Hausmitteilung
                                  11. Juni 2012                                                                Betr.: Titel, Essen und Trinken, Meese

                                  D
                          er Jubel in der Welt war groß, als mit Barack Obama 2009 erstmals ein Schwar-
                          zer als Präsident der USA vereidigt wurde – und auch der SPIEGEL erhoffte
                     sich ein friedfertiges, liberales, sozial gerechtes Amerika. Um Obamas Arbeit zu
                     bilanzieren, sprachen die SPIEGEL-Korrespondenten in New York und Washington,
                     Ullrich Fichtner, 47, Marc Hujer, 43, und Gregor Peter Schmitz, 37, jetzt mit Politi-
                     kern und Lobbyisten, mit Künstlern, Rentnern und Kellnerinnen. Fünf Monate
                     vor der nächsten Präsidentschaftswahl erkennen die Journalisten einige Erfolge,
                     aber viele Probleme. Die Politik ist blockiert, die Gesellschaft gespalten, Obama
                     hat das Land nicht geeint – und Wahlversprechen wie die Schließung des Gefan-
                     genenlagers in Guantanamo nicht gehalten. Einer seiner Wähler, der Autor Jonathan
                     Franzen, sagte den SPIEGEL-Leuten, die Politik in den USA sei „toxisch“ geworden:
                     „Die normalen Leute wenden sich angewidert ab“ (Seite 82).
JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL




                                                                               MARO KOURI / DER SPIEGEL




                                  Hernig, Beyer in Suzhou                                                 Karathanos, Supp in Karditsa



                                  S   pötter sprechen von der Glutamatküche, wenn sie über chinesische Restaurants
                                      in Deutschland urteilen: ideenloser Einheitsgeschmack, fast überall. SPIEGEL-
                                  Redakteurin Susanne Beyer, 42, aber erlebte die Vielfalt, die in den Töpfen zwischen
                                  Peking und Sichuan simmert. Sie ließ sich in China von Marcus Hernig in Restau-
                                  rants und zu Garküchen führen; der Sinologe und Gourmet ist ein Kenner der
                                  Landesküche. Die beiden wählten Zutaten wie Huhn, Fisch oder Wasserpflanzen
                                  selbst aus und verkosteten eine halbe Stunde später mit Stäbchen sechs feinste
                                  Gänge. „Gewürzt wurde sparsam, die Basis des Geschmacks war der raffiniert zu-
                                  bereitete Fond“, sagt Beyer. Mit einem anderen Vorurteil brach SPIEGEL-Repor-
                                  terin Barbara Supp, 53, in Griechenland. Den dort produzierten Wein hatte sie als
                                  harzig oder süß in Erinnerung – nun erfuhr sie in Thessalien, dass Winzer wie Tha-
                                  nos Karathanos neuerdings höchste Qualität erzeugen. „Die Nachfrage allerdings
                                  lahmt, weil sich in dem krisengeschüttelten Land kaum jemand noch guten Wein
                                  leisten kann“, sagt Supp (Seiten 132, 48).


                                  R   ichard von Weizsäcker und Hape Kerkeling kamen, Joschka Fischer und Char-
                                      lotte Roche auch: Seit fünf Jahren lädt der SPIEGEL regelmäßig Prominente
                                  zu Gesprächen „Live in der Uni“. Kein Gesprächspartner aber suchte so sehr die
                                  Provokation wie der Maler, Bildhauer und Performancer Jonathan Meese. Kurz
                                  vor der Documenta kritisierte er im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteurinnen
                                  Ulrike Knöfel, 43, und Marianne Wellershoff, 49, in Kassel den „Größenwahn in
                                  der Kunst“, er drosch auf die Demokratie ein, verdammte den „Furzgrößenwahn
                                  des Menschen-Ichs“ und bezeichnete sich, nicht allen verständlich, als „versachlichte
                                  Diktatur“. Der SPIEGEL dokumentiert das Gespräch in Auszügen (Seite 140).

                                  Im Internet: www.spiegel.de   D E R   S P I E G E L                           2 4 / 2 0 1 2                      3
In diesem Heft
 Titel
Obama – ein Präsident der Enttäuschungen ... 82

 Deutschland
Panorama: Unionsfrauen verschärfen Debatte
um Quote / Grüne wollen Waffenexporte
beschränken / Koalition setzt auf Scheitern
der Transaktionsteuer .................................... 13
Europa: Brüssel plant die Schuldenunion ....... 18
Karrieren: Aufstieg und Fall des
Oskar Lafontaine ........................................... 22
Fraktionsvize Dietmar Bartsch über seine
Niederlage auf dem Parteitag ......................... 24
Recht: SPIEGEL-Gespräch mit
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-
Schnarrenberger über Shitstorms und
das Acta-Abkommen ..................................... 26                                                                                                                     Kanzlerin Merkel,
Piraten: Die Waffenlobby entert                                       JOCK FISTICK/BLOOMBERG/GETTY IMAGES
                                                                                                                                                                   EU-Ratspräsident Van Rompuy
die Liquid Democracy .................................... 29
Rechtsextremismus: Wie Neonazis den
Alltag in sächsischen Dörfern dominieren ..... 30
Rechtsprechung: Kritiker warnen vor
                                                                                                                Superstaat Europa?                                                  Seite 18
einer neuen Militärjustiz ................................ 33                                                   Um den Euro zu retten, will Brüssel die Währungsgemeinschaft zur
Sicherheit: Bombengefahr im Laderaum –                                                                          Fiskalunion machen und einen eigenen Finanzminister einsetzen.
Luftfracht wird kaum kontrolliert .................. 34                                                         Doch zuvor müssten die Deutschen über das neue Europa abstimmen.
Essay: Warum Wachstum dem
Klima nutzt .................................................... 36
Katholiken: Die Machtkämpfe im Vatikan ..... 38                                                             Merkel, van Rompuy
Strafjustiz: In Stade wurde ein 77-Jähriger
wegen Totschlags verurteilt ............................ 43

 Gesellschaft
Szene: Bisons als Haustiere / Leon de Winter
                                                                                                            Ganz normale Neonazis                                                     Seite 30
über die Rivalität zwischen
                                                                                                            Neonazis geben in vielen sächsischen Dörfern und Kleinstädten schon
Deutschland und den Niederlanden ............... 46                                                         den Ton an. Sie mischen wie selbstverständlich im Alltag mit, schüchtern
Eine Meldung und ihre Geschichte – Ein                                                                      kritische Bürger ein – und machen Jagd auf Ausländer.
83-jähriger Engländer sucht nach dem Sinn
des Lebens – und spendet seine Niere ........... 47
Genuss: Wie griechische Winzer mit edlem
Wein gegen die Krise ankämpfen ................... 48
Ortstermin: Junge Ostdeutsche erkunden
bei einer Busreise die ostdeutsche Heimat ..... 55                                                          Patienten zweiter Klasse                                                  Seite 58
                                                                                                            Wer privat krankenversichert ist, erwartet, dass er eine optimale Versorgung
 Wirtschaft                                                                                                 bekommt. Tatsächlich aber weisen viele Tarife gefährliche Lücken auf.
Trends: Ver.di will Anton Schlecker
                                                                                                            Gesetzlich Versicherte sind oft besser geschützt.
verklagen / Kreuzfahrten boomen trotz
„Costa“-Unglück / Kompromissangebot
im Steuerstreit mit der Schweiz ..................... 56
Gesundheit: Private Krankenversicherungen
bieten oft schlechtere Leistungen als ihre
gesetzlichen Konkurrenten ............................ 58                                                                                                        Der einsame
Autoindustrie: Wie Opel systematisch
heruntergewirtschaftet wurde ........................ 64                                                                                                         Kirchenfürst             S. 38
Debatte: Hat Deutschland den Ernst der                                                                                                                           Geheime Dokumente offen-
Lage in Europa nicht begriffen? ..................... 68                                                                                                         baren Korruption und Ruf-
Energie: Die Regierung will die                                                                                                                                  mord im Vatikan. Kardinäle
Stromkonzerne zwingen, unrentable                                                                                                                                kämpfen um ihre Chancen
Kraftwerke weiterlaufen zu lassen ................. 71                                                                                                           auf den Heiligen Stuhl. Statt
Manager: Ex-Arcandor-Chef                                                                                                                                        aufzuräumen, zieht sich Be-
Thomas Middelhoff bezahlt die Charter                                                                                                                            nedikt XVI. in sein päpst-
für seine Luxusyacht nicht mehr .................... 72                                                                                                          liches Apartment zurück und
                                                                                                                                                                 arbeitet an einem weiteren
 Medien                                                                                                                                                          Jesus-Buch. Findet der 85-
Trends: Was Facebook-Daten alles verraten /                                                                                                                      Jährige noch die Kraft, die
Niggemeiers Medienlexikon ........................... 75                                                    Benedikt XVI.                                        Kurie und die Weltkirche zu
                                                                                                                                                         IMAGO




Unterhaltung: Die tröstliche Welt der                                                                                                                            steuern?
Volksmusik ..................................................... 76

4                                                                                    D E R                       S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Ausland
                                                                                                         Panorama: Palästinenser bemühen sich
                                                                                                         um Aufnahme eines Dorfs ins
                                                                                                         Unesco-Weltkulturerbe / Tsunami-Müll
                                                                                                         in Nordamerika .............................................. 80
                                                                                                         Syrien: Die Armee der Deserteure ................. 94
                                                                                                         Russland: Putins berühmte Feindin ................ 98
                                                                                                         Ägypten: Wer beerbt Husni Mubarak? .......... 100
                                                                                                         Global Village: Die Rock-School von
                                                                                                         Mitrovica ...................................................... 103

                                                                                                          Sport
                                                                                                         Szene: Olympiastarter Luis Brethauer
                                                                                                         über die Professionalisierung des
                                                                                                         Trendsports BMX / Tor-Barometer –
                                                                                                         wann bei EM-Ausscheidungsspielen am
                                                                                                         häufigsten Tore fallen ................................... 105
                                                  Michelle und Barack Obama                              Euro 2012: Nach sechs Jahren
                                                                                                         Entwicklungsarbeit steht Bundestrainer
                                                                                                         Joachim Löw vor einer Woche der
  Obamas Scheitern                                                  Seite 82                             Wahrheit ....................................................... 106
                                                                                                         Die divenhaften Stars im Team der
  Traurige Bilanz für Obamas erste Amtszeit: An seinem Versprechen,                                      Niederlande entdecken den Gemeinsinn ...... 111
  die Wunden der Nation zu heilen, ist er gescheitert. Unversöhnlicher
  ideologischer Streit hat zum Stillstand der Politik geführt.                                            Wissenschaft · Technik



                                                                                         IMAGO
                                                                                                         Prisma: Letzte Worte aus dem Cockpit
                                                                                                         des russischen Superjets / Sind die Lehrer
                                                                                                         schuld an Rechenschwäche? .......................... 116
                                                                                                         Klima: Sinkende Insel oder steigendes
                                                                                                         Meer – Geoforscher erkunden ein
                                                                                                         Südseeparadies ............................................. 118
Sinkendes Inselparadies                                                  Seite 118                       Automobile: Außen-Airbag zum Schutz
                                                                                                         von Fußgängern ............................................ 124
Die Inseln der Südsee gelten als besonders bedroht vom Anstieg des Meeres-                               Genetik: Wird das Erbgut-Screening
spiegels. Auf einer Expedition entdeckten französische Forscher nun die                                  im Mutterleib zur Routine? ........................... 126
Hauptursache: Absinkende Kontinentalplatten ziehen die Eilande nach unten.                               Computer: Elektronisches Bargeld erobert
                                                                                                         den Alltag ..................................................... 128

                                                                                                          Kultur
                                                                                                         Szene: Der israelische Wagner-Fan
Die revolutionäre Kraft der Küche                                        Seite 132                       Jonathan Livny über Wagner-Konzerte
                                                                                                         in Tel Aviv / Pariser Ausstellung
Zu wenig individuell, zu wenig frei – das sind Vorwürfe, die der Westen                                  dokumentiert das Schicksal stillgelegter
der chinesischen Gesellschaft macht. Die Küche Chinas aber ist so vielfältig,                            Kinosäle ....................................................... 130
originell und reich, dass die kulinarische Welt nur staunen kann.                                        Kochkunst: Entsteht in Chinas Küchen
                                                                                                         das beste Essen der Welt? ............................. 132
                                                                                                         Kino: Dokumentation über
                                                                                                         den Kunstdissidenten Ai Weiwei .................. 135
                                                                                                         Berlin: Wie Subkultur-Unternehmer ein
Das perfekte                                                                                             neues Stadtquartier entwickeln .................... 136
                                                                                                         Theater: Abschied des Berliner

Kind       Seite 126
                                                                                                         Bühnenchefs Matthias Lilienthal .................. 138
                                                                                                         Documenta: Der Künstler Jonathan Meese
                                                                                                         im SPIEGEL-Gespräch über den Zustand
Forschern ist es gelungen, das
Erbgut eines Fötus aus dem                                                                               der Kunstwelt ............................................... 140
Blut der Mutter zu gewinnen;                                                                             Bestseller ..................................................... 145
darin lässt sich nach Anlagen                                                                            Literaturkritik: Der Erzählband „Beginners“
für Hunderte Erbkrankheiten                                                                              des US-Autors Raymond Carver .................. 146
fahnden. Werden sich Eltern
in Zukunft für eine Abtrei-                                                                              Briefe ............................................................... 6
bung ihres Kindes entschei-                                                                              Impressum .................................................... 148
den, wenn sie erfahren, dass                                                                             Leserservice ................................................. 148
es Risiken im Genom trägt?
                                                                                         BILDERBOX.COM




                                                                                                         Register ........................................................ 150
Bioethiker fürchten, dass der
                                                                                                         Personalien ................................................... 152
Druck, nur perfekte Kinder
zu gebären, wächst.                                                                                      Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154
                                                                                                         Titelbild: Getty images


                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                                                         5
Briefe

                                                                                                                           Als Präsident der Parlamentarischen Ver-
                                                                                                                           sammlung der Nato bin ich 1996 nach Is-
                                                                                                                           rael gefahren. Ich jedenfalls habe der Lie-
                               „Vielleicht helfen die Fakten                                                               ferung der U-Boote im vollen Bewusstsein
                                                                                                                           ihrer möglichen Nutzung im Rahmen der
                               des gutrecherchierten                                                                       israelischen nuklearen Abschreckungsstra-
                                                                                                                           tegie zugestimmt. Ich sah und sehe in die-
                               Artikels, dass Frau Merkel                                                                  sen Lieferungen ein durchaus legitimes
                                                                                                                           Instrument, die Sicherheit Israels zu er-
                               merkt, in welche fatale                                                                     höhen. Allerdings hege ich große Vorbe-
                                                                                                                           halte gegenüber der Aussage, dass Israels
                               Situation sie sich begeben hat.“                                                            Sicherheit Teil der deutschen Staatsräson
                                                                                                                           sei. Derartige Aussagen könnten auf is-
                                                                        HANS KAPPEI, BERLIN                                raelischer Seite verteidigungspolitische Er-
    SPIEGEL-Titel 23/2012                                                                                                  wartungen wecken, die auf deutscher Sei-
                                                                                                                           te nicht gemeint sind und im Konfliktfall
                                                                                                                           auch nicht eingelöst werden könnten.
Nr. 23/2012, Wie Deutschland die                ker, der vor einer Generation seinem Ge-                                                         KARSTEN VOIGT, BERLIN
Atommacht Israel aufrüstet                      wissen folgte und das damalige Geheimnis                                           AUSSENPOLITISCHER SPRECHER DER SPD
                                                der Israelis lüftete. Mordechai Vanunu                                                                   (1983 BIS 1998)

Wir lassen drohen                               konnte seine weitere Mitarbeit nicht mehr
                                                verantworten, verließ die Heimat und                                       Unheimlicher Fortschritt im neuen, mo-
Obwohl nicht der Tätergeneration ange-          erzählte der Londoner „Sunday Times“                                       dernen, friedliebenden Deutschland: Wir
hörend, schäme ich mich zutiefst, in ei-        alles, was er aus eigener Erfahrung wuss-                                  drohen keinem Volk der Erde mit atoma-
nem Land zu leben, das sich durch seine         te. Vom Mossad in Rom entführt, folgten                                    rem Feuer – wir lassen drohen.
Untaten am jüdischen Volk auf unabseh-                                                                                      HANS-LUDWIG FREDERKING, DÖRENTRUP (NRW)
bare Zeit erpressbar gemacht hat. Ich
schäme ich mich aber auch, von Leuten                                                                                      Wer atomar abschrecken oder präventiv
regiert zu werden, die sich von Israel er-                                                                                 losschlagen will, der sollte deutlich ma-
pressen lassen.                                                                                                            chen, dass er das kann. Warum verheim-
         MANFRED KONRADS, HELLENTHAL (NRW)                                                                                 licht unser Freund Israel das?
                                                                                                                               PROF. ERWIN LEIBFRIED, FERNWALD (HESSEN)
Die Bundesregierung hat mit der weite-
ren Lieferung der U-Boote eine große                                                          ZIV KOREN / POLARIS / LAIF   Bibelkundige Leser kennen das Ende der
Chance verschenkt, um auf Israel einen                                                                                     Geschichte. Als Delila herausfand, dass das
wirksamen Druck auszuüben. Damit hat                                                                                       Geheimnis von Samsons Kraft in seinen
Israel Mittel frei für den Siedlungsbau,                                                                                   Haaren lag, wurde er selbiger und somit
den Deutschland somit indirekt fördert.                                                                                    seiner Macht beraubt, um fortan als Sklave
    KARL-HEINZ THIERSTEIN, HÜNFELDEN (HESSEN)   Kommandozentrale eines „Dolphin“-U-Boots                                   zu dienen. Wenn das die Wahl ist, ist mir
                                                                                                                           Israel als Kämpfer lieber. Die Opferrolle
Was dort passiert, ist der helle Wahnsinn,      18 Jahre Gefängnis, die meisten in Ein-                                    hatten die Juden schon zur Genüge.
und Deutschland beteiligt sich daran auch       zelhaft. Heute lebt er unter strengen Auf-                                           DANIEL MAYER, FRANKFURT AM MAIN
noch mit Waffenlieferungen; ob geheim           lagen, darf weder mit Ausländern verkeh-
oder nicht, spielt vermutlich kaum eine         ren noch das Land verlassen. Er war und                                    Mir ist bei dem Gedanken an ein atoma-
Rolle. Das halte ich für eine falsch ver-       bleibt der Überzeugung, kein Staat dürfe                                   res Abschreckungspotential der Israelis
standene Solidarität mit Israel.                Massenvernichtungswaffen besitzen. Das                                     deutlich wohler als bei dem an eine ato-
                      INGE WESSELS, BIELEFELD   Völkerrecht gibt ihm recht.                                                mar aufgerüstete islamische Diktatur wie
                                                             DR. PAUL OESTREICHER, LONDON                                  Iran. Israel ist die einzige Demokratie in
Einem der Zweitschlagtheorie vorgelager-                  CAMPAIGN FOR NUCLEAR DISARMAMENT                                 der Region und damit quasi der Vorpos-
ten Szenario wird viel zu wenig Beach-                                                                                     ten des Westens und seiner Werte.
tung geschenkt: Führt Israel gegen irani-       Die nachhaltigste Sicherheitsgarantie für                                    MARCUS KLEWER-ALTINGER, ROSSTAL (BAYERN)
sche Atomanlagen einen konventionellen          Israel wäre ein gerechter Frieden mit den
Präventivschlag, muss es mit einem mas-         Palästinensern. Dazu müsste sich zu-                                       Wer U-Boote mit Kernwaffen bestückt,
siven Raketenangriff Irans rechnen. Wenn        nächst die pragmatische Mehrheit in Isra-                                  will sie auch abschicken. So kommen wir
das israelische Raketenabwehrsystem             el von den radikalen Siedlern lossagen.                                    der Wahrheit und Grass immer näher.
schon nicht das Durchdringen irakischer                             AKBAR MOHABAT, HAMBURG                                                       DIETER EMDE, HAMBURG
„Scud“-Raketen hat verhindern können,
wie soll sich das Land dann wohl gegen
eine erheblich größere Anzahl weitaus
treffgenauerer Raketen Irans schützen
                                                  Diskutieren Sie im Internet
können? Kommt es zu einem Flächen-                www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel
brand, werden wir zum dritten Mal maß-
geblich zum Ausbruch eines Weltkriegs             ‣ Titel Verdient Barack Obama eine zweite Chance?
beigetragen haben.                                ‣ Gesundheit Sind die privaten Krankenversicherungen
                BERNHARD LANGLOTZ, HAMBURG          inzwischen schlechter als die gesetzlichen?
Alle Ehre, dass Sie eine wichtige Diskus-         ‣ Gentests Wäre es ethisch verwerflich, jeden Fötus auf
sion ausgelöst haben. Ehre gebührt aber             Erbkrankheiten zu untersuchen?
zuerst dem tapferen israelischen Techni-
6                                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Nr. 22/2012, Die schwierige Betreuung
diabeteskranker Kinder

Unsichtbare Belastung
Zwei Pflegedienste hatten die Insulin-Ver-
sorgung unseres dreijährigen Sohnes im
Kindergarten mit der Begründung abge-
lehnt, keine Erfahrung mit so kleinen
Diabetes-Patienten zu haben. Leider hat
es auch mit dem dritten nicht gut ge-
klappt, so dass wir uns jetzt doch selbst
drum kümmern müssen.
               KARIN SEYFERT, POING (BAYERN)

Familien mit diabetischen Kindern haben
nie Urlaub von der Krankheit, sie ist eine
permanente Belastung, die nicht sichtbar
ist, weil die Kinder so normal wirken.
Wissen und Verständnis in der Öffent-
lichkeit sind leider nur marginal erkenn-
bar. Im Schwimmbad wurden wir mal be-
schimpft, wir sollten in ein „Behinder-
tenbad“ gehen, es sei eine „Frechheit“
und „eklig“, öffentlich Blutzucker zu
messen und Insulin zu spritzen.
                 CATHERINE STUMPP, HAMBURG




                                                     STEFAN THOMAS KROEGER / DER SPIEGEL
Diabeteskrankes Kind beim Blutzuckertest

Durch umfassende Messung von Blutzu-
cker und Glukosetoleranz bei Schwange-
ren und deren Behandlung bei zu hohen
Werten konnte in der DDR die Neuerkran-
kungsrate von Typ-1-Diabetes um zwei
Drittel gesenkt werden. Nach der Wende
entfiel dieses Messen. Zehn Jahre später
sah man, dass der Typ-1 in den neuen
Ländern wieder stark angestiegen war.
                         ROLF LINDNER, BERLIN




    Korrektur
    zu Heft 23/2012
    Seite 20, „Made in Germany“: Das be-
    schriebene Treffen zwischen Helmut
    Kohl und Jizchak Rabin im Kanzler-
    bungalow in Bonn fand nicht im Win-
    ter 1994, sondern am 29. März 1995
    statt, nachdem die Bundesregierung
    einem weiteren U-Boot-Geschäft zu-
    gestimmt hatte. Rabin bedankte sich
    bei Kohl für die Unterstützung und
    bat um weitere Hilfe in der Zukunft.
    Das Weißbier schickte Kohl dement-
    sprechend erst nach dem 29. März
    1995 und nicht zu Weihnachten 1994.

8            D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Briefe

                                                                           Sollte der kritische Blick des SPIEGEL         Nr. 22/2012, Monika Piel ist die
                                                                           nicht viel stärker auf die verantwortlichen    mächtigste Frau der ARD –
                                                                           Konzerne und deren Praktiken fallen, die       unangefochten, aber umstritten
                                                                           uns mit Palmölprodukten, weichem Klo-
                                                                           papier und billigen Holzmöbeln versor-
                                                                                                                          Entworteter Hörfunk




                                                ALAMY / MAURITIUS IMAGES
                                                                           gen? Und sollten wir Verbraucher uns
                                                                           nicht viel mehr hinterfragen? Hier hat man     Für Frau Piel gilt eindeutig das Peter-Prin-
                                                                           sich den falschen Buhmann ausgeguckt!          zip: „In einer Hierarchie neigt jeder Be-
                                                                              MICHAEL BROMBACHER, BAD VILBEL (HESSEN)     schäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der
                                                                                                                          Unfähigkeit aufzusteigen.“ Schon die
                                                                           Die Organisation des WWF erinnert              Idee, dem Zuschauer statt einer Werbe-
Tiger im WWF-Schutzgebiet Tesso Nilo                                       bisweilen an das Sekten-Klischee: Eine         block-freien 2,5-Stunden-Ausstrahlung
                                                                           große Menge sich aufopfernder Helfer,          von „Wetten, dass ..?“ eine halbstündige,
Nr. 22/2012, Die dürftige Bilanz des                                       angeleitet von einem mäßig bezahlten           von Werbung unterbrochene und dazu
Rettungsriesen WWF                                                         Mittelbau, bringt oft Großes zustande.         noch lustlos moderierte Vorabendsen-
                                                                           Gleichzeitig haben sie so gut wie keine        dung zu kredenzen, musste am genervten
Weiches Klopapier                                                          Ahnung, was die eigenen Top-Verdiener
                                                                           an Sauereien einfädeln.
                                                                                                                          Zuschauer scheitern. Auch Größen wie
                                                                                                                          Gottschalk können selbst mit dem bun-
Der Artikel dokumentiert anschaulich,                                                            JOCHEN KOESTER, GENF     testen Anzug schrumpfen, wenn der in
wie unter dem Deckmantel des Natur-                                                                                       einem Kruschelladen getragen wird.
schutzes die Großwildjagd in Reservaten                                    Obwohl Sie den WWF zu Recht kritisie-            WOLFGANG FLADUNG, BAD CAMBERG (HESSEN)
subventioniert wird. So leistet die Stra-                                  ren, halte ich es für grob fahrlässig, das
tegie des WWF letztendlich einen insti-                                    Erreichte in Frage zu stellen. Wie bei allen
tutionellen Beistand bei der Vertreibung                                   großen Organisationen funktioniert eben




                                                                                                                                                                       ROLF VENNENBERND / PICTURE ALLIANCE / DPA
der Landbevölkerung. Danach werden                                         auch beim WWF nicht alles reibungslos.
Wälder gerodet, Kulturlandschaften zer-                                                          FRANK BODE, MÜNCHEN
stört und Monokulturen zementiert. Die
Aktionäre der Konzerne freuen sich, und                                    Als Leiter einer kleinen Naturschutz-
die Spenden an den WWF für den Erhalt                                      organisation erlebe ich täglich, wie schwer
von Reservaten sprudeln. Eine perfekte                                     es ist, ein paar tausend Euro für Projekte
Win-win-Situation für beide Seiten auf                                     zusammenzubringen. Während bei uns
Kosten von Natur und Bevölkerung.                                          alles in die Projekte fließt, sehen wir, wie
      PETER RUPPENTHAL, FRANKFURT AM MAIN                                  das große Geld von gutgläubigen Men-
                                                                           schen etwa an den WWF geht, dem ich            ARD-Chefin Piel, „Tatort“-Kommissare
Der WWF hat weltweit auch viel Gutes                                       übrigens dort, wo der Kampf für die Na-
erreicht. In Südafrika, wo wir jährlich                                    tur in seine Endphase getreten ist, zu mei-    Sie lassen zu Recht kein gutes Haar an
mehr als 400 Nashörner an Wilderer ver-                                    nem Bedauern niemals begegnet bin.             Frau Piel. Ihre Bilanz ist ernüchternd.
lieren, hat er sich aktiv und erfolgreich für                                  KLAUS BRAUNERT, KROPP (SCHLESW.-HOLST.)    Maßgebliche Akzente hat sie nicht zu set-
die Spitzmaulnashörner eingesetzt. Mehr                                                                                   zen vermocht. Das Farblose, Seichte, Mas-
als 26 Tiere wurden auf den WWF-Gebie-                                     Der WWF hat sich maßgeblich für den            senkompatible im WDR-Programm hat
ten geboren, ihr Lebensraum hat sich um                                    Klimaschutz eingesetzt. Dabei wurde er         unter Piels Ägide drastisch zugenommen.
30 Prozent vergrößert – also ist der Wert                                  von den betroffenen Unternehmen gewiss         Nun macht sie sich mit ihren Getreuen
des WWF-Einsatzes unermesslich!                                            nicht nur als „Kumpel“ wahrgenommen.           daran, das dritte Hörfunkprogramm wei-
KATHARINA V. DUERCKHEIM, MATIELAND (SÜDAFR.),                                                   MARCO VOLLMAR, BERLIN     ter zu entpolitisieren und zu entworten.
                       ELEFANTENFORSCHERIN                                                         WWF DEUTSCHLAND                     HELMUT HESSE, ERFTSTADT (NRW)
Briefe

Nr. 22/2012, Warum man Dateien nicht            Stattdessen begegneten mir liebevolle, in-
lieben kann, Schallplatten aber sehr wohl       telligente, hochsensible Menschen auf der
                                                Suche nach ihrer wahren Identität und
Piraten mit Tinnitus                            der Lösung ihrer Probleme.
                                                                       SIGURD HEINTKE-BOHDE, KIEL
Gemessen an den technischen Möglich-
keiten, den Sound des Grammophons               Nach Osho ist es notwendig, dass die
weiter zu perfektionieren, verschwindet         Menschen ihr Herz-Chakra öffnen. Des-
mit den weltweiten MP3-Downloads                sen Energie inspiriert Menschen zu lieben,
nicht nur das klassische Konsumverhalten        Mitgefühl zu haben und selbstlos zu han-
der Hörer, sondern auch ihre Fähigkeit,         deln. In den Sannyas-Zentren werden Su-
genau hinzuhören. So ändert sich mit den        chende durch Therapeuten dabei unter-
immateriellen, virtuellen Medien nicht          stützt, diesen Schritt zu gehen.
die Botschaft, wohl aber der Konsument.                         SWAMI POONAMA, SIEGBURG (NRW)
Am Ende, wenn die Piraten-Generation
der Tinnitus ereilt, bleibt von den Hör-
gewohnheiten zu Anfang dieses Jahrhun-
derts nur ein großes MP3-Netzrauschen.
                WOLFGANG NEITZEL, HAMBURG




                                                                                                            MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGEL
Es ist irrelevant, ob meine Musik in mei-
nem iTunes-Ordner liegt oder in Regalen
verstaubt herumsteht. Das Medium be-
stimmt nicht die Wertigkeit der Musik.
In jeder Generation wurde Musik kon-
sumiert, gelebt wird nur die eigene Aus-
wahl – vergessen Sie bitte nicht, dass          Spirituelle Lebensgemeinschaft in Hessen
Musik auch nur ein Wirtschaftszweig ist.
          STANLEY KLINGE, FRANKFURT (ODER)      Aufenthalte in Poona, beste Therapien
                                                und Meditationen haben mir das Leben
Der Charme alter Speichermedien ist un-         gerettet. Dafür bin ich unendlich dankbar.
bestritten. Doch bietet die Digitalisierung                          AMBHO-HELGA TEUSCHER, PARIS
von Musik auch viele Vorteile. So kann
man im Internet kleine Schätze finden,          Es gehört schon eine deftige Portion Igno-
die es ohne dieses neue Medium vermut-          ranz dazu, den Religionsgründer Jesus in
lich nie gegeben hätte. Gute Musik bleibt       einem Atemzug mit Typen wie dem Mor-
gute Musik, egal ob in Form von Rillen          monen Joseph Smith, dem Scientologen
auf einer Platte oder als Einsen und Nul-       Ron Hubbard oder dem Bhagwan zu nen-
len in einer Computerdatei.                     nen. Im Gegensatz zu diesen selbster-
                JASMIN BURMESTER, HAMBURG       nannten Heilsbringern hat Jesus sich nie
                                                an seinen Anhängern bereichert.
                                                                      HANS-JÜRGEN SIMONS, AACHEN
Nr. 22/2012, Gut 22 Jahre nach seinem
Tod leben die Ideen des Gurus Bhagwan           Die manchmal schädlichen Effekte der
in Deutschland fort                             Rituale des Gurus sind mir bekannt. Die
                                                sexuelle Befreiung als freundliches und
Deftige Portion Ignoranz                        humorvolles philosophisches Ziel unter-
                                                schied sich aber deutlich von der Provo-
Ich bin Ende der siebziger Jahre dreimal        kation und der Forderung nach Freiheit
länger in Poona gewesen, selbst Sannya-         anderer, eher verklemmter Bewegungen.
sin geworden. Überwiegend Männer, die                                DR. MED. SVEN LARAT, MÜNCHEN
von zügellosem Sex träumten und deren
                                                Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
Träume erfüllt wurden, wie Ihr Autor be-        Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
hauptet, habe ich dort nicht angetroffen.       tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
Es ging und geht um Selbsterkenntnis.           leserbriefe@spiegel.de




                      Aus der SPIEGEL-Redaktion
                      Millionen Deutsche leiden unter innerer Leere und anhaltender Er-
                      schöpfung. Depression und Burnout-Syndrom sind Diagnosen, die oft
                      schwer voneinander abzugrenzen sind, aber eines gemeinsam haben:
                      Auslöser der Erkrankung ist häufig Stress, der in der beschleunigten,
                      vernetzten Welt ständig zunimmt. Wann aber beginnen Stress und
                      Dauerdruck krank zu machen? SPIEGEL-Autoren stellen die neuesten
                      Erkenntnisse von Neurowissenschaftlern, Psychotherapeuten, Ärzten
                      und Burnout-Experten vor. Im Serviceteil des Buchs finden sich ein
                      Test zum eigenen Burnout-Risiko sowie Strategien zur Vorbeugung.
10                           D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Panorama                                                                                                             Deutschland
         WA F F E N E X P O R T E


      Roth will U-Boote
          stoppen
Die Grünen wollen die Lieferung von
U-Booten an Israel verhindern, falls
diese mit Atomwaffen ausgerüstet wer-
den können. Damit korrigieren sie
ihre Haltung aus der Zeit der rot-grü-
nen Bundesregierung, als der Export
ohne Auflagen gebilligt wurde. „Ich er-
warte eine Klarstellung, dass die Boo-
te nur konventionell bewaffnet wer-
den“, erklärt die Bundesvorsitzende
Claudia Roth, „sonst dürfen sie nicht
ausgeführt werden.“ Es widerspreche
„eklatant den deutschen Exportbestim-
mungen, nach denen Rüstungsgüter
nicht in Spannungsgebiete gelangen
                                           TARA TODRAS-WHITEHILL / DAPD




                                                                                                                                                                   SEAN GALLUP / GETTY IMAGES
Israelisches U-Boot aus Deutschland                                       Schröder, Merkel

dürfen, wenn sie dort zu einer Eskala-                                                                  GLEICHBERECHTIGUNG
tion beitragen können“. Schon die Lie-
ferung konventionell zu bewaffnender
U-Boote sei „eine schwierige Entschei-
dung, die aber wegen des deutschen
Sonderverhältnisses zu Israel akzepta-
                                                                               Quote soll ins Wahlprogramm
bel“ sei. Im Falle einer Regierungsbe-                                    In der Union verschärft sich der Streit      erwägen, einen fraktionsübergreifen-
teiligung im Bund 2013 wollen die Grü-                                    um die Quote für Frauen in Führungs-         den Gruppenantrag einzureichen, der
nen „die Richtlinien deutlich verschär-                                   positionen. Nachdem FDP-Chef Phil-           auch von den Quotenbefürwortern in
fen“. Auch den Export von Kampfpan-                                       ipp Rösler in einem Spitzentreffen mit       den Reihen von SPD und Grünen un-
zern des Typs „Leopard“ nach Saudi-                                       Kanzlerin Angela Merkel und CSU-             terstützt werden könnte. „Das letzte
Arabien würde ihre Partei zu verhin-                                      Chef Horst Seehofer vergangene Wo-           Wort über die Quote hat der Bundestag,
dern suchen, so Roth: „Die Grünen                                         che klargemacht hat, dass er in dieser       nicht Herr Rösler“, sagt die CDU-
werden alles tun, um diese Genehmi-                                       Legislaturperiode jedes Gesetzesvorha-       Bundestagsabgeordnete Elisabeth Win-
gung definitiv zu untersagen.“                                            ben zur Quote blockieren werde, star-        kelmeier-Becker. Familienministerin
                                                                          tet Bundesfamilienministerin Kristina        Schröder allerdings sperrt sich gegen
                                                                          Schröder (CDU) eine neue Initiative.         einen Gruppenantrag: zum einen, weil
                                                                          „Ich werde beim Thema Frauen in Füh-         er nur Aussicht auf Erfolg hat, wenn er
   ZAHL DER WOCHE                                                         rungspositionen nicht nachlassen und         eine starre Quote beinhaltet, was Schrö-
                                                                          bis zum Ende des Jahres einen Frauen-        der wiederum ablehnt; zum anderen

  2483                  Euro
                                                                          karriereindex auf den Weg bringen“,
                                                                          sagt Schröder. „Anhand dieser Skala
                                                                          können Frauen erkennen, wie sehr sich
                                                                          Firmen bei der Förderung von weibli-
                                                                                                                       würde ein solcher Gruppenantrag die
                                                                                                                       Existenz der schwarz-gelben Koalition
                                                                                                                       gefährden. „Es widerspricht dem Geist
                                                                                                                       der Koalition, im Bundestag auf wech-
  kommen zusammen, wenn jene fünf                                         chen Angestellten engagieren.“               selnde Mehrheiten zu setzen“, sagt
  Euro, mit denen die schwarz-gelbe                                       Allerdings beruht die Initiative der         Schröder. Kanzlerin Merkel will das
  Koalition künftig private Pflegeversi-                                  Ministerin auf Freiwilligkeit. Viele Frau-   Thema Quote in das Programm der
  cherungsverträge fördern will, über                                     en in der Union drängen dagegen nach         Union für die Bundestagswahl 2013 auf-
  30 Jahre angespart und mit durch-                                       wie vor auf eine Quote. „Die Quote           nehmen. In dieser Sitzungswoche will
  schnittlich zwei Prozent verzinst wer-                                  muss kommen, egal ob fest oder flexi-        Merkel der Gruppe der Frauen in der
  den. Das reicht, um gut drei Wochen                                     bel. Das ist eine Frage der Glaubwür-        Fraktion einen Besuch abstatten. Dann
  lang den Aufenthalt in einem Pflege-                                    digkeit“, sagt die saarländische Minis-      soll es auch um das Betreuungsgeld ge-
  heim zu bezahlen, der pro Monat der-                                    terpräsidentin Annegret Kramp-Karren-        hen, das die Unionsfrauen vehement
  zeit etwa 3000 Euro kostet.                                             bauer. Die Unionsfrauen im Bundestag         bekämpfen.

                                                                             D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                            13
Panorama

          FINANZSTEUER                                                                                                     VERKEHR


  Kalkuliertes Scheitern                                                                   Löchriges Nachtflugverbot
Die Koalition setzt insgeheim auf ein
Scheitern der mit den Sozialdemokra-
ten vereinbarten Finanztransaktion-
steuer. In dieser Legislaturperiode wer-
de es eine solche Steuer nicht geben,
sagte Kanzleramtschef Ronald Pofalla
vergangene Woche in kleiner Runde.
Daher könne man der SPD ruhig ent-
gegenkommen. Auch in der FDP hält
man ein Inkrafttreten der Steuer für
unwahrscheinlich: Die vom liberalen
Finanzexperten Volker Wissing in der
parteiübergreifenden Arbeitsgruppe
ausgehandelten Bedingungen seien so
formuliert, dass es die Steuer nicht ge-
ben werde, heißt es in der Fraktion.
Die SPD hatte die Finanztransaktion-
steuer als Gegenleistung für ihre Zu-




                                                                                                                                                                          MARIO VEDDER / DAPD
stimmung zum europäischen Fiskal-
pakt gefordert, der mit Zweidrittel-
mehrheit verabschiedet werden muss.
Unter Sozialdemokraten gibt es je-
doch weiterhin Vorbehalte gegen den                                             Flughafen Frankfurt am Main
Deal. „Die Zustimmung der SPD ist
keineswegs sicher“, sagt Parteivor-                                             Zahlreiche Ausnahmegenehmigungen               und Windbedingungen nicht in der re-
                                                                                des hessischen Verkehrsministeriums            gulären Zeit abgearbeitet werden kön-
                                                                                hebeln das Nachtflugverbot am Frank-           nen, lautete meist die Begründung. Das
                                                                                furter Flughafen aus. Allein im Monat          Bundesverwaltungsgericht hatte die
                                                                                Mai ließ es 201 Starts und Landungen           hessische Landesregierung im April
                                                                                zwischen 23 und 5 Uhr in Frankfurt zu.         verpflichtet, die Anwohner am Frank-
                                                                                In einigen Nächten, etwa am 11. Mai,           furter Flughafen von 23 bis 5 Uhr vor
                                                                                erteilte das Ministerium mehr als 50           Fluglärm zu schützen. Vollständig ein-
                                                                                Ausnahmegenehmigungen. Der Flug-               gehalten wurde das Nachtflugverbot im
                                                                                plan habe wegen schlechter Wetter-             Mai an nur drei Tagen.
                                           MARIO FOURMY/PICTURE ALLIANCE/DPA




                                                                                              P I R AT E N
                                                                                                                                vom stellvertretenden Landesvorsit-
                                                                                                                                zenden in Niedersachsen, Thomas
                                                                                                                                Gaul: „Bei gleichbleibendem Erfolg
                                                                                Vorstände befürworten                           wird eine Piratenpartei nicht umhin-


Frankfurter Börse
                                                                                 Professionalisierung                           kommen, ihren Bundesvorstand und
                                                                                                                                dessen Mitarbeiter qualifiziert zu be-
                                                                                                                                zahlen.“ Noch schrecke man in der
                                                                               Führende Vertreter der Piratenpartei             Partei davor zurück, „aus Angst vor
standsmitglied Ralf Stegner, „der Fis-                                         schalten sich erstmals mit konkreten             den wenigen Schreihälsen, die einen
kalpakt fügt einem Übel bloß weitere                                           Ideen in die Debatte um Vorstandsge-             mit ihrer Kritik treffen könnten“,
hinzu.“ In einer Telefonschaltkonfe-                                           hälter ein. „Auf Sicht von zwei bis drei         meint Gaul. Trotz der starken Arbeits-
renz am vergangenen Donnerstag ver-                                            Jahren müssen wir darüber nachden-               belastung sind Vorstandsgehälter bei
ständigten sich die Parteilinken auf                                           ken, den Vorständen zumindest eine               den Piraten weiterhin umstritten. Der
weitere Forderungen an die Bundesre-                                           Sockelvergütung zu bezahlen“, erklärt            Bundesvorsitzende Bernd Schlömer
gierung. Demnach solle es „nicht bei                                           der Bundesvorstand Matthias Schrade.             verteidigte die Ehrenamtskultur bei ei-
bloßen Absichtserklärungen“ in Sa-                                             Zurzeit sei die Diskussion jedoch mü-            ner Schaltkonferenz am vorigen Mitt-
chen Finanztransaktionsteuer bleiben.                                          ßig, da der Partei durch die „unfairen           woch. Anderen Parteien, argumentiert
„Es muss ein Kabinettsbeschluss her“,                                          Regeln zur Parteienfinanzierung“ in              Schlömer, falle der goldene Apfel
sagt Stegner. „Wenn das nicht passiert,                                        diesem Jahr etwa eine Million Euro               manchmal zu leicht ins Maul. Die Pira-
fehlt es an den Voraussetzungen für                                            fehlten. „Wenn wir die hätten, könnten           ten betätigten sich engagiert und mit
eine Zustimmung.“ Außerdem müss-                                               wir zumindest den Bundesvorständen               Herz an der Sache. „Das reicht nach
ten sich Union und FDP bei den The-                                            eine Vergütung von beispielsweise                meinem Dafürhalten auch aus, um uns
men Wachstum und Entlastung der                                                1000 Euro pro Monat ermöglichen“,                als professionelle Partei zu beschrei-
Bundesländer bewegen.                                                          sagt Schrade. Unterstützung erhält er            ben“, sagte der Bundesvorsitzende.
14                                                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Deutschland

                                                            HOCHSCHULFINANZI ERUNG


                                              „Der Bund soll sich nicht einmischen“
                                                   Hessens Wissenschafts-               Kühne-Hörmann: Nein. Der Wettbewerb
                                                   ministerin Eva Kühne-                ist gut, weil er zu mehr Kooperationen
UWE ZUCCHI/PICTURE-ALLIANCE/DPA




                                                   Hörmann, 50 (CDU),                   zwischen Hochschulen und zu Debat-
                                                   über den Elite-Wett-                 ten über förderungswürdige Forschungs-
                                                   streit der Hochschulen               inhalte geführt hat. Aber über die
                                                   und den Plan der Bun-                künftige Qualität der Hochschulland-
                                                   desregierung, für die                schaft insgesamt entscheidet er nicht.
                                                   Bildung das Grundge-                 SPIEGEL: Ihre Parteifreundin, Bundes-
                                                   setz zu ändern                       forschungsministerin Annette Scha-
                                                                                        van, will das im Grundgesetz festge-
                                  SPIEGEL: Am Freitag wird beschlossen,                 schriebene Kooperationsverbot än-
                                  welche deutschen Universitäten sich                   dern, damit der Bund die Wissenschaft
                                  künftig mit dem Elite-Status schmücken                besser fördern kann. Ist das der Weg?
                                  dürfen. Warum sind keine hessischen                   Kühne-Hörmann: Hessen lehnt diesen
                                  Hochschulen mehr im Rennen?                           Plan in der bisherigen Form ab. Wir
                                  Kühne-Hörmann: Der Elite-Status ist eine              wollen nicht, dass sich der Bund in
                                  von drei Förderarten der Exzellenz-                   Details der Hochschulpolitik ein-
                                  initiative. Zwar kann sich keine hessi-               mischt. Es wäre hilfreicher, wenn Hes-
                                  sche Hochschule „Elite-Universität“                   sen als Zahlerland über die Mittel, die
                                  nennen, es werden aber vier Exzellenz-                durch den Länderfinanzausgleich und
                                  cluster und zwei Graduiertenschulen in                Forschungszuschüsse der Bundeslän-
                                  Darmstadt, Frankfurt und Gießen mit                   der abfließen, selbst verfügen könnte.
                                  153 Millionen Euro gefördert. Am Frei-                SPIEGEL: Was würde sich ändern?
                                  tag wird über die Zukunft dieser sechs                Kühne-Hörmann: Wir in Hessen müssen
                                  Bildungsstätten und über zwei Neuan-                  jetzt, wie übrigens alle Bundesländer,
                                  träge aus Hessen entschieden.                         darüber nachdenken, wie im Exzel-
                                  SPIEGEL: Andere wichtige Bundesländer                 lenzwettbewerb geförderte Projekte
                                  wie Bayern und Baden-Württemberg                      weitergeführt werden können – und
                                  verfügen über Elite-Unis. Fürchten Sie                das bei konstant hohem Andrang an
                                  nicht, abgehängt zu werden?                           den Hochschulen. Für die Folgekosten
                                  Kühne-Hörmann: Bayern und Baden-                      ab 2017 haben Bund und Länder noch
                                  Württemberg haben früh gezielt geför-                 keine Lösung gefunden.
                                  dert und profitieren jetzt. Wir haben in
                                  einer Aufholjagd seit 1999 viel Geld in          SCHLESWIG-
                                  die Wissenschaft gesteckt und die                HOLSTEIN
                                  Hochschulautonomie vorangetrieben.                     4
                                                                                             1
                                  Hessen hat als einziges Bundesland                                   MECKLENBURG-
                                  ein eigenes Forschungsförde-                          1              VORPOMMERN
                                                                               HAMBURG
                                  rungsprogramm über 410 Mil-                              1
                                  lionen Euro aufgelegt. Doch             BREMEN 3
                                  natürlich haben die Elite-Unis                                               BERLIN
                                  durch das zusätzliche Geld                     NIEDERSACHSEN                         11 7
                                  vom Bund einen Wettbe-                               5 3
                                  werbsvorteil für die Zu-                                                    BRANDENBURG
                                                                                                    SACHSEN-
                                  kunft.                                               Göttingen     ANHALT          1
                                  SPIEGEL: Ist der Elite-         NORDRHEIN-WESTFALEN
                                  Wettbewerb ein geeigne-                Bochum                         1           Dresden
                                  tes Mittel, um dauerhaft     12 14
                                                                                               THÜRINGEN        SACHSEN
                                  Bundesgelder an die                  Köln                                   3
                                  Hochschulen zu über-           Aachen          HESSEN            1
                                                                                                                 2
                                  weisen?                                        6
                                                                     1                    2
                                                                                                                   Quellen:
                                                                          4                                        Wissenschafts-
                                                                                                                         rat, DFG
                                                                              Mainz
                                  Starker Süden                                RHEIN-
                                                                   2           LAND-
                                  Exzellenzinitiative – die                    PFALZ
                                                                                  Heidelberg             BAYERN
                                  Bilanz der Bundesländer   SAARLAND             Karlsruhe                11   7
                                       Elite-Unis                                   Tübingen
                                                                  BADEN-
                                       Bestand Neuanträge         WÜRTTEMBERG                            München
                                       Exzellenzcluster und                        16 8
                                       Graduiertenschulen
                                    X Bestand X Neuanträge              Freiburg
                                                                                        Konstanz

                                                                D E R   S P I E G E L    2 4 / 2 0 1 2                              15
Deutschland                                                                                                                                        Panorama

                                                                                                                                         RECHTSEXTREMISMUS


                                                                                                                                           „Heil Beate!“
                                                                                                                                  Haben Thüringer Neonazis Anschläge
                                                                                                                                  nach dem Vorbild der Zwickauer Ter-
                                                                                                                                  rorzelle „Nationalsozialistischer Un-
                                                                                                                                  tergrund“ (NSU) geplant? Die Staats-
                                                                                                                                  anwaltschaft Gera ermittelt gegen die




                                                                                                        SASCHA SCHÜRMANN / DAPD
                                                                                                                                  Rechtsextremisten Steffen R., 28, Mar-
                                                                                                                                  co Z., 34, und Thomas G., 33, wegen
                                                                                                                                  des Verdachts der „Vorbereitung einer
                                                                                                                                  schweren, staatsgefährdenden Gewalt-
 Niebel in Afghanistan                                                                                                            tat“. Ausgelöst wurde das Verfahren
                                                                                                                                  unter anderem durch abgehörten
                                                                                                                                  Handy-Verkehr. So tauschten sich G.
           Z O L LV E R G E H E N
                                                 Deutschland transportieren lassen. Ein                                           und R. den Ermittlungen zufolge am
                                                 Fahrer Niebels nahm das Stück am 20.                                             29. Dezember 2011, rund sieben Wo-
                                                 Mai direkt an der BND-Maschine in                                                chen nach Auffliegen des NSU, über
      Staatsanwalt prüft                         Empfang und brachte es unverzollt in
                                                 die Wohnung des Ministers. „Wenn kei-
                                                                                                                                  „Knete“ aus, die von „elektrischen
                                                                                                                                  Quellen“ ferngehalten werden müsse.
Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft            ne Zollanmeldung erfolgte, obwohl das                                            Die Fahnder halten es für möglich,
nach Angaben eines Sprechers „einen              verpflichtend gewesen wäre, dann ist                                             dass sie Plastiksprengstoff meinten.
Anfangsverdacht auf ein mögliches                grundsätzlich der Tatbestand der ver-                                            Zwei Wochen später erhielt R. eine
strafbares Verhalten“ von Bundesent-             suchten Steuerhinterziehung erfüllt“,                                            SMS von einem von G. genutzten Te-
wicklungsminister Dirk Niebel. Der               erklärt Christine Kolodzeiski, Spreche-                                          lefonanschluss: „Ich hab dein Spiel-
FDP-Politiker hatte einen in Afghani-            rin vom Hauptzollamt am Frankfurter                                              zeug mit, du kannst jetzt das Jüngste
stan für 1400 Dollar erworbenen Tep-             Flughafen. Nach der ersten Anfrage                                               Gericht einläuten.“ Die Nachricht en-
pich mit einem Flugzeug des Bundes-              durch den SPIEGEL hatte Niebel einen                                             det mit „Heil Beate!“ – wohl in An-
nachrichtendienstes (BND) nach                   Antrag auf Nachverzollung gestellt.                                              spielung auf die mutmaßliche NSU-
                                                                                                                                  Terroristin Beate Zschäpe. Steffen R.
                                                                                                                                  antwortete: „Beate wird stolz auf uns
                                                                                                                                  sein.“ Thomas G. soll Verbindungen
                               K I TA - F I N A N Z I E R U N G
                                                                                                                                  zum Umfeld der Zwickauer Zelle ge-
                                                                                                                                  habt haben. Auch Steffen R. gilt als
                                                                                                                                  Größe der rechtsextremen Szene: Im
            Merkel gegen CDU-Ministerpräsidenten                                                                                  März schnitten Ermittler einen Anruf
                                                                                                                                  mit, in dem er sagte, man müsse „end-
In der Union wächst die Sorge, dass der         dürften im Wahljahr bei der Zahl der                                              lich mal einen umlegen“. Der dritte
schleppende Ausbau von Kindertages-             Kita-Plätze nicht Schlusslicht sein, sag-                                         Beschuldigte, Marco Z., soll Kala-
stätten die Chancen von CDU und CSU             te die saarländische Ministerpräsidentin                                          schnikows zum Kauf angeboten ha-
bei den Landtags- und Bundestagswah-            Annegret Kramp-Karrenbauer. Kanzle-                                               ben. Die Staatsanwaltschaft wollte
len im kommenden Jahr schmälern                 rin Angela Merkel zeigte wenig Ver-                                               sich auf Anfrage zu Details nicht äu-
könnte. In der Sitzung des CDU-Präsi-           ständnis. Die Länder müssten mit dem                                              ßern. Vergangene Woche wurden R.
diums am vergangenen Montag forder-             Geld auskommen, das der Bund in die                                               und Z. festgenommen. Vor dem Haft-
te Niedersachsens Regierungschef Da-            Hand nehme, obwohl Kita-Ausbau Län-                                               richter bestritten sie die Vorwürfe. R.
vid McAllister mehr Hilfen vom Bund,            dersache sei. Um den Rechtsanspruch                                               erklärte den belastenden Telefonver-
um die für 2013 angestrebte Zahl von            auf einen Kita-Platz ab August 2013 er-                                           kehr mit einem Scherz; man habe so
Kita-Plätzen auch in allen westlichen           füllen zu können, fehlen nach Schätzun-                                           prüfen wollen, ob man abgehört wer-
Bundesländern zu erreichen. „Wir brau-          gen des Bundesfamilienministeriums                                                de. Thomas G., der auf freiem Fuß
chen ein Ausbauprogramm West“, so               noch etwa 160 000 Plätze, hauptsächlich                                           blieb, war für eine Stellungnahme
McAllister. Die unionsgeführten Länder          in den alten Bundesländern.                                                       nicht zu erreichen.


      QUERSCHNITT                                                                     Bandidos- und Hells-Angels-Clubs in Europa
                                                                                      Quelle: Europol


     Inflation der Rockerclubs
     Rockerbanden breiten sich in Europa aus. Die beiden größten
     Clubs – Hells Angels und Bandidos – haben die Zahl ihrer Gangs
     auf dem Kontinent seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts nahezu
     verdoppelt. Deutschland ist derzeit mit 52 Chartern der Hells An-
     gels und 66 Chaptern der Bandidos weltweit der größte Standort                          72                                   144            120          213
     nach den USA.                                                                          2006                                  2012           2005         2012


16                                                      D E R     S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Deutschland




                             E U R O PA




          Dame
      mit Unterleib
   Mit einem mutigen Reformplan wollen
die Chefs der europäischen Institutionen den
   Euro retten. Die Mitgliedsländer sollen
Budget-Kompetenzen an Brüssel übertragen
     und Schulden vergemeinschaften.
                                                                                                                      Kanzlerin Merkel
                                                                                                                      SEAN GALLUP / ACTION PRESS




 E
        s gehört zu den Merkwürdigkeiten         er, der neue, ungewohnte Sound: „Wir Spanien ist die Lage inzwischen so dra-
        der Politik, dass sich große Ver-        brauchen vor allen Dingen auch eine po- matisch, dass das Land nur noch mit
        änderungen selten durch große            litische Union. Das heißt, wir müssen Mühe an frisches Geld kommt. Und Spa-
 Worte ankündigen. Wer Ruck-Reden hält,          Schritt für Schritt auch Kompetenzen an nien ist kein wirtschaftlicher Zwerg, son-
 hat sich oft nur als Sonntagsredner quali-      Europa abgeben.“                           dern die viertgrößte Volkswirtschaft der
 fiziert. Bei dieser Form der politischen           Vorsichtig bereitete die Kanzlerin die Euro-Zone.
 Wortmeldung steht die öffentliche Auf-          Menschen darauf vor, dass sie sich auf       Die Schuldenkrise hat sich in eine
 merksamkeit meist in keinem Verhältnis          große Veränderungen einstellen müssen. schwere Vertrauenskrise verwandelt.
 zu den praktischen Folgen.                      Dass alte Gewissheiten bald schon nicht Den europäischen Staats- und Regie-
    Manchmal ist es nur eine winzige ver-        mehr gelten werden. Dass Europa nur rungschefs bleiben nicht mehr viele Op-
 bale Verschiebung, die darauf hindeutet,        dann eine Zukunftschance hat, wenn tionen. Entweder gelingt es ihnen jetzt,
 dass bald Großes passieren könnte. Oder         auch die Deutschen auf einen wesent- die Geburtsfehler des Euro zu beseitigen,
 es ist ein leicht geänderter Sound, ein et-     lichen Teil ihrer nationalen Souveränität oder die Europäische Union, die größte
 was anderer Zungenschlag, der in diese          verzichten. Mehr hatte sie nicht angedeu- Wirtschaftszone der Welt, wird in einem
 Richtung weist.                                 tet. Aber es war doch eine Menge.          Strudel aus Bankpleiten, Bankrotten und
    Wer in der vergangenen Woche der                Denn es zeigt, wie bedrohlich Merkel Niedergang versinken. Eine solche Ent-
 Kanzlerin aufmerksam zuhörte, konnte            die europäische Krise inzwischen ein- wicklung würde das Chaos nach der Leh-
 erkennen, dass sie ihren Ton verändert          schätzt. Die Kanzlerin ist keine Meisterin man-Pleite 2008 weit in den Schatten stel-
 hatte. Sehr vorsichtig nur, allenfalls in ei-   der Apokalypse wie der grüne Patriarch len, vermutet der britische „Economist“.
 nigen Nuancen, aber es reichte doch, dass       Joschka Fischer („Das europäische Haus „Es muss dringend etwas passieren!“, for-
 sich die bekannte Melodie neu anhörte.          steht in Flammen“). Das ist nicht Merkels dern der britische Historiker Niall Fergu-
    „Wir brauchen eine sogenannte Fiskal-        Sprache, aber auch sie weiß, dass der Ab- son und der amerikanische Ökonom
 union“, hatte sie im ARD-„Morgenmaga-           grund nicht mehr fern ist.                 Nouriel Roubini in einem dramatischen
 zin“ gesagt, „also mehr gemeinsame                 Am kommenden Sonntag, nach den Appell an die deutsche Kanzlerin (siehe
 Haushaltspolitik.“ Bis dahin hatte Angela       Parlamentswahlen in Griechenland, wird Seite 68).
 Merkel nur wiederholt, was sie bislang          sich entscheiden, ob erstmals ein Land       Was also tun? Aus der Währungsunion,
 immer gefordert hatte. Doch dann kam            die Euro-Zone verlassen muss. Und in der „Dame ohne Unterleib“ (Merkel),
 18                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
OLIVIER HOSLET / DPA (R.); RAINER UNKEL (L.)
 Kommissionspräsident                                                                                                                                                          Euro-Gruppenchef
 Barroso                                                                                                                                                                                Juncker




                                                                     THOMAS LOHNES / DAPD (R.); THIERRY MONASSE / XINHUA / IMAGO (L.)




 EU-Ratspräsident                                                                                                                                                                  EZB-Präsident
 Van Rompuy                                                                                                                                                                               Draghi
Europäische Reformgruppe: „Wir rennen den Ereignissen hinterher“

muss eine politische Union werden. Zu-         den Woche wollen sie sich treffen, um                                                                    allerdings als Dame mit Unterleib, bilden
mindest darin sind sich alle einig. Doch       sich auf einen gemeinsamen Vorschlag                                                                     würde.
was das konkret bedeutet, ist zwischen         zu einigen, der dann an die Hauptstädte                                                                     Im Zentrum der Überlegungen steht
Berlin und Paris, Helsinki oder Rom um-        verschickt werden soll.                                                                                  eine echte Fiskalunion, in der Mitglied-
stritten.                                         Noch gibt es keinen ausgearbeiteten                                                                   staaten souverän keine neuen Schulden
   Länder wie Frankreich und Italien wol-      Plan, sondern nur Skizzen, wie das euro-                                                                 mehr aufnehmen dürfen. Frei verfügen
len mit Euro-Bonds die Schulden ver-           päische Konstrukt am Ende aussehen                                                                       können die Regierungen dann nur noch
gemeinschaften. Die Deutschen sind da-         könnte. Die Ideen, die derzeit zwischen                                                                  über die Finanzmittel, die durch eigene
gegen, weil sie fürchten, am Ende dafür        Brüssel, Luxemburg und Frankfurt hin                                                                     Einnahmen gedeckt sind.
zahlen zu müssen. Berlin ist wiederum          und her wandern, sind noch unfertig,                                                                        Wer mehr Geld braucht, als er selbst
bereit, nationale Zuständigkeiten nach         aber sie lassen bereits ein Konzept er-                                                                  erwirtschaftet, muss seinen Bedarf bei
Brüssel abzugeben, doch dagegen sperren        kennen, das für Europa nichts weniger                                                                    der Gruppe der Euro-Finanzminister an-
sich die Franzosen.                            als eine Revolution bedeuten würde.                                                                      melden. Sie entscheiden gemeinsam, wel-
   Weil sie sich nicht einigen können, ha-        Geht es nach dem Willen der vier, soll                                                                che Finanzwünsche von welchem Land
ben die Staats- und Regierungschefs vier       die Währungsunion irreversibel gemacht                                                                   in welcher Höhe gerechtfertigt sind, und
Top-Eurokraten beauftragt, einen Plan          werden und die Euro-Zone zur politi-                                                                     geben dann gemeinsame Euro-Anleihen
vorzulegen: Kommissionspräsident José          schen Union ausgebaut werden. Es wäre                                                                    aus, um diese Schulden zu finanzieren.
Manuel Barroso, EU-Ratspräsident Her-          ein völlig anderes Europa, das am Ende                                                                      Die exklusive Ministerrunde würde
man Van Rompuy, Euro-Gruppenchef               dieses Prozesses stehen würde.                                                                           von einem hauptamtlichen Vorsitzenden
Jean-Claude Juncker und den Chef der              Die Nationalstaaten müssten wesent-                                                                   geleitet, der am Ende sogar zum europäi-
Europäischen Zentralbank Mario Draghi.         liche Teile ihrer Souveränität an euro-                                                                  schen Finanzminister aufsteigen könnte.
Bis zum nächsten Gipfel in weniger als         päische Institutionen abgeben, das EU-                                                                      Kontrolliert werden soll die mächtige
drei Wochen wollen sie erste Vorschläge        Parlament bekäme Konkurrenz, und ein                                                                     Runde der Finanzminister durch ein neu-
unterbreiten, im Herbst soll dann das Ge-      neues Gremium würde wichtige Kontroll-                                                                   es europäisches Gremium, in dem Vertre-
samtpaket stehen.                              funktionen übernehmen. Es wäre ein                                                                       ter der nationalen Parlamente sitzen. Das
   Fast täglich telefonieren die vier Präsi-   Europa der zwei Geschwindigkeiten,                                                                       Europaparlament müsste auf einen
denten nun miteinander. In der kommen-         dessen Kern die Währungsunion, nun                                                                       Machtzuwachs verzichten und könnte
                                                    D E R   S P I E G E L                                                               2 4 / 2 0 1 2                                          19
Deutschland

sich weiter mit Hingabe den anderen             dann von der Gruppe der Finanzminister                       Staaten wären die Regierungen gezwun-
europäischen Themen widmen.                     genehmigt werden, wenn die Neuver-                           gen, das Volk zu befragen. Selbst in
   Das Modell, das die europäischen vier        schuldung über drei Prozent der jähr-                        Deutschland, wie das Bundesverfassungs-
favorisieren, bedeutet für die Deutschen        lichen Wirtschaftsleistung liegt.                            gericht in seinem Lissabon-Urteil nahelegt.
das, was die Bundesregierung immer ab-             In einem weiteren Kapitel widmen sich                     Will die Bundesregierung in Finanzfragen
gelehnt hat: den europäischen Haftungs-         die Euro-Architekten der Demokratisie-                       deutlich mehr Macht an Brüssel abtreten,
verbund. Allerdings mit einer Einschrän-        rung europäischer Entscheidungen. Man                        so gängige Interpretationen, wäre dazu
kung. Die Regelung soll nur für neue            müsse überlegen, wie man die politische                      eine Volksabstimmung nach Artikel 146
Schulden gelten.                                Integration demokratisch legitimieren                        des Grundgesetzes erforderlich.
   Die Altlasten, die im Zentrum der ak-        könne, sagt Kommissionschef Barroso.                            Die Deutschen stünden vor einer Jahr-
tuellen Krise stehen, müssten nach wie             Dazu gehört die Idee, den Präsidenten                     hundertentscheidung. Stimmen sie gegen
vor von den einzelnen Staaten bewältigt         der EU-Kommission direkt von den Bür-                        den Plan, wäre der Euro am Ende, und
werden. Völlig offen ist, wie sie langfristig   gern wählen zu lassen. Denkbar sei auch,                     der Kontinent würde in eine schwere Re-
kleiner werden könnten. Schon jetzt müs-        heißt es in Brüssel, dass die Ämter von                      zession stürzen. Stimmen sie dafür, ent-
sen viele Länder einen großen Teil ihrer        Barroso und Van Rompuy zu einem „Eu-                         scheidet in Zukunft vor allem Brüssel
                                                                                                             über die deutschen Staatsfinanzen.
                                                                                                                Es wäre der Einstieg in die Vereinigten
                                                                                                             Staaten von Europa, dem die Bundes-
                                                                                                             bürger wohl nur zustimmen könnten,
                                                                                                             wenn sich das neue Gemeinwesen glaub-
                                                                                                             würdig der deutschen Stabilitätskultur
                                                                                                             verpflichtet.
                                                                                                                Was die vier Euro-Vordenker vorschla-
                                                                                                             gen, ist somit ein neuer Konsens für den
                                                                                                             krisengeschüttelten Kontinent. Die Deut-
                                                                                                             schen müssten bereit sein, weitere Risi-
                                                                                                             ken für die Euro-Zone zu übernehmen.
                                                                                                             Im Gegenzug würden die Südeuropäer
                                                                                                             zugestehen, dass über ihre Staatshaushal-
                                                                                                             te in Brüssel bestimmt wird – nach deut-
                                                                                                             schen Prinzipien.
                                                                                                                Es wäre ein Experiment mit ungewis-
                                                                                                             sem Ausgang. Am Ende könnte die Ret-
                                                                                                             tung der Gemeinschaftswährung stehen,
                                                                                                             aber auch das Zerbrechen Europas. Gut
                                                                                                             möglich, dass der Plan die internationalen
                                                                                                             Finanzmärkte beruhigt. Nicht ausge-
                                                                                                             schlossen aber auch, dass er Europas Bür-
                                                                                                             gern nicht zu vermitteln ist. Dabei ist es
                                                                                                             wohl die letzte Chance, den Euro vor
                                                                                                             dem Crash zu bewahren.
                                                                                             BURKHARD MOHR




                                                                                                                Am kommenden Montag treffen sich die
                                                                                                             Staats- und Regierungschefs der wichtigs-
                                                                                                             ten Industrie- und Schwellenländer beim
                                                                                                             G-20-Gipfel in Mexiko. Es wird der Tag
Steuereinahmen zur Finanzierung der             ropäischen Präsidenten“ verschmolzen                         nach der Griechenland-Wahl sein, und der
Altschulden ausgeben.                           werden.                                                      Rest der Welt will von den Europäern wis-
   Die Idee der Brüsseler Euro-Strategen           Manche Ideen der Reformer decken sich                     sen, wie sie die Währungsunion retten wol-
würde die Regierungen zwingen, mit dem          mit dem, was bereits diskutiert wird, wie                    len. Eine Blamage wie im vergangenen
Geld auszukommen, das sie selbst einge-         eine europaweite Garantie der Sparkon-                       Jahr auf dem G-20-Gipfel in Cannes, wo
nommen haben. Denn nur so könnten sie           ten. Ein europäischer Einlagensicherungs-                    man sich von Schwellenländern wie Mexi-
die nationale Souveränität über ihre Aus-       fonds soll über einen Zeitraum von zehn                      ko und Brasilien sagen lassen musste, was
gaben erhalten. Funktioniert die Rege-          Jahren aufgebaut werden und ein Prozent                      zu tun ist, wollen sich Merkel, Van Rompuy
lung, könnte aus einer Schulden- im güns-       der europäischen Spareinlagen umfassen,                      und die andere Euro-Politiker ersparen.
tigsten Fall sogar eine Stabilitätsunion        also etwa hundert Milliarden Euro.                              Er höre von seinen Gesprächspartnern
werden.                                            Vorgesehen ist auch eine mächtige EU-                     in Amerika und China oft, dass Europa
   Das Modell klingt fast zu schön, um          weite Bankenaufsicht. Sie soll nicht nur                     „hinter der Kurve“ liege und zu langsam
wahr zu werden. Denn bislang schafft es         die großen, „systemischen“ Geldinstitute                     agiere, berichtete Euro-Gruppen-Chef
noch nicht einmal Deutschland – obwohl          umfassen, sondern alle Banken. Die ver-                      Jean-Claude Juncker am vergangenen
von niedrigsten Zinsen und gutem Wachs-         gangenen Jahre haben gezeigt, dass es in                     Donnerstag vor dem Wirtschafts- und So-
tum begünstigt – ohne Neuverschuldung           Europa gerade die scheinbar unwichtigen                      zialausschuss der EU in Brüssel. „Wir ren-
auszukommen. Und so müssten in Zu-              Geldhäuser waren, die die Krise ver-                         nen den Ereignissen hinterher“, warnte
kunft selbst sparsame Länder befürchten,        schärften. Das war in Deutschland mit                        der Luxemburger Premierminister. Des-
bei einer Zinserhöhung oder einem Kon-          der IKB-Bank so und wiederholt sich mo-                      halb sei es jetzt an der Zeit, Schritte zu
junktureinbruch in Brüssel um Hilfe bit-        mentan mit den spanischen Sparkassen.                        tun, die bislang undenkbar schienen.
ten zu müssen.                                     Der neue Euro-Pakt ist allerdings mit                     Denn: „Die Welt muss wissen, dass wir
   In europäischen Hauptstädten kursiert        einer schweren Hypothek belastet. Überall                    absolut entschlossen sind.“
deshalb bereits eine deutlich abgemilder-       in Europa müssten die nationalen Verfas-                                   KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,
te Variante. Neue Schulden müssten erst         sungen geändert werden, und in etlichen                               CHRISTOPH PAULY, CHRISTOPH SCHULT

20                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




                                Kontrahenten Gysi, Lafontaine: Ohne Rücksicht auf das große Ganze, nicht mal auf Weggefährten



                                                                                           KARRI EREN




                                                              Gott des Gemetzels
                                      Auf dem Göttinger Parteitag der Linken hat Oskar Lafontaine einen letzten bitteren
                                               Sieg errungen. Der Bruch mit Gregor Gysi bedeutet einen leisen
                                     Abschied aus der Politik. Ein großer Populist steht vor den Trümmern seiner Karriere.

                    Welche politische Niederlage                               Aber wo Misstrauen regiert, kann man           Fünf Jahre ist es her, dass Lafontaine
                    möchten Sie nie erleben?                                nicht einfach draufloswerfen. Schiedsrich-     ihn und seine Linkspartei benötigte, um
                    „Dass ich eines Tages einmal so                         ter müssen her, um den Wurf zu überwa-         mit einer gesamtdeutschen Linken Rache
                    vor dem Scheitern meiner politischen                    chen, nicht einer, sondern zwei, einer aus     an seiner alten Partei und deren früheren
                    Ideen stehe wie viele                                   dem Osten, einer aus dem Westen. Gysi          Frontmann Gerhard Schröder zu nehmen.
                    gutwillige Kommunisten heute“                           setzt auf Matthias Höhn aus Sachsen-           Fünf Jahre später geht es in Göttingen
                    (Oskar Lafontaine 1990).                                Anhalt, Lafontaine vertraut auf Janine         wieder um Rache, diesmal heißt der
                                                                            Wissler aus Hessen. Höhn wirft, Wissler        Gegner nicht Schröder sondern Bartsch,


                                A
                                        m Ende können sie sich nicht mal    verkündet das Ergebnis. Kopf.                  dem er illoyales Verhalten vorwirft. Der
                                        über banalste Fragen einigen. Wer      Es ist ein erster, kleiner Erfolg für La-   Abstieg des Oskar Lafontaine lässt sich
                                        darf als Erster auf dem Parteitag   fontaine, dem später ein größerer folgen       auch an der Größe seiner Widersacher
                                in Göttingen reden, Gysi oder Lafon-        wird: der Sieg eines gewissen Bernd Rie-       ablesen.
                                taine? Weil der Zweite einen kleinen Vor-   xinger bei der Wahl zum Parteivorsitzen-          Lafontaines kleine Siege von Göttingen
                                teil haben könnte, braucht es einen Rest    den. Lafontaines Marionette triumphiert        dürften schon jetzt einer großen Ernüch-
                                an Vertrauen, eine Prise Großzügigkeit,     über Gysis Kandidaten Dietmar Bartsch.         terung gewichen sein. Bei Licht betrach-
                                um die Frage friedlich zu lösen. Aber von      Aber es ist auch das Ende einer Part-       tet, steht er nach vier Jahrzehnten in der
                                beidem ist nichts mehr übrig in der Lin-    nerschaft. Noch einmal hat der 68-jährige      Politik vor den Trümmern seines Wir-
                                ken, wie überall, wo Oskar Lafontaine       Lafontaine in Göttingen all seine Energie      kens. Seiner ersten Partei, der SPD, hatte
                                über längere Zeit gewirkt hat. Am Ende      abgerufen, all seine Tricks, die zulässigen    er mit seiner Flucht aus dem Parteivorsitz
                                triumphiert Kleingeistigkeit.               wie die schmutzigen. Wie immer nahm            und dem Amt des Finanzministers schwer
                                   Sie entscheiden sich, eine Münze zu      er, wenn es darauf ankommt, keine Rück-        geschadet. Seiner neuen Partei hat er
                                werfen. Kopf oder Zahl, West oder Ost,      sicht, nicht auf das große Ganze, nicht        noch mehr zugesetzt: Sie ist so gut wie
                                der oder ich?                               auf Weggefährten wie Gysi.                     zerstört.
                                22                                                D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Deutschland

   Die Linke ist nach Göttingen eine de-           Gysi verrät auch, dass er erneut ge- des Hochmuts und der Rache. Seinem
moralisierte, tiefzerstrittene Gruppierung.     drängt worden sei, Bartsch für seine Kan- letzten Triumph fehlt jede Würde.
Ihr fehlen ein klares Profil und eine Füh-      didatur zu kritisieren. Jeder im Raum         Er und Wagenknecht ziehen sich bald
rungsspitze, die diesen Namen verdient.         weiß, von wem er da gedrängt wurde. in ihr Hotel zurück. Gysi aber steht in
Die neuen Vorsitzenden Katja Kipping            Doch diesmal verweigert sich Gysi. La- der Nacht vor der Halle und plaudert mit
und Bernd Riexinger mögen ehrenwerte            fontaine will nicht glauben, was er da Vertrauten. Ob das Tischtuch zwischen
Leute sein, vor allem aber sind sie un-         hört. Er sitzt wie versteinert auf seinem ihm und Lafontaine zerschnitten sei?
scheinbar. Es wirkt, als hätte das ZDF          Stuhl.                                      „War da eins?“, fragt Gysi zurück.
Gundula Gause und Heinz Wolf die                   „Was jetzt?“, fragt der scheidende Vor-    Dass sich Lafontaine nun auch noch
Moderation von „Wetten, dass ...?“ über-        sitzende Klaus Ernst. „Da muss ich über- Gysi zum Feind gemacht hat, dürfte das
lassen.                                         legen“, murmelt Lafontaine.                 Ende seiner Macht einläuten. Jahrelang
   „Es ist wie so oft bei Oskar“, sagt sein        Ein paar Minuten später geht Lafon- hatte Gysi fast alles für ihn getan, hatte
alter Freund und Weggefährte, der Saar-         taine zum wütenden Gegenangriff über. Lafontaines Selbstherrlichkeit bis zur
länder Reinhard Klimmt. „Was er vorne           Schon als er ans Mikrofon tritt, leuchtet Selbstaufgabe ertragen.
mit seinen Händen errichtet hat, reißt er       sein Kopf puterrot. Es gebe keinen Grund,     Als der PDS-Intellektuelle André Brie
mit dem eigenen Hintern früher oder spä-        das Wort Spaltung in den Mund zu neh- schon früh schimpfte, Lafontaine sei ein
ter wieder ein.“                                men. „Man trennt sich nicht, weil man „Luxus-Linker“, wurde er von Gysi am
   So ist die Geschichte des Oskar Lafon-       da oder dort Befindlichkeiten hat“, be- Telefon so lange zusammengefaltet, bis
taine am Ende eine tragische. Sie handelt       lehrt er die Ossis und ihren Helden Gysi. er widerrief.
von einem Mann, der mit gewaltigen Ta-             Die Rede war Lafontaines letzte Chan-      Gysi nahm ihn gegen jede Form von
lenten gesegnet ist: mit Intelligenz, Cha-      ce, doch noch die Hand zur Versöhnung Kritik in Schutz, selbst als Lafontaines
risma und rhetorischer Brillanz – mit fast      zu reichen. Aber er lässt sie verstreichen. Vorsitzenden-Büro im Berliner Karl-Lieb-
allem also, was man braucht, um in der             „Manches hat bitter weh getan“, klagte knecht-Haus fast immer leer blieb und er
Politik zu Größe zu gelangen. „Bis heute        Rudolf Scharping einst auf dem Mannhei- in seiner Zeit als Vorsitzender 18 Vor-
halte ich an meiner Einschätzung fest, nie      mer SPD-Parteitag, nachdem Lafontaine standssitzungen schwänzte. Er verteidigte
wieder einen so begabten politischen            ihn wochenlang über seine Absichten ge- auch Lafontaines autoritäre Art, obwohl
Menschen kennengelernt zu haben“,               täuscht hatte, um ihn dann in letzter Se- sie sich im Osten geschworen hatten, nie
schrieb selbst Gerhard Schröder in seinen       kunde zu stürzen. Aber „wir haben eine wieder SED-Methoden zu dulden, und
Memoiren.                                       Aufgabe, die wichtiger ist als wir selbst“. Lothar Bisky die Rückkehr des „Stalinis-
   Lafontaine hätte das Zeug gehabt, sich       Es scheint, als habe Lafontaine den Sinn mus durch die Hintertür“ beklagte.
in die Galerie der großen Kanzler einzu-        des Satzes bis heute nicht verstanden.        Was Gysi für Lafontaine bis zum Göt-
reihen, gleich neben Adenauer, Brandt              Als Bernd Riexinger, sein Kandidat für tinger Parteitag leistete, reichte weit hin-
und Kohl. Am Ende aber muss er sich             den Linken-Vorsitz, in Göttingen am spä- ein ins Reich des Absurden. Am absur-
mit dem Erfolg begnügen, einen Mann,            ten Samstagabend gegen Bartsch gewon- desten aber wurde es, als Sahra Wagen-
der Bernd Riexinger heißt, zum Vorsit-          nen hat, stimmen Lafontaines Unterstüt- knecht in Lafontaines Leben trat.
zenden gemacht zu haben.                        zer Triumphlieder an. Sie singen die „In-     Gysi hatte Wagenknecht und ihre kom-
   Vermutlich war sein Ego einfach zu           ternationale“ und „Ihr habt den Krieg munistischen Thesen immer bekämpft.
groß für wahre Größe. Wäre es ihm wirk-         verloren“, ein Lied, dass linke Gruppen Auf dem Parteitag 1995 in Berlin hatte er
lich um seine politische Idee, um das           bei Nazi-Demonstrationen sonst gegen die Delegierten vor die Entscheidung ge-
Wohl seiner Schöpfung Die Linke gegan-          die Glatzköpfe singen, um sie zu provo- stellt: „Die oder ich“. Nun aber musste
gen, dann hätte er dafür gesorgt, dass die      zieren. Die Stunde des Sieges sollte im- er auf Lafontaines Drängen nicht nur sei-
Partei künftig von erfolgversprechenden         mer die Stunde der Demut sein. Bei La- ne Haltung zu Wagenknecht ändern. Im
Leuten geführt wird. Ihm aber ging es           fontaines Freunden wird sie zur Stunde Auftrag des Chefs besänftigte er sogar
nur um sich selbst.
   Lafontaine funktionierte in seiner lan-
gen Karriere nur dann, wenn er selbst
der Erste sein konnte. Das erste der Zehn
Gebote „Du sollst neben mir keine ande-
ren Götter haben“, hat er früh schon auf
die Politik übertragen. Und als er mit Ger-
hard Schröder einmal einem anderen den
Vortritt ließ, hat er das bitter bereut. Das
Trauma von 1998 wirkt bis heute fort.
   Als Gysi nach verlorenem Münzwurf
als Erster ans Rednerpult tritt, nimmt die
Zerstörung der Linken ihren Lauf. Er, der
jahrelang Rücksicht auf Lafontaine ge-
nommen hat, ist dazu nicht mehr bereit.
Er weiß, dass es dem Saarländer nur noch
darum geht, Dietmar Bartsch als neuen
Chef zu verhindern.
   Gysi spricht vom „Hass“ in der Frak-
                                                                                                                                           CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




tion, von „pathologischen Zuständen“,
von der „westlichen Arroganz“ und da-
von, dass es vielleicht besser sei, sich fair
zu trennen, „als weiterhin unfair, mit Hass,
mit Tricksereien, mit üblem Nachtreten
und Denunziation eine in jeder Hinsicht
verkorkste Ehe zu führen“.                      Linken-Politikerinnen Kipping, Wagenknecht, Caren Lay: Tiefzerstrittene Gruppierung

                                                      D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                           23
Deutschland


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                   „Unter der Gürtellinie“                                                                                       se Seitenwechsel?
                                                                                                                                 Bartsch: Ich bin mit Gysi einen langen,
                                                                                                                                 gemeinsamen Weg gegangen. Ich habe
           Fraktionsvize Dietmar Bartsch, 54, über seine gescheiterte                                                            nicht vergessen, dass vor allem er in den
              Kandidatur und das Verhältnis zu Oskar Lafontaine                                                                  neunziger Jahren den ganzen Hass, der
                                                                                                                                 der PDS entgegenschlug, auf sich gezo-
     SPIEGEL: Sahra Wagenknecht hat Ihnen                                         Eine „PDS neu“ kommt allein kaum               gen hat. Damals hätte auch der SPIE-
     vorgeworfen, Sie hätten der Linken mit                                       über fünf Prozent, der andere Teil im          GEL nie ein Interview mit mir gemacht.
     Ihrer frühen Kandidatur für den Partei-                                      Westen würde schnell untergehen. Wir           SPIEGEL: Gysi hat Sie im Januar 2010 auf
     vorsitz eine monatelange Personalde-                                         können es nur gemeinsam schaffen.              Drängen Lafontaines als Bundesge-
     batte aufgezwungen und letztlich die                                         SPIEGEL: Hat es jemals eine ehrliche Aus-      schäftsführer geopfert, er hat in Lafon-
     Rückkehr Oskar Lafontaines verhindert,                                       sprache gegeben zwischen Ihnen und             taines Auftrag versucht, die rot-rote
     von dem sich viele Erlösung erhofft                                          Lafontaine?                                    Koalition in Brandenburg zu verhin-
     hatten.                                                                      Bartsch: Entgegen allem, was über uns          dern, er hat dessen Freundin Wagen-
     Bartsch: Das ist Unfug. Ich habe darauf                                      so geschrieben steht, haben wir im di-         knecht an Ihnen vorbei zur Ersten
     gedrängt, den Parteitag vorzuziehen                                          rekten Kontakt ein vernünftiges Ver-           Stellvertreterin in der Bundestagsfrak-
     und rechtzeitig vor den Landtagswahlen                                       hältnis. Er respektiert meine Leistungen       tion gemacht. Sollen wir noch mehr auf-
     eine neue Führung zu wählen – wie es                                         und ich seine.                                 zählen?
     jede andere Partei vernünftigerweise
     getan hätte. Zugleich habe ich für einen
     Mitgliederentscheid geworben, um eine
     souveräne Entscheidung der Basis zu
     bekommen. Auch das wurde, wie wir
     jetzt wissen, satzungswidrig verhindert.
     Und ich habe ein politisches Angebot
     unterbreitet und dieses zur Diskussion
     gestellt. Ohne meine Kandidatur hätte
     es dieses Engagement der Reformer
     nicht gegeben. Wir haben Mut be-
     wiesen.
     SPIEGEL: Trotzdem haben Sie am Ende
     gegen Lafontaines Vertrauten Bernd
     Riexinger verloren.
     Bartsch: Nachdem im ersten Wahlgang
     für den Frauenplatz mit Katja Kipping
     eine Frau aus dem Osten gewann, war
     es für mich im zweiten Wahlgang
     schwieriger. Insofern habe ich mit gut
     45 Prozent ein ordentliches Ergebnis er-
     reicht. Ich bin mit mir im Reinen.
                                                  CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL




     SPIEGEL: Nach Ihrer Niederlage sang die
     Gegenseite nicht nur „Die Internatio-
     nale“, sondern auch: „Ihr habt den
     Krieg verloren“.
     Bartsch: Das ist deutlich unter der Gür-
     tellinie und geht gar nicht. „Die Inter-
     nationale“ ist ein traditionsreiches Lied,                                   Linken-Politiker Bartsch: „Das tat sehr weh“
     man kann sie bei vielen Gelegenheiten
     singen, da war sie unpassend. „Ihr habt                                      SPIEGEL: Auf Lafontaines Homepage fin-         Bartsch: Also, Sahra Wagenknechts
     den Krieg verloren“ ist ein Lied, wel-                                       det sich ein nicht von ihm verfasster          Wahl in der Fraktion war auch mit mir
     ches bei Neonazi-Aufmärschen von der                                         Text, in dem Sie als Intrigant und An-         besprochen. In Brandenburg war die
     Antifa gesungen wird. Damit dürfen                                           passer beschimpft werden.                      Mission bekanntlich wenig erfolgreich,
     Linke nun wirklich nicht ihre Genossen                                       Bartsch: Wenn er das wüsste, würde es          der Landesverband hat mit großer Zu-
     schmähen. Das ist Ausdruck unerhörter                                        verschwinden. Für solche Dummheiten            stimmung den Koalitionsvertrag ange-
     Kulturlosigkeit.                                                             steht er nicht zur Verfügung.                  nommen. Den Januar 2010 allerdings,
     SPIEGEL: Ihr Fraktionsvorsitzender Gre-                                      SPIEGEL: Wie lief der letzte Vermittlungs-     das stimmt, den hatte ich nicht für mög-
     gor Gysi sprach offen von Hass und                                           versuch, zwei Tage bevor Lafontaine            lich gehalten. Das tat sehr weh.
     pathologischen Zuständen. Hat er                                             seine Kandidatur zurückzog?                    SPIEGEL: Seither belastet der Macht-
     recht?                                                                       Bartsch: Oskar Lafontaine hat einen guten      kampf zwischen Ihnen und Lafontaine
     Bartsch: Seine Analyse der Situation in                                      Wein ausgesucht, dann haben wir uns            die Partei.
     der Fraktion ist leider zutreffend. Seine                                    freundlich unterhalten. Im Grunde gab          Bartsch: Das ist Ihre Sichtweise. Im Kern
     Schlussfolgerungen aber teile ich nur                                        es aber da schon nicht mehr viel zu sagen.     geht es darum, welche Schlüsse wir dar-
     bedingt. Eine Spaltung sehe ich nicht,                                       SPIEGEL: Erst war Gysi für Sie, dann ge-       aus ziehen, dass die Partei seit 2010 ab-
     sie würde den Tod der Linken bedeuten.                                       gen Sie, und jetzt wendet er sich von          gestürzt ist: von fast zwölf Prozent auf



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nun fünf bis sechs, etwa 10 000 Mitglie-
der gingen verloren. Wir hatten seit der
Wahl 2009 nun mal eine andere Situa-
tion mit verschärfter Finanzmarktkrise,
der SPD in der Opposition, dem Er-
starken der Piraten und so weiter. Da
hätte man nicht einfach den Kurs „Wir
gegen alle“ weiterfahren dürfen. Er war
auch nicht erfolgreich, wie wir an Wahl-
ergebnissen und Mitgliederzahlen sehen.
SPIEGEL: Das Lager um Lafontaine und
Wagenknecht wirft Ihnen Anbiederei
an die SPD vor.
Bartsch: Das ist Unsinn. Wenn ich der
Karrierist wäre, als den manche mich
darzustellen versuchen, wäre ich 1990
sicher nicht in die PDS gegangen. Ich




                                                                                                                                            HERMANN BREDEHORST / POLARIS/LAIF
habe mich bewusst für eine Partei des
demokratischen Sozialismus links von
der SPD entschieden, und das war kein
gemütlicher Weg. Die PDS sollte ver-
nichtet werden, ich kann mich an fast
hundert Gerichtsverfahren und elf er-
gebnislose Durchsuchungen, auch bei
mir zu Hause, erinnern.
SPIEGEL: Die SPD lässt Ihre Partei aber        Parteivorsitzende Riexinger (l.), Kipping (r.): Stunde des Hochmuts und der Rache
konsequent links liegen. Ist es dann
nicht richtig, weiter den Abgrenzungs-         Lafontaines misstrauische Gattin Christa       te: Er demütigte seinen langjährigen Weg-
kurs zu fahren?                                Müller. Die hatte längst die dauernden         gefährten Bartsch öffentlich und zwang
Bartsch: Auch Oskar Lafontaine hätte           Affären-Gerüchte satt und verlangte die        ihn zum Rückzug von seinem Posten. Für
schon 2009 gern eine Koalition im Saar-        Rückkehr ihres Mannes in den „Palast           viele in der alten PDS war das Verrat.
land gemacht. Wenn Sigmar Gabriel              der sozialen Gerechtigkeit“, wie ihr Haus         Im vergangenen Dezember begann
ohne Not jetzt bereits sagt: nie mit den       im saarländischen Wallerfangen spöttisch       dann der letzte Akt. Wieder glaubte La-
Linken, dann ist das politisch einfach         genannt wurde.                                 fontaine, dass der treue Knappe Gysi alles
nur doof. Es gibt immer eine strategi-             Immer wieder soll Gysi bei Christa         mit sich machen ließe. Zunächst verhin-
sche Entscheidung: Blicke ich nur auf          Müller um Verständnis gebeten haben:           derte er alle Verfahren, die seinem Wi-
das nächste eigene Wahlergebnis, oder          Lafontaine werde für die Bundestagswahl        dersacher Bartsch gute Aussichten auf
schaue ich, was ich wirklich für die Men-      im Herbst 2009 in Berlin gebraucht. Da-        den Parteivorsitz gesichert hätten, etwa
schen erreichen kann? Unsere Mindest-          nach könne er als saarländischer Frak-         eine Mitgliederbefragung. Stattdessen
lohnkampagne ist dafür ein gutes Bei-          tionschef viel zu Hause bleiben.               versprach er, im ersten Halbjahr 2012
spiel. Vor Jahren waren noch alle Par-            Ein letztes Mal zogen Gysi und Lafon-       einen Vorschlag für eine „kooperative
teien und die Mehrheit der Menschen            taine 2009 in die Schlacht und erreichten      Führung“ mit ihm und Bartsch vorzu-
dagegen, jetzt ist eine Mehrheit der           Traumergebnisse im Saarland und im             legen. Ein letztes Mal ließen sich Gysi
Menschen und selbst die CDU dafür.             Bund. Danach zog sich Lafontaine wie           und die Realos auf Lafontaine ein.
Für uns heißt das jetzt: Setzen wir mit        abgesprochen ins Saarland zurück, domi-           Doch ein Vorschlag blieb aus. Emissäre
Partnern einen Mindestlohn durch, oder         nierte die Partei von dort aber weiter.        wurden von Lafontaine abgewimmelt,
drucken wir neue Plakate mit immer             Wütend verfolgte er die rot-roten Koali-       auch Gysi ließ er im Dunkeln über seine
höheren Mindestlohnforderungen, um             tionsverhandlungen in Brandenburg, weil        wahren Pläne. Als die Linke nach den
uns unbedingt abzugrenzen und mög-             er lieber opponieren als regieren wollte.      Niederlagen in NRW und Schleswig-Hol-
lichst links zu erscheinen? Ich behaupte:      Persönlich intervenierte er bei SPD-Chef       stein am Boden lag, äußerte sich Lafon-
Den Menschen nützen 10 Euro mehr in            Matthias Platzeck, der ihn kühl am Tele-       taine doch noch. Aber was er drei Wo-
der Tasche mehr als 100 Euro auf Pla-          fon abblitzen ließ: „Oskar, du bist nicht      chen vor dem Parteitag unterbreitete, war
katen. Aber das ist einigen in meiner          mehr mein Chef.“                               kein Vorschlag, es war ein Diktat.
Partei zu viel an Pragmatismus.                   Im November 2009 beschrieb der SPIE-           Er sei bereit, als Vorsitzender zu kan-
SPIEGEL: Welchen Kurs erwarten Sie von         GEL dann die Beziehung zu Wagen-               didieren, erklärte er. Allerdings nur, wenn
der neuen Führung aus Riexinger und            knecht, die zu dem damaligen Zeitpunkt         es keinen Gegenkandidaten gebe. Von
Katja Kipping?                                 dementiert wurde, und den lange geplan-        Demokratie, zumindest von innerpartei-
Bartsch: Einen, der die Kompetenz der          ten Rückzug vom Fraktionsvorsitz auch          licher, hatte Lafontaine noch nie viel ge-
Mitglieder nutzt und uns wieder auf die        aus privaten Gründen. Lafontaine melde-        halten.
Erfolgsspur bringt. Wir müssen gemein-         te sich krank und ließ den Parteivorsitz          Er verlangte zudem, das gesamte Per-
sam an der innerparteilichen Stabilisie-       ruhen. Weil er den damaligen Bundes-           sonaltableau der Linken bestimmen zu
rung arbeiten. Eine wichtige Vorausset-        geschäftsführer Dietmar Bartsch völlig zu      dürfen. Bartsch sollte allenfalls als macht-
zung dafür ist, dass wir die Kulturlosigkeit   Unrecht verdächtigte, die Affäre aus-          loser Vize „auf Bewährung“ mitmachen.
einiger in der letzten Zeit überwinden.        geplaudert zu haben, drängte er Gysi, die-     Mit seinem Vertrauten Heinz Bierbaum
INTERVIEW: MARKUS DEGGERICH, FRANK HORNIG      sen zu entsorgen.                              als Schatzmeister wollte sich Lafontaine
                                                  Gysi lieferte erneut, aber diesmal zahlte   dafür den Zugriff auf die Parteifinanzen
                                               er den höchsten Preis, den er zahlen konn-     sichern, er wollte die ganze Macht. Doch
                                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                             25
Deutschland

damit nicht genug: Gysi sollte seine
Freundin Sahra Wagenknecht noch in die-
ser Legislaturperiode als gleichberechtig-
te Fraktionsvorsitzende installieren, ver-
langte Lafontaine.
   Doch damit hatte er den Bogen über-
spannt. Bartsch hielt an seiner Kandida-
tur fest, und Gysi wechselte die Seiten.
Für Lafontaine werden so selbstbewusste
Ossis zum Trauma. Bei der Bundestags-
wahl 1990 verwehrten sie ihm die Kanz-
lerschaft. 22 Jahre später stellen sie sich
seinem Wunsch nach einer Krönung ent-
gegen. In Göttingen reichte Lafontaines
Kraft nicht mehr zur Gestaltung, sondern
nur noch zur Zerstörung. Im Fallen zog
er seinen Widersacher Bartsch mit nach
unten – und machte ihn damit für die Ost-
Realos zum Märtyrer-Helden.
                                               WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL




   Kaum ein anderer deutscher Politiker
hat die deutsche Politik in den vergange-
nen 30 Jahren derart in Atem gehalten
wie Lafontaine, keiner hat das Parteien-
system heftiger durcheinandergewirbelt.
   Was aber bleibt? Nicht viel. Weil La-
fontaine das, was er begonnen hatte, im-
mer wieder abbrach. Weil ihm die Aus-                                          Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger: „Noch nicht die richtigen Instrumente gefunden“
dauer fehlte. Und weil er Rudolf Schar-
pings Mahnung nie beherzigt hat: Dass
es Aufgaben gibt, die wichtiger sind als                                                                            SPI EGEL-GESPRÄCH
man selbst.
   Vielleicht ist mit den Jahren auch ein-
fach die Zeit über ihn hinweggeweht.
Patriarchen haben es zunehmend schwer
in der modernen aufgeweckten Welt –
                                                                                         „Noch mal nachdenken“
das weiß man nicht erst seit dem Schei-                                         Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 60 (FDP),
tern von Leo Kirch. Die Zeit der autori-                                                   über Shitstorms, den wachsenden Einfluss
tären Anführer scheint abgelaufen – das
weiß man nicht erst seit dem Arabischen
                                                                                     des Internets auf die Politik und die gescheiterte Suche
Frühling. Und dass der Zeitgeist nach                                                           nach einem neuen Urheberrecht
Transparenz verlangt statt nach Kungel-
runden, das weiß man nicht erst seit                                           SPIEGEL: Frau Ministerin, wie würden Sie               gar die Unterzeichnung des Acta-Abkom-
Gründung der Piratenpartei. Der Macht-                                         das Wort Shitstorm übersetzen?                         mens, das Regeln für das Marken-, Patent-
politiker der Vergangenheit wirkt in der                                       Leutheusser-Schnarrenberger: Ein Shitstorm             und Urheberrecht formuliert, zurückge-
Gegenwart zunehmend lächerlich.                                                ist eine Zusammenrottung von Meinun-                   zogen, nachdem eine via Internet mobili-
   „Mit uns zieht die neue Zeit“, singen                                       gen, die mit einer großen Welle in der                 sierte Öffentlichkeit protestiert hatte.
seine einstigen Freunde aus der Sozial-                                        Öffentlichkeit ankommt.                                Leutheusser-Schnarrenberger: Bei Acta ha-
demokratie bis heute gern. Von Lafon-                                          SPIEGEL: Sie haben den Begriff vor kurzem              ben wir in sehr kurzer Zeit eine breite
taine aber war es wohl zu viel verlangt,                                       in einer Rede verwendet. Ist der Shit-                 Diskussion im Netz gesehen, die dann
sich noch einmal auf die Anforderungen                                         storm als Mittel der Auseinandersetzung                auch auf die Straße getragen wurde. Das
der neuen Zeit einzulassen.                                                    in der Politik angekommen?                             hat es früher nicht gegeben. Die Politik
   Am Ende seiner Rede von Göttingen                                           Leutheusser-Schnarrenberger: Das Twittern              muss sich damit beschäftigen, wie sie sol-
ließ er noch einmal seinem Hass auf die                                        ist in der Politik Usus geworden, und ein              chen Protest aufgreift.
SPD freien Lauf. Er zitierte Kurt Tuchol-                                      Shitstorm findet ja vor allem dort statt.              SPIEGEL: Sie waren doch diejenige, die
sky, der die SPD einst mit einem Haus-                                         Wir haben das vielleicht lange Zeit nicht              Acta für die Bundesregierung mit ausge-
hund verglich, der anders als der freiheits-                                   wahrgenommen, aber mittlerweile ist das                handelt hat. Warum haben Sie die Pro-
liebende Wolf des Fressens wegen zum                                           Internet prägend für viele Politikbereiche             teste gebraucht, um aufzuwachen?
Menschen gegangen war und nun traurig                                          geworden. Das führt immer öfter dazu,                  Leutheusser-Schnarrenberger: Acta hat ge-
an der Kette zerre. Es war der letzte Ver-                                     dass unsere Positionen in Frage gestellt               zeigt, dass manche Dinge öffentlich anders
such, all jene zu demütigen, die ihm, dem                                      werden. Zu dieser Auseinandersetzung                   verstanden werden, als sie ausgehandelt
letzten Leitwolf, nicht bedingungslos fol-                                     gehört offensichtlich auch der eine oder               worden sind. Wenn wir sehen, wie viele
gen wollten.                                                                   andere Shitstorm. Man muss das nicht                   Leute es in ganz Europa gibt, die Acta
   Was Lafontaine nicht erwähnte, waren                                        mögen, aber das ist halt so.                           nicht wollen, dann ist es richtig, diese Pro-
die Eigenschaften des Leitwolfs. Wer es                                        SPIEGEL: 2012 scheint das Jahr zu sein, in             teste aufzunehmen und zu sagen: Wir be-
nämlich wagt, in seinem Gefolge das                                            dem die Macht des Netzes endgültig die                 treiben das vorerst nicht weiter. Wir kön-
Maul aufzureißen, der wird weggebissen –                                       Bundespolitik erreicht hat. Sie haben so-              nen doch nicht so tun, als interessierten
auch wenn der Leitwolf sich damit selber                                                                                              uns die Sorgen der Menschen nicht. Das
schadet. Er kann sehr einsam enden.                                            Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Darnstädt   haben wir früher vielleicht getan, und das
  MARKUS DEGGERICH, MARKUS FELDENKIRCHEN                                       und Holger Stark.                                      hat zur Politikverdrossenheit beigetragen.
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SPIEGEL: Die Proteste gegen Acta reißen        zenten möchten die Abmahnerei von             schäft machen. Sollen die sich hinter dem
nicht ab. Wie geht es weiter?                  Downloadern ausbauen: Im Gespräch ist         Fernmeldegeheimnis verstecken können?
Leutheusser-Schnarrenberger: Die Debatte       ein Warnstufen-Modell, nach dem es            Leutheusser-Schnarrenberger: Das können
in Europa zeigt uns, dass die Regierungen      beim dritten Verstoß richtig Zoff gibt.       sie schon lange nicht mehr. Die Provider
und das Europäische Parlament gar nicht        Leutheusser-Schnarrenberger: Das halte ich    sind ja jetzt schon in der Pflicht. Sie müs-
wissen, wie sie vorgehen sollen. Der Eu-       für extrem problematisch und habe mich        sen eingreifen, wenn sie eindeutig rechts-
ropäische Gerichtshof ist eingeschaltet        deshalb dagegen ausgesprochen.                widrige Inhalte entdecken. Die Gerichte
und muss entscheiden. Es ist völlig unklar,    SPIEGEL: Warum?                               haben diese sogenannte Störer-Haftung
ob vor einem Gerichtsvotum überhaupt           Leutheusser-Schnarrenberger: Wenn es nicht    immer weiter ausgebaut.
etwas passiert.                                ein unverbindliches Vorwarnverfahren ist,     SPIEGEL: Müsste nicht eine liberale Politi-
SPIEGEL: Eine solche europaweite Ausein-       sondern der Anfang rechtlicher Schritte       kerin über neue Regelungen für die Nut-
andersetzung um die Freiheit des Inter-        gegen die Betroffenen, dann drohen er-        zung urheberrechtlich geschützter Werke
nets hat es noch nie gegeben. Überrascht       hebliche Belastungen bei den Providern        im Netz nachdenken, die sich mit weniger
Sie die Vehemenz des Widerstands?              und auch für die betroffenen User. Denn       Kontrollaufwand durchsetzen lassen? Ein
Leutheusser-Schnarrenberger: Ich betrachte     zum einen werden die Zugangsanbieter          Modell wäre die Kultur-Flatrate, bei der
das als kleinen Vorgeschmack darauf, wie       verpflichtet, riesige Datenmengen zu spei-    eine Pauschale erhoben und unter den
das Netz und eine kritische Öffentlichkeit     chern. Zum anderen müssen die Provider        Autoren und Künstlern verteilt wird.
die Politik verändern werden und wie die       sämtliche Inhalte überprüfen, die über        Leutheusser-Schnarrenberger: Ich weiß nicht,
Bürger an politischen Prozessen teilhaben      ihre Server gehen. Es muss ja alles doku-     ob es etwas mit Liberalität zu tun hat, sich
können. Das muss nicht bedeuten, dass          mentiert werden, damit nach dem ersten        für eine Kultur-Flatrate auszusprechen,
die Politik jedes Mal ihren Kurs korrigiert.   Warnhinweis der zweite und der dritte         nur weil das alte Urheberrecht an Grenzen
Aber wir merken, dass wir als Regierung,       folgen können.                                gerät. Das wäre Zwangskollektivierung:
Ministerin oder Abgeordnete immer öfter        SPIEGEL: Diesen Weg favorisiert Ihr Par-      Alle sollen in einen Topf wirtschaften.
hinterfragt werden und eingestehen müs-        teifreund, Wirtschaftsminister Philipp        SPIEGEL: Die Union drängt auf härtere
sen, dass wir nicht immer eine Antwort         Rösler.                                       Strafen für illegale Downloader.
haben. Und bevor wir etwas                                                                                                  Leutheusser-Schnarrenberger:
tun, bei dem wir am Ende                                                                                                    Wir müssen weg von sol-
feststellen, dass es eine ver-                                                                                              chen Forderungen, die Nut-
heerende Wirkung hat, soll-                                                                                                 zer immer weiter ins Un-
ten wir lieber noch mal                                                                                                     recht zu setzen. Wir bekla-
nachdenken. Ich finde das                                                                                                   gen doch, dass viele nicht
gut so, weil es die Bürger-                                                                                                 mehr das Gefühl haben, für
rechte stärkt.                                                                                                              die geistigen Leistungen an-
SPIEGEL: In der alten Acta-                                                                                                 derer zahlen zu müssen.
Version sollten Provider ver-                                                                                               Dieses Rechtsempfinden ist
pflichtet werden, bei Verstö-                                                                                               in Teilen der Gesellschaft,
ßen gegen das Urheberrecht                                                                                                  vor allem bei den Jungen,
aufzupassen. Welchen Kom-                                                                                                   nicht da. Daher müssen wir
promiss würden Sie mit-                                                                                                     bei den Usern das Verständ-
tragen?                                                                                                                     nis dafür wecken, welch ho-
Leutheusser-Schnarrenberger:                                                                                                hen kulturellen Wert geisti-
Der Streit konzentriert sich                                                                                                ge Leistungen haben. Res-
auf die Urheberrechtsrege-                                                                                                  pekt erzeugt man nicht mit
lungen. In dem Abkommen                                                                                                     der Keule des Strafgesetz-
geht es aber in großen Tei-                                                                                                 buchs.
len um Patent- und Marken-                                                                                                  SPIEGEL: Sie arbeiten jetzt
rechte. Da ist die Interessen-                                                                                              seit zweieinhalb Jahren an
lage der Beteiligten ganz                                                                                                   der Reform, ohne etwas vor-
anders. Besser wäre es ge-                                                                                                  legen zu können. Wann lie-
                                                                                                        KHANH RENAUD/SIPA




wesen, von vornherein Mar-                                                                                                  fern Sie?
ken und Patente von der                                                                                                     Leutheusser-Schnarrenberger:
Frage der Urheberrechte zu                                                                                Wir können nicht das ge-
trennen. Wenn wir das Ur-                                                                                 samte Urheberrecht auf den
heberrecht bei Acta aus- Acta-Gegner in Paris: „Die Proteste aufnehmen“                                   Prüfstand stellen, jedenfalls
klammern, hätten wir we-                                                                                  nicht in dieser Legislaturpe-
nigstens einen Bereich, in dem wir uns Leutheusser-Schnarrenberger: Wir haben                riode. Damit muss man sich mittelfristig
einigen können.                            uns vergangene Woche verständigt, dass            intensiv befassen. Nach der Sommerpau-
SPIEGEL: Also ein eigenes Urheberrechts- die Warnhinweise wegen großer Probleme              se werde ich einen Entwurf vorlegen, der
abkommen?                                  keine Lösung sind. Es ist für die Provider        zumindest einige Details verbessert. Wir
Leutheusser-Schnarrenberger: So, wie wir unmöglich, jedes Mal zu entscheiden, ob             wollen zum Beispiel die Möglichkeiten
es ursprünglich bei Acta gedacht haben, ein Download rechtswidrig ist oder nicht.            für Rechteinhaber erleichtern, an die
kann es nicht bleiben. Das ist das Schwie- Bei gewissen Formen der Nutzung, etwa             Mail-Adressen von illegalen Downloa-
rigste: Wir müssen ehrlich gestehen, dass dem Streaming, hängt es sehr vom Einzel-           dern zu kommen, um ihre Ansprüche gel-
wir noch nicht die richtigen Instrumente fall und von technischen Details ab. Ganz           tend zu machen. Die großen Linien kom-
gefunden haben, um das Urheberrecht zu schweigen von Datenschutzfragen und                   men später. Das ist ein Riesenprojekt.
im Netz überzeugend und umfassend zu dem Fernmeldegeheimnis, das bei Tele-                   SPIEGEL: Beim Thema Internet liegt die
schützen.                                  kommunikationsverbindungen gilt.                  Koalition in vielen Punkten über Kreuz.
SPIEGEL: Das ist doch die Kapitulation der SPIEGEL: Andererseits gibt es Anbieter, die       Teile der Union plädieren zum Beispiel
Politik. Künstler, Verleger und Produ- aus illegalen Downloads ein gutes Ge-                 für ein Ende der Anonymität im Netz.
                                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                           27
Deutschland

Leutheusser-Schnarrenberger: Wir erleben
derzeit ein Ringen darum, wie weit Mei-
nungsfreiheit im Netz geht. Akzeptieren
wir, dass es im Internet einen Pranger gibt,
wo Leute angeklagt und verurteilt werden,
ohne dass ein Gericht beteiligt ist? Damit
würden wir die unabhängige Justiz unter-
laufen. Andererseits haben die Menschen
ein Recht darauf, ihre Meinungsfreiheit
wahrzunehmen – auch durch die Anony-
mität oder durch ein Pseudonym geschützt.
SPIEGEL: Was spricht eigentlich dagegen,
dass jemand, der eine Meinung äußert,
dazu mit seinem Namen stehen muss?
Leutheusser-Schnarrenberger: Diese Ent-
scheidung sollte jedem selbst überlassen
bleiben. Meinungsfreiheit hängt auch mit
dem Recht zusammen, seine Ansicht zu
äußern, ohne sich namentlich zu beken-
nen, weil dadurch persönliche Nachteile
                                               HENDRIK SCHMIDT / DPA




entstehen könnten. Bei einer Demonstra-
tion muss ich ja auch nicht mit einem Aus-
weis erscheinen. Oder nehmen Sie ein
Forum, wo es um Krankheiten geht: War-
um soll dort jemand unter seinem Klar-
namen intime Dinge offenbaren?
SPIEGEL: Und wo verlaufen die Grenzen
der Anonymität?
Leutheusser-Schnarrenberger: Dort, wo die
geltenden Gesetze wie etwa das Teleme-
diengesetz greifen. Sie dürfen auch im In-
ternet nicht wahllos Menschen beleidigen
oder betrügen, ohne dass im Zweifelsfall
die Strafverfolgung einsetzt. Bei Ebay
können Sie sich etwa mit einem Pseud-
onym anmelden, aber dahinter steht Ihr
Klarname, den zumindest Ebay kennt.
Mit einem plakativen Satz, dass man die
Anonymität im Internet verbieten will,
wird man der Debatte jedenfalls nicht ge-
recht.
SPIEGEL: Sie meinen Bundesinnenminister
                                               HEIKO SEHRSAM / ACTION PRESS




Hans-Peter Friedrich (CSU), der nach den
Anschlägen von Oslo ein Ende der An-
onymität gefordert hatte.
Leutheusser-Schnarrenberger: Ich habe den
Eindruck, dass mein Kollege hier in der
Zwischenzeit auch differenziert.
SPIEGEL: Vergangene Woche ist im Internet
flächendeckend eine neue Spielregel ein-                                      Raubkopierer Dirk B.*, Musiker Jan Delay: „Hohe geistige Leistung“
geführt worden, das Internetprotokoll
IPv6. Für jeden Internetnutzer ist jetzt                                      SPIEGEL: Die privaten Daten der Internet-      die Öffentlichkeit gelangen. Der Staat
theoretisch eine individuelle Zahlenkom-                                      nutzer wecken viele Begehrlichkeiten.          wiederum muss steuern, welche Daten in
bination vorrätig, die wie ein Fingerab-                                      Die Schufa wollte sogar Facebook, Twit-        das Scoring aufgenommen werden dürfen
druck genutzt werden kann. Bekommen                                           ter und Xing systematisch auswerten, um        und welche in Bonitätsprüfungen nichts
wir damit einen Personalausweis im Netz,                                      mehr über jeden Einzelnen zu erfahren.         zu suchen haben. Die Lösung liegt in ei-
der die Anonymität aushebelt?                                                 Ist das nicht ein Musterbeispiel, wo der       ner Änderung des Bundesdatenschutz-
Leutheusser-Schnarrenberger: Wir müssen                                       Staat seine Bürger schützen muss?              gesetzes. Die Große Koalition hat dazu
aufpassen, dass die neue Technik nicht                                        Leutheusser-Schnarrenberger: Wofür über-       2008 nur einen halbherzigen Anlauf un-
dazu führt, dass jeder User in seinem                                         legt die Schufa, diese Daten zu verwen-        ternommen, und seither hat sich an der
Surfverhalten identifiziert werden kann.                                      den? Auskunfteien, nicht nur die Schufa,       Rechtslage nichts verbessert. Wir werden
Das neue Internetprotokoll darf nicht zu                                      stellen aus frei verfügbaren Daten Sco-        jetzt prüfen, was zu tun ist.
einem Überwachungsinstrument werden.                                          ring-Profile zusammen, die am Ende den         SPIEGEL: Die Piraten haben in kurzer Zeit
Glücklicherweise bietet das Protokoll die                                     Ausschlag dafür geben, wie die Zahlungs-       den Politikstil verändert wie zuletzt die
Möglichkeit, die Privatsphäre zu schüt-                                       fähigkeit eines Kunden beurteilt wird.         Grünen vor 30 Jahren. Warum fällt es
zen. Zum Beispiel durch die Einstellung,                                      Nicht nur bei Facebook, überall sollte         den etablierten Parteien so schwer, darauf
dass meine IP-Adresse nach 24 Stunden                                         man darum aufpassen, welche Daten an           eine Antwort zu finden?
geändert werden kann. Das sollte jeder                                                                                       Leutheusser-Schnarrenberger: Am Anfang
User nutzen.                                                                  * Am 8. Mai vor dem Landgericht Leipzig.       haben wir die Piraten nur als eine Partei
28                                                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
betrachtet, die sich mit einem einzigen                                                   findet sich dabei martialisch aufgebessert:
Thema befasst, dem Netz. Was wir nicht                         P I R AT E N               Unter der wehenden Piratenflagge kreu-
gesehen haben, ist der Punkt, dass die                                                    zen sich bei der AG Waffenrecht zwei
Partei auch von einem grundsätzlichen
Protest gegen die herkömmliche Politik
lebt. Jetzt müssen wir uns mit ihnen
                                                             Feind                        Säbel.
                                                                                             Dass die Arbeitsgemeinschaften nicht
                                                                                          die offizielle Meinung der Piraten ver-
inhaltlich auseinandersetzen. Es ist ja
interessant zu beobachten, dass die
Piraten zu vielen Punkten, selbst zum
Urheberrecht, keine klare Position ha-
                                                            an Bord                       treten, verrät nur ein Hinweis auf den
                                                                                          jeweiligen Websites. Tatsächlich agieren
                                                                                          die Gruppen wie Beiboote, die um das
                                                                                          offizielle Piratenschiff herumtreiben. Eine
                                                 Das Mitmachmotto der Piraten
ben.                                            spricht nicht nur Parteimitglieder        AG gründen oder bei ihr mitmachen
SPIEGEL: Rechnen Sie damit, dass sich die                                                 kann jeder – und das vollkommen an-
Partei dauerhaft etabliert?                      an. Auch Vertreter der Waffen-           onym. Was in den Gruppen besprochen
Leutheusser-Schnarrenberger: Wir können       lobby haben die Liquid Democracy und entschieden wird, hat zwar keinen
nicht davon ausgehen, dass sich das                       für sich entdeckt.              direkten Einfluss auf die Partei. Zulieferer
Phänomen nach ein oder zwei Jahren er-                                                    von Ideen sind sie aber allemal.


                                              E
ledigt hat. Ich gehe davon aus, dass die             in verwegenes Vergnügen sollte es       So können aus ihnen heraus die An-
Piratenpartei eine gute Chance hat, kom-             werden. Im sauerländischen Me- träge für die Parteitage entstehen. Im
mendes Jahr in den Bundestag einzu-                  schede wollten die Veranstalter Pis- Wahlprogramm von Baden-Württem-
ziehen, ob mit 5,1 Prozent oder mit 8         tolen an die Mitglieder der Piratenpartei berg findet sich bereits 2011 ein Passus
Prozent.                                      ausgeben. Vorderladerpistolen, versteht zum Waffenrecht, der dafür plädiert,
SPIEGEL: Empfinden Sie die Piraten als Be-    sich, so wie sie auch „bei den echten Frei- Sportschützen nicht „zu Sündenböcken
drohung oder als Chance für die parla-        beutern früher bekanntlich sehr beliebt für gesellschaftliche Probleme“ zu
mentarische Demokratie?                       waren“. Im freundlichen Wettkampf soll- machen. „Die Verschärfungen der Waf-
Leutheusser-Schnarrenberger: Sie verändern    te dann unter Aufsicht auf Zielscheiben fengesetze in den letzten Jahren dienten
die Art der Auseinandersetzung, nicht         geschossen werden. „Das knallt, stinkt vor allem dazu, Sicherheit vorzutäu-
nur zu Internetthemen. Das ist grundsätz-     und macht irre viel Spaß“, so der Ein- schen“, heißt es da. Eingebracht wurde
lich nicht schlecht.                          ladungstext.                                der Antrag von einem gewissen Ralf. Bei
SPIEGEL: Ist Liquid Democracy auch ein           Geknallt hat es dann tatsächlich. Und der AG Waffenrecht ist er nach eigenem
Instrument für die FDP?                       das noch vor dem „piratigen Vorder- Bekunden nur „passiver Beobachter“.
Leutheusser-Schnarrenberger: Nicht in der     laderschießen“. Ein Shitstorm von annä- Seinen Klarnamen wollte er nicht offen-
fundamentalen Form, wenn Liquid De-           hernd tausend Beiträgen brauste vergan- legen.
mocracy bedeutet, die repräsentative De-      genen Monat durch die Foren der Piraten.      „Dass de facto jeder anonym Anträge
mokratie mit gewählten Volksvertretern        Die Empörung, die sich Bahn brach, lag einbringen kann, ist eindeutig eine Schwä-
abzuschaffen und alles in die Hände der       dabei weniger an dem „pi-                                    che des Systems“, sagt
einzelnen Nutzer zu legen. Wenn es dar-       ratigen Schießen“ selbst,                                    Ulrich Müller, Vorstands-
um geht, mehr Menschen an demokrati-          sondern an den Versen-                                       mitglied beim Verein Lob-
schen Prozessen partizipieren zu lassen,      dern der Einladung: Hin-                                     bycontrol. Besonders beim
dann ist das wunderbar und auch etwas,        ter der Piraten-Arbeits-                                     Herzstück der Piraten,
was ich mir jenseits der Piratenpartei vor-   gemeinschaft Waffenrecht,                                    dem Liquid-Feedback-Pro-
stellen kann.                                 die zu den Pistolen rief,                                    gramm, ortet er „Klärungs-
SPIEGEL: Sie sind eines der Kabinettsmit-     stecken auch Waffenlob-                                      bedarf“: „Die Piraten soll-
glieder, die einen Twitter-Account einge-     byisten des Vereins Pro-                                     ten Klarnamen einführen
richtet haben. Twittern Sie selbst?           legal.                                                       oder die Computernutzer
Leutheusser-Schnarrenberger: Nein, das           Keine andere Partei in                                    ihre Interessen deklarie-
macht alles mein Büro. Wir twittern, um       Deutschland legt so hohe                                     ren.“
Informationen zu verbreiten, aber eher        Maßstäbe im Umgang mit                                          Doch so viel Transpa-
zurückhaltend.                                Lobbyverbänden an wie                                        renz ist in der selbster-
SPIEGEL: Ist es für Sie ein Zeichen von       die Piraten. Transparenz Logo der AG Waffenrecht             nannten Transparenzpar-
Modernität oder von Peinlichkeit, wenn        ist das Gebot, das die Par- „Piratiges Schießen“             tei nicht mehrheitsfähig.
Ihr Kabinettskollege Peter Altmaier           tei gern öffentlichkeits-                                    Fabio Reinhardt, Piraten-
(CDU) an einem Sonnabend twittert:            wirksam zur Schau stellt. Erst im Januar Abgeordneter in Berlin, sieht zwar durch-
„Der Anzug ist halt mein Blaumann.            wies die Berliner Piraten-Fraktion Frei- aus „Diskussionsbedarf“ wegen der Klar-
Aber heut ist Wochenende! :-)“. Oder          karten von Hertha BSC und der Berliner namen in Liquid Feedback. Doch dass die
eine Statusmeldung wie diese absetzt:         Philharmonie zurück.                        Partei von Lobbyisten gekapert werden
„Mach mich jetzt mal kurz vom Acker.             Doch nun zeigen ausgerechnet die könnte, glaubt er nicht: „Letztlich reinigt
Twitter-Duschen sind herrlich, aber ich       Freunde von Schießsport und Waffentech- sich das System von selbst.“
hab auch noch ’n geografischen Wahl-          nik, wie sich die parteieigene Mitmach-        Andere Funktionäre wollen von Lob-
kreis!“                                       Software der sogenannten Liquid Demo- bykontrolle noch weniger hören; den bür-
Leutheusser-Schnarrenberger: (lacht) Twit-    cracy für fremde Zwecke kapern lässt. gerlichen Namen offenzulegen gilt als
tern beinhaltet nun mal, dass es einen be-    Auf der Website der AG Waffenrecht, die Reizthema bei den Piraten. Klaus Peu-
stimmten, sehr persönlichen Stil gibt, um     von zumindest einem Prolegal-Mitglied kert, Beisitzer im Bundesvorstand und
die Leute zu erreichen. Das muss jeder        mitgegründet wurde, findet sich ein Flyer zuständig für Liquid Feedback, will an
selbst wissen. Ich möchte den Leuten          zum Download („Studien belegen, dass Programm und Prozeduren nichts än-
nicht mitteilen, ob ich mit einem rot-        legale Waffenbesitzer besonders rechts- dern: „Es ist letzten Endes egal, von wem
schwarzen Kostüm statt einem blau-gel-        treue Bürger mit verschwindend gerin- die Anträge tatsächlich kommen“, sagt
ben ins Wochenende gehe.                      gem Anteil an Strafdelikten sind“).         er. „Man muss die Partei und den Partei-
SPIEGEL: Frau Ministerin, wir danken Ih-         Auch Druckvorlagen für T-Shirts stellt tag überzeugen.“
nen für dieses Gespräch.                      die AG bereit. Das Logo der Piraten                                      ANDREAS MACHO

                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                          29
Deutschland




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Marktplatz im sächsischen Geithain: Im Mai standen sie wieder vor seinem Laden, zu zehnt, vermummt und mit Messern bewaffnet



                                                   RECHTSEXTREMISMUS




                  „Florian, wir kriegen dich“
                         Auf dem Land in Sachsen treiben Neonazis ungeniert
                      und ungestört ihr Unwesen. Wer sich dem alltäglichen Terror
                           entgegenstellt, wird eingeschüchtert und verfolgt.

