Hausmitteilung
18. Juni 2012                                                                                                         Betr.: Titel, Syrien, Barenboim

A    us der Arbeit an der Titelgeschichte zog SPIEGEL-Redakteurin Julia Koch
     auch persönlichen Nutzen: Kurz nachdem sie ihre Recherchen über Schwan-
gerschaften abgeschlossen hatte, wurde sie zum zweiten Mal Mutter. Einige der
Ärzte und Wissenschaftler, die Koch befragt hatte, hätten sie gern als Probandin
                                 für ihre Studien gewonnen. Ergründen wollen
                                 Experten wie die Hamburger Ärztin Anke Die-
                                 mert, wieweit der Lebenswandel werdender
                                 Mütter darüber bestimmt, ob Nachkommen über-
                                 gewichtig, hyperaktiv oder psychisch krank
                                 werden. Vor allem mütterlicher Stress, so hat es
                                 den Anschein, kann sich negativ auswirken.
                                 Koch weiß allerdings nur zu gut: „Mit Job und
                                      ILONA HABBEN / DER SPIEGEL




                                 Kleinkind nicht gestresst zu sein ist jeden Tag
                                 aufs Neue eine Herausforderung.“ Sie bemühte
                                 sich, den Ratschlägen der Pränatalforscher zu
                                 folgen. Offenbar mit gutem Ergebnis: Sohn Carl
                                 sei „ein gesundes, gelassenes Kind“, sagt die
Koch, Diemert                    Redakteurin (Seite 120).


Ü    ber den Bürgerkrieg in Syrien berichtet SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter
     seit vorigem Sommer – bisher stets anonym. Er reiste mit Visa ein, die ihn mal
als Agrarexperten, mal als christlichen Pilger auswiesen, und er machte sich, illegal,
über die grüne Grenze eines Nachbarlandes auf den Weg. So wollte er sich und
seine Informanten schützen. Die sind inzwischen untergetaucht oder ums Leben
gekommen. Der Gemüsehändler Ali Mahmud Osman etwa, der Reuter und anderen
Journalisten geholfen hatte, war nach dem Einmarsch der Armee in Homs geblieben
                                             und verhaftet worden. Vor wenigen
                                             Wochen wurde er zu Tode gefoltert.
                                             Der Reporter erlebte Hubschrauber-
                                             angriffe, sah Verwüstungen, furchtbar
                                                                             VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL




                                             zugerichtete Leichen, Rebellen und die
                                             Schabiha-Milizen des Assad-Regimes.
                                             Was die staatliche Propaganda glauben
                                             machen möchte, sah er hingegen nicht:
                                             ausländische Kämpfer oder syrische
                                             Dschihadisten-Gruppen, die einen Got-
Reuter (l.)                                  tesstaat errichten wollen (Seite 82).


Z    iemlich erschöpft war Daniel Barenboim, als er die Redakteure Joachim
     Kronsbein und Bernhard Zand zum SPIEGEL-Gespräch in seiner Künstler-
garderobe empfing, soeben hatte er im Wiener Musikverein Bruckners 5. Sympho-
nie dirigiert. Barenboim, in Argentinien geboren und in Israel aufgewachsen, sprach
über Musik, vor allem aber über Politik – und kritisierte die Regierung in Jerusalem:
„Wagner verbieten und gleichzeitig deutsche U-Boote kaufen, das ist doch absurd.“
Sein Verhältnis zu Israel ist ein gespaltenes. „Wie wollen Sie Patriot sein in einem
Staat, der seit 45 Jahren fremdes Territorium besetzt?“, fragte Barenboim die
SPIEGEL-Leute. Das Gespräch wurde kurz unterbrochen, als auf dem Handy des
Dirigenten eine SMS einging. Sir Simon Rattle, der Chef der Berliner Philharmo-
niker, hatte im Publikum gesessen und simste seine Begeisterung. Noch nie sei
ihm die Fünfte Bruckners, dieser symphonische „Koloss“, in einer Aufführung „so
verständlich“ geworden (Seite 110).

Im Internet: www.spiegel.de   D E R                                S P I E G E L                             2 5 / 2 0 1 2                         3
In diesem Heft
 Titel
Neun Monate, die das Leben
bestimmen – prägende Erfahrungen
im Mutterleib ................................................ 120

 Deutschland
Panorama: Klamme Bundesländer gefährden
Fiskalpakt / Ermittler prüfen Verbindung von
Salafisten zur Sauerland-Terrorzelle /
Koalition streitet über Parlamentsrechte
bei Bundeswehreinsätzen ............................... 13
Regierung: Angela Merkels wichtigster
Krisenmanager Ronald Pofalla
ist überfordert ................................................ 18
Europa: SPIEGEL-Gespräch mit CSU-Chef
Horst Seehofer über Volksabstimmungen und
die Euro-Rettung ............................................ 22
SPD: Die Parteiführung will im Wahlkampf
darauf verzichten, die Kanzlerin
als Europa-Politikerin herauszufordern .......... 26                                                         Europäische Spitzenpolitiker Monti, Merkel, Hollande
Hauptstadt: Das Finanzchaos um

                                                                                                               Deutschland soll den Euro retten
den Berliner Großflughafen ........................... 28
Grüne: Parteichefin Claudia Roth drängt
                                                                                                                                                                                 Seite 62
                                                                               FRANCOIS LENOIR / REUTERS




bei einem Wahlsieg ins Kabinett .................... 30
Terrorismus: Akten des Verfassungsschutzes                                                                     Der Druck auf die Kanzlerin wird größer: Deutschland müsse mit seiner
zeigen die Spur der Neonazis beim                                                                              finanziellen Macht die Euro-Zone retten, fordern Politiker und Ökono-
Olympia-Attentat 1972 ................................... 32
Justiz: Wie islamische Streitschlichter die                                                                    men aus aller Welt. Doch die vorgeschlagenen Instrumente taugen nicht.
Scharia in Deutschland anwenden ................. 36
Flüchtlinge: Ghetto oder Integration –
Bürgerproteste gegen Leipziger
Wohnprojekte ................................................ 39
Landwirtschaft: Bei der grünen Gentechnik
riskiert Verbraucherschutzministerin
Ilse Aigner den Konflikt mit der Kanzlerin .... 42
Bildung: Die Reform eines länderübergreifenden
Abiturs bleibt Stückwerk ................................ 46
                                                                                                 Merkels Problemfall                                                               Seite 18
Affären: Der Klatten-Erpresser sagt erstmals                                                     Eigentlich ist Kanzleramtschef Ronald Pofalla der wichtigste Manager
über den mutmaßlichen Drahtzieher aus ....... 50                                                 der Regierung. Doch statt Probleme zu lösen, schafft er ständig
                                                                                                 neue. Das Vertrauen zu ihm in der Koalition schwindet zusehends.
 Gesellschaft
Szene: Fettsucht bei Tieren / Warum
griechische Inseln schwer verkäuflich sind ..... 52
Eine Meldung und ihre Geschichte –
wie sich ein Schauspieler versehentlich
erhängte ......................................................... 53
Idole: Das wechselvolle Leben von
                                                                                                           Schwaches Zeugnis                                                       Seite 46
Lothar Matthäus als TV-Doku ........................ 54                                                    Die Zahl der Abiturienten wächst. Aber was ist die Reifeprüfung
Ortstermin: In Berlin erforschen                                                                           wirklich wert? Die Kultusminister sperren sich gegen ein Zentralabitur
Wissenschaftler, wie Nationalgefühl                                                                        und verhindern damit einen bundesweiten Leistungsvergleich.
produziert wird ............................................... 59

 Wirtschaft
Trends: Schlecker-Gläubiger gehen leer aus /
Siemens-Chef brüskiert Bremen / Schäubles
Pläne für die Finanztransaktionsteuer ............ 60                                                                                                         Maskerade
Finanzpolitik: Endspiel um die deutsche
Kredithaftung ................................................. 62
Die Bankkunden in den Krisenländern
                                                                                                                                                              in Danzig Seite 136
ziehen ihr Geld ab ......................................... 64                                                                                               Der DFB inszeniert für die
Europa: Weltbankpräsident Robert Zoellick                                                                                                                     Berichterstatter im Trainings-
über das Krisenmanagement von                                                                                                                                 camp der Nationalmann-
Kanzlerin Merkel und die Notwendigkeit                                                                                                                        schaft in Danzig fast täglich
rascher Reformen in der Euro-Zone ............... 66                                                                                                          eine Pressekonferenz –
Unternehmen: Warum will Evonik                                                                                                                                eine Kunstwelt der Floskeln
überhaupt an die Börse? ................................ 69
Tourismus: Wie die TUI ihre
                                                                                                                                                              und Werbebotschaften.
Animateure schult .......................................... 70                                                                                               Dort gibt der Verband auch
                                                                        MAGICS / ACTION PRESS




                                                                                                                                                              zu verstehen, was nicht
 Medien                                                                                                                                                       gewünscht ist – etwa Fotos
Trends: Schlechtes Zeugnis für das ZDF /                                                                                                                      von Spielerfrauen wie
Niggemeiers Medienlexikon ........................... 73                                                    Gercke                                            der Khedira-Verlobten
Talkshows: Die ARD rechnet mit ihren                                                                                                                          Lena Gercke.
Moderatoren ab .............................................. 74

4                                                                                         D E R                 S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Ausland
                                                                                                                                      Panorama: Untersuchungshaft in
                                                                                                                                      Schweden für WikiLeaks-Gründer Assange? /
                                                                                                                                      Übergriffe auf Immigranten in Griechenland ... 80
                                                                                                                                      Syrien: Apokalypse und Zerfall – Reportage
                                                                                                                                      aus der Provinz Aleppo ................................. 82
                                                                                                                                      Die Schuldigen des Massakers von Hula ........ 84
                                                                                                                                      Türkei: Die geistig-kulturelle Wende
                                                                                                                                      von Ministerpräsident Erdogan ...................... 86
                                                                                                                                      Essay: Was prügelnde Politiker über den
                                                                                                                                      Zustand von Gesellschaften verraten ............. 88
                                                                                                                                      Österreich: Maria Fekter, die
                                                                                                                                      forsche Finanzministerin ................................ 90
                                                                                                                                      Ägypten: Scheitert das demokratische
                                                                                                                                      Experiment? ................................................... 92
                                                                                                                                      Nordkorea: Aufgewachsen im Straflager –
                                                                                                                                      die Odyssee des Shin Dong-hyuk ................... 96
                                                                                                                                      Global Village: Zöllner gehen am Flughafen
                                                                                                                                      von Dubai gegen Zauberer vor ..................... 100




                                                                                       KARLHEINZ SCHINDLER / PICTURE ALLIANCE / DPA
                                                                                                                                       Kultur
                                                                                                                                      Szene: Hongkong bekommt die größte
 ARD kritisiert Jauch                                             Seite 74                                                            Sammlung chinesischer Gegenwartskunst
                                                                                                                                      der Welt / Ein griechischer Theaterregisseur
 Mit einer Flut von Talkshows kämpft das Erste um Zuschauer. Jetzt                                                                    führt auf Kreta eine Tauschwährung ein ....... 102
 hat der Programmbeirat die Plauderrunden hart kritisiert: Die Themen                                                                 Kunst: Jeff Koons wird in Frankfurt als
                                                                                                                                      Hellenist und Pornograf gefeiert ................... 104
 seien nicht originell – und Günther Jauch stelle zu harmlose Fragen.                                                                 Ethik: Die Autorin Sigrid Falkenstein
                                                                                                                                      beschreibt das Euthanasie-Schicksal
                                                                                                                                      ihrer Tante .................................................... 107
                                                                                                                                      Dirigenten: SPIEGEL-Gespräch mit
                                                                                                                                      Daniel Barenboim über seine Liebe zu
                                                                                                                                      Richard Wagner und die politische
                                                                                                                                      Instrumentalisierung des Holocaust in Israel ... 110

Flucht aus dem Schattenreich                                            Seite 96
                                                                                                                                      Bestseller ..................................................... 113
                                                                                                                                      Propaganda: Der berühmte Kriegsfotograf
                                                                                                                                      James Nachtwey verharmloste den
Shin Dong-hyuk lebte 22 Jahre in einem nordkoreanischen Straflager, wurde                                                             syrischen Diktator Assad in einer süßlichen
zur Sklavenarbeit gezwungen und gefoltert. Nun berichtet er von                                                                       Homestory – warum bloß? ............................ 114
seiner traumatischen Leidensgeschichte: „Ich wurde gehalten wie ein Tier.“                                                            Filmkritik: Madonnas Kostümdrama „W. E.“
                                                                                                                                      über eine königliche Romanze ...................... 116

                                                                                                                                       Wissenschaft · Technik
                                                                                                                                      Prisma: Ungarischer Parlamentarier unterzieht

Neonazis halfen Olympia-Attentätern                                     Seite 32
                                                                                                                                      sich genetischem Rassetest / Flugzeug mit
                                                                                                                                      Elektromotoren ............................................ 118
                                                                                                                                      Umwelt: Ökobekenntnisse in
Der Anschlag auf das israelische Olympia-Team kostete 1972 bei den Spielen                                                            Rio, Raubbau im Urwald – Brasiliens
in München neun Geiseln das Leben. Akten des Verfassungsschutzes                                                                      schizophrene Politik ..................................... 130
zeigen, dass die palästinensischen Terroristen mit Neonazis kooperierten.                                                             Der Multimilliardär Richard Branson
                                                                                                                                      über Klimaschutz als Geschäftsmodell ......... 132
                                                                                                                                      Archäologie: Goldfund aus der Bronzezeit
                                                                                                                                      auf einem niedersächsischen Acker .............. 133


König des                                                                                                                              Sport
                                                                                                                                      Szene: Im Blut des toten Schwimmers

Kitsches           Seite 104
                                                                                                                                      Alexander Dale Oen fanden sich Spuren von
                                                                                                                                      13 Schmerzmitteln / EM-Fairnessbarometer: je
                                                                                                                                      mehr Siege, desto weniger Verwarnungen .... 135
Schon in seinen frühen,                                                                                                               Euro 2012: Hofstaat unterm
oft pornografischen Werken                                                                                                            Mercedes-Stern – das deutsche
schockierte er die Kunst-                                                                                                             Trainingscamp in Danzig .............................. 136
welt. Nun hat der Amerika-                                                                                                            Mittelfeldstratege Xavi Hernández ist
ner Jeff Koons die Antike                                                                                                             die Ordnungsmacht im Team des
und ihren Körperfetischis-                                                                                                            Titelverteidigers Spanien .............................. 140
                                                                                                                                      Understatement als Führungsprinzip –
mus für sich entdeckt. In                                                                                                             der englische Trainer Roy Hodgson .............. 142
                                                                                       ANNA SCHORI / DER SPIEGEL




einer Frankfurter Doppel-
schau inszeniert sich Koons                                                                                                           Briefe ............................................................... 6
als unangreifbarer König                                                                                                              Impressum, Leserservice .............................. 144
der bunten Geschmack-                                                                                                                 Register ........................................................ 146
losigkeit und des genialen                                                                                                            Personalien ................................................... 148
                                                                          Koons
Kitsches.                                                                                                                             Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 150
                                                                                                                                      Titelbild: Fotos Visum, ARD/dpa


                                               D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                                                                        5
Briefe

                                                                                                               übertrifft die Leistungen der meisten sei-
                                                                                                               ner Vorgänger bei weitem. Innenpolitisch
                                                                                                               ist die Gesundheitsreform das bedeutends-
                              „Könnte es sein, dass die                                                        te Projekt der Regierung. Wird sie für ver-
                              USA aufgrund der                                                                 fassungskonform erklärt, hat Obama er-
                                                                                                               reicht, woran über acht Jahrzehnte hin-
                              höchst unterschiedlichen                                                         weg demokratische wie republikanische
                                                                                                               Präsidenten scheiterten: So gut wie jedem
                              Ideologien nicht                                                                 Amerikaner eine erschwingliche Kranken-
                                                                                                               versicherung zu garantieren.
                              wirklich zu regieren sind?“                                                                               SIMON VAUT, BERLIN


                                          DR. PETER-MICHAEL WILDE, KÖNIGS WUSTERHAUSEN                         Nie habe ich erwartet, dass Obama übers
                                                                          (BRANDENBURG)                        Wasser gehen könnte. Und trotz aller
    SPIEGEL-Titel 24/2012                                                                                      Schwierigkeiten ist er eine Offenbarung
                                                                                                               gegenüber George W. Bush. Die destruk-
                                                                                                               tiven Manöver der Tea-Party-Anhänger
Nr. 24/2012, Schade. Obamas missglückte                                                                        sind vor allem Rückzugsgefechte der
Präsidentschaft                                                                                                bisher traditionell herrschenden White
                                                                                                               Anglo-Saxon Protestants. Im Laufe dieses
USA, nicht Lummerland                                                                                          Jahrhunderts werden die Minderheiten
                                                                                                               von Latinos, Schwarzen und Asiaten zu-
Kompliment – eine hervorragende Ana-                                                                           sammen die Mehrheit haben und die US-
lyse der US-Wirklichkeit anno 2012! Wie                                                                        amerikanische Politik bestimmen.
soll es weitergehen im Land der unbe-                                                                                              KARSTEN STREY, HAMBURG
grenzten Möglichkeiten? Wäre Romney
der Präsident, der versöhnt und nicht                                                                          Sie bedienen gedankenlos die gängigsten
spaltet? Kaum – und deshalb spricht mehr                                                                       deutschen Klischees über Amerikaner:




                                                                                             SAUL LOEB / AFP
für den erfahrenen Amtsinhaber, der die                                                                        Waffennarren, fettleibig und unterbelich-
Chance braucht, Anspruch und Wirklich-                                                                         tet. Den als überhitzten Medienbetrieb
keit zur Deckung zu bringen.                                                                                   gut analysierten Politikprozess beschrei-
               HARTMUT VELBINGER, STUTTGART    Präsidentenpaar Obama am 20. Januar 2009                        ben Sie selbst mit phrasenhaften Aussa-
                                                                                                               gen und pauschalen Werturteilen.
Es ist erschütternd zu sehen, wie die          nungsvollem „Yes, we can!“ ein gnaden-                                          JACOB SCHROT, BRANDENBURG
stolze Selbstgewissheit der „auserwählten      loses „Yes, we can kill“ werden könnte?
Nation“ in dieser Identitätskrise als fun-     Wenn man sich allerdings die Alternati-                         Ich habe selbst im Stab eines Kongress-
damentalistischer Reflex fortbesteht und       ven auf Seiten der Republikaner ansieht,                        abgeordneten gearbeitet und kann Ihre
Amerika blind macht für die Option eines       könnte man endgültig den Glauben an                             Einschätzungen nur bestätigen. Die über-
kooperativen, aufgeklärten Handelns.           die Fähigkeit der USA verlieren, sich im-                       parteiliche Kooperation geht gegen null,
                  ANDREAS HUMMEL, MÜNCHEN      mer wieder neu zu erfinden. Eine große                          nur in sicherheitspolitischen Ausschüssen
                                               Nation zerlegt sich selbst. Schade.                             gibt es so etwas wie vorsichtige Annähe-
Mit Obama wurde mal wieder eine poli-                          CHRISTIANE THEISS, HANNOVER                     rung. Für die übrige politische Arbeit gilt:
tische Perle vor die Säue geschmissen.                                                                         „Gestern standen wir am Abgrund. Heute
        GÜNTER SAUER, GROSS-UMSTADT (HESSEN)   Bei den beiden großen US-Parteien, ihren                        sind wir einen Schritt weiter.“ Das Aus-
                                               Wählern und Anhängern wird nach Ihrer                           maß des politischen Bankrotts in Ameri-
Ein Problem ist ja: Es sind die USA, um        Auffassung die fehlende Moral, die Gier                         ka und die Zentrifugalkräfte rund um den
die es geht, es ist nicht Lummerland.          nach Geld und Macht und die fehlende                            Dauerwahlkampf sind kaum abzusehen.
                   ULRICH GRODE, NEUMÜNSTER    Charakterstärke fast ausschließlich bei                                               SEBASTIAN BRUNS, KIEL
                                               den Republikanern verortet, während die
Die USA leiden an einer aufgeblähten           Demokraten als die Naiven, Getriebenen                          Es hat sich bisher immer eher Inhumani-
Bürokratie sowohl auf nationaler Ebene         und Gutmeinenden dargestellt werden.                            tät als Humanität durchgesetzt, und so
als auch in vielen Einzelstaaten. Obama                 ALFONS SIEPERT, LANDSBERG AM LECH                      wird sich auch die Idee von sozialer Ge-
hat diese Bürokratenklasse wie kaum ein                                                                        rechtigkeit, wie sie Obama anstrebt, erst
anderer gesteigert, und er will diesen         Nach den großen Erwartungen sind viele                          dann realisieren lassen, wenn sie von ei-
Kurs in einer zweiten Amtszeit fortsetzen      enttäuscht von Obamas Amtszeit. Doch                            ner breiten Mehrheit erkämpft wird.
und mit Steuererhöhungen und noch              was der Präsident auf den Weg brachte,                                 JOSEF GEGENFURTNER, SCHWABMÜNCHEN
mehr Staatsverschuldung ernähren.
      CHRISTOPHER AREND, FRANKFURT AM MAIN

Wer mit schönen Reden Hoffnungen
                                                 Diskutieren Sie im Internet
weckt und Vertrauen gewinnt, dann aber           www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel
nicht liefert, braucht sich über enttäuschte
Wähler nicht zu wundern. Und ein vor-            ‣ Titel Glück oder Leid – welchen Einfluss hat der
eilig ausgezeichneter Friedensnobelpreis-          Verlauf einer Schwangerschaft auf das spätere Leben?
träger, der, wie es heißt, gut damit klar-       ‣ Bildung Sollte es ein bundesweites Zentralabitur geben?
kommt, in einem schmutzigen Schatten-
krieg Richter und Henker zugleich zu             ‣ Fernsehen Dienen Talkshows der politischen
sein, wird zu einer Karikatur seiner selbst.       Meinungsbildung?
Wer hätte gedacht, dass aus Obamas hoff-
6                                                    D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 23/2012, Hilflose Menschen werden            weder die Katastrophen Deutschlands im
von ihren Betreuern ausgebeutet                  christlichen Abendland noch die Über-
                                                 nahme von Fremdwörtern, Zitaten und
Leichtes Opfer                                   zivilisatorischen Errungenschaften der
                                                 arabischen Welt begründen die Aussage:
Der Skandal an der Sache ist nicht die           „Der Islam gehört auch zu Deutschland“.
Gier der Betreuer, sondern die Tatsache,              GERHARD HAASE, QUICKBORN (SCHL.-HOLST.)
dass die Politik nicht bereit ist, eine not-
wendige und anspruchsvolle Arbeit an-            Dass Millionen Muslime zu Deutschland
ständig zu honorieren. Die Pauschalie-           gehören, wird niemand ernsthaft in Frage
rung ist einzig nur deshalb eingeführt           stellen. Daraus aber den Schluss zu zie-
worden, weil es sehr viele Menschen gibt,        hen, der Islam als kulturelles Erbe gehöre
für die Angehörige keine Verantwortung
übernehmen wollen und oft auch nicht
können. Das belastet die Justizkassen der
Länder in immer höherem Ausmaß. Infa-
merweise wurde die Reform von der
Politik jedoch so verkauft, als wolle man
Missstände bei der Abrechnung der Be-
treuer einschränken.




                                                                                                    HERMANN BREDEHORST
PETRA NUSSBAUM, SCHWETZINGEN (BAD.-WÜRTT.)

Ich empfinde die gesetzliche Betreuung
in vielen Fällen gut, richtig und wichtig.
Sie sollte aber in den Bundesländern ei-
ner einheitlichen Prüfung unterliegen, un-       Muslimische Frauen in Berlin
ter die auch Rechtsanwälte fallen müssen,
die den Job zusätzlich übernehmen!               zu Deutschland, ist schon abenteuerlich.
                    ELKE TETZNER, WUPPERTAL      In der islamischen Tradition steht das In-
                                                 dividuum immer hinter dem Kollektiv
Alte, insbesondere höchstbetagte Men-            mit all den bekannten Konsequenzen.
schen sind ein leichtes Opfer von Mani-                                 KLEMENS LUDWIG, TÜBINGEN
pulationen, weil ihre geistige und phy-
sische Gebrechlichkeit fast immer weit           Das Abendland ist geprägt von Humanis-
fortgeschritten ist und damit ihre Abhän-        mus, Reformation und Aufklärung – da-
gigkeit. Nachdem beide Geschwister er-           her auch die Trennung von Religion und
fuhren, dass ich der Haupterbe werden            Staat –, Errungenschaften, um die der
sollte, wurden meine 90-jährigen Eltern          Westen seit Jahrhunderten gerungen hat,
massiv bearbeitet, so dass ich bei der Be-       während sie in der islamischen Welt un-
treuungsvollmacht ausgeschlossen wurde.          beachtet blieben. Und mit Verlaub: Dies
Eine Patientenverfügung, die mich als be-        feststellen zu dürfen hat nichts mit Islam-
vollmächtigt auswies, wurde versteckt, so        feindlichkeit zu tun!
dass ich als Arzt nicht tätig werden konnte.                   DR. STEFAN HEINLEIN, SAARBRÜCKEN
    DR. H. MEYER, ANSCHRIFT DER RED. BEKANNT
                                                 Wir im blutgetränkten Herzen Europas
Wir setzen uns seit langem für gesetzliche       haben unsere Lektion gelernt. Wir Abend-
Zulassungskriterien für den Betreuerberuf        länder diskutieren und wägen ab. Allah
ein. Betreuer sollten nur auf der Basis ei-      diskutiert nicht. Sollen wir – wie Back-
ner fundierten Ausbildung zugelassen wer-        fische – alles noch mal von vorn durch-
den und bei Fehlverhalten Sanktionen bis         machen, Herr Zand?
hin zur Untersagung der Berufsausübung                                ALEXANDER JANICEK, AUGSBURG
verhängt werden können.
                DR. HARALD FRETER, HAMBURG       Die Diskussion um die Frage, ob der Is-
          BUNDESVERBAND DER BERUFSBETREUER       lam zu Deutschland gehört, entscheidet
                                                 sich politisch – nicht kulturell – nur daran,
                                                 inwiefern der Islam mit den Menschen-
Nr. 23/2012, Kommentar von Bernhard              rechten vereinbar ist, was Zand jedoch
Zand: Die Sehnsucht der Muslime                  mit keinem Wort erwähnt. Und dies ist
                                                 der Islam grundsätzlich zweifellos: Den
Allah diskutiert nicht                           Beweis erbringt täglich die überwältigen-
                                                 de Mehrheit der Muslime in Deutschland,
Der pragmatische Herr Gauck hat ver-             Europa und den USA, weil sie friedlich
sucht, Christian Wulffs Ausspruch zu kor-        und gesetzeskonform lebt. Aber der Islam
rigieren, indem er die erlebte Wirklichkeit      birgt aktuell eine Gefahr: Er dient radi-
unserer letzten Jahrhunderte verwertete:         kalen Fundamentalisten als Rechtferti-
„Die Muslime, die hier leben, gehören zu         gung für Terroranschläge und Politikern
Deutschland“. Da hat er recht. Zand ver-         islamischer Länder für Drohungen gegen
sucht, Wulffs Ausspruch als ewige Wahr-          andere Staaten.
heit zu beweisen. Da hat er unrecht. Denn                         SYLVIA MERSCHROTH, DARMSTADT

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Briefe

Nr. 23/2012, Gespräch mit der französi-




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schen Historikerin Elisabeth Roudinesco
über den Niedergang der Psychoanalyse

Zähe Arbeit am Gefühl
Die These, Psychoanalyse sei unwirksam,
ist ebenso oft wiederholt worden und
falsch wie die Vorstellung, sie spiele (bald)
keine Rolle mehr. Die Analyse arbeitet
intensiv und detailliert an der Beziehungs-      Kennzeichnung eines Fohlens
und Gefühlsgeschichte ihrer Patienten.
Auch frühe krankmachende Erlebnisse,             Nr. 23/2012, Das Brandzeichen für Pferde
ungelöste Konflikte und Verletzungen             spaltet die schwarz-gelbe Koalition
werden bei gutem Verlauf nicht nur er-
innert, sondern dosiert in einer haltenden
Beziehung wiedererlebt und, wie wir
                                                 Glühendes Eisen
Psychoanalytiker sagen, durchgearbeitet.         Es gibt kein Gutachten, das schwerere
Sie verlieren dadurch an Macht.                  Schmerzen nach dem Heißbrand belegt.
                CHRISTOPH FRÜHWEIN, BREMEN       Im Gegenteil, der Stress durch das Chip-
                                                 pen ist höher, auch muss manchmal noch
Aus der einsichtsvollen intellektuellen Er-      sediert werden. Chips können wandern
kenntnis Freuds ist längst ein System der        und wurden schon an Stellen wiederge-
Besserwisserei und Manipulation der Psy-         funden, die das Pferd durch dadurch ver-
choanalytiker geworden.                          ursachte Schmerzen unreitbar machten.
                         STEFAN FINKE, KÖLN      Ein Verbot des Heißbrandes wäre ein
                                                 nicht wiedergutzumachender Schaden für
Nicht die Länge der Behandlungen und             die deutschen Zuchtgebiete und auch ein
die Zurückhaltung des Behandlers lassen          Verlust eines Stücks deutscher Kulturge-
die Psychoanalyse unzeitgemäß erschei-           schichte.
nen. „Unzeitgemäß“ wirkt das Kernge-                         VANESSA RÜDEL, FELDE (SCHL.-HOLST.)
schehen: die zähe Arbeit an tiefsitzenden
Gefühlseinstellungen mittels der Refle-          Der Schenkelbrand führt zu einer Gewe-
xion der emotionalen Widerstände –               bezerstörung mit Narbenbildung. Beim
ohne die Tragik unser Existenz zu über-          Heißbrand bei erhöhter Herzfrequenz
spielen. Das ist für Behandler ungewohnt,        zerstört das glühende Eisen die Haut der
verunsichernd und anstrengend.                   Fohlen bis auf die Haarwurzel. Die Wun-
 PSYCHOANALYTIKER DR. LUTZ GERO LEKY, KÖLN       de löst tagelange Schmerzen aus, was
                                                 auch vom Amtsgericht Kehl bestätigt wur-
Die Psychoanalyse am Ende? Im Gegen-             de. Deshalb haben die Bundestierärzte-
teil: Es geht erst richtig los.                  kammer und die Landestierärztekammer
          DR. GERT SCHULZ-MALIN, WÜRZBURG        Hessen den Brand abgelehnt.
                                                                      EDGAR GUHDE, DÜSSELDORF
Die Psychoanalyse vom Untergang be-
droht? Gerade wurden in Berlin die In-           Das Brandeisen in das Fleisch eines Tieres
ternational Psychoanalytic University            zu stemmen ist keine leichte Arbeit, es
und der Dachverband deutschsprachiger            ist und bleibt eine brutale Tätigkeit. Tier-
Psychosenpsychotherapie gegründet so-            quälerei in brutalster Form. In Namibia
wie die Psychoanalyse für Kinder und             ist Tierbrand Alltag, aber viele Farmer
Jugendliche ausgebaut – alles dringend           würden sofort Abstand davon nehmen,
notwendige Entwicklungen, die hundert-           wenn es eine andere Möglichkeit gäbe,
tausendfaches menschliches Elend ab-             Viehdiebstahl zu verfolgen. Da dieser in
bauen – und zwar dort, wo die kognitive          Deutschland kein solches Thema ist, fragt
Verhaltenstherapie nichts gebracht hat.          man sich, warum dort noch gebrannt wird.
        DIPL. PSYCH. RICHARD MARX, MÜNCHEN                       HANS KRESS, WINDHOEK (NAMIBIA)




 Aus der SPIEGEL-Redaktion
Wie findet man Freunde fürs Leben? Und wie
behält man sie? „Dein SPIEGEL“, das Nachrich-
ten-Magazin für Kinder, beschreibt, was echte
Freundschaft ausmacht – und was sie von Face-
book-„Freundschaften“ unterscheidet. Außer-
dem: Jens Weidmann, 44, Präsident der Bun-
desbank, sprach mit den Kinderreportern Dalia,
14, und Sami, 13, über Griechenland und die Finanzkrise. Er erklärt kindgerecht, woher
die Krise kommt und was dagegen getan werden kann. Das Heft erscheint am Dienstag.
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Nr. 23/2012, Matthias Matussek: Das ma-
schinenhafte Menschenbild der Piraten

Jeder Mensch lernt alles neu
Hätte Matussek etwas mehr gelesen, zum
Beispiel ein Wahlprogramm der Piraten-
partei statt Pamphlete einzelner Aktivis-
ten, wäre dem Publikum sein misanthro-
pisches Gekeife über die „Wohlstandsver-
wahrlosung“ erspart geblieben.
HARTMUT SCHÖNHERR, BRUCHSAAL (BAD.-WÜRTT.)

Wenn Matussek die Hoffnung hatte, dass
„der Netzrevolutionär die Welt retten“
wird, und dann feststellt, dass das Quatsch
ist, können die Piraten nichts dafür. Auch
dass er seine „Hoffnung auf eine Jugend-
revolte im Netz“ albern findet, ist den
Piraten nicht anzulasten. Woher er den
„Traum totaler Herrschaftsfreiheit“ hat,
weiß hoffentlich wenigstens er.
                         RENATA STILLER, HAMBURG

Sie schreiben: „Das Vertrackte am Traum
totaler Herrschaftsfreiheit ist ja, dass er
in der Praxis Repressionsapparate und
Terror geradezu gebiert.“ Das stimmt.
Wenn Sie dann aber fragen: „Müssen wir
das immer neu lernen?“, dann kann ich
nur sagen, Sie und ich nicht, aber jüngere
Menschen müssen es neu lernen, weil je-
der Mensch alles neu lernen muss.
DR. HERBERT SCHULTZ-GORA, HOFHEIM (HESSEN)
                                                            HERMANN BREDEHORST/POLARIS/STUDIO X




Delegierte beim Piraten-Parteitag

Wäre es nicht besser, die Ursache als das
Symptom zu behandeln: Die Undurch-
schaubarkeit krisenhafter Verhältnisse?
                 FRIEDRICH LANGREUTHER, BERLIN

Jeder Satz trifft ins Schwarze. Hoffentlich
nimmt der angezielte Personenkreis die
Gelegenheit wahr, um sich die eigene Lä-
cherlichkeit vor Augen zu führen.
                        JÜRGEN WISSNER, HAMBURG

Ich bin kein Piraten-Fan. Doch was Ma-
tussek hier schreibt, ist himmelschreien-
der Unsinn. Es gilt: Wer den ersten Nazi-
Vergleich macht, hat meistens unrecht.
                              RAOUL NUBER, BERLIN


Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
leserbriefe@spiegel.de

In dieser Ausgabe befindet sich im Mittelbund ein 16-
seitiger Beihefter der Firma Samsonite GmbH, Köln.

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Panorama                                                                                                           Deutschland




                                                                                                                                                                JOSE GIRIBAS
                                                                                                                                                Schäuble


                                                     VERSCHULDUNG



                       Bundesländer erpressen Schäuble
  Die Bundesregierung sieht sich bei der Ratifizierung des Fis- Ressortchefs die Vorgaben des Fiskalpakts nicht erfüllen kön-
  kalpakts einer Front aller 16 Bundesländer gegenüber. Bei nen. Der Vertrag verlangt, dass Deutschland sein strukturelles
  den Verhandlungen am vergangenen Donnerstag schlossen Defizit ab 2014 auf 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung be-
  sich die unionsregierten Länder zentralen Forderungen von grenzt. Gleichzeitig will der Bund bereits 2014 die deutsche
  SPD und Grünen an. Alle verlangen nun zusätzliche Hilfen Schuldenbremse einhalten und sein Haushaltsminus auf 0,35
  des Bundes. So müsse Finanzminister Wolf-                                       Prozent reduzieren. Für Länder und Kom-
  gang Schäuble (CDU) die Kosten der Ein- „Es ist schon sehr befremd-             munen bleibt eine Neuverschuldung in
  gliederungshilfe für Behinderte komplett lich, dass die Länder                  Höhe von 0,15 Prozent. Dieser Wert ent-
  übernehmen. Zunächst solle er ab 2013 ein sich ihre europapolitische            spricht dann gut vier Milliarden Euro. Nord-
  Drittel der jährlich zwölf Milliarden Euro Verantwortung wie auf                rhein-Westfalen dürfte danach 2014 nur
  schultern – und seinen Anteil dann steigern. dem Basar abkaufen lassen          noch Schulden in Höhe von gut 900 Mil-
  Darüber hinaus wehren sich die Länder ve- wollen.“                              lionen Euro machen, plant aber mit 3,3 Mil-
  hement gegen eine raschere Konsolidierung                                       liarden Euro. Auch Hessen, Berlin und
  ihrer Haushalte. Sie stützen sich dabei auf Michael Meister                     Hamburg kalkulieren mit einer weitaus
  eine interne Berechnung, nach der viele Unionsfraktionsvize                     höheren Kreditaufnahme als erlaubt.




            SALAFISTEN
                                            Gruppe hatten vor dem Düsseldorfer                                                      LINKE
                                            Oberlandesgericht gestanden, Auto-

  Terroristen-Sparbuch                      bombenanschläge auf US-Soldaten
                                            geplant zu haben. Im März 2010 wurde
                                            Gelowicz als Rädelsführer zu zwölf
                                                                                                                        Harmonie nach Plan
Nach den bundesweiten Durchsuchun-          Jahren Haft verurteilt.                                                  Nach dem Zerwürfnis zwischen Oskar
gen bei radikal-islamischen Salafisten                                                                               Lafontaine und Gregor Gysi auf dem
prüfen Ermittler Verbindungen des                                                                                    Göttinger Parteitag der Linken setzen
verbotenen Vereins Millatu Ibrahim zu                                                                                beide auf ein Stillhalteabkommen bis
einem Mitglied der vor fünf Jahren im                                                                                zum kommenden Jahr. Lafontaine und
Sauerland aufgeflogenen Terrorzelle.                                                                                 Gysi vereinbarten am vergangenen
In der Solinger Millatu-Ibrahim-Mo-                                                                                  Donnerstag, die heikle Frage der Spit-
                                                                                         JO SCHWARTZ / DER SPIEGEL




schee stellten die Fahnder am vergan-                                                                                zenkandidatur für die Bundestagswahl
genen Donnerstag eine Geldkassette                                                                                   bis zum Frühjahr 2013 zu vertagen.
mit persönlichen Sachen von Fritz Ge-                                                                                Damit sollen erneute Kämpfe zwi-
lowicz sicher. Es handelt sich unter an-                                                                             schen den Flügeln wie bei den Perso-
derem um ein entwertetes Sparbuch                                                                                    naldebatten für den neuen Vorstand in
und Kontoauszüge. Gelowicz und drei                                                                                  den vergangenen Wochen vermieden
weitere Mitglieder der Sauerland-           Durchsuchung in Solingen                                                 werden.
                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                     13
Panorama

              BETREUUNGSGELD


              Mit allen Mitteln
Die Koalition hat offenbar dringende
Warnungen ignoriert, als sie vergan-
gene Woche das umstrittene Betreu-
ungsgeld im Eilverfahren in den




                                                                                                                                         SASCHA SCHUERMANN / DAPD
Bundestag einzubringen versuchte
und dabei scheiterte. Bundestags-
präsident Norbert Lammert (CDU)
hatte am Donnerstag im Ältestenrat
gemahnt, Abstimmungen wie über
das Betreuungsgeld nicht durch das
Parlament zu peitschen. Stattdessen         Bundeswehrsoldaten in Afghanistan
sollten Union und FDP noch einmal
über das Verfahren „nachdenken“.                                              AU S L A N D S E I N S ÄT Z E
Anlass der Mahnung war die Klage

                                                Weniger Rechte fürs Parlament?
der drei Oppositionsfraktionen, die
Koalition erzwinge eine Entscheidung
vor der Sommerpause. Volker Beck,
Erster Parlamentarischer Geschäfts-
führer der Grünen-Fraktion, hatte           In der Koalition ist ein Streit über den          Deutschland an einem später beschlos-
zuvor in einer Runde mit seinen             Umfang der Parlamentsbeteiligung bei              senen Kampfeinsatz anderer Nationen
Kollegen von den anderen Fraktionen         Bundeswehreinsätzen ausgebrochen.                 selbst nicht beteiligt.“ Das Parlament
gedroht, man werde „mit allen               Verteidigungsminister Thomas de Mai-              müsse aber jederzeit ein Rückholrecht
Mitteln“ eine Abstimmung des Be-            zière (CDU) will die Zustimmungs-                 haben. Im Auswärtigen Amt stößt die-
treuungsgeld-Gesetzes zu verhindern         rechte der Abgeordneten ändern, da-               se Idee auf wenig Gegenliebe. „Die
suchen. Nun wird die Entscheidung           mit die Bundeswehr leichter Aufgaben              Bundeswehr ist keine Regierungsar-
erst nach der Sommerpause fallen,           mit den Verbündeten absprechen                    mee, sondern eine Parlamentsarmee“,
sagt CSU-Chef Horst Seehofer.               kann. Wenn Deutschland etwa an ei-                sagt Bundesaußenminister Guido Wes-
Dagegen regt sich Widerstand. CSU-          ner gemeinsam organisierten Luftbe-               terwelle (FDP). „Der Parlamentsvor-
Generalsekretär Alexander Dobrindt          tankung mitmachen wolle, solle der                behalt steht nicht zur Disposition, weil
beispielsweise plädiert für eine            Bundestag das bereits grundsätzlich               es wichtig ist, dass Auslandseinsätze
Sondersitzung Anfang Juli. Man              absegnen, bevor konkrete Einsätze an-             der Bundeswehr breit demokratisch
könne sich von der Opposition bei           stehen, so de Maizière. „Eine solche              getragen, mindestens aber intensiv
einem so zentralen Vorhaben nicht           Zustimmung muss auch dann für die                 und transparent demokratisch disku-
den Zeitplan diktieren lassen, sagt         Betankung noch gelten, wenn sich                  tiert werden.“
Dobrindt.


                                                                                                        ENERGIEWENDE
                                        ZITAT


                                       „Teppiche aus Afgha-
                                                                                                Prepaid-Guthaben für
                                        nistan sind über-
                                                                                                   Geringverdiener
                                                                                            Die SPD will die Kosten der Energiewen-
                                        haupt nicht zollpflich-                             de für Geringverdiener und Hartz-IV-
                                        tig. Das habe ich lei-                              Empfänger abmildern. Bundestagsfrak-
                                                                                            tionsvize Ulrich Kelber fordert unter
                                        der erst von meinem                                 anderem Minikredit-Programme, mit
                                                                                            denen einkommensschwache Haushalte
                                        Anwalt erfahren.“                                   energieeffiziente Geräte kaufen können.
                                                                                            Zusätzlich will Kelber, dass die Energie-
                                                                                            versorger jedem Haushalt pro Person 500
                                       Entwicklungsminister Dirk Niebel, 49                 Kilowattstunden Strom im Jahr zum
                                       (FDP), gegenüber dem Deutschlandradio                günstigsten Tarif zur Verfügung stellen.
                                       Kultur zur Affäre um sein vom Bundes-                Intelligente Stromzähler in jeder Woh-
                                       nachrichtendienst eingeflogenes Mit-                 nung sollen außerdem dafür sorgen, dass
                                       bringsel aus Afghanistan. Laut einer EU-             „eine begrenzte Strommenge pro Stunde
                                                                                            zur absoluten Grundversorgung“ zur Ver-
 THOMAS IMO




                                       Bestimmung dürfen arme Länder wie
                                       Afghanistan alle Waren außer Waffen                  fügung steht. Diese Stromzähler könnten
                                       zollfrei nach Europa ausführen.                      mit einem Prepaid-Guthaben ausgerüstet
                                                                                            werden.
14                                              D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Deutschland

                                     SPORTWETTEN


                       „Angemessener Anteil“
Die Sportverbände fürchten um eine                   Sportbund (DOSB) und vom Deut-
verlässliche Finanzierung des Breiten-               schen Fußball-Bund haben die Minis-
sports in Deutschland. Die Minister-                 terpräsidenten den Verbänden ledig-
präsidenten der Bundesländer haben                   lich einen „angemessenen Anteil“ in
Forderungen abgelehnt, künftig ein                   Aussicht gestellt. Dessen Höhe könne
Drittel der Einnahmen aus einer Wett-                jedes Bundesland selbst festlegen.
steuer zur Unterstützung des allgemei-               DOSB-Generaldirektor Michael
nen Sports einzusetzen. Hintergrund                  Vesper kritisiert, es dürfe nicht sein,
ist die geplante Liberalisierung bei                 dass die Finanzierung des Breiten-
Sportwetten, in deren Rahmen private                 sports von der Kreativität des je-
Anbieter Konzessionen erhalten kön-                  weiligen Finanzministers abhänge.
nen und Steuern entrichten müssen.                   Deshalb müssten nun die Landes-
Nach einem Treffen mit den Präsiden-                 parlamente klare Regelungen verab-
ten vom Deutschen Olympischen                        schieden.



                             V E R FA S S U N G S S C H U T Z


                    Drei Szenarien einer Reform
Verfassungsschutzbehörden streiten                   Präsident des Niedersächsischen Ver-
über Konsequenzen aus der erfolg-                    fassungsschutzes, Hans-Werner War-
losen Suche nach den untergetauchten                 gel, während einer Veranstaltung in
Mitgliedern der rechtsextremen                       der bayerischen Landesvertretung in
Zwickauer Terrorzelle. Anlass ist ein                Berlin. Die Länder würden „tagtäglich
als vertraulich eingestufter Bericht                 aktuelle Analysen und Lagebilder mit
vom 4. Mai, den das Bundesamt für                    unmittelbarem örtlichem und regio-
Verfassungsschutz (BfV) an die Bund-                 nalem Bezug benötigen, die das BfV
Länder-Kommission um den ehema-                      nicht liefern könnte“. Ein alternativer
ligen Berliner Innensenator Ehrhart                  Vorschlag des BfV sieht ebenfalls eine
Körting geschickt hat. In dem Papier                 deutliche Aufwertung der Kölner
stellt das BfV drei Szenarien für eine               Zentrale vor. Demnach würde sie eine
grundlegende Reform vor. Umstritten                  ähnliche Funktion übernehmen wie
ist vor allem der erste Vorschlag, wo-               auf der polizeilichen Ebene das Bun-
nach die Landesämter künftig nur                     deskriminalamt. Im Einvernehmen
noch Informationen sammeln sollen,                   mit den Ländern soll Köln danach
die dann in der Kölner BfV-Zentrale                  einzelne Fälle an sich ziehen können
ausgewertet würden. In den Landes-                   und bei bestimmten Themen feder-
ämtern stößt die Idee auf massiven                   führend agieren. Die Analyse und
Widerspruch. In einer vertraulichen                  Auswertung bliebe aber in den Län-
Besprechung widersetzten sich sämt-                  dern. Die dritte Variante sieht nur ge-
liche süddeutsche Bundesländer. Von                  ringe Änderungen der gegenwärtigen
„praktischem Unsinn“ sprach der                      Regelung vor.
                                                                                               GETTY IMAGES




Zwickauer Terroristen 2004

                             D E R   S P I E G E L     2 5 / 2 0 1 2                      15
Deutschland                                                                                                                        Panorama

               Neue Eliten                                                                                                                    SPONSORING


                                                                                                                                         Verträge zeigen
               Wohin die Gelder der
               Exzellenzinitiative fließen
                                                                           Kiel
                     Elite-Unis                                                                                                   Die Grünen wollen künftig Zahlungen
                     Abgelehnte Elite-Anträge                                                                                     von Sponsoren nur noch annehmen,
                                                                                   Hamburg                                        wenn die Geldgeber mit einer Veröf-
                     Exzellenzcluster                Oldenburg                                                                    fentlichung der Verträge einverstan-
                                                                                                                     Berlin       den sind. Dabei geht es zum Beispiel
                     Graduiertenschulen
                                                                     Bremen                                     FU                um Firmenstände auf Parteitagen.
                     Hochschulübergreifende                                                                                       „Transparenz ist das beste Mittel gegen
                     Projekte                                                                                   HU
                                                                                  Hannover
                                                                                                                                  Verdächtigungen, Sponsoring wäre
                                                                                                                TU                verdeckte Parteienfinanzierung“, sagt
                                                               Bielefeld
                                                                                                                                  Bundesschatzmeister Benedikt Mayer.
                                                Münster
                                                                               Göttingen                                          Standmieten und Anzeigengebühren
                                           Bochum                                                                                 müssen, anders als Spenden, nicht de-
                                                                                                                        Dresden   tailliert an den Bundestag gemeldet
                                       Düsseldorf                                                                                 werden. Der Grünen-Bundesvorstand
                                                           Köln                               Jena                                will mit seinem Beschluss auch den
                                                                     Gießen                             Chemnitz                  Druck auf die anderen Parteien erhö-
                                                     Bonn                                                                         hen, „endlich Regelungen zum Spon-
                                       Aachen
                                                                       Frankfurt          Bam-                                    soring in das Parteiengesetz aufzuneh-
                                                     Mainz
                                                                                          berg                                    men“.
               Richtgrößen für die                                                                     Bayreuth
                                                                       Darm-         Würz-
               einzelnen Förderlinien,                                 stadt
               Jahressummen                                                          burg             Erlangen-Nürnberg
                                                    Mannheim
               Graduiertenschulen                                                                           Regensburg
                                            Saarbrücken                Heidelberg
               1,2 bis 3 Mio. €
                                                          Karlsruhe               Stuttgart
               Exzellenzcluster                                                                      München




                                                                                                                                                                             JAKOB STUDNAR / DAPD
               3,6 bis 9,6 Mio. €                    Tübingen
                                                                                               LMU
                                                                                    Ulm
               Elite-Unis                                                                       TU
                                                                        Konstanz
               durchschnittlich 13 Mio. €
                                                          Freiburg
               Quellen:
               Wissenschaftsrat, DFG                                                                                              Grünen-Parteitag



                                                                              SPIEGEL: Die Regierung will eine Kies-              von der internationalen Bonität
                     N O R D R H E I N -W E S T FA L E N
                                                                              abgabe erheben und Gebühren für die                 Deutschlands. Wenn der Bund aber

                           „Reichlich viel                                    Justiz erhöhen, genügt das?
                                                                              Färber: Viel wird das nicht ausmachen.
                                                                                                                                  mit „Deutschlandbonds“ auch explizit
                                                                                                                                  für die Schulden der Bundesländer

                            Verträumtes“                                      Andere Deckungsvorschläge fallen in
                                                                              den Zuständigkeitsbereich der Bundes-
                                                                              regierung, da enthält der Koalitions-
                                                                                                                                  haftet, besteht das Risiko, dass die Ra-
                                                                                                                                  tings schnell abgesenkt werden. Dann
                                                                                                                                  steigen die Zinssätze für alle. Das ist
                                         Gisela Färber, 57, Pro-              vertrag reichlich viel Verträumtes.                 derzeit nicht berechenbar und aus
                                         fessorin für Volkswirt-              SPIEGEL: Zum Beispiel?                              meiner Sicht hochriskant.
                                         schaftslehre und Fi-                 Färber: Die Wiedereinführung der Ver-               SPIEGEL: Finden Sie nichts Positives in
                                         nanzwissenschaft an                  mögensteuer und die Erhöhung der                    dem Koalitionsvertrag?
                                         der Universität Spey-                Erbschaftsteuer. Ich sehe nicht, wie                Färber: Doch, es gibt einige richtige
KROHNFOTO.DE




                                         er, über die Spar-Ver-               man die Probleme gleicher Bewertun-                 Ansätze. Es wird ausdrücklich auf das
                                         sprechen der neuen                   gen für verschiedene Vermögensarten                 Risiko von steigenden Zinsen für die-
                                         Landesregierung in                   lösen will. Die in Wahlkämpfen so po-               ses hochverschuldete Land hingewie-
                                         Düsseldorf                           puläre Vermögensteuer bringt einen                  sen. Auch der Finanzierungsvorbehalt
                                                                              enormen bürokratischen Aufwand mit                  für alle neuen Ausgaben ist vernünf-
               SPIEGEL: Sie haben als Sachverständige                         sich, und ich habe ernsthafte Zweifel,              tig. Ebenso die Umstellung von Förde-
               den letzten Haushaltsentwurf der                               dass sie vor dem Bundesverfassungsge-               rungen auf Darlehen, was die Bayern
               NRW-Regierung kritisiert. Wie beurtei-                         richt überhaupt Bestand haben würde.                übrigens schon seit den achtziger Jah-
               len Sie jetzt den demonstrativen Wil-                          SPIEGEL: Die neue NRW-Regierung for-                ren so machen. Das sind Instrumente,
               len der Koalition zum Sparen?                                  dert gemeinsame Anleihen von Bund                   aus denen ein Finanzminister etwas
               Färber: Die neue Regierung hat sich mit                        und Ländern. Lässt sich damit im                    machen kann. Er muss dies alles aber
               dem ausgeglichenen Haushalt bis 2020                           Haushalt sparen?                                    in ein mittel- bis langfristiges Haus-
               ein anspruchsvolles Ziel gesetzt. Wie                          Färber: Ich fürchte, dass ist eher kontra-          haltskonzept umsetzen. Daran werden
               sie dahin kommen will, verrät der Ko-                          produktiv. Im Moment profitieren                    er und die ganze Landesregierung zu
               alitionsvertrag allerdings nicht.                              auch die hochverschuldeten Länder                   messen sein.
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Deutschland



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                            Der Grabenkrieger
      Angela Merkels Kanzleramtschef Ronald Pofalla ist überfordert. Während die
      Kanzlerin immer mehr Aufgaben an sich zieht, verschreckt ihr Chefmanager
     mit seiner rauen Art die Koalition und stolpert von einem Fehler zum nächsten.




Amtschef Pofalla, Kanzlerin Merkel: Er ließ sich nie dazu hinreißen, schlecht über die Chefin zu reden



A
        uf zwei Menschen lässt Ronald         zum Fiskalpakt. Und nach dem Rauswurf            Fast jede Spitzenkraft der Regierung
        Pofalla nichts kommen: auf seine      Norbert Röttgens wird deutlich dass die        hat inzwischen eine Geschichte über
        Chefin Angela Merkel – und auf        Verantwortung für die verkorkste Ener-         Pofalla zu erzählen. Selbst die eigenen
sich selbst. Kaum etwas liebt der Chef        giewende auch in der Regierungszentrale        Leute vertrauen kaum noch auf das Wort
des Bundeskanzleramts so sehr wie ein         liegt.                                         des Kanzleramtschefs, auch das macht
kräftiges Eigenlob. Parteifreunde erleben        Noch nie in der Geschichte der Repu-        die Arbeit im schwarz-gelben Bündnis so
ihn als einen Mann, der mit sich im Rei-      blik stand das Kanzleramt vor größeren         schwierig. „Wenn man Pofalla die Hand
nen ist. In seiner Welt ist Pofalla nicht     Aufgaben, Merkel zieht immer mehr              gibt, muss man hinterher schauen, ob sie
nur ein brillanter Manager der Regie-         Kompetenzen an sich, von ihren Entschei-       noch dran ist“, sagt ein wichtiger Minister
rungszentrale, sondern auch der Stratege,     dungen hängt nicht nur das Schicksal des       der Union.
der den Plan für Merkels Sieg bei der         Euro ab, sondern auch die Frage, ob die          Das Regierungsbündnis mag noch so
Bundestagswahl im kommenden Jahr              Industrienation Deutschland in ein paar        zerstritten sein, bei einem Punkt lässt sich
schmiedet.                                    Jahren noch zu halbwegs bezahlbaren            ganz schnell Einigkeit herstellen – dass
   Es gehört zu den großen Talenten           Preisen Strom produzieren kann.                Pofalla eine Fehlbesetzung ist. „Wir ha-
Pofallas, Kritik an sich und seiner Arbeit       Merkel aber hat einen Chefmanager,          ben keine Probleme mit den Inhalten un-
auszublenden. Denn in Wahrheit läuft          der Probleme selten löst und häufig neue       serer Politik, sondern mit den Abläufen
nur wenig rund im Kanzleramt, der Ma-         schafft. Die Kanzlerin hat Pofalla vor         und dem Management“, sagte CSU-Chef
nager der Regierung ist mit seinen Auf-       allem deshalb geholt, weil er bedingungs-      Horst Seehofer jüngst im Kreis der Uni-
gaben überfordert. Während ganz Europa        los loyal ist. Nun fragen sich viele in der    onsministerpräsidenten.
wegen der Euro-Krise nach Berlin blickt,      Koalition, ob diese Qualifikation aus-           Der Chef BK sitzt an der zentralen
verstolpert Pofalla die Verhandlungen         reicht.                                        Stelle der Regierung, alle Vorhaben wan-
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einer Zweidrittelmehrheit durch Bundes-
                                                                                                       tag und Bundesrat bringen kann.
                                                                                                          Die Opposition wiederum braucht das
                                                                                                       Ja zur Finanztransaktionsteuer, damit sie
                                                                                                       dem Vorwurf begegnen kann, sie folge
                                                                                                       Merkels Sparpolitik blind. Eigentlich
                                                                                                       waren sich Pofalla und die Opposition
                                                                                                       schnell über die Grundzüge der Finanz-
                                                                                                       transaktionsteuer einig. Für die Union ist
                                                                                                       sie hilfreich, weil sie das Ja der SPD zum
                                                                                                       Fiskalpakt in greifbare Nähe rückt. Die
                                                                                                       SPD wiederum kann behaupten, sie habe
                                                                                                       Merkel ein großes Zugeständnis abge-
                                                                                                       trotzt.
                                                                                                          Dass die neue Steuer bis zur Wahl im
                                                                                                       September 2013 nicht kommen würde,
                                                                                                       war allen Beteiligten klar, aber darüber
                                                                                                       sollte der Mantel des Schweigens gelegt
                                                                                                       werden. Dann aber plauderte Pofalla all-
                                                                                                       zu offensiv über die Finte, er wollte wie-
                                                                                                       der einmal zeigen, wie clever er die SPD
                                                                                                       übertölpelt hatte. Das Problem war nur,
                                                                                                       dass die Sätze Pofallas schnell den Weg
                                                                                                       in die Öffentlichkeit fanden (SPIEGEL
                                                                                                       24/2012).
                                                                                                          Sofort meldeten sich zornige Opposi-
                                                                                                       tionspolitiker zu Wort. Thomas Opper-
                                                                                                       mann, der Parlamentarische Geschäfts-
                                                                                                       führer der SPD im Bundestag, klagte über
                                                                                                       die „parteitaktischen Winkelzüge“ des
                                                                                                       Kanzleramtschefs. Doch die Erregung
                                                                                                       war nur Theater.
                                                                                                          In Wahrheit freuten sich SPD und Grü-
                                                                                                       ne über Pofallas Fauxpas, seine Worte
                                                                                                       waren willkommener Anlass, die Preise
                                                                                                       für die Verhandlungen über den Fiskal-
                                                                                                       pakt in die Höhe zu treiben. „Ich bin nie-
                                                                                                       mandem so dankbar wie Herrn Pofalla“,
                                                                                                       lästert der SPD-Finanzexperte Carsten
                                                                                                       Sieling.
                                                                                                          Die Klagen über Pofalla sind so alt wie
                                                                                                       die schwarz-gelbe Regierung. Normaler-
                                                                                                       weise ist es die Aufgabe des Kanzleramts-
                                                                                         HC PLAMBECK




                                                                                                       chefs, als ehrlicher Makler der Regierung
                                                                                                       zu arbeiten. Sein Vorgänger Thomas de
                                                                                                       Maizière beherrschte diese Aufgabe per-
                                                                                                       fekt.
                                                                                                          Zu Zeiten der Großen Koalition führte
dern über seinen Schreibtisch. Er muss      wie Kohls Waldemar Schreckenberger                         de Maizière für Merkel die Regierungs-
sich um die Detailarbeit kümmern, damit     oder Merkels Pofalla.                                      zentrale, seine beamtenhafte Nüchtern-
die Chefin nicht den Blick für die großen      Natürlich ist der Kanzleramtschef auch                  heit kühlte selbst die Gemüter notori-
Linien verliert. Es ist seine Aufgabe,      immer ein dankbarer Sündenbock. Im                         scher Quertreiber wie Seehofer oder Sig-
Kompromisse zu schmieden. Sein Büro         Gegensatz zu den übrigen Ministern kann                    mar Gabriel. „De Maizière machte das
im siebten Stock des Kanzleramts müsste     er sich nicht mit Interviews und Talk-                     effektiv – und vor allem geräuschlos“,
eine Art Ausnüchterungszelle für die        show-Auftritten gegen Kritik wehren.                       sagt ein CDU-Ministerpräsident. „Davon
Streithansel der Koalition sein.            Und wenn etwas gut läuft, kassieren an-                    kann heute keine Rede mehr sein.“
   Erfolgreiche Kanzleramtschefs zeich-     dere das Lob. Er muss stumm bleiben.                          Pofalla kommt aus der Welt des partei-
nen sich dadurch aus, dass sie still ihre   Zudem würde es schon magische Kräfte                       politischen Grabenkriegs, vier Jahre lang
Arbeit verrichteten. Wer erinnert sich      erfordern, in Merkels Koalition des Zanks                  diente er als CDU-Generalsekretär, und
noch an den braven Friedrich Bohl, der      den Geist der Harmonie zu zaubern.                         in dieser Zeit hat er es sich zur Gewohn-
für Helmut Kohl das Alltagsgeschäft ver-       Das Problem ist nur, dass Pofallas Ge-                  heit gemacht, auch kleinste Gelände-
sah, als dieser schon damit beschäftigt     schick selten dazu ausreicht, auch nur                     gewinne zu großen Siegen seiner Partei
war, nach dem Mantel der Geschichte zu      kleine Kompromisse zu schmieden. In                        hochzujubeln. Das Bild des triumphieren-
greifen? Ins Licht treten Kanzleramts-      den vergangenen Tagen sollte er im Auf-                    den Parteipolitikers Pofalla hat sich so
chefs nur, wenn sie die nächste Karriere-   trag der Kanzlerin einen Konsens mit                       eingebrannt, dass ihm niemand mehr die
stufe erklimmen, Frank-Walter Steinmei-     SPD und Grünen über den Fiskalpakt und                     Rolle des neutralen Sachwalters der Re-
er ist so ein Fall und Wolfgang Schäuble.   die Finanztransaktionsteuer verhandeln.                    gierung abnimmt.
Oder sie erregen Aufmerksamkeit, wenn       Die Regierung benötigt die Zustimmung                         Dazu kommt, dass er nie gelernt hat,
sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind      der Opposition, weil sie den Pakt nur mit                  komplizierten Verhandlungen Struktur
                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                        19
Deutschland

                                                                                                                           land wurden bessere Konditionen für gro-
                                                                                                                           ße Solarparks zugesichert.
                                                                                                                              Nur einen hatte Pofalla vergessen: Ber-
                                                                                                                           lins CDU-Chef Frank Henkel. Der regiert
                                                                                                                           in der Hauptstadt zusammen mit dem
                                                                                                                           SPD-Mann Klaus Wowereit, und weil es
                                                                                                                           anderen Ländern gelang, kurz vor der
                                                                                                                           entscheidenden Abstimmung den Ber-
                                                                                                                           liner Senat auf ihre Seite zu ziehen,
                                                                                                                           scheiterte am 11. Mai das ganze Gesetz
                                                                                                                           zur Kürzung der Solarförderung im
                                                                                                                           Bundesrat.
                                                                                                                              Das war nicht nur für die Regierung
                                                                                                                           eine Blamage, denn die Solarförderung
                                                                                                                           kostet die Verbraucher jeden Tag 20 Mil-
                                                                                                                           lionen Euro. Auch Röttgen hatte den




                                                                                            JULIAN STRATENSCHULTE / DAPD
                                                                                                                           Schaden, denn die Schlappe in der Län-
                                                                                                                           derkammer ereilte ihn zwei Tage vor der
                                                                                                                           Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.
                                                                                                                              In der Vergangenheit hatte Merkel
                                                                                                                           immer einen Mann, der die Defizite ihres
                                                                                                                           Kanzleramtschefs ausglich. Wenn sich
Umweltminister Altmaier: Dem Saarländer fehlt die Zeit, den Ausputzer zu spielen                                           Pofalla mit seinem aufbrausenden Tem-
                                                                                                                           perament wieder einmal verrannt hatte,
und Richtung zu geben. Bei den Gesprä-        es gewohnt ist, dass eine ganze Staats-                                      bekam Peter Altmaier einen Wink von
chen zum Fiskalpakt offenbarte sich die-      kanzlei ihm zuarbeitet, konnte es kaum                                       Merkels Leuten, die Dinge doch diskret
ser Makel in aller Schärfe. Die Kunst des     fassen.                                                                      in die Hand zu nehmen.
Kanzleramtschefs besteht darin, die Welt         Der Kanzleramtschef rühmt sich zwar                                          Der gemütliche Saarländer ist das Ge-
der Politik mit der Welt der Verwaltung       gern seines strategischen Weitblicks, doch                                   genbild zu Pofalla, ihm würde es nie ein-
in Einklang zu bringen. Es ist kein Zufall,   mit der Realität hat das wenig zu tun. Bei                                   fallen, einen renitenten Abgeordneten
dass auf dem Posten Leute wie de Mai-         den Verhandlungen zum Fiskalpakt un-                                         wie Wolfgang Bosbach mit den Worten
zière und Steinmeier erfolgreich waren,       terschätzte er beispielsweise den Wider-                                     abzubügeln: „Ich kann deine Fresse nicht
die zuvor lange im Beamtenapparat ge-         stand der Länder.                                                            mehr sehen.“ Der Satz Pofallas machte
dient hatten.                                    Der Vertrag verpflichtet Deutschland,                                     auch deshalb so schnell die Runde, weil
   Pofalla aber hatte nie eine Verwaltung     die öffentlichen Haushalte deutlich                                          fast jeder in der Koalition schon einmal
von innen erlebt, als er den Posten im        schneller in Ordnung zu bringen, als es                                      selbst erlebt hat, wie der Kanzleramtschef
Kanzleramt übernahm. Das Kind eines           die Schuldenbremse vorschreibt. Dass                                         aus der Haut fährt.
Fabrikarbeiters und einer Putzfrau hat        viele Bundesländer angesichts leerer Kas-                                       Als Parlamentarischer Geschäftsführer
sich auf dem zweiten Bildungsweg nach         sen nicht bereit sein würden, den Vertrag                                    der Unionsfraktion hatte Altmaier noch
oben gearbeitet. Er studierte erst Sozial-    ohne Gegenleistung im Bundesrat pas-                                         Zeit, den Ausputzer für Pofalla zu spie-
pädagogik und anschließend Jura. 1990         sieren zu lassen, war jedem klar. Nur                                        len. Nun ist er ins Umweltministerium
zog er in den Bundestag ein und gehörte       Pofalla nicht. Beim Termin der Unions-                                       eingerückt, und da hat er alle Hände voll
bald zu einer Gruppe junger Abgeordne-        ministerpräsidenten mit der Kanzlerin am                                     damit zu tun, die Energiewende wieder
ter, die unter dem Muff der späten Kohl-      vergangenen Donnerstagabend ergriff                                          auf das richtige Gleis zu setzen. Zwar hat
Jahre litt und die sich später um Merkel      Pofalla entgeistert das Wort: Er hätte gern                                  Pofalla noch Eckart von Klaeden an sei-
scharte. Er ist ein lupenreiner Parteipoli-   früher gewusst, dass alle Länder mehr                                        ner Seite, der ihm zur Not aushelfen
tiker.                                        Geld vom Bund wollten. Die Minister-                                         könnte. Aber den Staatsminister mit dem
    Jüngstes Opfer von Pofallas Überfor-      präsidenten wunderten sich. Hatte nicht                                      Bubengesicht nennen alle nur „Ecki“,
derung war Seehofer. Am Sonntag vor           Hessens Ministerpräsident Volker Bouf-                                       und damit ist alles über seine Autorität
einer Woche war der CSU-Chef mit den          fier schon vor Wochen im CDU-Präsidi-                                        gesagt.
Unionsregierungschefs bei Finanzminis-        um auf die knappe Finanzlage der Länder                                         Natürlich könnte Merkel Pofalla aus-
ter Schäuble, es ging um den Fiskalpakt.      hingewiesen?                                                                 wechseln. Dass sie die nötige Härte be-
Später wurde er dazu bestimmt, die Er-           Was Pofalla fehlt, ist das Gespür für                                     sitzt, auch Männer vor die Tür zu setzen,
gebnisse mit dem rheinland-pfälzischen        das entscheidende Detail, und so wachsen                                     die ihren Aufstieg begleiteten, hat die
Ministerpräsidenten Kurt Beck von der         sich kleine Fehler schnell zu einem poli-                                    Kanzlerin eben erst bewiesen. Aber im
SPD-Seite zu besprechen.                      tischen Debakel aus. Seit dem rüden                                          Gegensatz zu Röttgen ließ sich Pofalla
   Doch als Seehofer zwei Tage später mit     Rauswurf von Umweltminister Röttgen                                          nie dazu hinreißen, schlecht über die
Beck telefonierte, musste er feststellen,     hat sich die Lesart eingebürgert, dass                                       Chefin zu reden, und das, obwohl sie
dass der Kollege von der SPD viel besser      allein der unglückliche Minister die Ver-                                    nicht immer sanft mit ihrem Kanzleramts-
informiert war als er selbst. Zwischen-       antwortung für die verkorkste Energie-                                       chef umging.
zeitlich hatten die Länderfinanzminister      wende trägt. Dabei hatte Pofalla das Pro-                                       Als vor einiger Zeit eine Runde bei
mit Bundesfinanzminister Wolfgang             jekt selbst ein Jahr lang schleifen lassen.                                  Pofalla am späten Abend mit einem
Schäuble getagt. Und eine weitere Ar-            Als er sich dann im Frühjahr in die Ver-                                  halbgaren Kompromiss auseinanderging,
beitsgruppe von Parlamentariern aller         handlungen um die dringend notwendige                                        klappte Pofalla seine Akten zu und
Parteien hatte sich mit Pofalla getroffen.    Kappung der Solarförderung einschaltete,                                     seufzte: „Jetzt muss ich mich dafür auch
   Beck war von allen Seiten ausführlich      wollte er mit Zugeständnissen an alle Sei-                                   noch von der Kanzlerin beschimpfen
informiert worden, Seehofer jedoch nicht.     ten den Widerstand der Länder brechen.                                       lassen.“
Pofalla hatte es versäumt, ihn auf den        Dem Osten versprach er eine sanftere                                                        SVEN BÖLL, MARKUS DETTMER,
neuesten Stand zu bringen. Seehofer, der      Kürzung der Subventionen, dem Saar-                                                          PETER MÜLLER, RENÉ PFISTER

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Deutschland


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 „Die Menschen sollen entscheiden“
         CSU-Chef Horst Seehofer, 62, hält einen Austritt Griechenlands aus dem Euro
     für verkraftbar, verbittet sich Ratschläge aus den USA und fordert, dass die Bürger in
       Zukunft duch Volksabstimmungen stärker an der Euro-Rettung beteiligt werden.

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, mit Spa-
nien schlüpft zum ersten Mal ein euro-
päisches Schwergewicht unter den Ret-
tungsschirm. Für Italien wird es immer
schwerer, sich frisches Geld zu besorgen.
Und die Griechen meutern gegen harte
Sparauflagen. Wie lange können Sie die
Rettungspolitik der Kanzlerin den Wäh-
lern noch vermitteln?
Seehofer: Es ist in der Tat eine anspruchs-
volle Kommunikation. Sie müssen erklä-
ren, dass es in unserem nationalen Inter-
esse liegt, dass die gemeinsame Währung
überlebt. Und Sie müssen immer wieder
zwei Dinge gegeneinander abwägen: den
Wert der europäischen Integration und die
nationalen Interessen. Der Euro sichert
unsere Exportchancen und damit Arbeits-
plätze. Auf der anderen Seite dürfen die
Milliarden-Hilfen aber die wirtschaftliche
Kraft unseres Landes nicht überfordern.
SPIEGEL: Sie bestehen darauf, dass es Hil-
fen nur gibt, wenn dafür Gegenleistungen
erbracht werden. Die Realität ist doch
längst eine andere. Spanien bekommt
Milliarden für seine maroden Banken aus
dem Rettungsschirm, muss im Gegenzug                                                                          DIETER MAYR / DER SPIEGEL

aber kaum Auflagen erfüllen. Das werden
andere Länder als Präzedenzfall ansehen.
Seehofer: Auch für Spanien gilt: Keine Hil-
fe ohne Reformen. Wir zahlen nicht in
ein Fass ohne Boden. Mir ist vor allem
wichtig, dass die Hilfen nicht direkt an
die Banken fließen, sondern an den spa-       Ministerpräsident Seehofer, Demonstranten in Spanien: „Die Welt des Spekulationskapitalismus
nischen Staat, der dafür haftet. Jetzt muss
Spanien die Hilfen mit Auflagen für seine     Kurs. Wir sind bereit zur solidarischen       Gegenteil. Ich glaube, es wäre gefährlicher,
Banken verbinden. Alles andere kann ich       Hilfe, aber nur, wenn die Griechen mit        die Griechen im Euro zu halten, wenn der
den Bürgern in Bayern nicht vermitteln.       ihren Reformen nicht nachlassen. So ein-      Preis dafür ist, dass wir in eine Schulden-
SPIEGEL: Warum nicht?                         fach ist das.                                 union abdriften. Das würde für unsere
Seehofer: Das europäische Beihilfeverfah-     SPIEGEL: Wie lange geben Sie Griechen-        Volkswirtschaft viel größere Probleme auf-
ren für unsere Landesbank, die wir mit        land noch?                                    werfen als ein Austritt der Griechen.
zehn Milliarden Euro retten mussten, liegt    Seehofer: Im Juli braucht das Land neues      SPIEGEL: Wann ist für Sie der Punkt er-
gerade in den letzten Zügen. Wir werden       Geld aus dem Rettungsschirm, und dafür        reicht, an dem Deutschland den bisheri-
strenge Auflagen bekommen. So müssen          gibt es eindeutige Regeln. Die Troika         gen Rettungsweg verlassen sollte?
zum Beispiel die 33 000 Wohnungen ver-        muss prüfen, ob die Voraussetzung für         Seehofer: Es gibt eine rote Linie. Wenn
kauft werden, und die Bank muss ihre          die nächste Tranche gegeben ist. Wenn         die Top-Note für Deutschlands Bonität
Bilanzsumme halbieren. Wenn wir in            nicht, endet die Hilfe. Dann kommt es         gefährdet ist, können wir nicht weiter
Bayern so gravierende Einschnitte hin-        zum Schwur …                                  neue Milliarden-Garantien gewähren.
nehmen, kann das bei den spanischen           SPIEGEL: … und der ganze Euro fliegt aus-     Denn dann würde es für uns teurer, neue
Banken nicht anders sein.                     einander.                                     Kredite zu bekommen, und wir würden
SPIEGEL: Griechenland steht am Abgrund.       Seehofer: Nein, ich habe nie die These ver-   unsere Wirtschaft gefährden. Deutsch-
Soll das Land den Euro verlassen?             treten, dass der Austritt eines Landes die    land ist ein Hort der Stabilität in einer
Seehofer: Die CSU und der Freistaat Bay-      komplette Euro-Zone oder gar die euro-        schwierigen Welt. Dabei muss es bleiben.
ern haben in dieser Frage einen klaren        päische Integration gefährden würde. Im       Unsere Wirtschaftskraft reicht nicht aus,
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um alle europäischen Schuldenländer mit-     SPIEGEL: Die Brüsseler Planspiele hören                               SPIEGEL: Die Kanzlerin sagt: „Wir müssen
   zufinanzieren. Der Rettungssanitäter darf    da aber nicht auf. Künftig sollen die Euro-                           Schritt für Schritt auch Kompetenzen an
   nicht selbst zum Patienten werden.           Finanzminister neue Ausgaben genehmi-                                 Europa abgeben.“ Das hört sich an, als
   SPIEGEL: Das heißt, Sie würden dann lie-     gen müssen, wenn Staaten mit ihrem                                    könnte am Ende einer solchen Entwick-
   ber den Patienten aus dem Notarztwagen       Geld nicht auskommen.                                                 lung ein europäischer Bundesstaat stehen.
   rausschmeißen?                               Seehofer: Das wird uns nicht betreffen,                               Ist es das, was auch Sie wollen?
   Seehofer: Es ist niemandem geholfen,         denn wir Deutschen kommen gar nicht                                   Seehofer: Wer über bestimmte Kontroll-
   wenn keiner mehr versorgt werden kann.       in so eine Situation – dank der Schulden-                             rechte hinaus Souveränitätsrechte an
   SPIEGEL: Zu den Lehren aus der Euro-         bremse. Der Bund darf spätestens ab 2016                              Brüssel übertragen will, stößt auf unseren
   Krise gehört, dass die EU-Mitglieder ihre    nur noch in ganz geringem Umfang neue                                 Widerstand. Ein europäischer Bundes-
   Finanz- und Wirtschaftspolitik stärker       Schulden machen. Und uns Bayern tan-                                  staat und alles, was in diese Richtung
   koordinieren müssen. Die vier Chefs der      gieren die Brüsseler Pläne ohnehin nicht.                             geht, ist mit der CSU nicht zu machen.
   europäischen Institutionen arbeiten ge-      Wir fangen als einziges Land in Europa                                Wir wollen keinen europäischen Finanz-
   rade an einem Vorschlag, wonach die          gerade damit an, sogar alte Schulden zu-                              minister, und wir wollen keinen europäi-
                                                                                                                      schen Wirtschaftsminister.
                                                                                                                      SPIEGEL: Das sehen in der Bundesregie-
                                                                                                                      rung viele anders, allen voran der Bun-
                                                                                                                      desfinanzminister.
                                                                                                                      Seehofer: Wer so weit gehen möchte,
                                                                                                                      müsste das deutsche Volk befragen. Ich
                                                                                                                      will, dass die Menschen in Zukunft stär-
                                                                                                                      ker an der Entscheidung über europäi-
                                                                                                                      sche Fragen beteiligt werden. Wir müssen
                                                                                                                      das Grundgesetz so ändern, dass künftig
                                                                                                                      in drei Fällen Volksbefragungen zwin-
                                                                                                                      gend vorgeschrieben werden: wenn wei-
                                                                                                                      tere Kompetenzen an Brüssel übertragen
                                                                                                                      werden sollen; wenn die EU neue Mit-
                                                                                                                      glieder aufnehmen will; und wenn neue
                                                                                                                      Hilfsprogramme in der Euro-Krise aufge-
                                                                                                                      legt werden sollen, die über die bisheri-
                                                                                                                      gen Rettungsschirme hinausgehen.
                                                                                                                      SPIEGEL: Sie wollen also, dass die Bürger
                                                                                                                      zustimmen müssen, falls der deutsche Ga-
                                                                                                                      rantierahmen erhöht werden müsste?
                                                                                                                      Seehofer: So ist es. Die Menschen sollen
                                                                                                                      entscheiden. Und da ich weiß, dass es in
                                                                                                                      der Politik Widerstände gegen Volksab-
                                                                                                                      stimmungen gibt, werden wir das in unser
                                                                                                                      CSU-Wahlprogramm schreiben. Dann
                                                                                                                      kann die Bevölkerung darüber abstim-
                                                                                                                      men – bei der Bundestagswahl. Es geht
                                                                                                                      mir ja nicht um jedes neue Hilfspaket aus
                                                                                              EMILIO MORENATTI / AP




                                                                                                                      dem bestehenden Rettungsschirm.
                                                                                                                      SPIEGEL: Worum geht es Ihnen dann?
                                                                                                                      Seehofer: Wenn sich der Rahmen für die
                                                                                                                      finanziellen Zusagen Deutschlands erwei-
                                                                                                                      tert, sollten wir die Menschen in unserem
ist zusammengebrochen“                                                                                                Land nach ihrer Meinung fragen. Das Re-
                                                                                                                      ferendum in Irland hat doch gezeigt, dass
   Gruppe der Euro-Finanzminister neue          rückzuzahlen. Bis 2030 wird Bayern kom-                               die Menschen verantwortungsbewusst
   Schulden der Mitglieder in Zukunft ge-       plett schuldenfrei sein.                                              mit europäischen Fragen umgehen kön-
   nehmigen müsste. Halten Sie das für sinn-    SPIEGEL: Finanziert werden sollen die neu-                            nen. Wer Europa gut erklärt, muss keine
   voll?                                        en Schulden in Europa wohl mit Euro-                                  Angst vor der Bevölkerung haben.
   Seehofer: Ich bin ausdrücklich für strikte   Bonds.                                                                SPIEGEL: Deutschland steht in der Welt
   Regeln und Kontrollmöglichkeiten für         Seehofer: Ich wusste doch, dass ein Vor-                              ziemlich allein da, wenn es darauf drängt,
   eine Stabilitätsunion. Wenn im Euro-         schlag aus Brüssel fast immer einen Haken                             dass gespart wird. In den angelsächsischen
   Raum einzelne Länder jahrelang mit fal-      hat. Ich bin ein strikter Gegner jeder Art                            Ländern hält man eine andere Politik für
   schen Zahlen operiert haben, dann liegt      der Vergemeinschaftung von Schulden.                                  richtig: schuldenfinanzierte Wachstums-
   es auf der Hand, die Kommission mit In-      Die Euro-Krise ist im Kern eine Schulden-                             programme, eine Vergemeinschaftung
   strumenten auszustatten, die das in Zu-      krise. Wir lösen sie nicht dadurch, dass es                           von Schulden durch Euro-Bonds und di-
   kunft verhindern. Und wenn man weiß,         noch attraktiver wird, Schulden zu ma-                                rekte Hilfen für marode Banken.
   dass die nationalen Bankenaufseher man-      chen. Deshalb bin ich auch gegen einen                                Seehofer: Ich glaube nicht, dass wir uns
   cher Staaten zu lasch sind, ist eine euro-   Schuldentilgungsfonds, wie ihn die Oppo-                              von den Amerikanern Belehrungen ge-
   paweite Bankenaufsicht für bestimmte         sition bei den Verhandlungen zum Fiskal-                              fallen lassen müssen, schon gar nicht,
   große systemrelevante Institute richtig.     pakt fordert. Ich bin jetzt 40 Jahre in der                           wenn es um solide Finanzpolitik geht. Ei-
   Es kann aber keine neuen Entscheidungs-      Politik, und meine Erfahrung ist stets die                            nen Rat sollte nur erteilen, wer selbst gut
   regeln ohne die erforderliche demokrati-     gleiche: Nur die finanziell Soliden sind                              dasteht. Die angelsächsischen Länder
   sche Legitimation geben.                     auch die wirtschaftlich Starken.                                      sind schlechte Ratgeber in der Krise. Ihr
                                                      D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                   23
Deutschland

Modell des totalen Marktes hat in den                                              uns wirtschaftlich wieder bessergeht.
USA und in England zur Deindustriali-                                              Doch dieser zweite Schritt erfolgt nie.
sierung ganzer Landstriche geführt. War                                            SPIEGEL: Hollande hat mit dem Verspre-
das gut? Nein, es war bloß modisch. Das                                            chen einer wachstumsorientierten Politik
Recht des Stärkeren, pure Gewinnmaxi-                                              die Wahl gewonnen. Jetzt war die SPD-
mierung, reine Renditeoptimierung – so                                             Troika bei ihm zu Gast. Demnächst wer-
ein Denken hat zur Finanzkrise geführt.                                            den Sie diese Auseinandersetzung auch
Diese Welt des Spekulationskapitalismus                                            im eigenen Land führen müssen.
ist zusammengebrochen.                                                             Seehofer: Stimmt. Ich erwarte bei der
SPIEGEL: Manche Ökonomen kommen zu                                                 Wahl 2013 eine scharfe Auseinanderset-
einem ähnlichen Ergebnis wie die USA.                                              zung mit den Sozialdemokraten in der
Sie sagen, Deutschland sei auch deshalb                                            Finanzpolitik. Da steht dann Verschul-
so gut durch die Krise gekommen, weil                                              dung gegen Stabilität und Steuererhö-
ganz Südeuropa unsere Autos und Ma-                                                hung gegen Steuersenkung. Das sind zen-
schinen gekauft und sich dafür verschul-                                           trale Unterschiede. SPD-Chef Sigmar Ga-
det habe.                                                                          briel will den Spitzensteuersatz und die
Seehofer: Das ist Unsinn. Wir Deutschen                                            Erbschaftsteuer erhöhen und dazu die
stehen in erster Linie deshalb so gut da,                                          Vermögensteuer wieder einführen. Das
weil wir Reformen durchgezogen haben.                                              ist eine Strafe für all die Mittelständler,
Dafür gab es 2005 sogar einen Regierungs-                                          ohne die wir die Wirtschafts- und Finanz-
wechsel. Sagen Sie mir ein anderes Land,                                           krise nie so gut überstanden hätten.
                                                                                   SPIEGEL: Nicht überall sind die Fronten so
                                                                                   klar. Bei der Finanztransaktionsteuer sind
                                                                                   Sie sich mit der SPD einig – und Kanzler-
                                                                                   amtschef Ronald Pofalla bremst.
                                                                                   Seehofer: Die Finanztransaktionsteuer
                                                                                   kommt, und zwar möglichst noch in die-
                                                                                   ser Legislaturperiode. Wenn Sie zwei
                                                                                   Drittel der Stimmen im Bundestag für
                                                                                   den Fiskalpakt brauchen, dann sind Sie
                                                       DIETER MAYR / DER SPIEGEL




                                                                                   gut beraten, wenn sich zwei Drittel der
                                                                                   unterschiedlichen Auffassungen in einem
                                                                                   Kompromiss wiederfinden.
                                                                                   SPIEGEL: Halten Sie die Finanztransaktion-
                                                                                   steuer inhaltlich für gerechtfertigt?
                                                                                   Seehofer: Ja, warum denn nicht? Sie zahlen
Seehofer, SPIEGEL-Redakteure*                                                      für jede Kaffeemaschine eine Umsatzsteu-
„Dann geht Deutschland eben voran“                                                 er. Einen normalen Bürger, der Wertpa-
                                                                                   piere hält, wird die Steuer wenig tangieren.
wo es ohne den Druck der Finanz- oder                                              Aber die Institute, die im Sekundenrhyth-
Schuldenkrise jahrelang Nullrunden für                                             mus Milliarden um den Globus jagen, be-
Rentner gab, wo über gut zehn Jahre die                                            trifft sie. Und das soll auch so sein.
Tarifabschlüsse für Arbeitnehmer mit                                               SPIEGEL: Eine Kaffeemaschine müssen Sie
Kaufkraftverlusten endeten, wo die Le-                                             im Laden abholen, während Sie Börsen-
bensarbeitszeit verlängert und im Ge-                                              geschäfte notfalls auch in Singapur abwi-
sundheitssystem mehr Selbstbeteiligung                                             ckeln können. Deshalb fordert die FDP,
eingeführt wurde. Die These, die Deut-                                             dass alle EU-Länder eine solche Steuer
schen muteten anderen jetzt so viel zu,                                            einführen sollen.
während sie selbst dazu nicht willens und                                          Seehofer: Wer die Finanztransaktionsteuer
in der Lage seien, ist grundfalsch.                                                nur dann will, wenn alle EU-Mitglieder
SPIEGEL: Auch unsere Nachbarn, die Fran-                                           sie beschließen, will sie in Wahrheit über-
zosen, gehen auf Distanz zu den Deut-                                              haupt nicht. Dann soll er das ehrlich sa-
schen. Mit François Hollande hat das                                               gen. Ich fände es ideal, wenn sich eine
Land einen Präsidenten, der sich als Ge-                                           bestimmte Zahl an Euro-Ländern bereit-
genmodell zur deutschen Kanzlerin ver-                                             finden würde, diese Steuer einzuführen,
steht. Er will Euro-Bonds einführen und                                            und sich dann untereinander abstimmen
Wachstum durch Schulden finanzieren.                                               würde, wie hoch sie sein und für welche
Seehofer: Überrascht Sie das? Das ist doch                                         Geschäfte sie gelten soll.
seit vielen Jahrzehnten die herrschende                                            SPIEGEL: Und wenn es dazu nicht kommt?
Lehre bei Sozialisten wie Sozialdemokra-                                           Seehofer: Dann gehen wir Deutschen
ten. Sie wollen Wachstumspolitik mit De-                                           eben mit gutem Beispiel voran. Es wäre
fiziten betreiben. Egal, ob François Hol-                                          doch nicht zum ersten Mal. Als das blei-
lande oder meine Kollegin Hannelore                                                freie Benzin und der Katalysator in
Kraft in Düsseldorf – da sind sie alle                                             Deutschland eingeführt wurden, haben
gleich. Sie sagen: Wir zahlen die Schul-                                           viele den Untergang der deutschen Au-
den in einigen Jahren zurück, wenn es                                              toindustrie prophezeit. Stattdessen be-
                                                                                   gann ein beispielloser Siegeszug.
* Peter Müller und Konstantin von Hammerstein in der                               SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir dan-
Bayerischen Staatskanzlei.                                                         ken Ihnen für dieses Gespräch.
                                   D E R   S P I E G E L                              2 5 / 2 0 1 2                         25
Deutschland

                                                                                                                         Paris-Besucher Gabriel, Steinbrück, Steinmeier
                                                                                                                         Ein kleiner Triumph

                                                                                                                         Schulden durch Euro-Bonds vergemein-
                                                                                                                         schaftet werden? Die SPD ist gespalten.
                                                                                                                         Die Linke ist dafür, als Ausdruck euro-
                                                                                                                         päischer Solidarität. Der Rest ist dagegen,
                                                                                                                         weil es doch nicht sein könne, dass die
                                                                                                                         Deutschen für Versäumnisse der anderen
                                                                                                                         Europäer am Ende zahlen müssten.
                                                                                                                            Wie tief die Gräben sind, ließ sich am
                                                                                                                         vergangenen Dienstag beobachten. Da
                                                                                                                         trafen sich die SPD-Realos, die Seehei-
                                                                                                                         mer, zur Spargelfahrt auf dem Berliner
                                                                                                                         Wannsee. Im Schummerlicht der „MS Ha-
                                                                                                                         vel Queen“ ist man noch stolz auf die
                                                                                                                         Agenda 2010.
                                                                                                                            In diesen Kreisen gilt Peer Steinbrück
                                                                                                                         als Held; er lieferte wunschgemäß. Die
                                                                                                                         SPD solle sich nicht „aus proeuropäischer
                                                                                                                         Passion in eine Falle locken lassen“, warn-
                                                                                                                         te er, man solle nicht eine „sehr unkriti-
                                                                                                                         sche Vergemeinschaftung aller Risiken




                                                                                           MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
                                                                                                                         dem deutschen Steuerzahler als Lösung
                                                                                                                         für unsere europäische Vision präsentie-
                                                                                                                         ren“. Mit seiner Haltung steht Steinbrück
                                                                                                                         nicht allein. Der Wunsch der Parteilinken
                                                                                                                         nach einer Vergemeinschaftung europäi-
                                                                                                                         scher Schulden gilt gerade den Pragmati-
                                                                                                                         kern als Träumerei.
                                             das weite Feld der „Demokratie“ im Spe-                                        Schon vor einigen Wochen meldete
                  SPD                        ziellen und im Allgemeinen.                                                 sich Ex-Parteichef Franz Müntefering in


         Flucht ins
                                                Ein Thema allerdings fehlt in der lila-                                  der Bundestagsfraktion zu Wort und
                                             farbenen Broschüre: Europa. Der zentra-                                     warnte vor zu viel Nähe zum französi-
                                             len politischen Herausforderung dieser                                      schen Präsidenten François Hollande, der


          Gedöns
                                             Tage wollen sich die Sozialdemokraten                                       sich für Euro-Bonds stark gemacht hatte.
                                             im Wahlkampf möglichst nicht aktiv                                          „Es darf keinen Automatismus geben“,
                                             stellen. Die Zukunft des Kontinents läuft                                   sagte Müntefering. Auch er ist gerngese-
                                             als Sonderthema, bei dem es nichts zu                                       hener Gast bei den Seeheimern.
    Die SPD-Spitze weiß keine                holen gibt.                                                                    Für Parteilinke sind die Thesen aus
  Antwort auf die Europa-Politik                „Europa wird die Wahl nicht entschei-                                    dem Steinbrück-Lager pure Provokation.
    der Kanzlerin. In ihrer Not              den“, sagt Garrelt Duin, wirtschaftspoli-                                   Der schleswig-holsteinische Landesvor-
                                             tischer Sprecher der SPD-Bundestagsfrak-                                    sitzende Ralf Stegner vergleicht den Fis-
 suchen die Genossen nun in der              tion. „Entscheidend sind die Portemonnaie-                                  kalpakt mit einem „Raubtierkäfig, den
 Innenpolitik ein Gewinnerthema.             Themen: Steuern, Löhne, Energiepreise.“                                     man öffnet“. Wenn man das Tier nicht
                                             Und Sachsen-Anhalts SPD-Chefin Katrin                                       domestiziere, „frisst es einen auf“. Und


A
        ls die großen, drängenden Fragen     Budde glaubt, in der Innenpolitik sei man                                   der Bremer SPD-Bundesvorstand Carsten
        nach der Zukunft Europas am ver-     eben „freier“ und müsse „nicht immer                                        Sieling sagt: „Euro-Bonds müssen ein
        gangenen Montag ausdiskutiert        Kompromisse suchen“.                                                        Thema bleiben.“
waren, wandte sich der SPD-Vorstand             Die Flucht ins „Gedöns“ (Gerhard                                            Die Ratlosigkeit in der Europafrage
endlich den noch größeren, noch drän-        Schröder) ist Ausdruck der tiefen Hilflo-                                   reicht bis in die Parteispitze. Zunächst
genderen Problemen zu.                       sigkeit, die Sigmar Gabriels Sozialdemo-                                    waren die Ober-Genossen noch Feuer
   Das Ende der Sitzung war fast erreicht,   kraten erfasst hat. Wie sollen sie bloß                                     und Flamme für die „begrenzte Einfüh-
einige Teilnehmer hatten den Raum im         gegen die Kanzlerin punkten? Angela                                         rung von europaweiten Anleihen auf mitt-
fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses        Merkel dominiert die Europapolitik, als                                     lere Sicht“, so Steinmeier und Steinbrück
schon verlassen, da zückte die General-      Krisenmanagerin wird sie von der eige-                                      Ende 2010 in der „Financial Times
sekretärin eine neue Hochglanzbroschüre      nen Bevölkerung geschätzt. Über die                                         Deutschland“. Ähnlich äußerte sich Ga-
im aktuellen SPD-Lila, ein erstes Produkt    Grenzen Europas gilt sie als die mächtigs-                                  briel. Mittlerweise will man von den
in Sachen Bundestagswahlkampf.               te Frau des Kontinents und wird respek-                                     Bonds nichts mehr wissen.
  „Mit diesen Themen wollen wir ab           tiert wie gefürchtet.                                                          Dennoch sprechen die ungleichen drei
Herbst die Bürgerdialoge starten“, sagte        Und die SPD? Tritt bei allen wichtigen                                   selten in einer Tonlage. Während Stein-
Andrea Nahles und präsentierte sechs         Terminen im Dreierpack auf. Dabei gilt                                      brück vor der Vergemeinschaftung von
Punkte, bei denen die SPD „alle Kanäle       die Troika aus Parteichef Gabriel, Frak-                                    Schulden warnt, gibt sich Gabriel offener.
auf Empfang“ stellen will.                   tionschef Frank-Walter Steinmeier und                                       Euro-Bonds stünden zwar im Moment
   Im September starten die Bürgerdialo-     Ex-Finanzminister Peer Steinbrück längst                                    nicht an, sagt er, „aber der Schuldentil-
ge zur „Familienpolitik“, später folgen      als Auslaufmodell.                                                          gungsfonds ist doch ein Euro-Bond“. Und
die Themen „Bildung“ und „Arbeit“,              Zudem hat die Partei Mühe, sich in eu-                                   dieser Fonds, mit dem die Altschulden
dann „Verbraucherschutz“, ab November        ropapolitischen Fragen auf eine gemein-                                     der Mitgliedsländer gemeinsam getilgt
schließlich „Soziale Gerechtigkeit“ und      same Linie zu einigen. Sollen Europas                                       werden könnten, sei schließlich ein Vor-
26                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Deutschland

schlag des Sachverständigenrats der Bun-
desregierung.
   Gabriel will es allen recht machen: den
Parteilinken, die gelegentlich ihren Lieb-
lingsbegriff hören sollen; und den Wäh-
lern, denen er signalisiert, dass es Euro-
Bonds allenfalls in fernster Zukunft geben
werde. Weil aber auch ein Schuldentil-
gungsfonds nicht beliebt ist, muss der Sach-
verständigenrat als Argument herhalten.
   Pech für die SPD, dass Merkel in die-
sem Punkt eindeutig ist. Sie ist gegen die
Vergemeinschaftung von Schulden. Und
liegt damit voll auf Linie der Wähler.
   Um wenigstens ein paar schöne Bilder
zu liefern, hatte SPD-Schatzmeisterin
Barbara Hendricks einige tausend Euro
springen lassen, um die Troika vergange-
nen Mittwoch per Chartermaschine nach
Paris zu fliegen. Ein kleiner Triumph:
François Hollande empfing die drei vor
Angela Merkel im Elysée-Palast.
   Gut eine Stunde lang unterhielt sich
der Präsident mit den Gästen aus der
deutschen Opposition. Um die Kanzlerin
nicht zu sehr zu brüskieren, verzichtete
Hollande auf die gemeinsame Pressekon-
ferenz. Stattdessen quetschten sich die
drei Sozialdemokraten neben dem Präsi-
denten und seiner Gefolgschaft die Trep-
pen im Elysée herunter, damit wenigstens
jeder von ihnen aufs Bild kam.
   Doch der Auftritt stieß bei den Genos- Baustelle Berliner Großflughafen „Willy Brandt“, Bauherr Wowereit: Bereits 2007 errechnete ein
sen nur auf mäßige Zustimmung. „Inter-
essant, dass da ein einfacher Abgeordne-
ter mitfahren darf“, witzelte ein Parteilin-
ker über Steinbrück. „Der Effekt der Troi-                                     H AU P T S TA D T




                                                                  Die Bruchpiloten
ka verbraucht sich“, warnt auch Bundes-
vorstandsmitglied Stegner. „Wir brauchen
keine monatelangen Troika-Festspiele.“
   Die Groß-Genossen reagieren auf die
Zweifel inzwischen mit Zynismus. Ob die
drei wirklich gemeinsam im Kleinflug-           Nach Planungsfehlern und Brandschutzmängeln droht beim
zeug nach Paris flögen, wollte auf der neuen Berliner Großflughafen nun auch ein finanzielles Debakel:
Spargelfahrt ein SPD-Mann von Steinmei-
er wissen. Der konterte: Der Fragende                 Der Eröffnungstermin im März 2013 ist in Gefahr.
hoffe doch wohl nicht, „dass sich die Troi-


                                            D
ka-Frage auf diese Weise erledigt“. Als            ie Schrift auf den mannshohen rund 70 000 Passagiere pro Tag abfertigen
Gewinnerkonstellation sieht offenbar               Flachbildschirmen ist gestochen sollte, wirkt, als hätten Bruchpiloten aus
auch Steinmeier die Troika nicht mehr.             scharf. Nichts flackert. Zeile für der Ära „Tollkühne Männer in ihren flie-
Eher ist sie ein Schutz, damit die Schwä- Zeile rücken neue Flüge nach: 15.00 Uhr, genden Kisten“ das Management über-
chen des Trios gegenüber der Kanzlerin Air Berlin 8308 nach Helsinki, 15.05 Uhr, nommen. An diesem Freitag werden die
nicht zu deutlich werden.                    Lufthansa 2737 nach Düsseldorf, 15.10 Regierungschefs von Berlin und Branden-
   Als im Vorstand vorigen Montag über Uhr, Air Baltic 218 nach Riga. 30 Starts burg, Klaus Wowereit und Matthias Platz-
die Wahlkampfthemen diskutiert wurde, in einer Stunde, alle pünktlich.                    eck (beide SPD), im Aufsichtsrat ihrer
hatten die ersten Genossen schon wieder        Am internationalen Berliner Flughafen Flughafengesellschaft die Reste ihrer Vi-
Zweifel am Sechs-Punkte-Plan der Gene- „Willy Brandt“ läuft der Verkehr reibungs- sion besichtigen. Nach Planungschaos und
ralsekretärin. War es nicht doch ein wenig los – jedenfalls auf den Bildschirmen im technischem Versagen droht nun auch
läppisch, womit die SPD antreten wollte? brandneuen Terminal. Sie zeigen fiktive noch ein finanzielles Debakel.
Konnte man den Verbraucherschutz nicht Starts und Landungen an, doch sie sind               Allein der Weiterbetrieb der Alt-Flug-
wenigstens durch „Wirtschaft“ ersetzen? so ziemlich das Einzige, was am Airport häfen Tegel und Schönefeld wird vermut-
   Und ganz hat man die Hoffnung noch funktioniert. Im Check-in-Bereich hängen lich 150 Millionen Euro kosten. Mietaus-
nicht aufgegeben, dass die Euro-Krise am Kabel aus der Decke, vor der Air-Berlin- fälle im Flughafenhotel, im benachbarten
Ende vielleicht doch die gefürchtete Lounge türmt sich Bauschutt, im Sanitär- Bürokomplex Airport Center und entgan-
Kanzlerin mit sich reißt. „Wenn die Krise bereich ragen Rohre aus den gefliesten gene Parkgebühren sorgen wohl für ein
auch im kommenden Jahr weitergeht“, Wänden, Waschbecken und Toiletten weiteres Minus von etwa 80 Millionen
macht sich Gabriel Mut, „dann reden wir fehlen.                                           Euro. Hinzu kommen nicht eingeplante
auch im Wahlkampf über Europa.“               „Europas modernster Flughafen“ (Eigen- Kostensteigerungen beim Terminalbau
                            GORDON REPINSKI  werbung), der eigentlich seit dem 3. Juni und beim Lärmschutz sowie bislang un-
28                                                D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
80,13                                         Zinswetten über 20 Jahre ab, die eigent-
                                                                                                                                                                                   lich die Finanzierung absichern sollten.
                                                                                                                                                                                   Nach anfänglichen Gewinnen rauschten
                                                                                                                           19,42                                                   diese sogenannten Swap-Geschäfte spek-
                                                                                                                           2006      2007      2008     2009     2010       2011   takulär ins Minus (siehe Grafik). Um zu-
                                                                                                                                                                                   künftige Swap-Risiken zu vermeiden,
                                                                                                                                              –27,59                               zahlte die Flughafengesellschaft im März
                                                                                                                                                       –51,62                      in einer Art Vergleich an die Banken 28
                                                                                                                          Bruchlandung                                             Millionen Euro.
                                                                                                                                                                                      Zugleich stiegen die Ausgaben für das
                                                                                                                          Marktwert der Zins-Swaps –106,32                         neue Terminal dramatisch. Statt 620 Mil-
                                                                                                                          zur Finanzierung des                                     lionen Euro soll es nun mehr als doppelt
                                                                                                                          Flughafens Berlin Brandenburg,                           so viel kosten, wie Ministerpräsident
                                                                                                                          in Mio. Euro                                             Platzeck kürzlich im Landtag einräumte.
                                                                                                                                                                        –214,50       Dabei musste auch dieser Preisanstieg
                                                                                                                                                                                   lange bekannt gewesen sein. Bereits im
                                                                                                                                                                                   November 2007 hatte ein Gutachter im
                                                   KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPD (L.); CARSTEN KOALL / GETTY IMAGES (R.)


                                                                                                                                                                                   Auftrag von HochTief errechnet, dass mit
                                                                                                                                                                                   diesem Budget „weder die gestellten
                                                                                                                                                                                   quantitativen (Fläche) noch die gestellten
                                                                                                                                                                                   qualitativen (Ausbaustandard) Anforde-
                                                                                                                                                                                   rungen“ erfüllt werden könnten. Nach ei-
                                                                                                                                                                                   ner Analyse der Baukosten für andere
                                                                                                                                                                                   Terminals in Deutschland und Europa
                                                                                                                                                                                   schätzte der Gutachter „die mittleren Ge-
                                                                                                                                                                                   samtbaukosten“ auf über eine Milliarde
                                                                                                                                                                                   Euro. Er sollte recht behalten.
                                                                                                                                                                                      Nun fehlt das Geld. Nur 111 Millionen
                                                                                                                                                                                   Euro standen laut Protokoll der Aufsichts-
                                                                                                                                                                                   ratssitzung vom 9. Dezember 2011 zuletzt
                                                                                                                                                                                   noch zur freien Verfügung. Kritische
                                                                                                                                                                                   Wortmeldungen der Aufsichtsratsmitglie-
Gutachter, dass das Budget nicht reichen wird                                                                                                                                      der enthält das Protokoll hier nicht – auch
                                                                                                                                                                                   nicht von Chef Wowereit.
    kalkulierbare Schadensersatzforderun-                                                                                 nem schicken Hauptbahnhof endlich auch                      Derzeit durchforsten Prüfer des Be-
    gen: Air Berlin musste ihr Drehkreuz-                                                                                 einen futuristischen Airport bekommen,                   ratungsunternehmens Pricewaterhouse-
    modell kurzfristig stoppen, die Deutsche                                                                              um der Welt zu zeigen, was eine moderne                  Coopers die Bücher der Flughafengesell-
    Bahn hat täglich Geisterzüge zu betrei-                                                                               Metropole ist. Auf einen Finanzchef ver-                 schaft nach weiteren Risiken und Rechen-
    ben, um den Flughafentunnel zu belüften.                                                                              zichtete die Flughafengesellschaft: Diese                fehlern. Um jeden Preis, das wissen alle
    Auch viele kleine Geschäftspartner be-                                                                                Aufgabe übernahm der damalige Baulei-                    Beteiligten, muss die Flughafengesell-
    klagen Einbußen.                                                                                                      ter, ein ehemaliger Manager des Baukon-                  schaft zahlungsfähig bleiben. Aber wie?
       Nach der peinlichen Brandschutzaffäre                                                                              zerns HochTief, nebenbei.                                   Frisches Kapital von Bund und Län-
    steht die Flughafengesellschaft nun vor                                                                                  Damit die Arbeiten rasch beginnen                     dern müssten zuvor die jeweiligen Parla-
    dem finanziellen Offenbarungseid. Bei                                                                                 konnten, borgte sich die Flughafengesell-                mente genehmigen, nach zeitraubenden
    Mehrkosten von mehreren hundert Mil-                                                                                  schaft im Juli 2006 von einem Banken-                    Verhandlungen über entsprechende Nach-
    lionen Euro droht ihr ohne schnelle Hilfe                                                                             konsortium unter Führung der Commerz-                    tragshaushalte. Weil der neue Flughafen
    vom Steuerzahler womöglich die Zah-                                                                                   bank 350 Millionen Euro – ein Kredit mit                 in Konkurrenz zu anderen europäischen
    lungsunfähigkeit. „Ohne Klarheit bei den                                                                              kurzer Laufzeit und hohem Zinsrisiko.                    Drehkreuzen stehen wird, müsste die EU-
    Kosten ist die Eröffnung im März 2013                                                                                    Knapp drei Jahre später war die Finan-                Kommission die neuen Finanzspritzen ab-
    nicht zu halten“, warnt Ramona Pop,                                                                                   zierung endgültig geklärt, allerdings an-                segnen. Ob die Wettbewerbshüter zustim-
    Fraktionsvorsitzende der Grünen im Ber-                                                                               ders, als es Platzeck und Wowereit erwar-                men, ist unklar, ebenso, wie lange das
    liner Abgeordnetenhaus.                                                                                               tet hatten. Mitten in der Finanzkrise im                 Genehmigungsverfahren dauert.
       Jetzt rächt sich, dass Politiker und Ma-                                                                           Herbst 2008 waren die Banken zu Kredi-                      Wohl auch deswegen wird in Potsdam
    nager vom neuen Flughafen alles zugleich                                                                              ten nur noch bereit, wenn Bund, Berlin                   und Berlin über Alternativen nachge-
    erwarteten: Repräsentativ sollte er sein,                                                                             und Brandenburg eine nahezu alles um-                    dacht. Diskutiert werden etwa „Flugha-
    schnell gebaut und vergleichsweise billig.                                                                            fassende Staatsgarantie leisten.                         fenanleihen“, die von den Bürgern erwor-
       Nur 430 Millionen Euro mochten Ber-                                                                                   Im Eilverfahren mussten nun die Land-                 ben werden könnten: als eine Art Notop-
    lin, Brandenburg und der Bund selbst be-                                                                              tage in Potsdam und Berlin sowie der                     fer für den Flughafen „Willy Brandt“.
    reitstellen, als sie vor sechs Jahren mit                                                                             Bundestag einer 100-Prozent-Bürgschaft                      Immerhin eine Einnahmequelle könnte
    den Bauarbeiten am Standort Schönefeld                                                                                zustimmen. Statt der anfangs geplanten                   noch sprudeln – auch wenn sie erst in fer-
    begannen. Den Rest des zunächst auf                                                                                   430 Millionen Euro müssen die öffentli-                  ner Zukunft angezapft werden kann:
    zwei Milliarden Euro kalkulierten Pro-                                                                                chen Gesellschafter nun zusätzlich für ei-               Nach 15 Jahren, so soll intern vereinbart
    jekts wollte die Flughafengesellschaft aus                                                                            nen Kreditrahmen in Höhe von 2,4 Mil-                    sein, darf die Flughafengesellschaft die
    Eigenmitteln und mit privatem Kapital fi-                                                                             liarden Euro garantieren.                                Rechte für den Airport-Namen an Unter-
    nanzieren – das Vertrauen in die Märkte                                                                                  Wie bei der Bauplanung im Allgemei-                   nehmen verkaufen. Der Schriftzug „Willy
    war damals, 2006, noch grenzenlos.                                                                                    nen und beim Brandschutz im Besonde-                     Brandt“ würde dann entfernt – und, wie
       Bevor die eigentliche Finanzierung                                                                                 ren häuften sich auch bei der Budgetie-                  bei Fußballstadien üblich, durch das Logo
    stand, rollten bereits die Bagger an. Geld                                                                            rung Fehler und Tricksereien. So schlos-                 einer zahlungskräftigen Marke ersetzt.
    spielte keine Rolle, Berlin wollte nach sei-                                                                          sen die Flughafenmanager 2006 riskante                             SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN

                                                                                                                                   D E R    S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                  29
Deutschland

                                                                                                                                  Aber gilt das auch für eine Bundesmi-
                                                                                                                               nisterin Roth? Die gelernte Dramaturgin
                                                  GRÜNE                                                                        ist das letzte rote Tuch, das die Grünen


                   Das letzte rote Tuch
                                                                                                                               dem Rest der Gesellschaft noch hinhalten
                                                                                                                               können. Roth ist kein Outfit zu bunt und
                                                                                                                               kein Auftritt zu schrill. Ihre Kleider bei
                                                                                                                               Anlässen wie den Wagner-Festspielen in
                                                                                                                               Bayreuth sind so berüchtigt wie ihre Trä-
    Parteichefin Claudia Roth will grüne Spitzenkandidatin für                                                                 nenausbrüche vor der Kamera. Wie ein
die Bundestagswahl werden. Im Falle einer Regierungsbeteiligung                                                                „Eichhörnchen auf Ecstasy“ sei Roth, sag-
                                                                                                                               te Harald Schmidt einmal.
         könnte sie sogar zur Außenministerin aufsteigen.                                                                         Doch das ist nur die eine Seite der
                                                                                                                               Claudia Roth. Auf der anderen Seite hat
                                                                                                                               Roth das Feld der internationalen Politik
                                                                                                                               so lange und intensiv beackert wie we-
                                                                                                                               nige deutsche Spitzenpolitiker. Seitdem
                                                                                                                               Trittin im vergangenen Jahr sein Interesse
                                                                                                                               für den Posten des Finanzministers erken-
                                                                                                                               nen ließ, stößt Roth noch stärker in die
                                                                                                                               Räume, die er lässt.
                                                                                                                                   Als Fischer 1998 Außenminister wur-
                                                                                                                               de, spottete die „Frankfurter Allgemeine
                                                                                                                               Zeitung“, seine Auslandserfahrung be-
                                                                                                                               stehe im Wesentlichen aus einer Hoch-
                                                                                                                               zeit im schottischen Gretna Green und
                                                                                                                               Urlaubsreisen in die Toskana. Bei Roth
                                                                                                                               fällt das Spotten schwerer. Sie saß von
                                                                                                                               1989 an fast zehn Jahre im Europaparla-
                                                                                                                               ment, sie war Menschenrechtsbeauftrag-
                                                                                                                               te der Bundesregierung und gilt als aus-
                                                                                                                               gewiesene Kennerin der Türkei, wo sie
                                                                                                                               ein Haus besitzt.
                                                                                                                                  Anders als Fischer reist Roth nicht zu
                                                                                                                               den klassischen Bündnispartnern in Wa-
                                                                                                                               shington und Paris, um dort in den Think-
                                                                                                                               Tanks über strategische Fragen zu sinnie-
                                                                                                                               ren. Sie geht dahin, wo es knallt und
                                                                                                                               stinkt. Sie besuchte in den vergangenen
                                                                                                                               Jahren Länder wie Afghanistan, Iran, den
                                                                                                     HANNIBAL HANSCHKE / DPA




                                                                                                                               Irak, Syrien, Nordkorea, Kolumbien oder
                                                                                                                               wie vor zwei Wochen noch Libyen.
                                                                                                                                  Dabei geht sie bisweilen sehr unkon-
                                                                                                                               ventionell vor. Zu Besuch bei den Mul-
                                                                                                                               lahs in Iran trug sie ein grünes Kleid. Das
Außenpolitikerin Roth*: Die Wahl 2013 ist ihre letzte Chance                                                                   ist dort die Farbe des politischen Wider-
                                                                                                                               stands, ein Affront gegen das Regime.


G
         leich nach der Ankunft auf dem                   Über die Ambitionen der Vorsitzenden                                 Protokollbeamte legten der Besucherin
         Flughafen Tripolis wird die Dele-             gibt es in der Partei keinerlei Zweifel.                                nahe, sie müsse sich umziehen, sonst
         gation in den VIP-Bereich ge-                 Roth will ein Ministeramt oder etwas                                    könne der Kulturminister sie nicht emp-
bracht. Vier sportliche junge Männer in                Gleichrangiges, falls Rot-Grün regiert.                                 fangen. Roth weigerte sich, für sie als
Zivil warten dort, sie bilden das Kom-                 Ihre Stärke und Erfahrung liegen im Be-                                 Grünen-Chefin sei das Tuch gewisser-
mando des Bundeskriminalamts. Einer                    reich der internationalen Beziehungen,                                  maßen „Dienstkleidung“. Man ließ sie
fragt die Büroleiterin von Claudia Roth,               dort gibt es eine überschaubare Zahl von                                gewähren.
ob die „Frau Ministerin“ jetzt so weit sei.            Posten, die in Frage kämen: das Auswär-                                    Zu Ostern war sie im Irak, als persön-
   Frau Ministerin? So weit ist es noch                tige Amt, das Entwicklungsministerium,                                  licher Gast des Staatspräsidenten Dscha-
nicht, da hat der Beamte den Ereignissen               vielleicht ein Job als deutsche EU-Kom-                                 lal Talabani. Das BKA wollte die Reise
etwas vorgegriffen. Aber falls die Grünen              missarin. Roth lässt nicht erkennen, wel-                               verbieten, zu gefährlich. Dann sollten
nach der Bundestagswahl 2013 an der Re-                cher Job ihr der liebste wäre, aber eines                               acht Beamte als Leibwächter mitgehen.
gierung beteiligt werden sollten, steht die            weiß sie genau: Die Wahl 2013 ist ihre                                  Am Ende reiste Roth ohne BKA durchs
57-Jährige in der ersten Reihe der Anwär-              letzte Chance, endgültig in die allererste                              Land, sie vertraute auf die Leibwache ih-
ter auf einen Kabinettsposten. Schließlich             Reihe der deutschen Politik aufzurücken.                                res Gastgebers. In Bagdad besuchte sie
ist sie nicht nur seit mehr als zehn Jahren            Sie will sie nutzen.                                                    am Ostersonntag eine christliche Messe.
Parteivorsitzende, mit einer kurzen Un-                   Seit Joschka Fischer haben sich die                                  Die Mitglieder der schrumpfenden Ge-
terbrechung. Sie hat auch gute Chancen,                Deutschen an den Gedanken gewöhnt,                                      meinde in dem islamischen Bürgerkriegs-
im Herbst neben Fraktionschef Jürgen                   dass die ehemals systemkritischen Grü-                                  land trauten kaum ihren Augen.
Trittin zur Spitzenkandidatin ihrer Partei             nen das Land mitregieren können. Die                                       Roths Schwerpunkt liegt auf Men-
gekürt zu werden.                                      Spekulation, dass nächstes Jahr Trittin                                 schenrechtsfragen, doch nun denkt sie
                                                       Finanzminister werden könnte, löst we-                                  bei ihren Reisen auch an die Belange der
* Anfang Juni in einem Flüchtlingslager in Tunesien.   der Kapitalflucht noch Lachsalven aus.                                  deutschen Wirtschaft. In Tripolis sprach
30                                                           D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
sie über „unsere Interessen“ an einer            Roth sitzt auf der Terrasse und sagt Sät-                           Roth bewegt sich außenpolitisch nicht
guten Entwicklung des „Schlüssellandes        ze, die für die grüne Außenpolitik von                              in der Mitte des politischen Spektrums,
Libyen“ und redete mit Managern über          einiger Tragweite sind. Ohne eine „Klar-                            sie tendiert nach links und sammelt den
Investitionsbedingungen. Ob BMW den           stellung, dass die Boote nur konventionell                          Mainstream der Partei hinter sich. Roth
Libyern nicht auch Polizeimotorräder          bewaffnet werden“, erklärt Roth, dürften                            spreche den Grünen „in Fragen der Au-
verkaufen könne, fragte sie den verdutz-      sie „nicht ausgeführt werden“. In den ver-                          ßenpolitik aus der Seele“, sagt die Abge-
ten Repräsentanten des bayerischen            gangenen 20 Jahren haben die Bundes-                                ordnete Brugger. Die Grünen von heute
Autobauers.                                   regierungen das nie genau wissen wollen,                            haben sich zwar überwiegend mit bewaff-
   Reicht das für einen Kabinettsposten       auch Joschka Fischer nicht. Nach Roths                              neten Auslandseinsätzen abgefunden,
im internationalen Geschäft? Roths            Worten können die Grünen in einer künf-                             sind in anderen Fragen dafür umso radi-
Freunde vom linken Parteiflügel bringen       tigen Regierung nicht mehr Unkenntnis                               kaler: Rüstungsexporte sollen fast kom-
sie jedenfalls schon ins Gespräch. Frak-      vorschieben.                                                        plett beschnitten werden, die Entwick-
                                                                                                                  lungshilfe soll massiv steigen.
                                                                                                                     Auf dem Realo-Flügel sehen viele
                                                                                                                  Roths Marsch an die Spitze ohnehin skep-
                                                                                                                  tisch. Aber wie soll man sie stoppen? Die
                                                                                                                  Kampfkraft der Vorsitzenden ist nicht zu
                                                                                                                  unterschätzen, das haben die Grünen in
                                                                                                                  diesen Monaten zur Genüge erlebt.
                                                                                                                     Im März verkündete sie völlig überra-
                                                                                                                  schend ihre Kandidatur für die Spitze des
                                                                                                                  Grünen-Wahlkampfs 2013. Trittin akzep-
                                                                                                                  tieren die Realos, aber Roth ist ihnen zu
                                                                                                                  links, zu bunt, zu anstößig. Sie wollen,
                                                                                                                  dass Trittin das seiner Flügelfreundin klar-
                                                                                                                  macht, doch der hütet sich vor einer Kraft-
                                                                                                                  probe.
                                                                                                                     Wer die beiden nebeneinander in Ak-
                                                                                                                  tion sieht, versteht rasch, warum. Ein
                                                                                                                  Sonntag Anfang Juni, in der Bundeszen-
                                                                                                                  trale der Gewerkschaft Ver.di in Berlin
                                                                                                                  treffen sich rund 120 führende Mitglieder
                                                                                                                  des linken Parteiflügels zu einem Kon-
                                                                                                                  gress. Vorn sitzen Roth und Trittin in ei-
                                                                                                                  ner Diskussionsrunde.
                                                                                                                     Nach außen gilt Trittin als Chef und
                                                                                                                  Vordenker der Linken. Aber hier wirkt
                                                                                                                  er eher wie ein Gastdozent. Roth dagegen
                                                                                                                  bewegt sich wie ein Fisch im Wasser, sie
                                                                                             MARC-STEFFEN UNGER




                                                                                                                  adressiert Fragerinnen mit Namen,
                                                                                                                  stimmt zu und widerspricht wohldosiert.
                                                                                                                  Auch die strategische Marschrichtung gibt
                                                                                                                  sie vor. „Wir müssen uns viel deutlicher
                                                                                                                  von der SPD absetzen“, sagt sie. „Ich plä-
Parteilinker Trittin: Keiner wagt die Kraftprobe mit der Vorsitzenden                                             diere dafür, dass im Kampf um die Wech-
                                                                                                                  selwähler klar wird, warum der Politik-
tionsvize Frithjof Schmidt lobt Roth als         Direkt nach den Agenturmeldungen                                 wechsel bei uns angesiedelt ist.“ Roth ist,
„versierte Außenpolitikerin, die auf bald     melden sich in der Partei die ersten Kriti-                         das wird an diesem Nachmittag klar, nicht
20 Jahre Erfahrung im internationalen         ker ihrer Äußerungen, vorneweg die Au-                              einfach die Nummer zwei. Sie steht auf
Geschäft zurückblickt“. Der ehemalige         ßenpolitikerin Marieluise Beck. Roth rea-                           einer Höhe mit Trittin.
Europaabgeordnete glaubt, in Brüssel          giert gelassen. Denn Ende April haben                                  Nicht nur der Fraktionschef scheut die
gebe es „viele, die ihr einen Job als EU-     die Grünen auf einem Kleinen Parteitag                              Kontroverse mit Roth. Auch die Realos
Kommissarin zutrauen würden“. Die Ver-        genau die Roth-Linie beschlossen, ver-                              tun sich schwer, eine Gegenkandidatin
teidigungspolitikerin Agnes Brugger           steckt in einer Erklärung zu Iran, im vier-                         zu finden. Man müsse Roth in Einzelge-
schwärmt, Roth habe bei einem gemein-         ten Punkt im drittletzten Spiegelstrich.                            sprächen klarmachen, dass eine linke
samen Besuch in Afghanistan im Ge-            Roths Getreue hatten den Passus reinge-                             Doppelspitze Trittin/Roth verheerend für
spräch mit dem Präsidenten Hamid Kar-         schrieben, ihre Gegner hatten es nicht                              den inneren Zusammenhalt der Partei sei,
zai „im richtigen Tonfall die Dinge – auch    verhindert, manche nicht einmal bemerkt.                            sagt ein Realo-Vertreter. Gut möglich,
die unangenehmen – beim Namen“ ge-               Roth hat viel über Fischers Außenpoli-                           dass führende Realos noch einmal versu-
nannt.                                        tik nachgedacht, sein Engagement für                                chen, die Vorsitzende im stillen Kämmer-
   Dass Roth die Richtung in der grünen       Europa hat sie beeindruckt, in vielen an-                           lein zum Einlenken zu bewegen.
Außenpolitik vorgibt, ist jetzt schon klar.   deren Fragen peilt sie aber eine andere                                Kaum jemand bei den Grünen kann
Es ist früher Abend in einem Touristen-       Linie an. Der erste grüne Außenminister                             sich vorstellen, dass Roth einknickt. Für
hotel nahe der tunesisch-libyschen Gren-      habe es im Streben nach Anerkennung                                 Deutschland würde das im Ergebnis oh-
ze. Der SPIEGEL hatte berichtet, dass         versäumt, eine modernere Außenpolitik                               nehin nichts ändern. Denn der Preis für
die in Deutschland für Israel gebauten U-     zu formulieren, findet sie. Womöglich                               einen Rückzug Roths wäre klar: ein Mi-
Boote atomar bewaffnet werden können,         kann eine kleine Partei wie die Grünen                              nisterposten in einer rot-grünen Bundes-
und zwar mit stillschweigendem Einver-        aber auch nicht die großen Linien der                               regierung.
ständnis der Bundesregierung.                 deutschen Außenpolitik bestimmen.                                                                    RALF BESTE

                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                 31
Deutschland


                                                   ZEITGESCHICHTE




                                         Braune Hilfe
       Vor 40 Jahren überschattete das Olympia-Massaker die Münchner Sommerspiele.
            Akten des Verfassungsschutzes belegen nun, dass die palästinensischen
        Terroristen mit Neonazis kooperierten – und die Staatsschützer davon wussten.


D
        ie Männer, die am späten Abend dienstbeamte an den Vernehmungen der ne Unterlagen zu dem Olympia-Attentat.
        des 27. Oktober 1972 im Haus des Olympia-Terroristen teilnehmen lasse“. In den Papieren finden sich vertrauliche
        ehemaligen Waffen-SS-Mannes Dass dies kein Scherz rechtsextremer Analysen und Vermerke, die Korrespon-
Charles Jochheim in München festgenom- Trittbrettfahrer war, bewies die Untersu- denz der Behörde mit dem Bundes-
men wurden, waren bewaffnet wie Sol- chung der bei Pohl und Abramowski be- nachrichtendienst (BND) und dem Bun-
daten auf dem Weg an die Front. In einer schlagnahmten Waffen.                       deskriminalamt (BKA) – und eben Poli-
Reisetasche fand die Polizei drei Schnell-     Im „Schlussbericht“ der Münchner Kri- zeiberichte. Muss die Geschichte des
feuergewehre, Marke Kalaschnikow, minalpolizei vom 23. Juli 1973 heißt es: Olympia-Anschlags aufgrund dieser bis-
sechs Magazine, 174 Schuss Munition, „Als zusätzliches Indiz für den Zusam- her geheimen Quellen in neuem Licht be-
zwei Pistolen, einen Revolver und sechs menhang der Straftaten Pohls und seiner trachtet werden?
Handgranaten aus belgischer Produktion. Mittäter mit dem Anschlag auf das Olym-        In Teilen ja.
   Die beiden Festgenommenen trugen pische Dorf in München darf gewertet               Denn bislang gingen viele Experten da-
außerdem Waffen am Mann, Wolfgang werden, dass die … sichergestellten Ma- von aus, dass es Linksextremisten waren,
Abramowski im Hosenbund, sein Kom- schinenkarabiner und Handgranaten glei- die mit dem „Schwarzen September“ in
plize Willi Pohl wurde mit zwei Pistolen
und einer Handgranate gestellt, wie der
Ermittlungsbericht der Münchner Krimi-
nalpolizei ausführt.
   Pohl und Abramowski waren von ei-
nem Kameraden der „Nationalsozialisti-
schen Kampfgruppe Großdeutschland“,
einer rechtsextremen Splittergruppe, ver-
raten worden. Angeblich wollten die bei-
den mit den Waffen einen inhaftierten
Gesinnungsgenossen befreien, doch daran
hegten die Ermittler schon bald Zweifel.
   Denn unter den Papieren, die Abra-
mowski und Pohl mit sich führten, war
ein Drohbrief an einen Münchner Richter,
der eines der erschütterndsten Verbre-
chen der deutschen Nachkriegsgeschichte
aufklären sollte – das Massaker während
der Olympischen Sommerspiele.
   Palästinensische Freischärler des soge-
nannten „Schwarzen September“, einer
Terrorgruppe der PLO, hatten am 5. Sep-
                                                                                                                            SVEN SIMON
tember 1972 im Olympischen Dorf neun
israelische Sportler als Geiseln genom-
men und verlangten die Entlassung von Einmarsch der israelischen Mannschaft ins Olympia-Stadion 1972: Alle Geiseln ermordet
einigen hundert Palästinensern aus israe-
lischer Haft. Als die Polizei die Israelis che Typenmerkmale aufweisen wie die Verbindung gestanden und beispielsweise
auf dem Militärflughafen Fürstenfeld- von den Freischärlern … verwendeten bei der Besorgung von Unterkünften in
bruck, wo die Attentäter ihre Opfer in Waffen.“                                      München geholfen hätten. Es gab ja auch
zwei Hubschraubern festhielten, zu be-         Der Verdacht, dass die deutschen Neo- Indizien für eine entsprechende Ko-
freien versuchte, ermordeten die Terro- nazis Pohl und Abramowski mit Palästi- operation, etwa ein Jubelpamphlet von
risten alle Geiseln; auch ein Polizist starb nensern auf dem Felde des Terrors ge- RAF-Gründerin Ulrike Meinhof, die das
im Feuergefecht. Von dem PLO-Komman- meinsam marschierten, war damit so gut Massaker später lobte, weil es „das We-
do überlebten drei, und gegen diese er- wie bewiesen.                                sen imperialistischer Herrschaft durch-
mittelte der Richter, an den das Schreiben     Der Polizeibericht gehört zu einem schaubar gemacht“ habe. Oder die Aus-
aus dem Gepäck von Pohl und Abra- über 2000 Seiten umfassenden Akten- sage eines Terror-Aussteigers, der 1978
mowski adressiert war.                       bestand, den das Bundesamt für Ver- im SPIEGEL behauptete, ihm sei von ei-
   In dem Brief drohte der „Schwarze fassungsschutz in Köln auf Antrag des nem Genossen erzählt worden, die Split-
September“ dem Juristen mit Vergeltung, SPIEGEL jüngst freigegeben hat. Erst- tergruppe „Revolutionäre Zellen“ habe
„falls er weiterhin israelische Geheim- mals öffnete ein Geheimdienst damit sei- bei der „Quartiermache“ des Palästinen-
32                                              D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
ser-Kommandos „die Finger                                                                              mit einem Mann „arabischen
drin“ gehabt.                                                                                          Aussehens“ getroffen, der im
   Den vom Verfassungs-                                                                                Dortmunder Hotel „Römi-
schutz freigegebenen Unter-                                                                            scher Kaiser“ logiere. Schnell
lagen zufolge muss man sol-                                                                            fand die Polizei heraus, dass
che Aussagen als Legenden                                                                              dort ein Saad Walli abgestie-
betrachten.                                                                                            gen war. Saad Walli war ein
   Der „Schwarze Septem-                                                                               Deckname von Abu Daud.
ber“ benötigte keine deut-                                                                                In den jetzt freigegebenen
sche Logishilfe. Die Männer                                                                            Unterlagen gibt es keinen
waren teilweise schon Wo-                                                                              Hinweis darauf, dass die von
chen vor der Geiselnahme                                                                               der Dortmunder Polizei in-
angereist, und sie verfügten                                                                           formierten Landeskriminal-
über reichlich Bargeld. Ihre                                                                           ämter, das BKA oder der
Unterkünfte besorgten sie                                                                              Verfassungsschutz etwas un-
sich selbst, was im überfüll-                                                                          ternommen hätten, um den
ten München während der                                                                                verdächtigen Walli zu fin-
Spiele indes nicht einfach                                                                             den. Und so konnte Abu
war. Statt wie geplant ge-                                                                             Daud alias Saad Walli nach
meinsam unterzukommen,                                                                                 Aktenlage unbehelligt vor
mussten sie sich auf mehrere                                                                           und während des Anschlags
Hotels verteilen.                                                                                      im Münchner „Eden Hotel
   Einer der Anführer, Spitz-                                                                          Wolff“ wohnen, von dort
name „Tony“, schaltete sogar                                                                           mit seinen Kumpanen in Li-
eine Anzeige in der „Süd-                                                                              byen und in Tunesien telefo-
deutschen Zeitung“: „Loo-                                                                              nieren und sich mit den At-
king for living with family.“                                                                          tentätern treffen.
Die geschiedene und ah-                                                                                   Die Verbindung zwischen
nungslose Anwaltsgattin Her-                                                                           Pohl und Abu Daud war
ta N. nahm „Tony“ als Un-                                                                              über einen deutschen Neo-
termieter auf.                                                                                         nazi zustande gekommen,
   Es lägen „keine Erkennt-                                                                            der gemeinsam mit den Pa-
nisse“ vor, dass deutsche                                                                              lästinensern in Jordanien ge-
Linksextremisten den Atten-                                                                            kämpft hatte. Dem damals
tätern Unterstützung ge-                                                                               35-jährigen Abu Daud, ei-
währt hätten, resümierte                                                                               nem Lehrer aus Jerusalem
denn auch der Verfassungs-                                                                             mit jungenhaftem Gesicht
schutz Anfang 1973 in einem                                                                            und schmalem Oberlippen-
Schreiben an den BND.                                                                                  bart, war die politische Hal-
   Anders sah es mit den                                                                               tung des blauäugigen Pohl
deutschen Rechten aus, mit Attentäter im Olympischen Dorf: Schon Wochen zuvor angereist                nach eigener Aussage gleich-
Pohl und Abramowski.                                                                                   gültig. Er habe Leute wie die-
Knapp zwei Monate vor dem                                                                              sen als „sehr nützlich für un-
Anschlag übermittelte die                                                                              sere Zukunft“ betrachtet, er-
Dortmunder Polizei ein Fern-                                                                           klärte Daud später.
schreiben an den Verfas-                                                                                  In Dortmund brauchte
sungsschutz, in dem Polizis-                                                                           Daud die Hilfe des damaligen
ten nach Erkenntnissen des                                                                             Neonazis. Pohl sollte ihm
Geheimdienstes fragten. In                                                                             mehrere Mercedes-Limousi-
der Betreffzeile hieß es: „Ver-                                                                        nen kaufen, was der Deut-
mutlich konspirative Tätig-                                                                            sche auch tat. Außerdem
keit palästinensischer Terro-                                                                          suchte Daud einen professio-
risten“. Im Text ging es um                                                                            nellen Passfälscher, worauf-
Willi Pohl und seine Verbin- Telex der Dortmunder Polizei vom 15. Juli 1972: Früher Hinweis            hin Pohl seinen Knastkumpel
dung zu Mohammed Daud,                                                                                 Abramowski vorstellte. Der
Kampfname Abu Daud, dem Drahtzieher Das Drehbuch für manchen norddeut- 28-Jährige, wie Pohl ein Vertriebener aus
des Anschlags von München.                 schen „Tatort“ stammt aus seiner Feder. Ostpreußen, galt als Profi.
   Wäre der Anschlag von München zu Ein inzwischen 68 Jahre alter Mann, der                 Pohl ist sich heute nahezu sicher, dass
verhindern gewesen, wenn der Verfas- sich auf ein Gespräch mit dem SPIEGEL er seinerzeit unwissend in die Vorberei-
sungsschutz, aber auch die ebenfalls in nur eingelassen hat unter der Bedingung, tungen des Olympia-Attentats eingebun-
Kenntnis gesetzten Landeskriminalämter dass er nicht abgebildet wird.                    den war: „Ich habe Abu Daud quer durch
in Düsseldorf und München sowie das           Im Sommer 1972 war der in Ostpreu- die Bundesrepublik chauffiert, wo er sich
BKA die Bedeutung des Fernschreibens ßen geborene Pohl 28 Jahre alt, ein drah- in verschiedenen Städten mit Palästinen-
richtig eingeschätzt hätten?               tiger Blondschopf aus einfachen Verhält- sern getroffen hat.“ Nur in Köln traf sich
   Willi Pohl ist heute ein unter anderem nissen, mehrfach wegen schweren Dieb- der PLO-Mann mit Arabern, die im An-
Namen erfolgreicher Krimi-Autor, der stahls verurteilt. Auch seinem Chef hatte zug und mit Krawatte erschienen: Diplo-
sich schon vor Jahrzehnten von Terroris- er Geld entwendet, weshalb dieser der maten, wie Pohl glaubt, Angehörige der
mus und Gewalt glaubhaft losgesagt und Polizei berichtete, Pohl bekenne sich zum libyschen Botschaft in Bonn. Ende Juli
darüber einen Roman geschrieben hat. radikalen Flügel der PLO und habe sich verließen dann Pohl und Abramowski
                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                          33
Deutschland

nach eigener Aussage die Bundesrepublik        Pohl will eine internationale Pressekon-
und reisten über Rom in den Libanon.        ferenz in Wien vorgeschlagen haben, die
   Wie Abramowski später der Staats-        er gemeinsam mit einem PLO-Funktionär
schutz-Abteilung des BKA erzählte, be-      abhalten sollte („Die Sache muss gerecht-
zogen er und Pohl einen Flachdachbun-       fertigt werden“). Über Paris sei er nach
galow in einem Dorf nahe Beirut. Fast je-   Wien geflogen, und dazu passt die dama-
den Abend wurde Abramowski von ei-          lige Aussage seines Kompagnons Abra-
nem PLO-Funktionär abgeholt und zu ei-      mowski gegenüber dem BKA: Pohl sei
ner Druckerei in die Hauptstadt gebracht,   während der Olympischen Spiele in
in der er nach eigenen Angaben kuwaiti-     Österreich gewesen, „um dort etwas für
sche und libanesische Pässe fälschte, in    die Palästinenser zu erledigen“.
amerikanischen und französischen Papie-        Als Pohl in Wien im Fernsehen sah,
ren Namen änderte und Passfotos aus-        dass die Geiselnahme gescheitert war,
tauschte. Ungeklärt ist bis heute, ob die   setzte er sich ab. Einige Tage später war
Münchner Attentäter Pässe aus Abra-         der Deutsche wieder im Nahen Osten,
mowskis Werkstatt benutzten, um in die      wo nun der PLO-Geheimdienstchef Abu
Bundesrepublik einzureisen.                 Ijad auf Rache sann. So erzählt es Pohl.
   Pohl zufolge wusste er damals noch       Das Desaster der Operation in München
nichts von dem geplanten Anschlag in        lastete Abu Ijad demnach vor allem den
München. Erst am 24. August, zwölf Tage     deutschen Behörden an. Zudem habe Ijad
vor dem Gewaltakt, seien die Palästinen-    dem Gerücht geglaubt, israelische Offi-
ser konkreter geworden und hätten von       ziere hätten den gescheiterten Befreiungs-
einem „spektakulären Terroranschlag“        einsatz der Polizei geleitet.               Ausgebrannter Hubschrauber auf dem Flughafen
gesprochen.                                    Damit hatte die Bundesrepublik aus
   Das Wort „München“ fiel Pohls Erin-      der Sicht des PLO-Mannes Partei ergrif-       Mehrere Rathäuser der Bundesrepublik
nerung nach nicht, aber von einer Gei-      fen im Krieg zwischen Israel und den sollten besetzt und Lokalpolitiker als Gei-
selnahme in der Bundesrepublik sei die      Palästinensern; ein Feind, der bekämpft seln genommen werden. Dann sollte ein
Rede gewesen. 20 Israelis wolle man ge-     werden musste. Ijad bat Pohl nach dessen Kommando an Heiligabend 1972 den Köl-
gen zweihundert Gesinnungsgenossen in       Angaben um Vorschläge für Aktionen ner Dom stürmen. Eine Liste mit Forde-
israelischer Haft austauschen. Eine an-     gegen deutsche Ziele – und der präsen- rungen an die Bundesrepublik und andere
geblich unblutige Angelegenheit. Was        tierte einige Tage später in Kairo einen Staaten sollte so durchgesetzt werden.
wohl die deutsche Öffentlichkeit davon      wahnwitzigen Plan, wie er heute ein-          Die Operation habe den Decknamen
halten werde?                               räumt.                                      „Moschee“ bekommen.
Bevor sie ihren Plan in die Tat umset-     Ermittlungen wegen des Verdachts auf
                                                       zen konnten, wurden Pohl und Abra-            Verstoß gegen das Kriegswaffenkontroll-
                                                       mowski jedoch verraten und festgenom-         gesetz und „Mitgliedschaft in einer
                                                       men. Dass die beiden Neonazis mit den         kriminellen Vereinigung“ verliefen im
                                                       Hintermännern des Olympia-Attentats in        Sande. Und das, obwohl „Operations-
                                                       engem Kontakt stehen mussten, schlossen       pläne für Geiselnahmen“, die „auf Ent-
                                                       die Ermittler vor allem aus den bei ihnen     führungen nicht näher bezeichneter Per-
                                                       gefundenen Handgranaten. Denn diese           sönlichkeiten in Essen, Bochum und Köln
                                                       stammten, wie es in einem Polizeibericht      schließen“ ließen, unter den Asservaten
                                                       heißt, aus einer „äußerst seltenen Fabri-     waren.
                                                       kation“: belgische Granaten mit schwe-          Die beiden Deutschen wurden 1974 le-
                                                       dischem Sprengstoff, die nur für Saudi-       diglich wegen unerlaubten Waffenbesit-
                                                       Arabien produziert worden waren. Mit          zes verurteilt: Abramowski zu einer Frei-
                                                       baugleichen Sprengkörpern hatten die          heitsstrafe von 8 Monaten, Pohl zu 26 Mo-
                                                       PLO-Terroristen während des gescheiter-       naten Gefängnis. Nur vier Tage nach dem
                                                       ten Befreiungsversuchs in Fürstenfeld-        Richterspruch war Pohl wieder frei und
                                                       bruck ihre Geiseln ermordet.                  setzte sich nach Beirut ab. Über die Grün-
                                                          Und natürlich steht damit die Frage im     de für so viel Nachsicht findet sich in den
                                                       Raum, ob dasselbe rechtsradikale Netz-        Akten nichts.
                                                       werk auf demselben Wege über Madrid             Womöglich fürchteten die Behörden,
                                            AKG / AP




                                                       und Paris auch schon die Waffen für die       dass die Palästinenser versuchen könn-
                                                       Münchner Attentäter nach Bayern ge-           ten, Pohl ebenso freizupressen wie die
Fürstenfeldbruck: Baugleiche Handgranaten              bracht hatte. Bis heute ist die Frage un-     drei überlebenden Täter des Olympia-
                                                       geklärt. Pohl bestreitet dies; der Weg über   Anschlags: mit der Entführung eines
      Mitte Oktober reisten Pohl und Abra-             Madrid sei seine Idee gewesen und erst        deutschen Verkehrsflugzeugs. Wenige
    mowski nach Madrid, um Waffen für die-             nach den Olympischen Spielen benutzt          Tage nach Pohls Festnahme hatten Fa-
    se und andere Aktionen in Empfang zu               worden. Er mutmaßt vielmehr, dass liby-       tah-Terroristen eine Lufthansa-Maschine
    nehmen. Den Transport nach Deutsch-                sche Diplomaten in der Bundesrepublik         auf dem Weg nach Frankfurt gekapert.
    land erledigten Pohl und Abramowski,               dabei halfen, die Kalaschnikows und           Die Bundesregierung gab nach – die
    die mit dem Zug über Paris nach Mün-               Handgranaten für das Münchner Kom-            drei Männer wurden nach Libyen aus-
    chen reisten. Das ist die Version Pohls,           mando ins Land zu bringen.                    geflogen.
    die durch die Akten im Prinzip gedeckt                Die deutsche Justiz behandelte Pohl                       FELIX BOHR, GUNTHER LATSCH,
    wird.                                              und Abramowski erstaunlich milde. Die                                     KLAUS WIEGREFE
MICHAEL DANNENMANN / DER SPIEGEL




                                   Muslim Demir: Manchmal gibt er nur am Telefon eine Auskunft, manchmal muss er sich zwischen Prügelnde werfen


                                                                                                 JUSTIZ




                                                                       Im Namen Allahs
                                        Islamische Streitschlichter praktizieren in Deutschland ein Familienrecht, das sich an der
                                                 Scharia orientiert – zu Lasten betroffener Frauen. Von Joachim Wagner
                                   Wagner, 68, promovierter Jurist, war stell- sene Ehemänner oder Väter zerstrittener       begehren, zur Rückkehr oder zum Blei-
                                   vertretender Leiter des ARD-Hauptstadt-     Paare. Oft klagen sie über ihre Frauen        ben zu bewegen.
                                   studios. Mit dem islamischen Familien-      oder Töchter, Musliminnen, die gegen             Migranten aus der Türkei und aus ara-
                                   recht setzt er sich auch in der Taschen-    Prügel aufbegehren oder aus einem Ehe-        bischen Ländern importierten die Schlich-
                                   buchausgabe seines Buchs „Richter ohne      käfig ausbrechen wollen, auch wenn sie        tung nach Deutschland. Sie folgt einer
                                   Gesetz. Islamische Paralleljustiz gefähr-   Kinder haben.                                 jahrtausendealten islamischen Rechtstra-
                                   det unseren Rechtsstaat“ auseinander.         Demir spricht zuerst mit den Vätern,        dition, die im Brauchtum und im Koran
                                   Sie erscheint im Herbst bei Ullstein.       danach mit den Eheleuten selbst. Sein         wurzelt. Bei einem Ehezwist etwa fordert
                                                                               oberstes Ziel, sagt Demir, sei es, die Ein-   der Koran „einen Schiedsrichter aus sei-


                                   W
                                             er seine Wohnung günstig ein- heit der Familie zu retten. Dem Mann              ner Familie und einen Schiedsrichter aus
                                             richten will oder wer als Muslim mache er klar, dass er seine Frau besser       ihrer Familie“.
                                             Ärger mit seiner Tochter hat, behandeln und auf Gewalt verzichten                  Eine ähnliche Schlichtungstradition ha-
                                   geht in Recklinghausen zu „Möbel De- müsse. Der Frau verdeutliche er, dass sie            ben auch Jesiden, Roma und Albaner.
                                   mir“. In einer 400 Quadratmeter großen als Geschiedene mit Kindern in ihrem Mi-           Manchmal gibt es monatelange Friedens-
                                   Halle hat der 61-jährige Libanese Haj Nur lieu keinen Mann mehr bekommen wer-             gespräche, bevor der Schlichter eine Ent-
                                   Demir gebrauchte Schreibtische, Wasch- de. Am Ende seiner Missionen kehre die             scheidung fällt, sie wirkt dann wie ein
                                   maschinen und Sessel aus Haushaltsauf- Frau meist zu ihrem Gatten zurück.                 Gerichtsurteil: Eine ins Frauenhaus ge-
                                   lösungen zusammengetragen. Der Möbel-         Demir hat Autorität, aber keinerlei ju-     flüchtete Tochter kehrt zu den Eltern zu-
                                   händler, groß, schlank, grauhaarig mit ristische Ausbildung. Männer wie er ha-            rück und darf eine Ausbildung beginnen,
                                   Schnauzer, strahlt Autorität aus. Die hilft ben in Deutschland in den vergangenen         eine schwangere Tochter muss heiraten
                                   ihm in seinem Zweitberuf.                   Jahren eine parallele Familiengerichtsbar-    und zur Familie des Freundes ziehen, um
                                      Seit 1972, so schätzt Demir, hat er in keit etabliert. Imame, Streitschlichter und     die Ehre zu retten.
                                   Deutschland und im Libanon mehr als sogenannte Friedensrichter sind aktiv, be-               Das alles geschieht weitgehend unbe-
                                   2000 Konflikte in muslimischen Familien vor deutsche Gerichte überhaupt einge-            merkt von der Öffentlichkeit. In der ver-
                                   geschlichtet. Manchmal gibt Demir nur schaltet werden. Sie schließen und schei-           gangenen Woche sorgten die Sicherheits-
                                   am Telefon eine Auskunft, manchmal den Ehen, sie schlagen Regeln für das Sor-             behörden für Schlagzeilen, als sie gegen
                                   muss er sich zwischen Prügelnde werfen. gerecht vor. Und sie versuchen, Frauen            radikale Islamisten vorgingen. Innenmi-
                                   Hilfe suchen bei Demir vor allem verlas- und Mädchen, die gegen ihre Familie auf-         nister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte:
                                   36                                                D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Deutschland

„Salafisten verfolgen das Ziel, den de-                                                                                   „In den allermeisten Fällen ist der Imam
mokratischen Rechtsstaat zugunsten ei-                                                                                    nur ein weiteres Druckmittel der Familie,
ner Ordnung, die nach ihren Maßstäben                                                                                     um das Mädchen zur Heirat zu bewegen.“
,gottgewollt‘ ist, zu überwinden.“ In ei-                                                                                    Der islamische Theologe Ferid Heider,
nem Gottesstaat wollen die Salafisten die                                                                                 33, aus Berlin, Sohn eines Irakers und ei-
Scharia anwenden.                                                                                                         ner Deutsch-Polin, ist eine Ausnahme. Er
   Menschen wie der Schlichter Demir                                                                                      lege Wert auf einen „moderaten Islam“,
kämpfen nicht aggressiv gegen den                                                                                         sagt er in einer Hinterhofmoschee im
Rechtsstaat oder die Verfassung. Aber                                                                                     Wedding zwischen Gebetsraum, Bäckerei
verträgt sich ihre Paralleljustiz mit dem                                                                                 und Stapeln religiöser Bücher. Er wolle
Grundgesetz? Die Schattenrichter schüt-                                                                                   mit der Tradition der Zwangsehe brechen.
zen vor allem die patriarchalischen Struk-                                                                                Da eine solche Ehe „selten eine Zukunft
turen einer Kultur, deren Verfechter sich                                                                                 hat“, versuche er vor der Hochzeit mit
nicht wirklich in Deutschland integrieren                                                                                 der Frau allein, ohne Eltern, zu sprechen
wollen. Die meisten Streitschlichter tole-                                                                                und sie vor einer Zwangsehe zu warnen.
rieren, dass Grundrechte der Frauen ein-                                                                                     Dennoch steht auch für Heider der Wil-
geschränkt werden. Und sie drängen die                                                                                    le der Eltern über dem der Eheleute. Ge-
Frauen, diese Zwänge zu akzeptieren.                                                                                      rade hat er einer Somalierin davon abge-
   Arnold Mengelkoch, Migrationsbeauf-                                                                                    raten, gegen den Wunsch ihres Vaters ei-
tragter von Berlin-Neukölln, kennt die                                                                                    nen deutschen Konvertiten zu heiraten.
„informelle islamische Familiengerichts-                                                                                  Nach der Scharia wäre die Ehe erlaubt.




                                                                                              YAVUZ ARSLAN / IMAGETRUST
barkeit“ in seinem Stadtteil. Er vermutet,                                                                                Doch Heider sagt: „Man darf nicht nur
dass 10 bis 15 Prozent der Muslime aus                                                                                    darauf abstellen, was islamrechtlich mög-
dem konservativ-religiösen Milieu ihre                                                                                    lich ist, sondern muss auch die gesell-
Familienkonflikte so lösen. „Es gibt zwei                                                                                 schaftlichen Folgen einbeziehen.“ Der Va-
Rechtskreise“, sagt Sabine Scholz, Flens-                                                                                 ter wollte, dass seine Tochter einen Cou-
burger Anwältin für Familienrecht, „ei-                                                                                   sin heiratet.
nen deutschen und einen islamischen, der        Türkische Braut in Deutschland                                               Heider sagt, er rate den Paaren immer,
die Frauen benachteiligt.“                      Der Wille der Eltern                                                      auch standesamtlich zu heiraten, aber vie-
   Für manche muslimische Einwanderer                                                                                     le Ehen zwischen Muslimen werden nur
ist das islamische Recht wichtiger als das                                                                                islamisch geschlossen. Insider wie die
deutsche. Der Erlanger Islamrechtler Ma-                                                                                  Neuköllner Familienberater Kazim Erdo-
thias Rohe stieß in seinen Feldstudien auf                                                                                gan und Abed Chaaban schätzen den An-
Fälle, „in denen muslimische Beteiligte                                                                                   teil der Imam-Ehen in ihrem Bezirk auf
zum Beispiel Eheschließungen oder Ehe-                                                                                    10 bis 20 Prozent.
scheidungen ausschließlich nach traditio-                                                                                    Für viele Frauen ist das eine Falle, denn
nell-islamischen Normen vorgenommen                                                                                       juristisch gelten sie so als nicht verheira-
haben“. Einige Muslime misstrauten staat-                                                                                 tet. Sie können keinen Anspruch auf Un-
lichen Instanzen, sagt Jurist Rohe, der                                                                                   terhalt durchsetzen, das Geld gehört meis-
sich als Vermittler zwischen islamischer                                                                                  tens dem Mann, die Kinder werden un-
und deutscher Rechtskultur versteht.                                                                                      ehelich geboren.
Manche versuchten, „eine religiöse Paral-                                                                                    Nach der Scharia braucht es nicht ein-
lelstruktur zu errichten, weil sie sich nicht                                                                             mal einen Imam, um solche Ehen zu
den Institutionen eines säkularen, nicht-                                                                                 schließen. Jeder angesehene Muslim darf
islamischen Staats unterwerfen wollen“.                                                                                   Paare trauen, wenn er nur die Heiratsfor-
                                                                                              HC PLAMBECK




   So kommt es, dass Imame und Streit-                                                                                    meln aufsagen kann. In Berlin florieren
schlichter in Berlin, Nordrhein-Westfalen                                                                                 Hochzeitsbüros, in denen selbsternannte
oder Schleswig-Holstein jeden Tag das                                                                                     Imame kassieren. Prediger Heider schätzt,
Recht der Scharia anwenden – obwohl es          Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger                                    dass „bis zu 20 Prozent aller muslimi-
teilweise mit dem Grundgesetz und dem           Planstelle für Scharia-Recht                                              schen Ehen von solchen Geschäftema-
Familienrecht kollidiert. Das islamische                                                                                  chern geschlossen werden“. Das Geld gilt
Recht benachteiligt vor allem die Frauen:       Doch oft haben Geistliche kein Problem                                    offiziell häufig als Spende.
‣ Sie dürfen keinen Nicht-Muslim heira-         damit, auch minderjährige Mädchen zu                                         Ein solcher Eheschließer ist Ali Chah-
   ten;                                         verheiraten – selbst gegen deren Willen.                                  rour, der Vorsitzende des Mostafa-Vereins
‣ bei einer Schlichtung hat die Einheit            Bei der Frauenschutzorganisation Terre                                 für Integration und Frauenrechte. Der
   der Familie Vorrang vor dem Selbstbe-        des Femmes melden sich immer wieder                                       Vereinssitz ist ein kleiner Laden in der
   stimmungsrecht der Frau, auch bei Ge-        14- und 15-jährige Mädchen vor allem mit                                  Neuköllner Sonnenallee. Chahrour sagt,
   walt;                                        kurdischem und albanischem Hinter-                                        er sei bei einem „islamisch-schiitischen
‣ bei einer Scheidung bleibt der Mann           grund, die religiös verheiratet werden sol-                               Gericht“ im Libanon als Bevollmächtigter
   der alleinige Vormund für die Kinder;        len. Nach der aktuellen Studie des Bun-                                   für Heiraten registriert. Er traue daher
‣ Vielehen und Ehen mit Minderjährigen          desfamilienministeriums über „Zwangs-                                     nur Libanesen oder Deutsch-Libanesen.
   sind erlaubt; nach deutschem Recht           verheiratung in Deutschland“ waren 53                                        Eheschließungen findet der gelernte
   dürfen 16-jährige Mädchen nur mit Ein-       Prozent aller, die nur religiös getraut wur-                              Elektroschweißer „einfach“. Die Frau
   willigung des Familiengerichts heiraten.     den oder werden sollten, jünger als 18                                    müsse mit einem deutschen oder libane-
   Manchmal nehmen es die muslimi-              Jahre. Rosa Halide M., die ein Schutzhaus                                 sischen Dokument nachweisen, nicht ver-
schen Richter selbst aber mit der Scharia       für muslimische Mädchen in Stuttgart lei-                                 heiratet zu sein, und zudem müsse ihr
nicht so genau: Zwangsehen lehnt das is-        tet, hat es „noch nie erlebt, dass ein Imam                               Vater zustimmen, selbst wenn die Frau
lamische Recht ab, sie haben ihre Wur-          eine Zwangsehe verhindert hat“. Eine                                      volljährig ist. Der Mann müsse nur seinen
zeln in überkommenen Traditionen.               Vertreterin von Terre des Femmes urteilt:                                 Personalausweis vorlegen, keinen Nach-
                                                      D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                        37
Deutschland
GORDON WELTERS / DER SPIEGEL




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                               Imam Heider, Familienhelfer Erdogan: Die deutsche Justiz wird entlastet – aber um welchen Preis?

                               weis, dass er ledig ist. Die Scharia erlaubt Dieter Wiefelspütz ein. Terre des Femmes      sich scheiden zu lassen. Ihr Mann habe
                               ja jedem Mann bis zu vier Ehefrauen.         fordert eine schnelle Rückkehr zum alten      sie immer wieder geschlagen. Nach eini-
                                  Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber der Recht.                                        gen Wochen rief dieser an, bat um die
                               Familienhelfer Chaaban aus Berlin              Der SPD-Politiker Jochen Hartloff, Jus-     Rechnung: Die Familienkonferenz in der
                               schätzt, dass in der Hauptstadt rund 30 tizminister von Rheinland-Pfalz, hatte             Türkei habe entschieden, dass beide es
                               Prozent aller arabisch-stämmigen Män- sich im Februar öffentlich Gedanken                  noch mal versuchen sollten. 14 Tage spä-
                               ner zwei Frauen haben. Auch Familien- über „islamische Schiedsgerichte“ ge-                ter meldete sich wieder die Frau – diesmal
                               anwälte kennen diese Fälle.                  macht, die im Zivilrecht „auch islamische     mit gebrochenem Nasenbein.
                                  Nur selten leben die Männer mit meh- Rechtsvorstellungen“ berücksichtigen                  Vor allem beim Thema Zwangsheirat
                               reren Frauen unter einem Dach. Meist könnten. Auf das vernichtende öffentli-               halten viele Experten nichts von Friedens-
                               verheimlichen sie ihre Zweitfrau, die sie che Echo reagierte Hartloff mit der Klar-        richtern. „Jede Form der Mediation mit
                               nur islamisch geheiratet haben. Verpflich- stellung, er habe sich weder „für Scha-         den Familien der Opfer“ sei „extrem ge-
                               tungen ergeben sich für die Männer aus ria-Recht eingesetzt“, noch halte er                fährlich“, heißt es in der Broschüre „Ak-
                               der Zweitehe häufig keine – dem Sozial- „Scharia-Richter für denkbar“. Ihm gehe            tiv gegen Zwangsheirat“ des Hamburger
                               staat sei Dank. Nach deutschem Recht es nur um „außergerichtliche Streitbeile-             Senats. Die Praxis zeige, dass „Mediation
                               gelten die Frauen als Alleinerziehende gungen unter dem Einfluss islamisch ge-             die Opfer einem hohen Risiko aussetzt
                               und bekommen Hartz IV, wenn sie nicht prägter Rechtsetzung“ – offenbar wusste              und in Extremfällen zu Gewalt und Mord
                               für ihren Lebensunterhalt sorgen können. er gar nicht, dass dies in Deutschland            im Namen der Ehre führen kann“. Bei
                                  So berichtet die Juristin Scholz über längst geschieht.                                 Gesprächen über Hilfe für muslimische
                               eine Frau aus Flensburg: Jahrelang wuss-       Hartloff erhielt Beifall vom Vorsitzen-     Frauen auf EU-Ebene hat die britische
                               te diese Muslima nicht, dass sie eine den des Zentralrats der Muslime: „Eine               Regierung erklärt, keiner Empfehlung zu-
                               Zweitfrau war. Sie war nur religiös ver- außergerichtliche Streitschlichtung ist zu        zustimmen, „die in irgendeiner Form Me-
                               heiratet, ihr Mann hatte eine weitere Frau begrüßen“, so Aiman Mazyek, „weil sie           diation als ein Mittel zur Lösung von
                               und mit der schon vier Kinder. Die Zweit- unsere Gerichte entlastet und oft nach-          Zwangsheiratsfällen befürwortet“.
                               frau mit ihren acht Kindern erhielt so viel haltiger die Streitparteien befrieden             Die deutsche Rechtspolitik prüft noch.
                               Wohn-, Kinder- und Erziehungsgeld, dass kann.“ Auch der Familienhelfer Chaaban             Das bayerische Justizministerium hat eine
                               sie nicht einmal Hartz IV beantragen aus Neukölln sagt, dass er in 80 Prozent              Arbeitsgruppe Paralleljustiz gegründet,
                               musste.                                      der Fälle erfolgreich vermittle. Ein Imam     um Fakten zu sammeln. Das Berliner Ab-
                                  Die Sache flog erst auf, als die Kinder aus Essen schätzt seine Erfolgsquote auf        geordnetenhaus hörte Experten an, um
                               aus beiden Ehen entdeckten, dass sie den- 70 Prozent.                                      zu entscheiden, ob das Phänomen weiter
                               selben Vater hatten; sie besuchten diesel-     Die deutsche Justiz wird tatsächlich        ergründet werden soll. Bundesjustizmi-
                               be Schule. Die Zweitfrau lebt nun in ei- entlastet. Aber um welchen Preis? Viele           nisterin Sabine Leutheusser-Schnarren-
                               nem Frauenhaus.                              Frauen müssen zurückstecken, wenn Ima-        berger (FDP) warnt vor einer Paralleljus-
                                  Die deutsche Politik hat jungen Musli- me sich einschalten – und danach eska-           tiz, ihr Ministerium richtet gerade eine
                               minnen 2009 den Widerstand gegen liert die Gewalt oft. Die Schlichtung kann                Planstelle für Scharia-Recht ein. Die Ju-
                               Zwangsheiraten noch erschwert. Nach ei- der erste Schritt auf dem Weg zur Selbst-          risten und Ministerialen wollen mehr ler-
                               ner Änderung des Personenstandsrechts justiz sein, zu der Haltung: Wir regeln              nen über Laienrichter wie den Möbel-
                               darf jede protestantische, katholische und das unter uns.                                  händler Demir aus Recklinghausen.
                               islamische Trauung vor der standesamtli-       In Einzelfällen können sich Familien-          Der investiert manchmal besondere
                               chen stattfinden. Was harmlos klingt, ist konflikte bis zur Extremform der Selbst-         Mühe, um eine junge Frau in ein Leben
                               eine Katastrophe für Mädchen, die gegen justiz zuspitzen, dem sogenannten Ehren-           zu drängen, das sie nicht wollte. Sie hatte
                               ihren Willen verheiratet werden sollen. mord. Nach einer Studie des Bundeskri-             sich verliebt, doch ihr Onkel hatte sie be-
                               Die islamische Trauung kann ohne Kon- minalamts gibt es sieben bis zehn solcher            reits als Braut für seinen Sohn auserkoren,
                               trolle deutscher Behörden stattfinden. Fälle pro Jahr, Experten schätzen die               und ihr Vater stimmte zu. 30-mal pendel-
                               Dann gilt die Ehe unter den Familien als Zahl noch wesentlich höher.                       te Demir als Makler zwischen Höxter, Hil-
                               geschlossen, die Mädchen können nicht          Viel häufiger sind die nicht so spekta-     desheim und Recklinghausen. Am Ende
                               mehr zurück. „Da ist uns etwas durchge- kulären Fälle: In Berlin wandte sich kürz-         beugte sich das Mädchen dem Druck der
                               gangen“, räumt der SPD-Rechtspolitiker lich eine Kurdin an eine Anwältin, um               drei Männer.
                               38                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Monaten des Jahres haben rund 15 500             Der Widerstand vieler Leipziger gegen
            FLÜCHTLINGE                     Personen in Deutschland Asyl beantragt, Asylunterkünfte in der Nachbarschaft


   Gestörte Ruhe
                                            das sind 11,6 Prozent mehr als im Ver- lässt sich nicht nur mit Fremdenfeindlich-
                                            gleichszeitraum im Jahr davor. Die Haupt- keit erklären. Sozialamtsleiterin Martina
                                            herkunftsländer sind Afghanistan und Kador-Probst spricht von einem Rückzug
                                            Irak. Auffallend auch der Flüchtlings- ins Private. „Die Bürger erschrecken, weil
    Leipzig will Asylsuchende in            strom aus Syrien: Die Zahl der syrischen sie sehen, dass sie den Problemen dieser
      Mehrfamilienhäusern über              Asylbewerber stieg binnen eines Jahres Welt auch auf dem eigenen Grundstück
  die Stadt verteilen. Doch in den          um 77 Prozent.                                 nicht aus dem Weg gehen können.“
                                               Die Unterbringung von Flüchtlingen in         Die Abschottung gegen alles Anders-
          Vororten rührt sich               Sammelunterkünften ist vom Gesetzgeber artige, Unbequeme, Fremde ist ein weit-
 Bürgerprotest gegen die Fremden. gewollt. Das Existenzminimum sollen Sach- verbreitetes Phänomen. In Hamburg
                                            leistungen sichern. Flüchtlingsverbände gründeten Bürger eine Initiative gegen


Z
       wei Kinder spielen vor dem Flücht- wie Pro Asyl kritisieren Essensgutscheine ein geplantes Heim für schwererziehbare
       lingsheim in der Leipziger Hoch- und Lagerunterkünfte als „Abschreckungs- Kinder. Im Stendaler Ortsteil Insel ver-
       haussiedlung Grünau – mit Wasser- instrument in Reaktion auf steigende Asyl- suchen die Bürger seit Monaten, zwei aus
pistole und Plastikgitarre. Sonst ist alles zugangszahlen“. Am Mittwoch berät das der Sicherungsverwahrung entlassene Se-
ruhig, alles friedlich.                     Bundesverfassungsgericht, ob die Leistun- xualstraftäter aus ihrer Siedlung zu ver-
   Das sei die Ausnahme, behauptet der gen in Höhe von 60 Prozent der Hartz-IV- treiben. Und im Hamburger Bezirk Har-
Nachbar vom Plattenbau gegenüber. Gert Regelsätze verfassungsgemäß sind.                   burg gab es Anfang des Jahres Proteste
Botner steht auf dem Balkon zwischen           Ardalan A., Innenarchitekt aus Iran, von Anwohnern gegen ein Hospiz.
zwei prächtig blühenden Geranienkübeln. lebt von 180 Euro im Monat. Das ist zu               Leipziger Bürger, Studenten und Ver-
„So etwas gehört nicht ins Wohngebiet“, wenig, um Farbe und Pinsel zu bezahlen, bände haben vorige Woche den „Initia-
sagt er. Das Flüchtlingsheim solle raus mit denen er die dreckigen Wände seiner tivkreis: Menschen.Würdig“ gegründet,
vor die Stadt. Freundin Mandy Flemmig Unterkunft in der Torgauer Straße gern sie sammeln im Internet Unterschriften.
nickt: „Mit einem Zaun drum herum.“         streichen würde. Manchmal fühlt er sich Christian Wolff, der Pfarrer der Thomas-
   So ein Lager vor der Stadt hat Leipzig wie im Gefängnis. „Ich habe mir dieses kirche, mahnt, dass „Globalisierung nicht
bereits. Doch die ehemalige Russenka- Leben nicht ausgesucht“, sagt er. Proteste nur bedeutet, zu jeder Zeit Kiwifrüchte
serne in der Torgauer Straße ist baufällig, gegen den Umzug in die Stadt machen essen zu können“. Er stellte in einer An-
die zugewiesenen Räume sind überfüllt. ihn fassungslos: „Die sollen uns einfach sprache die Frage: „Was, wenn wir als
Zudem interessiert sich Amazon, das aus Menschenaugen anschauen.“                          Bürger ein bisschen davon zu spüren be-
nebenan ein Vertriebszentrum                                                                         kommen, dass weltweit Millio-
unterhält, für das Gelände. Die                                                                      nen Menschen auf der Flucht,
Flüchtlinge brauchen also neue                                                                       heimatlos sind?“
Unterkünfte.                                                                                            Die Bewohner im dörflich
   Sozialbürgermeister Thomas                                                                        geprägten Leipziger Stadtteil
Fabian (SPD) hat sich deshalb                                                                        Wahren empfinden die Pläne
einen Plan ausgedacht: Ab                                                                            der Stadt als Ruhestörung. Sie
2013 will er die Asylbewerber                                                                        fühlen sich überrumpelt. Uta
auf sieben Mehrfamilienhäuser                                                                        Hädicke hat mit ihrer Bür-
in verschiedenen Wohngebie-                                                                          gerinitiative 1200 Unterschrif-
ten der Stadt verteilen. Der                                                                         ten gegen die dort geplante
                                                                                                  MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




Flüchtlingsrat Leipzig preist                                                                        Asylbewerberunterkunft ge-
das Konzept als „mutige sozial-                                                                      sammelt. „Wir nehmen gern
politische Leistung“.                                                                                Flüchtlinge bei uns auf“, betont
   In den betroffenen Stadttei-                                                                      die Lehrerin. Aber bitte schön
len wird das von vielen ganz                                                                         als einzelne Mieter, verteilt
anders gesehen. Zwei Bürger-                                                                         aufs Wohngebiet. „Wir sind
initiativen haben sich bereits                                                                       gern Spießbürger“, sagt Uta
gegründet und machen Stim- Asylsuchender Ardalan A.: „Aus Menschenaugen anschauen“                   Hädicke.
mung mit fremdenfeindlichen                                                                             Das Gefährliche an der Dis-
Ressentiments.                                                                                       kussion in Leipzig ist, dass sie
   In Grünau organisierten Kri-                                                                      den Rechtsextremen ein The-
tiker vergangene Woche ein                                                                           ma frei Haus liefert. Massen-
Bürgerforum; die Bewohner                                                                            weise hat die NPD bereits Flyer
befürchten Drogenkriminalität,                                                                       in Wahren verteilt – Jürgen
Vermüllung und „orientalische                                                                        Gansel, NPD-Landtagsabge-
Musik an kirchlichen Feier-                                                                          ordneter, ruft die Bürger zu
tagen“. Die Polizei musste den                                                                       „kreativem Widerstand gegen
Eingang zu ihrem Treffen im                                                                          die Verausländerung beschau-
überfüllten Kulturhaus „Völ-                                                                         licher Ortsteile“ auf und freut
                                                                                                  MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




kerfreundschaft“ sichern. Bür-                                                                       sich: „Lernprozesse können
germeister Fabian hat „diesen                                                                        manchmal sehr schnell gehen.“
Grad der Empörung in meiner                                                                             Die für diese Woche geplan-
politischen Laufbahn noch nie                                                                        te Abstimmung im Stadtrat
erlebt“.                                                                                             über das neue Unterbringungs-
   Wohin mit Asylsuchenden?                                                                          konzept wurde um einen Mo-
Die Frage stellt sich nicht nur                                                                      nat verschoben.
in Leipzig. In den ersten vier Nachbarn Flemmig, Botner, Flüchtlingsheim Grünau: „Gern Spießbürger“                     ANNA KISTNER

                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                           39
Deutschland

                                               „In Deutschland und in weiten Teilen        Kritikern gilt Aigners Vorhaben als Auf-
          LANDWIRTSCHAFT                     Europas gibt es keine Akzeptanz für Gen- tragsarbeit für CSU-Chef Horst Seehofer.


