre die Alternative, keine Hausaufgaben? Juul: Hausaufgaben sollten eine Verabre- dung zwischen Lehrer und Schüler sein. Es kommt darauf an, eine gute, funktio- nierende Beziehung zwischen ihnen auf- Kunsterziehung in Düsseldorf 1974: „Die Antiautoritären sind sehr autoritär“ zubauen. Doch stattdessen macht die Schule bei den Hausaufgaben wieder die Eltern verantwortlich. Das ist doch blöde. Dafür sollen die Kinder selbst verant- wortlich sein. SPIEGEL: Funktioniert das Prinzip Eigenver- antwortung auch in kaputten Familien? Juul: Ja, solche Kinder brauchen eben mehr Hilfe von außen. Ich ärgere mich zum Beispiel über das Wort Schulverwei- gerer. Es gibt keine Schulverweigerer. Eine Schule, die nur für die Braven und Guten funktioniert, leistet zu wenig. SPIEGEL: Braucht Deutschland dazu neue Schulformen? Juul: Mich hat sehr überrascht, dass die Hamburger sich in einem Volksentscheid gegen eine Grundschule ausgesprochen MIKE SCHRÖDER / ARGUS haben, in der alle Schüler sechs Jahre gemeinsam lernen. Diese Leute müssen sehr wenig Vertrauen in ihre eigenen Kinder haben, wenn sie nicht glauben, dass die sich in einer gemischten Klasse Gegner der Primarschule in Hamburg 2009: „Wenig Vertrauen in die eigenen Kinder“ behaupten können. Aus lauter Angst set- zen sie auf ein Konzept früherer Jahr- Juul: Es geht darum, persönliche Maßstä- autoritär. Und jemandem, der autoritär hunderte: Es gibt Herrscher und Be- be und Überzeugungen vorzuleben. Kin- ist, folgen Kinder höchstens aus Angst. herrschte. der spüren sehr schnell, ob sich jemand SPIEGEL: Wo liegt das rechte Maß zwischen SPIEGEL: Immerhin holt Deutschland bei sicher ist. Menschen, die persönliche Au- autoritär und antiautoritär? der Frühpädagogik auf und führt den torität besitzen, haben normalerweise Juul: Diese Antibewegungen sind ja eine Rechtsanspruch auf einen Kindergarten- wenig Probleme mit ihren Kindern. Ob- deutsche Spezialität. Auch in Dänemark platz für Kinder unter drei Jahren ein. wohl sie genau dasselbe sagen wie Eltern, waren wir unzufrieden mit den autoritä- Juul: In Dänemark ist es selbstverständlich, die diese Autorität nicht haben. Es geht ren Strukturen in den Schulen. Aber in dass Kleinkinder in die Krippe gehen, ge- nicht um Machtdemonstrationen, die sind der Folge haben wir die Schulen refor- nau wie in Norwegen oder Schweden. Bis D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 45
  • 46.
    Haben Sie dieallein? Die Antwort lautet dann oft: Mein Mann ist viel weg. SPIEGEL: Mit welchen Folgen? Juul: Viele Mütter sind Alleinerziehende, auch wenn der Mann manchmal hilft. Das führt dazu, dass sie bisweilen einen Müt- ter-Chauvinismus entwickeln: Sie haben die Verantwortung, da stört es nur, wenn der Idiot gelegentlich im Weg herumsteht. SPIEGEL: Was sollen Männer tun, die voll berufstätig sind? Juul: Vor allem nicht die Beziehung zu ih- ren Kindern verlieren. Was heißt es denn, wenn ein Manager sagt: Meine Familie GOTTFRIED STOPPEL steht hinter mir. Es heißt doch: Ich stehe neben der Familie, oder, noch schlimmer, die Familie ist unter mir. Sie funktioniert in jedem Fall ohne mich. Später, in der Polizeieinsatz nach Schul-Amoklauf in Winnenden 2009: „Unheimliche Wut“ Pubertät, kommen die Kinder nicht mehr zum Vater, wenn sie einen Erwachsenen zum Alter von 15 Jahren verbringt heute SPIEGEL: Wie sollten Erzieherinnen auf brauchen. Aus solchen fehlenden Bindun- jedes Kind 25 000 Stunden in pädago- Aggressivität reagieren? gen entstehen viele Probleme. gischen Einrichtungen, schärfer gesagt Juul: Gar nicht. Ein Junge hat einem an- SPIEGEL: Sie gelten als Vertreter einer ent- in zwangspädagogischen Einrichtungen. deren sein Spielzeug weggenommen, der spannten Erziehung. Dafür stellen Sie Umgerechnet auf die Woche entspricht erste rennt ihm hinterher, sie prügeln ganz schön hohe Ansprüche an Eltern. das dem Arbeitspensum eines Industrie- sich. Die normalste Sache auf der Welt. Juul: Es gibt keine perfekte Familie. Doch arbeiters im vorigen Jahrhundert. Kinder müssen die Fähigkeit entwickeln, die größte therapeutische Kraft in unse- SPIEGEL: Das hört sich nicht so an, als ob die die Amerikaner „street smart“ nen- rem Leben ist die Familie. Sie das für Fortschritt halten. nen: Ist der andere stärker als ich, oder SPIEGEL: Das heißt, wenn etwas schief- Juul: Es gibt keine ausreichende For- kann ich ihm eins auf die Nase hauen? läuft, ist die Familie schuld? schung, ob diese Betreuung den Kindern Doch die Mütter rufen dann einander an Juul: Schuld, was heißt schuld? Deutsche schadet. Wir wissen aber, dass rund ein und erzählen, wer wen geschlagen hat. Eltern fragen immer nach der Schuld. Bu- Fünftel der Ein- bis Zweijährigen darun- Eltern müssen ihren Kindern signalisie- limie, Magersucht, Drogenmissbrauch, ter leiden, in die Kita gehen zu müssen, ren: Du musst dich selber schützen. Komasaufen sind Ausdruck einer exis- weil sie Trennungsängste haben. SPIEGEL: Haben die Mädchen weniger Pro- tentiellen Krise, und die hat meist ihren SPIEGEL: Das ist eine schmerzhafte Zahl, bleme? Ausgang in der Familie. Allerdings neigen insbesondere für berufstätige Frauen. Sol- Juul: Bei Teenagern haben Mädchen grö- wir auch dazu, unsere Jugendlichen zu len Mütter lieber zu Hause bleiben? ßere Probleme, besonders die, die bis pathologisieren. Wer heute 16 oder 17 ist, Juul: Ich glaube, es ist besser, wenn unsere dahin immer gut funktioniert haben. Ich könnte fast meinen, er sei das größte Kinder die ersten drei Jahre mit ihren sage immer: Seid nicht zufrieden mit den Feindbild unserer Gesellschaft. Dabei gab Eltern verbringen dürfen, ob mit Mutter stillen Mädchen. Sie haben das geringste es Komasaufen auch schon zu meiner oder Vater ist nicht so wichtig. Das ist Selbstbewusstsein. Sie haben sich nie ab- Jugend, und bei den um die 40-Jährigen meine Meinung, ich weiß, dass sie in gegrenzt und wurden dafür noch be- gibt es viel mehr Trinker. Deutschland politisch inkorrekt ist. Die lohnt. SPIEGEL: Schul-Amokläufer waren früher meisten Kinder gehen gern in die Kita, SPIEGEL: Mütter, Lehrerinnen, Kita-Be- unbekannt. Einige kommen aus relativ aber einzelne leiden. treuerinnen, alle, die Erziehungsverant- intakten Familien und waren vor ihrer SPIEGEL: Können Eltern das erkennen? wortung tragen, scheinen Frauen zu sein. Tat nicht auffällig. Juul: Eltern merken das an den Tonalitä- Wo bleiben eigentlich die Männer? Juul: Ich finde es auffällig, wenn ein Teen- ten, in denen ein Kind weint. Bei den ers- Juul: Die Mehrheit ist leider abwesend, ager sieben, acht, neun Stunden pro Tag ten Stufen muss man sich keine Sorgen sie nehmen sich zu wenig Zeit. Wenn ich Computer spielt. Dann hat er den Kon- machen. Aber ein bestimmter Grad Mütter in einer Gesprächsgruppe betreue takt mit seinen Eltern abgebrochen. Viele drückt echte Ängste aus. Kitas sollten und eine Vorstellungsrunde mache, dann sagen dann, die bösen Ballerspiele seien nicht für alle die Norm sein. heißt es in Deutschland und Österreich schuld. Doch das kommt nicht vom Com- SPIEGEL : Von der Kita über die Grund- meistens: Mein Name ist Julia, ich habe puterspielen. Es kommt daher, dass die schule bis zum Gymnasium sind die Kin- drei Kinder. Ich frage dann immer zurück: Familie nicht funktioniert und die Kinder der überwiegend mit Frauen zusammen. nicht Widerstandskraft, sondern eine un- Ist das ein Problem? heimliche Wut aufbauen. Wenn Eltern zu Juul: Viele Pädagoginnen können mit der mir kommen und klagen, dass ihr Sohn Aggressivität von Jungen nicht umgehen. dauernd daddelt, frage ich, ob sie wissen, Die passt nicht in ihr weibliches Werte- wie es ihm geht. Das können die meisten system. Frauen wollen immer darüber nicht beantworten. MANFRED WITT / DER SPIEGEL reden, schon im Kindergarten. Für Jungs SPIEGEL: Den Eltern fehlt das aufrichtige ist dagegen wichtig, immer wieder aufs Interesse an ihren Kindern? Neue eine Hierarchie festzusetzen. Ein Juul: Unser großer Fehler ist, dass wir nur Junge sagte mir einmal: Weißt du, wenn darauf schauen, wie sich jemand verhält, wir Fußball spielen, kann nur einer Mi- nicht darauf, wie es ihm geht. Hinterher chael Laudrup sein, der Star, nicht alle. heißt es dann: Er war immer so nett. Juul (M.), SPIEGEL-Redakteure* SPIEGEL: Herr Juul, wir danken Ihnen für * Cordula Meyer und Jan Friedmann in Aarhus. „So verdammt genial bist du gar nicht“ dieses Gespräch. 46 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 47.
    Deutschland WOLFGANG EHN / FOTOFINDER / LOOK-FOTO Skiwanderer im Allgäu: Naturschönheiten zu jeder Tages- und Nachtzeit In Garmisch-Partenkirchen demon- ter lieber in der freien Natur verausgaben WINTERSPORT strierten etwa 60 aufgebrachte Skiwande- als in einem Fitnessstudio. Sporthändler rer kürzlich unter dem Motto „Natur für verkaufen inzwischen 180 000 Paar Tou- Freigeister alle“ gegen die Bayerische Zugspitzbahn, die ihnen die besten Pisten zum Aufge- hen gesperrt hat. „Freiheit für unsere Ber- renskier jährlich. Übliche Abfahrtskier werden drei Millionen Mal abgesetzt, doch das Geschäft stagniert. Weil die Ski- der Alpen ge“ stand auf einem Plakat. Tatsächlich sehen sich die Naturfreunde durch Bay- erns Verfassung bestärkt. Denn Artikel Industrie die meisten freien Hänge zur Piste planiert hat, werde es eng, klagen die Tourengeher. Tourengehen auf Skiern ist 141 regelt den „freien Zugang zu Natur- Beide Seiten haben Juristen engagiert. ein Trendsport geworden. schönheiten“ zu jeder Tages- und Nacht- Der Verband Deutscher Seilbahnen und zeit. Das Betreten von Wald und Berg- Schlepplifte ließ per Rechtsgutachten Doch nun wollen Liftbetreiber weide ist danach „jedermann gestattet“. klären, ob die Skipisten nun freie Natur die Schneewanderer Die Gegenseite beruft sich auf Haf- gemäß Verfassung oder doch eher Sport- von den Pisten vertreiben. tungsfragen, DIN-Normen und auf die stätten seien. Das wenig überraschende Sicherheit. Ergebnis lautet: Per Hausrecht könne D ie Blutspur wurde im weißen Freie Bewegung auf der Piste sei „zu jeder Liftbetreiber die Tourengeher „von Schnee der Olympia-Abfahrt von gefährlich“, sagt Peter Huber, Vorstand der Nutzung seiner Pisten ausschließen“. Garmisch-Partenkirchen gefun- der Zugspitzbahn. Er hat ausgerechnet, Die Abfahrtsstrecke sei eben keine freie den. Sie führte bis zum Parkplatz im Tal. dass an einem normalen Skitag 250 Tou- Natur. Ein Skiwanderer, so spekulierte das hei- rengeher rund 500 000-mal Abfahrern auf Der Deutsche Alpenverein kommt in mische „Tagblatt“ vor vier Wochen, müs- dem Weg ins Tal begegnen. Dabei müsse einem eigenen Rechtsgutachten allerdings se wohl nachts mit einer Pistenraupe kol- es ja Unfälle geben, meint Huber. Aber zum gegenteiligen Ergebnis. Juraprofes- lidiert sein und sich dann zu seinem Wa- er kann sich nur vage an zwei Unfälle sor Gerrit Manssen von der Universität gen geschleppt haben. mit Pistengehern in den vergangenen Jah- Regensburg stellte fest, dass der Hang Gruseliges tut sich anscheinend auf ren erinnern. freie Natur sei – Sperrungen seien mithin Deutschlands Bergen. Nicht weit entfernt, Trotzdem sieht er die Tourengeher als rechtswidrig. am Brauneck, soll es im Januar einen ähn- Geisterfahrer, weil sie die Pisten in die Bahnbetreiber Huber hat trotzdem lich rätselhaften Unfall gegeben haben. falsche Richtung benutzten. Sie geisterten schon für 80 000 Euro Verbotsschilder am Ein Raupenpilot will nachts ein Paar Tou- zudem nachts zwischen den Pistenbullys Rand der Olympia-Abfahrt platziert. Er renskier mitten auf der Piste gefunden umher und stiegen selbst dann noch auf, regt sich furchtbar auf, wenn zum Bei- haben. Ein Skiwanderer sei gegen das wenn wegen Lawinengefahr gesprengt spiel der Tourengeher Christian Pritzl Halteseil des Pistengefährts geprallt und werden müsse. einfach an den Tafeln vorbeimarschiert. habe sich nach dem Crash aus Angst vor Aber natürlich geht es auch um viel Bürger Pritzl hat Briefe ans Ministerium Strafe ins Unterholz geschlagen. Geld. Die renitenten Naturburschen kau- geschrieben, auf rechtliche Probleme hin- Die Skiwanderer, auch Tourengeher fen keine Liftkarten, benutzen die prä- gewiesen und den Verdacht geäußert, genannt, sind die Freigeister der Alpen, parierten Pisten kostenlos und nehmen dass für die Liftbetreiber wirtschaftliche weil sie meist abseits der Massen ihre zahlenden Kunden Parkplätze weg. Auch Interessen im Vordergrund stünden. Pritzl Spuren durch den Schnee ziehen. Doch Jäger fühlen sich neuerdings von ihnen ge- sagt: „Hier werden in Wildwestmanier nun soll Schluss sein mit der Natur- stört. Angeblich vertreiben die Tourenge- Tatsachen geschaffen.“ romantik: Eine Phalanx aus Liftbetrei- her nachts das Wild von den Futterstellen. Das ärgert Huber sehr, vor allem we- bern, Bürokraten und Jägern will den Und Männer wie Huber müssen damit gen des Berufs seines Kritikers. Touren- Puristen des Wintersports, mit denen sich rechnen, dass zunehmend mehr Skiwan- geher Pritzl ist Direktor des örtlichen kaum Geld verdienen lässt, ihre Regeln derer kommen. Tourengehen ist ein Trend, Amtsgerichts. aufzwingen. viele Menschen wollen sich auch im Win- STEFFEN WINTER D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 47
  • 48.
    Gesellschaft Szene Was war da los, Herr Ebener? David Ebener, 29, Agenturfotograf, über das Leben: „Bilder mit Nackten, davon handelt eine Ausstellung im Würz- burger Museum am Dom, das fand ich interessant. Das Hauptbild dieser Ausstellung soll an Leonardo da Vin- cis ,Abendmahl‘ erinnern. Wo Jesus wäre, ist der Platz aber leer. Stattdes- sen projiziert ein Beamer das Bild des Betrachters in die Bildmitte; so bin ich auf diesen prominenten Platz ge- kommen. Die Installation soll das Le- ben in Gegensätzen zeigen: jung und alt. Gesund und krank. Schön und hässlich. Der Künstler, Henning von Gierke, nennt es ‚Liebeserklärung an das Leben‘. Manche regen sich auf über diese Nackten, in unmittelbarer Nähe zum Dom, aber mir gefiel das. Denn auch meine Arbeit als Agentur- fotograf ist voller Gegensätze. Nach dem Museum musste ich gleich weiter. DAVID EBENER / DPA Ein Winzer hatte seinen Bruder er- schlagen. Der Winzer stand vor Ge- richt, mein nächstes Motiv.“ Ebener (M.), Gierke-Installation MEMOIREN rungen, die Hitze in der Zelle, er klagt, Schumann: Nicht nur. Wir besetzen dass die Staatsanwaltschaft „ein Gru- aber mit Ostthemen eine Nische. Die selbild“ von ihm male. Er war wegen dritte Auflage von Honecker ist jetzt „Honecker läuft der Todesschüsse an der Mauer ange- raus, wieder 15 000 Exemplare. immer“ klagt. Wollen Sie seinen Ruf retten? Schumann: Ich finde, dass in der Haft- zeit mies mit Honecker umgegangen SPIEGEL: Die gehen alle in den Osten? Schumann: Die meisten Bücher gehen wohl in den Westen. Frank Schumann, 60, Verleger, über wurde. Der Mann war 80, todkrank, SPIEGEL: Was sagt Margot zum Erfolg? einen zuverlässigen Bestsellerautor jeden Tag stand in Zeitungen, um wie Schumann: Sie war skeptisch, nun be- viel das Karzinom in seiner Leber ge- kommt sie viele Mails von Lesern, das SPIEGEL: Mit einem Tagebuch von Erich wachsen ist. Einfach würdelos. freut sie. Sie lebt in Santiago de Chile Honecker hat es Ihr Verlag auf die SPIEGEL: In Ihrem Verlag erscheinen ganz bescheiden, die Rente ist ja nicht SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. sonst Erinnerungen von Stasi-Vetera- doll, in einem Häuschen, drei kleine Sind Sie überrascht? nen oder Bücher, in denen der Mauer- Räume unten, drei oben. Ich hatte das Schumann: Honecker läuft bei uns bau verteidigt wird. Gefühl, dass die Möbel noch aus der immer gut. 1994 haben wir seine DDR-Botschaft sind, die Fo- „Moabiter Notizen“ veröffentlicht, lie löst sich von den Press- sein politisches Vermächtnis, das er spanplatten, wie früher. aufschrieb, als er in Berlin-Moabit in SPIEGEL: Wird sie jetzt neue Untersuchungshaft saß. Da haben wir Möbel kaufen? in sechs Wochen 35 000 Stück verkauft. Schumann: Sie wollte kein SPIEGEL: Auch das private Tagebuch Geld, sie versteht das als schrieb Honecker in der Haft. Wo politische Arbeit. Wir kommt das Material auf einmal her? bringen diese Woche aber Schumann: Im September 2011 habe ich auch ein Buch von ihr her- Margot Honecker, seine Witwe, in Chi- aus: „Zur Volksbildung“. EASTBLOCKWORLD.COM le besucht, weil ich eine Honecker-Bio- Sie bekommt dieselbe Start- grafie machen wollte. Plötzlich holte auflage wie ihr Mann. sie eine Mappe, 400 handgeschriebene Seiten, das Tagebuch ihres Mannes. Erich Honecker: „Letzte Aufzeich- SPIEGEL: Honecker beschwert sich über nungen“. Verlag Edition Ost, Berlin; die „Klassenjustiz“, seine Schlafstö- Ehepaar Honecker 1987 192 Seiten; 14,95 Euro. 48 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 50.
    Gesellschaft Szene Der Fels ist das Limit EIN VIDEO UND SEINE GESCHICHTE: Wie ein Amerikaner seine Depression in Ruhm verwandelt J eb Corliss stand weit oben auf dem springen. Unter dem Arm der Christus- Südafrika driftete sein Fallschirm in den Tafelberg, auf einem Felsvorsprung. Un- Statue über Rio de Janeiro durchfliegen. Wasserfall hinein. Corliss brach sich drei ter ihm lagen Kapstadt und das Meer. Aus einem Helikopter über China ab- Rückenwirbel, mehrere Rippen, beide Corliss konnte bis zum Horizont sehen. springen und dann durch ein Loch in ei- Füße und das rechte Knie. Es war ein perfekter Tag, sonnig, kaum nem Berg fliegen. Warum macht er das? Was ist so toll Wind. Corliss trat an den Rand des Vor- Seine Schwester nennt das gefährlich, daran? Hört er diese Fragen, antwortet sprungs, zählte: „drei, zwei, eins“, dann egoistisch, sie rät ihm, er solle mal dar- Corliss: „Ist schwer zu beschreiben; wie sprang er ins Nichts, den Kopf voran, die über nachdenken, was er ihr und anderen erklärt man einer Jungfrau, was so toll Arme seitlich gestreckt, die Beine ge- Familienmitgliedern antue, wenn er sich an Sex ist?“ spreizt zu einem V. Zwischen Armen und bei einem seiner Sprünge schließlich um- Wenn er sich trotzdem an einer Er- Beinen spannten sich Tragflächen aus bringe. Corliss ist der Meinung, dass seine klärung versucht, sagt er entweder: „Ich Stoff, in seinem Wingsuit wollte immer schon fliegen.“ glich Corliss einem übergro- Das ist dann die simple Va- ßen Flughörnchen. riante. Während der ersten Meter Die etwas komplexere und fiel er wie ein Stein, aber wahrscheinlich auch wahr- schnell entwickelte sein An- haftigere Erklärung lautet: zug genug Auftrieb, und Cor- Corliss litt als Kind, als Ju- liss ging in einen kontrollier- gendlicher unter schweren ten Gleitflug über. Er filmte Depressionen, und der einzi- seinen Flug mit einer Helm- ge Weg, den er fand, um aus kamera, und er wurde auch dem schwarzen Loch, in dem gefilmt, von einem Freund, er lebte, rauszukommen, we- der ebenfalls einen Wingsuit nigstens für kurze Zeit, war, trug und ihm in einiger Di- sich in lebensgefährliche Si- stanz folgte. tuationen zu bringen. Mal Eine Anzeige in Corliss’ fing er eine Klapperschlange Helm meldete, dass er mit und hielt sie als Haustier, mal rund 190 Stundenkilometer tauchte er mit Haien. Irgend- durch die Luft schoss. Alles Corliss am Tafelberg wann fing er an, von hohen war wie erwartet, es gab keine Häusern zu springen. Seine überraschenden Windböen, Eltern arrangierten sich mit und Corliss steuerte zwei der Obsession ihres Sohnes. Ballons an, die ein weiterer Corliss sieht sich heute Freund kurz vorher platziert in einer Win-win-Situation. hatte. Sie schwebten an der Überlebt er seine Sprünge, Bergflanke, gut 500 Meter hat er etwas gewagt, was nur entfernt, gehalten von dün- wenige Menschen wagen. nen Schnüren. Sie sollten ihm Stirbt er, muss er sich nicht als Ziel dienen, übungshalber, er wollte Schwester erstens den Mund halten und mehr mit seiner Depression herumpla- testen, wie nah er an eine Felswand her- zweitens nicht versuchen sollte, ihm ein gen. ankam. Ein Ballon war silberfarben, er langes, aber ödes Leben aufzuzwingen. Während seines Flugs vom Tafelberg pendelte etwa zwei Meter über dem Fels. Das sei egoistisch. kam er dem endgültigen Ende seiner Der andere Ballon war schwarz und nur Es sei gut möglich, dass er bei einem Depression ziemlich nahe, er streifte mit etwa einen Meter vom Fels entfernt. Cor- seiner Sprünge sterben werde, er wäre einem Fuß einen Felsen, schlug mit Hüfte liss wollte versuchen, einen der beiden nicht der erste Basejumper, dem das pas- und Oberschenkeln auf die Felskante auf, Ballons mit dem Fuß zu berühren. Im siert, aber ihm gehe nun mal „Qualität überschlug sich mehrmals in der Luft und Flug. Bevor er seinen Fallschirm öffnete. vor Quantität“. konnte nur mühsam seinen Fallschirm Sechs Wochen und drei Hauttransplan- Sechs Freunde hat Corliss in den ver- öffnen. tationen später, mit zwei neuen Schrau- gangenen 15 Jahren verloren. Einer, Dwain Der Aufschlag auf den Fels zerstörte ben im rechten Knöchel, sagt er am Tele- Weston, starb, als er zusammen mit Cor- Teile seines Muskelgewebes in den Bei- fon: „Ich war wohl etwas übermütig.“ liss die Royal Gorge Bridge in Colorado nen, außerdem konnten seine Retter ei- Übermütig trifft es nicht so ganz, dieser ansteuerte. Die Absprache war, dass Cor- nen direkten Blick auf eines seiner Meinung sind viele Menschen, wenn sie liss unter der Brücke durchfliegt und Schienbeine werfen. Nach fünf Wochen hören, wie Jeb Corliss, 35, seine Tage Weston über sie hinweg. Weston verkal- im Krankenhaus kehrte Corliss zurück verbringt. kulierte sich. Er flog ein bisschen zu tief. nach Hause, nach Kalifornien. Vom Eiffelturm springen. Von einem Und auch Corliss hatte schon Pech. Bei In drei Monaten will er wieder fliegen. der Petronas Towers in Kuala Lumpur einem Sprung am Howick-Wasserfall in UWE BUSE 50 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 52.
    Gesellschaft I D E N T I TÄT Das falsche Leben Noch gibt es Menschen, für die der Zweite Weltkrieg eben erst zu Ende geht. George Jaunzemis suchte lange nach seiner Herkunft, jetzt weiß er, dass er ohne ein Verbrechen von damals ein anderer wäre. Weiß er nun, wer er ist? Von Barbara Hardinghaus H inter einem Jägerzaun in einer muss seine Biografie noch üben. Er ist Frage nach der Herkunft, sagen Kultur- kleinen Straße von Magdeburg ein alter Mann mit runden Schultern und wissenschaftler, sagen Psychologen, wer- standen sie versammelt, Männer rosiger, weicher Haut. Auf sein T-Shirt de für die Menschen wichtiger in einer in gebügelten Hemden, Frauen in Blusen, sind bunte Palmen gedruckt und der Welt, die unübersichtlich ist, in der Be- sie winkten ihm zu. George Jaunzemis Schriftzug der Stadt, in der er aufgewach- ziehungen oft unverbindlich sind. Dafür stieg aus dem Wagen, er spürte die Arme sen ist, Christchurch in Neuseeland. Von braucht der Mensch genaue Orte und ver- der anderen auf seinen Armen, sie klopf- dort kam er hierher nach Riga, die Winter lässliche Zahlen. Er möchte sich alle Fra- ten ihm auf die Schulter, er hörte ihre sind dunkel, sie dauern sechs Monate, gen beantworten, weil er glaubt, dass die Stimmen nah, fern. Er sah sich um, er Ende April taut der Schnee. Seine Frau, Beantwortung aller Fragen ihn zu seiner kannte diese Menschen nicht, aber viele Vija, hört ihm zu. Ihretwegen lebt er in wahren Geschichte führt. Er will wissen: von ihnen kannten ihn. Lettland, er lernte sie kennen auf der Su- Wie sind meine Eltern, wie meine Ge- Auf der Terrasse hinter dem Haus che nach seinem Leben. schwister? Was ist einzigartig an mir? Was stand Streuselkuchen bereit, George aß ist meine Identität? ihn, er beantwortete Fragen und stellte George Jaunzemis war auf der Suche, welche, er saß auf dem grünen Kunst- seit seine Mutter 1978 in Neuseeland rasen, hielt die Brille in seinen Händen starb. Sie war Lettin, über seinen Vater ganz fest. Er sah sich ein zweites Mal um, sprach sie kaum, er sei gefallen, im Krieg, er kannte dieses Haus nicht, aber als er sagte sie immer, auch der Rest der Familie später im Garten stand und die Obstbäu- sei tot. Es gab Momente, in denen er ihr me ihn umgaben und der Wind wehte, nicht glaubte. dachte er, möglicherweise schon einmal „Mutter: Anna Jaunzemis aus Riga.“ an diesem Ort gewesen zu sein. „Vater: Jaunzemis, Offizier, im Krieg Ein halbes Leben lang hatte er ohne gefallen.“ Kenntnis seiner Herkunft gelebt, ohne Mit diesen Angaben von George Jaun- das Wissen um Kindheitstage. In diesem zemis machte sich Vija Sarmite, seine Magdeburger Garten kam etwas davon Helferin, an die Arbeit in den Archiven zurück, eine ferne Erinnerung ohne Far- von Riga. Sie suchte nach Georges Vater. be, wie aus einem Traum. Als sie einen passenden Jaunzemis fand, Oft, sagt er, hatte er das Gefühl, dass einen Kapitän namens Alexander, und etwas nicht stimmte an der Erzählung, wusste, wo der begraben war, schrieb Vija die angeblich sein Leben war. „32 Jahre einen zweiten Brief. George kam nach lang hatte ich gesucht“, sagt Jaunzemis. Riga, sie legten Blumen auf das Grab des Er besaß nicht einmal eine Geburts- Kapitäns. urkunde, es gab keine Spuren und keine Aber der Kapitän, stand auf dem Grab- Vergangenheit. Dann, im 33. Jahr der Su- stein, sei in Australien gestorben. Er che, kam ein brauner Umschlag mit der konnte nicht Georges Vater sein. Post zu ihm nach Riga in Lettland, wo er Kind Jaunzemis 1946 George blieb vier Wochen lang in Lett- lebt, der Umschlag brachte ihn zu diesen Lette? Deutscher? Neuseeländer? land. Er begleitete Vija bei den Recher- Leuten hinter dem Jägerzaun. chen, und manchmal, am Abend, gingen Dieser Umschlag liegt jetzt vor ihm auf Vija Sarmite hatte sich auf eine Anzei- sie im kleinen Park vor dem Plattenbau dem Wohnzimmertisch in seiner Wohnung ge gemeldet, die Jaunzemis im Jahr 2000 spazieren. Vija, Anfang sechzig, seit 30 in Riga. George Jaunzemis hat die Daten, in einer Zeitung in Riga aufgegeben hatte. Jahren unglücklich verheiratet, drei Kin- die Orte aus den Dokumenten in diesem Er suche jemanden, der ihm helfen kön- der, alle aus dem Haus. Und George, Umschlag in eine Zeitleiste auf Millime- ne, seine Familie zu finden, schrieb er. Rentner aus Christchurch, davor 27 Jahre terpapier eingetragen, Riga, Magdeburg, „Weil ich eine Vorliebe für Archive habe, lang Oberfeldwebel bei der Royal New Brüssel, München, Christchurch. Er will antworte ich Ihnen“, schrieb ihm Vija zu- Zealand Airforce, er hatte Flugzeuge sich Klarheit verschaffen über sein Leben. rück. repariert, führte nun ein ruhiges Rent- Die Suche hat ein Ende, aber auch die Wer bin ich? Der Mensch möchte wis- nerleben. Einmal in der Woche aß er Sehnsucht. Mit 70 Jahren weiß George sen, woher er kommt, wer Mutter, Vater, Fish & Chips aus dem Papierblatt, mit To- Jaunzemis, wer er ist. wer die Großeltern sind. Er möchte eine matenketchup, Mayonnaise, im Gehen. George Jaunzemis spricht leise und vollständige Geschichte erzählen können In Riga besuchte er mit Vija die Archi- langsam über seine Biografie. Er sieht im- über sich, mit einem Anfang und mit ei- ve, sie lud ihn ein zu Kaffee und Schoko- mer wieder auf das Millimeterpapier. Er nem Ende, das ist menschentypisch. Die ladenkuchen, schließlich, am Ende seiner 52 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 53.
    INTERNATIONALER SUCHDIENST (L.);REINIS HOFMANIS / DER SPIEGEL (R.) Rentner Jaunzemis in Riga: Kein Pass, keine Geburtsurkunde, keine Spuren, keine Vergangenheit D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 53
  • 54.
    Gesellschaft bleib von Opfern der nationalsozialisti- schen Verfolgung und anderen Vermiss- ten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. 2000 Menschen suchen die Mitarbeiter jedes Jahr, und auch sie bestätigen, ihren Zahlen zufolge wachse die Sehnsucht der Menschen, Genaues über ihre Herkunft zu erfahren. Dem Fall Jaunzemis gab die Leiterin der Schicksalsklärung im Oktober 2010 die Nummer T/D-2241576. Sie fand in der Zentralen Namenskartei einen Hinweis auf eine Kindersuchakte. Auf Seite zwei der Akte gab es einen Hinweis auf eine Anna Jaunzemis oder Anna Rause und einen Jungen. Damit lag der Fall auf 128 Seiten vor. Die Mitarbeiter der Abteilung Schick- salsklärung forschten in den Einwohner- meldeämtern von Magdeburg und Berlin, sie recherchierten Telefonnummern, fan- den Freunde, Neffen und Cousins. Sie schickten den braunen Umschlag nach AKG Riga, mit 28 Seiten Dokumenten. Suchaufrufe um 1948: Noch immer Arbeit für die Abteilung „Schicksalsklärung“ Seit George den Umschlag im Brief- kasten fand, weiß er, dass er mit einer Riga-Reise, gab sie ihm für den Rückflug Name wieder auf, die Spalte „Kind“ war falschen Mutter aufgewachsen war, im einen sehr persönlichen Brief. Er durfte 1944 jedoch leer, kein Kind. Kein Hinweis falschen Land, im falschen Leben. ihn erst im Flugzeug öffnen. Als George auf George, der ja 1941 geboren war. So suchte er sich nun seine Biografie gelandet war, rief er Vija an, er werde so- In diesem Moment, sagt George Jaun- zusammen, rückwärts, Stück für Stück, fort einen Flug zurück buchen. Er ver- zemis, dachte er zum ersten Mal ernst- von der klaren, scharfen Erinnerung zu- kaufte seine Wohnung in Christchurch, haft, dass er vielleicht nicht das Kind je- rück ins Verschwommene, von Riga in verschenkte seine Möbel, packte seine ner Frau war, die er bis dahin für seine Lettland über Christchurch in Neuseeland Platten und ein paar seiner Kleider ein Mutter gehalten hatte. zurück nach Magdeburg, dem Ort, aus und brach auf zu Vija nach Riga. Vija ließ Vija und er befragten Historiker, sie er- dem er kam. sich scheiden, dann heirateten sie. hielten Passagierlisten mit den Namen von Im Memorial Park von Christchurch George Jaunzemis steht jetzt, als alter Menschen aus Riga, die im Zweiten Welt- liegt ein schwarzer Stein mit der Inschrift: Mann, von seinem Sofa auf und kommt krieg, kurz vor dem Einmarsch der Roten „A DEARLY BELOVED MOTHER“ (Eine mit Tellern und Tassen aus der Küche zu- Armee, mit dem Schiff geflüchtet waren. innig geliebte Mutter), „Anna Jaunzemis, rück. Er stellt sie behutsam auf den Tisch, Sie fanden Anna auf einer der Listen, sie 18. Mai 1901 – 1. Mai 1978“. Gut 20 Jahre er legt die Löffel auf Untertassen, schenkt war ins Deutsche Reich, nach Ostpreußen, lang, bevor er nach Riga zu Vija fand, hatte Kaffee ein, alles wackelt, auch der alte entkommen, allein, ohne Kind. Im Januar George Jaunzemis oft grübelnd, rätselnd, Mann. Er steht da wie ein Schuljunge, 2010 schließlich schrieben sie dem Inter- zweifelnd an diesem Grabstein gestanden, auf Socken im tiefen Teppich. Er kennt nationalen Suchdienst des Roten Kreuzes hatte sich gefragt, was sie ihm alles nicht das nicht, Gäste zu bewirten. Er hatte nie in Bad Arolsen. Sie fragten nach Anna erzählt hatte und warum. Seine Mutter welche, aber er kann es noch lernen, also Jaunzemis, vormals Rauze, den Namen war zuletzt krank gewesen, sie hatte eine übt er. hatten sie aus einem der Archive. Sie frag- Gehirnblutung erlitten. George besuchte Er hat beschlossen, jetzt seine eigene ten nach Akten über George. Sie warteten sie jeden Tag im Krankenhaus, vor oder Geschichte zu leben. Er wusste lange auf die Antwort aus Deutschland, aßen nach seinem Dienst, sie sprach kaum noch, nicht, was an ihm die Gene waren, was Müsli am Morgen, mittags träumte George sie war fast blind. der Einfluss seiner Umwelt war. Jetzt von Fish & Chips. Am Abend sahen sie In den siebziger Jahren in Christchurch weiß er es. fern, „Bingo“, „Glücksrad“. hatten sie zusammen in der Westminster Im Jahr 2002 wandten sich Vija und er Die Abteilung „Schicksalsklärung“ in Street gelebt, seine Mutter arbeitete nicht an die Zentrale Registerstelle für Perso- Bad Arolsen beschäftigt sich mit dem Ver- mehr, seit ihr Sohn das Geld nach Hause nendaten. Sie erfuhren, dass in Riga, der brachte. Sie sah nur fern, er hasste das. Heimatstadt seiner Mutter, in seinem Ge- Und wenn sie stritten und er sauer wurde, burtsjahr 1941 bei den Behörden kein schrie er sie manchmal an und sagte, was Kind mit dem Namen George Jaunzemis er manchmal fühlte: „Du bist nicht meine registriert worden war. Sie überprüften Mutter!“ Sie schwieg. Sie zappte weiter auch die Krankenhäuser der Stadt, sie durch die Programme. fanden keinen Eintrag. Drei Jahre vor ihrem Tod war George Im Staatsarchiv stießen sie schließlich in ein Reisebüro gegangen und hatte eine auf eine Anna Jaunzemis, ihr Geburtsjahr Reise nach Calais in Frankreich gebucht, war nicht 1901, wie sie angenommen hat- er blieb einen Monat lang. Er war zum ten, sondern 1893. Sie war in der Peter- ersten Mal in seinem Leben ausgebro- und Paulskirche getauft worden. Sie fan- chen, und als er zurückkam, war seine den Adressen; im Hausbuch der Alberta Mutter krank und gab ihm die Schuld. Straße 8, eines Altbaus an einer Straße Junge Jaunzemis, Ziehmutter Anna um 1958 Sie kannte so etwas nicht, ihr Sohn war mit Kopfsteinpflaster, tauchte Annas Sie isolierte ihn immer dageblieben, ohne Gäste, allein 54 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 55.
    mit ihr. Einmalhatte er eine Frau ken- nengelernt, als er Anfang zwanzig war, eine Chinesin. Sie gingen aus, aber nicht sehr häufig, seine Mutter verbot es ihm. Er blieb allein. Er nahm es hin, so, wie er es als 20- Jähriger hingenommen hatte, im April 1961, dass er an seinem ersten Tag bei der Luftwaffe ohne Geburtsurkunde antreten musste. Die sei in den Kriegswirren ver- lorengegangen, hatte die Mutter gesagt. Er hatte nur ein Zertifikat der Behörden: „Born in Riga (not verified); 18. Novem- ber 1941 (not verified)“. Geboren in Riga, nicht überprüft. Das Dokument sollte sei- ne Identität bestätigen, aber es trug nicht einmal einen Stempel. George wusste als Jugendlicher lange nicht, wo Lettland liegt. Seine Mutter sprach mit ihm Lettisch, aber er verstand nur hundert Wörter. Ihr Fragen zu stellen ULLSTEIN BILD hatte er sich abgewöhnt, er kannte die immer gleiche Antwort: Sein Vater sei Offizier, im Krieg gefallen, sein Bruder sei in Sibirien erfroren, seine Schwester Ost-Flüchtlinge, Rote-Kreuz-Schwestern 1945: Millionen Gestrandete in ganz Europa auch. Er hatte keine Familie, nur eine Mutter. Sueskanal, an die Hitze auf dem Roten Fenster, irgendwo stieg Nebel auf. Es Die nannte ihn aber nur „George“ und Meer und an die Souvenir-Verkäufer, die gibt auch ein Foto aus jener Zeit, jemand nie „mein Sohn“. Sie küsste ihn nicht. in kleinen Booten ans Schiff kamen“, sagt hatte es ans Rote Kreuz geschickt, das Sie gab ihm keine süßen Speisen. Sie leb- George. dazu aufgerufen hatte, bei der Suche ten zusammen, aber er fühlte sich einsam. George trug Shorts und einen Seiten- nach verschollenen Kindern zu helfen. Sie isolierte ihn. scheitel, als er in Wellington von Bord Dem Absender war diese Frau mit dem Mit fünfzehn hatte George das erste ging, und wenn ihn jemand fragte, wie Kind aufgefallen, er fragte sich, warum Mal einen Schulfreund, sein Name war er heiße, sagte er „George Jaunzemis“. die Frau Lettisch sprach. Das Foto, es Laurence. Mit ihm saß George am Nach- Er hatte diesen Namen noch nicht lange. lag später im braunen Umschlag, zeigt mittag am Fluss, mit ihm fuhr er Floß, Er hatte ihn erst seit München, wo seine den Jungen in München an der Kaserne, ihm folgte er zur Luftwaffe. Mutter vor der Ausreise nach Neuseeland zusammen mit Anna, sie liegen auf einer Seine Mutter arbeitete, während drei Jahre lang mit ihm gelebt hatte, 1946 Wiese. George in die Schule ging, am Tage als bis 1949, in einer ehemaligen SS-Kaserne „Alles, was davor war, weiß ich nur Dienstmädchen bei einem katholischen in Freimann. „George Jaunzemis/Anna aus den Akten“, sagt er. Erst mit drei Pfarrer, sie fertigte auch Gummiteile für Jaunzemis“, so hatte sie sich und den Jun- oder vier Jahren beginnt der Mensch sich Schuhe in einer Fabrik an, am Abend gen angemeldet. Anna hielt den Jungen zu erinnern, in erinnerten Geschichten machte sie weiter, George half ihr, oder eng bei sich, schickte ihn nicht in die zu denken. Manche Details aber speichert er saß auf dem Fußboden und baute Mo- deutsche Schule, hielt ihn von deutschen das Gehirn schon früher ab. dellflugzeuge. Kindern fern. An die Zeit vor München, an Brüssel, Sie sprachen wenig, seine Mutter konn- Die Kaserne in München ist das Erste, erinnert er sich nicht mehr. Nur die Akten te nicht schreiben, sie las ihm nie etwas woran er sich erinnern kann. Er saß am erzählen von Brüssel, von Annas Tat. vor. Manchmal hatte George das Gefühl, „Hier“, sagt George Jaunzemis, „das dass die Wände um ihn herum einfallen war der Punkt, an dem sie mich mitge- und ihn zerdrücken würden. nommen hat.“ An die Wohnung damals, sagt George, „Kidnapping“, sagt er in breitem neu- der 70-Jährige, könne er sich noch erin- seeländischem Englisch. In seinen Unter- nern. Er dreht an seinem Tisch in Riga lagen steht es auf Seite drei. das Millimeterpapier um und malt sie auf. Direkt nach dem Krieg, das war die „Die Räume waren klein“, sagt er. „Das Zeit, in der Millionen von Entwurzelten, war in der Rugby Street.“ von Flüchtlingen und Vertriebenen, von Oder war es in Darfield? „Displaced Persons“, so hieß es damals, Oder die Orbell Street? durch Europa zogen, Anna war eine von Er bekommt die Stationen aus seinem ihnen. Und auch eine gewisse Gertrud, Leben durcheinander. Er blättert durch die aus Magdeburg kam. die Akten. Sie wissen besser, wo er ge- Die Akten sagen es: Unter den Flücht- wesen ist. Er zog 16-mal um mit seiner lingen in Brüssel, im Sommer 1945, war Mutter. Sie war auf der Flucht. auch eine dreiköpfige Kleinfamilie na- Acht Jahre alt war George, als Anna mens Vandevelde: Gertrud, Georges leib- Jaunzemis am 26. Juni 1949 mit ihm Neu- liche Mutter, Albert, sein Stiefvater, und seeland erreichte, mit der „Dundalk er selbst, der dreijährige Sohn. Bay“, 138 Meter lang, die von Triest aus Albert war Belgier, war Zwangsar- in 36 Tagen über die Meere nach Wel- Mutter Gertrud, Stiefvater Albert um 1965 beiter gewesen in Magdeburg, dort hatte lington kam. „Ich erinnere mich an den „Sie ist vor zwei Jahren gestorben“ sich die verwitwete Gertrud in ihn ver- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 55
  • 56.
    Gesellschaft liebt. Noch imMai 1945 hatten sie ge- te nicht hineingehört. Anna habe auch mer als sicher annahmen, nämlich dass heiratet. Sie hatten es mit einem Trans- anderen geholfen. Sie habe mal einer die Erde fest steht, ist in wenigen Augen- port nach Belgien geschafft, in Alberts Gruppe Ungarn, die auch geflüchtet wa- blicken weg gewesen. Was ist, wenn das Heimat. Weil sie keine Papiere hatten, ren, 100 Pfund geschenkt für Möbel und im eigenen Haus, im eigenen Leben pas- hielt man das Paar bei der Ankunft in Tapeten. siert? George Jaunzemis machte es miss- Brüssel fest. Den Jungen schickten die Und seine leibliche Mutter? Gertrud? trauisch. Auf der Terrasse, im Garten, war Beamten in ein Haus vom Sozialen „Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“ er glücklich, aber er hatte auch Angst. Dienst. Eine Frau aus Lettland war auch Als der braune Umschlag in Riga ein- Klaus-Dieter, Gerdas Sohn, konnte vie- dort untergebracht. Sie war 52 Jahre alt, traf, nach 32 Jahren Suche, rief George le Fragen beantworten, aber nicht alle. und ihr Name war Anna Rauze. Sie Jaunzemis als Erstes eine Telefonnummer Es scheint, als ließen sich nie alle Fra- sprach den Jungen an, sie kümmerte sich aus Deutschland an, die darin stand, mit gen beantworten, als gebe es in jeder Er- um ihn. Dann, in einer Nacht, nahm sie Berliner Vorwahl, 030. Es meldete sich zählung noch einen Rest, der wieder eine ihn mit. ein Winkler, Klaus-Dieter, aus Berlin- neue Erzählung verlangt. Die Erzählung, Albert kam schnell wieder frei, bei Treptow-Köpenick, er war ein Mitglied die wahre Geschichte, die der Mensch er- Gertrud dauerte es drei Monate. Sie such- der Familie. Es gebe zehn weitere Fami- zählen will, ist kein Gegenstand. Sie ist, ten den Sohn, aber Anna war mit dem lienmitglieder, erzählte der Mann am Te- wie die Identität, nur ein Oberbegriff. Sie Kind längst weg. Sie floh, erst durch lefon. Die meisten lebten in Magdeburg. lässt sich nicht erarbeiten mit einer Häk- Europa, dann übers Meer, war immer ein Ein paar Tage später setzte George sich chenliste und dann beschreiben. bisschen schneller als die Suchmeldun- mit Vija in einen Bus und fuhr 20 Stunden Warum war Anna wie Gertrud zuerst gen, die ihr folgten. lang dorthin. in Magdeburg und dann in Brüssel? Wer war Anna Jaunzemis? Ein Arbei- Hinter einem Jägerzaun in einer kleinen Kannten sich Anna und Gertrud? Warum terkind aus Riga, sie hatte acht Geschwis- Straße von Magdeburg standen sie ver- hatte Gertrud, die beim Roten Kreuz die ter, arbeitete als Hausangestellte, sie sammelt, Männer in gebügelten Hemden, Suchanfrage gestellt und erfahren hatte, wohnte an 23 Adressen, das ergab die Su- Frauen in Blusen, sie winkten ihm zu. dass ihr Sohn in Neuseeland war, warum hatte sie ihn nicht zu sich geholt? Mochte Albert, der Stiefvater, keine Kinder? George Jaunzemis hat versucht, auch diese Fragen zu beantworten. Er hat ver- sucht, seinen Stiefvater zu sprechen. Aber Albert wollte nicht, nach einem Schlaganfall konnte er kaum mehr reden. Er ließ nur ausrichten, es tue ihm leid. Mehr sagte er nicht. Im vergangenen Sommer starb auch er. George Jaunzemis hat lange nach sei- ner wahren Geschichte gesucht, 32 Jahre lang. Er hat geglaubt, sie gefunden zu ha- ben, in einem Umschlag in seinem Brief- kasten, Daten, Namen von Menschen und Orten. Sie überwältigten ihn zunächst, sie beantworteten viele Frage, die ihn RIVO SARAPIK / EST&OST lange beschäftigt hatten. Weiß er deswegen, wer er ist? „Ich fühle mich jetzt vollständig“, sagt er und lächelt. Er verstehe sich jetzt. Er begreife, warum er in der deutschen Spra- Ehepaar Jaunzemis im Staatsarchiv von Riga: Beschwingt durch Peter Alexander che immer etwas Vertrautes hörte. War- um er immer Bach mochte und Beet- che in den Rigaer Archiven. Es liefen Ver- „Du siehst aus wie deine Schwester“, hoven, und warum er in Neuseeland, am fahren gegen Anna wegen Diebstahls, ihr sagte Klaus-Dieter zu George. „Du hältst anderen Ende der Welt, schon immer be- erster Mann war in Russland gefallen, ihr die Hände auf dem Bauch wie sie.“ schwingt war bei Liedern von Peter Alex- zweiter Mann, er hieß Rauze, trennte Zum ersten Mal erzählte ihm jemand, ander. sich, da war sie 33 Jahre alt und kinderlos. dass es diese ältere Schwester Gerda gab. Als er seine Vergangenheit suchte, fand Sie verließ Lettland am 7. Oktober 1944, Gerda, erzählte die Verwandtschaft, war George Jaunzemis seine Zukunft. Er gelangte nach Magdeburg und von dort von ihrer Mutter Gertrud in Magdeburg suchte nach Daten und fand Vija, er weiß nach Brüssel. bei der Großmutter zurückgelassen wor- nun auch ihretwegen, wer er ist, Vijas George Jaunzemis zeigt noch ein an- den, als sie 1945 mit Albert und George Mann. Auch, wenn sie weitersuchen in deres Bild, ein Porträt von sich, als kleiner nach Brüssel aufbrach. Wenn Gertrud aus den Archiven, immer dienstags und don- Junge. Es hatte auch im Umschlag gele- Belgien zu Besuch kam, das tat sie gele- nerstags, George mit seiner Brille, Vija gen. Auf dem Bild sah er das erste Mal, gentlich, fragte Gerda nach dem kleinen mit der Lupe, sie wissen, die wahre Ge- wie er ausgesehen hatte als Kind. „Ich Bruder. Die Mutter sagte dann, sie wisse schichte eines Menschen lässt sich nicht habe es nie gewusst“, sagt George. nichts über ihn. nur aus seiner Herkunft erzählen. Denkt er noch an Anna? „Ich habe oft geträumt, eine Schwester George Jaunzemis holt das letzte Pa- „Ich versuche, das zu lassen.“ zu haben“, sagt George. Ihm laufen Tränen pier aus dem braunen Umschlag. Darauf Ist er böse auf sie? über die Wangen. Auch Gerda hat er ver- erfuhr er das erste Mal, wie sein echter „Ich war böse. Jetzt bin ich es nicht passt, in seinen Träumen hat er sie gesehen. Name ist. Er liest aus dem Dokument: mehr.“ Er sagt, Anna sei auch gut gewe- Auch sie ist gestorben, vier Jahre zuvor. „Geboren wurde ich als Peter Thomas sen, das sagt er leise. So, als hätte er Als in Japan die Erde bebte, gab es am 28. Oktober 1941 in Ottersleben bei Angst, dass dieser Satz in seine Geschich- Menschen, die sagten: Etwas, das sie im- Magdeburg. So steht es in meinem Pass.“ 56 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 57.
    Gesellschaft BERLIN Ein Herz für Hama ORTSTERMIN: Wie in einem Berliner Hinterhof am Sturz des syrischen Diktators Assad gearbeitet wird D ie Adresse muss geheim bleiben, komitees sind die Patenkinder, die er und bekomme ein Komitee im Monat. Ein Ku- sagen sie, weil man auch hier seine Freunde vermitteln. rier sei umgekommen auf seinem Weg, nicht ganz sicher sein kann, in ei- In Abazids Heimatstadt Daraa fing es sonst habe bisher alles funktioniert. nem Berliner Hinterhof, wenn man gegen an, dort gab es die ersten Demonstra- Die Komitees schicken Berichte zurück. Baschar al-Assad kämpft, den syrischen tionen. Abazid ist 38, er kam vor zwölf Die deutschen Paten sollen wissen, was Diktator. Vom Hinterhof aus betreten Jahren aus Syrien als Student nach mit ihrem Geld geschieht. Perabo öffnet Aktham Abazid und zwei deutsche Deutschland und blieb, um dem Militär- ein Dokument. Leute aus Midan, einem Freunde ein Büro, das aussieht wie eine dienst zu entgehen. Er entzog sich der Viertel von Damaskus, haben sich gemel- Abstellkammer. Draußen dämmert es, sie Diktatur, aber ein richtiger Oppositionel- det. 2250 Euro bekamen sie bisher. „Ge- klappen ihre Laptops auf, es gibt Plastik- ler sei er vorher nicht gewesen, sagt er. kauft haben wir Speicherkarten, Mobil- stühle, eine Internetverbindung, mehr Neben ihm sitzt Elias Perabo, 31, er telefone und Sim-Karten, werden zwei brauchen sie nicht. Abazid schreibt drei machte Urlaub mit seiner Freundin in Sy- Internetanschlüsse und vier Telefonrech- Namen auf einen Zettel: nungen bezahlen“, schrei- Hama, Aleppo, Derik. ben sie. Außerdem reiche Drei Städte in Syrien, in das Geld für Drucker, Pa- denen Leute in versteckten pier und die Miete für zwei Büros sitzen wie sie und Wohnungen. auf ihre Hilfe warten. Drei „Die Komitees bekom- Orte, die sie neu aufneh- men nicht mehr Geld, weil men wollen in ein Hilfspro- sie keine Waffen kaufen sol- gramm für die syrische Op- len“, sagt Abazid. Die Idee position, das sie sich aus- sei eine friedliche Revoluti- gedacht haben. on. Er glaube an diese Idee, Die Arabische Liga zog sagt Abazid, noch immer. ihre Beobachter aus Syrien Kontrollieren können sie wieder ab, China und Russ- nicht, was mit dem Geld CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL land verhinderten eine Re- geschieht. Sie müssen selbst solution gegen Assad im unter Kontrolle stehen. Uno-Sicherheitsrat. Es gibt „Bei uns gibt es 16 ver- jetzt noch die „Freunde Sy- schiedene Sicherheitsdiens- riens“, Politiker aus 60 Län- te“, sagt Abazid. Seit er dern, die versuchen, auf sich aus der Ferne dem Auf- den Diktator einzuwirken. Spendensammler Abazid: Drucker, Papier, Sim-Karten stand in seiner Heimat an- Und es gibt Aktham geschlossen hat, wurden Abazid und seine Freunde seine Mutter und seine in Berlin. „Adopt a Revo- Schwester bedroht, sein lution“, so haben sie ihr Programm ge- rien, als die Menschen dort anfingen zu Onkel verhört. Und man weiß: Der sy- nannt. Adoptieren Sie eine Revolution. demonstrieren, das Land kannte er vor- rische Geheimdienst greift bis nach Sie suchen nach deutschen Pateneltern her nicht. Perabo öffnet eine Karte von Deutschland. Zwei mutmaßliche Spione für den syrischen Aufstand. Syrien auf seinem Laptop, darauf 26 Assads wurden in Berlin vor kurzem fest- Es gibt solche Patenschaften für Kinder blaue Punkte, so viele Komitees unter- genommen. aus armen Ländern, für Bäume, sogar für stützen sie bisher, fast 85 000 Euro an Aber soll man die Leute in Syrien des- Kästen mit toten Insekten im Berliner Na- Spenden bekamen sie seit Januar, sagt er. halb allein lassen, so wie es der Rest der turkundemuseum kann man Pate werden. An diesem Abend nehmen sie drei wei- Welt macht? Das Prinzip ist dasselbe, die Paten geben tere Komitees auf, drei neue Patenkinder, Auf den Bildschirmen blinkt eine neue Geld, einmal oder regelmäßig, und fühlen Hama, Aleppo, Derik. E-Mail, es ist Freitag, der Tag, an dem sich einer Sache verbunden. Hama liegt 50 Kilometer nördlich von viele Syrer erst in eine Moschee gehen, Der syrische Aufstand ist etwas schwie- Homs, der Stadt, in der der Aufstand zum dann auf eine Demonstration, dann ins riger zu vermitteln als Kinder oder kran- Krieg geworden ist. In Aleppo, der alten Internet. ke Wälder, aber es geht. Abazid spricht Händlerstadt, bitten Aktivisten um 350 Die Mails sind voller Zahlen, 25 Tote von kleinen Gruppen, die überall vor Ort Euro für Miete, 100 Euro für Lebensmittel in Hama, 16 Tote in Homs, 10 in Hasakah, den Aufstand organisieren. „Revolutions- im Monat. Derik liegt im armen Nord- 3 in Daraa, 4 in Aleppo, 6 in Idlib, so geht komitees“ nennen sich diese Gruppen. osten, im Kurdengebiet. Auf Arabisch es weiter, Mail um Mail, Liste um Liste. Sie planen Demo-Routen mit Google heißt der Ort Malikijah. Es ist Freitag. In Syrien sterben die Earth, filmen mit ihren Handys, stellen In den Untergrund kann man kein Geld Menschen. Es gehe ihm um die Frage, die Filme auf Facebook oder YouTube. überweisen, Helfer schmuggeln die Spen- sagt Abazid, „ob sich jemand für sie inter- Sie tanzen auf den Demos, wenn alles den ins Land, Bargeld, in überschaubaren essiert“. gutgeht, sagt Abazid. Die Revolutions- Beträgen. Mal 700 Euro, mal 900 Euro WIEBKE HOLLERSEN D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 57
  • 58.
    Trends DEUTSCH E BANK Hohe Abfindungen Als Durchmarsch der Investmentban- ker lesen die Traditionalisten in der Deutschen Bank den Umbau der Füh- rung unter Anshu Jain und Jürgen Fit- schen. Vergangene Woche war be- kannt geworden, wie die Nachfolger Josef Ackermanns die Bankspitze be- setzen wollen: Sie drängen Risiko- vorstand Hugo Bänziger und Personal- chef Hermann-Josef Lamberti aus dem Vorstand und ziehen ihre Gefolgs- leute nach. Die Führung wird weniger deutsch und stärker von Investment- bankern geprägt sein. Allein im Vor- stand sitzen mit Stephan Leithner, Hen- ry Ritchotte und Bill Broeksmit drei neue Investmentbanker mit ausländi- schem Pass. Doch im erweiterten Vor- stand, der künftig 17 Manager umfassen soll, erhält auch die deutsche Fraktion JOCHEN ZICK / KEYSTONE Zulauf: Christian Ricken, 45, seit 1996 in der Bank, vertritt künftig neben Vor- standsmitglied Rainer Neske das Privat- kundengeschäft. Ricken gilt als Neskes Deutsche-Bahn-Zentrale in Berlin DAT E N S C H U T Z DGB gegen Gesetzentwurf HANNELORE FOERSTER / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES Der Deutsche Gewerkschaftsbund tat. Damit würde der automatisierte (DGB) fordert den Bundestag auf, den Datenabgleich der Deutschen Bahn Gesetzentwurf zum Beschäftigtenda- von 2009 künftig erleichtert. Zudem tenschutz zu stoppen. Mit einem Brief solle das Fragerecht des Arbeitgebers an alle Bundestagsabgeordneten ver- bei Einstellungen ausgeweitet werden schickte DGB-Chef Michael Sommer ebenso wie die Möglichkeit, ärztliche am vergangenen Donnerstag eine Re- Untersuchungen zu verlangen, so die solution des DGB-Bundesausschusses. Befürchtungen des DGB. Der Entwurf Jain Der Regierungsentwurf des Innenmi- sei nicht geeignet, so Sommer, „ekla- nisteriums habe nichts mit dem Schutz tante Eingriffe in die Grundrechte von rechte Hand und soll vor allem die Inte- der Arbeitnehmer zu tun, heißt es dar- Beschäftigten einzuschränken“. gration der Postbank vorantreiben. Da- in: „Die Interessen des Arbeitgebers mit sind nur noch zwei Positionen in an Ausforschung und Überwachung der erweiterten Führung offen. Als werden vielmehr in den Vordergrund Kandidaten für das Asien-Geschäft gel- gestellt.“ Nach den Datenschutzskan- ten der Inder Ashok Aram und Boon- dalen etwa bei Deutscher Bahn, Tele- Chye Loh aus Singapur. Die Suche kom oder Lidl wird seit Jahren über nach einem Amerika-Chef dürfte noch ein Gesetz debattiert, das festlegt, wel- einige Wochen dauern. Der Ausstieg che Daten ein Arbeitgeber über seine von Bänziger und Lamberti wird für Beschäftigten sammeln darf. Bereits im die Bank wohl teuer werden: Intern ist Dezember 2010 lag ein Gesetzentwurf CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL jeweils von einer Abfindung im hohen vor. Der DGB kritisiert , dass das soge- einstelligen Millionenbereich die Rede. nannte Screening, der Abgleich von Beide haben noch Verträge bis 2014. Mitarbeiterdaten, schon erlaubt wer- Auf den Wechsel an der Spitze stellt den solle, wenn nur das Risiko für be- sich die Bank unterdessen auch kulina- trügerische Handlungen vorliege – und risch ein: In den Zwillingstürmen eröff- nicht erst bei einer schwerwiegenden net demnächst ein vegetarisches Re- Pflichtverletzung oder bei einer Straf- Sommer staurant. Anshu Jain isst kein Fleisch. 58 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 59.