Sachsen im Mai 2012. Zwei Männer über-          Krumbholz zog vor 19 Jahren mit ihrem recherchiert sie in rechtsextremen Inter-
fallen in Bautzen einen kolumbianischen      Ehemann aus Leipzig 40 Kilometer in den netforen und Blogs. Sie fährt auf Demon-
Austauschschüler, beleidigen ihn, treten     Südosten, nach Geithain. Die Kinder soll- strationen und hat die „Initiative für ein
auf ihn ein. In Hoyerswerda belagern         ten behütet aufwachsen. Ohne Krimina- weltoffenes Geithain“ gegründet.
Rechtsradikale das Büro einer Bundes-        lität, ohne Drogen, weit weg von den Ge-      Kerstin Krumbholz hat es sich zur Le-
tagsabgeordneten, zerschlagen die Schei-     fahren der Großstadt. Lutz Krumbholz bensaufgabe gemacht, gegen Neonazis zu
be und attackieren einen Mitarbeiter. In     arbeitet als Schornsteinfeger, Kerstin kämpfen. Es ist ein aussichtsloser Kampf
Limbach-Oberfrohna greifen Neonazis          Krumbholz erledigt im Betrieb die Buch- auf dem Land in Sachsen.
ein alternatives Bildungshaus an. Ein        haltung. Gemeinsam kümmerten sie sich         Sieben Monate sind vergangen, seit be-
Sprengsatz explodiert vor der Pizzeria       um die Erziehung der Kinder.                kannt wurde, dass deutsche Behörden
Bollywood in Geithain, sie gehört einem         Rechtsextremismus kannte Kerstin mehr als ein Jahrzehnt lang blind waren
Pakistaner.                                  Krumbholz nur aus den Nachrichten: bei den Taten der Zelle, die sich „Natio-
                                             wenn irgendwo in Deutschland Asylbe- nalsozialistischer Untergrund“ (NSU)
                                             werberheime brannten oder die NPD in nannte. Politiker beteuerten, genauer hin-


K
        erstin Krumbholz, 50, sitzt im       ein Landesparlament einzog. Mit ihrem sehen zu wollen. Doch nichts passiert.
        Wohnzimmer ihres Einfamilien-        eigenen Leben hatte das nichts zu tun.      „Was in Sachsen geschieht, ist ein Skan-
        hauses im Leipziger Land und            Bis ein Neonazi ihren Sohn schwer ver- dal“, sagt Hajo Funke, Politikwissen-
sagt: „So sieht die Hölle aus.“ Auf dem      letzte, beinahe tötete.                     schaftler aus Berlin. In keinem anderen
Tisch hat sie Zeitungsartikel über Neo-         Der Rechtsradikale überfiel Florian, da- Bundesland seien die Neonazis so domi-
nazis ausgebreitet, Flugblätter, Plakate –   mals 15 Jahre alt und Punk, im Mai 2010 nant, aber die Regierung weigere sich zu
Dokumente des täglichen rechtsex-            an einer Tankstelle. Er schlug ihm den handeln.
tremen Terrors in Sachsen. „Die Men-         Schädel ein. Florian lebt seitdem mit ei-     Im Bürgerhaus in Geithain treffen sich
schen in den Städten machen sich keine       ner Titanplatte im Kopf, aus Geithain zog Mitglieder der Initiative für ein weltoffe-
Vorstellung davon, was auf dem Land          er fort. Seine Mutter war bis zu dem An- nes Geithain. Kerstin Krumbholz hat Mo-
los ist.“                                    griff kein politischer Mensch. Doch nun hammad Sayal eingeladen, den Betreiber
30                                                D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
JENS PAUL TAUBERT
                                 Rechtsradikale Demonstranten in Geithain 2008: Die „Kameradschaften“ bauen ihre Macht aus

                                 der Pizzeria Bollywood, die am Wochen-      6000 Menschen in dem Ort. Der Markt- zialismus kann nicht gewählt oder erbet-
                                 ende zuvor überfallen wurde. Sayal er-      platz ist saniert, aber die Straßen sind telt werden. Er kann nur auf dem Weg
                                 zählt, wie er seit der Eröffnung des Re-    leer. Wer jung ist und Arbeit sucht, zieht der Revolution erkämpft werden.“ Tripp
                                 staurants vor fünf Monaten von Neonazis     nach Leipzig oder gleich in den Westen. ist ein Führungskader des „Freien Netzes“
                                 drangsaliert worden ist: In der ersten      Die etablierten Parteien zogen sich zu- (FN), eines Zusammenschlusses militanter
                                 Nacht schlugen sie ihm die Scheibe ein.     rück, die Rechtsextremen breiteten sich „Kameradschaften“ in Deutschland.
                                 Im Mai standen sie wieder vor seinem        aus, vor allem seit der Neonazi Manuel         Hervorgegangen ist das Freie Netz aus
                                 Laden, zu zehnt, vermummt und mit Mes-      Tripp 2009 für die NPD in den Stadtrat dem „Thüringer Heimatschutz“, einer
                                 sern bewaffnet. Sie traten gegen die Tür.   einzog.                                     Gruppe von Neonazis, der auch die NSU-
                                 Sie warfen einen Stein durchs Fenster und     Der 23-Jährige studiert Jura in Leip- Terroristen angehört hatten. In Sachsen
                                 brüllten: „Scheiß Ausländer, wir kriegen    zig und inszeniert sich als Kümmerer: wird das FN von Maik Scheffler ange-
                                 dich. Wenn du nicht von hier verschwin-     Über seine Homepage ist er für die Bür- führt, dem stellvertretenden Landesvor-
                                 dest, bringen wir dich um.“ Eine Woche      ger immer erreichbar. Er twittert über die sitzenden der NPD. Scheffler ist wegen
                                 später explodierte der Sprengsatz.          Stadtratssitzungen und gibt das „Geithai- gefährlicher Körperverletzung und uner-
                                    Die Morde des NSU blieben auch des-      ner Sprachrohr“ heraus, ein Lokalblatt laubten Waffenbesitzes vorbestraft.
                                 halb so lange unentdeckt, weil Behörden     mit Artikeln über den Ärztemangel in           Gemeinsam mit Tripp ist es ihm gelun-
                                 und Öffentlichkeit die Täter im Umfeld      Ostdeutschland oder das örtliche Schüt- gen, in der Region zwischen Chemnitz
                                 der Opfer vermuteten. Auch in Geithain      zenfest; er setzt sich für den Tierpark ein und Leipzig innerhalb weniger Jahre ge-
                                 behaupten viele, dass keine Rechtsextre-    und organisiert mit seinen Kameraden festigte neonazistische Strukturen zu
                                 men, sondern Landsleute Sayals hinter       Fußballturniere und Herbstlager, bei de- etablieren. Und die Kameradschaften
                                 dem Anschlag steckten: Es gehe um Geld-     nen die Teilnehmer in Militäruniform bauen ihre Macht aus. „Von Kadern des
                                 streitigkeiten, Familienfehden.             durchs Leipziger Land wandern.              Freien Netzes geht in Sachsen immer
                                    Geithain war bis kurz nach der Wende       Was ihn antreibt, zeigt sich bei anderen wieder Terror aus“, sagt Kerstin Köditz,
                                 eine Kreisstadt, in der Region wurde Koh-   Anlässen. Dann sagt er Sätze, die verfas- Rechtsextremismus-Expertin der sächsi-
                                 le gewonnen. Heute leben noch knapp         sungsfeindlich sind: „Der nationale So- schen Linken.
                                                                                                                            Bayern ist um ein Verbot des FN-Süd
                                                                                                                         bemüht. Doch ausgerechnet in dem Bun-
                                                                               DEUTSCHLAND                               desland, in dem sich das NSU-Trio mehr
                                                                                                                         als zehn Jahre lang verstecken konnte,
                                                                                                                         ist die Regierung zurückhaltend. Sachsens
                                                                                  Leipzig Geithain                       Innenminister Markus Ulbig (CDU) be-
                                                                                                      Sachsen
                                                                                             Colditz                     wertet das Freie Netz lediglich als „In-
                                                                                                       Dresden           ternetportal“, als eine Art Facebook für
MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL




                                                                                                                         Nazis. Sachsen habe kein signifikantes
                                                                                            Chemnitz                     Problem mit Rechtsradikalismus, sagt Mi-
                                                                                                               40 km     nisterpräsident Stanislaw Tillich (CDU).
                                                                                                                            Während im Geithainer „Bürgerhaus“
                                  Geithainerin                                                                           Kerstin Krumbholz und ihre Mitstreiter
                                  Krumbholz                                                          TSCHECHIEN          über rechtsradikale Gewalt diskutieren,
                                                                                                                         versammeln sich vor der Total-Tankstelle
                                                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                        31
Deutschland

am Ortseingang junge Männer. Sie lassen ren wurden Dienststellen geschlossen und            Nur noch wenige Menschen wagen es,
ihre Wagen aufheulen, hören lauten Reviere zusammengelegt, die Polizeire- sich den Neonazis entgegenzustemmen.
Rechtsrock, trinken Bier. Im Laufe des form des sächsischen Innenministeriums Uwe L., ein Elektrohändler, hat es ver-
Abends kommen Kameraden hinzu. Man- sieht weitere Einsparungen vor. Ermitt- sucht. Er gründete in Colditz ein „Bünd-
che heben die Hand zum Hitlergruß. lungsakten des sächsischen Landeskrimi- nis gegen Rechts“ und organisierte Kon-
Wenn Kunden sie für einen Moment zu nalamts dokumentieren die Resignation zerte. Doch die Neonazis griffen mehr-
lange anstarren, brüllen sie: „Scheiß Ju- und Gleichgültigkeit der Beamten.               mals seinen Laden an, schlugen die
densau, ich knall dich ab.“                    Beschrieben wird der Anschlag, den Scheiben ein, beschmierten die Wände,
   An der Mittelschule in Geithain gelten rechtsextreme Gewalttäter vor vier Jah- beschädigten sein Auto, bedrohten seine
die Rechtsextremen als die Coolen, die ren auf ein Geschäftshaus in Colditz, ei- Söhne. Der Mann gab auf. „Ich hätte das
Rebellen. Jugendliche, die sich den Neo- nem Nachbarort Geithains, verübten. Die finanziell und psychisch nicht durchge-
nazis verweigern, werden auf dem Schul- Abschrift des Polizeinotrufs zeigt, dass standen“, sagt er.
hof mit „Heil Hitler“ oder „Verpiss dich, bereits am späten Nachmittag Anrufe be-           Auch in Colditz sitzt die NPD im Stadt-
Kanake“ begrüßt. Auf Klassenfahrten ma- sorgter Bürger bei der Polizeidirektion rat, Rechtsradikale engagieren sich im
len sich manche Mädchen mit Sonnen- Westsachsen eingingen. Bis zum Abend Förderverein der Mittelschule, im Fuß-
creme Hakenkreuze auf die Haut.             waren es mehr als ein Dutzend.                ballverein, im Kanuverein. Den Jugend-
   Wer sich der Ideologie widersetzt, wird     19.49 Uhr. Eine Anruferin: „Auf dem club der Stadt führt der Sohn des Bür-
eingeschüchtert und verfolgt. Nach einer Sophienplatz in Colditz geht jetzt gleich germeisters gemeinsam mit einem be-
Lesung von Günter Wallraff im April was los hier.“ „Was geht ’n da los?“ „Die kannten Neonazi. Zu Kindergartenfesten
schmierten Neonazis Parolen auf die Stra- Maskierten sind ja alle hier unten.“ „Ja erscheinen Eltern in T-Shirts mit der Auf-
ße vor dem Bürgerhaus, „Wallraffe nach und?“ „Die treten hier unten alles ein.“ schrift „Eisenbahnromantik Auschwitz“.
Afrika“, und sie bedrohten die Bürger-         19.51 Uhr. Ein Anrufer: „In Colditz auf Frank Hammer von der Mobilen Bera-
meisterin und einen Politiker der Links- dem Sophienplatz stehen über 50 ver- tung gegen Rechtsradikalismus in Sach-
partei. Der Pfarrer wandte                                                                             sen sagt: „Es ist ruhig in der
sich in einem offenen Brief                                                                            Region. Aber nur, weil die
gegen die Rechtsextremen.                                                                              Neonazis hier inzwischen al-
Am folgenden Tag waren die                                                                             les kontrollieren.“
Wände seiner Kirche mit                                                                                   Als Geithain im Juni vori-
Graffiti überzogen.                                                                                    gen Jahres sein 825-jähriges
   Die Neonazis veröffentli-                                                                           Bestehen feierte, genehmigte
chen Fotos, Namen und                                                                                  Bürgermeisterin Romy Bauer
Adressen ihrer Gegner im In-                                                                          (CDU) einen Stand der Neo-
ternet. In einem Schreiben                                                                             nazis. Tripp und seine Kame-
der „Anti-Antifa“ an Geithai-                                                                          raden verteilten Kuchen, bau-
ner Linke heißt es, diese                                                                              ten ein Glücksrad auf und lie-
müssten mit „Erziehungs-                                                                               fen beim Umzug in der ersten
maßnahmen, Hausbesuchen                                                                                Reihe. Hätte sie die Genehmi-
und Autobeschädigungen“                                                                                gung verweigert, sagt Bauer,
rechnen. Auch den Angriff                                                                              wäre es auf dem Fest womög-
auf Florian Krumbholz hat-                                                                             lich zu Gewalttaten gekom-
ten die Neonazis im Internet                                                                           men. An einer Anti-rechts-
angekündigt. In einem Video                                                                            Demonstration der Initiative
riefen sie zur Gewalt gegen                                                                            für ein weltoffenes Geithain
ihn auf: „Rote haben Namen,                                                                            nahm sie nicht teil.
Rote haben Adressen. Auf-                                                                                 Menschen, die sich in Sach-
marschieren und Stärke de- Homepage des NPD-Politikers Tripp: In Uniform durchs Leipziger Land sen gegen Rechtsradikalismus
monstrieren.“ Wenige Wo-                                                                               engagieren, klagen über man-
chen vor der Tat, am Karfreitag 2010, be- mummte Gestalten.“ „Und warum rufen gelnde Unterstützung. Kerstin Krumb-
sprühten Neonazis die Garage der Fami- Sie an?“ „Weil diese Gestalten unten ge- holz tut sich schwer, Mitstreiter für ihre
lie Krumbholz. „Rotfront verrecke“ und gen ein Haus treten, schlagen, Sprengkör- Initiative zu gewinnen, derzeit sind es
„Florian, wir kriegen dich“.                per werfen.“                                  nur acht. Als sie im vergangenen Jahr ein
   Der Überfall an der Tankstelle dauerte      20.04 Uhr. Eine Anruferin: „Die haben Fest gegen Rechtsradikalismus feierten,
nur wenige Sekunden. Auf dem Über- beim Sophienplatz alles eingeschlagen. hätten sie keine Bäckerei in Geithain ge-
wachungsvideo ist zu sehen, wie der Tä- Und die wollten auch hier oben beim Ju- funden, die ihnen Kuchen verkaufen woll-
ter Florian mit dem Fuß gegen die Brust gendclub irgendwas anstecken. Habe ich te, erzählt Krumbholz.
tritt, dann drischt er ihm mit der Faust mitgehört.“ „Also wenn Sie Beschädigun-            Nach der Sitzung ihrer Initiative steht
auf die Stirn. Der Angreifer, Albert R., gen festgestellt haben, können Sie jeder- sie auf der Straße vor dem Bürgerhaus in
kam in erster Instanz trotz einschlägiger zeit zur Anzeige aufs Polizeirevier gehen.“ Geithain und zündet sich mit zittriger
Vorstrafen mit einer Bewährungsstrafe          20.43 Uhr. Eine Anruferin: „Ich habe Hand eine Zigarette an. Noch immer ver-
davon, in zweiter Instanz fiel das Urteil vorhin angerufen, ich brauche die Polizei folgen sie die Erinnerungen an den An-
härter aus.                                 hier. Wir haben schon vorhin gesagt, schi- griff auf ihren Sohn. Bis heute habe sie
   Albert R. aber wird unterdessen bereits cken Sie jemanden.“ „Ja, aber wenn ich keiner ihrer Nachbarn darauf angespro-
die nächste Tat zur Last gelegt: Gemein- keine habe.“ „Bitte, bitte schicken Sie je- chen. Kein Wort des Mitleids, kein Wort
sam mit zwei Kameraden überfiel er eine manden.“                                          des Bedauerns. Die Geithainer täten so,
Gruppe junger Männer. Sie sprühten ih-         20.44 Uhr. Ein Anrufer: „Die haben als hätte es den Überfall nie gegeben.
nen Reizgas ins Gesicht, R. prügelte mit schon viermal die Scheibe eingedroschen.“          Krumbholz wischt sich Tränen aus dem
einer Bierflasche auf ein Opfer ein.        „Und was soll ich da jetzt machen? Soll Gesicht. „Müssen erst Menschen sterben,
   Viele Bürger fühlen sich von der Polizei ich mich jetzt dahin vor die Scheibe stellen, bevor sich hier etwas ändert?“
alleingelassen. In den vergangenen Jah- oder wie haben Sie sich das gedacht?“                                         MAXIMILIAN POPP

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gang Nešković, Justitiar der Linken-Bun-
                                                                                                                                  destagsfraktion, kritisiert: „Eine zentrale
                                                                                                                                  Staatsanwaltschaft für Soldaten schafft
                                                                                                                                  gefährliche Nähe zwischen Justiz und
                                                                                                                                  Bundeswehr.“
                                                                                                                                     Gegner des Gesetzesvorhabens können
                                                                                                                                  sich auf Erfahrungen aus Ländern wie
                                                                                                                                  den USA berufen. Dort werden Soldaten
                                                                                                                                  vor Militärgerichte gestellt. Die Bilanz
                                                                                                                                  der vergangenen Jahre ist erschreckend.
                                                                                                                                  Zu oft kommen Soldaten mit lächerlichen
                                                                                                                                  Strafen davon.
                                                                                                                                     Erst in diesem Jahr wurde der Ameri-
                                                                                                                                  kaner Frank Wuterich verurteilt. Er hatte




                                                                                          SEBASTIAN WIDMANN / DDP IMAGES / DAPD
                                                                                                                                  2005 im irakischen Haditha ein Massaker
                                                                                                                                  zu verantworten, bei dem 24 Menschen
                                                                                                                                  starben, darunter Frauen und Kinder. Die
                                                                                                                                  Strafe stand in keinem Verhältnis zu der
                                                                                                                                  Tat. Wegen „Dienstpflichtverletzung“
                                                                                                                                  wurde er degradiert, sein Sold gekürzt.
                                                                                                                                     In Deutschland besteht seit 1956 prin-
                                                         Deutsche Soldaten bei Kunduz                                             zipiell die Möglichkeit, eine Wehrstraf-
                                                                                                                                  gerichtsbarkeit einzuführen. Damals er-
                                                                                                                                  gänzte man das Grundgesetz entspre-
                                              Geht es nach dem Willen der schwarz-                                                chend. Doch umgesetzt wurde diese
        RECHTSPRECHUNG                     gelben Koalition, soll sich ein derartiger                                             Option nie. Zu groß war die Angst vor
                                           Fall nicht wiederholen. Ende Juni wird                                                 öffentlicher Kritik.

Gefährliche Nähe                           der Bundestag ein entsprechendes Gesetz
                                           verabschieden. Künftig ist für alle Straf-
                                           taten, die deutsche Soldaten im Auslands-
                                                                                                                                     Und so machten sich Juristen im
                                                                                                                                  Bundesjustizministerium heimlich daran,
                                                                                                                                  eine eigenständige Militärjustiz zu pla-
  Die Koalition plant eine Spezial- einsatz begehen, die Staatsanwaltschaft                                                       nen. Die Gesetzesentwürfe blieben in
       staatsanwaltschaft für die          Kempten im Allgäu zuständig. Wer als                                                   den Schubladen. Mit der Ausbildung
   Bundeswehr. Kritiker fürchten           Bundeswehrsoldat am Horn von Afrika                                                    begann man schon mal. Etwa 900
                                           einen Computer klaut oder im Kosovo                                                    Militärjuristen in spe flogen bis nach
       die Wiedereinführung der            irrtümlich Kinder erschießt, soll in Zu-                                               Sardinien oder Kreta, um dort in simu-
  Militärjustiz durch die Hintertür. kunft immer von den Ermittlern der zen-                                                      lierten Gerichtsverhandlungen zu üben.
                                           tralen Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur                                               Als diese heimlichen Kriegsspiele 1984


D
          er dunkle Wagen macht eine Voll- Rechenschaft gezogen werden.                                                           publik wurden, war der Spuk zu Ende.
         bremsung, Staub wirbelt auf, we-     Jörg van Essen, der Parlamentarische                                                   Die neue Schwerpunktstaatsanwalt-
         nige Meter vor den Kameraden Geschäftsführer der FDP, hatte das Vor-                                                     schaft in Kempten hat mit solchen Plänen
kommt er zum Stehen. Schüsse fallen. haben nach den tödlichen Schüssen im                                                         nur wenig zu tun. Die Juristen im Allgäu
Der Wagen gibt wieder Gas. Der Soldat August 2008 vorangetrieben. Der Soldat                                                      sind Zivilisten. Sie tragen keine Uniform
entsichert sein Maschinengewehr, dann habe einen Anspruch darauf, „dass sich                                                      unter der Robe. Der Jurist und Historiker
drückt er ab.                              sachkundige Juristen mit seinem Fall be-                                               Helmut Kramer befürchtet dennoch die
   Eine Frau und zwei Kinder sterben. fassen“, sagt der frühere Oberstaats-                                                       Wiedereinführung der Militärjustiz „durch
Der Soldat hielt sie für Feinde. Er konnte anwalt und Oberst der Reserve.                                                         die Hintertür“.
nicht erkennen, wer in dem Wagen saß.         Doch warum sollen Soldaten juristisch                                                  Mit der beabsichtigten Verfahrenskon-
Es war dunkel und die Lage unübersicht- bevorzugt werden? Er sei „sehr skep-                                                      zentration auf wenige, im Ergebnis hand-
lich. In jenem August 2008 tötete ein Bun- tisch“, sagt Omid Nouripour, der vertei-                                               verlesene Juristen werde „dasselbe Ziel
deswehrsoldat zum ersten Mal afghani- digungspolitische Sprecher der Grünen,                                                      erreicht wie mit einer echten Bundes-
sche Zivilisten. Irrtümlich.               denn eine Zentralisierung der Justiz kön-                                              wehrjustiz“. Die Unabhängigkeit der
   Es kam, wie es die deutsche Rechtsord- ne zu einer Sonderrechtsprechung füh-                                                   Richter in Deutschland sei schließlich vor
nung bis heute vorsieht. Weil Bundes- ren. Und der frühere Bundesrichter Wolf-                                                    allem dem Nebeneinander der vielen Ge-
wehrsoldaten auch im Auslandseinsatz                                                                                              richte und Richter zu verdanken.
dem deutschen Strafrecht unterliegen,                                                                                                Auch der Militärhistoriker Wolfram
nahm in Frankfurt (Oder), beim Heimat-                                                                                            Wette befürchtet, dass nun gezielt Staats-
standort des Schützen, eine Staatsanwäl-                                                                                          anwälte eingesetzt werden könnten, die
tin die Ermittlungen auf. Den Tatort, Tau-                                                                                        militärnah seien. „Hier werden die Leh-
sende Kilometer entfernt, konnte sie sich                                                                                         ren aus der Geschichte vergessen.“ Die
                                                                                          SÖREN STACHE / PICTURE ALLIANCE / DPA




nur auf Bildern ansehen, Ermittlungen                                                                                             beiden Historiker haben das blutige Un-
vor Ort waren nicht möglich, man ver-                                                                                             recht der Militärjustiz zur Zeit des Natio-
suchte, den Tathergang auf dem Truppen-                                                                                           nalsozialismus in zahlreichen Studien auf-
übungsplatz Hammelburg nachzustellen.                                                                                             gearbeitet.
Nach knapp neun Monaten wurde das                                                                                                    Sie mahnen, die Geschichte der Wehr-
Verfahren eingestellt.                                                                                                            machtjuristen nicht zu vergessen, die
   Die Staatsanwältin könne die Situation                                                                                         Deutschland noch lange nach dem Zwei-
eines Soldaten im Auslandseinsatz nicht                                                                                           ten Weltkrieg beschäftigten. So musste
beurteilen, kritisierte damals der Bundes- FDP-Politiker van Essen                                                                1978 Hans Filbinger als baden-württem-
wehrverband.                               „Anspruch auf sachkundige Juristen“                                                    bergischer Ministerpräsident zurücktre-
                                                 D E R    S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                                                   33
Deutschland

ten, nachdem bekannt wurde, dass er
kurz vor Kriegsende als Marinerichter an
Todesurteilen gegen Deserteure beteiligt
gewesen war. „Furchtbare Juristen“ wie
Filbinger hatten im Krieg insgesamt
30 000 Todesurteile verhängt.
   Selbst die schärfsten Kritiker des ge-
planten Gesetzes befürchten nicht, dass
in Kempten die unselige deutsche Militär-
justiz wiederbelebt wird, aber sie verwei-
sen auf das Jahr 2009. Damals lehnte der
CDU-Verteidigungsminister Franz Josef
Jung einen Richter für den 2. Wehrdienst-
senat des Bundesverwaltungsgerichts ab.
Dieser war Wehrdienstverweigerer gewe-
sen. Den Job bekam dann ein Jurist, der
brav gedient hatte.                           M. LAEMMERER/HELGA LADE
   Das Gesetz, das dem Minister die um-
strittene Intervention ermöglichte, ist in-
zwischen abgeschafft. Die Versuche der
Einflussnahme sind es nicht.
   Ursprünglich sollte die Schwerpunkt-
staatsanwaltschaft in Potsdam angesiedelt
werden. Nachdem dort eine rot-rote                                      Flughafen München, Frachtkontrolle: „Ob Mehl, Marzipan, Schokolade oder Sprengstoff, kein
Landesregierung die Macht übernommen
hatte und die Linke den Justizminister
stellte, suchte die Bundesregierung plötz-
lich einen anderen Standort – erst Leipzig,                                                                       SICHERHEIT
schließlich Kempten. Dort also, wo CSU-
Mehrheiten sicher scheinen.
   „Die Justizminister haben ein direktes
Weisungsrecht an die Staatsanwaltschaf-
ten. Mit der Verlegung nach Bayern hat
                                                                                            Gift fürs Geschäft
die Politik für die Bundeswehr ein güns-                                  So genau der Fluggast geprüft wird, so lax sind die Kontrollen
tiges Entscheidungsumfeld geschaffen“,                                         im Laderaum. Die Bundespolizei will die Luftfracht
sagt der linke Rechtsexperte Nešković.
   Doch auch ohne die Verlegung nach                                       schärfer überwachen – das Finanzministerium lieber sparen.
Bayern wird die kontinuierliche Zusam-


                                                                        A
menarbeit zwischen den Kemptener Er-                                            m Mittwoch ging es mal wieder               Deutschland fliegt in Passagiermaschinen
mittlern und den Rechtsberatern der                                             um alles. Die nationale Sicherheit.         mit. Doch in der Praxis hat sich einein-
Bundeswehr für eine Vertrautheit sorgen,                                        Und ihre Bedrohung durch einen              halb Jahre später wenig verändert.
die problematisch ist. Denn im Gegensatz                                Plastikbeutel.                                         Die meisten Pakete gehen ohne Kon-
zu Schwerpunktstaatsanwaltschaften wie                                     Am Hamburger Flughafen stand ein äl-             trolle auf den Luftweg. Stichproben die-
etwa für Wirtschaftskriminalität werden                                 terer Herr an der Handgepäckkontrolle               nen mehr der Beruhigung als der Sicher-
sich die Ermittler stets mit derselben In-                              und musste Shampoofläschchen und                    heit. Und selbst um diese sporadische
stitution befassen: der Bundeswehr. Zwei                                Zahnpastatube vorzeigen. Die hatte er in            Überwachung ist ein heftiger Streit in der
bis drei Staatsanwälte aus Kempten wer-                                 eine Tüte gesteckt, durchsichtig, aber nicht        Bundesregierung entbrannt. Das Innen-
den immer wieder mit denselben Juristen                                 wiederverschließbar. Die Wahrscheinlich-            ministerium möchte bei der Transfer-
der Bundeswehr zu tun haben. Bei 50 Fäl-                                keit, dass der Mann ein Terrorist war, ging         fracht aus Nicht-EU-Ländern häufiger
len, die pro Jahr erwartet werden, wird                                 gegen null Komma nichts. Trotzdem muss-             kontrollieren, mit mehr Sprengstoffspür-
man sich wohl bald gut kennen.                                          te er aus dem Automaten einen anderen               hunden, mehr Technik. Doch das Finanz-
   Der Deutsche Anwaltverein hält eine                                  Beutel ziehen, genormt, ein Liter, mit              ministerium hat den Katalog zusammen-
Sonderbehandlung der Bundeswehr für                                     Zipp-Verschluss. Denn Vorschriften sind             gestrichen – sonst koste es zu viel.
überflüssig: „Spezialkenntnisse in recht-                               Vorschriften, und die für die Passagier-               Die Kassenwarte setzen darauf, dass
licher und tatsächlicher Hinsicht werden                                sicherheit sind streng bis zur Absurdität.          dank einer EU-Regelung 2014 ohnehin al-
allen Gerichten in den unterschiedlichs-                                   An anderer Stelle wird dagegen nicht             les besser wird. Die Bundespolizei aber
ten Verfahren zugemutet“, schreiben die                                 so genau hingeschaut – oder ganz wegge-             erwartet davon nicht viel: „Eine hundert-
Juristen in einer Stellungnahme.                                        schaut. Während die Fluggastkontrolleure            prozentige Kontrolle von Luftfracht ist
   In Kempten freuen sie sich über die                                  nichts und niemanden ungeprüft in den               nicht geplant.“
zusätzliche Arbeit. Und die Bundeswehr,                                 Jet lassen dürfen, geht es beim Zugang                 Der Alltag auf deutschen Flughäfen
sonst eher verschlossen und zugeknöpft,                                 zum Frachtraum der Maschinen lax zu.                sieht aus wie in Halle 174 des Hamburger
empfängt die Ermittler mit offenen Ar-                                     Dass im Oktober 2010 eine Paketbom-              Flughafen-Frachthofs: Kartons, Holzkis-
men. Die Staatsanwälte werden bei der                                   be gefunden wurde, die aus dem Jemen                ten, Metallboxen sind auf Paletten gesta-
Bundeswehr gemeinsam mit Soldaten in                                    in Europa gelandet war, hat einige Auf-             pelt. Die Mitarbeiter der Luft-Hafen-Um-
Seminaren für Rechtsberater ausgebildet.                                regung ausgelöst. Damals wurde vielen               schlag KG (LHU) schauen kurz nach, ob
Und eine Besichtigung des Einsatzfüh-                                   Ferien- und Geschäftsfliegern klar, wie             die Pakete ordentlich verpackt sind. Dann
rungskommandos bei Potsdam gab es                                       schnell es ihnen passieren könnte, auf ei-          fahren Gabelstapler die Paletten zu einer
auch schon.                                                             ner Bombe zu sitzen – rund die Hälfte               Passagiermaschine, die nach Dubai geht.
                            ULRIKE DEMMER                               der 4,4 Millionen Tonnen Luftfracht in              Sicherheits-Check? Mal wieder keiner.
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das im Ausland zuverlässig kontrolliert
                                                                                                                              werden soll, ist jedoch unklar.
                                                                                                                                 Der Verdacht, dass die Risiken damit
                                                                                                                              unkalkulierbar wachsen, führt in Deutsch-
                                                                                                                              land nun zum Streit zwischen Innen- und
                                                                                                                              Finanzministerium. Nach dem Schock
                                                                                                                              über die Jemen-Bombe hatte die Regie-
                                                                                                                              rung eine interministerielle Arbeitsgrup-
                                                                                                                              pe eingesetzt. Die sollte auch Vorschläge
                                                                                                                              für die Bundespolizei machen.
                                                                                                                                 Bis dahin hatte sich der Zoll um die
                                                                                                                              Fracht gekümmert, allerdings weniger
                                                                                                                              nach Sprengstoff gesucht, mehr nach
                                                                                                                              Rauschgift. Das, fand das Innenministe-
                                                                                                                              rium, reichte nun nicht mehr.
                                                                                                                                 Schnell einigen konnte man sich noch




                                                                                              GREGOR SCHLÄGER / DER SPIEGEL
                                                                                                                              darauf, dass die Bundespolizei 57 Berater
                                                                                                                              in Risikostaaten schickt, die auf die Stan-
                                                                                                                              dards beim Versand nach Deutschland
                                                                                                                              achten sollen. 2011 kamen aus solchen
                                                                                                                              Ländern rund 960 Tonnen Luftfracht; die
                                                                                                                              ersten zwei Beamten werden im Sommer
                                                                                                                              nach Abu Dhabi und Nairobi gehen.
Unterschied“                                                                                                                     Weit schwerer tat sich das Innenressort
                                                                                                                              aber mit dem Wunsch, dass Bundespoli-
      Von den 27 500 Tonnen Fracht, die je-     sicher. Sprengstoffe sind auf diese Weise                                     zisten Fracht auf deutschen Flughäfen
   des Jahr an Hamburgs Airport umgeschla-      kaum zu erkennen. „Ob Mehl, Marzipan,                                         überprüfen. Die Truppe will sich mit dem
   gen werden, laufen gerade 20 Prozent         Schokolade oder Sprengstoff, kein Unter-                                      Zoll speziell die Transfergüter vornehmen,
   durch eine der drei Röntgenanlagen. Bun-     schied“, heißt es im Handbuch für die                                         die in Deutschland umgeladen werden –
   desweit liegt die Quote nur bei 10 bis 15    Hamburger Anlage. Auf dem Überwa-                                             wie das Bombenpaket aus dem Jemen.
   Prozent. Die Wirtschaft fordert Tempo.       chungsbildschirm sehen alle Stoffe gleich                                        Geplant sind zwar nur Stichproben.
   Langwierige Kontrollen wären Gift für        aus – orange. Deshalb konzentrieren sich                                      „Sonst würden wir hier den ganzen Flug-
   ein Geschäft, auf das alle angewiesen        die Prüfer auf andere Teile einer mögli-                                      betrieb lahmlegen“, sagt eine Zollbeam-
   sind: Fluggesellschaften, Speditionen, die   chen Bombe: „Kabel, Batterie, Zünder“,                                        tin am Frankfurter Flughafen. Doch im-
   deutschen Exportfirmen.                      zählt LHU-Sicherheitsexperte Ingo Aß-                                         merhin: Wäre es nach der Bundespolizei
      Aus Sicht der Wirtschaft wird genug       mann auf. Nur wenn seine Leute auf et-                                        gegangen, hätte sie sich nicht mehr auf
   kontrolliert – der Großteil der Absender     was stoßen, das nach solchen Bauteilen                                        die drei großen Frachtdrehscheiben
   sei doch bekannt, das Risiko gering. Rönt-   aussieht, ziehen sie das Paket heraus, neh-                                   Frankfurt, Köln/Bonn und Leipzig/Halle
   gen müsse man die Pakete normalerweise       men eine Wischprobe und überprüfen die-                                       beschränkt. Sie wollte an 14 Flughäfen
   nur, wenn man nicht so genau wisse, von      se mit einem Sprengstoffspurendetektor.                                       ausschwärmen. So steht es in einem in-
   wem sie kommen.                                 Dass man sich auf diese Methode nicht                                      ternen Memo des Innenministeriums. Da-
      Tatsächlich ließen sich in den vergan-    verlassen kann, zeigten die Bomben aus                                        für wären aber „weitere Sachmittel erfor-
   genen Jahren rund 65 000 Firmen etwa         dem Jemen. Sie steckten in Druckern vol-                                      derlich“, mehr Sprengstoffspürhunde und
   bei Speditionen oder Luftfahrtgesellschaf-   ler elektronischer Bauteile; in einem Fall                                    -detektionsgeräte, „die derzeit weder bei
   ten als „Bekannte Versender“ registrie-      passierte der Sprengsatz unerkannt eine                                       der Bundespolizei noch beim Zoll in aus-
   ren, um ihre Pakete ohne Kontrollen in       Röntgenkontrolle. Entdeckt wurde eine                                         reichender Zahl vorhanden sind“.
   die Flieger zu bekommen.                     der Jemen-Bomben erst auf dem engli-                                             Für das Finanzministerium unnötige
      Bekannt, wie die Bezeichnung vermu-       schen Flughafen East Midlands, nahe Not-                                      Ausgaben. Mehr Hunde, mehr Technik,
   ten lässt, sind viele „Bekannte Versender“   tingham, nach einem Zwischenstopp in                                          mehr Geld? Die Menge an hochriskanter
   allerdings nicht. Kaum jemand überprüfte     Köln/Bonn. Und das auch nur dank eines                                        Fracht sei „nach hiesiger Kenntnis mini-
   sie genau, gern glaubte man ihren Ver-       Tipps, den saudi-arabische Sicherheitsbe-                                     mal“, der geplante Aufwand viel zu hoch,
   sprechen, stets die Waren so bei der Spe-    hörden gegeben hatten. Selbst mit diesem                                      heißt es in einem Schreiben.
   dition abzuliefern, dass kein Fremder die    Hinweis dauerte es aber noch Stunden,                                            Dem Finanzministerium reichen die
   Chance hatte, etwas hineinzuschmuggeln.      bis Sicherheitskräfte die Bombe tatsäch-                                      Stichproben der Bundespolizei auf den
      Mit dieser Gutgläubigkeit ist immerhin    lich aufspüren konnten.                                                       drei größten Flughäfen aus. Von den ge-
   Schluss, allerdings erst im kommenden           Besser geeignet wären Sprengstoffde-                                       forderten 16,4 Millionen für Ausrüstung
   März: Dann wird die Liste gelöscht. Alle     tektoren, wie sie beim Handgepäck zum                                         sollen deshalb nur 6,1 Millionen fließen.
   Firmen müssen einen neuen Antrag stel-       Einsatz kommen. Doch Geräte, die so                                           Selbst deren Bewilligung hängt aber noch
   len, diesmal beim Luftfahrtbundesamt.        groß sind, dass man ganze Frachtpaletten                                      fest, im Haushaltsausschuss des Bundes-
   Das will sich genau anschauen, ob die        hindurchschieben könnte, gibt es nicht.                                       tags. Die Abgeordneten wollen erst per
   Lieferkette so sicher ist wie behauptet,        Umso kritischer sehen Experten der                                         Gesetz geklärt haben, wer künftig für die
   und deutlich höhere Standards verlangen.     Bundespolizei, dass sich die EU ab Juli                                       Kontrollen zuständig ist: der Zoll oder
   Bis jetzt haben erst 264 Firmen das Zerti-   2014 weiterhin auch bei Paketen aus Nicht-                                    die Bundespolizei.
   fikat bekommen. Weil ab März die Pake-       Mitgliedstaaten in erster Linie auf Kon-                                         Die Sache steht auf Wiedervorlage,
   te aller ungeprüften Versender geröntgt      trollen anderer verlässt: der ausländischen                                   nach einer Evaluation im Herbst. Viel-
   werden müssen, erwarten Experten ein         Flughäfen, der Airlines und der Versender,                                    leicht aber auch schon früher. Wenn es
   Chaos auf den Flughäfen.                     die Pakete auf die Reise schicken. Die sol-                                   doch nicht gutgegangen ist.
      Die Röntgengeräte machen den Luft-        len die Fracht checken und sich dafür von                                             MATTHIAS BARTSCH, JÜRGEN DAHLKAMP,
   versand vermutlich sicherer – aber nicht     den Europäern zertifizieren lassen. Wie                                                                      HUBERT GUDE

                                                      D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                                           35
Deutschland




                                                                E S S AY




                            Steinzeit-Ökologen
                             Warum das Klima nur mit mehr Wachstum zu retten ist
                                         Von Alexander Neubacher



D
        ie Steinzeit ist nicht aus Mangel an Steinen zu Ende wir Menschen noch immer mit nacktem Hintern in einer Höhle
        gegangen. Vor rund 5000 Jahren kam einer unserer Vor- im Neandertal und schlügen unserem Kind den zufällig aufge-
        fahren auf die Idee, Kupfer und Zinn zu verschmelzen; lesenen Feuerstein aus der Hand. Nicht, dass es sich verbrennt.
das war’s dann für die Steinzeit, die Bronze-Ära brach an.             Und dann gibt es da noch das Nachhaltigkeitsprinzip. Es fin-
   Daran sollten wir denken, wenn uns nächste Woche die det sich ebenfalls im Protokoll der ersten Rio-Konferenz und
melodramatischen Appelle aus Rio de Janeiro erreichen, die hat eine nicht minder beeindruckende Karriere als das Vorsor-
Horrorstorys vom Ende des Ölzeitalters, die Legende von den geprinzip gemacht. Alles muss heute irgendwie nachhaltig sein,
Grenzen des Wachstums, die apokalyptischen Schilderungen unsere Ernährung, unser Einkaufsverhalten und sogar unsere
der drohenden Klimakatastrophe.                                                                Banken wie die Hypo Real Estate,
Also: Die Steinzeit ging nicht zu                                                              die sich in ihrem Geschäftsbericht
Ende, weil alle Steine aufgebraucht                                                            unter der Überschrift „Nachhaltig-
waren; die Ära der Pferdefuhrwer-                                                              keit“ dazu bekannte, „Verantwor-
ke war nicht vorbei, weil plötzlich                                                            tung gegenüber der Gesellschaft zu
die Gäule ausstarben. Und so dürf-                                                             übernehmen“, und zwar just in je-
te auch das Zeitalter der fossilen                                                             nem Jahr, in dem sie vom Steuer-
Brennstoffe nicht wegen zu wenig                                                               zahler mit einem Milliardenbetrag
Öl, Gas und Kohle zu Ende gehen,                                                               gerettet werden musste.
sondern dadurch, dass den Men-                                                                    Das Problem ist, dass der Vorsor-
schen etwas Neues, Besseres einfällt.                                                          ge- und der Nachhaltkeitsgedanke
                                                                                           GERARDO GARCIA / REUTERS
   Die Welt hat ein Klimaproblem.                                                              nicht auf der ganzen Welt geteilt
Darüber besteht Einigkeit, ebenso                                                              werden, insbesondere nicht in jenen
darüber, dass es nur durch weltweite                                                           Ländern, auf die es jetzt ankommt.
Zusammenarbeit gelingen wird, es                                                               Chinesen, Inder und Brasilianer gie-
zu lösen. Weil sich die klimaschäd-                                                            ren nach Wachstum und Fortschritt.
lichen Kohlendioxid-Moleküle aus                                                               Während die EU demnächst alle
den fossilen Brennstoffen gleichmä-                Umweltaktivisten in Cancún 2010             Gefriertruhen vom Markt drängen
ßig über den Globus verteilen, spielt                                                          will, die nicht das neueste Ökosiegel
es keine Rolle, wer sie in die Luft                    Zur Leitschnur                          tragen, wären viele Menschen in
bläst. 20 000 Politiker, Funktionäre                                                           den Entwicklungs- und Schwellen-
und Öko-Aktivisten aus der ganzen              unseres Handelns wird der                       ländern froh, wenn sie überhaupt
Welt werden deshalb nächste Woche                   Besorgnisgrundsatz.                        einen Kühlschrank besäßen.
zum Weltgipfel nach Brasilien reisen,                                                             Die erste fundamentale Fehlein-
an sich keine schlechte Sache.                                                                 schätzung der Steinzeit-Ökologen
   Das Problem bei der globalen Umweltbewegung aber besteht ist, dass die fortschrittshungrigen Staaten bereit sein werden,
darin, dass sie weniger darüber nachdenkt, wie das Neue in auf Wachstum zu verzichten, wenn wir nur lange genug auf
die Welt kommt, sondern, im Gegenteil, darüber, wie es sich sie einreden und genügend Druck aufbauen. Und der zweite,
verhindern lässt. Es müsste um Wachstum und Innovationen dahinterliegende Irrtum lautet, dass ein solches Verhalten für
gehen, stattdessen ist die Rede von „Vorsorge“ und „Nachhal- die Umwelt von Vorteil wäre.
tigkeit“, womit im Grünsprech einiger Umweltfreunde Verzicht


                                                                       W
und Fortschrittsfeindlichkeit gemeint sind. Die Rio-Konferenz                 er sich mit Umweltschützern unterhält, mit Green-
wird deshalb wohl genauso ergebnislos enden wie der vergan-                   peace, dem BUND oder den Vertretern von Attac,
gene Klimagipfel in Durban, bei dem die Fachleute nächtelang                  wird schnell darüber aufgeklärt, dass das kapitalisti-
über die Frage stritten, ob sie nun „rechtlich verbindlich“ oder sche Wachstumsmodell nicht auf die Schwellen- und Entwick-
„mit Rechtskraft“ ins Protokoll schreiben.                           lungsländer übertragen werden dürfe, weil sonst die Erde kol-
   Fortschrittliche Technologien sind nur dann zuzulassen, wenn labiere. Es herrscht großes Misstrauen gegenüber der Wirkungs-
ihre Harmlosigkeit bewiesen ist. So lautet das Vorsorgeprinzip, kraft der Marktwirtschaft. Die Erinnerung an die katastrophalen
das die Teilnehmer der ersten Rio-Weltkonferenz vor 20 Jahren Umweltzustände in der Sowjetunion und in der DDR ist offen-
zur Leitschnur ihres Handelns erklärten. Hätte es einen solchen bar verblasst. Wer weiß denn noch so genau, dass die Ost-In-
Besorgnisgrundsatz schon früher gegeben – unser Leben sähe dustrie bei der Produktivität damals gerade mal 20 Prozent des
anders aus. Dass sich Schutzimpfungen gegen Masern oder Rö- Westniveaus erreichte, beim Energieverbrauch aber 120 Prozent
teln gegen das Vorsorgeprinzip jemals durchgesetzt hätten, darf und beim Schwefeldioxidausstoß sogar etwa 1000 Prozent?
bezweifelt werden: zu gefährlich. Die Röntgentechnik: irre ris-        Am besten, die Dritte Welt bliebe rückständig. So deutlich
kant. Elektrizität: Finger weg. Oder der Flugverkehr: nach der spricht es zwar niemand aus. Aber der in Teilen der Öko-Szene
Doktrin der Restrisikovermeidung undenkbar. Womöglich säßen beliebte Plan, den Schwellenländern ein CO²-Kontingent zuzu-
36                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
teilen, um es ihnen dann abkaufen zu können, läuft auf eine        nimmt die Waldfläche derzeit stark zu, trotz steigender Bevöl-
solche Sedierung hinaus. Die armen Länder sollen die Welt          kerungszahlen. China forstet Millionen Hektar jährlich auf.
mit Treibhausgasen verschonen; von uns würden sie stattdes-           Die Frage ist nun, ob die Theorie auch für den Ausstoß des
sen fürs Nichtstun bezahlt – ein Modell, dass sich mit den Still-  klimaschädlichen Kohlendioxids gilt. Kritiker wenden ein, dass
legungsprämien und dem sogenannten Sofamelker in der EU-           steigende Wirtschaftsleistung automatisch mit höherem Ener-
Landwirtschaftspolitik bereits etabliert hat.                      gieverbrauch einhergehe, was zwangsläufig zu mehr CO²-Emis-
   Ein andere Idee sieht vor, einen Öko-Zoll auf Importgüter       sionen führe.
zu erheben, wenn diese unseren Vorstellungen von einer nach-          Doch dieser Einwand ist falsch. Deutschland ist dafür der
haltigen Produktionsweise nicht genügen. Auf diese Weise           beste Beleg. Seit der Wiedervereinigung ist es gelungen zu zei-
ließe sich nicht nur dem nicht nachhaltigen Wirtschaftswachs-      gen, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch zu mehr
tum in den ärmeren Ländern ein Riegel vorschieben. Gleich-         Treibhausgasen führen muss. Wir haben es geschafft, mit we-
zeitig würde die heimische Industrie vor unliebsamer Konkur-       niger Ressourcen mehr Wohlstand zu erwirtschaften. Das
renz beschützt: Öko-Imperialismus pur.                             Bruttoinlandsprodukt stieg seit 1990 inflationsbereinigt um 30,7
   Würde der Umwelt damit geholfen? Nein, im Gegenteil. Die        Prozent, während der Ausstoß von klimaschädlichem CO² um
grüne Anti-Wachstums-Ideologie schadet der Umwelt. Die Vor-        etwa 26 Prozent sank. 1990 wurden hierzulande noch 8,7 Giga-
stellung, wir könnten den Drang der Schwellen- und Entwick-        joule Primärenergie verfeuert, um 1000 Euro zu erwirtschaften.
lungsländer bremsen, ist nicht nur unrealistisch, sondern kontra-  2010 waren es nur noch 6,2 Gigajoule. Die Energieproduktivität
produktiv.                                                         stieg demnach um fast 40 Prozent, ein beträchtlicher Fortschritt.
                                                                   Man stelle sich ein Auto vor, das früher mit einer Tankfüllung


E
      s braucht ein gewisses Maß an Wohlstand, damit sich die von Hamburg bis nach München fuhr und es heute mit der
      Bevölkerung eines Landes für Ökologie interessiert. Wer gleichen Spritmenge bis nach Mailand schafft.
      ums Überleben kämpft, hat andere Sorgen als die Größe           Hinter dieser Entwicklung steckt auch die Sanierung der
seines CO²-Fußabdrucks. „Sind nicht Armut und Not die größ- Ex-DDR. Die schrottreifen Ost-Kraftwerke verschwanden
ten Umweltverschmutzer?“, sagte                                                               ebenso wie die stinkenden Trabis,
Indiens damalige Ministerpräsiden-                                                            die Kohleöfen in den unsanierten
tin Indira Gandhi, als die Vereinten                                                          Altbauwohnungen und die maro-
Nationen 1972 in Stockholm ihre ers-                                                          den Fabriken. Die enormen Effi-
te Umweltkonferenz abhielten. „Wir                                                            zienzgewinne der ersten Jahre nach
wollen die Umwelt keineswegs wei-                                                             der Wiedervereinigung sind heute
ter verschlechtern, doch wir können                                                           nicht mehr zu erzielen. Aber wir
nicht für einen Moment die grau-                                                              können davon ausgehen, dass in der
same Armut einer großen Zahl von                                                              Industrie, im Verkehr und in unse-
Menschen vergessen. Die Umwelt                                                                ren Wohnungen und Häusern noch
kann unter den Bedingungen der Ar-                                                            immer gewaltige Effizienzreserven
mut nicht verbessert werden.“                                                                 stecken.
   Wirtschaftswissenschaftler etwa                                                               Die Öko-Bewegung sollte sich
der ETH Zürich haben empirisch un-                                                            daran gewöhnen, Fortschritt und
                                                                                           ANDY WONG / AP




tersucht, welche Entwicklungsstufen                                                           Wachstum nicht als Problem, son-
Länder nehmen, wenn das Brutto-                                                               dern als Lösung für ihre Umwelt-
inlandsprodukt wächst. Es zeigt sich,                                                         sorgen zu betrachten. Der Eiffel-
dass mit steigendem Wohlstand zu-                   Chinesisches Kohlekraftwerk               turm in Paris ließe sich heute pro-
nächst die Umweltzerstörung zu-                                                               blemlos mit 2000 Tonnen Stahl statt
nimmt. Doch ab einem gewissen                    Es ist nicht nötig, eine                     mit 7000 Tonnen bauen. Vor hun-
Wohlstandsniveau ändert sich die                                                              dert Jahren produzierte ein Bauer
Situation. Die Menschen sehen die         Öko-Diktatur zu errichten, wie                      gerade genug Lebensmittel, um vier
verdreckten Flüsse, die verstopften         es Merkels Berater nahelegen.                     Menschen zu ernähren. Heute ern-
Straßen und die verpestete Luft als                                                           tet ein moderner Mähdrescher pro
Ärgernis an. Sie sehnen sich nach                                                             Tag so viel Weizen, dass es für eine
mehr Lebensqualität. Umweltschutz rückt näher ins Zentrum halbe Million Brote reicht. Ein modernes Auto dürfte selbst
der Politik. Die Wirtschaft verändert sich; Dienstleistungsbran- bei voller Fahrt weniger krebserregende Schadstoffe freiset-
chen verdrängen die schmutzigen Industrien. Bei Gewässern lässt zen als 1970 ein geparktes Auto durch die Lecks in seinen Lei-
sich der Zusammenhang zwischen Umwelt und Wirtschaftskraft tungen, wie der britische Wissenschaftler Matt Ridley ausge-
gut beobachten. Erst verschmutzen die Flüsse und die Seen. Doch rechnet hat.
ab einem gewissen Wohlstandsniveau werden sie wieder sauber.          Es wäre hilfreich, wenn sich das Verhältnis der Öko-Szene
   Experten der Weltbank kommen zu dem Ergebnis, dass die zur Marktwirtschaft entspannte. Es ist ja richtig, dass Märkte
Hürde je nach Schadstoff bei einem Bruttoinlandsprodukt von ihre Fehler haben, wenn es um Gemeingüter wie Luft und Was-
etwa 8000 Dollar pro Kopf liegt. In China wurde dieser Wert ser geht. Doch es gibt effiziente Instrumente wie den Emis-
kaufkraftbereinigt 2011 überschritten. Tatsächlich treibt die Re- sionshandel, um diese Probleme zu lösen. Es ist nicht nötig,
gierung das Thema Umweltschutz voran. Die Luft in Peking eine Art Öko-Diktatur zu errichten, wie es etwa der von der
und Shanghai wird sauberer. Auf anrührende Weise sind die Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzte Wissenschaftliche
Menschen bemüht, die Natur in die malträtierten Städte zu- Beirat für Globale Umweltveränderungen nahelegt.
rückzuholen. Die Randstreifen an den Straßen sind mit Blumen          Je schneller die Schwellen- und Entwicklungsländer wirt-
und Büschen bepflanzt; entlang den Stadtautobahnen stehen schaftlich aufholen, desto eher werden sie bereit sein, mit uns
Blumenkästen.                                                      über Klimaschutz zu verhandeln. Der technische Fortschritt
   Dazu passt, was die Uno-Organisation für Landwirtschaft und spielt uns dabei in die Hände, zumal er sich mit dem wirt-
Ernährung FAO über die Entwicklung der Wälder herausgefun- schaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens beschleunigen wird.
den hat: „Wir beobachten, dass es mit dem Wald immer dann Und so würden schließlich auch Wissenschaftler aus Peking
aufwärtsgeht, wenn Länder anfangen, sich zu industrialisieren und Mumbai dazu beitragen, dass das fossile Zeitalter zu Ende
und ihre Landwirtschaft zu intensivieren“, so die FAO. In Asien geht, indem ihnen etwas Neues, Besseres einfällt.
                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                         37
Deutschland



                                                            K AT H O L I K E N




                                        Der Erschöpfte
       Endzeitstimmung im Vatikan: Papst Benedikt XVI. wirkt müde und unfähig zur
              Initiative. Hinter seinem Rücken arbeiten Kardinäle schon an der
      Nachfolge. Die Affäre „Vatileaks“ zeigt ein Kirchen-Schiff, das aus dem Ruder läuft.


                                                                                                    E
                                                                                                           ndlich Klarheit. Endlich hat der Hei-
                                                                                                           lige Stuhl für Aufklärung gesorgt
                                                                                                           und das Dokument für alle zugäng-
                                                                                                    lich gemacht: eine Handreichung zur
                                                                                                    Überprüfung der Echtheit von Marien-Er-
                                                                                                    scheinungen.
                                                                                                       Jetzt wird alles einfacher. Die Weltkir-
                                                                                                    che hat einen Schritt nach vorn getan.
                                                                                                       Diese „breaking news“ aus der Glau-
                                                                                                    benskongregation zeigen, mit welchen Fra-
                                                                                                    gen sich der Vatikan beschäftigt und in
                                                                                                    welchem Kosmos mancher dort lebt. Eine
                                                                                                    Welt, in der die amtskirchliche Prüfung
                                                                                                    von Muttergottes-Visionen sorgsam gere-
                                                                                                    gelt wird, aber Kurienkardinäle jenseits al-
                                                                                                    ler Kontrollen regieren und die Privatkor-
                                                                                                    respondenz des Papstes in den Schubladen
                                                                                                    eines Kammerdieners auftaucht.
                                                                                                       Dabei ist es eine ganz andere Marien-
                                                                                                    Erscheinung, die den Vatikan und mit
                                                                                                    ihm die katholische Kirche in eine neue
                                                                                                    Krise gerissen hat, deren Ende und Aus-
                                                                                                    wirkungen nur zu erahnen sind: das Auf-
                                                                                                    treten einer Quelle im Innersten des Kir-
                                                                                                    chenreichs, einer Verschwörung gar ge-
                                                                                                    gen den Papst, eines Lecks mit dem Deck-
                                                                                                    namen „Maria“.
                                                                                                       Seit Ende Mai sitzt der päpstliche Kam-
                                                                                                    merdiener Paolo Gabriele in einer 35 Qua-
                                                                                                    dratmeter großen Arrestzelle des Vatikans
                                                                                                    – ohne Fernseher, aber mit Fenster. Er soll
                                                                                                    als „Maria“ Faxe und Briefe aus den Pri-
                                                                                                    vatgemächern des Papstes geschmuggelt
                                                                                                    haben, in wessen Auftrag auch immer.
                                                                                                       Doch das Leck ist noch nicht gestopft.
                                                                                                    Trotz Gabrieles Festnahme gelangten
                                                                                                    auch vorige Woche Dokumente an die
                                                                                                    Öffentlichkeit, die vor allem zwei engen
                                                                                                    Vertrauten von Papst Benedikt XVI. scha-
                                                                                                    den sollen: seinem Privatsekretär Georg
                                                                                                    Gänswein und Kardinalstaatssekretär Tar-
                                                                                                    cisio Bertone, dem Regierungschef des
                                                                                                    Kirchenstaats. Wenn die nicht „aus dem
                                                                                                    Vatikan gejagt“ würden, hieß es in einem
                                                                                                    Schreiben, würden „Hunderte“ weitere
                                                                                                    Geheimdokumente veröffentlicht. „Das
                                                                                                    ist Erpressung, so etwas wie die Drohung
                                                                                                    mit dem totalen Krieg“, sagt der Vatikan-
                                                                                                    experte Marco Politi.
                                                                                                       Die Angst geht um in der Kurie, die
                                                                                                    Stimmung war selten so miserabel. Es ist,
                                                                                                    als hätte man in ein Bienennest gestochen,
                                                                                            IMAGO




                                                                                                    überall sind hektisch herumeilende Pur-
Religionsführer Ratzinger: „Jetzt beginnt der letzte Abschnitt meines Lebens“                       purträger zu sehen, die Korrespondenzen
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kontrollieren, die einander nicht mehr führt. Selbst wenn einer hier schon Jahr- gen und ein absurder Hang zu Geheim-
über den Weg trauen, die nicht mehr ihr zehnte lebe: „Der Vatikan ist ein Woll- niskrämerei und Intrigen vorherrschen.
Telefon benutzen.                           knäuel, das sich kaum entwirren lässt. „Es zählt einzig die Nähe zum Mon-
   Es hat im verflixten siebten Jahr des Auch nicht von einem Papst.“                    archen“, sagt der Mitarbeiter eines Kar-
Pontifikats Benedikts XVI. begonnen.          Als Johannes Paul II. im April 2005 dinals. Rom funktioniert wie ein absolu-
Und unübersehbar sind die Parallelen zur starb, war die Kurie in desolatem Zu- tistischer Hof, in dem nicht Gremien ent-
Spätzeit von Johannes Paul II. Dieselben stand. In seinen letzten, von Krankheit scheiden, sondern Einflüsterer. „Hier sind
Klagen über mangelnde Führung, über gezeichneten Lebensjahren waren Vor- viele eitle Männer, in hoher Konkurrenz
inneren Zwist, der nach draußen, vor die gänge und Personalentscheidungen auf- untereinander.“
Vatikan-Mauern getragen wird, über ei- geschoben worden. Vom neuen Pontifex                Wer hat wie lange mit wem gespro-
nen erschöpften Papst, der seiner Macht erwartete man, endlich die Schreibtische chen? Und worüber? Wer geht mit wem
nichts mehr abgewinnen mag.                 leerzuräumen und der römischen Kurie, in die Frühmesse, wer lädt wen zum
   Joseph Ratzinger ist im April 85 Jahre diesem Zentralrechner der Weltkirche, ei- Essen ein? Wer ist in, wer ist out? Wer
alt geworden. Damit ist er der älteste nen Neustart zu verpassen.                        gehört dazu, wer nicht, wer steigt auf,
Papst seit 109 Jahren und einer                                                                  wer steigt ab in der Gunst? „Die-
der sehr wenigen überhaupt, die                                                                  se Stimmung fördert Gefühle
in derart biblischem Alter dieses                                                                von Ausgrenzung, Benachteili-
„ungeheuerliche“ (Benedikt XVI.)                                                                 gung, Neid, Rache und Miss-
Amt je ausgeübt haben.                                                                           gunst“ – all das, was jetzt in den
   Gewiss ist er immer noch be-                                                                  Vatileaks-Dokumenten nachzu-
neidenswert fit, geistig und geist-                                                              lesen ist.
lich, besonders im Vergleich zu                                                                     Vor allem Papstsekretär Gäns-
seinem Vorgänger in den späten                                                                   wein hat sich viele Feinde ge-
Jahren. Doch es ist unüberhör-                                                                   macht, weil er als Türsteher des
bar, um wie viel schwerer als zu                                                                 Papstes beeinflussen kann, wem
Beginn seines Amts Benedikt das                                                                  die allerhöchste Gunst erteilt
Sprechen inzwischen fällt, und                                                                   oder verwehrt wird und welche
kaum zu übersehen, dass die Be-                                                                  Vorgänge, welche Themen die
wegungen steif und vorsichtig ge-                                                                Aufmerksamkeit des Stellvertre-
worden sind.                                                                                     ters Jesu beanspruchen dürfen.
   Einem Besucher sagte er neu-                                                                  Das sorgt wahlweise für Furcht,
lich, sein altes Klavier stehe                                                                   Eifersucht oder Spott in den Gän-
meist unbenutzt herum. Wer                                                                       gen des Apostolischen Palastes.
spielt, der muss auch üben, da                                                                   Als Gänswein sich vergangenen
fehle ihm die Zeit, er schreibe                                                                  September in der Berliner Nun-
lieber am letzten Teil seiner Je-                                                                tiatur einen ganzen Abend lang
susreihe. Die will er noch ab-                                                                   entspannt mit deutschen Kleri-
schließen vor seinem Tod.                                                                        kern unterhalten konnte, kam es
   Es ist dieser Tage nicht schwer,                                                              ihm wie ein Wunder vor: Das
Geistliche im Vatikan zu finden,
                                  ERIC VANDEVILLE / PICTURE ALLIANCE / DPA / ABACA




                                                                                                 kannte er nicht aus Rom.
die reden wollen – sofern es an-                                                                    Der Vatikan zerfällt in Dutzen-
onym geschieht. Der Monsigno-                                                                    de konkurrierende Interessen-
re, der eines Abends seinen Weg                                                                  gruppen. Einst gab es die Jesui-
in ein Restaurant nahe der Piaz-                                                                 ten, die Benediktiner, die Fran-
za Santa Maria in Trastevere fin-                                                                ziskaner und andere Orden, die
det, hat in der Glaubenskongre-                                                                  um Ansehen und Einfluss am va-
gation jahrelang eng mit Ratzin-                                                                 tikanischen Hofe rangen. Doch
ger zusammengearbeitet. Noch                                                                     deren Zeit ist vorbei, ihren Platz
bevor der Kellner Wasser und                                                                     nehmen nun vor allem die soge-
Wein serviert, kommt sein Urteil                                                                 nannten neuen geistlichen Ge-
über Ratzingers Pontifikat: „Der Mitglieder der Kurie im Vatikan: Neid, Rache, Missgunst         meinschaften ein, die auf den
Papst füllt sein Amt nicht aus!“                                                                 großen Papstmessen die Jubler
Nicht er habe seinen Laden im Griff, son-     Doch die Reform ist weitgehend aus- stellen: die Neokatechumenen, die Legio-
dern der Laden ihn.                         geblieben. Alle wichtigen Posten sind wei- näre Christi oder die Traditionalisten von
   Die Niederungen des Alltags im Vati- terhin mit Priestern besetzt, einschließ- den Pius- bis zu den Petrusbrüdern. Ganz
kan interessierten den Kirchenführer lich des Laienrats und des Rats für die zu schweigen vom weltweiten Netzwerk
nicht. Schon sein Vorgänger habe die Ku- Familie. Die einzige Frau in einer höhe- der „Santa Mafia“, des Opus Dei.
rie vernachlässigt. Der polnische Papst ren Position, die Britin Lesley-Anne               Sie alle haben ihre offenen oder ver-
sei gereist, sein deutscher Nachfolger Knight, wurde 2011 als Generalsekretärin steckten Agenten in und um den Vatikan,
grüble am liebsten über Büchern und des Caritas-Dachverbands weggemobbt, ihre Immobilien, Universitäten, Institute
schreibe seine Reden. „Er packt es ein- weil sie offen gegen die Männerseilschaf- oder Bildungsstätten in Rom. Dieser und
fach nicht an.“ Im Grunde, so der Mon- ten auftrat.                                      jener Kardinal oder Bischof am Hofe ver-
signore, stehe der Papst in Rom einer an-     Vermutlich ist eine „Kurienreform“ ein tritt ihre Interessen, oft ohne offizielles,
deren, von ihm nicht beherrschten Macht Widerspruch in sich. Ein hierarchisches, also erkennbares Mandat. Jeder gegen je-
gegenüber.                                  im Kern mittelalterliches Organisations- den und Gott mit uns allen.
   Der Vatikan sei zwar katholisch, aber modell verträgt sich nicht mit modernem           Womöglich kennt Benedikt XVI. sei-
auch zu zwei Dritteln italienisch, den Mit- Management. Der Vatikan ist ein ana- nen Laden einfach zu gut, um sich an ei-
arbeitern und ihrer Verwaltung sei es am chronistisches, wenn auch erstaunlich ner Reform ernsthaft zu versuchen: „Als
Ende egal, wer unter ihnen die Kirche zählebiges System, in dem Hackordnun- Papst zeigte dieser Veteran der Kurie
                                                                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2      39
Deutschland

buchstäblich null Interesse daran, die rö- unberechenbar soll der Professor für Wirt-     halbes Jahr im Amt geblieben und der
mische Kurie auch zu führen“, bilanziert schaftsethik gewesen sein sowie auffällig        Platz damit ohnehin frei für einen Nach-
sein Biograf John L. Allen.                 durch Abwesenheit.                            folger. „Maria“ zielt höher.
   Vor diesem Hintergrund spielt die ak-      Als sicher gilt zumindest, dass Gotti          Die katholische Kirche hat ein Füh-
tuelle Affäre. Die Enthüllungen um die Tedeschi im Kampf gegen Kardinalstaats-            rungsproblem im Zentrum ihres barocken
Geheimdokumente aus dem Vatikan, von sekretär Bertone unterlegen war. Dem                 Hofstaats. Die öffentlich gewordenen Do-
Papstsprecher Padre Federico Lombardi zweiten Mann nach Benedikt wollte es                kumente schaden am Ende Benedikt
höchstselbst „Vatileaks“ getauft, nahmen wohl nicht gefallen, dass neue Richtlinien       selbst, die Affäre beschädigt auch grund-
ihren Lauf vor gut vier Monaten, sie las- den Vatikan-Schatz schmälern könnten.           sätzlich das Amt. Mit jedem Tag, an dem
sen einen Sumpf aus Korruption und Ruf-       Es wäre zu einfach, all dies als Konflikt   über die wahren Drahtzieher gerätselt
mordkampagnen erahnen, ein Komplott, zwischen Reformern und Bewahrern zu                  wird, festigt sich der Eindruck eines
das sich wohl kaum auf den augenschein- verstehen. Es geht um die Sklerose der            schwierigen Pontifikats, eines geschwäch-
lichen Diebstahl eines Kammerdieners Kirche, es geht um ein Problem, das einen            ten Papstes, der das Heft nicht in der
beschränkt.                                 Namen hat: Benedikt XVI.                      Hand hat.
   Zentrale Figur ist Kurienbi-                                                                       Ratzinger konnte es selbst lan-
schof Carlo Maria Viganò, der                                                                      ge Zeit kaum fassen, plötzlich
vom Papst im Juli 2009 beauf-                                                                      Oberhaupt aller Katholiken zu
tragt worden war, in der Verwal-                                                                   sein. Gut einen Monat nach sei-
tungsbehörde des Vatikans auf-                                                                     ner Wahl, am 24. Mai 2005, be-
zuräumen. Der übereifrige Jurist                                                                   suchte er noch einmal jenen Ort
sparte gewissenhaft, bei Bauauf-                                                                   im Vatikan, an dem für ihn so
trägen, Immobilien und der Gar-                                                                    vieles begonnen hatte. Das Pries-
tenverwaltung. In einem Brief an                                                                   terseminar im Campo Santo Teu-
Bertone lieferte er Zahlen: Für                                                                    tonico, jener grünen Insel im
den zuvor um 7,8 Millionen Euro                                                                    strengen Kirchenstaat, gleich ne-
defizitären Haushalt habe er in-                                                                   ben der Sakristei des Petersdoms.
nerhalb eines Jahres ein Plus von                                                                     Hier hatte er während des
34,5 Millionen Euro erwirtschaf-                                                                   Zweiten Vatikanischen Konzils




                                                                                                STEFAN BONESS/IPON
tet, weil er alte Seilschaften auf-                                                                gewohnt und 1982, als er von
kündigte, die „an immer gleiche                                                                    München nach Rom kam: „In ei-
Firmen Aufträge vergaben“, zu                                                                      nem Zimmer nur mit dem Nö-
doppelt so hohen Preisen wie au-                                                                   tigsten um mich herum, um wie-
ßerhalb des Vatikans üblich. Mit Papstgegner in Berlin 2011: Reformstau in der Kirche              der von vorn und frisch zu be-
seinem Kampf gegen Amtsmiss-                                                                       ginnen.“ Der Gemeinschaft des
brauch und Verschwendung machte er            Die alte Garde im Vatikan, das Lager        Priesterkollegs hielt Ratzinger die Treue
sich unbeliebt (SPIEGEL 20/2012).           um die italienischen Kardinäle, glaubte,      bis zur Papstwahl. Jahrzehntelang las er
   Nach nur 27 Monaten wurde er aus mit Ratzinger einen Papst für den Über-               dort jeden Donnerstag um sieben Uhr
dem Amt bugsiert, seit Oktober 2011 ist gang gefunden zu haben. Doch nun ist              früh einen Gottesdienst, teilte sich oft mit
er Apostolischer Nuntius in Washington, der Übergang im achten Jahr, und die Ku-          Studenten den Tisch im Speisesaal, dis-
weit weg vom Vatikan, er empfand seine rie steht in etwa da, wo sie in der Endzeit        kutierte mit ihnen und kam zur Weih-
Versetzung als Strafe. In einem Protest- des Polen auch schon stand: Niemand ist          nachtsfeier ins Kaminzimmer. Ein Rück-
brief an Benedikt zeichnete er ein scho- in Sicht, der mit fester Hand das Ruder          zugsort von seinem Amt als Glaubens-
nungsloses Bild der Kurie: „Das Reich ist greift.                                         wächter, ein Stück Familienersatz.
zersplittert in viele kleine Feudalstaaten,   Benedikt XVI. umgibt sich mit langjäh-         Die gut einstündige Visite Ende Mai
jeder kämpft gegen jeden.“ Es herrschten rigen Weggefährten, an die er beträchtli-        2005 blieb bis heute sein letzter Besuch.
„desaströse Zustände“, die, noch schlim- che Macht abgab. Bertone wurde vorbei            Zum Abschied trug Ratzinger sich ins
mer, der gesamten Kurie „wohlbekannt“ an allen Cliquen ins Amt beordert. Er               Gästebuch ein. „Benedikt XVI“, schrieb
seien.                                      und Gänswein, in Rom wegen seiner süd-        er, mit etwas Abstand kritzelte er noch
   Mitten in der Vatileaks-Affäre wurden westdeutschen Herkunft als „Schwarz-             klein dahinter: „Papst“ – im ersten An-
auch die Hintergründe eines weiteren wald-Adonis“ bekannt, sind vielen Ku-                lauf mit kleinem p geschrieben.
Rauswurfs bekannt: Ettore Gotti Tedes- rienkardinälen zu mächtig und zu auto-                Keiner seiner Vorgänger hat jemals so
chi, bis kurz vor Pfingsten Chef der Vati- nom geworden. Ihnen vor allen gilt die         unterschrieben, und auch Benedikt sollte
kanbank, musste offenbar gehen, weil er Attacke unter dem Deckmantel „Maria“.             es nie wieder tun. Es war wie eine Selbst-
dem skandalumwitterten Institut etwas         Die Kardinäle aus Italiens Provinzen        vergewisserung: Mein Gott, ich bin Papst!
Transparenz verordnen wollte. Sein Ziel haben gemerkt, wie ihnen der Zugriff auf             Ratzinger fühlte sich unwohl mit der
war es, die Bank, bei der schon Mafia- die Weltkirche entrückt. Bertone ist zwar          Macht, die er hatte. Auch deswegen ließ
Paten ihr Geld geparkt hatten, fit zu ma- Italiener, bevorzugt jedoch seine Ordens-       er ab von durchgreifenden Umbauten im
chen für die weiße Liste sauberer Orga- brüder, die Salesianer. Er hob sie in             System. Lieber vertraute er seinen Mit-
nisationen der OECD. Rom sollte endlich Schlüsselpositionen, schlug sie als Kardi-        arbeitern.
Transaktionen offenlegen, die internatio- näle vor. Der 77-jährige Fußballfreund             Benedikt braucht nicht den Vatikan, er
nalen Standards zur Bekämpfung der gilt zudem als schlechter Manager und                  braucht eine kleine Familie. Die ist ihm
Geldwäsche entsprachen. Er scheiterte.      ungeschickter Diplomat. Schon im Som-         heilig, die hat er immer wieder gesucht,
   Den Fall des Bankers halten Beobach- mer 2009 soll eine Delegation von Kardi-          sein Leben lang, seitdem er seine eigene
ter für den eigentlichen Kern der Affäre, nälen vom Papst die Ablösung Bertones           Familie über die Jahre verlor – bis auf
ein Machtkampf um die Kontrolle der va- verlangt haben.                                   seinen älteren Bruder Georg. Sein Vater
tikanischen Finanzen. Deshalb wohl wur-       Doch der Regierungschef kann kaum           Joseph starb 1959, seine Mutter Maria
de Gotti Tedeschi jetzt brutal abserviert. die einzige Zielscheibe der Attacken von       1963, seine Schwester Maria führte ihm
Der Aufsichtsrat der Bank lieferte aber- „Maria“ sein. Denn er wäre aller Wahr-           rund 30 Jahre lang den Haushalt, auch in
witzige Begründungen: Exzentrisch und scheinlichkeit nach nur noch ein gutes              Rom, bis zu ihrem Tod 1991. Mit jedem
40                                                D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Machtkampf im Vatikan                            Schlüsselfiguren der Affäre um gestohlene Papst-Dokumente


                                                                                              Der Privatsekretär                                                                                                Papst Benedikt XVI.
FRANCO OR IG L IA / G E T T Y IM AG E S; PAOLO T R E A3 / L AIF; DAVID FE R NAND E Z / D PA




                                                                                              „George Clooney des Vatikans“ nennen                                                                              Viele trauen ihm nicht
                                                                                              italienische Medien den gutaussehenden                                                                            mehr zu, die chao-
                                                                                              Georg Gänswein. Seine Nähe zum Papst                                                                              tischen Verhältnisse
                                                                                              und der damit verbundene Einfluss rufen in                                                                         im Vatikan ordnen zu
                                                                                              der Vatikan-Hierarchie Neid und Miss-                                                                             können.
                                                                                              gunst hervor. Der Zeitung „La Repubblica“                                                                         Der Kirchenführer lässt
                                                                                              wurden Briefe Gänsweins mit angeblich                                                                             nur noch wenige Vertraute
                                                                                              kompromittierendem Inhalt zugespielt.                                                                             an sich heran.

                                                                                              Der Kammerdiener                                                                                                                                arbeitet
                                                                                              Paolo Gabriele soll vom päpstlichen                                                                                                             dem
                                                                                              Schreibtisch vertrauliche Unterlagen                                                                                                  erteilt   Papst zu
                                                                                              gestohlen und dann weitergegeben haben.                                                                                               Richt-
                                                                                              Er sitzt derzeit in Haft. Noch ist unklar, wer                                                                                        linien
                                                                                              die Komplizen und Hintermänner sind.

                                                                                              Der Vatikanbank-Manager                                                              Der Kardinalstaatssekretär
                                                                                              Ettore Gotti Tedeschi übernahm 2009                                   Aufsicht       Tarcisio Bertone ist nach dem Papst der zweite
                                                                                              die Leitung der Vatikanbank, um das                                                  Mann im Vatikan. Nicht erst seit der jüngsten
                                                                                              von Skandalen erschütterte Institut                                                  Entlassung des Vatikanbank-Chefs steht
                                                                                              zu sanieren. Am 24. Mai musste der                                                   Bertone in der Kritik. Im Diebstahl der
                                                                                              Manager gehen. Im Vorfeld der Ent-                                                   Unterlagen sieht er „organisierte Angriffe“
                                                                                              lassung soll es heftige Auseinander-                                                 auf den Papst. Viele glauben aber, dass die
                                                                                              setzungen innerhalb der Kurie gegeben                                                Indiskretionen gegen Bertone persönlich
                                                                                              haben.                                                                               gerichtet sind.

                                                                                              „Ich schweige lieber.                                                                „Attacken hat es immer gegeben.
                                                                                              Sonst hätte ich nur                                                                  Aber diese sind gezielter, manchmal auch
                                                                                              hässliche Worte zu sagen.“                                                           grausam, verleumderisch und organisiert.“

                                                                                              Tod, schrieb er in seinen Erinnerungen,                und Carmela. Fünf Jahre lang umsorgten             liturgie die Bitte um deren Bekehrung
                                                                                              „ist die Welt für mich ein Stück leerer ge-            sie ihn, besuchten jeden Morgen seine              wieder einfügte.
                                                                                              worden“.                                               Andacht, feierten Weihnachten und Na-                 Und er hat nicht zuletzt seine Kirche
                                                                                                 Für Ratzinger ist das alles bis heute               menstag mit ihm und nahmen gemeinsam               durch die Anbiederung an die Traditio-
                                                                                              nicht erledigt. Beim Weltfamilientreffen               die Mahlzeiten ein.                                nalisten der Pius-Bruderschaft vor den
                                                                                              in Mailand gab er zu Fragen der Familie                   Dann wurde eine von ihnen, Manuela              Kopf gestoßen, die das Zweite Vatikani-
                                                                                              Antwort. Frei und ohne Manuskript.                     Camagni, 2010 bei einem Verkehrsunfall             sche Reformkonzil ablehnt. So hat sich
                                                                                              „Hallo, lieber Papst“, begrüßte ihn eine               getötet. Papst Benedikt war erschüttert,           der Reformstau in der Kirche, der sich
                                                                                              Siebenjährige. „Ich bin Cat Tien, komme                er kniete vor ihrem Sarg, hielt eine An-           schon unter dem konservativen Vorgän-
                                                                                              aus Vietnam. Ich würde gern etwas über                 dacht für die Tote und sprach von „un-             ger Johannes Paul II. aufgebaut hatte, un-
                                                                                              deine Familie wissen und darüber, wie es               vergesslichen familiären Momenten“, die            ter Benedikt noch verschlimmert. Der Ka-
                                                                                              war, als du so klein warst wie ich.“ Und               er mit ihr erleben durfte.                         tholikentag in Mannheim mit seinen
                                                                                              der 85-jährige Benedikt antwortete: „Um                   Mit dem Verrat des Kammerdieners,               80 000 Teilnehmern war im Mai deshalb
                                                                                              die Wahrheit zu sagen, ich stelle mir vor,             der ihm von früh bis spät zur Seite stand,         ein einziger Aufschrei nach Veränderung
                                                                                              dass es im Paradies so sein wird, wie es               ist die kleine Welt des Joseph Ratzinger           in der Kirche.
                                                                                              in meiner Jugend war. In dieser Umge-                  nun wieder aus den Fugen geraten.                     Die Erfahrung, dass ein Papst Deutsch
                                                                                              bung des Vertrauens, der Freude und der                   Die Bilanz von sieben Jahren Benedikt           spricht, gar ein bayerisch moduliertes, hat
                                                                                              Liebe waren wir glücklich, und ich glaube,             XVI. ist gemessen an den Erwartungen               auf die Deutschen keinen bleibenden Ein-
                                                                                              dass es im Paradies ähnlich sein muss wie              eher bescheiden. Der Deutsche wird we-             druck gemacht. Der „Benedikt-Effekt“,
                                                                                              in meiner Kindheit.“                                   niger als Kämpfer um die Einheit der Kir-          den manch ein Neubekehrter in den Feuil-
                                                                                                 Immer wieder versuchte er, sich diese               che in Erinnerung bleiben, als der er an-          letons schon spürte, ist schnell verpufft,
                                                                                              „Umgebung des Vertrauens“ herzustellen.                trat, sondern als ein Opfer der Verhält-           wenn es ihn überhaupt je gegeben hat.
                                                                                              Immer wieder wurde sie beschädigt. Als                 nisse, der zersplitterten, konkurrierenden         Seit „wir“ Papst wurden, hat sich die Zahl
                                                                                              Ratzinger 2005 in die Papstwohnung ein-                Fraktionen, ein von Affären, Versehen,             der Kirchenaustritte in Deutschland mehr
                                                                                              zog, musste er auch von einem Tag auf                  Ausrutschern geplagter Pontifex. Er hat            als verdoppelt. Am höchsten war sie zu-
                                                                                              den anderen auf eine langjährige Vertrau-              Mauern sogar wieder errichtet, die längst          letzt in Ratzingers ehemaligem Bistum
                                                                                              te verzichten. Ingrid Stampa, seine Haus-              geschleift schienen. Es waren Jahre der            München und Freising. Gerade einmal 30
                                                                                              hälterin in Nachfolge von Schwester Ma-                fortwährenden Entschuldigungen, der                Prozent der Deutschen sind heute noch
                                                                                              ria, durfte nicht mitkommen. Sie war im                fortwährenden angeblichen oder tatsäch-            katholisch.
                                                                                              Hofstaat in Ungnade gefallen, weil sie                 lichen Missverständnisse.                             Die oft in Talkshows von Jubelkatholi-
                                                                                              sich einmal am Papstfenster zum Peters-                   Er hat die Protestanten vergrätzt, de-          ken erhobene Behauptung, all dies sei
                                                                                              platz zeigte und in die Menge winkte –                 nen er abspricht, Kirche im eigentlichen           ein deutsches oder europäisches Problem
                                                                                              ein unverzeihlicher Fauxpas.                           Sinne zu sein. Er hat die Muslime mit un-          und Gejammer, anderswo gehe es der Kir-
                                                                                                 Stattdessen zogen vier Laienschwes-                 geschickten Worten in Regensburg vor               che besser, stimmt nicht einmal im ur-
                                                                                              tern der Gemeinschaft Memoris Domini                   den Kopf gestoßen und zugleich die Ju-             katholischen Lateinamerika, dort hat sich
                                                                                              mit ihm ein, Loredana, Cristina, Manuela               den beleidigt, indem er in die Karfreitags-        die Zahl der Katholiken rasant reduziert.
                                                                                                                                                           D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                  41
Deutschland

                                                                                                                                                       noch die Italiener. Mancher glaubt, nach
                                                                                                                                                       mehr als 33 Jahren Fremdherrschaft
                                                                                                                                                       durch einen Polen und einen Deutschen
                                                                                                                                                       sei es höchste Zeit für einen Einheimi-
                                                                                                                                                       schen als Papst, schließlich kenne ein ita-
                                                                                                                                                       lienischer Kardinal die römische Kurie
                                                                                                                                                       am besten. Doch seit Vatileaks sieht es
                                                                                                                                                       schlecht damit aus, glaubt Marco Politi:
                                                                                                                                                       „Wenn der Skandal eines offenbart hat,
                                                                                                                                                       dann einen typischen italienischen Schla-
                                                                                                                                                       massel. Italiener gelten nicht mehr als pa-
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                                                                                                                                                       pabile, mit ihrem Machtkampf haben sie
                                                                                                                                                       sich selbst diskreditiert.“
                                                                                                                                                          Benedikt selbst ist klar, dass er nicht
                                                                                                                                                       mehr viel Zeit hat. „Jetzt beginnt ja der
                                                                                                                                                       letzte Abschnitt meines Lebens“, sagte
                                                                                                                                                       er zu seinen Geburtstagsgästen im April.
                                                                                                                                                          Seine Pläne reichen kaum bis ins nächs-
                                                                                                                                                       te Jahr, zum katholischen Weltjugendtref-
                                                                                                                                                       fen in Rio de Janeiro. Ganz oben auf der
                                                                                                                                                       Agenda steht in den kommenden Wo-
                                                                                                                                                       chen die Überwindung des Bruchs mit
                                                                                                                                                       der Priesterbruderschaft, verbunden mit
                                                            Vatikanstadt in Rom: „Jeder kämpft gegen jeden“                                            seiner Mahnung an miteinander streiten-
                                                                                                                                                       de Gruppen in der Kirche zu gegenseiti-
                                                            Die dortigen Evangelikalen vermehren            Er wollte nur ein „Arbeiter im Wein-       gem Respekt. Mit dem in seiner Kirche
                                                            sich hingegen wie die Brote in Kanaan.       berg des Herrn“ sein, ein „Mitarbeiter der    entbrannten Streit um die Bewertung des
                                                               Der Mensch Ratzinger konnte diese sie-    Wahrheit“. Jetzt steht Benedikt XVI. vor      Zweiten Vatikanischen Konzils, das vor
                                                            ben Jahre nur durchhalten, weil er sich      der Wahrheit der Endlichkeit. Seit länge-     50 Jahren begonnen hatte, erlebt der
                                                            kleine Fluchten offenhielt. Neben dem Ta-    rem sei er von Phasen „ tiefer Traurigkeit    Papst derzeit eine Rückkehr zu seiner ei-
                                                            gesgeschäft schrieb er Bücher und Enzy-      erfasst“, sagt einer, der ihm nahesteht. Ob   genen Vergangenheit.
                                                            kliken zur christlichen Liebe („Deus cari-   es sich nur um Schwermut oder schon um           Findet der damals aufgeschlossene,
                                                            tas est“) oder zur Hoffnung („Spe salvi“).   eine Depression handele, sei offen.           dann konservative Seelsorger zum Le-
                                                               Manche Texte wurden Bestseller, auch         Anfang der neunziger Jahre hatte Rat-      bensende die Kraft zur Versöhnung? Für
                                                            im hoffnungslos verweltlichten Deutsch-      zinger zwei leichte Schlaganfälle über-       einen Ausgleich zwischen Tradition und
                                                            land. Es ist diesem Papst gelungen, die      standen. Sein Vater war daran gestorben,      Moderne unter den 1,2 Milliarden Katho-
                                                            säkulare Welt wieder auf den Vatikan auf-    ebenso seine Schwester. Zur Vorbeugung        liken?
                                                            merksam zu machen. In den Feuilletons        nimmt der Papst Aspirin. In den Knien,           „Darin hatte Stalin schon recht“, sagte
                                                            sind seine Enzykliken, ist sein Nachden-     vor allem im rechten, plagt ihn Arthrose.     Benedikt in dem Gesprächsband „Licht
                                                            ken über Vernunft und Glauben, seine         Das Laufen fällt ihm schwerer. Benedikt       der Welt“, „dass der Papst keine Divisio-
                                                            Kritik des Relativismus aller Werte inten-   benutzt daher eine rollbare Plattform, die    nen hat und nicht gebieten kann. Er hat
                                                            siv verfolgt worden. Hier war ein Ponti-     er beim Einzug in den Petersdom besteigt,     auch kein großes Unternehmen, in dem
                                                            fex, der mit dem Zeitgeist auf Augenhöhe     etwa wenn er schwere Messgewänder             gleichsam alle Gläubigen der Kirche seine
                                                            war.                                         trägt.                                        Angestellten oder seine Untertanen wä-
                                                               Der Papst aus Deutschland hat zwar           Seit 2010 fährt er nicht mehr wie früher   ren. Insofern ist der Papst einerseits ein
                                                            viele Erwartungen enttäuscht – oft aller-    in die Berge zum Urlaub. Manchmal geht        ganz ohnmächtiger Mensch. Andererseits
                                                            dings auch zum Guten der Kirche. „Das        er mit seinem Sekretär ein paar Schritte      steht er in einer großen Verantwortung.“
                                                            Christentum, der Katholizismus ist nicht     in den vatikanischen Gärten und betet            Benedikt hat sich immer als lehrenden,
                                                            eine Ansammlung von Verboten, sondern        dort den Rosenkranz.                          nicht als regierenden Pontifex verstanden.
                                                            eine positive Option“, sagte Benedikt vor       In der Kurie und den Hinterzimmern         In die Annalen der Kirchengeschichte
                                                            seiner Bayern-Reise 2006. Er steht zwar      der einschlägigen Palazzi wird bereits an     wird der Professorpapst aus Marktl am
                                                            zur Dogmatik und zur reinen Lehre, ver-      der Nachfolge gearbeitet. Es werden die       Inn gewiss nicht als Benedikt der Große
                                                            sucht aber, niemanden vor den Kopf zu        Zahlenverhältnisse eines etwaigen Kon-        eingehen.
                                                            stoßen, was ihm nicht immer gelingt. In-     klaves analysiert und Kandidaten disku-          Dafür aber als ein Kirchenführer mit
                                                            zwischen wirkt der Papst bei seinen Auf-     tiert – wie schon vor sieben Jahren. Ein      menschlichem Antlitz, der sich selbst,
                                                            tritten schon so milde wie die Queen. Er     Pius XIII. müsste es sein, ein Machtpoli-     dem Theologen, treu geblieben ist und
                                                            versteht es, auch ohne spektakuläre Ges-     tiker mit Stallgeruch, berechnend und be-     darüber die Macht in den eigenen vier
                                                            ten eine Menschenmenge für sich einzu-       rechenbar. Oder einer wie Paul VI., der       Wänden vernachlässigt hat.
                                                            nehmen. In Auschwitz traf er Überleben-      sich um die Interessen der Kurie kümmer-         Ein Papst eben mit kleinem p.
                                                            de, in den USA Missbrauchsopfer, in Ka-      te. Der Name des Mailänders Kardinals                 FIONA EHLERS, ALEXANDER SMOLTCZYK,
                                                            merun Aidskranke.                            Angelo Scola fällt ebenso wie der von                                   PETER WENSIERSKI
                                                               Benedikt wusste besser als andere, wie    Leonardo Sandri, einem Italoargentinier,
                                                            es um den Zustand der real existierenden     und der von Kurienkardinal Gianfranco
                                                            Kirche bestellt, wie weit sie von seinem     Ravasi, Chef des Päpstlichen Kulturrats,                       Video:
                                                            Ideal entfernt ist. Er scheiterte immer      der es als einer von wenigen versteht, mit                     Das Medien-Misstrauen
                                                            wieder auch an der Kurie. Womöglich ist      Medien, Politik und Öffentlichkeit umzu-                       im Vatikan
                                                            die eigentliche Bilanz der sieben Jahre      gehen.                                                         Für Smartphone-Benutzer:
                                                            die Erfahrung der Machtlosigkeit eines          Den größten Block in einem Konklave                         Bildcode scannen, etwa mit
                                                            Papstes.                                     bilden mit 30 Wahlberechtigten immer                           der App „Scanlife“.
                                                            42                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
CARMEN JASPERSEN/DER SPIEGEL




                                                                                                                                                                CARMEN JASPERSEN / DPA
Angeklagter H., Vorsitzender Richter Appelkamp (r.): „Der Mann hatte sich in schwerster Selbstvernachlässigung verfangen“

                                                                                                                   ihm entfernt wohnt. Er bekam bei ihr Es-
                                   STRAFJUSTIZ                                                                     sen und zu trinken, konnte sich dort wa-
                                                                                                                   schen, und sie reinigte seine Kleider, wo-

  „Wir alle drei haben Schuld“                                                                                     für er sie mit 1000 Euro im Jahr entlohnte.
                                                                                                                   Bei ihr saß er oft in der Stube und sah
                                                                                                                   fern. Er bestimmte, und sie richtete sich
                                                                                                                   nach ihm. Ihren beiden Ehemännern
  Im Alter verändert sich oft die Persönlichkeit eines Menschen.                                                   blieb nichts anderes übrig, als H. zu ak-
In Stade wurde ein 77-Jähriger wegen Totschlags zu sieben Jahren                                                   zeptieren. Sie hatten ihn gewissermaßen
                                                                                                                   mitgeheiratet.
   verurteilt. Eine angemessene Strafe? Von Gisela Friedrichsen                                                       Zehn Jahre nach dem Tod des zweiten
                                                                                                                   Mannes, sagt die Schwester, habe sie sich


W
           ie kann ein Mensch so leben? Veränderung zu verstehen. H. hatte nie                                     einen „Freund angeschafft“. Ein verhäng-
           Jahrzehntelang ganz allein in geheiratet. „Ich bin nicht schwul“, sagt                                  nisvoller Entschluss. Denn der Bruder
           einem verkommenden Haus, in er, „ich hatte durchaus Freundinnen.                                        konnte den Neuen, Königsberger wie er,
dem kaum Luft zum Atmen war wegen Aber Frauen wollen Luxus.“ Und damit                                             nicht ausstehen – und umgekehrt. H. be-
des angehäuften Mülls. Ohne Wasser, hatte er nichts am Hut. Er hielt sich lieber                                   gegnete dem sieben Jahre Jüngeren, ei-
ohne Toilette, ohne Strom, ohne Heizung. an seine Schwester, die keine Ansprüche                                   nem Sozialhilfeempfänger und Alkoholi-
In diesem Haus, wo im ersten Stock die stellte. Für sie geht er durchs Feuer.                                      ker, mit größtem Misstrauen, verweigerte
Tauben hausen und im Erdgeschoss ein          Er stammt aus Königsberg. Gelernt hat                                dieser doch die Antwort auf Fragen nach
Ziegenbock lebte und zeitweise ein Wild- er Schlachter, aber die Tiere taten ihm                                   seiner Familie und seiner Biografie. „Der
schwein, das zahm war wie ein Hund, leid. Dann lernte er Forstwart. Dann war                                       hat meine Schwester unterdrückt, sie be-
weil es der Hausbesitzer in seinem Bett er beim Bundesgrenzschutz, wollte Be-                                      logen, beleidigt und gefügig gemacht, die-
aufgezogen hatte. Wer so fragt, muss ein- amter werden, arbeitete in einer Schuh-                                  ser Schmarotzer! Der hat sich in ein ge-
tauchen in eine Welt, die ganz anders ist fabrik, im Hüttenwerk, auf dem Bau, in                                   machtes Nest gesetzt und sie ausgenutzt!
als die des Normalbürgers.                  der Hochseefischerei, am Ende war er                                   Ich vermute, früher war der im Knast!“,
   Der Garten – verwahrlostes Chaos, in Busfahrer. „Ich war ziemlich vielseitig!“,                                 erregt sich H. noch heute.
dem der Hausherr seine Notdurft verrich- sagt er und zählt die Namen seiner Ar-                                       Als „Raubmörder“ habe er ihn deshalb
tete. „Ökologisch“ nennen manche das. beitgeber auf. Er weiß sie alle. Verdient                                    beschimpft. Von einem solchen lasse er
„Verwunschen wie im Märchen“ andere: hat er gut. Warum der häufige Wechsel?                                        sich nicht „rausekeln“. Im Gegenzug
„Da stand der Mann mittendrin, Tauben „Damals gab es Arbeit wie Sand am                                            nannte der Neue ihn „Stinker“. Nicht
saßen auf seinem Kopf, und sang“, be- Meer“, antwortet er ausweichend.                                             ganz grundlos allerdings. „Er roch schon
geisterte sich ein Besucher. Die Leute aus    Das Haus kaufte er 1958 und bewohnte                                 streng“, gibt die Schwester zu, „so nach
dem Ort sagten tolerant: „Jeder hat seine es zunächst mit einer Tante. Als die starb,                              alten Lumpen. Er konnte sich in seinem
eigene Ordnung.“ Oder: „Solange er nie- richtete er sich darin allein ein, ohne je                                 Haus ja nicht waschen.“ Sie macht sich
mandem was tut, ist es seine Sache.“        etwas reparieren zu lassen. Mit der Zeit                               Vorwürfe, weil sie sich von dem Freund,
   Doch mittlerweile ist es nicht mehr sei- verrottete das Anwesen. H. gab kaum                                    statt diesen hinauszuwerfen, habe beein-
ne Sache. Denn am 28. September 2011 Geld aus. Er ging nicht aus, trank nicht,                                     flussen lassen. „Wir ließen meinen Bruder
hat Gerd H., der Hausbesitzer, getötet. rauchte nicht. Was er verdiente, ging so                                   nicht mehr am Tisch mitessen. Er saß
Er ist 77 Jahre alt. „Ich bin ein Mörder“, gut wie unangetastet aufs Konto, inzwi-                                 dann allein in der Küche.“ Auch in der
sagt er mit fester Stimme über sich.        schen liegen dort rund 700 000 Euro.                                   Stube habe sich der Bruder nicht aufhal-
   Er hat jenen Mann erschossen, der ein Doch mehr als seinen Garten und die Tie-                                  ten dürfen. „Dabei hätten wir doch zu
Dreivierteljahr zuvor bei seiner verwit- re, deren Gesellschaft ihm lieber war als                                 dritt Platz in der Stube gehabt! Meine
weten Schwester eingezogen war. Von die von Menschen, und vor allem die Frei-                                      Wohnung ist groß genug. Wir alle drei
dem Augenblick an war in seiner Welt heit, zu tun und zu lassen, was er will,                                      haben Schuld, dass es so gekommen ist.
nichts mehr wie zuvor.                      brauchte H. nicht.                                                     Auch ich.“
   Man muss die ganze Geschichte ken-         33 Jahre lang wurde er von seiner                                       Anfang 2011 spitzte sich die Situation
nen, um die katastrophalen Folgen dieser Schwester versorgt, die nicht weit von                                    zu. H.s Gesundheit hatte nachgelassen.
                                                   D E R   S P I E G E L                           2 4 / 2 0 1 2                                           43
Gehen konnte er kaum noch wegen eines
Hüftleidens. „Er sollte operiert werden,
ging aber nicht hin“, sagt die Schwester.
„Immer saß er nur im Garten und fütterte
seine Vögel.“ Auch die Augen hätten be-
handelt werden sollen, jetzt sei es zu spät.
Dazu hatte er Bluthochdruck und Zucker.
   „Geh aus dem Weg, du Krüppel“,
schrie ihm der Neue auf dem Fahrradweg
hinterher, als er mal mit einem Rollator
unterwegs war. „Ich stech dich ab wie ein
Schaf“, drohte H.
   „Ich weiß, dass er verzweifelt war.“ Die
Schwester klagt sich an. „Er sollte selbst
einkaufen. Das kann er doch nicht! Er
konnte gar nichts mehr!“ Sie habe den
Freund gebeten, mit diesem „Rumgestän-
kere“ aufzuhören. Niemand würde sich
auf Dauer so etwas gefallen lassen.
   H. versuchte damals, sich umzubringen,
er hatte offenbar genug vom Leben. Weil
er davon redete, sein Haus zu sprengen,
und weil man im Ort munkelte, er habe
Waffen, wurde die Polizei geholt. H. kam
in eine psychiatrische Klinik. Und erholte
sich rasch. Der Bestellung eines Betreuers
stimmte er zunächst zu, winkte jedoch
bald ab. Er komme schon wieder allein
zurecht.
   Im August vorigen Jahres suchte ihn
ein Psychiater auf. „Die Tür zum Haus
stand offen. Er saß auf einem Eimer und
hatte fürchterlich Durchfall. Ich half ihm
in die Hose“, berichtet der Gutachter. H.
habe ihm erzählt, dass ein neues Betreu-
ungsverfahren durch die Bank in Gang
gebracht worden sei. Er habe nämlich sei-
ne 700 000 Euro abheben und im Garten
vergraben wollen, weil man ihm dumm
gekommen sei. Man habe ihm Anlage-
produkte aufschwatzen wollen. Doch er
könne mit seinem Geld schließlich ma-
chen, was er wolle.
   Der Psychiater ist 83 Jahre alt, noch äl-
ter als H. also. Er hielt H. für „ungewöhn-
lich eigenwillig“ und auch zu „ungewöhn-
lichen Reaktionen neigend“. Aber: „Er
war freundlich, na ja, Altersstarrsinn na-
türlich. Das Erste, was ich dachte nach
der Tat, war: Was ist jetzt mit den Tau-
ben?“ Demenz? „Nein, eigentlich nicht.“
   Wer nichts wegwerfen kann und sein
Haus zumüllt, ist nicht automatisch krank.
Wer geizig ist bis zum Fanatismus, eben-
falls nicht. Eine handfeste psychische Stö-
rung wollte damals niemand von H.s Ei-
genheiten ableiten, zumal er im Umgang
mit Außenstehenden fröhlich, ja char-
mant wirkte. Seine Lebensumstände fan-
den zwar alle, die sie zu Gesicht beka-
men, erschütternd. Doch wie darauf rea-
gieren? Jeder kann doch leben, wie er
will, solange er keinen anderen schädigt.
   Nach der Entlassung aus der Psych-
iatrie wurde H. untersagt, das Anwesen
der Schwester zu betreten. Nun verwahr-
loste er noch mehr und ernährte sich nur
noch von altem Brot, das beim Bäcker
übrig blieb, und dem wenigen, was die
44          D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Deutschland

Schwester ihm heimlich vor die Tür stell-      gewesen sei. Die 2. Große Strafkammer         ten, träten im Alter dann akzentuiert her-
te. Mittagstisch beim Schlachter? Nein,        des Landgerichts verurteilte ihn jedoch       vor. „Aus Vorsicht wird Misstrauen, aus
wollte er nicht. Bei der Nachbarin essen?      wegen Totschlags zu sieben Jahren.            Sparsamkeit Geiz, aus Charakterfestig-
Nein, auch nicht.                                 Man kann darüber streiten, ob für ei-      keit Eigensinn“, so Schmidt. Das Einfüh-
   Ein weiterer Gutachter bejahte die Not-     nen 77-Jährigen eine so hohe Freiheits-       lungsvermögen lasse nach, auch das Ver-
wendigkeit einer gesetzlichen Betreuung,       strafe nicht einem Lebenslang gleich-         ständnis für die Belange der Mitmen-
sprach von „Selbstregulationsschwäche“         kommt. Man kann auch fragen, ob das           schen. Dafür trete die Ich-Bezogenheit in
und einer „Persönlichkeitsstörung, die         Gericht das hohe Alter des Angeklagten,       den Vordergrund. Werte, die ein Leben
schon den Charakter eines Zwangssyn-           das ein Strafmilderungsgrund ist, genü-       lang gegolten hätten, verschöben sich. So
droms“ habe. „Das Haus war nicht mehr          gend berücksichtigt hat und ob H. nicht       könne ein Mensch, der nie einem anderen
geeignet, darin zu leben. Der Mann hatte       angesichts der zu erwartenden Ver-            etwas zuleide getan hat, plötzlich aggres-
sich in schwerster Selbstvernachlässigung      schlechterung seines Zustands in der          siv werden. Beleidigungen, Kränkungen
verfangen“, befand der Gutachter. Neu-         Psychiatrie besser untergebracht wäre.        und Demütigungen würden intensiver
erliche Bemühungen um eine Verbesse-           Andererseits fühlt er sich offenbar in der    empfunden, die Menschen würden nach-
rung der Situation wurden dann von den         Haft gut aufgehoben. Möglicherweise ist       tragender, unflexibler, weniger kompro-
Ereignissen überholt.                          auch das letzte Wort noch nicht gespro-       missbereit und emotional labiler.
   Denn am 28. September gegen 9.45 Uhr        chen, da Verteidiger Rainer Mertins an-          H. hat den Gefährten seiner Schwester
macht sich H. wieder einmal auf den Weg        gekündigt hat, Rechtsmittel einzulegen.       als existentiell bedrohlich wahrgenom-
zur Schwester. Im Hof begegnen sich die           Einer Verurteilung wegen Mordes ent-       men. Aus diesem Konflikt fand er nicht
Widersacher. Lautstarker Streit, Drohun-       ging H., weil sich das Gericht nicht vom      mehr heraus. Als er dann ein erstes Mal
gen. „Hau ab, du Stinker! Ich säble dir        Mordmerkmal der niedrigen Beweggrün-          geschossen hatte, konnte er diesem Hand-




die Beine weg“, soll der Freund der            de überzeugen konnte, das die Staatsan-       lungsimpuls nicht mehr Widerstand leis-
Schwester geschrien haben. H. schreit zu-      waltschaft angenommen hatte. Zusam-           ten. Er schoss nochmals. Die Merkmale
rück: „Du Mörder, du Raubmörder!“,             men mit dem psychiatrischen Sachver-          der Binswanger-Krankheit treffen auf ihn
greift in seinen Leinenbeutel, nimmt ei-       ständigen Harald Schmidt, dem Leiter          zu wie aus dem Lehrbuch.
nen Revolver heraus und schießt.               der Maßregelklinik in Zeven-Brauel, hat-         „Hirnorganische Erkrankungen sind die
  Der in die Schulter Getroffene torkelt       ten die Richter in der Hauptverhandlung       schwersten psychischen Krankheiten, die
und fällt zu Boden. H. geht zu ihm, tippt      die besonderen Lebensumstände und die         wir kennen“, sagte Schmidt am Ende des
ihn mit seiner Krücke an und schießt           durch das hohe Alter veränderte Persön-       Prozesses. „Schon im Anfangsstadium
nochmals. Zielgenau in den Hinterkopf.         lichkeit des Angeklagten in einer Weise       kann hier die Steuerungsfähigkeit erheb-
  Er habe sich von dem Mann bedroht            herausgearbeitet, die nicht nur die Tat       lich reduziert sein.“ Was das auf lange
gefühlt, sagt H. später bei der Polizei. Der   in einem anderen Licht erscheinen ließ,       Sicht bedeutet für die rapide wachsende
habe nämlich einen Gegenstand, er mei-         sondern auch einen Ausblick eröffnete         Zahl alter Menschen, die in Heimen le-
ne, eine Sense, gegen ihn erhoben. Tat-        in die Zukunft einer alternden Gesell-        ben, die zu Hause vereinsamen, die aus-
sächlich lag am Tatort eine Holzstange.        schaft.                                       gegrenzt und diskriminiert werden – und
  Die Staatsanwaltschaft Stade klagte H.          H., so der Sachverständige Schmidt, lei-   vielleicht plötzlich Straftäter sind –, man
wegen Mordes an und beantragte auch            de an der Binswanger-Krankheit, einer         mag es sich gar nicht vorstellen.
eine entsprechende Verurteilung, forderte      Form der Demenz, die auf den ersten              Der Vorsitzende der Kammer, Berend
aber nicht lebenslang, sondern zehn Jah-       Blick nicht auffalle, aber gleichwohl eine    Appelkamp, hat oft einen guten Ton.
re, weil die Steuerungsfähigkeit H.s zur       Veränderung der Persönlichkeit zur Folge      Vom Angeklagten verabschiedete er sich
Tatzeit wegen einer krankhaften seeli-         habe. Vor allem Eigenschaften, die einen      mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen alles
schen Störung erheblich eingeschränkt          Menschen sein Leben lang charakterisier-      Gute, Herr H.“
                                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                           45
Szene


     Was war da los,
     Herr Bridges?
  Ronald Bridges, 63, amerikani-
  scher Cowboy aus Texas, über
  Haustiere: „Wildthing wiegt 1100
  Kilogramm und ist ein Bison. Er
  ist stubenrein und verbringt gern
  Zeit in unserem Wohnzimmer,
  dann legt er sich hin und lässt
  sich streicheln. Ich hatte mal 52
  Bisons. Aber dann bin ich einmal
  in einem Teich geschwommen,
  ein Parasit hat mein Auge be-
  fallen, und ich bin erblindet.
  Weil ich mit einem Auge keine
  Büffelherde mehr kontrollieren
  konnte, habe ich alle Tiere außer




                                                                                                                                                  JEFFERY R. WERNER / INCREDIBLEFEATURES.COM
  Wildthing verkauft. Vor kurzem
  habe ich mir noch einen zweiten
  Bison geholt, er heißt Bullet. Er
  wiegt nur 400 Kilo, aber er ist
  aggressiv zu Fremden. Mir ge-
  horchen die Tiere, ich weiß, wie
  ich sie erziehen muss. Gucken
  Sie mal genau hin, auf meinem
  Schoß sitzt ein Wolf.“                   Ehepaar Bridges




           Was haben wir den Holländern getan, Herr de Winter?
Am 13. Juni spielt die deutsche Fuß-           identifizierst dich mit elf Top-Athleten         auch die Holländer, die beim FC Bay-
ballnationalmannschaft bei der EM              wie mit Kriegern. Wir wollen alle                ern spielen, versuchen, die Deutschen
gegen die Niederlande. Der nieder-             Krieger sein und das andere Team                 zu verletzen. Das ist gut. Darum geht
ländische Schriftsteller Leon de Winter,       töten. Den Ball ins Tor zu schießen ist          es im Fußball. Elf gegen elf, die sich
58, erklärt die Rivalität der Länder.          ritualisierte Vergewaltigung, da kom-            die Beine brechen.
                                               men unsere archaischen Triebe durch.             SPIEGEL: Fußball ist doch kein Krieg!
SPIEGEL: Herr de Winter, warum hassen          SPIEGEL: Wollen die Deutschen die                De Winter: Es ist ritualisierter Krieg.
uns die Niederländer?                          Holländer vergewaltigen?                         Warum sollte man sonst Fan sein?
De Winter: Natürlich hassen wir euch           De Winter: Natürlich nicht, aber bei             Wir brauchen diesen ritualisierten
nicht, aber die Rivalität ist ein Erbe         Fußball geht es eben nicht um schöne             Krieg, wir brauchen keine echten
aus der Nazi-Zeit. Die Niederländer            Stafetten und glitzernde Trikots. Es             Kriege.
können Deutschland nicht verzeihen,            geht um Kampf. Vergiss den Rest.                 SPIEGEL: Wieso gewinnen die Nieder-
dass die Nazis ihr Land besetzt haben.         SPIEGEL: Wie hat es Ihnen gefallen, als          länder eigentlich keine Titel?
Ihr habt uns die Fahrräder gestohlen.          Frank Rijkaard 1990 Rudi Völler zwei-            De Winter: Vielleicht sind die Spieler zu
SPIEGEL: Die Fahrräder?                        mal in die Haare spuckte?                        verwöhnt und reich. Ihnen fehlt der
De Winter: Und zweitens haben die              De Winter: Rijkaard hat Völler mit der           Hunger für das finale Töten. Gucken
Nazis den Holländern gezeigt, was wir          Geste zeigen wollen, dass er ein Stück           Sie sich Robben an, der ist klug, aber
für Feiglinge sind.                            Scheiße ist. Er hat keine                                       ihm fehlt der Killer-
SPIEGEL: Was ist davon heute noch übrig?       Reaktion bekommen, das                                          instinkt.
                                                                                                           M. HELLMANN / PICTURE ALLIANCE / DPA




De Winter: Für junge Menschen ist das          war eine Enttäuschung.                                          SPIEGEL: Singen Sie mal
nur Folklore. Aber vergessen Sie nicht,        SPIEGEL: Heute spielen                                          einen schönen holländi-
wie viel Spaß Hass bereiten kann.              viele Niederländer in der                                       schen Fan-Gesang.
Durch Hass macht sich eine Gruppe              Bundesliga. Wie hat das                                         De Winter: Hup, Holland,
stärker und definiert ihre Identität.          die Rivalität der Länder                                        hup. Laat de leeuw niet
SPIEGEL: Das klingt ungesund.                  verändert?                                                      in z’n hempie staan.
De Winter: Fußball ist angewandter             De Winter: Gar nicht,                                           SPIEGEL: Was heißt das?
Wahnsinn. Du kannst Gefühle raus-              wenn die Nationalflag-                                          De Winter: Lass den Löwen
lassen, die du sonst unterdrückst. Du          gen hochgehen, werden         Völler, Rijkaard 1990             nicht im Hemd stehen.
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Gesellschaft

                                         Fast wie neu
  EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:        Ein Rentner sucht den Sinn des Lebens – und spendet eine Niere.



