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Hausmitteilung
26. Mai 2012                                                               Betr.: Titel, WWF, Guru

W     er anderen Menschen Fragen über Tod und Sterben stellt, kommt nicht
      umhin, für sich selbst nach Antworten zu suchen. So begannen Titelautorin
Rafaela von Bredow, 45, und ihre Kolleginnen und Kollegen über das eigene Dasein
nachzudenken, als sie mit Sterbenden und Hinterbliebenen, Ärzten und Pflegern
über Wege zu einem würdevollen Ende sprachen. Laura Höflinger, 24, überlegte,
was sie im Leben noch erleben möchte, und schrieb eine Liste der großen und
kleinen Dinge. Die Reise nach Indien ist in Vorbereitung, ein weiterer Punkt bereits
abgehakt: mehr Erdbeeren essen. Anna Kistner, 30, erwog erstmals ernsthaft, doch
irgendwann Kinder zu bekommen. Und Manfred Dworschak, 52, war so angetan
von der Atmosphäre eines sächsischen Hospizes, dass er sagt: „Hier will ich auch
mal sterben.“ Der Inlandsauflage liegt eine DVD von SPIEGEL TV zum Thema
„Nahtod – Einblicke ins Jenseits“ bei (Seite 110).


D     ie Empörung war groß, als
      sich der Ehrenpräsident des
World Wide Fund for Nature
(WWF), der spanische König Juan
Carlos, 74, auf der Jagd nach Ele-
fanten verletzte. Die SPIEGEL-Re-
dakteure Jens Glüsing, 51, und Nils
Klawitter, 45, hingegen überraschte
die Bigotterie nicht. „Die mäch-
                                                                                                     DER SPIEGEL




tigste Naturschutzorganisation der
Welt ist als elitärer Club von In-
dustriellen und Großwildjägern Klawitter, Sunarto auf Sumatra
gegründet worden“, sagt Klawitter,
„das wirkt nach.“ Um die Arbeit des WWF zu bilanzieren, reisten die Redakteure
durch Südamerika und Indonesien. Glüsing entdeckte auf einer brasilianischen
Sojafarm einen Tank mit dem Herbizid Glyphosat – obwohl das Soja dort angeblich
den WWF-Standards entspricht. Klawitter sprach auf Sumatra mit dem Tigerforscher
Sunarto und mit Einheimischen, die auf einer Palmöl-Plantage eines WWF-Partners
gelebt hatten: Sie wurden vertrieben, ihre Hütten zerstört (Seite 62).


                                                       Z
                                          ehntausende rotgewandete Sinnsucher
                                          aus Deutschland folgten in den Sieb-
                                     zigern und Achtzigern Bhagwan Shree
                                     Rajneesh, der erst als Sex- und dann als Rolls-
                                     Royce-Guru beleumundet war. 22 Jahre nach
                                     dessen Tod ist die Bewegung „in aller Welt
                                     bemerkenswert lebendig“, beobachtete SPIE-
                                     GEL-Redakteur Carsten Holm, 57. Der Jour-
                                         DER SPIEGEL




                                     nalist begab sich auf Spurensuche in alle Welt,
                                     in die USA und nach Goa, ins indische Pune
Keerti, Holm bei Neu Delhi           ebenso wie ins thüringische Wurzbach. In In-
                                     dien traf er Swami Chaitanya Keerti, 63, einst
einer der engsten Vertrauten Bhagwans. Keerti berichtete vom Streit um das Erbe
des Mystikers, der sich später Osho nannte. „Die Führungsclique in Pune will nur
noch Monopoly spielen und Geld machen“, sagt der Veteran, der wegen seiner
Kritik nicht zum Grabmal Oshos vorgelassen wird. Die Chefs des Meditationszen-
trums in Pune mochten sich dazu nicht äußern – und ebensowenig erklären, warum
Spendengelder in beträchtlicher Höhe verschwunden sind (Seite 40).

Im Internet: www.spiegel.de   D E R   S P I E G E L        2 2 / 2 0 1 2                        3
In diesem Heft
Titel
Ende ohne Schrecken – Wege zu
einem angstfreien Sterben ............................... 110
Deutschland
Panorama: Merkel und Seehofer für Flexi-Quote /
SPD-Unmut über Kandidaten-Troika /
NRW-Innenminister fordert härteres Vorgehen
gegen Fußballrandalierer ................................... 15
Außenpolitik: Die neue Eiszeit in den
deutsch-russischen Beziehungen ....................... 20
SPD: SPIEGEL-Gespräch mit Fraktionschef
Frank-Walter Steinmeier über die Lehren aus
dem Wahlsieg der Sozialisten in Frankreich ........ 24
Linke: Oskar Lafontaine hinterlässt
eine Partei vor der Selbstauflösung ................... 28
Bundestagswahl: Streitfall Überhangmandate –
kippen die Karlsruher Verfassungsrichter
das aktuelle Wahlgesetz? .................................. 32
CDU: Kritik an Merkels Kurs
der Modernisierung ........................................... 34
Wie der gefeuerte Umweltminister Norbert
Röttgen seinen tiefen Fall erlebt ....................... 35
Landesbanken: Ostkommunen wurden                                                                    Lafontaines Waterloo                                                   Seite 28
                                                                      HANNIBAL HANSCHKE / DPA




von den öffentlichen Kreditinstituten                                                               Getrieben von seiner Partnerin Sahra Wagenknecht, griff Oskar
ausgenommen ................................................... 36
Parteien: Die merkwürdige Doppelrolle von                                                           Lafontaine in seiner Partei noch einmal nach der Macht – und verlor.
Piraten-Chef Bernd Schlömer ........................... 38                                          Er stürzt die Linke in die tiefste Krise ihrer Geschichte.
Esoterik: Gut 22 Jahre nach seinem Tod leben
die Ideen des Gurus Bhagwan in deutschen
Kommunen und Meditationszentren fort .......... 40
Missbrauch: Ein noch unveröffentlichter
Landtagsbericht kritisiert die zögerliche
Aufklärung an der Odenwaldschule .................. 46
Hartz IV: In einem Berliner Wohnprojekt werden
alleinerziehende Mütter zu Bildungsabschlüssen
und Erwerbstätigkeit angehalten ....................... 47
                                                                                                Neue Eiszeit                                                                 Seite 20
                                                                                                Die Stimmung wird frostig sein, wenn Wladimir Putin an diesem Freitag
Gesellschaft                                                                                    nach Berlin kommt. Angela Merkel traut dem russischen Präsidenten keine
Szene: Die Tricks chinesischer Panda-Züchter /                                                  Reformen zu. Die Kanzlerin will seine Gegner unterstützen.
Der Münchner Sportpsychologe Jürgen
Beckmann über das Trauma der Bayern ........... 52
Eine Meldung und ihre Geschichte – über
einen Richter, der zur Selbstjustiz greift ........... 53

                                                                                                Der Traumfabrikant
Kunstmarkt: Der Internetgalerist
Hans Neuendorf und der Boom auf
dem Bildermarkt ............................................... 54
                                                                                                                                                                            Seite 130
Ortstermin: Beim 30. deutschen Männertreffen                                                    Ein größenwahnsinniger Traum: mitten in der Wüste acht Fußballstadien zu
ist es sexy, schwach zu sein ............................... 59                                 bauen und drum herum eine Stadt. Albert Speer hat daraus das WM-Projekt
                                                                                                von Katar entwickelt – ein Beispiel für arabische Herrscherarchitektur.
Wirtschaft
Trends: Wie der Facebook-Börsengang zum
Fiasko werden konnte / Praktiker-Belegschaft
fürchtet neuen Investor / Kindertag soll

                                                                                                                                                           Profit im Namen
Spielwarenumsätze steigern .............................. 60
Naturschutz: Die dürftige Bilanz
des Rettungsriesen WWF .................................. 62
Gesundheit: Wurde im Klinikum
Hildesheim etlichen Patienten ohne Not
die Schilddrüse zerstört? ................................... 68
                                                                                                                                                           des Pandas
Geldinstitute: Fondsmanager und                                                                                                                                              Seite 62
Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt rechnet
mit der Führung der Deutschen Bank ab .......... 70                                                                                                        Der WWF ist die mächtigste
Bücher: Thilo Sarrazin enttäuscht                                                                                                                          Naturschutzorganisation der
seine krawallverwöhnte Zielgruppe .................. 72                                                                                                    Welt. Über 500 Millionen
                                                                                                                                                           Euro nimmt die Organisa-
Medien                                                                                                                                                     tion pro Jahr ein. Firmen
Trends: Interview mit Heidi Klums                                                                                                                          zahlen siebenstellige Euro-
unterschätztem Laufstegtrainer                                                                                                                             Beträge, um mit dem Panda-
Jorge Gonzalez / Die absurde Beanstandung
                                                                                                                                            GETTY IMAGES




von „X-Factor: Das Unfassbare“ ....................... 75                                                                                                  Wappen für ihre Umwelt-
Rundfunk: Monika Piel ist die mächtigste Frau                                                                                                              verantwortung zu werben.
der ARD – unangefochten, aber umstritten ...... 76                                                                                                         Doch die Bilanz der Natur-
Musikfernsehen: Was man aus dem Eurovision                                                      WWF-Aktion in Genf                                         schützer ist durchwachsen.
Song Contest in Aserbaidschan lernen kann ..... 78

6                                                                    D E R                          S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2
Merkel, Hollande


                                                                                                      Ausland
                                                                                                     Panorama: Hohe Wachstumsraten in Afrika /
                                                                                                     David Cameron, der relaxte Premierminister ... 80
                                                                                                     Währungspolitik: Wie Deutschland sich
                                                                                                     den Weg aus der Krise vorstellt ......................... 82
                                                                                                     Griechenland: Interview mit Alexis Tsipras,
                                                                                                     Chef des Linksbündnisses Syriza, über seinen
                                                                                                     Wunsch, in der Euro-Zone zu bleiben ............... 86
                                                                                                     USA: Obama spaltet das schwarze Amerika ...... 88
                                                                                                     China: Der Gelbe Fluss – Kraftquelle
                                                                                                     der Supermacht ................................................. 92
                                                                                                     Global Village: Warum eine neue Bewegung
                                                                                                     in den Niederlanden Toaster repariert .............. 98
                                                                                                      Sport
                                                                                                     Szene: Kletterer-Ansturm auf den Mount
                                                                                                     Everest / Ein 17-jähriger Mormone
                                                                                                     gilt als größtes Talent des US-Basketballs ........ 101
                                                                                                     Euro 2012: Drei Stars von Borussia
                                                                                                     Dortmund sind die Hoffnungsträger des
                                                                                                     EM-Gastgebers Polen ...................................... 102
                                                                                                     Der italienische Nationalspieler Riccardo

  Merkels Konzept für Europa                               Seiten 82, 86
                                                                                                     Montolivo über die Favoritenrolle des deutschen
                                                                                                     Teams und seine Kindheitserinnerungen an
                                                                                                     Schleswig-Holstein ........................................... 106
  Mit einem Sechs-Punkte-Plan und Strukturreformen will die Kanzlerin
  die Krise bekämpfen. Der griechische Linkspopulist Tsipras                                          Wissenschaft · Technik



                                                                                     BPA / REUTERS
  wünscht sich im Interview das Unmögliche: den Euro zu behalten.                                    Prisma: Auerhahn vor dem Aussterben /
                                                                                                     Hightech-Segel für Frachtschiffe ...................... 108
                                                                                                     Fotografie: Minikameras mit Insektenaugen
                                                                                                     revolutionieren Handys und Computer ........... 122
                                                                                                     Medizin: Die schwierige Betreuung
                                                                                                     diabeteskranker Kinder ................................... 124
                                                                                                     Astronomie: Jahrhundertereignis für
                                                                                                     Sternengucker – die Venus schiebt sich vor
Erst knipsen, dann scharf stellen                                        Seite 122
                                                                                                     die Sonne ......................................................... 126
                                                                                                      Kultur
Neuartige Lichtfeldkameras haben Linsen wie Insektenaugen. Der Clou:                                 Szene: Der ägyptische Filmemacher Yousry
Die Bilder werden erst nachträglich scharf gestellt. Die Technik könnte den                          Nasrallah über die Umbrüche in seiner Heimat /
Bau schlankerer Handys ermöglichen, die sich mit Gesten steuern lassen.                              Manuela Reicharts Prosadebut ........................ 128
                                                                                                     Baukunst: Albert Speer und das
                                                                                                     größenwahnsinnige WM-Projekt von Katar ...... 130
                                                                                                     Geschichte: Ein US-Bestseller klärt
                                                                                                     über die Gründe für Wohlstand und Armut

Drei Dortmunder für Polen                                                Seite 102
                                                                                                     der Nationen auf .............................................. 134
                                                                                                     Exil: SPIEGEL-Gespräch mit dem
                                                                                                     iranischen Musiker Shahin Najafi über
Sie sind Deutscher Meister und Pokalsieger, nun sollen drei                                          sein Leben mit der Fatwa und
Legionäre EM-Gastgeber Polen zu Ruhm und Siegen führen. Torjäger                                     seinen Kampf für die Freiheit der Kunst .......... 136
Robert Lewandowski trägt die Hauptlast.                                                              Bestseller ........................................................ 139
                                                                                                     Essay: Warum man Dateien nicht lieben
                                                                                                     kann, Schallplatten aber sehr wohl .................. 140
                                                                                                     Kunstkritik: Eine junge Generation arbeitet sich
                                                                                                     am Maler-Übervater Gerhard Richter ab ......... 142

Die Aura des                                                                                         Briefe .................................................................. 8
                                                                                                     Impressum, Leserservice ................................. 144
Plattentellers                                                                                       Register ........................................................... 146
                                                                                                     Personalien ...................................................... 148
                                                                                                     Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 150
                    Seite 140                                                                        Titelbild: Foto Action Press

Als im Wohnzimmer noch
eine Musiktruhe stand, die
Schlagerhits und Karajans                                                                              Die Mega-Schau
Beethoven von teuren LPs                                                                               Was bisher geschah:
kamen, hatten die Men-                                                                                 Skandale und Rekorde
schen ein Gefühl für den                                                                               der Documentas 1 bis
Wert von Musik. Heute,                                                                                 13. Außerdem im Kultur-
                                                                                     GETTY IMAGES




in Zeiten von Download                                                                                 SPIEGEL: die Tanz-
und iPhone, hat der Kultur-                                                                            oper „C(h)œurs“; kann
konsum die Aura des Kost-                                                                              Bikini-Werbung män-
baren verloren.                 Musikhörerin                                                           nerfeindlich sein?