    Wirtschaft GESUNDHEIT Zu viel Folsäure ist zum Beispiel in der Lage, einen Vitamin-B- 12-Mangel zu verdecken, aus dem dann eine Schädigung des Nervensystems folgen kann. Der Gehalt an Folsäure in frisch Zu viel Folsäure im Saft abgefüllten Vitaminsäften ist laut der Studie so hoch, dass be- reits drei Gläser Saft (0,6 Liter) „die tolerierbare Tageshöchst- Zu viel des Guten kann auch schädlich sein: Das Bundesfor- menge“ überschreiten. Die Unterschiede zwischen den einzel- schungsinstitut für Ernährung hat festgestellt, dass in handels- nen Säften seien bereits von der Abfüllung an erheblich, sagt üblichen Multivitaminsäften die auf der Verpackung angege- ein Mitarbeiter des Instituts für Ernährungsforschung. Weil sich bene Menge an Folsäure im Durchschnitt um 80 Prozent über- Folsäure im Lauf der Monate in den Säften wieder abbaut, schritten ist. Folsäure ist ein lebenswichtiges Vitamin, das dosieren die Hersteller die Menge offenbar zunächst sehr hoch, insbesondere in grünem Salat oder Spinat vorkommt. Aller- damit auch am Ende der Haltbarkeitsspanne noch die auf der dings wird eine Überversorgung zunehmend kritisch gesehen. Verpackung angegebene Menge mindestens enthalten ist. L U F T FA H R T tens: Dieses deutsch-französische Ge- SPIEGEL: Wenn Sie es ernst meinen mit meinschaftsprojekt muss auch in den Ihrem Kampf für deutsche Interessen, beiden Konzernzentralen in Deutsch- müssten Sie nach dem Einstieg der „Faire Balance“ land und Frankreich seinen äußeren Ausdruck finden. Zweitens geht es bundeseigenen KfW bei Airbus eigent- lich einen Vertreter in den Verwal- Peter Hintze, 61, darum, dass wir auch in Deutschland tungsrat schicken. Streben Sie selbst Luft- und Raumfahrt- einen fairen Anteil an den Entwick- das Amt an? HANS-CHRISTIAN PLAMBECK koordinator der lungszuständigkeiten haben wollen, da- Hintze: Ich kann Sie beruhigen: Ich Bundesregierung, über mit nicht nur die Produktion hier statt- werde dort nicht einziehen. Über die den Führungsstreit findet, sondern auch die Entwicklung Konsequenzen einer stärkeren staatli- beim deutsch-fran- neuer Flugzeugtypen. Ich will, dass chen Beteiligung bei Airbus wird aber zösischen Flugzeug- die hochqualifizierten Zulieferer in zu sprechen sein. Als Miteigentümer konzern EADS Deutschland weiterhin einen substan- haben wir eine Vorstellung von der tiellen Beitrag zu Airbus leisten können. Zukunft des Unternehmens. SPIEGEL: Sie fordern, bei der Besetzung SPIEGEL: Ihr Brief an von Managementposten wieder Herrn Enders wurde stärker auf den Proporz zwischen öffentlich und sorgt für Deutschen und Franzosen zu achten. großen Ärger bei EADS. Warum? Noch-Chef Louis Gal- Hintze: Mein industriepolitisches Ziel lois verbat sich bereits ist es, Forschung, Entwicklung und jede Einmischung. Und industrielle Produktion im Flugzeug- nun? bau in Deutschland stark zu halten. Hintze: Unser lebendiges Bei allen fälligen Neuorganisationen Gespräch geht weiter. von EADS sollten wir an dessen Ich habe mit Herrn En- Gründungsidee festhalten: eine faire ders vereinbart, dass wir Balance zwischen Deutschland und uns noch im März zu- Frankreich. sammensetzen und diese ARNE WEYCHARDT / WIRTSCHAFTSWOCHE SPIEGEL: Der neue EADS-Chef Thomas Fragen besprechen. Ich Enders möchte einige ausgewählte respektiere unterneh- Management-Positionen von Otto- mensinterne Entschei- brunn nach Toulouse verlegen. Nun dungen. Ich erwarte wollen ausgerechnet Sie als Politiker aber, dass das Unterneh- ihm vorschreiben, wie er die Firma men auch Verständnis organisieren soll? für das besondere Ver- Hintze: Es geht nicht um einzelne Posi- hältnis der Trägerstaaten tionen, sondern um das Prinzip. Ers- Airbus-Produktionshalle in Toulouse zu EADS hat. F I N A N Z A F FÄ R E N Objekte im In- und Ausland durch- in Ermittlungsakten zum Verfahren ge- sucht, um einem Netzwerk von mut- gen die beiden Ex-Aktionärsschützer maßlichen Börsenbetrügern nachzu- Markus Straub und Tobias Bosler auf. Razzia bei Bekannten spüren. Sie sollen Aktienkurse kleine- rer Firmen gezielt nach oben gedrückt Beide stehen zurzeit in München we- gen ähnlicher Vorwürfe vor Gericht Eine Riege altbekannter Verdächtiger und anschließend Kasse gemacht ha- und wollen einen Freispruch durchset- spielt auch bei den Ermittlungen der ben. Knapp ein Dutzend der gut 30 zen. Einer ihrer früheren Spezls, der Münchner Staatsanwaltschaft wegen Beschuldigten, darunter vor allem Au- ehemalige „Focus Money“-Journalist des Verdachts auf illegale Marktmani- toren von Finanzmedien oder Börsen- Oliver Janich, ist nun erneut ins Visier pulation eine tragende Rolle. Vorver- briefen, wird von den Fahndern schon der Ermittler geraten. Er habe nichts gangene Woche hatten rund 200 Poli- seit längerem beobachtet. Ihre Namen „Widerrechtliches oder Unmoralisches zisten und 11 Staatsanwälte knapp 90 tauchten bereits vor etwa zwei Jahren getan“, beteuert er. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 59
  • 60.
    Wirtschaft N A C H H A LT I G K E I T Deutschland – ein Ökomärchen Die Energiesparbirne endet als Sondermüll, das Hausdämmen fördert Fäulnis, und aus dem Gully dringt Gestank, weil alle am Wasser sparen. Warum wir beim Versuch, die Umwelt zu schützen, chronisch scheitern. Von Alexander Neubacher D ie Deutschen sind für Umwelt- schutz, die Natur liegt ihnen am Herzen. Wir mögen die Tiere und die Pflanzen, den blauen Himmel und das Meer. Wir wollen, dass unsere Kinder in einer intakten Umgebung aufwachsen, und wir gehen mit gutem Beispiel voran. Die Welt soll gerettet werden? Wir sind dabei, wir tun unser Bestes. An uns soll es ganz gewiss nicht scheitern. Früher hat Deutschland seinen Nach- barn den Krieg erklärt, heute erklären wir ihnen, wie sie der Atomkraft ent- sagen. Den Titel des Exportweltmeisters haben wir verloren, im Welt-Fußball reicht es gerade für Platz drei, aber beim gelben Sack macht uns niemand etwas vor. Der saure Regen und das Waldster- ben haben unseren Blick für die Zerstö- rungskraft der Zivilisation von Kindes- beinen an geschärft, auch wenn der deut- sche Wald wider Erwarten überlebt hat. Nun geht es darum, unseren ökologi- schen Fußabdruck zu minimieren. Don- nerstags ist Veggieday, Omas Kurbel- waschmaschine kommt wieder in Mode. Ratgeberseiten im Internet halten Öko- tipps für alle Lebenslagen bereit, von der Mondphasen-Kosmetik bis zum Vibrator ohne chemischen Weichmacher. Es gibt Urnen aus Maisstärke und Särge aus Pap- pe; so treten wir ökologisch korrekt selbst die letzte Reise an, eine finale gute Tat, bevor dann alles zu Kompost wird. Wenn etwas der Umwelt dient, entfällt jede Begründungsnotwendigkeit; wo ein Öko-Label draufklebt, erübrigt sich jeder Streit. Die politischen Parteien sind sich im Prinzip einig: Umwelt kann es nicht 56 Prozent genug geben. Kein fortschrittlicher Politi- ker will sich dem Verdacht aussetzen, es mangle ihm an ökologischem Bewusstsein, aller Wasserfla- sonst wäre seine Karriere am Ende. schen sind Ein- Weil die Umweltpolitik edle Ziele ver- wegverpackun- folgt, sind Umweltpolitiker gegenüber gen aus Plastik, ihren Kollegen, die sich mit Staatsfinan- ständig werden zen, innerer Sicherheit oder Rentenbei- es mehr. Das HEIKO SPECHT / IMAGETRUST tragssätzen herumschlagen, moralisch im Dosenpfand soll- Vorteil. Die positive Aura im Umweltmi- te den Trend stop- nisterium ist so stark, dass sie einen Tech- pen, doch das nokraten wie Jürgen Trittin in mildes Gegenteil trat ein. Licht tauchte. Der derzeitige Amtsinha- Plastikabfall ber Norbert Röttgen, ein kühler Stratege, 60 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 61.
    der vor einpaar Jahren gern als Spitzen- Zwang nicht verzichten; das Polizei- und statt nach unten – na und? Wir stellen lobbyist zum Bundesverband der Deut- Ordnungsrecht hält die nötigen Instru- trotzdem im Wandel der Jahreszeiten un- schen Industrie gewechselt wäre, gibt mente bereit. sere Uhren um, erst eine Stunde vor, jetzt den Ökoheiligen, der mit dem Fahr- Ob eine Umweltschutzmaßnahme den dann eine Stunde zurück. rad zur Kanzlerin rollt. gewünschten Erfolg hat, ist dann am Ende Wir kaufen im Bioladen, tanken E10 Im Gesetzgebungsverfahren geht die gar nicht so wichtig. Das Dosenpfand hat und steigen auf Ökostrom um. Unsere Politik die Probleme dann mit bürokra- nicht nur die Dose vom Markt gefegt, son- Häuser sind mit Solardächern gedeckt und tischer Gründlichkeit an. Das Bundes- dern leider auch die ökologisch vorteil- mit Dämmplatten beklebt. Das verschafft umweltministerium ist nicht zufällig aus hafte Mehrwegflasche – aber egal: Das uns ein gutes Gefühl. Die Frage ist nur: einer Abteilung des Bundesinnenminis- Pfand bleibt, wie es ist. Was hat eigentlich die Umwelt davon? teriums entstanden. Weil Umweltschutz Ausgerechnet in den Umweltzonen ex- für Wirtschaft und Verbraucher in der Re- plodieren die Feinstaubwerte – doch was Müll gel mit Belastungen, mindestens aber mit soll’s. Der Plakettenzwang wird ausge- Ich trenne meinen Müll. Vor meiner Haus- Unbequemlichkeiten einhergeht, lässt dehnt. Die Sommerzeit treibt wider Er- tür stehen, symmetrisch geordnet, vier sich auf straffe Beplanung, Lenkung und warten den Energieverbrauch nach oben Tonnen: rechts blau für Papier und gelb für Plastik, links braun für Gartenabfälle und grau für den Rest. Das sieht nicht schön aus. Es riecht auch etwas streng, zumal an Sommertagen, wenn ich gern draußen säße. Doch mir ist klar, dass ich Opfer bringen muss. Die deutsche Verpackungsverordnung wird respektiert, das Kreislaufwirtschafts- gesetz hoch geachtet. Joghurtbecher sind „restentleert“, „tropffrei“ und „löffelrein“ zurückzugeben, so steht es in den Regeln des Dualen Systems. Nicht wenige stellen den Becher sogar in die Geschirrspülma- schine, bevor sie ihn in den gelben Sack stopfen. Doch dann passiert etwas Merkwürdi- ges. Mein Joghurtbecher, den ich so lie- bevoll gespült und sortiert habe, wird gar nicht recycelt. Er wird wieder mit dem ganzen anderen Müll zusammengekippt. In einem Ofen. Und dort wird er dann verbrannt. Ja, das ist erlaubt. Genau 36 Prozent des Plastikmülls muss das Duale System „wertstofflich verwerten“, also recyceln, so steht es im Gesetz. Mit den restlichen 64 Prozent kann die Müllfirma machen, was sie will und womit sie das meiste Geld verdient. Der Dreck landet in der Verbrennungsanlage; man spricht von „thermischer Verwertung“. So findet der Kreislauf ein jähes Ende. Der von der Bundesregierung ein- gesetzte Sachverständigenrat für Umwelt- fragen plädiert seit Jahren dafür, das gan- ze System gründlich zu überdenken. Zwei 147 Gramm Mülltonnen würden im Prinzip ausrei- chen, so die Experten: die erste für feuch- ten Abfall wie Essensreste und Windeln, die zweite für den ganzen Rest. Der Müll aus der feuchten Tonne wird zunächst genutzt, um Biogas zu erzeugen, Kohlendioxid ver- und anschließend verbrannt. Der Trocken- ursacht ein müll wird automatisch sortiert und so weit Elektroauto pro wie möglich recycelt. Es handelt sich um Kilometer, wenn ein Konzept, das viele Vorteile hätte. Der es mit herkömm- Bürger hätte weniger Arbeit. Der Umwelt lichem Strom wäre geholfen. Alles würde einfacher. betrieben wird – Doch daraus wird nichts. Stattdessen RICHARD WAREHAM / CARO weit mehr als ein ist jetzt zwischen den privaten Entsor- normales Benzin- gungsunternehmen und den Abfallfirmen fahrzeug. der Kommunen ein Streit darüber ent- Elektroautos brannt, wer für welchen Abfall zuständig ist. Seit kurzem haben wir deshalb eine D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 61
  • 62.
    fünfte Tonne, die„Wertstoff- Umso erstaunlicher ist die Re- tonne“. naissance, die das giftige Schwer- Als ich eines Abends von der Arbeit kam, stand sie da, grell orange, 240 Liter Fassungsvermö- gen. In unserer Einfahrt ist es 5 Milligramm metall bei uns zu Hause erlebt. Wie alle guten Europäer sind wir dabei, unsere alten Glühbirnen durch moderne Energiespar- noch enger geworden, aber dar- leuchten zu ersetzen. So hat es an werde ich mich bestimmt ge- Quecksilber ste- die Kommission der Europäi- wöhnen. Ich denke darüber nach, cken in einer ein- schen Union verfügt. Dass jede eine sechste Tonne für das Alt- zelnen Energie- Sparleuchte bis zu fünf Milli- glas anzuschaffen, das wir bis- sparbirne, ein Fall gramm Quecksilber enthält, gilt lang provisorisch in einem Kar- für die Sonder- als notwendiges Übel, denn sie ton an der Kellertreppe unterge- mülldeponie. verbraucht weniger Strom als bracht haben. Mit sechs Tonnen Auch die Lampen- herkömmliche Birnen. wäre auch die Symmetrie wie- produktion in Leicht fällt uns der Abschied derhergestellt. China belastet nicht. Wir mochten die alte Glüh- birne. Wenn man sie anknipste, JOERG KOCH die Umwelt stark. Energiesparleuchten Wasser brannte sofort das Licht; das Die Duschkopftechnik hat in den kann man von unseren neuen vergangenen Jahren eine rasante Lampen nicht behaupten. Man Entwicklung vollzogen: weg vom Wasser, den Aromasorten Lavendel, Zitrus und sollte sie auch nicht auf den Boden fallen hin zur Luft, so regelt es die EU-Ökodesign- Fichtennadel beizukommen. Doch in der lassen, denn dann wird die Ökolampe Richtlinie. Die Zeiten, in denen es genügte, Kanalisation lagern sich auch giftige zum Ökokiller. einfach nur Wasser zu verteilen, sind vor- Schwermetalle wie Kupfer, Nickel und „Eingeatmetes Quecksilber geht übers bei. Heute wird im Innern des Brausekopfs Blei ab. Schwefelsäure greift die Leitun- Blut ins Gehirn“, sagt Gary Zörner vom durch ein kompliziertes Verfahren ein gen an, lässt Stahl rosten und Beton brö- Labor für chemische Analytik in Delmen- Aerosol erzeugt. Der Feuchtigkeitsanteil seln. Dagegen hilft dann auch kein Deo. horst. „Und jedes bisschen Quecksilber in dem erzeugten Luft-Wasser-Gemisch ist Die Wasserwerke müssen ihre Rohre macht ein bisschen dümmer. Das kann bis so gering und der Luftanteil so hoch, dass und Kanäle jetzt immer kräftig durchspü- zur völligen Geistesgestörtheit führen.“ man das Gefühl hat, das Föhnen werde un- len. Was wir oben mit der WC-Stopptaste Wissenschaftler des Umweltbundes- ter der Dusche gleich miterledigt. eingespart haben, pumpen sie unten mit amts haben untersucht, wie gefährlich die Schon unseren Kleinsten bringt die Re- dem Schlauch direkt in die Kanalisation. Energiesparleuchten sind. Sie zerbrachen gierung bei, wie wichtig es sei, verant- In das Berliner Leitungsnetz werden an Lampen aus dem Sortiment eines euro- wortungsvoll mit dem kostbaren Leitungs- manchen Tagen eine halbe Million Kubik- päischen Markenherstellers. Anschlie- wasser umzugehen. „Überlege, wie Du meter Leitungswasser zusätzlich abgelas- ßend maßen sie die Giftkonzentration in Wasser sparen kannst!“, heißt es auf der sen, um, wie es heißt, die „notwendige der Raumluft, einmal nach fünf Minuten, Kinderseite des Umweltministeriums im Fließgeschwindigkeit“ zu gewährleisten. ein weiteres Mal nach fünf Stunden. Internet. „Duschen ist ökologisch besser Nun ist Deutschland ein wasserreiches Alle gemessenen Werte lagen weit jen- als baden. Dreh den Hahn zu, wenn Du Land. Es verfügt über zahlreiche Flüsse seits des Erlaubten. Teils lag die Queck- Dich einseifst. Lass nie Wasser laufen, und Seen. Die Regenmenge, die vom silber-Belastung um das 20fache über wenn Du es nicht brauchst. Vielleicht Himmel auf Deutschland herabfällt, ist dem Richtwert. Auch nach fünf Stunden kannst Du ja auch etwas kürzer duschen.“ fünfmal größer als der gesamte Wasser- war noch so viel Quecksilber in der Luft, So könnte alles in bester Ordnung sein, bedarf von Mensch und Industrie. Weni- dass die Gesundheit von Schwangeren, wenn es nur ein Problem nicht gäbe: Es ger als drei Prozent der Reserven reichten kleinen Kindern und empfindlichen Men- stinkt. Fäulnisgeruch durchweht unsere aus, um alle Haushalte zu versorgen. schen gefährdet gewesen wäre. Straße. Besonders schlimm ist es im Som- Die naheliegende Lösung unserer Rohr- Wegen des Quecksilbers ist es natürlich mer. Halb Berlin liegt dann unter einer leitungsprobleme wäre, wieder mehr Was- streng verboten, kaputte Energiesparlam- Gaswolke. ser zu verbrauchen. Doch so funktionie- pen in den Hausmüll zu werfen. Eine Ein von den Berliner Wasserbetrieben ren die Deutschen nicht. Wer so lange Nürnberger Entsorgungsfirma hat eine gegründetes „Kompetenzzentrum“ ver- darauf gedrillt wurde, beim Duschen mit Maschine erfunden, die jede Birne vor- öffentlichte jüngst eine Liste der beson- einem Minimum an Flüssigkeit auszukom- sichtig zersägt und den Leuchtstoff samt ders betroffenen Ecken. Auf Platz eins men, wirft nicht seine Gewohnheiten über Quecksilber absaugt. Die Mixtur wird steht ausgerechnet der vornehme Gen- Bord. Die Maßhalte-Appelle haben tiefe dann luftdicht in Tüten verpackt und zu darmenmarkt. Auch der Pariser Platz am Spuren in unserer Psyche hinterlassen. jeweils 300 Kilogramm in blaue Tonnen Brandenburger Tor riecht wie ein Windel- verfüllt. Diese werden auf einen Lkw ver- eimer. Und es handelt sich nicht nur um Licht laden und zu einem ehemaligen Salzberg- ein Berliner Problem. In Hamburg, Ros- Quecksilber ist ein gefährlicher Stoff. Es werk im Harz gebracht. Und so landet tock und im Ruhrgebiet sind ebenfalls verdampft bei Zimmertemperatur. Schon die Ökobirne schließlich auf einer Son- ganze Stadtteile betroffen. kleine Mengen schädigen Leber, Lunge dermülldeponie unter der Erde, als gifti- Weil wegen unseres geringen Ver- und Gehirn. Der berühmte Doktor Para- ger Altlast bis ans Ende aller Tage. brauchs zu wenig Wasser durch die Rohre celsus hat sich mit Quecksilber versehent- rauscht, verstopft neuerdings die Kanali- lich umgebracht; seither raten Ärzte da- Dämmen sation. Fäkalien, Urin und Speisereste flie- von ab, es einzuatmen. Zuerst werden die Putten und Simse von ßen nicht mehr ab. Träge schwappt der der Fassade abgeschlagen. Dann kommen braune Schlick durch die viel zu breiten Video: Alexander Neubacher der Stuck und die Giebeldreiecke weg. Rohre und entfaltet dort sein volles Aro- über Ökolügen des Alltags Das alte Mauerwerk verschwindet unter ma. Für Smartphone-Benutzer: matratzendicken Dämmplatten, Farbe Die Wasserwerke versuchen, dem Ge- Bildcode scannen, etwa mit drauf – fertig ist das Energiesparhaus. Die stank durch Geruchsfilter und Duftgel in der App „Scanlife“. fehlenden Altbauteile werden einfach auf- 62 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 64.
    Wirtschaft gemalt. Optisch machtdas keinen großen seien. Sie waren die Voraussetzung für ei- Unterschied, jedenfalls von weitem. ÜBERNAHM EN nen 500-Millionen-Euro-Kredit der BNP. Wer mit Albert Schett vom Hamburger Porsche war zu dieser Zeit in aller- Denkmalschutzamt an den historischen Backsteingebäuden am Dulsberg vorbei- spaziert, dem wird der Unterschied zwi- Theoretisch höchster Not. Wenige Tage später, am 24. März, lief ein 10-Milliarden-Euro-Kredit aus. Sollten die Stuttgarter keine neuen schen gedämmten und ungedämmten Häusern sogar akustisch vorgeführt. „Hö- ren Sie mal“, sagt Schett und pocht gegen brutto Kredite erhalten, drohte der Konkurs. Ein Finanzinstitut gewährte Porsche erst ei- nen neuen Kredit, nachdem der damalige die Fassaden, die neuerdings aus einer Die Anklage gegen Porsches Ex- Chef Wiedeking angeboten hatte, mit sei- mit Backstein-Imitat beklebten Dämm- Finanzvorstand zeigt: Die nem Privatvermögen zu haften. schicht bestehen: „Klingt ganz hohl.“ juristische Aufarbeitung der alten Vor diesem Hintergrund liegt der Ver- Doch was tut man nicht alles, um ein paar dacht nicht fern, dass Porsche den Banken Liter Heizöl zu sparen. VW-Eroberungspläne geschönte Zahlen präsentiert habe, um Das Problem sind jetzt nur noch die birgt noch jede Menge Ärger. an frisches Geld zu kommen. BNP wollte Menschen, die in den thermo-isolierten sich von Porsche unter anderem bestäti- H Häusern wohnen und ein „mangelhaftes ans Richter lädt Besucher gerade- gen lassen, dass der Sportwagenhersteller Lüftungsverhalten“ an den Tag legen, wie zu ein, ihn in puncto Modernität bei seinen damaligen Optionsgeschäften es in einer Broschüre des Bundesbaumi- und Effizienz zu unterschätzen. mit VW-Aktien einen Nettokaufpreis von nisteriums heißt. Dass jede Isolierung das Das Büro des Stuttgarter Oberstaatsan- 70 Euro je Aktie vereinbart habe. Daraus Raumklima verändert, wird leider allzu walts ist vollgestellt mit Regalen, Schrän- errechnete sich allein für diese Geschäfte oft vergessen. Und so breitet sich Schim- ken und einem Schreibtisch, der mit An- ein Kreditbedarf von 4,1 Milliarden Euro. mel aus an Stellen, an denen man es nie bauten gleich mehrfach verlängert wurde. Finanzvorstand Härter bestätigte dies erwartet hätte: im Rollokasten, hinter der Darauf liegen Papierstapel, Mappen und durch seine Unterschrift. Heizung, unter der Fensterbank. Bücher, eine Ordnung ist wohl nur für Oberstaatsanwalt Richter untersuchte Sobald tragendes Gebälk vom Pilz Richter selbst erkennbar. 64 Jahre alt ist die Optionsgeschäfte von Porsche und durchdrungen ist, muss das Haus aufge- Richter, er leitet die größte Abteilung für kam zu dem Ergebnis, der Kaufpreis der geben werden, zumal die Dämmplatten Wirtschaftsstrafsachen in Aktien habe bei 93 Euro mit der Zeit immer feuchter werden. Deutschland und ermit- gelegen, der Kreditbe- „Das ist dann so, als würden wir bei Kälte telt seit mehr als zwei darf hochgerechnet bei einen klatschnassen Pullover tragen“, be- Jahren gegen die einstigen 5,5 Milliarden Euro. Här- schreibt ein Baufachmann die Lage. „Ja, Porsche-Manager Wende- ter und seine beiden Mit- wir dämmen wie die Weltmeister“, sagt lin Wiedeking und Hol- arbeiter hätten die BNP Boris Palmer, Grünen-Oberbürgermeister ger Härter. demnach getäuscht. von Tübingen, „und, ja, wir verschandeln Drei Ermittlungen Härters Anwältin Anne unseren Gebäudebestand ganz bewusst.“ musste er schon einstel- Wehnert hat das Gutach- len: wegen des Verdachts ten eines renommierten Was tun? der Marktmanipulation Experten eingeholt. Er Es wäre gut, würden wir unsere Gewiss- durch Aktiengeschäfte, kommt zu dem Ergebnis, heiten ab und zu einem Realitäts-Check wegen des Verstoßes ge- dass 93 Euro allenfalls unterziehen. Falls sich herausstellt, dass gen Insider-Regeln und eine Art theoretischer wir uns geirrt haben, spricht nichts dage- wegen einer verspäteten Bruttokaufpreis gewesen gen, einen Schritt zurückzugehen und es Börsenmeldung. Doch seien. Von diesem müss- anders zu versuchen. Ein Dosenpfand, jetzt hat der Oberstaats- ten aber noch gut 20 Euro MARIJAN MURAT / DPA das ausgerechnet die umweltfreundlichen anwalt Anklage erhoben abgezogen werden, weil Mehrwegflaschen aus dem Handel drängt, gegen den einstigen Por- Porsche eine entsprechen- sollte grundlegend reformiert werden, sche-Finanzchef Härter, de Prämie je Option von ebenso die Förderung der ineffizienten einen ehemaligen und ei- der Bank erstattet bekom- Solarenergie, die eine oder andere nen noch bei Porsche be- Manager Wiedeking, Härter 2007 men hätte. In dem Schrei- Dämmvorschrift und der gelbe Sack. schäftigten Finanzmana- Geschönte Zahlen? ben der BNP war aber Niemand sollte gezwungen werden, sich ger. Kreditbetrug sollen ausdrücklich der Netto- giftige Quecksilberleuchten ins Haus zu ho- die drei begangen und dem Unternehmen kaufpreis genannt. Deshalb sei die Bestä- len. Es ist unvernünftig, weitere Atomkraft- mit falschen Angaben ein Darlehen über tigung Härters korrekt gewesen. werke abzuschalten, wenn wir dadurch von 500 Millionen Euro erschlichen haben. Die Auseinandersetzung um dieses De- Atomstrom-Importen aus Frankreich ab- Oberstaatsanwalt Richter hat sich in tail zeigt, wie schwierig die juristische hängig werden. Und solange eine einmal alle Verästelungen der Übernahme- Aufarbeitung der Übernahmeschlacht verwendete Papiertüte eine schlechtere schlacht Porsche-VW hineingearbeitet, Porsche-VW ist. Härters Verteidigerin will Ökobilanz aufweist als eine Plastiktüte, soll- bei der der kleine Sportwagenbauer zu- nun erst einmal erreichen, dass das Land- ten grüne Sittenpolizisten noch einmal dar- erst den großen Weltkonzern schlucken gericht Stuttgart die Anklage in Sachen über nachdenken, ob es wirklich der Kunst- wollte und dann selbst zur Beute wurde. Kreditbetrug gar nicht annimmt. stoffbeutel ist, den sie verbieten wollen. Beim Punkt Kreditbetrug zeigt Richter, Die BNP hat sich übrigens nie beklagt, Wer im Bioladen einkauft, sich vegan wie penibel er nach Spuren sucht. sie sei falsch informiert worden. Der Kredit ernährt oder ein Elektroauto fährt, kann In mehreren hundert Aktenordnern, wurde inzwischen zurückbezahlt, Porsche das gern tun. Daraus die Berechtigung ab- welche die Staatsanwaltschaft beschlag- macht weiterhin Geschäfte mit der franzö- zuleiten, man dürfe anderen Leuten eine nahmte, fand sich auch ein Schreiben der sischen Bank. Doch zu den juristischen Be- Lektion in ökologisch korrekter Lebens- französischen Großbank BNP Paribas sonderheiten des Kreditbetrugs zählt, dass führung erteilen, ist indes nicht angebracht. vom 19. März 2009. Darin fragte das Insti- er auch dann strafbar ist, wenn einer Bank Die Dinge sind manchmal komplizierter, tut an, ob verschiedene Informationen zur gar kein Schaden entstanden ist. als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. wirtschaftlichen Lage von Porsche korrekt DIETMAR HAWRANEK 64 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 66.
    Wirtschaft Schlecker-Beschäftigte Soldo, Übler,Weidinger: „Wir haben Anton Schlecker besiegt, theoretisch – es wäre fatal, wenn es sich nicht gelohnt Frauen wie Gunde Weidinger, Tanja HANDEL Übler und Adrijana Soldo. Miss Management Schikane als Methode Eigentlich hat sie immer gern bei Schle- cker gearbeitet, obwohl es Jahre gegeben Zumindest in einem war der Drogerie-Konzern Schlecker seiner hat, in denen Gunde Weidinger mit 17 Zeit voraus: Er beschäftigte überwiegend Frauen. Tausende Abmahnungen überzogen wurde. Wegen Kleinigkeiten: weil sie den „aktiven Ver- bangen jetzt um ihren Job. Drei Schlecker-Frauen – drei Perspektiven. kauf“ unterlassen habe, es also versäumt habe, einen Kunden auf das neue Home- W enn die Rettung des Drogerie- Und obwohl es um insgesamt 30 000 shopping hinzuweisen und ihm den da- Riesen Schlecker etwas mit öf- Jobs geht, bleibt es erstaunlich still im zugehörigen Prospekt in die Hand zu drü- fentlichen Beileidsbezeugungen Land. Kein Wort ist von der Kanzlerin zu cken. Weil sie sich mal bei einer Kollegin zu tun hat, kann Anton Schlecker, 67, sein hören, auch von den zuständigen Minis- krankmeldete, mit der Bitte, es der Vor- Imperium seit vergangenem Donnerstag terien kommt kaum Unterstützung. Selbst gesetzten zu übermitteln, statt es der di- endgültig vergessen. Zur Solidaritäts- der für Ehingen zuständige Ver.di-Mit- rekt zu sagen. Oder weil ihr ein Testkäu- kundgebung in der Ehinger Innenstadt, arbeiter hatte keine Zeit für die Schlecker- fer – und jetzt wird die 46-jährige Filial- dem Schlecker-Sitz, erschienen nur 20, Frauen, er musste woanders einen neuen leiterin wirklich wütend – ein Produkt vielleicht 30 Frauen. Betriebsrat beraten. mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum ins 300 Unterschriften für den Erhalt ihrer Liegt das Desinteresse daran, dass An- Sortiment gestellt habe. Minuten später Arbeitsplätze hatten sie am Ende des Ta- ton Schlecker nicht eben zum Sympathie- habe der Vorgesetzte ebenjenes Produkt ges gesammelt. Und das, obwohl der Pa- träger unter Deutschlands Unternehmern aus dem Regal gezogen und es ihr vorge- triarch nicht nur in Ehingen aufgewach- taugt? Dass die schmuddeligen Filialen halten. Ob sie nicht regelmäßig ihre Re- sen ist, sondern von der schwäbischen auch bei den Kunden zum Schluss kaum gale prüfe? Abmahnung! Kleinstadt aus auch sein Imperium be- noch Anklang fanden? Oder weil fast nur Gunde Weidinger arbeitet seit knapp gründete – bis er vor wenigen Wochen Frauen betroffen sind, wie Gesamtbe- 16 Jahren bei Schlecker im fränkischen Insolvenz anmelden musste. triebsratschefin Christel Hoffmann mut- Zirndorf. Sie hat das andauernde Miss- Von den rund 6000 Filialen des Schle- maßt? trauen gegenüber den Mitarbeitern ertra- cker-Imperiums sollen höchstens 3000 üb- Jedenfalls sind es viele Frauen, und sie gen, die Gängeleien, die Geringschätzung rig bleiben, hat Insolvenzverwalter Arndt haben über Jahre hinweg für wenig Geld der Vorgesetzten. „Sie werden nicht fürs Geiwitz angekündigt. Fast jeder zweite gearbeitet und Druck und Schikanen aus- Denken bezahlt, sondern fürs Arbeiten“, Mitarbeiter in Deutschland wird seinen gehalten, weil sie auf den Job angewiesen hieß es, sobald sie einen Vorschlag vor- Arbeitsplatz verlieren. Mitte dieser Wo- sind. Es sind Frauen, die das System mit- trug. Etwa, welche Artikel man vor dem che soll bekanntgegeben werden, welche getragen, die daran geglaubt haben. Aber Geschäft präsentieren könne. Oder den Standorte es trifft, wer gehen muss. auch solche, die sich aufgelehnt haben. Wunsch, die Filiale mit mehr als einer 66 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 67.
    Dass die Pleitedurch Inkompetenz in ne wieder zurück. Doch das Image war der Führung verursacht worden sei, wie irreparabel beschädigt. „Spätestens da Insolvenzverwalter Geiwitz mehr als hätte sich Anton Schlecker öffentlich hin- deutlich sagte, kann Übler nicht erken- stellen und seinen Fehler eingestehen nen. Wie auch, Tanja Übler war schließ- müssen“, sagt Tanja Übler. „Diese vier lich Miss Management, nicht Missmanage- Wochen haben 20 Jahre Arbeit ruiniert.“ ment. Für sie ist noch heute vieles selbstver- ständlich, was bei anderen Kopfschütteln Rebellion und Konflikte auslöst. Etwa, dass in jeder Filiale ein Bild Dass Schlecker heute flächendeckend ei- des Chefs hängen sollte. „Die Mitarbeiter nen Tariflohn zahlt, ist auch ihr Verdienst. müssen ihn doch kennen, wenn er Adrijana Soldo, 40, ist Betriebsratsvorsit- kommt“, sagt sie. zende von Schlecker in Oberasbach. Im Ihrer Meinung nach hat die Pleite einen Mai 2010 bekam sie für ihren „langjähri- anderen Grund: unsauberer Wettbewerb. gen, engagierten Einsatz“ vom bayeri- „Schlecker ist die einzige Drogerie-Kette, schen Erzbischof Ludwig Schick den Preis die Tariflöhne bezahlt hat“, sagt Tanja „Arbeiter für Gerechtigkeit“. Es war ein Übler. 25 bis 30 Prozent des Umsatzes Preis für ihren „Kampf gegen das Patriar- seien für Löhne draufgegangen – und das, chat des Anton Schlecker“, wie Soldo sagt. wo manche Filialen nur Umsätze von „Wir haben Sozialgeschichte geschrie- 12 000 bis 15 000 Euro im Monat machten. ben“, glaubt sie. Noch nie habe eine Be- FOTOS: PETER ROGGENTHIN / DER SPIEGEL Dieser Kostenblock habe das Unterneh- legschaft, die fast ausschließlich aus Frau- men irgendwann erdrückt. Andere Kon- en besteht, eine derartige Bewegung in kurrenten, „die sich jetzt als Retter insze- Gang gesetzt. 1994 gründete Soldo einen nieren“, würden dagegen überwiegend der ersten Betriebsräte bei Schlecker 400-Euro-Kräfte beschäftigen, selbst eine überhaupt. Damals noch gegen erbitter- Vollzeitkraft verdiene kaum mehr als ten Widerstand: Schlecker verweigerte 1300 Euro im Monat – brutto. die Kostenübernahme für Betriebsrats- Nur einen Fehler sieht die Schlecker- seminare, zog die Zeit vom Gehalt ab. Managerin: die geplante Einführung von Betriebsvereinbarungen mussten häufig hätte“ Zeitarbeit in den neugegründeten Schle- per Schlichterspruch von Arbeitsgerich- cker-XL-Filialen vor knapp drei Jahren. ten erzwungen werden. Anfangs ging es Person zu besetzen. Denn dann wäre viel- Mit diesen Geschäften, die als eigenstän- darum, überhaupt ein Telefon für jede Fi- leicht auch der 26. Oktober 1998 anders dige GmbH gegründet wurden, um alte liale durchzusetzen, damit die Mitarbei- verlaufen. Tarifverträge auszuhebeln, wollte man terinnen im Notfall erreichbar wären. Gunde Weidinger hatte Frühdienst und Geld sparen. Die Verkäuferinnen, die aus Später ging es um die Bezahlung. Dann nahm ab fünf Uhr morgens die Waren den alten Läden in die neuen übernom- um den Einsatz von Leiharbeiterinnen. entgegen. Um 13 Uhr wurde sie von ihrer men wurden, sollten zum Teil ein halbier- Was Anton Schlecker angeordnet hat, Kollegin abgelöst. Um 16 Uhr kam der tes Gehalt akzeptieren, mussten statt 37,5 sei blind umgesetzt worden, ohne Diskus- Anruf, ihre Filiale sei überfallen worden, Stunden nun 42 Stunden arbeiten, beka- sion, selbst wenn es möglicherweise ge- sie möge bitte wiederkommen, die Kolle- men eine Woche weniger Urlaub und we- gen Gesetze verstieß, sagt die zweifache gin könne nicht weiterarbeiten, weil sie der Weihnachts- noch Urlaubsgeld mehr. Mutter. Dabei hatte sie als Handelsfach- mit einem Messer bedroht worden sei. Ein Vorgehen, das Tanja Übler unter wirtin durchaus Ahnung von der Materie. „Das wäre sicher nicht passiert, wenn wir wirtschaftlichen Gesichtspunkten nach- Sie ahnte, dass sich in diesem Betrieb et- zu zweit in der Filiale gewesen wären.“ vollziehen konnte – im Gegensatz zu vie- was ändern musste. Ausgehalten hat sie all das, weil sie ihre len Mitarbeitern und der Öffentlichkeit. „Schlecker hat unsere Betriebsrats- Kunden hatte, die auch noch zu ihr ge- Doch als im Dezember 2009 auch noch arbeit nie als Mehrwert im Unternehmen halten haben, als Schlecker wegen seiner bekanntwurde, dass mehr als zwei Drittel akzeptiert“, sagt Soldo. „Es ging immer Personalpolitik in die Schlagzeilen geriet. der Beschäftigten der Schlecker XL nur darum, wer mehr Macht hat, wer die Doch auch hier bröckelt die Solidarität: GmbH als Leiharbeitskräfte von einer Konfrontationen länger durchhält, wer Das Mitleid schlägt neuerdings in Häme Firma namens Meniar Personalservice die Taktik des Mobbings und Mürbema- um. Häufig würden sie und ihre Kollegin- GmbH rekrutiert wurden, schlugen die chens geschickter anwendet. Um Inhalte nen gefragt, wann endlich Schluss sei und Wogen hoch. Denn der Gründer und Ge- ging es nie.“ Anton Schlecker, so scheint wann man mit den Schnäppchenpreisen schäftsführer von Meniar war zuvor aus- es, hat seine Beschäftigten immer als Geg- zum Ausverkauf rechnen könne. gerechnet Personalbereichsleiter in der ner begriffen. Schlecker-Firmenzentrale. Das habe sich vor etwa zwei Jahren Das Leiharbeitsunternehmen hatte sei- geändert, etwa seit die Schlecker-Kinder Imagekiller Zeitarbeit nen Sitz allerdings nach Zwickau verlegt, Lars und Meike unter dem Slogan „Fit Tanja Übler ist Schlecker. Die 34-Jährige um offenbar auch den Mitarbeiterinnen for Future“ die Wende einleiteten. Wenn ist Bezirksleiterin, sie exekutierte die Vor- in westdeutschen Filialen nur die niedri- Soldo von den letzten Monaten spricht, gaben, die sie vom Management in Ehin- geren Ostgehälter zahlen zu müssen: teil- sagt sie immer „seit der Wende“ – so wie gen erhielt. Wenn sie redet, ist viel von weise weniger als sieben Euro die Stunde. früher DDR-Bürger, die sich 1989 von der der „Umsetzung der Richtlinien“ die Die Gewerkschaft Ver.di kochte, die Kun- SED-Diktatur befreiten. „Wir waren wirk- Rede, von „rentablem Wareneinsatz“ den blieben fern, Bundesarbeitsministerin lich auf einem guten Weg“, sagt Soldo. und von „Filialen, die man im Griff ha- Ursula von der Leyen schaffte mit einem „Wir haben Anton Schlecker besiegt. ben“ muss. Tanja Übler hat das System Gesetz gegen Missbrauch von Leiharbeit Theoretisch. Es wäre fatal, wenn es sich verinnerlicht, schon ihre Mutter war jah- gar eine „Lex Schlecker“. nicht gelohnt hätte.“ relang Bezirksleiterin bei ihrem heutigen Derart unter Druck, nahm der Konzern SUSANNE AMANN, CATALINA SCHRÖDER, Arbeitgeber. kurze Zeit später, im Januar 2010, die Plä- JANKO TIETZ, FLORIAN ZERFASS D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 67
  • 68.
    Wirtschaft Seit 25 Jahren verfolgt Cadd die Ben- zinpreise in seiner Heimat. Nach seiner Beobachtung ist Sprit aufgrund der Preis- bindung in Westaustralien im Schnitt zwei Cent teurer. Das System dort brem- se den Wettbewerb aus, er verliere an In- tensität, und das komme insbesondere den mächtigen Ölgesellschaften zugute. Dafür gibt es Hinweise. Als sich Austra- lien 2008 gegen eine Übertragung des Mo- dells auf das ganze Land entschied, wurde in einer Anhörung darauf verwiesen, dass die Ölkonzerne ausgerechnet in West- australien die größten Gewinnspannen verbuchten. Die kleinen Tankstellen da- gegen zögen den Kürzeren. Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsfüh- rer des Bundesverbandes Freier Tank- stellen, hat dafür eine Erklärung: Mit der Preisbindung verlieren die Stationen die MARC DOZIER / HEMIS.FR / LAIF Freiheit, sofort auf Vorgaben der Kon- kurrenz zu reagieren. Wer sich auf einen zu hohen Preis festgelegt habe, sei der Dumme – und zwar einen ganzen Tag lang. Die Branchenriesen könnten das locker durchstehen, nicht aber die Tankstelle in Australien: Höchstpreise in den Weiten des Landes Kleinen. Verbandsmann Bülow hält daher eine Esso und Co., die an der Zapfsäule zur- Preisbindung nach australischem Vorbild BENZIN zeit ein wildes Preis-Auf-und-Ab veran- für „ziemlichen Unfug“. Er fürchtet einen stalten, die Tour vermasseln, meint er. „Vernichtungspreiskampf“, der zu Lasten Achterbahn in Zuletzt schwankten die Preise bei den Marktführern in Deutschland um bis zu 14 Cent – innerhalb eines Tages. Selbst der unabhängigen Betreiber ginge. In Deutschland beherrschen die zwei Marktführer Aral und Shell fast die Hälfte Zeitlupe am Wochenende verteuern die Ölkon- zerne den Kraftstoff, vor kurzem war dies noch tabu. Solche Ausschläge empfänden des Geschäfts. Sie können es sich am ehesten leisten, ein bisschen teurer zu sein. Ihre Stationen sind meist günstiger Die Spritpreise an deutschen die Autofahrer als frustrierend, hatte das gelegen und bieten ein breiteres Sorti- Tankstellen schwanken Kartellamt bereits im vorigen Jahr in ei- ment, vom Brötchen bis zur Fachzeit- extrem. Das Bundeskartellamt rät ner Studie bemerkt und auf die Verläss- schrift. Viele ihrer Kunden sind Stamm- lichkeit des westaustralischen Modells gäste, denen es nicht allein darum geht, zu einem australischen verwiesen. Nun hat Mundt es erneut ins das billigste Benzin zu tanken. Modell. Doch was taugt das? Gespräch gebracht. Aber taugt das Sys- Diese starke Position spielt „Big Oil“ tem wirklich, um die Preise zu bändigen? aus, in Deutschland wie in Westaustralien. G opal, der freundliche Tankwart Die Verantwortlichen von FuelWatch Auch dort schrecken die Marktführer indischer Herkunft, hat nicht viel behaupten dies jedenfalls. Mehr als 20 nicht vor drastischen Aufschlägen zurück. Zeit. „Draußen wartet Kund- australische Cent betrage zuweilen die Von Mittwoch auf Donnerstag vergange- schaft“, sagt der junge Mann. Seine Sta- Differenz zwischen der billigsten und der ner Woche hat beispielsweise die Tank- tion in Roleystone, gut 30 Kilometer von teuersten Tankstelle im Bundesstaat, eine stelle von Caltex, einer der großen Ketten Perth entfernt, gehört an diesem Tag mit Durchschnittsfamilie könne im Jahr gut des Landes, in Stratton bei Perth den umgerechnet 1,12 Euro pro Liter Benzin und gern 600 Dollar sparen – in der Theo- Preis um gleich 17 Cent hochgejazzt. Am zu den billigsten in ganz Westaustralien. rie zumindest. Freitag sank er wieder um 2 Cent. Und das ist kein Geheimnis. In der Praxis fällt dies freilich schwer. Rasant nach oben, dann langsam wie- Grund: Unter der Internetadresse Wer irgendwo in den Weiten der Pilbara- der zurück: Das Muster ist bekannt, in www.fuelwatch.wa.gov.au können Auto- Wüste Benzin benötigt, hat keine große Westaustralien sind die Ausschläge also fahrer herausfinden, welche der 556 Wahl und zahlt notgedrungen auch mindestens so intensiv wie hierzulande. Stationen im Bundesstaat den günstigsten Höchstpreise. Nicht nur deshalb hegen Es gibt nur einen Unterschied: Am an- Kraftstoff anbietet. Alle Tankstellen sind Fachleute Zweifel am Sinn des Modells. deren Ende der Welt bewegt sich die verpflichtet, dem Handelsministerium Don Harding, ein australischer Öko- Spritpreis-Achterbahn gleichsam in Zeit- den Preis zu melden, den sie am nächsten nom, ist in einer Studie zu dem Schluss lupe. Tag verlangen werden. Dann müssen sie gekommen, dass das FuelWatch-System Mit dem australischen Modell hätten sich 24 Stunden lang an die eigene Vorga- sogar zu eher höheren Preisen führt. Man die deutschen Autofahrer also kaum et- be halten, sonst droht ihnen ein Bußgeld. sollte es deshalb eher „FoolWatch“ nen- was gewonnen, im Gegenteil: Der Sprit Seit 2001 können die Westaustralier auf nen, lästert er: „Fool“ wie Narr. Auch würde möglicherweise noch teurer, die diese Weise in Ruhe die Spritpreise ver- Alan Cadd, Geschäftsführer der Markt- Preissprünge setzten sich fort. Kartell- gleichen. Das System hat es Andreas forschungsfirma Informed Sources, über- wächter Mundt aber hätte das Gegenteil Mundt, dem Präsidenten des Bonner Bun- zeugt das Modell keinesfalls. „Wenn es dessen bewirkt, was seine Aufgabe ist: deskartellamts, angetan. Mit solchen fes- so großartig ist, warum übernimmt es den Wettbewerb zu stärken. ten Tageskursen könnte man Aral, Shell, dann keiner?“ ALEXANDER JUNG 68 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 69.
    UNTERNEHMEN Spur nach Indonesien Der Ferrostaal-Konzern bemühte MARTIN WESTLAKE / ASIA IMAGES / CORBIS sich nach der Schmiergeldaffäre um ein sauberes Image. Nun rückt ausgerechnet ein Mann an die Spitze, gegen den ermittelt wird. S ollte sich je ein Fahnder den Spaß machen, Top-Ten-Listen aufzustel- len, mit den besten Ausreden oder den besten schauspielerischen Leistungen Indonesische Hauptstadt Jakarta: „Klar und direkt beteiligt“ in der Geschichte der Kriminalistik, dann hätte Klaus Lesker einen Platz verdient. GmbH umgewandelt wird. Eine riskante man immerhin 600 000 Dollar erhalten hat- In der Kategorie „Bester Satz im Moment Personalie, denn die Essener Staatsan- te. Aber um diese kleine Sauerei geht es der Verhaftung“. waltschaft lässt mitteilen, sie stecke noch für die Ermittler eher am Rande. Sie inter- Von Lesker ist der Stoßseufzer überlie- tief in den Ermittlungen gegen Lesker. essieren sich mehr dafür, warum die Indo- fert: „Nicht schon wieder!“ Worum es geht, zeigt ein konzerninterner nesier plötzlich doch zahlten und wo die Klang das entsetzt? Genervt? Oder ein- Geheimbericht von 2011, in dem bisher restlichen 5,4 Millionen Dollar blieben. fach routiniert? Jedenfalls fiel der Satz, unbekannte Vorwürfe auftauchen. Auch Es gebe Hinweise, dass sich Ferrostaal- als Münchner Staatsanwälte am 24. März gegen Lesker. Angestellte die Beute mit indonesischen 2010 in Leskers Vorstandsbüro bei der Es- Die Spur führt nach Indonesien: Im Regierungsmitgliedern geteilt hätten, heißt sener Ferrostaal AG einmarschierten. Jahr 1996 sollte Ferrostaal dort mit zwei es in dem Konzernbericht. Die hätten zu- Schon im Juli 2009 hatte der Manager un- anderen Firmen einen Windkanal für 152 vor dafür gesorgt, dass die Staatsfirma ihre angemeldeten Staatsbesuch bekommen, Millionen Dollar bauen. Das Geschäft zer- Blockade aufgab. Eine Tochter des frühe- auch damals wegen Korruptionsverdacht. schlug sich, doch dem Konsortium blieb ren Diktators Suharto soll den krummen Und schon damals saß er kurz darauf ein ein Anspruch auf sechs Millionen Dollar, Deal eingefädelt haben. Und Lesker steht erstes Mal in U-Haft; später wurde das für die eine indonesische Staatsfirma ge- im Verdacht, das alles gedeckt zu haben. Verfahren eingestellt, Lesker zahlte eine radestehen sollte. Die aber stellte sich „Das für Indonesien zuständige frühere Geldbuße von 240 000 Euro. taub. Jahrelang forderte das Konsortium Vorstandsmitglied“ – Lesker – war „klar Bis heute laufen zwei Ermittlungsver- das Geld, jahrelang rührte sich nichts. und direkt daran beteiligt“, stellten die fahren gegen ihn, eines in München, eines 2006 ging dann alles plötzlich ganz Konzernermittler fest. Dafür spreche: Les- in Essen. Umso überraschender, dass nun schnell. Im Oktober verkaufte die Toch- ker habe einen Repräsentanten der Brief- ausgerechnet „Nicht schon wieder“-Les- tergesellschaft Ferrostaal Singapur die kastenfirma schon seit Jahren gekannt, ker an die Spitze des Anlagenbauers mit scheinbar aussichtslose Forderung. Sie habe sich außerdem über den Fortschritt mehr als 4000 Mitarbeitern rückt. Schließ- landete für nur zehn Prozent ihres Wer- der Verhandlungen und die Zahlungen lich kämpft das Unternehmen schon seit tes, rund 600 000 Dollar, bei einer Brief- auf dem Laufenden halten lassen. fast zwei Jahren mit den Folgen einer ge- kastenfirma, die erst einen Monat zuvor Unterdessen ermittelt München weiter waltigen Korruptionsaffäre. gegründet worden war. Schon im Dezem- wegen „Bestechung im geschäftlichen Mit dem Aufbau einer riesigen Anti- ber zahlten die Indonesier an diese Adres- Verkehr“. Der Manager soll noch von Korruptionsabteilung sollte seitdem der se die erste Hälfte der Außenstände, den mehr dubiosen Zahlungen gewusst haben. ramponierte Ruf wieder aufgebessert wer- Rest gab es ein Jahr später. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagt den. Und erst kürzlich hat sich der Kon- Gegenüber ihren Konsortialpartnern dagegen Lesker und zeigt sich überzeugt: zern mit der federführenden Staatsan- verschwieg die Ferrostaal-Führung, dass „Zu dieser Ansicht wird auch die Staats- waltschaft München geeinigt, für anwaltschaft kommen.“ Und die alte Sünden 140 Millionen Euro MPC, neue Herrin im Haus Ferro- Geldbuße zu zahlen. staal, stellt ihm das dazu passende Vergangene Woche übernahm Leumundszeugnis aus: „Wir ken- der Hamburger Investor MPC In- nen Dr. Lesker seit vielen Jahren, dustries die Ferrostaal. Damit in denen wir uns von seiner inte- kommt auch ein alter Bekannter gren Persönlichkeit überzeugen zurück, Lesker, der nach der letz- konnten“, beteuert MPC-Gesell- ten Verhaftung seinen Posten in schafter John Benjamin Schroeder, FRANZISKA KRUG / ACTION PRESS Essen auf Druck des Aufsichtsrats der sich künftig die Ferrostaal-Füh- räumen musste – und anschließend rung mit ihm teilt. Die laufenden bei MPC angeheuert hatte. Er wird Ermittlungen würden sicher bald einer der beiden führenden Vor- eingestellt. stände der Ferrostaal, die in eine Diesen Optimismus teilt bislang allerdings weder die Staatsanwalt- * Mit den MPC-Gesellschaftern Axel und John schaft Essen noch die in München. Benjamin Schroeder im Juli 2008. Beschuldigter Lesker (l.)*: „Integre Persönlichkeit“ JÜRGEN DAHLKAMP, JÖRG SCHMITT D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 69
  • 72.
    Wirtschaft meinsam mit seinem Finanzminister einen Anspruch zu erfahren, welche Risi- BANKEN Evangelos Venizelos ausgehandelt hat. ken noch auf die Steuerzahler zukom- Knapp neun Milliarden Euro verlieren men“, sagt Gerhard Schick, Finanzexperte Schmerzhafter die Steuerzahler als Eigner der FMSW der Grünen im parlamentarischen Kon- bei dem schmerzhaften Schnitt. trollausschuss für den Soffin. SPD-Finanz- Damit sind zugleich alle Rechnungen experte Carsten Schneider will in diesem Schnitt hinfällig, die in der Berliner Regierung Monat den neuen Abwicklungsplan sehen. und bei ihrem Bankenrettungsfonds Sof- „Das Versteckspiel muss aufhören.“ fin aufgestellt wurden, nachdem sie die Die Opposition wirft der Regierung vor, HRE 2008 vor dem Kollaps bewahrt und die Bankenverluste außerhalb des Haus- Die Abwicklung der Hypo später aufgespalten hatten. halts zu verstecken. „Wir müssen aufpas- Real Estate wird viel teurer als Die FMSW sollte ihren Wertpapierbe- sen, dass der Bankenrettungsfonds nicht gedacht. In Berlin wachsen stand in Höhe von 176 Milliarden Euro mit zu einem großen Schattenhaushalt wird, die Zweifel, ob die Skandalbank nur 3,9Hoffnung schwindet jetzt ebenso in dem über Griechenland-Umschuldung Diese Milliarden Euro Verlust abbauen. die aus der Jahre Milliardendefizite wie privatisiert werden kann. wie der Traum, die Pfandbriefbank in ab- versteckt werden“, kritisiert Schick. sehbarer Zeit privatisieren zu können. Die üblen Aussichten für die Bad Bank D ie Designer-Villa in der Nobelsied- Bankenexperten halten mittlerweile bei- ließen sich besser ertragen, wenn die lung Son Vida auf der spanischen des für ausgeschlossen. Aus der Bad Bank Schwester HRE privatisiert werden könn- Ferieninsel Mallorca lockt mit kommen düstere Zahlen. te, wie es die Regierung anstrebt. Zwar 3000 Quadratmeter Wohnfläche, acht Nach drei Milliarden Euro Verlust 2010 präsentierte HRE-Chefin Manuela Better Schlafzimmern und ebenso vielen Bädern. werden nach dem Griechenland-Ausfall Anfang März für 2011 einen kleinen Ge- Kaufpreis: 29 Millionen Euro. Anbieter: für 2011 wohl rund zehn Milliarden Euro winn und zeigte sich überzeugt, dass sich Georg Funke, 56, neuerdings Immobilien- Miese anfallen. Gerade haben die FMSW- die Bank verkaufen lässt. Aber Daniel makler. In Deutschland ist er aber weitaus Manager eine neue Analyse ausgearbei- Zimmer von der Universität Bonn, der besser bekannt als Ex-Chef der Skandal- tet, die allein bis 2020 weitere rund zehn schon vor einem Jahr in einem Gutachten bank Hypo Real Estate (HRE). Milliarden Euro Verlust ausweist, wie es einen Verkauf skeptisch beurteilt hatte, Klotz am Bein Verluste der FMS Wertmanagement Die Bad Bank FMSW ist aus der Hypo Real Estate hervorgegangen. Der Banken- rettungsfonds Soffin (und damit der Bund) muss ihre Verluste ausgleichen. Verlust 2010 3 Mrd. € 1. Halbjahr 2011 690 Mio. € YVES HERMAN / REUTERS Verlust durch Schulden- schnitt Griechenlands 8,9 Mrd. € weiterer Verlust bis 2020 laut Abwicklungsplan 10 Mrd. € Griechische Regierungsmitglieder Venizelos, Papademos: Deutsche Steuerzahler verlieren knapp neun Milliarden Euro Während Funke mit seiner neuen Fir- in Berlin heißt. Bad Bank und Soffin wol- hält eine erfolgreiche Privatisierung der ma A1 Villas Mallorca teure Immobilien len sich dazu nicht äußern. HRE zwar grundsätzlich für wünschens- verhökert, gewährten die Nachlassverwal- Verabschiedet ist der sogenannte Ab- wert. „Doch die Chancen auf einen Erfolg ter der HRE zu Hause gerade wieder ei- wicklungsplan noch nicht. Doch immer- sind nach wie vor gering.“ nen kleinen Einblick in die rauchenden hin hat sich das Management mit dem Die Oppositionspolitiker Schneider Ruinen des Geldhauses. Das Institut hatte Soffin, formal Eigentümer der FMSW, und Schick fordern die Regierung deshalb sich einst im Übermaß mit Ramschpapie- nach monatelangem Gehakel geeinigt. unverhohlen auf, den Verkauf aufzuge- ren vom US-Immobilienmarkt und Staats- Die Regierung will allerdings das wahre ben. Und auch in der Regierung wachsen anleihen europäischer Schuldenländer Ausmaß des Desasters lieber so lange wie offenbar die Zweifel an den Plänen. „Wir eingedeckt. möglich unter der Decke halten. sollten das knallhart ökonomisch ent- Mittlerweile wurde das Unternehmen Den ersten – viel zu optimistischen – scheiden: Kommt uns der weitere Betrieb aufgespalten: Die eine, die „gute“ Hälfte, Abwicklungsplan veröffentlichte der oder eine Abwicklung günstiger?“, sagt soll als Deutsche Pfandbriefbank neue Bund bis heute nicht. Der neue Plan gilt FDP-Finanzexperte Florian Toncar. Geschäfte finanzieren und bis 2015 priva- als ambitioniert, aber wenigstens mach- So viel Realitätssinn ist bei Georg Fun- tisiert werden. Die andere ist quasi die bar. Bis alle Altlasten abgewickelt sind, ke auf Mallorca noch nicht eingekehrt. Giftmülldeponie geworden. Sie heißt dürften allerdings Jahrzehnte vergehen. Er habe eine gesunde Bank hinterlassen, FMS Wertmanagement (FMSW) und ist Und im Umfeld der Bad Bank gilt es als ließ er neulich die „Mallorca Zeitung“ eine Bad Bank. Sie muss sich auch an wahrscheinlich, dass auch nach 2020 noch wissen. Erst die Politik habe die HRE mit dem Schuldenverzicht privater Griechen- viele Milliarden Verlust entstehen. ihrem Gerede von einer Zerschlagung in land-Gläubiger beteiligen, den Athens Deshalb wächst der Druck, die Gefah- die Schieflage gebracht. Premierminister Loukas Papademos ge- ren offenzulegen. „Das Parlament hat SVEN BÖLL, MARTIN HESSE 72 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 74.