E
       in paar Tage nachdem Nicholas Kraft, er bekam dafür das Gefühl, dass               ein paar Tage später machten Ärzte eine
       Crace seine Frau beerdigt hatte, er das Richtige tat, sagt er.                     Röntgenaufnahme seiner Nieren.
       wählte er die Nummer des Queen-          Crace hat keine Kinder, der Border-Ter-      „Sie haben Formel-1-Nieren“, sagte
Alexandra-Krankenhauses in Portsmouth rier starb, der Spindelmäher wurde zu               eine Krankenschwester. Crace schenkte
im Süden Englands und sagte: „Guten schwer, der Gemeinderat zu mühselig,                  ihr einen Strauß Blumen.
Tag, ich möchte eine Niere spenden.“         und es kamen kaum noch Touristen ins            Er erfuhr, dass rund 6500 Briten auf
   „Das freut uns“, sagte eine Frau am an- Gefängnis. Er hatte ein schönes Haus mit       eine Spenderniere warten. 300 Menschen
deren Ende der Leitung.                      einem Reetdach, und er konnte sich einen     sterben jedes Jahr in Großbritannien, be-
   „Ich bin 82 Jahre alt“, sagte Crace.      Gärtner leisten, aber das reichte ihm        vor ein Spender gefunden wird. Crace
   „Oh“, sagte die Frau.                     nicht. Er setzte sich vor seinen Computer    lernte, dass er mit einer einzigen Niere
   Nicholas Crace wurde am 17.                                                                     genauso gut leben würde wie mit
Oktober 1928 geboren. Als der                                                                      zwei Nieren.
Zweite Weltkrieg endete, hatte                                                                        Es folgten Ultraschalluntersu-
er Hunger gelitten und Nächte                                                                      chung, Gespräche mit Psycholo-
im Bunker erlebt, und er ent-                                                                      gen, eine Magnetresonanztomo-
schied, dass er sich fortan vor al-                                                                grafie und ein Belastungstest,
lem schönen Dingen widmen                                                                          für den Crace verkabelt wurde
würde.                                                                                             und auf einem Laufband rennen
   In den Fünfzigern feierte er                                                                    musste.
jeden Abend das Leben. Tags-                                                                          Crace’ einzige Möglichkeit, sei-
über arbeitete er als Buchhalter,                                                                  ne Niere zu geben, war eine an-
schaute in graue Bücher und                                                                        onyme Spende. Er würde kein
                                                                                          SOLENT NEWS & PHOTO AGENCY
graue Gesichter und fand wenig                                                                     Geld bekommen und niemals er-
Sinn in seiner Arbeit, abgesehen                                                                   fahren, wem er seine Niere über-
davon, dass sie ihm die Nächte                                                                     lässt.
finanzierte.                                                                                          Es heißt Spende, aber für Ni-
   In einer dieser Nächte traf er                                                                  cholas Crace war es ein Tausch.
Brigid, ein Mädchen, 18 Jahre alt,                                                                 Er gab ein Organ und erhielt da-
brünett und zart. Er sprach sie an,        Crace                                                   für die Gewissheit, dass sein Le-
er nahm sie mit in die Oper, zu                                                                    ben jemandem nützt.
„Madame Butterfly“, es wurde Lie-                                                                     Am 6. April dieses Jahres ent-
be. Am Hochzeitstag regnete es.                                                                    nahmen die Ärzte Crace die lin-
   Brigid arbeitete als Sozial-                                                                    ke Niere durch ein kleines Loch
arbeiterin, und sie war es, die                                                                    in seinem Bauch.
Crace sagte, er solle seine Arbeit                                                                    Zwei Monate später sitzt er
als Buchhalter aufgeben. Tu et-                                                                    auf seiner Terrasse. Crace erzählt
was, das dir einen Sinn gibt, sag-                                                                 seine Geschichte, als würde er
te sie. Er kündigte und arbeitete                                                                  ein Märchen vorlesen, das er
erst für einen Verlag, dann für                                                                    selbst geschrieben hat. Er lässt
eine Organisation, die Schulab-            Aus der Münchner „Abendzeitung“                         sich Zeit, seine Stimme ist warm
gänger in Entwicklungsprojekte                                                                     und alt. Er trinkt zur Geschichte
vermittelt. Dann gründete Crace                                                                    einen Liter schottisches Ale, das
seine eigene Organisation. Er                                                                      spült die Niere.
vermittelte qualifizierte Rentner als kos- und überlegte, wie er sich das Gefühl             In seinem Badezimmer hängt ein
tenlose Arbeiter an Hilfsprojekte.           zurückholen könnte, Teil einer Gemein-       DIN-A3-großes Röntgenbild von seiner
   Er lernte, dass es etwas Besseres gibt schaft zu sein, die ihn braucht. Er war be-     linken Niere. Auf einer Kommode im
als lange Nächte. Er lernte, wie schön es reit, dafür etwas von sich zu geben.            Flur des Hauses, dort, wo andere Men-
ist, etwas für andere zu tun.                   Er tippte „Blut spenden“ in das Such-     schen Fotos hinstellen könnten, hat
   1998 hörte Crace auf zu arbeiten und feld von Google. Er las, dass er höchstens        Crace Karten aufgestellt, von Menschen,
kaufte ein Haus auf dem Land und einen 65 Jahre sein dürfe, um Blut zu spenden.           die ihm geschrieben haben nach seiner
Border-Terrier. Er mähte den Rasen mit Er tippte „Knochenmark spenden“ in das             Spende.
einem Spindelmäher, er ließ sich in den Suchfeld und las, dass er höchstens 49               Crace sagt, er überlege manchmal, wie
Gemeinderat wählen, und manchmal Jahre alt sein dürfe, um sich für eine Kno-              sich dieses Gefühl, gebraucht zu werden,
führte er Touristengruppen durchs alte chenmarkspende registrieren zu lassen.             noch einmal erneuern lasse. Er hat über-
Gefängnis seines Ortes.                      Er tippte „Niere spenden“ in das Suchfeld    legt, ob er noch etwas von sich geben
   Im Jahr 2004 erlitt Brigid einen Schlag- und fand keine Altersgrenze.                  könnte, aber das sei nun nicht mehr mög-
anfall, Crace pflegte sie fünf Jahre, bis       Am nächsten Morgen rief er das            lich. „Weil ich lebe“, sagt Crace.
sie starb. Er gab seine Zeit und seine Queen-Alexandra-Krankenhaus an, und                                                 TAKIS WÜRGER

                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                             47
Winzer Karathanos auf seinem Gut in Karditsa: Prediger der Sorgfalt und des Respekts



                                                                GENUSS




                             Das Blut der Erde
     Deutsche mögen griechisches Essen, Gyros und Souvlaki. Aber sie verachten
  griechischen Wein. Sein Ruf ist wie der des Landes. Ehrgeizige Winzer keltern nun
gegen die Krise an – und exportieren edle Tropfen nach Deutschland. Von Barbara Supp


D
        rei alte Frauen unter Kopftüchern    auf ihr Feld gerollt ist, sie rufen: „Bringt   und immer wieder das Wort „Drachme“
        zwischen Rebenreihen. Mit schnel-    sie her, die deutsche Frau! Sie soll sehen,    fällt, das für viele so beängstigend klingt,
        len Griffen, regelmäßig wie Ma-      dass wir nicht faul sind, bringt sie her!“     ist das Auto von Athen aus nach Nord-
schinen, brechen sie Triebe ab, damit die       Es ist Ende Mai, und während im Ra-         westen gefahren, in ein Weinbaugebiet
Traube genug Kraft bekommt, sie arbeiten     dio die Krise beschrieben, beschrien, von      in Thessalien. Zu Menschen, die inmitten
und singen, „mein schöner Wein“, singen      manchen angeblich auch bewältigt wird,         der Krise das tun, was Griechenland so
sie, „oh, mein schöner Wein“. Dann er-       während der deutsche Finanzminister            dringend braucht: Sie produzieren. Zu
fahren sie, wer aus dem Wagen steigt, der    mit seinen strengen Sätzen zitiert wird        Thanos Karathanos, der Winzer ist und
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Gesellschaft

                                                                                                                       mit Ökonomie-Examen, hatten sie sich
                                                                                                                       für Athen entschieden. Der Kinder wegen
                                                                                                                       kamen sie zurück.
                                                                                                                          Zurück nach Karditsa, zurück zu Nikos,
                                                                                                                       ihrem Vater, der Tischler ist, nur bis zum
                                                                                                                       Alter von zwölf Jahren zur Schule ging
                                                                                                                       und so stolz darauf war, so stolz darauf
                                                                                                                       ist, dass seine Kinder studiert haben.
                                                                                                                          Natascha und ihre Mutter reichen Tha-
                                                                                                                       nos’ Weißwein und gefüllte Zucchini,
                                                                                                                       Omelett, Salate, was es hier so gibt.
                                                                                                                          „Wir sind vom Schiff gesprungen“, sagt
                                                                                                                       Natascha.
                                                                                                                          Und jetzt?
                                                                                                                          Schwimmen sie.
                                                                                                                          In einem faktisch bankrotten Staat
                                                                                                                       ohne gewählte Regierung, dessen Bürger
                                                                                                                       die alten Politiker unglaublich satthaben
                                                                                                                       und den eisernen Sparkurs nicht mehr er-
                                                                                                                       tragen. Bürger, die jetzt schon wieder
                                                                                                                       wählen müssen, am nächsten Sonntag,
                                                                                                                       und die Angst haben, dass es sich rächen
                                                                                                                       wird, wenn sie die Neuen wählen, dass
                                                                                                                       sie bestraft werden, von den Märkten und
                                                                                                                       von der internationalen Politik. Nichts er-
                                                                                                                       warten von diesem Staat, das ist der An-
                                                                                                                       satz von Thanos Karathanos. Das Über-
                                                                                                                       leben, das Weiterleben organisieren. An-
                                                                                                                       dere dazu animieren, dass sie dasselbe tun.
                                                                                                                          Eine „erstklassige Landwirtschaft“ sol-
                                                                                                                       le Griechenland bekommen, die künftig
                                                                                                                       „die Identität des Landes prägen“ werde,
                                                                                                                       so warb Georgios Papandreou, der dama-
                                                                                                                       lige Premierminister, im vergangenen
                                                                                                                       Jahr. Und Karolos Papoulias, der Staats-
                                                                                                                       präsident, sah in einer dynamischen
                                                                                                                       Agrarpolitik den „sicheren Weg“ zur Ret-
                                                                                                                       tung aus der Krise.
                                                                                            MARO KOURI / DER SPIEGEL




                                                                                                                          Ein Drittel der Fläche Griechenlands
                                                                                                                       wird landwirtschaftlich genutzt, erwirt-
                                                                                                                       schaftet werden damit zurzeit nur drei
                                                                                                                       Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Man
                                                                                                                       kann Papoulias’ Worte als fernen, unrea-
                                                                                                                       lisierbaren Traum verstehen. Oder als Er-
                                                                                                                       mutigung, Thanos Karathanos hat be-
Präsident des Verbands der griechischen       gut 800 Meter Höhe mit Blick auf den                                     schlossen, sie als Ermutigung zu verste-
Weinkundler. Der nicht nur vom Wein           Plastira-Stausee, 140 Betten, Wellness,                                  hen. Der Wein gedeiht in seiner Heimat.
viel versteht, sondern auch von den Men-      Spa, in dem Ersparnisse der Familie ste-                                 Gute rote Erde, gute Traubenqualität.
schen in seiner Heimat. Ein schmaler          cken, viel Arbeit aus Nikos’ Tischlerwerk-                                  Was die Welt leider nicht richtig zur
Mann von 47 Jahren, der manchmal auf          statt, Wirtschaftsfördermittel und Geld                                  Kenntnis nimmt, bisher. Schon gar nicht in
dem Feld zwischen seinen Weinstöcken          von der Bank. Und nun Thanos mit sei-                                    Deutschland, wo man mit Udo Jürgens den
sitzt und Haikus schreibt, Gedichte in ja-    nem Wein. Seit 4000 Jahren machen die                                    „griechischen Wein“ besingt, der angeblich
panischer Tradition, worüber er nur mit       Griechen Wein, kann es sein, dass darin                                  „wie das Blut der Erde“ sei. Und dabei
leicht verlegenem Lächeln spricht.            eine Hoffnung liegt?                                                     immer Retsina, Retsina, Retsina meint.
   Zu finden ist er in der Provinzstadt          Abseits von Athen reißen die Leute Ro-                                   Thanos Karathanos ist ein Mensch, der,
Karditsa, zwischen Schwiegervater,            senstöcke heraus und pflanzen Kartoffeln.                                seinen Jeep durch Serpentinen steuernd,
Schwiegermutter, Schwager, Frau und           Abseits von Athen mit seinen Armen-                                      eine Vorlesung halten kann über grie-
zwei Kindern im halbschattigen Hof eines      küchen und Obdachlosen, wo rau und                                       chische Geschichte und den Wein. Im
Wohnhauses, das in Deutschland eine           sehr direkt zu spüren ist, was geschieht,                                zweiten Jahrtausend vor Christus beginnt
Kleinfamilie beherbergen würde, hier          wenn man Teil eines Experiments wird:                                    diese Geschichte auf Kreta, die Römer
sind es drei. Vor drei Jahren lebte er noch   Wie ist es, wenn ein Staat zusammen-                                     lernten von den Griechen, wie man die
als leitender Angestellter einer Weinfirma    bricht? Wenn die Kaufkraft schwindet,                                    Weinstöcke behandeln soll, dass man Re-
mit Frau und Kindern in Athen.                weil die potentiellen Käufer nur noch die                                ben schneiden muss, für besseren Ertrag.
   Jetzt ist er einer von denen, die selbst   Hälfte verdienen oder gar nichts mehr?                                   Verkaufsvorschriften, Herkunftsbezeich-
etwas versuchen, hier auf dem Land. Alle      Und die Steuern steigen – auf Treibstoff,                                nungen, das hatten sie schon in der Anti-
versuchen etwas, mit Herzklopfen zum          auf Lebensmittel und Getränke, auf alles,                                ke, und harte Strafen für Betrug. Trinken,
Teil. Nikos Galagalas, der Schwiegervater,    was man braucht.                                                         aber maßhalten, empfahl der Arzt Hip-
mit einem Möbelhaus in Karditsa. Dimi-           Der Kinder wegen, sagt Thanos’ Frau                                   pokrates. Symposien, sagt er, also mehr
tris, der Schwager, mit einem Hotel auf       Natascha, eine schwarzhaarige Schönheit                                  Reden als Trinken, das war die Sache der
                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                                      49
Gesellschaft

                                                                                                                         hat: Frauen in feiner Bluse, die im Müll
                                                                                                                         nach Essen gruben. Männer mit Rollkof-
                                                                                                                         fern, die aussahen, als wollten sie zum
                                                                                                                         Flughafen, aber sie suchten einen Platz
                                                                                                                         für die Nacht.
                                                                                                                            „Du bist doch Kosmopolit, was willst
                                                                                                                         du in der Provinz?“, fragten die Athener
                                                                                                                         Freunde, als Thanos, Vater von zwei Kin-
                                                                                                                         dern und Alleinverdiener, das teure Le-
                                                                                                                         ben in Athen aufgab und zurück nach
                                                                                                                         Karditsa ging, um das Land seines Vaters
                                                                                                                         zu bebauen.
                                                                                                                            Thanos steht jetzt im eigenen Weingar-
                                                                                                                         ten, und er lacht. Steht zwischen Roditis
                                                                                                                         und Batiki und Limnio und Xinomavro




                                                                                              MARO KOURI / DER SPIEGEL
                                                                                                                         und Assyrtiko, das sind Traubensorten,
                                                                                                                         die es nur in Griechenland gibt, das ist
                                                                                                                         griechischer Wein.
                                                                                                                            Eben nicht das, was die Deutschen tra-
                                                                                                                         ditionell unter griechischem Wein verste-
Erntehelferin in Karditsa: „Bringt sie her, die deutsche Frau!“                                                          hen. Als in Deutschland in den siebziger
                                                                                                                         Jahren die ersten „Taverna Mykonos“
Griechen. Orgien: Das waren die Römer.         Deutschen, 1941, die über 400 000 Tote                                    und „Athena-Stuben“ eröffneten, war es
Wer Wein ohne Wasser trank, war für die        und ein ausgeplündertes Land hinterließ.                                  mehr die Freundlichkeit der Wirte, die
alten Griechen ein Barbar.                     An den Bürgerkrieg zwischen 1946 und                                      aus Gästen Stammgäste werden ließ, als
   Eine abgeschiedene Gegend ist dieses        1949, der wieder Verelendung brachte,                                     das, was man zu Tsatsiki und Souvlaki
westliche Thessalien, auch zur Zeit der        zerstörte Felder, Hungersnot.                                             trank. Den geharzten Retsina eben. Oder
osmanischen Herrschaft wurde weiter ge-          Sein Vater, sagt Thanos Karathanos,                                     etwas fragwürdiges Halbsüßes. Oder et-
keltert, auch unter muslimischer Herr-         habe die Not von damals sein Leben lang                                   was Braunrotes, von dem Fachleute sagen
schaft, wenigstens für den Eigenbedarf.        mit sich herumgetragen.                                                   würden: Aha. Oxidiert.
Die Region war ein Ort der Kämpfer, der          Lernt, geht in die Fremde, brachte der                                     Dass es seit den späten achtziger Jah-
Partisanen. Der Plastira-Stausee, an dem       Vater seinen Kindern bei. Thanos zog mit                                  ren große Gewächse aus Griechenland
Thanos Karathanos sich jetzt entlang-          17 Jahren nach Athen.                                                     gibt, erst internationale Sorten wie Mer-
schlängelt, um dessen Schönheit zu zei-                                                                                  lot, Syrah, Cabernet Sauvignon, jetzt
gen, war früher kein See, sondern Acker-                                                                                 auch die griechischen Reben, bekamen
und Weideland. Und, von 1943 bis 1944,         Mit der Drachme                                                           die Deutschen „beim Griechen“ nicht mit.
war dort ein Flughafen, der nachts mit         würden alle Importe                                                       Und schon gar nicht in ambitionierten
Hilfe von Partisanen von den Alliierten                                                                                  Esslokalen, wo man Französisch, Italie-
benutzt wurde. Tagsüber hielten ihn die        teurer, Flaschen, Korken,                                                 nisch, Südafrikanisch oder Argentinisch
Kämpfer mit Büschen getarnt.                                                                                             trinkt. Griechisch? Um Gottes willen. Ret-
   Es ist ein kompliziertes Verhältnis zwi-    Maschinen, Papier.                                                        sina womöglich?
schen Deutschen und Griechen, kompli-                                                                                       Die meisten griechischen Weinbauern
zierter, als es lange Jahre erschien. Erst        Vorhin, während der Fahrt zu seinem                                    waren nicht Winzer wie in Deutschland,
waren die Deutschen Angreifer und Be-          Hof, war der Jeep an der Agrarkoopera-                                    Frankreich oder Italien; sie lasen ihre Trau-
satzer. Dann wurden sie Feriengäste. Jetzt     tive von Karditsa vorbeigefahren, sie                                     ben und gaben sie an größere Privatabneh-
sind sie die Schulmeister, die strenger als    sieht erledigt aus, bröckelnde Dächer, ris-                               mer oder an Genossenschaften weiter,
andere das Sparen fordern und mit der          sige Mauern, hier wurde Baumwolle ver-                                    machten den Wein nicht selbst. Die EU,
Drachme drohen.                                arbeitet, das lohnt sich nicht mehr, seit                                 mit ihren Subventionen, förderte Moder-
   Auf dem Hof von Thanos Karathanos,          die EU sie kaum noch fördert und die                                      nisierung und Internationalisierung. För-
vor Kühltanks, erzählt ein Winzer im Ren-      hochsubventionierte US-Baumwolle den                                      derte aber auch, als die Weinmengen euro-
tenalter, dass er früher in Kiel war, U-Boo-   Markt beherrscht. Wein und Tsipouro,                                      paweit zu groß wurden, mit ihrer Rodungs-
te bauen. Er kam zurück und verlegte sich      den griechischen Grappa, produziert die                                   prämie das Aussterben der griechischen
auf Weinbau und erzählt jetzt mit fühlba-      Kooperative immer noch. Thanos’ Vater,                                    Rebsorten, ein Vorgang, der Karathanos
rer Erleichterung, dass die Tochter bleiben    eigentlich Landwirt, war dort in der Ver-                                 „so schrecklich wie die Reblaus“ erscheint.
will und weitermachen; raus in die Welt        waltung beschäftigt. Der Junge sprang                                        Karathanos denkt hartnäckig über sein
oder zurück aufs Land, das ist ja die Ent-     auf dem Gelände herum, hielt die Nase                                     eigenes Weingut hinaus. Er freut sich, dass
scheidung für die jungen Leute in diesen       in Fässer und beschloss: Das ist mein Le-                                 es, seit den neunziger Jahren, griechische
Tagen. Er erzählt, bringt kalten Trester-      ben, später – der Wein.                                                   Weine gibt, die internationale Preise ge-
schnaps zum Anstoßen, und dann schiebt            Er studierte Chemie, dann Önologie,                                    winnen und internationalen Respekt. Die
sich mühsam, gestützt auf ihre Gehhilfe,       die Kunde des Weins. Reiste durch die                                     erfolgreichen Brüder Lazaridi beispiels-
seine Mutter aus dem Haus. Schwarz ge-         Welt. Reiste nach Jamaika, in die USA,                                    weise, Quereinsteiger aus der Marmor-
kleidet von oben bis unten, gebückt, 91-       nach Mexiko, Guatemala, Kuba, Chile,                                      branche, oder die Domäne Hatzimichalis,
jährig, ach, aus Deutschland ist der Be-       Uruguay, Argentinien; überallhin, um zu                                   deren Gründer aus der Elektrobranche
such. Es sieht aus, als fliege ein Schatten    studieren, wie man dort Wein anbaut und                                   kam. Domäne Evharis in Attika, von ei-
über ihr Gesicht, aber dann wünscht sie        Hochprozentiges destilliert. In den Acht-                                 nem deutsch-griechischen Winzerpaar ge-
Gottes Segen, allen, ohne Unterschied.         zigern war er unterwegs, Mitte der Neun-                                  gründet, die seit 15 Jahren international
   Die fürchterlichen Jahre sind nicht ver-    ziger wieder und 2004 in Argentinien,                                     im Geschäft ist und Interessantes wie ei-
gessen, noch gibt es Überlebende, und          nicht lange nach der Staatspleite. Er sah                                 nen weißgekelterten Syrah oder einen As-
die erinnern sich. An die Invasion der         Dinge, die er jetzt auch in Athen gesehen                                 syrtiko sur Lie produziert. Domäne Siga-
50                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
las auf Santorin, die seit Jahren vom ame- regelmäßig bezahlt, aber glücklich, wenn          Die Weinbaukooperative von Tirnavos,
rikanischen Kritikergott Robert Parker man ihn dort trifft. Wenn seine Studenten,         erzählt dort eine freundliche 28-jährige
hervorragende Wertungen bekommt.             nach der Zukunft befragt, eigensinnig auf    Önologin, habe den zweitägigen Warn-
   Karathanos selbst, erst seit drei Jahren „Griechenland! Griechenland! Griechen-        streik schon hinter sich. Gestreikt wurde,
hauptberuflich Winzer, baut biologisch land!“ bestehen.                                   weil die Löhne nun auch in den Weinkoope-
an, „Chilia Klimata“ nennt er seinen           Wir konnten es mal, das ist die Bot-       rativen drastisch gekürzt werden sollen.
Wein, „Tausend Wetter“, macht 10 000 schaft des Thanos Karathanos, und wir                   Die Kooperative besitzt neue tempe-
Flaschen im Jahr, das ist fast nichts. Lang- können es wieder.                            rierbare Stahltanks, helle Lagerhallen mit
sam, sagt er, Schritt für Schritt wolle er     Als es noch reichlich EU-Subventionen      Großflaschen Retsina, aber auch Unge-
aufbauen, und dass das eigentlich nur ein gab und nach der Euro-Einführung Kre-           harztes wie Roditis, Muscat, Syrah, be-
Teil seiner Aufgabe sei, er ist ja Önologe dite für alles und jeden, verschuldeten        sitzt moderne Abfüllanlagen, in denen
und Berater, berät gegen Geld, wenn je- sich die einen für Urlaub und Mercedes,           im Moment die Sorte Roditis in Plastik-
mand Geld hat, und kostenlos, wenn es die anderen gaben Geld für sinnvolle Din-           flaschen fließt, das macht die Krise. Plas-
befreundete Nachbarn sind.                   ge aus, Keltern mit neuer Technik bei-       tik ist billiger.
   Ein Prediger der Sorgfalt und des Re- spielsweise. Hier im westlichen Thessa-             Der Geschäftsführer, Evagelos Sikalos,
spekts vor der Ware, das ist Thanos Ka- lien geschah viel zu wenig, warum?                sitzt im Konferenzraum und atmet pfei-
rathanos. Welche Hefe für die Gärung           Zu viel Abneigung gegen Neues viel-        fend nach einer Krebsoperation am Kehl-
nehmen, wie lange bleibt der Wein auf leicht, zu wenig Unternehmergeist – das             kopf. Aber er redet weiter, arbeitet weiter
der Hefe liegen, bei welcher Temperatur? ist eine Vermutung.                              als Chef einer Genossenschaft mit 500
Wie wäre es mit Barrique, würde ihm die        Die andere Vermutung – es gibt immer       Mitgliedern, deren Wein sie keltern und
Lagerung im kleinen Eichenfass gut be- gute Gründe in Griechenland, wenn et-              vermarkten. 66 Angestellte sind damit be-
kommen? Wie wäre es, wenn man, für was nicht passiert. Wenn Anträge nicht                 schäftigt, fünf Millionen Liter Wein, eine
eine Weißwein-Cuvée, den klaren, fri- bearbeitet werden, wenn sie liegen und              halbe Million Liter Tsipouro und ein we-
schen Assyrtiko mit dem aromatischen, liegen und liegen, weil etwas fehlt. Ein            nig Ouzo zu produzieren. Und Trauben-
nach Aprikose duftenden Malagousia kleiner Umschlag vielleicht. Das alte grie-            saftkonzentrat aus überzähligen Trauben.
kombiniert? Und bei den Roten: der Sy- chische Problem.                                   Schön wäre es, wenn Deutschland das
rah vielleicht mit dem Xinomavro? Und          Am nächsten Tag soll die Kooperative       Zuckern von Wein verbieten würde und
ein wenig Merlot dazu?                       von Karditsa besucht werden, der zerfalle-   stattdessen Traubensaft vorschreiben wür-
   So etwas probiert er im eigenen klei- ne Rest, der einst der Arbeitsplatz von Tha-     de, man könnte dann wunderbar diesen
nen Keller aus, im Elternhaus seiner Mut- nos’ Vater war, aber die Kooperative ist ge-    Sirup exportieren.
ter. So etwas unterrichtet er auch, am schlossen, Streik. Stattdessen fährt der Jeep         Ja, sagt der Geschäftsführer, der Ex-
Fachbereich Lebensmitteltechnik der nun nach Tirnavos, nach Nordosten durch               port, es stimmt, wir exportieren zu wenig,
Hochschule in Karditsa, schlecht und un- die thessalische Ebene, Richtung Olymp.          95 Prozent gehen in den Heimatmarkt,
Gesellschaft

                                                                                                                            Er blickt zum Fenster hinaus, zum Stau-
                                                                                                                         see, wo im Zweiten Weltkrieg der Flug-
                                                                                                                         hafen der Partisanen war. Er erzählt, dass
                                                                                                                         er in einer Kate groß wurde, mit einem
                                                                                                                         Vater, der Schafe und Kühe hielt, kein
                                                                                                                         richtiger Bauernhof, nur ein paar Stück
                                                                                                                         Vieh. Nach sechs Schuljahren verließ er
                                                                                                                         die Schule, wurde Tischler, weil es ihm
                                                                                                                         bei einem Onkel in der Werkstatt so gut
                                                                                                                         gefiel. Mit 15 brauchte er einen Pass und
                                                                                                                         wunderte sich, dass der eingetragene Ge-
                                                                                                                         burtsort ein anderer war, als er geglaubt
                                                                                                                         hatte. Ein Arzt wollte etwas wissen über
                                                                                                                         Krankheiten in seiner Familiengeschichte,
                                                                                                                         Nikos ging nach Hause und fragte ein




                                                                                              MARO KOURI / DER SPIEGEL
                                                                                                                         bisschen, so erfuhr er es dann.
                                                                                                                            Dass sein Vater nicht sein Vater war.
                                                                                                                         Dass sein echter Vater von den Deutschen
                                                                                                                         als Partisan erschossen worden war. Die
                                                                                                                         Überlebenden hatten ihn zu diesem
Familie Karathanos beim Abendessen: „Wir brauchten einen Deutschen, der uns regiert“                                     Mann mit den Kühen und Schafen gege-
                                                                                                                         ben, den er Vater nannte, er nannte ihn
nur 5 Prozent ins Ausland, nach Austra-         portwaren kaufen müssen. Flaschen. Kor-                                  weiterhin Vater. Das alles, sagt Nikos Ga-
lien zum Beispiel, ein bisschen nach            ken. Maschinen. Treibstoff. Papier.                                      lagalas und blickt aus dem Fenster, war
Deutschland, vor allem halbtrockener               Thanos Karathanos verdient nicht viel                                 eben so. Vor sechs, sieben Jahren erfuhr
Weißer. Wir brauchen den Weltmarkt.             mit seinem Wein, ein kleines Zubrot, bis-                                er, dass er einen Bruder und eine Schwes-
Kürzlich waren wir auf der Messe in             her, zum Dozentenberuf. Eine Flasche                                     ter hatte, die traf er dann. Was sie erzählt
Shanghai.                                       verkauft er für acht bis zehn Euro. Die                                  haben, über seinen leiblichen Vater, seine
   Ja, die Streiks, sagt der Geschäftsführer,   Hälfte davon, rechnet er, sind Produk-                                   Mutter? Nicht viel, sagt er. Er wechselt
natürlich sind sie nicht erfreulich. „Aber      tionskosten. Davon wiederum die Hälfte                                   das Thema.
ich kann die Menschen verstehen. Nie-           bezahlt er für importierte Ware, und                                        Er schafft Kaffee und Tee heran, für
mand macht das gern. Jeder Streiktag ist        dieser Anteil von zwei bis drei Euro pro                                 die Reise, als der Besuch sich verabschie-
für die Menschen ein Opfer“, ist ein Tag,       Flasche würde sich dann ja verdoppeln,                                   det. Er will nicht Opfer, er will Gastgeber
an dem sie nichts verdienen. Ein Buch-          wenn die Drachme kommt.                                                  sein. Er sagt: „Sagen Sie den Leuten in
halter, fünf Berufsjahre, soll jetzt knapp         Und die Kundschaft würde noch weiter                                  Deutschland, sie sollen herkommen.“ Er
800 statt 1100 Euro verdienen. Ein Arbei-       verarmen, wer soll da noch Möbel kaufen,                                 bleibt zurück in einem ziemlich leeren
ter 510 anstatt der 780, die es bisher gab.     gut essen und trinken, verreisen, Über-                                  Hotel.
   „Es steht Schlimmes bevor“, sagt der         nachtungen bezahlen? Ob dann die Deut-                                      Die Hoffnung will es, dass die Deut-
Direktor, und sein Atem pfeift. „Die Leu-       schen kämen? Vielleicht. Es müsste                                       schen kommen, dass sie auf Nikos’ Mö-
te können nicht mehr.“                          schnell gehen, damit es hilft. Sehr, sehr                                beln sitzen, in Dimitris’ Betten übernach-
   Am Abend erzählt Natascha Karatha-           schnell.                                                                 ten und Thanos’ Wein trinken werden.
nos, dass sie jetzt überlegen, was sie künf-       Von dem Bild ist jetzt die Rede, das                                     Die Statistik sagt, dass die Deutschen
tig auf den Feldern anbauen werden,             sich die Welt gerade von Griechenland                                    dieses Jahr sehr zurückhaltend darin sind,
die Thanos’ Vater hinterlassen hat. Was         macht. Es sei ein Land, so heißt es, das                                 nach Griechenland zu fahren.
braucht der Mensch, was brauchen sie?           durchgefüttert werden müsse, weil es be-                                    Sie sagt noch etwas anderes. Deutsch-
Hülsenfrüchte, Getreide und Reben. Sup-         wohnt sei von faulen Menschen. Ein                                       land, so steht es in der Handelsbilanz, ist,
pe, Brot und Wein.                              Land, in dem Straßenkrieg tobt und Au-                                   neben Italien, der wichtigste Handelspart-
   Sie halten ein Symposium ab an die-          tos brennen. Ein Land, das an Schatten-                                  ner für Griechenland. Eine einseitige Sa-
sem Abend, im Hotel Kazarma, dem Fa-            wirtschaft, Bürokratismus und Korrup-                                    che, und die Griechen importieren mehr
milienhotel, etwas Wein und viel reden.         tion erstickt.                                                           als doppelt so viel, wie sie nach Deutsch-
Am 17. Juni soll wieder gewählt werden,            Der erste Vorwurf wird mit müder Iro-                                 land exportieren.
am Tisch sind fünf Menschen, sechs Mei-         nie zurückgewiesen. Der zweite als Über-                                    Aber eine kleine Zahl steht da, in der
nungen, so sagen sie selbst, aber einig         treibung betrachtet. Für den dritten hält                                Außenhandelsstatistik des deutschen
sind sie darin, dass sie nicht mehr wissen,     jeder am Tisch anschauliche Beispiele                                    Landwirtschaftsministeriums, in der sich
worauf sie hoffen sollen.                       bereit.                                                                  eine klitzekleine Hoffnung versteckt. Für
   Wenn die Altparteien gewinnen, Pasok            Korruptionsgeschichten werden erzählt                                 26 Millionen Euro schickten die Griechen
und Nea Demokratia, dann geht das er-           und sarkastisch belacht. „Wir brauchten                                  im Vorjahr Wein zu den Deutschen. Im
barmungslose Sparen noch weiter, kann           einen Deutschen, der uns regiert“, das ist                               Jahr 2010 waren es nur 23,8.
man das ertragen? Wenn man den Neuen            so ein Scherz, der immer wieder mal zu                                      Unter vielen Minussen ein ganz klei-
nimmt, den jungen Tsipras von der Lin-          hören ist, auch an diesem Abend hier.                                    nes, ganz zartes Plus, für griechischen
ken, wird dann passieren, was keiner von        Nicht jeder am Tisch sieht so aus, als halte                             Wein.
ihnen will: Abschied vom Euro? Von              er ihn für einen guten Witz.
Europa gar? Wenn dann die Drachme                  Am nächsten Morgen kommt Nikos,
käme? Alles Importierte, also fast alles        der Tischler, Thanos’ Schwiegervater, und                                                 Video:
in Griechenland, würde unglaublich teuer        leistet Gesellschaft beim Frühstück. Ges-                                                 Weinprobe bei
werden, die Drachme würde ja vermut-            tern hatte jemand etwas über seine Ge-                                                    Thanos Karathanos
lich um die Hälfte abgewertet. Nicht nur        schichte erzählt, es ist ihm peinlich, da-                                                Für Smartphone-Benutzer:
Dimitris mit seinem Hotel, auch Thanos          nach gefragt zu werden, aber dann spricht                                                 Bildcode scannen, etwa mit
mit seinem Wein würde ja weiterhin Im-          er doch.                                                                                  der App „Scanlife“.
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MITTELHERWIGSDORF
                             Rübergemacht
                             ORTSTERMIN: Auf einer Busreise durch Ostdeutschland suchen
                             junge Ostdeutsche nach dem Osten.


E
       s gibt eine Frage, die sie von Berlin Studium, im Moment schreibt er an seiner 150 Leute kamen. Sie schrieben einen
       aus nicht klären konnten, sagt Jo- Doktorarbeit.                                        neuen Antrag, diesmal für ihre Expedi-
       hannes Staemmler. „Was ist da ei-           Johannes Staemmler war sieben Jahre tion. Wenn sie den Osten erklären wollten,
gentlich los, in Ostdeutschland?“               alt, als die Mauer fiel. Er wuchs in Dres- anstelle der alten Männer, mussten sie
   Staemmler klingt wie der Teilnehmer den auf, aber das kann man kaum noch ihn kennenlernen. Sie waren schließlich
einer Expedition in ein unbekanntes Ge- hören. Er hat sich den weichen Dialekt alle schon lange weg. Berlin zählte nicht.
biet. Seine Gruppe ist bis nach Mittelher- seiner Heimat schon als Jugendlicher in                Auf die Flyer für ihre Tour ließen sie
wigsdorf in der Oberlausitz vorgedrun- Dresden abgewöhnt. Abtrainiert, sagt er. eine Karte mit den Umrissen der DDR
gen, es ist der östlichste Punkt ihrer Reise Niemand sollte gleich merken, dass er drucken. Sie waren in Schwedt, in Neu-
durch den Osten, die nächstgelegene aus dem Osten kommt.                                       brandenburg, in Schwerin, sie haben mit
große Stadt ist Liberec in der Tschechi-           Aus dem Osten kamen Stasi-Leute, Schülern und älteren Leuten gesprochen.
schen Republik, auch die Grenze zu Po- Neonazis, Arbeitslose. Witzfiguren, bes- Es gibt viele Kulturprojekte im Osten, so
len ist nicht mehr weit weg. Als er vorhin tenfalls. „Ach, hätte ich jetzt gar nicht ge- viel können sie schon sagen. Es wird auch
ankam, hat Staemmler als                                                                                     einiges aufgearbeitet, am
Erstes versucht, auf seinem                                                                                  Nachmittag haben sie in
Handy eine Internetverbin-                                                                                   Bautzen das alte Stasi-Ge-
dung herzustellen, aber er                                                                                   fängnis besichtigt. Der
konnte kein Netz finden.                                                                                     Mann, der sie durch die Ge-
Auf seinen Knien liegt ein                                                                                   denkstätte geführt hat, war
Schreibblock.                                                                                                Anfang dreißig. Sonst ha-
   Er schaut die Menschen                                                                                    ben sie bisher nur wenig
an, die um ihn herum in                                                                                      Gleichaltrige getroffen. Die
einem Stuhlkreis in der                                                                                      dritte Generation hat rüber-
„Kulturfabrik Meda“ sitzen.                                                                                  gemacht, so wie sie.
                                                                                                   SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL
Sonst finden hier Kino-                                                                                         „Dritte Generation Ost,
abende statt. Etwa 30 Leute                                                                                  könnt ihr damit was anfan-
sitzen im Kreis, die Hälfte                                                                                  gen?“, fragt eine Frau aus
gehört zu der Gruppe, mit                                                                                    Staemmlers Gruppe in Mit-
der Staemmler am späten                                                                                      telherwigsdorf.
Nachmittag angereist ist, in                                                                                    Tja, sagt ein Mann. Er sei
einem großen, silbernen                                                                                      Jahrgang 1975 und gehöre
Bus, auf dem der Schrift-                                                                                    demnach wohl dazu. Ron-
zug „3te Generation Ost-                                                                                     ny Hausmann ist Restau-
deutschland“ steht.                                                                                          rator, hat vier Kinder und
   So nennt sich ihre Reise-           Tourist Staemmler (l.): „Integrationsleistung erbracht“               ist nie aus der Oberlausitz
gruppe. Sie erkunden das                                                                                     weggezogen. Er habe einen
Land, aus dem sie selbst                                                                                     Vorschlag für die Gruppe
kommen. Sie reisen durch                                                                                     aus Berlin.
den Osten, weil sie aus dem Osten sind. dacht, dass du aus dem Osten bist“, die-                 „Ostdeutschland, wollt ihr das Wort
Aber was bedeutet das heute noch?               sen Satz höre er ständig, erzählt Staemm- nicht weglassen?“ Er habe das Gefühl,
   „Wir wurden zwischen 1975 und 1985 ler in Mittelherwigsdorf. Lachen im Saal. dass Deutschland auf einem guten Weg
in der DDR geboren“, sagt Staemmler, Die meisten hier kennen den Satz gut.                     sei. Der Osten sei doch nichts Besonderes
Jahrgang 1982, in der Kulturfabrik. In             Staemmler sagt, dass er sich nicht mehr mehr. Vor allem kein Problemfall. Ein an-
einem Papier, das sie vor der Reise ge- über diesen Satz freuen wollte. Er lebt derer Mann meldet sich, ihm gehe es da
schrieben haben, steht, dass es 2,4 Mil- jetzt in Berlin. An einem Sommerabend ähnlich. „Ich meine, ich war neun Jahre
lionen Menschen gibt, auf die das zutrifft vor zwei Jahren saß er mit Bekannten zu- alt, als die Mauer fiel.“
und die zu ihnen gehören könnten. Zur sammen, denen es ähnlich ging. Es war                       Johannes Staemmler macht sich Noti-
dritten Generation der Ostdeutschen, die kurz vor dem großen Einheitsjubiläum. zen. Vielleicht sind sie zu spät dran. Der
zugleich die erste ist, die nach der „Wir hatten auch genug davon, dass stän- neue Bundespräsident, den alle so mögen,
Wiedervereinigung erwachsen wurde, in dig nur ein paar alte Männer den Osten kommt aus dem Osten. Die Kanzlerin so-
Freiheit und Demokratie. So klingt das erklärten“, sagt Staemmler. Die anderen wieso. Die Band Kraftklub ist in den
oft in Politikerreden, es ist die Spra- kamen aus Rostock oder Hoyerswerda, sie Charts, die Musiker sind Anfang zwanzig
che, mit der sonst in Deutschland über arbeiteten bei Stiftungen und Instituten, und kommen aus Karl-Marx-Stadt. So
Einwanderer gesprochen wird. Und als Soziologen oder Politikwissenschaftler, nennen sie die Stadt wieder. Wahrschein-
manchmal fühlt Staemmler sich auch so wie er. Wie man Konzepte und Anträge lich wird der Osten jetzt cool. Johannes
so.                                             schreibt, hatten sie im Westen gelernt.        Staemmler könnte eigentlich wieder an-
   Er sagt über sich selbst: „Ich habe mei-        Die „Bundesstiftung Aufarbeitung“ fangen, sächsisch zu sprechen.
ne Integrationsleistung erbracht.“ Abitur, gab ihnen 40 000 Euro für eine Konferenz.                                     WIEBKE HOLLERSEN

                                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                     55
Trends

              LANDESBANKEN


         Fragwürdiger Verzicht
    Mit offenbar zweifelhaften Begründun-
    gen hat der Freistaat Sachsen auf die
    juristische Verfolgung von Politikern
    verzichtet, die in den Beinahe-Zusam-
    menbruch der Landesbank involviert
    waren. Bislang wurde darauf verwie-
    sen, bei damaligen Mitgliedern des
    Verwaltungsrats und Kreditausschus-

                                                                      ANDREAS KÖRNER / WIRTSCHAFTSWOCHE
    ses seien keine erheblichen Summen
    einzutreiben. Das ist zumindest frag-
    würdig, denn die Räte waren durch
    eine Organ-Haftpflichtversicherung
    abgesichert. Aus Schreiben des Ver-
    sicherers AIG Europe geht hervor,
    dass die Risiken von Verwaltungsrat                                                                     Schlecker-Kinder Lars, Meike
                          und Kreditaus-
                          schuss der Sach-
                          sen LB womög-                                                                                                                HANDEL
                          lich abgedeckt wa-
                       WALTRAUD GRUBITZSCH / PICTURE-ALLIANCE / DPA




                          ren. Eine Prüfung
                          der Vorgänge in
                          der Bank im Auf-
                          trag des Finanz-
                                                                                                            Ver.di will Anton Schlecker verklagen
                          ministeriums hat-                                                                 Die Gewerkschaft Ver.di ist fest entschlossen, Anton Schlecker, den Gründer der in-
                          te 2010 ergeben,                                                                  solventen Drogeriekette, zu verklagen, falls sich die Vorwürfe über strittige Immobi-
                          dass sechs Mitglie-                                                               lien-Deals und das Vermögen der Familie bestätigen. So hat Anton Schlecker kurz
                          der des Kredit-                                                                   vor der Insolvenz ein Zentrallager samt Grundstück im steirischen Gröbming für 2,8
                          ausschusses „ihren                                                                Millionen Euro sowie die Österreich-Zentrale bei Linz für 1,8 Millionen Euro an seine
                          Pflichten nicht                                                                   Kinder Meike und Lars Schlecker verkauft. Bereits vergangene Woche war bekannt-
Sachsen-LB-Zentrale 2007 hinreichend nach-                                                                  geworden, dass der Pleitier ein Logistikzentrum in Österreich an seine Kinder veräußert
                          gekommen“ seien.                                                                  hatte. Alle drei Deals mit einem Gesamtvolumen von sieben Millionen Euro sollen
    Die mit dem Fall beauftragte Kanzlei                                                                    erst mehr als einen Monat nach dem Insolvenzantrag beurkundet worden sein. Außer-
    hatte dem Ministerium deshalb eine                                                                      dem soll der Kaufpreis unter dem Marktwert liegen. Durch den innerfamiliären Verkauf
    Klage ausdrücklich empfohlen. Der                                                                       wurden die Immobilien der Insolvenzmasse entzogen. Schlecker-Insolvenzverwalter
    Freistaat verzichtete jedoch unter Hin-                                                                 Arndt Geiwitz könnte dies anfechten. Offiziell wollte Ver.di die angestrebte Klage
    weis auf „Rechts- und Prozessrisiken“                                                                   nicht bestätigen, eine Sprecherin teilte aber mit, es sei „sehr verwunderlich, dass die
    und „hohe Kosten“. Sachsen bürgt für                                                                    Immobilienverkäufe jetzt bekanntwerden, wo der Insolvenzverwalter angeblich schon
    die inzwischen notverkaufte Bank mit                                                                    vor Monaten Schlecker auf Vermögensverschiebungen hin überprüft hat“. In einem
    2,75 Milliarden Euro, gut 300 Millio-                                                                   anderen Punkt war Geiwitz gegenüber den Kindern Meike und Lars härter: Er soll ih-
    nen Euro wurden bereits fällig. Bis-                                                                    nen ihre Autos weggenommen haben, weil Besitznachweise fehlten. Die Wagen – dar-
    lang klagt der Freistaat nur gegen                                                                      unter mindestens ein Porsche – wurden der Insolvenzmasse zugeschlagen. Weder die
    ehemalige Vorstände des Geldhauses                                                                      Schlecker-Kinder noch der Insolvenzverwalter wollten sich zu den Vorgängen äußern.
    auf Schadensersatz.



            STEUE RABKOM M EN
                                                                                                          andere Steueroasen abfließe. Er
                                                                                                          fordert deshalb, alle Vermögen zu                ZAHL DER WOCHE
                                                                                                          berücksichtigen, „die zum Zeitpunkt
    Stuttgarter Kompromiss                                                                                der Unterzeichnung des Vertrages im

    In den Streit um das deutsch-schweize-
    rische Steuerabkommen kommt Be-
    wegung, Baden-Württembergs Finanz-
                                                                                                          April dort lagen“. Bis zum geplanten
                                                                                                          Inkrafttreten zum 1. Januar 2013 hät-
                                                                                                          ten Schwarzgeldsünder Zeit, ihre Kon-
                                                                                                          ten zu räumen. Die – ebenfalls stritti-
                                                                                                                                                          680                Millionen Euro

                                                                                                                                                          betrug 2010 der geschätzte
    minister Nils Schmid (SPD) zeigt sich                                                                 ge – Höhe der Besteuerung ist Schmid            Umsatzverlust für die deutsche
    kompromissbereit. Schmid ist Ver-                                                                     dagegen weniger wichtig: „Das                   Musik- und Filmindustrie durch
    handlungsführer des sozialdemokra-                                                                    Abkommen sollte am Ende nicht an
    tischen Lagers, das das Abkommen                                                                      ein paar Prozentpunkten scheitern.“             illegale Downloads.
    bislang blockiert. Wichtigste Voraus-                                                                 Geplant ist, Altvermögen mit 21 bis 41          Quelle: House of Research für das
    setzung für eine Zustimmung im Bun-                                                                   Prozent nachzuversteuern. Finanz-               Medienboard Berlin-Brandenburg und
    desrat sei, so Schmid, dass nicht weite-                                                              minister Wolfgang Schäuble ist bereit,          den Computerspieleverband Game
    res deutsches Geld aus der Schweiz in                                                                 der SPD entgegenzukommen.
    56                                                                                                         D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Wirtschaft
        TEXTILINDUSTRIE                     Kreuzfahrtschiffbühne

 Gemeinsame Standards
Künftig wollen die weltweit größten
Bekleidungsunternehmen mit gemein-
samen Standards messen, wie umwelt-
freundlich und sozialverträglich ihre T-
Shirts, Hosen und Schuhe hergestellt
werden. Dafür haben sich unter ande-




                                                                                                                                                        ROBERT CHIASSON / PICTURE ALLIANCE / DPA
rem die Otto Group, H&M, Nike, Adi-
das, Gap, Inditex und Walmart zur
„Sustainable Apparel Coalition“ zu-
sammengeschlossen. Von Juli an soll
anhand eines eigens entwickelten
Indexes etwa der Wasser- und Energie-
verbrauch, aber auch der Einsatz von
Chemikalien bei der Textilproduktion
erfasst werden. Außerdem sollen die
sozialen Bedingungen in den Produk-
tionsländern verbessert werden. Der                     K R E U Z FA H R T E N
                                                                                                              gehören, liegt das Wachstum momen-
Index erfasst Daten von der Rohstoff-                                                                         tan bei plus sieben Prozent gegenüber
gewinnung über die Weiterverarbei-                                                                            dem Vorjahr. „Zunächst haben auch
tung bis hin zur Nutzung des Produkts
durch die Kunden. Spätestens ab Ende
                                             Ungebrochener Boom                                               wir eine leichte Zurückhaltung vor al-
                                                                                                              lem bei Kreuzfahrtneueinsteigern und
des Jahres sollen erste Kleidungs-         Das Unglück des Kreuzfahrtschiffs                                  ein stark erhöhtes Informationsbedürf-
stücke einen Anhänger tragen, auf          „Costa Concordia“ hat offensichtlich                               nis zu Fragen der Sicherheit regi-
dem genau diese Daten zu finden sind.      keinen nachhaltigen Einfluss auf das                               striert“, sagt Royal-Caribbean-Deutsch-
Kunden können dadurch zum ersten           Buchungsverhalten der Deutschen. Im                                land-Chef Tom Fecke. Seit einigen Wo-
Mal die Produktionsbedingungen             Gegenteil: Der Kreuzfahrtsektor                                    chen habe die Nachfrage aber wieder
nachvollziehen und diese vergleichen.      wächst ungebrochen. So verzeichnete                                angezogen. Selbst bei der italienischen
Bisher haben mehr als 400 Produkte         der deutsche Marktführer Aida Crui-                                Unglücksreederei Costa, Tochter des
von über 80 Unternehmen eine Test-         ses im ersten Quartal 2012 ein Wachs-                              US-Riesen Carnival, stiegen die Bu-
phase durchlaufen. Die teilnehmenden       tum bei den Passagierzahlen um elf                                 chungszahlen. Zunächst lagen sie im
Unternehmen erwirtschaften rund ein        Prozent, obwohl die „Costa Concordia“                              ersten Vierteljahr – bedingt durch das
Drittel des weltweiten Textilumsatzes,     von der Konkurrenzreederei Carnival                                Unglück – zweistellig unter dem Vor-
außerdem gehören Vorlieferanten,           genau in diesem Quartal havarierte.                                jahresniveau. In dem im Juni zu Ende
Farbhersteller, Nichtregierungsorgani-     Bei Royal Caribbean, zu dem Celebrity                              gehenden zweiten Quartal aber liegen
sationen und Wissenschaftler zu den        Cruises und das Gemeinschaftsunter-                                die Italiener mit einem deutlichen
Mitgliedern.                               nehmen Tui Cruises („Mein Schiff“)                                 zweistelligen Plus über dem Vorjahr.



                                                                                                              Schlebusch: Ob Griechenland aus dem
            WÄ H R U N G E N
                                                                                                              Euro aussteigen wird und zur Drach-
                                                                                                              me zurückkehrt, ist aus heutiger Sicht
     „Meist auf Vorrat“                                                                                       Spekulation. Wir haben jedenfalls kei-
                                                                                                              ne Anfrage zum Druck der Drachme
Walter Schlebusch, 63, Chef der Bank-                                                                         vorliegen. Außerdem hat Griechen-
notensparte beim Münchner Geld-                                                                               land eine eigene Banknotendruckerei,
drucker Giesecke & Devrient, über die                                                                         die sicherlich einen Großteil der neu-
mögliche Rückkehr der Drachme                                                                                 en Serie selbst produzieren würde.
                                                                                                              SPIEGEL: Kommt es vor, dass Länder
                                                                                          PLUSPHOTO / IMAGO




SPIEGEL: Falls Griechenland zur Drach-                                                                        vorsorglich Geld drucken und lagern?
me zurückkehrt: Wie lange dauert es,                                                                          Schlebusch: Deutschland hat in den
eine neue Währung einzuführen?                                                                                siebziger Jahren aus Angst vor dem
Schlebusch: Das hängt natürlich von                                                                           Kalten Krieg tatsächlich eine Ersatz-
der Menge der zu produzierenden            Schlebusch                                                         banknotenserie vorgehalten, die –
Banknoten ab. In Griechenland geht                                                                            Gott sei Dank – nie eingeführt werden
das etwas schneller als in größeren        te benötigt. Bis zur Auslieferung kön-                             musste. Die meisten neuen Serien
Staaten, aber bevor überhaupt ge-          nen sogar neun Monate verstreichen.                                werden übrigens auf Vorrat gedruckt,
druckt werden kann, vergehen in je-        SPIEGEL: Ihr britischer Konkurrent De                              da man die Einführung meist auf ei-
dem Fall sechs Monate. Die werden          La Rue rechnet damit, dass ein Druck-                              nen Schlag durchzieht. Das war auch
für das Design, für die Erstellung des     auftrag gesplittet würde und er einen                              beim Euro so, den wir mitproduziert
speziellen Banknotenpapiers und der        Teil davon abbekommen könnte. Hof-                                 haben. Da betrug der Vorlauf sogar
dabei verwendeten Sicherheitselemen-       fen Sie auch darauf?                                               mehrere Jahre.
                                                D E R     S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                           57
Wirtschaft




                                                                   FOTOS: TIM WEGNER / DER SPIEGEL




     Joachim Burkhardt hat sich „aus                                                                                      Udo Fischer wechselte 2011
     Dummheit“ in den Achtzigern für                                                                                      zur Signal Iduna. Die weigert
     eine private Krankenversicherung                                                                                     sich, die Kosten für die Zahn-
     entschieden. Seine Prämie stieg                                                                                      spange von Fischers 13-jähriger
     zum Jahreswechsel drastisch.                                                                                         Tochter Emma zu übernehmen.




                                                          GESUNDHEIT




                        Der Tarif-Schwindel
  Privatversicherte erwarten, dass sie als Patienten erster Klasse behandelt werden.
 Doch nun zeigt eine Branchenstudie: Das Leistungsangebot vieler Assekuranzen
   weist gefährliche Lücken auf. Gesetzlich Versicherte sind oft besser geschützt.


B
       is heute kann sich Martin Friede-     Stock wurden zu einem schwer überwind-                                  kasse (BBKK) nicht vollständig erstatten.
       rich nicht erklären, wie er unter     baren Hindernis.                                                        Die Krücken? Musste Friederich selbst
       den Lastwagen geriet. Es war ein         Heute, acht Monate nach dem Unfall,                                  bezahlen. Die Kompressionsstrümpfe?
Herbsttag im vergangenen Jahr. Er fuhr       fällt Friederich das Gehen noch immer                                   Abgelehnt. Rund 10 000 Euro musste er
mit dem Fahrrad zur Arbeit, mit Helm,        schwer. Ein Bein ist verkürzt, regelmäßig                               seit seinem Unfall in der Münchner In-
wie immer, hinter ihm der Lkw. Der Wa-       muss er zur Physiotherapie. Und als ob                                  nenstadt aus der eigenen Tasche beglei-
gen muss ihn beim Überholen gestreift        das alles nicht genug wäre, hat der 59-                                 chen. „Und ich glaube nicht, dass damit
haben, Friederich stürzte, der Mehrton-      Jährige nun noch ein weiteres Problem:                                  schon das Ende erreicht ist“, sagt er und
ner rollte über seine Beine. „Die Erinne-    seine Krankenversicherung. „Man glaubt                                  schaut auf seine blauen Turnschuhe mit
rung daran ist wie ausgelöscht“, sagt er.    ja immer, als Privatpatient sei man opti-                               Klettverschluss. Zeitlebens wird Friede-
  Mit offenen Brüchen unterhalb der          mal geschützt“, sagt er. Darüber könne                                  rich Schuhe tragen müssen, deren Sohlen
Knie brachten ihn die Rettungsärzte in       er im Nachhinein „nur lachen“.                                          unterschiedlich dick sind. „Die hat mir
die Klinik. Die Mediziner operierten stun-      Seine Versicherung, die bislang immer                                der Professor in der Reha geschenkt“,
denlang. Viele Wochen verbrachte der         anstandslos Arztrechnungen und Medi-                                    sagt er. „Zum Glück.“ Denn auch ortho-
selbständige Architekt im Krankenhaus,       kamente bezahlt hatte, zeigte sich plötz-                               pädische Spezialanfertigungen dieser Art
mehrere Monate war er in der Reha. Die       lich gar nicht mehr generös. Die Reha?                                  deckt sein Versicherungstarif offenbar
Treppen zu seiner Wohnung im dritten         Wollte die Bayerische Beamtenkranken-                                   nicht ab. Friederichs Vertrag enthalte „be-
58                                                D E R   S P I E G E L                              2 4 / 2 0 1 2
+ 70 %

                                                                                                           Kostenfalle                                                                         +60
                                                                                                           Durchschnittliche Beitragsentwicklung
                                                                                                           gegenüber 1997, je Versicherten,
                                                                                                           in Prozent                                                                   + 42 %
                                                                                                           Quelle: IGES Institut, PKV-Verband

                                                                                                                                                           Private
                                                                                                                                                         Kranken-
                                                                                                                                                     versicherung
                                                                                                                                                                                               +20

                                                                                                                                                Gesetzliche
                                                                                                                                        Krankenversicherung
                                                                                                                                                                                                    0
                                                                                                           1997         1999                2002               2005       2008               2011


                                                                                                           Rechenbeispiel für private Krankenversicherungen
                                                                                                           bei einer angenommenen jährlichen
                                                                                                           Beitragssteigerung von5 Prozent*
                                                                                                           * ohne Berücksichtigung der Altersrückstellungen
LILIAN HENGLEIN & DAVID STEETS / DER SPIEGEL




                                                                                                           Quelle: Bund der Versicherten



                                                              Martin Friederich hatte einen
                                                              schweren Fahrradunfall und
                                                              musste über 10 000 Euro für die                   300 €                489€                     796€           1297 €
                                                              Reha, Krücken und andere
                                                              Folgekosten selbst bezahlen.
                                                                                                           Monatlicher Beitrag mit . . .
                                                                                                           . . . 35 Jahren  . . . 45 Jahren             . . . 55 Jahren    . . . 65 Jahren

                               stimmte Leistungsbegrenzungen“, bestä-        der Vorteil ihrer First-Class-Policen zu-                          genannte Hilfsmitteldeklarationen ohne
                               tigt die BBKK. Man habe alle Kosten           letzt darauf reduzierte, beim Hausarzt                             Einschränkungen.
                               übernommen, die man im Rahmen des             schneller einen Termin zu bekommen.                                   Vorteilhaft ist eine private Krankenver-
                               Tarifs erstatten müsse.                       Viele Privatkassen weigern sich neuer-                             sicherung demnach in vielen Fällen nur
                                  Friederich weiß mittlerweile sehr ge-      dings, die eingereichten Arztrechnungen                            noch für diejenigen, die entweder bis an
                               nau, wo die Tücken seiner Versicherung        vollständig zu erstatten, und immer öfter                          ihr Lebensende gesund bleiben. Oder die
                               liegen. Das Leistungsangebot sehe „nicht      erleben Versicherte, dass ihr Tarif wichti-                        so viel Geld haben, dass ein paar tausend
                               gerade üppig aus“ , sagt er. „Das war mir     ge Leistungen nicht abdeckt. Wer bei                               Euro mehr oder weniger keine Rolle spie-
                               vor meinem Unfall nicht klar.“ Den Buch-      Neurodermitis Spezialnahrung benötigt                              len. Viele Kleinunternehmer und Frei-
                               staben- und Zahlenkombinationen in den        oder seinen Burnout vom Psychothera-                               berufler, die nicht auf den oberen Etagen
                               Vertragsbedingungen habe er es jeden-         peuten behandeln lassen will, muss das                             der Einkommenspyramide stehen, ge-
                               falls nicht entnehmen können. Und für         häufig selbst bezahlen.                                            hören im Zweifelsfall eher nicht in diese
                               675 Euro im Monat habe er so etwas auch          Wie sehr der private Versicherungs-                             Kategorie.
                               nicht erwartet. Erst im vergangenen Jahr      schutz inzwischen ausgehöhlt ist, zeigt                               Dass diese Entwicklung Sprengstoff
                               war sein Beitrag um 75 Euro gestiegen.        eine Studie des Kieler Gesundheitsöko-                             birgt, haben mittlerweile auch viele Poli-
                                  Deutschland gewöhnt sich an eine neue      nomen Thomas Drabinski und der Bera-                               tiker erkannt. SPD und Grüne wollen die
                               Form von Zweiklassenmedizin. Lange            tungsfirma Premiumcircle, die von der                              private Krankenversicherung ohnehin seit
                               galt die private Krankenversicherung          privaten und gesetzlichen Krankenversi-                            langem abschaffen, Union und FDP sehen
                               (PKV) als nobler Zufluchtsort für Besser-     cherung mitfinanziert wurde. Erstmals                              zumindest Reformbedarf. „Die Zeiten
                               verdienende. Wer bei Allianz und Co.          haben Wissenschaftler die Leistungen der                           sind vorbei, in denen wir über die Pro-
                               versichert war, durfte sich nicht nur als     beiden Systeme miteinander verglichen.                             bleme der privaten Krankenversicherung
                               Premiumpatient im tristen Krankenalltag       Das Ergebnis, das sie an diesem Montag                             hinwegsehen können“, sagt Jens Spahn,
                               fühlen. Er zahlte in nicht wenigen Fällen     veröffentlichen, ist alarmierend. Rund                             Gesundheitsexperte der Union. „Sie sind
                               auch geringere Monatsbeiträge als bei der     zehn Millionen PKV-Versicherte seien mit                           zu groß.“ Und der zuständige FDP-Mi-
                               gesetzlichen Konkurrenz. Das Gefühl, ein      teils „existentiellen Leistungsausschlüssen                        nister Daniel Bahr spricht im Zusammen-
                               „Besserversicherter“ zu sein, wurde al-       im Krankheitsfall“ konfrontiert, heißt es                          hang mit dem Finanzgebaren vieler Pri-
                               lenfalls durch das schlechte Gewissen ge-     in der Untersuchung. „Mehr als 80 Pro-                             vatkassen von einem „Armutszeugnis“.
                               trübt, sich der Solidargemeinschaft zu ent-   zent der Tarifsysteme der PKV leisten we-
                               ziehen.                                       niger als die GKV“, sagt Premiumcircle-                            Die Seniorin
                                  Heute fühlen sich nicht wenige Privat-     Chef Claus-Dieter Gorr. Dabei gehe es                              Ursula Möller-Bornemann muss jeden
                               versicherte als die eigentlichen Opfer des    um Angebote, die in der gesetzlichen                               Morgen ein ganzes Sortiment an Tablet-
                               Systems. Seit Jahren steigen ihre Prämien     Krankenversicherung fest verankert seien                           ten schlucken. „Sechs verschiedene Pil-
                               mit oft zweistelligen Raten, während sich     wie die häusliche Krankenpflege oder so-                           len“, sagt sie. „Oder acht?“ Sie runzelt
                                                                                   D E R   S P I E G E L    2 4 / 2 0 1 2                                                                           59
Wirtschaft

die Stirn. „Und ich glaube, noch so ein
Säftchen gegen Kreislaufbeschwerden.“
   Möller-Bornemann, 91 Jahre alt, Alli-
anz-versichert, lebt seit 2009 in einem
Wohnstift in Aumühle bei Hamburg. Ihr
Herz schwächelt, und sie wiegt nur noch
40 Kilogramm, doch geistig ist die Frau
für ihr Alter erstaunlich fit. Mit den Me-
dikamenten, die ihr der Arzt verordnet
hat, ist sie allerdings überfordert.
   Eine Pflegerin muss jeden Tag darauf
achten, dass die alte Dame ihre Tabletten
einnimmt. Denn wenn sie es vergisst, ver-
schlechtert sich ihr Zustand schnell. Unter
der blassen Haut ihrer Hände zeichnen
sich die Adern ab, der hellrosafarbene
Blazer lässt erkennen, wie knochig ihre
Schultern sind.
   Fast 800 Euro im Monat muss Möller-
Bornemann für die tägliche Betreuung
beim Tablettenschlucken bezahlen. Eine




                                                                                                                                 THOMAS PETER / REUTERS
gesetzliche Krankenkasse würde diesen
Betrag erstatten. Möller-Bornemanns Al-
lianz-Tarif – rund 700 Euro kostet er mo-
natlich – sieht eine solche Leistung jedoch
nicht vor. „Kann ja wohl nicht sein“, sagte
sich Möller-Bornemanns Enkel, Clemens Gesundheitsminister Bahr: Appell an die Eigenverantwortung der Versicherungen
Wülfing – und half der Großmutter, die
Versicherung zu verklagen. Ende vergan-         Besonders problematisch finden die Ex- Der Anwalt
genen Jahres fällten die Richter am Ober- perten, dass viele Versicherungen nur ein- Alexander Schäfer, 37, verdient seinen
landesgericht in Schleswig-Holstein ihr Ur- geschränkt Anschlussheilbehandlungen, Lebensunterhalt damit, sich mit privaten
teil, zugunsten des Unternehmens. „Wer Psychotherapien oder wichtige medizini- Versicherern anzulegen. Über zu wenig
eine private Krankenversicherung ab- sche Hilfsmittel übernehmen. Und so be- Arbeit kann sich der Anwalt in seiner
schließt, kann nicht erwarten, dass er da- merken viele Versicherte erst dann, wenn Frankfurter Kanzlei nicht beklagen. „Man
mit so versichert ist, wie er es als Mitglied ihnen wirklich einmal etwas passiert, wie merkt, dass viele Versicherer immer mas-
einer gesetzlichen Krankenkasse wäre.“ unzureichend sie abgesichert sind. Sie ge- siver versuchen, ihre Kosten zu drücken“,
   Wülfing findet das „ziemlich absurd“. nießen zwar den Luxus, ohne Wartezei- sagt er. „Das bekommen natürlich auch
Man sollte doch annehmen, sagt er, „dass ten einen Arzttermin zu bekommen, und die Versicherten zu spüren.“
eine teure Privatversicherung wenigstens die Mediziner hofieren sie. Der Chefarzt         Dabei haben die Konzerne unterschied-
einen gewissen Standard erfüllt“. Doch schaut schon mal persönlich vorbei, im liche Strategien: Entweder zweifeln die
einen gesetzlichen Anspruch darauf gibt besten Fall im Einzelzimmer. Denn das Unternehmen im Nachhinein an, dass
es nicht. Wer sich für eine private Versi- ist das Absurde an manchen Privattarifen. eine Behandlung medizinisch notwendig
cherung entscheidet, ist selbst dafür ver- Während sie nicht einmal die Kosten für war. Oder sie weigern sich, Therapien
antwortlich, welches Leistungspaket er den Krankentransport abdecken, sind oder Hilfsmittel zu bezahlen, die nicht
wählt. Und wer bei der Vertragsunter- etwa Extras wie Hustensäfte und Nasen- eindeutig im Tarif enthalten sind. Etwa,
schrift nicht mitbekommen hat, dass sein tropfen inklusive. „Das ist so, als würden weil es sie zum Zeitpunkt des Vertrags-
Tarif etwa kein Beatmungsgerät gegen sie einen Mercedes S-Klasse kaufen, aber abschlusses noch gar nicht gab. Einen neu-
Atemaussetzer bei Nacht beinhaltet, der ohne Motor und Getriebe“, sagt Premi- en Hightech-Rollstuhl beispielsweise.
hat ganz einfach Pech gehabt.                 umcircle-Chef Gorr.                         Viele Versicherer stellen sich zudem
   „Da liegt einiges im Argen“, sagt CDU-       Schlimmer noch: Was die Versicherung quer, wenn sie Arzthonorare bezahlen
Politiker Spahn, der sich mit seinem Ur- ausschließt, ist für einen Laien kaum sollen, die die Sätze der Gebührenord-
teil nun auf die Studie von Drabinski und nachvollziehbar, heißt es in der Studie. nung überschreiten. Häufig rechnen Me-
Premiumcircle berufen kann. Die Exper- „Werden alle Kombinationen ausge- diziner höhere Summen ab, weil sie be-
ten haben 85 Tarifbestandteile ausge- schöpft, sieht sich der Versicherte einem haupten, anderenfalls nicht wirtschaftlich
wählt, die sich am Leistungskatalog der PKV-Versicherungsmarkt mit mindestens arbeiten zu können. Dieser Spielraum ist
gesetzlichen Krankenversicherung orien- 250 000 Preisen gegenüber.“                     ihnen bei einigen Tarifen gestattet. Hält
tieren. Zusätzlich aufgenommen in die           „Eine Vielzahl der Tarife leisten we- der Versicherer die Rechnung jedoch für
Liste haben sie auch Angebote wie pri- sentlich mehr als die GKV“, verteidigt unverhältnismäßig hoch, bleibt der Pa-
vatärztliche Versorgung oder Brillen und Volker Leienbach, Cheflobbyist beim tient auf dem Differenzbetrag sitzen.
Kontaktlinsen, die gesetzlich Versicherte PKV-Verband, seine Branche. „Etwa,              Auch eine andere Besonderheit der pri-
nicht erstattet bekommen. „Wir haben ei- wenn es um Zahnersatz, Brillen oder Arz- vaten Krankenversicherung ist für die Ver-
nen Standard festgelegt, der garantiert, neimittel geht.“ Natürlich gebe es auch sicherten nicht immer nur von Vorteil. Als
dass die Patienten wirklich umfassend ab- leistungsstarke Angebote, bestätigt Gorr. Privatunternehmen können sich Allianz,
gesichert sind“, sagt Drabinski.              „Die Frage ist nur, wie ein Versicherter Axa oder Debeka in der Regel aussuchen,
   Untersucht haben sie 32 PKV-Unter- die finden soll.“                                 wen sie zu welchem Preis versichern. Alter
nehmen. Grundlage waren 208 Tarifsys-           Wer beim Vertragsabschluss daneben- und Gesundheitszustand sind ausschlag-
teme mit insgesamt 1567 Kombinationen. gegriffen hat, kann nicht mehr viel tun. gebend dafür, wie teuer ein Tarif wird.
Das Ergebnis: Keine Versicherung kann Es sei denn, er hat eine gute Rechtsschutz- Wer chronisch krank ist, hat kaum eine
die 85 Kriterien erfüllen.                    versicherung.                             Chance, von einer privaten Versicherung
60                                                D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Großes Gefälle               Vergleich ausgewählter Privatversicherungen* nach Beitrag und Mindestkriterien
*jeweils der Kompakttarif mit der höchsten Punktzahl
 bzw. die beste Kombination der Einzeltarif-Bausteine


Monatlicher
Beitrag
Mittelwert (20 bis
55 Jahre) in Euro                                                            Bayerische
                                                                              Beamten-
700                                                                         krankenkasse


      PKV-Basistarif
      592,88 €
600




500



                                                                                                                           Quelle: PremiumCircle Deutschland GmbH
400
         Punktzahl der erfüllten Mindestkriterien (Maximum 85 Punkte)

         25            30           35            40      45           50             55             60    65        70          75             80             85

zu einem bezahlbaren Preis aufgenom-                    Zeit vor Abschluss der Versicherung“ hät-           auf den Preis. Und so blieb den Unter-
men zu werden. Es sei denn, er entschei-                ten zwei Zahnärzte zu der Behandlung                nehmen vielfach nur eine Möglichkeit,
det sich für den sogenannten Basistarif.                geraten, heißt es bei der Signal Iduna. In          um bei steigenden Kosten im Wettbewerb
   Manchmal versuchen Neukunden zu                      so einem Fall übernehme „keine private              mithalten zu können: den Leistungskata-
tricksen, indem sie verschweigen, dass sie              Krankenvollversicherung“ die Kosten.                log für neue Produkte zusammenzustrei-
unter einer chronischen Krankheit leiden                   Erst 2011 war Familie Fischer aus der            chen. „Tarife wurden nicht bedarfsge-
oder schlechte Zähne haben. Dann hat                    gesetzlichen in die private Krankenversi-           recht für Endkunden entwickelt“, heißt
der Versicherer die Möglichkeit, dem Be-                cherung gewechselt. „Im Nachhinein ge-              es in der Studie, „sondern unter der Prä-
troffenen zu kündigen. Es kommt aller-                  sehen war das kein guter Schritt“, sagt             misse“, wie sie bei Preisvergleichen „ab-
dings auch vor, dass die Unternehmen                    der Vater. „Gesetzlich versichert hätte             schneiden würden“.
nur einen Vorwand suchen, um teure Be-                  Emma mit ihrem Befund wenigstens eine                  Nun haben viele Privatversicherte Po-
handlungen nicht bezahlen zu müssen.                    einfache Zahnspange bekommen“, be-                  licen, die weniger ihnen nutzen als den
   Was das bedeuten kann, hat zum Bei-                  schwert er sich. „Und man müsste sich               Maklern und Versicherungsvertretern. Bis
spiel Schäfers jüngste Mandantin Emma                   jetzt nicht herumstreiten, wo man wie               zu neun Monatsprämien dürfen die Ver-
erlebt. Sie ist 13 Jahre alt und bei der Si-            ein Kreuzchen gesetzt hat.“                         mittler kassieren, wenn sie einen Versi-
gnal Iduna versichert. Weil ihre Backen-                   Die Zeiten, in denen Privatpatienten             cherungsvertrag verkaufen.
zähne schiefstehen, riet ihr der Kiefer-                alles bezahlt bekamen, seien „längst vor-              Für dieses viele Geld bekommen die
orthopäde im vergangenen Jahr dringend                  bei“, sagt Anwalt Schäfer. Denn die Bran-           Versicherten erschreckend wenig Exper-
zu einer Zahnspange. 5000 Euro soll das                 che steht unter Druck. Früher versuchten            tise geboten. „Im Tarifdickicht der PKV
Ganze kosten. Als ihr Vater den Behand-                 die Versicherten zur gesetzlichen Konkur-           bräuchten die Leute Berater, die fachlich
lungsplan an seine Versicherung schickte,               renz zu wechseln, wenn ihre Police im               gut und ehrlich sind“, sagt Premiumcircle-
ging der Ärger los. Denn beim Vertrags-                 Alter teurer wurde. Doch diesen Weg hat             Chef Gorr. „Die gibt es aber kaum.“ Cars-
abschluss hatte Udo Fischer, ein selbstän-              der Gesetzgeber schon vor Jahren ver-               ten Möller, ehemaliger Chef des Makler-
diger Designer aus Offenbach, angegeben,                baut. Die Versicherten werden immer äl-             pools Maxpool, findet ähnlich harte
Emma sei noch nie beim Kieferorthopä-                   ter und benötigen mehr Leistungen.                  Worte: 75 bis 85 Prozent in der Branche
den in Behandlung gewesen. Das war                         Der zweite Kostentreiber sind die Me-            hätten so gut wie keine Ahnung, schätzt
falsch; tatsächlich hatte das Mädchen vor               diziner. Weil die Ausgaben der gesetz-              er. „Wenn man dahinterguckt, was da be-
Jahren einmal einen Termin, um abzu-                    lichen Krankenkassen gedeckelt sind,                raten und verkauft wird, kann man
klären, ob ihr ein Zahn gezogen werden                  versuchen Ärzte und Kliniken, sich bei              manchmal wirklich nur die Hände über
muss. Damals hatte sie noch Milchzähne.                 Privatpatienten schadlos zu halten. Mit             dem Kopf zusammenschlagen.“
Um die Frage, ob sie einmal eine Spange                 Erfolg, denn die Krankenkassen haben                   Eine beunruhigende Aussage, wenn
brauchen werde, sei es damals überhaupt                 wesentlich mehr Möglichkeiten, die Kos-             man bedenkt, dass die Versicherten re-
nicht gegangen, sagt Fischer.                           ten im Gesundheitswesen zu drücken, als             gelrecht an ihre Verträge gekettet sind.
   Die Signal Iduna zog Erkundigungen                   die Privatassekuranz. Entsprechend sind             Zwar können sie theoretisch zwischen
beim Zahnarzt ein und entschied darauf-                 die ärztlichen Behandlungskosten in der             verschiedenen Anbietern wechseln. Ha-
hin, Emma komplett alle kieferorthopä-                  PKV seit 1995 um 113 Prozent gestiegen.             ben sie sich jedoch bereits vor 2009 versi-
dischen Leistungen zu streichen. Die Be-                Bei den gesetzlichen Kassen wuchsen sie             chert, verlieren sie alle Beträge, die das
gründung: Hätte die Versicherung die                    lediglich um 42 Prozent.                            Unternehmen für die Gesundheitsversor-
vollständigen Informationen gehabt, hät-                   Doch die Kunden, die sich meist als              gung im Alter angespart hat.
te man bei Emma erst gar keinen Vertrag                 Berufseinsteiger für eine private Versi-               Auch ein Tarifwechsel innerhalb der
dieser Art akzeptiert. „Schon geraume                   cherung entscheiden, achten vor allem               eigenen Versicherung ist meist wenig at-
                                                               D E R   S P I E G E L       2 4 / 2 0 1 2                                                        61
Wirtschaft

traktiv, denn die Unternehmen versuchen
oftmals rigoros, solche Wechsler auszu-
bremsen. Sie wollen nicht, dass ältere und
damit teurere Versicherte die Bilanz eines
neuen Tarifs trüben.

Die Tarif-Wechslerin
Ein regelrechtes Wechseldrama erlebte
eine 69-jährige Axa-Versicherte. Die
Hausfrau war früher beihilfeberechtigt,
weil ihr Mann Beamter war. Nach der
Scheidung erhielt sie die staatlichen Zu-
schüsse jedoch nicht mehr. Ihre Prämie




                                                                                                                                  RUPERT OBERHÄUSER / CARO
stieg sprunghaft von 213 auf 739 Euro an.
Auch der Unterhaltsanspruch, der diese
Differenz abfedern sollte, fiel weg, nach-
dem ihr Ex-Mann verstarb. „Mir bleiben
nur 70 Euro zum Leben“, schrieb sie 2006
an die DBV-Winterthur, die später von
der Axa übernommen wurde, und bat             Patienten bei der Physiotherapie: Eine neue Form von Zweiklassenmedizin
um „eine wesentlich billigere Kranken-
versicherung“.                                hergehenden Schmerzen so weiterleben“,       zu lösen. Das Nebeneinander von pri-
   Zwei Jahre später gelang ihr der Wech-     da sie sich den Selbstbehalt nicht leisten   vater und gesetzlicher Krankenver-
sel in einen spürbar preisgünstigeren Tarif   kann. Für 2012 bot ihr die Axa schließlich   sicherung müsse in der jetzigen Form er-
zu 354 Euro. Hinzu kamen jedoch 1000          einen neuen Tarif mit einem deutlich         halten bleiben, lautete Bahrs unbeirrte
Euro Selbstbeteiligung im Jahr. Auch die-     niedrigeren Eigenanteil an. Das Ende ei-     Botschaft beim Ärztetag in Nürnberg
se Prämie stieg weiter an. Am Ende blieb      ner Odyssee.                                 Ende Mai.
der Frau nichts anderes übrig, als frei-         Gesundheitsminister Bahr fordert, alle       Ganz anders sehen das die Opposi-
willig auf Leistungen zu verzichten. Im       Möglichkeiten auszuschöpfen, „den Ver-       tionsparteien SPD und Grüne. Sie wollen
vergangenen Jahr schrieb sie an die Axa,      sicherten günstigere Tarife anzubieten“.     die kommende Bundestagswahl mit dem
sie habe „bereits genehmigte Behandlun-       Diesen Aufruf nehmen die Konzerne aber       Versprechen gewinnen, der privaten
gen“ absagen müssen, auch eine Schul-         genauso wenig ernst wie seinen Appell,       Krankenvollversicherung den Garaus zu
teroperation. Nun müsse sie „mit den ein-     die Probleme „in Eigenverantwortung“         machen. Stattdessen sollen alle Deut-
schen gemeinsam in eine Bürgerversiche-        wusst, welche Leistungen ihre Policen         mals einfach nicht bedacht, was das für
rung einzahlen. Die PKV-Unternehmen            umfassen und welche nicht.                    Konsequenzen haben könnte.
würden in diesem Fall nur noch Zusatz-            Schon 2011 hat sich die DKV von ihren        Jahrelang zahlte der angestellte Lehrer
versicherungen anbieten.                       Billigtarifen verabschiedet. „Es bringt       für seine Versicherung 268 Euro im Mo-
   Die Union ist noch auf der Suche nach       nichts, um Geringverdiener zu werben,         nat, sein Selbstbehalt betrug 1000 Euro
einem Konzept. „Die Branche sollte sich        die später mit Prämienerhöhungen völlig       pro Jahr. Kaum war er im Ruhestand, er-
auf einen Mindestversicherungsschutz ei-       überfordert sind.“ Auch die Verfasser der     höhte sich Burkhardts Beitrag auf 394
nigen“, fordert zumindest schon CDU-           Studie plädieren dafür, einheitliche Tarif-   Euro. „Die Perspektive, mit meiner Rente
Gesundheitsexperte Spahn.                      kriterien festzusetzen. Zudem verlan-         einen solchen Beitrag bezahlen zu müs-
   Sogar bei den Assekuranzunterneh-           gen Drabinski und Gorr eine „grund-           sen, fand ich ziemlich unerfreulich“, sagt
men selbst wächst inzwischen die Er-           legende Neuordnung des Vertriebsmark-         der Pädagoge, der mittlerweile wieder
kenntnis, dass es so wie bisher nicht wei-     tes und der Provisionen“. Für Makler          arbeitet. Er wechselte in einen Tarif zu
tergehen kann.                                 müsse es „einheitliche Ausbildungs- und       300 Euro. Doch dann brummte ihm die
   „Wir müssen auf die berechtigte Kritik      Zulassungsvorschriften mit Mindestqua-        Gothaer einen sogenannten Risikozu-
reagieren, damit das duale System mit          lifikationen geben“, heißt es in der Stu-     schlag von 80 Euro im Monat auf.
gesetzlicher und privater Krankenversi-        die. Wer einen neuen Vertrag abschließt,        Erst als er sich beschwerte, senkte die
cherung Zukunft hat“, sagt Clemens             dürfe künftig höchstens vier statt wie der-   Versicherung seine Prämie wieder. Aus
Muth, Chef der Deutschen Krankenver-           zeit neun Monatsbeiträge Provision er-        datenschutzrechtlichen Gründen wollte
sicherung (DKV). Mit 900 000 Vollversi-        halten.                                       die Gothaer den Fall nicht kommentieren.
cherten ist sein Konzern einer der größ-          Die Privatversicherung abzuschaffen,       „Die Unsicherheit darüber, wie es mit den
ten Krankenversicherer in Deutschland.         wie es SPD und Grüne fordern, hielten         Beiträgen weitergeht, ist ziemlich belas-
„Viel zu lange wurden die Produkte zu          sie dagegen für einen Fehler. Die PKV         tend“, sagt Burkhardt. „Am Ende macht
oft nur über den Preis verkauft und nicht      habe gegenüber der gesetzlichen Versi-        einen noch die eigene Krankenversiche-
über die Qualität“, sagt er. „Das hat dazu     cherung auch Vorteile, wie etwa Kapital-      rung krank.“
geführt, dass Billigtarife mit teils drasti-   rücklagen fürs Alter.                                                        KATRIN ELGER
schen Leistungsausschlüssen auf dem               Joachim Burkhardt aus Frankfurt wür-
Markt sind.“                                   de sich freuen, wenn die Politik etwas für
   Muth fordert verbindliche Mindestkri-       ihn täte. Er ist 68 Jahre alt und seit 1985                    Video:
terien für die Branche. „Wir brauchen ei-      bei der Gothaer versichert. „Es gab mal                        Lohnt sich eine Privat-
nen Mindeststandard in den Bereichen,          eine Zeit, da habe ich als Selbständiger                       versicherung noch?
die für die Menschen oftmals erst im fort-     gut verdient“, erzählt er. „Und dann habe                      Für Smartphone-Benutzer:
geschrittenen Alter relevant werden.“          ich mich aus Dummheit für eine Privat-                         Bildcode scannen, etwa mit
Vielen Kunden sei nicht ausreichend be-        versicherung entschieden.“ Er habe da-                         der App „Scanlife“.
Opel-Werk in Bochum
                                                                                                               HANNELORE FOERSTER / GETTY IMAGES




                                                         AU TO I N D U ST R I E




  Chronik eines angekündigten Todes
               Der Niedergang von Opel ist nicht die Folge einer Branchenkrise.
         Die deutsche Tochter des US-Konzerns General Motors wurde durch drastische
            Sparmaßnahmen und eine falsche Modellpolitik heruntergewirtschaftet.


W
          enn es ums Überleben geht,           nagement über Sparpläne zu verhandeln. auch vor dem Werkstor noch zu verste-
          dann wird es hässlich. Dann ist      Doch die britischen Kollegen haben heim- hen sind. Die Demonstranten dort singen:
          Solidarität etwas für linke Split-   lich einen Lohnverzicht zugesagt. Als Be- „Hoch die in-ter-na-tio-nale …“ Einenkel
tergruppen, die draußen vor Tor 4 des          lohnung wird die Astra-Produktion aus sagt: In Großbritannien „produziert man
Opel-Werks in Bochum singen: „Hoch die         Deutschland nach Großbritannien ver- eine Scheißqualität“.
inter-na-tio-nale So-li-da-ri-tät.“            lagert. Die Arbeitsplätze in Ellesmere        An diesem 21. Mai ist in Bochum ein
   Drinnen, auf der Betriebsversammlung,       Port sind vorerst gesichert – und die 3100 Stück des Niedergangs einer deutschen
kämpft der Bochumer Betriebsratschef           Jobs in Bochum gefährdet.                   Traditionsmarke zu beobachten, die vor
Rainer Einenkel für das Werk. Es hat              „Ellesmere Port liefert die schlechteste 150 Jahren von Adam Opel als Produzent
kaum noch eine Zukunft, weil eine ande-        Qualität – und das schon seit Jahren“, von Nähmaschinen gegründet und 1929
re Fabrik des General-Motors-Konzerns,         sagt Opel-Betriebsrat Einenkel nun. Bo- von General Motors übernommen wurde.
die im britischen Ellesmere Port, ihr Über-    chum produziere gute Autos. Bochum sei        Es ist vorbei mit dem viele Jahre funk-
leben erst mal gesichert hat.                  das produktivste Werk. Deshalb hätte tionierenden Zusammenhalt der General-
   Die Betriebsräte der Opel-Mutter Ge-        man „den Astra hierher geben müssen.“ Motors-Belegschaften in Europa, die bis-
neral Motors in Europa hatten sich zwar           Der Betriebsrat brüllt so laut ins Mi- lang gemeinsam auf Lohn verzichteten,
geschworen, nur gemeinsam mit dem Ma-          krofon, dass die meisten seiner Sätze um Arbeitsplätze zu retten. Dies ist
64                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Wirtschaft

schmerzlich für die Gewerkschaften, aber immer seltener zum Repertoire unserer Raffinessen. Jedes neue Modell sollte ein
es ist auch ein Armutszeugnis für das Ma- unternehmerischen Maßnahmen.“ Es feh- bis zwei technische Neuheiten aufweisen.
nagement. Die Belegschaften kämpfen le die Überzeugung, dass „eine bestän- „Industry first“, hieß die Vorgabe an die
gegeneinander, weil der Opel-Führung dige Profit-Basis nur durch beständige In- Entwickler.
wenig mehr einfällt, als Löhne zu drücken vestitionen in die Markenpflege und in            Der Calibra, ein sportliches Coupé,
und Werke zu schließen.                       technologisch erstklassige Produkte ge- hatte den niedrigsten Luftwiderstands-
   Dabei haben die Beschäftigten von Ge- schaffen werden kann“.                          wert, der Vectra einen modernen Allrad-
neral Motors in Europa schon auf Weih-          Opel-Aufsichtsräte, denen mehrere antrieb, und als Volkswagen, Ford und
nachts- und Urlaubsgeld verzichtet. Es Schreiben von Gäb aus der damaligen Co. sich noch gegen die Einführung des
wurden allein beim jüngsten Sanierungs- Zeit vorliegen, sehen in den Papieren Be- geregelten Katalysators wehrten, preschte
plan 8000 Arbeitsplätze gestrichen. Die lege dafür, dass GM seit über einem Jahr- Opel vor: Die Rüsselsheimer statteten
Fabrik in Antwerpen wurde geschlossen. zehnt die Ursachen der Opel-Misere ihre Autos als erster Massenherseller se-
Doch dies waren nur Zwischenschritte kennt, sie aber nicht bekämpft hat.                 rienmäßig mit dem Kat aus. In der Wer-
auf dem Weg in den Abgrund. Jetzt soll          Die Schreiben erhellen das ganze Aus- bung sang Louis Armstrong: „What a
es weitergehen.                               maß des Missmanagements im größten wonderful world.“
   An diesem Dienstag will GM-Boss Dan Autokonzern der Welt. Sie lesen sich wie             Als kluger Kopf hinter der damaligen
Akerson mit dem Board of Directors über die Chronik eines angekündigten Todes. Opel-Strategie galt Hans Wilhelm Gäb.
den nächsten Sparplan für das Europa-
Geschäft entscheiden.
   Es geht um den Abbau mehrerer tau-
send Arbeitsplätze und die Schließung
von Fabriken. Die Zukunft der Werke in
Eisenach und Bochum ist ungewiss. Aber
es stellt sich auch die Frage, ob die Tradi-
tionsmarke Opel überhaupt noch eine Zu-
kunft hat, nachdem GM in Europa seit
über einem Jahrzehnt Verluste einfährt.
   Der Ausgang der Sitzung ist offen.




                                                                                                                                   CAROLINE SEIDEL / PICTURE ALLIANCE / DPA
                                                                            DANIEL KARMANN / PICTURE-ALLIANCE/ DPA

Hardliner im GM-Management sind für
eine Schließung der Fabrik in Bochum.
Andere Top-Manager wollen Bochum
noch eine Chance geben. Wenn sie sich
durchsetzen, kann der Zafira bis zum
Ende seiner Laufzeit 2016 dort gebaut
werden. Zudem soll möglicherweise ein
anderes Modell aus dem GM-Konzern in
diesem Werk gefertigt werden, wenn die
Kosten in Bochum wettbewerbsfähig sind. Ex-Opel-Manager Gäb, Produktion im Werk Bochum: „Kein Charisma, kein Flair“
   Ein wenig Hoffnung muss das Unter-
nehmen seinen Arbeitern in Bochum               In seinem Brief vom Dezember 1997 Der ehemalige Tischtennis-Nationalspie-
noch lassen. Man kann kaum erwarten, kritisiert Gäb, dass GM neue Fahrzeug- ler hatte seine Karriere bei Ford begon-
dass sie noch zwei Jahre lang gute Autos Plattformen für Opel in den USA entwi- nen und bei Opel fortgesetzt. Gäb war
produzieren, wenn das Ende des Werks ckeln lasse, die den Ansprüchen der US- im Opel-Vorstand eigentlich nur für PR
jetzt beschlossen werden sollte. Vielleicht Kunden genügten, in Europa aber hinter und Sponsoring zuständig, entwickelte
käme aus Bochum dann „Scheißqualität“. Modellen von Volkswagen zurückblieben. aber Konzepte für die Zukunft des ge-
   Es ist eine Abwärtsspirale, die sich stän-   „Diese Art von Globalisierung wird zu samten Unternehmens. Die jeweiligen
dig weiterdreht. Sie begann schon Mitte reduzierter Wettbewerbsfähigkeit in Opel-Chefs nutzten seine Analysen, und
der neunziger Jahre, auf einem Höhe- Europa führen.“ Wenn man dies weiter auch die Mutter GM zeigte sich beein-
punkt der Opel-Karriere in Deutschland, betreibe, schrieb Gäb den Bossen in De- druckt und beförderte Gäb später zum
als die Marke profitabel und dem Kon- troit, dann werde Opel „zu einer Blue- Vizepräsidenten der Europa-Zentrale.
kurrenten Volkswagen noch dicht auf den Collar-Marke ohne Image“, die nicht                 General Motors führte die deutsche
Fersen war. Streng vertrauliche Briefe be- mehr höhere Preise verlangen könne, Tochter damals an der langen Leine, ge-
legen, dass der Niedergang von Opel „weil sie kein Charisma, kein Flair und treu dem Grundsatz des GM-Gründers
nicht die Folge einer Branchenkrise ist. kein Prestige in sich trägt“. Eine Marke Alfred Sloan, der den einzelnen Marken
Opel wurde durch Missmanagement sys- aber, „die allein auf den Preiskampf an- stets eine große Eigenständigkeit verspro-
tematisch heruntergewirtschaftet.             gewiesen ist, wird zu den Verlierern ge- chen hatte. Dies war eine Voraussetzung
   Schon 1997 warnte Hans Wilhelm Gäb, hören“.                                           für den Erfolg.
damals Aufsichtsratsvorsitzender von            15 Jahre später ist Opel der Verlierer      Opels Entwicklungschef Fritz Lohr
Opel und Vizepräsident von General Mo- unter den Autoherstellern in Europa.              konnte Vierventilmotoren, Sechsgang-
tors, vor dem „kurzfristigen Krisenma-          Opels Marktanteil in Deutschland hat getriebe und Spaßmobile wie den Calibra
nagement“ des Konzerns, der die Ent- sich halbiert, die Zahl der Mitarbeiter in konstruieren lassen. Er trieb die Ingenieu-
wicklungsbudgets kürzte und Fahrzeuge Europa ebenfalls, von rund 80 000 auf re an. In Rüsselsheim lief vieles unter
aus der Modellpalette strich.                 40 000. Konstant blieb nur, dass Opel Ver- dem Kürzel „FWD“. Es stand für „Fritz
   In einem vertraulichen Brief an die luste einfährt.                                   will das.“
Konzernzentrale in Detroit schrieb Gäb          Dass dies nicht der zwangsläufige Ab-       Opel bewährte sich mit moderner Tech-
am 2. Dezember 1997: „Einer Krise durch stieg eines Massenherstellers ist, hatte nik und attraktiven Nischenmodellen, au-
Investitionen in Produkt oder Service po- Opel selbst Anfang der neunziger Jahre ßerdem profilierte sich die Marke als der
sitiv zu begegnen und damit auch neue bewiesen. Die Marke stand für moderne wohl größte Sportsponsor. Bayern Mün-
Profit-Möglichkeiten zu schaffen, gehört Autos, für gute Qualität und technische chen, Steffi Graf, Franziska van Almsick
                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                        65
Wirtschaft

machten Werbung für Opel;                                                                                   General Motors in den USA ent-
Basketball-, Tischtennis- und                                                                               wickelt worden war. Er wurde
Hockeymannschaften ebenfalls.                                                                               in Europa als Opel Sintra ver-
Walter Röhrl wurde mit Opel                                                                                 kauft.
Rallye-Weltmeister.                                                                                           Ingenieure in Rüsselsheim hat-
   Während das Rüsselsheimer                                                                                ten frühzeitig gewarnt. Das Mo-
Unternehmen Anfang der neun-                                                                                dell werde bei den europäischen
ziger Jahre auf Erfolgskurs war,                                                                            Crashtests nur schlecht abschnei-
steckte der große Konkurrent                                                                                den. Sie baten darum, das Auto
Volkswagen in der Krise. Ferdi-                                                                             so aufzurüsten, dass es die euro-
nand Piëch, von Audi gerade auf                                                                             päischen Standards erreicht, und
den Spitzenjob in Wolfsburg ge-                                                                             wollten es sechs Monate später
wechselt, musste sanieren. Nur                                                                              auf den Markt bringen. Doch die




                                                                                                       REBECCA COOK / REUTERS
durch die Einführung der Vier-                                                                              Manager in Detroit setzten sich
tagewoche konnte er 1993 ver-                                                                               durch. Was gut ist für den US-
hindern, dass Volkswagen 30 000                                                                             Markt, sollte auch gut genug sein
Mitarbeiter entlassen musste.                                                                               für Europa.
   Doch der technikbegeisterte                                                                                Der Crashtest des renommier-
Ingenieur Piëch wusste, dass er General-Motors-Boss Akerson: Noch eine Chance für Bochum? ten Fachblatts „Auto Motor
mit Sparen allein den VW-Kon-                                                                               Sport“ deckte tatsächlich „schwe-
zern nicht voranbringen konnte. Piëch heim“, weil er den Lieferanten immer re Sicherheitsmängel“ bei dem Familien-
setzte auf Innovation, die Marke Volks- niedrigere Preise abpresste. Dies senkte auto auf. Die Prüfer stellten „eine erheb-
wagen sollte sich abheben von den ande- die Kosten, doch schon nach einiger Zeit liche Reduzierung des Überlebensraums
ren Massenherstellern, von Renault, Peu- kam Opel mit Qualitätsproblemen in die mit teilweisem Kollaps sicherheitsrelevan-
geot und Fiat. Und sie sollte sich natürlich Schlagzeilen. Beim Astra gab es mitunter ter Karosserieteile“ fest.
nicht von Opel überholen lassen.             Stichflammen beim Tanken, weil Opel an                  Der Sintra wurde zum Beleg dafür,
   Piëch brachte den VW-Konzern Mitte einer Gummimanschette gespart hatte. dass ein Arbeitsprinzip des Weltkonzerns
der neunziger Jahre langsam wieder auf Der Werbeslogan „Opel – der Zuverläs- General Motors nicht funktioniert: Der
Kurs. Opel gab zur gleichen Zeit seine sige“ wirkte plötzlich peinlich.                           Autobauer wollte in den USA oder Korea
Erfolgsrezepte auf.                             Einen traurigen Höhepunkt fand die entwickelte Fahrzeuge mit leichten Mo-
   Die entscheidenden Manager, die das Selbstbeschädigung der Marke mit der difikationen auch in Europa unter der
Rüsselsheimer Unternehmen auf den Einführung eines Familienvans, der von Marke Opel verkaufen.
Weg zum Abgrund schickten, waren                                                                     Die Anforderungen der Kunden in den
Louis Hughes, erst Opel- dann GM- Abgewirtschaftet                                                USA und Asien sind deutlich geringer als
Europa-Chef, José Ignacio López, Ein- Marktanteile in Deutschland                                 die der Autokäufer in Europa. Damit be-
kaufsvorstand, und Peter Hanenberger, in Prozent                                                  schädigte der Konzern die Marke Opel.
Chefentwickler.                                                                                   Der Sintra musste nach kurzer Zeit in
   Als Erstes wurde der Anspruch aufge- 23                                                        Europa vom Markt genommen werden.
geben, Modelle mit technischen Neuerun-                                              VW              Opel-Manager Gäb hatte exakt vor die-
                                             21
gen herauszubringen. Statt „industry                                                              ser Entwicklung gewarnt. Er schrieb am
first“ hieß es im Management nun, Opel 19                                                         12. September 1996 an den damaligen
müsse ein „fast follower“ sein, ein schnel-                                                       Europa-Chef von General Motors
ler Nachahmer. Dies hing auch mit dem 17                                                          Hughes: Das Unternehmen gebe einen
Ehrgeiz des damaligen GM-Europa-Chefs                                                             Standard auf, „der uns zusammen mit
Louis Hughes zusammen, der sich Hoff- 15                                                          Volkswagen in Sachen Sicherheit zur No.
nungen auf den Spitzenposten bei Gene-                                                            1 unter den europäischen Großserienher-
ral Motors machen konnte.                    13                                                   stellern gemacht hatte“. Wenn man so
   Hughes fand seinen idealen Partner in                                                          weitermache, werde Opel „kaum noch in
Entwicklungschef Hanenberger, der den 11                                                          der Lage sein, im Wettbewerb mit Volks-
Zweck eines Autos damit beschrieb, Men-        9                                                  wagen zu bestehen. Ein Blick auf die Qua-
schen von A nach B zu bringen.                                                                    lität, die Hightech-Elemente, Sicherheit
   Mit dieser Einstellung kann man viel        7                                                  und Ausrüstung des neuen Passat gegen-
Geld sparen, aber kaum begehrenswerte                                                             über unserem Vectra spricht eine klare
Fahrzeuge konstruieren. So stiegen die                                                            Sprache“.
Gewinne, die nach Detroit überwiesen                                                                 Zum Eklat kam es, als General Motors
wurden – und die Karrierechancen der               1990        95       2000      05   10 12*     ausgerechnet Entwickler Hanenberger,
Manager ebenfalls.                                                                                der bei Opel für die Talfahrt mitverant-
                                             0,5
   Es waren nicht nur US-Manager, die                                                             wortlich gemacht wurde, 1998 zum neuen
Opel in die Krise steuerten, sondern auch      0                                                  Opel-Chef befördern wollte. Gäb, damals
Deutsche wie Hanenberger. Für die Mo-                                                             Aufsichtsratschef bei Opel, trat aus Pro-
delle Calibra und Tigra wurden keine                                                              test gegen diese Geschäftspolitik von sei-
Nachfolger entwickelt. Die Stückzahlen                                                            nen Ämtern zurück.
                                             –1
seien zu gering, lautete die Argumenta-                                                              In seinem Abschiedsbrief an GM-Chef
tion, die allerdings unterschlug, dass gera-                                                      Jack Smith formulierte er am 12. Oktober
de solche Fahrzeuge das Image einer Mar-              Gewinne und Verluste**                      1998 seine „tiefe Sorge“ um die Zukunft
ke prägen und damit auch den Verkauf –2               von Opel in Milliarden Euro                 des Unternehmens, auch weil „in der vir-
der eher biederen Astra fördern können.                                                           tuellen Welt der Besprechungsräume eine
   Der damalige Einkaufschef López trug                * Jan. bis Mai                             Managementkultur gewachsen ist, in der
den Beinamen, „der Würger von Rüssels- –3             ** ab 2004 GM Europe            Quelle: KBA die unkritische Unterstützung der Füh-
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rung als Loyalität angesehen wird und         In der Zwischenzeit könnte das Unter-             Der Betriebsratschef ist mittlerweile in
berechtigte Kritik als verdächtige Oppo-      nehmen seinen Gewinn jährlich um 333           Altersteilzeit, seine düstere Prognose ist
sition“.                                      Millionen Euro erhöhen, wenn es den Mo-        Realität. GM arbeitet das nächste Spar-
   In seinen letzten Jahren bei Opel hatte    tor oder das Auto nicht konstruiert.           programm aus. Dabei gilt es schon als Er-
Gäb die größte Unterstützung von einem          GM sparte Geld, weil Opel lange Zeit         folg, wenn das Werk in Bochum nicht so-
Arbeitnehmervertreter erhalten, Betriebs-     keine Direkteinspritztechnik für Diesel-       fort geschlossen wird. Doch selbst wenn
rat Klaus Franz.                              motoren entwickelte. Die Marke aber litt       der Board of Directors von GM dies am
   Vordergründig kämpfte Franz gegen          darunter. Ihre Modelle fuhren dem Kon-         Dienstag dieser Woche beschließen sollte,
den Abbau von Arbeitsplätzen. Das             kurrenten VW technologisch hinterher.          dann erhielte das Werk damit nur eine
brachte ihn in die Schlagzeilen. Einen          Als dies auch in Detroit nicht mehr zu       Galgenfrist.
mindestens ebenso wichtigen Kampf aber        übersehen war, suchte GM nach einer               Dies sieht auch die nordrhein-westfä-
führte Franz eher im Verborgenen. Im          kurzfristigen Lösung. Der Konzern ging         lische Landesregierung so. Ihr Wirt-
Unternehmen setzte sich der Betriebsrat       eine Partnerschaft mit Fiat ein. Opel sollte   schaftsminister Harry Voigtsberger bot
für neue Modelle und Motoren ein, als         von den Italienern Dieselmotoren bezie-        General Motors an, in Bochum mit Un-
sei er der oberste Opel-Entwickler.           hen. Weil manche Projekte nicht schnell        terstützung des Landes beispielsweise
   Franz ist wie Gäb davon überzeugt,         genug vorangingen, trennte sich der US-        eine Windturbinenproduktion aufzubau-
dass die Basis des Geschäfts nicht schöne     Hersteller dann wieder von Fiat.               en. So könnte man langfristig neue Jobs
Bilanzen sind, sondern gute Autos. Wenn         Ebenso sprunghaft agierte GM, als dem        schaffen, um möglicherweise nicht mehr
Opel-Ingenieuren mal wieder das Budget        Konzern wegen des jahrelangen Missma-          benötigte Automobilarbeiter zu beschäf-
gestrichen wurde, wandten sie sich nicht      nagements 2009 der Konkurs drohte. In          tigen. General Motors hat noch nicht ge-
an den Vorstand, sondern an den Be-           der Not sollte die Tochter Opel verkauft       antwortet.




triebsrat. Als stellvertretender Vorsitzen-   werden, die Verträge waren unterschrifts-         Langfristige Planung, ungewöhnliche
der des Aufsichtsrats kämpfte Franz im        reif, doch dann warf die GM-Führung das        Ideen sind nicht die Sache des GM-Ma-
Kontrollgremium für die Finanzierung zu-      Steuer plötzlich herum und erklärte Opel       nagements. Und so lange der größte Au-
sätzlicher Cabriomodelle und Gelände-         für unverzichtbar. Es folgte der nächste       tokonzern der Welt geführt wird wie ein
wagen. Aber auch er konnte nicht ver-         Sanierungsplan.                                Finanzkonzern, vor allem mit kurzfristi-
hindern, dass Opel die Weiterentwick-            Betriebsrat Franz warnte im Opel-Auf-       gen Zielen, hat Opel keine Chance.
lung von Dieselmotoren zeitweise aufgab.      sichtsrat, dieses Sparprogramm werde,             Die Marke ist weitgehend auf Europa
   An diesem Beispiel zeigt sich, dass Ge-    wie die Programme zuvor, nicht zu einem        begrenzt, weil GM die Wachstumsmärkte
neral Motors nicht erfolgreich sein kann,     nachhaltigen Erfolg führen. Arbeitsplätze      mit Modellen von Chevrolet bedient. In
so lange das Unternehmen sich von ei-         würden abgebaut, die Kosten an die ge-         Europa steigt der Absatz kaum. Konkur-
nem Prinzip leiten lässt: Der US-Konzern      sunkenen Marktanteile angepasst. Aber          renten wie Hyundai und Škoda werden
will kurzfristig Erfolge sehen, um Anleger    es fehlten Initiativen, um Opel Wachs-         stärker, auch weil sie viel in Technik in-
zu beeindrucken und den Aktienkurs zu         tumschancen zu eröffnen. General Mo-           vestieren. Opel wird es noch schwerer
beflügeln. Die Automobilindustrie ist je-     tors müsste der Marke erlauben, ihre           fallen, seine Modelle hier zu verkaufen.
doch ein langfristiges Geschäft. Das ist      Fahrzeuge auch in China, Brasilien, In-           Bei weiter sinkenden Absatzzahlen
der Grundwiderspruch dieses Unterneh-         dien und Russland zu verkaufen.                aber rechnet es sich für GM immer weni-
mens.                                            Mit dieser Strategie werde sich der Kon-    ger, aufwendige Technik für Opel zu ent-
   Die Entwicklung einer neuen Motoren-       zern maximal zwei Jahre Zeit erkaufen          wickeln, die andere Marken wie Chevro-
generation oder eines Automodells dau-        und dann das nächste Sparprogramm vor-         let oder Cadillac nicht benötigen.
ert drei Jahre und kostet rund eine Mil-      bereiten müssen, sagte Franz auf der Auf-         So geht es weiter, immer weiter, bergab.
liarde Euro. Erst dann fließt Geld zurück.    sichtsratssitzung am 18. Mai 2010.                                     DIETMAR HAWRANEK

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Wirtschaft




                                                             D E B AT T E




               Europa steht am Abgrund
                    Ausgerechnet die Deutschen haben nichts aus der Geschichte gelernt.
                                 Von Niall Ferguson und Nouriel Roubini

Ferguson, 48, Autor des Buchs „Der Westen und der Rest der        die erste Hälfte vom amerikanischen Börsen-Crash dominiert
Welt“, lehrt an der Harvard University. Roubini, 54, ist Profes-  war, drehte sich in der zweiten alles um den Bankrott der euro-
sor an der New York University und Vorsitzender von Roubini       päischen Banken.
Global Economics. Beide sind, wie auch Gerhard Schröder,             Was passierte dann? Auf die Bankenkrise folgte das Hoover-
Tony Blair, Jacques Delors und zahlreiche andere Experten,        Moratorium: Die Zahlung der Kriegsschulden des Ersten
Mitglied des „Council for the                                                                        Weltkriegs und die Repara-
Future of Europe“, das der                                                                           tionszahlungen wurden aus-
Investor und Philanthrop Ni-                                                                         gesetzt. Daraufhin beglichen
colas Berggruen organisiert,                                                                         fast alle Schuldnerländer kei-
um Lösungen für die Krise                                                                            ne oder nur einen Teil ihrer
in Europa zu erarbeiten.                                                                             Auslandsschulden, allen vor-
                                                                                                     an Deutschland. 1932 er-
                                                                                                     reichte die Arbeitslosenzahl


I
    st es eine Minute vor                                                                            in Europa einen leidvollen
    zwölf in Europa? Die                                                                             Höchststand: Im Juli 1932
    deutsche Öffentlichkeit                                                                          waren 49 Prozent der deut-
scheint den Ernst der Lage                                                                           schen Gewerkschaftsmitglie-
in Europa nicht zu begreifen.                                                                        der ohne Arbeit.
Sie fordert damit genau das                                                                             Die politischen Folgen sind
heraus, was durch die euro-                                                                          bekannt. Aber die National-
päische Integration vermie-                                                                          sozialisten waren nur die
den werden sollte: eine Wie-                                                                         schlimmste von einer ganzen
                                                                                                 ULLSTEIN BILD
derholung der Krise genau                                                                            Reihe extremistischer Bewe-
wie im 20. Jahrhundert. Zu                                                                           gungen, die politisch von der
diesem Schluss sind wir bei                                                                          Krise profitierten. 1928 ge-
einem Treffen des Nicolas                     Geschlossene Danat-Bank in Berlin 1931                 lang es den systemkritischen
Berggruen Institute Ende                                                                             Parteien in Deutschland – so-
Mai in Rom gekommen.               Die europäische Bankenkrise zwei Jahre                            wohl Kommunisten als auch
   Je wahrscheinlicher ein                                                                           Faschisten – 13 Prozent der
ungeordneter Austritt Grie-               vor 1933 trug unmittelbar zum                              Wähler für sich zu gewinnen.
chenlands aus der Währungs-          Zusammenbruch der Demokratie bei.                               Und im November 1932
union wird, desto mehr                                                                               konnten sie nahezu 60 Pro-
wächst der Druck auf die                                                                             zent der Wählerstimmen für
spanischen Banken und zugleich die Gefahr eines Bank-Run sich verbuchen. Die Parteien am rechten Rand schnitten auch
im gesamten Mittelmeerraum, der so immens wäre, dass er in Österreich, Belgien, der Tschechoslowakei, Ungarn und Ru-
die Europäische Zentralbank überwältigen würde. Schon jetzt mänien gut ab, während in Bulgarien, Frankreich und Grie-
gibt es eine erhebliche Renationalisierung des europäischen chenland die Kommunisten an Zustimmung gewannen.
Finanzsystems. Dieser Prozess könnte weiter fortschreiten bis        In weiten Teilen Europas führte dies zum Tod der Demokra-
hin zur kompletten Desintegration.                                tie. Während 1920 noch 24 europäische Länder demokratisch
   Wir finden es außergewöhnlich, dass ausgerechnet Deutsch- regiert wurden, waren es 1939 nur noch 11. Sogar Banker wissen,
land nicht aus der Geschichte lernt. Fixiert auf die nur einge- was in diesem Jahr passierte.
bildete Gefahr einer Inflation, scheinen die Deutschen heute         Diejenigen von uns, die in den neunziger Jahren wiederholt
dem Jahr 1923 (Jahr der Hyperinflation) mehr Bedeutung bei- davor warnten, dass das Experiment der Währungsunion
zumessen als dem Jahr 1933 (Tod der Demokratie). Sie würden schlecht enden würde, könnten jetzt voller Schadenfreude sein
gut daran tun, sich daran zu erinnern, dass eine europäische – wenn wir nicht so beunruhigt wären, dass sich die Geschichte
Bankenkrise zwei Jahre vor 1933 unmittelbar zum Zusammen- wiederholen könnte.
bruch der Demokratie beitrug – und das nicht nur in ihrem


                                                                      W
eigenen Land, sondern quer über den europäischen Kontinent.                  ie ist die Situation heute? Die Länder am Rande
   Erstaunlich wenige Europäer (einschließlich der Banker)                   Europas stecken in einer Depression. Laut dem In-
scheinen sich daran zu erinnern, was im Mai 1931 passierte, als              ternationalen Währungsfonds (IWF) wird das Brutto-
die Creditanstalt, Österreichs größte Bank, in Schwierigkeiten inlandsprodukt in diesem Jahr in Griechenland um 4,7 Prozent
geriet. Die darauf folgende europäische Bankenkrise, in der und in Portugal um 3,3 Prozent schrumpfen. In Spanien liegt
auch zwei der größten deutschen Banken bankrott gingen, lei- die Arbeitslosenrate bei 24 Prozent, in Griechenland bei 22
tete die zweite Hälfte der Weltwirtschaftskrise ein. Während Prozent und in Portugal bei 15 Prozent. In Griechenland, Irland,
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Italien und Portugal beträgt die Verschuldung der öffentlichen folgreiche US-Programm TARP (Troubled Asset Relief Pro-
Hand bereits mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. gram) dienen.
Gemeinsam mit Spanien sind diese Länder nun praktisch vom             Die Banken wie bisher zu rekapitalisieren, indem die Staaten
Anleihemarkt ausgeschlossen.                                       Anleihen am nationalen Anleihemarkt und/oder bei der EFSF
   Und jetzt kommt die Bankenkrise. Seit mehr als drei Jahren aufnehmen, hat sich in Irland und Griechenland als katastro-
weisen wir darauf hin, dass Kontinentaleuropa die elenden Bi- phal erwiesen: Die Staaten wurden noch weniger zahlungsfähig
lanzen seiner Banken bereinigen muss. So gut wie nichts wurde und die Banken noch risikobehafteter, da sie mehr Schulden
unternommen. Derweil findet seit zwei Jahren ein stiller Run des öffentlichen Haushalts in ihren Büchern haben.
auf die Banken am Rande der Euro-Zone statt. Das sogenannte           Direkte Kapitalspritzen würden das vermeiden. Der Euro-
Smart Money – hohe, nicht gesicherte Guthaben vermögender Steuerzahler würde Aktionär der Banken der Euro-Zone, und
Privatkunden – hat Griechenland und andere ClubMed-Banken die momentane Balkanisierung des Bankenwesens würde teil-
bereits verlassen.                                                 weise gestoppt werden. Das würde hoffentlich auch helfen,
   Aber nun, da die Bürger endgültig das Vertrauen verlieren, den Widerstand der Politik gegen grenzüberschreitende Fusio-
könnte sich der stille Run auch auf die kleineren Spareinlagen nen und Übernahmen in verhätschelten nationalen Banken-
ausweiten. Sollten die Griechen aus der Euro-Zone austreten, systemen zu brechen. Diese Teilverstaatlichung wäre temporär,
würden die Konten eingefroren und die Euro-Guthaben in denn solide Banken, die über Einnahmen neues Kapital auf-
neue Drachmen konvertiert werden. Ein Euro in einer griechi- bauen, könnten natürlich die öffentlichen Vorzugsanteile zu-
schen Bank entspricht also nicht wirklich einem Euro in einer rückkaufen und damit reprivatisiert werden.
deutschen Bank. Vergangenen Monat haben die Griechen über             Dabei müssen die Risiken für den Steuerzahler durch zu-
700 Millionen Euro von ihren Banken abgezogen.                     sätzliche Maßnahmen möglichst gering gehalten werden. Es
   Schlimmer noch: Vergange-                                                                          muss ein EU-weites Ein-
nen Monat gab es eine Welle                                                                           lagensicherungssystem ge-
von Abhebungen bei spani-                                                                             schaffen und durch ange-
schen Banken. Bei einem                                                                               messene Bankenabgaben fi-
kürzlichen Besuch in Barce-                                                                           nanziert werden – etwa über
lona wurde einer von uns wie-                                                                         eine Finanztransaktionssteu-
derholt gefragt, ob es sicher                                                                         er oder besser noch in Form
sei, sein Geld einer einheimi-                                                                        einer Abgabe auf alle Bank-
schen Bank anzuvertrauen.                                                                             verbindlichkeiten.
Solch ein Prozess birgt Explo-                                                                           Es braucht ein System
sionsgefahr. Was heute noch                                                                           zur Abwicklung von Ban-
ein gemächlicher „Bank Jog“                                                                           ken, in dem zunächst die
ist, könnte schnell zu einem                                                                          nicht gesicherten Gläubiger
Sprint zu den Ausgängen wer-                                                                          ihren Beitrag leisten müs-
den. Ein Run auf andere Ban-                                                                          sen, bevor Steuergelder ein-
ken der PIIGS-Staaten wäre                                                                            gesetzt werden, um die Ver-
                                                                                                  ARIS MESSINIS / AFP
unvermeidlich, wenn Grie-                                                                             luste der Banken abzu-
chenland austräte. Rationale                                                                          decken. Auch die Größe der
Menschen würden fragen:                                                                               Banken muss beschränkt
Wer ist der Nächste?                                                                                  werden. Und nicht zuletzt:
   Die Kreditkrise in der Eu-                    Protestierende Studenten in Athen                    Wenn europäische Steuer-
ro-Peripherie ist unverändert                                                                         gelder europäische Banken
ernst. Da die Banken nicht                        Zunächst gilt es, das                               absichern, muss auch die
in der Lage sind, genügend                                                                            Regulierung und Aufsicht
privates Kapital zu beschaf-         Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone                             auf europäischer Ebene er-
fen, um die geforderte Kapi-                    in Schwung zu bringen.                                folgen.
talquote von neun Prozent                                                                                Klar ist dabei: Solange die
zu erreichen, verkaufen sie                                                                           Gefahr besteht, dass Mit-
Vermögenswerte und schränken ihre Kreditvergabe ein. Das gliedsländer den Euro-Raum verlassen, funktioniert die Ein-
verschärft die Rezession in der Euro-Zone weiter. Eine Frag- lagensicherung nicht. Bei einem Austritt wäre eine Sicherung
mentierung und Balkanisierung des Bankenwesens in den Län- der Euro-Konten sehr teuer, da das austretende Land sämt-
dern der Euro-Zone ist bereits in vollem Gange.                    liche Euro-Ansprüche in eine neue, schnell abgewertete
   Auch die politische Fragmentierung beschleunigt sich in nationale Währung konvertieren müsste. Wenn andererseits
Europa. Bei der letzten Wahl in Griechenland stimmten sieben die Einlagensicherung nur dann gilt, wenn das Land nicht
von zehn Wählern für kleinere Parteien, die das Sparprogramm austritt, könnte sie einen Bank Run nicht aufhalten. Entspre-
ablehnen, das Griechenland im Gegenzug für die Hilfspakete chend muss das Risiko eines Euro-Zonen-Austritts minimiert
der EU auferlegt wurde. Etablierte Parteien verlieren derzeit werden.
Wählerstimmen an Splitterparteien, wie beispielsweise in Ita-         Dafür gilt es zunächst das Wirtschaftswachstum in der Euro-
lien, wo die Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe Grillo Zone in Schwung zu bringen und auf übertriebene Sparpro-
kürzlich die Kommunalwahl in Parma gewann. Und in Deutsch- gramme zu verzichten. Die Europäische Zentralbank muss
land ist eine Rebellenpartei namens Piraten der letzte Schrei. dazu ihre Geldmarktpolitik lockern, der Euro schwächer wer-
In den Niederlanden, in Frankreich und Norwegen haben den, steuerliche Anreize in den Kernländern müssen gesetzt
Populisten eine große Anhängerschaft. Das ist beunruhigend.        werden, Infrastrukturprogramme gestartet und in den Kern-
                                                                   ländern die Löhne deutlich erhöht werden, um den Konsum


D
         er Weg, der aus dieser Krise führen könnte, scheint anzukurbeln.
         klar. Erstens müssen die Banken in der Euro-Zone – so-       Und schließlich sehen wir keine Alternative zur Vergemein-
         wohl in den Peripherie-Staaten als auch in den Kern- schaftung der Schulden. Es gibt viele Ideen dazu, aber der Vor-
ländern – über Vorzugsaktien ohne Stimmrecht von EFSF und schlag der deutschen Wirtschaftsweisen, der einen europäischen
ESM direkt rekapitalisiert werden. Als Vorbild sollte das er- Schuldentilgungsfonds vorsieht, ist der beste. Nicht, weil er
                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                          69
Wirtschaft

optimal wäre, sondern weil er der                                                              Mit unseren Vorschlägen wollen
einzige Vorschlag ist, der die Beden-                                                       wir die Bedenken der Deutschen be-




                                                                                         ANDREW TESTA / PANOS / VISUM
ken der Deutschen mindern kann: Es                                                          schwichtigen. Aber es muss dringend
wäre ein temporäres Programm, das                                                           etwas passieren! Die Deutschen müs-




                                        EYEVINE / INTERTOPICS
nicht zu dauerhaften Euro-Bonds                                                             sen verstehen, dass Banken-Rekapi-
führt.                                                                                      talisierung, EU-Einlagensicherung
   Allerdings besteht das Risiko, dass                                                      und Schuldenvergemeinschaftung
jeder Vorschlag, der für Deutschland                                                        nicht optional sind. Es sind essentiel-
akzeptabel ist, automatisch für die                                                         le Schritte, um eine Desintegration
Peripherie-Länder der Euro-Zone                  Ferguson               Roubini             Europas zu verhindern. Sollten die
inakzeptabel ist – vor allem für Ita-                                                       Deutschen aber nach wie vor nicht
lien und Spanien.                          Die Kosten eines Auseinander- überzeugt sein, sein, dasssie sich dar-
                                                                                                             müssen
   Sie fürchten eine „neokoloniale“                                                         über im Klaren             die Kosten
Unterwerfung ihrer Haushaltspoli-               brechens der Währungs-                      eines Auseinanderbrechens der Wäh-
tik unter deutsche Hoheit, wie es             union wären astronomisch.                     rungsunion astronomisch wären– so-
ein ranghoher Politiker bei unserem                                                         wohl für sie selbst als auch für alle
Treffen in Rom formulierte. Jedoch                                                          anderen.
ist es unvermeidlich, dass ein gewisses Maß an Souveränität       Der deutsche Wohlstand hängt eng mit der Währungsunion
abgegeben wird.                                                 zusammen. Deutsche Exporteure haben durch den Euro Wett-
                                                                bewerbsvorteile. Und die Euro-Zone ist das Ziel für 42 Prozent


B
       islang hat Deutschland jeden dieser Vorschläge gnadenlos der deutschen Exporte. Die Hälfte dieses Markts in eine Re-
       abgelehnt. Deutsche Politiker haben sich wiederholt ge- zession zu befördern kann nicht in deutschem Interesse sein.
       gen eine direkte Rekapitalisierung der Banken ausge-       Letztlich hat die Währungsunion immer auch eine weiter-
sprochen. Kanzlerin Angela Merkel schließt Euro-Bonds be- gehende Integration in eine finanzwirtschaftliche und politische
ständig aus. Manche deutsche Offizielle klingen, als würden Union beinhaltet. So hat es Kanzlerin Merkel vergangene Wo-
sie einen Austritt Griechenlands wirklich wollen. Andere sind che selbst gesagt.
ganz erpicht darauf, Spanien einem haushaltspolitischem Diktat    Aber bevor Europa auch nur annähernd so weit ist, diesen his-
wie in Portugal zu unterwerfen.                                 torischen Schritt zu gehen, muss es zunächst einmal zeigen, dass
   Wir verstehen die deutschen Bedenken. Es ist schwer, deut- es Lehren aus der Vergangenheit gezogen hat. Die EU wurde ge-
sche Steuergelder zu riskieren, wenn es keine Reformen in den gründet, damit sich die Katastrophen der dreißiger Jahre nicht
Peripherie-Ländern gibt. Aber Reformen brauchen Zeit, auch wiederholen. Es ist an der Zeit, dass die führenden Politiker Eu-
die deutschen Strukturreformen wirkten nicht über Nacht. Eine ropas – und insbesondere Deutschlands – verstehen, wie gefährlich
Bankenkrise dagegen kann in wenigen Tagen eskalieren.           kurz davor sie sind, eine solche Katastrophe zu verursachen.
Flüchtiger Strom
                                                                                                             Eingespeiste Wind- und Solarstromleistung
                                                                                                             am 25. und 26. Mai, in Megawatt
                                                                                                             Quelle: EEX

                                                                                                                                                       25000



                                                                                                                                                       20000



                                                                                                                                                        15000

                                                                                                                           Solar
                                                                                                                                                       10000



                                                                                                                                                            5000
NEWS5 / OTT




                                                                                                                              Wind

                                                                                                             0.00      Mittag        0.00   Mittag   0.00
              Gaskraftwerk „Franken I“ in Nürnberg: „Weitgehender Eingriff in die Eigentumsrechte“           Uhr                     Uhr             Uhr

                                                                 Begonnen hat der Konflikt im Oktober        müssen Stromversorger damit rechnen,
                              ENERGIE                         vorigen Jahres. Da teilte E.on seinem          dass ihnen vorgeschrieben wird, das Still-
                                                              Netzbetreiber Tennet mit, man wolle ei-        legen von Kraftwerken mehrere Monate

                   Zwangsweise                                nige Kraftwerke abschalten. Der Betrieb
                                                              der alten Gas- und Ölturbinen lohne sich
                                                              nicht mehr. Weil immer mehr Sonnen-
                                                                                                             vorher anzukündigen. Im Ernstfall könnten
                                                                                                             die Behörden den Weiterbetrieb selbst von
                                                                                                             verlustbringenden Meilern anordnen.

                     am Netz                                  und Windstrom ins Netz drückten, seien
                                                              die Anlagen nicht mehr ausgelastet, jedes
                                                              der Kraftwerke schreibe Verluste, teilwei-
                                                                                                                Schon jetzt klagen die Unternehmen,
                                                                                                             dass ihnen das Geldverdienen immer
                                                                                                             schwerer falle. Immer öfter müssen sie
                Der Betrieb vieler Kraftwerke                 se in zweistelliger Millionenhöhe pro Jahr.    ihre Kraftwerke herunterfahren, weil sie
                rechnet sich nicht mehr. Doch                    Tennet reagierte verhalten. Erst als        verpflichtet sind, Sonnen- und Wind-
                   wenn die Stromkonzerne                     E.on-Chef Johannes Teyssen die Bundes-         strom vorrangig ins Netz einzuspeisen.
                                                              regierung Anfang Mai am Rande des                 Die Branche will sich deshalb gegen
               diese Anlagen stilllegen würden,               Energiegipfels bei Bundeskanzlerin An-         die Verordnung zur Wehr setzen und eine
                wäre die Versorgung gefährdet.                gela Merkel (CDU) auf mögliche Folgen          freiwillige Lösung anbieten. Wenn der
                                                              hinwies, war die Politik alarmiert.            Staat einen solchen Einsatz verlangt,


              F
                    ast hundert Jahre ist es her, da wur-        Zusammengerechnet können die E.on-          möchten sich die Unternehmen wenigs-
                    de im Südwesten Nürnbergs das             Kraftwerksblöcke mehr als 1800 Megawatt        tens entschädigen lassen. Rein rechtlich
                    Kraftwerk „Franken I“ in Betrieb          Strom erzeugen. Diese Kapazität ist in         scheinen sie dafür gut gerüstet zu sein.
              genommen. Seit 1913 liefern dort die Tur-       Bayern eine durchaus relevante Größe, da          Eine Verordnung, die Versorger zum
              binen Elektrizität; früher erzeugten sie        dem Süden durch das Atom-Aus größere           Betrieb unrentabler Kraftwerke zwänge,
              den Strom aus Kohle, heute dient Erdgas         Engpässe drohen als dem Norden. Sollte         wäre ein „weitreichender Eingriff in die
              als Brennstoff. Demnächst will der Düs-         E.on die Kraftwerke abschalten, warnte         Eigentumsrechte“ der Unternehmen, sagt
              seldorfer Versorger E.on „Franken I“ so-        die Landesregierung, bestünde die Gefahr,      der Energierechtler Peter Rosin von der
              wie vermutlich vier weitere Kraftwerks-         dass das Stromsystem zusammenbräche.           Kanzlei Clifford Chance; eine solche In-
              blöcke in der Region stilllegen – sofern        Jürgen Homann, der neue Leiter der Bun-        tervention sei deshalb ohne eine ange-
              die Bundesregierung dies zulässt.               desnetzagentur, nahm umgehend Ver-             messene Entschädigung kaum vorstellbar.
                 In Berlin planen die Beamten in den          handlungen mit E.on auf. Er warnte be-            Die Rechnung werden die Stromkun-
              Ministerien nämlich eine bemerkenswer-          reits davor, dass das Abschalten weiterer      den bezahlen müssen. Doch welcher Auf-
              te Verordnung. Demnach könnte der               Meiler „das Sicherheitsniveau auf nicht        schlag ist angemessen? Genau darum wer-
              Staat Stromversorger dazu verpflichten,         mehr akzeptable Werte sinken“ lassen wür-      den Netzagentur und Kraftwerksbetrei-
              Kraftwerke weiterlaufen zu lassen. Diese        de. Ziel von Homanns Gesprächen: Der           ber nun streiten. Die Energiebranche
              Meiler hätten den Zweck, die Schwan-            Energieversorger soll die Kraftwerke zu-       wird versuchen, sich so teuer wie möglich
              kungen der schnell wachsenden Mengen            nächst am Netz lassen. Die Kosten könn-        zu verkaufen. Die Behörde indes wird
              von Sonnen- und Windstrom auszuglei-            ten auf die sogenannten Netzentgelte um-       ihre Regulierungsmacht zur Geltung brin-
              chen und so die Netze stabil zu halten:         gelegt werden, somit auf den Strompreis.       gen. „Wir dürfen ein Pokerspiel erwar-
              eine Feuerwehr gegen den Blackout.                 Bei dieser Notoperation für Bayern wird     ten“, sagt die Energierechtlerin Ines Zen-
                 Solchen Zwangsmaßnahmen kann die             es freilich kaum bleiben. Die Bundesregie-     ke von der Kanzlei Becker Büttner Held.
              Stromwirtschaft nichts abgewinnen. Erst         rung will sich nicht noch einmal von Eng-         Die Versorger kalkulieren, dass es bis
              musste sie nach dem Fukushima-Unglück           pässen ähnlicher Art überraschen lassen,       zu 200 Millionen Euro kostet, stets genü-
              Abschied von der Atomkraft nehmen,              deshalb wird in Berlin offenbar an einer       gend Kapazitäten im Netz bereitzustellen.
              und nun kündigt sich ein weiterer Schlag        Verordnung gearbeitet, die dem Staat weit-     Die Ausgaben für die E.on-Kraftwerke
              an: ein Eingriff des Staates in ihr Geschäft.   reichende Befugnisse einräumt. Demnach,        sind darin nicht einmal enthalten.
              Einfach so hinnehmen wird sie ihn nicht.        heißt es in internen Analysen der Betreiber,                      FRANK DOHMEN, ALEXANDER JUNG

                                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                    71
Wirtschaft
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               Ehepaar Middelhoff, Yacht „Medici“ an der Côte d’Azur: „Persönliche Katastrophe“

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                                                     MANAGER                                               ner Privatbank Sal. Oppenheim.
                                                                                                              Die beiden, so beklagen sich Middel-

                        „Offenkundige Geldnot“                                                             hoffs Juristen, hätten den Manager und
                                                                                                           seine Frau dazu verführt, in Immobilien-
                                                                                                           fonds einzusteigen, „die zwingend den
                                                                                                           finanziellen Ruin des Beklagten und sei-
                 Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zahlt nicht                                 ner Ehefrau zur Folge haben mussten“.
                    mehr die Charter für seine Luxusyacht im Mittelmeer –                                  Und das alles will Middelhoff erst erkannt
                                                                                                           haben, als es zu spät war. In „blindem
               und streitet sich nun mit den Eigentümern des Schiffs vor Gericht.                          Vertrauen“ sei er in die Dinge hineinge-
                                                                                                           rannt, behauptet er. Ausgerechnet er, der


               P
               leasure Yacht. Ob der Gutachter ei-          „Offenkundige Geldnot“ sagen sie ihm           doch als Manager angeblich den Durch-
               nen Moment gezuckt hat, bevor er             nach. Der „Wegfall seiner früheren Ein-        blick hatte wie kaum ein anderer. Das ist
               das Wort hinschrieb? Aber viel-              künfte“ rechtfertige noch lange keinen         sicher ein Problem an seiner Argumenta-
        leicht ist das an der Côte d’Azur ja auch           Ausstieg aus den Vereinbarungen.               tion. Auch bei der „Medici“.
        nur der gängige Begriff für eine Yacht                 Der Streit um das Luxusspielzeug im            Middelhoff behauptet, Krockow und
        wie die „Medici“, 5550 PS und so gierig             Hafen von Vallauris-Golfe-Juan wirft ein       Esch hätten ihm das Boot aufgedrängt.
        nach Sprit, dass die Zwölfzylinder-Turbos           Licht auf den Absturz des früheren Su-         Er erzählt dazu die Geschichte vom er-
        1000 Euro in der Stunde fressen.                    perstars unter den deutschen Vorstands-        folgreichen Manager, „14 Arbeitsstunden
           Eine Yacht zum Vergnügen – so steht              chefs – und auf seine angeblichen Ma-          täglich“, „Terminkalender stets bis zum
        es im Wertgutachten, das die Eigentümer             nagementqualitäten. Noch immer lässt           Überborden belastet“, „eine Vielzahl in-
        vor einem Jahr über das Boot vom Typ                sich Middelhoff von teuren Anwälten den        ternationaler Verpflichtungen“, daher lei-
        „Mangusta 108“ anfertigen ließen. Doch              Ruf polieren: „Das Ehepaar Middelhoff          der ohne Zeit, um sich um die 22 Millio-
        für den ehemaligen Arcandor-Chef Tho-               nagt nicht am Hungertuch“, wiegelt einer       nen Euro zu kümmern, die er nach seinen
        mas Middelhoff trifft das längst nicht              von ihnen ab, der Stuttgarter Winfried         Jahren an der Spitze des Bertelsmann-
        mehr zu. Vor gut fünf Jahren hatte er den           Holtermüller. Die Middelhoffs könnten          Konzerns auf der hohen Kante hatte.
        weißen 33-Meter-Keil gechartert. 72 392             auch langjährige Prozesse „finanziell lo-         Darum habe er sein Vermögen Esch an-
        Euro zahlte er dafür, jeden Monat, nur              cker durchstehen“. Doch in den Schrift-        vertraut, mit dem Auftrag, „ihm künftig
        um das Boot zu besitzen. Dazu dann                  sätzen, mit denen „Big T“, wie er früher       ein sorgenfreies Leben mit allen Annehm-
        noch die Liegegebühren, das Geld für                mal genannt wurde, auf die Klage ant-          lichkeiten in vollkommener finanzieller
        Minimum drei Mann Besatzung, Diesel,                worten lässt, klingt das längst anders.        Sicherheit zu ermöglichen“, wie Middel-
        Steuern. Manchmal will man damit ja                 Nach ziemlich pleite.                          hoffs Anwälte schreiben. Immerhin geben
        sogar fahren.                                          Da steht nämlich, dass heute Middel-        sie zu, dass ihr Mandant schon 2002 Sehn-
           Heute dagegen will sich Middelhoff das           hoffs „Verschuldungsfähigkeit weit über        sucht nach einer Freizeityacht hatte. Aber
        alles nicht mehr leisten; er hat die Zahlun-        die Grenzen des Erträglichen hinaus über-      die „Mangusta“-Yacht gekauft hätten Esch,
        gen für die „Medici“ gestoppt. Und von              spannt“ sei. Nicht wegen der Yacht, son-       Krockow und der Dritte im Bunde, der
        den Eigentümern, die ihn dafür verklagt             dern vor allem wegen ihrer Miteigentü-         damalige Oppenheim-Aufsichtsratschef
        haben, muss er sich vorhalten lassen, dass          mer. Dazu gehören der Immobilienent-           Georg Baron von Ullmann, ohne Middel-
        er es sich auch nicht mehr leisten kann.            wickler Josef Esch und Matthias Graf von       hoff zu fragen – für 7,3 Millionen Euro.
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Dann hätten sie ihm angeboten, das Boot      Schiff zu bekommen, wie die Sorge, sich      Verglichen damit sind die Kosten der
zu nutzen, für sich allein.                  durch eine Absage des Kaufs beim frühe- „Medici“ zwar Kleingeld, aber auch das
   Was Middelhoff, der doch angeblich nie    ren Eigentümer zu blamieren“. So weit muss einer erst mal übrig haben. Und in
Zeit hatte, geschweige denn Freizeit, mit    die Version Esch.                          diesem Fall schmerzt die Ausgabe beson-
einer Yacht in Südfrankreich anfangen           Alles Quatsch, behaupten dagegen ders: Middelhoff findet es unzumutbar,
sollte, lassen seine Anwälte zwar offen.     die Middelhoff-Anwälte. Middelhoff zu den Leuten, die seine „persönliche Kata-
Dafür aber liefern sie ein Motiv, warum      klamm, um sich die „Mangusta“ zu leis- strophe“ verursacht haben sollen, auch
Esch ihrem Klienten das Boot angedient       ten? Wäre das so gewesen, hätte er doch noch Geld für die Yacht zu zahlen. Die
haben soll: um ihn „bei Laune“ zu halten,    von der „Anschaffung sofort Abstand ge- aber interessiert inzwischen nicht mehr,
vermutet Middelhoff. Und dann offenbar       nommen“, beteuern sie. Esch habe ihn was Middelhoff noch für zumutbar hält.
einfacher ausnehmen zu können.               im „Glauben gelassen, dass die Unkosten Esch, Krockow und Ullmann verlangen
   Bei Esch und Konsorten klingt die Ge-     des Schiffes keine Belastung für den Be- mehr als 2,5 Millionen Euro, die Middel-
schichte naturgemäß etwas anders, näm-       klagten darstellten“. Dafür muss man bei hoff seit 2009 schuldig blieb – plus Zinsen.
lich so: Middelhoff sieht demnach die        rund 100 000 Euro im Monat allerdings        Middelhoff behauptet dagegen, das mit
„Medici“, eine Yacht, die dem Medienun-      schon sehr leichtgläubig sein.             dem Vertrag sei ganz anders gemeint ge-
ternehmer Karlheinz Kögel gehört, und           Nach einem Jahr, so Middelhoffs An- wesen. Es habe sich nicht um einen Cha-
setzt sich in den Kopf, dass er sie haben    wälte, sei auch ihm aber aufgefallen, dass tervertrag, sondern um einen Mietkauf
muss, unbedingt. Er sagt Kögel, dass er      so ein Schiff teuer ist. Doch Esch habe gehandelt. Mit jeder Rate habe er ein
ihm das Boot abkauft. Nur hatte Middel-      ihm vorgerechnet, er habe Geld genug da- Stück vom Boot gekauft, nach zehn Jah-
hoff offenbar gar kein Geld dafür, zumin-    für. Und das habe Middelhoff „natürlich“ ren hätte es ihm ganz gehören sollen. Des-
dest nicht flüssig. Zwar hat er damals gut   geglaubt. Natürlich.                       halb fordert er sogar das Geld zurück, das
20 Millionen Euro bei der Oppenheim-            Schließlich dachte Middelhoff damals er bisher für das Schiff gezahlt hat: 2,3
Bank angelegt, aber als Festgeld, an das     in ganz anderen Dimensionen: Wie aus Millionen. Weil Esch, Krockow und Ull-
er so schnell nicht mehr herankommt. Die     dem Schriftsatz seiner Anwälte hervor- mann den Vertrag gekündigt hätten und
Bank wollte ihm offenbar auch keinen         geht, zahlte das Ehepaar bis Ende 2011 das Schiff verkaufen wollten, könne er
Kredit mehr geben. Sie hatte ihm schon       schier unglaubliche 76,5 Millionen Euro die Yacht nicht mehr übernehmen, sei sei-
weit mehr als 100 Millionen Euro geliehen,   für die Finanzierung der Oppenheim-Esch- ne Anzahlung verloren.
damit er und seine Frau sich in die Op-      Immobilienfonds – weil sie ihre Einlagen     Von Mietkauf steht in dem Vertrag al-
penheim-Esch-Fonds einkaufen konnten.        auf Pump finanziert hatten. Mit „über 200 lerdings kein Wort. Was Middelhoff beim
   Darum, so schreibt die Esch-Seite ge-     Millionen Euro“ beziffern die Anwälte Unterschreiben wohl nur nicht aufgefal-
nüsslich, „wandte sich der Beklagte hilfe-   heute den Schuldenstand aus diesen Ge- len war.
suchend an Josef Esch, wobei seine Trieb-    schäften, ihre Mandanten seien „schwer              JÜRGEN DAHLKAMP, GUNTHER LATSCH,
feder ebenso sehr der Wunsch war, das        in Mitleidenschaft gezogen“ worden.                                      JÖRG SCHMITT
Trends                                                                                                         Medien
                                         DAT E N S C H U T Z



                           „Denkbar ist viel“
                                       Der IT-Forensikprofessor an
J. MÜLLER/AGENTUR FOCUS




                                       der Hochschule der Polizei in




                                                                                                                                                                         KAREN BLEIER / AFP
                                       Hamburg, Tobias Eggendorfer,
                                       36, über Facebook-Fahndun-
                                       gen und gezielte Informations-          Weltkarte der Facebook-Freundschaften
                                       suche von Behörden

                            SPIEGEL: Hat es Sie gewundert, dass die          dass der Verschleiß meiner Bremsen auf       sehen, ob Leute aus dem Umfeld eines
                            Schufa erwogen hat, auch Daten aus               einem Materialfehler beruht.                 Verdächtigen polizeibekannt sind.
                            sozialen Netzwerken für Kreditwürdig-            SPIEGEL: Verwendet die Polizei bereits       SPIEGEL: Die Bundesfinanzdirektion Süd-
                            keitsanalysen heranzuziehen?                     Facebook oder Twitter für Ermittlun-         west hat gerade 182 Software-Lizenzen
                            Eggendorfer: Nein. Es ist nur konsequent,        gen?                                         für forensische Zwecke eingekauft.
                            so viele Daten wie möglich zu mischen            Eggendorfer: Das ist unterschiedlich weit    Lohnt es sich für die Finanzämter, zu-
                            und zu korrelieren. Das Facebook-Pro-            entwickelt. Manche Polizisten recher-        sätzlich auf Facebook zu fahnden?
                            fil an sich ist für die Schufa uninteres-        chieren offen als Polizist auf Face-         Eggendorfer: Denkbar ist viel. Sieht das
                            sant, spannend wird es durch die Kom-            book, manche getarnt mit einem Fake-         Finanzamt auf Facebook, dass jemand
                            bination mit anderen Erkenntnissen.              Profil. Juristisch ist es fraglich, ob das   teure Klamotten trägt, luxuriöse Autos
                            Gebe ich auf meinem Profil an, mit dem           mit nichtöffentlich ermittelnden Beam-       fährt oder sonst wie Geld verprasst,
                            Job unzufrieden zu sein, sinkt meine             ten oder verdeckten Ermittlern zu ver-       könnte es bei einem unplausibel nied-
                            Kreditwürdigkeit.                                gleichen ist, die langfristige Legenden      rigen Einkommen nachrecherchieren.
                            SPIEGEL: Wer könnte sich noch für Daten          um ihre Identität gestrickt haben. Aber      SPIEGEL: Welche Informationen lassen
                            aus sozialen Netzwerken interessieren?           jeder kann sich denken, dass viele Poli-     sich noch aus dem Netz gewinnen?
                            Eggendorfer: Steht auf meiner Facebook-          zisten über ein Profil bei Facebook ver-     Eggendorfer: Moderne Kameras und Smart-
                            Seite, dass ich gern Fallschirmspringen          fügen und das auch dienstlich einsetzen.     phones hinterlegen im Foto Geokoor-
                            gehe, würde meine Berufsunfähigkeits-            SPIEGEL: Was macht die Polizei mit den       dinaten. Stelle ich das Bild öffentlich auf
                            versicherung mich vielleicht als Risiko-         Erkenntnissen?                               eine Plattform, liefere ich weitere Daten,
                            sportler einstufen. Poste ich, dass ich          Eggendorfer: Das ist wie bei der Schufa,     von denen ich eventuell nichts weiß. Dar-
                            ein extremer Autofahrer bin, glaubt              einfach so machen die Daten kaum             über denken viele nicht nach, die mal
                            vielleicht mein Autohändler nicht mehr,          Sinn. Aber es kann interessant sein zu       eben ein Foto vom Smartphone posten.