                                                 D E R   S P I E G E L    2 2 / 2 0 1 2                                                                                       7
Briefe

                                                                                                                           binett ein Machtwort spricht und Wirt-
                                                                                                                           schaftsminister Rösler auf eine klima-
                                 „Paradoxie pur: Die Personen,                                                             freundliche Energiewende verpflichtet.
                                                                                                                           Und wenn sie zweitens dafür sorgt, dass
                                 die den friedfertigen, ein-                                                               Altmaier im Kabinett und in seiner Frak-
                                                                                                                           tion Gehör findet und nicht wie Röttgen
                                 fachen Bürger vertreten sollen,                                                           von den eigenen Leuten bekämpft wird.
                                 können nie so sein wie                                                                                        UWE NESTLE, FLENSBURG


                                 dieser, da sie es sonst nie                                                               Herr Röttgen hat dafür gesorgt, dass die
                                                                                                                           CDU in NRW erheblich unter Wert ge-
                                 so weit bringen würden.“                                                                  schlagen wurde. Wäre er im Amt des Um-
                                                                                                                           weltministers geblieben, hätte man ihn
                                                  SEBASTIAN SCHREIBER, HILPOLTSTEIN (BAYERN)                               bei jedem Problem in der Energiewende
    SPIEGEL-Titel 21/2012                                                                                                  an den Pranger gestellt, immer unter Hin-
                                                                                                                           weis auf seine schwache Leistung und be-
                                                                                                                           wiesene Bürgerferne im NRW-Wahl-
Nr. 21/2012, Ziemlich beste Feinde – Neid                                                                                  kampf. Er wäre ständig in der Defensive.
und Niedertracht in der Politik                                                                                            Da er das nicht einsah, was leider ein De-
                                                                                                                           fizit an gesundem Menschenverstand of-
Die Patin hat abgedrückt                                                                                                   fenbart, blieb der Kanzlerin wohl nichts
                                                                                                                           anderes übrig, als ihn zu entlassen.
Ein Minister hat’s schwer! Kein Arbeits-                                                                                             DR. HUBERT HOFMANN, IMMENSTAAD
vertrag, kein Kündigungsschutz, kein Ar-                                                                                                               (BAD.-WÜRTT.)
beitsgericht. Aber: Bevor er das Amt an-
tritt, weiß er das alles.                                                                                                  Brutus hat mit dem Feuer gespielt und




                                                                                                 WOLFGANG HÖRNLEIN / PDH
    FRITZ GRÖGER, LANGENZERSDORF (ÖSTERREICH)                                                                              sich dabei die Finger verbrannt. Sage kei-
                                                                                                                           ner, er wusste nicht, was er tat, war er
Das zweifellos Eindrucksvollste am                                                                                         doch mal Muttis Klügster.
Abend nach der NRW-Wahl war, dass ein                                                                                                            GÜNTER KRUG, BERLIN
Verlierer das Geschehene zutreffend und
angemessen kommentierte. Unerwartet                                                                                        Unabhängig von der Vielzahl der persön-
wohltuend hob sich dies ab von den Er-            Kontrahenten Merkel, Röttgen                                             lichen Fehler sind Aufstieg und Fall des
klärungen der Sieger, welche ihre allzu                                                                                    Norbert Röttgen die Konsequenz aus ei-
oft gehörten Phrasen droschen.                    wohl auch dank seiner Bezüge als einfa-                                  nem unlösbaren Dilemma: Ökologie und
          ERNST-GUST KRÄMER, KALLETAL (NRW)       cher Bundestagsabgeordneter zumindest                                    eine um ihre konservative Identität rin-
                                                  bis zur nächsten Wahl nicht auf der Stra-                                gende Union – das passt nicht zusammen.
Paranoid, wie Kanzlerin Merkel mit Geg-           ße landen. Und sicher findet sich alterna-                               Röttgen war der falsche Mann in einem
nern verfährt: Kritik an ihr oder Gegen-          tiv dazu auch noch ein ordentlich dotier-                                falschen Spiel. Er trug die Klappentexte
bewegungen zu ihrem Kurs werden übel              ter Posten als Lobbyist. Wer möchte da                                   ökologischer Ideen vor und schmückte
sanktioniert. Das hat eine despotische            nicht gern „Opfer“ sein?!                                                sie wuchtig aus. Heiße Luft, richtig ver-
Note! Dieses Verhalten lehne ich als de-                             MARTIN HENNIGER, POTSDAM                              standen hat er nichts.
mokratische Bürgerin ab. Diese Dame ge-                                                                                                   MICHAEL MÜLLER, DÜSSELDORF
hört endlich selbst in die Machtlosigkeit         Deutschlands politische „Schwarze Wit-                                                      SPD-STAATSSEKRETÄR A. D.
verbannt.                                         we“ demonstriert öffentlich Macht! Nur –
                            GABI EICHFELD, KÖLN   was wird sein, wenn alle ihre Männchen                                   Frau Merkel hat getan, was jeder Mana-
                                                  verschlungen sind?                                                       ger tun würde: Sie hat einen illoyalen
Ich habe größte Hochachtung davor, dass                                DR. UDO KÜPPERS, BREMEN                             und uneinsichtigen Führungsmitarbeiter,
Röttgen auf förmlicher Demission bestan-                                                                                   der sich weder zwischen zwei Abteilun-
den hat, statt sich auf das übliche verlo-        Wegen der fehlenden Macht im Kabinett                                    gen entscheiden kann noch mit Leistung
gene Ritual vom „freiwilligen Rücktritt“          und in der eigenen Partei war der Raus-                                  überzeugt, entlassen. Wer seiner Chefin
aus gesundheitlichen oder anderen fal-            wurf Röttgens vermutlich richtig. Er                                     und den Bürgern so wenig Wertschätzung
schen Gründen einzulassen.                        reicht aber nicht aus. Der neue Umwelt-                                  entgegenbringt wie Herr Röttgen, muss
          GÜNTER SCHUMACHER, ROETGEN (NRW)        minister Altmaier wird nur dann dazu                                     sich nicht wundern, wenn mal die Chefin
                                                  beitragen können, die Energiewende vor-                                  entscheidet und mal der Bürger.
Von Don Vito Corleone, der im Film                anzutreiben, wenn Merkel erstens im Ka-                                         ANDREA DOBRIN, BERLINGEN (SCHWEIZ)
„Der Pate II“ als Oberhaupt einer sizilia-
nischen Mafiafamilie New York regiert,
stammt das berühmte Zitat: „Geld ist eine
Waffe. Politik ist zu wissen, wann man
                                                    Diskutieren Sie im Internet
abdrückt.“ Bundeskanzlerin Angela Mer-              www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel
kel hat abgedrückt, als sie am Mittwoch
für alle überraschend ihren Umweltminis-            ‣ Titel Wie kann die Gesellschaft ein würdevolles
ter Norbert Röttgen schasste und so poli-             Sterben ermöglichen?
tisch erledigte.                                    ‣ Demokratie Erststimme, Zweitstimme, Überhang-
          ROLAND KLOSE, BAD FREDEBURG (NRW)           mandat – ist das deutsche Wahlrecht zu kompliziert?
Herr Röttgen wird zunächst das ihm zu-              ‣ SPD Wäre Sigmar Gabriel ein geeigneter Kanzlerkandidat?
stehende Übergangsgeld beziehen und
8                                                       D E R   S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2
Briefe

Nr. 20/2012, Der Rechtsstaat
zerstörte die Existenz von Harry Wörz und
ließ ihn dann mit den Folgen allein

Kalt und herzlos
Die Geschichte von Harry Wörz geht un-
ter die Haut. Das Versagen der Ermittler
und Richter, das kaum Konsequenzen
nach sich zieht, die fortwährende Trau-
matisierung des Mannes, dem offenbar –
trotz allen Unrechts – nicht schnell und
unbürokratisch geholfen wird, zeichnen




                                                                                                                                 HEIKO SPECHT / VISUM
ein grausames Bild vom Umgang mit der
Würde von Menschen, die zu Opfern
staatlicher Instanzen wurden.
             ANGELA ELIS, FREIBERG (SACHSEN)

Der Staat behandelt den langjährig un-                                           Baustelle mit Dämmstoffen in Köln
schuldig inhaftierten Harry Wörz recht
kleinkrämerisch. Dabei sollte er ihm nicht                                       zahl und Heizöl für weniger als zehn
nur die Haftentschädigung auszahlen,                                             Pfennig pro Liter. Bei einer 50-prozenti-
sondern auch den gesamten beruflichen                                            gen Erhöhung der Scheibenzahl von ei-
Verdienstausfall infolge der Haftzeit, die                                       nem „Schneewittchensarg“ zu sprechen
vollständigen Kosten für die Verteidigung                                        ist nur ein schlechter – allerdings fürs Kli-
und die Anerkennung seiner Erkrankung                                            ma vielleicht nicht folgenloser – Witz.
als Folge der Haftzeit.                                                                         KURT AUBECK, REINHEIM (HESSEN)
       CHRISTIANE SCHMID, RETHEM (NIEDERS.)
                                                                                 Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnä-
Die Jurisdiktion in Staatsdiensten ist bei                                       ckigkeit sich die Postulate zum Thema
uns kalt und herzlos, wenn es um die Op-                                         der energetischen Altbausanierung hal-
fer geht.                                                                        ten. Ich habe in 20 Jahren Bau von Pas-
             WERNER LADWIG, LUG (RHLD.-PF.)                                      sivhäusern und Altbausanierung mit teil-
                                                                                 weise extremer Wärmedämmung keinen
                                                                                 einzigen dadurch verursachten Schimmel-
                                                                                 befall gehabt. Im Bereich Altbau ist es
                                                                                 im Moment so, dass überwiegend Laien
                                                                                 und Handwerker mit Halbwissen die Sa-
                                                WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL




                                                                                 nierungen ausführen, was vermeintlich
                                                                                 Geld spart. Das ist so, als ließe man einen
                                                                                 Metzger den Blinddarm entfernen und
                                                                                 verdammte nach Ableben des Patienten
                                                                                 die Operation als solche.
                                                                                      MICHAEL TRYKOWSKI, FRENSDORF (BAYERN)

Justizopfer Wörz, Therapeutin                                                    Seit der strengeren Energieeinsparverord-
                                                                                 nung 2009 ist klar, dass Neubauten eigent-
Auch die Justiz ist nicht unfehlbar. Aber                                        lich eine Lüftungsanlage benötigen, um
nachdem man das Leben eines Unschul-                                             den notwendigen Luftaustausch zu ge-
digen zerstört hat, wäre es das Mindeste,                                        währleisten. Nur scheuen sich viele Bau-
dem Opfer die Rückkehr ins normale                                               herren vor diesem Schritt, weil sie in
Leben durch eine angemessene Entschä-                                            Deutschland nicht zum Standard gehört.
digung zu erleichtern. Die Haftpflicht-                                               BENJAMIN GÜRKAN, WEITERSTADT (HESSEN)
versicherung der Justiz ist letztlich der
Steuerzahler, und als solcher hätte ich
mit dieser Regelung kein Problem.                                                Nr. 20/2012, Wie ein Schweizer Paar
              HERBERT TAUREG, HENNEF (NRW)                                       acht Monate in der Gewalt pakistanischer
                                                                                 Taliban überlebte

Nr. 20/2012, Schärfere Öko-Vorschriften
verschrecken Hausbesitzer und Mieter
                                                                                 Willkommen zurück im Leben!
                                                                                 Ich bin zwölf Jahre lang auf deutschen
Ein Metzger am Blinddarm                                                         Handelsschiffen zur See gefahren. Unsere
                                                                                 Einsätze haben uns in manches Krisen-
Als nach dem Zweiten Weltkrieg die da-                                           gebiet geführt, das meine Kollegen und
mals sogenannten Thermopanescheiben                                              ich sonst auf jeden Fall gemieden hätten.
als Doppelverglasung ihren Siegeszug an-                                         Wir waren immer wieder überrascht, mit
traten, hat jedermann den Nutzen er-                                             welcher Blauäugigkeit sich Touristen aus
kannt, trotz Verdoppelung der Scheiben-                                          Wohlstandsnationen in den risikoreichs-
10                              D E R   S P I E G E L                               2 2 / 2 0 1 2
MAURICE HAAS / 13 / DER SPIEGEL
Ex-Geiseln Daniela Widmer, David Och

ten Regionen der Welt bewegen. Erleb-
nistrips in Westafrika und durch Drogen-
gebiete in Lateinamerika kann man wahr-
scheinlich nur mit Wohlstandsüberdruss
erklären. Gratulieren kann man dem
Schweizer Paar zur gelungenen Flucht.
Das Erlebte mag man keinem gönnen!
                    DANIEL KÜPFER, RAPPERSWIL
                          (ST. GALLEN/SCHWEIZ)

Ein unfassbar ergreifender Bericht über
zwei sehr starke Persönlichkeiten, die
physisch und vor allem psychisch aushal-
ten mussten, was wohl eine der schlimms-
ten Erfahrungen ist, die ein Mensch über-
haupt machen kann. Bei der „Geburts-
tagstorte“ schossen mir die Tränen in die
Augen. Daniela, David: Willkommen zu-
rück im Leben!
          KLAUS-PETER MÜLLER, BADEN-BADEN



Nr. 20/2012, SPIEGEL-Gespräch mit dem
französischen Historiker Emmanuel Todd

Teufel am Tisch
Polemik, Provokationen und Neid auf
den wirtschaftlich erfolgreicheren Nach-
barn – viel mehr war von Herrn Todd lei-
der nicht zu vernehmen. Insbesondere
nichts Neues. Dazu halbgare Lösungs-
ansätze wie „eine gehörige Dosis Protek-
tionismus“. Und zu guter Letzt sitzt auch
noch der Teufel mit am Tisch.
                     BENJAMIN GLAUER, HANAU

Der Artikel bringt es klar und deutlich
auf den Punkt. Die Wahrheit wird schnör-
kellos dargestellt.
             SUSANNE BRETHAUER, DORTMUND

Es wäre sehr schön gewesen, wenn Sie
Herrn Todd nicht derart unwidersprochen
über seine weltfremde Ansicht schwa-
dronieren lassen hätten. Schade!
                FRANK HENNEMANN, DRESDEN

12          D E R    S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2
Briefe

Wie verbohrt muss man sein, um                  teten Rollenbild à la Geis folgen wollen.
Deutschland als Gewinner der EU und             Sie wollen Zeit für ihre Kinder haben, sie
der Globalisierung wahrzunehmen? Herr           wollen, dass ihre Partnerin trotz kleiner
Todd müsste wissen, dass auch hierzulan-        Kinder die Möglichkeit hat, am Berufsle-
de die Staatsschulden steigen und gute          ben teilzuhaben, denn Beruf ist nicht nur
Jobs rarer werden. Auch unsere „Export-         Karriere, sondern auch soziales Umfeld.
nation“ zählt wegen des Zollabbaus zu                                   BETTINA NOLDE, HANNOVER
den Opfern des grenzenlosen Lohndum-
ping-Wettbewerbs.                               In vielen Familien stellt sich die Frage,
         MANFRED JULIUS MÜLLER, FLENSBURG       ob ein Partner zu Hause bleibt, gar nicht.
                                                Beide müssen arbeiten gehen, um über
Todds Bemerkung, das „französische Ide-         die Runden zu kommen. Es geht nicht
al mit seinem universalistischen Men-           darum, dass die Ehefrau die Welt retten,
schenbild von der Gleichheit aller“ sei in      an ihrer Professur arbeiten oder zum
Deutschland nicht so tief verankert, ver-       Mond fliegen möchte. Es ist auch für Män-
anlasst mich dazu, ihm zu empfehlen, sich       ner nicht die Frage, ob sie sich im Haus-
näher mit der Geschichte des französi-          halt betätigen möchten oder nicht: Wenn
schen Kolonialismus zu befassen. Insbe-         die Dame des Hauses arbeiten geht und
sondere der Krieg in Algerien ist hinsicht-     sie nicht im Dreck ersticken möchten,
lich dieses Menschenbilds und der daraus        müssen sie halt auch mal den Putzlappen
resultierenden französischen Humanität          in die Hand nehmen.
sehr aufschlussreich und ernüchternd.                           ANKE WIRTH, HEMHOFEN (BAYERN)
                       HUBERT KOLB, BERLIN
                                                Erwartungsgemäß habe ich mich beim Le-
                                                sen eines Interviews mit Norbert Geis ge-
Nr. 20/2012, Streitgespräch zwischen Na-        ärgert. Nicht wegen seiner konservativen
dine Schön (CDU) und Norbert Geis (CSU)
über das Familienbild der Konservativen

Putzlappen statt Mondfahrt
Langsam fühle ich mich diskriminiert von
                                                                                                            MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
den ehernen Verfechtern des Hausfrau-
enmodells. Bin ich als Kind berufstätiger
Eltern arm dran? Vor dem Kindergarten-
alter wurde ich von einem Kindermäd-
chen und im Kindergartenalter nachmit-
tags von einer Bekannten betreut. Ab der
ersten Klasse hatte ich einen Hausschlüs-       Unionspolitiker Geis, Schön
sel und bereitete mir mein Essen selbst
zu. Heute bin ich sogar ein erfolgreiches       Ansichten, sondern weil er keinerlei Fä-
und zufriedenes Mitglied der Gesell-            higkeit zur Selbstreflexion zeigt. Interes-
schaft, welch ein Wunder!                       sant wäre die Frage gewesen, ob Geis
                     MARTIN REUTER, MAINZ       denn als voll berufstätiger Vater seinen
                                                Kindern gerecht werden konnte. Schwer
Wenn ich Herrn Geis reden höre, bin ich         erträglich finde ich auch, wenn er sich
zutiefst dankbar für unsere säkulare            zwar das Recht abspricht, über andere zu
Staatsform.                                     urteilen, sich aber zugleich das vernich-
             PHILIPP FÄTH, HÖSBACH (BAYERN)     tende Urteil der katholischen Kirche über
                                                Homosexuelle zu eigen macht.
Bei jungen Familien geht es selten um                                    JONAS FECHNER, KONSTANZ
die großen Lebensentwürfe, sondern um
                                                Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
den alltäglichen Wahnsinn der Vergabe           Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
von Kita-Plätzen. Es geht auch darum,           tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
dass viele Väter eben nicht einem veral-        leserbriefe@spiegel.de




                        Aus der SPIEGEL-Redaktion
                        Die Stadt der Gondeln und Kanäle war jahrhundertelang mächti-
                        ge Seerepublik, Drehscheibe des Welthandels und Metropole
                        der Malerei, Musik und Architektur. Abenteurer wie Marco Polo
                        und Casanova, Genies wie Monteverdi und Tizian waren hier zu
                        Hause. SPIEGEL GESCHICHTE zeichnet den erstaunlichen Aufstieg
                        einer malariaverseuchten Lagunensiedlung zu einer der bedeu-
                        tendsten europäischen Großmächte nach – vom ewigen Kampf
                        gegen das Wasser bis zum Fall der Dogenrepublik, als Venedig
                        zum Sehnsuchtsort wurde. Das Heft ist ab Mittwoch im Handel.
                             D E R   S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2                                    13
Panorama                                                                                                                        Deutschland




                                                                                                                                                                              NORBERT MILLAUER / DAPD
                                                                                                                                                      Seehofer, Merkel



                                                    GESCHLECHTER I



                                      Union für Flexi-Quote
 Angela Merkel, Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, und der             stammt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder
 CSU-Vorsitzende Horst Seehofer wollen im Gesetz eine              (CDU). Merkel und Seehofer wollen mit ihrer Einigung zum
 flexible Frauenquote für Unternehmen festschreiben. Auf           einen den Unmut der Frauen in der Unionsfraktion dämpfen,
 diesen Schritt hätten sich die beiden in einem vertraulichen      die sich gegen das von der CSU geforderte Betreuungsgeld
 Gespräch am Dienstagabend im Kanzleramt verständigt, heißt        wenden. Zum anderen sehen sie in der Flexi-Quote ein Kom-
 es in Kreisen der Koalition. Die sogenannte Flexi-Quote sieht     promissangebot an die FDP. Die Liberalen sind strikt gegen
 vor, dass Unternehmen sich selbst ein Ziel für die Förderung      eine feste Quote, wie sie unter anderem Bundesarbeitsminis-
 von Frauen in Führungspositionen setzen. Wenn ein Unter-          terin Ursula von der Leyen (CDU) fordert. Auch Seehofer
 nehmen dieses Ziel verfehlt, können Sanktionen – zum Bei-         hat in internen Gesprächen deutlich gemacht, dass er für eine
 spiel Geldbußen – verhängt werden. Die Idee der Flexi-Quote       feste Quote keine Mehrheit in seiner Partei sieht.