    Serie SERIE REICHE (III) Ver.di und IG Metall fordern in den globale Top-Ten-Liste des US-Magazins „Forbes“ – mit aktuellen Tarifstreits ein Plus von 6,5 Prozent. Die einem geschätzten Vermögen von 19,2 Milliarden Arbeitgeber sind entsetzt. Zugleich wuchsen die Die Euro. Was von alldem ist gerecht? Und wie erlebt die Gagen von Managern in den vergangenen Jahren Reichen finanzielle Elite der Republik die kapitalismuskriti- teils exorbitant. Und als reichster Deutscher rutsch- schen Debatten? Nach der Kaste der schrillen Reichen te Aldi-Gründer Karl Albrecht jüngst wieder in die (Station 1 bis 3) geht es nun um die eher stillen. Die 1-Prozent-Partei Drei erfolgreiche Endvierziger erzählen von ihrem Verhältnis zum Geld. MIKE WOLFF / PICTURE-ALLIANCE / DPA Neubauten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg: Der Club der Besserverdiener hat mehr Mitglieder als die FDP – ist aber unauffälliger 74 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 75.
    Station 4 Reichewider Willen wird – ob man will oder nicht. Das Gros bereitet. Ihre jüngere Schwester soll im der Leute in Volker Webers Gehaltsregion Sommer in die erste Klasse kommen. Willkommen in der Unterschicht der Ober- will eher nicht. Die 1-Prozent-Partei empfindet das schicht! Hier werden Häuschen abbezahlt Weber ist Finanzchef einer kleinen Ber- nicht als Abschottung, sondern als Sicher- und die Kinder auf Privatschulen geschickt. liner Firma, die anderen Jungunterneh- heitsmaßnahme. Sie will dem Staat nicht Wohlhabend sind immer die anderen. mern auf die Beine hilft. Er kommt sogar zur Last fallen, hat aber auch den Glauben auf ein Gehalt von 142 000 Euro pro Jahr. an großes Verständnis oder gar Unterstüt- Wenn Volker Weber im Bio-Supermarkt Aber das Reichen-Gerede hat er wirklich zung verloren – zumindest wenn es um die Einkaufsliste seiner Frau abarbeitet, satt, nicht nur weil fast die Hälfte seines Steuer- oder Bildungsfragen geht. Auch muss er sich nicht über jeden Cent Ge- Gehalts für Steuern und Sozialabgaben Webers Kinder aus erster Ehe können sich danken machen. Manchmal leistet er sich draufgeht. auf Papa verlassen: Die 22-jährige Tochter am Wochenende auch eine unter Emis- Die obersten zehn Prozent der hiesi- studiert Betriebswirtschaft in Stendal und sionsgesichtspunkten fragwürdige Mon- gen Bevölkerung liefern rund zwei Drit- war vorher auf der Internatsschule Päd- tecristo für 20 Euro, weil ihm die Zigarren tel des Steueraufkommens, die untere agogium in Bad Sachsa (Kosten 1500 Euro einfach schmecken. Hälfte quasi nichts. „Im Wahlkampf pro Monat). Ihr älterer Bruder ist mit dem Der Kredit für seine 230-Quadratmeter- musste ich mir dennoch oft Anfeindun- Studium fertig, wird aber auch noch un- Doppelhaushälfte in Berlin-Steglitz wird gen anhören in der Art: Die Besserver- terstützt, „wenn er Hilfe braucht“. pünktlich bedient. Aber es nervt ihn doch dienenden hätten einfach keine Ahnung Volker Webers 34-jährige Frau hat ge- enorm, wenn man ihn deshalb schon für davon, wie man über die Runden rade erst ihr zweites juristisches Staats- Oberklasse hält. kommt“, sagt Weber. examen abgelegt. Er muss die Familie al- Reich? Wer? Ich? „Mir geht es nicht schlecht“, sagt der 49-Jährige. „Ich habe ein schönes Einkommen und kann mir das eine oder andere leisten. Aber wir le- ben nicht im Überfluss. Ich bin wirklich alles andere als reich.“ Emotional betrachtet hat Volker Weber recht. Sozialpsychologen können wunder- bar erklären, dass die eigene Reichtums- Definition nach oben angepasst wird, je höher man selbst steigt. Rein finanziell allerdings sollte er sich mit seinem Wohl- stand abfinden. Ab einem Jahreseinkom- men von 120 000 Euro brutto gehört man in Deutschland mittlerweile zum obersten einen Prozent der Bevölkerung. Von wegen „Wir sind die 99 Prozent!“, wie es die Occupy-Bewegung skandiert. Volker Weber ist Teil der 1-Prozent-Par- tei. Die hat deutlich mehr Mitglieder als MAURICE WEISS / DER SPIEGEL jene FDP, deren Vize-Landesvorsitzender er in Thüringen mal war. Und die rund 450 000 Mitglieder der 1-Prozent-Partei der Besserverdiener sind mächtig, wenn auch völlig verhaltensunauffällig. Also das Gegenteil der FDP. Es ist die Liga der niedergelassenen Finanzmanager Weber mit Familie: „Wir leben nicht im Überfluss“ Ärzte und IT-Chefs, der gutausgebildeten Ingenieure, Unternehmensberater und Ju- Er hat durchaus Träume, für deren Er- lein ernähren. Für ihn bleibt allenfalls risten. Journalisten bei „Zeit“ und „Bild“, füllung ihm schlicht das Geld fehlt. Ein noch die Zigarre zwischendurch. Manch- „Stern“ oder SPIEGEL gehören ebenso Urlaub in Asien oder Lateinamerika zum mal, wenn er mit seiner Familie in der dazu wie erfolgreiche Vertriebsleiter oder Beispiel sei „einfach nicht drin“. Und Mercedes-B-Klasse durch Berlin zuckelt, Fluglotsen. Es ist die Klasse jener Hoff- wenn seine beiden kleinen Töchter in die sagt er deshalb an einer Kreuzung: nungs- bis Leistungsträger, die das Busi- Pferdeshow „Apassionata“ gehen wollen, „Schaut mal, Mädels, da fährt mein Por- ness erledigen und doch meist noch Eco- fängt selbst er an zu rechnen, denn da sche vorbei.“ nomy fliegen müssen. braucht seine vierköpfige Familie für Kar- Es ist nur Spaß. Er will sich nicht be- Sie leben in einer Welt, in der man den ten und ein bisschen Verpflegung gleich klagen. Er will aber auch keine Vorwürfe BMW X3 oder Audi-Kombi vor dem ein paar hundert Euro. mehr hören, dass es ihm zu gut gehe. Townhouse in Berlin stehen hat, vor der Volker Weber setzt Prioritäten, die für Reich? Reich sind wirklich andere. Altbauwohnung rund um die Hamburger Mitglieder der 1-Prozent-Partei typisch Alster oder der Doppelgarage des länd- sind: Er investiert in Bildung. Die Bildung Station 5 Die Top-Angestellten lichen Einfamilienhauses. Meist ärgert seiner eigenen Kinder, die es mal besser man sich noch über einen Chef, während haben sollen. Noch besser als er, obwohl Sie bekommen Millionen, verlieren aber die Putzfrau einen schon selbst als Chef er auch da weniger Mittel hat als echte allenfalls den Job, wenn was schiefgeht: Top- betrachtet. Reiche. Manager sind Superstars geworden – mit Ab einem Bruttojahresgehalt von rund Seine siebenjährige Tochter besucht die allen Licht- und Schattenseiten des Ruhms. 120 000 Euro gehört man dazu, zur Un- zweite Klasse einer Berliner Privatschule, terschicht der Oberschicht. Es markiert die mit zweisprachigem Unterricht auf Für eine ordentliche Runde Kapitalismus- die Grenze, ab der man Clubmitglied die Tücken einer globalisierten Welt vor- kritik muss René Obermann, Chef der D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 75
  • 76.
    Serie WOLFGANG WILDE / ROBA PRESS (L.); FOCKE STRANGMANN / DAPD (R.) Telekom-Chef Obermann*, Teilnehmer des Eiswettfestes in Bremen: „Natürlich gibt es Fehlentwicklungen“ Deutschen Telekom AG, nicht lange su- Siemens-Boss Peter Löscher und Josef nanzkapitalismus und Aktienkultur. Das chen. Er hat Volkes Stimme quasi ge- Ackermann von der Deutschen Bank (je Credo dieser Ära: Manager, die am Erfolg heiratet. 8,8 Millionen Euro). Aber es gibt allein ihrer Unternehmen beteiligt werden, sind Einst saß er in Maybrit Illners ZDF- bei dem Geldinstitut noch einige im In- fleißiger. Es gibt inzwischen genug Bei- Talkshow. So lernten die beiden sich ken- vestmentbanking, die dank hoher Boni spiele, die diese These widerlegt haben. nen. Und weil Oskar Lafontaine an jenem mehr verdienen. Ganz unten in der Liste Das Geld macht die klügsten Leute ja Abend nicht wirklich gut war, übernahm hängt Martin Blessing, weil der Bund sei- nicht klüger, manchmal macht es sie nur Illner die Linken-Rolle gleich mit. Auch ne Commerzbank retten musste und des- gieriger. gegen Obermann, der eigentlich ein Be- halb sein Gehalt gedeckelt hat. Es lag bei Kreativ sind viele immerhin bei den Ar- leg dafür ist, dass es eine gesellschaftliche nur 617 000 Euro. gumenten für ihre Bezahlung, zum Bei- Durchlässigkeit von unten nach oben Man hätte gern mit Blessing darüber spiel sagen sie gern: Man müsse im globa- noch gibt. Drei Jahre später haben sich geredet. Aber er wollte über Reichtum len Vergleich bezahlt werden, der weltwei- der Manager und die Moderatorin das Ja- und Vermögensverteilung nicht sprechen. te Personalmarkt dirigiere die Preise. wort gegeben. So wenig wie Nikolaus von Bomhard von Warum eigentlich? So groß ist der Be- Sie entstammt dem Osten, er „einfa- Munich Re, einem der größten Rück- darf britischer oder amerikanischer Kon- chen Verhältnissen“ im Westen: frühe versicherer der Welt. Ein tolles Thema, zerne an deutschen Managern auch wie- Scheidung der Eltern, Tod des Vaters, auf- aber … Alexander Dibelius, Deutschland- der nicht. Oder – weiteres Argument: gewachsen bei den Krefelder Großeltern Chef der Investmentbank Goldman Mein Gehalt legt doch der Aufsichtsrat im sozialen Wohnungsbau, Abi mit zu Sachs, ließ seine Sprecherin gleichfalls fest. Das stimmt, wobei in den Kontroll- schlechtem Schnitt, als dass er den Traum abwinken. Und auch der Chef der Axel gremien natürlich auch viele Ex-Manager vom Medizinstudium hätte wahrmachen Springer AG, Mathias Döpfner, der eine des eigenen Konzerns oder Top-Leute an- können, Bundeswehr, Ausbildung zum hohe Millionengage erreichen dürfte, derer Unternehmen sitzen. Industriekaufmann bei BMW. Dann mochte nicht über Geld sprechen. Schade, Manche empfinden zumindest einen Volkswirtschaftsstudium, das er erst mit denn Döpfners Boulevardblätter sind Teil ihrer Gage auch einfach als Schmer- einem kleinen Telefonhandels- und Tech- mit Die-da-oben-zocken-uns-nur-ab-Ru- zensgeld: Aufsichtsräte, Aktionäre, Ana- nikbetrieb finanziert und dafür bald sau- fen sonst nicht allzu zögerlich. lysten, Verbände, Medien, Politik, Ge- sen lässt, weil die Firma schnell wächst. An keinem anderen Punkt dieser Reise werkschaften, Konkurrenten und deren Als Telekom-Chef führt der 49-Jährige in die Welt des deutschen Wohlstands gin- PR-Berater – sie alle sind heute potentiel- heute knapp eine Viertelmillion Beschäf- gen so viele Türen zu wie bei den Top- le Gegner von Managern. tigte. Der Geschäftsbericht listet seine Be- Managern der Republik. Aber man muss Bei der Telekom ist das besonders hef- züge akribisch auf: 3,26 Millionen Euro sie vielleicht verstehen: Wer zu marktkri- tig, weil der Bund dort Großaktionär ist waren es 2011. Unteres Mittelfeld im tisch auftritt, wird von den anderen Alpha- und der Konzern folglich immer für ir- Olymp der Vorstandsvorsitzenden jener tieren schnell als Schleimer und Populist gendetwas als Symbol herhalten muss: 30 Konzerne, die den Deutschen Aktien- belächelt. Wer alle Exzesse verteidigt, ist von Modernität bis sozialer Kälte. index Dax bilden. beim Volk unten durch, was noch schlim- Es ist Samstagabend, René Obermann Ganz oben rangierten schon 2010 VW- mer ist. Denn sie alle spüren heute ge- steht in Freizeitklamotten in einem voll- Chef Martin Winterkorn (9,3 Millionen), waltigen öffentlichen Druck. besetzten Mainzer Lokal und wird weder Dass Angestellte wie sie Millionen ver- beschimpft noch um ein Autogramm ge- * Am 10. Januar 2011 bei einer Präsentation in der Bon- dienen, ist ja noch keine jahrhundertealte beten. Er fällt auf angenehme Weise nicht ner Telekom-Zentrale. Tradition, sondern Nebeneffekt von Fi- auf. Ein Tourist, dessen Tischreservierung 76 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 77.
    Dass der Aktienkursnicht besser steht, ärgert uns natürlich auch, wenngleich sich ein Blick auf die gute Dividende und den starken Cash-flow lohnt, den wir erwirt- schaften. SPIEGEL: Sie haben 50 000 Mitarbeiter in eine Beschäftigungsgesellschaft ausgela- gert. Das bedeutete für viele mehr Arbeit zu schlechteren Konditionen. Obermann: Immerhin gehören diese 50 000 weiterhin zur Telekom, und das zu bes- seren Bedingungen als bei den meisten Wettbewerbern. Ich will unsere teils har- ten Maßnahmen nicht schönreden, aber das Unternehmen hat seither in einem schrumpfenden Markt an Wettbewerbs- fähigkeit deutlich zugelegt. SPIEGEL: In der Öffentlichkeit kommt in ähnlichen Fällen an: Manager, die Löhne kappen oder Leute rausschmeißen, wer- den mit Boni belohnt … Obermann: … was so pauschal nicht stimmt. Unser Aufsichtsrat zum Beispiel achtet – wie wir im Management auch – sehr genau darauf, dass wir sozialverant- wortlich handeln. Und er legt unsere Be- züge im Übrigen fest. SPIEGEL: Werden Telekom-Beschäftigte gut bezahlt? nicht geklappt hat. Seine Frau Maybrit schlagen haben als die meisten vergleich- Obermann: Ich denke schon. Aber noch Illner hilft gerade beim „heute journal“ baren Telekomfirmen in Europa. Wir ar- mal: Wir müssen wettbewerbsfähig sein. auf dem Lerchenberg aus. Er wartet auf beiten in einer Industrie, in der Preise ra- Und wissen Sie, was mich immer wieder sie und hat Zeit für eine neue Runde Ka- sant purzeln und Umsätze zurückgehen. nervt? Die, die am lautesten geschrien pitalismuskritik. Darauf müssen wir jeden Tag antworten, haben über unseren vermeintlichen So- Auch Obermann hat sich überlegt, ob mit Preisanpassungen, neuen Produkten, zialabbau, haben uns auf der anderen Sei- er sich den Fragen stellen soll. Es ist ein- ja, auch mit harten Kostensenkungen. te vorgeworfen, wir seien zu teuer – und facher, über den missglückten Milliarden- deshalb Verträge gekündigt. Da ist viel verkauf seiner US-Mobilfunksparte zu Scheinheiligkeit im Spiel. sprechen als über Vermögensverteilung Wachsender Abstand SPIEGEL: Würden Sie persönlich eine hö- im Land. Dennoch wird es ein gutes Ge- Durchschnittliches verfügbares here Vermögensteuer akzeptieren? spräch, das sich am Ende auf typische Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr Obermann: Ja, damit hätte ich kein Pro- Schlüsselfragen und -antworten reduzie- in Euro* blem, wenn das Geld zum Beispiel für ren lässt. Nirgends ist das Auseinander- eine Art Bildungs-Soli und für bessere driften von Arm und Reich ja so offen- Q der oberen 5 Prozent Chancen von Kindern und Jugendlichen sichtlich wie bei den Manager-Gagen: IG Q der unteren 50 Prozent in sozial schwachen Familien genutzt Metall und Ver.di fordern aktuell 6,5 Pro- würde. Es gibt in Deutschland immer zent höhere Löhne und Gehälter. Da grei- noch viel zu viel Kinderarmut. Allein in fen die Top-Leute anders zu: Allein im Berlin leben über ein Drittel der Kinder Jahr 2010 haben sich Vorstandsbezüge in in Hartz-IV-Haushalten. Einen Steuer- Deutschland um 22 Prozent im Vergleich Freibrief würde ich der Politik aber nicht zum Jahr davor erhöht. ausstellen. SPIEGEL: Ist das fair, Herr Obermann? SPIEGEL: Wie erleben Sie generell die Po- Obermann: Natürlich gibt es da Fehlent- litik in der Verteilungsdebatte? wicklungen. Deshalb halte ich die Debat- Obermann: Die Kritik an Besserverdienern ten über Angemessenheit, Maß und Mitte begann Mitte der neunziger Jahre mit Os- für gut und wichtig, weil sie das Verant- Quelle: DIW kar Lafontaine und dem Vorwurf, die Rei- wortungsbewusstsein aller Akteure schär- *Einkommen nach chen würden alle keine Steuern zahlen. fen. Aufgabe guter Unternehmensführung Steuern, Sozial- SPIEGEL: Da war ja auch etwas dran. beiträgen und Sozial- muss es aber zuallererst sein, so vernünf- transfers, in Preisen Obermann: Aber obwohl viele Steuer- tig zu wirtschaften, dass es der Firma gut- von 2005 schlupflöcher gestopft wurden, hat die geht, und neben angemessenen Renditen Reichen-Debatte seither an Schärfe ge- auch gute Arbeitsplätze zu sichern. Das wonnen. Politik ist da sehr … wie soll hat doch hierzulande in den vergangenen man sagen … Jahren weitestgehend funktioniert. SPIEGEL: … populistisch? SPIEGEL: Sind Sie persönlich Ihr Geld Obermann: Populär. Sie schaut aus der wert? Der Kurs der Telekom ist in Ihrer Sicht der Normaleinkommen auf die Din- Ära abgerutscht … 12338 45048 12690 62197 ge. Auch Politiker sind ja in der Regel Obermann: … wobei Sie fairerweise aner- nicht mit allzu großen Reichtümern ge- kennen müssen, dass wir uns besser ge- 1992 2010 segnet. Da ist die kritische Sicht verständ- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 77
  • 78.
    Serie SVEN SIMON (L.); MAURICE WEISS / DER SPIEGEL (R.) United-Internet-Yacht vor Kiel, Unternehmensgründer Dommermuth: „Boah, dachte ich, jetzt bist du wirklich reich“ lich und legitim. Und sie wissen eben Station 6 Die neuen Reichen er dahin kam, wo er heute ist. Sein Presse- auch, was ankommt, selbst wenn ich die sprecher muss draußen bleiben. sozialen Ungleichgewichte in Deutsch- einer neuen Zeit Unternehmer war Dommermuth ei- land noch für vergleichsweise zivilisiert Was stellt man in Montabaur mit einer Mil- gentlich immer – schon in der Handels- halte. Schauen Sie sich die blutigen De- liarde an? Wie verschiebt sich die Ein- schule, als er es nebenbei mit einem monstrationen in Griechenland oder stellung zum Geld – mit Geld? Und welche Streusalzhandel schaffen wollte. Dum- England an, die Jugendarbeitslosigkeit in Hobbys sind dann erlaubt? merweise stimmten damals weder Zeit Spanien oder das Elend in vielen Ge- noch Ort. Es war Sommer, und in Lim- genden und Bevölkerungsschichten der Ralph Dommermuth macht an diesem burg schneite es sogar im Winter fast nie, USA! Wintertag eine selbst für seine finanziel- so dass es dann doch noch eine Weile SPIEGEL: Wie legen Sie Ihr Geld an? len Verhältnisse unbezahlbare Erfahrung: dauerte mit dem Reichtum. Genauer ge- Obermann: Zum guten Teil in Immobilien Er wird über seinen Reichtum sprechen. sagt, bis er 31 war. Damals stiegen Risiko- und in Telekom-Aktien. Hat er noch nie gemacht. Er ist selbst ge- kapitalfirmen bei ihm ein, Dommermuth SPIEGEL: Das ist nicht Ihr Ernst. spannt, wie sich das anfühlt. verkaufte einen Anteil und hatte auf ei- Obermann: Wieso? Das ist für mich bislang Der 48-Jährige aus Montabaur gibt ge- nen Schlag 14 Millionen Mark, die er ein- unterm Strich ein gutes Investment nerell selten Interviews, und wenn, dann fach in die Tasche stecken konnte. gewesen. Ich bin weder Spieler, noch geht es um sein Unternehmen pflege ich einen barocken Lebensstil. United Internet, zu dem Und überschätzen Sie mein Vermögen Marken wie web.de, 60,3 % bitte nicht! GMX und 1&1 gehö- trägt das Spät am Abend ist es wieder da, das ren. Aber heute will reichste Zehntel Reich?-Ich?-Nee-Argument. Der Ange- er mal versuchen, der Steuerzahler stellte Obermann fühlt sich nicht reich. etwas zu erklären, Aber es gibt doch Menschen, die ihr Ver- vielleicht auch mögen nicht mehr kleinreden können. sich selbst. Wie davon: 26,8 % das reichste Wer zahlt die Hundertstel Einkommensteuer? 2,9 % Anteile am Gesamtaufkommen zahlt 12,5 % von rund 160 Mrd. €, 2005 das reichste die ärmere Hälfte Tausendstel Quelle: DIW, FU Berlin der Steuerzahler 78 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 79.
    „Boah, dachte ich,jetzt bist du wirklich reich.“ In den sieben Jahren seit der Gründung seiner Firma hatte er fast jeden Samstag und Sonntag gearbeitet und sich nur einmal Urlaub gegönnt – zwischen Weihnachten und Neujahr. Das sei die Klassenziel: Elite andere Seite, die gern vergessen werde, Wie das Internat Louisenlund mit dem Geld vermögender Eltern wenn über Erfolg gesprochen wird. versucht, eine ganz normale Schule zu sein Was machte er? Er arbeitete weiter. Es I macht ihm immer noch Freude. Er tritt ngeborg Prinzessin zu Schleswig- die Elite von morgen werden. Luxus nicht groß auf, ist in keinem Verein aktiv Holstein gönnt sich bisweilen ei- geht dennoch anders. Man wolle keine und fühlt sich in seinem Heimatort Monta- nen Hauch von Häme, wenn sie Schnöselschule sein, so der Internats- baur wohl. Einmal hat er seinen vier Vor- mit ihrem BMW Cabrio das Kopfstein- leiter Werner Esser, der vorher in Sa- ständen versprochen, wenn die Firma 100 pflaster erreicht. Einmal pro Woche lem unterrichtete. Millionen Mark Gewinn abwirft, werde er fährt sie von Hamburg an die schles- Die Mischung ist ihm wichtig. Man- jedem einen Ferrari spendieren. Als es so wig-holsteinische Schlei. „Nicht sehr che der Schüler (mit ärmeren Eltern) weit war, rief Dommermuth den Händler sportwagenfreundlich“, sagt sie und haben Leistungsstipendien, andere in Mühlheim-Kärlich an, sagte: „Heute ist lächelt die Strapazen weg auf der letz- kommen aus dem Umland, weil Loui- Ihr Glückstag“, und bestellte fünf Ferraris ten Etappe zum Internat Louisenlund, senlund für sie auch einfach eine nahe statt des einen, den er für sich wollte. dessen Trägerstiftung sie anführt. Auf liegende Schule ist. Ein Vorfahr der In einer Ecke seines Büros hat er das der Rumpelstrecke hätten es zumin- Prinzessin habe das Schloss einst aus Foto jenes Moments hängen, als das Quin- dest jene ihrer Schützlinge oder deren schierem Mangel zur Bildungsstätte tett die Autos abholte. Er erzählt das ganz Eltern schwer, die mit dem tieferge- umfunktioniert: „Die ersten Schüler ruhig und ohne prahlend-raumgreifende legten Porsche kommen. waren drei Brüder mit zwei Paar Schu- Theatralik. Seine hohe Stirn, das weiche Einerseits will sie eben nicht, dass hen“, so ihre Gründungslegende. Gesicht, die langsamen Bewegungen – es die schon auf dem Parkplatz zeigen, Die Zweibettzimmer, in denen die gibt wahrscheinlich Leute, die Dommer- was sie haben (und sie haben oft eine Zöglinge zumeist leben, sind sparta- muth unterschätzen, und man könnte die Menge). Andererseits ist sie auf das nisch geblieben, die Wäsche muss Geschichte mit den Ferraris natürlich Wohlwollen der reichen Eltern durch- selbst gewaschen werden. „Eine Mut- auch sehr hämisch erzählen: wie da einer aus angewiesen. Zwar schicken viele ter sagte mal zu mir, dass ihr Kind ein durchdreht angesichts des Geldes. Vermögende ihre Kinder auch auf ganz solch bescheidenes Zimmer nicht ge- Aber wäre das die Wahrheit? Dommer- normale staatliche Gymnasien. Zwar wohnt sei und darin nicht leben kön- muth findet, dass die Sache komplexer gibt es andere teure Privatschulen wie ne. Ich habe mit dem Schüler gespro- ist. „Das war eine tolle Zeit. Wir haben das fast paramilitärisch anmutende Sa- chen, der das alles völlig in Ordnung gemeinsam an unsere Chance geglaubt lem am Bodensee oder das abgeschie- fand“, so Prinzessin Ingeborg. „Das und alles gegeben. Als es dann so weit dene Lyceum Alpinum im Schweizer Problem haben oft eher die Eltern als war, war ich froh und stolz.“ Zuoz, wo das Schuljahr mit rund 70000 die Kinder.“ Er hält sich weder für verschwende- Schweizer Franken zu Buche schlägt – Auf großzügige Helfer ist die Schule risch noch für geizig. „Natürlich verschie- ohne Extras wie etwa den Einzelzim- dennoch angewiesen: „Das Internat ben sich die Verhältnisse im Laufe der merzuschlag. Aber Louisenlund hat macht unter wirtschaftlichen Gesichts- Jahre.“ Das Preis-Leistungs-Verhältnis zumindest in Deutschland einen be- punkten keinen Sinn“, sagt die Prin- muss stimmen. Bei allem. Er kauft seine sonderen Ruf. zessin. Cola nicht an teuren Autobahnraststätten. 320 Schüler werden hier zurzeit von Einfach ist trotzdem manchmal be- Abends achtet er darauf, dass die Lichter 58 Lehrern betreut. In den Klassen sit- sonders teuer: 30 000 Euro zahlen für in den Büros ausgeschaltet werden, und zen im Schnitt 14 Schüler. In der Frei- Louisenlund jene, die sich das leisten noch immer konnte er sich nicht aufraf- zeit wird gesegelt, Tennis und Hockey können. Pro Schuljahr. fen, die graue Auslegeware in seinem gespielt. Der Bildungsauftrag ist klar: MARTIN U. MÜLLER Büro zu wechseln. Ist doch noch gut. Andererseits steuert er persönlich schon mal 28 Millionen Euro bei, um beim America’s Cup das erste deutsche Boot zu starten – natürlich unter United- Internet-Flagge. Es war PR, aber Segeln ist zugleich Dommermuths einziges Hobby. Schon als junger Mann hatte er eine kleine Jolle. Mittlerweile besitzt er eine Segelyacht und lässt sich nach zwölf Jahren gerade in den Niederlanden ein neues „Boot“ bauen, wie er das nennt. Nächstes Jahr soll es fertig werden, 142 Fuß lang, etwa 43 Meter, und von einer sechsköpfigen Crew dann rund um die Uhr betreut. Es gibt weitaus gewaltigere, wobei selbst die größte deutsche im inter- RETO KLAR nationalen Vergleich ärmlich wirkt: Der Schraubenmilliardär Reinhold Würth hat sich vor drei Jahren die 85-Meter-Yacht Internatsleiter Esser: Mischung ist ihm wichtig „Vibrant Curiosity“ gegönnt. Preis: rund hundert Millionen Dollar. Wenn Reiche D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 79
  • 80.
    Serie einer in ihrenKreisen zurzeit Auf Unterstützung setzt er besonders beliebten Leiden- nicht. „Der Staat sollte nicht schaft frönen wie Segeln, genötigt werden, in die Wirt- Pferdezucht oder Kunstsam- schaft einzugreifen, indem er meln, ist Expertise wichtiger beispielsweise für schlecht als das Geld an sich: Günther wirtschaftende Banken einste- Jauch kann lange Vorträge hen muss“, sagt er. „Und, sor- über Hanglagen halten, seit ry, ich finde, dass ich wirklich er das alte Familienweingut nachhaltig wirtschafte und ge- an der Saar gekauft hat. Julia nug Steuern zahle.“ Er macht Stoschek, Gesellschafterin jetzt doch mal eine Rechnung des milliardenschweren Co- auf, was unterm Strich über- burger Autozulieferers Brose, haupt bei ihm ankommt. hat sich als Sammlerin von United Internet hat im ver- Videokunst international ei- gangenen Jahr vor Steuern nen Namen gemacht und um rund 250 Millionen Euro ver- ihre Passion herum in Düssel- dient. Davon gehen etwa 80 dorf gleich ein Museum eröff- Millionen an den Fiskus. Von net. Andreas Jacobs aus der dem verbleibenden Netto- gleichnamigen Kaffee-Dynas- gewinn stehen Dommermuth tie ist ein Pferdenarr und gemäß seinem Aktienpaket 79 stieg 2010 bei der pleitegegan- Millionen zu. Von diesen wer- genen Galopprennbahn Iffez- den maximal 25 Prozent aus- heim ein. geschüttet, mindestens drei Ralph Dommermuth fährt Viertel bleiben im Konzern. nur winters gern mal in die Das sind für Dommermuth Berge. Und weil er sich in St. 18 Millionen, die er wiederum Moritz als Ausländer kein versteuern muss, so dass am Haus kaufen darf, hat er sich Ende beim Gründer und im dortigen Kempinski eine Hauptaktionär „nur“ rund 13 Wohnung gepachtet. „Ist das Millionen Euro ankommen. übertrieben? Für einen Nor- Ralph Dommermuths Bruder malverdiener sicher, aber im managt das. Ihm vertraut er Verhältnis zu meinen Mög- blind. Ein Großteil des Geldes lichkeiten überschaubar.“ fließt in Immobilien. Und was Ein bisschen verrückt sei wird daraus später mal? Seit allenfalls das Haus gewesen, sein Sohn mit dem Studium das er sich zu seinem 40. Ge- fertig ist, gibt es vom Vater burtstag am Rande seiner kein Geld mehr. Das war Heimatstadt gebaut hat. Ein- schon immer klar, auch wenn fach, weil man in so einer der Filius bereits in einer an- ländlichen Gegend das Geld deren Welt groß wurde. Er traf beim Verkauf ja nie wieder- Gleichaltrige, die mit 16 von kriegen würde. Er hat dort Papa den ersten Porsche ge- HORST OSSINGER fünf Hausangestellte, mit we- schenkt bekamen und darüber niger lässt sich das Objekt die Bodenhaftung verloren. nicht unterhalten. Es ist so „Sag mir bitte Bescheid, gebaut, dass der Personalbe- Kunstsammlerin Stoschek: Expertise ist wichtiger als Geld an sich wenn ich mal so ein Idiot wer- reich vollständig abgetrennt de“, sagte Dommermuth ju- ist. Ralph Dommermuth will seine Ruhe, für das Areal zahlen, 75 Hektar Guts- nior, dessen Vater ihm zum 18. Geburtstag wenn er in Shorts durch die Glasfronten gelände mit zwei Kilometern Privatstrand 5000 Euro für einen gebrauchten Ford Fo- des Wohnzimmers auf den künstlich an- und 30 sehr historischen Bruchbuden. cus beisteuerte. In den Sommerferien hat gelegten See hinausschaut. Das Zehnfache steckt er nun rein. er auf dem Bau gejobbt. Gefragt, was er Sein Haus, sein Auto, sein Boot. Bernd Kolb verkaufte seine Firma ID- dort so mache, antwortete er: „Alles, wor- Manchmal fragt er sich dann doch, ob es Media, probiert es heute mit Hotels in auf die polnischen Arbeiter keine Lust noch ein anderes Leben gibt. Dank der Marrakesch und hält Vorträge zu globalen haben.“ Jetzt lebt er in Berlin und baut Internethysterie um die Jahrtausendwen- Herausforderungen. sich mit Freunden eine eigene Internet- de haben andere ja auch Kasse gemacht. Online-Ära und Aktien-Boom haben firma auf. Jan Henric Buettner etwa hat einst AOL auch in Deutschland viele reich gemacht. Er ist jetzt 25 und erlebt das typische Europe mitaufgebaut und – nachdem Manche stiegen zumindest rechtzeitig aus. Paradoxon des Erben: Es wird mühsam Bertelsmann mit dem Verkauf Milliarden Ralph Dommermuth blieb, als die Blase werden für ihn. Auch weil alle es für so erzielt hatte – den Medienkonzern ver- im Jahr 2000 platzte. Er sparte, strich zu- einfach halten. klagt. Gemeinsam mit einem Partner er- sammen, baute um und wieder auf. Heute MARKUS DETTMER, KATRIN ELGER, MARTIN U. MÜLLER, THOMAS TUMA stritt Buettner 160 Millionen Euro. hat United Internet 5400 Beschäftigte und Jetzt rumpelt er mit einem Aston Mar- ist an der Börse rund drei Milliarden Euro tin („mein Dienstwagen“) regelmäßig von wert. „Wenn morgen meine Welt zusam- Hamburg zur Hohwachter Bucht, wo er menbräche, würde ich mich nach drei Lesen Sie im nächsten Heft: ein komplettes Dorf zum Luxushotel um- Tagen wieder berappeln und mit etwas Wo das alte Geld zu Hause ist – und die baut. Sieben Millionen Euro musste er Neuem anfangen.“ Angst wächst, es wieder zu verlieren 80 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 81.
    Trends Medien ARD Gottschalk wünscht sich eine Frau Entertainer Thomas Gottschalk ist auf der Suche nach einer Sparringspartne- rin. Vorige Woche castete die Redaktion seiner quotenschwachen ARD-Show „Gottschalk live“ mehrere Nachwuchs- kräfte, die dem 61-Jährigen künftig zur Seite stehen könnten. Gottschalk selbst wünsche sich „eine möglichst unbekann- te, freche, kluge Frau“, heißt es aus seinem Umfeld. Sie solle ihm Themen RTL zuspielen, er selbst wäre dann „nicht RTL-Nachrichtensendung mehr Motor“, son- dern könnte „spon- RTL GROUP tan reagieren“ – ähn- lich wie bei „Wet- ten, dass ...?“, wo ihm in seinen letzten beiden Jahren die Zurück zu Bertelsmann METODI POPOW / T & T Schweizerin Michelle Der neue Bertelsmann-Boss Thomas Rabe holt zwei altgediente Manager in Hunziker assistierte. den Konzern zurück. Der frühere Sony-Music-Boss Rolf Schmidt-Holtz, 63, und Freitag und Samstag Ex-Gruner-&-Jahr-Chef Bernd Kundrun, 54, sollen auf der Hauptversammlung dieser Woche sollen am 18. April in den Aufsichtsrat der RTL Group gewählt werden. Kundrun hatte Gottschalk in internen Testsen- den Konzern Weihnachten 2008 im Streit um Investitionen verlassen. Schmidt- dungen verschiede- Holtz war Manager der Bertelsmann-Beteiligung Sony-BMG, schied aber nach ne neue Konzepte ausprobiert werden. deren Verkauf an Sony aus dem Konzern aus und folgte den Japanern. Beide Strittig ist, ob Gottschalk künftig einen haben in ihrer Bertelsmann-Zeit Fernseherfahrung gesammelt. Schmidt-Holtz oder mehrere Prominente zu Gast ha- war früher Chef des Bertelsmann-Ablegers CLT-Ufa, der Vorgängerin der RTL ben soll und wie tagesaktuell die Sen- Group. Kundrun hatte für den Konzern das Pay-TV-Geschäft aufgebaut. dung sein wird. N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N schäftigt ist, vergünstigte Tickets für fern dürfte ihr die Entscheidung leicht- Journalisten auszustellen. Und die an- gefallen sein, demnächst keine Journa- dere Hälfte damit, Reklamationen zu listen-BahnCard zum reduzierten Preis Pres|se|ra|batt beantworten und geduldig zu erklären, dass es zwar die tolle kostenlose mehr anzubieten. Sicherheitshalber nutzte sie dafür den Windschatten der der: total unproblematische Sonder- Pressekarte mit besonderen Vorzügen Debatte um Christian Wulff, in der man- behandlung von Journalisten, die sich nicht mehr gebe, aber das Angebot, che Journalisten beim Sich-Echauffieren von Sonderbehandlungen nicht die „Silver Card“ mit ähnlichen Vortei- über Vergünstigungen, die der Ex-Bun- beeinflussen lassen. len zu kaufen, auch noch ein besonde- despräsident in Anspruch genommen res Entgegenkommen darstelle. „Sehr hatte, so dicke Backen machten, dass Es ist leicht, das Journalistenleben zu kundenunfreundlich“ nennt das ein ge- man mit dem ganzen Wind von Berlin romantisieren. Dabei ist es oft ein wisser Andreas im Forum. nach Hannover hätte fliegen könnte. Fluch. Allein diese ganzen Privilegien! Schon als Air Berlin vor zwei Jahren be- Der Deutsche Journalisten-Verband Internetseiten wie www.pressekondi schloss, den Rabatt von 50 Prozent auf wies die Forderung von „Transparency tionen.de bieten einen eindrucksvol- 25 zu halbieren, erkaltete die Bezie- International“ nach einem generellen len Einblick, welchen Zumutungen hung vieler Profi-Rabattneh- Verzicht auf Presserabatte man sich aussetzen muss, nur weil mer zu der Fluggesellschaft. zurück. Sein Sprecher sagte, man mit seiner Familie für 25 Prozent Man mag sich nicht ausma- das sei „Sache eines jeden weniger in den Urlaub fliegen will. Es len, wie viele freundliche Er- Journalisten, ob er Presse- sind erschütternde Zeugnisse von ver- wähnungen von Air Berlin rabatte annimmt oder nicht. schwendeten Leben in Warteschleifen, in Artikelnebensätzen seit- Da bedürfen wir keiner Be- emotionale Schicksalsberichte über dem weggefallen sind. Die lehrung durch andere Orga- nicht erfüllte Sonderwünsche bei der Sorge muss sich die Deut- nisationen“. Auch was Platzwahl im Flugzeug inklusive. sche Bahn unter Rüdiger Transparenz und Selbstkri- Man kann hier leicht den Eindruck Grube (Bild) zum Glück tik angeht, scheinen zumin- bekommen, dass die Hälfte der Presse- mangels freundlicher Erwäh- dest manche Journalisten stelle von Air Berlin nur damit be- nungen nicht machen. Inso- auf Rabatt zu pochen. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 81
  • 82.
    Medien D E B AT T E Raubkopie Das ganze Elend der Urheberrechts-Diskussion steckt in diesem einen Wort. Von Stefan Niggemeier E s ist kein neues Wort: Urheber und Produzenten benut- „Ich kämpfe für die Urheber. Für mich steht bei dieser ganzen zen es seit Jahrzehnten, um den ungenehmigten Vertrieb Novellierung der Schutz des geistigen Eigentums als Existenz- ihrer Produkte zu bezeichnen. Schon Goethe klagte 1775 grundlage aller Wertschöpfer an oberster Stelle, und ich lasse über den „Raub“ durch einen „unverschämten Nachdrucker“ das nicht ausspielen gegen irgendein diffuses Nutzerrecht.“ Es seiner Werke. Der Ursprung des Begriffs „Raubkopie“ liegt ist bezeichnend, dass diejenigen, deren Interessen hier also im Dunkeln, aber die Rechteindustrie hatte ein großes Interesse ganz an den Rand gewischt werden, die sind, die man eigentlich daran, seinen Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch im Zentrum vermuten sollte: das Publikum, die Kunden. zu fördern. Er ersetzt einen abstrakten Vorgang, die Verletzung Es gab, lange bevor der Satz „content is king“ Mode wurde, von Urheberrechten, durch eine anschauliche Metapher. einen anderen sprichwörtlichen Herrscher. „Der Kunde ist Kö- Metaphern sind mächtig. Sie machen einen Sachverhalt nicht nig“, hieß es damals. Große Teile der Branche haben viele Jahre nur anschaulich; sie bestimmen fundamental, wie wir ihn wahr- blendend damit gelebt, diese Weisheit zu ignorieren. Sie haben nehmen. Bilder werden zu Rahmen, ihre Angebote künstlich verknappt innerhalb deren wir denken. Das Bild oder das, was der Kunde wollte, nur von der Raubkopie ist falsch. Ein im Paket mit dem angeboten, was der Raub ist im Grundsatz das gewaltsa- Kunde nicht wollte. Nicht der Kunde me Wegnehmen fremder Sachen. Es war König, sondern der eigene Profit. lässt sich schon darüber streiten, ob Dann kam das Internet. beim ungenehmigten Kopieren je- Das eigentlich Zerstörerische die- mandem tatsächlich eine Sache weg- ses Mediums für die alten Geschäfts- genommen wird. Ganz sicher aber modelle war nicht die darin angeblich lässt sich feststellen, dass ihm dabei herrschende „Gratiskultur“. Sondern keine Gewalt angetan wird. die Macht, die es dem einzelnen Nut- Wenn wir von Raubkopieren spre- zer und möglichen Kunden gab. chen, machen wir aus Menschen, die Wenn der Vertrieb eines Musikstücks WALTRAUD GRUBITZSCH / DPA einen Inhalt ungenehmigt nutzen, Ge- plötzlich fast nichts mehr kostet, gibt walttäter. Es wäre eine Illusion, zu es keinen guten Grund, es nur im Pa- glauben, dass der Begriff diese Wir- ket anzubieten, gebündelt mit neun kung nicht hat, nur weil wir das nicht anderen Titeln, auf Metall gebrannt, jedes Mal bewusst mitdenken. Schon in Plastik gesteckt und durch die Welt der Begriff macht die Handlung zu ei- geschickt. nem indiskutablen Akt und legitimiert Messestand auf der „Games Convention“ Es ist nicht so, dass die Menschen drastische Schritte. Selbst das reichte im Internet alles kostenlos wollen. der deutschen Filmindustrie nicht. Sie Nicht der Kunde war König, Aber sie wollen alles, und zwar so- begann im Jahr 2003, flankiert von fort. Sie wollen nicht mehr warten, der Bundes-Filmförderungsanstalt, sondern der eigene Profit. bis ihre amerikanische Lieblingsserie eine Kampagne „Raubkopierer sind Dann kam das Internet. mit Monaten Verspätung in Deutsch- Verbrecher“. „Raubkopierer“ wurden land als DVD oder zum Download wie auf einem Steckbrief dargestellt. angeboten wird. Und wenn sie nicht Das Ziel, bei den Angesprochenen ein Unrechtsbewusstsein legal zu bekommen sind, nehmen viele sie auch illegal. Man zu schaffen, dürfte mit solchen Dämonisierungsaktionen höchs- kann das beklagen. Man kann auf das vermeintliche Recht des tens insofern erreicht worden sein, dass vielen Menschen be- Produzenten pochen, selbst zu entscheiden, wann, wie und in wusst wurde: Jemand, der so offensichtlich unlauter argumen- welchen Formen er seine Inhalte anbietet. Man muss dann al- tierte, konnte nicht im Recht sein. Das ist ein Grund dafür, lerdings immer höhere Schutzzäune basteln, die Befestigungen warum der Graben heute so tief ist zwischen den Rechtever- ausbauen, Verstöße verfolgen – zu erheblichen Kosten für die wertern einerseits und einem großen Teil des Publikums ande- Allgemeinheit. rerseits. Die Rechteindustrie – die Verlage, die Filmverleiher, D die Plattenfirmen –, sie tut so, als hätte sie ein gottgegebenes ie Alternative wäre: dieses Bedürfnis des Publikums zu Recht, den Umgang mit ihren Werken vollständig zu kontrol- befriedigen. Aus der Nachfrage der Kunden einen Markt lieren. Sie tut so, als wären Schwarzkopien verantwortlich für zu machen. Ihnen das zu geben, was sie wollen, zu ei- ihren Niedergang. Sie tut so, als wären ihre geschäftlichen In- nem Preis, den sie als fair empfinden. teressen identisch mit denen der Allgemeinheit. Und sie fordert, Die Geschichte der Inhalteindustrie ist voll von Beispielen dass bei deren Durchsetzung keine Rücksicht auf andere ge- dafür, wie die Branche bewusst darauf verzichtet hat, den Kun- nommen wird. den legale neue Angebote zu machen, etwa für den Online- Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat das vor einigen Download von Musik, um die etablierten Geschäftsmodelle Wochen auf dem Deutschen Produzententag deutlich gesagt: mit hohen Margen und größerer Kontrolle zu stützen, wie den 82 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 83.
    Verkauf von CDs.Es haben dann, als es eigentlich schon zu Nun sollen die Verlage also ein eigenes Leistungsschutzrecht spät war, andere den Markt geschaffen: zum Beispiel Apple bekommen, um dagegen vorgehen zu können. Sie stellen das mit seinem Online-Musikkaufhaus iTunes. als eine Art Notwehr dar – dabei bedeutet es eine erhebliche Seit Mitte November bietet der Store auch in Deutschland Ausweitung des Eigentumanspruchs. Immerhin hat die Regie- die Möglichkeit, die meisten Songs kostenlos 90 Sekunden lang rung den Verlegerwunsch nicht erfüllt, dass sogar das bloße anzuhören – vorher war es nur eine halbe Minute. Man darf Ausdrucken einer kostenfrei anwählbaren Online-Nachrichten- davon ausgehen, dass Apple herausgefunden hat, dass sich das seite in Unternehmen kostenpflichtig zu sein habe. positiv auf die Verkaufszahlen auswirkt. Wer hätte das gedacht: Aber die Logik der Verlage und ihres Leistungsschutzrechts Ein größeres kostenloses Angebot scheint zu höheren Verkaufs- lautet: Jeder, der professionell Inhalte anderer verwendet und zahlen zu führen. verwertet, soll dafür zahlen. Das ist ebenso wenig durchsetzbar wie wünschenswert. Medien wären die Ersten, die das wissen A pple beweist, dass es sich auch lohnen kann, einen Kon- müssten. Sie bestehen zu einem erheblichen Teil daraus, die trollverlust hinzunehmen. Seit 2009 enthalten die Stü- Ideen, Gedanken, Produkte, Inhalte anderer kostenlos zu ver- cke, die über iTunes verkauft werden, keinen Kopier- wenden. In besonders krasser Form ist das bei der Art zu sehen, schutz mehr. Theoretisch kann jeder die einmal gekauften wie Online-Medien aus dem Nacherzählen von Talk- oder Musikdateien an all seine Freunde und die halbe Welt weiter- Dschungelshows Kapital schlagen. Im künstlerischen Bereich verteilen. Vermutlich geschieht das sogar gelegentlich. Es ist es noch eindeutiger: Ideen und Inhalte wachsen auf dem spricht aber viel dafür, dass der Schaden, der dadurch entsteht, Boden der Inhalte anderer. mehr als ausgewogen wird durch Mehrkäufe dank höherer Ein Grund, warum die Debatten um das Urheberrecht so Kundenzufriedenheit: Die Käufer können die legal erstandene furchtbar und fruchtlos sind, liegt darin, dass es missbraucht Musik ohne frühere Zumutungen frei auf verschiedenen Gerä- wird. Das geplante Leistungsschutzrecht zeigt es. Mit größter ten verwenden. Verbissenheit haben die Verlage dafür gekämpft, als wären Doch die digitale Welt steht nicht nur für Kontrollverlust. Angebote wie Google News für die Probleme der Verlage ver- Sie ermöglicht auch die Verwirklichung der kühnsten Kontroll- antwortlich. Sie sind es nicht, und ein Leistungsschutzrecht träume der Produzenten und Veranstalter. Das zeigt sich in wird die Probleme nicht lösen. der Akribie, mit der sie etwa auf You- Gegner wie Google oder die Tube auch kürzeste Ausschnitte ihrer Schwarzkopierer sind willkommene Programme löschen lassen. Beson- Sündenböcke für andere Fehler und ders eindrucksvoll ist die Technik, die Probleme. Und die Rechteverwerter beim digitalen Satellitenpaket HD+ sind keine glaubwürdigen Vertreter eingesetzt wird. Die Privatsender der Interessen der Urheber. Im Fall können dort nicht nur das Aufneh- der Musikindustrie ist deutlich gewor- men von Sendungen grundsätzlich den, dass die großen Plattenlabel oft unterbinden – was wie ein später Sieg nicht im Interesse der Künstler agie- wirkt, schließlich hatte die Branche ren. Und auch die Zeitungs- und Zeit- Mitte der Siebziger in den USA auch schriftenverlage, die sich angeblich gegen die Aufnahmefunktion am da- so darum sorgen, dass die Arbeit von mals neuen Videorecorder geklagt. Journalisten auch in Zukunft noch or- Es lässt sich auch das Vorspulen von dentlich bezahlt wird, sind in großer STEFAN BONESS / IPON Programmen unterbinden, damit die Zahl dadurch aufgefallen, dass sie Werbung nicht übersprungen werden diesen Urhebern Verträge zu ihrem kann. Nachteil diktieren wollen, die von Es spricht wenig dafür, dass sich Gerichten als gesetzeswidrig kassiert auf diese Weise dauerhaft auf Kosten wurden. der Kundenzufriedenheit ein Ge- Spaß-Demonstrant 2011 Auch daran scheitert regelmäßig schäft machen lässt. Aber die HD+- die Debatte: dass man denjenigen, Technik spiegelt ganz gut wider, was Menschen im Internet die am lautesten nach einem Ausbau die Branche ohnehin als ihr Recht an- oder „Schutz“ des Urheberrechts ru- sieht: die vollständige Kontrolle über wollen nicht alles kostenlos. fen, am wenigsten abnehmen kann, die Verwendung ihrer Inhalte. Sie wollen alles sofort. dass sie das Gemeinwohl im Sinn ha- Das zeigt sich im fast mantraarti- ben, dem dieses Recht letztlich die- gen Gebrauch der Formulierung vom nen soll. „geistigen Eigentum“, das es zu schützen gelte. Gemeint sind Verlage oder Sender werden auch in Zukunft nicht überflüssig. damit Urheber- und Verwertungsrechte. Auch beim Begriff Aber ihre Rolle ist in der digitalen Welt erheblich reduziert. Der „geistiges Eigentum“ handelt es sich um eine interessengesteu- Vertrieb der Inhalte ist deutlich weniger aufwendig geworden; erte Metapher. Der Begriff suggeriert, dass sich Ideen und In- sie haben ihr Monopol als Vermittler zwischen Inhalt und Publi- halte in gleichem Maße beherrschen lassen wie körperliche kum verloren. Es ist nur logisch, dass mit dem Bedeutungs- auch Dinge, dabei handelt es sich um sehr unterschiedliche Formen ein Umsatzverlust einhergeht, und das versuchen sie mit allen von Rechten. Mitteln zu verhindern. Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Der Inbegriff des Eigentums ist seine Exklusivität: Mein „Public Affairs“ bei Axel Springer, hat gesagt, dass die Branche Auto gehört mir und nicht anderen. Ideen und Inhalte aber für „alternative Vergütungssysteme“ offen wäre, die nicht auf vervielfältigen sich beim Teilen. eine rigide Verbreitungskontrolle der Inhalte hinausläuft, wenn Ist der Gedanke vom Inhalt als Eigentum erst einmal eta- sich dadurch die Gewinne der Unternehmen steigern ließen; bliert, lässt sich leicht jeder nicht erwünschte Gebrauch als wenn also mehr „Geld in die Kasse“ der Verlage käme. „Diebstahl“ kriminalisieren. Entsprechend hat Gabor Steingart, Die Sorge dieser Leute ist nicht, dass in Zukunft kein Anreiz Chefredakteur des „Handelsblattes“, die – noch legale – Praxis mehr besteht, Artikel zu schreiben, Filme zu machen, Bücher von Google diskreditiert, Inhalte von Verlagsangeboten zu verfassen. Ihre Sorge ist es, mit diesen Produkten nicht auffindbar zu machen und mit kurzen Ausschnitten zu aggre- mehr so viel Geld zu verdienen wie bisher. Sie kämpfen nicht gieren. für das Urheberrecht, sondern für ein Profitschutzrecht. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 83
  • 84.
    Medien Postbote den Ausweis des Kunden kon- Auch Spiele wie die Playstation-Baller- HANDEL trolliert. Soweit die Theorie. Doch in der orgie „Killzone III“ lassen sich problemlos Praxis scheren sich zahlreiche Online- ohne Altersprüfung ordern. Sogar Nazi- Verbotene Hiebe Händler offenbar gar nicht um die hier- zulande besonders strengen Jugend- schutzgesetze. CDs werden immer wieder offeriert. Das verbotene Horst-Wessel-Lied, Hymne der NSDAP, konnten Kunden noch im vergan- Händler bei Amazon verstoßen Denn Amazon.de versendet nicht nur genen Jahr herunterladen. Amazon muss- gegen Jugendschutzgesetze: selbst Produkte, sondern bietet auch an- te das Lied entfernen, das Landeskrimi- Horrorfilme können problemlos deren Händlern die Möglichkeit, ihre nalamt Niedersachsen ermittelte. Das Un- Ware auf der Plattform anzubieten. Das ternehmen kam ungeschoren davon, weil bestellt werden. Selbst indizierte Angebot heißt Marketplace; auf Wunsch die Ermittler keinen Vorsatz sahen. DVDs werden verschickt. wickelt der Online-Gigant den Versand Der Online-Riese reagiert auf die neuer- für seine Unterhändler ab. Eine Reihe lichen Vorwürfe nüchtern: Werde man F ilme wie „Man Eater“ verwirren von Testbestellungen bestätigt: Ein gro- darüber informiert, dass verbotene oder nicht mit allzu vielen Dialogen: Ein ßer Teil der bei Marketplace-Händlern indizierte Titel auf Amazon feilgeboten Menschenfresser verspeist in dieser bestellten Pakete mit „FSK 18“-Filmen werden, „entfernen wir die Titel umge- „Kannibalismus-Orgie billigster Machart“ wird nicht – wie vom Gesetzgeber vor- hend und ergreifen gegebenenfalls wei- („Lexikon des internationalen Films“) geschrieben – als persönliches Einschrei- tere Maßnahmen“. Dafür gebe es einen Diverses und auch einen Fötus. Für das ben zugestellt. Auf einigen Verpackungen Link auf der Produktseite. Machwerk gilt in der Originalversion ein steht der Satz: „Versand durch Amazon – Beim Bundesfamilienministerium sieht deutschlandweites Verbreitungsverbot. 36248 Bad Hersfeld“. Andere Händler man die praktische Umsetzung des Ju- Trotzdem kann man solchen Horror verschickten gar beschlagnahmte Produk- gendschutzes bei Online-Geschäften „mit ohne Probleme kaufen – per Mausklick te, deren Vertrieb in Deutschland verbo- Sorge“. „Verstöße gegen den Jugend- auf Amazons Marketplace. Mehr noch: ten ist. schutz sind keine Kleinigkeit. Rechtlich Auch Minderjährige können, sofern sie Ein Verkäufer war besonders dreist: Er ist der Bereich klar definiert – das Pro- das nötige Taschengeld haben, bequem versendete über Amazon eine richterlich blem liegt eher in der praktischen Um- MATT CARDY / GETTY IMAGES AP Szene aus dem Computerspiel „Killzone III“, Amazon-Auslieferungslager: „Ohne Verifizierung, Postbote oder Gesichtskontrolle“ ordern. Schaut man sich genauer bei Ama- beschlagnahmte Version des Splatter- setzung und der Kontrolle der Vorschrif- zon um, entpuppt sich manches Angebot Streifens „Braindead – Dead Alive“ – ten durch die Aufsichtsbehörden der als Alptraum für Jugendschützer. ohne jede Alterskontrolle. Länder.“ Sebastian Gutknecht, Jurist bei der Egal, wie hart die Ware ist: Etliche Den Kunden gefällt es auf jeden Fall, Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugend- Amazon-Marketplace-Händler verschi- ohne jede Hürde beinahe alles kaufen zu schutz Nordrhein-Westfalen, sagt: „Es ist cken sie einfach als normales Päckchen können. Nutzer „S. Lenz“ schwärmt im skandalös, dass bei Amazon Marketplace oder Einwurfeinschreiben mit der Post. Amazon-Forum davon, dass er noch nicht indizierte und von der Staatsanwaltschaft Minderjährige brauchen also nur ein ei- mal seinen „Perso an der Haustür“ zü- beschlagnahmte Filme angeboten wer- genes Konto oder eine Kreditkarte, schon cken musste, Nutzer „DVD Junkie“ kann den.“ Geliefert werden Massaker-Filme, landen Gewalt- und Sex-DVDs im heimi- sich ebenfalls nicht erinnern, jemals sein aber auch garantiert nichtjugendfreie Wa- schen Briefkasten. Alter nachgewiesen haben zu müssen. re wie „Lesbian Beauties – Feurige Schön- Bei 49 von 50 SPIEGEL-Testbestellun- „Ohne Verifizierung, Postbote oder Ge- heiten“ oder „Analsex for Lovers“, die gen von Medien ohne Jugendfreigabe per sichtskontrolle, und vor allem ohne extra auf Wunsch ebenfalls unkontrolliert in Standardversand über eine Reihe von Gebühren.“ deutschen Jugendzimmern landen. Marketplace-Händlern lieferte die Post Ein anderer Amazon-Kunde glaubt den Der Versandhandel mit Filmen unter oder ein Paketdienst ohne jede Alters- Grund dafür zu kennen, warum vielen „FSK 18“-Klassifizierung ist zwar verbo- kontrolle. Lediglich in einem Fall verhielt Händlern egal ist, wo die Ware landet: ten, es sei denn, der Anbieter stellt zwei- sich der Anbieter gesetzeskonform, bei „Die Marketplace-Verkäufer sind froh, felsfrei sicher, dass der tatsächliche Emp- der Zustellung wurde ein Ausweis ver- wenn sie was verkaufen.“ fänger volljährig ist. Etwa, indem der langt. TOBIAS LILL, MARTIN U. MÜLLER 84 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 87.
    Panorama Ausland SYRIEN tung vor – „ohne viel Rücksicht auf Ba- schar“, der zwar alle Entscheidungen mittrage, „aber schon früher getan hat, Brutalität und Intelligenz was man ihm sagt“. 1999 hatte der ex- trem jähzornige Mahir bei einem Streit noch auf Schaukat geschossen. Doch in der jetzigen Notlage scheint sich der eingeheiratete Offizier, dem gleicher- maßen Brutalität und Intelligenz nach- gesagt werden, unentbehrlich gemacht zu haben. Wofür auch spricht, dass Ma- hir einen Großteil der 4. Division unter Schaukats Kommando stellte, der den wochenlangen Beschuss der Stadt Homs befehligte. Mahir und Baschar sollen sich dagegen seit Monaten kaum noch begegnet sein, bei Treffen des in- nersten Zirkels sei nur jeweils einer von beiden anwesend, der andere per Tele- fon zugeschaltet. Gänzlich hinter den Kulissen bestimme eine Person den Kurs, die seit Jahren überhaupt nicht mehr in der Öffentlich- keit aufgetreten ist: Anisa Machluf, die Witwe von Hafis al-Assad sowie Mutter von Baschar und seinen Geschwistern. Zeugen verschiedener Treffen mit Ba- schar bestätigen, dass der Präsident in IMAGO kleinem Kreis ständig darüber geklagt Bombenangriff auf Homs habe, sich etwa bei Personalentschei- dungen gegen seine Mutter nicht durch- Seit Beginn des Aufstands vor einem einheit der 4. Division, sowie Assif setzen zu können. Auch sei es die Jahr hat sich die syrische Führungsspit- Schaukat, Vize-Verteidigungsminister Mutter, die die einander beargwöhnen- ze abgeschottet. Was im innersten und Ehemann von Baschars einziger den Sippen zusammenhalte. Insbeson- Machtzirkel des Landes, dem Clan der Schwester Buschra. Sie gäben die Rich- dere Rami Machluf, der milliarden- Assads und Machlufs sowie einiger Ge- schwere Cousin Baschars, wird trotz Ri- neräle, diskutiert und beschlossen wird, valität dringend gebraucht: Mit seinem dringt kaum nach außen. Nach überein- Geld und mit Hilfe Hunderter irani- stimmenden Aussagen ehemaliger Ge- scher Ausbilder sollen die bislang losen schäftspartner der Assads, hoher isla- Einheiten der Schabiha-Milizen zu ei- mischer Kleriker und anderer Insider ner Armeedivision vereint und hochge- KHALED AL-HARIRI / REUTERS ergibt sich jedoch ein ungefähres Bild: rüstet werden. Am wichtigsten aber sei So hat sich innerhalb der etwa ein Dut- Anisas Rolle, ihre Söhne auf Linie zu zend Personen umfassenden Führungs- halten: „Sonst würde Mahir irgend- spitze eine neue Machtachse gebildet, wann wieder durchdrehen und auf Ba- die aus zwei ehemaligen Kontrahenten schar schießen, weil er dessen Dumm- besteht: Baschar al-Assads jüngerem heit nicht mehr erträgt“, so ein Kenner Bruder Mahir, Befehlshaber der Elite- Assad-Brüder Mahir, Baschar, Schaukat (M.) der Familie. UNGARN nur europäischen Standards, sie wür- keinem anderen Mitgliedstaat des Eu- den im Falle einer gerichtlichen Ausein- roparats verfügt eine einzelne Person andersetzung auch das Recht auf ei- über solche Macht“, schreiben die Ver- Abhängige Justiz nen fairen Prozess in Frage stellen, heißt es in dem Bericht. „Die Reform treter der Organisation, zu der 47 Staa- ten gehören. Die Führung des Landes- Die vom rechtskonservativen Premier- als Ganzes bedroht die Unabhängig- richteramts habe „weitgehenden Er- minister Viktor Orbán eingeführte Ver- keit der Justiz“, so das Urteil. Scharfe messensspielraum, der meistens nicht fassung verstößt in ihren Kernpunkten Kritik üben die Autoren auch an dem einer juristischen Kontrolle unter- gegen demokratische Grundrechte. Zu neugeschaffenen ungarischen Landes- steht“. Sobald das Parlament in Buda- diesem Schluss kommt ein bislang ver- richteramt. Dessen im Dezember vom pest einen Leiter eingesetzt habe, be- trauliches Rechtsgutachten der „Vene- Parlament gewählte Leiterin hat das sitze es keine Möglichkeit, diesen zu dig-Kommission“ des Europarats, das Recht, Richter zu ernennen, zu verset- kontrollieren. „Der Bericht ist besorg- dem SPIEGEL vorliegt. Entscheidende zen und zu entscheiden, welcher Rich- niserregend“, sagt der CDU-Europa- Teile der Reform widersprächen nicht ter welchen Fall bearbeiten darf. „In abgeordnete Andreas Schwab. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 87
  • 88.