       Abschied von
                                             technik in Lebensmitteln und auch keine Die grüne Gentechnik ist in Bayern un-
                                             Notwendigkeit, grüne Gentechnik in der beliebt, und nichts fürchtet die CSU vor
                                             Praxis einzusetzen“, sagt die Ministerin. dem Wahljahr 2013 mehr als den Unmut


        der Zukunft
                                             In einer Umfrage von Forsa, die ihr Haus der Wähler im kirchlich-ländlichen Mi-
                                             in Auftrag gegeben hat, sagen 83 Prozent lieu. Dafür ist Seehofer sogar bereit, mit
                                             der Deutschen, dass sie gentechnisch ver- dem bayerischen Fortschrittsmythos
                                             änderte Lebensmittel ablehnen. Deshalb („Laptop und Lederhose“) zu brechen.
       Verbraucherschutzministerin           drängt Aigner auf eine Verschärfung des Der Ministerpräsident will den Freistaat
     Ilse Aigner macht für die CSU           entsprechenden Gesetzes. Die Länder sol- zur gentechnikfreien Zone machen.
        Stimmung gegen die Gen-              len selbst entscheiden können, wie viel       Aigners Gesetzesvorhaben hilft dabei.
                                             Abstand Gen-Anbauflächen von anderen Weil in Bayern im Gegensatz zu manchen
      technik. Dafür riskiert sie den        Äckern halten müssen.                       ostdeutschen Bundesländern die Acker-
        Konflikt mit der Kanzlerin.             Das Vorhaben steht im Koalitionsver- flächen eher klein sind, könnte eine Ver-
                                             trag, ist aber bislang nicht umgesetzt. Ein größerung des Sicherheitsabstands zwi-


D
        enkt die Kanzlerin an Europa,        Gesetzentwurf, den Aigner Anfang des schen Feldern mit Gentechnik-Pflanzen
       überkommen sie manchmal düs-          Jahres zur Abstimmung unter anderem und solchen mit herkömmlichen Sorten
       tere Ahnungen. Es darf nicht zum      an Wirtschaftsminister Philipp Rösler das Aus für die Gentechnik bedeuten.
Schlimmsten kommen, sagt Angela Mer-         (FDP) und Forschungsministerin Annette        Die Kanzlerin dagegen will von der
kel dann. Dass Europa ein Besichtigungs-     Schavan (CDU) versandte, wird derzeit Kleinstaaterei wenig wissen und würde
gebiet für vergangene Erfolge wird. Ein      nicht weiterverfolgt.                       den Einsatz moderner Gentechnik mög-




                                                                                                                                              HERMANN BREDEHORST / POLARIS / LAIF
                                                                            JENS BÜTTNER / DPA




Ernte von Genkartoffeln, CSU-Politikerin Aigner: „In Deutschland gibt es keine Akzeptanz für Gentechnik“

Kontinent, der nur noch von seiner Ver-       Aigner würde das Thema gern in der                 lichst europaweit regeln. Wenn künftig
gangenheit lebt.                            nächsten Sitzung des Koalitionsausschus-             jeder Mitgliedstaat entscheiden könne,
   In wichtigen Bereichen zögen Ameri- ses auf die Tagesordnung setzen. „Im                      welche Pflanzen wachsen dürften, sei der
kaner und Asiaten an den Europäern Koalitionsvertrag ist vereinbart, den Bun-                    europäische Binnenmarkt irgendwann
vorbei. Bei der grünen Gentechnik zum desländern mehr Mitbestimmung beim                         einmal an sein Ende gekommen, warnte
Beispiel. Für Merkel ist der Anbau gen- Anbau von Gentechnik zu ermöglichen.                     sie schon vor zwei Jahren.
technisch veränderter Pflanzen ein Zu- Das bleibt mein Ziel“, sagt sie. „Leider                     Merkels Befürchtungen haben sich be-
kunftsthema. Dumm nur, dass ausgerech- ist die FDP von dieser gemeinsamen Ver-                   wahrheitet. Erst im Januar hatte der Che-
net die zuständige Ministerin in ihrem einbarung abgerückt.“                                     mieriese BASF das Experiment mit der
Kabinett das ganz anders sieht.               Der Koalitionspartner sieht das anders.            Stärkekartoffel Amflora abgebrochen.
   Ilse Aigner blockt nicht nur alle Versu- „Wachstum und Wohlstand sind nur zu er-              Mangels Akzeptanz in Europa wolle man
che der EU-Kommission ab, Lebensmittel reichen, wenn wir modernen Technolo-                      sich künftig auf die Wachstumsmärkte in
mit kleinen Anteilen nicht erlaubter gen- gien gegenüber aufgeschlossen sind“, sagt              Süd- und Nordamerika konzentrieren.
technisch veränderter Organismen zuzu- FDP-Chef Rösler. Ähnlich urteilt die agrar-                  Die CSU feiert den Rückschritt für den
lassen. Geht es nach der CSU-Frau, sollen politische Sprecherin der FDP-Fraktion,                Forschungsstandort als Etappensieg im
die Bundesländer in Zukunft selbst ent- Christel Happach-Kasan: „Aigners Null-                   aufziehenden Wahlkampf. Als der CSU-
scheiden, ob genveränderte Tomaten, Kar- toleranz ist der falsche Weg.“                          Vorstand vergangenen Montag in Mün-
toffeln und Maispflanzen auf ihren Äckern     Große Einzelhändler stärken dagegen                chen tagte, ließ Parteichef Seehofer wie
angebaut werden dürfen.                     Aigner den Rücken. Man wolle nicht „zu               gewohnt kein gutes Haar an der Arbeit
   Aigner will verhindern, dass gentech- einer Verunsicherung des Verbrauchers                   seiner Ministerriege in Berlin. Nur eine
nisch veränderte Lebensmittel in Deutsch- beitragen“, sagt ein Sprecher des Han-                 nahm er von seiner Schelte ausdrücklich
land eine Chance haben. Im Kabinett hat delskonzerns Rewe. Um sich unabhängi-                    aus – die Frau im Landwirtschaftsressort.
die Ministerin die Federführung für die ger von der südamerikanischen Soja zu                    Das mit der Gentechnik, befand Seehofer,
Gentechnik. Ein gutes Jahr vor den Wah- machen, wolle Rewe zudem bei den Ei-                     mache Ilse Aigner ganz toll.
len in Bayern und im Bund sollen das genmarken langfristig auf nachhaltigere                                  NILS KLAWITTER, PETER MÜLLER,
jetzt auch alle merken.                     europäische Eiweißfutterquellen setzen.                                         MERLIND THEILE

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BILDUNG




                              Die unreife Prüfung
       Das Abitur, seit 200 Jahren ein deutsches Markenzeichen, wird reformiert. Bald
          sollen alle Schüler ähnliche Prüfungen ablegen. Doch die Korrektur bleibt
      halbherzig: Die Bundesländer scheuen den Vergleich – und damit den Wettbewerb.


Z
       wei Stunden dauert die Autofahrt      die Abiturprüfung fünf Fächer, in Satrup         Willkommen im real existierenden Fö-
       von Tostedt im Süden Hamburgs         vier. In Tostedt wählte Dombrowsky Bio-       deralismus, willkommen in der Bildungs-
       nach Satrup nahe der dänischen        logie und Chemie als Schwerpunktfächer,       republik Deutschland. Das Zeugnis am
Grenze. Nicole Dombrowsky, 18, kostete       in Satrup belegt sie ein „naturwissen-        Ende der Oberstufe – Ausweis der Allge-
es ein ganzes Schuljahr, als sie mit ihrer   schaftliches Profil“. Deshalb steht wieder    meinen Hochschulreife – soll eine Schü-
Mutter von Niedersachsen nach Schles-        Physik auf dem Prüfungsplan, ein Fach,        lerkarriere krönen. Doch in kaum einem
wig-Holstein zu deren Lebensgefährten        das sie schon abgewählt hatte.                anderen Bereich zeigt sich das Schulsys-
zog.                                           „Ich habe in Deutsch zweimal ‚Nathan        tem so unausgereift wie beim Abitur.
   Im nächsten Jahr wird die Schülerin       der Weise‘ gelesen, in Mathe zweimal             Der Durchblick fällt selbst Experten
am Bernstorff-Gymnasium ihr Abitur ab-       Kurvendiskussion gemacht und in Biolo-        schwer. In Baden-Württemberg und Hes-
legen – wenn alles normal läuft. Doch        gie zweimal für Zellosmose gelernt“, sagt     sen sind Deutsch, Mathematik und eine
was ist schon normal bei einem Wechsel       die Schülerin. Das Latinum machte sie         Fremdsprache Pflicht, in Bremen und Ber-
in der Oberstufe zwischen zwei benach-       zweimal, ebenso ihr Pflichtpraktikum,         lin ist es bislang nur eines dieser Fächer.
barten Bundesländern?                        das erste in einem niedersächsischen Kin-     In Bayern kommen alle Aufgaben aus der
   In Tostedt dauert das Gymnasium acht      dergarten und das zweite in einer schles-     Landeshauptstadt, in Brandenburg einige,
Jahre, in Satrup neun. In Tostedt umfasst    wig-holsteinischen Grundschule.               in Rheinland-Pfalz keine. Im Saarland
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Abiturprüfung 2012*                                                 ben, das kommt für den Freistaat nicht
                                                                       Kuddelmuddel der Kultusminister                                     in Frage: „Wir wollen ausdrücklich kein
                                                                                                                                           Zentralabitur“, betont Spaenle. Stattdes-
                                                                        und klingt damit nicht anders als viele                            sen sollen die Schüler künftig gleich
                                                                        Parteivertreter von SPD, Grünen und                                schwere, aber nicht dieselben Aufgaben
                                                                        FDP. Der niedersächsische Ministerpräsi-                           vorgelegt bekommen.
                                                                        dent David McAllister (CDU) rief ein                                  Abzusehen ist deshalb, dass die geplan-
                                                                        „Deutschland-Abitur als Ziel“ aus.                                 ten Änderungen an der Reifeprüfung we-
                                                                           Doch was einzelne Politiker verspre-                            der Eltern noch Lehrer zufriedenstellen
                                                                        chen oder verlangen, ist unerheblich; erst                         werden. Genau 200 Jahre nachdem Preu-
                                                                        recht wenn sie in der Bundespolitik aktiv                          ßen das Abiturreglement des Kultusmi-
                                                                        sind. Das Kuddelmuddel beenden kann                                nister-Urahns und Bildungsreformers Wil-
                                                                        nur jenes Gremium, das für das jahrzehn-                           helm von Humboldt einführte, schränkt
                                                                        telange Hin und Her verantwortlich ist –                           das föderale System jeden Reformeifer
                                                                        und das in dieser Woche turnusgemäß in                             von vornherein ein.
                                                                        Berlin tagt: die Kultusministerkonferenz.                             Dabei wäre ein Konzept ohne Kompro-
                                                                           Die Zentralinstanz des Bildungsfödera-                          misse dringender denn je, schließlich le-
                                                                        lismus hat im Frühjahr umfangreiche Re-                            gen immer mehr Schüler die Reifeprü-
                                                                        formen bei der Reifeprüfung in Aussicht                            fung ab. In Hamburg und anderen Städ-
                                                                        gestellt und nicht weniger als „vergleich-                         ten ist es schon die Hälfte; bundesweit
                                                                        bare Abiturprüfungen in Deutschland“                               liegt der Anteil inzwischen bei einem
                                                                        versprochen. Ab dem Schuljahr 2016/2017                            Drittel, Tendenz steigend. Längst hat das
                                                                        sollen sich alle Bundesländer beim Abitur                          Gymnasium sein Monopol auf das Abitur
                                                                        aus einem gemeinsamen Aufgabenpool                                 verloren. Auch von Gesamtschulen, Stadt-
                                                                        bedienen können. Außerdem wollen sechs                             teilschulen oder Oberschulen führt der
                                                                        Länder – Bayern, Sachsen, Niedersachsen,                           Weg zur Hochschule.
                                                                        Hamburg, Schleswig-Holstein und Meck-                                 Abi für (fast) alle, aber für keinen das-
                                                                        lenburg-Vorpommern – schon ab 2014 ähn-                            selbe – an dieser fatalen Kombination
                                                                        liche Aufgaben in den Fächern Deutsch,                             wird sich so bald nichts ändern.
                                                                        Mathematik und Englisch stellen.                                      „Mir ist nicht klar, wie der Aufgaben-
                                                                           Wie die Pool-Lösung genau aussehen                              pool die Abiture tatsächlich vergleichba-
                                                                        soll, ist noch unklar. Doch so viel steht                          rer machen soll“, sagt Wilfried Bos, Leiter
                                                                        fest: Zentrale Prüfungen für ganz                                  des Instituts für Schulentwicklungs-
                                                                        Deutschland wird es weiterhin nicht ge-                            forschung in Dortmund. Vergleichen kön-
                                                                        ben. „Jedes Land hat immer noch die                                ne man das Abschneiden nur bei iden-
                                                       ULMER / IMAGO




                                                                        Letztverantwortung“, sagt Bayerns Kul-                             tischen Aufgaben und zentraler Auswer-
                                                                        tusminister Ludwig Spaenle (CSU). Den                              tung, sagt der Schulforscher, der mehrere
                                                                        Bildungsföderalismus wirklich aufzuge-                             Leistungsstudien betreut hat. „Entweder
                                                                                                                                           ich habe messbare Standards, oder ich
tragen die Noten aus den Abi-Prüfungen                                  Eins, zwei oder drei?                                              habe eben keine messbaren Standards.“
viel zum Gesamtschnitt bei, in Hamburg                                  Verpflichtende Kernfächer* im Abitur 2012                           Wer Vergleichbarkeit fordere, müsse mit
wenig.                                                                  in den Ländern mit Zentralabitur                                   den Ergebnissen leben – auch wenn sie
   360000 Schülerinnen und Schüler durch-                                                                                                  unangenehm seien. Den geplanten Auf-
liefen in den vergangenen Wochen Klau-                                  ein Kernfach            zwei Kernfächer          drei Kernfächer
                                                                                                                                           gabenpool wertet Bos als Versuch, solche
suren und mündliche Prüfungen. Die meis-                                                                                                   zentralen Datenerhebungen zu vermeiden.
ten sind nun stolz auf ihr Abi. Tatsächlich                             * Mathematik,                                                         So bleibt es wohl bei Diskrepanzen,
                                                                        Deutsch, Fremd-
ist es ihr Abi – ein individuelles Zeugnis,                             sprache (vereinzelt                                                wie sie am besten Pädagogen beschreiben
                                                                        Naturwissenschaft
dessen Wert kaum einzuschätzen ist.                                     oder besondere                                                     können, die über Erfahrungen aus meh-
                                                                                                 Schleswig-
   Um das zu bedauern, muss man nicht                                   Lernleistung)
                                                                                                  Holstein                                 reren Bundesländern verfügen. Zum Bei-
                                                                        **kein                                Mecklenburg-
zu einem Umzug von einem ins andere                                     Zentral-                                                           spiel Bettina Fensch, 48, Lehrerin für
Bundesland, von einem Abi-Regime zum                                    abitur                                Vorpommern                   Deutsch und Geschichte: Sie wechselte
                                                                                                   Hamburg
nächsten gezwungen worden sein. In Mei-                                              Bremen                                                im vergangenen Jahr aus Augsburg ans
                                                                                                                          Berlin
nungserhebungen sprachen sich zuletzt                                                               Nieder-
                                                                                                                                           Johanneum in Hamburg, eines der pres-
vier Fünftel der Befragten dafür aus, ein                                                          sachsen                                 tigeträchtigsten Gymnasien der Hanse-
                                                                                                                           Branden-
bundeseinheitliches Abitur einzuführen;                                                                       Sachsen-       burg          stadt. „Meine beiden Zwillinge sind ihren
unter den Lehrern ist der Anteil ähnlich                                      Nordrhein-                       Anhalt                      Mitschülern im Lateinunterricht der 7.
hoch.                                                                         Westfalen                                                    Klasse ein volles Jahr voraus“, sagt die
                                                                                                                         Sachsen
   Gemeinschaftlich sorgen sich Eltern,                                                                   Thüringen                        Mutter von fünf Kindern.
Schüler und Lehrer um ein deutsches                                                           Hessen                                          Auch als Lehrkraft erlebt sie nun, wie
Markenzeichen, und weil Bildung ein                                      Rheinland-                                                        unterschiedlich die Verhältnisse sein kön-
Thema ist, mit dem Wahlen gewonnen                                        Pfalz**                                                          nen, wenn man plötzlich in einem ande-
oder verloren werden können, hat die                                                                                                       ren Teil derselben Republik lebt. Erstmals
Politik die Sorge angenommen. „Wir                                      Saarland                              Bayern                       in ihrer Pädagogenkarriere erstellt sie die
brauchen Vergleichbarkeit bei den Bil-                                                                                                     schriftlichen Abituraufgaben selbst, ihre
dungsabschlüssen“, fordert Bundesbil-                                                    Baden-                                            Schüler werden im kommenden Jahr ihre
                                                                                       Württemberg
dungsministerin Annette Schavan (CDU)                                                                                                      Geschichtsklausur bearbeiten – in Bayern
                                                                                                                                           undenkbar.
* Schüler des Eugen-Bolz-Gymnasiums in der Festhalle                                                                                          In den beiden Bundesländern, so
in Rottenburg am Neckar.                                                Quelle: Aktionsrat Bildung 2011                                    nimmt es Fensch wahr, würden gegen-
                                                                                  D E R       S P I E G E L       2 5 / 2 0 1 2                                                     47
Deutschland

                            sätzliche Schwerpunkte gesetzt: Klau-                                                     von Schulforschern: Es geht ungerecht zu Bundesländern gibt es mittlerweile ein
                            suren im Freistaat, mündliche Mitarbeit                                                   beim Abi. Während sich in manchen Bun- landeseigenes Zentralabitur, einzige Aus-
                            in der Hansestadt. Dort klare Vorgaben                                                    desländern Schüler durch die Oberstufe nahme ist Rheinland-Pfalz (siehe Grafik
                            vom Ministerium, hier große Freiheiten                                                    faulenzen, wird ihnen anderswo alles ab- Seite 47). Doch was 15 Kultusministern
                            im Lehrplan und zeitraubende Diskus-                                                      verlangt. Während sie hier auf gute Noten für ihr jeweiliges Bundesland recht ist, ist
                            sionen in den Schulgremien. „Die Bayern                                                   vertrauen dürfen, müssen sie dort froh ihnen für die Bundesrepublik nicht billig:
                            können besser analysieren, die Ham-                                                       sein zu bestehen. Das Abschlusszeugnis einheitliche Prüfungen.
                            burger besser präsentieren“, sagt Fensch.                                                 heißt hier wie dort gleich, aber es bedeu-    Dabei wäre es die logische Fortsetzung
                            Sie genieße die Freiheiten, andererseits                                                  tet etwas anderes. Wissenschaftliche Stu- der Reformen der vergangenen Jahre: hin
                            sei sie erstaunt über die lasche Disziplin.                                               dien haben große Differenzen aufgezeigt. zu mehr Vergleichbarkeit, mehr Stan-
                            „In Hamburg lässt man unheimlich viel                                                     So mussten Schüler in Baden-Württem- dards. Die Reformierte Oberstufe mit ih-
                            Leine.“                                                                                   berg deutlich mehr als in Hamburg für ren zahlreichen Auswahl- und Abwahl-
                               Rüdiger Horst, 39, Lehrer für Spanisch                                                 dieselbe Mathematiknote leisten.           möglichkeiten, 1972 mit großem Getöse
                            und Gemeinschaftskunde, zog vor drei                                                         Das ist auch deshalb problematisch, und großen Hoffnungen eingeführt, ist
                            Jahren von Niedersachsen nach Baden-                                                      weil es so folgenreich ist. Anders als in Geschichte.
                            Württemberg, von Stadthagen nach Karls-                                                   den USA, wo meistens nicht der High-          Zuerst nahm Baden-Württemberg un-
                            ruhe. Damals beneideten ihn Kollegen.                                                     school-Abschluss ausreicht, sondern das ter der Ägide der damaligen Kultusminis-
                            „Viele Lehrer im Norden denken, der Sü-                                                   Abschneiden in standardisierten Tests terin Schavan die Grund- und Leistungs-
                            den sei das Land, in dem Milch und Honig                                                  über das Fortkommen im Bildungssystem kurse zugunsten verpflichtender vier-
                            fließen“, sagt Horst. Doch das gelte nicht                                                entscheidet, ist das Abitur in Deutschland stündiger Kernfächer zurück. In Deutsch,
                            für alle Fächer. Seine eigenen würden im                                                  die Eintrittskarte für die Hochschule.     Mathematik und Fremdsprache seien „so-
                            Land der Tüftler und Häuslebauer eher                                                        Es enthält schließlich zwei große Ver- lide Grundkompetenzen für alle wichti-
                            geringgeschätzt, sagt Horst: „Ingenieure                                                  sprechen: eines über den Schüler, eines ger als Spezialisierungsmöglichkeiten für
                            werden gesucht, Politologen nicht so, die                                                 für den Schüler. Es bezeugt, erstens, die wenige“, sagte Schavan.
                            Verwertbarkeit der Schulfächer steht hier                                                 allgemeine Hochschulreife jedes Abitu-        Viele Bundesländer folgten. Ungeliebte
                            im Vordergrund.“                                                                          rienten, also die persönliche Vorausset- Fächer fröhlich aussortieren – das war
                               Ursula Graf, 48, Mathe- und Physik-                                                    zung, in jedem beliebigen Fach an einer einmal. Die Gymnasiasten müssen fast
                            lehrerin, ging nach ihrem Referendariat                                                   Hochschule bestehen zu können. Und ge- überall Deutsch, Mathematik und eine
                            in Bayern für vier Jahre nach Bochum                                                      währt, zweitens, dem Abiturienten das Fremdsprache bis zum Abitur belegen.
                            und kehrte 2011 zurück ans altehrwürdige                                                  Recht, jedes beliebige Fach an einer Nicht nur das: Zumeist müssen sich die
                            Gymnasium Christian-Ernestinum in Bay-                                                    Hochschule studieren zu dürfen. Doch Abiturienten in mindestens zwei dieser
                            reuth. Graf lobt die Arbeitshaltung der                                                   wenn es knapp wird bei den Studienplät- Fächer prüfen lassen. Und gelernt wird
                            Schüler in Bayern, den Fleiß, den Ernst.                                                  zen und die Unis einen Numerus clausus wieder im Klassenverband.
                            In Bochum habe sie beeindruckt, wie gut                                                   einrichten, gibt der Abi-Schnitt den Aus-     Kaum noch dürfen sich Schüler ein Abi-
                            sich die deutschen Schüler mit den vielen                                                 schlag.                                    tur basteln wie der Rheinland-Pfälzer Se-
                            Einwandererkindern auf dem Gymnasi-                                                          Umso verständlicher, wenn manche die bastian Gräber, 19, mit den Fächern So-
                            um verstanden. In den Prüfungen zeigten                                                   Unterschiede auszunutzen versuchen: zialkunde, Mathe, Englisch und Ethik.
                            sich Unterschiede: „Das Niveau der Auf-                                                   Als Florian, 18, Waldorfschüler aus Mit dem Notendurchschnitt von 1,2 ist er
                            gaben ist in Bayern höher“, urteilt Graf.                                                 Landsberg am Lech, im Sommer 2010 sei- Jahrgangsbester seines Gymnasiums in
                               Ursula Graf befürwortet eine einheit-                                                  ne Chancen schwinden sah, das bayeri- Traben-Trarbach an der Mosel. Gräber,
                            liche Prüfung: „Das hätte Signalwirkung.“                                                 sche Abi zu schaffen, kümmerte er sich Schülersprecher und Mitglied der Landes-
                            Rüdiger Horst sagt: „Ich bin ein Gegner                                                   um einen Platz in der Rudolf-Steiner- schülervertretung, findet Wahlfreiheit gut.
                            des Bildungsföderalismus; es wäre sinn-                                                   Schule in Bremen und zog für ein Jahr in „Das Engagement der Schüler ist größer,
                            voller, Bildungspolitik zu zentralisieren.“                                               eine Wohngemeinschaft im Norden. Flo- wenn man sie das lernen lässt, was sie
                            Bettina Fensch will nicht alle Fächer ver-                                                rian bestand, zwar nicht mit Glanznoten, wirklich interessiert“, sagt er.
                            einheitlichen, „aber in den Kernfächern                                                   aber doch mit einem ausreichenden             Doch der Geist der Siebziger ist out
                            Mathe, Deutsch und Englisch sollte es                                                     Ergebnis.                                  wie Schlaghosen und Batik-T-Shirts –
                            zentrale Standards geben“.                                                                   Was gegen zu große Unterschiede hilft, selbst in Norddeutschland mit seinen ver-
                               Was die drei Lehrer in ihrem Alltag                                                    scheint jeder einzelne Kultusminister für meintlichen Kuschel-Abis. Ties Rabes
                            erfahren, entspricht den Erkenntnissen                                                    sein Land genau zu wissen. In 15 von 16 Krawatte hat rote Streifen, der Hambur-
                                                                                                                                                                    BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL
BERT BOSTELMAN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL




                                                                                     ACHENBACH-PACINI / DER SPIEGEL




                                           Pädagogen Horst, Fensch, Graf: „Die Bayern können besser analysieren, die Hamburger besser präsentieren“

                                           48                                                                               D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
ger Schulsenator schenkt sich in sei-                                                      noch große Freiheit herrschte. Und
nem Büro roten Tee aus einer roten                                                         doch so viel, dass die Transparenz
Plastikkanne ein. Aber der SPD-                                                            stark erhöht würde. Erstmals würde
Politiker redet, wie es früher nur                                                         sichtbar und auch vergleichbar, was
schwarze, konservative Kultusmi-                                                           Abiturienten wissen.
nister taten.                                                                                 Das könnte, hoffen die Experten,
   „Bildungsföderalismus heißt ja                                                          vor allem für „weniger gut abschnei-
nicht, dass jeder machen kann, was                                                         dende Bundesländer“ ein Ansporn
er will, er beinhaltet zugleich ein                                                        sein. Klar sei jedenfalls: „Die Ein-
Leistungsversprechen“, sagt Rabe,                                                          führung von zentralen Prüfungsbe-
51. „Es kann nicht angehen, dass das                                                       standteilen wird zu Gewinnern und
Abitur in einigen Bundesländern                                                            Verlierern führen.“
schwerer erscheint als in anderen.“                                                           Dass sich solche zentralistischen
   Hamburg zählt zu den sechs Län-                                                         Elemente in einem föderalen Sys-
dern, die ab 2014 ähnliche Aufgaben                                                        tem etablieren lassen, wenn auch
in den Kernfächern stellen wollen.                                                         gegen große Widerstände, beweisen
Die Hansestadt war diesem Kreis                                                            die Bildungspolitiker in einem Nach-
beigetreten, als noch Rabes Vorgän-                                                        barland mit großer föderaler Tra-
ger von der CDU das Sagen hatte.                                                           dition. Österreich, bisweilen als re-
Rabe ist nicht wieder ausgetreten.                                                         formresistent verschrien, ähnelt
   Aber ein echtes Zentralabitur für                                                       Deutschland: Über die Lehrinhalte




                                                                                           OLIVER RÜTHER / DER SPIEGEL
Deutschland – das will auch der ak-                                                        bestimmen die selbstbewussten Bun-
tuelle Präsident der Kultusminister-                                                       desländer, es gibt teils abweichende
konferenz lieber nicht. Er verweist                                                        Ferientermine von Tirol bis in die
stattdessen auf die sogenannten Bil-                                                       Steiermark, und in jeder Region ist
dungsstandards. Im Herbst wollen                                                           man stolz auf landsmannschaftliche
sich Rabe und seine Kollegen Kul-                                                          Besonderheiten, die sich im Unter-
tusminister darauf verständigen, Abiturient Gräber: „Lernen, was wirklich interessiert“    richt widerspiegeln.
was Oberstufenschüler in den wich-                                                            Doch ausgerechnet Österreich, in
tigsten Fächern können müssen. An                                                          den Pisa-Tests schlimm gebeutelt,
den Standards arbeiten derzeit Fach-                                                       führt bald eine „Zentralmatura“ ein.
leute eines Instituts, das einen viel-                                                     Ab 2015 wird eine Bundeseinrich-
versprechenden Namen hat: Institut                                                         tung die Abituraufgaben für

                                                                                            TIM RIEDIGER / NORDPOOL / DER SPIEGEL
zur Qualitätsentwicklung im Bil-                                                           Deutsch, Mathe und die Fremdspra-
dungswesen.                                                                                chen stellen. Zu bearbeiten sind sie
   Die Berliner Experten werden                                                            am selben Tag im ganzen Land.
schmale Bändchen vorlegen, die be-                                                            Alles Übrige bleibt den Bundes-
schreiben, was deutsche Gymna-                                                             ländern überlassen. Sie dürfen wei-
siasten in den Fächern Deutsch, Ma-                                                        tere Prüfungen festlegen, die münd-
thematik, Englisch und Französisch                                                         lichen Tests bestimmen und den
beherrschen müssen. Ähnliche Leit-                                                         Inhalt der vorgeschriebenen „vor-
fäden existieren bereits für jüngere Wechslerin Dombrowsky: Zweimal Zellosmose             wissenschaftlichen Arbeit“. Funktio-
Jahrgangsstufen. Die Bildungsstan-                                                         niert das Vorhaben, könnte das den
dards sind die derzeitige Allzweckwaffe gehören, finanziert wird es von der Ver- Druck auf das nördliche Nachbarland er-
der Kultusminister und ihres Instituts. Ein einigung der Bayerischen Wirtschaft. In höhen. Die Österreicher werden demnach
Kanon, der verbindliche Lerninhalte vor- ihrem Gutachten empfahlen die Wissen- bald über belastbare Vergleichszahlen
schreibt, sei passé, erläutert Instituts- schaftler unlängst ein „gemeinsames verfügen, zu einem Zeitpunkt, an dem
leiterin Petra Stanat. Moderne Bildungs- Kernabitur“.                                 die deutschen Kultusminister über die
ziele würden als Kompetenzen definiert,       Sie plädieren dafür, einmal pro Jahr Aufgaben aus ihrem Pool diskutieren.
also als fachbezogene Fähigkeiten und einen nationalen Testtag einzurichten –           Die Neu-Schleswig-Holsteinerin Nicole
Fertigkeiten, die zur Lösung von Proble- etwa im Mai, in einer Woche ohne Ferien. Dombrowsky wird dann wohl ihr Abitur
men angewendet werden können. „Die An diesem Tag würden alle Abiturienten bestanden haben. Mit den Besonderhei-
Bildungsstandards sollen der zentrale bundesweit schriftlich in Deutsch, Mathe- ten des Bundeslandwechsels hat sie sich
Maßstab für die Schulen werden“, erklärt matik und Englisch geprüft: zur selben arrangiert. „Was soll ich auch machen?“,
Stanat.                                     Zeit, mit denselben Aufgaben, anderthalb sagt die Oberstufenschülerin.
   Aber werden die Standards auch ein- Stunden pro Fach.                                Ein Wunder, dass sie trotz aller Mühen
gehalten? Wie sie sich in den jeweiligen      Das Konzept sieht vor, dass diese zen- bei ihrem Berufswunsch bleibt und sich
Lehrplänen niederschlagen, bleibt jedem tralen Tests rund 30 Prozent der Abitur- nicht vom Bildungssystem abwendet: Sie
Bundesland überlassen, ebenso wie die prüfung ausmachen. Die Bundesländer will Lehrerin werden.
Auswahl der Abi-Aufgaben aus dem noch wären frei, die übrigen 70 Prozent zu ge-                 MATTHIAS BARTSCH, JAN FRIEDMANN,
zu erstellenden Pool. Auch hierfür arbei- stalten, sie könnten andere Fächer prüfen                   ULF HANKE, CONNY NEUMANN
tet das Institut derzeit an einem Konzept. lassen und weiterhin über mündliche Prü-
   Klar ist: Ein Zentralabitur ist nicht fungen entscheiden. Wie bisher würde
geplant. Dabei liegt ein praktikabler Vor- die Gesamtnote auch die Leistungen aus                      Video:
schlag auf dem Tisch, wie eine solche den letzten beiden Schuljahren würdigen.                         Schulkarriere
Bundesprüfung aussehen könnte. Der Ak-        Alles in allem, rechnet der Aktionsrat,                  im Ausland
tionsrat Bildung hat ihn formuliert, ein würden die zentralen Prüfungen dann                           Für Smartphone-Benutzer:
Gremium, dem neben Wilfried Bos zehn zehn Prozent der Gesamtnote ausma-                                Bildcode scannen, etwa mit
weitere angesehene Bildungsforscher an- chen. Das wäre so wenig, dass immer                            der App „Scanlife“.
                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                              49
Deutschland

                                                                                                                                 Gericht noch ein Motiv für seine Tat: Klat-
               A F FÄ R E N                                                                                                      tens Familie, die Quandts, hätten ihr Ver-


     Herr und Helg
                                                                                                                                 mögen schon in der Nazi-Zeit gemacht,
                                                                                                                                 seine eigene Familie habe jüdische Wur-
                                                                                                                                 zeln. Als Klatten den Kontakt zu ihm ab-
                                                                                                                                 gebrochen, als sie einfach den Telefonhö-
Erstmals hat der Klatten-Erpresser                                                                                               rer aufgelegt habe, kurz vor der Erpres-
     Sgarbi über den mutmaß-                                                                                                     sung, „war das dieselbe Arroganz, die
lichen Drahtzieher des Komplotts                                                                                                 auch meine Vorfahren ermordet hat“.
                                                                                                                                    Allerdings sprechen die Fakten eher ge-
      ausgesagt. Dem drohen                                                                                                      gen seine blumigen Erzählungen – und da-
 in Italien neun Jahre Gefängnis.                                                                                                für, dass er für Barretta alle Schuld auf sich
                                                                                                                                 nehmen will. Obwohl Sgarbi nämlich be-




                                                                                            AXEL SCHMIDT / DAPD
A
         ls Ernano Barretta, der Erleuchte-                                                                                      hauptete, er habe die sieben Millionen von
        te, das Strafgericht im italieni-                                                                                        Klatten, in 500er-Scheinen, sofort in Mün-
        schen Pescara betritt, ist ihm das                                                                                       chen und Rom weitergereicht, um alte
Strahlende schon vergangen. „Che cazzo                                                                                           Spielschulden zu bezahlen, fand die Polizei
guardi?“, „Was glotzt du, Schwanz?“,          Erpressungsopfer Klatten                                                           auf Barrettas Grundstück 500-Euro-Bündel
blafft er einen der Anwälte an, die für die   Die Rache einer gedemütigten Frau                                                  wie die von Klatten: mit rosa Banderole
Signora Klatten aus Deutschland arbeiten.                                                                                        und Aufdruck „Landeszentralbank“.
Und obwohl er doch angeblich über den                                                                                               Mit so einem Bündel soll Barretta auch
irdischen Dingen steht, muss sich der Sek-                                                                                       versucht haben, eine Villa anzuzahlen.
tenchef aus den Abbruzzen ständig die                                                                                            Außerdem forderte sein Sohn Marcello
Schweißperlen abtupfen. Nicht weil es so                                                                                         in einem von der Polizei abgehörten Te-
heiß wäre, der Saal ist gut klimatisiert.                                                                                        lefonat die Freundin auf, die zwei 500-
Wohl eher, weil er ahnt, was kommt. In                                                                                           Euro-Scheine, die er ihr gegeben habe,
seinem Plädoyer fordert der Staatsanwalt                                                                                         sofort wegzuwerfen. Am stärksten belas-
später neun Jahre Gefängnis für ihn.                                                                                             tet Barretta aber ein Zettel, der bei der




                                                                                            MASSIMO SCHIAZZO / AGENZIA FOTOMAX
   Damit steht der Prozess gegen den mut-                                                                                        geplatzten Geldübergabe auf dem Rast-
maßlichen Drahtzieher im Erpressungs-                                                                                            platz in seiner Jacke steckte: Darauf stan-
fall Susanne Klatten kurz vor dem Ab-                                                                                            den die Rufnummern von Klatten und
schluss. Aus Sicht der Strafverfolger hat                                                                                        zwei anderen Frauen, die Sgarbi genauso
Barretta 2007 einen seiner ergebensten                                                                                           beglückt und dann betrogen hatte.
Jünger ausgeschickt, den Schweizer Helg                                                                                             Wieder soll Barretta nichts gewusst ha-
Sgarbi, um die reichste Frau Deutschlands                                                                                        ben: Den Zettel „habe ich ihm am Tag
erst zu verführen, dann mit heimlich ge-                                                                                         seiner Festnahme in seine Sakkotasche
drehten Liebesvideos zu erpressen.            Gigolo Sgarbi vor dem Gericht in Pescara                                           gesteckt“, heimlich, erklärte Sgarbi allen
   Bevor aber in dieser Woche das Urteil      84 Minuten Entlastung für den Guru                                                 Ernstes. Warum? Nur falls ihm, Sgarbi,
fallen soll, hatte das Verfahren am ver-                                                                                         etwas passiert wäre. Dann hätte sein
gangenen Dienstag noch einen Höhe-                                                                                               Freund Barretta auf diesem Wege erfah-
punkt zu bieten: den Auftritt des großen                                                                                         ren, dass Frau Klatten das Problem auf
Verführers, Sgarbi, als Zeugen. Abgese-                                                                                          die harte Tour gelöst habe. Dumm nur,
hen von dem kurzen Geständnis, das sein                                                                                          dass die Namen auf dem Zettel verschlüs-
Anwalt Egon Geis für ihn im Münchner                                                                                             selt waren. Ein ahnungsloser Barretta hät-
Prozess 2009 vorgetragen hatte, war es                                                                                           te damit kaum etwas anfangen können.
das erste Mal, dass sich der Gigolo, der                                                                                            Insgesamt forderte der Staatsanwalt 27
im bayerischen Landsberg sechs Jahre ab-                                                                                         Jahre Gefängnis für den Barretta-Clan:
sitzt, zu den Vorwürfen erklärte.                                                                                                neun für Barretta, je sechs für Frau, Sohn
   Wer allerdings gedacht hatte, die Zeit                                                                                        und Tochter. Dazu noch zweieinhalb Jah-
im Knast hätte ihn vom Anhänger zum                                                                                              re für die Ehefrau des Gigolos, die wie
Ankläger seines Gurus Barretta verwan-                                                                                           alle anderen mit der Erpressung nichts
delt, sah sich getäuscht. 84 Minuten lang                                                                                        zu tun haben will; sie steht Barretta so
                                                                                            TAGESANZEIGER




versuchte Sgarbi jenen Mann zu entlas-                                                                                           nahe, dass sie ihm während des Prozesses
ten, der seine Jünger schon mal mit dem                                                                                          fürsorglich die Taschentücher hinhielt, bei
Hinweis beseelt haben soll, sein Sperma                                                                                          seinen Schweißausbrüchen.
sei das Blut Jesu Christi.                    Sektenführer Barretta                                                                 Doch Klattens Anwälten reicht das
   Barretta habe von der Erpressung           Geldbündel mit deutschen Banderolen                                                nicht. Sie verlangen acht Millionen Euro
nichts gewusst, behauptete Sgarbi also.                                                                                          von Barretta. Es geht um Schmerzensgeld,
Er allein habe im Münchner Holiday Inn          Als zur Übergabe auf einem Autobahn-                                             vor allem jedoch um den Großteil der sie-
das Video gemacht, aus einer abgestellten     rastplatz in Österreich nicht BMW-Groß-                                            ben Millionen, von denen die Polizei erst
Tasche heraus; er allein habe dann zuerst     aktionärin Klatten, sondern die Polizei                                            400 213 Euro sichergestellt hat. Nicht dass
sieben Millionen Euro von Klatten erbet-      erschien, nahm sie dort allerdings auch                                            die Milliardärin auf das Geld angewiesen
telt, mit der Lügenstory, dass er in Ame-     Barretta fest. Dennoch habe der nichts                                             wäre. Aber angeblich hat sie Sgarbi kürz-
rika das Kind eines Mafioso angefahren        geahnt, erzählte Sgarbi, habe ihn nur be-                                          lich sogar die Uhr wegpfänden lassen,
habe und dafür zahlen müsse. Und er al-       gleitet, auf seine Bitte hin, ohne zu wis-                                         denn so etwas dürfte selbst für die reichs-
lein habe dann auch noch mehr gefordert,      sen, warum. „Es war ein großer Fehler,                                             te Deutsche von unschätzbarem Wert
nun mit Erpressung: erst 49 Millionen,        Herrn Barretta in die Geschichte hinein-                                           sein: als Zeichen für die Rache einer ge-
schließlich „2x7up“, 14 Millionen, mit der    zuziehen, ich entschuldige mich bei ihm.“                                          demütigten Frau.
Drohung, die Aufnahmen zu verschicken.        Als Dreingabe präsentierte Sgarbi dem                                                                         JÜRGEN DAHLKAMP

50                                                  D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Szene


                          Was war da los,
                          Frau Steketee?
                    Jennifer Steketee, 40, US-amerikanische Tier-
                    ärztin aus Santa Fe, über Essstörungen: „Der
                    Kater heißt Meow, er wog 18 Kilogramm,
                    als er ins Tierheim kam. Sein Halter sagte,
                    dass der Kater am liebsten Hot Dogs ge-
                    fressen habe, aber hier im Tierheim fraß
                    er nie Hot Dogs. Er war ein sehr wähleri-
                    scher Esser. Vielleicht, weil wir ihn auf eine
                    strikte Eiweißdiät gesetzt haben und ihm
                    Kohlenhydrate verweigerten. Wir mussten
                    dabei vorsichtig sein, weil bei manchen di-
                    cken Katzen die Leber versagt, wenn die
                    Tiere zu schnell abnehmen. Wir hatten mit
                    Meow Wiegungen vor Publikum geplant
                    und eine öffentliche Diät, um auf das Pro-
                    blem von dicken Haustieren aufmerksam
                    zu machen, das in Amerika leider verbrei-
                    tet ist. Aber vor kurzem fing der Kater an
                    zu röcheln. Sein Speck legte seine Atmung
                                                                     WENN.COM




                    lahm. Es ist sehr traurig, aber Meow ist er-
                    stickt. Er wurde nur zwei Jahre alt.“                       Steketee




                             Sollte man jetzt griechische Inseln kaufen, Herr Vladi?
                                    Der Hamburger                das Klima ist beständig, und sie sind                      Bürgermeister der Gemeinde. Ein
                                    Unternehmer Farhad           meist nicht weit vom Festland ent-                         Marathon.
                                    Vladi, 67, handelt seit      fernt. Es spricht viel für Griechenland.                   SPIEGEL: Im An- und Verkauf von
                                    40 Jahren mit priva-         SPIEGEL: Was spricht dagegen?                              Inseln spiegelt sich also die ganze
                                    ten Inseln.                  Vladi: Ausländer können keine                              griechische Krise?
BERTRAM SOLCHER




                                                                 griechischen Inseln kaufen.                                Vladi: Leider ist das so. Neulich hatte
                                    SPIEGEL: Herr Vladi,         SPIEGEL: Das ist nicht erlaubt?                            ich einen Franzosen, der eine grie-
                                    werden griechische           Vladi: Erlaubt schon. Aber so gut wie                      chische Insel wollte. Sehr netter Mann,
                                    Inseln billiger?             unmöglich. Als Ausländer brauchen                          er hatte auch das Geld, aber nach der
                  Vladi: Viele Inseln werden im Moment           Sie 32 Genehmigungen.                                      achten Genehmigung hat er abge-
                  billiger, in Zentralamerika bekommt            SPIEGEL: Von wem denn?                                     winkt. Das hält niemand durch.
                  man sie fast zum halben Preis im Ver-          Vladi: Zuerst müssen Sie zum Ver-                          SPIEGEL: Trotzdem bieten Sie fünf
                  gleich zum Boom vor ein paar Jahren.           teidigungsministerium. Inseln an der                       griechische Inseln an.
                  Aber in Griechenland geht fast gar             Grenze zur Türkei können Sie über-                         Vladi: Ich hätte noch mehr, aber auf
                  nichts.                                        haupt nicht kaufen. Dann zum                               meiner Website zeige ich nur fünf, lei-
                  SPIEGEL: Wollen die Griechen nicht             Ministerium für Landwirtschaft, zu                         der schon lange. Dabei sind die traum-
                  verkaufen?                                     den Baubehörden, das geht bis zum                          haft schön. Die kleine etwa, bei Athen,
                  Vladi: In meinem Büro                                                                                                    Trinity Island. Die Beatles
                  liegen 40 Briefe, allesamt                                                                                               waren mal drauf, Churchill
                  Angebote aus Griechen-                                                                                                   hat da übernachtet. So
                  land. Es haben sich noch                                                                                                 was könnte man norma-
                  nie so viele Griechen bei                                                                                                lerweise sofort verkaufen.
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                  Inseln verkaufen wollen.                                                                                                 kostet bei Ihnen 18 Mil-
                  Aber ich sage allen, dass                                                                                                lionen Euro.
                  ich leider kaum Möglich-                                                                                                 Vladi: Die Griechen, die
                  keiten sehe.                                                                                                             mir Inseln anbieten, kom-
                  SPIEGEL: Sind die Inseln                                                                                                 men mit Traumvorstellun-
                  nicht gut?                                                                                                               gen. Es ist schnell von
                  Vladi: Sie sind wunderbar,                                                                            Trinity Island     Onassis die Rede, wenn
                  sie liegen im Mittelmeer,                                                                                                es um ihre Inseln geht.
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Gesellschaft

                                Zu viel Phantasie
             EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:           Wie sich ein Schauspieler versehentlich erhängte



G
         leyson war der Erste, der ihn be-     Die Inszenierung war die prachtvollste                         sie an dem Fluggeschirr. Dabei unterlief
         suchte, der ins Krankenhaus eilte,    bisher: Rote Scheinwerfer glühten, Rauch                       ihm ein schwerer Fehler.
         noch in jener Nacht, wobei „be-       stieg auf, gellend forderten die Juden Jesu                       Am Morgen noch hatte Thiago, dies er-
suchen“ zu viel gesagt ist, Gleyson durfte     Blut, martialisch stampften die römischen                      gab die spätere Untersuchung der Polizei,
gerade noch einen Blick auf ihn werfen,        Soldaten auf. Für die Szene, in der Judas                      eine kräftige Kordel in den Kragen seines
ein Gebet murmeln, unter den wachsa-           sich erhängt, hatte Thiago sich ein Flug-                      Judas-Kittels eingenäht, mit einem Kno-
men Augen von Frau Doktor Ferreira.            geschirr besorgt. Ein Fluggeschirr ist ein                     ten vorn, zum Zuziehen. Während er sich
Thiago lag im Koma. Es sah aus, als                                                                                  auf der Bühne die Schlinge um den
ob er schliefe, bleich, aber friedlich,                                                                              Hals legte, während er gleichzeitig
und um den Hals von Thiago sah                                                                                       hinten an Haken und Strick nestel-
Gleyson das Würgemal, dünn, aber                                                                                     te, verhedderte sich die Kordel in
rot wie Feuer.                                                                                                       der Aufhängung.
   Gleyson besuchte seinen Freund,                                                                                      Judas spähte in die Tiefe. Ein Teu-
so oft es ging, er klammerte sich                                                                                    fel, weiblich, sexy, rot geschminkt,
an die Hoffnung, dass Thiago auf-                                                                                    spornte den Verräter an. Schließ-
wachen würde, das war noch vor                                                                                       lich sprang er. Es gab Szenenap-
den dias horríveis, wie er diese Zeit                                                                                plaus.
später nennen sollte, den Tagen des                                                                                     Das Fluggeschirr fing das Ge-
Schreckens.                                                                                                          wicht Thiagos auf. Dabei kam aber
   Gleyson Domingues und Thiago                                                                                      Zug auf die Kordel, sie wurde hoch-
Klimeck, Getränkeauslieferer der                                                                                     gerissen, zog sich zu. Das Bühnen-
eine, Buchhalter der andere, waren                                                                                   licht über Judas erlosch, rechts auf
schon beste Freunde, als sie noch                                                                                    der Bühne begann die Auspeit-
in kurzen Hosen liefen. Beide gebo-                                                                                  schung Jesu.
                                                                                             SANDRO AZEVEDO




ren in Itararé, einem Provinznest im                                                                                    Verletzungen an den Fingernä-
Bundesstaat São Paulo, Brasilien.                                                                                    geln legen nahe, dass Thiago noch
Sie stammten aus demselben Vier-                                                                                     kämpfte, sich die Schnur vom Hals
tel, Cerrado, aber was sie verband,                                                                                  zerren wollte. Aber dieser Kampf
war mehr: Sie hatten Phantasie.               Judas-Darsteller Klimeck am 6. April                                   kann nicht lange gedauert haben.
   Die anderen jungen Männer ver-                                                                                    Es war ein Zuschauer, der, nach
brachten ihre Freizeit auf dem Bolz-                                                                                 etwa vier Minuten, merkte, dass et-
platz oder fuhren an warmen Sams-                                                                                    was nicht stimmte. Es dauerte, bis
tagabenden die Hauptstraße auf                                                                                       sich der Zuschauer bemerkbar ma-
und ab, im Schritttempo, die Rua                                                                                     chen konnte. Endlich unterbrach
São Pedro, die Musik wummerte,                                                                                       man die Aufführung, versuchte,
während die hübschen Mädchen ki-                                                                                     Thiago vom Strick zu schneiden.
chernd den Bürgersteig entlangfla-                                                                                   Wertvolle Minuten vergingen, bis
nierten. Nichts gegen hübsche Mäd-                                                                                   der Krankenwagen kam.
chen, fanden Gleyson und Thiago,                                                                                        Thiago lag 16 Tage im Koma,
und eines Tages würden auch sie                                                                                      dann starb er. Für Gleyson began-
heiraten; aber bis dahin hatten sie                                                                                  nen die Tage des Schreckens, jede
so viele Ideen. Sie trafen sich oft,          Aus der „Frankfurter Allgemeinen“                                      Minute tat weh, es war, als würde
stundenlang konnten sie quatschen,                                                                                   ein Stück von ihm fehlen. Und wie
sie wollten Geschichten erzählen,                                                                                    sinnlos war alles: ein frommer Kerl
Geschichten spielen.                                                                                                 wie Thiago, ein gottgefälliges Thea-
   Einen Freund zu finden, in dem man          stabiles Korsett, den Oberkörper bis unter                     terstück – warum also dieser Unfall? War-
sich selbst entdeckt: Das war das Glück        die Arme umschließend, konstruiert, um                         um ließ Gott so etwas zu? Wen wollte er
von Gleyson und Thiago.                        einen Menschen an einen Kran zu hän-                           bestrafen? Wofür?
   Bei ihrer Laienspielgruppe konnten sie      gen, schweben zu lassen. Hinten war ein                           Auf solche Fragen erfolgt erfahrungs-
sich die Rollen aussuchen, sie spielten        Haken befestigt. Hier musste der Strick                        gemäß keine Antwort. Gleyson musste
Dramen, Komödien, Glanzpunkt des Jah-          eingeklinkt werden, während die Schlin-                        allein damit fertigwerden.
res war das Osterstück: Das führten sie        ge nur lasch um den Hals gelegt wurde.                            Es geht ihm inzwischen besser. Er will
auf dem Rathausplatz auf, die Passion             Alles lief gut. Nach seinem Verrat stieg                    wahrscheinlich weiterhin Theater spielen,
Christi.                                       Judas auf ein Podest, während Jesus von                        sein Freund hätte es so gewollt, sagt Gley-
   Gleyson spielte wieder Jesus, Thiago        den Häschern abgeführt wurde. Auf dem                          son. Und es tröste ihn, sagt er, dass das
hatte den Part von Judas Ischariot über-       Podest stehend, rang Judas gramerfüllt                         Letzte, was Thiago wahrscheinlich hörte,
nommen, der Jesus für 30 Silberlinge           die Hände und legte sich die Schlinge um                       Szenenapplaus war.
verkauft und sich aus Selbstekel erhängt.      den Hals – beziehungsweise: befestigte                                                          RALF HOPPE

                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                              53
VOX
Schauspieler Matthäus als Gast der Serie „Alarm für Cobra 11“: „Ich werde von mir öfter in der dritten Person sprechen“



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            Der Lothar ist der Lothar
  Seit Jahren läuft Lothar Matthäus dem Ruhm früherer Tage hinterher. Sein Leben
      wird bestimmt von unglücklichen Trainerjobs und Frauengeschichten. Jetzt
 lässt er sich für eine „Personality-Doku“ im Fernsehen filmen. Von Thomas Hüetlin


Z
        wei Menschen in schwarzem An-            Der Makler streckt ihm die Karte ent-      ein Geschäft für Hundefutter, der Fern-
       zug stehen zwischen braunen Flä-       gegen. „Hab selbst noch nie eine Busi-        fahrer-Strich, die A 9.
       chen von frisch angesätem Rasen,       ness-Karte gehabt“, sagt Matthäus.               Matthäus blinzelt in Richtung des Hun-
ein Immobilienmakler und seine Assis-            Es gibt Menschen, die kennt man            defutterladens, wo ein Fernsehteam steht.
tentin. Ein heller Mercedes rollt heran,      nicht. Und es gibt Menschen, die kennt        Er hat gerade, so wie früher auf dem
heraus steigt eine junge Frau mit schwar-     jeder. Menschen wie Lothar Matthäus.          Platz, den Rangunterschied klargemacht,
zer Lederjacke und blonden Haaren, die        Menschen, die keine Visitenkarten brau-       er hat gezeigt, wer hier der Chef ist. Aber
aussehen, als wären sie gebügelt. Hinter      chen.                                         da ist nur das leise Surren der Kamera.
ihr ein Mann mit einem lilafarbenen T-           Einen Moment lang stehen sie still vor        Lothar Matthäus, mittlerweile 51 Jahre
Shirt. Der Mann ist Lothar Matthäus.          der Wohnanlage Parkside Leopold. Das          alt, hat mal zu den absoluten Spitzen-
   Er greift nach der Hand des Maklers.       Werbeplakat verspricht eine ganze             kräften des internationalen Fußballs ge-
„Haben Sie eine Business-Karte, damit         Menge, der Makler bemüht die Worte            zählt. Er war der Kapitän der deutschen
man weiß, mit wem man es zu tun hat?          „elegant“, „exklusiv“ und „Dreifachver-       Weltmeistermannschaft von 1990, hat mit
Das ist schon mal das Erste“, sagt Mat-       glasung“. Aber hier, am falschen Ende         150 Einsätzen mehr Spiele für sein Land
thäus. Seine Brust füllt sich mit Luft, das   der Münchner Leopoldstraße, löst sich         absolviert als jeder andere, er wurde
lila T-Shirt weitet sich.                     die Stadt auf – Kentucky Fried Chicken,       zweimal zum Weltfußballer des Jahres
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Gesellschaft

gewählt, das ist das Niveau von Messi bei Maccabi Netanya und zuletzt Natio- in finanziellen Dingen immer bewahrt.
und Maradona.                              naltrainer von Bulgarien.                         Was er verdient hat, wurde gut angelegt.
   Und jetzt steht Matthäus am falschen      Meistens ging dabei etwas daneben, Darüber hinaus lässt er sich gern ein-
Ende von Schwabing, in einer Neubau- irgendetwas. Mal wurde ein versproche- laden.
siedlung, umringt von Mitarbeitern des nes Stadion nicht gebaut, mal ging das                   Matthäus war ein schnörkelloser Fuß-
RTL-Ablegers Vox, und dreht das, was Geld aus. Mal setzte man ihm einen alten ballspieler. Und auch bei der Verfilmung
sie im Billigfernsehen „Personality-Doku“ Herrn wie Giovanni Trapattoni vor die seines momentanen Lebens sucht er den
nennen. Das Projekt heißt „Lothar – im- Nase. Erfolg hatte er, bei aller Freiheit direkten Weg ins Wohnzimmer der Deut-
mer am Ball“, es zeigt Matthäus, als „Fuß- und Weite, nicht wirklich, einmal errang schen. Sechs Folgen, je eine Stunde.
ballweltreisenden“, so beschreibt er sich er die Meisterschaft von Serbien-Monte- „Drehbuch – so was brauch ich nicht“,
selbst. In New York beim Shoppen, in negro.                                                  sagt er. „Authentisch, ehrlich, keine Soap,
Zermatt beim Skifahren, in Wien beim         Dabei sagen viele, die sich ausken- eine Reality.“
Opernball, in Paris wieder beim Shoppen, nen, dass Matthäus nach wie vor viel von               Es hat immer Profifußballer gegeben,
in Budapest, seinem Wohnort, beim Par- Fußball verstehe. In Deutschland will die nach der Karriere ihr Glück beim Bou-
tymachen. Er hatte sogar eine Minirolle ihn niemand. Im Moment reist er bei levard gesucht haben. Manchmal endete
bei „Alarm für Cobra 11“, einer Action- der Europameisterschaft der deutschen es ganz weit unten, zuletzt als der Brasi-
Serie mit Autobahnpolizisten. Man hat Mannschaft hinterher, er hat einen Job lianer Ailton, ehemaliger Stürmer von
ihn dabei gefilmt, wie er mit einem Sport- beim ukrainischen Fernsehen angenom- Werder Bremen, wegen unbezahlter Rech-
wagen in einen Transporter gedonnert men, als Experte für die Elf von Joachim nungen im Dschungelcamp einzog. Mit
ist, der mit Eiscreme beladen war.         Löw.                                              „Lothar – immer am Ball“ möchte Mat-
   Heute macht sein Leben in München         Die Schuld an seinen katastrophalen thäus nach oben zurück, dahin, wo er vor
halt. Der Drehtag trägt den Arbeitstitel: Image-Werten sieht Lothar Matthäus auf über 20 Jahren einmal war.
Lothar sucht eine Wohnung                                                                                    „Ich werde von mir öfter
für seine Tochter.                                                                                         in der dritten Person spre-
   Die Tochter heißt Viola,                                                                                chen“, sagt er später in einer
Matthäus hat sie vor 20 Jah-                                                                               Hotelbar.
ren in Kitzbühel zurück-                                                                                      Die Kellner halten Ab-
gelassen, als er sich von Sil-                                                                             stand. Matthäus schiebt das
via trennte, seiner Ehefrau                                                                                Kinn nach vorn.
Nummer eins. Inzwischen ist                                                                                   Nach all dem, was er für
Matthäus von Ehepartnerin                                                                                  Deutschland geleistet hat,
Nummer vier geschieden.                                                                                    sagt Matthäus, seinen Ein-
Sie war 23 und damit ein                                                                                   sätzen, seiner Opferbereit-
Jahr älter als Viola.                                                                                      schaft, seinen Rekorden,
   Jetzt ist er in ein Unter-                                                                              müsste es eigentlich längst
wäsche-Model aus Polen                                                                                     eine Arena geben, die seinen
verliebt, das heißt Joanna                                                                                 Namen trägt – das „Lothar-
Tuczynska und ist immerhin                                                                                 Matthäus-Stadion“. In einem
schon 28 Jahre alt. Vater und                                                                              anderen Land jedenfalls,
Tochter jedenfalls sehen sich                                                                              sagt er trotzig, wäre das so.
jetzt wieder öfter. Viola stu-                                                                                Er weiß ja, wie es in ande-
diert Marketing in München                                                                                 ren Ländern ist. Am besten
und möchte später, wie sie                                                                                 kennt er Italien, er hat vier
sagt, „irgendwas mit Mode                                                                                  Jahre lang bei Inter Mailand
machen“. Sie trägt Designer-                                                                               gespielt. „Wenn ich so eine
Lederjacke, Schal mit grü-                                                                                 Sendung in Italien machen
                                                                                                        IMAGO/WEREK / IMAGO




nen Totenköpfen, Piloten-                                                                                  würde“, sagt Matthäus und
brille von Ray Ban, Hand-                                                                                  macht eine kurze dramatur-
tasche von Gucci.                                                                                          gische Pause, „Höchstein-
   Vater und Tochter stehen                                                                                schaltquote. Und zwar jede
in einer Wohnung im vierten                                                                                Woche. Nicht nur beim ers-
Stock. Sie misst 48 Quadrat- Weltmeister Matthäus (r.)*: In Gedanken nie aufgehört, ein Idol zu sein ten oder zweiten Mal. Son-
meter, hat zwei Zimmer und                                                                                 dern auf Dauer. Die haben ei-
Parkettfußboden. Sie soll 938 Euro im der Seite der Medien. Aber er möchte nen ganz anderen Bezug zu ihren Idolen.“
Monat kosten.                              eben auch nicht ganz auf sie verzichten. Das mag sein, und dann bestünde das
   48 Quadratmeter sind weit unter dem Wahrscheinlich muss man die Dreharbei- Problem darin, dass Lothar Matthäus in
Standard von Lothar Matthäus. Er ver- ten für Vox als endgültigen Versuch ver- seinen Gedanken nie aufgehört hat, ein
dreht den Hals, blickt hinauf in den Him- stehen, den Deutschen zu zeigen, wer Idol zu sein. Seine Gedanken spielen in
mel und sagt, dass für ihn bei einer Woh- Lothar Matthäus wirklich ist, und vor al- einer Zeit, die 20 Jahre her ist. Die Wirk-
nung vor allem das Gefühl von Weite und lem: wie er wirklich ist.                            lichkeit spielt vor dem Parkside Leopold,
Freiheit zähle.                              Er macht das alles nicht wegen des und gegenüber dieser Wohnanlage, vor
   Weite und Freiheit, das hat er immer Geldes. Trotz der vier Scheidungen hat dem Imbiss „Thai-China“, steht der Re-
gesucht, nachdem er mit dem Fußball- er noch immer genug davon. Matthäus, dakteur der Sendung und sagt: „Der Lo-
spielen aufhören musste. Er war Team- aus dem fränkischen Herzogenaurach, thar kann schon sehr unterhaltsam sein.
chef bei Rapid Wien, Trainer bei Partizan hat Raumausstatter gelernt, und die Vor allem wenn er Englisch spricht mit
Belgrad, er war Nationalcoach von Un- Grundsolidität seiner Jugend hat er sich seiner Freundin Joanna.“
garn, er arbeitete bei einem brasiliani-                                                        Die Wahrheit ist ja, dass Lothar Mat-
schen Club namens Atlético Paranaense, * Am 8. Juli 1990 in Rom mit den Mannschaftskameraden thäus immer Reality war. Ein Leben zwi-
er war bei Red Bull Salzburg, in Israel Andreas Brehme und Pierre Littbarski.                schen Hochzeit und Scheidung, zwischen
                                                    D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                             55
Gesellschaft

Brustvergrößerungen und Brustverklei- Zeitung. Wer sich ihr entzog, hatte ein                                        Am Handy, im Mannschaftsbus, überall
nerungen. Und was man ab kommenden ungemütliches Leben, Matthäus’ damali-                                         war Matthäus als rasender Rechercheur
Sonntag im Fernsehen sehen kann, konn- ger Rivale Jürgen Klinsmann oder der an-                                   tätig, einer, der jede Spur strebsam ver-
te man in den vergangenen zwei Jahr- gestrengte Trainer Otto Rehhagel.                                            folgte: „Ich gehe nach vorn, wo Trapatto-
zehnten in der Zeitung lesen.                Einmal stellte sich bei einer „Bild“-Re-                             ni sitzt. Frage ihn auf Italienisch, so dass
   Matthäus war der erste deutsche Fuß- daktionskonferenz die Frage, ob es zeit-                                  Uli Hoeneß und Klaus Augenthaler es
baller, der sich vollständig mit dem Bou- gemäß sei, wenn ein Mann den Namen                                      nicht hören können: ,Trainer, werden Sie
levard eingelassen hat. Da seine Orien- seiner Frau annehme. Ruiner rief bei Mat-                                 jetzt Italiens Nationaltrainer?‘“
tierung ihn schon immer dorthin trieb, thäus an, der damals in zweiter Ehe mit                                       Ruiner erzählt langsam, scheinbar vor-
wo er die stärkste Macht vermutete, zog der Schweizer Fernsehmoderatorin Lolita                                   sichtig, aber man hat das Gefühl, dass er
es ihn 1992, nach seiner Rückkehr aus Morena verheiratet war. Seine Antwort                                       jedes Wort genießt. Dank Matthäus hatte
Mailand, zur „Bild“-Zeitung.               hieß: „Warum nicht?“ Ruiner hatte eine                                 er den wichtigsten Fußballclub des Lan-
   Wolfgang Ruiner, in der Branche we- Schlagzeile und die Bayern-Gegner einen                                    des jederzeit am Handy. „Die anderen
gen seines Leibesumfangs „Blunzi“ ge- neuen Schmähgesang: „Lothar Mooooo-                                         Spieler haben mir dann auch hinter vor-
nannt, war damals der „Matthäus-Mann“ rennnnaaaa“.                                                                gehaltener Hand Gschichten gesteckt“,
bei „Bild“. Heute arbeitet der Österrei-     Lolita, erzählt Ruiner, habe die Deut-                               sagt er. „Das war irre einfach, weil alle
cher wieder in Wien, bei einer Boulevard- schen nicht gemocht, nur ihn, den Öster-                                anderen geglaubt haben, die kommen
zeitung, die heißt wie das Land: „Öster- reicher, habe sie geduldet. Einmal rief sie                              vom Lothar.“
reich“. Während der Zeit, in der es für ihn abends an und fragte, ob er mit ihr                                      Er sei eben kein Diplomat, der Lothar,
Lothar Matthäus nach unten ging, ging ausgehen könne.                                                             sagt Ruiner. „Der Lothar ist der Lothar.“
es für Wolfgang Ruiner nach oben. Er ist     „Wo ist Lothar ?“, wollte Ruiner wissen.                             Sie haben sich vor fünf Jahren zerstritten,
jetzt Sportchef, stellvertretender Chefre- „Bei Hoeneß“, war die Antwort, dort                                    der Lothar und der Blunzi, weil Ruiner




                                                                                                                                   ERICH REISMANN / DER SPIEGEL
                                                                          PKK / HSS / WENN.COM




 Mit Freundin Tuczynska bei
 der EM 2012                                                                                     Sportjournalist Ruiner

Lebemann Matthäus, Gefährten: Der erste deutsche Fußballer, der sich vollständig mit dem Boulevard eingelassen hat

dakteur und dünner geworden. Außer-          gebe es nach der Niederlage einen „Kri- in einem Interview sagte, es werde
dem trägt er eine pinkfarbene Brille.        sengrill“.                                schwer für den Lothar, in die Bundesliga
  „Der Lothar“, sagt Ruiner, „wäre ein         Ruiner schickte dem Bayern-Manager zurückzukehren, wenn er weiter sein
guter Boulevardreporter geworden. Der        einen Fotografen an den Gartenzaun. Als Privatleben so öffne. Er sei jetzt ein
erkennt a gute Gschicht, hat a Gfui dafür.   ihn Uli Hoeneß am darauffolgenden Tag Trainer, ein Vorbild. Seitdem fehlen Rui-
Die andern in der Kabine haben oft nicht     anblaffte und sagte: „Sie schaden Ihrem ner manchmal die schönen Geschichten
überrissen, ob das interessant ist für die   Freund, wenn Sie alles, was er Ihnen er- und Matthäus fehlt der Rat eines Profis.
Presse – der Lothar schon.“                  zählt, in der Zeitung schreiben“, machte Wenn man Ruiner fragt, was er von der
   Man habe alles ausgetauscht damals,       das Ruiners Triumph noch größer.          Idee halte, dass sich Matthäus ausgerech-
jeden Tag telefoniert. Und der Lothar          Die Ehe nahm keinen glücklichen Ver- net über Vox bei den Deutschen rehabili-
habe begriffen, „dass, wenn er mitspielt,    lauf, Lolita suchte das Weite, Ruiner war tieren möchte, sagt er: „Also i hätt’s auf
alles halb so schlimm ist“.                  mit Trost und Notizblock zur Stelle. „Ich kan Fall gmocht.“ Es sei wohl der Ver-
   Er habe sich nie versteckt mit seinen     habe sie doch“, klagte Matthäus, „mit such, mit Gewalt die Öffentlichkeit in sei-
neuen Freundinnen, sei überall hinge-        kostbarem Schmuck verwöhnt, kannte nem Leben zu halten, nach dem Motto:
kommen, sogar oft zu Ruiner nach Hause,      ihre Dessous-Größen und habe ihr einen „Hallo, i bin no do.“
wo er den Kindern das Fußballspielen         Ferrari in die Garage gestellt.“             Es gibt kaum einen Ort, an dem Lothar
beigebracht und sich auch sonst nicht ge-      Sein Mitteilungsdrang trug Matthäus Matthäus keine Kamera zulassen würde,
ziert habe. Sogar „die oide Salami“ habe     Mitte der neunziger Jahre die Verban- und er kommt viel rum. Am Nachmittag
er aufgegessen.                              nung aus der Nationalmannschaft ein. Bei des deutschen Pokalfinales ist er im Hotel
   Matthäus hatte immer seine Ruhe. Als      Bayern musste er die Kapitänsbinde her- de Rome in Berlin. Alles ist etwas groß
Mehmet Scholl von seiner Frau verlassen      geben, als er seine Sicht der Dinge zu- hier, die schwarzen Samtsofas, die Mar-
worden war und in einer Disco in Zürs        sammen mit Ruiner in Buchform veröf- morsäulen, das Restaurant, in dem es
randalierte, stand das groß in der „Bild“-   fentlichte, Titel: „Mein Tagebuch“.       meistens mehr Kellner als Gäste gibt.
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Matthäus trägt einen Dreitagebart. Au-                                 um gedanklich wieder in Italien zu sein.        Jürgen Kohler coachte den Drittligisten
  ßerdem hat er das polnische Unterwä-                                      Es gibt viele Geschichten aus Italien, die      VfR Aalen, bis ihn Herzbeschwerden zum
  sche-Model mitgebracht. Es trägt heute                                    Joanna noch nicht kennt, und Matthäus           Aufhören zwangen.
  Turnschuhe, ist aber immer noch größer                                    erzählt sie ihr gern.                             Und Lothar Matthäus ist auf dem Sprung.
  als er.                                                                     Er sei damals mit einem brandneuen            Er hat einen Berater engagiert, der auf
     Joanna bestellt eine Dose Red Bull, weil                               Mercedes 500 Cabrio aufs Trainingsgelän-        den Namen Wim Vogel hört. Vogel trägt
  sie Energie braucht. „Energy“, sagt sie.                                  de von Inter Mailand gefahren. Die Son-         das Haar lang und hat neben Matthäus
  Auf die Frage, wo sie Englisch gelernt                                    ne schien, er trug eine Baseballmütze und       noch 40 andere Klienten, auch solche aus
  habe, schiebt Matthäus das Kinn vor und                                   eine Sonnenbrille, und die Leute hätten         der Neunziger-Mannschaft, die es schwer
  sagt: „Von mir. I taught her the language.“                               applaudiert. Als er nach dem Training           haben. Thomas Häßler etwa, der mal Tech-
     Bis Ende Juli sei er ausgebucht, sagt                                  wieder fuhr, standen immer noch Leute           niktrainer beim 1. FC Köln war, oder An-
  Matthäus, immer eingeladen in Hotels                                      da und klatschten.                              dreas Brehme, der vor sechs Jahren als
  wie dem De Rome, Business-Class-Flüge                                       Matthäus fragte: „Warum applaudiert           Co-Trainer beim VfB Stuttgart entlassen
  oder Privatjet, Fahrer an den meisten Or-                                 ihr? Wir haben doch gar nicht so gut ge-        wurde und seitdem meistens Golf spielt.
  ten. Morgen gehe es für eine Woche nach                                   spielt am Wochenende.“                            Wim Vogel sagt, wenn er Matthäus nicht
  Dubai, später nach London zu den Olym-                                      „Per la macchina – wegen des Autos“,          mit Terminen „zuballere“, werde der un-
  pischen Spielen, wo der Präsident des                                     antworteten die Leute.                          ruhig. Wahrscheinlich ist es besser für Lo-
  Weltjudo-Verbandes, ein guter Freund                                        „Ja, seid ihr denn nicht eifersüchtig,        thar Matthäus, wenn er sich bei der Woh-
  aus Ungarn, alles bezahle. „Judo ist der                                  weil ich fahr den, und ihr habt den nicht?“     nungssuche für seine Tochter von Vox fil-
  drittgrößte Sport weltweit“, sagt Mat-                                      „Nein, wir sind stolz, weil unser Spieler     men lässt, als wenn er gar nichts macht.
  thäus. „Ich mach denen einen Gefallen,                                    ihn fährt und nicht einer vom AC Mai-             So steht er in den 48 Quadratmetern
  und dadurch wird der Judo aufgewertet.“                                   land.“                                          im Parkside Leopold, redet von Freiheit
                                   HARRY MELCHERT / PICTURE-ALLIANCE/ DPA




                                                                                                                                                                             MATHIAS ROGMANS / WENDE
                                                                                                                                        WEREK / IMAGO




                                                                                                                                                          Als Trainer bei
Bei seiner zweiten Hochzeit 1994                                                                Mit seiner ersten Ehefrau Silvia 1986                   Rapid Wien 2001



     Joanna sticht in ihr Thunfisch-Steak,                                     Matthäus beugt sich nach vorn. Das sei       und Weite und fragt plötzlich nach einem
  Matthäus isst ein Meeresfrüchte-Risotto                                   es doch, was in Deutschland falsch laufe        großen Penthouse. Nicht für seine Toch-
  und bestellt danach Spargel mit Erd-                                      und im Süden richtig.                           ter, er interessiere sich selbst dafür, sagt
  beeren. Seine Freundin rundet die Lip-                                       Damals, so erzählt er weiter, gab es bei     er. Er wohne gern in Penthäusern, in
  pen, die wie Schläuche in ihrem Gesicht                                   Inter einen Deutschen, der immer mit ei-        Budapest habe er drei Stockwerke und
  liegen. „Sweet and Salt“, sagt sie. „I                                    nem dunkelblauen VW Käfer zum Trai-             einen Fahrstuhl, in den niemand zustei-
  don’t like.“ Sie sei ein traditionelles                                   ning kam und den Porsche hinten in der          gen könne, wenn er darin unterwegs sei.
  Mädchen.                                                                  Garage versteckte. „Klinsmann“, sagt              „Gibt es so einen Fahrstuhl auch hier?“,
     Sie haben sich über einen Münchner                                     Matthäus. „Klinsmann, Jeans, Sneakers,          fragt Matthäus. Er wolle nichts kaufen, nur
  Schönheitschirurgen kennengelernt. Jo-                                    he didn’t have some brands.“ Alter Käfer,       mal gucken. Der Makler und seine Assis-
  anna interessierte sich nicht für Fußball,                                keine großen Label-Aufschriften auf der         tentin führen ihn hinauf. Vier Zimmer,
  hatte immer weggeschaltet, wenn der Ball                                  Kleidung. Joanna dreht den Kopf zum             3200 Euro, am Horizont sieht man einen
  im Fernsehen auftauchte. „She was more                                    Ausgang. Sie möchte jetzt gehen.                Zipfel des Münchner Olympiadaches.
  focused for Leonardo DiCaprio“, sagt                                         Dabei gäbe es noch viel zu erzählen          Aber Matthäus sieht nur ein Waschbecken
  Matthäus und erklärt dann, dass sich die                                  über Klinsmann und die anderen von frü-         im Badezimmer. „Ein Waschbecken“, ruft
  Gewichte verschoben haben in den letz-                                    her. Gut, Klinsmann hat es zum deut-            er. „Nur ein Waschbecken. Soll man sich
  ten Jahren. „Beckham, Ronaldo, Messi,                                     schen Nationaltrainer gebracht. Rudi Völ-       da morgens anstellen wie im Supermarkt?“
  a football player is now bigger than a mo-                                ler ist Sportdirektor bei Bayer Leverku-          „Sie haben vollkommen recht“, sagt der
  vie star.“                                                                sen. Aber die anderen? Wursteln rum.            Makler. „Wir würden Ihnen natürlich so-
     Joanna blickt Matthäus lange an und                                    Pierre Littbarski zum Beispiel verdingte        fort ein zweites Waschbecken einbauen.“
  sagt dann: „He is like hero now.“                                         sich als Trainer in Schwellenländern des           Matthäus zieht die Schultern hoch. „Ei-
     Beim Wort „hero“ durchzuckt es ihn,                                    Fußballs wie Iran, Australien, Liechten-        ne Baustelle“, sagt er. Lothar Matthäus
  und Lothar Matthäus braucht nicht lange,                                  stein, bevor er in Wolfsburg unterkam.          möchte nicht auf einer Baustelle leben.
                                                                                  D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                 57
Gesellschaft




        BERLIN              Neuronen für Deutschland
                            ORTSTERMIN: In Berlin vermessen Forscher die Bundesbürger bei der
                            Produktion des Nationalgefühls.


V
         or den Augen der Probanden er- an Beweisen, es mangelt dem Diskurs an während der EM ein moderner Tanz ums
        scheint ein Judenstern, dann ein Empirie, sagt die Wissenschaft.                    Totem, bei dem die Einheimischen das
        Bundesadler, dann eine schwul-les-      Deswegen werden Toni und Georg Symbol ihres Clans, die deutsche Flagge,
bische Regenbogenfahne. Sie sollen per spieltheoretischen Experimenten unter- mit positiven Emotionen besetzen. Der
Mausklick angeben, wie positiv oder nega- zogen, werden andere sogar an den Schritt vom Ich zum Wir. Du bist Deutsch-
tiv sie das empfinden. Auf einer Skala von Magnetresonanztomografen (MRT) an- land.
eins, sehr negativ, bis neun, sehr positiv. geschlossen, um den Neuronen im Gehirn            Die Berliner Forscher haben eine ähn-
   Georg und Toni, 2 von knapp 50 Ver- zuzuschauen bei der Produktion des liche Untersuchung schon 2010 während
suchspersonen, sitzen in einem Keller- Deutschlandgefühls. Im Land des Holo- der Weltmeisterschaft in Südafrika durch-
raum der Freien Universität (FU) Berlin caust, das nach bald 70 Jahren des geführt. Freiwillige wurden vor und nach
vor Bildschirmen und beantworten zwei schlechten Gewissens gerade widerwillig der WM an den MRT-Scanner angeschlos-
Tage nach dem 1:0-Auftaktsieg gegen zum neuen Hegemon Europas werden sen, man zeigte ihnen Bilder von Ange-
Portugal patriotische Fragen. „Ihr wisst’s soll, möchte man offenbar Gewissheit dar- hörigen anderer Nationen, die auch WM-
ja schon, wie das geht“,                                                                                  Teilnehmer waren, man
sagt Stefan Schulreich, Ver-                                                                              maß die Sauerstoffverbrei-
suchsleiter und Doktorand                                                                                 tung im Gehirn, schloss via
der Psychologie. Georg, der                                                                               Hautleitwiderstand auf ih-
auf Lehramt studiert, und                                                                                 ren Erregungs-Level und
Toni, der sich für Landwirt-                                                                              beobachtete die neuronale
schaft interessiert, haben                                                                                Aktivität. Ergebnis: Die
die gleichen Tests schon vor                                                                              Probanden beurteilten die
dem Portugal-Spiel ge-                                                                                    ausländischen Gesichter
macht, dann haben sie sich                                                                                nach dem Turnier signifi-
das Spiel angeschaut,                                                                                     kant negativer als zuvor.
Georg beim Public Viewing                                                                                 Sie reagierten dafür deut-
in Marzahn, Toni mit                                                                                      lich positiver auf deutsche
                                                                                                CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL


Freunden in einem Hinter-                                                                                 Symbole wie die National-
hof, und jetzt beantworten                                                                                fahne oder das Branden-
sie alles noch mal. „Indem                                                                                burger Tor. Es wurde auch
wir die Probanden vor und                                                                                 eine Zunahme von Res-
nach dem Spiel testen, kön-                                                                               sentiments gegenüber ge-
nen wir den Vorher-nach-                                                                                  sellschaftlich diskriminier-
her-Effekt messen“, sagt             Versuchsleiter Schulreich (r.), Probanden: Vom Ich zum Wir           ten Gruppen festgestellt.
Schulreich. Dauert zweimal                                                                                Kollektives Fußballschauen
eine Stunde. Es gibt 45                                                                                   führt demgemäß zu leicht
Euro für jeden Probanden.                                                                                 erhöhter Schwulenfeindlich-
   Ein Team von Wissenschaftlern der FU über haben, dass das auch alles harmlos keit und größerer Ablehnung von Men-
möchte herausfinden, wie sich gemein- ist mit dem wiedererstarkten Selbstbe- schen mit Behinderungen.
sames Fußballgucken auf das deutsche wusstsein. Oder ob es unerwünschte Ne-                   Ist das nun schlimm oder eher ein biss-
Nationalgefühl auswirkt. Proband Toni benwirkungen hat, ob man nicht viel- chen egal? Darf man sich nicht auch freu-
sagt: „Ich bin Deutscher, lern aber grade leicht das alte deutsche Monster aufweckt en über den Party-Patriotismus? Soziolo-
Türkisch.“                                   in den Köpfen. „Ich geb’s zu“, sagt Georg ge Scheve findet, Sorglosigkeit sei fehl am
   Sind mehr deutsche Soldaten bereit, schüchtern, „beim Tor für die Deutschen Platz. „Man kann nicht davon ausgehen,
für die Heimat zu sterben, wenn Deutsch- hab ich auch mitgejubelt.“                         dass das alles gefahrlos ist.“ Er scheint
land die EM gewinnt? Können die Deut-           Die Idee, ein Fußballturnier als Gesell- wenig angetan von der neuen nationalen
schen Schwule weniger leiden, nachdem schaftsexperiment zu betrachten, kam Unverkrampftheit und findet im Gegen-
sie gemeinsam ihren Fußballern zugeju- Christian von Scheve, Juniorprofessor teil, „etwas mehr Verkrampftheit würde
belt haben? Wenn das Wir-Gefühl von und einer der Architekten der Studie, bei auch anderen Ländern guttun“.
Toni und Georg nach streng wissenschaft- der Lektüre von Émile Durkheim, einem                Versuchsleiter Schulreich hat sich übri-
lichen Methoden vermessen wird, geht Gründervater der Soziologie. Durkheim gens das Spiel gar nicht angeschaut, sein
es letztlich um solche Fragen.               hat vor hundert Jahren die religiösen Ri- Interesse an Fußball sei „sehr moderat“.
   Man kann jetzt auf den Straßen der tuale von australischen Ureinwohnern als Und Proband Toni machte sich lange vor
Republik normale Mitbürger die schwarz- kollektive Erlebnisse beschrieben, durch dem Abpfiff auf den Heimweg. „Ich hatte
rot-goldene Flagge küssen sehen. Punks die Zusammengehörigkeitsgefühle erst keine Fahrradlampe dabei und musste
färben ihren Irokesenhaarkamm in den entstehen. Das Totem als Zeichen des vor dem Dunkelwerden los.“ Vor solchen
Landesfarben und skandieren unreine Clans wird mit Bedeutung aufgeladen Fußballdeutschen braucht die Welt eher
Reime wie „Portugal! Scheißegal!“. Aber und repräsentiert die gemeinschaftlichen keine Angst zu haben.
das sind zufällige Beobachtungen. Es fehlt Werte. So gesehen ist das Public Viewing                                      GUIDO MINGELS

                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                           59
Trends

                PROZESSE


            Gribkowsky soll
              auspacken
In der Affäre um den Verkauf der For-
mel-1-Anteile könnte dem früheren
Landesbanker Gerhard Gribkowsky
eine Strafminderung bei seiner zu er-
wartenden Haftstrafe eingeräumt wer-
den – sollte er jetzt, kurz vor Prozess-
ende, doch noch ein Geständnis ab-
legen. Bisher hat er die Vorwürfe be-
stritten. Positiv würde sich für ihn wohl
vor allem eine Aussage gegen Formel-
1-Mogul Bernie Ecclestone auswirken,
so Insider. Dazu aber soll es am Frei-
tag, bei einem ersten Gespräch zwi-
schen Ermittlern und Verteidiger, noch
nicht gekommen sein. Nach Ansicht
von Beobachtern sieht es das Gericht
offenbar als erwiesen an, dass der
Brite den damaligen Vorstand der Baye-
rischen Landesbank mit 44 Millionen
Dollar bestochen hatte, damit dieser
die seinerzeit von der Bank gehalte-
nen Anteile an der Rennserie Anfang
2006 an die heute Ecclestone naheste-




                                                                                                                                         HANNELORE FOERSTER
hende Investorengruppe CVC verkauf-
te. Für Staatsanwaltschaft und Gericht
gilt Gribkowsky als Amtsträger, der
keinerlei Gelder hätte annehmen
dürfen. Ohne ein Geständnis drohen          Börsenhändler in Frankfurt am Main
ihm nach Ansicht von Justizkreisen
mindestens zehn Jahre Haft wegen                                                         STEUERN
Bestechlichkeit, Untreue und Steuer-

                                                               Koalition der Willigen
hinterziehung. Sollte Gribkowsky ver-
urteilt werden, könnte es auch für Eccle-
stone eng werden. Die Staatsanwalt-
schaft würde den Briten dann vermut-
lich wegen Bestechung und Beihilfe          Nach der grundsätzlichen Einigung                 er sei keine Umsatzsteuer, sondern
zur Untreue verfolgen; Vorwürfe, die        zwischen Regierung und Opposition                 eine „Restverkehrsteuer“, heißt es im
dieser stets bestritten hat. In München     auf eine Finanztransaktionsteuer lässt            Finanzministerium zur Begründung.
spekuliert man darauf, dass der 81-Jäh-     Finanzminister Wolfgang Schäuble                  Um die Altersvorsorge nicht zu
rige versuchen wird, ein langwieriges       (CDU) seine Fachleute bereits konkre-             beeinträchtigen, sollen Pensionsfonds
Verfahren zu vermeiden – und sich auf       te Pläne für die Abgabe ausarbeiten.              verschont bleiben. Die Beamten
einen millionenschweren Deal zur Ein-       Danach soll die neue Steuer nur für               verstehen ihren Vorschlag als ersten
stellung des Verfahrens einlassen wird.     Verkäufe von Aktien und solche Deri-              Schritt. Die Belastungen, die auf Inves-
                                            vate darauf gelten, bei denen die Ak-             toren zukommen, seien mit denen in
                                            tien tatsächlich auch physisch den Be-            London zu vergleichen, wo schon eine
                                            sitzer wechseln. Erfasst werden nicht             Börsensteuer existiere. Es sei also
      ZAHL DER WOCHE                        nur Verkäufe an Börsen, sondern auch              nicht damit zu rechnen, dass Geschäf-
                                            auf alternativen Handelsplattformen               te verlagert würden. Nach den Plänen
                                            oder außerbörsliche Geschäfte. Weil               von Finanzminister Schäuble soll die

     Über   9000                            es zwei bis drei Jahre dauert, bis ein
                                            neues elektronisches Erfassungssystem
                                            für den Handel installiert ist, können
                                                                                              neue Steuer in der gesamten EU ein-
                                                                                              geführt werden. Lässt sich das nicht
                                                                                              erreichen, ist auf dem Wege der soge-
     Beschwerden sind bei der neu-          frühestens 2015 Einnahmen aus der                 nannten verstärkten Zusammenarbeit
     gegründeten Schlichtungsstelle         geplanten Steuer fließen. Das Finanz-             in der EU ein gemeinsames Vorgehen
     Energie seit November 2011             ministerium rechnet mit einem jähr-               von neun Mitgliedsländern geplant.
     eingegangen. Damit beklagen            lichen Aufkommen von rund zwei                    Scheitert auch dieser Ansatz, will
     sich jeden Monat mehr als              Milliarden Euro in Deutschland. Der               Schäuble eine „Koalition der Willigen“
     tausend Kunden über ihre Strom-        Steuersatz von 0,1 Prozent auf den                schmieden, die die Finanztransaktion-
     und Gasanbieter.                       Kaufpreis wird sowohl für den Käufer              steuer in nationale Gesetzgebung
                                            wie für den Verkäufer fällig. Die Steu-           umsetzen soll.
60                                               D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Wirtschaft
            SCHLECKER
                                              nen rund 13 000 Mitarbeiterinnen wäh-                                                SIEMENS
                                              rend der dreimonatigen Kündigungs-

Gläubiger gehen leer aus                      frist in Höhe von rund hundert Millio-
                                              nen Euro gezahlt werden. Damit stehen
                                              den Forderungen von 665 Millionen
                                                                                                                      Löscher ärgert Bremen
Schleckers Kassen sind so gut wie leer,       gerade noch rund 27 Millionen Euro                                     Die geplante Verlagerung von rund
und das werden die Unternehmen und            gegenüber, die maximal ausgeschüttet                                   150 Arbeitsplätzen sorgt für Missstim-
Personen zu spüren bekommen, denen            werden können. Allein 51 Gläubiger                                     mung zwischen Bremen und dem Sie-
das insolvente Drogerie-Imperium              haben Forderungen von mehr als einer                                   mens-Konzern. Erst vor wenigen Jah-
noch Geld schuldet: Für die Gläubiger         Million Euro angemeldet, die größten                                   ren hatten die Münchner in dem von
wird es nach heutigem Stand kaum              sind Euler Hermes mit knapp 224 Mil-                                   Rot-Grün regierten Stadtstaat ihr euro-
noch etwas geben. Insgesamt 665 Mil-          lionen Euro und die BA mit 125 Millio-                                 päisches Servicezentrum für Windener-
lionen Euro an Forderungen haben              nen Euro. Welche Gläubiger am Ende                                     gie nebst einem Trainingscenter errich-
unter anderem der Kreditversicherer           wie viel Geld bekommen, wird am                                        tet. Doch obwohl die Ansiedlung mit
Euler Hermes, die Bundesagentur für           19. Juli ermittelt – dann prüft das                                    einer halben Million Euro gefördert
Arbeit (BA), Krankenkassen und diver-         Amtsgericht Ulm die Forderungsliste.                                   wurde, sollen die Jobs wegen des har-
se Lieferanten angemeldet. Auch                                                                                      ten Wettbewerbs in der Branche nun
die beiden Schlecker-Kinder Mei-                                                                                     zur weltweiten Windenergiezentrale
ke und Lars haben ihrem Vater                                                                                        nach Hamburg abwandern. Bremens
Anton Schlecker privat rund                                                                                          Bürgermeister Jens Böhrnsen will das
hundert Millionen Euro geliehen.                                                                                     nicht akzeptieren und fühlt sich über-
Zwar beläuft sich das jetzt noch                                                                                     gangen. Noch Anfang Februar, heißt es
verfügbare Vermögen Schleckers                                                                                       in einer Mitteilung der Staatskanzlei,
auf 499,8 Millionen Euro – dar-                                                                                      habe der Regierungschef mit Siemens-
unter auch 121 Millionen Euro                                                                                        Chef Peter Löscher bei der Bremer
Privatvermögen. Nach Abzug                                                                                           Schaffermahlzeit über die Perspekti-
von laufenden Warenrechnungen,                                                                                       ven der Windenergie und die Zukunft



                                                                                           NORBERT MILLAUER / DAPD
Mietzahlungen und den Kosten                                                                                         Bremens gesprochen. Böhrnsen
des Insolvenzverfahrens bleiben                                                                                      kämpft nun um den Erhalt der Arbeits-
aber nur knappe 130 Millionen                                                                                        plätze. Zwei Vorstandskollegen muss-
Euro übrig. Davon müssen jedoch                                                                                      ten sich bereits Kritik am Telefon
noch die Löhne und Sozialver-                                                                                        anhören, Löscher selbst soll demnächst
sicherungsbeiträge der verbliebe- Protestierende Schlecker-Mitarbeiterinnen                                          einen geharnischten Brief erhalten.



                                                                                                                                  VERBÄNDE
   QUERSCHNITT



  Amerikanisches Netz                                                                                                      Keitel muss auf
  Nur acht verschiedene Internetportale tauchen auf den Spitzenplätzen im
                                                                                                                           Bewerbungstour
  Länder-Ranking der weltweiten Website-Zugriffe auf. Laut dem Statistik-Web-                                        Der Bundesverband der Deutschen
  Dienst Alexa handelt es sich außer in China, Südkorea, Russland und                                                Industrie (BDI) ist mit dem Versuch ge-
  Kasachstan dabei ausschließlich um US-Unternehmen, allen voran Google.                                             scheitert, dem amtierenden Chef Hans-
                                                                                                                     Peter Keitel auf galante Weise eine drit-
                                                                                                                     te Amtszeit zu sichern. Vor der letzten
                                                                                                                     Sitzung des einflussreichen Präsidiums
                                                                                                                     hatten Vertraute Keitels verbreitet,
                                                                                                                     dieser werde einer weiteren Amtszeit
                                                                                                                     zustimmen, wenn er von den Vizepräsi-
                                                                                                                     denten darum gebeten werde. Doch
                                                                                                                     dazu kam es nicht. Stattdessen sprach
                                                                                                                     sich das Gremium dafür aus, die Frage
                                                                                                                     der Neubesetzung in Einzelgesprächen
                                                                                                                     mit den Chefs der Mitgliedsverbände
                                                                                                                     zu klären. Soll heißen: Keitel muss auf
                                                                                                                     Bewerbungstour gehen. Turnusmäßig
                                                                                                                     wäre der Vertreter eines mittelständi-
                                                                                                                     schen Unternehmens an der Reihe, den
                                                                                                                     BDI zu leiten. Mit Arndt Kirchhoff aus
                                                                                                                     Attendorn und Ulrich Grillo aus Duis-
                                                                                                                     burg stünden erfahrene Familienunter-
                                                                                                                     nehmer zur Verfügung. Aber auch
                                   (Yandex)                         keine Angaben                                    Keitel werden bei der Nominierung im
                                                                                                                     September gute Chancen eingeräumt.
                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                   61
Wirtschaft


                                                           FINANZPOLITI K




                                Alle gegen eine
Die Kanzlerin soll den Euro retten, fordern Regierungschefs aus aller Welt. Doch die
  Pläne, mit deutschem Geld südeuropäische Banken und Staatsetats zu sanieren,
 sind unausgegoren und riskant. Die Gemeinschaftswährung droht zu zerbrechen.


V
        iele Themen stehen an, wenn sich     noch „drei Monate“, um den Euro zu ret- rungszone. Rund zwei Drittel der Bun-
        die Staats- und Regierungschefs      ten, prophezeit Christine Lagarde, die desbürger sind dagegen, dass ihr Land
        der 20 wichtigsten Industrienatio-   Chefin des Internationalen Währungs- weitere Risiken übernimmt, und auch in
nen diesen Montag im mexikanischen Los       fonds. Und ein hochrangiger Brüsseler der schwarz-gelben Regierungskoalition
Cabos versammeln: der Kampf gegen die        Euro-Diplomat warnt: „Wenn Deutsch- sinkt die Bereitschaft, den Steuerzahlern
Jugendarbeitslosigkeit, der weltweite Um-    land sich nicht bewegt, ist Europa tot.“  neue Finanzlasten aufzubürden. „Wer so
weltschutz, und auch über den freien           Doch Merkels Spielraum ist begrenzt. weit gehen möchte“, sagt CSU-Chef
Welthandel wollen sie reden. Lauter Pro-     Schon jetzt haftet Deutschland mit vielen Horst Seehofer im SPIEGEL-Gespräch,
bleme, die nicht nur für Angela Merkel       Milliarden Euro für den Erhalt der Wäh- „müsste das deutsche Volk befragen.“
von „größter Bedeutung“ sind.
   Doch die Kanzlerin weiß, dass alles
wieder mal anders kommen wird. Am Ende
wird nur wieder über den Euro geredet, bei
den Arbeitssitzungen der Regierungschefs
genauso wie beim festlichen Abendessen.
  „Machen wir uns nichts vor“, seufzte
Merkel vergangene Woche im Bundestag,
Europas Schuldenkrise werde „zentrales
Thema“ des Gipfels, wie schon so oft in
den vergangenen Monaten. Und, was es
nicht besser macht, der Frontverlauf wird
der bekannte sein: alle gegen eine.
   Seit die Euro-Krise eskaliert, ist die
Kanzlerin isoliert wie nie zuvor in ihrer
Amtszeit. Ob US-Präsident Barack Oba-
ma oder Frankreichs neuer Staatschef
François Hollande, ob Großbritanniens
Premier David Cameron oder Italiens Mi-
nisterpräsident Mario Monti: Gemeinsam
mit einer Heerschar internationaler Öko-
nomen, Finanzexperten und Publizisten
fordern sie, dass die Deutschen noch
mehr Finanzlasten schultern sollen. Von
einer „Bankenunion“ ist die Rede, von
einem „Schuldentilgungsfonds“ und –
wie schon so oft in den vergangenen Jah-
ren – von gemeinsamen Anleihen aller
Euro-Staaten, den Euro-Bonds.
   Anders, so warnt die Anti-Merkel-
Allianz, ist die Schuldenkrise nicht zu
stoppen, die sich vergangene Woche ge-
fährlich verschärft hat. Der jüngste Ret-
tungsplan für Spaniens Banken, von Mi-
nisterpräsident Mariano Rajoy lange ver-
tändelt, fiel an den Finanzmärkten durch.
Die Zinsen für Staatsanleihen aus Madrid
oder Rom gehen nicht zurück, sie steigen.
Und in Griechenland droht nach den
Wahlen vom Wochenende der Austritt
des Landes aus der Währungsunion.
   Zum ersten Mal wird in Regierungs-
kreisen offen darüber geredet, dass der
Euro zerbrechen könnte. Europa blieben       Staats- und Regierungschefs beim G-8-Gipfel am 18. Mai in Camp David: Rund zwei Drittel der

62                                                 D E R    S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Wie die Antwort ausfiele, lässt sich      Knapp kalkuliert
    leicht vorhersehen. Würden etwa Euro-
    Bonds eingeführt, könnten Länder wie         Geplanter Europäischer Stabilitäts-
                                                 mechanismus (ESM)                                                                               zum Vergleich:
    Italien oder Portugal in großem Stil neue                                                                                                    Fälligkeiten spanischer und
    Schulden aufnehmen, ohne dass sich ihre                                                                                                      italienischer Staatsanleihen
    Staatsausgaben wirksam kontrollieren lie-                                                                                                    bis Ende 2014
    ßen. Entsprechend schlecht kommt der
    Vorschlag in Deutschland an. Wenn                                                                                                                      92,9       109,6         85,8
    Schulden vergemeinschaftet werden, be-
    findet etwa Bundesbank-Chef Jens Weid-                                                                                                                  2012        2013         2014
    mann, „müssen Haftung und Kontrolle                        Hilfsvolumen                                                                               227,0       207,4        153,1
    im Einklang stehen“.                                       des ESM:
       Doch genau das ist bei den Rettungs-
    vorschlägen, die derzeit in Europas
    Hauptstädten kursieren, nicht der Fall.
    Im Gegenteil: Die Pläne für gemeinschaft-
                                                               500             Mrd. €                                                                   Refinanzierungs-
                                                                                                                                                        volumen insgesamt:
    liche Banken- oder Tilgungsfonds verspre-                  davon bis zu 100 Mrd. €
    chen zwar, die Haftung der Geberländer
    zu begrenzen. Tatsächlich aber bürden
                                                               Bankenhilfe für Spanien
                                                                                                                                                        875,8           Mrd. €
    sie den Deutschen neue Lasten auf, ohne
    die Probleme der Krisenländer zu lösen.
       Das gilt zum Beispiel für den Vorschlag
    der deutschen Wirtschaftsweisen, einen
    europäischen Schuldentilgungspakt zu
    vereinbaren. Das Konzept erfreut sich ei-                                                                                                                                   Quelle: Bloomberg

                                                                                                                                                ner wachsenden Fangemeinde. SPD und
                                                                                                                                                Grüne befürworten ihn, EU-Parlament
                                                                                                                                                und Europäische Kommission sind gera-
                                                                                                                                                dezu begeistert, und auch Fachblätter wie
                                                                                                                                                der Londoner „Economist“ sehen darin
                                                                                                                                                „einen besseren Weg für Europa“.
                                                                                                                                                   Tatsächlich handelt es sich um einen
                                                                                                                                                Holzweg. Demnach haften die Euro-Staa-
                                                                                                                                                ten künftig für jene Schulden gemeinsam,
                                                                                                                                                die sie oberhalb einer Grenze von 60 Pro-
                                                                                                                                                zent des Bruttoinlandsprodukts angehäuft
                                                                                                                                                haben. Diese insgesamt 2,3 Billionen
                                                                                                                                                Euro übertragen sie an einen gemeinsa-
                                                                                                                                                men Fonds. Die Folgen: Für solvente Na-
                                                                                                                                                tionen wie Deutschland würden die Zin-
                                                                                                                                                sen steigen, für Krisenstaaten dagegen
                                                                                                                                                fallen. Gleichzeitig verpflichtet sich jedes
                                                                                                                                                Land, seinen Fondsanteil im Lauf von 20
                                                                                                                                                bis 25 Jahren zurückzuführen.
                                                                                                                                                   Das klingt nach einem solidarischen
                                                                                                                                                Weg, Kredite zu tilgen. Tatsächlich geht
                                                                                                                                                der Vorschlag nur unwesentlich über das
                                                                                                                                                hinaus, was Europa in Sachen Schulden-
                                                                                                                                                abbau bereits vereinbart hat. Und, schlim-
                                                                                                                                                mer noch, er bringt den meisten Krisen-
                                                                                                                                                staaten kaum Entlastung, schwächt im
                                                                                                                                                Gegenzug aber Deutschland. Seine Vor-
                                                                                                                                                teile dagegen konzentrieren sich auf jene
                                                                                                                                                Länder, die bereits viele Schulden ange-
                                                                                                                                                häuft und ein hohes Zinsniveau haben,
                                                                                                                                                in Europa also vor allem auf Italien.
                                                                                                                                                   Mit 120 Prozent hat das Land die dritt-
                                                                                                 WHITE HOUSE VIA CNP / PICTURE ALLIANCE / DPA




                                                                                                                                                größte Schuldenquote der Industriestaa-
                                                                                                                                                ten. Die Hälfte davon könnte die Regie-
                                                                                                                                                rung in den gemeinsamen Euro-Kredittopf
                                                                                                                                                abtreten. Dadurch würde sie viel Geld
                                                                                                                                                sparen, weil sie weniger Zinsen zahlen
                                                                                                                                                muss. Im Gegenzug sinkt der Anreiz zu
                                                                                                                                                Reformen. Dass Regierung und Parlament
                                                                                                                                                in Rom auf Zinssenkungen mit Lethargie
                                                                                                                                                reagieren, haben sie wiederholt bewiesen.
                                                                                                                                                   Auch für Spanien, das derzeit größte
Bundesbürger sind dagegen, dass ihr Land weitere Risiken übernimmt                                                                              Risiko für die Währungsunion, entschärft
                                                       D E R   S P I E G E L     2 5 / 2 0 1 2                                                                                                63
der Tilgungsfonds nichts. Das Land muss
zwar hohe Zinsen zahlen, überschuldet
ist es aber nicht. Der Anteil der Staats-
verschuldung an der jährlichen Wirt-
schaftsleistung lag 2011 nur bei 70 Pro-
zent – deutlich niedriger als in Deutsch-
land.
   Entsprechend könnte Spanien nur ei-
nen kleinen Teil seiner Schulden in den
Gemeinschaftstopf abtreten – und da-
durch mit etwas Glück einige Milliarden
Euro pro Jahr an Zinsen sparen, ein eher




                                             SUSANA VERA / REUTERS
symbolischer Krisenbeitrag.
   Vollends verpuffen würde die Wirkung
bei anderen akuten Euro-Patienten wie
Portugal, Irland und Griechenland. Sie
sind längst unter den Rettungsschirm ge-
schlüpft, der ihnen Kredite zu attraktiven                           Spanischer Premier Rajoy: An den Finanzmärkten durchgefallen
Konditionen bietet.
   Folglich würde mit Ausnahme Italiens                                Entsprechend würde der Tilgungspakt          geeinigt haben. Darin verpflichten sie
kein Land wirklich vom Tilgungsfonds                                 das stärkste Mitglied der Währungsunion        sich, ihre Verschuldung in 20 gleichen
profitieren. Dafür gäbe es einen klaren                              schwächen, ohne deren schwächere Teile         Schritten auf 60 Prozent der Wirtschafts-
Verlierer: Deutschland müsste fast 600                               zu stärken. Am Ende könnte er damit das        leistung abzusenken. Halten sich alle Mit-
Milliarden Euro Schulden auslagern – und                             Gegenteil von dem bewirken, was er er-         glieder daran, erreichen sie Mitte der
dafür erheblich mehr zahlen als heute.                               reichen soll – und die Euro-Zone weiter        dreißiger Jahre das gleiche Ziel wie mit
Angesichts des historisch niedrigen Zins-                            destabilisieren.                               dem Tilgungsfonds.
niveaus für Bundesanleihen summieren                                   Da scheint es fast schon konsequent,            Hinzu kommt, dass ein Schuldentil-
sich die Mehrkosten rasch auf über zehn                              dass der Plan nicht einmal seinem Namen        gungsfonds Selbsttäuschung ist, solange
Milliarden Euro. Pro Jahr. Über die 20-                              gerecht wird. Denn der sogenannte Til-         die Staatshaushalte nicht ausgeglichen
jährige Laufzeit des Tilgungsfonds ge-                               gungsfonds fordert von den Mitgliedslän-       sind. Die Mittel, mit denen der Fonds be-
rechnet, könnte sogar ein dreistelliger                              dern nicht viel mehr als der Fiskalpakt,       dient wird, fehlen im regulären Etat. Die
Milliardenbetrag zusammenkommen.                                     auf den sich 25 der 27 EU-Staaten längst       Löcher werden gestopft durch neue




                         Schwindsüchtig
                                                                                                                     doppelt, ein Zeichen, dass die Bürger
                                                                                                                     Geld unter der Matratze horten.
                                                                                                                        Und das nicht nur in Griechenland. „Es
                                                                                                                     gibt in allen Peripherieländern Mittel-
                                                                                                                     abflüsse“, sagt Weil. Die Ankündigung
     Aus Angst vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion                                                        Madrids, vom Euro-Rettungsfonds bis zu
      ziehen Bankkunden aus den Peripherieländern Einlagen ab.                                                       hundert Milliarden Euro Hilfen für die
                                                                                                                     Banken zu erbitten, scheint daran nichts
                                                                                                                     geändert zu haben. Besonders ausländi-


     A
             ls Erste ergriffen die Reichen die                            Diese Erosion der Banken hat Folgen.      sche Kunden fliehen. Die Citigroup rech-
             Flucht. Bald nachdem sich in                               „Ohne einen gewissen Bodensatz an            net vor, seit Mitte 2011 hätten Ausländer
             Griechenland vor zwei Jahren                               Einlagen fällt den Banken die langfris-      von spanischen und italienischen Konten
     erstmals die Angst vor dem finanziellen                            tige Kreditvergabe schwer“, sagt Uwe         je hundert Milliarden Euro abgezogen.
     Kollaps ausbreitete, mehrten sich Be-                              Burkert, Leiter des Kredit-Research bei        „Bankkunden in Spanien wollen eine
     richte über wohlhabende Griechen, die                              der Landesbank Baden-Württemberg.            glaubwürdige Perspektive, dass das
     ihr Geld ins Ausland schafften. Fort,                              Sie sind auf kurzfristige Mittel angewie-    Land im Euro bleibt. Sonst ziehen sie
     ehe der griechische Fiskus sie vielleicht                          sen, die sie zuletzt nur noch dank der
     doch einmal zur Kasse bittet! Raus aus                             Rettungspakete der Troika von der EZB         Januar 2010
     einem Land, das womöglich in Kürze                                 bekamen.                                      233 Mrd. €
     harte Euro durch weiche Drachmen                                      Vor der Parlamentswahl vom Sonntag
     ersetzt!                                                           erreichte der Mittelabfluss aus den Ban-
        Längst holen aber auch Lehrer, Rent-                            ken eine neue Dimension. Bis zu 900
     ner und Gemüsehändler ihr Geld von                                 Millionen Euro täglich trugen besorgte                          206 Mrd. €
     der Bank. Weil mehr Menschen auf Ge-                               Sparer vergangene Woche aus den hei-
     halt verzichten müssen oder arbeitslos                             mischen Kreditinstituten, heißt es in
     sind und den Lebensunterhalt aus ihren                             Bankenkreisen. „Zuletzt dürfte sich der
     Reserven bestreiten müssen; aber auch                              Einlagenrückgang beschleunigt haben,                                             l 2012
     aus Angst, dass ihre Ersparnisse bei ei-                           das ist auch daran abzulesen, dass der        Einlagen                       166
     ner Umstellung auf die Drachme drama-                              Bargeldumlauf deutlich zugenommen             inländischer Privat-           Mrd. €
     tisch an Wert verlieren. Seit Anfang 2010                          hat“, erklärt Volkswirt Christoph Weil        personen und Unternehmen
                                                                                                                      bei Banken in Griechenland,          Quelle:
     ist Griechenlands Geldhäusern ein Drit-                            von der Commerzbank. Binnen zwei                                              Griechische
     tel ihrer Einlagen abhandengekommen.                               Jahren hat sich der Bargeldumlauf ver-        in Milliarden Euro              Zentralbank




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Das Dilemma der Euro-Retter könnte
                                                                                                                                  größer kaum sein. Ihre Pläne für eine eu-
                                                                                                                                  ropäische Schulden- oder Bankenunion
                                                                                                                                  sind unausgegoren. Und Euro-Bonds zum
                                                                                                                                  jetzigen Zeitpunkt würden Deutschlands
                                                                                                                                  Kräfte überfordern, warnte Kanzlerin
                                                                                                                                  Merkel vergangenen Freitag.
                                                                                                                                     Den Euro aufzugeben ist aber ebenfalls
                                                                                                                                  keine Alternative. Zu hoch wären die




                                                                                             GIUSEPPE CICCIA / DEMOTIX / CORBIS
                                                                                                                                  Kosten, nicht zuletzt für Deutschland.
                                                                                                                                  Das finanzielle Risiko beläuft sich auf
                                                                                                                                  rund 1,5 Billionen Euro, hat Jens Boysen-
                                                                                                                                  Hogrefe errechnet, Ökonom am Institut
                                                                                                                                  für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). Die größ-
                                                                                                                                  ten Risiken drohen womöglich der Bun-
                                                                                                                                  desbank. Im Rahmen des Zahlungssys-
                                                                                                                                  tems der EZB hat sie Forderungen in
  Proteste in Rom: Die Zinsen für Staatsanleihen steigen wieder                                                                   Höhe von rund 700 Milliarden Euro auf-
                                                                                                                                  gehäuft, die sie bei einem Euro-Aus wahr-
  Schulden. So ähnlich lief es beim Erblas-    „Bankenunion“ bewirbt, in der die Geld-                                            scheinlich nur noch zu einem geringen
  tentilgungsfonds, der die Kosten der deut-   institute europaweit überwacht werden.                                             Teil einfordern könnte. Finanzminister
  schen Einheit abtragen sollte: Neue          Außerdem soll ein europäischer Restruk-                                            Schäuble müsste bis zu 100 Milliarden
  Schulden ersetzten alte. Richtig getilgt     turierungsfonds für Banken geschaffen                                              Euro an Rettungsgeldern verloren geben,
  werden die Altlasten nur, wenn die Haus-     werden. Auch die nationalen Sicherungs-                                            die Ländern wie Griechenland, Portugal
  halte Überschüsse erwirtschaften. Dann       fonds, mit denen heute die Sparguthaben                                            und Spanien versprochen sind.
  braucht es aber keinen Tilgungsfonds, der    der Bürger abgedeckt werden, gingen                                                   Ein Desaster stünde den deutschen Ban-
  Schuldenabbau funktioniert automatisch.      dann in einem großen gemeinsamen Topf                                              ken bevor. Ende vergangenen Jahres hat-
    Erst mal die Schulden vergemeinschaf-      auf. Fachleute der Europäischen Zentral-                                           ten sie für rund 800 Milliarden Euro Staats-
  ten, über die Folgen kann man später         bank (EZB), der EU-Kommission und der                                              anleihen von anderen Euro-Ländern im
  reden: Dieser Melodie folgen auch jene       Euro-Gruppe sollen in den kommenden                                                Portfolio und Kredite an Finanzinstitute
  Ideen, die EU-Kommissionspräsident           Wochen zu diesen Ideen konkrete Pläne                                              und Unternehmen dorthin vergeben. In
  José Manuel Barroso unter dem Titel          entwerfen.                                                                         den vergangenen Monaten haben sich die-
                                                  Doch noch bevor Details überhaupt
                                               klar sind, ist der Aufruhr groß – vor allem
                                               in Deutschland: Gegner befürchten, dass                                            Das finanzielle Risiko
ihr Geld ab“, sagt Peter Bofinger, Mit-        am Ende deutsche Steuerzahler für die                                              eines Euro-Zusammen-
glied des Sachverständigenrats der Bun-        Probleme in anderen Ländern zur Kasse
desregierung. Die Citigroup erwartet,          gebeten werden, ohne wirklich Einfluss                                             bruchs beträgt
dass Ausländer aus Italien und Spanien         auf die örtlichen Geldinstitute nehmen
jeweils weitere 200 Milliarden Einlagen        zu können. Von einem „Irrweg“ spricht                                              1,5 Billionen Euro.
und Anleihen abziehen werden. Be-              der Hauptgeschäftsführer des Bankenver-
schleunigen könnte sich die Flucht,            bands, Michael Kemmer. Und die Bun-                                                se Bestände drastisch reduziert, schätzt das
wenn Bilder von Menschenschlangen              desbank-Vizepräsidentin Sabine Lauten-                                             IfW. Niemand weiß, was sie bei einem Aus-
vor griechischen Banken über die Bild-         schläger mahnt, bei der Krise eines na-                                            einanderbrechen der Währungsunion noch
schirme gehen. Wer oder was aber könn-         tionalen Bankensystems müsse „im Zwei-                                             wert sind. Hinzu kommen Risiken von ge-
te einen solchen Bank-Run stoppen?             fel auch das Geld der Steuerzahler der                                             schätzt 300 Milliarden Euro, die deutsche
   Eine Staatsgarantie für Bankeinlagen,       anderen Länder eingesetzt werden“. Im                                              Versicherungen und Unternehmen im Rest
wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel          Klartext: Bricht in Spanien eine Bank zu-                                          der Euro-Zone eingegangen sind.
und Finanzminister Peer Steinbrück             sammen, müssten im Fall der Fälle deut-                                               Zu den finanziellen kommen noch die
nach der Lehman-Pleite 2008 abgaben,           sche Bürger für die Folgen aufkommen.                                              schwer kalkulierbaren konjunkturellen
dürfte aus dem Mund des spanischen                Der schlichte Grund: Die Fonds, mit                                             Gefahren hinzu. Die IfW-Experten halten
Ministerpräsidenten Mariano Rajoy              denen Sparkonten gesichert sind, werden                                            es für möglich, dass die neue Mark bei
wenig glaubhaft wirken, das Land hat           zwar prinzipiell von privaten Banken fi-                                           einem Euro-Crash im ersten Jahr gegen-
selbst Mühe, sich zu finanzieren.              nanziert, sie sind aber nicht unerschöpf-                                          über anderen Währungen um rund 30
   Bleibt die Notenbank als Kreditgeber        lich. Im Gegenteil. Die deutsche Kasse                                             Prozent aufwertet. Dies könnte dazu füh-
der letzten Instanz, sie könnte versu-         etwa geriet schon im Oktober 2008 in Be-                                           ren, dass die Ausfuhren um zwölf Prozent
chen, mit Liquiditätshilfen für die Kre-       drängnis, als sie Kleinsparer des deut-                                            schrumpfen, die Wirtschaftsleistung um
ditinstitute die Lage zu beruhigen. Die        schen Ablegers von Lehman Brothers ent-                                            mehr als sieben Prozent.
EZB darf allerdings nur solventen Ban-         schädigen sollte.                                                                     Die Staatsverschuldung Deutschlands
ken gegen ausreichende Sicherheiten               Das Problem wurde über Kreditgaran-                                             würde massiv steigen, weil der Finanzmi-
Geld geben. Bofinger ist deshalb der           tien des Bankenrettungsfonds Soffin ge-                                            nister nicht nur die Hilfen an die Krisen-
Ansicht, die europäischen Banken müss-         löst. Merkel und der damalige Finanzmi-                                            staaten abschreiben, sondern auch Ban-
ten vor allem schnell mit mehr Kapital         nister Peer Steinbrück gaben ihr Verspre-                                          ken, Versicherungen und viele Firmen vor
ausgestattet werden, am besten direkt          chen ab: „Wir sagen den Sparerinnen und                                            dem Zusammenbruch retten müsste. „Was
aus dem europäischen Rettungsfonds.            Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“                                          die Verschuldung betrifft, könnten wir
Bisher lehnen Brüssel und Berlin das ab.          Doch was, wenn ein europäischer Ein-                                            schnell das heutige italienische Niveau er-
                            MARTIN HESSE       lagenfonds ähnliche Probleme bekommt?                                              reichen“, sagt Boysen-Hogrefe.
                                               Soll Merkel dann für ganz Europa eine                                                 Kein Wunder, dass die Spitzen der
                                               Generalgarantie abgeben?                                                           deutschen Wirtschaft alarmiert sind, etwa
                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                                 65
Wirtschaft

der Bundesverband der Deutschen Indu-
strie (BDI). „Deutschland ist die bedeu-
tendste und somit systemkritischste                                                                                         E U R O PA




                                                                               „Es muss jetzt schnell gehen“
Volkswirtschaft in der Euro-Zone und der
EU“, heißt es einer internen Vorlage für
das BDI-Präsidium. Deutsche Unterneh-
men hätten in den vergangenen Jahren
erhebliche Werte im Ausland angesam-
melt, führt das Papier aus. Sie halten Fir-                                             Weltbankpräsident Robert Zoellick kritisiert
menanteile, Forderungen oder Staatsan-                                          das Zögern der Euro-Retter – und lobt die Führungsqualitäten
leihen. Die stehen auf dem Spiel, wenn
die Währungsunion auseinanderbricht.                                                       von Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Deutsche Vermögen im Ausland seien
„sehr exponiert und in ihrer Werthaltig-
keit von externer Stabilität abhängig“,
heißt es in dem Papier. „Ein Scheitern
der Euro-Zone hätte für Deutschland und
seine Industrie die vergleichsweise größ-
ten Schäden.“
   In der Vorlage appelliert der BDI an
die Regierung, mehr für die Euro-Rettung
zu tun, und stellt zugleich Mithilfe in Aus-
sicht. Die Euro-Zone brauche einen „In-
vestitions- und Wachstumsschub, den
deutsche Industrie und Politik gestalten
müssen“.
   Soll der Euro gerettet werden, müssen
sich Europas Politiker rasch auf einen
großen Wurf verständigen, wie ihn der-
zeit die Chefs der wichtigsten europäi-
schen Institutionen vorbereiten (SPIE-
GEL 24/2012): die Bildung einer echten
politischen Union Europas. Zugleich müs-
sen die Krisenländer an ihrem Reform-
kurs festhalten, und die EZB muss bereit
sein, den Euro im Notfall zu verteidigen.
                                               MARTIN H. SIMON / DER SPIEGEL




   Die jüngste Brüsseler Idee besteht dar-
in, Deutschland eine Light-Version von
Euro-Bonds schmackhaft zu machen, so-
genannte Euro-Bills. Das sind gemein-
same europäische Anleihen, die nur eine
kurze Laufzeit haben und in der Summe                                          Zoellick
begrenzt sind. Jeder Staat dürfte sich da-
nach bis zu einem bestimmten Prozent-
satz seiner Wirtschaftsleistung mittels                                    Robert Zoellick, 58, leitet seit fünf Jahren           SPIEGEL: Mr. Zoellick, als Präsident der
Euro-Bills finanzieren. Wer die Regeln                                     die Weltbank in Washington; das Amt                    Weltbank sollen Sie eigentlich Entwick-
nicht einhält, würde im nächsten Jahr                                      übernahm er von Paul Wolfowitz, nach-                  lungsländern mit Krediten beistehen.
vom Handel mit den Papieren ausge-                                         dem der 2007 wegen einer Affäre hatte                  Aber derzeit müssen Sie sich eher um In-
schlossen. EU-Ratspräsident Herman Van                                     zurücktreten müssen. Zuvor beriet der                  dustriestaaten in der Krise kümmern. Er-
Rompuy, EU-Kommissionspräsident Bar-                                       Konservative in der Regierungszeit                     leben wir gerade den Beginn einer neuen
roso, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude                                        Ronald Reagans den damaligen Finanz-                   Weltordnung?
Juncker und EZB-Präsident Mario Draghi                                     minister James Baker. Er war US-Chef-                  Zoellick: In allen Bereichen, ob Handel,
hoffen, mir ihrem Modell die deutsche                                      unterhändler bei den Zwei-plus-vier-                   Entwicklung oder Investitionen, haben
Regierung überzeugen zu können, die                                        Verhandlungen zur deutschen Wieder-                    sich die Wachstumspole eindeutig ver-
Euro-Bonds bisher ablehnt. Da die neuen                                    vereinigung und später stellvertretender               schoben. Länder, die wir früher „Dritte
Schuldscheine in Höhe und Dauer be-                                        Außenminister unter Condoleezza Rice.                  Welt“ nannten, sind nicht länger Empfän-
grenzt seien, könnten sie mit dem Grund-                                   Ende dieses Monats gibt Zoellick sein                  ger von Almosen, sondern zu Recht ex-
gesetz in Einklang stehen, heißt es in                                     Amt als Weltbankpräsident auf eigenen                  trem selbstbewusst, ob nun China, Indien,
Brüssel.                                                                   Wunsch ab. Zum Interview mit dem                       Brasilien oder Teile Afrikas. Klar, es gibt
   Wird das Konzept umgesetzt, würde                                       SPIEGEL empfängt er in seinem mini-                    noch immer viel Armut in diesen Staaten,
es den Euro-Rettern wieder ein wenig                                       malistisch eingerichteten Washingtoner                 aber ihre Wirtschaftserfolge überwiegen.
Zeit verschaffen. Und zugleich die Kosten                                  Büro, in dem die üblichen Andenken an                  Vermeintliche Entwicklungsländer haben
für Deutschland erhöhen.                                                   ein jahrelanges Leben in der Öffentlich-               in den vergangenen fünf Jahren für zwei
   Der Druck auf die Bundeskanzlerin                                       keit fehlen: An den Wänden hängen kei-                 Drittel des weltweiten Wachstums gesorgt.
wird nicht nachlassen. Das Endspiel um                                     ne Auszeichnungen oder Erinnerungs-                    SPIEGEL: Warum haben diese Länder die
die deutsche Haftung hat begonnen.                                         fotos mit anderen Politikern, dafür groß-              Folgen der globalen Finanzkrise bisher
           SVEN BÖLL, CHRISTIAN REIERMANN,
                                                                           formatige Aufnahmen von Raubtieren.                    besser verkraftet?
          MICHAEL SAUGA, CHRISTOPH SCHULT,                                 Zoellicks Lieblingsbild ist das eines Leo-             Zoellick: Nehmen Sie China: Dieses Land
                                ANNE SEITH                                 parden über dem Besuchersofa.                          wächst seit 30 Jahren um durchschnittlich
66                                                                                  D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
zehn Prozent. Trotzdem beginnen seine        einkommen in China beträgt immer noch                                chanismus entwickelt haben, um das ab-
Politiker einzusehen, dass diese Art von     nur rund 5000 Dollar pro Jahr. In der                                zufedern.
Wachstum nicht von Dauer sein kann.          Euro-Zone liegt es bei rund 40 000 Dollar.                           SPIEGEL: Der legendäre Investor George
Also leiten sie Reformen ein: Sie öffnen     Wie sollen die chinesischen Machthaber                               Soros warnt, Europa blieben nur noch
den Dienstleistungssektor, ändern die        ihren Bürgern erklären, dass sie nun Mil-                            drei Monate Zeit, seine Institutionen zu
Strukturen der Staatsbetriebe, setzen        liarden in den Euro-Rettungsfonds ein-                               reformieren. Übertreibt er?
Haushaltsreformen durch. Andere auf-         zahlen, statt daheim zu investieren?                                 Zoellick: Ich halte nichts von solchen Vor-
strebende Staaten gingen nach der jüngs-     SPIEGEL: Könnte Europa ohne eine ge-                                 hersagen. Aber es muss jetzt schnell ge-
ten Weltfinanzkrise ähnlich entschlossen     meinsame Währung noch weltweit mit-                                  hen. Einige Beispiele: Die Europäische
notwendige Strukturreformen an. Die          reden?                                                               Kommission sitzt derzeit auf 80 Milliar-
Mitglieder der Euro-Zone könnten davon       Zoellick: Vor der Einführung des Euro hat                            den Euro aus den Strukturfonds. Wenn
lernen.                                      es das ja auch getan. Aber Europa wird                               ich Chef der EU-Kommission wäre, wür-
                                                                                                                  de ich jeden Morgen und jeden Abend
                                                                                                                  eine Sitzung organisieren, um herauszu-
                                                                                                                  finden, wie man das Geld schnell verwen-
                                                                                                                  den kann, um Menschen zu helfen. Eine
                                                                                                                  andere wichtige Frage ist die Integration
                                                                                                                  der Dienstleistungsmärkte. Das könnte
                                                                                                                  die Produktivität und Entwicklung zu
                                                                                                                  einem einheitlichen Markt beschleunigen.
                                                                                                                  Und Europa muss es seinen Bürgern er-
                                                                                                                  leichtern, den Wohnort zu wechseln. Es
                                                                                                                  gibt viele Dinge, die man verbessern




                                                                                           MARK LENNIHAN / AP
                                                                                                                  kann, damit die Menschen dorthin ziehen
                                                                                                                  können, wo es Arbeitsplätze gibt. Warum
                                                                                                                  zum Beispiel können nicht mehr junge
                                                                                                                  Spanier im boomenden Deutschland
Lehman-Sitz in New York 2008: „Niemand konnte die Nachbeben des Untergangs vorhersehen“                           arbeiten?
                                                                                                                  SPIEGEL: Aber viele junge Südeuropäer
                                                                                                                  kommen doch nach Deutschland, um zu
                                                                                                                  arbeiten.
                                                                                                                  Zoellick: Europas Politiker handeln immer
                                                                                                                  einen Tag zu spät und versprechen einen
                                                                                                                  Euro zu wenig. Wenn es dann eng wird,
                                                                                                                  schießen sie neue Liquidität nach. Die
                                                                                                                  Europäische Zentralbank hat dadurch
                                                                                                                  Zeit erkauft. Das Gute ist, dass der Druck
                                                                                                                  dann etwas abnimmt. Das Schlechte ist:
                                                                                                                  Die strukturellen Probleme ändern sich
                                                                                           KOSTAS TSIRONIS / AP




                                                                                                                  so nicht.
                                                                                                                  SPIEGEL: Was würden Sie denn tun?
                                                                                                                  Zoellick: Europas Regierungen müssen
                                                                                                                  nicht nur das Kapital ihrer Banken auf-
Exerzierende Wachen vor dem Athener Parlament: „Abschied vom Euro“                                                stocken und Geldeinlagen weiter garan-
                                                                                                                  tieren. Sie müssen die Banken auch über-
SPIEGEL: Sie werfen den Europäern vor,       seinen Einfluss verlieren, wenn das Euro-                            zeugen, das Geld über Darlehen an die
bei der Lösung der Schuldenkrise nicht       Projekt nun scheitert. Dann droht ein                                Wirtschaft weiterzureichen, um eine Kre-
entschlossen genug zu handeln?               neuer Nationalismus: Wenn jedes euro-                                ditklemme wie nach der Lehman-Pleite
Zoellick: Genau das ist das Problem. In      päische Land nur noch für sich selbst                                zu verhindern. Ob das den Staats- und
der Euro-Krise geht es nicht bloß um         kämpft, kann Europa wenig ausrichten.                                Regierungschef der Euro-Zone bereits be-
Geld und Schulden, obwohl das wichtige       SPIEGEL: Was passiert, wenn Griechenland                             wusst ist, weiß ich nicht.
Aspekte sind. Es geht um globalen Ein-       wirklich aus der Euro-Zone aussteigen                                SPIEGEL: Der Fehler liegt doch im System.
fluss und Glaubwürdigkeit. In den ver-       sollte?                                                              In der Euro-Zone gibt es nicht eine Re-
gangenen 60 Jahren hat sich das interna-     Zoellick: Niemand weiß das. Es könnte so                             gierung wie in den USA, sondern 17.
tionale System maßgeblich auf drei Säu-      etwas wie ein „Lehman-Moment“ wer-                                   Zoellick: Die Abläufe in Europa führen
len gestützt, Europa, die USA und Japan.     den. Ich will damit sagen, dass auch 2008                            dazu, dass Politiker abwarten, bis der Lei-
Wenn Europa weiter so schwächelt, wird       niemand die Nachbeben des Untergangs                                 densdruck unerträglich geworden ist. Und
es als Säule wegbrechen und an globalem      der relativ kleinen Investmentbank Leh-                              dann finden sie nur eine halbherzige Lö-
Einfluss verlieren. Dessen müssen sich       man Brothers vorhersehen konnte. Die                                 sung, doch dabei läuft ihnen die Zeit da-
Europas Führer bewusst sein.                 Finanzen einiger europäischer Länder                                 von. Das Problem ist nicht nur Griechen-
SPIEGEL: Hat diese Entwicklung nicht         sind mit griechischen Geldinstituten eng                             land, sondern auch Spanien und Italien.
längst begonnen? Als EU-Vertreter in Pe-     verwoben. Also hätte ein Abschied Grie-                              Deren Wirtschaft ist zusammengenom-
king nach Geldern für den Euro-Rettungs-     chenlands vom Euro gewaltige Folgen.                                 men so groß wie die deutsche. In beiden
fonds fragten, wirkte das wie ein Bettel-    Dieses Gefühl der Unsicherheit sollte al-                            Ländern versuchen die Regierungen, das
gang.                                        lerdings nicht dazu führen, dass Europa                              Richtige zu tun, aber ihnen geht dafür
Zoellick: Das war ein Fehler. So kann man    Griechenland alles gibt, was sich dessen                             die politische Unterstützung verloren.
mit den Chinesen nicht umgehen. Europa       Regierung wünscht. Wenn die griechische                              SPIEGEL: In Deutschland sinkt derweil die
erschien schwach, das wird Peking nicht      Spitze damit droht, die Euro-Zone zu ver-                            Bereitschaft, weitere Rettungsmaßnah-
vergessen. Außerdem: Das Durchschnitts-      lassen, muss der Rest Europas einen Me-                              men zu veranlassen. Rund die Hälfte der
                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                  67
Wirtschaft

                                                                                                                                           ten Finanzminister, ein einziges Mal die
                                                                                                                                           Schulden aller ihrer Einzelstaaten. Seit-
                                                                                                                                           dem sind diese auf sich allein gestellt.
                                                                                                                                           Europa könnte ein ähnliches System ein-
                                                                                                                                           führen. Der deutsche Sachverständigen-
                                                                                                                                           rat schlägt ja bereits vor, alle Schulden
                                                                                                                                           über 60 Prozent des Bruttoinlandspro-
                                                                                                                                           dukts gemeinsam zu finanzieren – vor-
                                                                                                                                           ausgesetzt, die betroffenen Nationen ver-
                                                                                                                                           pflichten sich zu Reformen. Es kommt
                                                                                                                                           mir nicht so sehr darauf an, welches Mo-
                                                                                                                                           dell die Europäer unter deutscher Füh-
                                                                                                                                           rung wählen. Sie sollen sich nur für eines
                                                                                                                                           entscheiden. Und zwar schnell.
                                                                                                                                           SPIEGEL: Viele Deutsche erinnern sich




                                                                                              ARTS INTERNATIONAL / NEW YORK TIMES / LAIF
                                                                                                                                           noch gut daran, wie nach der Wiederver-
                                                                                                                                           einigung riesige Geldsummen nach Ost-
                                                                                                                                           deutschland gepumpt wurden, einheit-
                                                                                                                                           liche Lebensbedingungen aber sind im-
                                                                                                                                           mer noch nicht erreicht.
                                                                                                                                           Zoellick: Die deutsche Wiedervereinigung
                                                                                                                                           war ein historischer Erfolg, nicht nur öko-
                                                                                                                                           nomisch, sondern auch politisch. Es ging
                                                                                                                                           um Freiheit und Demokratie. Aber na-
Karikatur zur spanischen Finanzlage: „Das Problem ist nicht nur Griechenland“                                                              türlich muss man Lehren aus ihren im-
                                                                                                                                           mensen Kosten ziehen. Dazu gehört, die
Deutschen denkt mittlerweile, dass der          es muss auch klar sagen, wie es Staaten,                                                   Produktivität in den entsprechenden Län-
Euro ihnen eher schadet als nützt.              die mitten in Reformprozessen stecken,                                                     dern zu erhöhen, damit sich die Investi-
Zoellick: Glauben Sie mir, ich kann die         helfen will, die richtigen Schritte zu tun.                                                tionen auch auszahlen.
Deutschen sehr gut verstehen. Ich wäre          Deutschland leistet ja eigentlich sehr viel.                                               SPIEGEL: Um Europa zu helfen, sind wo-
als deutscher Bürger auch frustriert, dass      Es stünde aber besser da, wenn es im Vor-                                                  möglich größere Transferzahlungen nötig
andere europäische Staaten nicht die rich-      aus genauer erläutern würde, was für Hil-                                                  als damals für Ostdeutschland.
tigen Schritte unternehmen.                     fen die Deutschen im Gegenzug für Re-                                                      Zoellick: Sicher, es wird teuer werden. Die
SPIEGEL: Und trotzdem sollen die Deut-          formen anbieten.                                                                           Deutschen müssen entscheiden, ob ihnen
schen ihre zögerliche Haltung aufgeben?         SPIEGEL: Viele Deutsche haben Angst, dass                                                  Europa so viel wert ist. Ich kann nur sagen,
Zoellick: Für kein anderes Land ist ein star-   Staaten wie Griechenland nur Hilfsgelder                                                   dass sie die Zukunft Europas aufs Spiel
kes und prosperierendes Europa so wich-         kassieren wollen und notwendige Verän-                                                     setzen, wenn sie nicht rasch handeln.
tig und so vorteilhaft wie für Deutschland.     derungen weiter aufschieben.                                                               SPIEGEL: Wer könnte Merkels Verbündeter
Berlin muss die Entwicklung zu einem            Zoellick: Spanien und Italien versuchen                                                    in Europa werden?
wirklich vereinten Europa steuern. Aus          gerade, schwierige Reformen durchzuset-                                                    Zoellick: Als Helmut Kohl und François
historischen Gründen tun Deutsche sich          zen. Finanzminister Wolfgang Schäuble                                                      Mitterrand zusammenarbeiteten, haben
damit schwer. Außerdem hagelt es gleich         hat das begrüßt. Es wird dauern, bis die                                                   sie über EU-Kommissionspräsident
Kritik, wenn Deutschland entschlossen           Reformen Wirkung zeigen, denn in bei-                                                      Jacques Delors die Sichtweise der ande-
voranprescht. Aber Berlin darf sich davon       den Fällen geht es um Haushaltskonsoli-                                                    ren Europäer geformt. Ich weiß nicht, ob
nicht abhalten lassen. Die Zeiten haben         dierung und strukturelle Veränderungen.                                                    der aktuelle EU-Kommissionspräsident
sich geändert. Selbst der polnische Au-         Mittelfristig muss man sie mit Finanz-                                                     José Manuel Barroso eine ähnliche Rolle
ßenminister Radek Sikorski hat neulich          zusagen unterstützen.                                                                      übernehmen könnte. Oder ob Frankreich
gesagt: „Ich fürchte die deutsche Macht         SPIEGEL: Die Deutschen können doch                                                         Teil des Problems oder der Lösung sein
weniger als die deutsche Untätigkeit.“          nicht einfach einen Blankoscheck für                                                       will. Ich weiß nur, dass wir dringend Fort-
SPIEGEL: Hat Kanzlerin Angela Merkel bis-       ganz Europa ausstellen. Im schlimmsten                                                     schritte brauchen.
lang zu wenig gegen die Krise getan?            Fall bleiben sie dann auf Forderungen                                                      SPIEGEL: Die Amerikaner, allen voran Prä-
Zoellick: Ich habe viel Respekt vor Kanz-       von über 500 Milliarden Euro sitzen.                                                       sident Barack Obama, geben den Euro-
lerin Merkel. Ich kenne sie seit ihren Ta-      Zoellick: Ich würde es auch für einen Feh-                                                 päern gern die Schuld an den gegenwär-
gen als Oppositionspolitikerin und halte        ler halten, den gesamten Finanzbedarf                                                      tigen Problemen der Weltwirtschaft. Da-
sie für hochintelligent. Sie hat ein hervor-    Europas mit Euro-Bonds abzudecken.                                                         bei sind die öffentlichen Schulden in den
ragendes Gespür dafür, was die deutsche         Das würde die disziplinierende Wirkung                                                     USA weit höher als die Europas.
Öffentlichkeit will.                            des Marktes mindern und Reformen in                                                        Zoellick: Das stimmt. Für Präsident Oba-
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, sie un-        den verschuldeten Staaten weniger wahr-                                                    ma war die Reform des Gesundheitssek-
terlässt notwendige Rettungsmaßnahmen           scheinlich machen.                                                                         tors eine Priorität. Hätte das Weiße Haus
aus politischem Kalkül?                         SPIEGEL: Was also soll Europa tun?                                                         das Ausmaß unserer wirtschaftlichen
Zoellick: Ich will Politiker nicht abwerten.    Zoellick: Es gibt den Vorschlag, Euro-                                                     Schwierigkeiten früher absehen können,
Technokraten ohne Feingefühl können             Bonds für Schulden von bis zu 60 Prozent                                                   wäre es vielleicht diese Problematik an-
uns nicht regieren. Aber eines stimmt: Es       des Bruttoinlandsprodukts zu schaffen.                                                     gegangen. Ich hätte das auf jeden Fall ge-
ist wichtig klarzumachen, für welche eu-        Alles, was die Länder darüber hinaus aus-                                                  tan. Amerika steht vor der gleichen Her-
ropäische Vision Deutschland steht.             geben, ginge auf ihre eigene Rechnung.                                                     ausforderung wie Europa. Es muss seine
SPIEGEL: Wie soll die aussehen?                 Europa könnte in diesem Fall von Ame-                                                      Schulden in den Griff bekommen, um in-
Zoellick: Deutschland muss weiterhin auf        rika lernen. Nach dem Unabhängigkeits-                                                     ternational einflussreich zu bleiben.
fiskalen und strukturellen Reformen in          krieg übernahmen die Vereinigten Staa-                                                                          INTERVIEW: MARC HUJER,
einem vereinigten Europa bestehen. Aber         ten unter Alexander Hamilton, ihrem ers-                                                                         GREGOR-PETER SCHMITZ

68                                                    D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
für den Kauf von Evonik-Aktien zu be- sich Bonse-Geuking – gegen alle Warnun-
                                            UNTERNEHMEN                       geistern, scheint für Monate, wenn nicht gen und ohne Not.


                                      Ewige Lasten
                                                                              Jahre ausgeschlossen.                      Wie aus dem Protokoll der RAG-Sit-
                                                                                 Besonders bitter für Evonik und sei- zung vom 10. Juni hervorgeht, verfügt
                                                                              nen Chef Klaus Engel: Es wäre gar nicht die Stiftung nämlich bereits heute über
                                                                              nötig gewesen, den Börsengang zu milliardenschwere Rücklagen, die ausrei-
                                    Der Chemiekonzern Evonik                  forcieren. Möglicherweise wurde sogar chen, die Ewigkeitslasten zu finanzieren
                                    dürfte auch mit dem dritten               mit trickreichen Verschleierungen gear- – ohne einen Börsengang. Selbst bei „kon-
                                   Versuch scheitern, an die Börse            beitet. Das zumindest legen interne Pro- servativen Prämissen“, heißt es in dem
                                                                              tokolle der RAG-Stiftung nahe, der rund Papier, sei auch noch 2019 genügend Geld
                                      zu gehen. Das Vorhaben                  75 Prozent des Chemieunternehmens vorhanden, um alle anfallenden Kosten
                                     war riskant – und unnötig.               gehören.                                 zu decken. Es bleibe sogar ein üppiger
                                                                                 Deren Chef, der 70-jährige ehemalige Überschuss von rund 156 Millionen Euro


                                 E
                                       s gibt Blamagen, die muss man er-      Energiemanager Wilhelm Bonse-Geuking, – pro Jahr.
                                       tragen, weil sie nicht zu verhindern   hatte in der Vergangenheit wiederholt      Für Bonse-Geuking ist das kein Argu-
                                       waren. Es gibt aber auch Blamagen,     betont, „dass der Börsengang von Evonik ment: Die gute finanzielle Ausstattung
                                 die vermeidbar gewesen wären, denen          kein Selbstzweck“ sei. Es gehe vielmehr der Stiftung sei immer bekannt gewesen.
                                 Warnungen vorausgingen, die aus zwei-        darum, die sogenannten Ewigkeitslasten Außerdem sei es für keine Stiftung gut,
                                 felhaften Motiven, wie persönlichem Ehr-     des Kohlebergbaus zu finanzieren.        langfristig auf nur ein einziges Unterneh-
                                 geiz, missachtet wurden. Letztere sind          Diese Aufgabe hatte die mit hochran- men zu setzen.
                                 dann besonders peinlich. Zu ihnen gehört     gigen Politikern und Managern besetzte     Und so hielt der Manager trotz lahmen-
                                 der Börsengang des Chemieunterneh-           Stiftung bei ihrer Gründung im Jahr 2007 der Weltkonjunktur und sich verschärfen-
                                 mens Evonik.                                 übernommen. Inhalt des damals von Ex- der Euro-Krise wacker an den Vorberei-
                                    Zum dritten Mal versucht der Essener      Bundeswirtschaftsminister Werner Mül- tungen für den Börsengang fest. Selbst
                                 Konzern, in den Kreis der glitzernden        ler eingefädelten Deals: Der Steinkohle- Warnungen von Evonik, dass die Wert-
                                 und wichtigen Dax-Konzerne aufzustei-        bergbau im Saarland und in NRW wird gutachten der Banken mit 15 bis 18 Mil-




                                                                                                                             Stiftungsvermögen Ende 2011:        10,5 Mrd. €
                                                                                                                             davon 8,9 Mrd. Euro Wert des Evonik-Anteils
                                                                                                                                TOCHTERGESELLSCHAFTEN
                                                                                                                                 100 %            74,99 %             Gabriel
                                                                                                                                                                      Acquisitions
                                                                                                                                                                      (CVC)
                                                                                                                                                                       25,01%
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                                   Stiftungschef
                                                                                                                                                     Hauptgeschäftsbereiche
                                   Bonse-Geuking                                                                                                     Spezialchemie und
                                                                                                                                                     Immobilien

                                 gen. Zweimal scheiterte der geplante         Ende 2018 endgültig stillgelegt. Die noch     liarden Euro offenbar viel zu hoch ausge-
                                 Börsengang wegen widriger Umstände           Jahrzehnte anfallenden Ewigkeitslasten        fallen seien, beirrten ihn nicht.
                                 an den Finanzmärkten. Und auch der           für das Abpumpen von Grundwasser                 Noch vor zwei Wochen plädierte er bei
                                 dritte Versuch steht unmittelbar vor dem     oder die Beseitigung von Bergschäden in       einer Sitzung für eine weitere Fristver-
                                 Aus. Mit 13,5 bis 16,5 Milliarden Euro       Höhe von geschätzten 220 Millionen            längerung. Nun soll Anfang dieser Woche
                                 sollte Evonik nach internen Plänen be-       Euro pro Jahr trägt die Stiftung. Dafür       die endgültige Entscheidung fallen. Alles
                                 wertet werden. Doch bislang sind trotz       erhielt sie im Gegenzug nicht nur das Im-     andere als eine Absage wäre eine hand-
                                 intensiver Bemühungen keine Investoren       mobilienvermögen und die Energiesparte        feste Überraschung.
                                 am Kapitalmarkt zu finden, die bereit wä-    der ehemaligen Ruhrkohle AG, sondern             Warum Bonse-Geuking so lange an
                                 ren, einen solch exorbitanten Preis zu       auch deren Chemieunternehmen, die             seinen Plänen festhielt, einen neuen Dax-
                                 zahlen.                                      nach einigen Umbauten und Zukäufen            Konzern zu platzieren, und die Pläne
                                    Voraussichtlich wird das großangekün-     inzwischen unter dem Namen Evonik fir-        nicht schon viel früher stoppte, bleibt für
                                 digte Spektakel deshalb noch im Laufe        mieren.                                       die meisten Beobachter ein Rätsel. Per-
                                 der Woche abgeblasen – mit schlimmen            Wie die Stiftung das Geld für die Ewig-    sonen in seinem Umfeld glauben, ihm sei
                                 Konsequenzen. Der Reputationsschaden         keitslasten genau erwirtschaftet, ist ihr     es wenige Monate vor Auflösung seines
                                 für das Unternehmen wäre gewaltig. „An       überlassen. Sie kann Immobilien oder          Vertrags darum gegangen, sich einen
                                 den Finanzmärkten“, sagt ein Banker aus      Firmen verkaufen, von den üppigen Di-         Platz in der Chronik der deutschen Wirt-
                                 dem Konsortium, „lächeln Analysten und       videnden der Unternehmen leben oder           schaftsgeschichte zu sichern.
                                 Investoren inzwischen nur noch milde“,       eben auch den als langfristigen Stiftungs-       Mit dem dritten abgesagten Börsen-
                                 wenn sie den Namen des glücklosen            zweck verankerten Börsengang von Evo-         gang in Folge dürfte ihm das zumindest
                                 Chemieriesen aus Nordrhein-Westfalen         nik anordnen, um damit die Kassen auf-        gelungen sein.
                                 hören. Ein neuerlicher Versuch, Aktionäre    zufüllen. Genau für diesen Weg entschied                                           FRANK DOHMEN

                                                                                    D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                       69
DIRK HOPPE / NETZHAUT / DER SPIEGEL




Animateure in der Ausbildung: „Wenn euch jemand an den Po fasst, müsst ihr euch das nicht gefallen lassen“

                                                                                                                                   mal ein Zimmer im Keller sein kann, mit
                                    TOURISMUS                                                                                      Blick auf eine Betonmauer. Oder ganz


            Im Land des Lächelns
                                                                                                                                   ohne Blick.
                                                                                                                                      Die TUI-Novizen hier in Olsberg sind
                                                                                                                                   noch auf der Suche nach ihrem Platz im
                                                                                                                                   Leben. Viele kommen direkt von der
                                                                                                                                   Schule. Oder vom Zivildienst wie der
   Wer als Animateur Urlaubsgäste bespaßen will, muss erst                                                                         zurückhaltende Rudolf, 21, der beruflich
     einmal selbst gut drauf sein. Wie das geht, bekommen                                                                          später mal was mit Kindern machen
                                                                                                                                   möchte. Vielleicht auch was mit Medien.
 Anfänger in einem einwöchigen Kurs im Sauerland beigebracht.                                                                      Vorgenommen hat er sich jedenfalls, „am
                                                                                                                                   Ende meines Lebens sagen zu können,


M
         enschen, die mit Dauerlächeln                                              mal nur ein Lächeln braucht, um einen          dass ich nichts verpasst habe“. Von seinen
         über die Flure schweben, kennt                                             anderen Menschen glücklich zu machen?“         Einsätzen auf Lanzarote und Menorca er-
         man sonst eher aus Filmen über                                                Das Lächeln geht einher mit exzessi-        hofft er sich „mehr Selbstbewusstsein“.
Bhagwan oder Scientology; sie wähnen                                                vem Grüßen, und wer am hartnäckigsten             Felicitas, 20, wiederum musste ihres
sich auf der Zielgeraden zur ewigen                                                 lächelt und grüßt, bekommt abends als          Rückens wegen die Ausbildung zur Mu-
Glückseligkeit und leuchten von innen.                                              Auszeichnung ein Grinsegesicht ans Shirt       sicaldarstellerin abbrechen und schult
   Die 180 jungen Leute im angejahrten                                              gepinnt, das „Smile des Tages“. Stehen         nun um, während Sara, 22, aufgrund ei-
Parkhotel Olsberg haben zwar auch ei-                                               sie dann im echten Club vor echten Gäs-        ner Hals-Nasen-Ohren-Geschichte nicht
nen leicht seligen Blick, ihre Mission hin-                                         ten, soll es so wirken, als wären sie natur-   mehr als Flugbegleiterin arbeiten kann.
gegen wird sie allenfalls in irdische Para-                                         lustig zur Welt gekommen.                         Und dann ist da noch der irrlichternde
diese führen wie Korfu oder Fuerteven-                                                 Denn das macht einen Cluburlaub ja          Italiener Roberto, der sich gern für 30
tura, und das auch nicht zum eigenen                                                aus: dass man, sofern man es für erstre-       ausgibt, aber schon 36 ist. Er hat in Mai-
Plaisir.                                                                            benswert hält, mehrere Wochen in einem         land eine Discothek betrieben und in Bel-
   Wo andere ausspannen, werden sie                                                 fremden Land verbringen, sich den Ein-         gien als Pizzabäcker gearbeitet, er hat im
bald arbeiten, als Animateure des Reise-                                            heimischen und deren Kultur aber kom-          Wanderzirkus Kinder neben Elefanten
veranstalters TUI. Aber jetzt sind sie erst                                         plett entziehen kann. Die Hotelanlage ist      gestellt und sie gegen Geld fotografiert.
mal für eine Woche im Hochsauerland,                                                ein Land für sich. Ein Land des Lächelns       Zuletzt arbeitete er in verschiedenen Ro-
um das Geschäft mit der guten Laune                                                 und der Sorglosigkeit.                         binson-Clubs. Dann wurde er krank. Lie-
zu erlernen. Sie wackeln beim Ringel-                                                  Allein TUI beschäftigt 600 Animateure       beskrank, sagt er. Eine Kollegin. Bei TUI
schwanztanz mit dem Po oder steigen in                                              in 96 Clubs und Hotels. Für den Urlauber       fängt er jetzt von vorn an.
Pappkartons mit Rädern und rufen „tuut-                                             spielen sie den Vorturner und Freund auf          Sie alle sind hier für eine Woche noch
tuut!“. Sie schminken sich Tiergesichter                                            Zeit, sind Clown und Beichtvater zu-           einmal Kinder. Sie spielen und basteln
und üben mit tastender Stimme ihre ers-                                             gleich. Sie bringen erwachsene Menschen        und werden wie Erstklässler getadelt,
ten Moderationen.                                                                   dazu, Schiffe versenken zu spielen oder        wenn sie während des Seminars tuscheln
   Vorrangig aber sind sie gut drauf. TUI                                           zum „Lied der Schlümpfe“ zu tanzen.            oder Kaugummi kauen. Auf Toilette geht
will das so, und wenn es um gute Laune                                                 Animateure verbreiten an sechs Tagen        es bitte nur in der Pause.
geht, versteht Deutschlands größter Ver-                                            in der Woche 12 bis 14 Stunden Frohsinn.          Bei aller Strenge lassen die Ausbilder
käufer von Urlauben keinen Spaß. Ein                                                Ihre Bezahlung ist eher trist. Anfänger        doch ein Gefühl von Familie aufkommen.
Schild auf dem Kaffeetisch mahnt: „Wuss-                                            erhalten im Monat 600 Euro. Kost und           Man duzt sich, alle haben hier nur Vor-
test du eigentlich schon, dass es manch-                                            Unterkunft sind frei, wobei diese schon        namen. Früh um acht wird im Haus des
70                                                                                        D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
nen großen Sack, der heimlich in der Wüste
                                                                                                                                                                      verbuddelt wird, aber zumindest reisen die
                                                                                                                                                                      Deutschen reinen Gewissens nach Hause.
                                                                                                                                                                         Sobald sich die Neuen im Parkhotel als
                                                                                                                                                                      TUI fühlen, werden sie aufgeteilt nach
                                                                                                                                                                      ihren Zielgebieten. Das hört sich nach
                                                                                                                                                                      militärischem Erstschlag an. Ist auf TUI-
                                                                                                                                                                      Deutsch aber die gängige Umschreibung
                                                                                                                                                                      für Urlaubsort. Jede Zielgebietsgruppe
                                                                                                                                                                      soll sich eine identitätsstiftende Perfor-
                                                                                                                                                                      mance ausdenken. Nach kurzer Beratung
                                                                                                                                                                      führt Ägypten einen Pharaonentanz vor,
                                                                                                                                                                      Griechenland tanzt Sirtaki und skandiert:
                                                                                                                                                                      „Ich trink Ouzo, was trinkst du so?“ Die
                                                                                                                                                                      Balearen treffen mit ihrem Lied das Le-




                                                                                                                         FOTOS: DIRK HOPPE / NETZHAUT / DER SPIEGEL
                                                                                                                                                                      bensgefühl der Veranstaltung am besten:
                                                                                                                                                                      „TUI, TUI, täterä“.
                                           DIRK HOPPE / NETZHAUT / DER SPIEGEL



                                                                                                                                                                         Doch hält so ein Gefühl selten lebens-
                                                                                                                                                                      lang. Animateur ist man meist nur für ein
                                                                                                                                                                      paar Jahre. Entweder hört man dann auf
                                                                                                                                                                      mit dem Urlaubsspaß – oder bringt es
                                                                                                                                                                      zum Ausbilder oder Zielgebietsleiter.
                                                                                                                                                                         Rayk Leuthold, verantwortlich für die
                                                                                                                                                                      TUI-Clubs auf den Kanaren, sagt: „Es ist
                                                                                                                                                                      schwierig, nach mehreren Jahren als
                                                                                                                                                                      Animateur in die normale Welt zurück-
                                                                                                                                                                      zukommen. Du grüßt jeden. Und spürst
Gastes das „Herzlich willkommen“-Lied zu vermeiden“ wird groß an die Wand                                                                                             abends eine Leere, weil es kein Unterhal-
gesungen, mit Klatschen und Hüpfen und projiziert. Von der Liege gezerrt werden                                                                                       tungsprogramm gibt. Es geht dir so ähn-
Einander-Umarmen. „Total spitze, euch sollte kein Feriengast.                                                                                                         lich wie einem Soldaten, der aus einem
heute zu sehen“ reimt sich auf „wir wer-        Wer wissen will, wie es nicht geht, sollte                                                                            langen Einsatz zurückkehrt und denkt,
den uns super verstehen“.                    „Club Las Piranjas“ ansehen, die ARD-                                                                                    die ganze Welt sei ein Kasernenhof.“
   Auf der Bühne sorgen drei Büropflan- Satire aus den neunziger Jahren mit Hape                                                                                         Im Parkhotel wird der rote Teppich aus-
zen für einen Anflug mediterranen Flairs. Kerkeling als Zerrbild eines Animateurs,                                                                                    gerollt. Die Dinnerparty ist der Höhe-
Jeder Coach wird von der „Zarathustra“- der die Gäste mit Spielen wie gemeinsa-                                                                                       punkt der Ausbildung. Alle haben sich
Fanfare nach oben begleitet. Die Ver- mem Müllsammeln drangsaliert und sie                                                                                            fein gemacht, einige sind als Berühmtheit
kündigung des Tagesprogramms ist mit zwingt, an griechischen oder persischen                                                                                          kostümiert. Amy Winehouse ist gut zu
Discobeats unterlegt. Alle klatschen mit. Nächten teilzunehmen. Von dem Film re-                                                                                      erkennen, die Monroe erinnert eher an
Alles wird zur Sensation. Selbst das Aus- den die Ausbilder hier alle. Er hat das                                                                                     Ingrid Steeger. An Ingrid Steeger heute.
rufen des Mittagessens löst eine Ekstase Image der Branche nachhaltig ramponiert.                                                                                     Später gibt es sogar Alkohol.
aus, als wäre Deutschland gerade Fuß-           Auch mit der Musikauswahl am Pool                                                                                        Am Ende der Woche werden Grüß-
ball-Europameister geworden.                 sollte man niemanden verschrecken. TUI                                                                                   ermüdungen spürbar. Felicitas mit dem
   So viel Gemeinschaft ist sonst nur beim hat ein eigenes Online-Archiv mit 3500                                                                                     kaputten Rücken sind die Wirbel rausge-
Weltjugendtag. Oder beim Parteitag der Titeln eingerichtet. Der Sommerhit                                                                                             sprungen. Sara hat sich zwei Zehen ge-
chinesischen KP. Ob in Jesu, Maos oder „Nossa, nossa“ ist ein Muss. Ballermann-                                                                                       prellt beim Versuch, im Hasenkostüm ein
TUIs Namen: Man ist eins.                    Gegröle wie „Zehn nackte Friseusen“                                                                                      Rad zu schlagen. Des Weiteren sind zu
   Tatsächlich sagen manche Teilnehmer wird für TUI-unwürdig befunden. „Hyper,                                                                                        verzeichnen: eine gezerrte Sehne, diverse
schon nach zwei Tagen „wir“, wenn sie Hyper“ von Scooter geht. Aber nicht                                                                                             Erkältungen – und ein Abgang. Einer der
TUI meinen. Werden sie fotografiert, la- morgens um zehn.                                                                                                             Teilnehmer wurde aufgrund mangelnder
chen sie nicht mehr „Cheese“ in die Ka-         Noch so eine Animateurregel: Disku-                                                                                   Manieren für nicht animationsfähig be-
mera, sondern „TUIII“.                       tiere mit den Gästen keinesfalls über Re-                                                                                funden und nach Hause geschickt.
   Im Saal hängt ein Transparent: „Einer ligion oder kulturelle Unterschiede. Und                                                                                        Der scheue Rudolf indes hat bei einer
für alle, alle für einen.“ Und alles für den sag nie: „Ich hoffe, Sie hatten eine gute                                                                                Bühnenshow seinen künstlerischen
Gast. Mindestens 90 Prozent der Gäste, Anreise.“ Sag stattdessen: „Ich bin sicher,                                                                                    Durchbruch erlebt mit einem gefeierten
so die Vorgabe, sollen mit ihrem Urlaub Sie hatten …“ Sag auch nicht, du seist                                                                                        Auftritt als schwuler Harry Potter.
zufrieden sind. Oder war es jeder zu 90 für etwas zuständig. Sag, du seist verant-                                                                                       Zum Schluss fragt Ausbilderin Lissy in
Prozent? Damit keiner das Plansoll ver- wortlich. Klingt besser.                                                                                                      die Runde, ob sich alle sicher seien, dass
gisst, hängen überall Plakate mit einer         Vorurteile dagegen darf man als Ani-                                                                                  jeder hier im Raum ein guter Animateur
fetten „90“. Sogar auf der Toilette. „Schaf- mateur haben. Denn viele bewahrheiten                                                                                    sein werde. Alle fangen an zu applaudie-
fen wir das?“, rufen die Ausbilder. Beats. sich. Die deutschen Urlauber zum Bei-                                                                                      ren. Als Letzter auch Rudolf.
Blitze. „Yeaahh!“, ruft die Masse.           spiel sind ziemlich deckungsgleich mit ih-                                                                                                          ALEXANDER KÜHN
   Dem Gast ist so ziemlich alles erlaubt. rem eigenen Klischee, so ungefähr erzählt
„Nur wenn euch jemand an den Po fasst, es zumindest der altgediente Coach Jan-
müsst ihr euch das nicht gefallen lassen“, ko Engel. Sie reservieren schon morgens                                                                                                     Video:
sagt Janko Engel, der den Jung-Anima- um sechs ihre Liege. Und wollen auch im                                                                                                          Kandidaten im
teuren einen guten Umgangston bei- Urlaub gut sein zur Umwelt.                                                                                                                         Urlaubstest
bringt. Umgekehrt gibt es vieles, was der       Viele ägyptische Hotels haben deshalb                                                                                                  Für Smartphone-Benutzer:
Animateur nicht darf. „Peinliche oder verschiedene Tonnen zur Mülltrennung ein-                                                                                                        Bildcode scannen, etwa mit
menschenrechtsverletzende Dinge sind geführt. Am Ende kommt zwar alles in ei-                                                                                                          der App „Scanlife“.
                                                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                                          71
Trends                                                                                                         Medien
                      ZDF



 „Steif, trocken,
   künstlich“
D    as wahre Leben findet auf ande-
     ren Sendern statt – und nicht im
ZDF. Dies ist das Ergebnis einer Zu-
schauerbefragung der Mainzer Anstalt,
die dieser ein verheerendes Zeugnis
ausstellt. Befragt worden waren so-
wohl die vorwiegend älteren Stamm-




                                                                                                                                             WILLI WEBER / ZDF
seher, die in der Untersuchung als
„sterbende“ Zuschauergruppe bezeich-
net werden, als auch Jüngere, die das
Zweite kaum einschalten. Demnach ist
das ZDF in der allgemeinen Wahrneh-                „heute-show“-Szene mit Oliver Welke, Martina Hill
mung kein Familienprogramm mehr,
sondern „ein Sender für alte Zuschau-              Grenzen: Der Talk von Markus Lanz              garten“ wird als „ZDF-Anker mit posi-
er“. Unter 50-Jährige fühlen sich                  laufe „so spät, dass er im Gefühl der          tiver Strahlkraft“ empfunden, lobend
„über weite Strecken ausgegrenzt“.                 Zuschauer kaum existiert“, die Jörg-           erwähnt wird auch die Doku-Reihe
Das Informationsangebot wird als „zu               Pilawa-Shows würden „(noch) nicht              „Terra X“. Im Resümee warnt die Stu-
weit weg vom Zuschauer“ sowie als                  als Highlight erlebt“, heißt es in der         die vor einem „Teufelskreis“: Orientie-
„steif, trocken, künstlich“ bezeichnet,            Untersuchung. Die Kochshows am                 re man sich weiter am Erfolg beim Ge-
die Tonalität der fiktionalen Program-             Nachmittag vermittelten gar den Ein-           samtpublikum, sichere dies kurz- bis
me sei „nicht modern genug“. Galt                  druck von „Monotonie und Stagna-               mittelfristige Erfolge; auf lange Sicht
das ZDF in früheren Jahren als                     tion“. Formate auf prominenten Sende-          aber drohten „massive Verluste, da
gewichtiger Unterhaltungsdampfer,                  plätzen zementierten das Bild des              neue, jüngere Zielgruppen außen vor
erscheinen die heutigen Shows den                  „braven“ und „bodenständigen                   bleiben“. Wie das ZDF mitteilt, wür-
Befragten als „wenig präsent und we-               Senders für ältere Zuschauer“. Positiv         den die Ergebnisse der Image-Untersu-
nig besonders“. Selbst die Strahlkraft             bewertet werden Comedy-Sendungen               chung in die „redaktionelle und plane-
der Vorzeigemoderatoren hält sich in               wie die „heute-show“. Der „Fernseh-            rische Entwicklungsarbeit“ einfließen.



   N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N   Es ist ja nicht so, dass Frau Müller-Ho-       Müller-Hohenstein hatte schon vorher
                                                   henstein (Bild) darauf angewiesen wäre,        in eine ZDF-Kamera gestrahlt, dass sie,
                                                   mit Oliver Kahn auf einer künstlichen          als sie von der Idee gehört hatte, die
 Fuß|ball|strand                                   Inselanlage im Meer vor halbleeren
                                                   Liegestühlen mit älteren Leuten zu
                                                                                                  ZDF-Jubel-, Quatsch- und Kommen-
                                                                                                  tierzentrale auf Usedom aufzubauen,
der: flacher Rand des Event-Fernsehens,            stehen und von zehn Kameras, dar-              sicher gewesen sei, dass das „ganz
an dem der Sportjournalismus versandet             unter eine fliegende, gefilmt zu werden,       toll“ wird: „Ich meine, Fußball und
                                                   um deplatziert zu wirken. Andererseits         Strand. Hallo? Was haben wir denn
Wenn das ZDF nach der Europameis-                  hat es eine fast bewundernswerte               am Strand früher immer gespielt?“ –
terschaft seine Bohrinseln und die                 Konsequenz, es nicht bei ein bisschen          Hallo? Volleyball?
Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein               Schrecklichkeit zu belassen. Und so            Auf Usedom kam der Sender laut Frey,
abgewrackt hat, bleibt dem Ostseebad               fügten sich schlechte redaktionelle            nachdem man die deutsch-polnische
Heringsdorf immerhin die Möglich-                  Ideen, der bizarre Veranstaltungsort,          Grenze abgefahren sei und sich dann
keit, eine Städtepartnerschaft mit                 der übliche Sportverein des ZDF und            „ganz bewusst für einen Ort entschie-
Waterloo zu beantragen. Peter Frey,                technische Pannen zu einem Gesamt-             den“ habe, „der Polen ganz besonders
Chefredakteur des Senders, sagte                   bild, in dem dann noch eine                                nah ist“. Usedom stehe für
zwar gegenüber „Focus online“, dass                junge Frau namens Jeannine                                 eine wechselvolle Geschich-
„Deutschland“ sich an die Insel Use-               Michaelsen eine prominente                                 te, aber auch für eine neue
dom als den Ort erinnern werde, „wo                Nebenrolle spielen durfte.                                 Zusammenarbeit. Wo und
deutsch-polnischer Alltag schon selbst-            Sie las Dinge aus etwas vor,                               wie genau sich das ZDF zur
verständlich ist“. Wahrscheinlicher ist            das sich „Internet“ nennt,                                 Weltmeisterschaft in zwei
aber, dass „Deutschland“ mit dem Ort               ihr selbst aber eher nur vom                               Jahren in Brasilien bla-
dauerhaft das Kunststück verbinden                 Hörensagen bekannt war,                                    miert, steht indes noch
wird, trotz des kollektiven Infantili-             wie sich herausstellte, als sie                            nicht fest. Vielleicht ließe
tätsrauschs, in den dieses Fußball-                Kahn bei dessen Premiere                                   sich irgendetwas Bedeu-
turnier Land und Medien gestürzt hat,              auf Twitter gleich einen                                   tungsschwangeres mit
noch durch besondere Blödheit auf-                 falschen Harald Schmidt als                                deutschem Bezug in Chile
zufallen.                                          Kontakt andrehte.                                          aufbauen.
                                                        D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                          73
Medien


                                                                                                                               TA L K S H O W S




                          Fünf ist einer zu viel
     Eine interne Analyse geht mit den Polit-Plauderrunden des Ersten ins Gericht.
         Besonders scharf kritisiert wird der teuerste Star: Günther Jauch. Von
      der großangekündigten Talk-Offensive ist in der ARD kaum noch die Rede.