                             N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N   sen.“ „Ich bin auch die ganze Strecke         „Dieses humanitäre Geschwafel bin ich
                                                                             von Misrata bis Tunis gefahren.“ „Ich         leid.“ Er unterbrach: „Quatsch.“ Mehr-
                                                                             war am Tage der Machtergreifung in            mals schien es, als müsste Anne Will
                            Nah|ost|experte                                  Damaskus.“                                    ihn gleich sachte aus der Sendung ent-
                                                                             Er spielte diese Trümpfe nicht aus, um        fernen lassen, weil er nicht mal sie
                          der: fälschlich auch als Bezeichnung für           anzugeben. Er spielte sie aus, um die         noch zu Wort kommen ließ.
                          andere Talkshow-Teilnehmer verwandte               anderen auszustechen. Ein Gast nach           Es ist eine Zumutung, mit Scholl-La-
                          Eigenschaft Peter Scholl-Latours                   dem anderen musste sich von ihm er-           tour diskutieren zu müssen, aber die
                                                                             klären lassen, warum er keine Ahnung          viel größere Zumutung ist es natürlich
                In einem Quartett wäre der Scholl-La-                        habe. Scholl-Latour haute wütend auf          für Scholl-Latour, dass man überhaupt
                tour die Karte, die alle anderen sticht.                     seinen Ledersessel, fuhr den anderen          andere Leute in eine solche Sendung
                Manche mögen glauben, sich aus-                              über den Mund und amüsierte sich              einlädt und sogar reden lässt – Leute,
                zukennen mit der Weltpolitik, aber er                        über den jungen „Bild“-Reporter, der          die zwangsläufig weniger wissen, weni-
                war dabei, als sie geschah. Manche                           von libyschen Revolutionären erzählte,        ger verstehen und weniger dabei waren
                mögen auch vor Ort gewesen sein,                             die er auf Facebook trifft. „Das sind         als er, weil sie nicht Scholl-Latour sind.
                aber nicht so lange wie er. Nicht so                         Dilettanten. Um eine Revo-                                88 Jahre alt ist er jetzt. Er
                früh wie er. Nicht mit den richtigen                         lution zu machen, muss man                                verschluckt inzwischen so
                Kontakten wie er. Peter Scholl-Latour                        Schläger haben und Gano-                                  viele Silben am Ende seiner
                (Bild) ist ein Igel unter Hasen: Er war                      ven haben.“ Wenn jemand                                   Wörter und so viele Wörter
                immer schon da. Das ist mindestens so                        sagte, dass das Massaker                                  am Ende seiner Sätze, dass
                sehr ein Fluch wie ein Segen, und sel-                       1982 in Hama „vergleichbar“                               es manchmal wirkt, als
                ten wurde das deutlicher als in der                          mit den aktuellen war, blaff-                             wolle er nicht nur die ande-
                Talkshow von Anne Will zu Syrien in                          te er: „Das war viel schlim-                              ren, sondern auch sich
                der vergangenen Woche.                                       mer.“ Wenn jemand von                                     selbst nicht mehr ausreden
                „Ich bin gerade aus dem Irak zurück-                         Todesschwadronen erzählte,                                lassen. Vermutlich weiß er
                gekommen“, sagte er. „Ich war 1982 in                        bellte er: „Das hat’s doch im-                            alles sogar besser als er
                Hama.“ „Ich bin auch in Libyen gewe-                         mer gegeben!“ Er brummte:                                 selbst.
                                                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                             75
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Volksmusiker Gabalier, Kirchner: Man darf ein bisschen stolz sein auf dieses Deutschland mit den alpinen Bergketten, den sauberen



                                                        U N T E R H A LT U N G




                                      Im Troststadl
          Sie wird immer wieder totgesagt, doch Volksmusik lebt von der Treue
              ihrer Verehrer. Die Fans schweben in einer Parallelwelt jenseits
         der schlechten Nachrichten und verehren Stars, die so sind wie sie selbst.


M
         arilena Kirchner sitzt im Shop-         Sie wäre gern ein Star. Volksmusik                   Der 27-Jährige rockt, das schwarze
         ping-Center Nord der Stadt Graz      oder doch lieber Schlager? „Das weiß ich             Haar zur Tolle aufgetürmt, die Konzert-
         und malt Herzchen auf das „i“        noch nicht so genau.“ Sie hat Preise                 hallen von Hamburg bis Linz, tobt in
in ihrem Namen. Die Leute gehen vorbei,       gewonnen und getanzt, mal inmitten                   knappen, speckigen Lederhosen über die
sie kennen sie nicht. Ihre Autogrammkar-      von Watteschnee und Glitzerflocken, mal              Bühnen, dazu trägt er gestrickte Waden-
ten sind rosa. Sie hat Marzipanschwein-       neben gigantischen Obstkörben im Blu-                schützer und Jackett. Er röhrt mit tiefer
chen als Fan-Geschenke mitgebracht. Sie       menmeer. Man hat ihr Schokolade zu-                  Kratzstimme: „I sing a Liad fia di, und da
sitzt zwischen einer Eisdiele und dem         gesteckt und auf den Hintern ge-                     frogst du mi, mogst mit mia taunzn gehn,
Saturn-Elektromarkt.                          guckt.                                               i glaub i steh auf di, i hob mi vaknoit in
   Es waren anstrengende Monate für die          Marilena hört nicht Lady Gaga oder                di ...“. Er lässt den Hintern kreisen, das
14-Jährige, sie ist durch Bierzelte gezogen   Tokio Hotel. Ihre Vorbilder sind Helene              Becken stoßen, greift sich an den Latz.
und hat immer wieder ihr Lied gesungen:       Fischer, Schlagerprinzessin, Deutschlands               Im Publikum drängen sich die jungen
„A Lausbua muass er sei“, sie hat das rosa    erfolgreichste Sängerin, und Andreas Ga-             Frauen, die knappen Dirndl haben sie
Dirndl getragen und fortwährend gelächelt.    balier, der Rebell der Branche.                      sich extra fürs Gabalier-Konzert gekauft,
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mischen Bildschirme. Da wird gekocht
                                                                                               und Fallschirm gesprungen, da lässt sich
                                                                                               Borg in eine überdimensionierte Fake-
                                                                                               Eistruhe sperren, um den Rekord im Kühl-
                                                                                               schrank-Sitzen zu brechen, und Silber-
                                                                                               eisen läuft über glühende Kohlen. Da hüp-
                                                                                               fen Ballerinen vom Fernsehballett durch
                                                                                               die Reihen und präsentieren durchtrai-
                                                                                               nierte Hinterteile. Da gibt es Schlager-
                                                                                               medleys und Blaskapellen. Da gibt es die
                                                                                               immer gleichen alten Stars, die unsterb-
                                                                                               lich scheinen. Und da gibt es neue Hoff-
                                                                                               nungen wie Gabalier und Marilena.
                                                                                                  Bevor die Volksmusik das Volk zum
                                                                                               Schunkeln brachte, wollte es sich dem
                                                                                               Fernweh hingeben. Im deutschen Schla-
                                                                                               ger der fünfziger und sechziger Jahre, in
                                                                                               den Hits von Caterina Valente und René
                                                                                               Carol, ging es darum, sich rauszuträumen
                                                                                               aus dem grauen Wirtschaftswunderland.
                                                                                               Schöne südländische Sänger sangen Sehn-
                                                                                               suchtslieder. Liebeslieder.
                                                                                                  Doch die heile Welt wurde Anfang der
                                                                                               achtziger Jahre davongespült von der
                                                                                               Neuen Deutschen Welle. Die Texte waren
                                                                                               oft auch sozialkritisch, ungemütlich. Der
                                                                                               Soundtrack zum hedonistischen Leben
                                                                                               wurde düsterer. Englischsprachige Musik
                                                                                               dominierte schließlich den Markt.
                                                                                                  Das große Revival kommt erst zehn


                                                                                                                                          MARTIN JEHNICHEN/DER SPIEGEL
                                                                                               Jahre später. In einer Zeit der Unsicher-
                                                                                               heit, nach dem Ende des Ost-West-Kon-
                                                                                               flikts, funktionieren die alten Schlagerhits
                                                                                               wieder. Zum Partymachen, Mitsingen
                                                                                               und Ablenken. Und eine neue Volksmu-
                                                                                               sik etabliert sich in Konzertsälen, in Ra-
                                                                                               diosendern und im Fernsehen: Ausgerech-
Seen und den hübschen Madeln                                                                   net mit Volksmusik wurde der Mitteldeut-
                                                                                               sche Rundfunk zum damals erfolgreichs-
   dazu Haarreifen mit blinkenden Hasen-        pinen Accessoires sind nicht totzukriegen ten dritten Programm. Der volkstümliche
   ohren. Sie kreischen und werfen Spitzen-     durch sinkende TV-Quoten oder illegale Schlager, verkürzt als Volksmusik be-
   unterwäsche zu ihm hinauf.                   Downloads. Die tröstliche Welt der Volks- zeichnet, verbindet traditionelle Instru-
     „Dös eskaliert eigentlich immer“, sagt     musik bietet eine Parallelwelt jenseits der mente und folkloristische Melodik mit
   Gabalier und grinst. Anfangs hätten die      schlechten Nachrichten.                        einfachen Texten, die das Bedürfnis nach
   Leute von der Plattenfirma noch versucht,      Der Massen-Eskapismus, zelebriert in Geborgenheit bedienen. Die Globalisie-
   ihm den „Oarschwackler“ abzugewöh-           den Fernsehshows von Carmen Nebel, rung fördert die Sehnsucht nach Heimat:
   nen. „Mi verbiagt koana.“                    Florian Silbereisen oder in Andy Borgs Man darf ein bisschen stolz sein auf dieses
      Gabalier ist der Elvis der Volksmusik,    „Musikantenstadl“, lockt Sendung für Deutschland mit den alpinen Bergketten,
   in Österreich längst Superstar, er habe      Sendung Millionen Zuschauer vor die hei- den sauberen Seen und hübschen Madeln.
   „alle Verkaufsrekorde gebrochen, die es                                                                    „Ich bin da so reinge-
   je gab“, in Deutschland steht sein Album                                                                rutscht“, sagt Andreas Gaba-
   „Herzwerk“ kurz vor Platin. Der Steirer                                                                 lier. Er sitzt im Foyer der Stadt-
   glaubt, ein neues Genre geschaffen zu ha-                                                               halle Chemnitz, draußen kal-
   ben, den „Volks-Rock’n’Roll“. Mit seiner                                                                ter Regen und der bronzene
   Mischung aus Heimatliebe und Größen-                                                                    Kopf von Marx, drinnen eine
   wahn gelingt ihm, was alle Plattenfirmen                                                                azurblaue Polstergarnitur. Die
   wollen: junge Fans binden.                                                                              Generalprobe zur „Krone der
      So ist Gabalier ein Beispiel dafür, wie                                                              Volksmusik“ läuft. Auch Ga-
   es das Genre schafft, die Sehnsucht nach                                                                balier verdient, trotz guter Ver-
   Liebe, Frieden und Heimat immer wieder                                                                  kaufszahlen, sein Geld haupt-
   neu zu befriedigen. Zwar leidet die Volks-                                                              sächlich mit Live-Auftritten.
                                                                   XAMAX / PICTURE ALLIANCE / DPA




   musik wie die gesamte Musikbranche un-                                                                  Im vergangenen Jahr sei er
   ter Umsatzrückgang, immer wieder aber                                                                   66 000 Kilometer mit dem
                                                                                                                    EVENTPRESS HERRMANN




   treiben einzelne Künstler mit gutverkauf-                                                               Auto gefahren, habe 200 Kon-
                                                                                                                                                                         DUMMER / DAVIDS




   ten Alben die Zahlen nach oben. 2012                                                                    zerte gegeben und fast nur in
   dürfte das Gabalier sein, der neue Hoff-                                                                Hotels geschlafen.
   nungsträger.                                       Drews             Fischer           Silbereisen
                                                                                                              Vor drei Jahren war Gaba-
      Die Lieder mit den immer gleichen                                                                    lier noch ein Jurastudent aus
   Worten, die zuckrigen Melodien, die al-      Stars der Branche: Massen-Eskapismus zelebrieren           Graz, der nebenbei ein biss-
                                                      D E R   S P I E G E L                         2 4 / 2 0 1 2                                                                          77
Medien




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Musikveranstaltung in Graz: Man muss nicht schön sein, nicht reich oder erfolgreich, um dazuzugehören

chen Musik am Computer machte, sich schen, Stampfen und Jubeln. Die Halle „Ein bisschen Spaß muss sein“ über „Ani-
selbst das Spiel auf der Steirischen Har- vibriert.                                      ta“ bis hin zu „Wahnsinn. Warum schickst
monika beibrachte und irgendwann eine         Immer wieder dabei: Jürgen Drews, er du mich in die Hölle?“. Tanzende Omis,
Aufnahme an ORF Radio Steiermark stürmt die Bühne in Rüschenhemd und Kinder in Tracht, alle fassen sich an den
schickte. Jetzt gilt er als Pin-up-Boy und Piratenmantel, die gebräunte Brust frei- Schultern, irrlichtern durch die Halle und
Retter der Volksmusik, weil er das Ge- gelegt. Er singt brüllend: „Ich bin der Kö- werden beschossen, aus Konfettikanonen.
genteil verkörpert von Florian Silbereisen nig von Mallorca!“ Er springt auf einen Man muss nicht schön sein, nicht reich
und Co., die sich die jovialen Gesten und Biertisch in der ersten Reihe, zerrt ein oder erfolgreich, um dazuzugehören.
Altherrenwitze noch bei ihren Vorgän- kleines Mädchen vor die Kamera, singt Volksmusik ist da für all jene, die sich in
gern abgeguckt haben.                       ein paar Zeilen, Wange an Wange, und der Oper nicht wohl fühlen.
   Gabalier verfasst seine Lieder selbst. zieht weiter. Stadl, das ist Schwerstarbeit.      Irgendwann ist es vorbei, die Gäste
Er summt und spricht sie unterwegs in                                                    taumeln ins Freie, sie sehen aus wie nach
sein iPhone. Sie handeln vom Bergsteigen                                                 einem fünfstündigen Schaumbad, zu-
oder von Phantasie-Sex mit Stewardes-        Anfangs hat die Platten-                    frieden, aber auch ein wenig ver-
sen. Trotzdem hat er etwas, das man Tie-     firma noch versucht,                        schrumpelt.
fe nennen könnte, etwas Existentielles,                                                     Marilena Kirchner hat an einem dieser
das manchmal durchschimmert, in Bli-         Gabalier seinen „Oarsch-                    Abende den „Stadlstern“ gewonnen, ei-
cken und im Klang.                                                                       nen begehrten Nachwuchspreis. 42 Pro-
   Mit Anfang zwanzig verlor er erst sei-    wackler“ abzugewöhnen.                      zent der Zuschauer stimmten für sie ab.
nen Vater und dann seine kleine Schwes-                                                  Auch sie gehört jetzt zu den Hoffnungen
ter, beide begingen Selbstmord. Seine Fa-     Scheinwerfer auf Marilena Kirchner, der deutschen Volksmusik. Ihr Texter
miliengeschichte ging durch sämtliche rosa Dirndl, Enkelkind-Charme. Sie sieht Peter Wessely sagt: „Der Welpenschutz
österreichischen Medien. Sie ist, wenn ein wenig verloren aus. Sie wippt ein ist jetzt vorbei.“ Und meint: „Bald wird
auch ungewollt, Teil der Marke Gabalier. bisschen mit den Hüften, lächelt und singt: es sich lohnen.“ Die Volksmusikmaschine
Hinter dem „Steirerbuam“ steht eine „Ist er reich, tät des net schaden, ist er hat ein neues Rädchen.
höchst professionelle PR-Maschine. Sie arm, is nix dabei. I hab koane bsondern              Ein paar Wochen später bekommt Ma-
verkaufen ihn, erfunden haben sie ihn Wünsche, nur – a Lausbua muass er sei.“ rilena ihr erstes Angebot für eine Doku-
nicht.                                        Im Backstage-Bereich ist die Luft dick Soap, die auf Vox laufen soll.
   Der Mensch, der Volksmusik hört, ist vom Zigarettenrauch. Es gibt Schweins-                                             NICOLA ABÉ
meist ein treuer Fan. Er kauft noch CDs braten, Bockwurst und Bier. Jürgen Drews
und Schlüsselanhänger. Er sucht die Sicher- hat sich einen Bio-Trinkjoghurt organisiert.
heit der immer gleichen Harmonien. Er Drews ist 67. Er nimmt mit, was noch geht.                          Musikvideo:
reist in Bussen an, wenn in Stadthallen und Er macht seit Jahrzehnten seine eigene                        Andreas Gabalier mit
Kongresszentren der „Stadlstern“ glüht.     Musik fürs Volk, ohne Lederhosen und                          „I sing a Liad für di“
   Auf einer dieser Veranstaltungen steht Alpenglühen – mit „Bett im Kornfeld“.                           Für Smartphone-Benutzer:
der Moderator Andy Borg zwischen wei-         Die Abende münden meist in einer un-                        Bildcode scannen, etwa mit
ßen Lilien und begrüßt die Gäste. Klat- endlichen Polonaise der Schlagerhits von                          der App „Scanlife“.
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Panorama

                                                                         USA



                                        Treibender Müllstrudel



                                                  Ausbreitung des Trümmerfeldes
                                                  infolge des Tsunamis im März 2011
                                                       Meeresströmung                                                           NORD-
       Angeschwemmter Ponton                                                                                                    AMERIKA
DPA




                                                       Trümmerteile
                                                       Stand: 7. Juni 2012
       Ein riesiges Trümmerfeld mit Überres-      ASIEN
       ten der japanischen Tsunami-Katastro-                                                                                      Seattle
       phe vom März vergangenen Jahres                Erdbeben-
       treibt auf die Westküste Nordamerikas          Epizentrum
                                                                                                                             San Francisco
       zu. Die US-Meeresbehörde NOAA
       schätzt, dass in den nächsten Monaten
       rund 1,5 Millionen Tonnen Schrott und           JAPAN
       Müll angespült werden könnten. Ver-                                                                    Pazifik           Los Angeles
       gangene Woche wurde ein 165 Tonnen
       schwerer Ponton aus Japan auf einem
       Strand im US-Bundesstaat Oregon ge-                                                        Hawaii
       funden. Helfer flämmten ihn mit Bren-
       nern ab, damit sich fremde Pflanzen
       oder Kleinstlebewesen aus dem Be-                                                                                          Quelle: IPRC
       wuchs nicht in US-Gewässern ausbrei-
       ten. Schon Anfang April musste ein Kut-   Küste der kanadischen Provinz British         flutenden Wassermassen des Tsunamis
       ter der Küstenwache im Golf von Alas-     Columbia einen Container aus Japan,           dort mitrissen, landet also mit hoher
       ka mit Salven aus der Bordkanone das      darin unter anderem ein Motorrad der          Wahrscheinlichkeit in den USA und in
       japanische Geisterschiff „Ryou-un Maru“   Marke Harley-Davidson.                        Kanada – es sei denn, es kreiselt für vie-
       versenken. Der Tsunami hatte den          Im Nordpazifik weht der Wind meistens         le Jahre im „Großen Pazifischen Müll-
       Fischtrawler in der Gegend von Hok-       von West nach Ost. Zudem fließt eine          strudel“, einem Seegebiet im Zentrum
       kaido losgerissen, das treibende Wrack    gewaltige Meeresströmung von Japan            der Strömung, in dem sich in den vergan-
       gefährdete andere Schiffe. Mitte April    nach Amerika, dann südwärts und wie-          genen Jahrzehnten Millionen Tonnen
       fand ein Strandgutsammler an der          der Richtung Japan. Was die zurück-           Plastikmüll angesammelt haben.




                VERBRECHEN
                                                 chen Täter Luka Rocco Magnotta zum             sische Eltern oft einen Großteil ihrer
                                                 Opfer fiel. „Die Welt da draußen ist           Ersparnisse aus. Doch Verbrechen
                                                 angsteinflößend“, schrieb ein User, ein        haben China nun aufgeschreckt: Erst
       Kondolenz im Internet                     anderer stellte fest: „Überseestudenten
                                                 sind nicht sicher!“ Sogar eine Online-
                                                                                                im April waren zwei chinesische
                                                                                                Studenten in Los Angeles erschossen
      Der Fall des in Kanada ermordeten          Gedenkstätte wurde eingerichtet: Dort          worden. Lins geschiedene Eltern sind
      chinesischen Studenten Lin Jun hat in      können Internetnutzer virtuelle                mittlerweile in Kanada eingetroffen,
      dessen Heimatland Trauer und Angst         Blumensträuße kaufen und unter dem             um, so seine Mutter, „mein Kind nach
      ausgelöst. Mit Bildern von Kerzen,         Porträt des Toten ablegen. Rund                Hause zu holen“. Ein chinesischer
      weinenden Smileys und Kondolenz-           340 000 junge Chinesen waren 2011 im           Blogger schrieb in Bezug auf den in
      botschaften im Internet gedenken           Ausland, um zu lernen oder zu studie-          Berlin gefassten Magnotta, einen
      Zehntausende Chinesen des 33-jähri-        ren. Jedes Jahr werden es mehr. Für            ehemaligen Pornodarsteller: „Schickt
      gen Lin, der aus Wuhan in der Provinz      die Ausbildung ihrer Kinder in Europa,         ihn nach China. In Kanada gibt es
      Hubei stammte und dem mutmaßli-            Australien oder Amerika geben chine-           keine Todesstrafe!“
      80                                              D E R    S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Ausland
                                  S Ü DA F R I KA                                                                            DÄ N E M A R K


           Nobelpreisträger gegen Zensurgesetz                                                                     Schlechte Noten für
Der Widerstand gegen das von Regie-
rung und ANC geplante Mediengesetz
                                           das Gesetz soll, nämlich Korruption
                                           vertuschen – die Regierung macht kei-
                                                                                                                     Helle und Villy
wird erbitterter. Besonders massiv         ne Anstalten, ihre Absicht zu verber-                                In Brüssel macht die bis Ende Juni am-
geht die südafrikanische Literaturnobel-   gen“, sagt Gordimer, deren Bücher zu                                 tierende EU-Ratspräsidentin Helle
preisträgerin Nadine Gordimer auf          Apartheid-Zeiten teilweise verboten                                  Thorning-Schmidt, 45, eine gute Figur.
Distanz zur ANC-Regierung von Ja-          waren. Bislang galten Meinungs- und                                  Zu Hause aber muss die Regierungs-
cob Zuma. Die umstrittene Reform,          Pressefreiheit in Südafrika als vorbild-                             chefin ums politische Überleben kämp-
die im Juli im Parlament verabschiedet     lich. Die Regierung rechtfertigt das                                 fen. Acht Monate nach Amtsantritt
werden soll, würde den Besitz oder         Mediengesetz mit „nationalen Sicher-                                 liegen ihre Sozialdemokraten nur noch
die Veröffentlichung vertraulicher Do-     heitsbedürfnissen“. Tatsächlich sind
kumente mit einer Gefängnisstrafe          zahlreiche Politiker und Regierungs-
von bis zu 25 Jahren belegen. Zu den       beamte in Bestechungsfälle verwickelt,
prominenten Kritikern zählen auch          gerade steht die komplette Polizei-
Bischof Desmond Tutu, Gordimers            spitze unter Korruptionsverdacht. Gor-
Kollege und Nobelpreisträger J. M.         dimer zieht historische Parallelen:
Coetzee, viele Journalisten sowie          „Wir fallen zurück in die Apartheid-
Künstler. „Es ist offensichtlich, was      Zensur, nur in einem neuen Gewand.“



            PA L Ä S T I N A
                                           Rennen um die Auszeichnung ge-
                                           schickt. Doch nun will Israel letzte
                                           Lücken in der Absperrung des Westjor-
         Weltkultur-Dorf                   danlands schließen – und dafür eine
                                           Mauer durch das Tal mit seinen jahr-
Wenn die Unesco Ende Juni über neue        hundertealten Terrassen- und Bewässe-
Stätten des Weltkulturerbes entschei-      rungssystemen bauen. Deshalb nomi-




                                                                                                                                                            JOHN THYS / AFP
den wird, könnte erstmals auch eine        nierte die Autonomiebehörde Batir in
palästinensische darunter sein: die        letzter Sekunde nach. Die Palästinen-
Geburtskirche in Betlehem. Oder west-      ser hoffen, der Status als Weltkultur-
lich davon das Dorf Batir. Die Geburts-    erbe könnte den Mauerbau noch ver-                                   Thorning-Schmidt
kirche hat Jesus; Batir hat Gemüse-        hindern. Nur gut zwei Wochen bleiben
gärten und Terrassen mit Olivenbäu-        der Unesco für die Prüfung, die nor-                                 bei 16,9 Prozent – der schlechteste
men. Über 1,5 Millionen Besucher           malerweise Monate dauert. „Alles                                     Wert seit Einführung von Meinungs-
fahren jährlich nach Betlehem. Nach        hängt davon ab, ob die Palästinenser                                 umfragen in Dänemark vor über
Batir kommt kaum jemand. Eine Ent-         in der Lage sind, die Unesco von der                                 hundert Jahren. Der ehemalige Europa-
scheidung zugunsten des idyllischen        Dringlichkeit ihres Anliegens zu                                     Abgeordnete Freddy Blak forderte
Tals wäre aber hochpolitisch. Die          überzeugen“, sagt Giovanni Fontana,                                  seine Parteifreundin bereits zum Rück-
Palästinenser hatten im vergangenen        Unesco-Kulturreferent in Ramallah:                                   tritt auf. Auch einer der beiden Koa-
Herbst nach ihrem Unesco-Beitritt          „Aber selbst wenn die Zeit nicht aus-                                litionspartner, die rot-grüne Sozialisti-
Jesu Geburtsort als ersten von insge-      reicht, könnte auch die öffentliche Dis-                             sche Volkspartei von Außenminister
samt 20 möglichen Kandidaten ins           kussion den Mauerbau verhindern.“                                    Villy Søvndal, schwächelt. „Seit der
                                                                                                                Wahl brechen Helle und Villy jede
                                                                                                                Woche ein Versprechen“, sagt der Op-
                                                                                                                positionspolitiker Claus Hjort Frede-
                                                                                                                riksen. Es genüge eben nicht, mit EU-
                                                                                                                Kommissionspräsident José Manuel
                                                                                                                Barroso „Küsschen auszutauschen“,
                                                                                                                schrieb die Zeitung „Ekstra Bladet“.
                                                                                                                Die Sozialdemokraten verweisen auf
                                                                                                                eine Studie, nach der sie bereits 42 von
                                                                                                                95 Punkten ihres Wahlmanifestes er-
                                                                                                                folgreich umgesetzt hätten, darunter
                                                                                                                Beschäftigungsprogramme und eine Li-
                                                                                                                beralisierung des Ausländerrechts. „Wir
                                                                                                                werden weitermachen“, sagte Thor-
                                                                                                                ning-Schmidt bei der Präsentation ih-
                                                                                                                rer „Vision 2020“, eines Programms,
                                                                                            ABIR SULTAN / DPA




                                                                                                                das 180 000 Jobs schaffen und den Aus-
                                                                                                                bau von Studienplätzen vorantreiben
 Batir                                                                                                          soll. Man müsse als Regierungschefin
                                                                                                                „auch mal einen Knuff wegstecken“.
                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                             81
Titel




                   Der große Graben
         Als Heilsbringer hat Barack Obama längst abgedankt, als US-Präsident
     fällt seine Bilanz durchschnittlich aus. Vom Kongress blockiert, von Amerikas
       konservativer Hälfte gehasst, wirkt er wie ein zum Scheitern Verurteilter.


82                               D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
D
                                                                                      ie Vereinigten Staaten von Ame-
                                                                                      rika, in denen sich nach vier Jah-
                                                                                      ren wieder ein monströser Präsi-
                                                                              dentschaftswahlkampf aufbauscht, stellen
                                                                              nicht mal fünf Prozent der Weltbevölke-
                                                                              rung, verbrauchen aber rund 25 Prozent
                                                                              allen Erdöls. Sie haben fast 16 Billionen
                                                                              Dollar Schulden, in diesem Haushaltsjahr
                                                                              geben sie 1300 Milliarden Dollar mehr
                                                                              aus, als sie einnehmen, und allein zwei
                                                                              Milliarden kostet – jede Woche – der
                                                                              Krieg in Afghanistan. Laut wird im Land
                                                                              dieser Tage nach einem Frieden in Syrien
                                                                              gerufen, während in Pakistan leise ein
                                                                              schmutziger Drohnenkrieg geführt wird.
                                                                              In Guantanamo, Kuba, schmoren noch
                                                                              immer 169 Häftlinge. Und in Washington,
                                                                              D.C., verläuft zwischen den politischen
                                                                              Lagern ein Graben so tief, dass man ihn
                                                                              für einen Abgrund halten möchte. Heißt
                                                                              der aktuelle Präsident der USA wirklich
                                                                              Barack Obama? Ist die Ära des George
                                                                              W. Bush wirklich vorüber?
                                                                                 In diesen Monaten geht Obamas erste
                                                                              Amtszeit zu Ende. Für das riesige, vielge-
                                                                              sichtige Land, 27-mal größer als Deutsch-
                                                                              land, wird ein neuer Plan gebraucht, ein
                                                                              neues Projekt für die alte, schlingernde
                                                                              Weltsupermacht. Für 314 Millionen Bür-
                                                                              ger wird im November ein Präsident ge-
                                                                              sucht. Wird es ein neuer sein? Oder bleibt
                                                                              es Obama? Ist es vorstellbar, dass der erste
                                                                              schwarze Amtsinhaber, der als Heilsbrin-
                                                                              ger begrüßte Barack Obama, von einem
                                                                              blassen Mormonen, dem in vielerlei Hin-
                                                                              sicht dubiosen Republikaner Mitt Romney
                                                                              überholt wird?
                                                                                 Das Amt, um das sich beide bewerben,
                                                                              ist das schwerste der Welt. Die Agenda
                                                                              des US-Präsidenten ist ständig randvoll
                                                                              mit dem Wichtigsten und dem Neben-
                                                                              sächlichsten, 24 Stunden täglich, sieben
                                                                              Tage die Woche.
                                                                                 Oft kann es nur am Rande um welthis-
                                                                              torische Aufgaben und nationale Groß-
                                                                              projekte gehen, weil inneramerikanische
                                                                              Sportskandale oder Sexaffären durch den
                                                                              Alltag rollen, weil sich verrückte Pastoren
                                                                              anschicken, Korane zu verbrennen oder
                                                                              neue Statistiken belegen, dass drei Viertel
                                                                              aller Amerikaner übergewichtig sind,
                                                                              dass über 46 Millionen in Armut leben
                                                                              oder dass über 30 000 Menschen im Land
                                                                              jedes Jahr durch Schüsse aus Pistolen und
                                                                              Gewehren sterben, Selbstmorde einge-
                                                                              schlossen.
                                                                                 Dass Kim Kardashians Ehe nur 72 Tage
                                                                              hält, kann die Nachrichten in Amerika
                                                                              länger bestimmen als jede umweltpoliti-
                                                                              sche Initiative, die hohen Benzinpreise –
                                                                              „hoch“ heißt, ein Liter kostet 77 Euro-
                                                                              Cent – sind vielen Leuten so wichtig, dass
                                                                              sie die Wahl entscheiden könnten. Dass
                                                                              52 Prozent der Republikaner im Staat
                                                    DOUG MILLS / NYT / LAIF




                                                                              Mississippi glauben, Obama sei Muslim,
                                                                              dass 46 Prozent der Amerikaner denken,
                                                                              der Mensch sei haargenau so erschaffen
Präsident Obama im Washingtoner Nationalarchiv                                worden, wie es in der Bibel steht, kann
                                                                              Debatten sehr anstrengend gestalten.
            D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                                      83
Titel




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Wahlkämpfer Obama in Berlin 2008: Ist es erlaubt, seine Taten gegen sein Charisma aufzurechnen?

   Wer meint, derlei vermischte Fakten          Wer seine erste Amtszeit gerecht be-        auf vielen Feldern einfach nicht geliefert
hingen nicht weiter zusammen, verkennt        urteilen will, kann die Liste seiner gehal-   hat.
die Lage der Leute im Weißen Haus von         tenen und gebrochenen Versprechen                Misslungen ist ihm das Projekt der na-
Washington, D.C. Man stelle sich nur vor,     durchgehen. Dann fällt Obamas Bilanz,         tionalen Versöhnung, das er zu Beginn in
um ein noch besseres Gefühl für diesen        gemessen an jenen der elf US-Präsiden-        einer seiner berühmt gewordenen Reden
Betrieb zu bekommen: Als Obama im             ten seit dem Zweiten Weltkrieg, in die        beschwor: „Es gibt nicht das Amerika der
vergangenen Jahr, während der Spezial-        Kategorie „besserer Durchschnitt“, zu         Demokraten und das Amerika der Repu-
operation gegen Osama bin Laden, „die         beurteilen ist ein durchwachsenes, hartes     blikaner“, hatte Obama gesagt, „es gibt
längsten 40 Minuten meines Lebens“            Stück Arbeit aus der Werkstatt des Mach-      nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“
durchzustehen hatte, steckte er gerade in     baren. Aber worüber andere Politiker             In Wahrheit sind diese Staaten heute ge-
einer von seinen Feinden angezettelten                                                      spaltener denn je. Der Kulturkampf ist alt,
Debatte darüber, ob er überhaupt Ame-                                                       er prägt das Land womöglich seit den
rikaner und seine Geburtsurkunde wo-          Washington ist für viele                      Schlachten des Bürgerkriegs vor 150
möglich gefälscht sei. Kann nicht sein?       Bürger zum Hassobjekt                         Jahren, aber er hat sich im Zuge der Zeiten,
Aber genauso war es.                                                                        und noch einmal während Obamas Regie-
   Obama und sein Stab müssen ständig         geworden, zum Inbegriff                       rung, verschärft, statt sich zu beruhigen.
nach Tageslage, Klickraten und Lärm-                                                           Fast alle Gesprächspartner, mit denen
pegel entscheiden, was gerade wichtig ist.    für Mittelmaß und Murks.                      sich SPIEGEL-Korrespondenten im gan-
Sie stehen in einem Tornado aus tausen-                                                     zen Land trafen, um Obamas Bilanz zu
derlei Fundstücken, Einwürfen und künst-      heilfroh wären, das kann Obama nicht          erörtern und ein Bild vom Zustand der
lichen Eklats, die ein ruheloser, hochpro-    im Ernst genügen.                             USA zu zeichnen, sagten es so: Amerikas
fessioneller Medienbetrieb andauernd             So irrational und naiv es immer ge-        innere Spaltung hat ein neues, bedenk-
produziert – im Verbund mit der rührigs-      wesen sein mag, ihn als Heilsbringer zu       liches Stadium erreicht. Eigentlich unstrit-
ten Web-Gemeinde der Welt.                    begrüßen, und so ungerecht es ist, seine      tige Gesetzesvorhaben bleiben jahrelang
   Es sprengt die Vorstellungskraft, was      Taten gegen sein Charisma aufzurech-          blockiert, höchste Posten in Justiz und
das Weiße Haus tagtäglich, stündlich zu       nen: Immerhin hat er sich selbst zum Ret-     Behörden unbesetzt. Nötige Zusatzhaus-
bewältigen hat. Es ist ein unmöglicher Ar-    ter stilisiert, zum schönen Ritter des        halte werden erst in letzter Sekunde be-
beitsplatz, und wer hier Erfolg haben will,   Wechsels. „Change“ stand auf seiner Fah-      schlossen, und auch nur, wenn wirklich
sagt man, muss aus dem richtigen Holz         ne, „Yes, we can!“ lief als Slogan um die     der Staatsbankrott droht.
geschnitzt sein. Trifft das auf Obama zu?     ganze Welt, aber derzeit herrscht in Ame-        In diesem Klima hat kein Präsident die
Ist er gemacht für das Amt? Oder ist es       rika das Gefühl vor, selbst bei den An-       Chance, die Welt nach seinem Programm
eine Nummer zu groß – selbst für ihn?         hängern des Präsidenten, dass Obama           zu gestalten. Obama hat es seit 2011 mit
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SAUL LOEB / AFP
Präsidentenpaar Obama beim Ball zur Amtseinführung am 20. Januar 2009: „Die Mitte ist verschwunden, buchstäblich verschluckt“

einem republikanisch dominierten Abge-         „Manchmal hat man das Gefühl“, sagt Schicht als Moderator gerade vorbei,
ordnetenhaus zu tun, das ihm keinen Mil-     Chuck Todd, „man pinkelt in einen Hur- „The Daily Rundown“, 60 Minuten Zu-
limeter entgegenkommt. Das zivile, de-       rikan. Was man tut, macht null Unter- sammenfassung des neuesten Polit-Klat-
mokratische Konzept vom Kompromiss           schied.“ Todd ist ein wichtiger Mann in sches auf MSNBC, dem Kabelableger von
ist zuschanden, das Wort allein ist unter    Washington, Chefreporter des NBC-Fern- NBC. Eigentlich müsste Todd längst im
Republikanern ein Schimpfwort gewor-         sehens, sein Wecker klingelt morgens um Weißen Haus sein, er ist für Aufsager ge-
den. Sie agieren so stur, dass sie sogar     fünf, und wer ihn trifft um zehn Uhr, fin- bucht, live aus dem Rosengarten, Kom-
Gesetzesvorhaben blockieren, die sie fast    det einen müden Mann mit Bart in einem mentare zu den „big news“ des Tages, zu
wortgleich einst selbst betrieben haben.     fensterlosen Büro, der halb in seinem Obamas Aktionen.
   In der Folge ist Washington, schon lan-   Sessel sitzt, halb liegt, und vor ihm auf    Aber was ist überhaupt noch eine
ge als abgehobene, alltagsferne Haupt-       dem Tisch blinkt immerfort der Black- Nachricht? Wenn der BlackBerry jede Mi-
stadt verachtet, für viele Bürger zum        Berry.                                     nute „Breaking News“ vermeldet? Todd
Hassobjekt geworden, zum Inbegriff für          Todds Mailbox quillt über, stündlich, weiß es auch nicht mehr. Er sagt noch
Mittelmaß und Murks. Die scharfen Ka-        minütlich, im Postfach wartet jeden Mor- einmal seinen Satz vom Pinkeln im Hur-
barettisten des US-Fernsehens vermuten       gen das „Playbook“ des „Politico“-Blog, rikan, das sind starke Worte von einem,
schlichten Rassismus hinter allem, eine      eine wirre Ansammlung der wichtigsten der als einer der einflussreichen Journa-
republikanische Front gegen den schwar-      Termine, Fakten, Geburtstage in der listen in Washington gilt, so einflussreich,
zen Mann im Weißen Haus, ein böser           Hauptstadt.                                dass ihn Obama während seiner Rede
Vorwurf, für den einiges spricht.               Todd muss den „Drudge Report“ stu- beim Dinner der White House Corres-
   Mit nur rationalen Argumenten ist         dieren, eine weltweite Übersicht mehr pondents persönlich mit einem freund-
nicht mehr zu erklären, warum der Poli-      oder minder relevanter Storys, er muss lichen „Chuck“ begrüßte.
tikbetrieb der Vereinigten Staaten in die-   sehen, was die „Huffington Post“ macht,      NBC wirbt mit ihm in Werbespots: Dar-
sen Jahren derart verkümmert ist. Dass       was die wichtigen Blogger schreiben. in sagt Chuck Todd, er wolle im Weißen
Obama nicht in der Lage ist, ihn wieder-     Todd muss bei Facebook einchecken, sei- Haus die Fragen stellen, die normale Bür-
zubeleben, spricht gewiss gegen ihn. Aber    nen Twitter-Feed füttern, er sagt: „Wenn ger nicht stellen könnten. Aber bleibt ihm
andererseits wirkt es dieser Tage auch       ich auf einer einsamen Insel strande und überhaupt die Zeit, sich die guten Fragen
manchmal so, als sei selbst er, der Präsi-   mein BlackBerry geht noch, bleibe ich auszudenken? Oder stimmt, was heutige
dent, ausgestattet mit weitreichenden        trotzdem voll informiert.“                 Kampagnenmanager sagen: dass sie den
Herrschaftsrechten, von denen europäi-          Sein Leben hat sich als Schatten unter überforderten Korrespondenten viel leich-
sche Regierungschefs nur träumen kön-        seine Augen eingegraben, im bleichen Bü- ter als je zuvor ihre frisierten News un-
nen, auch bloß ein Rädchen in der kaput-     rolicht sind die dunklen Ränder gut zu terjubeln können, weil keine Zeit mehr
ten Mechanik der Macht.                      sehen. Um zehn am Morgen ist seine bleibe, sie zu prüfen? Todd sagt: „Was
                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                         85
Titel

                                            stimmt, ist, dass wir alle überfordert tematisch die Tweets während der Rede,                              derwahlzentrums in Chicago. Als es
                                            sind.“                                     766 681 waren es bei Obamas letzter An-                         jüngst um Äußerungen Karl Roves ging,
                                               Todd, 40, wuchs noch ganz selbstver- sprache. Und wenn Sarah Palin aus Alas-                            des republikanischen Wahlkampfgurus,
                                            ständlich mit gedruckten Zeitungen und ka, die Hoffnungsfigur des dumpfen Ame-                             der Obama in Werbespots als Präsidenten
                                            Magazinen auf, mit der „Washington rika, auf ihrer Facebook-Seite den Präsi-                               der gebrochenen Versprechen abmeierte,
                                            Post“ und dicken Präsidentenbiografien denten einen Sozialisten nennt, sorgt sie                           war sie in ihrem Element.
                                            auf dem Nachttisch. Er wurde geboren in damit für mehr Aufregung als ein Repor-                               Man solle, sagte sie auf allen Kanälen,
                                            einer Zeit, als Zeitungsartikel noch Prä- terteam der „New York Times“, das mo-                            diesen „BS“ bloß nicht glauben. „BS“
                                            sidenten stürzten. Heute verbrennt die- natelang über Atomwaffen, Bankenkrise                              heißt Bullshit, das darf man in den USA
                                            selbe „Washington Post“, die mit Water- oder Krieg recherchiert hat.                                       eigentlich nicht laut sagen und schon gar
                                            gate und Nixon-Rücktritt berühmt wurde,       Amerika schnattert, aber es redet nicht                      nicht öffentlich. Aber Cutter tut es. Im
                                            jedes Jahr viele Millionen Dollar. Das mehr miteinander. Die Linken lesen die                              eleganten Kostüm, und sie schaut dabei
                                            Blatt kämpft um seine Existenz.            Blogs der „Huffington Post“ und schalten                        in die Kamera wie eine Lady.
                                               Auch die TV-Abendnachrichten – noch auf MSNBC. Die Rechten surfen zum                                      Tatsächlich ist sie Obamas Frau fürs
                                            1980 täglicher Fixpunkt für 53 Millionen „Drudge Report“ und zu Fox News. Wer                              Grobe, eine hyperaggressive Anführerin
                                            Amerikaner – verlieren Zuschauer in hin- und herschaltet, weiß bald nicht                                  auf Seiten der Demokraten, die seit fast
                                            Scharen. An guten Tagen schalten 20 Mil- mehr, wo unten und oben ist, und auch                             zwei Jahrzehnten in den Schützengräben
                                            lionen ein, das ist, im riesigen Amerika, deshalb verlieren viele Leute die Lust an                        Washingtons zu Hause ist. Cutter hat
                                            eher mickrig. „Alles ist schneller gewor- der Sache: Umfragen zeigen, dass viele                           schon für Bill Clinton im Weißen Haus
                                            den, bunter“, sagt Todd. Der Kabelsender Amerikaner über Politik nicht mehr dis-                           gearbeitet, als die Republikaner ihn des
                                            MSNBC hat jeden Tag 24 Stunden zu fül- kutieren wollen. Das muss einem Fern-                               Amtes entheben wollten.
                                            len, muss dabei aber mit dem viel schnel- sehreporter wie Chuck Todd Sorgen ma-                               Ihr Talent ist der politische Nahkampf,
                                            leren Web konkurrieren. Todd muss für chen. „Wenn die Lautsprecher von links                               schmutzig, gemein, schnell, Cutter nimmt
                                            seinen „Daily Rundown“ auch herausfin- und rechts ständig trompeten, dass wir                              es als Sport. „Politik funktioniert doch
                                            den, welche Suppe am Mittag in der Kan- und die Politiker nur Mist machen“, sagt                           eigentlich wie Pingpong“, sagt sie. „Es
                                            tine des Weißen Hauses serviert wird, so er, „glaubt bald jeder: Stimmt, die ma-                           geht immer hin und her.“ Und die Demo-
                                            sehen Exklusivnachrichten heute aus.       chen nur Mist.“                                                 kraten, sagt sie, dürfen dabei keinesfalls
                                               Die Blogger, die Twitterer haben die       In Schwarzweißmalerei machen alle.                           zurückstecken. Dem jetzigen Wahlkampf
                                            mediale Macht übernommen und neue Und weil es so schwer ist, für die extrem                                ist dieser blanke Sportsgeist anzumerken.
                                            Leitmedien wie „Politico“, ein Blog, des- vielfältige amerikanische Gesellschaft                           Es scheint tatsächlich nur noch darum zu
                                            sen Reporter nach einer Präsidentenrede griffige Wahlkampfslogans zu finden,                               gehen, schnelle Punkte zu machen, tag-
                                            15 Minuten Zeit haben, erste Analysen werden die Versuche, die Leute zu errei-                             ein, tagaus, und verglichen mit dem ame-
                                            abzuliefern. Sie sind auf Krawall gebürs- chen, beiderseits immer gröber. Nicht nur                        rikanischen fühlt sich europäischer Wahl-
                                            tet, weil das die größte Aufmerksamkeit die Republikaner stanzen ihre Phrasen.                             kampf wie ein Universitätskolloquium
                                            bringt. Wer nicht erregt, wird wegge- Auch die Demokraten können das, allen                                über Zeitfragen an.
                                            klickt, und so wird das Flüchtige in Wa- voran Stephanie Cutter, Obamas stellver-                             US-Vizepräsident Joe Biden geht dieser
                                            shington das Eigentliche.                  tretende Wahlkampfchefin.                                       Tage mit der Parole hausieren, wer die
                                               Wenn Obama seine Rede zur Lage der         Cutter ist 43, blond, attraktiv, aggressiv,                  Präsidentschaft Obamas beurteilen wolle,
                                            Nation hält, warten seine Berater nicht und wenn sie nicht gerade in Kameras                               müsse nur einen Satz wissen: „Osama ist
                                            mehr auf die Leitartikel, um ihre Wirkung und Mikrofone redet, sitzt sie vor langen                        tot, und General Motors lebt.“ In diesem
                                            zu überprüfen. Sie durchpflügen jetzt sys- Computerreihen des Obama-Biden-Wie-                             Tonfall reden mehr oder minder alle. Der


                                                                                  Kampf ums Weiße Haus                                        221                       147                      170
                                                                               Wahlprognosen für die Bundesstaaten;                  für Obama                      unentschieden           für Romney
                                                                                               Zahl der Wahlmänner                   eher für Obama                                         eher für Romney
                                                                                                                                                    erforderliche Mehrheit: 270 Wahlmänner
                                                                                   Washington
                                                                                      12                                                                                                              Maine
                                                                                                            Montana           N. Dakota                                        New Hampshire 4          4
                                                                                                               3                  3           Minne-                                    Vermont
                                                                                  Oregon                                                       sota                                         3            Massa-
                                                                                     7           Idaho                         S. Dakota        10 Wisconsin                              New York     chusetts
                                                                                                   4          Wyoming               3                 10               Michigan                 29            11
                                                                                                                 3                                                          16     Pennsylvania
                                                                                                                                               Iowa                                                       Rhode
                                                                                        Nevada                                 Nebraska          6                            Ohio       20               Island
                                                                                          6                                         5                     Illinois Indiana 18 W.                                4
                                                                                                     Utah
                                                                                                      6           Colorado                                   20         11       Virginia
                                                                                                                     9              Kansas      Missouri              Kentucky 5 Virginia
                                                                                                                                                                                                        Connec-
                                                                                                                                       6                                                    13            ticut 7
                                                                                Kalifornien                                                        10                       8
                                                                                                                                                                                    N. Carolina             New
                                                                                                                                                                 Tennessee
LUKE SHARRETT / THE NEW YORK TIMES / LAIF




                                                                                     55
                                                                                                  Arizona         New                 Oklahoma Arkansas               11
                                                                                                                                                                                         15               Jersey
                                                                                                     11          Mexico                   7          6                              S. Carolina               14
                                                                                                                                                         Missis- Ala-
                                                                                                                   5                                                                     9
                                                                                                                                                                                                       Delaware
                                                                                                                                                             sippi bama Georgia                                 3
                                                                                                                                  Texas      Louisiana 6                 9        16
                                                                                                                                   38                 8                                                Maryland
                                                                                                                                                                                     Florida                  10
                                                                                      Alaska      Hawaii                                                                                29
                                              Republikanischer                           3          4
                                                                                                                                                  Quelle: RealClearPolitics                     Washington, D. C.
                                              Herausforderer Romney                                                                                                                                             3
                                                                                                                                                  Stand: 8. Juni


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LYNSEY ADDARIO / VII
Stand des Bundes kriegsversehrter Veteranen auf einem Volksfest in Arkansas: „Osama ist tot, und General Motors lebt“

politische Streit hört sich an, als ob es      tischen Betriebs in Amerika die Tea-Par- mannssucht, Verschwörungstheorien mit
um Reklame für Schokoriegel oder Klo-          ty-Bewegung, jene radikale Strömung in mangelnder Bildung. Ihre Anhänger re-
papier ginge.                                  der Republikanischen Partei, die mit dem präsentieren finstere Klischees eines un-
   Worum aber geht es? Wer versucht,           Amtsantritt Obamas begann, die Pauke terbelichteten Amerika, in dem sich Men-
eine innenpolitische Bilanz der ersten         zu schlagen. Aber wäre nicht von Obama schen tummeln, die auch nichts dagegen
Jahre Obamas zu ziehen, kommt auf eine         und seinem Stab zu erwarten, dass er die hätten, wenn so manches moderne Buch
kurze Liste klarer Erfolge, die Obama          weichen Punkte dieser Gegner findet, um verbrannt würde. Und die Romane Jona-
derzeit selbst auf jeder Wahlkampfver-         den Widerstand gegen seine Politik zu than Franzens, Autor von „Freiheit“ und
anstaltung wegrattert: sein Konjunktur-        brechen?                                    „Die Korrekturen“, könnten durchaus da-
paket, gefüllt mit 787 Milliarden Dollar,         Die Tea Party zieht zu Felde gegen aus- zugehören.
das die Wirtschaft nach der Finanzkrise        nahmslos jeden Vorschlag Obamas, seien         Franzen hat nie ein Hehl daraus ge-
2008 vor dem Zusammenbruch bewahrte;           es seine Umweltpolitik, diverse Konjunk- macht, den Republikanern gegenüber,
die Subventionen für die amerikanische         turprogramme, die Gesundheitsreform, also auf der anderen Seite Amerikas zu
Autoindustrie, die in Detroit zum Guten        die Finanzpolitik, gleichviel. Ihre eigenen stehen. Ein Radikaler ist er nicht, kein
zündeten. Obama hält sich seinen Kampf         Ideen sind an simpler Radikalität nicht Scharfmacher, er hat sogar die „seltsame“
für die Rechte von Schwulen und Lesben         zu überbieten, sie würde ihr in Europa Erfahrung gemacht, sagt er, viele nette
zugute, und er kann darauf hoffen, als         vermutlich Einträge in Verfassungsschutz- Republikaner kennengelernt zu haben.
Präsident der großen Gesundheitsreform         berichten bescheren: Tea-Party-Aktivis-        Franzen erzählt davon am Esstisch sei-
in die Geschichte der Nation einzugehen,       ten fordern den Ausstieg der USA aus ner New Yorker Wohnung in einem klei-
der 32 Millionen Menschen zu einer Kran-       den Vereinten Nationen und das Ende al- nen Turm an der Upper East Side, der in
kenversicherung verhalf.                       ler Sozialprogramme. Sie fordern die Ab- den achtziger Straßen in direkter Nach-
   Im Einzelnen sind das beachtliche Er-       schaffung vieler Regierungsinstitutionen, barschaft zum Stadthaus von Madonna
rungenschaften, aber sehr viel länger ist      allen voran der Notenbank und natürlich steht. „Meine Theorie ist, dass sich nette
die Liste der innenpolitischen Erfolge         der Steuerbehörde.                          Leute quer durch die Gesellschaft gleich
nicht, und sie formen sich auch nicht zu          Eiferer aller Art verbünden sich zu die- verteilen“, sagt Franzen. „Und trotzdem
einer großen, fassbaren „Change“-Agen-         sen Zwecken, Wirtschaftsliberale, Waf- war Amerika nie, und ganz sicher nicht,
da. Auch wiegen die Misserfolge schwer:        fennarren, Sozialdarwinisten, Milizionä- solange ich denken kann, so gespalten,
Im Sommer vergangenen Jahres steckte           re. Auch die „Birthers“ zählen dazu, die so polarisiert wie heute.“
Obama seine größte Niederlage als natio-       dem Land die Debatte über die Identität        Er hat den Politikbetrieb aus der Nähe
naler Versöhner ein, als er nicht imstande     des Präsidenten einbrockten.                gesehen, im Sommer 2003, als der Irak-
war, die Republikaner zum Kompromiss              Die Tea Party ist für Obama ein Pro- Krieg eben begonnen hatte. Der „New
über einen längerfristig gültigen Haushalt     blem, nicht, weil sie selbst an die Macht Yorker“ hatte ihn angeheuert, aus Wa-
zu zwingen, obwohl der Staatsbankrott          gelangen könnte, sondern weil sie die Re- shington zu berichten, und er bekam Zu-
unmittelbar bevorstand.                        publikanische Partei vor sich hertreibt gang auch zu den Größen der Republika-
   Es wirkt schwach, den politischen Geg-      und letztlich zum Lautsprecher der einen, ner, Vizepräsident Dick Cheney und
ner für eigene Versäumnisse anzuklagen,        konservativen Hälfte Amerikas geworden Newt Gingrich eingeschlossen. Aus sei-
selbst wenn es in diesem Fall stimmt: Na-      ist. Schlimmer als je zuvor verbünden nen Begegnungen ergaben sich viele In-
türlich steckt hinter der Blockade des poli-   sich in ihr Hinterwäldlertum mit Groß- dizien für die tiefe Spaltung. Es hätten
                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                        87
Titel
MARTIN H. SIMON / MHS IMAGES / DER SPIEGEL




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                                             TV-Moderator Todd, Wahlkampfstrategin Cutter mit Chef Obama: „Wir sind alle überfordert“

                              zwar damals alle gesagt, der Streit sei in                  so viel zu verteilen gewesen, dass zwei        und stößt auf die Partei der Republikaner.
                              den neunziger Jahren auch nicht viel mo-                    Drittel der Amerikaner glücklich und zu-       Woher aber käme ihr Hass? Franzen
                              derater ausgefallen, aber mit dem Auge                      frieden hätten leben können; heute reiche      trinkt Wasser, draußen sinkt die Sonne,
                              des Schriftstellers nahm Franzen eine                       es nur noch für ein Drittel. Und zerbro-       er sagt: „Es hat mit der schrumpfenden
                              deutliche Verschlimmerung wahr.                             chen sei die frühere Gewissheit von El-        Kraft der einstigen Supermacht zu tun,
                                 Abgeordnete erzählten ihm, sie seien                     tern, dass es ihren Kindern dereinst bes-      mit dem Frust darüber, die Jobs nach
                              früher mit ihren politischen Gegnern in                     ser gehen werde als ihnen selbst.              Fernost zu verlieren. Es hat damit zu tun,
                              denselben Flugzeugen zurück in ihre                            „Wenn Sie in Umfragen Zweidrittel-          dass wir nach ‚Nie wieder Vietnam‘ hin-
                              Wahlkreise geflogen, hätten sich über                       mehrheiten haben, die sich Steuererhö-         gegangen sind und zwei neue Vietnams
                              ihre Familien ausgetauscht oder sonst ge-                   hungen für das reichste Prozent der Ge-        geschaffen haben. Nichts schmerzt ein
                              meinsam Zeit verbracht. Diese Art von                       sellschaft wünschen – was machen Sie           Land mehr, als Kriege zu verlieren.“
                              Kollegialität, sagt Franzen, sei verschwun-                 dann als deren Vertreter?“ Franzens Ant-          Die Kriege, die Weltwirtschaftskrise,
                              den. Senatoren, die früher gemeinsam zu                     wort: „Sie blockieren den Präsidenten          der Aufstieg Chinas, Indiens, Südameri-
                              Mittag aßen, gingen sich heute argwöh-                      von der anderen Partei, der aus dem            kas haben Amerikas Selbstbild zweifellos
                              nisch aus dem Weg.                                          Volkswillen womöglich Politik macht,           erschüttert. Der 11. September 2001, die
                                 Franzen glaubt, dass die Entwicklung                     und Sie versuchen die Leute abzulenken         Misserfolge in Irak und Afghanistan, der
                              von den Republikanern durchaus gewollt                      und aufzuheizen mit lächerlichen Debat-        Dauerstress des Kriegs „gegen den Ter-
                              sei. „Es gibt für eine Partei, deren Pro-                   ten etwa über Abtreibung oder Waffen.“         ror“ haben ein Gefühl nationaler Verletz-
                              gramm keine gesellschaftliche Mehrheit                                                                     barkeit gespeist und aus den USA insge-
                              mehr hat, nicht viele Möglichkeiten, Wah-                                                                  samt ein Land der begrenzten Möglich-
                              len zu gewinnen“, sagt er. Eine Möglich-                    Kriege, Wirtschaftskrise,                      keiten gemacht. Wer Obamas Präsident-
                              keit sei, die Zahl der Wähler möglichst                     der Aufstieg Chinas und                        schaft beurteilen will, muss fairerweise
                              klein zu halten. „Das versuchen die Re-                                                                    zugeben, dass er zu einem denkbar un-
                              publikaner, indem sie das Wahlrecht von                     Indiens haben Amerikas                         günstigen Zeitpunkt ins Amt kam.
                              Einwanderern und Minderheiten be-                                                                             Mittlerweile ist die Außen- und Sicher-
                              schneiden. Eine andere ist“, sagt Franzen,                  Selbstbild erschüttert.                        heitspolitik aber Obamas bestes Argu-
                              „die Politik insgesamt so toxisch, so un-                                                                  ment für seine Wiederwahl geworden. Er
                              möglich zu machen, dass sich normale                           Tatsächlich tauchen alle Themen, die        hat den geerbten Kriegseinsatz im Irak
                              Leute abwenden.“                                            Franzen „hot button issues“ nennt, auf         beendet und schickt sich an, als Ober-
                                 Franzen glaubt das wirklich, er insistiert               Deutsch ungefähr: heiße Eisen, im Wahl-        befehlshaber die Streitkräfte aus Afgha-
                              darauf selbst auf skeptisches Nachfragen                    kampf der Republikaner ständig auf. Ab-        nistan abzuziehen. Das passt zum Frie-
                              hin. Die Blockade des Haushalts – reines                    treibung, Empfängnisverhütung, Religion,       densnobelpreis, den ihm das Stockholmer
                              Machtkalkül. Die Blockade aller Obama-                      Waffen. „Es sind Themen, die wirklich          Komitee gleich zu Beginn seiner Regie-
                              Vorstöße – ins Werk gesetzt, um die Poli-                   keine Rolle spielen sollten“, sagt Franzen,    rung als zusätzliche Bürde mitgab. In der
                              tikverdrossenheit zu fördern, um von ihr                    „aber die Rechte treibt sie voran.“ So         Preisrede vom Dezember 2009 klang aber
                              dann zu profitieren. Anders als mit Vor-                    wird Politik zur schwarzen Kunst mit dem       bereits der kalte Pragmatismus durch, von
                              satz, sagt er, sei es nicht zu erklären, dass               Ziel, die eigentlich wichtigen Themen zu       dem er sich würde leiten lassen. „In dieser
                              der Kongress derzeit so vollendet funk-                     verdrängen und bei den eigentlich un-          Welt wird es immer das Böse geben“, sag-
                              tionsuntüchtig sei. „Dafür braucht es Par-                  wichtigen zu glänzen. „Die Medien spie-        te Obama, und aus heutiger Perspektive
                              teidisziplin, die gibt es nicht einfach so.                 len das Spiel gern mit. Streit bringt Quote.   ist klar, dass ihm diese Erkenntnis eigenes
                              Die Republikaner sind darin gut.“                           Wütende Leute schalten ein, um noch wü-        militärisches Handeln, völkerrechtlich zu-
                                 Sie sind auch weiterhin die Partei der                   tender zu werden.“                             lässig oder nicht, rechtfertigen hilft.
                              Reichen und der Unternehmer, sagt Fran-                        In Franzens letztem Roman, „Freiheit“,         Gut 250 der bekannten 300 Drohnen-
                              zen, und „das ist ein Problem“. Bis vor                     räsoniert die Hauptfigur Walter darüber,       Attacken auf pakistanischem Gebiet fal-
                              20 Jahren sei im Land wenigstens noch                       woher der ganze Hass in Amerika kommt,         len in Obamas Amtszeit, sie brachten ge-
                                             88                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
CHRISTOPHER LANE / DER SPIEGEL (L.); MARTIN H. SIMON / DER SPIEGEL (R.)
JÜRGEN FRANK / DER SPIEGEL




                             Schriftsteller Franzen, Anwalt Franklin, Aktivist Norquist: Wütende Leute noch wütender machen

                             schätzt 1800 Qaida- und Taliban-Kämpfer            Außenpolitisch wird mit Obamas Na- kämpfer nicht überzeugt wären, dass sich
                             sowie zahlreiche Zivilisten ums Leben.          men der Tod Osama bin Ladens immer ihr Kandidat als harter Hund sehr gut
                             Die Männer des Terrornetzwerks al-Qai-          verbunden bleiben, den er letztlich im verkauft?
                             da hat Obama durch den Einsatz der vie-         Alleingang befahl. Ein Fehlschlag der           Es geht ums Verkaufen, in der ameri-
                             len Drohnen massiv dezimieren lassen,           Operation hätte ihn das Amt kosten kön- kanischen Politik noch viel stärker als an-
                             vergangene Woche erst tötete eine neue          nen, so aber profitiert er vom Image des derswo, aber dieses Mal zieht vor der
                             ferngesteuerte Bombe nach US-Angaben            entschlossenen Führers, der das Nötige Wahl ein Jahrmarkt auf, wie es ihn noch
                             den Qaida-Vizechef Abu Jahja al-Libi.           tut, um Amerikas Sicherheit zu gewähr- nie gegeben hat. Reiche Gönner und
                                Es ist ein schmutziger, juristisch heikler   leisten. Obama hat Mut, er riskiert viel, Spender gab es immer schon. Aber jetzt
                             Geheimkrieg, geführt vom Geheimdienst           aber wie muss er sich fühlen, wenn ihm dürfen sie sich verbünden zu Super-PACs
                             CIA, ohne jede Transparenz, unter Aus-          liberale Zeitungen heutzutage bescheini- – und das kann heiter werden.
                             schluss rechtsstaatlicher Verfahren, das al-    gen, im „Krieg gegen den Terror“ ein            PAC ist die Abkürzung für Political Ac-
                             les stärkt nicht gerade Obamas Idee von         schlimmerer Krieger zu sein, als es tion Committee, was harmlos klingt, aber
                             Amerika, die globale Schutzmacht von            George W. Bush je war?                        Gefahren für die Demokratie in Amerika
                             Freiheit und Demokratie zu sein. Und               Es gelangen Details an die Öffentlichkeit, birgt. Es gibt sie, weil die konservative
                             ganz gewiss passt der Drohnen-Krieg nicht       die frösteln lassen. Die „New York Times“ Mehrheit der obersten Richter des Su-
                             zu Obamas Visionen am Beginn seiner             hat gerade beschrieben, wie der Präsident preme Courts meinte, große Spenden und
                             Amtszeit, die Welt aussöhnen zu wollen          den Drohnen-Angriffen zustimmen muss; der Anschein von Korrumpierbarkeit hät-
                             und Frieden zu stiften vor allem zwischen       wie ihm seine Leute Namen und Bilder je- ten nichts miteinander zu tun, und es wer-
                             Amerika und dem islamischen Kulturkreis.        ner Verdächtigen vorlegen, die vielleicht de schon niemand den Glauben an die
                                Obama hielt, nach den bleiernen Bush-        Terroristen sind und umgebracht werden Demokratie verlieren. Aber das ist noch
                             Jahren, in denen US-Außenpolitik im We-         sollen, unter ihnen Teenager. Und sagt nicht ausgemacht.
                             sentlichen in Gerede über „Schurkenstaa-        Obama wirklich ja, dann schwirren wenig         Mit Beginn des Wahlkampfs nach den
                             ten“ bestand, seine historische Versöh-         später im Grenzgebiet zwischen Afghani- neuen Regeln entfaltet die Supreme-
                             nungsrede in Kairo, er versandte kurz           stan und Pakistan, in Somalia oder im Court-Entscheidung „Citizens United vs.
                             nach seinem Amtsantritt auch Friedens-          Jemen die Killermaschinen los.                Federal Election Commission“ ihre Wir-
                             botschaften an das iranische Volk. Gleich-         Zwar steht in den Geschichten stets, kung. Sie pflügt die politische Landschaft
                             zeitig setzten die amerikanischen Dienste       dass Obama vorsichtig ist, dass er Militärs um. Es darf jetzt jeder, der will und kann,
                             unter dem Decknamen „Olympic Games“             und Geheimdienste zur Zurückhaltung den Kandidaten seiner Wahl mit so viel
                             allerdings einen nie gekannten Hightech-        drängt. Dass er Operationen ablehnt, die Geld unterstützen, wie er mag, und er
                             Krieg gegen Teherans Atomprogramm               ihn nicht hundertprozentig überzeugen. darf dabei auch gern anonym bleiben.
                             fort. Was genau ist das? Noch Pragmatis-        Aber was hat dieser Obama, Richter und Alle Transparenz, die vorher streng über-
                             mus? Schon Zynismus?                            Henker in einer Person, mit jenem Sena- wacht wurde, ist dahin. Auflagen? Gibt
                                So widersprüchlich setzt sich die Liste      tor aus Illinois zu tun, der an der Sieges- es keine, das heißt eine, rein theoretische:
                             seiner Taten fort: Obama stoppte die von        säule in Berlin die Menschen mit Worten Die heutigen Spender dürfen sich nicht
                             der Bush-Regierung betriebene Wieder-           der Hoffnung zu Tränen rührte?                direkt mit den Kandidaten abstimmen.
                             kehr der Folter als Verhörmethode. Aber            Schade, natürlich, aber wahr ist: Er ist     Praktisch aber hat es noch nie eine so
                             die Schließung des Gefangenenlagers in          ein anderer geworden, sichtbar, innerhalb direkte Verbindung zwischen großem
                             Guantanamo, unter weltweitem Beifall            von vier Jahren ergraut, das machten das Geld und großer Politik gegeben. Den
                             versprochen, steht aus. Im Fall Libyens         Amt, der Dauerstress, die Last der Ent- reichen Finanziers mag die „direkte Ab-
                             unterstützte Obama den Sturz des Re-            scheidungen – oft über Leben und Tod. stimmung“ mit den Kandidaten verboten
                             gimes, aber zu den aktuellen Massakern          Aber es scheint, Barack Obama gefällt sein, aber natürlich kann ihnen niemand
                             in Syrien scheint ihm nicht viel einzufal-      sich darin auch ganz gut. Würden Repor- verbieten, mit ihnen essen zu gehen, zu
                             len. Welche Werte gelten? Welche Prin-          ter Zugang zu derlei geheimen Informa- reisen oder gleich neben ihnen auf die
                             zipien sind fest und nicht flüssig?             tionen erhalten, wenn Obamas Wahl- Bühne zu steigen. Entstanden ist de facto
                                                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                          89
Titel

die Situation, dass viele Superreiche jetzt    von Obamas Möglichkeiten auszufor-            ist die Farbe der Republikaner. Im letzten
anonym in die Verunglimpfung Obamas            schen, im weiten Land zwischen den Küs-       Präsidentschaftswahlkampf stimmten alle
per „Attack Ad“ investieren können. Es         ten erfolgreich sein zu können, zum Bei-      77 Wahlbezirke für den Republikaner
geht um Negativwerbung, die ihrem Fa-          spiel nach Washington, Oklahoma, wo           John McCain, ein derart flächendecken-
voriten Mitt Romney zugutekommt, der           der Rentner Hershel Franklin schon allein     der Erfolg ist ihm in keinem anderen
den Oberschichtlern Steuererleichterun-        deshalb ein Sonderling ist, weil er mit ei-   Staat gelungen. „Dabei“, sagt Hershel
gen längst versprochen hat.                    nem Aufkleber „Obama 08“ am Auto her-         Franklin, „müssten die Leute hier die De-
   Die Super-PACs werden in den kom-           umfährt.                                      mokraten wählen.“
menden Monaten, mit den Worten des               Franklin ist ein Demokrat in der Dia-          Denn eigentlich sind sie gerade hier
Magazins „New York“, einen „tsunami            spora. Das genügt, um in Washington,          auf dem Land auf die Regierung und
of slime“ auslösen, eine Schlammschlacht.      Oklahoma, dem Staat eingeklemmt zwi-          staatliche Hilfe angewiesen. Es gibt kaum
Schon in den Vorwahlkampf der Repu-            schen Texas und Kansas, als Außenseiter       Infrastruktur, die Armut ist groß. Franklin
blikaner haben sie mehr als 100 Millionen      zu gelten. Das Dorf Washington ist ein        lebte bis vor kurzem auf einer Farm. Er
Dollar gepumpt, gestiftet unter anderem        Ort, von dem es heißt, dass Geschäfte         war auf das Programm der „Rural Electric
von einer Gruppe Superreicher, die die         noch immer per Handschlag abgeschlos-         Cooperatives“ angewiesen, das Stromlei-
„Washington Post“ als „Königsmacher“           sen werden und ein Männer-Ehrenwort           tungen in verlassene Gegenden verlegt,
tituliert hat. Was von der neuen Geset-        mehr zählt als ein Vertrag. In diesem Wa-     heute profitiert er vom staatlichen Ge-
zeslage wirklich zu halten ist, hat in Las     shington mit seinen 520 Einwohnern, wo        sundheitsprogramm Medicare wie fast
Vegas der Kasino-Gigant Sheldon Adel-          jeder jeden kennt, muss niemand die           alle Rentner hier. Es sind Programme, die
son, ebenfalls ein Big Spender, auf den        Haustür abschließen. Und niemand zieht        die Demokraten eingeführt haben, weil
Punkt gebracht: „Ich bin dagegen, dass         die Autoschlüssel ab, wenn er aufs Post-      Demokraten, anders als Republikaner,
sehr Reiche die Wahlen beeinflussen.           amt geht. Es ist ein Dorf, in das Leute       ein segensreiches Wirken des Staates für
Aber solange es möglich ist, werde ich es      ziehen, die die Städte fliehen, die Ver-      möglich halten. Geholfen hat ihnen das
auch tun.“                                     ruchtheit und die liberale Unmoral.           in Oklahoma nicht.
   Im bevorstehenden Duell zwischen              Hershel Franklin kam der Kinder we-            Die Republikaner, sagt Franklin, hätten
Obama, 50, und Romney, 65, wird Letz-          gen. Er ist 70, weißhaarig, rundlich, Foot-   es geschafft, den Leuten weiszumachen,
terer mit voraussichtlich 200                                                                             dass ganz andere Fragen zähl-
Millionen Dollar von Super-                                                                               ten: das Recht, Waffen zu tra-
PACs unterstützt. Die Demo-                                                                               gen, das Verbot jeglicher
kraten wollen gegenhalten:                                                                                Form von Abtreibung oder
Obamas Wahlkampfmanager                                                                                   die Ablehnung der Schwulen-
Jim Messina reist durchs                                                                                  ehe. Die Republikaner, sagt
Land, um Großspenden für                                                                                  Franklin, hätten behauptet,
den PAC „Priorities USA Ac-                                                                               dass die Demokraten Gebete
tion“ zu sammeln, der wie-                                                                                in der Schule verbieten und
derum Romney nach allen                                                                                   die Klassenzimmer entwei-
Regeln der Werbekunst her-                                                                                hen wollten. „God. Guns.
absetzen wird.                                                                                            Gays“, sagt Franklin, „sie ha-
                                                                                                     PATRICK CHAPPATTE / GLOBECARTOON.COM
   So wird noch mehr Gift in                                                                              ben so getan, als ob Jesus
die Wahlkämpfe tropfen, die                                                                               selbst ein Republikaner wäre!
seit dem Auftauchen der Tea                                                                               Und irgendwann haben ih-
Party ohnehin schon schwer                                                                                nen die Leute diesen Unsinn
an Niveau verloren hatten.                                                                                wirklich geglaubt.“
Und die aufrichtige Frage                                                                                    Der politische Streit in
nach Obamas Bilanz, eine                                                                                  Amerika hat stets diesen
Diskussion seiner Ziele, eine                                                                             Schlag ins Irrationale, der
Debatte über seine Projekte                                                                               auch eine Kapitulation vor
wird es nicht geben. Fragen,                                                                              der überbordenden Komple-
Diskussionen, Debatten, man kommt sich         ballfan. 30 Jahre lang hat er als Rechtsan-   xität der Aufgaben beinhaltet. Das größte
gestrig vor, sie einzufordern, denn es gibt,   walt gearbeitet, Strafsachen, seine Frau      Projekt der Amtszeit Obamas, die Ge-
in Amerikas nationalem Politikbetrieb,         arbeitet als Marketingdirektorin bei einer    sundheitsreform, ist mittlerweile derart
nur noch ein Spiel um alles oder nichts.       Bank, ihre beiden Kinder sind 14 und 16,      zerredet, dass selbst die zuständigen Ex-
   Wer die Wahl nicht gewinnt, versucht        ein Junge, ein Mädchen, beide adoptiert.      perten über ihre Einzelheiten ratlos sind.
das Wahlergebnis zu hintertreiben. Über-         Washington, Oklahoma, sagt Franklin,        Es kursieren krass widersprüchliche Rech-
spitzt ausgedrückt ignorieren die Repu-        erinnere ihn an seine eigene Kindheit, an     nungen, die den USA infolge von „Oba-
blikaner fortlaufend den Volkswillen, der      die Idylle der amerikanischen Kleinstadt.     macare“ wahlweise die finanzielle Ret-
sich in der Wahl Obamas zum Präsiden-          Es ist das Amerika der „Proms“, der üp-       tung oder den Ruin voraussagen. Und
ten ausdrückt. Es ist, als hätten sie seine    pigen Schulabschlussbälle, das Amerika,       auch Obama selbst findet nicht die klaren
Präsidentschaft von Beginn an für indis-       in dem sich ganze Dörfer am Freitag-          Striche, um ein überzeugendes Bild sei-
kutabel gehalten, für einen Betriebsunfall     abend zum Footballspiel treffen. In der       ner Reform zu zeichnen.
der amerikanischen Geschichte.                 Domino-Halle hier rauchen die Rentner            Es besteht deshalb die Möglichkeit,
   Ihre Heimstatt sind nicht die Städte,       noch immer, als gäbe es keine Verbote,        dass das ganze Gesetzeswerk Ende Juni
nicht die Metropolen entlang der Küsten,       und sie machen derbe Scherze über Oba-        vom Obersten Gerichtshof wieder ge-
wo auch die linke Occupy-Bewegung ih-          ma, den sie, sagen sie, aus dem Dorf trei-    kippt wird, von Richtern, die während
rem Unmut über Obamas mangelnde Ge-            ben würden, wagte er sich hierher.            der Anhörungen freimütig sagten, es kön-
setzeskraft Luft machen konnte. Sie fin-         Washington, Oklahoma, stemmt sich           ne niemand erwarten, dass ein Gericht
det sich viel mehr in den Wäldern und          gegen den Wandel, Veränderungen sind          die mehrtausendseitigen Entwürfe wirk-
Bergen und Ebenen, in der Provinz. Dort-       verdächtig, fast ein Verbrechen an der        lich lese. Dasselbe gilt für tausendseitige
hin lohnt ein Ausflug, um die Grenzen          Vergangenheit. Oklahoma ist tiefrot, rot      Gesetzesentwürfe zur Regulierung des
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REUTERS
Raketenbestückte „Predator“-Drohne: Schmutziger Geheimkrieg unter Ausschluss rechtsstaatlicher Verfahren

Bankensystems oder der Versicherungen,          trolle – und als ein Rezept für garantier-   Norquist thront am Kopfende wie ein
dasselbe gilt auf der anderen Seite für die     ten Erfolg. 1986, nach der Ausformulie- Feldherr, er spricht in Churchill-Zitaten
haushälterischen Vorschläge der Republi-        rung, verkündete er sein Dogma: Wer das – Blut, Schweiß und Tränen im Kampf ge-
kaner. Wo Klarheit herrschen müsste,            Anti-Steuer-Versprechen nicht einhalte, gen „das gefräßige Monster Staat, das es
wird Ratlosigkeit produziert. Und wo zu-        der werde vom Wähler bestraft.             zu bändigen gilt“. Kann der Staat denn
erst die Gesetzgeber und dann die Geset-           Sechs Jahre später lag der Beweis dafür gar nichts schaffen, etwas, was der Markt
zeshüter den Überblick verlieren, kom-          vor, meint Norquist: „George H. W. Bush nicht zustandebekomme? Falsche Frage
men stets die Lobbyisten ins Spiel, die         unterschrieb unser Versprechen. Aber für Norquist: „Klar, Staaten haben Ver-
die wahren Regenten in Washington sind.         1992 wollte er sich als Präsident daran sailles gebaut oder die Pyramiden. Doch
   Wenn Obamas Bilanz nicht so strah-           nicht mehr erinnern und erhöhte Steuern. fragen Sie mal die versklavten Arbeiter,
lend ist, wie sich das seine Wähler ge-         Prompt verlor er gegen Bill Clinton.“ Er ob sie das wollten?“
wünscht haben, dann liegt das zum Bei-          kann es auch noch simpler fassen: „Es ist    „Leave us alone“ heißt seine Mittwochs-
spiel an Leuten wie Grover Norquist. Nor-       ganz einfach: Steuerversprechen einhal- gruppe, es ist ein Gottesdienst der Anti-
quist dachte sich schon 1986, als junger        ten – Wahl gewinnen. Steuerversprechen Staatsgläubigen. Der Gedanke, Amerika
Aktivist gegen Steuern, einen Merksatz          brechen: Wahl verlieren.“                  könne mehr Steuereinnahmen brauchen,
aus, der zu einer mächtigen Keule im poli-                                                 um seine kaputten Straßen, Häfen oder
tischen Kampf werden sollte.                                                               Schulen zu reparieren, gilt als Blasphe-
   Norquist ist ein kleiner Mann mit Bart,      „Klar, Staaten haben die                   mie. Genau wie die Frage, ob eine einzige
der in seinem Büro tatsächlich gern mit         Pyramiden gebaut. Fra-                     Familie wie die Waltons – Miteigentümer
Zirkuskeulen jongliert, sein Merksatz                                                      der Billig-Supermarktkette Wal-Mart – so
heißt: „Ich verspreche dem amerikani-           gen Sie mal die Arbeiter,                  viel besitzen dürfe wie die ärmsten 30
schen Volk, dass ich mich erstens allen                                                    Prozent der Amerikaner zusammen.
Versuchen, die Steuern für Individuen           ob sie das wollten.“                         Die Demokraten rechnen Norquist zu
und Unternehmen zu erhöhen, widerset-                                                      den „Steuer-Taliban“, wer mit ihm nicht
zen werde, und zweitens, dass ich jede             Norquists System funktioniert nach Art übereinstimme, für den kenne er nur eine
Minderung von Steuervorteilen ablehne,          der Mafia: Der Lobbyist lässt hoffnungs- Lösung: „Kopf ab.“ Norquist lacht. Ha-
solange sie nicht Dollar für Dollar über        volle Abgeordnete den Schwur ablegen ben die Taliban etwa nicht gewonnen?
Steuersenkungen ausgeglichen werden.“           und unterstützt sie zur Belohnung im Und wofür sollte er sich schämen? In Wa-
   Es klingt wie irgendein Satz aus der         Wahlkampf. Später, im Fall ihrer Wahl, shington kann man leicht zu dem Schluss
komplizierten Welt der Politik, aber er         erinnert er sie an ihr Gelübde.            kommen, dass gegen Norquist Politik
ist – auf Seiten der Republikaner – zum            In den sechsten Stock seines Büroge- nicht möglich ist. Aber was sagt das über
Glaubensbekenntnis geworden. 41 der 47          bäudes nahe am Weißen Haus in Wa- die demokratische Kultur Amerikas? Ge-
republikanischen Senatoren haben Nor-           shington lädt er jeden Mittwochmorgen gen die Kultur des heutigen Washington?
quists „Verpflichtung“ unterzeichnet, 238       zur Konferenz. 200 Aktivisten kommen         Kaum jemand kennt diese Kultur bes-
der 242 konservativen Abgeordneten im           dann angeblich zusammen, die Speer- ser als Dana Milbank. Er schreibt nicht
Repräsentantenhaus, Präsidentschafts-           spitze von rund 150 000 Online-Sympa- nur einfach über das Washingtoner Estab-
bewerber Romney selbstverständlich              thisanten, auch Vertreter von Sponsoren lishment, er ist das Washingtoner Estab-
auch.                                           wie Pfizer oder Microsoft, die Norquist lishment. Der heutige Publizist war als
   Norquist ist 55, stolz auf seine Leistung,   viel Geld für seinen Anti-Steuerfeldzug Student Mitglied von Skull & Bones, der
er versteht sein Ein-Satz-Programm als          zahlen, der ihnen schon viel Geld gespart legendären Yale-Geheimgesellschaft, die
eine Art republikanische Qualitätskon-          hat.                                       zu ihren Mitgliedern George W. Bush
                                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                       91
Titel




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Präsident Obama beim Einsteigen in seine Air Force One: Ein hartes Stück Arbeit aus der Werkstatt des Machbaren

oder Senator John Kerry zählt. Er ist bei     beiden Seiten. Es gab trotzdem keine          Im Süden Kaliforniens, in Texas, Arizona,
jedem wichtigen Hintergrundtreffen in         Einigung.                                     Alabama, Florida heizen sich lokale eth-
der Hauptstadt zugegen, seine Kolumnen           Dabei hätten die Vereinigten Staaten       nische Konflikte auf, die kaum je Eingang
sezieren genüsslich die Angebereien und       von Amerika Kompromisse dringend              in die nationalen Debatten finden. Aber
Albernheiten des Regierungsviertels.          nötig. Die Infrastruktur des Landes ist       sie werden nicht von selbst vergehen.
   Milbank, 44, empfängt im Willard Ho-       marode. Seine Verwaltung – zumal die             Dazu gehört auch der Umstand, dass
tel, einem alten Kasten, in dem, so die       Regierungszentrale in Washington – be-        die USA, in viel größeren Teilen, als der
Legende, der Begriff Lobbyist erfunden        dürfte dringender Erneuerung. Die öffent-     Rest der Welt vermutet, ein armes Land
wurde. Bittsteller in der Lobby, der Ein-     lichen Schulen, weite Teile des Bildungs-     sind, in seinen weltfernen Provinzen be-
gangshalle, sollen hier einst Präsident       systems sind in desaströsem Zustand,          völkert von Menschen, die in Hütten und
Ulysses Grant aufgelauert haben. Auch         viele Kultureinrichtungen ebenso.             mobilen Bruchbuden leben, denen es oft
Chronist Milbank sinniert über vergange-         Die Steuer- und Sozialsysteme sind an-     am Nötigsten und noch öfter an elemen-
ne Zeiten: „Amerikas Parteien waren mal       gelegt noch immer für eine übermächtige       tarer Bildung fehlt. Geschätzt elf Millio-
vielschichtig, mit Konservativen, Libera-     Wirtschaft, die ihren Wohlstand aus stän-     nen Menschen leben als illegale Ein-
len, Moderaten auf beiden Seiten. Nun         dig wachsendem Konsum bezieht. Aber           wanderer im Land, gut die Hälfte davon
ist die Mitte verschwunden, buchstäblich      die alten Zeiten, in denen sich alles ir-     Mexikaner. Fast jeder vierte Teenager ist
verschluckt.“                                 gendwie selbst regulierte, aus der schie-     arbeitslos. Amerika, daran kann kein
   Washington sei darüber die Hauptstadt      ren Kraft eines großartigen Landes, gehen     Zweifel sein, braucht einen neuen Plan.
der einsamen Herzen geworden. Früher          zu Ende; Amerika hat keinen Plan für             Braucht es auch einen neuen Präsiden-
brachten Abgeordnete ihre Familien in         seine Zukunft als immer noch mächtige,        ten? Die Frage ist durchaus berechtigt.
die Hauptstadt mit, Kinder spielten zu-       aber nicht mehr übermächtige Nation.          Was hat Obama unternommen, um die
sammen, sagt Milbank. Heute schlafen             Viele Probleme bleiben einfach liegen.     vielen gravierenden Probleme seines gro-
die neuen Tea-Party-Parlamentarier auf        Los Angeles etwa ist die größte thailän-      ßen Landes anzugehen? Nicht genug. Hät-
den Couchen in ihren Büros, um ja zu          dische Stadt außerhalb Thailands und die      te er mehr leisten können, auch im Rest
beweisen, dass sie nicht Teil des Estab-      drittgrößte Spanisch sprechende Stadt der     der Welt? Wahrscheinlich. Haben ihn die
lishments geworden sind. „Die 535 Kon-        Welt. Drei Viertel der Kinder im riesigen     Republikaner verhungern lassen? Zwei-
gressmitglieder, die diesen Ort regieren“,    Schuldistrikt von Los Angeles sprechen        fellos. Wäre aber ihr Kandidat, Mitt Rom-
sagt Milbank, „sind bloß noch auf Kurz-       Spanisch. Die dazugehörenden Fragen:          ney, der rätselhafte, steinreiche Mormone,
besuch, von Dienstag bis Donnerstag.“         Ist das ein Problem? Oder ist es keines?,     der bessere Präsident? Ganz sicher nicht.
   Der 112. US-Kongress ist darüber der       sie werden nicht gestellt.                                             ULLRICH FICHTNER,
unproduktivste seit Ende des Zweiten             Aber der schöne Geist des Multikultu-               MARC HUJER, GREGOR PETER SCHMITZ
Weltkriegs geworden. Als sich die Parla-      ralismus, der in den Metropolen an den
mentarier in den dramatischen Wochen          Küsten des Atlantiks und Pazifiks herrscht,
im vergangenen Sommer auf den Abbau           wird nicht allgemein geteilt. In den Wäl-                     360°-Foto:
der gigantischen Schuldenlast einigen         dern, Wüsten und Gebirgen, in den Bun-                        Der Times Square
sollten, versuchte es erst eine überpartei-   desstaaten entlang der südlichen Grenzen                      im Panorama
liche „Gang of Six“. Sie scheiterte. Dann     regt sich ein Unbehagen, ein neuer Ras-                       Für Smartphone-Benutzer:
probierte es eine „Gang of Twelve“, be-       sismus auch, der in Form kruder Einwan-                       Bildcode scannen, etwa mit
setzt mit den besonnensten Kräften auf        derungsgesetze seine Form gerade findet.                      der App „Scanlife“.
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VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL




                                Kämpfer der Freien Syrischen Armee nahe der türkischen Grenze: „Was macht ihr hier noch? Seht zu, dass ihr abhaut!“

                                                                                                                           im Schutz eines Scheinangriffs über. Sie
                                                                       SYRIEN                                              bekämen seit Wochen kaum noch Nach-
                                                                                                                           schub, lebten von vertrocknetem Brot

                                             Kreislauf des Zerfalls                                                        und abgestandenem Wasser. Ein zuvor
                                                                                                                           Geflohener hatte alle Nummern jener aus
                                                                                                                           seiner Einheit mitgenommen, die ein Mo-
                                                                                                                           biltelefon besitzen. Anschließend rief die
                                Noch kann das Regime fast in jeden Ort vordringen, kontrollieren                           FSA jeden an und bot ihnen Hilfe bei der
                                       aber kann es das Land nicht mehr. Denn die Zahl                                     Flucht. Viele wollten.
                                                                                                                              Es ist nur ein Ausschnitt von der Lage
                                  der Überläufer steigt – vor allem seit den jüngsten Massakern.                           im Norden. Aber zurückflutende Deser-
                                                                                                                           teure, die sich aus anderen Gegenden in


                                E
                                       s gibt ihn in unterschiedlichen Ver-  Und doch beschreibt der zynische Witz         ihre Heimatdörfer bei Aleppo durchge-
                                       sionen, aber meistens wird der po- eine Realität, die mit jedem Tag näher-          schlagen haben, berichten Ähnliches über
                                       pulärste syrische Witz dieser Tage rückt – und von vielen Syrern begrüßt            die Situation in ihren Einheiten. Und
                                so erzählt: An einem Checkpoint kontrol- wird. Dem Regime kommen die Soldaten              nach Berichten über die Art der Angriffe
                                liert die Armee einen Überlandbus. Alle abhanden: Ein zur FSA übergelaufener               von Assads Truppen sieht die Situation
                                zeigen ihre Ausweise, nur auf der letzten Unteroffizier aus der nordwestsyrischen          im Süden, rund um Damaskus, in Deir
                                Bank fläzt sich ein Mann und macht keine Stadt Idlib, vor Stunden erst geflohen, er-       al-Sor im Osten und in Homs im Westen
                                Anstalten, der Aufforderung nachzukom- zählt atemlos davon, wie er sich abgesetzt          kaum anders aus: Vielfach rücken die
                                men. Die Uniformierten fragen, zuse- hat: „Der Offizier saß da und fuhr mich               Truppen nicht mehr aus, sondern schie-
                                hends unfreundlicher, bis der Mann sie und einen Kameraden an, als wir mit ihm             ßen aus großer Distanz mit Panzern und
                                anschnauzt: „Ich mache euch fertig! Ich allein waren: ,Was macht ihr hier noch?            schwerer Artillerie oder von Hubschrau-
                                bin vom Geheimdienst!“ Die Kontrolleu- Seht zu, dass ihr abhaut!‘“ Er werde ih-            bern aus. Das ist weniger gefährlich.
                                re schauen einander an und grinsen. Wer nen hinterherschießen lassen, er werde                Ein Überläufer, der aus dem umkämpf-
                                hier wen fertigmache, das habe sich in- ihre Familien anrufen und sie bedrohen.            ten Homs gekommen ist, beschreibt einen
                                zwischen umgekehrt: „Wir sind von der Aber das sei alles vorgetäuscht. Es sei              sich beschleunigenden Kreislauf des Zer-
                                Freien Syrischen Armee“, der FSA, dem vorbei, sie sollten verschwinden.                    falls: „Wäre ich früher abgehauen, hätte
                                bewaffneten Arm des Aufstands.               Von 400 ursprünglich in Idlib stationier-     die Staatssicherheit meine Familie ver-
                                   Syrer haben grundsätzlich einen Sinn ten Soldaten hielten vorige Woche nur              haftet und mein Haus niedergebrannt.
                                dafür, noch dem Grauen eine Pointe ab- noch ein paar Dutzend die Stellung in ih-           Aber jetzt kommen sie nicht mehr. Je-
                                zugewinnen – selbst in Zeiten, die inzwi- rem Stützpunkt nahe dem Zentrum der              denfalls nicht wegen mir.“
                                schen an die blutigsten Tage der Konflikte umkämpften Provinzhauptstadt. In der               Mit jedem Landstrich, dessen Kontrol-
                                im benachbarten Libanon und im Irak er- Kleinstadt Maraa bei Aleppo sind binnen            le dem Regime entgleitet, sinkt die
                                innern: Wohl mehr als 180 Menschen wur- einer Woche 15 Überläufer angekommen               Furcht der Soldaten. Was wiederum die
                                den bei Massakern in den vergangenen – so viele wie im ganzen Jahr zuvor.                  Zahl der Überläufer steigen lässt, von de-
                                Tagen regelrecht geschlachtet, viele von     Im Ort Aasas, wo Assads Truppen noch          nen sich mehr und mehr der FSA an-
                                ihnen Frauen und Kinder. Der „Bürger- einen Checkpoint am Stadtrand, ein                   schließen. Nach Angaben eines überge-
                                krieg“, der nach den Worten von Uno- schwerbefestigtes Quartier im Zentrum                 laufenen Offiziers mit Hang zur Präzi-
                                Generalsekretär Ban Ki Moon „unmittel- und die Minarette der größten Moschee               sion habe sie nun etwa 40 000 Bewaffnete
                                bar bevorsteht“, ist längst ausgebrochen. halten, liefen vor Tagen zwei Soldaten           in ihren Reihen, wobei der Anteil von
                                94                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Ausland

                                                                                                                                                              TÜRKEI
                                                                                                                                                     Aasas
                                                                                                                                                     Aleppo
                                                                                                                                   etwa          Idlib
                                                                                                                                   78 Tote      Masraat al-Kubair
                                                                                                                                                  Hama
                                                                                                                                                 Homs          SYRIEN
                                                                                                                                               108 Tote
                                                                                                                                 LIBANON        Damaskus
ROBERT KING / POLARIS / STUDIO X




                                                                                                                                             Daraa                        IRAK


                                                                                                                                           JORDANIEN                    250 km

                                                                                                                                 ISRAEL
                                                                                                                                               Jüngste Massaker

                                   Beerdigung von Armeeopfern bei Homs: Angst vor der „nächsten Stufe“

                                   Soldaten und Zivilisten je nach Gegend          fehlsstruktur. „Wir haben eine gute Be-          Jahrelang „hat Russland keine Ersatz-
                                   schwanke.                                       ziehung zum Befehlshaber der FSA im           teile mehr liefern wollen, weil wir nie
                                      In den vergangenen 15 Monaten hat sich       türkischen Exil“, sagt es ein Lokalkom-       zahlten, aber jetzt hilft es massiv, hat so-
                                   an den Machtverhältnissen in Syrien äu-         mandeur, „aber es gibt keine Befehle. Wir     gar Mannschaften geschickt“, sagt der Of-
                                   ßerlich wenig verändert: Der Aufstand hat       sind für uns selbst verantwortlich.“          fizier. Mehr als tausend russische Inge-
                                   die Städte erfasst, aber anders als in Libyen      Für koordinierte Angriffe auf die Zen-     nieure seien im Januar im Land gewesen,
                                   gibt es bis heute kein größeres Gebiet, das     tren der Macht ist das zu wenig – aber of-    viele davon offiziell als Landwirtschafts-
                                   die Rebellen auch verteidigen könnten.          fensichtlich genug für die Kontrolle des      berater, „aber mit Ackerbau haben die
                                   Doch der Schein der Stabilität täuscht.         Restes. Was das Regime aufrechterhält,        nicht viel zu tun“. Aus Iran kämen Waf-
                                   Zwar darf kein Soldat mehr ohne Passier-        ist sein Monopol an schweren Waffen und       fen und Munition, aber kaum Personal.
                                   schein im Überlandbus durchs Land fahren,       der harte Kern von 100 000 bis 200 000        Hingegen sei eine Gruppe chinesischer
                                   zwar riskieren immer noch viele, die flie-      überwiegend alawitischen Offizieren, Ge-      Luftwaffenexperten auf den Militärflug-
                                   hen, von den allgegenwärtigen Aufsehern         heimpolizisten, Elitesoldaten und Milizio-    häfen von Aleppo stationiert.
                                   der Geheimdienste erschossen zu werden.         nären, die ihrerseits fürchten, dass der         Von den insgesamt 360 Kampfjets sei
                                   Die allmähliche Erosion der Armee aber          Untergang des Regimes auch ihr Ende be-       ungefähr die Hälfte einsatzfähig, bei den
                                   kann das Regime nicht mehr aufhalten.           deuten wird. Sie halten außer ihren Rück-     rund 120 Militärhubschraubern sehe das
                                      Auch der Eindruck von Macht und              zugsgebieten in den Ansarija-Bergen im        Verhältnis ähnlich aus. Auf dem besten
                                   Kontrolle aus den Zentren von Damas-            Westen noch Teile der großen Städte,          Stand seien die französischen „Gazelle“-
                                   kus, Aleppo und den anderen Großstäd-           aber nicht mehr die Fläche.                   Hubschrauber, die auch über panzerbre-
                                   ten könnte täuschen. Die westliche Hälfte          Die Aufständischen, aber auch die Un-      chende Waffen verfügten: „Aber von de-
                                   Syriens ist ein Land der Dörfer und Klein-      entschlossenen, die zu Hunderttausenden       nen hat noch keiner abgehoben, die sind
                                   städte, die sich in den am dichtesten be-       durchs Land jeweils dorthin fliehen, wo       alle auf dem Flughafen des Präsidenten-
                                   siedelten Provinzen dem Aufstand ange-          sie sich etwas sicherer fühlen, ja selbst     palasts stationiert.“
                                   schlossen haben: „Rif“, das Land rund           die Unterstützer des Regimes fürchten            Solange der Westen alle paar Tage ver-
                                   um Aleppo, Idlib, Homs, Hama und Da-            sich vor dem, was kommt. Die „nächste         künde, dass er auf keinen Fall militärisch
                                   raa sind zu einer Zone geworden, in der         Stufe“, wie es Abu Ali al-Dirri nennt, ein    einzugreifen gedenke, sagt Oberst Dirri,
                                   die Regierungstruppen zwar noch jeder-          Offizier, der vor sechs Monaten die Seiten    werde das Regime alles einsetzen, was es
                                   zeit und überall eindringen, die sie aber       wechselte: die Luftwaffe.                     habe: „Seine Stärke rührt daher, dass die
                                   nicht mehr permanent kontrollieren kön-            Syriens Luftstreitkräfte wurden im ver-    ganze Welt sagt, wir mischen uns nicht
                                   nen – und deren Bewohner an vielen              gangenen Jahr massiv aufgerüstet, aber        ein. Wenn dieser Rasmussen“, er meint
                                   Orten die Seiten gewechselt haben. Die          bislang – bis auf die Hubschrauber –          den Nato-Generalsekretär, „wenigstens
                                   Sunniten ohnehin, aber auch die meisten         kaum eingesetzt. „Doch ehe die Assads         einmal die Klappe halten würde, hätte
                                   Drusen und Ismailiten. Über kurdischen          untergehen, werden sie das Land bom-          die Nato Syrien schon einen großen
                                   Dörfern im Nordwesten wie Basuta oder           bardieren lassen“, vermutet Dirri. Dafür,     Dienst erwiesen!“
                                   Ain Dara weht seit Wochen die kurdische         dass die Luftwaffe, militärische Heimat          Spätestens seit den Massakern in Hula
                                   Flagge, nicht die Revolutionsfahne mit          von Präsident Baschar al-Assads Vater         vor gut zwei Wochen und in Masraat al-
                                   den drei Sternen – aber das Regime ver-         Hafis, loyal bleibe, sei schon seit Jahren    Kubair am vorigen Mittwoch findet sich
                                   teidigt hier ohnehin keiner mehr.               gesorgt worden: „Der Anteil alawitischer      unter den Aufständischen im Norden des
                                      Auf dem Berg Scheich Barakat nahe            Offiziersanwärter an der Militärakademie      Landes keiner mehr, der an einen Erfolg
                                   dem Simeonskloster, Nordsyriens spät-           in Aleppo ist stetig erhöht worden, vor       des Uno-Friedensplans glaubt. Ihre ein-
                                   antiker Ruine, sind etwa 50 Soldaten sta-       allem in der Luftwaffe. Die wussten, dass     zige Hoffnung ist wenig mehr als ein Ge-
                                   tioniert, die seit zwei Monaten nur noch        die Dinge sich irgendwann gegen sie rich-     rücht: dass es für die USA, vielleicht so-
                                   aus der Luft versorgt werden, weil keine        ten würden.“ Ein Problem für das Regime       gar für Russland, doch irgendeine rote
                                   Konvois mehr durch das komplett von             sei höchstens, dass viele ältere Piloten in   Linie geben müsse. Vielleicht der Einsatz
                                   der FSA kontrollierte Gebiet kommen.            den letzten Jahren entlassen wurden und       von Syriens Luftwaffe für Flächenbom-
                                      Dabei ist die FSA ein eigentümliches         die neuen oft kaum die nötigen Flugstun-      bardements? Vielleicht die Öffnung des
                                   Gebilde: zusehends schlagkräftig organi-        den absolviert hätten, um einen Kampfjet      Chemiewaffenarsenals?
                                   siert auf Dorf-Niveau und in Kleinstädten,      fliegen zu können. Er selbst habe als Sun-       Ob mit oder ohne Votum des Uno-Si-
                                   mit anderen Bezirken und Provinzen lose         nit seit Beginn des Aufstands nicht einmal    cherheitsrats: Die Aufständischen wollen
                                   verbunden, aber ohne Hierarchie und Be-         mehr eine Pistole tragen dürfen.              die Intervention.
                                   96                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Starreporterin Rynska
                                                                                                                            „Ich hatte Affären und amüsierte mich“

                                                                                                                             Kleine ist schön, sollte das heißen, an-
                                                                                                                             schmiegsam und, abgesehen von Läste-
                                                                                                                             reien über die Kleider anderer Partystern-
                                                                                                                             chen, vollkommen harmlos.
                                                                                                                                Nun aber hat Boschena Rynska in ih-
                                                                                                                             rem Blog „Bissige Hündin“ Putin und
                                                                                                                             seine Clique mit den Nazis verglichen. Ne-
                                                                                                                             ben einem Foto, das einen Polizisten zeigt,
                                                                                                                             der eine 18-jährige Demonstrantin im
                                                                                                                             Würgegriff von der Straße schleppt, stellte
                                                                                                                             sie ein Bild von Nazi-Offizieren ins Netz,
                                                                                                                             die im Zweiten Weltkrieg in der Sowjet-
                                                                                                                             union eine Frau aufhängen. Darunter
                                                                                                                             schrieb sie: „Ich führte nur Befehle aus.“
                                                                                                                                Rynskas Weg vom unpolitischen Gla-
                                                                                                                             mour-Girl zur Putin-Gegnerin zeigt bei-
                                                                                                                             spielhaft, wie sehr sich Russlands Politik
                                                                                                                             seit dessen Rückkehr in den Kreml An-
                                                                                                                             fang Mai radikalisiert hat. Der Schrift-
                                                                                                                             steller Igor Malyschew spricht zynisch
                                                                                                                             von einem „Sado-Maso-Tandem einer de-
                                                                                                                             struktiven Regierung und einer Opposi-
                                                                                                                             tion von Taugenichtsen“.
                                                                                                                                Teile dieser Opposition wollen den
                                                                                                                             frischgewählten Putin nach dem Vorbild
                                                                                                                             der Rebellionen in den arabischen Län-
                                                                                                                             dern und der Ukraine 2004 aus dem Amt
                                                                                                                             jagen: Für diesen Dienstag, den russi-
                                                                                                                             schen Nationalfeiertag, haben sie eine
                                                                                                                             Großdemonstration angekündigt.
JELENA PAWLOWA / MAINPEOPLE / STARFACE.RU




                                                                                                                                Putins Mannschaft ihrerseits hat keine
                                                                                                                             Zeit verloren und gleich nach seinem
                                                                                                                             Amtsantritt am 7. Mai eine regelrechte
                                                                                                                             Konterrevolution in Gang gesetzt. Der
                                                                                                                             Sprecher des Präsidenten schlug vor, man
                                                                                                                             solle kein Mitleid mit den Demonstranten
                                                                                                                             zeigen, sondern „ihre Leber auf dem
                                                                                                                             Asphalt verschmieren“. Vorige Woche
                                                                                                                             peitschte die Putin-Mehrheit im Parla-
                                                                                                                             ment ein Gesetz durch, das die Strafen
                                                                                                                             für Teilnehmer unangemeldeter Demon-
                                                                                                                             strationen von bisher höchstens 5000
                                                                      RUSSLAND                                               Rubel auf nun 300 000 Rubel erhöht, um-
                                                                                                                             gerechnet fast 7400 Euro. Für eine Verur-

                                                  Der Zorn der Göttlichen                                                    teilung soll künftig reichen, dass ein Pro-
                                                                                                                             testierender den Straßenverkehr behin-
                                                                                                                             dert oder eine Maske trägt. Gleich am
                                                                                                                             Freitag unterschrieb Putin das Gesetz.
                                              Je rabiater Präsident Putin sie unterdrückt, desto wütender                       Der Westen ist entsetzt: Andreas Scho-
                                             wehrt sich die Opposition: Besonders scharf hat sich Moskaus                    ckenhoff, Russland-Koordinator der Bun-
                                                                                                                             deskanzlerin, verurteilte das Gesetz, der
                                               bekannteste Klatschkolumnistin mit dem Kreml angelegt.                        Europarat forderte den Kreml auf, „die
                                                                                                                             Dynamik der Gesellschaft für Reformen


                                            B
                                     oschena, wie sie sich nennt, seit ihr     „Ich hatte Affären und amüsierte mich“,       zu nutzen, statt sie zu unterdrücken“.
                                     der Name Jewgenija zu langweilig        erzählt sie an der Bar eines Moskauer Lu-          Prominente Oppositionelle lässt Putin
                                     wurde, ist eine unerwartete Heldin      xushotels. „Dann bin ich aufgewacht.            besonders hartnäckig verfolgen. Im De-
                              für den Aufstand gegen Wladimir Putin.         Denn der Kreml ist dabei, Russland zu           zember war Boschena Rynska bei einer
                              Das System des alten und neuen Präsiden-       zerstören.“                                     nicht genehmigten Demonstration gegen
                              ten hat Russland Stabilität und Wirtschafts-     Rynska trägt einen Trainingsanzug, der        Wahlfälschungen vorübergehend festge-
                              wachstum beschert – und ihr selbst Ruhm        so gewöhnlich aussieht, als sei sie der vie-    nommen worden. „Vielleicht nehme ich
                              und Geld. Als Moskaus bekannteste              len Perlenketten und tiefausgeschnittenen       das nächste Mal eine Nadel mit und krat-
                              Klatschkolumnistin schrieb Boschena (die       Cocktailkleider müde. Zuletzt war sie die       ze dem Bullen die Augen aus“, drohte
                              „Göttliche“) Rynska jahrelang für die re-      Geliebte eines Oligarchen mit KGB-Ver-          sie damals in ihrem Blog. Wer sich mit
                              gierungstreue „Iswestija“, posierte für Un-    gangenheit und Einfluss in der russischen       ihr anlege, werde zerrissen „wie von ei-
                              terwäschewerbung und pflegte enge Be-          Metallbranche. „Kätzchen“ lautete ihr           nem Kampfhund“. Anfang Juni trug der
                              ziehungen zu den Reichen und Schönen.          Spitzname in Moskaus Hautevolee. Die            öffentliche Wutanfall Rynska ein Ermitt-
                                            98                                     D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Ausland

lungsverfahren wegen „Beleidigung eines
Staatsdieners“ ein – nun droht ihr eine
Haftstrafe von bis zu einem Jahr.
   Dem Politiker Gennadij Gudkow, der
als Führungsmitglied der Oppositionspar-
tei „Gerechtes Russland“ Straßenproteste
gegen Putin organisiert hatte, entzogen
die Behörden über Nacht die Lizenz sei-
ner Sicherheitsfirma.
   Und Putin-Gegner wie der Menschen-
rechtler Lew Ponomarjow und der popu-
läre Anti-Korruptions-Blogger Alexej
Nawalny wurden vom Geheimdienst be-
lauscht, als sie sich mit westlichen Diplo-
maten und Spitzenpolitikern trafen, dar-
unter Schwedens Außenminister Carl
Bildt. Danach tauchten die abgehörten
Gespräche in der Kreml-nahen Boule-
vardzeitung „Komsomolskaja prawda“
auf, die den Putin-Widersachern unter-
stellte, sie ließen sich vom westlichen Aus-
land finanzieren.                            Festnahme Rynskas im Dezember 2011: „Bissige Hündin“
   Putin gibt sich gar keine Mühe mehr
zu verschleiern, dass er den Kampf gegen den – sie, die Göttliche, geschlagene sechs       Polizisten erzählen inzwischen freimü-
seine Gegner jenseits rechtsstaatlicher Re- Stunden lang. „Kein Stuhl, keine Luft, tig, wie höhere Ränge sie zu fingierten
geln führt. Die Meinung des Westens ist eine einzige lahme Postbeamtin war da“, Anzeigen und zur Korruption zwingen,
ihm so egal, dass seine Dienste selbst EU- erinnert sie sich. Rynska umarmte erst Ärzte organisieren in ihrer Freizeit Sam-
Spitzenpolitiker wie Bildt nicht nur ab- den uniformierten Wächter, stiftete dann melaktionen für medizinisches Gerät,
hören, sondern dies auch noch öffentlich einige der wartenden Männer an, ihn fest- weil ihre Vorgesetzten öffentliche Gelder
machen.                                      zuhalten, und verteilte selbst die Pakete. in die eigene Tasche stecken.
   Rynska hält Verhandlungen zwischen „Nach einer Stunde waren wir fertig“,                Bei der Eröffnung des Kinofestivals in
Opposition und Regierung für aussichts- sagt sie.                                        Sotschi wählten die Teilnehmer demon-
los. „Die andere Seite denkt doch nur          Selbst in der Provinz mehrt sich inzwi- strativ eine Aufnahme mit Boschena
daran, uns mit dem Knüppel eins über- schen der Widerstand gegen den russi- Rynska zum Bild des Tages: Im langen,
zuziehen“, sagt sie. Vorige Woche verließ schen Obrigkeitsstaat. In Irkutsk teilte ein hellblauen Abendkleid schreitet sie den
sie Moskau und flog zu einem Filmfestival wütender Flugkapitän der staatlichen ausgerollten Teppich entlang. Polizisten,
in die Schwarzmeerstadt Sotschi. Auf das Fluglinie Aeroflot seinen Passagieren in weiße Sommerhemden gekleidet,
Ermittlungsverfahren reagierte sie, indem über Bordlautsprecher mit, dass es nichts schauen ihr lächelnd nach.
sie den Wortlaut der Anzeige in ihrem werde mit dem pünktlichen Abflug, weil               Auf der Anti-Putin-Demonstration in
Blog veröffentlichte.                        er noch auf den arroganten Gouverneur Moskau wird es die Göttliche an diesem
   Und was sie sonst noch nervt an Putins zu warten habe. Am Stadtrand von Mos- Dienstag mit anderen Polizisten zu tun
Russland, das lässt sie jeden wissen: Ein- kau blockierten Anwohner eine Straße kriegen: mit Muskelmännern, die schwar-
mal, erzählt sie, habe sie mit einem Ab- mit Baumstämmen, weil sie den Lärm, ze Helme tragen und Schlagstöcke
holzettel für ein Paket in einem Moskauer die ewigen Staus und die Abgase nicht schwingen.
Postamt in einer Warteschlange gestan- mehr ertrugen.                                                             MATTHIAS SCHEPP
Ausland

                                                                                         Die beiden Brüder werden sich in der
                                                                                      Stichwahl an diesem Wochenende wohl
                                    ÄGYPTEN                                           für den Militaristen Schafik entscheiden,
                                                                                      der sei das kleinere Übel, glaubt Antar,

                    Der General und                                                   der sich ein kleines Kreuz in den rechten
                                                                                      Arm hat tätowieren lassen. Die Farids
                                                                                      sind Kopten, Anhänger der größten christ-
                                                                                      lichen Minderheit Ägyptens. Die langfris-

                     der Ingenieur                                                    tigen Pläne der Islamisten seien gefähr-
                                                                                      lich, sagt Amgad.
                                                                                         Knapp ein Drittel der Menschen in
                                                                                      Schubra al-Chaima sind Christen, in ganz
    In der Stichwahl um das Präsidentenamt treten ein Mubarak-                        Ägypten sollen es zwischen fünf und acht
           Freund und ein Islamist gegeneinander an. Für viele                        Millionen sein, bis zu zehn Prozent der
Ägypter sind beide unwählbar. Dem Land drohen neue Unruhen. Bevölkerung. Genau weiß das niemand,
                                                                                      die Zahl ist ein Politikum.
                                                                                         Sicher ist nur, dass die Mehrheit der


V
        ielleicht muss man auf der Suche zwei Hardliner das Rennen machten: Ah- Kopten wie die Brüder Antar und Amgad
        nach der ägyptischen Volksseele med Schafik, ein 70-jähriger ehemaliger Farid denkt. Die Angst der Christen vor
        nach Schubra al-Chaima fahren. Luftwaffengeneral und Mann des alten religiöser Intoleranz sitzt tief. Zwar ge-
Eng und staubig sind die Gassen in Kairos Regimes. Und Mohammed Mursi, ein 60- hören viele von ihnen zu den armen, den
nördlicher Vorstadt. Eselskarren rumpeln jähriger Ingenieur und Apparatschik aus sozial benachteiligten Ägyptern. Doch
über die Schlaglöcher, Schrott- und Ge- dem konservativen Kern der islamisti- reichte das bislang kaum als Motiv, um
müsehändler drängen sich vorbei. Vor schen Muslimbruderschaft. Die Farids hat- sich auf die angeblich karitativste Bewe-
den Häusern spielen Kinder, sitzen alte ten – wie die meisten Menschen in ihrem gung im Land, die Muslimbruderschaft,
Männer auf Plastikstühlen.                Viertel – für den linken Kandidaten Ham- einzulassen. Das soziale Netzwerk der Is-
   Hier, inmitten von Nordafrikas größ- din Sabahi gestimmt.                          lamisten ist auf die eigenen Glaubensbrü-
tem Ballungsgebiet, in einem Labyrinth      „Zur Wahl stehen jetzt einer, der die der beschränkt.
aus Sandstein, Lehm und roten Ziegeln, Revolution hasst, und einer, der die Scha-        Szenenwechsel. In Kairos mondänem
kann man sie treffen: Leute wie die Kaf- ria einführen will“, sagt Amgad, „Gnade Garden City Club, hoch über den Dä-
feeröster Antar und Amgad Farid, zwei uns Gott.“                                      chern der Megastadt, fallen Eiswürfel ins
einfache Ägypter aus dem Volk.                                                                   Whiskyglas. Der Club gilt als
Zwei von fast 51 Millionen, die                                                                  exklusives Refugium inmitten
am 16. und 17. Juni aufgerufen                                                                   Kairos Lärm und Hitze, als
sind, einen neuen Präsidenten                                                                    Treffpunkt der Business-Elite.
zu wählen.                                                                                       Es wird über die zweite Wahl-
   Es ist die erste demokratische                                                                runde diskutiert, kein einziger
Wahl eines ägyptischen Staats-                                                                   Gast ist Anhänger der Bruder-
oberhauptes, möglich gemacht                                                                     schaft. Auch die Meinungen
durch eine Revolution, welche                                                                    über Ahmed Schafik, den
die Welt begeisterte, und durch                                                                  Mann, der Mubarak erst kürz-
den Sturz des krebskranken Au-                                                                   lich wieder als „Vorbild“ geprie-
tokraten Husni Mubarak, der                                                                      sen hat, gehen auseinander.
am 2. Juni zu einer lebenslan-                                                                      „Wir brauchen einen Präsi-
gen Haftstrafe verurteilt wurde.                                                                 denten, der weniger polari-
   Auch die Brüder Antar und                                                                     siert“, sagt einer, „Schafik ist
Amgad hatten sich darauf ge-                                                                     ein Mann des Militärs, wenn er
freut, an einem einzigartigen                                                                    siegt, wird er als Erstes das Par-
Experiment teilzunehmen: Das                                                                     lament auflösen, in dem die
bevölkerungsreichste arabische                                                                   Muslimbrüder dominieren. Das
Land, das stolze Ägypten, sollte                                                                 wäre fatal.“
nach Jahrzehnten autoritärer                                                                        Es sind nicht nur die Christen
Herrschaft zu einer Demokratie                                                                   und Liberalen, die einem Präsi-
werden.                                                                                          denten aus den Reihen der Bru-
   Nun stehen die Farids, zwei                                                                   derschaft misstrauen. Es sind
freundliche Herren mit Bäuch-                                                                    vor allem viele Wirtschaftsfüh-
lein und Schnauzer, in ihrem                                                                     rer, Angehörige des Militärs
viel zu kleinen Laden. Es ist                                                                    und des alten Sicherheitsappa-
heiß und trocken, ein müder De-                                                                  rats, aber auch all jene Ägypter,
ckenventilator sorgt kaum für                                                                    die sich nach „stabilen Verhält-
Abkühlung, Fliegen schwirren                                                                     nissen“ sehnen und deswegen
um die Röstmaschinen. Die bei-                                                                   Schafik den Vorzug geben.
den Männer sind frustriert. Wie                                                                     Der General a. D., ein Weg-
Millionen anderer Ägypter füh-                                                                   gefährte Mubaraks und Sadats,
len sie sich um ihre Revolution                                                                  hat ihnen geschworen, den „star-
                                                                                                AMR NABIL / AP




betrogen.                                                                                        ken Staat“ wiederherzustellen
   Entsetzt hatten sie verfolgt,                                                                 und das „Chaos“ zu beenden.
wie in der ersten Wahlrunde am                                                                   Hilflos wirkten dagegen seine
23. und 24. Mai ausgerechnet Schafik-Wahlplakat in Kairo: „Die Revolution ist vorbei“            Versuche, auf die Anhänger der
100                                               D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Ausland

                                                                                                                  trug – bizarre theologische Debatten etwa
                                                                                                                  und die Tatsache, dass einige Abgeord-
                                                                                                                  nete das Gespräch mit Frauen verweiger-
                                                                                                                  ten? In TV-Auftritten versuchte Mursi spä-
                                                                                                                  ter zu beschwichtigen und auf Kopten
                                                                                                                  und Liberale zuzugehen. Doch dann zi-
                                                                                                                  tierte ihn eine Zeitung mit den Worten,
                                                                                                                  dass die Einführung der Scharia eine
                                                                                                                  „Selbstverständlichkeit“ sei.
                                                                                                                     Die Aussicht einer kompletten Macht-
                                                                                                                  übernahme durch die Bruderschaft, die
                                                                                                                  bereits im Parlament die stärkste Kraft
                                                                                                                  stellt, hat viele Ägypter erschreckt.
                                                                                                                     Und so wird immer wahrscheinlicher,
                                                                                                                  dass etliche den zweiten Wahlgang boy-
                                                                                                                  kottieren. „Die Beteiligung wird auf unter
                                                                                                                  15 Prozent sinken“, glaubt ein Experte.
                                                                                                                  Die Legitimität eines neuen Präsidenten
                                                                                                                  wäre dann denkbar gering.
                                                                                                                     Wer auch immer Mubaraks Nachfolge
                                                                                                                  antritt: Die Ägypter warten sehnsüchtig




                                                                                           FREDRIK PERSSON / AP
                                                                                                                  auf einen neuen starken Mann – der vor
                                                                                                                  schier unlösbaren Aufgaben steht. Denn
                                                                                                                  das Reich am Nil ist vor allem reich an
                                                                                                                  Menschen: 46 Millionen waren es, als Mu-
                                                                                                                  barak 1981 antrat. 83 Millionen sind es
Muslimbruder Mursi bei einem Wahlkampfauftritt in Kairo: Einführung der Scharia                                   heute, über 120 Millionen werden es um
                                                                                                                  das Jahr 2050 sein. Ägypten, ein Wüsten-
Protestbewegung zuzugehen und ihnen jährige Geschäftsmann und Schweizer                                           land zu mehr als 80 Prozent, muss Millio-
die „Revolution zurückzugeben“. Wie we- Staatsbürger residiert in einer Villa in Kai-                             nen Tonnen an Weizen und anderen Nah-
nig ernst er das gemeint hatte, offenbarte ros Südosten.                                                          rungsmitteln aus dem Ausland importie-
am Wahlabend sein Sprecher: „Die Revo-        Saleh ist ein gefragter Ansprechpartner                             ren, viele Ägypter sind schon heute auf
lution ist vorbei“, kommentierte der.      in der islamischen Welt wie in Europa, er                              Lebensmittelbezugsscheine angewiesen.
   Als letzter von Mubarak eingesetzter gilt als inoffizielle Nummer drei und als                                    Bevölkerungsforscher warnen seit Jah-
Ministerpräsident wird Schafik selbst von einer der Vordenker der Muslimbruder-                                   ren vor dem Kollaps, vor dramatischer
vielen für die blutigen Ausschreitungen schaft. In den fünfziger Jahren studierte                                 Armut, vor Hungeraufständen. Ägyptens
auf dem Tahrir-Platz verantwortlich ge- er Ingenieurwesen in Deutschland, wie                                     Wirtschaft liegt am Boden, Fabriken
macht. Auch läuft aus seiner Zeit als viele Ägypter ist er ein Bewunderer deut-                                   schließen, ausländische Investoren blei-
Minister für Zivilluftfahrt ein Verfahren scher Technik. Saleh sagt, es sei „nicht                                ben fern. Über Arbeitslosenzahlen kann
wegen Korruption gegen ihn. Eine Zu- logisch“, dass der Westen immer noch                                         nur spekuliert werden, schon im vor-
sammenarbeit mit dem „Verbrecher Scha- Vorbehalte gegen seine Bewegung habe:                                      revolutionären Ägypten lebten 40 Pro-
fik“, sagt ein junger Revolutionär, sei „Ägypten hat jede Menge Probleme – wir                                    zent der Menschen unter der Armutsgren-
„vollkommen ausgeschlossen“.               werden sie anpacken.“                                                  ze. Krankenhäuser und Schulen, Straßen
   Für seine Gegner ist klar, dass Schafik    Mit einem „islamischen Wirtschafts-                                 und Brücken sind in einem erbärmlichen
gar nicht erst hätte kandidieren dürfen: modell“, basierend auf staatlichen Groß-                                 Zustand.
Ein Gesetz des neuen Parlaments sieht projekten und einem „Kapitalismus ohne                                         Die soziale Not und die Enttäuschung
vor, hochrangige Mitglieder des alten Re- Zinsen“ will der Muslimbruder Ägyptens                                  über die Islamisten erklären, warum es
gimes von der Wahl auszuschließen. Die dringendste Probleme lösen: Man könne                                      bei dieser Wahl auch eine Überraschung
Wahlkommission ließ den General den- sich eine „landwirtschaftliche Wiederbe-                                     gab: Hamdin Sabahi, ein säkularer Linker,
noch zu – für viele Ägypter ein Beweis, lebung der gesamten Mittelmeerküste wie                                   schaffte es zwar nicht in die Stichwahl,
dass der herrschende Militärrat auch hier zu Zeiten der Römer“ ebenso gut vorstel-                                erhielt aber erstaunliche 20,8 Prozent der
seine Finger im Spiel hatte.               len wie die Einführung einer gemeinsa-                                 Stimmen im ersten Wahlgang.
   Schafiks Nähe zum Militär und zum al- men Währung für die islamische Welt.                                        Statt den Islam als Lösung für alle Fra-
ten Justizapparat wirft einen Schatten auf    Volksnah, pragmatisch und wirtschafts-                              gen zu propagieren, hatte er von „sozia-
den Kandidaten. Auch nach dem histori- freundlich, so sei seine Bewegung, und                                     ler Gerechtigkeit“ gesprochen und damit
schen Prozess gegen Ex-Machthaber Mu- so will Saleh auch seinen Freund Mursi                                      vor allem enttäuschte Wähler der Mus-
barak ließ er keinen Zweifel an seiner verstanden wissen.                                                         limbruderschaft für sich gewonnen.
Loyalität gegenüber dem alten Regime.         Doch warum schaffte der Kandidat le-                                   Es könnte, so sieht es Sabahi selbst, ein
Der Prozess endete mit einem Freispruch diglich 24,8 Prozent der Stimmen im ers-                                  erstes Zeichen für den Beginn eines „drit-
für die Mubarak-Söhne Gamal und Alaa, ten Wahlgang, während seine Partei bei                                      ten Weges“ sein, mit dem auch in Zu-
zornig und frustriert waren daraufhin der im Januar beendeten Parlamentswahl                                      kunft zu rechnen sei: einer breiten Volks-
Tausende auf die Straße gegangen, wäh- noch fast 40 Prozent erhielt? Lag es an                                    bewegung jenseits von Islamismus und
rend Schafik die Ägypter aufrief, den Mursis fehlendem Charisma, seinem                                           modernem Pharaonentum.
Richterspruch zu akzeptieren.              Image als „zweite Wahl“, nachdem die                                      Sollte er recht behalten, wäre die Wahl
   Kann Schafiks Widersacher, der Inge- Wahlkommission zuvor den Millionär                                        in Ägypten, das bislang größte demokra-
nieur Mohammed Mursi, aus dem Volks- Chairat al-Schatir disqualifiziert hatte?                                    tische Experiment in der arabischen Welt,
zorn Profit schlagen?                         Oder lag es an der fragwürdigen Vor-                                auch nach diesem Sonntag nicht zu Ende.
   Zu Besuch bei einem alten Freund und stellung der Islamisten im Parlament, die                                 Es hätte gerade erst begonnen.
Förderer Mursis: Ibrahim Saleh. Der 83- zur Entzauberung der Bewegung bei-                                                                 DANIEL STEINVORTH

102                                                D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
MITROVICA
                            Verrockte Welt
                                         In einer Musikschule in Mitrovica sollen die Serben und
                            GLOBAL VILLAGE:
                            Albaner des Kosovo lernen, den Hass zu überwinden.