    Panorama GRIECHENLAND Kartoffelverkauf in Thessaloniki Findige Bauern In griechischen Rathäusern werden seit kurzem auch Bestellungen für Kartoffeln entgegengenom- men. 32 Cent kostet das Kilo zum Beispiel in zwei Athener Vororten – das ist etwa um die Hälfte bil- liger als in einem griechischen Supermarkt. Der Grund: Angesichts steigender Lebensmittelpreise haben sich die Bauern vielerorts entschieden, ihre Produkte direkt an die Kommunen zu verkaufen. Zwischenhändler, die die Preise in die Höhe trei- ben, können so von den Verbrauchern umgangen werden. Was als Graswurzelbewegung in der nord- griechischen Region Pieria begann, breitet sich mittlerweile über das ganze Land aus. Nach den Kartoffelbauern entschlossen sich auch Olivenöl- produzenten auf Kreta und nordgriechische Vieh- züchter, auf Zwischenhändler zu verzichten. In fast allen größeren Städten kaufen die Griechen Gemüse, Olivenöl, sogar Fleisch nun direkt vom Bauern. Bei der Vermittlung helfen nicht nur die örtlichen Rathäuser, sondern auch das Internet: Auf der Seite otoposmou.gr können die Ver- braucher direkt bei den Erzeugern bestellen, die ihrerseits davon profitieren, dass das Preisdumping der Großhändler wegfällt; sie bekommen mehr für ihre Ware. Für die Griechen, deren Gehälter weiter gekürzt werden, sind viele Lebensmittel kaum noch bezahlbar: Die Lebenshaltungskosten liegen inzwischen bis zu 30 Prozent höher als in Deutschland. USA zum Machterhalt. Rechtsstaatlichkeit sehr wahrscheinlich, dass sie irgendwo hat nie eine wichtige Rolle gespielt. durch einen US-Server läuft. SPIEGEL: Wie kein anderer verkörpert J. SPIEGEL: Wie reagierte das FBI auf die Amerikanische Gestapo Edgar Hoover, der die Behörde 48 Jah- re lang führte, das FBI. Wie konnte Forderungen der Bush-Regierung, die Überwachung weiter auszudehnen? Bestseller-Autor Tim ein einzelner Mann so viel Macht er- Weiner: Irgendwann war das Maß voll. Weiner, 55, über das langen? Im März 2004 hatte FBI-Chef Robert FBI und dessen Weiner: Indem er über je- früheren Chef J. Ed- den eine Akte anlegte. JÖRG STEINMETZ PHOTOGRAPHY Hoover 1954 gar Hoover Hoover diente nicht dem Gesetz, er war das Ge- SPIEGEL: In Ihrem setz. Präsident Harry neuen Buch zeich- Truman warf ihm 1945 nen Sie ein düsteres sogar vor, eine amerika- Bild der amerikani- nische Gestapo aufzu- schen Bundespolizei bauen. Doch kein Präsi- FBI. Seit der Gründung vor 103 Jahren dent hatte je den Mut, soll sie kontinuierlich das Gesetz ge- Hoover zu entlassen. brochen haben. Ist sie eine Gefahr für SPIEGEL: Nach den An- den Rechtsstaat? schlägen vom 11. Septem- Weiner: Das FBI war und ist vor allem ber enthüllten Ermittlun- ein Machtinstrument des Präsidenten. gen eines der größten Bislang hat sich noch jeder unserer Überwachungsprogram- Präsidenten als ein Staatschef im me in der Geschichte. ULLSTEIN BILD Krieg gefühlt. Und in diesen Kriegen Weiner: Wenn Sie eine war das FBI ein willkommenes Werk- Mail von Hamburg nach zeug zum Spionieren, Intrigieren und Karatschi schicken, ist es 88 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 89.
    Ausland UGA N DA Jagd auf Kony „Kony 2012“ heißt die jüngste Internet- kampagne der US-amerikanischen Hilfsorganisation „Invisible Children“. Ihr Mitgründer, der Filmemacher Jason Russell, hat es sich zur Aufgabe ge- macht, den ugandischen Rebellenfüh- Videoausschnitt aus „Kony 2012“ rer Joseph Kony hinter Gitter zu brin- gen. Der selbsternannte „General Got- in den Kongo fliehen, wo sie nun von tes“ kommandiert noch immer seine ugandischen Soldaten und einer US- „Lord’s Resistance Army“ (LRA), für amerikanischen Spezialeinheit verfolgt die er in den letzten 20 Jahren Tausen- werden. Auch ist seine Truppe auf de Kinder als Soldaten zwangsrekru- wohl einige hundert Mann zusammen- tierte. Russell und seine Mitstreiter geschmolzen. Schon vor zehn Jahren wollen die Welt mit ihrer aktuellen hat Kampala ein Amnestie-Programm Kampagne aufrütteln – und zumindest aufgelegt. Wer seine Waffen abgibt, das kann als erreicht gelten. Denn in- dem wird Straffreiheit gewährt. Tausen- nerhalb von nur vier Tagen hatten sich de Kämpfer gingen auf das Angebot vorige Woche mehr als 70 Millionen ein. Ferner verschweigt der Film, dass Menschen weltweit allein auf den Vi- das ugandische Militär bei der Jagd auf deo-Plattformen wie YouTube und Vi- Kony schwere Menschenrechtsverlet- meo den 30-minütigen Film zur Kam- zungen begangen hat. Afrikanische Me- pagne angesehen. Atemberaubend ist dien haben die Aktion von Invisible auch die Karriere des Hashtags „#Stop- Children deshalb scharf verurteilt. Der Kony“ beim Kurznachrichtendienst ugandische Publizist Angelo Izama Twitter. Nachdem im Film und auf der meint: „Die Kampagne wird vor allem Kampagnen-Website dazu aufgerufen ein Ziel erreichen: Invisible Children wurde, gezielt US-amerikanische Politi- bekannter zu machen.“ SAKIS MITROLIDIS / AFP ker und Prominente mit „#Kony2012“- Botschaften zu fluten, twitterten unter 8. März: anderem Popstars wie Rihanna und Justin Bieber Appelle an ihre zahlrei- 9,45 Mio. Tweets 56,6 ** chen Follower. Zum Ende der ersten über Kony oder mit dem Woche wurde die Kampagne schon in Stichwort „StopKony“ seit 1. März; Quelle: Isaac Hepworth mehr als zehn Millionen Twitter-Beiträ- (Twitter) **Stand: gen erwähnt. 19.00 Uhr Mueller Bedenken und wandte sich an Die Internetkarriere der Kampagne Justizminister Ashcroft. In der glei- wird es als Musterbeispiel für den „vira- 7. März: chen Nacht wurde Ashcroft wegen ei- len Effekt“ wohl in die Lehrbücher 2,5 Mio. Aufrufe ner lebensgefährlichen Entzündung schaffen – ein merkwürdiger Erfolg, der englischsprachigen 40 der Bauchspeicheldrüse notoperiert. denn Kony hat den Kampf eigentlich Wikipedia-Seite über Joseph Kony – zuvor Weil Bush das Programm aber unbe- schon verloren. Anders als der Film waren es im Schnitt dingt verlängern wollte, entsandte das suggeriert, ist der Norden Ugandas weniger als 1000 Weiße Haus eine Delegation auf die nämlich schon lange nicht mehr das am Tag Intensivstation, um Ashcrofts Unter- Schlachtfeld; Kony und seine LRA schrift einzuholen. Als Mueller das mussten vor sechs Jahren von dort in hörte, fuhr er ebenfalls hin. Bushs Ab- die Zentralafrikanische Republik und gesandte standen schon am Bett des Ministers, aber Ashcroft lehnte ab. Es 7. März: war eine Szene wie in einem Mafia- Lauffeuer Popstar Rihanna Film. Unglaublich. Anzahl der Aufrufe der twittert: „#KONY2012 20 SPIEGEL: Welchen Einfluss hat die Wahl Videokampagne Spread the word!!!“ Obamas auf das FBI gehabt? „Kony 2012“ auf YouTube, und erreicht damit ihre Weiner: In den vergangenen drei Jah- in Millionen* 14,7 Mio. Follower * kumuliert ren hat sich einiges zum Guten verän- dert. Zum ersten Mal in der Geschich- 6. März: te des FBI kann man davon sprechen, Der Artikel „Kony 2012“ wird bei der dass sich Freiheit und Sicherheit eini- englischsprachigen Wikipedia eingerichtet. Zwei Tage später gibt germaßen in einer Balance befinden. es 180 000 Zugriffe. Tim Weiner: „FBI. Die wahre Geschichte einer le- gendären Organisation“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 704 Seiten; 22,99 Euro. 5. März 2012 6. März 7. März 8. März 9. März D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 89
  • 90.
    Ausland SPI EGEL-GESPRÄCH „Man wird auf mich hören müssen“ Der französische Präsidentschaftskandidat François Hollande reagiert auf Angela Merkels Weigerung, ihn zu empfangen, und begründet seine Entschlossenheit, im Falle seiner Wahl den europäischen Fiskalpakt neu zu verhandeln. OLIVIER ROLLER Kandidat Hollande: „ Es sind nicht ausländische Regierungschefs, die für das französische Volk die Wahlen entscheiden“ 90 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 91.
    Er gilt inDeutschland als farbloser Un- bekannter, doch François Hollande, der sozialistische Herausforderer von Nicolas Sarkozy, hat gute Chancen, am 6. Mai zum Präsidenten gewählt zu werden. Er ist der Mann, vor dem Angela Merkel sich fürchtet, weil er ihr europäisches Ver- mächtnis in Frage stellt. Hollande will den im Dezember von 25 EU-Mitglied- staaten beschlossenen Fiskalpakt zur Ret- tung der Euro-Zone neu verhandeln. Auch aus diesem Grund unterstützt Mer- kel offen Sarkozy, sie hat sich bisher ge- JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN / AFP weigert, dessen Herausforderer in Berlin zu empfangen. Hollande, 57, war sozia- listischer Parteivorsitzender von 1997 bis 2008; ohne je Minister oder Regierungs- chef gewesen zu sein, wäre er nach Fran- çois Mitterrand, unter dem seine Karriere 1981 begann, erst der zweite linke Staats- chef der Fünften Republik. Bundeskanzlerin Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel: „Wir dürfen nicht so arrogant sein“ SPIEGEL: Herr Hollande, wenn Sie am 6. Falls Sie gewählt werden: Könnte Ihr ers- Staatschef Napolitano empfangen. In Mai zum Präsidenten Frankreichs gewählt tes Treffen etwas peinlich ausfallen? Brüssel bin ich beim Präsidenten der EU- werden sollten, wohin würde Ihre erste Hollande: Peinlich würde es für niemanden. Kommission und bei Außenministerin Auslandsreise Sie führen? Für mich wäre es die Gelegenheit, ihr Ashton gewesen. Soll ich die Liste fort- Hollande: Nach Berlin, zu Bundeskanzle- deutlich zu machen, was ich will: eine setzen? rin Angela Merkel. Neuausrichtung Europas auf mehr Wachs- SPIEGEL: Wir reden von denen, die sich SPIEGEL: Heißt das, wenn Frau Merkel Sie tum. Das ist eine Notwendigkeit, die der nicht mit Ihnen treffen wollen. Die Mel- vorher nicht sehen wollte, wird sie Sie Fiskalpakt nicht berücksichtigt. dung, dass Frau Merkel und andere Re- nachher empfangen müssen? SPIEGEL: Heißt das, dass Sie wie ein her- gierungschefs Sie nicht treffen wollen, Hollande: Ich zwinge niemanden. Ich habe ausfordernder Sieger aufträten? Oder hat in Frankreich für Aufregung gesorgt. signalisiert: Ich stehe zur Verfügung, falls würde es für Sie eher ein Canossa-Gang? Hollande: Ich habe diesen Artikel im SPIE- es vor der Wahl eine Gelegenheit gibt, ein- Hollande: Weder noch. Ich habe großen GEL nicht geschrieben, da sind Sie meine ander zu treffen. Das war nicht möglich. Respekt für Frau Merkel, aber auch für Zeugen. Er hatte jedenfalls zwei Effekte: Ich verstehe Frau Merkels Gründe, sie un- das deutsche Volk, das im September Die Franzosen fragten sich erstens, war- terstützt ja schließlich den Amtsinhaber. 2013 bekanntlich selbst seine Wahl treffen um es diese Absicht gab. Und zweitens SPIEGEL: Hat sie Ihnen eine förmliche Ab- wird. Und jeder weiß, dass ich als Sozia- folgten Dementis. Es sind aber nicht aus- sage zukommen lassen? list gute Verbindungen zur SPD habe. ländische Regierungschefs, die für das Hollande: Nein, aber ich glaube, es hat kei- SPIEGEL: Sie haben nicht nur Frau Merkel, französische Volk die Wahlen entschei- nen Sinn nachzubohren. Ich habe aus- sondern auch andere europäische Regie- den. Vielleicht haben diejenigen mir einen richten lassen, dass ich bereit wäre, und rungschefs verärgert. Fürchten Sie nicht, Dienst erwiesen, ohne es zu wissen. es gab keine Reaktion. in Europa eine Art Paria zu werden? SPIEGEL: Dominique de Villepin nannte SPIEGEL: Eine demütigende Abfuhr. Hollande: Also wirklich, nein! Ich bin gera- die Unterstützung Sarkozys durch die Hollande: Die Kanzlerin kann natürlich de auf dem Weg zum polnischen Präsi- Kanzlerin „den Kuss des Todes“. frei entscheiden, wie sie sich während des denten Komorowski, in Italien hat mich Hollande: Ich habe Frau Merkel wirklich Wahlkampfs in einem großen Partnerland nicht gebeten, auf diese Weise meine wie Frankreich verhalten will. Ich verste- Wahl zu arrangieren. Aber alle kennen he auch, dass Frau Merkel Herrn Sarkozy Umfrage zur Präsidentschafts- nun meine Haltung zum Fiskalpakt, und unterstützt, sie sind ja in der gleichen wahl in Frankreich nach der Wahl werden sie darauf Rück- konservativen Parteienfamilie. Was zählt, sicht nehmen müssen. Wenn ich Präsident Stimmenanteile der beiden Favoriten ist, dass wir im Falle meiner Wahl in der werde, schlägt Frankreich einen anderen im Fall einer Stichwahl* Lage sind, gute Beziehungen zwischen Weg ein als unter Nicolas Sarkozy – und unseren Ländern zu unterhalten. 60 zwar sowohl in der Innenpolitik als auch SPIEGEL: Wirklich kein Groll? François Hollande in der Außen- und Europapolitik. 58 Hollande: Nein. Sarkozy und Merkel ha- SPIEGEL: Und so treten Sie jetzt in Frank- ben mal mit mehr, mal mit weniger In- 55 reich als der Kandidat auf, der Deutsch- nigkeit zusammengearbeitet, und mein land die Stirn bietet. Eindruck ist, dass die Kanzlerin und der * sollte keiner der Kandidaten Hollande: Ich bin auch der Kandidat, der Präsident am Ende ein Gleichgewicht in im ersten Wahlgang die weiß, dass die deutsch-französische absolute Mehrheit erreichen ihrer Beziehung gefunden haben. Der Freundschaft unverzichtbar für Europa Fiskalpakt, den die beiden zu verant- 45 ist. Und ich werde mich nie zu Äußerun- worten haben, trägt allerdings zweifel- Nicolas Sarkozy gen hinreißen lassen, die ihr schaden. 42 los stärker die Handschrift von Frau SPIEGEL: Die gibt es aber. Ihr sozialisti- Merkel. 40 scher Parteifreund Arnaud Montebourg SPIEGEL: Sie haben die Bundeskanzlerin 2011 2012 sagte: „Die Frage des deutschen Natio- verärgert, weil Sie fordern, dass der EU- Okt. Dez. Jan. März nalismus kehrt zurück durch die Politik Fiskalpakt neu verhandelt werden muss, Quelle: LH2 / Yahoo-Umfrage in Frankreich; nach bismarckscher Art, die Frau Merkel der die Staaten zum Sparen verpflichtet. jeweils rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent betreibt.“ Distanzieren Sie sich davon? D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 91
  • 92.
    Ausland Hollande: Ich finde,Helmut Schmidt hat tig. Ich habe mich selbst zu einem aus- darauf beim SPD-Parteitag die beste Ant- geglichenen Budget verpflichtet, zu einer wort gegeben. Unsere beiden Völker, un- besseren wirtschaftlichen Abstimmung. sere politischen Eliten, dürfen nicht in Aber mich stört vor allem, dass im Fis- Nationalismus zurückfallen. Wir dürfen kalpakt gar nichts über Wachstum steht. nicht zu arrogant sein, wozu auch die Und dann gibt es eine Unsicherheit in Franzosen manchmal neigen. Und ein Bezug auf die automatischen Sanktio- großes Land mit einer so herausragenden nen, also auf das, was von den Staaten Wirtschaftsleistung wie Deutschland darf verlangt wird, um ihr Defizit zu redu- nicht vergessen, dass es seine Erfolge zieren. auch der Nachfrage der anderen europäi- SPIEGEL: Was wollen Sie denn nun genau schen Länder verdankt. erreichen? SPIEGEL: Sie haben Sarkozy vorgeworfen, Hollande: Einige Bestimmungen sollten Frankreich habe sich Deutschland „un- neu verhandelt werden. Zum Beispiel die terworfen“. Rolle des Europäischen Gerichtshofs – Hollande: Ich finde, dass Frankreich in letz- ich bin dagegen, dass er in die nationale ter Zeit gegenüber unseren deutschen Budgethoheit eingreifen kann. Kein Par- Freunden nicht deutlich genug gemacht lament kann damit einverstanden sein, hat, wie wichtig es ist, Euro-Bonds ein- einem Gerichtshof zu unterstehen. zuführen als Mittel gegen die Spekula- SPIEGEL: Und was ist mit den automati- tion. Und wie notwendig es ist, die Spar- schen Strafen bei Verstößen? politik durch Wachstum zu ergänzen. Hollande: Die sind notwendig. Was wir mit Und das zweifellos deshalb, weil mein dem Maastrichter Vertrag erlebt haben, ELODIE GREGOIRE / REA / LAIF Land mit einem besorgniserregend hohen darf sich nicht wiederholen. Defizit zu kämpfen hat, weil eine Rating- SPIEGEL: Warum wollen Sie dann keine Agentur seine Bonität herabgesetzt hat, Schuldenbremse in der Verfassung? und das war nicht gut für ein ausgegli- Hollande: Nicht in der Verfassung, aber chenes Kräfteverhältnis. ich würde dem französischen Parlament SPIEGEL: Wie wollen Sie das wieder her- ein Gesetz vorschlagen, das vorsieht, das stellen? Haushaltsdefizit Jahr für Jahr zu verrin- Amtsinhaber Sarkozy: „Er schlägt um sich, er Hollande: Ein neugewählter Präsident mit gern, bis wir 2017 ein ausgeglichenes Bud- einer vollen Amtszeit hat zwangsläufig get erreicht haben. Hollande: Deswegen brauchen wir euro- ein größeres Gewicht als ein Präsident SPIEGEL: Wachstum lässt sich nicht per De- päische Anleihen. Dann könnte sich am Ende seines Mandats. Wenn das fran- kret herbeizaubern. Und die EU-Staaten Europa als Institution selbst Geld leihen, zösische Volk meine Position bestätigt, haben kein Geld für Konjunkturprogram- um Wachstumsprojekte anzustoßen, und muss sie bei den anderen Ländern Gehör me, die in der Vergangenheit ohnehin oft zwar aus den Ersparnissen seiner Bürger. finden. Aus diesem Grund wollte ich die verpufft sind. SPIEGEL: Frau Merkel lehnt Euro-Bonds anderen Staatschefs sehr früh vorwarnen. Hollande: Ja, unsere Staaten haben keine ab, auch weil Deutschland dann höhere Man wird auf mich hören müssen. Spielräume, außer Deutschland. Schuldzinsen zahlen müsste. SPIEGEL: Sie meinen, Sie können dem Rest SPIEGEL: Deutschland soll die Lokomotive Hollande: Ich will auch keine Euro-Bonds, Europas mit Ihrer frischen Legitimation sein? Da überfordern Sie Ihren Partner. mit denen alle Schulden der Euro-Zone einen Kurswechsel aufzwingen? Hollande: Sie haben in Deutschland das De- vergemeinschaftet werden, das geht nur Hollande: Nicht aufzwingen! In Europa fizit deutlich verringert. Und Sie haben langfristig. Ich will, dass mit Euro-Bonds zwingt man niemandem etwas auf. Das noch Wachstumsreserven. Die deutschen zielgerichtete Investitionen in Zukunfts- ist nicht meine Vorstellung und nicht mein Gewerkschaften verhandeln gerade über projekte finanziert werden. Das ist nicht Temperament. Die EU hat immer im Zei- Lohnzuwächse. Mehr Kaufkraft würde in das Gleiche. Reden wir von „Projekt- chen des Respekts, des Gleichgewichts und Deutschland eine Binnennachfrage auslö- bonds“ statt Euro-Bonds. des Vertrauens funktioniert. Ohne Neu- sen, von der auch wir profitieren können. SPIEGEL: So radikal, wie Sie zunächst klan- verhandlung erreichen wir aber unsere SPIEGEL: Und woher soll nun das Geld gen, hören Sie sich jetzt gar nicht mehr Ziele nicht. Wer glaubt denn im Ernst, au- kommen, mit dem Sie die Wirtschaft an- an. Haben Sie das falsche Wort gewählt, ßer vielleicht ein paar Leuten in Deutsch- kurbeln wollen? als Sie Neuverhandlungen verlangten? land, dass wir unsere Defizite reduzieren Hollande: Es gibt eine paar Strukturfonds Hollande: Der Amtsinhaber hat ja diesen können, wenn es kein Wachstum gibt? in der EU, die noch über Restmittel ver- Vertrag ausgehandelt, aber das Parlament SPIEGEL: Frau Merkel bestreitet die Not- fügen. Wir haben zudem die Europäische hat ihn noch nicht ratifiziert. Ich will ei- wendigkeit von Wachstum doch nicht. Investitionsbank. nige Punkte verändern, nicht den ganzen Die Debatte geht darum, auf welchem SPIEGEL: Wenn die EU zahlt, muss immer Pakt aufreißen, aber ich möchte einen Zu- Weg man zu Wachstum gelangt. Deutschland am meisten zahlen. satz zum Thema Wachstum, und der ge- Hollande: Umso besser! Dann hört in den Vertrag hineingeschrieben. haben wir ja einen gemeinsa- SPIEGEL: Selbst der deutsche Sozialdemo- men Ausgangspunkt. krat Peer Steinbrück hat Ihr Ansinnen als SPIEGEL: Die Bundeskanzlerin „naiv“ bezeichnet. glaubt, dass der Fiskalpakt der Hollande: Herr Steinmeier und Herr Ga- einzige Weg für Europa ist, briel haben inzwischen gesagt, Europa die Schulden abzubauen und neu ausrichten zu wollen sei nicht naiv. den Euro zu retten. Was stört Bei einer Wahl braucht man zum Teil MYR MURATET Sie daran? Hoffnung und zum anderen Wagemut. Hollande: Ich will ihn neu ver- handeln. Nicht alles, einige * Mit den Redakteuren Mathieu von Rohr und Romain Sachen scheinen mir vernünf- Hollande (r.) beim SPIEGEL-Gespräch*: „Nichts Protziges“ Leick in Hollandes Wahlkampfzentrale in Paris. 92 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 93.
    Hollande: Es gibtimmer eine Linke, der nichts genug ist. Aber wenn wir jetzt zu viel wollen, scheitern wir. SPIEGEL: Sie wollen alle Einkommen über einer Million Euro pro Jahr mit einer Steuer von 75 Prozent belegen. Ist das kein Populismus von links? Hollande: Schockierend sind nicht die 75 Prozent. Schockierend ist ein Gehalt von mehr als einer Million Euro. Die Vor- standsvorsitzenden der großen börsen- notierten Unternehmen Frankreichs ha- ben sich 2010, mitten in der Krise, die Gehälter um 34 Prozent erhöht. Das ist der Grund meines Vorschlags. In der Kri- se kann man von ihnen Patriotismus ver- langen, zu dem auch Solidarität gehört. SPIEGEL: Wollen Sie nach Sarkozy, der als Präsident der Reichen gilt, der Präsident sein, der die Reichen hasst? Hollande: Ich mag den unanständigen, den unverdienten Reichtum nicht. Dass ein Unternehmer, der etwas geschaffen hat, gut verdient, ist legitim. SPIEGEL: Sarkozy wirft Ihnen vor, den Er- folg zu stigmatisieren. Hollande: Wenn ich das Versagen predigen würde, würde ich Nicolas Sarkozy unter- stützen. benutzt die Themen der extremen Rechten, um zu punkten“ SPIEGEL: Haben Sie die Wahl schon ge- wonnen? Die Umfragen sagen Ihnen ei- SPIEGEL: In den vergangenen Jahren wur- sagen: Deutschland und Frankreich set- nen historisch hohen Sieg um die 58 Pro- de Europa faktisch von einem deutsch- zen auf die Jugend. In der Ausbildung, zent voraus. französischen Direktorium gelenkt, dem in der Wissenschaft, bei den Innovatio- Hollande: Wenn es jene beruhigt, die in Tandem „Merkozy“. Wird das so weiter- nen. Damit könnten wir Europa ein schö- den Hauptstädten Europas gegen mich gehen mit „Merlande“? nes Beispiel geben. Vielleicht könnten mobil machen – in zwei Monaten kann Hollande: Im Augenblick sind wir noch wir vereinbaren, dass die Jugendlichen noch sehr viel passieren. Der Noch-Amts- nicht so weit, dass wir unsere Familien- Praktika in deutschen und französischen inhaber ist ein Kämpfer, er schlägt um namen verschmelzen. Ich bin kein lau- Unternehmen absolvieren, dass wir wie- sich, benutzt die Themen der extremen warmer Europäer. Ich weiß, dass die der vermehrt die Sprache des anderen Rechten, die Immigration, um zu punk- deutsch-französische Freundschaft unver- lernen. Wir könnten auch vereinbaren, ten. Ich werde an meinem Programm da- zichtbar ist, wer auch immer an der Spit- dass wir uns gemeinsam den Heraus- gegen nichts verändern. Und ich werde ze der Staaten steht. Aber wir dürfen forderungen stellen, vor denen unser Pla- billige Polemiken und übermäßige Ag- nicht den Eindruck erwecken, dass es in net steht: der Klimaerwärmung, neuen gressivität vermeiden, ich will die Fran- Europa eine Zweierherrschaft gibt, der Technologien. zosen überzeugen. die anderen folgen müssen. Viele Länder SPIEGEL: Wollen Sie mit einer schönen SPIEGEL: Nach seinem Wahlsieg 1981 hat können das nicht akzeptieren – nicht, Geste die politischen Meinungsverschie- François Mitterrand, Ihr Vorbild, im Pan- dass es eine Führung gibt, aber dass man denheiten verwischen? theon das Grab des großen Reformsozia- ihnen Entscheidungen aufdrückt. Hollande: In der Politik zählen Symbole listen Jean Jaurès besucht. Nicolas Sar- SPIEGEL: Sie streben nicht nur einen neuen viel. Sie bekunden einen Willen und kozy hat im Luxusrestaurant Fouquet’s Fiskalpakt an, Sie haben auch angekün- schaffen neue Realitäten. mit Milliardären gefeiert. Welches Sym- digt, dass Sie den deutsch-französischen SPIEGEL: Frankreich hat Schulden von über bol würden Sie wählen, um zu zeigen, Freundschaftsvertrag von 1963 zum 50- 1700 Milliarden Euro, und Ihr Programm dass Sie ein anderer Präsident sind? Jahr-Jubiläum gern durch einen neuen enthält teure Versprechen. 60 000 neue Hollande: Mitterrand hatte einen Sinn für ersetzen möchten. Ist er denn veraltet? Stellen im Erziehungswesen, Senkung des Symbole, und er war der erste sozialisti- Hollande: Nein, wir wollen ihn gebührend Renteneintrittsalters auf 60 für Franzosen, sche Präsident seit 1958. Er wollte zeigen, würdigen im kommenden Jahr. Der Ely- die früh ins Berufsleben eingetreten sind. dass es eine geschichtliche Kontinuität sée-Vertrag hatte einen stark symboli- Insgesamt wollen Sie 20 Milliarden neu gibt, eine Verbindung mit den großen schen Charakter. Adenauer und de ausgeben. Eine Luftnummer? Figuren der französischen Geschichte. Ich Gaulle haben einen Pakt geschlossen, der Hollande: Alles, was ich vorschlage, ist so- hingegen würde in einer ganz anderen überwand, was uns einmal trennte, und lide finanziert. Auch die 20 Milliarden. Zeit Präsident. Mir ist es wichtig, die der unsere Beziehung auf ein Fundament Am Ende meines Mandats wird ein aus- Nähe zu den Menschen zu behalten. Ich des Vertrauens gestellt hat. Besonders geglichener Haushalt stehen. würde nichts Protziges unternehmen und wichtig scheint mir im Rückblick der Ju- SPIEGEL: Ein linker Rivale hat Sie schon nichts, was die Menschen verletzt, die gendaustausch zwischen beiden Ländern. „Hollandreou“ genannt. In Anspielung nicht für mich gestimmt haben. Trium- SPIEGEL: Warum dann ein neuer Vertrag? auf den früheren sozialistischen Minister- phalismus liegt mir fern. Man ist Präsi- Hollande: Eine Fortschreibung 50 Jahre präsidenten in Athen, der auf einen har- dent aller Franzosen. danach wäre ein eindringliches Signal. ten Sparkurs einschwenken musste. Wer- SPIEGEL: Herr Hollande, wir danken Ihnen Mir würde es vor allem darum gehen zu den auch Sie die Linke enttäuschen? für dieses Gespräch. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 93
  • 94.
    M. MCDERMOTT /POLARIS / STUDIO X Präsident Obama beim Truppenbesuch in Fort Campbell: „Wir halten die Leine sehr kurz“ USA Bushs Erbe Wenn es um Amerikas Sicherheit geht, ist Friedensnobelpreisträger Barack Obama so rücksichtslos entschlossen wie sein Vorgänger. Jetzt ließ er seinen geheimen Drohnenkrieg zur offiziellen Regierungspolitik erklären. D er Präsident sitzt an diesem Mon- Gesetz überschreite, wenn er per Knopf- lig Auskunft. Sorgen um die Rechtmäßig- tagnachmittag im Weißen Haus, druck Menschen töten lasse, die vielleicht keit solchen Tuns müsse sich niemand die Kamera ist auf ihn gerichtet, unschuldig seien? machen: „Wir halten die Leine sehr kurz.“ er redet mit handverlesenen Internet- Offen über Amerikas Drohnenkrieg in Es ist das erste Mal, dass der Präsident nutzern, die sich für eine Gesprächsrunde Pakistan zu reden, war für Regierungs- der Vereinigten Staaten öffentlich über per Video zuschalten dürfen. Es sind eher mitglieder bislang eine Art Geheimnis- das geheime Drohnenprogramm spricht, seichte Themen, über die Präsident und verrat, kein Wort mieden Obamas Mit- so nebenbei, so selbstverständlich, dass Bürger sich austauschen, etwa der Segen, arbeiter so panisch wie das Wort „Droh- sich die Frage stellt, ob es ihm gar nicht Töchter zu haben, oder die Frage, ob Ba- ne“. Aber an diesem Montag Ende Januar mehr auffällt, wie brisant seine Worte ei- rack Obama nicht Lust verspüre, vor der findet der Präsident nichts dabei, das Un- gentlich sind. Denn dieser Krieg, sosehr Kamera ein Tänzchen aufzuführen. Und wort gleich mehrfach auszusprechen. Bei sich die Amerikaner auch an ihn gewöhnt dann, mitten in dieses Geplänkel hinein, dem Drohnenkrieg – dem Einsatz fern- haben, ist ein Tabubruch: Unter Feder- erscheint „Evan aus Brooklyn, New York“ gelenkter, unbemannter Flugkörper, aus- führung des Geheimdienstes CIA werden im Bild und will wissen, wie es denn um gestattet mit schlagkräftigen Präzisions- irgendwo auf der Welt Menschen per den Drohnenkrieg stehe. Ob der Präsi- waffen – gehe es darum, die Führer von Knopfdruck getötet – ohne Anklage, dent nicht die Grenzen von Moral und al-Qaida auszulöschen, gibt er bereitwil- ohne die Verpflichtung, Beweise für ihre 94 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 95.
    Ausland Schuld vorzulegen. Esist ein Krieg, der kanische Staatsbürger, die eigentlich den Attacke gegen die Vereinigten Staaten nicht an die üblichen Regeln gebunden besonderen Schutz der US-Verfassung plane. „In einem solchen Fall hat die Re- ist, der Einsatz eines Tötungskommandos, genießen. Der Erste war der Islamisten- gierung ganz klar die Vollmacht, die USA das sogar auf eigene Landsleute zielt. Prediger Anwar al Awlaki, geboren in mit tödlicher Gewalt zu verteidigen.“ Eigentlich war Barack Obama angetre- New Mexico, den ein Drohnenangriff im Den Chefjuristen Holder plagt kein ten, die „imperiale Präsidentschaft“ von Jemen tötete. schlechtes Gewissen. „Die Verfassung ga- George W. Bush zu beenden, dessen Re- Dass dieser Krieg per Knopfdruck der rantiert ein ordentliches Verfahren“, do- gierung sich eine Machtvollkommenheit Kern einer neuen Obama-Doktrin zur zierte er in Chicago kühl, „aber nicht un- angemaßt hatte, wie es sie seit Richard Kriegsführung sein könnte, fürchteten bedingt ein Gerichtsverfahren.“ Nixons Watergate-Skandal nicht mehr ge- Menschenrechtsorganisationen, aber auch Es müssten nur ein paar Voraussetzun- geben hat. So hatte Obama versprochen, US-Strategen schon seit längerem. Vori- gen erfüllt sein, so Holder, um eine „Ziel- das Gefangenenlager Guantanamo zu gen Montag räumte das Team Obama die person“ mittels einer Drohne hinrichten schließen, die menschenrechtswidrigen letzten Zweifel daran aus, dass die geziel- zu dürfen. Der Gesuchte müsse bei der Foltermethoden zu beenden. Er hatte der te Tötung selbst von US-Bürgern nun- Qaida oder ihren Verbündeten in verant- Geheimniskrämerei der Regierung Bush mehr offizielle Regierungspolitik ist. wortlicher Stellung aktiv sein, also ein den Kampf angesagt und deren um- Vor einer Woche nämlich hielt Ameri- „enemy combatant“ sein, ein feindlicher strittenen Abhörprogrammen. Seine Re- kas Justizminister Eric Holder eine Rede Kämpfer. Er müsse eine Attacke gegen gierung sollte transparenter Amerika planen und sich in werden, offener, ehrlicher, einem Land aufhalten, das weniger kriegerisch. Obama, den USA Erlaubnis zum Zu- der studierte Verfassungs- schlagen erteilt habe. Und rechtler, wollte Amerika eine Festnahme des Ver- wieder auf die Grenzen des dächtigen müsse zu dem Rechtsstaats verpflichten. Zeitpunkt nicht möglich Von seinen Versprechen, sein. soviel steht nach drei Jah- Wann eine Bedrohung ren im Amt fest, ist wenig genau vorliegt, welche Be- geblieben. Zwar verbot weise regierungsintern nö- Obama die Folterpraktiken tig sind, wie eine Möglich- der Vorgängerregierung, keit zur Festnahme geprüft aber die unbegrenzte Inhaf- werden soll – all dies ließ tierung von Terrorverdäch- Holder offen. tigen konnte auch er nicht Diese rechtliche Grau- POLARIS / LAIF abschaffen. Guantanamo ist zone tritt umso deutlicher immer noch in Betrieb, hervor, je offener Ameri- auch künftig soll es dort kas „Drohnenabhängigkeit“ Prozesse vor Militärgerich- Drohne auf einer Startbahn in Afghanistan: Töten auf Knopfdruck („Washington Post“) erkenn- ten geben. Für seine grim- bar wird. 2002 gaben US-Mi- mig harte Haltung im inzwi- litärs für Drohnen rund 550 schen wieder weltweit ge- Millionen Dollar aus, heute führten Anti-Terror-Krieg sind es beinahe 5 Milliarden erntete er Lob ausgerech- Dollar. Tendenz: dramatisch net vom ehemaligen Vize- steigend. Die US-Luftwaffe präsidenten Dick Cheney, trainiert mittlerweile mehr der für alles steht, was Oba- Piloten für Drohnenein- ma einst bekämpfen wollte sätze als für Kampfflieger, (SPIEGEL 39/2011). erst im Herbst wurden neue Wenn es um die nationa- Startbasen bekannt, in le Sicherheit geht, greift der Äthiopien und auf den Sey- Demokrat mindestens eben- chellen. so bedingungslos durch wie Wie kam es zu dieser Be- sein Vorgänger, und viele sa- geisterung für die leisen Kil- ASIF HASSAN / AFP gen, er sei mit seinem Droh- ler? Obama-Kritiker glau- nenkrieg längst den ent- ben, dem Präsidenten kä- scheidenden Schritt weiter- men sie zupass, weil die gegangen. Im Schnitt lässt Beseitigung des Gegners der Friedensnobelpreisträ- Proteste gegen US-Militäreinsätze in Pakistan: 2300 Menschen exekutiert nun einmal schneller und ger jeden vierten Tag eine unkomplizierter sei als Fest- raketenbestückte Drohne aufsteigen, Vor- an der Northwestern University School nahmen von und langwierige Prozesse gänger Bush schickte nur an jedem 47. Tag of Law in Chicago – nicht weit entfernt gegen Top-Terroristen. Am Beispiel Osa- eine Drohne los. von jenem Campus, auf dem ein junger ma Bin Laden habe Obama das vor- Über 2300 Menschen haben die Ame- Rechtsdozent namens Barack Obama Stu- exerziert. rikaner schon auf diese Weise exekutiert, denten einst beibrachte, wie Freiheit und „Absurd“ nennen Regierungssprecher vornehmlich bei der Jagd auf Taliban, Sicherheit vereinbar bleiben. derlei Spekulationen. Sei eine Ergreifung die sich im pakistanischen Grenzgebiet Holder machte deutlich, dass ihm die von Terroristen möglich, habe diese stets zu Afghanistan versteckt halten. Auch Sicherheit mittlerweile das höhere Gut Vorrang. Unbestritten ist aber, was Droh- gegen die somalischen Piraten könnte ist. Es sei nicht immer möglich, einen Ter- nen zu so attraktiven Waffen macht: Sie Obama künftig Drohnen einsetzen. Und roristen mit amerikanischem Pass festzu- können selbst in unwegsamstem Gelände zu den Opfern zählen bisher drei ameri- nehmen, dozierte er, während dieser eine zuschlagen, sie versetzen Top-Terroristen D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 95
  • 96.
    Ausland in größeren Schreckenals jedes Elitekom- töten oder Erwachsene. Sie töten einfach sagt das Völkerrecht, ist der früheste Zeit- mando, weil sie kaum sichtbar und nahe- alle.“ punkt fürs Zuschlagen. In die „Bewer- zu lautlos sind. Vor allem aber, das ist im Selbst US-Außenministerin Hillary tung“, ob eine solche Bedrohung vorlie- kriegsmüden Amerika von besonderer Clinton und der ehemalige Generalstabs- ge, sagt Holder nun, müsse auch einge- Bedeutung, gefährdet ihr Einsatz das Le- chef Mike Mullen erhoben intern Einwän- hen, ob die „Gelegenheit zum Handeln“ ben keines einzigen amerikanischen Sol- de gegen den Drohnenregen auf Pakistan günstig sei, wie groß „der Schaden für daten. – die Militärschläge schwächten die ohne- Zivilisten“ wäre, wann die Gelegenheit Obwohl es auch die massive Kritik am hin wackelige Regierung von Präsident verstreichen würde und welche Wahr- Irak-Krieg seines Vorgängers war, die Asif Ali Zardari weiter, argumentierten scheinlichkeit dann noch bestehe, „künf- Obama ins Weiße Haus getragen hatte, sie. Als voriges Jahr Nato-Truppen ver- tige verheerende Attacken auf die Ver- erlaubt ihm nun der aus der Ferne geführ- sehentlich 24 pakistanische Soldaten an einigten Staaten zu verhindern“. te Krieg, den Anti-Terror-Kampf weit ent- der afghanisch-pakistanischen Grenze tö- Wer so redet, sagen die Völkerrechtler, schlossener fortzuführen, als es die meis- teten und Proteste gegen Zardari hoch- könnte auch einen Präventivkrieg vorbe- ten seiner Anhänger erwartet hatten. In kochten, stellte die CIA die Drohnenflüge reiten. Denn der Justizminister spricht seinem ersten Amtsjahr schickte Obama auf Bitten Islamabads ein. Doch kurz dar- hier Themen an, die sie mit größter Skep- nicht nur mehr Soldaten nach Afghani- auf setzte der Geheimdienst durch, dass sis betrachten: Vorsorgliche Erwägungen stan, er stockte auch die Zahl der CIA- die leisen Killer wieder über Pakistan sur- der Effektivität können keinen Militär- Mitarbeiter in Pakistan auf. ren dürfen. schlag rechtfertigen – sei es gegen einzelne Überdies unterzeichnete der Präsident Peter Singer, Militärexperte der Broo- Terroristen, sei es gegen andere Staaten. den umstrittenen National Defense Au- kings Institution in Washington, sieht in Erst wenn der Gegner seine Waffe er- thorization Act (NDAA). Danach darf das dieser neuen Lust am risikolosen Töten hoben hat, ist ein Angriff „imminent“ amerikanische Militär künftig Bürger jeg- die größte Gefahr des Drohnenpro- und kann einen Gewaltakt der Selbstver- teidigung rechtfertigen – dies ist die herr- schende Ansicht unter Völkerrechtlern. Deshalb fürchten die Experten, dass Holders Argumentation für den Anti-Ter- ror-Krieg auch geeignet wäre als Recht- fertigung für mögliche künftige Militär- schläge des Oberbefehlshabers Obama. Der Kölner Völkerrechtsprofessor Claus Kreß, ein international gefragter Kenner des Kriegsrechts made in USA, hält es „nicht für ausgeschlossen“, dass Obamas Chefjuristen bei ihren Rechtfertigungen für den Drohnenkrieg im Hinterkopf be- reits an einen möglichen Präventivschlag gegen ein anderes Ziel gedacht haben könnten – gegen Iran. Denn auch ein militärischer Einsatz ge- REUTERS TV / REUTERS gen das Atomprogramm der Mullahs, den Obama für denkbar hält, wenn nachweis- bar klar ist, dass Iran anders am Bom- benbau nicht mehr gehindert werden kann, wäre juristisch nur mit Erlaubnis Kontrollraum in iranischer Atomanlage: Möglicher Präventivschlag gegen ein anderes Ziel? des Uno-Sicherheitsrates möglich. Dessen Zustimmung aber würde wohl am Veto licher Nationalität überall auf der Welt gramms. „200 Jahre lang waren amerika- der Russen und der Chinesen scheitern. ergreifen und sie ohne Gerichtsverhand- nische Kriegserklärungen immer damit Also käme es darauf an, ob sich die Ver- lung auf unbestimmte Zeit inhaftieren. verbunden, dass so ein Krieg auch US- einigten Staaten gemäß Artikel 51 der Dabei ist höchst umstritten, ob die Tö- Menschenleben kosten würde.“ Das sei Uno-Charta auf ihr „naturgegebenes“ tungen per Fernsteuerung Amerikas stra- im Zeitalter der Drohnen ganz anders – Selbstverteidigungsrecht berufen könn- tegischen Zielen wirklich dienen – der und werde die Bereitschaft zu Militär- ten. Dieses aber setzt voraus, dass Iran Drohneneinsatz zeigt nämlich bereits un- schlägen erhöhen. quasi seine Waffen gegen Israel oder erwünschte Nebenwirkungen. Auch für diese Behauptung bietet die Amerika erhoben hat. Eine geplante, ja Solche Attacken schafften in Ländern Holder-Rede Hinweise. Dass ausgerech- selbst eine gebaute Atombombe wäre wie Pakistan jede Menge Märtyrer, warnt net die Obama-Administration zur Dok- nach herkömmlichem Verständnis für Jeffrey Smith, ehemals Chefjurist der trin des weltweiten Kampfes gegen den sich genommen kein unmittelbar bevor- CIA. Immerhin sollen die Drohnen laut Terror zurückkehrt, erzürnt Bürgerrecht- stehender Angriff. Schätzungen siebenmal so viele Mitläu- ler und Friedensaktivisten. Einige Völ- Es sei denn, die Welt der Kriegsrechtler fer töten wie hochkarätige Terroristen. kerrechtler sorgen sich dagegen über ei- sieht ein: Ein präventiver Schlag gegen Eine Umfrage des Pew Research Cen- nen besonders dubiosen Satz des Justiz- die Atomanlagen Irans ist die letzte Mög- ter ergab, dass 97 Prozent der Pakistaner ministers. lichkeit, die unkontrollierte Verbreitung die ferngesteuerten Attacken zuwider Die Stelle in der Rede Holders behan- von Nuklearwaffen und die drohende sind. Faisal Shahzad, der im Mai 2010 auf delt die Frage, von welchem Zeitpunkt Vernichtung Israels zu verhindern. dem New Yorker Times Square eine an die Vereinigten Staaten ihr „Recht auf War es das, was Holder der Welt über Bombe zu zünden versuchte, antwortete Selbstverteidigung“ mit tödlicher Waf- seine Rechtfertigung des Anti-Terror- auf die Frage nach Gewissensbissen über fengewalt gegenüber Einzelpersonen gel- Kampfes hinaus sagen wollte? mögliche unschuldige Opfer: „Amerikas tend machen können. Ein „imminent THOMAS DARNSTÄDT, Drohnen sehen auch nicht, ob sie Kinder threat“, eine unmittelbare Bedrohung, so MARC HUJER, GREGOR PETER SCHMITZ 96 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 98.
    Ausland FOTOS: WITOLD KRASSOWSKI / DER SPIEGEL Nuklearanhänger Krzemiński vor der Atomruine von Zarnowiec, Gemeindevorsteher Doering: Protest-E-Mails aus Deutschland Produzenten und deutsche Politiker ge- POLEN geneinander aufbringt. Zusätzlich befeu- ert wird die Auseinandersetzung durch Zorn auf die Besserwisser Schiefergasfunde: Geologen haben tief unter der waldreichen Hügellandschaft Pommerns und Kaschubiens, eingeschlos- sen im Gestein, riesige Gasvorräte ausge- Selten haben sich Polen und Deutsche so gut verstanden macht. Außenminister Radek Sikorski wie heute. Doch nun setzt Warschau unbeirrt auf Atomkraft – sieht sein Land schon als das Norwegen Osteuropas. Doch wieder sind es vor al- und weist Belehrungen der Nachbarn zurück. lem deutsche Umweltschützer, die die Euphorie bremsen. Jo Leinen, Umwelt- D ie Straße, die in Polens strahlende ein zunehmend einflussreiches EU-Mit- experte im Europaparlament, fordert, das Zukunft führen soll, ist verrottet, glied verwandelt, die Wirtschaft boomt Spezialverfahren zur Förderung des Erd- überall ragt rostiges Stahlgeflecht und braucht Strom, viel Strom. Und des- gases, das „Fracking“, zu reglementieren. aus dem Beton hervor, einige Platten halb glaubt Bürgermeister Krzemiński, Dabei werden auch Chemikalien ins Ge- sind so weit abgesunken, dass sich tiefe dass sein Jugendtraum doch noch in Er- stein gepresst, die dann ins Grundwasser Pfützen gebildet haben. Doch den En- füllung gehen und am Zarnowiec-See ein gelangen können. thusiasmus von Krzysztof Krzemiński Meiler entstehen wird. Er sagt: „Die Koh- Janusz Reiter, als ehemaliger Botschaf- können solche Widrigkeiten nicht er- le wird weniger, der Wind weht schwach ter Polens in der Bundesrepublik mit ei- schüttern. in Polen, und die Sonne zeigt sich selten. nem feinen Sensorium für Stimmungs- Der Bürgermeister des pommerschen Wir brauchen Atomkraft.“ lagen im deutsch-polnischen Verhältnis Städtchens Reda bugsiert seinen grauen Deshalb aber ist Ärger mit dem Nach- ausgestattet, fürchtet, dass ein Streit um Passat zwischen den Schlaglöchern hin- barn im Westen programmiert. Selten in Atomkraft und Schiefergas auf beiden Sei- durch und hält vor einem klapprigen Ma- den vergangenen tausend Jahren haben ten alte Stereotype wiederbeleben kön- schendrahtzaun. Dahinter erheben sich, sich Polen und Deutsche so gut verstan- ne: „Die Energiefrage ist ein hochemo- grüngrau bewachsen, gewaltige Mauern den wie jetzt. Doch als Antwort auf den tionales Politikfeld“, sagt er. „Für viele aus einer vergangenen Epoche. Entschluss Polens, Atomkraftwerke zu deutsche Umweltschützer geht es ums Hier, 50 Kilometer westlich von Dan- bauen, verabschiedeten Abgeordnete al- Überleben der Menschheit.“ zig, am Zarnowiec-See, goss das kommu- ler Fraktionen in den Parlamenten von Die Polen dagegen reagieren empfind- nistische Polen einst die Fundamente ei- Berlin, Brandenburg und Mecklenburg- lich auf Bevormundung – vor allem wenn nes Atomkraftwerks, und Krzemiński Vorpommern Appelle an die Nachbarn, sie aus Deutschland kommt. Sie sorgen führte damals eine Brigade. „Es war mein ebenso wie Deutschland auf die Nutzung sich um die Früchte des schmerzhaften erster Job als Ingenieur“, sagt er, „eine von Nuklearenergie zu verzichten. Transformationsprozesses, haben Angst, schöne Zeit, sehr anspruchsvoll, sehr her- Doch Warschau setzt auch nach der ohne Atomstrom niemals den Lebensstan- ausfordernd.“ Katastrophe von Fukushima unbeirrt auf dard zu erreichen, den die Westeuropäer Doch mit der Wende war alles vorbei. Atomkraft. „Wenn jemand keine Atom- für selbstverständlich halten. Die neuen, demokratischen Machthaber kraftwerke bauen will, dann ist das sein Am Drei-Kreuze-Platz in Warschau re- stoppten den Kraftwerksbau. „1989 haben Problem“, sagt Premier Donald Tusk. sidiert die Kernenergieabteilung des Wirt- wir zugemacht“, sagt Krzemiński. „Eini- Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak be- schaftsministeriums. Direktor Zbigniew ge Beton- und Stahlteile wurden für ein kräftigte vorige Woche in der „FAZ“, dass Kubacki bittet in ein tristes Besprechungs- paar Groschen verkauft, der Reaktor ging die Entscheidung gefallen sei. Zwei Mei- zimmer, der einzige Wandschmuck be- nach Finnland.“ ler soll der staatliche Energiekonzern steht aus einer Karte, die zeigt: Polen ist Heute hingegen, mehr als 20 Jahre spä- PGE errichten – einen wohl in Zarnowiec umgeben von Atomkraftnutzern. Die ter, hat sich die Lage gründlich verändert. bei Bürgermeister Krzemiński. Skandinavier produzieren Nuklearener- Polen, längst nicht mehr der bettelarme Der Streit um die Kernkraft ist nicht gie, die Balten, die Tschechen, die Ukrai- Bittsteller der Nachwendezeit, hat sich in der einzige Energiedisput, der polnische ner und die Deutschen immerhin einst- 98 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 99.
    weilen noch. DieSlowaken und sogar die An manchem Tag treffen bis zu 2500 deutsche Vergangenheit gehört zu unse- Weißrussen wollen demnächst neue Mei- Protest-E-Mails aus dem Nachbarland ein. rer Geschichte“, sagt er. ler bauen. Nur Polen, so glaubt der Chef, Umweltinitiativen aus Brandenburg und Doch seit den Schiefergasfunden ver- hinke mal wieder hinterher. Mecklenburg-Vorpommern bieten die bittet er sich den Einspruch der Umwelt- Kubacki weist darauf hin, dass der Schreiben zum Herunterladen an. schützer von der anderen Seite der Gren- Energieverbrauch des Landes parallel „Wir nehmen alle Einwände ernst“, ze. Zweimal schon hat der staatliche zum Wachstum der Wirtschaft jedes Jahr sagt Kubacki artig, doch es klingt wie eine Gaskonzern Probebohrungen in seiner um vier Prozent steige. Derzeit deckt Klage. Gemeinde unternommen, und zweimal Braunkohle etwa 90 Prozent des Energie- Viele Polen fürchten, von den Deut- wurde Gas gefunden. „In zwei Jahren bedarfs ab. „Aber wir haben europäische schen trotz ihrer enormen wirtschaft- wird hier hoffentlich in industriellem Maß- Verpflichtungen“, sagt Kubacki. „Wir lichen Erfolge nach wie vor als zurück- stab gefördert werden können“, sagt er. müssen den CO2-Ausstoß reduzieren und gebliebene Hinterwäldler betrachtet zu Polen bezieht sein Erdgas derzeit zu den Energiemix diversifizieren.“ werden, die sich in der Atomfrage eigen- zwei Dritteln vom staatlichen russischen Natürlich werde Warschau erneuerbare sinnig und unbelehrbar zeigen. Gaskonzern. Und Gazprom verlangt von Energien fördern, so teuer die auch seien. Besonders erregen sich die Polen, den einstigen Verbündeten höhere Preise Aber das reiche bei weitem nicht aus. Ku- wenn Deutsche und Russen miteinander als von den Geschäftspartnern im Westen. backi versichert, Polen werde das Neueste paktieren – so wie vor fast sieben Jahren. 500 Dollar muss Warschau derzeit für vom Neuen an Reaktoren kaufen und Damals einigten sich Berlin und Moskau 1000 Kubikmeter Gas aus Russland über- höchste Sicherheitsstandards erfüllen. Er darauf, eine Erdgas-Pipeline durch die weisen, der Rest Europas zahlt nur 300. gibt allerdings zu, dass auch in Polen noch Ostsee an Polen vorbei zu verlegen. Dagegen klagt Polen vor einem interna- niemand weiß, wohin mit dem über Jahr- Kanzler Gerhard Schröder hielt es tionalen Schiedsgericht in Stockholm. tausende strahlenden Atommüll. Und er nicht einmal für nötig, Warschau zu kon- „Die Russen behandeln uns einfach im- räumt ein, dass Umfragen zufolge die Zu- sultieren. Dass Deutsche sie nun auch mer noch wie abtrünnige Untertanen“, stimmung der Polen zur Kernenergie noch daran hindern wollen, ihre eigenen sagt Doering, doch sein Unmut richtet nach Fukushima unter die Marke von 50 Erdgasvorräte zu erschließen, ist aus der sich nicht nur gen Osten. Prozent gesunken sei. Sicht vieler Polen schlicht eine Frechheit. Der Gemeindechef dreht sich in Rich- Trotzdem sagt er: „An der Atomkraft Henryk Doering jedenfalls, Gemeinde- tung Ostsee, wo die deutsch-russische Pipe- geht kein Weg vorbei.“ Selbst wenn er es vorsteher im Flecken Krokowa nördlich line verläuft. Er schlägt sich mit der linken diplomatisch formuliert, seine Botschaft von Danzig, versteht die Nachbarn nicht Hand in die rechte Armbeuge, der Unter- ist klar: Die Deutschen sollten sich mit mehr, denen er eigentlich wohlgesinnt ist. arm schnellt hoch, die Faust ist zornig ge- Kritik zurückhalten. Schließlich – so sieht An der Schule hat er gegen den Wider- ballt. Er sagt: „Wenn wir erst unser Schie- er das – seien sie auch deshalb so reich, stand der örtlichen Nationalisten deut- fergas fördern, könnt ihr uns alle mal.“ weil sie seit 50 Jahren Atomkraft nutzen. sche Inschriften konservieren lassen: „Die JAN PUHL
  • 100.