       GESCHLECHTER II
                                           tierten und rund 15 Prozent der Pro-                                                  ner- und Frauenanteilen nach dem
                                           fessoren in der höchsten Besoldungs-                                                  Studienabschluss öffnet und im Zuge

        Frau Doktor,                       stufe C4/W3. Die Zahlen zeigten,
                                           „dass sich die Schere zwischen Män-
                                                                                                                                 der weiteren wissenschaftlichen Lauf-
                                                                                                                                 bahn größer wird“. Zwar habe es seit

       Herr Professor                                                                                                            einer Vergleichserhebung 2006 Fort-
                                                                                                                                 schritte gegeben: Der Frauenanteil bei
                                                                                                                                 den C4/W3-Professoren lag damals
Der Wissenschaftsrat fordert eine                                                                                                um rund vier Prozentpunkte niedriger,
Frauenquote – im Gespräch waren zu-                                                                                              in den Spitzenpositionen der außer-
letzt 40 Prozent – in Auswahlkommis-                                                                                             universitären Forschungseinrichtungen
                                                                                        BERND SETTNIK / PICTURE ALLIANCE / DPA




sionen und Entscheidungsorganen von                                                                                              stieg er von 7,9 auf 11,3 Prozent. Zur
Forschungseinrichtungen und Hoch-                                                                                                weiteren Steigerung dieses Anteils
schulen. Dadurch sollen mehr Wissen-                                                                                             empfehlen die Experten den Hoch-
schaftlerinnen in Führungspositionen                                                                                             schulen und Instituten, bei befristeten
gelangen. Nach Angaben des Berater-                                                                                              Verträgen längere Laufzeiten einzu-
gremiums stellten Frauen im Jahr 2010                                                                                            räumen, um Eltern mehr Sicherheit zu
zwar 52 Prozent der Hochschulabsol-                                                                                              bieten, außerdem ausreichend viele
venten und 44 Prozent der Promovier-                                                                                             Kinderbetreuungsplätze einzurichten
ten, aber nur 25 Prozent der Habili-       Biologiestudentinnen in Potsdam                                                       und bei Arbeitszeiten flexibel zu sein.
                                                D E R   S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2                                                                                    15
Panorama

                GRÜNE


       Basis bestimmt
      Wahlkampfthemen
Die Mitglieder der Grünen sollen ent-
scheiden, welche Forderungen die Par-
tei im Bundestagswahlkampf 2013 her-
vorhebt. Nach den Plänen, die Bundes-
geschäftsführerin Steffi Lemke den
Landesvorständen vorstellte, wählen
die Parteimitglieder bei Diskussionen
in den Kreisverbänden sowie im Inter-
net die zehn wichtigsten Wahlverspre-
chen. Darüber bestimmen sonst die
                                                                                 IMAGO SPORTFOTODIENST




Spitzenkandidaten und der Bundesvor-
stand. Die Grünen-Führung hofft dar-
auf, dass die Basis im Wahlkampf für
die selbstgewählten Themen engagier-
ter streitet. Das neue Mitmachmodell
sei keineswegs eine Reaktion auf das                                                                       Fan-Krawalle im Düsseldorfer Stadion beim Rückspiel gegen Hertha BSC
Erstarken der Piratenpartei, betont die
Parteiführung.                                                                                                                                        FUSSBALL



                                                                                                                               Anfeuern statt feuern
                                                                                                           Nach den Ausschreitungen bei den Bun-           nen. „Die Vereine müssen alle rechtlichen
                                                                                                           desliga-Relegationsspielen fordert der          Möglichkeiten ausschöpfen“, sagt Jäger.
                                                                                                           nordrhein-westfälische Innenminister Ralf       Das Abbrennen von Bengalos mit Tempe-
                                        OLIVER KILLIG / PICTURE ALLIANCE / DPA




                                                                                                           Jäger (SPD) die Fußballvereine auf, ihre        raturen von 1000 Grad sei „lebensgefähr-
                                                                                                           Geschäftsbedingungen zu ändern. Beim            lich für alle Fans“ und könne eine Panik
                                                                                                           Ticketkauf sollen sich die Fans verpflich-      mit unübersehbaren Folgen auslösen. Der
                                                                                                           ten, keine Pyrotechnik ins Stadion mitzu-       NRW-Innenminister verlangt von den
                                                                                                           bringen. Randalierer, die im Stadion mit        Clubs zudem, bei ihren Kontrollen sorg-
                                                                                                           bengalischen Feuern, Rauchbomben und            fältiger vorzugehen. Auf der anstehenden
                                                                                                           Böllern erwischt werden, müssten dann           Innenministerkonferenz will Jäger seine
                                                                                                           mit empfindlichen Vertragsstrafen rech-         Vorschläge den Kollegen vorlegen.
Landesparteitag der Grünen in Dresden




            A M O K LÄU F E
                                                                                                         Pistolen im Elternhaus. Wie lässt sich          chen Sportschützen nie an Wettkämp-
                                                                                                         so etwas verhindern?                            fen teil. Diesem Personenkreis sollte

        „Erwerb von                                                                                      Brenneke: Ob die Waffen richtig ver-
                                                                                                         wahrt waren, müssen die Ermittlungen
                                                                                                                                                         man den Besitz von scharfen Waffen
                                                                                                                                                         verbieten und erst recht deren Aufbe-

      Waffen erleichtert“                                                                                ergeben. Das generelle Problem ist,
                                                                                                         dass überhaupt so viele Menschen
                                                                                                         Waffen und Munition zu Hause haben.
                                                                                                                                                         wahrung zu Hause.
                                                                                                                                                         SPIEGEL: Klingt leicht umzusetzen.
                                                                                                                                                         Brenneke: Das wäre eine Revolution! Es
Der frühere Referats-                                                                                    Da haben alle Parteien mitgewirkt.              heißt immer, das Waffengesetz von
leiter für Waffenrecht                                                                                   Vor allem für Sportschützen gab es bis          2003 sei verschärft worden. Aber es
                                        A. STEIN / JOKER / DER SPIEGEL




im Bundesinnenministe-                                                                                   2008 immer wieder Liberalisierungen             wurde nur die Altersgrenze heraufge-
rium, Jürgen Brenneke,                                                                                   statt Verschärfungen.                           setzt, und die Waffenschränke müssen
74, über die Gefahren                                                                                    SPIEGEL: Welche denn?                           jetzt besser gesichert sein. Der Erwerb
durch Sportschützen                                                                                      Brenneke: Jeder, der in einem Schützen-         von Waffen wurde eher erleichtert.
und andere Waffen-                                                                                       verein ist, darf praktisch beliebig viele       SPIEGEL: Funktionieren die Kontrollen?
besitzer in Deutschland                                                                                  Waffen besitzen – und zwar nicht nur            Brenneke: Für die Vollzugsbehörden
                                                                                                         solche, mit denen in seinem Verein ge-          sind erst jetzt die allgemeinen Verwal-
SPIEGEL: Der Vorfall in Memmingen,                                                                       schossen wird. Die Logik des Gesetzes           tungsvorschriften für das Waffengesetz
wo ein 14-Jähriger vor seiner Schule                                                                     lautet: Falls er mal bei einem anderen          von 2003 erlassen worden. Und in die-
und auf einem Sportplatz mehrmals                                                                        Verein als Gast schießt, müsse er eine          sen Vorschriften wird der Gesetzestext
schoss, erinnert an das Massaker von                                                                     dort im Wettkampf zulässige Waffe               extrem großzügig ausgelegt – zuguns-
Winnenden: Der Vater ist im Schüt-                                                                       mitbringen können. Dabei nehmen                 ten der Waffenbesitzer, aber zu Lasten
zenverein, der Sohn besorgt sich die                                                                     weit mehr als 50 Prozent der angebli-           der inneren Sicherheit.
16                                                                                                            D E R   S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2
Deutschland

       BUNDESPRÄSIDENT                                                  SPD


   Imitatoren gestoppt                                     Aus drei mach eins
Anonyme Täuscher können nicht                          In der SPD wächst der Unmut gegen
länger unter www.praesidialamt.de                      den Plan, weiterhin auf die Troika aus
den Eindruck erwecken, Bundespräsi-                    Parteichef Sigmar Gabriel, Bundes-
dent Joachim Gauck beantworte dort                     tagsfraktionschef Frank-Walter Stein-
Bürgeranfragen. Nach einem Hinweis                     meier und Ex-Finanzminister Peer
des Bundespräsidialamts löschte die                    Steinbrück zu setzen. „Das Konzept
deutsche Internetregistrierungsstelle                  der Troika hat sich totgelaufen“, sagt
Denic die Domain. Die unbekannten                      der wirtschaftspolitische Sprecher der
Gauck-Doubles betreiben aber weiter-                   SPD-Fraktion im Bundestag, Garrelt
hin die im Ausland registrierte Seite                  Duin. Er will die Kür des Kanzler-
www.praesidialamt.com, auf der sie                     kandidaten vorziehen und diesen
der Denic vorwerfen, die deutsche                      nicht erst im Januar 2013 bestimmen.
Paralleladresse „wie in bester diktato-                Auch sein Parlamentskollege Frank
rischer Manier enteignet“ zu haben.                    Schwabe, Umweltexperte aus Nord-
Eine weitere Internetadresse derselben                 rhein-Westfalen, fordert ein Ende der
Betreiber, www.jgauck.de, leitet die                   Troika: „Es muss klar sein, dass der
Benutzer direkt auf die Homepage der                   Parteivorsitzende das Verfahren be-
Scientology Kirche Berlin. „Wir haben                  stimmt, das darf nicht unter drei Män-
damit mit Sicherheit nichts zu tun“,                   nern ausgemacht werden.“ Seit dem
erklärte ein Sprecher der Organisation.                Sieg der SPD mit ihrer Spitzenkan-
Die Unbekannten hatten sich bei der                    didatin Hannelore Kraft bei der Land-
Denic unter einer falscher Adresse an-                 tagswahl in NRW mehren sich in der
gemeldet: der des Bundesnachrichten-                   Partei die Stimmen für eine Kanzler-
dienstes.                                              kandidatur Krafts.



                                       H AU P T S TA D T


                      Bruchlandung in Brüssel?
Die Verschiebung des Starts des Berli-                 Die Gesellschafter, die beiden Bundes-
ner Großflughafens um ein Dreiviertel-                 länder sowie der Bund, müssen Kapital
jahr könnte der Bundesregierung Pro-                   nachschießen oder neue Kredite über
bleme mit der Europäischen Kommis-                     Bürgschaften absichern. Die Parlamen-
sion einbringen und die Finanzplanun-                  te werden vermutlich noch vor der
gen der Länder Brandenburg und Ber-                    Sommerpause Nachtragshaushalte be-
lin durcheinanderwirbeln. Da die staat-                schließen und die EU-Kommission um
liche Flughafengesellschaft den                        eine Genehmigung dafür bitten müs-
Kreditrahmen von 2,4 Milliarden Euro                   sen. Die Brüsseler Wettbewerbswäch-
nahezu ausgeschöpft hat, braucht sie                   ter äußerten bei einem ähnlichen Vor-
bis zum neuen Starttermin im März fri-                 gang um den Flughafen Leipzig-Halle
sches Geld. Insider schätzen die Zusatz-               im September große Bedenken gegen
kosten – unter anderem für Schadenser-                 eine nachträgliche Kapitalerhöhung.
satzforderungen und den Weiterbetrieb                  Der Fall liegt nach Angaben der Flug-
der Flughäfen Tegel und Schönefeld –                   hafengesellschaft Leipzig beim Europäi-
auf mindestens 300 Millionen Euro.                     schen Gerichtshof.
                                                                                                KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPD




Flughafen Berlin Brandenburg

                               D E R   S P I E G E L    2 2 / 2 0 1 2                      17
Deutschland                                                                                                                                               Panorama

                                                                                                                           VERKEHR
      QUERSCHNITT

                                                                                                              Ramsauers siebter Sinn
                                   Luisenbad,
                                   Schlei                                                                    Bundesverkehrsminister Peter Ram-
                                        Elbe,
                                                                                                             sauer (CSU) kämpft unbeirrt darum,
                                        Kollmar                                                              dass die ARD die Verkehrsratgebersen-
                              Weser,                Lütauer See                                              dung „Der 7. Sinn“ wieder einführt.
                Upleward      Kleinensiel                                                                    „Schließlich geht es um die Verkehrssi-
          Freibad                                                                                            cherheit“, sagt Ramsauer, „ich habe
                    Dyksterhausen
        Ems, Leer                                                                                            keinerlei Verständnis, dass die ARD-
                                                                             Kleine Badewiese,               Anstalten als öffentlich-rechtliches
                                                                             Unterhavel                      Fernsehen sich einem solch plausiblen,
                                                                                                             wichtigen und populären Anliegen ver-
                                                                                                             schließen.“ Zuvor hatte die ARD-Vor-
                                                                                                             sitzende Monika Piel dem Politiker
                                                                                                                                  eine Absage erteilt.
                                                      Bebraer                                                                     Die Chefredakteu-
                                                      Teiche                                                                      re der ARD hätten
                                                                                                                                  sich gegen eine
                                Wißmarer                                                                                          Wiederaufnahme
                                                                                                                                  entschieden, teilte




                                                                                                                               CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL
                                See
                                                                                                                                  Piel in einem Brief
                                                                                                                                  vom 11. Mai mit.
                                    Meerhofsee                                 Wasserqualität                                    „Finanzielle, pro-
                                                                                  Wasserzustand unterhalb                         duktionstechnische
                                                                                  der Mindestanforderungen                        und inhaltlich-kon-
                                                  Schornweisach                   Nur Mindestanforderungen                        zeptionelle Überle-
                            Kocherbade-
                                                  Weiher                          werden erfüllt
                                  bucht                                                                      Ramsauer             gungen haben zu
                                                                                                                                  keinem Ergebnis
                                       Buchhorner                                                            geführt, das Ihrem Anliegen entspre-
                                       See                                                                   chen würde“, heißt es darin. Die Rech-
                                                                                                             te für die Sendung, die von 1966 bis
                                                                                                             2005 in der ARD ausgestrahlt worden
                                                                                                             war, liegen beim WDR. Auch Länder-
                                                                                                             verkehrsminister und die Deutsche
                       Rheinschwimmbad,
                       Schwörstadt
                                                                                                             Polizeigewerkschaft hatten die Wieder-
                                                                                                             belebung der dreiminütigen Kultsen-
                                                                                                             dung gefordert. Diese war oft unmittel-
                                                                                                             bar nach der Tagesschau ausgestrahlt

     Wasser – marsch!                                                                                        worden und hatte in Spitzenzeiten bis
                                                                                                             zu 20 Millionen Zuschauer erreicht.
                                                                                                             Ramsauer hatte in einem Brief Ende
     Wer in diesen ersten Sonnentagen des Jahres nach Abkühlung sucht, sollte an                             März angeboten, dass sich sein
     einigen Bädern in Deutschland nur die Fußspitze ins Wasser stecken. 15 der                              Ministerium indirekt an der Finanzie-
     offiziellen EU-Badestellen hierzulande haben eine geringe Wasserqualität (rot                           rung beteiligen würde. Er könne den
     markiert). 36 Badestellen schneiden kaum besser ab, sie erfüllen gerade die                             Wunsch in der Bevölkerung, die Sen-
     Mindestanforderungen der EU-Richtlinie (schwarz markiert). Insgesamt ver-                               dung wieder ins Programm zu nehmen,
     schlechterte sich die Wasserqualität an den Küsten im Vergleich zum Vorjahr.                            gut nachvollziehen, hatte Ramsauer
     Die gute Nachricht: An den übrigen 2259 untersuchten Badestellen kann man                               geschrieben, „da ich die Sendung
     laut der Studie bedenkenlos planschen.                                                                  selbst kenne und deren konzeptionel-
                                                                                                             len Wert stets geschätzt habe“.