S
      ie waren stolz, so stolz. Aufgekratzt
      wie Käufer eines Luxussportwagens
      im Moment der Schlüsselübergabe
standen sie um ihren Neuerwerb herum,
ihren Zehn-Millionen-Euro-Einkauf, den
Mann, der alles das sein soll, was ihr La-
den selbst nie ist. Beliebt und doch klug.
Voller Bildung, doch nicht arrogant. Spar-
sam und doch sexy. Ja, sogar das.
   Günther Jauch, so der Name des Neu-
erwerbs des größten Senderverbunds
Europas, der ARD, war gerade aus dem
Studio zum After-Show-Empfang her-
übergeschlurft. Es war der 11. September
2011, und die Premiere des Neuen im Ers-
ten wurde mit feierlichem Ernst begangen
wie ein Staatsakt.
   SWR-Chef Peter Boudgoust stand links
von Jauch. Der Intendant des NDR, Lutz
Marmor, stand rechts. Die Ehefrauen blie-
ben etwas abseits. Überschwänglich lie-
ferten sich die ARD-Bosse einen Wett-
kampf im Jauch-Lob. Beide wirkten zu-
frieden, aber auch ein wenig gestresst von
der fernsehhistorischen Dimension des
Abends. Zehn Minuten blieb Jauch ste-
hen. Zehn Minuten lobten die Intendan-
ten. Erst dann zockelte der Star weiter.
   Nicht einmal ein Jahr ist das her – und
schon fällt die ARD über ihren Star her.
Die Intendanten zwar halten noch mehr-
heitlich zu ihm. Aber die Gremien zupfen
und zerren seit Wochen an den Talks her-
um – und nun zerpflückt auch noch der
ARD-Programmbeirat Jauchs Modera-
tionsstil.
   „Herr Jauch“, heißt es in einer mehr-
seitigen internen Analyse, „ist der einzige
Moderator, dessen Gesprächsführung der
                                                    MUELLER-STAUFFENBERG / EVENTPRESS / PICTURE ALLIANCE / DPA




Beirat deutlich kritisieren muss.“ Er hake
„selten nach“, setze sich „über die Ant-
worten seiner Gäste hinweg“, folge
„strikt seinem vorgefertigten Konzept“
und hake bloß „eine Frage nach der an-
deren ab“.
   Er gehe „einer ihm nicht genehmen
Gesprächsentwicklung“ aus dem Weg,
die Diskussion verlaufe „selten ergebnis-
offen“. Jauch betreibe „Stimmungsma-
che“, seine Einspieler mit Passantenbe-

* Rainer Brüderle, Hilmar Kopper und Sahra Wagen-
knecht.                                                                                                          Talker Jauch (2. v. r.), Gäste*: Er ist – wie zu erwarten war – nicht der Messias der ARD

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fragungen „gaukeln eine vermeintliche             Diese besondere Vorsicht hat ihren         neun Anstalten, lässt am Star kaum ein
Realität vor“. In den Fragen, die er stelle,   Grund. Beim ersten Versuch der ARD-           gutes Haar.
nehme er meistens schon die „Antworten         Bosse, Jauch für den Sonntagabend-Talk           Der Beirat bleibt nicht bei der reinen
vorweg“.                                       zu verpflichten, hatte er kurz vor Ver-       Kritik der Fragetechnik stehen. Er kriti-
   Bisher blieb die Kritik am teuersten        tragsunterzeichnung die Brocken hinge-        siert die journalistische Haltung des Mo-
Einkauf in der Geschichte des Ersten           worfen, hauptsächlich weil ihn ein paar       derators überhaupt. Jauch, so heißt es da,
unter Verschluss. Und ungefährlich. Die        kritische Stimmen aus dem weiten Reich        schüre „mit seinen Suggestivfragen teil-
Öffentlichkeit sollte davon nichts hören.      der ARD genervt hatten.                       weise Politikverdrossenheit“, er komme
Jauch erst recht nicht.                           Doch diesmal sind es nicht nur ein paar    seiner „Verpflichtung zur journalistischen
   Selbst als der ARD-Programmbeirat           versprengte Rundfunkratsmitglieder, die       Sorgfalt nicht nach“.
vor ein paar Wochen diese mehrseitige,         hier und da mal ein böses Wort fallenlas-        Die Kritik ist harsch, an manchen Stel-
detaillierte Analyse der Polit-Talkshows       sen, so wie damals. Es sind die wichtigs-     len überzogen. „Diese Sendung ist eher
im Ersten intern präsentierte, bekam           ten Programmwächter der ARD, die hier         eine Show als politischer Talk“, lautet
Jauch das Papier nicht einmal zur Kennt-       urteilen. Und dieser Beirat, bestehend        das Gesamturteil. Das sei „eine beunru-
nisnahme zugeschickt.                          aus Vertretern der Rundfunkräte aller         higende Entwicklung für ein öffentlich-
                                                                                             rechtliches Format!“. Es klingt fast, als
                                                                                             wollten da ein paar Leute Jauch aus der
                                                                                             ARD treiben. Vom unbändigen Stolz auf
                                                                                             den von RTL herübergelockten Star ist
                                                                                             in der ARD nicht mehr viel zu spüren.
                                                                                                An den Spitzen mancher Sender wird
                                                                                             der Unmut über ihren Star-Talker intern
                                                                                             schon länger artikuliert. Jauch sei zwar
                                                                                             sehr viel teurer als seine Vorgängerin
                                                                                             Anne Will, aber nicht sehr viel besser,
                                                                                             heißt es da. Die Quote habe er nur mäßig
                                                                                             gesteigert. Das Renommee der Jauch-
                                                                                             Show sei verbesserungswürdig. Er sei
                                                                                             eben doch bloß Unterhalter, kein Jour-
                                                                                             nalist. Er erledige vielleicht seinen Job.
                                                                                             Aber er leiste eben nicht, was erwartet
                                                                                             worden war: Außergewöhnliches.
                                                                                                Das ist typisch ARD. Die Demontage
                                                                                             der eigenen Stars überlässt sie nicht an-
                                                                                             deren, sie betreibt sie gern mit eigenen
                                                                                             Bordmitteln.
                                                                                                Schon der Umgang mit dem gefloppten
                                                                                             Vorabend-Experiment des früheren „Wet-
                                                                                             ten, dass …?“-Moderators Thomas Gott-
                                                                                             schalk hatte der Öffentlichkeit wochen-
                                                                                             lang demonstriert, wie die ARD mit ihren
                                                                                             Stars umgeht. Am Ende blieben alle Be-
                                                                                             teiligten blamiert, frustriert oder gedemü-
                                                                                             tigt auf der Bühne zurück.
                                                                                                So war das schon öfter. Als die Unzu-
                                                                                             friedenheit mit Harald Schmidt wuchs,
                                                                                             wurde aus der ARD gestreut, man könne
                                                                                             sich vorstellen, dem Entertainer das ab-
                                                                                             gewirtschaftete Format „Satire Gipfel“ zu
                                                                                             geben. Und als der RTL-Star Jauch der
                                                                                             ARD 2007 bei ihrem ersten Versuch, ihn
                                                                                             zu verpflichten, abgesagt hatte, formu-
                                                                                             lierte ein Intendant flott: „Ohne Jauch
                                                                                             geht’s auch.“ Über Gottschalk gab ein
                                                                                             Hierarch den Spruch aus: „Dead Man
                                                                                             Talking.“
                                                                                                Intern sorgen die dauernden Nörge-
                                                                                             leien nicht gerade für ein Klima gedeih-
                                                                                             lichen Miteinanders. „Viele der Kritte-
                                                                                             leien sind einfach ungerecht“, findet
                         „Herr Jauch sollte dringend an seiner                               SWR-Chefredakteur Fritz Frey, der Jauch
                                                                                             schätzt. „Selbst wenn er ab morgen über
                         Gesprächsführung arbeiten, ebenso an der                            das Wasser laufen könnte, würden seine
                         Themen- und Gästeauswahl.“                                          Kritiker Jauch vorwerfen, dass er nicht
                                                                                             schwimmen könne.“
                         Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats                          Die Wahrheit ist: Jauch ist im Alltag
                                                                                             angekommen. Er macht mal gute, mal
                                                                                             schlechte Sendungen. Die Quote ist
                                                                                             besser als bei seiner Vorgängerin Anne
                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                           75
Medien




                                                                                                                                                      CHRISTIAN CHARISIUS / PICTURE ALLIANCE / DPA
                                                                     MAX KOHR / WDR
 „Menschen bei Maischberger“                                                           „Beckmann“



„Allerdings sollte sie bei der Auswahl                                                „Trotzdem muss auch dieses
skurriler Gäste darauf achten, keine öffentlich-                                      Format irgendwann ein klares Profil
rechtlichen Grenzen zu überschreiten.“                                                bekommen.“
Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats                                         Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats

Will. Aber er ist – wie zu erwarten war –     wieder Sendungen mit wenig Erkenntnis-                       gebot sehr unterschiedlicher Gesprächs-
nicht der Messias der ARD. Und mancher        gewinn.“ Maischberger „sollte bei der                        formate mit exzellenten Gastgebern“,
nimmt ihm genau das übel. Auch weil er,       Auswahl skurriler Gäste darauf achten,                       sagt Programmdirektor Volker Herres.
wie einer spottet, bezahlt werde wie ein      keine öffentlich-rechtlichen Grenzen zu                      Man werde sich mit dem Papier „ausein-
Erlöser.                                      überschreiten“. Plasberg sei zu „soft“ ge-                   andersetzen“ und habe ja eh beschlossen,
   Doch es trifft in dem internen Papier      worden, seine Sendung habe „mit dem                          „Ende des Jahres über das Talkshow-
nicht nur Günther Jauch. Die Programm-        Motto, wenn Politik auf Wirklichkeit trifft,                 schema zu beraten“, sagt die ARD-Vor-
wächter haben sich die gesamte ARD-           nicht mehr immer etwas zu tun“. Beck-                        sitzende, WDR-Intendantin Monika Piel.
Talkschiene vorgenommen, das komplet-         mann müsse „irgendwann ein klares Pro-                          Doch die Kritik des Beirats lässt sich
te Sprechblasen-Quintett Beckmann-            fil bekommen“.                                               nicht mehr nur mit dem lapidaren Hin-
maischbergerjauchplasbergwill.                   Die interne Kritik ist selbst für ARD-                    weis abwürgen, die Quoten der Shows
   Sie kommen zu einem wenig schmei-          Verhältnisse heftig. Sie trifft zudem nicht                  seien doch fast alle gut. Denn fragwürdig
chelhaften Urteil: „Zu viel vom Selben.“      nur das Moderatorenquintett, sondern                         ist ja nicht, ob das alles überhaupt einer
Zu oft Senioren. Zu oft dieselben Gäste.      auch die Intendantenriege, die den RTL-                      guckt. Fragwürdig ist, ob das alles über-
Zu oft dieselben Themen. Zu oft Männer.       Star Jauch in einer Blitzaktion einkaufte,                   haupt einer braucht. Selbst wenn manche
Zu oft alte Männer. Zu oft dieselben rei-     ohne Rücksicht auf Verluste das Pro-                         Kritik überzogen ist: Fünf Talks sind auf
ßerischen Einspielfilme. Zu oft das Fehlen    grammschema zersägte und seitdem dar-                        Dauer zu viel.
journalistischer Schärfe.                     über streitet, wie sie das Übermaß an                           Braucht die ARD, braucht das Land,
   Es gebe „Themendoppelungen und -ver-       Talkshows wieder reduzieren kann.                            braucht „man“ das alles? Braucht man
schleiß“ und „Gästedoppelungen und -ver-         Es ist ein Chaos, wie es fast nur die                     zum Beispiel „Günther Jauch“?
schleiß“. Es helfe nur eine „Reduzierung      ARD anrichten kann. Erst wird eine Talk-                        Manchmal schon. Zum Beispiel dann,
der Talkangebote“.                            Offensive propagiert. Kaum läuft sie,                        wenn der Moderator sich scheinbar Un-
   Der Beirat kanzelt die fünf Top-Leute      wollen die meisten davon schon wieder                        mögliches traut. So wie in seiner letzten
der ARD an manchen Stellen ab, als wä-        nichts mehr wissen. Plötzlich waren fast                     Sendung vor der Sommerpause. Jedem
ren sie Volontäre in ihrem ersten Ausbil-     alle schon fast immer der Meinung, dass                      war klar, dass Jauch gegen das Europa-
dungsjahr. „Das journalistische Hand-         überhaupt viel zu viel geredet wird im                       meisterschaftsspiel, das zur selben Zeit
werkszeug für Interviews muss auch in         deutschen Fernsehen. Und fast alle, die                      im ZDF lief, zumindest quotenmäßig un-
Talks sichtbar umgesetzt werden, was          damals zugestimmt haben, geben sich                          tergehen würde – egal wie populistisch
nicht immer der Fall ist“, bemängelt das      jetzt überrascht, dass es genau so gekom-                    der Titel, wie spektakulär die Gäste, wie
Gremium. Und gibt auch gleich Tipps,          men ist, wie es vorauszusehen war.                           lustig die Einspielfilme.
wie die fünf es besser machen könnten:           In den vergangenen Monaten hatten                            Er versuchte deshalb gar nicht erst, die-
  „Nachfragen, nachfragen, nachfragen.        sich schon die Rundfunkräte von WDR                          se Faktoren zu maximieren. Er machte
   Klären, klären, klären.                    und NDR kritisch zur Inflation der Plau-                     stattdessen eine Sendung, die erkennbar
   Antworten einfordern.                      derrunden geäußert. Doch die Analyse                         das Ziel hatte, sich in angemessener Form
   Fragen stellen statt Vorurteile bestäti-   des ARD-Beirats geht nun tiefer als alle                     einem vernachlässigten Thema zu wid-
gen.“                                         bisher bekanntgewordenen Papiere. Sie                        men. Der Titel: „Trauma Afghanistan –
   Alle anderen Moderatoren kommen            schneidet ins Fleisch. Sie legt – auch weil                  welche Spuren hinterlässt der Krieg?“ Es
besser weg als Jauch. Anne Will ist „ge-      sie eigentlich intern bleiben sollte – im                    ging um den Umgang der Gesellschaft
löst und entspannt“. Sandra Maischberger      Detail die Schwächen der einzelnen For-                      mit den Bundeswehrsoldaten, die ihr Le-
hat eine „sensible Art“. Frank Plasberg       mate offen und belegt die Kritik mit Bei-                    ben riskieren und oft nicht unversehrt
ist „nach wie vor sehr gut“, Reinhold         spielen, Statistiken, Erkenntnissen aus                      aus den Einsätzen zurückkehren.
Beckmann gar „brillant“. Aber jeder be-       der Zuschauerforschung.                                         Das Ganze hatte am Ende die mit gro-
kommt auch mit ein, zwei Sätzen einen            Bislang lässt das Erste den Beirat ab-                    ßem Abstand schlechteste Quote. Keine
Hieb verpasst. Bei Will gebe es „immer        tropfen. „Wir haben ein vielfältiges An-                     drei Millionen Menschen sahen zu, sonst
76                                                  D E R   S P I E G E L                2 5 / 2 0 1 2
KLAUS GÖRGEN / WDR
 „Hart aber fair“                                                                        „Anne Will“




                                                                                                                                             NDR
„Das konfrontierende und hinterfragende                                                 „Insgesamt hält der Beirat das neue Konzept
Potential von Herrn Plasberg wird derzeit zu                                            für gelungen, auch wenn es immer wieder
wenig eingesetzt.“                                                                      Sendungen mit wenig Erkenntnisgewinn gibt.“
Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats                                           Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats

sind es ein bis zwei Millionen mehr. So Talkshowgäste auf, die bereits seit meh- dass in einem Titel wie „Kein Anstand,
hatte die Europameisterschaft es viel- reren Jahren in den Runden sitzen“, kri- kein Tabu? Sexualmoral 2011“ die Jahres-
leicht erst möglich gemacht, in dieser tisiert der Programmbeirat. Und er kann zahl enthalten ist – zu leicht könnte der
ernsthaften, nicht effekthascherischen seine These belegen, weil er für den Zeit- Zuschauer sonst auch angesichts von Gäs-
Form über dieses Thema zu reden, weil raum von September bis April nachge- teveteranen wie Hellmuth Karasek und
die Sendung in dem wöchentlichen, täg- zählt hat.                                      Jutta Ditfurth denken, er sehe die Wie-
lichen, sekündlichen Quotenwettkampf            Das Ergebnis: 38 Personen waren in derholung einer dreißig Jahre alten Show.
ohnehin keine Chance besaß.                   diesem Zeitraum mindestens dreimal zu      Als Bundestagspräsident Norbert Lam-
   Jauch hat erst eine Fernsehsaison in Gast in den ARD-Talks (darunter SPIE- mert schon Monate vor dem Start von
diesem Format hinter sich, aber die Auf- GEL-Chefredakteur Georg Mascolo – Jauch im SPIEGEL die Gefahren der Talk-
gabe ist erkennbar schwer. Er hat bisher Red.). 14 Gäste mindestens viermal. Auch show-Inflation benannte, war er erstaun-
kein rhetorisches oder dramaturgisches die vom Zuschauer gefühlte Allgegenwart lich hellsichtig. Sein Hauptvorwurf: Talk-
Mittel gefunden gegen die routinierten von Ursula von der Leyen, Karl Lauter- shows „simulieren nur politische Debat-
Wortgefechte seiner Profi-Gäste. Nur bach, Hans-Ulrich Jörges, Sahra Wagen- ten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu
manchmal lässt er sich seine Unzufrie- knecht und Gertrud Höhler wird von der Unterhaltungszwecken“.
denheit anmerken, wie in der Sendung, Statistik belegt. Sie durften fünfmal in           Der Unterschied ist: Unterhaltung fragt
als er die Weigerung von Norbert Röttgen, die TV-Sessel. Heiner Geißler sogar sechs- nach dem, was gefällt. Journalismus da-
sich zu seiner Zukunft nach der Landtags- mal. Überhaupt machen Politiker und nach, was ist.
wahl in Nordrhein-Westfalen zu äußern, Journalisten zusammen rund 40 Prozent             Schon deswegen war es ein zweifelhaf-
in einer Verbrüderungsgeste mit den an- der Talkgäste aus.                             tes Lob, als die Intendanten Jauch noch
deren Gästen schlicht zusammenfasste:           Zudem ist die Gästeschar der Talks vor seinem Start öffentlich als „Großmeis-
„Er bleibt in Berlin, aber er sagt es nicht.“ überaltert wie eine Kirchenchor. Nur 2 ter der journalistischen Unterhaltung“ fei-
Damit sticht er heraus. Sonst eher nicht. Prozent der Gäste sind jünger als 30, ge- erten. Das war natürlich der Versuch, den
   Der ehemalige WDR-Intendant Fritz rade mal 10 Prozent jünger als 40. „Der Kritikern den Wind aus den Segeln zu
Pleitgen ist kein Feind der Talkshow. Er Beirat ermuntert zudem die Redaktio- nehmen, die ihm vorwarfen, sich nicht
findet bloß, dass sie „im Übermaß aller- nen, aktiv nach neuen Gesichtern zu su- zu entscheiden, ob er in erster Linie Un-
dings unverdaulich und nicht gerechtfer- chen, nach Querdenkern und z. B. Gästen terhalter sein will oder Journalist. Aber
tigt ist“. Sie verdränge wichtige andere unter 40 Jahren“, heißt es lapidar in dem es benannte eben auch das entscheidende
Genres wie Dokumentation und Repor- Papier.                                            Problem nicht nur für Jauch, sondern für
tage, die nur noch ein stiefmütterliches        Dafür ist fast jeder zweite Gast min- das gesamte Genre.
Dasein führten, meint der erfahrene Jour- destens 60 Jahre alt. Ein Fünftel der Dis-     Manche Forderung Lammerts ist so
nalist und nennt auch den vielleicht wich- kutanten ist sogar 70 Jahre alt oder älter. grundlegend, dass es fast peinlich ist, dass
tigsten Grund, warum es so viel davon „Menschen bei Maischberger“ müsste sie formuliert werden muss. Wenn er
gibt – und warum jeder Journalist, der eigentlich „Senioren bei Maischberger“ etwa meint, dass es möglich sein müsse,
eine hat, davon offenbar nicht mehr las- heißen – knapp 60 Prozent der Gäste bei „ernsthafte Sachverhalte in fünf aufeinan-
sen mag: „Die Talkshow ist die bequems- ihr sind 60 Jahre oder älter.                  derfolgenden Sätzen ohne Video-Einspie-
te Form von Journalismus“, sagt Pleitgen.       Ihre Talkshow ist eine Art Zeitreise lungen oder sonstige Unterbrechungen
„Man braucht nur ein Team, das die je- geworden. Sie nimmt die Zuschauer mit zu entwickeln“.
weiligen Gesprächspartner castet, und hat zurück in die achtziger Jahre, in eine Zeit,   Am weitesten hat sich Frank Plasberg
ruckzuck eine einstündige Sendung zu- in der viele ihrer Gäste – Richard von entfernt von dem, was Polit-Talk eigent-
sammen.“                                      Weizsäcker, Norbert Blüm, Kurt Bieden- lich sein könnte – und was ihn selbst ein-
   Und oft sehen die Talks auch nach kopf – noch im Amt waren und in den mal ausgezeichnet hat. Aus dem kriti-
Ruckzuck aus. „In den Sendungen tauch- Talkshows der Dritten Programme noch schen Umgang mit Politikern und der
ten zunehmend wieder die altbekannten die Fetzen flogen. Es ist kein Wunder, selbstbewussten Rolle als distanzierter
                                                  D E R   S P I E G E L                    2 5 / 2 0 1 2                                77
Medien

Journalist, die „Hart aber fair“ einmal danten zu einer Entscheidung zusammen-
prägten, waren lange schon Marotten und setzen, wird auch Reinhold Beckmann
Selbstgefälligkeit geworden. Nun flüchtet weiter hoffen, dass er der dann fälligen
er sich vor der Konkurrenz häufig aus Neuordnung nicht zum Opfer fällt.
der Politik und lässt sich stattdessen von   Seine Sendung ist im Quotenrennen
Sonya Kraus den Studiotresen zersägen. am weitesten zurückgefallen. Er musste
Kraus hat vor Jahren auf ProSieben eine in der Rochade, die das Engagement von
Heimwerkersendung moderiert und war Günther Jauch auslöste, seinen ange-
insofern eine fast zwingende Besetzung stammten Sendeplatz räumen und sendet
für Plasbergs Thema: „Wissen, wo der nun donnerstags gegen „Maybrit Illner“.
Hammer hängt – was treibt die Deut- Seinen Zuschauerzahlen tut das nicht gut,
schen in den Baumarkt?“                    seinem Ego sicher auch nicht. Er scheint
   Man konnte diese Ausgabe der Sen- in der ungewollten Nische weniger ehr-
dung als einen Hilfeschrei des Modera- geizig zu sein als früher, was seiner Sen-
tors verstehen. Denn nun wirkt dessen dung aber nicht schadet.
ganze kritische Attitüde besonders de-       Beckmann profitiert oft von der inti-
platziert, wenn er mit seinen Gästen am men Inszenierung an einer Art Küchen-
Tisch Platz nimmt und ihnen ihr Lieb- tisch und ohne Publikum, das bei Jauch
lingsessen serviert. Irgendwie wird das und Will demonstrativ immer wieder auf
schon sachdienlich sein, um die Titelfrage Kommando „endlich sagt’s mal einer“
„Gehören Pummel an den Pranger?“ zu klatscht. Aber wenn er versucht, Sandra
diskutieren.                               Maischberger Konkurrenz im Senioren-
   Der Stilwechsel von Plas-
berg ist symptomatisch für die
gesamte Talk-Landschaft. Es
geht da um eine Grundsatz-
frage: Ab wann zerstört die
Suche nach Unterhaltsamkeit
den Journalismus?
   Zur Unterhaltungssucht
kommen die Künstlichkeit und
die Berechenbarkeit dieser
Sendungen. Selten kommt in
Talkshows etwa Neues heraus,
selten etwas Überraschendes,
selten sieht man als Zuschauer
die Welt nach der Talkshow




                                                                                     HENNING KAISER / DPA
mit anderen Augen als zuvor.
   Die Arbeitsgemeinschaft der
Dokumentarfilmer hat diese
Gefahr schon früh formuliert.
Wenn immer mehr Talkshows
die sorgfältig recherchierte ARD-Hierarchen Piel, Herres, Marmor: Besondere Vorsicht
Dokumentation ersetzten, so
die Filmemacher, drohe eine „themati- talk zu machen und sich von uralten Män-
sche und visuelle Monokultur“. Das jour- nern die Welt erklären lässt, wird aus
nalistische Problem: „Komplizierte ge- „Beckmann“ ein 75-minütiges Stillleben.
sellschaftliche Zusammenhänge werden Neulich waren Hans-Dietrich Genscher,
nicht mehr ,vor Ort‘ durchdrungen, son- Klaus von Dohnanyi und Norbert Blüm
dern werden aus der Mitte der Gesell- da, und man musste schon genau hinhö-
schaft herausgelöst und in die syntheti- ren, um da überhaupt drei verschiedene
sche Welt der Studios verlegt.“            Personen ausmachen zu können.
   Da diskutiert dann Anne Will über das     Wie ein Enkel, der nach Monaten mal
womöglich „letzte Euro-Gefecht“ unter wieder seinen Großvater besucht, saß er
der Überschrift „Spar-Angie gegen Spen- da, eher wohlwollend als wirklich neu-
dier-François“. Oskar Lafontaine stellt gierig, aber unbedingt begeisterungs- und
sie in der Sendung vor als den „Mann, aufmunterungswillig. Er schluckte nicht,
der jetzt zwar nicht mehr die Linke, als Klaus von Dohnanyi die Erfolge der
aber Griechenland und den Euro retten Piraten damit zu erklären versuchte, dass
will“, und sie fragt, ob Angela Merkel eine ganze Generation zu viel Playstation
„heute wirklich den Euro retten will oder gespielt habe. Und niemand kicherte, als
vor allem sich selbst“, als würde das in Norbert Blüm mahnend an die Adresse
irgendeiner Hinsicht das Problem be- der Piraten sagte: „Politik ist nicht so ein
schreiben.                                 Unterhaltungsbetrieb“, was ja stimmen
   Die Verträge mit dem Quasselquintett mag, aber doch eine erstaunliche Aussage
laufen erst 2013 aus, der von Jauch sogar ist für einen Politiker in diesem Unterhal-
erst Mitte 2014. Der Talk-Wahnsinn wird tungsbetrieb.
also noch eine ganze Weile weiterlaufen.              MARKUS BRAUCK, ALEXANDER KÜHN,
Und bis sich Ende des Jahres die Inten-            MARTIN U. MÜLLER, STEFAN NIGGEMEIER

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Panorama

            SCHWEDEN


     Angst vor Assanges
          Hackern
Nach der Auslieferungsentscheidung
gegen WikiLeaks-Gründer Julian As-
sange bereiten sich die Behörden auf
einen großangelegten Hackerangriff
seiner Sympathisanten vor. Es habe
Informationen im Internet gegeben,
„dass Angriffe auf schwedische Ziele
geplant werden“, sagt Anders Ahl-
quist, IT-Experte der nationalen Poli-
zeiführung: „Diese Gruppen haben
schon früher Attacken durchgeführt,
daher besteht eine konkrete Gefahr.“
Als Schreckensszenario gelten die Cy-
ber-Attacken im Frühjahr 2007 in Est-
land – damals hatten angeblich von
Moskau gesteuerte Hacker Mobilfunk-
netz wie Internet für einige Tage nahe-                                  Anhänger von Chrysi Avgi in Athen


                                                                                                                    GRIECHENLAND



                                                                                                Blutige Morgenröte
                                                                         Sie kamen mit Eisenstangen, um drei Uhr                                                   genröte“) – einem runenartigen Zeichen,
                                                                         morgens. Erst zertrümmerten sie Autos                                                     das dem Hakenkreuz ähnelt.
                                          KIRSTY WIGGLESWORTH / DAPD




                                                                         und einen Motorroller, dann den Schädel                                                   Mit fast sieben Prozent hatte die Partei
                                                                         von Mubarak Abu Said, 27. Sie brachen                                                     bei der Wahl am 6. Mai den Sprung ins
                                                                         dem schlafenden Ägypter das Jochbein,                                                     Parlament geschafft. Die griechischen Fa-
                                                                         die Nase, den Kiefer. Der junge Fischer,                                                  schisten „säubern“ mittlerweile ganze
                                                                         überfallen auf der Dachterrasse eines Hau-                                                Stadtteile Athens und gerieren sich als Ret-
                                                                         ses nahe der Hafenstadt Piräus, liegt seit-                                               ter von Recht und Ordnung. Die Übergrif-
Assange in London                                                        dem im Krankenhaus. Zumindest einer                                                       fe auf Immigranten hätten seit der Par-
                                                                         der Schläger trug nach Zeugenaussagen                                                     lamentswahl im Mai nicht nur zugenom-
zu lahmgelegt. Banken konnten keine                                      ein T-Shirt mit dem Logo der neonazisti-                                                  men, sie würden auch immer brutaler,
Überweisungen mehr ausfertigen,                                          schen Partei Chrysi Avgi („Goldene Mor-                                                   heißt es bei Hilfsorganisationen, die sich
Geldautomaten funktionierten nicht,
Internetseiten von Behörden waren
blockiert. „Wenn das in Schweden pas-
siert, kann es zu Randale kommen“,
glaubt Ahlquist. Mit Assanges Auslie-                                                ALBANI EN
                                                                                                                                                                  na eine Pyramide aus Stahl, Beton
ferung wird in Stockholm frühestens                                                                                                                               und Glas – drei Jahre bevor auch in
ab Ende Juni gerechnet – nach Ablauf
einer Beschwerdefrist vor dem Euro-                                          Therapie mit der                                                                     Albanien der Kommunismus zusam-
                                                                                                                                                                  menbrach. Das 22 Meter hohe Monu-
päischen Gerichtshof für Menschen-
rechte. Nach seiner Ankunft käme er
in Untersuchungshaft, über die hätte
                                                                               Abrissbirne                                                                        ment hat seither stark gelitten: Der
                                                                                                                                                                  Carrara-Marmor auf der Außenhülle

die Justiz dann binnen vier Tagen zu                                   Enver Hodscha war der wohl starrsin-
entscheiden. Falls die Haft bestehen                                   nigste Herrscher des Ostblocks: Auf
                                                                                                                        ARMANDO BABANI / PICTURE ALLIANCE / DPA




bliebe, müsste spätestens nach weite-                                  leisesten Widerspruch standen Gefäng-
ren zwei Wochen Anklage erhoben                                        nis oder der Tod. Hodscha versuchte
werden. Gegen Assange wird wegen                                       mit Strafgesetzen und Pogromen den
Vergewaltigung und sexueller Nöti-                                     Menschen die Religion auszutreiben
gung in zwei Fällen ermittelt, er be-                                  und zerstritt sich nacheinander mit Ju-
streitet die Vorwürfe. „Wir stehen in                                  goslawien, der Sowjetunion und Chi-
den Startlöchern und brennen vor Ei-                                   na. Als er 1985 starb, war Albanien
fer, der Welt zu beweisen, dass er kein                                von der Außenwelt abgeschnitten.
Verbrechen begangen hat“, sagt Assan-                                  Trotzdem errichteten seine Nachfolger
ges Anwalt Per Samuelsson.                                             noch 1988 ihm zu Ehren mitten in Tira-                                                     Hodscha-Denkmal

80                                                                          D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Ausland
                                                                               G UAT E M A L A
                                                                                                                                  te sich der Drogenboss mit dem mexi-
                                                                                                                                  kanischen Kartell der Zetas verbündet

                                                                      Gefangener Tiger                                            und so in der Heimat eine konkurrie-
                                                                                                                                  rende Rauschgiftbande ausgeschaltet.
                                                                                                                                  Um den wachsenden Einfluss der
                                                               Nur die Unterschrift von Staatspräsi-                              Mexikaner zu brechen, verhängte die
                                                               dent Otto Pérez fehlt noch – dann                                  Regierung 2010 sogar einen zweimo-
                                                               kann, vermutlich schon in den kom-                                 natigen Ausnahmezustand über den
                                                               menden Tagen, einer der führenden                                  Bezirk Alta Verapaz. Overdick wurde
                                                               Drogenbosse Zentralamerikas in die                                 dank der Zusammenarbeit mit US-
                                                               USA ausgeliefert werden. Horst Over-                               Drogenfahndern im April verhaftet.
                                                               dick Mejía, Kriegsname „Der                                                  Damals lobte Präsident Pé-
                                                               Tiger“, wird in New York mit                                                 rez den Fang als „extrem
                                                               internationalem Haftbefehl                                                   wichtig“, hatte er doch ver-
                                                               gesucht, weil er den Schmug-                                                 sprochen, das organisierte
                                                               gel von Kokain aus Südameri-                                                 Verbrechen mit „eiserner
                                                               ka in die Vereinigten Staaten                                                Faust“ zu bekämpfen. Doch
                                                               organisiert haben soll – 1,2                                                 der „Tiger“ hinterlässt ein
                                                               Tonnen waren es allein im                                                    hart umstrittenes Territorium




                                                                                                                                               GETTY IMAGES
                                                               Jahr 2002. Overdick nutzte                                                   in seinem Land. Der Kampf
                                                               Kontakte zu Politikern und                                                   um die Vormacht der Dro-
                                                               Polizisten im Grenzgebiet zu                                                 genbanden in Mittelamerika
                                              POLARIS / LAIF




                                                               Mexiko. Vor vier Jahren hat- Overdick                                        beginnt jetzt von vorn.



mit rassistischer Gewalt befassen. Kurz
nach dem brutalen Überfall in Perama                           372 Milliarden Dollar
drohte der Morgenröte-Kandidat Ilias Pa-                       haben Gastarbeiter aus Entwicklungsländern im vergangenen Jahr laut
nagiotaros bei einer Wahlveranstaltung in                      einer Studie der Weltbank in ihre Heimat überwiesen. Das ist etwa dreimal
Athen, dass man in Zukunft auch „Raz-                          so viel, wie jährlich an Hilfsgeldern dorthin fließt.
zien in Krankenhäusern und Kindergärten
veranstalten“ werde. Dort wollen die Neo-
faschisten Immigranten und deren Kinder
aufspüren und sie „auf die Straße werfen“
– damit stattdessen Griechen ihren Platz
einnehmen können. Wem das nicht passe,
drohte Panagiotaros, dem werde das
Video gezeigt, das festhielt, wie Partei-
sprecher Kasidiaris in einer Talkshow eine
kommunistische Abgeordnete verprügelte.
Und er machte auch klar, was die Partei
vom Einsatz ihres Schläger-Sprechers hält:                      Geldüberweisungen                               Hauptherkunftsländer                          Hauptzielländer
                                                                                                                                                              nur Schwellen- und Entwicklungsländer
viel.                                                           von ausländischen Arbeits-
                                                                kräften in ihre Heimatländer,                       USA ..........................52             Indien.......................64
                                                                in Mrd. Dollar                                      Saudi-Arabien........... 27                  China........................62
                                                                                                                    Schweiz....................22                Mexiko......................24
                                                                Quelle: Weltbank
                                                                Stand: 2010 (Herkunftsländer)                       Russland .................. 19               Philippinen ............... 23
                                                                bzw. 2011 (Zielländer, Schätzung)                   Deutschland............. 16                  Ägypten.................... 14
    wurde abgetragen und auf Basaren
    verkauft. In der Pyramide hat heute
    der kommerzielle Sender Top Channel
    sein Hauptquartier, es regnet durch.
    Jetzt will die Regierung den Bau abrei-                                      S L O WA K E I
                                                                                                                                  Nun wird die sozialdemokratische Re-
    ßen lassen: „Der Geist des Diktators                                                                                          gierung in Bratislava den einheitlichen
    muss exorziert werden“, sagt Premier
    Sali Berisha, er will auf dem Platz ein
    neues Parlamentsgebäude errichten.
                                                               Ende der Einheitssteuer                                            Satz von 19 Prozent für alle durch ein
                                                                                                                                  gestaffeltes Abgabensystem ersetzen.
                                                                                                                                  Zudem will sie Unternehmensgewinne
    Doch es regt sich Widerstand: 6000 Al-                     Sie galt als Wundermittel, um Investo-                             zusätzlich belasten. Slowakische Wirt-
    baner protestierten mit einer Petition                     ren anzulocken: die Flat Tax, ein ein-                             schaftsforscher errechneten, dass Fir-
    gegen den Abriss, darunter Dichter,                        heitlicher Steuersatz für Firmen und                               men ihre Belegschaft deswegen um
    Journalisten und Architekten, die un-                      Personen. Etliche osteuropäische Wen-                              durchschnittlich 5 Prozent und ihre In-
    ter Hodscha im Gefängnis saßen. Ihr                        deländer führten das Modell aus neo-                               vestitionen um mehr als 25 Prozent
    Argument: Man könne die Schrecken                          liberaler Denkschule vor rund zehn                                 reduzieren werden. Andere Staaten
    der Vergangenheit nicht mit der Ab-                        Jahren ein – und tatsächlich ging der                              könnten dem Beispiel folgen: Auch in
    rissbirne besiegen. Auch fürchten sie,                     Boom in Lettland, Litauen und der                                  den in Not geratenen Ländern Bulga-
    dass sich Staatsfunktionäre an dem 50-                     Slowakei zu guten Teilen auf das ein-                              rien, Lettland und Rumänien ist die
    Millionen-Euro-Projekt bereichern.                         fache, niedrige Steuersystem zurück.                               Abschaffung der Flat Tax im Gespräch.
                                                                     D E R     S P I E G E L        2 5 / 2 0 1 2                                                                                     81
Ausland


                                           SYRIEN




             Apokalypse und
               Auflösung
Im Bürgerkriegsland wird gewalttätiger gekämpft denn
    je. Gleichzeitig weichen die Fronten auf. In den
Dörfern bilden sich erste politische Komitees der Opposi-
 tion gegen den Diktator Assad. Von Christoph Reuter


S
      eit Minuten kreist der Kampfhub-         um sonst hat er hierhin gefeuert? Aber
      schrauber hoch über uns wie ein zor-     warum daneben?“ Einige werden am
      niges Insekt in der Mittagshitze. Der    Abend von der schützenden Hand Gottes
Pilot scheint etwas zu suchen zwischen         sprechen, aber eher hatte der Pilot wohl
den Feldern und Gehöften. Aus der De-          seine Gründe, die Männer nicht zu töten.
ckung einer Baumgruppe ist zu sehen,           Und zugleich die Botschaft zu hinterlas-
wie der Hubschrauber ein paar hundert          sen: Ich weiß, dass ihr da drin seid!
Meter entfernt plötzlich herabstößt, vier         Letztlich weiß niemand, was in ihm
Raketen abfeuert und noch eine Runde           vorgegangen sein mag an diesem 10. Juni
dreht, die Seite leicht geneigt, damit der     über dem Dorf Harbal bei Aleppo, der
MG-Schütze in die reifen Weizenfelder          Metropole Nordsyriens. Aber Chals Män-
feuern kann, bevor er im milchigen Dunst       ner wissen, dass sie nun tot wären, hätte
des Horizonts verschwindet.                    er anders entschieden. In Schlangenlinien
   Dünne Rauchwolken steigen auf, ein          fahren sie davon.
Feld brennt, und elf etwas benommene              Es ist ein seltsamer Moment in dieser
Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“           Mischung aus Alptraum und Auflösung
(FSA) kommen aus einem Haus auf die            in Syrien. Nach 15 zermürbenden Mona-
Straße, in der säuberlich nebeneinander        ten des Aufstands gegen die Diktatur, ei-
drei Einschlagkrater rauchen. Die vierte       nem Aufstand, der zum Krieg geworden
Rakete traf die massive Steinmauer des         ist, gibt es kein einheitliches Bild der Lage
Grundstücks. Keine aber traf das Haus,         im Land mehr.                                   Von Schabiha-Söldnern Erschossener in der Provinz
keine das auffällige Fahrzeug der Gruppe,         Auf der einen Seite steht die Apoka-
das danebenstand. Der Kommandeur bit-          lypse: Milizen des Regimes ziehen mor-          listen – ebenso wie mehrere Soldaten und
tet, es nicht näher zu beschreiben, „wir       dend durch Dörfer, flankiert von Regie-         Kämpfer beider Seiten im Gefecht.
haben kein anderes“.                           rungstruppen und den Männern der „Si-              Aber zugleich zielt ein Pilot daneben,
   Sie nutzen denselben Transporter seit       cherheitsdienste“, die Befehle erteilen.        desertieren Soldaten, die niemand mehr
sechs Monaten. „Der Pilot muss ihn ge-         Die vergangene Woche erschienenen Be-           aufhält, dreht sich hinter der Kulisse der
sehen haben“, sagt Chal, der Anführer,         richte der Uno und von Amnesty Inter-           Kämpfe ein Räderwerk diskreter Warnun-
der eigentlich Innendekorateur ist: „War-      national schildern Folter, Hinrichtungen        gen und Absprachen, zahlen die Unter-
                                               und den Einsatz von Kindern als mensch-         nehmer in Aleppo an das Regime und an
                                  TÜRKEI       liche Schutzschilde.                            die Aufständischen, entführt die FSA Of-
                                                  Mehrere vom SPIEGEL unabhängig               fiziere und Angehörige der Folterkom-
                                               voneinander befragte Ärzte und Pfleger          mandos, um sie gegen Gefangene auszu-
     Rebellen-       Aasas                     zweier Militärkrankenhäuser berichten           tauschen. Der Terror des Regimes führt
     gebiet in                   Dabik         von der Ermordung verletzter Patienten.         zur Auflösung seiner Macht.
     der Provinz              Maraa            Und von Leichen der Gefolterten in den             Alle sind sich sicher, dass es zu Ende
     Aleppo                 Harbal             Kühlräumen, denen Ohren und Nase ab-            geht, aber keiner weiß, wie. Der Staat
                                               geschnitten worden waren.                       hat schon vor Monaten aufgehört zu exis-
                   Aleppo         SYRIEN          Im Norden, von der Artillerieschule          tieren in der Ebene von Maraa, den Dör-
                                               Aleppos aus, werden Dörfer in Reichweite        fern und Weizenfeldern zwischen Aleppo
                                               der Geschütze seit Anfang Juni wahllos          und der türkischen Grenze. Gelegentlich
                                               unter Beschuss genommen sowie von Hub-          schickt er noch erratische Meldungen wie
     30 km                                     schraubern und Kampfjets angegriffen. Al-       jene von Ende Mai, dass Bauten ohne Ge-
                               SYRIEN          lein in den Tagen um den 10. Juni sterben       nehmigung rückwirkend legalisiert wür-
                                               nördlich von Aleppo zwei Dutzend Zivi-          den, ansonsten schickt er Granaten.
82                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL
Aleppo: Alle sind sich sicher, dass es zu Ende geht, aber keiner weiß, wie

       Doch während im Süden und Westen           Wo es doch „ohne ihn im Moment leich-             „Natürlich“, beteuern die einen, „sie
    der Ebene die Bewohner aus dem Radius         ter ist als unter der Diktatur“, wie einer     hat doch niemandem etwas getan!“ Härte
    der Geschütze fliehen, während die SPIE-      in der Runde befindet.                         in den Gesichtern der anderen: „Sie ha-
    GEL-Reporter im Ort Aasas erleben, wie           Sie haben nicht viel gesehen von der        ben zu viel Blut an den Händen.“ Nicht
    Hubschrauber wahllos in Wohnhäuser            Welt, aber kennen die Horrorgeschichten        die Lehrerin, nein, aber „… die anderen“.
    feuern und Scharfschützen der Armee           irakischer Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg.       Es gibt keine Einigung. Ebenso wenig
    von den Minaretten der zentralen Mo-          Manche waren als Gastarbeiter im Liba-         über eine andere Frage, über die nicht
    schee aus die halbe Stadt terrorisieren,      non, erzählen davon, wie sich die religiö-     nur an diesem Abend, sondern von Daraa
    treffen sich nur wenige Kilometer ent-        sen Lager dort gegenseitig blockieren. Alle    im Süden bis hierher seit Monaten gestrit-
    fernt im Dorf Dabik die Abgesandten von       sind sich einig: „Wir brauchen eine zivile     ten wird: „Wir sind der FSA sehr dankbar,
    neun Ortschaften, um zum ersten Mal in        Verfassung.“ Parlamentskandidaten sollten      dass sie uns beschützt“, versucht es einer
    ihrem Leben über das Syrien der Zukunft       nach Leistung, nicht nach religiöser Her-      diplomatisch, „aber wir wollen nicht, dass
    zu debattieren.                               kunft ausgewählt werden. Ein Präsident         sie die Macht übernimmt!“ Der Soldat
       Im verwaisten Büro der einst nominell      nicht länger als acht Jahre amtieren dürfen.   ist beleidigt.
    herrschenden Baath-Partei kommen 32              „Und jeder Amtsträger muss seine Ver-          Da sei ein Unbehagen über die rasant
    Männer zusammen: mehrere Lehrer, ein          mögensverhältnisse offenlegen“, fordert        wachsende Macht der Kämpfer, wird Jas-
    Ingenieur, zwei Bauarbeiter, ein Fotograf,    der Ex-Polizeioffizier, „wir müssen auf-       sir al-Hadschi, der Moderator des Abend-
    ein Ex-Polizeioffizier, zwei desertierte      passen, dass die ehrlich bleiben.“             experiments, auf dem Rückweg nach Ma-
    Soldaten, ein Arbeitsloser, ein paar Stu-        Ins Stocken gerät der zarte Aufbruch,       raa erzählen: „Wir brauchen sie, unbe-
    denten. „Was wollen wir?“, lautet die Fra-    als einer die Frage aufwirft, ob die einzige   dingt, und wir fürchten sie.“ Bis Ende Au-
    ge, die in Variationen durch den Abend        alawitische Familie einer Lehrerin, die        gust vergangenen Jahres sei die Staatssi-
    mäandert: Einen islamischen Staat? Eine       vor Monaten fortgegangen ist, zurück-          cherheit nach Belieben in den Ort gekom-
    Bürgerrepublik? Überhaupt einen Staat?        kommen sollte.                                 men, um Menschen zu verhaften. Nun
                                                         D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                          83
Ausland

                                                                                                                         komme nicht einmal mehr die Armee
                                                                                                                         nach Maraa, die am 10. April ein letztes

                 Männer mit Knüppeln
                                                                                                                         Mal einrollte, Häuser niederbrannte, Ha-
                                                                                                                         dschis Café mit MG-Salven verwüstete
                                                                                                                         und nach einem halben Tag wieder ab-
                                                                                                                         zog – die Panzer beladen mit Teppichen,
      Wer steht hinter dem Massaker von Hula? Truppen des Assad-                                                         Matratzen, Kühlschränken. Graffiti stan-
                Regimes oder Angehörige der Opposition?                                                                  den an den Mauern, darunter: „Ihr
                                                                                                                         braucht keine Freiheit, sondern eure Mut-


     E
           s war der Nachmittag des 25.      Männer in Zivil – sich auf dem Hügel                                        ter muss mal wieder gefickt werden!“ Ge-
           Mai, der Tag, an dem der Ort      sammelten und in den Ortsteil Taldu                                         zeichnet: „S.M.F.“ Syrian Military Forces.
           Hula bei Homs weltbekannt         liefen. Unmittelbar zuvor hatte der                                            Ein letzter Gruß des Staates, dessen
     wurde, als Synonym für die Grausam-     Granatenbeschuss der Armee auf Hula                                         Repräsentation nun Kommandeur Chal,
     keiten des syrischen Regimes, als       aufgehört.                                                                  der Innendekorateur, und andere lokale
     Schauplatz eines Massakers, bei dem        Ein anderer Zeuge, der nur seinen                                        Führer der FSA langsam übernehmen.
     108 Menschen starben, vor allem Kin-    Vornamen Saria angibt, beschreibt                                           Das „Komitee der Sozialdienste“, das
     der und Frauen.                         zwei große, weiße Busse und mindes-                                         den Dieselpreis kontrolliert, die Feuer-
        In den letzten Tagen legten deut-    tens drei größere Autos. Auch er sah                                        wehr, die Stadtverwaltung: alles Teil der
     sche Medienberichte nahe, Aufständi-    Soldaten in Uniform, Geheimdienstler                                        neuen Armee, über deren Namen sich
     sche hätten das Massaker verübt und     mit Waffen und Männer in Trainings-                                         Hadschi mokiert: „Freie Armee, aber
     anschließend Assads Truppen dafür       anzügen und Alltagskleidung, die Ma-                                        was soll das heißen, frei? Frei, zu tun,
     verantwortlich gemacht. Berichte von    cheten und Knüppel bei sich trugen.                                         was sie wollen?“
     Augenzeugen, mit denen der SPIE-           In die Häuser seien nur diese Män-                                          Es ist eine Gratwanderung, und kaum
     GEL nun sprach, ergeben ein anderes     ner gegangen. Ob es sich bei ihnen tat-                                     irgendwo wird sie deutlicher als im im-
     Bild: Aiman Hassan Abd al-Rassak,       sächlich um Schabiha-Milizionäre aus                                        provisierten Gefängnis von Maraa, einem
     Bauer und Überlebender des Massa-       Fula und alawitischen Nachbardörfern                                        ehemaligen Verwaltungsgebäude. Dem
     kers, sah an jenem Tag, kurz vor 17     handelt, lässt sich nicht beweisen. Es                                      Ort, wohin vor allem jene gebracht wer-
     Uhr, wie auf dem Hügel des Dorfes       liegt aber nahe, da sie zu Fuß in das                                       den, die gefoltert, getötet, vergewaltigt
     Fula, einen halben Kilometer südlich,   Dorf auf dem Hügel gekommen wa-                                             haben. Die man entführt oder festgenom-
     Busse des syrischen Militärs ankamen.   ren.                                                                        men hat, je nach Blickwinkel, nachdem
     60 bis 70 Männer in Uniform mar-           Auch andere Aussagen sprechen ge-                                        sie von Zeugen, durch Videos oder Fotos
     schierten auf sein Dorf zu, begleitet   gen die jüngsten Schilderungen, pu-                                         belastet wurden.
     von etwa 200 Männern in Zivil.          bliziert unter anderem in der „FAZ“,                                           Ein übergelaufener Feldwebel und
        Da er bereits zweimal in den Mona-   denen zufolge Angehörige der Oppo-                                          Hüne mit Spitznamen Dschanbu ist hier
     ten zuvor verhaftet worden war, ver-    sition für das Massaker verantwortlich                                      verantwortlich. Nach langen Verhandlun-
     steckte er sich zwischen Büschen und    seien. Denn, anders als berichtet, le-                                      gen dürfen wir die beiden Gefangenen
     Feldern. Und so musste er mit anhö-     ben in Hula nur Sunniten und keine                                          sehen: einen Schabiha-Spitzel, der als Phi-
     ren, wie Minuten später seine Familie   regimetreuen schiitischen Konver-                                           losophiestudent seine Kommilitonen an
     ermordet wurde – seine Frau und die     titen.                                                                      die Geheimdienste verriet, und einen Sol-
     fünf Kinder.                               Warum aber sollten die Aufständi-                                        daten, der weibliche Gefangene verge-
        Zwei weitere Augenzeuginnen,         schen ein Massaker an ihren eigenen                                         waltigt, männliche mit Knüppeln erschla-
     Umm Schaalan Abd al-Rassak und Sa-      Gefolgsleuten verüben, die im Übri-                                         gen haben soll.
     mira Suwai, beobachteten ebenfalls,     gen unter Anteilnahme von Sunniten                                             Doch zuvor mündet eine Erklärung
     wie die beiden Gruppen – Militärs und   aus Hula begraben wurden?                                                   Dschanbus, dass man ein Rechtssystem
                                                                                                                         aufbauen wolle, in dem kurzen Resümee:
                                                                                                                         „Letztlich können wir sie nur freilassen
                                                                                                                         oder töten.“ Ungefähr hundert seien in
                                                                                                                         sieben Monaten freigelassen worden.
                                                                                                                           „Und getötet?“
                                                                                                                           „Wenige.“
                                                                                                                           „Wie viele?“
                                                                                                                           „Sehr wenige.“
                                                                                                                           „Werden die Gefangenen geschlagen?“
                                                                                                                           „Nein. Also, na ja, nur Falaka“,
                                                                                                                         schmerzhafte Schläge mit einem Stock
                                                                                                                         auf die Fußsohlen. „Auch Elektro-
                                                                                                                         schocks?“, fragt ein mitgekommener Sy-
                                                                                                                         rer beiläufig. Dschanbu explodiert:
                                                                                                                         „Nein! So was machen wir nicht! Wir sind
                                                                                          SHAAM NEWS NETWORK / REUTERS




                                                                                                                         nicht wie die, wir foltern nicht!“
                                                                                                                           „Aber was ist denn Falaka, wenn nicht
                                                                                                                         Folter?“ Er schaut einen Moment ruhig,
                                                                                                                         sammelt sich: „Weißt du, was sie mit
                                                                                                                         mir gemacht haben? Nicht nur Falaka.“
                                                                                                                         Dschanbu wurde monatelang vom Luft-
                                                                                                                         waffengeheimdienst mit Schlägen und
     Massengrab in Hula: 60 bis 70 Männer in Uniform marschierten auf das Dorf zu                                        Stromstößen malträtiert, „bis ich nicht
                                                                                                                         mal mehr meine Pisse kontrollieren konn-
                                                                                                                         te“. Dass er freikam, verdankt er einem
84                                                D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
„Was geschah dann?“
                                                                                                                              „Haben wir sie bis zum Ende geschla-
                                                                                                                            gen. Bis sie tot waren.“
                                                                                                                               Ein Gericht werde über ihn urteilen,
                                                                                                                            sagen seine Wächter. „Man katal, juktal“,
                                                                                                                            zitieren sie das Verdikt der Geistlichen:
                                                                                                                            Wer getötet hat, wird getötet. Warum das
                                                                                                                            unmenschlicher sein soll, als im Kampf
                                                                                                                            zu töten, können sie nicht nachvollziehen.
                                                                                                                               Aber ganz so einfach ist es nicht. Sonst
                                                                                                                            hätten sie den Mann längst erschossen.




                                                                                            VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL
                                                                                                                            Sie erleben ja selbst, welche Reaktionen
                                                                                                                            die Gewalt der anderen Seite bei ihnen
                                                                                                                            auslöst. „Wir dürfen nicht mit Leichtigkeit
                                                                                                                            töten“, sagt Jassir und erklärt, warum sie
                                                                                                                            im Dorf nebenan eine Familie dulden, de-
                                                                                                                            ren drei Söhne sich als Schabiha-Söldner
                                                                                                                            verdingten: „Wir hatten gehofft, dass sie
Kommandeur der Freien Syrischen Armee in Maraa: „Wir foltern nicht“                                                         einfach aufhören würden.“
                                                                                                                               Ein tragischer Irrtum. An einem Don-
                                                                                                                            nerstag wollen die drei den Minibus nach
                                                                                                                            Aleppo nehmen – um die dortigen Frei-
                                                                                                                            tagsdemonstranten niederzuschlagen, die
                                                                                                                            weiterhin friedlich sind. Es gehört zum
                                                                                                                            Irrsinn dieses Krieges, dass die drei Söld-
                                                                                                                            ner mitten im Aufstandsgebiet voll be-
                                                                                                                            waffnet aus Kostengründen den Bus neh-
                                                                                                                            men wollen.




                                                                                            VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL
                                                                                                                               Ein Posten der FSA verlangt ihre Aus-
                                                                                                                            weise. Es kommt zum Streit, zwei der Scha-
                                                                                                                            biha-Männer ziehen Pistolen, aber die
                                                                                                                            Freie Syrische Armee ist schneller und tötet
                                                                                                                            sie. Der dritte will eine Handgranate in
                                                                                                                            einen halbvollen Minibus werfen, ein Mann
                                                                                                                            neben ihm versucht, ihn festzuhalten. Der
Sitzung eines politischen Komitees in Dabik: „Wir brauchen eine zivile Verfassung“                                          Söldner stopft ihm die Handgranate ins
                                                                                                                            offene Hemd, reißt den Sicherungsstift
gefangenen alawitischen Oberst, der ge-         „Ein Befehl. Wir sollten die Frauen ver-                                    heraus und springt im letzten Moment zur
gen ihn ausgetauscht wurde.                   gewaltigen, die sie hereinbrachten. Beim                                      Seite. Die Explosion zerreißt den völlig Un-
   Ein schmächtiger Mann wird in den          ersten Mal waren es drei, sie wurden zu-                                      beteiligten in Stücke. Es braucht später
Aufenthaltsraum des Gefängnisses ge-          vor betäubt. Die Sicherheitsleute zogen                                       einen ganzen Eimer Sand, um abzudecken,
führt. Er ist 21, aus Hasaka im Nordosten,    sie aus, haben sie als Erste vergewaltigt.                                    was sie nicht zu Grabe tragen.
er nennt seinen Namen und sagt, er sei        Dann waren wir dran, in zwei Schichten,                                          Doch in der Eile haben sie so viel über-
im vergangenen Sommer bei den Angrif-         und die Männer von der Sicherheit haben                                       sehen, dass jemand eine leere Kleenex-
fen der Armee auf die Städte Dschisr al-      zugeschaut. Sie haben gesagt, sie erschie-                                    schachtel aufhebt und einzusammeln be-
Schughur und Idlib dabei gewesen.             ßen uns, wenn wir es nicht tun.“                                              ginnt, was über die ganze Kreuzung ver-
   Er weiß, was damals passiert ist, er be-      Wie konnte er da Sex haben?                                                streut liegt: Knochensplitter, Eingeweide,
ginnt zu erzählen. Kein Journalist kann         „Das erste Mal war es schwierig, aber                                       etwas Hirn, das er behutsam mit einem
vollständig überprüfen, ob er die Wahr-       danach ging es.“ Die Frauen seien jung                                        Taschentuch vom Asphalt tupft. Ein an-
heit sagt oder nur durch Geständigkeit        gewesen, so ausgewählt, dass keine Ver-                                       derer verspricht, die volle Schachtel zum
seine Haut retten will.                       wandten mitgefangen waren, die nach ih-                                       Friedhof zu bringen. Beim Aufbruch
   Doch seine Angaben sprechen für die        nen hätten fragen können.                                                     kommt ein Greis, der still mitgesucht hat-
Richtigkeit des Geschilderten. Er kennt         „Und dann?“                                                                 te, nun ein Fragment vom Schädel fest-
auf Nachfrage die taktischen Details der        „Wurden sie weggebracht.“                                                   hält und nicht weiß, wohin damit.
Angriffe, er kann im Detail beschreiben,        „Wohin?“                                                                       Alle sind in Eile, fahren davon, irgend-
wie die Zuckerfabrik von Idlib innen aus-       „Weg.“                                                                      wo in der Ferne wird schon wieder ge-
sah: das Folterzentrum der Armee, das            Elfmal sei er dabei gewesen, „erst such-                                   schossen, und so bleibt der alte Mann al-
vor einem Jahr Hunderte Menschen le-          ten sie Frauen unter den Gefangenen aus,                                      lein in der Mitte der Kreuzung stehen.
bend betraten, die seither verschwunden       dann nahmen sie welche an den Check-                                          Stumm schaut er den anderen nach, ein
sind.                                         points mit“.                                                                  Stück Schädeldecke wie zum Gruß in der
   Niemand mischt sich ein, über Stunden        „Und die Männer?“                                                           erhobenen Hand.
geht es um kleinste Details, in der Summe       „Je 20 von ihnen wurden in einen
deckt sich seine Erzählung mit den Aus-       Raum gebracht, wir waren 150 mit Knüp-
sagen anderer Zeugen.                         peln. Der Oberst sagte, jene, über die es                                                      Video:
  „Der Oberst des Militärgeheimdienstes       eine Akte gebe, wolle er lebend haben.                                                         Christoph Reuter über
wählte mich und 14 andere aus für die         Die anderen sollten wir bis zum Ende                                                           ein Land im Krieg
Operation ,Belohnung‘, aber es war ein        schlagen.“                                                                                     Für Smartphone-Benutzer:
Befehl.“                                        „Und dann?“                                                                                  Bildcode scannen, etwa mit
  „Was verbarg sich dahinter?“                  „Ja.“                                                                                        der App „Scanlife“.
                                                    D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                             85
AAMIR QURESHI / AFP (L.); DPA (R.)


Regierungschef Erdogan mit Ehefrau, Popstar Madonna bei ihrem Konzert in Istanbul am 7. Juni: „Wir werden eine religiöse Generation heranziehen“

                                                                                                                              Die Türken, die Erdogan im vergange-
                                        TÜRKEI                                                                             nen Jahr zum dritten Mal in Folge zum


          Einfach frauenfeindlich
                                                                                                                           Regierungschef machten, wussten, wor-
                                                                                                                           auf sie sich einließen. Hatte der ehemali-
                                                                                                                           ge Oberbürgermeister von Istanbul nicht
                                                                                                                           schon 1994 einer Mitarbeiterin erklärt,
                                                                                                                           dass Frauen niemals in den engsten Füh-
          In seiner dritten Amtszeit strebt Ministerpräsident                                                              rungskreis der Politik gehen dürften, weil
     Erdogan offen eine geistig-kulturelle Wende an. Nun mischt er                                                         dies „wider die menschliche Natur“ sei?
                                                                                                                              Ein Politiker, der weibliche Selbstbe-
            sich auch noch in die Abtreibungsdebatte ein.                                                                  stimmung als „feministische Propaganda“
                                                                                                                           abtut, ist in der Türkei nichts Besonderes,


S
      echs Buchstaben, wenige Zentime-         nennen, schlug ihm eine Tageszeitung                                        er findet Zuspruch bei breiten Wähler-
     ter groß, auf nackte Haut geschrie-       daraufhin vor.                                                              schichten, nicht nur bei konservativen
     ben – das war Madonnas Beitrag               2010 lud er die Vertreterinnen von Frau-                                 Muslimen. Und trotzdem: Die Türkei ist
zum türkischen Kulturkampf.                    enorganisationen in den Dolmabahçe-Pa-                                      nach wie vor der modernste Staat unter
  „No fear“ stand auf ihrem Rücken, kei-       last in Istanbul ein und bekannte: „Ich                                     allen mehrheitlich muslimischen, ein
ne Angst, und wer das bei ihrem Istan-         glaube nicht an die Gleichheit von Mann                                     Land, in dem sich das Bruttoinlandspro-
bul-Konzert am 7. Juni sah, der verstand       und Frau.“                                                                  dukt seit Erdogans Amtsantritt um mehr
die Botschaft: keine Angst vor den Fein-          Und ein Jahr später, zum Weltfrauen-                                     als die Hälfte und das Pro-Kopf-Einkom-
den der Freiheit, vor Patriarchen, Spie-       tag 2011, sprach Erdogan über Gewalt ge-                                    men um mehr als ein Drittel erhöht hat,
ßern, Sittenwächtern. Auf der Bühne ent-       gen Frauen und über Statistiken, nach                                       eine Wachstumsmaschine und Regional-
blößte die Sängerin ihre Brust, auch das       denen sogenannte Ehrenmorde in der                                          macht – und all das, seit ein sich geläutert
wohl eine solidarische Geste.                  Türkei von 2002 bis 2009 um das 14fache                                     gebender Islamist im März 2003 die
  Seit Wochen demonstrieren Tausende           zugenommen hätten. Doch das, so der                                         Macht ergriff.
Frauen gegen die Regierung von Minis-          Premier, habe ja nur damit zu tun, dass                                        Viele liberale Türken gingen damals ei-
terpräsident Recep Tayyip Erdogan, 58,         mehr Morde gemeldet würden – grund-                                         nen Pakt mit ihm ein, weil sie einen ge-
der angekündigt hat, gegen Abtreibungen        sätzlich gebe es weniger Gewalttaten ge-                                    meinsamen Feind hatten: das verkrustete
und Kaiserschnitt-Geburten vorzugehen.         gen Frauen.                                                                 Establishment aus Militär, Justiz und Bü-
Seither ist eine Debatte um die Rolle der         Sie sei „fassungslos“ gewesen, erzählt                                   rokratie. Erdogan versprach den Libera-
Frauen in der Türkei entbrannt. Nicht          eine Zuhörerin. „Einfach frauenfeindlich“                                   len im Gegenzug, ihren Lebensstil zu re-
zum ersten Mal.                                sei der Vortrag gewesen, „eine unerträg-                                    spektieren.
  Schwer zu sagen, wann genau es sich          liche Augenwischerei“.                                                         Doch inzwischen mehren sich die An-
Erdogan mit der Frauenbewegung ver-               Kein Zweifel: Der türkische Minister-                                    zeichen, dass der Ministerpräsident das
scherzt hat.                                   präsident ist ein zutiefst konservativer                                    Versprechen gebrochen hat. „Es geht
  2008 hatte er in der Provinzstadt Uşak       Mann. Sein Frauenbild ist traditionell, sei-                                nicht darum, dass Erdogan die Türkei in
eine Rede zum Weltfrauentag gehalten           ne Vorstellung von Familienpolitik patri-                                   einen Gottesstaat verwandeln will“, sagt
und den „lieben Schwestern“ im Publi-          archalisch. Die Erwerbstätigenquote der                                     die Istanbuler Soziologin Binnaz Toprak,
kum geraten, mindestens drei, am besten        Frauen in der Türkei liegt derzeit bei 29                                   „es geht um das, was die Amerikaner ,So-
fünf Kinder zu gebären. Warum nicht den        Prozent – das ist der niedrigste Wert aller                                 cial Engineering‘ nennen – die Verände-
Weltfrauentag in „Weltgebärtag“ umbe-          OECD-Staaten.                                                               rung gesellschaftlicher Strukturen.“
86                                                   D E R   S P I E G E L                                 2 5 / 2 0 1 2
Ausland

                                             AKP hat das Religionsamt „Diyanet“ zur        mal der Menschlichkeit“ abgerissen wur-
                                             Superbehörde gemacht: Ihr Budget über-        de, weil es dem Premier nicht gefiel.
                                             trifft mit 1,3 Milliarden Euro das des tür-      Auch mit Say wird abgerechnet. Der
                                             kischen EU-Ministeriums, des Außen-,          bekennende Atheist hatte ein Gedicht des
                                             des Energie- und des Umweltministe-           mittelalterlichen persischen Dichters
                                             riums zusammen. Auf 350 Menschen in           Omar Chajjam getwittert: „Du sagst, dass
                                             der Türkei kommt mittlerweile eine Mo-        der Wein in den Bächen sprudelt, ist denn
                                             schee – auf 60 000 ein Krankenhaus.           das Paradies eine Kneipe? Du sagt, dass
                                                Beispiel Kunst. Ende April bekam Er-       du jedem Gläubigen zwei Jungfrauen
                                             dogan wieder einen seiner gefürchteten        geben wirst, ist das Paradies denn ein
                                             Ausbrüche – diesmal wütete er gegen die       Bordell?“
                                             „despotische Arroganz“ der Intellektuel-         Der Pianist wurde schließlich angeklagt
                                             len: „Woher nehmt ihr euch das Recht,         wegen „Beleidigung der Religion“. Das
                                             zu jedem und allem eine Meinung zu äu-        überrasche ihn nicht, sagte Say. In diesem
                                             ßern? Habt ihr ein Monopol auf die Thea-      Land, dessen Regierungschef Erdogan
                                             ter in diesem Land? Ist die Kunst euer        einst das Ballett abschaffen wollte, über-
                                             Monopol? Diese Tage sind vorbei.“             rasche ihn gar nichts mehr.
                                                Schauspieler hatten gegen die Order           Und nun also hat der Premierminister
                                             demonstriert, ein Theaterstück vom Spiel-     die Abtreibungsdebatte entdeckt. Das
                                             plan zu streichen, das den Behörden „zu       kam unerwartet, die Türkei hatte bislang
                                             vulgär“ erschien. Erdogan kündigte dar-       keinen Diskussionsbedarf zum Thema.
                                             aufhin an, sämtliche staatliche Bühnen        Eine relativ liberale Regelung, die Abtrei-
                                             zu privatisieren.                             bungen bis zur zehnten Woche erlaubte,
                                                Der Ministerpräsident hatte ohnehin        empörte niemanden, selbst islamische Ge-
                                             eine Rechnung mit ihnen offen. Seine          lehrte nicht. Der Premier solle sich nicht
                                             Tochter Sümeyye war im April 2011 mit         als „Hüter der Vagina“ gebärden, riefen
                                             einem Schauspieler aneinandergeraten:         aufgebrachte Demonstrantinnen.
                                             Der Mann hatte ihr von der Bühne zuge-           Was war der Anlass für Erdogans Vor-
   Beispiel Erziehung. „Wir werden eine      zwinkert und ihr Kaugummikauen imi-           stoß? War es der womöglich größte Skan-
religiöse Generation heranziehen“, sagte     tiert. Die junge Erdogan stürmte darauf-      dal seiner Amtszeit, von dem er ablenken
der Ministerpräsident im Frühjahr, da ver-   hin aus dem Saal und beschwerte sich          wollte? Im Dezember hatte die türkische
abschiedete seine Regierung gerade eine      beim Vater; der Schauspieler wurde spä-       Luftwaffe bei einem Angriff auf mutmaß-
neue Bildungsreform. Statt acht soll es      ter vorgeladen.                               liche PKK-Kämpfer 34 unschuldige Zivi-
künftig zwölf Jahre Schulpflicht in der         Der autoritäre Umgang Erdogans mit         listen getötet. Das Massaker nahe der Ort-
Türkei geben, doch das sieht nur auf den     Künstlern hat schon fast sultaneske Züge,     schaft Uludere wurde von vielen Medien
ersten Blick fortschrittlich aus: Schon      ein falsches Wort kann den Untergang          totgeschwiegen.
nach vier Jahren können Eltern ihre Kin-     besiegeln.                                       Als Erdogans Kritiker ihm wegen der
der auf Berufsschulen schicken, zu denen        „Es wird zunehmend schwieriger, in         Bombardierung Vorwürfe machten, wehr-
auch die religiösen Imam-Hatip-Schulen       der Türkei zu denken und zu leben, wie        te sich der Ministerpräsident auf seine
zählen. Die letzten vier Pflichtjahre kön-   man das möchte“, sagt der weltbekannte        Weise: „Ihr redet immer von Uludere –
nen sogar in Form von Fernkursen absol-      Pianist Fazil Say. „Die Türkei wird immer     Jede Abtreibung ist wie ein Uludere!“ 34
viert werden.                                religiöser“, sagt der Schriftsteller Nedim    tote Kurden für einen abgetriebenen Fö-
   Erdogans „religiöse Generation“ darf      Gürsel. „Diese Politik führt das Land in      tus, auf diese Gleichung musste erst ein-
sich schon jetzt über eine gutausgebaute     den Totalitarismus“, sagt der Bildhauer       mal jemand kommen.
Infrastruktur des Glaubens freuen. Die       Mehmet Aksoy, dessen Skulptur „Denk-                                   DANIEL STEINVORTH
Ausland




                                                                                                                                     GIUSEPPE LAMI / PICTURE ALLIANCE / DPA
  Abgeordnete im italienischen Parlament




                                                               E S S AY




                                  Schläger in Zivil
     In Zeiten großer Krisen wird die Trennwand zwischen Zivilisation und Barbarei gefährlich dünn.
                                          Von Ullrich Fichtner



I
    m Palazzo Pubblico von Siena ist der berühmte Saal des            und in der Kampfarena ausgetragen werden, bis – ganz unmeta-
   Friedens mit allegorischen Fresken der guten und der               phorisch – Blut fließt und der Gegner am Boden liegt. Es sind
   schlechten Regierung geschmückt. Der Maler, Ambrogio               Bilder von heute, aus nahen und fernen Parlamenten, Bilder
Lorenzetti, setzte sie vor fast 700 Jahren ins Werk, und ihre         aus aufgewühlten Zeiten.
Betrachtung wird sich immer lohnen: Die Wandbilder zeigen,               Italien erlebte im vergangenen Winter einen Tiefpunkt seiner
wie Länder aufblühen, wenn Frieden, Gerechtigkeit, Mäßigung           moderneren Geschichte und der ausklingenden Ära Berlusconi,
und Klugheit regieren, sie sind bei Lorenzetti lässige junge          als einige Parlamentarier nicht mehr reden wollten, sondern
Frauen in prächtigen Gewändern an der Seite des Königs. Glau-         nur noch schlagen konnten. Das lässt sich als Ausrutscher abtun,
be, Liebe, Hoffnung schweben über ihnen, und die Eintracht            als Szene aus der fortlaufenden menschlichen Komödie, es
mit besticktem Gewand und Goldreif im Haar reicht das Band            ließe sich aber auch als Symptom für Schlimmeres bewerten.
der Gerechtigkeit an die Bürger weiter.                                  In diesen Zeiten der chronischen ökonomischen Krise, in
   Die schlechte Regierung hat Lorenzetti mit schrägen Gestal-        denen ratlose Regierungen und ein entgrenztes Finanzsystem
ten besetzt, der König trägt teuflische Hörner, seine Beraterin-      überall Verlierer in Scharen produzieren, wachsen die Gefah-
nen sind Krieg, Aufruhr und Unterdrückung, und die hässliche          ren für die zivile Gesellschaft. Nach Jahrzehnten des Redens
Zwietracht unterhöhlt das Gemeinwohl. Es ist die Sprache, die         über den Verdruss an der Politik ist dieser Verdruss nun vie-
auch die hier gezeigten Bilder sprechen. Sie reden vom Ende           lerorts mit Händen zu greifen und will sich in Aktionen Bahn
der Argumente und vom Beginn des Faustrechts. Sie reden               brechen. In Teilen Europas ereignen sich Szenen, die aus Zei-
von Krisen, die mit zivilen Mitteln nicht mehr zu bewältigen          ten zu stammen scheinen, in denen Kriege noch jederzeit
sind, von Streitereien, die den Raum des Politischen verlassen        denkbar waren.
88                                                D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Fernsehstudio in Athen




                                                                                                                                         ANTENNA TV / AFP R.O.); BURHAN OZBILICI / AP (R.U.); JOERN HAUFE / DAPD (R.)
  Parlament in Ankara                                                       Sächsischer Landtag in Dresden


   Im sächsischen Landtag traten vergangene Woche die acht            mokratie, dann in der Regel nur, um sich wichtig zu machen und
völkischen Vertreter der NPD in Thor-Steinar-Hemden auf,              die demokratischen Prozesse zu behindern. Sie ziehen in die
um ihre Nähe zu neonazistischen Schlägern zu demonstrieren.           Parlamente ein mit dem Ziel, sie zu beschädigen, die Debatten
Es ist zweieinhalb Wochen her, dass ein griechischer Neonazi          dort so sinnlos zu verschärfen, bis womöglich die Fäuste fliegen.
in einer Talkshow seiner kommunistischen Gegnerin mit bar-               Deutschland hat im Laufe des 20. Jahrhunderts reichlich Er-
barischem Gestus mehrmals ins Gesicht schlug. Der Platz um            fahrung mit dem Verlust von Zivilisation gesammelt. Hier wur-
das griechische Parlament erinnert dieser Tage viel zu oft an         de offenbar, wie rasend schnell Armut und Abstiegsangst die
ein Schlachtfeld unversöhnlicher Interessen. Auch die Plätze          sicher geglaubten Werte einer Gesellschaft zerstören können.
Spaniens sind zu oft gefüllt mit jungen, wütenden Menschen.           Hier zeigte sich, dass ökonomische Krisen früher oder später
                                                                      immer politischer werden, die am Ende das ganze System be-


D
         ie Tonart in einigen Parlamenten, wo Extremisten wie- treffen können. Deutschland ist das Lehrbeispiel dafür, dass
        der Sitz und Stimme haben, wird schärfer, unziviler. der Weg zwischen Demokratie und Diktatur atemberaubend
        Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich hat ein Drit- kurz sein kann. Dass die Trennwand zwischen Zivilisation und
tel der Wähler für rechts- oder linksextreme Bewerber ge- Barbarei nur papierdünn ist.
stimmt, und die abgewählte „bürgerliche“ Regierung von Ni-               Und dass am Ende wohl doch das Sein das Bewusstsein be-
colas Sarkozy versuchte sich am Ende ganz kleinbürgerlich stimme, wie Karl Marx formulierte. Die Zahlen sprechen je-
mit fremdenfeindlichen Parolen im Amt zu halten.                      denfalls dafür. In der „Financial Times Deutschland“ stand
   In vielen anderen Ländern der näheren oder weiteren Nach- dies zu lesen: „Eine Studie der Wissenschaftler Markus Brück-
barschaft – in Ungarn, der Ukraine, Russland, in der Türkei ner und Hans Peter Grüner ergab, dass in 16 OECD-Ländern,
und der Slowakei – zeigen Regierungen und Volksparteien die zwischen 1970 und 2002 untersucht worden sind, ein Pro-
deutliche Neigung zu ungutem Nationalismus und gefährliche zentpunkt Wachstumsrückgang einherging mit einem Prozent-
Abneigung gegen das Programm einer freiheitlich-demokrati- punkt Anstieg beim Zuspruch für extremistische Parteien.“
schen Ordnung. Die populistisch-xenophobe Dänische Volks-                Das Wachstum in Europa ist in diesen Jahren schwach, auch
partei treibt in ihrer Heimat die politische Debatte an, dasselbe wenn Deutschland gerade etwas besser dasteht. Aber die Wirt-
gelingt dem islamophoben Geert Wilders in den Niederlanden, schaft vieler südlicher Länder schrumpft in beängstigendem
dessen Partei binnen wenigen Jahren von                                                      Tempo. Genauso schnell hat sich der Ton
0 auf jetzt 15,5 Prozent der Wählerstim-                                                     in der politischen Auseinandersetzung
men zugelegt hat. Die ungarischen Rechts-                      Video:                        verschärft. Diese Tendenzen werden sich
extremisten der Jobbik-Partei haben 16,7                       Wie, wo und warum             nach allem, was viele Ökonomen vorrech-
Prozent geholt, und so ließen sich weitere                     Politiker prügeln             nen, verschlimmern. Und es ist möglich,
Länder durchbuchstabieren.                                     Für Smartphone-Benutzer:      dass Bilder wie die hier gezeigten wieder
   Sitzen die systemfeindlichen Scharfma-                      Bildcode scannen, etwa mit    zur Galerie unseres täglichen Lebens
cher einmal in den hohen Häusern der De-                       der App „Scanlife“.           gehören werden.
                                                    D E R   S P I E G E L    2 5 / 2 0 1 2                                          89
Ausland

                                                 te, wer Maria Fekter ist: Da sprach sie in        Damals waren die Finanzminister der
                ÖSTERREICH                       den ORF-Spätnachrichten einen Satz aus,        Euro-Gruppe in Kopenhagen zusammen-


Wiener Schnauze
                                                 der Stunden später von Tokio über Hong-        gekommen, um den Rettungsschirm auf-
                                                 kong und Frankfurt bis an die Wall Street      zustocken. Nach dem Beschluss verließ
                                                 um die Erde ging. Auf die Frage, ob auch       Fekter den Saal. Kurz darauf sah Juncker,
                                                 Italien demnächst unter den europäischen       der sitzen geblieben war, auf dem iPad
  Mit unbedachten Äußerungen                     Rettungsschirm schlüpfen müsse, antwor-        eines Mitarbeiters, dass die Kollegin die
und gezielten Indiskretionen bringt              tete sie: „Es kann natürlich sein, dass es     draußen wartenden Journalisten bereits
  Finanzministerin Maria Fekter                  in Hinblick auf die hohen Zinsen, die Ita-     informiert hatte.
                                                 lien zahlt, zu Hilfsunterstützungen kom-          „Wie ich sehe, hat die Euro-Gruppe
 Europas Politiker gegen sich auf.               men kann.“                                     eine neue Sprecherin“, sagte er sarkas-
  Die Österreicher sind gnädiger.                   Ministerpräsident Mario Monti war so        tisch in die Runde. Fekter, inzwischen zu-
                                                 wütend, dass er am Dienstagmorgen ei-          rückgekehrt, dementierte: Das sei sie


E
       rinnert sich noch jemand an Josef         gens eine Pressekonferenz einberief. Es        nicht gewesen. Juncker zeigte ihr das iPad
       Klaus? An Fred Sinowatz, an Al-           sei „gänzlich unpassend, dass Exponen-         mit der Agenturmeldung.
       fred Gusenbauer? Und wie viele            ten von EU-Regierungen andere EU-Län-             Fekter darauf: „Ich habe doch nur wie-
Deutsche, wie viele Europäer wüssten             der ins Gerede bringen“, sagte er. Einen       derholt, was Wolfgang vor der Sitzung
auf Anhieb zu sagen, wie der derzeitige          Tag später waren die Zinsen für italieni-      vertreten hat.“ Juncker war fassungslos:
österreichische Bundeskanzler heißt?             sche Staatsanleihen von 5,86 auf 6,10 Pro-     Es sei doch wohl ein Unterschied, ob ein
   Die meisten Österreicher schmerzt es,         zent gestiegen.                                Minister (gemeint war Schäuble) vorher
dass die Schönheit ihres Landes weltweit            Monti ist nicht der Erste, den die Öster-   seine nationale Position vertrete oder je-
gepriesen und seine Künstler gefeiert wer-       reicherin so gegen sich aufbrachte. Jüngst     mand den formalen Beschluss aller Mi-
den – sich für seine führenden politischen       hielt sie dem neuen französischen Präsi-       nister ausplaudere. „Ich mach mich doch
Repräsentanten aber eigentlich niemand           denten François Hollande vor, seine fi-        nicht zum Idioten“, schimpfte er – und
interessiert. Nur zwei Nachkriegspolitiker       nanzpolitischen Vorschläge seien „Unsinn       sagte zum ersten Mal als Chef der Euro-
haben über Österreich hinaus bleibenden          und Rezepte von vorgestern“, schon Ende        Gruppe eine Pressekonferenz ab.
Eindruck hinterlassen: der Wiener Sozia-         März hatte sie Luxemburgs Premier Jean-           Dreist griff Fekter für die Erklärung von
list Bruno Kreisky, gestorben 1990, und          Claude Juncker schwer verärgert.               Junckers Empörung später zu einer Indis-
der Kärntner Rechtspopulist Jörg                                                                         kretion: Der Euro-Gruppen-Chef
Haider, tödlich verunglückt 2008.                                                                        habe an jenem Tag wegen eines
   Nun aber, seit Beginn der Euro-                                                                       Nierenleidens heftige Schmerzen
Krise, hat sich eine Figur aus der                                                                       gehabt. Das führte zu ungläubigem
blassen Riege der Wiener Volks-                                                                          Staunen in Brüssel – zu einem Kar-
vertreter gelöst, die auch auf eu-                                                                       riereknick Fekters in Wien führte
ropäischer Bühne wahrgenom-                                                                              es nicht. Im Gegenteil: Als sie am
men wird. Es ist, erfrischend bunt                                                                       Tag nach ihrem Italien-Interview
nach Jahrzehnten fader Männer-                                                                           gefragt wurde, wie sie denn darauf
politik, eine Frau: Maria Theresia                                                                       komme, dass Rom vielleicht auch
Fekter, 56, Unternehmerin, pro-                                                                          unter den Rettungsschirm müsse,
movierte Juristin, langjährige Ab-                                                                       tat sie unwissend wie ein paar Mo-
geordnete der Österreichischen                                                                           nate zuvor in Kopenhagen: Das
Volkspartei, von 2008 bis 2010 In-                                                                       habe sie so nie gesagt.
nen-, seither Finanzministerin.                                                                             Die Österreicher, von ihren
   Die schmückenden Attribute,                                                                           farblosen Politikern enttäuscht,
die sich Fekter seit ihren Anfän-                                                                        sind erstaunlich gnädig mit ihrer
gen als Gemeinderätin im ober-                                                                           lauten und schillernden Finanzmi-
österreichischen Attnang-Puch-                                                                           nisterin. In ihrer eigenen Partei,
heim erworben hat, zeugen vom                                                                            berichtet der Wiener „Kurier“,
steilen Aufstieg einer Karriere-                                                                         habe sie geradezu einen „Fan-
politikerin – und von der hämi-                                                                          club – unter jenen schwarzen
schen Kreativität ihrer Landsleu-                                                                        Kern-Truppen, die es ,den Sozis
te. Als „Doberfrau“, als „Maria                                                                          zeigen wollen‘“.
ohne Gnaden“ und als „Abschie-                                                                              Als die Ministerin vergangene
beministerin“ titulierten Zeitun-                                                                        Woche bei einer Diskussionsrun-
gen und Kollegen die Innenminis-                                                                         de des Wiener Wirtschaftsmaga-
terin Fekter; „Austro-Thatcher“                                                                          zins „Format“ versehentlich als
und „Alpen-Domina“ wird sie ge-                                                                         „Herr Fekter“ eingeladen wurde,
nannt, seit sie Finanzministerin                                                                         nahm sie den Ball gern auf: „Ich
ist. Ihr meistzitierter Beiname –                                                                        bin der einzige Mann in dieser Re-
„Schotter-Mitzi“ – geht auf ihre                                                                         gierung.“ Und als man sie fragte,
Herkunft als Tochter eines Kies-                                                                         ob sie nicht Kanzlerin werden
werk-Unternehmers zurück.                                                                                wolle, antwortete sie: „Wenn ich
   Sollte unter Europas Politikern,                                                                      mir den Gestaltungsspielraum des
Finanzhändlern und Währungs-                                                                             Kanzlers und des Vizekanzlers an-
spekulanten jemand noch nicht                                                                            schaue, bin ich lieber Finanzmi-
                                                                                                      BRAUERPHOTOS




von ihr gehört haben – seit vori-                                                                        nisterin.“
gem Montag weiß auch der Letz-                                                                              Der Name des Kanzlers? Wer-
                                                                                                         ner Faymann.
* Bei den Salzburger Festspielen 2009.   Ministerin Fekter*: „Der einzige Mann in dieser Regierung“                  CHRISTOPH SCHULT, BERNHARD ZAND

90                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Ausland




                                                                                                                                     MAJDI FATHI / APAIMAGES / POLARIS / STUDIO X
Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz am 5. Juni: „Die Entwicklung verläuft von schlecht zu schlimm“

                                                                                           Revolutionen. Viele der Richter wurden
                                     ÄGYPTEN                                               von ihm selbst ernannt. Der tiefe Staat,


                      Der tiefe Staat
                                                                                           das alte Regime mit Mubaraks Schergen
                                                                                           in Polizei, Geheimdienst und Justiz, er
                                                                                           hat den Aufstand überdauert.
                                                                                              Wenn Historiker eines Tages den End-
                                                                                           punkt der ägyptischen Revolution bestim-
Ist der Juristen-Putsch in Kairo das Ende des Arabischen Frühlings?                        men, dann könnte es dieser 14. Juni 2012
       Sollte der Übergang zur Demokratie am Nil scheitern,                                sein. Der Tag, an dem in Ägypten der
                                                                                           Übergang von der Diktatur zur Demo-
   könnte das auch Libyen und Tunesien in den Abgrund ziehen.                              kratie in den Rückwärtsgang trat.
                                                                                              Bis es Neuwahlen gibt, frühestens wohl


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        ie Panzerfahrzeuge sind wieder       fechtbar. Das ginge auch schwer, beide        in einem halben Jahr, herrscht nun wie-
        da. Sie stehen vor dem Verfas-       Urteile sind juristisch korrekt: Das vom      der der Militärrat. Damit wurde das bis-
        sungsgericht am Nilufer, diesem      Parlament verabschiedete Gesetz, wo-          her wichtigste Ergebnis der Revolution
größenwahnsinnigen Monument eines            nach ranghohe Mitglieder des alten Re-        zunichtegemacht: die ersten freien Wah-
modernen Pharao, davor Stacheldraht,         gimes wie Schafik nicht zu Wahlen an-         len. Auch der Entwurf einer Verfassung
Metallbarrikaden, Militärpolizei. Es sieht   treten dürfen, verstößt gegen den Gleich-     liegt nun in der Hand der Generäle.
als, als müsse hier die Justiz geschützt     heitsgrundsatz. Formal einwandfrei auch          Vor allem aber haben sie erneut die
werden. Dabei sind es die Richter, die       das Urteil zur Parlamentswahl, bei der        Übergabe der Macht an eine zivile Regie-
diesen Angriff führen, der für die einen     ein Teil der eigentlich für unabhängige       rung verschoben. Vom 1. Juli auf wann
ein Putsch ist, für die anderen eine Rück-   Kandidaten reservierten Sitze nach Par-       auch immer. Weniger ein wohlkalkulier-
kehr zu Recht und Ordnung.                   teiliste vergeben wurde.                      ter Masterplan scheint das zu sein als eine
   Ein Doppelschlag der Justiz, spektaku-       Weniger korrekt ist die Umsetzung:         panische Reaktion  des Militärrats, der
lär und dreist: Nur zwei Tage vor dem        Zweimal schon haben ägyptische Richter        fürchtet, dass ihm die Macht entgleiten
geplanten Finale der Präsidentschaftswah-    Parlamente wegen Verfassungsbedenken          könnte. Oder Ausdruck seiner Hoffnung,
len erlauben die Verfassungsrichter dem      aufgelöst, allerdings haben sie sich dafür    die Revolution eingedämmt zu haben.
Mubarak-Loyalisten Ahmed Schafik die         jeweils drei Jahre Zeit gelassen. Diesmal        Von einem „echten Putsch“ spricht der
Kandidatur – und als würde das nicht rei-    waren es fünf Monate.                         gescheiterte islamistische Kandidat Abd
chen, verordnen sie die Auflösung des           Überrascht hat die Entscheidung kaum,      al-Munim Abu al-Futuh. „Einen Präsiden-
Parlaments.                                  denn das Verfassungsgericht wurde von         ten in Abwesenheit von Verfassung und
   Einspruch ist zwecklos, Entscheidun-      Präsident Husni Mubarak genau zu die-         Parlament zu wählen bedeutet, einen
gen des Verfassungsgerichts sind nicht an-   sem Zweck ausgebaut: als Bollwerk gegen       Kaiser zu wählen“, mahnt Mohamed
92                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Ausland

  ElBaradei, der einstige Chef der Inter-              Man merkt Wael Abbas fast die Erleich-     nesien nicht gekommen. Die Wirtschaft
  nationalen Atomenergiebehörde. „Die               terung an: endlich Klarheit, endlich etwas,   ist eingebrochen, das führt immer wieder
  Entwicklung in Ägypten verläuft von               wogegen man wieder auf die Straßen zie-       zu Protesten; Salafisten besetzen Uni-
  schlecht zu schlimm.“ Die Macht liege             hen kann. Denn nun, so hofft er, werde        versitäten und greifen Frauen an, die
  nun bei einer Junta, die kaum Ideen habe,         für die Ägypter offensichtlich, was er        angeblich zu westlich gekleidet sind. In
  wie sie das Land führen wolle.                    schon lange ahne: dass der Militärrat mit     Tunis gibt es Straßenschlachten, die Re-
     Ägypten stünden schwere Tage bevor,            allen Mitteln an der Macht bleiben wolle.     gierung verhängt wieder eine Ausgangs-
  „vielleicht gefährlicher als die letzten Tage     Dass all diese Puzzleteile ein Bild erge-     sperre.
  von Mubaraks Regime“, warnen die Mus-             ben: die eher milde Haftstrafe für Husni         In Libyen hat sich nicht einmal der
  limbrüder. Sie haben am meisten zu ver-           Mubarak und der Freispruch für seine          Ansatz einer zentralen Staatsgewalt
  lieren: eine satte Parlamentsmehrheit.            Söhne. Die Staatsmedien, die wieder in        etabliert, stattdessen herrschen bewaffne-
  Doch statt auf die Straße zu gehen, sollen        ihre alte Rolle zurückfallen.                 te Milizen, die Städte, Straßen und Infra-
  sie am vergangenen Freitag bereits mit               Dazu passt auch, dass am 31. Mai die       struktur besetzen. Sie hoffen, ihre Waffen
  dem Militärrat im Geheimen über eine              Notstandsgesetzgebung aufgehoben und          und Landgewinne eines Tages in politi-
  „Regierung der nationalen Einheit“ ver-           vier Tage später über die Hintertür wie-      schen Einfluss umwandeln zu können.
  handelt haben – in der sie einige Minister-       der eingeführt wurde. Künftig dürfen Ar-         Bis dahin machen sie Gefangene,
  posten erhalten könnten. Die Revolution           mee, Militärpolizei und Geheimdienste         schmuggeln Waffen und klauen Autos.
  findet jetzt in den Hinterzimmern statt.          wieder Zivilisten verhaften und Wohnun-       Wie fragil die Lage im Land ist, zeigt sich
     „Das Urteil ist nur ein weiterer Schritt       gen durchsuchen, einfach so. Ägypter, die     auch daran, dass die Kämpfer aus der
  in der Etablierung einer Militärdiktatur“,        an Demonstrationen oder Streiks teilneh-      Stadt Sintan den Diktatorensohn Saif al-
                                                                                                           Islam al-Gaddafi immer noch
                                                                                                           nicht nach Tripolis gebracht ha-
                                                                                                           ben – und stattdessen Mitarbeiter
                                                                                                           des Internationalen Strafgerichts-
                                                                                                           hofs verhafteten.
                                                                                                              Ägypten ist das wichtigste die-
                                                                                                           ser drei Länder. Scheitert hier der
                                                                                                           Übergang zur Demokratie, dann
                                                                                                           könnte das auch Libyen und Tu-
                                                                                                           nesien in den Abgrund ziehen.
                                                                                                              Vieles spricht dafür, dass mit
                                                                                                           dem Justizputsch die Restaura-
                                                                                                           tion begonnen hat. Nur einige
                                                                                                           Tausend sind nach dem Richter-
                                                                                                           spruch zum Tahrir-Platz gezogen.
                                                                                                           Die Ägypter sind erschöpft vom
                                                                                                           Chaos und Irrsinn der vergange-
                                                                                                           nen 16 Monate.
                                                                                                              Hinzu kommen Fehler der Re-
                                                                                                           volutionäre und Erfolge der Re-
                                                                                                           gime-Propaganda: Das ist die
                                                                                                           Mischung, mit der der Militärrat
                                                                                                           die Protestbewegung neutrali-
                                                                                                           siert und die Bevölkerung auf
                                                                                                           Schafik eingeschworen hatte.
                                                                                                           Dessen Anhänger jubelten dem
DPA




                                                                                                           Politiker zu, wie sie es 30 Jahre
      Ex-Präsident Mubarak vor Gericht: Das alte Regime hat den Aufstand überdauert                        lang bei Reden von Husni Muba-
                                                                                                           rak taten.
      sagt der Blogger Wael Abbas. Er war ei-       men, können dafür jetzt ins Gefängnis            Islam Hafifi, Chefredakteur der Tages-
      ner von denen, die die Revolution ent-        gehen.                                        zeitung „Dustur“ („Die Verfassung“) ist
      facht haben – und trotzdem ist er nicht          Lost in revolution, so könnte die Dia-     einer von Schafiks treuesten Fans, mit an-
      allzu traurig über die Auflösung dieses       gnose lauten. Nicht nur für Ägypten,          geblich engen Beziehungen zum ehemali-
      Parlaments, in dem Liberale und Refor-        auch für Tunesien und Libyen. Die Dik-        gen Luftwaffengeneral. Das Blatt war einst
      mer nur eine verschwindende Minderheit        tatoren sind abgesetzt, aber die Fliehkräf-   Mubarak-kritisch, im Wahlkampf hatte es
      stellten.                                     te zwischen Islam und Staat, zwischen         sich offen auf die Seite Schafiks gestellt.
        „Natürlich sollte das Parlament nicht       Stadt und Land, zwischen Nation und              „Die Ägypter sind verwirrt über die
      auf diese Weise aufgelöst werden. Ande-       Stamm werden immer mächtiger. Worum           politische Zerrissenheit im Land“, sagt
      rerseits werden wir damit ein Parlament       es bei den Aufständen eigentlich gegan-       Hafifi. Und so ist eine seltsame Nostalgie
      los, das die Bevölkerung ohnehin nie re-      gen war, Demokratie, Freiheit und soziale     gewachsen: Die einen wählen den Islam,
      präsentiert hat und machtlos war.“            Gerechtigkeit, das scheint vielerorts un-     die anderen das alte Regime.
         Der Blogger ist nicht der Einzige, der     terzugehen im alltäglichen Ringen um             Ein Präsident ohne Parlament kann ein
      so denkt. Auch Liberale, Christen und Sä-     Macht und Überleben.                          Papiertiger sein oder ein Diktator. „Auf
      kulare sind nicht unglücklich über das Ur-       Tunesien war das erste Land, das sei-      jeden Fall“, sagt der Blogger Wael Abbas,
      teil. „Wir werden bei den nächsten Wah-       nen Diktator stürzte, und es hat sich bis-    „wird er eine Marionette des Militärrats
      len deutlich mehr Stimmen bekommen,           her am besten entwickelt: Es gab erfolg-      sein.“
      also ist das gut für uns“, sagt der sozial-   reiche Parlamentswahlen, aus denen die          DIETER BEDNARZ, JULIANE VON MITTELSTAEDT,
      demokratische Abgeordnete Bassam              moderaten Islamisten als Sieger her-                MATHIEU VON ROHR, DANIEL STEINVORTH,
      Kamal.                                        vorgingen. Doch zur Ruhe ist auch Tu-                                VOLKHARD WINDFUHR

      94                                                  D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Ausland


                                                         NORDKOREA




                             Die Menschwerdung
  Name: Shin Dong-hyuk. Heimatland: Nordkorea. Alter: 29 Jahre, von denen er die ersten
   22 in einem Konzentrationslager verbringen musste. Dann gelang ihm die dramatische
  Flucht in die Freiheit. Jetzt plagen Shin Alpträume und Schuldgefühle. Von Erich Follath


D
         ie erste Kindheitserinnerung – das flucht“ zweier Onkel, die er nie kennen-     stopfte sich eine Handvoll Maiskörner ins
         können die Kerzen auf einem Ge- gelernt hat.                                    Hemd. Pech: Es gibt wieder mal eine Kon-
         burtstagskuchen sein, die Rutsche     Shin ist vier, als die Lautsprecher im    trolle, jeder muss seine Taschen leeren.
auf dem Spielplatz, der Geschmack von Lager plötzlich plärren, die Mutter ihn               Alle kennen die zehn Gebote, die im
Himbeereis. Oder einfach die Liebkosung an der Hand nimmt und zum großen                 Lager gelten, sie müssen sie oft aufsagen.
der Mutter, Belohnung für die ersten zu- Platz in der Nähe der elektrischen Zäune        Regel drei lautet: „Jeder Insasse, der Nah-
sammenhängenden Sätze, Trost nach ei- am Taedong-Fluss führt. Dort sind schon            rungsmittel verbirgt, wird sofort erschos-
nem Sturz mit aufgeschlagenem Knie. Tausende versammelt. An einem Pfahl                  sen.“ Aber zu einer formalen Verurtei-
Die erste Kindheitserinnerung ist für die ist ein Gefangener festgebunden, vor ihm       lung kommt es gar nicht. Der Aufseher,
meisten von uns ein Ausdruck von Ge- stehen Aufseher, mit Gewehren im An-                außer sich vor Wut, fordert die Schuldige
borgenheit und familiärer Wärme. Für schlag. Der Mann mit dem Mikrofon ruft              auf, sich hinzuknien. Er schlägt sie mit
Shin Dong-hyuk, 29, ist das Frü-                                                                  seinem Stock auf den Kopf. Im-
heste, an das er sich erinnert: eine                                                              mer wieder. Alle müssen zuschau-
Exekution.                                                                                        en, wie der Mann sich an dem
   Er wirkt, als er das Restaurant                                                                Mädchen austobt. Die Kleine
in der südkoreanischen Haupt-                                                                     bricht schließlich zusammen, ver-
stadt Seoul betritt, wie der nette                                                                liert das Bewusstsein. Sie wacht
junge Mann von nebenan: Jeans,                                                                    nicht mehr auf.
offenes Hemd, modische Frisur.                                                                       Shin ist 13, als er eines Nachts
Wache Augen, die allerdings dem                                                                   eine ungeheuerliche, eine lebens-
direkten Blick des Gegenübers                                                                     bedrohliche, aber möglicherweise
ausweichen. Die stets wandern,                                                                    auch Belohnung versprechende
als wären sie vor irgendetwas, ir-                                                                Szene beobachtet. Die Mutter
gendjemandem auf der Flucht.                                                                      flüstert mit seinem einzigen, acht
Augen, die misstrauisch alles ab-                                                                 Jahre älteren Bruder. Ungewöhn-
suchen nach lauernden Gefahren.                                                                   lich, dass der überhaupt da ist,
   Shin zieht das linke Bein etwas                                                                weil er – wie der fast ständig ab-
nach, und als er zur Speisekarte                                                                  wesende Vater – einer anderen
greift, wird deutlich, dass seine                                                                 Arbeitsbrigade zugeteilt ist. Un-
Arme leicht verformt sind, die                                                                    gewöhnlicher noch, dass die Mut-
Kuppe des rechten Mittelfingers                                                                   ter dabei sogar eine Portion Reis
abgetrennt wurde. Aber vielleicht                                                                 kocht: Shin selbst hat dieses kost-
                                                                                               BLAINE HARDEN




sieht das alles nur, wer vorge-                                                                   bare Lebensmittel schon wochen-
warnt ist. Etwa von einer der Fol-                                                                lang nicht mehr genossen. Die
teropfer-Organisationen, die Shin                                                                 beiden besprechen etwas, das im
untersucht haben und die seinen Ex-Häftling Shin in Seoul: „Vergiftetes Blut“                     Lager als ultimatives Verbrechen
gequälten Körper als eine „Land-                                                                  gilt: die Flucht.
karte der Leiden“ beschrieben haben. etwas von „Schuld“ und „Strafe“. Dann                 „Ich weiß nicht, was mich mehr empört
Spuren eines unfassbaren Lebens.             Schüsse. Dann das Zusammensacken des        hat: dass sie offensichtlich den Reis vor
   Schließlich beginnt Shin Dong-hyuk, Körpers am Holzgerüst. Dann austreten-            mir verborgen hatten oder der Plan
der im nordkoreanischen „Straflager des Blut. Dann der Abtransport.                      selbst“, sagt Shin im Rückblick. „In den
Nummer 14“ geboren wurde und die ers-          Shin ist sieben, als er wieder etwas      Absichten der beiden spielte ich offen-
ten 22 Jahre seines Lebens bis zu seinem Ähnliches erlebt. Er muss da nachmittags        sichtlich keine Rolle, und sie mussten
dramatischen Entkommen dort verbracht schon im Kohlebergwerk des Lagers                  doch wissen, dass ich nach den im Lager
hat, zu erzählen. Langsam und stockend schuften, ein gefährlicher Job; vormittags        geltenden Regeln der Sippenhaft für ihre
zuerst, dann immer schneller, ungehemm- ist Schule. Beides schlimm, der Unterricht       Taten mitverantwortlich gemacht würde.
ter, als hätte er die Umgebung vergessen, vielleicht noch ein bisschen mehr. Denn        Gebot Nummer eins: Jeder, der einem
als suchte er über die Worte die Befreiung die Aufseher sind die Lehrer, und sie las-    Flüchtenden hilft oder von einem Flucht-
von einer Last. Was er berichtet, ist nicht sen nichts durchgehen, Ungehorsam            versuch weiß, wird wie der Flüchtende
in jedem Detail nachprüfbar, aber Exper- nicht, Diebstahl schon gar nicht. Ein Mäd-      selbst sofort erschossen. Ich war damals
ten halten es für glaubhaft und authen- chen aus seiner Klasse hat sich an diesem        ganz sicher, was ich zu tun hatte.“
tisch: Es ist die Geschichte eines Jungen, Morgen an Gemeineigentum vergriffen,             Er verlässt das Haus unter dem Vor-
der „vergiftetes Blut“ in sich trug, in Sip- es riskierte, krank vor Hunger, einen       wand, auf die Toilette zu müssen, nur
penhaft genommen wegen der „Republik- Umweg in einen der Schweineställe und              schnell hin zum nächsten Aufseher, den
96                                               D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Satellitenbild: DigitalGlobe/Google Earth




                                            Straflager 14

                                                                                                                                              RUSSLAND
                                                                                      vermutliches             CHINA
                                                                                      Exekutionsgelände                                 Chongjin
                                                  Baracken
                                                                                                                N OR DKOR EA
                                                                                                                                       Shins Fluchtroute
                                                                                                              Lager 14
                                                                                                                             Hamhung

                                                                                                                 Pjöngjang                  250 km



                                            Taedong-Fluss                                                          Seoul SÜDKOREA



er findet. Verrät den Plan. Er erwartet                      nichts als Erleichterung, nur das große nent von Diamanten, Tokio, Taipeh,
nun Belohnung für seine Informationen,                       Aufatmen, dass es mich nicht erwischte.“ Shanghai sind hell erleuchtet.
wie eine Ratte, die bei einer Versuchs-                         Und das zweite Gefühl?                     Seoul ist ein einziger strahlender Kegel,
anordnung alles richtig gemacht hat, Klas-                      „Zorn und Wut. Zorn und Wut und wie von Wunderkerzen entzündet; Stra-
senführer will er für seine Spitzeldienste                   Groll auf meine Mutter und meinen Bru- ßenlaternen, Wohnungsbeleuchtungen,
werden, er will Extrarationen, sich end-                     der, die mit dem Fluchtversuch so große Neonreklamen bündeln die Nachricht:
lich mal satt essen. Und bekommt nichts                      Risiken eingegangen waren.“                 Hier in Südkorea leben die Erfolgreichen
davon, weil der Aufseher – wie Shin spä-                        Shin Dong-hyuk hat damals als 14-Jäh- des 21. Jahrhunderts. Und dort, direkt
ter erfährt – sich selbst mit der Nachricht                  riger im Jahr 1996 nicht einen Augenblick nördlich der Demarkationsgrenze, ist das
bei den Vorgesetzten lieb Kind macht, be-                    daran gedacht, seine Aufseher zu beschul- Armenhaus, das Schattenreich, der
hauptet, den Fluchtplan eigenständig aus-                    digen oder gar die unmenschlichen La- Schandfleck Asiens – die „Demokratische
findig gemacht zu haben.                                     gerregeln in Frage zu stellen. Er funktio- Volksrepublik“, deren etwa 24 Millionen
   Shin wird in ein Verlies geworfen. Sie                    nierte in diesem KZ, das von Geburt an Bewohner auf einem Gebiet, fast so groß
verhören ihn, immer wieder. Er weiß                          für ihn Heimat war, ein perfektes Produkt wie England, buchstäblich im Dunkeln
nicht, was sie wollen, er hat doch schon                     seiner Umgebung. Und so kann er „kei- gehalten werden. Umnachtet.
alles erzählt. Sie foltern ihn. Einmal wird                  nerlei Mitleid“ empfinden, als seine          Der Krieg, der von 1950 bis 1953 tobte,
er kopfüber aufgehängt; ein anderes Mal                      nächsten Verwandten an diesem Tag ihr zementierte die Teilung des Landes. Noch
lassen sie ihn langsam über einem Feuer                      Leben lassen. Er ist eher abgestoßen von bis Ende der sechziger Jahre war der in-
schmoren, bis er ohnmächtig wird vor                         den Tränen, die dem Vater am Exeku- dustrialisierte Norden das wohlhabendere
Schmerzen. Mehr als sechs Monate geht                        tionsort in der ersten Reihe neben ihm Korea. Heute haben die Südkoreaner ein
das so. Eines Morgens holen sie ihn aus                      in die Augen schießen. Und er vermeidet, Pro-Kopf-Einkommen, das etwa 18-mal
dem Loch, er sieht seinen Vater, den sie                     kalt bis ins Herz, den letzten Blick, den höher liegt als das ihrer Brüder.
offensichtlich ebenfalls gefoltert haben.                    ihm die Mutter zuwirft: den Augenkon-         Kommunistische Diktatoren haben ge-
Man verbindet den beiden die Augen,                          takt, den sie sucht.                        zeigt, was Politiker im schlimmstmög-
fesselt sie, wirft sie auf die Rückbank                         Shin weiß auch heute noch nicht, wie lichen Fall anrichten können – sie haben
eines Wagens. Shin glaubt, zu seiner                         er mit seiner gnadenlose Härte von da- einen Staat mitsamt seinen Industrien
eigenen Exekution transportiert zu wer-                      mals umgehen soll. Er setzt zu Erklä- und der Landwirtschaft ruiniert, die Be-
den. Als sie wieder sehen dürfen, erken-                     rungsversuchen an, bricht ab, stammelt, völkerung zu Hungerleidern gemacht. Sie
nen sie gleich, wo sie sich befinden: am                     schwitzt, schweigt lange. Versucht es haben, unterstützt von einem absurden
Hinrichtungsplatz. Eine große Menge                          dann aufs Neue. „Ich kannte damals noch Personenkult, einen allumfassenden Un-
wartet schon. Wärter führen sie nach                         keine Liebe, wusste nicht, was Zuneigung terdrückungsapparat aufgebaut. Und wie-
vorn, Aufseher haben das Gewehr im                           ist.“ Pause. „Mutter schlug mich immer, derholt gedroht, Seoul in ein „Flammen-
Anschlag.                                                    sie war eine Konkurrentin um Essens- meer“ zu verwandeln. Dass Pjöngjangs
   Und dann weiß Shin: Er ist nicht dran                     rationen.“ Pause. „Ich war gezüchtet, um Führer versuchen, die Welt mit ihrem
an diesem Tag. Der da an einen Pfahl ge-                     Arbeiten zu verrichten. Ich war ein Skla- Atomwaffenprogramm zu erpressen, ver-
bunden wird und dem sie Kieselsteine in                      ve, nein, noch weniger: Ich war ein Tier.“ schärft dazu noch die Lage.
den Mund stopfen, damit er in seinen letz-                      Die Erinnerung hat ihn überwältigt, es     Eine stalinistische Dynastie: Auf den
ten Momenten nichts Despektierliches ge-                     folgt ein langes Schweigen.                 „Großen Führer“ Kim Il Sung folgte sein
gen die Gulag-Aufseher oder die politi-                                                                  Sohn, der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il;
sche Führung des Landes herausschreien
kann – das ist sein Bruder. Und die Frau,
für die sie eigens einen Galgen gebaut
                                                             A     uf einem Satellitenfoto sieht Nord- und als der vor sechs Monaten starb, des-
                                                                   korea aus wie ein schwarzes Loch sen Sprössling Kim Jong Un – allesamt
                                                             mit einem einzigen, winzigen Lichtpunkt, laut Propaganda „vom Himmel gesandte“
haben, an dem sie ihr nun die Schlinge                       der Hauptstadt Pjöngjang, wo es wenigs- Führer, denen stets nichts mehr am Her-
um den Kopf zuziehen – das ist seine Mut-                    tens partiell Elektrizität gibt. Darum her- zen lag als das Wohl ihres Volkes. Satelli-
ter. „Im ersten Moment dort war da                           um funkelt ganz Ostasien wie ein Konti- tenbilder aber zeigen die Villen des herr-
                                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                   97
Ausland

schenden Clans, inklusive Swimming-
pools. Kim junior, der heutige Chef und
mit angeblich 29 so alt wie Shin, durfte
Schweizer Schulen besuchen.
  „Es gibt keine Menschenrechtsfrage in
diesem Land, weil jedermann hier das
denkbar würdigste und glücklichste Leben
führt“, verkündet die nordkoreanische
Nachrichtenagentur kühn über das abge-




                                                ILLUSTRATIONEN: DATABASE CENTER FOR NORTH KOREAN HUMAN RIGHTS
schottete Reich. Die internationalen Be-
obachter, die einigermaßen ungehindert
durch Nordkorea reisen können, zeich-
nen – wie die wenigen, die sich aus Pjöng-
jang absetzen konnten – ein anderes Bild.
Amnesty International schätzt in seinem
Länderbericht 2012, dass in Nordkorea bis
zu 200 000 Menschen in Straflagern gehal-
ten werden. In den schlimmsten gelten
Gefangene als „nicht verbesserungsfähig“.
   Shin Dong-hyuks Lager Nummer 14 ist
ein solcher „Bezirk unter absoluter Kon-
trolle“. Der große Komplex wird von
Wachtürmen und Elektrozäunen abge-                                                                                1
grenzt; auf dem gebirgigen Gelände be-
finden sich Kohleminen, Nähereien und
Schweinefarmen. In primitiven Baracken,                                                                         archien. Als Shin in jungen Jahren durch                         über 20, und er hat die vage Vorstellung,
viele mit Blick auf den Hinrichtungsplatz,                                                                      ein Fenster beobachtete, wie seine Mutter                        dass es noch etwas Neues in seinem Le-
hausen etwa 15 000 Menschen. Das Lager,                                                                         von einem Aufseher missbraucht wurde,                            ben geben müsse, ohne zu wissen, wo-
das seit 1959 existiert, liegt in der Provinz                                                                   hielt er es für völlig normal, dass der sich                     nach er sucht. Park ist für ihn eine Offen-
Süd-Pyongan – nur 70 Kilometer entfernt                                                                         den Übergriff erlaubte, dass die Mutter                          barung. Er weiß nicht nur, dass die Welt
von der Hauptstadt Pjöngjang, 280 Kilo-                                                                         stillhielt.                                                      rund ist und dass es Computer gibt. Er
meter Luftlinie von Seoul.                                                                                         Ausgerechnet im Lager-Verlies erfuhr                          hat auch in vornehmen Restaurants ge-
   Von keinem dieser Orte hat Shin im                                                                           Shin erste Fürsorge. Ein älterer Mithäft-                        speist und kennt viele Fleischgerichte.
KZ während seiner ersten 13 Lebensjahre                                                                         ling kümmerte sich um seine Wunden,                                 Die Aufseher setzen Shin auf diesen
auch nur gehört. Die Lehrer beschränkten                                                                        sprach ihm Trost zu. Und trotzdem war                            Park an, er soll ihn ausspionieren. Doch
sich bei ihrem Unterricht auf die Grund-                                                                        Shin damals noch nicht so weit, dem                              der sonst so willige Verräter verzichtet
rechenarten, das Alphabet, die Camp-Re-                                                                         Mann, den er „Onkel“ nannte, sein gan-                           auf die Vergünstigungen, die aus den Spit-
geln. Shin war auch nicht dem sonst in                                                                          zes Vertrauen zu schenken. Nach der Exe-                         zeldiensten zu erwarten gewesen wären,
Nordkorea allgegenwärtigen Personen-                                                                            kution der Mutter und des Bruders sah                            erklärt den Wärtern, da gebe es nichts:
kult des Regimes ausgesetzt, man hielt                                                                          er den Alten nie wieder. Und verfiel in                          die erste bewusste, selbständige Entschei-
es offensichtlich für überflüssig, die zum                                                                      seinen Lager-Trott, ins moralische Nie-                          dung seines Lebens – der Anfang des Ab-
ewigen Bleiben verdammten Häftlinge ei-                                                                         mandsland, er verpfiff Arbeitskollegen                           schieds vom tierischen Sklavendasein, der
ner Gehirnwäsche zu unterziehen. Und                                                                            für eine Mahlzeit, stahl, wenn er die Tat                        Anfang einer Menschwerdung.
während überall im Land die Geburtstage                                                                         anderen in die Schuhe schieben konnte.                              Der Fremde, der zum Freund wird, hat
des „Großen“ und des „Geliebten“ Ur-                                                                               Alles ändert sich mit einem neuen Mit-                        eine weit wichtigere Funktion für Shin
laubszeit waren, ging die Schufterei im                                                                         häftling, der im Jahr 2004 ins Lager                             als die Sicherung einer Extramahlzeit: Er
Hochsicherheitslager weiter. „Tiere brau-                                                                       kommt: Park Yong Chul, ein Mann von                              zeigt ihm eine Perspektive. Zum ersten
chen keine freien Tage“, sagt Shin.                                                                             Welt; ein „Politischer“, der aus der No-                         Mal denkt er über ein Leben jenseits des
                                                                                                                menklatura von Pjöngjang stammt und                              Lagers nach. Gemeinsam überlegen sie

A    uch jetzt, sieben Jahre nach der
     Flucht, lässt Shin kein Stück Fleisch
verkommen. Das war damals im Lager
                                                                                                                Verwandte in China hat. Shin ist da schon                        einen Fluchtplan – und haben am 2. Ja-
                                                                                                                                                                                 nuar 2005 unwahrscheinliches Glück. Sie
                                                                                                                                                                                 werden zum Holzsammeln ganz in der
sein Traum von Freiheit: sich satt essen                                                                                                                                         Nähe des östlichen Grenzzauns eingeteilt,
können, den Geruch, den Geschmack von                                                                                                                                            ihre Bewacher achten nicht auf die bei-
gebratenem, gegrilltem, geschmortem                                                                                                                                              den. Sie rennen los, hoffen, unter dem
Fleisch aller Art zu genießen – nur bitte                                                                                                                                        Zaun durchkriechen zu können.
keine Ratte. Denn die hatte er im Lager                                                                                                                                             Shin ist schneller, stolpert aber im
gelegentlich erjagen können, und es                                                                                                                                              Schnee. Park kommt mit dem Zaun in
schien ihm damals, als er sie über dem                                                                                                                                           Berührung – und wird von einem heftigen
Feuer röstete und mitsamt den Knochen                                                                                                                                            elektrischen Schlag getroffen. Durch das
verschlang, eine Delikatesse. Im Nach-                                                                                                                                           Gewicht hat sich eine kleine Öffnung ge-
hinein ekelt es ihn vor dem süßlichen                                                                                                                                            bildet. Shin zögert keinen Moment, über
Duft, wenngleich er weiß, ohne die Nage-                                                                                                                                         den Körper des toten Freundes zu krie-
                                                                                                                                                              XINHUA / REUTERS




tiere sowie das von den Feldern geklaute                                                                                                                                         chen und durch den Zaun zu schlüpfen.
Gemüse, nur mit der ewig dünnen Kohl-                                                                                                                                            Er erleidet schwere Verbrennungen an
suppe, hätte er es wohl kaum geschafft.                                                                                                                                          den Beinen, aber schafft es. Schleppt sich
   Seine Geburt, seine Existenz im Lager                                                                                                                                         fort, blutend, humpelnd. „Ich hatte kein
hat er lange Zeit für das Selbstverständ-                                                                       Kundgebung mit Kim-Jong-Il-Porträt 2003                          Ziel, wusste nicht, wo China liegt, wollte
lichste der Welt gehalten. So wie die Hier-                                                                     „Vom Himmel gesandte“ Dynastie                                   nur weg vom Lager, immer weiter.“
98                                                                                                                    D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
DIE HÖLLE DES LAGERS
NUMMER 14
Nach Shins Angaben
erstellte Skizzen über seine
Erlebnisse:
[1] Nach der Entdeckung des
Fluchtplans seiner Mutter
und seines Bruders wird Shin
über sechs Monate lang in
einem Verlies gehalten und
gefoltert.
[2] Als Shin wegen Über-
arbeitung in der Fabrik
versehentlich eine Nähma-
schine zerstört, muss er eine
Sonderbestrafung erleiden:
die Abtrennung einer Finger-
kuppe.
[3] Shin wird regelmäßig
Zeuge von Exekutionen im
Lager. Traumatisch ist für ihn
vor allem die Hinrichtung
seiner Verwandten.             2                                                                        3


   Er bricht in Häuser ein, stiehlt eine Ar-
meeuniform und Lebensmittel. Auf den
Schwarzmärkten gelingt es ihm, das Die-
                                               begegnet, einem langjährigen Reporter
                                               der „Washington Post“. Mit Shins erst zö-
                                               gerlicher, dann immer intensiverer Mit-
                                                                                                      V    erkehrsstaus an jeder Kreuzung, flim-
                                                                                                           mernde Werbebildschirme an den
                                                                                                      Straßenecken: „Lernen Sie, sich elegant
besgut zu verscherbeln – erstmals in sei-      hilfe schrieb er dessen Lebensgeschichte               durchs Dasein zu navigieren!“, heißt der
nem Leben hält er einen Geldschein in          auf*.                                                  Slogan für das neue Samsung-Smartphone.
der Hand. So verschafft er sich Mitfahr-          Shin versucht 2009, sich in den USA                 Südkorea ist eine Demokratie, aber eine
gelegenheiten auf Lastwagen. Shin hat          eine neue Existenz aufzubauen. Er lernt,               ellenbogengesteuerte, die nichts übrig hat
keine Ahnung, wie weit entfernt China          wie er sagt, „lauter nette Menschen ken-               für Verlierer. Shin hat die Jeans mit dem
ist, aber von Park weiß er: Es gibt eine       nen“, auch eine junge Frau, mit der er                 schwarzen Anzug getauscht, seine rote
Grenze, die man mit Hilfe von Beste-           zusammenzieht. Doch die Beziehung                      Festtagskrawatte angelegt. Ihm ist die Viel-
chungsgeldern eventuell passieren kann.        scheitert, und bald gehen ihm die Men-                 falt der Zerstreuungsmöglichkeiten in
   Der Überlebenskünstler legt in Etap-        schenrechtsgruppen, die ihn für Vorträge               Seoul noch suspekt. „Man kann so viel
pen fast 600 Kilometer zurück, schlittert      einspannen, gewaltig auf die Nerven – sie              unternehmen in dieser Stadt, denke ich
eines Abends über den zugefrorenen             wollen, dass er „das Gesicht Nordkoreas“               oft. Und bleibe dann lieber in meinem klei-
Grenzfluss Tumen. Auch in China muss           wird, sie wollen mit seiner Hilfe Spenden              nen Zimmer, zu dem außer mir niemand
er sehr vorsichtig sein, Republikflüchtlin-    eintreiben.                                            Zutritt bekommt.“ Freundschaften zu
ge werden von dort, wie er erfährt, in            Er soll erzählen, wie es im Gulag war.              schließen fällt ihm weiterhin schwer.
der Regel nach Nordkorea zurückge-             Das will er nicht, davor muss er sich schüt-              So schlimm es damals war, in den Ta-
schickt. Aber die Bauern der Provinz Jilin     zen. Denn mit der Freiheit kommt lang-                 gen dieser erzwungenen Unmündigkeit –
haben kaum Interesse, die Flüchtlinge zu       sam die Erkenntnis: „Ich habe mich schul-              manchmal sehnt er sich, wie unglaublich
verraten; sie nutzen sie auf ihren Höfen       dig gemacht.“ Bis heute plagen ihn                     es auch klingen mag, zurück nach der
als günstige illegale Arbeitskräfte. Shin      Alpträume, die Dämonen aus dem KZ                      Zeit der Klarheit, nach den absoluten, kei-
schlägt sich in die großen Städte durch,       kehren zurück: „Jede Nacht schrecke ich                nen Widerspruch duldenden, keine Spiel-
nach Peking und Shanghai, wo er sich           schweißgebadet auf. Sehe meinen Vater,                 räume erlaubenden Gulag-Regeln. Als er
mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält.         wie sie ihn blutig schlagen – ich weiß                 das alles noch nicht kannte: Verrat, Ver-
   Und dann wieder so ein Glücksfall:          nicht, ob er meine Flucht überlebt hat                 antwortung und ein Gewissen, das pei-
Eine Zufallsbekanntschaft schleust Shin        oder ob sie ihn zu Tode gequält haben.“                nigt. Als er ohne jegliche ethische Maß-
ins südkoreanische Konsulat von Shang-            Bis in den Abend hinein erzählt Shin,               stäbe lebte, schuldlos, schamlos dahin-
hai ein. Er wird nach Seoul ausgeflogen        lange ist das Dessert schon abgeräumt.                 vegetierte: ein Wolf unter Wölfen.
und vom dortigen Geheimdienst in die           Er ist dem Gefängnis entwichen, aber das                  Er bewältigt den Auftritt in der pres-
Mangel genommen. In einem für Flücht-          Gefängnis nicht aus ihm: ein emotionaler               byterianischen Seongkyeaol-Kirche im
linge eingerichteten Betreuungszentrum         Krüppel, der den Selbsthass bisher erfolg-             Studentenviertel so recht und schlecht.
bereiten ihn Psychologen, Berufsberater        los bekämpft. Small Talk kommt ihm so                  Er präsentiert zwischen Gospelgesängen
und Lehrer auf ein Leben im Kapitalis-         banal vor, alles scheint ihm manchmal                  an der Seite einer glamourösen Fernseh-
tenland vor.                                   wie eine Zeitverschwendung, Glück eine                 moderatorin vor einer betagten Gemein-
   Er lernt Wörter wie „Kreditkarte“ und       Selbstsucht. Aber er möchte, dass der                  de ein Programm von Kurzfilmen über
„Cocktail“, erfährt, wozu Plastikgeld und      Gast aus Deutschland ihn am folgenden                  die Menschenrechtsverletzungen Nord-
Partydrinks dienen sollen. Aber er hat         Tag begleitet, zu einem seiner seltenen                koreas. Der Text ist vorgeschrieben, er
lange Schwierigkeiten, sich zu konzen-         öffentlichen Auftritte: zu einem Kirchen-              liest ab, will anschließend mit keinem
trieren, bricht Lehrstellen ab, kann keine     konzert, einer Messe für Nordkorea.                    sprechen. Auch nicht mit dem Pastor.
Verantwortung übernehmen. Die finan-                                                                     Shin Dong-hyuk sagt zum Abschied:
ziellen Zuwendungen der Regierung en-          * Blaine Harden: „Escape from Camp 14“. Viking, New
                                                                                                      „Dieses Konzept eines gütigen, barmher-
den nach wenigen Jahren. Shin driftet so       York; 224 Seiten; 26,95 Dollar. Die deutsche Ausgabe   zigen Gottes – es ist nicht meines. Noch
durchs Leben. Bis er Blaine Harden             erscheint Ende August als SPIEGEL-Buch bei DVA.        nicht. Aber ich arbeite daran.“
                                                      D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                    99
Ausland




         DUBAI
                           Die Hexer von Terminal 3
                                        Dubais Flughafenpolizei hat den Kampf
                           GLOBAL VILLAGE:
                           gegen die schwarze Magie aufgenommen.


D
        ie beiden Reisenden vom Flug entwickelter Hexenkult, dessen Rituale Aufsichtsbehörde für Islamische Angele-
        Emirates 766 aus Johannesburg meist unbekleidet durchgeführt werden. genheiten sagt, sie erhalte regelmäßig An-
        hatten keine Ahnung, dass schon       Man sieht einen Katalog mit Fotos wei- rufe von Bürgern, die glauben, verhext
länger ein Fluch auf ihnen lag. So pas- ßer Rinder, die nach Zahlung einer Sum- zu sein, oder Hilfe durch Hexerei erbäten.
sierten sie Mitte Juni arglos und vor- me in Benin oder Orissa oder sonst wo In Bahrain wurde ein Gesetz gegen Zau-
schriftsmäßig Passkontrolle, Iris-Check geopfert werden könnten. Man sieht Kup- berei und Hexerei verabschiedet.
und Visa-Ausgabestelle im Internationa- ferfolien, in die winzige Zeichen geritzt           Zwei Afrikaner vertrieben in Dubai ei-
len Flughafen Dubai. Erst als ihre Roll- sind, Botschaften an den Satan, wie sich nen Apparat mittlerer Größe, der angeb-
koffer sich, kurz vor dem Ausgang von schnell in der Zollabteilung herumsprach, lich Geld verdopple. Auch hatten sie vor-
Terminal 3, aus dem letzten Durchleuch- weshalb Mitarbeiter – je nach Konfes- übergehend Erfolg mit „verhextem Geld“,
tungsapparat herausschoben, bat die Zoll- sion – sich bekreuzigten oder nach der schwarzen Papierzetteln, auf denen Dol-
beamtin sie zur Seite und ordnete eine Gebetskette griffen, wenn sie an der As- larzeichen gedruckt waren. Sie sammel-
manuelle Nachuntersuchung an.               servatenkammer vorbeigingen.                  ten Geld ein für ein Pulver, das den Fluch
   Es war der böse Blick des Dubai-Zolls,     „Krank“ sei das alles, sagt der zustän- lösen würde. Die Männer wurden nach
der ihnen gefolgt war, seit ihr Gepäck dige Beamte. Und zeigt auf einen Flüs- einer Undercover-Operation festgenom-
vor Wochen, bei der letz-                                                                               men, das Zauberpulver ließ
ten Dubai-Reise, unbe-                                                                                  sich als Weizenmehl iden-
merkt in der Transitzone                                                                                tifizieren.
durchleuchtet worden war,                                                                                  Im Emirat Schardscha
mit Geräten deutscher Pro-                                                                              versprach ein arabischer
duktion, und man kleine                                                                                 Medizinmann, mit der Be-
Mengen von Zutaten für                                                                                  schaffung von Ehemännern
schwarze Magie ausge-                                                                                   behilflich zu sein. Einen
macht hatte – für den pri-                                                                              Tag später begann in Dubai
vaten Gebrauch, gewiss,                                                                                 ein Prozess gegen einen
doch standen die beiden                                                                                 Mann aus dem Tschad, der
seit damals auf der Beob-                                                                               angekündigt hatte, 250 Mil-
achtungsliste des Zolls von                                                                             lionen Dollar vom Himmel
                                                                                               MARTIN VON DEN DRIESCH / DER SPIEGEL




Dubai, unentrinnbar, wo                                                                                 regnen zu lassen.
sie auch waren.                                                                                            Hexer werden in den
   Die zweite Untersu-                                                                                  Emiraten als Betrüger mit
chung lohnte sich: „Die                                                                                 Gefängnis bis zu einem
Inspektoren fanden eine                                                                                 Jahr bestraft. Die sicherge-
große Menge an Wicca-Li-                                                                                stellten Zauberartikel lässt
teratur, Talismanen und                                                                                 man, ähnlich wie Drogen,
Gegenständen, die gewöhn-                                                                               in speziellen, der schwar-
lich bei Hexerei und Zau-           Zollbeamte mit Fundstücken: Gazellenfell und Liebestränke           zen Magie vorbehaltenen
berei Verwendung finden“,                                                                               Behältern verbrennen.
konnte Ali al-Maghawi be-                                                                                  Dogmatisch schwierig ist
kanntgeben, der oberste                                                                                 die Haltung zur Zauberei,
Zolldirektor am Flughafen. Die Aussage sigkeitsspender neben dem Raum: „Sie weil auch in der islamischen Tradition
der beiden Männer, Handelsreisende der können sich jetzt die Hände desinfizie- von Dschinn die Rede ist, bösen Geistern,
Firma Alhaj Syed Naqibul Ameen Qasmi ren.“ Man kann nie wissen.                           die man im Zweifel austreiben muss. Un-
aus Ostindien zu sein, ließ Maghawi nicht     Dieser Vorgang sei, so Ali al-Maghawi, ter den konfiszierten Magie-Artikeln von
gelten.                                     eine höchst „gefährliche Erscheinung, die Flug 766 fand sich unter anderem eine
   Mehr als 1200 Zauber-Accessoires wur- die Sicherheit des Gemeinwesens be- Schrift über den Propheten Suleiman. Im
den bei den beiden sichergestellt, sie droht“. Zumal die beiden Hexer von Emi- Nachbarland Saudi-Arabien werden über-
liegen im Besprechungszimmer des Flug- rates 766 keineswegs ein Einzelfall sind. führte Hexer geköpft, sicherheitshalber.
hafenzolls. Zauberspruchlisten, Hexen- Im vergangenen Jahr wurden 92 Schmug-                Traurig sei, so Zolldirektor Maghawi,
pulver, Ringe, Messer, Kummerperlen, gelversuche von Zauberzubehör aufge- dass vor allem der Aberglaube von Ar-
Tinkturen zum Verschwinden- oder Er- deckt, 16 allein im ersten Quartal 2012, men ausgenutzt werde. Sie glauben, dass
scheinenlassen, Liebestränke und Zutaten und man kann sich vorstellen, wie hoch sich Geld in Dubai wundersam vermehre,
wie Fingernägel, Ampullen mit Menstrua- die Dunkelziffer liegt.                           geben ihr Erspartes windigen Gestalten,
tionsblut, ein Gazellenfell, ein Schulter-    Das Phänomen ist in der ganzen Golf- die von sagenhaften Immobiliengewin-
knochen, Gummiharzpuder, Blätter und region zu beobachten. Dort, wo sehr ein- nen raunen, von Fonds und Bonds und
ein Klebestift der Marke Eko-Stick.         fache Menschen aus Indien, Pakistan, tollen Jobs, und plötzlich macht es
   Und Wicca-Literatur. Ein neuheidni- Ostafrika oder den Philippinen auf ihr plopp – und alles war nur fauler Zauber.
scher, von dem Briten Gerald Gardner Glück warten. Also überall. Die hiesige                                    ALEXANDER SMOLTCZYK

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Szene

              L I T E R AT U R


      Gesucht: ein Mörder
        und sein Autor
Die Kunst, die Werbepoesie eines Tou-
rismusprospekts mit einer Krimi-Hand-
lung zu kombinieren, hat der Autor
Jean-Luc Bannalec nicht erfunden. Er
treibt sie in seinem Debütroman „Bre-
tonische Verhältnisse“ allerdings zu
einer Stilblütenpracht, die man für Iro-
nie halten möchte. In Bannalecs Ge-
schichte, die in der schönen Bretagne
spielt, lesen wir Sätze wie diesen:
„Concarneau, die prächtige ,Blaue
Stadt‘, wie sie ob der leuchtend blauen
Fischernetze, die im letzten Jahrhun-
dert die Quais gesäumt hatten, noch
                      heute hieß, strahl-
                      te.“ Mit ähnlich be-
                      tulichem Charme
                      geht die Reise wei-
                      ter in das nahegele-




                                                                                                                                        YU YOUHAN / COURTESY: SIGG COLLECTION
                      gene Dorf Pont-
                      Aven, wo im 19.
                      Jahrhundert Paul
                      Gauguin malte.
                      Dort soll, in einer
  Jean-Luc            naturgemäß „maleri-
  Bannalec
                      schen“ (Bannalec)
  Bretonische         Gegenwartswelt,
  Verhältnisse
                      Kommissar Georges
  Verlag Kiepenheu-   Dupin einen Mord        Gemälde „Chairman Mao in Discussion with the Peasants of Shaoshan“, 1999, von Yu Houhan
  er & Witsch,
  Köln; 304 Seiten;   aufklären. Dupin ist
  14,99 Euro.         so schrullig wie sei-                                               MUSEEN
                      ne italienischen Kol-

                                                                    Chinesisches Herz
                      legen Montalbano
und Brunetti zusammen und so grob-
schlächtig wie sein Ahnherr Maigret
obendrein, er hat einen Kaffeetick und
nicht allzu viel Mühe herauszufinden,         Es soll die erste ernstzunehmende museale Schaufläche für Gegenwartskunst in
wer den 91-jährigen Hotelier abge-            China werden, und fast alles daran ist europäisch. Der Entwurf für das Museum
murkst hat, der eines Morgens tot in          M+, das bis 2017 in Hongkong entstehen soll, ist Teil eines Masterplans des briti-
seiner Bar liegt. „Bretonische Verhält-       schen Architekten Norman Foster. Gründungsdirektor ist der Schwede Lars Nittve,
nisse“ ist ein heiter durchsonnter, span-     erster Leiter der Tate Modern in London, Chefkurator wird der Deutsche Tobias
nungsfreier Wer-war’s?-Krimi für Bre-         Berger sein. Und der wichtigste Mäzen ist ein Schweizer. Aber ebendieser Mann
tagne-Liebhaber. Auch dank freundli-          sorgt dafür, dass M+ doch so etwas wie ein chinesisches Herz bekommt: Uli Sigg
cher Kritiken hat er es in die SPIEGEL-       ist Unternehmer, Berater, ehemaliger Botschafter der Schweiz in Peking und der
Bestsellerliste geschafft. Das hat die        bekannteste Sammler chinesischer Gegenwartskunst. Jetzt hat er der neuen Insti-
Detektive des „Welt“-Feuilletons ange-        tution 1463 Werke im Wert von
spornt zu fragen, wer sich hinter dem         mehr als hundert Millionen Euro
Pseudonym Bannalec verbirgt. Die              geschenkt, davon 26 von Ai Weiwei,
„Welt“ vermutet, es sei Jörg Bong, 46,        dem in seiner Heimat so drangsa-
Leiter des S. Fischer Verlags, und will       lierten Weltstar. 47 weitere Werke
                                                                                                                                        AI WEIWEI / COURTESY: SIGG COLLECTION




ihm, falls er es ist, verbieten, wie bis-     hat Sigg an M+ für 18 Millionen
her „gegen die Kommerzialisierung             Euro verkauft. Er sagt, sein Konvo-
des Buchhandels zu Felde zu ziehen“.          lut gebe die Richtung vor, dass „der
Das ist voreilig, bietet der Autor Ban-       Fokus des Hauses nun auf zeitge-
nalec doch nicht nur ein kommerz-             nössischer chinesischer Kunst liegt“.
fixiertes Ferien-Sparpaket: Hier hat          Durch seine Sammlung auf diesem
der Leser Reiseführer und Einschlaflek-       Gebiet erreiche es einen „Spitzen-
türe in einem. Bong und der Verleger          platz, den ihm keine andere Insti-
des Buches übrigens verweigern die            tution streitig machen kann“.         Sigg neben Ai-Weiwei-Werk „Newspaper Reader“
Aussage zu einer etwaigen Autorschaft.
102                                               D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Kultur
      ÖKONOM I E
                                                                  schen so Waren, Dienst-
                                                                  leistungen und Know-

  Geld und Gut                                                    how.
                                                                  SPIEGEL: Soll das eine
                                                                  neue Währung für ganz
Der griechische Regis-                                            Kreta werden?
seur Alex Macheras, 33,                                           Macheras: Nein, der Kae-
über die neue Währung                                             reti ist eine regionale
Kaereti auf der Insel                                             Ergänzung, wie bei euch
Kreta                                                             die Regiowährung
                                                                  Chiemgauer. Er hat sich
SPIEGEL: Herr Macheras,                                           von unserem Ort Ierápe-




                                                                 PEPI LOULAKAKI
eigentlich inszenieren                                            tra auf die Umgebung
Sie modernes Theater.           Macheras                          ausgedehnt. Es gibt auch
Derzeit aber propa-                                               andere, ähnliche Netz-
gieren Sie eine virtuelle                                         werke auf Kreta. Die
Tauschwährung mit dem Namen Kae-                    Leute haben sich daran gewöhnt, also
reti. Warum?                                        gibt es einen Bedarf.
Macheras: Wir haben den Kaereti er-                 SPIEGEL: Kann man Kaereti-Millionär
schaffen, weil es hier bei uns einen Man-           werden?
gel an Geldfluss gab. Es gab landwirt-              Macheras: Das wäre völlig zwecklos.
schaftliche Produkte, es gab Dienstleis-            Der Nutzen der Tauschwährung be-
tungen, aber zu wenig vom Tauschmit-                steht im Handel, der Kaereti verzinst
tel Geld, also zu wenig Euro. Die Leute             sich nicht. Vom Gebrauchswert abgese-
sind arm. Der Kaereti wurde erfunden,               hen, den man aus den Produkten und
damit man Dienste und Produkte wie-                 Dienstleistungen gewinnt, besteht der
der tauschen konnte. „Kaereti“ bedeu-               Sinn der Sache in der Erfahrung von
tet Nutzen durch eine kleine Hilfe.                 Solidarität und Zugehörigkeit sowie in
SPIEGEL: Wie funktioniert das System?               der Kommunikation zwischen den
Macheras: Auf unserer Website wer-                  Menschen. Bis in die sechziger Jahre,
den die Rechnungen jedes Teilneh-                   als es auf Kreta auch nicht genügend
mers wie bei einer Bank erfasst. Ein                Geldumlauf gab, war das Olivenöl
Kaereti entspricht einem Euro. Wer et-              eine Art Währung. Wegen seiner Halt-
was kauft, zahlt Kaereti auf sein Kon-              barkeit und des Gebrauchswerts taug-
to, wer etwas bekommt, dem schreibt                 te es dafür; manche haben ihre Miete
man Kaereti gut. Der Kontostand des                 damit bezahlt. Dieser „Ölstandard“
Käufers wird zugunsten des Verkäu-                  kommt heute wieder in Gebrauch, üb-
fers vermindert. Knapp 500 Leute tau-               rigens auch mit Honig.



   KINO IN KÜRZE


  „Dein Weg“ erzählt
  von einem kaliforni-
  schen Arzt (Martin
  Sheen), der das letzte
  Projekt seines verstor-
  benen Sohnes fortführt:
  Er pilgert auf dem Ja-
  kobsweg. Sogar dem
  Zuschauer fangen die
  Sohlen an zu brennen,
  wenn sich der schweig-
                                                                                           KOCH MEDIA




  same Held verbissen            Sheen in „Dein Weg“
  über Stock und Stein
  kämpft. Doch nach und
  nach überwindet der verwaiste Vater durch die unaufhörliche Bewegung die Star-
  re der Trauer. Er öffnet sich wieder für die Welt und die Menschen um ihn herum,
                   die alle ihre Probleme mit nach Spanien genommen haben und
                   hoffen, dass sie mit jedem zurückgelegten Kilometer ein wenig
                   leichter zu tragen sind. Regisseur Emilio Estevez, der Sohn von
                   Hauptdarsteller Sheen, zeigt in seinem schönen, berührenden
                   Film, wie die Füße das Herz und das Hirn aus der Umklammerung
                   eines lähmenden Gefühls befreien können. Aber er lässt den Be-
                   trachter auch spüren, wie elend lang so ein Pilgerweg ist.


                            D E R   S P I E G E L    2 5 / 2 0 1 2                     103
Kultur




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Star Koons in seinem New Yorker Atelier vor einem Bild aus der Serie „Antiquity“: Verneigung vor sich selbst

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KUNST




                                Moderne Antike
   Jeff Koons lässt sich in Frankfurt am Main mit einer Doppelschau würdigen. Der
         Künstler will beweisen, dass er es mit allen aufnehmen kann: mit den
    Bildhauern des Hellenismus und mit dem eigenen pornografischen Frühwerk.


D
         as Atelier von Jeff Koons sieht aus                                                                 Im Zuge seiner eigenen Renaissance,
         wie eine große Garage. Flach und                                                                 seiner Wiederentdeckung der Antike, hat
         harmlos breitet es sich im unteren,                                                              Koons etwa die Figur des Diskuswerfers
an dieser Stelle etwas trostlosen Teil von                                                                neu erfunden. Der Körper ist klassisch,
Manhattan aus. Drinnen bahnt sich eine                                                                    die Oberfläche – metallisch und blau –
Krise an. Koons droht unterzugehen, zu-                                                                   ist es nicht. Sobald sich der Betrachter
mindest optisch.                                                                                          im Raum bewegt, verändern sich die Spie-
   Eine Fotografin will Porträts von ihm                                                                  gelungen des Lichts auf den Muskeln.
machen. Koons nimmt sich Zeit, Bilder                                                                     Koons gefällt das. So simpel, so effektvoll.
sind ihm wichtig. Er kommt auf die Idee,                                                                     Auf der Leinwand stellt sich sein Spiel
sich hinter den giftgrünen, muskulösen                                                                    mit antiken Mythen und Schönheitsidea-
Oberkörper einer seiner „Hulk“-Skulp-                                                                     len unter anderem so dar: Eine kaum be-
turen zu stellen. Sein eigener Kopf soll                                                                  kleidete Frau küsst einen aufblasbaren
hinter den Comic-Schultern hervorragen.                                                                   Gummi-Affen und sitzt dabei auf einem
Auf Fotos wirkt Koons ja immer wie je-                                                                    aufblasbaren Kunststoff-Delphin. Die
mand, der zu einem Spaß aufgelegt ist.                                                                    übergroßen Bilder dieser Reihe sind foto-
   Doch ohne Hocker oder Kiste oder ir-                                                                   realistisch und doch seltsam künstlich,
gendetwas anderes, worauf er sich stellen                                                                 fast surreal.
kann, verschwindet er hinter seiner eige-                                                                    Es sind Gemälde, die an diesem Tag
nen Kunst. Das scheint ihn zu ärgern.                                                                     in seinem Atelier in New York noch ent-
                                                                                             JEFF KOONS




Vielleicht stört ihn auch nur, dass seine                                                                 stehen. An den vielen Leinwänden arbei-
Mitarbeiter das Problem noch nicht er-                                                                    ten mehrere Leute gleichzeitig, manch-
kannt haben.                                   Koons-Büste „Bourgeois Bust“, 1991                         mal malen sie ein bis zwei Jahre und
   Sein suchender Blick und einige geflüs-     Schock für die Mittelschicht                               haben doch nie genug Zeit. Jeder Strich,
terte Worte reichen. Koons ist gut darin,                                                                 jede Nuance muss stimmen, jeder ge-
Befehle zu erteilen und sie wie Bitten         andere Teil wird im Liebieghaus zu sehen                   staltete Quadratmillimeter muss Koons
klingen zu lassen. Irgendjemand bringt         sein, einem Museum für Skulpturen von                      gefallen.
nach ein, zwei Minuten – also nach einer       der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Es hat                    Koons ist jetzt 57 Jahre alt, er wollte
Ewigkeit – Holzklötze.                         Koons gereizt, hier seine eigene Bild-                     von Beginn seiner Karriere an mehr Star
   Etwa hundert Angestellte sind für ihn       hauerei unterzubringen. Er reduziert                       als Künstler sein. Er hat viel Geld inves-
tätig. Sie setzen die Ideen ihres Chefs am     Kunst gern auf Schlüsselreize – und er                     tiert in die Strahlkraft seiner Kunst, in
Computer in digitale Vorlagen um. Und          mag es, wenn die Kunstgeschichte die                       ihre perfekte Verarbeitung, in sanft schim-
sie sind es, die diese Entwürfe mit dem        Wirkung seiner Werke, die im Grunde                        mernde oder extrem glänzende Oberflä-
Pinsel auf Leinwände übertragen oder sie       alle bewusste Geschmacklosigkeiten sind,                   chen. Ein früher Klassiker aus den acht-
in Skulpturen verwandeln. Ein enormer          verstärkt.                                                 ziger Jahren ist die Porzellanfigur in Gold
Aufwand.                                          Die zwar kopflose, ansonsten aber sehr                  und Weiß, die Michael Jackson mit sei-
   Seine Werke aber erwecken stets den         erotische Porzellanfigur einer Frau in der                 nem Schimpansen Bubbles darstellt. Oft
Eindruck, Kunst sei etwas Unkomplizier-        Badewanne hat er beispielsweise vor ein                    ist die Rede davon, dass Künstler die an-
tes. Genau das hat ihn zu einem der be-        Renaissance-Werk aus dem Museum ge-                        geblich tote Malerei wiederbelebt haben.
rühmtesten Künstler der Welt gemacht.          stellt: vor ein Altar-Relief von Andrea                    Dabei war das Genre der gegenständli-
Seinen Ruhm will er nun noch steigern.         della Robbia. Das Material ist ähnlich, die                chen Skulptur noch toter, aber Koons war
   In Europa hat er in diesem Sommer           blau-weiße Glasur auch. Die Motive aber                    ihr einziger Retter weit und breit.
gleich zwei große Auftritte. Eine Ausstel-     stoßen sich gegenseitig ab.                                   Anfang der Neunziger überraschte er
lung hat im Mai in Basel begonnen und             Zum ersten Mal präsentiert Koons in                     die Welt mit Bildern und Objekten der
ist im Grunde eine Retrospektive. In           Frankfurt auch Gemälde und Plastiken                       Serie „Made in Heaven“, einer Art auto-
Frankfurt startet in dieser Woche eine         seiner neuen Serie „Antiquity“. Er hat                     biografischem Porno. Nicht zum ersten
Doppelschau mit über 90 Werken. Eine           sich oft von der Kunst der Vergangenheit                   Mal war er sein eigener Hauptdarsteller,
gigantische Inszenierung.                      inspirieren lassen, von Barock und Roko-                   doch dieses Mal zog er sich aus.
   Der eine Teil der Schau findet in der       ko. Nun ist er in der Antike angekommen.                      Er posierte, und seine damalige Gelieb-
Kunsthalle Schirn statt. Dort lässt sich       Und wenn er über Praxiteles, den bedeu-                    te Cicciolina, eine nach Italien übergesie-
der Amerikaner als Maler würdigen –            tenden Bildhauer des 4. Jahrhunderts vor                   delte Ungarin, Politikerin im römischen
oder zumindest als jemand, der ein-            Christus, spricht, hört sich das an, als re-               Parlament und außerdem Ex-Pornodar-
drucksvolle Gemälde herstellen lässt. Der      dete er von einem Freund.                                  stellerin, posierte mit. Koons ist in der
                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                        105
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                                                                                                                                                                        was phantastisch ist, absolut phantastisch.“
                                                                                                                                                                           Der junge Künstler beschloss, eine
                                                                                                                                                                        neue Ikonografie des Begehrens zu ent-
                                                                                                                                                                        wickeln. Duchamp, der Dadaist, wurde
                                                                                                                                                                        eine Inspiration. Die Venus von Willen-
                                                                                                                                                                        dorf, diese kleine, 25 000 Jahre alte Ur-
                                                                                                                                                                        figur der Fruchtbarkeit, eine andere.
JEFF KOONS / FOTO: NORBERT MIGULETZ




                                                                                                                                                                           Er selbst stellte fabrikneue Staubsauger
                                                                                                                                                                        aus, wie sie sich die Hausfrauen seiner
                                                                                                                                                                        Kindheit wünschten, er zeigte schließlich
                                                                                                                                                                        Cicciolina. Die Begierden der Mittel-
                                                                                                                                                                        schicht eben. Inzwischen hat er sogar die
                                                                                                                                                                        Willendorf-Venus auf seine Weise inter-
                                                                                                                                                                        pretiert, als imposant große „Balloon Ve-
                                                                                                                                                                        nus“ in buntem Metall.
                                                                                                                                                                           Heute ist er, gemessen an Auktions-
                                                                                                                                                                        ergebnissen, der teuerste lebende Künst-
                                                                                                                                                                        ler der Welt. Vor ein paar Jahren brachte
                                                                                                                                                                        eine Riesenblume 25,8 Millionen Dollar
                                                                                                                                                                        ein. Auch da verkörpert er den Traum
                                                                                                                                                                        der Mittelschicht, er hat es geschafft, er
                                                                                                                                                                        ist der Kunst gewordene Ehrgeiz.
                                                                                                                                                                           Einer seiner wichtigsten Förderer und
                                                                                                                                                                        Sammler lebt in Athen, es ist der grie-
                                                                                                                                                                        chisch-zypriotische Industrielle Dakis
                                                                                                                                                                        Joannou. Koons nennt ihn einen Freund,




                                                                                                                                      JEFF KOONS FOTO: MARKUS TRETTER
                                                                                                                                                                        er hat auch dessen jüngste Yacht gestaltet,
ANNA SCHORI / DER SPIEGEL




                                                                                                                                                                        hat ihr einen – sehr auffälligen – Tarn-
                                                                                                                                                                        anstrich verpasst. Dass dieses Boot „Guil-
                                                                                                                                                                        ty“, also „Schuldig“, heiße, sei Teil von
                                                                                                                                                                        Joannous Selbstironie. Der habe schon
                                                                                                                                                                        einmal eine Yacht „Donald Duck“ ge-
                                                                                                                                                                        tauft.
                                      Koons-Werke*, Künstler Koons vor unvollendeter Skulptur: Lauter Geschmacklosigkeiten                                                 Die ganze „Antiquity“-Serie ist also
                                                                                                                                                                        seine Verneigung vor sich selbst, aber
                                      amerikanischen Provinz aufgewachsen, er sind beinahe so berühmt wie Bilder von                                                    auch vor Griechenland, dieser alten Hoch-
                                      entstammt der Mittelschicht, und er weiß Andy Warhol.                                                                             kultur, die vor mehr als 2000 Jahren
                                      genau, wie man dieses Milieu sowohl scho-                Sein Lieblingsthema ist die menschli-                                    schon einmal für immer untergegangen
                                      ckieren als auch faszinieren kann.                    che DNA, die Geschichte der Menschheit,                                     zu sein schien. Koons liebt Griechenland,
                                         Cicciolina und er haben geheiratet, sie überhaupt die ganze Sache mit der Fort-                                                er fährt im Sommer gern dorthin, nur
                                      bekamen einen Sohn, den sie Ludwig pflanzung, das Große und Ganze eben.                                                           nicht dieses Jahr, wegen der anstehenden
                                      nannten und als ihre „biologische Skulp- „Das biologische Narrativ“, so nennt er                                                  Geburt seines achten Kindes.
                                      tur“ vorstellten. Sie ließen sich scheiden, es. Er glaube an nichts, außer an die Ver-                                               Viel mag er zu diesem Land, zu seinen
                                      führten einen langen Rosenkrieg. In der breitung von Genen – und daran, dass                                                      aktuellen Problemen nicht sagen. Koons
                                      Kunstgeschichte sind sie aber nicht mehr wir trotz der Biologie, die in uns einge-                                                lebt in der Gegenwart, aber noch mehr
                                      voneinander zu trennen. Koons’ Welt- schrieben ist, immer die Freiheit hätten,                                                    in der Ewigkeit der Kunst. Seine Skulp-
                                      ruhm basiert auf dem riesigen Konvolut uns zu entscheiden, wer wir sind und was                                                   turen sind vorsichtshalber so konstruiert,
                                      von „Made in Heaven“, auf all diesen Dar- wir wollen. Auch seine Thesen klingen                                                   dass sie wahrscheinlich auch in ein paar
                                      stellungen von Küssen und Kopulationen. surreal.                                                                                  Jahrtausenden noch fabrikfrisch wirken.
                                         Seine Frankfurter Serie „Antiquity“ ist               Jeder junge Künstler entwickle seine                                        Vor 20 Jahren, in seinen strahlenden
                                      nun auch der Versuch, an alte Zeiten an- eigene Ikonografie, das sagt Koons eben-                                                 Made-in-Heaven-Jahren, schuf Koons aus
                                      zuknüpfen. Zwar haben die Bilder diesmal falls. Bei ihm sei das einst gewesen wie                                                 Blumen einen zwölf Meter hohen Schoß-
                                      nichts Pornografisches, sie sind höchstens bei einem Auto, das man bei kaltem Wet-                                                hund und stellte ihn ins hessische Arolsen.
                                      erotisch, aber die Hauptfigur seiner Werke ter zu starten versuche, man probiere und                                              Es wurde die Kunstsensation des Som-
                                      erinnert an Cicciolina, derselbe Unterwä- probiere, und irgendwann springe der                                                    mers 1992. Manche verstanden die Aktion
                                      sche-Look, dieselbe Frisur, allerdings sind Motor an.                                                                             als Versuch, der zeitgleich laufenden
                                      die Haare diesmal schwarz statt blond.                   Gezündet hat es dann an der Kunst-                                       Documenta in Kassel Konkurrenz zu
                                         Jedes einzelne Werk dieser Serie soll schule. Ein Professor zeigte die Abbil-                                                  machen.
                                      zeigen, dass er es mit seinem eigenen dung eines Aktes von Edouard Manet,                                                            Im Documenta-Jahr 2012 ist er wieder
                                      Frühwerk ebenso wie mit der Antike auf- die legendäre „Olympia“. Koons habe                                                       in der Gegend.
                                      nehmen kann, dass er beides wie neu aus- durch diese Ikone des Impressionismus                                                       Koons streitet gar nicht ab, alles mit-
                                      sehen lassen kann. Und dass er immer erkannt, so schildert er es, dass in der                                                     bedacht zu haben. Er sagt, er möge die
                                      noch das größte Ego der Kunstwelt be- Darstellung von Nacktheit alles an                                                          Vorstellung, dass viele Leute aus der
                                      sitzt, dass er sogar ein ästhetisches Über- Themen enthalten sein könne: Sozio-                                                   Kunstwelt in Europa sein werden. Erst
                                      Ego ist. Fast jeder kennt seine Werke, sie logie, Philosophie, Theologie, sogar Phy-                                              zur Documenta in Kassel, dann zur Kunst-
                                                                                            sik und vieles mehr.                                                        messe in Basel. Ganz kurz wirkt es so,
                                      * „Balloon Venus“ (o.), „Woman in Tub“ (r., 1988) vor    Dann folgt wieder der typische Koons-                                    als lächle er.
                                      einem Altar von della Robbia.                         Slang: „Alles an mir öffnete sich, ich er-                                                               ULRIKE KNÖFEL

                                      106                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
ETHIK




                                              Anna und wir
 Forscher werden bald routinemäßig das Erbgut eines Ungeborenen auf genetische Defekte
     hin untersuchen können. Die Zahl der Abtreibungen wird steigen. Eine Reihe von
 Autoren fordert nun in neuen Büchern, unser Verhältnis zum Anderssein zu überdenken.


S
      ie hatte einen normalen                                                                                 zu ihr als peinlich, als abstoßend
      Tag als Lehrerin hinter sich,                                                                           empfanden.
      unterrichten, vorbereiten,                                                                                 Das Buch stellt wichtige Fra-
korrigieren. Am Abend setzte                                                                                  gen: Warum ist es nach wie vor
sich Sigrid Falkenstein an den                                                                                unangenehm, sich mit Behinder-
Computer. Sie wollte entspan-                                                                                 ten zu beschäftigen – so unange-
nen.                                                                                                          nehm, dass wir uns mit beinahe
   Heute, neun Jahre später,                                                                                  allen Facetten der NS-Verbre-
kann sie nicht mehr sagen, war-                                                                               chen befasst haben, aber kaum
um sie damals den Namen Anna                                                                                  mit der Euthanasie? Denken wir
Lehnkering eingegeben hat. Ihre                                                                               heute wirklich so vollkommen
Großmutter hieß so und eine                                                                                   anders über Behinderte, über
Tante, aber von der Tante wuss-                                                                               psychische Krankheiten, über
te sie fast nichts, außer dass sie                                                                            das Nicht-Perfekte?
jung und während des Zweiten                                                                                     Vor zwei Wochen haben For-
Weltkriegs gestorben war. Es                                                                                  scher einen neuen Test vorgestellt,
gab ein Foto von dieser Tante,                                                                                mit dem es Ärzten in Zukunft
Sigrid Falkenstein hatte es ge-                                                                               möglich ist, sämtliche Gene eines
erbt und in ihrem Haus auf-                                                                                   Ungeborenen auf Auffälligkeiten
gehängt, einfach so, weil es ihr                                                                              zu überprüfen, ohne dafür in den
gefiel.                                                                                                       Mutterleib einzugreifen. Bioethi-
   Jedenfalls gab sie den Namen                                                                               ker befürchten, dass der Druck
ein, klickte eine Website an, und                                                                             auf werdende Eltern steigen wird,
danach spürte sie eine Weile                                                                                  sich schon während einer Schwan-
nichts mehr: kann nicht sein, das                                                                             gerschaft mit möglichen Be-
war es, was sie dachte.                                                                                       hinderungen zu befassen. Viele
   Ihre Tante sei deportiert                                                                                  glauben, dass es noch mehr Ab-
worden und vergast, weil sie                                                                                  treibungen geben werde. Bisher
                                                                                                         SIGRID FALKENSTEIN PRIVATARCHIV




geistig behindert gewesen sei,                                                                                konnten Ärzte über die lange
stand auf der Website. Ein                                                                                    schon übliche Fruchtwasserunter-
Euthanasie-Opfer. „Euthanasie“                                                                                suchung vor allem das Down-
bedeutet „schöner Tod“, und so                                                                                syndrom erkennen. 90 Prozent
nannten die Nazis ihre systema-                                                                               der Ungeborenen mit dieser Dia-
tischen Morde an all jenen, die                                                                               gnose werden abgetrieben.
sie für nutzlos hielten, weil sie                                                                                Wir müssen nachdenken über
geistig oder körperlich behindert Euthanasie-Opfer Anna 1918: Schwierigkeiten mit dem Lernen unser Verhältnis zum Anders-
waren oder psychisch krank.                                                                                   sein, das legt nicht nur dieses
   Am folgenden Tag rief Sigrid Falken- für Euthanasie-Verbrechen. Gemeinsam Buch nahe, das fordern auch weitere Au-
stein ihren Vater an. Sie erzählte ihm, mit dem Aachener Psychiatrieprofessor toren. Die 25-jährige Maria Langstroff,
was sie über seine Schwester erfahren hat- Frank Schneider hat die 65-Jährige ein die an einer schweren Muskelerkrankung
te. Der Vater reagierte verwirrt. Er sagte, Buch geschrieben: „Annas Spuren“, die leidet, nur noch ihren Kopf und ihren
seine Schwester sei „lieb“ gewesen, sie Rekonstruktion des Lebens ihrer Tante*. rechten Arm bewegen kann und in einem
habe „mit dem Lernen“ Schwierigkeiten            Es ist ein Sachbuch geworden, mit päd- abgedunkelten Heimzimmer lebt, ist Au-
gehabt, aber sonst sei sie normal gewesen. agogischem Unterton, aber berührend. torin des Buches „Mundtot!?“ (Schwarz-
Nein, von einer Behinderung, einer De- Es stattet die Hauptperson mit einer Wür- kopf & Schwarzkopf Verlag), in dem sie
portation, von Mord wisse er nichts.          de aus, die ihr zu Lebzeiten nie zu- beschreibt, wie hilflos, wie seltsam, wie
   In den kommenden Jahren fand Sigrid erkannt worden ist und die nun dazu gemein sich die Gesunden ihr gegenüber
Falkenstein heraus, dass nichts normal ge- führt, dass der Leser sich mit einer verhielten.
wesen ist im Leben ihrer Tante, im Leben Behinderten identifiziert, einer Person,                      Die SPIEGEL-Bestsellerliste wurde
ihrer Familie.                                die an den Rand der Gesellschaft geriet, wochenlang angeführt von der Autobio-
   Nun sitzt sie in Berlin in der Gedenk- weil Verwandte, Ärzte, Lehrer die Nähe grafie des an den Rollstuhl gefesselten
stätte „Topographie des Terrors“. Ein                                                                Franzosen Philippe Pozzo di Borgo (Han-
Raum ist für sie reserviert. Sie ist hier be- * Sigrid Falkenstein, Frank Schneider: „Annas Spuren“. ser Berlin Verlag), auf dessen Lebensge-
kannt, gilt inzwischen als Spezialistin Herbig Verlag, München; 192 Seiten; 17,99 Euro.              schichte einer der erfolgreichsten Filme
                                                       D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                 107
geläufige Begriff für Trinker. Viele Ärzte
                                                                                                        glaubten, Alkohol schädige das Erbgut.
                                                                                                           Die Nazis, ab 1933 an der Macht, griffen
                                                                                                        Ideen der „Rassenhygiene“ auf, die schon
                                                                                                        lange kursierten. In der Schule lernten Kin-
                                                                                                        der Rechenaufgaben: „Der jährliche Auf-
                                                                                                        wand des Staates für einen Geisteskranken
                                                                                                        beträgt im Durchschnitt 766 RM, ein Krüp-
                                                                                                        pel kostet 600 RM. In geschlossenen An-
                                                                                                        stalten werden auf Staatskosten versorgt:
                                                                                                        167 000 Geisteskranke, 8300 Taube und
                                                                                                        Blinde, 20 600 Krüppel. Wie viel Mill. RM
                                                                                                        kosten diese Gebrechlichen jährlich? Wie
                                                                                                        viel erbgesunde Familien können bei 60
                                                                                                        RM durchschnittlicher Monatsmiete für die-
                                                                                                        se Summe untergebracht werden?“
                                                                                                           Am 14. Juli 1933 wurde das „Gesetz
                                                                                                        zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“
                                                                                                        erlassen. Nach und nach wollten die
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                                                                                                        Nazis die gesamte deutsche Bevölkerung
                                                                                                        „erbbiologisch“ erfassen. „Erbgesund-
                                                                                                        heitsgerichte“ urteilten aufgrund von
               Film-Thema Behinderung*: Würde des Einzelnen                                             „Sippentafeln“, wer aus einer „erbmin-
                                                                                                        derwertigen“ Familie sterilisiert werden
         des Jahres beruht: „Ziemlich beste Freun-           Wie weit Menschen in ihrer Abwehr          sollte. Jeder Arzt war verpflichtet, „erb-
         de“, eine Komödie, die ebenfalls vor- gehen können, haben die Nazis gezeigt.                   kranke“ Patienten anzuzeigen. Bis 1945
         führt, wie verkrampft sich die meisten Doch Sigrid Falkenstein schildert in ihrem              wurden etwa 360 000 Menschen zwangs-
         Gesunden einem Kranken gegenüber ver- Buch über ihre Tante Anna, dass ein sol-                 sterilisiert, auch Anna. Sie musste dafür
         halten, gerade dann, wenn sie nett sein cher Vernichtungsapparat nur dann funk-                ins Evangelische Krankenhaus in Mül-
         wollen.                                          tionieren kann, wenn er sich die Scham        heim an der Ruhr. Ein Arzt vermerkte
            Auch ein Bestseller: „Zwei Leben“ derjenigen zunutze macht, die dem An-                     zuvor Annas „stumpfes“ und „blödes“
         (Adeo Verlag), die Geschichte des 20-jäh- dersartigen nahestehen.                              Aussehen.
         rigen Samuel Koch, der in der Sendung               Anna Lehnkering wurde am 2. August            Anderthalb Jahre nach der Zwangsste-
         „Wetten, dass ...?“ stürzte und seither 1915 im Ruhrgebiet geboren, ein Jahr zu-               rilisation kam Anna wieder ins Mülheimer
         vom Hals abwärts gelähmt ist.                    vor war der Erste Weltkrieg ausgebro-         Klinikum, sie war an den Nieren erkrankt.
            Die Kölnerin Monika Hey beschreibt chen. Annas Vater, ein Gastwirt, kämpfte                 Ein Arzt drängte darauf, sie von dort aus
         in einem Buch, das Ende September er- im Krieg. Die Mutter führte die Wirt-                    in eine „Heil- und Pflegeanstalt“ zu über-
         scheinen soll, wie sie sich zur Abtreibung schaft allein und musste ihre beiden älte-          weisen. Obwohl sie den Kontakt mit Men-
         eines Fötus drängen ließ, der als genom- ren Söhne großziehen.                                 schen scheute, musste sie mit vielen ande-
         geschädigt galt, und wie bitter sie das be-         Nachdem der Krieg verloren war,            ren den Schlafsaal teilen, sie hatte nicht
         reut. In ihrem Buch schildert sie den herrschte im Land Revolution. Der Vater                  einmal einen Nachtschrank für persönliche
         Druck, den sie durch Ärzte und Gesell- war kaum in der Lage, die Gastwirtschaft                Dinge. In der Patientenakte stand, dass
         schaft empfand. „Mein gläserner Bauch“ wieder zu führen, er war Alkoholiker. Als               sie nach Hause wolle, sie sei „albern“, „läp-
         (DVA) wird angekündigt als Reflexion Anna vier Jahre alt war, stellten die El-                 pisch“, „lästig“.
         darüber, „wie die Pränataldiagnostik un- tern fest, dass sie schreckhaft geworden                 Am 6. März 1940 wurde Anna zusam-
         ser Verhältnis zum Leben verändert“.             war, sie zitterte häufig. In den Jahren da-   men mit 300 Frauen und 157 Männern in
            Das Verhältnis der halbwegs Gesunden vor, so sagten die Eltern, habe sich das               zehn Waggons eingepfercht, sie fuhren ei-
         zu den psychisch und physisch Kranken, Kind gut entwickelt.                                    nen Tag und eine Nacht lang, dann waren
         zu den geistig Behinderten ist überall auf          1921 starb der Vater an Leberzirrhose,     sie in Grafeneck angelangt, einem abgele-
         der Welt merkwürdig, das zeigt nicht nur er war 35 Jahre alt. Die Tochter wurde                genen Schloss in Baden-Württemberg. Eine
         Pozzo di Borgos Geschichte, das bestäti- nervöser. Bei ihren Arztbesuchen in den               Gaskammer in einem Schuppen. 20 Minu-
         gen auch internationale Studien. Grup- folgenden Jahren sollte sie noch erzählen,              ten lang strömte Gas hinein. Durch ein
         pen belohnen Ähnlichkeit und bestrafen dass ihr Vater alkoholkrank war, später                 Fenster schauten Ärzte zu, wie die nackten
         Abweichung. Dass sich Leser gerade jetzt verschwieg oder vergaß sie es.                        Sterbenden schrien, sich erbrachen.
         für die Geschichten der Andersartigen in-           Auch der zweite Mann der Mutter               Annas Mutter bekam einen Brief:
         teressieren, muss aber kein Indiz sein für trank. Ein Arzt notierte, Anna sei „ein             „Sehr geehrte Frau Lehnkering! Zu unse-
         wachsende Toleranz. Als Schauobjekt aus übernervöses, schwachsinniges Kind, das                rem Bedauern müssen wir Ihnen mittei-
         der Ferne war der Andersartige immer den Stiefvater fürchtet“. Das Kind hänge                  len, dass Ihre Tochter Anna Lehnkering
         interessant. Schwierig ist für die meisten an der Mutter.                                      unerwartet am 23. April 1940 infolge ei-
         Menschen die Nähe zum Andersartigen,                Anna kam auf die Hilfsschule. Die          ner Bauchfellentzündung verstorben ist.
         die Verwandtschaft, die Furcht vielleicht, meisten Kinder dort galten als „schwach-            Bei ihrer unheilbaren Erkrankung bedeu-
         dem Andersartigen ähnlich zu sein. Denn sinnig“, „minderwertig“, als „Ballast“ für             tet ihr Tod Erlösung für sie.“
         das ist das eigentlich Bedrohliche an der die Gesellschaft, ihr „Nutzen“ für die                  Die Familie sprach schon lange nicht
         Abweichung: dass sie nämlich gar keine „Volksgemeinschaft“ wurde angezweifelt.                 mehr über Anna. Auf Postkarten und in
         Abweichung ist, sondern vergrößert das              1931/32 untersuchten Ärzte Anna in         Briefen gab es kaum einen Hinweis auf
         darstellt, was in jedem Menschen steckt. Bonn in der „Provinzial-Kinderanstalt für             sie.
                                                          seelisch Abnorme“. Diagnose: „Schwach-           Als die Nichte gut 60 Jahre später An-
         * Omar Sy und François Cluzet in „Ziemlich beste sinn erheblichen Grades“. Ursache: „Va-       nas Lebensgeschichte rekonstruierte und
         Freunde“.                                        ter Potator“. Potator war der medizinisch     ihren Vater ansprach, erinnerte er sich
               108                                            D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Kultur

nicht daran, dass jemand aus der Familie er mit ihnen zu tun, er meint, sie seien                                                                  Nichts sei hinderlicher als Scham, sagt
seine Schwester besucht habe. Er wusste heute selbstbewusster als die Patienten,                                                                Schneider. „Die meisten psychischen
nicht, wo ihr Grab ist. Er war nicht in der die er vor ein paar Jahren behandelt hat.                                                           Krankheiten lassen sich gut behandeln,
Lage auszusprechen, dass seine Schwester Als sich der Torwart Robert Enke, der                                                                  die Leute müssen nur in eine adäquate
behindert war.                              an Depressionen gelitten hatte, 2009                                                                Behandlung kommen.“
   Annas Mutter litt offenbar unter dem umbrachte, habe sich durch die öf-                                                                         Und die Angst der Verwandten, etwas
Verlust ihrer Tochter und vermutlich fentliche Trauer etwas gewandelt in                                                                        weiterzugeben, was nicht gut ist? Das
auch an dem Schweigen – daran, dass sie Deutschland. Solche Krankheiten müss-                                                                   Gefühl, mit krank zu sein, weil einer
die Zwangssterilisation zugelassen und ten kein Tabu mehr sein. „Auch das In-                                                                   krank ist?
nicht verhindert hatte, dass sie ins Heim ternet hilft, die Patienten finden heraus,                                                               Schneider schüttelt den Kopf. „Wir dis-
kam. Anfang der fünfziger Jahre ver- dass sie mit ihren Problemen nicht allein                                                                  kutieren viel zu viel über Vererbung. In
suchte sie, sich das Leben zu nehmen. sind.“                                                                                                    allen Familien gibt es alle möglichen Ver-
Sie kam in eine Nervenklinik                                                                                                                    anlagungen. Einer mag depressiv sein,
nach Düsseldorf. Der Chefarzt                                                                                                                   und es kann sein, dass alle seine Kinder
dieser Klinik war NS-Gutach-                                                                                                                    depressiv werden, es kann aber auch sein,
ter gewesen, er hatte vom                                                                                                                       dass die Krankheit über Generationen
Schreibtisch aus über Morde an                                                                                                                  nicht mehr auftaucht. Depression ist ja
„Erbkranken“ entschieden. In                                                                                                                    per se keine Erbkrankheit, unterliegt aber
zwei Euthanasie-Prozessen ge-                                                                                                                   genetischen Einflüssen.“ Und auch jedes
gen ihn berief er sich auf einen                                                                                                                gesunde Leben könne zerstört werden




                                                                                         GOETZ SCHLESER / DER SPIEGEL
„übergesetzlichen Notstand“.                                                                                                                    durch einen Unfall, ein Trauma.
1950 Freispruch, „erwiesene                                                                                                                        Aber gibt es nicht auch eine politische
Unschuld“.                                                                                                                                      Korrektheit, die unmenschlich ist? Was
  „Die Ärzte und Psychiater                                                                                                                     ist mit denjenigen, die sich nicht zutrauen,
haben sich kaum mit ihrer                                                                                                                       mit einem Kranken zusammenzuleben?
Schuld beschäftigt“, sagt Frank                                                                                                                    Eine wichtige Lehre der Nazi-Zeit sei
Schneider, 54, der Co-Autor                                                                                                                     es, sagt Sigrid Falkenstein, Indoktrinatio-
des Buches „Annas Spuren“ Familienforscherin Falkenstein: Nachgeholte Liebe                                                                     nen zu vermeiden, auch die gutgemeinten.
und Chefarzt für Psychiatrie an                                                                                                                 Jeder müsse frei sein, sich selbst zu befra-
der Uni-Klinik Aachen. Er war                                                                                                                   gen, was er sich zutraue. Auch jede Kran-
Präsident der Deutschen Gesell-                                                                                                                 kengeschichte unterscheide sich von an-
schaft für Psychiatrie und hat                                                                                                                  deren. „Die Menschenwürde ist immer die
auf Tagungen und in Aufsätzen                                                                                                                   des Einzelnen.“ Eine Gesellschaft aber
darauf hingewiesen, dass zu lan-                                                                                                                dürfe sich nicht die Erfahrung nehmen,
ge geschwiegen wurde.                                                                                                                           wie es ist, mit Kranken zu leben. Durch
   Nun, im Sitzungssaal der Ge-                                                                                                                 Erfahrung entstehe Zutrauen.
denkstätte „Topographie des                                                                                                                        Sigrid Falkenstein erzählt noch einmal
Terrors“, sprechen er und                                                                                                                       von ihrem Vater. Dass er sich an Fußball-
Sigrid Falkenstein über Anna                                                                                                                    ergebnisse aus den dreißiger Jahren erin-
und darüber, dass es unmöglich                                                                                                                  nern konnte, aber kaum an seine Schwes-
sei, im Nachhinein festzustellen,                                                                                                               ter. Psychiater Schneider sagt, es könne
woran sie genau litt und welche                                                                                                                 sein, dass die Scham so groß war und der
                                                                                         BPK




Ursache das hatte.                                                                                                                              Druck, schweigen zu müssen, dass „es zu
   Es kann ein ererbtes Leiden NS-Propaganda 1936: Rechenaufgaben für die Kinder                                                                strukturellen und funktionellen Verände-
gewesen sein oder eines, das zu-                                                                                                                rungen des Gehirns gekommen ist, so dass
rückzuführen ist auf traumati-                                                                                                                  der Vater auf die Erinnerungen nicht wil-
sche Erlebnisse, die Kriegswir-                                                                                                                 lentlich zugreifen konnte“.
ren, den Alkoholismus und den                                                                                                                      Immer wieder konfrontierte Sigrid Fal-
Tod des Vaters. Sicher jeden-                                                                                                                   kenstein ihren Vater mit dem, was sie
falls ist, dass Annas Leiden                                                                                                                    über Anna herausfand. 2009 wurde in
schlimmer wurde, weil ihr ein                                                                                                                   Mülheim an der Ruhr, vor dem Haus, in
Platz in der Gesellschaft ver-                                                                                                                  dem Anna zuletzt gewohnt hatte, ein Stol-
weigert worden war. In frühen                                                                                                                   perstein verlegt. Stolpersteine dienen
Patientenakten steht, sie habe                                                                                                                  dem Gedenken an die Deportierten und
leichte Aufgaben gern über-                                                                                                                     Ermordeten. Sigrid Falkensteins Vater,
                                                                                         MICHAEL SCHREINER / SCHWARZKOPF & SCHWARZKOPF VERLAG




nommen, später, im Heim, woll-                                                                                                                  Annas Bruder, war dabei. Er gab einem
te sie nichts mehr tun.                                                                                                                         Lokalreporter ein Interview. „Ich hatte
   Was hat Annas Geschichte                                                                                                                     eine Schwester, die geistig behindert war.“
mit uns heute zu tun?                                                                                                                           Ein paar Wochen später starb er.
   Viel, sagt Sigrid Falkenstein.                                                                                                                  Seine Ehefrau, Sigrid Falkensteins Mut-
Wir seien umzingelt von Bil-                                                                                                                    ter, war da schon lange dement. Sie zog
dern starker, gesunder Men-                                                                                                                     zu ihrer Tochter, wurde von ihr und ihrer
schen, wir glauben, Leistung sei                                                                                                                Familie gepflegt und gefüttert, zwei Jahre
alles und niemand dürfe mehr                                                                                                                    lang. Dann stand die Entscheidung an,
schwach sein.                                                                                                                                   ob die Mutter kurz vor ihrem Tod künst-
   Psychiater Schneider ist op-                                                                                                                 lich ernährt werden soll. Sigrid Falken-
timistischer, jedenfalls was sei-                                                                                                               stein liebte ihre Mutter. Sie entschied sich
ne Patienten betrifft, die psy-                                                                                                                 dagegen.
chisch Kranken. Jeden Tag hat Autorin Langstroff: Gesunde verhalten sich gemein                                                                                              SUSANNE BEYER

                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                                                  109
Kultur


                                                      SPI EGEL-GESPRÄCH




       „Wir brauchen einen Psychiater“
            Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim hält die Ächtung der Musik
          von Richard Wagner in Israel für grotesk und rät der Regierung in Jerusalem,
               sich nicht dauerhaft auf Deutschlands Unterstützung zu verlassen.