    Ausland Die Debatte darüber, wie es nach der Präsidentenwahl vom 4. März weitergeht, RUSSLAND wie die Tatsache zu deuten ist, dass Putin 13 Millionen Stimmen mehr erhielt als Kampf um Moskau seine Partei bei der Parlamentswahl im Dezember, wie Strategie und Taktik im Kampf gegen den Kreml nun zu wählen sind – der Streit darüber schüttelt Russ- Die Kreml-Gegner demonstrieren weiter. Aber wofür? lands Opposition kräftig durch. Darüber ist Streit entbrannt. Das nächste Ziel soll Putin verfolgt das mit Genuss. Seine Erleichterung, die Meinungshoheit zu- heißen: erst einmal die Macht in der Hauptstadt übernehmen. rückerlangt zu haben, wurde am Wahl- abend geradezu physisch spürbar. Sofort D as Gesicht von Sergej Parchomen- immer nicht klar, wie das wahre Ergebnis kam wieder der Zyniker in ihm durch – ko ist noch rot vom eisigen Wind, aussieht. und die Verachtung für seine Gegner. der durch Moskau weht. Es ist Parchomenko erzählt von seinem eige- Die Oppositionellen seien nicht mal Mittwoch vergangener Woche, zehn Uhr nen Wahllokal Nr. 149, in das plötzlich halb so intelligent wie einfache russische abends, Parchomenko lässt den Tag in ei- 300 Fahrer eines Moskauer Transport- Arbeiter, erklärte er. Die Proteste hätten nem Steakhaus am Weißrussischen Bahn- betriebs mit einer Sondergenehmigung auch „keinen Bezug zur Wahl“, die Op- hof ausklingen, dort, wo Moskau schon zur Abstimmung gekommen seien – ihr position habe jetzt einfach mal „in der ein bisschen aussieht wie New York. Es Direktor war der Chef des Wahllokals –, Nase gebohrt und entschieden“, dass sie ist eher eine Bar, Hunderte junge Leute und wie die fast alle für Putin gestimmt das Ergebnis entgegen ersten Aussagen drängeln sich in ihr, das Steak kostet um- hätten. Oder davon, auf welch wunder- doch nicht akzeptiere. Er pfiff auch kei- gerechnet 35 Euro, aber das stört nieman- same Weise sich in den drei Monaten seit neswegs den Chef seines Wahlstabs zu- den. Wer hier sitzt, gehört zum hippen, der Duma-Wahl die Zahl der Stimmbe- rück, als der öffentlich vom „ungesunden aufstrebenden Moskau. rechtigten in Russland um 622 551 Men- Teil“ des russischen Volkes schwadronier- Der Publizist Parchomenko ist 48 Jahre schen erhöhte. te, der da immer wieder auf die Straße alt, er war Chefredakteur mehrerer Ma- Aber selbst wenn der Kreml bis zu gehe – ein Begriff, der an Stalins Wort gazine, dann Verleger, aber er hat den zehn Prozent der Stimmen gefälscht ha- von den Volksfeinden erinnerte, die es Job erst mal beiseitegelegt, er zieht jetzt ben sollte: Das ändert nichts daran, dass auch physisch auszumerzen gelte. in anderer Mission durch die Stadt. Heute der Sieger dieser Wahl Putin heißt, rein Der brutale Hinterhof-Jargon, den Pu- hat er sechs Stunden lang mit den Spitzen rechnerisch ist sein Sieg legitim. Doch tin nun wieder benutzt, hatte vergangene der Moskauer Polizei verhandelt, als Ver- schon mit dieser These kann Russlands Woche bei der Montagsdemonstration be- treter der „Liga der Wähler“. Opposition nur schwer leben. reits Wirkung gezeigt: Es kamen weniger Es ging um die Demonstration der Be- Das zeigte sich vergangene Woche wäh- Menschen als sonst. „Die Angst ist wieder wegung „Für ehrliche Wahlen“ am 10. rend der ersten Demonstration nach dem da“, sagt Parchomenko, „viele fürchten, März, die zweite Großveranstaltung der Abstimmungstag auf dem Moskauer dass Putin mit einer neuen Welle der Un- Kreml-Gegner nach der Präsidentenwahl, Puschkin-Platz. „Wir müssen der Wahr- terdrückung auf die Proteste reagiert.“ diesmal auf der Einkaufsmeile Nowy Ar- heit ins Auge sehen: Putin hat gesiegt“, Aber das andere Problem ist die Op- bat. Parchomenko hatte der Stadtregie- sagte dort Sergej Mitrochin, der Führer position selbst. Die Leichtigkeit und die rung die Genehmigung für diesen zentra- der sozial-liberal orientierten Jabloko- Ideenfreude, mit der sie im Dezember len Ort abgerungen, heute ist er mit den Partei – und wurde dafür ausgepfiffen. auf die Straße ging, scheinen verloren, an Polizeioffizieren die Straße abgegangen, vorbei am Edel-Italiener Wesna, am Pent- house-Stripclub und am Radiosender Echo Moskwy, bei dem er freitags eine eigene Sendung hat. Mit der Staatsmacht eine Demo auszu- handeln, die sich gegen die Staatsmacht richtet, das ist ein zäher Kampf. Er wird nicht um Parolen oder Losungen geführt, sondern darum, wo Metalldetektoren oder Klohäuschen aufzustellen sind und wie viele Menschen auf einem Quadrat- meter stehen dürfen. Exakt zweieinhalb, nicht mehr, so hat die Polizei Parchomen- ko beschieden, und sie hat heute erst ein- mal nur den Bürgersteig freigegeben: 300 Meter lang und 20 Meter breit ist er, macht 6000 Quadratmeter, also 15 000 Menschen. Erst wenn der 15 001. kommt, würde die Polizei auch den Verkehr am Kundgebungsort stoppen. Aber die Pro- JEREMY NICHOLL / LAIF testler, die zählt die Polizei. Parchomenko und seine Mitstreiter wollen neue Beweise für die Tricksereien des Kreml vorlegen. Eine Woche nach den „saubersten Wahlen in der russischen Geschichte“ (Putins Stabschef) ist noch Poizeieinsatz auf dem Moskauer Puschkin-Platz am 5. März: Nur noch radikale Rhetorik 100 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 101.
    Wie kann eineOpposition, in der Libe- rale neben Linksfrontlern und Rechtsex- tremen stehen, zu einer gemeinsamen Sprache finden? Dass der vergangene Montag in einer Knüppelorgie der Polizei endete, lag auch daran, dass sich Männer wie Nawalny nicht an Absprachen hielten. Viele Oppositionelle sind einander in tiefer Abneigung verbunden, Ex-Präsi- dentschaftskandidat Grigorij Jawlinski und Ex-Vizepremier Boris Nemzow etwa. Nemzow nennt die namhafte Umweltak- tivistin Jewgenija Tschirikowa schon mal „durchgefickt“ und den Schriftsteller Aku- nin einen „Scheißkerl“, weil der nicht sei- ner „Solidarnost“-Bewegung beitrete. Die Situation wird auch dadurch nicht erleichtert, dass sich bei jeder Kundge- bung die soziale Schichtung der Demon- stranten verändert: Immer wieder stoßen neue Gruppen aus der Bevölkerung dazu, andere dagegen kommen nicht mehr. Al- lein die Ankündigung, man wolle im Stadtzentrum ein Zeltstädtchen der Pro- testler errichten, hat viele verschreckt. Denn sofort waren die Bilder vom Regie- rungssturz 2004 in der Ukraine wieder da – im revolutionsgeplagten Russland hat fast jeder vor solchen Wirren Angst. Aber es gebe da doch eine Losung, die zu einer realistischen Leitschnur werden könnte, sagt Publizist Parchomenko durch den Lärm im Steakhaus am Weiß- russischen Bahnhof hindurch: die Losung „Kampf um Moskau“. Die Opposition müsse erst einmal die Hauptstadt erobern. In Moskau haben am 4. März nicht mal 47 Prozent für Putin gestimmt, das ist DAVIDE MONTELEONE / VII weit unter dem Landesdurchschnitt. Als Putin sich 2004 das letzte Mal zur Ab- stimmung stellte, erhielt er auch in der Hauptstadt noch fast 70 Prozent. Nun hof- fen seine Gegner, ihn in Moskau umzin- Triumphator Putin: Die Proteste haben „keinen Bezug zur Wahl“ geln zu können, in dieser Stadt, die ihn so gar nicht mag und die in Wahlbezirken ihre Stelle trat radikale Rhetorik – viele keine neuen Vorschläge, keine neuen For- im Zentrum mehrheitlich für den Milliar- der Kundgebungsredner sanken auf das men des politischen Kampfes, wird sie an där Michail Prochorow stimmte. Niveau der Putin-Mannschaft herab. ihre Grenzen stoßen. Aber wie bitte soll das geschehen? Der namhafte Blogger Alexej Nawalny „Wieder einmal ist der progressive Teil Da die Moskauer Stadtduma nicht schimpfte Putin einen „Schwanz“. Und der russischen Gesellschaft dabei, einen mehr die politischen Verhältnisse in der die Journalistin Olga Romanowa rief: Sieg zu verspielen“, sagt der Musikkriti- Metropole widerspiegle, müssten die Ab- „Die Gefängnisse haben zu 90 Prozent ker Artjom Troizki. Putin-Gegner wie er geordneten abberufen werden und Ver- für Putin gestimmt, die Verbrecher wis- vermissen vor allem Aussagen, wie die treter der Opposition ins Stadtparlament, sen, wer ihr Pate ist: Putin ab in den Opposition über die Zukunft des Landes sagt Parchomenko. Das solle dann Pro- Knast!“ So mancher Moskauer wandte denkt. Während Putin nach den Dezem- chorow zum Oberbürgermeister wählen, sich daraufhin von den Protestlern ab. ber-Demonstrationen das Volk mit einer der selbst zur Machtübernahme in Mos- „Ich fühlte mich wie in einem paläonto- Serie programmatischer Artikel bom- kau rät und der mit seinem dritten Platz logischen Museum: Viele ausgestorbene bardierte, schwieg die Opposition. Und bei der Präsidentenwahl auch landesweit Arten des rechten und linken politischen das, obwohl an ihrer Spitze einige der einen Achtungserfolg errang. Spektrums waren da zu sehen“, beschwer- besten Intellektuellen des Landes wie der Aus diesem mächtigen Amt heraus, das te sich ein junger Aktivist. Schriftsteller Boris Akunin stehen oder stets ein politisches war und deswegen Es ist ein Irrtum, wenn die radikalen Männer mit Regierungserfahrung. Ledig- noch immer vom Präsidenten besetzt Oppositionsführer behaupten, sie brauch- lich Blogger Nawalny meldete sich mit wird, könnte man den Angriff auf den ten keine neuen Losungen, die Forderung einem dilettantischen Artikel über Russ- Kreml starten. Auch Boris Jelzin habe im nach Neuwahlen reiche, notfalls müsse lands Wirtschaft zu Wort. „Um die Kor- Moskauer Rathaus seinen Kampf gegen man den Protest eben eskalieren lassen. ruption zu bekämpfen, brauchen wir kei- Gorbatschow begonnen. Wenn die Bewegung, die nach der ge- ne Reformen und keine neuen Gesetze“, „Aber dafür braucht es einen langen fälschten Duma-Wahl entstand, jetzt schrieb er, es genüge allein der politische Atem“, sagt Parchomenko. nichts Positives, nichts Konkretes bietet, Wille. CHRISTIAN NEEF, MATTHIAS SCHEPP D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 101
  • 102.
    MOHAMMED AL-OSTAZ /ZUMAPRESS.COM Emir Hamad Al Thani (M.) beim Freitagsgebet in Doha: Licht und Erleuchtung für die Gläubigen G O L F S TA AT E N Flüssige Diplomatie Mit seinem Reichtum, seiner Wendigkeit und seinem Fernsehsender al-Dschasira ist Katars Emir Hamad Al Thani zu einem der wichtigsten Politiker des Nahen Ostens aufgestiegen. Seine Agenda ist weniger offensichtlich. D as ist sein Platz. Hier unter den tritte. Ob es die „Konferenz zur Vertei- reichste Land der Welt, mit einem jähr- schweren Lüstern des Ballsaals im digung Jerusalems“ ist, wie Ende Februar, lichen Pro-Kopf-Einkommen von 98 000 Ritz-Carlton, umgeben von Wür- oder das Versöhnungstreffen zwischen Dollar. Es wird die Fußball-Weltmeister- denträgern aus den Nachbarnationen, den Palästinenserfraktionen im Januar. schaft 2022 ausrichten und für mindestens von Delegierten der Uno und der Arabi- Meist steht am Ende eine „Doha-Dekla- 150 Milliarden Dollar Stadien, Autobah- schen Liga. Er schnurrt geradezu, als der ration“, und wieder ist der Name der nen und eine Metro bauen lassen. Palästinenserpräsident ihn preist als den, Hauptstadt von Katar in die Annalen ge- „Im Namen Gottes …“ Der Emir er- der „das Öl in die Moschee“ bringe, also meißelt. hebt sich zum Mittagessen. Eine massige für Licht und Erleuchtung sorge unter „Um noch einmal auf das Öl zurück- Gestalt, wenn auch nicht mehr ganz so den Gläubigen. Hier ist Seine Hoheit der zukommen“, sagt Scheich Hamad und imposant wie damals, als Muammar al- Emir von Katar, Scheich Hamad Bin Cha- schildert dann, wie sein Emirat den ab- Gaddafi auf dem Treffen der Arabischen lifa Al Thani, ganz er selbst. Oder besser geriegelten Gaza-Streifen mit Geld und Liga noch Witze über den Bauch des noch: ganz, wie er sein möchte. Lebensmitteln versorgt. Da murmeln sie Emirs machen konnte. Aber wo ist Gad- Der Ölscheich neuen Typs. Der Global alle zustimmend, die eingeflogenen Ver- dafi jetzt? Und wo der Emir von Katar? Player. Der Mittler zwischen Orient und treter aus Ramallah und dem Jemen, aus Er steht im Zentrum der Diplomatie Okzident. Der Herrscher einer „neuen Marokko und dem neuen Libyen, weil des Nahen Ostens, dort, wo die Entschei- Weltmacht“, wie eine französische Zei- sie wissen, dass sie hier immer Kredit ha- dungen fallen. Er war es, der in der Ara- tung neulich über sein kleines Reich ben werden, im Emirat Katar. bischen Liga die entscheidenden Resolu- schrieb. Eine Halbinsel im Persischen Golf, in tionen gegen Gaddafi durchbrachte und Ernst macht er sich Notizen, das Ge- den Umrissen Dänemarks, allerdings so auch den Einsatz der Nato vorantrieb. sicht mit dem mächtigen Moustache ruht viermal kleiner und ganz aus Sand. 1949 Er war es, der als Erster dazu aufrief, die auf dem Polster seines Doppelkinns, der wurden hier 16 000 Seelen geschätzt, von syrischen Rebellen mit Waffen zu belie- Goldsaum des Umhangs scheint vor Wür- denen gerade 630 mehr als ihren Namen fern, ja notfalls militärisch einzugreifen, de zu glimmen. Der Emir liebt diese Auf- schreiben konnten. Heute ist Katar das um Baschar al-Assad zu stürzen. 102 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 103.
    Ausland Ähnliches tat er auch vor Beginn des Brookings Institution in Doha. „Er achtet Das ist vielen suspekt. Manche vermu- arabischen Frühlings. Er schickte seine darauf, dass er nie alle Eier in dieselbe ten, der Emir habe eine religiöse Agenda, Diplomaten los, um zwischen der Regie- Schale legt.“ um den sunnitischen Islam zu stärken, rung des Sudan und den Rebellen in Dar- Mit seinem Reichtum hat Katar es sich und es ist ihnen unheimlich, wie der fur zu vermitteln, zwischen Eritrea und in einer Nische der Weltpolitik eingerich- Winzling Katar zur „Eroberung der Welt“ Äthiopien, zwischen den USA und den tet. Der Emir zahlte, als den libyschen („Le Monde“) ansetzt. In Deutschland ist afghanischen Taliban. Nicht immer war Rebellen das Geld ausging, schickte Waf- die Qatar Investment Authority an Volks- er so erfolgreich wie 2008, als er den er- fen und „Mirage“-Jets nach Bengasi. Das wagen (17 Prozent), Hochtief (9 Prozent) neuten Ausbruch eines Bürgerkriegs im neue Ägypten bekam eine halbe Milliar- und Porsche (10 Prozent) beteiligt. Von Libanon verhinderte. Doch für den Emir de Dollar an Hilfe und die Zusage, zehn der Ukraine bis nach Pakistan und Thai- und seinen Staat bedeutete jeder diplo- weitere Milliarden zu investieren. land kauft das Emirat Landwirtschafts- matische Erfolg ein Stück mehr an Aner- Eine Gruppe französischer Multikulti- flächen, investiert in Banken, Tourismus kennung: Ich verhandle, also bin ich. Kommunalpolitiker schrieb kürzlich an und Immobilien. Dohas Diplomatenviertel ist dabei, sich die Botschaft von Katar, der Emir möge In Frankreich pokert Katar um Anteile zu einer Art Mini-Weltorganisation zu den Banlieues helfen, den Pariser Vor- am Luftfahrtkonzern EADS und hält sie entwickeln, wo Gut und Böse bereits am Energiekonzern gleichberechtigt ihre Fahnen Suez, der Dexia-Bank sowie der hissen dürfen. Säkulare Gegner Verlagsgruppe Lagardère. Dazu der somalischen Schabab-Miliz, hat sich der Emir den Fußball- abgewickelte irakische Generä- club Paris Saint-Germain ein- le und ägyptische Muslimbrüder gekauft. „Katar besetzt Posi- fanden hier Zuflucht. Der Emir tionen, die gefährlich für unse- hat die palästinensische Hamas re nationale Unabhängigkeit gedrängt, ihren Sitz von Da- sind“, erklärte die rechtsextre- maskus nach Doha zu verlegen. me Präsidentschaftskandidatin Hamas-Führer Chalid Maschaal Marine Le Pen. „Ich sage das in hat schon einen Wohnsitz hier, allem Ernst: Diese Leute sind und auch die Taliban werden in finanzielle Unterstützer von is- Doha bald eine Vertretung auf- lamistischen Fundamentalisten GETTY IMAGES machen, ihre erste überhaupt. und Scharia-Spinnern.“ Bald könnten sich im Diplo- Stimmt das etwa? Was treibt matic Club von Doha US-Ge- den Emir wirklich an? neräle von der Air-Force-Basis Skyline von Doha: In die Annalen der Geschichte gemeißelt Scheich Hamad ist der Pro- al-Udeid, Hamas-Strategen und totyp eines Golf-Monarchen der schwarzbetuchte Taliban über zweiten Generation. Geboren den Weg laufen. Es wäre die At- 1952, wuchs er im – noch – be- mosphäre von „Casablanca“. scheidenen Wohlstand einer be- Der Allmächtige hat den Mee- duinischen Herrscherfamilie auf resgrund vor diesem Flecken und wurde auf die britische Mi- Sand mit den größten bekannten litärakademie Sandhurst ge- Gasvorkommen des Planeten schickt. Mit knapp 20 Jahren versehen. Und leider auch mit kehrte er zurück nach Katar, zwei großen, verfeindeten Nach- das, wie andere Golfstaaten, barn, Saudi-Arabien und Iran. 1971 unabhängig wurde, und Da muss man sich behaupten. avancierte dort alsbald zum Ge- Jahrelang weigerten sich die neralmajor, schließlich zum HAMID JALAUDIN / AP Saudis, ihre Grenze zu Katar Oberkommandierenden. vertraglich festzulegen. Der Emir Als sein Vater den Palast sah sich anderweitig nach Bünd- nicht räumen wollte, setzte der nispartnern um und entfaltete ehrgeizige Kronprinz ihn ein- einen diplomatischen Eifer, der Fernsehsender al-Dschasira: Verkünder des Arabischen Frühlings fach ab – was ihm das Herr- den aller anderen arabischen scherhaus der Sauds aus Angst Staaten in den Schatten stellt: Hamad städten, angesichts „der Vernachlässigung vor eigenen Palastrevolutionen bis heute überzeugte Washington, ein Hauptquar- durch den französischen Staat“. Katar nicht verziehen hat. tier des US-Zentralkommandos und eine legte umgehend einen Fonds von 50 Mil- Geprägt haben Hamad, wie auch die der größten amerikanischen Luftwaffen- lionen Euro auf. fast gleichaltrigen Herrscher von Dubai, basen nach Katar zu verlegen, lud aber Über all das berichtet, möglichst live, Abu Dhabi und Bahrain, vor allem drei gleichzeitig Irans Präsidenten Mahmud der Fernsehsender al-Dschasira. Das ist, Erfahrungen: die trüben Jahre zwischen Ahmadinedschad zu Arabergipfeln ein. neben seinen Milliarden, das wichtigste dem Suezkrieg und der arabischen Nie- Er bot der Welthandelsorganisation Werkzeug des Emirs Hamad. Al-Dscha- derlage im Sechs-Tage-Krieg, die Herab- WTO seine Hauptstadt als Tagungsort für sira sendet in Arabisch und Englisch und lassung, welche die urbanen Eliten von Verhandlungen, die „Doha-Runde“, an, hat jetzt einen eigenen Sender für den Kairo, Beirut und Bagdad ihnen als Be- er regte freie politische Foren wie die Balkan sowie Programme für Lateiname- duinensöhnen entgegenbrachten – und „Doha Debates“ an und lud Israelis wie rika und Afrika gestartet. der enorme Reichtum, der ihnen nach die damalige Außenministerin Zipi Livni Über al-Dschasira verbreitet der ein- der ersten Ölkrise 1973 zuteilwurde. und den heutigen Präsidenten Schimon flussreiche Prediger Jussuf al-Karadawi, Der politische Fixstern dieser Genera- Peres zu Diskussionsrunden ein. Meisterdenker der Muslimbrüder, seine tion war der ägyptische Volksheld Gamal „Der Emir ist der ultimative Realpoli- Botschaften. Scheich Hamad bewundert Abd al-Nasser, der den Arabern zwar kei- tiker“, sagt Ibrahim Scharkieh von der diesen Mann. nen Triumph über Israel bescherte, aber D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 103
  • 104.
    Ausland belassen hätte, suchte er den Beistand der Türken; als deutlich wurde, dass Riad den syrischen Diktator Baschar al-Assad stürzen wollte, belebte er die Achse mit Saudi-Arabien wieder. Die Bündnispolitik des Emirs würde einem Bismarck oder Talleyrand zur Ehre gereichen. Man könnte ihn einen Meister der flüssigen Diplomatie nennen. Oder prinzipienlos. Denn bei all seiner revolutionären Pose ist Katar beileibe kein Musterland der Demokratie. Die Be- ratende Versammlung wird vom Emir er- XINHUA / ACTION PRESS nannt und hat noch weniger Einfluss als die saudi-arabische. Das seit Jahren ver- sprochene erweiterte Wahlrecht lässt auf sich warten. Amnesty International spricht von Auspeitschungen und der Ausbeu- Nato-Angriff auf Tripolis im Juni 2011: „Aggressivere Außenpolitik“ tung ausländischer Arbeitsmigranten. Der strenge Islam wahhabitischer Prägung ist ein Gefühl von Selbstwert verlieh. Mit Rachid al-Ghannouchi, Tunesiens neuer auch in Katar Staatsreligion. Nassers sozialistischen Ideen konnten die starker Mann. Katars Herrscher sieht sich Über die Niederschlagung der Protest- Fürstensöhne nichts anfangen. Sie über- ohnehin an der Spitze der „Arabellion“. bewegung im Königreich Bahrain, an der nahmen seinen arabischen Nationalis- Zum ersten Jahrestag der tunesischen Re- sich auch Katar beteiligte, wurde von al- mus, aber Nasseristen wurden sie nie. volution hielt Hamad in Tunis eine Rede, Dschasira erst gar nicht berichtet. Mit Nassers Erben, Männern wie Mu- die klang, als hätte er selbst am Aufstand Zuletzt ist Scheich Hamad in seiner ammar al-Gaddafi, Saddam Hussein oder teilgenommen. Die Revolution müsse neuen Rolle allerdings an Grenzen ge- dem syrischen Diktator Hafis al-Assad, weitergehen, sagte er, er sei bereit, Trup- stoßen. Dem Übergangsrat in Tripolis dem Vater des heutigen Machthabers, pen nach Syrien zu schicken, „um das scheint die Präsenz des Emirs inzwischen verband sie tiefe Abneigung. Die Dikta- Morden zu beenden.“ unheimlich zu werden: „Unsere Brüder toren, die sich in Tripolis, Bagdad und Katars Allianzen aber wechseln von aus Katar haben uns geholfen. Aber ich Damaskus an die Macht putschten, galten Land zu Land und von Krise zu Krise. In fürchte, Katar wird das gleiche Schicksal ihnen als Usurpatoren, und das, was sie Libyen kooperierte er mit Saudi-Arabien, treffen wie Libyen wegen Gaddafis Groß- aus Libyen, Irak und Syrien machten, als um den gemeinsamen Gegner Gaddafi mannssucht“, sagte Libyens Uno-Vertre- ein Ausverkauf wahren Arabertums. loszuwerden; als er bemerkte, dass der ter Abd al-Rahman Schalgham. Der Wunsch, dieses in den Stammes- König von Saudi-Arabien weniger ent- Im Südlibanon wurde der Emir wie ein traditionen der Arabischen Halbinsel schlossen war als er selbst, Jemens da- Held von der Hisbollah empfangen, weil verwurzelte Arabertum wiederzubele- maligen Präsidenten Ali Abdullah Salih er nach dem Krieg 2006 beim Wiederauf- ben, ist eines der stärksten Motive hinter zum Rückzug zu bewegen, verließ er die bau der Städte geholfen hat. Das ist vor- dem politischen Aktivismus des Emirs. Verhandlungen und überließ es Washing- bei: „Seit er sich gegen Assad gestellt hat, Dieser Wunsch habe auch hinter der ton, die Saudis unter Druck zu setzen. ist der Emir im Libanon und in Syrien Gründung des Nachrichtenkanals al- Als er erkannte, dass Saudi-Arabien zur Unperson geworden, mitsamt seinem Dschasira gestanden, sagt der Palästinen- Ägyptens Mubarak lieber an der Macht Dschasira-Sender“, meint ein deutscher ser Ahmed Scheich, einer der ersten Mit- Beobachter in Damaskus. arbeiter und späterer Chefredakteur des IRAN Der Golf-Experte der Konrad-Ade- Senders. KUWAIT IRAN nauer-Stiftung, Thomas Birringer, ver- Mit dem arabischen Frühling hat sich Persischer SAUDI- gleicht Katar mit – „Luxemburg. Ein- die Rolle des Emirs verändert. Vom Ver- Golf ARABIEN schließlich RTL und Jean-Claude Juncker. mittler ist er zum politischen Akteur ge- SAUDI- Aber ein starker Fernsehsender und ein worden. „Katar hat eine aggressivere und ARABIEN eifriger Diplomat machen aus einem möglicherweise riskantere Außenpolitik Gasfeld Kleinststaat noch keine Führungsmacht“. angenommen“, schreibt die ehemalige BAHRAIN Neue Weltmacht? Eher ein Weltmächt- Irak-Beauftragte von George W. Bush, K ATAR le. Auch Katars Staatsfonds ist in absolu- al-Udeid Doha Meghan O’Sullivan. ten Zahlen kleiner als etwa der der Ver- (Militärbasis) Abu Dhabi Jetzt bewährten sich die Freundschaf- einigten Arabischen Emirate. Der Emir ten des Emirs – darunter die zum liby- hat keine Divisionen. Seine Armee be- VER. ARAB. schen Scheich Ali al-Salabi, der islamis- steht zum großen Teil aus Söldnern. Als 200 km EMIRATE tische Netzwerke im Osten des Landes OMAN Katar seine „Mirage“-Piloten nach Li- zum Sturz Gaddafis mobilisierte. Die byen schickte, wurden sie von amerika- Aufstände in Tunesien, Libyen, Ägypten nischen und französischen Kampffliegern fanden ihren visuellen Ausdruck auf al- Einwohner ca. 1,7 Millionen begleitet, damit ihnen nichts passiert. Dschasira, der Sender lieferte die Ikonen. davon Katarer ca. 15 % Militärisch kann Katar also wenig in Tagelang wurde live vom Tahrir-Platz be- BIP pro Kopf, 2011 98000 Dollar die Waagschale werfen, und realpolitisch richtet. ist das Emirat deswegen eher ein Leicht- zum Vergleich Deutschland 44 600 Dollar An den Checkpoints in Libyen weht gewicht. Aber vielleicht kommt es dem die Fahne Katars noch heute gleichbe- Anteil des Öl- und Gas- Emir darauf gar nicht an. Vielleicht reicht rechtigt neben der eigenen. „Wir erwar- sektors am BIP, 2010 rund 56 % es ihm ja, dass die Schwergewichte seine ten nur Gutes von Katar. Es ist ein wahrer Quellen: IWF; Qatar National Bank Freunde sind. Partner im arabischen Frühling“, erklärte ALEXANDER SMOLTCZYK, BERNHARD ZAND 104 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 108.
    Ausland DUBLIN Neue Heimat Saskatchewan In Dublin hat eine Auswanderermesse so viel Erfolg, GLOBAL VILLAGE: dass es den Veranstaltern peinlich ist. A lles ging so schnell, da haben Bar- an Hebammen vorbei, Radiologieassis- tionen steigen, und der leergefegte Ar- ry Boyle und seine Freundin, bei- tenten an Bergbauingenieuren, Zahntech- beitsmarkt giert nach gutausgebildeten de aus Dublin, gar nicht richtig niker an Fliesenlegern, alle englischspra- Einwanderern. mitbekommen, wohin es sie nun eigent- chig, alle arbeitslos, unzufrieden oder „Wir brauchen Ihre Zeit, Ihr Talent, Ihre lich verschlagen hat. „Nach Tirnum oder zumindest skeptisch gegenüber ihrer Energie, Ihre Fähigkeiten“, rief Wall in den so“, jubelt Tania Borne, 35. „Nach Ti- Zukunft in Irland – oder in Europa. Saal – wo sich sogleich überwältigte Stille maro“, sagt Boyle, 37, stolz. „Oder Ti- Und sie trafen auf Menschen wie Brad breitmachte. In Irland herrscht derzeit eine mari?“ Wall. „Ich weiß, was Sie durchmachen“, Arbeitslosenquote von 15 Prozent. Egal. Auf jeden Fall liegt beider Zuhau- rief Wall, 46, ihnen vom Rednerpult zu. Immerhin 27 Arbeitgeber aus Saskat- se künftig am anderen Ende der Welt: in Langzeitarbeitslosigkeit oder Emigra - chewan sind ihrem Premier nach Dublin Neuseeland. Was sie dort erwartet, wissen tion, dazwischen müssten sie sich ent- gefolgt. Rund 500 Stellen konnten sie an sie nicht, „aber alles ist besser als Irland“, scheiden. „Ich will Ihnen sagen, dass Sas- Ort und Stelle vergeben, vom Schweißer glaubt Boyle. Kinder will bis zum Intensivpfleger, er da haben, Hunde, ein mehr Jobs noch gibt es dickes Auto – und vor al- in naher Zukunft. Ho- lem: „keine finanziellen ward Tierney, 35, ist Sorgen mehr“. nach langer Arbeitslosig- Seit 20 Jahren arbeitet keit vor 18 Monaten in Boyle als Koch, lange Saskatchewans Haupt- richtete er Traumbuffets stadt Regina ausgewan- an Bord von Kreuzfahrt- dert. „Ich war noch nie schiffen an. Aber sein glücklicher“, berichtete Job ist mies bezahlt, und der Zimmermann jetzt außerdem nimmt ihm seinen Landsleuten. „Es die am Staatsbankrott gibt überall Arbeit.“ Sei- entlangschrammende Re- ne Frau Sinéad, 40, LAURA HUTTON/PHOTOCALL IRELAND gierung spürbar steigen- stimmte zu. Die beiden de Steuern und Abga- kaufen bereits ihr erstes ben ab. Krise, Frust und Haus. Angst trieben ihn und Obwohl sich Irland mehr als 12 000 weitere mühsam aus der Schul- Iren jetzt auf die größte denfalle zu befreien Auswanderermesse, die scheint, werden rund Dublin je gesehen hat. Auswanderer Borne, Boyle: „Nach Tirnum oder so“ 50 000 Iren in diesem Für Boyle hat sich das Jahr die grüne Insel ver- Gedränge gelohnt: Zu- lassen, mehr als ein Pro- erst steuerte er den Stand zent der Bevölkerung, des australischen Northern Territory an, katchewan für Sie eine hervorragende genau wie 2011. Ein Ende der Auswan- dann einen von Neuseeland, schon war Wahl ist.“ derungswelle ist nicht absehbar. Wieder, alles klar. In nur vier Wochen soll Boyle Wall ist der Premierminister dieser zen- wie im 19. Jahrhundert, wie in den fünf- in der Hafenstadt Timaru in der Küche tralkanadischen Provinz. Die Krise, die ziger und achtziger Jahren des 20. Jahr- eines neuen Restaurants loslegen, zu ei- den großen Rest der Welt so fest im Griff hunderts, zerreißt die Massenemigration nem Jahresgehalt von umgerechnet 32 500 hat, ist bei ihm in der Prärie längst ver- ganze Familien. Euro. „Wir werden leben wie König und wunden. China und Indien brauchen, was Keira Murphy, 25, zählt zu jener Mehr- Königin“, sagt der Instant-Emigrant. Saskatchewan in Hülle und Fülle zu bie- heit, die leer ausgegangen ist auf Dublins Die meisten anderen jedoch empfan- ten hat: Agrarprodukte wie Weizen, Erb- Auswanderermesse. Nach vier Jahren den die „Working Abroad Expo 2012“ sen oder Linsen und Bodenschätze wie Uni unterrichtet sie Englisch für Auslän- mehr als Tragödie denn als Triumph. Öl, Gas, Uran oder Kalisalz. Der Boom, der – nichts, wonach es Kanada, Austra- Selbst der Veranstalter, die kleine irische verspricht er, währe mindestens noch lien, Neuseeland oder auch Irland gelüs- Firma SGMC, hielt den Ansturm der In- eine Generation. tet. Sie muss weg. Doch wohin? teressenten für bedrückend: „So ein An- Der Politiker Wall ist deutlich glück- „Ich gehe wohl nach China zurück“, blick tut einfach weh“, sagte ein Manager. licher dran als der irische Premier Enda sagt die junge Frau tapfer. Südlich von Tausende standen stundenlang Schlange, Kenny. Seit fünf Jahren wächst Saskat- Peking hat sie gerade über ein Jahr lang nicht wenige rausgeputzt im Sonntags- chewan so kräftig, also genauso lange, gearbeitet. Dort könnte sie sofort wieder anzug; es war so voll, dass Hunderte abge- wie Irland, der einstige keltische Tiger, anfangen, aber sie fühlt sich da nicht zu wiesen werden mussten. mit der Krise zu kämpfen hat. In Walls Hause. „Chinesen wissen nicht einmal“, Drinnen in der Messehalle schoben sich Paralleluniversum schmelzen Staatsschul- sagt sie, „wo Irland liegt.“ dicht an dicht erfahrene Industriemetzger den und Steuersätze dahin, die Investi- MARCO EVERS 108 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 111.
    Szene Sport FUSSBALL Studium für Manager Brauchen Deutschlands Fußballmana- ger Ausbildungsstandards? Trainer müssen eine Lizenz vorweisen, die Sportdirektoren und -manager der Bundesliga nicht. Als Oliver Bierhoff, Teammanager der Nationalelf, jetzt ein Managerzertifikat und die Zusam- menarbeit mit einer Universität vor- schlug, löste das eine Debatte aus. Als Anmaßung empfand Liga-Chef Chris- tian Seifert, dass jemand vom DFB die Manager der Bundesliga-Clubs ausbil- den wolle, da sei die Liga zuständig. Einige Bundesliga-Manager verwiesen auf unterschied- liche Anforde- rungsprofile der Clubs. Nun bietet JOERN POLLEX / BONGARTS / GETTY IMAGES die private Fach- hochschule für angewandtes Ma- nagement in Er- ding eine berufs- ACTION PLUS / IMAGO begleitende Maß- nahme über zehn Hausding Monate für ehe- Bierhoff malige Fußball- profis und Funk- WA S S E R S P R I N G E N tionäre an. Zu erwerben ist ein Hoch- schulzertifikat „Soccermanager“, das Programm mit nur zehn Präsenztagen Im Tunnel läuft derzeit das zweite Mal. Die Teil- nehmer, darunter der frühere Bundes- liga-Profi Markus Schroth, nutzen fürs Der Turmspringer Patrick hüpfe gern ins kalte Wasser und du- Seminar Räume des DFB in Frankfurt Hausding, 23, über ein- sche heiß, wegen der Durchblutung. am Main; Bierhoff hat sich dort bereits KOPATSCH / DAPD geschränkte Bewegungs- Das war alles nicht möglich. Wir konn- über die Lehrinhalte informiert. Die freiheit bei den Olympi- ten auch den Wettkampf nicht verfol- Lehrgangsgebühr beträgt 4800 Euro. schen Spielen in London gen. Dabei ist es wichtig zu wissen, Zu den Referenten gehört der Luxem- was die Konkurrenz macht. Bei Olym- burger Anwalt Michael Becker, der SPIEGEL: Kürzlich starteten Sie beim pia in Peking konnten wir uns noch auch als Spielerberater arbeitet, unter Weltcup der Wasserspringer im neuen frei bewegen. anderem für Michael Ballack. Der gilt Aquatics Centre in London. Der Wett- SPIEGEL: Hat sich jemand beschwert? seit seiner Amtsenthebung als Kapitän bewerb war die Generalprobe für Hausding: Springer und Trainer aus an- der Nationalmannschaft nicht als DFB- Olympia, wie fällt Ihr Fazit aus? deren Nationen sind zu den Ordnern Freund. Hausding: Die Wettkämpfe waren per- gegangen und haben gesagt, dass die fekt organisiert, etwas zu perfekt viel- Regeln lächerlich seien. Doch die Ord- leicht. Es gab strenge Regeln für uns ner blieben hart. Beim Vorkampf vom Springer. Wir mussten während des Dreimeterbrett starteten 60 Männer, ZITAT Wettbewerbs in einer Art Tunnel unter alle hockten in dem Tunnel wie beim der Zuschauertribüne sitzen, durften Arzt im Wartezimmer. nur für unseren Sprung herauskom- SPIEGEL: Haben Sie von den Organisa- „Hättest du was Ge- men. Danach sollten wir sofort wieder toren eine Erklärung bekommen? in diesem Gang verschwinden. Das Hausding: Vor dem Weltcup wurden un- scheites gelernt, habe ich noch nie erlebt. SPIEGEL: Inwiefern hat Sie diese Vor- sere Trainer informiert, dass es hohe Sicherheitsvorkehrungen geben werde. wärst du auch Fußball- schrift denn beeinträchtigt? Ich denke nicht, dass solche Regeln mit profi geworden.“ Hausding: Zwischen den Versuchen ha- der Angst vor Attentaten zu erklären ben manche Athleten feste Rituale. sind. Es geht wohl eher darum, dass Ex-Profi Mario Basler, 43, heute Trai- Manche gehen in die Erwärmungs- beim Wettkampf alles ordentlich und ner von Rot-Weiß Oberhausen, in ei- halle, springen auf dem Trampolin. Ich aufgeräumt aussehen soll. ner TV-Talkrunde mit Fans auf Sport1 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 111
  • 112.
    Sport SPI EGEL-GESPRÄCH „Schnauze!“ Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, 44, über bohrende Fragen im Meister- schaftsrennen, laute Ansprachen in der Kabine und sein Verhältnis zu Gott SPIEGEL: Herr Klopp, Sie sind ein emotio- naler Trainer. Wie lange dauert es, bis Sie sich nach einem Spiel beruhigen? Klopp: Ein Spiel zu verarbeiten, das geht eigentlich recht zügig. Das ist vor dem Einschlafen erledigt. Das Bewusste. Wie es im Unterbewusstsein aussieht, kann ich nicht sagen. Ich schlafe, ehrlich gesagt, immer gut. Meine Frau sagt zwar manch- mal, ich sei ein bisschen unruhig gewesen, aber das bekomme ich ja nicht mit. SPIEGEL: Und wie sieht dann der nächste Tag aus? Liegen Sie mit leerem Kopf zu Hause auf der Couch? Klopp: Och, weiß nicht, leer im Kopf? Das perfekte Wochenende sieht so aus: frei- tags gewinnen, samstags Bundesliga gu- cken, sonntags zweite Liga gucken. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich dabei besonders voll bin im Kopf. SPIEGEL: Legen Sie nie eine Pause vom Fußball ein? Klopp: Doch. SPIEGEL: Und was machen Sie dann? Klopp: Ja – nichts. Lesen. Schlafen. Mit meiner Familie zusammen sein. Wir re- den, wir spielen. Wir haben einen Hund. DEFODI.DE Wir gehen spazieren. Ich brauche keine Drogen. Keinen Alkohol. Keine wilden Partys. Ich verbringe ganz normal meine Zeit, wie ihr das auch macht. Hoffe ich wenigstens. Ich würde es euch gönnen. SPIEGEL: Sie sind ein gläubiger Mensch. Gehen Sie sonntags in die Kirche? Klopp: Seit ich drüber nachdenke, bin ich gläubig. Bei den meisten Menschen ist es ja anders: Wenn sie anfangen zu denken, sind sie es nicht mehr. Ich suche aber kei- nen Trost in meinem Glauben. Das wäre peinlich, dafür ist mein Leben zu gut. Glaube ist ein ständiger Wegbegleiter für mich, es ist nicht so, dass ich ihn in be- stimmten Momenten besonders brauche. Meine Probleme kriege ich schon selbst geregelt. Ich bitte Gott auch nicht um Bei- stand für den BVB – das geht gar nicht. SPIEGEL: Manchmal springen Sie vor der FRANK AUGSTEIN / DDP IMAGES / DAPD Trainerbank herum wie ein Verrückter. Macht sich dann der Druck Luft, den Sie spüren? Klopp: Ich spüre keinen Druck. SPIEGEL: Schon klar. Das Gespräch führten die Redakteure Maik Große- kathöfer und Gerhard Pfeil. 112 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 113.
    Klopp: Ich spürenur den Druck, den man mer, wollt ihr deutscher Meister werden, Jungs sein lassen, kann ihnen ganz viel sich eben macht, wenn man ein Fußball- die ist so doof. Das will doch jeder. Mich Vertrauen entgegenbringen. Ich weiß, spiel gewinnen will. Seit meinem fünften interessiert nur, wie wir den nächsten dass ich das, was ich mache, kann. An Lebensjahr ist das so. Wenn ich mit dem Gegner schnappen können. Idealerweise jedem Ort der Welt. Meine Leidenschaft Fahrrad zum Spiel gefahren bin, wollte überlässt man ihm vor dem Spiel keine stimmt, mein Wille stimmt, mein Know- ich unbedingt gewinnen. Vorteile durch blöde Bemerkungen. Die how, mein Einsatz. Alles ist da. SPIEGEL: Aber nun sind Sie der Trainer können uns alle hypen, wie sie wollen. SPIEGEL: An Selbstbewusstsein mangelt es des amtierenden deutschen Meisters, und Wir kicken einfach weiter. Ihnen nicht, oder? alle erwarten, dass Sie wieder den Titel SPIEGEL: Sie waren Profi-Fußballer. Wäre Klopp: Es gibt Menschen, die sich beschis- holen. der Spieler Klopp mit dem Trainer Klopp sener finden als ich mich. Klopp: Da sage ich: Ist mir wurscht. Und klargekommen? SPIEGEL: Woher kommt Ihr Talent zum heißt es, wir seien fast unschlagbar, da Klopp: Gut sogar. Ich denke, ich bin ein Schnellredner, zur Rampensau? sage ich: Schnauze! Diese Frage jetzt im- relativ angenehmer Chef. Ich kann meine Klopp: Ich war schon immer laut. Ein biss- chen ein Klassenkasper. Ich war auch Schulsprecher. Das hatte wohl damit zu tun, dass ich ein guter Sportler war, der klassische Fall. Ich war auch kein richtiges Arschloch. Und nicht richtig dumm. Es war für mich nie ein Problem, vorn zu stehen. Aber dass ich dahin wollte – das war nie so. Die Leute denken, ich hätte ein riesiges Sendungsbewusstsein. Stimmt gar nicht. Da können 30 Menschen zu- sammenstehen, 29 reden, und ich höre zu, stundenlang. Da fühle ich mich pu- delwohl. Aber wenn ich der Einzige bin, der quatscht, dann ist es mir völlig egal, ob 29 zuhören oder eine Million. Dass ich das kann, ist Zufall. SPIEGEL: Was muss ein Spieler haben, da- mit Sie ihn nach Dortmund holen? Klopp: Talent, klar. Aber wir sind in der Woche acht-, neunmal zusammen, auf relativ engem Raum, und da einen Voll- idioten dabeizuhaben, nur weil er ein biss- chen besser kicken kann, halte ich für total lästig. Wir sind eine homogene Truppe. LARS BARON / GETTY IMAGES Haben nicht wahnsinnig viele Leute dabei, die nebenher Expressionisten sammeln, bei uns sind alle ähnlich gestrickt. Das ist eine gute Basis. Und dann verhält man sich eben so, wie es sein muss: Man ist freundlich, man ist nett, man ist höflich. Auch mal flapsig. Witzig. Und ich treffe die Entscheidungen. SPIEGEL: Sind Sie autoritär? Klopp: Man kann sich streiten, auch mal anmachen. Aber wenn sich ein Spieler zu wichtig nimmt, haue ich dazwischen. SPIEGEL: Wie? Klopp: Entweder ich schnapp mir den Be- treffenden allein. Oder ich lasse ihn vor der Mannschaft auflaufen. SPIEGEL: Auflaufen? Klopp: Na ja, ich sprech ihn vor allen an- deren an: „Hey, wie hast du denn das ge- meint, was du da in der Presse über die Mannschaft gesagt hast? War ja ein ziem- lich großer Bericht in der Zeitung. Ich hab das aber alles nicht richtig kapiert. MARTIN ROSE / GETTY IMAGES Sag es uns doch noch mal schnell, damit wir das auch verstehen.“ Da ist dann schnell Ruhe. SPIEGEL: Man sollte sich besser nicht mit Ihnen anlegen? Klopp: Anlegen ist ganz schlecht. Trainer Klopp, Dortmunder Spieler „Es geht nicht um die Weltherrschaft“ 113
  • 114.
    Sport SPIEGEL: Wie reagierenSie, wenn ein Spie- Klopp: Nein. SPIEGEL: Finden Sie? Für Marco Reus hat ler in der Halbzeitpause zu Ihnen sagt: SPIEGEL: Götze ist Ihr talentiertester Spie- Ihr Verein 17 Millionen bezahlt, damit er „Trainer, wir müssen umstellen, sonst ler, er leidet an einer Schambeinverlet- zum BVB geht und nicht nach München. wird das heute nichts mehr.“ zung. Das ist eine langwierige, unange- Klopp: Weil es eine schöne Geschichte ist. Klopp: Wenn mir einer so kommt, erlaube nehme Sache. Haben Sie ihn verheizt? Marco ist Dortmunder! Er hat beim BVB ich mir schon zu sagen: „Entschuldigung, Klopp: Mario ist durch seinen Laufstil ein in der Jugend gespielt. Dann sehe ich, wer bist du denn? Halt mal die Klappe, bisschen anfälliger. Er hatte auch als Ju- wie er auf dem Platz auftritt, ich sehe sei- bitte!“ gendspieler manchmal Leisten- und Ad- ne Mimik. Sehe, wie er mit Fehlentschei- SPIEGEL: Sie diskutieren nicht gern? duktorenverletzungen. Das ist alles. dungen umgeht. Sehe, wie er sich ein- Klopp: Mein Trainerteam ist das beste, das SPIEGEL: Warum ist der BVB in der Cham- bringt, wie er kämpft, beißt, sich quält. ich mir vorstellen kann, wir machen uns pions League in der Gruppenphase aus- Als er mir schließlich gegenübersaß, er- die ganze Woche Gedanken darüber, wie geschieden? gab sich ein rundes Bild. wir spielen. Das heißt: Wenn es zu einer Klopp: Wir haben nicht das gemacht, was SPIEGEL: Worüber haben Sie beim Vorstel- Planänderung käme, dann würden wir notwendig war, sondern das, was wir geil lungsgespräch mit ihm gesprochen? die festlegen. Wenn ein Spieler eine spon- fanden. Klopp: Auf dem Platz sehe ich, was ich se- tane Idee hat, kann die nicht die gleiche SPIEGEL: Können Sie das erklären? hen will. Jetzt geht es darum, ob ich höre, Substanz haben. Mir ist die Sache viel zu Klopp: Wir dachten, okay, Champions was ich hören will. Wo kommst du her? ernst, ich lasse sie mir nicht durch un- League, tausendmal gesehen, nie dabei Wie war das, als du vor fünf Jahren von qualifizierte Einwürfe kaputtmachen. gewesen. Jetzt läuft für uns auch mal die Dortmund nach Ahlen gegangen bist? SPIEGEL: Gibt es Geldstrafen bei Ihnen? Musik. Jetzt zeigen wir, wie man richtig Welcher Idiot hat damals …? Ich wollte Klopp: Manchmal. Aber immer angemes- Fußball spielt. Haben wir auch probiert. wissen, welches Gefühl ihn hierhertreibt. sen. Einem jungen Spieler, der noch nicht War cool. Doch dann hat es wumm ge- Es gab ja viele Möglichkeiten für ihn. so viel verdient, dem haue ich gefühlt macht. Das haben wir so nicht erwartet. SPIEGEL: Sie mussten ihn nicht überzeu- hinter die Löffel, wenn er mal das Trai- SPIEGEL: Was denn? gen? ning verschlafen hat. Wenn einer ver- Klopp: Wir hätten viel falsch machen müs- pennt, der 32 Jahre alt ist und schon mal sen, damit es schiefgeht. Bei Reus war Kapitän war, dann zahlt der mehr. Aber der Vater dabei. Das ist immer gut, wenn ich verpacke das dann eher lustig: So, Jun- der Papa mitkommt. Dann entscheidet ge, jetzt gehen wir alle auf deine Kosten sich der Spieler immer für uns. Am Ende essen, weil du so blöd bist. des Gesprächs gehen wir einen Deal ein: SPIEGEL: Arbeiten Sie an der Persönlich- Alles, was bisher war, war gut, aber ab keit Ihrer Spieler? jetzt will ich mehr. Klopp: Wie könnte das aussehen? SPIEGEL: Woran orientiert sich der Trainer SPIEGEL: Lies doch mal ein Buch. Geh mal Jürgen Klopp? An Real Madrid? An Bar- ins Theater. Guck über den Tellerrand. celona? Klopp: Ich habe zwei Söhne im Fußballer- Klopp: Pep Guardiola, Barcelonas Trainer, alter. Der eine liest gern, der andere ist der Größte. Ich darf noch viele, viele nicht. Beide sind Supertypen. Beide kom- Jahre nicht in Zusammenhang mit seinem men zurecht. Und ich habe keinem ge- Namen genannt werden. Und wenn Bar- sagt: Lies doch mal. So halte ich es auch ça gegen Real spielt, dann sitzen wir vor MARCUS BRANDT / DPA mit meinen Spielern. Ich will nur, dass dem Laptop und gucken den Livestream sie sich in einem Punkt einig sind: Sobald im Internet. Die ganze Mannschaft. Und sie das Vereinsgelände betreten, gibt es alle sind genervt, weil das Bild so ruckelt. nichts, was wichtiger wäre als die Borus- SPIEGEL: Ist das eine Fortbildungsmaß- sia. Wir sind ein Verein auf dem Weg. nahme? Und wer auf dem Weg ist, muss gehen. Nationalspieler Reus Klopp: Nein, es ist ja nicht so, dass Barce- Und wer weit gehen will, muss mehr lau- „Ab jetzt will ich mehr“ lona immer neue Sachen rausbringt. Ge- fen, schneller laufen. Das fordere ich von genpressing wird bei uns auch schon lan- meinen Jungs. Klopp: Etwa in Marseille: Die Spieler dort, ge gespielt. Aber es hilft, wenn ich einem SPIEGEL: Und Ihre Spieler rennen und ren- alles harte Jungs, die mit Personenschutz Spieler sagen kann: Du, schau mal, Bar- nen und rennen. leben, um nicht überfallen zu werden. celona macht das auch. Klopp: Weil es unsere Pflicht ist. Die sind mit allen Abwassern gewaschen. SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um, perma- SPIEGEL: Wie halten Ihre Profis diese hoch- Die haben ihren Körper voll reingehauen nent unter Beobachtung zu stehen? tourige Spielweise durch? im Spiel. Dann kommst du nach Piräus: Klopp: Eine meiner größten Stärken ist Klopp: Die sind fit. Und aus einer Alltags- eine Stadt wie im Krieg an dem Tag. Alle gesunder Menschenverstand. Ich weiß, laune heraus ist so eine Leistung, wie wir laufen, als ginge es um ihr Leben, die dass ich nicht einfach so einen draufma- sie relativ oft zeigen, nicht möglich. Bei wichsen dich durch die Gegend wie sonst chen kann. Danach strebe ich aber auch uns heißt es: Zack, heute ist wieder Spiel- was. Dabei wollten wir doch nur spielen. nicht. Ich bin seit ziemlich genau elf Jah- tag, High Noon. Wir sind hier, um alles SPIEGEL: Waren Sie naiv? ren Trainer, und ich habe mich in dieser rauszuhauen. Also: Vollgas. Klopp: Erfahrungen kann man sich nicht Zeit null Komma null verändert. SPIEGEL: Man kann mit so einer Vollgas- einreden. Die muss man machen. SPIEGEL: Tatsächlich? mentalität ein Team aber auch aufreiben. SPIEGEL: Borussia Dortmund hat sich zum Klopp: Ich habe mir in diesem relativ auf- Klopp: Wir sind schon in der Lage, Spiele größten Konkurrenten des FC Bayern geblasenen, intensiven Geschäft Freiräu- zu gewinnen, ohne dass jeder 40 Kilome- München entwickelt. Sind Sie in der me geschaffen. Ich will nichts haben, was ter rennen muss. Mir geht es darum, dass Lage, dessen Dominanz zu brechen? ich nicht kriegen kann. Ich liebe meine wir in der Lage sind, mehr zu investieren, Klopp: Locker bleiben. Wir sind hier nicht Arbeit, aber ich bin auch gern zu Hause. wenn es nötig wird. bei James Bond, es geht nicht um die Das hilft. SPIEGEL: Von Mario Götze war das offen- Weltherrschaft. Borussia Dortmund hat SPIEGEL: Herr Klopp, wir danken Ihnen sichtlich zu viel verlangt. nicht die Möglichkeiten wie die Bayern. für dieses Gespräch. 114 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 115.
    GUIDO MENTZ /ACTION PRESS DDP IMAGES / DAPD Abtransport der niedergeschossenen El-Halabi im April 2011 in Berlin, WM-Kämpferin El-Halabi 2009: Er wollte sie zum Krüppel machen Rola stürzte, das Kreuzband und der Me- rapeuten. Sie muss Muskeln aufbauen BOXEN niskus des rechten Knies rissen. Die dritte und abnehmen, sie hat fast zehn Kilo- Kugel traf das linke Knie, die vierte den gramm Übergewicht. Ehre, Liebe, Hass rechten Fuß. Im April will Rola El-Halabi mit ihrem Erst dann hörte der Stiefvater auf. Wi- Coach Jürgen Grabosch wieder mit dem derstandslos ließ er sich festnehmen. Grundlagentraining beginnen. „Langsam, Ihr Stiefvater schoss Rola El-Halabi, „Jetzt siehst du, wozu du mich getrieben dreimal täglich Ausdauer, sechs bis acht Weltmeisterin im Leicht- hast“, sagte er, bevor Polizisten ihn ab- Wochen lang“, sagt Grabosch. Rola werde gewicht, vor einem Kampf nieder. führten. Rola El-Halabi lag in ihrem Blut das schaffen, sie sei schon immer eine am Boden. Kämpferin gewesen, „mental sehr stark“, Nun träumt die Deutsch- Das Familiendrama ging um die Welt. sagt der Trainer. Libanesin von einem Comeback. Wie konnte ein Mann, der seine Stief- Ihre Ärzte am Ulmer Bundeswehrkran- tochter wie sein eigenes Kind geliebt zu kenhaus halten ein Comeback für mög- E lf Narben hat sie am Körper, die haben schien, der der wichtigste Mentor lich, denn Nerven seien nicht zerstört. auffälligsten, streichholzlang, auf ihrer Karriere gewesen war, diese junge Sie wolle zurück in den Ring, sagt Rola der Oberseite und der Innenfläche Frau vor einem WM-Kampf kaltblütig El-Halabi, unbedingt: „Ich habe diesen der rechten Hand. Die Haut des Hand- niederschießen? Traum. Ich sehe meine Gegnerin, das Pu- rückens spannt über einer Metallplatte, Die Absicht des Attentats, das wurde blikum, höre meine Einlaufmusik, einen sie stabilisiert die Mittelhandknochen. Es schnell klar, war nicht der Tod der Boxe- Gospel.“ ist ihre Schlaghand. rin. Die Absicht war ihre Verstümmelung. Hinter dem Tresen des Cafés läuft Kosta Vor knapp einem Jahr war Rola El-Ha- Roy El-Halabi wollte seine Stieftochter Papastergiou, 28, auf und ab. Gestikulie- labi, 26, eine der besten Boxerinnen der zum Krüppel machen. rend spricht er ins Telefon, in einem Mix Welt, ihre Titel als Welt- und Europameis- Das Schicksal der Sportlerin ist großer aus Schwäbisch und Griechisch. Ein Künst- terin im Leichtgewicht hält sie noch im- Filmstoff, der längst auch amerikanische ler soll Pin-up-Girls an die Wände des Do- mer. Jetzt sitzt sie in einem Café in Ulm Produzenten interessiert – derzeit verhan- mino malen, es ist kompliziert. und versucht, ihre Rechte zu einer Faust delt Rola El-Halabi über den Verkauf der An ihrem Krankenbett hielt der Grieche zu ballen. Es gelingt ihr nicht ganz, der Rechte. Ihre Geschichte erzählt vom Auf- um Rolas Hand an, die beiden wollen bald Mittelfinger krampft, er will den anderen stieg einer Immigrantenfamilie aus dem heiraten. Papastergiou ist der Grund, war- Fingern nicht folgen. Die Sehne ist zu Bürgerkriegsland Libanon in Deutschland, um Roy El-Halabi das Leben seiner Stief- kurz, wegen der Platte. einer Familie, deren Bande unzertrennlich tochter zerstören wollte. Er wollte die Kon- Die Ärzte würden das Metall bald ent- scheinen. Und deren Abgründe sich auf- trolle über die junge Frau behalten, er ver- fernen, sagt El-Halabi, dann könne sie tun, als die Boxerin sich in einen jungen bot ihr den Kontakt mit ihrem Freund, er die Faust wieder schließen. „Das ist das Mann verliebt und mit dem unversöhn- drohte dem Paar mit Gewalt, schon Mo- Wichtigste, wenn ich wieder boxen will.“ lichen Stiefvater bricht. Es ist alles drin: nate vor dem Attentat. Doch Rola wider- Wieder boxen. Ehre, Erfolg, Liebe, Eifersucht, Hass. Und setzte sich. Sie war 25. Papastergiou war Am späten Abend des 1. April 2011 saß blinde Gewalt. der erste Mann, den sie liebte. Rola El-Halabi in einer Kabine der Trab- Die Wände des Cafés in der Ulmer Alt- Ihren Stiefvater hat Rola El-Halabi rennbahn Berlin-Karlshorst, ihr WM- stadt sind kahl, das Licht wirkt steril. noch einmal gesehen: im Verhandlungs- Kampf gegen die Bosnierin Irma Balija- Rola El-Halabi hat viel zu tun, wenn das raum des Berliner Landgerichts, das ihn gić-Adler stand unmittelbar bevor. Plötz- „Domino“ diese Woche eröffnet werden im November wegen gefährlicher und lich wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann soll. Es ist derzeit ihr Projekt, der Stress versuchter schwerer Körperverletzung zu stürmte herein, die 9-Millimeter-Pistole ist ihr kaum anzumerken, sie sieht wach sechs Jahren Gefängnis verurteilte. im Anschlag. Ihr Stiefvater. Zwei Men- aus, beinahe erholt, ihr Blick ist offen. Als sie als Zeugin vor Gericht die Tat schen hatte Roy El-Halabi schon nieder- Obwohl die Qualen noch so nah sind. beschrieb, saß er nur wenige Meter links geschossen, nun zielte er auf Rola. Nach mehreren Operationen saß sie von ihr. Rola El-Halabi sah ihn nicht an. Die erste Kugel bohrte sich durch den sechs Wochen lang in einem Rollstuhl. „Er ist für mich gestorben“, sagt sie heute, Boxhandschuh und pulverisierte die Mit- Schmerzvoll musste sie das Laufen wie- „er existiert in meiner emotionalen Welt telhandknochen der rechten Hand. Die der lernen, noch immer arbeitet sie drei- nicht mehr.“ zweite Kugel durchschlug den linken Fuß, mal in der Woche mit einem Physiothe- SARA PESCHKE D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 115
  • 116.
    Prisma Unruhiger Stern Den heftigsten Sonnen- sturm seit fünf Jahren haben Astrophysiker regi- striert. Ausläufer des kosmischen Unwetters erreichten Ende voriger Woche die Erde. NASA / AFP ERFINDUNGEN GESUNDHEIT Flugzwerg mit Überschalltempo Rauchfreie Wohnungen Flugzeugbauer von der University of zer mit Mach 1,4 mehr als Schall- Rauchverbote am Arbeitsplatz und in öf- Colorado in Boulder haben einen nur geschwindigkeit erreichen. Spätere fentlichen Räumen führen nicht dazu, 50 Kilogramm schweren Deltaflügler Versionen werden nach Angaben der dass Nikotinsüchtige öfter daheim qual- entwickelt, der schneller und weiter Ingenieure bis zu Mach 1,7 schnell men und dadurch ihre Familie den schäd- fliegen soll als alle anderen Fluggeräte sein. Mit geplanten Herstellungskosten lichen Schwaden aussetzen. Erhebungen dieser Gewichtsklasse. Bei ersten Tests um die 75 000 Dollar ist der unbe- aus Irland, Frankreich, Deutschland und könnte der 1,8 Meter lange Düsenflit- mannte Flieger preisgünstig und könn- den Niederlanden zeigen, dass Raucher te als Testvehikel für die auch zu Hause häufiger vor die Tür Flugzeugindustrie nütz- gehen. Einsicht bewiesen der Studie zu- lich sein. Auch meteoro- folge vor allem Paffer, die selbst mit ihrer logische Missionen wä- Abhängigkeit haderten oder bei denen ren mit dem Überschall- ein Neugeborenes in die Familie ge- zwerg nach Meinung kommen war. Damit ist einer der wich- von Chefentwickler tigsten Einwände der Rauchverbotsgegner COURTESY RYAN STARKEY Ryan Starkey möglich: widerlegt: Sie hatten argumentiert, dass „Bei den Einsatzmöglich- durch Verbote im öffentlichen Raum keiten haben wir bisher nichtrauchende Familienangehörige und nur an der Oberfläche vor allem Kinder stärker den Gefahren gekratzt“, erklärt der des Passivrauchens ausgesetzt werden Deltaflügler (Modell) Luftfahrtingenieur. würden. 116 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 117.