                    POLIZEI
                                                        schlägt das niedersächsische Ministe-                fentlicht, bis das niedersächsische
                                                        rium vor, Regeln „insbesondere in                    Justizministerium diese Praxis als völ-

            Fahndung via                                Bezug auf die Nutzung sozialer Netz-
                                                        werke festzulegen“. Aktivitäten bei
                                                                                                             kerrechtswidrig kritisierte: Der Face-
                                                                                                             book-Server befinde sich in den USA,

               Twitter                                  Facebook und anderen Netzwerken
                                                        werden als „sinnvolle Ergänzung“ der
                                                        „Informations-, Ermittlungs- und Fahn-
                                                                                                             die Polizei werde ohne völkerrecht-
                                                                                                             liche Vereinbarung auf fremdem
                                                                                                             Staatsgebiet tätig. Die hannoversche
Die Innenminister prüfen, bundeswei-                    dungsarbeit“ bezeichnet.                             Behörde erwähnt deshalb auf ihrer
te Standards für den Umgang der Si-                     Bisher nutzen die Ermittler die Netz-                Facebook-Seite die Fahndungen nur
cherheitsbehörden mit Facebook, Twit-                   werke unterschiedlich. Die Polizei-                  noch und verweist auf den Internet-
ter und Co. zu schaffen. In einem Ent-                  direktion Hannover hatte Fahndungs-                  auftritt der Polizei. Erst dort finden
wurf für die Innenministerkonferenz                     aufrufe auf ihrer Facebook-Seite veröf-              sich detaillierte Angaben.
18                                                                D E R   S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2
Deutschland


                                                                AU S S E N P O L I T I K




                                                         Kalter Frieden
Im deutsch-russischen Verhältnis zieht eine neue Eiszeit herauf. Berlin ist wie selten
        zuvor auf die Zusammenarbeit mit Moskau angewiesen, doch Merkel
 misstraut dem wiedergewählten Präsidenten Putin. Sie will die Opposition stärken.


E
       s sollte eine Geste der
       Verbundenheit werden,
       eine große Inszenierung:
Wladimir Putin, der russische
Präsident, und sein deutscher
Kollege Joachim Gauck beim
Puzzlespiel auf dem Roten
Platz in Moskau, direkt vor den
Toren des Kreml. Mit handver-
lesenen Gästen wollten die
beiden Staatschefs aus 1023
Einzelteilen eine überdimen-
sionale Kopie des Selbstbild-
nisses von Albrecht Dürer
zusammenfügen. Das Gemälde
ist eine Ikone der europäischen
Kunst.
   Doch Putin ist die Lust auf
Puzzlespiele vergangen. Erst
sagte der Kreml einen Termin
im Mai ab, da sollte das
deutsch-russische Jahr eröffnet
werden. Jetzt ließ der Präsi-
dent mitteilen, dass er im Juni
ebenfalls keine Zeit habe. Der
ehemalige KGB-Agent Putin
will dem Freiheitskämpfer
Gauck, der nur Verachtung für
das Spitzelsystem des Kommu-
nismus übrig hat, keine große
Bühne bieten.
   Die Absage des Puzzlespiels
spiegelt den Stand des deutsch-
russischen Verhältnisses treff-
lich wider. Am kommenden
Freitag reist Putin zu einem of-
fiziellen Besuch nach Berlin. Es
                                 MARKUS SCHREIBER / AP




ist die erste Reise in ein westli-
ches Land, nachdem er Anfang
Mai zum dritten Mal als Präsi-
dent ins Amt eingeführt wurde.
Eigentlich sollte das eine posi-
tive Botschaft sein. Tatsächlich Kanzlerin Merkel*: Wenig Hoffnung auf einen Wandel in Moskau
sind die Beziehungen zwischen
Berlin und Moskau so schlecht wie seit kann nur über Berlin Einfluss in Europa land bleibt wegen des drohenden Schei-
Jahren nicht mehr.                          ausüben.                                           terns des Pipeline-Projekts Nabucco wei-
   Die Beziehungen zu Russland genießen       Aber ausgerechnet in einer Zeit, in der ter abhängig vom russischen Gas. Putin
traditionell eine Sonderstellung in der Deutsche und Russen zunehmend auf- wiederum braucht deutsche Investoren,
deutschen Außenpolitik. Deutsche Regie- einander angewiesen sind, steuern beide um die Wirtschaft seines Landes zu mo-
rungen sehen sich aufgrund der gemein- Länder auf eine neue Eiszeit zu. Deutsch- dernisieren.
samen, leidvollen Geschichte in einer                                                            Gut entwickeln sich derzeit nur die
Mittlerrolle zwischen den westlichen Part- * Am 14. März im Kanzleramt vor der Ankunft des tu- Handelsbeziehungen. Die deutschen Ex-
nern und Russland. Moskau wiederum nesischen Ministerpräsidenten.                              porte nach Russland legten im vergange-
20                                                          D E R   S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2
nen Jahr um 34 Prozent auf 27 Milliarden            sie ihre Ämter tauschen würden, fühlte        heitsanteils des Autobauers Opel an ein
Euro zu, die Importe stiegen um 27 Pro-             Merkel sich hintergangen. Sie musste er-      russisch geführtes Konsortium vor drei
zent auf 25 Milliarden Euro. Deutschland            kennen, dass Medwedew, auf den sie so         Jahren. Schuld daran war nach Putins
ist nach China der zweitwichtigste Han-             große Hoffnungen gesetzt hatte, nur eine      Meinung der Widerstand Washingtons.
delspartner Russlands.                              Marionette Putins war.                        Die Europäer seien wenig mehr als „Va-
   Politisch sieht die Lage anders aus. Das            Die Enttäuschung der Kanzlerin saß         sallen“ Amerikas, sagte Putin jüngst in
Verhältnis zwischen Merkel und Putin ist            tief, zwischen Kanzleramt und Kreml           einer landesweit übertragenen Bürger-
angespannt. Die Kanzlerin empfängt am               herrschte erst einmal Funkstille. Die Fäl-    Fragestunde.
Freitag einen Gast, dem sie schon vor               schungen bei der Wahl zur russischen             Was Putin vom Westen hält, machte er
Jahren das Ende seiner politischen Kar-             Duma und die Schmutzkampagnen gegen           in den vergangenen Tagen deutlich: Er reis-
riere gewünscht hat. Nun ist er mächtiger           Oppositionelle bestätigten sie in ihrem       te nicht zum G-8-Gipfel der wichtigsten
denn je.                                            Urteil über Putin.                            Wirtschaftsnationen nach Camp David.
   Merkel hatte auf Putins Vorgänger Dmi-              Vor der Präsidentschaftswahl ließ sie      Auch dem Nato-Gipfel in Chicago blieb er
trij Medwedew gesetzt. Ihm traute sie zu,           ihm eine Botschaft übermitteln: Er solle      demonstrativ fern. Das ist noch kein neuer
Russland zu modernisieren. Sie hoffte,              sich doch als Staatsoberhaupt eine Geste      Kalter Krieg, aber ein kalter Frieden.
                                                                                                                Das Treffen in Berlin wird
                                                                                                             daran nichts ändern. Es sollen
                                                                                                             keine Abkommen unterzeich-
                                                                                                             net werden, wie eigentlich bei
                                                                                                             solchen Begegnungen üblich.
                                                                                                             Zu einer Annäherung bei um-
                                                                                                             strittenen Themen wie den von
                                                                                                             Moskau geforderten Visa-Er-
                                                                                                             leichterungen wird es ebenfalls
                                                                                                             nicht kommen, weil weder Ber-
                                                                                                             lin noch Moskau Neues anzu-
                                                                                                             bieten haben.
                                                                                                                Natürlich ist man sich im
                                                                                                             Kanzleramt darüber im Klaren,
                                                                                                             dass Deutschland in wichtigen
                                                                                                             Fragen auf die Russen angewie-
                                                                                                             sen ist. Das gilt nicht nur für
                                                                                                             die Energieversorgung. Moskau
                                                                                                             wird bei den Verhandlungen
                                                                                                             über das iranische Atompro-
                                                                                                             gramm gebraucht. Auch im Sy-
                                                                                                             rien-Konflikt können die Rus-
                                                                                                             sen mit ihrem Veto-Recht die
                                                                                                             Politik des Westens blockieren.
                                                                                                                Aber Merkel ist sich inzwi-
                                                                                                             schen gar nicht mehr sicher, ob
                                                                                                             Putin ihren Argumenten zu-
                                                                                                             gänglich ist. Vor einigen Wo-
                                                                                                             chen rief sie Putin an, um ihm
                                                                                                             klarzumachen, dass Russland
                                                                                                             mit seinem Verhalten in der
                                                                                                             Syrien-Krise den eigenen In-
                                                                                                             teressen schade. Sie beschwor
                                                                                                             ihn, seine Haltung zu überden-
                                                                                                             ken. Es passierte nichts.
                                                                                                                Die Kanzlerin ist nun ent-
                                                                                                          SASHA MORDOVETS / GETTY IMAGES




                                                                                                             schlossen, Putin auf andere Wei-
                                                                                                             se unter Druck zu setzen. Sie
                                                                                                             veranlasste, dass die Führung
                                                                                                             des sogenannten Petersburger
                                                                                                             Dialogs verändert wurde. Die
                                                                                                             jährlich stattfindende Veranstal-
                                                                                                             tung war vor elf Jahren von
Präsident Putin*: Der Westen hat nicht mehr die oberste Priorität                                            Merkels Vorgänger Gerhard
                                                                                                             Schröder und Putin ins Leben
dass er erneut als Präsident kandidieren            überlegen, die im Westen als Aufbruchs-       gerufen worden, um beiden Ländern ein
werde, auch wenn viele Experten das für             signal gedeutet wird, eine Freilassung des    Forum zum gesellschaftlichen Austausch
unwahrscheinlich hielten. Als Medwedew              ehemaligen Oligarchen Michail Chodor-         zu geben. Tatsächlich hat sich der Dialog
und der damalige Ministerpräsident Putin            kowski zum Beispiel. Doch Putin igno-         nach Meinung von Kritikern zu einer ri-
im September vergangenen Jahres erklär-             rierte das Ansinnen.                          tualisierten Konferenz entwickelt, die von
ten, es sei schon lange abgesprochen, dass             Der russische Präsident respektiert die    ehemaligen Politikern und kremlhörigen
                                                    Kanzlerin zwar, aber er hält sie für zu       Funktionären dominiert wird.
* Am 15. Mai im Kreml bei einem Gipfeltreffen der   amerikafreundlich. Als Beleg dafür gilt          Merkel hat im April zwei Vertraute in
GUS-Staatschefs.                                    ihm der gescheiterte Verkauf eines Mehr-      der Führung des Petersburger Dialogs
                                                          D E R   S P I E G E L   2 2 / 2 0 1 2                                            21
Deutschland

installiert, die auf Veränderung in Russ- felte Machtgeste. Russland gebe sich                                             Plan die Keimzelle für eine „Eurasische
land dringen sollen. Der stellvertretende stark, weil es in Wirklichkeit schwach sei.                                      Union“, der sich weitere Staaten der zer-
Unionsfraktionschef Andreas Schocken-        Für den Kreml stellt sich die Lage ganz                                       fallenen Sowjetunion anschließen sollen.
hoff, ein Vertrauter Merkels, übernimmt anders dar. Putin und seine Berater sehen                                             Einer Annäherung zwischen Merkel und
die wichtige Arbeitsgruppe Zivilgesell- nicht ohne Schadenfreude, dass der welt-                                           Putin steht auch die EU im Wege. Der rus-
schaft. Merkels früherer Regierungsspre- politische Einfluss des Westens schwindet.                                        sische Präsident sieht die Gemeinschaft als
cher Ulrich Wilhelm soll sich um die Zu- Sie weisen darauf hin, dass der Anteil der                                        schwaches Gebilde, das sich durch kompli-
sammenarbeit der Medien kümmern.          EU-Staaten an der weltweiten Wirtschafts-                                        zierte Entscheidungsverfahren selbst lähmt.
  „Wir müssen deutlich machen, dass leistung in den vergangenen 30 Jahren                                                  Russland will gute bilaterale Beziehungen
wir unter Modernisierungspartnerschaft kontinuierlich gesunken ist. „Putin ist sich                                        zu Deutschland. Die EU stört da nur.
mehr verstehen als nur eine bessere Zu- sicher, dass das westliche Modell den                                                 Merkel dagegen weiß, dass Deutsch-
sammenarbeit im Energiesektor“, sagt Zenit seiner weltweiten Anziehungskraft                                               land als Führungsmacht in Europa auch
Schockenhoff. Deutschland müsse den schon hinter sich hat“, sagt der Politologe                                            auf die kleineren Staaten Rücksicht neh-
Aufbruch der russischen Mittelschicht un- Nikolai Slobin.                                                                  men muss. Im Baltikum oder in Polen
terstützen, die mit ihren Protesten nach     Dabei spielt Deutschland in Putins                                            herrscht aus historischen Gründen nach
der Duma-Wahl öffentlich Kritik gezeigt Weltbild durchaus eine wichtige Rolle. Er                                          wie vor Misstrauen gegenüber Moskau.
habe, dass sie eine echte Modernisie- hat hier traditionell wichtige außenpoli-                                            Das kann Merkel nicht ignorieren.
rungskraft in Russland ist.               tische Initiativen vorgestellt. Er beschrieb                                        Nicht nur sachliche Gründe sind für
  In der Bundesregierung weiß man, 2001 vor dem Bundestag das Ziel eines                                                   den deutsch-russischen Stillstand verant-
dass das ein mühsamer Prozess ist. Kurz- „einheitlichen und sicheren Europa“, in                                           wortlich. Im Verhältnis Berlin-Moskau
                                                                                                                           spielten persönliche Beziehungen immer
                                                                                                                           eine große Rolle.
                                                                                                                              Das gemeinsame Bad Willy Brandts
                                                                                                                           mit KPdSU-Chef Leonid Breschnew im
                                                                                                                           Jahr 1971 ebnete den Weg für die deut-
                                                                                                                           sche Ostpolitik. Kohl verhandelte mit
                                                                                                                           Gorbatschow in Strickjacke im Juli 1990
                                                                                                                           über die deutsche Einheit, das sollte ihr
                                                                                                                           enges Vertrauensverhältnis symbolisieren.
                                                                                                                           Die Duz-Freunde Putin und Schröder fuh-
                                                                                                                           ren 2001 im Pferdeschlitten durchs ver-
                                                                                                                           schneite Moskau.
                                                                                                                              Merkel und Putin begegnen sich dage-
                                                                                                                           gen mit kalter Geschäftsmäßigkeit. Die
                                                                                                                           ostdeutsche Pastorentochter hat nicht ver-
                                                                                                                           gessen, dass Putin als KGB-Offizier in der
                                                                                                                           DDR eingesetzt war. Für Merkel war das
                                                                                                                           Ende der Sowjetunion die Ouvertüre für
                                                                                            INTERNATIONAL HERALD TRIBUNE