SPIEGEL: Herr Barenboim, warum                                                                      setzten, sondern biblische Gebie-
kämpfen Sie dafür, die Musik Ri-                                                                    te, die befreit worden seien! Von
chard Wagners in Israel aufzufüh-                                                                   nun an wuchs eine riesige Oppo-
ren? Kein anderer Komponist ist                                                                     sition heran, diese Allianz aus
dort so verhasst wie dieser deut-                                                                   Rechten und Orthodoxen, die Is-
sche Antisemit.                                                                                     rael heute regiert.
Barenboim: Dass sich das offizielle                                                                 SPIEGEL: Was hat das mit Richard
Israel so beharrlich weigert, Wagner                                                                Wagner zu tun?
aufführen zu lassen, wie wieder vor                                                                 Barenboim: Nun, seit dem Sechsta-
zwei Wochen in der Universität von                                                                  gekrieg haben israelische Politiker
Tel Aviv, macht mich traurig, denn                                                                  immer wieder eine Verbindung
ich sehe das als Symptom einer                                                                      hergestellt zwischen dem europäi-
Krankheit. Es ist ein hartes Wort,                                                                  schen Antisemitismus und dem
das ich jetzt sage, aber ich wähle es                                                               Umstand, dass die Palästinenser
mit Bedacht: In Israel gibt es eine                                                                 die Gründung des Staates Israel
Politisierung der Erinnerung an den                                                                 nicht hinnehmen. Was aber ab-
Holocaust, und das ist schrecklich.                                                                 surd ist! Die Palästinenser waren
SPIEGEL: Erklären Sie das bitte.                                                                    in erster Linie nicht antisemitisch,
Barenboim: Als ich 1952 als Zehn-                                                                   sie haben ihre Vertreibung nicht
jähriger von Argentinien nach Is-                                                                   akzeptiert. Der europäische Anti-

                                                                                                  REINER RIEDLER / DER SPIEGEL
rael kam, sprach niemand über                                                                       semitismus aber geht doch viel
den Holocaust. Für die Überleben-                                                                   weiter zurück als nur bis zur Tei-
den war die Katastrophe noch viel                                                                   lung Palästinas und der Staats-
zu nah, und die jungen Israelis                                                                     gründung Israels 1948. Er geht so-
wollten ein anderes Judentum                                                                        gar weiter zurück als der Holo-
schaffen – sie wollten zeigen, dass                                                                 caust, denken Sie an die Pogrome
Juden nicht nur Künstler und Ban-                                                                   in Russland und in der Ukraine,
kiers sein können, sondern auch               Daniel Barenboim                                      an den Fall Dreyfus in Frankreich,
Landwirtschaft und Sport betrei-              wird als Doppelbegabung gefeiert: Schon als Kind      auch an den Antisemiten Richard
ben. Sie schauten nach vorn und               trat er als Pianist auf, später machte Barenboim, 69, Wagner. Es gibt keine Verbindung
wollten nicht über die Leiden ihrer           auch eine Weltkarriere als Dirigent. Seit 1992 ist er zwischen dem Palästina-Problem
Eltern sprechen.                              Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. 1999    und dem europäischen Antisemi-
SPIEGEL: Wann änderte sich das?               gründete der Musiker gemeinsam mit dem palästi-       tismus. Außer dass man heute von
Barenboim: Mit dem Prozess gegen              nensischen Schriftsteller Edward Said das West-       den Palästinensern erwartet, dass
Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem.             Eastern Divan Orchestra, in dem junge Juden, Musli-   sie für die historischen Sünden be-
Premierminister David Ben-Guri-               me und Christen aus dem Nahen Osten musizieren.       zahlen. Wahrscheinlich gibt es so-
on dachte damals zu Recht, dass es            Barenboim hat es als einer der wenigen gewagt,        gar viele Leute in Israel, die glau-
für die Israelis nötig sei, exempla-          Wagners in Israel verpönte Musik dort aufzuführen.    ben, Wagner, der 1883 starb, habe
risch durch einen Täter genau zu                                                                    1942 in Berlin gelebt und sei mit
erfahren, was da geschehen war.                                                                     Hitler befreundet gewesen.
Die ganze Grausamkeit, die Kälte und lich dass der Holocaust, aus dem der letz- SPIEGEL: Seine Schwiegertochter Winifred
Unmenschlichkeit der Schoa an diesem te Anspruch der Juden auf Israel abge- holte das später nach. Sie war eine Ver-
Individuum Eichmann zu sehen war un- leitet wurde, und das palästinensische traute Hitlers und der Diktator ein Dau-
glaublich. Ich habe mich damals, wie alle Problem etwas miteinander zu tun hät- ergast in Bayreuth.
meine Schulfreunde, zum ersten Mal aus- ten. Sechs Jahre nach dem Eichmann- Barenboim: Ich habe den größten Respekt
führlich mit dem Zweiten Weltkrieg be- Prozess brach der Sechstagekrieg aus, vor den Überlebenden des Holocaust.
fasst. Plötzlich hieß es: Wir müssen etwas und nach diesem Krieg war Israel anders Wir können uns doch überhaupt nicht
tun, damit so etwas nie wieder passiert.            als zuvor. Während es bis dahin ja gar vorstellen, was diese Menschen mitge-
SPIEGEL: Was war daran falsch?                      keine politische Opposition zum Aufbau- macht haben. Und doch gibt es selbst un-
Barenboim: Natürlich nichts, aber damals Kurs der Regierung gab, entstand nach ter ihnen unterschiedliche Haltungen –
begann auch ein Missverständnis – näm- dem Sieg von 1967 plötzlich eine heftige die meines Freundes Imre Kertész zum
                                                    Debatte: Sollte man die besetzten Gebie- Beispiel, des ungarischen Dichters, der
Das Gespräch führten die Redakteure Joachim Krons-  te zurückgeben oder nicht? Die Ortho- selbst ein Holocaust-Überlebender ist.
bein und Bernhard Zand.                             doxen sagten sogar, das seien keine be- Wir kannten uns kaum zwei Wochen, da
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sagte er zu mir: Kannst du mir Karten
                                                                                                                       für Bayreuth besorgen? Ich respektiere,
                                                                                                                       dass es Überlebende gibt, die diese
                                                                                                                       Musik nicht hören können – geschweige
                                                                                                                       denn wollen. Aber ich sehe nicht ein, dass
                                                                                                                       jemand in seinem Apartment in Haifa
                                                                                                                       sitzt und darunter leidet, dass ein Orches-
                                                                                                                       ter in Tel Aviv oder Jerusalem Wagner
                                                                                                                       spielt.
                                                                                                                       SPIEGEL: Was ist für Sie das Faszinierende
                                                                                                                       an Wagner? Warum beeindruckt er gera-
                                                                                                                       de Intellektuelle so sehr?
                                                                                                                       Barenboim: Wagner hat alle Ausdrucks-
                                                                                                                       möglichkeiten, die einem Komponisten
                                                                                                                       zur Verfügung stehen – Harmonie, Dy-
                                                                                                                       namik, Orchestrierung – bis zum Äußers-
                                                                                                                       ten ausgeschöpft. Seine Musik ist sehr
                                                                                                                       emotional, und gleichzeitig hat Wagner
                                                                                                                       eine außerordentliche Kontrolle über die
                                                                                                                       Wirkung, die er erzielt. Deshalb hat Wag-
                                                                                                                       ners Musik auch etwas Manipulatives –
                                                                                                                       womit ich nicht sagen will, dass sie nicht
                                                                                                                       ehrlich sei. Ich glaube, sie ist von gerade-
                                                                                                                       zu totaler Ehrlichkeit, aber sie ist eben
                                                                                                                       auch manipulativ.
                                                                                                                       SPIEGEL: Erklärt das auch die Affinität der
                                                                                                                       Nazis zu seiner Musik?
                                                                                                                       Barenboim: Wagner kann nicht direkt für
                                                                                                                       diese Verbindung verantwortlich gemacht
                                                                                                                       werden. Aber Wagner war ein schreck-
                                                                                                                       licher Antisemit, seine Schrift „Das Ju-
                                                                                                                       dentum in der Musik“ aus dem Jahr 1850
                                                                                                                       ist eines der schlimmsten antisemitischen
                                                                                                                       Pamphlete aller Zeiten. Hitler hat sich
                                                                                                                       Wagner zum Propheten genommen.
                                                                                                                       Aber selbst das Schlimmste, was Wagner
                                                                                                                       über die Juden geschrieben hat, hat Hitler
                                                                                                                       natürlich in einer Weise umgedeutet, für
                                                                                                                       die Wagner nicht verantwortlich zu
                                                                                                                       machen ist. Ich verstehe natürlich, was
                                                                                                                       manche Menschen an Nazi-Assoziatio-
                                                                                                                       nen haben, wenn sie etwa „Lohengrin“
                                                                                                                       hören.
                                                                                                                       SPIEGEL: Wie kam es eigentlich, dass Sie
                                                                                                                       auch mit Ihrem arabisch-israelischen
                                                                                                                       West-Eastern Divan Orchestra Wagner
                                                                                                                       spielten?
                                                                                                                       Barenboim: Die Musiker wollten das. Ich
                                                                                                                       sagte: Gern, aber darüber müssen wir
                                                                                                                       reden, das ist eine heikle Entscheidung.
                                                                                                                       Mir lag daran, dass wir keinen der Musi-
                                                                                                                       ker gegen seinen Willen dazu bringen,
                                                                                                                       das zu spielen.
                                                                                                                       SPIEGEL: Waren es die Araber, von denen
                                                                                                                       die Initiative ausging?
                                                                                                                       Barenboim: Im Gegenteil. Es waren die Is-
                                                                                                                       raelis. Die israelischen Blechbläser. Wag-
                                                                                                                       ner ist ja ziemlich blechlastig. Aber ich
                                                                                                                       habe dem Orchester die musikalische Be-
                                                                                                                       deutung Wagners erklärt. Man kann ihn
                                                                                                                       als Musiker eigentlich nicht ignorieren.
                                                                                                                       SPIEGEL: Herr Barenboim, sind Sie ein is-
                                                                                                                       raelischer Patriot?
                                                                                              CRISTINA QUICLER / AFP




                                                                                                                       Barenboim: Was ist ein israelischer Patriot?
                                                                                                                       Worauf kann man heute stolz sein? Wie
                                                                                                                       wollen Sie Patriot sein in einem Staat,
                                                                                                                       der seit 45 Jahren fremdes Territorium
                                                                                                                       besetzt? Der nicht in der Lage ist zu ak-
Wagner-Oper „Parsifal“ in Sevilla 2005: „Er ist ja ziemlich blechlastig“                                               zeptieren, dass es noch eine andere Er-
                                                      D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                    111
Kultur

zählung der vergangenen 60 Jahre gibt.                                   mir das, dann verspreche ich dir das. Dau-    SPIEGEL: Es heißt, Angela Merkel habe
Ja, die Palästinenser hätten am 29. No-                                  erhaft ruht Israels Sicherheit aber nur auf   großen Einfluss auf Benjamin Netanjahu.
vember 1947 die Teilung Palästinas hin-                                  einer Säule – der Akzeptanz des Staates       Finden Sie, dass die Kanzlerin das aus-
nehmen können, und das haben sie nicht                                   durch die Palästinenser. Es ist nicht die     reichend nutzt?
getan, weil sie die Teilung ungerecht fan-                               Atombombe, die Israel sicher macht.           Barenboim: Ich habe die folgende Frage
den. Warum können wir das nicht wie-                                     SPIEGEL: Was halten Sie davon, dass           drei deutschen Kanzlern gestellt, Helmut
derum als historisches Faktum hinneh-                                    Deutschland Israel mit U-Booten ausge-        Kohl, Gerhard Schröder und Angela Mer-
men und eine neue Seite aufschlagen?                                     rüstet hat, die offensichtlich mit Atom-      kel: Nach unserer gemeinsamen Geschich-
Das ist doch unmenschlich.                                               raketen bestückt werden?                      te, die ja weit über die furchtbaren zwölf
SPIEGEL: Sie sind nachsichtig mit den Ara-                               Barenboim: Ich kann nur sagen: Wagner         Jahre zwischen 1933 und 1945 hinaus-
bern. Israels Nachbarn verhalten sich                                    verbieten und gleichzeitig deutsche U-        geht – finden Sie nicht, dass Sie den Ju-
aber feindselig. Hat Irans Präsident Mah-                                Boote kaufen, das ist doch absurd.            den helfen sollten, ihren Konflikt mit den
mud Ahmadinedschad nicht davon ge-                                       Deutschland hat sich beispielhaft mit sei-    Palästinensern zu lösen? Die Antwort
sprochen, das „zionistische Gebilde“ von                                 ner Vergangenheit auseinandergesetzt.         war bei allen dreien dieselbe: Wie stellen
der Landkarte zu streichen?                                              Nur deshalb kann ich als Jude überhaupt       Sie sich das vor? Wie soll ein deutscher
Barenboim: Ich bin nicht blauäugig. Ich                                  in Deutschland leben. Aber so beein-          Kanzler den Israelis sagen, wie sie ihre
weiß sehr gut, dass es keinen Araber, kei-                               druckt und dankbar ich für diese Aus-         Konflikte lösen sollen?
nen Muslim auf der Welt gibt, der sagen                                  einandersetzung bin, sehe ich doch auch,      SPIEGEL: Beruhigt Sie Merkels Aussage,
würde: Es muss einen jüdischen Staat im                                  dass die Deutschen Gefangene ihrer Ver-       Israels Sicherheit sei ein Teil der Staats-
Nahen Osten geben. Aber warum sollten                                    gangenheit sind: Deutschland wird nie         räson Deutschlands?
sie das auch sagen? Israels Strategie kann
doch nicht sein, die Palästinenser ständig
mit der Geschichte des Holocaust zu kon-
frontieren, sondern er muss ihnen zeigen,
dass Israel eine Realität ist. Wir haben
Fehler gemacht, ihr habt Fehler gemacht,
aber wir sind hier, und ihr seid hier. Lasst
uns Frieden schließen, mit Gerechtigkeit
für alle. Wahrscheinlich ist es zu spät da-
für. Aber wer weiß?
SPIEGEL: Warum scheint dieser Konflikt
so unlösbar zu sein?
Barenboim: Weil die ganze Welt ihn nicht
als das sieht, was er wirklich ist. In Wahr-
heit weiß doch jeder, was am Ende dieser
Geschichte steht: der Rückzug Israels auf
die Grenzen von 1967 und eine praktika-
ble Lösung der Jerusalem-, der Grenz-
und der Rückkehrerfrage. Aber es ist
eben kein Konflikt, den man politisch
oder gar militärisch lösen könnte, es ist
                                               SEBASTIAN SCHEINER / AP




ein menschlicher Konflikt, in dem zwei
Völker zutiefst davon überzeugt sind, An-
recht zu haben auf dasselbe Stück Land.
Wir brauchen kein Nahost-Quartett aus
Uno, Russen, Europäern und Amerika-
nern. Wir brauchen einen Psychiater.                                     Israelischer Soldat, palästinensischer Demonstrant bei Ramallah 2007: „All der Hass“
SPIEGEL: Und das soll helfen?
Barenboim: Ich bin sicher, dass es viele Is-                             ein richtiger, ein frei denkender und frei    Barenboim: Das ist eine moralische Aus-
raelis gibt, die davon träumen, dass sie                                 fühlender Freund Israels sein, weil immer     sage, an deren Ehrlichkeit ich hundert-
eines Tages aufwachen – und die Palästi-                                 wieder dieser Schatten fällt. Schauen Sie     prozentig glaube. Aber die Geschichte
nenser sind weg. Und viele Palästinenser                                 sich an, wie die Welt vor 40, vor 20, vor     zeigt, dass die Ehe von Moral und Politik
träumen davon, dass sie abends ins Bett                                  10 Jahren zu Israel und den Palästinen-       manchmal wacklig ist. Wäre ich israeli-
gehen und am Morgen die Israelis weg                                     sern stand – und wie sie heute dazu steht.    scher Premierminister, dann würde ich
sind. Wenn ein Mann davon träumt, dass                                   Die Reaktion vieler Israelis ist: Die Welt    langfristig nicht auf eine solche Aussage
er mit Marilyn Monroe schläft, dann ist                                  war immer gegen uns. Ich glaube aber          bauen. Denn dafür gibt es einen histo-
das sein gutes Recht. Aber wenn er auf-                                  nicht, dass die ganze Welt ständig antise-    rischen Grund: Es war Frankreich, das
wacht, muss er nun mal zur Kenntnis neh-                                 mitisch ist. Selten gingen Moral und Stra-    Israel in den fünfziger Jahren die Ent-
men, dass seine Frau eine andere ist.                                    tegie so Hand in Hand wie in unserem          wicklung eines Nuklearprogramms er-
SPIEGEL: Premierminister Benjamin Netan-                                 Konflikt. Es gibt viele Palästinenser, die    möglicht hat. In den sechziger Jahren
jahu regiert zurzeit mit einer Dreivier-                                 bereit gewesen wären, die Realität Israels    aber merkte de Gaulle, dass das gegen
telmehrheit in der Knesset, ungewöhnlich                                 zu akzeptieren. Die Pessimisten sagen         die strategischen Interessen Frankreichs
für eine parlamentarische Demokratie.                                    heute, die Zeit der Zweistaatenlösung ist     war – die Franzosen brauchten Öl von
Beunruhigt es Sie, dass Israel keine wirk-                               vorbei. Wenn das so ist: Glauben wir im       den Arabern. Also hat er gesagt: Schluss
liche Opposition mehr hat?                                               Ernst, dass ein einziger Staat auf dem Ge-    damit.
Barenboim: Ich glaube, der größte Fehler                                 biet Palästinas funktionieren kann – nach     SPIEGEL: Und Israel wandte sich an die
der letzten Regierungen ist, dass sie keine                              all dem Hass, der gesät wurde? Wenn wir       Vereinigten Staaten.
Strategie haben, dass sie eigentlich nur                                 so weitermachen, haben wir überhaupt          Barenboim: Genau da steht Israel heute,
mehr taktisch operieren: Du versprichst                                  keine Lösung.                                 es ist so etwas wie deren 51. Bundesstaat.
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Die israelische Regierung sollte sich dar-                                                                         Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom
über Sorgen machen. Ja, Israel hat eine
starke Lobby in Washington. Aber zu-
                                               Bestseller                                            Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl-
                                                                                                        kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller

gleich sehe ich doch, wie Amerikas He-
gemonie schrumpft und wie sehr sich das
                                               Belletristik                                             Sachbücher
wirtschaftliche Wachstum der Welt in            1   (1)   Jonas Jonasson                                  1   (1)   Thilo Sarrazin
                                                          Der Hundertjährige, der aus dem                           Europa braucht den Euro nicht
ganz andere Länder verlagert, nach Chi-                   Fenster stieg und verschwand                              DVA; 22,99 Euro
na, Indien, Brasilien. Ich frage mich: Wo                 Carl’s Books; 14,99 Euro
                                                                                                          2   (2)   Rolf Dobelli
ist eigentlich die jüdische Lobby in Pe-        2   (3)   Donna Leon                                                Die Kunst des klaren Denkens
king, in Neu-Delhi, in Brasília?                          Reiches Erbe                                              Hanser; 14,90 Euro
SPIEGEL: Im Juli gastieren Sie mit Ihrem                  Diogenes; 22,90 Euro
                                                                                                          3   (3)   Philippe Pozzo di Borgo
arabisch-jüdischen West-Eastern Divan           3   (7)   Jean-Luc Bannalec                                         Ziemlich beste Freunde
Orchestra in London, wo sie alle Beetho-                  Bretonische Verhältnisse                                  Hanser Berlin; 14,90 Euro
ven-Symphonien aufführen werden – die                     Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro
                                                                                                          4   (8)   Steffen Möller
Neunte am Eröffnungstag der Olympi-             4   (2)   P. C. Cast / Kristin Cast                                 Expedition zu den Polen
schen Spiele. Ist das nicht ein Akt von                   Bestimmt – House of Night 9                               Malik; 14,99 Euro
                                                          FJB; 16,99 Euro
geradezu plakativer Zuversicht?                                                                           5   (4)   David Graeber
Barenboim: Selbstverständlich. Wir haben        5   (4)   Suzanne Collins                                           Schulden – Die ersten 5000 Jahre
                                                          Die Tribute von Panem –                                   Klett-Cotta; 26,95 Euro
je 40 Prozent Israelis und Araber im Or-                  Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro
chester, und keiner von denen repräsen-                                                                   6   (5)   Daniel Kahnemann
                                                6   (5)   Suzanne Collins                                           Schnelles Denken, langsames
tiert seine Regierung. Wir sind eine den-                 Die Tribute von Panem –
kende Alternative.                                                                                                  Denken Siedler; 26,99 Euro
                                                          Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro
SPIEGEL: Oder eine reale Utopie.                                                                          7   (6)   Samuel Koch / Christoph Fasel
                                                7   (6)   Rachel Joyce                                              Zwei Leben
Barenboim: Ich sehe es eher wie alternati-                Die unwahrscheinliche Pilgerreise                         Adeo; 17,99 Euro
ve Medizin. Sie wirkt nicht so schnell, sie               des Harold Fry Krüger; 18,99 Euro
wirkt anders. Ein Israeli, der findet, seine                                                              8   (7)   Hans-Ulrich Grimm
                                                8   (8)   Suzanne Collins                                           Vom Verzehr wird abgeraten
Regierung mache alles richtig, der würde                  Die Tribute von Panem – Tödliche                          Droemer; 18 Euro
dem Divan-Orchester erst gar nicht bei-                   Spiele Oetinger; 17,90 Euro
                                                                                                          9   (9)Joachim Gauck
treten. Es ist deshalb ein Fehler der Ara-      9   (9)   Karen Rose
                                                                                                                 Freiheit Kösel; 10 Euro
ber, die unser Orchester bei sich nicht                   Todesherz
auftreten lassen. Die wollen nämlich nicht                Knaur; 16,99 Euro                              10 (10) Adam Zamoyski
                                               10 (10) Jussi Adler-Olsen                                         1812 – Napoleons Feldzug in
zwischen unterschiedlichen Gruppen von                                                                           Russland C. H. Beck; 29,95 Euro
                                                       Das Alphabethaus
Israelis unterscheiden. Auch ich werde                    dtv; 15,90 Euro                                11 (11) Norbert Robers
dauernd von ihnen angegriffen.                                                                                   Joachim Gauck – Vom Pastor zum
                                               11   (–)   Tana French
SPIEGEL: Zuletzt im April, als Sie Katar                  Schattenstill                                          Präsidenten – Die Biografie
von einem Festival ausschloss.                            Scherz; 16,99 Euro                                        Koehler & Amelang; 19,90 Euro
Barenboim: Das lag an der Situation in         12 (11) George R. R. Martin                               12 (17) Thomas Kistner
Syrien, die Konzerte wurden verschoben.                Der Sohn des Greifen – Das Lied                           Fifa-Mafia
Aber viele Araber haben eben auch nicht                von Eis und Feuer 9 Penhaligon; 16 Euro                      Droemer; 19,99 Euro
gelernt vom großen Edward Said, mit            13 (12) Dora Heldt                                        13 (15) Joe Bausch
dem ich das Orchester gegründet habe:                  Bei Hitze ist es wenigstens                               Knast Ullstein; 19,99 Euro
Dass die Palästinenser nämlich den Ho-                 nicht kalt dtv; 14,90 Euro                        14 (14) Dieter Nuhr
locaust nicht leugnen können. Dass Pa-         14 (13) Sarah Lark                                                Der ultimative Ratgeber für alles
lästinenser israelische Institutionen boy-             Die Tränen der Maori-Göttin                                  Bastei Lübbe; 12,99 Euro
                                                          Bastei Lübbe; 15,99 Euro                       15         Stephen Greenblatt
kottieren, verstehe ich völlig. Aber dass                                                                     (–)
sie einzelne Israelis boykottieren, die sich   15 (17) Jussi Adler-Olsen                                            Die Wende – Wie
                                                       Schändung                                                    die Renaissance
ausdrücklich von der israelischen Regie-                  dtv; 14,90 Euro                                           begann
rung distanzieren, leuchtet mir nicht ein.                                                                          Siedler; 24,99 Euro
                                               16 (16) Jussi Adler-Olsen
SPIEGEL: Zu Ihrem Konzert in Gaza-Stadt
                                                       Erlösung                                                            Wie Lukrez’
mussten Sie im vergangenen Jahr ohne                      dtv; 14,90 Euro                                          berühmtes Gedicht
das West-Eastern Divan Orchestra fahren,       17   (–)   Elisabeth Kabatek                                         „De rerum natura“
stattdessen nahmen Sie Musiker der Ber-                   Spätzleblues                                          die Geistesgeschichte
liner Staatskapelle und der Berliner und                  Droemer; 12,99 Euro
                                                                                                                       beeinflusst hat
Wiener Philharmoniker mit. Aber immer-                                                                   16 (19) Walter Isaacson
hin: Reingekommen sind Sie.                                                                                      Steve Jobs
Barenboim: Und ich bekam das wohl                                                                                   C. Bertelsmann; 24,99 Euro
schönste Kompliment meiner musikali-                       Dritter Teil der                              17   (–)   Gunter Frank
schen Karriere. Ein Mann dort bedankte            amüsanten Schwaben-                                               Schlechte Medizin – Ein Wutbuch
                                                         Trilogie um eine                                           Knaus; 16,99 Euro
sich so überschwänglich und so oft bei               liebenswert-skurrile
mir für unseren Auftritt, dass ich irgend-     Heldin und ihre Abenteuer                                 18 (18) Cid Jonas Gutenrath
wann zurückfragte, warum er sich denn                                                                            110 – Ein Bulle hört zu – Aus der
gar so freue. Er sagte: „Wir haben das         18 (19) Martin Walker                                             Notrufzentrale der Polizei
                                                       Delikatessen                                                 Ullstein extra; 14,99 Euro
Gefühl, die Welt hat uns vergessen. Wir                   Diogenes; 22,90 Euro
bekommen zwar Hilfsgüter, dafür sind                                                                     19 (20) St John Greene
                                               19 (14) Nicholas Sparks                                           Gib den Jungs zwei Küsse
wir dankbar. Aber dass Sie mit Ihrem                   Mein Weg zu dir                                              Marion von Schröder; 18 Euro
Orchester gekommen sind, gibt uns das                     Heyne; 19,99 Euro
                                                                                                         20 (16) Jürgen Domian
Gefühl, dass wir Menschen sind.“               20 (15) Michael Robotham                                          Interview mit dem Tod
SPIEGEL: Herr Barenboim, wir danken                    Der Insider Goldmann; 14,99 Euro                             Gütersloher Verlagshaus; 16,99 Euro
Ihnen für dieses Gespräch.
                                                    D E R       S P I E G E L        2 5 / 2 0 1 2                                                              113
GILLES PERESS / MAGNUM / AGENTUR FOCUS
Fotograf Nachtwey in Goma 1994: „Die Jahre in den Kriegen haben mich trauriger und einsamer gemacht“

                                                                                             ohne Zuhause. Und ein Idol für Legionen
                                    P R O PA G A N D A
                                                                                             von Fotografen.


            Ende einer Homestory
                                                                                                Dieses Foto aus dem Wohnzimmer der
                                                                                             Assads erzählt eine andere Geschichte.
                                                                                             Es ist die Geschichte eines großen Jour-
                                                                                             nalisten, der auszog, den Menschen und
                                                                                             was er aus der Welt macht, abzubilden –
        Der Kriegsfotograf James Nachtwey, hochdekorierter                                   und der nun seine Sache und vielleicht
            Kämpfer gegen Leid und Gewalt, fotografierte                                     sich selbst verraten hat.
      süßliche Bilder daheim beim syrischen Diktator – warum?                                   Es beginnt im Dezember 2010. Da reist
                                                                                             die Journalistin Joan Juliet Buck, spezia-
                                                                                             lisiert auf Glamourthemen, nach Damas-


S
      eine Fotos, hat er mal gesagt, sollten   zimmer. Man hockt auf dem Boden. War-         kus. James Nachtwey folgt ihr, nach Aus-
      der Welt von jenen erzählen, die         mes Licht. Der Vater beugt sich mit dem       kunft von Buck, im Januar 2011. Sie
      zwischen die Fronten der großen          Sohn über ein Spielzeug, die Mutter wid-      haben einen Termin beim Staatschef. Be-
Kriege geraten seien. Zum Beispiel dieses      met sich der Tochter. Die Kinder sind sie-    gleitet und unterstützt werden sie in der
Bild, entstanden in Afghanistan 1996: Eine     ben und acht Jahre alt. Wir sehen die         syrischen Hauptstadt von einem Reprä-
Gestalt kauert vor einem Grabstein, sie        Familie Assad, die syrische Präsidenten-      sentanten von Brown Lloyd James, einer
ist gehüllt in eine schmutzige Burka, eine     familie, der Vater gilt heute als Massen-     amerikanischen PR-Agentur. Wobei
Frau. Ihre rechte Hand hat sie auf den         mörder, verantwortlich für schätzungs-        Brown Lloyd James nicht irgendeine
Stein gelegt, sie trauert um ihren Bruder.     weise 10 000 Tote seit dem Ausbruch der       Agentur ist, sondern die Adresse – für
Im Hintergrund viele Grabsteine, viele         Aufstände in Syrien. Davon ist auf dem        Regierungschefs, Prinzen, Staaten. Das
Gräber. Die Kamera ist in diesem Augen-        Foto nichts zu sehen. Es wurde gedruckt       Resultat der Reise: ein Artikel, 3213 Wör-
blick ganz nah bei der Frau. Es ist, fernab    in der amerikanischen „Vogue“, kurz vor       ter, veröffentlicht in der amerikanischen
von Voyeurismus, ein Bild voller Mit-          der Eskalation der Gewalt in Syrien. Der      Ausgabe der „Vogue“ vom März 2011. Ti-
gefühl. Der Fotograf: James Nachtwey.          Fotograf: James Nachtwey.                     tel der Story: „A Rose in the Desert“,
   Oder: das Porträt eines Mannes aus Ru-         Der Mann ist der wahrscheinlich            eine Rose in der Wüste, gemeint ist die
anda, eines Hutu, im Profil aufgenom-          höchstdekorierte Kriegsfotograf der Welt,     Präsidentengattin.
men, formatfüllend, das Licht fällt weich      fünffacher Preisträger der Robert-Capa-          Sie sei „glamourös, jung und sehr
auf seine rechte Gesichtshälfte, die gräss-    Goldmedaille, World-Press-Photo-Preis-        chic – die lebhafteste und anziehendste
lich vernarbt ist von Machetenhieben.          träger. Ein Dokumentarfilm über ihn           aller First Ladys“, in so einem Gin-To-
Die Aufnahme, emblematisch für das,            wurde für einen Oscar nominiert. Nacht-       nic-Tonfall beginnt der Text. Gemalt wird
was in Ruanda geschah, bekam den               wey wurde unzählige Male bedroht, be-         die perfekte „Vogue“-Ikone: Asma al-
World Press Photo Award. Der Fotograf:         schossen, mehrfach verwundet, er ist jetzt    Assad, in London aufgewachsen, viel-
James Nachtwey.                                64 Jahre alt und seit drei Jahrzehnten im     sprachig, Tochter eines Kardiologen und
   Aber was ist mit folgendem Foto? Wir        Geschäft, ein Getriebener, so beschreiben     einer Diplomatin, erscheint als wun-
sehen eine Familie. Offenbar im Wohn-          ihn Kollegen, ein Mann ohne Familie,          derbarste aller Präsidentenfrauen. Cha-
114                                                  D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Kultur

                                   nel-Geschmeide um den Hals, Verab-                Und auch James Nachtwey reagierte          dieses Mannes vor Augen führen, eines
                                   redungen mit den Hollywood-Stars Brad          nicht auf Anfragen, weder auf die des         Journalisten, der auszog, das Inferno zu
                                   Pitt und Angelina Jolie. Natürlich trägt       SPIEGEL noch auf Anfragen der „Wa-            zeigen.
                                   sie auch Verantwortung für die Nation,         shington Post“. Ein Mitarbeiter des              Wahrscheinlich hat kein Nato-General,
                                   leicht ist das nicht. Zum Glück aber kann      Nachtwey-Studios sagte dem SPIEGEL,           kein afrikanischer Blutsäufer in seinem
                                   sie durchs Leben gehen auf den berühm-         dass er nichts sagen könne, es handle sich    Leben so viel Gewalt und Leid erlebt wie
                                   ten roten Sohlen von Christian Loubou-         um eine „sehr delikate Angelegenheit“.        Nachtwey in drei Jahrzehnten: Zaire,
                                   tin, dem High-Heels-Gott aller „Vogue“-        Im Internet findet sich die Geschichte        Südafrika, Bosnien. Demokratische Re-
                                   Leserinnen.                                    noch, weil ein regierungstreuer syrischer     publik Kongo, das Westjordanland,
                                      Wacker zählt der Text auf, was in Sy-       Journalist sie auf seine Präsident-Assad-     Tschetschenien. Ruanda, Somalia, Sudan,
                                   rien vielleicht doch nicht ganz so prima       Fansite gestellt hatte.                       Afghanistan, die Liste ließe sich ewig fort-
                                   läuft: Der Präsident wurde mit 97 Prozent         Man könnte den Spindoctor fragen. Pe-      setzen. Er war mehr als 30 Jahre lang im
                                   der Stimmen gewählt, aber Macht sei            ter Brown hat ein Büro im 13. Stock eines     Krieg, vielleicht wird man, wenn man al-
                                   eben erblich in dem Land, schreibt Frau        Hochhauses gleich am Central Park in New      les gesehen hat, blind, nach innen.
                                   Buck. Und in der Bar des Four Seasons          York. Brown ist einer der drei Chefs von         Nachtwey, immer noch gutaussehend,
                                   hingen irgendwelche Hamas-Führer rum.          Brown Lloyd James, einer Agentur für die      hochgewachsen, mit markanten Gesichts-
                                   Für einen Moment wird die Autorin nach-        schwierigen Fälle, Image-Politur und dis-     zügen, ist alles andere als ein Draufgän-
                                   denklich, aber auch dieser Moment geht         krete Erledigung garantiert. Klienten sind    ger. Von Kollegen wird er als gentleman-
                                   vorüber, schließlich hat Asma al-Assad         etwa regierungsnahe Organisationen aus        like beschrieben, keiner von den Wich-
                                   dunkelblaugrün lackierte Fingernägel,          Katar, Prinz Charles, die Weltbank, die       tigtuern, keiner von denen, die abends
                                   apart.                                         City of London, die Vereinten Nationen.       saufen und nach den Huren schielen.
                                      Die Bilder, die James Nachtwey macht,          Peter Brown ist Anfang 70, hager, Eng-        Im kongolesischen Goma fand Nacht-
                                   passen zu diesem Sound. Das Porträt der        länder, an den Wänden in seinem Büro          wey ein Kind, das kurz vor dem Ver-
                                   First Lady zeigt sie über der Stadt, gehüllt   hängen die Fotos seines Lebens: Peter         dursten war. Statt es zu fotografieren
                                   in eine edle Stola, den Blick in die Ferne     Brown und John Lennon, Paul McCart-           und gleich zu vergessen, trug er es zur
                                   gerichtet, eine Rose in der Wüste. Ein sol-    ney, Yoko Ono, George Harrison, lange         nächsten Versorgungsstation. „Die Jahre
                                   ches Bild von einem Fotografen namens          Haare, Bärte, Joints. Brown, schwul und       in den Kriegen“, hat er einmal gesagt,
                                   Nachtwey sagt: Diese Leute haben Stil,         charmant, war schon der Problemlöser          „haben mich trauriger und einsamer ge-
                                   und so übel sind sie auch nicht.               der Beatles. Er fädelte die komplizierte      macht.“
FOTOS: QUELLE US-VOGUE MÄRZ 2011




                                   „Vogue“-Story über die Assad-Familie: Haben diese Leute Stil?

                                      Wie ausgerechnet James Nachtwey so          Hochzeit zwischen Yoko Ono und John              Es heißt, Nachtwey sei müde, er befin-
                                   etwas passieren konnte, ist eine unge-         Lennon ein, nebenbei organisierte er die      de sich in Thailand, lebe zurückgezogen,
                                   rechte Frage, weil sie nur auf einen von       berühmten Bed-ins der beiden für den          für kaum jemanden zu erreichen. Viel-
                                   vielen Beteiligten zielt. Aber Nachtwey        Weltfrieden. Give Peace a Chance. Und         leicht ist er zu müde, um auf sich selbst
                                   ist eben Nachtwey, er ist eine Institution.    jetzt der syrische Diktator.                  aufzupassen. An den Schauplätzen der
                                      An eine Antwort zu gelangen, erweist           Für das Einfädeln der Homestory,           vergangenen Jahre, in Tunesien, Ägyp-
                                   sich als schwierig. Die „Vogue“, um eine       schreibt die „Washington Post“, sollen        ten, Libyen, haben seine Kollegen James
                                   Stellungnahme gebeten, hat dazu lange          Brown Lloyd James 25 000 US-Dollar be-        Nachtwey vermisst – früher hätte er dort
                                   nichts gesagt, erst vergangene Woche stell-    kommen haben. Der Beitrag der Agentur,        nicht gefehlt.
                                   te die „Vogue“-Chefin eine kurze Erklä-        sagt Brown, sei aber marginal gewesen.           Die Geschichte hat noch eine traurig-
                                   rung ins Netz – ohne auf Details einzu-        Das kann sein; andererseits gehört es zum     ironische Note: 2010 ahnte niemand im
                                   gehen. Der Condé-Nast-Verlag sagt dazu:        Job eines charmanten Spindoctors, seinen      Westen etwas vom Arabischen Frühling.
                                   nichts. Text und Bilder verschwanden von       Beitrag herunterzuspielen.                    Wäre in der arabischen Welt kein Auf-
                                   der „Vogue“-Website, stattdessen wird man         Brown übernimmt jedenfalls nicht die       stand ausgebrochen, hätte sich wahr-
                                   zu einer Seite weitergeleitet, die ein Model   Verantwortung für diese peinliche Ge-         scheinlich kein Mensch über Nachtweys
                                   zeigt, daneben den Text: „Oops – die Seite     schichte – und so läuft es wieder auf         Fotos empört. Aber die Tragik von James
                                   ist nicht auffindbar.“ Die Journalistin Joan   James Nachtwey hinaus. Vielleicht muss        Nachtwey ist, dass er James Nachtwey
                                   Juliet Buck schickt lediglich eine SMS:        man sich, um ihn zu verstehen, um zu          ist.
                                   „Schlechter Zeitpunkt für ein Gespräch.“       begreifen, was passiert ist, das Leben                        RALF HOPPE, PHILIPP OEHMKE

                                                                                        D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                           115
Kultur




                           Was zählt eine Krone?
                           FILMKRITIK: In dem Kostümdrama „W. E.“ erzählt Madonna von der Liebe des
                           englischen Königs Edward VIII. zu der Amerikanerin Wallis Simpson.


D
          er einzige Ort in diesem Film, an Films zu besten Freundinnen und fangen        ist eine von denen da oben. Wenn sie
          dem zwei Menschen zueinander- irgendwann an, sich zu unterhalten – über         Wallis und Edward im Blitzlichtgewitter
          finden und sich lieben können, ist alle Jahrzehnte hinweg.                      zeigt, erzählt sie von sich selbst.
ein Keller, in dem der Putz von den Wän-          „W. E.“ ist ein Kostümdrama, ein Ge-       Vielleicht fällt es ihr deshalb schwer,
den bröckelt. In ihrem neuen Film „W. E.“ fängnisfilm, eine Zeitreisegeschichte, ein      einen Standpunkt zu finden und die rich-
erzählt Madonna, 53, von Menschen, die Emanzipationslehrstück. Nicht wenig für            tige Distanz. Ständig wechselt sie den
in Palästen wohnen, Kleider aus erlese- knapp 120 Minuten. Als Madonna ihren              Blickwinkel, mal schaut sie aus großer
nen Stoffen tragen und Cocktails aus Kris- Film im vergangenen Jahr beim Festival         Höhe auf ihre Figuren herab, in der nächs-
tallgläsern trinken. Und die in all ihrem von Venedig zeigte, wurde sie verlacht          ten Sekunde geht sie so dicht heran, dass
Luxus sehr unglücklich sind.                    und beschimpft. Auch deshalb, weil Wal-   man die Poren der Haut sieht.
   „W. E.“, die Initialen der Protagonisten lis Simpson und Edward VIII. zumindest           Ihr Duktus ist atemlos. Madonna wirkt
ergeben den Titel, handelt von einer der in den frühen dreißiger Jahren Anhänger          wie eine Schriftstellerin, die vor lauter Auf-
größten Mesalliancen in der Geschichte der Nazis gewesen sein sollen.                     regung, etwas mitteilen zu wollen, kaum
des britischen Königshau-                                                                                einen Satz zu Ende formu-
ses. Anfang der dreißiger                                                                                liert, sondern sich laufend
Jahre begann der Thronfol-                                                                               selbst ins Wort fällt: Ich
ger, der spätere Edward                                                                                  will euch von der ganz gro-
VIII. (James D’Arcy), eine                                                                               ßen Liebe erzählen, ich
Affäre mit der verheirate-                                                                               will euch zeigen, wie sie
ten US-Amerikanerin Wal-                                                                                 funktioniert – aber wie
lis Simpson (Andrea Rise-                                                                                funktioniert sie eigentlich?
borough). 1936 wurde er                                                                                     Sie will vordringen zu
König, doch bereits zehn                                                                                 den Gefühlen, aber sie
Monate später musste er                                                                                  bleibt hängen in Kostümen
wegen der Beziehung zu                                                                                   und Accessoires. Die Ver-
Simpson abdanken.                                                                                        bindungen zwischen den
   Die Geschichte seines                                                                                 Zeitebenen stellt sie fast
Bruders George VI., der als                                                                              immer über Gegenstände
                                                                                                SENATOR FILMVERLEIH




Nachrücker auf den Thron                                                                                 her, über ein Negligé, ein
kam, erzählte der oscarge-                                                                               Zigarettenetui oder einen
krönte Film „The King’s                                                                                  Cocktailshaker. Es sind Bil-
Speech“. Für George, den                                                                                 der eines Material Girl.
Stotterer, hat Madonna nur            „W. E.“-Darsteller D’Arcy, Riseborough                                So offenbart sich in
mitleidige Großaufnahmen                                                                                 „W. E.“ ein recht altmodi-
übrig, die ihn mit offenem                                                                               sches Rollenverständnis,
Mund und leerem Blick                                                                                    wenn Madonna fast schon
zeigen. Sie weiß, wo die Helden stehen.            Der Film macht keinen Hehl daraus,     penetrant betont, wie Edward um die
Was zählt die Krone, wenn zwei Men- dass Wallis, der eine Affäre mit dem deut-            Gunst von Wallis wirbt, indem er ihr stän-
schen ihrem Herzen folgen?                      schen Außenminister Joachim von Rib-      dig Schmuck schenkt. Sogar wenn er ihr
   So groß und so mächtig ist diese Liebe, bentrop nachgesagt wurde, zeitweise mit        Tee serviert, wartet auf dem Grund der
dass sie auch mehr als ein halbes Jahrhun- den Nazis sympathisierte. Allerdings legt      Tasse ein Anhänger auf sie. Ist es das?
dert später noch die junge New Yorkerin Madonna in „W. E.“ nahe, Wallis habe              Der Five o’Clock Tea als Liebestrank?
Wally Winthrop (Abbie Cornish) im Bann vor allem den anti-elitären und sozialisti-           Dem Rätsel der Liebe, dem, was Men-
hält. Auf einer zweiten Zeitebene erzählt schen Gestus der Nazis geschätzt. Madon-        schen gegen alle Widerstände zusammen-
Madonna, wie diese junge Frau, die reich, na stilisiert sie zu einer Rebellin gegen       hält, jagt Madonna vergebens hinterher.
aber unglücklich verheiratet ist, 1998 eine Klassenschranken.                             Wallis tanzt am Bett ihres sterbenden Gat-
Auktion mit Hinterlassenschaften des Lie-          Auch das New York der neunziger Jah-   ten am Ende Rock’n’Roll, Wally zieht zu
bespaars besucht und sich dabei immer re beschreibt Madonna als ein Kastensys-            ihrem Sicherheitsmann in den Keller. Ein
mehr in Wallis hineinsteigert.                  tem. Herkunft und Geld entscheiden hier   schöner Traum.
   Die Gänge von Windsor Castle und die darüber, zu welcher Klasse man gehört.                                                   LARS-OLAV BEIER
Flure eines New Yorker Apartments ge- Dennoch verliebt sich Wally in den ar-
hen in Madonnas Film ineinander über, men, russischstämmigen Sicherheitsmann
verbinden sich zu einem Zeittunnel, aus des Auktionshauses. Der Weg zur Weis-                                         Video:
dem es kein Entrinnen zu geben scheint. heit, behauptete Madonna in ihrem Regie-                                      Madonna über
Wallis und Wally sind beide gefangen in debüt „Filth and Wisdom“ (2008), führe                                        „W.E.“
ihrem Luxus. Sie werden im Lauf des durch den Schmutz.                                                                Für Smartphone-Benutzer:
                                                   Doch die Sehnsucht nach der Gosse                                  Bildcode scannen, etwa mit
Kinostart: 21. Juni.                            wirkt etwas naiv. Denn auch Madonna                                   der App „Scanlife“.
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Prisma

                                                                                                   SPIEGEL: Ein französischer
             ENERGIE
                                                                                                   Kollege behauptet, Ihr Pa-

          Flüsterndes                                                                              tient habe nachweislich HIV
                                                                                                   in seinem Körper.

            Windrad                                                                                Hütter: Wir haben dem Mann
                                                                                                   zweimal neues Knochen-
                                                                                                   mark transplantiert. Es
Für das Auge sind sie keine Wohltat                                                                stammt von einem Spender,
und für die Ohren ebenfalls nicht: Die                                                             dessen Blutzellen durch eine
Rotoren konventioneller Windkraft-                                                                 besondere Mutation immun
anlagen produzieren einen zischen-                                                                 gegen HIV sind. Das Virus




                                                                                                GERARD JULIEN / AFP
den, monotonen Klang. Deutlich                                                                     kann vor der Transplanta-
leiser ist das von Hans Bernhoff kon-                                                              tion aber auch in andere
struierte vertikale Windrad, bei dem                                                               Körperzellen eingedrungen
sich der Rotor um das Standbein der                                                                sein. Deshalb wäre es gar
Anlage dreht. Ein 40 Meter hoher           Behandelter HIV-Patient, Hämatologe Hütter              nicht so überraschend, wenn
Prototyp, finanziert vom schwedi-                                                                  sich immer noch Bruchstü-
schen Ableger des E.on-Konzerns,                           MEDIZIN
                                                                                        cke des Erregers in seinem Körper
leistet im schwedischen Falkenberg                                                      nachweisen lassen.
220 Kilowatt. Die Anlage sei nur halb
so laut wie ein vergleichbares Wind-
rad konventioneller Bauart, erklärt
                                             „Was heißt ,geheilt‘?“                     SPIEGEL: Ist der Patient dann wirklich
                                                                                        geheilt?
                                                                                        Hütter: Es ist bislang nicht definiert,
der Professor von der Universität in       Der Hämatologe Gero Hütter, 43, von          was bei Aids „geheilt“ heißt. Bei
Uppsala: „Der Grund dafür ist die nur      der Universität Heidelberg über              Krebs gilt: Wenn das Geschwür fünf
halb so hohe Geschwindigkeit der           Zweifel daran, dass der erste geheilte       Jahre nicht wiederkehrt, ist der Er-
Rotorspitzen.“ Ein weiterer Vorteil        Aidspatient wirklich gesund ist              krankte gesund. Mein Patient muss
der Bauweise: Der schwere Generator                                                     keine Medikamenten-Cocktails schlu-
muss nicht in großer Höhe an der           SPIEGEL: Bei dem Mann, mit dessen            cken und hat keinerlei Viruslast im
Nabe der Blätter befestigt werden,         Heilung Sie vor vier Jahren Schlagzei-       Blut.
sondern findet unten im Sockel Platz.      len machten, wurden Spuren des HI-           SPIEGEL: Konnten Sie Ihren Erfolg
Eine Achse im Turminnern überträgt         Virus gefunden. Ist das ein Rückschlag       wiederholen?
die Bewegungsenergie der Rotoren           in der Aidsmedizin?                          Hütter: Bislang habe ich für 15 an Leu-
nach unten, wo sie dann in Strom           Hütter: Sicherlich nicht. Bei den Analy-     kämie erkrankte Aidspatienten ver-
umgewandelt wird. So kann die Kon-         sen stießen US-amerikanische For-            sucht, einen passenden Knochenmark-
struktion weniger massiv ausfallen als     scher lediglich auf Bruchstücke des Vi-      spender mit jener seltenen Mutation
heutzutage. Bernhoff: „Statisch ließe      rus, die nicht vermehrungsfähig waren.       zu finden, und bin gescheitert. Jetzt
sich sogar eine Anlage von 300 Meter       Es könnte sich dabei um Verunreini-          haben wir einen Patienten mit passen-
Höhe und 10 bis 20 Megawatt kon-           gungen der hochsensiblen Analysege-          dem Spender und wollen bis Jahres-
struieren.“                                räte handeln.                                ende mit der Behandlung beginnen.




                                                                                                                                  WILL ERICSON; RYAN PERRY; ESTELLA ORTEGA ; SHANNON HARTMAN; APRIL NOBILE / ANTWEB.ORG




                                                             TIERE


                                               Archiv der Ameisen
                     So fleißig wie die Tiere, die sie dokumentieren, müssen auch die Forscher sein: Der
                     Biologe Brian Fisher und sein Team von der California Academy of Sciences foto-
                     grafieren derzeit Ameisen für ein einzigartiges Archiv. Mehr als 8000 Ameisenarten
                     hat Fisher bislang aufgenommen, indem er von jedem Tierpräparat jeweils 20 bis 70
                     Aufnahmen in unterschiedlicher Fokussierung macht. Dann werden die Bilder so
                     zusammengesetzt, dass die Ameisen im Gegensatz zu normalen Makroaufnahmen
                     über den ganzen Körper scharf erscheinen. So stellt sich ein plastischer Effekt ein,
                     der einen neuen Blick auch auf feine Details von Antennen, Haaren oder Augen er-
                     möglicht. Das Ziel sei, so Fisher, pro Jahr 10 000 Individuen zu fotografieren. Dabei
                     hoffen die Forscher auch, auf neue Arten zu stoßen.

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Wissenschaft · Technik




 Eisberg im Schlepptau
 Ein Spezialschiff zieht einen
 Eisberg von der grönländi-




                                                                                                                                         MARK JOHNSON / GREENLANDTODAY.COM
 schen Diskobucht weg, um
 die Kollision mit einer Öl-
 bohrplattform zu verhindern.
 Ab August soll an der Nord-
 westküste der Insel erneut
 nach Öl gesucht werden.




                                    L U F T FA H R T                                                         GENETIK


                       Supraleiter im Elektrojet                                                         Ahnenpass
Die Ersparnis wäre imposant: Um 60
Prozent soll ein vollkommen neuer
                                             wickler Esaero will die für Supraleiter
                                             benötigte Kälte mit flüssigem Wasser-
                                                                                                       aus dem Labor
Elektroantrieb den Verbrauch von Flug-       stoff gewährleisten. Eine Designstudie            Ein rechtsradikaler Parlamentarier in
zeugen reduzieren. So haben es die           für ein 150-sitziges Flugzeug hat die Fir-        Ungarn provoziert Mediziner und
Ingenieure der Nasa berechnet. Viele         ma bereits vorgelegt. Sie verspricht, es          Ethiker, weil er seine Gene auf das un-
kleine Triebwerke mit Elektromotoren         werde zudem leiser sein als herkömmli-            tersuchen ließ, was er rassische Rein-
wollen die amerikanischen Flugzeug-          che Düsenflugzeuge.                               heit nennt. Der Abgeordnete der Job-
ingenieure entlang                                                                             bik-Partei hat sich von der Firma Nagy
der Tragflächen an-                                                                            Gén Diagnostic and Research in Buda-
bringen. Ihren Strom                                                                           pest bescheinigen lassen, dass sein Erb-
beziehen sie aus zwei                                                                          gut keine Merkmale aufweise, wie sie
an Bord befindlichen                                                                           „für Roma oder jüdische Volksgruppen
Gasturbinen. Damit                                                                             typisch“ seien. So steht es in einem
die Triebwerke klein                                                                           Brief des Labors vom 17. September
und effizient genug                                                                            2010. Die ungarische Gesellschaft für
sind, müssen sie su-                                                                           Humangenetik reagierte „mit Bestür-
praleitende Motoren                                                                            zung und Entsetzen“ auf die Veröffent-
verwenden. Dies er-                                                                            lichung des Befunds. Der Test, bei
laubt, eine höhere                                                                             dem 18 Stellen im Genom analysiert
Leistungsdichte zu er-                                                                         wurden, sei „weder fachlich noch
zielen – bedarf aber                                                                           ethisch zu akzeptieren“. Das Labor be-
einer Kühlung auf ex-                                                                          streitet, für Ahnenforschung zur Verfü-
trem tiefe Temperatu-    Elektroflugzeug (Computersimulation)                                  gung gestanden zu haben: Man lehne
ren. Der Flugzeugent-                                                                          jede Form der Diskriminierung ab.
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Titel




             Das Leben vor
              der Geburt
 Krebs und Diabetes, Depression und Herzinfarkt: Das
  Fundament vieler Leiden wird bereits im Mutterleib
   gelegt. Vor allem Stress und Ernährung der Mutter
 hinterlassen Spuren – auch in der Psyche des Kindes.


A
         ls Nadine Mann in der 16. Woche          In jedem Schwangerschaftsdrittel legte
        war, sah man ihr die Schwanger-        sich Nadine Mann zum Hightech-Ultra-
        schaft noch gar nicht an. Aber im      schall auf die Untersuchungsliege bei
Ultraschall offenbarte sich bereits ein ver-   Medizinerin Diemert, sie ließ sich Blut
blüffend komplettes Menschlein.                abnehmen und füllte seitenlange Formu-
   Nadine Mann lag in einem schlichten         lare aus. Die UKE-Forscher fragten nach
Untersuchungszimmer im dritten Stock           den Katastrophen des Alltags: Gab es
des Universitäts-Klinikums Hamburg-Ep-         Krach mit dem Partner? Hatte die Familie
pendorf (UKE), gleich neben Kreißsaal          finanzielle Sorgen? War ein naher Ver-
und Wochenstation, Frauenärztin Anke           wandter erkrankt oder gestorben?
Diemert ließ den Schallkopf routiniert            Auch Ernährung, Infekte und die Ein-
über den Bauch der Patientin gleiten.          nahme von Medikamenten wurden akri-
Kaum hundert Gramm wog der Fetus,              bisch dokumentiert, das Blut der Schwan-
und doch hatten viele Organe ihre Arbeit       geren wurde auf Biomarker wie das
längst aufgenommen. Auf dem Monitor            Stresshormon Cortisol, Schwanger-
waren im krisseligen Schwarz-Weiß des          schaftshormone oder bestimmte Proteine
Sonogramms Herz, Magen und Harnbla-            untersucht. Beim Baby wiederum inter-
se zu erkennen, ebenso winzige Finger          essierten sich die Mediziner besonders
und Zehen.                                     für das Wachstum der Organe des Im-
   Ist das Baby ein Junge oder ein Mäd-        munsystems wie Milz, Leber und Thy-
chen? Hat es Papas Nase? Blondes Haar          musdrüse.
wie die Mama? Und vor allem: Wird es              Die Forscher um Diemert und UKE-
gesund auf die Welt kommen? Knapp              Professorin Petra Arck haben sich nichts
700 000 Mütter und Väter jährlich stellen      Geringeres vorgenommen, als den Ur-
sich in Deutschland die gleichen Fragen        sprüngen von Gesundheit und Krankheit
wie Nadine Mann, 29. Die wenigsten aber        auf die Spur zu kommen. „Prenatal Iden-
tun das auch im Dienste der Wissen-            tification of Children’s Health“ (Prince)
schaft.
   Krankenschwester Mann wollte wissen,
welchen Einfluss ihr Lebensstil während
der Schwangerschaft auf die Zukunft ih-
res ersten Kindes haben würde. 40 Wo-
chen lang wuchs da ein neuer Mensch in
ihrem Körper heran, verbunden mit ihr
und genährt durch Nabelschnur, Frucht-
wasser und Mutterkuchen.
   Spürt der Fetus, ob die Mutter gesund
ist oder krank, optimistisch oder depri-
miert? Was bedeutet es für seine spätere
Gesundheit, wenn sie neun Monate lang
vorwiegend Vollkornbrot isst, Schokola-
denkuchen oder saure Gurken? „Ich bin
Allergikerin und wüsste gern, ob ich et-
was tun kann, um Allergien bei meinem
Kind zu verhindern“, sagt die junge Frau,                                                   Schwangere Mann mit
„da helfe ich gern bei der Forschung.“
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FOTOS: ILONA HABBEN / DER SPIEGEL




Ärztin Diemert bei der Sonografie, 3-D-Ultraschallaufnahme eines Fetus im fünften Monat


                                                         D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2   121
Titel

heißt ihre Langzeitstudie. Die Teilneh-
merinnen stehen nicht nur während der
Schwangerschaft als Studienobjekte zur
Verfügung – sie werden ihre Kinder auch
später jedes Jahr zum Gesundheits-Check
ins UKE bringen.
   Treten künftig zum Beispiel Allergien
auf, wollen die Forscher ihre Diagnosen
mit den Daten aus der Schwangerschaft
abgleichen. Könnten Stresshormone und




                                              ILONA HABBEN / DER SPIEGEL
Belastungen der Mutter die Reifung des
Abwehrsystems der Ungeborenen früh-
zeitig und dauerhaft aus dem Tritt ge-
bracht haben? „Im Mutterleib entscheidet
sich, wie funktionsfähig das Immunsys-
tem später sein wird“, erklärt Reproduk-
tionsimmunologin Arck, „jede Art von
Stress hat vermutlich Einfluss – egal, ob
psychisch, durch Infektionen, Medika-
mente oder Ernährung.“
   Seit Ende 2010 leitet Petra Arck in
Hamburg die Arbeitsgruppe „Experimen-
telle Feto-Maternale Medizin“. Die Ärz-
tin gehört zu einer wachsenden Schar von
Wissenschaftlern, die jenen ersten Le-
bensraum erkunden wollen, der für alle
Menschen gleich ist – und doch so ver-
                                              ILONA HABBEN / DER SPIEGEL




                                                                                                                           ILONA HABBEN / DER SPIEGEL
schieden, dass dort offenbar das indivi-
duelle Fundament von Gesundheit, Psy-
che und Intelligenz gelegt wird: das Bio-
top Mutterleib.
  „Die ersten neun Monate entscheiden
über das Schicksal unserer Kinder“,
glaubt Mediziner Andreas Plagemann,                                        Pränatalforschung an der Hamburger Universitäts-Klinik, Medizinerin Arck bei der Untersuchung von
der an der Berliner Charité die Auswir-
kung mütterlicher Ernährung auf das spä-                                   Programmierung mehr und mehr For-                                            auf Diät oder spritzen ihnen Stresshor-
tere Gewicht und die Neigung zu Stoff-                                     scher in ihren Bann geschlagen.                                              mone, verkabeln Schafsfeten im Mutter-
wechselkrankheiten der Nachkommen er-                                         Doch während sich anfangs vor allem                                       leib und messen Herzschlag und Hirn-
forscht. Für den neuseeländischen Wis-                                     Epidemiologen durch vergilbte Kranken-                                       ströme der Ungeborenen, sie überfüttern
                                                                           hausakten und Melderegister wühlten,                                         Ratten während der Trächtigkeit, um zu
                                                                           fahnden inzwischen Wissenschaftler ver-                                      sehen, ob ihre Babys unausweichlich zu
„Die Startlinie für die                                                    schiedener Disziplinen mit modernen Me-                                      zuckerkranken Moppeln heranwachsen.
psychische Entwicklung                                                     thoden nach Erkenntnissen über ihren                                         Das Erbgut der Nachkommen durchsu-
                                                                           Forschungsgegenstand: Immunologen,                                           chen sie nach epigenetischen Verände-
verschiebt sich                                                            Stoffwechselexperten, Psychologen, Al-                                       rungen.
                                                                           lergieforscher und Reproduktionsmedizi-                                         Und auch beim Menschen wird die Ent-
bis weit vor die Geburt.“                                                  ner – sie alle hoffen, dass sich im rötlichen                                wicklung von der Empfängnis bis weit
                                                                           Dämmerlicht des Uterus Antworten auf                                         hinein ins Leben in großem Stil dokumen-
senschaftler Peter Gluckman, einen der                                     die großen Fragen der Medizin verbergen.                                     tiert. Weltweit haben Gesundheitsbehör-
Pioniere auf dem Forschungsfeld, ist „die                                  Wie wird das Ich geboren, wie wird ein                                       den Schwangerschaft und frühe Kindheit
Prägung in der Fetalzeit genauso wichtig                                   Mensch zu dem, der er ist? Wie entstehen                                     als wichtige Zeitfenster für die Prävention
wie die Gene und der spätere Lebensstil“.                                  bestimmte Krankheiten – und wie lassen                                       entdeckt. Sie hoffen, jene immensen Kos-
   Das gilt auch für die Seele: „Die Start-                                sie sich vermeiden?                                                          ten senken zu können, welche durch Zi-
linie für die psychische Entwicklung ver-                                     Längst ist unumstritten, dass pränatale                                   vilisationskrankheiten wie Übergewicht,
schiebt sich bis weit vor die Geburt“, sagt                                Einflüsse lebenslang Spuren hinterlassen;                                    Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Er-
die New Yorker Psychologin Catherine                                       jetzt geht es darum, jene molekularen                                        krankungen verursacht werden.
Monk, die den Ursprung depressiver Er-                                     Mechanismen zu entschlüsseln, die da-                                           Vor allem in den USA und in Großbri-
krankungen im Mutterleib verortet hat.                                     für verantwortlich sind. Einflüsse im Mut-                                   tannien laufen umfangreiche Langzeitstu-
Und der Göttinger Neurobiologe Gerald                                      terleib prägen sogar das Erbgut des                                          dien, mehr als hunderttausend Kinder
Hüther sagt: „Das ganze Leben ist eine                                     Ungeborenen – die junge Disziplin der                                        werden derzeit von ihren frühesten An-
Entdeckungsreise – vieles spricht dafür,                                   Epigenetik, der Erforschung der Beein-                                       fängen im Mutterleib bis ins Erwachse-
dass wir den spannendsten Teil schon hin-                                  flussung der Gene durch die Umwelt,                                          nenalter vermessen, durchleuchtet, beob-
ter uns haben, wenn wir auf die Welt                                       steuert wichtige Erklärungen für das Phä-                                    achtet. Zu diesen Großprojekten gesellen
kommen.“                                                                   nomen der pränatalen Programmierung                                          sich zahllose Studien an lokalen Geburts-
   Seit der britische Arzt David Barker                                    bei.                                                                         kohorten mit kleineren Fallzahlen wie
vor mehr als 20 Jahren die ersten Hinwei-                                     Forscher triezen trächtige Mäuse mit                                      etwa die Hamburger Prince-Studie, mit
se auf den Zusammenhang von Geburts-                                       nervtötenden Geräuschen oder träufeln                                        denen Pränatalforscher jeweils eine spe-
gewicht und späteren Herzkrankheiten                                       ihnen allergieauslösende Stoffe in die                                       zifische Fragestellung im Detail zu beant-
entdeckte, hat die sogenannte pränatale                                    Nase, sie setzen werdende Affenmütter                                        worten hoffen: kaum ein Prägungsfor-
122                                                                              D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
ILONA HABBEN / DER SPIEGEL




                                                                                                                                             FOTOS: ILONA HABBEN / DER SPIEGEL
                                               ILONA HABBEN / DER SPIEGEL




Plazentagewebe einer Maus (o. r.): „Vieles spricht dafür, dass wir bei der Geburt den spannendsten Teil des Lebens schon hinter uns haben“

    scher, der inzwischen nicht seinen per- dem Spermium hocke bereits ein vollstän- Sicht auf eines der größten Wunder der
    sönlichen Trupp Schwangerer um sich diger Mini-Mensch, dem die mütterliche Natur.
    schart.                                     Eizelle kaum mehr als ein Nährmedium        Schon 20 Tage nach der Befruchtung
       Was die Wissenschaftler bisher heraus- beizusteuern habe.                          nämlich, so weiß man heute, bildet der
    gefunden haben, ist beeindruckend. So         Erst die Medizintechnik rückte das gerade mal zwei Millimeter große Keim-
    können sie inzwischen beweisen, dass Wunder der Menschwerdung in ein neues ling („Embryo“) die Anlagen für Leber,
    Stress der Mutter schon beim Fetus eine Licht: Im Jahr 1958 gelang dem schotti- Lunge, Magen und Bauchspeicheldrüse,
    Neigung zu Allergien programmiert, sie schen Arzt Ian Donald nach Jahren voller sogar die Herzklappen sind bereits vor-
    sind dabei, Wege zu finden, wie sich al- Rückschläge die erste Ultraschallaufnah- geformt. An der Spitze des primitiven
    lergiekranke Mütter so behandeln lassen, me eines Fetus im Mutterleib. Im Fach- Neuralrohrs beginnt sich das winzige Ge-
    dass sie diese Neigung nicht auf ihre Ba- blatt „The Lancet“ erschien sein Artikel hirn zu formen – von da an in einer sol-
    bys übertragen.                             unter dem eher schlichten Titel „Investi- chen Geschwindigkeit, dass der Kopf am
       Die Forscher konnten nachweisen, dass gation of abdominal masses by pulsed ul- Ende der fünften Woche unverhältnismä-
    die Kinder depressiver Frauen bereits im trasound“.                                   ßig riesig erscheint und die Hälfte des ge-
    Mutterleib empfindlicher auf Stress rea-      Für eine Weltsensation sorgte sieben samten künftigen Menschen ausmacht.
    gieren als die Feten im Bauch von Müt- Jahre später der Fotograf Lennart Nilsson.       In der neunten Woche nimmt die Lei-
    tern mit stabiler Gemütslage. Vor allem „Das Drama des Lebens vor der Geburt“ besfrucht, die Fachleute jetzt als „Fetus“
    aber sind die Wissenschaftler dem Pro- tönte das US-Magazin „Life“ im April (Nachkomme) bezeichnen, allmählich
    blem Übergewicht auf der Spur; tatsäch- 1965. Das Titelbild zeigte „das weltweit menschliche Gestalt an. Die Augen wan-
    lich sind es die eigene Leibesfülle und erste Foto eines lebenden Embryos im dern von den Schläfen nach vorn, es
    der oft damit einhergehende Schwanger- Mutterleib“ – ein rosiges Menschlein in wachsen Lider, auch Ohrmuscheln sind
    schaftsdiabetes, mit denen viele Mütter transparenter Fruchthülle, 18 Wochen alt, bereits zu erkennen. Wenig später kann
    ihren Kindern das Übergewicht gleichsam das vor einem schwarzen Hintergrund der Fetus seine Händchen zu Fäusten bal-
    in die Wiege legen.                         schwebte.                                 len, und von der 15. Schwangerschafts-
       Solche starken Einflüsse des mütterli-     Zum ersten und einzigen Mal in der woche an bewegt er Arme und Beine,
    chen Lebenswandels auf das werdende Geschichte der Illustrierten war die Ge- schlägt Purzelbäume in der Fruchtblase
    Leben waren bis zur Erfindung des Ul- samtauflage von acht Millionen Exempla- und trainiert das Saugen.
    traschalls unvorstellbar – galt doch der ren binnen Stunden ausverkauft. Und            Seine feuchtwarme Umgebung nimmt
    Mutterleib als eine Art Brutkasten, in des- zum ersten Mal in der Geschichte der das künftige Kind vorerst über den Tast-
    sen schützender Wärme der neue Mensch Menschheit konnte jeder Laie an einem sinn wahr, doch nach rund 20 Wochen ist
    nur aus seinem Larvenstadium herauszu- geheimnisvollen, magischen Prozess teil- auch das Gehör funktionsfähig, sechs Wo-
    wachsen brauchte, und zwar nach einem haben, der sich bis dahin allenfalls Ärzten chen später sind die Augen voll entwi-
    festgelegten Bauplan. Aus dem alten oder Pathologen offenbart hatte. Die Fo- ckelt. Das Ungeborene kann nun schme-
    Ägypten stammt die Vorstellung, in je- tos illustrierten den Beginn einer neuen cken und erkennt sogar bestimmte Aro-
                                                                            D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                      123
Titel

                                                                                                            den Überfluss im Mutterleib durch gestei-
                                                                                                            gerte Insulinproduktion zu bewältigen –
                                                                                                            und das in einer Phase, wo im kindlichen
                                                                                                            Gehirn das Sättigungszentrum heranreift.
                                                                                                               Dessen Zellen im Hypothalamus, fand
                                                                                                            Plagemann heraus, werden offenbar dau-
                                                                                                            erhaft auf Schlaraffenland geeicht und
                                                                                                            werten im späteren Leben eine normale
                                                                                                            Ernährung als akute Hungersnot. „Diese
                                                                                                            Kinder sind sehr oft übergewichtig und
                                                                                                            haben ein hohes Risiko, selbst einen Dia-
                                                                                                            betes zu entwickeln“, so der Wissen-
                                                                                                            schaftler.
                                                                                                               Und doch waren es nicht die dicken,
                                                                                                            sondern die dünnen Babys, die zuerst ins
                                                                                                            Visier der Prägungsforscher gerieten: Mit-
                                                                                                            te der achtziger Jahre des vorigen Jahr-
                                                                                                            hunderts fiel dem britischen Arzt David
                                                                                                            Barker auf, dass ausgerechnet in den
                                                                                                            ärmsten Landstrichen des Königreichs die
                                                                                                            meisten Herzkranken lebten. Galten




                                                                                            ULLSTEIN BILD
                                                                                                            nicht eigentlich Überfluss und Wohl-
                                                                                                            standswampe als Hauptrisikofaktoren für
                                                                                                            diese Erkrankungen?
Kind beim Hühnerfüttern: Bakterien aus dem Stall härten das Immunsystem ab                                     Mit detektivischem Ehrgeiz fahndete
                                                                                                            Barker in der Grafschaft Hertfordshire
men, die sich durch die Nahrung der Mut-      der Hauskatze oder gar zum Verzicht auf                       nach alten Geburtsregistern. So stöberte
ter im Fruchtwasser finden, nach seiner       potentiell allergieauslösende Lebensmit-                      er mehr als 15 000 inzwischen betagte Bri-
Geburt wieder.                                tel wie Fisch oder Nüsse. „Solche Elimi-                      ten auf, über deren Geburt Hebammen
   3-D-Ultraschallaufnahmen zeigen, dass      nationsstrategien schaden mehr, als sie                       einst penibel Buch geführt hatten. Barker
das Kind im Bauch schon Grimassen             nutzen“, sagt der Marburger Allergologe                       verglich das Geburtsgewicht jener Leute
zieht, dass es gähnt, weint und Schluck-      Harald Renz, „da besteht noch ein großer                      mit der jeweiligen Krankengeschichte. Er-
auf hat. Zwillinge scheinen einander so-      Fortbildungsbedarf.“                                          gebnis: Wer als besonders leichtes Baby
gar als potentielle Spielgefährten wahr-         Den sieht Stoffwechselforscher Plage-                      zur Welt gekommen war, meist bedingt
zunehmen: Sie grapschen in der 14. Wo-        mann auch für sein Spezialgebiet: die Zu-                     durch die Nahrungsknappheit im England
che deutlich häufiger nach den Glied-         ckerkrankheit während der Schwanger-                          und im Wales des frühen 20. Jahrhun-
maßen ihres Mitbewohners als nach ihren       schaft und die pränatale Programmierung                       derts, hatte ein weitaus höheres Risiko,
eigenen.                                      der Fettleibigkeit. „Der Gestationsdiabe-                     später herzkrank zu werden.
   So störungsfrei der Bauplan des Lebens     tes entwickelt sich zu einer wahren Zivi-                        In Fachkreisen stieß der Pionier an-
in den meisten Fällen ausgeführt wird, so     lisationskrankheit“, erklärt der Wissen-                      fangs auf große Skepsis – inzwischen aber
verheerend können sich doch einige äu-        schaftler.                                                    gilt die Veröffentlichung der sogenannten
ßere Einflüsse auswirken. Bestimmte In-                                                                     Barker-Hypothese im Jahr 1989 als Ge-
fektionen, Drogen und Medikamente be-                                                                       burtsstunde der Prägungsforschung.
hindern die fetale Entwicklung. Mikro-        Gerät der Stoffwechsel                                           Doch warum hat ein zu niedriges Säug-
organismen wie Toxoplasmen oder Liste-        der Mutter aus dem Lot,                                       lingsgewicht ähnliche Effekte wie ein zu
rien können Hirn, Leber und Lunge des                                                                       hohes? Auch die Hungersnot im Mutter-
Babys angreifen, Röteln- oder Cytome-         wird der Fetus mit                                            leib führt zu einer dauerhaften Fehlpro-
galie-Viren schädigen das Nervensystem.                                                                     grammierung wichtiger Steuersysteme,
Wer raucht, erhöht die Wahrscheinlich-        Zucker überschwemmt.                                          vermutet Barker. Der kleine Mensch ver-
keit einer Fehl- oder Frühgeburt und                                                                        sucht, sich auf jene Welt vorzubereiten,
bringt eher ein untergewichtiges Baby            Rund 13 Prozent der Schwangeren er-                        die ihn erwartet. Ist im Mutterleib die
zur Welt, Trinkerinnen riskieren ein so-      kranken inzwischen an dieser vorüberge-                       Nahrung knapp, muss das wohl auch im
genanntes fetales Alkoholsyndrom mit le-      henden Stoffwechselstörung. Der Grund:                        späteren Leben der Fall sein, so die
benslangen Folgen für das Kind.               Frauen in Deutschland bekommen immer                          Schlussfolgerung.
   So betet denn auch jeder Gynäkologe        später Kinder, und sie sind im Schnitt di-                       Die Feten, die in Zeiten des Mangels
meist gleich nach dem ersten Ultraschall      cker als früher – beides erhöht jeweils das                   heranwachsen, glaubt Barker, entwickel-
die Liste der Gefahren herunter: Roh-         Risiko für den Gestationsdiabetes. „Von                       ten sich zu besonders guten Futterverwer-
milchkäse (Listerien) sei zu meiden, auch     diesen Fällen wird aber nur jeder zehnte                      tern. Gibt es dann im späteren Leben ge-
rohes Fleisch, Nikotin und Alkohol, eben-     rechtzeitig erkannt“, mahnt Charité-For-                      nug zu essen, diktiert ihnen der Stoff-
so der Kontakt mit Katzenkot (Toxo-           scher Plagemann – erst Anfang dieses                          wechsel, sich möglichst komfortable Fett-
plasmen).                                     Jahres haben die gesetzlichen Kranken-                        polster anzufressen – für schlechte Zeiten,
   Doch an Listeriose, der durch die ent-     kassen das Diabetes-Screening in ihren                        die niemals kommen.
sprechenden Mikroorganismen verursach-        Leistungskatalog aufgenommen.                                    „In den Industrienationen ist heutzuta-
ten fruchtschädigenden Krankheit, er-            Gerät der Stoffwechsel der Schwange-                       ge kaum eine Schwangere unterernährt“,
kranken deutschlandweit im Mittel gera-       ren aus dem Lot, wird der Fetus geradezu                      sagt Plagemann. Das Problem der Über-
de mal 30 der knapp 700 000 Feten; To-        mit Zucker überschwemmt. Die Folge                            flussgesellschaft seien eher die Moppel-
xoplasmose ist mit durchschnittlich 20 Fäl-   sind nicht nur 4000-Gramm-Babys, die                          babys.
len noch seltener. Manche Ärzte und Heb-      kaum durch den Geburtskanal passen.                              Das gilt umso mehr, als ein hohes Ge-
ammen raten dennoch zur Abschaffung           Der kleine Organismus versucht zudem,                         burtsgewicht nicht nur mit einer späteren
124                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Neigung zu Übergewicht einhergehen           tumsfaktor IGF, der bei der Entstehung            Gang – lästige Leiden wie Heuschnupfen
kann: Selbst manche Krebserkrankungen        von Brusttumoren eine Rolle spielt.               oder Asthma sind die Folge.
sind umso häufiger, je mehr ein Patient         Medizinerin Petra Arck vom UKE hat                „Falsch programmierte Immunzellen
als Säugling auf die Waage brachte, wie      sich einem ganz anderen Aspekt der Prä-           des Babys können jahrelang nach der Ge-
die Epidemiologin Karin Michels von der      natalprägung zugewandt. Sie interessiert          burt überleben“, erklärt Arck, „kommen
Harvard Medical School herausgefunden        sich für die Reifung des Immunsystems             sie dann später mit einer harmlosen Polle
hat. Wonneproppen mit mehr als vier Ki-      und dessen folgenschwere Fehlprogram-             in Kontakt, läuft die Reaktion schnell aus
logramm Geburtsgewicht haben ein dop-        mierungen. „Allergische Erkrankungen              dem Ruder.“ Stressreize während der
pelt so hohes Risiko, später an Brustkrebs   wie Asthma sind auf dem Vormarsch, was            Schwangerschaft, glaubt Arck, könnten
zu erkranken. Auch Hodenkrebs und            sich nicht durch eine Zunahme an gene-            über eine komplexe Hormonkaskade da-
Leukämie häufen sich bei ehemals beson-      tischer Belastung erklären lässt“, sagt die       für sorgen, dass sich die Immunzellen für
ders stattlichen Babys.                      Wissenschaftlerin, „deswegen müssen               die falschen Feinde rüsten.
  „Wie dieses Risiko genau zustande          Umwelteinflüsse eine Rolle spielen, und              Im UKE-Tierstall hocken in Drahtkäfi-
kommt, ist noch unklar“, räumt die For-      das auch schon lange vor der Geburt.“             gen jene werdenden Mütter, die Arcks
scherin ein. Auch Michels hat inzwischen        Von den sogenannten T-Zellen des kind-         These von der frühen Asthma-Prägung be-
eine Gruppe von Bostoner Müttern an-         lichen Immunsystems ist bekannt, dass sie         legen sollen. Ebenso unscheinbar ist auch
geworben, um möglichst viele Daten aus       vor der Geburt heranreifen. Sie bilden Re-        das wichtigste Zubehör ihrer Stressversu-
Schwangerschaft und Kinderleben zu           zeptoren, mit denen sie später körperfrem-        che an trächtigen Mäusen: Der „Wühl-
sammeln. „Wir haben ein paar Kandida-        de Eindringlinge erkennen und ausschal-           mausvertreiber“ aus dem Elektronikmarkt
tengene im Visier, die bei den dickeren      ten können. Bei Allergikern jedoch setzen         besteht im Wesentlichen aus einem
Babys verändert sein könnten“, erläutert     sie auch bei eigentlich unschädlichen An-         schwarzen Plastikrohr. Er erzeugt jedoch
Michels – etwa diejenigen für den Wachs-     tigenen eine heftige Immunreaktion in             ein für Mäuse unangenehmes Geräusch.




                                                                                                                                            ULLSTEIN BILD
                                                                                                Frühe Fehlprogrammierung
                                                                                  Wie vorgeburtliche Prägungen Krankheiten begünstigen


                                                                                                    Mütterliche Einflussfaktoren
                                                                                                           Mögliche Folgen für das Kind




                                                       Stress                                           Alkohol
                                                    Ängstlichkeit,                                    Fetales Alkohol-
                                             verminderte Stresstoleranz,                         syndrom: unter anderem
                                                 Hyperaktivität, Lern-                            Gesichtsfehlbildungen,
                                             schwierigkeiten (z. T. nur im                           Muskelschwäche,
                                             Tierversuch nachgewiesen),                            Verhaltensstörungen,
                                                verstärkte Neigung zu                                  Hirnschäden
                                                  Allergien/Asthma




                                                                    Infektionen
                                                                      psychische
                                                                   Krankheiten wie
                                                                    Schizophrenie
                             Falsche                               (im Tierversuch)                      Diabetes /
                            Ernährung                                                                 Schwangerschafts-
                      Diabetes, erhöhtes Risiko
                       für Krebserkrankungen;
                                                                                                          diabetes
                      bislang epidemiologisch                                                          Lebenslange Neigung
                         belegt: Brustkrebs,                Nikotin                                  zu Übergewicht, Diabetes,
                          Leukämie, Hoden-              z. B. verzögerte                                  Herz-Kreislauf-
                                krebs                geistige Entwicklung,                                Erkrankungen
                                                        Hyperaktivität,
                                                      erhöhtes Risiko für
                                                       plötzlichen Kinds-
                                                               tod



                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                              125
Titel

   Nervt man die Weibchen in der Mitte                                                                                            frühen Verfechter der Programmierungs-
der Trächtigkeit mit dem 70-Dezibel-                                                                                              thesen.
Brummen, so hat Arck herausgefunden,                                                                                                 Ähnlich wie die Hamburger Professo-
bringen sie nicht nur leichtere Babys zur                                                                                         rin Arck untersucht Schwab den Einfluss
Welt und produzieren weniger Schwan-                                                                                              von Stressfaktoren während der Schwan-
gerschaftshormone als die Kontrollgrup-                                                                                           gerschaft, doch mehr als das Immunsys-
pe, die tagein, tagaus unbehelligt Tro-                                                                                           tem fesselt ihn das heranreifende Gehirn.
ckenfutter knabbern darf. Der Nach-                                                                                               Und was der Arzt darüber herausgefun-
wuchs der Stress-Mütter zeigt außerdem                                                                                            den hat, könnte viele Schwangere beun-
deutlich häufiger asthmaähnliche Symp-                                                                                            ruhigen.
tome.                                                                                                                                Jeder zehnten werdenden Mutter in
   Nun hofft Immunologin Arck, dass die                                                                                           Deutschland, schätzt Schwab, spritzten
Prince-Studie ähnliche Zusammenhänge                                                                                              Mediziner das Steroid Betamethason.
auch bei Menschen offenbart. „Der                                                                                                 Der Grund: Besteht die Gefahr, dass ein
nächste Schritt wäre dann herauszufin-                                                                                            Baby viele Wochen zu früh auf die Welt
den, wo genau das feto-maternale Sys-                                                                                             kommt, ist dessen Lunge meist noch un-
tem verletzlich ist“, erklärt sie. „Dann                                                                                          terentwickelt. Das Glucocortocoid soll
könnten wir eine Art Screening für die                                                                                            deren Reifung beschleunigen, damit das
Risiken entwickeln und irgendwann viel-                                                                                           Frühchen atmen kann.
leicht sogar vorbeugende Maßnahmen                                                                                                   Doch die Substanz gehört zur selben
vorschlagen.“                                                                                                                     Stoffklasse wie das körpereigene Stress-
   Mit einem ausgeklügelten Mausversuch                                                                                           hormon Cortisol, und der synthetische
haben die Hamburger Forscher gezeigt,                                                                                             Stress hat offenbar eine direkte Wirkung
dass Immunzellen der Mutter den kindli-                                                                                           auf das Gehirn des Ungeborenen.
chen Organismus tatsächlich unterwan-                                                                                                Schwab bat Schwangere, die Betame-
dern können. Unter dem Fluoreszensmi-                                                                                             thason bekommen hatten, zum sogenann-
kroskop nämlich leuchten sämtliche Kör-                                                                                           ten MEG-Test. Als eine der wenigen Kli-
perzellen eines bestimmten Stammes von                                                                                            niken hierzulande können die Jenaer mit
Versuchsmäusen giftgrün. Jene Nager tra-                                                                                          einem Hightech-Messgerät die Hirnströ-




                                                                                          FIONA HANSON / PICTURE ALLIANCE / DPA
gen dann als Leihmütter die Embryonen                                                                                             me Ungeborener aufzeichnen. Schwabs
von nichtleuchtenden Artgenossen aus.                                                                                             Frage: Reagiert das Hirn der gestressten
In den Immunorganen der Nachkommen                                                                                                Feten schon im Mutterleib anders als das
fand Arck grüne Zellen.                                                                                                           einer Kontrollgruppe?
   „Das beweist, dass mütterliche Zellen                                                                                             Laute Geräusche nahe der Bauchdecke,
im kindlichen Immunsystem vorkom-                                                                                                 das ist bekannt, führen zu messbaren Aus-
men“, erläutert Arck, „das System ist                                                                                             schlägen im Babyhirn, die der Magneto-
durchlässiger, als man lange Zeit ange-                                                                                           enzephalograf (MEG) sichtbar machen
nommen hat.“                                Mutter mit Übergewicht                                                                kann. „Bei den Feten, deren Mütter 24
   Für den Marburger Forscher Renz ist      Starke Einflüsse des Lebenswandels                                                    Stunden zuvor Betamethason bekommen
das eine gute Nachricht. Denn im Gegen-                                                                                           hatten, war die Reaktion auf akustische
satz zu seiner Kollegin Arck sucht der         Dass der Schutzmechanismus auch                                                    Reize deutlich verzögert“, berichtet
Allergologe nicht nach schädigenden Ein-    schon von Trächtigen an ihren Nach-                                                   Schwab.
flüssen: Renz glaubt, dass sich die Nei-    wuchs weitergegeben werden kann, be-                                                     Und nicht nur das: Das Lungenreifungs-
gung zu Allergien schon in der Schwan-      richtete Renz vor kurzem im „Journal of                                               mittel hinterlässt Spuren bis weit in die
gerschaft mildern lässt.                    Clinical Immunology“: Während der                                                     ersten Lebensjahre des Kindes hinein –
   Im Tierstall der Philipps-Universität    Trächtigkeit gab er einigen seiner Asth-                                              auch dann, wenn die Babys am Ende gar
hält Renz ein Grüppchen asthmatischer       ma-Mäuse die Bakterien in Form von Na-                                                nicht zu früh zur Welt gekommen sind.
Mäuse. Die Nager kriegen schlechter Luft    sentropfen – der Nachwuchs blieb ge-                                                  Das hat Neurologe Schwab an einer Grup-
als ihre Artgenossen und haben chronisch    sund.                                                                                 pe Jenaer Kinder gezeigt. Eine Hälfte hat-
entzündete Atemwege. Normalerweise             „Ein bestimmtes Gen, das im späteren                                               te das Lungenreifungsmittel bekommen,
vererben sie die Kurzatmigkeit auch an      Leben antiallergisch wirkt, kann durch                                                war aber termingerecht geboren, bei der
ihren Nachwuchs – das aber deutlich sel-    die frühe Stimulation besser genutzt wer-                                             anderen war die Schwangerschaft normal
tener, wenn sie während der Trächtigkeit    den“, fand der Wissenschaftler anschlie-                                              verlaufen.
in Kontakt mit einem gramnegativen          ßend heraus. Mit Kollegen im australi-                                                   Als die Mädchen und Jungen acht Jah-
Bakterium namens Acinitobacter iwoffii      schen Perth will er demnächst untersu-                                                re alt waren, stellte Schwab ihnen kniffli-
gekommen waren.                             chen, ob sich ähnliche Mechanismen auch                                               ge Aufgaben. Unter Zeitdruck mussten
   „Es ist seit langem bekannt, dass Kin-   bei Menschen finden lassen.                                                           die Schüler Rechenaufgaben lösen oder
der, die auf dem Bauernhof aufwachsen,         Im Uni-Klinikum im Jenaer Plattenbau-                                              vor der Kamera eine Geschichte zu Ende
seltener Allergien entwickeln“, erklärt     viertel Lobeda sitzt Matthias Schwab in                                               erzählen, auch ein IQ-Test gehörte zum
Renz. Bestimmte Bakterien etwa aus          seinem Dienstzimmer, auf dem Klinikflur                                               Programm. „Die Betamethason-Kinder
dem Kuhstall, vermuten Verfechter der       warten Patienten, dauernd klingelt sein                                               waren deutlich unruhiger und nervöser
sogenannten Hygienehypothese, härten        Telefon: Der Neurologe ist verantwortlich                                             als ihre Altersgenossen“, erzählt Schwab.
das Immunsystem dieser Landkinder           für eine Station, er muss über Therapien                                                 Verblüffender noch: Überdurchschnitt-
schon früh ab. Dagegen spielt die Ab-       und Medikamente etwa für Schlaganfall-                                                lich viele plagten sich mit Verhaltensstö-
wehr jener Kinder mitunter verrückt, die    und Multiple-Sklerose-Kranke entschei-                                                rungen wie dem Aufmerksamkeitsdefizit-
in blank gewienerten Stadtwohnungen         den. Sein Forscherherz jedoch schlägt für                                             syndrom ADHS. Und ihr Intelligenzquo-
aufwachsen und den nationalen Milch-        das Leben vor der Geburt, seit er vor                                                 tient lag durchweg um einige Punkte nied-
viehbestand in Hagenbecks Tierpark ver-     rund 15 Jahren bei US-Wissenschaftler                                                 riger als jener der Kontrollgruppe. „Ist es
muten.                                      Peter Nathanielz hospitierte, einem der                                               nicht bemerkenswert, dass ein oder zwei
126                                               D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Dann wird es ungemütlich. Schwab
                                                                                                                           trennt seine werdenden Schafsmütter von
                                                                                                                           ihren Artgenossen – für die sonst so ge-
                                                                                                                           nügsamen Herdentiere ist Isolation die
                                                                                                                           Höchststrafe. Anderen spritzt er Betame-
                                                                                                                           thason, um genauer zu untersuchen, wel-
                                                                                                                           che Reaktionen Stress und Steroid im
                                                                                                                           Schafsfetus in Gang setzen.
                                                                                                                              Bisherige Ergebnisse: Bei Stress oder
                                                                                                                           künstlichen Stresshormonen verengen
                                                                                                                           sich die mütterlichen Blutgefäße, der Sau-
                                                                                                                           erstoffgehalt des fetalen Bluts sinkt, dafür
                                                                                                                           steigt die Konzentration an Milchsäure.
                                                                                                                           „Auf diese Veränderungen reagieren auch
                                                                                                                           die Wachstumshormone im kindlichen
                                                                                                                           Organismus“, erklärt Schwab – das könn-
                                                                                                                           te dazu führen, dass bestimmte Systeme
                                                                                                                           im Gehirn überhastet heranreifen. Bei
                                                                                                                           Schwabs Schafen etwa entwickeln sich
                                                                                                                           bestimmte Schlafstadien schneller, unter-
                                                                                                                           scheiden sich aber deutlich von den nor-
                                                                                                                           malen Mustern – so durchläuft das Schafs-
                                                                                                                           gehirn die Schlafphasen wesentlich
                                                                                                                           schneller als normalerweise.
                                                                                                                              Ratten wiederum schlägt das Lungen-
                                                                                                                           reifungsmittel aufs Gemüt, auch das hat
                                                                                                                           Schwab schon nachgewiesen. Gab er den
                                                                                                                           Nagern während der Trächtigkeit Beta-
                                                                                                                           methason, wurde deren Nachwuchs im
                                                                                                                           Alter depressiv. Anders als ihre Artge-


                                                                                          MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL
                                                                                                                           nossen zeigten die Ratten wenig Interesse
                                                                                                                           am Zuckerwasser, das ihnen als Alterna-
                                                                                                                           tive zum gewohnten Leitungswasser ge-
                                                                                                                           reicht wurde. Warfen die Forscher sie in
                                                                                                                           ein Wasserbecken, ließen sie sich traurig
                                                                                                                           treiben, statt beherzt um ihr Leben zu
                                                                                                                           paddeln. Auch die Schwermut der Mäuse
Neurologe Schwab mit trächtigem Schaf im OP: Livestream aus dem Mutterleib                                                 schreibt Schwab einer gestörten Reifung
                                                                                                                           der Stress-Reaktionskette während der
Injektionen während der Schwangerschaft      ärzten und OP-Schwestern in grüner                                            Trächtigkeit zu.
offenbar reichen, um ein Kind für sein       Schutzkleidung.                                                                  Dass großer Stress tatsächlich das Erb-
ganzes Leben zu prägen?“, fragt Schwab.         Weiter hinten warten in gekachelten                                        gut modifiziert, haben Konstanzer Wis-
   „Für die Lungenreifung sind Steroide      Ställen Schwabs Versuchstiere auf ihren                                       senschaftler belegt: Wenn Schwangere
sehr effektiv, aber wir wissen, dass sie     Einsatz: In Dreiergrüppchen stehen dort
Nebenwirkungen haben“, erklärt der           Schafe beisammen, ein Züchter aus Wei-
Würzburger Kinder-Pneumologe Wolf-           mar hat sie gebracht. „Schafe sind ein                                        Brennt sich die
gang Thomas. Zum Beispiel hätten Babys       ideales Modell für die Pränatalforschung“,                                    mütterliche Stimmung
jener Frauen, die während der Schwan-        erklärt Schwab, „sie bekommen meistens
gerschaft wiederholt Betamethason er-        Einlinge wie Menschen, und sie sind                                           in der Seele des
hielten, einen kleineren Kopf als der        schwer aus der Ruhe zu bringen.“
Durchschnitt. „Seit 2009 ist deswegen die       Vor allem das ist praktisch, denn im                                       Ungeborenen ein?
Empfehlung, die Lungenreifungsmittel         Herbst, wenn die Schafe Lämmer erwar-
nur einmal zu geben und auf die bis dahin    ten, wird Schwab jedes einzelne von ih- von ihren Partnern misshandelt werden,
übliche Wiederholung der Therapie zu         nen auf den OP-Tisch legen. In Vollnar- verändert sich bei ihren Kindern dauer-
verzichten.“ Nach der vollendeten 34.        kose öffnet der Wissenschaftler dann die haft das Gen für sogenannte Glucocorti-
Schwangerschaftswoche wird ganz auf          Gebärmutter und zieht ein halbfertiges coid-Rezeptoren, jene molekularen Sen-
die Injektion verzichtet.                    Schafsbaby ans Licht, eben weit genug, soren, die Stresshormone wie Cortisol er-
   Doch was genau geschieht im unreifen      um ihm EEG-Elektroden in den Schädel kennen und wie eine Schaltstation weite-
System, wenn es von Stresshormonen ge-       zu piksen. Er legt einen Venenkatheter re Reaktionen des Gehirns vermitteln.
flutet wird? Um das herauszufinden, fährt    zum Blutabnehmen und befestigt Kabel „Der Körper der Mutter signalisiert diesen
Forscher Schwab regelmäßig vom Klini-        zur Messung des fetalen Herzschlags. Kindern, dass sie in einer bedrohlichen
kum in die Jenaer Innenstadt. Schon im       Dann darf das Baby zurück in den Bauch Umgebung aufwachsen werden“, mut-
bunt bepflanzten Hof des Gebäudes in         der Mutter.                                maßt der Konstanzer Psychologe Thomas
der Dornburger Straße riecht es nach            Aus dem hängt dann bis zu einem wei- Elbert, „im späteren Leben sind diese
Landwirtschaft, und im Inneren des In-       teren Kaiserschnitt am Ende der Träch- Kinder ängstlicher und weniger neugierig,
stituts für Versuchstierkunde weiß der Be-   tigkeit in einer Art Netzstrumpf ein bun- ihre Stressachse ist anfälliger als die an-
sucher schnell, warum. Auf einer metal-      ter Kabelsalat; der Livestream aus dem derer Menschen.“
lenen Liege schlummert gerade ein nar-       Mutterleib wird an ein Computerterminal       Was aber, wenn die Mutter nicht ge-
kotisiertes Schwein, umgeben von Tier-       gesendet.                                  stresst, sondern ihrerseits depressiv ist?
                                                  D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                            127
Titel

                                                                                                                        folgen, wenn sie womöglich an einer De-
                                                                                                                        pression, an Krebs oder Diabetes erkran-
                                                                                                                        ken oder den Herztod sterben, dauern
                                                                                                                        länger als ein Forscherleben. „Erst unsere
                                                                                                                        Kinder werden die Antworten kennen“,
                                                                                                                        sagt Michels.
                                                                                                                          „Das Letzte, was wir wollen, ist, den
                                                                                                                        Frauen Angst oder ein schlechtes Gewis-
                                                                                                                        sen zu machen“, versichert UKE-Ärztin
                                                                                                                        Anke Diemert. Sie hofft trotzdem, eines
                                                                                                                        Tages bereits während der Schwanger-
                                                                                                                        schaft Präventionsmaßnahmen empfeh-
                                                                                                                        len zu können. „Ab der Geburt hinkt die
                                                                                                                        Medizin doch schon hinterher“, sagt sie.
                                                                                                                           Psychologin Monk fordert, in der




                                                                                           MANFRED WITT / DER SPIEGEL
                                                                                                                        Schwangerschaftsvorsorge künftig auch
                                                                                                                        die Seelenlage abzufragen. Bis zu 20 Pro-
                                                                                                                        zent der Schwangeren in den USA,
                                                                                                                        schätzt sie, seien von einer mehr oder
                                                                                                                        minder schweren Form der Depression
                                                                                                                        betroffen – mehr noch als vom Gestati-
Krankenschwester Mann, Tochter Emilia: „Ich hab mich nicht verrückt gemacht“                                            onsdiabetes. Die leichteren Fälle schickt
                                                                                                                        Monk zum Yoga oder in die Müttergrup-
Brennt sich die mütterliche Stimmung in       außer Gefecht gesetzt, glaubt Monk,                                       pe, bei schwereren hält sie Antidepressiva
der Seele des Ungeborenen ein? Die            kommt beispielsweise das mütterliche                                      auch während der Schwangerschaft für
Psychologin Catherine Monk von der            Cortisol in weit höherer Konzentration                                    weniger schädlich als die Depression
New Yorker Columbia University ist da-        beim Kind an.                                                             selbst. Auch UKE-Wissenschaftlerin Arck
von überzeugt: „Ich glaube, dass es ne-         Auch unter Monks Forschungsprojek-                                      würde am liebsten Stressfragebögen in
ben Genetik und späteren Umweltein-           ten darf eine eigene Langzeitstudie nicht                                 den Frauenarztpraxen auslegen.
flüssen einen dritten Weg gibt, über den      fehlen: Die Psychologin untersucht, ob                                       Allergologe Renz ist für viel frische
neuropsychiatrische Krankheiten inner-        Teenager-Schwangerschaften Auswirkun-                                     Luft, Epidemiologin Michels für Vollkorn
halb einer Familie weitergegeben werden       gen auf die Nachkommen haben. „Wer                                        und Obst statt Zucker und Weißmehl:
können – und das ist der pränatale            mit 16 schwanger wird, steht unter einer                                  „Die mütterliche Ernährung ist einer der
Einfluss psychischer Erkrankungen der         besonderen Art von Stress“, erläutert die                                 wenigen Faktoren, die sich leicht variie-
Mutter.“                                      Wissenschaftlerin.                                                        ren lassen – und die doch so viel Einfluss
   Um das zu belegen, bestellte Monk            Mehrere hundert Mädchen aus dem                                         auf das ganze Leben des Kindes hat.“ Me-
Hunderte Schwangere ins New Yorker            New Yorker Problemviertel Washington                                      diziner Plagemann rät, möglichst mit Nor-
Presbyterian Hospital ein. Die eine Grup-     Heights, meist junge Latinas, hat Monk                                    malgewicht in eine Schwangerschaft zu
pe litt unter schweren Depressionen, die      mit tragbaren Computern ausgerüstet. Im                                   starten, und plädiert zugleich fürs Diabe-
andere nicht. Einige der Depressiven nah-     Verlauf der Schwangerschaft führen die                                    tes-Screening, Neurologe Schwab emp-
men Medikamente, andere befanden sich         Teenager dreimal täglich genauestens                                      fiehlt, bei drohenden Frühgeburten jen-
in einer Psychotherapie, eine weitere                                                                                   seits der 32. Woche auf Steroide zur Lun-
Gruppe hatte eine unbehandelte Depres-                                                                                  genreifung zu verzichten.
sion. Beim sogenannten Stroop-Test muss-      „Das Letzte, was wir                                                         Vor allem aber rät der Jenaer Arzt zur
ten die Probandinnen unter Zeitdruck          wollen, ist, den Frauen                                                   Gelassenheit: „Bei allen spannenden Er-
Aufgaben am Computer lösen.                                                                                             kenntnissen: Die Natur hat es so einge-
   Ergebnis: Bei allen Schwangeren schos-     ein schlechtes                                                            richtet, dass eine normale Schwanger-
sen Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz                                                                                   schaft ein gesundes Kind produziert.“
in die Höhe. Doch nur bei jenen Frauen,       Gewissen zu machen.“                                                         So war es dann auch bei Nadine Mann
die eine unbehandelte Depression, oft in                                                                                aus Hamburg. „Ich habe mein Leben ganz
Verbindung mit einer Angststörung, hat-       Buch über ihre Erlebnisse, Gefühle und                                    normal weitergelebt und mich nicht ver-
ten, klopfte auch das Babyherz schneller.     ihre Ernährung, ihr Blut wird auf Stress-                                 rückt gemacht“, erzählt sie. Ende Novem-
„Diese Feten sind offenbar schon im Mut-      hormone untersucht, sie tragen ein mo-                                    ber 2011 kam ihre Tochter Emilia zur
terleib stressempfindlicher als andere“,      biles Blutdruckmessgerät. Später will                                     Welt – 4260 Gramm, 57 Zentimeter, ganz
erläutert Monk. Das Muster setzt sich fort:   Monk die Entwicklung der Babys verfol-                                    der Papa. Erst dann begann der Stress:
Nach der Geburt sind die Babys nervöser       gen. Hirnscans, Aufmerksamkeits- und                                      Die Geburt war schwierig, die Mühsal des
und lassen sich weniger leicht beruhigen      Gedächtnistests sollen Besonderheiten of-                                 Stillens hatte die junge Mutter zunächst
als ihre Altersgenossen.                      fenbaren, die Monk wiederum mit Ereig-                                    unterschätzt. Baby Emilia muss das nicht
   Einen Mechanismus des Phänomens            nissen vor der Geburt in Verbindung brin-                                 beunruhigen: Den spannendsten Teil ihrer
vermutet Monk auf molekularer Ebene.          gen will.                                                                 Reise ins Leben hat sie schon gemeistert.
Möglicherweise führt die mütterliche             In konkrete Verhaltenstipps für wer-                                                                    JULIA KOCH
Schwermut zu Änderungen in der Gen-           dende Mütter lässt sich diese Fülle an
expression bestimmter Eiweiße im Mut-         Forschung derzeit allerdings noch nicht
terkuchen. Normalerweise nämlich dient        übersetzen. „Viele unserer Erklärungen                                                     Video:
die Plazenta als eine Art Schutzwall, die     sind noch sehr spekulativ“, räumt Har-                                                     Was Schwangere
schädliche Stoffe vom Kind fernhält. In       vard-Krebsforscherin Karin Michels ein.                                                    für ihr Kind tun
ihren Zellen sind Enzyme aktiv, die           Jene Langzeitstudien, die die Entwick-                                                     Für Smartphone-Benutzer:
Stresshormone zumindest zum Teil un-          lung ihrer Probanden von der Schwan-                                                       Bildcode scannen, etwa mit
schädlich machen können. Sind diese           gerschaft bis weit ins spätere Leben ver-                                                  der App „Scanlife“.
128                                                D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Wissenschaft


                                      U M W E LT




       Menü der Grausamkeiten
  Auf dem Gipfel in Rio will sich Brasilien als Öko-Musterland




                                                                                                                         A N T H O N Y A B O CCACC I O / I M AG E T R U ST
 präsentieren. Doch der Raubbau im Amazonasgebiet schreitet
 voran. Naturschützer werden von Mordkommandos bedroht.


I
    hre kugelsichere Weste hat sie abge-         Experten halten die Öko-Wende für
    legt; auch die Elitesoldaten zu ihrem     Propaganda. „Die Regierung wird nach                                                                                           STRASSENBAU Die über 5600 Kilometer lange
    Schutz sind abgezogen. Dafür musste       der Konferenz ein Menü umweltpoliti-                                                                                           Transamazônica führt quer durch den Regenwald.
Nilcilene Miguel de Lima, 45, den Behör-      scher Grausamkeiten anrichten“, fürchtet
den versprechen, dass sie ihren Aufent-       die ehemalige Umweltministerin Marina
haltsort geheim hält und nicht in ihre Hei-   Silva. „Sie baut systematisch die Umwelt-
mat im brasilianischen Amazonasurwald         gesetzgebung ab, die wir in den vergan-
zurückkehrt. Denn dort wartet ein Auf-        genen 24 Jahren geschaffen haben.“ Ge-
tragskiller auf sie.                          meinsam wandten sich acht große Um-
   Umgerechnet 8000 Euro hat eine Mafia       welt- und Sozialorganisationen an die
aus Holzhändlern und Rinderzüchtern           Öffentlichkeit. Rousseff, so ihr Vorwurf,
auf ihren Kopf ausgesetzt. Denn sie ist       sei verantwortlich für den „größten Rück-
Präsidentin von Deus Proverà, einer           schritt in der Umweltpolitik seit dem
Vereinigung von Bauern und Kautschuk-         Ende der Militärdiktatur 1985“.
zapfern im Süden des Bundesstaats Ama-           Die Reform des Waldgesetzes sieht




                                                                                                                         RO N H AV I V / V I I
zonas, dort, wo sich Holzfäller und Um-       eine Amnestie für illegale Abholzer vor.
                                              Farmer im Amazonasgebiet dürfen künf-
                                                                                                                                                                             RINDERZUCHT Etwa 205 Millionen Rinder grasen
weltschützer bekriegen. Und sie hatte es                                                                                                                                     in Brasilien – meist auf ehemaligen Urwaldflächen.
gewagt, die illegale Abholzung anzu-          tig 50 statt bislang 20 Prozent ihrer Grund-
zeigen.                                       stücke roden. Gleichzeitig treibt die Re-
   300 Familien hatte die Regierung vor       gierung den Bau Hunderter Staudämme                                                                         halb vor der mächtigen Agrarlobby ein.
fünf Jahren im Urwald angesiedelt, sie        in der Region voran. Die Folge: Tausende                                                                    Dabei brauche Brasilien eigentlich gar
betreiben eines von 21 Projekten zur          Quadratkilometer werden überschwemmt,                                                                       keine neuen Weide- oder Anbauflächen,
nachhaltigen Bewirtschaftung des Ama-         Indianerdörfer und Bauernsiedlungen                                                                         meint Ex-Ministerin Silva: „Wir könnten
zonasgebiets. Die Bauern zapfen Kaut-         müssen weichen.                                                                                             unsere Produktion verdoppeln, wenn wir
schuk aus Gummibäumen, sammeln                   Die Umweltbehörde wurde von Rous-                                                                        die vorhandenen Flächen intensiver be-
Paranüsse und bauen Ananas, Bananen           seff weitgehend entmachtet. Die Regie-                                                                      wirtschaften.“
und Maniok an. „Wir sind die Wächter          rung will Großprojekte beschleunigen,                                                                          Doch die Vernichtung des Urwalds ist
des Waldes“, sagt Miguel de Lima. 42          den Bergbau in Indianerreservaten er-                                                                       billiger und lukrativer, zumal sie meist
Kilometer von der nächsten Bundesstra-        lauben und neue Straßen bauen. Die Re-                                                                      straflos bleibt. Die Zerstörung folgt dem
ße entfernt, hausen sie ohne Strom, ohne      gulierung des Landbesitzes, das größte                                                                      immergleichen Zyklus: Erst schlagen
die versprochene Schule, ohne Gesund-         Problem im Amazonasgebiet, geht nur                                                                         Holzfäller die wertvollsten Bäume, dann
heitsposten und ohne Polizeischutz im         schleppend voran; illegal gegründete Far-                                                                   reißen sie die restliche Vegetation mit
Urwald.                                       men werden im Internet gehandelt.                                                                           Traktoren nieder oder fackeln sie ab. So-
   Holzhändler und Rinderzüchter ma-             Die Devisenerlöse aus dem Export von                                                                     bald der Urwald zerstört ist, säen sie Gras
chen sich die Abwesenheit des Staates         Rindfleisch und Soja sind einer der Pfeiler                                                                 aus, und bald darauf trotten die ersten
zunutze. Sie teilen den Wald in Parzellen     des brasilianischen Wirtschaftswunders.                                                                     Rinder zwischen den Baumstümpfen.
auf, fälschen die Grundbücher und ver-        Immer wieder knickt die Präsidentin des-                                                                    Auch Sojafarmen dringen in einige Re-
treiben die Kleinbauern mit Waffenge-                                                                                                                     gionen des Amazonasgebiets vor.
walt. Dutzende Familien sind bereits ge-                                                                                                                     Wer sich den Ranchern in den Weg
flüchtet. Ihre Äcker haben sie aufgegeben                                                                                                                 stellt, riskiert sein Leben. 29 Menschen
oder an die Großgrundbesitzer verkauft.                                                                                                                   wurden im vergangenen Jahr in Brasilien
„Wenn Nilcilene zurückkehrt, wird sie                                                                                                                     wegen Landstreitigkeiten umgebracht.
umgebracht“, fürchtet ihr Lebensgefährte                                                                                                                  „Die Verbrechen werden nicht geahndet“,
Raimundo Alexandrino de Oliveira.                                                                                                                         klagt Francineide Lourenço von der kirch-
   Auf dem Uno-Umweltgipfel Rio+20,                                                                                                                       lichen Hilfsorganisation Comissão Pasto-
der diese Woche beginnt, will Gastgeber                                                                                                                   ral da Terra in Manaus. Greenpeace-Mit-
Brasilien sich als moderne, aufstrebende                                                                                                                  arbeiter sind im Urwald nur in gepanzer-
Öko-Nation präsentieren. Ein ganzes Pa-                                                                                                                   ten Geländewagen unterwegs.
                                                                                            JENS GLÜSING / DER SPIEGEL




ket von Projekten zum Schutz der Um-                                                                                                                         Allein im Bundesstaat Amazonas ha-
welt soll das Land als Musterbeispiel                                                                                                                     ben im vergangenen Jahr 49 Umweltakti-
nachhaltigen Wirtschaftens ausweisen.                                                                                                                     visten und Kleinbauern Morddrohungen
Am Weltumwelttag trat Präsidentin Dil-                                                                                                                    erhalten. Drei von ihnen hat die Regie-
ma Rousseff im grünen Kleid vor die Ka-                                                                                                                   rung bewaffneten Begleitschutz gewährt,
meras und brüstete sich, die Abholzung                                                                                                                    darunter Miguel de Lima.
sei auf ein historisches Minimum zurück-      Aktivistin Miguel de Lima                                                                                      Besucher empfängt die zierliche Frau
gegangen.                                     „Wir sind die Wächter des Waldes“                                                                           in einem Haus über tausend Kilometer
130                                                 D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Kahlschlag am Amazonas
                                                                                                                         B RASILIE N
   stark gerodete Gebiete                   Bundesstaat                    Atlantik
                                            Pará
   große Staudamm-                                   onasBelo
   projekte in Bau                              Amaz                                                                                 Rio de
                                     Manaus                      Monte
                                                                                                                                     Janeiro
                                                                         Tucuruí
                                             ira
           Bundesstaat                 a  de         São Luis
           Amazonas                   M              do Tapajós
                                  o
                                Ri
                            Porto Velho            Teles Pires
              Jirau                                                       Transamazônica
                      Santo
                      Antônio
                                                                         BRASILIEN




                                                                                                                                                                                              WERNER RUDHART / VISUM
P E RU
                                                                         Brasília                                              500 km          BERGBAU Brasilien ist weltweit zweitgrößter
                BOLIVIEN
                                                                                                                                               Eisenerz- und drittgrößter Bauxitlieferant.




                                                                                     MARCE LO SAYAO / DPA




                                                                                                                                                                                              A N JA K E S S L E R
RODUNG Von 1990 bis 2010 wurden in Brasilien Regenwaldgebiete                                               STAUDAMMBAU Über drei Viertel der Elektrizität wird durch Wasserkraftwerke
von der Größe Frankreichs abgeholzt.                                                                        erzeugt. Ihre Leistung entspricht etwa der von 80 Atomkraftwerken.

     von ihrer Heimat entfernt. Sie nimmt Be-                     sie anzeigen.“ Ninks Mörder kamen im wald und Brachland am Rio Madeira
     ruhigungsmittel, beim Erzählen steigen                       Morgengrauen; als ihr Vater sie Stunden werden in den kommenden Jahren über-
     ihr Tränen der Wut in die Augen. „Die                        später fand, wischte ihr kleiner Sohn das flutet.
     haben mein Grundstück niedergebrannt“,                       Blut von der Brust seiner Mutter.            In Vista Alegre, wenige Kilometer vor
     sagt sie und zeigt Fotos von den verkohl-                       Wenige Tage nach Ninks Tod postierte Miguel de Limas Siedlung, kommen die
     ten Resten ihres Hauses.                                     sich ein bewaffneter Mann mit Motorrad Holzlaster im Viertelstundenrhythmus
        Vor einem Jahr flüchtete sie aus der                      vor Miguel de Limas Unterschlupf. Ihre aus dem Wald, mit bewaffneter Motorrad-
     Region, nachdem ein Pistolero ihr aufge-                     Leibwächter bekamen es mit der Angst eskorte. Über Amateurfunk kündigen sie
     lauert hatte. Die Regierung gewährte ihr                     zu tun und zwangen sie, die Region zu ihre Ladungen an.
     eine bewaffnete Eskorte der Força Nacio-                     verlassen. „Die Holzhändler haben zur        In illegalen Sägewerken am Stadtrand
     nal, einer Sondereingreiftruppe aus Mili-                    Feier einen Ochsen geschlachtet“, erzählt werden die Stämme zu Brettern verarbei-
     tär und Polizei. Im November kehrte sie,                     Miguel de Lima.                           tet, die Reste verfaulen im Schlamm.
     geschützt von neun Soldaten, zurück. Tag                        Der Raubbau geht unterdessen unge- „Das Holz wird mit gefälschten Papieren
     und Nacht trug sie eine kugelsichere Wes-                    bremst weiter. Rinderfarmen stoßen wei- ausgestattet und in den Süden transpor-
     te. „Wir schießen in den Kopf“, drohte                       ter in den Süden des Bundesstaats Ama- tiert“, sagt Miguel de Lima. In der Millio-
     die Mafia daraufhin.                                         zonas vor, Sojalaster donnern über die nenmetropole São Paulo enden die Ur-
        Die Rinderfarmen waren in ihrer Ab-                       Bundesstraße BR-364, das Endstück der waldriesen als Bauholz.
     wesenheit nahe an ihre Siedlung heran-                       berühmten Transamazônica. Die Regie-         Auf Miguel de Limas Grundstück ver-
     gerückt. Rancher riegelten die Wege mit                      rung hat die Trasse bis ins nahe Peru fi- gammeln unterdessen die Bananen, Un-
     Zäunen ab und zerstörten die Gummi-                          nanziert, sie verbindet Brasilien mit den kraut wuchert über den verkohlten Res-
     bäume.                                                       Häfen der Pazifikküste.                   ten ihrer Hütte.
        Doch Miguel de Lima ließ sich nicht                          Rinderfarmen und Brachland säumen         Amnesty International hat eine welt-
     einschüchtern. Ihre Eltern waren Gummi-                      die Straße; nur die verkohlten Skelette weite Kampagne für Miguel de Lima ge-
     zapfer, sie stammt aus derselben Gegend                      der Paranussbäume erinnern daran, dass startet, täglich gehen beim Gouverneur
     wie Chico Mendes. Der Umweltaktivist                         hier einmal Regenwald stand. Die Pro- in Manaus Protestbriefe aus der ganzen
     und Kautschukzapfer war 1988 von zwei                        vinzhauptstadt Porto Velho am Rio Ma- Welt ein. Sie träumt von ihrer Rückkehr,
     Farmern ermordet worden, vier Jahre vor                      deira, einem Zufluss des Amazonas, war so oft wie möglich telefoniert sie mit ih-
     dem ersten Uno-Umweltgipfel in Rio. Sein                     einst ein verschlafenes Urwaldnest; jetzt ren Mitstreitern im Urwald.
     Tod löste eine weltweite Kampagne gegen                      stauen sich nachts die Geländewagen der      Die hoffen unterdessen auf Hilfe aus
     die Abholzung aus, seine Mörder sind in-                     Farmersöhne vor der Broadway Bar, dem dem fernen Norwegen: Die Regierung in
     zwischen wieder auf freiem Fuß.                              örtlichen Nachtclub.                      Oslo hat eine Milliarde Dollar für den
        Im April wurde Dinhana Nink erschos-                         Am Stadtrand erstrecken sich endlose „Amazonasfonds“ zum Schutz des Ur-
     sen, eine Bekannte von Miguel de Lima.                       Arbeitercamps: Zuwanderer aus ganz walds bereitgestellt. Auf dem Uno-Gipfel
     „Sie betrieb eine kleine Bar, die als Infor-                 Brasilien sind nach Porto Velho geströmt, in Rio wird die Ölnation das Projekt als
     mationsbörse diente, und kannte die                          sie helfen beim Bau der Staudämme Modell für die nachhaltige Rettung des
     Pläne und Routen der Holzfäller und Far-                     Santo Antônio und Jirau, zweier riesiger Amazonasurwalds präsentieren.
     mer“, sagt Miguel de Lima. „Sie wollte                       Wasserkraftwerke. Tausende Hektar Ur-                                  JENS GLÜSING

                                                                          D E R     S P I E G E L                    2 5 / 2 0 1 2                                                      131
Wissenschaft




                     „Das wird ein Riesengeschäft“
          Der britische Milliardär Sir Richard Branson, 61, über Klimaschutz als Anlagemodell

      SPIEGEL: Sir Richard, kennen Sie das Kohlestrom. Wegen des scharfen Wett-          dukten wie Industrieabgasen ist fort-
      deutsche Wort „Angst“?                   bewerbs stehen die Hersteller unter       geschritten. Sobald es uns gelingt, gro-
      Branson: Na klar, „German angst“, das Druck, sich innovative Produkte ein-         ße Mengen davon herzustellen, wird
      Wort haben wir Engländer von euch fallen zu lassen, was den Fortschritt            das ein Riesengeschäft. Wenn ich al-
      übernommen.                              zusätzlich beschleunigt. Insgesamt        lein daran denke, wie viele Steuern
      SPIEGEL: Um den Klimawandel zu würde ich also sagen: Für die Umwelt                und Abgaben wir sparen, wenn wir
      stoppen, wollen Sie unter anderem entwickelt sich die Sache prächtig.              kein Kerosin mehr tanken müssen,
      Kohlendioxid aus Industrieanlagen SPIEGEL: Mit Ihren Fluggesellschaften            fühle ich mich gut.
      herausfiltern und unterirdisch einla- gehören Sie selbst zu den großen Um-         SPIEGEL: Wäre es für das Klima nicht
      gern – eine Methode, die in Deutsch- weltverschmutzern. Was tun Sie denn           am besten, wir würden in Zukunft
      land wegen Sicherheitsbedenken um- dagegen?                                        einfach weniger fliegen? Etwa drei
      stritten ist. Sind die Deutschen                                                       Prozent aller CO2-Emissionen ge-
      übertrieben ängstlich?                                                                 hen auf das Konto der Luftfahrt.
      Branson: Ich will die Deutschen                                                        Branson: Es wäre falsch, die
      nicht kritisieren, aber ich glaube,                                                    Menschheit ins dunkle Zeitalter
      dass wir neue Technologien benö-                                                       zurückzuführen. Der Weltwirt-
      tigen, wenn wir den Klimawandel                                                        schaft fehlt es an Dynamik; da
      stoppen wollen. Gerade die deut-                                                       können wir jetzt nicht auch noch
      sche Wirtschaft könnte dazu einen                                                      unsere Flugzeuge am Boden las-
      bedeutenden Beitrag liefern. Man                                                       sen. Wir müssen stattdessen unse-
      muss sich ja nur ansehen, was Un-                                                      ren Verstand und unsere Kreativi-
      ternehmen wie Bosch, Siemens                                                           tät bemühen. Ich glaube fest an
      oder BASF in der Vergangenheit                                                         den Fortschritt. Wir haben es mit
      bereits geleistet haben.                                                               einem ultraleichten Spezialflug-
      SPIEGEL: Was tun Sie?                                                                  zeug kürzlich geschafft, mit ein
      Branson: Der Kampf gegen Treib-                                                        paar Kanistern Sprit die ganze
      hausgase bietet große Gewinn-                                                          Welt zu umrunden. Und als Nächs-
      chancen. Um das zu fördern, habe                                                       tes arbeite ich daran, Menschen
      ich mit Freunden den „Carbon                                                           mit einem Minimum an Treibstoff
      War Room“ gegründet. Wir sehen                                                         ins Weltall reisen zu lassen.
      Klimaschutz auch als Geschäfts-                                                        SPIEGEL: Geht ein auf Wachstum
      modell an, denn nur wenn es für                                                        angelegtes Wirtschaftsmodell nicht
      die Wirtschaft Geld zu verdienen                                                       automatisch mit Raubbau einher?
                                                                                          DAVID ROSE / PANOS PICTURES / VISUM




      gibt, werden wir den Klimawandel                                                       Während in Rio de Janeiro diese
      stoppen können.                                                                        Woche der Umweltgipfel läuft,
      SPIEGEL: Sie kommen demnächst                                                          wird in anderen Teilen des Landes
      nach Deutschland; was verspre-                                                         der Regenwald zerstört.
      chen Sie sich davon?                                                                   Branson: Der Kapitalismus kann
      Branson: Dass uns Ihre Unterneh-                                                       schlimme Dinge anrichten, aber
      mer und Politiker bei der Entwick-                                                     der Sozialismus war auch keine
      lung innovativer Geschäftsmodel-                                                       gute Wahl, wie die Umweltschä-
      le und brillanter Technologien, die Luftfahrtunternehmer Branson                       den in der Sowjetunion gezeigt ha-
      es gerade in Deutschland gibt, un- „Wir suchen nach einem neuen Treibstoff“            ben. Wenn es uns gelingt, den Er-
      terstützen.                                                                            trag eines Feldes durch moderne
      SPIEGEL: Der deutschen Photovoltaik- Branson: Überschüsse unserer Ver-             Maschinen oder bessere Anbaumetho-
      industrie geht es gerade sehr schlecht. kehrsunternehmen, über die Jahre           den zu steigern, haben wir mehr
      Branson: Die europäische Solarbran- insgesamt um die drei Milliarden               Wachstum und mehr Umweltschutz,
      che ist in der Krise, insbesondere we- Dollar, stecken wir in die Entwick-         weil die Bauern darauf verzichten
      gen der chinesischen Billigkonkur- lung von Techniken, die den CO2-                können, den Wald abzuholzen.
      renz. Ich habe selbst sehr viel Geld Ausstoß senken. Wir suchen vor al-            SPIEGEL: Sie haben 25 Millionen Dollar
      verloren. Aber so ist das im Wirt- lem nach einem neuen Treibstoff, um             Preisgeld ausgelobt für Vorschläge,
      schaftsleben: Einige Unternehmen ge- das aus Erdöl hergestellte Kerosin zu         mit denen sich auf ökonomisch ver-
      winnen, andere verlieren. Die gute ersetzen.                                       nünftige Weise Treibhausgase einspa-
      Nachricht für uns alle ist, dass der SPIEGEL: Und? Haben Sie schon etwas           ren lassen. Gibt es schon Gewinner?
      Preis für Solaranlagen fällt. In eini- in Aussicht?                                Branson: Nein, das Angebot steht. Vor-
      gen Ländern wird die Sonnenenergie Branson: Die Entwicklung von Treib-             schläge sind herzlich willkommen.
      schon bald genauso billig sein wie stoffen aus Pflanzen oder Abfallpro-                                                   INTERVIEW: ALEXANDER NEUBACHER




132                                              D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
ARCHÄOLOGI E



         Hort auf
        dem Acker
Ein Schatzfund aus Niedersachsen




                                                                                                                                        JOCHEN LÜBKE / DPA (O.); FOCKE STRANGMANN / DAPD (L.U.); LANDESAMT FÜR DENKMALPFLEGE / DPA (R.U.)
   gibt Rätsel auf. Trieben die
Ur-Germanen Handel bis ins 5500
  Kilometer entfernte Indus-Tal?



A
        ls einer der größten Förderer va-
        terländischer Altertümer unter
        Deutschlands Staatsmännern hat
sich der siebte Kanzler der Bundesrepu-
blik, Gerhard Schröder, hervorgetan. Die
Scherbenzunft ist voller Lob für den Co-
hiba rauchenden SPD-Veteranen.
   Denn es war Schröder, der mit Wladi-
mir Putin den Plan einer Ostsee-Pipeline
durchboxte, um russisches Erdgas nach
Westeuropa zu pumpen. Zu diesem
Zweck musste von Lubmin bis hinter Bre-
men eine 440 Kilometer lange und bis zu
30 Meter breite Trasse geschaffen werden.
   Ergebnis: ein Feuerwerk an urzeitli-
chen Entdeckungen. Die schönste gelang
in der Gemarkung Gessel: 117 Goldteile
lagen dicht gestapelt in einem verrotteten    Fundstücke aus Gessel: 117 Goldteile in einem verrotteten Leinentuch
Leinentuch. Alter des Verstecks: etwa
3300 Jahre.                                   Mesopotamien und hernach irgendwie            Ägypter gelangte bis nach Schweden, und
   1,8 Kilogramm wiegt der Fund aus dem       ins nordische Tiefland gelangt.               prunkvolle Spondylus-Muscheln aus dem
Acker: ein wenig Geschmeide, überwie-            Nur stimmt all das auch? Nicht jeder       Mittelmeer schafften es bis nach Bayern.
gend jedoch aus Drahtspiralen bestehend.      mag Lehmanns Goldanalyse trauen. Der             Und immer wieder Metalle: Zinn, Kup-
Jeweils zehn davon sind zu einer Kette        Mann besitze zwar tolle Messgeräte, sei       fer, Gold und Silber schleppten die Fern-
verbunden. Schmuck ist dies nicht, son-       aber „unerfahren“, heißt es. Der Tübin-       händler in Rucksäcken oder auf Ochsen-
dern eine urtümliche Barrenform.              ger Archäometallurge Ernst Pernicka –         karren quer über den Kontinent. Der Al-
   Als Niedersachsens Wissenschaftminis-      anerkannt durch seine bahnbrechenden          penläufer Ötzi zockte wahrscheinlich mit
terin Johanna Wanka (CDU) den Schatz          Metalluntersuchungen an der Himmels-          Kupfer und Feuerstein und wurde dabei
im Februar der Presse vorstellte, stieg die   scheibe von Nebra – nennt die Befunde         ermordet.
Verblüffung noch. Der Rohstoff, erklärte      „hoch spekulativ“.                               Aber reichten die weitgespannten Han-
sie, stamme aus einer Mine in Zentral-           Weil über den frühen Bergbau in Zen-       delsnetze der Kaufleute schon im 2. vor-
asien. Das habe eine Prüfung an der Uni-      tralasien fast nichts bekannt ist, konnte     christlichen Jahrtausend bis zu den weit
versität Hannover ergeben.                    Lehmann den Hortfund nur mit einigen          abgelegenen Bergwerken in Zentral-
  „Über 20 Spurenelemente wurden von          skythischen Goldmünzen vergleichen.           asien? Gelohnt hätte es sich. Vom Altai
uns massenspektrometrisch untersucht          Aus derlei dünnen Fakten so schwerge-         bis zum Aralsee zieht sich ein gewaltiger
und so der Fingerabdruck des Metalls er-      wichtige Thesen zu folgern sei „ziemlich      Gold-Zinn-Gürtel. Aber auch in Arme-
mittelt“, erklärt der Chemiker Robert         mutig“, urteilt auch Gregor Borg von der      nien wurde erst kürzlich eine vorge-
Lehmann. „Die Goldader muss über Jahr-        Universität Halle, ein Fachmann für Gold-     schichtliche Goldmine entdeckt. Es ist die
millionen tief in den Bergen Kasachstans,     lagerstätten.                                 größte im ganzen Kaukasus.
Afghanistans oder Usbekistans entstan-           Der Geschmähte bleibt indes bei seiner        Der Mythos der Argonauten, die
den sein.“                                    Ansicht. Er verweist auf seinen erstklas-     durchs Schwarze Meer segeln, um das
   Seitdem wähnt sich Niedersachsen im        sigen Maschinenpark. Mit diesen Appa-         Goldene Vlies zu stehlen – hier könnte
Besitz eines „Jahrhundertfunds“ (Wan-         raten könne er auch „konfokale Weiß-          er seinen Ursprung haben.
ka). Kaufleute hätten einst den ganzen        lichtmikroskopien und Laser-Ablations-           Ob der Hort von der Waterkant wirk-
Kontinent mit Luxusgütern durchquert,         ICP-Massenspektrometrien“ durchführen:        lich aus der fernen Steppe stammt, bleibt
meint der zuständige Landesarchäologe         „Wir zählen sogar einzelne Atome.“            dagegen vorerst strittig. Für den 13. Juli
Henning Haßmann: „Reisen von 10 000              Wer hat da recht?                          hat Lehmann seine Kritiker nach Hanno-
Kilometer waren gar nichts.“                     Die Asien-Connection mutet zwar            ver gebeten, um ihnen Details seiner For-
   Er vermutet, dass das Gold von Gessel      kühn an, könnte aber stimmen. Belege          schung vorzulegen. „Es wird eine ge-
zuerst von Karawanen ins nahe Indus-Tal       dafür, dass die menschliche Gier bereits      schlossene Tagung“, sagt er.
geschafft wurde, wo bis etwa 1800 vor         vor über 3000 Jahren zu einem globali-           Niemand soll im Streit ums prähistori-
Christus eine riesige Flusskultur blühte.     sierten Geschacher führte, gibt es reich-     sche Gold sein Gesicht verlieren.
Von dort sei die Ware per Schiff nach         lich. Das Klappstuhl-Design der alten                                   MATTHIAS SCHULZ

                                                    D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                         133
Szene                                                                                                                                                            Sport
                                                                                                  MEDIZIN



                                   Schmerzmittel für den Herzkranken
Schwimmweltmeister Alexander Dale
Oen hatte vor seinem Tod eine große
Anzahl verschiedener Schmerzmittel
eingenommen. Der 26-jährige Brust-
spezialist aus Norwegen war Ende
April im Trainingslager in Flagstaff,
Arizona, an Herzversagen gestorben;
bei der toxikologischen Analyse seines
Blutes wurden nun in einem Labor in
Indianapolis Spuren von 13 Schmerz-
mitteln gefunden, darunter das fieber-
senkende Betäubungsmittel Naproxen,
der Entzündungshemmer Etodolac so-
wie das Rheumamedikament Indome-
tacin, das unter anderem bei akuten
Gichtanfällen verabreicht wird. Oen
hatte im Winter über starke Nacken-
und Schulterschmerzen geklagt und
wahrscheinlich aus diesem Grund die
Medikamente eingenommen. Oens le-
bensbedrohlichen Zustand jedoch hat-




                                                                                                                                                                                           ISSEI KATO / REUTERS
ten die behandelnden Ärzte offenbar
übersehen. Laut dem seit vergangener
Woche vorliegenden Autopsiebericht
waren alle Koronararterien – jene Ar-
terien, die das Herz kranzförmig um-                                     Schwimmer Oen 2011
geben und die den Herzmuskel mit
Blut versorgen – hochgradig verkalkt.                                    Herzinfarkt, den Oen ein bis zwei Mo-                                Wolfgang Fehske, Chefarzt der Klinik
Die Pathologen des medizinischen                                         nate vor seinem Tod erlitten haben                                   für Innere Medizin des St. Vinzenz-
Zentrums in Flagstaff diagnostizierten                                   muss. „In den linken Arm ausstrahlen-                                Hospitals Köln, „ein EKG hätte ver-
einen durch das Gerinnsel eingetrete-                                    de Schmerzen sind typische Zeichen                                   mutlich gereicht, um die richtige Dia-
nen und bereits teilweise vernarbten                                     verengter Herzkranzgefäße“, sagt                                     gnose zu stellen.“




         EM-Fairnessbarometer                                                                                                             QUERSCHNITT
            Erfolgs- und       Strafpunkte ausgewählter Länder, Durchschnitt pro Spiel


     4
                                                                                                                                         Wer siegt, foult weniger
                                                                                                                                         Ruppig zu spielen führt bei einer
                                                                                                                                         Europameisterschaft nicht zum Titel.
     3                                                                                                                                   Deutschland gehört zu den erfolgreichs-
                                                                                                                                         ten Teams aller bisherigen Turniere, be-
                                                                                                                                         kommt aber verhältnismäßig selten gel-
                                                                                                                                         be und rote Karten gezeigt – das zeigt
     2
                                                                                                                                         eine Auswertung von SPIEGEL-Doku-
                                                                                                                                         mentaren. Um Erfolg und Härte mit-
                                                                                                                                         einander vergleichen zu können, wur-
     1                                                                                                                                   den Strafpunkte für Verwarnungen und
                                                                                                                                         Platzverweise vergeben und dem übli-
                                                                                                                                         chen Punkteschema für Sieg, Unent-
     0                                                                                                                                   schieden und Niederlage gegenüberge-
                                                                                                                                         stellt. So erzielte Deutschland pro Spiel
                                                                                                                                         1,76 Punkte, sammelte aber nur 1,46
            Deutschland Niederlande                 Italien         Spanien             Türkei          Schweiz          Bulgarien
                                                                                                                                         Strafpunkte. Besonders unfair verhiel-
         Basis: alle Spiele der bisherigen EM-Turniere (1960 bis 2008);                                                                  ten sich Schweizer und Bulgaren, die zu
         Verteilung: Sieg drei Erfolgspunkte, Unentschieden ein Erfolgspunkt – gelbe Karte ein Strafpunkt, rote Karte zwei Strafpunkte
                                                                                                                                         den größten EM-Verlierern zählen.



                                                                                  D E R       S P I E G E L        2 5 / 2 0 1 2                                                     135
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                        Täglich Käsekuchen
 Auf dem abgeschirmten Hotelgelände der Nationalmannschaft in Danzig steht das
   Weiße Zelt. Dort begegnen sich Berichterstatter und das Team des DFB. Es ist
 ein Ort der Floskeln, der Maskerade – und der Provinzialität. Von Dirk Kurbjuweit

                 Mit den Engländern hat                                      Tore. Die Welt erfreute sich an Deutsch-           Der Hotel-Scout der Deutschen scheint
                 ein Teil der deutschen                                      land, und das gibt es nicht so oft.             ein Mensch zu sein, der von Weltekel be-
                 Mannschaft Probleme,                                           Im Weißen Zelt werden also große Fra-        fallen ist. Für die Zeit vor und während
                 auch der Bundestrainer.                                     gen verhandelt, es hat für ein paar Wochen      der EM hat er nur Orte ausgesucht, an
                 Stellt ein englischer Jour-                                 mindestens den Stellenwert der Bundes-          denen die Spieler normalen Menschen
                 nalist im Weißen Zelt                                       pressekonferenz in Berlin. Hier wie dort        garantiert nicht begegnen können. Im
                 eine Frage, beginnt er                                      werden die Dinge nicht entschieden, aber        Trainingslager auf Sardinien lebte die
höflich mit „English please“, und mitun-                                     sie werden verkündet und erläutert. Ne-         Mannschaft mehr oder weniger auf einem
ter stürzt das die Leute auf dem Podium                                      ben das Fußwerk tritt die Rede, der münd-       eigenen Kap, im französischen Tourrettes
in Betriebsamkeit. Kopfhörer auf, Genes-                                     liche Auftritt. Es zeigt sich der Hintergrund   auf einem abgeschirmten Golfgelände, in
tel und Gefummel, doch entweder sind                                         zum Sport, und was sich da zeigt, sind vor      Danzig lebt sie in einem Wald. Die nächs-
deutsche Spieler keine gewandten Tech-                                       allem Paranoia und Provinzialität.              te größere Besiedlung ist ein Zoo, wo ja
niker, oder die Anlage für die Überset-
zung ist widerspenstig. Sie finden den
richtigen Kanal nicht, verstehen nichts,
schauen ratlos, nehmen den Kopfhörer
wieder ab.
   Diese Szenen enden damit, dass der
Pressesprecher der deutschen Mann-
schaft, Harald Stenger, der Senior dieser
Veranstaltung, die Frage grob übersetzt,
wenn er das nicht von vornherein getan
hat. Sein hessisches Idiom ist den Spielern
vertraut.
   Eigentlich sind Grundkenntnisse in
Englisch für diese Generation nicht mehr
Nachweis von Bildung, sondern Nachweis
von Alltagstauglichkeit. Aber den erbrin-
gen weder Lukas Podolski noch Bastian
Schweinsteiger. Deshalb wird in den eng-
lischen Momenten im Weißen Zelt offen-
bar, dass die Welt dieser Mannschaft eine
ganz eigene ist.
   Das Weiße Zelt steht inmitten von Wie-
sen am Stadtrand von Danzig, Oliva heißt
der Ortsteil. Das Weiße Zelt sind
1200 Quadratmeter Deutschland in Polen.
Hier trifft das Team auf Journalisten,
meist sind es um die hundert, dazu ein
halbes Dutzend Fotografen und 25 Film-
kameras. Hier entsteht das Bild von die-
sem Team jenseits der Spiele.
   Fußball hat das Image Deutschlands so
geprägt wie kaum etwas anderes in den
letzten sechs Jahren. Bei der Weltmeis-
terschaft 2006 in Deutschland war es die
                                               JOERN POLLEX / GETTY IMAGES




fröhliche Selbstfeier der Fans, die der Na-
tion etwas von ihrer Schwere nahm. An-
gestoßen hatte das die leidenschaftliche
Spielweise der Mannschaft. Bei der Welt-
meisterschaft 2010 kam Schönheit hinzu,
die Deutschen kombinierten stürmisch
und elegant und schossen eine Menge                                          Khedira-Verlobte Lena Gercke, Gomez-Freundin Silvia Meichel: Seht her, ich bin da!

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die Bewohner eingesperrt sind und ihren war: „Ich wackel schon mit den Füßen“ –               Womöglich fehlt es an Adjektiven, aber
Nachbarn nicht zur Last fallen können.     aus Verunsicherung. Er spreche „vor einer       es geht auch um Euphorisierung. Auf den
   Das Übungsgelände der Deutschen ist so großen Gruppe nicht so oft“. Souverä-            Punkt gebracht hat das Bundestrainer Joa-
von Sichtblenden umstellt, das Training ne Redner dagegen: Mats Hummels, Lu-               chim Löw: „sehr, sehr positiv“. Dies
ist meist geheim, die Journalisten dürfen kas Podolski.                                    könnte ein Motto für das Weiße Zelt sein,
höchstens für eine Viertelstunde zusehen,     Das meiste, was im Weißen Zelt geäu-         es geht uns prima, alle sind Freunde. Das
es gibt für alles strenge Regeln. Die Spa- ßert wird, stammt aus der Enzyklopädie          ist bei der Bundespressekonferenz ähn-
nier dagegen trainieren häufig öffentlich, der längst gesagten Sätze. Kostprobe            lich, die eigene Welt wird als Idyll gemalt,
das Hotel der Iren liegt mitten in Zoppot, Schweinsteiger vom Donnerstag der ver-          als das große Positive. Aber die vielen
die Spieler lümmeln am Strand, zwischen gangenen Woche: „Der Gegner hatte die              Floskeln und der Euphorismus lassen das
ihren Fans.                                gleichen Voraussetzungen.“ – „Der zwei-         Bild hier wie dort auch seltsam künstlich
   Bei den Deutschen dagegen heißt das te Sieg war enorm wichtig für das Selbst-           wirken. Maskerade, unechtes Leben,
englische Wort, das jeder versteht, Secu- vertrauen.“ – „Es wird gegen Dänemark            Treibhaus Weißes Zelt.
rity. Polizisten, Leibwächter überall.     nicht einfach.“ Hundertmal gehört, die             Zu der Eigengesetzlichkeit dieser Welt
   Im Weißen Zelt gibt es täglich Käseku- Floskel ist hier der Normalfall.                 gehören die ranschmeißerischen Fragen
chen und nahezu täglich mittags eine          Beliebt ist zudem die Doppelung von          mancher Journalisten. Nach dem zweiten
Pressekonferenz. Die Atmosphäre ist ge- „sehr“. Pressekonferenz am vergangenen             Spiel durfte der Bundestrainer folgende
prägt von Harald Stengers jovialem Pa- Freitag, es spricht Assistenztrainer Hansi          Sätze genießen: „Das war ein wichtiger
ternalismus. Er sagt den Journalisten, was Flick: „sehr, sehr gute Qualitäten“ (die        Sieg gegen Holland, eine klasse mann-
zu tun und was zu lassen ist.              Mannschaft) – „sehr, sehr zufrieden“ (die       schaftliche Leistung, sehen Sie noch Stei-
   Zu den Pressekonferenzen kommen Trainer) – „sehr, sehr unterlegen“ (Irland              gerungsmöglichkeiten gegen Dänemark?“
nur wenige Spieler gern. Selbst ein erfah- gegen Spanien) – „sehr, sehr gute Form“         Das ist Investigation auf den Knien, wie
rener Mann wie Miroslav Klose ist hier (einige Spieler) – „sehr, sehr gut“ (Lahm           sie auf Journalistenschulen eher nicht ge-
so nervös, dass er häufig an den Lippen und Podolski) – „sehr, sehr gute Defensi-          lehrt wird. Die Bundeskanzlerin würde
schmeckt, und Per Mertesacker hat bei ve“ (Dänemark) – „sehr, sehr gut“ (Chan-             in Tränen der Rührung ausbrechen, hörte
einem sympathischen Auftritt einge- cenauswertung der Dänen). Man wird                     sie einmal eine Frage wie diese.
räumt, was wegen der Verkleidung des hier zugeschüttet mit „sehr, sehr“, nicht                Gibt es Kritik, trifft sie auf empfindli-
Tisches auf dem Podium nicht zu sehen nur von Flick.                                       che Seelen. Als Mats Hummels in der




                                                                                                                                         MARKUS GILLAR / GETTY IMAGES




Nationalspieler Podolski, Sponsor-Fahrzeug: Am wichtigsten ist Mercedes, Mercedes ist immer präsent

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                                                                                                                                    Zelt gekommen ist, aber nicht der Olaf
                                                                                                                                    Thon, wie er betont, sondern ein anderer
                                                                                                                                    Thon, oder war der von Rewe? Rewe, das
                                                                                                                                    soll nicht vergessen werden, ist auch
                                                                                                                                    Sponsor der Nationalmannschaft. Stenger
                                                                                                                                    hat RWE einmal so wie Rewe ausgespro-
                                                                                                                                    chen, und das klang fast wie ein kleiner
                                                                                                                                    Protest dagegen, dass er hier ständig Wer-
                                                                                                                                    bebotschaften verkünden muss. Zudem
                                                                                                                                    gibt es noch die Commerzbank, Sony,




                                                                                           GES-SPORTFOTO / PICTURE ALLIANCE / DPA
                                                                                                                                    Adidas, Coca-Cola, Allianz, Lufthansa
                                                                                                                                    und Bitburger. So, komplett.
                                                                                                                                       Oliver Bierhoff war leider nicht bereit,
                                                                                                                                    sich zur Überkommerzialisierung der Na-
                                                                                                                                    tionalmannschaft zu äußern und wie er
                                                                                                                                    auf die Idee kommt, den Journalisten zu-
                                                                                                                                    muten zu wollen, über all diese Sponso-
                                                                                                                                    ren zu berichten.
                                                                                                                                       Ökonomisch zeigt sich die National-
Pressekonferenz im Weißen Zelt mit DFB-Mann Stenger, Spieler Gomez: „Sehr, sehr gut“                                                mannschaft hoch gerüstet, politisch eher
                                                                                                                                    unsicher. Als Assistenztrainer Flick gesagt
Presse, auch im SPIEGEL, Sätze las, die      natürlich gern tut. Aufgepasst also: Am                                                hatte, die Mannschaft setze bei Freistößen
er als wenig erbaulich empfand, rauschte     wichtigsten ist Mercedes, Mercedes ist im-                                             von Ronaldo gleichsam den Stahlhelm
er nach dem Spiel gegen Portugal belei-      mer präsent, neben dem Podium steht                                                    auf, wurde das kurz danach auf DFB.de
digt an den wartenden Journalisten vor-      ein neuer Mercedes, und kommt einer                                                    beschwichtigend eingeordnet. Damit ja
bei und ließ keine Frage zu. Im Weißen       der Spieler zur Pressekonferenz, muss er                                               niemand auf die Idee komme, man habe
Zelt sagte er später, er sei jemand, „der    neben dem Mercedes posieren, damit                                                     den Polen in ihrem eigenen Land eine
darauf reagiert“. Er wünsche sich, dass      man ihn mit dem Mercedes fotografieren                                                 Metapher zumuten wollen, die an die
zwischen Mannschaft und Journalisten         kann. An der Wand steht groß über ei-                                                  Wehrmacht erinnert. Die Paranoia ist
eine „gute Zusammenarbeit sein sollte“.      nem Mercedes-Stern der Spruch „Der                                                     ziemlich groß beim DFB. Polen blieb ge-
Gute Zusammenarbeit heißt dann wohl:         Pulsschlag einer neuen Generation“, und                                                lassen.
Affirmation, keine Kritik.                   listigerweise bezieht sich das auf den neu-                                               Aber die Spieler und Trainer müssen
   Bei den Spielern sind daher die TV-In-    en Mercedes und die Nationalmannschaft,                                                ja auch nicht politisch versiert sein. Sie
terviews beliebt, die von der Pressestelle   und schon kommt der nächste Spieler und                                                müssen nicht Englisch beherrschen und
des Deutschen Fußball-Bundes geführt         posiert neben dem Mercedes, diesmal                                                    souverän reden können. „Entscheidend
und auf DFB.de übertragen werden. Hier       Mats Mercedes, nein, Mats Hummels,                                                     is aufm Platz“, um auch einmal die
schafft man sich eine eigene Öffentlich-     man kommt ganz durcheinander bei so                                                    Enzyklopädie der längst gesagten Sätze
keit, um unbehelligt das Schönste und        viel Mercedes, und sie haben ja auch die-                                              heranzuziehen. Ohne die geht es ja kaum
Beste aus der Kunstwelt hinter den Sicht-    sen sehr, sehr zauberhaften Flügeltüren-                                               beim Fußball.
blenden transportieren zu können.                                                                                                      Spieler sind wundervoll, wenn sie gut
   Absurd wurde es, als sich DFB und Fo-                                                                                            spielen. Um etwas anderes geht es nicht.
tografen wegen der Spielerfrauen anlegten.   Dies könnte ein Motto                                                                  Das ist ein Standpunkt. Ein anderer: Es
Die Frauen reisen im selben Flugzeug wie     für das Weiße Zelt                                                                     gibt eine Realität hinter dem großen Zau-
die Journalisten zu den Spielen. Gegen                                                                                              ber Fußball, und die ist manchmal ziem-
Portugal war auch Lena Gercke dabei, die     sein, es geht uns prima,                                                               lich klein. Das Weiße Zelt ist ein Teil die-
Verlobte von Sami Khedira. Sie trug Hot                                                                                             ser Realität, ein großer, wichtiger, denn
Pants in Gürtelbreite, Wedges in Turmhö-     alle sind Freunde.                                                                     viel von dem, was derzeit über die deut-
he, dazu ein Hütchen und ein Lächeln, das                                                                                           sche Mannschaft berichtet wird, stammt
aus der Schule von „Germany’s Next Top-      Mercedes hier, in einem Mercedes-Gelb,                                                 aus diesem Zelt.
model“ stammt. Es war ein imperativer        dass einem die Augen brennen, und aus                                                     Manchmal gibt es große Momente,
Auftritt: Seht her, ich bin da! Wie ge-      dem steigt dann Oliver Bierhoff, der Ma-                                               nicht oft, aber es gibt sie, zum Beispiel
wünscht stürzten sich die Fotografen auf     nager der Nationalmannschaft, der ein                                                  nach dem Spiel gegen Holland in den Ka-
Gercke. Einige der anderen Frauen, die       großer Freund von Mercedes ist.                                                        takomben des Stadions von Charkiw, als
auch gern Schönheiten sind, fanden das         Und der Käsekuchen ist von McDo-                                                     Mario Gomez die allgemeine Künstlich-
nicht so passend. Man sah Schnuten.          nald’s, wirklich, umsonst für alle, ein                                                keit aufbrach. Das Weiße Zelt war auf
   Harald Stenger hat dann die Fotografen    schöner, fleischiger Käsekuchen von                                                    Reisen, und Gomez redete auf der Pres-
ermahnt, von den Spielerfrauen zu lassen.    McDonald’s, und Bierhoff wurde einmal                                                  sekonferenz, weil er zum besten Spieler
Beim nächsten Ausflug posierte Cathy Fi-     von einem dieser Escort-Kinder in die                                                  gewählt worden war. Es war eine Situa-
scher, die Freundin von Mats Hummels,        Pressekonferenz geleitet, in diesem rot-                                               tion für viele sehrs, eine Situation für das
freudig an der Tür vom Flughafenbus. Die     gelben Trikot von McDonald’s, wie es                                                   Positive. Aber Gomez erzählte vor allem,
Fotografen machten ihre Bilder, jeder be-    auch bei den Spielen geschieht, tolle Idee                                             wie tief ihn die Kritik an seiner Spielweise
kam, was er wollte, ein Geschäft auf Ge-     von McDonald’s, und Nivea verschenkt                                                   in der Begegnung gegen Portugal getrof-
genseitigkeit. Lena Gercke war diesmal       Pflegecremes an die Journalisten, damit                                                fen hatte. Selbst im Strafraum sei ihm das
nicht dabei.                                 deren zarte Haut nicht so leidet unter                                                 „immer wieder in den Kopf geschossen“.
   In einer Sache allerdings ist der DFB     dem ewigen Regen und der Meeresluft,                                                   Er war nicht selbstgerecht, nicht aggressiv
vollkommen offen und enorm großzügig.        und die Telekom hat, hurra, eine tolle                                                 gegenüber seinem Kritiker Mehmet
Jeder Journalist darf und soll immerzu       Spendenidee, und RWE spart Energie mit                                                 Scholl, sondern nachdenklich. Es sprach:
über die Sponsoren berichten, was man        der Nationalmannschaft, weshalb extra                                                  ein Mensch.
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Sport

                                                                                              beschrieben, löst mit unscheinbar wirken-
                                                                                              den Bewegungen ganze Handlungsketten
                                    FAV O R I T E N                                           auf dem Spielfeld aus. Er ist eher unauf-


                    Fußball im Futur
                                                                                              dringlich präsent und setzt die spektaku-
                                                                                              lären Dribbler und Sprinter in Szene. Er
                                                                                              beliefert sie, sie glänzen.
                                                                                                 Auf den richtigen Moment kommt es
                                                                                              an. So findet beim FC Barcelona Lionel
   Mittelfeldstratege Xavi Hernández ist Motor des spanischen                                 Messi oft schon ein wenig Unordnung in
     Teams. Der Routinier aus Barcelona sieht seine Aufgabe                                   der gegnerischen Abwehr vor, wenn Xa-
                                                                                              vis Ballservice kommt, und so werden
  darin, andere in Szene zu setzen, er selbst muss nicht glänzen.                             auch Andrés Iniesta oder Fernando Tor-
                                                                                              res im Nationalteam bedient: Mit dem
                 In den begrünten Hang die Mitspieler zwinge, in bestimmte Räu-               Ball liegt auch gleich der Freiraum für
                 unterhalb des Mann- me zu rennen. Xavi, folgerte Alves,                      ihre Tempoläufe bereit. Zumeist bejubelt
                 schaftshotels haben die „spielt in der Zukunft“.                             das Publikum dann diese Spieler, die mit
                 Gastgeber ihnen ein paar    Die Kunst der Antizipation, sagt auch            attraktiven Einzelaktionen begeistern.
                 Stierattrappen gestellt, Trainer del Bosque, mache den Unter-                Xavi kennt anscheinend keinen Neid. Er
                 wie man sie von der schied aus zwischen bloßer Technik und                   sei ein „solidarischer Spieler“, meint er.
                 Weinbrandwerbung am Talent – dazu gehöre Spielintelligenz.                      Sein früherer Trainer Joan Vilà sieht
Rande spanischer Schnellstraßen kennt. Xavi, wahlweise als Motor, Metronom                    in ihm den „genetischen Abdruck“ des
Und auch bei der Arbeit können sich Spa- oder Gehirn der spanischen Mannschaft                Barcelona-Fußballs. Dabei wurde sein
niens Weltmeister im pommerschen Dorf
Gniewino, knapp 70 Kilometer nordwest-
lich von Danzig, wie zu Hause fühlen.
   Zum Trainingsbeginn bläst eine mar-
schierende Garde einen zünftigen Paso
doble, dann wird auf dem Rasen das
Kurzpassspiel nach Art des FC Barcelona
gepflegt. Wenn dabei nichts mehr voran-
geht, alle Wege versperrt sind, gilt die be-
kannte Grundwahrheit: Xavi Hernández
ist immer anspielbar.
   Mit dieser Lebensregel des spanischen
Fußballs sind sie zur EM gereist. Xavi, 32,
zuletzt oft von gereizten Achillessehnen
und Muskelproblemen geplagt, ist wieder
erster Ansprechpartner für Trainer Vicen-
te del Bosque, er ist der Chef im Mittel-
feld und der Stratege wie schon unter der
Befehlsgewalt des früheren Nationaltrai-
ners Luis Aragonés. Wie kein Zweiter be-
herrscht und verkörpert Xavi den Stil der
spanischen Auswahl.
   Und mehr noch als zuletzt in seinem
Leib-und-Magen-Verein FC Barcelona ist
der kleine Katalane bei „La Roja“, der
roten Elf des krisengeplagten Landes, Or-
ganisator und Ordnungsmacht.
   Jetzt rennt der „Herr der Präzisions-
pässe“, wie ihn die Website des Verbands
ehrfürchtig nennt, auf dem Trainingsplatz
ein paar Schritte nach links, als der Ball
aus der Abwehr gespielt wird, und dreht
seinen Körper in Erwartung des Passes
bereits ein wenig zum Spielfeldrand hin,
wo gleich die Post abgehen soll. Wie auf
ein Signal macht sich dort der Außenver-
teidiger Jordi Alba im Affenzahn auf den
Weg, ohne Ball, die Linie entlang. Und
schon stößt Xavi die Kugel elegant mit
dem Außenrist weiter in jenen Raum, den
sogleich Alba besetzt – gerade als der
Ball seinen Weg kreuzt.
   Genau so hat der brasilianische Vertei-
                                                                                                                                       JENS WOLF / DPA




diger Dani Alves seinen Teamkameraden
vom FC Barcelona beschrieben: Xavi ma-
che das Spiel nicht dadurch schnell, dass
er selbst schnell laufe, sondern indem er Spanischer Nationalspieler Xavi (M.): „Schnellster im Kopf“
140                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Wert in der Öffentlichkeit so richtig erst tät nicht vermissen. „Meine Eltern haben              „La Masía“, die Nachwuchsschmiede,
nach dem EM-Triumph 2008 erkannt, im mich mein ganzes Leben lang Beschei- sei eine Schule des Lebens. Dort lernte
Finale gegen Deutschland spielte er den denheit gelehrt.“                                      er, mannschaftsdienlich zu denken. „Du
Pass zum Siegtor durch Torres.                Heute gibt es eine Facebook-Seite sei- musst dein Ego dominieren“, sagt Xavi.
   Der Römer Daniele De Rossi, selbst ner Fans, die nach seinem Spezialtrick Nach den Eigenschaften des idealen Fuß-
ein Stratege und bei der EM für Italien benannt ist, der „Pelopina“. Dabei dreht ballers gefragt, nennt er die Begriffe lei-
überraschend als Abwehrchef eingesetzt, er sich mit dem Ball am Fuß um sich denschaftlich, solidarisch, altruistisch und
bekannte dieser Tage, er liebe Xavis Spiel. selbst, manchmal um 360 Grad, und die das Wort Empathie. So könnte er auch
Auch gegen Italien, beim mühsamen Tur- Gegner laufen ins Leere. Gegen Irland sich selbst beschreiben.
nierauftakt der Spanier, sah der beschei- war eine Sonderausfertigung zu sehen:                   Auf dem Platz erwies er sich früh als
dene Antistar aus Katalonien manchmal eine halbe Drehung nach links, eine halbe „Schnellster im Kopf“, wie Coach Vilà er-
Räume, bevor sie sich geöffnet hatten.      nach rechts.                                       zählte, der Ende der siebziger Jahre bei
   Der Weltmeister wankte, lag 0:1 zu-        Leidenschaftlich verteidigt der Stratege Barça mit Johan Cruyff gespielt hatte.
rück, der Rasen war stumpf, und der im Danziger Stadion das geschmeidige Ausbilder Carles Rexach lehrte bereits in
Kombinationsfluss stockte. Da war es Spielsystem des Trainers del Bosque. der Jugend, den Ball mit einem „halben
Xavi, der den Rhythmus veränderte, in- Während die Niederländer debattierten, Kontakt“ weiterzuleiten, mit einer so
dem er noch schneller, noch härter ab- ob van Persie stürmen soll oder Hunte- flüchtigen Berührung, dass man sie nicht
spielte, so riss er die Mannschaft mit. Er laar, Deutschland nach Klose oder Go- als eine ganze wahrnimmt. Das wurde
eroberte den Ball für den sehenswerten mez fragte, leistete sich Spanien zeitweise beim „Rondo“ geübt, dem Spiel im Kreis,
Ausgleichstreffer, als er in einen schlecht ein Angriffsspiel ohne Torjäger.                   das die Engländer „Piggy in the Middle“
temperierten Pass der Italiener sprintete,    Vor Xavi waren anfangs gegen Italien nennen: Die Spieler in der Mitte des Zir-
knapp vor seinem Widersacher Andrea und in der Schlussphase gegen Irland bloß kels müssen so lange dem Ball nachjagen,
Pirlo die Kugel erreichte. Dann                                                                         bis sie ihn endlich erwischen. Xavi
sicherte er sie blitzartig mit ei-                                                                      empfand das als demütigend, und
nem Rückpass zu Sergio Bus-                                                                             genau das stachelte ihn an.
quets, um sie umgehend zurück-                                                                            „Je mehr ich arbeite, desto
zubekommen und geistesgegen-                                                                            mehr Glück habe ich“, behaupte-
wärtig zu Iniesta zu tragen.                                                                            te sein früherer Nationalcoach
Darauf fiel das Traumtor von                                                                            Aragonés. Xavi leuchtete das ein.
Cesc Fàbregas, mitten hinein in                                                                            Mit elf Jahren spielte er schon
das Chaos, das Xavi bei den Ita-                                                                        bei Barça und bekam erstmals
lienern angerichtet hatte.                                                                              eine Prämie – umgerechnet 23,50
   Das ist sein Spiel. Er verteidigt                                                                    Euro, davon kaufte er seiner Mut-
den Ball und greift gleichzeitig                                                                        ter einen Toaster. Mit sechs hatte
an. Sein Vater Joaquim, der frü-                                                                        ihn der Vater bereits in seiner
her eine Fußballschule im katala-                                                                       Fußballschule mitmachen lassen.
nischen Terrassa betrieb, erklärte                                                                      Es fiel auf, dass er als Einziger
das einmal so: „Man kann Xavi                                                                           kein Tor schießen wollte. Xavi
den Ball nicht wegnehmen, weil                                                                          blieb nahe bei seinem Torwart.
er ihn bereits weitergespielt hat.“                                                                    „Wenn wir vorn den Ball verlie-
   Auch für das Führungstor beim                                                                        ren, ist sonst der Torwart ganz al-
4:0-Sieg gegen Irland war der                                                                           lein“, erwiderte er auf die ent-
                                                                                                    MIGUEL RUIZ / AFP




Mann mit der größten Spielüber-                                                                         sprechende Frage des Vaters.
sicht der Ausgangspunkt: Xavi er-                                                                          Irgendwie, sagt Xavi Hernán-
öffnete den Spielzug, den Torres                                                                        dez, habe er immer schon „an die
abschloss. Bei seiner Ballbehand-                                                                       anderen“ gedacht. Bis er 13 war,
lung erhält selbst ein Rückpass Barcelona-Profi Xavi (r.), Mitspieler*: Das Ego dominieren              teilte er sich mit der jüngeren
noch eine ästhetische Note.                                                                             Schwester ein Stockbett. Als der
   So wurde der 1,70 Meter große Mann weitere drei Mittelfeldakteure aufgestellt, Großvater starb, zog er ins Zimmer der
mit dem wachen Blick dreimal Sieger der kleine, wendige Dribbler. Sie sollen dich- Großmutter. So war die Großmutter nicht
Champions League und sechsmal spani- te Abwehrketten mit ihrer Handlungs- so allein, meinte er. Sie habe ihn stets
scher Meister. Nach dem Abschlusstrai- schnelligkeit aufreißen, nicht mit Kraft ermahnt, „ein guter Mensch“ zu sein,
ning im Stadion von Danzig umarmt er und hohen Flanken. Xavi spricht von erzählte er kürzlich dem Reporter von
in den Katakomben ein paar Journalisten, „mentaler Geschwindigkeit“.                           „El País“.
er weiß, dass sie ihn mögen, und er ge-       Außerdem birgt diese Formation die                  Inzwischen bildet er selbst Kinder aus,
nießt es. „Bona feina“, gutes Arbeiten, Perspektive, mit nur einer Einwechslung, im Kurzpassspiel und in den Regeln von
wünscht er schon mal auf Katalanisch.       nämlich der eines klassischen Stürmers Fairness und Anstand. In Katalonien hat
   Lange haben sie ihn in Barcelona an wie Fernando Torres, das Spiel schlagartig er ein Fußballcamp, das der Vater und
Pep Guardiola gemessen, seinem späte- zu verändern – es ist, als wechselte das der ältere Bruder Oscar mitorganisieren.
ren Trainer und seinem Vorgänger im zen- Orchester mitten im Satz Tempo und „Campus Xavi“ expandiert dieses Jahr,
tralen Mittelfeld, aus diesem Schatten Tonart.                                                 erstmals gibt es Kurse in Florida.
kam er scheinbar nicht heraus. Als „Schei-    Vor allem erinnert del Bosques System               Beim Sommercamp in der Heimat
benwischer“ verspotteten sie ihn, weil er an das des FC Barcelona. Xavi sagt, er nahe Banyoles kann der Chef diesmal
angeblich den Ball nur nach rechts und sei vor allem ein „Lehrling der Schule wohl nicht selbst dabei sein. Die Trai-
links weiterleitete und nicht mit Risiko Barças“, sonst sei er im Grunde nichts.               ningswoche für die 6- bis 15-Jährigen geht
nach vorn. „Jetzt respektiert mich die                                                         vom 24. bis 30. Juni, das ist die Finalwo-
ganze Welt“, sagte er nun der Zeitung * Vorn: Lionel Messi, Gerard Piqué, hinten: Andrés che der EM. Xavi hat versprochen, dass
„La Vanguardia“. Doch wenn die Karriere Iniesta, Carles Puyol, David Villa, am 10. Januar 2011 ihn alle Teilnehmer später treffen dürfen.
irgendwann ende, werde er die Populari- nach der Verleihung des Ballon d’Or an Messi.                                           JÖRG KRAMER

                                                     D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                             141
STEPHEN POND / PICTURE ALLIANCE / DPA / EMPICS
Englischer Nationaltrainer Hodgson: Dritter Torwart, vierte Liga

                                                                                             Trainer in der heimischen Premier League,
                                      ENGLAND                                                und alle – Spieler, Funktionäre, Journa-


                       Gute Touristen
                                                                                             listen, Fans – schienen sich einig: Die
                                                                                             Wahl könne nur auf Harry Redknapp fal-
                                                                                             len, der Tottenham Hotspur zu einer Spit-
                                                                                             zenmannschaft geformt hatte. Ein Hau-
                                                                                             degen. Einer, der so englisch ist wie Franz
  Nach chaotischer Vorbereitung sieht Trainer Roy Hodgson sein                               Beckenbauer bayerisch.
        Team in der Außenseiterrolle. Ist das Understate-                                       Drei Monate ließ sich der Verband mit
                                                                                             der Suche Zeit, obwohl die Zeit drängte,
  ment nur Kalkül, um erstmals nach 1966 Großes zu erreichen?                                und dann wurde es überraschenderweise
                                                                                             doch nichts mit dem Wunschkandidaten.
                Am dritten Tag der EM         beugte sich, dann spendete er den Verlie-      Es kam stattdessen Hodgson, der mit
                saß Englands National-        rern Trost.                                    Redknapp kaum mehr als das Geburts-
                trainer in den Katakom-          Damit konnte niemand rechnen.               jahr gemein hat: 1947. Hodgson spricht
                ben der Donbass Arena            Die Engländer beanspruchen für sich,        sechs Sprachen, liest Stefan Zweig und
                in Donezk auf dem Podi-       den Fußball erfunden zu haben, und die         mag guten Wein. Er gilt nicht gerade als
                um; Roy Hodgson sah aus       Schmach, nur einen großen Titel errungen       visionärer Trainer, eher als einer, der ein
                wie ein Abgeordneter der      zu haben, nagt schwer an ihrer Seele. Aber     trockenes, technokratisches Regime führt.
Tories im Unterhaus, grau die Föhnfrisur      nun sind die „Three Lions“ zum ersten             Dass sich die Football Association für
und blass die Haut, als er die Frage aller    Mal ohne das Gelöbnis zu einer Europa-         ihn entschied, hat zwei Gründe: Der eng-
Fragen beantworten musste: Ein Reporter       meisterschaft gereist, alles andere als der    lische Verband ist klamm, Hodgson war
wollte von ihm wissen, ob England über-       Titelgewinn sei Verrat an ihrer Herkunft.      billig. Redknapp hätte man aus seinem
haupt noch eine große Fußballnation sei.         Denn eigentlich kann es auch diesmal        Vertrag in Tottenham rauskaufen müssen,
Es wurde sehr still im Raum.                  nichts werden mit dem Pokal, das hatte         Hodgson war ohne Ablöse von West
   Hodgson holte Luft, dann antwortete        sich früh abgezeichnet. Die Vorbereitung       Bromwich Albion zu haben. Außerdem
er mit einem Grinsen im Gesicht: „Nun,        des Teams hätte auch als Seifenoper bei        bringt er internationale Erfahrung mit.
mir ist durchaus bewusst, dass wir seit       der BBC laufen können.                         Hodgson war schon Nationaltrainer der
der WM ’66 nichts mehr gewonnen ha-              Alles begann im Herbst 2011 damit,          Schweiz, der Vereinigten Arabischen
ben, daran muss mich keiner erinnern,         dass John Terry, Innenverteidiger beim         Emirate und von Finnland.
daran habe ich auch schon das eine oder       FC Chelsea, den Bruder von Rio Ferdi-             In England ist Fußball immer Teil der
andere Mal gedacht. Wie gut wir sind, als     nand, Innenverteidiger bei Manchester          „Lad“-Kultur, für Kerle, die gern ein Pint
Nation? Das werden wir auf dem Platz          United, rassistisch beleidigt haben soll.      im Pub trinken und Männer sehen wollen
zeigen.“                                      Der englische Verband setzte Terry als         auf dem Platz, keine Schöngeister. Und
   Und das sah dann so aus: Am vierten        Kapitän der Nationalmannschaft ab, wor-        so überschütteten Londons Boulevardzei-
Tag des Turniers mauerte sich England         auf der damalige Trainer, der Italiener        tungen Hodgson am Tag nach seiner Er-
zu einem 1:1 gegen Frankreich, am achten      Fabio Capello, zurücktrat. Es war Mitte        nennung mit Spott. Für die „Daily Mail“
Tag gewann das Team 3:2 gegen Schwe-          Februar, und England stand ohne Team-          ist er ein „Mann des Mittelmaßes“, der
den. Nach dem Schlusspfiff in Kiew stapf-     manager da.                                    auch noch „wie eine Eule“ aussehe. Die
te Trainer Hodgson mit einer Hand in der         Der Neue sollte unbedingt aus England       „Sun“ machte sich über Hodgsons Sprach-
Hosentasche vor die Fan-Kurve und ver-        kommen. Es gab aber nur vier englische         fehler lustig und nannte ihn „Woy“.
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Sport

   Manch einer vermutet hinter der Per-                                der vollen Stunde hallt ein Trompeten-
sonalie sogar Kalkül. „Es war ein cleverer                             signal über die Dächer.
Schachzug, sich für Hodgson zu entschei-                                  Die englische Mannschaft wohnt von
den und nicht für den Mann des Volkes“,                                all dem Trubel nur einen Abwurf entfernt,
sagt Jonathan Grix, Professor für Sport-                               mitten im Zentrum, von morgens früh bis
politik an der Universität in Birmingham.                              spät in die Nacht lungern Autogramm-
„Das ist eine Strategie des Verbands, um                               jäger und Fotografen vor dem Hotel Stary
die Erwartungen zu senken.“                                            herum, sie werden auf Distanz gehalten
   Dem Neuen blieben sechs Wochen, um                                  von Absperrgittern und Polizisten mit Ge-
sein Team auf die Europameisterschaft                                  wehr. Zur Ruhe kommt man unter diesen
vorzubereiten. Fünf Kandidaten für die                                 Umständen schlecht. Hodgsons Idee war
Stammelf fielen verletzt aus, darunter                                 das Hotel nicht, Capello hatte es noch so
Mittelfeldstratege Frank Lampard vom                                   entschieden.
FC Chelsea. Das Trainingslager in Málaga                                  Vor zwei Jahren in Südafrika hatte das
sagte Hodgson im letzten Moment ab; es                                 Team ein Quartier in der Einöde gewählt,
sei wichtiger, meinte er, dass sich seine                              was auch nicht besser war, weil die Ab-
Spieler ausruhten. Stürmer Wayne Roo-                                  geschiedenheit zu Lagerkoller führte. In
ney nutzte die freien Tage für einen Kurz-                             Krakau, sagt der Sprecher des englischen
trip nach Las Vegas.                                                   Verbands, versuchten nun alle, „gute Tou-
   Es ist der wahrscheinlich schwächste                                risten“ zu sein.
Kader, den England jemals zu einem Tur-                                   Aber selbst das kriegen die Engländer
nier geschickt hat. Das ist der Fluch der                              nicht richtig hin. Als Hodgson und sechs
Premier League, der kommerziellsten                                    Spieler Auschwitz und Birkenau besuch-
Liga der Welt. Die Clubs gehören russi-                                ten, ließen sie die Gedenkstätte räumen,
schen Oligarchen, arabischen Scheichs,                                 bevor sie aus dem Bus stiegen, schweigend
indischen Hühnerbaronen und amerika-                                   ihre Runde drehten, betroffen guckten und
nischen Hedgefonds-Managern, und in                                    eine Kerze anzündeten. Die italienischen
dem milliardenschweren Betrieb herrscht                                Spieler hatten sich zwei Tage zuvor ein-
ein gnadenloser Konkurrenzkampf um                                     fach unter die anderen Besucher gemischt.
die begehrten Arbeitsplätze.                                              Der einzige Spieler, der fast immer
   In keiner europäischen Liga stehen                                  grüßt, winkt und Autogramme schreibt,
mehr Ausländer unter Vertrag, in der                                   ist ausgerechnet John Terry. Eine Woche
abgelaufenen Saison war nur jeder drit-                                nach der EM muss er sich vor Gericht we-
te Profi ein Engländer, die meisten Na-                                gen seiner Pöbelei verantworten, die er
tionalspieler zählen nicht zu den Leis-                                bestreitet. Er sagt zu der ganzen Sache
tungsträgern in ihrem Verein. Der drit-                                natürlich kein Wort, und er äußert sich
te Torwart der Engländer spielte zuletzt                               auch nicht zu Rio Ferdinand, dem promi-
bei Cheltenham Town – in der vierten                                   nenten Abwesenden, dem Phantom der
Liga.                                                                  englischen Euro-Oper.
   Während der EM sind die Engländer in                                   Obwohl Ferdinand 81-mal für die Three
Krakau stationiert, der heimlichen Haupt-                              Lions gespielt hat, nominierte Hodgson
stadt des Turniers, weil hier auch die Hol-                            ihn nicht, aus „fußballerischen Gründen“,
länder und die Italiener ihr Basislager auf-                           wie er sagt. Das nimmt ihm allerdings
geschlagen haben. Auf dem Marktplatz                                   niemand ab. Jeder vermutet, Hodgson
mit Marienkirche und Tuchhallen treffen                                wolle nur den Betriebsfrieden sichern.
sich die Fans, sie ziehen durch die Bars,                                 An diesem Dienstag, dem zwölften Tag
Straßencafés und Stripclubs, singen, grö-                              des Turniers, spielt England gegen Gast-
len, Pferdekutschen rumpeln durch die                                  geber Ukraine. Dann darf auch Wayne
Gassen, Touristen und Einwohner feiern                                 Rooney wieder stürmen, der die ersten
gemeinsam Freiluftgottesdienste. Zu je-                                zwei Spiele gesperrt war. Rooney ist
                                                                       Hodgsons Trumpf, der letzte Mann von
                                                                       Weltklasse. Schon ein Unentschieden
                                                                       reicht zum Einzug ins Viertelfinale.
                                                                          Dass die Reise für das Team danach
                                                                       noch weitergehen könnte, glauben indes
                                                                       nur unerschütterliche Optimisten. Zu oft
                                                                       haben die Engländer im entscheidenden
                                                                       Moment die Nerven verloren. Zwischen
                                                                       1990 und 2006 traten sie sechsmal zum Elf-
                                                                       meterschießen an, fünfmal scheiterten sie.
                                                                          Auch Englands polnischer Platzwart in
                                                                       Krakau kennt diese Dramen offenbar, die
                                              JACEK BEDNARCZYK / DPA




                                                                       auf der Insel fester Bestandteil der Fuß-
                                                                       ballfolklore sind. Einmal ließ er den Elf-
                                                                       meterpunkt auf dem Trainingsfeld ein-
                                                                       fach weg.
                                                                          Roy Hodgson, das war später zu hören,
Englische Nationalspieler in Krakau                                    war nicht amüsiert.
Den Betriebsfrieden sichern                                                                 MAIK GROSSEKATHÖFER

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ST ELLV. CHEFREDAKTEURE Klaus Brinkbäumer, Dr. Martin Doerry                     Anne Seith, An der Welle 5, 60322 Frankfurt am Main, Tel. (069)                licher Genehmigung des Verlags. Das gilt auch für
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don Repinski, Merlind Theile. Autor: Markus Feldenkirchen                        ST U T TGA RT Eberhardstraße 73, 70173 Stuttgart, Tel. (0711) 664749-20,       übriges Ausland:
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Meinung: Dr. Gerhard Spörl                                                       ABU DHABI Alexander Smoltczyk, P. O. Box 35 290, Abu Dhabi                     Telefon: (00331) 41439757
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Redaktion: Jan Friedmann, Michael Fröhlingsdorf, Hubert Gude,
                                                                                                                                                                Telefon: (040) 3007-2869      Fax: (040) 3007-2966
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Carsten Holm (Hausmitteilung, Online-Koordination), Anna Kistner,
Petra Kleinau, Guido Kleinhubbert, Bernd Kühnl, Gunther Latsch,                  B RÜ S S E L Christoph Pauly, Christoph Schult, Bd. Charlemagne 45,            SPIEGEL-Shop
Udo Ludwig, Christoph Scheuermann, Katharina Stegelmann, Andreas                 1000 Brüssel, Tel. (00322) 2306108, Fax 2311436                                SPIEGEL-Bücher, SPIEGEL-TV-DVDs, Titelillustra-
Ulrich, Antje Windmann. Autoren, Reporter: Jürgen Dahlkamp, Dr.                  ISTANBUL PK 90 Beyoglu, 34431 Istanbul, Tel. (0090212) 2389558, Fax            tionen als Kunstdruck und eine große Auswahl an
Thomas Darnstädt, Gisela Friedrichsen, Beate Lakotta, Bruno Schrep,              2569769                                                                        weiteren Büchern, CDs, DVDs und Hörbüchern unter
Dr. Klaus Wiegrefe
                                                                                 KAIRO Volkhard Windfuhr, 18, Shari’ Al Fawakih, Muhandisin, Kairo,             www.spiegel.de/shop
Berliner Büro Leitung: Holger Stark, Frank Hornig (stellv.). Redaktion:          Tel. (00202) 37604944, Fax 37607655                                            Abonnenten zahlen keine Versandkosten.
Sven Becker, Markus Deggerich, Özlem Gezer, Sven Röbel, Marcel
Rosenbach, Michael Sontheimer, Andreas Wassermann, Peter Wen-
                                                                                 LON DON Marco Evers, Suite 266, 33 Parkway, London NW1 7PN, Tel.               SPIEGEL-Einzelhefte (bis drei Jahre zurückliegend)
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sierski. Autoren: Stefan Berg, Jan Fleischhauer
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WISSENSCHAFT UND TECHNIK Leitung: Johann Grolle, Olaf Stampf.                    PEKING Dr. Wieland Wagner, P. O. Box 170, Peking 100101, Tel. (008610)         Umzug/Urlaub: 01801 / 22 11 33 (3,9 Cent/Min.)*
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broch, Laura Höflinger, Julia Koch, Kerstin Kullmann, Hilmar                                                                                                    Zustellung: 01801 / 66 11 66 (3,9 Cent/Min.)*
                                                                                 R I O D E JA N E I R O Jens Glüsing, Caixa Postal 56071, AC Urca,
Schmundt, Matthias Schulz, Samiha Shafy, Frank Thadeusz, Christian
Wüst. Autorin: Rafaela von Bredow
                                                                                 22290-970 Rio de Janeiro-RJ, Tel. (005521) 2275-1204, Fax 2543-9011            Fax: (040) 3007-857006
                                                                                 ROM Fiona Ehlers, Largo Chigi 9, 00187 Rom, Tel. (003906) 6797522,             * aus dem Mobilfunk max. 0,42 €/Min.
KU LT U R Leitung: Lothar Gorris, Dr. Joachim Kronsbein (stellv.).
Redaktion: Lars-Olav Beier, Susanne Beyer, Dr. Volker Hage, Ulrike
                                                                                 Fax 6797768                                                                    Service allgemein: (040) 3007-2700
Knöfel, Philipp Oehmke, Tobias Rapp, Elke Schmitter, Claudia Voigt,              SA N F RA N C I S CO Dr. Philip Bethge, P. O. Box 151013, San Rafael, CA       Fax: (040) 3007-3070
Martin Wolf. Autoren, Reporter: Georg Diez, Wolfgang Höbel,                      94915, Tel. (001415) 7478940                                                   E-Mail: aboservice@spiegel.de
Dr. Romain Leick, Matthias Matussek, Katja Thimm, Dr. Susanne                    SHANGHAI Sandra Schulz, Wukang Road 115, Room 3, Xuhui District,               Kundenservice Schweiz
Weingarten                                                                       Shanghai 200031, Tel. (008621) 64661293                                        Telefon: (0049) 40-3007-2700 Fax: (0049) 40-3007-3070
KulturSPIEGEL: Marianne Wellershoff (verantwortlich). Tobias                     STAVANGER Gerald Traufetter, Rygjaveien 33a, 4020 Stavanger, Tel.              E-Mail: kundenservice-schweiz@spiegel.de
Becker, Johan Dehoust, Anke Dürr, Maren Keller, Daniel Sander                    (0047) 51586252, Fax 51583543                                                  Abonnement für Blinde
GESELLSCHAF T Leitung: Matthias Geyer, Cordt Schnibben, Barbara                  TEL AVIV Juliane von Mittelstaedt, P. O. Box 8387, Tel Aviv-Jaffa 61083,       Audio Version, Deutsche Blindenstudienanstalt e. V.
Supp (stellv.). Redaktion: Hauke Goos, Barbara Hardinghaus, Wiebke               Tel. (009723) 6810998, Fax 6810999                                             Telefon: (06421) 606265
Hollersen, Ralf Hoppe, Ansbert Kneip, Dialika Neufeld, Bettina Stiekel,                                                                                         Elektronische Version, Frankfurter Stiftung für Blinde
Takis Würger. Reporter: Uwe Buse, Jochen-Martin Gutsch, Thomas                   WA RS C H AU P. O. Box 31, ul. Waszyngtona 26, PL- 03-912 Warschau,
Hüetlin, Guido Mingels, Alexander Osang                                          Tel. (004822) 6179295, Fax 6179365                                             Telefon: (069) 955124-0
S P O RT Leitung: Gerhard Pfeil, Michael Wulzinger. Redaktion: Lukas
                                                                                 WAS H I N GTON Marc Hujer, Dr. Gregor Peter Schmitz, 1202 National             Abonnementspreise
Eberle, Cathrin Gilbert, Maik Großekathöfer, Detlef Hacke, Jörg                  Press Building, Washington, D. C. 20045, Tel. (001202) 3475222, Fax            Inland: zwölf Monate € 197,60
Kramer                                                                           3473194                                                                        Sonntagszustellung per Eilboten Inland: € 717,60
                                                                                 DOKUMENTAT ION Dr. Hauke Janssen, Axel Pult (stellv.), Peter Wahle             Studenten Inland: 52 Ausgaben € 153,40 inkl.
S O N D E RT H E M E N Leitung: Dietmar Pieper, Annette Großbongardt
(stellv.), Norbert F. Pötzl (stellv.). Redaktion: Annette Bruhns, Angela         (stellv.); Jörg-Hinrich Ahrens, Dr. Anja Bednarz, Ulrich Booms,                sechsmal UniSPIEGEL
Gatterburg, Uwe Klußmann, Joachim Mohr, Bettina Musall, Dr.                      Dr. Helmut Bott, Viola Broecker, Dr. Heiko Buschke, Andrea Curtaz-             Schweiz: zwölf Monate sfr 361,40
Johannes Saltzwedel, Dr. Rainer Traub                                            Wilkens, Johannes Eltzschig, Johannes Erasmus, Klaus Falkenberg,               Europa: zwölf Monate € 252,20
                                                                                 Cordelia Freiwald, Anne-Sophie Fröhlich, Dr. André Geicke, Silke
MULT IMEDIA Jens Radü; Nicola Abé, Roman Höfner, Marco Kasang,                   Geister, Catrin Hammy, Thorsten Hapke, Susanne Heitker, Carsten                Außerhalb Europas: zwölf Monate € 330,20
Bernhard Riedmann                                                                Hellberg, Stephanie Hoffmann, Bertolt Hunger, Joachim Immisch, Ma-             Der digitale SPIEGEL: zwölf Monate € 197,60
C H E F V O M D I E N ST Thomas Schäfer, Katharina Lüken (stellv.),              rie-Odile Jonot-Langheim, Michael Jürgens, Tobias Kaiser, Renate               Befristete Abonnements werden anteilig berechnet.
Holger Wolters (stellv.)                                                         Kemper-Gussek, Jessica Kensicki, Jan Kerbusk, Ulrich Klötzer, Ines
                                                                                 Köster, Anna Kovac, Peter Lakemeier, Dr. Walter Lehmann-Wiesner,
S C H LU S S R E DA KT I O N Anke Jensen; Christian Albrecht, Gesine Block,      Michael Lindner, Dr. Petra Ludwig-Sidow, Rainer Lübbert, Nadine                Abonnementsbestellung
Regine Brandt, Reinhold Bussmann, Lutz Diedrichs, Bianca Hunekuhl,               Markwaldt-Buchhorn, Dr. Andreas Meyhoff, Gerhard Minich, Cornelia              bitte ausschneiden und im Briefumschlag senden an
Sylke Kruse, Maika Kunze, Stefan Moos, Reimer Nagel, Dr. Karen Ortiz,            Moormann, Tobias Mulot, Bernd Musa, Nicola Naber, Margret Nitsche,             SPIEGEL-Verlag, Abonnenten-Service,
Manfred Petersen, Fred Schlotterbeck, Tapio Sirkka, Ulrike Wallenfels            Malte Nohrn, Sandra Öfner, Thorsten Oltmer, Axel Rentsch, Thomas               20637 Hamburg – oder per Fax: (040) 3007-3070.
P RO D U KT I O N Solveig Binroth, Christiane Stauder, Petra Thormann;           Riedel, Andrea Sauerbier, Maximilian Schäfer, Marko Scharlow, Rolf             Ich bestelle den SPIEGEL
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                                                                                 Schmidt, Andrea Schumann-Eckert, Dr. Kristina Schuricht, Ulla Sie-             ❏ für € 3,80 pro digitale Ausgabe
BILDREDA KT ION Michael Rabanus (verantwortlich für Innere Heftge-               genthaler, Rainer Staudhammer, Tuisko Steinhoff, Dr. Claudia Stodte,
staltung), Michaela Herold (Ltg.), Claudia Jeczawitz, Claus-Dieter               Stefan Storz, Rainer Szimm, Dr. Eckart Teichert, Nina Ulrich, Ursula
                                                                                                                                                                ❏ für € 0,50 pro digitale Ausgabe zusätzlich zur
Schmidt; Sabine Döttling, Torsten Feldstein, Thorsten Gerke, Andrea              Wamser, Peter Wetter, Kirsten Wiedner, Holger Wilkop, Karl-Henning             Normallieferung
Huss, Antje Klein, Elisabeth Kolb, Matthias Krug, Peer Peters, Karin             Windelbandt, Anika Zeller                                                      ❏ für € 13,80 pro Ausgabe (Eilbotenzustellung am
Weinberg, Anke Wellnitz. E-Mail: bildred@spiegel.de                                                                                                             Sonntag) mit dem Recht, jederzeit zum Monatsende
SPIEGEL Foto USA: Susan Wirth, Tel. (001212) 3075948                             LESER-SERVICE Catherine Stockinger
                                                                                                                                                                zu kündigen.
GRAFIK Martin Brinker, Johannes Unselt (stellv.); Cornelia Baumer-               N AC H R I C H T E N D I E N ST E AFP, AP, dpa, Los Angeles Times / Washing-   Das Geld für bezahlte, aber noch nicht gelieferte Hefte
mann, Ludger Bollen, Thomas Hammer, Anna-Lena Kornfeld, Gernot                   ton Post, New York Times, Reuters, sid
                                                                                                                                                                bekomme ich zurück.
Matzke, Cornelia Pfauter, Julia Saur, Michael Walter                             SPIEGEL-VERL AG RUDOLF AUGSTEIN GMBH & CO. KG                                  Bitte liefern Sie den SPIEGEL an:
L AYO U T Wolfgang Busching, Jens Kuppi, Reinhilde Wurst (stellv.);              Verantwortlich für Anzeigen: Norbert Facklam
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Rödiger, Doris Wilhelm
Sonderhefte: Rainer Sennewald                                                    Commerzbank AG Hamburg, Konto-Nr. 6181986, BLZ 200 400 00                      Straße, Hausnummer oder Postfach
T I T E L B I L D Stefan Kiefer; Suze Barrett, Iris Kuhlmann, Gershom            Verantwortlich für Vertrieb: Thomas Hass
Schwalfenberg, Arne Vogt                                                         Druck: Prinovis, Dresden                                                       PLZ, Ort
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26620-0, Fax 26620-20                                                            G E S C H Ä F TS F Ü H RUN G Ove Saffe                                         Geldinstitut
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                                                                                                                                                                  besteht nicht.
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                                                                                                                    SPIEGEL TV REPORTAGE
                                                                                                                    Geht doch!
                                                                                                                    Frauen in Führungspositionen
                                                                                                                    Sie haben sich nach ganz oben ge-
                                                                                                                    kämpft, in einer klassischen Männer-
                                                                                                                    domäne: Xiaoqun Clever und Miriam
                                                                                                                    Kraus arbeiten in der Führungsebene
                                                                                                                    des im Dax notierten Software-Un-
                                                                                                                    ternehmens SAP. Der einen unter-
                                                                                                                    stehen 2500 Programmierer, die ande-
                                                                                                                    re leitet ein 140-köpfiges Team, das
YANNIS BEHRAKIS / REUTERS




                                                                                                                    über die ganze Welt verstreut ist.
                                                                                                                    Christina Pohl über zwei erfolgreiche
                                                                                                                    Managerinnen, die ihre männlichen
                                                                                                                    Untergebenen mit Kompetenz und
                                                                                                                    Empathie für sich gewinnen konnten,
                                                                                                                    nebenher ihr Familienleben organi-
                                                                                                                    sieren und deren Welt manchmal
                             THEMA DER WOCHE                                                                        verkehrt scheint: Miriam Kraus hat in
                             Patient Euro                                                                           der Firma einen männlichen Assisten-
                                                                                                                    ten und zu Hause einen Putzmann.
                                                        Was wird nach der Wahl in                                   SONNTAG, 24. 6., 22.05 – 22.50 UHR | RTL
                                                                                                                    SPIEGEL TV MAGAZIN
                                                        Griechenland aus dem Euro? Beim
                                                        G-20-Gipfel an der mexikanischen
MICHAEL BUHOLZER / REUTERS




                                                        Pazifikküste suchen die mächtigsten
                                                        Politiker der Welt Rezepte gegen
                                                        die Krise. SPIEGEL-ONLINE-Reporter
                                                        berichten aus Los Cabos, Athen
                                                        und Brüssel.