    Wissenschaft · Technik ARCHÄOLOGI E Griechen in Not VERKEHR Auch für Ausgrabungen fehlt in Grie- chenland derzeit das Geld. Griechische Archäologen sind deshalb dazu über- Schlingern bei Nacht gegangen, neue Funde lieber nicht auszugraben, als sie an der Oberfläche verfallen zu lassen. „Mutter Erde ist die beste Beschützerin für unsere Al- tertümer“, erklärte Michalis Tiverios von der Aristoteles-Universität Thessa- loniki am Rande eines Kongresses in BERNHARD FREISEN / GLOBAL-PICTURE.NET Athen. Auf sein Betreiben bleiben etwa Reste einer frühchristlichen Kir- che in Thessaloniki unangetastet, die vor zwei Jahren entdeckt worden sind. „Lasst unsere Altertümer in der Erde, damit Archäologen sie 10 000 nach Christus finden können – wenn die Griechen und ihre Politiker mehr Re- spekt für ihre Geschichte gelernt ha- ben“, forderte Tiverios. Ein weiteres Problem sind Plünderer: Auch für Si- Längere Nachtfahrten mit dem Auto lich stark durch die Nacht, als hätten cherheitspersonal, das die Altertümer beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit ge- sie einen Blutalkoholgehalt von 0,5 bewacht, ist kaum Geld da. Unlängst nauso stark wie Alkoholgenuss. Zu Promille. Nach drei Stunden ent- machten sich Grabräuber über den an- diesem Ergebnis kommen Forscher aus sprachen die Kursabweichungen 0,8 tiken Friedhof von Pella her, der einsti- den Niederlanden und Frankreich, die Promille – dieser Wert nahm aller- gen Hauptstadt des Makedonenreiches männliche Autofahrer mittleren Alters dings auch bei längerer Fahrtdauer unter Alexander dem Großen. Auf zwischen 21 Uhr und 5 Uhr jeweils kaum noch weiter zu. Jeder fünfte dem Areal wurden verstorbene Herr- zwei, vier oder acht Stunden lang auf Autounfall in den Industrieländern scher oft mit reichen Goldbeigaben be- die Autobahn schickten. Eine Video- geht nach Angaben der Verkehrsfor- stattet. „Im Jahr 2011 konnten wir dort kamera registrierte dabei zehnmal pro scher auf Ermüdung am Steuer zurück. nicht arbeiten“, klagt Grabungsleiter Sekunde, wie häufig der Wagen vom Für Nachtfahrten empfehlen die Pavlos Chrysostomou. „Wir fanden rechten Seitenstreifen abwich. Den Studienautoren deshalb „ein Maxi- aber zehn neue Gruben vor, die nicht Messungen zufolge schlingerten die mum von zwei Stunden ununterbro- wir geschaufelt hatten.“ Fahrer schon nach zwei Stunden ähn- chenen Fahrens“. TIERE lien jedes Jahr zu Zehntausenden aus ihren unterirdischen Winterquartieren schlängeln, um sich bei wüsten Paa- Lockstoff der Nattern rungsorgien ineinander zu verknäueln. Ergebnis des Feldversuchs: Die mit Das Geschlechtshormon Östradiol ver- dem Hormon gedopten Männchen hilft weiblichen Exemplaren der Rot- wirkten auf ihre Geschlechtsgenossen seitigen Strumpfbandnatter zu jenem plötzlich genauso sexy und verführe- aufreizenden Duft, der sie für begat- risch wie die echten Weibchen. tungswillige Männchen so verführerisch macht. Das zeigen Versuche, bei denen US-Forscher von der Oregon State ROBERTA OLENICK / ALL CANADA PHOTOS/CORBIS University wildlebende Schlangenmännchen im Labor manipulierten: Sie implantierten ihnen winzige Kapseln, die das weibliche Geschlechts- HECHTENBERG / CARO hormon enthielten. Im darauffolgenden Früh- jahr setzten sie die Tiere in einer Gegend Kana- Raucher bei Zigarettenpause das aus, in der die Repti- Rotseitige Strumpfbandnattern bei der Partnersuche D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 117
  • 118.
    Titel BRYAN CHRISTIE DESIGN Forschungsobjekt Herz (Computersimulation) 118 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 119.
    Selbstheilende Herzen Im Kampfgegen den Infarkt rettet die Hochleistungsmedizin viele Menschenleben, doch Heilung bringt sie nicht. Nun beschreiten Ärzte neue Wege in der Herztherapie: Sie setzen auf körpereigene Bypässe – und die Mithilfe der Patienten. D er 54-jährige Dietmar K. aus Köln hat ein krankes Herz und muss trotzdem nicht leiden. Ärzte ha- ben dem Mann schon viermal Engstellen in den Herzkranzarterien mit einem win- zigen, aufblasbaren Ballon aufgedehnt. Um die Gefäße dauerhaft offen zu halten, bauten sie ihm dann Stents ein, winzige Stützröhren aus Metall. Dank der implantierten Gitter strömte das Blut wie in alten Zeiten, die Enge in der Brust war wie weggeblasen – zumin- dest für ein paar Jahre. Wenn sich der Herzschmerz erneut meldete, vereinbarte Dietmar K. den nächsten Termin beim Kardiologen. Am vergangenen Dienstag war es wieder einmal so weit. MICHAEL TIMM / FOTOFINDER Dietmar K. trägt ein helles OP-Hemd und liegt im Herzkatheterlabor der Köl- ner Uniklinik. In seiner rechten Leiste steckt eine Plastikkanüle. Um 9.45 Uhr tritt Chefkardiologe Erland Erdmann, 67, an den Tisch. Er begrüßt Herrn K., und nach ein wenig Small Talk fragt er den Ärzte-Team beim Einsetzen einer Aortenklappe: Wunderdinge im OP Patienten, ob er immer noch rauche. „30 Zigaretten am Tag, wie seit 30 Jah- fach weitet der Arzt die Stelle vor, gibt Wippermann kündigt die sofortige By- ren“, antwortet der Herzkranke. „Das noch mal 10 atü. Plötzlich ist das Gefäß pass-Operation an.“ sollten Sie wirklich lassen“, entgegnet vollkommen verschlossen – die Arterie Dietmar K. ist einer von 4000 Men- Erdmann. Es sei nun mal eine Sucht, ist eingerissen. schen, die jedes Jahr im Herzzentrum der rechtfertigt sich Dietmar K. und versucht Um 10.13 Uhr bekommt Dietmar K. Uniklinik Köln einen Herzkatheter be- einen Witz: „Damit aufzuhören, dazu Kammerflimmern. Sein Herz zuckt jetzt kommen. Zudem werden hier Hunderte brauchte man eine gewisse Stärke, einen nur noch, es wirft kein Blut mehr aus, Bypass-Operationen durchgeführt, bei de- Charakter, was weiß ich?“ und es wird nicht mehr durchblutet. Grel- nen nicht mehr zu öffnende Engstellen Der Stent im absteigenden Ast der lin- le Lampen im Raum gehen an, Ärzte und chirurgisch überbrückt werden müssen. ken Herzkranzarterie von Dietmar K. ist Pfleger springen herbei. Einer von ihnen Auf der Intensivstation ist der Atem der zu 80 Prozent verschlossen, das erkennt drückt die Elektroden des Defibrillators, Beatmungsmaschinen zu hören, im licht- Erdmann auf einem Röntgenbildschirm. des Schockgebers, auf den Brustkorb: durchfluteten Atrium wachsen Bäume in Durch Aufblasen eines Ballons will er die Die Stromstöße bringen das flimmernde den Himmel, auf den Gängen hasten Stelle wieder freibekommen. Dazu schiebt Herz wieder in Takt. Herr K. guckt ver- Menschen im weißen Kittel. er einen Schlauch durch die Hauptschlag- wundert, die Ärzte rufen: „Er ist wieder Nach außen hin erscheint das Handeln ader des rechten Beins bis vor die linke da!“ der Schwestern, Pfleger, Ärztinnen und Herzkammer. An dessen Spitze sitzt der Man möge seine Frau anrufen, bittet Ärzte in diesem Kraftwerk der Herzme- Ballon. Dietmar K. noch, ehe ihn zwölf Hände dizin wie eine einzige Erfolgsgeschichte. Erdmann pumpt ihn auf: Der Druck um 10.15 Uhr in ein Transportbett heben. Früher hätten die meisten Patienten nur steigt, 18 atü, 20 atü, aber der Chefarzt Kaum haben sie ihn in einen Aufzug ge- mit Beschwerden leben können oder wä- sieht nicht zufrieden aus. Von Dietmar schoben, wirft Erland Erdmann die blut- ren längst den Herztod gestorben. Heute K. ist ein Keuchen zu hören, eine Kran- verschmierten Handschuhe in den Müll- nimmt ihnen die moderne Medizin den kenschwester sprüht ihm Glyceroltrinitrat eimer, setzt sich ins Nebenzimmer, schal- Schmerz und hält sie am Leben. in den Mund, das weitet die Gefäße. tet ein Aufnahmegerät an und diktiert So ist es in Köln und in allen anderen „Der Ballon will in den blöden Stent das Protokoll, das er mit folgenden Wor- großen Städten. Die Zahl der herzchirur- nicht rein“, sagt Erdmann leise und ruft ten beendet: „Der Patient wird in Arzt- gischen Zentren in Deutschland hat sich nach einem Schmerzmittel. Eine halbe begleitung auf die Intensivstation verlegt in den vergangenen 20 Jahren beinahe Spritze wird Herrn K. verabreicht. Mehr- (Aufwachraum vor dem OP). Oberarzt verdoppelt. Die Zahl der Katheterbehand- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 119
  • 120.
    Titel DO C-STO CK Natürlicher Bypass Überbrückung von Gefäßverengungen durch Arteriogenese verengte Arterie Dieser Prozess soll künftig durch neue Therapien und Medi- kamente gezielt gefördert werden. Arterie verengte Arterie Kollaterale Das Blut fließt durch größere Arterien, Wenn sich eine größere Arterie Der Blutfluss bewirkt eine Umwandlung die durch kleine Brückengefäße (Kollate- verengt, wird das Blut zunehmend der Kollateralen in große Arterien. Die Eng- ralen) verbunden sind. In diesen ist der durch die Kollateralen gelenkt. stelle wird so überbrückt und das Gewebe Blutfluss sehr gering. wieder ausreichend mit Blut versorgt. lungen hat sich seit 1990 auf mehr als Mehr als 40 Prozent der Deutschen ster- menschliche Herz, so zeigt sich deutlich, 325 000 Eingriffe verzehnfacht. Und zu ben daran. kann verstopfte Gefäße überbrücken, in- den größten Blockbustern der pharma- Namhafte Ärzte fordern deshalb ein dem es um Engstellen herum Umleitun- zeutischen Industrie gehören Medikamen- Umdenken – und können sich dabei auf gen wachsen lässt – wie von Zauberhand te gegen Cholesterin; sie werden mittler- faszinierende Erkenntnisse aus der For- entstehen so natürliche Bypässe. weile von schätzungsweise vier Millionen schung berufen: Selbst dem bereits er- Gestärkt werden die selbstheilenden Bundesbürgern geschluckt. krankten Herzen wohnt noch die Fähig- Adern vor allem durch Bewegung. Wer Die Erfolgsgeschichte scheint sich in keit inne, sich selbst zu heilen. Diese Sport treibt, lässt die körpereigenen By- den Zahlen widerzuspiegeln. Die Zahl Selbstheilungskraft wollen die Pioniere pässe sprießen. der Infarkttoten in Deutschland geht Jahr wecken – und so eine Revolution in der Doch die Medizinpioniere bauen nicht für Jahr zurück – sie ist seit 1980 um fast Herztherapie einleiten. allein auf gesunden Lebensstil. Auch fu- die Hälfte gesunken. Derzeit betreibt die Hochleistungs- turistisch erscheinende Apparate wie eine Das alles nährt die Illusion, Herzerkran- medizin vielfach nur Reparaturen, wenn- an der Berliner Charité entwickelte kungen seien inzwischen ein technisch gleich auf hohem Niveau, und rettet Tau- „Herz-Hose“ sollen zur Bildung der Bio- lösbares Problem, die Ärzte würden es senden Menschen das Leben. Die lebens- Bypässe beitragen. Andere Forscher fahn- schon richten. In Wahrheit werden viele gefährliche Verkalkung der Herzkranz- den bereits nach Medikamenten, die das der Behandelten niemals mehr gesund. gefäße zu heilen, das gelingt mit Stents wundersame Gefäßwachstum fördern Der größte Feind des Herzens, die Durch- und Pillen allerdings nicht. sollen. blutungsstörungen seiner Gefäße, lässt Gerhard Schuler, Direktor des Leipzi- Wie kaum ein Zweiter hat Erdmann sich durch chirurgische Eingriffe und teu- ger Herzzentrums, vergleicht das Dilem- Glanz und Elend der Herzmedizin miter- re Medikamente nicht aufhalten. ma mit einem Auto, das einen Rostfleck lebt. Während Dietmar K. im OP der Köl- Tatsächlich bleibt die Zahl der Herz- trägt. „Wir können die Stelle ordentlich ner Uniklinik mit einer Vibrationssäge kranken hoch. Während die Zahl töd- lackieren, so dass man sie nicht mehr der Brustkorb geöffnet wird, hat sich der licher Infarkte sinkt, sterben heute viele sieht“, sagt der Kardiologe. „Aber der Chefarzt ein Stockwerk tiefer in sein Menschen an anderen Folgen der Gefäß- Fleck zeigt, dass das Auto an vielen an- Büro zurückgezogen. Wenn der Mann verkalkung: Das Herz schlägt nicht mehr deren Stellen Rost ansetzen wird.“ Seine mit dem stets akkuraten Scheitel Ende normal (Rhythmusstörungen), es ist aus- Kollegen würden Patienten diese Wahr- des Jahres in den Ruhestand geht, blickt gelaugt (Herzinsuffizienz), seine Klappen heit nicht immer verraten. Schuler sagt: er auf eine fast 20-jährige Karriere als gehen kaputt (Klappenkrankheiten). Hin- „Zu viele Ärzte schenken keinen reinen Chefarzt der Kardiologie zurück. zu kommt eine große Zahl an Schlagan- Wein ein.“ Seine persönliche Bilanz: „Wir haben fällen, bei denen das Gehirn von der Blut- Doch jetzt haben Mediziner damit be- viele Patienten, die ihren Lebensstil über- zufuhr abgeschnitten wird. So bleiben Er- gonnen, neue Wege zu beschreiten. Sie haupt nicht ändern. Denen muss man hel- krankungen des Herz-Kreislauf-Systems setzen darauf, dass der Patient zu seiner fen, und sie wollen, dass man ihnen hilft. die mit Abstand häufigste Todesursache. Heilung beitragen kann. Denn das Sie lassen sich von uns die besten Medi- 120 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 121.
    kamente verschreiben unddie moderns- Schließlich könnten Statine sogar das Doch all die Triumphe der Herzmedi- ten Therapien angedeihen“, sagt Erd- Herz selbst schädigen, sagt Elisabeth zin helfen nur einem Teil der Patienten. mann. „Sie sagen: ,Nö, mit dem Rauchen Deindl vom Walter-Brendel-Zentrum am Die meisten leiden an der Verkalkung aufhören oder dünner werden, das kann Klinikum der Universität München. Die der Herzkranzgefäße, jener modernen ich nicht.‘ Aber wir behandeln ja nur ihre Molekularbiologin ist führend darin, die Volksseuche, die kein Arzt zu heilen ver- Symptome, ihre Erkrankung selbst kön- Selbstheilungskraft des menschlichen mag. Zu den populären Irrtümern der Pa- nen wir Ärzte gar nicht heilen – das ist ja Herzens zu erforschen. Arteriogenese tienten gehört die Überzeugung, eine das Fatale.“ nennen Fachleute das Phänomen, bei Stent-Behandlung verlängere in solchen Im Herzzentrum Leipzig findet Schuler, dem sich winzig kleine Gefäße in taug- Fällen das Leben. „Dabei ändert der 65, ähnlich klare Worte. Sein Klinikum liche Adern verwandeln. Doch auf Ein- Stent nichts an der Prognose“, sagt Schu- ist noch größer als das in Köln, wie ein flüsse von außen scheint die Selbsthei- ler. „Die Leute sind immer ganz erstaunt, Trumm aus Glas und Granit steht es am lung empfindlich zu reagieren. „Statine wenn ich ihnen das sage.“ Stadtrand. Im Eingangsbereich ist vorigen bewirken da nichts Gutes“, befürchtet Im Gegenteil ist das Einsetzen eines Mittwoch kein Sitz mehr frei, auch weil Deindl. „Die natürlichen Bypässe bilden Stents nicht einmal besser als eine The- es noch einmal empfindlich kalt gewor- sich womöglich sogar zurück.“ rapie mit Aspirin, Betablockern und an- den ist im Land. Dann spüren die Men- deren bewährten Medikamenten, wie die schen die Brustenge, die Angina pectoris, aktuelle Studie in den „Archives of In- besonders deutlich. Millionen Menschen- ternal Medicine“ offenbart. Die Autoren „Wenn wir die Patienten behandeln, schlucken Cholesterin- hatten Daten von 7229 Menschen ausge- dann gehen ihre Schmerzen sofort weg“, wertet, die an Brustenge litten. Sie spür- sagt Schuler. „Sie haben deshalb das Ge- senker – doch den ten ihre Beschwerden zumeist nur bei fühl, wir hätten ihre Krankheit geheilt – körperlicher Anstrengung oder emotio- das ist der große Trugschluss.“ meisten hilft das nicht. nalem Stress. Nach vier Jahren waren Die Warnrufe fallen in eine Zeit, in der zwischen beiden Behandlungsarten kaum sich auch in den Fachzeitschriften die Niemand bestreitet die Fortschritte der Unterschiede auszumachen: Von den Anzeichen dafür mehren, dass die Herz- modernen Herzmedizin. Kardiologen Stent-Patienten bekamen 8,9 Prozent ei- medizin in eine falsche Richtung abgedrif- und Chirurgen vollbringen heutzutage nen Herzinfarkt, von den Tablettenschlu- tet ist. In der aktuellen Ausgabe der „Ar- wahre Wunderdinge, sie reparieren an- ckern waren es 8,1 Prozent. Auch die chives of Internal Medicine“ steht eine geborene Herzfehler und retten bei Zahl der Todesfälle in den Gruppen war Übersichtsarbeit, derzufolge das zuneh- akuten Attacken vielen Menschen das nahezu gleich: 8,9 Prozent aller Stent-Pa- mende Einsetzen von Stents Patienten mit Leben. tienten starben an einem Infarkt und 9,1 stabiler Angina pectoris keineswegs bes- Der Wissenschaftshistoriker und Buch- Prozent der Tablettenschlucker. ser hilft als bewährte Medikamente. Das autor Ernst Peter Fischer, 65, wurde vori- Zwar macht der Stent den Patienten „Stenten“, kommentiert die US-Kardiolo- gen September mit einem 40 Zentimeter sofort schmerzfrei, aber nur, wenn keine gin Rita Redberg, werde übertrieben, ob- langen Riss in der Hauptschlagader in die Komplikationen auftreten. Bei einem von wohl es „keinen bekannten Nutzen hat Klinik für Herzchirurgie des Universitäts- tausend Stent-Behandlungen kommt es und es eindeutige Schäden“ gebe. klinikums Heidelberg eingeliefert. Die zu einem Schlaganfall, einem Herz- Auf der anderen Seite geraten Mittel Chirurgin eröffnete Fischers Frau, es gebe infarkt, Nierenschäden oder einem Ge- zur Absenkung des Cholesterinspiegels, eigentlich kaum mehr Hoffnung – und fäßriss, wie ihn Dietmar K. erlitt. die zunehmend auch von gesunden Men- machte sich ans Werk. Über die ernüchternde Bilanz freuen schen zur Vorbeugung geschluckt werden, Acht Stunden später verfügte der Au- sich die Chirurgen – weil sie mit den Kar- in die Kritik. So warnte die amerikani- tor über eine künstliche Aorta. Er trägt diologen um die Patienten buhlen und sche Arzneimittelbehörde FDA vorver- noch an den Folgen, aber schreibt schon diesen lieber gleich einen Bypass ins Herz gangene Woche vor bislang unbekannten wieder am nächsten Buch. „Ich bin dank- nähen. Aber auch die Chirurgen doktern Nebenwirkungen von Statinen. bar“, sagt Fischer, „ich habe überlebt.“ nur den an Symptomen herum. Schon nach einem Jahr sind 10 bis 15 Prozent der Gefäßbrücken verschlackt und ver- stopft. Spätestens nach zehn Jahren ent- stehen in jedem zweiten Bypass Engstel- len oder Verschlüsse. Schließlich wird auch die Rolle des Cholesterins falsch eingeschätzt. Die wachsartige Substanz spielt im Drama Herzinfarkt die Schurkenrolle, weil Cho- lesterin im Ruf steht, die Gefäße zu ver- stopfen. Doch zunächst einmal ist es ein Stoff, ohne den kein Mensch leben kann. So besteht das Gehirn zu zehn Prozent seiner Trockenmasse aus Cholesterin. Es ist so wichtig, dass es die meisten Kör- perzellen selbst herstellen können. Weil sich das Cholesterin nicht im Blut- ZAC MACAULAY / CULTURA / CORBIS serum löst, wird es in sogenannten Lipo- proteinen durch den Körper befördert. Das LDL liefert das Cholesterin überall dorthin, wo es gebraucht wird, unter an- derem zu den Gefäßwänden – Mediziner Herzförderndes Schwimmtraining haben es das „böse“ Cholesterin getauft. Das HDL dagegen kann Cholesterin aus D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 121
  • 122.
    Titel Notfallspray zum Weiten der Gefäße Einsetzen eines Herzkatheters Kardiologe Erdmann: „Es wird im großen Stil betrogen“ den Gefäßwänden aufnehmen – angeb- einen Nutzen haben, die anderen 96 da- Das Problem ist nur: Die meisten Cho- lich ist es das „gute“ Cholesterin. Beide gegen profitieren nicht. lesterinsenker werden heute von Men- Werte werden beim Gesundheitscheck „Der Effekt ist nicht sehr groß“, sagt schen eingenommen, die noch keinen gemessen, sie ergeben das Gesamt- Erdmann. „Aber es ist das erste Mal, dass Infarkt hatten. Ob aber die Mittel zur cholesterin. Medikamente nach einem Infarkt über- Vorbeugung taugen, das erscheint frag- Eine Reihenuntersuchung an 760 gesun- haupt etwas bringen.“ Deshalb ver- lich. den Frauen und Männern aus Bayern hat- schreibt er die Mittel, wenn Patienten ei- Die Substanz Ezetimib beispielsweise te einen Durchschnittswert von 245 Milli- nen Herzinfarkt überstanden haben. hemmt die Aufnahme von Cholesterin gramm pro Deziliter Blut ergeben. Doch im Darm. In einer klinischen Studie woll- die Nationale Cholesterin-Initiative, ein ten Ärzte nachweisen, dass Ezetimib kalk- privater Interessenverbund von 13 Medi- Cholesterinsenkende haltige Einlagerungen verringert. Doch zinprofessoren, legte vor mehr als 20 Jah- Pharmaka 1471 das Gegenteil trat ein, die Gefäße ver- 1500 ren einen Grenzwert von nur 200 fest – dickten, die Verkalkungen nahmen zu. und verwandelte mit diesem Beschluss die Verordnungen von Statinen, Nach Abschluss dieser Studie hat es Mehrheit der Deutschen in Risikopatienten. in Millionen definierten die Pharmaindustrie geschickt vermieden, Und selbst diese Norm wurde weiter Tagesdosen, den Nutzen von Ezetimib in einer Ver- abgesenkt – auf 193. Nähme man diesen in Deutschland 1200 gleichsstudie zu testen. Und doch schlu- Grenzwert der europäischen Leitlinien cken rund 300 000 Menschen allein in zur Vermeidung kardiovaskulärer Krank- Deutschland das Mittel – Tag für Tag. heiten ernst, hätten in einer norwegischen „Für das Medikament werden 220 Millio- Untersuchung von den über 50-Jährigen 900 nen Euro im Jahr unsinnig ausgegeben“, mehr als 90 Prozent einen behandlungs- sagt Erdmann. „Hier wird im großen Stil würdigen Cholesterinspiegel. 783 betrogen.“ Veränderung Die strengen Grenzwerte erfreuen die 2010 gegen- Der Direktor am Kölner Herzzentrum Pharmaindustrie. In Deutschland hat sich über 2001 studierte für einen Vortrag wochenlang der Verbrauch von cholesterinsenkenden 518 600 die Literatur über Cholesterinsenker. Er- Statinen in den vergangenen zehn Jahren +184% staunt erkannte er: Viele Mittel verändern fast verdreifacht. Mittlerweile schlucken zwar die Laborwerte, an dem Gesund- schätzungsweise bereits vier Millionen Patienten in heitszustand der Menschen jedoch än- Menschen hierzulande Statine. täglicher dern sie so gut wie nichts. Als er das Er- 300 Doch die meisten von ihnen werden Behandlung, 2010 gebnis seiner Recherchen vor den ver- davon nicht profitieren. Dass Statine das ca. 4 Mio.* sammelten Kollegen vortrug, ging ein Leben verlängern können, gilt offenbar Raunen durch das Seminar. *statistischer Wert, nur für Menschen, die nach einem Herz- bezogen auf Standarddosen In der sogenannten Primärprophylaxe infarkt damit behandelt werden: Wenn für jene Menschen, die noch gar keinen 100 von ihnen Statine nehmen, werden 4 2001 2005 2010 Herzinfarkt hatten, ist der Nutzen von 122 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 123.
    Ärzte sollten Statinenur mit Vorsicht verschreiben. Mehr noch: Der pharmakologische Ein- griff in die Biologie der Gefäße könnte auch deren Fähigkeit zur Selbstheilung hemmen. Denn das von den Statinen blockierte Schlüsselenzym ist wichtig für die Zelle, unter anderem wird es für das Wachstum natürlicher Bypässe benötigt. „Die Statine zerstören die biochemi- schen Stoffwechselwege, die der Körper braucht, um neue Adern wachsen zu las- sen“, warnt die Biologin Deindl. Die Forscherin erläutert, wie die Arte- riogenese abläuft: In allen Organen be- findet sich neben den großen Arterien ein Geflecht winzig dünner Gefäße, der sogenannten Kollateralen. Kommt es in einer großen Arterie zu einer allmäh- lichen Verengung, etwa durch Kalk- ablagerungen im Alter, dann staut sich FOTOS: HEINER MUELLER-ELSNER / DER SPIEGEL davor das Blut zurück und sucht sich neue Wege – in die Kollateralen hinein. Diese spüren die erhöhte Schubkraft – und können sich nach und nach in große Arterien verwandeln. Diese natürlichen Bypässe bergen das Potential zur Heilung: Schlecht durchblutete Organe lassen sich gleichsam verjüngen – wenn der Kranke dabei mithilft, etwa durch Sport. Intensivstation des Herzzentrums Köln: „Wir behandeln nur die Symptome“ In Experimenten mit Versuchstieren klappt das schon verblüffend gut. Wolf- Statinen folglich umstritten. Die Mittel Unterm Strich hält die Fixierung auf gang Schaper, emeritierter Professor am hemmen ein Schlüsselenzym für die kör- die Cholesterinsenker Menschen davon Max-Planck-Institut für Herz- und Lun- pereigene Cholesterinherstellung, aber ab, Dinge zu tun, die gegen den Herztod genforschung im hessischen Bad Nau- sie haben auch noch unverstandene Ne- tatsächlich helfen. Mit dem Rauchen auf- heim, band Versuchskaninchen den Hin- benwirkungen. Wenn Statine überhaupt zuhören ist sinnvoll, weil Kohlenmono- terlauf mit einem Faden ab. Das Blut irgendeinen Nutzen hätten, urteilt der xid and andere Substanzen aus dem wurde dadurch umgeleitet in Kollatera- Kölner Chefarzt, dann sei der „so klein, Qualm die Gefäße schädigen. Wer ab- len. Anfangs waren diese viel zu eng. dass wir ihn vergessen können“. Die vie- nimmt, der verringert den Blutdruck. Aber mit der Zeit weiteten sie sich – am len Menschen, die zur Prophylaxe Statine Ende waren die neugewachsenen Blut- nähmen, erhofften sich davon, dass sie brücken im Stande, das abgebundene später keinen Herzinfarkt und keinen Wird es irgendwann Bein vollständig mit Blut zu versorgen. Schlaganfall bekämen. Erdmann: „Doch eine Jungbrunnenpille Die natürlichen Bypässe scheinen sich das ist eine irrige Annahme.“ auf einen biophysikalischen Befehl hin Und schlimmer noch, es mehren sich geben, die hilft, das zu bilden. Wenn das Blut in die Kollate- Hinweise darauf, dass Statine sogar Scha- ralen drückt, entsteht dort ein molekula- den anrichten. Einerseits können sie Mus- kranke Herz zu heilen? res Signal. In den Zellen der Kollateralen kelschmerzen bewirken. Die betroffenen werden bestimmte Gene angeschaltet – Patienten werden deshalb davon abgehal- Nach einem Herzinfarkt, so Erdmann, der Startschuss für eine Kaskade von bio- ten, sich körperlich zu bewegen – obwohl „bringt es viel mehr, den Bauchumfang chemischen Reaktionen, die darin mün- genau das ihre Gefäße stärken würde. im normalen Bereich zu halten als Stati- den, dass die Gefäße dicker und länger Zum anderen können Statine offenbar ne zu nehmen“. werden. das Risiko, am Stoffwechselleiden Typ-2- Ein allzu stark abgesenkter Choleste- Vor allem durch körperliche Aktivität Diabetes zu erkranken, erhöhen und bei rinspiegel könnte das Leben sogar ver- wird die Arteriogenese begünstigt: Im be- älteren Menschen aufs Gedächtnis schla- kürzen. In Japan haben Ärzte mehr als wegten Leib strömt Blut besonders flott gen. Es sind bedenkliche Befunde, die 12 300 Landbewohner in einem Zeitraum und regt die Kollateralen zum Wachsen jetzt zu der aktuellen FDA-Warnung ge- von zehn Jahren untersucht – ausgerech- an. Menschen, die sich viel bewegen, le- führt haben. net in der Gruppe der Menschen mit gen sich deshalb tatsächlich immer wie- Die meisten Patienten ahnen von die- niedrigem Gesamtcholesterin (unter 160) der neue Bypässe. sen Nebenwirkungen nichts. Treuherzig war die Sterblichkeit erhöht. Wer über ein gutes Netz an Kollatera- schlucken sie ihre Tabletten und wiegen Das Ergebnis einer ähnlichen Studie len verfügt, trägt demnach ein Schutz- sich in falscher Sicherheit. Der Kölner mit 12 740 Teilnehmern haben Ärzte aus schild im Herzen. Genau dieser Effekt Herzkranke Dietmar K. etwa nahm bis- dem südkoreanischen Seoul Anfang des könnte ein Phänomen erklären, das Ärzte her jeden Tag 40 Milligramm Simvastatin Jahres vorgelegt. häufig beobachten. Viele Menschen ha- und hoffte, so könnten die 30 Zigaretten Auch hier hatten jene Menschen eine ben im Alter zwar Verschlüsse in den gro- am Tag seinen Gefäßen nicht mehr viel erhöhte Sterblichkeit, deren Cholesterin- ßen Herzarterien, sie spüren jedoch keine anhaben. wert unter 160 lag. Die Autoren warnen: Beschwerden – offenbar haben bei ihnen D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 123
  • 124.
    Titel die Kollateralen dieBlutversorgung des Ballon im Blutgefäß Trainingsgerät. Neben der Tür steht ein Pumpmuskels übernommen. Notfallkoffer. Der Konsum von Zigaretten und kör- Stent-Einbringung bei der Gefäßwand Benutzen würde ihn Ulrike Müller, 34, perliches Nichtstun dagegen wirken wie Herzkatheter-Behandlung eine Fachärztin für Innere Medizin und Gift auf den Prozess der Arteriogenese. Kardiologie. Sie hat am vorigen Mittwoch Der Zustand der Kollateralen hat ver- Dienst im „Sporthaus“; sie passt auf, dass mutlich auch einen entscheidenden Ein- Ablagerung sich keiner der Männer überanstrengt. fluss darauf, wie gut ein Mensch einen Sie alle haben verkalkte Herzkranz- Herzinfarkt wegsteckt. Ärzte sehen große Ein zusammengefaltetes Gitterröhrchen gefäße und nehmen an medizinischen Unterschiede: Den einen rafft es sogleich (Stent) wird mit dem Ballonkatheter bis zur Studien teil. Vier Wochen lang kommen dahin, der andere ist nicht kleinzukrie- verengten Stelle vorgeschoben. sie jeden Tag hierher und rackern sich gen – weil ihn vermutlich sein körper- insgesamt jeweils zweieinhalb Stunden eigenes Sicherheitsnetz rettet. Ballon lang ab. Jede Trainingseinheit wird peni- Wer seine Kollateralen trainiert, lebt Stent bel protokolliert. länger. Eindrucksvoll haben das der Arzt Die Daten sollen den Beweis dafür lie- Christian Seiler, 55, von der Universitäts- Mit dem aufgeblasenen Ballon wird der fern, dass Bewegung eine beginnende klinik für Kardiologie und Kollegen in Engpass geweitet. Der Stent entfaltet sich. Herzverkalkung umkehren kann. Beein- Bern nachgewiesen, als sie die Daten von druckende Hinweise haben die Leipziger 6529 Patienten auswerteten: Die Men- bereits gefunden. In einer früheren Studie schen mit stark ausgeprägten Kollateralen mit 101 Patienten haben sie die eine Hälf- hatten demnach ein 36 Prozent geringeres te wie üblich behandelt – die Engstellen Sterberisiko als jene mit schwachen Kol- geweitet und mit Stents versehen. Die lateralen. Der Stent bleibt im Gefäß zurück. anderen jedoch bekamen lediglich das Die erstaunliche Selbstheilungskraft Das Blut kann wieder fließen. Training verordnet. des Herzens lassen der Leipziger Schuler Nach einem Jahr zogen die Kardiologen und seine Kollegen schon heute ihren Wer das Gebäude betritt, dem schlägt Bilanz: Von den Radlern blieben 88 Pro- Patienten zugutekommen. Dazu haben warme Luft entgegen. Im Erdgeschoss zent ohne erneute Beschwerden – bei den die Mediziner ein ungewöhnliches Labor keucht ein Mann, der eine Atemmaske Stent-Patienten traf das nur auf 70 Pro- aufgebaut. Es ist nicht im Herzzentrum trägt und auf dessen nackter Brust Elek- zent zu. Die bewegte Herzkur war nicht untergebracht, sondern liegt drei Mi- troden kleben. Unterm Dach strampeln nur wirksamer, sondern auch lediglich nuten zu Fuß entfernt, in einem Endrei- fünf Männer auf Fahrradergometern, ein halb so teuer wie die Apparatemedizin. henhaus des angrenzenden Neubauge- Rothaariger marschiert auf dem Stepper, Nun wollen die Leipziger herausfin- biets. ein siebter schließlich rudert auf einem den, ob der heilsame Effekt des Sports
  • 125.
    tatsächlich auf derEntstehung natürlicher Der Gefäßmediziner steckt Patienten in Bypässe beruht. Zu diesem Zweck ließen eine seltsame, dicke blaue Hose, die aus sie 20 Patienten vier Wochen lang trai- aufblasbaren Manschetten besteht. Das nieren und ermittelten anschließend, in- Beinkleid wird segmentweise aufge- wiefern sich die Durchblutung der Kolla- pumpt – mit der Folge, dass das Blut nach teralen verändert hatte. Das Ergebnis: oben bis ins Herz schießt. Dieser künst- „Bei den Patienten, die gut trainiert ha- lich gesteigerte Blutfluss soll die Kollate- ben, war die Funktionsfähigkeit der Kol- ralen zum Wachstum anregen. lateralen deutlich verbessert“, konstatiert Derzeit testet Buschmann die Appara- HEINER MUELLER-ELSNER / DER SPIEGEL Schuler. tur, die er „Herz-Hose“ nennt, an 300 Pa- Sosehr sich die Leipziger Bewegungs- tienten. Seine Studie ist zwar noch nicht forscher über ihre Erkenntnisse freuen, ausgewertet, aber die ersten Ergebnisse so groß ist ihr Frust über das Verhalten stimmen den Mediziner hoffnungsfroh: vieler Patienten. Nach Abschluss einer „Vielen Patienten sind zusätzliche Um- Studie verfallen viele wieder in den alten, gehungskreisläufe gewachsen“, sagt er. bewegungsarmen Trott. Demnächst will Buschmann seine Me- Dabei hatte Jens Schierhold, 47, Kraft- thode Patienten im ganzen Bundesgebiet fahrer aus Leipzig, das Training zum Kardiologe Schuler zur Verfügung stellen. Der Charité-For- Schluss sogar gefallen. Der Mann, dessen Mit dem Fahrrad 20 Kilometer zur Arbeit scher plant bereits einen Herz-Hosen-Ver- Herzkranzgefäße „ziemlich verschlossen leih mit Stationen in 20 Städten. Fach- sind“, wie er sagt, kaufte sich deshalb ein helfen, die akut einen Herzinfarkt erlei- ärzte könnten die aufblasbare Büx dort Fahrradergometer. Aber irgendwie sei den. Denn bei ihnen kommt die Arterio- buchen, die Kosten sollen die Kranken- das mit der Bewegung „dann bald wieder genese zu spät, wenn sie in normalem kassen übernehmen. Nebensache geworden“. Tempo abläuft. Es dauert Tage und Wo- Dass Menschen mit der Herz-Hose Wie Schierhold träumen viele Men- chen, ehe sich ein natürlicher Bypass neu vorm Fernsehgerät hocken und sich schen davon, die Früchte der Bewegung gebildet hat. Im Falle eines Infarkts aber durchwalken lassen, anstatt sich selbst zu ernten zu können, ohne sich anstrengen braucht das Herz binnen Minuten frische bewegen, ist allerdings nicht sein Ziel. zu müssen. Und tatsächlich suchen Herz- Adern. Profitieren würden zudem Patien- Das Gerät soll vor allem als Starthilfe die- mediziner bereits nach Wegen, die na- ten, die aufgrund von Gebrechen und Be- nen, um das Wachstum der Gefäße so türliche Arteriogenese gezielt herbeizu- hinderungen nicht in der Lage sind, Sport weit anzuregen, bis der herzmalade führen. zu treiben. Mensch trainieren kann. Das Anschalten der Arteriogenese auf Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Ivo Im Klinikum Großhadern verfolgt die Knopfdruck würde auch jenen Menschen Buschmann, 44, von der Berliner Charité. Biologin Deindl eine andere Strategie,
  • 126.
    Titel JULIANE WERNER Gefäßmediziner Buschmann bei Behandlung eines Patienten mit der „Herz-Hose“: Starthilfe für Herzkranke, die kaum Sport treiben können um das Wachstum neuer Gefäße zu för- skeptisch. „Ich kann mir nicht vorstellen, körperliche Verfallserscheinungen traten dern. Die Forscherin sucht nach Wirk- dass es funktioniert“, sagt Karl-Ludwig bei ihnen im Durchschnitt 16 Jahre später stoffen, mit denen sich die Arteriogenese Schulte, Chefarzt am Gefäßzentrum Ber- auf als bei den trägen Vergleichspersonen. bei Bedarf anschalten lasst. „Wenn wir lin. „Das halte ich für eine Illusion“, sagt James Fries sagt: „Im Großen und Ganzen von der Natur lernen, wie es geht“, sagt auch der Leipziger Schuler, ein drahtiger sind die Läufer gesund geblieben.“ Deindl, „dann können wir dem Herzen Kerl, der jeden Tag 20 Kilometer weit mit Die Vitalität war verbunden mit einem befehlen, neue Adern auszubilden.“ dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Die Be- deutlich verlängerten Leben. 21 Jahre In ihrem Labor stehen Flaschen voller wegung könne man nicht pharmakolo- nach Beginn der Studie waren von den Isofluran, einem Narkosegas. Auf der gisch ersetzen, sagt er: „Es gibt keine Läufern nur 15 Prozent verstorben – von Bank liegen Scheren und Zangen. In ei- Abkürzung.“ den trägen Menschen waren zu diesem ner Kiste aus Styropor raschelt eine dunk- Allerdings muss auch niemand zum Zeitpunkt schon 34 Prozent tot. le Maus. Eine junge Doktorandin hat dem Spitzensportler werden, wie Bewegungs- So alt wie das Wissen über den Segen, Nager die Hauptarterie des rechten Beins forscher jüngst im britischen Fachmaga- sich zu regen, so alt ist auch die Abnei- abgebunden, dennoch bewegt er sich nor- zin „Lancet“ berichteten. Die Wissen- gung vieler Menschen dagegen – ein mal – dem Tier sind natürliche Bypässe schaftler hatten die Gesundheitsdaten Trauerspiel. Der Dichter Goethe hat es gewachsen. Das Blut der Maus muss des- von 400 000 Menschen ausgewertet und in seinem „Faust“ vor mehr als 200 Jah- halb alle notwendigen Botenstoffe ent- dabei festgestellt: Schon wer sich jeden ren in Worte gefasst. halten, die für das Wachstum neuer Ge- Tag 15 Minuten lang körperlich betätigt, Mephisto verrät Faust das Geheimnis fäße erforderlich sind. verringert sein Risiko, am Herzinfarkt zu der Verjüngung: Er brauche bloß auf dem „Wir erforschen, wie der mechanische sterben, um 20 Prozent und verlängert Feld hacken und graben. Doch davon will Reiz durch das Abbinden des Beins in sein Leben statistisch gesehen um min- Doktor Faust nichts hören: „Das bin ich biologische Signale übersetzt wird“, er- destens drei Jahre. nicht gewöhnt, ich kann mich nicht be- läutert Deindl. „Und erstmals scheinen Und es lässt sich noch mehr Lebenszeit quemen, den Spaten in die Hand zu neh- wir diese Schnittstelle zu verstehen.“ hinzugewinnen, hat der Mediziner James men. Das enge Leben steht mir gar nicht Offenbar benötigt die Arteriogenese Fries von der Stanford University in Ka- an.“ einen Cocktail von Wuchsstoffen, den die lifornien nachgewiesen. Dazu untersuch- So wie Faust hat es auch Herr K. aus Forscher zu einem Medikament weiter- te er 538 Mitglieder eines Lauf-Clubs so- Köln bisher gehalten, nur rettet ihn heute entwickeln wollen. In fünf bis zehn Jah- wie 423 träge Menschen. Die Probanden die moderne Medizin. Die Notoperation, ren, hofft die Biologin, könne die Mixtur waren zu Beginn der Studie 50 Jahre oder bei der ihm vorige Woche zwei Bypässe erstmals am Menschen getestet werden. älter, und Fries hat jahrelang dokumen- eingenäht wurden, ist gut verlaufen. Wird es also wirklich irgendwann eine tiert, wie es ihnen weiter erging. Der Mann fühlt sich geheilt, bis zur Art Jungbrunnenpille für die Herzver- Das beeindruckende Ergebnis: Die Läu- nächsten Herzattacke. jüngung geben? Andere Experten bleiben fer klagten weit seltener über Gebrechen – JÖRG BLECH 126 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 128.
    Technik Neuer Morgan Threewheeler Tugend des Leichtbaus Letzteren ist es auch vorwiegend ge- schuldet, dass die englische Manufaktur mit der Auslieferung des neuen Dreirads um fast ein Jahr in Verzug geriet und die ersten Threewheeler erst in diesem Früh- jahr in den Handel bringen wird. Charles Morgan, der als oberste Firmenmaximen „Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit“ nennt, macht kein Hehl aus den Schwie- rigkeiten: „Grundsätzlich“, erklärt er, „ist Automobilbau eine sehr komplizierte Sache.“ Im Besonderen entstanden Komplika- tionen durch die gewaltigen Drehmo- mentspitzen, die der Zweizylindermotor MARTYN GODDARD / CORBIS wie Hammerschläge ins Getriebe sandte. Das Zahnräderwerk (es wurde bei Mazda eingekauft) war diesem Angriff nicht ge- wachsen und musste durch ein Zwischen- element geschützt werden, das „ähnlich wie eine Feder“ (Morgan) die Stoßkraft mildert. Mit dem „Threewheeler“ leistete Fir- Zweifel an der Fahrstabilität, versichert AU TOM O B I L E mengründer Henry Frederick Stanley Morgan, seien unbegründet. Er verweist Morgan einen achtbaren Beitrag zur auf die großen Rennsporterfolge der frü- Springen statt frühen Volksmotorisierung Großbritan- niens. Seine Dreiräder waren günstig und ausgesprochen dynamisch, die schnells- hen Threewheeler, deren wichtigstes Bau- prinzip übernommen wurde: „Zwei Räder müssen nach vorn, sonst geht das nicht rollen ten erreichten über 180 Kilometer pro Stunde. Erst 1936 präsentierte Morgan sein erstes vierrädriges Modell und gut.“ Die Antriebskraft wird wie bei Motorrädern – und auch bei den alten Threewheelern – auf das Hinterrad ge- Die englische Automanufaktur schwenkte bald ganz auf diese allgemein leitet. Das gebe dem Fahrer reichlich Morgan kämpft mit den bewährte Bauart um. Spielraum für „gut kontrollierbare Drifts“, Tücken einer traditionsschweren Heute ist der Manufakturbetrieb in erklärt der Firmenchef, wodurch sich der Malvern, einer Ansammlung eingeschos- Wagen einmal mehr als Spaßmobil qua- Mission – der Wiedergeburt siger Backsteinhallen, der letzte nennens- lifiziere. des dreirädrigen Sportwagens. werte Autoproduzent Großbritanniens, Der Spieltrieb der anvisierten Klientel der nicht im Ruin oder im Besitz eines muss sich allerdings mit der Bereitschaft D er Druckknopf, über den der Pilot fremdländischen Großkonzerns endete. verbinden, den Gegenwert eines gutaus- den Abwurf einer Bombe ver- Etwa 180 Mitarbeiter haben dort im ver- gestatteten Mittelklassewagens für ein anlasst, ist in manchen Militär- gangenen Jahr über 700 Sportwagen her- Dreirad ohne Verdeck zu bezahlen. Der flugzeugen mit einer Sicherungskappe gestellt. Das Design der Modelle folgt der Threewheeler wird knapp 40000 Euro kos- bedeckt. Sie muss vor dem Betätigen Formensprache der Vorkriegszeit, die ten und soll, wie andere Produkte der Mar- hochgeklappt werden und soll so ein ver- Aluminiumkarosserie – bei den meisten ke, auch eine gute Investition sein. sehentliches Auslösen verhindern. Modellen noch mit Eschenholzrahmen – Morgan-Fahrzeuge gelten nicht als Den Starter eines Automobils wie ei- der zeitlosen Tugend des Leichtbaus. die zuverlässigsten, zählen aber zu den nen Bombenauslöser zu gestalten und Und diese wird der neue Threewheeler wertstabilsten der Welt, da das Familien- auch so zu nennen erscheint weder prak- nun auf die Spitze treiben. Sein altaero- unternehmen, anders als viele sonstige tisch noch geschmackvoll – im jüngsten nautisches Blechkleid ist ebenfalls aus Exotenmarken, auch in Boomzeiten der Produkt der englischen Sportwagenmar- Leichtmetall; das gesamte Fahrzeug wiegt Versuchung widerstand, die Produktion ke Morgan aber nicht unpassend. Es hat nur etwa 500 Kilogramm und soll die sprunghaft anzuheben. drei Räder – vorn zwei, hinten eines – Spurtstärke eines Porsche mit der Spar- Vom Threewheeler will Charles Morgan und sieht aus wie die Zweitverwertung samkeit eines Motorrads vereinen. Ange- 600 Exemplare pro Jahr fertigen, die eines ausgebeinten Jagdflugzeugs der strebt ist der Spurt auf 100 km/h in etwa Gesamtproduktion in Malvern also fast Richthofen-Ära. Angelassen wird es über fünf Sekunden und ein Spitzentempo von verdoppeln. Seine Händler schätzen die einen Knopf mit Kappe. Prospektbezeich- mehr als 180 km/h – bei einem Verbrauch Marktchancen des Dreirads vorsichtiger nung: „bomb release button“. von etwa fünf Litern auf 100 Kilometer. ein: „Die Gelegenheit, mit so einem Auto Dass das Gefährt im Dienste Britan- Laut Geschäftsführer Charles Morgan, zu fahren“, gesteht ein deutscher Morgan- niens steht, lässt sich mit Dekorbeklebun- Enkel des Firmengründers und Initiator Vertreter, „müssen Sie erst mal erfinden.“ gen deutlich machen, die Morgan als Zu- der Dreirad-Renaissance, wird das neue CHRISTIAN WÜST behör anbietet. Insignien der Königlichen Gefährt „eher springen als rollen“. Für Luftwaffe nebst fingierten Einschusslö- Vortrieb sorgt ein urwüchsiger V2-Motor Video: Christian Wüst testet chern flankieren die fahrzeugtechnische amerikanischer Herkunft, der wie bei den den Morgan Threewheeler Spaßoffensive, die obendrein einem Hei- Ur-Morgans geweihartig die Wagenfront Für Smartphone-Benutzer: ligtum der über hundertjährigen Unter- ziert. Seine großen Kolben produzieren Bildcode scannen, etwa mit nehmensgeschichte huldigt. neben 115 PS enorme Rüttelkräfte. der App „Scanlife“. 128 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 129.
    CPP / ROPI/ CIRIC / FOTOFINDER ROTA / CAMERA PRESS POLARIS / LAIF 1 2 3 ARCHIVIO GBB / CONTRASTO / LAIF P.S.I.BONN / ULLSTEIN BILD BETTMANN / CORBIS 4 5 6 Kinderfotos bekannter Persönlichkeiten*: Erfassen Begabte das Gesicht als Ganzes? HIRNFORSCHUNG Superhelden aus dem Museum Ein englischer Wissenschaftler sucht nach Menschen mit einer ungewöhnlichen Fähigkeit: Sie können sich an fast jedes Gesicht erinnern, auch an das von Wildfremden. Die Gedächtnisprofis sollen helfen, nach Verbrechern zu fahnden. D er Forscher, der aussieht wie ein aus seinem Leben ein, etwa die beiden erblickte, wusste er sofort: Das ist Stefani. indischer George Michael, interes- Florida-Reisen. Seine Frau erklärte ihn für verrückt. siert sich seit kurzem sehr für das Im Jahr 2005, anlässlich ihres ersten Doch er behielt recht. „Stefani guckte Gehirn seines kleinen Bruders. Hochzeitstags, waren er und seine Frau mich an, als würde ich sie verfolgen wie Durch Zufall fand Ashok Jansari her- nach Orlando geflogen. Am Eingang ei- ein Stalker“, erzählt Jansari. Er vergaß aus, dass dieser eine besondere Begabung nes Freizeitparks gab ihnen eine junge die Begegnung aber schnell wieder. Er hat. Nur hatte sein Bruder davon selbst nie Frau namens Stefani einen kurzen Über- hielt das Ereignis nicht für ungewöhnlich. etwas bemerkt. Erst jetzt, im Nachhinein, blick über das Gelände. Zwei Jahre später Anfang Januar besuchte er seinen Bru- fallen Ajay Jansari seltsame Episoden reisten sie wieder in die Stadt. In einem der, einen Neuropsychologen, um ihn bei Küchengeschäft kauften sie einen Pizza- einem Versuch zu unterstützen. In einer * Die Auflösung folgt auf der nächsten Seite. schneider. Als er die Dame an der Kasse Ecke des Londoner Science Museum hat- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 129
  • 130.
    VATICAN POOL /CONTRASTO / LAIF Jansari, habe ihn einmal für den briti- schen Sänger George Michael gehalten – INDIGO / GETTY IMAGES wegen seines Barts und des Goldohrrings. JEWEL SAMAD / AFP Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Ein Großteil der Gesichtserkennung läuft in 1. Barack Obama 2. Kate Middleton 3. Benedikt XVI. einem kleinen Teil einer Hirnregion na- mens Gyrus fusiformis ab, die auf der Höhe der Ohren liegt. Nimmt sie Schaden, können die Betroffenen Gesichter noch NANCY KASZERMAN / ZUMA PRESS / CORBIS sehen, aber nicht mehr einer Person zu- ordnen. Die Frage ist, ob diese Hirnregion bei Jansaris Bruder und den anderen Su- per-Recognizern stärker vernetzt ist? Und warum erinnern sich die Gesichtserkenner FRANK OSSENBRINK TARGET / FOTEX.DE auch so auffallend gut an Namen und Si- tuationen? Jansari will diesen Fragen nun nachge- 4. Madonna 5. Elvis Presley 6. Angela Merkel hen. Die sieben Hochbegabten, die er im Museum ermittelt hat, sollen jetzt nach te Ashok Jansari sein Experiment aufge- nis gaben die meisten Testpersonen rund allen Regeln der Hirnforschungskunst baut. Der Forscher lud die Museumsbe- 70 Prozent richtige Antworten. durchleuchtet werden. Seine Erkenntnis- sucher ein, sich auf eine seltene Fähigkeit Jansari schaffte 98 Prozent. Er habe se könnten einmal dazu beitragen, Ge- testen zu lassen, und hoffte, dass so viele sich gefragt, wann es endlich schwieriger sichtsblinden zu helfen oder Computer- wie möglich mitmachen. werden würde. 725 Testpersonen kamen programme für die Gesichtserkennung zu Jansari suchte nach Menschen, die sich insgesamt ins Museum, darunter befan- verbessern, hofft er. an fast jedes Gesicht erinnern können, den sich gerade mal sieben Super-Reco- Doch schon bald könnten sich einige das sie irgendwann einmal gesehen ha- gnizer – jeder Hundertste. der Gesichter-Genies für die Allgemein- ben – und sei es auch nur einen kurzen Warum ein paar wenige auch auf stark heit nützlich machen, bei der Verbre- Moment auf einer Party, in der U-Bahn verpixelten Bildern noch Gesichter zu er- chensbekämpfung. Bei der Londoner Po- oder im Supermarkt. Der wissenschaftli- kennen vermögen ist bislang ein Rätsel. lizei möchte Detective Chief Inspector che Fachausdruck dafür lautet „Super- Der Neuropsychologe Jansari vermutet, Mick Neville am liebsten ein Team zu- Recognizer“ und klingt wie aus einem dass sein Bruder und die anderen Super- sammenstellen, das aus diesen Superhel- Helden-Comic. Drei Monate lang fahn- begabten Gesichter eher als Ganzes ver- den besteht. dete Jansari nach den Gedächtnisprofis. arbeiten; sie konzentrieren sich weniger In einer Polizeistation in Central Lon- Er hätte nicht für möglich gehalten, dass auf einzelne Teile wie Nase, Mund oder don sitzt der Mann, der von sich be- auch sein Bruder dazugehören würde. Augen. hauptet, so fleißig Fahndungsfotos zu Ein paar Wochen danach sitzt der neue Anders Menschen, die unter sogenann- sammeln wie Scotland Yard Fingerab- Super-Recognizer in einem Café im Nor- ter Gesichtsblindheit leiden. Die Betrof- drücke. Mick Neville ist ein Mann mit den Londons, seine hochschwangere Frau fenen nehmen nur die Puzzleteile eines Bürstenhaarschnitt, der gern kurze Sätze hockt neben ihm. Im Mai erwarten sie Gesichts wahr und schaffen es nicht, sie spricht, wovon jeder klingt wie ein Be- ihr erstes Kind. Ajay Jansari wackelt auf zu einem sinnvollen Ganzen zusammen- fehl und auch einer ist. Sein Büro ist Lon- seinem Stuhl herum, er sei immer hippe- zufügen. Gesichtsblinde erkennen oft dons Umschlagsplatz für Überwachungs- lig, sagt seine Frau. Sie habe Freunden nicht einmal engste Freunde oder Ver- aufnahmen. von den Testergebnissen erzählen wollen; wandte. Eine solche Patientin, erzählt Viele Stunden Videomaterial zeichnen aber er war dagegen, ihm ist die Sache die Kameras der Metropolitan Police in unangenehm. Vielleicht waren es ja auch London Jahr für Jahr auf, darunter auch alles nur Zufallstreffer. Überfälle, Einbrüche oder Messersteche- Im Museum hatte ihm sein Bruder zu- reien. Kritiker sagen, die Totalüberwa- nächst Jugendfotos von Christina Agui- chung nütze wenig. Mick Neville sieht lera, Tom Hanks, Bill Clinton und ande- das anders: „Wir müssen die Videoüber- ren Berühmtheiten gezeigt. Jansari fiel wachung professionalisieren.“ es leicht, die Porträts Menschen zuzuord- Seine Mitarbeiter sitzen zwischen nen, deren Gesichter er bislang nur als Pappkartons an alten Rechnern in einem Erwachsene kannte (siehe Bilderstrecke). Raum, in dem es nach dem letzten Mit- Der zweite Test dauerte mehrere Run- tagessen riecht. Von hier aus werden den: Jansari musste sich jeweils das Überwachungsfotos von Verdächtigen Schwarzweißbild eines Mannes einprägen übers Internet verbreitet, zumeist aus Fil- und diesen dann auf einer Reihe von Bil- men herauskopierte Standbilder, dunkel UPPA TRUEBA / PICTURE-ALLIANCE / DPA dern wiederfinden. Der Schwierigkeits- und unscharf. grad für ihn und die anderen Testperso- Was Neville fehlt, sind Menschen, die nen steigerte sich dabei kontinuierlich: perfekt darin sind, Gesichter zu erken- Die gezeigten Gesichter ähnelten einan- nen – und zwar auch dann, wenn die Auf- der zunehmend. Später wurden den Pro- nahmen extrem schlecht sind. Aus diesem banden Porträts gezeigt, die über der Grund hat der Kriminalhauptkommissar Stirn und am Kinn abgeschnitten waren. die Hirnforschung für sich entdeckt. Ein Am Ende sahen die Fotos so verschwom- Psychologe hat schon mit ähnlichen Me- men aus, dass viele Teilnehmer kaum Überwachungszentrale der Polizei thoden wie Jansari erste Polizeibeamte noch etwas erkennen konnten. Im Ergeb- Menschen als die besseren Maschinen auf diese Fähigkeit getestet. 130 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 131.
    Wissenschaft Kommissar Neville vertraut lieber auf Menschen als auf Maschinen. Zwar kön- nen Computer mittlerweile recht zuver- lässig Personen auf Fotos erkennen, aller- dings nur, wenn die Aufnahmen etwas taugen. Und das ist nicht bei vielen Bil- dern der Überwachungskameras der Fall. Häufig sind die Filme unscharf und die Farben verwaschen. Die Tatverdächtigen ziehen die Kapuze tief ins Gesicht. Auch Gesichtsausdrücke können einen Compu- ter verwirren. Mick Neville präsentiert auf seinem Rechner eine Liste von 20 Mitarbeitern, die ihm heute schon zuverlässig bei der Identifizierung von Verbrechern helfen. Einer von ihnen heißt Idris Bada. „Idris ist die bessere Maschine“, ruft Mick und haut auf den Tisch. Bada schweigt lieber. Alles an dem Hü- nen wirkt mächtig, die Hände, die Lippen, der Nacken, alles, nur nicht seine Stimme. Die klingt sanft und leise. Er arbeitet in einer Polizeistation nahe der teuren Re- gent Street, in der Ferrari und Apple ei- nen Laden haben. Heute am Freitag- abend sammeln sich in den Nebenstraßen vor den Pubs Londons Partygänger. Es kommt zu Ladendiebstählen, Einbrüchen und Schlägereien. Kurz vor acht Uhr ist auf der Wache noch nicht viel los. Bada fotografiert alle Verdächtigen, die seine Kollegen auf die Wache bringen, nimmt Fingerabdrücke und schaut jede halbe Stunde in die Zel- len, ob es den Insassen gutgeht. Bada schaut durch das Guckloch zu einem hin- ein. Ein Betrunkener, sagt er. Sonntagabend, wenn die Stadt sich be- ruhigt, werden sich auch die Zellen lee- ren. Dann surft Bada während seiner Nachtschicht durch die im Netz veröffent- lichten Überwachungsfotos von mutmaß- lichen Straftätern, um zu schauen, ob ein alter Bekannter darunter ist: War der Mann oder die Frau schon einmal Gast bei ihm in einer Zelle? Vergangenen Monat ist er auf das Foto eines Mannes gestoßen, der als Betrüger gesucht wird. Den habe ich schon mal ge- sehen, erkannte Bada und fand ihn im Polizeicomputer wieder. Er schickte den Namen des Verdächtigen an die Mitarbei- ter von Mick Neville. Pro Monat liefert Bada rund drei, vier solcher Hinweise. Es macht aus ihm, dem Helfer, einen gern- gesehenen Kollegen. Seit kurzem arbeitet Kommissar Nevil- le mit dem Neuropsychologen Jansari zu- sammen. Die Forscher kommen so an weitere Versuchspersonen heran, und die Beamten erhalten nützliche Tipps aus der Wissenschaft. Erste Erkenntnisse der Hirnforscher überlegt Neville demnächst umzusetzen: Menschen auf bewegten Bildern lassen sich viel einfacher identifizieren als auf Standbildern. LAURA HÖFLINGER D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 131
  • 132.