                                                                                                                           die Freiheit des Ostblocks. Putin empfand
                                                                                                                           es als Schmach.
                                                                                                                              Merkel stößt ab, wie Putin seine Männ-
                                                                                                                           lichkeit bei der Tigerjagd oder mit nack-
                                                                                                                           tem Oberkörper beim Angeln zur Schau
                                                                                                                           stellt. Seine Versuche, sie einzuschüch-
                                                                                                                           tern, empfand sie als Affront. Bei einem
Anti-Putin-Karikatur: Die Enttäuschung saß tief                                                                            Treffen in Putins Ferienresidenz an der
                                                                                                                           Schwarzmeerküste in Sotschi im Januar
fristige Erfolge erwartet niemand. Das        dem die Staaten Europas und Russland                                         2007 ließ Putin seine schwarze Labrador-
Putin-Lager wird wohl versuchen, die          ihre Ressourcen vereinigen. Im Novem-                                        Hündin Koni an der Hose des Gastes
Opposition als Agenten des Westens zu         ber 2010 hat er vor seinem Berlin-Besuch                                     schnüffeln. Merkel hat Angst vor Hunden,
diffamieren.                                  in einem außenpolitischen Grundsatz-                                         seit sie als Kind einmal gebissen wurde.
   Die neue russische Regierung bietet        artikel für eine „harmonische Wirtschafts-                                   Putin lächelte nur.
nach Ansicht der Bundesregierung wenig        gemeinschaft von Lissabon bis Wladi-                                            Dabei beeindruckt ihn die Härte, mit
Hoffnung auf einen Wandel: Putin habe         wostok“ geworben.                                                            der ihm Merkel entgegentritt. „Putin
einen Konservativen wie Außenminister            „Putin hat aber zur Kenntnis genom-                                       schätzt Merkel als hochkarätige und pro-
Sergej Lawrow im Amt gehalten. Ein            men, dass seine Vorschläge ohne Antwort                                      fessionelle Politikerin“, sagt Wladislaw
Hardliner wie Innenminister Raschid Nur-      blieben“, sagt Kreml-Berater Wladislaw                                       Below. „Er hält sie eindeutig für ein
galijew sei durch den Moskauer Polizei-       Below. „Der Westen hat für ihn heute                                         Schwergewicht.“
chef Wladimir Kolokolzew ersetzt wor-         nicht mehr oberste Priorität.“                                                  Beim EU-Russland-Gipfel im Mai 2007
den, dessen Truppen immer wieder bru-            Mehr als sein Vorgänger Medwedew                                          lieferten sich Merkel und Putin vor lau-
tal gegen Demonstranten vorgegangen           richtet Putin sein Augenmerk auf die Staa-                                   fenden Kameras ein Wortgefecht zum The-
seien.                                        ten der ehemaligen Sowjetunion in Russ-                                      ma Menschenrechte. Als Putin im Januar
   Aus deutscher Sicht hat die Führung in     lands unmittelbarer Nachbarschaft. Er                                        2009 auf dem Höhepunkt des russisch-
Moskau noch immer nicht verstanden,           setzte eine Zollunion mit Weißrussland                                       ukrainischen Gasstreits in Berlin zu Gast
dass Russland keine Weltmacht mehr ist,       und Kasachstan durch, „einen gewaltigen                                      war, erteilte die Kanzlerin ihm Lektionen
sondern Europa als verlässlichen Partner      Binnenmarkt von 165 Millionen Men-                                           wie eine Lehrerin einem Schuljungen. „Sie
braucht. Dass Russland gegen die Rake-        schen mit freiem Verkehr von Kapital und                                     hat mit mir geschimpft“, sagte Putin später
tenabwehr der Nato zu Felde zieht, er-        Arbeitskräften“, wie er schwärmte. Der                                       halb ironisch, halb anerkennend.
scheint den Deutschen als letzte verzwei-     östliche Wirtschaftsclub bildet in Putins                                                RALF NEUKIRCH, MATTHIAS SCHEPP

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Deutschland




                                                                                                                                   MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
Oppositionsführer Steinmeier: „Wir werden in acht Monaten einen Kandidaten haben, der die SPD ins Kanzleramt führt“



                                                   SPI EGEL-GESPRÄCH




              „Niederlagen gehören dazu“
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, 56, über die Konsequenzen aus dem Wahlerfolg
         der französischen Sozialisten, seinen Kuschelkurs mit Kanzlerin Angela
  Merkel und den Streit in seiner Fraktion über die richtige Linie in der Sicherheitspolitik

SPIEGEL: Herr Steinmeier, wer macht die    Steinmeier: Das ist Unfug. Aber ich ver-      müssen das Land verlassen – und zwar
bessere Oppositionspolitik gegen Angela    stehe Ihre Begeisterung für Hollande,         bis Ende 2014.
Merkel: Sie oder Frankreichs neuer Prä-    denn seine Forderungen nach einer euro-       SPIEGEL: Sie wollen also mal wieder exakt
sident François Hollande?                  päischen Wachstumsinitiative stimmen          das, was die Regierung auch will.
Steinmeier: François Hollande ist fran-    zum Großteil mit unseren überein. Was         Steinmeier: Sie wissen selbst, dass das Un-
zösischer Präsident. Ich bin deutscher     den Afghanistan-Abzug angeht, war mein        sinn ist. Es war doch umgekehrt. Die SPD
Oppositionsführer. Und ich weiß, was ich   Grundsatz immer: gemeinsam rein, ge-          hat doch erst das Konzept für die Be-
will: die Ablösung von Frau Merkel und     meinsam raus. Deshalb habe ich auch           endigung des Einsatzes entworfen. Mer-
ihrer Regierung. Diesem Ziel sind wir in   stets vor deutschen Alleingängen ge-          kel und die Union haben uns drei Monate
den letzten Wochen deutlich näherge-       warnt.                                        dafür beschimpft, um es anschließend
kommen.                                    SPIEGEL: Hollande sollte seine Haltung        abzukupfern. Wie so vieles übrigens.
SPIEGEL: Hollande piesackt Merkel, indem   also noch mal überdenken?                     SPIEGEL: Und die Euro-Bonds? Die haben
er Wachstumspakete fordert, Euro-Bonds     Steinmeier: Ich habe dem französischen        Sie früher lautstark gefordert, jetzt sind
einführen und die französischen Soldaten   Staatspräsidenten keine Empfehlungen          Sie still und heimlich davon abgerückt.
schon bis Ende des Jahres aus Afghani-     zu geben. Klar ist, dass der Afghanistan-     Steinmeier: Warum schauen Sie nicht ein-
stan abziehen will. Da zeigt er deutlich   Einsatz zu Ende gehen muss. Auslän-           fach mal in die Interviews, die Sie selbst
klarere Kante als Sie.                     dische Streitkräfte, auch die deutschen,      mit mir geführt haben? Dort können Sie
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Der spiegel 2012 22