E
       r wäre gern ein Rockstar, doch dass in Mazedonien, auf neutralem Boden.             Fuß nach Priština. „Wir sind keine politi-
       seine Band berühmt wird, will er Auch die fünf Mitglieder der Artchitects           sche Band“, sagt er. „Wir sind eine Band,
       nicht. Denn wenn er auf der Bühne lernten sich dort kennen. In dieser Band          die existiert, weil Politik uns ankotzt.“
steht, die Riffs seiner E-Gitarre in den Oh- spielt Marić gemeinsam mit zwei Serben           Im vergangenen Herbst haben Serben
ren dröhnen, die verschwitzten Haare im und zwei Albanern. „Zusammen können                die Hauptbrücke durch einen Wall aus
Nacken kleben, die Mädchen im Publikum wir nur im Ausland auftreten“, sagt Lenart          Erde und Steinen blockiert. Am Fuß der
kreischen, dann empfinden seine Lands- Gara, 19, Gitarrist von der albanischen Sei-        Brücke steht jetzt ein Zelt, ein Trupp der
leute das als Verrat. „Sie würden mich te. Ihre Songs müssen die Musiker per Sky-          serbischen Bürgerwehr hält dort Wache.
nicht umbringen“, sagt der junge Mann, pe oder Facebook schreiben. „Alex schickt           „Sie beobachten jeden, der auf die andere
der Alexander Marić genannt werden will, mir seine Ideen; ich entwickle sie weiter.        Seite geht“, sagt Marić.
„aber ich müsste die Stadt verlassen.“          Ich verstehe seine Musik.“                    „Früher habe ich mich manchmal rü-
   Es ist keine gewöhnliche Band, in der           Der Albaner Gara kann in seiner Hei-    bergeschlichen“, sagt der Albaner Gara.
Marić, 20, spielt, und kein gewöhnlicher mat offen zu den Artchitects stehen, Marić        Er lief durch die Straßen und vermied es,
Ort, an dem er lebt. Es ist                                                                               jemanden anzusprechen, es
Mitrovica im Kosovo, eine                                                                                 war eine Mischung aus
Stadt mit etwa 70 000 Ein-                                                                                Nervenkitzel und stum-
wohnern, die nach dem En-                                                                                 mem Protest.
de des Kriegs 1999 geteilt                                                                                   So etwas käme ihm heu-
wurde: in einen albani-                                                                                   te nicht mehr in den Sinn.
schen Süden und einen ser-                                                                                Als vor drei Wochen der
bischen Norden. Entstan-                                                                                  Nationalist Tomislav Niko-
den sind zwei Welten mit                                                                                  lić die serbische Präsiden-
unterschiedlichen Sprachen,                                                                               tenwahl gewann, hörte
Religionen und Währungen,                                                                                 Gara, wie sie auf der Nord-
getrennt durch den Fluss                                                                                  seite feierten. „Sie schossen
Ibar, verbunden über drei                                                                                 mit scharfer Munition in die
Brücken. „Ich war noch nie                                                                                Luft.“ Der neue Präsident
auf der anderen Seite“, sagt                                                                              hat bereits verkündet, dass
Marić, ein Serbe.                                                                                         er die Unabhängigkeit des
   Das Kosovo ist ein kleines                                                                             Kosovo nicht anerkennen
Land, nur halb so groß wie                                                                                werde, auch wenn das Ser-
                                                                                                KUSHRIM HOTI




Hessen, aber der Konflikt,                                                                                bien den EU-Beitritt koste.
der hier schwelt, strahlt aus                                                                                „Eine Lösung hat auch
bis in die Mitte Europas.                                                                                 Nikolić nicht“, so Marić. Er
   Die ehemalige serbische              Musiker Gara (2. v. l.): „Politik kotzt uns an“                   studiert Informatik, glaubt
Provinz wird zu gut 90 Pro-                                                                               aber nicht, dass er nach sei-
zent von muslimischen Al-                                                                                 nem Abschluss einen Job
banern bewohnt. 2008 er-                                                                                  finden wird. Die Jungen im
klärte sie ihre Unabhängigkeit. Doch die kann das nicht. Der nationalistische Druck        Kosovo gehören zu den größten Verlie-
rund 120 000 christlich-orthodoxen Ser- unter den Serben in Kosovo ist hoch. Sie           rern des Konflikts. „Die meisten meiner
ben im Nordkosovo akzeptieren das fühlen sich von den Politikern und der                   Freunde sind arbeitslos oder haben Jobs
nicht. Damit sind sie für Serbien das größ- europafreundlichen Elite in Belgrad im         in einer Bar“, sagt Marić. Er hat dunkle
te Hindernis auf dem Weg in die Euro- Stich gelassen. Im Norden des Kosovo ver-            Augenringe und ist bleich wie ein Vampir.
päische Union – das Land kann nur Mit- langen sie einander absolute Treue ab.              Sein Leben hat er in die Nacht verlegt. Ein
glied werden, wenn es die Regierung des            Marić achtet darauf, dass niemand im    wenig hat er auch vor den Verhältnissen
Kosovo anerkennt.                               serbischen Teil von Mitrovica Werbung      kapituliert. Er will sich jetzt wieder mehr
   In Mitrovica versucht eine Schule, mit für die Artchitects macht, dass keine Fo-        um die Heavy-Metal-Band kümmern, in
Rockmusik gegen den Hass zu kämpfen. tos auftauchen, keine Namen. Nur weni-                der nur Serben spielen. Jedes Konzert be-
„Eigentlich sollte es nur ein einziges Schul- gen hat er von der Band erzählt. „Dieses     ginnt er mit einem langen, lauten Schrei.
gebäude geben“, sagt Wendy Hassler-Fo- Projekt darf es nicht geben“, sagen selbst                                              NICOLA ABÉ
rest von der Organisation Musicians with- die, die ihm am nächsten stehen. Wer sich
out Borders. Weil das zu gefährlich war, mit Albanern einlässt, wird selbst zum
steht jetzt auf jeder Seite der Ibar-Brücke Feind der Serben.                                                  Video:
eine eigene „Mitrovica Rock School“,               Die Gitarristen sind noch immer Opfer                       So rocken die
etwa einen Kilometer Luftlinie sind die eines Kriegs, der ausbrach, als sie Kinder                             „Artchitects“
beiden Gebäude voneinander entfernt.            waren. Marićs Familie ging nach Belgrad                        Für Smartphone-Benutzer:
   Die Schüler beider Seiten treffen sich und erlebte, wie die Nato die Stadt bom-                             Bildcode scannen, etwa mit
nur einmal im Jahr, in einem Sommercamp bardierte; Gara floh mit seinen Eltern zu                              der App „Scanlife“.
                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                               103
Szene                                                                                                                                                        Sport
                                                                                                                                                In den ersten zwei Sekunden beschleu-
                                                                                                                                                nigen wir auf 60 Stundenkilometer, es
                                                                                                                                                geht über einen Kurs aus Sprüngen
                                                                                                                                                und Steilwandkurven. Wir treten kräf-
                                                                                                                                                tig in die Pedale, mit einer solchen
                                                                                                                                                Frequenz, dass wir aussehen wie Näh-
                                                                                                                                                maschinen auf zwei Rädern.
                                                                                                                                                SPIEGEL: Was entscheidet über Sieg und
                                                                                                                                                Niederlage?
                                                                                                                                                Brethauer: Es ist wichtig, sich am Start
                                                                                                                                                die beste Position im Feld zu sichern.
                                                                                                                                                Wer den Start vermasselt, hat aber im-
                                                                                                                                                mer noch Chancen auf Überholmanö-
                                                                                                                                                ver. Unser Sport ist, nun ja, kontakt-
                                                                                                                                                freudig. Wir fahren schon mal die Ell-
                                                                                                                                                bogen und Schultern aus. Es kommt




                                                                                                                     SPENCER MORET / AIR TEAM
                                                                                                                                                vor, dass dich ein Bodycheck in der
                                                                                                                                                Steilkurve oder im Flug trifft.
                                                                                                                                                SPIEGEL: Tut das auch mal richtig weh?
                                                                                                                                                Brethauer: Vergangenes Jahr bin ich
        BMX-Rennen                                                                                                                              übel zu Boden gegangen, mit dem
                                                                                                                                                Kopf voran. Ich war bewusstlos, blieb
                                                                                                                                                aber unverletzt. Wenn ein Sprung
                                        TRENDSPORT
                                                                                                                                                misslingt, kann es sein, dass du im Ge-
                                                                                                                                                genhang landest. Das ist wie ein Crash
                                                                                                                                                in eine Mauer. Es gab schon Schlüssel-
                        „Mit dem Kopf voran“                                                                                                    beinbrüche und innere Verletzungen.
                                                                                                                                                SPIEGEL: Wie sieht Ihr Training aus?
                                                                                                                                                Brethauer: Ich trainiere vor allem Aus-
                  BMX-Fahrer Luis Bret-               Brethauer: Das ist ziemlich krass. Mein                                                   dauer, Maximalkraft, Sprungkraft und
                  hauer, 19, über seine Vor-          Ziel ist mindestens das Halbfinale.                                                       Schnellkraft. Im Winter mache ich lan-
                  bereitung auf Olympia               Noch wichtiger ist mir aber, dass ich                                                     ge Sprints auf dem Rad, bis zu 30 Se-
                  und Bodychecks in der               die Chance nutze, um BMX als richti-                                                      kunden Vollgas. Danach hänge ich völ-
                  Steilkurve
DPA




                                                      gen Sport in Deutschland bekannt zu                                                       lig fertig über dem Lenker. BMX ist
                                                      machen.                                                                                   ein ernster Funsport. Vor Olympia trai-
      SPIEGEL: Sie haben sich für die Olympi-         SPIEGEL: Wie läuft so ein Rennen ab?                                                      niere ich 30 Stunden pro Woche, ich
      schen Spiele in London qualifiziert, als        Brethauer: Acht Fahrer treten gegenein-                                                   gehe zur Ernährungsberatung und
      erster Deutscher in der Disziplin BMX.          ander an. Beim Start stehen wir am                                                        zum Mentaltrainer. Es ist das komplet-
      Was bedeutet das für Sie?                       Hang einer acht Meter hohen Rampe.                                                        te Paket eines Olympioniken.



          QUERSCHNITT

                                                         EM-Torbarometer
         Spannendes Ende                         25
                                                         Torwahrscheinlichkeit pro Spiel, in Prozent


         Die Halbzeitansprache der Trai-
         ner bei einer EM scheint zu wir-        20
         ken – statistisch betrachtet fällt
         zwischen der 52. und 57. Minute
         in rund jedem vierten Spiel ein
         Tor. SPIEGEL-Dokumentare                15
         haben 136 Treffer aller 60 EM-
         Ausscheidungsspiele seit 1960
         ausgewertet, in fünfminütige            10
         Einheiten gebündelt und die Tor-
         wahrscheinlichkeit errechnet.
         Zwischen der 12. und 17. Minute          5
         liegt sie demnach nur bei 1,7
         Prozent. Spannend wird’s zum
         Schluss – zwischen der 85. und                                         Basis: Tore in den K.-o.-Spielen der Fußball-Europameisterschaften seit 1960, ohne Verlängerungen
                                                 0
         90. Minute landete der Ball in
         fast jedem vierten Spiel im Netz.            Spielminuten    15          25             35             45                                55      65       75       85




                                                             D E R    S P I E G E L      2 4 / 2 0 1 2                                                                              105
Sport
NEWSPIX/IMAGO




                                                              Trainer Löw


                106   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
DEUTSCHLAND




            Der Schicksalsaustreiber
  Bundestrainer Joachim Löw hat dem Spiel der Nationalmannschaft Methodik und
Eleganz verliehen. Bei der EM steht er unter Erfolgsdruck wie nie zuvor – was Löw in
  sechs Jahren aufbaute, kann ihm in einer Woche entgleiten. Von Dirk Kurbjuweit

                   Was macht denn der nerhalb von neun Tagen. In den drei                   ballungeheuer steht, ein Mann wie der
                   Löw da? Das gibt’s doch Gruppenspielen müssen die Deutschen              Ivorer Didier Drogba. Auch die deutschen
                   nicht. Er hält den Ball in mindestens zweimal sehr gut spielen, um       Stürmer Mario Gomez oder Miroslav
                   der Luft, ausgerechnet. das Viertelfinale zu erreichen.                  Klose sind keine schlechte Luftwaffe.
                   Er steht auf dem Trai-       „Um einen Titel zu gewinnen, muss die          Doch der Bundestrainer will nicht in
                   ningsplatz von Abbiado- Zeit irgendwie auch reif sein, muss vieles       den Himmel schauen und hoffen, dass
                   ri auf Sardinien, hat eine passen“, sagt Löw. Er ist ein Stratege, ein   der Ball da hinunterfällt, wo ihn ein deut-
Pause, weil seine Spieler Temporunden Mann des langen Weges, der viel überlegt,             scher Spieler erhaschen kann. Ein hoher
laufen, und schnappt sich zum Zeitver- viel plant, viel probiert und viel verän-            Ball hat ein hohes Risiko. Er fliegt meist
treib ein Bällchen, löffelt es hoch, lässt dert, bis es passt. Sein wahrer Gegner ist       weit, weshalb die Treffsicherheit niedrig
es auf sein Knie tropfen, dann auf den das Schicksal, der Zufall, „die Unwägbar-            ist und die Gegner Zeit haben, ihre Ab-
rechten Fuß, auf den linken, er jon-                                                                wehr aufzustellen. Ein hoher Ball
gliert, er tänzelt, gekonnt durchaus,                                                               ist oft eine Sache des Schicksals.
wenn auch ein bisschen eckig, weil                                                                     Gegen das Schicksal setzt Löw
er nicht mehr ganz so gelenkig ist                                                                  den Plan. Er sagt: „Man braucht
mit seinen 52 Jahren. Aber er                                                                       natürlich auch Spieler wie Drogba,
schafft es, den Ball für eine Weile                                                                 Gomez oder Klose, denn es
vom Rasen fernzuhalten.                                                                             kommt ja auch mal ein hoher Ball
   Dabei ist doch der Luftraum                                                                      in den Sechzehner. Wenn es nicht
eine verbotene Zone für seine                                                                       anders geht, muss man auch dieses
Spieler. Sie sollen den Ball flach                                                                  Mittel zur Verfügung haben. Aber
halten, bläut er ihnen seit Jahren                                                                  wir spielen mehr Kombinationsfuß-
ein, und so wird eine Fußballflos-                                                                  ball, und dann ist neben einem Go-
kel, die tief in den Lebensalltag der                                                               mez oder einem Klose ein Reus
Deutschen eingedrungen ist, die so                                                                  gut. Wenn es eng wird, und der
oft gesagt wird, dass es schon pein-                                                                Gegner macht alles zu, brauche ich
lich ist sie zu sagen, zum Kernsatz                                                                 Spieler, die beweglich sind, die sich
                                                                                                 EBERHARD THONFELD / CAMERA 4




einer durchaus edlen Fußballstra-                                                                   schnell um den Gegner drehen, die
tegie bei dieser Europameister-                                                                     die Spielweise auf dem Boden sehr
schaft. „Den Ball flach halten ist                                                                  gut beherrschen.“
für unsere Spielweise besser geeig-                                                                    Er hat das vor zwei Wochen im
net als hoch“, sagt Joachim Löw,                                                                    Trainingslager in Tourrettes gesagt,
Bundestrainer seit dem Sommer                                                                       im Hotel Terre Blanche, das so
2006.                                                                                               weitläufig ist wie die Hacienda ei-
   Er streicht dem deutschen Fuß- Deutsche Nationalelf: Ein Zufall hier, ein Fehler dort            nes argentinischen Rinderfarmers.
ball den Himmel, nicht ganz, aber                                                                   Der Mann, der den Himmel für
weitgehend, und schon das ist ein ambi- keit“, wie er das nennt. Er kämpft an ge-           Bälle abschaffen will, saß in einem offe-
tioniertes Unterfangen. Aber so ist Löw. gen eine weitere Fußballfloskel: „So ist           nen Atrium in einem tiefen Sessel, er trug
Wenn es in den vergangenen Jahren ei- eben Fußball.“ Der Satz meint, dass es                ein weißes T-Shirt mit langen Ärmeln,
nen Deutschen gegeben hat, der vor gro- immerzu Überraschungen geben kann.                  eine Jeans und Mokassins. Löw sieht ja
ßem Denken nicht zurückgeschreckt ist Löw mag das nicht hinnehmen, will dem                 immer aus wie frisch gebadet und frisch
und der damit viel verändern konnte, Schicksal die Räume eng machen.                        frisiert, also auch hier. Er ist einer der
dann ist das der Bundestrainer. Seit der        Dass er seinen Spielern den Himmel          Männer, die einen Look haben, die sich
Weltmeisterschaft 2010 zelebriert die nimmt, ist ein wichtiger Teil dieses Vor-             so zurechtmachen, als blätterten sie häu-
deutsche Mannschaft einen Fußball, der habens und ein gutes Beispiel für die Art,           fig in Männerzeitschriften, die mit ähn-
oft herrlich anzuschauen ist und der des- wie Löw seinen Job macht. Der Luftraum            lichen Themen aufwarten wie Frauen-
halb große Erwartungen für das Turnier der Stadien war gut gefüllt in der Ära des           zeitschriften. Aus der Ferne wirkt er tat-
in Polen und der Ukraine geweckt hat.         Kick and Rush, als englische Mannschaf-       sächlich etwas effeminiert, aber er hat
   Jetzt soll der Titel her, jetzt soll das ten den Ball nach vorn droschen und mit         eine energische Art zu reden und ist von
schöne Spiel endlich mit einem Pokal be- einigem Gottvertrauen hinterherwetzten.            einer Männlichkeit, die sich nicht ausstel-
lohnt werden. Aber so wie Fußball ist, Das ist seit 20 Jahren bei guten Mann-               len muss.
kann er große Gedanken und große Pläne schaften verpönt, aber hohe Bälle sind                  Marco Reus, einst Borussia Mönchen-
schnell schreddern, diesmal vielleicht in- nach wie vor beliebt, wenn vorn ein Kopf-        gladbach, demnächst Borussia Dortmund,
                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                             107
THOMAS ZIMMERMANN / IMAGO
ROLF HAID / DPA




                  Fußballprofi Löw 1989, Nationalspieler Reus: Ballkontaktzeiten, Laufwege, Passsicherheit

                  ist kein Mann für hohe Bälle. Er ist nicht       stimmen, werden die Spieler ins Gebet           ten, falschen Abseitspfiffen und schlech-
                  groß, er ist schmal, eigentlich Mittelfeld-      genommen, bekommen einen individuel-            ter Tagesform. Für einen wie Löw ist das
                  spieler. Wenn er in der Spitze spielt, wür-      len Trainingsplan, damit sie so spielen         eine Zumutung.
                  de man ihn meist flach anpassen, und so          können, wie es für das Kollektiv am bes-           Am vergangenen Mittwoch bekam er
                  will es Löw. Als er bei der Vorbereitung         ten ist.                                        Besuch von Bundeskanzlerin Angela Mer-
                  in Zeitnot geriet, ließ er als Erstes das           Löw ist der ideale Mann für diesen           kel im Trainingscamp in Danzig. Vereint
                  Üben von Eckbällen streichen. Eckbälle           Wandel vom Bauch zum Kopf. Er ist ein           waren da die beiden Menschen, die
                  sind nicht so wichtig für ihn, weil sie sich     Didakt durch und durch. Er redet gleich-        Deutschland in diesen Tagen regieren. Sie
                  dem Strafraum meist auf dem Luftweg              förmig, reißt aber alle paar Dutzend            machen das auf eine ähnliche Weise.
                  nähern. Aus Ecken würden nicht viele             Silben die Stimme hoch, wie es Lehrer              Es gibt Theorien, die sich dazu verstei-
                  Tore erzielt, sagte Löw in Tourrettes.           tun, die die Aufmerksamkeit ihrer Schü-         gen, dass Politik und Fußball kongruent
                     19. Mai 2012, München, Bayern Mün-            ler leiten wollen. Seine Emotionen hat          verlaufen. Das ist Unsinn, aber manchmal
                  chen gegen Chelsea, Endspiel der Cham-           er im Griff. Hohe Erwartungen? „Ich             gibt es Parallelen. Helmut Kohl und Berti
                  pions League, 88. Minute: Juan Mata tritt        empfinde das nicht als negativen Druck,         Vogts passten in den neunziger Jahren
                  eine Ecke hoch hinein, Didier Drogba             der mich in irgendeiner Weise stört und         gut zusammen in ihrer Bräsigkeit und Pro-
                  springt und köpft, ein Himmelsball, den          meine Energien bremst“, sagte Löw in            vinzialität. In den Zeiten von Merkel und
                  Manuel Neuer im Tor der Bayern nicht             Tourrettes.                                     Löw ist Deutschland einer Doppelherr-
                  abwehren kann. 1:1, Grundstein für den              Fast reglos saß er in seinem Sessel, klei-   schaft der Rationalität unterworfen.
                  Sieg von Chelsea.                                ne Gesten, manchmal betrachtete er seine           Merkel hat einen wissenschaftlichen
                     Was sagt Löw dazu? Viel. Er erklärt           Fingernägel, als wäre die Maniküre mor-         Ansatz, Politik zu machen. Aus Daten
                  Laufwege, Angreifer, Verteidiger, ein Zu-        gens nicht so gewesen, wie es für einen         versucht sie Wahrscheinlichkeiten zu er-
                  fall hier, ein Fehler dort, hätte, wäre. Man-    Beau wünschenswert ist. Beim Spiel ge-          mitteln, mit welcher Politik sie erfolgreich
                  che Tore seien eben nicht zu verhindern,         gen die Schweiz in Basel, bei dem seine         sein kann. Emotionen zeigt sie nur spär-
                  sagt er schließlich. Für ihn ist das ein selt-   Mannschaft 3:5 unterging, erlaubte er sich      lich, sie ist gelassen wie Löw, dabei aber
                  samer Satz, ein Satz der Schicksalserge-         hin und wieder einen Zorneshüpfer, aber         lustiger. Beide halten keine großen Reden
                  benheit.                                         das war wenig im Vergleich zu Kollegen          und können brutal sein. So kalt wie Mer-
                     Die Geschichte des Fußballs ist eine          wie Jürgen Klopp von Borussia Dort-             kel ihren Umweltminister Norbert Rött-
                  Geschichte der Schicksalsaustreibung.            mund oder Giovanni Trapattoni von Ir-           gen feuerte, entledigte sich Löw seines
                  Das Spiel ist in den vergangenen beiden          land, die wild rumspringen.                     Kapitäns Michael Ballack. Solche Ent-
                  Jahrzehnten systematischer, schemati-               Für einen emotionalen Menschen ist           scheidungen treffen sie nach Nützlich-
                  scher geworden. Den einzelnen Spielern           das Schicksal leichter zu ertragen als für      keitskalkül.
                  wurde ein großer Teil der Individualität         einen rationalen. Das Ausgeliefertsein ist         Beide haben Karrieren gemacht, die
                  genommen. In der Defensive müssen sie            ihm vertraut; um nicht zu verzweifeln,          niemand erwartet hätte, als sie Mitte drei-
                  sich in Ketten aufstellen und bewegen.           muss er akzeptieren, dass höhere Mächte         ßig waren. Merkel lebte als Wissenschaft-
                  Den Libero gibt es nicht mehr, den klas-         als das eigene Gehirn seine Worte und           lerin in der DDR, Löw hatte eine mäßige
                  sischen Zehner kaum noch – das sind die          Taten bestimmen. Der rationale Mensch           Spielerkarriere in der Ersten und Zweiten
                  Positionen mit den höchsten Freiheitsgra-        dagegen glaubt, dass er beinahe alles kon-      Bundesliga hinter sich. Er wurde dann
                  den. Was Kollektivierung und Planwirt-           trollieren und bestimmen könne.                 Trainer, blieb aber auch hier Mittelmaß,
                  schaft angeht, hat der Fußball das Erbe             Fußball ist eine besondere Herausfor-        wurde Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart
                  des Sozialismus angetreten.                      derung für diesen Typus. Nur in einer lan-      und Meister mit Tirol Innsbruck. Ansons-
                     Joachim Löw ist der Leiter der deut-          gen Meisterschaftssaison holt am ehesten        ten wurde er entlassen oder ging von
                  schen Gosplan, wie die oberste Planungs-         der den Titel, der am besten geplant und        selbst, weil es nicht auszuhalten war.
                  behörde der Sowjetunion hieß. Er lässt           trainiert hat. Ein Bundestrainer muss sich         Merkel und Löw kommen aus der Ver-
                  Daten zu jedem Spieler erfassen, Ball-           in Turnieren bewähren, die über K.-o.-          huschtheit, dem kleineren, zurückgezo-
                  kontaktzeiten, Laufwege, Passsicherheit,         Runden entschieden werden, in einzelnen         genen Leben, was man ihnen bei öffent-
                  er lässt das alles haarklein auswerten und       Spielen also. Da hängt vieles vom Schick-       lichen Auftritten noch anmerkt. Ihnen
                  zieht seine Schlüsse daraus. Was früher          sal ab, von verschossenen Elfmetern, von        fehlt die Selbstverständlichkeit der Prä-
                  der Bauch eines Trainers war, ist heute          Eckbällen, die mehr oder weniger zufällig       senz, das Ausgreifende, auch Übergriffige
                  seine Statistik. Wenn die Zahlen nicht           den richtigen Kopf treffen, von roten Kar-      derer, die sich immer schon in großen
                  108                                                    D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
„Auf hässliche Weise gewinnt man heu-
                                                                                                                 te keine Titel mehr“, hat Löw dem Maga-
                                                                                                                 zin „11 Freunde“ im Februar gesagt. Er
                                                                                                                 verband also beide Aspekte, die Schön-
                                                                                                                 heit wird zur Voraussetzung für den Titel.
                                                                                                                 Aber wie konnte dann Chelsea die Cham-
                                                                                                                 pions League gewinnen? Gegen die stür-
                                                                                                                 mischen, spielerisch hochüberlegenen
                                                                                                                 Mannschaften von Barcelona und Mün-
                                                                                                                 chen flochten die Engländer einen Ma-
                                                                                                                 schendrahtzaun um ihren Strafraum und
                                                                                                                 siegten schließlich durch verschossene Elf-
                                                                                                                 meter von Lionel Messi, Arjen Robben,
                                                                                                                 Ivica Olić und Bastian Schweinsteiger.
                                                                                                                 Das Schicksal hatte höhnisch ins Stadion
                                                                                                                 gegrinst und allen gezeigt, dass es sich so




                                                                                                       REUTERS
                                                                                                                 leicht nicht abschaffen lässt.
                                                                                                                    Was sagt Löw dazu? „Von zehnmal ge-
Kanzlerin Merkel, Nationalspieler*: Gelassen wie Löw, dabei aber lustiger                                        winnt Barcelona achtmal gegen Chelsea.
                                                                                                                 Und wenn es normal läuft, gewinnt auch
Lebenslagen wähnten. Der Umgang mit                      Spiel heraus sollen die Geistesblitze und               Bayern das Endspiel gegen Chelsea bei
den beiden ist daher angenehm. Wahr-                     Fußkunststücke die entscheidende Lücke                  so vielen Chancen.“ Er antwortete also
scheinlich sind sie selbst überrascht, dass              reißen und das Tor möglich machen. Fuß-                 mit Wahrscheinlichkeiten. Gäbe es eine
sie jetzt Bundeskanzlerin und Bundestrai-                ball ist nie eindeutig. So haben die Sys-               größere Anzahl von Spielen, würde das
ner sind.                                                temfanatiker des FC Barcelona den welt-                 Normale zur Geltung kommen, also das
   Ein Unterschied zwischen ihnen ist,                   besten Zauberer hervorgebracht, Lionel                  spielerisch bessere Team gewinnen. Löw
dass Merkel nur auf die Ergebnisse schaut.               Messi.                                                  versetzte sich in eine Situation, die er
Ihre Frage heißt: Was kommt raus? Löw                       Einen Mann wie ihn hat Löw nicht,                    nicht hat, weil er dem K.-o.-System aus-
schaut auch auf den Prozess, seine Frage                 aber für sein Mittelfeld gibt es sieben,                geliefert ist. Es ist leicht, im Irrealis recht
heißt: Wie komme ich in Schönheit zu ei-                 acht Kandidaten von hoher Klasse, dar-                  zu haben.
nem guten Ergebnis?                                      unter Mesut Özil, Thomas Müller und                        Er sagte in Tourrettes aber auch: „Ei-
   Das ist das Paradoxe an seinem Ansatz:                Sami Khedira. Die Spieler schätzen die-                 nen Titel zu gewinnen ist immer erstreb-
Auf den ersten Blick entzaubert er den                   sen Bundestrainer, weil sie den Eindruck                sam, klar, aber für mich ist auch wichtig,
Fußball, indem er ihn der Herrschaft der                 haben, dass sie von ihm etwas lernen kön-               dass die Spieler weiterhin einen Fußball
Daten unterwirft und die Spieler be-                     nen, über sich und die Gegner. Ob sie                   mit großer Schnelligkeit und Offensiv-
grenzt, fesselt, ihnen den Himmel nimmt,                 dann das machen, was er ihnen aufgetra-                 kraft spielen, und das ist manchmal ohne
sie auf vertikale Kurzpässe und geringe                  gen hat, ist eine andere Frage. Er kann                 letzte Erfolgsgarantie.“ In diesem Satz
Ballkontaktzeiten einschwört. Sie sollen                 sie noch so viel mit Daten füttern, mit                 sind Schönheit und Erfolgschance plötz-
nicht losrennen und dribbeln und zau-                    Übungen für das nächste Spiel trimmen –                 lich Gegensätze.
bern, sie sollen den Ball schnell und di-                wenn 50 000 Leute brüllen und der Geg-                     Hat er seine Haltung geändert? Nein.
rekt nach vorn weiterleiten. Sie sollen                  ner anrennt, gerät mancher Plan in Ver-                 Der Satz ist Ausdruck der Ambivalenz in
Relaisstationen auf einem großen Schalt-                 gessenheit.                                             der Fußballwelt, in der es wahre Sätze
plan sein, nicht Heroen der Spontaneität.                   Über die Jahre aber ist Löws Konzept                 praktisch nicht gibt, auch keine Eindeu-
   Aber Löw ist eben auch der Mann, der                  bislang aufgegangen. Anders als Merkel                  tigkeiten. Nach jedem Spieltag ist die Welt
dem deutschen Fußball die Schönheit zu-                  hatte er eine Vision, die Vision vom                    neu erfunden, ein einziges Ergebnis kann
rückgegeben hat. Seine Definition davon                  modernen Fußball in Deutschland. Das                    alles auf den Kopf stellen, was Experten
sieht so aus: „Schöner Fußball ist für mich              schnelle, direkte Spiel mit kurzen Pässen               gedacht und gesagt haben. Chelsea ge-
nicht, naiv draufloszustürmen, sondern                   hat nicht er erfunden, da waren andere                  winnt die Champions League, Griechen-
schön ist, wenn es ein Gleichgewicht gibt                schneller, vor allem die Trainer des                    land wurde Europameister, die Deutschen
in der Mannschaft: eine gute Defensiv-                   FC Barcelona. Aber immerhin hat er                      spielen plötzlich ängstlich und defensiv.
arbeit, eine gute Balleroberung, gute                    die Strukturen des Deutschen Fußball-                      Aber das spricht nicht gegen den Plan,
Laufwege, viel arbeiten und dabei die                    Bunds so verändert, dass die Spieler nun                gegen das Schema. Auch wenn es immer
spielerische Leichtigkeit beibehalten.“                  schon in den Jugendmannschaften zeit-                   ein unwahrscheinliches Ergebnis geben
Man könnte sein Projekt die Maschinisie-                 gemäßes Spiel üben. Und die Bundesliga                  kann, muss einer wie Löw alles dafür tun,
rung der Schönheit nennen.                               hat vieles von seinem strategischen Den-                den Sieg der eigenen Mannschaft wahr-
   Wenn der Plan aufgeht wie bei der                     ken übernommen. Das bleibt sein Ver-                    scheinlich zu machen. Anders gesagt: Er
Weltmeisterschaft 2010 gegen England                     dienst, egal wie diese Europameister-                   muss alles tun, um das Schicksal abzu-
und Argentinien, wie in manchem Quali-                   schaft ausgeht.                                         schaffen, aber mit Demut ertragen, wenn
fikationsspiel für die Europameisterschaft,                 In den Augen der Fußballwelt waren                   es zuschlägt.
dann ist das richtig schöner Fußball, dann               die Deutschen lange die „Panzer“, die                      Es gibt natürlich auch den Fall, dass
wird aus der Entzauberung Zauberei,                      leider viele Titel holen. Dann waren sie                andere Mannschaften besser sind, kann
dann wird der Schaltplan unsichtbar, und                 die Panzer, die zum Glück keine Titel                   ja sein. Dann hilft manchmal ein schönes
die deutsche Mannschaft wirkt wie eine                   mehr holen. Jetzt sind sie die Sportwagen,              Schicksal: Wenn die Deutschen lausig
Rasselbande der Kreativität. Auch das ge-                die zweite und dritte Plätze belegen. Des-              spielen und Khedira aus Verzweiflung ei-
hört zum Schema: Aus dem planvollen                      halb gibt es zwei Fragen an Löws Kon-                   nen Ball lang und hoch in den Himmel
                                                         zept bei dieser Europameisterschaft: Setzt              jagt, und von dort fällt er auf den Kopf
* Philipp Lahm, Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger
                                                         die deutsche Mannschaft um, was ihr                     von Marco Reus, prallt ab, segelt ins Tor.
und Marco Reus am vorigen Mittwoch im EM-Quartier        Trainer geplant hat, und zeigt sie schöne                  So ist eben Fußball, würden die Exper-
der deutschen Mannschaft in Danzig.                      Spiele? Kann sie den Titel holen?                       ten sagen.
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Niederländische Nationalspieler: Weder gleich noch brav sein


                                                            CHARAKTERE




                                          Ich oder Wir?
   Ging es um Titel, stand sich die Mannschaft der Niederlande, am Mittwoch Gegner der
    Deutschen, meist selbst im Weg – es mangelte den Spielern an Gemeinsinn. Neuer-
 dings befeuern Stars wie Robin van Persie den Teamgedanken. Von Markus Feldenkirchen

                 An diesem Nachmittag            Für sein Team geht es an diesem Tag        umph der Selbstlosigkeit. Das Geschichts-
                 im Mai in West Brom-         ebenfalls um viel, Arsenal braucht einen      buch muss vorerst ohne van Persie aus-
                 wich, einem Kaff bei Bir-    Sieg, um sich für die Champions League        kommen, dennoch feiert er nach Spiel-
                 mingham, steht Robin         zu qualifizieren. Ob van Persie, 28, davon    schluss ausgelassen mit den mitgereisten
                 van Persie vor der gro-      noch profitieren würde, ist ungewiss. Gut     Fans. Für einen Fußballstar aus Holland
                 ßen Frage der Zivilisa-      möglich, dass er Arsenal nach der Euro-       ist das durchaus erwähnenswert.
                 tion – zumindest aber        pameisterschaft verlässt.                        Der niederländische Fußball leidet seit
des niederländischen Fußballs. Es ist die        In der vierten Spielminute erzielt sein    je unter der Divenhaftigkeit seiner Pro-
Frage, was wichtiger ist: das eigene Ego      Teamkollege Yossi Benayoun das 1:0, und       tagonisten. Den Namen nach hätte Hol-
oder die Gemeinschaft?                        van Persie sprintet so freudig auf ihn zu,    land, am Mittwoch in der ukrainischen
   „Robin van Persie, he scores where he      als wäre er gerade Vater geworden. Dann       Stadt Charkow Gegner der deutschen
wants“, singen die Fans des FC Arsenal        aber gerät Arsenal in Rückstand, und van      Nationalmannschaft, schon viele große
schon vor Anpfiff des letzten Saisonspiels.   Persie kämpft. Er, der Starstürmer, hilft     Turniere gewinnen müssen. Nirgendwo
In dieser Spielzeit hat van Persie tatsäch-   bei fast jedem Angriff des Gegners in der     sonst ist das Verhältnis von begnadeten
lich getroffen, wann und wo er wollte, 30     Defensive aus. Er bereitet ein Tor vor,       Fußballern zu Einwohnern so gut. Aber
Tore sind es bisher. Sollte er heute wieder   gleich mehrmals legt er Mitspielern den       dann scheiterten sie immer wieder an
treffen, könnte er einen Rekord in der        Ball auf, obwohl er selbst hätte aufs Tor     ihrem viel zu gewaltigen Ego.
Premier League aufstellen: die meisten        schießen können.                                 Mal blieben einzelne Stars in letzter
Tore in einer Saison. Es winkt nichts we-        Am Ende bezwingt Arsenal das Team          Sekunde beleidigt zu Hause, weil ihnen
niger als der Eintrag in die ewige Besten-    von West Bromwich Albion mit 3:2 und          irgendetwas nicht passte. Mal rebellierten
liste, in das Geschichtsbuch des Fußballs.    die Gemeinschaft das Ego. Es ist ein Tri-     die Spieler gegen ihren Trainer, oft strit-
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Für die EM geschmückte Häuser im niederländischen Goirle: Tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Autoritäten

ten sie untereinander. Auch in diesem        kennen. Und wenn er mal auf der Bank           Robben jedenfalls niemand für eine Diva.
Jahr gab es pünktlich zur Turniervorbe-      sitzen muss, schmollt er wochenlang vor        Dafür ist die Konkurrenz zu groß.
reitung wieder Ärger, weil Schalkes Stür-    sich hin. So sehen ihn die Deutschen.             Auf dem Trainingsplatz wird nun fünf
mer Klaas-Jan Huntelaar nicht einsehen          Am Tag nach Robbens Flucht steht            gegen fünf gespielt. Kaum rollt der Ball,
möchte, dass van Persie stürmt und er        Hollands Kapitän Mark van Bommel im            herrscht ein Lärm wie auf dem Fisch-
sich vorerst mit der Bank begnügen soll.     Juan-Antonio-Samaranch-Stadion von             markt. Anweisungen werden gerufen, ge-
Das Ich triumphiert in Holland meist über    Lausanne und zieht sein Trikot hoch, um        brüllt, es wird geflucht, geschimpft. Es ist
das Wir.                                     sich den Bauch zu streicheln wie ein eitler    um einiges lauter als bei herkömmlichen
   Kaum eine Fußballnation ist mit so viel   Pfau, der zeigen will, dass man auch mit       Fußballmannschaften.
Genie und Anmut gesegnet, wie es die         35 Jahren noch über einen Sixpack ver-            So klingt es, wenn ebenso selbstbe-
Niederlande sind. Was bislang fehlte, wa-    fügen kann. Auch die Designer-Unter-           wusste wie meinungsstarke Stars auf
ren Disziplin und Gemeinsinn. So blieb       hose kommt so zur Geltung.                     engstem Raum zusammengepfercht sind:
der Gewinn der Europameisterschaft 1988         Kann er verstehen, was die Deutschen        van Persie, der Torschützenkönig in Eng-
in Deutschland der einzige Titel.            an Robben stört? „Absolut nicht“, sagt         land, Huntelaar, der Torschützenkönig in
   In den Katakomben der Münchner Al-        van Bommel. „Er hat Bayern 2010 doch           Deutschland, dazu eigenwillige Köpfe wie
lianz Arena hetzt Arjen Robben über den      höchstpersönlich ins Finale geschossen.        van Bommel, Rafael van der Vaart oder
dunklen Parkplatz wie Dr. Kimble auf         Und jetzt war er wieder sehr wichtig.          Wesley Sneijder, der darauf besteht, im-
der Flucht. Er wird umringt von Sicher-      Man muss ihn schätzen, man muss froh           mer im schulterfreien Shirt zu trainieren,
heitsmännern, sein Rollkoffer stolpert       sein, dass er bei Bayern spielt. Das ist ei-   damit seine Muskelpakete und Oberarm-
mehrmals, das Tempo überfordert ihn.         ner der zehn besten Spieler der Welt.“         Tattoos zur Geltung kommen. Robben ist
Robbens Frau und Freunde warten bei             Auch van Bommel hat lange in Mün-           hier tatsächlich nur einer von vielen.
laufendem Motor in der Limousine. Er         chen gespielt, auch er ist häufig angeeckt,    Über Lausanne wabert an diesen Tagen
verschwindet im Wagen und braust in die      hat Trainer wie Management kritisiert.         eine Wolke aus Testosteron.
Nacht. Es wirkt wie nach einem Bank-         Es gebe eben einen kulturellen Unter-             Anders als im deutschen Team, wo die
überfall.                                    schied zwischen beiden Ländern, sagt van       Spieler ihrem Coach beinahe hörig zu
   Aus den Fenstern des Mannschaftsbus-      Bommel. „In Deutschland will man, dass         sein scheinen, erinnert das Trainingslager
ses verfolgen van Persie und der Rest der    die Spieler gleich sind und dass sie brav      der Holländer an einen Individualisten-
Nationalmannschaft die Flucht des Kol-       sind. Jemand wie Robben aber ist ein Aus-      Kongress, bei dem fast jeder Teilnehmer
legen. Eben haben sie gegen den FC Bay-      nahmespieler. Ein echter Charakter. Da         glaubt, den perfekten Fußball nicht nur
ern gespielt und erlebt, wie Robben vom      muss man sich drum kümmern.“                   zu kennen, sondern selbst zu praktizieren.
Münchner Publikum ausgepfiffen wurde.           Van Bommel spricht über Robben,                Es ist diese Mentalität, wegen der die
In Deutschland gilt Robben als Inbegriff     aber er könnte genauso gut über den hol-       Niederlande über Jahrzehnte nicht nur
des Egoisten. Wann immer sich die Gele-      ländischen Fußball an sich sprechen. Dar-      den spektakulärsten Fußball spielten, son-
genheit zum eigenen Torerfolg bietet,        über, dass Holländer weder gleich noch         dern auch die spektakulärsten Skandale
scheint Robben keine Mitspieler mehr zu      brav sein wollen. In seiner Heimat hält        produzierten – und immer wieder schei-
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terten. Vor der WM 1990 etwa                                                                    platz am häufigsten redet, ist
trafen sich die Spieler in einem                                                                Robin van Persie, technisch bril-
Flughafenhotel in Schiphol, um                                                                  lant wie die meisten Holländer,
darüber abzustimmen, welcher                                                                    doch obendrein noch effizient,
Trainer sie nach Italien führen                                                                 freundlich und diszipliniert,
sollte. Als der Verband ihrem                                                                   selbstbewusst und trotzdem
Wunsch nicht nachkam, boykot-                                                                   mannschaftsdienlich.
tierten sie die Arbeit von Leo                                                                     Dabei war van Persie selbst
Beenhakker. 1994 sagte der gro-                                                                 auf dem besten Wege, ein klas-
ße Ruud Gullit wenige Tage vor                                                                  sischer Star aus Holland zu wer-
dem Abflug zur WM seine Teil-                                                                   den, eine Diva, ein Querulant.
nahme ab, weil ihm der takti-                                                                 „Seine Einstellung lässt zu wün-
sche Ansatz des Coaches nicht                                                                   schen übrig“, klagte vor Jahren
passte. Das hatten bereits etli-                                                                Nationalcoach Marco van Bas-
che Stars vor ihm getan.                                                                        ten. „Er führt sich auf, weil er
   „Welche verdrehte, unbarm-                                                                   mit diesem und jenem nicht ein-
herzige, fatale Logik treibt hol-                                                               verstanden ist.“ Es klang wie
ländische Spieler, Trainer, Ver-                                                                immer.
bandsfunktionäre dazu, sich                                                                        2005 musste van Persie sogar
immer wieder in sinnlosen,                                                                      für zwei Wochen in Haft, weil
kleinlichen Fehden über Taktik,                                                                 ihn ein Model, mit dem er sich
Macht und Geld zu verzet-                                                                       in einem Hotel vergnügt hatte,
teln?“, fragt der Autor David                                                                   wegen Vergewaltigung ange-
Winner in seinem wunder-                                                                        zeigt hatte – ein Vorwurf, von
baren Buch „Oranje brillant.                                                                    dem er am Ende freigesprochen
Das neurotische Genie des                                                                       wurde.




                                                                                               PAUL GILHAM/GETTY IMAGES
holländischen Fußballs“. Die                                                                       Unter Arsenal-Coach Arsène
Holländer, so Winner, scheinen                                                                  Wenger aber reifte van Persie
regelrecht allergisch gegen jede                                                                mit den Jahren zum Führungs-
Form von Autorität, Führung                                                                     spieler, zum Vorbild. Er wurde
und kollektiver Disziplin zu                                                                    disziplinierter, selbstloser, man
sein. „Ihre Mannschaften ge-                                                                    könnte auch sagen: um einiges
bärden sich wie Armeen von Stars van Persie, Robben: Wolke aus Testosteron                      deutscher. Im vorigen Jahr stieg
Generälen.“                                                                                     er beim FC Arsenal sogar zum
   Warum das so ist? Für die Antwort gelbild eines ganzen Landes. Bei der EM Kapitän auf. Stünde seine Entwicklung
muss man wohl hinab in die holländische in Polen und der Ukraine hofft er, endlich stellvertretend für die ganze National-
Geschichte steigen, in das, was man sein größtes Problem zu überwinden: die mannschaft, wäre Holland wohl kaum zu
Volksseele nennt – die über Jahrhunderte Liebe zur Demokratie.                       bezwingen. Aber so ist es nicht, so soll es
geformte Mentalität eines Landes.            Bert van Marwijk stapft mit stoischer wohl auch nicht sein.
   Demokratie, Individualismus und ein Ruhe über den Platz, kein Gebrüll, keine         In Lausanne stehen zwei Journalisten
tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Au- hektischen Handbewegungen. Er wirkt vom holländischen Rundfunk am Spiel-
toritäten haben in Holland fest veranker- konzentriert wie ein Dompteur, der sich feldrand, seit Jahren begleiten sie ihre
te Wurzeln. Der Historiker Herman Pleij                                              Mannschaft. Aufgeknöpftes Hemd, Son-
sieht den Ursprung für das selbstbewuss-                                             nenbrille, lässige Jungs, die sich selbst
te, äußerst diskussionsfreudige Wesen der  Der holländische Fußball                  ziemlich klasse finden. „Die ganzen Ka-
Holländer in der geografischen Lage ihres  hofft, endlich sein größtes               priolen, die verschenkten Titel, das liegt
Landes begründet. Man habe schon im                                                  alles am holländischen Charakter“, sagt
Mittelalter demokratische Institutionen    Problem zu überwinden:                    der Fernsehmann. „Wir sind nun mal
aufbauen müssen, um das Land vor dem                                                 sehr selbstbewusst, wir stellen alles in
Meer zu schützen und trocken zu halten.    die Liebe zur Demokratie.                 Frage, wir sind im Zweifel provokativ.“
Und da man vom Land allein nicht leben                                               Der Radiomann nickt. Sie beklagen das
konnte, habe man Händler und Kauf- keinen falschen Laut, keine falsche Be- nicht, es klingt vielmehr, als seien sie
mann werden müssen. „Das hat uns sehr wegung erlauben darf, die seine Raub- recht zufrieden mit diesen Eigenschaften.
unabhängig gemacht“, sagt Pleij. „Es be- tiere stören könnten.                       „Deshalb sind wir auch so interessante
stand nie die Chance, dass hier ein König,   Die Frage ist, ob er sein Team noch Menschen.“ Sie nicken sich zu und lä-
die Kirche oder irgendeine hochrangige einmal so in Schach halten kann wie vor cheln. „Und deshalb haben wir so inter-
Person herrschen könnte.“                  zwei Jahren bei der WM in Südafrika, als essante Spieler.“
   Geschweige denn ein Nationaltrainer. Holland ohne größere Skandale erst im           Joachim Löws Jungs seien dagegen
   Der berühmte „Totaalvoetbal“, das Finale knapp den Spaniern unterlag.             folgsame Befehlsempfänger, „aber gewiss
kreative Spiel, sei tief durchdrungen von    Die Vorzeichen sind diesmal schwieri- keine echten Typen, keine echten Cha-
demokratischen Impulsen, meint Winner. ger. Den ersten Eklat gab es bereits, als raktere“. Was sie sagen, hört sich herab-
Man spiele mit einem System, das es je- Stürmer Huntelaar seinen Frust über sei- lassend an, aber es ist auch geschickt. Es
dem Spieler erlaube, „sich auszudrücken ne Reservistenrolle öffentlich machte. ist der Trick, sich selbst dann noch über-
und auszuzeichnen“. Die Kehrseite dieses „Ich bin böse“, klagte der Schalker. „Ich legen fühlen zu können, wenn auch der
Systems habe darin bestanden, „dass die hatte das Gefühl, dass alles schon vorher nächste Pokal an den Niederlanden vor-
Disziplin und der innere Zusammenhang feststand.“ Anders als viele Niederländer beiwandert. Dann hätte man zwar wie-
immer fragil waren“. So ist der holländi- vor ihm, reiste er immerhin nicht ab.      der irgendein wichtiges Spiel verloren,
sche Fußball mit seiner Offensivkraft bei    Der Mann, dessen Nähe van Marwijk aber das Wichtigste nicht: die eigene
gleichzeitiger Widerspenstigkeit das Spie- sucht, mit dem er auch auf dem Trainings- Identität.
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Prisma

                     MEDIZIN
                                                                                                                                              läufe, Triathlonwettkämpfe und sehr
                                                                                                                                              lange Radrennen, das Pumporgan
                                                                                                                                              regelrecht versehren können, wenn er
 Extremtraining schadet                                                                                                                       jahrelang ausgeübt wird: Herzgewebe

      dem Herzen                                                                                                                              verhärtet, Arterien verkalken und
                                                                                                                                              versteifen, der Herzrhythmus wird ge-
                                                                                                                                              stört, und die Pumpleistung verschlech-
Körperliche Bewegung wirkt wie gute                                                                                                           tert sich. Allerdings bestehen diese
Medizin – und doch kann sie im                                                                                                                Gefahren nur für Menschen, die durch




                                                                                                                       SHAUN BEST / REUTERS
Übermaß dem Herzen schaden, war-                                                                                                              Sport fünf- bis zehnmal mehr Energie
nen Ärzte im Fachblatt „Mayo Clinic                                                                                                           verbrennen, als Sportmediziner emp-
Proceedings“. Sie haben die wissen-                                                                                                           fehlen. Wer sich dagegen an mindes-
schaftliche Literatur ausgewertet und                                                                                                         tens fünf Tagen der Woche moderat
Hinweise darauf gefunden, dass exzes-                                                                                                         bewegt, der verlängert sein Leben
siver Ausdauersport, etwa Marathon-                        Athleten nach Zieleinlauf                                                          statistisch gesehen um sieben Jahre.



                     U M W E LT
                                                           erwartende Belastung anhand von                                                                L U F T FA H R T
                                                           Daten über die jeweiligen Triebwerke,
                                                           die Flugphase (Start, Landung oder
        Fluglärm aus dem                                   Reiseflug), die Wetterverhältnisse und                                                      Leichtsinn im
             Rechner                                       die Ausbreitung von Schadstoffen in
                                                           der Atmosphäre. Lärmprofil und
                                                           Schadstoffbelastung durch einzelne
                                                                                                                                                          Cockpit
Wie sich Lärm und Abgase von Flug-                         Flüge können optisch dargestellt                                                   Der Co-Pilot rief noch von hinten:
zeugen verteilen, das lässt sich mit                       werden. Mit der Software lässt sich                                                „Kapitän, bloß nicht dahin. Da ist ein
einer neuartigen Software der Firma                        nach Ansicht der Herstellerfirma                                                   Berg!“ So hat es der Stimmrecorder
Trout aus Kassel vorhersagen. Dazu                         bereits in der Planung abschätzen,                                                 an Bord des Superjet 100 aufgezeich-
muss keine Maschine abheben, viel-                         welche Folgen neue Flughäfen und                                                   net, Momente bevor das neue Kurz-
mehr berechnet die Software die zu                         Flugrouten haben werden.                                                           streckenflugzeug vor einem Monat
                                                                                                                                              auf einem Demonstrationsflug in
                                                                                                                                              Indonesien an einem Vulkanhang
                                                                                                                                              zerschellte. Doch Pilot Alexander
                                  Geräuschpegel eines Airbus A320, der von der                                                                Jablonzew wollte offenbar nicht von
                                  Startbahn West des Frankfurter Flughafens gestartet ist;                                                    dem riskanten Manöver lassen.
      Köln                        Simulation des Lärms am Boden in Dezibel*                                                                   Leichtsinn, so wird durch die Aus-
                                                                                                                                              wertung der Flugschreiber deutlich,
                                                                                                                                              führte vermutlich zu dem Absturz
                                  unter 35 35 – 40 40 – 45 45 – 50 50 – 55 55 – 60 60 – 65 65 – 70   70 – 75 über 75                          des Jets, mit dem Russland die Re-
                                                                                        *dB(A)    Quelle: Trout GmbH
                                                                                                                                              naissance seiner einst so stolzen Flug-
                                                                                                                                              zeugproduktion einläuten wollte und
                                                                                                                                              bei dem alle 45 Menschen an Bord
                                                                                                                                              starben. So saß ein indonesischer
                                                                                                                                              Flugzeugeinkäufer auf dem Platz des
                                                                                                                                              Co-Piloten, meldet die russische
                                                                                                                                              Nachrichtenagentur Ria Nowosti.
                                                                                                                                              Hinweise auf das drohende Desaster
                                                                                                                                              gab es genug: Das Bodenwarnsystem
                                                                                                                                              sendete Alarmsignale, ein anderes
                                                                     Limburg                                                                  Sicherheitssystem forderte die Crew
                             Koblenz                                                                                                          auf, das Fahrwerk auszufahren, weil
                                                                                                                                              es sich wegen des näher kommenden
                                                                                                                                              Erdbodens im Landeanflug wähnte.
                                                                                                                                              Der Pilot jedoch ordnete diese War-
                                                                                                                                              nungen wahrscheinlich nicht richtig
                                                                                                                                              ein. Die russische Tageszeitung „Mos-
                                            Rh




                                                                                                 Frankfurt
                                              ein




                                                                                                                                              kowski komsomolez“ zitiert einen
                                                                                                 am Main                                      Experten des Moskauer Testzentrums
                                                                    Wiesbaden
                                                                                                                                              für Neuentwicklungen Zagi, wonach
                                                                                                     Flughafen                                der erfahrene 57-jährige Kapitän
                                                                     Mainz                                                                    schon vor dem eigentlichen Crash
                                                                                                                                              zwei riskante Manöver geflogen habe.
             20 km                                                                       Rüssels-                                             Das gehe aus den Daten der Blackbox
                                                                                         heim                                                 hervor, mit deren Hilfe das Zagi den
                                                                                                                                              Unglücksflug im Flugsimulator nach-
                                                                                                                                              gestellt hat.
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Wissenschaft · Technik




    Charakter-Köpfe




                                                                                                                              P. WEGNER / PICTURE ALLIANCE / DPA / ARCO IMAGES
    Die Persönlichkeit von
    Gould-Amadinen spiegelt
    sich in deren Kopffarbe.
    Rote Prachtfinken sind ag-
    gressiv, schwarze mutig
    und gelbe unscheinbar.
    Dieselben Gene steuern
    offenbar sowohl Verhal-
    ten wie auch Aussehen.




            PÄ D A G O G I K
                                         Hauptproblem ist, dass die Schule sich     gleiten. Wir müssen ihnen erklären,
                                         nicht mehr zuständig fühlt. Die Lehrer     wie falscher Unterricht den Zugang
                                         sagen: Ich kann nichts für diese Schü-     zur Mathematik versperren und Kin-
„Rechenschwach durch                     ler tun.                                   der erst rechenschwach machen kann.

  falschen Unterricht“                   SPIEGEL: Wollen Sie leugnen, dass den
                                         einen Mathe schwererfällt als den an-
                                         deren?
                                                                                    SPIEGEL: Was können Eltern tun, deren
                                                                                    Kinder in Mathe untergehen?
                                                                                    Meyerhöfer: Wenn sie selbst Probleme
Der Mathematik-                          Meyerhöfer: Richtig ist, dass die Kinder   hatten, stecken sie die Kinder mit ih-
didaktiker Wolfram                       mit unterschiedlichen Vorstellungen        rer eigenen Mathe-Angst an. Wenn sie
Meyerhöfer, 42, von                      von Mengen und Zahlen in die Schule        selbst gut waren, werden sie keinerlei
der Universität Pader-                   kommen. Ungefähr einem Viertel             Verständnis haben für die Probleme.
born über Kinder, die                    erschließt sich diese Welt nicht von       Deshalb sollten Eltern sich raushalten.
Probleme im Umgang                       allein. Im ersten
mit Zahlen haben                         Schuljahr ist aber
                                         genügend Zeit, für
SPIEGEL: Sie halten die Rechenschwä-     alle in der Klasse
che für ein konstruiertes Phänomen.      eine gemeinsame
Warum?                                   Basis in Mathematik
Meyerhöfer: Erfahrungen aus Förderun-    zu erarbeiten.
gen zeigen, dass alle Kinder den Um-     SPIEGEL: Warum
gang mit Zahlen und Mengen lernen        geschieht es dann
können. Doch Begriffe wie Anarith-       nicht?
mie, Dyskalkulie oder eben Rechen-       Meyerhöfer: Viele
schwäche erwecken den Eindruck,          Lehrer können das
manche trügen eine Minderbegabung        nicht, weil sie es
in sich. Im Schulalltag werden Rechen-   nicht gelernt haben.
                                                                                                                              VEIT METTE / LAIF




schwache wie Kranke behandelt.           Deshalb sollten wir
SPIEGEL: Was sind die Folgen?            Spezialisten ausbil-
Meyerhöfer: Die Kinder erleben sich      den, die in der ersten
selbst als unvollkommen, aber das        Klasse die Lehrer be- Erstklässler im Mathe-Unterricht
                                              D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                     117
Wissenschaft


                                                                     KLIMA




        Rätsel der sinkenden Inseln
 Geologen und Sprachforscher aus Frankreich erkunden ein Südseeparadies. Die Uno
     hatte dort die ersten Klimaflüchtlinge der Erde geortet. Doch mehr als der
  Anstieg des Meeres bedroht das Absinken des Landes die Inseln des Südpazifiks.




  Strand der Südseeinsel Vanikoro




S
      ie liegt da wie eine Festung mit spit-     Keine hundert Meter mehr, dann tref-                ßen von der großen Insel“, wie sie ihn
      zen Zinnen. Eine dicke grüne Decke       fen zwei Kulturen aufeinander, zwei Le-               nennen.
      wie aus Samt bedeckt die Insel. So       bens- und Denkweisen – über die für den                  Die Fremden landen an, weil Vanikoro
eng stehen die Bäume auf den Berghän-          Anfang ein Lachen hinweghilft.                        langsam im Meer versinkt. Das vermuten
gen, so undurchdringlich sind ihre Kronen.       „Momombo wako!“, ruft Alexandre                     die Forscher und wuchten jetzt schwere
   Unten, da, wo Palmen den Strand säu-        François, der Linguist in der Gruppe. Er              Instrumente aus den Booten, mit denen
men, zeichnen sich gegen die grellen           hat hier schon einmal die Sprachen der                sie die Insel vermessen wollen.
Strahlen der aufgehenden Sonne Hütten          Insel studiert. Die Männer von Vani-                     Auf Vanikoro, nur ein Viertel so groß
ab. Aus einigen steigt Rauch auf.              koro erkennen ihn wieder, den „Wei-                   wie die Insel Rügen, leben 900 Einwohner,
   Vorsichtig steuern die Forscher aus
Frankreich mit ihrem Motorboot durch
das Riff. Vor ihnen liegt Vanikoro, ein        Drang in die Tiefe                                       Salomonen
Flecken Erde mitten in der Südsee. Die                                                                                 Vanikoro
                                               Die Australische Platte sinkt unter die Pazifische.
zu den Salomonen gehörende Insel war-          Dabei verhakt sie sich und zieht die Pazifische
tet mit ihren Geheimnissen auf die Ge-         Platte mit in die Tiefe. Löst sich die Verhakung,
lehrten. „Es fühlt sich an, als wären wir      entlädt sich die Spannung in einem Erdbeben,
auf einer Entdeckungsfahrt vor 250 Jah-        die Pazifische Platte springt wieder hoch und                            Tegua
ren“, sagt Valérie Ballu, 44.                  mit ihr die Inseln.                                           Vanuatu
   Die Geodätin aus Paris springt in das
flache Wasser einer Sandbank. Sie muss
das Boot über die Untiefe hinwegschie-                                                                                            AUSTRALIEN
                                                                                     Plattengrenze
ben. Im Dorf regt sich unterdessen Leben:
In den Eingängen der Hütten zeigen sich                      Neukaledonien
Frauen in bunten Röcken, ihre Babys auf
dem Arm. Nackte Kinder, die Haare                   Australische Platte                                        Pazifische Platte
kraus und blond, rennen neugierig zum
Strand. Die Männer paddeln den Weißen
in Einbäumen entgegen.
118                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Zunächst beginnt der Tag aber mit einer
                                                                                                                           Enttäuschung: Ballu und ihr Team vom
                                                                                                                           Nationalen Französischen Forschungszen-
                                                                                                                           trum CNRS suchen die Stelle, an der sie
                                                                                                                           vor sieben Jahren schon einmal die Höhe
                                                                                                                           der Insel vermessen haben. Doch ihr wich-
                                                                                                                           tigster Messpunkt, damals noch in sicherer
                                                                                                                           Entfernung vom Strand, liegt jetzt am Was-
                                                                                                                           ser. Die See unterspült den in Zement ge-
                                                                                                                           gossenen Metallstift. „Wahrscheinlich ist
                                                                                                                           er dadurch abgesunken“, sagt Geologe
                                                                                                                           Stephane Calmant, „unbrauchbar“, fürch-
                                                                                                                           tet der 52-Jährige.
                                                                                                                              Eines zumindest beweist die Verän-
                                                                                                                           derung: Die Küste hier ist in Bewegung.
                                                                                                                           Doch steigt der Meeresspiegel? Oder
                                                                                                                           sinkt die Insel? „Wir versuchen auf Vani-
                                                                                                                           koro Fragen zu klären, die von globaler
                                                                                                                           Bedeutung sind“, sagt Ballu.
                                                                                                                              Denn nirgendwo auf der Erde steigt
                                                                                                                           der Wasserspiegel so schnell wie hier
                                                                                                                           rund um die Inseln des Südpazifiks. Sie
                                                                                                                           machen die Region zu einem zentralen
                                                                                                                           Studienobjekt von Ozeanografen, Klima-
                                                                                                                           forschern und Geologen – und gleichzei-
                                                                                                                           tig rücken die entlegenen Eilande in den
                                                                                                                           Blickpunkt von Politikern und Ökologen.
                                                                                                                              Nicht weit südlich von Vanikoro haben
                                                                                                                           die Vereinten Nationen im Jahr 2005 „die
                                                                                                                           ersten Klimaflüchtlinge der Welt“ ausge-
                                                                                                                           macht. Auf Tegua, einer Insel, die zum
                                                                                                                           Inselstaat Vanuatu gehört, musste ein
                                                                                         GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL
                                                                                                                           Dorf umgesiedelt werden. Das Meer be-
                                                                                                                           mächtigte sich einer Kokosplantage. Bil-
                                                                                                                           der davon gingen durch die Weltpresse.
                                                                                                                              Die Umsiedlung auf Tegua unterstrei-
                                                                                                                           che, wie dringlich „immer drastischere
                                                                                                                           Maßnahmen“ seien, „um tiefliegende Ge-
                                                                                                                           meinden vor den Folgen der vom Men-
                                                                                                                           schen verursachten Emissionen zu schüt-
                                                                                                                           zen“, so warnte die Uno-Umweltbehörde
ohne Strom, ohne Telefon, ohne regelmä-    nordöstlich von Australien liegt (siehe                                         Unep. Und deren damaliger Chef, der
ßigen Fährbetrieb. Der Horizont ist hier   Grafik).                                                                        deutsche Christdemokrat Klaus Töpfer,
noch so etwas wie das Ende der Welt:         Wie viele Inseln Ozeaniens wurde                                              kommentierte düster: „Das Schmelzen
Wer wegwill, muss in eine lange Piroge     Vanikoro aus dem Feuer eines Vulkans                                            des arktischen Eises und der steigende
steigen, einen Einbaum mit Segel.          geboren. Ihr Schicksal wird bestimmt                                            Meeresspiegel sind die ersten Anzeichen
   Die Ureinwohner haben die Insel grob    vom Reiben und Stoßen der Kontinental-                                          großer Veränderungen, die wohl schon
in drei Stammesgebiete unterteilt, vier    platten. Zwei Tage lang wollen die For-                                         bald jeden auf diesem Planeten erfassen
eigene Sprachen sprechen sie auf dem       scher dieses geologische Spektakel er-                                          werden.“
Eiland, das mehr als 2000 Kilometer        kunden.                                                                            Doch eignet sich das Schicksal dieses
                                                                                                                           Dorfs wirklich, um es zu einem Symptom
                                                                                                                           der globalen Erwärmung zu küren? Die
                                                                                                                           Forscher aus Frankreich bezweifeln es,
                                                                                                                           jetzt fahnden sie auf Vanikoro nach Indi-
                                                                                                                           zien – zunächst einmal mit dem Busch-
                                                                                                                           messer.
                                                                                                                              Valérie Ballu hat sich auf die Suche
                                                                                                                           nach dem zweiten Messpunkt gemacht.
                                                                                                                           Ihr Kollege Alain Le Breus holt seine
                                                                                                                           handgemalten Aufzeichnungen heraus,
                                                                                                                           die aussehen wie eine Schatzkarte. Doch
                                                                                         GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL




                                                                                                                           ohne auch nur einen Blick darauf zu wer-
                                                                                                                           fen, deutet Alek Silo, ein Bewohner Va-
                                                                                                                           nikoros, mit seiner knochigen Hand auf
                                                                                                                           einen jungen Mangobaum.
                                                                                                                              Tatsächlich stoßen die Forscher unter
                                                                                                                           dem Buschwerk auf den Messpunkt.
                                                                                                                           Rasch klappen sie ein gelb-rotes Stativ
Geodäten Ballu, Le Breus am GPS-Messpunkt: „Jetzt beginnt der Kampf um Millimeter“                                         aus, wie es auch Vermessungstechniker
                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                                           119
GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL
Geologe Calmant auf Vanikoro: Der Planet ist keine starre Kugel                                                    Überspülte Kokosplantage im April 2009: Symptom der globalen

verwenden. „Jetzt beginnt der Kampf um            Zwei Jahre waren die beiden Schiffe Schleier aus Regentropfen tauchen Kokos-
die Millimeter“, sagt Ballu.                   schon im Pazifik unterwegs, als Lapé- palmen auf, deren Wurzeln vom Wasser
   Sie kontrolliert die Position der GPS-      rouse, vom Skorbut gezeichnet, 1788 in entblößt am Strand liegen. Sind das die
Antenne. Dann bittet sie Alek, noch ein        einen Zyklon geriet. „Als die Männer die ersten Indizien einer sinkenden Insel oder
paar junge Bäume zu fällen, die den Emp-       Insel im schäumenden Meer entdeckten, eines steigenden Meeresspiegels?
fang stören. „Wir brauchen für unsere          war es schon zu spät“, sagt Geodät Le         Geodätin Ballu will mit den Bewohnern
Messungen das Signal von möglichst vie-        Breus, „da war das Riff schon zu nah.“      reden, um von ihnen mehr über das Ver-
len GPS-Satelliten“, erklärt Ballu, „das          Das Schicksal der Männer von Lapé- halten des Meeres zu erfahren. Der
erhöht die Genauigkeit.“ Am Ende weist         rouse fesselte Anfang des 19. Jahrhun- sprachkundige François, 40, soll ihr dabei
die Anzeige ihres GPS-Geräts Kontakt           derts die Menschen in ganz Europa. Das helfen. Doch der ist bald ganz gefangen
mit 16 Satelliten aus.                         Unglück beschert der kleinen Südseeinsel von dem, was er nachher als „Sternstunde
   Alle 30 Sekunden werden die Geräte          Vanikoro sogar einen Auftritt in der Welt- eines Linguisten“ bezeichnen wird. Sie
die Positionsdaten der Satelliten speichern,   literatur: Jules Verne ließ Kapitän Nemo tritt ihm entgegen in Gestalt eines Mannes
48 Stunden lang. „Je länger wir messen,        zum Wrack der Seefahrer tauchen. „Ach! mit verwaschenem Nike-T-Shirt, schütte-
desto präziser die Ergebnisse“, so Ballu.      Ein schöner Tod für einen Seemann“, sagt rem Haar, hohen Wangenknochen und
   Das Auf und Ab der Erdkruste im Mil-        der Held des Romans „20 000 Meilen un- flacher Nase. Lainol Nalo heißt er und ist
limeter-Maßstab zu bestimmen ist eine          ter dem Meer“.                              „Chief“ hier, der Anführer im Dorf.
komplexe Angelegenheit. Denn der Pla-             Le Breus war dabei, als Archäologen        „Mamabo apika“, sagt Alexandre Fran-
net ist keine starre Kugel, sondern wird       Anker und Gläser bargen. Am Strand stie- çois. „Mamabo apika“, grüßt Lainol zu-
ständig verformt durch den Einfluss der        ßen sie auf Münzen, Porzellan – und ei- rück. „Das ist Tanema“, ruft François be-
Schwerkräfte von Mond und Sonne, aber          nen Schädel, der sich einem mitreisenden geistert. Viel mehr als die Begrüßung
auch Planeten wie Mars und Jupiter.            Wissenschaftler zuordnen ließ. Jetzt steht kennt er nicht von dieser Sprache. Und
   Sie zerren nicht nur an der Erdober-        an dem tragischen Ort ein GPS-Gerät und wenn er sie erlernen will, dann ist Lainol
fläche, sondern auch an den GPS-Satelli-       zeichnet Daten auf.                         der einzige Mensch auf diesem Planeten,
ten, die in ihrer Umlaufbahn förmlich her-        Zwischen 0,5 und 1,2 Metern, so wird der sie ihm noch beibringen könnte.
umeiern. „Das alles bedeutet Ungenau-          der im kommenden Jahr erscheinende            François kramt sein digitales Aufnahme-
igkeit“, erklärt Ballu.                        Weltklimabericht aussagen, werden die gerät heraus und spielt Lainol eine Stim-
   Sie steigt über zwei Baumstämme, die        Meere bis zum Jahr 2100 ansteigen. Die me vor, die dieser nur zu gut kennt. Sie
sich über einen sumpfigen Bach spannen,        globale Erwärmung schlage bereits heute gehört seiner Großmutter. Im vergange-
zurück zum Strand. Geologe Calmant             jedes Jahr mit 1,8 Millimetern zu Buche. nen Jahr ist sie gestorben. 105 Jahre war
schreitet ihn mit einem GPS-Gerät ab,          Das allerdings ist wenig im Vergleich zu sie alt, auch sie sprach Tanema.
um den Verlauf mit alten Aufzeichnungen        natürlichen Schwankungen: Die Menschen        Bei seinem letzten Besuch hat François
zu vergleichen. Alain Le Breus deutet auf      von Vanikoro, so wie die Bewohner der aufgezeichnet, wie die Hundertjährige
verrottende Baumwurzeln, die im Wasser         meisten Südseeinseln, müssen mit Schwan- ihm eine Geschichte erzählte. Jetzt will
stehen. „Da hinten verlief bei meinem          kungen um 20 Zentimeter fertigwerden. sich François den Text übersetzen lassen.
ersten Besuch die Küste“, sagt er.             Grund dafür sind Strömungen im Pazifik, „So komme ich nicht nur den Vokabeln,
   Le Breus ist schon öfter auf Vanikoro       etwa das Klimaphänomen El Niño.             sondern auch dem Satzbau und der Struk-
gewesen, doch bisher trieb ihn etwas an-          Valérie Ballu drängt. Keine 48 Stunden tur der Sprache auf die Spur“, erklärt er.
deres hierher. „Wir stehen hier auf histo-     haben sie Zeit, um zu klären, ob die Küs-     Sprache, das ist mehr als nur ein Mittel
rischem Boden“, verkündet er und weist         te auch an anderen Stellen der Insel zur Verständigung. „Sie ist zugleich eine
auf einen Gedenkstein mit bronzener Ta-        schwindet. Die Forscher wollen ins Dorf Form des Gedächtnisses“, sagt François.
fel. An diesen Strand, berichtet Le Breus,     Temuo auf der Ostseite des Eilands. Nach Sie stecke voller Kenntnisse über die In-
hätten sich die tapferen Seeleute des Ent-     dem Mittagessen auf ihrem Forschungs- sel, deren Pflanzen und über das Meer
deckers Jean-François de Lapérouse ge-         schiff „Alis“, betrieben durch das Institut mit seinen Gesetzen. „Wenn der letzte
flüchtet, nachdem ihre Schiffe draußen         de recherche pour le développement, las- Sprecher einer Sprache stirbt, dann wan-
auf dem Riff gesunken waren.                   sen sie das Motorboot zu Wasser.            dern mit ihm auch all das Wissen und die
   Kurz vor der Französischen Revolution          Noch bevor sie die aufgeregten Dorf- Geschichten mit ins Grab“, sagt François.
waren die Schiffe aufgebrochen, entsen-        bewohner erreichen, prasselt ein Tropen-      Gerade die Inselwelt des Südpazifiks
det vom bedrängten Regenten Louis XVI.         schauer nieder. Durch den dampfenden ist ein einzigartiges Sprachlabor. Nur 0,1
120                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL
                                                 VALERIE BALLU / PNAS




Erwärmung?                                                              Sprachforscher François, Stammesführer Nalo: Sternstunde eines Linguisten

   Prozent der Weltbevölkerung leben dort,                              rige die Französin und zieht einen neuen Kokosplantage ist seitdem trocken“, sagt
   doch 18 Prozent aller Sprachen stammen                               Laptop hervor, einen Gegenstand, der in Ballu.
   aus der Region, 1250 an der Zahl. „Was                               dem archaischen Dorf wie ein Fremdkör-         Für die Menschen allerdings, meint sie,
   auffällt, ist deren ungleiche Verteilung“,                           per aus einer anderen Zeit wirkt.           sei es im Grunde egal, welcher Mechanis-
   erklärt François.                                                       Meninga schließt den Computer auf mus schuld daran ist, dass sie das Dorf
      Zwei Volksgruppen bewohnen die Insel-                             dem grobgezimmerten Schultisch an eine aufgeben mussten. Sie ärgert sich nur dar-
   welt: Polynesier und Melanesier. Beide                               Autobatterie an, die er mit einem Solar- über, dass die mit Geldern aus dem An-
   stammen ab vom Volk der Lapita, das                                  panel aufgeladen hat – und dann prallt passungsfonds für Klimageschädigte um-
   sich vor rund 3000 Jahren aufmachte, den                             die Powerpoint-Kultur moderner Wissen- gesiedelten Menschen in ein neues Dorf
   Pazifik zu erkunden. Beide haben tief-                               schaft auf den Glauben der Ureinwohner zogen, das kaum besser gelegen sei. „Es
   schwarze Haut, doch die Gesichtszüge                                 an Geister und böse Mächte.                 ist auf zu geringer Höhe gebaut“, berich-
   der Melanesier ähneln denen der Afrika-                                 In dem eigenartigen Pidgin-Englisch, das tet Ballu. „Springfluten oder Tsunamis
   ner, die Polynesier wirken eher asiatisch.                           hier gesprochen wird, beginnt Ballu vom können es immer noch erreichen.“
      Auch ihre Lebensweise ist anders. Wie                             heißen Inneren des Planeten zu erzählen        Die Geodätin schaut in die Runde. Sie
   ihre Ahnen, so sind die Polynesier bis                               und den Kontinentalplatten, die auf der spürt, dass ihr das Publikum nicht mehr
   heute Seefahrer geblieben. Sie navigieren                            flüssigen Gesteinsmasse driften. Sie redet folgt. Sie hakt nach. „Warum, glaubt ihr,
   mit Hilfe der Sterne und erfühlen mit ih-                            vom „big fella earth sec sec“ und meint da- bebt die Erde?“, fragt die Forscherin.
   rer Hand die Strömungen des Meeres.                                  mit die Erdbeben, die alle hier gut kennen. Zunächst traut es sich keiner auszuspre-
   Über 25 Namen für Winde und mehr als                                    Genau unter ihren Füßen, so doziert chen. Doch dann wagt sich eine junge
   100 nautische Begriffe hat François bei                              sie unter dem Palmdach der Dorfschule Frau vor, vermutlich eine Hilfslehrerin.
   den Polynesiern katalogisiert.                                       von Temuo, sinke eine Scholle unter die Ihr Mund leuchtet feuerrot von den Be-
      Die Melanesier dagegen, die auf Vani-                             andere: Die Australische Platte, Ballu telnüssen, die sie wie die meisten anderen
   koro in der Mehrzahl sind, entdeckten                                spreizt ihre Hand, tauche unter die Pazi- Bewohner von Vanikoro kaut. Sie erzählt
   den Ackerbau für sich. Gleichzeitig ent-                             fische. Und: „no soap soap“, Ballu ruckelt von einem Mann, einem schwarzen Ma-
   stand jenes babylonische Sprachengewirr,                             mit der linken Hand, die Platten verha- gier, besessen von bösen Geistern. „Der
   dessen Entschlüsselung François als seine                            ken sich, und die Spannung entlädt sich. ist schuld an den Beben“, versichert sie.
   Lebensaufgabe betrachtet.                                               Immer wieder erschüttern Beben die          Bis in die Gegenwart lebt der Geister-
      Stammesführer Lainol glaubt den                                   Insel Vanikoro, und Tsunamis rollen an glaube auf Vanikoro fort. Den Wissen-
   Grund für die Sprachenvielfalt zu kennen:                            den Strand. Aber auch langfristig sind die schaftlern fällt es schwer, ihn zu akzep-
   „Wenn wir eigene Worte haben, dann ver-                              Menschen hier den Naturgewalten ausge- tieren. Und doch war es gerade dieser
   stehen die im anderen Dorf uns nicht“,                               liefert. Denn die Australische Platte, die Aberglaube, der den Menschen Schutz
   erklärt er. Und das betrachtet er als stra-                          langsam versinkt, zieht auch Vanikoro vor den Naturgewalten bot. „Die Missio-
   tegischen Vorteil. „Sie haben sich bewusst                           mit in die Tiefe.                           nare“, erzählt ein alter Mann, „sagten:
   dazu entschlossen, ihre Sprache gegen                                   Für die ganz in der Nähe gelegene Insel ,Jetzt glaubt ihr an Christus, jetzt braucht
   jene aus dem anderen Dorf abzugren-                                  Tegua hat Ballu das bereits im vergange- ihr keine Angst mehr zu haben.‘“ Fatale
   zen“, analysiert François.                                           nen Jahr in einer vielbeachteten Publika- Folge: Die Menschen zogen von den Hän-
      Während er nach den Vokabeln einer                                tion dokumentieren können. Um fast gen herunter, ans Meer.
   moribunden Sprache fahndet, hat ein jun-                             zwölf Zentimeter war die Insel von 1997        Das aber rückt ihnen ständig näher.
   ger Mann Geodätin Ballu in ein Gespräch                              bis 2009 abgesunken, bis jene mittlerweile Um sieben Millimeter, so zeigen es Ballus
   verwickelt. Das neue Poloshirt und die                               auf Weltklimakonferenzen berühmt ge- GPS-Geräte an, sinkt Vanikoro im Jahr.
   gepflegte Hose unterscheiden ihn von den                             wordene Kokosplantage unter Wasser                                     GERALD TRAUFETTER
   Insulanern in ihren verwaschenen Shirts,                             stand. „Der Meeresspiegel stieg. Doch
   die meist aus Altkleidersammlungen rund                              drei Viertel davon waren durch das Ab-
   um den Globus stammen. Er stellt sich                                sinken des Landes verursacht“, sagt sie.                      Video:
   auf Englisch vor, Michael Meninga heiße                                 Die Vereinten Nationen waren zu                            Paradies vor dem
   er, und er sei Lehrer, entsendet für drei                            voreilig mit dem Ausrufen der Klima-                          Untergang
   Jahre aus der Provinzhauptstadt Lata.                                flüchtlinge – das zeigte sich beim großen                     Für Smartphone-Benutzer:
      Ob sie den Schülern über ihre For-                                Beben von 2009: Plötzlich schoss die                          Bildcode scannen, etwa mit
   schung erzählen könne, fragt der 38-Jäh-                             Insel wieder aus den Fluten empor. „Die                       der App „Scanlife“.
                                                                              D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                         121
Technik

                                            Sicherheitstechnik. Doch stoßfeste Karos-  Allemal ist Volvo mit dem Passanten-
            AU TOM O B I L E                serien haben heute fast alle.            Prallsack ein Kompendium ingeniöser
                                              Der Hersteller aus Göteborg verkauft   Einzelleistungen geglückt: Sieben Senso-

      Überleben der                         rund 450 000 Autos im Jahr, ist mithin ein
                                            Winzling der Branche, aber anders als
                                            die unter General Motors verendete
                                                                                     ren an der Wagenfront müssen erkennen
                                                                                     können, dass hier ein menschliches Bein
                                                                                     anstößt und nicht etwa ein Einkaufs-

        Anderen                             Schwedenmarke Saab immerhin noch
                                            existent. Volvo schrammte unter Ford-
                                            Regie haarscharf am Ruin vorbei und ist
                                                                                     wagen; Schießpulverkapseln heben so-
                                                                                     dann die Motorhaube aus den Angeln
                                                                                     und öffnen einen Schlitz für die Luft-
    Mit dem ersten Außenairbag,             inzwischen Eigentum eines chinesischen   matratze, die ihr enormes Volumen von
 der Fußgänger schützen soll, setzt                                                             120 Litern in Bruchteilen einer
     Volvo einen neuen Standard                                                                 Sekunde aufbaut.
                                                                                                   Dass nur eine kleine Firma
  in der Sicherheitstechnik – und                                                               aus Göteborg so etwas kann,
   blamiert damit die Konkurrenz.                                                               blamiert Auto-Imperien wie
                                                                                                Volkswagen, wo ein zweistel-


D
        ass Mensch und Auto beim Zu-                                                            liger Milliardengewinn ausge-
        sammenstoß ungleiche Gegner                                                             wiesen, aber fast nichts für den
        sind, bleibt auch dem Ingenieur                                                         Fußgängerschutz getan wird.
nicht verborgen. Der Unterschied, sagt                                                          Volvos Entwicklungsbudget
Thomas Broberg, bestehe vor allem in                                                            für den Fußgänger-Airbag dürf-
der Konsistenz: „Autos sind hart und                                                            te kaum höher gewesen sein
Menschen weich.“                                                                                als jene 18 Millionen Euro, die
   Broberg ist Leiter der Sicherheitsent-                                                       VW-Chef Martin Winterkorn
wicklung beim schwedischen Autoherstel-                                                         im vergangenen Jahr als Ein-
ler Volvo und momentan damit befasst,                                                           kommen einstrich.
dem Auto die Härte zu nehmen. Als ers-                                                             In einer Stellungnahme be-
ter Serien-Pkw der Welt wird der neue                                                           wertet VW den Außenairbag
Volvo V40 einen Airbag vor der Wind-                                                            „kritisch, weil nicht ausge-
schutzscheibe entfalten, sobald er einen                                                        schlossen werden kann, dass
Fußgänger erfasst.                                                                              durch Fehlauslösungen dem
   Volvo erfüllt damit eine seit langem an-                                                     Fahrer die Sicht auf die Straße
hängige Forderung von Autokritikern und                                                         verdeckt wird“. Mercedes ar-
alternativen Verkehrsverbänden, die Si-                                                         gumentiert ebenso.
cherheitsentwicklung zugunsten der Men-                                                            Der Volvo-Luftsack wird die-
schen voranzutreiben, die nicht im Auto                                                         sen Vorbehalt wohl verpuffen
sitzen. Denn eben sie sind besonders ge-                                                        lassen. Er legt sich bananenför-
fährdet. Im vergangenen Jahr stieg in                                                           mig um den Scheibenrahmen
Deutschland wieder die Zahl der Ver-                                                            und lässt einen großen Teil der
kehrsopfer, insbesondere die der getöte-                                                        Glasfläche frei, der ohnehin re-
ten Passanten: 612 Fußgänger ließen 2011                                                        lativ weich und somit nicht das
ihr Leben im Straßenverkehr, 136 mehr                                                           kritische Aufprallfeld ist. „Fehl-
als im Jahr zuvor.                                                                              auslösungen“, sagt Entwickler
   Zwar gelten in der EU seit sieben Jahren                                                     Broberg, „werden ebenso
Vorschriften zum Fußgängerschutz; doch                                                          harmlos wie unwahrscheinlich
blieben diese weit hinter den einstigen                                                         sein.“ Volvo habe eine Reihe
Zielsetzungen der Kommission zurück.                                                            von Szenarien durchprobiert;
Neben nachgiebigen Hauben und Front-                                                            Fußbälle oder Handkarren
partien, wie sie heute Pflicht sind, sollten                                                    etwa aktivieren den Prallsack
ursprünglich Maßnahmen an den harten                                                            nicht.
Blechstrukturen des Scheibenrahmens Fußgänger-Crashtest bei Volvo: Landung im Luftkissen           Auch die Sorge, es könne
vorgeschrieben werden. Dort, das wissen                                                         ein Volkssport werden, mit
Unfallforscher, ereignen sich die schwers- Autoherstellers namens Geely, dessen bis- Fußtritten die Airbags geparkter Volvos
ten, oft tödlichen Kopfverletzungen.         lang auffälligstes Produkt ein plumpes zu aktivieren, sei unbegründet. Der Air-
   Der Scheibenrahmen lässt sich aber Rolls-Royce-Plagiat war.                       bag löst nur bei Geschwindigkeiten zwi-
nicht so einfach nachgiebig gestalten. Er      Unbeeindruckt von solchen Irritatio- schen 20 und 50 Kilometern pro Stunde
dient der Steifigkeit und Überschlagsicher- nen soll eine neue Führungsriege vor- aus. Es müsste schon jemand gegen das
heit der Karosserie. Ein Luftkissen ist hier wiegend deutscher Manager Skandina- fahrende Auto treten.
die einzig plausible Maßnahme, dem Pas- viens letztes Auto-Heiligtum nun auf Kurs      „Und wer das tut“, sagt Broberg, „der
santen eine möglichst weiche Landung bringen. „Scandinavian Luxury“ nennt braucht den Airbag.“
zu ermöglichen. Doch die Konzerne, die Cheftechniker Peter Mertens – einst bei                                     CHRISTIAN WÜST
ihre Kunden mit Airbags aus Front und Daimler – als Formel für die Produkt-
Seiten schützen, scheuten solchen Auf- entwicklung. Mertens schildert den Volvo-
wand für das Überleben der Anderen.          Kunden als Phänotyp des vortrefflichen                    Video:
   Volvo setzt nun die Branche unter Staatsbürgers: verantwortungsvoll, gebil-                         So soll der Airbag
Druck – und nutzt dabei die Chance, sein det und von ebenso hoher wie kulti-                           funktionieren
von Erosion bedrohtes Profil zu schärfen. vierter Kaufkraft. Was passt besser ins                      Für Smartphone-Benutzer:
Getragen vom Mythos des Schweden- Weltbild eines solchen Menschen als ein                              Bildcode scannen, etwa mit
panzers, gilt die Marke als Gralshüter der altruistischer Airbag?                                      der App „Scanlife“.
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               Sechs Wochen alter Embryo: „Die Eltern werden nicht mehr ein noch aus wissen“

                                                                                                           erkennen, welche Behinderungen oder
                                                     GENETIK                                               todbringenden Leiden im Erbgut des Fö-
                                                                                                           tus angelegt sind.

                                „Im Zweifel töten“                                                            Das allein ist noch nicht die Revolution.
                                                                                                           Längst können Ärzte mit einer Frucht-
                                                                                                           wasseruntersuchung ab der zwölften
                                                                                                           Woche oder, noch einen Tick früher, mit
                      In Zukunft können Ärzte das gesamte Erbgut des Fötus                                 einer Chorionzottenbiopsie fötale Zellen
                             nach genetischen Defekten durchforsten.                                       entnehmen und herausfinden, ob das
                                                                                                           Kind beispielsweise Trisomie 21 hat, das
                        Wird die Schwangerschaft auf Probe zum Regelfall?                                  Downsyndrom.
                                                                                                              Im Jahr unterziehen sich Zehntausende


               E
                     lke Holinski-Feder redet viel über         Was der Humangenetikerin Angst             Schwangere in Deutschland diesen Pro-
                     Kinder, Leid und Tod, das ist ihr       macht, ist ein Durchbruch in Sachen prä-      zeduren. Allerdings nehmen sie dabei ein
                     Job. Sie spricht darüber mit Paaren,    nataler Diagnostik. Eine Zeitenwende. Es      Risiko in Kauf: Die Pränatalmediziner
               die fürchten, ein Kind mit Downsyndrom        geht um eine Methode, die für immer ver-      müssen mit einer langen Spezialnadel
               zu bekommen. Oder mit anderen, die sich       ändern könnte, wie wir mit ungeborenem        durch ihre Bauchdecke stechen und nah
               ein Kind wünschen, aber Angst haben,          Leben umgehen. Wie wir mit Krankheit          am Fötus Zellen ernten. In mindestens
               sie könnten ihm ihre kaputten Gene ver-       und Behinderung umgehen.                      jedem 200. Fall wird dabei eine Fehl-
               erben; Genvarianten, die Muskeldystro-           Sicher ist: Es wird mehr Schwanger-        geburt ausgelöst, ob der Fötus gesund ist
               phie auslösen, Bluterkrankheit, Chorea        schaftsabbrüche geben. Und es wird mehr       oder nicht.
               Huntington, Krebs in der Jugend oder an-      Mütter und Väter geben, die verzweifeln,         Das geht inzwischen sanfter für Mama
               dere schreckliche Leiden.                     weil ihnen niemand mehr sagen kann, ob        und Kind: Eine Blutprobe der Mutter
                  Die Münchner Humangenetikerin              es gut ist, ihr Baby zur Welt zu bringen.     reicht. Seit 1997 ist bekannt, dass zell-
               scheut diese Gespräche nicht, sie führt sie   Es wird sich zum Beispiel die Frage           freies fötales Erbgut durch die Adern der
               seit 20 Jahren. Sie ist Profi. Doch jetzt     stellen, ob es erträglich ist, ein Kind mit   Mutter schwappt; seitdem arbeiten die
               gibt es dieses neue Verfahren, mit dem        einer winzigen Mutation zu gebären, die       Forscher daran, es zu analysieren. Was
               sich schon im Mutterleib erkennen lässt,      vielleicht später krank macht. Aber viel-     schwierig ist, weil die DNA der Mutter
               welche genetischen Zeitbomben in den          leicht auch nicht. Es wird selektiert wer-    im Blut sich schwer unterscheiden lässt
               Zellen des Ungeborenen ticken – ohne          den, durch sozialen Druck: Du hättest es      von den Erbgutstückchen, die der Fötus
               diesem dabei ein Härchen zu krümmen.          wissen können, wieso hast du’s nicht          von ihr geerbt hat.
               Alle Defekte im Erbgut: entlarvt. Aus ärzt-   verhindert?                                      Dies ist Shendure und Kitzman gelun-
               licher Sicht eigentlich ein Traum. Und           Mit der neuen Methode, vorige Woche        gen – aber auch dies ist nicht die eigent-
               doch hat Holinski-Feder, als Profi, zum       von Jay Shendure und Jacob Kitzman            liche Sensation. Schon vor anderthalb
               ersten Mal Angst. „Die Eltern werden          von der University of Washington in ei-       Jahren berichtete Dennis Lo, ein Geneti-
               nicht mehr ein noch aus wissen“, sagt sie.    nem Fachjournal publiziert, lässt sich früh   ker von der Chinese University in Hong-
               126                                                 D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Wissenschaft

kong, dass er und sein Forschertrupp Teile teilen müssen: ,Hier ist eine Veränderung Fortsetzung einer bestimmten Haltung
des fötalen Erbguts herausgefischt und im Erbgut Ihres Kindes – aber wir wissen gegenüber dem vorgeburtlichen Leben.
entziffert haben.                           nicht, was sie bedeutet‘“, sagt sie. Die El- „Je gläserner es wird, desto mehr wird
   Eine schlichtere Variante der Erbgut- tern müssten dann die gesamte Schwan- das Kind zum prüfbaren Produkt“, meint
analyse via Blutentnahme wird schon gerschaft und die ersten Lebensjahre die Maio. „Wir glauben, wir könnten Kinder
sehr bald Realität für viele werdende El- Ungewissheit ertragen: Erkrankt das zeugen, um sie im Zweifelsfall zu töten.“
tern in Deutschland. Die Krankenkassen Kind? Wie sehr muss es leiden? „Das ist               Urban Wiesing von der Universität
zahlen noch nicht dafür, aber mit dem ein Horrortrip für die Eltern. Ich befürch- Tübingen spricht von einer „Hintertür-
sogenannten PraenaTest lässt sich eine te, dass viele die Schwangerschaft deshalb Eugenik“, die hier drohe. „Man überlässt
Chromosomen-Anomalie erkennen. We- vorsichtshalber abbrechen werden.“                     es den Paaren zu entscheiden. Diese libe-
nige Milliliter Blut von der Mutter rei-        Dabei ist längst bekannt, dass auch grö- rale Praxis verändert die Maßstäbe, und
chen, und Mama und Papa wissen, ob das ßere genetische Defekte mitunter völlig diese werden dann Gewohnheit.“
Baby im Bauch eine Kopie zu viel vom ohne Folgen für die Betroffenen bleiben.                Jetzt schon ist es Gewohnheit gewor-
Chromosom 21 in seinen Zellen hat.          „Ich habe zum Beispiel eine Familie un- den, nach der Diagnose Downsyndrom
   Vor allem aber, das ist der neue, der tersucht, in der mehreren Mitgliedern je- die Schwangerschaft abzubrechen; mehr
entscheidende Schritt, haben Kitzman weils rund fünf Millionen DNA-Bausteine als 90 Prozent der Paare tun das. Und:
und seine Kollegen es geschafft, sämtliche fehlten – und trotzdem waren sie gesund.“ „Je mehr man untersuchen kann, desto
Gene des fötalen Erbguts aus dem Blut Selbst kleine zusätzliche Chromosomen mehr gilt als unerträglich, als eigentlich
der Mutter zu fischen. Selbst völlig neue müssen keinen Schaden anrichten – wäh- nicht mehr zumutbar“, sagt Ethiker
Mutationen können sie aufspüren, Ver- rend winzige Punktmutationen verhee- Maio. „Man tappt in die Falle der Mach-
änderungen des Erbguts durch Zufall, die rend wirken können. „Es gibt so viele barkeit.“
während der Eizellen- oder Spermienbil- Möglichkeiten“, sagt Holinski-Feder, „wo-            Eltern, die sich für ein Kind entschei-
dung auftreten. Das Verfahren ist damit her soll ich sagen können: ,Das macht den, das Anlagen beispielsweise für einen
geeignet, sämtliche Föten auf genetische krank und das nicht?‘“                           bestimmten Tumor in sich trägt, müssten
Auffälligkeiten hin zu testen.                  Es ist fraglich, ob Eltern eine solche sich dafür rechtfertigen, spätestens, wenn
   Noch ist es dafür zu kompliziert und Ungewissheit aushalten können. Die die Krankheit dann ausbreche. Die Ärzte
zu teuer, Schätzungen liegen bei bis zu Unbefangenheit jedenfalls gehe endgültig wiederum gerieten unter Druck, weil die
50 000 Dollar für eine solche Untersu- verloren, klagt Giovanni Maio, Medizin- Eltern sie vor Gericht zerren könnten,
chung. Aber das wird sich ändern. Es ist ethiker an der Universität Freiburg. Für wenn sie auf eine bestimmte Normabwei-
abzusehen, dass allein die Sequenzierung ihn ist das neue Verfahren die logische chung nicht hinweisen und das Kind spä-
des menschlichen Genoms bald nicht                                                        ter an einem daraus resultierenden Lei-
mehr kosten wird als ein Ticket zur Fuß-                                                  den erkrankt.
ball-EM. In den vergangenen elf Jahren Günstiger Gentest                                     Stefan Mundlos, Chef der Humange-
sind die Kosten dramatisch gesunken von Kosten für die Entschlüsselung eines              netik an der Berliner Charité, schlägt
knapp 100 Millionen auf weniger als menschlichen Genoms, in Euro                          vor, künftige Erbgut-Checks zu be-
10 000 Euro pro Erbgut (siehe Grafik).      (logarithmische Darstellung)                  schränken auf „Krankheiten, die gut er-
   Das komplette Gen-Screening des Fö- 100 Mio.                                           forscht sind, und solche, die besonders
tus wird möglich sein, und es wird ge-                                                    gefährlich sind“. Aber wer entscheidet,
macht werden. Die Aussicht, seinem Kind                                                   welche Syndrome darunter fallen? Selbst
womöglich ein schweres Schicksal zu er-                                                   wenn sich Kommissionen auf irgendeine
                                              10 Mio.
sparen, mit einer simplen Blutabnahme                                                     Liste einigen könnten: Wie geht es ei-
und ohne das Risiko einer Fehlgeburt, all                                                 nem Mukoviszidose-Patienten, der sein
dies wird dazu führen, dass der umfas-                                                    Leiden dort aufgezählt findet? Der Ein-
sende DNA-Test zur Regeluntersuchung           1 Mio.                                     trag kann für ihn nur bedeuten: Du ge-
wird. Wie der Ultraschall.                                                                hörst zu denen, die wir uns in Zukunft
   „Ich denke, es wird keine zehn Jahre                                                   ersparen wollen.
mehr dauern, bis alle werdenden Eltern 100 000                                               Die Humangenetikerin Elke Holinski-
vor der Frage stehen: ,Lasse ich das ma-                                                  Feder kennt keinen Weg aus diesem ethi-
chen?‘“, meint Holinski-Feder. Doch statt                                                 schen Dilemma. Aber sie schlägt einen
nur Auskunft darüber zu bekommen, ob          10 000                                      Zwischenschritt vor, der das Kind – je-
ihr Kind wie der Onkel an einer Muskel-                                                   denfalls zunächst – aus dem Spiel lässt.
dystrophie leiden oder wie die große                   Quelle: National Human             Und der die Eltern nicht mit diesem Wust
                                                       Genome Research Institute
Schwester an einer tödlichen Stoffwech-         1000                                      an ebenso fragwürdigen wie schockieren-
selkrankheit sterben wird, erhalten die                 02         04       06   08 10 12 den Daten aus dem Getümmel der föta-
Eltern dann eine Unzahl genetischer In-                                                   len Gene überschüttet.
formationen – mit denen selbst Human-                                                        Wenn Paare sich unbedingt testen las-
genetiker bislang oft nichts anfangen kön-                                                sen wollten, meint Elke Holinski-Feder,
nen. „Wenn Sie zu mir kämen und mich                                                      sollten sie schon vor einer Schwanger-
bäten, das gesamte Genom Ihres Kindes                                                     schaft in ihrem Erbgut gezielt nach Ver-
zu untersuchen“, sagt Holinski-Feder,                                                     änderungen in den knapp 500 bekannten
„würde ich sagen: ,Bis wir mit der Inter-                                                 Genen suchen lassen, die, wenn sie un-
pretation der Ergebnisse fertig sind, wird                                                glücklich aufeinandertreffen, bei einem
Ihr Kind wahrscheinlich fünf Jahre alt                                                    Kind zu schwerster Krankheit und Behin-
sein.‘“                                                                                   derung führen können. „Das wird heute
                                                                                           CLARE MCLEAN




   Würde die Genomanalyse aus dem müt-                                                    schon in manchen Fällen gemacht und
terlichen Blut schon jetzt zur Routine, kä-                                               kann mitunter viel Leid ersparen“, sagt
men derzeit oft mehr Fragen als Antwor-                                                   die Ärztin.
ten heraus, fürchtet die Humangenetike- Genetiker Shendure                                                        RAFAELA VON BREDOW,
rin. „Wir werden den Eltern ganz oft mit- Wie sehr muss das erkrankte Kind leiden?                             VERONIKA HACKENBROCH

                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                         127
Technik

                                                   London bekommt unterdessen Konkur-                        Portemonnaie – und prompt zeigt dieser
                COMPUTER                         renz als größte europäische Pilotregion –                   die Kartenkennung an: „10b1cd …“.
                                                 und zwar von Hannover. Seit Anfang Juni                        Überweisungen kann man mit dieser

       Funkgeld im                               hängen haushohe Plakate an der Fassade
                                                 des Hauptbahnhofs und schreien in riesi-
                                                 gen Buchstaben: „So gut kann bezahlen
                                                                                                             „EF-ID“-Nummer nicht machen, aber Be-
                                                                                                             wegungsprofile wären denkbar, zum Bei-
                                                                                                             spiel mit Hilfe von RFID-Scannern, die

      Portemonnaie                               aussehen“ über dem Foto einer Ballerina
                                                 mit Funk-Geldkarte. Und in der Bahnhofs-
                                                 halle wirbt ein Info-Stand: „Kein Bargeld,
                                                                                                             bereits heute am Ausgang vieler Geschäf-
                                                                                                             te überwachen, ob unbezahlte Waren hin-
                                                                                                             ausgeschmuggelt werden.
Elektronische Zahlkarten machen                  kein Kartenstecken, keine Pin-Nummer,                          Noch kritischer ist es bei den NFC-Kre-
    dem Bargeld Konkurrenz.                      keine Unterschrift.“                                        ditkarten: Hier könnten Fremde zum Bei-
 Per Funk werden die Beträge an                    Seit ein paar Monaten haben über 1,5                      spiel im U-Bahn-Gedränge die Kreditkar-
                                                 Millionen Kunden von Sparkassen und                         tennummer auslesen, um zu versuchen,
   Händler übermittelt. Daten-                   Volks- und Raiffeisenbanken neue EC-                        damit im Internet zu shoppen.
schützer sehen erhebliche Risiken.               Karten bekommen, die mit dem „Giro-                            Die Anbieter der NFC-Karten finden
                                                 go“-Chip aufgerüstet sind, zunächst nur                     derlei Kritik überzogen. Kreditkartennum-


D
        ie Olympischen Spiele in London          in der Pilotregion Hannover, Braun-                         mern waren ja auch bisher weitgehend
        sind Schauplatz einer neuen Wett-        schweig und Wolfsburg. Bis Ende des Jah-                    ungeschützt. Und selbst auf Geldscheinen
        kampfdisziplin: Bezahlen mit elek-       res sollen es bundesweit 16 Millionen sein.                 können verräterische Informationen ver-
tronischem Bargeld.                              Deutschland würde damit von einem                           steckt sein, zum Beispiel Kokainspuren,
   Seit vergangenem Mittwoch bekom-              Nachzügler zu einem Vorreiter im NFC-                       Fingerabdrücke oder Erbgutschnipsel.
men 200 Postfilialen in der Nähe der             Wettlauf.                                                      Die Datenschutzschwächen der NFC-
Sportstätten neue Lesegeräte, bis Okto-            Für den Handel haben die NFC-Karten                       Karten sind kein Skandal, wohl aber
ber sollen es über 11 000 sein. Nirgendwo        den Vorteil, dass jeder Kunde ein paar                      handwerkliche Schluderei. Es wäre ein
sonst in Europa gibt es ein größeres An-         Sekunden schneller bedient werden kann.                     Leichtes gewesen, sie besser zu sichern,
gebot für elektronisches Bargeld. Kunden         Allerdings kostet die Nachrüstung pro Le-                   zum Beispiel indem bei jeder Datenab-
können nun ihre Briefmarken dort mit             segerät über hundert Euro.                                  frage erst einmal die Berechtigung ge-
digitalem Kleingeld bezahlen: Sie bekom-           Die Kunden könnten schnell Freude                         prüft wird. So macht es zum Beispiel der
men den Betrag auf einem Terminal an-            daran finden, mit einer einfachen Geste                     elektronische Reisepass. „Für ein paar
gezeigt, halten ihre Funk-Kreditkarte da-        kleine Summen zu begleichen, statt in                       Cent wäre das auch bei den Geldkarten
vor – fertig. Kein Kramen im Portemon-           der Brieftasche herumzufingern. Ande-                       möglich gewesen“, sagt Leppelt. Der
naie, kein Rückgeld, kein Warten.                rerseits scheiterten Banken schon mehr-                     Nachteil: Der Bezahlvorgang würde da-
   NFC (Near Field Communication) heißt          mals mit der Durchsetzung von Compu-                        durch geringfügig länger dauern.
die Technik. Die Olympischen Spiele die-         tercash, auch mit der herkömmlichen                            Außerdem ärgert es Leppelt, dass er
nen Kreditkartenkonzernen als werbe-             „Geldkarte“: Auftanken und Bezahlen                         die EC-Karte mit NFC ungefragt zuge-
wirksames Schaufenster, um die Kunden            waren zu nervig.                                            schickt bekam. Doch genau diese Zwangs-
vom „Nahfeld-Funk“ zu überzeugen, mit              „Girogo“ basiert zwar auf der alten                       modernisierung könnte dem Digital-Bar-
Namen wie „Paypass“ (Mastercard) und             Geldkarten-Technik, versucht aber deren                     geld diesmal zum Durchbruch verhelfen.
„Paywave“ (Visa). Über 20 Millionen Kun-         Nachteile zu umgehen: Das Kartenstecken                        Die Funk-Geldkarte selbst ist dabei
den haben in Großbritannien bereits eine         entfällt, und über ein „Abonnement“                         vielleicht nicht mehr als ein Übergangs-
Funk-Kreditkarte. In Deutschland sind es         kann die Geldbörse automatisch bis zu                       phänomen. Was sie als Geldbörse der
noch nicht einmal 2 Millionen.                   50 Euro nachtanken, wenn sie leer ist.                      Zukunft ablösen könnte, zeichnet sich
   Für Visa und Mastercard sind die NFC-           „Das Prinzip ist gut, aber leider                         bereits ab: Handys, die über NFC ver-
Karten eine Flucht nach vorn. Denn bran-         schlecht umgesetzt“, sagt der hannover-                     fügen.
chenfremde Hightech-Unternehmen drän-            sche Datenschutzberater Peter Leppelt:                                                    HILMAR SCHMUNDT
geln sich in ihr Geschäft. Google etwa           „Die ,Girogo‘-Karte ist eine Datenschleu-
bietet mit „Google Wallet“ ein Bezahl-           der.“ Zum Beweis hält er seinen selbst-
system fürs Handy, ebenso wie Paypal.            gebastelten Funkkartenscanner an sein                        Nachteile
                                                                                                              Ist die NFC-Funktion aktiviert,
                                                                                                              könnte das Handy in unmittelbarer
Zahlen im Vorübergehen                Kassieren per Near Field Communication (NFC)                            Nähe ausspioniert werden.
                                                                                                              Werden Handy oder Girogo-Karte gestohlen,
                                                                                                              ist auch das enthaltene Guthaben verloren.
                                                   50
                                                50




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                                                                             BE
                                                                                   ZA
                                                                                        HL
                                                                                             T
Geldspeicher                   Verfügungsrahmen                        Übertragung                           Überweisung
Als Portemonnaie dienen        Unterschiedlich: Bei Girogo zum         Dieser Speicher ist mit               Möglich sind meist nur Transaktionen
ein Smartphone mit NFC-Chip,   Beispiel ist ein Geldspeicher mit       einem Chip ausgestattet,              bis zu 20 Euro. Das Geschäft wird anonym
eine Kreditkarte oder eine     dem vorbezahlten Geldbetrag             von dem das Lesegerät per             getätigt, ohne dass sich der Kunde mit Pin
Girocard mit NFC-Technik.      (maximal 200 €) eingebaut.              Funk die Bezahldaten bezieht.         oder Unterschrift ausweisen muss.
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Szene

              KLASSIK


      „Himmlische Musik“
                    Der Gründer der
                    israelischen Wagner-
                    Gesellschaft, Jonathan
                    Livny, 65, über die
                    Schwierigkeit, Richard
                    Wagner in Israel auf-
                    zuführen
              DPA




SPIEGEL: Herr Livny, in dieser Woche
sollte das erste große Wagner-Konzert
in Israel stattfinden. Ursprünglich war
es in der Universität von Tel Aviv ge-
plant. Die Aufführung wurde abgesagt.
Was ist passiert?
Livny: Nachdem bekannt geworden war,
dass wir das Konzert planen, liefen die
Verbände der Holocaust-Überleben-
den Sturm. Die Tel Aviver Universität
kündigte daraufhin den Mietvertrag.
Der Präsident der Universität behaup-
tete, wir hätten ihm nicht gesagt, was
wir vorhaben. Aber wir haben von
Anfang an alles offengelegt.
SPIEGEL: Muss man Wagner in Israel
spielen?
Livny: Warum nicht? Wir haben Hun-
derte Tickets in kurzer Zeit verkauft,
das zeigt doch, dass die Menschen das
                                             YVES MARCHAND & ROMAIN MEFFRE / COURTESY POLKA GALERIE




hören wollen. Ich zwinge ja nieman-
den dazu. Ich will einfach nur die Frei-
heit haben, diese Musik in einem Kon-
zert zu hören. Als mein Vater 1938 aus
Deutschland nach Palästina floh, da
kam er mit drei Dingen: mit Fotoal-
ben, seinen Diplomen und 87 Aufnah-
men von Richard Wagner. Er war der
einzige Überlebende seiner Familie,
und er lehrte mich, dass man Musik
und Mensch trennen kann. Ja, Wagner
war ein furchtbarer Antisemit, aber er
hat himmlische Musik gemacht.
SPIEGEL: Warum ist Wagner noch im-                                                                    Gewölbe eines ehemaligen Kinos in New York, Supermarkt unter der eingezogenen Zwischendecke
mer ein Tabu in Israel?
Livny: Es heißt immer, die Nazis spielten
                                                                                                                                                 FOTOGRAFIE
Wagner auf dem Weg in die Gaskam-
mern. Aber das ist Quatsch. Und selbst
wenn! Hätten sie Beethoven gespielt,
würden wir dann Beethoven boykottie-
ren? Wagner ist das letzte Symbol der
                                                                                                                                 Magische Kinosäle
Ächtung Deutschlands. Wir fahren Mer-                                                                 Halbabgespulte Filmrollen liegen auf dem        ken habe ein Gesamtbild des Raums ent-
cedes, obwohl Hitler Mercedes fuhr.                                                                   Boden, auf dem Gang steht ein alter Pop-        stehen können. Ihre Recherchen führten
Wir kaufen deutsche Eisenbahnen, U-                                                                   corn-Automat, und nur noch das Wrack            die Franzosen an die entlegensten Orte:
Boote und Waschmaschinen. Die meis-                                                                   eines Projektors erinnert an das, was frü-      Das prunkvolle Gewölbe des einstigen
ten Israelis kennen gar keine klassische                                                              her in diesen Sälen gezeigt wurde: die          Gotham Theatre in Manhattan entdeckten
Musik. Dabei wird Wagner hier ja auch                                                                 Hollywood-Filme des 20. Jahrhunderts.           sie über der Zwischendecke eines moder-
gelehrt. Warum nicht ein öffentliches                                                                 Seit 2006 fotografieren die beiden Fran-        nen Supermarkts. Ihre Arbeit verstehen
Konzert? Vergiftet Wagner die Luft?                                                                   zosen Yves Marchand, 31, und Romain             sie als historische Dokumentation, als Er-
SPIEGEL: Glauben Sie, dass das Konzert                                                                Meffre, 25, stillgelegte Kinos in den USA.      innerung an eine längst untergegangene
doch noch stattfinden wird?                                                                           „Die Räume waren zum Teil in völlige            Ära. Die Ausstellung „Theaters“ ist bis
Livny: Leider hat jetzt auch das Hilton                                                               Dunkelheit gehüllt“, erklärt Marchand,          zum 4. August in der Polka Galerie in
Hotel abgesagt, aber ich werde trotz-                                                                 erst durch spezielle Ausleuchtungstechni-       Paris zu sehen.
dem nicht aufgeben.
130                                                                                                      D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Kultur
                KUNST
                                                                      KINO IN KÜRZE

  Schwieriges Jubiläum                                               „Rock of Ages“ ist ein Film zum Mitgrölen. Es geht um zwei junge Gesangstalente,
Das Haus der Kunst in München war                                    die 1987 in den Clubs am Sunset Strip auf ihren Durchbruch hoffen. Aber die Hand-
der erste Monumentalbau des Hitler-Re-                               lung, die auf einem gleichnamigen Bühnenmusical basiert, ist nur ein Vorwand für
gimes. Im Jahr 1937 wurde er mit der                                 eine Nummernrevue. Nach dem Vorbild des Erfolgsfilms „Mamma Mia!“ reiht Regis-
„Großen Deutschen Kunstausstellung“                                  seur Adam Shankman alte Hits aneinander, von Foreigners „Waiting
eröffnet. In den nahen Hofgarten-Arka-                               for a Girl Like You“ bis zu Pat Benatars „Hit Me with Your Best Shot“.
den präsentierten die Nazis parallel die                             Die Schauspieler verschwinden unter Langhaarperücken, allein Tom
von ihnen so genannte „Entartete                                     Cruise macht aus der Rolle eines versoffenen Rockstars in der Sinnkri-
Kunst“. Was für ein Erbe. Der heutige                                se einen amüsanten Egotrip. Doch weil der Film den älteren Zuschau-
Leiter des Hauses der Kunst, der in Ni-                              ern auf keinen Fall die Erinnerungen an die eigene Jugend vergällen
geria geborene Okwui Enwezor, nutzt                                  möchte, kommt die Nostalgie der Ironie immer wieder in die Quere.
den 75. Jahrestag der Museumseröff-
nung, um die Vergangenheit des Hauses
in den Mittelpunkt zu rücken: „Ge-
schichten im Konflikt: Das Haus der
Kunst und der ideologische Gebrauch
von Kunst 1937 – 1955“. Gezeigt werden
Werke aus beiden Nazi-Ausstellungen,
Gemälde von Franz Marc ebenso wie
von Rudolf Hermann Eisenmenger,
flankiert von einer zweiten Schau mit
dem Titel „Bild-gegen-Bild“, die sich
mit der Frage beschäftigt, ob es in Zei-
ten einer solchen Bilderflut wie heute
                                           DAVID JAMES/WARNER BROS




noch Kontrolle und Macht über die Bil-
der geben kann. Hier werden unter an-
derem Arbeiten des Malers Wilhelm
Sasnal oder des Videokünstlers Harun
Farocki zu sehen sein. Darüber hinaus                                                                                                 Szene aus „Rock of Ages“
können Besucher seit vorigem Jahr den
Luftschutzkeller unter dem Haus der
Kunst besichtigen, der schon 1938 mit
sanitären Anlagen und Matratzen aus-                      „Jasmin“. Ein Kammerspiel, bei dem der deutsche Regisseur Jan Fehse ganz auf
gerüstet wurde. Für Okwui Enwezor                                    jene klassische Verhörsituation setzt, die 1995 Romuald Karmakars Film „Der Tot-
bietet der Jahrestag die Möglichkeit,                                macher“ zu einem Erfolg machte. Diesmal liefern sich zwei Frauen einen Psycho-Show-
das Haus der Kunst in ein „reflexives                                down, Anne Schäfer spielt eine Kindsmörderin, Wiebke Puls eine psychiatrische Gut-
Museum“ zu verwandeln, einen Ort, an                                 achterin, die über deren Zurechnungsfähigkeit entscheiden soll. Erst allmählich wer-
dem Kunst im Rahmen ihrer histori-                                   den die Umstände des Verbrechens enthüllt, um das es hier geht. Die Radikalität, mit
schen Dimension gezeigt wird.                                        der „Jasmin“ auf die Kunst der beiden theaterversierten Schauspielerinnen setzt, ist
                                                                     zuweilen nervtötend, aber sie verleiht dem Film auch eine große Wucht.



                    L I T E R AT U R
                                                                                                             führt die Frau in mittleren Jahren, gebildet, unab-
                                                                                                             hängig und sowieso emanzipiert, in die leere Mitte
                                                                                                             ihres modernen Lebens. Verglichen mit den drei
         Schwestern von heute                                                                                Schwestern, die durch Sitte und Gesetz angepflockt
                                                                                                             waren, hat sie im Rausch der Möglichkeiten gelebt.
Die Provinz hat von jeher einen schlechten Ruf. Als                                                          Aber wozu? „Überflüssige Menschen“ hat Riedle,
Lebensort taugt sie für Pensionäre und Kinder, für                                                           53, ihr drittes Buch genannt. Mit rhetorischer Verve
Geschöpfe mit schwachen Nerven oder ganz ohne                                                                und nicht ohne Selbstironie macht sie einem west-
Nerven; für jene, die keine Aussichten mehr oder                                                             deutschen Bildungsroman den Prozess, in dem die
noch keine haben. Die Ambition will in die Stadt.                                                            Rettung aus nationalsozialistischem Familien-
111 Jahre ist es her, dass Tschechows „Drei Schwes-                                                          schlamm und selbstzufriedener Genügsamkeit die
tern“ sich erstmals nach der Großstadt Moskau ver-                                                           Töchter und Söhne zu entwurzelten Einzelnen
zehrten, und seither erklingen ihre Seufzer auf den                                   Gabriele               macht: allen Parteien misstrauend und bar jener nai-
                                                                                      Riedle
Bühnen der Welt. Die Erzählerin von Gabriele Ried-                                                           ven Entschlossenheit, die jede Bindung braucht.
les Roman lebt in Berlin, sie hat es geschafft, einem                                 Überflüssige           Was wäre, fragt sie außerdem, aus den drei groß-
                                                                                      Menschen
Landstrich zu entkommen, in dem die Leute noch                                                               bürgerlichen Schwestern geworden, hätten sie es
„Heimat“ sagen, ganz ohne Ironie. Nun soll sie                                        Die Andere             nach Moskau geschafft? Die Revolution zu über-
                                                                                      Bibliothek, Berlin;
Tschechows Stück neu übersetzen, doch jedes dieser                                    244 Seiten;            leben wäre schon schwierig gewesen. Und später
lang vertrauten Worte schaut plötzlich fremd zurück,                                  32 Euro.               griffen die deutschen Väter an und gaben dem Rest
und die Lektüre des melancholischen Klassikers                                                               den Rest.
                                                                          D E R   S P I E G E L       2 4 / 2 0 1 2                                              131
Kultur



                                                                                            KOCH KUNST




                                      Zart und zäh
In Fabriken produzieren sie viel Ramsch, in den Küchen entsteht das beste Essen der
     Welt: Ein deutscher Autor und ein chinesischer Künstler erzählen in einem
Buch von der Tradition der chinesischen Küche – und von ihrer revolutionären Kraft.