    Wissenschaft Abgestürzte US-Maschine aufdem Gauligletscher 1946: „Wir halten noch maximal 24 Stunden durch, Verletzte an Bord“ Am 19. November 1946 war die US-Ma- GESCHICHTE schine in München um 13.05 Uhr mit Ziel Marseille gestartet. Alsbald kam Pilot Abflug vom Gletscher Captain Ralph H. Tate junior jedoch von der geplanten Flugroute ab; die „Dakota“ verschwand im Alpennebel. Weil sich etliche hochrangige US-Mili- Mit einer spektakulären Aktion retteten Schweizer Piloten 1946 tärs an Bord befanden, setzte die Suche die Besatzung eines abgestürzten US-Flugzeugs. Jetzt wurde der U. S. Army nach den Vermissten gleich mit voller Kraft ein, war aber zum diese Geburtsstunde der alpinen Luftrettung erstmals rekonstruiert. Scheitern verurteilt. Denn die Amerika- ner suchten ihre auf Schweizer Boden ab- G ut eine Stunde lang glitt das US- bergauf geradewegs auf eine tiefe Glet- gestürzten Landsleute in den französi- Militärflugzeug „Dakota C-53“ scherspalte zu. Wenige Meter vor dem schen Hochalpen. sanft und ruhig durch die Luft. Abgrund drehte ein Schneestau vor dem Pilot Tate und seine Kameraden hatten Nichts deutete auf jene Gewalten hin, von rechten Flügel das Geschoss und brachte keinen Schimmer, wo sie niedergegangen denen die Propellermaschine plötzlich es so zum Stehen. Doch nun riss die waren, und konnten über Funk zur Klä- von einer Sekunde zur anderen erfasst Glückssträhne der zwölf Amerikaner vor- rung wenig beitragen. Mit schweren B-17- werden sollte. erst ab. Bombern, sogenannten Fliegenden Fes- Tückische Turbulenzen schleuderten Fünf Tage und Nächte harrten die im tungen, fahndeten die Amerikaner in das Flugzeug zunächst 300 Meter in die Tiefschnee Gestrandeten im November 5000 Meter Flughöhe nach den Verschol- Höhe, kurz darauf wurde der Flieger wie- 1946 bei minus 15 Grad und eisigen Win- lenen. Deren Lage wurde zunehmend der Hunderte Meter in die Tiefe gedrückt. den auf dem Bergmassiv aus. Dann erst kritisch. Schließlich prallte die Maschine mit vier kam Hilfe – ausgerechnet aus der Luft. Ein Passagier war bei der Bruchlan- Besatzungsmitgliedern und acht Passagie- Rechercheure von SPIEGEL TV haben dung samt Sitz durch die Kabine geschleu- ren an Bord mit Tempo 280 auf den Gauli- gemeinsam mit dem Schweizer Militär- dert worden und hatte sich dabei einen gletscher in den Berner Alpen. forscher Roger Cornioley in einem Do- komplizierten Beinbruch zugezogen. An- 25 Minuten lang war der Pilot zuvor im kumentarfilm jene dramatischen Ereig- dere erlitten schwere Prellungen. Hunger, Blindflug auf etwa 3350 Meter Reiseflug- nisse rekonstruiert, die zur spektakulären Durst und Kälte setzten allen gleicherma- höhe über das Gebirge geirrt. Es grenzt Rettung der Verunglückten führten – und ßen zu. Um die Eiseskälte zu überstehen, an ein Wunder, dass das Flugzeug dabei zur Geburtsstunde der alpinen Luftret- rollten sich die Bibbernden in Fallschirme nicht an einer Bergspitze zerschellte, die tung wurden*. ein. dort bis zu 3600 Meter hoch aufragen. Am 21. November, zwei Tage nach Auch beim Aufprall hatten die Reisen- * „Terra X: Notlandung in den Alpen“; Sonntag, 25. dem Start in München, setzte Pilot Ralph den Riesenglück: Die „Dakota“ schlitterte März, 19.30 Uhr im ZDF. H. Tate den verzweifelten letzten Funk- 132 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 133.
    spruch der Mannschaftab: „Wir halten rikaner gewesen, amüsiert sich Geschichts- scherzunge kreisten nun zwei Flieger des noch maximal 24 Stunden durch. Verletz- forscher Cornioley: „Dazu brauchte man Typs „Fieseler Storch“. te an Bord.“ immer einen rechten Fuß, um das Gas- An Bord befanden sich Hauptmann Dann setzte ein Unwetter ein und pedal zu drücken.“ Victor Hug und Major Pista Hitz, die über bedeckte die Unglücksmaschine mit Von zweifelhaftem Erfolg war auch die der Kolonne eine Meldetasche mit ver- Schnee – von oben war die „Dakota“ nun Mobilmachung der US-Streitkräfte im wegener Botschaft abwarfen: Die beiden kaum noch zu erspähen. Am 22. Novem- Luftraum. Über dem Ort des Absturzes Schweizer Militärpiloten teilten mit, dass ber, drei Tage nach dem Absturz, schwand warfen amerikanische Militärflugzeuge sie auf dem Gletscherplateau zu landen die Hoffnung auf Rettung. aus 4500 Meter Höhe Care-Pakete auf die gedachten. Doch plötzlich wendete sich das Blatt eingeschneiten Bruchpiloten und ihre Pas- Die „Störche“ konnten zwar auf fast in einer Weise, wie es kein Hollywood- sagiere hinab. jedem Acker aufsetzen. Eine Landung Regisseur besser hätte inszenieren kön- Nur versank die meiste Fracht unauf- auf schneebedeckter Fläche galt jedoch nen. findbar im Schnee oder in Gletscherspal- als kühnes Manöver ohne Beispiel. Auch der Vater des Unglückspiloten ten. Als ein 60 Kilogramm schwerer Koh- Hug und Hitz waren indes keine Ha- war in einem Flieger unterwegs, um nach lensack auf einen Flügel des Wracks der sardeure. Noch während des Zweiten der vermissten „Dakota“ zu suchen. Ge- „Dakota“ aufgeschlagen war, wurde den Weltkriegs hatten Schweizer Piloten in- neral Ralph Tate hatte sich in einer mas- Bombardierten mulmig. Einer der Passa- tensiv Starts und Landungen im Schnee sigen B-29 bereits enttäuscht auf den giere schrieb eilig mit großen Buchstaben geübt, um für mögliche Notlandungen im Rückweg gemacht, als die dröhnende das Wort „FINI“ in den Schnee. Gebirge gerüstet zu sein. Zur Vorberei- Maschine unverhofft den Unglücksort Am Samstagmorgen um 4.15 Uhr setz- tung auf die Rettungsaktion hatten sie Ku- kreuzte. te auch noch das Schweizer Militär eine fen unter die Flugzeuge geschraubt. Der Sofort machte sich die Crew mit einer 80-köpfige Rettungskolonne in Bewegung. Abflug vom Gletscher war in der Praxis roten Signalrakete bemerkbar. Vater Tate Diese Mission befiel kurzzeitig Endzeit- freilich nie zuvor erprobt worden. antwortete mit einer grünen. Die Batterie stimmung, als die wackeren Bergführer Die Bergung gelang auch, weil die „Fie- des Funkgeräts der „Dakota“ war inzwi- gewahr wurden, dass sie mit ihrer Mann- seler Storch“ bereits bei einem Tempo schen ausgefallen. Für Sekunden konnte schaft wegen falscher Koordinaten statt von nur 50 Kilometern pro Stunde abhe- Tate junior den Kasten reaktivieren. Am 9 sogar 13 Stunden durch teils brusthohen ben kann. Nach sieben Stunden war der anderen Ende der Leitung erkannte er Schnee stapfen mussten. letzte Passagier der Unglücksmaschine seinen Vater. „Hallo Dad“, rief er. „Hallo Erschöpft, ausgehungert und durch- zum nahegelegenen Militärflughafen Mei- Ralph, wie …“, hörte er noch als Antwort. nässt kamen die Männer nach dem ringen-Unterbach ausgeflogen worden. Dann war die Leitung tot. Gewaltmarsch am Unglücksort an. Die Hier fielen sich General Ralph Tate und Tate wusste nun, dass sein Vater die Begeisterung der Geretteten währte ent- sein Sohn, der einen blutverschmierten Koordinaten der Absturzstelle anpeilen sprechend kurz. Wie sollte dieser aus- Turban um den Kopf trug, in die Arme. lassen konnte. Umgehend rüsteten die gemergelte Trupp einen 36-stündigen Wie knapp die Verunglückten dem Tod USA zur Rettungsschlacht am Gletscher. Abtransport der teils schwer lädierten entgangen waren, offenbarte sich bereits 150 Gebirgsjäger der 88. Division sollten Amerikaner über unwegsames Gelände einen Tag später: Ein schwerer Wetter- mit Jeeps, Krankenwagen und Kettenfahr- hinbekommen? umsturz mit drei Tage währendem zeugen zum Unglücksort vorrücken. In den Morgenstunden des 24. Novem- Schneefall setzte ein. Heimatforscher Cor- Doch die Schweizer fürchteten ein Fi- ber nahm das Drama um die abgestürzte nioley: Von dem abgestürzten Flugzeug asko: Fahrend sei der Berg nicht zu be- „Dakota“ nach fünftägigem Martyrium war danach „weit und breit nichts mehr zwingen, warnten die Einheimischen. Das erneut eine unverhoffte Wendung. Über zu sehen“. sei eben die typische Methode der Ame- dem Rettungstrupp auf der oberen Glet- FRANK THADEUSZ FOTOS: PHOTOPRESS ARCHIV / KEYSTONE ZÜRICH / DPA Rettungsmaschine „Fieseler Storch“, gerettete Passagiere 1946: Nie zuvor erprobtes Manöver D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 133
  • 134.
    Szene L I T E R AT U R Mäuserest Der Mann, der diese Geschichte er- zählt, will selbst keine haben. Er ist noch nicht alt, er scheint gesund zu sein, doch weder Wünsche noch Ziele treiben ihn um. „Ich bin hierherge- kommen, weil ich wollte, daß nichts mehr geschieht. So habe ich mir das vorgestellt: Je weiter im Süden, desto ANDRE LIOHN weniger wird geschehen.“ Hier stehe ich, sagt dieser Pawel in mittleren Jah- Liohn-Foto ren, und sehe dem Leben zu. Der Ort, den Pawel sich ausgesucht hat, ist ei- gentlich schon gestorben. Ein Kreisver- kehr, vier Kreuzungen irgendwo im südlichen Polen; eine Tankstelle, in der man Alkohol kaufen kann, und die Videotheken. Wer Arbeit und Zu- kunft hat, wohnt hier nicht mehr. „Übrig blei- ben diejenigen, die kei- ne Kraft mehr haben. Sie bleiben überall üb- rig und befassen sich mit den Resten. So wie ich.“ Die Reste, mit de- nen Pawel sich befasst, sind harmlos, billig und Andrzej bunt. Es sind die ausran- Stasiuk gierten Kleider von Hinter der Menschen, die ein paar Blechwand Autostunden weiter Aus dem Polni- westlich wohnen. „Die JEHAD NGA schen von Renate Sachen kommen alle Jehad-Nga-Foto Schmidgall. aus Europa. Heißt es je- Suhrkamp Verlag, Berlin; 352 Sei- denfalls.“ Europa ist ten; 22,90 Euro. hier keine rechtliche FOTOGRAFIE Sphäre, keine politische Realität, sondern eine Verheißung von Schnelligkeit und Konsum, die fern ist und bleibt. Europa ist für die anderen. Pawel und Blut an der Wand sein Geschäftspartner Wladek fahren Ein verzweifelter Arzt mit einem Verwundeten, ein Kind auf einer Bahre, Rauchsäulen zu den Frauen in der leeren Ödnis von über der Wüste, jubelnde Rebellen, rote Farbe an der Wand eines Hauses, fast wie mit Ungarn, in den Dörfern Rumäniens einem blutigen Pinsel gemalt – diese Szenen vom Krieg gingen als Fotos um die Welt. und der Ukraine, im bulgarischen Nie- Ab Mai werden hundert davon in vier Ausstellungen dort gezeigt, wo sie entstanden mandsland, um ihnen zu bringen, was sind: in Libyen, in den Städten Tripolis, Bengasi, Zintan und Misurata. Acht preisge- die Mäuse in den Containern übrig ge- krönte Kriegsfotografen haben sich dafür zusammengetan. „Wir haben Schlachten ge- lassen haben. Eine unkalkulierbare sehen, Tod, Zerstörung, Leiden“, meint einer von ihnen, der Brasilianer André Liohn, Liebe bringt sie dabei in Gefahr. Seit 38, der dort vor allem für den SPIEGEL fotografierte. „Wir hoffen, dass jeder sich an 20 Jahren besingt der Pole Andrzej das erinnert, was passierte, damit das Leiden nicht umsonst war.“ Organisationen wie Stasiuk, 51, in grauer Schönheit die „Reporter ohne Grenzen“, libysche Zeitungen und Bürgerrechtler unterstützen die graue, schöne Vergangenheit. Als Me- Ausstellungen, finanziert werden sie auch durch Crowdfunding im Internet. Das lancholiker kann er sein Lebensthema Projekt heißt „Almost Dawn in Libya“ – fast schon Morgendämmerung über Libyen. nicht wählen, aber er variiert die äs- Das war die Überschrift eines Artikels, den ein Reporter der „New York Times“ über thetische Form. In seinem dritten Ro- den Tod zweier Freunde schrieb: Fotografen, die vor einem Jahr in Misurata gestorben man vermählt er seine slawischen Be- sind. Der amerikanische Reporter und Bestsellerautor Sebastian Junger („Der perfekte trachtungen mit einer Krimi-Handlung, Sturm“, „War“) hätte eigentlich mit einem der beiden nach Misurata fahren sollen. so dass der große Gesang auf den Un- Doch es kam etwas dazwischen, Junger fuhr nicht und hat nun den Begleittext für die tergang einer Lebenswelt dramatische Ausstellung geschrieben: Der Tod seiner Freunde in Misurata habe sein Leben geändert; und verzweifelte Töne aufnimmt. Am er will an keine Front mehr gehen. Kein Film, kein Foto, kein Buch sei so viel wert Ende geht die kleine Geschichte gut wie das Leben, so Junger, „aber irgendjemand muss diese Arbeit machen“. aus. Die große ist längst geschehen. 134 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 135.
    Kultur GESCHICHTE „Kreatives Kuddelmuddel“ Der Berliner Historiker Paul Nolte, 48, aber auch zurückgestellt werden über sein Buch „Was ist Demokratie?“ können, wenn eine Mehrheit ent- (Verlag C. H. Beck), das in dieser schieden hat. Woche erscheint SPIEGEL: Wie sehen Sie die Zukunft der Demokratie? SPIEGEL: Herr Nolte, Sie haben eine Nolte: Optimistischer als andere. Ich Geschichte der Demokratie geschrie- finde es großartig, dass die Menschen ben. Was haben Sie Neues gelernt? mit der Parole Demokratie auf die Nolte: Dass die Geschichte der Demo- Straße gehen, ob in Kairo, New York kratie viel offener und flüssiger ist, als oder in Stuttgart. Ich finde es beruhi- mir vorher klar war. Wir stehen in gend, dass niemand eine radikale Deutschland ja unter dem Eindruck, Alternative zur Demokratie sieht. Die die Demokratie sei zu einer gewissen Monopolstellung der Parlamente Erfüllung gekommen. Dem ist aber scheint allerdings verlorenzugehen, sie nicht so. Sie verändert sich ständig. werden aber sicher ein Kern der SPIEGEL: Die Wutbürger mischen sich Demokratie bleiben. Es wird mehr ein und wollen ihre Interessen kreatives Kuddelmuddel geben. Wir gegen parlamentarische Entscheidun- sind auf dem Weg zu einer multiplen gen durchsetzen. Halten Sie das für Demokratie. gefährlich? Nolte: Nein, das ist eine Fortführung von Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre, etwa der Studenten- proteste. SPIEGEL: Ist es nicht undemokratisch, wenn – wie im Fall von Stuttgart 21 – Bürger sich einer Volksabstimmung nicht fügen wollen und ihren Widerstand gegen den neuen Stutt- EDGAR ZIPPEL / IMAGETRUST garter Bahnhof fortsetzen? Nolte: Manche der wütenden Bürger müssen noch zu unterscheiden lernen, was demokratische Entscheidungen sind und was ihre eigenen Interessen. Nolte Die mögen legitim sein, müssen dann KINO IN KÜRZE „Viva Riva!“ ist ein heftig pulsierender Gangsterfilm aus dem Kongo, in dem um ein paar Fässer Benzin so erbittert gekämpft wird wie um das letzte Wasser auf Erden. Der Zuschauer weiß oft nicht, was schwerer auszuhalten ist – die Brutalität der Männer, die sich gegenseitig massakrieren, oder die Schönheit der Frauen, die den Männern den Verstand raubt. So drastisch der Regisseur Djo Munga, 39, Mord und Folter zeigt, so sinnlich setzt er seine Haupt- darstellerin Manie Malone in Szene. Er macht sie zum Inbild der Anmut in einer Welt voller Gier und Gewalt. So erotische Liebesszenen wie in die- sem Film gab es lange nicht mehr im Kino zu SUMMITEER FILM sehen, sie wirken kostbar in einer Welt, in der jeder Atemzug der letzte sein Malone in „Viva Riva!“ könnte. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 135
  • 136.
    Kultur Seit Jahren klagen Theater, Opern, Biblio- Kulturforschung bei Bonn. Armin Klein, 60, theken und Museen über Kürzungen und die war Dramaturg in Frankfurt am Main, nun zuständigen Minister über die Kosten. Geän- ist er Professor für Kulturmanagement in dert hat sich wenig. Der Kulturbetrieb läuft Ludwigsburg. Pius Knüsel, 54, hat als Re- weiter, die Etats steigen oder bleiben zumin- dakteur für das Schweizer Fernsehen gear- dest gleich. Nächste Woche nun erscheint beitet und ist heute Direktor der Kulturstif- ANDREAS PAVELIC / KNAUS VERLAG ein Buch, das für Aufregung sorgen wird. tung Pro Helvetia. Stephan Opitz, 60, hat „Der Kulturinfarkt“* stellt die Kulturpolitik das Nordkolleg in Rendsburg gegründet dieses Landes grundsätzlich in Frage und und leitet heute das Referat für Kulturelle bietet eine radikale Lösung: Die Hälfte aller Grundsatzfragen im Bildungs- und Kultur- Theater und Museen könnten verschwinden. ministerium von Schleswig-Holstein. Der Haselbach, Knüsel, Opitz, Klein Die Autoren kennen die Materie bestens. SPIEGEL dokumentiert ihre provokanten Dieter Haselbach, 57, leitet das Zentrum für Thesen. K U LT U R P O L I T I K Die Hälfte? Warum die Subventionskultur, wie wir sie kennen, ein Ende finden muss Von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz E uro-Krise, Globalisierung, Demo- der Kulturbudgets. Seit 1977 hat sich die Die sechziger Jahre brachten Bewe- grafie, Migration, Digitalisierung – Zahl der Musikschulen knapp verdoppelt, gung. Auf das von Ludwig Erhard ent- die gesellschaftlichen Fliehkräfte seit 1981 die Zahl der Museen knapp ver- wickelte wirtschaftliche Expansionspro- sind ungeheuer. Kirchen werden geschlos- dreifacht. „Soziokultur“ gab es 1977 als gramm („Wohlstand für alle“, 1957) folgte sen, weil es an Gläubigen mangelt, Schu- etablierte und institutionalisierte Einrich- die von Georg Picht („Die deutsche len aufgelöst, weil weniger Nachwuchs tung – zumindest im Westen – eher sel- Bildungskatastrophe“, 1964) inspirierte kommt, Krankenhäuser zusammengelegt, ten, jetzt spannt sich ein flächendecken- politische Forderung „Bildung für alle“ um die Kosten zu senken. Die Bundes- des Netz soziokultureller Einrichtungen und Mitte der siebziger Jahre dann wehr wird von der Bürgerwehr zur Be- über das Land. schließlich das kulturpolitische Pendant rufsarmee. Atomkraftwerke werden ab- Natürlich, die Zahlen von damals be- „Kultur für alle“. gestellt, weil sich die Bürger andere Ener- treffen die alte Bundesrepublik, mit der Der Frankfurter Kulturdezernent Hil- gie wünschen. Nur in Kunst und Kultur deutschen Einheit kamen Einrichtungen mar Hoffmann brachte dieses Credo 1979 darf sich nichts ändern. Die Welt mag un- aus der DDR hinzu, die Zahl der Theater auf den Punkt: „Jeder Bürger muss grund- tergehen, Deutschland geht ins Theater. etwa verdoppelte sich mit der Vereinigung, sätzlich in die Lage versetzt werden, An- Dabei ist eine Schuldenbremse verab- doch das erklärt längst nicht alles. Unter gebote in allen Sparten und mit allen Spe- schiedet worden, Bund und Länder müs- der Programmhoheit von „Kultur für alle“ zialisierungsgraden wahrzunehmen, und sen ihre Verschuldungen zurückfahren. Es setzte die kulturelle Aufrüstung ein. Die zwar mit einem zeitlichen Aufwand und wäre absurd zu glauben, die Kultur würde kommunalen Kulturhaushalte wuchsen oft einer finanziellen Beteiligung, die so be- davon nicht betroffen. Den kommenden zweistellig, 1979 etwa um 26,5 Prozent. messen sein müssen, dass keine einkom- Aufschrei kennen wir schon: „Die Kultur- Die Nachbarländer Deutschlands standen mensspezifischen Schranken aufgerichtet nation ist in Gefahr!“ „Kultur darf keine dabei nicht zurück. Das Ziel, die Privile- werden.“ Ware sein!“ „Theater muss bleiben!“ Ein gien des Establishments zum Komfort aller Der Glaube an die Gestaltungskraft der Ritual, tausendmal eingeübt in alten De- zu machen, leuchtete rundum ein. Kultur, an ihr Zusammenhalt und Frieden batten. Kein neues Argument in Sicht. Wie kam es dazu? Sicherlich hatte sich stiftendes Wesen ist inzwischen erlahmt. Tatsächlich sollte aber nichts so blei- in Deutschland ein großer Nachholbedarf Die 68er wollten den Umgang mit Kunst ben, wie es ist. Der staatlich finanzierte aufgebaut. Kulturpolitik hatte sich vom von der Straße her ändern. Doch Kunst Kulturbetrieb ist ein Patient, der sich Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der sech- war, ist und bleibt ein Medium der sozia- nicht für das interessiert, was jenseits sei- ziger Jahre um einen möglichst ewigkeits- len Differenzierung, der Abgrenzung und nes Krankenzimmers geschieht, wie soll- orientierten Wiederaufbau und eine Wie- Ausgrenzung. Den inneren Widerspruch te er auch, dazu ist er viel zu sehr mit derbelebung der Institutionen der Hoch- eines Programms „Kultur für alle“ kann sich selbst beschäftigt. kultur gekümmert. Das „Volk der Richter keine Politik und keine Kulturförderung Seine Geschichte beginnt in den Sieb- und Henker“ wollte durch Kultur wieder beseitigen. Da klingt das Lied vom Kul- zigern. zum „Volk der Dichter und Denker“ wer- turstaat wie eine Hymne auf Besitzstands- den. Der Bezug auf den großen europäi- wahrung. Kultur für alle schen Kulturrahmen, die Weimarer Klas- Als es nach 1989 mit den Haushaltsmit- Mit dem Grundsatz „Kultur für alle“, aus- sik, war bestimmend. Es ging um das teln etwas problematischer wurde, riefen gerufen vom Deutschen Städtetag 1973, Wahre, Schöne und Gute. alle nach Kulturmanagement. Funktionä- begannen die Vermehrung der staatli- re, Formulare und Abläufe sollten den chen Kulturbetriebe und das Wachstum * Albrecht Knaus Verlag; 288 Seiten; 19,99 Euro. Status quo sichern und die Fiktion von 136 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 137.
    GETTY IMAGES (3);DPA (3); DAPD (5); BARBIRAD (3); IMAGO (2); LAIF (3); ACTION PRESS (2); INTERFOTO; AKG; F1ONLINE; ANZENBERGER; STOCKHAUSEN; ZAPF; WEISFLOG D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 Theater- und Opernbühnen in Deutschland: Und was, wenn es sie wirklich nicht mehr gäbe? 137
  • 138.
    Kultur effizientem Mitteleinsatz erzeugen.Eine Verständigung darüber, welche öffentli- chen kulturellen Ziele mit welchen Mit- teln erreicht werden könnten, war nicht gewollt. Kulturpolitik beschränkt sich bis heute darauf, alle Wünsche zu addieren, beraten vom Deutschen Kulturrat. Die kulturelle Flutung Deutschlands wurde stets vom Angebot, nicht von der Nachfrage her gedacht. Der Vormarsch der geförderten Kultur produziert nicht Vielfalt, sondern Konformität – Überein- stimmung mit Fördermatrizen, Projekt- CHRISTIAN JUNGEBLODT / LAIF formaten und vertraglich abgesicherten Leistungen. Und: Die Nachfrage für die Angebote sinkt, weil sich die Kulturnut- zer nicht vermehrt haben. Besucher und Besucherinnen sind ein kostbares Gut, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen ist teu- er. Noch immer sind es höchstens die ge- Nofretete-Bewunderer in Berlin, Bibliotheksneubau in Stuttgart, Protest gegen Etatkürzungen beim bildeten und gutverdienenden fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung, die sich digt. Diese Kultur steht für immer. Des- Rückbau und die Diskussion der Frage, für das Hochkulturangebot interessieren. halb strebt jede kulturelle Kraft hierzu- was öffentliche Kulturförderung bewirken Und sogar der Erfolg ist paradox: Je öfter lande nach Institutionalisierung, nach soll und wie dies nachhaltig bewerkstel- ein Theaterstück ausverkauft ist, umso Aufnahme in den Kanon des Kulturstaats. ligt werden könnte, sind nicht sexy. Poli- mehr Defizite produziert es. Deshalb strebt jeder Kulturmanager in tiker eröffnen lieber ein neues Museum den Beamtenstatus. oder gründen ein weiteres Festival, als Gefangen in Unmündigkeit In Stein gefügte Einrichtungen stehen nach dem Sinn der Veranstaltung zu fra- Hinter dem Programm „Kultur für alle“ für Macht. Jemand hat sie entworfen, fi- gen. Wo es ans Eingemachte geht, handelt steht eine mächtige Tradition der deut- nanziert, gebaut. Sie kosten eine Stange man sich nur neue Feinde ein. schen Kulturgeschichte aus dem vorde- Geld – je dicker die Stange, umso größer In den geförderten Institutionen wird mokratischen 18. Jahrhundert. Bühnen die Macht. Es geht nicht allein um die die Krise der Kulturpolitik als eine Finan- und Museen waren die Schulen des neuen Frage, wie teuer diese oder jene Kunst zierungskrise empfunden, als Stagnation Bürgers, der sich sonst politisch nicht ar- ist, wie viel eine Ausstellung oder ein oder Rückgang öffentlicher Zuwendun- tikulieren konnte. Dafür ging es um das Musiktheater kosten darf. Die Spanne gen. Doch die Art und Weise, wie der öf- Große und Ganze: um die „ästhetische zwischen Kellertheater und Staatstheater fentliche Kulturbetrieb organisiert ist, Erziehung des Menschengeschlechts“ verweist vielmehr auf den politisch un- wird neuen Herausforderungen nicht ge- (Friedrich Schiller). Das demokratische termauerten Anspruch, dass am einen recht. Der langjährige Direktor der Ham- Projekt des mündigen, selbstbestimmten Ende höchste Kunst entsteht, indem sie burger Kunsthalle, Uwe Schneede, fasste Bürgers aber stand von Anfang an im Wi- ihrer Selbstfinanzierung praktisch entho- dies in einer Anhörung der Enquete-Kom- derspruch zum ästhetischen Projekt des ben ist, und am anderen Ende flüchtiges mission „Kultur in Deutschland“ für die Kunstbürgers. Der Kunstbürger muss eine Vergnügen. Dieser Anspruch bleibt den Museen zusammen: Es herrschten „weit- bestimmte ästhetische Qualifikation er- großen Institutionen eingeschrieben. Kei- gehend veraltete Strukturen, zu viel Ver- reichen, die nicht für alle erreichbar sein ne schafft es, gegen ihr Existenzgesetz zu waltung, zu viel Mitsprache von Politik darf. Sonst würde die Distinktion hinfäl- handeln. und Administration, ein zu starres Haus- lig, die den Kunstbürger erst ausmacht. Es ist so kein Zufall, dass die Exkursio- haltssystem, zu wenig aktive Öffnung Man kann den rasanten Ausbau der nen der deutschen Bühnen ins Antithea- zum Publikum, zu wenig Selbständigkeit, kulturellen Infrastruktur als die letzte ter der siebziger Jahre scheiterten, dass Leistungskontrolle und Selbstbewusstsein Offensive des vordemokratischen Modells die Provokateure der achtziger Jahre heu- im Umgang mit Mäzenen, Sponsoren und des Kunstbürgers interpretieren. Aller- te Opern inszenieren und im System fest Privatsammlern“. dings ist ein zentrales Axiom von Demo- etabliert sind. Die Provokation war ein Kulturpolitik ist in einer selbstverschul- kratie hinzugekommen: die Freiheit. Al- Sturm im Wasserglas. Immerhin gibt es deten Lähmung. Sie sieht sich in der les muss zulässig sein, jede Aussage und jetzt mehr nackte Haut und originelleres Pflicht, bei sinkenden Haushalten eine jede Form. Die Freiheit der Kunst, ge- Dekor, doch Oper bleibt Oper. Noch im- bleibende, ja wachsende Zahl von Struk- dacht als Schutz vor politischer Repres- mer ist sie rituelle Opulenz. Ihr Gewicht turen zu erhalten. Indem sie dies tut, trägt sion, wandelt sich zur Befreiung von der zementiert ihre Macht. sie dazu bei, dass öffentliche Kulturein- Nachfrage, manifest in Institutionen mit richtungen von der privaten Konkurrenz Selbstfinanzierungsgraden von rund 15 Bedeutungserosion abgehängt werden. Prozent. Wir leben im Paradies. Wer Kunst für Einen Ausweg aus der Stagnation gibt Demokratisch mutet der Staat jedem sein Dasein benötigt, findet sie reichlich es nur, wenn es gelingt, das System der Bürger, jeder Bürgerin eine Mündigkeit und zu günstigen Preisen. Immer unüber- Kulturförderung neu auszurichten. Es ist im Urteilen und im Gestalten seines Le- sehbarer werden die Nebenfolgen: stän- an der Zeit, die Ziele von Kulturförde- bens zu. Die Kulturpolitik spricht sie ihm diges Wachstum der Produktionskosten rung neu zu fassen, dann die Strukturen gleichzeitig ab. Sie nimmt ihn an die Lei- bei laufend sinkenden Kartenpreisen (ge- der öffentlichen Kulturförderung umzu- ne der kulturellen Erziehung. schuldet der scharfen Konkurrenz und bauen. Öffentliche Kultur kann von der Die Programme des Kulturbetriebs dem pädagogischen Anspruch), die kul- Kulturwirtschaft lernen. Das Existenz- sind zwar etwas bunter geworden, doch turelle Segregation, die Hinwendung der risiko, welches die privaten Kulturbetrie- das ändert nichts daran, dass er unter al- Jugend zu den digitalen Formen kulturel- be umtreibt, zwingt diese zu ständiger In- len Umständen seine Privilegien vertei- ler Konsumption. Allein, der notwendige novation. Solche Sorgen nehmen Staat 138 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 139.
    BACH / ACTIONPRESS OLIVER FANTITSCH Deutschen Schauspielhaus in Hamburg: Politiker eröffnen lieber ein neues Museum, als nach dem Sinn der Veranstaltung zu fragen und Kommunen ihren Kulturbetrieben Ausbau, durch Ausweitung der Förder- voll, wenn sie eine Nachfrage finden. weitgehend ab. So angenehm und wär- kreise. Doch angesichts von 13-stelligen Dass es ein solches Angebot gibt, geht mend dies erscheint, so gefährlich ist es. Staatsschulden ist damit wohl Schluss. auf kulturelle, bildungsbezogene, ge- Um eine eigene Zukunftsposition auf- Die vorhandenen institutionellen Struk- schichtliche, sozialpolitische oder staat- zubauen, benötigen kulturelle Einrichtun- turen der geförderten Kultur absorbieren lich-repräsentative Erwägungen zurück. gen eine Vorstellung von sich selbst, ihrer einen zu großen Teil der kulturellen Mit- Öffentliches Geld begünstigt oder vergrö- Rolle und ihrem Markt. Misserfolge wie tel. Durch ihr pures Gewicht verhindern ßert das Angebot in der Absicht, die Erfolge im Markt müssen sich für Kultur- sie Innovation. Ein Rückbau muss kom- Nachfrage zu stimulieren. einrichtungen auswirken, neben aller Sub- men, nicht wegen der wirtschaftlichen Diese Klassifikation spielt in der kul- vention. Dass Kultureinrichtungen im Krise, sondern wegen der Immobilität, in turpolitischen Diskussion derzeit keine Markt erfolgreich agieren können, setzt der das kulturelle System sich befindet. Rolle. Für öffentliche Güter und Dienst- voraus, dass der Markt nicht mit geför- Das wird hart, da die parlamentarische leistungen müsste kulturpolitisch festge- derten Institutionen überbesetzt ist, die Demokratie sich mit neuen Versprechen legt werden, in welchem Umfang und sich gegenseitig das Publikum abjagen leichter tut als mit dem Rückbau, der nach welchen Verfahren sie zu erbringen und sich im Wettrennen um Förderung Wähler kostet. sind. Für meritorische Güter müsste fest- überbieten. Der Rückbau schafft die Gelegenheit, gelegt werden, welchen öffentlichen Zie- Politik hat der geförderten Kultur einen sich über ein paar ordnungspolitische len sie dienen, ob und wie kulturelle immer kostspieligeren Platz eingeräumt, Prinzipien klarzuwerden, auf die unsere Angebote in größerem Umfang oder ver- getrieben vom Wachstumsglauben und Staaten bauen und die auch im Kulturbe- billigt auf dem Markt erscheinen sollen. den sprudelnden Steuern der Boomjahre. reich zur Anwendung kommen sollten. Und es stellt sich auch die Frage, wie viel Die Idee, dass die öffentliche Kultur sys- Klassifiziert man kulturelle Güter in drei Angebotsvermehrung und welche Ver- temrelevant sei, jede Produktionsstätte Kategorien, wird vieles deutlicher. billigung notwendig sind, um diese Ziele unverzichtbar, ist nur ein Versuch, die (1) Wirtschaftsgüter werden von priva- zu erreichen. Immer ist – ein ordnungs- Präsentation der Rechnung hinauszuzö- ten Anbietern auf die Märkte gebracht, sie politischer Grundsatz der sozialen Markt- gern. Kultur profitierte von all den Bla- unterliegen dem Gesetz von Angebot und wirtschaft – eine Lösung, die im Markt sen, die unsere Ökonomie befeuert und Nachfrage. Wenn der Bedarf das Angebot entsteht, dem meritorischen Eingriff vor- die Staatskasse gefüllt haben. „Mehr Kul- übersteigt, spricht man von knappen Gü- zuziehen. tur“ legte sich als glänzendes Dekor über tern und Dienstleistungen. Ist die Nach- Wenn aber von Kultur die Rede ist, den Finanzkapitalismus, der nebenher frage nach einem künstlerischen oder kul- wird immer gleich alles, was ist, für not- fleißig kritisiert wurde; neuerdings auch turellen Gut hoch, das Angebot aber wendig und unverzichtbar erklärt, ohne dafür, dass er nicht mehr funktioniert. Da- knapp und sind die Märkte nicht reguliert, Ziele und Wirkungen von Förderung für macht das Wort von der Wertschöp- so werden die Preise in die Höhe schnellen überhaupt in den Blick zu nehmen. Und fung jetzt die Runde. Kultur, so die Hoff- – das kennt man vom Kunstmarkt. so kann sich noch jedes Angebot hinter nung, könne das Perpetuum mobile sein, (2) An der Herstellung öffentlicher Gü- dem Globalziel „Kultur für alle“ wegdu- das mit unbegrenzter Kreativität die Wis- ter und Dienstleistungen hat der Staat ein cken – ohne weitere Pflichten. sensgesellschaft antreibe. primäres Interesse, er entzieht sie deshalb Was wäre, wenn die Hälfte der Theater Tatsächlich aber ist die Kultur binnen dem Marktmechanismus durch Konkur- und Museen verschwände, einige Archive 40 Jahren zu einem normalen Politikfeld renzausschluss. Archivwesen und Denk- zusammengelegt und Konzertbühnen pri- geworden, in dem bewahrende und ver- malschutz sind in Deutschland und vielen vatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen ändernde Kräfte um mittlerweile 9,6 Mil- Ländern Europas gesetzlich gebunden, in Deutschland, 70 staatliche und städti- liarden Euro jährlich ringen. Warum das sachliche Mindeststandards festgelegt. sche Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken besondere Schonung verlangt, ist unbe- (3) Meritorische Güter: Die überwie- statt 8200 – wäre das die Apokalypse? greiflich. gende Anzahl der Förderfälle gehört zu Was, wenn die frei gewordenen Mittel einer dritten Kategorie von Gütern und sich verteilten auf die verbleibenden Die Hälfte genügt Dienstleistungen. Die Kunstausstellung, Einrichtungen, auf neue Formen und Die Gretchenfrage lautet: Wo nimmt Kul- der Theaterabend, die Musikstunde in Medien kultureller Produktion und Dis- turpolitik den Spielraum her, um Zukunft der Musikschule oder der Alphabetisie- tribution, auf die Laienkultur, die Kunst- zu gestalten? Bisher geschah das durch rungskurs in der VHS sind erst dann sinn- ausbildung und eine tatsächlich interkul- D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 139
  • 140.
    Kultur turell ausgerichtete kulturelleBildung? Das hieße, das Mantra der „Kultur für alle“ fallenzulassen, dem Individuum für Bestseller seine Entwicklung die Selbstverantwor- tung zu überlassen, nachfrageorientierter Belletristik zu produzieren und, am wichtigsten, die 1 (2) Jonas Jonasson Der Hundertjährige, der aus dem erneuernden Kräfte zu stärken. So wäre Fenster stieg und verschwand Zukunftsfähigkeit wieder Teil der Kultur- Carl’s Books; 14,99 Euro politik. 2 (1) Jussi Adler-Olsen Wenn wir optimistisch schätzen, würde Das Alphabethaus die Halbierung zwei der knapp zehn öf- dtv; 15,90 Euro fentlichen Milliarden in Deutschland frei- 3 (3) Daniel Glattauer setzen. Das wären vielleicht 8000 Einrich- Ewig Dein tungen, jede im Schnitt mit einer viertel Deuticke; 17,90 Euro Million subventioniert. Die Mittel kämen 4 (4) Christian Kracht fünf Zwecken zu, die für Entwicklung, Imperium Kiepenheuer & Witsch; 18,99 Euro Zukunftsoptimismus, strukturellen Um- bau und soziale Integration stehen. 5 (5) Dora Heldt Bei Hitze ist es wenigstens Der erste Teil würde dazu dienen, die nicht kalt dtv; 14,90 Euro überlebende Hälfte der öffentlichen Kul- 6 (6) Paulo Coelho turinfrastruktur finanziell angemessen Aleph Diogenes; 19,90 Euro auszustatten. Über Bedeutung und An- 7 (7) Jussi Adler-Olsen ziehungskraft verfügt nur, was Klasse hat. Schändung Klasse kostet. Ausgestattet mit einem er- dtv; 14,90 Euro weiterten Auftrag, bis zur Übernahme so- 8 (8) Jussi Adler-Olsen zialer Verantwortung im kommunalen Erlösung Umfeld, werden die Institutionen der Zu- dtv; 14,90 Euro kunft nicht günstiger, auch wenn man ih- 9 (–) Javier Marías nen höhere Selbstfinanzierungsgrade auf- Die sterblich erlegt. Statt nur Intendanten anzustellen, Verliebten S. Fischer; 19,99 Euro müsste man alle paar Jahre auch den Auf- trag der Institutionen in einen Wettbe- werb geben, um Veränderungen jenseits Amouröser Krimi voller Wen- ästhetischer Trends abzuholen. dungen: Täglich beobachtet Den zweiten Teil bekäme die Laienkul- eine junge Frau ein tur, die anders als die Institutionen der Ehepaar – bald darauf wird der Mann ermordet Hochkultur eine sozial integrative und kulturvermittelnde Funktion wahrnimmt 10 (–) Arne Dahl und Identifikation mit der Gesellschaft Gier herstellt. Hilfe brauchen jene Strukturen, Piper; 16,99 Euro die Laienkultur ermöglichen und voran- 11 (9)Kerstin Gier treiben. Je knapper die Gemeinden bei Auf der anderen Seite ist das Kasse sind, umso weniger stille Leistun- Gras viel grüner Bastei Lübbe; 12,99 Euro gen erbringen sie für die Amateure. 12 (11) Frank Goosen Der dritte Teil flösse in die noch nicht Sommerfest Kiepenheuer & Witsch; 19,99 Euro existente Kulturindustrie, die nationale und globale Ambitionen vereint. Die För- 13 (10) Suzanne Collins derung digitaler Distribution sowie ein Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele Oetinger; 17,90 Euro klares und einfaches Urheberrecht müss- ten dazugehören, Kulturparks und Busi- 14 (–) Moritz Matthies Ausgefressen ness-Coaching für Start-ups, günstige Scherz; 13,99 Euro rechtliche und ökonomische Rahmenbe- 15 (13) Stephen King dingungen. Kulturindustrie ist mehr als Der Anschlag Kunstproduktion und Kunsthandwerk, Heyne; 26,99 Euro weit mehr als Beschäftigung. Sie ist Her- 16 (16) Christopher Paolini stellung und Vertrieb von ästhetischen Er- Eragon – Das Erbe der Macht lebnissen in Warenform mit dem Willen cbj; 24,99 Euro zum Erfolg. Kulturindustrie setzt auf Un- 17 (12) Eugen Ruge ternehmergeist. In diesem Projekt liegen In Zeiten des abnehmenden Lichts höchste Schwierigkeiten. Denn es impli- Rowohlt; 19,95 Euro ziert, dass Kunst als Ware auch Kunst ist 18 (14) Ally Condie und dass es nützlich ist, Kulturgelder in Die Flucht – Cassia & Ky, Band 2 FJB; 16,99 Euro eine Ökonomie der Ästhetik zu lenken, die tatsächlich nachfrageorientiert funk- 19 (15) Ursula Poznanski Fünf tioniert und dafür besonders innovativ Wunderlich; 14,95 Euro sein muss. 20 (18) Rita Falk Der vierte Teil würde an die Hochschu- Schweinskopf al dente len für Kunst, Musik, Design verteilt. Sie dtv; 14,90 Euro müssen zu Produktionszentren ausgebaut 140 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 141.
    Im Auftrag desSPIEGEL wöchentlich ermittelt vom werden, wo nicht nur Theorie gebüffelt Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- und Konzeptkunst erstellt, sondern im kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller Verbund mit Produzenten am Markt – Filmherstellern, Galerien, öffentlichen Sachbücher und privaten Museen, Verlagen, Konzert- 1 (1) Joachim Gauck veranstaltern, Radio- und Fernsehstatio- Freiheit Kösel; 10 Euro nen – die Produkte dem laufenden Wirk- 2 (2) Rolf Dobelli lichkeitstest unterworfen werden. Das Die Kunst des klaren Denkens Hanser; 14,90 Euro wäre das Gegenteil von Elfenbeintürmen 3 (7) Gian Domenico Borasio des europäischen Kultur- und Zukunfts- Über das Sterben skeptizismus, das Gegenteil von Kapellen C. H. Beck; 17,95 Euro für die Anbetung staatlicher Garantien. 4 (6) Walter Isaacson An deren Stelle stünden selektive Syste- Steve Jobs me für Künstler und Kulturmanager, die C. Bertelsmann; 24,99 Euro vom ersten Tag an für diverse Publika 5 (4) Martin Wehrle produzieren und sich als Unternehmer Ich arbeite in einem Irrenhaus erproben. Econ; 14,99 Euro Die letzte Tranche ginge an eine ge- 6 (3) Rudi Assauer mit Patrick Strasser genwartsbezogene kulturelle Bildung: Wie ausgewechselt eine Bildung, die uns türkische Kunst, Riva; 19,99 Euro amerikanische Kulturindustrie oder chi- 7 (–) Hans-Ulrich Grimm nesischen Nationalismus näherbringt. Vom Verzehr wird abgeraten Droemer; 18 Euro Oder andere kulturelle Kräfte, die die Gegenwart gestalten. Sie zu verstehen 8 (5) Hellmuth Karasek Soll das ein Witz sein? ist so wichtig, wie die deutsche Klassik Quadriga; 16,99 Euro oder die Literatur der Vorkriegszeit zu 9 (–) Wibke Bruhns kennen. Was wir derzeit über sie lernen, Nachrichtenzeit stammt höchstens aus der „Tagesschau“. Droemer; 22,99 Euro Also nichts. 10 (10) Dieter Nuhr Der ultimative Ratgeber für alles Ein subsidiärer Schluss Bastei Lübbe; 12,99 Euro Kunst entsteht nicht durch Kulturpolitik. 11 (14) Mark Benecke / Lydia Benecke Doch Kulturpolitik kann das Entstehen Aus der Dunkelkammer des Bösen von Kunst erleichtern. Verstünde sie dies Bastei Lübbe; 14,99 Euro als ihre Aufgabe, wäre der Unterschied 12 (8) Siddharta Mukherjee zur gegenwärtigen Politik groß. Aus der Der König aller Krankheiten – Krebs – eine Biografie Zukunft zurückgeschaut, liegt dieser Un- DuMont; 26 Euro terschied darin, dass das Erlebnis nicht 13 (9) Erich Honecker mehr gerichtet wird, dass der erzieheri- Letzte Aufzeichnungen sche Anspruch wegfällt, dass Kulturpoli- edition ost; 14,95 Euro tik sich keine moralischen Urteile mehr 14 (11) Thea Dorn / Richard Wagner anmaßt. Sie ist weder auf einen idealen Die deutsche Seele Endzustand ausgerichtet, noch ist sie Ad- Knaus; 26,99 Euro vokatin einer bestimmten Ästhetik. Sie 15 (13) Richard David Precht ist ein dynamisches Regelsystem. Um die Wer bin ich – und wenn ja, Dynamik zu erhalten, baut sie auf Wider- wie viele? Goldmann; 14,95 Euro sprüche, statt sie auszublenden. Sie will 16 (12) Edmund de Waal nicht die Zähmung optimieren, sondern Der Hase mit den Bernsteinaugen die Kollision. Zsolnay; 19,90 Euro Heute ist Kulturpolitik ein anonymer 17 (16) Tomáš Sedláček Auftrag an viele zur normativen Anpas- Die Ökonomie von Gut und Böse Hanser; 24,90 Euro sung an wenige. Morgen könnte Kultur- 18 (15) Richard David Precht politik eine große Möglichkeit für alle Warum gibt es alles und nicht sein. Doch dafür braucht sie ein Prinzip. nichts? Goldmann; 16,99 Euro Es existiert bereits und heißt Subsidiarität. 19 (–) Rudolf Hickel Es gilt als eines der tragenden politischen Zerschlagt die Prinzipien der Europäischen Gemein- Banken schaft. Econ; 14,99 Euro Subsidiarität ist der technische Aus- druck dafür, dass es keine übergreifenden Systeme geben soll, nur Regeln, in denen Der Bremer Ökonom die Menschen, frei und ihrer selbst mäch- nennt Gründe für die Krise und entwickelt tig, sich entfalten. Dieser Grundsatz ge- ein Modell für ein hört in jede zeitgemäße Kulturpolitik. Sie besseres Finanzsystem stärkt die Position des Individuums zu Lasten der Institutionen. Sie fördert die 20 (17) Joachim Fuchsberger Altwerden ist nichts für Feiglinge Beziehungen zu Lasten der Strukturen. Gütersloher Verlagshaus; 19,99 Euro Sie gestaltet unvermeidliche Veränderun- gen, statt sie zu behindern. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 141
  • 142.
    Kultur SPI EGEL-GESPRÄCH „Das mit der Wahrheit ist Quatsch“ Die Fotokünstler und Nachbarn Andreas Gursky und Thomas Ruff über die Glaubwürdigkeit von Bildern und die Zukunft der Fotografie Z wei der berühmtesten Fotografen SPIEGEL: Herr Gursky, Herr Ruff, für Ihre unsere Bilder, technisch gesehen, tatsäch- der Welt leben und arbeiten weni- Kunst ist der Computer wichtiger als die lich keine Fotos sind. Es sind Pigment- ge Schritte voneinander entfernt in Kamera. Sie verändern Fotos digital. Wür- drucke, also gedruckte Dateien. Düsseldorf. den Sie sich noch als Fotografen bezeich- Ruff: Die Fotos, die ich brauche, mit denen Thomas Ruff hat sich hier von den nen? ich mich beschäftige, kann ich nicht selbst Schweizer Architekten Herzog & de Meu- Ruff: Wenn Sie damit jemanden meinen, machen. Ich kann den Mars oder den Sa- ron vor kurzem ein Atelier bauen lassen, der seine Bilder ausschließlich mit dem turn nun einmal nicht aus nächster Nähe außen Holz, innen grauer Beton, 1600 Fotoapparat herstellt, dann bin ich keiner fotografieren. Eine Raumsonde der Nasa Quadratmeter groß. Man könnte dort auf- mehr. kann das, und ich benutze dieses phan- wendige Fotos produzieren. Doch die Bil- SPIEGEL: Was sind Sie dann? Ein Foto- tastische Material. der, die an den Wänden hängen, sind am künstler? Gursky: Ich habe für meine Ozean-Bilder Computer entstanden. Sie zeigen den Sa- Ruff: Das ist ein Schimpfwort, jedenfalls auch Satellitenaufnahmen verwendet. turn und in 3-D den Mars, es sind wie im- für mich. Es klingt nach einem Künstler Auf die Idee zu dieser Serie kam ich, als mer bei ihm riesige Formate. Sie wirken zweiten Grades. ich zu einer Ausstellungseröffnung nach trotzdem ein wenig verloren, so verloren Gursky: Ich sehe das anders. Künstler, Fo- Australien reiste und im Flugzeug nachts wie der Künstler selbst in diesen weitläu- tograf, ich denke, ich bin beides. Obwohl den Monitor mit den Landkarten anstarr- figen Hallen. Ruff, 54, wohnt te. Irgendwann sah man fast auf der anderen Straßenseite nur noch Blau, kaum noch in einem ehemaligen Umspann- Land, die Welt war wie ein mo- werk, sein Nachbar in dem Ge- nochromes Bild, mich hat das bäudekomplex ist Andreas an die Gemälde des abstrakten Gursky, 57. amerikanischen Expressionis- Die beiden kennen sich seit mus erinnert. Ich hatte eine ihrer Studienzeit an der Düs- Bildidee, nur kann man das, seldorfer Akademie. Beide was ich zeigen wollte, nicht fo- prägten das, was wir unter tografieren. zeitgenössischer Fotografie ver- SPIEGEL: Also haben Sie am stehen. Gurskys Supermarkt- Computer Satellitenbilder zu- und Raverpanoramen, Ruffs sammenmontiert. Ansichten vom Sternenhimmel Gursky: Ich war auf das Material und Verfremdungen von Por- angewiesen, um zu einem op- noseiten gingen in die Kunst- timalen Ergebnis zu kommen. geschichte ein. Gursky ist zu- Das klingt jetzt sicher sehr tech- gleich der teuerste Fotokünst- nisch. ler der Welt, seine Arbeiten SPIEGEL: Ist es doch auch. werden bei Auktionen für Gursky: Aber am Anfang steht mehr als drei Millionen Euro eben immer das reale visuelle versteigert. Auch seine Kunst Erlebnis, es ist Pate für die Bild- entsteht längst am Computer, findung. Im vergangenen Jahr er montiert sie aus solchen bin ich durch Bangkok gefah- Fotos zusammen, die er meis- ren, weil ich eine noch unver- tens, immerhin, noch an realen öffentlichte Serie erweitern Schauplätzen aufnimmt. wollte. Ich habe aus einem Ruffs Serien werden derzeit zweistöckigen Nahverkehrszug im Haus der Kunst in München heraus fotografiert, fünf Tage ausgestellt. Gursky wird im lang. Dann stellte ich fest, dass Louisiana Museum im däni- dieses Material unbrauchbar ANDREAS TEICHMANN / DER SPIEGEL schen Humlebaek gewürdigt. war. Es passte nicht zu dem, Dort ist unter anderem sein was ich im Sinn hatte. Als ich neues Bilderkonvolut „Oceans“ ein, zwei Tage später an einer zu sehen, mit dem er einen Bootsanlegestelle stand und neuen Blick auf die Weltmeere auf den Shuttle wartete, fiel ermöglicht. Die beiden haben noch nie ein gemeinsames In- Das Gespräch führte die Redakteurin terview gegeben. Kollegen Ruff, Gursky: „Eine geheizte Garage würde auch reichen“ Ulrike Knöfel. 142 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 143.
    THOMAS RUFF /VG BILD-KUNST, BONN 2012 (L.); ANDREAS GURSKY / VG BILD-KUNST, BONN 2012, COURTESY SPRÜTH MAGERS BERLIN LONDON (R.) Werke aus Bilderserien von Ruff („ma.r.s. 13“, 2011) und Gursky („Ocean II“, 2010): „Keine Lust auf Regeln“ mir die ungewöhnliche Farbe des Chao- SPIEGEL: Wie soll man das, was Sie tun, SPIEGEL: Der Kunst wird abverlangt, Wahr- Phraya-Flusses auf. Das waren merkwür- denn nun bezeichnen? heiten zu finden, die Realität zu kommen- dige, sehr abstrakte Reflexionen auf dem Gursky: Wir machen Bilder. Und vielleicht tieren. Kunst soll kritisch sein, besser Wasser, ich war vollkommen fasziniert. gibt es, wenn man sich an diesen Ober- noch brisant oder gar subversiv. Das war es, dieser Moment war wichtig, begriff hält, plötzlich keinen so großen Gursky: Wenn ich zu dem Ergebnis kom- daraus entstand eine neue, andere Bild- Unterschied zwischen Malerei und Foto- me, ein Bild sage nichts über den Status idee. grafie. quo dieser Welt aus, lasse ich es. Zivili- SPIEGEL: Andreas Gursky reist durch die Ruff: Wir arbeiten gegen die Bilderflut an. sationsmüll, der im Wasser des Chao Welt, Thomas Ruff sitzt im Atelier? Wir setzen dicke, schwere Bilder dagegen. Phraya schwimmt, ist mir wichtig, weil Ruff: Ich bin der geborene Atelierkünstler, Gursky: Aber das sind wenige Bilder, 10 er etwas über den Zustand unserer Welt und ich gehe am liebsten ins Atelier, ohne pro Jahr. verrät. Also erscheint er auch auf meinen mir etwas Konkretes vorzunehmen. Ich Ruff: Bei mir sind es 50, 60, die ich in Bildern. Aber erst einmal zählt das Bild tauche dann ein in ganz alltägliche Bild- Serien zusammenfasse. Zurzeit mache an sich. Mir geht es ums Bild, nicht um welten, die uns überall begegnen, in der ich Science-Fiction, ich zeige den Mars, Inhalte. Zeitung, in Zeitschriften, im Internet. Man- als wäre er greifbar. Das ist vorstellbar, SPIEGEL: Ein fast schon provokantes Be- che Bilder, die ich speichere, vergesse ich Science-Fiction ist immer vorstellbar. Viel- kenntnis in dieser auf Botschaften fixier- wieder, andere lassen mich nicht los. Dann leicht will ich gerade mit diesen Bildern ten Kunstwelt. beginne ich mit dem Material zu arbeiten. den Stand der Fotografie 2012 diskutieren: Ruff: Wir gestalten nun einmal Bilder. Und Gursky: Ich könnte mich nicht so treiben Was ist wahr, was ist falsch, was ist vor- wir gestalten sie nach unseren Vorstellun- lassen. Ich brauche eine innere Gewiss- stellbar? Glauben wir den Bildern? gen. Dabei ist alles erlaubt, was sich der heit, eine Idee, die ich verfolge. Gerade SPIEGEL: Dürfen wir Ihren Bildern glauben, Künstler vorstellt. Ich zum Beispiel habe weil ich an einem Bild jeden Zentimeter auf denen immer alles so eindrucksvoll auch keine Lust, auf die traditionelle bearbeite, weil das viel Zeit kostet. Auch aussieht, aber nicht alles echt ist? Fotografie und auf ihre Regeln Rücksicht für mich gibt es, wenn ich von einer Reise Ruff: Glauben Sie der Malerei, glauben zu nehmen. zurückkomme, oft monatelang kein Her- Sie einem Porträt, das Lovis Corinth um SPIEGEL: Begeistert die Leute, dass sich in auskommen aus dem Atelier. 1900 gemacht hat? Die Frage nach der Ihren Bildern Fiktion und Realität so SPIEGEL: Im Grunde führen Sie also beide Wahrheit taucht immer nur bei der Foto- schön vermischen? das Leben von Computerverrückten. grafie auf. Die wird einem Bildhauer, ei- Gursky: Ich betreibe keinen digitalen Sur- Ruff: Für das, was ich hauptsächlich ma- nem Maler nicht gestellt. Und auch in der realismus. Ich führe mit Hilfe des Com- che, würde jedenfalls eine geheizte Ga- Fotografie ist das mit der Wahrheit eine puters mehrere Aufnahmen, also mehrere rage reichen. Illusion, also Quatsch. Momente, in einem Werk zusammen. Das D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 143
  • 144.
    Kultur entspricht einer filmischenVor- leicht wieder auf klassische gehensweise, ist aber nicht we- Weise Fotos machen, vielleicht niger wahrhaftig. Es ist eher sogar mit einer analogen Ka- eine Verdichtung von Realität. mera? Es gibt nicht nur die eine Ruff: Ich kann mit einem Fo- gültige Form der Fotografie, toapparat umgehen, ich habe und es gibt auch mehr als eine das nicht verlernt. Ich würde Ausprägung von Authentizität. auch nicht sagen, dass die klas- THOMAS RUFF / VG BILDKUNST BONN 2012 Es geht nicht darum, dass Bil- sische Fotografie tot ist. Aber der wahr sind, sondern darum, ich wüsste zurzeit nicht, was dass sie stimmig sind. mich daran reizen sollte. Ruff: Ich würde gern alle Fotos, Gursky: Ich kann mich gar nicht die ich benutze, auch selbst mehr daran erinnern, wann machen, und das wäre dann in ich das letzte analoge Foto Ihrem Sinne authentischer, aufgenommen habe. Als Pro- aber das ist ein Ding der fessor an der Akademie stelle Unmöglichkeit, denken Sie an ich ein Interesse, eine Neugier die Weltraumfotos. Soll ich für die traditionelle Foto- deshalb auf die Bilder ver- grafie fest. Ich glaube, diese zichten? Nein. Das fremde Bild junge Generation, die jetzt stu- wird durch die Bearbeitung diert, hat noch nicht entschie- endgültig zu meinem Bild. den, welche Richtung sie ein- Es besitzt eine Aussagekraft, schlägt. die ich ihm gegeben habe, also SPIEGEL: Auch Sie, Herr Ruff, ist es in diesem Sinne authen- waren Professor an der Akade- tisch. Das Problem ist ein an- mie in Düsseldorf, haben sich deres. dann aber zurückgezogen. SPIEGEL: Welches? Unterhalten Sie sich manchmal Ruff: Als ich anfing, fehlte den mit Andreas Gursky darüber, Kunsthistorikern und Kritikern was Sie alles – meistens fast das Vokabular für unsere Art gleichzeitig – erreicht haben, der Fotografie, man sprach etwa über Ihren Platz in der über uns wie über Maler; An- Kunstgeschichte? dreas zum Beispiel wurde mit Ruff: Über unsere Karriere, dar- Caspar David Friedrich ver- über, wie es zu all dem gekom- ANDREAS GURSKY / VG BILD-KUNST, BONN 2012, COURTESY SPRÜTH MAGERS BERLIN LONDON glichen. Später haben die alle men ist, haben wir noch nie nachgerüstet, haben eine Be- gesprochen. So oft treffen wir grifflichkeit entwickelt. Inzwi- uns aber auch nicht. schen ist aber auch die Foto- SPIEGEL: Ihre Haustüren sind ein grafie schon wieder in ein ganz paar Meter voneinander ent- neues Zeitalter eingetreten, fernt. und erneut fehlen Begriffe. Gursky: Wir haben beide Fa- Schon wieder hängen alle hin- milie, wir haben beide ein gu- terher. tes Arbeitspensum, und so SPIEGEL: Was genau kann denn schmort jeder im eigenen Saft. nicht formuliert werden? Aber natürlich sind wir Freun- Gursky: Viele Experten versu- de, auch wenn wir uns nicht chen den Werken Informa- ständig sehen. tionen zu entlocken, eine Ge- SPIEGEL: Sehen Sie sich auch als schichte darin zu entdecken. Konkurrenten? Bilder sollen, so denken viele, Gursky: Generell denke ich, dass etwas erzählen – doch das Wettbewerb wichtig ist. Ein wäre Journalismus. Und wenn Steve Jobs brauchte einen Bill Kunstwerke auch noch an- Gates. Man spiegelt sich und fangen literarisch werden zu Ruff-Werk „Nudes lu 10“ 1999, Gursky-Foto „Nha Trang“ 2004 fordert sich heraus. Aber wir wollen, langweilt mich das. Ich „Es geht ums Bild, nicht um Inhalte“ haben uns nie als echte Kon- muss keine Geschichten er- kurrenten gesehen. Ich habe finden. Wir machen das beide nicht. Beim Kolorieren der Bilder etwa gehe ich großen Respekt vor seiner Arbeit, ich Wir beide vertrauen den Bildern, und intuitiv vor. bewundere ihn, da ist kein Gefühl der die Bilder folgen ihrer eigenen Sprache SPIEGEL: Wie ein Cézanne an der Tastatur? Gegnerschaft. und Grammatik, die sich eben nicht mit Ruff: So in etwa. SPIEGEL: Wollen Sie beide eigentlich, in dem üblichen begrifflichen Denken Gursky: Ich werde nicht zum Impressio- guter Nachbarschaft, gemeinsam alt deckt. nisten, auch die Farbgebung ist durch- werden? SPIEGEL: Wie viel Zufall erlauben Sie Ihrer dacht. Aber es schleichen sich trotzdem Gursky: Wir haben uns das so konkret durchkomponierten Kunst? immer Zufälle ein, und die lasse ich nicht vorgenommen, aber das wird so Ruff: Weil wir die Bilder mit dem Compu- auch zu. kommen. Vielleicht treten wir dann sogar ter bearbeiten, denkt man, wir wollten SPIEGEL: Wie wird sich die Fotografie als Duo auf. Wir wären unschlagbar. die absolute Kontrolle darüber ausüben, oder die Kunst mit fotografischen Bil- SPIEGEL: Herr Gursky, Herr Ruff, wir dan- aber das stimmt in meinem Fall nicht. dern entwickeln? Werden Sie selbst viel- ken Ihnen für dieses Gespräch. 144 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 145.