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  • 2.
  • 3. Hausmitteilung 26. Mai 2012 Betr.: Titel, WWF, Guru W er anderen Menschen Fragen über Tod und Sterben stellt, kommt nicht umhin, für sich selbst nach Antworten zu suchen. So begannen Titelautorin Rafaela von Bredow, 45, und ihre Kolleginnen und Kollegen über das eigene Dasein nachzudenken, als sie mit Sterbenden und Hinterbliebenen, Ärzten und Pflegern über Wege zu einem würdevollen Ende sprachen. Laura Höflinger, 24, überlegte, was sie im Leben noch erleben möchte, und schrieb eine Liste der großen und kleinen Dinge. Die Reise nach Indien ist in Vorbereitung, ein weiterer Punkt bereits abgehakt: mehr Erdbeeren essen. Anna Kistner, 30, erwog erstmals ernsthaft, doch irgendwann Kinder zu bekommen. Und Manfred Dworschak, 52, war so angetan von der Atmosphäre eines sächsischen Hospizes, dass er sagt: „Hier will ich auch mal sterben.“ Der Inlandsauflage liegt eine DVD von SPIEGEL TV zum Thema „Nahtod – Einblicke ins Jenseits“ bei (Seite 110). D ie Empörung war groß, als sich der Ehrenpräsident des World Wide Fund for Nature (WWF), der spanische König Juan Carlos, 74, auf der Jagd nach Ele- fanten verletzte. Die SPIEGEL-Re- dakteure Jens Glüsing, 51, und Nils Klawitter, 45, hingegen überraschte die Bigotterie nicht. „Die mäch- DER SPIEGEL tigste Naturschutzorganisation der Welt ist als elitärer Club von In- dustriellen und Großwildjägern Klawitter, Sunarto auf Sumatra gegründet worden“, sagt Klawitter, „das wirkt nach.“ Um die Arbeit des WWF zu bilanzieren, reisten die Redakteure durch Südamerika und Indonesien. Glüsing entdeckte auf einer brasilianischen Sojafarm einen Tank mit dem Herbizid Glyphosat – obwohl das Soja dort angeblich den WWF-Standards entspricht. Klawitter sprach auf Sumatra mit dem Tigerforscher Sunarto und mit Einheimischen, die auf einer Palmöl-Plantage eines WWF-Partners gelebt hatten: Sie wurden vertrieben, ihre Hütten zerstört (Seite 62). Z ehntausende rotgewandete Sinnsucher aus Deutschland folgten in den Sieb- zigern und Achtzigern Bhagwan Shree Rajneesh, der erst als Sex- und dann als Rolls- Royce-Guru beleumundet war. 22 Jahre nach dessen Tod ist die Bewegung „in aller Welt bemerkenswert lebendig“, beobachtete SPIE- GEL-Redakteur Carsten Holm, 57. Der Jour- DER SPIEGEL nalist begab sich auf Spurensuche in alle Welt, in die USA und nach Goa, ins indische Pune Keerti, Holm bei Neu Delhi ebenso wie ins thüringische Wurzbach. In In- dien traf er Swami Chaitanya Keerti, 63, einst einer der engsten Vertrauten Bhagwans. Keerti berichtete vom Streit um das Erbe des Mystikers, der sich später Osho nannte. „Die Führungsclique in Pune will nur noch Monopoly spielen und Geld machen“, sagt der Veteran, der wegen seiner Kritik nicht zum Grabmal Oshos vorgelassen wird. Die Chefs des Meditationszen- trums in Pune mochten sich dazu nicht äußern – und ebensowenig erklären, warum Spendengelder in beträchtlicher Höhe verschwunden sind (Seite 40). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 3
  • 4.
  • 5.
  • 6. In diesem Heft Titel Ende ohne Schrecken – Wege zu einem angstfreien Sterben ............................... 110 Deutschland Panorama: Merkel und Seehofer für Flexi-Quote / SPD-Unmut über Kandidaten-Troika / NRW-Innenminister fordert härteres Vorgehen gegen Fußballrandalierer ................................... 15 Außenpolitik: Die neue Eiszeit in den deutsch-russischen Beziehungen ....................... 20 SPD: SPIEGEL-Gespräch mit Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier über die Lehren aus dem Wahlsieg der Sozialisten in Frankreich ........ 24 Linke: Oskar Lafontaine hinterlässt eine Partei vor der Selbstauflösung ................... 28 Bundestagswahl: Streitfall Überhangmandate – kippen die Karlsruher Verfassungsrichter das aktuelle Wahlgesetz? .................................. 32 CDU: Kritik an Merkels Kurs der Modernisierung ........................................... 34 Wie der gefeuerte Umweltminister Norbert Röttgen seinen tiefen Fall erlebt ....................... 35 Landesbanken: Ostkommunen wurden Lafontaines Waterloo Seite 28 HANNIBAL HANSCHKE / DPA von den öffentlichen Kreditinstituten Getrieben von seiner Partnerin Sahra Wagenknecht, griff Oskar ausgenommen ................................................... 36 Parteien: Die merkwürdige Doppelrolle von Lafontaine in seiner Partei noch einmal nach der Macht – und verlor. Piraten-Chef Bernd Schlömer ........................... 38 Er stürzt die Linke in die tiefste Krise ihrer Geschichte. Esoterik: Gut 22 Jahre nach seinem Tod leben die Ideen des Gurus Bhagwan in deutschen Kommunen und Meditationszentren fort .......... 40 Missbrauch: Ein noch unveröffentlichter Landtagsbericht kritisiert die zögerliche Aufklärung an der Odenwaldschule .................. 46 Hartz IV: In einem Berliner Wohnprojekt werden alleinerziehende Mütter zu Bildungsabschlüssen und Erwerbstätigkeit angehalten ....................... 47 Neue Eiszeit Seite 20 Die Stimmung wird frostig sein, wenn Wladimir Putin an diesem Freitag Gesellschaft nach Berlin kommt. Angela Merkel traut dem russischen Präsidenten keine Szene: Die Tricks chinesischer Panda-Züchter / Reformen zu. Die Kanzlerin will seine Gegner unterstützen. Der Münchner Sportpsychologe Jürgen Beckmann über das Trauma der Bayern ........... 52 Eine Meldung und ihre Geschichte – über einen Richter, der zur Selbstjustiz greift ........... 53 Der Traumfabrikant Kunstmarkt: Der Internetgalerist Hans Neuendorf und der Boom auf dem Bildermarkt ............................................... 54 Seite 130 Ortstermin: Beim 30. deutschen Männertreffen Ein größenwahnsinniger Traum: mitten in der Wüste acht Fußballstadien zu ist es sexy, schwach zu sein ............................... 59 bauen und drum herum eine Stadt. Albert Speer hat daraus das WM-Projekt von Katar entwickelt – ein Beispiel für arabische Herrscherarchitektur. Wirtschaft Trends: Wie der Facebook-Börsengang zum Fiasko werden konnte / Praktiker-Belegschaft fürchtet neuen Investor / Kindertag soll Profit im Namen Spielwarenumsätze steigern .............................. 60 Naturschutz: Die dürftige Bilanz des Rettungsriesen WWF .................................. 62 Gesundheit: Wurde im Klinikum Hildesheim etlichen Patienten ohne Not die Schilddrüse zerstört? ................................... 68 des Pandas Geldinstitute: Fondsmanager und Seite 62 Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt rechnet mit der Führung der Deutschen Bank ab .......... 70 Der WWF ist die mächtigste Bücher: Thilo Sarrazin enttäuscht Naturschutzorganisation der seine krawallverwöhnte Zielgruppe .................. 72 Welt. Über 500 Millionen Euro nimmt die Organisa- Medien tion pro Jahr ein. Firmen Trends: Interview mit Heidi Klums zahlen siebenstellige Euro- unterschätztem Laufstegtrainer Beträge, um mit dem Panda- Jorge Gonzalez / Die absurde Beanstandung GETTY IMAGES von „X-Factor: Das Unfassbare“ ....................... 75 Wappen für ihre Umwelt- Rundfunk: Monika Piel ist die mächtigste Frau verantwortung zu werben. der ARD – unangefochten, aber umstritten ...... 76 Doch die Bilanz der Natur- Musikfernsehen: Was man aus dem Eurovision WWF-Aktion in Genf schützer ist durchwachsen. Song Contest in Aserbaidschan lernen kann ..... 78 6 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 7. Merkel, Hollande Ausland Panorama: Hohe Wachstumsraten in Afrika / David Cameron, der relaxte Premierminister ... 80 Währungspolitik: Wie Deutschland sich den Weg aus der Krise vorstellt ......................... 82 Griechenland: Interview mit Alexis Tsipras, Chef des Linksbündnisses Syriza, über seinen Wunsch, in der Euro-Zone zu bleiben ............... 86 USA: Obama spaltet das schwarze Amerika ...... 88 China: Der Gelbe Fluss – Kraftquelle der Supermacht ................................................. 92 Global Village: Warum eine neue Bewegung in den Niederlanden Toaster repariert .............. 98 Sport Szene: Kletterer-Ansturm auf den Mount Everest / Ein 17-jähriger Mormone gilt als größtes Talent des US-Basketballs ........ 101 Euro 2012: Drei Stars von Borussia Dortmund sind die Hoffnungsträger des EM-Gastgebers Polen ...................................... 102 Der italienische Nationalspieler Riccardo Merkels Konzept für Europa Seiten 82, 86 Montolivo über die Favoritenrolle des deutschen Teams und seine Kindheitserinnerungen an Schleswig-Holstein ........................................... 106 Mit einem Sechs-Punkte-Plan und Strukturreformen will die Kanzlerin die Krise bekämpfen. Der griechische Linkspopulist Tsipras Wissenschaft · Technik BPA / REUTERS wünscht sich im Interview das Unmögliche: den Euro zu behalten. Prisma: Auerhahn vor dem Aussterben / Hightech-Segel für Frachtschiffe ...................... 108 Fotografie: Minikameras mit Insektenaugen revolutionieren Handys und Computer ........... 122 Medizin: Die schwierige Betreuung diabeteskranker Kinder ................................... 124 Astronomie: Jahrhundertereignis für Sternengucker – die Venus schiebt sich vor Erst knipsen, dann scharf stellen Seite 122 die Sonne ......................................................... 126 Kultur Neuartige Lichtfeldkameras haben Linsen wie Insektenaugen. Der Clou: Szene: Der ägyptische Filmemacher Yousry Die Bilder werden erst nachträglich scharf gestellt. Die Technik könnte den Nasrallah über die Umbrüche in seiner Heimat / Bau schlankerer Handys ermöglichen, die sich mit Gesten steuern lassen. Manuela Reicharts Prosadebut ........................ 128 Baukunst: Albert Speer und das größenwahnsinnige WM-Projekt von Katar ...... 130 Geschichte: Ein US-Bestseller klärt über die Gründe für Wohlstand und Armut Drei Dortmunder für Polen Seite 102 der Nationen auf .............................................. 134 Exil: SPIEGEL-Gespräch mit dem iranischen Musiker Shahin Najafi über Sie sind Deutscher Meister und Pokalsieger, nun sollen drei sein Leben mit der Fatwa und Legionäre EM-Gastgeber Polen zu Ruhm und Siegen führen. Torjäger seinen Kampf für die Freiheit der Kunst .......... 136 Robert Lewandowski trägt die Hauptlast. Bestseller ........................................................ 139 Essay: Warum man Dateien nicht lieben kann, Schallplatten aber sehr wohl .................. 140 Kunstkritik: Eine junge Generation arbeitet sich am Maler-Übervater Gerhard Richter ab ......... 142 Die Aura des Briefe .................................................................. 8 Impressum, Leserservice ................................. 144 Plattentellers Register ........................................................... 146 Personalien ...................................................... 148 Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 150 Seite 140 Titelbild: Foto Action Press Als im Wohnzimmer noch eine Musiktruhe stand, die Schlagerhits und Karajans Die Mega-Schau Beethoven von teuren LPs Was bisher geschah: kamen, hatten die Men- Skandale und Rekorde schen ein Gefühl für den der Documentas 1 bis Wert von Musik. Heute, 13. Außerdem im Kultur- GETTY IMAGES in Zeiten von Download SPIEGEL: die Tanz- und iPhone, hat der Kultur- oper „C(h)œurs“; kann konsum die Aura des Kost- Bikini-Werbung män- baren verloren. Musikhörerin nerfeindlich sein? D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 7
  • 8. Briefe binett ein Machtwort spricht und Wirt- schaftsminister Rösler auf eine klima- „Paradoxie pur: Die Personen, freundliche Energiewende verpflichtet. Und wenn sie zweitens dafür sorgt, dass die den friedfertigen, ein- Altmaier im Kabinett und in seiner Frak- tion Gehör findet und nicht wie Röttgen fachen Bürger vertreten sollen, von den eigenen Leuten bekämpft wird. können nie so sein wie UWE NESTLE, FLENSBURG dieser, da sie es sonst nie Herr Röttgen hat dafür gesorgt, dass die CDU in NRW erheblich unter Wert ge- so weit bringen würden.“ schlagen wurde. Wäre er im Amt des Um- weltministers geblieben, hätte man ihn SEBASTIAN SCHREIBER, HILPOLTSTEIN (BAYERN) bei jedem Problem in der Energiewende SPIEGEL-Titel 21/2012 an den Pranger gestellt, immer unter Hin- weis auf seine schwache Leistung und be- wiesene Bürgerferne im NRW-Wahl- Nr. 21/2012, Ziemlich beste Feinde – Neid kampf. Er wäre ständig in der Defensive. und Niedertracht in der Politik Da er das nicht einsah, was leider ein De- fizit an gesundem Menschenverstand of- Die Patin hat abgedrückt fenbart, blieb der Kanzlerin wohl nichts anderes übrig, als ihn zu entlassen. Ein Minister hat’s schwer! Kein Arbeits- DR. HUBERT HOFMANN, IMMENSTAAD vertrag, kein Kündigungsschutz, kein Ar- (BAD.-WÜRTT.) beitsgericht. Aber: Bevor er das Amt an- tritt, weiß er das alles. Brutus hat mit dem Feuer gespielt und WOLFGANG HÖRNLEIN / PDH FRITZ GRÖGER, LANGENZERSDORF (ÖSTERREICH) sich dabei die Finger verbrannt. Sage kei- ner, er wusste nicht, was er tat, war er Das zweifellos Eindrucksvollste am doch mal Muttis Klügster. Abend nach der NRW-Wahl war, dass ein GÜNTER KRUG, BERLIN Verlierer das Geschehene zutreffend und angemessen kommentierte. Unerwartet Unabhängig von der Vielzahl der persön- wohltuend hob sich dies ab von den Er- Kontrahenten Merkel, Röttgen lichen Fehler sind Aufstieg und Fall des klärungen der Sieger, welche ihre allzu Norbert Röttgen die Konsequenz aus ei- oft gehörten Phrasen droschen. wohl auch dank seiner Bezüge als einfa- nem unlösbaren Dilemma: Ökologie und ERNST-GUST KRÄMER, KALLETAL (NRW) cher Bundestagsabgeordneter zumindest eine um ihre konservative Identität rin- bis zur nächsten Wahl nicht auf der Stra- gende Union – das passt nicht zusammen. Paranoid, wie Kanzlerin Merkel mit Geg- ße landen. Und sicher findet sich alterna- Röttgen war der falsche Mann in einem nern verfährt: Kritik an ihr oder Gegen- tiv dazu auch noch ein ordentlich dotier- falschen Spiel. Er trug die Klappentexte bewegungen zu ihrem Kurs werden übel ter Posten als Lobbyist. Wer möchte da ökologischer Ideen vor und schmückte sanktioniert. Das hat eine despotische nicht gern „Opfer“ sein?! sie wuchtig aus. Heiße Luft, richtig ver- Note! Dieses Verhalten lehne ich als de- MARTIN HENNIGER, POTSDAM standen hat er nichts. mokratische Bürgerin ab. Diese Dame ge- MICHAEL MÜLLER, DÜSSELDORF hört endlich selbst in die Machtlosigkeit Deutschlands politische „Schwarze Wit- SPD-STAATSSEKRETÄR A. D. verbannt. we“ demonstriert öffentlich Macht! Nur – GABI EICHFELD, KÖLN was wird sein, wenn alle ihre Männchen Frau Merkel hat getan, was jeder Mana- verschlungen sind? ger tun würde: Sie hat einen illoyalen Ich habe größte Hochachtung davor, dass DR. UDO KÜPPERS, BREMEN und uneinsichtigen Führungsmitarbeiter, Röttgen auf förmlicher Demission bestan- der sich weder zwischen zwei Abteilun- den hat, statt sich auf das übliche verlo- Wegen der fehlenden Macht im Kabinett gen entscheiden kann noch mit Leistung gene Ritual vom „freiwilligen Rücktritt“ und in der eigenen Partei war der Raus- überzeugt, entlassen. Wer seiner Chefin aus gesundheitlichen oder anderen fal- wurf Röttgens vermutlich richtig. Er und den Bürgern so wenig Wertschätzung schen Gründen einzulassen. reicht aber nicht aus. Der neue Umwelt- entgegenbringt wie Herr Röttgen, muss GÜNTER SCHUMACHER, ROETGEN (NRW) minister Altmaier wird nur dann dazu sich nicht wundern, wenn mal die Chefin beitragen können, die Energiewende vor- entscheidet und mal der Bürger. Von Don Vito Corleone, der im Film anzutreiben, wenn Merkel erstens im Ka- ANDREA DOBRIN, BERLINGEN (SCHWEIZ) „Der Pate II“ als Oberhaupt einer sizilia- nischen Mafiafamilie New York regiert, stammt das berühmte Zitat: „Geld ist eine Waffe. Politik ist zu wissen, wann man Diskutieren Sie im Internet abdrückt.“ Bundeskanzlerin Angela Mer- www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel kel hat abgedrückt, als sie am Mittwoch für alle überraschend ihren Umweltminis- ‣ Titel Wie kann die Gesellschaft ein würdevolles ter Norbert Röttgen schasste und so poli- Sterben ermöglichen? tisch erledigte. ‣ Demokratie Erststimme, Zweitstimme, Überhang- ROLAND KLOSE, BAD FREDEBURG (NRW) mandat – ist das deutsche Wahlrecht zu kompliziert? Herr Röttgen wird zunächst das ihm zu- ‣ SPD Wäre Sigmar Gabriel ein geeigneter Kanzlerkandidat? stehende Übergangsgeld beziehen und 8 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 9.