                                                                                                                                                                    SPIEGEL TV
                                                                                                                    Polizeieinsatz in São Paulo
                             WIRTSCHAFT | Kassensturz
                             Viele Privatversicherte leiden unter steigenden Beiträgen. Tarifwechsel                Sequestro – Die Entführungs-Industrie
                             würden helfen, doch die Krankenkassen blockieren, wo es möglich ist. Was               in Brasilien, dem Land der nächsten
                             können die Kunden tun?                                                                 Fußball-Weltmeisterschaft; Das Geheim-
                                                                                                                    nis der Stuka – Flugzeugbergung in der
                             GESUNDHEIT | Fötus-Party                                                               Ostsee; Abzocke am Badestrand – Streit
                             Für eine 3-D-Ultraschalluntersuchung bezahlen werdende Eltern viel Geld.               um die Liegegebühr.
                             Und laden mitunter sogar die Verwandtschaft und Freunde dazu ein.
                             Babywatching ist lukrativ, ungeachtet seiner Risiken.                                  SAMSTAG, 23. 6., 20.15 – 21.00 UHR | PAY-TV
                                                                                                                    SPIEGEL TV WISSEN
                             SPORT | Heiße Phase                                                                    Zukunftsvisionen
                             Bei der Fußball-EM kämpfen die besten Teams im Viertelfinale. SPIEGEL                  Folge 1: Mobilität und Medizin
                             ONLINE berichtet live aus Polen und der Ukraine. Alle Tore. Alle Karten.               Autos ohne Fahrer, Mini-U-Boote in
                             Alle Statistiken.                                                                      unserem Körper oder künstlich ge-
                                                                                                                    züchtete Haut. Hinter neuen Techno-
                                                                                                                    logien stehen immer Visionen, manch-
                                                                                                                    mal auch eine Spinnerei. Viele Erfin-
                                                | Straßenschlacht in München-Schwabing                              dungen sollen brennende Probleme
                                                               Es begann mit einem Ständchen – und                  lösen oder das Leben des Menschen
                                                               endete mit einem Aufstand: Vor 50 Jahren             erleichtern. Oft begeistern die neuen
                                                               musizierten spätabends ein paar Studenten            Ideen, doch manche machen auch
HEINRICH SANDEN SR. / AP




                                                               im Münchner Stadtteil Schwabing auf der              Angst. Kommunikation, Energie, Me-
                                                               Straße. Weil Nachbarn sich gestört fühlten,          dizin und Mobilität: Die Zukunft hat
                                                               schritt die Polizei ein. Es war der Beginn der       nicht nur in diesen Bereichen längst
                                                               „Schwabinger Krawalle“, ein wütender Auf-            begonnen. SPIEGEL TV ist dabei, in
                                                               schrei der jungen Nachkriegsgeneration.              Forschungslabors, Hochschulinsti-
                                                                                                                    tuten oder unter freiem Himmel. Ein
                                                                                                                    Wissenschaftsfilm von den Autoren
                             www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist                                     Dirk Schulze und Stefan Witte.
                                                                            D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                 145
Register
              GESTORBEN                                             Elinor Ostrom, 78. Geld langweile sie, gab
                                                                    die Umweltökonomin zu – den Wirt-
Margarete Mitscherlich, 94. Die Suche                               schaftsnobelpreis erhielt die US-amerika-
nach Wahrheit habe sie angetrieben, sagte                           nische Querdenkerin 2009 trotzdem. Mit
sie, das Wichtige sei dabei tatsächlich die                         ihrer Forschung zur Nutzung von Res-
Suche. Da halte sie es mit Goethes Faust                                                sourcen stellte sie das
II: „Wer immer strebend sich bemüht, den                                                Denken von Wirt-
können wir erlösen.“ Um Erlösung ging                                                   schaftsbossen und Po-
es letztlich bei ihrer Arbeit. Margarete                                                litikern in Frage, in-
Mitscherlich war eine der bedeutends-                                                   dem sie zeigte, wie so-
ten Psychoanalytikerinnen Deutschlands.                                                 ziale Gemeinschaften




                                                                                       STEVE C. MITCHEL / DPA
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie,                                                   natürliche Güter wie
gemeinsam mit ihrem Mann und Kollegen                                                   Wälder, Wiesen oder
Alexander, entscheidende Impulse gege-                                                  Wasser nach ihren ei-
ben, die Psychoanalyse in Wissenschaft                                                  genen Regeln sinnvoll
und Praxis wieder aufzubauen. Die Mit-                                                  und nachhaltig nut-
scherlichs hatten nicht nur den Einzelnen                                               zen. Selbst mit dem
im Blick und dessen Befreiung von ein-                              Ruhm blieb sich die bislang einzige weib-
gelernten, schädlichen Prägungen – ihnen                            liche Wirtschaftsnobelpreisträgerin treu.
ging es um die gesamte Gesellschaft, um                             Sie spendete das Preisgeld und lehrte wei-
die deutsche vor allem. In dem Buch „Die                            ter an dem mit ihrem Mann gegründeten
Unfähigkeit zu trauern“ (1967), das zur                             Workshop an der Indiana University, ei-
Schlüssellektüre der revoltierenden Stu-                            nem weltweit angesehenem Zentrum für
denten wurde und bis heute aufgelegt                                Allmendestudien. Elinor Ostrom starb am
wird, analysierten die beiden, wie die                              12. Juni in Bloomington, Indiana.

                                                                    Roger Garaudy, 98. Als kritischer Mar-
                                                                    xist, der früh mit dem Stalinismus brach
                                                                    und den französischen Kommunismus
                                                                    mit einem christlich geprägten Humanis-
                                                                    mus zu versöhnen trachtete, erlangte der
                                              GABY GERSTER / LAIF   in Marseille geborene Philosoph hohes
                                                                    Ansehen unter Intellektuellen der be-
                                                                    wegten sechziger Jahre. Nach seinem
                                                                    Ausschluss aus der KPF 1970 wandelte
                                                                    sich der Widerständler gegen die Nazi-
                                                                    Besatzer zu einem engagierten Katholi-
Deutschen in der Nachkriegszeit ihre                                ken, bevor er in einer überraschenden
Schuld an den NS-Verbrechen abwehrten.                              Wende 1982 zum Islam konvertierte. Es
Margarete Mitscherlich verstand sich als                            war der Beginn eines dritten Lebens-
Feministin. Sie forderte Männer wie Frau-                           abschnitts, der ihn zu einem militanten
en auf, sich über Rollenmuster klarzuwer-                           Antizionisten und prominenten Holo-
den und sie zu überdenken. Die Tochter                              caust-Leugner machte. Geächtet daheim,
eines dänischen Arztes und einer deut-                              geehrt von radikalen Kräften in der isla-
schen Lehrerin betonte, dass die zwei Kul-                          mischen Welt, starb Roger Garaudy am
turen ihr dazu verholfen hätten, gesell-                            13. Juni bei Paris.
schaftliche Phänomene aus der Distanz
zu betrachten. Margarete Mitscherlich                               Teófilo Stevenson, 60. In der glorreichen
starb am 12. Juni in Frankfurt am Main.                             Zeit des Schwergewichtboxens stand der
                                                                    Kubaner im Ring, fast zwei Meter groß,
Ghassan Tueni, 86. Der Herausgeber und                                                   geschmeidig, mit ei-
Chefredakteur der libanesischen Tages-                                                   ner Wucht in der
zeitung „Al-Nahar“ beeinflusste die Me-                                                  rechten Faust, die ih-
dienlandschaft der Zedernrepublik und                                                    resgleichen suchte.
der arabischen Welt nachhaltiger als zahl-                                               Obwohl er mit Millio-
reiche Politiker. Die Aufdeckung der Ma-                                                 nenangeboten über-
chenschaften religiös motivierter Macht-                                                 häuft wurde, blieb er
gruppen und die Bloßstellung skandalöser                                                 als Boxamateur sei-
Auslandsverbindungen skrupelloser Mili-                                                  ner sozialistischen
zenchefs und korrupter Politiker brachten                                                Heimat treu, anstatt
                                                                                       IMAGO




dem griechisch-orthodoxen Publizisten                                                    sich auf das Abenteu-
den Nimbus eines „Augstein der Arabi-                                                    er als Profi einzulas-
schen Welt“ ein. Als Uno-Botschafter des                            sen. Als er 1988 zurücktrat, hatte er 302
Libanon, Sprecher des Parlaments und Vi-                            Kämpfe gewonnen, drei olympische Gold-
zepremier wirkte er maßgeblich an der                               medaillen und ebenso viele Weltmeister-
Beendigung des Bürgerkriegs mit. Ghas-                              titel. Teófilo Stevenson starb am 11. Juni
san Tueni starb am 8. Juni in Beirut.                               in Havanna nach einem Herzinfarkt.
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Personalien

                             Jagger




                                                                                                                                                      RANKIN / FISHLOVE / OCEAN2102
                 Lizzy Jagger, 28, Tochter des Rockstars Wes Anderson, 43, hoch gelobter ameri-             E. T., 29, außerterrestrisches Wesen, be-
                 Mick Jagger und seiner ehemaligen Le- kanischer Regisseur und Drehbuchautor,               kommt zum 30. Geburtstag von seinem
                 bensgefährtin Jerry Hall, hat keine Angst kennt seine Grenzen. Mit seinem neuen            Erschaffer die angemessene Aufmerksam-
                 vor großen Fischen. Für die Kampagne Film „Moonrise Kingdom“ (seit 24. Mai                 keit. Regisseur Steven Spielberg will im
                 „Fish Love“ gegen die Ausbeutung der in den deutschen Kinos) bezauberte An-                Oktober eine Blu-Ray-Edition des Klas-
                 Weltmeere kuschelte Lizzy Jagger hül- derson Kritiker und Publikum bei der Er-             sikers veröffentlichen, auf der die Ur-Ver-
                 lenlos mit einem Gelbflossen-Thunfisch. öffnung des Cannes-Filmfestivals, doch ei-         sion von „E. T. – Der Außerirdische“ zu
                 Sie befindet sich dabei in bester Gesell- nen Blockbuster würde er nach eigenen            sehen ist. Vor zehn Jahren gab es schon
                 schaft: Prominente wie der Schauspieler Worten auf keinen Fall inszenieren wol-            einmal eine Jubiläumsausgabe des Films
                 Ben Kingsley oder das Fotomodell Jade len. Ein Angebot, zum Beispiel die Regie             auf DVD, in der aber etliche Details mit
                 Parfitt haben sich ebenfalls von dem Mo- für den nächsten „Batman“-Film zu über-
                 defotografen Rankin mit strategisch plat- nehmen, würde er glattweg ablehnen, sagt
                 ziertem Meeresgetier porträtieren lassen. der Oscar-nominierte Arthouse-Regisseur
                 Die Idee zu der Werbeaktion für eine („Die Royal Tenenbaums“): „Ich glaube,
                 nachhaltige Fischereipolitik stieß der ich könnte da wirklich schlecht abschnei-




                                                                                                                                                      OMEGA / CINETEXT
                 Drehbuchautor und Restaurantbetreiber den“, sein Talent sei eben „beschränkt“.
                 Nicholas Röhl mit an. Finanziert wird das Mit dieser Erkenntnis kann Anderson of-
                 Ganze von Mitgliedern der internationa- fenbar gut leben: Er habe ohnehin ständig
                 len Vereinigung Ocean2012. Röhl hat ein so viele Filmideen im Kopf, sagt er, dass
                 eigenes Interesse, die Meeresbewohner er sich auf fremde Stoffe gar nicht richtig          E. T.
                 vor dem Aussterben zu bewahren: Sein einlassen wolle. Mit anderen Worten,
                 Lokal in Brighton ist berühmt für Sushi „Batman“ ist uninteressant für ihn, er ver-        Hilfe digitaler Technik geändert worden
                 und andere Spezialitäten, die ausschließ- wirklicht lieber eigene Ideen: „Wenn ich         waren: Agenten trugen Funkgeräte statt
                 lich aus ökologisch korrekter Fischerei meine Filme selbst mache, kann kein an-            Gewehren, ein Kind im Halloween-Kos-
                 stammen sollen.                           derer damit Unsinn anstellen.“                   tüm wurde „Hippie“ statt „Terrorist“ ge-
                                                                                                            nannt. E. T.-Fans bemängelten das schon
                                                                                                            damals – und haben den Hollywood-Meis-
                                                            ZITAT                                           ter offenbar überzeugt.

                                                                                                            Sigmar Gabriel, 52, SPD-Chef, korrigiert
                                                          „Von Pausen                                       eine missverständliche Äußerung. Vergan-
                                                           habe ich                                         gene Woche hatte er bei einer Buchvor-
                                                                                                            stellung einen Vergleich zwischen der blu-
                                                           die letzten Wochen                               tigen Unterdrückung in Syrien und dem
                                                                                                            Massaker im bosnischen Srebrenica 1995
                                                           noch nicht                                       gezogen: „Ich bin gespannt, wie lange die
                                                                                                            Welt zuschaut, dass in Syrien Menschen
                                                           viel bemerkt!“                                   ermordet werden.“ Dafür habe man sich
                                                                                                            nach dem Tod von 8000 Bosniaken in Sre-
                                                                                                            brenica „geschämt“. Nun stellt Gabriel
MAURIZIO GAMBARINI / DPA




                                                           Peter Altmaier, 54, seit 28 Tagen                klar: „Eine militärische Intervention in
                                                           Bundesumweltminister, antwortet via              Syrien steht nicht zur Debatte. Ich habe
                                                           Twitter auf die Frage, ob „Zwitschern“           darauf hingewiesen, wie schwer Gewis-
                                                           für ihn zur Arbeitszeit zähle oder               sensentscheidungen von Abgeordneten
                                                           während seiner Pausen erledigt werde.            sein können.“
                           148                                      D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2
Staffan Valdemar Holm, 54, Intendant
                                                                                                                des Düsseldorfer Schauspielhauses, lebt
                                                                                                                derzeit in einem „wunderbaren Alp-
                                                                                                                traum“. Dafür verantwortlich ist der rus-
                                                                                                                sische Regisseur Andrej Mogutschi, der
                                                                                                                Franz Kafkas „Der Prozess“ für die nächs-
                                                                                                                te Spielzeit inszeniert. „Geld und Perso-
                                                                                                                nalkosten spielen an russischen Theatern
                                                                                                                offenbar keine Rolle“, musste Holm fest-
                                                                                                                stellen, der unter dem strengen Spardiktat
                                                                                                                seiner Stadt leidet. Zunächst wünschte Mo-
                                                                                                                gutschi 70 nackte Damen für den Bühnen-
                                                                                                                hintergrund, dann fand er zehn Kühe pas-
                                                                                                                sender. Notfalls auch aus Pappmaché. Als
                                                                                                                die künstlichen Viecher aufwendig be-
                                                                                                                schafft waren, gefielen sie Mogutschi nicht.
                                                                                                                Inzwischen probt er mit einem 94-köp-
                                                                                                                figen Chor. Zu Holms Erleichterung sind
                                                                                                                das alles ehrenamtliche Musikfreunde, die
                                                                                                                Mogutschi per Aushang rekrutiert hat.
    Usain Bolt, 25, jamai-
    kanischer Sprinter und                                                                                      Cem Özdemir, 46, Grünen-Vorsitzender,
    zurzeit schnellster                                                                                         blieb am vergangenen Mittwoch im Kanz-
    Mann der Welt, be-                                                                                          leramt hungrig. Bei den Beratungen mit
    trachtet seinen Einsatz                                                                                     Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde
    bei den Olympischen                                                                                         den Partei- und Fraktionschefs Schnitzel
    Spielen in London als                                                                                       mit Salat serviert. Als Özdemir fragte, ob
    „Heimspiel“. Dort leb-                                                                                      es auch eine vegetarische Variante gebe,
    ten so viele Jamaika-                                                                                       verschwand die Bedienung mit dem
    ner, dass es praktisch                                                                                      Schnitzel – und kehrte mit einem Teller
    wie zu Hause sei, sagte                                                                                     Krabben zurück. Vegetarier Özdemir
    der Athlet selbstbe-                                                                                        knabberte resigniert die Salatbeilage und
    wusst. Auch modisch                                                                                         ließ das Meeresgetier auf dem Teller zu-
    erfährt Bolt nationale                                                                                      rück. Die Kellnerin erkundigte sich irri-
    Unterstützung: Cedella                                                                                      tiert, ob Özdemir nicht mal eine Liste
    Marley, Tochter des be-                                                                                     schicken könne, was er denn esse. Inzwi-
    rühmtesten Jamaika-                                                                                         schen haben sich Merkels Helfer aller-
    ners aller Zeiten, Bob                                                                                      dings bei Özdemirs Büro gemeldet und
    Marley, hat im Auftrag                                                                                      das „Missverständnis“ bedauert.
    von Puma seine Sport-
    kleidung entworfen.                                                                                         Katie Price, 33, ehemaliges „Boxenlu-
                                                                                                                der“, Unterwäsche-Model und Unterneh-
                                                                                                                merin, inspiriert die Hochkultur. Der bri-
                                                                                                                tische Schriftsteller Martin Amis ließ sich
                                                                                                                von Price’ zwei autobiografischen Bü-
                                                                                                                chern beeindrucken. Die Lektüre diente
                                                                                                                der Recherche für seinen neuen Roman.
                                                                                                                Die Bücher zeichneten sich durch „Frei-
                                                                                                                mütigkeit und Ehrlichkeit“ aus, befand
                                                                                                                der Literat. Dass Price eine professionelle
                                                                                           ANDREW COWIE / AFP




                                                                                                                Autorin für das Schreiben ihrer Lebens-
                                                                                                                geschichte engagiert hatte, war Amis egal.



Carina Gödecke, 53, Präsidentin des          und auch bei weiblichen Abgeordneten
Landtags von Nordrhein-Westfalen, for-       sollten „die Schultern bedeckt sein“. Hüte
dert einen strengeren Dresscode für Ab-      und Kopftücher aller Art hält Gödecke
geordnete. Unter der Überschrift „Öffent-    im Parlament für „unangebracht“. Unan-
liches Erscheinungsbild des Landtags“        gemessene Bekleidung ist der Präsidentin
schrieb die frisch ins Amt gewählte So-      offenbar in den ersten beiden Sitzungen
zialdemokratin Ende vergangener Woche        des neuen Parlaments unter die Augen
                                                                                                                                                              CHRIS CRAYMER / TRUNK




an die Vorsitzenden der Fraktionen. Bei      gekommen. Verantwortlich dafür waren
aller „individuellen Freiheit“ erwarte sie   vor allem die Parlamentsneulinge der Pi-
ein „Mindestmaß an Seriosität“ von den       raten, von denen einige möglicherweise
237 Abgeordneten. Danach sollten die         nicht einmal ein Jackett im Schrank                                                                    Price
Männer „zumindest ein Jackett tragen“,       haben.
                                                   D E R   S P I E G E L   2 5 / 2 0 1 2                                                                149
Hohlspiegel                                      Rückspiegel

Aus dem „Wochenblatt Speyer“: „Auch                               Zitate
die Anregungen für altersgerechte Spiele
und Beschäftigung kamen gut an, wenn            Die „Frankfurter Rundschau“ zur SPIE-
das mit dem Schlagen einmal nicht so            GEL-Panorama-Meldung „Zollvergehen
klappt, können die neuen Babysitter die         – Staatsanwalt prüft“ (Nr. 24/2012):
Kinder sinnvoll beschäftigen.“
                                                Der Bundestag ist auf Antrag der SPD
                                                zusammengekommen. Und zwar zu einer
                                                „Aktuellen Stunde zum Transport eines
                                                Teppichs für Bundesminister Niebel“, wie
                                                es offiziell heißt. Im Mai hatte er sich in
                                                der deutschen Botschaft in Kabul Teppi-
Aus dem „Passauer Wochenblatt“                  che vorführen lassen und ein Exemplar
                                                für 1400 US-Dollar gekauft. Ein Flugzeug
                                                des Bundesnachrichtendienstes brachte
Bildunterschrift aus den „Lübecker Nach-        das Textil später nach Berlin … Erst als
richten“: „Wissenschaftler sagen, dass Schif-   das Magazin SPIEGEL von der Geschich-
fe trotz technischer Fortschritte auf die       te erfuhr und nachfragte, kam Niebel auf
menschliche Sehkraft angewiesen bleiben.“       die Idee, dass er den Teppich hätte ver-
                                                zollen müssen. Die Staatsanwaltschaft
                                                prüft nun, ob der Anfangsverdacht eines
                                                Steuervergehens besteht. Niebel steht da
                                                wie einer, der Dienstliches und Privates
Aus der „Mainzer Rhein-Zeitung“                 nicht trennen kann.

                                                Die „Frankfurter Allgemeine“ zum SPIE-
Aus dem „MINT Zirkel“, einer Lehrerzei-         GEL-Bericht „Manager – ,Offenkundige
tung des Klett Verlags: „Viele Menschen         Geldnot‘“ über den ehemaligen Arcan-
haben den Eindruck, dass bebutterte             dor-Chef Thomas Middelhoff, der die
Brote immer auf der Marmeladenseite             Charter seiner Luxusyacht schuldig ge-
landen.“                                        blieben ist (Nr. 24/2012):

                                                Nach Informationen des SPIEGEL soll
                                                der frühere Bertelsmann-Manager und
                                                Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff
                                                erhebliche finanzielle Probleme haben …
                                                Der SPIEGEL zitiert in diesem Zusam-
                                                menhang aus Schriftsätzen seiner An-
Aus dem Münchner Anzeigenblatt „Pa-             wälte, wonach bei Middelhoff die „Ver-
singer Werbe-Spiegel“                           schuldungsfähigkeit weit über die Gren-
                                                zen des Erträglichen hinaus überspannt“
                                                sei. Das Problem soll aber weniger in
Aus der „Süddeutschen Zeitung“: „Nur            den Chartergebühren für die schnittige
noch die Hälfte aller Amerikaner gab bei        Yacht begründet sein, sondern in dessen
einer aktuellen Gallup-Umfrage an, Ak-          glücklosen millionenschweren Immobi-
tien im Depot zu halten. Vor zehn Jahren        lienanlagen.
hatte noch jeder Dritte gesagt, dass er an
der Börse investiere.“                          „Der Freitag“ zum SPIEGEL-Bericht
                                                „Genetik – ,Im Zweifel töten‘“ über Prä-
                                                nataldiagnostik (Nr. 24/2012):