M
           orgens war er zu den Hügeln
          außerhalb der Stadt gefahren, um
          Tee zu pflücken für die Gäste, die
er am Nachmittag erwartete. Wie immer,
wenn er die Stadt hinter sich ließ, fiel ihm
auf, dass die Farben verschwinden. Das
chinesische Land hier am Tai-See ist
schwarz und weiß, die Häuser weiß, die
geschwungenen Dächer schwarz. Aber
wenn die Wolken tief hängen, wie an die-
sem Tag, dann gehen Himmel und Hori-
zont ineinander über, grau in grau, so als
wollten sie die Kontraste des Schwarz und
Weiß in sich aufnehmen und verwischen.
   Nur die Hügel sind farbig, hellgrün und
dunkelgrün und voller Teeblätter. Einen
ganzen Korb hat der chinesische Künstler
Ye Fang gepflückt, dann ist er nach Hause
gefahren und hat die Blätter geröstet, so
dass sie sich kringeln wie Regenwürmer.
Der Tee, kräftig und herb, wird gut passen
zu den mit Granatapfelsaft gefärbten Kleb-
reiskuchen, die er den Gästen anbieten will.
   Nach den Klebreiskuchen soll es Mond-
kuchen geben aus Blätterteig, gefüllt mit
Schweinefleisch. Dazu wird Ye Fang ei-
nen anderen Tee ausschenken, einen lieb-
lichen, halbfermentierten, einen Oolong.
   Zweimal im Jahr öffnet Ye Fang sein
Haus in Suzhou, einer Großstadt in Chi-
nas Osten, für einen Salon. Es kommen
Geschäftsleute, Künstler und Freunde von
Ye Fang. Ein enger Freund, ein Deutscher,
ist fast immer dabei, er heißt Marcus Her-
nig, ist Sinologe, 44 Jahre alt, lebt in
Shanghai, arbeitet für die Uni und fürs
Goethe-Institut, und er schreibt Bücher
über China, in denen Ye Fang vorkommt.
   Immer wieder haben sich die beiden
Freunde darüber unterhalten, was sich in
China ändern muss und was sich in den
Urteilen des Westens über China ändern
sollte. Sie denken jetzt anders über das
                                           FOTOS: JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL




Vertraute und das Fremde.
   Das Wort „shu“ hat im Chinesischen
mehrere Bedeutungen, darunter: „ver-
traut“ und „gar“. Beim Essen entstehen
Beziehungen. Auch Hernigs Freundschaft
zu Ye Fang begann so. „Hier im Garten
beim Tee hat Ye Fang mir vom Essen
erzählt“, sagt Hernig. Und davon, was
es in der langen Geschichte Chinas be-
deutet hat.                                  Kochen in China: Die Zutaten müssen gut sein, der Fond muss stimmen, der Koch seine Flammen

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Nun veröffentlicht Hernig ein Buch         rechte. Leute wie Ye Fang, die sich eben-    Lebens, er glaubt daran, dass seine Lands-
    über das Essen in China*. Er ist durch       falls ein anderes China wünschen, aber       leute durch Schmecken, Riechen, Tasten
    das ganze Land gereist, das Buch ist eine    behutsam vorgehen, werden im Westen          wieder ein Gefühl bekommen können für
    Erzählung dieser Reise geworden, eine        kaum wahrgenommen.                           das, was gut ist an China. Es sei schon
    Liebeserklärung an dieses schwierige            Und doch plant Ye Fang eine Revolu-       viel wert, wenn Menschen mit Zeit zu-
    Land, eine Aufforderung an die Deut-         tion. Es sind subtile Umsturzpläne. Als      sammensäßen und den Reichtum und die
    schen, sich mit China zu beschäftigen.       Künstler hat er mit Tuschezeichnungen        Finesse des chinesischen Essens genössen.
      Hernig, der die erste Hälfte seines bis-   angefangen, schwarz-weiß-grau, sie hän-         Wie Ai Weiwei stammt der 50-jährige
    herigen Lebens in Deutschland verbracht      gen heute in Museen. Nun gestaltet er als    Ye Fang aus der Gelehrtenkaste, die
    hat und die zweite in China, weiß, dass      Architekt die Gärten der Neureichen.         Chinas Führung verhasst war. Auch Ye
    der Westen mit einem anderen Typus           Und er lädt zu Teezeremonien und Fest-       Fang hat die Jahre der Kulturrevolution
    Künstler sympathisiert. Die Sympathien       essen ein, und das ist seine Revolution,     von 1966 bis 1976 durchlitten, den Hunger,
    gelten den Dissidenten, dem Künstler Ai      eine Revolution der Sinne.                   die Gewalt. Er hat erlebt, wie sein Land
    Weiwei und all den Leuten, die ihr Leben,       Ye Fang möchte eine Haltung vermit-       nach 1978 wohlhabend wurde und dieser
    ihre Freiheit einsetzen für die Menschen-    teln zu den Selbstverständlichkeiten des     Reichtum auch dadurch zustande kam,
                                                                                              dass die Chinesen viel Westliches kopier-
                                                                                              ten. Nun, so meint Ye Fang, sei es an der
                                                                                              Zeit, „das Eigene zu erleben“, es als et-
                                                                                              was zu schätzen, das einen Sinn hat, ei-
                                                                                              nen Wert, Qualität.
                                                                                                „Früher, in den Adels- und Bürgerhäu-
                                                                                              sern des Westens, galten die Chinoiserien,
                                                                                              die Seide und das Porzellan, als Inbegriff
                                                                                              des Wertvollen. Heute gelten Chinas Pro-
                                                                                              dukte als Kopien und Ramsch.“
                                                                                                 Aber die Küche, immerhin die Küche,
                                                                                              davon sind Chinesen überzeugt, ist die
                                                                                              beste der Welt.
                                                                                                 Es ist 14.30 Uhr. Ye Fang hat seinen Sa-
                                                                                              lon geöffnet. 40 Gäste kommen in seinen
                                                                                              Garten, den er nach dem Prinzip des Yin
                                                                                              und Yang angelegt hat, der Idee der Ge-
                                                                                              gensätze, die miteinander ein Ganzes bil-
                                                                                              den. Berg und Wasser sind die Gegensät-
                                                                                              ze. Es gibt eine Terrasse aus Holz, einen
                                                                                              Teich, an dessen Seiten eine Bühne und
                                                                                              ein offenes Teehaus liegen. Und Felsen,
                                                                                              weiß und hoch, mit Bäumen bewachsen.
                                                                                                 Auf kleinen Tischen im Garten liegen
                                                                                              die Klebreis- und Mondkuchen auf Bam-
                                                                                              busschalen. Nach und nach kommen in
                                                                                              Dämpfkörben süße Klöße hinzu. Frauen
                                                                                              laufen mit Teekannen zwischen den Gäs-
                                                                                              ten hin und her und füllen heißes Wasser
                                                                                              in Porzellanschalen, in denen die grünen,
                                                                                              gerösteten Teeblätter liegen. Auf der Büh-
                                                                                              ne spielt jemand Laute. Ye Fang und Mar-
                                                                                              cus Hernig sitzen zusammen, Teeschalen
                                                                                              in den Händen. Bühne und Terrasse sind
                                                                                              grell ausgeleuchtet, ein Fernsehteam des
                                                                                              chinesischen Staatssenders CCTV filmt.
                                                                                              Ye Fang wird bekannt in China.


                                                                                              D    er Mann, der als einer der ersten Poli-
                                                                                                   tiker Chinas gilt, war ein Koch. Er
                                                                                              beriet einen König der Shang-Dynastie,
                                                                                              das war vor mehr als 3000 Jahren, und
                                                                                              brachte ihm bei, wie ein Land zu regieren
                                                                                              sei: mit der richtigen Mischung aus Süße,
                                                                                              Schärfe, Salz und Bitterkeit.
                                                                                                Dass es auf die Mischung ankommt,
                                                                                              das wussten auch die Reisbauern, die Chi-
                                                                                              nas Küche erfunden haben. Sie kochten
                                                                                              eher vegetarisch, Tiere aufzuziehen war
                                                                                              aufwendig. Wenn sich die Bauern Tiere

                                                                                              * Marcus Hernig: „Eine Himmelsreise. China in sechs
                                                                                              Gängen“. Die Andere Bibliothek, Berlin; 400 Seiten;
beherrschen                                                                                   34 Euro. Erscheint am 22. Juni.

                                                      D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                  133
Kultur

leisten konnten, dann entschie-                                                               Schweinebauchfleisch in defti-
den sie sich meist für Schweine                                                               ger Sauce, Frühlingsgemüse mit
und Hühner. Rinder brauchen                                                                   Enten- und Fischklößchen und
viel Weideland und Zeit zum                                                                   eine Suppe, für die sieben Stun-
Wachsen.                                                                                      den lang das Fleisch von Huhn,
   Chinas Menschen sind seit je-                                                              Ente und Schwein ausgekocht
her geprägt durch den Daoismus.                                                               wurde.
Im Dao, einem der ganzen Welt                                                                    Alles passt zum Frühling, und
zugrundeliegenden, alles durch-                                                               Ye Fang erklärt, warum: Der
dringenden Prinzip, sind alle Ge-                                                             Daoismus sehe vor, dass der
gensätze vereint, alles darf sein.                                                            Mensch der Natur folgen solle,




                                                                                              JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL
Der Daoismus ist philosophisch                                                                auch bei den Mahlzeiten. „Wenn
und religiös, er schreibt nicht vor,                                                          die Flüsse des Yangtze warm ge-
was zu tun und was zu lassen ist.                                                             worden sind, dann ist die Ente
Muslime verzichten auf Schwein,                                                               am beweglichsten“, sie trainiere
Hindus auf Rind, in der chinesi-                                                              dann ihre Muskeln, sei gut durch-
schen Küche aber gibt es kaum                                                                 blutet, ihr Fleisch zart.
Tabus. „Alles unter dem Himmel                                                                   Auch die Getränke kommen
ist zum Essen da“, sagt Ye Fang.                                                              gleichzeitig: warme Sojamilch,
   Europäische Reiseschriftsteller                                                            Reiswein, Reisschnaps, grüner
staunten im 18. Jahrhundert über                                                              Tee, Pu’er-Tee, alles steht neben-
die Erträge der Bauern. Chinas                                                                einander. Auch Wein trinken
Küche wurde vielfältig, auch weil                                                             Chinesen gern, lieber roten als
die Händler, die auf der Seiden-                                                              weißen, „das Rot der Flagge, das
straße reisten, von überall her                                                               Rot der Lampions, die Farbe ist
neue Gemüsesorten mitbrachten.                                                                bedeutsam für China“, sagt Her-
   Durch den Seidenhandel wur-                                                                nig. Bier aber ist immer noch be-
den Chinas Kaiser reich. Sie tra-                                                             liebter als Wein und viel billiger.
fen sich mit Beamten zu Gela-                                                                    Im Festsaal mischen sich süße
gen, knabberten Pfauenzungen,                                                                 und herbe Düfte. Der Geruchs-
schlürften Hirschpenis-Brühe,                                                                 sinn des Menschen ist feiner als
nahmen Kamelsehnen zu sich,                                                                   sein Geschmackssinn. Die Zun-
verzichteten auf nichts, selbst                                                               ge kann zwischen süß, salzig,
dann noch, als ihr Land Ende des                                                              sauer und bitter unterscheiden,
19. Jahrhunderts durch Kriege er-                                                             die 30 Millionen Riechzellen der
schüttert wurde.                                                                              Nase aber erfassen viele Nuan-
   Chinas letzter Kaiser Puyi                                                                 cen mehr.
wurde 1906 geboren. Als Kind                                                                     Ein chinesisches Festessen soll
bekam er jeden Tag ein Staats-                                                                alle Sinne ansprechen, auch den
bankett aufgetischt, zweimal täg-                                                             Tastsinn. Im Chinesischen gibt
lich rund dreißig Gänge. Im Land                                                              es einen Begriff, der sich nur
aber herrschte Hunger. Revolu-                                                                schwer übersetzen lässt: „Mund-
tionäre formierten sich und rie-                                                              gefühl“. Gemeint ist der Tastsinn
fen am 1. Januar 1912 die Repu-                                                               der Zunge, mit der der Esser die
                                                                                              YE FANG




blik China aus, Kaiser Puyi war                                                               Textur einer Speise prüfen kann,
da fünf Jahre alt. Ab 1949 führte                                                             ob sie zart ist oder zäh, sämig
Mao Zedong die kommunisti- Künstler Ye Fang, Buchillustration: Subtile Umsturzpläne           oder körnig.
sche Volksrepublik an.
   Zwischen 1959 und 1961 litten die Men- über die grafischen Elemente, die Ye Fang
schen Hunger, niemand weiß, wie viele auf Pergament für Hernigs Buch entwirft,
umkamen, es müssen zwischen 15 und es sind Schriftzeichen aus Tusche.
                                                                                         F
                                                                                        estessen hat Marcus Hernig oft erlebt,
                                                                                        immer wieder ist er eingeladen wor-
                                                                                     den auf seinen Reisen für sein Buch. Und
45 Millionen gewesen sein. „Heute“, so      Hernig ist mit seiner chinesischen Frau weil es nicht die eine chinesische Küche
sagt Hernig, „schätzen chinesische Intel- angereist, Ye Fang hat die beiden in einem gibt, sondern viele, hat er sich in die Re-
lektuelle Maos Regierungszeit als eine Hotel untergebracht, dessen Garten mit gionen des Landes begeben. Die Peking-
Phase ein, in der das Land zu unausge- Felsen und einem Teich er gestaltet hat.      Küche des Nordens ist von den Mongolen
wogen regiert wurde. Zu viel Schärfe.“      In einem Gartenpavillon des Hotels beeinflusst und deftig, die Kanton-Küche
   Aufzeichnungen über die Rezepte der ist ein runder Tisch gedeckt. Auf einer aus dem Süden eher mild, die Fujian-Kü-
Reisbauern gibt es kaum. Das Wissen um Glasscheibe in der Mitte stehen Teller, che aus dem Osten eher süß, die Sichuan-
die Kochkunst ging auch in Zeiten des verziert mit Orchideen und Petersilien- Küche aus dem Westen scharf.
Hungers nicht verloren. An strenge Rezep- büscheln. Den ganzen Abend lang wird         Hernig hat in den Städten gegessen,
te hielten sich Chinas Köche ohnehin sich diese Scheibe drehen, die Gerichte wo sich in Shopping-Malls die Restau-
kaum. Die Zutaten müssen gut sein, der kommen von einem Gast zum anderen, rants stapeln, er war an den Bratständen
Fond muss stimmen, der Koch seine Mes- eine Menüfolge gibt es nicht, alles und offenen Suppenküchen der Hoch-
ser beherrschen und die Flamme.           kommt zugleich: geröstete Bohnen, süß- hausviertel, und er hat auf den Märkten
                                          saurer Eichhörnchenfisch in Stechapfel- Krebse gekauft, Zuckerrohr und sogar

M     arcus Hernig bleibt nach dem Be- sauce, hauchdünn geschnittene Pilze mit Äpfel.
      such in Ye Fangs Salon noch ein Blütenstängeln, süße Entenfleischpaste-          Und er ist aufs Land gereist. Die Wirte
paar Tage in Suzhou, wo Ye Fang wohnt. ten in kleinen Rauten, Fischleber in kla- dort haben Gemüsegärten, eigene Hüh-
Sie treffen sich zum Essen und beraten rem Fond, Hasenfiguren aus Klebreis, ner. Statt einer Speisekarte zeigen sie ih-
134                                              D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
ren Gästen gerupftes und kopfloses Ge-
flügel, gestockte Entenblutwürfel, Was-
serpflanzenwurzeln, lebendige Fische in
Wasserbottichen und schlafende Frösche
in Plastiknetzen. Die Gäste deuten auf
das, was sie essen wollen, und beraten
                                                   Wer hat Angst vor Ai Weiwei?
mit den Köchen die Zubereitung.
                                                          Die Dokumentation „Ai Weiwei: Never Sorry“
   Hernig hat an den vielen Tischen, an              zeigt, wie Chinas Starkünstler das Regime herausfordert.
denen er Platz nahm, mit seinen Stäb-


                                                A
chen aus denselben Töpfen gegessen, aus                 uf das Haus von Ai Weiwei in         Drei Jahre begleitete die US-Regis-
denen auch die anderen aßen, er hat sei-                Peking sind 15 Überwachungs-      seurin Alison Klayman den Künstler
ne Fragen gestellt und viel erfahren, auch              kameras gerichtet, die Augen      immer wieder mit der Kamera, sie
von der Angst der Chinesen vor Hormo-           der Macht, montiert an Laternenpfäh-      filmte ihn mit seinem kleinen Sohn,
nen und Pestiziden im Essen. Und dass           len. Jeder Besucher wird gefilmt und      bei der Arbeit in Peking, in London,
die Chinesen wütend sind, dass ausge-           natürlich auch Ai selbst, wenn er das     in New York und im Krankenhaus in
rechnet sie, die so viel Wissen darüber         Haus verlässt. Gegenüber steht ein        München, wo Ai 2009 wegen einer
angesammelt haben, wie sie mit Krebs-           Polizeiauto.                              lebensbedrohlichen Hirnblutung ope-
panzer, Lotoswurzelsaft und Kräutern               Nicht genug Kontrolle, fand Ai, au-    riert werden musste, die Spätfolge von
Krankheiten heilen können, nun fürchten         ßerdem seien es die falschen Kontrol-     Schlägen durch chinesische Polizisten.
müssen, durch Essen krank zu werden.            leure. Anfang April installierte er im       Der gründlichste Chronist von Ais
   Im Essen, so hat er herausgefunden,          Haus vier Web-Kameras, die sein Le-       Leben, das belegt Klaymans Film, ist
zeigt sich der Kern der chinesischen Kul-       ben für alle Welt ins Netz übertrugen,    jedoch Ai selbst. Ständig fotografiert
tur: die Energielehre des Daoismus, die         weiweicam.com, 5,2 Millionen Klicks       er mit seinem Handy, oft so, dass er
Lehre des Yin und Yang.                         in 46 Stunden. Dann befahlen die Be-      selbst im Bild ist, dauernd verschickt
   Nun sitzt Hernig auf einer Restaurant-       hörden, die Seite abzuschalten.           er via Twitter Botschaften, er ist fast
terrasse in Shanghai, er blickt auf die glit-      Ai gehorchte, seine Botschaft zum      ununterbrochen auf Sendung. Klay-
zernde Skyline von Pudong, dem Finanz-          Jahrestag seiner Festnahme war ohne-      man blendet im Film die Twitter-Nach-
viertel der Stadt. Er hat sich einen Burger     hin angekommen. Am 3. April 2011          richten ein und zeigt die Situationen,
mit Pommes bestellt, weil es chinesisches       hatte ihn die Polizei verhaftet. 81 Tage  in denen sie entstanden sind. „Opera-
Essen hier nicht gibt.                          war Ai eingesperrt, er wurde immer        tion beendet“, twittert Ai zu einem
   Ist es richtig, übers Essen zu reden,                                                               Selbstporträt vom Kran-
wenn es eigentlich um Rechtsstaatlich-                                                                 kenbett in München, die
keit, Menschenrechte, die Freiheit der                                                                 OP-Narbe am Kopf ist
Meinung gehen sollte? Und ist das, was                                                                 deutlich zu erkennen, „bö-
sein Freund Ye Fang da tut, diese Revo-                                                                se Geister entfernt“.
lution der Sinne, nicht zu still? Sind die                                                                Monate später erstattet
Helden nicht zu höflich? Wäre es nicht                                                                 Ai auf einer Polizeiwache
besser, laut zu sein, wie die Dissidenten                                                              in Chengdu Anzeige we-
es sind, wie Ai Weiwei es ist?                                                                         gen der Prügelattacke, As-
   Marcus Hernig kennt solche Fragen.                                                                  sistenten mit Kameras be-
Ein Deutscher, der China liebt, muss sich                                                              gleiten ihn. Der Blick des
rechtfertigen. Der Westen, so sagt er, sei                                                             Polizisten, der das Formu-
idealistisch geprägt, durch das Christen-                                                              lar ausfüllen muss, verrät
tum und die Aufklärung. Im Idealismus                                                                  eine Supermacht in Panik.
gebe es die eine richtige Haltung, das kla-                                                               Am 22. Juni endet das
                                                                                                      DCM




re Ziel, das in einem Willensakt und mit                                                               Reiseverbot, das Ai nach
Kraft durchgesetzt wird. Der Daoismus           Provokateur Ai in New York: „Böse Geister entfernt“    seiner Haftentlassung auf-
aber lehre, nichts zu erzwingen, den Din-                                                              erlegt worden war. Er darf
gen ihren Lauf zu lassen und zu hoffen,         wieder verhört, „zwei Drittel Schika- dann, wenn es sich das Regime nicht
dass sie sich von selbst ordnen. Ziele kön-     ne, ein Drittel Gehirnwäsche“, so be- wieder anders überlegt, Peking ver-
nen erreicht werden, indem der Handeln-         schrieb er später die Methode. Seit- lassen, vielleicht bekommt er sogar
de die natürlichen Vorgänge nutzt. Essen        dem ist Ai wieder zu Hause, aber er seinen Reisepass zurück. Die Univer-
ist ein natürlicher Vorgang.                    darf Peking nicht verlassen. Es läuft sität der Künste in Berlin hat Ai als
   Und gutes Essen, sagt Hernig, sei nun        ein Verfahren gegen ihn wegen angeb- Gastprofessor eingeladen, in Washing-
mal süß und bitter, scharf und mild. „Ge-       licher Steuerhinterziehung.               ton beginnt im Oktober eine große
gensätze gehören zusammen.“                        Diese Woche kommt ein Dokumen- Ausstellung. Die Welt wartet auf Ai
   Auch Ai Weiwei liebt die Küche Chi-          tarfilm über den Künstler in die Kinos, Weiwei, nach dieser Dokumentation
nas. Als er noch nach Deutschland fahren        ein Porträt, das die Eskalation bis zur erst recht.
durfte, nahm er immer seine Köche mit.          Festnahme nachzeichnet. „Ai Weiwei:                                    MARTIN WOLF
   Wenn also der Leise und der Laute das-       Never Sorry“ zeigt seine Entwicklung
selbe Ziel haben, wird alles besser? So         zum berühmtesten Regimekritiker
einfach ist das?                                Chinas. Zugleich ist „Never Sorry“                          Video:
   Hernig lacht und erinnert daran, dass        ein Film über Chinas kafkaesken                             Der Kinofilm „Never
das Kochen in China ein ewiger Prozess          Polizeistaat, über die Männer mit den                       Sorry“
ist. Es gibt kein unabänderliches Rezept,       Überwachungskameras und die Irrita-                         Für Smartphone-Benutzer:
keine Gewissheit. Ob alles wirklich ge-         tion, die entsteht, wenn sie plötzlich                      Bildcode scannen, etwa mit
lingt, weiß während des Kochens nie-            selbst gefilmt werden.                                      der App „Scanlife“.
mand.
                              SUSANNE BEYER

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Kultur




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Clubbetreiber Klenzendorf (l.): Komplizierter Poker um die Zukunft

                                             anderen Seite der Bahntrasse, „kommen          mit Architekten, um die Pläne zu präzi-
                BERLIN                       die Wohnungen für die Studenten hin und        sieren, mit Bankern, um die Finanzierung
                                             das Gründerzentrum.“                           festzuzurren.

      Showdown an                               „Holzmarkt“ soll das Projekt heißen,
                                             bis ins 19. Jahrhundert wurde hier am
                                             Wasser einmal Holz gehandelt und gela-
                                                                                               Zusammen mit dem Hotelier Michael
                                                                                            Zehden soll das Hotel gebaut, die Stu-
                                                                                            dentenwohnungen sollen gemeinsam mit

        der Spree                            gert. Es könnte eines der spektakulären
                                             innerstädtischen Bauprojekte Berlins
                                             werden, eine grüne Insel zwischen Schie-
                                                                                            dem Studentendorf Schlachtensee errich-
                                                                                            tet werden. Das Investitionsvolumen des
                                                                                            ganzen Projekts dürfte bei ungefähr 50
Die Bar 25 war einer der berühm-             nen, Straße und Fluss. Eine neue Mitte         Millionen Euro liegen.
 testen Underground-Clubs. Nun               für eine Gegend, die kein Zentrum hat.            Tatsächlich soll der Holzmarkt beides
wollen die Macher dort ein neues                Christoph Klenzendorf ist eine bekann-      sein: seriös finanziertes Investmentpro-
                                             te Figur in Berlin. Er ist einer der Be-       jekt, das Gewinne erwirtschaften wird.
    Stadtquartier entwickeln –               treiber des KaterHolzig, einer Mischung        Und Spielplatz, der durch wandelbare
   für rund 50 Millionen Euro.               aus Edelrestaurant, Techno-Club und            Architektur den Geist der Improvisation
                                             handgezimmertem Abenteuerspielplatz,           und des Provisorischen bewahren soll.


N
        och ist nichts da außer ein paar     wenige hundert Meter entfernt, am an-             Besitzerin des Geländes ist die Berli-
        Bäumen und viel Sand. Der Auto-      deren Spreeufer.                               ner Stadtreinigung (BSR), ein städtisches
        verkehr rauscht über die große          Wahrscheinlich würde ihm kaum je-           Unternehmen. Aber sie will es loswerden.
Ausfallstraße hinter dem Bretterzaun, die    mand die großen Pläne abnehmen, hätte          Deshalb hat sie es dem Liegenschafts-
S-Bahn quietscht alle paar Minuten vor-      er nicht vor acht Jahren schon einmal          fonds übergeben, der seit mehr als zehn
über, und die Spree schiebt langsam ihr      hier gestanden und sich etwas vorgestellt,     Jahren den Verkauf städtischer Grund-
Wasser vorbei. Es gehört einiges dazu,       was auf diesem Abbruchgrundstück ent-          stücke organisiert und abwickelt. Ende
sich auf diesem ziemlich heruntergekom-      stehen könnte: Dabei kam die legendäre         Mai lief die Frist ab, zu der Gebote ab-
menen Grundstück an der Berliner Holz-       Bar 25 heraus, einer der Läden, die den        gegeben werden konnten, mehrere sind
marktstraße in der Nähe des Ostbahn-         Weltruhm des Berliner Nachtlebens mit-         eingegangen, im Augenblick werden sie
hofs, an einer Ecke, wo die Berliner Be-     begründeten. Im September 2010 musste          geprüft. Wer die anderen Bieter sind, ist
zirke Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte     sie schließen.                                 unbekannt. Erwartet wird ein Verkaufs-
zusammenstoßen, ein neues Stadtquar-            Damals begann es mit einem einfachen        preis von mindestens 10 Millionen Euro.
tier vorzustellen.                           Mietvertrag, einem Campingbus zum                 BSR und Liegenschaftsfonds sind prin-
   „Da vorn soll das Restaurant hinkom-      Bierverkauf und einer wochenlangen Par-        zipiell verpflichtet, an den Höchstbie-
men, unterirdisch, auf Höhe des Wassers,     ty. Jetzt ist alles ein bisschen komplizier-   tenden zu verkaufen, der Bezirk möchte
daneben das Hotel“, sagt Christoph Klen-     ter. Bis vor kurzem lebte Klenzendorf          allerdings den Bebauungsplan ändern,
zendorf, 38, und zeigt nach links, „hier,    noch das Leben des Clubbetreibers, des-        das könnte den Wert drücken. Der Sena-
wo wir stehen, werden die Gärten entste-     sen Wochenende oft erst am Dienstag-           tor für Stadtentwicklung muss aber zu-
hen, wir nennen das den Mörchenpark,         morgen vorbei war.                             stimmen.
außerdem Läden, Werkstätten, Ateliers           Nun trifft er sich mit Berliner Senato-        Es ist ein komplizierter Poker um das
und Wohnräume. Und da hinten das Haus        ren, um die Möglichkeiten für den Holz-        Grundstück am Spreeufer. Denn es geht
für die darstellenden Künste.“ Noch ste-     markt auszuloten, mit Investoren, um           um mehr als nur diese 18 672 Quadrat-
hen dort die Wagen einer Wagenburg und       Geld für die Genossenschaft zusammen-          meter in guter Lage, das entspricht etwa
viel Holzmüll. „Drüben“, das ist auf der     zubekommen, die das Projekt tragen soll,       drei Fußballfeldern. Es geht um die Zu-
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Kultur

kunft der Stadt oder zumindest um ein
Symbol dafür.
   Berlin hat seine Liegenschaften in den                                                    T H E AT E R
vergangenen zehn Jahren fast immer an
den Meistbietenden verkauft. Aber wie in
anderen Städten auch hat ein Umdenken
eingesetzt. Müssen bei der Vergabe von
Grundstücken nicht auch kulturelle und
                                                  Der Fluglotse geht von Bord
soziale Kriterien berücksichtigt werden,       Matthias Lilienthal hat als Chef des Berliner HAU neun Jahre lang
die sich vielleicht erst langfristig auszah-         eine Bühnenparty aus Performance und Pop, Tanz und
len? Brauchen wir wirklich noch mehr
Glastürme?                                     Polit-Show gefeiert – und damit die Theaterwelt gründlich verändert.
   Gerade in Berlin stellen sich diese Fra-
gen mit Dringlichkeit. Die Stadt ist arm,                                                                  dach, das ist in der 20. Stun-
die bisherigen Grundstücksverkäufe ha-                                                                     de eines Rund-um-die-Uhr-
ben zwar über zwei Milliarden Euro ein-                                                                    Theaters ein verwegener
gebracht; aber viele befürchten, dass es                                                                   Anblick. Dann krächzt
mit der einzigen großen Erfolgsgeschichte                                                                  eine Lautsprecherstimme:
der vergangenen Jahre, der boomenden                                                                       „Die Busse warten vor dem
Kultur, ohne die nötigen Freiräume bald                                                                    Haus. Bitte seien Sie vor-
wieder vorbei sein könnte.                                                                                 sichtig, wenn Sie die Trep-
   Um das zu verhindern, entstehen gera-                                                                   pe hinuntersteigen.“
de erstaunliche Allianzen. Die „Koalition                                                                     „Unendlicher Spaß“ heißt
der Freien Szene“, ein Zusammenschluss                                                                     der legendäre Riesenroman
verschiedener Künstlergruppen, hat sich                                                                    des amerikanischen Schrift-
etwa mit der Berliner Industrie- und Han-                                                                  stellers David Foster Wal-
delskammer verabredet, ein gemeinsa-                                                                       lace, der hier in einer End-
mes Papier zu erarbeiten: Berlin, eine                                                                     los-Performance für 150
Millionenstadt ohne Dax-Konzern und                                                                        Busreisende als Schnitzel-
mit vielen Schulden, müsse das einzige                                                                     jagd durch Berlin drama-
Kapital, das sie hat, fördern, die Kreati-                                                                 tisiert wird. Zwölf Regis-
vität ihrer Bewohner. Dazu gehöre auch                                                                     seurinnen und Regisseure
eine Liegenschaftspolitik, die soziale und                                                                 zeigen an neun halbwegs
kulturelle Aspekte berücksichtige.                                                                         verrückten Spielorten, was
   Diese neue Macht der Kultur hat auch                                                                    ihnen zu dem Buch ein-
mit dem Tourismus zu tun. Im März 2012                                                                     fällt – und die Zuschauer
gab es 1,9 Millionen Übernachtungen, et-                                                                   düsen mit. Man sieht auf
wa 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Die                                                                     diesem Trip eine Handvoll
meisten Gäste werden von der Kultur an-                                                                    Junkie-Darsteller in einer
gezogen – auch von der Subkultur.                                                                          Neuköllner Krankenhaus-
   Jeder, mit dem man in Politik, Verwal-                                                                  halle herumwüten wie in
tung, Kultur, Senat oder Bezirk spricht,                                                                   der Irrenstation in „Einer
                                                                                                            MARKUS WAECHTER/CARO FOTO




sympathisiert mit den Holzmarkt-Plänen.                                                                    flog über das Kuckucks-
Jeder hätte gern dieses Kulturdorf an der                                                                  nest“. Man betrachtet junge
Spree, das eine tote Ecke der Hauptstadt                                                                   Tennisspielerinnen im Gru-
beleben würde. Mehrere Senatoren waren                                                                     newalder Nobelclub „Rot-
schon zu nächtlichen Treffen im KaterHol-                                                                  Weiß“ bei einem Pantomi-
zig. Alle wollen, wissen aber nicht so ge-                                                                 me-Match ohne Schläger
nau, ob und wie sie auch können dürfen.        Intendant Lilienthal: „Hysterische Sehnsucht nach Realität“ und Ball. Und man klettert
   Der Wandel in Vierteln wie Kreuzberg                                                                    auf dem 115 Meter hohen


                                               D
und Neukölln ist ähnlich grundlegend, wie              as Finanzamt Berlin-Reinicken- Teufelsberg herum, wo man einen prima
es die Umwälzungen im Ostteil der Stadt                dorf ist ein majestätisches Beton- Panoramablick über Berlin hat und wo die
nach dem Mauerfall waren. Die Zuwan-                   Raumschiff, auf dessen Flachdach Trümmer einer US-Radarstation verrotten.
derer aus der Türkei werden gerade durch       ein schneidend kalter Wind weht an die-          Die Show, inszeniert von Regisseuren
neue Migranten verdrängt: Italiener, Spa-      sem Sonntagmorgen. Es ist Viertel vor unter anderem aus New York, Buenos Ai-
nier, Franzosen und Griechen. Leute, die       sechs, als 150 Theaterzuschauer hoch oben res, Warschau und Köln, ist einerseits
jede Stadt gern hätte: jung, gut ausgebil-     über der menschenleeren Vorstadt in Gei- schierer Quatsch und andererseits ein
det, kreativ, neugierig. Europas Zukunft.      selhaft genommen werden von einem ver- hochintelligentes Vergnügen. Das macht
In manchen Gegenden stellen sie schon          mummten Spaßrevolutionär.                      „Unendlicher Spaß“ zu einem sehr typi-
ein Drittel der Wohnbevölkerung. Nie-            „Fuck the system!“, schreit der Kerl, schen Produkt des Berliner HAU. Und zu
mand hat mit ihnen gerechnet.                  der ein gelbes Tuch mit Smiley-Grinsen einer idealen Abschiedsvorstellung seines
   Wahrscheinlich suchen sie nach Frei-        und Augenlöchern vor dem Gesicht trägt. Chefs Matthias Lilienthal. Der nämlich
räumen, die ihnen in ihren krisengeplag-       Er befiehlt den Zuschauern, ebensolche hat am Anfang der 23-Stunden-Tour ge-
ten Heimatländern fehlen. Ob Berlin sich       Tücher anzulegen, und er bugsiert sie in sagt: „Stellt euch das Chaotischste vor,
auf diese neuen Bewohner einstellen            Rollstühle, die auf dem Flachdach des Fi- das ihr euch vorstellen könnt. Es wird
kann, wird sich zeigen. Der Umgang mit         nanzamts bereitstehen. Die „Armee der ganz sicher noch schlimmer kommen.“
dem Gelände an der Holzmarktstraße ist         Rollstuhlattentäter“ trete hier an, brüllt       Das Kürzel HAU steht für „Hebbel am
vielleicht ein Indikator.                      der Revolutionär. Dutzende von Smiley- Ufer“ und ein Kombinat aus drei Bühnen:
                                TOBIAS RAPP    Fressen in Rollstühlen auf einem Beton- das Hebbel-Theater (HAU 1), das Theater
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am Halleschen Ufer, in dem einst Peter den Produktionen zum Berliner Theater- standsnest ostdeutscher Identität stilisiert,
Stein mit der Schaubühne zu Hause war treffen eingeladen. Ab und zu gab es Wi- so lange, bis sich die „Kunstkacke“ auch
(HAU 2), und das Theater am Ufer (HAU derspruch: Es sei kein Theater, sondern in der Volksbühne breitgemacht hatte.
3). 2003 wurden die Häuser zum HAU ver- ein Institut für „Inkompetenzbewirtschaf-        Von da an setzte Lilienthal hemmungs-
eint, seither ist Lilienthal dessen Chef.  tung“, das Lilienthal da betreibe, erregte los auf Globalisierung. Die wenigsten der
   Lilienthal, 52, ein kugeliger Mann mit sich ein Kritiker der „Frankfurter Allge- Leute, die im HAU zusammenfanden,
wuscheligem Haarkranz ums kahle meinen“ einmal, lauter Idioten spielten stammen aus Berlin, Englisch ist hier als
Haupt, ist zwar nur Herr über ein kleines sich hier als große Durchblicker auf.        Bühnensprache so geläufig wie Deutsch.
Großstadttheater, das 24 feste Mitarbeiter   Tatsächlich verstand Lilienthal sein Die Aufführungen heißen jetzt „theatrale
hat und einen Grundetat von knapp fünf Haus als großen Marktplatz. Moderne Installation“ oder „Lecture performance“,
Millionen Euro im Jahr. Trotzdem hat Stadtgesellschaften seien fragmentiert, „Reenactment“ oder „Untersuchung“.
sein Haus die deutschsprachige Theater- sagt er, „ich habe versucht, viele Ghettos Der Chef spricht von der „performati-
welt in den vergangenen                                                                            ven Auflösung von Form und
neun Jahren mehr verändert                                                                         Inhalt“.
als jede Großbühne.                                                                                   Erstaunlicherweise ist Li-
   Lilienthal hat das Tor zur                                                                      lienthal aber auch eine sehr
Welt aufgestoßen für viele                                                                         berlinerische Existenz. Er ist
deutsche Stadttheater – in-                                                                        in Neukölln aufgewachsen,
dem er ihnen vorgeführt hat,                                                                       hat in Berlin studiert und nur
wie man die Arbeit freier                                                                          kurz in Wien und in Basel ge-
Gruppen in einem etablierten                                                                       arbeitet. Er kleidet sich bis
Theatersystem nutzen kann;                                                                         heute in einem Schlabberlook,
wie man türkisch- oder ara-                                                                        der im eingesperrten West-
bischstämmige Zuschauer                                                                            Berlin der achtziger Jahre
aus der großstädtischen Nach-                                                                      schon nicht mehr hip war, und
barschaft in ein öffentlich ge-                                                                    nennt sich einen „Edelpen-
fördertes Tanz- und Theater-                                                                       ner“. Er duzt praktisch alle
haus lockt, indem man sich                                                                         Menschen, wie man es nur in
mit ihrem Alltag beschäftigt;                                                                      Berlin tut, und so duzt er eben
und wie man reisende Künst-                                                                        auch Berlins Regierenden Bür-
ler aus aller Welt für Gastauf-                                                                    germeister Klaus Wowereit.
tritte und Einzelprojekte ge-                                                                         Lilienthals größtes Kunst-
winnt, die nicht bloß nett und                                                                     stück hat viel mit seiner sozia-
unverbindlich sind, sondern                                                                        len Kompetenz zu tun: die
sich einfügen in ein gesell-                                                                       Geldbeschaffung. Anders als
schaftskritisches Konzept.                                                                         fast alle Theater in Deutsch-
   Rund tausend Produktio-                                                                         land hangelte sich das HAU
                                                                                                   DOROTHEA TUCH (L.); DOMINIQUE ECKEN/DAVIDS (O.)
nen hat das HAU in den ver-                                                                        immer von Projekt zu Projekt.
gangenen neun Jahren ge-                                                                           Neben dem Senat waren die
zeigt, ungefähr 120 pro Spiel-                                                                     wichtigsten Förderer des Hau-
zeit. Viele Gastspiele waren                                                                       ses die Bundeskulturstiftung
darunter, die gleichfalls in                                                                       und der Hauptstadtkultur-
Brüssel, Wien und Zürich zu                                                                        fonds. Lilienthal hat deren För-
sehen waren, auch Eigenpro-                                                                        dersystem perfekt ausgereizt.
duktionen entstanden fast im-                                                                         Seine Nachfolgerin in Ber-
mer in Kooperation mit diver-                                                                      lin wird die Belgierin Anne-
sen anderen Häusern. Den                                                                           mie Vanackere. Er selbst will
Regisseur Neco Çelik ließ Li-                                                                      für zehn Monate nach Beirut
lienthal das Stück „Schwarze Szenen aus „Unendlicher Spaß“: Schnitzeljagd durch Berlin             ziehen und an der dortigen
Jungfrauen“ inszenieren, in                                                                        Kunsthochschule eine Gra-
dem junge islamische Frauen, die in aus dieser Stadt hier zusammenzubrin- duiertenklasse unterrichten. Lilienthal
Deutschland leben, erzählen, was in ihren gen“. Sein größtes Glück sei gewesen, dass sagt von sich, er sei außerhalb von Berlin
Köpfen vorgeht. Die Dokumentartheater- Berlin für junge Menschen in den letzten „schwer vermittelbar“. In Hamburg und
leute von Rimini Protokoll inszenierten Jahren als tollster Platz der Welt gegolten Stuttgart hat er Intendantenposten knapp
hier indische Callcenter-Mitarbeiter und habe, sagt Lilienthal, „ich bin ein Profiteur verpasst, in Mannheim immerhin haben
arabische Muezzins als Theaterhelden. von Ryanair“. Als wäre er der Fluglotse, sie ihn zum Leiter des Festivals Theater
Die Aktionskünstlerinnen der Gruppe der die Kultur-Verkehrsströme steuerte.            der Welt bestimmt, das 2014 stattfindet.
She She Pop holten ihre Väter auf die        Mindestens zwei Tage die Woche, also        Am Sonntagmorgen um halb neun ist
Bühne, um mit ihnen über das Erben, hundertmal im Jahr, ist Lilienthal unter- die HAU-Abschiedsshow, die noch bis
senile Luxusansprüche und die Überalte- wegs in anderen Städten, irgendwo in der Ende Juni wiederholt wird, beim Finale
rung der Gesellschaft zu streiten.         Welt. Als manischer Reisender war Lilien- im HAU 1 angelangt. Die Vorstellung ist
   Er habe „keine Lust auf Kunstkacke“ thal schon berüchtigt, als er in den neun- jetzt 22 Stunden und 45 Minuten alt, als
und eine „hysterische Sehnsucht nach Rea- ziger Jahren Chefdramaturg an Frank Lilienthal schnaufend auf die Bühne klet-
lität“, das war Lilienthals Programm, als Castorfs Berliner Volksbühne wurde. tert. Er trägt ein knallgelbes T-Shirt und
er 2003 antrat, und das ist es bis heute.  1998 ging er. Er hatte Johann Kresnik, sieht erschöpft aus, glücklich und ein biss-
   Es gab viel Begeisterung für das Dau- Christoph Marthaler und den Theater-An- chen ratlos. Dass er weg aus Berlin müsse,
erfestival, das Lilienthal da inszenierte. fänger Christoph Schlingensief ans Haus das wisse er sicher, sagt er. Dann lächelt
Gleich 2004 wählten Kritiker es zum geholt, er hatte als einziger Westler im er. „Willst du gelten, mach dir selten.“
„Theater des Jahres“, immer wieder wur- Leitungsteam die Volksbühne zum Wider-                                    WOLFGANG HÖBEL

                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                              139
Kultur


                                                    SPI EGEL-GESPRÄCH




                                „Furzgrößenwahn“
         Bei einer SPIEGEL-Veranstaltung an der Universität Kassel spricht der Künstler
                    Jonathan Meese über den angeblich ichversauten Zustand
          der Kunstwelt in Zeiten der Documenta. Oder: Ein Interview mit Hitlergruß.

Meese ist ein pünktlicher                                                                                                                                 vor Kunst. Kunst ist doch ein Regierungs-
Mensch. Eine Stunde vor                                                                                                                                   system, die einzige gesellschaftspolitische
dem öffentlichen „SPIE-                                                                                                                                   Alternative.
GEL-Gespräch – live in der                                                                                                                                SPIEGEL: Man sieht am Beispiel von Kassel,
Uni“ steigt er in Kassel aus                                                                                                                              wie gut es der Kunst geht. Die ganze Welt
einem silbernen Gelände-                                                                                                                                  scheint neugierig darauf zu sein, was man
wagen mit getönten Schei-                                                                                                                                 auf der Documenta zu sehen bekommt.
ben. Meese, lange Haare,                                                                                                                                  Wir leben in kunstaffinen Zeiten. Wofür
langer Bart, trägt wie im-                                                                                                                                muss Jonathan Meese jetzt noch kämpfen?
mer eine Adidas-Jacke, heu-                                                                                                                               Meese: Ich sehe das ganz und gar anders.
te ist es eine aus Leder. Er                                                                                                                              Die Kunst wird nicht geliebt, ihr wird
setzt eine Sonnenbrille auf.                                                                                                                              nicht gedient. Es wird irgendeiner Kultur
Er lacht auf eine eher                                                                                                                                    gedient. Kultur ist ja nicht Kunst, Kultur
schüchterne Weise.                                                                                                                                        ist Kultivierung, Zucht.
Seine Assistenten haben ihn                                                                                                                               SPIEGEL: Ist Kultur ein Geschäft?
aus Berlin nach Kassel ge-                                                                                                                                Meese: Ein Geschäft kann es ja sein, wenn
fahren. Es ist der vergange-                                                                                                                              es ein geiles ist. Wenn der Metzger in Ah-
ne Montag, ein paar Tage                                                                                                                                  rensburg mir verkündet, dass sein Laden
vor dem Beginn der Docu-                                                                                                                                  ideologiefrei, religionsfrei, spiritualitäts-
menta, der wichtigsten                                                                                                                                    frei und esoterikfrei ist, dann dient dieser
Ausstellung der Welt. Das                                                                                                                                 Metzger der Kunst. Wenn er aber katho-
Thema des Gesprächs heißt:                                                                                                                                lisch ist oder protestantisch oder FDP
„Größenwahn in der Kunst-                                                                                                                                 oder CDU oder NSDAP, dann weiß ich,
welt“. Jonathan Meese ist,                                                                                                                                diese Person dient weder der Kunst, noch
aus vielen Gründen, für die-                                                                                                                              kann das Fleisch geil sein.
ses Thema ein ziemlich gu-                                                                                                                                Das Publikum lacht. Meese hat sich warm-
ter Gesprächspartner. Seit                                                                                                                                geredet, seine Miene wirkt grimmig.
                                                                                          UWE ZUCCHI / PICTURE ALLIANCE / DPA (O./U.); DER SPIEGEL (M.)




15 Jahren provoziert und un-                                                                                                                              Meese: Ich will die Meldung haben von
terhält Meese, 42, die Kunst-                                                                                                                             Berlin, dass Berlin ideologiefrei ist. Das
szene. Er malt, er bildhau-                                                                                                                               Recht habe ich. Das ist ein Grundrecht von
ert, er hat ein Theaterstück                                                                                                                              Menschen. Ich möchte, dass mir verkün-
geschrieben. Legendär sind                                                                                                                                det wird, dass New York ideologiefrei ist.
seine Performances. Kunst                                                                                                                                 SPIEGEL: Die Ideologiefreiheit selbst ist
ist für ihn ein großes Spiel.                                                                                                                             aber keine Ideologie?
Eigens für diesen Abend hat                                                                                                                               Meese: Nein, natürlich nicht. Weil sie to-
er drei Manifeste verfasst                                                                                                                                talstes Spiel ist. Wenn Sie total spielen,
(zwei davon können unter                                                                                                                                  herrscht keine Ideologie. Wenn Sie aber
www.spiegel.de/meese gele-                                                                                                                                ideologisch spielen, herrscht noch nicht
sen und heruntergeladen                                                                                                                                   einmal ein Spiel. Die Olympiade ist kein
werden). Noch wartet er, er                                                                                                                               Spiel, weil da der Ideologischste gewinnt.
freut sich, ist auch nervös, Künstler Meese*: „Beuys, igitt“                                                                                              Überhaupt: Das Prinzip, jemanden zu be-
Appetit hat er keinen.                                                                                                                                    siegen, gibt es in der Kunst nicht. Ich bin
Mehr als 250 vorwiegend junge Zuhörer SPIEGEL: Herr Meese, warum schreien Sie                                                                             wie ein Baby oder ein Tier, fragen Sie
sind gekommen. Der Künstler bedankt so nach der Diktatur der Kunst, haben                                                                                 mal ein Tier, ob es religiös ist.
sich für die Einladung, er sei „glücklich, wir die nicht längst erreicht? Wir leben                                                                       SPIEGEL: Darf man sich der Welt so ent-
glücklich, glücklich“. Dann liest er aus ei- in einem Zeitalter der Kunst, es gibt mehr                                                                   ziehen?
nem der Manifeste vor, mit lauter, manch- Ausstellungen denn je, mehr Museen,                                                                             Meese: Ich entziehe mich ja nicht, ich bin
mal brüllender Stimme. Es sind mehrere mehr Künstler, mehr Kunst. Das muss Sie                                                                            im Hauptquartier Berlin zugegen. Ich ver-
Seiten, handgeschrieben, die er vorträgt. doch glücklich machen.                                                                                          bunkere mich und schmeiße die Befehle
Seine Gesichtsfarbe bekommt etwas Röt- Meese: Nein. Es gibt viel, das so tut, als                                                                         heraus.
liches, er sagt Sätze wie: „Die Kunst wäre es Kunst. Das meiste aber ist so hass-
braucht den limitierten Furzgrößenwahn erfüllt der Kunst gegenüber. Und die Men-                                                                          * Bei der SPIEGEL-Veranstaltung in Kassel am 4. Juni.
des Menschen-Ichs nicht.“ Das Gespräch schen, die sich heutzutage mit Kunst be-                                                                           Das Gespräch führten die Redakteurinnen Ulrike Knöfel
beginnt.                                     fassen, haben so eine unglaubliche Angst                                                                     und Marianne Wellershoff.

140                                               D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
SPIEGEL: Das klingt nicht nach Diktatur der hineinkommst. Heute merken die Leute etwas. Es geht doch darum, dass man die
Kunst, sondern nach Diktator der Kunst. das gar nicht mehr, die gehen da alle rein, Wurst, die man brutzelt, am geilsten macht.
Meese: Ja, aber wenn man versachlicht hohoho, Reise ins Ich, hohoho, Arbeits- Du musst deinen Job mit totaler Hingabe,
ist, dann ist es eine Diktatur.               lager Ich.“ Immer wieder drischt er auf totalst liebevollst, ideologielos ausführen.
SPIEGEL: Also Sie sind eine Sache?            die Demokratie ein.                         SPIEGEL: Dann ist jeder Mensch Künstler,
Meese: Ja. Ich bin versachlichte Diktatur.                                                und wir sind wieder bei Beuys.
SPIEGEL: Sind Sie der Chef in Ihrer Dik- SPIEGEL: Der Angriff auf die Demokratie Meese: Dann ist keiner ein Künstler, das
tatur?                                        ist natürlich eine gezielte Provokation.    ist das viel Geilere. Jeder ein Künstler,
Meese: Nicht in meiner! Ich nehme ja Meese: Das Gefängnis ist da. Deutschland das heißt dann wieder, oah, wir sind wich-
auch nur die Befehle in Empfang und set- ist ein Gefängnis, genauso wie Europa. tig und toll. Keiner möge Künstler sein.
ze sie um. Ich schlafe, ich esse, ich trinke, Alles ideologieverseucht. Kunst ist die SPIEGEL: Kann man der Kunst nicht auch
ich verdaue.                                  Gesamtheit des Notwendigen.                 dienen, indem man sich eine Eintrittskar-
SPIEGEL: Wie sehen Sie den Zustand der SPIEGEL: Oder des Nichtnotwendigen, sa- te für eine Ausstellung kauft, zum Bei-
Kunstwelt, die ja auch eine große Show gen manche.                                        spiel für die Documenta?
ist: Sammler fahren mit Mam-                                                                           Meese: Nein, wenn da keine
mutyachten zur Biennale                                                                                Kunst zu sehen ist, dann die-
nach Venedig. Ukrainische                                                                              nen Sie nur der Kultur.
Oligarchen lassen Künstler in                                                                          SPIEGEL: Wäre denn Kunst auf
ihre Privatmuseen nach Kiew                                                                            der Documenta zu sehen,
einfliegen. Wo ist da für Sie                                                                          wenn Sie teilnähmen?
Schluss?                                                                                               Meese: Wenn man nur mich
Meese: Wenn die Leute der                                                                              bringen würde, eventuell. Ich
Diktatur der Kunst dienen,                                                                             weiß doch nicht, ob sich Kunst
können sie auch mit einer gei-                                                                         an mir abspielt. Ich kann nicht
len Yacht fahren.                                                                                      Kunst erzwingen, ich weiß
SPIEGEL: Wie diene ich da der                                                                          nur, wie ich der Kunst diene.
Kunst?                                                                                                 SPIEGEL: Es wäre ein Risiko für
Meese: Indem Sie strammste-                                                                            die Documenta, in fünf Jah-
hen auf dieser geilen Yacht.                                                                           ren eine ganze Ausstellung
Lachen im Publikum.                                                                                    nur mit Jonathan Meese zu
SPIEGEL: Verstehen Sie sich als                                                                        gestalten, wenn der nicht
politischen Künstler?                                                                                  weiß, ob dann gerade die
Meese: Die Kunst wird diese                                                                            Kunst in ihn eindringt.
mickrige politische Land-                                                                              Meese: Aber zumindest bin
schaft ersetzen. Die Leute                                                                             ich demütig der Kunst gegen-
werden alle abdanken. Adolf                                                                            über, und man braucht keine

                                                                                                     PHOTOGRAPHIE JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM / VG BILD-KUNST 2012
Hitler hätte 1936 zur Olympia-                                                                         Verbrechen von mir zu erwar-
de abdanken müssen. Wenn                                                                               ten. Ich spiele vielleicht den
er von der Diktatur der Kunst                                                                          dritten und vierten Weltkrieg,
gewusst hätte oder gehört                                                                              aber er wird ja nicht gemacht.
hätte, hätte er abgedankt,                                                                             SPIEGEL: Sind Sie, wenn Sie
weil er auch nur das Radikals-                                                                         als einziger Künstler der Do-
te gesucht hat.                                                                                        cumenta ausstellen wollen,
SPIEGEL: Dass er das getan hät-                                                                        leicht größenwahnsinnig?
te, wollen wir doch schwer                                                                             Meese: Ich bin eine einfache
bezweifeln, auch wenn es ein                                                                           Ameise, die einfach ihren
guter Schritt gewesen wäre.                                                                            Dienst erfüllt.
Meese: Natürlich.                                                                                      SPIEGEL: Kennen Sie noch an-
SPIEGEL: Heute fordern Sie,                                                                            dere Ameisen der Kunst?
dass der Dalai Lama abdankt.                                                                           Meese: Ja, ansatzweise. War-
Meese: Der Dalai Lama muss                                                                             hol hat der Kunst gedient. Zu
aber ganz klar abdanken. Wie                                                                           Zeiten auch Klaus Kinski, der
kann das im Jahr 2012 noch ge-                                                                         konnte von sich absehen, der
hen? Wie kann man denn vor                                                                             hat gespielt. Es geht ja um
Menschen noch niederknien,                                                                             das Spiel. Es ist das einzige
es gibt doch gar keine heiligen Meese-Bild „… Marsch, Marsch …“, 2012: „Die geilste Wurst brutzeln“ Spiel der Zukunft, das keine
Menschen. Das ist nämlich                                                                              Opfer produziert.
Hochmut. Wie in Griechenland, die Wiege Meese: Aber das sind miese Dadaisten. SPIEGEL: Nur für das Verständnis: Warum
der Demokratie, das ist auch der Endpunkt. Die trauen der Kunst nichts zu.                war Warhol eine Ameise der Kunst?
Ja, das miese System Demokratie wird Viele Bonmots, viele Lacher. Ganz selten Meese: Warhol hat das Spiel der Masken
genau da untergehen, wo es erschaffen wirkt Meese so, als müsse er selbst lachen. verstanden, er hat verstanden, dass es
wurde. Der Teufelskreis schließt sich.        Er betont, es sei „mit Humor gepflastert“, nicht um sein Ich geht. Das ist ja schon
                                              was er da sage.                             mal ganz gut, Hut ab!
Die „Weltdiktatur der Demokratie“ ist SPIEGEL: Die Kunst spricht durch Sie zu SPIEGEL: Und Beuys?
für Meese eine „Gehirnwaschanlage“, uns?                                                  Meese: Joseph Beuys war ichversaut zum
eine Sekte. Alle wollten individuell sein, Meese: Ich bin doch kein Medium, kein Schluss bis zum Gehtnichtmehr, der hat
seien aber gleichgeschaltet. Er sagt: „Frü- Schamane, das ist doch widerlich, igitt, da die Grüne Partei gegründet, das ist ja
her hast du wenigstens noch gewusst, müssen Sie Beuys fragen. Es geht doch ganz grauenhaft. Da hat er versucht, die
wenn du in ein stalinistisches Arbeitslager auch nicht darum, dass man malt oder so Kunst der Realpolitik unterzujubeln. Das
                                                   D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                                                                                 141
Kultur

ist Hochverrat, Mann. Komischerweise           Meese: Ich kann mir doch nicht von die-       Haifisch. Ich rieche auch, wenn in Kassel
sind alle Künstler heute linkspolitisch. Ist   sen Psychopathen die Zeit und die Ener-       irgendein geiles Kunstwerk entsteht.
doch mickrig. Sei doch gar nichts.             gie stehlen lassen.                           SPIEGEL: Und riechen Sie etwas?
SPIEGEL: Sie haben ordentlich Karriere         SPIEGEL: Meinen Sie die Kollegen oder die     Meese: Nein, ich rieche gar nichts. Ich
gemacht.                                       Studenten?                                    rieche ichversaute Typen, ist wahrschein-
Meese: Durch Zufall. Ich wollte gar keine      Meese: Beides. Die Kollegen, die alle auf     lich nicht ganz so schlimm wie die Berlin
machen. Das hat sich einfach so ergeben,       Hierarchie Bock haben, das sind alles vor-    Biennale, aber ist wahrscheinlich schon
weil ich eben von der Diktatur der Kunst       malige Anarchisten. Diese ganzen Anar-        ziemlich grauenhaft. Eben ichversauter
gehört habe.                                   chisten, die mit mir studiert haben, die      Dünnpfiff. Und wenn man sich das an-
SPIEGEL: Wer hat Ihnen denn davon erzählt?     sind alle ganz liebend gern Professoren       schauen will, ins Gesicht schmieren, und
Meese: Weiß ich nicht, ich hab es ge-          geworden, um im demokratischen Furz-          glaubt, das ist geil, hat man selber Schuld.
träumt, oder es war meine Mutter oder          system die Hämorrhoiden zu unterrich-         Meese muss kurz lachen, hat sich aber
ein Tier, oder ich habe mal nicht in den       ten, die Studenten heißen. Diese Studen-      nach ein paar Sekunden wieder im Griff.
Spiegel geguckt.                               tenfürze sind Hämorrhoiden im Arsch           SPIEGEL: Freut es Sie eigentlich, wenn Sie
SPIEGEL: Leiden Sie auch ein Stück weit        des Staates. Ich habe wenigstens noch er-     hören, da gibt jemand 60 000 Euro für ein
an der Kunst? Es sah so aus, als hätten        kannt, dass ich ein mieses Studenten-         Meese-Werk aus?
Sie sich die vergangenen Jahre etwas zu-       schwein war.                                  Meese: Warum geben die nicht ganze
rückgezogen.                                   Freudiges Aufjohlen im Saal.                  Staatshaushalte aus? Es wäre doch geil,
Meese: Ich leide doch nicht an der Kunst,      SPIEGEL: Werden Sie auf die Documenta         wenn ganz New York einfach Pleite macht
ich leide daran, dass so wenig Kunst da        gehen?                                        und das System zusammenbricht. Wir se-
ist. Ich leide darunter, dass mir irgend-      Meese: Nein, das trau ich mich gar nicht.     hen das doch in Griechenland.
welche Skulpturen verkauft werden sol-         SPIEGEL: Trauen Sie sich nicht, weil Sie da   SPIEGEL: Haben die zu viele Meeses ge-
len als Kunst, aber in Wirklichkeit Design     erkannt werden?                               kauft?
sind. Ich leide darunter, dass irgendwel-      Meese: Ja, ich gehe da hin, wenn man mir      Meese: Zu wenige! Warum soll nicht Kunst
che beschissenen Malereien gezeigt wer-        das absperrt und mich da alleine durch-       alles kosten? Dann wird sich das Geld ab-
den, die in Wirklichkeit nur hochgepushte      führt. Ja, das ist nun einmal so, ich mein,   schaffen, die Absurdität dieser ideologie-
Illustrationen sind. Seit 1945 ist doch        wenn man so aussieht wie ich. Wo will         verseuchten Dinge wird an den Tag gelegt.
nichts auf diesem Planeten passiert, keine     man denn da noch hingehen?                    SPIEGEL: Sie geben Ihr Geld ja angeblich
gute Literatur, nichts. Alles völlig verwäs-   SPIEGEL: Heißt das, Sie lassen sich immer     nicht für Kunst aus, sondern für Bücher.
sert, alles Weichspülprogramm.                 alles absperren, wenn Sie Kunst ansehen?      Meese: Ich liebe Bücher, es gibt noch ra-
SPIEGEL: Wäre es nicht naheliegend, dass       Meese: Man kann doch ins Internet gehen,      dikale Bücher. Ich kaufe alles aus dem Na-
Sie als Professor an die Unis gehen und        man guckt das in Büchern nach. Außer-         tionalsozialismus und alle Pornos, Man-
da alles aufmischen?                           dem rieche ich das doch, ich bin doch ein     gas. Alles, was sprießt. Alles mit Befehls-
menta ausstellen oder du musst den deut-
                                                                                                                                                                                                                                        schen Pavillon auf der Biennale in Vene-
                                                                                                                                                                                                                                        dig machen, dann muss ich es machen.
                                                                                                                                                                                                                                        Dann kann ich ja nicht sagen, ich mache
                                                                                                                                                                                                                                        es jetzt nicht. Mutter ist Verbindungs-
PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM/VG BILD-KUNST 2012




                                                                                                                                                                                                                                        mann Nummer eins zur Diktatur der
                                                                                                                                                                                                                                        Kunst.
                                                                                                                                                                                                                                        SPIEGEL: Sind Sie angefragt worden für die
                                                                                                                                                                                                                                        nächste Biennale in Venedig?




                                                                                                                                                                         PHOTOGRAPHIE JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM
                                                                                                                                                                                                                                        Meese: Nein. Das trauen die sich nicht.
                                                                                                                                                                                                                                        Schallendes Gelächter von Meese.
                                                                                                                                                                                                                                        Und wenn, dann würde ich es ja mit Hu-
                                                                                                                                                                                                                                        mor machen oder auch nicht machen.
                                                                                                                                                                                                                                        Das muss man dann sehen. Ich bin ja da-
                                                                                                                                                                                                                                        für, dass sich Bayreuth ausdehnt, dass die
                                                                                                                                                                                                                                        Bühne immer größer wird, und dann kön-
                                                                                                                                                                                                                                        nen wir alles spielen.
                                                                                                                                                                                                                                        SPIEGEL: Würden Sie sich vor ein Gemälde
                                                                                                                                                                                                                                        von Gerhard Richter stellen und stramm-
                                                                                                                                                                                                                                        stehen?
                                                                                                                                                                                                                                        Meese: Ich kann sehr gut vor geilen Sa-
                                                                                                                                                                                                                                        chen strammstehen, da habe ich kein Pro-
                                                                                                                                                                                                                                        blem. Da mache ich gerne auch diesen
                                                                                 Provokateur Meese, Manifest: „Seit 1945 Weichspülprogramm“                                                                                             hier:
                                                                                                                                                                                                                                        Meese hebt den rechten Arm zum Hitler-
                                                                                 struktur. Ich liebe es, Befehle zu empfan-   Meese: Ja natürlich. Sie kommt nicht zu                                                                   gruß.
                                                                                 gen. Jonathan tu dies, Jonathan tu das,      solchen Auftritten. Ich bin dann nicht                                                                    Meese: Ich schreite so …
                                                                                 wach auf, steh auf, dusch, geh ins Bad,      mehr ihr Sohn, sagt sie.                                                                                  Wieder der Hitlergruß.
                                                                                 schlaf jetzt. So ist meine Mutter. Das ist   Meese sagt: „Soooohn“. Er ruft das Wort                                                                   … gerne auch mal in meinem Atelier her-
                                                                                 super, es wird immer präziser. Die hat ja    geradezu.                                                                                                 um. Das ist gut, das macht den Körper
                                                                                 auch keine Zeit mehr, die ist 82.            Ha. Aber ich bin natürlich ihr Sohn. Ich                                                                  auf. Das ist nicht diese mickrige Bewe-
                                                                                 SPIEGEL: Ist Ihre Mutter auch versiert in    habe totalen Respekt vor ihr. Wenn sie                                                                    gung nach innen.
                                                                                 der Diktatur der Kunst?                      mir sagen würde, du musst auf der Docu-                                                                   Er krümmt sich nach vorn.
Kultur




                                                                                                                                            PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM/VG BILD-KUNST 2012
Maler Meese mit seiner Mutter Brigitte 2006: „Ich bin dann nicht mehr ihr Sohn“

Oh, da finde ich mein Ich, meine Gefühle,      Macht. Wieso gibt’s denn überhaupt noch        springt auf und greift dem Störer an die
meine Seele. Seele wiegt sieben Gramm,         ideologische Repräsentation? Wie kann          Schultern, fotografiert dann aber sofort
wird rausgefurzt.                              denn das sein nach 1945, nach dem Null-        die Scherben. Meese wirkt erschrocken,
Schweißperlen auf Meeses Stirn, er wirkt       punkt?“ Hitler, sagt er, sei der extremste     reagiert aber freundlich.
ein wenig ausgelaugt.                          Schauspieler gewesen, der habe Führer ge-
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich auch Künst-      spielt. „So plausibel“, dass die Leute das     Meese: Das ist genau das, was Realitäts-
lerfreunde?                                    plötzlich wollten. Doch man mache auch         fanatismus ist. Junge, das ist Realitätsfa-
Meese: Habe ich. Aber es werden immer          nicht Darth Vader zum Führer. Eine junge       natismus.
weniger. Weil die so frustriert sind alle,     Frau möchte einen Schluck von Meeses Co-       Störer: Das Spiel ist aus!
die wollen nichts mehr. Die nehmen das         la haben. Ernsthaftere Fragen folgen. Eine     Meese: Das hier geht nicht. Nicht ein Glas
einfach hin, was so passiert. Die finden       lautet: „Ganz präzise: Was will die Kunst?“    kaputt machen. Das Glas kann doch
alles dann gut, wenn es für sie gut ist.                                                      nichts dafür.
SPIEGEL: Sind das auch Professoren?            Meese: Die Kunst will den Neustart, Tabu-      Störer: Das Spiel ist aus!
Meese: Viele von denen, die wollen ihren       la rasa. Wir müssen alles vom Tisch ziehen.    Meese: Keine Sachen kaputt machen. Das
Dreck weitergeben, natürlich, wollen ih-       Du kannst ja FDP sein in deinem Hobby-         ist Realitätsfanatismus. Jetzt wurde eben
re Studenten und Studentinnen durch-           keller, aber niemals auf der Straße, niemals   die Bühne zur Realität gemacht … Der
bumsen. Ist doch auch o. k. Aber können        in einem Parlament. Immer wieder kommt         will wahrscheinlich wirklich noch was.
es doch wenigstens sagen, worum es geht.       ein neues mickriges Abziehbild von Adolf       Zwischenruf aus dem Publikum: Der ist
Oder die Hierarchie bilden. Aber früher        Hitler. Lass sie doch ruhen, Mann! Er ist      Künstler wie du.
schön anarchistisch. Deshalb habe ich          da gewesen, wir brauchen diese mickrigen       Meese: Ja. Aber er muss dienen lernen …
mich auch zurückgezogen, um mich ab-           Kopien nicht mehr. Wir hätten schon bei        Der will irgendwas.
zugrenzen, Kraft zu tanken.                    Caligula sagen müssen: „Danke schön für        Zwischenruf aus dem Publikum: Aber was
SPIEGEL: Haben Sie an dieser ganzen Ent-       den Losungsspruch, Hodensack!“ Guckt           will er?
wicklung gelitten?                             euch Caligula im Film an, das reicht doch!     Meese: Weiß ich nicht, ihr müsst ihn be-
Meese. Ja, klar. Vor zehn Jahren war es        Und das ist die konkrete Ansage: „Mach         fragen. Da ist jetzt der wunde Punkt pas-
doch noch viel geiler, da war noch ein         den Tisch rein! Mach Tabula rasa bei dir!“     siert. Und dieser Mann, der das gemacht
familiäres Ding unterwegs. Und plötz-          Vor der Kunst müssen Sie nicht nieder-         hat, ist ganz toll. Aber er soll es nicht
lich zersplittert das alles. Das ist wie bei   knien, es gibt keine niederknienden Babys.     wieder machen. Ich muss jetzt auch gleich
den Parteien. Jetzt kommen auch noch           Kein Baby betet. Warum nicht? Warum            abzischen. Ich bin jetzt auch so traurig
die Piraten. Ganz ichversaute Typen. Im-       wird diese Frage nicht gestellt? Wenn es       und glücklich zugleich.
mer verfeinertere Leberwürste sind un-         einen Gott gäbe, hätte er die Babys schon      Applaus.
terwegs.                                       betend auf die Welt gebracht. Aber nein,
                                               das gibt es nicht, das sind Erfindungen.
Das Publikum darf Fragen stellen. Ein jun-     Das ist alles Bevormundung!                                     Video:
ger Mann will wissen, ob die Atombombe                                                                         Auftritt des
eine Bedeutung für die Kunst hat und auch      Ein junger Zuschauer bahnt sich den Weg                         Wut-Künstlers
für Hitler gehabt haben könnte. Meese ist      durchs Publikum zum Podium. Langsam,                            Für Smartphone-Benutzer:
begeistert und antwortet: „Wir brauchen        aber bestimmt wischt der junge Mann                             Bildcode scannen, etwa mit
doch gar keine Menschen mehr an der            die Gläser vom Tisch. Meeses Assistent                          der App „Scanlife“.
144                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom
Bestseller                                              Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl-
                                                           kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller

Belletristik                                               Sachbücher
 1   (1)   Jonas Jonasson                                       1   (1)   Thilo Sarrazin
           Der Hundertjährige, der aus dem                                Europa braucht den Euro nicht
           Fenster stieg und verschwand                                   DVA; 22,99 Euro
           Carl’s Books; 14,99 Euro                             2   (3)   Rolf Dobelli
 2   (2)   P. C. Cast / Kristin Cast                                      Die Kunst des klaren Denkens
           Bestimmt – House of Night 9                                    Hanser; 14,90 Euro
           FJB; 16,99 Euro                                      3   (2)   Philippe Pozzo di Borgo
 3   (3)   Donna Leon                                                     Ziemlich beste Freunde
           Reiches Erbe                                                   Hanser Berlin; 14,90 Euro
           Diogenes; 22,90 Euro                                 4   (4)   David Graeber
 4   (4)   Suzanne Collins                                                Schulden – Die ersten 5000 Jahre
           Die Tribute von Panem –                                        Klett-Cotta; 26,95 Euro
           Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro               5   (5)   Daniel Kahnemann
 5   (5)   Suzanne Collins                                                Schnelles Denken, langsames
           Die Tribute von Panem –                                        Denken Siedler; 26,99 Euro
           Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro                 6   (6)   Samuel Koch / Christoph Fasel
 6   (8)   Rachel Joyce                                                   Zwei Leben
           Die unwahrscheinliche Pilgerreise                              Adeo; 17,99 Euro
           des Harold Fry Krüger; 18,99 Euro                    7   (8)   Hans-Ulrich Grimm
 7   (6)   Jean-Luc Bannalec                                              Vom Verzehr wird abgeraten
           Bretonische Verhältnisse                                       Droemer; 18 Euro
           Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro                     8   (–)   Steffen Möller
 8   (7)   Suzanne Collins                                                Expedition zu
           Die Tribute von Panem – Tödliche                               den Polen
           Spiele Oetinger; 17,90 Euro                                    Malik; 14,99 Euro
 9   (–)   Karen Rose
           Todesherz
           Knaur; 16,99 Euro                                            Reisereportage als
                                                                       Länderkunde: der in
                                                                         Warschau lebende
                                                                     Kabarettist über Sitten
                                                                            und Gebräuche
     Amerikanischer Thriller                                             unserer Nachbarn
         über eine Gerichts-
        medizinerin, die ins                                    9   (10) Joachim
                                                                             Gauck
       Visier eines brutalen                                        Freiheit Kösel; 10 Euro
              Mörders gerät                                 10 (12) Adam Zamoyski
                                                                    1812 – Napoleons Feldzug in
10   (9)Jussi Adler-Olsen                                           Russland C. H. Beck; 29,95 Euro
        Das Alphabethaus dtv; 15,90 Euro                    11 (11) Norbert Robers
11 (–) George R. R. Martin                                          Joachim Gauck – Vom Pastor zum
        Der Sohn des Greifen – Das Lied                             Präsidenten – Die Biografie
        von Eis und Feuer 9 Penhaligon; 16 Euro                           Koehler & Amelang; 19,90 Euro
12 (10) Dora Heldt                                          12      Carsten Maschmeyer
                                                                    (9)
        Bei Hitze ist es wenigstens                                 Selfmade Ariston; 19,99 Euro
        nicht kalt dtv; 14,90 Euro                          13 (14) Bill Mockridge
13 (11) Sarah Lark                                                  Je oller, je doller
        Die Tränen der Maori-Göttin                                       Scherz; 14,99 Euro
           Bastei Lübbe; 15,99 Euro                         14 (15) Dieter Nuhr
14 (13) Nicholas Sparks                                             Der ultimative Ratgeber für alles
        Mein Weg zu dir                                                   Bastei Lübbe; 12,99 Euro
           Heyne; 19,99 Euro                                15 (13) Joe Bausch
15 (12) Michael Robotham                                            Knast
        Der Insider                                                       Ullstein; 19,99 Euro
           Goldmann; 14,99 Euro                             16      (7)   Jürgen Domian
16 (16) Jussi Adler-Olsen                                                 Interview mit dem Tod
        Erlösung                                                          Gütersloher Verlagshaus; 16,99 Euro
           dtv; 14,90 Euro                                  17 (19) Thomas Kistner
17 (17) Jussi Adler-Olsen                                           Fifa-Mafia
        Schändung                                                         Droemer; 19,99 Euro
           dtv; 14,90 Euro                                  18 (18) Cid Jonas Gutenrath
18 (15) Josephine Angelini                                          110 – Ein Bulle hört zu – Aus der
        Göttlich verloren                                           Notrufzentrale der Polizei
           Dressler; 19,95 Euro                                           Ullstein extra; 14,99 Euro
19 (14) Martin Walker                                       19 (17) Walter Isaacson
        Delikatessen                                                Steve Jobs
           Diogenes; 22,90 Euro                                           C. Bertelsmann; 24,99 Euro
20 (18) Markus Heitz                                        20      (–)   St John Greene
        Oneiros – Tödlicher Fluch                                         Gib den Jungs zwei Küsse
           Knaur; 14,99 Euro                                              Marion von Schröder; 18 Euro


                                        D E R   S P I E G E L       2 4 / 2 0 1 2                                  145
Kultur




                              Alles auf Anfang
                                         Der Band „Beginners“ präsentiert Erzählungen des US-Autors
                              LITERATURKRITIK:
                              Raymond Carver endlich in ihrer ursprünglichen Form.


Z
         wei junge Männer, beide verheira- Lish in die Manuskripte des vier Jahre nale Eingriffe. Verändert wurden alle,
         tet, einer schon Familienvater, fah- jüngeren Autors erheblich eingriff. Er und nicht alle zu ihrem Vorteil. So sind
         ren durch die Gegend. Einfach so, strich ganze Absätze, änderte Namen, etwa die Urfassungen der großartigen
ziellos. Beste Freunde sind sie, seit Ju- verkürzte Sätze, eliminierte retardieren- Erzählungen „Pavillon“ und „Anfänger“
gendtagen. Und sie finden, dass Männer de Passagen. Carver, der Lish seit 1967 den gekürzten Versionen eindeutig über-
sich gelegentlich mal loseisen müssen von kannte, ließ ihn gewähren.                              legen.
ihren Frauen.                                              Die Geschichte mit dem Mädchenmord        Nun gibt es endlich auch eine – sehr
   Jerry entdeckt die zwei Mädchen auf erschien 1981 zusammen mit 16 anderen gute – deutsche Übersetzung des Buchs,
den Fahrrädern als Erster. Er und Bill in dem Carver-Band „What We Talk das freilich nicht einfach „Anfänger“
sprechen die beiden an und laden sie ein, about When We Talk about Love“ – auch heißt, sondern den englischen Titel „Be-
ein Stückchen mit ihnen zu fahren.                      der geniale Buchtitel stammt vom Lektor. ginners“ übernimmt, um den Untertitel
   Aber die Mädchen wollen nicht. Erst                     Wie Lish im Einzelnen vorging, in wel- „Uncut“ ergänzt. Ohne Schnitt, Original-
scherzen sie noch, dann wird ihnen die chem Ausmaß er die Erzählungen Car- fassung: Das soll nach Kino klingen, und
Situation auf der Landstra-                                                                                      es darf dabei an Robert Alt-
ße unheimlich. Sie schmei-                                                                                       mans Film „Short Cuts“
ßen ihre Räder hin und                                                                                           (1993) gedacht werden, der
laufen davon, einen Hang                                                                                         weitgehend auf Carvers
hinauf. Die Männer hin-                                                                                          Storys basiert und den Er-
terher.                                                                                                          zähler in Deutschland be-
   Aus dem erhofften Aben-                                                                                       kannt gemacht hat.
teuer wird nichts. Die                                                                                              Gleichzeitig ist im Verlag
Mädchen sind am Ende tot.                                                                                        S. Fischer auch eine Aus-
Abrupter Schluss der Er-                                                                                         gabe der gekürzten Erzäh-
zählung: „Jerry nahm den-                                                                                        lungen unter dem alten
selben Stein bei beiden                                                                                          Titel „Wovon wir reden,
Mädchen, zuerst bei dem                                                                                          wenn wir von Liebe reden“
Mädchen, das Sharon hieß,                                                                                        als Taschenbuch neu aufge-
und dann bei der, die Bills                                                                                      legt worden. Die parallele
sein sollte.“                                                                                                    Lektüre der Geschichten in
   Kurz und knapp. Dafür                                                                                         beiden Fassungen lehrt
                                                                       BOB ADELMAN/CORBIS




ist der Erzähler Raymond                                                                                         mehr über das Entstehen
Carver bekannt, der 1988                                                                                         von Literatur als jedes
mit nur 50 Jahren an Lun-                                                                                        Schreibseminar.
genkrebs starb. Der lako-                                                                                           Der berühmte Carver-
nische Stil, der sogar noch                    Schriftsteller Carver 1984                                        Ton und der frühe Ruhm
den von Hemingway in                                                                                             des Autors verdanken sich
den Schatten stellt, brach-                                                                                      tatsächlich weitgehend dem
te ihm Ruhm und die Ver-                                                                                         Lektor. Doch was einst
ehrung von Lesern, Kritikern und Kolle- vers manipulierte, das lässt sich inzwi- Mode war, wirkt heute vielfach nur mo-
gen ein.                                                schen beantworten – ebenso die immer disch. Die ruhigeren Erstfassungen aber
   Eigentlich ist das Ende der Erzählung wieder gestellte Frage, ob nicht er es war, kommen zum Teil wie zeitlos daher.
„Sag den Frauen, dass wir wegfahren“ ein der überhaupt erst den typischen Carver-                    Gordon Lish war, keine Frage, Carvers
anderes gewesen, und die Geschichte war Sound geschaffen hat.                                     wichtigster Förderer, sein Freund und
doppelt so lang. In der ursprünglichen                     Vor drei Jahren sind in den USA – auf erster Adressat. Seine durchaus selbstherr-
Fassung kommt es zu einer Vergewalti- beharrliches Betreiben von Carvers Wit- lichen Eingriffe stießen freilich auf Skep-
gung, und nur eine der beiden jungen we Tess Gallagher – die Texte des Erzähl- sis seitens des Autors. Dennoch: Als Car-
Frauen muss sterben. Jerry fürchtet, dass bands in ihrer ursprünglichen Form und ver sich entschloss, ein wenig unabhängi-
sie ihn anzeigen könnte. Er schlägt ihr unter dem Titel „Beginners“ veröffent- ger zu werden und mehr auf sich selbst zu
einen Stein auf den Kopf, immer wieder. licht worden.                                             vertrauen, überfiel ihn eine fast existen-
Carver beschreibt das ausführlich. Am                      Die Edition der Erstfassungen ist aus- tielle Angst vor Liebesentzug.
Ende liegen sich die Freunde weinend gestattet mit Begleitworten, Anmerkun-                          Nachdem er 1982 einen neuen Erzähl-
und ratlos in den Armen.                                gen und Briefdokumenten. Verblüffend band fertiggestellt hatte, bat Raymond
   Es war schon zu Carvers Lebzeiten sind die Prozentangaben, die das Ausmaß Carver den Mann, der für ihn eine Licht-
kein Geheimnis, dass sein Lektor Gordon der Streichungen durch Lish zeigen, be- gestalt war, fast flehentlich in einem Brief:
                                                        zogen auf die Anzahl der Wörter.          „Bitte hilf mir mit diesem Buch als guter
Raymond Carver: „Beginners. Uncut“. Aus dem ameri-
                                                           Um bis zu 78 Prozent des Textes hat Lektor, als der beste.“ Und mutig setzte
kanischen Englisch von Manfred Allié u. a. S. Fischer   der Lektor einzelne Geschichten gekürzt, er hinzu: „Aber nicht als Ghostwriter.“
Verlag, Frankfurt am Main; 368 Seiten; 21,99 Euro.      bei anderen wiederum gibt es nur margi-                                   VOLKER HAGE

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Impressum                                                                                                                                                       Service
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HERAUSGEBER Rudolf Augstein (1923 – 2002)                                        D Ü S S E L D O R F Georg Bönisch, Frank Dohmen, Barbara Schmid-               Telefon: (040) 3007-2687      Fax: (040) 3007-2966
                                                                                 Schalenbach, Carlsplatz 14/15, 40213 Düsseldorf, Tel. (0211) 86679-01,         E-Mail: artikel@spiegel.de
CHEFREDAKTEURE Georg Mascolo (V. i. S. d. P.),                                   Fax 86679-11                                                                   Nachdruckgenehmigungen für Texte und Grafiken:
Mathias Müller von Blumencron                                                                                                                                   Nachdruck und Angebot in Lesezirkeln nur mit schrift-
                                                                                 FRANKFURT AM MAIN Matthias Bartsch, Martin Hesse, Simone Kaiser,
STELLV. CHEFREDAKTEURE Klaus Brinkbäumer, Dr. Martin Doerry                      Anne Seith, An der Welle 5, 60322 Frankfurt am Main, Tel. (069)                licher Genehmigung des Verlags. Das gilt auch für
                                                                                 9712680, Fax 97126820                                                          die Aufnahme in elektronische Datenbanken und Mail-
Politischer Autor: Dirk Kurbjuweit                                               KARLSRUHE Dietmar Hipp, Waldstraße 36, 76133 Karlsruhe, Tel. (0721)            boxen sowie für Vervielfältigungen auf CD-Rom.
D E U T S C H E P O L I T I K · H AU P T STA DT B Ü RO Leitung: Konstantin von   22737, Fax 9204449                                                             Deutschland, Österreich, Schweiz:
Hammerstein, René Pfister (stellv.). Redaktion Politik: Ralf Beste, Ul-          M Ü N C H E N Dinah Deckstein, Conny Neumann, Steffen Winter,                  Telefon: (040) 3007-2869      Fax: (040) 3007-2966
rike Demmer, Christoph Hickmann, Peter Müller, Ralf Neukirch, Gor-               Rosental 10, 80331 München, Tel. (089) 4545950, Fax 45459525                   E-Mail: nachdrucke@spiegel.de
don Repinski, Merlind Theile. Autor: Markus Feldenkirchen                        ST U T TG A RT Eberhardstraße 73, 70173 Stuttgart, Tel. (0711) 664749-20,      übriges Ausland:
Redaktion Wirtschaft: Sven Böll, Markus Dettmer, Katrin Elger. Re-               Fax 664749-22                                                                  New York Times News Service/Syndicate
porter: Alexander Neubacher, Christian Reiermann                                 REDAKTIONSVERTRE TUNGEN AUSL AND                                               E-Mail: nytsyn-paris@nytimes.com
Meinung: Dr. Gerhard Spörl                                                       ABU DHABI Alexander Smoltczyk, P. O. Box 35 290, Abu Dhabi                     Telefon: (00331) 41439757
DEUTSCHL AND Leitung: Alfred Weinzierl, Cordula Meyer (stellv.), Dr.             AT H E N Julia Amalia Heyer, Pindarou 23, Kolonaki, 10673 Athen, Tel.          für Fotos:
Markus Verbeet (stellv.); Hans-Ulrich Stoldt (Panorama, Personalien).            (0030) 2103621412
Redaktion: Jan Friedmann, Michael Fröhlingsdorf, Hubert Gude,
                                                                                                                                                                Telefon: (040) 3007-2869      Fax: (040) 3007-2966
                                                                                 BANGKOK Thilo Thielke, Tel. (0066) 22584037                                    E-Mail: nachdrucke@spiegel.de
Carsten Holm (Hausmitteilung, Online-Koordination), Anna Kistner,
Petra Kleinau, Guido Kleinhubbert, Bernd Kühnl, Gunther Latsch,                  B RÜ S S E L Christoph Pauly, Christoph Schult, Bd. Charlemagne 45,            SPIEGEL-Shop
Udo Ludwig, Christoph Scheuermann, Katharina Stegelmann, Andreas                 1000 Brüssel, Tel. (00322) 2306108, Fax 2311436                                SPIEGEL-Bücher, SPIEGEL-TV-DVDs, Titelillustra-
Ulrich, Antje Windmann. Autoren, Reporter: Jürgen Dahlkamp, Dr.                  ISTANBUL PK 90 Beyoglu, 34431 Istanbul, Tel. (0090212) 2389558, Fax            tionen als Kunstdruck und eine große Auswahl an
Thomas Darnstädt, Gisela Friedrichsen, Beate Lakotta, Bruno Schrep,              2569769                                                                        weiteren Büchern, CDs, DVDs und Hörbüchern unter
Dr. Klaus Wiegrefe
                                                                                 KAIRO Volkhard Windfuhr, 18, Shari’ Al Fawakih, Muhandisin, Kairo,             www.spiegel.de/shop
Berliner Büro Leitung: Holger Stark, Frank Hornig (stellv.). Redaktion:          Tel. (00202) 37604944, Fax 37607655                                            Abonnenten zahlen keine Versandkosten.
Sven Becker, Markus Deggerich, Özlem Gezer, Sven Röbel, Marcel                   LO N D O N Marco Evers, Suite 266, 33 Parkway, London NW1 7PN, Tel.
Rosenbach, Michael Sontheimer, Andreas Wassermann, Peter Wen-                                                                                                   SPIEGEL-Einzelhefte (bis drei Jahre zurückliegend)
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sierski. Autoren: Stefan Berg, Jan Fleischhauer
W I R T S C H A F T Leitung: Armin Mahler, Michael Sauga (Berlin),
                                                                                 MADRID Apartado Postal Número 100 64, 28080 Madrid, Tel. (0034)                Fax: (040) 3007-857050
                                                                                 650652889                                                                      E-Mail: nachbestellung@spiegel.de
Thomas Tuma. Redaktion: Susanne Amann, Markus Brauck, Isabell
Hülsen, Alexander Jung, Nils Klawitter, Alexander Kühn, Martin U.                MOSKAU Matthias Schepp, Ul. Bol. Dmitrowka 7/5, Haus 2, 125009                 Ältere SPIEGEL-Ausgaben
Müller, Jörg Schmitt, Janko Tietz. Autoren, Reporter: Markus Grill,              Moskau, Tel. (007495) 96020-95, Fax 96020-97                                   Telefon: (08106) 6604         Fax: (08106) 34196
Dietmar Hawranek, Stefan Niggemeier, Michaela Schießl                            NAIROBI Horand Knaup, P. O. Box 1402-00621, Nairobi, Tel. (00254)              E-Mail: spodats@t-online.de
AU S L A N D Leitung: Hans Hoyng, Dr. Christian Neef (stellv.), Britta           207123387
                                                                                                                                                                Kundenservice
Sandberg (stellv.), Bernhard Zand (stellv.). Redaktion: Dieter Bednarz,          NEW YORK Ullrich Fichtner, Thomas Schulz, 10 E 40th Street, Suite              Persönlich erreichbar Mo. – Fr. 8.00 – 19.00 Uhr,
Manfred Ertel, Jan Puhl, Daniel Steinvorth, Helene Zuber. Reporter:              3400, New York, NY 10016, Tel. (001212) 2217583, Fax 3026258
Clemens Höges, Susanne Koelbl, Walter Mayr, Christoph Reuter                                                                                                    Sa. 10.00 – 16.00 Uhr
                                                                                 PA R I S Mathieu von Rohr, 12, Rue de Castiglione, 75001 Paris, Tel.           SPIEGEL-Verlag, Abonnenten-Service,
Diplomatischer Korrespondent: Dr. Erich Follath                                  (00331) 58625120, Fax 42960822                                                 20637 Hamburg
WISSENSCHAFT UND TECHNIK Leitung: Johann Grolle, Olaf Stampf.                    PEKING Dr. Wieland Wagner, P. O. Box 170, Peking 100101, Tel. (008610)         Umzug/Urlaub: 01801 / 22 11 33 (3,9 Cent/Min.)*
Redaktion: Jörg Blech, Manfred Dworschak, Dr. Veronika Hacken-                   65323541, Fax 65325453                                                         Fax: (040) 3007-857003
broch, Laura Höflinger, Julia Koch, Kerstin Kullmann, Hilmar                                                                                                    Zustellung: 01801 / 66 11 66 (3,9 Cent/Min.)*
                                                                                 R I O D E JA N E I R O Jens Glüsing, Caixa Postal 56071, AC Urca,
Schmundt, Matthias Schulz, Samiha Shafy, Frank Thadeusz, Christian
Wüst. Autorin: Rafaela von Bredow
                                                                                 22290-970 Rio de Janeiro-RJ, Tel. (005521) 2275-1204, Fax 2543-9011            Fax: (040) 3007-857006
                                                                                 ROM Fiona Ehlers, Largo Chigi 9, 00187 Rom, Tel. (003906) 6797522,             * aus dem Mobilfunk max. 0,42 €/Min.
KU LT U R Leitung: Lothar Gorris, Dr. Joachim Kronsbein (stellv.).
Redaktion: Lars-Olav Beier, Susanne Beyer, Dr. Volker Hage, Ulrike
                                                                                 Fax 6797768                                                                    Service allgemein: (040) 3007-2700
Knöfel, Philipp Oehmke, Tobias Rapp, Elke Schmitter, Claudia Voigt,              SA N F RA N C I S CO Dr. Philip Bethge, P. O. Box 151013, San Rafael, CA       Fax: (040) 3007-3070
Martin Wolf. Autoren, Reporter: Georg Diez, Wolfgang Höbel,                      94915, Tel. (001415) 7478940                                                   E-Mail: aboservice@spiegel.de
Dr. Romain Leick, Matthias Matussek, Katja Thimm, Dr. Susanne                    SHANGHAI Sandra Schulz, Wukang Road 115, Room 3, Xuhui District,               Kundenservice Schweiz
Weingarten                                                                       Shanghai 200031, Tel. (008621) 64661293                                        Telefon: (0049) 40-3007-2700 Fax: (0049) 40-3007-3070
KulturSPIEGEL: Marianne Wellershoff (verantwortlich). Tobias                     STAVANGER Gerald Traufetter, Rygjaveien 33a, 4020 Stavanger, Tel.              E-Mail: kundenservice-schweiz@spiegel.de
Becker, Johan Dehoust, Anke Dürr, Maren Keller, Daniel Sander                    (0047) 51586252, Fax 51583543                                                  Abonnement für Blinde
GESELLSCHAF T Leitung: Matthias Geyer, Cordt Schnibben, Barbara                  TEL AVIV Juliane von Mittelstaedt, P. O. Box 8387, Tel Aviv-Jaffa 61083,       Audio Version, Deutsche Blindenstudienanstalt e. V.
Supp (stellv.). Redaktion: Hauke Goos, Barbara Hardinghaus, Wiebke               Tel. (009723) 6810998, Fax 6810999                                             Telefon: (06421) 606265
Hollersen, Ralf Hoppe, Ansbert Kneip, Dialika Neufeld, Bettina Stiekel,                                                                                         Elektronische Version, Frankfurter Stiftung für Blinde
Takis Würger. Reporter: Uwe Buse, Jochen-Martin Gutsch, Thomas                   WA RS C H AU P. O. Box 31, ul. Waszyngtona 26, PL- 03-912 Warschau,
Hüetlin, Guido Mingels, Alexander Osang                                          Tel. (004822) 6179295, Fax 6179365                                             Telefon: (069) 955124-0
S P O RT Leitung: Gerhard Pfeil, Michael Wulzinger. Redaktion: Lukas
                                                                                 WAS H I N GTO N Marc Hujer, Dr. Gregor Peter Schmitz, 1202 National            Abonnementspreise
Eberle, Cathrin Gilbert, Maik Großekathöfer, Detlef Hacke, Jörg                  Press Building, Washington, D. C. 20045, Tel. (001202) 3475222, Fax            Inland: zwölf Monate € 197,60
Kramer                                                                           3473194                                                                        Sonntagszustellung per Eilboten Inland: € 717,60
S O N D E RT H E M E N Leitung: Dietmar Pieper, Annette Großbongardt
                                                                                 DOKUMENTATION Dr. Hauke Janssen, Axel Pult (stellv.), Peter Wahle              Studenten Inland: 52 Ausgaben € 153,40 inkl.
(stellv.), Norbert F. Pötzl (stellv.). Redaktion: Annette Bruhns, Angela         (stellv.); Jörg-Hinrich Ahrens, Dr. Anja Bednarz, Ulrich Booms,                sechsmal UniSPIEGEL
Gatterburg, Uwe Klußmann, Joachim Mohr, Bettina Musall, Dr.                      Dr. Helmut Bott, Viola Broecker, Dr. Heiko Buschke, Andrea Curtaz-             Schweiz: zwölf Monate sfr 361,40
Johannes Saltzwedel, Dr. Rainer Traub                                            Wilkens, Johannes Eltzschig, Johannes Erasmus, Klaus Falkenberg,               Europa: zwölf Monate € 252,20
                                                                                 Cordelia Freiwald, Anne-Sophie Fröhlich, Dr. André Geicke, Silke
MULTIMEDIA Jens Radü; Nicola Abé, Roman Höfner, Marco Kasang,                    Geister, Catrin Hammy, Thorsten Hapke, Susanne Heitker, Carsten                Außerhalb Europas: zwölf Monate € 330,20
Bernhard Riedmann                                                                Hellberg, Stephanie Hoffmann, Bertolt Hunger, Joachim Immisch, Ma-             Der digitale SPIEGEL: zwölf Monate € 197,60
C H E F V O M D I E N ST Thomas Schäfer, Katharina Lüken (stellv.),              rie-Odile Jonot-Langheim, Michael Jürgens, Tobias Kaiser, Renate               Befristete Abonnements werden anteilig berechnet.
Holger Wolters (stellv.)                                                         Kemper-Gussek, Jessica Kensicki, Jan Kerbusk, Ulrich Klötzer, Ines
                                                                                 Köster, Anna Kovac, Peter Lakemeier, Dr. Walter Lehmann-Wiesner,
S C H LU S S R E DA KT I O N Anke Jensen; Christian Albrecht, Gesine Block,      Michael Lindner, Dr. Petra Ludwig-Sidow, Rainer Lübbert, Nadine                Abonnementsbestellung
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Sylke Kruse, Maika Kunze, Stefan Moos, Reimer Nagel, Dr. Karen Ortiz,            Moormann, Tobias Mulot, Bernd Musa, Nicola Naber, Margret Nitsche,             SPIEGEL-Verlag, Abonnenten-Service,
Manfred Petersen, Fred Schlotterbeck, Tapio Sirkka, Ulrike Wallenfels            Malte Nohrn, Sandra Öfner, Thorsten Oltmer, Axel Rentsch, Thomas               20637 Hamburg – oder per Fax: (040) 3007-3070.
P RO D U KT I O N Solveig Binroth, Christiane Stauder, Petra Thormann;           Riedel, Andrea Sauerbier, Maximilian Schäfer, Marko Scharlow, Rolf             Ich bestelle den SPIEGEL
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BILDREDAKTION Michael Rabanus (verantwortlich für Innere Heftge-
                                                                                 Schmidt, Andrea Schumann-Eckert, Dr. Kristina Schuricht, Ulla Sie-             ❏ für € 3,80 pro digitale Ausgabe
                                                                                 genthaler, Rainer Staudhammer, Tuisko Steinhoff, Dr. Claudia Stodte,
staltung), Michaela Herold (Ltg.), Claudia Jeczawitz, Claus-Dieter               Stefan Storz, Rainer Szimm, Dr. Eckart Teichert, Nina Ulrich, Ursula
                                                                                                                                                                ❏ für € 0,50 pro digitale Ausgabe zusätzlich zur
Schmidt; Sabine Döttling, Torsten Feldstein, Thorsten Gerke, Andrea              Wamser, Peter Wetter, Kirsten Wiedner, Holger Wilkop, Karl-Henning             Normallieferung
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Weinberg, Anke Wellnitz. E-Mail: bildred@spiegel.de                                                                                                             Sonntag) mit dem Recht, jederzeit zum Monatsende
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                                                                                                                                                                zu kündigen.
GRAFIK Martin Brinker, Johannes Unselt (stellv.); Cornelia Baumer-               N AC H R I C H T E N D I E N ST E AFP, AP, dpa, Los Angeles Times / Washing-   Das Geld für bezahlte, aber noch nicht gelieferte Hefte
mann, Ludger Bollen, Thomas Hammer, Anna-Lena Kornfeld, Gernot                   ton Post, New York Times, Reuters, sid
                                                                                                                                                                bekomme ich zurück.
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                                                                                                                                                                  besteht nicht.
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                                                                                                                    MONTAG, 11. 6., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1
                                                                                                                    SPIEGEL TV REPORTAGE
                                                                                                                    Häuserkampf: Wenn Mieter auf
                                                                                                                    Spekulanten treffen
                                                                                                                    Die Preise für Wohnimmobilien in
                                                                                                                    Berlin stiegen im vergangenen Jahr
                                                                                                                    um bis zu 45 Prozent. Entsprechend
                                                                                                                    rabiat sind die Methoden der Spe-
                                                                                                                    kulanten, Mieter aus den begehrten
                                                                                                                    Wohnungen herauszubekommen:
                                                                                                                    zugemauerte Fenster, Baulärm und
                                                                                                                    ein juristischer Kleinkrieg. Utta Sei-
                                                                                                                    denspinner über den Kampf ums
                                                                                                                    Betongold.
ARIS MESSINIS / AFP




                                                                                                                    SONNTAG, 10. 6., 22.15 – 23.00 UHR | RTL
                                                                                                                    SPIEGEL TV MAGAZIN
                                                                                                                    Die große Verschwendung –
                                                                                                                    Warum so viele Lebensmittel im
                                                                                                                    Müll landen
                          THEMA DER WOCHE                                                                           Nahrungsmittel im Wert von rund

                          Schicksalswahl in Athen                                                                   100 Milliarden Euro werden jedes
                                                                                                                    Jahr in Europa weggeworfen. Betei-
                                                                                                                    ligt daran sind sowohl Erzeuger und
                                                     Die Griechen wählen ein neues Parlament.                       Handel als auch die übersättigten
                                                     Hoffnung auf den Sieg macht sich die                           Verbraucher. 330 Euro, so viel kos-
                                                     radikale Linke, die den Sparkurs aufgeben                      ten die Lebensmittel im Durchschnitt,
                                                     will. Gewinnt sie, steht das Rettungs-
SIMELA PANTZARTZI / DPA




                                                     programm auf der Kippe – und damit die
                                                     Zukunft der Euro-Zone. SPIEGEL-
                                                     ONLINE-Reporter berichten aus Athen,
                                                     Brüssel und Berlin.


                          SPORT | Özil & Co. gegen Oranje
                          In ihrem zweiten EM-Gruppenspiel trifft die deutsche Nationalmannschaft auf




                                                                                                                                                                  SPIEGEL TV
                          die Niederlande. Es geht um die Vorentscheidung im Kampf um den Viertelfinal-
                          Einzug. Liveticker, Videos und Spielanalysen.
                                                                                                                    SPIEGEL-TV-Reporterin Maria Gresz
                          GESUNDHEIT | Abspeck-Test
                                                                                                                    die jeder einzelne Bürger jährlich in
                          Weight Watchers ist eines der größten Diät-Netzwerke der Welt. SPIEGEL
                                                                                                                    den Abfall wirft. Doch warum ist
                          ONLINE analysiert, ob das Punktesystem wirklich hilft.
                                                                                                                    das so? SPIEGEL TV begab sich auf
                                                                                                                    eine weltweite Suche nach Ant-
                          PANORAMA | Hi, Society!                                                                   worten.
                          Pannen, Paare, Prominente: Mit „Bling!“ wissen Sie sofort Bescheid. Unser
                          neues Videoblog informiert Sie über das Glamourthema der Woche.                           DIENSTAG, 12. 6., 20.15 – 21.05 UHR | SKY
                                                                                                                    SPIEGEL GESCHICHTE
                                                                                                                    Merry Old England – Geschichten
                                                                                                                    von der Insel, Folge 4
                          FÜR SMARTPHONES             | Jetzt geht’s App!                                           Es waren schon immer die ganz
                                                             Die SPIEGEL-ONLINE-App fürs iPhone                     normalen Bürger, die dem britischen
                                                             ist jetzt noch besser: mehr Infos auf                  Königshaus Rückhalt gaben. An den
                                                             einen Blick, Tor-Alarm für Fußballspiele,              Krisen und Glücksmomenten der
                                                             einfaches Eilmeldungsabo. Auch die                     Royals, ihren Tragödien und Hoch-
DPA/SPIEGEL ONLINE




                                                             Android-App wurde verbessert. Laden                    zeiten nehmen sie Anteil, als gehör-
                                                             Sie das kostenlose Update aus Apples                   ten Queen Elizabeth II. und ihr Clan
                                                             AppStore oder aus dem Android-Store                    zur eigenen Familie. In der Doku-
                                                             Google Play!                                           mentation „Merry Old England“ zum
                                                                                                                    60. Thronjubiläum der Königin kom-
                                                                                                                    men sie zu Wort – die wahren Stützen
                          www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist                                        der britischen Monarchie.
                                                                            D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                               149
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              GESTORBEN                                                  er sich aus dem Tagesgeschäft zurück,
                                                                         blieb aber dem Unternehmen eng ver-
Ray Bradbury, 91. Die Abschaffung der                                    bunden. Paul Pietsch starb am 31. Mai in
Bücher, wandgroße Flachbildschirme, auf                                  Karlsruhe.
denen verdummte Konsumenten live
erleben, wie mobile Tötungsmaschinen                                     Abu Jahja al-Libi, auf Mitte vierzig ge-
ihr menschliches Ziel unerbittlich verfol-                               schätzt. Die Flucht des in Libyen Gebo-
gen und hinrichten –                                                     renen („al-Libi“) aus dem US-Gefängnis
was Bradbury 1953 in                                                     im afghanischen Bagram blamierte 2005
seinem berühmtesten                                                      die Vereinigten Staaten. Nach dem Tod
Roman „Fahrenheit                                                        von Osama Bin Laden im vergangenen
451“ als absurde Hor-                                                    Jahr galt Libi als Zweitranghöchster des
rorvision zeichnete,                                                     Terrornetzwerks al-Qaida. Seine Anhän-




                                             ULF ANDERSEN/LAIF / /LAIF
wirkt heute beunru-                                                      ger feierten ihn als Helden im Kampf ge-
higend vorausschau-                                                      gen die USA. Wie kein anderes Mitglied
end. Der Technik-                                                        der islamistischen Terrororganisation trat
skeptiker aus Wauke-                                                     Libi in Propagandavideos im Internet auf.
gan, Illinois, prägte                                                    Er ist bereits das siebte führende Qaida-
die US-amerikani-                                                        Mitglied, das seit dem Auffinden Bin
sche Science-Fiction-Literatur wie kein                                  Ladens durch eine US-Drohne getötet
anderer. Bereits mit zwölf schrieb der                                   wurde. Abu Jahja al-Libi starb am 4. Juni
leidenschaftliche Hobbyzauberer sein ers-                                in Mir Ali, Pakistan.
tes Werk. An seinem Lebensende konnte
der Autor auf eine Bilanz von einem                                      Bob Welch, 65. Fast vier Jahre lang war
Dutzend Romanen („Die Mars-Chroni-                                       der in Los Angeles geborene Sohn eines
ken“) und etwa 600 Kurzgeschichten                                       Filmproduzenten Sänger und Gitarrist bei
zurückblicken, die in 36 Sprachen über-                                                      Fleetwood Mac, und
setzt wurden. Ray Bradbury starb am                                                          doch verpasste er die
5. Juni in Los Angeles.                                                                      erfolgreichste Phase
                                                                                             der Rockband. Ende
Zvi Aharoni, 91. Der berühmteste Fall des                                                    1974, nur ein halbes
israelischen Geheimdienstagenten ging                                                        Jahr vor ihrem Durch-




                                                                                            GAB ARCHIVE / REDFERNS
in die Geschichte ein: 1960 spürte Aha-                                                      bruch in den USA,
roni den früheren SS-Obersturmbann-                                                          verließ er Fleetwood
führer Adolf Eichmann in Argentinien                                                         Mac. Drei Jahre spä-
auf und brachte ihn nach Israel. Es war                                                      ter nahm er mit
der größte Coup im Leben des Nazi-Jä-                                                        Unterstützung seiner
gers, der im Auftrag des Mossad jahrelang                                                    ehemaligen Band-
um die Welt reiste. Eine ungewöhnliche                                   kollegen Mick Fleetwood, Lindsey Bu-
Karriere für einen Mann, der als Her-                                    ckingham und Christine McVie sein erstes
mann Aronheim in Frankfurt (Oder) ge-                                    Soloalbum „French Kiss“ auf, dem bis
boren wurde und als Jugendlicher nach                                    1983 fünf weitere folgten; sein letztes er-
Palästina auswanderte. Zvi Aharoni starb                                 schien vor sechs Jahren. Bob Welch, der
am 26. Mai in England.                                                   einen Abschiedsbrief hinterließ, wurde
                                                                         am 7. Juni in seinem Haus in Nashville
Paul Pietsch, 100. Schon vor dem Zwei-                                   tot aufgefunden.
ten Weltkrieg fuhr er mit enganliegen-
der Staubkappe Grand-Prix-Rennen, im                                     René Leudesdorff, 84. Die Briten hatten
Jahr 1950 war Pietsch der erste deut-                                    nach dem Zweiten Weltkrieg das durch
sche Fahrer bei ei-                                                      Bombenangriffe unbewohnbar gewor-
nem Rennen der neu-                                                      dene Helgoland bereits mehr als fünf
geschaffenen Formel-                                                     Jahre lang als Übungsziel für ihre Luft-
1-Weltmeisterschaft.                                                     waffe genutzt, als der junge Theologie-
Nach einem schweren                                                      student Leudesdorff im Dezember 1950
Unfall 1952 beendete                                                     dort die Deutschland-Flagge hisste. Die
er die Rennkarriere                                                      gemeinsam mit seinem Kommilitonen
und konzentrierte                                                        Georg von Hatzfeld ausgeführte Aktion
                                             ULLSTEIN BILD




sich auf seine Arbeit                                                    trug entscheidend dazu bei, dass die
als Verleger. Nach                                                       Hochseeinsel 1952 wieder besiedelt und
Kriegsende hatte er                                                      an Deutschland übergeben wurde. Der
eine Zeitschrift mit-                                                    Sohn der Bauhaus-Künstlerin Lore Rib-
gegründet, die als „auto motor und sport“                                bentrop-Leudesdorff war später Gemein-
zu einem der führenden Fachmagazine                                      de- und Studentenpfarrer in Hamburg
Europas aufstieg. Pietsch baute mit sei-                                 und arbeitete als Geschäftsführer des
nen Gesellschaftern die Motor Presse                                     Diakonischen Werks in Hessen und
Stuttgart zu einem Großverlag für Fach-                                  Nassau. René Leudesdorff starb am 5.
zeitschriften aus. In den Siebzigern zog                                 Juni in Flensburg.
150                         D E R   S P I E G E L                           2 4 / 2 0 1 2
Personalien
                                                                                                                                            Robert Zollitsch, 73, Freiburger Erz-
                                                                                                                                            bischof, sucht nach einem Mittel gegen
                                                                                                                                            das Ungehorsamkeitsvirus unter Pries-
                                                                                                                                            tern. Seit Ende vergangener Woche for-
                                                                                                                                            dern rund 160 Geistliche aus seinem Bis-
                                                                                                                                            tum in einem neuen Memorandum Re-
                                                                                                                                            formen in ihrer Kirche. „Die Menschen
                                                                                                                                            in den Gemeinden sollen erkennen, wo
                                                                                                                                            wir stehen“, schreiben die 13 Initiatoren
                                                                                                                                            und bekennen sich dazu, trotz Verbots
                                                                                                                                            auch wiederverheirateten Geschiedenen
                                                                                                                                            die Kommunion zu erteilen. Ein Freibur-
                                                                                                                                            ger Pfarrer verweist auf den Fall einer
                                                                                                                                            Katholikin, die vor rund 50 Jahren ihre
                                                                                                                                            erste Ehe eingegangen war. Schon nach
                                                                                                                                            einem Jahr zerbrach die Beziehung; bald
                                                                                                                                            darauf fand die Frau einen neuen Mann.
                                                                                                                                            Mit dem ist sie nun schon fast fünf Jahr-
                                                                                                                                            zehnte lang verheiratet, darf aber nicht
                                                                                                                                            mehr zur Kommunion. Er teile deswegen,
                                                                                                                                            obwohl kirchenrechtlich illegal, „mit gu-
                                                                                                                                            tem Gewissen“ den Leib Christi auch an
                                                                                                                                            solche Katholiken aus, so der Geistliche.
                                                                                                                                            Zollitsch will in nächster Zeit ein Ge-
                                                                                                                                            spräch mit den Initiatoren des Memoran-
                                                                                                                                            dums führen lassen. Sein Dilemma: Als
                                                                                                                                            Chef der Deutschen Bischofskonferenz




                                                                                                                       JOCHEN LÜBKE / DPA
                                                                                                                                            müsste er den harten Kurs des Papstes
                                                                                                                                            durchsetzen – obwohl er selbst Reform-
                                                                                                                                            bedarf in der Kirche sieht.

                          McAllister (M.)                                                                                                   Céline Bara, 33, ehemalige Pornodarstel-
                                                                                                                                            lerin und Filmproduzentin, will ins fran-
                          David McAllister, 41, niedersächsischer     der EU blieben, wenn sie sich von Groß-                               zösische Parlament einziehen. Die Fran-
                          Ministerpräsident (CDU) mit schottischen    britannien abspalten sollten, parierte er                             zösin trat als „kommunistische und neo-
                          Wurzeln, musste sich bei seinem Besuch      ausweichend: „Die Schotten sind gute Eu-                              stalinistische“ Kandidatin in der südwest-
                          in Edinburgh vor diplomatischen Verwick-    ropäer.“ McAllisters Bemühen, neutral zu                              lichen Landesregion Ariège an, einem
                          lungen in Acht nehmen. Das Auswärtige       bleiben, wurde erschwert, weil er die meis-                           Department, das an Spanien grenzt. Auf
                          Amt habe ihm aufgetragen, sich um Him-      te Zeit einen überzeugten Verfechter der                              ihrem Wahlplakat wirbt Bara mit tiefem
                          mels willen nicht in die Debatte über das   schottischen Unabhängigkeit an seiner Sei-                            Dekolleté um
                          Referendum der schottischen Unabhän-        te hatte: Angus Robertson von der Scot-                               Stimmen. Ihre
                          gigkeitsbewegung im Herbst 2014 einzu-      tish National Party. Beide Politiker haben                            Kandidatur sei
                          mischen, sagte McAllister, den heimische    einen schottischen Vater und eine deut-                               keineswegs nur
                          Zeitungen zum Merkel-Nachfolger hoch-       sche Mutter. „Wir sind jetzt schon zwei                               ein Marketing-
                          jubeln. Entsprechende Fragen wiederhol-     Politiker mit deutsch-schottischer Abstam-                            gag, entgegnete
                          ten sich jedoch, und er flüchtete sich in   mung“, rettete sich McAllister beim                                   die Politikan-
                          allgemeine Ausführungen zur deutschen       abendlichen Pub-Besuch schließlich auf                                fängerin Kriti-
                          Ländergliederung: „Ich bin ein glühender    sicheres Terrain. „Wenn wir noch fünf                                 kern. Immerhin
                          Anhänger des Föderalismus.“ Auch auf        mehr werden, gründen wir einen einge-                                 habe sie ein
                          die Frage, ob die Schotten automatisch in   tragenen Verein.“                                                     recht umfang-
                                                                                                                                            reiches      Pro-
                                                                                                                                            gramm: Frank-
                                                                       ZITAT                                                                reich      müsse
                                                                                                                                            nach früherem Bara-Wahlplakat
                                                                                                                                            Sowjetmodell
                                                                      „Die Chance, als                                                      Planwirtschaft einführen und Betriebe
                                                                       Olive wiedergeboren                                                  verstaatlichen, zudem fordert Bara die
                                                                                                                                            Wiedereinführung der Todesstrafe sowie
                                                                       zu werden,                                                           die Legalisierung von Drogen und Freu-
                                                                                                                                            denhäusern. Die „Kandidatin der Ob-
                                                                       ist genauso groß.“                                                   szönität“, wie politische Gegner sie we-
                                                                                                                                            gen ihrer Mitwirkung in 180 Pornos
MICHA THEINER / EYEVINE




                                                                                                                                            beschimpfen, lässt sich nicht so leicht ein-
                                                                      Boris Johnson, 47, Bürgermeister                                      schüchtern: Wenn in Frankreich etwas
                                                                      von London, auf die Frage, ob er                                      obszön sei, so Bara, dann sei das der
                                                                      Premierminister von Großbritannien                                    Anstieg von Jugendarbeitslosigkeit und
                                                                      werden könne                                                          Rassismus.
                          152                                                  D E R   S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2
Micheil Saakaschwili, 44, georgischer
                                                                                             Präsident, wirbt ungewohnt zivil um die
                                                                                             US-amerikanische Freundschaft. 2010
                                                                                             noch hatte er Senator John McCain, der
                                                                                             Saakaschwilis Abneigung gegen Russland
                                                                                             teilt, eine vergoldete Pistole geschenkt.
                                                                                             US-Außenministerin Hillary Clinton
                                                                                             überraschte der Präsident vergangene
                                                                                             Woche in Tiflis mit einem friedvolleren
                                                                                             Symbol: einem georgischen Pass auf ihren
                                                                                             Namen. Mit dem medienwirksamen Gag
                                                                                             wollte Saakaschwili die Effizienz und
                                                                                             Schnelligkeit der georgischen Melde-
                                                                                             behörden demonstrieren. Weniger wohl-
                                                                                             gelittene Zeitgenossen werden die Geste
                                                                                             aufmerksam registriert haben: Dem Mil-
                                                                                             liardär und Saakaschwili-Rivalen Bidsina
                                                                                             Iwanischwili hatte Georgien im vergan-
                                                                                             genen Jahr die Staatsbürgerschaft ab-
                                                                                             erkannt und seinen Antrag auf einen neu-
                                                                                             en Pass abgelehnt.
                                                            Kristen Stewart, 22,
                                                            Kinostar („Twilight“-Saga),      Sacha Baron Cohen, 40, britischer Sati-
                                                            lehnt Auskünfte über ihre        riker, Drehbuchautor und Schauspieler,
                                                            Arbeitsmethoden ab. „Ich         erzielt mit seiner Arbeit immer wieder
                                                            finde nicht, dass es je-         nachhaltige Effekte. Als kasachischer
                                                            manden etwas angeht,             Journalist „Borat“ errang Cohen Kult-
                                                            wie mein Schaffenspro-           status; in der ehemaligen Sowjetrepublik
                                                            zess als Schauspielerin          gilt er heute als größter Tourismusförde-
                                                            aussieht“, beschied sie          rer. Jetzt brachte er die britische Stadt
                                                            dem Magazin „Interview“.         Staines dazu, ihren Namen zu ändern.
                                                            Sie halte es mit der Holly-      Die Bewohner sind sauer auf Cohen, weil
                                                            wood-Größe Joanne Wood-          er ihr Städtchen nahe London zur imagi-
                                                            ward. Die hatte einst ge-        nären Heimat seines Helden Ali G ge-
                                                            sagt: „Schauspielern ist         macht hat, eines Möchtegern-Gangsta-
                                                            wie Sex. Du solltest es          Rappers. Die Briten lachen über eine
                                                            tun, aber nicht darüber          Fernseh-Show mit Ali G und den Kino-
                                                            sprechen.“                       film „Ali G in da House“ – doch die meis-
                                                                                             ten Bürger von Staines sind nur genervt.
                                                                                             Sie gaben ihrer Stadt einen neuen Namen:
                                                                                             Staines-upon-Thames heißt sie nun und
Jewgenija Timoschenko, 32, Tochter der        Bettina Köster, 52, deutsche Musikerin,        will so Distanz zu der Witzfigur und ihren
seit August 2011 in der Ukraine inhaftier-    ist mit ihrem tiefen Alt die Stimme des        Abenteuern schaffen.
ten ehemaligen Ministerpräsidentin Julija     Protests der Düsseldorfer Kunstszene ge-
Timoschenko, wird an diesem Mittwoch          gen die Zerstörung des „Tausendfüßlers“
als Gast bei der deutschen Justizminister-    (www.evaresken.de). Die Stadt will die
konferenz erscheinen. Auf Einladung des       Hochstraße, ein elegant geschwungenes
hessischen Ressortchefs Jörg-Uwe Hahn         denkmalgeschütztes Bauwerk, abreißen
soll Timoschenko mit den Landesjustiz-        und hat damit die Kreativen gegen sich
ministern über die aktuelle Situation ihrer   aufgebracht. Neben Köster, die ihren Hit
Mutter diskutieren. Erklärter Anlass ist      „Kaltes klares Wasser“ auf den „Schönen
das Spiel der deutschen Fußball-National-     Tausendfüßler“ umgeschrieben hat, en-
mannschaft bei der Europameisterschaft        gagieren sich auch die Fotografen Thomas
gegen die Niederlande am selben Abend.        Ruff und Katharina Sieverding für den
Die Partie findet im ukrainischen Char-       Erhalt. Imi Knoebel, einer der teuersten
kow statt, und dort, nicht weit vom Sta-      Maler der Republik, ist ebenfalls dabei,
dion entfernt, sitzt Julija Timoschenko       gemeinsam mit seiner Frau Carmen, die
derzeit im Gefängnis. „Die Freude am          in ihrer Szenekneipe Ratinger Hof einst
Fußball und das Einsetzen für Menschen-       junge Musiker gefördert hat, die heute
rechte sind keine Gegenpole“, so Hahn.        als Tote Hosen bekannt sind. Die Wider-
„Das Schicksal von Frau Timoschenko           ständler fühlen sich dem Erbe Joseph
                                                                                                                                         EYEVINE / INTERTOPICS




steht symbolisch für viele fragwürdige        Beuys’ verpflichtet, der in Düsseldorf
Verfahren und viele Schicksale. Ich hoffe,    lehrte und den Begriff der Sozialen Plas-
dass wir dadurch als Justizministerkonfe-     tik erfand: Danach kann auch menschli-
renz ein Zeichen setzen können für faire      ches Handeln Kunst sein und gesellschaft-
Gerichtsverfahren und Haftbedingungen         lich verändernd wirken – vielleicht sogar
in Europa.“                                   ein Bauwerk retten helfen.                     Cohen

                                                    D E R    S P I E G E L   2 4 / 2 0 1 2                                         153
Hohlspiegel                                   Rückspiegel

Aus der „Leipziger Volkszeitung“: „(Wal-                       Zitate
demar – Red.) Hartmann hatte auch Lo-
thar Matthäus geladen, aber eine Absage      Die „Jerusalem Post“ zum SPIEGEL-
bekommen. ‚Lothar will bei der Geburt        Titel „Geheim-Operation Samson – Wie
seiner zukünftigen Frau dabei sein.‘“        Deutschland die Atommacht Israel auf-
                                             rüstet“ (Nr. 23/2012):

                                             In dem Bericht des SPIEGEL mit der
                                             Überschrift „Made in Germany“ bestätig-
                                             ten Experten aus Israel und Deutschland:
Aus der „Bauernzeitung“                      „Die Schiffe sind mit Atomsprengköpfen
                                             bewaffnet. Und Berlin weiß das seit lan-
                                             gem.“ Das Magazin erklärt, dass israeli-
Aus der „Südwest Presse“: „Zur Mittags-      sche und westliche Sicherheitsbeauftragte
zeit sei bereits die doppelte Menge an       und Geheimdienstmitarbeiter „keinen
Würsten verkauft worden, als vorrätig        Zweifel daran lassen“, dass deutsche Tech-
war.“                                        nologie es Israels Marine ermöglicht hat,
                                             normale Unterseeboote in U-Boote mit
                                             atomarer Zweitschlagkapazität zu ver-
                                             wandeln. Verteidigungsminister Ehud Ba-
                                             rak will die nuklearen Möglichkeiten der
                                             „Dolphin“-Boote nicht bestätigen, sagte
                                             dem SPIEGEL aber: „Deutschland hilft,
                                             Israels Sicherheit zu verteidigen.“

                                             Die „Süddeutsche Zeitung“ dazu:
Aus der „Bild“-Zeitung
                                             Ein Geheimnis ist etwas, von dem nur
                                             wenige Eingeweihte etwas wissen. Als
Aus den „Nürnberger Nachrichten“:            Gegenstück kann die Binsenweisheit gel-
„Rund 70 000 Musikfans wurden für das        ten, die der Duden als „allgemein be-
Drei-Tage-Festival verkauft. Das ist re-     kannte Tatsache“ definiert. Der Bericht
kordverdächtig.“                             des  SPIEGEL … liegt irgendwo dazwi-
                                             schen: Für viele Leser dürfte das tatsäch-
                                             lich neu gewesen sein. Für Leute aber,
Aus dem Beipackzettel des Medikaments        die sich dafür interessieren – und dazu
HCT-gamma 25: „Zum besseren Schlu-           gehören all jene Außenpolitiker in Berlin,
cken kann die Tablette entlang der Bruch-    die nun erschrocken „huch!“ rufen –, un-
rille in vier Hälften geteilt werden. Die    termauert der Artikel nur einen alten Ver-
Verteilung dient nicht zum Teilen in glei-   dacht: Israel nutzt die Boote als schwim-
che Dosen.“                                  mende Abschussrampen für Nuklearwaf-
                                             fen. Interessanter ist da die Debatte, die
                                             der Artikel ausgelöst hat. Im Kern kreist
                                             sie um die Frage: Darf Deutschland der
                                             Atommacht Israel U-Boote liefern, von
Aus der „Süddeutschen Zeitung“               denen aus Nuklearwaffen abgeschossen
                                             werden können?