  • 10. Briefe Nr. 20/2012, Der Rechtsstaat zerstörte die Existenz von Harry Wörz und ließ ihn dann mit den Folgen allein Kalt und herzlos Die Geschichte von Harry Wörz geht un- ter die Haut. Das Versagen der Ermittler und Richter, das kaum Konsequenzen nach sich zieht, die fortwährende Trau- matisierung des Mannes, dem offenbar – trotz allen Unrechts – nicht schnell und unbürokratisch geholfen wird, zeichnen HEIKO SPECHT / VISUM ein grausames Bild vom Umgang mit der Würde von Menschen, die zu Opfern staatlicher Instanzen wurden. ANGELA ELIS, FREIBERG (SACHSEN) Der Staat behandelt den langjährig un- Baustelle mit Dämmstoffen in Köln schuldig inhaftierten Harry Wörz recht kleinkrämerisch. Dabei sollte er ihm nicht zahl und Heizöl für weniger als zehn nur die Haftentschädigung auszahlen, Pfennig pro Liter. Bei einer 50-prozenti- sondern auch den gesamten beruflichen gen Erhöhung der Scheibenzahl von ei- Verdienstausfall infolge der Haftzeit, die nem „Schneewittchensarg“ zu sprechen vollständigen Kosten für die Verteidigung ist nur ein schlechter – allerdings fürs Kli- und die Anerkennung seiner Erkrankung ma vielleicht nicht folgenloser – Witz. als Folge der Haftzeit. KURT AUBECK, REINHEIM (HESSEN) CHRISTIANE SCHMID, RETHEM (NIEDERS.) Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnä- Die Jurisdiktion in Staatsdiensten ist bei ckigkeit sich die Postulate zum Thema uns kalt und herzlos, wenn es um die Op- der energetischen Altbausanierung hal- fer geht. ten. Ich habe in 20 Jahren Bau von Pas- WERNER LADWIG, LUG (RHLD.-PF.) sivhäusern und Altbausanierung mit teil- weise extremer Wärmedämmung keinen einzigen dadurch verursachten Schimmel- befall gehabt. Im Bereich Altbau ist es im Moment so, dass überwiegend Laien und Handwerker mit Halbwissen die Sa- WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL nierungen ausführen, was vermeintlich Geld spart. Das ist so, als ließe man einen Metzger den Blinddarm entfernen und verdammte nach Ableben des Patienten die Operation als solche. MICHAEL TRYKOWSKI, FRENSDORF (BAYERN) Justizopfer Wörz, Therapeutin Seit der strengeren Energieeinsparverord- nung 2009 ist klar, dass Neubauten eigent- Auch die Justiz ist nicht unfehlbar. Aber lich eine Lüftungsanlage benötigen, um nachdem man das Leben eines Unschul- den notwendigen Luftaustausch zu ge- digen zerstört hat, wäre es das Mindeste, währleisten. Nur scheuen sich viele Bau- dem Opfer die Rückkehr ins normale herren vor diesem Schritt, weil sie in Leben durch eine angemessene Entschä- Deutschland nicht zum Standard gehört. digung zu erleichtern. Die Haftpflicht- BENJAMIN GÜRKAN, WEITERSTADT (HESSEN) versicherung der Justiz ist letztlich der Steuerzahler, und als solcher hätte ich mit dieser Regelung kein Problem. Nr. 20/2012, Wie ein Schweizer Paar HERBERT TAUREG, HENNEF (NRW) acht Monate in der Gewalt pakistanischer Taliban überlebte Nr. 20/2012, Schärfere Öko-Vorschriften verschrecken Hausbesitzer und Mieter Willkommen zurück im Leben! Ich bin zwölf Jahre lang auf deutschen Ein Metzger am Blinddarm Handelsschiffen zur See gefahren. Unsere Einsätze haben uns in manches Krisen- Als nach dem Zweiten Weltkrieg die da- gebiet geführt, das meine Kollegen und mals sogenannten Thermopanescheiben ich sonst auf jeden Fall gemieden hätten. als Doppelverglasung ihren Siegeszug an- Wir waren immer wieder überrascht, mit traten, hat jedermann den Nutzen er- welcher Blauäugigkeit sich Touristen aus kannt, trotz Verdoppelung der Scheiben- Wohlstandsnationen in den risikoreichs- 10 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 11.
  • 12. MAURICE HAAS / 13 / DER SPIEGEL Ex-Geiseln Daniela Widmer, David Och ten Regionen der Welt bewegen. Erleb- nistrips in Westafrika und durch Drogen- gebiete in Lateinamerika kann man wahr- scheinlich nur mit Wohlstandsüberdruss erklären. Gratulieren kann man dem Schweizer Paar zur gelungenen Flucht. Das Erlebte mag man keinem gönnen! DANIEL KÜPFER, RAPPERSWIL (ST. GALLEN/SCHWEIZ) Ein unfassbar ergreifender Bericht über zwei sehr starke Persönlichkeiten, die physisch und vor allem psychisch aushal- ten mussten, was wohl eine der schlimms- ten Erfahrungen ist, die ein Mensch über- haupt machen kann. Bei der „Geburts- tagstorte“ schossen mir die Tränen in die Augen. Daniela, David: Willkommen zu- rück im Leben! KLAUS-PETER MÜLLER, BADEN-BADEN Nr. 20/2012, SPIEGEL-Gespräch mit dem französischen Historiker Emmanuel Todd Teufel am Tisch Polemik, Provokationen und Neid auf den wirtschaftlich erfolgreicheren Nach- barn – viel mehr war von Herrn Todd lei- der nicht zu vernehmen. Insbesondere nichts Neues. Dazu halbgare Lösungs- ansätze wie „eine gehörige Dosis Protek- tionismus“. Und zu guter Letzt sitzt auch noch der Teufel mit am Tisch. BENJAMIN GLAUER, HANAU Der Artikel bringt es klar und deutlich auf den Punkt. Die Wahrheit wird schnör- kellos dargestellt. SUSANNE BRETHAUER, DORTMUND Es wäre sehr schön gewesen, wenn Sie Herrn Todd nicht derart unwidersprochen über seine weltfremde Ansicht schwa- dronieren lassen hätten. Schade! FRANK HENNEMANN, DRESDEN 12 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 13. Briefe Wie verbohrt muss man sein, um teten Rollenbild à la Geis folgen wollen. Deutschland als Gewinner der EU und Sie wollen Zeit für ihre Kinder haben, sie der Globalisierung wahrzunehmen? Herr wollen, dass ihre Partnerin trotz kleiner Todd müsste wissen, dass auch hierzulan- Kinder die Möglichkeit hat, am Berufsle- de die Staatsschulden steigen und gute ben teilzuhaben, denn Beruf ist nicht nur Jobs rarer werden. Auch unsere „Export- Karriere, sondern auch soziales Umfeld. nation“ zählt wegen des Zollabbaus zu BETTINA NOLDE, HANNOVER den Opfern des grenzenlosen Lohndum- ping-Wettbewerbs. In vielen Familien stellt sich die Frage, MANFRED JULIUS MÜLLER, FLENSBURG ob ein Partner zu Hause bleibt, gar nicht. Beide müssen arbeiten gehen, um über Todds Bemerkung, das „französische Ide- die Runden zu kommen. Es geht nicht al mit seinem universalistischen Men- darum, dass die Ehefrau die Welt retten, schenbild von der Gleichheit aller“ sei in an ihrer Professur arbeiten oder zum Deutschland nicht so tief verankert, ver- Mond fliegen möchte. Es ist auch für Män- anlasst mich dazu, ihm zu empfehlen, sich ner nicht die Frage, ob sie sich im Haus- näher mit der Geschichte des französi- halt betätigen möchten oder nicht: Wenn schen Kolonialismus zu befassen. Insbe- die Dame des Hauses arbeiten geht und sondere der Krieg in Algerien ist hinsicht- sie nicht im Dreck ersticken möchten, lich dieses Menschenbilds und der daraus müssen sie halt auch mal den Putzlappen resultierenden französischen Humanität in die Hand nehmen. sehr aufschlussreich und ernüchternd. ANKE WIRTH, HEMHOFEN (BAYERN) HUBERT KOLB, BERLIN Erwartungsgemäß habe ich mich beim Le- sen eines Interviews mit Norbert Geis ge- Nr. 20/2012, Streitgespräch zwischen Na- ärgert. Nicht wegen seiner konservativen dine Schön (CDU) und Norbert Geis (CSU) über das Familienbild der Konservativen Putzlappen statt Mondfahrt Langsam fühle ich mich diskriminiert von MAURICE WEISS / DER SPIEGEL den ehernen Verfechtern des Hausfrau- enmodells. Bin ich als Kind berufstätiger Eltern arm dran? Vor dem Kindergarten- alter wurde ich von einem Kindermäd- chen und im Kindergartenalter nachmit- tags von einer Bekannten betreut. Ab der ersten Klasse hatte ich einen Hausschlüs- Unionspolitiker Geis, Schön sel und bereitete mir mein Essen selbst zu. Heute bin ich sogar ein erfolgreiches Ansichten, sondern weil er keinerlei Fä- und zufriedenes Mitglied der Gesell- higkeit zur Selbstreflexion zeigt. Interes- schaft, welch ein Wunder! sant wäre die Frage gewesen, ob Geis MARTIN REUTER, MAINZ denn als voll berufstätiger Vater seinen Kindern gerecht werden konnte. Schwer Wenn ich Herrn Geis reden höre, bin ich erträglich finde ich auch, wenn er sich zutiefst dankbar für unsere säkulare zwar das Recht abspricht, über andere zu Staatsform. urteilen, sich aber zugleich das vernich- PHILIPP FÄTH, HÖSBACH (BAYERN) tende Urteil der katholischen Kirche über Homosexuelle zu eigen macht. Bei jungen Familien geht es selten um JONAS FECHNER, KONSTANZ die großen Lebensentwürfe, sondern um Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit den alltäglichen Wahnsinn der Vergabe Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- von Kita-Plätzen. Es geht auch darum, tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: dass viele Väter eben nicht einem veral- leserbriefe@spiegel.de Aus der SPIEGEL-Redaktion Die Stadt der Gondeln und Kanäle war jahrhundertelang mächti- ge Seerepublik, Drehscheibe des Welthandels und Metropole der Malerei, Musik und Architektur. Abenteurer wie Marco Polo und Casanova, Genies wie Monteverdi und Tizian waren hier zu Hause. SPIEGEL GESCHICHTE zeichnet den erstaunlichen Aufstieg einer malariaverseuchten Lagunensiedlung zu einer der bedeu- tendsten europäischen Großmächte nach – vom ewigen Kampf gegen das Wasser bis zum Fall der Dogenrepublik, als Venedig zum Sehnsuchtsort wurde. Das Heft ist ab Mittwoch im Handel. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 13
  • 14.
  • 15. Panorama Deutschland NORBERT MILLAUER / DAPD Seehofer, Merkel GESCHLECHTER I Union für Flexi-Quote Angela Merkel, Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, und der stammt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder CSU-Vorsitzende Horst Seehofer wollen im Gesetz eine (CDU). Merkel und Seehofer wollen mit ihrer Einigung zum flexible Frauenquote für Unternehmen festschreiben. Auf einen den Unmut der Frauen in der Unionsfraktion dämpfen, diesen Schritt hätten sich die beiden in einem vertraulichen die sich gegen das von der CSU geforderte Betreuungsgeld Gespräch am Dienstagabend im Kanzleramt verständigt, heißt wenden. Zum anderen sehen sie in der Flexi-Quote ein Kom- es in Kreisen der Koalition. Die sogenannte Flexi-Quote sieht promissangebot an die FDP. Die Liberalen sind strikt gegen vor, dass Unternehmen sich selbst ein Ziel für die Förderung eine feste Quote, wie sie unter anderem Bundesarbeitsminis- von Frauen in Führungspositionen setzen. Wenn ein Unter- terin Ursula von der Leyen (CDU) fordert. Auch Seehofer nehmen dieses Ziel verfehlt, können Sanktionen – zum Bei- hat in internen Gesprächen deutlich gemacht, dass er für eine spiel Geldbußen – verhängt werden. Die Idee der Flexi-Quote feste Quote keine Mehrheit in seiner Partei sieht. GESCHLECHTER II tierten und rund 15 Prozent der Pro- ner- und Frauenanteilen nach dem fessoren in der höchsten Besoldungs- Studienabschluss öffnet und im Zuge Frau Doktor, stufe C4/W3. Die Zahlen zeigten, „dass sich die Schere zwischen Män- der weiteren wissenschaftlichen Lauf- bahn größer wird“. Zwar habe es seit Herr Professor einer Vergleichserhebung 2006 Fort- schritte gegeben: Der Frauenanteil bei den C4/W3-Professoren lag damals Der Wissenschaftsrat fordert eine um rund vier Prozentpunkte niedriger, Frauenquote – im Gespräch waren zu- in den Spitzenpositionen der außer- letzt 40 Prozent – in Auswahlkommis- universitären Forschungseinrichtungen BERND SETTNIK / PICTURE ALLIANCE / DPA sionen und Entscheidungsorganen von stieg er von 7,9 auf 11,3 Prozent. Zur Forschungseinrichtungen und Hoch- weiteren Steigerung dieses Anteils schulen. Dadurch sollen mehr Wissen- empfehlen die Experten den Hoch- schaftlerinnen in Führungspositionen schulen und Instituten, bei befristeten gelangen. Nach Angaben des Berater- Verträgen längere Laufzeiten einzu- gremiums stellten Frauen im Jahr 2010 räumen, um Eltern mehr Sicherheit zu zwar 52 Prozent der Hochschulabsol- bieten, außerdem ausreichend viele venten und 44 Prozent der Promovier- Kinderbetreuungsplätze einzurichten ten, aber nur 25 Prozent der Habili- Biologiestudentinnen in Potsdam und bei Arbeitszeiten flexibel zu sein. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 15
  • 16. Panorama GRÜNE Basis bestimmt Wahlkampfthemen Die Mitglieder der Grünen sollen ent- scheiden, welche Forderungen die Par- tei im Bundestagswahlkampf 2013 her- vorhebt. Nach den Plänen, die Bundes- geschäftsführerin Steffi Lemke den Landesvorständen vorstellte, wählen die Parteimitglieder bei Diskussionen in den Kreisverbänden sowie im Inter- net die zehn wichtigsten Wahlverspre- chen. Darüber bestimmen sonst die IMAGO SPORTFOTODIENST Spitzenkandidaten und der Bundesvor- stand. Die Grünen-Führung hofft dar- auf, dass die Basis im Wahlkampf für die selbstgewählten Themen engagier- ter streitet. Das neue Mitmachmodell sei keineswegs eine Reaktion auf das Fan-Krawalle im Düsseldorfer Stadion beim Rückspiel gegen Hertha BSC Erstarken der Piratenpartei, betont die Parteiführung. FUSSBALL Anfeuern statt feuern Nach den Ausschreitungen bei den Bun- nen. „Die Vereine müssen alle rechtlichen desliga-Relegationsspielen fordert der Möglichkeiten ausschöpfen“, sagt Jäger. nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Das Abbrennen von Bengalos mit Tempe- OLIVER KILLIG / PICTURE ALLIANCE / DPA Jäger (SPD) die Fußballvereine auf, ihre raturen von 1000 Grad sei „lebensgefähr- Geschäftsbedingungen zu ändern. Beim lich für alle Fans“ und könne eine Panik Ticketkauf sollen sich die Fans verpflich- mit unübersehbaren Folgen auslösen. Der ten, keine Pyrotechnik ins Stadion mitzu- NRW-Innenminister verlangt von den bringen. Randalierer, die im Stadion mit Clubs zudem, bei ihren Kontrollen sorg- bengalischen Feuern, Rauchbomben und fältiger vorzugehen. Auf der anstehenden Böllern erwischt werden, müssten dann Innenministerkonferenz will Jäger seine mit empfindlichen Vertragsstrafen rech- Vorschläge den Kollegen vorlegen. Landesparteitag der Grünen in Dresden A M O K LÄU F E Pistolen im Elternhaus. Wie lässt sich chen Sportschützen nie an Wettkämp- so etwas verhindern? fen teil. Diesem Personenkreis sollte „Erwerb von Brenneke: Ob die Waffen richtig ver- wahrt waren, müssen die Ermittlungen man den Besitz von scharfen Waffen verbieten und erst recht deren Aufbe- Waffen erleichtert“ ergeben. Das generelle Problem ist, dass überhaupt so viele Menschen Waffen und Munition zu Hause haben. wahrung zu Hause. SPIEGEL: Klingt leicht umzusetzen. Brenneke: Das wäre eine Revolution! Es Der frühere Referats- Da haben alle Parteien mitgewirkt. heißt immer, das Waffengesetz von leiter für Waffenrecht Vor allem für Sportschützen gab es bis 2003 sei verschärft worden. Aber es A. STEIN / JOKER / DER SPIEGEL im Bundesinnenministe- 2008 immer wieder Liberalisierungen wurde nur die Altersgrenze heraufge- rium, Jürgen Brenneke, statt Verschärfungen. setzt, und die Waffenschränke müssen 74, über die Gefahren SPIEGEL: Welche denn? jetzt besser gesichert sein. Der Erwerb durch Sportschützen Brenneke: Jeder, der in einem Schützen- von Waffen wurde eher erleichtert. und andere Waffen- verein ist, darf praktisch beliebig viele SPIEGEL: Funktionieren die Kontrollen? besitzer in Deutschland Waffen besitzen – und zwar nicht nur Brenneke: Für die Vollzugsbehörden solche, mit denen in seinem Verein ge- sind erst jetzt die allgemeinen Verwal- SPIEGEL: Der Vorfall in Memmingen, schossen wird. Die Logik des Gesetzes tungsvorschriften für das Waffengesetz wo ein 14-Jähriger vor seiner Schule lautet: Falls er mal bei einem anderen von 2003 erlassen worden. Und in die- und auf einem Sportplatz mehrmals Verein als Gast schießt, müsse er eine sen Vorschriften wird der Gesetzestext schoss, erinnert an das Massaker von dort im Wettkampf zulässige Waffe extrem großzügig ausgelegt – zuguns- Winnenden: Der Vater ist im Schüt- mitbringen können. Dabei nehmen ten der Waffenbesitzer, aber zu Lasten zenverein, der Sohn besorgt sich die weit mehr als 50 Prozent der angebli- der inneren Sicherheit. 16 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 17. Deutschland BUNDESPRÄSIDENT SPD Imitatoren gestoppt Aus drei mach eins Anonyme Täuscher können nicht In der SPD wächst der Unmut gegen länger unter www.praesidialamt.de den Plan, weiterhin auf die Troika aus den Eindruck erwecken, Bundespräsi- Parteichef Sigmar Gabriel, Bundes- dent Joachim Gauck beantworte dort tagsfraktionschef Frank-Walter Stein- Bürgeranfragen. Nach einem Hinweis meier und Ex-Finanzminister Peer des Bundespräsidialamts löschte die Steinbrück zu setzen. „Das Konzept deutsche Internetregistrierungsstelle der Troika hat sich totgelaufen“, sagt Denic die Domain. Die unbekannten der wirtschaftspolitische Sprecher der Gauck-Doubles betreiben aber weiter- SPD-Fraktion im Bundestag, Garrelt hin die im Ausland registrierte Seite Duin. Er will die Kür des Kanzler- www.praesidialamt.com, auf der sie kandidaten vorziehen und diesen der Denic vorwerfen, die deutsche nicht erst im Januar 2013 bestimmen. Paralleladresse „wie in bester diktato- Auch sein Parlamentskollege Frank rischer Manier enteignet“ zu haben. Schwabe, Umweltexperte aus Nord- Eine weitere Internetadresse derselben rhein-Westfalen, fordert ein Ende der Betreiber, www.jgauck.de, leitet die Troika: „Es muss klar sein, dass der Benutzer direkt auf die Homepage der Parteivorsitzende das Verfahren be- Scientology Kirche Berlin. „Wir haben stimmt, das darf nicht unter drei Män- damit mit Sicherheit nichts zu tun“, nern ausgemacht werden.“ Seit dem erklärte ein Sprecher der Organisation. Sieg der SPD mit ihrer Spitzenkan- Die Unbekannten hatten sich bei der didatin Hannelore Kraft bei der Land- Denic unter einer falscher Adresse an- tagswahl in NRW mehren sich in der gemeldet: der des Bundesnachrichten- Partei die Stimmen für eine Kanzler- dienstes. kandidatur Krafts. H AU P T S TA D T Bruchlandung in Brüssel? Die Verschiebung des Starts des Berli- Die Gesellschafter, die beiden Bundes- ner Großflughafens um ein Dreiviertel- länder sowie der Bund, müssen Kapital jahr könnte der Bundesregierung Pro- nachschießen oder neue Kredite über bleme mit der Europäischen Kommis- Bürgschaften absichern. Die Parlamen- sion einbringen und die Finanzplanun- te werden vermutlich noch vor der gen der Länder Brandenburg und Ber- Sommerpause Nachtragshaushalte be- lin durcheinanderwirbeln. Da die staat- schließen und die EU-Kommission um liche Flughafengesellschaft den eine Genehmigung dafür bitten müs- Kreditrahmen von 2,4 Milliarden Euro sen. Die Brüsseler Wettbewerbswäch- nahezu ausgeschöpft hat, braucht sie ter äußerten bei einem ähnlichen Vor- bis zum neuen Starttermin im März fri- gang um den Flughafen Leipzig-Halle sches Geld. Insider schätzen die Zusatz- im September große Bedenken gegen kosten – unter anderem für Schadenser- eine nachträgliche Kapitalerhöhung. satzforderungen und den Weiterbetrieb Der Fall liegt nach Angaben der Flug- der Flughäfen Tegel und Schönefeld – hafengesellschaft Leipzig beim Europäi- auf mindestens 300 Millionen Euro. schen Gerichtshof. KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPD Flughafen Berlin Brandenburg D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 17