                                                Das Erbgut jedes Ungeborenen scheint
Aus dem Newsletter des „Heinze-Bau-             nunmehr der kompletten Durchleuchtung
informationsdienstes“                           anheimgegeben. Für einen Einsatz in der
                                                alltäglichen Pränataldiagnostik ist die um-
                                                fassende Sequenzierung mit gut 10 000
Aus der Frauenzeitschrift „Freundin“:           Euro zwar derzeit noch viel zu teuer.
„Tipp der Münchner Ernährungswissen-            Aber, wie der SPIEGEL grafisch darlegt:
schaftlerin Eva Knauer: ,Wer knapp bei          Die Preise für genetische Leseprozedu-
Kasse ist, sollte statt Bio-Gemüse lieber       ren sinken, in wenigen Jahren wird die
Bio-Fleisch kaufen. Weil das Tier Öko-          Kostenhürde kein Thema mehr sein. Und
Pflanzen gefressen hat, kriegt man die          dann? „Das komplette Gen-Screening des
Nährstoffe von beidem.‘“                        Fötus wird möglich sein, und es wird ge-
                                                macht werden“, stellen die Autorinnen
                                                des Nachrichten-Magazins fest. Der Frei-
                                                burger Medizinethiker Giovanni Maio
                                                konstatiert: „Wir glauben, wir könnten
                                                Kinder zeugen, um sie im Zweifelsfall zu
Aus der „Hamburger Morgenpost“                  töten.“
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    Hausmitteilung 18. Juni 2012 Betr.: Titel, Syrien, Barenboim A us der Arbeit an der Titelgeschichte zog SPIEGEL-Redakteurin Julia Koch auch persönlichen Nutzen: Kurz nachdem sie ihre Recherchen über Schwan- gerschaften abgeschlossen hatte, wurde sie zum zweiten Mal Mutter. Einige der Ärzte und Wissenschaftler, die Koch befragt hatte, hätten sie gern als Probandin für ihre Studien gewonnen. Ergründen wollen Experten wie die Hamburger Ärztin Anke Die- mert, wieweit der Lebenswandel werdender Mütter darüber bestimmt, ob Nachkommen über- gewichtig, hyperaktiv oder psychisch krank werden. Vor allem mütterlicher Stress, so hat es den Anschein, kann sich negativ auswirken. Koch weiß allerdings nur zu gut: „Mit Job und ILONA HABBEN / DER SPIEGEL Kleinkind nicht gestresst zu sein ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung.“ Sie bemühte sich, den Ratschlägen der Pränatalforscher zu folgen. Offenbar mit gutem Ergebnis: Sohn Carl sei „ein gesundes, gelassenes Kind“, sagt die Koch, Diemert Redakteurin (Seite 120). Ü ber den Bürgerkrieg in Syrien berichtet SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter seit vorigem Sommer – bisher stets anonym. Er reiste mit Visa ein, die ihn mal als Agrarexperten, mal als christlichen Pilger auswiesen, und er machte sich, illegal, über die grüne Grenze eines Nachbarlandes auf den Weg. So wollte er sich und seine Informanten schützen. Die sind inzwischen untergetaucht oder ums Leben gekommen. Der Gemüsehändler Ali Mahmud Osman etwa, der Reuter und anderen Journalisten geholfen hatte, war nach dem Einmarsch der Armee in Homs geblieben und verhaftet worden. Vor wenigen Wochen wurde er zu Tode gefoltert. Der Reporter erlebte Hubschrauber- angriffe, sah Verwüstungen, furchtbar VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL zugerichtete Leichen, Rebellen und die Schabiha-Milizen des Assad-Regimes. Was die staatliche Propaganda glauben machen möchte, sah er hingegen nicht: ausländische Kämpfer oder syrische Dschihadisten-Gruppen, die einen Got- Reuter (l.) tesstaat errichten wollen (Seite 82). Z iemlich erschöpft war Daniel Barenboim, als er die Redakteure Joachim Kronsbein und Bernhard Zand zum SPIEGEL-Gespräch in seiner Künstler- garderobe empfing, soeben hatte er im Wiener Musikverein Bruckners 5. Sympho- nie dirigiert. Barenboim, in Argentinien geboren und in Israel aufgewachsen, sprach über Musik, vor allem aber über Politik – und kritisierte die Regierung in Jerusalem: „Wagner verbieten und gleichzeitig deutsche U-Boote kaufen, das ist doch absurd.“ Sein Verhältnis zu Israel ist ein gespaltenes. „Wie wollen Sie Patriot sein in einem Staat, der seit 45 Jahren fremdes Territorium besetzt?“, fragte Barenboim die SPIEGEL-Leute. Das Gespräch wurde kurz unterbrochen, als auf dem Handy des Dirigenten eine SMS einging. Sir Simon Rattle, der Chef der Berliner Philharmo- niker, hatte im Publikum gesessen und simste seine Begeisterung. Noch nie sei ihm die Fünfte Bruckners, dieser symphonische „Koloss“, in einer Aufführung „so verständlich“ geworden (Seite 110). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 3
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    In diesem Heft Titel Neun Monate, die das Leben bestimmen – prägende Erfahrungen im Mutterleib ................................................ 120 Deutschland Panorama: Klamme Bundesländer gefährden Fiskalpakt / Ermittler prüfen Verbindung von Salafisten zur Sauerland-Terrorzelle / Koalition streitet über Parlamentsrechte bei Bundeswehreinsätzen ............................... 13 Regierung: Angela Merkels wichtigster Krisenmanager Ronald Pofalla ist überfordert ................................................ 18 Europa: SPIEGEL-Gespräch mit CSU-Chef Horst Seehofer über Volksabstimmungen und die Euro-Rettung ............................................ 22 SPD: Die Parteiführung will im Wahlkampf darauf verzichten, die Kanzlerin als Europa-Politikerin herauszufordern .......... 26 Europäische Spitzenpolitiker Monti, Merkel, Hollande Hauptstadt: Das Finanzchaos um Deutschland soll den Euro retten den Berliner Großflughafen ........................... 28 Grüne: Parteichefin Claudia Roth drängt Seite 62 FRANCOIS LENOIR / REUTERS bei einem Wahlsieg ins Kabinett .................... 30 Terrorismus: Akten des Verfassungsschutzes Der Druck auf die Kanzlerin wird größer: Deutschland müsse mit seiner zeigen die Spur der Neonazis beim finanziellen Macht die Euro-Zone retten, fordern Politiker und Ökono- Olympia-Attentat 1972 ................................... 32 Justiz: Wie islamische Streitschlichter die men aus aller Welt. Doch die vorgeschlagenen Instrumente taugen nicht. Scharia in Deutschland anwenden ................. 36 Flüchtlinge: Ghetto oder Integration – Bürgerproteste gegen Leipziger Wohnprojekte ................................................ 39 Landwirtschaft: Bei der grünen Gentechnik riskiert Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner den Konflikt mit der Kanzlerin .... 42 Bildung: Die Reform eines länderübergreifenden Abiturs bleibt Stückwerk ................................ 46 Merkels Problemfall Seite 18 Affären: Der Klatten-Erpresser sagt erstmals Eigentlich ist Kanzleramtschef Ronald Pofalla der wichtigste Manager über den mutmaßlichen Drahtzieher aus ....... 50 der Regierung. Doch statt Probleme zu lösen, schafft er ständig neue. Das Vertrauen zu ihm in der Koalition schwindet zusehends. Gesellschaft Szene: Fettsucht bei Tieren / Warum griechische Inseln schwer verkäuflich sind ..... 52 Eine Meldung und ihre Geschichte – wie sich ein Schauspieler versehentlich erhängte ......................................................... 53 Idole: Das wechselvolle Leben von Schwaches Zeugnis Seite 46 Lothar Matthäus als TV-Doku ........................ 54 Die Zahl der Abiturienten wächst. Aber was ist die Reifeprüfung Ortstermin: In Berlin erforschen wirklich wert? Die Kultusminister sperren sich gegen ein Zentralabitur Wissenschaftler, wie Nationalgefühl und verhindern damit einen bundesweiten Leistungsvergleich. produziert wird ............................................... 59 Wirtschaft Trends: Schlecker-Gläubiger gehen leer aus / Siemens-Chef brüskiert Bremen / Schäubles Pläne für die Finanztransaktionsteuer ............ 60 Maskerade Finanzpolitik: Endspiel um die deutsche Kredithaftung ................................................. 62 Die Bankkunden in den Krisenländern in Danzig Seite 136 ziehen ihr Geld ab ......................................... 64 Der DFB inszeniert für die Europa: Weltbankpräsident Robert Zoellick Berichterstatter im Trainings- über das Krisenmanagement von camp der Nationalmann- Kanzlerin Merkel und die Notwendigkeit schaft in Danzig fast täglich rascher Reformen in der Euro-Zone ............... 66 eine Pressekonferenz – Unternehmen: Warum will Evonik eine Kunstwelt der Floskeln überhaupt an die Börse? ................................ 69 Tourismus: Wie die TUI ihre und Werbebotschaften. Animateure schult .......................................... 70 Dort gibt der Verband auch MAGICS / ACTION PRESS zu verstehen, was nicht Medien gewünscht ist – etwa Fotos Trends: Schlechtes Zeugnis für das ZDF / von Spielerfrauen wie Niggemeiers Medienlexikon ........................... 73 Gercke der Khedira-Verlobten Talkshows: Die ARD rechnet mit ihren Lena Gercke. Moderatoren ab .............................................. 74 4 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Ausland Panorama: Untersuchungshaft in Schweden für WikiLeaks-Gründer Assange? / Übergriffe auf Immigranten in Griechenland ... 80 Syrien: Apokalypse und Zerfall – Reportage aus der Provinz Aleppo ................................. 82 Die Schuldigen des Massakers von Hula ........ 84 Türkei: Die geistig-kulturelle Wende von Ministerpräsident Erdogan ...................... 86 Essay: Was prügelnde Politiker über den Zustand von Gesellschaften verraten ............. 88 Österreich: Maria Fekter, die forsche Finanzministerin ................................ 90 Ägypten: Scheitert das demokratische Experiment? ................................................... 92 Nordkorea: Aufgewachsen im Straflager – die Odyssee des Shin Dong-hyuk ................... 96 Global Village: Zöllner gehen am Flughafen von Dubai gegen Zauberer vor ..................... 100 KARLHEINZ SCHINDLER / PICTURE ALLIANCE / DPA Kultur Szene: Hongkong bekommt die größte ARD kritisiert Jauch Seite 74 Sammlung chinesischer Gegenwartskunst der Welt / Ein griechischer Theaterregisseur Mit einer Flut von Talkshows kämpft das Erste um Zuschauer. Jetzt führt auf Kreta eine Tauschwährung ein ....... 102 hat der Programmbeirat die Plauderrunden hart kritisiert: Die Themen Kunst: Jeff Koons wird in Frankfurt als Hellenist und Pornograf gefeiert ................... 104 seien nicht originell – und Günther Jauch stelle zu harmlose Fragen. Ethik: Die Autorin Sigrid Falkenstein beschreibt das Euthanasie-Schicksal ihrer Tante .................................................... 107 Dirigenten: SPIEGEL-Gespräch mit Daniel Barenboim über seine Liebe zu Richard Wagner und die politische Instrumentalisierung des Holocaust in Israel ... 110 Flucht aus dem Schattenreich Seite 96 Bestseller ..................................................... 113 Propaganda: Der berühmte Kriegsfotograf James Nachtwey verharmloste den Shin Dong-hyuk lebte 22 Jahre in einem nordkoreanischen Straflager, wurde syrischen Diktator Assad in einer süßlichen zur Sklavenarbeit gezwungen und gefoltert. Nun berichtet er von Homestory – warum bloß? ............................ 114 seiner traumatischen Leidensgeschichte: „Ich wurde gehalten wie ein Tier.“ Filmkritik: Madonnas Kostümdrama „W. E.“ über eine königliche Romanze ...................... 116 Wissenschaft · Technik Prisma: Ungarischer Parlamentarier unterzieht Neonazis halfen Olympia-Attentätern Seite 32 sich genetischem Rassetest / Flugzeug mit Elektromotoren ............................................ 118 Umwelt: Ökobekenntnisse in Der Anschlag auf das israelische Olympia-Team kostete 1972 bei den Spielen Rio, Raubbau im Urwald – Brasiliens in München neun Geiseln das Leben. Akten des Verfassungsschutzes schizophrene Politik ..................................... 130 zeigen, dass die palästinensischen Terroristen mit Neonazis kooperierten. Der Multimilliardär Richard Branson über Klimaschutz als Geschäftsmodell ......... 132 Archäologie: Goldfund aus der Bronzezeit auf einem niedersächsischen Acker .............. 133 König des Sport Szene: Im Blut des toten Schwimmers Kitsches Seite 104 Alexander Dale Oen fanden sich Spuren von 13 Schmerzmitteln / EM-Fairnessbarometer: je mehr Siege, desto weniger Verwarnungen .... 135 Schon in seinen frühen, Euro 2012: Hofstaat unterm oft pornografischen Werken Mercedes-Stern – das deutsche schockierte er die Kunst- Trainingscamp in Danzig .............................. 136 welt. Nun hat der Amerika- Mittelfeldstratege Xavi Hernández ist ner Jeff Koons die Antike die Ordnungsmacht im Team des und ihren Körperfetischis- Titelverteidigers Spanien .............................. 140 Understatement als Führungsprinzip – mus für sich entdeckt. In der englische Trainer Roy Hodgson .............. 142 ANNA SCHORI / DER SPIEGEL einer Frankfurter Doppel- schau inszeniert sich Koons Briefe ............................................................... 6 als unangreifbarer König Impressum, Leserservice .............................. 144 der bunten Geschmack- Register ........................................................ 146 losigkeit und des genialen Personalien ................................................... 148 Koons Kitsches. Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 150 Titelbild: Fotos Visum, ARD/dpa D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 5
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    Briefe übertrifft die Leistungen der meisten sei- ner Vorgänger bei weitem. Innenpolitisch ist die Gesundheitsreform das bedeutends- „Könnte es sein, dass die te Projekt der Regierung. Wird sie für ver- USA aufgrund der fassungskonform erklärt, hat Obama er- reicht, woran über acht Jahrzehnte hin- höchst unterschiedlichen weg demokratische wie republikanische Präsidenten scheiterten: So gut wie jedem Ideologien nicht Amerikaner eine erschwingliche Kranken- versicherung zu garantieren. wirklich zu regieren sind?“ SIMON VAUT, BERLIN DR. PETER-MICHAEL WILDE, KÖNIGS WUSTERHAUSEN Nie habe ich erwartet, dass Obama übers (BRANDENBURG) Wasser gehen könnte. Und trotz aller SPIEGEL-Titel 24/2012 Schwierigkeiten ist er eine Offenbarung gegenüber George W. Bush. Die destruk- tiven Manöver der Tea-Party-Anhänger Nr. 24/2012, Schade. Obamas missglückte sind vor allem Rückzugsgefechte der Präsidentschaft bisher traditionell herrschenden White Anglo-Saxon Protestants. Im Laufe dieses USA, nicht Lummerland Jahrhunderts werden die Minderheiten von Latinos, Schwarzen und Asiaten zu- Kompliment – eine hervorragende Ana- sammen die Mehrheit haben und die US- lyse der US-Wirklichkeit anno 2012! Wie amerikanische Politik bestimmen. soll es weitergehen im Land der unbe- KARSTEN STREY, HAMBURG grenzten Möglichkeiten? Wäre Romney der Präsident, der versöhnt und nicht Sie bedienen gedankenlos die gängigsten spaltet? Kaum – und deshalb spricht mehr deutschen Klischees über Amerikaner: SAUL LOEB / AFP für den erfahrenen Amtsinhaber, der die Waffennarren, fettleibig und unterbelich- Chance braucht, Anspruch und Wirklich- tet. Den als überhitzten Medienbetrieb keit zur Deckung zu bringen. gut analysierten Politikprozess beschrei- HARTMUT VELBINGER, STUTTGART Präsidentenpaar Obama am 20. Januar 2009 ben Sie selbst mit phrasenhaften Aussa- gen und pauschalen Werturteilen. Es ist erschütternd zu sehen, wie die nungsvollem „Yes, we can!“ ein gnaden- JACOB SCHROT, BRANDENBURG stolze Selbstgewissheit der „auserwählten loses „Yes, we can kill“ werden könnte? Nation“ in dieser Identitätskrise als fun- Wenn man sich allerdings die Alternati- Ich habe selbst im Stab eines Kongress- damentalistischer Reflex fortbesteht und ven auf Seiten der Republikaner ansieht, abgeordneten gearbeitet und kann Ihre Amerika blind macht für die Option eines könnte man endgültig den Glauben an Einschätzungen nur bestätigen. Die über- kooperativen, aufgeklärten Handelns. die Fähigkeit der USA verlieren, sich im- parteiliche Kooperation geht gegen null, ANDREAS HUMMEL, MÜNCHEN mer wieder neu zu erfinden. Eine große nur in sicherheitspolitischen Ausschüssen Nation zerlegt sich selbst. Schade. gibt es so etwas wie vorsichtige Annähe- Mit Obama wurde mal wieder eine poli- CHRISTIANE THEISS, HANNOVER rung. Für die übrige politische Arbeit gilt: tische Perle vor die Säue geschmissen. „Gestern standen wir am Abgrund. Heute GÜNTER SAUER, GROSS-UMSTADT (HESSEN) Bei den beiden großen US-Parteien, ihren sind wir einen Schritt weiter.“ Das Aus- Wählern und Anhängern wird nach Ihrer maß des politischen Bankrotts in Ameri- Ein Problem ist ja: Es sind die USA, um Auffassung die fehlende Moral, die Gier ka und die Zentrifugalkräfte rund um den die es geht, es ist nicht Lummerland. nach Geld und Macht und die fehlende Dauerwahlkampf sind kaum abzusehen. ULRICH GRODE, NEUMÜNSTER Charakterstärke fast ausschließlich bei SEBASTIAN BRUNS, KIEL den Republikanern verortet, während die Die USA leiden an einer aufgeblähten Demokraten als die Naiven, Getriebenen Es hat sich bisher immer eher Inhumani- Bürokratie sowohl auf nationaler Ebene und Gutmeinenden dargestellt werden. tät als Humanität durchgesetzt, und so als auch in vielen Einzelstaaten. Obama ALFONS SIEPERT, LANDSBERG AM LECH wird sich auch die Idee von sozialer Ge- hat diese Bürokratenklasse wie kaum ein rechtigkeit, wie sie Obama anstrebt, erst anderer gesteigert, und er will diesen Nach den großen Erwartungen sind viele dann realisieren lassen, wenn sie von ei- Kurs in einer zweiten Amtszeit fortsetzen enttäuscht von Obamas Amtszeit. Doch ner breiten Mehrheit erkämpft wird. und mit Steuererhöhungen und noch was der Präsident auf den Weg brachte, JOSEF GEGENFURTNER, SCHWABMÜNCHEN mehr Staatsverschuldung ernähren. CHRISTOPHER AREND, FRANKFURT AM MAIN Wer mit schönen Reden Hoffnungen Diskutieren Sie im Internet weckt und Vertrauen gewinnt, dann aber www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel nicht liefert, braucht sich über enttäuschte Wähler nicht zu wundern. Und ein vor- ‣ Titel Glück oder Leid – welchen Einfluss hat der eilig ausgezeichneter Friedensnobelpreis- Verlauf einer Schwangerschaft auf das spätere Leben? träger, der, wie es heißt, gut damit klar- ‣ Bildung Sollte es ein bundesweites Zentralabitur geben? kommt, in einem schmutzigen Schatten- krieg Richter und Henker zugleich zu ‣ Fernsehen Dienen Talkshows der politischen sein, wird zu einer Karikatur seiner selbst. Meinungsbildung? Wer hätte gedacht, dass aus Obamas hoff- 6 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Briefe Nr. 23/2012, HilfloseMenschen werden weder die Katastrophen Deutschlands im von ihren Betreuern ausgebeutet christlichen Abendland noch die Über- nahme von Fremdwörtern, Zitaten und Leichtes Opfer zivilisatorischen Errungenschaften der arabischen Welt begründen die Aussage: Der Skandal an der Sache ist nicht die „Der Islam gehört auch zu Deutschland“. Gier der Betreuer, sondern die Tatsache, GERHARD HAASE, QUICKBORN (SCHL.-HOLST.) dass die Politik nicht bereit ist, eine not- wendige und anspruchsvolle Arbeit an- Dass Millionen Muslime zu Deutschland ständig zu honorieren. Die Pauschalie- gehören, wird niemand ernsthaft in Frage rung ist einzig nur deshalb eingeführt stellen. Daraus aber den Schluss zu zie- worden, weil es sehr viele Menschen gibt, hen, der Islam als kulturelles Erbe gehöre für die Angehörige keine Verantwortung übernehmen wollen und oft auch nicht können. Das belastet die Justizkassen der Länder in immer höherem Ausmaß. Infa- merweise wurde die Reform von der Politik jedoch so verkauft, als wolle man Missstände bei der Abrechnung der Be- treuer einschränken. HERMANN BREDEHORST PETRA NUSSBAUM, SCHWETZINGEN (BAD.-WÜRTT.) Ich empfinde die gesetzliche Betreuung in vielen Fällen gut, richtig und wichtig. Sie sollte aber in den Bundesländern ei- ner einheitlichen Prüfung unterliegen, un- Muslimische Frauen in Berlin ter die auch Rechtsanwälte fallen müssen, die den Job zusätzlich übernehmen! zu Deutschland, ist schon abenteuerlich. ELKE TETZNER, WUPPERTAL In der islamischen Tradition steht das In- dividuum immer hinter dem Kollektiv Alte, insbesondere höchstbetagte Men- mit all den bekannten Konsequenzen. schen sind ein leichtes Opfer von Mani- KLEMENS LUDWIG, TÜBINGEN pulationen, weil ihre geistige und phy- sische Gebrechlichkeit fast immer weit Das Abendland ist geprägt von Humanis- fortgeschritten ist und damit ihre Abhän- mus, Reformation und Aufklärung – da- gigkeit. Nachdem beide Geschwister er- her auch die Trennung von Religion und fuhren, dass ich der Haupterbe werden Staat –, Errungenschaften, um die der sollte, wurden meine 90-jährigen Eltern Westen seit Jahrhunderten gerungen hat, massiv bearbeitet, so dass ich bei der Be- während sie in der islamischen Welt un- treuungsvollmacht ausgeschlossen wurde. beachtet blieben. Und mit Verlaub: Dies Eine Patientenverfügung, die mich als be- feststellen zu dürfen hat nichts mit Islam- vollmächtigt auswies, wurde versteckt, so feindlichkeit zu tun! dass ich als Arzt nicht tätig werden konnte. DR. STEFAN HEINLEIN, SAARBRÜCKEN DR. H. MEYER, ANSCHRIFT DER RED. BEKANNT Wir im blutgetränkten Herzen Europas Wir setzen uns seit langem für gesetzliche haben unsere Lektion gelernt. Wir Abend- Zulassungskriterien für den Betreuerberuf länder diskutieren und wägen ab. Allah ein. Betreuer sollten nur auf der Basis ei- diskutiert nicht. Sollen wir – wie Back- ner fundierten Ausbildung zugelassen wer- fische – alles noch mal von vorn durch- den und bei Fehlverhalten Sanktionen bis machen, Herr Zand? hin zur Untersagung der Berufsausübung ALEXANDER JANICEK, AUGSBURG verhängt werden können. DR. HARALD FRETER, HAMBURG Die Diskussion um die Frage, ob der Is- BUNDESVERBAND DER BERUFSBETREUER lam zu Deutschland gehört, entscheidet sich politisch – nicht kulturell – nur daran, inwiefern der Islam mit den Menschen- Nr. 23/2012, Kommentar von Bernhard rechten vereinbar ist, was Zand jedoch Zand: Die Sehnsucht der Muslime mit keinem Wort erwähnt. Und dies ist der Islam grundsätzlich zweifellos: Den Allah diskutiert nicht Beweis erbringt täglich die überwältigen- de Mehrheit der Muslime in Deutschland, Der pragmatische Herr Gauck hat ver- Europa und den USA, weil sie friedlich sucht, Christian Wulffs Ausspruch zu kor- und gesetzeskonform lebt. Aber der Islam rigieren, indem er die erlebte Wirklichkeit birgt aktuell eine Gefahr: Er dient radi- unserer letzten Jahrhunderte verwertete: kalen Fundamentalisten als Rechtferti- „Die Muslime, die hier leben, gehören zu gung für Terroranschläge und Politikern Deutschland“. Da hat er recht. Zand ver- islamischer Länder für Drohungen gegen sucht, Wulffs Ausspruch als ewige Wahr- andere Staaten. heit zu beweisen. Da hat er unrecht. Denn SYLVIA MERSCHROTH, DARMSTADT 8 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Briefe Nr. 23/2012, Gesprächmit der französi- FRISO GENTSCH / PICTURE ALLIANCE / DPA schen Historikerin Elisabeth Roudinesco über den Niedergang der Psychoanalyse Zähe Arbeit am Gefühl Die These, Psychoanalyse sei unwirksam, ist ebenso oft wiederholt worden und falsch wie die Vorstellung, sie spiele (bald) keine Rolle mehr. Die Analyse arbeitet intensiv und detailliert an der Beziehungs- Kennzeichnung eines Fohlens und Gefühlsgeschichte ihrer Patienten. Auch frühe krankmachende Erlebnisse, Nr. 23/2012, Das Brandzeichen für Pferde ungelöste Konflikte und Verletzungen spaltet die schwarz-gelbe Koalition werden bei gutem Verlauf nicht nur er- innert, sondern dosiert in einer haltenden Beziehung wiedererlebt und, wie wir Glühendes Eisen Psychoanalytiker sagen, durchgearbeitet. Es gibt kein Gutachten, das schwerere Sie verlieren dadurch an Macht. Schmerzen nach dem Heißbrand belegt. CHRISTOPH FRÜHWEIN, BREMEN Im Gegenteil, der Stress durch das Chip- pen ist höher, auch muss manchmal noch Aus der einsichtsvollen intellektuellen Er- sediert werden. Chips können wandern kenntnis Freuds ist längst ein System der und wurden schon an Stellen wiederge- Besserwisserei und Manipulation der Psy- funden, die das Pferd durch dadurch ver- choanalytiker geworden. ursachte Schmerzen unreitbar machten. STEFAN FINKE, KÖLN Ein Verbot des Heißbrandes wäre ein nicht wiedergutzumachender Schaden für Nicht die Länge der Behandlungen und die deutschen Zuchtgebiete und auch ein die Zurückhaltung des Behandlers lassen Verlust eines Stücks deutscher Kulturge- die Psychoanalyse unzeitgemäß erschei- schichte. nen. „Unzeitgemäß“ wirkt das Kernge- VANESSA RÜDEL, FELDE (SCHL.-HOLST.) schehen: die zähe Arbeit an tiefsitzenden Gefühlseinstellungen mittels der Refle- Der Schenkelbrand führt zu einer Gewe- xion der emotionalen Widerstände – bezerstörung mit Narbenbildung. Beim ohne die Tragik unser Existenz zu über- Heißbrand bei erhöhter Herzfrequenz spielen. Das ist für Behandler ungewohnt, zerstört das glühende Eisen die Haut der verunsichernd und anstrengend. Fohlen bis auf die Haarwurzel. Die Wun- PSYCHOANALYTIKER DR. LUTZ GERO LEKY, KÖLN de löst tagelange Schmerzen aus, was auch vom Amtsgericht Kehl bestätigt wur- Die Psychoanalyse am Ende? Im Gegen- de. Deshalb haben die Bundestierärzte- teil: Es geht erst richtig los. kammer und die Landestierärztekammer DR. GERT SCHULZ-MALIN, WÜRZBURG Hessen den Brand abgelehnt. EDGAR GUHDE, DÜSSELDORF Die Psychoanalyse vom Untergang be- droht? Gerade wurden in Berlin die In- Das Brandeisen in das Fleisch eines Tieres ternational Psychoanalytic University zu stemmen ist keine leichte Arbeit, es und der Dachverband deutschsprachiger ist und bleibt eine brutale Tätigkeit. Tier- Psychosenpsychotherapie gegründet so- quälerei in brutalster Form. In Namibia wie die Psychoanalyse für Kinder und ist Tierbrand Alltag, aber viele Farmer Jugendliche ausgebaut – alles dringend würden sofort Abstand davon nehmen, notwendige Entwicklungen, die hundert- wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, tausendfaches menschliches Elend ab- Viehdiebstahl zu verfolgen. Da dieser in bauen – und zwar dort, wo die kognitive Deutschland kein solches Thema ist, fragt Verhaltenstherapie nichts gebracht hat. man sich, warum dort noch gebrannt wird. DIPL. PSYCH. RICHARD MARX, MÜNCHEN HANS KRESS, WINDHOEK (NAMIBIA) Aus der SPIEGEL-Redaktion Wie findet man Freunde fürs Leben? Und wie behält man sie? „Dein SPIEGEL“, das Nachrich- ten-Magazin für Kinder, beschreibt, was echte Freundschaft ausmacht – und was sie von Face- book-„Freundschaften“ unterscheidet. Außer- dem: Jens Weidmann, 44, Präsident der Bun- desbank, sprach mit den Kinderreportern Dalia, 14, und Sami, 13, über Griechenland und die Finanzkrise. Er erklärt kindgerecht, woher die Krise kommt und was dagegen getan werden kann. Das Heft erscheint am Dienstag. 10 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Nr. 23/2012, MatthiasMatussek: Das ma- schinenhafte Menschenbild der Piraten Jeder Mensch lernt alles neu Hätte Matussek etwas mehr gelesen, zum Beispiel ein Wahlprogramm der Piraten- partei statt Pamphlete einzelner Aktivis- ten, wäre dem Publikum sein misanthro- pisches Gekeife über die „Wohlstandsver- wahrlosung“ erspart geblieben. HARTMUT SCHÖNHERR, BRUCHSAAL (BAD.-WÜRTT.) Wenn Matussek die Hoffnung hatte, dass „der Netzrevolutionär die Welt retten“ wird, und dann feststellt, dass das Quatsch ist, können die Piraten nichts dafür. Auch dass er seine „Hoffnung auf eine Jugend- revolte im Netz“ albern findet, ist den Piraten nicht anzulasten. Woher er den „Traum totaler Herrschaftsfreiheit“ hat, weiß hoffentlich wenigstens er. RENATA STILLER, HAMBURG Sie schreiben: „Das Vertrackte am Traum totaler Herrschaftsfreiheit ist ja, dass er in der Praxis Repressionsapparate und Terror geradezu gebiert.“ Das stimmt. Wenn Sie dann aber fragen: „Müssen wir das immer neu lernen?“, dann kann ich nur sagen, Sie und ich nicht, aber jüngere Menschen müssen es neu lernen, weil je- der Mensch alles neu lernen muss. DR. HERBERT SCHULTZ-GORA, HOFHEIM (HESSEN) HERMANN BREDEHORST/POLARIS/STUDIO X Delegierte beim Piraten-Parteitag Wäre es nicht besser, die Ursache als das Symptom zu behandeln: Die Undurch- schaubarkeit krisenhafter Verhältnisse? FRIEDRICH LANGREUTHER, BERLIN Jeder Satz trifft ins Schwarze. Hoffentlich nimmt der angezielte Personenkreis die Gelegenheit wahr, um sich die eigene Lä- cherlichkeit vor Augen zu führen. JÜRGEN WISSNER, HAMBURG Ich bin kein Piraten-Fan. Doch was Ma- tussek hier schreibt, ist himmelschreien- der Unsinn. Es gilt: Wer den ersten Nazi- Vergleich macht, hat meistens unrecht. RAOUL NUBER, BERLIN Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: leserbriefe@spiegel.de In dieser Ausgabe befindet sich im Mittelbund ein 16- seitiger Beihefter der Firma Samsonite GmbH, Köln. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 11
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    Panorama Deutschland JOSE GIRIBAS Schäuble VERSCHULDUNG Bundesländer erpressen Schäuble Die Bundesregierung sieht sich bei der Ratifizierung des Fis- Ressortchefs die Vorgaben des Fiskalpakts nicht erfüllen kön- kalpakts einer Front aller 16 Bundesländer gegenüber. Bei nen. Der Vertrag verlangt, dass Deutschland sein strukturelles den Verhandlungen am vergangenen Donnerstag schlossen Defizit ab 2014 auf 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung be- sich die unionsregierten Länder zentralen Forderungen von grenzt. Gleichzeitig will der Bund bereits 2014 die deutsche SPD und Grünen an. Alle verlangen nun zusätzliche Hilfen Schuldenbremse einhalten und sein Haushaltsminus auf 0,35 des Bundes. So müsse Finanzminister Wolf- Prozent reduzieren. Für Länder und Kom- gang Schäuble (CDU) die Kosten der Ein- „Es ist schon sehr befremd- munen bleibt eine Neuverschuldung in gliederungshilfe für Behinderte komplett lich, dass die Länder Höhe von 0,15 Prozent. Dieser Wert ent- übernehmen. Zunächst solle er ab 2013 ein sich ihre europapolitische spricht dann gut vier Milliarden Euro. Nord- Drittel der jährlich zwölf Milliarden Euro Verantwortung wie auf rhein-Westfalen dürfte danach 2014 nur schultern – und seinen Anteil dann steigern. dem Basar abkaufen lassen noch Schulden in Höhe von gut 900 Mil- Darüber hinaus wehren sich die Länder ve- wollen.“ lionen Euro machen, plant aber mit 3,3 Mil- hement gegen eine raschere Konsolidierung liarden Euro. Auch Hessen, Berlin und ihrer Haushalte. Sie stützen sich dabei auf Michael Meister Hamburg kalkulieren mit einer weitaus eine interne Berechnung, nach der viele Unionsfraktionsvize höheren Kreditaufnahme als erlaubt. SALAFISTEN Gruppe hatten vor dem Düsseldorfer LINKE Oberlandesgericht gestanden, Auto- Terroristen-Sparbuch bombenanschläge auf US-Soldaten geplant zu haben. Im März 2010 wurde Gelowicz als Rädelsführer zu zwölf Harmonie nach Plan Nach den bundesweiten Durchsuchun- Jahren Haft verurteilt. Nach dem Zerwürfnis zwischen Oskar gen bei radikal-islamischen Salafisten Lafontaine und Gregor Gysi auf dem prüfen Ermittler Verbindungen des Göttinger Parteitag der Linken setzen verbotenen Vereins Millatu Ibrahim zu beide auf ein Stillhalteabkommen bis einem Mitglied der vor fünf Jahren im zum kommenden Jahr. Lafontaine und Sauerland aufgeflogenen Terrorzelle. Gysi vereinbarten am vergangenen In der Solinger Millatu-Ibrahim-Mo- Donnerstag, die heikle Frage der Spit- JO SCHWARTZ / DER SPIEGEL schee stellten die Fahnder am vergan- zenkandidatur für die Bundestagswahl genen Donnerstag eine Geldkassette bis zum Frühjahr 2013 zu vertagen. mit persönlichen Sachen von Fritz Ge- Damit sollen erneute Kämpfe zwi- lowicz sicher. Es handelt sich unter an- schen den Flügeln wie bei den Perso- derem um ein entwertetes Sparbuch naldebatten für den neuen Vorstand in und Kontoauszüge. Gelowicz und drei den vergangenen Wochen vermieden weitere Mitglieder der Sauerland- Durchsuchung in Solingen werden. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 13
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    Panorama BETREUUNGSGELD Mit allen Mitteln Die Koalition hat offenbar dringende Warnungen ignoriert, als sie vergan- gene Woche das umstrittene Betreu- ungsgeld im Eilverfahren in den SASCHA SCHUERMANN / DAPD Bundestag einzubringen versuchte und dabei scheiterte. Bundestags- präsident Norbert Lammert (CDU) hatte am Donnerstag im Ältestenrat gemahnt, Abstimmungen wie über das Betreuungsgeld nicht durch das Parlament zu peitschen. Stattdessen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan sollten Union und FDP noch einmal über das Verfahren „nachdenken“. AU S L A N D S E I N S ÄT Z E Anlass der Mahnung war die Klage Weniger Rechte fürs Parlament? der drei Oppositionsfraktionen, die Koalition erzwinge eine Entscheidung vor der Sommerpause. Volker Beck, Erster Parlamentarischer Geschäfts- führer der Grünen-Fraktion, hatte In der Koalition ist ein Streit über den Deutschland an einem später beschlos- zuvor in einer Runde mit seinen Umfang der Parlamentsbeteiligung bei senen Kampfeinsatz anderer Nationen Kollegen von den anderen Fraktionen Bundeswehreinsätzen ausgebrochen. selbst nicht beteiligt.“ Das Parlament gedroht, man werde „mit allen Verteidigungsminister Thomas de Mai- müsse aber jederzeit ein Rückholrecht Mitteln“ eine Abstimmung des Be- zière (CDU) will die Zustimmungs- haben. Im Auswärtigen Amt stößt die- treuungsgeld-Gesetzes zu verhindern rechte der Abgeordneten ändern, da- se Idee auf wenig Gegenliebe. „Die suchen. Nun wird die Entscheidung mit die Bundeswehr leichter Aufgaben Bundeswehr ist keine Regierungsar- erst nach der Sommerpause fallen, mit den Verbündeten absprechen mee, sondern eine Parlamentsarmee“, sagt CSU-Chef Horst Seehofer. kann. Wenn Deutschland etwa an ei- sagt Bundesaußenminister Guido Wes- Dagegen regt sich Widerstand. CSU- ner gemeinsam organisierten Luftbe- terwelle (FDP). „Der Parlamentsvor- Generalsekretär Alexander Dobrindt tankung mitmachen wolle, solle der behalt steht nicht zur Disposition, weil beispielsweise plädiert für eine Bundestag das bereits grundsätzlich es wichtig ist, dass Auslandseinsätze Sondersitzung Anfang Juli. Man absegnen, bevor konkrete Einsätze an- der Bundeswehr breit demokratisch könne sich von der Opposition bei stehen, so de Maizière. „Eine solche getragen, mindestens aber intensiv einem so zentralen Vorhaben nicht Zustimmung muss auch dann für die und transparent demokratisch disku- den Zeitplan diktieren lassen, sagt Betankung noch gelten, wenn sich tiert werden.“ Dobrindt. ENERGIEWENDE ZITAT „Teppiche aus Afgha- Prepaid-Guthaben für nistan sind über- Geringverdiener Die SPD will die Kosten der Energiewen- haupt nicht zollpflich- de für Geringverdiener und Hartz-IV- tig. Das habe ich lei- Empfänger abmildern. Bundestagsfrak- tionsvize Ulrich Kelber fordert unter der erst von meinem anderem Minikredit-Programme, mit denen einkommensschwache Haushalte Anwalt erfahren.“ energieeffiziente Geräte kaufen können. Zusätzlich will Kelber, dass die Energie- versorger jedem Haushalt pro Person 500 Entwicklungsminister Dirk Niebel, 49 Kilowattstunden Strom im Jahr zum (FDP), gegenüber dem Deutschlandradio günstigsten Tarif zur Verfügung stellen. Kultur zur Affäre um sein vom Bundes- Intelligente Stromzähler in jeder Woh- nachrichtendienst eingeflogenes Mit- nung sollen außerdem dafür sorgen, dass bringsel aus Afghanistan. Laut einer EU- „eine begrenzte Strommenge pro Stunde zur absoluten Grundversorgung“ zur Ver- THOMAS IMO Bestimmung dürfen arme Länder wie Afghanistan alle Waren außer Waffen fügung steht. Diese Stromzähler könnten zollfrei nach Europa ausführen. mit einem Prepaid-Guthaben ausgerüstet werden. 14 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland SPORTWETTEN „Angemessener Anteil“ Die Sportverbände fürchten um eine Sportbund (DOSB) und vom Deut- verlässliche Finanzierung des Breiten- schen Fußball-Bund haben die Minis- sports in Deutschland. Die Minister- terpräsidenten den Verbänden ledig- präsidenten der Bundesländer haben lich einen „angemessenen Anteil“ in Forderungen abgelehnt, künftig ein Aussicht gestellt. Dessen Höhe könne Drittel der Einnahmen aus einer Wett- jedes Bundesland selbst festlegen. steuer zur Unterstützung des allgemei- DOSB-Generaldirektor Michael nen Sports einzusetzen. Hintergrund Vesper kritisiert, es dürfe nicht sein, ist die geplante Liberalisierung bei dass die Finanzierung des Breiten- Sportwetten, in deren Rahmen private sports von der Kreativität des je- Anbieter Konzessionen erhalten kön- weiligen Finanzministers abhänge. nen und Steuern entrichten müssen. Deshalb müssten nun die Landes- Nach einem Treffen mit den Präsiden- parlamente klare Regelungen verab- ten vom Deutschen Olympischen schieden. V E R FA S S U N G S S C H U T Z Drei Szenarien einer Reform Verfassungsschutzbehörden streiten Präsident des Niedersächsischen Ver- über Konsequenzen aus der erfolg- fassungsschutzes, Hans-Werner War- losen Suche nach den untergetauchten gel, während einer Veranstaltung in Mitgliedern der rechtsextremen der bayerischen Landesvertretung in Zwickauer Terrorzelle. Anlass ist ein Berlin. Die Länder würden „tagtäglich als vertraulich eingestufter Bericht aktuelle Analysen und Lagebilder mit vom 4. Mai, den das Bundesamt für unmittelbarem örtlichem und regio- Verfassungsschutz (BfV) an die Bund- nalem Bezug benötigen, die das BfV Länder-Kommission um den ehema- nicht liefern könnte“. Ein alternativer ligen Berliner Innensenator Ehrhart Vorschlag des BfV sieht ebenfalls eine Körting geschickt hat. In dem Papier deutliche Aufwertung der Kölner stellt das BfV drei Szenarien für eine Zentrale vor. Demnach würde sie eine grundlegende Reform vor. Umstritten ähnliche Funktion übernehmen wie ist vor allem der erste Vorschlag, wo- auf der polizeilichen Ebene das Bun- nach die Landesämter künftig nur deskriminalamt. Im Einvernehmen noch Informationen sammeln sollen, mit den Ländern soll Köln danach die dann in der Kölner BfV-Zentrale einzelne Fälle an sich ziehen können ausgewertet würden. In den Landes- und bei bestimmten Themen feder- ämtern stößt die Idee auf massiven führend agieren. Die Analyse und Widerspruch. In einer vertraulichen Auswertung bliebe aber in den Län- Besprechung widersetzten sich sämt- dern. Die dritte Variante sieht nur ge- liche süddeutsche Bundesländer. Von ringe Änderungen der gegenwärtigen „praktischem Unsinn“ sprach der Regelung vor. GETTY IMAGES Zwickauer Terroristen 2004 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 15
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    Deutschland Panorama Neue Eliten SPONSORING Verträge zeigen Wohin die Gelder der Exzellenzinitiative fließen Kiel Elite-Unis Die Grünen wollen künftig Zahlungen Abgelehnte Elite-Anträge von Sponsoren nur noch annehmen, Hamburg wenn die Geldgeber mit einer Veröf- Exzellenzcluster Oldenburg fentlichung der Verträge einverstan- Berlin den sind. Dabei geht es zum Beispiel Graduiertenschulen Bremen FU um Firmenstände auf Parteitagen. Hochschulübergreifende „Transparenz ist das beste Mittel gegen Projekte HU Hannover Verdächtigungen, Sponsoring wäre TU verdeckte Parteienfinanzierung“, sagt Bielefeld Bundesschatzmeister Benedikt Mayer. Münster Göttingen Standmieten und Anzeigengebühren Bochum müssen, anders als Spenden, nicht de- Dresden tailliert an den Bundestag gemeldet Düsseldorf werden. Der Grünen-Bundesvorstand Köln Jena will mit seinem Beschluss auch den Gießen Chemnitz Druck auf die anderen Parteien erhö- Bonn hen, „endlich Regelungen zum Spon- Aachen Frankfurt Bam- soring in das Parteiengesetz aufzuneh- Mainz berg men“. Richtgrößen für die Bayreuth Darm- Würz- einzelnen Förderlinien, stadt Jahressummen burg Erlangen-Nürnberg Mannheim Graduiertenschulen Regensburg Saarbrücken Heidelberg 1,2 bis 3 Mio. € Karlsruhe Stuttgart Exzellenzcluster München JAKOB STUDNAR / DAPD 3,6 bis 9,6 Mio. € Tübingen LMU Ulm Elite-Unis TU Konstanz durchschnittlich 13 Mio. € Freiburg Quellen: Wissenschaftsrat, DFG Grünen-Parteitag SPIEGEL: Die Regierung will eine Kies- von der internationalen Bonität N O R D R H E I N -W E S T FA L E N abgabe erheben und Gebühren für die Deutschlands. Wenn der Bund aber „Reichlich viel Justiz erhöhen, genügt das? Färber: Viel wird das nicht ausmachen. mit „Deutschlandbonds“ auch explizit für die Schulden der Bundesländer Verträumtes“ Andere Deckungsvorschläge fallen in den Zuständigkeitsbereich der Bundes- regierung, da enthält der Koalitions- haftet, besteht das Risiko, dass die Ra- tings schnell abgesenkt werden. Dann steigen die Zinssätze für alle. Das ist Gisela Färber, 57, Pro- vertrag reichlich viel Verträumtes. derzeit nicht berechenbar und aus fessorin für Volkswirt- SPIEGEL: Zum Beispiel? meiner Sicht hochriskant. schaftslehre und Fi- Färber: Die Wiedereinführung der Ver- SPIEGEL: Finden Sie nichts Positives in nanzwissenschaft an mögensteuer und die Erhöhung der dem Koalitionsvertrag? der Universität Spey- Erbschaftsteuer. Ich sehe nicht, wie Färber: Doch, es gibt einige richtige KROHNFOTO.DE er, über die Spar-Ver- man die Probleme gleicher Bewertun- Ansätze. Es wird ausdrücklich auf das sprechen der neuen gen für verschiedene Vermögensarten Risiko von steigenden Zinsen für die- Landesregierung in lösen will. Die in Wahlkämpfen so po- ses hochverschuldete Land hingewie- Düsseldorf puläre Vermögensteuer bringt einen sen. Auch der Finanzierungsvorbehalt enormen bürokratischen Aufwand mit für alle neuen Ausgaben ist vernünf- SPIEGEL: Sie haben als Sachverständige sich, und ich habe ernsthafte Zweifel, tig. Ebenso die Umstellung von Förde- den letzten Haushaltsentwurf der dass sie vor dem Bundesverfassungsge- rungen auf Darlehen, was die Bayern NRW-Regierung kritisiert. Wie beurtei- richt überhaupt Bestand haben würde. übrigens schon seit den achtziger Jah- len Sie jetzt den demonstrativen Wil- SPIEGEL: Die neue NRW-Regierung for- ren so machen. Das sind Instrumente, len der Koalition zum Sparen? dert gemeinsame Anleihen von Bund aus denen ein Finanzminister etwas Färber: Die neue Regierung hat sich mit und Ländern. Lässt sich damit im machen kann. Er muss dies alles aber dem ausgeglichenen Haushalt bis 2020 Haushalt sparen? in ein mittel- bis langfristiges Haus- ein anspruchsvolles Ziel gesetzt. Wie Färber: Ich fürchte, dass ist eher kontra- haltskonzept umsetzen. Daran werden sie dahin kommen will, verrät der Ko- produktiv. Im Moment profitieren er und die ganze Landesregierung zu alitionsvertrag allerdings nicht. auch die hochverschuldeten Länder messen sein. 16 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland REGIERUNG Der Grabenkrieger Angela Merkels Kanzleramtschef Ronald Pofalla ist überfordert. Während die Kanzlerin immer mehr Aufgaben an sich zieht, verschreckt ihr Chefmanager mit seiner rauen Art die Koalition und stolpert von einem Fehler zum nächsten. Amtschef Pofalla, Kanzlerin Merkel: Er ließ sich nie dazu hinreißen, schlecht über die Chefin zu reden A uf zwei Menschen lässt Ronald zum Fiskalpakt. Und nach dem Rauswurf Fast jede Spitzenkraft der Regierung Pofalla nichts kommen: auf seine Norbert Röttgens wird deutlich dass die hat inzwischen eine Geschichte über Chefin Angela Merkel – und auf Verantwortung für die verkorkste Ener- Pofalla zu erzählen. Selbst die eigenen sich selbst. Kaum etwas liebt der Chef giewende auch in der Regierungszentrale Leute vertrauen kaum noch auf das Wort des Bundeskanzleramts so sehr wie ein liegt. des Kanzleramtschefs, auch das macht kräftiges Eigenlob. Parteifreunde erleben Noch nie in der Geschichte der Repu- die Arbeit im schwarz-gelben Bündnis so ihn als einen Mann, der mit sich im Rei- blik stand das Kanzleramt vor größeren schwierig. „Wenn man Pofalla die Hand nen ist. In seiner Welt ist Pofalla nicht Aufgaben, Merkel zieht immer mehr gibt, muss man hinterher schauen, ob sie nur ein brillanter Manager der Regie- Kompetenzen an sich, von ihren Entschei- noch dran ist“, sagt ein wichtiger Minister rungszentrale, sondern auch der Stratege, dungen hängt nicht nur das Schicksal des der Union. der den Plan für Merkels Sieg bei der Euro ab, sondern auch die Frage, ob die Das Regierungsbündnis mag noch so Bundestagswahl im kommenden Jahr Industrienation Deutschland in ein paar zerstritten sein, bei einem Punkt lässt sich schmiedet. Jahren noch zu halbwegs bezahlbaren ganz schnell Einigkeit herstellen – dass Es gehört zu den großen Talenten Preisen Strom produzieren kann. Pofalla eine Fehlbesetzung ist. „Wir ha- Pofallas, Kritik an sich und seiner Arbeit Merkel aber hat einen Chefmanager, ben keine Probleme mit den Inhalten un- auszublenden. Denn in Wahrheit läuft der Probleme selten löst und häufig neue serer Politik, sondern mit den Abläufen nur wenig rund im Kanzleramt, der Ma- schafft. Die Kanzlerin hat Pofalla vor und dem Management“, sagte CSU-Chef nager der Regierung ist mit seinen Auf- allem deshalb geholt, weil er bedingungs- Horst Seehofer jüngst im Kreis der Uni- gaben überfordert. Während ganz Europa los loyal ist. Nun fragen sich viele in der onsministerpräsidenten. wegen der Euro-Krise nach Berlin blickt, Koalition, ob diese Qualifikation aus- Der Chef BK sitzt an der zentralen verstolpert Pofalla die Verhandlungen reicht. Stelle der Regierung, alle Vorhaben wan- 18 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    einer Zweidrittelmehrheit durchBundes- tag und Bundesrat bringen kann. Die Opposition wiederum braucht das Ja zur Finanztransaktionsteuer, damit sie dem Vorwurf begegnen kann, sie folge Merkels Sparpolitik blind. Eigentlich waren sich Pofalla und die Opposition schnell über die Grundzüge der Finanz- transaktionsteuer einig. Für die Union ist sie hilfreich, weil sie das Ja der SPD zum Fiskalpakt in greifbare Nähe rückt. Die SPD wiederum kann behaupten, sie habe Merkel ein großes Zugeständnis abge- trotzt. Dass die neue Steuer bis zur Wahl im September 2013 nicht kommen würde, war allen Beteiligten klar, aber darüber sollte der Mantel des Schweigens gelegt werden. Dann aber plauderte Pofalla all- zu offensiv über die Finte, er wollte wie- der einmal zeigen, wie clever er die SPD übertölpelt hatte. Das Problem war nur, dass die Sätze Pofallas schnell den Weg in die Öffentlichkeit fanden (SPIEGEL 24/2012). Sofort meldeten sich zornige Opposi- tionspolitiker zu Wort. Thomas Opper- mann, der Parlamentarische Geschäfts- führer der SPD im Bundestag, klagte über die „parteitaktischen Winkelzüge“ des Kanzleramtschefs. Doch die Erregung war nur Theater. In Wahrheit freuten sich SPD und Grü- ne über Pofallas Fauxpas, seine Worte waren willkommener Anlass, die Preise für die Verhandlungen über den Fiskal- pakt in die Höhe zu treiben. „Ich bin nie- mandem so dankbar wie Herrn Pofalla“, lästert der SPD-Finanzexperte Carsten Sieling. Die Klagen über Pofalla sind so alt wie die schwarz-gelbe Regierung. Normaler- weise ist es die Aufgabe des Kanzleramts- HC PLAMBECK chefs, als ehrlicher Makler der Regierung zu arbeiten. Sein Vorgänger Thomas de Maizière beherrschte diese Aufgabe per- fekt. Zu Zeiten der Großen Koalition führte dern über seinen Schreibtisch. Er muss wie Kohls Waldemar Schreckenberger de Maizière für Merkel die Regierungs- sich um die Detailarbeit kümmern, damit oder Merkels Pofalla. zentrale, seine beamtenhafte Nüchtern- die Chefin nicht den Blick für die großen Natürlich ist der Kanzleramtschef auch heit kühlte selbst die Gemüter notori- Linien verliert. Es ist seine Aufgabe, immer ein dankbarer Sündenbock. Im scher Quertreiber wie Seehofer oder Sig- Kompromisse zu schmieden. Sein Büro Gegensatz zu den übrigen Ministern kann mar Gabriel. „De Maizière machte das im siebten Stock des Kanzleramts müsste er sich nicht mit Interviews und Talk- effektiv – und vor allem geräuschlos“, eine Art Ausnüchterungszelle für die show-Auftritten gegen Kritik wehren. sagt ein CDU-Ministerpräsident. „Davon Streithansel der Koalition sein. Und wenn etwas gut läuft, kassieren an- kann heute keine Rede mehr sein.“ Erfolgreiche Kanzleramtschefs zeich- dere das Lob. Er muss stumm bleiben. Pofalla kommt aus der Welt des partei- nen sich dadurch aus, dass sie still ihre Zudem würde es schon magische Kräfte politischen Grabenkriegs, vier Jahre lang Arbeit verrichteten. Wer erinnert sich erfordern, in Merkels Koalition des Zanks diente er als CDU-Generalsekretär, und noch an den braven Friedrich Bohl, der den Geist der Harmonie zu zaubern. in dieser Zeit hat er es sich zur Gewohn- für Helmut Kohl das Alltagsgeschäft ver- Das Problem ist nur, dass Pofallas Ge- heit gemacht, auch kleinste Gelände- sah, als dieser schon damit beschäftigt schick selten dazu ausreicht, auch nur gewinne zu großen Siegen seiner Partei war, nach dem Mantel der Geschichte zu kleine Kompromisse zu schmieden. In hochzujubeln. Das Bild des triumphieren- greifen? Ins Licht treten Kanzleramts- den vergangenen Tagen sollte er im Auf- den Parteipolitikers Pofalla hat sich so chefs nur, wenn sie die nächste Karriere- trag der Kanzlerin einen Konsens mit eingebrannt, dass ihm niemand mehr die stufe erklimmen, Frank-Walter Steinmei- SPD und Grünen über den Fiskalpakt und Rolle des neutralen Sachwalters der Re- er ist so ein Fall und Wolfgang Schäuble. die Finanztransaktionsteuer verhandeln. gierung abnimmt. Oder sie erregen Aufmerksamkeit, wenn Die Regierung benötigt die Zustimmung Dazu kommt, dass er nie gelernt hat, sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind der Opposition, weil sie den Pakt nur mit komplizierten Verhandlungen Struktur D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 19
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    Deutschland land wurden bessere Konditionen für gro- ße Solarparks zugesichert. Nur einen hatte Pofalla vergessen: Ber- lins CDU-Chef Frank Henkel. Der regiert in der Hauptstadt zusammen mit dem SPD-Mann Klaus Wowereit, und weil es anderen Ländern gelang, kurz vor der entscheidenden Abstimmung den Ber- liner Senat auf ihre Seite zu ziehen, scheiterte am 11. Mai das ganze Gesetz zur Kürzung der Solarförderung im Bundesrat. Das war nicht nur für die Regierung eine Blamage, denn die Solarförderung kostet die Verbraucher jeden Tag 20 Mil- lionen Euro. Auch Röttgen hatte den JULIAN STRATENSCHULTE / DAPD Schaden, denn die Schlappe in der Län- derkammer ereilte ihn zwei Tage vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. In der Vergangenheit hatte Merkel immer einen Mann, der die Defizite ihres Kanzleramtschefs ausglich. Wenn sich Umweltminister Altmaier: Dem Saarländer fehlt die Zeit, den Ausputzer zu spielen Pofalla mit seinem aufbrausenden Tem- perament wieder einmal verrannt hatte, und Richtung zu geben. Bei den Gesprä- es gewohnt ist, dass eine ganze Staats- bekam Peter Altmaier einen Wink von chen zum Fiskalpakt offenbarte sich die- kanzlei ihm zuarbeitet, konnte es kaum Merkels Leuten, die Dinge doch diskret ser Makel in aller Schärfe. Die Kunst des fassen. in die Hand zu nehmen. Kanzleramtschefs besteht darin, die Welt Der Kanzleramtschef rühmt sich zwar Der gemütliche Saarländer ist das Ge- der Politik mit der Welt der Verwaltung gern seines strategischen Weitblicks, doch genbild zu Pofalla, ihm würde es nie ein- in Einklang zu bringen. Es ist kein Zufall, mit der Realität hat das wenig zu tun. Bei fallen, einen renitenten Abgeordneten dass auf dem Posten Leute wie de Mai- den Verhandlungen zum Fiskalpakt un- wie Wolfgang Bosbach mit den Worten zière und Steinmeier erfolgreich waren, terschätzte er beispielsweise den Wider- abzubügeln: „Ich kann deine Fresse nicht die zuvor lange im Beamtenapparat ge- stand der Länder. mehr sehen.“ Der Satz Pofallas machte dient hatten. Der Vertrag verpflichtet Deutschland, auch deshalb so schnell die Runde, weil Pofalla aber hatte nie eine Verwaltung die öffentlichen Haushalte deutlich fast jeder in der Koalition schon einmal von innen erlebt, als er den Posten im schneller in Ordnung zu bringen, als es selbst erlebt hat, wie der Kanzleramtschef Kanzleramt übernahm. Das Kind eines die Schuldenbremse vorschreibt. Dass aus der Haut fährt. Fabrikarbeiters und einer Putzfrau hat viele Bundesländer angesichts leerer Kas- Als Parlamentarischer Geschäftsführer sich auf dem zweiten Bildungsweg nach sen nicht bereit sein würden, den Vertrag der Unionsfraktion hatte Altmaier noch oben gearbeitet. Er studierte erst Sozial- ohne Gegenleistung im Bundesrat pas- Zeit, den Ausputzer für Pofalla zu spie- pädagogik und anschließend Jura. 1990 sieren zu lassen, war jedem klar. Nur len. Nun ist er ins Umweltministerium zog er in den Bundestag ein und gehörte Pofalla nicht. Beim Termin der Unions- eingerückt, und da hat er alle Hände voll bald zu einer Gruppe junger Abgeordne- ministerpräsidenten mit der Kanzlerin am damit zu tun, die Energiewende wieder ter, die unter dem Muff der späten Kohl- vergangenen Donnerstagabend ergriff auf das richtige Gleis zu setzen. Zwar hat Jahre litt und die sich später um Merkel Pofalla entgeistert das Wort: Er hätte gern Pofalla noch Eckart von Klaeden an sei- scharte. Er ist ein lupenreiner Parteipoli- früher gewusst, dass alle Länder mehr ner Seite, der ihm zur Not aushelfen tiker. Geld vom Bund wollten. Die Minister- könnte. Aber den Staatsminister mit dem Jüngstes Opfer von Pofallas Überfor- präsidenten wunderten sich. Hatte nicht Bubengesicht nennen alle nur „Ecki“, derung war Seehofer. Am Sonntag vor Hessens Ministerpräsident Volker Bouf- und damit ist alles über seine Autorität einer Woche war der CSU-Chef mit den fier schon vor Wochen im CDU-Präsidi- gesagt. Unionsregierungschefs bei Finanzminis- um auf die knappe Finanzlage der Länder Natürlich könnte Merkel Pofalla aus- ter Schäuble, es ging um den Fiskalpakt. hingewiesen? wechseln. Dass sie die nötige Härte be- Später wurde er dazu bestimmt, die Er- Was Pofalla fehlt, ist das Gespür für sitzt, auch Männer vor die Tür zu setzen, gebnisse mit dem rheinland-pfälzischen das entscheidende Detail, und so wachsen die ihren Aufstieg begleiteten, hat die Ministerpräsidenten Kurt Beck von der sich kleine Fehler schnell zu einem poli- Kanzlerin eben erst bewiesen. Aber im SPD-Seite zu besprechen. tischen Debakel aus. Seit dem rüden Gegensatz zu Röttgen ließ sich Pofalla Doch als Seehofer zwei Tage später mit Rauswurf von Umweltminister Röttgen nie dazu hinreißen, schlecht über die Beck telefonierte, musste er feststellen, hat sich die Lesart eingebürgert, dass Chefin zu reden, und das, obwohl sie dass der Kollege von der SPD viel besser allein der unglückliche Minister die Ver- nicht immer sanft mit ihrem Kanzleramts- informiert war als er selbst. Zwischen- antwortung für die verkorkste Energie- chef umging. zeitlich hatten die Länderfinanzminister wende trägt. Dabei hatte Pofalla das Pro- Als vor einiger Zeit eine Runde bei mit Bundesfinanzminister Wolfgang jekt selbst ein Jahr lang schleifen lassen. Pofalla am späten Abend mit einem Schäuble getagt. Und eine weitere Ar- Als er sich dann im Frühjahr in die Ver- halbgaren Kompromiss auseinanderging, beitsgruppe von Parlamentariern aller handlungen um die dringend notwendige klappte Pofalla seine Akten zu und Parteien hatte sich mit Pofalla getroffen. Kappung der Solarförderung einschaltete, seufzte: „Jetzt muss ich mich dafür auch Beck war von allen Seiten ausführlich wollte er mit Zugeständnissen an alle Sei- noch von der Kanzlerin beschimpfen informiert worden, Seehofer jedoch nicht. ten den Widerstand der Länder brechen. lassen.“ Pofalla hatte es versäumt, ihn auf den Dem Osten versprach er eine sanftere SVEN BÖLL, MARKUS DETTMER, neuesten Stand zu bringen. Seehofer, der Kürzung der Subventionen, dem Saar- PETER MÜLLER, RENÉ PFISTER 20 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland SPI EGEL-GESPRÄCH „Die Menschen sollen entscheiden“ CSU-Chef Horst Seehofer, 62, hält einen Austritt Griechenlands aus dem Euro für verkraftbar, verbittet sich Ratschläge aus den USA und fordert, dass die Bürger in Zukunft duch Volksabstimmungen stärker an der Euro-Rettung beteiligt werden. SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, mit Spa- nien schlüpft zum ersten Mal ein euro- päisches Schwergewicht unter den Ret- tungsschirm. Für Italien wird es immer schwerer, sich frisches Geld zu besorgen. Und die Griechen meutern gegen harte Sparauflagen. Wie lange können Sie die Rettungspolitik der Kanzlerin den Wäh- lern noch vermitteln? Seehofer: Es ist in der Tat eine anspruchs- volle Kommunikation. Sie müssen erklä- ren, dass es in unserem nationalen Inter- esse liegt, dass die gemeinsame Währung überlebt. Und Sie müssen immer wieder zwei Dinge gegeneinander abwägen: den Wert der europäischen Integration und die nationalen Interessen. Der Euro sichert unsere Exportchancen und damit Arbeits- plätze. Auf der anderen Seite dürfen die Milliarden-Hilfen aber die wirtschaftliche Kraft unseres Landes nicht überfordern. SPIEGEL: Sie bestehen darauf, dass es Hil- fen nur gibt, wenn dafür Gegenleistungen erbracht werden. Die Realität ist doch längst eine andere. Spanien bekommt Milliarden für seine maroden Banken aus dem Rettungsschirm, muss im Gegenzug DIETER MAYR / DER SPIEGEL aber kaum Auflagen erfüllen. Das werden andere Länder als Präzedenzfall ansehen. Seehofer: Auch für Spanien gilt: Keine Hil- fe ohne Reformen. Wir zahlen nicht in ein Fass ohne Boden. Mir ist vor allem wichtig, dass die Hilfen nicht direkt an die Banken fließen, sondern an den spa- Ministerpräsident Seehofer, Demonstranten in Spanien: „Die Welt des Spekulationskapitalismus nischen Staat, der dafür haftet. Jetzt muss Spanien die Hilfen mit Auflagen für seine Kurs. Wir sind bereit zur solidarischen Gegenteil. Ich glaube, es wäre gefährlicher, Banken verbinden. Alles andere kann ich Hilfe, aber nur, wenn die Griechen mit die Griechen im Euro zu halten, wenn der den Bürgern in Bayern nicht vermitteln. ihren Reformen nicht nachlassen. So ein- Preis dafür ist, dass wir in eine Schulden- SPIEGEL: Warum nicht? fach ist das. union abdriften. Das würde für unsere Seehofer: Das europäische Beihilfeverfah- SPIEGEL: Wie lange geben Sie Griechen- Volkswirtschaft viel größere Probleme auf- ren für unsere Landesbank, die wir mit land noch? werfen als ein Austritt der Griechen. zehn Milliarden Euro retten mussten, liegt Seehofer: Im Juli braucht das Land neues SPIEGEL: Wann ist für Sie der Punkt er- gerade in den letzten Zügen. Wir werden Geld aus dem Rettungsschirm, und dafür reicht, an dem Deutschland den bisheri- strenge Auflagen bekommen. So müssen gibt es eindeutige Regeln. Die Troika gen Rettungsweg verlassen sollte? zum Beispiel die 33 000 Wohnungen ver- muss prüfen, ob die Voraussetzung für Seehofer: Es gibt eine rote Linie. Wenn kauft werden, und die Bank muss ihre die nächste Tranche gegeben ist. Wenn die Top-Note für Deutschlands Bonität Bilanzsumme halbieren. Wenn wir in nicht, endet die Hilfe. Dann kommt es gefährdet ist, können wir nicht weiter Bayern so gravierende Einschnitte hin- zum Schwur … neue Milliarden-Garantien gewähren. nehmen, kann das bei den spanischen SPIEGEL: … und der ganze Euro fliegt aus- Denn dann würde es für uns teurer, neue Banken nicht anders sein. einander. Kredite zu bekommen, und wir würden SPIEGEL: Griechenland steht am Abgrund. Seehofer: Nein, ich habe nie die These ver- unsere Wirtschaft gefährden. Deutsch- Soll das Land den Euro verlassen? treten, dass der Austritt eines Landes die land ist ein Hort der Stabilität in einer Seehofer: Die CSU und der Freistaat Bay- komplette Euro-Zone oder gar die euro- schwierigen Welt. Dabei muss es bleiben. ern haben in dieser Frage einen klaren päische Integration gefährden würde. Im Unsere Wirtschaftskraft reicht nicht aus, 22 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    um alle europäischenSchuldenländer mit- SPIEGEL: Die Brüsseler Planspiele hören SPIEGEL: Die Kanzlerin sagt: „Wir müssen zufinanzieren. Der Rettungssanitäter darf da aber nicht auf. Künftig sollen die Euro- Schritt für Schritt auch Kompetenzen an nicht selbst zum Patienten werden. Finanzminister neue Ausgaben genehmi- Europa abgeben.“ Das hört sich an, als SPIEGEL: Das heißt, Sie würden dann lie- gen müssen, wenn Staaten mit ihrem könnte am Ende einer solchen Entwick- ber den Patienten aus dem Notarztwagen Geld nicht auskommen. lung ein europäischer Bundesstaat stehen. rausschmeißen? Seehofer: Das wird uns nicht betreffen, Ist es das, was auch Sie wollen? Seehofer: Es ist niemandem geholfen, denn wir Deutschen kommen gar nicht Seehofer: Wer über bestimmte Kontroll- wenn keiner mehr versorgt werden kann. in so eine Situation – dank der Schulden- rechte hinaus Souveränitätsrechte an SPIEGEL: Zu den Lehren aus der Euro- bremse. Der Bund darf spätestens ab 2016 Brüssel übertragen will, stößt auf unseren Krise gehört, dass die EU-Mitglieder ihre nur noch in ganz geringem Umfang neue Widerstand. Ein europäischer Bundes- Finanz- und Wirtschaftspolitik stärker Schulden machen. Und uns Bayern tan- staat und alles, was in diese Richtung koordinieren müssen. Die vier Chefs der gieren die Brüsseler Pläne ohnehin nicht. geht, ist mit der CSU nicht zu machen. europäischen Institutionen arbeiten ge- Wir fangen als einziges Land in Europa Wir wollen keinen europäischen Finanz- rade an einem Vorschlag, wonach die gerade damit an, sogar alte Schulden zu- minister, und wir wollen keinen europäi- schen Wirtschaftsminister. SPIEGEL: Das sehen in der Bundesregie- rung viele anders, allen voran der Bun- desfinanzminister. Seehofer: Wer so weit gehen möchte, müsste das deutsche Volk befragen. Ich will, dass die Menschen in Zukunft stär- ker an der Entscheidung über europäi- sche Fragen beteiligt werden. Wir müssen das Grundgesetz so ändern, dass künftig in drei Fällen Volksbefragungen zwin- gend vorgeschrieben werden: wenn wei- tere Kompetenzen an Brüssel übertragen werden sollen; wenn die EU neue Mit- glieder aufnehmen will; und wenn neue Hilfsprogramme in der Euro-Krise aufge- legt werden sollen, die über die bisheri- gen Rettungsschirme hinausgehen. SPIEGEL: Sie wollen also, dass die Bürger zustimmen müssen, falls der deutsche Ga- rantierahmen erhöht werden müsste? Seehofer: So ist es. Die Menschen sollen entscheiden. Und da ich weiß, dass es in der Politik Widerstände gegen Volksab- stimmungen gibt, werden wir das in unser CSU-Wahlprogramm schreiben. Dann kann die Bevölkerung darüber abstim- men – bei der Bundestagswahl. Es geht mir ja nicht um jedes neue Hilfspaket aus EMILIO MORENATTI / AP dem bestehenden Rettungsschirm. SPIEGEL: Worum geht es Ihnen dann? Seehofer: Wenn sich der Rahmen für die finanziellen Zusagen Deutschlands erwei- tert, sollten wir die Menschen in unserem ist zusammengebrochen“ Land nach ihrer Meinung fragen. Das Re- ferendum in Irland hat doch gezeigt, dass Gruppe der Euro-Finanzminister neue rückzuzahlen. Bis 2030 wird Bayern kom- die Menschen verantwortungsbewusst Schulden der Mitglieder in Zukunft ge- plett schuldenfrei sein. mit europäischen Fragen umgehen kön- nehmigen müsste. Halten Sie das für sinn- SPIEGEL: Finanziert werden sollen die neu- nen. Wer Europa gut erklärt, muss keine voll? en Schulden in Europa wohl mit Euro- Angst vor der Bevölkerung haben. Seehofer: Ich bin ausdrücklich für strikte Bonds. SPIEGEL: Deutschland steht in der Welt Regeln und Kontrollmöglichkeiten für Seehofer: Ich wusste doch, dass ein Vor- ziemlich allein da, wenn es darauf drängt, eine Stabilitätsunion. Wenn im Euro- schlag aus Brüssel fast immer einen Haken dass gespart wird. In den angelsächsischen Raum einzelne Länder jahrelang mit fal- hat. Ich bin ein strikter Gegner jeder Art Ländern hält man eine andere Politik für schen Zahlen operiert haben, dann liegt der Vergemeinschaftung von Schulden. richtig: schuldenfinanzierte Wachstums- es auf der Hand, die Kommission mit In- Die Euro-Krise ist im Kern eine Schulden- programme, eine Vergemeinschaftung strumenten auszustatten, die das in Zu- krise. Wir lösen sie nicht dadurch, dass es von Schulden durch Euro-Bonds und di- kunft verhindern. Und wenn man weiß, noch attraktiver wird, Schulden zu ma- rekte Hilfen für marode Banken. dass die nationalen Bankenaufseher man- chen. Deshalb bin ich auch gegen einen Seehofer: Ich glaube nicht, dass wir uns cher Staaten zu lasch sind, ist eine euro- Schuldentilgungsfonds, wie ihn die Oppo- von den Amerikanern Belehrungen ge- paweite Bankenaufsicht für bestimmte sition bei den Verhandlungen zum Fiskal- fallen lassen müssen, schon gar nicht, große systemrelevante Institute richtig. pakt fordert. Ich bin jetzt 40 Jahre in der wenn es um solide Finanzpolitik geht. Ei- Es kann aber keine neuen Entscheidungs- Politik, und meine Erfahrung ist stets die nen Rat sollte nur erteilen, wer selbst gut regeln ohne die erforderliche demokrati- gleiche: Nur die finanziell Soliden sind dasteht. Die angelsächsischen Länder sche Legitimation geben. auch die wirtschaftlich Starken. sind schlechte Ratgeber in der Krise. Ihr D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 23
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    Deutschland Modell des totalenMarktes hat in den uns wirtschaftlich wieder bessergeht. USA und in England zur Deindustriali- Doch dieser zweite Schritt erfolgt nie. sierung ganzer Landstriche geführt. War SPIEGEL: Hollande hat mit dem Verspre- das gut? Nein, es war bloß modisch. Das chen einer wachstumsorientierten Politik Recht des Stärkeren, pure Gewinnmaxi- die Wahl gewonnen. Jetzt war die SPD- mierung, reine Renditeoptimierung – so Troika bei ihm zu Gast. Demnächst wer- ein Denken hat zur Finanzkrise geführt. den Sie diese Auseinandersetzung auch Diese Welt des Spekulationskapitalismus im eigenen Land führen müssen. ist zusammengebrochen. Seehofer: Stimmt. Ich erwarte bei der SPIEGEL: Manche Ökonomen kommen zu Wahl 2013 eine scharfe Auseinanderset- einem ähnlichen Ergebnis wie die USA. zung mit den Sozialdemokraten in der Sie sagen, Deutschland sei auch deshalb Finanzpolitik. Da steht dann Verschul- so gut durch die Krise gekommen, weil dung gegen Stabilität und Steuererhö- ganz Südeuropa unsere Autos und Ma- hung gegen Steuersenkung. Das sind zen- schinen gekauft und sich dafür verschul- trale Unterschiede. SPD-Chef Sigmar Ga- det habe. briel will den Spitzensteuersatz und die Seehofer: Das ist Unsinn. Wir Deutschen Erbschaftsteuer erhöhen und dazu die stehen in erster Linie deshalb so gut da, Vermögensteuer wieder einführen. Das weil wir Reformen durchgezogen haben. ist eine Strafe für all die Mittelständler, Dafür gab es 2005 sogar einen Regierungs- ohne die wir die Wirtschafts- und Finanz- wechsel. Sagen Sie mir ein anderes Land, krise nie so gut überstanden hätten. SPIEGEL: Nicht überall sind die Fronten so klar. Bei der Finanztransaktionsteuer sind Sie sich mit der SPD einig – und Kanzler- amtschef Ronald Pofalla bremst. Seehofer: Die Finanztransaktionsteuer kommt, und zwar möglichst noch in die- ser Legislaturperiode. Wenn Sie zwei Drittel der Stimmen im Bundestag für den Fiskalpakt brauchen, dann sind Sie DIETER MAYR / DER SPIEGEL gut beraten, wenn sich zwei Drittel der unterschiedlichen Auffassungen in einem Kompromiss wiederfinden. SPIEGEL: Halten Sie die Finanztransaktion- steuer inhaltlich für gerechtfertigt? Seehofer: Ja, warum denn nicht? Sie zahlen Seehofer, SPIEGEL-Redakteure* für jede Kaffeemaschine eine Umsatzsteu- „Dann geht Deutschland eben voran“ er. Einen normalen Bürger, der Wertpa- piere hält, wird die Steuer wenig tangieren. wo es ohne den Druck der Finanz- oder Aber die Institute, die im Sekundenrhyth- Schuldenkrise jahrelang Nullrunden für mus Milliarden um den Globus jagen, be- Rentner gab, wo über gut zehn Jahre die trifft sie. Und das soll auch so sein. Tarifabschlüsse für Arbeitnehmer mit SPIEGEL: Eine Kaffeemaschine müssen Sie Kaufkraftverlusten endeten, wo die Le- im Laden abholen, während Sie Börsen- bensarbeitszeit verlängert und im Ge- geschäfte notfalls auch in Singapur abwi- sundheitssystem mehr Selbstbeteiligung ckeln können. Deshalb fordert die FDP, eingeführt wurde. Die These, die Deut- dass alle EU-Länder eine solche Steuer schen muteten anderen jetzt so viel zu, einführen sollen. während sie selbst dazu nicht willens und Seehofer: Wer die Finanztransaktionsteuer in der Lage seien, ist grundfalsch. nur dann will, wenn alle EU-Mitglieder SPIEGEL: Auch unsere Nachbarn, die Fran- sie beschließen, will sie in Wahrheit über- zosen, gehen auf Distanz zu den Deut- haupt nicht. Dann soll er das ehrlich sa- schen. Mit François Hollande hat das gen. Ich fände es ideal, wenn sich eine Land einen Präsidenten, der sich als Ge- bestimmte Zahl an Euro-Ländern bereit- genmodell zur deutschen Kanzlerin ver- finden würde, diese Steuer einzuführen, steht. Er will Euro-Bonds einführen und und sich dann untereinander abstimmen Wachstum durch Schulden finanzieren. würde, wie hoch sie sein und für welche Seehofer: Überrascht Sie das? Das ist doch Geschäfte sie gelten soll. seit vielen Jahrzehnten die herrschende SPIEGEL: Und wenn es dazu nicht kommt? Lehre bei Sozialisten wie Sozialdemokra- Seehofer: Dann gehen wir Deutschen ten. Sie wollen Wachstumspolitik mit De- eben mit gutem Beispiel voran. Es wäre fiziten betreiben. Egal, ob François Hol- doch nicht zum ersten Mal. Als das blei- lande oder meine Kollegin Hannelore freie Benzin und der Katalysator in Kraft in Düsseldorf – da sind sie alle Deutschland eingeführt wurden, haben gleich. Sie sagen: Wir zahlen die Schul- viele den Untergang der deutschen Au- den in einigen Jahren zurück, wenn es toindustrie prophezeit. Stattdessen be- gann ein beispielloser Siegeszug. * Peter Müller und Konstantin von Hammerstein in der SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir dan- Bayerischen Staatskanzlei. ken Ihnen für dieses Gespräch. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 25
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    Deutschland Paris-Besucher Gabriel, Steinbrück, Steinmeier Ein kleiner Triumph Schulden durch Euro-Bonds vergemein- schaftet werden? Die SPD ist gespalten. Die Linke ist dafür, als Ausdruck euro- päischer Solidarität. Der Rest ist dagegen, weil es doch nicht sein könne, dass die Deutschen für Versäumnisse der anderen Europäer am Ende zahlen müssten. Wie tief die Gräben sind, ließ sich am vergangenen Dienstag beobachten. Da trafen sich die SPD-Realos, die Seehei- mer, zur Spargelfahrt auf dem Berliner Wannsee. Im Schummerlicht der „MS Ha- vel Queen“ ist man noch stolz auf die Agenda 2010. In diesen Kreisen gilt Peer Steinbrück als Held; er lieferte wunschgemäß. Die SPD solle sich nicht „aus proeuropäischer Passion in eine Falle locken lassen“, warn- te er, man solle nicht eine „sehr unkriti- sche Vergemeinschaftung aller Risiken MAURICE WEISS / DER SPIEGEL dem deutschen Steuerzahler als Lösung für unsere europäische Vision präsentie- ren“. Mit seiner Haltung steht Steinbrück nicht allein. Der Wunsch der Parteilinken nach einer Vergemeinschaftung europäi- scher Schulden gilt gerade den Pragmati- kern als Träumerei. das weite Feld der „Demokratie“ im Spe- Schon vor einigen Wochen meldete SPD ziellen und im Allgemeinen. sich Ex-Parteichef Franz Müntefering in Flucht ins Ein Thema allerdings fehlt in der lila- der Bundestagsfraktion zu Wort und farbenen Broschüre: Europa. Der zentra- warnte vor zu viel Nähe zum französi- len politischen Herausforderung dieser schen Präsidenten François Hollande, der Gedöns Tage wollen sich die Sozialdemokraten sich für Euro-Bonds stark gemacht hatte. im Wahlkampf möglichst nicht aktiv „Es darf keinen Automatismus geben“, stellen. Die Zukunft des Kontinents läuft sagte Müntefering. Auch er ist gerngese- als Sonderthema, bei dem es nichts zu hener Gast bei den Seeheimern. Die SPD-Spitze weiß keine holen gibt. Für Parteilinke sind die Thesen aus Antwort auf die Europa-Politik „Europa wird die Wahl nicht entschei- dem Steinbrück-Lager pure Provokation. der Kanzlerin. In ihrer Not den“, sagt Garrelt Duin, wirtschaftspoli- Der schleswig-holsteinische Landesvor- tischer Sprecher der SPD-Bundestagsfrak- sitzende Ralf Stegner vergleicht den Fis- suchen die Genossen nun in der tion. „Entscheidend sind die Portemonnaie- kalpakt mit einem „Raubtierkäfig, den Innenpolitik ein Gewinnerthema. Themen: Steuern, Löhne, Energiepreise.“ man öffnet“. Wenn man das Tier nicht Und Sachsen-Anhalts SPD-Chefin Katrin domestiziere, „frisst es einen auf“. Und A ls die großen, drängenden Fragen Budde glaubt, in der Innenpolitik sei man der Bremer SPD-Bundesvorstand Carsten nach der Zukunft Europas am ver- eben „freier“ und müsse „nicht immer Sieling sagt: „Euro-Bonds müssen ein gangenen Montag ausdiskutiert Kompromisse suchen“. Thema bleiben.“ waren, wandte sich der SPD-Vorstand Die Flucht ins „Gedöns“ (Gerhard Die Ratlosigkeit in der Europafrage endlich den noch größeren, noch drän- Schröder) ist Ausdruck der tiefen Hilflo- reicht bis in die Parteispitze. Zunächst genderen Problemen zu. sigkeit, die Sigmar Gabriels Sozialdemo- waren die Ober-Genossen noch Feuer Das Ende der Sitzung war fast erreicht, kraten erfasst hat. Wie sollen sie bloß und Flamme für die „begrenzte Einfüh- einige Teilnehmer hatten den Raum im gegen die Kanzlerin punkten? Angela rung von europaweiten Anleihen auf mitt- fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses Merkel dominiert die Europapolitik, als lere Sicht“, so Steinmeier und Steinbrück schon verlassen, da zückte die General- Krisenmanagerin wird sie von der eige- Ende 2010 in der „Financial Times sekretärin eine neue Hochglanzbroschüre nen Bevölkerung geschätzt. Über die Deutschland“. Ähnlich äußerte sich Ga- im aktuellen SPD-Lila, ein erstes Produkt Grenzen Europas gilt sie als die mächtigs- briel. Mittlerweise will man von den in Sachen Bundestagswahlkampf. te Frau des Kontinents und wird respek- Bonds nichts mehr wissen. „Mit diesen Themen wollen wir ab tiert wie gefürchtet. Dennoch sprechen die ungleichen drei Herbst die Bürgerdialoge starten“, sagte Und die SPD? Tritt bei allen wichtigen selten in einer Tonlage. Während Stein- Andrea Nahles und präsentierte sechs Terminen im Dreierpack auf. Dabei gilt brück vor der Vergemeinschaftung von Punkte, bei denen die SPD „alle Kanäle die Troika aus Parteichef Gabriel, Frak- Schulden warnt, gibt sich Gabriel offener. auf Empfang“ stellen will. tionschef Frank-Walter Steinmeier und Euro-Bonds stünden zwar im Moment Im September starten die Bürgerdialo- Ex-Finanzminister Peer Steinbrück längst nicht an, sagt er, „aber der Schuldentil- ge zur „Familienpolitik“, später folgen als Auslaufmodell. gungsfonds ist doch ein Euro-Bond“. Und die Themen „Bildung“ und „Arbeit“, Zudem hat die Partei Mühe, sich in eu- dieser Fonds, mit dem die Altschulden dann „Verbraucherschutz“, ab November ropapolitischen Fragen auf eine gemein- der Mitgliedsländer gemeinsam getilgt schließlich „Soziale Gerechtigkeit“ und same Linie zu einigen. Sollen Europas werden könnten, sei schließlich ein Vor- 26 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland schlag des Sachverständigenratsder Bun- desregierung. Gabriel will es allen recht machen: den Parteilinken, die gelegentlich ihren Lieb- lingsbegriff hören sollen; und den Wäh- lern, denen er signalisiert, dass es Euro- Bonds allenfalls in fernster Zukunft geben werde. Weil aber auch ein Schuldentil- gungsfonds nicht beliebt ist, muss der Sach- verständigenrat als Argument herhalten. Pech für die SPD, dass Merkel in die- sem Punkt eindeutig ist. Sie ist gegen die Vergemeinschaftung von Schulden. Und liegt damit voll auf Linie der Wähler. Um wenigstens ein paar schöne Bilder zu liefern, hatte SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks einige tausend Euro springen lassen, um die Troika vergange- nen Mittwoch per Chartermaschine nach Paris zu fliegen. Ein kleiner Triumph: François Hollande empfing die drei vor Angela Merkel im Elysée-Palast. Gut eine Stunde lang unterhielt sich der Präsident mit den Gästen aus der deutschen Opposition. Um die Kanzlerin nicht zu sehr zu brüskieren, verzichtete Hollande auf die gemeinsame Pressekon- ferenz. Stattdessen quetschten sich die drei Sozialdemokraten neben dem Präsi- denten und seiner Gefolgschaft die Trep- pen im Elysée herunter, damit wenigstens jeder von ihnen aufs Bild kam. Doch der Auftritt stieß bei den Genos- Baustelle Berliner Großflughafen „Willy Brandt“, Bauherr Wowereit: Bereits 2007 errechnete ein sen nur auf mäßige Zustimmung. „Inter- essant, dass da ein einfacher Abgeordne- ter mitfahren darf“, witzelte ein Parteilin- ker über Steinbrück. „Der Effekt der Troi- H AU P T S TA D T Die Bruchpiloten ka verbraucht sich“, warnt auch Bundes- vorstandsmitglied Stegner. „Wir brauchen keine monatelangen Troika-Festspiele.“ Die Groß-Genossen reagieren auf die Zweifel inzwischen mit Zynismus. Ob die drei wirklich gemeinsam im Kleinflug- Nach Planungsfehlern und Brandschutzmängeln droht beim zeug nach Paris flögen, wollte auf der neuen Berliner Großflughafen nun auch ein finanzielles Debakel: Spargelfahrt ein SPD-Mann von Steinmei- er wissen. Der konterte: Der Fragende Der Eröffnungstermin im März 2013 ist in Gefahr. hoffe doch wohl nicht, „dass sich die Troi- D ka-Frage auf diese Weise erledigt“. Als ie Schrift auf den mannshohen rund 70 000 Passagiere pro Tag abfertigen Gewinnerkonstellation sieht offenbar Flachbildschirmen ist gestochen sollte, wirkt, als hätten Bruchpiloten aus auch Steinmeier die Troika nicht mehr. scharf. Nichts flackert. Zeile für der Ära „Tollkühne Männer in ihren flie- Eher ist sie ein Schutz, damit die Schwä- Zeile rücken neue Flüge nach: 15.00 Uhr, genden Kisten“ das Management über- chen des Trios gegenüber der Kanzlerin Air Berlin 8308 nach Helsinki, 15.05 Uhr, nommen. An diesem Freitag werden die nicht zu deutlich werden. Lufthansa 2737 nach Düsseldorf, 15.10 Regierungschefs von Berlin und Branden- Als im Vorstand vorigen Montag über Uhr, Air Baltic 218 nach Riga. 30 Starts burg, Klaus Wowereit und Matthias Platz- die Wahlkampfthemen diskutiert wurde, in einer Stunde, alle pünktlich. eck (beide SPD), im Aufsichtsrat ihrer hatten die ersten Genossen schon wieder Am internationalen Berliner Flughafen Flughafengesellschaft die Reste ihrer Vi- Zweifel am Sechs-Punkte-Plan der Gene- „Willy Brandt“ läuft der Verkehr reibungs- sion besichtigen. Nach Planungschaos und ralsekretärin. War es nicht doch ein wenig los – jedenfalls auf den Bildschirmen im technischem Versagen droht nun auch läppisch, womit die SPD antreten wollte? brandneuen Terminal. Sie zeigen fiktive noch ein finanzielles Debakel. Konnte man den Verbraucherschutz nicht Starts und Landungen an, doch sie sind Allein der Weiterbetrieb der Alt-Flug- wenigstens durch „Wirtschaft“ ersetzen? so ziemlich das Einzige, was am Airport häfen Tegel und Schönefeld wird vermut- Und ganz hat man die Hoffnung noch funktioniert. Im Check-in-Bereich hängen lich 150 Millionen Euro kosten. Mietaus- nicht aufgegeben, dass die Euro-Krise am Kabel aus der Decke, vor der Air-Berlin- fälle im Flughafenhotel, im benachbarten Ende vielleicht doch die gefürchtete Lounge türmt sich Bauschutt, im Sanitär- Bürokomplex Airport Center und entgan- Kanzlerin mit sich reißt. „Wenn die Krise bereich ragen Rohre aus den gefliesten gene Parkgebühren sorgen wohl für ein auch im kommenden Jahr weitergeht“, Wänden, Waschbecken und Toiletten weiteres Minus von etwa 80 Millionen macht sich Gabriel Mut, „dann reden wir fehlen. Euro. Hinzu kommen nicht eingeplante auch im Wahlkampf über Europa.“ „Europas modernster Flughafen“ (Eigen- Kostensteigerungen beim Terminalbau GORDON REPINSKI werbung), der eigentlich seit dem 3. Juni und beim Lärmschutz sowie bislang un- 28 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    80,13 Zinswetten über 20 Jahre ab, die eigent- lich die Finanzierung absichern sollten. Nach anfänglichen Gewinnen rauschten 19,42 diese sogenannten Swap-Geschäfte spek- 2006 2007 2008 2009 2010 2011 takulär ins Minus (siehe Grafik). Um zu- künftige Swap-Risiken zu vermeiden, –27,59 zahlte die Flughafengesellschaft im März –51,62 in einer Art Vergleich an die Banken 28 Bruchlandung Millionen Euro. Zugleich stiegen die Ausgaben für das Marktwert der Zins-Swaps –106,32 neue Terminal dramatisch. Statt 620 Mil- zur Finanzierung des lionen Euro soll es nun mehr als doppelt Flughafens Berlin Brandenburg, so viel kosten, wie Ministerpräsident in Mio. Euro Platzeck kürzlich im Landtag einräumte. –214,50 Dabei musste auch dieser Preisanstieg lange bekannt gewesen sein. Bereits im November 2007 hatte ein Gutachter im KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPD (L.); CARSTEN KOALL / GETTY IMAGES (R.) Auftrag von HochTief errechnet, dass mit diesem Budget „weder die gestellten quantitativen (Fläche) noch die gestellten qualitativen (Ausbaustandard) Anforde- rungen“ erfüllt werden könnten. Nach ei- ner Analyse der Baukosten für andere Terminals in Deutschland und Europa schätzte der Gutachter „die mittleren Ge- samtbaukosten“ auf über eine Milliarde Euro. Er sollte recht behalten. Nun fehlt das Geld. Nur 111 Millionen Euro standen laut Protokoll der Aufsichts- ratssitzung vom 9. Dezember 2011 zuletzt noch zur freien Verfügung. Kritische Wortmeldungen der Aufsichtsratsmitglie- Gutachter, dass das Budget nicht reichen wird der enthält das Protokoll hier nicht – auch nicht von Chef Wowereit. kalkulierbare Schadensersatzforderun- nem schicken Hauptbahnhof endlich auch Derzeit durchforsten Prüfer des Be- gen: Air Berlin musste ihr Drehkreuz- einen futuristischen Airport bekommen, ratungsunternehmens Pricewaterhouse- modell kurzfristig stoppen, die Deutsche um der Welt zu zeigen, was eine moderne Coopers die Bücher der Flughafengesell- Bahn hat täglich Geisterzüge zu betrei- Metropole ist. Auf einen Finanzchef ver- schaft nach weiteren Risiken und Rechen- ben, um den Flughafentunnel zu belüften. zichtete die Flughafengesellschaft: Diese fehlern. Um jeden Preis, das wissen alle Auch viele kleine Geschäftspartner be- Aufgabe übernahm der damalige Baulei- Beteiligten, muss die Flughafengesell- klagen Einbußen. ter, ein ehemaliger Manager des Baukon- schaft zahlungsfähig bleiben. Aber wie? Nach der peinlichen Brandschutzaffäre zerns HochTief, nebenbei. Frisches Kapital von Bund und Län- steht die Flughafengesellschaft nun vor Damit die Arbeiten rasch beginnen dern müssten zuvor die jeweiligen Parla- dem finanziellen Offenbarungseid. Bei konnten, borgte sich die Flughafengesell- mente genehmigen, nach zeitraubenden Mehrkosten von mehreren hundert Mil- schaft im Juli 2006 von einem Banken- Verhandlungen über entsprechende Nach- lionen Euro droht ihr ohne schnelle Hilfe konsortium unter Führung der Commerz- tragshaushalte. Weil der neue Flughafen vom Steuerzahler womöglich die Zah- bank 350 Millionen Euro – ein Kredit mit in Konkurrenz zu anderen europäischen lungsunfähigkeit. „Ohne Klarheit bei den kurzer Laufzeit und hohem Zinsrisiko. Drehkreuzen stehen wird, müsste die EU- Kosten ist die Eröffnung im März 2013 Knapp drei Jahre später war die Finan- Kommission die neuen Finanzspritzen ab- nicht zu halten“, warnt Ramona Pop, zierung endgültig geklärt, allerdings an- segnen. Ob die Wettbewerbshüter zustim- Fraktionsvorsitzende der Grünen im Ber- ders, als es Platzeck und Wowereit erwar- men, ist unklar, ebenso, wie lange das liner Abgeordnetenhaus. tet hatten. Mitten in der Finanzkrise im Genehmigungsverfahren dauert. Jetzt rächt sich, dass Politiker und Ma- Herbst 2008 waren die Banken zu Kredi- Wohl auch deswegen wird in Potsdam nager vom neuen Flughafen alles zugleich ten nur noch bereit, wenn Bund, Berlin und Berlin über Alternativen nachge- erwarteten: Repräsentativ sollte er sein, und Brandenburg eine nahezu alles um- dacht. Diskutiert werden etwa „Flugha- schnell gebaut und vergleichsweise billig. fassende Staatsgarantie leisten. fenanleihen“, die von den Bürgern erwor- Nur 430 Millionen Euro mochten Ber- Im Eilverfahren mussten nun die Land- ben werden könnten: als eine Art Notop- lin, Brandenburg und der Bund selbst be- tage in Potsdam und Berlin sowie der fer für den Flughafen „Willy Brandt“. reitstellen, als sie vor sechs Jahren mit Bundestag einer 100-Prozent-Bürgschaft Immerhin eine Einnahmequelle könnte den Bauarbeiten am Standort Schönefeld zustimmen. Statt der anfangs geplanten noch sprudeln – auch wenn sie erst in fer- begannen. Den Rest des zunächst auf 430 Millionen Euro müssen die öffentli- ner Zukunft angezapft werden kann: zwei Milliarden Euro kalkulierten Pro- chen Gesellschafter nun zusätzlich für ei- Nach 15 Jahren, so soll intern vereinbart jekts wollte die Flughafengesellschaft aus nen Kreditrahmen in Höhe von 2,4 Mil- sein, darf die Flughafengesellschaft die Eigenmitteln und mit privatem Kapital fi- liarden Euro garantieren. Rechte für den Airport-Namen an Unter- nanzieren – das Vertrauen in die Märkte Wie bei der Bauplanung im Allgemei- nehmen verkaufen. Der Schriftzug „Willy war damals, 2006, noch grenzenlos. nen und beim Brandschutz im Besonde- Brandt“ würde dann entfernt – und, wie Bevor die eigentliche Finanzierung ren häuften sich auch bei der Budgetie- bei Fußballstadien üblich, durch das Logo stand, rollten bereits die Bagger an. Geld rung Fehler und Tricksereien. So schlos- einer zahlungskräftigen Marke ersetzt. spielte keine Rolle, Berlin wollte nach sei- sen die Flughafenmanager 2006 riskante SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 29
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    Deutschland Aber gilt das auch für eine Bundesmi- nisterin Roth? Die gelernte Dramaturgin GRÜNE ist das letzte rote Tuch, das die Grünen Das letzte rote Tuch dem Rest der Gesellschaft noch hinhalten können. Roth ist kein Outfit zu bunt und kein Auftritt zu schrill. Ihre Kleider bei Anlässen wie den Wagner-Festspielen in Bayreuth sind so berüchtigt wie ihre Trä- Parteichefin Claudia Roth will grüne Spitzenkandidatin für nenausbrüche vor der Kamera. Wie ein die Bundestagswahl werden. Im Falle einer Regierungsbeteiligung „Eichhörnchen auf Ecstasy“ sei Roth, sag- te Harald Schmidt einmal. könnte sie sogar zur Außenministerin aufsteigen. Doch das ist nur die eine Seite der Claudia Roth. Auf der anderen Seite hat Roth das Feld der internationalen Politik so lange und intensiv beackert wie we- nige deutsche Spitzenpolitiker. Seitdem Trittin im vergangenen Jahr sein Interesse für den Posten des Finanzministers erken- nen ließ, stößt Roth noch stärker in die Räume, die er lässt. Als Fischer 1998 Außenminister wur- de, spottete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, seine Auslandserfahrung be- stehe im Wesentlichen aus einer Hoch- zeit im schottischen Gretna Green und Urlaubsreisen in die Toskana. Bei Roth fällt das Spotten schwerer. Sie saß von 1989 an fast zehn Jahre im Europaparla- ment, sie war Menschenrechtsbeauftrag- te der Bundesregierung und gilt als aus- gewiesene Kennerin der Türkei, wo sie ein Haus besitzt. Anders als Fischer reist Roth nicht zu den klassischen Bündnispartnern in Wa- shington und Paris, um dort in den Think- Tanks über strategische Fragen zu sinnie- ren. Sie geht dahin, wo es knallt und stinkt. Sie besuchte in den vergangenen Jahren Länder wie Afghanistan, Iran, den HANNIBAL HANSCHKE / DPA Irak, Syrien, Nordkorea, Kolumbien oder wie vor zwei Wochen noch Libyen. Dabei geht sie bisweilen sehr unkon- ventionell vor. Zu Besuch bei den Mul- lahs in Iran trug sie ein grünes Kleid. Das Außenpolitikerin Roth*: Die Wahl 2013 ist ihre letzte Chance ist dort die Farbe des politischen Wider- stands, ein Affront gegen das Regime. G leich nach der Ankunft auf dem Über die Ambitionen der Vorsitzenden Protokollbeamte legten der Besucherin Flughafen Tripolis wird die Dele- gibt es in der Partei keinerlei Zweifel. nahe, sie müsse sich umziehen, sonst gation in den VIP-Bereich ge- Roth will ein Ministeramt oder etwas könne der Kulturminister sie nicht emp- bracht. Vier sportliche junge Männer in Gleichrangiges, falls Rot-Grün regiert. fangen. Roth weigerte sich, für sie als Zivil warten dort, sie bilden das Kom- Ihre Stärke und Erfahrung liegen im Be- Grünen-Chefin sei das Tuch gewisser- mando des Bundeskriminalamts. Einer reich der internationalen Beziehungen, maßen „Dienstkleidung“. Man ließ sie fragt die Büroleiterin von Claudia Roth, dort gibt es eine überschaubare Zahl von gewähren. ob die „Frau Ministerin“ jetzt so weit sei. Posten, die in Frage kämen: das Auswär- Zu Ostern war sie im Irak, als persön- Frau Ministerin? So weit ist es noch tige Amt, das Entwicklungsministerium, licher Gast des Staatspräsidenten Dscha- nicht, da hat der Beamte den Ereignissen vielleicht ein Job als deutsche EU-Kom- lal Talabani. Das BKA wollte die Reise etwas vorgegriffen. Aber falls die Grünen missarin. Roth lässt nicht erkennen, wel- verbieten, zu gefährlich. Dann sollten nach der Bundestagswahl 2013 an der Re- cher Job ihr der liebste wäre, aber eines acht Beamte als Leibwächter mitgehen. gierung beteiligt werden sollten, steht die weiß sie genau: Die Wahl 2013 ist ihre Am Ende reiste Roth ohne BKA durchs 57-Jährige in der ersten Reihe der Anwär- letzte Chance, endgültig in die allererste Land, sie vertraute auf die Leibwache ih- ter auf einen Kabinettsposten. Schließlich Reihe der deutschen Politik aufzurücken. res Gastgebers. In Bagdad besuchte sie ist sie nicht nur seit mehr als zehn Jahren Sie will sie nutzen. am Ostersonntag eine christliche Messe. Parteivorsitzende, mit einer kurzen Un- Seit Joschka Fischer haben sich die Die Mitglieder der schrumpfenden Ge- terbrechung. Sie hat auch gute Chancen, Deutschen an den Gedanken gewöhnt, meinde in dem islamischen Bürgerkriegs- im Herbst neben Fraktionschef Jürgen dass die ehemals systemkritischen Grü- land trauten kaum ihren Augen. Trittin zur Spitzenkandidatin ihrer Partei nen das Land mitregieren können. Die Roths Schwerpunkt liegt auf Men- gekürt zu werden. Spekulation, dass nächstes Jahr Trittin schenrechtsfragen, doch nun denkt sie Finanzminister werden könnte, löst we- bei ihren Reisen auch an die Belange der * Anfang Juni in einem Flüchtlingslager in Tunesien. der Kapitalflucht noch Lachsalven aus. deutschen Wirtschaft. In Tripolis sprach 30 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    sie über „unsereInteressen“ an einer Roth sitzt auf der Terrasse und sagt Sät- Roth bewegt sich außenpolitisch nicht guten Entwicklung des „Schlüssellandes ze, die für die grüne Außenpolitik von in der Mitte des politischen Spektrums, Libyen“ und redete mit Managern über einiger Tragweite sind. Ohne eine „Klar- sie tendiert nach links und sammelt den Investitionsbedingungen. Ob BMW den stellung, dass die Boote nur konventionell Mainstream der Partei hinter sich. Roth Libyern nicht auch Polizeimotorräder bewaffnet werden“, erklärt Roth, dürften spreche den Grünen „in Fragen der Au- verkaufen könne, fragte sie den verdutz- sie „nicht ausgeführt werden“. In den ver- ßenpolitik aus der Seele“, sagt die Abge- ten Repräsentanten des bayerischen gangenen 20 Jahren haben die Bundes- ordnete Brugger. Die Grünen von heute Autobauers. regierungen das nie genau wissen wollen, haben sich zwar überwiegend mit bewaff- Reicht das für einen Kabinettsposten auch Joschka Fischer nicht. Nach Roths neten Auslandseinsätzen abgefunden, im internationalen Geschäft? Roths Worten können die Grünen in einer künf- sind in anderen Fragen dafür umso radi- Freunde vom linken Parteiflügel bringen tigen Regierung nicht mehr Unkenntnis kaler: Rüstungsexporte sollen fast kom- sie jedenfalls schon ins Gespräch. Frak- vorschieben. plett beschnitten werden, die Entwick- lungshilfe soll massiv steigen. Auf dem Realo-Flügel sehen viele Roths Marsch an die Spitze ohnehin skep- tisch. Aber wie soll man sie stoppen? Die Kampfkraft der Vorsitzenden ist nicht zu unterschätzen, das haben die Grünen in diesen Monaten zur Genüge erlebt. Im März verkündete sie völlig überra- schend ihre Kandidatur für die Spitze des Grünen-Wahlkampfs 2013. Trittin akzep- tieren die Realos, aber Roth ist ihnen zu links, zu bunt, zu anstößig. Sie wollen, dass Trittin das seiner Flügelfreundin klar- macht, doch der hütet sich vor einer Kraft- probe. Wer die beiden nebeneinander in Ak- tion sieht, versteht rasch, warum. Ein Sonntag Anfang Juni, in der Bundeszen- trale der Gewerkschaft Ver.di in Berlin treffen sich rund 120 führende Mitglieder des linken Parteiflügels zu einem Kon- gress. Vorn sitzen Roth und Trittin in ei- ner Diskussionsrunde. Nach außen gilt Trittin als Chef und Vordenker der Linken. Aber hier wirkt er eher wie ein Gastdozent. Roth dagegen bewegt sich wie ein Fisch im Wasser, sie MARC-STEFFEN UNGER adressiert Fragerinnen mit Namen, stimmt zu und widerspricht wohldosiert. Auch die strategische Marschrichtung gibt sie vor. „Wir müssen uns viel deutlicher von der SPD absetzen“, sagt sie. „Ich plä- Parteilinker Trittin: Keiner wagt die Kraftprobe mit der Vorsitzenden diere dafür, dass im Kampf um die Wech- selwähler klar wird, warum der Politik- tionsvize Frithjof Schmidt lobt Roth als Direkt nach den Agenturmeldungen wechsel bei uns angesiedelt ist.“ Roth ist, „versierte Außenpolitikerin, die auf bald melden sich in der Partei die ersten Kriti- das wird an diesem Nachmittag klar, nicht 20 Jahre Erfahrung im internationalen ker ihrer Äußerungen, vorneweg die Au- einfach die Nummer zwei. Sie steht auf Geschäft zurückblickt“. Der ehemalige ßenpolitikerin Marieluise Beck. Roth rea- einer Höhe mit Trittin. Europaabgeordnete glaubt, in Brüssel giert gelassen. Denn Ende April haben Nicht nur der Fraktionschef scheut die gebe es „viele, die ihr einen Job als EU- die Grünen auf einem Kleinen Parteitag Kontroverse mit Roth. Auch die Realos Kommissarin zutrauen würden“. Die Ver- genau die Roth-Linie beschlossen, ver- tun sich schwer, eine Gegenkandidatin teidigungspolitikerin Agnes Brugger steckt in einer Erklärung zu Iran, im vier- zu finden. Man müsse Roth in Einzelge- schwärmt, Roth habe bei einem gemein- ten Punkt im drittletzten Spiegelstrich. sprächen klarmachen, dass eine linke samen Besuch in Afghanistan im Ge- Roths Getreue hatten den Passus reinge- Doppelspitze Trittin/Roth verheerend für spräch mit dem Präsidenten Hamid Kar- schrieben, ihre Gegner hatten es nicht den inneren Zusammenhalt der Partei sei, zai „im richtigen Tonfall die Dinge – auch verhindert, manche nicht einmal bemerkt. sagt ein Realo-Vertreter. Gut möglich, die unangenehmen – beim Namen“ ge- Roth hat viel über Fischers Außenpoli- dass führende Realos noch einmal versu- nannt. tik nachgedacht, sein Engagement für chen, die Vorsitzende im stillen Kämmer- Dass Roth die Richtung in der grünen Europa hat sie beeindruckt, in vielen an- lein zum Einlenken zu bewegen. Außenpolitik vorgibt, ist jetzt schon klar. deren Fragen peilt sie aber eine andere Kaum jemand bei den Grünen kann Es ist früher Abend in einem Touristen- Linie an. Der erste grüne Außenminister sich vorstellen, dass Roth einknickt. Für hotel nahe der tunesisch-libyschen Gren- habe es im Streben nach Anerkennung Deutschland würde das im Ergebnis oh- ze. Der SPIEGEL hatte berichtet, dass versäumt, eine modernere Außenpolitik nehin nichts ändern. Denn der Preis für die in Deutschland für Israel gebauten U- zu formulieren, findet sie. Womöglich einen Rückzug Roths wäre klar: ein Mi- Boote atomar bewaffnet werden können, kann eine kleine Partei wie die Grünen nisterposten in einer rot-grünen Bundes- und zwar mit stillschweigendem Einver- aber auch nicht die großen Linien der regierung. ständnis der Bundesregierung. deutschen Außenpolitik bestimmen. RALF BESTE D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 31
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    Deutschland ZEITGESCHICHTE Braune Hilfe Vor 40 Jahren überschattete das Olympia-Massaker die Münchner Sommerspiele. Akten des Verfassungsschutzes belegen nun, dass die palästinensischen Terroristen mit Neonazis kooperierten – und die Staatsschützer davon wussten. D ie Männer, die am späten Abend dienstbeamte an den Vernehmungen der ne Unterlagen zu dem Olympia-Attentat. des 27. Oktober 1972 im Haus des Olympia-Terroristen teilnehmen lasse“. In den Papieren finden sich vertrauliche ehemaligen Waffen-SS-Mannes Dass dies kein Scherz rechtsextremer Analysen und Vermerke, die Korrespon- Charles Jochheim in München festgenom- Trittbrettfahrer war, bewies die Untersu- denz der Behörde mit dem Bundes- men wurden, waren bewaffnet wie Sol- chung der bei Pohl und Abramowski be- nachrichtendienst (BND) und dem Bun- daten auf dem Weg an die Front. In einer schlagnahmten Waffen. deskriminalamt (BKA) – und eben Poli- Reisetasche fand die Polizei drei Schnell- Im „Schlussbericht“ der Münchner Kri- zeiberichte. Muss die Geschichte des feuergewehre, Marke Kalaschnikow, minalpolizei vom 23. Juli 1973 heißt es: Olympia-Anschlags aufgrund dieser bis- sechs Magazine, 174 Schuss Munition, „Als zusätzliches Indiz für den Zusam- her geheimen Quellen in neuem Licht be- zwei Pistolen, einen Revolver und sechs menhang der Straftaten Pohls und seiner trachtet werden? Handgranaten aus belgischer Produktion. Mittäter mit dem Anschlag auf das Olym- In Teilen ja. Die beiden Festgenommenen trugen pische Dorf in München darf gewertet Denn bislang gingen viele Experten da- außerdem Waffen am Mann, Wolfgang werden, dass die … sichergestellten Ma- von aus, dass es Linksextremisten waren, Abramowski im Hosenbund, sein Kom- schinenkarabiner und Handgranaten glei- die mit dem „Schwarzen September“ in plize Willi Pohl wurde mit zwei Pistolen und einer Handgranate gestellt, wie der Ermittlungsbericht der Münchner Krimi- nalpolizei ausführt. Pohl und Abramowski waren von ei- nem Kameraden der „Nationalsozialisti- schen Kampfgruppe Großdeutschland“, einer rechtsextremen Splittergruppe, ver- raten worden. Angeblich wollten die bei- den mit den Waffen einen inhaftierten Gesinnungsgenossen befreien, doch daran hegten die Ermittler schon bald Zweifel. Denn unter den Papieren, die Abra- mowski und Pohl mit sich führten, war ein Drohbrief an einen Münchner Richter, der eines der erschütterndsten Verbre- chen der deutschen Nachkriegsgeschichte aufklären sollte – das Massaker während der Olympischen Sommerspiele. Palästinensische Freischärler des soge- nannten „Schwarzen September“, einer Terrorgruppe der PLO, hatten am 5. Sep- SVEN SIMON tember 1972 im Olympischen Dorf neun israelische Sportler als Geiseln genom- men und verlangten die Entlassung von Einmarsch der israelischen Mannschaft ins Olympia-Stadion 1972: Alle Geiseln ermordet einigen hundert Palästinensern aus israe- lischer Haft. Als die Polizei die Israelis che Typenmerkmale aufweisen wie die Verbindung gestanden und beispielsweise auf dem Militärflughafen Fürstenfeld- von den Freischärlern … verwendeten bei der Besorgung von Unterkünften in bruck, wo die Attentäter ihre Opfer in Waffen.“ München geholfen hätten. Es gab ja auch zwei Hubschraubern festhielten, zu be- Der Verdacht, dass die deutschen Neo- Indizien für eine entsprechende Ko- freien versuchte, ermordeten die Terro- nazis Pohl und Abramowski mit Palästi- operation, etwa ein Jubelpamphlet von risten alle Geiseln; auch ein Polizist starb nensern auf dem Felde des Terrors ge- RAF-Gründerin Ulrike Meinhof, die das im Feuergefecht. Von dem PLO-Komman- meinsam marschierten, war damit so gut Massaker später lobte, weil es „das We- do überlebten drei, und gegen diese er- wie bewiesen. sen imperialistischer Herrschaft durch- mittelte der Richter, an den das Schreiben Der Polizeibericht gehört zu einem schaubar gemacht“ habe. Oder die Aus- aus dem Gepäck von Pohl und Abra- über 2000 Seiten umfassenden Akten- sage eines Terror-Aussteigers, der 1978 mowski adressiert war. bestand, den das Bundesamt für Ver- im SPIEGEL behauptete, ihm sei von ei- In dem Brief drohte der „Schwarze fassungsschutz in Köln auf Antrag des nem Genossen erzählt worden, die Split- September“ dem Juristen mit Vergeltung, SPIEGEL jüngst freigegeben hat. Erst- tergruppe „Revolutionäre Zellen“ habe „falls er weiterhin israelische Geheim- mals öffnete ein Geheimdienst damit sei- bei der „Quartiermache“ des Palästinen- 32 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    ser-Kommandos „die Finger mit einem Mann „arabischen drin“ gehabt. Aussehens“ getroffen, der im Den vom Verfassungs- Dortmunder Hotel „Römi- schutz freigegebenen Unter- scher Kaiser“ logiere. Schnell lagen zufolge muss man sol- fand die Polizei heraus, dass che Aussagen als Legenden dort ein Saad Walli abgestie- betrachten. gen war. Saad Walli war ein Der „Schwarze Septem- Deckname von Abu Daud. ber“ benötigte keine deut- In den jetzt freigegebenen sche Logishilfe. Die Männer Unterlagen gibt es keinen waren teilweise schon Wo- Hinweis darauf, dass die von chen vor der Geiselnahme der Dortmunder Polizei in- angereist, und sie verfügten formierten Landeskriminal- über reichlich Bargeld. Ihre ämter, das BKA oder der Unterkünfte besorgten sie Verfassungsschutz etwas un- sich selbst, was im überfüll- ternommen hätten, um den ten München während der verdächtigen Walli zu fin- Spiele indes nicht einfach den. Und so konnte Abu war. Statt wie geplant ge- Daud alias Saad Walli nach meinsam unterzukommen, Aktenlage unbehelligt vor mussten sie sich auf mehrere und während des Anschlags Hotels verteilen. im Münchner „Eden Hotel Einer der Anführer, Spitz- Wolff“ wohnen, von dort name „Tony“, schaltete sogar mit seinen Kumpanen in Li- eine Anzeige in der „Süd- byen und in Tunesien telefo- deutschen Zeitung“: „Loo- nieren und sich mit den At- king for living with family.“ tentätern treffen. Die geschiedene und ah- Die Verbindung zwischen nungslose Anwaltsgattin Her- Pohl und Abu Daud war ta N. nahm „Tony“ als Un- über einen deutschen Neo- termieter auf. nazi zustande gekommen, Es lägen „keine Erkennt- der gemeinsam mit den Pa- nisse“ vor, dass deutsche lästinensern in Jordanien ge- Linksextremisten den Atten- kämpft hatte. Dem damals tätern Unterstützung ge- 35-jährigen Abu Daud, ei- währt hätten, resümierte nem Lehrer aus Jerusalem denn auch der Verfassungs- mit jungenhaftem Gesicht schutz Anfang 1973 in einem und schmalem Oberlippen- Schreiben an den BND. bart, war die politische Hal- Anders sah es mit den tung des blauäugigen Pohl deutschen Rechten aus, mit Attentäter im Olympischen Dorf: Schon Wochen zuvor angereist nach eigener Aussage gleich- Pohl und Abramowski. gültig. Er habe Leute wie die- Knapp zwei Monate vor dem sen als „sehr nützlich für un- Anschlag übermittelte die sere Zukunft“ betrachtet, er- Dortmunder Polizei ein Fern- klärte Daud später. schreiben an den Verfas- In Dortmund brauchte sungsschutz, in dem Polizis- Daud die Hilfe des damaligen ten nach Erkenntnissen des Neonazis. Pohl sollte ihm Geheimdienstes fragten. In mehrere Mercedes-Limousi- der Betreffzeile hieß es: „Ver- nen kaufen, was der Deut- mutlich konspirative Tätig- sche auch tat. Außerdem keit palästinensischer Terro- suchte Daud einen professio- risten“. Im Text ging es um nellen Passfälscher, worauf- Willi Pohl und seine Verbin- Telex der Dortmunder Polizei vom 15. Juli 1972: Früher Hinweis hin Pohl seinen Knastkumpel dung zu Mohammed Daud, Abramowski vorstellte. Der Kampfname Abu Daud, dem Drahtzieher Das Drehbuch für manchen norddeut- 28-Jährige, wie Pohl ein Vertriebener aus des Anschlags von München. schen „Tatort“ stammt aus seiner Feder. Ostpreußen, galt als Profi. Wäre der Anschlag von München zu Ein inzwischen 68 Jahre alter Mann, der Pohl ist sich heute nahezu sicher, dass verhindern gewesen, wenn der Verfas- sich auf ein Gespräch mit dem SPIEGEL er seinerzeit unwissend in die Vorberei- sungsschutz, aber auch die ebenfalls in nur eingelassen hat unter der Bedingung, tungen des Olympia-Attentats eingebun- Kenntnis gesetzten Landeskriminalämter dass er nicht abgebildet wird. den war: „Ich habe Abu Daud quer durch in Düsseldorf und München sowie das Im Sommer 1972 war der in Ostpreu- die Bundesrepublik chauffiert, wo er sich BKA die Bedeutung des Fernschreibens ßen geborene Pohl 28 Jahre alt, ein drah- in verschiedenen Städten mit Palästinen- richtig eingeschätzt hätten? tiger Blondschopf aus einfachen Verhält- sern getroffen hat.“ Nur in Köln traf sich Willi Pohl ist heute ein unter anderem nissen, mehrfach wegen schweren Dieb- der PLO-Mann mit Arabern, die im An- Namen erfolgreicher Krimi-Autor, der stahls verurteilt. Auch seinem Chef hatte zug und mit Krawatte erschienen: Diplo- sich schon vor Jahrzehnten von Terroris- er Geld entwendet, weshalb dieser der maten, wie Pohl glaubt, Angehörige der mus und Gewalt glaubhaft losgesagt und Polizei berichtete, Pohl bekenne sich zum libyschen Botschaft in Bonn. Ende Juli darüber einen Roman geschrieben hat. radikalen Flügel der PLO und habe sich verließen dann Pohl und Abramowski D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 33
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    Deutschland nach eigener Aussagedie Bundesrepublik Pohl will eine internationale Pressekon- und reisten über Rom in den Libanon. ferenz in Wien vorgeschlagen haben, die Wie Abramowski später der Staats- er gemeinsam mit einem PLO-Funktionär schutz-Abteilung des BKA erzählte, be- abhalten sollte („Die Sache muss gerecht- zogen er und Pohl einen Flachdachbun- fertigt werden“). Über Paris sei er nach galow in einem Dorf nahe Beirut. Fast je- Wien geflogen, und dazu passt die dama- den Abend wurde Abramowski von ei- lige Aussage seines Kompagnons Abra- nem PLO-Funktionär abgeholt und zu ei- mowski gegenüber dem BKA: Pohl sei ner Druckerei in die Hauptstadt gebracht, während der Olympischen Spiele in in der er nach eigenen Angaben kuwaiti- Österreich gewesen, „um dort etwas für sche und libanesische Pässe fälschte, in die Palästinenser zu erledigen“. amerikanischen und französischen Papie- Als Pohl in Wien im Fernsehen sah, ren Namen änderte und Passfotos aus- dass die Geiselnahme gescheitert war, tauschte. Ungeklärt ist bis heute, ob die setzte er sich ab. Einige Tage später war Münchner Attentäter Pässe aus Abra- der Deutsche wieder im Nahen Osten, mowskis Werkstatt benutzten, um in die wo nun der PLO-Geheimdienstchef Abu Bundesrepublik einzureisen. Ijad auf Rache sann. So erzählt es Pohl. Pohl zufolge wusste er damals noch Das Desaster der Operation in München nichts von dem geplanten Anschlag in lastete Abu Ijad demnach vor allem den München. Erst am 24. August, zwölf Tage deutschen Behörden an. Zudem habe Ijad vor dem Gewaltakt, seien die Palästinen- dem Gerücht geglaubt, israelische Offi- ser konkreter geworden und hätten von ziere hätten den gescheiterten Befreiungs- einem „spektakulären Terroranschlag“ einsatz der Polizei geleitet. Ausgebrannter Hubschrauber auf dem Flughafen gesprochen. Damit hatte die Bundesrepublik aus Das Wort „München“ fiel Pohls Erin- der Sicht des PLO-Mannes Partei ergrif- Mehrere Rathäuser der Bundesrepublik nerung nach nicht, aber von einer Gei- fen im Krieg zwischen Israel und den sollten besetzt und Lokalpolitiker als Gei- selnahme in der Bundesrepublik sei die Palästinensern; ein Feind, der bekämpft seln genommen werden. Dann sollte ein Rede gewesen. 20 Israelis wolle man ge- werden musste. Ijad bat Pohl nach dessen Kommando an Heiligabend 1972 den Köl- gen zweihundert Gesinnungsgenossen in Angaben um Vorschläge für Aktionen ner Dom stürmen. Eine Liste mit Forde- israelischer Haft austauschen. Eine an- gegen deutsche Ziele – und der präsen- rungen an die Bundesrepublik und andere geblich unblutige Angelegenheit. Was tierte einige Tage später in Kairo einen Staaten sollte so durchgesetzt werden. wohl die deutsche Öffentlichkeit davon wahnwitzigen Plan, wie er heute ein- Die Operation habe den Decknamen halten werde? räumt. „Moschee“ bekommen.
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    Bevor sie ihrenPlan in die Tat umset- Ermittlungen wegen des Verdachts auf zen konnten, wurden Pohl und Abra- Verstoß gegen das Kriegswaffenkontroll- mowski jedoch verraten und festgenom- gesetz und „Mitgliedschaft in einer men. Dass die beiden Neonazis mit den kriminellen Vereinigung“ verliefen im Hintermännern des Olympia-Attentats in Sande. Und das, obwohl „Operations- engem Kontakt stehen mussten, schlossen pläne für Geiselnahmen“, die „auf Ent- die Ermittler vor allem aus den bei ihnen führungen nicht näher bezeichneter Per- gefundenen Handgranaten. Denn diese sönlichkeiten in Essen, Bochum und Köln stammten, wie es in einem Polizeibericht schließen“ ließen, unter den Asservaten heißt, aus einer „äußerst seltenen Fabri- waren. kation“: belgische Granaten mit schwe- Die beiden Deutschen wurden 1974 le- dischem Sprengstoff, die nur für Saudi- diglich wegen unerlaubten Waffenbesit- Arabien produziert worden waren. Mit zes verurteilt: Abramowski zu einer Frei- baugleichen Sprengkörpern hatten die heitsstrafe von 8 Monaten, Pohl zu 26 Mo- PLO-Terroristen während des gescheiter- naten Gefängnis. Nur vier Tage nach dem ten Befreiungsversuchs in Fürstenfeld- Richterspruch war Pohl wieder frei und bruck ihre Geiseln ermordet. setzte sich nach Beirut ab. Über die Grün- Und natürlich steht damit die Frage im de für so viel Nachsicht findet sich in den Raum, ob dasselbe rechtsradikale Netz- Akten nichts. werk auf demselben Wege über Madrid Womöglich fürchteten die Behörden, AKG / AP und Paris auch schon die Waffen für die dass die Palästinenser versuchen könn- Münchner Attentäter nach Bayern ge- ten, Pohl ebenso freizupressen wie die Fürstenfeldbruck: Baugleiche Handgranaten bracht hatte. Bis heute ist die Frage un- drei überlebenden Täter des Olympia- geklärt. Pohl bestreitet dies; der Weg über Anschlags: mit der Entführung eines Mitte Oktober reisten Pohl und Abra- Madrid sei seine Idee gewesen und erst deutschen Verkehrsflugzeugs. Wenige mowski nach Madrid, um Waffen für die- nach den Olympischen Spielen benutzt Tage nach Pohls Festnahme hatten Fa- se und andere Aktionen in Empfang zu worden. Er mutmaßt vielmehr, dass liby- tah-Terroristen eine Lufthansa-Maschine nehmen. Den Transport nach Deutsch- sche Diplomaten in der Bundesrepublik auf dem Weg nach Frankfurt gekapert. land erledigten Pohl und Abramowski, dabei halfen, die Kalaschnikows und Die Bundesregierung gab nach – die die mit dem Zug über Paris nach Mün- Handgranaten für das Münchner Kom- drei Männer wurden nach Libyen aus- chen reisten. Das ist die Version Pohls, mando ins Land zu bringen. geflogen. die durch die Akten im Prinzip gedeckt Die deutsche Justiz behandelte Pohl FELIX BOHR, GUNTHER LATSCH, wird. und Abramowski erstaunlich milde. Die KLAUS WIEGREFE
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    MICHAEL DANNENMANN /DER SPIEGEL Muslim Demir: Manchmal gibt er nur am Telefon eine Auskunft, manchmal muss er sich zwischen Prügelnde werfen JUSTIZ Im Namen Allahs Islamische Streitschlichter praktizieren in Deutschland ein Familienrecht, das sich an der Scharia orientiert – zu Lasten betroffener Frauen. Von Joachim Wagner Wagner, 68, promovierter Jurist, war stell- sene Ehemänner oder Väter zerstrittener begehren, zur Rückkehr oder zum Blei- vertretender Leiter des ARD-Hauptstadt- Paare. Oft klagen sie über ihre Frauen ben zu bewegen. studios. Mit dem islamischen Familien- oder Töchter, Musliminnen, die gegen Migranten aus der Türkei und aus ara- recht setzt er sich auch in der Taschen- Prügel aufbegehren oder aus einem Ehe- bischen Ländern importierten die Schlich- buchausgabe seines Buchs „Richter ohne käfig ausbrechen wollen, auch wenn sie tung nach Deutschland. Sie folgt einer Gesetz. Islamische Paralleljustiz gefähr- Kinder haben. jahrtausendealten islamischen Rechtstra- det unseren Rechtsstaat“ auseinander. Demir spricht zuerst mit den Vätern, dition, die im Brauchtum und im Koran Sie erscheint im Herbst bei Ullstein. danach mit den Eheleuten selbst. Sein wurzelt. Bei einem Ehezwist etwa fordert oberstes Ziel, sagt Demir, sei es, die Ein- der Koran „einen Schiedsrichter aus sei- W er seine Wohnung günstig ein- heit der Familie zu retten. Dem Mann ner Familie und einen Schiedsrichter aus richten will oder wer als Muslim mache er klar, dass er seine Frau besser ihrer Familie“. Ärger mit seiner Tochter hat, behandeln und auf Gewalt verzichten Eine ähnliche Schlichtungstradition ha- geht in Recklinghausen zu „Möbel De- müsse. Der Frau verdeutliche er, dass sie ben auch Jesiden, Roma und Albaner. mir“. In einer 400 Quadratmeter großen als Geschiedene mit Kindern in ihrem Mi- Manchmal gibt es monatelange Friedens- Halle hat der 61-jährige Libanese Haj Nur lieu keinen Mann mehr bekommen wer- gespräche, bevor der Schlichter eine Ent- Demir gebrauchte Schreibtische, Wasch- de. Am Ende seiner Missionen kehre die scheidung fällt, sie wirkt dann wie ein maschinen und Sessel aus Haushaltsauf- Frau meist zu ihrem Gatten zurück. Gerichtsurteil: Eine ins Frauenhaus ge- lösungen zusammengetragen. Der Möbel- Demir hat Autorität, aber keinerlei ju- flüchtete Tochter kehrt zu den Eltern zu- händler, groß, schlank, grauhaarig mit ristische Ausbildung. Männer wie er ha- rück und darf eine Ausbildung beginnen, Schnauzer, strahlt Autorität aus. Die hilft ben in Deutschland in den vergangenen eine schwangere Tochter muss heiraten ihm in seinem Zweitberuf. Jahren eine parallele Familiengerichtsbar- und zur Familie des Freundes ziehen, um Seit 1972, so schätzt Demir, hat er in keit etabliert. Imame, Streitschlichter und die Ehre zu retten. Deutschland und im Libanon mehr als sogenannte Friedensrichter sind aktiv, be- Das alles geschieht weitgehend unbe- 2000 Konflikte in muslimischen Familien vor deutsche Gerichte überhaupt einge- merkt von der Öffentlichkeit. In der ver- geschlichtet. Manchmal gibt Demir nur schaltet werden. Sie schließen und schei- gangenen Woche sorgten die Sicherheits- am Telefon eine Auskunft, manchmal den Ehen, sie schlagen Regeln für das Sor- behörden für Schlagzeilen, als sie gegen muss er sich zwischen Prügelnde werfen. gerecht vor. Und sie versuchen, Frauen radikale Islamisten vorgingen. Innenmi- Hilfe suchen bei Demir vor allem verlas- und Mädchen, die gegen ihre Familie auf- nister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte: 36 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Deutschland „Salafisten verfolgen dasZiel, den de- „In den allermeisten Fällen ist der Imam mokratischen Rechtsstaat zugunsten ei- nur ein weiteres Druckmittel der Familie, ner Ordnung, die nach ihren Maßstäben um das Mädchen zur Heirat zu bewegen.“ ,gottgewollt‘ ist, zu überwinden.“ In ei- Der islamische Theologe Ferid Heider, nem Gottesstaat wollen die Salafisten die 33, aus Berlin, Sohn eines Irakers und ei- Scharia anwenden. ner Deutsch-Polin, ist eine Ausnahme. Er Menschen wie der Schlichter Demir lege Wert auf einen „moderaten Islam“, kämpfen nicht aggressiv gegen den sagt er in einer Hinterhofmoschee im Rechtsstaat oder die Verfassung. Aber Wedding zwischen Gebetsraum, Bäckerei verträgt sich ihre Paralleljustiz mit dem und Stapeln religiöser Bücher. Er wolle Grundgesetz? Die Schattenrichter schüt- mit der Tradition der Zwangsehe brechen. zen vor allem die patriarchalischen Struk- Da eine solche Ehe „selten eine Zukunft turen einer Kultur, deren Verfechter sich hat“, versuche er vor der Hochzeit mit nicht wirklich in Deutschland integrieren der Frau allein, ohne Eltern, zu sprechen wollen. Die meisten Streitschlichter tole- und sie vor einer Zwangsehe zu warnen. rieren, dass Grundrechte der Frauen ein- Dennoch steht auch für Heider der Wil- geschränkt werden. Und sie drängen die le der Eltern über dem der Eheleute. Ge- Frauen, diese Zwänge zu akzeptieren. rade hat er einer Somalierin davon abge- Arnold Mengelkoch, Migrationsbeauf- raten, gegen den Wunsch ihres Vaters ei- tragter von Berlin-Neukölln, kennt die nen deutschen Konvertiten zu heiraten. „informelle islamische Familiengerichts- Nach der Scharia wäre die Ehe erlaubt. YAVUZ ARSLAN / IMAGETRUST barkeit“ in seinem Stadtteil. Er vermutet, Doch Heider sagt: „Man darf nicht nur dass 10 bis 15 Prozent der Muslime aus darauf abstellen, was islamrechtlich mög- dem konservativ-religiösen Milieu ihre lich ist, sondern muss auch die gesell- Familienkonflikte so lösen. „Es gibt zwei schaftlichen Folgen einbeziehen.“ Der Va- Rechtskreise“, sagt Sabine Scholz, Flens- ter wollte, dass seine Tochter einen Cou- burger Anwältin für Familienrecht, „ei- sin heiratet. nen deutschen und einen islamischen, der Türkische Braut in Deutschland Heider sagt, er rate den Paaren immer, die Frauen benachteiligt.“ Der Wille der Eltern auch standesamtlich zu heiraten, aber vie- Für manche muslimische Einwanderer le Ehen zwischen Muslimen werden nur ist das islamische Recht wichtiger als das islamisch geschlossen. Insider wie die deutsche. Der Erlanger Islamrechtler Ma- Neuköllner Familienberater Kazim Erdo- thias Rohe stieß in seinen Feldstudien auf gan und Abed Chaaban schätzen den An- Fälle, „in denen muslimische Beteiligte teil der Imam-Ehen in ihrem Bezirk auf zum Beispiel Eheschließungen oder Ehe- 10 bis 20 Prozent. scheidungen ausschließlich nach traditio- Für viele Frauen ist das eine Falle, denn nell-islamischen Normen vorgenommen juristisch gelten sie so als nicht verheira- haben“. Einige Muslime misstrauten staat- tet. Sie können keinen Anspruch auf Un- lichen Instanzen, sagt Jurist Rohe, der terhalt durchsetzen, das Geld gehört meis- sich als Vermittler zwischen islamischer tens dem Mann, die Kinder werden un- und deutscher Rechtskultur versteht. ehelich geboren. Manche versuchten, „eine religiöse Paral- Nach der Scharia braucht es nicht ein- lelstruktur zu errichten, weil sie sich nicht mal einen Imam, um solche Ehen zu den Institutionen eines säkularen, nicht- schließen. Jeder angesehene Muslim darf islamischen Staats unterwerfen wollen“. Paare trauen, wenn er nur die Heiratsfor- HC PLAMBECK So kommt es, dass Imame und Streit- meln aufsagen kann. In Berlin florieren schlichter in Berlin, Nordrhein-Westfalen Hochzeitsbüros, in denen selbsternannte oder Schleswig-Holstein jeden Tag das Imame kassieren. Prediger Heider schätzt, Recht der Scharia anwenden – obwohl es Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger dass „bis zu 20 Prozent aller muslimi- teilweise mit dem Grundgesetz und dem Planstelle für Scharia-Recht schen Ehen von solchen Geschäftema- Familienrecht kollidiert. Das islamische chern geschlossen werden“. Das Geld gilt Recht benachteiligt vor allem die Frauen: Doch oft haben Geistliche kein Problem offiziell häufig als Spende. ‣ Sie dürfen keinen Nicht-Muslim heira- damit, auch minderjährige Mädchen zu Ein solcher Eheschließer ist Ali Chah- ten; verheiraten – selbst gegen deren Willen. rour, der Vorsitzende des Mostafa-Vereins ‣ bei einer Schlichtung hat die Einheit Bei der Frauenschutzorganisation Terre für Integration und Frauenrechte. Der der Familie Vorrang vor dem Selbstbe- des Femmes melden sich immer wieder Vereinssitz ist ein kleiner Laden in der stimmungsrecht der Frau, auch bei Ge- 14- und 15-jährige Mädchen vor allem mit Neuköllner Sonnenallee. Chahrour sagt, walt; kurdischem und albanischem Hinter- er sei bei einem „islamisch-schiitischen ‣ bei einer Scheidung bleibt der Mann grund, die religiös verheiratet werden sol- Gericht“ im Libanon als Bevollmächtigter der alleinige Vormund für die Kinder; len. Nach der aktuellen Studie des Bun- für Heiraten registriert. Er traue daher ‣ Vielehen und Ehen mit Minderjährigen desfamilienministeriums über „Zwangs- nur Libanesen oder Deutsch-Libanesen. sind erlaubt; nach deutschem Recht verheiratung in Deutschland“ waren 53 Eheschließungen findet der gelernte dürfen 16-jährige Mädchen nur mit Ein- Prozent aller, die nur religiös getraut wur- Elektroschweißer „einfach“. Die Frau willigung des Familiengerichts heiraten. den oder werden sollten, jünger als 18 müsse mit einem deutschen oder libane- Manchmal nehmen es die muslimi- Jahre. Rosa Halide M., die ein Schutzhaus sischen Dokument nachweisen, nicht ver- schen Richter selbst aber mit der Scharia für muslimische Mädchen in Stuttgart lei- heiratet zu sein, und zudem müsse ihr nicht so genau: Zwangsehen lehnt das is- tet, hat es „noch nie erlebt, dass ein Imam Vater zustimmen, selbst wenn die Frau lamische Recht ab, sie haben ihre Wur- eine Zwangsehe verhindert hat“. Eine volljährig ist. Der Mann müsse nur seinen zeln in überkommenen Traditionen. Vertreterin von Terre des Femmes urteilt: Personalausweis vorlegen, keinen Nach- D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 37
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    Deutschland GORDON WELTERS /DER SPIEGEL GORDON WELTERS / DER SPIEGEL Imam Heider, Familienhelfer Erdogan: Die deutsche Justiz wird entlastet – aber um welchen Preis? weis, dass er ledig ist. Die Scharia erlaubt Dieter Wiefelspütz ein. Terre des Femmes sich scheiden zu lassen. Ihr Mann habe ja jedem Mann bis zu vier Ehefrauen. fordert eine schnelle Rückkehr zum alten sie immer wieder geschlagen. Nach eini- Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber der Recht. gen Wochen rief dieser an, bat um die Familienhelfer Chaaban aus Berlin Der SPD-Politiker Jochen Hartloff, Jus- Rechnung: Die Familienkonferenz in der schätzt, dass in der Hauptstadt rund 30 tizminister von Rheinland-Pfalz, hatte Türkei habe entschieden, dass beide es Prozent aller arabisch-stämmigen Män- sich im Februar öffentlich Gedanken noch mal versuchen sollten. 14 Tage spä- ner zwei Frauen haben. Auch Familien- über „islamische Schiedsgerichte“ ge- ter meldete sich wieder die Frau – diesmal anwälte kennen diese Fälle. macht, die im Zivilrecht „auch islamische mit gebrochenem Nasenbein. Nur selten leben die Männer mit meh- Rechtsvorstellungen“ berücksichtigen Vor allem beim Thema Zwangsheirat reren Frauen unter einem Dach. Meist könnten. Auf das vernichtende öffentli- halten viele Experten nichts von Friedens- verheimlichen sie ihre Zweitfrau, die sie che Echo reagierte Hartloff mit der Klar- richtern. „Jede Form der Mediation mit nur islamisch geheiratet haben. Verpflich- stellung, er habe sich weder „für Scha- den Familien der Opfer“ sei „extrem ge- tungen ergeben sich für die Männer aus ria-Recht eingesetzt“, noch halte er fährlich“, heißt es in der Broschüre „Ak- der Zweitehe häufig keine – dem Sozial- „Scharia-Richter für denkbar“. Ihm gehe tiv gegen Zwangsheirat“ des Hamburger staat sei Dank. Nach deutschem Recht es nur um „außergerichtliche Streitbeile- Senats. Die Praxis zeige, dass „Mediation gelten die Frauen als Alleinerziehende gungen unter dem Einfluss islamisch ge- die Opfer einem hohen Risiko aussetzt und bekommen Hartz IV, wenn sie nicht prägter Rechtsetzung“ – offenbar wusste und in Extremfällen zu Gewalt und Mord für ihren Lebensunterhalt sorgen können. er gar nicht, dass dies in Deutschland im Namen der Ehre führen kann“. Bei So berichtet die Juristin Scholz über längst geschieht. Gesprächen über Hilfe für muslimische eine Frau aus Flensburg: Jahrelang wuss- Hartloff erhielt Beifall vom Vorsitzen- Frauen auf EU-Ebene hat die britische te diese Muslima nicht, dass sie eine den des Zentralrats der Muslime: „Eine Regierung erklärt, keiner Empfehlung zu- Zweitfrau war. Sie war nur religiös ver- außergerichtliche Streitschlichtung ist zu zustimmen, „die in irgendeiner Form Me- heiratet, ihr Mann hatte eine weitere Frau begrüßen“, so Aiman Mazyek, „weil sie diation als ein Mittel zur Lösung von und mit der schon vier Kinder. Die Zweit- unsere Gerichte entlastet und oft nach- Zwangsheiratsfällen befürwortet“. frau mit ihren acht Kindern erhielt so viel haltiger die Streitparteien befrieden Die deutsche Rechtspolitik prüft noch. Wohn-, Kinder- und Erziehungsgeld, dass kann.“ Auch der Familienhelfer Chaaban Das bayerische Justizministerium hat eine sie nicht einmal Hartz IV beantragen aus Neukölln sagt, dass er in 80 Prozent Arbeitsgruppe Paralleljustiz gegründet, musste. der Fälle erfolgreich vermittle. Ein Imam um Fakten zu sammeln. Das Berliner Ab- Die Sache flog erst auf, als die Kinder aus Essen schätzt seine Erfolgsquote auf geordnetenhaus hörte Experten an, um aus beiden Ehen entdeckten, dass sie den- 70 Prozent. zu entscheiden, ob das Phänomen weiter selben Vater hatten; sie besuchten diesel- Die deutsche Justiz wird tatsächlich ergründet werden soll. Bundesjustizmi- be Schule. Die Zweitfrau lebt nun in ei- entlastet. Aber um welchen Preis? Viele nisterin Sabine Leutheusser-Schnarren- nem Frauenhaus. Frauen müssen zurückstecken, wenn Ima- berger (FDP) warnt vor einer Paralleljus- Die deutsche Politik hat jungen Musli- me sich einschalten – und danach eska- tiz, ihr Ministerium richtet gerade eine minnen 2009 den Widerstand gegen liert die Gewalt oft. Die Schlichtung kann Planstelle für Scharia-Recht ein. Die Ju- Zwangsheiraten noch erschwert. Nach ei- der erste Schritt auf dem Weg zur Selbst- risten und Ministerialen wollen mehr ler- ner Änderung des Personenstandsrechts justiz sein, zu der Haltung: Wir regeln nen über Laienrichter wie den Möbel- darf jede protestantische, katholische und das unter uns. händler Demir aus Recklinghausen. islamische Trauung vor der standesamtli- In Einzelfällen können sich Familien- Der investiert manchmal besondere chen stattfinden. Was harmlos klingt, ist konflikte bis zur Extremform der Selbst- Mühe, um eine junge Frau in ein Leben eine Katastrophe für Mädchen, die gegen justiz zuspitzen, dem sogenannten Ehren- zu drängen, das sie nicht wollte. Sie hatte ihren Willen verheiratet werden sollen. mord. Nach einer Studie des Bundeskri- sich verliebt, doch ihr Onkel hatte sie be- Die islamische Trauung kann ohne Kon- minalamts gibt es sieben bis zehn solcher reits als Braut für seinen Sohn auserkoren, trolle deutscher Behörden stattfinden. Fälle pro Jahr, Experten schätzen die und ihr Vater stimmte zu. 30-mal pendel- Dann gilt die Ehe unter den Familien als Zahl noch wesentlich höher. te Demir als Makler zwischen Höxter, Hil- geschlossen, die Mädchen können nicht Viel häufiger sind die nicht so spekta- desheim und Recklinghausen. Am Ende mehr zurück. „Da ist uns etwas durchge- kulären Fälle: In Berlin wandte sich kürz- beugte sich das Mädchen dem Druck der gangen“, räumt der SPD-Rechtspolitiker lich eine Kurdin an eine Anwältin, um drei Männer. 38 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Monaten des Jahreshaben rund 15 500 Der Widerstand vieler Leipziger gegen FLÜCHTLINGE Personen in Deutschland Asyl beantragt, Asylunterkünfte in der Nachbarschaft Gestörte Ruhe das sind 11,6 Prozent mehr als im Ver- lässt sich nicht nur mit Fremdenfeindlich- gleichszeitraum im Jahr davor. Die Haupt- keit erklären. Sozialamtsleiterin Martina herkunftsländer sind Afghanistan und Kador-Probst spricht von einem Rückzug Irak. Auffallend auch der Flüchtlings- ins Private. „Die Bürger erschrecken, weil Leipzig will Asylsuchende in strom aus Syrien: Die Zahl der syrischen sie sehen, dass sie den Problemen dieser Mehrfamilienhäusern über Asylbewerber stieg binnen eines Jahres Welt auch auf dem eigenen Grundstück die Stadt verteilen. Doch in den um 77 Prozent. nicht aus dem Weg gehen können.“ Die Unterbringung von Flüchtlingen in Die Abschottung gegen alles Anders- Vororten rührt sich Sammelunterkünften ist vom Gesetzgeber artige, Unbequeme, Fremde ist ein weit- Bürgerprotest gegen die Fremden. gewollt. Das Existenzminimum sollen Sach- verbreitetes Phänomen. In Hamburg leistungen sichern. Flüchtlingsverbände gründeten Bürger eine Initiative gegen Z wei Kinder spielen vor dem Flücht- wie Pro Asyl kritisieren Essensgutscheine ein geplantes Heim für schwererziehbare lingsheim in der Leipziger Hoch- und Lagerunterkünfte als „Abschreckungs- Kinder. Im Stendaler Ortsteil Insel ver- haussiedlung Grünau – mit Wasser- instrument in Reaktion auf steigende Asyl- suchen die Bürger seit Monaten, zwei aus pistole und Plastikgitarre. Sonst ist alles zugangszahlen“. Am Mittwoch berät das der Sicherungsverwahrung entlassene Se- ruhig, alles friedlich. Bundesverfassungsgericht, ob die Leistun- xualstraftäter aus ihrer Siedlung zu ver- Das sei die Ausnahme, behauptet der gen in Höhe von 60 Prozent der Hartz-IV- treiben. Und im Hamburger Bezirk Har- Nachbar vom Plattenbau gegenüber. Gert Regelsätze verfassungsgemäß sind. burg gab es Anfang des Jahres Proteste Botner steht auf dem Balkon zwischen Ardalan A., Innenarchitekt aus Iran, von Anwohnern gegen ein Hospiz. zwei prächtig blühenden Geranienkübeln. lebt von 180 Euro im Monat. Das ist zu Leipziger Bürger, Studenten und Ver- „So etwas gehört nicht ins Wohngebiet“, wenig, um Farbe und Pinsel zu bezahlen, bände haben vorige Woche den „Initia- sagt er. Das Flüchtlingsheim solle raus mit denen er die dreckigen Wände seiner tivkreis: Menschen.Würdig“ gegründet, vor die Stadt. Freundin Mandy Flemmig Unterkunft in der Torgauer Straße gern sie sammeln im Internet Unterschriften. nickt: „Mit einem Zaun drum herum.“ streichen würde. Manchmal fühlt er sich Christian Wolff, der Pfarrer der Thomas- So ein Lager vor der Stadt hat Leipzig wie im Gefängnis. „Ich habe mir dieses kirche, mahnt, dass „Globalisierung nicht bereits. Doch die ehemalige Russenka- Leben nicht ausgesucht“, sagt er. Proteste nur bedeutet, zu jeder Zeit Kiwifrüchte serne in der Torgauer Straße ist baufällig, gegen den Umzug in die Stadt machen essen zu können“. Er stellte in einer An- die zugewiesenen Räume sind überfüllt. ihn fassungslos: „Die sollen uns einfach sprache die Frage: „Was, wenn wir als Zudem interessiert sich Amazon, das aus Menschenaugen anschauen.“ Bürger ein bisschen davon zu spüren be- nebenan ein Vertriebszentrum kommen, dass weltweit Millio- unterhält, für das Gelände. Die nen Menschen auf der Flucht, Flüchtlinge brauchen also neue heimatlos sind?“ Unterkünfte. Die Bewohner im dörflich Sozialbürgermeister Thomas geprägten Leipziger Stadtteil Fabian (SPD) hat sich deshalb Wahren empfinden die Pläne einen Plan ausgedacht: Ab der Stadt als Ruhestörung. Sie 2013 will er die Asylbewerber fühlen sich überrumpelt. Uta auf sieben Mehrfamilienhäuser Hädicke hat mit ihrer Bür- in verschiedenen Wohngebie- gerinitiative 1200 Unterschrif- ten der Stadt verteilen. Der ten gegen die dort geplante MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL Flüchtlingsrat Leipzig preist Asylbewerberunterkunft ge- das Konzept als „mutige sozial- sammelt. „Wir nehmen gern politische Leistung“. Flüchtlinge bei uns auf“, betont In den betroffenen Stadttei- die Lehrerin. Aber bitte schön len wird das von vielen ganz als einzelne Mieter, verteilt anders gesehen. Zwei Bürger- aufs Wohngebiet. „Wir sind initiativen haben sich bereits gern Spießbürger“, sagt Uta gegründet und machen Stim- Asylsuchender Ardalan A.: „Aus Menschenaugen anschauen“ Hädicke. mung mit fremdenfeindlichen Das Gefährliche an der Dis- Ressentiments. kussion in Leipzig ist, dass sie In Grünau organisierten Kri- den Rechtsextremen ein The- tiker vergangene Woche ein ma frei Haus liefert. Massen- Bürgerforum; die Bewohner weise hat die NPD bereits Flyer befürchten Drogenkriminalität, in Wahren verteilt – Jürgen Vermüllung und „orientalische Gansel, NPD-Landtagsabge- Musik an kirchlichen Feier- ordneter, ruft die Bürger zu tagen“. Die Polizei musste den „kreativem Widerstand gegen Eingang zu ihrem Treffen im die Verausländerung beschau- überfüllten Kulturhaus „Völ- licher Ortsteile“ auf und freut MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL kerfreundschaft“ sichern. Bür- sich: „Lernprozesse können germeister Fabian hat „diesen manchmal sehr schnell gehen.“ Grad der Empörung in meiner Die für diese Woche geplan- politischen Laufbahn noch nie te Abstimmung im Stadtrat erlebt“. über das neue Unterbringungs- Wohin mit Asylsuchenden? konzept wurde um einen Mo- Die Frage stellt sich nicht nur nat verschoben. in Leipzig. In den ersten vier Nachbarn Flemmig, Botner, Flüchtlingsheim Grünau: „Gern Spießbürger“ ANNA KISTNER D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 39
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    Deutschland „In Deutschland und in weiten Teilen Kritikern gilt Aigners Vorhaben als Auf- LANDWIRTSCHAFT Europas gibt es keine Akzeptanz für Gen- tragsarbeit für CSU-Chef Horst Seehofer. Abschied von technik in Lebensmitteln und auch keine Die grüne Gentechnik ist in Bayern un- Notwendigkeit, grüne Gentechnik in der beliebt, und nichts fürchtet die CSU vor Praxis einzusetzen“, sagt die Ministerin. dem Wahljahr 2013 mehr als den Unmut der Zukunft In einer Umfrage von Forsa, die ihr Haus der Wähler im kirchlich-ländlichen Mi- in Auftrag gegeben hat, sagen 83 Prozent lieu. Dafür ist Seehofer sogar bereit, mit der Deutschen, dass sie gentechnisch ver- dem bayerischen Fortschrittsmythos änderte Lebensmittel ablehnen. Deshalb („Laptop und Lederhose“) zu brechen. Verbraucherschutzministerin drängt Aigner auf eine Verschärfung des Der Ministerpräsident will den Freistaat Ilse Aigner macht für die CSU entsprechenden Gesetzes. Die Länder sol- zur gentechnikfreien Zone machen. Stimmung gegen die Gen- len selbst entscheiden können, wie viel Aigners Gesetzesvorhaben hilft dabei. Abstand Gen-Anbauflächen von anderen Weil in Bayern im Gegensatz zu manchen technik. Dafür riskiert sie den Äckern halten müssen. ostdeutschen Bundesländern die Acker- Konflikt mit der Kanzlerin. Das Vorhaben steht im Koalitionsver- flächen eher klein sind, könnte eine Ver- trag, ist aber bislang nicht umgesetzt. Ein größerung des Sicherheitsabstands zwi- D enkt die Kanzlerin an Europa, Gesetzentwurf, den Aigner Anfang des schen Feldern mit Gentechnik-Pflanzen überkommen sie manchmal düs- Jahres zur Abstimmung unter anderem und solchen mit herkömmlichen Sorten tere Ahnungen. Es darf nicht zum an Wirtschaftsminister Philipp Rösler das Aus für die Gentechnik bedeuten. Schlimmsten kommen, sagt Angela Mer- (FDP) und Forschungsministerin Annette Die Kanzlerin dagegen will von der kel dann. Dass Europa ein Besichtigungs- Schavan (CDU) versandte, wird derzeit Kleinstaaterei wenig wissen und würde gebiet für vergangene Erfolge wird. Ein nicht weiterverfolgt. den Einsatz moderner Gentechnik mög- HERMANN BREDEHORST / POLARIS / LAIF JENS BÜTTNER / DPA Ernte von Genkartoffeln, CSU-Politikerin Aigner: „In Deutschland gibt es keine Akzeptanz für Gentechnik“ Kontinent, der nur noch von seiner Ver- Aigner würde das Thema gern in der lichst europaweit regeln. Wenn künftig gangenheit lebt. nächsten Sitzung des Koalitionsausschus- jeder Mitgliedstaat entscheiden könne, In wichtigen Bereichen zögen Ameri- ses auf die Tagesordnung setzen. „Im welche Pflanzen wachsen dürften, sei der kaner und Asiaten an den Europäern Koalitionsvertrag ist vereinbart, den Bun- europäische Binnenmarkt irgendwann vorbei. Bei der grünen Gentechnik zum desländern mehr Mitbestimmung beim einmal an sein Ende gekommen, warnte Beispiel. Für Merkel ist der Anbau gen- Anbau von Gentechnik zu ermöglichen. sie schon vor zwei Jahren. technisch veränderter Pflanzen ein Zu- Das bleibt mein Ziel“, sagt sie. „Leider Merkels Befürchtungen haben sich be- kunftsthema. Dumm nur, dass ausgerech- ist die FDP von dieser gemeinsamen Ver- wahrheitet. Erst im Januar hatte der Che- net die zuständige Ministerin in ihrem einbarung abgerückt.“ mieriese BASF das Experiment mit der Kabinett das ganz anders sieht. Der Koalitionspartner sieht das anders. Stärkekartoffel Amflora abgebrochen. Ilse Aigner blockt nicht nur alle Versu- „Wachstum und Wohlstand sind nur zu er- Mangels Akzeptanz in Europa wolle man che der EU-Kommission ab, Lebensmittel reichen, wenn wir modernen Technolo- sich künftig auf die Wachstumsmärkte in mit kleinen Anteilen nicht erlaubter gen- gien gegenüber aufgeschlossen sind“, sagt Süd- und Nordamerika konzentrieren. technisch veränderter Organismen zuzu- FDP-Chef Rösler. Ähnlich urteilt die agrar- Die CSU feiert den Rückschritt für den lassen. Geht es nach der CSU-Frau, sollen politische Sprecherin der FDP-Fraktion, Forschungsstandort als Etappensieg im die Bundesländer in Zukunft selbst ent- Christel Happach-Kasan: „Aigners Null- aufziehenden Wahlkampf. Als der CSU- scheiden, ob genveränderte Tomaten, Kar- toleranz ist der falsche Weg.“ Vorstand vergangenen Montag in Mün- toffeln und Maispflanzen auf ihren Äckern Große Einzelhändler stärken dagegen chen tagte, ließ Parteichef Seehofer wie angebaut werden dürfen. Aigner den Rücken. Man wolle nicht „zu gewohnt kein gutes Haar an der Arbeit Aigner will verhindern, dass gentech- einer Verunsicherung des Verbrauchers seiner Ministerriege in Berlin. Nur eine nisch veränderte Lebensmittel in Deutsch- beitragen“, sagt ein Sprecher des Han- nahm er von seiner Schelte ausdrücklich land eine Chance haben. Im Kabinett hat delskonzerns Rewe. Um sich unabhängi- aus – die Frau im Landwirtschaftsressort. die Ministerin die Federführung für die ger von der südamerikanischen Soja zu Das mit der Gentechnik, befand Seehofer, Gentechnik. Ein gutes Jahr vor den Wah- machen, wolle Rewe zudem bei den Ei- mache Ilse Aigner ganz toll. len in Bayern und im Bund sollen das genmarken langfristig auf nachhaltigere NILS KLAWITTER, PETER MÜLLER, jetzt auch alle merken. europäische Eiweißfutterquellen setzen. MERLIND THEILE 42 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    BILDUNG Die unreife Prüfung Das Abitur, seit 200 Jahren ein deutsches Markenzeichen, wird reformiert. Bald sollen alle Schüler ähnliche Prüfungen ablegen. Doch die Korrektur bleibt halbherzig: Die Bundesländer scheuen den Vergleich – und damit den Wettbewerb. Z wei Stunden dauert die Autofahrt die Abiturprüfung fünf Fächer, in Satrup Willkommen im real existierenden Fö- von Tostedt im Süden Hamburgs vier. In Tostedt wählte Dombrowsky Bio- deralismus, willkommen in der Bildungs- nach Satrup nahe der dänischen logie und Chemie als Schwerpunktfächer, republik Deutschland. Das Zeugnis am Grenze. Nicole Dombrowsky, 18, kostete in Satrup belegt sie ein „naturwissen- Ende der Oberstufe – Ausweis der Allge- es ein ganzes Schuljahr, als sie mit ihrer schaftliches Profil“. Deshalb steht wieder meinen Hochschulreife – soll eine Schü- Mutter von Niedersachsen nach Schles- Physik auf dem Prüfungsplan, ein Fach, lerkarriere krönen. Doch in kaum einem wig-Holstein zu deren Lebensgefährten das sie schon abgewählt hatte. anderen Bereich zeigt sich das Schulsys- zog. „Ich habe in Deutsch zweimal ‚Nathan tem so unausgereift wie beim Abitur. Im nächsten Jahr wird die Schülerin der Weise‘ gelesen, in Mathe zweimal Der Durchblick fällt selbst Experten am Bernstorff-Gymnasium ihr Abitur ab- Kurvendiskussion gemacht und in Biolo- schwer. In Baden-Württemberg und Hes- legen – wenn alles normal läuft. Doch gie zweimal für Zellosmose gelernt“, sagt sen sind Deutsch, Mathematik und eine was ist schon normal bei einem Wechsel die Schülerin. Das Latinum machte sie Fremdsprache Pflicht, in Bremen und Ber- in der Oberstufe zwischen zwei benach- zweimal, ebenso ihr Pflichtpraktikum, lin ist es bislang nur eines dieser Fächer. barten Bundesländern? das erste in einem niedersächsischen Kin- In Bayern kommen alle Aufgaben aus der In Tostedt dauert das Gymnasium acht dergarten und das zweite in einer schles- Landeshauptstadt, in Brandenburg einige, Jahre, in Satrup neun. In Tostedt umfasst wig-holsteinischen Grundschule. in Rheinland-Pfalz keine. Im Saarland 46 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Abiturprüfung 2012* ben, das kommt für den Freistaat nicht Kuddelmuddel der Kultusminister in Frage: „Wir wollen ausdrücklich kein Zentralabitur“, betont Spaenle. Stattdes- und klingt damit nicht anders als viele sen sollen die Schüler künftig gleich Parteivertreter von SPD, Grünen und schwere, aber nicht dieselben Aufgaben FDP. Der niedersächsische Ministerpräsi- vorgelegt bekommen. dent David McAllister (CDU) rief ein Abzusehen ist deshalb, dass die geplan- „Deutschland-Abitur als Ziel“ aus. ten Änderungen an der Reifeprüfung we- Doch was einzelne Politiker verspre- der Eltern noch Lehrer zufriedenstellen chen oder verlangen, ist unerheblich; erst werden. Genau 200 Jahre nachdem Preu- recht wenn sie in der Bundespolitik aktiv ßen das Abiturreglement des Kultusmi- sind. Das Kuddelmuddel beenden kann nister-Urahns und Bildungsreformers Wil- nur jenes Gremium, das für das jahrzehn- helm von Humboldt einführte, schränkt telange Hin und Her verantwortlich ist – das föderale System jeden Reformeifer und das in dieser Woche turnusgemäß in von vornherein ein. Berlin tagt: die Kultusministerkonferenz. Dabei wäre ein Konzept ohne Kompro- Die Zentralinstanz des Bildungsfödera- misse dringender denn je, schließlich le- lismus hat im Frühjahr umfangreiche Re- gen immer mehr Schüler die Reifeprü- formen bei der Reifeprüfung in Aussicht fung ab. In Hamburg und anderen Städ- gestellt und nicht weniger als „vergleich- ten ist es schon die Hälfte; bundesweit bare Abiturprüfungen in Deutschland“ liegt der Anteil inzwischen bei einem versprochen. Ab dem Schuljahr 2016/2017 Drittel, Tendenz steigend. Längst hat das sollen sich alle Bundesländer beim Abitur Gymnasium sein Monopol auf das Abitur aus einem gemeinsamen Aufgabenpool verloren. Auch von Gesamtschulen, Stadt- bedienen können. Außerdem wollen sechs teilschulen oder Oberschulen führt der Länder – Bayern, Sachsen, Niedersachsen, Weg zur Hochschule. Hamburg, Schleswig-Holstein und Meck- Abi für (fast) alle, aber für keinen das- lenburg-Vorpommern – schon ab 2014 ähn- selbe – an dieser fatalen Kombination liche Aufgaben in den Fächern Deutsch, wird sich so bald nichts ändern. Mathematik und Englisch stellen. „Mir ist nicht klar, wie der Aufgaben- Wie die Pool-Lösung genau aussehen pool die Abiture tatsächlich vergleichba- soll, ist noch unklar. Doch so viel steht rer machen soll“, sagt Wilfried Bos, Leiter fest: Zentrale Prüfungen für ganz des Instituts für Schulentwicklungs- Deutschland wird es weiterhin nicht ge- forschung in Dortmund. Vergleichen kön- ben. „Jedes Land hat immer noch die ne man das Abschneiden nur bei iden- ULMER / IMAGO Letztverantwortung“, sagt Bayerns Kul- tischen Aufgaben und zentraler Auswer- tusminister Ludwig Spaenle (CSU). Den tung, sagt der Schulforscher, der mehrere Bildungsföderalismus wirklich aufzuge- Leistungsstudien betreut hat. „Entweder ich habe messbare Standards, oder ich tragen die Noten aus den Abi-Prüfungen Eins, zwei oder drei? habe eben keine messbaren Standards.“ viel zum Gesamtschnitt bei, in Hamburg Verpflichtende Kernfächer* im Abitur 2012 Wer Vergleichbarkeit fordere, müsse mit wenig. in den Ländern mit Zentralabitur den Ergebnissen leben – auch wenn sie 360000 Schülerinnen und Schüler durch- unangenehm seien. Den geplanten Auf- liefen in den vergangenen Wochen Klau- ein Kernfach zwei Kernfächer drei Kernfächer gabenpool wertet Bos als Versuch, solche suren und mündliche Prüfungen. Die meis- zentralen Datenerhebungen zu vermeiden. ten sind nun stolz auf ihr Abi. Tatsächlich * Mathematik, So bleibt es wohl bei Diskrepanzen, Deutsch, Fremd- ist es ihr Abi – ein individuelles Zeugnis, sprache (vereinzelt wie sie am besten Pädagogen beschreiben Naturwissenschaft dessen Wert kaum einzuschätzen ist. oder besondere können, die über Erfahrungen aus meh- Schleswig- Um das zu bedauern, muss man nicht Lernleistung) Holstein reren Bundesländern verfügen. Zum Bei- **kein Mecklenburg- zu einem Umzug von einem ins andere Zentral- spiel Bettina Fensch, 48, Lehrerin für Bundesland, von einem Abi-Regime zum abitur Vorpommern Deutsch und Geschichte: Sie wechselte Hamburg nächsten gezwungen worden sein. In Mei- Bremen im vergangenen Jahr aus Augsburg ans Berlin nungserhebungen sprachen sich zuletzt Nieder- Johanneum in Hamburg, eines der pres- vier Fünftel der Befragten dafür aus, ein sachsen tigeträchtigsten Gymnasien der Hanse- Branden- bundeseinheitliches Abitur einzuführen; Sachsen- burg stadt. „Meine beiden Zwillinge sind ihren unter den Lehrern ist der Anteil ähnlich Nordrhein- Anhalt Mitschülern im Lateinunterricht der 7. hoch. Westfalen Klasse ein volles Jahr voraus“, sagt die Sachsen Gemeinschaftlich sorgen sich Eltern, Thüringen Mutter von fünf Kindern. Schüler und Lehrer um ein deutsches Hessen Auch als Lehrkraft erlebt sie nun, wie Markenzeichen, und weil Bildung ein Rheinland- unterschiedlich die Verhältnisse sein kön- Thema ist, mit dem Wahlen gewonnen Pfalz** nen, wenn man plötzlich in einem ande- oder verloren werden können, hat die ren Teil derselben Republik lebt. Erstmals Politik die Sorge angenommen. „Wir Saarland Bayern in ihrer Pädagogenkarriere erstellt sie die brauchen Vergleichbarkeit bei den Bil- schriftlichen Abituraufgaben selbst, ihre dungsabschlüssen“, fordert Bundesbil- Baden- Schüler werden im kommenden Jahr ihre Württemberg dungsministerin Annette Schavan (CDU) Geschichtsklausur bearbeiten – in Bayern undenkbar. * Schüler des Eugen-Bolz-Gymnasiums in der Festhalle In den beiden Bundesländern, so in Rottenburg am Neckar. Quelle: Aktionsrat Bildung 2011 nimmt es Fensch wahr, würden gegen- D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 47
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    Deutschland sätzliche Schwerpunkte gesetzt: Klau- von Schulforschern: Es geht ungerecht zu Bundesländern gibt es mittlerweile ein suren im Freistaat, mündliche Mitarbeit beim Abi. Während sich in manchen Bun- landeseigenes Zentralabitur, einzige Aus- in der Hansestadt. Dort klare Vorgaben desländern Schüler durch die Oberstufe nahme ist Rheinland-Pfalz (siehe Grafik vom Ministerium, hier große Freiheiten faulenzen, wird ihnen anderswo alles ab- Seite 47). Doch was 15 Kultusministern im Lehrplan und zeitraubende Diskus- verlangt. Während sie hier auf gute Noten für ihr jeweiliges Bundesland recht ist, ist sionen in den Schulgremien. „Die Bayern vertrauen dürfen, müssen sie dort froh ihnen für die Bundesrepublik nicht billig: können besser analysieren, die Ham- sein zu bestehen. Das Abschlusszeugnis einheitliche Prüfungen. burger besser präsentieren“, sagt Fensch. heißt hier wie dort gleich, aber es bedeu- Dabei wäre es die logische Fortsetzung Sie genieße die Freiheiten, andererseits tet etwas anderes. Wissenschaftliche Stu- der Reformen der vergangenen Jahre: hin sei sie erstaunt über die lasche Disziplin. dien haben große Differenzen aufgezeigt. zu mehr Vergleichbarkeit, mehr Stan- „In Hamburg lässt man unheimlich viel So mussten Schüler in Baden-Württem- dards. Die Reformierte Oberstufe mit ih- Leine.“ berg deutlich mehr als in Hamburg für ren zahlreichen Auswahl- und Abwahl- Rüdiger Horst, 39, Lehrer für Spanisch dieselbe Mathematiknote leisten. möglichkeiten, 1972 mit großem Getöse und Gemeinschaftskunde, zog vor drei Das ist auch deshalb problematisch, und großen Hoffnungen eingeführt, ist Jahren von Niedersachsen nach Baden- weil es so folgenreich ist. Anders als in Geschichte. Württemberg, von Stadthagen nach Karls- den USA, wo meistens nicht der High- Zuerst nahm Baden-Württemberg un- ruhe. Damals beneideten ihn Kollegen. school-Abschluss ausreicht, sondern das ter der Ägide der damaligen Kultusminis- „Viele Lehrer im Norden denken, der Sü- Abschneiden in standardisierten Tests terin Schavan die Grund- und Leistungs- den sei das Land, in dem Milch und Honig über das Fortkommen im Bildungssystem kurse zugunsten verpflichtender vier- fließen“, sagt Horst. Doch das gelte nicht entscheidet, ist das Abitur in Deutschland stündiger Kernfächer zurück. In Deutsch, für alle Fächer. Seine eigenen würden im die Eintrittskarte für die Hochschule. Mathematik und Fremdsprache seien „so- Land der Tüftler und Häuslebauer eher Es enthält schließlich zwei große Ver- lide Grundkompetenzen für alle wichti- geringgeschätzt, sagt Horst: „Ingenieure sprechen: eines über den Schüler, eines ger als Spezialisierungsmöglichkeiten für werden gesucht, Politologen nicht so, die für den Schüler. Es bezeugt, erstens, die wenige“, sagte Schavan. Verwertbarkeit der Schulfächer steht hier allgemeine Hochschulreife jedes Abitu- Viele Bundesländer folgten. Ungeliebte im Vordergrund.“ rienten, also die persönliche Vorausset- Fächer fröhlich aussortieren – das war Ursula Graf, 48, Mathe- und Physik- zung, in jedem beliebigen Fach an einer einmal. Die Gymnasiasten müssen fast lehrerin, ging nach ihrem Referendariat Hochschule bestehen zu können. Und ge- überall Deutsch, Mathematik und eine in Bayern für vier Jahre nach Bochum währt, zweitens, dem Abiturienten das Fremdsprache bis zum Abitur belegen. und kehrte 2011 zurück ans altehrwürdige Recht, jedes beliebige Fach an einer Nicht nur das: Zumeist müssen sich die Gymnasium Christian-Ernestinum in Bay- Hochschule studieren zu dürfen. Doch Abiturienten in mindestens zwei dieser reuth. Graf lobt die Arbeitshaltung der wenn es knapp wird bei den Studienplät- Fächer prüfen lassen. Und gelernt wird Schüler in Bayern, den Fleiß, den Ernst. zen und die Unis einen Numerus clausus wieder im Klassenverband. In Bochum habe sie beeindruckt, wie gut einrichten, gibt der Abi-Schnitt den Aus- Kaum noch dürfen sich Schüler ein Abi- sich die deutschen Schüler mit den vielen schlag. tur basteln wie der Rheinland-Pfälzer Se- Einwandererkindern auf dem Gymnasi- Umso verständlicher, wenn manche die bastian Gräber, 19, mit den Fächern So- um verstanden. In den Prüfungen zeigten Unterschiede auszunutzen versuchen: zialkunde, Mathe, Englisch und Ethik. sich Unterschiede: „Das Niveau der Auf- Als Florian, 18, Waldorfschüler aus Mit dem Notendurchschnitt von 1,2 ist er gaben ist in Bayern höher“, urteilt Graf. Landsberg am Lech, im Sommer 2010 sei- Jahrgangsbester seines Gymnasiums in Ursula Graf befürwortet eine einheit- ne Chancen schwinden sah, das bayeri- Traben-Trarbach an der Mosel. Gräber, liche Prüfung: „Das hätte Signalwirkung.“ sche Abi zu schaffen, kümmerte er sich Schülersprecher und Mitglied der Landes- Rüdiger Horst sagt: „Ich bin ein Gegner um einen Platz in der Rudolf-Steiner- schülervertretung, findet Wahlfreiheit gut. des Bildungsföderalismus; es wäre sinn- Schule in Bremen und zog für ein Jahr in „Das Engagement der Schüler ist größer, voller, Bildungspolitik zu zentralisieren.“ eine Wohngemeinschaft im Norden. Flo- wenn man sie das lernen lässt, was sie Bettina Fensch will nicht alle Fächer ver- rian bestand, zwar nicht mit Glanznoten, wirklich interessiert“, sagt er. einheitlichen, „aber in den Kernfächern aber doch mit einem ausreichenden Doch der Geist der Siebziger ist out Mathe, Deutsch und Englisch sollte es Ergebnis. wie Schlaghosen und Batik-T-Shirts – zentrale Standards geben“. Was gegen zu große Unterschiede hilft, selbst in Norddeutschland mit seinen ver- Was die drei Lehrer in ihrem Alltag scheint jeder einzelne Kultusminister für meintlichen Kuschel-Abis. Ties Rabes erfahren, entspricht den Erkenntnissen sein Land genau zu wissen. In 15 von 16 Krawatte hat rote Streifen, der Hambur- BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL BERT BOSTELMAN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL ACHENBACH-PACINI / DER SPIEGEL Pädagogen Horst, Fensch, Graf: „Die Bayern können besser analysieren, die Hamburger besser präsentieren“ 48 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    ger Schulsenator schenktsich in sei- noch große Freiheit herrschte. Und nem Büro roten Tee aus einer roten doch so viel, dass die Transparenz Plastikkanne ein. Aber der SPD- stark erhöht würde. Erstmals würde Politiker redet, wie es früher nur sichtbar und auch vergleichbar, was schwarze, konservative Kultusmi- Abiturienten wissen. nister taten. Das könnte, hoffen die Experten, „Bildungsföderalismus heißt ja vor allem für „weniger gut abschnei- nicht, dass jeder machen kann, was dende Bundesländer“ ein Ansporn er will, er beinhaltet zugleich ein sein. Klar sei jedenfalls: „Die Ein- Leistungsversprechen“, sagt Rabe, führung von zentralen Prüfungsbe- 51. „Es kann nicht angehen, dass das standteilen wird zu Gewinnern und Abitur in einigen Bundesländern Verlierern führen.“ schwerer erscheint als in anderen.“ Dass sich solche zentralistischen Hamburg zählt zu den sechs Län- Elemente in einem föderalen Sys- dern, die ab 2014 ähnliche Aufgaben tem etablieren lassen, wenn auch in den Kernfächern stellen wollen. gegen große Widerstände, beweisen Die Hansestadt war diesem Kreis die Bildungspolitiker in einem Nach- beigetreten, als noch Rabes Vorgän- barland mit großer föderaler Tra- ger von der CDU das Sagen hatte. dition. Österreich, bisweilen als re- Rabe ist nicht wieder ausgetreten. formresistent verschrien, ähnelt Aber ein echtes Zentralabitur für Deutschland: Über die Lehrinhalte OLIVER RÜTHER / DER SPIEGEL Deutschland – das will auch der ak- bestimmen die selbstbewussten Bun- tuelle Präsident der Kultusminister- desländer, es gibt teils abweichende konferenz lieber nicht. Er verweist Ferientermine von Tirol bis in die stattdessen auf die sogenannten Bil- Steiermark, und in jeder Region ist dungsstandards. Im Herbst wollen man stolz auf landsmannschaftliche sich Rabe und seine Kollegen Kul- Besonderheiten, die sich im Unter- tusminister darauf verständigen, Abiturient Gräber: „Lernen, was wirklich interessiert“ richt widerspiegeln. was Oberstufenschüler in den wich- Doch ausgerechnet Österreich, in tigsten Fächern können müssen. An den Pisa-Tests schlimm gebeutelt, den Standards arbeiten derzeit Fach- führt bald eine „Zentralmatura“ ein. leute eines Instituts, das einen viel- Ab 2015 wird eine Bundeseinrich- versprechenden Namen hat: Institut tung die Abituraufgaben für TIM RIEDIGER / NORDPOOL / DER SPIEGEL zur Qualitätsentwicklung im Bil- Deutsch, Mathe und die Fremdspra- dungswesen. chen stellen. Zu bearbeiten sind sie Die Berliner Experten werden am selben Tag im ganzen Land. schmale Bändchen vorlegen, die be- Alles Übrige bleibt den Bundes- schreiben, was deutsche Gymna- ländern überlassen. Sie dürfen wei- siasten in den Fächern Deutsch, Ma- tere Prüfungen festlegen, die münd- thematik, Englisch und Französisch lichen Tests bestimmen und den beherrschen müssen. Ähnliche Leit- Inhalt der vorgeschriebenen „vor- fäden existieren bereits für jüngere Wechslerin Dombrowsky: Zweimal Zellosmose wissenschaftlichen Arbeit“. Funktio- Jahrgangsstufen. Die Bildungsstan- niert das Vorhaben, könnte das den dards sind die derzeitige Allzweckwaffe gehören, finanziert wird es von der Ver- Druck auf das nördliche Nachbarland er- der Kultusminister und ihres Instituts. Ein einigung der Bayerischen Wirtschaft. In höhen. Die Österreicher werden demnach Kanon, der verbindliche Lerninhalte vor- ihrem Gutachten empfahlen die Wissen- bald über belastbare Vergleichszahlen schreibt, sei passé, erläutert Instituts- schaftler unlängst ein „gemeinsames verfügen, zu einem Zeitpunkt, an dem leiterin Petra Stanat. Moderne Bildungs- Kernabitur“. die deutschen Kultusminister über die ziele würden als Kompetenzen definiert, Sie plädieren dafür, einmal pro Jahr Aufgaben aus ihrem Pool diskutieren. also als fachbezogene Fähigkeiten und einen nationalen Testtag einzurichten – Die Neu-Schleswig-Holsteinerin Nicole Fertigkeiten, die zur Lösung von Proble- etwa im Mai, in einer Woche ohne Ferien. Dombrowsky wird dann wohl ihr Abitur men angewendet werden können. „Die An diesem Tag würden alle Abiturienten bestanden haben. Mit den Besonderhei- Bildungsstandards sollen der zentrale bundesweit schriftlich in Deutsch, Mathe- ten des Bundeslandwechsels hat sie sich Maßstab für die Schulen werden“, erklärt matik und Englisch geprüft: zur selben arrangiert. „Was soll ich auch machen?“, Stanat. Zeit, mit denselben Aufgaben, anderthalb sagt die Oberstufenschülerin. Aber werden die Standards auch ein- Stunden pro Fach. Ein Wunder, dass sie trotz aller Mühen gehalten? Wie sie sich in den jeweiligen Das Konzept sieht vor, dass diese zen- bei ihrem Berufswunsch bleibt und sich Lehrplänen niederschlagen, bleibt jedem tralen Tests rund 30 Prozent der Abitur- nicht vom Bildungssystem abwendet: Sie Bundesland überlassen, ebenso wie die prüfung ausmachen. Die Bundesländer will Lehrerin werden. Auswahl der Abi-Aufgaben aus dem noch wären frei, die übrigen 70 Prozent zu ge- MATTHIAS BARTSCH, JAN FRIEDMANN, zu erstellenden Pool. Auch hierfür arbei- stalten, sie könnten andere Fächer prüfen ULF HANKE, CONNY NEUMANN tet das Institut derzeit an einem Konzept. lassen und weiterhin über mündliche Prü- Klar ist: Ein Zentralabitur ist nicht fungen entscheiden. Wie bisher würde geplant. Dabei liegt ein praktikabler Vor- die Gesamtnote auch die Leistungen aus Video: schlag auf dem Tisch, wie eine solche den letzten beiden Schuljahren würdigen. Schulkarriere Bundesprüfung aussehen könnte. Der Ak- Alles in allem, rechnet der Aktionsrat, im Ausland tionsrat Bildung hat ihn formuliert, ein würden die zentralen Prüfungen dann Für Smartphone-Benutzer: Gremium, dem neben Wilfried Bos zehn zehn Prozent der Gesamtnote ausma- Bildcode scannen, etwa mit weitere angesehene Bildungsforscher an- chen. Das wäre so wenig, dass immer der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 49
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    Deutschland Gericht noch ein Motiv für seine Tat: Klat- A F FÄ R E N tens Familie, die Quandts, hätten ihr Ver- Herr und Helg mögen schon in der Nazi-Zeit gemacht, seine eigene Familie habe jüdische Wur- zeln. Als Klatten den Kontakt zu ihm ab- gebrochen, als sie einfach den Telefonhö- Erstmals hat der Klatten-Erpresser rer aufgelegt habe, kurz vor der Erpres- Sgarbi über den mutmaß- sung, „war das dieselbe Arroganz, die lichen Drahtzieher des Komplotts auch meine Vorfahren ermordet hat“. Allerdings sprechen die Fakten eher ge- ausgesagt. Dem drohen gen seine blumigen Erzählungen – und da- in Italien neun Jahre Gefängnis. für, dass er für Barretta alle Schuld auf sich nehmen will. Obwohl Sgarbi nämlich be- AXEL SCHMIDT / DAPD A ls Ernano Barretta, der Erleuchte- hauptete, er habe die sieben Millionen von te, das Strafgericht im italieni- Klatten, in 500er-Scheinen, sofort in Mün- schen Pescara betritt, ist ihm das chen und Rom weitergereicht, um alte Strahlende schon vergangen. „Che cazzo Spielschulden zu bezahlen, fand die Polizei guardi?“, „Was glotzt du, Schwanz?“, Erpressungsopfer Klatten auf Barrettas Grundstück 500-Euro-Bündel blafft er einen der Anwälte an, die für die Die Rache einer gedemütigten Frau wie die von Klatten: mit rosa Banderole Signora Klatten aus Deutschland arbeiten. und Aufdruck „Landeszentralbank“. Und obwohl er doch angeblich über den Mit so einem Bündel soll Barretta auch irdischen Dingen steht, muss sich der Sek- versucht haben, eine Villa anzuzahlen. tenchef aus den Abbruzzen ständig die Außerdem forderte sein Sohn Marcello Schweißperlen abtupfen. Nicht weil es so in einem von der Polizei abgehörten Te- heiß wäre, der Saal ist gut klimatisiert. lefonat die Freundin auf, die zwei 500- Wohl eher, weil er ahnt, was kommt. In Euro-Scheine, die er ihr gegeben habe, seinem Plädoyer fordert der Staatsanwalt sofort wegzuwerfen. Am stärksten belas- später neun Jahre Gefängnis für ihn. tet Barretta aber ein Zettel, der bei der MASSIMO SCHIAZZO / AGENZIA FOTOMAX Damit steht der Prozess gegen den mut- geplatzten Geldübergabe auf dem Rast- maßlichen Drahtzieher im Erpressungs- platz in seiner Jacke steckte: Darauf stan- fall Susanne Klatten kurz vor dem Ab- den die Rufnummern von Klatten und schluss. Aus Sicht der Strafverfolger hat zwei anderen Frauen, die Sgarbi genauso Barretta 2007 einen seiner ergebensten beglückt und dann betrogen hatte. Jünger ausgeschickt, den Schweizer Helg Wieder soll Barretta nichts gewusst ha- Sgarbi, um die reichste Frau Deutschlands ben: Den Zettel „habe ich ihm am Tag erst zu verführen, dann mit heimlich ge- seiner Festnahme in seine Sakkotasche drehten Liebesvideos zu erpressen. Gigolo Sgarbi vor dem Gericht in Pescara gesteckt“, heimlich, erklärte Sgarbi allen Bevor aber in dieser Woche das Urteil 84 Minuten Entlastung für den Guru Ernstes. Warum? Nur falls ihm, Sgarbi, fallen soll, hatte das Verfahren am ver- etwas passiert wäre. Dann hätte sein gangenen Dienstag noch einen Höhe- Freund Barretta auf diesem Wege erfah- punkt zu bieten: den Auftritt des großen ren, dass Frau Klatten das Problem auf Verführers, Sgarbi, als Zeugen. Abgese- die harte Tour gelöst habe. Dumm nur, hen von dem kurzen Geständnis, das sein dass die Namen auf dem Zettel verschlüs- Anwalt Egon Geis für ihn im Münchner selt waren. Ein ahnungsloser Barretta hät- Prozess 2009 vorgetragen hatte, war es te damit kaum etwas anfangen können. das erste Mal, dass sich der Gigolo, der Insgesamt forderte der Staatsanwalt 27 im bayerischen Landsberg sechs Jahre ab- Jahre Gefängnis für den Barretta-Clan: sitzt, zu den Vorwürfen erklärte. neun für Barretta, je sechs für Frau, Sohn Wer allerdings gedacht hatte, die Zeit und Tochter. Dazu noch zweieinhalb Jah- im Knast hätte ihn vom Anhänger zum re für die Ehefrau des Gigolos, die wie Ankläger seines Gurus Barretta verwan- alle anderen mit der Erpressung nichts delt, sah sich getäuscht. 84 Minuten lang zu tun haben will; sie steht Barretta so TAGESANZEIGER versuchte Sgarbi jenen Mann zu entlas- nahe, dass sie ihm während des Prozesses ten, der seine Jünger schon mal mit dem fürsorglich die Taschentücher hinhielt, bei Hinweis beseelt haben soll, sein Sperma seinen Schweißausbrüchen. sei das Blut Jesu Christi. Sektenführer Barretta Doch Klattens Anwälten reicht das Barretta habe von der Erpressung Geldbündel mit deutschen Banderolen nicht. Sie verlangen acht Millionen Euro nichts gewusst, behauptete Sgarbi also. von Barretta. Es geht um Schmerzensgeld, Er allein habe im Münchner Holiday Inn Als zur Übergabe auf einem Autobahn- vor allem jedoch um den Großteil der sie- das Video gemacht, aus einer abgestellten rastplatz in Österreich nicht BMW-Groß- ben Millionen, von denen die Polizei erst Tasche heraus; er allein habe dann zuerst aktionärin Klatten, sondern die Polizei 400 213 Euro sichergestellt hat. Nicht dass sieben Millionen Euro von Klatten erbet- erschien, nahm sie dort allerdings auch die Milliardärin auf das Geld angewiesen telt, mit der Lügenstory, dass er in Ame- Barretta fest. Dennoch habe der nichts wäre. Aber angeblich hat sie Sgarbi kürz- rika das Kind eines Mafioso angefahren geahnt, erzählte Sgarbi, habe ihn nur be- lich sogar die Uhr wegpfänden lassen, habe und dafür zahlen müsse. Und er al- gleitet, auf seine Bitte hin, ohne zu wis- denn so etwas dürfte selbst für die reichs- lein habe dann auch noch mehr gefordert, sen, warum. „Es war ein großer Fehler, te Deutsche von unschätzbarem Wert nun mit Erpressung: erst 49 Millionen, Herrn Barretta in die Geschichte hinein- sein: als Zeichen für die Rache einer ge- schließlich „2x7up“, 14 Millionen, mit der zuziehen, ich entschuldige mich bei ihm.“ demütigten Frau. Drohung, die Aufnahmen zu verschicken. Als Dreingabe präsentierte Sgarbi dem JÜRGEN DAHLKAMP 50 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Szene Was war da los, Frau Steketee? Jennifer Steketee, 40, US-amerikanische Tier- ärztin aus Santa Fe, über Essstörungen: „Der Kater heißt Meow, er wog 18 Kilogramm, als er ins Tierheim kam. Sein Halter sagte, dass der Kater am liebsten Hot Dogs ge- fressen habe, aber hier im Tierheim fraß er nie Hot Dogs. Er war ein sehr wähleri- scher Esser. Vielleicht, weil wir ihn auf eine strikte Eiweißdiät gesetzt haben und ihm Kohlenhydrate verweigerten. Wir mussten dabei vorsichtig sein, weil bei manchen di- cken Katzen die Leber versagt, wenn die Tiere zu schnell abnehmen. Wir hatten mit Meow Wiegungen vor Publikum geplant und eine öffentliche Diät, um auf das Pro- blem von dicken Haustieren aufmerksam zu machen, das in Amerika leider verbrei- tet ist. Aber vor kurzem fing der Kater an zu röcheln. Sein Speck legte seine Atmung WENN.COM lahm. Es ist sehr traurig, aber Meow ist er- stickt. Er wurde nur zwei Jahre alt.“ Steketee Sollte man jetzt griechische Inseln kaufen, Herr Vladi? Der Hamburger das Klima ist beständig, und sie sind Bürgermeister der Gemeinde. Ein Unternehmer Farhad meist nicht weit vom Festland ent- Marathon. Vladi, 67, handelt seit fernt. Es spricht viel für Griechenland. SPIEGEL: Im An- und Verkauf von 40 Jahren mit priva- SPIEGEL: Was spricht dagegen? Inseln spiegelt sich also die ganze ten Inseln. Vladi: Ausländer können keine griechische Krise? BERTRAM SOLCHER griechischen Inseln kaufen. Vladi: Leider ist das so. Neulich hatte SPIEGEL: Herr Vladi, SPIEGEL: Das ist nicht erlaubt? ich einen Franzosen, der eine grie- werden griechische Vladi: Erlaubt schon. Aber so gut wie chische Insel wollte. Sehr netter Mann, Inseln billiger? unmöglich. Als Ausländer brauchen er hatte auch das Geld, aber nach der Vladi: Viele Inseln werden im Moment Sie 32 Genehmigungen. achten Genehmigung hat er abge- billiger, in Zentralamerika bekommt SPIEGEL: Von wem denn? winkt. Das hält niemand durch. man sie fast zum halben Preis im Ver- Vladi: Zuerst müssen Sie zum Ver- SPIEGEL: Trotzdem bieten Sie fünf gleich zum Boom vor ein paar Jahren. teidigungsministerium. Inseln an der griechische Inseln an. Aber in Griechenland geht fast gar Grenze zur Türkei können Sie über- Vladi: Ich hätte noch mehr, aber auf nichts. haupt nicht kaufen. Dann zum meiner Website zeige ich nur fünf, lei- SPIEGEL: Wollen die Griechen nicht Ministerium für Landwirtschaft, zu der schon lange. Dabei sind die traum- verkaufen? den Baubehörden, das geht bis zum haft schön. Die kleine etwa, bei Athen, Vladi: In meinem Büro Trinity Island. Die Beatles liegen 40 Briefe, allesamt waren mal drauf, Churchill Angebote aus Griechen- hat da übernachtet. So land. Es haben sich noch was könnte man norma- nie so viele Griechen bei lerweise sofort verkaufen. mir gemeldet, die ihre SPIEGEL: Trinity Island Inseln verkaufen wollen. kostet bei Ihnen 18 Mil- Aber ich sage allen, dass lionen Euro. ich leider kaum Möglich- Vladi: Die Griechen, die keiten sehe. mir Inseln anbieten, kom- SPIEGEL: Sind die Inseln men mit Traumvorstellun- nicht gut? gen. Es ist schnell von Vladi: Sie sind wunderbar, Trinity Island Onassis die Rede, wenn sie liegen im Mittelmeer, es um ihre Inseln geht. 52 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft Zu viel Phantasie EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie sich ein Schauspieler versehentlich erhängte G leyson war der Erste, der ihn be- Die Inszenierung war die prachtvollste sie an dem Fluggeschirr. Dabei unterlief suchte, der ins Krankenhaus eilte, bisher: Rote Scheinwerfer glühten, Rauch ihm ein schwerer Fehler. noch in jener Nacht, wobei „be- stieg auf, gellend forderten die Juden Jesu Am Morgen noch hatte Thiago, dies er- suchen“ zu viel gesagt ist, Gleyson durfte Blut, martialisch stampften die römischen gab die spätere Untersuchung der Polizei, gerade noch einen Blick auf ihn werfen, Soldaten auf. Für die Szene, in der Judas eine kräftige Kordel in den Kragen seines ein Gebet murmeln, unter den wachsa- sich erhängt, hatte Thiago sich ein Flug- Judas-Kittels eingenäht, mit einem Kno- men Augen von Frau Doktor Ferreira. geschirr besorgt. Ein Fluggeschirr ist ein ten vorn, zum Zuziehen. Während er sich Thiago lag im Koma. Es sah aus, als auf der Bühne die Schlinge um den ob er schliefe, bleich, aber friedlich, Hals legte, während er gleichzeitig und um den Hals von Thiago sah hinten an Haken und Strick nestel- Gleyson das Würgemal, dünn, aber te, verhedderte sich die Kordel in rot wie Feuer. der Aufhängung. Gleyson besuchte seinen Freund, Judas spähte in die Tiefe. Ein Teu- so oft es ging, er klammerte sich fel, weiblich, sexy, rot geschminkt, an die Hoffnung, dass Thiago auf- spornte den Verräter an. Schließ- wachen würde, das war noch vor lich sprang er. Es gab Szenenap- den dias horríveis, wie er diese Zeit plaus. später nennen sollte, den Tagen des Das Fluggeschirr fing das Ge- Schreckens. wicht Thiagos auf. Dabei kam aber Gleyson Domingues und Thiago Zug auf die Kordel, sie wurde hoch- Klimeck, Getränkeauslieferer der gerissen, zog sich zu. Das Bühnen- eine, Buchhalter der andere, waren licht über Judas erlosch, rechts auf schon beste Freunde, als sie noch der Bühne begann die Auspeit- in kurzen Hosen liefen. Beide gebo- schung Jesu. SANDRO AZEVEDO ren in Itararé, einem Provinznest im Verletzungen an den Fingernä- Bundesstaat São Paulo, Brasilien. geln legen nahe, dass Thiago noch Sie stammten aus demselben Vier- kämpfte, sich die Schnur vom Hals tel, Cerrado, aber was sie verband, zerren wollte. Aber dieser Kampf war mehr: Sie hatten Phantasie. Judas-Darsteller Klimeck am 6. April kann nicht lange gedauert haben. Die anderen jungen Männer ver- Es war ein Zuschauer, der, nach brachten ihre Freizeit auf dem Bolz- etwa vier Minuten, merkte, dass et- platz oder fuhren an warmen Sams- was nicht stimmte. Es dauerte, bis tagabenden die Hauptstraße auf sich der Zuschauer bemerkbar ma- und ab, im Schritttempo, die Rua chen konnte. Endlich unterbrach São Pedro, die Musik wummerte, man die Aufführung, versuchte, während die hübschen Mädchen ki- Thiago vom Strick zu schneiden. chernd den Bürgersteig entlangfla- Wertvolle Minuten vergingen, bis nierten. Nichts gegen hübsche Mäd- der Krankenwagen kam. chen, fanden Gleyson und Thiago, Thiago lag 16 Tage im Koma, und eines Tages würden auch sie dann starb er. Für Gleyson began- heiraten; aber bis dahin hatten sie nen die Tage des Schreckens, jede so viele Ideen. Sie trafen sich oft, Aus der „Frankfurter Allgemeinen“ Minute tat weh, es war, als würde stundenlang konnten sie quatschen, ein Stück von ihm fehlen. Und wie sie wollten Geschichten erzählen, sinnlos war alles: ein frommer Kerl Geschichten spielen. wie Thiago, ein gottgefälliges Thea- Einen Freund zu finden, in dem man stabiles Korsett, den Oberkörper bis unter terstück – warum also dieser Unfall? War- sich selbst entdeckt: Das war das Glück die Arme umschließend, konstruiert, um um ließ Gott so etwas zu? Wen wollte er von Gleyson und Thiago. einen Menschen an einen Kran zu hän- bestrafen? Wofür? Bei ihrer Laienspielgruppe konnten sie gen, schweben zu lassen. Hinten war ein Auf solche Fragen erfolgt erfahrungs- sich die Rollen aussuchen, sie spielten Haken befestigt. Hier musste der Strick gemäß keine Antwort. Gleyson musste Dramen, Komödien, Glanzpunkt des Jah- eingeklinkt werden, während die Schlin- allein damit fertigwerden. res war das Osterstück: Das führten sie ge nur lasch um den Hals gelegt wurde. Es geht ihm inzwischen besser. Er will auf dem Rathausplatz auf, die Passion Alles lief gut. Nach seinem Verrat stieg wahrscheinlich weiterhin Theater spielen, Christi. Judas auf ein Podest, während Jesus von sein Freund hätte es so gewollt, sagt Gley- Gleyson spielte wieder Jesus, Thiago den Häschern abgeführt wurde. Auf dem son. Und es tröste ihn, sagt er, dass das hatte den Part von Judas Ischariot über- Podest stehend, rang Judas gramerfüllt Letzte, was Thiago wahrscheinlich hörte, nommen, der Jesus für 30 Silberlinge die Hände und legte sich die Schlinge um Szenenapplaus war. verkauft und sich aus Selbstekel erhängt. den Hals – beziehungsweise: befestigte RALF HOPPE D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 53
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    VOX Schauspieler Matthäus alsGast der Serie „Alarm für Cobra 11“: „Ich werde von mir öfter in der dritten Person sprechen“ IDOLE Der Lothar ist der Lothar Seit Jahren läuft Lothar Matthäus dem Ruhm früherer Tage hinterher. Sein Leben wird bestimmt von unglücklichen Trainerjobs und Frauengeschichten. Jetzt lässt er sich für eine „Personality-Doku“ im Fernsehen filmen. Von Thomas Hüetlin Z wei Menschen in schwarzem An- Der Makler streckt ihm die Karte ent- ein Geschäft für Hundefutter, der Fern- zug stehen zwischen braunen Flä- gegen. „Hab selbst noch nie eine Busi- fahrer-Strich, die A 9. chen von frisch angesätem Rasen, ness-Karte gehabt“, sagt Matthäus. Matthäus blinzelt in Richtung des Hun- ein Immobilienmakler und seine Assis- Es gibt Menschen, die kennt man defutterladens, wo ein Fernsehteam steht. tentin. Ein heller Mercedes rollt heran, nicht. Und es gibt Menschen, die kennt Er hat gerade, so wie früher auf dem heraus steigt eine junge Frau mit schwar- jeder. Menschen wie Lothar Matthäus. Platz, den Rangunterschied klargemacht, zer Lederjacke und blonden Haaren, die Menschen, die keine Visitenkarten brau- er hat gezeigt, wer hier der Chef ist. Aber aussehen, als wären sie gebügelt. Hinter chen. da ist nur das leise Surren der Kamera. ihr ein Mann mit einem lilafarbenen T- Einen Moment lang stehen sie still vor Lothar Matthäus, mittlerweile 51 Jahre Shirt. Der Mann ist Lothar Matthäus. der Wohnanlage Parkside Leopold. Das alt, hat mal zu den absoluten Spitzen- Er greift nach der Hand des Maklers. Werbeplakat verspricht eine ganze kräften des internationalen Fußballs ge- „Haben Sie eine Business-Karte, damit Menge, der Makler bemüht die Worte zählt. Er war der Kapitän der deutschen man weiß, mit wem man es zu tun hat? „elegant“, „exklusiv“ und „Dreifachver- Weltmeistermannschaft von 1990, hat mit Das ist schon mal das Erste“, sagt Mat- glasung“. Aber hier, am falschen Ende 150 Einsätzen mehr Spiele für sein Land thäus. Seine Brust füllt sich mit Luft, das der Münchner Leopoldstraße, löst sich absolviert als jeder andere, er wurde lila T-Shirt weitet sich. die Stadt auf – Kentucky Fried Chicken, zweimal zum Weltfußballer des Jahres 54 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft gewählt, das istdas Niveau von Messi bei Maccabi Netanya und zuletzt Natio- in finanziellen Dingen immer bewahrt. und Maradona. naltrainer von Bulgarien. Was er verdient hat, wurde gut angelegt. Und jetzt steht Matthäus am falschen Meistens ging dabei etwas daneben, Darüber hinaus lässt er sich gern ein- Ende von Schwabing, in einer Neubau- irgendetwas. Mal wurde ein versproche- laden. siedlung, umringt von Mitarbeitern des nes Stadion nicht gebaut, mal ging das Matthäus war ein schnörkelloser Fuß- RTL-Ablegers Vox, und dreht das, was Geld aus. Mal setzte man ihm einen alten ballspieler. Und auch bei der Verfilmung sie im Billigfernsehen „Personality-Doku“ Herrn wie Giovanni Trapattoni vor die seines momentanen Lebens sucht er den nennen. Das Projekt heißt „Lothar – im- Nase. Erfolg hatte er, bei aller Freiheit direkten Weg ins Wohnzimmer der Deut- mer am Ball“, es zeigt Matthäus, als „Fuß- und Weite, nicht wirklich, einmal errang schen. Sechs Folgen, je eine Stunde. ballweltreisenden“, so beschreibt er sich er die Meisterschaft von Serbien-Monte- „Drehbuch – so was brauch ich nicht“, selbst. In New York beim Shoppen, in negro. sagt er. „Authentisch, ehrlich, keine Soap, Zermatt beim Skifahren, in Wien beim Dabei sagen viele, die sich ausken- eine Reality.“ Opernball, in Paris wieder beim Shoppen, nen, dass Matthäus nach wie vor viel von Es hat immer Profifußballer gegeben, in Budapest, seinem Wohnort, beim Par- Fußball verstehe. In Deutschland will die nach der Karriere ihr Glück beim Bou- tymachen. Er hatte sogar eine Minirolle ihn niemand. Im Moment reist er bei levard gesucht haben. Manchmal endete bei „Alarm für Cobra 11“, einer Action- der Europameisterschaft der deutschen es ganz weit unten, zuletzt als der Brasi- Serie mit Autobahnpolizisten. Man hat Mannschaft hinterher, er hat einen Job lianer Ailton, ehemaliger Stürmer von ihn dabei gefilmt, wie er mit einem Sport- beim ukrainischen Fernsehen angenom- Werder Bremen, wegen unbezahlter Rech- wagen in einen Transporter gedonnert men, als Experte für die Elf von Joachim nungen im Dschungelcamp einzog. Mit ist, der mit Eiscreme beladen war. Löw. „Lothar – immer am Ball“ möchte Mat- Heute macht sein Leben in München Die Schuld an seinen katastrophalen thäus nach oben zurück, dahin, wo er vor halt. Der Drehtag trägt den Arbeitstitel: Image-Werten sieht Lothar Matthäus auf über 20 Jahren einmal war. Lothar sucht eine Wohnung „Ich werde von mir öfter für seine Tochter. in der dritten Person spre- Die Tochter heißt Viola, chen“, sagt er später in einer Matthäus hat sie vor 20 Jah- Hotelbar. ren in Kitzbühel zurück- Die Kellner halten Ab- gelassen, als er sich von Sil- stand. Matthäus schiebt das via trennte, seiner Ehefrau Kinn nach vorn. Nummer eins. Inzwischen ist Nach all dem, was er für Matthäus von Ehepartnerin Deutschland geleistet hat, Nummer vier geschieden. sagt Matthäus, seinen Ein- Sie war 23 und damit ein sätzen, seiner Opferbereit- Jahr älter als Viola. schaft, seinen Rekorden, Jetzt ist er in ein Unter- müsste es eigentlich längst wäsche-Model aus Polen eine Arena geben, die seinen verliebt, das heißt Joanna Namen trägt – das „Lothar- Tuczynska und ist immerhin Matthäus-Stadion“. In einem schon 28 Jahre alt. Vater und anderen Land jedenfalls, Tochter jedenfalls sehen sich sagt er trotzig, wäre das so. jetzt wieder öfter. Viola stu- Er weiß ja, wie es in ande- diert Marketing in München ren Ländern ist. Am besten und möchte später, wie sie kennt er Italien, er hat vier sagt, „irgendwas mit Mode Jahre lang bei Inter Mailand machen“. Sie trägt Designer- gespielt. „Wenn ich so eine Lederjacke, Schal mit grü- Sendung in Italien machen IMAGO/WEREK / IMAGO nen Totenköpfen, Piloten- würde“, sagt Matthäus und brille von Ray Ban, Hand- macht eine kurze dramatur- tasche von Gucci. gische Pause, „Höchstein- Vater und Tochter stehen schaltquote. Und zwar jede in einer Wohnung im vierten Woche. Nicht nur beim ers- Stock. Sie misst 48 Quadrat- Weltmeister Matthäus (r.)*: In Gedanken nie aufgehört, ein Idol zu sein ten oder zweiten Mal. Son- meter, hat zwei Zimmer und dern auf Dauer. Die haben ei- Parkettfußboden. Sie soll 938 Euro im der Seite der Medien. Aber er möchte nen ganz anderen Bezug zu ihren Idolen.“ Monat kosten. eben auch nicht ganz auf sie verzichten. Das mag sein, und dann bestünde das 48 Quadratmeter sind weit unter dem Wahrscheinlich muss man die Dreharbei- Problem darin, dass Lothar Matthäus in Standard von Lothar Matthäus. Er ver- ten für Vox als endgültigen Versuch ver- seinen Gedanken nie aufgehört hat, ein dreht den Hals, blickt hinauf in den Him- stehen, den Deutschen zu zeigen, wer Idol zu sein. Seine Gedanken spielen in mel und sagt, dass für ihn bei einer Woh- Lothar Matthäus wirklich ist, und vor al- einer Zeit, die 20 Jahre her ist. Die Wirk- nung vor allem das Gefühl von Weite und lem: wie er wirklich ist. lichkeit spielt vor dem Parkside Leopold, Freiheit zähle. Er macht das alles nicht wegen des und gegenüber dieser Wohnanlage, vor Weite und Freiheit, das hat er immer Geldes. Trotz der vier Scheidungen hat dem Imbiss „Thai-China“, steht der Re- gesucht, nachdem er mit dem Fußball- er noch immer genug davon. Matthäus, dakteur der Sendung und sagt: „Der Lo- spielen aufhören musste. Er war Team- aus dem fränkischen Herzogenaurach, thar kann schon sehr unterhaltsam sein. chef bei Rapid Wien, Trainer bei Partizan hat Raumausstatter gelernt, und die Vor allem wenn er Englisch spricht mit Belgrad, er war Nationalcoach von Un- Grundsolidität seiner Jugend hat er sich seiner Freundin Joanna.“ garn, er arbeitete bei einem brasiliani- Die Wahrheit ist ja, dass Lothar Mat- schen Club namens Atlético Paranaense, * Am 8. Juli 1990 in Rom mit den Mannschaftskameraden thäus immer Reality war. Ein Leben zwi- er war bei Red Bull Salzburg, in Israel Andreas Brehme und Pierre Littbarski. schen Hochzeit und Scheidung, zwischen D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 55
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    Gesellschaft Brustvergrößerungen und Brustverklei-Zeitung. Wer sich ihr entzog, hatte ein Am Handy, im Mannschaftsbus, überall nerungen. Und was man ab kommenden ungemütliches Leben, Matthäus’ damali- war Matthäus als rasender Rechercheur Sonntag im Fernsehen sehen kann, konn- ger Rivale Jürgen Klinsmann oder der an- tätig, einer, der jede Spur strebsam ver- te man in den vergangenen zwei Jahr- gestrengte Trainer Otto Rehhagel. folgte: „Ich gehe nach vorn, wo Trapatto- zehnten in der Zeitung lesen. Einmal stellte sich bei einer „Bild“-Re- ni sitzt. Frage ihn auf Italienisch, so dass Matthäus war der erste deutsche Fuß- daktionskonferenz die Frage, ob es zeit- Uli Hoeneß und Klaus Augenthaler es baller, der sich vollständig mit dem Bou- gemäß sei, wenn ein Mann den Namen nicht hören können: ,Trainer, werden Sie levard eingelassen hat. Da seine Orien- seiner Frau annehme. Ruiner rief bei Mat- jetzt Italiens Nationaltrainer?‘“ tierung ihn schon immer dorthin trieb, thäus an, der damals in zweiter Ehe mit Ruiner erzählt langsam, scheinbar vor- wo er die stärkste Macht vermutete, zog der Schweizer Fernsehmoderatorin Lolita sichtig, aber man hat das Gefühl, dass er es ihn 1992, nach seiner Rückkehr aus Morena verheiratet war. Seine Antwort jedes Wort genießt. Dank Matthäus hatte Mailand, zur „Bild“-Zeitung. hieß: „Warum nicht?“ Ruiner hatte eine er den wichtigsten Fußballclub des Lan- Wolfgang Ruiner, in der Branche we- Schlagzeile und die Bayern-Gegner einen des jederzeit am Handy. „Die anderen gen seines Leibesumfangs „Blunzi“ ge- neuen Schmähgesang: „Lothar Mooooo- Spieler haben mir dann auch hinter vor- nannt, war damals der „Matthäus-Mann“ rennnnaaaa“. gehaltener Hand Gschichten gesteckt“, bei „Bild“. Heute arbeitet der Österrei- Lolita, erzählt Ruiner, habe die Deut- sagt er. „Das war irre einfach, weil alle cher wieder in Wien, bei einer Boulevard- schen nicht gemocht, nur ihn, den Öster- anderen geglaubt haben, die kommen zeitung, die heißt wie das Land: „Öster- reicher, habe sie geduldet. Einmal rief sie vom Lothar.“ reich“. Während der Zeit, in der es für ihn abends an und fragte, ob er mit ihr Er sei eben kein Diplomat, der Lothar, Lothar Matthäus nach unten ging, ging ausgehen könne. sagt Ruiner. „Der Lothar ist der Lothar.“ es für Wolfgang Ruiner nach oben. Er ist „Wo ist Lothar ?“, wollte Ruiner wissen. Sie haben sich vor fünf Jahren zerstritten, jetzt Sportchef, stellvertretender Chefre- „Bei Hoeneß“, war die Antwort, dort der Lothar und der Blunzi, weil Ruiner ERICH REISMANN / DER SPIEGEL PKK / HSS / WENN.COM Mit Freundin Tuczynska bei der EM 2012 Sportjournalist Ruiner Lebemann Matthäus, Gefährten: Der erste deutsche Fußballer, der sich vollständig mit dem Boulevard eingelassen hat dakteur und dünner geworden. Außer- gebe es nach der Niederlage einen „Kri- in einem Interview sagte, es werde dem trägt er eine pinkfarbene Brille. sengrill“. schwer für den Lothar, in die Bundesliga „Der Lothar“, sagt Ruiner, „wäre ein Ruiner schickte dem Bayern-Manager zurückzukehren, wenn er weiter sein guter Boulevardreporter geworden. Der einen Fotografen an den Gartenzaun. Als Privatleben so öffne. Er sei jetzt ein erkennt a gute Gschicht, hat a Gfui dafür. ihn Uli Hoeneß am darauffolgenden Tag Trainer, ein Vorbild. Seitdem fehlen Rui- Die andern in der Kabine haben oft nicht anblaffte und sagte: „Sie schaden Ihrem ner manchmal die schönen Geschichten überrissen, ob das interessant ist für die Freund, wenn Sie alles, was er Ihnen er- und Matthäus fehlt der Rat eines Profis. Presse – der Lothar schon.“ zählt, in der Zeitung schreiben“, machte Wenn man Ruiner fragt, was er von der Man habe alles ausgetauscht damals, das Ruiners Triumph noch größer. Idee halte, dass sich Matthäus ausgerech- jeden Tag telefoniert. Und der Lothar Die Ehe nahm keinen glücklichen Ver- net über Vox bei den Deutschen rehabili- habe begriffen, „dass, wenn er mitspielt, lauf, Lolita suchte das Weite, Ruiner war tieren möchte, sagt er: „Also i hätt’s auf alles halb so schlimm ist“. mit Trost und Notizblock zur Stelle. „Ich kan Fall gmocht.“ Es sei wohl der Ver- Er habe sich nie versteckt mit seinen habe sie doch“, klagte Matthäus, „mit such, mit Gewalt die Öffentlichkeit in sei- neuen Freundinnen, sei überall hinge- kostbarem Schmuck verwöhnt, kannte nem Leben zu halten, nach dem Motto: kommen, sogar oft zu Ruiner nach Hause, ihre Dessous-Größen und habe ihr einen „Hallo, i bin no do.“ wo er den Kindern das Fußballspielen Ferrari in die Garage gestellt.“ Es gibt kaum einen Ort, an dem Lothar beigebracht und sich auch sonst nicht ge- Sein Mitteilungsdrang trug Matthäus Matthäus keine Kamera zulassen würde, ziert habe. Sogar „die oide Salami“ habe Mitte der neunziger Jahre die Verban- und er kommt viel rum. Am Nachmittag er aufgegessen. nung aus der Nationalmannschaft ein. Bei des deutschen Pokalfinales ist er im Hotel Matthäus hatte immer seine Ruhe. Als Bayern musste er die Kapitänsbinde her- de Rome in Berlin. Alles ist etwas groß Mehmet Scholl von seiner Frau verlassen geben, als er seine Sicht der Dinge zu- hier, die schwarzen Samtsofas, die Mar- worden war und in einer Disco in Zürs sammen mit Ruiner in Buchform veröf- morsäulen, das Restaurant, in dem es randalierte, stand das groß in der „Bild“- fentlichte, Titel: „Mein Tagebuch“. meistens mehr Kellner als Gäste gibt. 56 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Matthäus trägt einenDreitagebart. Au- um gedanklich wieder in Italien zu sein. Jürgen Kohler coachte den Drittligisten ßerdem hat er das polnische Unterwä- Es gibt viele Geschichten aus Italien, die VfR Aalen, bis ihn Herzbeschwerden zum sche-Model mitgebracht. Es trägt heute Joanna noch nicht kennt, und Matthäus Aufhören zwangen. Turnschuhe, ist aber immer noch größer erzählt sie ihr gern. Und Lothar Matthäus ist auf dem Sprung. als er. Er sei damals mit einem brandneuen Er hat einen Berater engagiert, der auf Joanna bestellt eine Dose Red Bull, weil Mercedes 500 Cabrio aufs Trainingsgelän- den Namen Wim Vogel hört. Vogel trägt sie Energie braucht. „Energy“, sagt sie. de von Inter Mailand gefahren. Die Son- das Haar lang und hat neben Matthäus Auf die Frage, wo sie Englisch gelernt ne schien, er trug eine Baseballmütze und noch 40 andere Klienten, auch solche aus habe, schiebt Matthäus das Kinn vor und eine Sonnenbrille, und die Leute hätten der Neunziger-Mannschaft, die es schwer sagt: „Von mir. I taught her the language.“ applaudiert. Als er nach dem Training haben. Thomas Häßler etwa, der mal Tech- Bis Ende Juli sei er ausgebucht, sagt wieder fuhr, standen immer noch Leute niktrainer beim 1. FC Köln war, oder An- Matthäus, immer eingeladen in Hotels da und klatschten. dreas Brehme, der vor sechs Jahren als wie dem De Rome, Business-Class-Flüge Matthäus fragte: „Warum applaudiert Co-Trainer beim VfB Stuttgart entlassen oder Privatjet, Fahrer an den meisten Or- ihr? Wir haben doch gar nicht so gut ge- wurde und seitdem meistens Golf spielt. ten. Morgen gehe es für eine Woche nach spielt am Wochenende.“ Wim Vogel sagt, wenn er Matthäus nicht Dubai, später nach London zu den Olym- „Per la macchina – wegen des Autos“, mit Terminen „zuballere“, werde der un- pischen Spielen, wo der Präsident des antworteten die Leute. ruhig. Wahrscheinlich ist es besser für Lo- Weltjudo-Verbandes, ein guter Freund „Ja, seid ihr denn nicht eifersüchtig, thar Matthäus, wenn er sich bei der Woh- aus Ungarn, alles bezahle. „Judo ist der weil ich fahr den, und ihr habt den nicht?“ nungssuche für seine Tochter von Vox fil- drittgrößte Sport weltweit“, sagt Mat- „Nein, wir sind stolz, weil unser Spieler men lässt, als wenn er gar nichts macht. thäus. „Ich mach denen einen Gefallen, ihn fährt und nicht einer vom AC Mai- So steht er in den 48 Quadratmetern und dadurch wird der Judo aufgewertet.“ land.“ im Parkside Leopold, redet von Freiheit HARRY MELCHERT / PICTURE-ALLIANCE/ DPA MATHIAS ROGMANS / WENDE WEREK / IMAGO Als Trainer bei Bei seiner zweiten Hochzeit 1994 Mit seiner ersten Ehefrau Silvia 1986 Rapid Wien 2001 Joanna sticht in ihr Thunfisch-Steak, Matthäus beugt sich nach vorn. Das sei und Weite und fragt plötzlich nach einem Matthäus isst ein Meeresfrüchte-Risotto es doch, was in Deutschland falsch laufe großen Penthouse. Nicht für seine Toch- und bestellt danach Spargel mit Erd- und im Süden richtig. ter, er interessiere sich selbst dafür, sagt beeren. Seine Freundin rundet die Lip- Damals, so erzählt er weiter, gab es bei er. Er wohne gern in Penthäusern, in pen, die wie Schläuche in ihrem Gesicht Inter einen Deutschen, der immer mit ei- Budapest habe er drei Stockwerke und liegen. „Sweet and Salt“, sagt sie. „I nem dunkelblauen VW Käfer zum Trai- einen Fahrstuhl, in den niemand zustei- don’t like.“ Sie sei ein traditionelles ning kam und den Porsche hinten in der gen könne, wenn er darin unterwegs sei. Mädchen. Garage versteckte. „Klinsmann“, sagt „Gibt es so einen Fahrstuhl auch hier?“, Sie haben sich über einen Münchner Matthäus. „Klinsmann, Jeans, Sneakers, fragt Matthäus. Er wolle nichts kaufen, nur Schönheitschirurgen kennengelernt. Jo- he didn’t have some brands.“ Alter Käfer, mal gucken. Der Makler und seine Assis- anna interessierte sich nicht für Fußball, keine großen Label-Aufschriften auf der tentin führen ihn hinauf. Vier Zimmer, hatte immer weggeschaltet, wenn der Ball Kleidung. Joanna dreht den Kopf zum 3200 Euro, am Horizont sieht man einen im Fernsehen auftauchte. „She was more Ausgang. Sie möchte jetzt gehen. Zipfel des Münchner Olympiadaches. focused for Leonardo DiCaprio“, sagt Dabei gäbe es noch viel zu erzählen Aber Matthäus sieht nur ein Waschbecken Matthäus und erklärt dann, dass sich die über Klinsmann und die anderen von frü- im Badezimmer. „Ein Waschbecken“, ruft Gewichte verschoben haben in den letz- her. Gut, Klinsmann hat es zum deut- er. „Nur ein Waschbecken. Soll man sich ten Jahren. „Beckham, Ronaldo, Messi, schen Nationaltrainer gebracht. Rudi Völ- da morgens anstellen wie im Supermarkt?“ a football player is now bigger than a mo- ler ist Sportdirektor bei Bayer Leverku- „Sie haben vollkommen recht“, sagt der vie star.“ sen. Aber die anderen? Wursteln rum. Makler. „Wir würden Ihnen natürlich so- Joanna blickt Matthäus lange an und Pierre Littbarski zum Beispiel verdingte fort ein zweites Waschbecken einbauen.“ sagt dann: „He is like hero now.“ sich als Trainer in Schwellenländern des Matthäus zieht die Schultern hoch. „Ei- Beim Wort „hero“ durchzuckt es ihn, Fußballs wie Iran, Australien, Liechten- ne Baustelle“, sagt er. Lothar Matthäus und Lothar Matthäus braucht nicht lange, stein, bevor er in Wolfsburg unterkam. möchte nicht auf einer Baustelle leben. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 57