Aus dem „Tagesspiegel“: „Politiker aus
Erdogans Regierungspartei AKP fordern,         Der SPIEGEL berichtete …
auch Schwangerschaften nach Vergewal-
tigungen sollten verboten werden.“           … in Heft 29/2011 „Affären – Das Erbe
                                             des Herrn Kaiser“ über den Versicherer
                                             Ergo, der gegen den Geschäftsmann Cle-
                                             mens Vedder und die Anwälte Friedrich
                                             Cramer und Albrecht Assig Strafanzeige
                                             stellte. Ihnen wurde vorgeworfen, für ehe-
                                             malige Versicherungsvertreter Forderun-
                                             gen in Millionenhöhe geltend gemacht
Aus der „Rheinischen Post“                   und für den Fall der Nichtzahlung mit
                                             negativen Presseveröffentlichungen ge-
                                             droht zu haben. Vedder bestritt die Vor-
Aus der „Neuen Osnabrücker Zeitung“:         würfe.
„Der Fahrer des Reisebusses konnte sein
Fahrzeug trotz blockierter Hinterachse       Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat die
noch sicher auf dem Standstreifen zum        Ermittlungen eingestellt, da kein hinrei-
Stehen bringen. Eigentlich wollte die Rei-   chender Tatverdacht vorliege. Vedder will
segruppe erst am nahe gelegenen Rasthof      nun die Ergo-Muttergesellschaft Munich
Dammer Berge eine Pause einlegen.“           Re auf Schadensersatz verklagen.
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Schade Obama ! Der Spiegel 2012 24
Schade Obama ! Der Spiegel 2012 24