    Konfliktthema Chancengleichheit* Japsen müssen nur die Gestrandeten eben nicht reüssiert. Trotz gleicher Aus- bildung, vergleichbarem sozialem Hinter- grund et cetera pp. liegt der Anteil weib- licher Führungskräfte in Deutschland bei 15,6 Prozent. Die jungen Frauen, die bei ihrem Karrierebeginn mit paternalisti- schem Wohlwollen betrachtet und geför- dert werden, sie kommen nicht weit. STANISLAS MERLIN/CULTURA / CORBIS Dafür gibt es offensichtliche Ursachen: das Steuerrecht, den Mangel an Ganztags- schulen und all das andere Gedöns. Ent- scheidend aber ist die soziale Erfahrung, dass es für Männer unter sich einfach ge- mütlicher ist. Das Patriarchat hat sich für seine Nutznießer hervorragend bewährt. Vor allem ist es ihnen so selbstverständ- lich wie das Wasser dem Fisch. Japsen müssen nur die Gestrandeten. GLEICHBERECHTIGUNG Nicht erst vom Mond aus, sondern schon in Skandinavien erscheint ein Me- Es macht keinen Spaß dium wie der gedruckte SPIEGEL als ein Reservat der fünfziger Jahre: 26,7 Prozent Frauen in der Textredaktion des Nach- richten-Magazins, drei stellvertretende Warum die Frauenquote undemokratisch ist – Ressortleiterinnen; alle anderen leitenden und wir sie trotzdem brauchen. Von Elke Schmitter 25 Posten sind männlich besetzt. Die In- dustrie mag sich Monokulturen leisten können, die Medien nicht. Es ist ihre Auf- um in einer Ressortleiterkonferenz zu sit- „Demokratie ist schön. Macht aber viel Arbeit.“ gabe, die Gegenwart zu spiegeln und zu (BEINAHE KARL VALENTIN) zen, erfolgreich genug, um dabei zu sein. analysieren, und über sie entscheidet sich Aber eben nicht: erfolgreich genug, um vor allem, wie wir uns selber wahrneh- V ersuchen Sie ein kleines Experi- dazuzugehören. Es macht keinen Spaß. men. Was am Privaten aber politisch ist ment: Versetzen Sie sich in die Vor allem aber hindert es beim Arbeiten. und welche Erfahrung von öffentlichem Lage eines Chinesen, der mit 19 Die Wissenschaft weiß längst, dass das Interesse, wird nicht im Kopf, sondern Amerikanern in einer Konferenz sitzt. Er rationale Verstehen das geringste Ergeb- am Konferenztisch entschieden. trägt einen Anzug, er spricht Englisch, nis einer Verständigung ist. Wenn jemand Monokulturen sind nur dann effizient, und er weiß, wie man Kaffee trinkt. Wird zu Ihnen spricht, sind etwa 80 Prozent wenn sie sich einer begrenzten Aufgabe er sich auf der Höhe seiner Kraft fühlen, Ihrer Aufmerksamkeit von der sinnlichen widmen, die keinerlei Fragen aufwirft wird er unbefangen, kreativ und konzen- und sozialen Präsenz Ihres Gegenübers (ich denke hier an den Fußball). Bei je- triert sein? Oder wird er die Gesten, das gefangen, etwa 13 Prozent bleiben an der dem komplexen Phänomen tritt Lange- Verhalten seiner Gesprächspartner beob- Stimme hängen, und der klägliche Rest weile oder Zerstörungswut auf, weil krea- achten und darüber grübeln, ob er alles von 7 Prozent gilt dem Argument. tive Lösungen auf Überraschungen beru- richtig macht? Vor allem, wenn er mit lei- Wenn Sie mit dem Anderssein des Ge- hen. Und überraschen kann man sich sem Schrecken feststellt, dass er die Scher- sprächspartners beschäftigt sind – seiner selbst nur schwer. ze nicht versteht, den Andeutungen nicht sexuellen Orientierung, seinem Migra- Je diverser eine Gruppe zusammenge- folgen kann, den Rhythmus von Sprechen tionshintergrund, seinem Geschlecht –, setzt ist, vorausgesetzt, ihre Spielregeln und Schweigen nicht kennt und nicht ist die rationale Ausbeute noch geringer. sind demokratisch, umso lebendiger, also weiß, ob man immer noch, wie er gelesen Weder Sie noch der andere können her- intelligenter kann sie sein. Je mehr un- hat, gemeinsam pinkeln geht, um dort ausfinden aus dem Spiel. Aber nur für ausgesprochene Vorgaben gelten, je mehr das Wesentliche zu klären. Und feststellt, den anderen ist das ein Problem. Denn Einschränkungen es gibt, je homogener dass man das, was er sagt, anders wahr- die Norm spürt immer nur, wer davon ab- sie sich formiert, umso träger wird sie nimmt als das, was die anderen sagen. weicht. Der Homosexuelle unter Heteros, sich organisieren und verhalten. Sie re- Man hört ihm mit nachsichtiger Unge- der muslimische Kollege, der Vater auf produziert sich selbst, statt auf Differenz duld zu, man raschelt mit den Papieren, dem Spielplatz, die Frau unter Chefs. und Entwicklung zu setzen. Sie nimmt während er spricht, und in den Augen Die Quote ist lästig, sie nervt, sie ist ihre Umwelt nur noch eingeschränkt der anderen liest er eine Aufmerksamkeit undemokratisch. Die hehre Idee der De- wahr; sie leidet unter Realitätsverlust. eher zoologischer Natur. Der Chinese mokratie beruht ja darauf, dass wir als Der Verfassungsschutz ist ein Beispiel für denkt über seine Hautfarbe nach, über Freie und Gleiche miteinander umgehen, diesen Prozess, die FDP ein anderes und sein glänzendes schwarzes Haar, über sei- ungeachtet unserer Hautfarbe, Herkunft, beinahe jede Behörde ein drittes. ne Stimme, die ihm selbst merkwürdig Religion, unseres Vermögens und Ge- So weit die schlechte Nachricht. hoch in den Ohren klingt, und unwillkür- schlechts. Insofern ist jede Quotierung Die gute folgt auf dem Fuße: Der Weg lich fragt er sich, ob sein Anzug auch ein Rückschritt. Aber auch die Realität ins Offene ist kurz, wenn man die Quote wirklich dem Anlass angemessen ist. ist lästig, sie nervt, und sie ist undemo- bemüht. Das Arbeiten, das Denken Nun wissen Sie, wie Frauen sich fühlen, kratisch. Der soziale Darwinismus hat macht mehr Spaß; die Verhältnisse ent- wenn sie erfolgreich sind. Erfolgreich ge- spannen sich. Und man kann sich endlich nug – wie vergleichbar beim SPIEGEL –, * Fotomontage von Stanislas Merlin. anderen Dingen widmen. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 145
  • 146.
    Kultur AU TO R E N Sex und Erlösung Péter Nádas’ „Parallelgeschichten“ erzählt auf 1728 Seiten von menschlichen Grausamkeiten und Obsessionen. Ein Meisterwerk, das Worte für etwas findet, das keine Sprache hat: Sexualität. Um die heimlichen rungen des 20. Jahrhunderts, vor allem Geschichten der Men- aber sind es die körperlichen, sexuellen, schen ging es Péter obsessiven Erlebnisse der Figuren, die Nádas immer, und sie den Stoff zusammenhalten, die heimli- verlassen ihn auch nicht, wenn er hier chen Geschichten der Seele. auf dem Boulevard Saint-Germain an ei- Hinter fast jeder Figur öffnet sich eine ner Ampel steht, vergangenen Dienstag- Schleuse, die in die Alpträume, in das morgen, Nieselregen in Paris. Die heimli- Sensuelle, Körperliche und Sexuelle führt, chen sind jene Geschichten, die sich nicht wie es als Literatur noch nie beschrieben erzählen lassen, weil man sie nicht kennt wurde. Klingt es abschreckend, wenn oder weil es für sie keine Sprache gibt. man sagt, dass es eine Sexszene gibt, die Dort, der Fahrradkurier, der sein Rad an in all ihren körperlichen Einzelheiten und einen Laternenpfahl wirft und in einen aus abwechselnder Perspektive über hun- Hauseingang hastet, was ist seine heimli- dert Seiten hinweg beschrieben wird? che Geschichte, was sind seine Erlebnisse, Péter Nádas, als er den Boulevard Erinnerungen, sexuellen Prägungen, Un- Saint-Germain überquert und auf das aussprechlichkeiten? Was ist seine kör- Café de Flore zusteuert, versucht nun perliche und sexuelle „Rückseite“, wie eine Antwort auf seine Eingangsfrage: Nádas es einmal nannte, neben seiner „Warum die Grausamkeiten immer wie- sichtbaren Existenz als Fahrradkurier? derkehren? Es gibt einen Teil unseres Die Fußgängerampel springt auf Grün, Lebens, der fast jeden Menschen betrifft, Péter Nádas sagt: „In unserer Zivilisation der aber ohne Sprache geblieben ist. Wir ist fast alles durchleuchtet. Und doch keh- haben keine Worte für unsere körper- ren Grausamkeit, Gewalt und Unsinn im- lichen Erfahrungen. Doch ohne seinen mer wieder zurück. Warum ist das so?“ erotischen Bestand kann man über einen Über diese Frage hat Péter Nádas einen Menschen nicht sprechen.“ Roman geschrieben. 18 Jahre hat er da- Seltsam klingt das, schließlich ist das Schriftsteller Nádas: „Soll ich Ihnen etwas sagen für gebraucht, 1728 Seiten ist er lang, er halbe Internet voll mit Sex, das Fern- heißt „Parallelgeschichten“, ist gerade auf sehen auch und die Romane von Philip schrieben, das „Buch der Erinnerung“, Deutsch erschienen und ein ziemlich Roth. Doch Nádas geht es nicht um die das in Deutschland 1991 erschien und für wahnsinniges Monumentalwerk. Als das Beschreibung von Sex, ihm geht es um das er – man will fast sagen: nur – elf Jah- Buch 2005 in Ungarn herauskam, nannten die Schilderung von Sexualität, das ist re gebraucht hat. manche es ein „Krieg und Frieden des 21. ein Unterschied. Die Beschreibung von So geht es an diesem Vormittag in Paris Jahrhunderts“, doch anders als Tolstois Sex ist Alltagsplatitude, Sexualität aber auch darum, ob Literatur, was ihr immer Universalepos erzählt Nádas nicht eine macht Angst – mit all ihren körperlichen wieder unterstellt wird, eine Wahrheit große Geschichte, sondern viele Ge- und seelischen Implikationen, der ihr ver- freilegen kann, die der empirischen Wis- schichten, die sich treffen, wie- bundenen Hoffnung auf Erlö- senschaft verborgen bleibt. Ohne Wissen- der verlieren, parallel verlaufen, sung und all ihrer Vergeblich- schaft, sagt Nádas, gehe es nicht. Alles, sich kreuzen, miteinander ver- keit. Gegen Ende des hundert- was er über die historischen und sexuel- weben. seitigen, im Roman vier Tage len Grausamkeiten berichtet, hat er re- Es gibt keine konventionelle überspannenden Liebesakts sagt cherchiert. In einem Begleitband zu den Romanstruktur, keinen Plot, Ágost, der männliche Part, er „Parallelgeschichten“ findet sich ein Brief, kaum Auflösungen, keine Span- fürchte, „dass sie sich vergeb- den er an einen Arzt schrieb, in dem er nungsbögen, keinen Anfang lich bemühten“. sich nach genauer Funktion und Beschaf- und kein Ende, nur ein Hinein- Nádas hat mit diesem Roman, fenheit des männlichen Präejakulats er- springen in Handlungsströme, den er 1985 begonnen und 2003 kundigt. Weil Nádas von seinen Figuren die den Leser an anderer Stelle, beendet hat, alles riskiert. Die auch das berichtet, was sie nicht bemer- zu anderer Zeit wieder hinaus- Péter Nádas Suche seiner Figuren ist auch sei- ken, weil es unbewusst in ihren Körpern spülen. Das klingt nach müh- Parallelge- ne Suche. Eine Suche nach Wor- abläuft – das Zucken eines Schließmus- samer Postmoderne, nach Tho- schichten ten für eine kollektive Leerstelle kels, das Spannen einer Sehne im Zeh –, mas Pynchon oder David Foster Aus dem Unga- und die Suche nach einer Be- kommen einem in dieser Intimität die Fi- rischen von Wallace. Doch dieser Roman Christina Viragh. schreibungsmöglichkeit für das guren auf eine merkwürdige Weise nahe. verfügt über Bindemittel, die Rowohlt Verlag, Chaos, das Nádas in unserer Da ist der schwer in seiner Identität ge- stärker sind als ein Plot. Es Reinbek; 1728 Sei- Welt erkennt. Er hat schon ein- störte Philosophiestudent Döhring, mit sind einerseits die Verwüstun- ten; 39,95 Euro. mal einen ähnlichen, wenn auch ihm beginnt der Roman, der kurz nach gen durch die totalitären Erfah- konventionelleren Roman ge- dem Mauerfall in Berlin 1989 im Tiergar- 146 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 147.
    klos herumdrückt. Unddann wird seine Annäherung an die wilden Männer in den Pissoirs abwechselnd in der Ich-Perspek- tive und der eines auktorialen Erzählers geschildert. Die Ich-Perspektive wird stär- ker, je näher die Erzählung der grausa- men Initiation kommt. Erst ganz am Ende, als es vorbei ist, heißt es, fast un- beteiligt, wieder in der dritten Person: „Er hätte nicht zu zählen vermocht, wie viele Männer es waren, die mit seltsamen kleinen Lauten ihr Sperma auf den ent- blößten, auf dem Boden liegenden Kör- per abluden. Es fiel mit leichtem Plat- schen auf seinen Bauch, seine Brust, es war warm.“ Auch Péter Nádas war noch ein Junge, als seine Eltern starben. Beide waren Sta- linisten, Funktionäre im kommunisti- schen Ungarn. Die Mutter erlag früh dem Krebs, da war Nádas zwölf, der Vater er- schoss sich drei Jahre später am Donau- ufer. Nádas hat wie der Vater Depressio- nen bekommen, einige Male musste er in die Klinik, es gab auch Selbstmord- gedanken. Und er hat wie Kristóf Männer geliebt, auch wenn er heute mit einer Frau verheiratet ist. „Eigenartig“, sagt PATRICK ZACHMANN / MAGNUM PHOTOS / DER SPIEGEL Nádas, „bisher hat mich noch nie jemand danach gefragt.“ Wonach? „Biografisches. Bei so einem Buch!“ Und zum Schluss fragt er: „Soll ich Ihnen etwas sagen? Das Sexuelle gibt es eigentlich gar nicht. Das Sexuelle ist bloß eine Körperfunktion. Was wir ei- gentlich meinen und suchen, ist Empathie. Das Fühlen eines anderen Wesens. Die meisten schaffen das nur noch über das – das Sexuelle gibt es eigentlich gar nicht“ Sexuelle.“ So lesen sich Nádas’ körperliche Be- ten eine Leiche findet und sich sonst teu- auch einen Döhring gibt – einen Verwand- schreibungen wie aus einer Zeit vor You- re, durchsichtige Kunststoffunterhosen ten des Berliner Studenten? –, einen La- Porn, der Zeit vor der allgemeinen Por- kauft oder sich am Badesee von den geraufseher, der sich gerade noch brachial nografisierung. Sie haben keine Gemein- Nackten nicht losreißen kann. Ein Krimi- selbst befriedigt, bevor die befreiten Häft- samkeiten mit den „Feuchtgebieten“ von nalroman mit einem schwer beschädigten linge ihn totschlagen. Charlotte Roche, denn Nádas geht es jungen Mann als Protagonisten, so scheint Aber wenn Péter Nádas nun dasitzt im nicht um die Provokation einer ver- es, doch dann springen die Ereignisse Café de Flore, dieser sanfte, in fließen- klemmten Sexualmoral. Er möchte zei- nach Budapest, zum Nationalfeiertag im dem Deutsch seine Worte leise setzende, gen, was Menschen wirklich tun, wenn Jahr 1961, eine herrschaftliche Wohnung fast 70-jährige Mann, dann ist es schwer sie das tun, wofür sie keine Worte haben. an der Ringstraße, die halb jüdische, halb vorstellbar, dass all dies aus seinem Kopf Und er zeigt, dass genau von dort aus ein deutsche Familie Lippay-Lehr. Der deut- herauskommt. Geheimgang verläuft mitten hinein in die sche Vater, Kollaborateur unter den Nazis, 18 Jahre lang? Jeden Tag? Das klingt gewaltsamen Katastrophen des vergange- Opportunist unter den Kommunisten, zu manisch für ein rein wissenschaftlich nen Jahrhunderts. liegt im Sterben. Seine jüdische Frau Erna begründetes Erkenntnisprojekt. Den Fahrradkurier auf dem Boulevard im Taxi zum Sterbebett unterwegs, kann Natürlich war es das nicht, sagt Nádas. Saint-Germain, als man zusammen zum sich von Erinnerungen an eine lesbische Denn da gibt es die Waise Kristóf in Café spazierte, hat er den gesehen? Liebesszene aus vergangener Zeit nicht dem Roman, er lebt als Ziehsohn bei der „Den Fahrradkurier?“, fragt Péter Ná- fortreißen, und Ágost, der schwermütige Familie Lippay-Lehr in Budapest in den das. „Nein.“ Sohn, kann nichts fühlen. Aus Verzweif- frühen sechziger Jahren. Seine Mutter, Das Geschlecht des Kuriers hatte sich lung schläft er tagelang mit dem Mädchen sagt er, habe ihn „wegen einer Frau ver- in der Radlerhose genauso abgedrückt, Gyöngyvér, das nichts kann außer fühlen. lassen“, den Vater hätten „seine Genos- wie Nádas es beim Philosophiestudenten Von dort aus entstehen Verwebungen zur sen aus dem Weg geräumt“. Kristóf ist Döhring beschrieben hat. „Ich weiß, was ungarischen Revolution 1956, der Depor- der Einzige, den Nádas zeitweilig auch Sie meinen“, sagt Péter Nádas. tation der Juden 1944 und weiter in das aus der Ich-Perspektive erzählen lässt. Dann verliert er sich auf dem Boulevard Berlin der Hitler-Zeit, zu adligen Rassen- „Aber ich habe doch noch ein anderes zwischen all den Menschen mit ihren ge- forschern in Dahlem oder zu einem Lager Leben“, damit beginnt dieser Kristóf eine heimen Geschichten. Man geht anders an der deutsch-holländischen Grenze Episode auf der Budapester Margareten- durch die Welt nach diesen 1728 Seiten. zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wo es insel, wo er sich nachts in den Männer- PHILIPP OEHMKE D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 147
  • 148.
    Kultur Prozent. Diese Zahlen klingen beeindru- ckender, als sie sind, das E-Book machte VERLAGE bei dem Gesamtumsatz des Münchner Verlags 2011 nur 1 Prozent aus, doch für Ein durchschnittlicher dieses Jahr rechnet Hartges schon mit ei- nem Anteil von 4 bis 5 Prozent. In Zukunft, oder besser: in etwas fer- nerer Zukunft, werden sich die E-Book- Charakter Umsätze auch in Deutschland bei etwa 20 Prozent einpendeln, diese Einschät- zung teilen viele aus der Buchbranche. Große Unterschiede gibt es allerdings bei Der Piper-Verleger Marcel Hartges hat Autoren wie Charlotte der Frage, wie man der Digitalisierung Roche und Ferdinand von Schirach groß gemacht. am besten begegnen sollte. Hartges gehört zu denjenigen, die sie für eine Chance Dafür schmäht ihn die Branche. Nun setzt er auf das E-Book. halten. Mit dem E-Book wenden sich Verlage Bei seinem letzten chen will. Ein Verleger ist immer auch vor allem an junge Leser, an die, die mit Umzug hat Marcel ein Leser. Vor allem aber ist Hartges ein Internet und MP3-Playern groß geworden Hartges tausend Bü- Profi, der früh begriffen hat, dass das sind. Manche Ideen sind bei der Musik- cher verschenkt. Er Buch auch eine Massenware ist. industrie abgeguckt oder bei YouTube. zog von Köln nach München, in Köln In diesem Jahr wird der Piper Verlag So können digital erscheinende Romane hatte er drei Jahre lang den DuMont- alle Neuerscheinungen, und das sind etwa angereichert sein mit kleinen Filmen zu Buchverlag geleitet, aus dieser Zeit ist 450 Bücher, konvertieren und digital Themen aus dem Buch. Hartges sieht vor allem ein dünnes, pinkfarbenes Buch zugänglich machen. Die Steigerung der auch einen Markt für „Single-Auskopp- übrig geblieben, Charlotte Roches E-Book-Absätze von Piper betrug im ver- lungen“, ein Buch von Ferdinand von „Feuchtgebiete“, doch dazu später. In gangenen Jahr zwischen 4000 und 5000 Schirach wird dann nicht nur im Ganzen München übernahm er die Leitung des Piper Verlags. 2009 war das. Obwohl er schon großzügig aussortiert hatte, packte er weit über hundert Bücherkisten. Zwei- fel kamen ihm, als er die hundert Kisten in der neuen Wohnung wieder auspackte. So viele gebundene Bücher. Marcel Hartges, 50, ist ein guter Kron- zeuge, wenn es um die Veränderung des Buchmarkts geht. Er hat mit Charlotte Roche und Ferdinand von Schirach zwei der erfolgreichsten deutschen Autoren der vergangenen Jahre entdeckt. Er ver- sucht Antworten zu finden auf die große Krise des Lesens, die alle gedruckten Me- dien betrifft. Vorvergangene Woche wur- de zudem bekannt, dass der Piper Verlag, dessen Chef er ist, den Berlin Verlag kau- fen will. 2,6 Millionen Euro soll der Preis betragen, plus 800 000 für die deutschen Rechte an internationalen Buchtiteln. Zu- erst muss noch das Kartellamt zustimmen; sollte das geschehen, wird Piper etwas machtvoller dastehen als ohnehin schon und mit dem Verlag auch der Verleger und Geschäftsführer Marcel Hartges. Die absehbare Partnerschaft zwischen Piper und Berlin Verlag fällt in ein Jahr, das Hartges für ein entscheidendes in der Buchbranche hält. „Rückblickend“, sagt er, „wird uns 2012 in Erinnerung bleiben als das Jahr, in dem das Phantasma vom E-Book in Deutschland real geworden ist.“ In den USA beträgt der Anteil von DIETER MAYR / DER SPIEGEL E-Books an den verkauften Büchern be- reits über 20 Prozent, in Deutschland sind es bisher gerade mal rund 2 Prozent. Das ist nicht viel. Doch es sagt etwas aus, wenn einer der wichtigsten deutschen Verleger beim Anhäufen gebundener Bü- cher nicht mehr uneingeschränkt mitma- Verleger Hartges: Kronzeuge der Veränderung 148 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 149.
    herunterzuladen sein, sondernKurzge- schichte für Kurzgeschichte. Es wird auch möglich sein, Bücher zu veröffentlichen, die nur 50 Seiten haben, was gebunden immer etwas zu schmal wirkt, und natürlich, glaubt Hartges, wer- de es Unterhaltungsbücher und Krimis WRITER PICTURES / INTERFOTO (L.); WERNER SCHUERING / IMAGETRUST (R.) geben, die extra für die digitale Veröf- fentlichung geschrieben werden, zur ra- schen Lektüre, „ohne Chichi“. Digitale Sachbücher könnten in viel kürzerer Zeit erscheinen und sich unmittelbar auf ak- tuelle Ereignisse beziehen. Unter diesen Entwicklungen wird das herkömmliche Taschenbuch am stärksten leiden, weil es als Medium für schnell zu konsumierende Inhalte durch das E-Book die stärkste Konkurrenz erfährt. Und Hartges, der sein Know-how für den di- gitalen Markt genau dort geschult hat, genießt eine Art Heimvorteil. 14 Jahre lang hat er für Rowohlt gear- beitet, 6 Jahre davon als Leiter des Ta- schenbuchverlags. Er hat in dieser Zeit Autoren Roche, Schirach: „Ein Unikat, ein richtig mutiges Ding“ entscheidende Erfahrungen gemacht für seine Arbeit als Verleger. Das erste Buch, ökonomisch zu betrachten. Es machte das er lektorierte, trug den Titel „Heißer ihm Spaß. Sommerwind“, und Hartges war, um es Aus seiner Taschenbuchzeit kennt vorsichtig auszudrücken, erstaunt, welche Hartges jene Klagen, die auch jetzt wie- Bücher im großen Rowohlt Verlag so er- der zu hören sind von den Kulturpes- schienen. simisten unter den Literaturfreunden. Er hatte Germanistik, Spanisch und So- Heute beziehen sie sich auf das E-Book: ziologie studiert, und Rowohlt, das war Die hohe Literatur sei in Gefahr. Der für ihn Pynchon und Updike, Sartre und Massenmarkt werde sie verdrängen. Camus, Hemingway und Tucholsky. „Manche fürchten ja schon bei einem Stattdessen landete ein Softporno auf sei- Einband, der nicht auf 500 Jahre ange- RICHARD DREW / AP nem Schreibtisch. legt ist, um das Buch als Kulturgut“, sagt „Mischkalkulation“ nennen die Verla- der Verleger. ge diese Art der Programmgestaltung. Wenn man Hartges zufällig träfe, wür- Bücher wie „Heißer Sommerwind“ fi- de man vielleicht darauf tippen, dass er nanzieren Gesamtausgaben mittelameri- von Beruf Tischler ist oder Gymnasial- Elektronische Lesegeräte kanischer Dichter oder Flops namhafter lehrer, Deutsch und Sport. Zu zwei Ver- Die Zahlen klingen beeindruckend Autoren. Gleich zu Beginn seiner Karrie- abredungen erschien er jeweils gleich re wurde Hartges der Illusion beraubt, gekleidet, schwarze Jeans, schwarzes steller Edward St. Aubyn in Deutschland dass es im Buchgeschäft ausschließlich Hemd, schwarzer Pullover, das Hemd groß gemacht und John Cheever, einen um Inhalte gehe. über der Hose. Beim zweiten Mal trug er vor 30 Jahren verstorbenen amerikani- Taschenbücher von Rosamunde Pilcher schwere Wanderschuhe und entschuldigte schen Autor, auf die Bestsellerliste beför- beispielsweise erzielten in den neunziger sich dafür. Er hatte am Abend zuvor mit dert. Wenn man Hartges fragt, was für Jahren Rekordauflagen, von jedem neuen Charlotte Roche und deren Mann ein ihn Erfolg ist, dann antwortet er: „Mein Titel wurden mindestens 500000 Exempla- Spiel von Schalke besucht, und weil sein Anspruch war schon immer, dass der Ver- re verkauft. „Rosy pays“, habe der dama- Flug zurück nach München Verspätung lag, den ich leite, sich selbst trägt. Das lige Rohwohlt-Chef Michael Naumann im- hatte, blieb keine Zeit mehr, vor dem In- schafft programmatische Unabhängigkeit mer gesagt. terview die Schuhe zu wechseln. und das für einen Verlag notwendige Doch andere Verlage verbesserten Fürs Mittagessen hat er bei einem der Selbstbewusstsein.“ bald schon akribisch ihre Taschenbücher, besten Italiener Münchens reserviert, Als Hartges 2007 das Manuskript von sie lieferten dickeres Papier, aufwendi- dem Rossini. Er bestellt Fisch und sagt, Charlotte Roches Roman „Feuchtgebie- gere Umschläge, schönere Cover. „Wir dass es ihn getroffen habe, in der „Zeit“ te“ las, wusste er, dass er „ein Unikat“ in machten im Wesentlichen die Dinge, die als Stefan Raab der Buchbranche bezeich- den Händen hielt, „ein richtig mutiges wir gut fanden, während von den an- net worden zu sein. Er sagt das mit un- Ding“. Sie vereinbarten ein Abendessen deren ein hoher Professionalisierungs- aufgeregter Stimme. „Wobei ich auf Ste- in Köln. Roches Flugzeug hatte Verspä- druck ausging“, sagt Hartges. Sie drohten fan Raab nicht herabschaue, ich finde den tung, sie wollte absagen, Hartges sagte, den Anschluss an die Entwicklung des ziemlich clever, der hat originelle Ideen nein, nein, er bleibe einfach im Restau- Markts zu verpassen. Ende der Neunzi- und viele Dinge bewegt. Deshalb wollte rant sitzen, bis sie da sei. Es dauerte bis ger verkaufte Rosy plötzlich nicht mehr, ich mich davon nicht distanzieren, aber Viertel nach elf. Rowohlt schrieb rote Zahlen, und Hart- ich fühlte mich in dem Moment total un- Hartges war gerade von Rowohlt zu ges begriff sein Versäumnis. Er habe zutreffend beschrieben.“ DuMont nach Köln gewechselt und dort dann begonnen, das Thema Taschenbuch Hartges hat nicht nur Charlotte Roche für das Belletristik- und Sachbuchpro- sehr strukturiert und analytisch aufzu- und Ferdinand von Schirach entdeckt. Er gramm verantwortlich. Dass „Feuchtge- rollen. Er begann das Büchermachen hat auch den brillanten englischen Schrift- biete“ kein klassisches Hardcoverbuch D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 149
  • 150.
    werden durfte, warihm klar. Dafür war der Inhalt zu ungewöhnlich. Er entschied sich für eine sogenannte Klappbroschur, die ein bisschen mehr hermacht als das einfache Taschenbuch und nicht so seriös wirkt wie ein Hardcover. Bücher, die so gebunden sind, in be- sonders festen Pappumschlägen, waren in den vergangenen Jahren auf dem Buchmarkt enorm erfolgreich, Jussi Ad- ler-Olsens Bücher erscheinen in dieser Form und auch Jonas Jonassons Dauer- erfolg „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Sie sind so erfolgreich, dass sie ab Oktober nicht mehr zur SPIEGEL-Bestsellerliste gezählt werden, weil sie dort die Hardcover- bücher verdrängen. Warum war er sich eigentlich so sicher, „Feuchtgebiete“ auf den Markt bringen zu wollen? „Weil es mich zum Lachen gebracht hat“, sagt er. „Meine Erfahrung ist tat- sächlich, dass, wenn ich mich für etwas interessiert oder begeistert habe, es oft auch viele Leser gab, denen es ähnlich ging. Es spricht offenbar alles dafür, dass ich ein erschreckend durchschnittlicher Charakter bin.“ Durchschnittlicher Charakter, das sind seine eigenen etwas selbstironischen Wor- te, aber sie erklären seinen Erfolg. Anders als mit Anfang dreißig, als er mit dem Beruf begann, empfindet er es nicht mehr als Zumutung, Unterhaltungsliteratur zu verlegen. Schlechte Laune macht es ihm nur, Geld zu verlieren mit Büchern, die ihm keinen Spaß gemacht haben. Gern jongliert Hartges mit den Zahlen seiner Erfolge. Da ist von Bestsellerplät- zen im Laufe eines Jahres die Rede, wie lange welches Buch die Nummer eins war, davon, wie teuer er ein Manuskript ein- gekauft und wieder verkauft hat, und na- türlich auch von Auflagenzahlen. Als Zu- hörer hat man irgendwann den Eindruck, in eine Mathe-Textaufgabe zur Literatur- branche verstrickt zu sein. „Die Zahlen sind in einem Verlag wie in jedem anderen Unternehmen wichtig und ernst zu nehmen. Aber sie sind nicht das Entscheidende für meine Motivation und meine Freude an der Arbeit. Ein Ver- lag, der nur ein Geschäft ist, würde mich bedrücken“, sagt Hartges. Bei Piper muss er in den nächsten Jahren zeigen, wie ernst es ihm mit den Inhalten ist. Dass ihm der Einstieg in den digitalen Markt gelingen wird, trauen ihm viele zu. Zum Selbstverständnis des Verlags gehört aber auch das literarische Profil, und da gibt es noch einigen Spielraum. Nervt es ihn manchmal, dass der Münchner Kollege Michael Krüger im Carl Hanser Verlag lauter Nobelpreisträ- ger verlegt, während er vor allem mit Bestsellern in Verbindung gebracht wird? „Ehrlich gesagt: nein“, sagt Hartges. CLAUDIA VOIGT 150 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 151.
    Kultur Nabe im Schlick LITERATURKRITIK: Der großartige Debütroman „Bugatti taucht auf“ der meistgespielten deutschen Dramatikerin Dea Loher E igentlich wollte Dea Loher immer Hauptgeschichte und sind doch eigenstän- genaussagen und oftmals widerrufenen schon Prosa schreiben. Aber ihre dige Prosastücke. Teilgeständnissen so etwas wie einen Ab- ersten Versuche stießen auf wenig Bugatti taucht auf, gleich zu Beginn: lauf des Geschehens zu rekonstruieren, Interesse. So besuchte sie nach ihrem Ger- Es ist allerdings nicht Ettore Bugatti, der geschweige denn eine gesicherte Wahr- manistikstudium 1990 in Berlin einen legendäre Autobauer, dessen Stimme heit herauszufiltern. Kurs „Szenisches Schreiben“. Einer ihrer zuerst in diesem Roman zu vernehmen Die eigentliche Erzählung beginnt da- Lehrer war der Dramatiker Heiner Müller. ist, sondern die seines jüngeren Bruders nach. In den Bergen Venezuelas erreicht Heute gehört Loher, 47, zu Deutschlands Rembrandt. Der Tagebuchschreiber hat den aus Ascona stammenden Jordi die erfolgreichsten und meistgespielten Thea- seinem Vornamen als Bildhauer alle Ehre Nachricht vom Tod Lucas, mit dessen El- terautoren. Ihre Stücke, darunter „Olgas gemacht. Von Rembrandt Bugatti stammt tern er befreundet ist. Jordi hat von sei- Raum“, „Blaubart – Hoffnung der Frauen“, die kleine Skulptur des aufgerichteten Ele- nem Vater eine Firma für Unterwasser- „Unschuld“ und „Diebe“, sind in 15 Spra- fanten, die später als Kühlerfigur das Bu- arbeiten übernommen, die er in den Win- chen übersetzt worden. An Auszeichnun- gatti-Modell „Royale“ schmückte. Aber termonaten schließt und die ihm so die gen hat es nicht gemangelt, den Mülheimer da ist er schon tot. Freiheit für seine Abenteuerreisen gibt. Dramatikerpreis erhielt sie Nun kehrt er unverzüglich gleich zweimal zugesprochen. nach Ascona zurück, um den Die erfolgreiche Dramati- Eltern des toten Jungen zur kerin ließ sich viel Zeit da- Seite zu stehen. Und irgend- mit, doch noch als Erzähle- wann fällt ihm jenes sagen- rin in Erscheinung zu treten. umwobene Auto auf dem Erst 13 Jahre nach ihrem Grund des Lago Maggiore Theaterdebüt publizierte sie ein, von dem nur noch eine 2005 den Geschichtenband Radnabe aus dem Schlick „Hundskopf“, eine Samm- herausragt und das zu einem lung eigenwilliger Alltagsmi- Anziehungspunkt für Tau- niaturen mit einem Stich ins cher geworden ist. Auch Jor- Skurrile. di war dort unten in 50 Meter Und noch einmal sieben Tiefe. Luca aber wollte nicht Jahre hat es gedauert, bis hinabtauchen, zu deprimie- Dea Loher nun auch als Ro- rend fand er es – „der Scheiß- ALEXANDER PAUL ENGLERT manautorin ihren ersten Auf- see ist ein Scheißgrab“. tritt hat. Einen großartigen Von der Idee getrieben, et- und applauswürdigen Auf- was zu Ehren des toten Luca tritt, das vorweg. Ihr Debüt- Autorin Loher zu tun, beginnt Jordi mit ei- roman mit dem vieldeutigen nem Team, das vor mehr als Titel „Bugatti taucht auf“ ist 70 Jahren versenkte Auto ein filigranes und bestechen- vorsichtig freizulegen und zu des Prosakunstwerk*. bergen. Es gelingt schließlich: Die Geschichten, die hier erzählt wer- Sein Tagebuch läuft auf den historisch Ein Bugatti T 22 erhebt sich, von einem den, gehen allesamt von realen Ereignis- verbürgten Selbstmord mit Anfang drei- Kran gehoben, aus dem Wasser. sen aus. Die Figuren machen aber von ih- ßig zu, im Januar 1916 in Paris. Der junge Das ist bis zur letzten Seite spannend rem Recht auf eigene Wahrheit Gebrauch: Künstler hat zuvor die Verheerungen des erzählt, ohne dass die Symbolik jemals Was eben noch eindeutig scheint, hebt Ersten Weltkriegs als freiwilliger Helfer übertrieben wirkt. Auch die Geschichte sich unversehens in subjektiver Wahrneh- in einem Soldatenlazarett erlebt, das im des Bugatti ist real und bestens recher- mung auf, verschwimmt in Selbstbehaup- Zoo von Antwerpen eingerichtet worden chiert. Zu Literatur aber wird das alles tungen und Phantasien, sinkt in Träume war – auch die Nähe der von ihm gelieb- erst durch den behutsam eindringlichen und ungenaue Erinnerungen ab. ten Zootiere kann ihn aus der Depression Erzählton von Dea Loher, der die Fakten Zwei Vorspiele gibt es, zum einen ein nicht befreien. erhebt und sanft in Fiktion übergehen kurzes Tagebuchfragment aus der Zeit Dann, knapp hundert Jahre später, der lässt. von Ende 1913 bis Anfang 1916, zum brutale Totschlag in der Schweiz: In einer Im Nachspann des Romans wird berich- anderen das akribische Protokoll eines Februarnacht wird ein junger Mann na- tet, dass jener Bugatti aus dem Lago Mag- Totschlags in Ascona im Jahre 2008. Die mens Luca mit Tritten gegen den Kopf giore im Januar 2010 auf einer Auktion beiden Präludien recht unterschiedlicher umgebracht. Selten ist in einem Erzähl- in Paris für 230 000 Euro unter den Ham- Prägung bereiten den Boden für die stück so genau gezeigt worden, wie bei- mer kam. Das ist dann wieder die Reali- läufig das Schlimmste passieren kann, ein tät, und die hält ohnehin die besten Über- * Dea Loher: „Bugatti taucht auf“. Wallstein Verlag, Mensch getötet wird – und wie schwer es raschungen parat – und die schlimmsten. Göttingen; 208 Seiten; 19,90 Euro. ist, später aus den widersprüchlichen Zeu- VOLKER HAGE D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 151
  • 152.
    Jeden Tag. 24Stunden. MONTAG, 12. 3., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1 SPIEGEL TV REPORTAGE Alpine Helden von morgen – In der Kaderschmiede des Wintersports Skipiste und Sprungschanze nach Ma- the und Deutsch: In der Christopho- russchule von Berchtesgaden werden RAINER JENSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA die Olympioniken der Zukunft ge- drillt. Unbedingte Voraussetzungen für eine Sportlerkarriere: Talent, Ehr- geiz und eiserne Disziplin. Andreas Lünser über Deutschlands einziges Eliteinternat für Wintersport. SONNTAG, 18. 3., 22.40 – 23.25 UHR | RTL SPIEGEL TV MAGAZIN THEMA DER WOCHE Neuer Boss im Schloss In Berlin kommt am Sonntag die Bundesversammlung zusammen und wählt den neuen Bundespräsidenten. Was können die Deutschen vom Polizeieinsatz in Bayern Kandidaten Joachim Gauck erwarten? SPIEGEL ONLINE berichtet live Erst schlagen, dann fragen – Polizei- LUKAS BARTH / DAPD vom Tag der Wahl und erklärt die Agenda übergriffe in Bayern; Gefährlicher Schlaf – Narkolepsie im Alltag; Rechte des neuen Mannes im Schloss Bellevue. Bande – Rocker und Neonazis. DONNERSTAG, 15. 3., 20.15 – 21.00 UHR | SKY SPIEGEL GESCHICHTE Amerika im Treibsand – Der WISSENSCHAFT | Mittelalter zum Mitmachen Irak-Krieg; Folge 1: Der Diktator Im baden-württembergischen Meßkirch entsteht eine Klosterstadt nach Vorbild und die Bush-Krieger des 9. Jahrhunderts – unter historischen Bedingungen: Regenmäntel und „Mission accomplished!“, verkündet Kaffee sind verboten, die Kirche wird ganz ohne moderne Maschinen gebaut. US-Präsident George W. Bush selbst- bewusst im Mai 2003. Der Feldzug PANORAMA | Die bekanntesten Unbekannten der Welt gegen Diktator Saddam Hussein gilt „Spotlight-Seeker“ drängen sich auf Pressefotos, schmiegen sich an Promi- als siegreich beendet. Doch bald wird nente, verpassen keine Premiere. Porträts von Menschen, die sich im Licht klar: Die amerika- der Sternchen sonnen. nische Vision eines demokratischen UNISPIEGEL | Was die Phrasendrescher wirklich meinen Modellstaats im Na- Manche Akademiker kommen mit Floskeln in ihren Hausarbeiten und hen Osten wird auf Dissertationen ziemlich weit. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Wissenschaftler absehbare Zeit KARIM SAHIB / DPA gewieft verschleiern, dass sie keine Ahnung von ihrem Thema haben. Wunschtraum blei- ben. Mit seiner Irak-Invasion hat | Der Busenfreund Amerika das Volk zwar von einem Saddam-Statue 2003 Seine Filme hießen „Die Satansweiber von Tyrannen befreit, Tittfield“ und „Supervixens“, seine aber das Recht gebrochen, Zehntau- Schauspielerinnen sollten eine Oberweite von sende Menschenleben zerstört und PICTURE-ALLIANCE / DPA mindestens 120 Zentimetern haben. Doch seine Autorität als moralische Super- Russ Meyers Werk ist alles andere als Erotik- macht verspielt. Doch wie konnte es Trash. In diesen Tagen wäre er 90 geworden. zu diesem fatalen „Feldzug gegen einestages.de erinnert an seine besten Filme – das Böse“ kommen? Und warum war und seine großartigsten Amazonen. der Despot vom Tigris noch in den achtziger Jahren ein Verbündeter der US-Regierung? Wie lebten die Men- www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist schen im „Saddam-Staat“? D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 153
  • 153.
    Register GESTORBEN James Q. Wilson, 80. Als „klügsten Mann Amerikas“ bezeichnete ihn einmal ein Ralph McQuarrie, 82. demokratischer US-Senator. Der in Ka- Sein einziger Auftritt lifornien aufgewachsene Wilson gehörte als Schauspieler dau- zu den wichtigsten konservativen In- TONY KORODY / SYGMA / CORBIS erte nur ein paar tellektuellen der Vereinigten Staaten. Sekunden: In „Das Der Sozial- und Politikwissenschaftler Imperium schlägt zu- war ein Moralist, den brennend interes- rück“ (1980), der ers- sierte, was Menschen zu Vergehen moti- ten Fortsetzung von viert; nur durch das Wissen darum könne George Lucas’ legen- man die Selbstheilungskräfte der Gesell- därem „Star Wars“- schaft aktivieren. Nach der „Broken Film, läuft McQuarrie Windows“-Theorie, die er als Co-Autor durchs Bild, verkleidet als General. „Star 1982 beschrieben hatte, kann ein einziges Wars“ war auch McQuarries Werk. Im zerbrochenes Fenster den Niedergang ei- Auftrag von Lucas entwarf der Designer nes ganzen Stadtvier- Raumschiffe, Planeten und Figuren wie tels nach sich ziehen. den Roboter R2-D2 und den unheim- Die Theorie wurde lichen Asthmatiker Darth Vader. Erst zur Grundlage eines McQuarries Zeichnungen verwandelten neuen Ansatzes in Lucas’ krude Science-Fiction-Mythologie der Polizeiarbeit welt- in jene phantastischen Bilderwelten, die weit, in Städten wie Filmgeschichte schreiben sollten. Nach New York, Los An- einem Kunststudium und einer Tätigkeit geles, Mexico City REUTERS als technischer Zeichner gestaltete und London. Wilson, McQuarrie später den Look von Holly- der damit als „Vater wood-Filmen wie „Unheimliche Begeg- der gemeinwesen- nung der dritten Art“ und „E. T. – Der orientierten Polizeiarbeit“ Geschichte Außerirdische“. Für die visuellen Effekte machte, war Professor unter anderem an von „Cocoon“ wurde er 1986 mit einem der Harvard University und schrieb mehr Oscar ausgezeichnet. Die Arbeit an „Star als 20 Bücher. James Q. Wilson starb am Wars“ blieb seiner Meinung nach „der 2. März in Boston an Leukämie. beste Job, den je ein Künstler bei einem Film hatte“. Ralph McQuarrie starb am Robert Sherman, 86. Der amerikanische 3. März in Berkeley, Kalifornien. Filmkomponist wollte nicht ins Pan- theon der Künste vordringen, sondern Früher lesen: Früher lesen: Ronnie Montrose, 64. Ob Folk, Jazz oder Menschen im Alltag begeistern. Zusam- Sonntag schon ab 8 Uhr auf iPad, iPhone®, Hardrock, überall hatte der US-amerika- men mit seinem drei Jahre jüngeren Bru- Android-Tablets und -Smartphones sowie auf nische Gitarrist seine Finger im Spiel. der Richard schrieb Mac und PC: einmal anmelden und auf jedem Montrose spielte auf dem Van-Morrison- der in New York ge- Gerät lesen – egal wo Sie gerade sind. Album „Tupelo Honey“ von 1971, arbei- borene Sohn russisch- Mehr sehen: Mehr sehen: tete mit dem Pianisten Herbie Hancock jüdischer Einwande- Nutzen Sie Videos, Fotostrecken und zusammen, als dieser auf „Mwandishi“ rer Songs, die man im selben Jahr Jazz und Funk verschmolz, auch ohne jedes BRUCE GLIKAS / FILMMAGIC interaktive Grafiken. und gründete schließlich seine eigene stimmliche Talent Mehr hören: Mehr hören: Band, Montrose, eine Hardrock-Gruppe, singen und summen Lauschen Sie Interviews, neuen Songs die Sprungbrett für den späteren Van- können sollte. „Wir oder historischen Tondokumenten. Halen-Sänger Sammy Hagar war. Neben schreiben für jeden“, Mehr wissen: Mehr wissen: seinen Jobs als Session-Musiker nahm lautete Roberts Cre- Lesen Sie weiter auf den Themenseiten. Montrose zahlreiche Soloalben auf; deren do. Kein Wunder Lassen Sie sich vom Reporter erklären, wie Erfolg war allerdings überschaubar. Ron- also, dass bei den Shermans sogar die nie Montrose starb am 3. März in der Tiere sangen; im Zeichentrickfilm „Das er recherchiert hat. Nähe von San Francisco an Prostatakrebs. Dschungelbuch“ etwa säuselte eine Schlange „Vertraue mir“, und ein Quar- tett von Geiern intonierte „That’s What Friends Are For“. Bei den Shermans, die zwei Oscars errangen und vorwiegend für Disney arbeiteten („Winnie Puuh“, „Aristocats“, „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“), war alles erlaubt, nur keine Tristesse. Vermutlich ließen ihre vielen Hymnen auf die Lebenslust – etwa „Chim Chim Cher-ee“ und „Supercali- fragilisticexpialigetisch“ – Millionen Men- schen beschwingter durch den Tag gehen. Robert Sherman starb am 5. März in London. AP 154 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 155.
    Personalien Heiko Maas, 45, SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl im Saarland, bezich- tigt die Linkspartei und deren Fraktions- vorsitzenden Oskar Lafontaine, 68, der Wählertäuschung. „Ich habe Lafontaines Gequatsche satt“, sagt Maas. Das An- gebot der Linken, nach der Saar-Wahl am 25. März mit der SPD eine rot-rote Regierung zu bilden, sei nur ein Wahl- kampfmanöver. Lafontaine habe ihm im persönlichen Gespräch erklärt, er werde Spitzenkandidat der Linken im Bundes- tagswahlkampf 2013. Dann ziele Lafon- taine auf Stimmengewinne von der SPD – und dafür sei eine rot-rote Regierung, die angesichts des prekären Haushalts im Saarland Sparbeschlüsse tragen müsse, „nur hinderlich“, so Maas. Lafontaine hin- gegen erklärte auf Nachfrage, er habe noch keine Entscheidung über seine poli- HERLINDE KOELBL tische Zukunft getroffen. Er wolle das Er- gebnis der Landtagswahl abwarten. Franziska Brantner, 32, Europaparlamen- Egon Bahr, 89, SPD-Senior und Ex-Bun- Christian Pfeiffer, 68, deutscher Krimi- tarierin der Grünen, versuchte sich in desminister, begab sich auf eine kunsthis- nologe, nimmt sich im Frühling eine Aus- Brüssel als Schauspielerin. Zusammen torische Zeitreise. Der einstige Berater zeit vom Verbrechen. Der Ex-Justizmi- mit acht weiteren weiblichen Abgeordne- von Kanzler Willy Brandt ließ sich von nister von Niedersachsen möchte in fünf ten führte sie vergangene Woche das Starfotografin Herlinde Koelbl vor jenem Wochen 1456 Kilometer mit dem Rad zu- Theaterstück „Vagina-Monologe“ der US- Tintoretto-Gemälde ablichten, das schon rücklegen, von Wismar bis nach Mün- amerikanischen Autorin Eve Ensler auf. einmal als Hintergrund für ein Bahr-Bild- chen. Auf seiner Route liegen 35 Orte mit Brantner verkörperte unter anderem eine nis diente: Ein SPIEGEL-Titelbild von Bürgerstiftungen, die Geld für gemein- Kongolesin, die vom Leiden vergewaltig- 1970 zeigt Bahr und Brandt vor dem Ge- nützige Zwecke sammeln. Mit der Tour ter Frauen in ihrer Heimat erzählt. „Wenn mälde. Das alte Titel- will Pfeiffer weitere Unterstützer für sol- man in einer solchen Szene auf der bild und das neue che Stiftungen gewinnen. Dazu trainiert Bühne steht, merkt man, wie die Luft im Bahr-Foto werden ab er nun zu Hause auf dem Ergometer – Raum immer schwerer wird“, sagt sie. dem 3. Oktober im Köl- und ist selbst gespannt, ob er die Strapa- Die positiven Reaktionen der über 500 ner Wallraf-Richartz- zen durchhält. Denn die durchschnittliche Zuschauer hätten sie in ihrer Ansicht be- Museum zu sehen sein, Tagesstrecke von 42 Kilometern ist zwar stärkt, dass „die EU Gewalt gegen Frauen zusammen mit ande- für geübte Radler keine besondere Her- mit allen zur Verfügung stehenden Mit- ren Renaissance-Wer- ausforderung. Doch Pfeiffer kennt Fahr- teln bekämpfen muss“. Vor der Inszenie- ken. Das Museum fei- radtouren nur von gelegentlichen Spa- rung hatte der deutsche Abgeordnete ert mit der Ausstel- zierfahrten, und auf die Frage nach sport- Werner Langen (CDU) kritisiert, eine lung die Ankunft von lichen Betätigungen in seinem Leben fällt solche Vorführung gehöre nicht ins EU- Tintorettos Gemälde, ihm genau eine ein: Schach spielen. Parlament. SPIEGEL-Titel 7/1970 das in Köln verbleiben soll. In seiner wechsel- vollen Geschichte war es von Venedig über London nach Mailand gereist, wo es ZITAT 1941 für das „Führermuseum“ in Linz er- worben wurde. Ab 1967 hing es dann als Dauerleihgabe des Bundes im Kanzleramt, „Was Amerika wirklich zunächst in Kurt Georg Kiesingers Büro. geblendet hat, war ihre Brandt übernahm den Raum bei seinem Amtsantritt 1969, ohne größere Änderun- unglaubliche Fähigkeit gen vorzunehmen. Bei dem imposanten zu bezaubern, zu unter- Herrn in Öl handelt es sich um den mit heiklen Missionen betrauten Diplomaten halten, zu kommunizieren. Paolo Tiepolo aus Venedig, wie der Kura- Das hat man nicht tor Roland Krischel herausfand. Insofern, meint der Kunsthistoriker, sei das SPIE- sehr oft bei Politikern.“ ARMANDO GALLO / INTERTOPICS GEL-Cover von 1970 für eine Titelge- schichte, die Bahrs Wirken als Sonderbot- Julianne Moore, 50, Schauspielerin, schafter in Sachen Ost-West-Verständigung über die ehemalige US-Vizepräsident- beschreibt, besonders geeignet – und das, schaftskandidatin Sarah Palin, obwohl damals noch niemand wusste, wer die sie in dem Fernsehfilm „Game der Mann auf dem Ölbild ist. Change“ verkörpert 156 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2
  • 156.
    Rachida Dati, 46,ehemalige Mary, 40, dänische Kronprinzessin, und Justizministerin Frankreichs, Pentti Arajärvi, 63, Gatte der ehemaligen vermasselte ihren Auftritt als finnischen Präsidentin Tarja Halonen, Wahlkampfhelferin von Präsi- wurden wider Willen zu Internetstars. Ein dent Nicolas Sarkozy. Sie fiel in Kurzfilm auf YouTube, der die beiden in Lille vor allem wegen ihrer knall- einer vermeintlich pikanten Situation roten Highheels auf. Die Fuß- zeigt, wurde fast eine Million Mal aufge- bekleidung passte nicht zum rufen. Während eines Galadiners anläss- neuen Stil Sarkozys, der sich als lich des 40-jährigen Thronjubiläums von Kandidat des einfachen Volkes Königin Margrethe II. hatten Mary und zu präsentieren versucht. „Lou- Arajärvi nebeneinandergesessen. Auf boutin oder nicht Louboutin?“, dem Video sieht es so aus, als starre der fragten selbst seriöse Magazine. finnische Staatsgast seiner royalen Tisch- Dati dementierte in einem TV- nachbarin ins Dekolleté. Dann blickt er Interview wütend, dass die in die Kamera, sieht sich wie ertappt um Schuhe von dem prominenten und schaut schnell in die andere Richtung; Designer stammten. Prinzessin Mary zupft sich derweil am Ausschnitt. Die scheinbare Ungehörigkeit fand weltweite Aufmerksamkeit, auch die amerikanischen ABC News berichteten. Inzwischen entpuppte sich Arajärvis Sei- tenblick als harmlos – und der Dekolleté- Clip als Manipulation. Der Film war für ein Satireprogramm zusammengeschnit- ten worden. ABC-NEWS Mary, Arajärvi Zbigniew Brzezinski, 83, Sicherheitsbe- rater unter dem damaligen US-Präsiden- ten Jimmy Carter, begegnet der verbrei- teten Terrorismusangst mit Humor. Bei der Präsentation seines neuen Buchs in Washington mokierte sich Brzezinski, ei- ner der profiliertesten amerikanischen Außenpolitikexperten, über die Panik vie- ler seiner Landsleute vor einem neuen Anschlag – und kritisierte die Sicherheits- maßnahmen. „Wenn ich ein Regierungs- LUDOVIC / REA / LAIF gebäude in den USA nur betreten will, muss ich am Eingang stets meinen Aus- weis vorzeigen und einen Registrierungs- schein unterschreiben“, klagte er. Brze- zinski berichtete, solchen Bitten zwar Barack Obama, 50, Präsident der Verei- unterstützer des Demokraten, reagierte nachzukommen, jedoch auf eigenwillige nigten Staaten, wollte Hollywood-Mogul per E-Mail. „Du bist der überqualifizier- Weise: „Seit geraumer Zeit unterschreibe Harvey Weinstein beeinflussen. Obama teste Filmvorlagen-Scout, den ich je ge- ich die Anmeldung mit ,Osama Bin La- empfahl dem legendären Produzenten troffen habe“, beschied er seinem Be- den‘.“ Aufsehen habe dies selbst vor dem („Pulp Fiction“, „Herr der Ringe“, „In- kannten. Um welches Buch es sich han- Tod des Terroristen im Mai 2011 nicht er- glourious Basterds“) ein Buch zur Verfil- delte, will Weinstein nicht verraten, nur regt. Ihn habe, sagte Brzezinski, „noch mung. Weinstein, fleißiger Wahlkampf- so viel: „Es war ein Spionageroman.“ nie jemand gestoppt“. D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2 157
  • 157.
    Hohlspiegel Rückspiegel Aus dem „Hamburger Ärzteblatt“: Zitate „ADHS-kranke und bipolare Kinder ver- mehren sich (besonders in den USA) ex- Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum SPIE- ponentiell.“ GEL-Gespräch „Geständnis eines ewigen Hippies“ mit dem Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und dessen Frau Helene (Nr. 10/2012): Auch Wolfgang Beltracchi wurde von sei- Aus der „Westdeutschen Zeitung“ nem Karriereende als Meisterfälscher kalt erwischt, wie sich einem Interview in der neuesten Ausgabe des SPIEGEL entneh- Aus der Nürnberger „Abendzeitung“: men lässt. Im Gegensatz zu betrügerischen „Dafür garantieren der alle höllischen Finanzjongleuren wie Bernie Madoff, die Höhen erklimmende Uwe Stickert und ihr Leben im Gefängnis beenden, sehen die kokett auf Koloraturen posierende Strafrecht und Gesellschaft für überführte Leah Gordon, die ein Paar wie Geissen- Kunstfälscher aber eine zweite Chance vor. peter mit Pompadour abgeben, beklem- mende Szenen.“ Die „Berliner Zeitung“ zum SPIEGEL- Bericht „Währung – Der Riss“ über den Streit in der Europäischen Zentralbank (Nr. 10/2012): Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) ist gewöhnlich darauf bedacht, dass Meinungsverschiedenheiten nicht nach au- Aus der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“ ßen dringen … Schon deshalb genießt je- des vertrauliche Schreiben, das in Zeiten wie diesen publik wird, große Aufmerk- Aus dem „Wolfenbütteler Schaufenster“: samkeit. Das gilt erst recht, wenn der Ab- „Ebenfalls dankte und ehrte Pink den sender Jens Weidmann heißt und der ‚Marcel Reich-Ranicki‘ der Kleingärtner, Empfänger Mario Draghi, zumal es der Herbert Wendt.“ am Donnerstag bekanntgewordene Brief des Bundesbankpräsidenten an den EZB- Chef in sich hat: Weidmann stellt in sei- nem Positionspapier in Frage, dass die Zentralbank im Gegenzug für immer rie- sigere Kredite an Geschäftsbanken zuneh- mend schlechtere Sicherheiten akzeptiert. Im Magazin DER SPIEGEL legt Weid- mann noch einmal nach. Dort bezeichnet er die Konditionen als „sehr generös“. Aus dem Bonner „General-Anzeiger“ vom 7. März 2012 Das „Hamburger Abendblatt“ zum SPIE- GEL-Bericht „Schleswig-Holstein – Schmutzige Scheidung“ über den Streit Aus der „Märkischen Oderzeitung“: des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki mit „Vom dritten Jahrhundert bis heute hat einem ehemaligen Kanzleikollegen (Nr. das Museum Beispiele für misslungene 10/2012): Keramik gesammelt ...“ Schleswig-Holsteins FDP-Spitzenkandi- dat Wolfgang Kubicki hat am Wochen- ende ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Am Sonnabend feierte er in Kiel mit der ersten Garde der Bundes-FDP seinen 60. Geburtstag. Am Sonntag berichtete der SPIEGEL vorab von einem Rosenkrieg, den der Rechtsanwalt und sein früherer Kanzleipartner Trutz Graf Kerssenbrock (58, CDU) mit Strafanzeigen ausfechten. „Ich finde es schade, dass es dazu gekom- men ist“, sagte Kubicki. „Das Ganze ist eine traurige Sache“, meinte auch Kers- senbrock. Die Schuld für den Schmud- del-Streit um viel Geld und harte Vor- würfe wie Betrug und versuchte Erpres- sung buchten beide Juristen im Gespräch mit dem „Abendblatt“ auf das Konto des Anzeige aus der „Stuttgarter Zeitung“ jeweils anderen. 158 D E R S P I E G E L 1 1 / 2 0 1 2