  • 59.
    Gesellschaft BERLIN Neuronen für Deutschland ORTSTERMIN: In Berlin vermessen Forscher die Bundesbürger bei der Produktion des Nationalgefühls. V or den Augen der Probanden er- an Beweisen, es mangelt dem Diskurs an während der EM ein moderner Tanz ums scheint ein Judenstern, dann ein Empirie, sagt die Wissenschaft. Totem, bei dem die Einheimischen das Bundesadler, dann eine schwul-les- Deswegen werden Toni und Georg Symbol ihres Clans, die deutsche Flagge, bische Regenbogenfahne. Sie sollen per spieltheoretischen Experimenten unter- mit positiven Emotionen besetzen. Der Mausklick angeben, wie positiv oder nega- zogen, werden andere sogar an den Schritt vom Ich zum Wir. Du bist Deutsch- tiv sie das empfinden. Auf einer Skala von Magnetresonanztomografen (MRT) an- land. eins, sehr negativ, bis neun, sehr positiv. geschlossen, um den Neuronen im Gehirn Die Berliner Forscher haben eine ähn- Georg und Toni, 2 von knapp 50 Ver- zuzuschauen bei der Produktion des liche Untersuchung schon 2010 während suchspersonen, sitzen in einem Keller- Deutschlandgefühls. Im Land des Holo- der Weltmeisterschaft in Südafrika durch- raum der Freien Universität (FU) Berlin caust, das nach bald 70 Jahren des geführt. Freiwillige wurden vor und nach vor Bildschirmen und beantworten zwei schlechten Gewissens gerade widerwillig der WM an den MRT-Scanner angeschlos- Tage nach dem 1:0-Auftaktsieg gegen zum neuen Hegemon Europas werden sen, man zeigte ihnen Bilder von Ange- Portugal patriotische Fragen. „Ihr wisst’s soll, möchte man offenbar Gewissheit dar- hörigen anderer Nationen, die auch WM- ja schon, wie das geht“, Teilnehmer waren, man sagt Stefan Schulreich, Ver- maß die Sauerstoffverbrei- suchsleiter und Doktorand tung im Gehirn, schloss via der Psychologie. Georg, der Hautleitwiderstand auf ih- auf Lehramt studiert, und ren Erregungs-Level und Toni, der sich für Landwirt- beobachtete die neuronale schaft interessiert, haben Aktivität. Ergebnis: Die die gleichen Tests schon vor Probanden beurteilten die dem Portugal-Spiel ge- ausländischen Gesichter macht, dann haben sie sich nach dem Turnier signifi- das Spiel angeschaut, kant negativer als zuvor. Georg beim Public Viewing Sie reagierten dafür deut- in Marzahn, Toni mit lich positiver auf deutsche CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL Freunden in einem Hinter- Symbole wie die National- hof, und jetzt beantworten fahne oder das Branden- sie alles noch mal. „Indem burger Tor. Es wurde auch wir die Probanden vor und eine Zunahme von Res- nach dem Spiel testen, kön- sentiments gegenüber ge- nen wir den Vorher-nach- sellschaftlich diskriminier- her-Effekt messen“, sagt Versuchsleiter Schulreich (r.), Probanden: Vom Ich zum Wir ten Gruppen festgestellt. Schulreich. Dauert zweimal Kollektives Fußballschauen eine Stunde. Es gibt 45 führt demgemäß zu leicht Euro für jeden Probanden. erhöhter Schwulenfeindlich- Ein Team von Wissenschaftlern der FU über haben, dass das auch alles harmlos keit und größerer Ablehnung von Men- möchte herausfinden, wie sich gemein- ist mit dem wiedererstarkten Selbstbe- schen mit Behinderungen. sames Fußballgucken auf das deutsche wusstsein. Oder ob es unerwünschte Ne- Ist das nun schlimm oder eher ein biss- Nationalgefühl auswirkt. Proband Toni benwirkungen hat, ob man nicht viel- chen egal? Darf man sich nicht auch freu- sagt: „Ich bin Deutscher, lern aber grade leicht das alte deutsche Monster aufweckt en über den Party-Patriotismus? Soziolo- Türkisch.“ in den Köpfen. „Ich geb’s zu“, sagt Georg ge Scheve findet, Sorglosigkeit sei fehl am Sind mehr deutsche Soldaten bereit, schüchtern, „beim Tor für die Deutschen Platz. „Man kann nicht davon ausgehen, für die Heimat zu sterben, wenn Deutsch- hab ich auch mitgejubelt.“ dass das alles gefahrlos ist.“ Er scheint land die EM gewinnt? Können die Deut- Die Idee, ein Fußballturnier als Gesell- wenig angetan von der neuen nationalen schen Schwule weniger leiden, nachdem schaftsexperiment zu betrachten, kam Unverkrampftheit und findet im Gegen- sie gemeinsam ihren Fußballern zugeju- Christian von Scheve, Juniorprofessor teil, „etwas mehr Verkrampftheit würde belt haben? Wenn das Wir-Gefühl von und einer der Architekten der Studie, bei auch anderen Ländern guttun“. Toni und Georg nach streng wissenschaft- der Lektüre von Émile Durkheim, einem Versuchsleiter Schulreich hat sich übri- lichen Methoden vermessen wird, geht Gründervater der Soziologie. Durkheim gens das Spiel gar nicht angeschaut, sein es letztlich um solche Fragen. hat vor hundert Jahren die religiösen Ri- Interesse an Fußball sei „sehr moderat“. Man kann jetzt auf den Straßen der tuale von australischen Ureinwohnern als Und Proband Toni machte sich lange vor Republik normale Mitbürger die schwarz- kollektive Erlebnisse beschrieben, durch dem Abpfiff auf den Heimweg. „Ich hatte rot-goldene Flagge küssen sehen. Punks die Zusammengehörigkeitsgefühle erst keine Fahrradlampe dabei und musste färben ihren Irokesenhaarkamm in den entstehen. Das Totem als Zeichen des vor dem Dunkelwerden los.“ Vor solchen Landesfarben und skandieren unreine Clans wird mit Bedeutung aufgeladen Fußballdeutschen braucht die Welt eher Reime wie „Portugal! Scheißegal!“. Aber und repräsentiert die gemeinschaftlichen keine Angst zu haben. das sind zufällige Beobachtungen. Es fehlt Werte. So gesehen ist das Public Viewing GUIDO MINGELS D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 59
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    Trends PROZESSE Gribkowsky soll auspacken In der Affäre um den Verkauf der For- mel-1-Anteile könnte dem früheren Landesbanker Gerhard Gribkowsky eine Strafminderung bei seiner zu er- wartenden Haftstrafe eingeräumt wer- den – sollte er jetzt, kurz vor Prozess- ende, doch noch ein Geständnis ab- legen. Bisher hat er die Vorwürfe be- stritten. Positiv würde sich für ihn wohl vor allem eine Aussage gegen Formel- 1-Mogul Bernie Ecclestone auswirken, so Insider. Dazu aber soll es am Frei- tag, bei einem ersten Gespräch zwi- schen Ermittlern und Verteidiger, noch nicht gekommen sein. Nach Ansicht von Beobachtern sieht es das Gericht offenbar als erwiesen an, dass der Brite den damaligen Vorstand der Baye- rischen Landesbank mit 44 Millionen Dollar bestochen hatte, damit dieser die seinerzeit von der Bank gehalte- nen Anteile an der Rennserie Anfang 2006 an die heute Ecclestone naheste- HANNELORE FOERSTER hende Investorengruppe CVC verkauf- te. Für Staatsanwaltschaft und Gericht gilt Gribkowsky als Amtsträger, der keinerlei Gelder hätte annehmen dürfen. Ohne ein Geständnis drohen Börsenhändler in Frankfurt am Main ihm nach Ansicht von Justizkreisen mindestens zehn Jahre Haft wegen STEUERN Bestechlichkeit, Untreue und Steuer- Koalition der Willigen hinterziehung. Sollte Gribkowsky ver- urteilt werden, könnte es auch für Eccle- stone eng werden. Die Staatsanwalt- schaft würde den Briten dann vermut- lich wegen Bestechung und Beihilfe Nach der grundsätzlichen Einigung er sei keine Umsatzsteuer, sondern zur Untreue verfolgen; Vorwürfe, die zwischen Regierung und Opposition eine „Restverkehrsteuer“, heißt es im dieser stets bestritten hat. In München auf eine Finanztransaktionsteuer lässt Finanzministerium zur Begründung. spekuliert man darauf, dass der 81-Jäh- Finanzminister Wolfgang Schäuble Um die Altersvorsorge nicht zu rige versuchen wird, ein langwieriges (CDU) seine Fachleute bereits konkre- beeinträchtigen, sollen Pensionsfonds Verfahren zu vermeiden – und sich auf te Pläne für die Abgabe ausarbeiten. verschont bleiben. Die Beamten einen millionenschweren Deal zur Ein- Danach soll die neue Steuer nur für verstehen ihren Vorschlag als ersten stellung des Verfahrens einlassen wird. Verkäufe von Aktien und solche Deri- Schritt. Die Belastungen, die auf Inves- vate darauf gelten, bei denen die Ak- toren zukommen, seien mit denen in tien tatsächlich auch physisch den Be- London zu vergleichen, wo schon eine sitzer wechseln. Erfasst werden nicht Börsensteuer existiere. Es sei also ZAHL DER WOCHE nur Verkäufe an Börsen, sondern auch nicht damit zu rechnen, dass Geschäf- auf alternativen Handelsplattformen te verlagert würden. Nach den Plänen oder außerbörsliche Geschäfte. Weil von Finanzminister Schäuble soll die Über 9000 es zwei bis drei Jahre dauert, bis ein neues elektronisches Erfassungssystem für den Handel installiert ist, können neue Steuer in der gesamten EU ein- geführt werden. Lässt sich das nicht erreichen, ist auf dem Wege der soge- Beschwerden sind bei der neu- frühestens 2015 Einnahmen aus der nannten verstärkten Zusammenarbeit gegründeten Schlichtungsstelle geplanten Steuer fließen. Das Finanz- in der EU ein gemeinsames Vorgehen Energie seit November 2011 ministerium rechnet mit einem jähr- von neun Mitgliedsländern geplant. eingegangen. Damit beklagen lichen Aufkommen von rund zwei Scheitert auch dieser Ansatz, will sich jeden Monat mehr als Milliarden Euro in Deutschland. Der Schäuble eine „Koalition der Willigen“ tausend Kunden über ihre Strom- Steuersatz von 0,1 Prozent auf den schmieden, die die Finanztransaktion- und Gasanbieter. Kaufpreis wird sowohl für den Käufer steuer in nationale Gesetzgebung wie für den Verkäufer fällig. Die Steu- umsetzen soll. 60 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft SCHLECKER nen rund 13 000 Mitarbeiterinnen wäh- SIEMENS rend der dreimonatigen Kündigungs- Gläubiger gehen leer aus frist in Höhe von rund hundert Millio- nen Euro gezahlt werden. Damit stehen den Forderungen von 665 Millionen Löscher ärgert Bremen Schleckers Kassen sind so gut wie leer, gerade noch rund 27 Millionen Euro Die geplante Verlagerung von rund und das werden die Unternehmen und gegenüber, die maximal ausgeschüttet 150 Arbeitsplätzen sorgt für Missstim- Personen zu spüren bekommen, denen werden können. Allein 51 Gläubiger mung zwischen Bremen und dem Sie- das insolvente Drogerie-Imperium haben Forderungen von mehr als einer mens-Konzern. Erst vor wenigen Jah- noch Geld schuldet: Für die Gläubiger Million Euro angemeldet, die größten ren hatten die Münchner in dem von wird es nach heutigem Stand kaum sind Euler Hermes mit knapp 224 Mil- Rot-Grün regierten Stadtstaat ihr euro- noch etwas geben. Insgesamt 665 Mil- lionen Euro und die BA mit 125 Millio- päisches Servicezentrum für Windener- lionen Euro an Forderungen haben nen Euro. Welche Gläubiger am Ende gie nebst einem Trainingscenter errich- unter anderem der Kreditversicherer wie viel Geld bekommen, wird am tet. Doch obwohl die Ansiedlung mit Euler Hermes, die Bundesagentur für 19. Juli ermittelt – dann prüft das einer halben Million Euro gefördert Arbeit (BA), Krankenkassen und diver- Amtsgericht Ulm die Forderungsliste. wurde, sollen die Jobs wegen des har- se Lieferanten angemeldet. Auch ten Wettbewerbs in der Branche nun die beiden Schlecker-Kinder Mei- zur weltweiten Windenergiezentrale ke und Lars haben ihrem Vater nach Hamburg abwandern. Bremens Anton Schlecker privat rund Bürgermeister Jens Böhrnsen will das hundert Millionen Euro geliehen. nicht akzeptieren und fühlt sich über- Zwar beläuft sich das jetzt noch gangen. Noch Anfang Februar, heißt es verfügbare Vermögen Schleckers in einer Mitteilung der Staatskanzlei, auf 499,8 Millionen Euro – dar- habe der Regierungschef mit Siemens- unter auch 121 Millionen Euro Chef Peter Löscher bei der Bremer Privatvermögen. Nach Abzug Schaffermahlzeit über die Perspekti- von laufenden Warenrechnungen, ven der Windenergie und die Zukunft NORBERT MILLAUER / DAPD Mietzahlungen und den Kosten Bremens gesprochen. Böhrnsen des Insolvenzverfahrens bleiben kämpft nun um den Erhalt der Arbeits- aber nur knappe 130 Millionen plätze. Zwei Vorstandskollegen muss- Euro übrig. Davon müssen jedoch ten sich bereits Kritik am Telefon noch die Löhne und Sozialver- anhören, Löscher selbst soll demnächst sicherungsbeiträge der verbliebe- Protestierende Schlecker-Mitarbeiterinnen einen geharnischten Brief erhalten. VERBÄNDE QUERSCHNITT Amerikanisches Netz Keitel muss auf Nur acht verschiedene Internetportale tauchen auf den Spitzenplätzen im Bewerbungstour Länder-Ranking der weltweiten Website-Zugriffe auf. Laut dem Statistik-Web- Der Bundesverband der Deutschen Dienst Alexa handelt es sich außer in China, Südkorea, Russland und Industrie (BDI) ist mit dem Versuch ge- Kasachstan dabei ausschließlich um US-Unternehmen, allen voran Google. scheitert, dem amtierenden Chef Hans- Peter Keitel auf galante Weise eine drit- te Amtszeit zu sichern. Vor der letzten Sitzung des einflussreichen Präsidiums hatten Vertraute Keitels verbreitet, dieser werde einer weiteren Amtszeit zustimmen, wenn er von den Vizepräsi- denten darum gebeten werde. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen sprach sich das Gremium dafür aus, die Frage der Neubesetzung in Einzelgesprächen mit den Chefs der Mitgliedsverbände zu klären. Soll heißen: Keitel muss auf Bewerbungstour gehen. Turnusmäßig wäre der Vertreter eines mittelständi- schen Unternehmens an der Reihe, den BDI zu leiten. Mit Arndt Kirchhoff aus Attendorn und Ulrich Grillo aus Duis- burg stünden erfahrene Familienunter- nehmer zur Verfügung. Aber auch (Yandex) keine Angaben Keitel werden bei der Nominierung im September gute Chancen eingeräumt. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 61
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    Wirtschaft FINANZPOLITI K Alle gegen eine Die Kanzlerin soll den Euro retten, fordern Regierungschefs aus aller Welt. Doch die Pläne, mit deutschem Geld südeuropäische Banken und Staatsetats zu sanieren, sind unausgegoren und riskant. Die Gemeinschaftswährung droht zu zerbrechen. V iele Themen stehen an, wenn sich noch „drei Monate“, um den Euro zu ret- rungszone. Rund zwei Drittel der Bun- die Staats- und Regierungschefs ten, prophezeit Christine Lagarde, die desbürger sind dagegen, dass ihr Land der 20 wichtigsten Industrienatio- Chefin des Internationalen Währungs- weitere Risiken übernimmt, und auch in nen diesen Montag im mexikanischen Los fonds. Und ein hochrangiger Brüsseler der schwarz-gelben Regierungskoalition Cabos versammeln: der Kampf gegen die Euro-Diplomat warnt: „Wenn Deutsch- sinkt die Bereitschaft, den Steuerzahlern Jugendarbeitslosigkeit, der weltweite Um- land sich nicht bewegt, ist Europa tot.“ neue Finanzlasten aufzubürden. „Wer so weltschutz, und auch über den freien Doch Merkels Spielraum ist begrenzt. weit gehen möchte“, sagt CSU-Chef Welthandel wollen sie reden. Lauter Pro- Schon jetzt haftet Deutschland mit vielen Horst Seehofer im SPIEGEL-Gespräch, bleme, die nicht nur für Angela Merkel Milliarden Euro für den Erhalt der Wäh- „müsste das deutsche Volk befragen.“ von „größter Bedeutung“ sind. Doch die Kanzlerin weiß, dass alles wieder mal anders kommen wird. Am Ende wird nur wieder über den Euro geredet, bei den Arbeitssitzungen der Regierungschefs genauso wie beim festlichen Abendessen. „Machen wir uns nichts vor“, seufzte Merkel vergangene Woche im Bundestag, Europas Schuldenkrise werde „zentrales Thema“ des Gipfels, wie schon so oft in den vergangenen Monaten. Und, was es nicht besser macht, der Frontverlauf wird der bekannte sein: alle gegen eine. Seit die Euro-Krise eskaliert, ist die Kanzlerin isoliert wie nie zuvor in ihrer Amtszeit. Ob US-Präsident Barack Oba- ma oder Frankreichs neuer Staatschef François Hollande, ob Großbritanniens Premier David Cameron oder Italiens Mi- nisterpräsident Mario Monti: Gemeinsam mit einer Heerschar internationaler Öko- nomen, Finanzexperten und Publizisten fordern sie, dass die Deutschen noch mehr Finanzlasten schultern sollen. Von einer „Bankenunion“ ist die Rede, von einem „Schuldentilgungsfonds“ und – wie schon so oft in den vergangenen Jah- ren – von gemeinsamen Anleihen aller Euro-Staaten, den Euro-Bonds. Anders, so warnt die Anti-Merkel- Allianz, ist die Schuldenkrise nicht zu stoppen, die sich vergangene Woche ge- fährlich verschärft hat. Der jüngste Ret- tungsplan für Spaniens Banken, von Mi- nisterpräsident Mariano Rajoy lange ver- tändelt, fiel an den Finanzmärkten durch. Die Zinsen für Staatsanleihen aus Madrid oder Rom gehen nicht zurück, sie steigen. Und in Griechenland droht nach den Wahlen vom Wochenende der Austritt des Landes aus der Währungsunion. Zum ersten Mal wird in Regierungs- kreisen offen darüber geredet, dass der Euro zerbrechen könnte. Europa blieben Staats- und Regierungschefs beim G-8-Gipfel am 18. Mai in Camp David: Rund zwei Drittel der 62 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
  • 63.
    Wie die Antwortausfiele, lässt sich Knapp kalkuliert leicht vorhersehen. Würden etwa Euro- Bonds eingeführt, könnten Länder wie Geplanter Europäischer Stabilitäts- mechanismus (ESM) zum Vergleich: Italien oder Portugal in großem Stil neue Fälligkeiten spanischer und Schulden aufnehmen, ohne dass sich ihre italienischer Staatsanleihen Staatsausgaben wirksam kontrollieren lie- bis Ende 2014 ßen. Entsprechend schlecht kommt der Vorschlag in Deutschland an. Wenn 92,9 109,6 85,8 Schulden vergemeinschaftet werden, be- findet etwa Bundesbank-Chef Jens Weid- 2012 2013 2014 mann, „müssen Haftung und Kontrolle Hilfsvolumen 227,0 207,4 153,1 im Einklang stehen“. des ESM: Doch genau das ist bei den Rettungs- vorschlägen, die derzeit in Europas Hauptstädten kursieren, nicht der Fall. Im Gegenteil: Die Pläne für gemeinschaft- 500 Mrd. € Refinanzierungs- volumen insgesamt: liche Banken- oder Tilgungsfonds verspre- davon bis zu 100 Mrd. € chen zwar, die Haftung der Geberländer zu begrenzen. Tatsächlich aber bürden Bankenhilfe für Spanien 875,8 Mrd. € sie den Deutschen neue Lasten auf, ohne die Probleme der Krisenländer zu lösen. Das gilt zum Beispiel für den Vorschlag der deutschen Wirtschaftsweisen, einen europäischen Schuldentilgungspakt zu vereinbaren. Das Konzept erfreut sich ei- Quelle: Bloomberg ner wachsenden Fangemeinde. SPD und Grüne befürworten ihn, EU-Parlament und Europäische Kommission sind gera- dezu begeistert, und auch Fachblätter wie der Londoner „Economist“ sehen darin „einen besseren Weg für Europa“. Tatsächlich handelt es sich um einen Holzweg. Demnach haften die Euro-Staa- ten künftig für jene Schulden gemeinsam, die sie oberhalb einer Grenze von 60 Pro- zent des Bruttoinlandsprodukts angehäuft haben. Diese insgesamt 2,3 Billionen Euro übertragen sie an einen gemeinsa- men Fonds. Die Folgen: Für solvente Na- tionen wie Deutschland würden die Zin- sen steigen, für Krisenstaaten dagegen fallen. Gleichzeitig verpflichtet sich jedes Land, seinen Fondsanteil im Lauf von 20 bis 25 Jahren zurückzuführen. Das klingt nach einem solidarischen Weg, Kredite zu tilgen. Tatsächlich geht der Vorschlag nur unwesentlich über das hinaus, was Europa in Sachen Schulden- abbau bereits vereinbart hat. Und, schlim- mer noch, er bringt den meisten Krisen- staaten kaum Entlastung, schwächt im Gegenzug aber Deutschland. Seine Vor- teile dagegen konzentrieren sich auf jene Länder, die bereits viele Schulden ange- häuft und ein hohes Zinsniveau haben, in Europa also vor allem auf Italien. Mit 120 Prozent hat das Land die dritt- WHITE HOUSE VIA CNP / PICTURE ALLIANCE / DPA größte Schuldenquote der Industriestaa- ten. Die Hälfte davon könnte die Regie- rung in den gemeinsamen Euro-Kredittopf abtreten. Dadurch würde sie viel Geld sparen, weil sie weniger Zinsen zahlen muss. Im Gegenzug sinkt der Anreiz zu Reformen. Dass Regierung und Parlament in Rom auf Zinssenkungen mit Lethargie reagieren, haben sie wiederholt bewiesen. Auch für Spanien, das derzeit größte Bundesbürger sind dagegen, dass ihr Land weitere Risiken übernimmt Risiko für die Währungsunion, entschärft D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 63
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    der Tilgungsfonds nichts.Das Land muss zwar hohe Zinsen zahlen, überschuldet ist es aber nicht. Der Anteil der Staats- verschuldung an der jährlichen Wirt- schaftsleistung lag 2011 nur bei 70 Pro- zent – deutlich niedriger als in Deutsch- land. Entsprechend könnte Spanien nur ei- nen kleinen Teil seiner Schulden in den Gemeinschaftstopf abtreten – und da- durch mit etwas Glück einige Milliarden Euro pro Jahr an Zinsen sparen, ein eher SUSANA VERA / REUTERS symbolischer Krisenbeitrag. Vollends verpuffen würde die Wirkung bei anderen akuten Euro-Patienten wie Portugal, Irland und Griechenland. Sie sind längst unter den Rettungsschirm ge- schlüpft, der ihnen Kredite zu attraktiven Spanischer Premier Rajoy: An den Finanzmärkten durchgefallen Konditionen bietet. Folglich würde mit Ausnahme Italiens Entsprechend würde der Tilgungspakt geeinigt haben. Darin verpflichten sie kein Land wirklich vom Tilgungsfonds das stärkste Mitglied der Währungsunion sich, ihre Verschuldung in 20 gleichen profitieren. Dafür gäbe es einen klaren schwächen, ohne deren schwächere Teile Schritten auf 60 Prozent der Wirtschafts- Verlierer: Deutschland müsste fast 600 zu stärken. Am Ende könnte er damit das leistung abzusenken. Halten sich alle Mit- Milliarden Euro Schulden auslagern – und Gegenteil von dem bewirken, was er er- glieder daran, erreichen sie Mitte der dafür erheblich mehr zahlen als heute. reichen soll – und die Euro-Zone weiter dreißiger Jahre das gleiche Ziel wie mit Angesichts des historisch niedrigen Zins- destabilisieren. dem Tilgungsfonds. niveaus für Bundesanleihen summieren Da scheint es fast schon konsequent, Hinzu kommt, dass ein Schuldentil- sich die Mehrkosten rasch auf über zehn dass der Plan nicht einmal seinem Namen gungsfonds Selbsttäuschung ist, solange Milliarden Euro. Pro Jahr. Über die 20- gerecht wird. Denn der sogenannte Til- die Staatshaushalte nicht ausgeglichen jährige Laufzeit des Tilgungsfonds ge- gungsfonds fordert von den Mitgliedslän- sind. Die Mittel, mit denen der Fonds be- rechnet, könnte sogar ein dreistelliger dern nicht viel mehr als der Fiskalpakt, dient wird, fehlen im regulären Etat. Die Milliardenbetrag zusammenkommen. auf den sich 25 der 27 EU-Staaten längst Löcher werden gestopft durch neue Schwindsüchtig doppelt, ein Zeichen, dass die Bürger Geld unter der Matratze horten. Und das nicht nur in Griechenland. „Es gibt in allen Peripherieländern Mittel- abflüsse“, sagt Weil. Die Ankündigung Aus Angst vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion Madrids, vom Euro-Rettungsfonds bis zu ziehen Bankkunden aus den Peripherieländern Einlagen ab. hundert Milliarden Euro Hilfen für die Banken zu erbitten, scheint daran nichts geändert zu haben. Besonders ausländi- A ls Erste ergriffen die Reichen die Diese Erosion der Banken hat Folgen. sche Kunden fliehen. Die Citigroup rech- Flucht. Bald nachdem sich in „Ohne einen gewissen Bodensatz an net vor, seit Mitte 2011 hätten Ausländer Griechenland vor zwei Jahren Einlagen fällt den Banken die langfris- von spanischen und italienischen Konten erstmals die Angst vor dem finanziellen tige Kreditvergabe schwer“, sagt Uwe je hundert Milliarden Euro abgezogen. Kollaps ausbreitete, mehrten sich Be- Burkert, Leiter des Kredit-Research bei „Bankkunden in Spanien wollen eine richte über wohlhabende Griechen, die der Landesbank Baden-Württemberg. glaubwürdige Perspektive, dass das ihr Geld ins Ausland schafften. Fort, Sie sind auf kurzfristige Mittel angewie- Land im Euro bleibt. Sonst ziehen sie ehe der griechische Fiskus sie vielleicht sen, die sie zuletzt nur noch dank der doch einmal zur Kasse bittet! Raus aus Rettungspakete der Troika von der EZB Januar 2010 einem Land, das womöglich in Kürze bekamen. 233 Mrd. € harte Euro durch weiche Drachmen Vor der Parlamentswahl vom Sonntag ersetzt! erreichte der Mittelabfluss aus den Ban- Längst holen aber auch Lehrer, Rent- ken eine neue Dimension. Bis zu 900 ner und Gemüsehändler ihr Geld von Millionen Euro täglich trugen besorgte 206 Mrd. € der Bank. Weil mehr Menschen auf Ge- Sparer vergangene Woche aus den hei- halt verzichten müssen oder arbeitslos mischen Kreditinstituten, heißt es in sind und den Lebensunterhalt aus ihren Bankenkreisen. „Zuletzt dürfte sich der Reserven bestreiten müssen; aber auch Einlagenrückgang beschleunigt haben, l 2012 aus Angst, dass ihre Ersparnisse bei ei- das ist auch daran abzulesen, dass der Einlagen 166 ner Umstellung auf die Drachme drama- Bargeldumlauf deutlich zugenommen inländischer Privat- Mrd. € tisch an Wert verlieren. Seit Anfang 2010 hat“, erklärt Volkswirt Christoph Weil personen und Unternehmen bei Banken in Griechenland, Quelle: ist Griechenlands Geldhäusern ein Drit- von der Commerzbank. Binnen zwei Griechische tel ihrer Einlagen abhandengekommen. Jahren hat sich der Bargeldumlauf ver- in Milliarden Euro Zentralbank 64 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Das Dilemma derEuro-Retter könnte größer kaum sein. Ihre Pläne für eine eu- ropäische Schulden- oder Bankenunion sind unausgegoren. Und Euro-Bonds zum jetzigen Zeitpunkt würden Deutschlands Kräfte überfordern, warnte Kanzlerin Merkel vergangenen Freitag. Den Euro aufzugeben ist aber ebenfalls keine Alternative. Zu hoch wären die GIUSEPPE CICCIA / DEMOTIX / CORBIS Kosten, nicht zuletzt für Deutschland. Das finanzielle Risiko beläuft sich auf rund 1,5 Billionen Euro, hat Jens Boysen- Hogrefe errechnet, Ökonom am Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). Die größ- ten Risiken drohen womöglich der Bun- desbank. Im Rahmen des Zahlungssys- tems der EZB hat sie Forderungen in Proteste in Rom: Die Zinsen für Staatsanleihen steigen wieder Höhe von rund 700 Milliarden Euro auf- gehäuft, die sie bei einem Euro-Aus wahr- Schulden. So ähnlich lief es beim Erblas- „Bankenunion“ bewirbt, in der die Geld- scheinlich nur noch zu einem geringen tentilgungsfonds, der die Kosten der deut- institute europaweit überwacht werden. Teil einfordern könnte. Finanzminister schen Einheit abtragen sollte: Neue Außerdem soll ein europäischer Restruk- Schäuble müsste bis zu 100 Milliarden Schulden ersetzten alte. Richtig getilgt turierungsfonds für Banken geschaffen Euro an Rettungsgeldern verloren geben, werden die Altlasten nur, wenn die Haus- werden. Auch die nationalen Sicherungs- die Ländern wie Griechenland, Portugal halte Überschüsse erwirtschaften. Dann fonds, mit denen heute die Sparguthaben und Spanien versprochen sind. braucht es aber keinen Tilgungsfonds, der der Bürger abgedeckt werden, gingen Ein Desaster stünde den deutschen Ban- Schuldenabbau funktioniert automatisch. dann in einem großen gemeinsamen Topf ken bevor. Ende vergangenen Jahres hat- Erst mal die Schulden vergemeinschaf- auf. Fachleute der Europäischen Zentral- ten sie für rund 800 Milliarden Euro Staats- ten, über die Folgen kann man später bank (EZB), der EU-Kommission und der anleihen von anderen Euro-Ländern im reden: Dieser Melodie folgen auch jene Euro-Gruppe sollen in den kommenden Portfolio und Kredite an Finanzinstitute Ideen, die EU-Kommissionspräsident Wochen zu diesen Ideen konkrete Pläne und Unternehmen dorthin vergeben. In José Manuel Barroso unter dem Titel entwerfen. den vergangenen Monaten haben sich die- Doch noch bevor Details überhaupt klar sind, ist der Aufruhr groß – vor allem in Deutschland: Gegner befürchten, dass Das finanzielle Risiko ihr Geld ab“, sagt Peter Bofinger, Mit- am Ende deutsche Steuerzahler für die eines Euro-Zusammen- glied des Sachverständigenrats der Bun- Probleme in anderen Ländern zur Kasse desregierung. Die Citigroup erwartet, gebeten werden, ohne wirklich Einfluss bruchs beträgt dass Ausländer aus Italien und Spanien auf die örtlichen Geldinstitute nehmen jeweils weitere 200 Milliarden Einlagen zu können. Von einem „Irrweg“ spricht 1,5 Billionen Euro. und Anleihen abziehen werden. Be- der Hauptgeschäftsführer des Bankenver- schleunigen könnte sich die Flucht, bands, Michael Kemmer. Und die Bun- se Bestände drastisch reduziert, schätzt das wenn Bilder von Menschenschlangen desbank-Vizepräsidentin Sabine Lauten- IfW. Niemand weiß, was sie bei einem Aus- vor griechischen Banken über die Bild- schläger mahnt, bei der Krise eines na- einanderbrechen der Währungsunion noch schirme gehen. Wer oder was aber könn- tionalen Bankensystems müsse „im Zwei- wert sind. Hinzu kommen Risiken von ge- te einen solchen Bank-Run stoppen? fel auch das Geld der Steuerzahler der schätzt 300 Milliarden Euro, die deutsche Eine Staatsgarantie für Bankeinlagen, anderen Länder eingesetzt werden“. Im Versicherungen und Unternehmen im Rest wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel Klartext: Bricht in Spanien eine Bank zu- der Euro-Zone eingegangen sind. und Finanzminister Peer Steinbrück sammen, müssten im Fall der Fälle deut- Zu den finanziellen kommen noch die nach der Lehman-Pleite 2008 abgaben, sche Bürger für die Folgen aufkommen. schwer kalkulierbaren konjunkturellen dürfte aus dem Mund des spanischen Der schlichte Grund: Die Fonds, mit Gefahren hinzu. Die IfW-Experten halten Ministerpräsidenten Mariano Rajoy denen Sparkonten gesichert sind, werden es für möglich, dass die neue Mark bei wenig glaubhaft wirken, das Land hat zwar prinzipiell von privaten Banken fi- einem Euro-Crash im ersten Jahr gegen- selbst Mühe, sich zu finanzieren. nanziert, sie sind aber nicht unerschöpf- über anderen Währungen um rund 30 Bleibt die Notenbank als Kreditgeber lich. Im Gegenteil. Die deutsche Kasse Prozent aufwertet. Dies könnte dazu füh- der letzten Instanz, sie könnte versu- etwa geriet schon im Oktober 2008 in Be- ren, dass die Ausfuhren um zwölf Prozent chen, mit Liquiditätshilfen für die Kre- drängnis, als sie Kleinsparer des deut- schrumpfen, die Wirtschaftsleistung um ditinstitute die Lage zu beruhigen. Die schen Ablegers von Lehman Brothers ent- mehr als sieben Prozent. EZB darf allerdings nur solventen Ban- schädigen sollte. Die Staatsverschuldung Deutschlands ken gegen ausreichende Sicherheiten Das Problem wurde über Kreditgaran- würde massiv steigen, weil der Finanzmi- Geld geben. Bofinger ist deshalb der tien des Bankenrettungsfonds Soffin ge- nister nicht nur die Hilfen an die Krisen- Ansicht, die europäischen Banken müss- löst. Merkel und der damalige Finanzmi- staaten abschreiben, sondern auch Ban- ten vor allem schnell mit mehr Kapital nister Peer Steinbrück gaben ihr Verspre- ken, Versicherungen und viele Firmen vor ausgestattet werden, am besten direkt chen ab: „Wir sagen den Sparerinnen und dem Zusammenbruch retten müsste. „Was aus dem europäischen Rettungsfonds. Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“ die Verschuldung betrifft, könnten wir Bisher lehnen Brüssel und Berlin das ab. Doch was, wenn ein europäischer Ein- schnell das heutige italienische Niveau er- MARTIN HESSE lagenfonds ähnliche Probleme bekommt? reichen“, sagt Boysen-Hogrefe. Soll Merkel dann für ganz Europa eine Kein Wunder, dass die Spitzen der Generalgarantie abgeben? deutschen Wirtschaft alarmiert sind, etwa D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 65
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    Wirtschaft der Bundesverband derDeutschen Indu- strie (BDI). „Deutschland ist die bedeu- tendste und somit systemkritischste E U R O PA „Es muss jetzt schnell gehen“ Volkswirtschaft in der Euro-Zone und der EU“, heißt es einer internen Vorlage für das BDI-Präsidium. Deutsche Unterneh- men hätten in den vergangenen Jahren erhebliche Werte im Ausland angesam- melt, führt das Papier aus. Sie halten Fir- Weltbankpräsident Robert Zoellick kritisiert menanteile, Forderungen oder Staatsan- das Zögern der Euro-Retter – und lobt die Führungsqualitäten leihen. Die stehen auf dem Spiel, wenn die Währungsunion auseinanderbricht. von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Deutsche Vermögen im Ausland seien „sehr exponiert und in ihrer Werthaltig- keit von externer Stabilität abhängig“, heißt es in dem Papier. „Ein Scheitern der Euro-Zone hätte für Deutschland und seine Industrie die vergleichsweise größ- ten Schäden.“ In der Vorlage appelliert der BDI an die Regierung, mehr für die Euro-Rettung zu tun, und stellt zugleich Mithilfe in Aus- sicht. Die Euro-Zone brauche einen „In- vestitions- und Wachstumsschub, den deutsche Industrie und Politik gestalten müssen“. Soll der Euro gerettet werden, müssen sich Europas Politiker rasch auf einen großen Wurf verständigen, wie ihn der- zeit die Chefs der wichtigsten europäi- schen Institutionen vorbereiten (SPIE- GEL 24/2012): die Bildung einer echten politischen Union Europas. Zugleich müs- sen die Krisenländer an ihrem Reform- kurs festhalten, und die EZB muss bereit sein, den Euro im Notfall zu verteidigen. MARTIN H. SIMON / DER SPIEGEL Die jüngste Brüsseler Idee besteht dar- in, Deutschland eine Light-Version von Euro-Bonds schmackhaft zu machen, so- genannte Euro-Bills. Das sind gemein- same europäische Anleihen, die nur eine kurze Laufzeit haben und in der Summe Zoellick begrenzt sind. Jeder Staat dürfte sich da- nach bis zu einem bestimmten Prozent- satz seiner Wirtschaftsleistung mittels Robert Zoellick, 58, leitet seit fünf Jahren SPIEGEL: Mr. Zoellick, als Präsident der Euro-Bills finanzieren. Wer die Regeln die Weltbank in Washington; das Amt Weltbank sollen Sie eigentlich Entwick- nicht einhält, würde im nächsten Jahr übernahm er von Paul Wolfowitz, nach- lungsländern mit Krediten beistehen. vom Handel mit den Papieren ausge- dem der 2007 wegen einer Affäre hatte Aber derzeit müssen Sie sich eher um In- schlossen. EU-Ratspräsident Herman Van zurücktreten müssen. Zuvor beriet der dustriestaaten in der Krise kümmern. Er- Rompuy, EU-Kommissionspräsident Bar- Konservative in der Regierungszeit leben wir gerade den Beginn einer neuen roso, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Ronald Reagans den damaligen Finanz- Weltordnung? Juncker und EZB-Präsident Mario Draghi minister James Baker. Er war US-Chef- Zoellick: In allen Bereichen, ob Handel, hoffen, mir ihrem Modell die deutsche unterhändler bei den Zwei-plus-vier- Entwicklung oder Investitionen, haben Regierung überzeugen zu können, die Verhandlungen zur deutschen Wieder- sich die Wachstumspole eindeutig ver- Euro-Bonds bisher ablehnt. Da die neuen vereinigung und später stellvertretender schoben. Länder, die wir früher „Dritte Schuldscheine in Höhe und Dauer be- Außenminister unter Condoleezza Rice. Welt“ nannten, sind nicht länger Empfän- grenzt seien, könnten sie mit dem Grund- Ende dieses Monats gibt Zoellick sein ger von Almosen, sondern zu Recht ex- gesetz in Einklang stehen, heißt es in Amt als Weltbankpräsident auf eigenen trem selbstbewusst, ob nun China, Indien, Brüssel. Wunsch ab. Zum Interview mit dem Brasilien oder Teile Afrikas. Klar, es gibt Wird das Konzept umgesetzt, würde SPIEGEL empfängt er in seinem mini- noch immer viel Armut in diesen Staaten, es den Euro-Rettern wieder ein wenig malistisch eingerichteten Washingtoner aber ihre Wirtschaftserfolge überwiegen. Zeit verschaffen. Und zugleich die Kosten Büro, in dem die üblichen Andenken an Vermeintliche Entwicklungsländer haben für Deutschland erhöhen. ein jahrelanges Leben in der Öffentlich- in den vergangenen fünf Jahren für zwei Der Druck auf die Bundeskanzlerin keit fehlen: An den Wänden hängen kei- Drittel des weltweiten Wachstums gesorgt. wird nicht nachlassen. Das Endspiel um ne Auszeichnungen oder Erinnerungs- SPIEGEL: Warum haben diese Länder die die deutsche Haftung hat begonnen. fotos mit anderen Politikern, dafür groß- Folgen der globalen Finanzkrise bisher SVEN BÖLL, CHRISTIAN REIERMANN, formatige Aufnahmen von Raubtieren. besser verkraftet? MICHAEL SAUGA, CHRISTOPH SCHULT, Zoellicks Lieblingsbild ist das eines Leo- Zoellick: Nehmen Sie China: Dieses Land ANNE SEITH parden über dem Besuchersofa. wächst seit 30 Jahren um durchschnittlich 66 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    zehn Prozent. Trotzdembeginnen seine einkommen in China beträgt immer noch chanismus entwickelt haben, um das ab- Politiker einzusehen, dass diese Art von nur rund 5000 Dollar pro Jahr. In der zufedern. Wachstum nicht von Dauer sein kann. Euro-Zone liegt es bei rund 40 000 Dollar. SPIEGEL: Der legendäre Investor George Also leiten sie Reformen ein: Sie öffnen Wie sollen die chinesischen Machthaber Soros warnt, Europa blieben nur noch den Dienstleistungssektor, ändern die ihren Bürgern erklären, dass sie nun Mil- drei Monate Zeit, seine Institutionen zu Strukturen der Staatsbetriebe, setzen liarden in den Euro-Rettungsfonds ein- reformieren. Übertreibt er? Haushaltsreformen durch. Andere auf- zahlen, statt daheim zu investieren? Zoellick: Ich halte nichts von solchen Vor- strebende Staaten gingen nach der jüngs- SPIEGEL: Könnte Europa ohne eine ge- hersagen. Aber es muss jetzt schnell ge- ten Weltfinanzkrise ähnlich entschlossen meinsame Währung noch weltweit mit- hen. Einige Beispiele: Die Europäische notwendige Strukturreformen an. Die reden? Kommission sitzt derzeit auf 80 Milliar- Mitglieder der Euro-Zone könnten davon Zoellick: Vor der Einführung des Euro hat den Euro aus den Strukturfonds. Wenn lernen. es das ja auch getan. Aber Europa wird ich Chef der EU-Kommission wäre, wür- de ich jeden Morgen und jeden Abend eine Sitzung organisieren, um herauszu- finden, wie man das Geld schnell verwen- den kann, um Menschen zu helfen. Eine andere wichtige Frage ist die Integration der Dienstleistungsmärkte. Das könnte die Produktivität und Entwicklung zu einem einheitlichen Markt beschleunigen. Und Europa muss es seinen Bürgern er- leichtern, den Wohnort zu wechseln. Es gibt viele Dinge, die man verbessern MARK LENNIHAN / AP kann, damit die Menschen dorthin ziehen können, wo es Arbeitsplätze gibt. Warum zum Beispiel können nicht mehr junge Spanier im boomenden Deutschland Lehman-Sitz in New York 2008: „Niemand konnte die Nachbeben des Untergangs vorhersehen“ arbeiten? SPIEGEL: Aber viele junge Südeuropäer kommen doch nach Deutschland, um zu arbeiten. Zoellick: Europas Politiker handeln immer einen Tag zu spät und versprechen einen Euro zu wenig. Wenn es dann eng wird, schießen sie neue Liquidität nach. Die Europäische Zentralbank hat dadurch Zeit erkauft. Das Gute ist, dass der Druck dann etwas abnimmt. Das Schlechte ist: Die strukturellen Probleme ändern sich KOSTAS TSIRONIS / AP so nicht. SPIEGEL: Was würden Sie denn tun? Zoellick: Europas Regierungen müssen nicht nur das Kapital ihrer Banken auf- Exerzierende Wachen vor dem Athener Parlament: „Abschied vom Euro“ stocken und Geldeinlagen weiter garan- tieren. Sie müssen die Banken auch über- SPIEGEL: Sie werfen den Europäern vor, seinen Einfluss verlieren, wenn das Euro- zeugen, das Geld über Darlehen an die bei der Lösung der Schuldenkrise nicht Projekt nun scheitert. Dann droht ein Wirtschaft weiterzureichen, um eine Kre- entschlossen genug zu handeln? neuer Nationalismus: Wenn jedes euro- ditklemme wie nach der Lehman-Pleite Zoellick: Genau das ist das Problem. In päische Land nur noch für sich selbst zu verhindern. Ob das den Staats- und der Euro-Krise geht es nicht bloß um kämpft, kann Europa wenig ausrichten. Regierungschef der Euro-Zone bereits be- Geld und Schulden, obwohl das wichtige SPIEGEL: Was passiert, wenn Griechenland wusst ist, weiß ich nicht. Aspekte sind. Es geht um globalen Ein- wirklich aus der Euro-Zone aussteigen SPIEGEL: Der Fehler liegt doch im System. fluss und Glaubwürdigkeit. In den ver- sollte? In der Euro-Zone gibt es nicht eine Re- gangenen 60 Jahren hat sich das interna- Zoellick: Niemand weiß das. Es könnte so gierung wie in den USA, sondern 17. tionale System maßgeblich auf drei Säu- etwas wie ein „Lehman-Moment“ wer- Zoellick: Die Abläufe in Europa führen len gestützt, Europa, die USA und Japan. den. Ich will damit sagen, dass auch 2008 dazu, dass Politiker abwarten, bis der Lei- Wenn Europa weiter so schwächelt, wird niemand die Nachbeben des Untergangs densdruck unerträglich geworden ist. Und es als Säule wegbrechen und an globalem der relativ kleinen Investmentbank Leh- dann finden sie nur eine halbherzige Lö- Einfluss verlieren. Dessen müssen sich man Brothers vorhersehen konnte. Die sung, doch dabei läuft ihnen die Zeit da- Europas Führer bewusst sein. Finanzen einiger europäischer Länder von. Das Problem ist nicht nur Griechen- SPIEGEL: Hat diese Entwicklung nicht sind mit griechischen Geldinstituten eng land, sondern auch Spanien und Italien. längst begonnen? Als EU-Vertreter in Pe- verwoben. Also hätte ein Abschied Grie- Deren Wirtschaft ist zusammengenom- king nach Geldern für den Euro-Rettungs- chenlands vom Euro gewaltige Folgen. men so groß wie die deutsche. In beiden fonds fragten, wirkte das wie ein Bettel- Dieses Gefühl der Unsicherheit sollte al- Ländern versuchen die Regierungen, das gang. lerdings nicht dazu führen, dass Europa Richtige zu tun, aber ihnen geht dafür Zoellick: Das war ein Fehler. So kann man Griechenland alles gibt, was sich dessen die politische Unterstützung verloren. mit den Chinesen nicht umgehen. Europa Regierung wünscht. Wenn die griechische SPIEGEL: In Deutschland sinkt derweil die erschien schwach, das wird Peking nicht Spitze damit droht, die Euro-Zone zu ver- Bereitschaft, weitere Rettungsmaßnah- vergessen. Außerdem: Das Durchschnitts- lassen, muss der Rest Europas einen Me- men zu veranlassen. Rund die Hälfte der D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 67
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    Wirtschaft ten Finanzminister, ein einziges Mal die Schulden aller ihrer Einzelstaaten. Seit- dem sind diese auf sich allein gestellt. Europa könnte ein ähnliches System ein- führen. Der deutsche Sachverständigen- rat schlägt ja bereits vor, alle Schulden über 60 Prozent des Bruttoinlandspro- dukts gemeinsam zu finanzieren – vor- ausgesetzt, die betroffenen Nationen ver- pflichten sich zu Reformen. Es kommt mir nicht so sehr darauf an, welches Mo- dell die Europäer unter deutscher Füh- rung wählen. Sie sollen sich nur für eines entscheiden. Und zwar schnell. SPIEGEL: Viele Deutsche erinnern sich ARTS INTERNATIONAL / NEW YORK TIMES / LAIF noch gut daran, wie nach der Wiederver- einigung riesige Geldsummen nach Ost- deutschland gepumpt wurden, einheit- liche Lebensbedingungen aber sind im- mer noch nicht erreicht. Zoellick: Die deutsche Wiedervereinigung war ein historischer Erfolg, nicht nur öko- nomisch, sondern auch politisch. Es ging um Freiheit und Demokratie. Aber na- Karikatur zur spanischen Finanzlage: „Das Problem ist nicht nur Griechenland“ türlich muss man Lehren aus ihren im- mensen Kosten ziehen. Dazu gehört, die Deutschen denkt mittlerweile, dass der es muss auch klar sagen, wie es Staaten, Produktivität in den entsprechenden Län- Euro ihnen eher schadet als nützt. die mitten in Reformprozessen stecken, dern zu erhöhen, damit sich die Investi- Zoellick: Glauben Sie mir, ich kann die helfen will, die richtigen Schritte zu tun. tionen auch auszahlen. Deutschen sehr gut verstehen. Ich wäre Deutschland leistet ja eigentlich sehr viel. SPIEGEL: Um Europa zu helfen, sind wo- als deutscher Bürger auch frustriert, dass Es stünde aber besser da, wenn es im Vor- möglich größere Transferzahlungen nötig andere europäische Staaten nicht die rich- aus genauer erläutern würde, was für Hil- als damals für Ostdeutschland. tigen Schritte unternehmen. fen die Deutschen im Gegenzug für Re- Zoellick: Sicher, es wird teuer werden. Die SPIEGEL: Und trotzdem sollen die Deut- formen anbieten. Deutschen müssen entscheiden, ob ihnen schen ihre zögerliche Haltung aufgeben? SPIEGEL: Viele Deutsche haben Angst, dass Europa so viel wert ist. Ich kann nur sagen, Zoellick: Für kein anderes Land ist ein star- Staaten wie Griechenland nur Hilfsgelder dass sie die Zukunft Europas aufs Spiel kes und prosperierendes Europa so wich- kassieren wollen und notwendige Verän- setzen, wenn sie nicht rasch handeln. tig und so vorteilhaft wie für Deutschland. derungen weiter aufschieben. SPIEGEL: Wer könnte Merkels Verbündeter Berlin muss die Entwicklung zu einem Zoellick: Spanien und Italien versuchen in Europa werden? wirklich vereinten Europa steuern. Aus gerade, schwierige Reformen durchzuset- Zoellick: Als Helmut Kohl und François historischen Gründen tun Deutsche sich zen. Finanzminister Wolfgang Schäuble Mitterrand zusammenarbeiteten, haben damit schwer. Außerdem hagelt es gleich hat das begrüßt. Es wird dauern, bis die sie über EU-Kommissionspräsident Kritik, wenn Deutschland entschlossen Reformen Wirkung zeigen, denn in bei- Jacques Delors die Sichtweise der ande- voranprescht. Aber Berlin darf sich davon den Fällen geht es um Haushaltskonsoli- ren Europäer geformt. Ich weiß nicht, ob nicht abhalten lassen. Die Zeiten haben dierung und strukturelle Veränderungen. der aktuelle EU-Kommissionspräsident sich geändert. Selbst der polnische Au- Mittelfristig muss man sie mit Finanz- José Manuel Barroso eine ähnliche Rolle ßenminister Radek Sikorski hat neulich zusagen unterstützen. übernehmen könnte. Oder ob Frankreich gesagt: „Ich fürchte die deutsche Macht SPIEGEL: Die Deutschen können doch Teil des Problems oder der Lösung sein weniger als die deutsche Untätigkeit.“ nicht einfach einen Blankoscheck für will. Ich weiß nur, dass wir dringend Fort- SPIEGEL: Hat Kanzlerin Angela Merkel bis- ganz Europa ausstellen. Im schlimmsten schritte brauchen. lang zu wenig gegen die Krise getan? Fall bleiben sie dann auf Forderungen SPIEGEL: Die Amerikaner, allen voran Prä- Zoellick: Ich habe viel Respekt vor Kanz- von über 500 Milliarden Euro sitzen. sident Barack Obama, geben den Euro- lerin Merkel. Ich kenne sie seit ihren Ta- Zoellick: Ich würde es auch für einen Feh- päern gern die Schuld an den gegenwär- gen als Oppositionspolitikerin und halte ler halten, den gesamten Finanzbedarf tigen Problemen der Weltwirtschaft. Da- sie für hochintelligent. Sie hat ein hervor- Europas mit Euro-Bonds abzudecken. bei sind die öffentlichen Schulden in den ragendes Gespür dafür, was die deutsche Das würde die disziplinierende Wirkung USA weit höher als die Europas. Öffentlichkeit will. des Marktes mindern und Reformen in Zoellick: Das stimmt. Für Präsident Oba- SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, sie un- den verschuldeten Staaten weniger wahr- ma war die Reform des Gesundheitssek- terlässt notwendige Rettungsmaßnahmen scheinlich machen. tors eine Priorität. Hätte das Weiße Haus aus politischem Kalkül? SPIEGEL: Was also soll Europa tun? das Ausmaß unserer wirtschaftlichen Zoellick: Ich will Politiker nicht abwerten. Zoellick: Es gibt den Vorschlag, Euro- Schwierigkeiten früher absehen können, Technokraten ohne Feingefühl können Bonds für Schulden von bis zu 60 Prozent wäre es vielleicht diese Problematik an- uns nicht regieren. Aber eines stimmt: Es des Bruttoinlandsprodukts zu schaffen. gegangen. Ich hätte das auf jeden Fall ge- ist wichtig klarzumachen, für welche eu- Alles, was die Länder darüber hinaus aus- tan. Amerika steht vor der gleichen Her- ropäische Vision Deutschland steht. geben, ginge auf ihre eigene Rechnung. ausforderung wie Europa. Es muss seine SPIEGEL: Wie soll die aussehen? Europa könnte in diesem Fall von Ame- Schulden in den Griff bekommen, um in- Zoellick: Deutschland muss weiterhin auf rika lernen. Nach dem Unabhängigkeits- ternational einflussreich zu bleiben. fiskalen und strukturellen Reformen in krieg übernahmen die Vereinigten Staa- INTERVIEW: MARC HUJER, einem vereinigten Europa bestehen. Aber ten unter Alexander Hamilton, ihrem ers- GREGOR-PETER SCHMITZ 68 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    für den Kaufvon Evonik-Aktien zu be- sich Bonse-Geuking – gegen alle Warnun- UNTERNEHMEN geistern, scheint für Monate, wenn nicht gen und ohne Not. Ewige Lasten Jahre ausgeschlossen. Wie aus dem Protokoll der RAG-Sit- Besonders bitter für Evonik und sei- zung vom 10. Juni hervorgeht, verfügt nen Chef Klaus Engel: Es wäre gar nicht die Stiftung nämlich bereits heute über nötig gewesen, den Börsengang zu milliardenschwere Rücklagen, die ausrei- Der Chemiekonzern Evonik forcieren. Möglicherweise wurde sogar chen, die Ewigkeitslasten zu finanzieren dürfte auch mit dem dritten mit trickreichen Verschleierungen gear- – ohne einen Börsengang. Selbst bei „kon- Versuch scheitern, an die Börse beitet. Das zumindest legen interne Pro- servativen Prämissen“, heißt es in dem tokolle der RAG-Stiftung nahe, der rund Papier, sei auch noch 2019 genügend Geld zu gehen. Das Vorhaben 75 Prozent des Chemieunternehmens vorhanden, um alle anfallenden Kosten war riskant – und unnötig. gehören. zu decken. Es bleibe sogar ein üppiger Deren Chef, der 70-jährige ehemalige Überschuss von rund 156 Millionen Euro E s gibt Blamagen, die muss man er- Energiemanager Wilhelm Bonse-Geuking, – pro Jahr. tragen, weil sie nicht zu verhindern hatte in der Vergangenheit wiederholt Für Bonse-Geuking ist das kein Argu- waren. Es gibt aber auch Blamagen, betont, „dass der Börsengang von Evonik ment: Die gute finanzielle Ausstattung die vermeidbar gewesen wären, denen kein Selbstzweck“ sei. Es gehe vielmehr der Stiftung sei immer bekannt gewesen. Warnungen vorausgingen, die aus zwei- darum, die sogenannten Ewigkeitslasten Außerdem sei es für keine Stiftung gut, felhaften Motiven, wie persönlichem Ehr- des Kohlebergbaus zu finanzieren. langfristig auf nur ein einziges Unterneh- geiz, missachtet wurden. Letztere sind Diese Aufgabe hatte die mit hochran- men zu setzen. dann besonders peinlich. Zu ihnen gehört gigen Politikern und Managern besetzte Und so hielt der Manager trotz lahmen- der Börsengang des Chemieunterneh- Stiftung bei ihrer Gründung im Jahr 2007 der Weltkonjunktur und sich verschärfen- mens Evonik. übernommen. Inhalt des damals von Ex- der Euro-Krise wacker an den Vorberei- Zum dritten Mal versucht der Essener Bundeswirtschaftsminister Werner Mül- tungen für den Börsengang fest. Selbst Konzern, in den Kreis der glitzernden ler eingefädelten Deals: Der Steinkohle- Warnungen von Evonik, dass die Wert- und wichtigen Dax-Konzerne aufzustei- bergbau im Saarland und in NRW wird gutachten der Banken mit 15 bis 18 Mil- Stiftungsvermögen Ende 2011: 10,5 Mrd. € davon 8,9 Mrd. Euro Wert des Evonik-Anteils TOCHTERGESELLSCHAFTEN 100 % 74,99 % Gabriel Acquisitions (CVC) 25,01% CHRISTIAN BAUER / ACTION PRESS Stiftungschef Hauptgeschäftsbereiche Bonse-Geuking Spezialchemie und Immobilien gen. Zweimal scheiterte der geplante Ende 2018 endgültig stillgelegt. Die noch liarden Euro offenbar viel zu hoch ausge- Börsengang wegen widriger Umstände Jahrzehnte anfallenden Ewigkeitslasten fallen seien, beirrten ihn nicht. an den Finanzmärkten. Und auch der für das Abpumpen von Grundwasser Noch vor zwei Wochen plädierte er bei dritte Versuch steht unmittelbar vor dem oder die Beseitigung von Bergschäden in einer Sitzung für eine weitere Fristver- Aus. Mit 13,5 bis 16,5 Milliarden Euro Höhe von geschätzten 220 Millionen längerung. Nun soll Anfang dieser Woche sollte Evonik nach internen Plänen be- Euro pro Jahr trägt die Stiftung. Dafür die endgültige Entscheidung fallen. Alles wertet werden. Doch bislang sind trotz erhielt sie im Gegenzug nicht nur das Im- andere als eine Absage wäre eine hand- intensiver Bemühungen keine Investoren mobilienvermögen und die Energiesparte feste Überraschung. am Kapitalmarkt zu finden, die bereit wä- der ehemaligen Ruhrkohle AG, sondern Warum Bonse-Geuking so lange an ren, einen solch exorbitanten Preis zu auch deren Chemieunternehmen, die seinen Plänen festhielt, einen neuen Dax- zahlen. nach einigen Umbauten und Zukäufen Konzern zu platzieren, und die Pläne Voraussichtlich wird das großangekün- inzwischen unter dem Namen Evonik fir- nicht schon viel früher stoppte, bleibt für digte Spektakel deshalb noch im Laufe mieren. die meisten Beobachter ein Rätsel. Per- der Woche abgeblasen – mit schlimmen Wie die Stiftung das Geld für die Ewig- sonen in seinem Umfeld glauben, ihm sei Konsequenzen. Der Reputationsschaden keitslasten genau erwirtschaftet, ist ihr es wenige Monate vor Auflösung seines für das Unternehmen wäre gewaltig. „An überlassen. Sie kann Immobilien oder Vertrags darum gegangen, sich einen den Finanzmärkten“, sagt ein Banker aus Firmen verkaufen, von den üppigen Di- Platz in der Chronik der deutschen Wirt- dem Konsortium, „lächeln Analysten und videnden der Unternehmen leben oder schaftsgeschichte zu sichern. Investoren inzwischen nur noch milde“, eben auch den als langfristigen Stiftungs- Mit dem dritten abgesagten Börsen- wenn sie den Namen des glücklosen zweck verankerten Börsengang von Evo- gang in Folge dürfte ihm das zumindest Chemieriesen aus Nordrhein-Westfalen nik anordnen, um damit die Kassen auf- gelungen sein. hören. Ein neuerlicher Versuch, Aktionäre zufüllen. Genau für diesen Weg entschied FRANK DOHMEN D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 69
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    DIRK HOPPE /NETZHAUT / DER SPIEGEL Animateure in der Ausbildung: „Wenn euch jemand an den Po fasst, müsst ihr euch das nicht gefallen lassen“ mal ein Zimmer im Keller sein kann, mit TOURISMUS Blick auf eine Betonmauer. Oder ganz Im Land des Lächelns ohne Blick. Die TUI-Novizen hier in Olsberg sind noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Viele kommen direkt von der Schule. Oder vom Zivildienst wie der Wer als Animateur Urlaubsgäste bespaßen will, muss erst zurückhaltende Rudolf, 21, der beruflich einmal selbst gut drauf sein. Wie das geht, bekommen später mal was mit Kindern machen möchte. Vielleicht auch was mit Medien. Anfänger in einem einwöchigen Kurs im Sauerland beigebracht. Vorgenommen hat er sich jedenfalls, „am Ende meines Lebens sagen zu können, M enschen, die mit Dauerlächeln mal nur ein Lächeln braucht, um einen dass ich nichts verpasst habe“. Von seinen über die Flure schweben, kennt anderen Menschen glücklich zu machen?“ Einsätzen auf Lanzarote und Menorca er- man sonst eher aus Filmen über Das Lächeln geht einher mit exzessi- hofft er sich „mehr Selbstbewusstsein“. Bhagwan oder Scientology; sie wähnen vem Grüßen, und wer am hartnäckigsten Felicitas, 20, wiederum musste ihres sich auf der Zielgeraden zur ewigen lächelt und grüßt, bekommt abends als Rückens wegen die Ausbildung zur Mu- Glückseligkeit und leuchten von innen. Auszeichnung ein Grinsegesicht ans Shirt sicaldarstellerin abbrechen und schult Die 180 jungen Leute im angejahrten gepinnt, das „Smile des Tages“. Stehen nun um, während Sara, 22, aufgrund ei- Parkhotel Olsberg haben zwar auch ei- sie dann im echten Club vor echten Gäs- ner Hals-Nasen-Ohren-Geschichte nicht nen leicht seligen Blick, ihre Mission hin- ten, soll es so wirken, als wären sie natur- mehr als Flugbegleiterin arbeiten kann. gegen wird sie allenfalls in irdische Para- lustig zur Welt gekommen. Und dann ist da noch der irrlichternde diese führen wie Korfu oder Fuerteven- Denn das macht einen Cluburlaub ja Italiener Roberto, der sich gern für 30 tura, und das auch nicht zum eigenen aus: dass man, sofern man es für erstre- ausgibt, aber schon 36 ist. Er hat in Mai- Plaisir. benswert hält, mehrere Wochen in einem land eine Discothek betrieben und in Bel- Wo andere ausspannen, werden sie fremden Land verbringen, sich den Ein- gien als Pizzabäcker gearbeitet, er hat im bald arbeiten, als Animateure des Reise- heimischen und deren Kultur aber kom- Wanderzirkus Kinder neben Elefanten veranstalters TUI. Aber jetzt sind sie erst plett entziehen kann. Die Hotelanlage ist gestellt und sie gegen Geld fotografiert. mal für eine Woche im Hochsauerland, ein Land für sich. Ein Land des Lächelns Zuletzt arbeitete er in verschiedenen Ro- um das Geschäft mit der guten Laune und der Sorglosigkeit. binson-Clubs. Dann wurde er krank. Lie- zu erlernen. Sie wackeln beim Ringel- Allein TUI beschäftigt 600 Animateure beskrank, sagt er. Eine Kollegin. Bei TUI schwanztanz mit dem Po oder steigen in in 96 Clubs und Hotels. Für den Urlauber fängt er jetzt von vorn an. Pappkartons mit Rädern und rufen „tuut- spielen sie den Vorturner und Freund auf Sie alle sind hier für eine Woche noch tuut!“. Sie schminken sich Tiergesichter Zeit, sind Clown und Beichtvater zu- einmal Kinder. Sie spielen und basteln und üben mit tastender Stimme ihre ers- gleich. Sie bringen erwachsene Menschen und werden wie Erstklässler getadelt, ten Moderationen. dazu, Schiffe versenken zu spielen oder wenn sie während des Seminars tuscheln Vorrangig aber sind sie gut drauf. TUI zum „Lied der Schlümpfe“ zu tanzen. oder Kaugummi kauen. Auf Toilette geht will das so, und wenn es um gute Laune Animateure verbreiten an sechs Tagen es bitte nur in der Pause. geht, versteht Deutschlands größter Ver- in der Woche 12 bis 14 Stunden Frohsinn. Bei aller Strenge lassen die Ausbilder käufer von Urlauben keinen Spaß. Ein Ihre Bezahlung ist eher trist. Anfänger doch ein Gefühl von Familie aufkommen. Schild auf dem Kaffeetisch mahnt: „Wuss- erhalten im Monat 600 Euro. Kost und Man duzt sich, alle haben hier nur Vor- test du eigentlich schon, dass es manch- Unterkunft sind frei, wobei diese schon namen. Früh um acht wird im Haus des 70 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    nen großen Sack,der heimlich in der Wüste verbuddelt wird, aber zumindest reisen die Deutschen reinen Gewissens nach Hause. Sobald sich die Neuen im Parkhotel als TUI fühlen, werden sie aufgeteilt nach ihren Zielgebieten. Das hört sich nach militärischem Erstschlag an. Ist auf TUI- Deutsch aber die gängige Umschreibung für Urlaubsort. Jede Zielgebietsgruppe soll sich eine identitätsstiftende Perfor- mance ausdenken. Nach kurzer Beratung führt Ägypten einen Pharaonentanz vor, Griechenland tanzt Sirtaki und skandiert: „Ich trink Ouzo, was trinkst du so?“ Die Balearen treffen mit ihrem Lied das Le- FOTOS: DIRK HOPPE / NETZHAUT / DER SPIEGEL bensgefühl der Veranstaltung am besten: „TUI, TUI, täterä“. DIRK HOPPE / NETZHAUT / DER SPIEGEL Doch hält so ein Gefühl selten lebens- lang. Animateur ist man meist nur für ein paar Jahre. Entweder hört man dann auf mit dem Urlaubsspaß – oder bringt es zum Ausbilder oder Zielgebietsleiter. Rayk Leuthold, verantwortlich für die TUI-Clubs auf den Kanaren, sagt: „Es ist schwierig, nach mehreren Jahren als Animateur in die normale Welt zurück- zukommen. Du grüßt jeden. Und spürst Gastes das „Herzlich willkommen“-Lied zu vermeiden“ wird groß an die Wand abends eine Leere, weil es kein Unterhal- gesungen, mit Klatschen und Hüpfen und projiziert. Von der Liege gezerrt werden tungsprogramm gibt. Es geht dir so ähn- Einander-Umarmen. „Total spitze, euch sollte kein Feriengast. lich wie einem Soldaten, der aus einem heute zu sehen“ reimt sich auf „wir wer- Wer wissen will, wie es nicht geht, sollte langen Einsatz zurückkehrt und denkt, den uns super verstehen“. „Club Las Piranjas“ ansehen, die ARD- die ganze Welt sei ein Kasernenhof.“ Auf der Bühne sorgen drei Büropflan- Satire aus den neunziger Jahren mit Hape Im Parkhotel wird der rote Teppich aus- zen für einen Anflug mediterranen Flairs. Kerkeling als Zerrbild eines Animateurs, gerollt. Die Dinnerparty ist der Höhe- Jeder Coach wird von der „Zarathustra“- der die Gäste mit Spielen wie gemeinsa- punkt der Ausbildung. Alle haben sich Fanfare nach oben begleitet. Die Ver- mem Müllsammeln drangsaliert und sie fein gemacht, einige sind als Berühmtheit kündigung des Tagesprogramms ist mit zwingt, an griechischen oder persischen kostümiert. Amy Winehouse ist gut zu Discobeats unterlegt. Alle klatschen mit. Nächten teilzunehmen. Von dem Film re- erkennen, die Monroe erinnert eher an Alles wird zur Sensation. Selbst das Aus- den die Ausbilder hier alle. Er hat das Ingrid Steeger. An Ingrid Steeger heute. rufen des Mittagessens löst eine Ekstase Image der Branche nachhaltig ramponiert. Später gibt es sogar Alkohol. aus, als wäre Deutschland gerade Fuß- Auch mit der Musikauswahl am Pool Am Ende der Woche werden Grüß- ball-Europameister geworden. sollte man niemanden verschrecken. TUI ermüdungen spürbar. Felicitas mit dem So viel Gemeinschaft ist sonst nur beim hat ein eigenes Online-Archiv mit 3500 kaputten Rücken sind die Wirbel rausge- Weltjugendtag. Oder beim Parteitag der Titeln eingerichtet. Der Sommerhit sprungen. Sara hat sich zwei Zehen ge- chinesischen KP. Ob in Jesu, Maos oder „Nossa, nossa“ ist ein Muss. Ballermann- prellt beim Versuch, im Hasenkostüm ein TUIs Namen: Man ist eins. Gegröle wie „Zehn nackte Friseusen“ Rad zu schlagen. Des Weiteren sind zu Tatsächlich sagen manche Teilnehmer wird für TUI-unwürdig befunden. „Hyper, verzeichnen: eine gezerrte Sehne, diverse schon nach zwei Tagen „wir“, wenn sie Hyper“ von Scooter geht. Aber nicht Erkältungen – und ein Abgang. Einer der TUI meinen. Werden sie fotografiert, la- morgens um zehn. Teilnehmer wurde aufgrund mangelnder chen sie nicht mehr „Cheese“ in die Ka- Noch so eine Animateurregel: Disku- Manieren für nicht animationsfähig be- mera, sondern „TUIII“. tiere mit den Gästen keinesfalls über Re- funden und nach Hause geschickt. Im Saal hängt ein Transparent: „Einer ligion oder kulturelle Unterschiede. Und Der scheue Rudolf indes hat bei einer für alle, alle für einen.“ Und alles für den sag nie: „Ich hoffe, Sie hatten eine gute Bühnenshow seinen künstlerischen Gast. Mindestens 90 Prozent der Gäste, Anreise.“ Sag stattdessen: „Ich bin sicher, Durchbruch erlebt mit einem gefeierten so die Vorgabe, sollen mit ihrem Urlaub Sie hatten …“ Sag auch nicht, du seist Auftritt als schwuler Harry Potter. zufrieden sind. Oder war es jeder zu 90 für etwas zuständig. Sag, du seist verant- Zum Schluss fragt Ausbilderin Lissy in Prozent? Damit keiner das Plansoll ver- wortlich. Klingt besser. die Runde, ob sich alle sicher seien, dass gisst, hängen überall Plakate mit einer Vorurteile dagegen darf man als Ani- jeder hier im Raum ein guter Animateur fetten „90“. Sogar auf der Toilette. „Schaf- mateur haben. Denn viele bewahrheiten sein werde. Alle fangen an zu applaudie- fen wir das?“, rufen die Ausbilder. Beats. sich. Die deutschen Urlauber zum Bei- ren. Als Letzter auch Rudolf. Blitze. „Yeaahh!“, ruft die Masse. spiel sind ziemlich deckungsgleich mit ih- ALEXANDER KÜHN Dem Gast ist so ziemlich alles erlaubt. rem eigenen Klischee, so ungefähr erzählt „Nur wenn euch jemand an den Po fasst, es zumindest der altgediente Coach Jan- müsst ihr euch das nicht gefallen lassen“, ko Engel. Sie reservieren schon morgens Video: sagt Janko Engel, der den Jung-Anima- um sechs ihre Liege. Und wollen auch im Kandidaten im teuren einen guten Umgangston bei- Urlaub gut sein zur Umwelt. Urlaubstest bringt. Umgekehrt gibt es vieles, was der Viele ägyptische Hotels haben deshalb Für Smartphone-Benutzer: Animateur nicht darf. „Peinliche oder verschiedene Tonnen zur Mülltrennung ein- Bildcode scannen, etwa mit menschenrechtsverletzende Dinge sind geführt. Am Ende kommt zwar alles in ei- der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 71
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    Trends Medien ZDF „Steif, trocken, künstlich“ D as wahre Leben findet auf ande- ren Sendern statt – und nicht im ZDF. Dies ist das Ergebnis einer Zu- schauerbefragung der Mainzer Anstalt, die dieser ein verheerendes Zeugnis ausstellt. Befragt worden waren so- wohl die vorwiegend älteren Stamm- WILLI WEBER / ZDF seher, die in der Untersuchung als „sterbende“ Zuschauergruppe bezeich- net werden, als auch Jüngere, die das Zweite kaum einschalten. Demnach ist das ZDF in der allgemeinen Wahrneh- „heute-show“-Szene mit Oliver Welke, Martina Hill mung kein Familienprogramm mehr, sondern „ein Sender für alte Zuschau- Grenzen: Der Talk von Markus Lanz garten“ wird als „ZDF-Anker mit posi- er“. Unter 50-Jährige fühlen sich laufe „so spät, dass er im Gefühl der tiver Strahlkraft“ empfunden, lobend „über weite Strecken ausgegrenzt“. Zuschauer kaum existiert“, die Jörg- erwähnt wird auch die Doku-Reihe Das Informationsangebot wird als „zu Pilawa-Shows würden „(noch) nicht „Terra X“. Im Resümee warnt die Stu- weit weg vom Zuschauer“ sowie als als Highlight erlebt“, heißt es in der die vor einem „Teufelskreis“: Orientie- „steif, trocken, künstlich“ bezeichnet, Untersuchung. Die Kochshows am re man sich weiter am Erfolg beim Ge- die Tonalität der fiktionalen Program- Nachmittag vermittelten gar den Ein- samtpublikum, sichere dies kurz- bis me sei „nicht modern genug“. Galt druck von „Monotonie und Stagna- mittelfristige Erfolge; auf lange Sicht das ZDF in früheren Jahren als tion“. Formate auf prominenten Sende- aber drohten „massive Verluste, da gewichtiger Unterhaltungsdampfer, plätzen zementierten das Bild des neue, jüngere Zielgruppen außen vor erscheinen die heutigen Shows den „braven“ und „bodenständigen bleiben“. Wie das ZDF mitteilt, wür- Befragten als „wenig präsent und we- Senders für ältere Zuschauer“. Positiv den die Ergebnisse der Image-Untersu- nig besonders“. Selbst die Strahlkraft bewertet werden Comedy-Sendungen chung in die „redaktionelle und plane- der Vorzeigemoderatoren hält sich in wie die „heute-show“. Der „Fernseh- rische Entwicklungsarbeit“ einfließen. N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N Es ist ja nicht so, dass Frau Müller-Ho- Müller-Hohenstein hatte schon vorher henstein (Bild) darauf angewiesen wäre, in eine ZDF-Kamera gestrahlt, dass sie, mit Oliver Kahn auf einer künstlichen als sie von der Idee gehört hatte, die Fuß|ball|strand Inselanlage im Meer vor halbleeren Liegestühlen mit älteren Leuten zu ZDF-Jubel-, Quatsch- und Kommen- tierzentrale auf Usedom aufzubauen, der: flacher Rand des Event-Fernsehens, stehen und von zehn Kameras, dar- sicher gewesen sei, dass das „ganz an dem der Sportjournalismus versandet unter eine fliegende, gefilmt zu werden, toll“ wird: „Ich meine, Fußball und um deplatziert zu wirken. Andererseits Strand. Hallo? Was haben wir denn Wenn das ZDF nach der Europameis- hat es eine fast bewundernswerte am Strand früher immer gespielt?“ – terschaft seine Bohrinseln und die Konsequenz, es nicht bei ein bisschen Hallo? Volleyball? Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein Schrecklichkeit zu belassen. Und so Auf Usedom kam der Sender laut Frey, abgewrackt hat, bleibt dem Ostseebad fügten sich schlechte redaktionelle nachdem man die deutsch-polnische Heringsdorf immerhin die Möglich- Ideen, der bizarre Veranstaltungsort, Grenze abgefahren sei und sich dann keit, eine Städtepartnerschaft mit der übliche Sportverein des ZDF und „ganz bewusst für einen Ort entschie- Waterloo zu beantragen. Peter Frey, technische Pannen zu einem Gesamt- den“ habe, „der Polen ganz besonders Chefredakteur des Senders, sagte bild, in dem dann noch eine nah ist“. Usedom stehe für zwar gegenüber „Focus online“, dass junge Frau namens Jeannine eine wechselvolle Geschich- „Deutschland“ sich an die Insel Use- Michaelsen eine prominente te, aber auch für eine neue dom als den Ort erinnern werde, „wo Nebenrolle spielen durfte. Zusammenarbeit. Wo und deutsch-polnischer Alltag schon selbst- Sie las Dinge aus etwas vor, wie genau sich das ZDF zur verständlich ist“. Wahrscheinlicher ist das sich „Internet“ nennt, Weltmeisterschaft in zwei aber, dass „Deutschland“ mit dem Ort ihr selbst aber eher nur vom Jahren in Brasilien bla- dauerhaft das Kunststück verbinden Hörensagen bekannt war, miert, steht indes noch wird, trotz des kollektiven Infantili- wie sich herausstellte, als sie nicht fest. Vielleicht ließe tätsrauschs, in den dieses Fußball- Kahn bei dessen Premiere sich irgendetwas Bedeu- turnier Land und Medien gestürzt hat, auf Twitter gleich einen tungsschwangeres mit noch durch besondere Blödheit auf- falschen Harald Schmidt als deutschem Bezug in Chile zufallen. Kontakt andrehte. aufbauen. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 73
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    Medien TA L K S H O W S Fünf ist einer zu viel Eine interne Analyse geht mit den Polit-Plauderrunden des Ersten ins Gericht. Besonders scharf kritisiert wird der teuerste Star: Günther Jauch. Von der großangekündigten Talk-Offensive ist in der ARD kaum noch die Rede. S ie waren stolz, so stolz. Aufgekratzt wie Käufer eines Luxussportwagens im Moment der Schlüsselübergabe standen sie um ihren Neuerwerb herum, ihren Zehn-Millionen-Euro-Einkauf, den Mann, der alles das sein soll, was ihr La- den selbst nie ist. Beliebt und doch klug. Voller Bildung, doch nicht arrogant. Spar- sam und doch sexy. Ja, sogar das. Günther Jauch, so der Name des Neu- erwerbs des größten Senderverbunds Europas, der ARD, war gerade aus dem Studio zum After-Show-Empfang her- übergeschlurft. Es war der 11. September 2011, und die Premiere des Neuen im Ers- ten wurde mit feierlichem Ernst begangen wie ein Staatsakt. SWR-Chef Peter Boudgoust stand links von Jauch. Der Intendant des NDR, Lutz Marmor, stand rechts. Die Ehefrauen blie- ben etwas abseits. Überschwänglich lie- ferten sich die ARD-Bosse einen Wett- kampf im Jauch-Lob. Beide wirkten zu- frieden, aber auch ein wenig gestresst von der fernsehhistorischen Dimension des Abends. Zehn Minuten blieb Jauch ste- hen. Zehn Minuten lobten die Intendan- ten. Erst dann zockelte der Star weiter. Nicht einmal ein Jahr ist das her – und schon fällt die ARD über ihren Star her. Die Intendanten zwar halten noch mehr- heitlich zu ihm. Aber die Gremien zupfen und zerren seit Wochen an den Talks her- um – und nun zerpflückt auch noch der ARD-Programmbeirat Jauchs Modera- tionsstil. „Herr Jauch“, heißt es in einer mehr- seitigen internen Analyse, „ist der einzige Moderator, dessen Gesprächsführung der MUELLER-STAUFFENBERG / EVENTPRESS / PICTURE ALLIANCE / DPA Beirat deutlich kritisieren muss.“ Er hake „selten nach“, setze sich „über die Ant- worten seiner Gäste hinweg“, folge „strikt seinem vorgefertigten Konzept“ und hake bloß „eine Frage nach der an- deren ab“. Er gehe „einer ihm nicht genehmen Gesprächsentwicklung“ aus dem Weg, die Diskussion verlaufe „selten ergebnis- offen“. Jauch betreibe „Stimmungsma- che“, seine Einspieler mit Passantenbe- * Rainer Brüderle, Hilmar Kopper und Sahra Wagen- knecht. Talker Jauch (2. v. r.), Gäste*: Er ist – wie zu erwarten war – nicht der Messias der ARD 74 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    fragungen „gaukeln einevermeintliche Diese besondere Vorsicht hat ihren neun Anstalten, lässt am Star kaum ein Realität vor“. In den Fragen, die er stelle, Grund. Beim ersten Versuch der ARD- gutes Haar. nehme er meistens schon die „Antworten Bosse, Jauch für den Sonntagabend-Talk Der Beirat bleibt nicht bei der reinen vorweg“. zu verpflichten, hatte er kurz vor Ver- Kritik der Fragetechnik stehen. Er kriti- Bisher blieb die Kritik am teuersten tragsunterzeichnung die Brocken hinge- siert die journalistische Haltung des Mo- Einkauf in der Geschichte des Ersten worfen, hauptsächlich weil ihn ein paar derators überhaupt. Jauch, so heißt es da, unter Verschluss. Und ungefährlich. Die kritische Stimmen aus dem weiten Reich schüre „mit seinen Suggestivfragen teil- Öffentlichkeit sollte davon nichts hören. der ARD genervt hatten. weise Politikverdrossenheit“, er komme Jauch erst recht nicht. Doch diesmal sind es nicht nur ein paar seiner „Verpflichtung zur journalistischen Selbst als der ARD-Programmbeirat versprengte Rundfunkratsmitglieder, die Sorgfalt nicht nach“. vor ein paar Wochen diese mehrseitige, hier und da mal ein böses Wort fallenlas- Die Kritik ist harsch, an manchen Stel- detaillierte Analyse der Polit-Talkshows sen, so wie damals. Es sind die wichtigs- len überzogen. „Diese Sendung ist eher im Ersten intern präsentierte, bekam ten Programmwächter der ARD, die hier eine Show als politischer Talk“, lautet Jauch das Papier nicht einmal zur Kennt- urteilen. Und dieser Beirat, bestehend das Gesamturteil. Das sei „eine beunru- nisnahme zugeschickt. aus Vertretern der Rundfunkräte aller higende Entwicklung für ein öffentlich- rechtliches Format!“. Es klingt fast, als wollten da ein paar Leute Jauch aus der ARD treiben. Vom unbändigen Stolz auf den von RTL herübergelockten Star ist in der ARD nicht mehr viel zu spüren. An den Spitzen mancher Sender wird der Unmut über ihren Star-Talker intern schon länger artikuliert. Jauch sei zwar sehr viel teurer als seine Vorgängerin Anne Will, aber nicht sehr viel besser, heißt es da. Die Quote habe er nur mäßig gesteigert. Das Renommee der Jauch- Show sei verbesserungswürdig. Er sei eben doch bloß Unterhalter, kein Jour- nalist. Er erledige vielleicht seinen Job. Aber er leiste eben nicht, was erwartet worden war: Außergewöhnliches. Das ist typisch ARD. Die Demontage der eigenen Stars überlässt sie nicht an- deren, sie betreibt sie gern mit eigenen Bordmitteln. Schon der Umgang mit dem gefloppten Vorabend-Experiment des früheren „Wet- ten, dass …?“-Moderators Thomas Gott- schalk hatte der Öffentlichkeit wochen- lang demonstriert, wie die ARD mit ihren Stars umgeht. Am Ende blieben alle Be- teiligten blamiert, frustriert oder gedemü- tigt auf der Bühne zurück. So war das schon öfter. Als die Unzu- friedenheit mit Harald Schmidt wuchs, wurde aus der ARD gestreut, man könne sich vorstellen, dem Entertainer das ab- gewirtschaftete Format „Satire Gipfel“ zu geben. Und als der RTL-Star Jauch der ARD 2007 bei ihrem ersten Versuch, ihn zu verpflichten, abgesagt hatte, formu- lierte ein Intendant flott: „Ohne Jauch geht’s auch.“ Über Gottschalk gab ein Hierarch den Spruch aus: „Dead Man Talking.“ Intern sorgen die dauernden Nörge- leien nicht gerade für ein Klima gedeih- lichen Miteinanders. „Viele der Kritte- leien sind einfach ungerecht“, findet „Herr Jauch sollte dringend an seiner SWR-Chefredakteur Fritz Frey, der Jauch schätzt. „Selbst wenn er ab morgen über Gesprächsführung arbeiten, ebenso an der das Wasser laufen könnte, würden seine Themen- und Gästeauswahl.“ Kritiker Jauch vorwerfen, dass er nicht schwimmen könne.“ Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats Die Wahrheit ist: Jauch ist im Alltag angekommen. Er macht mal gute, mal schlechte Sendungen. Die Quote ist besser als bei seiner Vorgängerin Anne D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 75
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    Medien CHRISTIAN CHARISIUS / PICTURE ALLIANCE / DPA MAX KOHR / WDR „Menschen bei Maischberger“ „Beckmann“ „Allerdings sollte sie bei der Auswahl „Trotzdem muss auch dieses skurriler Gäste darauf achten, keine öffentlich- Format irgendwann ein klares Profil rechtlichen Grenzen zu überschreiten.“ bekommen.“ Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats Will. Aber er ist – wie zu erwarten war – wieder Sendungen mit wenig Erkenntnis- gebot sehr unterschiedlicher Gesprächs- nicht der Messias der ARD. Und mancher gewinn.“ Maischberger „sollte bei der formate mit exzellenten Gastgebern“, nimmt ihm genau das übel. Auch weil er, Auswahl skurriler Gäste darauf achten, sagt Programmdirektor Volker Herres. wie einer spottet, bezahlt werde wie ein keine öffentlich-rechtlichen Grenzen zu Man werde sich mit dem Papier „ausein- Erlöser. überschreiten“. Plasberg sei zu „soft“ ge- andersetzen“ und habe ja eh beschlossen, Doch es trifft in dem internen Papier worden, seine Sendung habe „mit dem „Ende des Jahres über das Talkshow- nicht nur Günther Jauch. Die Programm- Motto, wenn Politik auf Wirklichkeit trifft, schema zu beraten“, sagt die ARD-Vor- wächter haben sich die gesamte ARD- nicht mehr immer etwas zu tun“. Beck- sitzende, WDR-Intendantin Monika Piel. Talkschiene vorgenommen, das komplet- mann müsse „irgendwann ein klares Pro- Doch die Kritik des Beirats lässt sich te Sprechblasen-Quintett Beckmann- fil bekommen“. nicht mehr nur mit dem lapidaren Hin- maischbergerjauchplasbergwill. Die interne Kritik ist selbst für ARD- weis abwürgen, die Quoten der Shows Sie kommen zu einem wenig schmei- Verhältnisse heftig. Sie trifft zudem nicht seien doch fast alle gut. Denn fragwürdig chelhaften Urteil: „Zu viel vom Selben.“ nur das Moderatorenquintett, sondern ist ja nicht, ob das alles überhaupt einer Zu oft Senioren. Zu oft dieselben Gäste. auch die Intendantenriege, die den RTL- guckt. Fragwürdig ist, ob das alles über- Zu oft dieselben Themen. Zu oft Männer. Star Jauch in einer Blitzaktion einkaufte, haupt einer braucht. Selbst wenn manche Zu oft alte Männer. Zu oft dieselben rei- ohne Rücksicht auf Verluste das Pro- Kritik überzogen ist: Fünf Talks sind auf ßerischen Einspielfilme. Zu oft das Fehlen grammschema zersägte und seitdem dar- Dauer zu viel. journalistischer Schärfe. über streitet, wie sie das Übermaß an Braucht die ARD, braucht das Land, Es gebe „Themendoppelungen und -ver- Talkshows wieder reduzieren kann. braucht „man“ das alles? Braucht man schleiß“ und „Gästedoppelungen und -ver- Es ist ein Chaos, wie es fast nur die zum Beispiel „Günther Jauch“? schleiß“. Es helfe nur eine „Reduzierung ARD anrichten kann. Erst wird eine Talk- Manchmal schon. Zum Beispiel dann, der Talkangebote“. Offensive propagiert. Kaum läuft sie, wenn der Moderator sich scheinbar Un- Der Beirat kanzelt die fünf Top-Leute wollen die meisten davon schon wieder mögliches traut. So wie in seiner letzten der ARD an manchen Stellen ab, als wä- nichts mehr wissen. Plötzlich waren fast Sendung vor der Sommerpause. Jedem ren sie Volontäre in ihrem ersten Ausbil- alle schon fast immer der Meinung, dass war klar, dass Jauch gegen das Europa- dungsjahr. „Das journalistische Hand- überhaupt viel zu viel geredet wird im meisterschaftsspiel, das zur selben Zeit werkszeug für Interviews muss auch in deutschen Fernsehen. Und fast alle, die im ZDF lief, zumindest quotenmäßig un- Talks sichtbar umgesetzt werden, was damals zugestimmt haben, geben sich tergehen würde – egal wie populistisch nicht immer der Fall ist“, bemängelt das jetzt überrascht, dass es genau so gekom- der Titel, wie spektakulär die Gäste, wie Gremium. Und gibt auch gleich Tipps, men ist, wie es vorauszusehen war. lustig die Einspielfilme. wie die fünf es besser machen könnten: In den vergangenen Monaten hatten Er versuchte deshalb gar nicht erst, die- „Nachfragen, nachfragen, nachfragen. sich schon die Rundfunkräte von WDR se Faktoren zu maximieren. Er machte Klären, klären, klären. und NDR kritisch zur Inflation der Plau- stattdessen eine Sendung, die erkennbar Antworten einfordern. derrunden geäußert. Doch die Analyse das Ziel hatte, sich in angemessener Form Fragen stellen statt Vorurteile bestäti- des ARD-Beirats geht nun tiefer als alle einem vernachlässigten Thema zu wid- gen.“ bisher bekanntgewordenen Papiere. Sie men. Der Titel: „Trauma Afghanistan – Alle anderen Moderatoren kommen schneidet ins Fleisch. Sie legt – auch weil welche Spuren hinterlässt der Krieg?“ Es besser weg als Jauch. Anne Will ist „ge- sie eigentlich intern bleiben sollte – im ging um den Umgang der Gesellschaft löst und entspannt“. Sandra Maischberger Detail die Schwächen der einzelnen For- mit den Bundeswehrsoldaten, die ihr Le- hat eine „sensible Art“. Frank Plasberg mate offen und belegt die Kritik mit Bei- ben riskieren und oft nicht unversehrt ist „nach wie vor sehr gut“, Reinhold spielen, Statistiken, Erkenntnissen aus aus den Einsätzen zurückkehren. Beckmann gar „brillant“. Aber jeder be- der Zuschauerforschung. Das Ganze hatte am Ende die mit gro- kommt auch mit ein, zwei Sätzen einen Bislang lässt das Erste den Beirat ab- ßem Abstand schlechteste Quote. Keine Hieb verpasst. Bei Will gebe es „immer tropfen. „Wir haben ein vielfältiges An- drei Millionen Menschen sahen zu, sonst 76 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    KLAUS GÖRGEN /WDR „Hart aber fair“ „Anne Will“ NDR „Das konfrontierende und hinterfragende „Insgesamt hält der Beirat das neue Konzept Potential von Herrn Plasberg wird derzeit zu für gelungen, auch wenn es immer wieder wenig eingesetzt.“ Sendungen mit wenig Erkenntnisgewinn gibt.“ Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats Aus der Stellungnahme des ARD-Programmbeirats sind es ein bis zwei Millionen mehr. So Talkshowgäste auf, die bereits seit meh- dass in einem Titel wie „Kein Anstand, hatte die Europameisterschaft es viel- reren Jahren in den Runden sitzen“, kri- kein Tabu? Sexualmoral 2011“ die Jahres- leicht erst möglich gemacht, in dieser tisiert der Programmbeirat. Und er kann zahl enthalten ist – zu leicht könnte der ernsthaften, nicht effekthascherischen seine These belegen, weil er für den Zeit- Zuschauer sonst auch angesichts von Gäs- Form über dieses Thema zu reden, weil raum von September bis April nachge- teveteranen wie Hellmuth Karasek und die Sendung in dem wöchentlichen, täg- zählt hat. Jutta Ditfurth denken, er sehe die Wie- lichen, sekündlichen Quotenwettkampf Das Ergebnis: 38 Personen waren in derholung einer dreißig Jahre alten Show. ohnehin keine Chance besaß. diesem Zeitraum mindestens dreimal zu Als Bundestagspräsident Norbert Lam- Jauch hat erst eine Fernsehsaison in Gast in den ARD-Talks (darunter SPIE- mert schon Monate vor dem Start von diesem Format hinter sich, aber die Auf- GEL-Chefredakteur Georg Mascolo – Jauch im SPIEGEL die Gefahren der Talk- gabe ist erkennbar schwer. Er hat bisher Red.). 14 Gäste mindestens viermal. Auch show-Inflation benannte, war er erstaun- kein rhetorisches oder dramaturgisches die vom Zuschauer gefühlte Allgegenwart lich hellsichtig. Sein Hauptvorwurf: Talk- Mittel gefunden gegen die routinierten von Ursula von der Leyen, Karl Lauter- shows „simulieren nur politische Debat- Wortgefechte seiner Profi-Gäste. Nur bach, Hans-Ulrich Jörges, Sahra Wagen- ten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu manchmal lässt er sich seine Unzufrie- knecht und Gertrud Höhler wird von der Unterhaltungszwecken“. denheit anmerken, wie in der Sendung, Statistik belegt. Sie durften fünfmal in Der Unterschied ist: Unterhaltung fragt als er die Weigerung von Norbert Röttgen, die TV-Sessel. Heiner Geißler sogar sechs- nach dem, was gefällt. Journalismus da- sich zu seiner Zukunft nach der Landtags- mal. Überhaupt machen Politiker und nach, was ist. wahl in Nordrhein-Westfalen zu äußern, Journalisten zusammen rund 40 Prozent Schon deswegen war es ein zweifelhaf- in einer Verbrüderungsgeste mit den an- der Talkgäste aus. tes Lob, als die Intendanten Jauch noch deren Gästen schlicht zusammenfasste: Zudem ist die Gästeschar der Talks vor seinem Start öffentlich als „Großmeis- „Er bleibt in Berlin, aber er sagt es nicht.“ überaltert wie eine Kirchenchor. Nur 2 ter der journalistischen Unterhaltung“ fei- Damit sticht er heraus. Sonst eher nicht. Prozent der Gäste sind jünger als 30, ge- erten. Das war natürlich der Versuch, den Der ehemalige WDR-Intendant Fritz rade mal 10 Prozent jünger als 40. „Der Kritikern den Wind aus den Segeln zu Pleitgen ist kein Feind der Talkshow. Er Beirat ermuntert zudem die Redaktio- nehmen, die ihm vorwarfen, sich nicht findet bloß, dass sie „im Übermaß aller- nen, aktiv nach neuen Gesichtern zu su- zu entscheiden, ob er in erster Linie Un- dings unverdaulich und nicht gerechtfer- chen, nach Querdenkern und z. B. Gästen terhalter sein will oder Journalist. Aber tigt ist“. Sie verdränge wichtige andere unter 40 Jahren“, heißt es lapidar in dem es benannte eben auch das entscheidende Genres wie Dokumentation und Repor- Papier. Problem nicht nur für Jauch, sondern für tage, die nur noch ein stiefmütterliches Dafür ist fast jeder zweite Gast min- das gesamte Genre. Dasein führten, meint der erfahrene Jour- destens 60 Jahre alt. Ein Fünftel der Dis- Manche Forderung Lammerts ist so nalist und nennt auch den vielleicht wich- kutanten ist sogar 70 Jahre alt oder älter. grundlegend, dass es fast peinlich ist, dass tigsten Grund, warum es so viel davon „Menschen bei Maischberger“ müsste sie formuliert werden muss. Wenn er gibt – und warum jeder Journalist, der eigentlich „Senioren bei Maischberger“ etwa meint, dass es möglich sein müsse, eine hat, davon offenbar nicht mehr las- heißen – knapp 60 Prozent der Gäste bei „ernsthafte Sachverhalte in fünf aufeinan- sen mag: „Die Talkshow ist die bequems- ihr sind 60 Jahre oder älter. derfolgenden Sätzen ohne Video-Einspie- te Form von Journalismus“, sagt Pleitgen. Ihre Talkshow ist eine Art Zeitreise lungen oder sonstige Unterbrechungen „Man braucht nur ein Team, das die je- geworden. Sie nimmt die Zuschauer mit zu entwickeln“. weiligen Gesprächspartner castet, und hat zurück in die achtziger Jahre, in eine Zeit, Am weitesten hat sich Frank Plasberg ruckzuck eine einstündige Sendung zu- in der viele ihrer Gäste – Richard von entfernt von dem, was Polit-Talk eigent- sammen.“ Weizsäcker, Norbert Blüm, Kurt Bieden- lich sein könnte – und was ihn selbst ein- Und oft sehen die Talks auch nach kopf – noch im Amt waren und in den mal ausgezeichnet hat. Aus dem kriti- Ruckzuck aus. „In den Sendungen tauch- Talkshows der Dritten Programme noch schen Umgang mit Politikern und der ten zunehmend wieder die altbekannten die Fetzen flogen. Es ist kein Wunder, selbstbewussten Rolle als distanzierter D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 77
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    Medien Journalist, die „Hartaber fair“ einmal danten zu einer Entscheidung zusammen- prägten, waren lange schon Marotten und setzen, wird auch Reinhold Beckmann Selbstgefälligkeit geworden. Nun flüchtet weiter hoffen, dass er der dann fälligen er sich vor der Konkurrenz häufig aus Neuordnung nicht zum Opfer fällt. der Politik und lässt sich stattdessen von Seine Sendung ist im Quotenrennen Sonya Kraus den Studiotresen zersägen. am weitesten zurückgefallen. Er musste Kraus hat vor Jahren auf ProSieben eine in der Rochade, die das Engagement von Heimwerkersendung moderiert und war Günther Jauch auslöste, seinen ange- insofern eine fast zwingende Besetzung stammten Sendeplatz räumen und sendet für Plasbergs Thema: „Wissen, wo der nun donnerstags gegen „Maybrit Illner“. Hammer hängt – was treibt die Deut- Seinen Zuschauerzahlen tut das nicht gut, schen in den Baumarkt?“ seinem Ego sicher auch nicht. Er scheint Man konnte diese Ausgabe der Sen- in der ungewollten Nische weniger ehr- dung als einen Hilfeschrei des Modera- geizig zu sein als früher, was seiner Sen- tors verstehen. Denn nun wirkt dessen dung aber nicht schadet. ganze kritische Attitüde besonders de- Beckmann profitiert oft von der inti- platziert, wenn er mit seinen Gästen am men Inszenierung an einer Art Küchen- Tisch Platz nimmt und ihnen ihr Lieb- tisch und ohne Publikum, das bei Jauch lingsessen serviert. Irgendwie wird das und Will demonstrativ immer wieder auf schon sachdienlich sein, um die Titelfrage Kommando „endlich sagt’s mal einer“ „Gehören Pummel an den Pranger?“ zu klatscht. Aber wenn er versucht, Sandra diskutieren. Maischberger Konkurrenz im Senioren- Der Stilwechsel von Plas- berg ist symptomatisch für die gesamte Talk-Landschaft. Es geht da um eine Grundsatz- frage: Ab wann zerstört die Suche nach Unterhaltsamkeit den Journalismus? Zur Unterhaltungssucht kommen die Künstlichkeit und die Berechenbarkeit dieser Sendungen. Selten kommt in Talkshows etwa Neues heraus, selten etwas Überraschendes, selten sieht man als Zuschauer die Welt nach der Talkshow HENNING KAISER / DPA mit anderen Augen als zuvor. Die Arbeitsgemeinschaft der Dokumentarfilmer hat diese Gefahr schon früh formuliert. Wenn immer mehr Talkshows die sorgfältig recherchierte ARD-Hierarchen Piel, Herres, Marmor: Besondere Vorsicht Dokumentation ersetzten, so die Filmemacher, drohe eine „themati- talk zu machen und sich von uralten Män- sche und visuelle Monokultur“. Das jour- nern die Welt erklären lässt, wird aus nalistische Problem: „Komplizierte ge- „Beckmann“ ein 75-minütiges Stillleben. sellschaftliche Zusammenhänge werden Neulich waren Hans-Dietrich Genscher, nicht mehr ,vor Ort‘ durchdrungen, son- Klaus von Dohnanyi und Norbert Blüm dern werden aus der Mitte der Gesell- da, und man musste schon genau hinhö- schaft herausgelöst und in die syntheti- ren, um da überhaupt drei verschiedene sche Welt der Studios verlegt.“ Personen ausmachen zu können. Da diskutiert dann Anne Will über das Wie ein Enkel, der nach Monaten mal womöglich „letzte Euro-Gefecht“ unter wieder seinen Großvater besucht, saß er der Überschrift „Spar-Angie gegen Spen- da, eher wohlwollend als wirklich neu- dier-François“. Oskar Lafontaine stellt gierig, aber unbedingt begeisterungs- und sie in der Sendung vor als den „Mann, aufmunterungswillig. Er schluckte nicht, der jetzt zwar nicht mehr die Linke, als Klaus von Dohnanyi die Erfolge der aber Griechenland und den Euro retten Piraten damit zu erklären versuchte, dass will“, und sie fragt, ob Angela Merkel eine ganze Generation zu viel Playstation „heute wirklich den Euro retten will oder gespielt habe. Und niemand kicherte, als vor allem sich selbst“, als würde das in Norbert Blüm mahnend an die Adresse irgendeiner Hinsicht das Problem be- der Piraten sagte: „Politik ist nicht so ein schreiben. Unterhaltungsbetrieb“, was ja stimmen Die Verträge mit dem Quasselquintett mag, aber doch eine erstaunliche Aussage laufen erst 2013 aus, der von Jauch sogar ist für einen Politiker in diesem Unterhal- erst Mitte 2014. Der Talk-Wahnsinn wird tungsbetrieb. also noch eine ganze Weile weiterlaufen. MARKUS BRAUCK, ALEXANDER KÜHN, Und bis sich Ende des Jahres die Inten- MARTIN U. MÜLLER, STEFAN NIGGEMEIER 78 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Panorama SCHWEDEN Angst vor Assanges Hackern Nach der Auslieferungsentscheidung gegen WikiLeaks-Gründer Julian As- sange bereiten sich die Behörden auf einen großangelegten Hackerangriff seiner Sympathisanten vor. Es habe Informationen im Internet gegeben, „dass Angriffe auf schwedische Ziele geplant werden“, sagt Anders Ahl- quist, IT-Experte der nationalen Poli- zeiführung: „Diese Gruppen haben schon früher Attacken durchgeführt, daher besteht eine konkrete Gefahr.“ Als Schreckensszenario gelten die Cy- ber-Attacken im Frühjahr 2007 in Est- land – damals hatten angeblich von Moskau gesteuerte Hacker Mobilfunk- netz wie Internet für einige Tage nahe- Anhänger von Chrysi Avgi in Athen GRIECHENLAND Blutige Morgenröte Sie kamen mit Eisenstangen, um drei Uhr genröte“) – einem runenartigen Zeichen, morgens. Erst zertrümmerten sie Autos das dem Hakenkreuz ähnelt. KIRSTY WIGGLESWORTH / DAPD und einen Motorroller, dann den Schädel Mit fast sieben Prozent hatte die Partei von Mubarak Abu Said, 27. Sie brachen bei der Wahl am 6. Mai den Sprung ins dem schlafenden Ägypter das Jochbein, Parlament geschafft. Die griechischen Fa- die Nase, den Kiefer. Der junge Fischer, schisten „säubern“ mittlerweile ganze überfallen auf der Dachterrasse eines Hau- Stadtteile Athens und gerieren sich als Ret- ses nahe der Hafenstadt Piräus, liegt seit- ter von Recht und Ordnung. Die Übergrif- Assange in London dem im Krankenhaus. Zumindest einer fe auf Immigranten hätten seit der Par- der Schläger trug nach Zeugenaussagen lamentswahl im Mai nicht nur zugenom- zu lahmgelegt. Banken konnten keine ein T-Shirt mit dem Logo der neonazisti- men, sie würden auch immer brutaler, Überweisungen mehr ausfertigen, schen Partei Chrysi Avgi („Goldene Mor- heißt es bei Hilfsorganisationen, die sich Geldautomaten funktionierten nicht, Internetseiten von Behörden waren blockiert. „Wenn das in Schweden pas- siert, kann es zu Randale kommen“, glaubt Ahlquist. Mit Assanges Auslie- ALBANI EN na eine Pyramide aus Stahl, Beton ferung wird in Stockholm frühestens und Glas – drei Jahre bevor auch in ab Ende Juni gerechnet – nach Ablauf einer Beschwerdefrist vor dem Euro- Therapie mit der Albanien der Kommunismus zusam- menbrach. Das 22 Meter hohe Monu- päischen Gerichtshof für Menschen- rechte. Nach seiner Ankunft käme er in Untersuchungshaft, über die hätte Abrissbirne ment hat seither stark gelitten: Der Carrara-Marmor auf der Außenhülle die Justiz dann binnen vier Tagen zu Enver Hodscha war der wohl starrsin- entscheiden. Falls die Haft bestehen nigste Herrscher des Ostblocks: Auf ARMANDO BABANI / PICTURE ALLIANCE / DPA bliebe, müsste spätestens nach weite- leisesten Widerspruch standen Gefäng- ren zwei Wochen Anklage erhoben nis oder der Tod. Hodscha versuchte werden. Gegen Assange wird wegen mit Strafgesetzen und Pogromen den Vergewaltigung und sexueller Nöti- Menschen die Religion auszutreiben gung in zwei Fällen ermittelt, er be- und zerstritt sich nacheinander mit Ju- streitet die Vorwürfe. „Wir stehen in goslawien, der Sowjetunion und Chi- den Startlöchern und brennen vor Ei- na. Als er 1985 starb, war Albanien fer, der Welt zu beweisen, dass er kein von der Außenwelt abgeschnitten. Verbrechen begangen hat“, sagt Assan- Trotzdem errichteten seine Nachfolger ges Anwalt Per Samuelsson. noch 1988 ihm zu Ehren mitten in Tira- Hodscha-Denkmal 80 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Ausland G UAT E M A L A te sich der Drogenboss mit dem mexi- kanischen Kartell der Zetas verbündet Gefangener Tiger und so in der Heimat eine konkurrie- rende Rauschgiftbande ausgeschaltet. Um den wachsenden Einfluss der Nur die Unterschrift von Staatspräsi- Mexikaner zu brechen, verhängte die dent Otto Pérez fehlt noch – dann Regierung 2010 sogar einen zweimo- kann, vermutlich schon in den kom- natigen Ausnahmezustand über den menden Tagen, einer der führenden Bezirk Alta Verapaz. Overdick wurde Drogenbosse Zentralamerikas in die dank der Zusammenarbeit mit US- USA ausgeliefert werden. Horst Over- Drogenfahndern im April verhaftet. dick Mejía, Kriegsname „Der Damals lobte Präsident Pé- Tiger“, wird in New York mit rez den Fang als „extrem internationalem Haftbefehl wichtig“, hatte er doch ver- gesucht, weil er den Schmug- sprochen, das organisierte gel von Kokain aus Südameri- Verbrechen mit „eiserner ka in die Vereinigten Staaten Faust“ zu bekämpfen. Doch organisiert haben soll – 1,2 der „Tiger“ hinterlässt ein Tonnen waren es allein im hart umstrittenes Territorium GETTY IMAGES Jahr 2002. Overdick nutzte in seinem Land. Der Kampf Kontakte zu Politikern und um die Vormacht der Dro- Polizisten im Grenzgebiet zu genbanden in Mittelamerika POLARIS / LAIF Mexiko. Vor vier Jahren hat- Overdick beginnt jetzt von vorn. mit rassistischer Gewalt befassen. Kurz nach dem brutalen Überfall in Perama 372 Milliarden Dollar drohte der Morgenröte-Kandidat Ilias Pa- haben Gastarbeiter aus Entwicklungsländern im vergangenen Jahr laut nagiotaros bei einer Wahlveranstaltung in einer Studie der Weltbank in ihre Heimat überwiesen. Das ist etwa dreimal Athen, dass man in Zukunft auch „Raz- so viel, wie jährlich an Hilfsgeldern dorthin fließt. zien in Krankenhäusern und Kindergärten veranstalten“ werde. Dort wollen die Neo- faschisten Immigranten und deren Kinder aufspüren und sie „auf die Straße werfen“ – damit stattdessen Griechen ihren Platz einnehmen können. Wem das nicht passe, drohte Panagiotaros, dem werde das Video gezeigt, das festhielt, wie Partei- sprecher Kasidiaris in einer Talkshow eine kommunistische Abgeordnete verprügelte. Und er machte auch klar, was die Partei vom Einsatz ihres Schläger-Sprechers hält: Geldüberweisungen Hauptherkunftsländer Hauptzielländer nur Schwellen- und Entwicklungsländer viel. von ausländischen Arbeits- kräften in ihre Heimatländer, USA ..........................52 Indien.......................64 in Mrd. Dollar Saudi-Arabien........... 27 China........................62 Schweiz....................22 Mexiko......................24 Quelle: Weltbank Stand: 2010 (Herkunftsländer) Russland .................. 19 Philippinen ............... 23 bzw. 2011 (Zielländer, Schätzung) Deutschland............. 16 Ägypten.................... 14 wurde abgetragen und auf Basaren verkauft. In der Pyramide hat heute der kommerzielle Sender Top Channel sein Hauptquartier, es regnet durch. Jetzt will die Regierung den Bau abrei- S L O WA K E I Nun wird die sozialdemokratische Re- ßen lassen: „Der Geist des Diktators gierung in Bratislava den einheitlichen muss exorziert werden“, sagt Premier Sali Berisha, er will auf dem Platz ein neues Parlamentsgebäude errichten. Ende der Einheitssteuer Satz von 19 Prozent für alle durch ein gestaffeltes Abgabensystem ersetzen. Zudem will sie Unternehmensgewinne Doch es regt sich Widerstand: 6000 Al- Sie galt als Wundermittel, um Investo- zusätzlich belasten. Slowakische Wirt- baner protestierten mit einer Petition ren anzulocken: die Flat Tax, ein ein- schaftsforscher errechneten, dass Fir- gegen den Abriss, darunter Dichter, heitlicher Steuersatz für Firmen und men ihre Belegschaft deswegen um Journalisten und Architekten, die un- Personen. Etliche osteuropäische Wen- durchschnittlich 5 Prozent und ihre In- ter Hodscha im Gefängnis saßen. Ihr deländer führten das Modell aus neo- vestitionen um mehr als 25 Prozent Argument: Man könne die Schrecken liberaler Denkschule vor rund zehn reduzieren werden. Andere Staaten der Vergangenheit nicht mit der Ab- Jahren ein – und tatsächlich ging der könnten dem Beispiel folgen: Auch in rissbirne besiegen. Auch fürchten sie, Boom in Lettland, Litauen und der den in Not geratenen Ländern Bulga- dass sich Staatsfunktionäre an dem 50- Slowakei zu guten Teilen auf das ein- rien, Lettland und Rumänien ist die Millionen-Euro-Projekt bereichern. fache, niedrige Steuersystem zurück. Abschaffung der Flat Tax im Gespräch. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 81
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    Ausland SYRIEN Apokalypse und Auflösung Im Bürgerkriegsland wird gewalttätiger gekämpft denn je. Gleichzeitig weichen die Fronten auf. In den Dörfern bilden sich erste politische Komitees der Opposi- tion gegen den Diktator Assad. Von Christoph Reuter S eit Minuten kreist der Kampfhub- um sonst hat er hierhin gefeuert? Aber schrauber hoch über uns wie ein zor- warum daneben?“ Einige werden am niges Insekt in der Mittagshitze. Der Abend von der schützenden Hand Gottes Pilot scheint etwas zu suchen zwischen sprechen, aber eher hatte der Pilot wohl den Feldern und Gehöften. Aus der De- seine Gründe, die Männer nicht zu töten. ckung einer Baumgruppe ist zu sehen, Und zugleich die Botschaft zu hinterlas- wie der Hubschrauber ein paar hundert sen: Ich weiß, dass ihr da drin seid! Meter entfernt plötzlich herabstößt, vier Letztlich weiß niemand, was in ihm Raketen abfeuert und noch eine Runde vorgegangen sein mag an diesem 10. Juni dreht, die Seite leicht geneigt, damit der über dem Dorf Harbal bei Aleppo, der MG-Schütze in die reifen Weizenfelder Metropole Nordsyriens. Aber Chals Män- feuern kann, bevor er im milchigen Dunst ner wissen, dass sie nun tot wären, hätte des Horizonts verschwindet. er anders entschieden. In Schlangenlinien Dünne Rauchwolken steigen auf, ein fahren sie davon. Feld brennt, und elf etwas benommene Es ist ein seltsamer Moment in dieser Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ Mischung aus Alptraum und Auflösung (FSA) kommen aus einem Haus auf die in Syrien. Nach 15 zermürbenden Mona- Straße, in der säuberlich nebeneinander ten des Aufstands gegen die Diktatur, ei- drei Einschlagkrater rauchen. Die vierte nem Aufstand, der zum Krieg geworden Rakete traf die massive Steinmauer des ist, gibt es kein einheitliches Bild der Lage Grundstücks. Keine aber traf das Haus, im Land mehr. Von Schabiha-Söldnern Erschossener in der Provinz keine das auffällige Fahrzeug der Gruppe, Auf der einen Seite steht die Apoka- das danebenstand. Der Kommandeur bit- lypse: Milizen des Regimes ziehen mor- listen – ebenso wie mehrere Soldaten und tet, es nicht näher zu beschreiben, „wir dend durch Dörfer, flankiert von Regie- Kämpfer beider Seiten im Gefecht. haben kein anderes“. rungstruppen und den Männern der „Si- Aber zugleich zielt ein Pilot daneben, Sie nutzen denselben Transporter seit cherheitsdienste“, die Befehle erteilen. desertieren Soldaten, die niemand mehr sechs Monaten. „Der Pilot muss ihn ge- Die vergangene Woche erschienenen Be- aufhält, dreht sich hinter der Kulisse der sehen haben“, sagt Chal, der Anführer, richte der Uno und von Amnesty Inter- Kämpfe ein Räderwerk diskreter Warnun- der eigentlich Innendekorateur ist: „War- national schildern Folter, Hinrichtungen gen und Absprachen, zahlen die Unter- und den Einsatz von Kindern als mensch- nehmer in Aleppo an das Regime und an TÜRKEI liche Schutzschilde. die Aufständischen, entführt die FSA Of- Mehrere vom SPIEGEL unabhängig fiziere und Angehörige der Folterkom- voneinander befragte Ärzte und Pfleger mandos, um sie gegen Gefangene auszu- Rebellen- Aasas zweier Militärkrankenhäuser berichten tauschen. Der Terror des Regimes führt gebiet in Dabik von der Ermordung verletzter Patienten. zur Auflösung seiner Macht. der Provinz Maraa Und von Leichen der Gefolterten in den Alle sind sich sicher, dass es zu Ende Aleppo Harbal Kühlräumen, denen Ohren und Nase ab- geht, aber keiner weiß, wie. Der Staat geschnitten worden waren. hat schon vor Monaten aufgehört zu exis- Aleppo SYRIEN Im Norden, von der Artillerieschule tieren in der Ebene von Maraa, den Dör- Aleppos aus, werden Dörfer in Reichweite fern und Weizenfeldern zwischen Aleppo der Geschütze seit Anfang Juni wahllos und der türkischen Grenze. Gelegentlich unter Beschuss genommen sowie von Hub- schickt er noch erratische Meldungen wie 30 km schraubern und Kampfjets angegriffen. Al- jene von Ende Mai, dass Bauten ohne Ge- SYRIEN lein in den Tagen um den 10. Juni sterben nehmigung rückwirkend legalisiert wür- nördlich von Aleppo zwei Dutzend Zivi- den, ansonsten schickt er Granaten. 82 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    VEDAT XHYMSHITI /DER SPIEGEL Aleppo: Alle sind sich sicher, dass es zu Ende geht, aber keiner weiß, wie Doch während im Süden und Westen Wo es doch „ohne ihn im Moment leich- „Natürlich“, beteuern die einen, „sie der Ebene die Bewohner aus dem Radius ter ist als unter der Diktatur“, wie einer hat doch niemandem etwas getan!“ Härte der Geschütze fliehen, während die SPIE- in der Runde befindet. in den Gesichtern der anderen: „Sie ha- GEL-Reporter im Ort Aasas erleben, wie Sie haben nicht viel gesehen von der ben zu viel Blut an den Händen.“ Nicht Hubschrauber wahllos in Wohnhäuser Welt, aber kennen die Horrorgeschichten die Lehrerin, nein, aber „… die anderen“. feuern und Scharfschützen der Armee irakischer Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg. Es gibt keine Einigung. Ebenso wenig von den Minaretten der zentralen Mo- Manche waren als Gastarbeiter im Liba- über eine andere Frage, über die nicht schee aus die halbe Stadt terrorisieren, non, erzählen davon, wie sich die religiö- nur an diesem Abend, sondern von Daraa treffen sich nur wenige Kilometer ent- sen Lager dort gegenseitig blockieren. Alle im Süden bis hierher seit Monaten gestrit- fernt im Dorf Dabik die Abgesandten von sind sich einig: „Wir brauchen eine zivile ten wird: „Wir sind der FSA sehr dankbar, neun Ortschaften, um zum ersten Mal in Verfassung.“ Parlamentskandidaten sollten dass sie uns beschützt“, versucht es einer ihrem Leben über das Syrien der Zukunft nach Leistung, nicht nach religiöser Her- diplomatisch, „aber wir wollen nicht, dass zu debattieren. kunft ausgewählt werden. Ein Präsident sie die Macht übernimmt!“ Der Soldat Im verwaisten Büro der einst nominell nicht länger als acht Jahre amtieren dürfen. ist beleidigt. herrschenden Baath-Partei kommen 32 „Und jeder Amtsträger muss seine Ver- Da sei ein Unbehagen über die rasant Männer zusammen: mehrere Lehrer, ein mögensverhältnisse offenlegen“, fordert wachsende Macht der Kämpfer, wird Jas- Ingenieur, zwei Bauarbeiter, ein Fotograf, der Ex-Polizeioffizier, „wir müssen auf- sir al-Hadschi, der Moderator des Abend- ein Ex-Polizeioffizier, zwei desertierte passen, dass die ehrlich bleiben.“ experiments, auf dem Rückweg nach Ma- Soldaten, ein Arbeitsloser, ein paar Stu- Ins Stocken gerät der zarte Aufbruch, raa erzählen: „Wir brauchen sie, unbe- denten. „Was wollen wir?“, lautet die Fra- als einer die Frage aufwirft, ob die einzige dingt, und wir fürchten sie.“ Bis Ende Au- ge, die in Variationen durch den Abend alawitische Familie einer Lehrerin, die gust vergangenen Jahres sei die Staatssi- mäandert: Einen islamischen Staat? Eine vor Monaten fortgegangen ist, zurück- cherheit nach Belieben in den Ort gekom- Bürgerrepublik? Überhaupt einen Staat? kommen sollte. men, um Menschen zu verhaften. Nun D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 83
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    Ausland komme nicht einmal mehr die Armee nach Maraa, die am 10. April ein letztes Männer mit Knüppeln Mal einrollte, Häuser niederbrannte, Ha- dschis Café mit MG-Salven verwüstete und nach einem halben Tag wieder ab- zog – die Panzer beladen mit Teppichen, Wer steht hinter dem Massaker von Hula? Truppen des Assad- Matratzen, Kühlschränken. Graffiti stan- Regimes oder Angehörige der Opposition? den an den Mauern, darunter: „Ihr braucht keine Freiheit, sondern eure Mut- E s war der Nachmittag des 25. Männer in Zivil – sich auf dem Hügel ter muss mal wieder gefickt werden!“ Ge- Mai, der Tag, an dem der Ort sammelten und in den Ortsteil Taldu zeichnet: „S.M.F.“ Syrian Military Forces. Hula bei Homs weltbekannt liefen. Unmittelbar zuvor hatte der Ein letzter Gruß des Staates, dessen wurde, als Synonym für die Grausam- Granatenbeschuss der Armee auf Hula Repräsentation nun Kommandeur Chal, keiten des syrischen Regimes, als aufgehört. der Innendekorateur, und andere lokale Schauplatz eines Massakers, bei dem Ein anderer Zeuge, der nur seinen Führer der FSA langsam übernehmen. 108 Menschen starben, vor allem Kin- Vornamen Saria angibt, beschreibt Das „Komitee der Sozialdienste“, das der und Frauen. zwei große, weiße Busse und mindes- den Dieselpreis kontrolliert, die Feuer- In den letzten Tagen legten deut- tens drei größere Autos. Auch er sah wehr, die Stadtverwaltung: alles Teil der sche Medienberichte nahe, Aufständi- Soldaten in Uniform, Geheimdienstler neuen Armee, über deren Namen sich sche hätten das Massaker verübt und mit Waffen und Männer in Trainings- Hadschi mokiert: „Freie Armee, aber anschließend Assads Truppen dafür anzügen und Alltagskleidung, die Ma- was soll das heißen, frei? Frei, zu tun, verantwortlich gemacht. Berichte von cheten und Knüppel bei sich trugen. was sie wollen?“ Augenzeugen, mit denen der SPIE- In die Häuser seien nur diese Män- Es ist eine Gratwanderung, und kaum GEL nun sprach, ergeben ein anderes ner gegangen. Ob es sich bei ihnen tat- irgendwo wird sie deutlicher als im im- Bild: Aiman Hassan Abd al-Rassak, sächlich um Schabiha-Milizionäre aus provisierten Gefängnis von Maraa, einem Bauer und Überlebender des Massa- Fula und alawitischen Nachbardörfern ehemaligen Verwaltungsgebäude. Dem kers, sah an jenem Tag, kurz vor 17 handelt, lässt sich nicht beweisen. Es Ort, wohin vor allem jene gebracht wer- Uhr, wie auf dem Hügel des Dorfes liegt aber nahe, da sie zu Fuß in das den, die gefoltert, getötet, vergewaltigt Fula, einen halben Kilometer südlich, Dorf auf dem Hügel gekommen wa- haben. Die man entführt oder festgenom- Busse des syrischen Militärs ankamen. ren. men hat, je nach Blickwinkel, nachdem 60 bis 70 Männer in Uniform mar- Auch andere Aussagen sprechen ge- sie von Zeugen, durch Videos oder Fotos schierten auf sein Dorf zu, begleitet gen die jüngsten Schilderungen, pu- belastet wurden. von etwa 200 Männern in Zivil. bliziert unter anderem in der „FAZ“, Ein übergelaufener Feldwebel und Da er bereits zweimal in den Mona- denen zufolge Angehörige der Oppo- Hüne mit Spitznamen Dschanbu ist hier ten zuvor verhaftet worden war, ver- sition für das Massaker verantwortlich verantwortlich. Nach langen Verhandlun- steckte er sich zwischen Büschen und seien. Denn, anders als berichtet, le- gen dürfen wir die beiden Gefangenen Feldern. Und so musste er mit anhö- ben in Hula nur Sunniten und keine sehen: einen Schabiha-Spitzel, der als Phi- ren, wie Minuten später seine Familie regimetreuen schiitischen Konver- losophiestudent seine Kommilitonen an ermordet wurde – seine Frau und die titen. die Geheimdienste verriet, und einen Sol- fünf Kinder. Warum aber sollten die Aufständi- daten, der weibliche Gefangene verge- Zwei weitere Augenzeuginnen, schen ein Massaker an ihren eigenen waltigt, männliche mit Knüppeln erschla- Umm Schaalan Abd al-Rassak und Sa- Gefolgsleuten verüben, die im Übri- gen haben soll. mira Suwai, beobachteten ebenfalls, gen unter Anteilnahme von Sunniten Doch zuvor mündet eine Erklärung wie die beiden Gruppen – Militärs und aus Hula begraben wurden? Dschanbus, dass man ein Rechtssystem aufbauen wolle, in dem kurzen Resümee: „Letztlich können wir sie nur freilassen oder töten.“ Ungefähr hundert seien in sieben Monaten freigelassen worden. „Und getötet?“ „Wenige.“ „Wie viele?“ „Sehr wenige.“ „Werden die Gefangenen geschlagen?“ „Nein. Also, na ja, nur Falaka“, schmerzhafte Schläge mit einem Stock auf die Fußsohlen. „Auch Elektro- schocks?“, fragt ein mitgekommener Sy- rer beiläufig. Dschanbu explodiert: „Nein! So was machen wir nicht! Wir sind SHAAM NEWS NETWORK / REUTERS nicht wie die, wir foltern nicht!“ „Aber was ist denn Falaka, wenn nicht Folter?“ Er schaut einen Moment ruhig, sammelt sich: „Weißt du, was sie mit mir gemacht haben? Nicht nur Falaka.“ Dschanbu wurde monatelang vom Luft- waffengeheimdienst mit Schlägen und Massengrab in Hula: 60 bis 70 Männer in Uniform marschierten auf das Dorf zu Stromstößen malträtiert, „bis ich nicht mal mehr meine Pisse kontrollieren konn- te“. Dass er freikam, verdankt er einem 84 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    „Was geschah dann?“ „Haben wir sie bis zum Ende geschla- gen. Bis sie tot waren.“ Ein Gericht werde über ihn urteilen, sagen seine Wächter. „Man katal, juktal“, zitieren sie das Verdikt der Geistlichen: Wer getötet hat, wird getötet. Warum das unmenschlicher sein soll, als im Kampf zu töten, können sie nicht nachvollziehen. Aber ganz so einfach ist es nicht. Sonst hätten sie den Mann längst erschossen. VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL Sie erleben ja selbst, welche Reaktionen die Gewalt der anderen Seite bei ihnen auslöst. „Wir dürfen nicht mit Leichtigkeit töten“, sagt Jassir und erklärt, warum sie im Dorf nebenan eine Familie dulden, de- ren drei Söhne sich als Schabiha-Söldner verdingten: „Wir hatten gehofft, dass sie Kommandeur der Freien Syrischen Armee in Maraa: „Wir foltern nicht“ einfach aufhören würden.“ Ein tragischer Irrtum. An einem Don- nerstag wollen die drei den Minibus nach Aleppo nehmen – um die dortigen Frei- tagsdemonstranten niederzuschlagen, die weiterhin friedlich sind. Es gehört zum Irrsinn dieses Krieges, dass die drei Söld- ner mitten im Aufstandsgebiet voll be- waffnet aus Kostengründen den Bus neh- men wollen. VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL Ein Posten der FSA verlangt ihre Aus- weise. Es kommt zum Streit, zwei der Scha- biha-Männer ziehen Pistolen, aber die Freie Syrische Armee ist schneller und tötet sie. Der dritte will eine Handgranate in einen halbvollen Minibus werfen, ein Mann neben ihm versucht, ihn festzuhalten. Der Sitzung eines politischen Komitees in Dabik: „Wir brauchen eine zivile Verfassung“ Söldner stopft ihm die Handgranate ins offene Hemd, reißt den Sicherungsstift gefangenen alawitischen Oberst, der ge- „Ein Befehl. Wir sollten die Frauen ver- heraus und springt im letzten Moment zur gen ihn ausgetauscht wurde. gewaltigen, die sie hereinbrachten. Beim Seite. Die Explosion zerreißt den völlig Un- Ein schmächtiger Mann wird in den ersten Mal waren es drei, sie wurden zu- beteiligten in Stücke. Es braucht später Aufenthaltsraum des Gefängnisses ge- vor betäubt. Die Sicherheitsleute zogen einen ganzen Eimer Sand, um abzudecken, führt. Er ist 21, aus Hasaka im Nordosten, sie aus, haben sie als Erste vergewaltigt. was sie nicht zu Grabe tragen. er nennt seinen Namen und sagt, er sei Dann waren wir dran, in zwei Schichten, Doch in der Eile haben sie so viel über- im vergangenen Sommer bei den Angrif- und die Männer von der Sicherheit haben sehen, dass jemand eine leere Kleenex- fen der Armee auf die Städte Dschisr al- zugeschaut. Sie haben gesagt, sie erschie- schachtel aufhebt und einzusammeln be- Schughur und Idlib dabei gewesen. ßen uns, wenn wir es nicht tun.“ ginnt, was über die ganze Kreuzung ver- Er weiß, was damals passiert ist, er be- Wie konnte er da Sex haben? streut liegt: Knochensplitter, Eingeweide, ginnt zu erzählen. Kein Journalist kann „Das erste Mal war es schwierig, aber etwas Hirn, das er behutsam mit einem vollständig überprüfen, ob er die Wahr- danach ging es.“ Die Frauen seien jung Taschentuch vom Asphalt tupft. Ein an- heit sagt oder nur durch Geständigkeit gewesen, so ausgewählt, dass keine Ver- derer verspricht, die volle Schachtel zum seine Haut retten will. wandten mitgefangen waren, die nach ih- Friedhof zu bringen. Beim Aufbruch Doch seine Angaben sprechen für die nen hätten fragen können. kommt ein Greis, der still mitgesucht hat- Richtigkeit des Geschilderten. Er kennt „Und dann?“ te, nun ein Fragment vom Schädel fest- auf Nachfrage die taktischen Details der „Wurden sie weggebracht.“ hält und nicht weiß, wohin damit. Angriffe, er kann im Detail beschreiben, „Wohin?“ Alle sind in Eile, fahren davon, irgend- wie die Zuckerfabrik von Idlib innen aus- „Weg.“ wo in der Ferne wird schon wieder ge- sah: das Folterzentrum der Armee, das Elfmal sei er dabei gewesen, „erst such- schossen, und so bleibt der alte Mann al- vor einem Jahr Hunderte Menschen le- ten sie Frauen unter den Gefangenen aus, lein in der Mitte der Kreuzung stehen. bend betraten, die seither verschwunden dann nahmen sie welche an den Check- Stumm schaut er den anderen nach, ein sind. points mit“. Stück Schädeldecke wie zum Gruß in der Niemand mischt sich ein, über Stunden „Und die Männer?“ erhobenen Hand. geht es um kleinste Details, in der Summe „Je 20 von ihnen wurden in einen deckt sich seine Erzählung mit den Aus- Raum gebracht, wir waren 150 mit Knüp- sagen anderer Zeugen. peln. Der Oberst sagte, jene, über die es Video: „Der Oberst des Militärgeheimdienstes eine Akte gebe, wolle er lebend haben. Christoph Reuter über wählte mich und 14 andere aus für die Die anderen sollten wir bis zum Ende ein Land im Krieg Operation ,Belohnung‘, aber es war ein schlagen.“ Für Smartphone-Benutzer: Befehl.“ „Und dann?“ Bildcode scannen, etwa mit „Was verbarg sich dahinter?“ „Ja.“ der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 85
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    AAMIR QURESHI /AFP (L.); DPA (R.) Regierungschef Erdogan mit Ehefrau, Popstar Madonna bei ihrem Konzert in Istanbul am 7. Juni: „Wir werden eine religiöse Generation heranziehen“ Die Türken, die Erdogan im vergange- TÜRKEI nen Jahr zum dritten Mal in Folge zum Einfach frauenfeindlich Regierungschef machten, wussten, wor- auf sie sich einließen. Hatte der ehemali- ge Oberbürgermeister von Istanbul nicht schon 1994 einer Mitarbeiterin erklärt, dass Frauen niemals in den engsten Füh- In seiner dritten Amtszeit strebt Ministerpräsident rungskreis der Politik gehen dürften, weil Erdogan offen eine geistig-kulturelle Wende an. Nun mischt er dies „wider die menschliche Natur“ sei? Ein Politiker, der weibliche Selbstbe- sich auch noch in die Abtreibungsdebatte ein. stimmung als „feministische Propaganda“ abtut, ist in der Türkei nichts Besonderes, S echs Buchstaben, wenige Zentime- nennen, schlug ihm eine Tageszeitung er findet Zuspruch bei breiten Wähler- ter groß, auf nackte Haut geschrie- daraufhin vor. schichten, nicht nur bei konservativen ben – das war Madonnas Beitrag 2010 lud er die Vertreterinnen von Frau- Muslimen. Und trotzdem: Die Türkei ist zum türkischen Kulturkampf. enorganisationen in den Dolmabahçe-Pa- nach wie vor der modernste Staat unter „No fear“ stand auf ihrem Rücken, kei- last in Istanbul ein und bekannte: „Ich allen mehrheitlich muslimischen, ein ne Angst, und wer das bei ihrem Istan- glaube nicht an die Gleichheit von Mann Land, in dem sich das Bruttoinlandspro- bul-Konzert am 7. Juni sah, der verstand und Frau.“ dukt seit Erdogans Amtsantritt um mehr die Botschaft: keine Angst vor den Fein- Und ein Jahr später, zum Weltfrauen- als die Hälfte und das Pro-Kopf-Einkom- den der Freiheit, vor Patriarchen, Spie- tag 2011, sprach Erdogan über Gewalt ge- men um mehr als ein Drittel erhöht hat, ßern, Sittenwächtern. Auf der Bühne ent- gen Frauen und über Statistiken, nach eine Wachstumsmaschine und Regional- blößte die Sängerin ihre Brust, auch das denen sogenannte Ehrenmorde in der macht – und all das, seit ein sich geläutert wohl eine solidarische Geste. Türkei von 2002 bis 2009 um das 14fache gebender Islamist im März 2003 die Seit Wochen demonstrieren Tausende zugenommen hätten. Doch das, so der Macht ergriff. Frauen gegen die Regierung von Minis- Premier, habe ja nur damit zu tun, dass Viele liberale Türken gingen damals ei- terpräsident Recep Tayyip Erdogan, 58, mehr Morde gemeldet würden – grund- nen Pakt mit ihm ein, weil sie einen ge- der angekündigt hat, gegen Abtreibungen sätzlich gebe es weniger Gewalttaten ge- meinsamen Feind hatten: das verkrustete und Kaiserschnitt-Geburten vorzugehen. gen Frauen. Establishment aus Militär, Justiz und Bü- Seither ist eine Debatte um die Rolle der Sie sei „fassungslos“ gewesen, erzählt rokratie. Erdogan versprach den Libera- Frauen in der Türkei entbrannt. Nicht eine Zuhörerin. „Einfach frauenfeindlich“ len im Gegenzug, ihren Lebensstil zu re- zum ersten Mal. sei der Vortrag gewesen, „eine unerträg- spektieren. Schwer zu sagen, wann genau es sich liche Augenwischerei“. Doch inzwischen mehren sich die An- Erdogan mit der Frauenbewegung ver- Kein Zweifel: Der türkische Minister- zeichen, dass der Ministerpräsident das scherzt hat. präsident ist ein zutiefst konservativer Versprechen gebrochen hat. „Es geht 2008 hatte er in der Provinzstadt Uşak Mann. Sein Frauenbild ist traditionell, sei- nicht darum, dass Erdogan die Türkei in eine Rede zum Weltfrauentag gehalten ne Vorstellung von Familienpolitik patri- einen Gottesstaat verwandeln will“, sagt und den „lieben Schwestern“ im Publi- archalisch. Die Erwerbstätigenquote der die Istanbuler Soziologin Binnaz Toprak, kum geraten, mindestens drei, am besten Frauen in der Türkei liegt derzeit bei 29 „es geht um das, was die Amerikaner ,So- fünf Kinder zu gebären. Warum nicht den Prozent – das ist der niedrigste Wert aller cial Engineering‘ nennen – die Verände- Weltfrauentag in „Weltgebärtag“ umbe- OECD-Staaten. rung gesellschaftlicher Strukturen.“ 86 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Ausland AKP hat das Religionsamt „Diyanet“ zur mal der Menschlichkeit“ abgerissen wur- Superbehörde gemacht: Ihr Budget über- de, weil es dem Premier nicht gefiel. trifft mit 1,3 Milliarden Euro das des tür- Auch mit Say wird abgerechnet. Der kischen EU-Ministeriums, des Außen-, bekennende Atheist hatte ein Gedicht des des Energie- und des Umweltministe- mittelalterlichen persischen Dichters riums zusammen. Auf 350 Menschen in Omar Chajjam getwittert: „Du sagst, dass der Türkei kommt mittlerweile eine Mo- der Wein in den Bächen sprudelt, ist denn schee – auf 60 000 ein Krankenhaus. das Paradies eine Kneipe? Du sagt, dass Beispiel Kunst. Ende April bekam Er- du jedem Gläubigen zwei Jungfrauen dogan wieder einen seiner gefürchteten geben wirst, ist das Paradies denn ein Ausbrüche – diesmal wütete er gegen die Bordell?“ „despotische Arroganz“ der Intellektuel- Der Pianist wurde schließlich angeklagt len: „Woher nehmt ihr euch das Recht, wegen „Beleidigung der Religion“. Das zu jedem und allem eine Meinung zu äu- überrasche ihn nicht, sagte Say. In diesem ßern? Habt ihr ein Monopol auf die Thea- Land, dessen Regierungschef Erdogan ter in diesem Land? Ist die Kunst euer einst das Ballett abschaffen wollte, über- Monopol? Diese Tage sind vorbei.“ rasche ihn gar nichts mehr. Schauspieler hatten gegen die Order Und nun also hat der Premierminister demonstriert, ein Theaterstück vom Spiel- die Abtreibungsdebatte entdeckt. Das plan zu streichen, das den Behörden „zu kam unerwartet, die Türkei hatte bislang vulgär“ erschien. Erdogan kündigte dar- keinen Diskussionsbedarf zum Thema. aufhin an, sämtliche staatliche Bühnen Eine relativ liberale Regelung, die Abtrei- zu privatisieren. bungen bis zur zehnten Woche erlaubte, Der Ministerpräsident hatte ohnehin empörte niemanden, selbst islamische Ge- eine Rechnung mit ihnen offen. Seine lehrte nicht. Der Premier solle sich nicht Tochter Sümeyye war im April 2011 mit als „Hüter der Vagina“ gebärden, riefen einem Schauspieler aneinandergeraten: aufgebrachte Demonstrantinnen. Der Mann hatte ihr von der Bühne zuge- Was war der Anlass für Erdogans Vor- Beispiel Erziehung. „Wir werden eine zwinkert und ihr Kaugummikauen imi- stoß? War es der womöglich größte Skan- religiöse Generation heranziehen“, sagte tiert. Die junge Erdogan stürmte darauf- dal seiner Amtszeit, von dem er ablenken der Ministerpräsident im Frühjahr, da ver- hin aus dem Saal und beschwerte sich wollte? Im Dezember hatte die türkische abschiedete seine Regierung gerade eine beim Vater; der Schauspieler wurde spä- Luftwaffe bei einem Angriff auf mutmaß- neue Bildungsreform. Statt acht soll es ter vorgeladen. liche PKK-Kämpfer 34 unschuldige Zivi- künftig zwölf Jahre Schulpflicht in der Der autoritäre Umgang Erdogans mit listen getötet. Das Massaker nahe der Ort- Türkei geben, doch das sieht nur auf den Künstlern hat schon fast sultaneske Züge, schaft Uludere wurde von vielen Medien ersten Blick fortschrittlich aus: Schon ein falsches Wort kann den Untergang totgeschwiegen. nach vier Jahren können Eltern ihre Kin- besiegeln. Als Erdogans Kritiker ihm wegen der der auf Berufsschulen schicken, zu denen „Es wird zunehmend schwieriger, in Bombardierung Vorwürfe machten, wehr- auch die religiösen Imam-Hatip-Schulen der Türkei zu denken und zu leben, wie te sich der Ministerpräsident auf seine zählen. Die letzten vier Pflichtjahre kön- man das möchte“, sagt der weltbekannte Weise: „Ihr redet immer von Uludere – nen sogar in Form von Fernkursen absol- Pianist Fazil Say. „Die Türkei wird immer Jede Abtreibung ist wie ein Uludere!“ 34 viert werden. religiöser“, sagt der Schriftsteller Nedim tote Kurden für einen abgetriebenen Fö- Erdogans „religiöse Generation“ darf Gürsel. „Diese Politik führt das Land in tus, auf diese Gleichung musste erst ein- sich schon jetzt über eine gutausgebaute den Totalitarismus“, sagt der Bildhauer mal jemand kommen. Infrastruktur des Glaubens freuen. Die Mehmet Aksoy, dessen Skulptur „Denk- DANIEL STEINVORTH
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    Ausland GIUSEPPE LAMI / PICTURE ALLIANCE / DPA Abgeordnete im italienischen Parlament E S S AY Schläger in Zivil In Zeiten großer Krisen wird die Trennwand zwischen Zivilisation und Barbarei gefährlich dünn. Von Ullrich Fichtner I m Palazzo Pubblico von Siena ist der berühmte Saal des und in der Kampfarena ausgetragen werden, bis – ganz unmeta- Friedens mit allegorischen Fresken der guten und der phorisch – Blut fließt und der Gegner am Boden liegt. Es sind schlechten Regierung geschmückt. Der Maler, Ambrogio Bilder von heute, aus nahen und fernen Parlamenten, Bilder Lorenzetti, setzte sie vor fast 700 Jahren ins Werk, und ihre aus aufgewühlten Zeiten. Betrachtung wird sich immer lohnen: Die Wandbilder zeigen, Italien erlebte im vergangenen Winter einen Tiefpunkt seiner wie Länder aufblühen, wenn Frieden, Gerechtigkeit, Mäßigung moderneren Geschichte und der ausklingenden Ära Berlusconi, und Klugheit regieren, sie sind bei Lorenzetti lässige junge als einige Parlamentarier nicht mehr reden wollten, sondern Frauen in prächtigen Gewändern an der Seite des Königs. Glau- nur noch schlagen konnten. Das lässt sich als Ausrutscher abtun, be, Liebe, Hoffnung schweben über ihnen, und die Eintracht als Szene aus der fortlaufenden menschlichen Komödie, es mit besticktem Gewand und Goldreif im Haar reicht das Band ließe sich aber auch als Symptom für Schlimmeres bewerten. der Gerechtigkeit an die Bürger weiter. In diesen Zeiten der chronischen ökonomischen Krise, in Die schlechte Regierung hat Lorenzetti mit schrägen Gestal- denen ratlose Regierungen und ein entgrenztes Finanzsystem ten besetzt, der König trägt teuflische Hörner, seine Beraterin- überall Verlierer in Scharen produzieren, wachsen die Gefah- nen sind Krieg, Aufruhr und Unterdrückung, und die hässliche ren für die zivile Gesellschaft. Nach Jahrzehnten des Redens Zwietracht unterhöhlt das Gemeinwohl. Es ist die Sprache, die über den Verdruss an der Politik ist dieser Verdruss nun vie- auch die hier gezeigten Bilder sprechen. Sie reden vom Ende lerorts mit Händen zu greifen und will sich in Aktionen Bahn der Argumente und vom Beginn des Faustrechts. Sie reden brechen. In Teilen Europas ereignen sich Szenen, die aus Zei- von Krisen, die mit zivilen Mitteln nicht mehr zu bewältigen ten zu stammen scheinen, in denen Kriege noch jederzeit sind, von Streitereien, die den Raum des Politischen verlassen denkbar waren. 88 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Fernsehstudio in Athen ANTENNA TV / AFP R.O.); BURHAN OZBILICI / AP (R.U.); JOERN HAUFE / DAPD (R.) Parlament in Ankara Sächsischer Landtag in Dresden Im sächsischen Landtag traten vergangene Woche die acht mokratie, dann in der Regel nur, um sich wichtig zu machen und völkischen Vertreter der NPD in Thor-Steinar-Hemden auf, die demokratischen Prozesse zu behindern. Sie ziehen in die um ihre Nähe zu neonazistischen Schlägern zu demonstrieren. Parlamente ein mit dem Ziel, sie zu beschädigen, die Debatten Es ist zweieinhalb Wochen her, dass ein griechischer Neonazi dort so sinnlos zu verschärfen, bis womöglich die Fäuste fliegen. in einer Talkshow seiner kommunistischen Gegnerin mit bar- Deutschland hat im Laufe des 20. Jahrhunderts reichlich Er- barischem Gestus mehrmals ins Gesicht schlug. Der Platz um fahrung mit dem Verlust von Zivilisation gesammelt. Hier wur- das griechische Parlament erinnert dieser Tage viel zu oft an de offenbar, wie rasend schnell Armut und Abstiegsangst die ein Schlachtfeld unversöhnlicher Interessen. Auch die Plätze sicher geglaubten Werte einer Gesellschaft zerstören können. Spaniens sind zu oft gefüllt mit jungen, wütenden Menschen. Hier zeigte sich, dass ökonomische Krisen früher oder später immer politischer werden, die am Ende das ganze System be- D ie Tonart in einigen Parlamenten, wo Extremisten wie- treffen können. Deutschland ist das Lehrbeispiel dafür, dass der Sitz und Stimme haben, wird schärfer, unziviler. der Weg zwischen Demokratie und Diktatur atemberaubend Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich hat ein Drit- kurz sein kann. Dass die Trennwand zwischen Zivilisation und tel der Wähler für rechts- oder linksextreme Bewerber ge- Barbarei nur papierdünn ist. stimmt, und die abgewählte „bürgerliche“ Regierung von Ni- Und dass am Ende wohl doch das Sein das Bewusstsein be- colas Sarkozy versuchte sich am Ende ganz kleinbürgerlich stimme, wie Karl Marx formulierte. Die Zahlen sprechen je- mit fremdenfeindlichen Parolen im Amt zu halten. denfalls dafür. In der „Financial Times Deutschland“ stand In vielen anderen Ländern der näheren oder weiteren Nach- dies zu lesen: „Eine Studie der Wissenschaftler Markus Brück- barschaft – in Ungarn, der Ukraine, Russland, in der Türkei ner und Hans Peter Grüner ergab, dass in 16 OECD-Ländern, und der Slowakei – zeigen Regierungen und Volksparteien die zwischen 1970 und 2002 untersucht worden sind, ein Pro- deutliche Neigung zu ungutem Nationalismus und gefährliche zentpunkt Wachstumsrückgang einherging mit einem Prozent- Abneigung gegen das Programm einer freiheitlich-demokrati- punkt Anstieg beim Zuspruch für extremistische Parteien.“ schen Ordnung. Die populistisch-xenophobe Dänische Volks- Das Wachstum in Europa ist in diesen Jahren schwach, auch partei treibt in ihrer Heimat die politische Debatte an, dasselbe wenn Deutschland gerade etwas besser dasteht. Aber die Wirt- gelingt dem islamophoben Geert Wilders in den Niederlanden, schaft vieler südlicher Länder schrumpft in beängstigendem dessen Partei binnen wenigen Jahren von Tempo. Genauso schnell hat sich der Ton 0 auf jetzt 15,5 Prozent der Wählerstim- in der politischen Auseinandersetzung men zugelegt hat. Die ungarischen Rechts- Video: verschärft. Diese Tendenzen werden sich extremisten der Jobbik-Partei haben 16,7 Wie, wo und warum nach allem, was viele Ökonomen vorrech- Prozent geholt, und so ließen sich weitere Politiker prügeln nen, verschlimmern. Und es ist möglich, Länder durchbuchstabieren. Für Smartphone-Benutzer: dass Bilder wie die hier gezeigten wieder Sitzen die systemfeindlichen Scharfma- Bildcode scannen, etwa mit zur Galerie unseres täglichen Lebens cher einmal in den hohen Häusern der De- der App „Scanlife“. gehören werden. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 89
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    Ausland te, wer Maria Fekter ist: Da sprach sie in Damals waren die Finanzminister der ÖSTERREICH den ORF-Spätnachrichten einen Satz aus, Euro-Gruppe in Kopenhagen zusammen- Wiener Schnauze der Stunden später von Tokio über Hong- gekommen, um den Rettungsschirm auf- kong und Frankfurt bis an die Wall Street zustocken. Nach dem Beschluss verließ um die Erde ging. Auf die Frage, ob auch Fekter den Saal. Kurz darauf sah Juncker, Italien demnächst unter den europäischen der sitzen geblieben war, auf dem iPad Mit unbedachten Äußerungen Rettungsschirm schlüpfen müsse, antwor- eines Mitarbeiters, dass die Kollegin die und gezielten Indiskretionen bringt tete sie: „Es kann natürlich sein, dass es draußen wartenden Journalisten bereits Finanzministerin Maria Fekter in Hinblick auf die hohen Zinsen, die Ita- informiert hatte. lien zahlt, zu Hilfsunterstützungen kom- „Wie ich sehe, hat die Euro-Gruppe Europas Politiker gegen sich auf. men kann.“ eine neue Sprecherin“, sagte er sarkas- Die Österreicher sind gnädiger. Ministerpräsident Mario Monti war so tisch in die Runde. Fekter, inzwischen zu- wütend, dass er am Dienstagmorgen ei- rückgekehrt, dementierte: Das sei sie E rinnert sich noch jemand an Josef gens eine Pressekonferenz einberief. Es nicht gewesen. Juncker zeigte ihr das iPad Klaus? An Fred Sinowatz, an Al- sei „gänzlich unpassend, dass Exponen- mit der Agenturmeldung. fred Gusenbauer? Und wie viele ten von EU-Regierungen andere EU-Län- Fekter darauf: „Ich habe doch nur wie- Deutsche, wie viele Europäer wüssten der ins Gerede bringen“, sagte er. Einen derholt, was Wolfgang vor der Sitzung auf Anhieb zu sagen, wie der derzeitige Tag später waren die Zinsen für italieni- vertreten hat.“ Juncker war fassungslos: österreichische Bundeskanzler heißt? sche Staatsanleihen von 5,86 auf 6,10 Pro- Es sei doch wohl ein Unterschied, ob ein Die meisten Österreicher schmerzt es, zent gestiegen. Minister (gemeint war Schäuble) vorher dass die Schönheit ihres Landes weltweit Monti ist nicht der Erste, den die Öster- seine nationale Position vertrete oder je- gepriesen und seine Künstler gefeiert wer- reicherin so gegen sich aufbrachte. Jüngst mand den formalen Beschluss aller Mi- den – sich für seine führenden politischen hielt sie dem neuen französischen Präsi- nister ausplaudere. „Ich mach mich doch Repräsentanten aber eigentlich niemand denten François Hollande vor, seine fi- nicht zum Idioten“, schimpfte er – und interessiert. Nur zwei Nachkriegspolitiker nanzpolitischen Vorschläge seien „Unsinn sagte zum ersten Mal als Chef der Euro- haben über Österreich hinaus bleibenden und Rezepte von vorgestern“, schon Ende Gruppe eine Pressekonferenz ab. Eindruck hinterlassen: der Wiener Sozia- März hatte sie Luxemburgs Premier Jean- Dreist griff Fekter für die Erklärung von list Bruno Kreisky, gestorben 1990, und Claude Juncker schwer verärgert. Junckers Empörung später zu einer Indis- der Kärntner Rechtspopulist Jörg kretion: Der Euro-Gruppen-Chef Haider, tödlich verunglückt 2008. habe an jenem Tag wegen eines Nun aber, seit Beginn der Euro- Nierenleidens heftige Schmerzen Krise, hat sich eine Figur aus der gehabt. Das führte zu ungläubigem blassen Riege der Wiener Volks- Staunen in Brüssel – zu einem Kar- vertreter gelöst, die auch auf eu- riereknick Fekters in Wien führte ropäischer Bühne wahrgenom- es nicht. Im Gegenteil: Als sie am men wird. Es ist, erfrischend bunt Tag nach ihrem Italien-Interview nach Jahrzehnten fader Männer- gefragt wurde, wie sie denn darauf politik, eine Frau: Maria Theresia komme, dass Rom vielleicht auch Fekter, 56, Unternehmerin, pro- unter den Rettungsschirm müsse, movierte Juristin, langjährige Ab- tat sie unwissend wie ein paar Mo- geordnete der Österreichischen nate zuvor in Kopenhagen: Das Volkspartei, von 2008 bis 2010 In- habe sie so nie gesagt. nen-, seither Finanzministerin. Die Österreicher, von ihren Die schmückenden Attribute, farblosen Politikern enttäuscht, die sich Fekter seit ihren Anfän- sind erstaunlich gnädig mit ihrer gen als Gemeinderätin im ober- lauten und schillernden Finanzmi- österreichischen Attnang-Puch- nisterin. In ihrer eigenen Partei, heim erworben hat, zeugen vom berichtet der Wiener „Kurier“, steilen Aufstieg einer Karriere- habe sie geradezu einen „Fan- politikerin – und von der hämi- club – unter jenen schwarzen schen Kreativität ihrer Landsleu- Kern-Truppen, die es ,den Sozis te. Als „Doberfrau“, als „Maria zeigen wollen‘“. ohne Gnaden“ und als „Abschie- Als die Ministerin vergangene beministerin“ titulierten Zeitun- Woche bei einer Diskussionsrun- gen und Kollegen die Innenminis- de des Wiener Wirtschaftsmaga- terin Fekter; „Austro-Thatcher“ zins „Format“ versehentlich als und „Alpen-Domina“ wird sie ge- „Herr Fekter“ eingeladen wurde, nannt, seit sie Finanzministerin nahm sie den Ball gern auf: „Ich ist. Ihr meistzitierter Beiname – bin der einzige Mann in dieser Re- „Schotter-Mitzi“ – geht auf ihre gierung.“ Und als man sie fragte, Herkunft als Tochter eines Kies- ob sie nicht Kanzlerin werden werk-Unternehmers zurück. wolle, antwortete sie: „Wenn ich Sollte unter Europas Politikern, mir den Gestaltungsspielraum des Finanzhändlern und Währungs- Kanzlers und des Vizekanzlers an- spekulanten jemand noch nicht schaue, bin ich lieber Finanzmi- BRAUERPHOTOS von ihr gehört haben – seit vori- nisterin.“ gem Montag weiß auch der Letz- Der Name des Kanzlers? Wer- ner Faymann. * Bei den Salzburger Festspielen 2009. Ministerin Fekter*: „Der einzige Mann in dieser Regierung“ CHRISTOPH SCHULT, BERNHARD ZAND 90 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Ausland MAJDI FATHI / APAIMAGES / POLARIS / STUDIO X Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz am 5. Juni: „Die Entwicklung verläuft von schlecht zu schlimm“ Revolutionen. Viele der Richter wurden ÄGYPTEN von ihm selbst ernannt. Der tiefe Staat, Der tiefe Staat das alte Regime mit Mubaraks Schergen in Polizei, Geheimdienst und Justiz, er hat den Aufstand überdauert. Wenn Historiker eines Tages den End- punkt der ägyptischen Revolution bestim- Ist der Juristen-Putsch in Kairo das Ende des Arabischen Frühlings? men, dann könnte es dieser 14. Juni 2012 Sollte der Übergang zur Demokratie am Nil scheitern, sein. Der Tag, an dem in Ägypten der Übergang von der Diktatur zur Demo- könnte das auch Libyen und Tunesien in den Abgrund ziehen. kratie in den Rückwärtsgang trat. Bis es Neuwahlen gibt, frühestens wohl D ie Panzerfahrzeuge sind wieder fechtbar. Das ginge auch schwer, beide in einem halben Jahr, herrscht nun wie- da. Sie stehen vor dem Verfas- Urteile sind juristisch korrekt: Das vom der der Militärrat. Damit wurde das bis- sungsgericht am Nilufer, diesem Parlament verabschiedete Gesetz, wo- her wichtigste Ergebnis der Revolution größenwahnsinnigen Monument eines nach ranghohe Mitglieder des alten Re- zunichtegemacht: die ersten freien Wah- modernen Pharao, davor Stacheldraht, gimes wie Schafik nicht zu Wahlen an- len. Auch der Entwurf einer Verfassung Metallbarrikaden, Militärpolizei. Es sieht treten dürfen, verstößt gegen den Gleich- liegt nun in der Hand der Generäle. als, als müsse hier die Justiz geschützt heitsgrundsatz. Formal einwandfrei auch Vor allem aber haben sie erneut die werden. Dabei sind es die Richter, die das Urteil zur Parlamentswahl, bei der Übergabe der Macht an eine zivile Regie- diesen Angriff führen, der für die einen ein Teil der eigentlich für unabhängige rung verschoben. Vom 1. Juli auf wann ein Putsch ist, für die anderen eine Rück- Kandidaten reservierten Sitze nach Par- auch immer. Weniger ein wohlkalkulier- kehr zu Recht und Ordnung. teiliste vergeben wurde. ter Masterplan scheint das zu sein als eine Ein Doppelschlag der Justiz, spektaku- Weniger korrekt ist die Umsetzung: panische Reaktion  des Militärrats, der lär und dreist: Nur zwei Tage vor dem Zweimal schon haben ägyptische Richter fürchtet, dass ihm die Macht entgleiten geplanten Finale der Präsidentschaftswah- Parlamente wegen Verfassungsbedenken könnte. Oder Ausdruck seiner Hoffnung, len erlauben die Verfassungsrichter dem aufgelöst, allerdings haben sie sich dafür die Revolution eingedämmt zu haben. Mubarak-Loyalisten Ahmed Schafik die jeweils drei Jahre Zeit gelassen. Diesmal Von einem „echten Putsch“ spricht der Kandidatur – und als würde das nicht rei- waren es fünf Monate. gescheiterte islamistische Kandidat Abd chen, verordnen sie die Auflösung des Überrascht hat die Entscheidung kaum, al-Munim Abu al-Futuh. „Einen Präsiden- Parlaments. denn das Verfassungsgericht wurde von ten in Abwesenheit von Verfassung und Einspruch ist zwecklos, Entscheidun- Präsident Husni Mubarak genau zu die- Parlament zu wählen bedeutet, einen gen des Verfassungsgerichts sind nicht an- sem Zweck ausgebaut: als Bollwerk gegen Kaiser zu wählen“, mahnt Mohamed 92 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Ausland ElBaradei,der einstige Chef der Inter- Man merkt Wael Abbas fast die Erleich- nesien nicht gekommen. Die Wirtschaft nationalen Atomenergiebehörde. „Die terung an: endlich Klarheit, endlich etwas, ist eingebrochen, das führt immer wieder Entwicklung in Ägypten verläuft von wogegen man wieder auf die Straßen zie- zu Protesten; Salafisten besetzen Uni- schlecht zu schlimm.“ Die Macht liege hen kann. Denn nun, so hofft er, werde versitäten und greifen Frauen an, die nun bei einer Junta, die kaum Ideen habe, für die Ägypter offensichtlich, was er angeblich zu westlich gekleidet sind. In wie sie das Land führen wolle. schon lange ahne: dass der Militärrat mit Tunis gibt es Straßenschlachten, die Re- Ägypten stünden schwere Tage bevor, allen Mitteln an der Macht bleiben wolle. gierung verhängt wieder eine Ausgangs- „vielleicht gefährlicher als die letzten Tage Dass all diese Puzzleteile ein Bild erge- sperre. von Mubaraks Regime“, warnen die Mus- ben: die eher milde Haftstrafe für Husni In Libyen hat sich nicht einmal der limbrüder. Sie haben am meisten zu ver- Mubarak und der Freispruch für seine Ansatz einer zentralen Staatsgewalt lieren: eine satte Parlamentsmehrheit. Söhne. Die Staatsmedien, die wieder in etabliert, stattdessen herrschen bewaffne- Doch statt auf die Straße zu gehen, sollen ihre alte Rolle zurückfallen. te Milizen, die Städte, Straßen und Infra- sie am vergangenen Freitag bereits mit Dazu passt auch, dass am 31. Mai die struktur besetzen. Sie hoffen, ihre Waffen dem Militärrat im Geheimen über eine Notstandsgesetzgebung aufgehoben und und Landgewinne eines Tages in politi- „Regierung der nationalen Einheit“ ver- vier Tage später über die Hintertür wie- schen Einfluss umwandeln zu können. handelt haben – in der sie einige Minister- der eingeführt wurde. Künftig dürfen Ar- Bis dahin machen sie Gefangene, posten erhalten könnten. Die Revolution mee, Militärpolizei und Geheimdienste schmuggeln Waffen und klauen Autos. findet jetzt in den Hinterzimmern statt. wieder Zivilisten verhaften und Wohnun- Wie fragil die Lage im Land ist, zeigt sich „Das Urteil ist nur ein weiterer Schritt gen durchsuchen, einfach so. Ägypter, die auch daran, dass die Kämpfer aus der in der Etablierung einer Militärdiktatur“, an Demonstrationen oder Streiks teilneh- Stadt Sintan den Diktatorensohn Saif al- Islam al-Gaddafi immer noch nicht nach Tripolis gebracht ha- ben – und stattdessen Mitarbeiter des Internationalen Strafgerichts- hofs verhafteten. Ägypten ist das wichtigste die- ser drei Länder. Scheitert hier der Übergang zur Demokratie, dann könnte das auch Libyen und Tu- nesien in den Abgrund ziehen. Vieles spricht dafür, dass mit dem Justizputsch die Restaura- tion begonnen hat. Nur einige Tausend sind nach dem Richter- spruch zum Tahrir-Platz gezogen. Die Ägypter sind erschöpft vom Chaos und Irrsinn der vergange- nen 16 Monate. Hinzu kommen Fehler der Re- volutionäre und Erfolge der Re- gime-Propaganda: Das ist die Mischung, mit der der Militärrat die Protestbewegung neutrali- siert und die Bevölkerung auf Schafik eingeschworen hatte. Dessen Anhänger jubelten dem DPA Politiker zu, wie sie es 30 Jahre Ex-Präsident Mubarak vor Gericht: Das alte Regime hat den Aufstand überdauert lang bei Reden von Husni Muba- rak taten. sagt der Blogger Wael Abbas. Er war ei- men, können dafür jetzt ins Gefängnis Islam Hafifi, Chefredakteur der Tages- ner von denen, die die Revolution ent- gehen. zeitung „Dustur“ („Die Verfassung“) ist facht haben – und trotzdem ist er nicht Lost in revolution, so könnte die Dia- einer von Schafiks treuesten Fans, mit an- allzu traurig über die Auflösung dieses gnose lauten. Nicht nur für Ägypten, geblich engen Beziehungen zum ehemali- Parlaments, in dem Liberale und Refor- auch für Tunesien und Libyen. Die Dik- gen Luftwaffengeneral. Das Blatt war einst mer nur eine verschwindende Minderheit tatoren sind abgesetzt, aber die Fliehkräf- Mubarak-kritisch, im Wahlkampf hatte es stellten. te zwischen Islam und Staat, zwischen sich offen auf die Seite Schafiks gestellt. „Natürlich sollte das Parlament nicht Stadt und Land, zwischen Nation und „Die Ägypter sind verwirrt über die auf diese Weise aufgelöst werden. Ande- Stamm werden immer mächtiger. Worum politische Zerrissenheit im Land“, sagt rerseits werden wir damit ein Parlament es bei den Aufständen eigentlich gegan- Hafifi. Und so ist eine seltsame Nostalgie los, das die Bevölkerung ohnehin nie re- gen war, Demokratie, Freiheit und soziale gewachsen: Die einen wählen den Islam, präsentiert hat und machtlos war.“ Gerechtigkeit, das scheint vielerorts un- die anderen das alte Regime. Der Blogger ist nicht der Einzige, der terzugehen im alltäglichen Ringen um Ein Präsident ohne Parlament kann ein so denkt. Auch Liberale, Christen und Sä- Macht und Überleben. Papiertiger sein oder ein Diktator. „Auf kulare sind nicht unglücklich über das Ur- Tunesien war das erste Land, das sei- jeden Fall“, sagt der Blogger Wael Abbas, teil. „Wir werden bei den nächsten Wah- nen Diktator stürzte, und es hat sich bis- „wird er eine Marionette des Militärrats len deutlich mehr Stimmen bekommen, her am besten entwickelt: Es gab erfolg- sein.“ also ist das gut für uns“, sagt der sozial- reiche Parlamentswahlen, aus denen die DIETER BEDNARZ, JULIANE VON MITTELSTAEDT, demokratische Abgeordnete Bassam moderaten Islamisten als Sieger her- MATHIEU VON ROHR, DANIEL STEINVORTH, Kamal. vorgingen. Doch zur Ruhe ist auch Tu- VOLKHARD WINDFUHR 94 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Ausland NORDKOREA Die Menschwerdung Name: Shin Dong-hyuk. Heimatland: Nordkorea. Alter: 29 Jahre, von denen er die ersten 22 in einem Konzentrationslager verbringen musste. Dann gelang ihm die dramatische Flucht in die Freiheit. Jetzt plagen Shin Alpträume und Schuldgefühle. Von Erich Follath D ie erste Kindheitserinnerung – das flucht“ zweier Onkel, die er nie kennen- stopfte sich eine Handvoll Maiskörner ins können die Kerzen auf einem Ge- gelernt hat. Hemd. Pech: Es gibt wieder mal eine Kon- burtstagskuchen sein, die Rutsche Shin ist vier, als die Lautsprecher im trolle, jeder muss seine Taschen leeren. auf dem Spielplatz, der Geschmack von Lager plötzlich plärren, die Mutter ihn Alle kennen die zehn Gebote, die im Himbeereis. Oder einfach die Liebkosung an der Hand nimmt und zum großen Lager gelten, sie müssen sie oft aufsagen. der Mutter, Belohnung für die ersten zu- Platz in der Nähe der elektrischen Zäune Regel drei lautet: „Jeder Insasse, der Nah- sammenhängenden Sätze, Trost nach ei- am Taedong-Fluss führt. Dort sind schon rungsmittel verbirgt, wird sofort erschos- nem Sturz mit aufgeschlagenem Knie. Tausende versammelt. An einem Pfahl sen.“ Aber zu einer formalen Verurtei- Die erste Kindheitserinnerung ist für die ist ein Gefangener festgebunden, vor ihm lung kommt es gar nicht. Der Aufseher, meisten von uns ein Ausdruck von Ge- stehen Aufseher, mit Gewehren im An- außer sich vor Wut, fordert die Schuldige borgenheit und familiärer Wärme. Für schlag. Der Mann mit dem Mikrofon ruft auf, sich hinzuknien. Er schlägt sie mit Shin Dong-hyuk, 29, ist das Frü- seinem Stock auf den Kopf. Im- heste, an das er sich erinnert: eine mer wieder. Alle müssen zuschau- Exekution. en, wie der Mann sich an dem Er wirkt, als er das Restaurant Mädchen austobt. Die Kleine in der südkoreanischen Haupt- bricht schließlich zusammen, ver- stadt Seoul betritt, wie der nette liert das Bewusstsein. Sie wacht junge Mann von nebenan: Jeans, nicht mehr auf. offenes Hemd, modische Frisur. Shin ist 13, als er eines Nachts Wache Augen, die allerdings dem eine ungeheuerliche, eine lebens- direkten Blick des Gegenübers bedrohliche, aber möglicherweise ausweichen. Die stets wandern, auch Belohnung versprechende als wären sie vor irgendetwas, ir- Szene beobachtet. Die Mutter gendjemandem auf der Flucht. flüstert mit seinem einzigen, acht Augen, die misstrauisch alles ab- Jahre älteren Bruder. Ungewöhn- suchen nach lauernden Gefahren. lich, dass der überhaupt da ist, Shin zieht das linke Bein etwas weil er – wie der fast ständig ab- nach, und als er zur Speisekarte wesende Vater – einer anderen greift, wird deutlich, dass seine Arbeitsbrigade zugeteilt ist. Un- Arme leicht verformt sind, die gewöhnlicher noch, dass die Mut- Kuppe des rechten Mittelfingers ter dabei sogar eine Portion Reis abgetrennt wurde. Aber vielleicht kocht: Shin selbst hat dieses kost- BLAINE HARDEN sieht das alles nur, wer vorge- bare Lebensmittel schon wochen- warnt ist. Etwa von einer der Fol- lang nicht mehr genossen. Die teropfer-Organisationen, die Shin beiden besprechen etwas, das im untersucht haben und die seinen Ex-Häftling Shin in Seoul: „Vergiftetes Blut“ Lager als ultimatives Verbrechen gequälten Körper als eine „Land- gilt: die Flucht. karte der Leiden“ beschrieben haben. etwas von „Schuld“ und „Strafe“. Dann „Ich weiß nicht, was mich mehr empört Spuren eines unfassbaren Lebens. Schüsse. Dann das Zusammensacken des hat: dass sie offensichtlich den Reis vor Schließlich beginnt Shin Dong-hyuk, Körpers am Holzgerüst. Dann austreten- mir verborgen hatten oder der Plan der im nordkoreanischen „Straflager des Blut. Dann der Abtransport. selbst“, sagt Shin im Rückblick. „In den Nummer 14“ geboren wurde und die ers- Shin ist sieben, als er wieder etwas Absichten der beiden spielte ich offen- ten 22 Jahre seines Lebens bis zu seinem Ähnliches erlebt. Er muss da nachmittags sichtlich keine Rolle, und sie mussten dramatischen Entkommen dort verbracht schon im Kohlebergwerk des Lagers doch wissen, dass ich nach den im Lager hat, zu erzählen. Langsam und stockend schuften, ein gefährlicher Job; vormittags geltenden Regeln der Sippenhaft für ihre zuerst, dann immer schneller, ungehemm- ist Schule. Beides schlimm, der Unterricht Taten mitverantwortlich gemacht würde. ter, als hätte er die Umgebung vergessen, vielleicht noch ein bisschen mehr. Denn Gebot Nummer eins: Jeder, der einem als suchte er über die Worte die Befreiung die Aufseher sind die Lehrer, und sie las- Flüchtenden hilft oder von einem Flucht- von einer Last. Was er berichtet, ist nicht sen nichts durchgehen, Ungehorsam versuch weiß, wird wie der Flüchtende in jedem Detail nachprüfbar, aber Exper- nicht, Diebstahl schon gar nicht. Ein Mäd- selbst sofort erschossen. Ich war damals ten halten es für glaubhaft und authen- chen aus seiner Klasse hat sich an diesem ganz sicher, was ich zu tun hatte.“ tisch: Es ist die Geschichte eines Jungen, Morgen an Gemeineigentum vergriffen, Er verlässt das Haus unter dem Vor- der „vergiftetes Blut“ in sich trug, in Sip- es riskierte, krank vor Hunger, einen wand, auf die Toilette zu müssen, nur penhaft genommen wegen der „Republik- Umweg in einen der Schweineställe und schnell hin zum nächsten Aufseher, den 96 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Satellitenbild: DigitalGlobe/Google Earth Straflager 14 RUSSLAND vermutliches CHINA Exekutionsgelände Chongjin Baracken N OR DKOR EA Shins Fluchtroute Lager 14 Hamhung Pjöngjang 250 km Taedong-Fluss Seoul SÜDKOREA er findet. Verrät den Plan. Er erwartet nichts als Erleichterung, nur das große nent von Diamanten, Tokio, Taipeh, nun Belohnung für seine Informationen, Aufatmen, dass es mich nicht erwischte.“ Shanghai sind hell erleuchtet. wie eine Ratte, die bei einer Versuchs- Und das zweite Gefühl? Seoul ist ein einziger strahlender Kegel, anordnung alles richtig gemacht hat, Klas- „Zorn und Wut. Zorn und Wut und wie von Wunderkerzen entzündet; Stra- senführer will er für seine Spitzeldienste Groll auf meine Mutter und meinen Bru- ßenlaternen, Wohnungsbeleuchtungen, werden, er will Extrarationen, sich end- der, die mit dem Fluchtversuch so große Neonreklamen bündeln die Nachricht: lich mal satt essen. Und bekommt nichts Risiken eingegangen waren.“ Hier in Südkorea leben die Erfolgreichen davon, weil der Aufseher – wie Shin spä- Shin Dong-hyuk hat damals als 14-Jäh- des 21. Jahrhunderts. Und dort, direkt ter erfährt – sich selbst mit der Nachricht riger im Jahr 1996 nicht einen Augenblick nördlich der Demarkationsgrenze, ist das bei den Vorgesetzten lieb Kind macht, be- daran gedacht, seine Aufseher zu beschul- Armenhaus, das Schattenreich, der hauptet, den Fluchtplan eigenständig aus- digen oder gar die unmenschlichen La- Schandfleck Asiens – die „Demokratische findig gemacht zu haben. gerregeln in Frage zu stellen. Er funktio- Volksrepublik“, deren etwa 24 Millionen Shin wird in ein Verlies geworfen. Sie nierte in diesem KZ, das von Geburt an Bewohner auf einem Gebiet, fast so groß verhören ihn, immer wieder. Er weiß für ihn Heimat war, ein perfektes Produkt wie England, buchstäblich im Dunkeln nicht, was sie wollen, er hat doch schon seiner Umgebung. Und so kann er „kei- gehalten werden. Umnachtet. alles erzählt. Sie foltern ihn. Einmal wird nerlei Mitleid“ empfinden, als seine Der Krieg, der von 1950 bis 1953 tobte, er kopfüber aufgehängt; ein anderes Mal nächsten Verwandten an diesem Tag ihr zementierte die Teilung des Landes. Noch lassen sie ihn langsam über einem Feuer Leben lassen. Er ist eher abgestoßen von bis Ende der sechziger Jahre war der in- schmoren, bis er ohnmächtig wird vor den Tränen, die dem Vater am Exeku- dustrialisierte Norden das wohlhabendere Schmerzen. Mehr als sechs Monate geht tionsort in der ersten Reihe neben ihm Korea. Heute haben die Südkoreaner ein das so. Eines Morgens holen sie ihn aus in die Augen schießen. Und er vermeidet, Pro-Kopf-Einkommen, das etwa 18-mal dem Loch, er sieht seinen Vater, den sie kalt bis ins Herz, den letzten Blick, den höher liegt als das ihrer Brüder. offensichtlich ebenfalls gefoltert haben. ihm die Mutter zuwirft: den Augenkon- Kommunistische Diktatoren haben ge- Man verbindet den beiden die Augen, takt, den sie sucht. zeigt, was Politiker im schlimmstmög- fesselt sie, wirft sie auf die Rückbank Shin weiß auch heute noch nicht, wie lichen Fall anrichten können – sie haben eines Wagens. Shin glaubt, zu seiner er mit seiner gnadenlose Härte von da- einen Staat mitsamt seinen Industrien eigenen Exekution transportiert zu wer- mals umgehen soll. Er setzt zu Erklä- und der Landwirtschaft ruiniert, die Be- den. Als sie wieder sehen dürfen, erken- rungsversuchen an, bricht ab, stammelt, völkerung zu Hungerleidern gemacht. Sie nen sie gleich, wo sie sich befinden: am schwitzt, schweigt lange. Versucht es haben, unterstützt von einem absurden Hinrichtungsplatz. Eine große Menge dann aufs Neue. „Ich kannte damals noch Personenkult, einen allumfassenden Un- wartet schon. Wärter führen sie nach keine Liebe, wusste nicht, was Zuneigung terdrückungsapparat aufgebaut. Und wie- vorn, Aufseher haben das Gewehr im ist.“ Pause. „Mutter schlug mich immer, derholt gedroht, Seoul in ein „Flammen- Anschlag. sie war eine Konkurrentin um Essens- meer“ zu verwandeln. Dass Pjöngjangs Und dann weiß Shin: Er ist nicht dran rationen.“ Pause. „Ich war gezüchtet, um Führer versuchen, die Welt mit ihrem an diesem Tag. Der da an einen Pfahl ge- Arbeiten zu verrichten. Ich war ein Skla- Atomwaffenprogramm zu erpressen, ver- bunden wird und dem sie Kieselsteine in ve, nein, noch weniger: Ich war ein Tier.“ schärft dazu noch die Lage. den Mund stopfen, damit er in seinen letz- Die Erinnerung hat ihn überwältigt, es Eine stalinistische Dynastie: Auf den ten Momenten nichts Despektierliches ge- folgt ein langes Schweigen. „Großen Führer“ Kim Il Sung folgte sein gen die Gulag-Aufseher oder die politi- Sohn, der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il; sche Führung des Landes herausschreien kann – das ist sein Bruder. Und die Frau, für die sie eigens einen Galgen gebaut A uf einem Satellitenfoto sieht Nord- und als der vor sechs Monaten starb, des- korea aus wie ein schwarzes Loch sen Sprössling Kim Jong Un – allesamt mit einem einzigen, winzigen Lichtpunkt, laut Propaganda „vom Himmel gesandte“ haben, an dem sie ihr nun die Schlinge der Hauptstadt Pjöngjang, wo es wenigs- Führer, denen stets nichts mehr am Her- um den Kopf zuziehen – das ist seine Mut- tens partiell Elektrizität gibt. Darum her- zen lag als das Wohl ihres Volkes. Satelli- ter. „Im ersten Moment dort war da um funkelt ganz Ostasien wie ein Konti- tenbilder aber zeigen die Villen des herr- D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 97
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    Ausland schenden Clans, inklusiveSwimming- pools. Kim junior, der heutige Chef und mit angeblich 29 so alt wie Shin, durfte Schweizer Schulen besuchen. „Es gibt keine Menschenrechtsfrage in diesem Land, weil jedermann hier das denkbar würdigste und glücklichste Leben führt“, verkündet die nordkoreanische Nachrichtenagentur kühn über das abge- ILLUSTRATIONEN: DATABASE CENTER FOR NORTH KOREAN HUMAN RIGHTS schottete Reich. Die internationalen Be- obachter, die einigermaßen ungehindert durch Nordkorea reisen können, zeich- nen – wie die wenigen, die sich aus Pjöng- jang absetzen konnten – ein anderes Bild. Amnesty International schätzt in seinem Länderbericht 2012, dass in Nordkorea bis zu 200 000 Menschen in Straflagern gehal- ten werden. In den schlimmsten gelten Gefangene als „nicht verbesserungsfähig“. Shin Dong-hyuks Lager Nummer 14 ist ein solcher „Bezirk unter absoluter Kon- trolle“. Der große Komplex wird von Wachtürmen und Elektrozäunen abge- 1 grenzt; auf dem gebirgigen Gelände be- finden sich Kohleminen, Nähereien und Schweinefarmen. In primitiven Baracken, archien. Als Shin in jungen Jahren durch über 20, und er hat die vage Vorstellung, viele mit Blick auf den Hinrichtungsplatz, ein Fenster beobachtete, wie seine Mutter dass es noch etwas Neues in seinem Le- hausen etwa 15 000 Menschen. Das Lager, von einem Aufseher missbraucht wurde, ben geben müsse, ohne zu wissen, wo- das seit 1959 existiert, liegt in der Provinz hielt er es für völlig normal, dass der sich nach er sucht. Park ist für ihn eine Offen- Süd-Pyongan – nur 70 Kilometer entfernt den Übergriff erlaubte, dass die Mutter barung. Er weiß nicht nur, dass die Welt von der Hauptstadt Pjöngjang, 280 Kilo- stillhielt. rund ist und dass es Computer gibt. Er meter Luftlinie von Seoul. Ausgerechnet im Lager-Verlies erfuhr hat auch in vornehmen Restaurants ge- Von keinem dieser Orte hat Shin im Shin erste Fürsorge. Ein älterer Mithäft- speist und kennt viele Fleischgerichte. KZ während seiner ersten 13 Lebensjahre ling kümmerte sich um seine Wunden, Die Aufseher setzen Shin auf diesen auch nur gehört. Die Lehrer beschränkten sprach ihm Trost zu. Und trotzdem war Park an, er soll ihn ausspionieren. Doch sich bei ihrem Unterricht auf die Grund- Shin damals noch nicht so weit, dem der sonst so willige Verräter verzichtet rechenarten, das Alphabet, die Camp-Re- Mann, den er „Onkel“ nannte, sein gan- auf die Vergünstigungen, die aus den Spit- geln. Shin war auch nicht dem sonst in zes Vertrauen zu schenken. Nach der Exe- zeldiensten zu erwarten gewesen wären, Nordkorea allgegenwärtigen Personen- kution der Mutter und des Bruders sah erklärt den Wärtern, da gebe es nichts: kult des Regimes ausgesetzt, man hielt er den Alten nie wieder. Und verfiel in die erste bewusste, selbständige Entschei- es offensichtlich für überflüssig, die zum seinen Lager-Trott, ins moralische Nie- dung seines Lebens – der Anfang des Ab- ewigen Bleiben verdammten Häftlinge ei- mandsland, er verpfiff Arbeitskollegen schieds vom tierischen Sklavendasein, der ner Gehirnwäsche zu unterziehen. Und für eine Mahlzeit, stahl, wenn er die Tat Anfang einer Menschwerdung. während überall im Land die Geburtstage anderen in die Schuhe schieben konnte. Der Fremde, der zum Freund wird, hat des „Großen“ und des „Geliebten“ Ur- Alles ändert sich mit einem neuen Mit- eine weit wichtigere Funktion für Shin laubszeit waren, ging die Schufterei im häftling, der im Jahr 2004 ins Lager als die Sicherung einer Extramahlzeit: Er Hochsicherheitslager weiter. „Tiere brau- kommt: Park Yong Chul, ein Mann von zeigt ihm eine Perspektive. Zum ersten chen keine freien Tage“, sagt Shin. Welt; ein „Politischer“, der aus der No- Mal denkt er über ein Leben jenseits des menklatura von Pjöngjang stammt und Lagers nach. Gemeinsam überlegen sie A uch jetzt, sieben Jahre nach der Flucht, lässt Shin kein Stück Fleisch verkommen. Das war damals im Lager Verwandte in China hat. Shin ist da schon einen Fluchtplan – und haben am 2. Ja- nuar 2005 unwahrscheinliches Glück. Sie werden zum Holzsammeln ganz in der sein Traum von Freiheit: sich satt essen Nähe des östlichen Grenzzauns eingeteilt, können, den Geruch, den Geschmack von ihre Bewacher achten nicht auf die bei- gebratenem, gegrilltem, geschmortem den. Sie rennen los, hoffen, unter dem Fleisch aller Art zu genießen – nur bitte Zaun durchkriechen zu können. keine Ratte. Denn die hatte er im Lager Shin ist schneller, stolpert aber im gelegentlich erjagen können, und es Schnee. Park kommt mit dem Zaun in schien ihm damals, als er sie über dem Berührung – und wird von einem heftigen Feuer röstete und mitsamt den Knochen elektrischen Schlag getroffen. Durch das verschlang, eine Delikatesse. Im Nach- Gewicht hat sich eine kleine Öffnung ge- hinein ekelt es ihn vor dem süßlichen bildet. Shin zögert keinen Moment, über Duft, wenngleich er weiß, ohne die Nage- den Körper des toten Freundes zu krie- XINHUA / REUTERS tiere sowie das von den Feldern geklaute chen und durch den Zaun zu schlüpfen. Gemüse, nur mit der ewig dünnen Kohl- Er erleidet schwere Verbrennungen an suppe, hätte er es wohl kaum geschafft. den Beinen, aber schafft es. Schleppt sich Seine Geburt, seine Existenz im Lager fort, blutend, humpelnd. „Ich hatte kein hat er lange Zeit für das Selbstverständ- Kundgebung mit Kim-Jong-Il-Porträt 2003 Ziel, wusste nicht, wo China liegt, wollte lichste der Welt gehalten. So wie die Hier- „Vom Himmel gesandte“ Dynastie nur weg vom Lager, immer weiter.“ 98 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    DIE HÖLLE DESLAGERS NUMMER 14 Nach Shins Angaben erstellte Skizzen über seine Erlebnisse: [1] Nach der Entdeckung des Fluchtplans seiner Mutter und seines Bruders wird Shin über sechs Monate lang in einem Verlies gehalten und gefoltert. [2] Als Shin wegen Über- arbeitung in der Fabrik versehentlich eine Nähma- schine zerstört, muss er eine Sonderbestrafung erleiden: die Abtrennung einer Finger- kuppe. [3] Shin wird regelmäßig Zeuge von Exekutionen im Lager. Traumatisch ist für ihn vor allem die Hinrichtung seiner Verwandten. 2 3 Er bricht in Häuser ein, stiehlt eine Ar- meeuniform und Lebensmittel. Auf den Schwarzmärkten gelingt es ihm, das Die- begegnet, einem langjährigen Reporter der „Washington Post“. Mit Shins erst zö- gerlicher, dann immer intensiverer Mit- V erkehrsstaus an jeder Kreuzung, flim- mernde Werbebildschirme an den Straßenecken: „Lernen Sie, sich elegant besgut zu verscherbeln – erstmals in sei- hilfe schrieb er dessen Lebensgeschichte durchs Dasein zu navigieren!“, heißt der nem Leben hält er einen Geldschein in auf*. Slogan für das neue Samsung-Smartphone. der Hand. So verschafft er sich Mitfahr- Shin versucht 2009, sich in den USA Südkorea ist eine Demokratie, aber eine gelegenheiten auf Lastwagen. Shin hat eine neue Existenz aufzubauen. Er lernt, ellenbogengesteuerte, die nichts übrig hat keine Ahnung, wie weit entfernt China wie er sagt, „lauter nette Menschen ken- für Verlierer. Shin hat die Jeans mit dem ist, aber von Park weiß er: Es gibt eine nen“, auch eine junge Frau, mit der er schwarzen Anzug getauscht, seine rote Grenze, die man mit Hilfe von Beste- zusammenzieht. Doch die Beziehung Festtagskrawatte angelegt. Ihm ist die Viel- chungsgeldern eventuell passieren kann. scheitert, und bald gehen ihm die Men- falt der Zerstreuungsmöglichkeiten in Der Überlebenskünstler legt in Etap- schenrechtsgruppen, die ihn für Vorträge Seoul noch suspekt. „Man kann so viel pen fast 600 Kilometer zurück, schlittert einspannen, gewaltig auf die Nerven – sie unternehmen in dieser Stadt, denke ich eines Abends über den zugefrorenen wollen, dass er „das Gesicht Nordkoreas“ oft. Und bleibe dann lieber in meinem klei- Grenzfluss Tumen. Auch in China muss wird, sie wollen mit seiner Hilfe Spenden nen Zimmer, zu dem außer mir niemand er sehr vorsichtig sein, Republikflüchtlin- eintreiben. Zutritt bekommt.“ Freundschaften zu ge werden von dort, wie er erfährt, in Er soll erzählen, wie es im Gulag war. schließen fällt ihm weiterhin schwer. der Regel nach Nordkorea zurückge- Das will er nicht, davor muss er sich schüt- So schlimm es damals war, in den Ta- schickt. Aber die Bauern der Provinz Jilin zen. Denn mit der Freiheit kommt lang- gen dieser erzwungenen Unmündigkeit – haben kaum Interesse, die Flüchtlinge zu sam die Erkenntnis: „Ich habe mich schul- manchmal sehnt er sich, wie unglaublich verraten; sie nutzen sie auf ihren Höfen dig gemacht.“ Bis heute plagen ihn es auch klingen mag, zurück nach der als günstige illegale Arbeitskräfte. Shin Alpträume, die Dämonen aus dem KZ Zeit der Klarheit, nach den absoluten, kei- schlägt sich in die großen Städte durch, kehren zurück: „Jede Nacht schrecke ich nen Widerspruch duldenden, keine Spiel- nach Peking und Shanghai, wo er sich schweißgebadet auf. Sehe meinen Vater, räume erlaubenden Gulag-Regeln. Als er mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. wie sie ihn blutig schlagen – ich weiß das alles noch nicht kannte: Verrat, Ver- Und dann wieder so ein Glücksfall: nicht, ob er meine Flucht überlebt hat antwortung und ein Gewissen, das pei- Eine Zufallsbekanntschaft schleust Shin oder ob sie ihn zu Tode gequält haben.“ nigt. Als er ohne jegliche ethische Maß- ins südkoreanische Konsulat von Shang- Bis in den Abend hinein erzählt Shin, stäbe lebte, schuldlos, schamlos dahin- hai ein. Er wird nach Seoul ausgeflogen lange ist das Dessert schon abgeräumt. vegetierte: ein Wolf unter Wölfen. und vom dortigen Geheimdienst in die Er ist dem Gefängnis entwichen, aber das Er bewältigt den Auftritt in der pres- Mangel genommen. In einem für Flücht- Gefängnis nicht aus ihm: ein emotionaler byterianischen Seongkyeaol-Kirche im linge eingerichteten Betreuungszentrum Krüppel, der den Selbsthass bisher erfolg- Studentenviertel so recht und schlecht. bereiten ihn Psychologen, Berufsberater los bekämpft. Small Talk kommt ihm so Er präsentiert zwischen Gospelgesängen und Lehrer auf ein Leben im Kapitalis- banal vor, alles scheint ihm manchmal an der Seite einer glamourösen Fernseh- tenland vor. wie eine Zeitverschwendung, Glück eine moderatorin vor einer betagten Gemein- Er lernt Wörter wie „Kreditkarte“ und Selbstsucht. Aber er möchte, dass der de ein Programm von Kurzfilmen über „Cocktail“, erfährt, wozu Plastikgeld und Gast aus Deutschland ihn am folgenden die Menschenrechtsverletzungen Nord- Partydrinks dienen sollen. Aber er hat Tag begleitet, zu einem seiner seltenen koreas. Der Text ist vorgeschrieben, er lange Schwierigkeiten, sich zu konzen- öffentlichen Auftritte: zu einem Kirchen- liest ab, will anschließend mit keinem trieren, bricht Lehrstellen ab, kann keine konzert, einer Messe für Nordkorea. sprechen. Auch nicht mit dem Pastor. Verantwortung übernehmen. Die finan- Shin Dong-hyuk sagt zum Abschied: ziellen Zuwendungen der Regierung en- * Blaine Harden: „Escape from Camp 14“. Viking, New „Dieses Konzept eines gütigen, barmher- den nach wenigen Jahren. Shin driftet so York; 224 Seiten; 26,95 Dollar. Die deutsche Ausgabe zigen Gottes – es ist nicht meines. Noch durchs Leben. Bis er Blaine Harden erscheint Ende August als SPIEGEL-Buch bei DVA. nicht. Aber ich arbeite daran.“ D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 99
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    Ausland DUBAI Die Hexer von Terminal 3 Dubais Flughafenpolizei hat den Kampf GLOBAL VILLAGE: gegen die schwarze Magie aufgenommen. D ie beiden Reisenden vom Flug entwickelter Hexenkult, dessen Rituale Aufsichtsbehörde für Islamische Angele- Emirates 766 aus Johannesburg meist unbekleidet durchgeführt werden. genheiten sagt, sie erhalte regelmäßig An- hatten keine Ahnung, dass schon Man sieht einen Katalog mit Fotos wei- rufe von Bürgern, die glauben, verhext länger ein Fluch auf ihnen lag. So pas- ßer Rinder, die nach Zahlung einer Sum- zu sein, oder Hilfe durch Hexerei erbäten. sierten sie Mitte Juni arglos und vor- me in Benin oder Orissa oder sonst wo In Bahrain wurde ein Gesetz gegen Zau- schriftsmäßig Passkontrolle, Iris-Check geopfert werden könnten. Man sieht Kup- berei und Hexerei verabschiedet. und Visa-Ausgabestelle im Internationa- ferfolien, in die winzige Zeichen geritzt Zwei Afrikaner vertrieben in Dubai ei- len Flughafen Dubai. Erst als ihre Roll- sind, Botschaften an den Satan, wie sich nen Apparat mittlerer Größe, der angeb- koffer sich, kurz vor dem Ausgang von schnell in der Zollabteilung herumsprach, lich Geld verdopple. Auch hatten sie vor- Terminal 3, aus dem letzten Durchleuch- weshalb Mitarbeiter – je nach Konfes- übergehend Erfolg mit „verhextem Geld“, tungsapparat herausschoben, bat die Zoll- sion – sich bekreuzigten oder nach der schwarzen Papierzetteln, auf denen Dol- beamtin sie zur Seite und ordnete eine Gebetskette griffen, wenn sie an der As- larzeichen gedruckt waren. Sie sammel- manuelle Nachuntersuchung an. servatenkammer vorbeigingen. ten Geld ein für ein Pulver, das den Fluch Es war der böse Blick des Dubai-Zolls, „Krank“ sei das alles, sagt der zustän- lösen würde. Die Männer wurden nach der ihnen gefolgt war, seit ihr Gepäck dige Beamte. Und zeigt auf einen Flüs- einer Undercover-Operation festgenom- vor Wochen, bei der letz- men, das Zauberpulver ließ ten Dubai-Reise, unbe- sich als Weizenmehl iden- merkt in der Transitzone tifizieren. durchleuchtet worden war, Im Emirat Schardscha mit Geräten deutscher Pro- versprach ein arabischer duktion, und man kleine Medizinmann, mit der Be- Mengen von Zutaten für schaffung von Ehemännern schwarze Magie ausge- behilflich zu sein. Einen macht hatte – für den pri- Tag später begann in Dubai vaten Gebrauch, gewiss, ein Prozess gegen einen doch standen die beiden Mann aus dem Tschad, der seit damals auf der Beob- angekündigt hatte, 250 Mil- achtungsliste des Zolls von lionen Dollar vom Himmel MARTIN VON DEN DRIESCH / DER SPIEGEL Dubai, unentrinnbar, wo regnen zu lassen. sie auch waren. Hexer werden in den Die zweite Untersu- Emiraten als Betrüger mit chung lohnte sich: „Die Gefängnis bis zu einem Inspektoren fanden eine Jahr bestraft. Die sicherge- große Menge an Wicca-Li- stellten Zauberartikel lässt teratur, Talismanen und man, ähnlich wie Drogen, Gegenständen, die gewöhn- in speziellen, der schwar- lich bei Hexerei und Zau- Zollbeamte mit Fundstücken: Gazellenfell und Liebestränke zen Magie vorbehaltenen berei Verwendung finden“, Behältern verbrennen. konnte Ali al-Maghawi be- Dogmatisch schwierig ist kanntgeben, der oberste die Haltung zur Zauberei, Zolldirektor am Flughafen. Die Aussage sigkeitsspender neben dem Raum: „Sie weil auch in der islamischen Tradition der beiden Männer, Handelsreisende der können sich jetzt die Hände desinfizie- von Dschinn die Rede ist, bösen Geistern, Firma Alhaj Syed Naqibul Ameen Qasmi ren.“ Man kann nie wissen. die man im Zweifel austreiben muss. Un- aus Ostindien zu sein, ließ Maghawi nicht Dieser Vorgang sei, so Ali al-Maghawi, ter den konfiszierten Magie-Artikeln von gelten. eine höchst „gefährliche Erscheinung, die Flug 766 fand sich unter anderem eine Mehr als 1200 Zauber-Accessoires wur- die Sicherheit des Gemeinwesens be- Schrift über den Propheten Suleiman. Im den bei den beiden sichergestellt, sie droht“. Zumal die beiden Hexer von Emi- Nachbarland Saudi-Arabien werden über- liegen im Besprechungszimmer des Flug- rates 766 keineswegs ein Einzelfall sind. führte Hexer geköpft, sicherheitshalber. hafenzolls. Zauberspruchlisten, Hexen- Im vergangenen Jahr wurden 92 Schmug- Traurig sei, so Zolldirektor Maghawi, pulver, Ringe, Messer, Kummerperlen, gelversuche von Zauberzubehör aufge- dass vor allem der Aberglaube von Ar- Tinkturen zum Verschwinden- oder Er- deckt, 16 allein im ersten Quartal 2012, men ausgenutzt werde. Sie glauben, dass scheinenlassen, Liebestränke und Zutaten und man kann sich vorstellen, wie hoch sich Geld in Dubai wundersam vermehre, wie Fingernägel, Ampullen mit Menstrua- die Dunkelziffer liegt. geben ihr Erspartes windigen Gestalten, tionsblut, ein Gazellenfell, ein Schulter- Das Phänomen ist in der ganzen Golf- die von sagenhaften Immobiliengewin- knochen, Gummiharzpuder, Blätter und region zu beobachten. Dort, wo sehr ein- nen raunen, von Fonds und Bonds und ein Klebestift der Marke Eko-Stick. fache Menschen aus Indien, Pakistan, tollen Jobs, und plötzlich macht es Und Wicca-Literatur. Ein neuheidni- Ostafrika oder den Philippinen auf ihr plopp – und alles war nur fauler Zauber. scher, von dem Briten Gerald Gardner Glück warten. Also überall. Die hiesige ALEXANDER SMOLTCZYK 100 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Szene L I T E R AT U R Gesucht: ein Mörder und sein Autor Die Kunst, die Werbepoesie eines Tou- rismusprospekts mit einer Krimi-Hand- lung zu kombinieren, hat der Autor Jean-Luc Bannalec nicht erfunden. Er treibt sie in seinem Debütroman „Bre- tonische Verhältnisse“ allerdings zu einer Stilblütenpracht, die man für Iro- nie halten möchte. In Bannalecs Ge- schichte, die in der schönen Bretagne spielt, lesen wir Sätze wie diesen: „Concarneau, die prächtige ,Blaue Stadt‘, wie sie ob der leuchtend blauen Fischernetze, die im letzten Jahrhun- dert die Quais gesäumt hatten, noch heute hieß, strahl- te.“ Mit ähnlich be- tulichem Charme geht die Reise wei- ter in das nahegele- YU YOUHAN / COURTESY: SIGG COLLECTION gene Dorf Pont- Aven, wo im 19. Jahrhundert Paul Gauguin malte. Dort soll, in einer Jean-Luc naturgemäß „maleri- Bannalec schen“ (Bannalec) Bretonische Gegenwartswelt, Verhältnisse Kommissar Georges Verlag Kiepenheu- Dupin einen Mord Gemälde „Chairman Mao in Discussion with the Peasants of Shaoshan“, 1999, von Yu Houhan er & Witsch, Köln; 304 Seiten; aufklären. Dupin ist 14,99 Euro. so schrullig wie sei- MUSEEN ne italienischen Kol- Chinesisches Herz legen Montalbano und Brunetti zusammen und so grob- schlächtig wie sein Ahnherr Maigret obendrein, er hat einen Kaffeetick und nicht allzu viel Mühe herauszufinden, Es soll die erste ernstzunehmende museale Schaufläche für Gegenwartskunst in wer den 91-jährigen Hotelier abge- China werden, und fast alles daran ist europäisch. Der Entwurf für das Museum murkst hat, der eines Morgens tot in M+, das bis 2017 in Hongkong entstehen soll, ist Teil eines Masterplans des briti- seiner Bar liegt. „Bretonische Verhält- schen Architekten Norman Foster. Gründungsdirektor ist der Schwede Lars Nittve, nisse“ ist ein heiter durchsonnter, span- erster Leiter der Tate Modern in London, Chefkurator wird der Deutsche Tobias nungsfreier Wer-war’s?-Krimi für Bre- Berger sein. Und der wichtigste Mäzen ist ein Schweizer. Aber ebendieser Mann tagne-Liebhaber. Auch dank freundli- sorgt dafür, dass M+ doch so etwas wie ein chinesisches Herz bekommt: Uli Sigg cher Kritiken hat er es in die SPIEGEL- ist Unternehmer, Berater, ehemaliger Botschafter der Schweiz in Peking und der Bestsellerliste geschafft. Das hat die bekannteste Sammler chinesischer Gegenwartskunst. Jetzt hat er der neuen Insti- Detektive des „Welt“-Feuilletons ange- tution 1463 Werke im Wert von spornt zu fragen, wer sich hinter dem mehr als hundert Millionen Euro Pseudonym Bannalec verbirgt. Die geschenkt, davon 26 von Ai Weiwei, „Welt“ vermutet, es sei Jörg Bong, 46, dem in seiner Heimat so drangsa- Leiter des S. Fischer Verlags, und will lierten Weltstar. 47 weitere Werke AI WEIWEI / COURTESY: SIGG COLLECTION ihm, falls er es ist, verbieten, wie bis- hat Sigg an M+ für 18 Millionen her „gegen die Kommerzialisierung Euro verkauft. Er sagt, sein Konvo- des Buchhandels zu Felde zu ziehen“. lut gebe die Richtung vor, dass „der Das ist voreilig, bietet der Autor Ban- Fokus des Hauses nun auf zeitge- nalec doch nicht nur ein kommerz- nössischer chinesischer Kunst liegt“. fixiertes Ferien-Sparpaket: Hier hat Durch seine Sammlung auf diesem der Leser Reiseführer und Einschlaflek- Gebiet erreiche es einen „Spitzen- türe in einem. Bong und der Verleger platz, den ihm keine andere Insti- des Buches übrigens verweigern die tution streitig machen kann“. Sigg neben Ai-Weiwei-Werk „Newspaper Reader“ Aussage zu einer etwaigen Autorschaft. 102 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Kultur ÖKONOM I E schen so Waren, Dienst- leistungen und Know- Geld und Gut how. SPIEGEL: Soll das eine neue Währung für ganz Der griechische Regis- Kreta werden? seur Alex Macheras, 33, Macheras: Nein, der Kae- über die neue Währung reti ist eine regionale Kaereti auf der Insel Ergänzung, wie bei euch Kreta die Regiowährung Chiemgauer. Er hat sich SPIEGEL: Herr Macheras, von unserem Ort Ierápe- PEPI LOULAKAKI eigentlich inszenieren tra auf die Umgebung Sie modernes Theater. Macheras ausgedehnt. Es gibt auch Derzeit aber propa- andere, ähnliche Netz- gieren Sie eine virtuelle werke auf Kreta. Die Tauschwährung mit dem Namen Kae- Leute haben sich daran gewöhnt, also reti. Warum? gibt es einen Bedarf. Macheras: Wir haben den Kaereti er- SPIEGEL: Kann man Kaereti-Millionär schaffen, weil es hier bei uns einen Man- werden? gel an Geldfluss gab. Es gab landwirt- Macheras: Das wäre völlig zwecklos. schaftliche Produkte, es gab Dienstleis- Der Nutzen der Tauschwährung be- tungen, aber zu wenig vom Tauschmit- steht im Handel, der Kaereti verzinst tel Geld, also zu wenig Euro. Die Leute sich nicht. Vom Gebrauchswert abgese- sind arm. Der Kaereti wurde erfunden, hen, den man aus den Produkten und damit man Dienste und Produkte wie- Dienstleistungen gewinnt, besteht der der tauschen konnte. „Kaereti“ bedeu- Sinn der Sache in der Erfahrung von tet Nutzen durch eine kleine Hilfe. Solidarität und Zugehörigkeit sowie in SPIEGEL: Wie funktioniert das System? der Kommunikation zwischen den Macheras: Auf unserer Website wer- Menschen. Bis in die sechziger Jahre, den die Rechnungen jedes Teilneh- als es auf Kreta auch nicht genügend mers wie bei einer Bank erfasst. Ein Geldumlauf gab, war das Olivenöl Kaereti entspricht einem Euro. Wer et- eine Art Währung. Wegen seiner Halt- was kauft, zahlt Kaereti auf sein Kon- barkeit und des Gebrauchswerts taug- to, wer etwas bekommt, dem schreibt te es dafür; manche haben ihre Miete man Kaereti gut. Der Kontostand des damit bezahlt. Dieser „Ölstandard“ Käufers wird zugunsten des Verkäu- kommt heute wieder in Gebrauch, üb- fers vermindert. Knapp 500 Leute tau- rigens auch mit Honig. KINO IN KÜRZE „Dein Weg“ erzählt von einem kaliforni- schen Arzt (Martin Sheen), der das letzte Projekt seines verstor- benen Sohnes fortführt: Er pilgert auf dem Ja- kobsweg. Sogar dem Zuschauer fangen die Sohlen an zu brennen, wenn sich der schweig- KOCH MEDIA same Held verbissen Sheen in „Dein Weg“ über Stock und Stein kämpft. Doch nach und nach überwindet der verwaiste Vater durch die unaufhörliche Bewegung die Star- re der Trauer. Er öffnet sich wieder für die Welt und die Menschen um ihn herum, die alle ihre Probleme mit nach Spanien genommen haben und hoffen, dass sie mit jedem zurückgelegten Kilometer ein wenig leichter zu tragen sind. Regisseur Emilio Estevez, der Sohn von Hauptdarsteller Sheen, zeigt in seinem schönen, berührenden Film, wie die Füße das Herz und das Hirn aus der Umklammerung eines lähmenden Gefühls befreien können. Aber er lässt den Be- trachter auch spüren, wie elend lang so ein Pilgerweg ist. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 103
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    Kultur ANNA SCHORI / DER SPIEGEL Star Koons in seinem New Yorker Atelier vor einem Bild aus der Serie „Antiquity“: Verneigung vor sich selbst 104 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    KUNST Moderne Antike Jeff Koons lässt sich in Frankfurt am Main mit einer Doppelschau würdigen. Der Künstler will beweisen, dass er es mit allen aufnehmen kann: mit den Bildhauern des Hellenismus und mit dem eigenen pornografischen Frühwerk. D as Atelier von Jeff Koons sieht aus Im Zuge seiner eigenen Renaissance, wie eine große Garage. Flach und seiner Wiederentdeckung der Antike, hat harmlos breitet es sich im unteren, Koons etwa die Figur des Diskuswerfers an dieser Stelle etwas trostlosen Teil von neu erfunden. Der Körper ist klassisch, Manhattan aus. Drinnen bahnt sich eine die Oberfläche – metallisch und blau – Krise an. Koons droht unterzugehen, zu- ist es nicht. Sobald sich der Betrachter mindest optisch. im Raum bewegt, verändern sich die Spie- Eine Fotografin will Porträts von ihm gelungen des Lichts auf den Muskeln. machen. Koons nimmt sich Zeit, Bilder Koons gefällt das. So simpel, so effektvoll. sind ihm wichtig. Er kommt auf die Idee, Auf der Leinwand stellt sich sein Spiel sich hinter den giftgrünen, muskulösen mit antiken Mythen und Schönheitsidea- Oberkörper einer seiner „Hulk“-Skulp- len unter anderem so dar: Eine kaum be- turen zu stellen. Sein eigener Kopf soll kleidete Frau küsst einen aufblasbaren hinter den Comic-Schultern hervorragen. Gummi-Affen und sitzt dabei auf einem Auf Fotos wirkt Koons ja immer wie je- aufblasbaren Kunststoff-Delphin. Die mand, der zu einem Spaß aufgelegt ist. übergroßen Bilder dieser Reihe sind foto- Doch ohne Hocker oder Kiste oder ir- realistisch und doch seltsam künstlich, gendetwas anderes, worauf er sich stellen fast surreal. kann, verschwindet er hinter seiner eige- Es sind Gemälde, die an diesem Tag nen Kunst. Das scheint ihn zu ärgern. in seinem Atelier in New York noch ent- JEFF KOONS Vielleicht stört ihn auch nur, dass seine stehen. An den vielen Leinwänden arbei- Mitarbeiter das Problem noch nicht er- ten mehrere Leute gleichzeitig, manch- kannt haben. Koons-Büste „Bourgeois Bust“, 1991 mal malen sie ein bis zwei Jahre und Sein suchender Blick und einige geflüs- Schock für die Mittelschicht haben doch nie genug Zeit. Jeder Strich, terte Worte reichen. Koons ist gut darin, jede Nuance muss stimmen, jeder ge- Befehle zu erteilen und sie wie Bitten andere Teil wird im Liebieghaus zu sehen staltete Quadratmillimeter muss Koons klingen zu lassen. Irgendjemand bringt sein, einem Museum für Skulpturen von gefallen. nach ein, zwei Minuten – also nach einer der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Es hat Koons ist jetzt 57 Jahre alt, er wollte Ewigkeit – Holzklötze. Koons gereizt, hier seine eigene Bild- von Beginn seiner Karriere an mehr Star Etwa hundert Angestellte sind für ihn hauerei unterzubringen. Er reduziert als Künstler sein. Er hat viel Geld inves- tätig. Sie setzen die Ideen ihres Chefs am Kunst gern auf Schlüsselreize – und er tiert in die Strahlkraft seiner Kunst, in Computer in digitale Vorlagen um. Und mag es, wenn die Kunstgeschichte die ihre perfekte Verarbeitung, in sanft schim- sie sind es, die diese Entwürfe mit dem Wirkung seiner Werke, die im Grunde mernde oder extrem glänzende Oberflä- Pinsel auf Leinwände übertragen oder sie alle bewusste Geschmacklosigkeiten sind, chen. Ein früher Klassiker aus den acht- in Skulpturen verwandeln. Ein enormer verstärkt. ziger Jahren ist die Porzellanfigur in Gold Aufwand. Die zwar kopflose, ansonsten aber sehr und Weiß, die Michael Jackson mit sei- Seine Werke aber erwecken stets den erotische Porzellanfigur einer Frau in der nem Schimpansen Bubbles darstellt. Oft Eindruck, Kunst sei etwas Unkomplizier- Badewanne hat er beispielsweise vor ein ist die Rede davon, dass Künstler die an- tes. Genau das hat ihn zu einem der be- Renaissance-Werk aus dem Museum ge- geblich tote Malerei wiederbelebt haben. rühmtesten Künstler der Welt gemacht. stellt: vor ein Altar-Relief von Andrea Dabei war das Genre der gegenständli- Seinen Ruhm will er nun noch steigern. della Robbia. Das Material ist ähnlich, die chen Skulptur noch toter, aber Koons war In Europa hat er in diesem Sommer blau-weiße Glasur auch. Die Motive aber ihr einziger Retter weit und breit. gleich zwei große Auftritte. Eine Ausstel- stoßen sich gegenseitig ab. Anfang der Neunziger überraschte er lung hat im Mai in Basel begonnen und Zum ersten Mal präsentiert Koons in die Welt mit Bildern und Objekten der ist im Grunde eine Retrospektive. In Frankfurt auch Gemälde und Plastiken Serie „Made in Heaven“, einer Art auto- Frankfurt startet in dieser Woche eine seiner neuen Serie „Antiquity“. Er hat biografischem Porno. Nicht zum ersten Doppelschau mit über 90 Werken. Eine sich oft von der Kunst der Vergangenheit Mal war er sein eigener Hauptdarsteller, gigantische Inszenierung. inspirieren lassen, von Barock und Roko- doch dieses Mal zog er sich aus. Der eine Teil der Schau findet in der ko. Nun ist er in der Antike angekommen. Er posierte, und seine damalige Gelieb- Kunsthalle Schirn statt. Dort lässt sich Und wenn er über Praxiteles, den bedeu- te Cicciolina, eine nach Italien übergesie- der Amerikaner als Maler würdigen – tenden Bildhauer des 4. Jahrhunderts vor delte Ungarin, Politikerin im römischen oder zumindest als jemand, der ein- Christus, spricht, hört sich das an, als re- Parlament und außerdem Ex-Pornodar- drucksvolle Gemälde herstellen lässt. Der dete er von einem Freund. stellerin, posierte mit. Koons ist in der D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 105