  • 18. Deutschland Panorama VERKEHR QUERSCHNITT Ramsauers siebter Sinn Luisenbad, Schlei Bundesverkehrsminister Peter Ram- Elbe, sauer (CSU) kämpft unbeirrt darum, Kollmar dass die ARD die Verkehrsratgebersen- Weser, Lütauer See dung „Der 7. Sinn“ wieder einführt. Upleward Kleinensiel „Schließlich geht es um die Verkehrssi- Freibad cherheit“, sagt Ramsauer, „ich habe Dyksterhausen Ems, Leer keinerlei Verständnis, dass die ARD- Kleine Badewiese, Anstalten als öffentlich-rechtliches Unterhavel Fernsehen sich einem solch plausiblen, wichtigen und populären Anliegen ver- schließen.“ Zuvor hatte die ARD-Vor- sitzende Monika Piel dem Politiker eine Absage erteilt. Bebraer Die Chefredakteu- Teiche re der ARD hätten sich gegen eine Wißmarer Wiederaufnahme entschieden, teilte CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL See Piel in einem Brief vom 11. Mai mit. Meerhofsee Wasserqualität „Finanzielle, pro- Wasserzustand unterhalb duktionstechnische der Mindestanforderungen und inhaltlich-kon- Schornweisach Nur Mindestanforderungen zeptionelle Überle- Kocherbade- Weiher werden erfüllt bucht Ramsauer gungen haben zu keinem Ergebnis Buchhorner geführt, das Ihrem Anliegen entspre- See chen würde“, heißt es darin. Die Rech- te für die Sendung, die von 1966 bis 2005 in der ARD ausgestrahlt worden war, liegen beim WDR. Auch Länder- verkehrsminister und die Deutsche Rheinschwimmbad, Schwörstadt Polizeigewerkschaft hatten die Wieder- belebung der dreiminütigen Kultsen- dung gefordert. Diese war oft unmittel- bar nach der Tagesschau ausgestrahlt Wasser – marsch! worden und hatte in Spitzenzeiten bis zu 20 Millionen Zuschauer erreicht. Ramsauer hatte in einem Brief Ende Wer in diesen ersten Sonnentagen des Jahres nach Abkühlung sucht, sollte an März angeboten, dass sich sein einigen Bädern in Deutschland nur die Fußspitze ins Wasser stecken. 15 der Ministerium indirekt an der Finanzie- offiziellen EU-Badestellen hierzulande haben eine geringe Wasserqualität (rot rung beteiligen würde. Er könne den markiert). 36 Badestellen schneiden kaum besser ab, sie erfüllen gerade die Wunsch in der Bevölkerung, die Sen- Mindestanforderungen der EU-Richtlinie (schwarz markiert). Insgesamt ver- dung wieder ins Programm zu nehmen, schlechterte sich die Wasserqualität an den Küsten im Vergleich zum Vorjahr. gut nachvollziehen, hatte Ramsauer Die gute Nachricht: An den übrigen 2259 untersuchten Badestellen kann man geschrieben, „da ich die Sendung laut der Studie bedenkenlos planschen. selbst kenne und deren konzeptionel- len Wert stets geschätzt habe“. POLIZEI schlägt das niedersächsische Ministe- fentlicht, bis das niedersächsische rium vor, Regeln „insbesondere in Justizministerium diese Praxis als völ- Fahndung via Bezug auf die Nutzung sozialer Netz- werke festzulegen“. Aktivitäten bei kerrechtswidrig kritisierte: Der Face- book-Server befinde sich in den USA, Twitter Facebook und anderen Netzwerken werden als „sinnvolle Ergänzung“ der „Informations-, Ermittlungs- und Fahn- die Polizei werde ohne völkerrecht- liche Vereinbarung auf fremdem Staatsgebiet tätig. Die hannoversche Die Innenminister prüfen, bundeswei- dungsarbeit“ bezeichnet. Behörde erwähnt deshalb auf ihrer te Standards für den Umgang der Si- Bisher nutzen die Ermittler die Netz- Facebook-Seite die Fahndungen nur cherheitsbehörden mit Facebook, Twit- werke unterschiedlich. Die Polizei- noch und verweist auf den Internet- ter und Co. zu schaffen. In einem Ent- direktion Hannover hatte Fahndungs- auftritt der Polizei. Erst dort finden wurf für die Innenministerkonferenz aufrufe auf ihrer Facebook-Seite veröf- sich detaillierte Angaben. 18 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 19.
  • 20. Deutschland AU S S E N P O L I T I K Kalter Frieden Im deutsch-russischen Verhältnis zieht eine neue Eiszeit herauf. Berlin ist wie selten zuvor auf die Zusammenarbeit mit Moskau angewiesen, doch Merkel misstraut dem wiedergewählten Präsidenten Putin. Sie will die Opposition stärken. E s sollte eine Geste der Verbundenheit werden, eine große Inszenierung: Wladimir Putin, der russische Präsident, und sein deutscher Kollege Joachim Gauck beim Puzzlespiel auf dem Roten Platz in Moskau, direkt vor den Toren des Kreml. Mit handver- lesenen Gästen wollten die beiden Staatschefs aus 1023 Einzelteilen eine überdimen- sionale Kopie des Selbstbild- nisses von Albrecht Dürer zusammenfügen. Das Gemälde ist eine Ikone der europäischen Kunst. Doch Putin ist die Lust auf Puzzlespiele vergangen. Erst sagte der Kreml einen Termin im Mai ab, da sollte das deutsch-russische Jahr eröffnet werden. Jetzt ließ der Präsi- dent mitteilen, dass er im Juni ebenfalls keine Zeit habe. Der ehemalige KGB-Agent Putin will dem Freiheitskämpfer Gauck, der nur Verachtung für das Spitzelsystem des Kommu- nismus übrig hat, keine große Bühne bieten. Die Absage des Puzzlespiels spiegelt den Stand des deutsch- russischen Verhältnisses treff- lich wider. Am kommenden Freitag reist Putin zu einem of- fiziellen Besuch nach Berlin. Es MARKUS SCHREIBER / AP ist die erste Reise in ein westli- ches Land, nachdem er Anfang Mai zum dritten Mal als Präsi- dent ins Amt eingeführt wurde. Eigentlich sollte das eine posi- tive Botschaft sein. Tatsächlich Kanzlerin Merkel*: Wenig Hoffnung auf einen Wandel in Moskau sind die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau so schlecht wie seit kann nur über Berlin Einfluss in Europa land bleibt wegen des drohenden Schei- Jahren nicht mehr. ausüben. terns des Pipeline-Projekts Nabucco wei- Die Beziehungen zu Russland genießen Aber ausgerechnet in einer Zeit, in der ter abhängig vom russischen Gas. Putin traditionell eine Sonderstellung in der Deutsche und Russen zunehmend auf- wiederum braucht deutsche Investoren, deutschen Außenpolitik. Deutsche Regie- einander angewiesen sind, steuern beide um die Wirtschaft seines Landes zu mo- rungen sehen sich aufgrund der gemein- Länder auf eine neue Eiszeit zu. Deutsch- dernisieren. samen, leidvollen Geschichte in einer Gut entwickeln sich derzeit nur die Mittlerrolle zwischen den westlichen Part- * Am 14. März im Kanzleramt vor der Ankunft des tu- Handelsbeziehungen. Die deutschen Ex- nern und Russland. Moskau wiederum nesischen Ministerpräsidenten. porte nach Russland legten im vergange- 20 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 21. nen Jahr um 34 Prozent auf 27 Milliarden sie ihre Ämter tauschen würden, fühlte heitsanteils des Autobauers Opel an ein Euro zu, die Importe stiegen um 27 Pro- Merkel sich hintergangen. Sie musste er- russisch geführtes Konsortium vor drei zent auf 25 Milliarden Euro. Deutschland kennen, dass Medwedew, auf den sie so Jahren. Schuld daran war nach Putins ist nach China der zweitwichtigste Han- große Hoffnungen gesetzt hatte, nur eine Meinung der Widerstand Washingtons. delspartner Russlands. Marionette Putins war. Die Europäer seien wenig mehr als „Va- Politisch sieht die Lage anders aus. Das Die Enttäuschung der Kanzlerin saß sallen“ Amerikas, sagte Putin jüngst in Verhältnis zwischen Merkel und Putin ist tief, zwischen Kanzleramt und Kreml einer landesweit übertragenen Bürger- angespannt. Die Kanzlerin empfängt am herrschte erst einmal Funkstille. Die Fäl- Fragestunde. Freitag einen Gast, dem sie schon vor schungen bei der Wahl zur russischen Was Putin vom Westen hält, machte er Jahren das Ende seiner politischen Kar- Duma und die Schmutzkampagnen gegen in den vergangenen Tagen deutlich: Er reis- riere gewünscht hat. Nun ist er mächtiger Oppositionelle bestätigten sie in ihrem te nicht zum G-8-Gipfel der wichtigsten denn je. Urteil über Putin. Wirtschaftsnationen nach Camp David. Merkel hatte auf Putins Vorgänger Dmi- Vor der Präsidentschaftswahl ließ sie Auch dem Nato-Gipfel in Chicago blieb er trij Medwedew gesetzt. Ihm traute sie zu, ihm eine Botschaft übermitteln: Er solle demonstrativ fern. Das ist noch kein neuer Russland zu modernisieren. Sie hoffte, sich doch als Staatsoberhaupt eine Geste Kalter Krieg, aber ein kalter Frieden. Das Treffen in Berlin wird daran nichts ändern. Es sollen keine Abkommen unterzeich- net werden, wie eigentlich bei solchen Begegnungen üblich. Zu einer Annäherung bei um- strittenen Themen wie den von Moskau geforderten Visa-Er- leichterungen wird es ebenfalls nicht kommen, weil weder Ber- lin noch Moskau Neues anzu- bieten haben. Natürlich ist man sich im Kanzleramt darüber im Klaren, dass Deutschland in wichtigen Fragen auf die Russen angewie- sen ist. Das gilt nicht nur für die Energieversorgung. Moskau wird bei den Verhandlungen über das iranische Atompro- gramm gebraucht. Auch im Sy- rien-Konflikt können die Rus- sen mit ihrem Veto-Recht die Politik des Westens blockieren. Aber Merkel ist sich inzwi- schen gar nicht mehr sicher, ob Putin ihren Argumenten zu- gänglich ist. Vor einigen Wo- chen rief sie Putin an, um ihm klarzumachen, dass Russland mit seinem Verhalten in der Syrien-Krise den eigenen In- teressen schade. Sie beschwor ihn, seine Haltung zu überden- ken. Es passierte nichts. Die Kanzlerin ist nun ent- SASHA MORDOVETS / GETTY IMAGES schlossen, Putin auf andere Wei- se unter Druck zu setzen. Sie veranlasste, dass die Führung des sogenannten Petersburger Dialogs verändert wurde. Die jährlich stattfindende Veranstal- tung war vor elf Jahren von Präsident Putin*: Der Westen hat nicht mehr die oberste Priorität Merkels Vorgänger Gerhard Schröder und Putin ins Leben dass er erneut als Präsident kandidieren überlegen, die im Westen als Aufbruchs- gerufen worden, um beiden Ländern ein werde, auch wenn viele Experten das für signal gedeutet wird, eine Freilassung des Forum zum gesellschaftlichen Austausch unwahrscheinlich hielten. Als Medwedew ehemaligen Oligarchen Michail Chodor- zu geben. Tatsächlich hat sich der Dialog und der damalige Ministerpräsident Putin kowski zum Beispiel. Doch Putin igno- nach Meinung von Kritikern zu einer ri- im September vergangenen Jahres erklär- rierte das Ansinnen. tualisierten Konferenz entwickelt, die von ten, es sei schon lange abgesprochen, dass Der russische Präsident respektiert die ehemaligen Politikern und kremlhörigen Kanzlerin zwar, aber er hält sie für zu Funktionären dominiert wird. * Am 15. Mai im Kreml bei einem Gipfeltreffen der amerikafreundlich. Als Beleg dafür gilt Merkel hat im April zwei Vertraute in GUS-Staatschefs. ihm der gescheiterte Verkauf eines Mehr- der Führung des Petersburger Dialogs D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 21
  • 22. Deutschland installiert, die auf Veränderung in Russ- felte Machtgeste. Russland gebe sich Plan die Keimzelle für eine „Eurasische land dringen sollen. Der stellvertretende stark, weil es in Wirklichkeit schwach sei. Union“, der sich weitere Staaten der zer- Unionsfraktionschef Andreas Schocken- Für den Kreml stellt sich die Lage ganz fallenen Sowjetunion anschließen sollen. hoff, ein Vertrauter Merkels, übernimmt anders dar. Putin und seine Berater sehen Einer Annäherung zwischen Merkel und die wichtige Arbeitsgruppe Zivilgesell- nicht ohne Schadenfreude, dass der welt- Putin steht auch die EU im Wege. Der rus- schaft. Merkels früherer Regierungsspre- politische Einfluss des Westens schwindet. sische Präsident sieht die Gemeinschaft als cher Ulrich Wilhelm soll sich um die Zu- Sie weisen darauf hin, dass der Anteil der schwaches Gebilde, das sich durch kompli- sammenarbeit der Medien kümmern. EU-Staaten an der weltweiten Wirtschafts- zierte Entscheidungsverfahren selbst lähmt. „Wir müssen deutlich machen, dass leistung in den vergangenen 30 Jahren Russland will gute bilaterale Beziehungen wir unter Modernisierungspartnerschaft kontinuierlich gesunken ist. „Putin ist sich zu Deutschland. Die EU stört da nur. mehr verstehen als nur eine bessere Zu- sicher, dass das westliche Modell den Merkel dagegen weiß, dass Deutsch- sammenarbeit im Energiesektor“, sagt Zenit seiner weltweiten Anziehungskraft land als Führungsmacht in Europa auch Schockenhoff. Deutschland müsse den schon hinter sich hat“, sagt der Politologe auf die kleineren Staaten Rücksicht neh- Aufbruch der russischen Mittelschicht un- Nikolai Slobin. men muss. Im Baltikum oder in Polen terstützen, die mit ihren Protesten nach Dabei spielt Deutschland in Putins herrscht aus historischen Gründen nach der Duma-Wahl öffentlich Kritik gezeigt Weltbild durchaus eine wichtige Rolle. Er wie vor Misstrauen gegenüber Moskau. habe, dass sie eine echte Modernisie- hat hier traditionell wichtige außenpoli- Das kann Merkel nicht ignorieren. rungskraft in Russland ist. tische Initiativen vorgestellt. Er beschrieb Nicht nur sachliche Gründe sind für In der Bundesregierung weiß man, 2001 vor dem Bundestag das Ziel eines den deutsch-russischen Stillstand verant- dass das ein mühsamer Prozess ist. Kurz- „einheitlichen und sicheren Europa“, in wortlich. Im Verhältnis Berlin-Moskau spielten persönliche Beziehungen immer eine große Rolle. Das gemeinsame Bad Willy Brandts mit KPdSU-Chef Leonid Breschnew im Jahr 1971 ebnete den Weg für die deut- sche Ostpolitik. Kohl verhandelte mit Gorbatschow in Strickjacke im Juli 1990 über die deutsche Einheit, das sollte ihr enges Vertrauensverhältnis symbolisieren. Die Duz-Freunde Putin und Schröder fuh- ren 2001 im Pferdeschlitten durchs ver- schneite Moskau. Merkel und Putin begegnen sich dage- gen mit kalter Geschäftsmäßigkeit. Die ostdeutsche Pastorentochter hat nicht ver- gessen, dass Putin als KGB-Offizier in der DDR eingesetzt war. Für Merkel war das Ende der Sowjetunion die Ouvertüre für INTERNATIONAL HERALD TRIBUNE die Freiheit des Ostblocks. Putin empfand es als Schmach. Merkel stößt ab, wie Putin seine Männ- lichkeit bei der Tigerjagd oder mit nack- tem Oberkörper beim Angeln zur Schau stellt. Seine Versuche, sie einzuschüch- tern, empfand sie als Affront. Bei einem Anti-Putin-Karikatur: Die Enttäuschung saß tief Treffen in Putins Ferienresidenz an der Schwarzmeerküste in Sotschi im Januar fristige Erfolge erwartet niemand. Das dem die Staaten Europas und Russland 2007 ließ Putin seine schwarze Labrador- Putin-Lager wird wohl versuchen, die ihre Ressourcen vereinigen. Im Novem- Hündin Koni an der Hose des Gastes Opposition als Agenten des Westens zu ber 2010 hat er vor seinem Berlin-Besuch schnüffeln. Merkel hat Angst vor Hunden, diffamieren. in einem außenpolitischen Grundsatz- seit sie als Kind einmal gebissen wurde. Die neue russische Regierung bietet artikel für eine „harmonische Wirtschafts- Putin lächelte nur. nach Ansicht der Bundesregierung wenig gemeinschaft von Lissabon bis Wladi- Dabei beeindruckt ihn die Härte, mit Hoffnung auf einen Wandel: Putin habe wostok“ geworben. der ihm Merkel entgegentritt. „Putin einen Konservativen wie Außenminister „Putin hat aber zur Kenntnis genom- schätzt Merkel als hochkarätige und pro- Sergej Lawrow im Amt gehalten. Ein men, dass seine Vorschläge ohne Antwort fessionelle Politikerin“, sagt Wladislaw Hardliner wie Innenminister Raschid Nur- blieben“, sagt Kreml-Berater Wladislaw Below. „Er hält sie eindeutig für ein galijew sei durch den Moskauer Polizei- Below. „Der Westen hat für ihn heute Schwergewicht.“ chef Wladimir Kolokolzew ersetzt wor- nicht mehr oberste Priorität.“ Beim EU-Russland-Gipfel im Mai 2007 den, dessen Truppen immer wieder bru- Mehr als sein Vorgänger Medwedew lieferten sich Merkel und Putin vor lau- tal gegen Demonstranten vorgegangen richtet Putin sein Augenmerk auf die Staa- fenden Kameras ein Wortgefecht zum The- seien. ten der ehemaligen Sowjetunion in Russ- ma Menschenrechte. Als Putin im Januar Aus deutscher Sicht hat die Führung in lands unmittelbarer Nachbarschaft. Er 2009 auf dem Höhepunkt des russisch- Moskau noch immer nicht verstanden, setzte eine Zollunion mit Weißrussland ukrainischen Gasstreits in Berlin zu Gast dass Russland keine Weltmacht mehr ist, und Kasachstan durch, „einen gewaltigen war, erteilte die Kanzlerin ihm Lektionen sondern Europa als verlässlichen Partner Binnenmarkt von 165 Millionen Men- wie eine Lehrerin einem Schuljungen. „Sie braucht. Dass Russland gegen die Rake- schen mit freiem Verkehr von Kapital und hat mit mir geschimpft“, sagte Putin später tenabwehr der Nato zu Felde zieht, er- Arbeitskräften“, wie er schwärmte. Der halb ironisch, halb anerkennend. scheint den Deutschen als letzte verzwei- östliche Wirtschaftsclub bildet in Putins RALF NEUKIRCH, MATTHIAS SCHEPP 22 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 23.
  • 24. Deutschland MAURICE WEISS / DER SPIEGEL Oppositionsführer Steinmeier: „Wir werden in acht Monaten einen Kandidaten haben, der die SPD ins Kanzleramt führt“ SPI EGEL-GESPRÄCH „Niederlagen gehören dazu“ SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, 56, über die Konsequenzen aus dem Wahlerfolg der französischen Sozialisten, seinen Kuschelkurs mit Kanzlerin Angela Merkel und den Streit in seiner Fraktion über die richtige Linie in der Sicherheitspolitik SPIEGEL: Herr Steinmeier, wer macht die Steinmeier: Das ist Unfug. Aber ich ver- müssen das Land verlassen – und zwar bessere Oppositionspolitik gegen Angela stehe Ihre Begeisterung für Hollande, bis Ende 2014. Merkel: Sie oder Frankreichs neuer Prä- denn seine Forderungen nach einer euro- SPIEGEL: Sie wollen also mal wieder exakt sident François Hollande? päischen Wachstumsinitiative stimmen das, was die Regierung auch will. Steinmeier: François Hollande ist fran- zum Großteil mit unseren überein. Was Steinmeier: Sie wissen selbst, dass das Un- zösischer Präsident. Ich bin deutscher den Afghanistan-Abzug angeht, war mein sinn ist. Es war doch umgekehrt. Die SPD Oppositionsführer. Und ich weiß, was ich Grundsatz immer: gemeinsam rein, ge- hat doch erst das Konzept für die Be- will: die Ablösung von Frau Merkel und meinsam raus. Deshalb habe ich auch endigung des Einsatzes entworfen. Mer- ihrer Regierung. Diesem Ziel sind wir in stets vor deutschen Alleingängen ge- kel und die Union haben uns drei Monate den letzten Wochen deutlich näherge- warnt. dafür beschimpft, um es anschließend kommen. SPIEGEL: Hollande sollte seine Haltung abzukupfern. Wie so vieles übrigens. SPIEGEL: Hollande piesackt Merkel, indem also noch mal überdenken? SPIEGEL: Und die Euro-Bonds? Die haben er Wachstumspakete fordert, Euro-Bonds Steinmeier: Ich habe dem französischen Sie früher lautstark gefordert, jetzt sind einführen und die französischen Soldaten Staatspräsidenten keine Empfehlungen Sie still und heimlich davon abgerückt. schon bis Ende des Jahres aus Afghani- zu geben. Klar ist, dass der Afghanistan- Steinmeier: Warum schauen Sie nicht ein- stan abziehen will. Da zeigt er deutlich Einsatz zu Ende gehen muss. Auslän- fach mal in die Interviews, die Sie selbst klarere Kante als Sie. dische Streitkräfte, auch die deutschen, mit mir geführt haben? Dort können Sie 24 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2