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    Kultur kannte, ich könnte Teil von etwas sein, was phantastisch ist, absolut phantastisch.“ Der junge Künstler beschloss, eine neue Ikonografie des Begehrens zu ent- wickeln. Duchamp, der Dadaist, wurde eine Inspiration. Die Venus von Willen- dorf, diese kleine, 25 000 Jahre alte Ur- figur der Fruchtbarkeit, eine andere. JEFF KOONS / FOTO: NORBERT MIGULETZ Er selbst stellte fabrikneue Staubsauger aus, wie sie sich die Hausfrauen seiner Kindheit wünschten, er zeigte schließlich Cicciolina. Die Begierden der Mittel- schicht eben. Inzwischen hat er sogar die Willendorf-Venus auf seine Weise inter- pretiert, als imposant große „Balloon Ve- nus“ in buntem Metall. Heute ist er, gemessen an Auktions- ergebnissen, der teuerste lebende Künst- ler der Welt. Vor ein paar Jahren brachte eine Riesenblume 25,8 Millionen Dollar ein. Auch da verkörpert er den Traum der Mittelschicht, er hat es geschafft, er ist der Kunst gewordene Ehrgeiz. Einer seiner wichtigsten Förderer und Sammler lebt in Athen, es ist der grie- chisch-zypriotische Industrielle Dakis Joannou. Koons nennt ihn einen Freund, JEFF KOONS FOTO: MARKUS TRETTER er hat auch dessen jüngste Yacht gestaltet, ANNA SCHORI / DER SPIEGEL hat ihr einen – sehr auffälligen – Tarn- anstrich verpasst. Dass dieses Boot „Guil- ty“, also „Schuldig“, heiße, sei Teil von Joannous Selbstironie. Der habe schon einmal eine Yacht „Donald Duck“ ge- tauft. Koons-Werke*, Künstler Koons vor unvollendeter Skulptur: Lauter Geschmacklosigkeiten Die ganze „Antiquity“-Serie ist also seine Verneigung vor sich selbst, aber amerikanischen Provinz aufgewachsen, er sind beinahe so berühmt wie Bilder von auch vor Griechenland, dieser alten Hoch- entstammt der Mittelschicht, und er weiß Andy Warhol. kultur, die vor mehr als 2000 Jahren genau, wie man dieses Milieu sowohl scho- Sein Lieblingsthema ist die menschli- schon einmal für immer untergegangen ckieren als auch faszinieren kann. che DNA, die Geschichte der Menschheit, zu sein schien. Koons liebt Griechenland, Cicciolina und er haben geheiratet, sie überhaupt die ganze Sache mit der Fort- er fährt im Sommer gern dorthin, nur bekamen einen Sohn, den sie Ludwig pflanzung, das Große und Ganze eben. nicht dieses Jahr, wegen der anstehenden nannten und als ihre „biologische Skulp- „Das biologische Narrativ“, so nennt er Geburt seines achten Kindes. tur“ vorstellten. Sie ließen sich scheiden, es. Er glaube an nichts, außer an die Ver- Viel mag er zu diesem Land, zu seinen führten einen langen Rosenkrieg. In der breitung von Genen – und daran, dass aktuellen Problemen nicht sagen. Koons Kunstgeschichte sind sie aber nicht mehr wir trotz der Biologie, die in uns einge- lebt in der Gegenwart, aber noch mehr voneinander zu trennen. Koons’ Welt- schrieben ist, immer die Freiheit hätten, in der Ewigkeit der Kunst. Seine Skulp- ruhm basiert auf dem riesigen Konvolut uns zu entscheiden, wer wir sind und was turen sind vorsichtshalber so konstruiert, von „Made in Heaven“, auf all diesen Dar- wir wollen. Auch seine Thesen klingen dass sie wahrscheinlich auch in ein paar stellungen von Küssen und Kopulationen. surreal. Jahrtausenden noch fabrikfrisch wirken. Seine Frankfurter Serie „Antiquity“ ist Jeder junge Künstler entwickle seine Vor 20 Jahren, in seinen strahlenden nun auch der Versuch, an alte Zeiten an- eigene Ikonografie, das sagt Koons eben- Made-in-Heaven-Jahren, schuf Koons aus zuknüpfen. Zwar haben die Bilder diesmal falls. Bei ihm sei das einst gewesen wie Blumen einen zwölf Meter hohen Schoß- nichts Pornografisches, sie sind höchstens bei einem Auto, das man bei kaltem Wet- hund und stellte ihn ins hessische Arolsen. erotisch, aber die Hauptfigur seiner Werke ter zu starten versuche, man probiere und Es wurde die Kunstsensation des Som- erinnert an Cicciolina, derselbe Unterwä- probiere, und irgendwann springe der mers 1992. Manche verstanden die Aktion sche-Look, dieselbe Frisur, allerdings sind Motor an. als Versuch, der zeitgleich laufenden die Haare diesmal schwarz statt blond. Gezündet hat es dann an der Kunst- Documenta in Kassel Konkurrenz zu Jedes einzelne Werk dieser Serie soll schule. Ein Professor zeigte die Abbil- machen. zeigen, dass er es mit seinem eigenen dung eines Aktes von Edouard Manet, Im Documenta-Jahr 2012 ist er wieder Frühwerk ebenso wie mit der Antike auf- die legendäre „Olympia“. Koons habe in der Gegend. nehmen kann, dass er beides wie neu aus- durch diese Ikone des Impressionismus Koons streitet gar nicht ab, alles mit- sehen lassen kann. Und dass er immer erkannt, so schildert er es, dass in der bedacht zu haben. Er sagt, er möge die noch das größte Ego der Kunstwelt be- Darstellung von Nacktheit alles an Vorstellung, dass viele Leute aus der sitzt, dass er sogar ein ästhetisches Über- Themen enthalten sein könne: Sozio- Kunstwelt in Europa sein werden. Erst Ego ist. Fast jeder kennt seine Werke, sie logie, Philosophie, Theologie, sogar Phy- zur Documenta in Kassel, dann zur Kunst- sik und vieles mehr. messe in Basel. Ganz kurz wirkt es so, * „Balloon Venus“ (o.), „Woman in Tub“ (r., 1988) vor Dann folgt wieder der typische Koons- als lächle er. einem Altar von della Robbia. Slang: „Alles an mir öffnete sich, ich er- ULRIKE KNÖFEL 106 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    ETHIK Anna und wir Forscher werden bald routinemäßig das Erbgut eines Ungeborenen auf genetische Defekte hin untersuchen können. Die Zahl der Abtreibungen wird steigen. Eine Reihe von Autoren fordert nun in neuen Büchern, unser Verhältnis zum Anderssein zu überdenken. S ie hatte einen normalen zu ihr als peinlich, als abstoßend Tag als Lehrerin hinter sich, empfanden. unterrichten, vorbereiten, Das Buch stellt wichtige Fra- korrigieren. Am Abend setzte gen: Warum ist es nach wie vor sich Sigrid Falkenstein an den unangenehm, sich mit Behinder- Computer. Sie wollte entspan- ten zu beschäftigen – so unange- nen. nehm, dass wir uns mit beinahe Heute, neun Jahre später, allen Facetten der NS-Verbre- kann sie nicht mehr sagen, war- chen befasst haben, aber kaum um sie damals den Namen Anna mit der Euthanasie? Denken wir Lehnkering eingegeben hat. Ihre heute wirklich so vollkommen Großmutter hieß so und eine anders über Behinderte, über Tante, aber von der Tante wuss- psychische Krankheiten, über te sie fast nichts, außer dass sie das Nicht-Perfekte? jung und während des Zweiten Vor zwei Wochen haben For- Weltkriegs gestorben war. Es scher einen neuen Test vorgestellt, gab ein Foto von dieser Tante, mit dem es Ärzten in Zukunft Sigrid Falkenstein hatte es ge- möglich ist, sämtliche Gene eines erbt und in ihrem Haus auf- Ungeborenen auf Auffälligkeiten gehängt, einfach so, weil es ihr zu überprüfen, ohne dafür in den gefiel. Mutterleib einzugreifen. Bioethi- Jedenfalls gab sie den Namen ker befürchten, dass der Druck ein, klickte eine Website an, und auf werdende Eltern steigen wird, danach spürte sie eine Weile sich schon während einer Schwan- nichts mehr: kann nicht sein, das gerschaft mit möglichen Be- war es, was sie dachte. hinderungen zu befassen. Viele Ihre Tante sei deportiert glauben, dass es noch mehr Ab- worden und vergast, weil sie treibungen geben werde. Bisher SIGRID FALKENSTEIN PRIVATARCHIV geistig behindert gewesen sei, konnten Ärzte über die lange stand auf der Website. Ein schon übliche Fruchtwasserunter- Euthanasie-Opfer. „Euthanasie“ suchung vor allem das Down- bedeutet „schöner Tod“, und so syndrom erkennen. 90 Prozent nannten die Nazis ihre systema- der Ungeborenen mit dieser Dia- tischen Morde an all jenen, die gnose werden abgetrieben. sie für nutzlos hielten, weil sie Wir müssen nachdenken über geistig oder körperlich behindert Euthanasie-Opfer Anna 1918: Schwierigkeiten mit dem Lernen unser Verhältnis zum Anders- waren oder psychisch krank. sein, das legt nicht nur dieses Am folgenden Tag rief Sigrid Falken- für Euthanasie-Verbrechen. Gemeinsam Buch nahe, das fordern auch weitere Au- stein ihren Vater an. Sie erzählte ihm, mit dem Aachener Psychiatrieprofessor toren. Die 25-jährige Maria Langstroff, was sie über seine Schwester erfahren hat- Frank Schneider hat die 65-Jährige ein die an einer schweren Muskelerkrankung te. Der Vater reagierte verwirrt. Er sagte, Buch geschrieben: „Annas Spuren“, die leidet, nur noch ihren Kopf und ihren seine Schwester sei „lieb“ gewesen, sie Rekonstruktion des Lebens ihrer Tante*. rechten Arm bewegen kann und in einem habe „mit dem Lernen“ Schwierigkeiten Es ist ein Sachbuch geworden, mit päd- abgedunkelten Heimzimmer lebt, ist Au- gehabt, aber sonst sei sie normal gewesen. agogischem Unterton, aber berührend. torin des Buches „Mundtot!?“ (Schwarz- Nein, von einer Behinderung, einer De- Es stattet die Hauptperson mit einer Wür- kopf & Schwarzkopf Verlag), in dem sie portation, von Mord wisse er nichts. de aus, die ihr zu Lebzeiten nie zu- beschreibt, wie hilflos, wie seltsam, wie In den kommenden Jahren fand Sigrid erkannt worden ist und die nun dazu gemein sich die Gesunden ihr gegenüber Falkenstein heraus, dass nichts normal ge- führt, dass der Leser sich mit einer verhielten. wesen ist im Leben ihrer Tante, im Leben Behinderten identifiziert, einer Person, Die SPIEGEL-Bestsellerliste wurde ihrer Familie. die an den Rand der Gesellschaft geriet, wochenlang angeführt von der Autobio- Nun sitzt sie in Berlin in der Gedenk- weil Verwandte, Ärzte, Lehrer die Nähe grafie des an den Rollstuhl gefesselten stätte „Topographie des Terrors“. Ein Franzosen Philippe Pozzo di Borgo (Han- Raum ist für sie reserviert. Sie ist hier be- * Sigrid Falkenstein, Frank Schneider: „Annas Spuren“. ser Berlin Verlag), auf dessen Lebensge- kannt, gilt inzwischen als Spezialistin Herbig Verlag, München; 192 Seiten; 17,99 Euro. schichte einer der erfolgreichsten Filme D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 107
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    geläufige Begriff fürTrinker. Viele Ärzte glaubten, Alkohol schädige das Erbgut. Die Nazis, ab 1933 an der Macht, griffen Ideen der „Rassenhygiene“ auf, die schon lange kursierten. In der Schule lernten Kin- der Rechenaufgaben: „Der jährliche Auf- wand des Staates für einen Geisteskranken beträgt im Durchschnitt 766 RM, ein Krüp- pel kostet 600 RM. In geschlossenen An- stalten werden auf Staatskosten versorgt: 167 000 Geisteskranke, 8300 Taube und Blinde, 20 600 Krüppel. Wie viel Mill. RM kosten diese Gebrechlichen jährlich? Wie viel erbgesunde Familien können bei 60 RM durchschnittlicher Monatsmiete für die- se Summe untergebracht werden?“ Am 14. Juli 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Nach und nach wollten die SENATOR FILM Nazis die gesamte deutsche Bevölkerung „erbbiologisch“ erfassen. „Erbgesund- heitsgerichte“ urteilten aufgrund von Film-Thema Behinderung*: Würde des Einzelnen „Sippentafeln“, wer aus einer „erbmin- derwertigen“ Familie sterilisiert werden des Jahres beruht: „Ziemlich beste Freun- Wie weit Menschen in ihrer Abwehr sollte. Jeder Arzt war verpflichtet, „erb- de“, eine Komödie, die ebenfalls vor- gehen können, haben die Nazis gezeigt. kranke“ Patienten anzuzeigen. Bis 1945 führt, wie verkrampft sich die meisten Doch Sigrid Falkenstein schildert in ihrem wurden etwa 360 000 Menschen zwangs- Gesunden einem Kranken gegenüber ver- Buch über ihre Tante Anna, dass ein sol- sterilisiert, auch Anna. Sie musste dafür halten, gerade dann, wenn sie nett sein cher Vernichtungsapparat nur dann funk- ins Evangelische Krankenhaus in Mül- wollen. tionieren kann, wenn er sich die Scham heim an der Ruhr. Ein Arzt vermerkte Auch ein Bestseller: „Zwei Leben“ derjenigen zunutze macht, die dem An- zuvor Annas „stumpfes“ und „blödes“ (Adeo Verlag), die Geschichte des 20-jäh- dersartigen nahestehen. Aussehen. rigen Samuel Koch, der in der Sendung Anna Lehnkering wurde am 2. August Anderthalb Jahre nach der Zwangsste- „Wetten, dass ...?“ stürzte und seither 1915 im Ruhrgebiet geboren, ein Jahr zu- rilisation kam Anna wieder ins Mülheimer vom Hals abwärts gelähmt ist. vor war der Erste Weltkrieg ausgebro- Klinikum, sie war an den Nieren erkrankt. Die Kölnerin Monika Hey beschreibt chen. Annas Vater, ein Gastwirt, kämpfte Ein Arzt drängte darauf, sie von dort aus in einem Buch, das Ende September er- im Krieg. Die Mutter führte die Wirt- in eine „Heil- und Pflegeanstalt“ zu über- scheinen soll, wie sie sich zur Abtreibung schaft allein und musste ihre beiden älte- weisen. Obwohl sie den Kontakt mit Men- eines Fötus drängen ließ, der als genom- ren Söhne großziehen. schen scheute, musste sie mit vielen ande- geschädigt galt, und wie bitter sie das be- Nachdem der Krieg verloren war, ren den Schlafsaal teilen, sie hatte nicht reut. In ihrem Buch schildert sie den herrschte im Land Revolution. Der Vater einmal einen Nachtschrank für persönliche Druck, den sie durch Ärzte und Gesell- war kaum in der Lage, die Gastwirtschaft Dinge. In der Patientenakte stand, dass schaft empfand. „Mein gläserner Bauch“ wieder zu führen, er war Alkoholiker. Als sie nach Hause wolle, sie sei „albern“, „läp- (DVA) wird angekündigt als Reflexion Anna vier Jahre alt war, stellten die El- pisch“, „lästig“. darüber, „wie die Pränataldiagnostik un- tern fest, dass sie schreckhaft geworden Am 6. März 1940 wurde Anna zusam- ser Verhältnis zum Leben verändert“. war, sie zitterte häufig. In den Jahren da- men mit 300 Frauen und 157 Männern in Das Verhältnis der halbwegs Gesunden vor, so sagten die Eltern, habe sich das zehn Waggons eingepfercht, sie fuhren ei- zu den psychisch und physisch Kranken, Kind gut entwickelt. nen Tag und eine Nacht lang, dann waren zu den geistig Behinderten ist überall auf 1921 starb der Vater an Leberzirrhose, sie in Grafeneck angelangt, einem abgele- der Welt merkwürdig, das zeigt nicht nur er war 35 Jahre alt. Die Tochter wurde genen Schloss in Baden-Württemberg. Eine Pozzo di Borgos Geschichte, das bestäti- nervöser. Bei ihren Arztbesuchen in den Gaskammer in einem Schuppen. 20 Minu- gen auch internationale Studien. Grup- folgenden Jahren sollte sie noch erzählen, ten lang strömte Gas hinein. Durch ein pen belohnen Ähnlichkeit und bestrafen dass ihr Vater alkoholkrank war, später Fenster schauten Ärzte zu, wie die nackten Abweichung. Dass sich Leser gerade jetzt verschwieg oder vergaß sie es. Sterbenden schrien, sich erbrachen. für die Geschichten der Andersartigen in- Auch der zweite Mann der Mutter Annas Mutter bekam einen Brief: teressieren, muss aber kein Indiz sein für trank. Ein Arzt notierte, Anna sei „ein „Sehr geehrte Frau Lehnkering! Zu unse- wachsende Toleranz. Als Schauobjekt aus übernervöses, schwachsinniges Kind, das rem Bedauern müssen wir Ihnen mittei- der Ferne war der Andersartige immer den Stiefvater fürchtet“. Das Kind hänge len, dass Ihre Tochter Anna Lehnkering interessant. Schwierig ist für die meisten an der Mutter. unerwartet am 23. April 1940 infolge ei- Menschen die Nähe zum Andersartigen, Anna kam auf die Hilfsschule. Die ner Bauchfellentzündung verstorben ist. die Verwandtschaft, die Furcht vielleicht, meisten Kinder dort galten als „schwach- Bei ihrer unheilbaren Erkrankung bedeu- dem Andersartigen ähnlich zu sein. Denn sinnig“, „minderwertig“, als „Ballast“ für tet ihr Tod Erlösung für sie.“ das ist das eigentlich Bedrohliche an der die Gesellschaft, ihr „Nutzen“ für die Die Familie sprach schon lange nicht Abweichung: dass sie nämlich gar keine „Volksgemeinschaft“ wurde angezweifelt. mehr über Anna. Auf Postkarten und in Abweichung ist, sondern vergrößert das 1931/32 untersuchten Ärzte Anna in Briefen gab es kaum einen Hinweis auf darstellt, was in jedem Menschen steckt. Bonn in der „Provinzial-Kinderanstalt für sie. seelisch Abnorme“. Diagnose: „Schwach- Als die Nichte gut 60 Jahre später An- * Omar Sy und François Cluzet in „Ziemlich beste sinn erheblichen Grades“. Ursache: „Va- nas Lebensgeschichte rekonstruierte und Freunde“. ter Potator“. Potator war der medizinisch ihren Vater ansprach, erinnerte er sich 108 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Kultur nicht daran, dassjemand aus der Familie er mit ihnen zu tun, er meint, sie seien Nichts sei hinderlicher als Scham, sagt seine Schwester besucht habe. Er wusste heute selbstbewusster als die Patienten, Schneider. „Die meisten psychischen nicht, wo ihr Grab ist. Er war nicht in der die er vor ein paar Jahren behandelt hat. Krankheiten lassen sich gut behandeln, Lage auszusprechen, dass seine Schwester Als sich der Torwart Robert Enke, der die Leute müssen nur in eine adäquate behindert war. an Depressionen gelitten hatte, 2009 Behandlung kommen.“ Annas Mutter litt offenbar unter dem umbrachte, habe sich durch die öf- Und die Angst der Verwandten, etwas Verlust ihrer Tochter und vermutlich fentliche Trauer etwas gewandelt in weiterzugeben, was nicht gut ist? Das auch an dem Schweigen – daran, dass sie Deutschland. Solche Krankheiten müss- Gefühl, mit krank zu sein, weil einer die Zwangssterilisation zugelassen und ten kein Tabu mehr sein. „Auch das In- krank ist? nicht verhindert hatte, dass sie ins Heim ternet hilft, die Patienten finden heraus, Schneider schüttelt den Kopf. „Wir dis- kam. Anfang der fünfziger Jahre ver- dass sie mit ihren Problemen nicht allein kutieren viel zu viel über Vererbung. In suchte sie, sich das Leben zu nehmen. sind.“ allen Familien gibt es alle möglichen Ver- Sie kam in eine Nervenklinik anlagungen. Einer mag depressiv sein, nach Düsseldorf. Der Chefarzt und es kann sein, dass alle seine Kinder dieser Klinik war NS-Gutach- depressiv werden, es kann aber auch sein, ter gewesen, er hatte vom dass die Krankheit über Generationen Schreibtisch aus über Morde an nicht mehr auftaucht. Depression ist ja „Erbkranken“ entschieden. In per se keine Erbkrankheit, unterliegt aber zwei Euthanasie-Prozessen ge- genetischen Einflüssen.“ Und auch jedes gen ihn berief er sich auf einen gesunde Leben könne zerstört werden GOETZ SCHLESER / DER SPIEGEL „übergesetzlichen Notstand“. durch einen Unfall, ein Trauma. 1950 Freispruch, „erwiesene Aber gibt es nicht auch eine politische Unschuld“. Korrektheit, die unmenschlich ist? Was „Die Ärzte und Psychiater ist mit denjenigen, die sich nicht zutrauen, haben sich kaum mit ihrer mit einem Kranken zusammenzuleben? Schuld beschäftigt“, sagt Frank Eine wichtige Lehre der Nazi-Zeit sei Schneider, 54, der Co-Autor es, sagt Sigrid Falkenstein, Indoktrinatio- des Buches „Annas Spuren“ Familienforscherin Falkenstein: Nachgeholte Liebe nen zu vermeiden, auch die gutgemeinten. und Chefarzt für Psychiatrie an Jeder müsse frei sein, sich selbst zu befra- der Uni-Klinik Aachen. Er war gen, was er sich zutraue. Auch jede Kran- Präsident der Deutschen Gesell- kengeschichte unterscheide sich von an- schaft für Psychiatrie und hat deren. „Die Menschenwürde ist immer die auf Tagungen und in Aufsätzen des Einzelnen.“ Eine Gesellschaft aber darauf hingewiesen, dass zu lan- dürfe sich nicht die Erfahrung nehmen, ge geschwiegen wurde. wie es ist, mit Kranken zu leben. Durch Nun, im Sitzungssaal der Ge- Erfahrung entstehe Zutrauen. denkstätte „Topographie des Sigrid Falkenstein erzählt noch einmal Terrors“, sprechen er und von ihrem Vater. Dass er sich an Fußball- Sigrid Falkenstein über Anna ergebnisse aus den dreißiger Jahren erin- und darüber, dass es unmöglich nern konnte, aber kaum an seine Schwes- sei, im Nachhinein festzustellen, ter. Psychiater Schneider sagt, es könne woran sie genau litt und welche sein, dass die Scham so groß war und der BPK Ursache das hatte. Druck, schweigen zu müssen, dass „es zu Es kann ein ererbtes Leiden NS-Propaganda 1936: Rechenaufgaben für die Kinder strukturellen und funktionellen Verände- gewesen sein oder eines, das zu- rungen des Gehirns gekommen ist, so dass rückzuführen ist auf traumati- der Vater auf die Erinnerungen nicht wil- sche Erlebnisse, die Kriegswir- lentlich zugreifen konnte“. ren, den Alkoholismus und den Immer wieder konfrontierte Sigrid Fal- Tod des Vaters. Sicher jeden- kenstein ihren Vater mit dem, was sie falls ist, dass Annas Leiden über Anna herausfand. 2009 wurde in schlimmer wurde, weil ihr ein Mülheim an der Ruhr, vor dem Haus, in Platz in der Gesellschaft ver- dem Anna zuletzt gewohnt hatte, ein Stol- weigert worden war. In frühen perstein verlegt. Stolpersteine dienen Patientenakten steht, sie habe dem Gedenken an die Deportierten und leichte Aufgaben gern über- Ermordeten. Sigrid Falkensteins Vater, MICHAEL SCHREINER / SCHWARZKOPF & SCHWARZKOPF VERLAG nommen, später, im Heim, woll- Annas Bruder, war dabei. Er gab einem te sie nichts mehr tun. Lokalreporter ein Interview. „Ich hatte Was hat Annas Geschichte eine Schwester, die geistig behindert war.“ mit uns heute zu tun? Ein paar Wochen später starb er. Viel, sagt Sigrid Falkenstein. Seine Ehefrau, Sigrid Falkensteins Mut- Wir seien umzingelt von Bil- ter, war da schon lange dement. Sie zog dern starker, gesunder Men- zu ihrer Tochter, wurde von ihr und ihrer schen, wir glauben, Leistung sei Familie gepflegt und gefüttert, zwei Jahre alles und niemand dürfe mehr lang. Dann stand die Entscheidung an, schwach sein. ob die Mutter kurz vor ihrem Tod künst- Psychiater Schneider ist op- lich ernährt werden soll. Sigrid Falken- timistischer, jedenfalls was sei- stein liebte ihre Mutter. Sie entschied sich ne Patienten betrifft, die psy- dagegen. chisch Kranken. Jeden Tag hat Autorin Langstroff: Gesunde verhalten sich gemein SUSANNE BEYER D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 109
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    Kultur SPI EGEL-GESPRÄCH „Wir brauchen einen Psychiater“ Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim hält die Ächtung der Musik von Richard Wagner in Israel für grotesk und rät der Regierung in Jerusalem, sich nicht dauerhaft auf Deutschlands Unterstützung zu verlassen. SPIEGEL: Herr Barenboim, warum setzten, sondern biblische Gebie- kämpfen Sie dafür, die Musik Ri- te, die befreit worden seien! Von chard Wagners in Israel aufzufüh- nun an wuchs eine riesige Oppo- ren? Kein anderer Komponist ist sition heran, diese Allianz aus dort so verhasst wie dieser deut- Rechten und Orthodoxen, die Is- sche Antisemit. rael heute regiert. Barenboim: Dass sich das offizielle SPIEGEL: Was hat das mit Richard Israel so beharrlich weigert, Wagner Wagner zu tun? aufführen zu lassen, wie wieder vor Barenboim: Nun, seit dem Sechsta- zwei Wochen in der Universität von gekrieg haben israelische Politiker Tel Aviv, macht mich traurig, denn immer wieder eine Verbindung ich sehe das als Symptom einer hergestellt zwischen dem europäi- Krankheit. Es ist ein hartes Wort, schen Antisemitismus und dem das ich jetzt sage, aber ich wähle es Umstand, dass die Palästinenser mit Bedacht: In Israel gibt es eine die Gründung des Staates Israel Politisierung der Erinnerung an den nicht hinnehmen. Was aber ab- Holocaust, und das ist schrecklich. surd ist! Die Palästinenser waren SPIEGEL: Erklären Sie das bitte. in erster Linie nicht antisemitisch, Barenboim: Als ich 1952 als Zehn- sie haben ihre Vertreibung nicht jähriger von Argentinien nach Is- akzeptiert. Der europäische Anti- REINER RIEDLER / DER SPIEGEL rael kam, sprach niemand über semitismus aber geht doch viel den Holocaust. Für die Überleben- weiter zurück als nur bis zur Tei- den war die Katastrophe noch viel lung Palästinas und der Staats- zu nah, und die jungen Israelis gründung Israels 1948. Er geht so- wollten ein anderes Judentum gar weiter zurück als der Holo- schaffen – sie wollten zeigen, dass caust, denken Sie an die Pogrome Juden nicht nur Künstler und Ban- in Russland und in der Ukraine, kiers sein können, sondern auch Daniel Barenboim an den Fall Dreyfus in Frankreich, Landwirtschaft und Sport betrei- wird als Doppelbegabung gefeiert: Schon als Kind auch an den Antisemiten Richard ben. Sie schauten nach vorn und trat er als Pianist auf, später machte Barenboim, 69, Wagner. Es gibt keine Verbindung wollten nicht über die Leiden ihrer auch eine Weltkarriere als Dirigent. Seit 1992 ist er zwischen dem Palästina-Problem Eltern sprechen. Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. 1999 und dem europäischen Antisemi- SPIEGEL: Wann änderte sich das? gründete der Musiker gemeinsam mit dem palästi- tismus. Außer dass man heute von Barenboim: Mit dem Prozess gegen nensischen Schriftsteller Edward Said das West- den Palästinensern erwartet, dass Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem. Eastern Divan Orchestra, in dem junge Juden, Musli- sie für die historischen Sünden be- Premierminister David Ben-Guri- me und Christen aus dem Nahen Osten musizieren. zahlen. Wahrscheinlich gibt es so- on dachte damals zu Recht, dass es Barenboim hat es als einer der wenigen gewagt, gar viele Leute in Israel, die glau- für die Israelis nötig sei, exempla- Wagners in Israel verpönte Musik dort aufzuführen. ben, Wagner, der 1883 starb, habe risch durch einen Täter genau zu 1942 in Berlin gelebt und sei mit erfahren, was da geschehen war. Hitler befreundet gewesen. Die ganze Grausamkeit, die Kälte und lich dass der Holocaust, aus dem der letz- SPIEGEL: Seine Schwiegertochter Winifred Unmenschlichkeit der Schoa an diesem te Anspruch der Juden auf Israel abge- holte das später nach. Sie war eine Ver- Individuum Eichmann zu sehen war un- leitet wurde, und das palästinensische traute Hitlers und der Diktator ein Dau- glaublich. Ich habe mich damals, wie alle Problem etwas miteinander zu tun hät- ergast in Bayreuth. meine Schulfreunde, zum ersten Mal aus- ten. Sechs Jahre nach dem Eichmann- Barenboim: Ich habe den größten Respekt führlich mit dem Zweiten Weltkrieg be- Prozess brach der Sechstagekrieg aus, vor den Überlebenden des Holocaust. fasst. Plötzlich hieß es: Wir müssen etwas und nach diesem Krieg war Israel anders Wir können uns doch überhaupt nicht tun, damit so etwas nie wieder passiert. als zuvor. Während es bis dahin ja gar vorstellen, was diese Menschen mitge- SPIEGEL: Was war daran falsch? keine politische Opposition zum Aufbau- macht haben. Und doch gibt es selbst un- Barenboim: Natürlich nichts, aber damals Kurs der Regierung gab, entstand nach ter ihnen unterschiedliche Haltungen – begann auch ein Missverständnis – näm- dem Sieg von 1967 plötzlich eine heftige die meines Freundes Imre Kertész zum Debatte: Sollte man die besetzten Gebie- Beispiel, des ungarischen Dichters, der Das Gespräch führten die Redakteure Joachim Krons- te zurückgeben oder nicht? Die Ortho- selbst ein Holocaust-Überlebender ist. bein und Bernhard Zand. doxen sagten sogar, das seien keine be- Wir kannten uns kaum zwei Wochen, da 110 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    sagte er zumir: Kannst du mir Karten für Bayreuth besorgen? Ich respektiere, dass es Überlebende gibt, die diese Musik nicht hören können – geschweige denn wollen. Aber ich sehe nicht ein, dass jemand in seinem Apartment in Haifa sitzt und darunter leidet, dass ein Orches- ter in Tel Aviv oder Jerusalem Wagner spielt. SPIEGEL: Was ist für Sie das Faszinierende an Wagner? Warum beeindruckt er gera- de Intellektuelle so sehr? Barenboim: Wagner hat alle Ausdrucks- möglichkeiten, die einem Komponisten zur Verfügung stehen – Harmonie, Dy- namik, Orchestrierung – bis zum Äußers- ten ausgeschöpft. Seine Musik ist sehr emotional, und gleichzeitig hat Wagner eine außerordentliche Kontrolle über die Wirkung, die er erzielt. Deshalb hat Wag- ners Musik auch etwas Manipulatives – womit ich nicht sagen will, dass sie nicht ehrlich sei. Ich glaube, sie ist von gerade- zu totaler Ehrlichkeit, aber sie ist eben auch manipulativ. SPIEGEL: Erklärt das auch die Affinität der Nazis zu seiner Musik? Barenboim: Wagner kann nicht direkt für diese Verbindung verantwortlich gemacht werden. Aber Wagner war ein schreck- licher Antisemit, seine Schrift „Das Ju- dentum in der Musik“ aus dem Jahr 1850 ist eines der schlimmsten antisemitischen Pamphlete aller Zeiten. Hitler hat sich Wagner zum Propheten genommen. Aber selbst das Schlimmste, was Wagner über die Juden geschrieben hat, hat Hitler natürlich in einer Weise umgedeutet, für die Wagner nicht verantwortlich zu machen ist. Ich verstehe natürlich, was manche Menschen an Nazi-Assoziatio- nen haben, wenn sie etwa „Lohengrin“ hören. SPIEGEL: Wie kam es eigentlich, dass Sie auch mit Ihrem arabisch-israelischen West-Eastern Divan Orchestra Wagner spielten? Barenboim: Die Musiker wollten das. Ich sagte: Gern, aber darüber müssen wir reden, das ist eine heikle Entscheidung. Mir lag daran, dass wir keinen der Musi- ker gegen seinen Willen dazu bringen, das zu spielen. SPIEGEL: Waren es die Araber, von denen die Initiative ausging? Barenboim: Im Gegenteil. Es waren die Is- raelis. Die israelischen Blechbläser. Wag- ner ist ja ziemlich blechlastig. Aber ich habe dem Orchester die musikalische Be- deutung Wagners erklärt. Man kann ihn als Musiker eigentlich nicht ignorieren. SPIEGEL: Herr Barenboim, sind Sie ein is- raelischer Patriot? CRISTINA QUICLER / AFP Barenboim: Was ist ein israelischer Patriot? Worauf kann man heute stolz sein? Wie wollen Sie Patriot sein in einem Staat, der seit 45 Jahren fremdes Territorium besetzt? Der nicht in der Lage ist zu ak- Wagner-Oper „Parsifal“ in Sevilla 2005: „Er ist ja ziemlich blechlastig“ zeptieren, dass es noch eine andere Er- D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 111
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    Kultur zählung der vergangenen60 Jahre gibt. mir das, dann verspreche ich dir das. Dau- SPIEGEL: Es heißt, Angela Merkel habe Ja, die Palästinenser hätten am 29. No- erhaft ruht Israels Sicherheit aber nur auf großen Einfluss auf Benjamin Netanjahu. vember 1947 die Teilung Palästinas hin- einer Säule – der Akzeptanz des Staates Finden Sie, dass die Kanzlerin das aus- nehmen können, und das haben sie nicht durch die Palästinenser. Es ist nicht die reichend nutzt? getan, weil sie die Teilung ungerecht fan- Atombombe, die Israel sicher macht. Barenboim: Ich habe die folgende Frage den. Warum können wir das nicht wie- SPIEGEL: Was halten Sie davon, dass drei deutschen Kanzlern gestellt, Helmut derum als historisches Faktum hinneh- Deutschland Israel mit U-Booten ausge- Kohl, Gerhard Schröder und Angela Mer- men und eine neue Seite aufschlagen? rüstet hat, die offensichtlich mit Atom- kel: Nach unserer gemeinsamen Geschich- Das ist doch unmenschlich. raketen bestückt werden? te, die ja weit über die furchtbaren zwölf SPIEGEL: Sie sind nachsichtig mit den Ara- Barenboim: Ich kann nur sagen: Wagner Jahre zwischen 1933 und 1945 hinaus- bern. Israels Nachbarn verhalten sich verbieten und gleichzeitig deutsche U- geht – finden Sie nicht, dass Sie den Ju- aber feindselig. Hat Irans Präsident Mah- Boote kaufen, das ist doch absurd. den helfen sollten, ihren Konflikt mit den mud Ahmadinedschad nicht davon ge- Deutschland hat sich beispielhaft mit sei- Palästinensern zu lösen? Die Antwort sprochen, das „zionistische Gebilde“ von ner Vergangenheit auseinandergesetzt. war bei allen dreien dieselbe: Wie stellen der Landkarte zu streichen? Nur deshalb kann ich als Jude überhaupt Sie sich das vor? Wie soll ein deutscher Barenboim: Ich bin nicht blauäugig. Ich in Deutschland leben. Aber so beein- Kanzler den Israelis sagen, wie sie ihre weiß sehr gut, dass es keinen Araber, kei- druckt und dankbar ich für diese Aus- Konflikte lösen sollen? nen Muslim auf der Welt gibt, der sagen einandersetzung bin, sehe ich doch auch, SPIEGEL: Beruhigt Sie Merkels Aussage, würde: Es muss einen jüdischen Staat im dass die Deutschen Gefangene ihrer Ver- Israels Sicherheit sei ein Teil der Staats- Nahen Osten geben. Aber warum sollten gangenheit sind: Deutschland wird nie räson Deutschlands? sie das auch sagen? Israels Strategie kann doch nicht sein, die Palästinenser ständig mit der Geschichte des Holocaust zu kon- frontieren, sondern er muss ihnen zeigen, dass Israel eine Realität ist. Wir haben Fehler gemacht, ihr habt Fehler gemacht, aber wir sind hier, und ihr seid hier. Lasst uns Frieden schließen, mit Gerechtigkeit für alle. Wahrscheinlich ist es zu spät da- für. Aber wer weiß? SPIEGEL: Warum scheint dieser Konflikt so unlösbar zu sein? Barenboim: Weil die ganze Welt ihn nicht als das sieht, was er wirklich ist. In Wahr- heit weiß doch jeder, was am Ende dieser Geschichte steht: der Rückzug Israels auf die Grenzen von 1967 und eine praktika- ble Lösung der Jerusalem-, der Grenz- und der Rückkehrerfrage. Aber es ist eben kein Konflikt, den man politisch oder gar militärisch lösen könnte, es ist SEBASTIAN SCHEINER / AP ein menschlicher Konflikt, in dem zwei Völker zutiefst davon überzeugt sind, An- recht zu haben auf dasselbe Stück Land. Wir brauchen kein Nahost-Quartett aus Uno, Russen, Europäern und Amerika- nern. Wir brauchen einen Psychiater. Israelischer Soldat, palästinensischer Demonstrant bei Ramallah 2007: „All der Hass“ SPIEGEL: Und das soll helfen? Barenboim: Ich bin sicher, dass es viele Is- ein richtiger, ein frei denkender und frei Barenboim: Das ist eine moralische Aus- raelis gibt, die davon träumen, dass sie fühlender Freund Israels sein, weil immer sage, an deren Ehrlichkeit ich hundert- eines Tages aufwachen – und die Palästi- wieder dieser Schatten fällt. Schauen Sie prozentig glaube. Aber die Geschichte nenser sind weg. Und viele Palästinenser sich an, wie die Welt vor 40, vor 20, vor zeigt, dass die Ehe von Moral und Politik träumen davon, dass sie abends ins Bett 10 Jahren zu Israel und den Palästinen- manchmal wacklig ist. Wäre ich israeli- gehen und am Morgen die Israelis weg sern stand – und wie sie heute dazu steht. scher Premierminister, dann würde ich sind. Wenn ein Mann davon träumt, dass Die Reaktion vieler Israelis ist: Die Welt langfristig nicht auf eine solche Aussage er mit Marilyn Monroe schläft, dann ist war immer gegen uns. Ich glaube aber bauen. Denn dafür gibt es einen histo- das sein gutes Recht. Aber wenn er auf- nicht, dass die ganze Welt ständig antise- rischen Grund: Es war Frankreich, das wacht, muss er nun mal zur Kenntnis neh- mitisch ist. Selten gingen Moral und Stra- Israel in den fünfziger Jahren die Ent- men, dass seine Frau eine andere ist. tegie so Hand in Hand wie in unserem wicklung eines Nuklearprogramms er- SPIEGEL: Premierminister Benjamin Netan- Konflikt. Es gibt viele Palästinenser, die möglicht hat. In den sechziger Jahren jahu regiert zurzeit mit einer Dreivier- bereit gewesen wären, die Realität Israels aber merkte de Gaulle, dass das gegen telmehrheit in der Knesset, ungewöhnlich zu akzeptieren. Die Pessimisten sagen die strategischen Interessen Frankreichs für eine parlamentarische Demokratie. heute, die Zeit der Zweistaatenlösung ist war – die Franzosen brauchten Öl von Beunruhigt es Sie, dass Israel keine wirk- vorbei. Wenn das so ist: Glauben wir im den Arabern. Also hat er gesagt: Schluss liche Opposition mehr hat? Ernst, dass ein einziger Staat auf dem Ge- damit. Barenboim: Ich glaube, der größte Fehler biet Palästinas funktionieren kann – nach SPIEGEL: Und Israel wandte sich an die der letzten Regierungen ist, dass sie keine all dem Hass, der gesät wurde? Wenn wir Vereinigten Staaten. Strategie haben, dass sie eigentlich nur so weitermachen, haben wir überhaupt Barenboim: Genau da steht Israel heute, mehr taktisch operieren: Du versprichst keine Lösung. es ist so etwas wie deren 51. Bundesstaat. 112 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Die israelische Regierungsollte sich dar- Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom über Sorgen machen. Ja, Israel hat eine starke Lobby in Washington. Aber zu- Bestseller Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller gleich sehe ich doch, wie Amerikas He- gemonie schrumpft und wie sehr sich das Belletristik Sachbücher wirtschaftliche Wachstum der Welt in 1 (1) Jonas Jonasson 1 (1) Thilo Sarrazin Der Hundertjährige, der aus dem Europa braucht den Euro nicht ganz andere Länder verlagert, nach Chi- Fenster stieg und verschwand DVA; 22,99 Euro na, Indien, Brasilien. Ich frage mich: Wo Carl’s Books; 14,99 Euro 2 (2) Rolf Dobelli ist eigentlich die jüdische Lobby in Pe- 2 (3) Donna Leon Die Kunst des klaren Denkens king, in Neu-Delhi, in Brasília? Reiches Erbe Hanser; 14,90 Euro SPIEGEL: Im Juli gastieren Sie mit Ihrem Diogenes; 22,90 Euro 3 (3) Philippe Pozzo di Borgo arabisch-jüdischen West-Eastern Divan 3 (7) Jean-Luc Bannalec Ziemlich beste Freunde Orchestra in London, wo sie alle Beetho- Bretonische Verhältnisse Hanser Berlin; 14,90 Euro ven-Symphonien aufführen werden – die Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro 4 (8) Steffen Möller Neunte am Eröffnungstag der Olympi- 4 (2) P. C. Cast / Kristin Cast Expedition zu den Polen schen Spiele. Ist das nicht ein Akt von Bestimmt – House of Night 9 Malik; 14,99 Euro FJB; 16,99 Euro geradezu plakativer Zuversicht? 5 (4) David Graeber Barenboim: Selbstverständlich. Wir haben 5 (4) Suzanne Collins Schulden – Die ersten 5000 Jahre Die Tribute von Panem – Klett-Cotta; 26,95 Euro je 40 Prozent Israelis und Araber im Or- Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro chester, und keiner von denen repräsen- 6 (5) Daniel Kahnemann 6 (5) Suzanne Collins Schnelles Denken, langsames tiert seine Regierung. Wir sind eine den- Die Tribute von Panem – kende Alternative. Denken Siedler; 26,99 Euro Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro SPIEGEL: Oder eine reale Utopie. 7 (6) Samuel Koch / Christoph Fasel 7 (6) Rachel Joyce Zwei Leben Barenboim: Ich sehe es eher wie alternati- Die unwahrscheinliche Pilgerreise Adeo; 17,99 Euro ve Medizin. Sie wirkt nicht so schnell, sie des Harold Fry Krüger; 18,99 Euro wirkt anders. Ein Israeli, der findet, seine 8 (7) Hans-Ulrich Grimm 8 (8) Suzanne Collins Vom Verzehr wird abgeraten Regierung mache alles richtig, der würde Die Tribute von Panem – Tödliche Droemer; 18 Euro dem Divan-Orchester erst gar nicht bei- Spiele Oetinger; 17,90 Euro 9 (9)Joachim Gauck treten. Es ist deshalb ein Fehler der Ara- 9 (9) Karen Rose Freiheit Kösel; 10 Euro ber, die unser Orchester bei sich nicht Todesherz auftreten lassen. Die wollen nämlich nicht Knaur; 16,99 Euro 10 (10) Adam Zamoyski 10 (10) Jussi Adler-Olsen 1812 – Napoleons Feldzug in zwischen unterschiedlichen Gruppen von Russland C. H. Beck; 29,95 Euro Das Alphabethaus Israelis unterscheiden. Auch ich werde dtv; 15,90 Euro 11 (11) Norbert Robers dauernd von ihnen angegriffen. Joachim Gauck – Vom Pastor zum 11 (–) Tana French SPIEGEL: Zuletzt im April, als Sie Katar Schattenstill Präsidenten – Die Biografie von einem Festival ausschloss. Scherz; 16,99 Euro Koehler & Amelang; 19,90 Euro Barenboim: Das lag an der Situation in 12 (11) George R. R. Martin 12 (17) Thomas Kistner Syrien, die Konzerte wurden verschoben. Der Sohn des Greifen – Das Lied Fifa-Mafia Aber viele Araber haben eben auch nicht von Eis und Feuer 9 Penhaligon; 16 Euro Droemer; 19,99 Euro gelernt vom großen Edward Said, mit 13 (12) Dora Heldt 13 (15) Joe Bausch dem ich das Orchester gegründet habe: Bei Hitze ist es wenigstens Knast Ullstein; 19,99 Euro Dass die Palästinenser nämlich den Ho- nicht kalt dtv; 14,90 Euro 14 (14) Dieter Nuhr locaust nicht leugnen können. Dass Pa- 14 (13) Sarah Lark Der ultimative Ratgeber für alles lästinenser israelische Institutionen boy- Die Tränen der Maori-Göttin Bastei Lübbe; 12,99 Euro Bastei Lübbe; 15,99 Euro 15 Stephen Greenblatt kottieren, verstehe ich völlig. Aber dass (–) sie einzelne Israelis boykottieren, die sich 15 (17) Jussi Adler-Olsen Die Wende – Wie Schändung die Renaissance ausdrücklich von der israelischen Regie- dtv; 14,90 Euro begann rung distanzieren, leuchtet mir nicht ein. Siedler; 24,99 Euro 16 (16) Jussi Adler-Olsen SPIEGEL: Zu Ihrem Konzert in Gaza-Stadt Erlösung Wie Lukrez’ mussten Sie im vergangenen Jahr ohne dtv; 14,90 Euro berühmtes Gedicht das West-Eastern Divan Orchestra fahren, 17 (–) Elisabeth Kabatek „De rerum natura“ stattdessen nahmen Sie Musiker der Ber- Spätzleblues die Geistesgeschichte liner Staatskapelle und der Berliner und Droemer; 12,99 Euro beeinflusst hat Wiener Philharmoniker mit. Aber immer- 16 (19) Walter Isaacson hin: Reingekommen sind Sie. Steve Jobs Barenboim: Und ich bekam das wohl C. Bertelsmann; 24,99 Euro schönste Kompliment meiner musikali- Dritter Teil der 17 (–) Gunter Frank schen Karriere. Ein Mann dort bedankte amüsanten Schwaben- Schlechte Medizin – Ein Wutbuch Trilogie um eine Knaus; 16,99 Euro sich so überschwänglich und so oft bei liebenswert-skurrile mir für unseren Auftritt, dass ich irgend- Heldin und ihre Abenteuer 18 (18) Cid Jonas Gutenrath wann zurückfragte, warum er sich denn 110 – Ein Bulle hört zu – Aus der gar so freue. Er sagte: „Wir haben das 18 (19) Martin Walker Notrufzentrale der Polizei Delikatessen Ullstein extra; 14,99 Euro Gefühl, die Welt hat uns vergessen. Wir Diogenes; 22,90 Euro bekommen zwar Hilfsgüter, dafür sind 19 (20) St John Greene 19 (14) Nicholas Sparks Gib den Jungs zwei Küsse wir dankbar. Aber dass Sie mit Ihrem Mein Weg zu dir Marion von Schröder; 18 Euro Orchester gekommen sind, gibt uns das Heyne; 19,99 Euro 20 (16) Jürgen Domian Gefühl, dass wir Menschen sind.“ 20 (15) Michael Robotham Interview mit dem Tod SPIEGEL: Herr Barenboim, wir danken Der Insider Goldmann; 14,99 Euro Gütersloher Verlagshaus; 16,99 Euro Ihnen für dieses Gespräch. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 113
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    GILLES PERESS /MAGNUM / AGENTUR FOCUS Fotograf Nachtwey in Goma 1994: „Die Jahre in den Kriegen haben mich trauriger und einsamer gemacht“ ohne Zuhause. Und ein Idol für Legionen P R O PA G A N D A von Fotografen. Ende einer Homestory Dieses Foto aus dem Wohnzimmer der Assads erzählt eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte eines großen Jour- nalisten, der auszog, den Menschen und was er aus der Welt macht, abzubilden – Der Kriegsfotograf James Nachtwey, hochdekorierter und der nun seine Sache und vielleicht Kämpfer gegen Leid und Gewalt, fotografierte sich selbst verraten hat. süßliche Bilder daheim beim syrischen Diktator – warum? Es beginnt im Dezember 2010. Da reist die Journalistin Joan Juliet Buck, spezia- lisiert auf Glamourthemen, nach Damas- S eine Fotos, hat er mal gesagt, sollten zimmer. Man hockt auf dem Boden. War- kus. James Nachtwey folgt ihr, nach Aus- der Welt von jenen erzählen, die mes Licht. Der Vater beugt sich mit dem kunft von Buck, im Januar 2011. Sie zwischen die Fronten der großen Sohn über ein Spielzeug, die Mutter wid- haben einen Termin beim Staatschef. Be- Kriege geraten seien. Zum Beispiel dieses met sich der Tochter. Die Kinder sind sie- gleitet und unterstützt werden sie in der Bild, entstanden in Afghanistan 1996: Eine ben und acht Jahre alt. Wir sehen die syrischen Hauptstadt von einem Reprä- Gestalt kauert vor einem Grabstein, sie Familie Assad, die syrische Präsidenten- sentanten von Brown Lloyd James, einer ist gehüllt in eine schmutzige Burka, eine familie, der Vater gilt heute als Massen- amerikanischen PR-Agentur. Wobei Frau. Ihre rechte Hand hat sie auf den mörder, verantwortlich für schätzungs- Brown Lloyd James nicht irgendeine Stein gelegt, sie trauert um ihren Bruder. weise 10 000 Tote seit dem Ausbruch der Agentur ist, sondern die Adresse – für Im Hintergrund viele Grabsteine, viele Aufstände in Syrien. Davon ist auf dem Regierungschefs, Prinzen, Staaten. Das Gräber. Die Kamera ist in diesem Augen- Foto nichts zu sehen. Es wurde gedruckt Resultat der Reise: ein Artikel, 3213 Wör- blick ganz nah bei der Frau. Es ist, fernab in der amerikanischen „Vogue“, kurz vor ter, veröffentlicht in der amerikanischen von Voyeurismus, ein Bild voller Mit- der Eskalation der Gewalt in Syrien. Der Ausgabe der „Vogue“ vom März 2011. Ti- gefühl. Der Fotograf: James Nachtwey. Fotograf: James Nachtwey. tel der Story: „A Rose in the Desert“, Oder: das Porträt eines Mannes aus Ru- Der Mann ist der wahrscheinlich eine Rose in der Wüste, gemeint ist die anda, eines Hutu, im Profil aufgenom- höchstdekorierte Kriegsfotograf der Welt, Präsidentengattin. men, formatfüllend, das Licht fällt weich fünffacher Preisträger der Robert-Capa- Sie sei „glamourös, jung und sehr auf seine rechte Gesichtshälfte, die gräss- Goldmedaille, World-Press-Photo-Preis- chic – die lebhafteste und anziehendste lich vernarbt ist von Machetenhieben. träger. Ein Dokumentarfilm über ihn aller First Ladys“, in so einem Gin-To- Die Aufnahme, emblematisch für das, wurde für einen Oscar nominiert. Nacht- nic-Tonfall beginnt der Text. Gemalt wird was in Ruanda geschah, bekam den wey wurde unzählige Male bedroht, be- die perfekte „Vogue“-Ikone: Asma al- World Press Photo Award. Der Fotograf: schossen, mehrfach verwundet, er ist jetzt Assad, in London aufgewachsen, viel- James Nachtwey. 64 Jahre alt und seit drei Jahrzehnten im sprachig, Tochter eines Kardiologen und Aber was ist mit folgendem Foto? Wir Geschäft, ein Getriebener, so beschreiben einer Diplomatin, erscheint als wun- sehen eine Familie. Offenbar im Wohn- ihn Kollegen, ein Mann ohne Familie, derbarste aller Präsidentenfrauen. Cha- 114 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Kultur nel-Geschmeide um den Hals, Verab- Und auch James Nachtwey reagierte dieses Mannes vor Augen führen, eines redungen mit den Hollywood-Stars Brad nicht auf Anfragen, weder auf die des Journalisten, der auszog, das Inferno zu Pitt und Angelina Jolie. Natürlich trägt SPIEGEL noch auf Anfragen der „Wa- zeigen. sie auch Verantwortung für die Nation, shington Post“. Ein Mitarbeiter des Wahrscheinlich hat kein Nato-General, leicht ist das nicht. Zum Glück aber kann Nachtwey-Studios sagte dem SPIEGEL, kein afrikanischer Blutsäufer in seinem sie durchs Leben gehen auf den berühm- dass er nichts sagen könne, es handle sich Leben so viel Gewalt und Leid erlebt wie ten roten Sohlen von Christian Loubou- um eine „sehr delikate Angelegenheit“. Nachtwey in drei Jahrzehnten: Zaire, tin, dem High-Heels-Gott aller „Vogue“- Im Internet findet sich die Geschichte Südafrika, Bosnien. Demokratische Re- Leserinnen. noch, weil ein regierungstreuer syrischer publik Kongo, das Westjordanland, Wacker zählt der Text auf, was in Sy- Journalist sie auf seine Präsident-Assad- Tschetschenien. Ruanda, Somalia, Sudan, rien vielleicht doch nicht ganz so prima Fansite gestellt hatte. Afghanistan, die Liste ließe sich ewig fort- läuft: Der Präsident wurde mit 97 Prozent Man könnte den Spindoctor fragen. Pe- setzen. Er war mehr als 30 Jahre lang im der Stimmen gewählt, aber Macht sei ter Brown hat ein Büro im 13. Stock eines Krieg, vielleicht wird man, wenn man al- eben erblich in dem Land, schreibt Frau Hochhauses gleich am Central Park in New les gesehen hat, blind, nach innen. Buck. Und in der Bar des Four Seasons York. Brown ist einer der drei Chefs von Nachtwey, immer noch gutaussehend, hingen irgendwelche Hamas-Führer rum. Brown Lloyd James, einer Agentur für die hochgewachsen, mit markanten Gesichts- Für einen Moment wird die Autorin nach- schwierigen Fälle, Image-Politur und dis- zügen, ist alles andere als ein Draufgän- denklich, aber auch dieser Moment geht krete Erledigung garantiert. Klienten sind ger. Von Kollegen wird er als gentleman- vorüber, schließlich hat Asma al-Assad etwa regierungsnahe Organisationen aus like beschrieben, keiner von den Wich- dunkelblaugrün lackierte Fingernägel, Katar, Prinz Charles, die Weltbank, die tigtuern, keiner von denen, die abends apart. City of London, die Vereinten Nationen. saufen und nach den Huren schielen. Die Bilder, die James Nachtwey macht, Peter Brown ist Anfang 70, hager, Eng- Im kongolesischen Goma fand Nacht- passen zu diesem Sound. Das Porträt der länder, an den Wänden in seinem Büro wey ein Kind, das kurz vor dem Ver- First Lady zeigt sie über der Stadt, gehüllt hängen die Fotos seines Lebens: Peter dursten war. Statt es zu fotografieren in eine edle Stola, den Blick in die Ferne Brown und John Lennon, Paul McCart- und gleich zu vergessen, trug er es zur gerichtet, eine Rose in der Wüste. Ein sol- ney, Yoko Ono, George Harrison, lange nächsten Versorgungsstation. „Die Jahre ches Bild von einem Fotografen namens Haare, Bärte, Joints. Brown, schwul und in den Kriegen“, hat er einmal gesagt, Nachtwey sagt: Diese Leute haben Stil, charmant, war schon der Problemlöser „haben mich trauriger und einsamer ge- und so übel sind sie auch nicht. der Beatles. Er fädelte die komplizierte macht.“ FOTOS: QUELLE US-VOGUE MÄRZ 2011 „Vogue“-Story über die Assad-Familie: Haben diese Leute Stil? Wie ausgerechnet James Nachtwey so Hochzeit zwischen Yoko Ono und John Es heißt, Nachtwey sei müde, er befin- etwas passieren konnte, ist eine unge- Lennon ein, nebenbei organisierte er die de sich in Thailand, lebe zurückgezogen, rechte Frage, weil sie nur auf einen von berühmten Bed-ins der beiden für den für kaum jemanden zu erreichen. Viel- vielen Beteiligten zielt. Aber Nachtwey Weltfrieden. Give Peace a Chance. Und leicht ist er zu müde, um auf sich selbst ist eben Nachtwey, er ist eine Institution. jetzt der syrische Diktator. aufzupassen. An den Schauplätzen der An eine Antwort zu gelangen, erweist Für das Einfädeln der Homestory, vergangenen Jahre, in Tunesien, Ägyp- sich als schwierig. Die „Vogue“, um eine schreibt die „Washington Post“, sollen ten, Libyen, haben seine Kollegen James Stellungnahme gebeten, hat dazu lange Brown Lloyd James 25 000 US-Dollar be- Nachtwey vermisst – früher hätte er dort nichts gesagt, erst vergangene Woche stell- kommen haben. Der Beitrag der Agentur, nicht gefehlt. te die „Vogue“-Chefin eine kurze Erklä- sagt Brown, sei aber marginal gewesen. Die Geschichte hat noch eine traurig- rung ins Netz – ohne auf Details einzu- Das kann sein; andererseits gehört es zum ironische Note: 2010 ahnte niemand im gehen. Der Condé-Nast-Verlag sagt dazu: Job eines charmanten Spindoctors, seinen Westen etwas vom Arabischen Frühling. nichts. Text und Bilder verschwanden von Beitrag herunterzuspielen. Wäre in der arabischen Welt kein Auf- der „Vogue“-Website, stattdessen wird man Brown übernimmt jedenfalls nicht die stand ausgebrochen, hätte sich wahr- zu einer Seite weitergeleitet, die ein Model Verantwortung für diese peinliche Ge- scheinlich kein Mensch über Nachtweys zeigt, daneben den Text: „Oops – die Seite schichte – und so läuft es wieder auf Fotos empört. Aber die Tragik von James ist nicht auffindbar.“ Die Journalistin Joan James Nachtwey hinaus. Vielleicht muss Nachtwey ist, dass er James Nachtwey Juliet Buck schickt lediglich eine SMS: man sich, um ihn zu verstehen, um zu ist. „Schlechter Zeitpunkt für ein Gespräch.“ begreifen, was passiert ist, das Leben RALF HOPPE, PHILIPP OEHMKE D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 115
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    Kultur Was zählt eine Krone? FILMKRITIK: In dem Kostümdrama „W. E.“ erzählt Madonna von der Liebe des englischen Königs Edward VIII. zu der Amerikanerin Wallis Simpson. D er einzige Ort in diesem Film, an Films zu besten Freundinnen und fangen ist eine von denen da oben. Wenn sie dem zwei Menschen zueinander- irgendwann an, sich zu unterhalten – über Wallis und Edward im Blitzlichtgewitter finden und sich lieben können, ist alle Jahrzehnte hinweg. zeigt, erzählt sie von sich selbst. ein Keller, in dem der Putz von den Wän- „W. E.“ ist ein Kostümdrama, ein Ge- Vielleicht fällt es ihr deshalb schwer, den bröckelt. In ihrem neuen Film „W. E.“ fängnisfilm, eine Zeitreisegeschichte, ein einen Standpunkt zu finden und die rich- erzählt Madonna, 53, von Menschen, die Emanzipationslehrstück. Nicht wenig für tige Distanz. Ständig wechselt sie den in Palästen wohnen, Kleider aus erlese- knapp 120 Minuten. Als Madonna ihren Blickwinkel, mal schaut sie aus großer nen Stoffen tragen und Cocktails aus Kris- Film im vergangenen Jahr beim Festival Höhe auf ihre Figuren herab, in der nächs- tallgläsern trinken. Und die in all ihrem von Venedig zeigte, wurde sie verlacht ten Sekunde geht sie so dicht heran, dass Luxus sehr unglücklich sind. und beschimpft. Auch deshalb, weil Wal- man die Poren der Haut sieht. „W. E.“, die Initialen der Protagonisten lis Simpson und Edward VIII. zumindest Ihr Duktus ist atemlos. Madonna wirkt ergeben den Titel, handelt von einer der in den frühen dreißiger Jahren Anhänger wie eine Schriftstellerin, die vor lauter Auf- größten Mesalliancen in der Geschichte der Nazis gewesen sein sollen. regung, etwas mitteilen zu wollen, kaum des britischen Königshau- einen Satz zu Ende formu- ses. Anfang der dreißiger liert, sondern sich laufend Jahre begann der Thronfol- selbst ins Wort fällt: Ich ger, der spätere Edward will euch von der ganz gro- VIII. (James D’Arcy), eine ßen Liebe erzählen, ich Affäre mit der verheirate- will euch zeigen, wie sie ten US-Amerikanerin Wal- funktioniert – aber wie lis Simpson (Andrea Rise- funktioniert sie eigentlich? borough). 1936 wurde er Sie will vordringen zu König, doch bereits zehn den Gefühlen, aber sie Monate später musste er bleibt hängen in Kostümen wegen der Beziehung zu und Accessoires. Die Ver- Simpson abdanken. bindungen zwischen den Die Geschichte seines Zeitebenen stellt sie fast Bruders George VI., der als immer über Gegenstände SENATOR FILMVERLEIH Nachrücker auf den Thron her, über ein Negligé, ein kam, erzählte der oscarge- Zigarettenetui oder einen krönte Film „The King’s Cocktailshaker. Es sind Bil- Speech“. Für George, den der eines Material Girl. Stotterer, hat Madonna nur „W. E.“-Darsteller D’Arcy, Riseborough So offenbart sich in mitleidige Großaufnahmen „W. E.“ ein recht altmodi- übrig, die ihn mit offenem sches Rollenverständnis, Mund und leerem Blick wenn Madonna fast schon zeigen. Sie weiß, wo die Helden stehen. Der Film macht keinen Hehl daraus, penetrant betont, wie Edward um die Was zählt die Krone, wenn zwei Men- dass Wallis, der eine Affäre mit dem deut- Gunst von Wallis wirbt, indem er ihr stän- schen ihrem Herzen folgen? schen Außenminister Joachim von Rib- dig Schmuck schenkt. Sogar wenn er ihr So groß und so mächtig ist diese Liebe, bentrop nachgesagt wurde, zeitweise mit Tee serviert, wartet auf dem Grund der dass sie auch mehr als ein halbes Jahrhun- den Nazis sympathisierte. Allerdings legt Tasse ein Anhänger auf sie. Ist es das? dert später noch die junge New Yorkerin Madonna in „W. E.“ nahe, Wallis habe Der Five o’Clock Tea als Liebestrank? Wally Winthrop (Abbie Cornish) im Bann vor allem den anti-elitären und sozialisti- Dem Rätsel der Liebe, dem, was Men- hält. Auf einer zweiten Zeitebene erzählt schen Gestus der Nazis geschätzt. Madon- schen gegen alle Widerstände zusammen- Madonna, wie diese junge Frau, die reich, na stilisiert sie zu einer Rebellin gegen hält, jagt Madonna vergebens hinterher. aber unglücklich verheiratet ist, 1998 eine Klassenschranken. Wallis tanzt am Bett ihres sterbenden Gat- Auktion mit Hinterlassenschaften des Lie- Auch das New York der neunziger Jah- ten am Ende Rock’n’Roll, Wally zieht zu bespaars besucht und sich dabei immer re beschreibt Madonna als ein Kastensys- ihrem Sicherheitsmann in den Keller. Ein mehr in Wallis hineinsteigert. tem. Herkunft und Geld entscheiden hier schöner Traum. Die Gänge von Windsor Castle und die darüber, zu welcher Klasse man gehört. LARS-OLAV BEIER Flure eines New Yorker Apartments ge- Dennoch verliebt sich Wally in den ar- hen in Madonnas Film ineinander über, men, russischstämmigen Sicherheitsmann verbinden sich zu einem Zeittunnel, aus des Auktionshauses. Der Weg zur Weis- Video: dem es kein Entrinnen zu geben scheint. heit, behauptete Madonna in ihrem Regie- Madonna über Wallis und Wally sind beide gefangen in debüt „Filth and Wisdom“ (2008), führe „W.E.“ ihrem Luxus. Sie werden im Lauf des durch den Schmutz. Für Smartphone-Benutzer: Doch die Sehnsucht nach der Gosse Bildcode scannen, etwa mit Kinostart: 21. Juni. wirkt etwas naiv. Denn auch Madonna der App „Scanlife“. 116 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Prisma SPIEGEL: Ein französischer ENERGIE Kollege behauptet, Ihr Pa- Flüsterndes tient habe nachweislich HIV in seinem Körper. Windrad Hütter: Wir haben dem Mann zweimal neues Knochen- mark transplantiert. Es Für das Auge sind sie keine Wohltat stammt von einem Spender, und für die Ohren ebenfalls nicht: Die dessen Blutzellen durch eine Rotoren konventioneller Windkraft- besondere Mutation immun anlagen produzieren einen zischen- gegen HIV sind. Das Virus GERARD JULIEN / AFP den, monotonen Klang. Deutlich kann vor der Transplanta- leiser ist das von Hans Bernhoff kon- tion aber auch in andere struierte vertikale Windrad, bei dem Körperzellen eingedrungen sich der Rotor um das Standbein der sein. Deshalb wäre es gar Anlage dreht. Ein 40 Meter hoher Behandelter HIV-Patient, Hämatologe Hütter nicht so überraschend, wenn Prototyp, finanziert vom schwedi- sich immer noch Bruchstü- schen Ableger des E.on-Konzerns, MEDIZIN cke des Erregers in seinem Körper leistet im schwedischen Falkenberg nachweisen lassen. 220 Kilowatt. Die Anlage sei nur halb so laut wie ein vergleichbares Wind- rad konventioneller Bauart, erklärt „Was heißt ,geheilt‘?“ SPIEGEL: Ist der Patient dann wirklich geheilt? Hütter: Es ist bislang nicht definiert, der Professor von der Universität in Der Hämatologe Gero Hütter, 43, von was bei Aids „geheilt“ heißt. Bei Uppsala: „Der Grund dafür ist die nur der Universität Heidelberg über Krebs gilt: Wenn das Geschwür fünf halb so hohe Geschwindigkeit der Zweifel daran, dass der erste geheilte Jahre nicht wiederkehrt, ist der Er- Rotorspitzen.“ Ein weiterer Vorteil Aidspatient wirklich gesund ist krankte gesund. Mein Patient muss der Bauweise: Der schwere Generator keine Medikamenten-Cocktails schlu- muss nicht in großer Höhe an der SPIEGEL: Bei dem Mann, mit dessen cken und hat keinerlei Viruslast im Nabe der Blätter befestigt werden, Heilung Sie vor vier Jahren Schlagzei- Blut. sondern findet unten im Sockel Platz. len machten, wurden Spuren des HI- SPIEGEL: Konnten Sie Ihren Erfolg Eine Achse im Turminnern überträgt Virus gefunden. Ist das ein Rückschlag wiederholen? die Bewegungsenergie der Rotoren in der Aidsmedizin? Hütter: Bislang habe ich für 15 an Leu- nach unten, wo sie dann in Strom Hütter: Sicherlich nicht. Bei den Analy- kämie erkrankte Aidspatienten ver- umgewandelt wird. So kann die Kon- sen stießen US-amerikanische For- sucht, einen passenden Knochenmark- struktion weniger massiv ausfallen als scher lediglich auf Bruchstücke des Vi- spender mit jener seltenen Mutation heutzutage. Bernhoff: „Statisch ließe rus, die nicht vermehrungsfähig waren. zu finden, und bin gescheitert. Jetzt sich sogar eine Anlage von 300 Meter Es könnte sich dabei um Verunreini- haben wir einen Patienten mit passen- Höhe und 10 bis 20 Megawatt kon- gungen der hochsensiblen Analysege- dem Spender und wollen bis Jahres- struieren.“ räte handeln. ende mit der Behandlung beginnen. WILL ERICSON; RYAN PERRY; ESTELLA ORTEGA ; SHANNON HARTMAN; APRIL NOBILE / ANTWEB.ORG TIERE Archiv der Ameisen So fleißig wie die Tiere, die sie dokumentieren, müssen auch die Forscher sein: Der Biologe Brian Fisher und sein Team von der California Academy of Sciences foto- grafieren derzeit Ameisen für ein einzigartiges Archiv. Mehr als 8000 Ameisenarten hat Fisher bislang aufgenommen, indem er von jedem Tierpräparat jeweils 20 bis 70 Aufnahmen in unterschiedlicher Fokussierung macht. Dann werden die Bilder so zusammengesetzt, dass die Ameisen im Gegensatz zu normalen Makroaufnahmen über den ganzen Körper scharf erscheinen. So stellt sich ein plastischer Effekt ein, der einen neuen Blick auch auf feine Details von Antennen, Haaren oder Augen er- möglicht. Das Ziel sei, so Fisher, pro Jahr 10 000 Individuen zu fotografieren. Dabei hoffen die Forscher auch, auf neue Arten zu stoßen. 118 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Wissenschaft · Technik Eisberg im Schlepptau Ein Spezialschiff zieht einen Eisberg von der grönländi- MARK JOHNSON / GREENLANDTODAY.COM schen Diskobucht weg, um die Kollision mit einer Öl- bohrplattform zu verhindern. Ab August soll an der Nord- westküste der Insel erneut nach Öl gesucht werden. L U F T FA H R T GENETIK Supraleiter im Elektrojet Ahnenpass Die Ersparnis wäre imposant: Um 60 Prozent soll ein vollkommen neuer wickler Esaero will die für Supraleiter benötigte Kälte mit flüssigem Wasser- aus dem Labor Elektroantrieb den Verbrauch von Flug- stoff gewährleisten. Eine Designstudie Ein rechtsradikaler Parlamentarier in zeugen reduzieren. So haben es die für ein 150-sitziges Flugzeug hat die Fir- Ungarn provoziert Mediziner und Ingenieure der Nasa berechnet. Viele ma bereits vorgelegt. Sie verspricht, es Ethiker, weil er seine Gene auf das un- kleine Triebwerke mit Elektromotoren werde zudem leiser sein als herkömmli- tersuchen ließ, was er rassische Rein- wollen die amerikanischen Flugzeug- che Düsenflugzeuge. heit nennt. Der Abgeordnete der Job- ingenieure entlang bik-Partei hat sich von der Firma Nagy der Tragflächen an- Gén Diagnostic and Research in Buda- bringen. Ihren Strom pest bescheinigen lassen, dass sein Erb- beziehen sie aus zwei gut keine Merkmale aufweise, wie sie an Bord befindlichen „für Roma oder jüdische Volksgruppen Gasturbinen. Damit typisch“ seien. So steht es in einem die Triebwerke klein Brief des Labors vom 17. September und effizient genug 2010. Die ungarische Gesellschaft für sind, müssen sie su- Humangenetik reagierte „mit Bestür- praleitende Motoren zung und Entsetzen“ auf die Veröffent- verwenden. Dies er- lichung des Befunds. Der Test, bei laubt, eine höhere dem 18 Stellen im Genom analysiert Leistungsdichte zu er- wurden, sei „weder fachlich noch zielen – bedarf aber ethisch zu akzeptieren“. Das Labor be- einer Kühlung auf ex- streitet, für Ahnenforschung zur Verfü- trem tiefe Temperatu- Elektroflugzeug (Computersimulation) gung gestanden zu haben: Man lehne ren. Der Flugzeugent- jede Form der Diskriminierung ab. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 119
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    Titel Das Leben vor der Geburt Krebs und Diabetes, Depression und Herzinfarkt: Das Fundament vieler Leiden wird bereits im Mutterleib gelegt. Vor allem Stress und Ernährung der Mutter hinterlassen Spuren – auch in der Psyche des Kindes. A ls Nadine Mann in der 16. Woche In jedem Schwangerschaftsdrittel legte war, sah man ihr die Schwanger- sich Nadine Mann zum Hightech-Ultra- schaft noch gar nicht an. Aber im schall auf die Untersuchungsliege bei Ultraschall offenbarte sich bereits ein ver- Medizinerin Diemert, sie ließ sich Blut blüffend komplettes Menschlein. abnehmen und füllte seitenlange Formu- Nadine Mann lag in einem schlichten lare aus. Die UKE-Forscher fragten nach Untersuchungszimmer im dritten Stock den Katastrophen des Alltags: Gab es des Universitäts-Klinikums Hamburg-Ep- Krach mit dem Partner? Hatte die Familie pendorf (UKE), gleich neben Kreißsaal finanzielle Sorgen? War ein naher Ver- und Wochenstation, Frauenärztin Anke wandter erkrankt oder gestorben? Diemert ließ den Schallkopf routiniert Auch Ernährung, Infekte und die Ein- über den Bauch der Patientin gleiten. nahme von Medikamenten wurden akri- Kaum hundert Gramm wog der Fetus, bisch dokumentiert, das Blut der Schwan- und doch hatten viele Organe ihre Arbeit geren wurde auf Biomarker wie das längst aufgenommen. Auf dem Monitor Stresshormon Cortisol, Schwanger- waren im krisseligen Schwarz-Weiß des schaftshormone oder bestimmte Proteine Sonogramms Herz, Magen und Harnbla- untersucht. Beim Baby wiederum inter- se zu erkennen, ebenso winzige Finger essierten sich die Mediziner besonders und Zehen. für das Wachstum der Organe des Im- Ist das Baby ein Junge oder ein Mäd- munsystems wie Milz, Leber und Thy- chen? Hat es Papas Nase? Blondes Haar musdrüse. wie die Mama? Und vor allem: Wird es Die Forscher um Diemert und UKE- gesund auf die Welt kommen? Knapp Professorin Petra Arck haben sich nichts 700 000 Mütter und Väter jährlich stellen Geringeres vorgenommen, als den Ur- sich in Deutschland die gleichen Fragen sprüngen von Gesundheit und Krankheit wie Nadine Mann, 29. Die wenigsten aber auf die Spur zu kommen. „Prenatal Iden- tun das auch im Dienste der Wissen- tification of Children’s Health“ (Prince) schaft. Krankenschwester Mann wollte wissen, welchen Einfluss ihr Lebensstil während der Schwangerschaft auf die Zukunft ih- res ersten Kindes haben würde. 40 Wo- chen lang wuchs da ein neuer Mensch in ihrem Körper heran, verbunden mit ihr und genährt durch Nabelschnur, Frucht- wasser und Mutterkuchen. Spürt der Fetus, ob die Mutter gesund ist oder krank, optimistisch oder depri- miert? Was bedeutet es für seine spätere Gesundheit, wenn sie neun Monate lang vorwiegend Vollkornbrot isst, Schokola- denkuchen oder saure Gurken? „Ich bin Allergikerin und wüsste gern, ob ich et- was tun kann, um Allergien bei meinem Kind zu verhindern“, sagt die junge Frau, Schwangere Mann mit „da helfe ich gern bei der Forschung.“ 120 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    FOTOS: ILONA HABBEN/ DER SPIEGEL Ärztin Diemert bei der Sonografie, 3-D-Ultraschallaufnahme eines Fetus im fünften Monat D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 121
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    Titel heißt ihre Langzeitstudie.Die Teilneh- merinnen stehen nicht nur während der Schwangerschaft als Studienobjekte zur Verfügung – sie werden ihre Kinder auch später jedes Jahr zum Gesundheits-Check ins UKE bringen. Treten künftig zum Beispiel Allergien auf, wollen die Forscher ihre Diagnosen mit den Daten aus der Schwangerschaft abgleichen. Könnten Stresshormone und ILONA HABBEN / DER SPIEGEL Belastungen der Mutter die Reifung des Abwehrsystems der Ungeborenen früh- zeitig und dauerhaft aus dem Tritt ge- bracht haben? „Im Mutterleib entscheidet sich, wie funktionsfähig das Immunsys- tem später sein wird“, erklärt Reproduk- tionsimmunologin Arck, „jede Art von Stress hat vermutlich Einfluss – egal, ob psychisch, durch Infektionen, Medika- mente oder Ernährung.“ Seit Ende 2010 leitet Petra Arck in Hamburg die Arbeitsgruppe „Experimen- telle Feto-Maternale Medizin“. Die Ärz- tin gehört zu einer wachsenden Schar von Wissenschaftlern, die jenen ersten Le- bensraum erkunden wollen, der für alle Menschen gleich ist – und doch so ver- ILONA HABBEN / DER SPIEGEL ILONA HABBEN / DER SPIEGEL schieden, dass dort offenbar das indivi- duelle Fundament von Gesundheit, Psy- che und Intelligenz gelegt wird: das Bio- top Mutterleib. „Die ersten neun Monate entscheiden über das Schicksal unserer Kinder“, glaubt Mediziner Andreas Plagemann, Pränatalforschung an der Hamburger Universitäts-Klinik, Medizinerin Arck bei der Untersuchung von der an der Berliner Charité die Auswir- kung mütterlicher Ernährung auf das spä- Programmierung mehr und mehr For- auf Diät oder spritzen ihnen Stresshor- tere Gewicht und die Neigung zu Stoff- scher in ihren Bann geschlagen. mone, verkabeln Schafsfeten im Mutter- wechselkrankheiten der Nachkommen er- Doch während sich anfangs vor allem leib und messen Herzschlag und Hirn- forscht. Für den neuseeländischen Wis- Epidemiologen durch vergilbte Kranken- ströme der Ungeborenen, sie überfüttern hausakten und Melderegister wühlten, Ratten während der Trächtigkeit, um zu fahnden inzwischen Wissenschaftler ver- sehen, ob ihre Babys unausweichlich zu „Die Startlinie für die schiedener Disziplinen mit modernen Me- zuckerkranken Moppeln heranwachsen. psychische Entwicklung thoden nach Erkenntnissen über ihren Das Erbgut der Nachkommen durchsu- Forschungsgegenstand: Immunologen, chen sie nach epigenetischen Verände- verschiebt sich Stoffwechselexperten, Psychologen, Al- rungen. lergieforscher und Reproduktionsmedizi- Und auch beim Menschen wird die Ent- bis weit vor die Geburt.“ ner – sie alle hoffen, dass sich im rötlichen wicklung von der Empfängnis bis weit Dämmerlicht des Uterus Antworten auf hinein ins Leben in großem Stil dokumen- senschaftler Peter Gluckman, einen der die großen Fragen der Medizin verbergen. tiert. Weltweit haben Gesundheitsbehör- Pioniere auf dem Forschungsfeld, ist „die Wie wird das Ich geboren, wie wird ein den Schwangerschaft und frühe Kindheit Prägung in der Fetalzeit genauso wichtig Mensch zu dem, der er ist? Wie entstehen als wichtige Zeitfenster für die Prävention wie die Gene und der spätere Lebensstil“. bestimmte Krankheiten – und wie lassen entdeckt. Sie hoffen, jene immensen Kos- Das gilt auch für die Seele: „Die Start- sie sich vermeiden? ten senken zu können, welche durch Zi- linie für die psychische Entwicklung ver- Längst ist unumstritten, dass pränatale vilisationskrankheiten wie Übergewicht, schiebt sich bis weit vor die Geburt“, sagt Einflüsse lebenslang Spuren hinterlassen; Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Er- die New Yorker Psychologin Catherine jetzt geht es darum, jene molekularen krankungen verursacht werden. Monk, die den Ursprung depressiver Er- Mechanismen zu entschlüsseln, die da- Vor allem in den USA und in Großbri- krankungen im Mutterleib verortet hat. für verantwortlich sind. Einflüsse im Mut- tannien laufen umfangreiche Langzeitstu- Und der Göttinger Neurobiologe Gerald terleib prägen sogar das Erbgut des dien, mehr als hunderttausend Kinder Hüther sagt: „Das ganze Leben ist eine Ungeborenen – die junge Disziplin der werden derzeit von ihren frühesten An- Entdeckungsreise – vieles spricht dafür, Epigenetik, der Erforschung der Beein- fängen im Mutterleib bis ins Erwachse- dass wir den spannendsten Teil schon hin- flussung der Gene durch die Umwelt, nenalter vermessen, durchleuchtet, beob- ter uns haben, wenn wir auf die Welt steuert wichtige Erklärungen für das Phä- achtet. Zu diesen Großprojekten gesellen kommen.“ nomen der pränatalen Programmierung sich zahllose Studien an lokalen Geburts- Seit der britische Arzt David Barker bei. kohorten mit kleineren Fallzahlen wie vor mehr als 20 Jahren die ersten Hinwei- Forscher triezen trächtige Mäuse mit etwa die Hamburger Prince-Studie, mit se auf den Zusammenhang von Geburts- nervtötenden Geräuschen oder träufeln denen Pränatalforscher jeweils eine spe- gewicht und späteren Herzkrankheiten ihnen allergieauslösende Stoffe in die zifische Fragestellung im Detail zu beant- entdeckte, hat die sogenannte pränatale Nase, sie setzen werdende Affenmütter worten hoffen: kaum ein Prägungsfor- 122 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    ILONA HABBEN /DER SPIEGEL FOTOS: ILONA HABBEN / DER SPIEGEL ILONA HABBEN / DER SPIEGEL Plazentagewebe einer Maus (o. r.): „Vieles spricht dafür, dass wir bei der Geburt den spannendsten Teil des Lebens schon hinter uns haben“ scher, der inzwischen nicht seinen per- dem Spermium hocke bereits ein vollstän- Sicht auf eines der größten Wunder der sönlichen Trupp Schwangerer um sich diger Mini-Mensch, dem die mütterliche Natur. schart. Eizelle kaum mehr als ein Nährmedium Schon 20 Tage nach der Befruchtung Was die Wissenschaftler bisher heraus- beizusteuern habe. nämlich, so weiß man heute, bildet der gefunden haben, ist beeindruckend. So Erst die Medizintechnik rückte das gerade mal zwei Millimeter große Keim- können sie inzwischen beweisen, dass Wunder der Menschwerdung in ein neues ling („Embryo“) die Anlagen für Leber, Stress der Mutter schon beim Fetus eine Licht: Im Jahr 1958 gelang dem schotti- Lunge, Magen und Bauchspeicheldrüse, Neigung zu Allergien programmiert, sie schen Arzt Ian Donald nach Jahren voller sogar die Herzklappen sind bereits vor- sind dabei, Wege zu finden, wie sich al- Rückschläge die erste Ultraschallaufnah- geformt. An der Spitze des primitiven lergiekranke Mütter so behandeln lassen, me eines Fetus im Mutterleib. Im Fach- Neuralrohrs beginnt sich das winzige Ge- dass sie diese Neigung nicht auf ihre Ba- blatt „The Lancet“ erschien sein Artikel hirn zu formen – von da an in einer sol- bys übertragen. unter dem eher schlichten Titel „Investi- chen Geschwindigkeit, dass der Kopf am Die Forscher konnten nachweisen, dass gation of abdominal masses by pulsed ul- Ende der fünften Woche unverhältnismä- die Kinder depressiver Frauen bereits im trasound“. ßig riesig erscheint und die Hälfte des ge- Mutterleib empfindlicher auf Stress rea- Für eine Weltsensation sorgte sieben samten künftigen Menschen ausmacht. gieren als die Feten im Bauch von Müt- Jahre später der Fotograf Lennart Nilsson. In der neunten Woche nimmt die Lei- tern mit stabiler Gemütslage. Vor allem „Das Drama des Lebens vor der Geburt“ besfrucht, die Fachleute jetzt als „Fetus“ aber sind die Wissenschaftler dem Pro- tönte das US-Magazin „Life“ im April (Nachkomme) bezeichnen, allmählich blem Übergewicht auf der Spur; tatsäch- 1965. Das Titelbild zeigte „das weltweit menschliche Gestalt an. Die Augen wan- lich sind es die eigene Leibesfülle und erste Foto eines lebenden Embryos im dern von den Schläfen nach vorn, es der oft damit einhergehende Schwanger- Mutterleib“ – ein rosiges Menschlein in wachsen Lider, auch Ohrmuscheln sind schaftsdiabetes, mit denen viele Mütter transparenter Fruchthülle, 18 Wochen alt, bereits zu erkennen. Wenig später kann ihren Kindern das Übergewicht gleichsam das vor einem schwarzen Hintergrund der Fetus seine Händchen zu Fäusten bal- in die Wiege legen. schwebte. len, und von der 15. Schwangerschafts- Solche starken Einflüsse des mütterli- Zum ersten und einzigen Mal in der woche an bewegt er Arme und Beine, chen Lebenswandels auf das werdende Geschichte der Illustrierten war die Ge- schlägt Purzelbäume in der Fruchtblase Leben waren bis zur Erfindung des Ul- samtauflage von acht Millionen Exempla- und trainiert das Saugen. traschalls unvorstellbar – galt doch der ren binnen Stunden ausverkauft. Und Seine feuchtwarme Umgebung nimmt Mutterleib als eine Art Brutkasten, in des- zum ersten Mal in der Geschichte der das künftige Kind vorerst über den Tast- sen schützender Wärme der neue Mensch Menschheit konnte jeder Laie an einem sinn wahr, doch nach rund 20 Wochen ist nur aus seinem Larvenstadium herauszu- geheimnisvollen, magischen Prozess teil- auch das Gehör funktionsfähig, sechs Wo- wachsen brauchte, und zwar nach einem haben, der sich bis dahin allenfalls Ärzten chen später sind die Augen voll entwi- festgelegten Bauplan. Aus dem alten oder Pathologen offenbart hatte. Die Fo- ckelt. Das Ungeborene kann nun schme- Ägypten stammt die Vorstellung, in je- tos illustrierten den Beginn einer neuen cken und erkennt sogar bestimmte Aro- D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 123
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    Titel den Überfluss im Mutterleib durch gestei- gerte Insulinproduktion zu bewältigen – und das in einer Phase, wo im kindlichen Gehirn das Sättigungszentrum heranreift. Dessen Zellen im Hypothalamus, fand Plagemann heraus, werden offenbar dau- erhaft auf Schlaraffenland geeicht und werten im späteren Leben eine normale Ernährung als akute Hungersnot. „Diese Kinder sind sehr oft übergewichtig und haben ein hohes Risiko, selbst einen Dia- betes zu entwickeln“, so der Wissen- schaftler. Und doch waren es nicht die dicken, sondern die dünnen Babys, die zuerst ins Visier der Prägungsforscher gerieten: Mit- te der achtziger Jahre des vorigen Jahr- hunderts fiel dem britischen Arzt David Barker auf, dass ausgerechnet in den ärmsten Landstrichen des Königreichs die meisten Herzkranken lebten. Galten ULLSTEIN BILD nicht eigentlich Überfluss und Wohl- standswampe als Hauptrisikofaktoren für diese Erkrankungen? Kind beim Hühnerfüttern: Bakterien aus dem Stall härten das Immunsystem ab Mit detektivischem Ehrgeiz fahndete Barker in der Grafschaft Hertfordshire men, die sich durch die Nahrung der Mut- der Hauskatze oder gar zum Verzicht auf nach alten Geburtsregistern. So stöberte ter im Fruchtwasser finden, nach seiner potentiell allergieauslösende Lebensmit- er mehr als 15 000 inzwischen betagte Bri- Geburt wieder. tel wie Fisch oder Nüsse. „Solche Elimi- ten auf, über deren Geburt Hebammen 3-D-Ultraschallaufnahmen zeigen, dass nationsstrategien schaden mehr, als sie einst penibel Buch geführt hatten. Barker das Kind im Bauch schon Grimassen nutzen“, sagt der Marburger Allergologe verglich das Geburtsgewicht jener Leute zieht, dass es gähnt, weint und Schluck- Harald Renz, „da besteht noch ein großer mit der jeweiligen Krankengeschichte. Er- auf hat. Zwillinge scheinen einander so- Fortbildungsbedarf.“ gebnis: Wer als besonders leichtes Baby gar als potentielle Spielgefährten wahr- Den sieht Stoffwechselforscher Plage- zur Welt gekommen war, meist bedingt zunehmen: Sie grapschen in der 14. Wo- mann auch für sein Spezialgebiet: die Zu- durch die Nahrungsknappheit im England che deutlich häufiger nach den Glied- ckerkrankheit während der Schwanger- und im Wales des frühen 20. Jahrhun- maßen ihres Mitbewohners als nach ihren schaft und die pränatale Programmierung derts, hatte ein weitaus höheres Risiko, eigenen. der Fettleibigkeit. „Der Gestationsdiabe- später herzkrank zu werden. So störungsfrei der Bauplan des Lebens tes entwickelt sich zu einer wahren Zivi- In Fachkreisen stieß der Pionier an- in den meisten Fällen ausgeführt wird, so lisationskrankheit“, erklärt der Wissen- fangs auf große Skepsis – inzwischen aber verheerend können sich doch einige äu- schaftler. gilt die Veröffentlichung der sogenannten ßere Einflüsse auswirken. Bestimmte In- Barker-Hypothese im Jahr 1989 als Ge- fektionen, Drogen und Medikamente be- burtsstunde der Prägungsforschung. hindern die fetale Entwicklung. Mikro- Gerät der Stoffwechsel Doch warum hat ein zu niedriges Säug- organismen wie Toxoplasmen oder Liste- der Mutter aus dem Lot, lingsgewicht ähnliche Effekte wie ein zu rien können Hirn, Leber und Lunge des hohes? Auch die Hungersnot im Mutter- Babys angreifen, Röteln- oder Cytome- wird der Fetus mit leib führt zu einer dauerhaften Fehlpro- galie-Viren schädigen das Nervensystem. grammierung wichtiger Steuersysteme, Wer raucht, erhöht die Wahrscheinlich- Zucker überschwemmt. vermutet Barker. Der kleine Mensch ver- keit einer Fehl- oder Frühgeburt und sucht, sich auf jene Welt vorzubereiten, bringt eher ein untergewichtiges Baby Rund 13 Prozent der Schwangeren er- die ihn erwartet. Ist im Mutterleib die zur Welt, Trinkerinnen riskieren ein so- kranken inzwischen an dieser vorüberge- Nahrung knapp, muss das wohl auch im genanntes fetales Alkoholsyndrom mit le- henden Stoffwechselstörung. Der Grund: späteren Leben der Fall sein, so die benslangen Folgen für das Kind. Frauen in Deutschland bekommen immer Schlussfolgerung. So betet denn auch jeder Gynäkologe später Kinder, und sie sind im Schnitt di- Die Feten, die in Zeiten des Mangels meist gleich nach dem ersten Ultraschall cker als früher – beides erhöht jeweils das heranwachsen, glaubt Barker, entwickel- die Liste der Gefahren herunter: Roh- Risiko für den Gestationsdiabetes. „Von ten sich zu besonders guten Futterverwer- milchkäse (Listerien) sei zu meiden, auch diesen Fällen wird aber nur jeder zehnte tern. Gibt es dann im späteren Leben ge- rohes Fleisch, Nikotin und Alkohol, eben- rechtzeitig erkannt“, mahnt Charité-For- nug zu essen, diktiert ihnen der Stoff- so der Kontakt mit Katzenkot (Toxo- scher Plagemann – erst Anfang dieses wechsel, sich möglichst komfortable Fett- plasmen). Jahres haben die gesetzlichen Kranken- polster anzufressen – für schlechte Zeiten, Doch an Listeriose, der durch die ent- kassen das Diabetes-Screening in ihren die niemals kommen. sprechenden Mikroorganismen verursach- Leistungskatalog aufgenommen. „In den Industrienationen ist heutzuta- ten fruchtschädigenden Krankheit, er- Gerät der Stoffwechsel der Schwange- ge kaum eine Schwangere unterernährt“, kranken deutschlandweit im Mittel gera- ren aus dem Lot, wird der Fetus geradezu sagt Plagemann. Das Problem der Über- de mal 30 der knapp 700 000 Feten; To- mit Zucker überschwemmt. Die Folge flussgesellschaft seien eher die Moppel- xoplasmose ist mit durchschnittlich 20 Fäl- sind nicht nur 4000-Gramm-Babys, die babys. len noch seltener. Manche Ärzte und Heb- kaum durch den Geburtskanal passen. Das gilt umso mehr, als ein hohes Ge- ammen raten dennoch zur Abschaffung Der kleine Organismus versucht zudem, burtsgewicht nicht nur mit einer späteren 124 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Neigung zu Übergewichteinhergehen tumsfaktor IGF, der bei der Entstehung Gang – lästige Leiden wie Heuschnupfen kann: Selbst manche Krebserkrankungen von Brusttumoren eine Rolle spielt. oder Asthma sind die Folge. sind umso häufiger, je mehr ein Patient Medizinerin Petra Arck vom UKE hat „Falsch programmierte Immunzellen als Säugling auf die Waage brachte, wie sich einem ganz anderen Aspekt der Prä- des Babys können jahrelang nach der Ge- die Epidemiologin Karin Michels von der natalprägung zugewandt. Sie interessiert burt überleben“, erklärt Arck, „kommen Harvard Medical School herausgefunden sich für die Reifung des Immunsystems sie dann später mit einer harmlosen Polle hat. Wonneproppen mit mehr als vier Ki- und dessen folgenschwere Fehlprogram- in Kontakt, läuft die Reaktion schnell aus logramm Geburtsgewicht haben ein dop- mierungen. „Allergische Erkrankungen dem Ruder.“ Stressreize während der pelt so hohes Risiko, später an Brustkrebs wie Asthma sind auf dem Vormarsch, was Schwangerschaft, glaubt Arck, könnten zu erkranken. Auch Hodenkrebs und sich nicht durch eine Zunahme an gene- über eine komplexe Hormonkaskade da- Leukämie häufen sich bei ehemals beson- tischer Belastung erklären lässt“, sagt die für sorgen, dass sich die Immunzellen für ders stattlichen Babys. Wissenschaftlerin, „deswegen müssen die falschen Feinde rüsten. „Wie dieses Risiko genau zustande Umwelteinflüsse eine Rolle spielen, und Im UKE-Tierstall hocken in Drahtkäfi- kommt, ist noch unklar“, räumt die For- das auch schon lange vor der Geburt.“ gen jene werdenden Mütter, die Arcks scherin ein. Auch Michels hat inzwischen Von den sogenannten T-Zellen des kind- These von der frühen Asthma-Prägung be- eine Gruppe von Bostoner Müttern an- lichen Immunsystems ist bekannt, dass sie legen sollen. Ebenso unscheinbar ist auch geworben, um möglichst viele Daten aus vor der Geburt heranreifen. Sie bilden Re- das wichtigste Zubehör ihrer Stressversu- Schwangerschaft und Kinderleben zu zeptoren, mit denen sie später körperfrem- che an trächtigen Mäusen: Der „Wühl- sammeln. „Wir haben ein paar Kandida- de Eindringlinge erkennen und ausschal- mausvertreiber“ aus dem Elektronikmarkt tengene im Visier, die bei den dickeren ten können. Bei Allergikern jedoch setzen besteht im Wesentlichen aus einem Babys verändert sein könnten“, erläutert sie auch bei eigentlich unschädlichen An- schwarzen Plastikrohr. Er erzeugt jedoch Michels – etwa diejenigen für den Wachs- tigenen eine heftige Immunreaktion in ein für Mäuse unangenehmes Geräusch. ULLSTEIN BILD Frühe Fehlprogrammierung Wie vorgeburtliche Prägungen Krankheiten begünstigen Mütterliche Einflussfaktoren Mögliche Folgen für das Kind Stress Alkohol Ängstlichkeit, Fetales Alkohol- verminderte Stresstoleranz, syndrom: unter anderem Hyperaktivität, Lern- Gesichtsfehlbildungen, schwierigkeiten (z. T. nur im Muskelschwäche, Tierversuch nachgewiesen), Verhaltensstörungen, verstärkte Neigung zu Hirnschäden Allergien/Asthma Infektionen psychische Krankheiten wie Schizophrenie Falsche (im Tierversuch) Diabetes / Ernährung Schwangerschafts- Diabetes, erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen; diabetes bislang epidemiologisch Lebenslange Neigung belegt: Brustkrebs, Nikotin zu Übergewicht, Diabetes, Leukämie, Hoden- z. B. verzögerte Herz-Kreislauf- krebs geistige Entwicklung, Erkrankungen Hyperaktivität, erhöhtes Risiko für plötzlichen Kinds- tod D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 125
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    Titel Nervt man die Weibchen in der Mitte frühen Verfechter der Programmierungs- der Trächtigkeit mit dem 70-Dezibel- thesen. Brummen, so hat Arck herausgefunden, Ähnlich wie die Hamburger Professo- bringen sie nicht nur leichtere Babys zur rin Arck untersucht Schwab den Einfluss Welt und produzieren weniger Schwan- von Stressfaktoren während der Schwan- gerschaftshormone als die Kontrollgrup- gerschaft, doch mehr als das Immunsys- pe, die tagein, tagaus unbehelligt Tro- tem fesselt ihn das heranreifende Gehirn. ckenfutter knabbern darf. Der Nach- Und was der Arzt darüber herausgefun- wuchs der Stress-Mütter zeigt außerdem den hat, könnte viele Schwangere beun- deutlich häufiger asthmaähnliche Symp- ruhigen. tome. Jeder zehnten werdenden Mutter in Nun hofft Immunologin Arck, dass die Deutschland, schätzt Schwab, spritzten Prince-Studie ähnliche Zusammenhänge Mediziner das Steroid Betamethason. auch bei Menschen offenbart. „Der Der Grund: Besteht die Gefahr, dass ein nächste Schritt wäre dann herauszufin- Baby viele Wochen zu früh auf die Welt den, wo genau das feto-maternale Sys- kommt, ist dessen Lunge meist noch un- tem verletzlich ist“, erklärt sie. „Dann terentwickelt. Das Glucocortocoid soll könnten wir eine Art Screening für die deren Reifung beschleunigen, damit das Risiken entwickeln und irgendwann viel- Frühchen atmen kann. leicht sogar vorbeugende Maßnahmen Doch die Substanz gehört zur selben vorschlagen.“ Stoffklasse wie das körpereigene Stress- Mit einem ausgeklügelten Mausversuch hormon Cortisol, und der synthetische haben die Hamburger Forscher gezeigt, Stress hat offenbar eine direkte Wirkung dass Immunzellen der Mutter den kindli- auf das Gehirn des Ungeborenen. chen Organismus tatsächlich unterwan- Schwab bat Schwangere, die Betame- dern können. Unter dem Fluoreszensmi- thason bekommen hatten, zum sogenann- kroskop nämlich leuchten sämtliche Kör- ten MEG-Test. Als eine der wenigen Kli- perzellen eines bestimmten Stammes von niken hierzulande können die Jenaer mit Versuchsmäusen giftgrün. Jene Nager tra- einem Hightech-Messgerät die Hirnströ- FIONA HANSON / PICTURE ALLIANCE / DPA gen dann als Leihmütter die Embryonen me Ungeborener aufzeichnen. Schwabs von nichtleuchtenden Artgenossen aus. Frage: Reagiert das Hirn der gestressten In den Immunorganen der Nachkommen Feten schon im Mutterleib anders als das fand Arck grüne Zellen. einer Kontrollgruppe? „Das beweist, dass mütterliche Zellen Laute Geräusche nahe der Bauchdecke, im kindlichen Immunsystem vorkom- das ist bekannt, führen zu messbaren Aus- men“, erläutert Arck, „das System ist schlägen im Babyhirn, die der Magneto- durchlässiger, als man lange Zeit ange- enzephalograf (MEG) sichtbar machen nommen hat.“ Mutter mit Übergewicht kann. „Bei den Feten, deren Mütter 24 Für den Marburger Forscher Renz ist Starke Einflüsse des Lebenswandels Stunden zuvor Betamethason bekommen das eine gute Nachricht. Denn im Gegen- hatten, war die Reaktion auf akustische satz zu seiner Kollegin Arck sucht der Dass der Schutzmechanismus auch Reize deutlich verzögert“, berichtet Allergologe nicht nach schädigenden Ein- schon von Trächtigen an ihren Nach- Schwab. flüssen: Renz glaubt, dass sich die Nei- wuchs weitergegeben werden kann, be- Und nicht nur das: Das Lungenreifungs- gung zu Allergien schon in der Schwan- richtete Renz vor kurzem im „Journal of mittel hinterlässt Spuren bis weit in die gerschaft mildern lässt. Clinical Immunology“: Während der ersten Lebensjahre des Kindes hinein – Im Tierstall der Philipps-Universität Trächtigkeit gab er einigen seiner Asth- auch dann, wenn die Babys am Ende gar hält Renz ein Grüppchen asthmatischer ma-Mäuse die Bakterien in Form von Na- nicht zu früh zur Welt gekommen sind. Mäuse. Die Nager kriegen schlechter Luft sentropfen – der Nachwuchs blieb ge- Das hat Neurologe Schwab an einer Grup- als ihre Artgenossen und haben chronisch sund. pe Jenaer Kinder gezeigt. Eine Hälfte hat- entzündete Atemwege. Normalerweise „Ein bestimmtes Gen, das im späteren te das Lungenreifungsmittel bekommen, vererben sie die Kurzatmigkeit auch an Leben antiallergisch wirkt, kann durch war aber termingerecht geboren, bei der ihren Nachwuchs – das aber deutlich sel- die frühe Stimulation besser genutzt wer- anderen war die Schwangerschaft normal tener, wenn sie während der Trächtigkeit den“, fand der Wissenschaftler anschlie- verlaufen. in Kontakt mit einem gramnegativen ßend heraus. Mit Kollegen im australi- Als die Mädchen und Jungen acht Jah- Bakterium namens Acinitobacter iwoffii schen Perth will er demnächst untersu- re alt waren, stellte Schwab ihnen kniffli- gekommen waren. chen, ob sich ähnliche Mechanismen auch ge Aufgaben. Unter Zeitdruck mussten „Es ist seit langem bekannt, dass Kin- bei Menschen finden lassen. die Schüler Rechenaufgaben lösen oder der, die auf dem Bauernhof aufwachsen, Im Uni-Klinikum im Jenaer Plattenbau- vor der Kamera eine Geschichte zu Ende seltener Allergien entwickeln“, erklärt viertel Lobeda sitzt Matthias Schwab in erzählen, auch ein IQ-Test gehörte zum Renz. Bestimmte Bakterien etwa aus seinem Dienstzimmer, auf dem Klinikflur Programm. „Die Betamethason-Kinder dem Kuhstall, vermuten Verfechter der warten Patienten, dauernd klingelt sein waren deutlich unruhiger und nervöser sogenannten Hygienehypothese, härten Telefon: Der Neurologe ist verantwortlich als ihre Altersgenossen“, erzählt Schwab. das Immunsystem dieser Landkinder für eine Station, er muss über Therapien Verblüffender noch: Überdurchschnitt- schon früh ab. Dagegen spielt die Ab- und Medikamente etwa für Schlaganfall- lich viele plagten sich mit Verhaltensstö- wehr jener Kinder mitunter verrückt, die und Multiple-Sklerose-Kranke entschei- rungen wie dem Aufmerksamkeitsdefizit- in blank gewienerten Stadtwohnungen den. Sein Forscherherz jedoch schlägt für syndrom ADHS. Und ihr Intelligenzquo- aufwachsen und den nationalen Milch- das Leben vor der Geburt, seit er vor tient lag durchweg um einige Punkte nied- viehbestand in Hagenbecks Tierpark ver- rund 15 Jahren bei US-Wissenschaftler riger als jener der Kontrollgruppe. „Ist es muten. Peter Nathanielz hospitierte, einem der nicht bemerkenswert, dass ein oder zwei 126 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Dann wird esungemütlich. Schwab trennt seine werdenden Schafsmütter von ihren Artgenossen – für die sonst so ge- nügsamen Herdentiere ist Isolation die Höchststrafe. Anderen spritzt er Betame- thason, um genauer zu untersuchen, wel- che Reaktionen Stress und Steroid im Schafsfetus in Gang setzen. Bisherige Ergebnisse: Bei Stress oder künstlichen Stresshormonen verengen sich die mütterlichen Blutgefäße, der Sau- erstoffgehalt des fetalen Bluts sinkt, dafür steigt die Konzentration an Milchsäure. „Auf diese Veränderungen reagieren auch die Wachstumshormone im kindlichen Organismus“, erklärt Schwab – das könn- te dazu führen, dass bestimmte Systeme im Gehirn überhastet heranreifen. Bei Schwabs Schafen etwa entwickeln sich bestimmte Schlafstadien schneller, unter- scheiden sich aber deutlich von den nor- malen Mustern – so durchläuft das Schafs- gehirn die Schlafphasen wesentlich schneller als normalerweise. Ratten wiederum schlägt das Lungen- reifungsmittel aufs Gemüt, auch das hat Schwab schon nachgewiesen. Gab er den Nagern während der Trächtigkeit Beta- methason, wurde deren Nachwuchs im Alter depressiv. Anders als ihre Artge- MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL nossen zeigten die Ratten wenig Interesse am Zuckerwasser, das ihnen als Alterna- tive zum gewohnten Leitungswasser ge- reicht wurde. Warfen die Forscher sie in ein Wasserbecken, ließen sie sich traurig treiben, statt beherzt um ihr Leben zu paddeln. Auch die Schwermut der Mäuse Neurologe Schwab mit trächtigem Schaf im OP: Livestream aus dem Mutterleib schreibt Schwab einer gestörten Reifung der Stress-Reaktionskette während der Injektionen während der Schwangerschaft ärzten und OP-Schwestern in grüner Trächtigkeit zu. offenbar reichen, um ein Kind für sein Schutzkleidung. Dass großer Stress tatsächlich das Erb- ganzes Leben zu prägen?“, fragt Schwab. Weiter hinten warten in gekachelten gut modifiziert, haben Konstanzer Wis- „Für die Lungenreifung sind Steroide Ställen Schwabs Versuchstiere auf ihren senschaftler belegt: Wenn Schwangere sehr effektiv, aber wir wissen, dass sie Einsatz: In Dreiergrüppchen stehen dort Nebenwirkungen haben“, erklärt der Schafe beisammen, ein Züchter aus Wei- Würzburger Kinder-Pneumologe Wolf- mar hat sie gebracht. „Schafe sind ein Brennt sich die gang Thomas. Zum Beispiel hätten Babys ideales Modell für die Pränatalforschung“, mütterliche Stimmung jener Frauen, die während der Schwan- erklärt Schwab, „sie bekommen meistens gerschaft wiederholt Betamethason er- Einlinge wie Menschen, und sie sind in der Seele des hielten, einen kleineren Kopf als der schwer aus der Ruhe zu bringen.“ Durchschnitt. „Seit 2009 ist deswegen die Vor allem das ist praktisch, denn im Ungeborenen ein? Empfehlung, die Lungenreifungsmittel Herbst, wenn die Schafe Lämmer erwar- nur einmal zu geben und auf die bis dahin ten, wird Schwab jedes einzelne von ih- von ihren Partnern misshandelt werden, übliche Wiederholung der Therapie zu nen auf den OP-Tisch legen. In Vollnar- verändert sich bei ihren Kindern dauer- verzichten.“ Nach der vollendeten 34. kose öffnet der Wissenschaftler dann die haft das Gen für sogenannte Glucocorti- Schwangerschaftswoche wird ganz auf Gebärmutter und zieht ein halbfertiges coid-Rezeptoren, jene molekularen Sen- die Injektion verzichtet. Schafsbaby ans Licht, eben weit genug, soren, die Stresshormone wie Cortisol er- Doch was genau geschieht im unreifen um ihm EEG-Elektroden in den Schädel kennen und wie eine Schaltstation weite- System, wenn es von Stresshormonen ge- zu piksen. Er legt einen Venenkatheter re Reaktionen des Gehirns vermitteln. flutet wird? Um das herauszufinden, fährt zum Blutabnehmen und befestigt Kabel „Der Körper der Mutter signalisiert diesen Forscher Schwab regelmäßig vom Klini- zur Messung des fetalen Herzschlags. Kindern, dass sie in einer bedrohlichen kum in die Jenaer Innenstadt. Schon im Dann darf das Baby zurück in den Bauch Umgebung aufwachsen werden“, mut- bunt bepflanzten Hof des Gebäudes in der Mutter. maßt der Konstanzer Psychologe Thomas der Dornburger Straße riecht es nach Aus dem hängt dann bis zu einem wei- Elbert, „im späteren Leben sind diese Landwirtschaft, und im Inneren des In- teren Kaiserschnitt am Ende der Träch- Kinder ängstlicher und weniger neugierig, stituts für Versuchstierkunde weiß der Be- tigkeit in einer Art Netzstrumpf ein bun- ihre Stressachse ist anfälliger als die an- sucher schnell, warum. Auf einer metal- ter Kabelsalat; der Livestream aus dem derer Menschen.“ lenen Liege schlummert gerade ein nar- Mutterleib wird an ein Computerterminal Was aber, wenn die Mutter nicht ge- kotisiertes Schwein, umgeben von Tier- gesendet. stresst, sondern ihrerseits depressiv ist? D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 127
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    Titel folgen, wenn sie womöglich an einer De- pression, an Krebs oder Diabetes erkran- ken oder den Herztod sterben, dauern länger als ein Forscherleben. „Erst unsere Kinder werden die Antworten kennen“, sagt Michels. „Das Letzte, was wir wollen, ist, den Frauen Angst oder ein schlechtes Gewis- sen zu machen“, versichert UKE-Ärztin Anke Diemert. Sie hofft trotzdem, eines Tages bereits während der Schwanger- schaft Präventionsmaßnahmen empfeh- len zu können. „Ab der Geburt hinkt die Medizin doch schon hinterher“, sagt sie. Psychologin Monk fordert, in der MANFRED WITT / DER SPIEGEL Schwangerschaftsvorsorge künftig auch die Seelenlage abzufragen. Bis zu 20 Pro- zent der Schwangeren in den USA, schätzt sie, seien von einer mehr oder minder schweren Form der Depression betroffen – mehr noch als vom Gestati- Krankenschwester Mann, Tochter Emilia: „Ich hab mich nicht verrückt gemacht“ onsdiabetes. Die leichteren Fälle schickt Monk zum Yoga oder in die Müttergrup- Brennt sich die mütterliche Stimmung in außer Gefecht gesetzt, glaubt Monk, pe, bei schwereren hält sie Antidepressiva der Seele des Ungeborenen ein? Die kommt beispielsweise das mütterliche auch während der Schwangerschaft für Psychologin Catherine Monk von der Cortisol in weit höherer Konzentration weniger schädlich als die Depression New Yorker Columbia University ist da- beim Kind an. selbst. Auch UKE-Wissenschaftlerin Arck von überzeugt: „Ich glaube, dass es ne- Auch unter Monks Forschungsprojek- würde am liebsten Stressfragebögen in ben Genetik und späteren Umweltein- ten darf eine eigene Langzeitstudie nicht den Frauenarztpraxen auslegen. flüssen einen dritten Weg gibt, über den fehlen: Die Psychologin untersucht, ob Allergologe Renz ist für viel frische neuropsychiatrische Krankheiten inner- Teenager-Schwangerschaften Auswirkun- Luft, Epidemiologin Michels für Vollkorn halb einer Familie weitergegeben werden gen auf die Nachkommen haben. „Wer und Obst statt Zucker und Weißmehl: können – und das ist der pränatale mit 16 schwanger wird, steht unter einer „Die mütterliche Ernährung ist einer der Einfluss psychischer Erkrankungen der besonderen Art von Stress“, erläutert die wenigen Faktoren, die sich leicht variie- Mutter.“ Wissenschaftlerin. ren lassen – und die doch so viel Einfluss Um das zu belegen, bestellte Monk Mehrere hundert Mädchen aus dem auf das ganze Leben des Kindes hat.“ Me- Hunderte Schwangere ins New Yorker New Yorker Problemviertel Washington diziner Plagemann rät, möglichst mit Nor- Presbyterian Hospital ein. Die eine Grup- Heights, meist junge Latinas, hat Monk malgewicht in eine Schwangerschaft zu pe litt unter schweren Depressionen, die mit tragbaren Computern ausgerüstet. Im starten, und plädiert zugleich fürs Diabe- andere nicht. Einige der Depressiven nah- Verlauf der Schwangerschaft führen die tes-Screening, Neurologe Schwab emp- men Medikamente, andere befanden sich Teenager dreimal täglich genauestens fiehlt, bei drohenden Frühgeburten jen- in einer Psychotherapie, eine weitere seits der 32. Woche auf Steroide zur Lun- Gruppe hatte eine unbehandelte Depres- genreifung zu verzichten. sion. Beim sogenannten Stroop-Test muss- „Das Letzte, was wir Vor allem aber rät der Jenaer Arzt zur ten die Probandinnen unter Zeitdruck wollen, ist, den Frauen Gelassenheit: „Bei allen spannenden Er- Aufgaben am Computer lösen. kenntnissen: Die Natur hat es so einge- Ergebnis: Bei allen Schwangeren schos- ein schlechtes richtet, dass eine normale Schwanger- sen Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz schaft ein gesundes Kind produziert.“ in die Höhe. Doch nur bei jenen Frauen, Gewissen zu machen.“ So war es dann auch bei Nadine Mann die eine unbehandelte Depression, oft in aus Hamburg. „Ich habe mein Leben ganz Verbindung mit einer Angststörung, hat- Buch über ihre Erlebnisse, Gefühle und normal weitergelebt und mich nicht ver- ten, klopfte auch das Babyherz schneller. ihre Ernährung, ihr Blut wird auf Stress- rückt gemacht“, erzählt sie. Ende Novem- „Diese Feten sind offenbar schon im Mut- hormone untersucht, sie tragen ein mo- ber 2011 kam ihre Tochter Emilia zur terleib stressempfindlicher als andere“, biles Blutdruckmessgerät. Später will Welt – 4260 Gramm, 57 Zentimeter, ganz erläutert Monk. Das Muster setzt sich fort: Monk die Entwicklung der Babys verfol- der Papa. Erst dann begann der Stress: Nach der Geburt sind die Babys nervöser gen. Hirnscans, Aufmerksamkeits- und Die Geburt war schwierig, die Mühsal des und lassen sich weniger leicht beruhigen Gedächtnistests sollen Besonderheiten of- Stillens hatte die junge Mutter zunächst als ihre Altersgenossen. fenbaren, die Monk wiederum mit Ereig- unterschätzt. Baby Emilia muss das nicht Einen Mechanismus des Phänomens nissen vor der Geburt in Verbindung brin- beunruhigen: Den spannendsten Teil ihrer vermutet Monk auf molekularer Ebene. gen will. Reise ins Leben hat sie schon gemeistert. Möglicherweise führt die mütterliche In konkrete Verhaltenstipps für wer- JULIA KOCH Schwermut zu Änderungen in der Gen- dende Mütter lässt sich diese Fülle an expression bestimmter Eiweiße im Mut- Forschung derzeit allerdings noch nicht terkuchen. Normalerweise nämlich dient übersetzen. „Viele unserer Erklärungen Video: die Plazenta als eine Art Schutzwall, die sind noch sehr spekulativ“, räumt Har- Was Schwangere schädliche Stoffe vom Kind fernhält. In vard-Krebsforscherin Karin Michels ein. für ihr Kind tun ihren Zellen sind Enzyme aktiv, die Jene Langzeitstudien, die die Entwick- Für Smartphone-Benutzer: Stresshormone zumindest zum Teil un- lung ihrer Probanden von der Schwan- Bildcode scannen, etwa mit schädlich machen können. Sind diese gerschaft bis weit ins spätere Leben ver- der App „Scanlife“. 128 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Wissenschaft U M W E LT Menü der Grausamkeiten Auf dem Gipfel in Rio will sich Brasilien als Öko-Musterland A N T H O N Y A B O CCACC I O / I M AG E T R U ST präsentieren. Doch der Raubbau im Amazonasgebiet schreitet voran. Naturschützer werden von Mordkommandos bedroht. I hre kugelsichere Weste hat sie abge- Experten halten die Öko-Wende für legt; auch die Elitesoldaten zu ihrem Propaganda. „Die Regierung wird nach STRASSENBAU Die über 5600 Kilometer lange Schutz sind abgezogen. Dafür musste der Konferenz ein Menü umweltpoliti- Transamazônica führt quer durch den Regenwald. Nilcilene Miguel de Lima, 45, den Behör- scher Grausamkeiten anrichten“, fürchtet den versprechen, dass sie ihren Aufent- die ehemalige Umweltministerin Marina haltsort geheim hält und nicht in ihre Hei- Silva. „Sie baut systematisch die Umwelt- mat im brasilianischen Amazonasurwald gesetzgebung ab, die wir in den vergan- zurückkehrt. Denn dort wartet ein Auf- genen 24 Jahren geschaffen haben.“ Ge- tragskiller auf sie. meinsam wandten sich acht große Um- Umgerechnet 8000 Euro hat eine Mafia welt- und Sozialorganisationen an die aus Holzhändlern und Rinderzüchtern Öffentlichkeit. Rousseff, so ihr Vorwurf, auf ihren Kopf ausgesetzt. Denn sie ist sei verantwortlich für den „größten Rück- Präsidentin von Deus Proverà, einer schritt in der Umweltpolitik seit dem Vereinigung von Bauern und Kautschuk- Ende der Militärdiktatur 1985“. zapfern im Süden des Bundesstaats Ama- Die Reform des Waldgesetzes sieht RO N H AV I V / V I I zonas, dort, wo sich Holzfäller und Um- eine Amnestie für illegale Abholzer vor. Farmer im Amazonasgebiet dürfen künf- RINDERZUCHT Etwa 205 Millionen Rinder grasen weltschützer bekriegen. Und sie hatte es in Brasilien – meist auf ehemaligen Urwaldflächen. gewagt, die illegale Abholzung anzu- tig 50 statt bislang 20 Prozent ihrer Grund- zeigen. stücke roden. Gleichzeitig treibt die Re- 300 Familien hatte die Regierung vor gierung den Bau Hunderter Staudämme halb vor der mächtigen Agrarlobby ein. fünf Jahren im Urwald angesiedelt, sie in der Region voran. Die Folge: Tausende Dabei brauche Brasilien eigentlich gar betreiben eines von 21 Projekten zur Quadratkilometer werden überschwemmt, keine neuen Weide- oder Anbauflächen, nachhaltigen Bewirtschaftung des Ama- Indianerdörfer und Bauernsiedlungen meint Ex-Ministerin Silva: „Wir könnten zonasgebiets. Die Bauern zapfen Kaut- müssen weichen. unsere Produktion verdoppeln, wenn wir schuk aus Gummibäumen, sammeln Die Umweltbehörde wurde von Rous- die vorhandenen Flächen intensiver be- Paranüsse und bauen Ananas, Bananen seff weitgehend entmachtet. Die Regie- wirtschaften.“ und Maniok an. „Wir sind die Wächter rung will Großprojekte beschleunigen, Doch die Vernichtung des Urwalds ist des Waldes“, sagt Miguel de Lima. 42 den Bergbau in Indianerreservaten er- billiger und lukrativer, zumal sie meist Kilometer von der nächsten Bundesstra- lauben und neue Straßen bauen. Die Re- straflos bleibt. Die Zerstörung folgt dem ße entfernt, hausen sie ohne Strom, ohne gulierung des Landbesitzes, das größte immergleichen Zyklus: Erst schlagen die versprochene Schule, ohne Gesund- Problem im Amazonasgebiet, geht nur Holzfäller die wertvollsten Bäume, dann heitsposten und ohne Polizeischutz im schleppend voran; illegal gegründete Far- reißen sie die restliche Vegetation mit Urwald. men werden im Internet gehandelt. Traktoren nieder oder fackeln sie ab. So- Holzhändler und Rinderzüchter ma- Die Devisenerlöse aus dem Export von bald der Urwald zerstört ist, säen sie Gras chen sich die Abwesenheit des Staates Rindfleisch und Soja sind einer der Pfeiler aus, und bald darauf trotten die ersten zunutze. Sie teilen den Wald in Parzellen des brasilianischen Wirtschaftswunders. Rinder zwischen den Baumstümpfen. auf, fälschen die Grundbücher und ver- Immer wieder knickt die Präsidentin des- Auch Sojafarmen dringen in einige Re- treiben die Kleinbauern mit Waffenge- gionen des Amazonasgebiets vor. walt. Dutzende Familien sind bereits ge- Wer sich den Ranchern in den Weg flüchtet. Ihre Äcker haben sie aufgegeben stellt, riskiert sein Leben. 29 Menschen oder an die Großgrundbesitzer verkauft. wurden im vergangenen Jahr in Brasilien „Wenn Nilcilene zurückkehrt, wird sie wegen Landstreitigkeiten umgebracht. umgebracht“, fürchtet ihr Lebensgefährte „Die Verbrechen werden nicht geahndet“, Raimundo Alexandrino de Oliveira. klagt Francineide Lourenço von der kirch- Auf dem Uno-Umweltgipfel Rio+20, lichen Hilfsorganisation Comissão Pasto- der diese Woche beginnt, will Gastgeber ral da Terra in Manaus. Greenpeace-Mit- Brasilien sich als moderne, aufstrebende arbeiter sind im Urwald nur in gepanzer- Öko-Nation präsentieren. Ein ganzes Pa- ten Geländewagen unterwegs. JENS GLÜSING / DER SPIEGEL ket von Projekten zum Schutz der Um- Allein im Bundesstaat Amazonas ha- welt soll das Land als Musterbeispiel ben im vergangenen Jahr 49 Umweltakti- nachhaltigen Wirtschaftens ausweisen. visten und Kleinbauern Morddrohungen Am Weltumwelttag trat Präsidentin Dil- erhalten. Drei von ihnen hat die Regie- ma Rousseff im grünen Kleid vor die Ka- rung bewaffneten Begleitschutz gewährt, meras und brüstete sich, die Abholzung darunter Miguel de Lima. sei auf ein historisches Minimum zurück- Aktivistin Miguel de Lima Besucher empfängt die zierliche Frau gegangen. „Wir sind die Wächter des Waldes“ in einem Haus über tausend Kilometer 130 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Kahlschlag am Amazonas B RASILIE N stark gerodete Gebiete Bundesstaat Atlantik Pará große Staudamm- onasBelo projekte in Bau Amaz Rio de Manaus Monte Janeiro Tucuruí ira Bundesstaat a de São Luis Amazonas M do Tapajós o Ri Porto Velho Teles Pires Jirau Transamazônica Santo Antônio BRASILIEN WERNER RUDHART / VISUM P E RU Brasília 500 km BERGBAU Brasilien ist weltweit zweitgrößter BOLIVIEN Eisenerz- und drittgrößter Bauxitlieferant. MARCE LO SAYAO / DPA A N JA K E S S L E R RODUNG Von 1990 bis 2010 wurden in Brasilien Regenwaldgebiete STAUDAMMBAU Über drei Viertel der Elektrizität wird durch Wasserkraftwerke von der Größe Frankreichs abgeholzt. erzeugt. Ihre Leistung entspricht etwa der von 80 Atomkraftwerken. von ihrer Heimat entfernt. Sie nimmt Be- sie anzeigen.“ Ninks Mörder kamen im wald und Brachland am Rio Madeira ruhigungsmittel, beim Erzählen steigen Morgengrauen; als ihr Vater sie Stunden werden in den kommenden Jahren über- ihr Tränen der Wut in die Augen. „Die später fand, wischte ihr kleiner Sohn das flutet. haben mein Grundstück niedergebrannt“, Blut von der Brust seiner Mutter. In Vista Alegre, wenige Kilometer vor sagt sie und zeigt Fotos von den verkohl- Wenige Tage nach Ninks Tod postierte Miguel de Limas Siedlung, kommen die ten Resten ihres Hauses. sich ein bewaffneter Mann mit Motorrad Holzlaster im Viertelstundenrhythmus Vor einem Jahr flüchtete sie aus der vor Miguel de Limas Unterschlupf. Ihre aus dem Wald, mit bewaffneter Motorrad- Region, nachdem ein Pistolero ihr aufge- Leibwächter bekamen es mit der Angst eskorte. Über Amateurfunk kündigen sie lauert hatte. Die Regierung gewährte ihr zu tun und zwangen sie, die Region zu ihre Ladungen an. eine bewaffnete Eskorte der Força Nacio- verlassen. „Die Holzhändler haben zur In illegalen Sägewerken am Stadtrand nal, einer Sondereingreiftruppe aus Mili- Feier einen Ochsen geschlachtet“, erzählt werden die Stämme zu Brettern verarbei- tär und Polizei. Im November kehrte sie, Miguel de Lima. tet, die Reste verfaulen im Schlamm. geschützt von neun Soldaten, zurück. Tag Der Raubbau geht unterdessen unge- „Das Holz wird mit gefälschten Papieren und Nacht trug sie eine kugelsichere Wes- bremst weiter. Rinderfarmen stoßen wei- ausgestattet und in den Süden transpor- te. „Wir schießen in den Kopf“, drohte ter in den Süden des Bundesstaats Ama- tiert“, sagt Miguel de Lima. In der Millio- die Mafia daraufhin. zonas vor, Sojalaster donnern über die nenmetropole São Paulo enden die Ur- Die Rinderfarmen waren in ihrer Ab- Bundesstraße BR-364, das Endstück der waldriesen als Bauholz. wesenheit nahe an ihre Siedlung heran- berühmten Transamazônica. Die Regie- Auf Miguel de Limas Grundstück ver- gerückt. Rancher riegelten die Wege mit rung hat die Trasse bis ins nahe Peru fi- gammeln unterdessen die Bananen, Un- Zäunen ab und zerstörten die Gummi- nanziert, sie verbindet Brasilien mit den kraut wuchert über den verkohlten Res- bäume. Häfen der Pazifikküste. ten ihrer Hütte. Doch Miguel de Lima ließ sich nicht Rinderfarmen und Brachland säumen Amnesty International hat eine welt- einschüchtern. Ihre Eltern waren Gummi- die Straße; nur die verkohlten Skelette weite Kampagne für Miguel de Lima ge- zapfer, sie stammt aus derselben Gegend der Paranussbäume erinnern daran, dass startet, täglich gehen beim Gouverneur wie Chico Mendes. Der Umweltaktivist hier einmal Regenwald stand. Die Pro- in Manaus Protestbriefe aus der ganzen und Kautschukzapfer war 1988 von zwei vinzhauptstadt Porto Velho am Rio Ma- Welt ein. Sie träumt von ihrer Rückkehr, Farmern ermordet worden, vier Jahre vor deira, einem Zufluss des Amazonas, war so oft wie möglich telefoniert sie mit ih- dem ersten Uno-Umweltgipfel in Rio. Sein einst ein verschlafenes Urwaldnest; jetzt ren Mitstreitern im Urwald. Tod löste eine weltweite Kampagne gegen stauen sich nachts die Geländewagen der Die hoffen unterdessen auf Hilfe aus die Abholzung aus, seine Mörder sind in- Farmersöhne vor der Broadway Bar, dem dem fernen Norwegen: Die Regierung in zwischen wieder auf freiem Fuß. örtlichen Nachtclub. Oslo hat eine Milliarde Dollar für den Im April wurde Dinhana Nink erschos- Am Stadtrand erstrecken sich endlose „Amazonasfonds“ zum Schutz des Ur- sen, eine Bekannte von Miguel de Lima. Arbeitercamps: Zuwanderer aus ganz walds bereitgestellt. Auf dem Uno-Gipfel „Sie betrieb eine kleine Bar, die als Infor- Brasilien sind nach Porto Velho geströmt, in Rio wird die Ölnation das Projekt als mationsbörse diente, und kannte die sie helfen beim Bau der Staudämme Modell für die nachhaltige Rettung des Pläne und Routen der Holzfäller und Far- Santo Antônio und Jirau, zweier riesiger Amazonasurwalds präsentieren. mer“, sagt Miguel de Lima. „Sie wollte Wasserkraftwerke. Tausende Hektar Ur- JENS GLÜSING D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 131
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    Wissenschaft „Das wird ein Riesengeschäft“ Der britische Milliardär Sir Richard Branson, 61, über Klimaschutz als Anlagemodell SPIEGEL: Sir Richard, kennen Sie das Kohlestrom. Wegen des scharfen Wett- dukten wie Industrieabgasen ist fort- deutsche Wort „Angst“? bewerbs stehen die Hersteller unter geschritten. Sobald es uns gelingt, gro- Branson: Na klar, „German angst“, das Druck, sich innovative Produkte ein- ße Mengen davon herzustellen, wird Wort haben wir Engländer von euch fallen zu lassen, was den Fortschritt das ein Riesengeschäft. Wenn ich al- übernommen. zusätzlich beschleunigt. Insgesamt lein daran denke, wie viele Steuern SPIEGEL: Um den Klimawandel zu würde ich also sagen: Für die Umwelt und Abgaben wir sparen, wenn wir stoppen, wollen Sie unter anderem entwickelt sich die Sache prächtig. kein Kerosin mehr tanken müssen, Kohlendioxid aus Industrieanlagen SPIEGEL: Mit Ihren Fluggesellschaften fühle ich mich gut. herausfiltern und unterirdisch einla- gehören Sie selbst zu den großen Um- SPIEGEL: Wäre es für das Klima nicht gern – eine Methode, die in Deutsch- weltverschmutzern. Was tun Sie denn am besten, wir würden in Zukunft land wegen Sicherheitsbedenken um- dagegen? einfach weniger fliegen? Etwa drei stritten ist. Sind die Deutschen Prozent aller CO2-Emissionen ge- übertrieben ängstlich? hen auf das Konto der Luftfahrt. Branson: Ich will die Deutschen Branson: Es wäre falsch, die nicht kritisieren, aber ich glaube, Menschheit ins dunkle Zeitalter dass wir neue Technologien benö- zurückzuführen. Der Weltwirt- tigen, wenn wir den Klimawandel schaft fehlt es an Dynamik; da stoppen wollen. Gerade die deut- können wir jetzt nicht auch noch sche Wirtschaft könnte dazu einen unsere Flugzeuge am Boden las- bedeutenden Beitrag liefern. Man sen. Wir müssen stattdessen unse- muss sich ja nur ansehen, was Un- ren Verstand und unsere Kreativi- ternehmen wie Bosch, Siemens tät bemühen. Ich glaube fest an oder BASF in der Vergangenheit den Fortschritt. Wir haben es mit bereits geleistet haben. einem ultraleichten Spezialflug- SPIEGEL: Was tun Sie? zeug kürzlich geschafft, mit ein Branson: Der Kampf gegen Treib- paar Kanistern Sprit die ganze hausgase bietet große Gewinn- Welt zu umrunden. Und als Nächs- chancen. Um das zu fördern, habe tes arbeite ich daran, Menschen ich mit Freunden den „Carbon mit einem Minimum an Treibstoff War Room“ gegründet. Wir sehen ins Weltall reisen zu lassen. Klimaschutz auch als Geschäfts- SPIEGEL: Geht ein auf Wachstum modell an, denn nur wenn es für angelegtes Wirtschaftsmodell nicht die Wirtschaft Geld zu verdienen automatisch mit Raubbau einher? DAVID ROSE / PANOS PICTURES / VISUM gibt, werden wir den Klimawandel Während in Rio de Janeiro diese stoppen können. Woche der Umweltgipfel läuft, SPIEGEL: Sie kommen demnächst wird in anderen Teilen des Landes nach Deutschland; was verspre- der Regenwald zerstört. chen Sie sich davon? Branson: Der Kapitalismus kann Branson: Dass uns Ihre Unterneh- schlimme Dinge anrichten, aber mer und Politiker bei der Entwick- der Sozialismus war auch keine lung innovativer Geschäftsmodel- gute Wahl, wie die Umweltschä- le und brillanter Technologien, die Luftfahrtunternehmer Branson den in der Sowjetunion gezeigt ha- es gerade in Deutschland gibt, un- „Wir suchen nach einem neuen Treibstoff“ ben. Wenn es uns gelingt, den Er- terstützen. trag eines Feldes durch moderne SPIEGEL: Der deutschen Photovoltaik- Branson: Überschüsse unserer Ver- Maschinen oder bessere Anbaumetho- industrie geht es gerade sehr schlecht. kehrsunternehmen, über die Jahre den zu steigern, haben wir mehr Branson: Die europäische Solarbran- insgesamt um die drei Milliarden Wachstum und mehr Umweltschutz, che ist in der Krise, insbesondere we- Dollar, stecken wir in die Entwick- weil die Bauern darauf verzichten gen der chinesischen Billigkonkur- lung von Techniken, die den CO2- können, den Wald abzuholzen. renz. Ich habe selbst sehr viel Geld Ausstoß senken. Wir suchen vor al- SPIEGEL: Sie haben 25 Millionen Dollar verloren. Aber so ist das im Wirt- lem nach einem neuen Treibstoff, um Preisgeld ausgelobt für Vorschläge, schaftsleben: Einige Unternehmen ge- das aus Erdöl hergestellte Kerosin zu mit denen sich auf ökonomisch ver- winnen, andere verlieren. Die gute ersetzen. nünftige Weise Treibhausgase einspa- Nachricht für uns alle ist, dass der SPIEGEL: Und? Haben Sie schon etwas ren lassen. Gibt es schon Gewinner? Preis für Solaranlagen fällt. In eini- in Aussicht? Branson: Nein, das Angebot steht. Vor- gen Ländern wird die Sonnenenergie Branson: Die Entwicklung von Treib- schläge sind herzlich willkommen. schon bald genauso billig sein wie stoffen aus Pflanzen oder Abfallpro- INTERVIEW: ALEXANDER NEUBACHER 132 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    ARCHÄOLOGI E Hort auf dem Acker Ein Schatzfund aus Niedersachsen JOCHEN LÜBKE / DPA (O.); FOCKE STRANGMANN / DAPD (L.U.); LANDESAMT FÜR DENKMALPFLEGE / DPA (R.U.) gibt Rätsel auf. Trieben die Ur-Germanen Handel bis ins 5500 Kilometer entfernte Indus-Tal? A ls einer der größten Förderer va- terländischer Altertümer unter Deutschlands Staatsmännern hat sich der siebte Kanzler der Bundesrepu- blik, Gerhard Schröder, hervorgetan. Die Scherbenzunft ist voller Lob für den Co- hiba rauchenden SPD-Veteranen. Denn es war Schröder, der mit Wladi- mir Putin den Plan einer Ostsee-Pipeline durchboxte, um russisches Erdgas nach Westeuropa zu pumpen. Zu diesem Zweck musste von Lubmin bis hinter Bre- men eine 440 Kilometer lange und bis zu 30 Meter breite Trasse geschaffen werden. Ergebnis: ein Feuerwerk an urzeitli- chen Entdeckungen. Die schönste gelang in der Gemarkung Gessel: 117 Goldteile lagen dicht gestapelt in einem verrotteten Fundstücke aus Gessel: 117 Goldteile in einem verrotteten Leinentuch Leinentuch. Alter des Verstecks: etwa 3300 Jahre. Mesopotamien und hernach irgendwie Ägypter gelangte bis nach Schweden, und 1,8 Kilogramm wiegt der Fund aus dem ins nordische Tiefland gelangt. prunkvolle Spondylus-Muscheln aus dem Acker: ein wenig Geschmeide, überwie- Nur stimmt all das auch? Nicht jeder Mittelmeer schafften es bis nach Bayern. gend jedoch aus Drahtspiralen bestehend. mag Lehmanns Goldanalyse trauen. Der Und immer wieder Metalle: Zinn, Kup- Jeweils zehn davon sind zu einer Kette Mann besitze zwar tolle Messgeräte, sei fer, Gold und Silber schleppten die Fern- verbunden. Schmuck ist dies nicht, son- aber „unerfahren“, heißt es. Der Tübin- händler in Rucksäcken oder auf Ochsen- dern eine urtümliche Barrenform. ger Archäometallurge Ernst Pernicka – karren quer über den Kontinent. Der Al- Als Niedersachsens Wissenschaftminis- anerkannt durch seine bahnbrechenden penläufer Ötzi zockte wahrscheinlich mit terin Johanna Wanka (CDU) den Schatz Metalluntersuchungen an der Himmels- Kupfer und Feuerstein und wurde dabei im Februar der Presse vorstellte, stieg die scheibe von Nebra – nennt die Befunde ermordet. Verblüffung noch. Der Rohstoff, erklärte „hoch spekulativ“. Aber reichten die weitgespannten Han- sie, stamme aus einer Mine in Zentral- Weil über den frühen Bergbau in Zen- delsnetze der Kaufleute schon im 2. vor- asien. Das habe eine Prüfung an der Uni- tralasien fast nichts bekannt ist, konnte christlichen Jahrtausend bis zu den weit versität Hannover ergeben. Lehmann den Hortfund nur mit einigen abgelegenen Bergwerken in Zentral- „Über 20 Spurenelemente wurden von skythischen Goldmünzen vergleichen. asien? Gelohnt hätte es sich. Vom Altai uns massenspektrometrisch untersucht Aus derlei dünnen Fakten so schwerge- bis zum Aralsee zieht sich ein gewaltiger und so der Fingerabdruck des Metalls er- wichtige Thesen zu folgern sei „ziemlich Gold-Zinn-Gürtel. Aber auch in Arme- mittelt“, erklärt der Chemiker Robert mutig“, urteilt auch Gregor Borg von der nien wurde erst kürzlich eine vorge- Lehmann. „Die Goldader muss über Jahr- Universität Halle, ein Fachmann für Gold- schichtliche Goldmine entdeckt. Es ist die millionen tief in den Bergen Kasachstans, lagerstätten. größte im ganzen Kaukasus. Afghanistans oder Usbekistans entstan- Der Geschmähte bleibt indes bei seiner Der Mythos der Argonauten, die den sein.“ Ansicht. Er verweist auf seinen erstklas- durchs Schwarze Meer segeln, um das Seitdem wähnt sich Niedersachsen im sigen Maschinenpark. Mit diesen Appa- Goldene Vlies zu stehlen – hier könnte Besitz eines „Jahrhundertfunds“ (Wan- raten könne er auch „konfokale Weiß- er seinen Ursprung haben. ka). Kaufleute hätten einst den ganzen lichtmikroskopien und Laser-Ablations- Ob der Hort von der Waterkant wirk- Kontinent mit Luxusgütern durchquert, ICP-Massenspektrometrien“ durchführen: lich aus der fernen Steppe stammt, bleibt meint der zuständige Landesarchäologe „Wir zählen sogar einzelne Atome.“ dagegen vorerst strittig. Für den 13. Juli Henning Haßmann: „Reisen von 10 000 Wer hat da recht? hat Lehmann seine Kritiker nach Hanno- Kilometer waren gar nichts.“ Die Asien-Connection mutet zwar ver gebeten, um ihnen Details seiner For- Er vermutet, dass das Gold von Gessel kühn an, könnte aber stimmen. Belege schung vorzulegen. „Es wird eine ge- zuerst von Karawanen ins nahe Indus-Tal dafür, dass die menschliche Gier bereits schlossene Tagung“, sagt er. geschafft wurde, wo bis etwa 1800 vor vor über 3000 Jahren zu einem globali- Niemand soll im Streit ums prähistori- Christus eine riesige Flusskultur blühte. sierten Geschacher führte, gibt es reich- sche Gold sein Gesicht verlieren. Von dort sei die Ware per Schiff nach lich. Das Klappstuhl-Design der alten MATTHIAS SCHULZ D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 133
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    Szene Sport MEDIZIN Schmerzmittel für den Herzkranken Schwimmweltmeister Alexander Dale Oen hatte vor seinem Tod eine große Anzahl verschiedener Schmerzmittel eingenommen. Der 26-jährige Brust- spezialist aus Norwegen war Ende April im Trainingslager in Flagstaff, Arizona, an Herzversagen gestorben; bei der toxikologischen Analyse seines Blutes wurden nun in einem Labor in Indianapolis Spuren von 13 Schmerz- mitteln gefunden, darunter das fieber- senkende Betäubungsmittel Naproxen, der Entzündungshemmer Etodolac so- wie das Rheumamedikament Indome- tacin, das unter anderem bei akuten Gichtanfällen verabreicht wird. Oen hatte im Winter über starke Nacken- und Schulterschmerzen geklagt und wahrscheinlich aus diesem Grund die Medikamente eingenommen. Oens le- bensbedrohlichen Zustand jedoch hat- ISSEI KATO / REUTERS ten die behandelnden Ärzte offenbar übersehen. Laut dem seit vergangener Woche vorliegenden Autopsiebericht waren alle Koronararterien – jene Ar- terien, die das Herz kranzförmig um- Schwimmer Oen 2011 geben und die den Herzmuskel mit Blut versorgen – hochgradig verkalkt. Herzinfarkt, den Oen ein bis zwei Mo- Wolfgang Fehske, Chefarzt der Klinik Die Pathologen des medizinischen nate vor seinem Tod erlitten haben für Innere Medizin des St. Vinzenz- Zentrums in Flagstaff diagnostizierten muss. „In den linken Arm ausstrahlen- Hospitals Köln, „ein EKG hätte ver- einen durch das Gerinnsel eingetrete- de Schmerzen sind typische Zeichen mutlich gereicht, um die richtige Dia- nen und bereits teilweise vernarbten verengter Herzkranzgefäße“, sagt gnose zu stellen.“ EM-Fairnessbarometer QUERSCHNITT Erfolgs- und Strafpunkte ausgewählter Länder, Durchschnitt pro Spiel 4 Wer siegt, foult weniger Ruppig zu spielen führt bei einer Europameisterschaft nicht zum Titel. 3 Deutschland gehört zu den erfolgreichs- ten Teams aller bisherigen Turniere, be- kommt aber verhältnismäßig selten gel- be und rote Karten gezeigt – das zeigt 2 eine Auswertung von SPIEGEL-Doku- mentaren. Um Erfolg und Härte mit- einander vergleichen zu können, wur- 1 den Strafpunkte für Verwarnungen und Platzverweise vergeben und dem übli- chen Punkteschema für Sieg, Unent- 0 schieden und Niederlage gegenüberge- stellt. So erzielte Deutschland pro Spiel 1,76 Punkte, sammelte aber nur 1,46 Deutschland Niederlande Italien Spanien Türkei Schweiz Bulgarien Strafpunkte. Besonders unfair verhiel- Basis: alle Spiele der bisherigen EM-Turniere (1960 bis 2008); ten sich Schweizer und Bulgaren, die zu Verteilung: Sieg drei Erfolgspunkte, Unentschieden ein Erfolgspunkt – gelbe Karte ein Strafpunkt, rote Karte zwei Strafpunkte den größten EM-Verlierern zählen. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 135
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    Sport DEUTSCHLAND Täglich Käsekuchen Auf dem abgeschirmten Hotelgelände der Nationalmannschaft in Danzig steht das Weiße Zelt. Dort begegnen sich Berichterstatter und das Team des DFB. Es ist ein Ort der Floskeln, der Maskerade – und der Provinzialität. Von Dirk Kurbjuweit Mit den Engländern hat Tore. Die Welt erfreute sich an Deutsch- Der Hotel-Scout der Deutschen scheint ein Teil der deutschen land, und das gibt es nicht so oft. ein Mensch zu sein, der von Weltekel be- Mannschaft Probleme, Im Weißen Zelt werden also große Fra- fallen ist. Für die Zeit vor und während auch der Bundestrainer. gen verhandelt, es hat für ein paar Wochen der EM hat er nur Orte ausgesucht, an Stellt ein englischer Jour- mindestens den Stellenwert der Bundes- denen die Spieler normalen Menschen nalist im Weißen Zelt pressekonferenz in Berlin. Hier wie dort garantiert nicht begegnen können. Im eine Frage, beginnt er werden die Dinge nicht entschieden, aber Trainingslager auf Sardinien lebte die höflich mit „English please“, und mitun- sie werden verkündet und erläutert. Ne- Mannschaft mehr oder weniger auf einem ter stürzt das die Leute auf dem Podium ben das Fußwerk tritt die Rede, der münd- eigenen Kap, im französischen Tourrettes in Betriebsamkeit. Kopfhörer auf, Genes- liche Auftritt. Es zeigt sich der Hintergrund auf einem abgeschirmten Golfgelände, in tel und Gefummel, doch entweder sind zum Sport, und was sich da zeigt, sind vor Danzig lebt sie in einem Wald. Die nächs- deutsche Spieler keine gewandten Tech- allem Paranoia und Provinzialität. te größere Besiedlung ist ein Zoo, wo ja niker, oder die Anlage für die Überset- zung ist widerspenstig. Sie finden den richtigen Kanal nicht, verstehen nichts, schauen ratlos, nehmen den Kopfhörer wieder ab. Diese Szenen enden damit, dass der Pressesprecher der deutschen Mann- schaft, Harald Stenger, der Senior dieser Veranstaltung, die Frage grob übersetzt, wenn er das nicht von vornherein getan hat. Sein hessisches Idiom ist den Spielern vertraut. Eigentlich sind Grundkenntnisse in Englisch für diese Generation nicht mehr Nachweis von Bildung, sondern Nachweis von Alltagstauglichkeit. Aber den erbrin- gen weder Lukas Podolski noch Bastian Schweinsteiger. Deshalb wird in den eng- lischen Momenten im Weißen Zelt offen- bar, dass die Welt dieser Mannschaft eine ganz eigene ist. Das Weiße Zelt steht inmitten von Wie- sen am Stadtrand von Danzig, Oliva heißt der Ortsteil. Das Weiße Zelt sind 1200 Quadratmeter Deutschland in Polen. Hier trifft das Team auf Journalisten, meist sind es um die hundert, dazu ein halbes Dutzend Fotografen und 25 Film- kameras. Hier entsteht das Bild von die- sem Team jenseits der Spiele. Fußball hat das Image Deutschlands so geprägt wie kaum etwas anderes in den letzten sechs Jahren. Bei der Weltmeis- terschaft 2006 in Deutschland war es die JOERN POLLEX / GETTY IMAGES fröhliche Selbstfeier der Fans, die der Na- tion etwas von ihrer Schwere nahm. An- gestoßen hatte das die leidenschaftliche Spielweise der Mannschaft. Bei der Welt- meisterschaft 2010 kam Schönheit hinzu, die Deutschen kombinierten stürmisch und elegant und schossen eine Menge Khedira-Verlobte Lena Gercke, Gomez-Freundin Silvia Meichel: Seht her, ich bin da! 136 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    die Bewohner eingesperrtsind und ihren war: „Ich wackel schon mit den Füßen“ – Womöglich fehlt es an Adjektiven, aber Nachbarn nicht zur Last fallen können. aus Verunsicherung. Er spreche „vor einer es geht auch um Euphorisierung. Auf den Das Übungsgelände der Deutschen ist so großen Gruppe nicht so oft“. Souverä- Punkt gebracht hat das Bundestrainer Joa- von Sichtblenden umstellt, das Training ne Redner dagegen: Mats Hummels, Lu- chim Löw: „sehr, sehr positiv“. Dies ist meist geheim, die Journalisten dürfen kas Podolski. könnte ein Motto für das Weiße Zelt sein, höchstens für eine Viertelstunde zusehen, Das meiste, was im Weißen Zelt geäu- es geht uns prima, alle sind Freunde. Das es gibt für alles strenge Regeln. Die Spa- ßert wird, stammt aus der Enzyklopädie ist bei der Bundespressekonferenz ähn- nier dagegen trainieren häufig öffentlich, der längst gesagten Sätze. Kostprobe lich, die eigene Welt wird als Idyll gemalt, das Hotel der Iren liegt mitten in Zoppot, Schweinsteiger vom Donnerstag der ver- als das große Positive. Aber die vielen die Spieler lümmeln am Strand, zwischen gangenen Woche: „Der Gegner hatte die Floskeln und der Euphorismus lassen das ihren Fans. gleichen Voraussetzungen.“ – „Der zwei- Bild hier wie dort auch seltsam künstlich Bei den Deutschen dagegen heißt das te Sieg war enorm wichtig für das Selbst- wirken. Maskerade, unechtes Leben, englische Wort, das jeder versteht, Secu- vertrauen.“ – „Es wird gegen Dänemark Treibhaus Weißes Zelt. rity. Polizisten, Leibwächter überall. nicht einfach.“ Hundertmal gehört, die Zu der Eigengesetzlichkeit dieser Welt Im Weißen Zelt gibt es täglich Käseku- Floskel ist hier der Normalfall. gehören die ranschmeißerischen Fragen chen und nahezu täglich mittags eine Beliebt ist zudem die Doppelung von mancher Journalisten. Nach dem zweiten Pressekonferenz. Die Atmosphäre ist ge- „sehr“. Pressekonferenz am vergangenen Spiel durfte der Bundestrainer folgende prägt von Harald Stengers jovialem Pa- Freitag, es spricht Assistenztrainer Hansi Sätze genießen: „Das war ein wichtiger ternalismus. Er sagt den Journalisten, was Flick: „sehr, sehr gute Qualitäten“ (die Sieg gegen Holland, eine klasse mann- zu tun und was zu lassen ist. Mannschaft) – „sehr, sehr zufrieden“ (die schaftliche Leistung, sehen Sie noch Stei- Zu den Pressekonferenzen kommen Trainer) – „sehr, sehr unterlegen“ (Irland gerungsmöglichkeiten gegen Dänemark?“ nur wenige Spieler gern. Selbst ein erfah- gegen Spanien) – „sehr, sehr gute Form“ Das ist Investigation auf den Knien, wie rener Mann wie Miroslav Klose ist hier (einige Spieler) – „sehr, sehr gut“ (Lahm sie auf Journalistenschulen eher nicht ge- so nervös, dass er häufig an den Lippen und Podolski) – „sehr, sehr gute Defensi- lehrt wird. Die Bundeskanzlerin würde schmeckt, und Per Mertesacker hat bei ve“ (Dänemark) – „sehr, sehr gut“ (Chan- in Tränen der Rührung ausbrechen, hörte einem sympathischen Auftritt einge- cenauswertung der Dänen). Man wird sie einmal eine Frage wie diese. räumt, was wegen der Verkleidung des hier zugeschüttet mit „sehr, sehr“, nicht Gibt es Kritik, trifft sie auf empfindli- Tisches auf dem Podium nicht zu sehen nur von Flick. che Seelen. Als Mats Hummels in der MARKUS GILLAR / GETTY IMAGES Nationalspieler Podolski, Sponsor-Fahrzeug: Am wichtigsten ist Mercedes, Mercedes ist immer präsent D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 137
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    Sport der Herr Thon von RWE in das Weiße Zelt gekommen ist, aber nicht der Olaf Thon, wie er betont, sondern ein anderer Thon, oder war der von Rewe? Rewe, das soll nicht vergessen werden, ist auch Sponsor der Nationalmannschaft. Stenger hat RWE einmal so wie Rewe ausgespro- chen, und das klang fast wie ein kleiner Protest dagegen, dass er hier ständig Wer- bebotschaften verkünden muss. Zudem gibt es noch die Commerzbank, Sony, GES-SPORTFOTO / PICTURE ALLIANCE / DPA Adidas, Coca-Cola, Allianz, Lufthansa und Bitburger. So, komplett. Oliver Bierhoff war leider nicht bereit, sich zur Überkommerzialisierung der Na- tionalmannschaft zu äußern und wie er auf die Idee kommt, den Journalisten zu- muten zu wollen, über all diese Sponso- ren zu berichten. Ökonomisch zeigt sich die National- Pressekonferenz im Weißen Zelt mit DFB-Mann Stenger, Spieler Gomez: „Sehr, sehr gut“ mannschaft hoch gerüstet, politisch eher unsicher. Als Assistenztrainer Flick gesagt Presse, auch im SPIEGEL, Sätze las, die natürlich gern tut. Aufgepasst also: Am hatte, die Mannschaft setze bei Freistößen er als wenig erbaulich empfand, rauschte wichtigsten ist Mercedes, Mercedes ist im- von Ronaldo gleichsam den Stahlhelm er nach dem Spiel gegen Portugal belei- mer präsent, neben dem Podium steht auf, wurde das kurz danach auf DFB.de digt an den wartenden Journalisten vor- ein neuer Mercedes, und kommt einer beschwichtigend eingeordnet. Damit ja bei und ließ keine Frage zu. Im Weißen der Spieler zur Pressekonferenz, muss er niemand auf die Idee komme, man habe Zelt sagte er später, er sei jemand, „der neben dem Mercedes posieren, damit den Polen in ihrem eigenen Land eine darauf reagiert“. Er wünsche sich, dass man ihn mit dem Mercedes fotografieren Metapher zumuten wollen, die an die zwischen Mannschaft und Journalisten kann. An der Wand steht groß über ei- Wehrmacht erinnert. Die Paranoia ist eine „gute Zusammenarbeit sein sollte“. nem Mercedes-Stern der Spruch „Der ziemlich groß beim DFB. Polen blieb ge- Gute Zusammenarbeit heißt dann wohl: Pulsschlag einer neuen Generation“, und lassen. Affirmation, keine Kritik. listigerweise bezieht sich das auf den neu- Aber die Spieler und Trainer müssen Bei den Spielern sind daher die TV-In- en Mercedes und die Nationalmannschaft, ja auch nicht politisch versiert sein. Sie terviews beliebt, die von der Pressestelle und schon kommt der nächste Spieler und müssen nicht Englisch beherrschen und des Deutschen Fußball-Bundes geführt posiert neben dem Mercedes, diesmal souverän reden können. „Entscheidend und auf DFB.de übertragen werden. Hier Mats Mercedes, nein, Mats Hummels, is aufm Platz“, um auch einmal die schafft man sich eine eigene Öffentlich- man kommt ganz durcheinander bei so Enzyklopädie der längst gesagten Sätze keit, um unbehelligt das Schönste und viel Mercedes, und sie haben ja auch die- heranzuziehen. Ohne die geht es ja kaum Beste aus der Kunstwelt hinter den Sicht- sen sehr, sehr zauberhaften Flügeltüren- beim Fußball. blenden transportieren zu können. Spieler sind wundervoll, wenn sie gut Absurd wurde es, als sich DFB und Fo- spielen. Um etwas anderes geht es nicht. tografen wegen der Spielerfrauen anlegten. Dies könnte ein Motto Das ist ein Standpunkt. Ein anderer: Es Die Frauen reisen im selben Flugzeug wie für das Weiße Zelt gibt eine Realität hinter dem großen Zau- die Journalisten zu den Spielen. Gegen ber Fußball, und die ist manchmal ziem- Portugal war auch Lena Gercke dabei, die sein, es geht uns prima, lich klein. Das Weiße Zelt ist ein Teil die- Verlobte von Sami Khedira. Sie trug Hot ser Realität, ein großer, wichtiger, denn Pants in Gürtelbreite, Wedges in Turmhö- alle sind Freunde. viel von dem, was derzeit über die deut- he, dazu ein Hütchen und ein Lächeln, das sche Mannschaft berichtet wird, stammt aus der Schule von „Germany’s Next Top- Mercedes hier, in einem Mercedes-Gelb, aus diesem Zelt. model“ stammt. Es war ein imperativer dass einem die Augen brennen, und aus Manchmal gibt es große Momente, Auftritt: Seht her, ich bin da! Wie ge- dem steigt dann Oliver Bierhoff, der Ma- nicht oft, aber es gibt sie, zum Beispiel wünscht stürzten sich die Fotografen auf nager der Nationalmannschaft, der ein nach dem Spiel gegen Holland in den Ka- Gercke. Einige der anderen Frauen, die großer Freund von Mercedes ist. takomben des Stadions von Charkiw, als auch gern Schönheiten sind, fanden das Und der Käsekuchen ist von McDo- Mario Gomez die allgemeine Künstlich- nicht so passend. Man sah Schnuten. nald’s, wirklich, umsonst für alle, ein keit aufbrach. Das Weiße Zelt war auf Harald Stenger hat dann die Fotografen schöner, fleischiger Käsekuchen von Reisen, und Gomez redete auf der Pres- ermahnt, von den Spielerfrauen zu lassen. McDonald’s, und Bierhoff wurde einmal sekonferenz, weil er zum besten Spieler Beim nächsten Ausflug posierte Cathy Fi- von einem dieser Escort-Kinder in die gewählt worden war. Es war eine Situa- scher, die Freundin von Mats Hummels, Pressekonferenz geleitet, in diesem rot- tion für viele sehrs, eine Situation für das freudig an der Tür vom Flughafenbus. Die gelben Trikot von McDonald’s, wie es Positive. Aber Gomez erzählte vor allem, Fotografen machten ihre Bilder, jeder be- auch bei den Spielen geschieht, tolle Idee wie tief ihn die Kritik an seiner Spielweise kam, was er wollte, ein Geschäft auf Ge- von McDonald’s, und Nivea verschenkt in der Begegnung gegen Portugal getrof- genseitigkeit. Lena Gercke war diesmal Pflegecremes an die Journalisten, damit fen hatte. Selbst im Strafraum sei ihm das nicht dabei. deren zarte Haut nicht so leidet unter „immer wieder in den Kopf geschossen“. In einer Sache allerdings ist der DFB dem ewigen Regen und der Meeresluft, Er war nicht selbstgerecht, nicht aggressiv vollkommen offen und enorm großzügig. und die Telekom hat, hurra, eine tolle gegenüber seinem Kritiker Mehmet Jeder Journalist darf und soll immerzu Spendenidee, und RWE spart Energie mit Scholl, sondern nachdenklich. Es sprach: über die Sponsoren berichten, was man der Nationalmannschaft, weshalb extra ein Mensch. 138 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Sport beschrieben, löst mit unscheinbar wirken- den Bewegungen ganze Handlungsketten FAV O R I T E N auf dem Spielfeld aus. Er ist eher unauf- Fußball im Futur dringlich präsent und setzt die spektaku- lären Dribbler und Sprinter in Szene. Er beliefert sie, sie glänzen. Auf den richtigen Moment kommt es an. So findet beim FC Barcelona Lionel Mittelfeldstratege Xavi Hernández ist Motor des spanischen Messi oft schon ein wenig Unordnung in Teams. Der Routinier aus Barcelona sieht seine Aufgabe der gegnerischen Abwehr vor, wenn Xa- vis Ballservice kommt, und so werden darin, andere in Szene zu setzen, er selbst muss nicht glänzen. auch Andrés Iniesta oder Fernando Tor- res im Nationalteam bedient: Mit dem In den begrünten Hang die Mitspieler zwinge, in bestimmte Räu- Ball liegt auch gleich der Freiraum für unterhalb des Mann- me zu rennen. Xavi, folgerte Alves, ihre Tempoläufe bereit. Zumeist bejubelt schaftshotels haben die „spielt in der Zukunft“. das Publikum dann diese Spieler, die mit Gastgeber ihnen ein paar Die Kunst der Antizipation, sagt auch attraktiven Einzelaktionen begeistern. Stierattrappen gestellt, Trainer del Bosque, mache den Unter- Xavi kennt anscheinend keinen Neid. Er wie man sie von der schied aus zwischen bloßer Technik und sei ein „solidarischer Spieler“, meint er. Weinbrandwerbung am Talent – dazu gehöre Spielintelligenz. Sein früherer Trainer Joan Vilà sieht Rande spanischer Schnellstraßen kennt. Xavi, wahlweise als Motor, Metronom in ihm den „genetischen Abdruck“ des Und auch bei der Arbeit können sich Spa- oder Gehirn der spanischen Mannschaft Barcelona-Fußballs. Dabei wurde sein niens Weltmeister im pommerschen Dorf Gniewino, knapp 70 Kilometer nordwest- lich von Danzig, wie zu Hause fühlen. Zum Trainingsbeginn bläst eine mar- schierende Garde einen zünftigen Paso doble, dann wird auf dem Rasen das Kurzpassspiel nach Art des FC Barcelona gepflegt. Wenn dabei nichts mehr voran- geht, alle Wege versperrt sind, gilt die be- kannte Grundwahrheit: Xavi Hernández ist immer anspielbar. Mit dieser Lebensregel des spanischen Fußballs sind sie zur EM gereist. Xavi, 32, zuletzt oft von gereizten Achillessehnen und Muskelproblemen geplagt, ist wieder erster Ansprechpartner für Trainer Vicen- te del Bosque, er ist der Chef im Mittel- feld und der Stratege wie schon unter der Befehlsgewalt des früheren Nationaltrai- ners Luis Aragonés. Wie kein Zweiter be- herrscht und verkörpert Xavi den Stil der spanischen Auswahl. Und mehr noch als zuletzt in seinem Leib-und-Magen-Verein FC Barcelona ist der kleine Katalane bei „La Roja“, der roten Elf des krisengeplagten Landes, Or- ganisator und Ordnungsmacht. Jetzt rennt der „Herr der Präzisions- pässe“, wie ihn die Website des Verbands ehrfürchtig nennt, auf dem Trainingsplatz ein paar Schritte nach links, als der Ball aus der Abwehr gespielt wird, und dreht seinen Körper in Erwartung des Passes bereits ein wenig zum Spielfeldrand hin, wo gleich die Post abgehen soll. Wie auf ein Signal macht sich dort der Außenver- teidiger Jordi Alba im Affenzahn auf den Weg, ohne Ball, die Linie entlang. Und schon stößt Xavi die Kugel elegant mit dem Außenrist weiter in jenen Raum, den sogleich Alba besetzt – gerade als der Ball seinen Weg kreuzt. Genau so hat der brasilianische Vertei- JENS WOLF / DPA diger Dani Alves seinen Teamkameraden vom FC Barcelona beschrieben: Xavi ma- che das Spiel nicht dadurch schnell, dass er selbst schnell laufe, sondern indem er Spanischer Nationalspieler Xavi (M.): „Schnellster im Kopf“ 140 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Wert in derÖffentlichkeit so richtig erst tät nicht vermissen. „Meine Eltern haben „La Masía“, die Nachwuchsschmiede, nach dem EM-Triumph 2008 erkannt, im mich mein ganzes Leben lang Beschei- sei eine Schule des Lebens. Dort lernte Finale gegen Deutschland spielte er den denheit gelehrt.“ er, mannschaftsdienlich zu denken. „Du Pass zum Siegtor durch Torres. Heute gibt es eine Facebook-Seite sei- musst dein Ego dominieren“, sagt Xavi. Der Römer Daniele De Rossi, selbst ner Fans, die nach seinem Spezialtrick Nach den Eigenschaften des idealen Fuß- ein Stratege und bei der EM für Italien benannt ist, der „Pelopina“. Dabei dreht ballers gefragt, nennt er die Begriffe lei- überraschend als Abwehrchef eingesetzt, er sich mit dem Ball am Fuß um sich denschaftlich, solidarisch, altruistisch und bekannte dieser Tage, er liebe Xavis Spiel. selbst, manchmal um 360 Grad, und die das Wort Empathie. So könnte er auch Auch gegen Italien, beim mühsamen Tur- Gegner laufen ins Leere. Gegen Irland sich selbst beschreiben. nierauftakt der Spanier, sah der beschei- war eine Sonderausfertigung zu sehen: Auf dem Platz erwies er sich früh als dene Antistar aus Katalonien manchmal eine halbe Drehung nach links, eine halbe „Schnellster im Kopf“, wie Coach Vilà er- Räume, bevor sie sich geöffnet hatten. nach rechts. zählte, der Ende der siebziger Jahre bei Der Weltmeister wankte, lag 0:1 zu- Leidenschaftlich verteidigt der Stratege Barça mit Johan Cruyff gespielt hatte. rück, der Rasen war stumpf, und der im Danziger Stadion das geschmeidige Ausbilder Carles Rexach lehrte bereits in Kombinationsfluss stockte. Da war es Spielsystem des Trainers del Bosque. der Jugend, den Ball mit einem „halben Xavi, der den Rhythmus veränderte, in- Während die Niederländer debattierten, Kontakt“ weiterzuleiten, mit einer so dem er noch schneller, noch härter ab- ob van Persie stürmen soll oder Hunte- flüchtigen Berührung, dass man sie nicht spielte, so riss er die Mannschaft mit. Er laar, Deutschland nach Klose oder Go- als eine ganze wahrnimmt. Das wurde eroberte den Ball für den sehenswerten mez fragte, leistete sich Spanien zeitweise beim „Rondo“ geübt, dem Spiel im Kreis, Ausgleichstreffer, als er in einen schlecht ein Angriffsspiel ohne Torjäger. das die Engländer „Piggy in the Middle“ temperierten Pass der Italiener sprintete, Vor Xavi waren anfangs gegen Italien nennen: Die Spieler in der Mitte des Zir- knapp vor seinem Widersacher Andrea und in der Schlussphase gegen Irland bloß kels müssen so lange dem Ball nachjagen, Pirlo die Kugel erreichte. Dann bis sie ihn endlich erwischen. Xavi sicherte er sie blitzartig mit ei- empfand das als demütigend, und nem Rückpass zu Sergio Bus- genau das stachelte ihn an. quets, um sie umgehend zurück- „Je mehr ich arbeite, desto zubekommen und geistesgegen- mehr Glück habe ich“, behaupte- wärtig zu Iniesta zu tragen. te sein früherer Nationalcoach Darauf fiel das Traumtor von Aragonés. Xavi leuchtete das ein. Cesc Fàbregas, mitten hinein in Mit elf Jahren spielte er schon das Chaos, das Xavi bei den Ita- bei Barça und bekam erstmals lienern angerichtet hatte. eine Prämie – umgerechnet 23,50 Das ist sein Spiel. Er verteidigt Euro, davon kaufte er seiner Mut- den Ball und greift gleichzeitig ter einen Toaster. Mit sechs hatte an. Sein Vater Joaquim, der frü- ihn der Vater bereits in seiner her eine Fußballschule im katala- Fußballschule mitmachen lassen. nischen Terrassa betrieb, erklärte Es fiel auf, dass er als Einziger das einmal so: „Man kann Xavi kein Tor schießen wollte. Xavi den Ball nicht wegnehmen, weil blieb nahe bei seinem Torwart. er ihn bereits weitergespielt hat.“ „Wenn wir vorn den Ball verlie- Auch für das Führungstor beim ren, ist sonst der Torwart ganz al- 4:0-Sieg gegen Irland war der lein“, erwiderte er auf die ent- MIGUEL RUIZ / AFP Mann mit der größten Spielüber- sprechende Frage des Vaters. sicht der Ausgangspunkt: Xavi er- Irgendwie, sagt Xavi Hernán- öffnete den Spielzug, den Torres dez, habe er immer schon „an die abschloss. Bei seiner Ballbehand- anderen“ gedacht. Bis er 13 war, lung erhält selbst ein Rückpass Barcelona-Profi Xavi (r.), Mitspieler*: Das Ego dominieren teilte er sich mit der jüngeren noch eine ästhetische Note. Schwester ein Stockbett. Als der So wurde der 1,70 Meter große Mann weitere drei Mittelfeldakteure aufgestellt, Großvater starb, zog er ins Zimmer der mit dem wachen Blick dreimal Sieger der kleine, wendige Dribbler. Sie sollen dich- Großmutter. So war die Großmutter nicht Champions League und sechsmal spani- te Abwehrketten mit ihrer Handlungs- so allein, meinte er. Sie habe ihn stets scher Meister. Nach dem Abschlusstrai- schnelligkeit aufreißen, nicht mit Kraft ermahnt, „ein guter Mensch“ zu sein, ning im Stadion von Danzig umarmt er und hohen Flanken. Xavi spricht von erzählte er kürzlich dem Reporter von in den Katakomben ein paar Journalisten, „mentaler Geschwindigkeit“. „El País“. er weiß, dass sie ihn mögen, und er ge- Außerdem birgt diese Formation die Inzwischen bildet er selbst Kinder aus, nießt es. „Bona feina“, gutes Arbeiten, Perspektive, mit nur einer Einwechslung, im Kurzpassspiel und in den Regeln von wünscht er schon mal auf Katalanisch. nämlich der eines klassischen Stürmers Fairness und Anstand. In Katalonien hat Lange haben sie ihn in Barcelona an wie Fernando Torres, das Spiel schlagartig er ein Fußballcamp, das der Vater und Pep Guardiola gemessen, seinem späte- zu verändern – es ist, als wechselte das der ältere Bruder Oscar mitorganisieren. ren Trainer und seinem Vorgänger im zen- Orchester mitten im Satz Tempo und „Campus Xavi“ expandiert dieses Jahr, tralen Mittelfeld, aus diesem Schatten Tonart. erstmals gibt es Kurse in Florida. kam er scheinbar nicht heraus. Als „Schei- Vor allem erinnert del Bosques System Beim Sommercamp in der Heimat benwischer“ verspotteten sie ihn, weil er an das des FC Barcelona. Xavi sagt, er nahe Banyoles kann der Chef diesmal angeblich den Ball nur nach rechts und sei vor allem ein „Lehrling der Schule wohl nicht selbst dabei sein. Die Trai- links weiterleitete und nicht mit Risiko Barças“, sonst sei er im Grunde nichts. ningswoche für die 6- bis 15-Jährigen geht nach vorn. „Jetzt respektiert mich die vom 24. bis 30. Juni, das ist die Finalwo- ganze Welt“, sagte er nun der Zeitung * Vorn: Lionel Messi, Gerard Piqué, hinten: Andrés che der EM. Xavi hat versprochen, dass „La Vanguardia“. Doch wenn die Karriere Iniesta, Carles Puyol, David Villa, am 10. Januar 2011 ihn alle Teilnehmer später treffen dürfen. irgendwann ende, werde er die Populari- nach der Verleihung des Ballon d’Or an Messi. JÖRG KRAMER D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 141
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    STEPHEN POND /PICTURE ALLIANCE / DPA / EMPICS Englischer Nationaltrainer Hodgson: Dritter Torwart, vierte Liga Trainer in der heimischen Premier League, ENGLAND und alle – Spieler, Funktionäre, Journa- Gute Touristen listen, Fans – schienen sich einig: Die Wahl könne nur auf Harry Redknapp fal- len, der Tottenham Hotspur zu einer Spit- zenmannschaft geformt hatte. Ein Hau- degen. Einer, der so englisch ist wie Franz Nach chaotischer Vorbereitung sieht Trainer Roy Hodgson sein Beckenbauer bayerisch. Team in der Außenseiterrolle. Ist das Understate- Drei Monate ließ sich der Verband mit der Suche Zeit, obwohl die Zeit drängte, ment nur Kalkül, um erstmals nach 1966 Großes zu erreichen? und dann wurde es überraschenderweise doch nichts mit dem Wunschkandidaten. Am dritten Tag der EM beugte sich, dann spendete er den Verlie- Es kam stattdessen Hodgson, der mit saß Englands National- rern Trost. Redknapp kaum mehr als das Geburts- trainer in den Katakom- Damit konnte niemand rechnen. jahr gemein hat: 1947. Hodgson spricht ben der Donbass Arena Die Engländer beanspruchen für sich, sechs Sprachen, liest Stefan Zweig und in Donezk auf dem Podi- den Fußball erfunden zu haben, und die mag guten Wein. Er gilt nicht gerade als um; Roy Hodgson sah aus Schmach, nur einen großen Titel errungen visionärer Trainer, eher als einer, der ein wie ein Abgeordneter der zu haben, nagt schwer an ihrer Seele. Aber trockenes, technokratisches Regime führt. Tories im Unterhaus, grau die Föhnfrisur nun sind die „Three Lions“ zum ersten Dass sich die Football Association für und blass die Haut, als er die Frage aller Mal ohne das Gelöbnis zu einer Europa- ihn entschied, hat zwei Gründe: Der eng- Fragen beantworten musste: Ein Reporter meisterschaft gereist, alles andere als der lische Verband ist klamm, Hodgson war wollte von ihm wissen, ob England über- Titelgewinn sei Verrat an ihrer Herkunft. billig. Redknapp hätte man aus seinem haupt noch eine große Fußballnation sei. Denn eigentlich kann es auch diesmal Vertrag in Tottenham rauskaufen müssen, Es wurde sehr still im Raum. nichts werden mit dem Pokal, das hatte Hodgson war ohne Ablöse von West Hodgson holte Luft, dann antwortete sich früh abgezeichnet. Die Vorbereitung Bromwich Albion zu haben. Außerdem er mit einem Grinsen im Gesicht: „Nun, des Teams hätte auch als Seifenoper bei bringt er internationale Erfahrung mit. mir ist durchaus bewusst, dass wir seit der BBC laufen können. Hodgson war schon Nationaltrainer der der WM ’66 nichts mehr gewonnen ha- Alles begann im Herbst 2011 damit, Schweiz, der Vereinigten Arabischen ben, daran muss mich keiner erinnern, dass John Terry, Innenverteidiger beim Emirate und von Finnland. daran habe ich auch schon das eine oder FC Chelsea, den Bruder von Rio Ferdi- In England ist Fußball immer Teil der andere Mal gedacht. Wie gut wir sind, als nand, Innenverteidiger bei Manchester „Lad“-Kultur, für Kerle, die gern ein Pint Nation? Das werden wir auf dem Platz United, rassistisch beleidigt haben soll. im Pub trinken und Männer sehen wollen zeigen.“ Der englische Verband setzte Terry als auf dem Platz, keine Schöngeister. Und Und das sah dann so aus: Am vierten Kapitän der Nationalmannschaft ab, wor- so überschütteten Londons Boulevardzei- Tag des Turniers mauerte sich England auf der damalige Trainer, der Italiener tungen Hodgson am Tag nach seiner Er- zu einem 1:1 gegen Frankreich, am achten Fabio Capello, zurücktrat. Es war Mitte nennung mit Spott. Für die „Daily Mail“ Tag gewann das Team 3:2 gegen Schwe- Februar, und England stand ohne Team- ist er ein „Mann des Mittelmaßes“, der den. Nach dem Schlusspfiff in Kiew stapf- manager da. auch noch „wie eine Eule“ aussehe. Die te Trainer Hodgson mit einer Hand in der Der Neue sollte unbedingt aus England „Sun“ machte sich über Hodgsons Sprach- Hosentasche vor die Fan-Kurve und ver- kommen. Es gab aber nur vier englische fehler lustig und nannte ihn „Woy“. 142 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Sport Manch einer vermutet hinter der Per- der vollen Stunde hallt ein Trompeten- sonalie sogar Kalkül. „Es war ein cleverer signal über die Dächer. Schachzug, sich für Hodgson zu entschei- Die englische Mannschaft wohnt von den und nicht für den Mann des Volkes“, all dem Trubel nur einen Abwurf entfernt, sagt Jonathan Grix, Professor für Sport- mitten im Zentrum, von morgens früh bis politik an der Universität in Birmingham. spät in die Nacht lungern Autogramm- „Das ist eine Strategie des Verbands, um jäger und Fotografen vor dem Hotel Stary die Erwartungen zu senken.“ herum, sie werden auf Distanz gehalten Dem Neuen blieben sechs Wochen, um von Absperrgittern und Polizisten mit Ge- sein Team auf die Europameisterschaft wehr. Zur Ruhe kommt man unter diesen vorzubereiten. Fünf Kandidaten für die Umständen schlecht. Hodgsons Idee war Stammelf fielen verletzt aus, darunter das Hotel nicht, Capello hatte es noch so Mittelfeldstratege Frank Lampard vom entschieden. FC Chelsea. Das Trainingslager in Málaga Vor zwei Jahren in Südafrika hatte das sagte Hodgson im letzten Moment ab; es Team ein Quartier in der Einöde gewählt, sei wichtiger, meinte er, dass sich seine was auch nicht besser war, weil die Ab- Spieler ausruhten. Stürmer Wayne Roo- geschiedenheit zu Lagerkoller führte. In ney nutzte die freien Tage für einen Kurz- Krakau, sagt der Sprecher des englischen trip nach Las Vegas. Verbands, versuchten nun alle, „gute Tou- Es ist der wahrscheinlich schwächste risten“ zu sein. Kader, den England jemals zu einem Tur- Aber selbst das kriegen die Engländer nier geschickt hat. Das ist der Fluch der nicht richtig hin. Als Hodgson und sechs Premier League, der kommerziellsten Spieler Auschwitz und Birkenau besuch- Liga der Welt. Die Clubs gehören russi- ten, ließen sie die Gedenkstätte räumen, schen Oligarchen, arabischen Scheichs, bevor sie aus dem Bus stiegen, schweigend indischen Hühnerbaronen und amerika- ihre Runde drehten, betroffen guckten und nischen Hedgefonds-Managern, und in eine Kerze anzündeten. Die italienischen dem milliardenschweren Betrieb herrscht Spieler hatten sich zwei Tage zuvor ein- ein gnadenloser Konkurrenzkampf um fach unter die anderen Besucher gemischt. die begehrten Arbeitsplätze. Der einzige Spieler, der fast immer In keiner europäischen Liga stehen grüßt, winkt und Autogramme schreibt, mehr Ausländer unter Vertrag, in der ist ausgerechnet John Terry. Eine Woche abgelaufenen Saison war nur jeder drit- nach der EM muss er sich vor Gericht we- te Profi ein Engländer, die meisten Na- gen seiner Pöbelei verantworten, die er tionalspieler zählen nicht zu den Leis- bestreitet. Er sagt zu der ganzen Sache tungsträgern in ihrem Verein. Der drit- natürlich kein Wort, und er äußert sich te Torwart der Engländer spielte zuletzt auch nicht zu Rio Ferdinand, dem promi- bei Cheltenham Town – in der vierten nenten Abwesenden, dem Phantom der Liga. englischen Euro-Oper. Während der EM sind die Engländer in Obwohl Ferdinand 81-mal für die Three Krakau stationiert, der heimlichen Haupt- Lions gespielt hat, nominierte Hodgson stadt des Turniers, weil hier auch die Hol- ihn nicht, aus „fußballerischen Gründen“, länder und die Italiener ihr Basislager auf- wie er sagt. Das nimmt ihm allerdings geschlagen haben. Auf dem Marktplatz niemand ab. Jeder vermutet, Hodgson mit Marienkirche und Tuchhallen treffen wolle nur den Betriebsfrieden sichern. sich die Fans, sie ziehen durch die Bars, An diesem Dienstag, dem zwölften Tag Straßencafés und Stripclubs, singen, grö- des Turniers, spielt England gegen Gast- len, Pferdekutschen rumpeln durch die geber Ukraine. Dann darf auch Wayne Gassen, Touristen und Einwohner feiern Rooney wieder stürmen, der die ersten gemeinsam Freiluftgottesdienste. Zu je- zwei Spiele gesperrt war. Rooney ist Hodgsons Trumpf, der letzte Mann von Weltklasse. Schon ein Unentschieden reicht zum Einzug ins Viertelfinale. Dass die Reise für das Team danach noch weitergehen könnte, glauben indes nur unerschütterliche Optimisten. Zu oft haben die Engländer im entscheidenden Moment die Nerven verloren. Zwischen 1990 und 2006 traten sie sechsmal zum Elf- meterschießen an, fünfmal scheiterten sie. Auch Englands polnischer Platzwart in Krakau kennt diese Dramen offenbar, die JACEK BEDNARCZYK / DPA auf der Insel fester Bestandteil der Fuß- ballfolklore sind. Einmal ließ er den Elf- meterpunkt auf dem Trainingsfeld ein- fach weg. Roy Hodgson, das war später zu hören, Englische Nationalspieler in Krakau war nicht amüsiert. Den Betriebsfrieden sichern MAIK GROSSEKATHÖFER D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 143
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    Impressum Service Ericusspitze 1, 20457 Hamburg, Telefon (040) 3007-0 · Fax -2246 (Verlag), -2247 (Redaktion) Leserbriefe SPIEGEL-Verlag, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg E-Mail spiegel@spiegel.de · Facebook www.facebook.com/DerSpiegel · SPIEGEL ONLINE www.spiegel.de Fax: (040) 3007-2966 E-Mail: leserbriefe@spiegel.de Fragen zu SPIEGEL-Artikeln / Recherche HERAUSGEBER Rudolf Augstein (1923 – 2002) D Ü S S E L D O R F Georg Bönisch, Frank Dohmen, Barbara Schmid- Telefon: (040) 3007-2687 Fax: (040) 3007-2966 Schalenbach, Carlsplatz 14/15, 40213 Düsseldorf, Tel. (0211) 86679-01, E-Mail: artikel@spiegel.de CHEFREDAKTEURE Georg Mascolo (V. i. S. d. P.), Fax 86679-11 Nachdruckgenehmigungen für Texte und Grafiken: Mathias Müller von Blumencron Nachdruck und Angebot in Lesezirkeln nur mit schrift- FRANKFURT AM MAIN Matthias Bartsch, Martin Hesse, Simone Kaiser, ST ELLV. CHEFREDAKTEURE Klaus Brinkbäumer, Dr. Martin Doerry Anne Seith, An der Welle 5, 60322 Frankfurt am Main, Tel. (069) licher Genehmigung des Verlags. Das gilt auch für 9712680, Fax 97126820 die Aufnahme in elektronische Datenbanken und Mail- Politischer Autor: Dirk Kurbjuweit KARLSRUHE Dietmar Hipp, Waldstraße 36, 76133 Karlsruhe, Tel. (0721) boxen sowie für Vervielfältigungen auf CD-Rom. D E U T S C H E P O L I T I K · H AU P T STA DT B Ü RO Leitung: Konstantin von 22737, Fax 9204449 Deutschland, Österreich, Schweiz: Hammerstein, René Pfister (stellv.). Redaktion Politik: Ralf Beste, Ul- M Ü N C H E N Dinah Deckstein, Conny Neumann, Steffen Winter, Telefon: (040) 3007-2869 Fax: (040) 3007-2966 rike Demmer, Christoph Hickmann, Peter Müller, Ralf Neukirch, Gor- Rosental 10, 80331 München, Tel. (089) 4545950, Fax 45459525 E-Mail: nachdrucke@spiegel.de don Repinski, Merlind Theile. Autor: Markus Feldenkirchen ST U T TGA RT Eberhardstraße 73, 70173 Stuttgart, Tel. (0711) 664749-20, übriges Ausland: Redaktion Wirtschaft: Sven Böll, Markus Dettmer, Katrin Elger. Re- Fax 664749-22 New York Times News Service/Syndicate porter: Alexander Neubacher, Christian Reiermann REDA KT IONSVERT RE TUNGEN AUSL AND E-Mail: nytsyn-paris@nytimes.com Meinung: Dr. Gerhard Spörl ABU DHABI Alexander Smoltczyk, P. O. Box 35 290, Abu Dhabi Telefon: (00331) 41439757 DEUTSCHL AND Leitung: Alfred Weinzierl, Cordula Meyer (stellv.), Dr. AT H E N Julia Amalia Heyer, Pindarou 23, Kolonaki, 10673 Athen, Tel. für Fotos: Markus Verbeet (stellv.); Hans-Ulrich Stoldt (Panorama, Personalien). (0030) 2103621412 Redaktion: Jan Friedmann, Michael Fröhlingsdorf, Hubert Gude, Telefon: (040) 3007-2869 Fax: (040) 3007-2966 BANGKOK Thilo Thielke, Tel. (0066) 22584037 E-Mail: nachdrucke@spiegel.de Carsten Holm (Hausmitteilung, Online-Koordination), Anna Kistner, Petra Kleinau, Guido Kleinhubbert, Bernd Kühnl, Gunther Latsch, B RÜ S S E L Christoph Pauly, Christoph Schult, Bd. Charlemagne 45, SPIEGEL-Shop Udo Ludwig, Christoph Scheuermann, Katharina Stegelmann, Andreas 1000 Brüssel, Tel. (00322) 2306108, Fax 2311436 SPIEGEL-Bücher, SPIEGEL-TV-DVDs, Titelillustra- Ulrich, Antje Windmann. Autoren, Reporter: Jürgen Dahlkamp, Dr. ISTANBUL PK 90 Beyoglu, 34431 Istanbul, Tel. (0090212) 2389558, Fax tionen als Kunstdruck und eine große Auswahl an Thomas Darnstädt, Gisela Friedrichsen, Beate Lakotta, Bruno Schrep, 2569769 weiteren Büchern, CDs, DVDs und Hörbüchern unter Dr. Klaus Wiegrefe KAIRO Volkhard Windfuhr, 18, Shari’ Al Fawakih, Muhandisin, Kairo, www.spiegel.de/shop Berliner Büro Leitung: Holger Stark, Frank Hornig (stellv.). Redaktion: Tel. (00202) 37604944, Fax 37607655 Abonnenten zahlen keine Versandkosten. Sven Becker, Markus Deggerich, Özlem Gezer, Sven Röbel, Marcel Rosenbach, Michael Sontheimer, Andreas Wassermann, Peter Wen- LON DON Marco Evers, Suite 266, 33 Parkway, London NW1 7PN, Tel. 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Autoren, Reporter: Georg Diez, Wolfgang Höbel, 94915, Tel. (001415) 7478940 E-Mail: aboservice@spiegel.de Dr. Romain Leick, Matthias Matussek, Katja Thimm, Dr. Susanne SHANGHAI Sandra Schulz, Wukang Road 115, Room 3, Xuhui District, Kundenservice Schweiz Weingarten Shanghai 200031, Tel. (008621) 64661293 Telefon: (0049) 40-3007-2700 Fax: (0049) 40-3007-3070 KulturSPIEGEL: Marianne Wellershoff (verantwortlich). Tobias STAVANGER Gerald Traufetter, Rygjaveien 33a, 4020 Stavanger, Tel. E-Mail: kundenservice-schweiz@spiegel.de Becker, Johan Dehoust, Anke Dürr, Maren Keller, Daniel Sander (0047) 51586252, Fax 51583543 Abonnement für Blinde GESELLSCHAF T Leitung: Matthias Geyer, Cordt Schnibben, Barbara TEL AVIV Juliane von Mittelstaedt, P. O. Box 8387, Tel Aviv-Jaffa 61083, Audio Version, Deutsche Blindenstudienanstalt e. V. Supp (stellv.). Redaktion: Hauke Goos, Barbara Hardinghaus, Wiebke Tel. 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Pötzl (stellv.). Redaktion: Annette Bruhns, Angela (stellv.); Jörg-Hinrich Ahrens, Dr. Anja Bednarz, Ulrich Booms, sechsmal UniSPIEGEL Gatterburg, Uwe Klußmann, Joachim Mohr, Bettina Musall, Dr. Dr. Helmut Bott, Viola Broecker, Dr. Heiko Buschke, Andrea Curtaz- Schweiz: zwölf Monate sfr 361,40 Johannes Saltzwedel, Dr. Rainer Traub Wilkens, Johannes Eltzschig, Johannes Erasmus, Klaus Falkenberg, Europa: zwölf Monate € 252,20 Cordelia Freiwald, Anne-Sophie Fröhlich, Dr. André Geicke, Silke MULT IMEDIA Jens Radü; Nicola Abé, Roman Höfner, Marco Kasang, Geister, Catrin Hammy, Thorsten Hapke, Susanne Heitker, Carsten Außerhalb Europas: zwölf Monate € 330,20 Bernhard Riedmann Hellberg, Stephanie Hoffmann, Bertolt Hunger, Joachim Immisch, Ma- Der digitale SPIEGEL: zwölf Monate € 197,60 C H E F V O M D I E N ST Thomas Schäfer, Katharina Lüken (stellv.), rie-Odile Jonot-Langheim, Michael Jürgens, Tobias Kaiser, Renate Befristete Abonnements werden anteilig berechnet. Holger Wolters (stellv.) Kemper-Gussek, Jessica Kensicki, Jan Kerbusk, Ulrich Klötzer, Ines Köster, Anna Kovac, Peter Lakemeier, Dr. Walter Lehmann-Wiesner, S C H LU S S R E DA KT I O N Anke Jensen; Christian Albrecht, Gesine Block, Michael Lindner, Dr. Petra Ludwig-Sidow, Rainer Lübbert, Nadine Abonnementsbestellung Regine Brandt, Reinhold Bussmann, Lutz Diedrichs, Bianca Hunekuhl, Markwaldt-Buchhorn, Dr. Andreas Meyhoff, Gerhard Minich, Cornelia bitte ausschneiden und im Briefumschlag senden an Sylke Kruse, Maika Kunze, Stefan Moos, Reimer Nagel, Dr. Karen Ortiz, Moormann, Tobias Mulot, Bernd Musa, Nicola Naber, Margret Nitsche, SPIEGEL-Verlag, Abonnenten-Service, Manfred Petersen, Fred Schlotterbeck, Tapio Sirkka, Ulrike Wallenfels Malte Nohrn, Sandra Öfner, Thorsten Oltmer, Axel Rentsch, Thomas 20637 Hamburg – oder per Fax: (040) 3007-3070. P RO D U KT I O N Solveig Binroth, Christiane Stauder, Petra Thormann; Riedel, Andrea Sauerbier, Maximilian Schäfer, Marko Scharlow, Rolf Ich bestelle den SPIEGEL Christel Basilon, Petra Gronau, Martina Treumann G. Schierhorn, Mirjam Schlossarek, Dr. Regina Schlüter-Ahrens, Mario ❏ für € 3,80 pro Ausgabe (Normallieferung) Schmidt, Andrea Schumann-Eckert, Dr. Kristina Schuricht, Ulla Sie- ❏ für € 3,80 pro digitale Ausgabe BILDREDA KT ION Michael Rabanus (verantwortlich für Innere Heftge- genthaler, Rainer Staudhammer, Tuisko Steinhoff, Dr. Claudia Stodte, staltung), Michaela Herold (Ltg.), Claudia Jeczawitz, Claus-Dieter Stefan Storz, Rainer Szimm, Dr. Eckart Teichert, Nina Ulrich, Ursula ❏ für € 0,50 pro digitale Ausgabe zusätzlich zur Schmidt; Sabine Döttling, Torsten Feldstein, Thorsten Gerke, Andrea Wamser, Peter Wetter, Kirsten Wiedner, Holger Wilkop, Karl-Henning Normallieferung Huss, Antje Klein, Elisabeth Kolb, Matthias Krug, Peer Peters, Karin Windelbandt, Anika Zeller ❏ für € 13,80 pro Ausgabe (Eilbotenzustellung am Weinberg, Anke Wellnitz. E-Mail: bildred@spiegel.de Sonntag) mit dem Recht, jederzeit zum Monatsende SPIEGEL Foto USA: Susan Wirth, Tel. 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Ein Widerrufsrecht besteht nicht. DER SPIEGEL (USPS No. 0154520) is published weekly by SPIEGEL VERLAG. Subscription price for USA is $ 350 per annum. K.O.P.: German Language Pub., 153 S Dean St, Englewood, NJ 07631. Datum, Unterschrift des neuen Abonnenten SP12-001 Periodicals postage is paid at Englewood, NJ 07631, and additional mailing offices. Postmaster: SD12-006 Send address changes to: DER SPIEGEL, GLP, P.O. Box 9868, Englewood, NJ 07631. SD12-008 (Upgrade) 144 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Jeden Tag. 24Stunden. MONTAG, 18. 6., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1 SPIEGEL TV REPORTAGE Geht doch! Frauen in Führungspositionen Sie haben sich nach ganz oben ge- kämpft, in einer klassischen Männer- domäne: Xiaoqun Clever und Miriam Kraus arbeiten in der Führungsebene des im Dax notierten Software-Un- ternehmens SAP. Der einen unter- stehen 2500 Programmierer, die ande- re leitet ein 140-köpfiges Team, das YANNIS BEHRAKIS / REUTERS über die ganze Welt verstreut ist. Christina Pohl über zwei erfolgreiche Managerinnen, die ihre männlichen Untergebenen mit Kompetenz und Empathie für sich gewinnen konnten, nebenher ihr Familienleben organi- sieren und deren Welt manchmal THEMA DER WOCHE verkehrt scheint: Miriam Kraus hat in Patient Euro der Firma einen männlichen Assisten- ten und zu Hause einen Putzmann. Was wird nach der Wahl in SONNTAG, 24. 6., 22.05 – 22.50 UHR | RTL SPIEGEL TV MAGAZIN Griechenland aus dem Euro? Beim G-20-Gipfel an der mexikanischen MICHAEL BUHOLZER / REUTERS Pazifikküste suchen die mächtigsten Politiker der Welt Rezepte gegen die Krise. SPIEGEL-ONLINE-Reporter berichten aus Los Cabos, Athen und Brüssel. SPIEGEL TV Polizeieinsatz in São Paulo WIRTSCHAFT | Kassensturz Viele Privatversicherte leiden unter steigenden Beiträgen. Tarifwechsel Sequestro – Die Entführungs-Industrie würden helfen, doch die Krankenkassen blockieren, wo es möglich ist. Was in Brasilien, dem Land der nächsten können die Kunden tun? Fußball-Weltmeisterschaft; Das Geheim- nis der Stuka – Flugzeugbergung in der GESUNDHEIT | Fötus-Party Ostsee; Abzocke am Badestrand – Streit Für eine 3-D-Ultraschalluntersuchung bezahlen werdende Eltern viel Geld. um die Liegegebühr. Und laden mitunter sogar die Verwandtschaft und Freunde dazu ein. Babywatching ist lukrativ, ungeachtet seiner Risiken. SAMSTAG, 23. 6., 20.15 – 21.00 UHR | PAY-TV SPIEGEL TV WISSEN SPORT | Heiße Phase Zukunftsvisionen Bei der Fußball-EM kämpfen die besten Teams im Viertelfinale. SPIEGEL Folge 1: Mobilität und Medizin ONLINE berichtet live aus Polen und der Ukraine. Alle Tore. Alle Karten. Autos ohne Fahrer, Mini-U-Boote in Alle Statistiken. unserem Körper oder künstlich ge- züchtete Haut. Hinter neuen Techno- logien stehen immer Visionen, manch- mal auch eine Spinnerei. Viele Erfin- | Straßenschlacht in München-Schwabing dungen sollen brennende Probleme Es begann mit einem Ständchen – und lösen oder das Leben des Menschen endete mit einem Aufstand: Vor 50 Jahren erleichtern. Oft begeistern die neuen musizierten spätabends ein paar Studenten Ideen, doch manche machen auch HEINRICH SANDEN SR. / AP im Münchner Stadtteil Schwabing auf der Angst. Kommunikation, Energie, Me- Straße. Weil Nachbarn sich gestört fühlten, dizin und Mobilität: Die Zukunft hat schritt die Polizei ein. Es war der Beginn der nicht nur in diesen Bereichen längst „Schwabinger Krawalle“, ein wütender Auf- begonnen. SPIEGEL TV ist dabei, in schrei der jungen Nachkriegsgeneration. Forschungslabors, Hochschulinsti- tuten oder unter freiem Himmel. Ein Wissenschaftsfilm von den Autoren www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist Dirk Schulze und Stefan Witte. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 145
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    Register GESTORBEN Elinor Ostrom, 78. Geld langweile sie, gab die Umweltökonomin zu – den Wirt- Margarete Mitscherlich, 94. Die Suche schaftsnobelpreis erhielt die US-amerika- nach Wahrheit habe sie angetrieben, sagte nische Querdenkerin 2009 trotzdem. Mit sie, das Wichtige sei dabei tatsächlich die ihrer Forschung zur Nutzung von Res- Suche. Da halte sie es mit Goethes Faust sourcen stellte sie das II: „Wer immer strebend sich bemüht, den Denken von Wirt- können wir erlösen.“ Um Erlösung ging schaftsbossen und Po- es letztlich bei ihrer Arbeit. Margarete litikern in Frage, in- Mitscherlich war eine der bedeutends- dem sie zeigte, wie so- ten Psychoanalytikerinnen Deutschlands. ziale Gemeinschaften STEVE C. MITCHEL / DPA Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie, natürliche Güter wie gemeinsam mit ihrem Mann und Kollegen Wälder, Wiesen oder Alexander, entscheidende Impulse gege- Wasser nach ihren ei- ben, die Psychoanalyse in Wissenschaft genen Regeln sinnvoll und Praxis wieder aufzubauen. Die Mit- und nachhaltig nut- scherlichs hatten nicht nur den Einzelnen zen. Selbst mit dem im Blick und dessen Befreiung von ein- Ruhm blieb sich die bislang einzige weib- gelernten, schädlichen Prägungen – ihnen liche Wirtschaftsnobelpreisträgerin treu. ging es um die gesamte Gesellschaft, um Sie spendete das Preisgeld und lehrte wei- die deutsche vor allem. In dem Buch „Die ter an dem mit ihrem Mann gegründeten Unfähigkeit zu trauern“ (1967), das zur Workshop an der Indiana University, ei- Schlüssellektüre der revoltierenden Stu- nem weltweit angesehenem Zentrum für denten wurde und bis heute aufgelegt Allmendestudien. Elinor Ostrom starb am wird, analysierten die beiden, wie die 12. Juni in Bloomington, Indiana. Roger Garaudy, 98. Als kritischer Mar- xist, der früh mit dem Stalinismus brach und den französischen Kommunismus mit einem christlich geprägten Humanis- mus zu versöhnen trachtete, erlangte der GABY GERSTER / LAIF in Marseille geborene Philosoph hohes Ansehen unter Intellektuellen der be- wegten sechziger Jahre. Nach seinem Ausschluss aus der KPF 1970 wandelte sich der Widerständler gegen die Nazi- Besatzer zu einem engagierten Katholi- Deutschen in der Nachkriegszeit ihre ken, bevor er in einer überraschenden Schuld an den NS-Verbrechen abwehrten. Wende 1982 zum Islam konvertierte. Es Margarete Mitscherlich verstand sich als war der Beginn eines dritten Lebens- Feministin. Sie forderte Männer wie Frau- abschnitts, der ihn zu einem militanten en auf, sich über Rollenmuster klarzuwer- Antizionisten und prominenten Holo- den und sie zu überdenken. Die Tochter caust-Leugner machte. Geächtet daheim, eines dänischen Arztes und einer deut- geehrt von radikalen Kräften in der isla- schen Lehrerin betonte, dass die zwei Kul- mischen Welt, starb Roger Garaudy am turen ihr dazu verholfen hätten, gesell- 13. Juni bei Paris. schaftliche Phänomene aus der Distanz zu betrachten. Margarete Mitscherlich Teófilo Stevenson, 60. In der glorreichen starb am 12. Juni in Frankfurt am Main. Zeit des Schwergewichtboxens stand der Kubaner im Ring, fast zwei Meter groß, Ghassan Tueni, 86. Der Herausgeber und geschmeidig, mit ei- Chefredakteur der libanesischen Tages- ner Wucht in der zeitung „Al-Nahar“ beeinflusste die Me- rechten Faust, die ih- dienlandschaft der Zedernrepublik und resgleichen suchte. der arabischen Welt nachhaltiger als zahl- Obwohl er mit Millio- reiche Politiker. Die Aufdeckung der Ma- nenangeboten über- chenschaften religiös motivierter Macht- häuft wurde, blieb er gruppen und die Bloßstellung skandalöser als Boxamateur sei- Auslandsverbindungen skrupelloser Mili- ner sozialistischen zenchefs und korrupter Politiker brachten Heimat treu, anstatt IMAGO dem griechisch-orthodoxen Publizisten sich auf das Abenteu- den Nimbus eines „Augstein der Arabi- er als Profi einzulas- schen Welt“ ein. Als Uno-Botschafter des sen. Als er 1988 zurücktrat, hatte er 302 Libanon, Sprecher des Parlaments und Vi- Kämpfe gewonnen, drei olympische Gold- zepremier wirkte er maßgeblich an der medaillen und ebenso viele Weltmeister- Beendigung des Bürgerkriegs mit. Ghas- titel. Teófilo Stevenson starb am 11. Juni san Tueni starb am 8. Juni in Beirut. in Havanna nach einem Herzinfarkt. 146 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Personalien Jagger RANKIN / FISHLOVE / OCEAN2102 Lizzy Jagger, 28, Tochter des Rockstars Wes Anderson, 43, hoch gelobter ameri- E. T., 29, außerterrestrisches Wesen, be- Mick Jagger und seiner ehemaligen Le- kanischer Regisseur und Drehbuchautor, kommt zum 30. Geburtstag von seinem bensgefährtin Jerry Hall, hat keine Angst kennt seine Grenzen. Mit seinem neuen Erschaffer die angemessene Aufmerksam- vor großen Fischen. Für die Kampagne Film „Moonrise Kingdom“ (seit 24. Mai keit. Regisseur Steven Spielberg will im „Fish Love“ gegen die Ausbeutung der in den deutschen Kinos) bezauberte An- Oktober eine Blu-Ray-Edition des Klas- Weltmeere kuschelte Lizzy Jagger hül- derson Kritiker und Publikum bei der Er- sikers veröffentlichen, auf der die Ur-Ver- lenlos mit einem Gelbflossen-Thunfisch. öffnung des Cannes-Filmfestivals, doch ei- sion von „E. T. – Der Außerirdische“ zu Sie befindet sich dabei in bester Gesell- nen Blockbuster würde er nach eigenen sehen ist. Vor zehn Jahren gab es schon schaft: Prominente wie der Schauspieler Worten auf keinen Fall inszenieren wol- einmal eine Jubiläumsausgabe des Films Ben Kingsley oder das Fotomodell Jade len. Ein Angebot, zum Beispiel die Regie auf DVD, in der aber etliche Details mit Parfitt haben sich ebenfalls von dem Mo- für den nächsten „Batman“-Film zu über- defotografen Rankin mit strategisch plat- nehmen, würde er glattweg ablehnen, sagt ziertem Meeresgetier porträtieren lassen. der Oscar-nominierte Arthouse-Regisseur Die Idee zu der Werbeaktion für eine („Die Royal Tenenbaums“): „Ich glaube, nachhaltige Fischereipolitik stieß der ich könnte da wirklich schlecht abschnei- OMEGA / CINETEXT Drehbuchautor und Restaurantbetreiber den“, sein Talent sei eben „beschränkt“. Nicholas Röhl mit an. Finanziert wird das Mit dieser Erkenntnis kann Anderson of- Ganze von Mitgliedern der internationa- fenbar gut leben: Er habe ohnehin ständig len Vereinigung Ocean2012. Röhl hat ein so viele Filmideen im Kopf, sagt er, dass eigenes Interesse, die Meeresbewohner er sich auf fremde Stoffe gar nicht richtig E. T. vor dem Aussterben zu bewahren: Sein einlassen wolle. Mit anderen Worten, Lokal in Brighton ist berühmt für Sushi „Batman“ ist uninteressant für ihn, er ver- Hilfe digitaler Technik geändert worden und andere Spezialitäten, die ausschließ- wirklicht lieber eigene Ideen: „Wenn ich waren: Agenten trugen Funkgeräte statt lich aus ökologisch korrekter Fischerei meine Filme selbst mache, kann kein an- Gewehren, ein Kind im Halloween-Kos- stammen sollen. derer damit Unsinn anstellen.“ tüm wurde „Hippie“ statt „Terrorist“ ge- nannt. E. T.-Fans bemängelten das schon damals – und haben den Hollywood-Meis- ZITAT ter offenbar überzeugt. Sigmar Gabriel, 52, SPD-Chef, korrigiert „Von Pausen eine missverständliche Äußerung. Vergan- habe ich gene Woche hatte er bei einer Buchvor- stellung einen Vergleich zwischen der blu- die letzten Wochen tigen Unterdrückung in Syrien und dem Massaker im bosnischen Srebrenica 1995 noch nicht gezogen: „Ich bin gespannt, wie lange die Welt zuschaut, dass in Syrien Menschen viel bemerkt!“ ermordet werden.“ Dafür habe man sich nach dem Tod von 8000 Bosniaken in Sre- brenica „geschämt“. Nun stellt Gabriel MAURIZIO GAMBARINI / DPA Peter Altmaier, 54, seit 28 Tagen klar: „Eine militärische Intervention in Bundesumweltminister, antwortet via Syrien steht nicht zur Debatte. Ich habe Twitter auf die Frage, ob „Zwitschern“ darauf hingewiesen, wie schwer Gewis- für ihn zur Arbeitszeit zähle oder sensentscheidungen von Abgeordneten während seiner Pausen erledigt werde. sein können.“ 148 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2
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    Staffan Valdemar Holm,54, Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, lebt derzeit in einem „wunderbaren Alp- traum“. Dafür verantwortlich ist der rus- sische Regisseur Andrej Mogutschi, der Franz Kafkas „Der Prozess“ für die nächs- te Spielzeit inszeniert. „Geld und Perso- nalkosten spielen an russischen Theatern offenbar keine Rolle“, musste Holm fest- stellen, der unter dem strengen Spardiktat seiner Stadt leidet. Zunächst wünschte Mo- gutschi 70 nackte Damen für den Bühnen- hintergrund, dann fand er zehn Kühe pas- sender. Notfalls auch aus Pappmaché. Als die künstlichen Viecher aufwendig be- schafft waren, gefielen sie Mogutschi nicht. Inzwischen probt er mit einem 94-köp- figen Chor. Zu Holms Erleichterung sind das alles ehrenamtliche Musikfreunde, die Mogutschi per Aushang rekrutiert hat. Usain Bolt, 25, jamai- kanischer Sprinter und Cem Özdemir, 46, Grünen-Vorsitzender, zurzeit schnellster blieb am vergangenen Mittwoch im Kanz- Mann der Welt, be- leramt hungrig. Bei den Beratungen mit trachtet seinen Einsatz Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde bei den Olympischen den Partei- und Fraktionschefs Schnitzel Spielen in London als mit Salat serviert. Als Özdemir fragte, ob „Heimspiel“. Dort leb- es auch eine vegetarische Variante gebe, ten so viele Jamaika- verschwand die Bedienung mit dem ner, dass es praktisch Schnitzel – und kehrte mit einem Teller wie zu Hause sei, sagte Krabben zurück. Vegetarier Özdemir der Athlet selbstbe- knabberte resigniert die Salatbeilage und wusst. Auch modisch ließ das Meeresgetier auf dem Teller zu- erfährt Bolt nationale rück. Die Kellnerin erkundigte sich irri- Unterstützung: Cedella tiert, ob Özdemir nicht mal eine Liste Marley, Tochter des be- schicken könne, was er denn esse. Inzwi- rühmtesten Jamaika- schen haben sich Merkels Helfer aller- ners aller Zeiten, Bob dings bei Özdemirs Büro gemeldet und Marley, hat im Auftrag das „Missverständnis“ bedauert. von Puma seine Sport- kleidung entworfen. Katie Price, 33, ehemaliges „Boxenlu- der“, Unterwäsche-Model und Unterneh- merin, inspiriert die Hochkultur. Der bri- tische Schriftsteller Martin Amis ließ sich von Price’ zwei autobiografischen Bü- chern beeindrucken. Die Lektüre diente der Recherche für seinen neuen Roman. Die Bücher zeichneten sich durch „Frei- mütigkeit und Ehrlichkeit“ aus, befand der Literat. Dass Price eine professionelle ANDREW COWIE / AFP Autorin für das Schreiben ihrer Lebens- geschichte engagiert hatte, war Amis egal. Carina Gödecke, 53, Präsidentin des und auch bei weiblichen Abgeordneten Landtags von Nordrhein-Westfalen, for- sollten „die Schultern bedeckt sein“. Hüte dert einen strengeren Dresscode für Ab- und Kopftücher aller Art hält Gödecke geordnete. Unter der Überschrift „Öffent- im Parlament für „unangebracht“. Unan- liches Erscheinungsbild des Landtags“ gemessene Bekleidung ist der Präsidentin schrieb die frisch ins Amt gewählte So- offenbar in den ersten beiden Sitzungen zialdemokratin Ende vergangener Woche des neuen Parlaments unter die Augen CHRIS CRAYMER / TRUNK an die Vorsitzenden der Fraktionen. Bei gekommen. Verantwortlich dafür waren aller „individuellen Freiheit“ erwarte sie vor allem die Parlamentsneulinge der Pi- ein „Mindestmaß an Seriosität“ von den raten, von denen einige möglicherweise 237 Abgeordneten. Danach sollten die nicht einmal ein Jackett im Schrank Price Männer „zumindest ein Jackett tragen“, haben. D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2 149
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    Hohlspiegel Rückspiegel Aus dem „Wochenblatt Speyer“: „Auch Zitate die Anregungen für altersgerechte Spiele und Beschäftigung kamen gut an, wenn Die „Frankfurter Rundschau“ zur SPIE- das mit dem Schlagen einmal nicht so GEL-Panorama-Meldung „Zollvergehen klappt, können die neuen Babysitter die – Staatsanwalt prüft“ (Nr. 24/2012): Kinder sinnvoll beschäftigen.“ Der Bundestag ist auf Antrag der SPD zusammengekommen. Und zwar zu einer „Aktuellen Stunde zum Transport eines Teppichs für Bundesminister Niebel“, wie es offiziell heißt. Im Mai hatte er sich in der deutschen Botschaft in Kabul Teppi- Aus dem „Passauer Wochenblatt“ che vorführen lassen und ein Exemplar für 1400 US-Dollar gekauft. Ein Flugzeug des Bundesnachrichtendienstes brachte Bildunterschrift aus den „Lübecker Nach- das Textil später nach Berlin … Erst als richten“: „Wissenschaftler sagen, dass Schif- das Magazin SPIEGEL von der Geschich- fe trotz technischer Fortschritte auf die te erfuhr und nachfragte, kam Niebel auf menschliche Sehkraft angewiesen bleiben.“ die Idee, dass er den Teppich hätte ver- zollen müssen. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob der Anfangsverdacht eines Steuervergehens besteht. Niebel steht da wie einer, der Dienstliches und Privates Aus der „Mainzer Rhein-Zeitung“ nicht trennen kann. Die „Frankfurter Allgemeine“ zum SPIE- Aus dem „MINT Zirkel“, einer Lehrerzei- GEL-Bericht „Manager – ,Offenkundige tung des Klett Verlags: „Viele Menschen Geldnot‘“ über den ehemaligen Arcan- haben den Eindruck, dass bebutterte dor-Chef Thomas Middelhoff, der die Brote immer auf der Marmeladenseite Charter seiner Luxusyacht schuldig ge- landen.“ blieben ist (Nr. 24/2012): Nach Informationen des SPIEGEL soll der frühere Bertelsmann-Manager und Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff erhebliche finanzielle Probleme haben … Der SPIEGEL zitiert in diesem Zusam- menhang aus Schriftsätzen seiner An- Aus dem Münchner Anzeigenblatt „Pa- wälte, wonach bei Middelhoff die „Ver- singer Werbe-Spiegel“ schuldungsfähigkeit weit über die Gren- zen des Erträglichen hinaus überspannt“ sei. Das Problem soll aber weniger in Aus der „Süddeutschen Zeitung“: „Nur den Chartergebühren für die schnittige noch die Hälfte aller Amerikaner gab bei Yacht begründet sein, sondern in dessen einer aktuellen Gallup-Umfrage an, Ak- glücklosen millionenschweren Immobi- tien im Depot zu halten. Vor zehn Jahren lienanlagen. hatte noch jeder Dritte gesagt, dass er an der Börse investiere.“ „Der Freitag“ zum SPIEGEL-Bericht „Genetik – ,Im Zweifel töten‘“ über Prä- nataldiagnostik (Nr. 24/2012): Das Erbgut jedes Ungeborenen scheint Aus dem Newsletter des „Heinze-Bau- nunmehr der kompletten Durchleuchtung informationsdienstes“ anheimgegeben. Für einen Einsatz in der alltäglichen Pränataldiagnostik ist die um- fassende Sequenzierung mit gut 10 000 Aus der Frauenzeitschrift „Freundin“: Euro zwar derzeit noch viel zu teuer. „Tipp der Münchner Ernährungswissen- Aber, wie der SPIEGEL grafisch darlegt: schaftlerin Eva Knauer: ,Wer knapp bei Die Preise für genetische Leseprozedu- Kasse ist, sollte statt Bio-Gemüse lieber ren sinken, in wenigen Jahren wird die Bio-Fleisch kaufen. Weil das Tier Öko- Kostenhürde kein Thema mehr sein. Und Pflanzen gefressen hat, kriegt man die dann? „Das komplette Gen-Screening des Nährstoffe von beidem.‘“ Fötus wird möglich sein, und es wird ge- macht werden“, stellen die Autorinnen des Nachrichten-Magazins fest. Der Frei- burger Medizinethiker Giovanni Maio konstatiert: „Wir glauben, wir könnten Kinder zeugen, um sie im Zweifelsfall zu Aus der „Hamburger Morgenpost“ töten.“ 150 D E R S P I E G E L 2 5 / 2 0 1 2