Schade Obama ! Der Spiegel 2012 24

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    Hausmitteilung 11. Juni 2012 Betr.: Titel, Essen und Trinken, Meese D er Jubel in der Welt war groß, als mit Barack Obama 2009 erstmals ein Schwar- zer als Präsident der USA vereidigt wurde – und auch der SPIEGEL erhoffte sich ein friedfertiges, liberales, sozial gerechtes Amerika. Um Obamas Arbeit zu bilanzieren, sprachen die SPIEGEL-Korrespondenten in New York und Washington, Ullrich Fichtner, 47, Marc Hujer, 43, und Gregor Peter Schmitz, 37, jetzt mit Politi- kern und Lobbyisten, mit Künstlern, Rentnern und Kellnerinnen. Fünf Monate vor der nächsten Präsidentschaftswahl erkennen die Journalisten einige Erfolge, aber viele Probleme. Die Politik ist blockiert, die Gesellschaft gespalten, Obama hat das Land nicht geeint – und Wahlversprechen wie die Schließung des Gefan- genenlagers in Guantanamo nicht gehalten. Einer seiner Wähler, der Autor Jonathan Franzen, sagte den SPIEGEL-Leuten, die Politik in den USA sei „toxisch“ geworden: „Die normalen Leute wenden sich angewidert ab“ (Seite 82). JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL MARO KOURI / DER SPIEGEL Hernig, Beyer in Suzhou Karathanos, Supp in Karditsa S pötter sprechen von der Glutamatküche, wenn sie über chinesische Restaurants in Deutschland urteilen: ideenloser Einheitsgeschmack, fast überall. SPIEGEL- Redakteurin Susanne Beyer, 42, aber erlebte die Vielfalt, die in den Töpfen zwischen Peking und Sichuan simmert. Sie ließ sich in China von Marcus Hernig in Restau- rants und zu Garküchen führen; der Sinologe und Gourmet ist ein Kenner der Landesküche. Die beiden wählten Zutaten wie Huhn, Fisch oder Wasserpflanzen selbst aus und verkosteten eine halbe Stunde später mit Stäbchen sechs feinste Gänge. „Gewürzt wurde sparsam, die Basis des Geschmacks war der raffiniert zu- bereitete Fond“, sagt Beyer. Mit einem anderen Vorurteil brach SPIEGEL-Repor- terin Barbara Supp, 53, in Griechenland. Den dort produzierten Wein hatte sie als harzig oder süß in Erinnerung – nun erfuhr sie in Thessalien, dass Winzer wie Tha- nos Karathanos neuerdings höchste Qualität erzeugen. „Die Nachfrage allerdings lahmt, weil sich in dem krisengeschüttelten Land kaum jemand noch guten Wein leisten kann“, sagt Supp (Seiten 132, 48). R ichard von Weizsäcker und Hape Kerkeling kamen, Joschka Fischer und Char- lotte Roche auch: Seit fünf Jahren lädt der SPIEGEL regelmäßig Prominente zu Gesprächen „Live in der Uni“. Kein Gesprächspartner aber suchte so sehr die Provokation wie der Maler, Bildhauer und Performancer Jonathan Meese. Kurz vor der Documenta kritisierte er im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteurinnen Ulrike Knöfel, 43, und Marianne Wellershoff, 49, in Kassel den „Größenwahn in der Kunst“, er drosch auf die Demokratie ein, verdammte den „Furzgrößenwahn des Menschen-Ichs“ und bezeichnete sich, nicht allen verständlich, als „versachlichte Diktatur“. Der SPIEGEL dokumentiert das Gespräch in Auszügen (Seite 140). Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 3
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    In diesem Heft Titel Obama – ein Präsident der Enttäuschungen ... 82 Deutschland Panorama: Unionsfrauen verschärfen Debatte um Quote / Grüne wollen Waffenexporte beschränken / Koalition setzt auf Scheitern der Transaktionsteuer .................................... 13 Europa: Brüssel plant die Schuldenunion ....... 18 Karrieren: Aufstieg und Fall des Oskar Lafontaine ........................................... 22 Fraktionsvize Dietmar Bartsch über seine Niederlage auf dem Parteitag ......................... 24 Recht: SPIEGEL-Gespräch mit Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger über Shitstorms und das Acta-Abkommen ..................................... 26 Kanzlerin Merkel, Piraten: Die Waffenlobby entert JOCK FISTICK/BLOOMBERG/GETTY IMAGES EU-Ratspräsident Van Rompuy die Liquid Democracy .................................... 29 Rechtsextremismus: Wie Neonazis den Alltag in sächsischen Dörfern dominieren ..... 30 Rechtsprechung: Kritiker warnen vor Superstaat Europa? Seite 18 einer neuen Militärjustiz ................................ 33 Um den Euro zu retten, will Brüssel die Währungsgemeinschaft zur Sicherheit: Bombengefahr im Laderaum – Fiskalunion machen und einen eigenen Finanzminister einsetzen. Luftfracht wird kaum kontrolliert .................. 34 Doch zuvor müssten die Deutschen über das neue Europa abstimmen. Essay: Warum Wachstum dem Klima nutzt .................................................... 36 Katholiken: Die Machtkämpfe im Vatikan ..... 38 Merkel, van Rompuy Strafjustiz: In Stade wurde ein 77-Jähriger wegen Totschlags verurteilt ............................ 43 Gesellschaft Szene: Bisons als Haustiere / Leon de Winter Ganz normale Neonazis Seite 30 über die Rivalität zwischen Neonazis geben in vielen sächsischen Dörfern und Kleinstädten schon Deutschland und den Niederlanden ............... 46 den Ton an. Sie mischen wie selbstverständlich im Alltag mit, schüchtern Eine Meldung und ihre Geschichte – Ein kritische Bürger ein – und machen Jagd auf Ausländer. 83-jähriger Engländer sucht nach dem Sinn des Lebens – und spendet seine Niere ........... 47 Genuss: Wie griechische Winzer mit edlem Wein gegen die Krise ankämpfen ................... 48 Ortstermin: Junge Ostdeutsche erkunden bei einer Busreise die ostdeutsche Heimat ..... 55 Patienten zweiter Klasse Seite 58 Wer privat krankenversichert ist, erwartet, dass er eine optimale Versorgung Wirtschaft bekommt. Tatsächlich aber weisen viele Tarife gefährliche Lücken auf. Trends: Ver.di will Anton Schlecker Gesetzlich Versicherte sind oft besser geschützt. verklagen / Kreuzfahrten boomen trotz „Costa“-Unglück / Kompromissangebot im Steuerstreit mit der Schweiz ..................... 56 Gesundheit: Private Krankenversicherungen bieten oft schlechtere Leistungen als ihre gesetzlichen Konkurrenten ............................ 58 Der einsame Autoindustrie: Wie Opel systematisch heruntergewirtschaftet wurde ........................ 64 Kirchenfürst S. 38 Debatte: Hat Deutschland den Ernst der Geheime Dokumente offen- Lage in Europa nicht begriffen? ..................... 68 baren Korruption und Ruf- Energie: Die Regierung will die mord im Vatikan. Kardinäle Stromkonzerne zwingen, unrentable kämpfen um ihre Chancen Kraftwerke weiterlaufen zu lassen ................. 71 auf den Heiligen Stuhl. Statt Manager: Ex-Arcandor-Chef aufzuräumen, zieht sich Be- Thomas Middelhoff bezahlt die Charter nedikt XVI. in sein päpst- für seine Luxusyacht nicht mehr .................... 72 liches Apartment zurück und arbeitet an einem weiteren Medien Jesus-Buch. Findet der 85- Trends: Was Facebook-Daten alles verraten / Jährige noch die Kraft, die Niggemeiers Medienlexikon ........................... 75 Benedikt XVI. Kurie und die Weltkirche zu IMAGO Unterhaltung: Die tröstliche Welt der steuern? Volksmusik ..................................................... 76 4 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Ausland Panorama: Palästinenser bemühen sich um Aufnahme eines Dorfs ins Unesco-Weltkulturerbe / Tsunami-Müll in Nordamerika .............................................. 80 Syrien: Die Armee der Deserteure ................. 94 Russland: Putins berühmte Feindin ................ 98 Ägypten: Wer beerbt Husni Mubarak? .......... 100 Global Village: Die Rock-School von Mitrovica ...................................................... 103 Sport Szene: Olympiastarter Luis Brethauer über die Professionalisierung des Trendsports BMX / Tor-Barometer – wann bei EM-Ausscheidungsspielen am häufigsten Tore fallen ................................... 105 Michelle und Barack Obama Euro 2012: Nach sechs Jahren Entwicklungsarbeit steht Bundestrainer Joachim Löw vor einer Woche der Obamas Scheitern Seite 82 Wahrheit ....................................................... 106 Die divenhaften Stars im Team der Traurige Bilanz für Obamas erste Amtszeit: An seinem Versprechen, Niederlande entdecken den Gemeinsinn ...... 111 die Wunden der Nation zu heilen, ist er gescheitert. Unversöhnlicher ideologischer Streit hat zum Stillstand der Politik geführt. Wissenschaft · Technik IMAGO Prisma: Letzte Worte aus dem Cockpit des russischen Superjets / Sind die Lehrer schuld an Rechenschwäche? .......................... 116 Klima: Sinkende Insel oder steigendes Meer – Geoforscher erkunden ein Südseeparadies ............................................. 118 Sinkendes Inselparadies Seite 118 Automobile: Außen-Airbag zum Schutz von Fußgängern ............................................ 124 Die Inseln der Südsee gelten als besonders bedroht vom Anstieg des Meeres- Genetik: Wird das Erbgut-Screening spiegels. Auf einer Expedition entdeckten französische Forscher nun die im Mutterleib zur Routine? ........................... 126 Hauptursache: Absinkende Kontinentalplatten ziehen die Eilande nach unten. Computer: Elektronisches Bargeld erobert den Alltag ..................................................... 128 Kultur Szene: Der israelische Wagner-Fan Die revolutionäre Kraft der Küche Seite 132 Jonathan Livny über Wagner-Konzerte in Tel Aviv / Pariser Ausstellung Zu wenig individuell, zu wenig frei – das sind Vorwürfe, die der Westen dokumentiert das Schicksal stillgelegter der chinesischen Gesellschaft macht. Die Küche Chinas aber ist so vielfältig, Kinosäle ....................................................... 130 originell und reich, dass die kulinarische Welt nur staunen kann. Kochkunst: Entsteht in Chinas Küchen das beste Essen der Welt? ............................. 132 Kino: Dokumentation über den Kunstdissidenten Ai Weiwei .................. 135 Berlin: Wie Subkultur-Unternehmer ein Das perfekte neues Stadtquartier entwickeln .................... 136 Theater: Abschied des Berliner Kind Seite 126 Bühnenchefs Matthias Lilienthal .................. 138 Documenta: Der Künstler Jonathan Meese im SPIEGEL-Gespräch über den Zustand Forschern ist es gelungen, das Erbgut eines Fötus aus dem der Kunstwelt ............................................... 140 Blut der Mutter zu gewinnen; Bestseller ..................................................... 145 darin lässt sich nach Anlagen Literaturkritik: Der Erzählband „Beginners“ für Hunderte Erbkrankheiten des US-Autors Raymond Carver .................. 146 fahnden. Werden sich Eltern in Zukunft für eine Abtrei- Briefe ............................................................... 6 bung ihres Kindes entschei- Impressum .................................................... 148 den, wenn sie erfahren, dass Leserservice ................................................. 148 es Risiken im Genom trägt? BILDERBOX.COM Register ........................................................ 150 Bioethiker fürchten, dass der Personalien ................................................... 152 Druck, nur perfekte Kinder zu gebären, wächst. Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 154 Titelbild: Getty images D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 5
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    Briefe Als Präsident der Parlamentarischen Ver- sammlung der Nato bin ich 1996 nach Is- rael gefahren. Ich jedenfalls habe der Lie- „Vielleicht helfen die Fakten ferung der U-Boote im vollen Bewusstsein ihrer möglichen Nutzung im Rahmen der des gutrecherchierten israelischen nuklearen Abschreckungsstra- tegie zugestimmt. Ich sah und sehe in die- Artikels, dass Frau Merkel sen Lieferungen ein durchaus legitimes Instrument, die Sicherheit Israels zu er- merkt, in welche fatale höhen. Allerdings hege ich große Vorbe- halte gegenüber der Aussage, dass Israels Situation sie sich begeben hat.“ Sicherheit Teil der deutschen Staatsräson sei. Derartige Aussagen könnten auf is- HANS KAPPEI, BERLIN raelischer Seite verteidigungspolitische Er- SPIEGEL-Titel 23/2012 wartungen wecken, die auf deutscher Sei- te nicht gemeint sind und im Konfliktfall auch nicht eingelöst werden könnten. Nr. 23/2012, Wie Deutschland die ker, der vor einer Generation seinem Ge- KARSTEN VOIGT, BERLIN Atommacht Israel aufrüstet wissen folgte und das damalige Geheimnis AUSSENPOLITISCHER SPRECHER DER SPD der Israelis lüftete. Mordechai Vanunu (1983 BIS 1998) Wir lassen drohen konnte seine weitere Mitarbeit nicht mehr verantworten, verließ die Heimat und Unheimlicher Fortschritt im neuen, mo- Obwohl nicht der Tätergeneration ange- erzählte der Londoner „Sunday Times“ dernen, friedliebenden Deutschland: Wir hörend, schäme ich mich zutiefst, in ei- alles, was er aus eigener Erfahrung wuss- drohen keinem Volk der Erde mit atoma- nem Land zu leben, das sich durch seine te. Vom Mossad in Rom entführt, folgten rem Feuer – wir lassen drohen. Untaten am jüdischen Volk auf unabseh- HANS-LUDWIG FREDERKING, DÖRENTRUP (NRW) bare Zeit erpressbar gemacht hat. Ich schäme ich mich aber auch, von Leuten Wer atomar abschrecken oder präventiv regiert zu werden, die sich von Israel er- losschlagen will, der sollte deutlich ma- pressen lassen. chen, dass er das kann. Warum verheim- MANFRED KONRADS, HELLENTHAL (NRW) licht unser Freund Israel das? PROF. ERWIN LEIBFRIED, FERNWALD (HESSEN) Die Bundesregierung hat mit der weite- ren Lieferung der U-Boote eine große ZIV KOREN / POLARIS / LAIF Bibelkundige Leser kennen das Ende der Chance verschenkt, um auf Israel einen Geschichte. Als Delila herausfand, dass das wirksamen Druck auszuüben. Damit hat Geheimnis von Samsons Kraft in seinen Israel Mittel frei für den Siedlungsbau, Haaren lag, wurde er selbiger und somit den Deutschland somit indirekt fördert. seiner Macht beraubt, um fortan als Sklave KARL-HEINZ THIERSTEIN, HÜNFELDEN (HESSEN) Kommandozentrale eines „Dolphin“-U-Boots zu dienen. Wenn das die Wahl ist, ist mir Israel als Kämpfer lieber. Die Opferrolle Was dort passiert, ist der helle Wahnsinn, 18 Jahre Gefängnis, die meisten in Ein- hatten die Juden schon zur Genüge. und Deutschland beteiligt sich daran auch zelhaft. Heute lebt er unter strengen Auf- DANIEL MAYER, FRANKFURT AM MAIN noch mit Waffenlieferungen; ob geheim lagen, darf weder mit Ausländern verkeh- oder nicht, spielt vermutlich kaum eine ren noch das Land verlassen. Er war und Mir ist bei dem Gedanken an ein atoma- Rolle. Das halte ich für eine falsch ver- bleibt der Überzeugung, kein Staat dürfe res Abschreckungspotential der Israelis standene Solidarität mit Israel. Massenvernichtungswaffen besitzen. Das deutlich wohler als bei dem an eine ato- INGE WESSELS, BIELEFELD Völkerrecht gibt ihm recht. mar aufgerüstete islamische Diktatur wie DR. PAUL OESTREICHER, LONDON Iran. Israel ist die einzige Demokratie in Einem der Zweitschlagtheorie vorgelager- CAMPAIGN FOR NUCLEAR DISARMAMENT der Region und damit quasi der Vorpos- ten Szenario wird viel zu wenig Beach- ten des Westens und seiner Werte. tung geschenkt: Führt Israel gegen irani- Die nachhaltigste Sicherheitsgarantie für MARCUS KLEWER-ALTINGER, ROSSTAL (BAYERN) sche Atomanlagen einen konventionellen Israel wäre ein gerechter Frieden mit den Präventivschlag, muss es mit einem mas- Palästinensern. Dazu müsste sich zu- Wer U-Boote mit Kernwaffen bestückt, siven Raketenangriff Irans rechnen. Wenn nächst die pragmatische Mehrheit in Isra- will sie auch abschicken. So kommen wir das israelische Raketenabwehrsystem el von den radikalen Siedlern lossagen. der Wahrheit und Grass immer näher. schon nicht das Durchdringen irakischer AKBAR MOHABAT, HAMBURG DIETER EMDE, HAMBURG „Scud“-Raketen hat verhindern können, wie soll sich das Land dann wohl gegen eine erheblich größere Anzahl weitaus treffgenauerer Raketen Irans schützen Diskutieren Sie im Internet können? Kommt es zu einem Flächen- www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel brand, werden wir zum dritten Mal maß- geblich zum Ausbruch eines Weltkriegs ‣ Titel Verdient Barack Obama eine zweite Chance? beigetragen haben. ‣ Gesundheit Sind die privaten Krankenversicherungen BERNHARD LANGLOTZ, HAMBURG inzwischen schlechter als die gesetzlichen? Alle Ehre, dass Sie eine wichtige Diskus- ‣ Gentests Wäre es ethisch verwerflich, jeden Fötus auf sion ausgelöst haben. Ehre gebührt aber Erbkrankheiten zu untersuchen? zuerst dem tapferen israelischen Techni- 6 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Nr. 22/2012, Dieschwierige Betreuung diabeteskranker Kinder Unsichtbare Belastung Zwei Pflegedienste hatten die Insulin-Ver- sorgung unseres dreijährigen Sohnes im Kindergarten mit der Begründung abge- lehnt, keine Erfahrung mit so kleinen Diabetes-Patienten zu haben. Leider hat es auch mit dem dritten nicht gut ge- klappt, so dass wir uns jetzt doch selbst drum kümmern müssen. KARIN SEYFERT, POING (BAYERN) Familien mit diabetischen Kindern haben nie Urlaub von der Krankheit, sie ist eine permanente Belastung, die nicht sichtbar ist, weil die Kinder so normal wirken. Wissen und Verständnis in der Öffent- lichkeit sind leider nur marginal erkenn- bar. Im Schwimmbad wurden wir mal be- schimpft, wir sollten in ein „Behinder- tenbad“ gehen, es sei eine „Frechheit“ und „eklig“, öffentlich Blutzucker zu messen und Insulin zu spritzen. CATHERINE STUMPP, HAMBURG STEFAN THOMAS KROEGER / DER SPIEGEL Diabeteskrankes Kind beim Blutzuckertest Durch umfassende Messung von Blutzu- cker und Glukosetoleranz bei Schwange- ren und deren Behandlung bei zu hohen Werten konnte in der DDR die Neuerkran- kungsrate von Typ-1-Diabetes um zwei Drittel gesenkt werden. Nach der Wende entfiel dieses Messen. Zehn Jahre später sah man, dass der Typ-1 in den neuen Ländern wieder stark angestiegen war. ROLF LINDNER, BERLIN Korrektur zu Heft 23/2012 Seite 20, „Made in Germany“: Das be- schriebene Treffen zwischen Helmut Kohl und Jizchak Rabin im Kanzler- bungalow in Bonn fand nicht im Win- ter 1994, sondern am 29. März 1995 statt, nachdem die Bundesregierung einem weiteren U-Boot-Geschäft zu- gestimmt hatte. Rabin bedankte sich bei Kohl für die Unterstützung und bat um weitere Hilfe in der Zukunft. Das Weißbier schickte Kohl dement- sprechend erst nach dem 29. März 1995 und nicht zu Weihnachten 1994. 8 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Briefe Sollte der kritische Blick des SPIEGEL Nr. 22/2012, Monika Piel ist die nicht viel stärker auf die verantwortlichen mächtigste Frau der ARD – Konzerne und deren Praktiken fallen, die unangefochten, aber umstritten uns mit Palmölprodukten, weichem Klo- papier und billigen Holzmöbeln versor- Entworteter Hörfunk ALAMY / MAURITIUS IMAGES gen? Und sollten wir Verbraucher uns nicht viel mehr hinterfragen? Hier hat man Für Frau Piel gilt eindeutig das Peter-Prin- sich den falschen Buhmann ausgeguckt! zip: „In einer Hierarchie neigt jeder Be- MICHAEL BROMBACHER, BAD VILBEL (HESSEN) schäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Schon die Die Organisation des WWF erinnert Idee, dem Zuschauer statt einer Werbe- Tiger im WWF-Schutzgebiet Tesso Nilo bisweilen an das Sekten-Klischee: Eine block-freien 2,5-Stunden-Ausstrahlung große Menge sich aufopfernder Helfer, von „Wetten, dass ..?“ eine halbstündige, Nr. 22/2012, Die dürftige Bilanz des angeleitet von einem mäßig bezahlten von Werbung unterbrochene und dazu Rettungsriesen WWF Mittelbau, bringt oft Großes zustande. noch lustlos moderierte Vorabendsen- Gleichzeitig haben sie so gut wie keine dung zu kredenzen, musste am genervten Weiches Klopapier Ahnung, was die eigenen Top-Verdiener an Sauereien einfädeln. Zuschauer scheitern. Auch Größen wie Gottschalk können selbst mit dem bun- Der Artikel dokumentiert anschaulich, JOCHEN KOESTER, GENF testen Anzug schrumpfen, wenn der in wie unter dem Deckmantel des Natur- einem Kruschelladen getragen wird. schutzes die Großwildjagd in Reservaten Obwohl Sie den WWF zu Recht kritisie- WOLFGANG FLADUNG, BAD CAMBERG (HESSEN) subventioniert wird. So leistet die Stra- ren, halte ich es für grob fahrlässig, das tegie des WWF letztendlich einen insti- Erreichte in Frage zu stellen. Wie bei allen tutionellen Beistand bei der Vertreibung großen Organisationen funktioniert eben ROLF VENNENBERND / PICTURE ALLIANCE / DPA der Landbevölkerung. Danach werden auch beim WWF nicht alles reibungslos. Wälder gerodet, Kulturlandschaften zer- FRANK BODE, MÜNCHEN stört und Monokulturen zementiert. Die Aktionäre der Konzerne freuen sich, und Als Leiter einer kleinen Naturschutz- die Spenden an den WWF für den Erhalt organisation erlebe ich täglich, wie schwer von Reservaten sprudeln. Eine perfekte es ist, ein paar tausend Euro für Projekte Win-win-Situation für beide Seiten auf zusammenzubringen. Während bei uns Kosten von Natur und Bevölkerung. alles in die Projekte fließt, sehen wir, wie PETER RUPPENTHAL, FRANKFURT AM MAIN das große Geld von gutgläubigen Men- schen etwa an den WWF geht, dem ich ARD-Chefin Piel, „Tatort“-Kommissare Der WWF hat weltweit auch viel Gutes übrigens dort, wo der Kampf für die Na- erreicht. In Südafrika, wo wir jährlich tur in seine Endphase getreten ist, zu mei- Sie lassen zu Recht kein gutes Haar an mehr als 400 Nashörner an Wilderer ver- nem Bedauern niemals begegnet bin. Frau Piel. Ihre Bilanz ist ernüchternd. lieren, hat er sich aktiv und erfolgreich für KLAUS BRAUNERT, KROPP (SCHLESW.-HOLST.) Maßgebliche Akzente hat sie nicht zu set- die Spitzmaulnashörner eingesetzt. Mehr zen vermocht. Das Farblose, Seichte, Mas- als 26 Tiere wurden auf den WWF-Gebie- Der WWF hat sich maßgeblich für den senkompatible im WDR-Programm hat ten geboren, ihr Lebensraum hat sich um Klimaschutz eingesetzt. Dabei wurde er unter Piels Ägide drastisch zugenommen. 30 Prozent vergrößert – also ist der Wert von den betroffenen Unternehmen gewiss Nun macht sie sich mit ihren Getreuen des WWF-Einsatzes unermesslich! nicht nur als „Kumpel“ wahrgenommen. daran, das dritte Hörfunkprogramm wei- KATHARINA V. DUERCKHEIM, MATIELAND (SÜDAFR.), MARCO VOLLMAR, BERLIN ter zu entpolitisieren und zu entworten. ELEFANTENFORSCHERIN WWF DEUTSCHLAND HELMUT HESSE, ERFTSTADT (NRW)
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    Briefe Nr. 22/2012, Warumman Dateien nicht Stattdessen begegneten mir liebevolle, in- lieben kann, Schallplatten aber sehr wohl telligente, hochsensible Menschen auf der Suche nach ihrer wahren Identität und Piraten mit Tinnitus der Lösung ihrer Probleme. SIGURD HEINTKE-BOHDE, KIEL Gemessen an den technischen Möglich- keiten, den Sound des Grammophons Nach Osho ist es notwendig, dass die weiter zu perfektionieren, verschwindet Menschen ihr Herz-Chakra öffnen. Des- mit den weltweiten MP3-Downloads sen Energie inspiriert Menschen zu lieben, nicht nur das klassische Konsumverhalten Mitgefühl zu haben und selbstlos zu han- der Hörer, sondern auch ihre Fähigkeit, deln. In den Sannyas-Zentren werden Su- genau hinzuhören. So ändert sich mit den chende durch Therapeuten dabei unter- immateriellen, virtuellen Medien nicht stützt, diesen Schritt zu gehen. die Botschaft, wohl aber der Konsument. SWAMI POONAMA, SIEGBURG (NRW) Am Ende, wenn die Piraten-Generation der Tinnitus ereilt, bleibt von den Hör- gewohnheiten zu Anfang dieses Jahrhun- derts nur ein großes MP3-Netzrauschen. WOLFGANG NEITZEL, HAMBURG MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGEL Es ist irrelevant, ob meine Musik in mei- nem iTunes-Ordner liegt oder in Regalen verstaubt herumsteht. Das Medium be- stimmt nicht die Wertigkeit der Musik. In jeder Generation wurde Musik kon- sumiert, gelebt wird nur die eigene Aus- wahl – vergessen Sie bitte nicht, dass Spirituelle Lebensgemeinschaft in Hessen Musik auch nur ein Wirtschaftszweig ist. STANLEY KLINGE, FRANKFURT (ODER) Aufenthalte in Poona, beste Therapien und Meditationen haben mir das Leben Der Charme alter Speichermedien ist un- gerettet. Dafür bin ich unendlich dankbar. bestritten. Doch bietet die Digitalisierung AMBHO-HELGA TEUSCHER, PARIS von Musik auch viele Vorteile. So kann man im Internet kleine Schätze finden, Es gehört schon eine deftige Portion Igno- die es ohne dieses neue Medium vermut- ranz dazu, den Religionsgründer Jesus in lich nie gegeben hätte. Gute Musik bleibt einem Atemzug mit Typen wie dem Mor- gute Musik, egal ob in Form von Rillen monen Joseph Smith, dem Scientologen auf einer Platte oder als Einsen und Nul- Ron Hubbard oder dem Bhagwan zu nen- len in einer Computerdatei. nen. Im Gegensatz zu diesen selbster- JASMIN BURMESTER, HAMBURG nannten Heilsbringern hat Jesus sich nie an seinen Anhängern bereichert. HANS-JÜRGEN SIMONS, AACHEN Nr. 22/2012, Gut 22 Jahre nach seinem Tod leben die Ideen des Gurus Bhagwan Die manchmal schädlichen Effekte der in Deutschland fort Rituale des Gurus sind mir bekannt. Die sexuelle Befreiung als freundliches und Deftige Portion Ignoranz humorvolles philosophisches Ziel unter- schied sich aber deutlich von der Provo- Ich bin Ende der siebziger Jahre dreimal kation und der Forderung nach Freiheit länger in Poona gewesen, selbst Sannya- anderer, eher verklemmter Bewegungen. sin geworden. Überwiegend Männer, die DR. MED. SVEN LARAT, MÜNCHEN von zügellosem Sex träumten und deren Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Träume erfüllt wurden, wie Ihr Autor be- Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- hauptet, habe ich dort nicht angetroffen. tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet: Es ging und geht um Selbsterkenntnis. leserbriefe@spiegel.de Aus der SPIEGEL-Redaktion Millionen Deutsche leiden unter innerer Leere und anhaltender Er- schöpfung. Depression und Burnout-Syndrom sind Diagnosen, die oft schwer voneinander abzugrenzen sind, aber eines gemeinsam haben: Auslöser der Erkrankung ist häufig Stress, der in der beschleunigten, vernetzten Welt ständig zunimmt. Wann aber beginnen Stress und Dauerdruck krank zu machen? SPIEGEL-Autoren stellen die neuesten Erkenntnisse von Neurowissenschaftlern, Psychotherapeuten, Ärzten und Burnout-Experten vor. Im Serviceteil des Buchs finden sich ein Test zum eigenen Burnout-Risiko sowie Strategien zur Vorbeugung. 10 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Panorama Deutschland WA F F E N E X P O R T E Roth will U-Boote stoppen Die Grünen wollen die Lieferung von U-Booten an Israel verhindern, falls diese mit Atomwaffen ausgerüstet wer- den können. Damit korrigieren sie ihre Haltung aus der Zeit der rot-grü- nen Bundesregierung, als der Export ohne Auflagen gebilligt wurde. „Ich er- warte eine Klarstellung, dass die Boo- te nur konventionell bewaffnet wer- den“, erklärt die Bundesvorsitzende Claudia Roth, „sonst dürfen sie nicht ausgeführt werden.“ Es widerspreche „eklatant den deutschen Exportbestim- mungen, nach denen Rüstungsgüter nicht in Spannungsgebiete gelangen TARA TODRAS-WHITEHILL / DAPD SEAN GALLUP / GETTY IMAGES Israelisches U-Boot aus Deutschland Schröder, Merkel dürfen, wenn sie dort zu einer Eskala- GLEICHBERECHTIGUNG tion beitragen können“. Schon die Lie- ferung konventionell zu bewaffnender U-Boote sei „eine schwierige Entschei- dung, die aber wegen des deutschen Sonderverhältnisses zu Israel akzepta- Quote soll ins Wahlprogramm bel“ sei. Im Falle einer Regierungsbe- In der Union verschärft sich der Streit erwägen, einen fraktionsübergreifen- teiligung im Bund 2013 wollen die Grü- um die Quote für Frauen in Führungs- den Gruppenantrag einzureichen, der nen „die Richtlinien deutlich verschär- positionen. Nachdem FDP-Chef Phil- auch von den Quotenbefürwortern in fen“. Auch den Export von Kampfpan- ipp Rösler in einem Spitzentreffen mit den Reihen von SPD und Grünen un- zern des Typs „Leopard“ nach Saudi- Kanzlerin Angela Merkel und CSU- terstützt werden könnte. „Das letzte Arabien würde ihre Partei zu verhin- Chef Horst Seehofer vergangene Wo- Wort über die Quote hat der Bundestag, dern suchen, so Roth: „Die Grünen che klargemacht hat, dass er in dieser nicht Herr Rösler“, sagt die CDU- werden alles tun, um diese Genehmi- Legislaturperiode jedes Gesetzesvorha- Bundestagsabgeordnete Elisabeth Win- gung definitiv zu untersagen.“ ben zur Quote blockieren werde, star- kelmeier-Becker. Familienministerin tet Bundesfamilienministerin Kristina Schröder allerdings sperrt sich gegen Schröder (CDU) eine neue Initiative. einen Gruppenantrag: zum einen, weil „Ich werde beim Thema Frauen in Füh- er nur Aussicht auf Erfolg hat, wenn er ZAHL DER WOCHE rungspositionen nicht nachlassen und eine starre Quote beinhaltet, was Schrö- bis zum Ende des Jahres einen Frauen- der wiederum ablehnt; zum anderen 2483 Euro karriereindex auf den Weg bringen“, sagt Schröder. „Anhand dieser Skala können Frauen erkennen, wie sehr sich Firmen bei der Förderung von weibli- würde ein solcher Gruppenantrag die Existenz der schwarz-gelben Koalition gefährden. „Es widerspricht dem Geist der Koalition, im Bundestag auf wech- kommen zusammen, wenn jene fünf chen Angestellten engagieren.“ selnde Mehrheiten zu setzen“, sagt Euro, mit denen die schwarz-gelbe Allerdings beruht die Initiative der Schröder. Kanzlerin Merkel will das Koalition künftig private Pflegeversi- Ministerin auf Freiwilligkeit. Viele Frau- Thema Quote in das Programm der cherungsverträge fördern will, über en in der Union drängen dagegen nach Union für die Bundestagswahl 2013 auf- 30 Jahre angespart und mit durch- wie vor auf eine Quote. „Die Quote nehmen. In dieser Sitzungswoche will schnittlich zwei Prozent verzinst wer- muss kommen, egal ob fest oder flexi- Merkel der Gruppe der Frauen in der den. Das reicht, um gut drei Wochen bel. Das ist eine Frage der Glaubwür- Fraktion einen Besuch abstatten. Dann lang den Aufenthalt in einem Pflege- digkeit“, sagt die saarländische Minis- soll es auch um das Betreuungsgeld ge- heim zu bezahlen, der pro Monat der- terpräsidentin Annegret Kramp-Karren- hen, das die Unionsfrauen vehement zeit etwa 3000 Euro kostet. bauer. Die Unionsfrauen im Bundestag bekämpfen. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 13
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    Panorama FINANZSTEUER VERKEHR Kalkuliertes Scheitern Löchriges Nachtflugverbot Die Koalition setzt insgeheim auf ein Scheitern der mit den Sozialdemokra- ten vereinbarten Finanztransaktion- steuer. In dieser Legislaturperiode wer- de es eine solche Steuer nicht geben, sagte Kanzleramtschef Ronald Pofalla vergangene Woche in kleiner Runde. Daher könne man der SPD ruhig ent- gegenkommen. Auch in der FDP hält man ein Inkrafttreten der Steuer für unwahrscheinlich: Die vom liberalen Finanzexperten Volker Wissing in der parteiübergreifenden Arbeitsgruppe ausgehandelten Bedingungen seien so formuliert, dass es die Steuer nicht ge- ben werde, heißt es in der Fraktion. Die SPD hatte die Finanztransaktion- steuer als Gegenleistung für ihre Zu- MARIO VEDDER / DAPD stimmung zum europäischen Fiskal- pakt gefordert, der mit Zweidrittel- mehrheit verabschiedet werden muss. Unter Sozialdemokraten gibt es je- doch weiterhin Vorbehalte gegen den Flughafen Frankfurt am Main Deal. „Die Zustimmung der SPD ist keineswegs sicher“, sagt Parteivor- Zahlreiche Ausnahmegenehmigungen und Windbedingungen nicht in der re- des hessischen Verkehrsministeriums gulären Zeit abgearbeitet werden kön- hebeln das Nachtflugverbot am Frank- nen, lautete meist die Begründung. Das furter Flughafen aus. Allein im Monat Bundesverwaltungsgericht hatte die Mai ließ es 201 Starts und Landungen hessische Landesregierung im April zwischen 23 und 5 Uhr in Frankfurt zu. verpflichtet, die Anwohner am Frank- In einigen Nächten, etwa am 11. Mai, furter Flughafen von 23 bis 5 Uhr vor erteilte das Ministerium mehr als 50 Fluglärm zu schützen. Vollständig ein- Ausnahmegenehmigungen. Der Flug- gehalten wurde das Nachtflugverbot im plan habe wegen schlechter Wetter- Mai an nur drei Tagen. MARIO FOURMY/PICTURE ALLIANCE/DPA P I R AT E N vom stellvertretenden Landesvorsit- zenden in Niedersachsen, Thomas Gaul: „Bei gleichbleibendem Erfolg Vorstände befürworten wird eine Piratenpartei nicht umhin- Frankfurter Börse Professionalisierung kommen, ihren Bundesvorstand und dessen Mitarbeiter qualifiziert zu be- zahlen.“ Noch schrecke man in der Führende Vertreter der Piratenpartei Partei davor zurück, „aus Angst vor standsmitglied Ralf Stegner, „der Fis- schalten sich erstmals mit konkreten den wenigen Schreihälsen, die einen kalpakt fügt einem Übel bloß weitere Ideen in die Debatte um Vorstandsge- mit ihrer Kritik treffen könnten“, hinzu.“ In einer Telefonschaltkonfe- hälter ein. „Auf Sicht von zwei bis drei meint Gaul. Trotz der starken Arbeits- renz am vergangenen Donnerstag ver- Jahren müssen wir darüber nachden- belastung sind Vorstandsgehälter bei ständigten sich die Parteilinken auf ken, den Vorständen zumindest eine den Piraten weiterhin umstritten. Der weitere Forderungen an die Bundesre- Sockelvergütung zu bezahlen“, erklärt Bundesvorsitzende Bernd Schlömer gierung. Demnach solle es „nicht bei der Bundesvorstand Matthias Schrade. verteidigte die Ehrenamtskultur bei ei- bloßen Absichtserklärungen“ in Sa- Zurzeit sei die Diskussion jedoch mü- ner Schaltkonferenz am vorigen Mitt- chen Finanztransaktionsteuer bleiben. ßig, da der Partei durch die „unfairen woch. Anderen Parteien, argumentiert „Es muss ein Kabinettsbeschluss her“, Regeln zur Parteienfinanzierung“ in Schlömer, falle der goldene Apfel sagt Stegner. „Wenn das nicht passiert, diesem Jahr etwa eine Million Euro manchmal zu leicht ins Maul. Die Pira- fehlt es an den Voraussetzungen für fehlten. „Wenn wir die hätten, könnten ten betätigten sich engagiert und mit eine Zustimmung.“ Außerdem müss- wir zumindest den Bundesvorständen Herz an der Sache. „Das reicht nach ten sich Union und FDP bei den The- eine Vergütung von beispielsweise meinem Dafürhalten auch aus, um uns men Wachstum und Entlastung der 1000 Euro pro Monat ermöglichen“, als professionelle Partei zu beschrei- Bundesländer bewegen. sagt Schrade. Unterstützung erhält er ben“, sagte der Bundesvorsitzende. 14 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Deutschland HOCHSCHULFINANZI ERUNG „Der Bund soll sich nicht einmischen“ Hessens Wissenschafts- Kühne-Hörmann: Nein. Der Wettbewerb ministerin Eva Kühne- ist gut, weil er zu mehr Kooperationen UWE ZUCCHI/PICTURE-ALLIANCE/DPA Hörmann, 50 (CDU), zwischen Hochschulen und zu Debat- über den Elite-Wett- ten über förderungswürdige Forschungs- streit der Hochschulen inhalte geführt hat. Aber über die und den Plan der Bun- künftige Qualität der Hochschulland- desregierung, für die schaft insgesamt entscheidet er nicht. Bildung das Grundge- SPIEGEL: Ihre Parteifreundin, Bundes- setz zu ändern forschungsministerin Annette Scha- van, will das im Grundgesetz festge- SPIEGEL: Am Freitag wird beschlossen, schriebene Kooperationsverbot än- welche deutschen Universitäten sich dern, damit der Bund die Wissenschaft künftig mit dem Elite-Status schmücken besser fördern kann. Ist das der Weg? dürfen. Warum sind keine hessischen Kühne-Hörmann: Hessen lehnt diesen Hochschulen mehr im Rennen? Plan in der bisherigen Form ab. Wir Kühne-Hörmann: Der Elite-Status ist eine wollen nicht, dass sich der Bund in von drei Förderarten der Exzellenz- Details der Hochschulpolitik ein- initiative. Zwar kann sich keine hessi- mischt. Es wäre hilfreicher, wenn Hes- sche Hochschule „Elite-Universität“ sen als Zahlerland über die Mittel, die nennen, es werden aber vier Exzellenz- durch den Länderfinanzausgleich und cluster und zwei Graduiertenschulen in Forschungszuschüsse der Bundeslän- Darmstadt, Frankfurt und Gießen mit der abfließen, selbst verfügen könnte. 153 Millionen Euro gefördert. Am Frei- SPIEGEL: Was würde sich ändern? tag wird über die Zukunft dieser sechs Kühne-Hörmann: Wir in Hessen müssen Bildungsstätten und über zwei Neuan- jetzt, wie übrigens alle Bundesländer, träge aus Hessen entschieden. darüber nachdenken, wie im Exzel- SPIEGEL: Andere wichtige Bundesländer lenzwettbewerb geförderte Projekte wie Bayern und Baden-Württemberg weitergeführt werden können – und verfügen über Elite-Unis. Fürchten Sie das bei konstant hohem Andrang an nicht, abgehängt zu werden? den Hochschulen. Für die Folgekosten Kühne-Hörmann: Bayern und Baden- ab 2017 haben Bund und Länder noch Württemberg haben früh gezielt geför- keine Lösung gefunden. dert und profitieren jetzt. Wir haben in einer Aufholjagd seit 1999 viel Geld in SCHLESWIG- die Wissenschaft gesteckt und die HOLSTEIN Hochschulautonomie vorangetrieben. 4 1 Hessen hat als einziges Bundesland MECKLENBURG- ein eigenes Forschungsförde- 1 VORPOMMERN HAMBURG rungsprogramm über 410 Mil- 1 lionen Euro aufgelegt. Doch BREMEN 3 natürlich haben die Elite-Unis BERLIN durch das zusätzliche Geld NIEDERSACHSEN 11 7 vom Bund einen Wettbe- 5 3 werbsvorteil für die Zu- BRANDENBURG SACHSEN- kunft. Göttingen ANHALT 1 SPIEGEL: Ist der Elite- NORDRHEIN-WESTFALEN Wettbewerb ein geeigne- Bochum 1 Dresden tes Mittel, um dauerhaft 12 14 THÜRINGEN SACHSEN Bundesgelder an die Köln 3 Hochschulen zu über- Aachen HESSEN 1 2 weisen? 6 1 2 Quellen: 4 Wissenschafts- rat, DFG Mainz Starker Süden RHEIN- 2 LAND- Exzellenzinitiative – die PFALZ Heidelberg BAYERN Bilanz der Bundesländer SAARLAND Karlsruhe 11 7 Elite-Unis Tübingen BADEN- Bestand Neuanträge WÜRTTEMBERG München Exzellenzcluster und 16 8 Graduiertenschulen X Bestand X Neuanträge Freiburg Konstanz D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 15
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    Deutschland Panorama RECHTSEXTREMISMUS „Heil Beate!“ Haben Thüringer Neonazis Anschläge nach dem Vorbild der Zwickauer Ter- rorzelle „Nationalsozialistischer Un- tergrund“ (NSU) geplant? Die Staats- anwaltschaft Gera ermittelt gegen die SASCHA SCHÜRMANN / DAPD Rechtsextremisten Steffen R., 28, Mar- co Z., 34, und Thomas G., 33, wegen des Verdachts der „Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalt- Niebel in Afghanistan tat“. Ausgelöst wurde das Verfahren unter anderem durch abgehörten Handy-Verkehr. So tauschten sich G. Z O L LV E R G E H E N Deutschland transportieren lassen. Ein und R. den Ermittlungen zufolge am Fahrer Niebels nahm das Stück am 20. 29. Dezember 2011, rund sieben Wo- Mai direkt an der BND-Maschine in chen nach Auffliegen des NSU, über Staatsanwalt prüft Empfang und brachte es unverzollt in die Wohnung des Ministers. „Wenn kei- „Knete“ aus, die von „elektrischen Quellen“ ferngehalten werden müsse. Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft ne Zollanmeldung erfolgte, obwohl das Die Fahnder halten es für möglich, nach Angaben eines Sprechers „einen verpflichtend gewesen wäre, dann ist dass sie Plastiksprengstoff meinten. Anfangsverdacht auf ein mögliches grundsätzlich der Tatbestand der ver- Zwei Wochen später erhielt R. eine strafbares Verhalten“ von Bundesent- suchten Steuerhinterziehung erfüllt“, SMS von einem von G. genutzten Te- wicklungsminister Dirk Niebel. Der erklärt Christine Kolodzeiski, Spreche- lefonanschluss: „Ich hab dein Spiel- FDP-Politiker hatte einen in Afghani- rin vom Hauptzollamt am Frankfurter zeug mit, du kannst jetzt das Jüngste stan für 1400 Dollar erworbenen Tep- Flughafen. Nach der ersten Anfrage Gericht einläuten.“ Die Nachricht en- pich mit einem Flugzeug des Bundes- durch den SPIEGEL hatte Niebel einen det mit „Heil Beate!“ – wohl in An- nachrichtendienstes (BND) nach Antrag auf Nachverzollung gestellt. spielung auf die mutmaßliche NSU- Terroristin Beate Zschäpe. Steffen R. antwortete: „Beate wird stolz auf uns sein.“ Thomas G. soll Verbindungen K I TA - F I N A N Z I E R U N G zum Umfeld der Zwickauer Zelle ge- habt haben. Auch Steffen R. gilt als Größe der rechtsextremen Szene: Im Merkel gegen CDU-Ministerpräsidenten März schnitten Ermittler einen Anruf mit, in dem er sagte, man müsse „end- In der Union wächst die Sorge, dass der dürften im Wahljahr bei der Zahl der lich mal einen umlegen“. Der dritte schleppende Ausbau von Kindertages- Kita-Plätze nicht Schlusslicht sein, sag- Beschuldigte, Marco Z., soll Kala- stätten die Chancen von CDU und CSU te die saarländische Ministerpräsidentin schnikows zum Kauf angeboten ha- bei den Landtags- und Bundestagswah- Annegret Kramp-Karrenbauer. Kanzle- ben. Die Staatsanwaltschaft wollte len im kommenden Jahr schmälern rin Angela Merkel zeigte wenig Ver- sich auf Anfrage zu Details nicht äu- könnte. In der Sitzung des CDU-Präsi- ständnis. Die Länder müssten mit dem ßern. Vergangene Woche wurden R. diums am vergangenen Montag forder- Geld auskommen, das der Bund in die und Z. festgenommen. Vor dem Haft- te Niedersachsens Regierungschef Da- Hand nehme, obwohl Kita-Ausbau Län- richter bestritten sie die Vorwürfe. R. vid McAllister mehr Hilfen vom Bund, dersache sei. Um den Rechtsanspruch erklärte den belastenden Telefonver- um die für 2013 angestrebte Zahl von auf einen Kita-Platz ab August 2013 er- kehr mit einem Scherz; man habe so Kita-Plätzen auch in allen westlichen füllen zu können, fehlen nach Schätzun- prüfen wollen, ob man abgehört wer- Bundesländern zu erreichen. „Wir brau- gen des Bundesfamilienministeriums de. Thomas G., der auf freiem Fuß chen ein Ausbauprogramm West“, so noch etwa 160 000 Plätze, hauptsächlich blieb, war für eine Stellungnahme McAllister. Die unionsgeführten Länder in den alten Bundesländern. nicht zu erreichen. QUERSCHNITT Bandidos- und Hells-Angels-Clubs in Europa Quelle: Europol Inflation der Rockerclubs Rockerbanden breiten sich in Europa aus. Die beiden größten Clubs – Hells Angels und Bandidos – haben die Zahl ihrer Gangs auf dem Kontinent seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts nahezu verdoppelt. Deutschland ist derzeit mit 52 Chartern der Hells An- gels und 66 Chaptern der Bandidos weltweit der größte Standort 72 144 120 213 nach den USA. 2006 2012 2005 2012 16 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Deutschland E U R O PA Dame mit Unterleib Mit einem mutigen Reformplan wollen die Chefs der europäischen Institutionen den Euro retten. Die Mitgliedsländer sollen Budget-Kompetenzen an Brüssel übertragen und Schulden vergemeinschaften. Kanzlerin Merkel SEAN GALLUP / ACTION PRESS E s gehört zu den Merkwürdigkeiten er, der neue, ungewohnte Sound: „Wir Spanien ist die Lage inzwischen so dra- der Politik, dass sich große Ver- brauchen vor allen Dingen auch eine po- matisch, dass das Land nur noch mit änderungen selten durch große litische Union. Das heißt, wir müssen Mühe an frisches Geld kommt. Und Spa- Worte ankündigen. Wer Ruck-Reden hält, Schritt für Schritt auch Kompetenzen an nien ist kein wirtschaftlicher Zwerg, son- hat sich oft nur als Sonntagsredner quali- Europa abgeben.“ dern die viertgrößte Volkswirtschaft der fiziert. Bei dieser Form der politischen Vorsichtig bereitete die Kanzlerin die Euro-Zone. Wortmeldung steht die öffentliche Auf- Menschen darauf vor, dass sie sich auf Die Schuldenkrise hat sich in eine merksamkeit meist in keinem Verhältnis große Veränderungen einstellen müssen. schwere Vertrauenskrise verwandelt. zu den praktischen Folgen. Dass alte Gewissheiten bald schon nicht Den europäischen Staats- und Regie- Manchmal ist es nur eine winzige ver- mehr gelten werden. Dass Europa nur rungschefs bleiben nicht mehr viele Op- bale Verschiebung, die darauf hindeutet, dann eine Zukunftschance hat, wenn tionen. Entweder gelingt es ihnen jetzt, dass bald Großes passieren könnte. Oder auch die Deutschen auf einen wesent- die Geburtsfehler des Euro zu beseitigen, es ist ein leicht geänderter Sound, ein et- lichen Teil ihrer nationalen Souveränität oder die Europäische Union, die größte was anderer Zungenschlag, der in diese verzichten. Mehr hatte sie nicht angedeu- Wirtschaftszone der Welt, wird in einem Richtung weist. tet. Aber es war doch eine Menge. Strudel aus Bankpleiten, Bankrotten und Wer in der vergangenen Woche der Denn es zeigt, wie bedrohlich Merkel Niedergang versinken. Eine solche Ent- Kanzlerin aufmerksam zuhörte, konnte die europäische Krise inzwischen ein- wicklung würde das Chaos nach der Leh- erkennen, dass sie ihren Ton verändert schätzt. Die Kanzlerin ist keine Meisterin man-Pleite 2008 weit in den Schatten stel- hatte. Sehr vorsichtig nur, allenfalls in ei- der Apokalypse wie der grüne Patriarch len, vermutet der britische „Economist“. nigen Nuancen, aber es reichte doch, dass Joschka Fischer („Das europäische Haus „Es muss dringend etwas passieren!“, for- sich die bekannte Melodie neu anhörte. steht in Flammen“). Das ist nicht Merkels dern der britische Historiker Niall Fergu- „Wir brauchen eine sogenannte Fiskal- Sprache, aber auch sie weiß, dass der Ab- son und der amerikanische Ökonom union“, hatte sie im ARD-„Morgenmaga- grund nicht mehr fern ist. Nouriel Roubini in einem dramatischen zin“ gesagt, „also mehr gemeinsame Am kommenden Sonntag, nach den Appell an die deutsche Kanzlerin (siehe Haushaltspolitik.“ Bis dahin hatte Angela Parlamentswahlen in Griechenland, wird Seite 68). Merkel nur wiederholt, was sie bislang sich entscheiden, ob erstmals ein Land Was also tun? Aus der Währungsunion, immer gefordert hatte. Doch dann kam die Euro-Zone verlassen muss. Und in der „Dame ohne Unterleib“ (Merkel), 18 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    OLIVIER HOSLET /DPA (R.); RAINER UNKEL (L.) Kommissionspräsident Euro-Gruppenchef Barroso Juncker THOMAS LOHNES / DAPD (R.); THIERRY MONASSE / XINHUA / IMAGO (L.) EU-Ratspräsident EZB-Präsident Van Rompuy Draghi Europäische Reformgruppe: „Wir rennen den Ereignissen hinterher“ muss eine politische Union werden. Zu- den Woche wollen sie sich treffen, um allerdings als Dame mit Unterleib, bilden mindest darin sind sich alle einig. Doch sich auf einen gemeinsamen Vorschlag würde. was das konkret bedeutet, ist zwischen zu einigen, der dann an die Hauptstädte Im Zentrum der Überlegungen steht Berlin und Paris, Helsinki oder Rom um- verschickt werden soll. eine echte Fiskalunion, in der Mitglied- stritten. Noch gibt es keinen ausgearbeiteten staaten souverän keine neuen Schulden Länder wie Frankreich und Italien wol- Plan, sondern nur Skizzen, wie das euro- mehr aufnehmen dürfen. Frei verfügen len mit Euro-Bonds die Schulden ver- päische Konstrukt am Ende aussehen können die Regierungen dann nur noch gemeinschaften. Die Deutschen sind da- könnte. Die Ideen, die derzeit zwischen über die Finanzmittel, die durch eigene gegen, weil sie fürchten, am Ende dafür Brüssel, Luxemburg und Frankfurt hin Einnahmen gedeckt sind. zahlen zu müssen. Berlin ist wiederum und her wandern, sind noch unfertig, Wer mehr Geld braucht, als er selbst bereit, nationale Zuständigkeiten nach aber sie lassen bereits ein Konzept er- erwirtschaftet, muss seinen Bedarf bei Brüssel abzugeben, doch dagegen sperren kennen, das für Europa nichts weniger der Gruppe der Euro-Finanzminister an- sich die Franzosen. als eine Revolution bedeuten würde. melden. Sie entscheiden gemeinsam, wel- Weil sie sich nicht einigen können, ha- Geht es nach dem Willen der vier, soll che Finanzwünsche von welchem Land ben die Staats- und Regierungschefs vier die Währungsunion irreversibel gemacht in welcher Höhe gerechtfertigt sind, und Top-Eurokraten beauftragt, einen Plan werden und die Euro-Zone zur politi- geben dann gemeinsame Euro-Anleihen vorzulegen: Kommissionspräsident José schen Union ausgebaut werden. Es wäre aus, um diese Schulden zu finanzieren. Manuel Barroso, EU-Ratspräsident Her- ein völlig anderes Europa, das am Ende Die exklusive Ministerrunde würde man Van Rompuy, Euro-Gruppenchef dieses Prozesses stehen würde. von einem hauptamtlichen Vorsitzenden Jean-Claude Juncker und den Chef der Die Nationalstaaten müssten wesent- geleitet, der am Ende sogar zum europäi- Europäischen Zentralbank Mario Draghi. liche Teile ihrer Souveränität an euro- schen Finanzminister aufsteigen könnte. Bis zum nächsten Gipfel in weniger als päische Institutionen abgeben, das EU- Kontrolliert werden soll die mächtige drei Wochen wollen sie erste Vorschläge Parlament bekäme Konkurrenz, und ein Runde der Finanzminister durch ein neu- unterbreiten, im Herbst soll dann das Ge- neues Gremium würde wichtige Kontroll- es europäisches Gremium, in dem Vertre- samtpaket stehen. funktionen übernehmen. Es wäre ein ter der nationalen Parlamente sitzen. Das Fast täglich telefonieren die vier Präsi- Europa der zwei Geschwindigkeiten, Europaparlament müsste auf einen denten nun miteinander. In der kommen- dessen Kern die Währungsunion, nun Machtzuwachs verzichten und könnte D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 19
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    Deutschland sich weiter mitHingabe den anderen dann von der Gruppe der Finanzminister Staaten wären die Regierungen gezwun- europäischen Themen widmen. genehmigt werden, wenn die Neuver- gen, das Volk zu befragen. Selbst in Das Modell, das die europäischen vier schuldung über drei Prozent der jähr- Deutschland, wie das Bundesverfassungs- favorisieren, bedeutet für die Deutschen lichen Wirtschaftsleistung liegt. gericht in seinem Lissabon-Urteil nahelegt. das, was die Bundesregierung immer ab- In einem weiteren Kapitel widmen sich Will die Bundesregierung in Finanzfragen gelehnt hat: den europäischen Haftungs- die Euro-Architekten der Demokratisie- deutlich mehr Macht an Brüssel abtreten, verbund. Allerdings mit einer Einschrän- rung europäischer Entscheidungen. Man so gängige Interpretationen, wäre dazu kung. Die Regelung soll nur für neue müsse überlegen, wie man die politische eine Volksabstimmung nach Artikel 146 Schulden gelten. Integration demokratisch legitimieren des Grundgesetzes erforderlich. Die Altlasten, die im Zentrum der ak- könne, sagt Kommissionschef Barroso. Die Deutschen stünden vor einer Jahr- tuellen Krise stehen, müssten nach wie Dazu gehört die Idee, den Präsidenten hundertentscheidung. Stimmen sie gegen vor von den einzelnen Staaten bewältigt der EU-Kommission direkt von den Bür- den Plan, wäre der Euro am Ende, und werden. Völlig offen ist, wie sie langfristig gern wählen zu lassen. Denkbar sei auch, der Kontinent würde in eine schwere Re- kleiner werden könnten. Schon jetzt müs- heißt es in Brüssel, dass die Ämter von zession stürzen. Stimmen sie dafür, ent- sen viele Länder einen großen Teil ihrer Barroso und Van Rompuy zu einem „Eu- scheidet in Zukunft vor allem Brüssel über die deutschen Staatsfinanzen. Es wäre der Einstieg in die Vereinigten Staaten von Europa, dem die Bundes- bürger wohl nur zustimmen könnten, wenn sich das neue Gemeinwesen glaub- würdig der deutschen Stabilitätskultur verpflichtet. Was die vier Euro-Vordenker vorschla- gen, ist somit ein neuer Konsens für den krisengeschüttelten Kontinent. Die Deut- schen müssten bereit sein, weitere Risi- ken für die Euro-Zone zu übernehmen. Im Gegenzug würden die Südeuropäer zugestehen, dass über ihre Staatshaushal- te in Brüssel bestimmt wird – nach deut- schen Prinzipien. Es wäre ein Experiment mit ungewis- sem Ausgang. Am Ende könnte die Ret- tung der Gemeinschaftswährung stehen, aber auch das Zerbrechen Europas. Gut möglich, dass der Plan die internationalen Finanzmärkte beruhigt. Nicht ausge- schlossen aber auch, dass er Europas Bür- gern nicht zu vermitteln ist. Dabei ist es wohl die letzte Chance, den Euro vor dem Crash zu bewahren. BURKHARD MOHR Am kommenden Montag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigs- ten Industrie- und Schwellenländer beim G-20-Gipfel in Mexiko. Es wird der Tag Steuereinahmen zur Finanzierung der ropäischen Präsidenten“ verschmolzen nach der Griechenland-Wahl sein, und der Altschulden ausgeben. werden. Rest der Welt will von den Europäern wis- Die Idee der Brüsseler Euro-Strategen Manche Ideen der Reformer decken sich sen, wie sie die Währungsunion retten wol- würde die Regierungen zwingen, mit dem mit dem, was bereits diskutiert wird, wie len. Eine Blamage wie im vergangenen Geld auszukommen, das sie selbst einge- eine europaweite Garantie der Sparkon- Jahr auf dem G-20-Gipfel in Cannes, wo nommen haben. Denn nur so könnten sie ten. Ein europäischer Einlagensicherungs- man sich von Schwellenländern wie Mexi- die nationale Souveränität über ihre Aus- fonds soll über einen Zeitraum von zehn ko und Brasilien sagen lassen musste, was gaben erhalten. Funktioniert die Rege- Jahren aufgebaut werden und ein Prozent zu tun ist, wollen sich Merkel, Van Rompuy lung, könnte aus einer Schulden- im güns- der europäischen Spareinlagen umfassen, und die andere Euro-Politiker ersparen. tigsten Fall sogar eine Stabilitätsunion also etwa hundert Milliarden Euro. Er höre von seinen Gesprächspartnern werden. Vorgesehen ist auch eine mächtige EU- in Amerika und China oft, dass Europa Das Modell klingt fast zu schön, um weite Bankenaufsicht. Sie soll nicht nur „hinter der Kurve“ liege und zu langsam wahr zu werden. Denn bislang schafft es die großen, „systemischen“ Geldinstitute agiere, berichtete Euro-Gruppen-Chef noch nicht einmal Deutschland – obwohl umfassen, sondern alle Banken. Die ver- Jean-Claude Juncker am vergangenen von niedrigsten Zinsen und gutem Wachs- gangenen Jahre haben gezeigt, dass es in Donnerstag vor dem Wirtschafts- und So- tum begünstigt – ohne Neuverschuldung Europa gerade die scheinbar unwichtigen zialausschuss der EU in Brüssel. „Wir ren- auszukommen. Und so müssten in Zu- Geldhäuser waren, die die Krise ver- nen den Ereignissen hinterher“, warnte kunft selbst sparsame Länder befürchten, schärften. Das war in Deutschland mit der Luxemburger Premierminister. Des- bei einer Zinserhöhung oder einem Kon- der IKB-Bank so und wiederholt sich mo- halb sei es jetzt an der Zeit, Schritte zu junktureinbruch in Brüssel um Hilfe bit- mentan mit den spanischen Sparkassen. tun, die bislang undenkbar schienen. ten zu müssen. Der neue Euro-Pakt ist allerdings mit Denn: „Die Welt muss wissen, dass wir In europäischen Hauptstädten kursiert einer schweren Hypothek belastet. Überall absolut entschlossen sind.“ deshalb bereits eine deutlich abgemilder- in Europa müssten die nationalen Verfas- KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, te Variante. Neue Schulden müssten erst sungen geändert werden, und in etlichen CHRISTOPH PAULY, CHRISTOPH SCHULT 20 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    CHRISTIAN THIEL /DER SPIEGEL Kontrahenten Gysi, Lafontaine: Ohne Rücksicht auf das große Ganze, nicht mal auf Weggefährten KARRI EREN Gott des Gemetzels Auf dem Göttinger Parteitag der Linken hat Oskar Lafontaine einen letzten bitteren Sieg errungen. Der Bruch mit Gregor Gysi bedeutet einen leisen Abschied aus der Politik. Ein großer Populist steht vor den Trümmern seiner Karriere. Welche politische Niederlage Aber wo Misstrauen regiert, kann man Fünf Jahre ist es her, dass Lafontaine möchten Sie nie erleben? nicht einfach draufloswerfen. Schiedsrich- ihn und seine Linkspartei benötigte, um „Dass ich eines Tages einmal so ter müssen her, um den Wurf zu überwa- mit einer gesamtdeutschen Linken Rache vor dem Scheitern meiner politischen chen, nicht einer, sondern zwei, einer aus an seiner alten Partei und deren früheren Ideen stehe wie viele dem Osten, einer aus dem Westen. Gysi Frontmann Gerhard Schröder zu nehmen. gutwillige Kommunisten heute“ setzt auf Matthias Höhn aus Sachsen- Fünf Jahre später geht es in Göttingen (Oskar Lafontaine 1990). Anhalt, Lafontaine vertraut auf Janine wieder um Rache, diesmal heißt der Wissler aus Hessen. Höhn wirft, Wissler Gegner nicht Schröder sondern Bartsch, A m Ende können sie sich nicht mal verkündet das Ergebnis. Kopf. dem er illoyales Verhalten vorwirft. Der über banalste Fragen einigen. Wer Es ist ein erster, kleiner Erfolg für La- Abstieg des Oskar Lafontaine lässt sich darf als Erster auf dem Parteitag fontaine, dem später ein größerer folgen auch an der Größe seiner Widersacher in Göttingen reden, Gysi oder Lafon- wird: der Sieg eines gewissen Bernd Rie- ablesen. taine? Weil der Zweite einen kleinen Vor- xinger bei der Wahl zum Parteivorsitzen- Lafontaines kleine Siege von Göttingen teil haben könnte, braucht es einen Rest den. Lafontaines Marionette triumphiert dürften schon jetzt einer großen Ernüch- an Vertrauen, eine Prise Großzügigkeit, über Gysis Kandidaten Dietmar Bartsch. terung gewichen sein. Bei Licht betrach- um die Frage friedlich zu lösen. Aber von Aber es ist auch das Ende einer Part- tet, steht er nach vier Jahrzehnten in der beidem ist nichts mehr übrig in der Lin- nerschaft. Noch einmal hat der 68-jährige Politik vor den Trümmern seines Wir- ken, wie überall, wo Oskar Lafontaine Lafontaine in Göttingen all seine Energie kens. Seiner ersten Partei, der SPD, hatte über längere Zeit gewirkt hat. Am Ende abgerufen, all seine Tricks, die zulässigen er mit seiner Flucht aus dem Parteivorsitz triumphiert Kleingeistigkeit. wie die schmutzigen. Wie immer nahm und dem Amt des Finanzministers schwer Sie entscheiden sich, eine Münze zu er, wenn es darauf ankommt, keine Rück- geschadet. Seiner neuen Partei hat er werfen. Kopf oder Zahl, West oder Ost, sicht, nicht auf das große Ganze, nicht noch mehr zugesetzt: Sie ist so gut wie der oder ich? auf Weggefährten wie Gysi. zerstört. 22 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Deutschland Die Linke ist nach Göttingen eine de- Gysi verrät auch, dass er erneut ge- des Hochmuts und der Rache. Seinem moralisierte, tiefzerstrittene Gruppierung. drängt worden sei, Bartsch für seine Kan- letzten Triumph fehlt jede Würde. Ihr fehlen ein klares Profil und eine Füh- didatur zu kritisieren. Jeder im Raum Er und Wagenknecht ziehen sich bald rungsspitze, die diesen Namen verdient. weiß, von wem er da gedrängt wurde. in ihr Hotel zurück. Gysi aber steht in Die neuen Vorsitzenden Katja Kipping Doch diesmal verweigert sich Gysi. La- der Nacht vor der Halle und plaudert mit und Bernd Riexinger mögen ehrenwerte fontaine will nicht glauben, was er da Vertrauten. Ob das Tischtuch zwischen Leute sein, vor allem aber sind sie un- hört. Er sitzt wie versteinert auf seinem ihm und Lafontaine zerschnitten sei? scheinbar. Es wirkt, als hätte das ZDF Stuhl. „War da eins?“, fragt Gysi zurück. Gundula Gause und Heinz Wolf die „Was jetzt?“, fragt der scheidende Vor- Dass sich Lafontaine nun auch noch Moderation von „Wetten, dass ...?“ über- sitzende Klaus Ernst. „Da muss ich über- Gysi zum Feind gemacht hat, dürfte das lassen. legen“, murmelt Lafontaine. Ende seiner Macht einläuten. Jahrelang „Es ist wie so oft bei Oskar“, sagt sein Ein paar Minuten später geht Lafon- hatte Gysi fast alles für ihn getan, hatte alter Freund und Weggefährte, der Saar- taine zum wütenden Gegenangriff über. Lafontaines Selbstherrlichkeit bis zur länder Reinhard Klimmt. „Was er vorne Schon als er ans Mikrofon tritt, leuchtet Selbstaufgabe ertragen. mit seinen Händen errichtet hat, reißt er sein Kopf puterrot. Es gebe keinen Grund, Als der PDS-Intellektuelle André Brie mit dem eigenen Hintern früher oder spä- das Wort Spaltung in den Mund zu neh- schon früh schimpfte, Lafontaine sei ein ter wieder ein.“ men. „Man trennt sich nicht, weil man „Luxus-Linker“, wurde er von Gysi am So ist die Geschichte des Oskar Lafon- da oder dort Befindlichkeiten hat“, be- Telefon so lange zusammengefaltet, bis taine am Ende eine tragische. Sie handelt lehrt er die Ossis und ihren Helden Gysi. er widerrief. von einem Mann, der mit gewaltigen Ta- Die Rede war Lafontaines letzte Chan- Gysi nahm ihn gegen jede Form von lenten gesegnet ist: mit Intelligenz, Cha- ce, doch noch die Hand zur Versöhnung Kritik in Schutz, selbst als Lafontaines risma und rhetorischer Brillanz – mit fast zu reichen. Aber er lässt sie verstreichen. Vorsitzenden-Büro im Berliner Karl-Lieb- allem also, was man braucht, um in der „Manches hat bitter weh getan“, klagte knecht-Haus fast immer leer blieb und er Politik zu Größe zu gelangen. „Bis heute Rudolf Scharping einst auf dem Mannhei- in seiner Zeit als Vorsitzender 18 Vor- halte ich an meiner Einschätzung fest, nie mer SPD-Parteitag, nachdem Lafontaine standssitzungen schwänzte. Er verteidigte wieder einen so begabten politischen ihn wochenlang über seine Absichten ge- auch Lafontaines autoritäre Art, obwohl Menschen kennengelernt zu haben“, täuscht hatte, um ihn dann in letzter Se- sie sich im Osten geschworen hatten, nie schrieb selbst Gerhard Schröder in seinen kunde zu stürzen. Aber „wir haben eine wieder SED-Methoden zu dulden, und Memoiren. Aufgabe, die wichtiger ist als wir selbst“. Lothar Bisky die Rückkehr des „Stalinis- Lafontaine hätte das Zeug gehabt, sich Es scheint, als habe Lafontaine den Sinn mus durch die Hintertür“ beklagte. in die Galerie der großen Kanzler einzu- des Satzes bis heute nicht verstanden. Was Gysi für Lafontaine bis zum Göt- reihen, gleich neben Adenauer, Brandt Als Bernd Riexinger, sein Kandidat für tinger Parteitag leistete, reichte weit hin- und Kohl. Am Ende aber muss er sich den Linken-Vorsitz, in Göttingen am spä- ein ins Reich des Absurden. Am absur- mit dem Erfolg begnügen, einen Mann, ten Samstagabend gegen Bartsch gewon- desten aber wurde es, als Sahra Wagen- der Bernd Riexinger heißt, zum Vorsit- nen hat, stimmen Lafontaines Unterstüt- knecht in Lafontaines Leben trat. zenden gemacht zu haben. zer Triumphlieder an. Sie singen die „In- Gysi hatte Wagenknecht und ihre kom- Vermutlich war sein Ego einfach zu ternationale“ und „Ihr habt den Krieg munistischen Thesen immer bekämpft. groß für wahre Größe. Wäre es ihm wirk- verloren“, ein Lied, dass linke Gruppen Auf dem Parteitag 1995 in Berlin hatte er lich um seine politische Idee, um das bei Nazi-Demonstrationen sonst gegen die Delegierten vor die Entscheidung ge- Wohl seiner Schöpfung Die Linke gegan- die Glatzköpfe singen, um sie zu provo- stellt: „Die oder ich“. Nun aber musste gen, dann hätte er dafür gesorgt, dass die zieren. Die Stunde des Sieges sollte im- er auf Lafontaines Drängen nicht nur sei- Partei künftig von erfolgversprechenden mer die Stunde der Demut sein. Bei La- ne Haltung zu Wagenknecht ändern. Im Leuten geführt wird. Ihm aber ging es fontaines Freunden wird sie zur Stunde Auftrag des Chefs besänftigte er sogar nur um sich selbst. Lafontaine funktionierte in seiner lan- gen Karriere nur dann, wenn er selbst der Erste sein konnte. Das erste der Zehn Gebote „Du sollst neben mir keine ande- ren Götter haben“, hat er früh schon auf die Politik übertragen. Und als er mit Ger- hard Schröder einmal einem anderen den Vortritt ließ, hat er das bitter bereut. Das Trauma von 1998 wirkt bis heute fort. Als Gysi nach verlorenem Münzwurf als Erster ans Rednerpult tritt, nimmt die Zerstörung der Linken ihren Lauf. Er, der jahrelang Rücksicht auf Lafontaine ge- nommen hat, ist dazu nicht mehr bereit. Er weiß, dass es dem Saarländer nur noch darum geht, Dietmar Bartsch als neuen Chef zu verhindern. Gysi spricht vom „Hass“ in der Frak- CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL tion, von „pathologischen Zuständen“, von der „westlichen Arroganz“ und da- von, dass es vielleicht besser sei, sich fair zu trennen, „als weiterhin unfair, mit Hass, mit Tricksereien, mit üblem Nachtreten und Denunziation eine in jeder Hinsicht verkorkste Ehe zu führen“. Linken-Politikerinnen Kipping, Wagenknecht, Caren Lay: Tiefzerstrittene Gruppierung D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 23
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    Deutschland Lafontaine ab. Wie erklären Sie sich die- „Unter der Gürtellinie“ se Seitenwechsel? Bartsch: Ich bin mit Gysi einen langen, gemeinsamen Weg gegangen. Ich habe Fraktionsvize Dietmar Bartsch, 54, über seine gescheiterte nicht vergessen, dass vor allem er in den Kandidatur und das Verhältnis zu Oskar Lafontaine neunziger Jahren den ganzen Hass, der der PDS entgegenschlug, auf sich gezo- SPIEGEL: Sahra Wagenknecht hat Ihnen Eine „PDS neu“ kommt allein kaum gen hat. Damals hätte auch der SPIE- vorgeworfen, Sie hätten der Linken mit über fünf Prozent, der andere Teil im GEL nie ein Interview mit mir gemacht. Ihrer frühen Kandidatur für den Partei- Westen würde schnell untergehen. Wir SPIEGEL: Gysi hat Sie im Januar 2010 auf vorsitz eine monatelange Personalde- können es nur gemeinsam schaffen. Drängen Lafontaines als Bundesge- batte aufgezwungen und letztlich die SPIEGEL: Hat es jemals eine ehrliche Aus- schäftsführer geopfert, er hat in Lafon- Rückkehr Oskar Lafontaines verhindert, sprache gegeben zwischen Ihnen und taines Auftrag versucht, die rot-rote von dem sich viele Erlösung erhofft Lafontaine? Koalition in Brandenburg zu verhin- hatten. Bartsch: Entgegen allem, was über uns dern, er hat dessen Freundin Wagen- Bartsch: Das ist Unfug. Ich habe darauf so geschrieben steht, haben wir im di- knecht an Ihnen vorbei zur Ersten gedrängt, den Parteitag vorzuziehen rekten Kontakt ein vernünftiges Ver- Stellvertreterin in der Bundestagsfrak- und rechtzeitig vor den Landtagswahlen hältnis. Er respektiert meine Leistungen tion gemacht. Sollen wir noch mehr auf- eine neue Führung zu wählen – wie es und ich seine. zählen? jede andere Partei vernünftigerweise getan hätte. Zugleich habe ich für einen Mitgliederentscheid geworben, um eine souveräne Entscheidung der Basis zu bekommen. Auch das wurde, wie wir jetzt wissen, satzungswidrig verhindert. Und ich habe ein politisches Angebot unterbreitet und dieses zur Diskussion gestellt. Ohne meine Kandidatur hätte es dieses Engagement der Reformer nicht gegeben. Wir haben Mut be- wiesen. SPIEGEL: Trotzdem haben Sie am Ende gegen Lafontaines Vertrauten Bernd Riexinger verloren. Bartsch: Nachdem im ersten Wahlgang für den Frauenplatz mit Katja Kipping eine Frau aus dem Osten gewann, war es für mich im zweiten Wahlgang schwieriger. Insofern habe ich mit gut 45 Prozent ein ordentliches Ergebnis er- reicht. Ich bin mit mir im Reinen. CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL SPIEGEL: Nach Ihrer Niederlage sang die Gegenseite nicht nur „Die Internatio- nale“, sondern auch: „Ihr habt den Krieg verloren“. Bartsch: Das ist deutlich unter der Gür- tellinie und geht gar nicht. „Die Inter- nationale“ ist ein traditionsreiches Lied, Linken-Politiker Bartsch: „Das tat sehr weh“ man kann sie bei vielen Gelegenheiten singen, da war sie unpassend. „Ihr habt SPIEGEL: Auf Lafontaines Homepage fin- Bartsch: Also, Sahra Wagenknechts den Krieg verloren“ ist ein Lied, wel- det sich ein nicht von ihm verfasster Wahl in der Fraktion war auch mit mir ches bei Neonazi-Aufmärschen von der Text, in dem Sie als Intrigant und An- besprochen. In Brandenburg war die Antifa gesungen wird. Damit dürfen passer beschimpft werden. Mission bekanntlich wenig erfolgreich, Linke nun wirklich nicht ihre Genossen Bartsch: Wenn er das wüsste, würde es der Landesverband hat mit großer Zu- schmähen. Das ist Ausdruck unerhörter verschwinden. Für solche Dummheiten stimmung den Koalitionsvertrag ange- Kulturlosigkeit. steht er nicht zur Verfügung. nommen. Den Januar 2010 allerdings, SPIEGEL: Ihr Fraktionsvorsitzender Gre- SPIEGEL: Wie lief der letzte Vermittlungs- das stimmt, den hatte ich nicht für mög- gor Gysi sprach offen von Hass und versuch, zwei Tage bevor Lafontaine lich gehalten. Das tat sehr weh. pathologischen Zuständen. Hat er seine Kandidatur zurückzog? SPIEGEL: Seither belastet der Macht- recht? Bartsch: Oskar Lafontaine hat einen guten kampf zwischen Ihnen und Lafontaine Bartsch: Seine Analyse der Situation in Wein ausgesucht, dann haben wir uns die Partei. der Fraktion ist leider zutreffend. Seine freundlich unterhalten. Im Grunde gab Bartsch: Das ist Ihre Sichtweise. Im Kern Schlussfolgerungen aber teile ich nur es aber da schon nicht mehr viel zu sagen. geht es darum, welche Schlüsse wir dar- bedingt. Eine Spaltung sehe ich nicht, SPIEGEL: Erst war Gysi für Sie, dann ge- aus ziehen, dass die Partei seit 2010 ab- sie würde den Tod der Linken bedeuten. gen Sie, und jetzt wendet er sich von gestürzt ist: von fast zwölf Prozent auf 24 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    nun fünf bissechs, etwa 10 000 Mitglie- der gingen verloren. Wir hatten seit der Wahl 2009 nun mal eine andere Situa- tion mit verschärfter Finanzmarktkrise, der SPD in der Opposition, dem Er- starken der Piraten und so weiter. Da hätte man nicht einfach den Kurs „Wir gegen alle“ weiterfahren dürfen. Er war auch nicht erfolgreich, wie wir an Wahl- ergebnissen und Mitgliederzahlen sehen. SPIEGEL: Das Lager um Lafontaine und Wagenknecht wirft Ihnen Anbiederei an die SPD vor. Bartsch: Das ist Unsinn. Wenn ich der Karrierist wäre, als den manche mich darzustellen versuchen, wäre ich 1990 sicher nicht in die PDS gegangen. Ich HERMANN BREDEHORST / POLARIS/LAIF habe mich bewusst für eine Partei des demokratischen Sozialismus links von der SPD entschieden, und das war kein gemütlicher Weg. Die PDS sollte ver- nichtet werden, ich kann mich an fast hundert Gerichtsverfahren und elf er- gebnislose Durchsuchungen, auch bei mir zu Hause, erinnern. SPIEGEL: Die SPD lässt Ihre Partei aber Parteivorsitzende Riexinger (l.), Kipping (r.): Stunde des Hochmuts und der Rache konsequent links liegen. Ist es dann nicht richtig, weiter den Abgrenzungs- Lafontaines misstrauische Gattin Christa te: Er demütigte seinen langjährigen Weg- kurs zu fahren? Müller. Die hatte längst die dauernden gefährten Bartsch öffentlich und zwang Bartsch: Auch Oskar Lafontaine hätte Affären-Gerüchte satt und verlangte die ihn zum Rückzug von seinem Posten. Für schon 2009 gern eine Koalition im Saar- Rückkehr ihres Mannes in den „Palast viele in der alten PDS war das Verrat. land gemacht. Wenn Sigmar Gabriel der sozialen Gerechtigkeit“, wie ihr Haus Im vergangenen Dezember begann ohne Not jetzt bereits sagt: nie mit den im saarländischen Wallerfangen spöttisch dann der letzte Akt. Wieder glaubte La- Linken, dann ist das politisch einfach genannt wurde. fontaine, dass der treue Knappe Gysi alles nur doof. Es gibt immer eine strategi- Immer wieder soll Gysi bei Christa mit sich machen ließe. Zunächst verhin- sche Entscheidung: Blicke ich nur auf Müller um Verständnis gebeten haben: derte er alle Verfahren, die seinem Wi- das nächste eigene Wahlergebnis, oder Lafontaine werde für die Bundestagswahl dersacher Bartsch gute Aussichten auf schaue ich, was ich wirklich für die Men- im Herbst 2009 in Berlin gebraucht. Da- den Parteivorsitz gesichert hätten, etwa schen erreichen kann? Unsere Mindest- nach könne er als saarländischer Frak- eine Mitgliederbefragung. Stattdessen lohnkampagne ist dafür ein gutes Bei- tionschef viel zu Hause bleiben. versprach er, im ersten Halbjahr 2012 spiel. Vor Jahren waren noch alle Par- Ein letztes Mal zogen Gysi und Lafon- einen Vorschlag für eine „kooperative teien und die Mehrheit der Menschen taine 2009 in die Schlacht und erreichten Führung“ mit ihm und Bartsch vorzu- dagegen, jetzt ist eine Mehrheit der Traumergebnisse im Saarland und im legen. Ein letztes Mal ließen sich Gysi Menschen und selbst die CDU dafür. Bund. Danach zog sich Lafontaine wie und die Realos auf Lafontaine ein. Für uns heißt das jetzt: Setzen wir mit abgesprochen ins Saarland zurück, domi- Doch ein Vorschlag blieb aus. Emissäre Partnern einen Mindestlohn durch, oder nierte die Partei von dort aber weiter. wurden von Lafontaine abgewimmelt, drucken wir neue Plakate mit immer Wütend verfolgte er die rot-roten Koali- auch Gysi ließ er im Dunkeln über seine höheren Mindestlohnforderungen, um tionsverhandlungen in Brandenburg, weil wahren Pläne. Als die Linke nach den uns unbedingt abzugrenzen und mög- er lieber opponieren als regieren wollte. Niederlagen in NRW und Schleswig-Hol- lichst links zu erscheinen? Ich behaupte: Persönlich intervenierte er bei SPD-Chef stein am Boden lag, äußerte sich Lafon- Den Menschen nützen 10 Euro mehr in Matthias Platzeck, der ihn kühl am Tele- taine doch noch. Aber was er drei Wo- der Tasche mehr als 100 Euro auf Pla- fon abblitzen ließ: „Oskar, du bist nicht chen vor dem Parteitag unterbreitete, war katen. Aber das ist einigen in meiner mehr mein Chef.“ kein Vorschlag, es war ein Diktat. Partei zu viel an Pragmatismus. Im November 2009 beschrieb der SPIE- Er sei bereit, als Vorsitzender zu kan- SPIEGEL: Welchen Kurs erwarten Sie von GEL dann die Beziehung zu Wagen- didieren, erklärte er. Allerdings nur, wenn der neuen Führung aus Riexinger und knecht, die zu dem damaligen Zeitpunkt es keinen Gegenkandidaten gebe. Von Katja Kipping? dementiert wurde, und den lange geplan- Demokratie, zumindest von innerpartei- Bartsch: Einen, der die Kompetenz der ten Rückzug vom Fraktionsvorsitz auch licher, hatte Lafontaine noch nie viel ge- Mitglieder nutzt und uns wieder auf die aus privaten Gründen. Lafontaine melde- halten. Erfolgsspur bringt. Wir müssen gemein- te sich krank und ließ den Parteivorsitz Er verlangte zudem, das gesamte Per- sam an der innerparteilichen Stabilisie- ruhen. Weil er den damaligen Bundes- sonaltableau der Linken bestimmen zu rung arbeiten. Eine wichtige Vorausset- geschäftsführer Dietmar Bartsch völlig zu dürfen. Bartsch sollte allenfalls als macht- zung dafür ist, dass wir die Kulturlosigkeit Unrecht verdächtigte, die Affäre aus- loser Vize „auf Bewährung“ mitmachen. einiger in der letzten Zeit überwinden. geplaudert zu haben, drängte er Gysi, die- Mit seinem Vertrauten Heinz Bierbaum INTERVIEW: MARKUS DEGGERICH, FRANK HORNIG sen zu entsorgen. als Schatzmeister wollte sich Lafontaine Gysi lieferte erneut, aber diesmal zahlte dafür den Zugriff auf die Parteifinanzen er den höchsten Preis, den er zahlen konn- sichern, er wollte die ganze Macht. Doch D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 25
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    Deutschland damit nicht genug:Gysi sollte seine Freundin Sahra Wagenknecht noch in die- ser Legislaturperiode als gleichberechtig- te Fraktionsvorsitzende installieren, ver- langte Lafontaine. Doch damit hatte er den Bogen über- spannt. Bartsch hielt an seiner Kandida- tur fest, und Gysi wechselte die Seiten. Für Lafontaine werden so selbstbewusste Ossis zum Trauma. Bei der Bundestags- wahl 1990 verwehrten sie ihm die Kanz- lerschaft. 22 Jahre später stellen sie sich seinem Wunsch nach einer Krönung ent- gegen. In Göttingen reichte Lafontaines Kraft nicht mehr zur Gestaltung, sondern nur noch zur Zerstörung. Im Fallen zog er seinen Widersacher Bartsch mit nach unten – und machte ihn damit für die Ost- Realos zum Märtyrer-Helden. WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL Kaum ein anderer deutscher Politiker hat die deutsche Politik in den vergange- nen 30 Jahren derart in Atem gehalten wie Lafontaine, keiner hat das Parteien- system heftiger durcheinandergewirbelt. Was aber bleibt? Nicht viel. Weil La- fontaine das, was er begonnen hatte, im- mer wieder abbrach. Weil ihm die Aus- Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger: „Noch nicht die richtigen Instrumente gefunden“ dauer fehlte. Und weil er Rudolf Schar- pings Mahnung nie beherzigt hat: Dass es Aufgaben gibt, die wichtiger sind als SPI EGEL-GESPRÄCH man selbst. Vielleicht ist mit den Jahren auch ein- fach die Zeit über ihn hinweggeweht. Patriarchen haben es zunehmend schwer in der modernen aufgeweckten Welt – „Noch mal nachdenken“ das weiß man nicht erst seit dem Schei- Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 60 (FDP), tern von Leo Kirch. Die Zeit der autori- über Shitstorms, den wachsenden Einfluss tären Anführer scheint abgelaufen – das weiß man nicht erst seit dem Arabischen des Internets auf die Politik und die gescheiterte Suche Frühling. Und dass der Zeitgeist nach nach einem neuen Urheberrecht Transparenz verlangt statt nach Kungel- runden, das weiß man nicht erst seit SPIEGEL: Frau Ministerin, wie würden Sie gar die Unterzeichnung des Acta-Abkom- Gründung der Piratenpartei. Der Macht- das Wort Shitstorm übersetzen? mens, das Regeln für das Marken-, Patent- politiker der Vergangenheit wirkt in der Leutheusser-Schnarrenberger: Ein Shitstorm und Urheberrecht formuliert, zurückge- Gegenwart zunehmend lächerlich. ist eine Zusammenrottung von Meinun- zogen, nachdem eine via Internet mobili- „Mit uns zieht die neue Zeit“, singen gen, die mit einer großen Welle in der sierte Öffentlichkeit protestiert hatte. seine einstigen Freunde aus der Sozial- Öffentlichkeit ankommt. Leutheusser-Schnarrenberger: Bei Acta ha- demokratie bis heute gern. Von Lafon- SPIEGEL: Sie haben den Begriff vor kurzem ben wir in sehr kurzer Zeit eine breite taine aber war es wohl zu viel verlangt, in einer Rede verwendet. Ist der Shit- Diskussion im Netz gesehen, die dann sich noch einmal auf die Anforderungen storm als Mittel der Auseinandersetzung auch auf die Straße getragen wurde. Das der neuen Zeit einzulassen. in der Politik angekommen? hat es früher nicht gegeben. Die Politik Am Ende seiner Rede von Göttingen Leutheusser-Schnarrenberger: Das Twittern muss sich damit beschäftigen, wie sie sol- ließ er noch einmal seinem Hass auf die ist in der Politik Usus geworden, und ein chen Protest aufgreift. SPD freien Lauf. Er zitierte Kurt Tuchol- Shitstorm findet ja vor allem dort statt. SPIEGEL: Sie waren doch diejenige, die sky, der die SPD einst mit einem Haus- Wir haben das vielleicht lange Zeit nicht Acta für die Bundesregierung mit ausge- hund verglich, der anders als der freiheits- wahrgenommen, aber mittlerweile ist das handelt hat. Warum haben Sie die Pro- liebende Wolf des Fressens wegen zum Internet prägend für viele Politikbereiche teste gebraucht, um aufzuwachen? Menschen gegangen war und nun traurig geworden. Das führt immer öfter dazu, Leutheusser-Schnarrenberger: Acta hat ge- an der Kette zerre. Es war der letzte Ver- dass unsere Positionen in Frage gestellt zeigt, dass manche Dinge öffentlich anders such, all jene zu demütigen, die ihm, dem werden. Zu dieser Auseinandersetzung verstanden werden, als sie ausgehandelt letzten Leitwolf, nicht bedingungslos fol- gehört offensichtlich auch der eine oder worden sind. Wenn wir sehen, wie viele gen wollten. andere Shitstorm. Man muss das nicht Leute es in ganz Europa gibt, die Acta Was Lafontaine nicht erwähnte, waren mögen, aber das ist halt so. nicht wollen, dann ist es richtig, diese Pro- die Eigenschaften des Leitwolfs. Wer es SPIEGEL: 2012 scheint das Jahr zu sein, in teste aufzunehmen und zu sagen: Wir be- nämlich wagt, in seinem Gefolge das dem die Macht des Netzes endgültig die treiben das vorerst nicht weiter. Wir kön- Maul aufzureißen, der wird weggebissen – Bundespolitik erreicht hat. Sie haben so- nen doch nicht so tun, als interessierten auch wenn der Leitwolf sich damit selber uns die Sorgen der Menschen nicht. Das schadet. Er kann sehr einsam enden. Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Darnstädt haben wir früher vielleicht getan, und das MARKUS DEGGERICH, MARKUS FELDENKIRCHEN und Holger Stark. hat zur Politikverdrossenheit beigetragen. 26 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    SPIEGEL: Die Protestegegen Acta reißen zenten möchten die Abmahnerei von schäft machen. Sollen die sich hinter dem nicht ab. Wie geht es weiter? Downloadern ausbauen: Im Gespräch ist Fernmeldegeheimnis verstecken können? Leutheusser-Schnarrenberger: Die Debatte ein Warnstufen-Modell, nach dem es Leutheusser-Schnarrenberger: Das können in Europa zeigt uns, dass die Regierungen beim dritten Verstoß richtig Zoff gibt. sie schon lange nicht mehr. Die Provider und das Europäische Parlament gar nicht Leutheusser-Schnarrenberger: Das halte ich sind ja jetzt schon in der Pflicht. Sie müs- wissen, wie sie vorgehen sollen. Der Eu- für extrem problematisch und habe mich sen eingreifen, wenn sie eindeutig rechts- ropäische Gerichtshof ist eingeschaltet deshalb dagegen ausgesprochen. widrige Inhalte entdecken. Die Gerichte und muss entscheiden. Es ist völlig unklar, SPIEGEL: Warum? haben diese sogenannte Störer-Haftung ob vor einem Gerichtsvotum überhaupt Leutheusser-Schnarrenberger: Wenn es nicht immer weiter ausgebaut. etwas passiert. ein unverbindliches Vorwarnverfahren ist, SPIEGEL: Müsste nicht eine liberale Politi- SPIEGEL: Eine solche europaweite Ausein- sondern der Anfang rechtlicher Schritte kerin über neue Regelungen für die Nut- andersetzung um die Freiheit des Inter- gegen die Betroffenen, dann drohen er- zung urheberrechtlich geschützter Werke nets hat es noch nie gegeben. Überrascht hebliche Belastungen bei den Providern im Netz nachdenken, die sich mit weniger Sie die Vehemenz des Widerstands? und auch für die betroffenen User. Denn Kontrollaufwand durchsetzen lassen? Ein Leutheusser-Schnarrenberger: Ich betrachte zum einen werden die Zugangsanbieter Modell wäre die Kultur-Flatrate, bei der das als kleinen Vorgeschmack darauf, wie verpflichtet, riesige Datenmengen zu spei- eine Pauschale erhoben und unter den das Netz und eine kritische Öffentlichkeit chern. Zum anderen müssen die Provider Autoren und Künstlern verteilt wird. die Politik verändern werden und wie die sämtliche Inhalte überprüfen, die über Leutheusser-Schnarrenberger: Ich weiß nicht, Bürger an politischen Prozessen teilhaben ihre Server gehen. Es muss ja alles doku- ob es etwas mit Liberalität zu tun hat, sich können. Das muss nicht bedeuten, dass mentiert werden, damit nach dem ersten für eine Kultur-Flatrate auszusprechen, die Politik jedes Mal ihren Kurs korrigiert. Warnhinweis der zweite und der dritte nur weil das alte Urheberrecht an Grenzen Aber wir merken, dass wir als Regierung, folgen können. gerät. Das wäre Zwangskollektivierung: Ministerin oder Abgeordnete immer öfter SPIEGEL: Diesen Weg favorisiert Ihr Par- Alle sollen in einen Topf wirtschaften. hinterfragt werden und eingestehen müs- teifreund, Wirtschaftsminister Philipp SPIEGEL: Die Union drängt auf härtere sen, dass wir nicht immer eine Antwort Rösler. Strafen für illegale Downloader. haben. Und bevor wir etwas Leutheusser-Schnarrenberger: tun, bei dem wir am Ende Wir müssen weg von sol- feststellen, dass es eine ver- chen Forderungen, die Nut- heerende Wirkung hat, soll- zer immer weiter ins Un- ten wir lieber noch mal recht zu setzen. Wir bekla- nachdenken. Ich finde das gen doch, dass viele nicht gut so, weil es die Bürger- mehr das Gefühl haben, für rechte stärkt. die geistigen Leistungen an- SPIEGEL: In der alten Acta- derer zahlen zu müssen. Version sollten Provider ver- Dieses Rechtsempfinden ist pflichtet werden, bei Verstö- in Teilen der Gesellschaft, ßen gegen das Urheberrecht vor allem bei den Jungen, aufzupassen. Welchen Kom- nicht da. Daher müssen wir promiss würden Sie mit- bei den Usern das Verständ- tragen? nis dafür wecken, welch ho- Leutheusser-Schnarrenberger: hen kulturellen Wert geisti- Der Streit konzentriert sich ge Leistungen haben. Res- auf die Urheberrechtsrege- pekt erzeugt man nicht mit lungen. In dem Abkommen der Keule des Strafgesetz- geht es aber in großen Tei- buchs. len um Patent- und Marken- SPIEGEL: Sie arbeiten jetzt rechte. Da ist die Interessen- seit zweieinhalb Jahren an lage der Beteiligten ganz der Reform, ohne etwas vor- anders. Besser wäre es ge- legen zu können. Wann lie- KHANH RENAUD/SIPA wesen, von vornherein Mar- fern Sie? ken und Patente von der Leutheusser-Schnarrenberger: Frage der Urheberrechte zu Wir können nicht das ge- trennen. Wenn wir das Ur- samte Urheberrecht auf den heberrecht bei Acta aus- Acta-Gegner in Paris: „Die Proteste aufnehmen“ Prüfstand stellen, jedenfalls klammern, hätten wir we- nicht in dieser Legislaturpe- nigstens einen Bereich, in dem wir uns Leutheusser-Schnarrenberger: Wir haben riode. Damit muss man sich mittelfristig einigen können. uns vergangene Woche verständigt, dass intensiv befassen. Nach der Sommerpau- SPIEGEL: Also ein eigenes Urheberrechts- die Warnhinweise wegen großer Probleme se werde ich einen Entwurf vorlegen, der abkommen? keine Lösung sind. Es ist für die Provider zumindest einige Details verbessert. Wir Leutheusser-Schnarrenberger: So, wie wir unmöglich, jedes Mal zu entscheiden, ob wollen zum Beispiel die Möglichkeiten es ursprünglich bei Acta gedacht haben, ein Download rechtswidrig ist oder nicht. für Rechteinhaber erleichtern, an die kann es nicht bleiben. Das ist das Schwie- Bei gewissen Formen der Nutzung, etwa Mail-Adressen von illegalen Downloa- rigste: Wir müssen ehrlich gestehen, dass dem Streaming, hängt es sehr vom Einzel- dern zu kommen, um ihre Ansprüche gel- wir noch nicht die richtigen Instrumente fall und von technischen Details ab. Ganz tend zu machen. Die großen Linien kom- gefunden haben, um das Urheberrecht zu schweigen von Datenschutzfragen und men später. Das ist ein Riesenprojekt. im Netz überzeugend und umfassend zu dem Fernmeldegeheimnis, das bei Tele- SPIEGEL: Beim Thema Internet liegt die schützen. kommunikationsverbindungen gilt. Koalition in vielen Punkten über Kreuz. SPIEGEL: Das ist doch die Kapitulation der SPIEGEL: Andererseits gibt es Anbieter, die Teile der Union plädieren zum Beispiel Politik. Künstler, Verleger und Produ- aus illegalen Downloads ein gutes Ge- für ein Ende der Anonymität im Netz. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 27
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    Deutschland Leutheusser-Schnarrenberger: Wir erleben derzeitein Ringen darum, wie weit Mei- nungsfreiheit im Netz geht. Akzeptieren wir, dass es im Internet einen Pranger gibt, wo Leute angeklagt und verurteilt werden, ohne dass ein Gericht beteiligt ist? Damit würden wir die unabhängige Justiz unter- laufen. Andererseits haben die Menschen ein Recht darauf, ihre Meinungsfreiheit wahrzunehmen – auch durch die Anony- mität oder durch ein Pseudonym geschützt. SPIEGEL: Was spricht eigentlich dagegen, dass jemand, der eine Meinung äußert, dazu mit seinem Namen stehen muss? Leutheusser-Schnarrenberger: Diese Ent- scheidung sollte jedem selbst überlassen bleiben. Meinungsfreiheit hängt auch mit dem Recht zusammen, seine Ansicht zu äußern, ohne sich namentlich zu beken- nen, weil dadurch persönliche Nachteile HENDRIK SCHMIDT / DPA entstehen könnten. Bei einer Demonstra- tion muss ich ja auch nicht mit einem Aus- weis erscheinen. Oder nehmen Sie ein Forum, wo es um Krankheiten geht: War- um soll dort jemand unter seinem Klar- namen intime Dinge offenbaren? SPIEGEL: Und wo verlaufen die Grenzen der Anonymität? Leutheusser-Schnarrenberger: Dort, wo die geltenden Gesetze wie etwa das Teleme- diengesetz greifen. Sie dürfen auch im In- ternet nicht wahllos Menschen beleidigen oder betrügen, ohne dass im Zweifelsfall die Strafverfolgung einsetzt. Bei Ebay können Sie sich etwa mit einem Pseud- onym anmelden, aber dahinter steht Ihr Klarname, den zumindest Ebay kennt. Mit einem plakativen Satz, dass man die Anonymität im Internet verbieten will, wird man der Debatte jedenfalls nicht ge- recht. SPIEGEL: Sie meinen Bundesinnenminister HEIKO SEHRSAM / ACTION PRESS Hans-Peter Friedrich (CSU), der nach den Anschlägen von Oslo ein Ende der An- onymität gefordert hatte. Leutheusser-Schnarrenberger: Ich habe den Eindruck, dass mein Kollege hier in der Zwischenzeit auch differenziert. SPIEGEL: Vergangene Woche ist im Internet flächendeckend eine neue Spielregel ein- Raubkopierer Dirk B.*, Musiker Jan Delay: „Hohe geistige Leistung“ geführt worden, das Internetprotokoll IPv6. Für jeden Internetnutzer ist jetzt SPIEGEL: Die privaten Daten der Internet- die Öffentlichkeit gelangen. Der Staat theoretisch eine individuelle Zahlenkom- nutzer wecken viele Begehrlichkeiten. wiederum muss steuern, welche Daten in bination vorrätig, die wie ein Fingerab- Die Schufa wollte sogar Facebook, Twit- das Scoring aufgenommen werden dürfen druck genutzt werden kann. Bekommen ter und Xing systematisch auswerten, um und welche in Bonitätsprüfungen nichts wir damit einen Personalausweis im Netz, mehr über jeden Einzelnen zu erfahren. zu suchen haben. Die Lösung liegt in ei- der die Anonymität aushebelt? Ist das nicht ein Musterbeispiel, wo der ner Änderung des Bundesdatenschutz- Leutheusser-Schnarrenberger: Wir müssen Staat seine Bürger schützen muss? gesetzes. Die Große Koalition hat dazu aufpassen, dass die neue Technik nicht Leutheusser-Schnarrenberger: Wofür über- 2008 nur einen halbherzigen Anlauf un- dazu führt, dass jeder User in seinem legt die Schufa, diese Daten zu verwen- ternommen, und seither hat sich an der Surfverhalten identifiziert werden kann. den? Auskunfteien, nicht nur die Schufa, Rechtslage nichts verbessert. Wir werden Das neue Internetprotokoll darf nicht zu stellen aus frei verfügbaren Daten Sco- jetzt prüfen, was zu tun ist. einem Überwachungsinstrument werden. ring-Profile zusammen, die am Ende den SPIEGEL: Die Piraten haben in kurzer Zeit Glücklicherweise bietet das Protokoll die Ausschlag dafür geben, wie die Zahlungs- den Politikstil verändert wie zuletzt die Möglichkeit, die Privatsphäre zu schüt- fähigkeit eines Kunden beurteilt wird. Grünen vor 30 Jahren. Warum fällt es zen. Zum Beispiel durch die Einstellung, Nicht nur bei Facebook, überall sollte den etablierten Parteien so schwer, darauf dass meine IP-Adresse nach 24 Stunden man darum aufpassen, welche Daten an eine Antwort zu finden? geändert werden kann. Das sollte jeder Leutheusser-Schnarrenberger: Am Anfang User nutzen. * Am 8. Mai vor dem Landgericht Leipzig. haben wir die Piraten nur als eine Partei 28 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    betrachtet, die sichmit einem einzigen findet sich dabei martialisch aufgebessert: Thema befasst, dem Netz. Was wir nicht P I R AT E N Unter der wehenden Piratenflagge kreu- gesehen haben, ist der Punkt, dass die zen sich bei der AG Waffenrecht zwei Partei auch von einem grundsätzlichen Protest gegen die herkömmliche Politik lebt. Jetzt müssen wir uns mit ihnen Feind Säbel. Dass die Arbeitsgemeinschaften nicht die offizielle Meinung der Piraten ver- inhaltlich auseinandersetzen. Es ist ja interessant zu beobachten, dass die Piraten zu vielen Punkten, selbst zum Urheberrecht, keine klare Position ha- an Bord treten, verrät nur ein Hinweis auf den jeweiligen Websites. Tatsächlich agieren die Gruppen wie Beiboote, die um das offizielle Piratenschiff herumtreiben. Eine Das Mitmachmotto der Piraten ben. spricht nicht nur Parteimitglieder AG gründen oder bei ihr mitmachen SPIEGEL: Rechnen Sie damit, dass sich die kann jeder – und das vollkommen an- Partei dauerhaft etabliert? an. Auch Vertreter der Waffen- onym. Was in den Gruppen besprochen Leutheusser-Schnarrenberger: Wir können lobby haben die Liquid Democracy und entschieden wird, hat zwar keinen nicht davon ausgehen, dass sich das für sich entdeckt. direkten Einfluss auf die Partei. Zulieferer Phänomen nach ein oder zwei Jahren er- von Ideen sind sie aber allemal. E ledigt hat. Ich gehe davon aus, dass die in verwegenes Vergnügen sollte es So können aus ihnen heraus die An- Piratenpartei eine gute Chance hat, kom- werden. Im sauerländischen Me- träge für die Parteitage entstehen. Im mendes Jahr in den Bundestag einzu- schede wollten die Veranstalter Pis- Wahlprogramm von Baden-Württem- ziehen, ob mit 5,1 Prozent oder mit 8 tolen an die Mitglieder der Piratenpartei berg findet sich bereits 2011 ein Passus Prozent. ausgeben. Vorderladerpistolen, versteht zum Waffenrecht, der dafür plädiert, SPIEGEL: Empfinden Sie die Piraten als Be- sich, so wie sie auch „bei den echten Frei- Sportschützen nicht „zu Sündenböcken drohung oder als Chance für die parla- beutern früher bekanntlich sehr beliebt für gesellschaftliche Probleme“ zu mentarische Demokratie? waren“. Im freundlichen Wettkampf soll- machen. „Die Verschärfungen der Waf- Leutheusser-Schnarrenberger: Sie verändern te dann unter Aufsicht auf Zielscheiben fengesetze in den letzten Jahren dienten die Art der Auseinandersetzung, nicht geschossen werden. „Das knallt, stinkt vor allem dazu, Sicherheit vorzutäu- nur zu Internetthemen. Das ist grundsätz- und macht irre viel Spaß“, so der Ein- schen“, heißt es da. Eingebracht wurde lich nicht schlecht. ladungstext. der Antrag von einem gewissen Ralf. Bei SPIEGEL: Ist Liquid Democracy auch ein Geknallt hat es dann tatsächlich. Und der AG Waffenrecht ist er nach eigenem Instrument für die FDP? das noch vor dem „piratigen Vorder- Bekunden nur „passiver Beobachter“. Leutheusser-Schnarrenberger: Nicht in der laderschießen“. Ein Shitstorm von annä- Seinen Klarnamen wollte er nicht offen- fundamentalen Form, wenn Liquid De- hernd tausend Beiträgen brauste vergan- legen. mocracy bedeutet, die repräsentative De- genen Monat durch die Foren der Piraten. „Dass de facto jeder anonym Anträge mokratie mit gewählten Volksvertretern Die Empörung, die sich Bahn brach, lag einbringen kann, ist eindeutig eine Schwä- abzuschaffen und alles in die Hände der dabei weniger an dem „pi- che des Systems“, sagt einzelnen Nutzer zu legen. Wenn es dar- ratigen Schießen“ selbst, Ulrich Müller, Vorstands- um geht, mehr Menschen an demokrati- sondern an den Versen- mitglied beim Verein Lob- schen Prozessen partizipieren zu lassen, dern der Einladung: Hin- bycontrol. Besonders beim dann ist das wunderbar und auch etwas, ter der Piraten-Arbeits- Herzstück der Piraten, was ich mir jenseits der Piratenpartei vor- gemeinschaft Waffenrecht, dem Liquid-Feedback-Pro- stellen kann. die zu den Pistolen rief, gramm, ortet er „Klärungs- SPIEGEL: Sie sind eines der Kabinettsmit- stecken auch Waffenlob- bedarf“: „Die Piraten soll- glieder, die einen Twitter-Account einge- byisten des Vereins Pro- ten Klarnamen einführen richtet haben. Twittern Sie selbst? legal. oder die Computernutzer Leutheusser-Schnarrenberger: Nein, das Keine andere Partei in ihre Interessen deklarie- macht alles mein Büro. Wir twittern, um Deutschland legt so hohe ren.“ Informationen zu verbreiten, aber eher Maßstäbe im Umgang mit Doch so viel Transpa- zurückhaltend. Lobbyverbänden an wie renz ist in der selbster- SPIEGEL: Ist es für Sie ein Zeichen von die Piraten. Transparenz Logo der AG Waffenrecht nannten Transparenzpar- Modernität oder von Peinlichkeit, wenn ist das Gebot, das die Par- „Piratiges Schießen“ tei nicht mehrheitsfähig. Ihr Kabinettskollege Peter Altmaier tei gern öffentlichkeits- Fabio Reinhardt, Piraten- (CDU) an einem Sonnabend twittert: wirksam zur Schau stellt. Erst im Januar Abgeordneter in Berlin, sieht zwar durch- „Der Anzug ist halt mein Blaumann. wies die Berliner Piraten-Fraktion Frei- aus „Diskussionsbedarf“ wegen der Klar- Aber heut ist Wochenende! :-)“. Oder karten von Hertha BSC und der Berliner namen in Liquid Feedback. Doch dass die eine Statusmeldung wie diese absetzt: Philharmonie zurück. Partei von Lobbyisten gekapert werden „Mach mich jetzt mal kurz vom Acker. Doch nun zeigen ausgerechnet die könnte, glaubt er nicht: „Letztlich reinigt Twitter-Duschen sind herrlich, aber ich Freunde von Schießsport und Waffentech- sich das System von selbst.“ hab auch noch ’n geografischen Wahl- nik, wie sich die parteieigene Mitmach- Andere Funktionäre wollen von Lob- kreis!“ Software der sogenannten Liquid Demo- bykontrolle noch weniger hören; den bür- Leutheusser-Schnarrenberger: (lacht) Twit- cracy für fremde Zwecke kapern lässt. gerlichen Namen offenzulegen gilt als tern beinhaltet nun mal, dass es einen be- Auf der Website der AG Waffenrecht, die Reizthema bei den Piraten. Klaus Peu- stimmten, sehr persönlichen Stil gibt, um von zumindest einem Prolegal-Mitglied kert, Beisitzer im Bundesvorstand und die Leute zu erreichen. Das muss jeder mitgegründet wurde, findet sich ein Flyer zuständig für Liquid Feedback, will an selbst wissen. Ich möchte den Leuten zum Download („Studien belegen, dass Programm und Prozeduren nichts än- nicht mitteilen, ob ich mit einem rot- legale Waffenbesitzer besonders rechts- dern: „Es ist letzten Endes egal, von wem schwarzen Kostüm statt einem blau-gel- treue Bürger mit verschwindend gerin- die Anträge tatsächlich kommen“, sagt ben ins Wochenende gehe. gem Anteil an Strafdelikten sind“). er. „Man muss die Partei und den Partei- SPIEGEL: Frau Ministerin, wir danken Ih- Auch Druckvorlagen für T-Shirts stellt tag überzeugen.“ nen für dieses Gespräch. die AG bereit. Das Logo der Piraten ANDREAS MACHO D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 29
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    Deutschland MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL Marktplatz im sächsischen Geithain: Im Mai standen sie wieder vor seinem Laden, zu zehnt, vermummt und mit Messern bewaffnet RECHTSEXTREMISMUS „Florian, wir kriegen dich“ Auf dem Land in Sachsen treiben Neonazis ungeniert und ungestört ihr Unwesen. Wer sich dem alltäglichen Terror entgegenstellt, wird eingeschüchtert und verfolgt. Sachsen im Mai 2012. Zwei Männer über- Krumbholz zog vor 19 Jahren mit ihrem recherchiert sie in rechtsextremen Inter- fallen in Bautzen einen kolumbianischen Ehemann aus Leipzig 40 Kilometer in den netforen und Blogs. Sie fährt auf Demon- Austauschschüler, beleidigen ihn, treten Südosten, nach Geithain. Die Kinder soll- strationen und hat die „Initiative für ein auf ihn ein. In Hoyerswerda belagern ten behütet aufwachsen. Ohne Krimina- weltoffenes Geithain“ gegründet. Rechtsradikale das Büro einer Bundes- lität, ohne Drogen, weit weg von den Ge- Kerstin Krumbholz hat es sich zur Le- tagsabgeordneten, zerschlagen die Schei- fahren der Großstadt. Lutz Krumbholz bensaufgabe gemacht, gegen Neonazis zu be und attackieren einen Mitarbeiter. In arbeitet als Schornsteinfeger, Kerstin kämpfen. Es ist ein aussichtsloser Kampf Limbach-Oberfrohna greifen Neonazis Krumbholz erledigt im Betrieb die Buch- auf dem Land in Sachsen. ein alternatives Bildungshaus an. Ein haltung. Gemeinsam kümmerten sie sich Sieben Monate sind vergangen, seit be- Sprengsatz explodiert vor der Pizzeria um die Erziehung der Kinder. kannt wurde, dass deutsche Behörden Bollywood in Geithain, sie gehört einem Rechtsextremismus kannte Kerstin mehr als ein Jahrzehnt lang blind waren Pakistaner. Krumbholz nur aus den Nachrichten: bei den Taten der Zelle, die sich „Natio- wenn irgendwo in Deutschland Asylbe- nalsozialistischer Untergrund“ (NSU) werberheime brannten oder die NPD in nannte. Politiker beteuerten, genauer hin- K erstin Krumbholz, 50, sitzt im ein Landesparlament einzog. Mit ihrem sehen zu wollen. Doch nichts passiert. Wohnzimmer ihres Einfamilien- eigenen Leben hatte das nichts zu tun. „Was in Sachsen geschieht, ist ein Skan- hauses im Leipziger Land und Bis ein Neonazi ihren Sohn schwer ver- dal“, sagt Hajo Funke, Politikwissen- sagt: „So sieht die Hölle aus.“ Auf dem letzte, beinahe tötete. schaftler aus Berlin. In keinem anderen Tisch hat sie Zeitungsartikel über Neo- Der Rechtsradikale überfiel Florian, da- Bundesland seien die Neonazis so domi- nazis ausgebreitet, Flugblätter, Plakate – mals 15 Jahre alt und Punk, im Mai 2010 nant, aber die Regierung weigere sich zu Dokumente des täglichen rechtsex- an einer Tankstelle. Er schlug ihm den handeln. tremen Terrors in Sachsen. „Die Men- Schädel ein. Florian lebt seitdem mit ei- Im Bürgerhaus in Geithain treffen sich schen in den Städten machen sich keine ner Titanplatte im Kopf, aus Geithain zog Mitglieder der Initiative für ein weltoffe- Vorstellung davon, was auf dem Land er fort. Seine Mutter war bis zu dem An- nes Geithain. Kerstin Krumbholz hat Mo- los ist.“ griff kein politischer Mensch. Doch nun hammad Sayal eingeladen, den Betreiber 30 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    JENS PAUL TAUBERT Rechtsradikale Demonstranten in Geithain 2008: Die „Kameradschaften“ bauen ihre Macht aus der Pizzeria Bollywood, die am Wochen- 6000 Menschen in dem Ort. Der Markt- zialismus kann nicht gewählt oder erbet- ende zuvor überfallen wurde. Sayal er- platz ist saniert, aber die Straßen sind telt werden. Er kann nur auf dem Weg zählt, wie er seit der Eröffnung des Re- leer. Wer jung ist und Arbeit sucht, zieht der Revolution erkämpft werden.“ Tripp staurants vor fünf Monaten von Neonazis nach Leipzig oder gleich in den Westen. ist ein Führungskader des „Freien Netzes“ drangsaliert worden ist: In der ersten Die etablierten Parteien zogen sich zu- (FN), eines Zusammenschlusses militanter Nacht schlugen sie ihm die Scheibe ein. rück, die Rechtsextremen breiteten sich „Kameradschaften“ in Deutschland. Im Mai standen sie wieder vor seinem aus, vor allem seit der Neonazi Manuel Hervorgegangen ist das Freie Netz aus Laden, zu zehnt, vermummt und mit Mes- Tripp 2009 für die NPD in den Stadtrat dem „Thüringer Heimatschutz“, einer sern bewaffnet. Sie traten gegen die Tür. einzog. Gruppe von Neonazis, der auch die NSU- Sie warfen einen Stein durchs Fenster und Der 23-Jährige studiert Jura in Leip- Terroristen angehört hatten. In Sachsen brüllten: „Scheiß Ausländer, wir kriegen zig und inszeniert sich als Kümmerer: wird das FN von Maik Scheffler ange- dich. Wenn du nicht von hier verschwin- Über seine Homepage ist er für die Bür- führt, dem stellvertretenden Landesvor- dest, bringen wir dich um.“ Eine Woche ger immer erreichbar. Er twittert über die sitzenden der NPD. Scheffler ist wegen später explodierte der Sprengsatz. Stadtratssitzungen und gibt das „Geithai- gefährlicher Körperverletzung und uner- Die Morde des NSU blieben auch des- ner Sprachrohr“ heraus, ein Lokalblatt laubten Waffenbesitzes vorbestraft. halb so lange unentdeckt, weil Behörden mit Artikeln über den Ärztemangel in Gemeinsam mit Tripp ist es ihm gelun- und Öffentlichkeit die Täter im Umfeld Ostdeutschland oder das örtliche Schüt- gen, in der Region zwischen Chemnitz der Opfer vermuteten. Auch in Geithain zenfest; er setzt sich für den Tierpark ein und Leipzig innerhalb weniger Jahre ge- behaupten viele, dass keine Rechtsextre- und organisiert mit seinen Kameraden festigte neonazistische Strukturen zu men, sondern Landsleute Sayals hinter Fußballturniere und Herbstlager, bei de- etablieren. Und die Kameradschaften dem Anschlag steckten: Es gehe um Geld- nen die Teilnehmer in Militäruniform bauen ihre Macht aus. „Von Kadern des streitigkeiten, Familienfehden. durchs Leipziger Land wandern. Freien Netzes geht in Sachsen immer Geithain war bis kurz nach der Wende Was ihn antreibt, zeigt sich bei anderen wieder Terror aus“, sagt Kerstin Köditz, eine Kreisstadt, in der Region wurde Koh- Anlässen. Dann sagt er Sätze, die verfas- Rechtsextremismus-Expertin der sächsi- le gewonnen. Heute leben noch knapp sungsfeindlich sind: „Der nationale So- schen Linken. Bayern ist um ein Verbot des FN-Süd bemüht. Doch ausgerechnet in dem Bun- DEUTSCHLAND desland, in dem sich das NSU-Trio mehr als zehn Jahre lang verstecken konnte, ist die Regierung zurückhaltend. Sachsens Leipzig Geithain Innenminister Markus Ulbig (CDU) be- Sachsen Colditz wertet das Freie Netz lediglich als „In- Dresden ternetportal“, als eine Art Facebook für MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL Nazis. Sachsen habe kein signifikantes Chemnitz Problem mit Rechtsradikalismus, sagt Mi- 40 km nisterpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Während im Geithainer „Bürgerhaus“ Geithainerin Kerstin Krumbholz und ihre Mitstreiter Krumbholz TSCHECHIEN über rechtsradikale Gewalt diskutieren, versammeln sich vor der Total-Tankstelle D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 31
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    Deutschland am Ortseingang jungeMänner. Sie lassen ren wurden Dienststellen geschlossen und Nur noch wenige Menschen wagen es, ihre Wagen aufheulen, hören lauten Reviere zusammengelegt, die Polizeire- sich den Neonazis entgegenzustemmen. Rechtsrock, trinken Bier. Im Laufe des form des sächsischen Innenministeriums Uwe L., ein Elektrohändler, hat es ver- Abends kommen Kameraden hinzu. Man- sieht weitere Einsparungen vor. Ermitt- sucht. Er gründete in Colditz ein „Bünd- che heben die Hand zum Hitlergruß. lungsakten des sächsischen Landeskrimi- nis gegen Rechts“ und organisierte Kon- Wenn Kunden sie für einen Moment zu nalamts dokumentieren die Resignation zerte. Doch die Neonazis griffen mehr- lange anstarren, brüllen sie: „Scheiß Ju- und Gleichgültigkeit der Beamten. mals seinen Laden an, schlugen die densau, ich knall dich ab.“ Beschrieben wird der Anschlag, den Scheiben ein, beschmierten die Wände, An der Mittelschule in Geithain gelten rechtsextreme Gewalttäter vor vier Jah- beschädigten sein Auto, bedrohten seine die Rechtsextremen als die Coolen, die ren auf ein Geschäftshaus in Colditz, ei- Söhne. Der Mann gab auf. „Ich hätte das Rebellen. Jugendliche, die sich den Neo- nem Nachbarort Geithains, verübten. Die finanziell und psychisch nicht durchge- nazis verweigern, werden auf dem Schul- Abschrift des Polizeinotrufs zeigt, dass standen“, sagt er. hof mit „Heil Hitler“ oder „Verpiss dich, bereits am späten Nachmittag Anrufe be- Auch in Colditz sitzt die NPD im Stadt- Kanake“ begrüßt. Auf Klassenfahrten ma- sorgter Bürger bei der Polizeidirektion rat, Rechtsradikale engagieren sich im len sich manche Mädchen mit Sonnen- Westsachsen eingingen. Bis zum Abend Förderverein der Mittelschule, im Fuß- creme Hakenkreuze auf die Haut. waren es mehr als ein Dutzend. ballverein, im Kanuverein. Den Jugend- Wer sich der Ideologie widersetzt, wird 19.49 Uhr. Eine Anruferin: „Auf dem club der Stadt führt der Sohn des Bür- eingeschüchtert und verfolgt. Nach einer Sophienplatz in Colditz geht jetzt gleich germeisters gemeinsam mit einem be- Lesung von Günter Wallraff im April was los hier.“ „Was geht ’n da los?“ „Die kannten Neonazi. Zu Kindergartenfesten schmierten Neonazis Parolen auf die Stra- Maskierten sind ja alle hier unten.“ „Ja erscheinen Eltern in T-Shirts mit der Auf- ße vor dem Bürgerhaus, „Wallraffe nach und?“ „Die treten hier unten alles ein.“ schrift „Eisenbahnromantik Auschwitz“. Afrika“, und sie bedrohten die Bürger- 19.51 Uhr. Ein Anrufer: „In Colditz auf Frank Hammer von der Mobilen Bera- meisterin und einen Politiker der Links- dem Sophienplatz stehen über 50 ver- tung gegen Rechtsradikalismus in Sach- partei. Der Pfarrer wandte sen sagt: „Es ist ruhig in der sich in einem offenen Brief Region. Aber nur, weil die gegen die Rechtsextremen. Neonazis hier inzwischen al- Am folgenden Tag waren die les kontrollieren.“ Wände seiner Kirche mit Als Geithain im Juni vori- Graffiti überzogen. gen Jahres sein 825-jähriges Die Neonazis veröffentli- Bestehen feierte, genehmigte chen Fotos, Namen und Bürgermeisterin Romy Bauer Adressen ihrer Gegner im In- (CDU) einen Stand der Neo- ternet. In einem Schreiben nazis. Tripp und seine Kame- der „Anti-Antifa“ an Geithai- raden verteilten Kuchen, bau- ner Linke heißt es, diese ten ein Glücksrad auf und lie- müssten mit „Erziehungs- fen beim Umzug in der ersten maßnahmen, Hausbesuchen Reihe. Hätte sie die Genehmi- und Autobeschädigungen“ gung verweigert, sagt Bauer, rechnen. Auch den Angriff wäre es auf dem Fest womög- auf Florian Krumbholz hat- lich zu Gewalttaten gekom- ten die Neonazis im Internet men. An einer Anti-rechts- angekündigt. In einem Video Demonstration der Initiative riefen sie zur Gewalt gegen für ein weltoffenes Geithain ihn auf: „Rote haben Namen, nahm sie nicht teil. Rote haben Adressen. Auf- Menschen, die sich in Sach- marschieren und Stärke de- Homepage des NPD-Politikers Tripp: In Uniform durchs Leipziger Land sen gegen Rechtsradikalismus monstrieren.“ Wenige Wo- engagieren, klagen über man- chen vor der Tat, am Karfreitag 2010, be- mummte Gestalten.“ „Und warum rufen gelnde Unterstützung. Kerstin Krumb- sprühten Neonazis die Garage der Fami- Sie an?“ „Weil diese Gestalten unten ge- holz tut sich schwer, Mitstreiter für ihre lie Krumbholz. „Rotfront verrecke“ und gen ein Haus treten, schlagen, Sprengkör- Initiative zu gewinnen, derzeit sind es „Florian, wir kriegen dich“. per werfen.“ nur acht. Als sie im vergangenen Jahr ein Der Überfall an der Tankstelle dauerte 20.04 Uhr. Eine Anruferin: „Die haben Fest gegen Rechtsradikalismus feierten, nur wenige Sekunden. Auf dem Über- beim Sophienplatz alles eingeschlagen. hätten sie keine Bäckerei in Geithain ge- wachungsvideo ist zu sehen, wie der Tä- Und die wollten auch hier oben beim Ju- funden, die ihnen Kuchen verkaufen woll- ter Florian mit dem Fuß gegen die Brust gendclub irgendwas anstecken. Habe ich te, erzählt Krumbholz. tritt, dann drischt er ihm mit der Faust mitgehört.“ „Also wenn Sie Beschädigun- Nach der Sitzung ihrer Initiative steht auf die Stirn. Der Angreifer, Albert R., gen festgestellt haben, können Sie jeder- sie auf der Straße vor dem Bürgerhaus in kam in erster Instanz trotz einschlägiger zeit zur Anzeige aufs Polizeirevier gehen.“ Geithain und zündet sich mit zittriger Vorstrafen mit einer Bewährungsstrafe 20.43 Uhr. Eine Anruferin: „Ich habe Hand eine Zigarette an. Noch immer ver- davon, in zweiter Instanz fiel das Urteil vorhin angerufen, ich brauche die Polizei folgen sie die Erinnerungen an den An- härter aus. hier. Wir haben schon vorhin gesagt, schi- griff auf ihren Sohn. Bis heute habe sie Albert R. aber wird unterdessen bereits cken Sie jemanden.“ „Ja, aber wenn ich keiner ihrer Nachbarn darauf angespro- die nächste Tat zur Last gelegt: Gemein- keine habe.“ „Bitte, bitte schicken Sie je- chen. Kein Wort des Mitleids, kein Wort sam mit zwei Kameraden überfiel er eine manden.“ des Bedauerns. Die Geithainer täten so, Gruppe junger Männer. Sie sprühten ih- 20.44 Uhr. Ein Anrufer: „Die haben als hätte es den Überfall nie gegeben. nen Reizgas ins Gesicht, R. prügelte mit schon viermal die Scheibe eingedroschen.“ Krumbholz wischt sich Tränen aus dem einer Bierflasche auf ein Opfer ein. „Und was soll ich da jetzt machen? Soll Gesicht. „Müssen erst Menschen sterben, Viele Bürger fühlen sich von der Polizei ich mich jetzt dahin vor die Scheibe stellen, bevor sich hier etwas ändert?“ alleingelassen. In den vergangenen Jah- oder wie haben Sie sich das gedacht?“ MAXIMILIAN POPP 32 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    gang Nešković, Justitiarder Linken-Bun- destagsfraktion, kritisiert: „Eine zentrale Staatsanwaltschaft für Soldaten schafft gefährliche Nähe zwischen Justiz und Bundeswehr.“ Gegner des Gesetzesvorhabens können sich auf Erfahrungen aus Ländern wie den USA berufen. Dort werden Soldaten vor Militärgerichte gestellt. Die Bilanz der vergangenen Jahre ist erschreckend. Zu oft kommen Soldaten mit lächerlichen Strafen davon. Erst in diesem Jahr wurde der Ameri- kaner Frank Wuterich verurteilt. Er hatte SEBASTIAN WIDMANN / DDP IMAGES / DAPD 2005 im irakischen Haditha ein Massaker zu verantworten, bei dem 24 Menschen starben, darunter Frauen und Kinder. Die Strafe stand in keinem Verhältnis zu der Tat. Wegen „Dienstpflichtverletzung“ wurde er degradiert, sein Sold gekürzt. In Deutschland besteht seit 1956 prin- Deutsche Soldaten bei Kunduz zipiell die Möglichkeit, eine Wehrstraf- gerichtsbarkeit einzuführen. Damals er- gänzte man das Grundgesetz entspre- Geht es nach dem Willen der schwarz- chend. Doch umgesetzt wurde diese RECHTSPRECHUNG gelben Koalition, soll sich ein derartiger Option nie. Zu groß war die Angst vor Fall nicht wiederholen. Ende Juni wird öffentlicher Kritik. Gefährliche Nähe der Bundestag ein entsprechendes Gesetz verabschieden. Künftig ist für alle Straf- taten, die deutsche Soldaten im Auslands- Und so machten sich Juristen im Bundesjustizministerium heimlich daran, eine eigenständige Militärjustiz zu pla- Die Koalition plant eine Spezial- einsatz begehen, die Staatsanwaltschaft nen. Die Gesetzesentwürfe blieben in staatsanwaltschaft für die Kempten im Allgäu zuständig. Wer als den Schubladen. Mit der Ausbildung Bundeswehr. Kritiker fürchten Bundeswehrsoldat am Horn von Afrika begann man schon mal. Etwa 900 einen Computer klaut oder im Kosovo Militärjuristen in spe flogen bis nach die Wiedereinführung der irrtümlich Kinder erschießt, soll in Zu- Sardinien oder Kreta, um dort in simu- Militärjustiz durch die Hintertür. kunft immer von den Ermittlern der zen- lierten Gerichtsverhandlungen zu üben. tralen Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Als diese heimlichen Kriegsspiele 1984 D er dunkle Wagen macht eine Voll- Rechenschaft gezogen werden. publik wurden, war der Spuk zu Ende. bremsung, Staub wirbelt auf, we- Jörg van Essen, der Parlamentarische Die neue Schwerpunktstaatsanwalt- nige Meter vor den Kameraden Geschäftsführer der FDP, hatte das Vor- schaft in Kempten hat mit solchen Plänen kommt er zum Stehen. Schüsse fallen. haben nach den tödlichen Schüssen im nur wenig zu tun. Die Juristen im Allgäu Der Wagen gibt wieder Gas. Der Soldat August 2008 vorangetrieben. Der Soldat sind Zivilisten. Sie tragen keine Uniform entsichert sein Maschinengewehr, dann habe einen Anspruch darauf, „dass sich unter der Robe. Der Jurist und Historiker drückt er ab. sachkundige Juristen mit seinem Fall be- Helmut Kramer befürchtet dennoch die Eine Frau und zwei Kinder sterben. fassen“, sagt der frühere Oberstaats- Wiedereinführung der Militärjustiz „durch Der Soldat hielt sie für Feinde. Er konnte anwalt und Oberst der Reserve. die Hintertür“. nicht erkennen, wer in dem Wagen saß. Doch warum sollen Soldaten juristisch Mit der beabsichtigten Verfahrenskon- Es war dunkel und die Lage unübersicht- bevorzugt werden? Er sei „sehr skep- zentration auf wenige, im Ergebnis hand- lich. In jenem August 2008 tötete ein Bun- tisch“, sagt Omid Nouripour, der vertei- verlesene Juristen werde „dasselbe Ziel deswehrsoldat zum ersten Mal afghani- digungspolitische Sprecher der Grünen, erreicht wie mit einer echten Bundes- sche Zivilisten. Irrtümlich. denn eine Zentralisierung der Justiz kön- wehrjustiz“. Die Unabhängigkeit der Es kam, wie es die deutsche Rechtsord- ne zu einer Sonderrechtsprechung füh- Richter in Deutschland sei schließlich vor nung bis heute vorsieht. Weil Bundes- ren. Und der frühere Bundesrichter Wolf- allem dem Nebeneinander der vielen Ge- wehrsoldaten auch im Auslandseinsatz richte und Richter zu verdanken. dem deutschen Strafrecht unterliegen, Auch der Militärhistoriker Wolfram nahm in Frankfurt (Oder), beim Heimat- Wette befürchtet, dass nun gezielt Staats- standort des Schützen, eine Staatsanwäl- anwälte eingesetzt werden könnten, die tin die Ermittlungen auf. Den Tatort, Tau- militärnah seien. „Hier werden die Leh- sende Kilometer entfernt, konnte sie sich ren aus der Geschichte vergessen.“ Die SÖREN STACHE / PICTURE ALLIANCE / DPA nur auf Bildern ansehen, Ermittlungen beiden Historiker haben das blutige Un- vor Ort waren nicht möglich, man ver- recht der Militärjustiz zur Zeit des Natio- suchte, den Tathergang auf dem Truppen- nalsozialismus in zahlreichen Studien auf- übungsplatz Hammelburg nachzustellen. gearbeitet. Nach knapp neun Monaten wurde das Sie mahnen, die Geschichte der Wehr- Verfahren eingestellt. machtjuristen nicht zu vergessen, die Die Staatsanwältin könne die Situation Deutschland noch lange nach dem Zwei- eines Soldaten im Auslandseinsatz nicht ten Weltkrieg beschäftigten. So musste beurteilen, kritisierte damals der Bundes- FDP-Politiker van Essen 1978 Hans Filbinger als baden-württem- wehrverband. „Anspruch auf sachkundige Juristen“ bergischer Ministerpräsident zurücktre- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 33
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    Deutschland ten, nachdem bekanntwurde, dass er kurz vor Kriegsende als Marinerichter an Todesurteilen gegen Deserteure beteiligt gewesen war. „Furchtbare Juristen“ wie Filbinger hatten im Krieg insgesamt 30 000 Todesurteile verhängt. Selbst die schärfsten Kritiker des ge- planten Gesetzes befürchten nicht, dass in Kempten die unselige deutsche Militär- justiz wiederbelebt wird, aber sie verwei- sen auf das Jahr 2009. Damals lehnte der CDU-Verteidigungsminister Franz Josef Jung einen Richter für den 2. Wehrdienst- senat des Bundesverwaltungsgerichts ab. Dieser war Wehrdienstverweigerer gewe- sen. Den Job bekam dann ein Jurist, der brav gedient hatte. M. LAEMMERER/HELGA LADE Das Gesetz, das dem Minister die um- strittene Intervention ermöglichte, ist in- zwischen abgeschafft. Die Versuche der Einflussnahme sind es nicht. Ursprünglich sollte die Schwerpunkt- staatsanwaltschaft in Potsdam angesiedelt werden. Nachdem dort eine rot-rote Flughafen München, Frachtkontrolle: „Ob Mehl, Marzipan, Schokolade oder Sprengstoff, kein Landesregierung die Macht übernommen hatte und die Linke den Justizminister stellte, suchte die Bundesregierung plötz- lich einen anderen Standort – erst Leipzig, SICHERHEIT schließlich Kempten. Dort also, wo CSU- Mehrheiten sicher scheinen. „Die Justizminister haben ein direktes Weisungsrecht an die Staatsanwaltschaf- ten. Mit der Verlegung nach Bayern hat Gift fürs Geschäft die Politik für die Bundeswehr ein güns- So genau der Fluggast geprüft wird, so lax sind die Kontrollen tiges Entscheidungsumfeld geschaffen“, im Laderaum. Die Bundespolizei will die Luftfracht sagt der linke Rechtsexperte Nešković. Doch auch ohne die Verlegung nach schärfer überwachen – das Finanzministerium lieber sparen. Bayern wird die kontinuierliche Zusam- A menarbeit zwischen den Kemptener Er- m Mittwoch ging es mal wieder Deutschland fliegt in Passagiermaschinen mittlern und den Rechtsberatern der um alles. Die nationale Sicherheit. mit. Doch in der Praxis hat sich einein- Bundeswehr für eine Vertrautheit sorgen, Und ihre Bedrohung durch einen halb Jahre später wenig verändert. die problematisch ist. Denn im Gegensatz Plastikbeutel. Die meisten Pakete gehen ohne Kon- zu Schwerpunktstaatsanwaltschaften wie Am Hamburger Flughafen stand ein äl- trolle auf den Luftweg. Stichproben die- etwa für Wirtschaftskriminalität werden terer Herr an der Handgepäckkontrolle nen mehr der Beruhigung als der Sicher- sich die Ermittler stets mit derselben In- und musste Shampoofläschchen und heit. Und selbst um diese sporadische stitution befassen: der Bundeswehr. Zwei Zahnpastatube vorzeigen. Die hatte er in Überwachung ist ein heftiger Streit in der bis drei Staatsanwälte aus Kempten wer- eine Tüte gesteckt, durchsichtig, aber nicht Bundesregierung entbrannt. Das Innen- den immer wieder mit denselben Juristen wiederverschließbar. Die Wahrscheinlich- ministerium möchte bei der Transfer- der Bundeswehr zu tun haben. Bei 50 Fäl- keit, dass der Mann ein Terrorist war, ging fracht aus Nicht-EU-Ländern häufiger len, die pro Jahr erwartet werden, wird gegen null Komma nichts. Trotzdem muss- kontrollieren, mit mehr Sprengstoffspür- man sich wohl bald gut kennen. te er aus dem Automaten einen anderen hunden, mehr Technik. Doch das Finanz- Der Deutsche Anwaltverein hält eine Beutel ziehen, genormt, ein Liter, mit ministerium hat den Katalog zusammen- Sonderbehandlung der Bundeswehr für Zipp-Verschluss. Denn Vorschriften sind gestrichen – sonst koste es zu viel. überflüssig: „Spezialkenntnisse in recht- Vorschriften, und die für die Passagier- Die Kassenwarte setzen darauf, dass licher und tatsächlicher Hinsicht werden sicherheit sind streng bis zur Absurdität. dank einer EU-Regelung 2014 ohnehin al- allen Gerichten in den unterschiedlichs- An anderer Stelle wird dagegen nicht les besser wird. Die Bundespolizei aber ten Verfahren zugemutet“, schreiben die so genau hingeschaut – oder ganz wegge- erwartet davon nicht viel: „Eine hundert- Juristen in einer Stellungnahme. schaut. Während die Fluggastkontrolleure prozentige Kontrolle von Luftfracht ist In Kempten freuen sie sich über die nichts und niemanden ungeprüft in den nicht geplant.“ zusätzliche Arbeit. Und die Bundeswehr, Jet lassen dürfen, geht es beim Zugang Der Alltag auf deutschen Flughäfen sonst eher verschlossen und zugeknöpft, zum Frachtraum der Maschinen lax zu. sieht aus wie in Halle 174 des Hamburger empfängt die Ermittler mit offenen Ar- Dass im Oktober 2010 eine Paketbom- Flughafen-Frachthofs: Kartons, Holzkis- men. Die Staatsanwälte werden bei der be gefunden wurde, die aus dem Jemen ten, Metallboxen sind auf Paletten gesta- Bundeswehr gemeinsam mit Soldaten in in Europa gelandet war, hat einige Auf- pelt. Die Mitarbeiter der Luft-Hafen-Um- Seminaren für Rechtsberater ausgebildet. regung ausgelöst. Damals wurde vielen schlag KG (LHU) schauen kurz nach, ob Und eine Besichtigung des Einsatzfüh- Ferien- und Geschäftsfliegern klar, wie die Pakete ordentlich verpackt sind. Dann rungskommandos bei Potsdam gab es schnell es ihnen passieren könnte, auf ei- fahren Gabelstapler die Paletten zu einer auch schon. ner Bombe zu sitzen – rund die Hälfte Passagiermaschine, die nach Dubai geht. ULRIKE DEMMER der 4,4 Millionen Tonnen Luftfracht in Sicherheits-Check? Mal wieder keiner. 34 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    das im Auslandzuverlässig kontrolliert werden soll, ist jedoch unklar. Der Verdacht, dass die Risiken damit unkalkulierbar wachsen, führt in Deutsch- land nun zum Streit zwischen Innen- und Finanzministerium. Nach dem Schock über die Jemen-Bombe hatte die Regie- rung eine interministerielle Arbeitsgrup- pe eingesetzt. Die sollte auch Vorschläge für die Bundespolizei machen. Bis dahin hatte sich der Zoll um die Fracht gekümmert, allerdings weniger nach Sprengstoff gesucht, mehr nach Rauschgift. Das, fand das Innenministe- rium, reichte nun nicht mehr. Schnell einigen konnte man sich noch GREGOR SCHLÄGER / DER SPIEGEL darauf, dass die Bundespolizei 57 Berater in Risikostaaten schickt, die auf die Stan- dards beim Versand nach Deutschland achten sollen. 2011 kamen aus solchen Ländern rund 960 Tonnen Luftfracht; die ersten zwei Beamten werden im Sommer nach Abu Dhabi und Nairobi gehen. Unterschied“ Weit schwerer tat sich das Innenressort aber mit dem Wunsch, dass Bundespoli- Von den 27 500 Tonnen Fracht, die je- sicher. Sprengstoffe sind auf diese Weise zisten Fracht auf deutschen Flughäfen des Jahr an Hamburgs Airport umgeschla- kaum zu erkennen. „Ob Mehl, Marzipan, überprüfen. Die Truppe will sich mit dem gen werden, laufen gerade 20 Prozent Schokolade oder Sprengstoff, kein Unter- Zoll speziell die Transfergüter vornehmen, durch eine der drei Röntgenanlagen. Bun- schied“, heißt es im Handbuch für die die in Deutschland umgeladen werden – desweit liegt die Quote nur bei 10 bis 15 Hamburger Anlage. Auf dem Überwa- wie das Bombenpaket aus dem Jemen. Prozent. Die Wirtschaft fordert Tempo. chungsbildschirm sehen alle Stoffe gleich Geplant sind zwar nur Stichproben. Langwierige Kontrollen wären Gift für aus – orange. Deshalb konzentrieren sich „Sonst würden wir hier den ganzen Flug- ein Geschäft, auf das alle angewiesen die Prüfer auf andere Teile einer mögli- betrieb lahmlegen“, sagt eine Zollbeam- sind: Fluggesellschaften, Speditionen, die chen Bombe: „Kabel, Batterie, Zünder“, tin am Frankfurter Flughafen. Doch im- deutschen Exportfirmen. zählt LHU-Sicherheitsexperte Ingo Aß- merhin: Wäre es nach der Bundespolizei Aus Sicht der Wirtschaft wird genug mann auf. Nur wenn seine Leute auf et- gegangen, hätte sie sich nicht mehr auf kontrolliert – der Großteil der Absender was stoßen, das nach solchen Bauteilen die drei großen Frachtdrehscheiben sei doch bekannt, das Risiko gering. Rönt- aussieht, ziehen sie das Paket heraus, neh- Frankfurt, Köln/Bonn und Leipzig/Halle gen müsse man die Pakete normalerweise men eine Wischprobe und überprüfen die- beschränkt. Sie wollte an 14 Flughäfen nur, wenn man nicht so genau wisse, von se mit einem Sprengstoffspurendetektor. ausschwärmen. So steht es in einem in- wem sie kommen. Dass man sich auf diese Methode nicht ternen Memo des Innenministeriums. Da- Tatsächlich ließen sich in den vergan- verlassen kann, zeigten die Bomben aus für wären aber „weitere Sachmittel erfor- genen Jahren rund 65 000 Firmen etwa dem Jemen. Sie steckten in Druckern vol- derlich“, mehr Sprengstoffspürhunde und bei Speditionen oder Luftfahrtgesellschaf- ler elektronischer Bauteile; in einem Fall -detektionsgeräte, „die derzeit weder bei ten als „Bekannte Versender“ registrie- passierte der Sprengsatz unerkannt eine der Bundespolizei noch beim Zoll in aus- ren, um ihre Pakete ohne Kontrollen in Röntgenkontrolle. Entdeckt wurde eine reichender Zahl vorhanden sind“. die Flieger zu bekommen. der Jemen-Bomben erst auf dem engli- Für das Finanzministerium unnötige Bekannt, wie die Bezeichnung vermu- schen Flughafen East Midlands, nahe Not- Ausgaben. Mehr Hunde, mehr Technik, ten lässt, sind viele „Bekannte Versender“ tingham, nach einem Zwischenstopp in mehr Geld? Die Menge an hochriskanter allerdings nicht. Kaum jemand überprüfte Köln/Bonn. Und das auch nur dank eines Fracht sei „nach hiesiger Kenntnis mini- sie genau, gern glaubte man ihren Ver- Tipps, den saudi-arabische Sicherheitsbe- mal“, der geplante Aufwand viel zu hoch, sprechen, stets die Waren so bei der Spe- hörden gegeben hatten. Selbst mit diesem heißt es in einem Schreiben. dition abzuliefern, dass kein Fremder die Hinweis dauerte es aber noch Stunden, Dem Finanzministerium reichen die Chance hatte, etwas hineinzuschmuggeln. bis Sicherheitskräfte die Bombe tatsäch- Stichproben der Bundespolizei auf den Mit dieser Gutgläubigkeit ist immerhin lich aufspüren konnten. drei größten Flughäfen aus. Von den ge- Schluss, allerdings erst im kommenden Besser geeignet wären Sprengstoffde- forderten 16,4 Millionen für Ausrüstung März: Dann wird die Liste gelöscht. Alle tektoren, wie sie beim Handgepäck zum sollen deshalb nur 6,1 Millionen fließen. Firmen müssen einen neuen Antrag stel- Einsatz kommen. Doch Geräte, die so Selbst deren Bewilligung hängt aber noch len, diesmal beim Luftfahrtbundesamt. groß sind, dass man ganze Frachtpaletten fest, im Haushaltsausschuss des Bundes- Das will sich genau anschauen, ob die hindurchschieben könnte, gibt es nicht. tags. Die Abgeordneten wollen erst per Lieferkette so sicher ist wie behauptet, Umso kritischer sehen Experten der Gesetz geklärt haben, wer künftig für die und deutlich höhere Standards verlangen. Bundespolizei, dass sich die EU ab Juli Kontrollen zuständig ist: der Zoll oder Bis jetzt haben erst 264 Firmen das Zerti- 2014 weiterhin auch bei Paketen aus Nicht- die Bundespolizei. fikat bekommen. Weil ab März die Pake- Mitgliedstaaten in erster Linie auf Kon- Die Sache steht auf Wiedervorlage, te aller ungeprüften Versender geröntgt trollen anderer verlässt: der ausländischen nach einer Evaluation im Herbst. Viel- werden müssen, erwarten Experten ein Flughäfen, der Airlines und der Versender, leicht aber auch schon früher. Wenn es Chaos auf den Flughäfen. die Pakete auf die Reise schicken. Die sol- doch nicht gutgegangen ist. Die Röntgengeräte machen den Luft- len die Fracht checken und sich dafür von MATTHIAS BARTSCH, JÜRGEN DAHLKAMP, versand vermutlich sicherer – aber nicht den Europäern zertifizieren lassen. Wie HUBERT GUDE D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 35
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    Deutschland E S S AY Steinzeit-Ökologen Warum das Klima nur mit mehr Wachstum zu retten ist Von Alexander Neubacher D ie Steinzeit ist nicht aus Mangel an Steinen zu Ende wir Menschen noch immer mit nacktem Hintern in einer Höhle gegangen. Vor rund 5000 Jahren kam einer unserer Vor- im Neandertal und schlügen unserem Kind den zufällig aufge- fahren auf die Idee, Kupfer und Zinn zu verschmelzen; lesenen Feuerstein aus der Hand. Nicht, dass es sich verbrennt. das war’s dann für die Steinzeit, die Bronze-Ära brach an. Und dann gibt es da noch das Nachhaltigkeitsprinzip. Es fin- Daran sollten wir denken, wenn uns nächste Woche die det sich ebenfalls im Protokoll der ersten Rio-Konferenz und melodramatischen Appelle aus Rio de Janeiro erreichen, die hat eine nicht minder beeindruckende Karriere als das Vorsor- Horrorstorys vom Ende des Ölzeitalters, die Legende von den geprinzip gemacht. Alles muss heute irgendwie nachhaltig sein, Grenzen des Wachstums, die apokalyptischen Schilderungen unsere Ernährung, unser Einkaufsverhalten und sogar unsere der drohenden Klimakatastrophe. Banken wie die Hypo Real Estate, Also: Die Steinzeit ging nicht zu die sich in ihrem Geschäftsbericht Ende, weil alle Steine aufgebraucht unter der Überschrift „Nachhaltig- waren; die Ära der Pferdefuhrwer- keit“ dazu bekannte, „Verantwor- ke war nicht vorbei, weil plötzlich tung gegenüber der Gesellschaft zu die Gäule ausstarben. Und so dürf- übernehmen“, und zwar just in je- te auch das Zeitalter der fossilen nem Jahr, in dem sie vom Steuer- Brennstoffe nicht wegen zu wenig zahler mit einem Milliardenbetrag Öl, Gas und Kohle zu Ende gehen, gerettet werden musste. sondern dadurch, dass den Men- Das Problem ist, dass der Vorsor- schen etwas Neues, Besseres einfällt. ge- und der Nachhaltkeitsgedanke GERARDO GARCIA / REUTERS Die Welt hat ein Klimaproblem. nicht auf der ganzen Welt geteilt Darüber besteht Einigkeit, ebenso werden, insbesondere nicht in jenen darüber, dass es nur durch weltweite Ländern, auf die es jetzt ankommt. Zusammenarbeit gelingen wird, es Chinesen, Inder und Brasilianer gie- zu lösen. Weil sich die klimaschäd- ren nach Wachstum und Fortschritt. lichen Kohlendioxid-Moleküle aus Während die EU demnächst alle den fossilen Brennstoffen gleichmä- Umweltaktivisten in Cancún 2010 Gefriertruhen vom Markt drängen ßig über den Globus verteilen, spielt will, die nicht das neueste Ökosiegel es keine Rolle, wer sie in die Luft Zur Leitschnur tragen, wären viele Menschen in bläst. 20 000 Politiker, Funktionäre den Entwicklungs- und Schwellen- und Öko-Aktivisten aus der ganzen unseres Handelns wird der ländern froh, wenn sie überhaupt Welt werden deshalb nächste Woche Besorgnisgrundsatz. einen Kühlschrank besäßen. zum Weltgipfel nach Brasilien reisen, Die erste fundamentale Fehlein- an sich keine schlechte Sache. schätzung der Steinzeit-Ökologen Das Problem bei der globalen Umweltbewegung aber besteht ist, dass die fortschrittshungrigen Staaten bereit sein werden, darin, dass sie weniger darüber nachdenkt, wie das Neue in auf Wachstum zu verzichten, wenn wir nur lange genug auf die Welt kommt, sondern, im Gegenteil, darüber, wie es sich sie einreden und genügend Druck aufbauen. Und der zweite, verhindern lässt. Es müsste um Wachstum und Innovationen dahinterliegende Irrtum lautet, dass ein solches Verhalten für gehen, stattdessen ist die Rede von „Vorsorge“ und „Nachhal- die Umwelt von Vorteil wäre. tigkeit“, womit im Grünsprech einiger Umweltfreunde Verzicht W und Fortschrittsfeindlichkeit gemeint sind. Die Rio-Konferenz er sich mit Umweltschützern unterhält, mit Green- wird deshalb wohl genauso ergebnislos enden wie der vergan- peace, dem BUND oder den Vertretern von Attac, gene Klimagipfel in Durban, bei dem die Fachleute nächtelang wird schnell darüber aufgeklärt, dass das kapitalisti- über die Frage stritten, ob sie nun „rechtlich verbindlich“ oder sche Wachstumsmodell nicht auf die Schwellen- und Entwick- „mit Rechtskraft“ ins Protokoll schreiben. lungsländer übertragen werden dürfe, weil sonst die Erde kol- Fortschrittliche Technologien sind nur dann zuzulassen, wenn labiere. Es herrscht großes Misstrauen gegenüber der Wirkungs- ihre Harmlosigkeit bewiesen ist. So lautet das Vorsorgeprinzip, kraft der Marktwirtschaft. Die Erinnerung an die katastrophalen das die Teilnehmer der ersten Rio-Weltkonferenz vor 20 Jahren Umweltzustände in der Sowjetunion und in der DDR ist offen- zur Leitschnur ihres Handelns erklärten. Hätte es einen solchen bar verblasst. Wer weiß denn noch so genau, dass die Ost-In- Besorgnisgrundsatz schon früher gegeben – unser Leben sähe dustrie bei der Produktivität damals gerade mal 20 Prozent des anders aus. Dass sich Schutzimpfungen gegen Masern oder Rö- Westniveaus erreichte, beim Energieverbrauch aber 120 Prozent teln gegen das Vorsorgeprinzip jemals durchgesetzt hätten, darf und beim Schwefeldioxidausstoß sogar etwa 1000 Prozent? bezweifelt werden: zu gefährlich. Die Röntgentechnik: irre ris- Am besten, die Dritte Welt bliebe rückständig. So deutlich kant. Elektrizität: Finger weg. Oder der Flugverkehr: nach der spricht es zwar niemand aus. Aber der in Teilen der Öko-Szene Doktrin der Restrisikovermeidung undenkbar. Womöglich säßen beliebte Plan, den Schwellenländern ein CO²-Kontingent zuzu- 36 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    teilen, um esihnen dann abkaufen zu können, läuft auf eine nimmt die Waldfläche derzeit stark zu, trotz steigender Bevöl- solche Sedierung hinaus. Die armen Länder sollen die Welt kerungszahlen. China forstet Millionen Hektar jährlich auf. mit Treibhausgasen verschonen; von uns würden sie stattdes- Die Frage ist nun, ob die Theorie auch für den Ausstoß des sen fürs Nichtstun bezahlt – ein Modell, dass sich mit den Still- klimaschädlichen Kohlendioxids gilt. Kritiker wenden ein, dass legungsprämien und dem sogenannten Sofamelker in der EU- steigende Wirtschaftsleistung automatisch mit höherem Ener- Landwirtschaftspolitik bereits etabliert hat. gieverbrauch einhergehe, was zwangsläufig zu mehr CO²-Emis- Ein andere Idee sieht vor, einen Öko-Zoll auf Importgüter sionen führe. zu erheben, wenn diese unseren Vorstellungen von einer nach- Doch dieser Einwand ist falsch. Deutschland ist dafür der haltigen Produktionsweise nicht genügen. Auf diese Weise beste Beleg. Seit der Wiedervereinigung ist es gelungen zu zei- ließe sich nicht nur dem nicht nachhaltigen Wirtschaftswachs- gen, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch zu mehr tum in den ärmeren Ländern ein Riegel vorschieben. Gleich- Treibhausgasen führen muss. Wir haben es geschafft, mit we- zeitig würde die heimische Industrie vor unliebsamer Konkur- niger Ressourcen mehr Wohlstand zu erwirtschaften. Das renz beschützt: Öko-Imperialismus pur. Bruttoinlandsprodukt stieg seit 1990 inflationsbereinigt um 30,7 Würde der Umwelt damit geholfen? Nein, im Gegenteil. Die Prozent, während der Ausstoß von klimaschädlichem CO² um grüne Anti-Wachstums-Ideologie schadet der Umwelt. Die Vor- etwa 26 Prozent sank. 1990 wurden hierzulande noch 8,7 Giga- stellung, wir könnten den Drang der Schwellen- und Entwick- joule Primärenergie verfeuert, um 1000 Euro zu erwirtschaften. lungsländer bremsen, ist nicht nur unrealistisch, sondern kontra- 2010 waren es nur noch 6,2 Gigajoule. Die Energieproduktivität produktiv. stieg demnach um fast 40 Prozent, ein beträchtlicher Fortschritt. Man stelle sich ein Auto vor, das früher mit einer Tankfüllung E s braucht ein gewisses Maß an Wohlstand, damit sich die von Hamburg bis nach München fuhr und es heute mit der Bevölkerung eines Landes für Ökologie interessiert. Wer gleichen Spritmenge bis nach Mailand schafft. ums Überleben kämpft, hat andere Sorgen als die Größe Hinter dieser Entwicklung steckt auch die Sanierung der seines CO²-Fußabdrucks. „Sind nicht Armut und Not die größ- Ex-DDR. Die schrottreifen Ost-Kraftwerke verschwanden ten Umweltverschmutzer?“, sagte ebenso wie die stinkenden Trabis, Indiens damalige Ministerpräsiden- die Kohleöfen in den unsanierten tin Indira Gandhi, als die Vereinten Altbauwohnungen und die maro- Nationen 1972 in Stockholm ihre ers- den Fabriken. Die enormen Effi- te Umweltkonferenz abhielten. „Wir zienzgewinne der ersten Jahre nach wollen die Umwelt keineswegs wei- der Wiedervereinigung sind heute ter verschlechtern, doch wir können nicht mehr zu erzielen. Aber wir nicht für einen Moment die grau- können davon ausgehen, dass in der same Armut einer großen Zahl von Industrie, im Verkehr und in unse- Menschen vergessen. Die Umwelt ren Wohnungen und Häusern noch kann unter den Bedingungen der Ar- immer gewaltige Effizienzreserven mut nicht verbessert werden.“ stecken. Wirtschaftswissenschaftler etwa Die Öko-Bewegung sollte sich der ETH Zürich haben empirisch un- daran gewöhnen, Fortschritt und ANDY WONG / AP tersucht, welche Entwicklungsstufen Wachstum nicht als Problem, son- Länder nehmen, wenn das Brutto- dern als Lösung für ihre Umwelt- inlandsprodukt wächst. Es zeigt sich, sorgen zu betrachten. Der Eiffel- dass mit steigendem Wohlstand zu- Chinesisches Kohlekraftwerk turm in Paris ließe sich heute pro- nächst die Umweltzerstörung zu- blemlos mit 2000 Tonnen Stahl statt nimmt. Doch ab einem gewissen Es ist nicht nötig, eine mit 7000 Tonnen bauen. Vor hun- Wohlstandsniveau ändert sich die dert Jahren produzierte ein Bauer Situation. Die Menschen sehen die Öko-Diktatur zu errichten, wie gerade genug Lebensmittel, um vier verdreckten Flüsse, die verstopften es Merkels Berater nahelegen. Menschen zu ernähren. Heute ern- Straßen und die verpestete Luft als tet ein moderner Mähdrescher pro Ärgernis an. Sie sehnen sich nach Tag so viel Weizen, dass es für eine mehr Lebensqualität. Umweltschutz rückt näher ins Zentrum halbe Million Brote reicht. Ein modernes Auto dürfte selbst der Politik. Die Wirtschaft verändert sich; Dienstleistungsbran- bei voller Fahrt weniger krebserregende Schadstoffe freiset- chen verdrängen die schmutzigen Industrien. Bei Gewässern lässt zen als 1970 ein geparktes Auto durch die Lecks in seinen Lei- sich der Zusammenhang zwischen Umwelt und Wirtschaftskraft tungen, wie der britische Wissenschaftler Matt Ridley ausge- gut beobachten. Erst verschmutzen die Flüsse und die Seen. Doch rechnet hat. ab einem gewissen Wohlstandsniveau werden sie wieder sauber. Es wäre hilfreich, wenn sich das Verhältnis der Öko-Szene Experten der Weltbank kommen zu dem Ergebnis, dass die zur Marktwirtschaft entspannte. Es ist ja richtig, dass Märkte Hürde je nach Schadstoff bei einem Bruttoinlandsprodukt von ihre Fehler haben, wenn es um Gemeingüter wie Luft und Was- etwa 8000 Dollar pro Kopf liegt. In China wurde dieser Wert ser geht. Doch es gibt effiziente Instrumente wie den Emis- kaufkraftbereinigt 2011 überschritten. Tatsächlich treibt die Re- sionshandel, um diese Probleme zu lösen. Es ist nicht nötig, gierung das Thema Umweltschutz voran. Die Luft in Peking eine Art Öko-Diktatur zu errichten, wie es etwa der von der und Shanghai wird sauberer. Auf anrührende Weise sind die Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzte Wissenschaftliche Menschen bemüht, die Natur in die malträtierten Städte zu- Beirat für Globale Umweltveränderungen nahelegt. rückzuholen. Die Randstreifen an den Straßen sind mit Blumen Je schneller die Schwellen- und Entwicklungsländer wirt- und Büschen bepflanzt; entlang den Stadtautobahnen stehen schaftlich aufholen, desto eher werden sie bereit sein, mit uns Blumenkästen. über Klimaschutz zu verhandeln. Der technische Fortschritt Dazu passt, was die Uno-Organisation für Landwirtschaft und spielt uns dabei in die Hände, zumal er sich mit dem wirt- Ernährung FAO über die Entwicklung der Wälder herausgefun- schaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens beschleunigen wird. den hat: „Wir beobachten, dass es mit dem Wald immer dann Und so würden schließlich auch Wissenschaftler aus Peking aufwärtsgeht, wenn Länder anfangen, sich zu industrialisieren und Mumbai dazu beitragen, dass das fossile Zeitalter zu Ende und ihre Landwirtschaft zu intensivieren“, so die FAO. In Asien geht, indem ihnen etwas Neues, Besseres einfällt. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 37
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    Deutschland K AT H O L I K E N Der Erschöpfte Endzeitstimmung im Vatikan: Papst Benedikt XVI. wirkt müde und unfähig zur Initiative. Hinter seinem Rücken arbeiten Kardinäle schon an der Nachfolge. Die Affäre „Vatileaks“ zeigt ein Kirchen-Schiff, das aus dem Ruder läuft. E ndlich Klarheit. Endlich hat der Hei- lige Stuhl für Aufklärung gesorgt und das Dokument für alle zugäng- lich gemacht: eine Handreichung zur Überprüfung der Echtheit von Marien-Er- scheinungen. Jetzt wird alles einfacher. Die Weltkir- che hat einen Schritt nach vorn getan. Diese „breaking news“ aus der Glau- benskongregation zeigen, mit welchen Fra- gen sich der Vatikan beschäftigt und in welchem Kosmos mancher dort lebt. Eine Welt, in der die amtskirchliche Prüfung von Muttergottes-Visionen sorgsam gere- gelt wird, aber Kurienkardinäle jenseits al- ler Kontrollen regieren und die Privatkor- respondenz des Papstes in den Schubladen eines Kammerdieners auftaucht. Dabei ist es eine ganz andere Marien- Erscheinung, die den Vatikan und mit ihm die katholische Kirche in eine neue Krise gerissen hat, deren Ende und Aus- wirkungen nur zu erahnen sind: das Auf- treten einer Quelle im Innersten des Kir- chenreichs, einer Verschwörung gar ge- gen den Papst, eines Lecks mit dem Deck- namen „Maria“. Seit Ende Mai sitzt der päpstliche Kam- merdiener Paolo Gabriele in einer 35 Qua- dratmeter großen Arrestzelle des Vatikans – ohne Fernseher, aber mit Fenster. Er soll als „Maria“ Faxe und Briefe aus den Pri- vatgemächern des Papstes geschmuggelt haben, in wessen Auftrag auch immer. Doch das Leck ist noch nicht gestopft. Trotz Gabrieles Festnahme gelangten auch vorige Woche Dokumente an die Öffentlichkeit, die vor allem zwei engen Vertrauten von Papst Benedikt XVI. scha- den sollen: seinem Privatsekretär Georg Gänswein und Kardinalstaatssekretär Tar- cisio Bertone, dem Regierungschef des Kirchenstaats. Wenn die nicht „aus dem Vatikan gejagt“ würden, hieß es in einem Schreiben, würden „Hunderte“ weitere Geheimdokumente veröffentlicht. „Das ist Erpressung, so etwas wie die Drohung mit dem totalen Krieg“, sagt der Vatikan- experte Marco Politi. Die Angst geht um in der Kurie, die Stimmung war selten so miserabel. Es ist, als hätte man in ein Bienennest gestochen, IMAGO überall sind hektisch herumeilende Pur- Religionsführer Ratzinger: „Jetzt beginnt der letzte Abschnitt meines Lebens“ purträger zu sehen, die Korrespondenzen 38 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    kontrollieren, die einandernicht mehr führt. Selbst wenn einer hier schon Jahr- gen und ein absurder Hang zu Geheim- über den Weg trauen, die nicht mehr ihr zehnte lebe: „Der Vatikan ist ein Woll- niskrämerei und Intrigen vorherrschen. Telefon benutzen. knäuel, das sich kaum entwirren lässt. „Es zählt einzig die Nähe zum Mon- Es hat im verflixten siebten Jahr des Auch nicht von einem Papst.“ archen“, sagt der Mitarbeiter eines Kar- Pontifikats Benedikts XVI. begonnen. Als Johannes Paul II. im April 2005 dinals. Rom funktioniert wie ein absolu- Und unübersehbar sind die Parallelen zur starb, war die Kurie in desolatem Zu- tistischer Hof, in dem nicht Gremien ent- Spätzeit von Johannes Paul II. Dieselben stand. In seinen letzten, von Krankheit scheiden, sondern Einflüsterer. „Hier sind Klagen über mangelnde Führung, über gezeichneten Lebensjahren waren Vor- viele eitle Männer, in hoher Konkurrenz inneren Zwist, der nach draußen, vor die gänge und Personalentscheidungen auf- untereinander.“ Vatikan-Mauern getragen wird, über ei- geschoben worden. Vom neuen Pontifex Wer hat wie lange mit wem gespro- nen erschöpften Papst, der seiner Macht erwartete man, endlich die Schreibtische chen? Und worüber? Wer geht mit wem nichts mehr abgewinnen mag. leerzuräumen und der römischen Kurie, in die Frühmesse, wer lädt wen zum Joseph Ratzinger ist im April 85 Jahre diesem Zentralrechner der Weltkirche, ei- Essen ein? Wer ist in, wer ist out? Wer alt geworden. Damit ist er der älteste nen Neustart zu verpassen. gehört dazu, wer nicht, wer steigt auf, Papst seit 109 Jahren und einer wer steigt ab in der Gunst? „Die- der sehr wenigen überhaupt, die se Stimmung fördert Gefühle in derart biblischem Alter dieses von Ausgrenzung, Benachteili- „ungeheuerliche“ (Benedikt XVI.) gung, Neid, Rache und Miss- Amt je ausgeübt haben. gunst“ – all das, was jetzt in den Gewiss ist er immer noch be- Vatileaks-Dokumenten nachzu- neidenswert fit, geistig und geist- lesen ist. lich, besonders im Vergleich zu Vor allem Papstsekretär Gäns- seinem Vorgänger in den späten wein hat sich viele Feinde ge- Jahren. Doch es ist unüberhör- macht, weil er als Türsteher des bar, um wie viel schwerer als zu Papstes beeinflussen kann, wem Beginn seines Amts Benedikt das die allerhöchste Gunst erteilt Sprechen inzwischen fällt, und oder verwehrt wird und welche kaum zu übersehen, dass die Be- Vorgänge, welche Themen die wegungen steif und vorsichtig ge- Aufmerksamkeit des Stellvertre- worden sind. ters Jesu beanspruchen dürfen. Einem Besucher sagte er neu- Das sorgt wahlweise für Furcht, lich, sein altes Klavier stehe Eifersucht oder Spott in den Gän- meist unbenutzt herum. Wer gen des Apostolischen Palastes. spielt, der muss auch üben, da Als Gänswein sich vergangenen fehle ihm die Zeit, er schreibe September in der Berliner Nun- lieber am letzten Teil seiner Je- tiatur einen ganzen Abend lang susreihe. Die will er noch ab- entspannt mit deutschen Kleri- schließen vor seinem Tod. kern unterhalten konnte, kam es Es ist dieser Tage nicht schwer, ihm wie ein Wunder vor: Das Geistliche im Vatikan zu finden, ERIC VANDEVILLE / PICTURE ALLIANCE / DPA / ABACA kannte er nicht aus Rom. die reden wollen – sofern es an- Der Vatikan zerfällt in Dutzen- onym geschieht. Der Monsigno- de konkurrierende Interessen- re, der eines Abends seinen Weg gruppen. Einst gab es die Jesui- in ein Restaurant nahe der Piaz- ten, die Benediktiner, die Fran- za Santa Maria in Trastevere fin- ziskaner und andere Orden, die det, hat in der Glaubenskongre- um Ansehen und Einfluss am va- gation jahrelang eng mit Ratzin- tikanischen Hofe rangen. Doch ger zusammengearbeitet. Noch deren Zeit ist vorbei, ihren Platz bevor der Kellner Wasser und nehmen nun vor allem die soge- Wein serviert, kommt sein Urteil nannten neuen geistlichen Ge- über Ratzingers Pontifikat: „Der Mitglieder der Kurie im Vatikan: Neid, Rache, Missgunst meinschaften ein, die auf den Papst füllt sein Amt nicht aus!“ großen Papstmessen die Jubler Nicht er habe seinen Laden im Griff, son- Doch die Reform ist weitgehend aus- stellen: die Neokatechumenen, die Legio- dern der Laden ihn. geblieben. Alle wichtigen Posten sind wei- näre Christi oder die Traditionalisten von Die Niederungen des Alltags im Vati- terhin mit Priestern besetzt, einschließ- den Pius- bis zu den Petrusbrüdern. Ganz kan interessierten den Kirchenführer lich des Laienrats und des Rats für die zu schweigen vom weltweiten Netzwerk nicht. Schon sein Vorgänger habe die Ku- Familie. Die einzige Frau in einer höhe- der „Santa Mafia“, des Opus Dei. rie vernachlässigt. Der polnische Papst ren Position, die Britin Lesley-Anne Sie alle haben ihre offenen oder ver- sei gereist, sein deutscher Nachfolger Knight, wurde 2011 als Generalsekretärin steckten Agenten in und um den Vatikan, grüble am liebsten über Büchern und des Caritas-Dachverbands weggemobbt, ihre Immobilien, Universitäten, Institute schreibe seine Reden. „Er packt es ein- weil sie offen gegen die Männerseilschaf- oder Bildungsstätten in Rom. Dieser und fach nicht an.“ Im Grunde, so der Mon- ten auftrat. jener Kardinal oder Bischof am Hofe ver- signore, stehe der Papst in Rom einer an- Vermutlich ist eine „Kurienreform“ ein tritt ihre Interessen, oft ohne offizielles, deren, von ihm nicht beherrschten Macht Widerspruch in sich. Ein hierarchisches, also erkennbares Mandat. Jeder gegen je- gegenüber. im Kern mittelalterliches Organisations- den und Gott mit uns allen. Der Vatikan sei zwar katholisch, aber modell verträgt sich nicht mit modernem Womöglich kennt Benedikt XVI. sei- auch zu zwei Dritteln italienisch, den Mit- Management. Der Vatikan ist ein ana- nen Laden einfach zu gut, um sich an ei- arbeitern und ihrer Verwaltung sei es am chronistisches, wenn auch erstaunlich ner Reform ernsthaft zu versuchen: „Als Ende egal, wer unter ihnen die Kirche zählebiges System, in dem Hackordnun- Papst zeigte dieser Veteran der Kurie D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 39
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    Deutschland buchstäblich null Interessedaran, die rö- unberechenbar soll der Professor für Wirt- halbes Jahr im Amt geblieben und der mische Kurie auch zu führen“, bilanziert schaftsethik gewesen sein sowie auffällig Platz damit ohnehin frei für einen Nach- sein Biograf John L. Allen. durch Abwesenheit. folger. „Maria“ zielt höher. Vor diesem Hintergrund spielt die ak- Als sicher gilt zumindest, dass Gotti Die katholische Kirche hat ein Füh- tuelle Affäre. Die Enthüllungen um die Tedeschi im Kampf gegen Kardinalstaats- rungsproblem im Zentrum ihres barocken Geheimdokumente aus dem Vatikan, von sekretär Bertone unterlegen war. Dem Hofstaats. Die öffentlich gewordenen Do- Papstsprecher Padre Federico Lombardi zweiten Mann nach Benedikt wollte es kumente schaden am Ende Benedikt höchstselbst „Vatileaks“ getauft, nahmen wohl nicht gefallen, dass neue Richtlinien selbst, die Affäre beschädigt auch grund- ihren Lauf vor gut vier Monaten, sie las- den Vatikan-Schatz schmälern könnten. sätzlich das Amt. Mit jedem Tag, an dem sen einen Sumpf aus Korruption und Ruf- Es wäre zu einfach, all dies als Konflikt über die wahren Drahtzieher gerätselt mordkampagnen erahnen, ein Komplott, zwischen Reformern und Bewahrern zu wird, festigt sich der Eindruck eines das sich wohl kaum auf den augenschein- verstehen. Es geht um die Sklerose der schwierigen Pontifikats, eines geschwäch- lichen Diebstahl eines Kammerdieners Kirche, es geht um ein Problem, das einen ten Papstes, der das Heft nicht in der beschränkt. Namen hat: Benedikt XVI. Hand hat. Zentrale Figur ist Kurienbi- Ratzinger konnte es selbst lan- schof Carlo Maria Viganò, der ge Zeit kaum fassen, plötzlich vom Papst im Juli 2009 beauf- Oberhaupt aller Katholiken zu tragt worden war, in der Verwal- sein. Gut einen Monat nach sei- tungsbehörde des Vatikans auf- ner Wahl, am 24. Mai 2005, be- zuräumen. Der übereifrige Jurist suchte er noch einmal jenen Ort sparte gewissenhaft, bei Bauauf- im Vatikan, an dem für ihn so trägen, Immobilien und der Gar- vieles begonnen hatte. Das Pries- tenverwaltung. In einem Brief an terseminar im Campo Santo Teu- Bertone lieferte er Zahlen: Für tonico, jener grünen Insel im den zuvor um 7,8 Millionen Euro strengen Kirchenstaat, gleich ne- defizitären Haushalt habe er in- ben der Sakristei des Petersdoms. nerhalb eines Jahres ein Plus von Hier hatte er während des 34,5 Millionen Euro erwirtschaf- Zweiten Vatikanischen Konzils STEFAN BONESS/IPON tet, weil er alte Seilschaften auf- gewohnt und 1982, als er von kündigte, die „an immer gleiche München nach Rom kam: „In ei- Firmen Aufträge vergaben“, zu nem Zimmer nur mit dem Nö- doppelt so hohen Preisen wie au- tigsten um mich herum, um wie- ßerhalb des Vatikans üblich. Mit Papstgegner in Berlin 2011: Reformstau in der Kirche der von vorn und frisch zu be- seinem Kampf gegen Amtsmiss- ginnen.“ Der Gemeinschaft des brauch und Verschwendung machte er Die alte Garde im Vatikan, das Lager Priesterkollegs hielt Ratzinger die Treue sich unbeliebt (SPIEGEL 20/2012). um die italienischen Kardinäle, glaubte, bis zur Papstwahl. Jahrzehntelang las er Nach nur 27 Monaten wurde er aus mit Ratzinger einen Papst für den Über- dort jeden Donnerstag um sieben Uhr dem Amt bugsiert, seit Oktober 2011 ist gang gefunden zu haben. Doch nun ist früh einen Gottesdienst, teilte sich oft mit er Apostolischer Nuntius in Washington, der Übergang im achten Jahr, und die Ku- Studenten den Tisch im Speisesaal, dis- weit weg vom Vatikan, er empfand seine rie steht in etwa da, wo sie in der Endzeit kutierte mit ihnen und kam zur Weih- Versetzung als Strafe. In einem Protest- des Polen auch schon stand: Niemand ist nachtsfeier ins Kaminzimmer. Ein Rück- brief an Benedikt zeichnete er ein scho- in Sicht, der mit fester Hand das Ruder zugsort von seinem Amt als Glaubens- nungsloses Bild der Kurie: „Das Reich ist greift. wächter, ein Stück Familienersatz. zersplittert in viele kleine Feudalstaaten, Benedikt XVI. umgibt sich mit langjäh- Die gut einstündige Visite Ende Mai jeder kämpft gegen jeden.“ Es herrschten rigen Weggefährten, an die er beträchtli- 2005 blieb bis heute sein letzter Besuch. „desaströse Zustände“, die, noch schlim- che Macht abgab. Bertone wurde vorbei Zum Abschied trug Ratzinger sich ins mer, der gesamten Kurie „wohlbekannt“ an allen Cliquen ins Amt beordert. Er Gästebuch ein. „Benedikt XVI“, schrieb seien. und Gänswein, in Rom wegen seiner süd- er, mit etwas Abstand kritzelte er noch Mitten in der Vatileaks-Affäre wurden westdeutschen Herkunft als „Schwarz- klein dahinter: „Papst“ – im ersten An- auch die Hintergründe eines weiteren wald-Adonis“ bekannt, sind vielen Ku- lauf mit kleinem p geschrieben. Rauswurfs bekannt: Ettore Gotti Tedes- rienkardinälen zu mächtig und zu auto- Keiner seiner Vorgänger hat jemals so chi, bis kurz vor Pfingsten Chef der Vati- nom geworden. Ihnen vor allen gilt die unterschrieben, und auch Benedikt sollte kanbank, musste offenbar gehen, weil er Attacke unter dem Deckmantel „Maria“. es nie wieder tun. Es war wie eine Selbst- dem skandalumwitterten Institut etwas Die Kardinäle aus Italiens Provinzen vergewisserung: Mein Gott, ich bin Papst! Transparenz verordnen wollte. Sein Ziel haben gemerkt, wie ihnen der Zugriff auf Ratzinger fühlte sich unwohl mit der war es, die Bank, bei der schon Mafia- die Weltkirche entrückt. Bertone ist zwar Macht, die er hatte. Auch deswegen ließ Paten ihr Geld geparkt hatten, fit zu ma- Italiener, bevorzugt jedoch seine Ordens- er ab von durchgreifenden Umbauten im chen für die weiße Liste sauberer Orga- brüder, die Salesianer. Er hob sie in System. Lieber vertraute er seinen Mit- nisationen der OECD. Rom sollte endlich Schlüsselpositionen, schlug sie als Kardi- arbeitern. Transaktionen offenlegen, die internatio- näle vor. Der 77-jährige Fußballfreund Benedikt braucht nicht den Vatikan, er nalen Standards zur Bekämpfung der gilt zudem als schlechter Manager und braucht eine kleine Familie. Die ist ihm Geldwäsche entsprachen. Er scheiterte. ungeschickter Diplomat. Schon im Som- heilig, die hat er immer wieder gesucht, Den Fall des Bankers halten Beobach- mer 2009 soll eine Delegation von Kardi- sein Leben lang, seitdem er seine eigene ter für den eigentlichen Kern der Affäre, nälen vom Papst die Ablösung Bertones Familie über die Jahre verlor – bis auf ein Machtkampf um die Kontrolle der va- verlangt haben. seinen älteren Bruder Georg. Sein Vater tikanischen Finanzen. Deshalb wohl wur- Doch der Regierungschef kann kaum Joseph starb 1959, seine Mutter Maria de Gotti Tedeschi jetzt brutal abserviert. die einzige Zielscheibe der Attacken von 1963, seine Schwester Maria führte ihm Der Aufsichtsrat der Bank lieferte aber- „Maria“ sein. Denn er wäre aller Wahr- rund 30 Jahre lang den Haushalt, auch in witzige Begründungen: Exzentrisch und scheinlichkeit nach nur noch ein gutes Rom, bis zu ihrem Tod 1991. Mit jedem 40 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Machtkampf im Vatikan Schlüsselfiguren der Affäre um gestohlene Papst-Dokumente Der Privatsekretär Papst Benedikt XVI. FRANCO OR IG L IA / G E T T Y IM AG E S; PAOLO T R E A3 / L AIF; DAVID FE R NAND E Z / D PA „George Clooney des Vatikans“ nennen Viele trauen ihm nicht italienische Medien den gutaussehenden mehr zu, die chao- Georg Gänswein. Seine Nähe zum Papst tischen Verhältnisse und der damit verbundene Einfluss rufen in im Vatikan ordnen zu der Vatikan-Hierarchie Neid und Miss- können. gunst hervor. Der Zeitung „La Repubblica“ Der Kirchenführer lässt wurden Briefe Gänsweins mit angeblich nur noch wenige Vertraute kompromittierendem Inhalt zugespielt. an sich heran. Der Kammerdiener arbeitet Paolo Gabriele soll vom päpstlichen dem Schreibtisch vertrauliche Unterlagen erteilt Papst zu gestohlen und dann weitergegeben haben. Richt- Er sitzt derzeit in Haft. Noch ist unklar, wer linien die Komplizen und Hintermänner sind. Der Vatikanbank-Manager Der Kardinalstaatssekretär Ettore Gotti Tedeschi übernahm 2009 Aufsicht Tarcisio Bertone ist nach dem Papst der zweite die Leitung der Vatikanbank, um das Mann im Vatikan. Nicht erst seit der jüngsten von Skandalen erschütterte Institut Entlassung des Vatikanbank-Chefs steht zu sanieren. Am 24. Mai musste der Bertone in der Kritik. Im Diebstahl der Manager gehen. Im Vorfeld der Ent- Unterlagen sieht er „organisierte Angriffe“ lassung soll es heftige Auseinander- auf den Papst. Viele glauben aber, dass die setzungen innerhalb der Kurie gegeben Indiskretionen gegen Bertone persönlich haben. gerichtet sind. „Ich schweige lieber. „Attacken hat es immer gegeben. Sonst hätte ich nur Aber diese sind gezielter, manchmal auch hässliche Worte zu sagen.“ grausam, verleumderisch und organisiert.“ Tod, schrieb er in seinen Erinnerungen, und Carmela. Fünf Jahre lang umsorgten liturgie die Bitte um deren Bekehrung „ist die Welt für mich ein Stück leerer ge- sie ihn, besuchten jeden Morgen seine wieder einfügte. worden“. Andacht, feierten Weihnachten und Na- Und er hat nicht zuletzt seine Kirche Für Ratzinger ist das alles bis heute menstag mit ihm und nahmen gemeinsam durch die Anbiederung an die Traditio- nicht erledigt. Beim Weltfamilientreffen die Mahlzeiten ein. nalisten der Pius-Bruderschaft vor den in Mailand gab er zu Fragen der Familie Dann wurde eine von ihnen, Manuela Kopf gestoßen, die das Zweite Vatikani- Antwort. Frei und ohne Manuskript. Camagni, 2010 bei einem Verkehrsunfall sche Reformkonzil ablehnt. So hat sich „Hallo, lieber Papst“, begrüßte ihn eine getötet. Papst Benedikt war erschüttert, der Reformstau in der Kirche, der sich Siebenjährige. „Ich bin Cat Tien, komme er kniete vor ihrem Sarg, hielt eine An- schon unter dem konservativen Vorgän- aus Vietnam. Ich würde gern etwas über dacht für die Tote und sprach von „un- ger Johannes Paul II. aufgebaut hatte, un- deine Familie wissen und darüber, wie es vergesslichen familiären Momenten“, die ter Benedikt noch verschlimmert. Der Ka- war, als du so klein warst wie ich.“ Und er mit ihr erleben durfte. tholikentag in Mannheim mit seinen der 85-jährige Benedikt antwortete: „Um Mit dem Verrat des Kammerdieners, 80 000 Teilnehmern war im Mai deshalb die Wahrheit zu sagen, ich stelle mir vor, der ihm von früh bis spät zur Seite stand, ein einziger Aufschrei nach Veränderung dass es im Paradies so sein wird, wie es ist die kleine Welt des Joseph Ratzinger in der Kirche. in meiner Jugend war. In dieser Umge- nun wieder aus den Fugen geraten. Die Erfahrung, dass ein Papst Deutsch bung des Vertrauens, der Freude und der Die Bilanz von sieben Jahren Benedikt spricht, gar ein bayerisch moduliertes, hat Liebe waren wir glücklich, und ich glaube, XVI. ist gemessen an den Erwartungen auf die Deutschen keinen bleibenden Ein- dass es im Paradies ähnlich sein muss wie eher bescheiden. Der Deutsche wird we- druck gemacht. Der „Benedikt-Effekt“, in meiner Kindheit.“ niger als Kämpfer um die Einheit der Kir- den manch ein Neubekehrter in den Feuil- Immer wieder versuchte er, sich diese che in Erinnerung bleiben, als der er an- letons schon spürte, ist schnell verpufft, „Umgebung des Vertrauens“ herzustellen. trat, sondern als ein Opfer der Verhält- wenn es ihn überhaupt je gegeben hat. Immer wieder wurde sie beschädigt. Als nisse, der zersplitterten, konkurrierenden Seit „wir“ Papst wurden, hat sich die Zahl Ratzinger 2005 in die Papstwohnung ein- Fraktionen, ein von Affären, Versehen, der Kirchenaustritte in Deutschland mehr zog, musste er auch von einem Tag auf Ausrutschern geplagter Pontifex. Er hat als verdoppelt. Am höchsten war sie zu- den anderen auf eine langjährige Vertrau- Mauern sogar wieder errichtet, die längst letzt in Ratzingers ehemaligem Bistum te verzichten. Ingrid Stampa, seine Haus- geschleift schienen. Es waren Jahre der München und Freising. Gerade einmal 30 hälterin in Nachfolge von Schwester Ma- fortwährenden Entschuldigungen, der Prozent der Deutschen sind heute noch ria, durfte nicht mitkommen. Sie war im fortwährenden angeblichen oder tatsäch- katholisch. Hofstaat in Ungnade gefallen, weil sie lichen Missverständnisse. Die oft in Talkshows von Jubelkatholi- sich einmal am Papstfenster zum Peters- Er hat die Protestanten vergrätzt, de- ken erhobene Behauptung, all dies sei platz zeigte und in die Menge winkte – nen er abspricht, Kirche im eigentlichen ein deutsches oder europäisches Problem ein unverzeihlicher Fauxpas. Sinne zu sein. Er hat die Muslime mit un- und Gejammer, anderswo gehe es der Kir- Stattdessen zogen vier Laienschwes- geschickten Worten in Regensburg vor che besser, stimmt nicht einmal im ur- tern der Gemeinschaft Memoris Domini den Kopf gestoßen und zugleich die Ju- katholischen Lateinamerika, dort hat sich mit ihm ein, Loredana, Cristina, Manuela den beleidigt, indem er in die Karfreitags- die Zahl der Katholiken rasant reduziert. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 41
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    Deutschland noch die Italiener. Mancher glaubt, nach mehr als 33 Jahren Fremdherrschaft durch einen Polen und einen Deutschen sei es höchste Zeit für einen Einheimi- schen als Papst, schließlich kenne ein ita- lienischer Kardinal die römische Kurie am besten. Doch seit Vatileaks sieht es schlecht damit aus, glaubt Marco Politi: „Wenn der Skandal eines offenbart hat, dann einen typischen italienischen Schla- massel. Italiener gelten nicht mehr als pa- SESTINI/POLIZIA DI STATO / EIDON / PICTURE ALLIANCE / DPA pabile, mit ihrem Machtkampf haben sie sich selbst diskreditiert.“ Benedikt selbst ist klar, dass er nicht mehr viel Zeit hat. „Jetzt beginnt ja der letzte Abschnitt meines Lebens“, sagte er zu seinen Geburtstagsgästen im April. Seine Pläne reichen kaum bis ins nächs- te Jahr, zum katholischen Weltjugendtref- fen in Rio de Janeiro. Ganz oben auf der Agenda steht in den kommenden Wo- chen die Überwindung des Bruchs mit der Priesterbruderschaft, verbunden mit Vatikanstadt in Rom: „Jeder kämpft gegen jeden“ seiner Mahnung an miteinander streiten- de Gruppen in der Kirche zu gegenseiti- Die dortigen Evangelikalen vermehren Er wollte nur ein „Arbeiter im Wein- gem Respekt. Mit dem in seiner Kirche sich hingegen wie die Brote in Kanaan. berg des Herrn“ sein, ein „Mitarbeiter der entbrannten Streit um die Bewertung des Der Mensch Ratzinger konnte diese sie- Wahrheit“. Jetzt steht Benedikt XVI. vor Zweiten Vatikanischen Konzils, das vor ben Jahre nur durchhalten, weil er sich der Wahrheit der Endlichkeit. Seit länge- 50 Jahren begonnen hatte, erlebt der kleine Fluchten offenhielt. Neben dem Ta- rem sei er von Phasen „ tiefer Traurigkeit Papst derzeit eine Rückkehr zu seiner ei- gesgeschäft schrieb er Bücher und Enzy- erfasst“, sagt einer, der ihm nahesteht. Ob genen Vergangenheit. kliken zur christlichen Liebe („Deus cari- es sich nur um Schwermut oder schon um Findet der damals aufgeschlossene, tas est“) oder zur Hoffnung („Spe salvi“). eine Depression handele, sei offen. dann konservative Seelsorger zum Le- Manche Texte wurden Bestseller, auch Anfang der neunziger Jahre hatte Rat- bensende die Kraft zur Versöhnung? Für im hoffnungslos verweltlichten Deutsch- zinger zwei leichte Schlaganfälle über- einen Ausgleich zwischen Tradition und land. Es ist diesem Papst gelungen, die standen. Sein Vater war daran gestorben, Moderne unter den 1,2 Milliarden Katho- säkulare Welt wieder auf den Vatikan auf- ebenso seine Schwester. Zur Vorbeugung liken? merksam zu machen. In den Feuilletons nimmt der Papst Aspirin. In den Knien, „Darin hatte Stalin schon recht“, sagte sind seine Enzykliken, ist sein Nachden- vor allem im rechten, plagt ihn Arthrose. Benedikt in dem Gesprächsband „Licht ken über Vernunft und Glauben, seine Das Laufen fällt ihm schwerer. Benedikt der Welt“, „dass der Papst keine Divisio- Kritik des Relativismus aller Werte inten- benutzt daher eine rollbare Plattform, die nen hat und nicht gebieten kann. Er hat siv verfolgt worden. Hier war ein Ponti- er beim Einzug in den Petersdom besteigt, auch kein großes Unternehmen, in dem fex, der mit dem Zeitgeist auf Augenhöhe etwa wenn er schwere Messgewänder gleichsam alle Gläubigen der Kirche seine war. trägt. Angestellten oder seine Untertanen wä- Der Papst aus Deutschland hat zwar Seit 2010 fährt er nicht mehr wie früher ren. Insofern ist der Papst einerseits ein viele Erwartungen enttäuscht – oft aller- in die Berge zum Urlaub. Manchmal geht ganz ohnmächtiger Mensch. Andererseits dings auch zum Guten der Kirche. „Das er mit seinem Sekretär ein paar Schritte steht er in einer großen Verantwortung.“ Christentum, der Katholizismus ist nicht in den vatikanischen Gärten und betet Benedikt hat sich immer als lehrenden, eine Ansammlung von Verboten, sondern dort den Rosenkranz. nicht als regierenden Pontifex verstanden. eine positive Option“, sagte Benedikt vor In der Kurie und den Hinterzimmern In die Annalen der Kirchengeschichte seiner Bayern-Reise 2006. Er steht zwar der einschlägigen Palazzi wird bereits an wird der Professorpapst aus Marktl am zur Dogmatik und zur reinen Lehre, ver- der Nachfolge gearbeitet. Es werden die Inn gewiss nicht als Benedikt der Große sucht aber, niemanden vor den Kopf zu Zahlenverhältnisse eines etwaigen Kon- eingehen. stoßen, was ihm nicht immer gelingt. In- klaves analysiert und Kandidaten disku- Dafür aber als ein Kirchenführer mit zwischen wirkt der Papst bei seinen Auf- tiert – wie schon vor sieben Jahren. Ein menschlichem Antlitz, der sich selbst, tritten schon so milde wie die Queen. Er Pius XIII. müsste es sein, ein Machtpoli- dem Theologen, treu geblieben ist und versteht es, auch ohne spektakuläre Ges- tiker mit Stallgeruch, berechnend und be- darüber die Macht in den eigenen vier ten eine Menschenmenge für sich einzu- rechenbar. Oder einer wie Paul VI., der Wänden vernachlässigt hat. nehmen. In Auschwitz traf er Überleben- sich um die Interessen der Kurie kümmer- Ein Papst eben mit kleinem p. de, in den USA Missbrauchsopfer, in Ka- te. Der Name des Mailänders Kardinals FIONA EHLERS, ALEXANDER SMOLTCZYK, merun Aidskranke. Angelo Scola fällt ebenso wie der von PETER WENSIERSKI Benedikt wusste besser als andere, wie Leonardo Sandri, einem Italoargentinier, es um den Zustand der real existierenden und der von Kurienkardinal Gianfranco Kirche bestellt, wie weit sie von seinem Ravasi, Chef des Päpstlichen Kulturrats, Video: Ideal entfernt ist. Er scheiterte immer der es als einer von wenigen versteht, mit Das Medien-Misstrauen wieder auch an der Kurie. Womöglich ist Medien, Politik und Öffentlichkeit umzu- im Vatikan die eigentliche Bilanz der sieben Jahre gehen. Für Smartphone-Benutzer: die Erfahrung der Machtlosigkeit eines Den größten Block in einem Konklave Bildcode scannen, etwa mit Papstes. bilden mit 30 Wahlberechtigten immer der App „Scanlife“. 42 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    CARMEN JASPERSEN/DER SPIEGEL CARMEN JASPERSEN / DPA Angeklagter H., Vorsitzender Richter Appelkamp (r.): „Der Mann hatte sich in schwerster Selbstvernachlässigung verfangen“ ihm entfernt wohnt. Er bekam bei ihr Es- STRAFJUSTIZ sen und zu trinken, konnte sich dort wa- schen, und sie reinigte seine Kleider, wo- „Wir alle drei haben Schuld“ für er sie mit 1000 Euro im Jahr entlohnte. Bei ihr saß er oft in der Stube und sah fern. Er bestimmte, und sie richtete sich nach ihm. Ihren beiden Ehemännern Im Alter verändert sich oft die Persönlichkeit eines Menschen. blieb nichts anderes übrig, als H. zu ak- In Stade wurde ein 77-Jähriger wegen Totschlags zu sieben Jahren zeptieren. Sie hatten ihn gewissermaßen mitgeheiratet. verurteilt. Eine angemessene Strafe? Von Gisela Friedrichsen Zehn Jahre nach dem Tod des zweiten Mannes, sagt die Schwester, habe sie sich W ie kann ein Mensch so leben? Veränderung zu verstehen. H. hatte nie einen „Freund angeschafft“. Ein verhäng- Jahrzehntelang ganz allein in geheiratet. „Ich bin nicht schwul“, sagt nisvoller Entschluss. Denn der Bruder einem verkommenden Haus, in er, „ich hatte durchaus Freundinnen. konnte den Neuen, Königsberger wie er, dem kaum Luft zum Atmen war wegen Aber Frauen wollen Luxus.“ Und damit nicht ausstehen – und umgekehrt. H. be- des angehäuften Mülls. Ohne Wasser, hatte er nichts am Hut. Er hielt sich lieber gegnete dem sieben Jahre Jüngeren, ei- ohne Toilette, ohne Strom, ohne Heizung. an seine Schwester, die keine Ansprüche nem Sozialhilfeempfänger und Alkoholi- In diesem Haus, wo im ersten Stock die stellte. Für sie geht er durchs Feuer. ker, mit größtem Misstrauen, verweigerte Tauben hausen und im Erdgeschoss ein Er stammt aus Königsberg. Gelernt hat dieser doch die Antwort auf Fragen nach Ziegenbock lebte und zeitweise ein Wild- er Schlachter, aber die Tiere taten ihm seiner Familie und seiner Biografie. „Der schwein, das zahm war wie ein Hund, leid. Dann lernte er Forstwart. Dann war hat meine Schwester unterdrückt, sie be- weil es der Hausbesitzer in seinem Bett er beim Bundesgrenzschutz, wollte Be- logen, beleidigt und gefügig gemacht, die- aufgezogen hatte. Wer so fragt, muss ein- amter werden, arbeitete in einer Schuh- ser Schmarotzer! Der hat sich in ein ge- tauchen in eine Welt, die ganz anders ist fabrik, im Hüttenwerk, auf dem Bau, in machtes Nest gesetzt und sie ausgenutzt! als die des Normalbürgers. der Hochseefischerei, am Ende war er Ich vermute, früher war der im Knast!“, Der Garten – verwahrlostes Chaos, in Busfahrer. „Ich war ziemlich vielseitig!“, erregt sich H. noch heute. dem der Hausherr seine Notdurft verrich- sagt er und zählt die Namen seiner Ar- Als „Raubmörder“ habe er ihn deshalb tete. „Ökologisch“ nennen manche das. beitgeber auf. Er weiß sie alle. Verdient beschimpft. Von einem solchen lasse er „Verwunschen wie im Märchen“ andere: hat er gut. Warum der häufige Wechsel? sich nicht „rausekeln“. Im Gegenzug „Da stand der Mann mittendrin, Tauben „Damals gab es Arbeit wie Sand am nannte der Neue ihn „Stinker“. Nicht saßen auf seinem Kopf, und sang“, be- Meer“, antwortet er ausweichend. ganz grundlos allerdings. „Er roch schon geisterte sich ein Besucher. Die Leute aus Das Haus kaufte er 1958 und bewohnte streng“, gibt die Schwester zu, „so nach dem Ort sagten tolerant: „Jeder hat seine es zunächst mit einer Tante. Als die starb, alten Lumpen. Er konnte sich in seinem eigene Ordnung.“ Oder: „Solange er nie- richtete er sich darin allein ein, ohne je Haus ja nicht waschen.“ Sie macht sich mandem was tut, ist es seine Sache.“ etwas reparieren zu lassen. Mit der Zeit Vorwürfe, weil sie sich von dem Freund, Doch mittlerweile ist es nicht mehr sei- verrottete das Anwesen. H. gab kaum statt diesen hinauszuwerfen, habe beein- ne Sache. Denn am 28. September 2011 Geld aus. Er ging nicht aus, trank nicht, flussen lassen. „Wir ließen meinen Bruder hat Gerd H., der Hausbesitzer, getötet. rauchte nicht. Was er verdiente, ging so nicht mehr am Tisch mitessen. Er saß Er ist 77 Jahre alt. „Ich bin ein Mörder“, gut wie unangetastet aufs Konto, inzwi- dann allein in der Küche.“ Auch in der sagt er mit fester Stimme über sich. schen liegen dort rund 700 000 Euro. Stube habe sich der Bruder nicht aufhal- Er hat jenen Mann erschossen, der ein Doch mehr als seinen Garten und die Tie- ten dürfen. „Dabei hätten wir doch zu Dreivierteljahr zuvor bei seiner verwit- re, deren Gesellschaft ihm lieber war als dritt Platz in der Stube gehabt! Meine weten Schwester eingezogen war. Von die von Menschen, und vor allem die Frei- Wohnung ist groß genug. Wir alle drei dem Augenblick an war in seiner Welt heit, zu tun und zu lassen, was er will, haben Schuld, dass es so gekommen ist. nichts mehr wie zuvor. brauchte H. nicht. Auch ich.“ Man muss die ganze Geschichte ken- 33 Jahre lang wurde er von seiner Anfang 2011 spitzte sich die Situation nen, um die katastrophalen Folgen dieser Schwester versorgt, die nicht weit von zu. H.s Gesundheit hatte nachgelassen. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 43
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    Gehen konnte erkaum noch wegen eines Hüftleidens. „Er sollte operiert werden, ging aber nicht hin“, sagt die Schwester. „Immer saß er nur im Garten und fütterte seine Vögel.“ Auch die Augen hätten be- handelt werden sollen, jetzt sei es zu spät. Dazu hatte er Bluthochdruck und Zucker. „Geh aus dem Weg, du Krüppel“, schrie ihm der Neue auf dem Fahrradweg hinterher, als er mal mit einem Rollator unterwegs war. „Ich stech dich ab wie ein Schaf“, drohte H. „Ich weiß, dass er verzweifelt war.“ Die Schwester klagt sich an. „Er sollte selbst einkaufen. Das kann er doch nicht! Er konnte gar nichts mehr!“ Sie habe den Freund gebeten, mit diesem „Rumgestän- kere“ aufzuhören. Niemand würde sich auf Dauer so etwas gefallen lassen. H. versuchte damals, sich umzubringen, er hatte offenbar genug vom Leben. Weil er davon redete, sein Haus zu sprengen, und weil man im Ort munkelte, er habe Waffen, wurde die Polizei geholt. H. kam in eine psychiatrische Klinik. Und erholte sich rasch. Der Bestellung eines Betreuers stimmte er zunächst zu, winkte jedoch bald ab. Er komme schon wieder allein zurecht. Im August vorigen Jahres suchte ihn ein Psychiater auf. „Die Tür zum Haus stand offen. Er saß auf einem Eimer und hatte fürchterlich Durchfall. Ich half ihm in die Hose“, berichtet der Gutachter. H. habe ihm erzählt, dass ein neues Betreu- ungsverfahren durch die Bank in Gang gebracht worden sei. Er habe nämlich sei- ne 700 000 Euro abheben und im Garten vergraben wollen, weil man ihm dumm gekommen sei. Man habe ihm Anlage- produkte aufschwatzen wollen. Doch er könne mit seinem Geld schließlich ma- chen, was er wolle. Der Psychiater ist 83 Jahre alt, noch äl- ter als H. also. Er hielt H. für „ungewöhn- lich eigenwillig“ und auch zu „ungewöhn- lichen Reaktionen neigend“. Aber: „Er war freundlich, na ja, Altersstarrsinn na- türlich. Das Erste, was ich dachte nach der Tat, war: Was ist jetzt mit den Tau- ben?“ Demenz? „Nein, eigentlich nicht.“ Wer nichts wegwerfen kann und sein Haus zumüllt, ist nicht automatisch krank. Wer geizig ist bis zum Fanatismus, eben- falls nicht. Eine handfeste psychische Stö- rung wollte damals niemand von H.s Ei- genheiten ableiten, zumal er im Umgang mit Außenstehenden fröhlich, ja char- mant wirkte. Seine Lebensumstände fan- den zwar alle, die sie zu Gesicht beka- men, erschütternd. Doch wie darauf rea- gieren? Jeder kann doch leben, wie er will, solange er keinen anderen schädigt. Nach der Entlassung aus der Psych- iatrie wurde H. untersagt, das Anwesen der Schwester zu betreten. Nun verwahr- loste er noch mehr und ernährte sich nur noch von altem Brot, das beim Bäcker übrig blieb, und dem wenigen, was die 44 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Deutschland Schwester ihm heimlichvor die Tür stell- gewesen sei. Die 2. Große Strafkammer ten, träten im Alter dann akzentuiert her- te. Mittagstisch beim Schlachter? Nein, des Landgerichts verurteilte ihn jedoch vor. „Aus Vorsicht wird Misstrauen, aus wollte er nicht. Bei der Nachbarin essen? wegen Totschlags zu sieben Jahren. Sparsamkeit Geiz, aus Charakterfestig- Nein, auch nicht. Man kann darüber streiten, ob für ei- keit Eigensinn“, so Schmidt. Das Einfüh- Ein weiterer Gutachter bejahte die Not- nen 77-Jährigen eine so hohe Freiheits- lungsvermögen lasse nach, auch das Ver- wendigkeit einer gesetzlichen Betreuung, strafe nicht einem Lebenslang gleich- ständnis für die Belange der Mitmen- sprach von „Selbstregulationsschwäche“ kommt. Man kann auch fragen, ob das schen. Dafür trete die Ich-Bezogenheit in und einer „Persönlichkeitsstörung, die Gericht das hohe Alter des Angeklagten, den Vordergrund. Werte, die ein Leben schon den Charakter eines Zwangssyn- das ein Strafmilderungsgrund ist, genü- lang gegolten hätten, verschöben sich. So droms“ habe. „Das Haus war nicht mehr gend berücksichtigt hat und ob H. nicht könne ein Mensch, der nie einem anderen geeignet, darin zu leben. Der Mann hatte angesichts der zu erwartenden Ver- etwas zuleide getan hat, plötzlich aggres- sich in schwerster Selbstvernachlässigung schlechterung seines Zustands in der siv werden. Beleidigungen, Kränkungen verfangen“, befand der Gutachter. Neu- Psychiatrie besser untergebracht wäre. und Demütigungen würden intensiver erliche Bemühungen um eine Verbesse- Andererseits fühlt er sich offenbar in der empfunden, die Menschen würden nach- rung der Situation wurden dann von den Haft gut aufgehoben. Möglicherweise ist tragender, unflexibler, weniger kompro- Ereignissen überholt. auch das letzte Wort noch nicht gespro- missbereit und emotional labiler. Denn am 28. September gegen 9.45 Uhr chen, da Verteidiger Rainer Mertins an- H. hat den Gefährten seiner Schwester macht sich H. wieder einmal auf den Weg gekündigt hat, Rechtsmittel einzulegen. als existentiell bedrohlich wahrgenom- zur Schwester. Im Hof begegnen sich die Einer Verurteilung wegen Mordes ent- men. Aus diesem Konflikt fand er nicht Widersacher. Lautstarker Streit, Drohun- ging H., weil sich das Gericht nicht vom mehr heraus. Als er dann ein erstes Mal gen. „Hau ab, du Stinker! Ich säble dir Mordmerkmal der niedrigen Beweggrün- geschossen hatte, konnte er diesem Hand- die Beine weg“, soll der Freund der de überzeugen konnte, das die Staatsan- lungsimpuls nicht mehr Widerstand leis- Schwester geschrien haben. H. schreit zu- waltschaft angenommen hatte. Zusam- ten. Er schoss nochmals. Die Merkmale rück: „Du Mörder, du Raubmörder!“, men mit dem psychiatrischen Sachver- der Binswanger-Krankheit treffen auf ihn greift in seinen Leinenbeutel, nimmt ei- ständigen Harald Schmidt, dem Leiter zu wie aus dem Lehrbuch. nen Revolver heraus und schießt. der Maßregelklinik in Zeven-Brauel, hat- „Hirnorganische Erkrankungen sind die Der in die Schulter Getroffene torkelt ten die Richter in der Hauptverhandlung schwersten psychischen Krankheiten, die und fällt zu Boden. H. geht zu ihm, tippt die besonderen Lebensumstände und die wir kennen“, sagte Schmidt am Ende des ihn mit seiner Krücke an und schießt durch das hohe Alter veränderte Persön- Prozesses. „Schon im Anfangsstadium nochmals. Zielgenau in den Hinterkopf. lichkeit des Angeklagten in einer Weise kann hier die Steuerungsfähigkeit erheb- Er habe sich von dem Mann bedroht herausgearbeitet, die nicht nur die Tat lich reduziert sein.“ Was das auf lange gefühlt, sagt H. später bei der Polizei. Der in einem anderen Licht erscheinen ließ, Sicht bedeutet für die rapide wachsende habe nämlich einen Gegenstand, er mei- sondern auch einen Ausblick eröffnete Zahl alter Menschen, die in Heimen le- ne, eine Sense, gegen ihn erhoben. Tat- in die Zukunft einer alternden Gesell- ben, die zu Hause vereinsamen, die aus- sächlich lag am Tatort eine Holzstange. schaft. gegrenzt und diskriminiert werden – und Die Staatsanwaltschaft Stade klagte H. H., so der Sachverständige Schmidt, lei- vielleicht plötzlich Straftäter sind –, man wegen Mordes an und beantragte auch de an der Binswanger-Krankheit, einer mag es sich gar nicht vorstellen. eine entsprechende Verurteilung, forderte Form der Demenz, die auf den ersten Der Vorsitzende der Kammer, Berend aber nicht lebenslang, sondern zehn Jah- Blick nicht auffalle, aber gleichwohl eine Appelkamp, hat oft einen guten Ton. re, weil die Steuerungsfähigkeit H.s zur Veränderung der Persönlichkeit zur Folge Vom Angeklagten verabschiedete er sich Tatzeit wegen einer krankhaften seeli- habe. Vor allem Eigenschaften, die einen mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen alles schen Störung erheblich eingeschränkt Menschen sein Leben lang charakterisier- Gute, Herr H.“ D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 45
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    Szene Was war da los, Herr Bridges? Ronald Bridges, 63, amerikani- scher Cowboy aus Texas, über Haustiere: „Wildthing wiegt 1100 Kilogramm und ist ein Bison. Er ist stubenrein und verbringt gern Zeit in unserem Wohnzimmer, dann legt er sich hin und lässt sich streicheln. Ich hatte mal 52 Bisons. Aber dann bin ich einmal in einem Teich geschwommen, ein Parasit hat mein Auge be- fallen, und ich bin erblindet. Weil ich mit einem Auge keine Büffelherde mehr kontrollieren konnte, habe ich alle Tiere außer JEFFERY R. WERNER / INCREDIBLEFEATURES.COM Wildthing verkauft. Vor kurzem habe ich mir noch einen zweiten Bison geholt, er heißt Bullet. Er wiegt nur 400 Kilo, aber er ist aggressiv zu Fremden. Mir ge- horchen die Tiere, ich weiß, wie ich sie erziehen muss. Gucken Sie mal genau hin, auf meinem Schoß sitzt ein Wolf.“ Ehepaar Bridges Was haben wir den Holländern getan, Herr de Winter? Am 13. Juni spielt die deutsche Fuß- identifizierst dich mit elf Top-Athleten auch die Holländer, die beim FC Bay- ballnationalmannschaft bei der EM wie mit Kriegern. Wir wollen alle ern spielen, versuchen, die Deutschen gegen die Niederlande. Der nieder- Krieger sein und das andere Team zu verletzen. Das ist gut. Darum geht ländische Schriftsteller Leon de Winter, töten. Den Ball ins Tor zu schießen ist es im Fußball. Elf gegen elf, die sich 58, erklärt die Rivalität der Länder. ritualisierte Vergewaltigung, da kom- die Beine brechen. men unsere archaischen Triebe durch. SPIEGEL: Fußball ist doch kein Krieg! SPIEGEL: Herr de Winter, warum hassen SPIEGEL: Wollen die Deutschen die De Winter: Es ist ritualisierter Krieg. uns die Niederländer? Holländer vergewaltigen? Warum sollte man sonst Fan sein? De Winter: Natürlich hassen wir euch De Winter: Natürlich nicht, aber bei Wir brauchen diesen ritualisierten nicht, aber die Rivalität ist ein Erbe Fußball geht es eben nicht um schöne Krieg, wir brauchen keine echten aus der Nazi-Zeit. Die Niederländer Stafetten und glitzernde Trikots. Es Kriege. können Deutschland nicht verzeihen, geht um Kampf. Vergiss den Rest. SPIEGEL: Wieso gewinnen die Nieder- dass die Nazis ihr Land besetzt haben. SPIEGEL: Wie hat es Ihnen gefallen, als länder eigentlich keine Titel? Ihr habt uns die Fahrräder gestohlen. Frank Rijkaard 1990 Rudi Völler zwei- De Winter: Vielleicht sind die Spieler zu SPIEGEL: Die Fahrräder? mal in die Haare spuckte? verwöhnt und reich. Ihnen fehlt der De Winter: Und zweitens haben die De Winter: Rijkaard hat Völler mit der Hunger für das finale Töten. Gucken Nazis den Holländern gezeigt, was wir Geste zeigen wollen, dass er ein Stück Sie sich Robben an, der ist klug, aber für Feiglinge sind. Scheiße ist. Er hat keine ihm fehlt der Killer- SPIEGEL: Was ist davon heute noch übrig? Reaktion bekommen, das instinkt. M. HELLMANN / PICTURE ALLIANCE / DPA De Winter: Für junge Menschen ist das war eine Enttäuschung. SPIEGEL: Singen Sie mal nur Folklore. Aber vergessen Sie nicht, SPIEGEL: Heute spielen einen schönen holländi- wie viel Spaß Hass bereiten kann. viele Niederländer in der schen Fan-Gesang. Durch Hass macht sich eine Gruppe Bundesliga. Wie hat das De Winter: Hup, Holland, stärker und definiert ihre Identität. die Rivalität der Länder hup. Laat de leeuw niet SPIEGEL: Das klingt ungesund. verändert? in z’n hempie staan. De Winter: Fußball ist angewandter De Winter: Gar nicht, SPIEGEL: Was heißt das? Wahnsinn. Du kannst Gefühle raus- wenn die Nationalflag- De Winter: Lass den Löwen lassen, die du sonst unterdrückst. Du gen hochgehen, werden Völler, Rijkaard 1990 nicht im Hemd stehen. 46 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft Fast wie neu EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Ein Rentner sucht den Sinn des Lebens – und spendet eine Niere. E in paar Tage nachdem Nicholas Kraft, er bekam dafür das Gefühl, dass ein paar Tage später machten Ärzte eine Crace seine Frau beerdigt hatte, er das Richtige tat, sagt er. Röntgenaufnahme seiner Nieren. wählte er die Nummer des Queen- Crace hat keine Kinder, der Border-Ter- „Sie haben Formel-1-Nieren“, sagte Alexandra-Krankenhauses in Portsmouth rier starb, der Spindelmäher wurde zu eine Krankenschwester. Crace schenkte im Süden Englands und sagte: „Guten schwer, der Gemeinderat zu mühselig, ihr einen Strauß Blumen. Tag, ich möchte eine Niere spenden.“ und es kamen kaum noch Touristen ins Er erfuhr, dass rund 6500 Briten auf „Das freut uns“, sagte eine Frau am an- Gefängnis. Er hatte ein schönes Haus mit eine Spenderniere warten. 300 Menschen deren Ende der Leitung. einem Reetdach, und er konnte sich einen sterben jedes Jahr in Großbritannien, be- „Ich bin 82 Jahre alt“, sagte Crace. Gärtner leisten, aber das reichte ihm vor ein Spender gefunden wird. Crace „Oh“, sagte die Frau. nicht. Er setzte sich vor seinen Computer lernte, dass er mit einer einzigen Niere Nicholas Crace wurde am 17. genauso gut leben würde wie mit Oktober 1928 geboren. Als der zwei Nieren. Zweite Weltkrieg endete, hatte Es folgten Ultraschalluntersu- er Hunger gelitten und Nächte chung, Gespräche mit Psycholo- im Bunker erlebt, und er ent- gen, eine Magnetresonanztomo- schied, dass er sich fortan vor al- grafie und ein Belastungstest, lem schönen Dingen widmen für den Crace verkabelt wurde würde. und auf einem Laufband rennen In den Fünfzigern feierte er musste. jeden Abend das Leben. Tags- Crace’ einzige Möglichkeit, sei- über arbeitete er als Buchhalter, ne Niere zu geben, war eine an- schaute in graue Bücher und onyme Spende. Er würde kein SOLENT NEWS & PHOTO AGENCY graue Gesichter und fand wenig Geld bekommen und niemals er- Sinn in seiner Arbeit, abgesehen fahren, wem er seine Niere über- davon, dass sie ihm die Nächte lässt. finanzierte. Es heißt Spende, aber für Ni- In einer dieser Nächte traf er cholas Crace war es ein Tausch. Brigid, ein Mädchen, 18 Jahre alt, Er gab ein Organ und erhielt da- brünett und zart. Er sprach sie an, Crace für die Gewissheit, dass sein Le- er nahm sie mit in die Oper, zu ben jemandem nützt. „Madame Butterfly“, es wurde Lie- Am 6. April dieses Jahres ent- be. Am Hochzeitstag regnete es. nahmen die Ärzte Crace die lin- Brigid arbeitete als Sozial- ke Niere durch ein kleines Loch arbeiterin, und sie war es, die in seinem Bauch. Crace sagte, er solle seine Arbeit Zwei Monate später sitzt er als Buchhalter aufgeben. Tu et- auf seiner Terrasse. Crace erzählt was, das dir einen Sinn gibt, sag- seine Geschichte, als würde er te sie. Er kündigte und arbeitete ein Märchen vorlesen, das er erst für einen Verlag, dann für selbst geschrieben hat. Er lässt eine Organisation, die Schulab- Aus der Münchner „Abendzeitung“ sich Zeit, seine Stimme ist warm gänger in Entwicklungsprojekte und alt. Er trinkt zur Geschichte vermittelt. Dann gründete Crace einen Liter schottisches Ale, das seine eigene Organisation. Er spült die Niere. vermittelte qualifizierte Rentner als kos- und überlegte, wie er sich das Gefühl In seinem Badezimmer hängt ein tenlose Arbeiter an Hilfsprojekte. zurückholen könnte, Teil einer Gemein- DIN-A3-großes Röntgenbild von seiner Er lernte, dass es etwas Besseres gibt schaft zu sein, die ihn braucht. Er war be- linken Niere. Auf einer Kommode im als lange Nächte. Er lernte, wie schön es reit, dafür etwas von sich zu geben. Flur des Hauses, dort, wo andere Men- ist, etwas für andere zu tun. Er tippte „Blut spenden“ in das Such- schen Fotos hinstellen könnten, hat 1998 hörte Crace auf zu arbeiten und feld von Google. Er las, dass er höchstens Crace Karten aufgestellt, von Menschen, kaufte ein Haus auf dem Land und einen 65 Jahre sein dürfe, um Blut zu spenden. die ihm geschrieben haben nach seiner Border-Terrier. Er mähte den Rasen mit Er tippte „Knochenmark spenden“ in das Spende. einem Spindelmäher, er ließ sich in den Suchfeld und las, dass er höchstens 49 Crace sagt, er überlege manchmal, wie Gemeinderat wählen, und manchmal Jahre alt sein dürfe, um sich für eine Kno- sich dieses Gefühl, gebraucht zu werden, führte er Touristengruppen durchs alte chenmarkspende registrieren zu lassen. noch einmal erneuern lasse. Er hat über- Gefängnis seines Ortes. Er tippte „Niere spenden“ in das Suchfeld legt, ob er noch etwas von sich geben Im Jahr 2004 erlitt Brigid einen Schlag- und fand keine Altersgrenze. könnte, aber das sei nun nicht mehr mög- anfall, Crace pflegte sie fünf Jahre, bis Am nächsten Morgen rief er das lich. „Weil ich lebe“, sagt Crace. sie starb. Er gab seine Zeit und seine Queen-Alexandra-Krankenhaus an, und TAKIS WÜRGER D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 47
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    Winzer Karathanos aufseinem Gut in Karditsa: Prediger der Sorgfalt und des Respekts GENUSS Das Blut der Erde Deutsche mögen griechisches Essen, Gyros und Souvlaki. Aber sie verachten griechischen Wein. Sein Ruf ist wie der des Landes. Ehrgeizige Winzer keltern nun gegen die Krise an – und exportieren edle Tropfen nach Deutschland. Von Barbara Supp D rei alte Frauen unter Kopftüchern auf ihr Feld gerollt ist, sie rufen: „Bringt und immer wieder das Wort „Drachme“ zwischen Rebenreihen. Mit schnel- sie her, die deutsche Frau! Sie soll sehen, fällt, das für viele so beängstigend klingt, len Griffen, regelmäßig wie Ma- dass wir nicht faul sind, bringt sie her!“ ist das Auto von Athen aus nach Nord- schinen, brechen sie Triebe ab, damit die Es ist Ende Mai, und während im Ra- westen gefahren, in ein Weinbaugebiet Traube genug Kraft bekommt, sie arbeiten dio die Krise beschrieben, beschrien, von in Thessalien. Zu Menschen, die inmitten und singen, „mein schöner Wein“, singen manchen angeblich auch bewältigt wird, der Krise das tun, was Griechenland so sie, „oh, mein schöner Wein“. Dann er- während der deutsche Finanzminister dringend braucht: Sie produzieren. Zu fahren sie, wer aus dem Wagen steigt, der mit seinen strengen Sätzen zitiert wird Thanos Karathanos, der Winzer ist und 48 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Gesellschaft mit Ökonomie-Examen, hatten sie sich für Athen entschieden. Der Kinder wegen kamen sie zurück. Zurück nach Karditsa, zurück zu Nikos, ihrem Vater, der Tischler ist, nur bis zum Alter von zwölf Jahren zur Schule ging und so stolz darauf war, so stolz darauf ist, dass seine Kinder studiert haben. Natascha und ihre Mutter reichen Tha- nos’ Weißwein und gefüllte Zucchini, Omelett, Salate, was es hier so gibt. „Wir sind vom Schiff gesprungen“, sagt Natascha. Und jetzt? Schwimmen sie. In einem faktisch bankrotten Staat ohne gewählte Regierung, dessen Bürger die alten Politiker unglaublich satthaben und den eisernen Sparkurs nicht mehr er- tragen. Bürger, die jetzt schon wieder wählen müssen, am nächsten Sonntag, und die Angst haben, dass es sich rächen wird, wenn sie die Neuen wählen, dass sie bestraft werden, von den Märkten und von der internationalen Politik. Nichts er- warten von diesem Staat, das ist der An- satz von Thanos Karathanos. Das Über- leben, das Weiterleben organisieren. An- dere dazu animieren, dass sie dasselbe tun. Eine „erstklassige Landwirtschaft“ sol- le Griechenland bekommen, die künftig „die Identität des Landes prägen“ werde, so warb Georgios Papandreou, der dama- lige Premierminister, im vergangenen Jahr. Und Karolos Papoulias, der Staats- präsident, sah in einer dynamischen Agrarpolitik den „sicheren Weg“ zur Ret- tung aus der Krise. MARO KOURI / DER SPIEGEL Ein Drittel der Fläche Griechenlands wird landwirtschaftlich genutzt, erwirt- schaftet werden damit zurzeit nur drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Man kann Papoulias’ Worte als fernen, unrea- lisierbaren Traum verstehen. Oder als Er- mutigung, Thanos Karathanos hat be- Präsident des Verbands der griechischen gut 800 Meter Höhe mit Blick auf den schlossen, sie als Ermutigung zu verste- Weinkundler. Der nicht nur vom Wein Plastira-Stausee, 140 Betten, Wellness, hen. Der Wein gedeiht in seiner Heimat. viel versteht, sondern auch von den Men- Spa, in dem Ersparnisse der Familie ste- Gute rote Erde, gute Traubenqualität. schen in seiner Heimat. Ein schmaler cken, viel Arbeit aus Nikos’ Tischlerwerk- Was die Welt leider nicht richtig zur Mann von 47 Jahren, der manchmal auf statt, Wirtschaftsfördermittel und Geld Kenntnis nimmt, bisher. Schon gar nicht in dem Feld zwischen seinen Weinstöcken von der Bank. Und nun Thanos mit sei- Deutschland, wo man mit Udo Jürgens den sitzt und Haikus schreibt, Gedichte in ja- nem Wein. Seit 4000 Jahren machen die „griechischen Wein“ besingt, der angeblich panischer Tradition, worüber er nur mit Griechen Wein, kann es sein, dass darin „wie das Blut der Erde“ sei. Und dabei leicht verlegenem Lächeln spricht. eine Hoffnung liegt? immer Retsina, Retsina, Retsina meint. Zu finden ist er in der Provinzstadt Abseits von Athen reißen die Leute Ro- Thanos Karathanos ist ein Mensch, der, Karditsa, zwischen Schwiegervater, senstöcke heraus und pflanzen Kartoffeln. seinen Jeep durch Serpentinen steuernd, Schwiegermutter, Schwager, Frau und Abseits von Athen mit seinen Armen- eine Vorlesung halten kann über grie- zwei Kindern im halbschattigen Hof eines küchen und Obdachlosen, wo rau und chische Geschichte und den Wein. Im Wohnhauses, das in Deutschland eine sehr direkt zu spüren ist, was geschieht, zweiten Jahrtausend vor Christus beginnt Kleinfamilie beherbergen würde, hier wenn man Teil eines Experiments wird: diese Geschichte auf Kreta, die Römer sind es drei. Vor drei Jahren lebte er noch Wie ist es, wenn ein Staat zusammen- lernten von den Griechen, wie man die als leitender Angestellter einer Weinfirma bricht? Wenn die Kaufkraft schwindet, Weinstöcke behandeln soll, dass man Re- mit Frau und Kindern in Athen. weil die potentiellen Käufer nur noch die ben schneiden muss, für besseren Ertrag. Jetzt ist er einer von denen, die selbst Hälfte verdienen oder gar nichts mehr? Verkaufsvorschriften, Herkunftsbezeich- etwas versuchen, hier auf dem Land. Alle Und die Steuern steigen – auf Treibstoff, nungen, das hatten sie schon in der Anti- versuchen etwas, mit Herzklopfen zum auf Lebensmittel und Getränke, auf alles, ke, und harte Strafen für Betrug. Trinken, Teil. Nikos Galagalas, der Schwiegervater, was man braucht. aber maßhalten, empfahl der Arzt Hip- mit einem Möbelhaus in Karditsa. Dimi- Der Kinder wegen, sagt Thanos’ Frau pokrates. Symposien, sagt er, also mehr tris, der Schwager, mit einem Hotel auf Natascha, eine schwarzhaarige Schönheit Reden als Trinken, das war die Sache der D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 49
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    Gesellschaft hat: Frauen in feiner Bluse, die im Müll nach Essen gruben. Männer mit Rollkof- fern, die aussahen, als wollten sie zum Flughafen, aber sie suchten einen Platz für die Nacht. „Du bist doch Kosmopolit, was willst du in der Provinz?“, fragten die Athener Freunde, als Thanos, Vater von zwei Kin- dern und Alleinverdiener, das teure Le- ben in Athen aufgab und zurück nach Karditsa ging, um das Land seines Vaters zu bebauen. Thanos steht jetzt im eigenen Weingar- ten, und er lacht. Steht zwischen Roditis und Batiki und Limnio und Xinomavro MARO KOURI / DER SPIEGEL und Assyrtiko, das sind Traubensorten, die es nur in Griechenland gibt, das ist griechischer Wein. Eben nicht das, was die Deutschen tra- ditionell unter griechischem Wein verste- Erntehelferin in Karditsa: „Bringt sie her, die deutsche Frau!“ hen. Als in Deutschland in den siebziger Jahren die ersten „Taverna Mykonos“ Griechen. Orgien: Das waren die Römer. Deutschen, 1941, die über 400 000 Tote und „Athena-Stuben“ eröffneten, war es Wer Wein ohne Wasser trank, war für die und ein ausgeplündertes Land hinterließ. mehr die Freundlichkeit der Wirte, die alten Griechen ein Barbar. An den Bürgerkrieg zwischen 1946 und aus Gästen Stammgäste werden ließ, als Eine abgeschiedene Gegend ist dieses 1949, der wieder Verelendung brachte, das, was man zu Tsatsiki und Souvlaki westliche Thessalien, auch zur Zeit der zerstörte Felder, Hungersnot. trank. Den geharzten Retsina eben. Oder osmanischen Herrschaft wurde weiter ge- Sein Vater, sagt Thanos Karathanos, etwas fragwürdiges Halbsüßes. Oder et- keltert, auch unter muslimischer Herr- habe die Not von damals sein Leben lang was Braunrotes, von dem Fachleute sagen schaft, wenigstens für den Eigenbedarf. mit sich herumgetragen. würden: Aha. Oxidiert. Die Region war ein Ort der Kämpfer, der Lernt, geht in die Fremde, brachte der Dass es seit den späten achtziger Jah- Partisanen. Der Plastira-Stausee, an dem Vater seinen Kindern bei. Thanos zog mit ren große Gewächse aus Griechenland Thanos Karathanos sich jetzt entlang- 17 Jahren nach Athen. gibt, erst internationale Sorten wie Mer- schlängelt, um dessen Schönheit zu zei- lot, Syrah, Cabernet Sauvignon, jetzt gen, war früher kein See, sondern Acker- auch die griechischen Reben, bekamen und Weideland. Und, von 1943 bis 1944, Mit der Drachme die Deutschen „beim Griechen“ nicht mit. war dort ein Flughafen, der nachts mit würden alle Importe Und schon gar nicht in ambitionierten Hilfe von Partisanen von den Alliierten Esslokalen, wo man Französisch, Italie- benutzt wurde. Tagsüber hielten ihn die teurer, Flaschen, Korken, nisch, Südafrikanisch oder Argentinisch Kämpfer mit Büschen getarnt. trinkt. Griechisch? Um Gottes willen. Ret- Es ist ein kompliziertes Verhältnis zwi- Maschinen, Papier. sina womöglich? schen Deutschen und Griechen, kompli- Die meisten griechischen Weinbauern zierter, als es lange Jahre erschien. Erst Vorhin, während der Fahrt zu seinem waren nicht Winzer wie in Deutschland, waren die Deutschen Angreifer und Be- Hof, war der Jeep an der Agrarkoopera- Frankreich oder Italien; sie lasen ihre Trau- satzer. Dann wurden sie Feriengäste. Jetzt tive von Karditsa vorbeigefahren, sie ben und gaben sie an größere Privatabneh- sind sie die Schulmeister, die strenger als sieht erledigt aus, bröckelnde Dächer, ris- mer oder an Genossenschaften weiter, andere das Sparen fordern und mit der sige Mauern, hier wurde Baumwolle ver- machten den Wein nicht selbst. Die EU, Drachme drohen. arbeitet, das lohnt sich nicht mehr, seit mit ihren Subventionen, förderte Moder- Auf dem Hof von Thanos Karathanos, die EU sie kaum noch fördert und die nisierung und Internationalisierung. För- vor Kühltanks, erzählt ein Winzer im Ren- hochsubventionierte US-Baumwolle den derte aber auch, als die Weinmengen euro- tenalter, dass er früher in Kiel war, U-Boo- Markt beherrscht. Wein und Tsipouro, paweit zu groß wurden, mit ihrer Rodungs- te bauen. Er kam zurück und verlegte sich den griechischen Grappa, produziert die prämie das Aussterben der griechischen auf Weinbau und erzählt jetzt mit fühlba- Kooperative immer noch. Thanos’ Vater, Rebsorten, ein Vorgang, der Karathanos rer Erleichterung, dass die Tochter bleiben eigentlich Landwirt, war dort in der Ver- „so schrecklich wie die Reblaus“ erscheint. will und weitermachen; raus in die Welt waltung beschäftigt. Der Junge sprang Karathanos denkt hartnäckig über sein oder zurück aufs Land, das ist ja die Ent- auf dem Gelände herum, hielt die Nase eigenes Weingut hinaus. Er freut sich, dass scheidung für die jungen Leute in diesen in Fässer und beschloss: Das ist mein Le- es, seit den neunziger Jahren, griechische Tagen. Er erzählt, bringt kalten Trester- ben, später – der Wein. Weine gibt, die internationale Preise ge- schnaps zum Anstoßen, und dann schiebt Er studierte Chemie, dann Önologie, winnen und internationalen Respekt. Die sich mühsam, gestützt auf ihre Gehhilfe, die Kunde des Weins. Reiste durch die erfolgreichen Brüder Lazaridi beispiels- seine Mutter aus dem Haus. Schwarz ge- Welt. Reiste nach Jamaika, in die USA, weise, Quereinsteiger aus der Marmor- kleidet von oben bis unten, gebückt, 91- nach Mexiko, Guatemala, Kuba, Chile, branche, oder die Domäne Hatzimichalis, jährig, ach, aus Deutschland ist der Be- Uruguay, Argentinien; überallhin, um zu deren Gründer aus der Elektrobranche such. Es sieht aus, als fliege ein Schatten studieren, wie man dort Wein anbaut und kam. Domäne Evharis in Attika, von ei- über ihr Gesicht, aber dann wünscht sie Hochprozentiges destilliert. In den Acht- nem deutsch-griechischen Winzerpaar ge- Gottes Segen, allen, ohne Unterschied. zigern war er unterwegs, Mitte der Neun- gründet, die seit 15 Jahren international Die fürchterlichen Jahre sind nicht ver- ziger wieder und 2004 in Argentinien, im Geschäft ist und Interessantes wie ei- gessen, noch gibt es Überlebende, und nicht lange nach der Staatspleite. Er sah nen weißgekelterten Syrah oder einen As- die erinnern sich. An die Invasion der Dinge, die er jetzt auch in Athen gesehen syrtiko sur Lie produziert. Domäne Siga- 50 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    las auf Santorin,die seit Jahren vom ame- regelmäßig bezahlt, aber glücklich, wenn Die Weinbaukooperative von Tirnavos, rikanischen Kritikergott Robert Parker man ihn dort trifft. Wenn seine Studenten, erzählt dort eine freundliche 28-jährige hervorragende Wertungen bekommt. nach der Zukunft befragt, eigensinnig auf Önologin, habe den zweitägigen Warn- Karathanos selbst, erst seit drei Jahren „Griechenland! Griechenland! Griechen- streik schon hinter sich. Gestreikt wurde, hauptberuflich Winzer, baut biologisch land!“ bestehen. weil die Löhne nun auch in den Weinkoope- an, „Chilia Klimata“ nennt er seinen Wir konnten es mal, das ist die Bot- rativen drastisch gekürzt werden sollen. Wein, „Tausend Wetter“, macht 10 000 schaft des Thanos Karathanos, und wir Die Kooperative besitzt neue tempe- Flaschen im Jahr, das ist fast nichts. Lang- können es wieder. rierbare Stahltanks, helle Lagerhallen mit sam, sagt er, Schritt für Schritt wolle er Als es noch reichlich EU-Subventionen Großflaschen Retsina, aber auch Unge- aufbauen, und dass das eigentlich nur ein gab und nach der Euro-Einführung Kre- harztes wie Roditis, Muscat, Syrah, be- Teil seiner Aufgabe sei, er ist ja Önologe dite für alles und jeden, verschuldeten sitzt moderne Abfüllanlagen, in denen und Berater, berät gegen Geld, wenn je- sich die einen für Urlaub und Mercedes, im Moment die Sorte Roditis in Plastik- mand Geld hat, und kostenlos, wenn es die anderen gaben Geld für sinnvolle Din- flaschen fließt, das macht die Krise. Plas- befreundete Nachbarn sind. ge aus, Keltern mit neuer Technik bei- tik ist billiger. Ein Prediger der Sorgfalt und des Re- spielsweise. Hier im westlichen Thessa- Der Geschäftsführer, Evagelos Sikalos, spekts vor der Ware, das ist Thanos Ka- lien geschah viel zu wenig, warum? sitzt im Konferenzraum und atmet pfei- rathanos. Welche Hefe für die Gärung Zu viel Abneigung gegen Neues viel- fend nach einer Krebsoperation am Kehl- nehmen, wie lange bleibt der Wein auf leicht, zu wenig Unternehmergeist – das kopf. Aber er redet weiter, arbeitet weiter der Hefe liegen, bei welcher Temperatur? ist eine Vermutung. als Chef einer Genossenschaft mit 500 Wie wäre es mit Barrique, würde ihm die Die andere Vermutung – es gibt immer Mitgliedern, deren Wein sie keltern und Lagerung im kleinen Eichenfass gut be- gute Gründe in Griechenland, wenn et- vermarkten. 66 Angestellte sind damit be- kommen? Wie wäre es, wenn man, für was nicht passiert. Wenn Anträge nicht schäftigt, fünf Millionen Liter Wein, eine eine Weißwein-Cuvée, den klaren, fri- bearbeitet werden, wenn sie liegen und halbe Million Liter Tsipouro und ein we- schen Assyrtiko mit dem aromatischen, liegen und liegen, weil etwas fehlt. Ein nig Ouzo zu produzieren. Und Trauben- nach Aprikose duftenden Malagousia kleiner Umschlag vielleicht. Das alte grie- saftkonzentrat aus überzähligen Trauben. kombiniert? Und bei den Roten: der Sy- chische Problem. Schön wäre es, wenn Deutschland das rah vielleicht mit dem Xinomavro? Und Am nächsten Tag soll die Kooperative Zuckern von Wein verbieten würde und ein wenig Merlot dazu? von Karditsa besucht werden, der zerfalle- stattdessen Traubensaft vorschreiben wür- So etwas probiert er im eigenen klei- ne Rest, der einst der Arbeitsplatz von Tha- de, man könnte dann wunderbar diesen nen Keller aus, im Elternhaus seiner Mut- nos’ Vater war, aber die Kooperative ist ge- Sirup exportieren. ter. So etwas unterrichtet er auch, am schlossen, Streik. Stattdessen fährt der Jeep Ja, sagt der Geschäftsführer, der Ex- Fachbereich Lebensmitteltechnik der nun nach Tirnavos, nach Nordosten durch port, es stimmt, wir exportieren zu wenig, Hochschule in Karditsa, schlecht und un- die thessalische Ebene, Richtung Olymp. 95 Prozent gehen in den Heimatmarkt,
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    Gesellschaft Er blickt zum Fenster hinaus, zum Stau- see, wo im Zweiten Weltkrieg der Flug- hafen der Partisanen war. Er erzählt, dass er in einer Kate groß wurde, mit einem Vater, der Schafe und Kühe hielt, kein richtiger Bauernhof, nur ein paar Stück Vieh. Nach sechs Schuljahren verließ er die Schule, wurde Tischler, weil es ihm bei einem Onkel in der Werkstatt so gut gefiel. Mit 15 brauchte er einen Pass und wunderte sich, dass der eingetragene Ge- burtsort ein anderer war, als er geglaubt hatte. Ein Arzt wollte etwas wissen über Krankheiten in seiner Familiengeschichte, Nikos ging nach Hause und fragte ein MARO KOURI / DER SPIEGEL bisschen, so erfuhr er es dann. Dass sein Vater nicht sein Vater war. Dass sein echter Vater von den Deutschen als Partisan erschossen worden war. Die Überlebenden hatten ihn zu diesem Familie Karathanos beim Abendessen: „Wir brauchten einen Deutschen, der uns regiert“ Mann mit den Kühen und Schafen gege- ben, den er Vater nannte, er nannte ihn nur 5 Prozent ins Ausland, nach Austra- portwaren kaufen müssen. Flaschen. Kor- weiterhin Vater. Das alles, sagt Nikos Ga- lien zum Beispiel, ein bisschen nach ken. Maschinen. Treibstoff. Papier. lagalas und blickt aus dem Fenster, war Deutschland, vor allem halbtrockener Thanos Karathanos verdient nicht viel eben so. Vor sechs, sieben Jahren erfuhr Weißer. Wir brauchen den Weltmarkt. mit seinem Wein, ein kleines Zubrot, bis- er, dass er einen Bruder und eine Schwes- Kürzlich waren wir auf der Messe in her, zum Dozentenberuf. Eine Flasche ter hatte, die traf er dann. Was sie erzählt Shanghai. verkauft er für acht bis zehn Euro. Die haben, über seinen leiblichen Vater, seine Ja, die Streiks, sagt der Geschäftsführer, Hälfte davon, rechnet er, sind Produk- Mutter? Nicht viel, sagt er. Er wechselt natürlich sind sie nicht erfreulich. „Aber tionskosten. Davon wiederum die Hälfte das Thema. ich kann die Menschen verstehen. Nie- bezahlt er für importierte Ware, und Er schafft Kaffee und Tee heran, für mand macht das gern. Jeder Streiktag ist dieser Anteil von zwei bis drei Euro pro die Reise, als der Besuch sich verabschie- für die Menschen ein Opfer“, ist ein Tag, Flasche würde sich dann ja verdoppeln, det. Er will nicht Opfer, er will Gastgeber an dem sie nichts verdienen. Ein Buch- wenn die Drachme kommt. sein. Er sagt: „Sagen Sie den Leuten in halter, fünf Berufsjahre, soll jetzt knapp Und die Kundschaft würde noch weiter Deutschland, sie sollen herkommen.“ Er 800 statt 1100 Euro verdienen. Ein Arbei- verarmen, wer soll da noch Möbel kaufen, bleibt zurück in einem ziemlich leeren ter 510 anstatt der 780, die es bisher gab. gut essen und trinken, verreisen, Über- Hotel. „Es steht Schlimmes bevor“, sagt der nachtungen bezahlen? Ob dann die Deut- Die Hoffnung will es, dass die Deut- Direktor, und sein Atem pfeift. „Die Leu- schen kämen? Vielleicht. Es müsste schen kommen, dass sie auf Nikos’ Mö- te können nicht mehr.“ schnell gehen, damit es hilft. Sehr, sehr beln sitzen, in Dimitris’ Betten übernach- Am Abend erzählt Natascha Karatha- schnell. ten und Thanos’ Wein trinken werden. nos, dass sie jetzt überlegen, was sie künf- Von dem Bild ist jetzt die Rede, das Die Statistik sagt, dass die Deutschen tig auf den Feldern anbauen werden, sich die Welt gerade von Griechenland dieses Jahr sehr zurückhaltend darin sind, die Thanos’ Vater hinterlassen hat. Was macht. Es sei ein Land, so heißt es, das nach Griechenland zu fahren. braucht der Mensch, was brauchen sie? durchgefüttert werden müsse, weil es be- Sie sagt noch etwas anderes. Deutsch- Hülsenfrüchte, Getreide und Reben. Sup- wohnt sei von faulen Menschen. Ein land, so steht es in der Handelsbilanz, ist, pe, Brot und Wein. Land, in dem Straßenkrieg tobt und Au- neben Italien, der wichtigste Handelspart- Sie halten ein Symposium ab an die- tos brennen. Ein Land, das an Schatten- ner für Griechenland. Eine einseitige Sa- sem Abend, im Hotel Kazarma, dem Fa- wirtschaft, Bürokratismus und Korrup- che, und die Griechen importieren mehr milienhotel, etwas Wein und viel reden. tion erstickt. als doppelt so viel, wie sie nach Deutsch- Am 17. Juni soll wieder gewählt werden, Der erste Vorwurf wird mit müder Iro- land exportieren. am Tisch sind fünf Menschen, sechs Mei- nie zurückgewiesen. Der zweite als Über- Aber eine kleine Zahl steht da, in der nungen, so sagen sie selbst, aber einig treibung betrachtet. Für den dritten hält Außenhandelsstatistik des deutschen sind sie darin, dass sie nicht mehr wissen, jeder am Tisch anschauliche Beispiele Landwirtschaftsministeriums, in der sich worauf sie hoffen sollen. bereit. eine klitzekleine Hoffnung versteckt. Für Wenn die Altparteien gewinnen, Pasok Korruptionsgeschichten werden erzählt 26 Millionen Euro schickten die Griechen und Nea Demokratia, dann geht das er- und sarkastisch belacht. „Wir brauchten im Vorjahr Wein zu den Deutschen. Im barmungslose Sparen noch weiter, kann einen Deutschen, der uns regiert“, das ist Jahr 2010 waren es nur 23,8. man das ertragen? Wenn man den Neuen so ein Scherz, der immer wieder mal zu Unter vielen Minussen ein ganz klei- nimmt, den jungen Tsipras von der Lin- hören ist, auch an diesem Abend hier. nes, ganz zartes Plus, für griechischen ken, wird dann passieren, was keiner von Nicht jeder am Tisch sieht so aus, als halte Wein. ihnen will: Abschied vom Euro? Von er ihn für einen guten Witz. Europa gar? Wenn dann die Drachme Am nächsten Morgen kommt Nikos, käme? Alles Importierte, also fast alles der Tischler, Thanos’ Schwiegervater, und Video: in Griechenland, würde unglaublich teuer leistet Gesellschaft beim Frühstück. Ges- Weinprobe bei werden, die Drachme würde ja vermut- tern hatte jemand etwas über seine Ge- Thanos Karathanos lich um die Hälfte abgewertet. Nicht nur schichte erzählt, es ist ihm peinlich, da- Für Smartphone-Benutzer: Dimitris mit seinem Hotel, auch Thanos nach gefragt zu werden, aber dann spricht Bildcode scannen, etwa mit mit seinem Wein würde ja weiterhin Im- er doch. der App „Scanlife“. 54 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    MITTELHERWIGSDORF Rübergemacht ORTSTERMIN: Auf einer Busreise durch Ostdeutschland suchen junge Ostdeutsche nach dem Osten. E s gibt eine Frage, die sie von Berlin Studium, im Moment schreibt er an seiner 150 Leute kamen. Sie schrieben einen aus nicht klären konnten, sagt Jo- Doktorarbeit. neuen Antrag, diesmal für ihre Expedi- hannes Staemmler. „Was ist da ei- Johannes Staemmler war sieben Jahre tion. Wenn sie den Osten erklären wollten, gentlich los, in Ostdeutschland?“ alt, als die Mauer fiel. Er wuchs in Dres- anstelle der alten Männer, mussten sie Staemmler klingt wie der Teilnehmer den auf, aber das kann man kaum noch ihn kennenlernen. Sie waren schließlich einer Expedition in ein unbekanntes Ge- hören. Er hat sich den weichen Dialekt alle schon lange weg. Berlin zählte nicht. biet. Seine Gruppe ist bis nach Mittelher- seiner Heimat schon als Jugendlicher in Auf die Flyer für ihre Tour ließen sie wigsdorf in der Oberlausitz vorgedrun- Dresden abgewöhnt. Abtrainiert, sagt er. eine Karte mit den Umrissen der DDR gen, es ist der östlichste Punkt ihrer Reise Niemand sollte gleich merken, dass er drucken. Sie waren in Schwedt, in Neu- durch den Osten, die nächstgelegene aus dem Osten kommt. brandenburg, in Schwerin, sie haben mit große Stadt ist Liberec in der Tschechi- Aus dem Osten kamen Stasi-Leute, Schülern und älteren Leuten gesprochen. schen Republik, auch die Grenze zu Po- Neonazis, Arbeitslose. Witzfiguren, bes- Es gibt viele Kulturprojekte im Osten, so len ist nicht mehr weit weg. Als er vorhin tenfalls. „Ach, hätte ich jetzt gar nicht ge- viel können sie schon sagen. Es wird auch ankam, hat Staemmler als einiges aufgearbeitet, am Erstes versucht, auf seinem Nachmittag haben sie in Handy eine Internetverbin- Bautzen das alte Stasi-Ge- dung herzustellen, aber er fängnis besichtigt. Der konnte kein Netz finden. Mann, der sie durch die Ge- Auf seinen Knien liegt ein denkstätte geführt hat, war Schreibblock. Anfang dreißig. Sonst ha- Er schaut die Menschen ben sie bisher nur wenig an, die um ihn herum in Gleichaltrige getroffen. Die einem Stuhlkreis in der dritte Generation hat rüber- „Kulturfabrik Meda“ sitzen. gemacht, so wie sie. SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL Sonst finden hier Kino- „Dritte Generation Ost, abende statt. Etwa 30 Leute könnt ihr damit was anfan- sitzen im Kreis, die Hälfte gen?“, fragt eine Frau aus gehört zu der Gruppe, mit Staemmlers Gruppe in Mit- der Staemmler am späten telherwigsdorf. Nachmittag angereist ist, in Tja, sagt ein Mann. Er sei einem großen, silbernen Jahrgang 1975 und gehöre Bus, auf dem der Schrift- demnach wohl dazu. Ron- zug „3te Generation Ost- ny Hausmann ist Restau- deutschland“ steht. rator, hat vier Kinder und So nennt sich ihre Reise- Tourist Staemmler (l.): „Integrationsleistung erbracht“ ist nie aus der Oberlausitz gruppe. Sie erkunden das weggezogen. Er habe einen Land, aus dem sie selbst Vorschlag für die Gruppe kommen. Sie reisen durch aus Berlin. den Osten, weil sie aus dem Osten sind. dacht, dass du aus dem Osten bist“, die- „Ostdeutschland, wollt ihr das Wort Aber was bedeutet das heute noch? sen Satz höre er ständig, erzählt Staemm- nicht weglassen?“ Er habe das Gefühl, „Wir wurden zwischen 1975 und 1985 ler in Mittelherwigsdorf. Lachen im Saal. dass Deutschland auf einem guten Weg in der DDR geboren“, sagt Staemmler, Die meisten hier kennen den Satz gut. sei. Der Osten sei doch nichts Besonderes Jahrgang 1982, in der Kulturfabrik. In Staemmler sagt, dass er sich nicht mehr mehr. Vor allem kein Problemfall. Ein an- einem Papier, das sie vor der Reise ge- über diesen Satz freuen wollte. Er lebt derer Mann meldet sich, ihm gehe es da schrieben haben, steht, dass es 2,4 Mil- jetzt in Berlin. An einem Sommerabend ähnlich. „Ich meine, ich war neun Jahre lionen Menschen gibt, auf die das zutrifft vor zwei Jahren saß er mit Bekannten zu- alt, als die Mauer fiel.“ und die zu ihnen gehören könnten. Zur sammen, denen es ähnlich ging. Es war Johannes Staemmler macht sich Noti- dritten Generation der Ostdeutschen, die kurz vor dem großen Einheitsjubiläum. zen. Vielleicht sind sie zu spät dran. Der zugleich die erste ist, die nach der „Wir hatten auch genug davon, dass stän- neue Bundespräsident, den alle so mögen, Wiedervereinigung erwachsen wurde, in dig nur ein paar alte Männer den Osten kommt aus dem Osten. Die Kanzlerin so- Freiheit und Demokratie. So klingt das erklärten“, sagt Staemmler. Die anderen wieso. Die Band Kraftklub ist in den oft in Politikerreden, es ist die Spra- kamen aus Rostock oder Hoyerswerda, sie Charts, die Musiker sind Anfang zwanzig che, mit der sonst in Deutschland über arbeiteten bei Stiftungen und Instituten, und kommen aus Karl-Marx-Stadt. So Einwanderer gesprochen wird. Und als Soziologen oder Politikwissenschaftler, nennen sie die Stadt wieder. Wahrschein- manchmal fühlt Staemmler sich auch so wie er. Wie man Konzepte und Anträge lich wird der Osten jetzt cool. Johannes so. schreibt, hatten sie im Westen gelernt. Staemmler könnte eigentlich wieder an- Er sagt über sich selbst: „Ich habe mei- Die „Bundesstiftung Aufarbeitung“ fangen, sächsisch zu sprechen. ne Integrationsleistung erbracht.“ Abitur, gab ihnen 40 000 Euro für eine Konferenz. WIEBKE HOLLERSEN D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 55
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    Trends LANDESBANKEN Fragwürdiger Verzicht Mit offenbar zweifelhaften Begründun- gen hat der Freistaat Sachsen auf die juristische Verfolgung von Politikern verzichtet, die in den Beinahe-Zusam- menbruch der Landesbank involviert waren. Bislang wurde darauf verwie- sen, bei damaligen Mitgliedern des Verwaltungsrats und Kreditausschus- ANDREAS KÖRNER / WIRTSCHAFTSWOCHE ses seien keine erheblichen Summen einzutreiben. Das ist zumindest frag- würdig, denn die Räte waren durch eine Organ-Haftpflichtversicherung abgesichert. Aus Schreiben des Ver- sicherers AIG Europe geht hervor, dass die Risiken von Verwaltungsrat Schlecker-Kinder Lars, Meike und Kreditaus- schuss der Sach- sen LB womög- HANDEL lich abgedeckt wa- WALTRAUD GRUBITZSCH / PICTURE-ALLIANCE / DPA ren. Eine Prüfung der Vorgänge in der Bank im Auf- trag des Finanz- Ver.di will Anton Schlecker verklagen ministeriums hat- Die Gewerkschaft Ver.di ist fest entschlossen, Anton Schlecker, den Gründer der in- te 2010 ergeben, solventen Drogeriekette, zu verklagen, falls sich die Vorwürfe über strittige Immobi- dass sechs Mitglie- lien-Deals und das Vermögen der Familie bestätigen. So hat Anton Schlecker kurz der des Kredit- vor der Insolvenz ein Zentrallager samt Grundstück im steirischen Gröbming für 2,8 ausschusses „ihren Millionen Euro sowie die Österreich-Zentrale bei Linz für 1,8 Millionen Euro an seine Pflichten nicht Kinder Meike und Lars Schlecker verkauft. Bereits vergangene Woche war bekannt- Sachsen-LB-Zentrale 2007 hinreichend nach- geworden, dass der Pleitier ein Logistikzentrum in Österreich an seine Kinder veräußert gekommen“ seien. hatte. Alle drei Deals mit einem Gesamtvolumen von sieben Millionen Euro sollen Die mit dem Fall beauftragte Kanzlei erst mehr als einen Monat nach dem Insolvenzantrag beurkundet worden sein. Außer- hatte dem Ministerium deshalb eine dem soll der Kaufpreis unter dem Marktwert liegen. Durch den innerfamiliären Verkauf Klage ausdrücklich empfohlen. Der wurden die Immobilien der Insolvenzmasse entzogen. Schlecker-Insolvenzverwalter Freistaat verzichtete jedoch unter Hin- Arndt Geiwitz könnte dies anfechten. Offiziell wollte Ver.di die angestrebte Klage weis auf „Rechts- und Prozessrisiken“ nicht bestätigen, eine Sprecherin teilte aber mit, es sei „sehr verwunderlich, dass die und „hohe Kosten“. Sachsen bürgt für Immobilienverkäufe jetzt bekanntwerden, wo der Insolvenzverwalter angeblich schon die inzwischen notverkaufte Bank mit vor Monaten Schlecker auf Vermögensverschiebungen hin überprüft hat“. In einem 2,75 Milliarden Euro, gut 300 Millio- anderen Punkt war Geiwitz gegenüber den Kindern Meike und Lars härter: Er soll ih- nen Euro wurden bereits fällig. Bis- nen ihre Autos weggenommen haben, weil Besitznachweise fehlten. Die Wagen – dar- lang klagt der Freistaat nur gegen unter mindestens ein Porsche – wurden der Insolvenzmasse zugeschlagen. Weder die ehemalige Vorstände des Geldhauses Schlecker-Kinder noch der Insolvenzverwalter wollten sich zu den Vorgängen äußern. auf Schadensersatz. STEUE RABKOM M EN andere Steueroasen abfließe. Er fordert deshalb, alle Vermögen zu ZAHL DER WOCHE berücksichtigen, „die zum Zeitpunkt Stuttgarter Kompromiss der Unterzeichnung des Vertrages im In den Streit um das deutsch-schweize- rische Steuerabkommen kommt Be- wegung, Baden-Württembergs Finanz- April dort lagen“. Bis zum geplanten Inkrafttreten zum 1. Januar 2013 hät- ten Schwarzgeldsünder Zeit, ihre Kon- ten zu räumen. Die – ebenfalls stritti- 680 Millionen Euro betrug 2010 der geschätzte minister Nils Schmid (SPD) zeigt sich ge – Höhe der Besteuerung ist Schmid Umsatzverlust für die deutsche kompromissbereit. Schmid ist Ver- dagegen weniger wichtig: „Das Musik- und Filmindustrie durch handlungsführer des sozialdemokra- Abkommen sollte am Ende nicht an tischen Lagers, das das Abkommen ein paar Prozentpunkten scheitern.“ illegale Downloads. bislang blockiert. Wichtigste Voraus- Geplant ist, Altvermögen mit 21 bis 41 Quelle: House of Research für das setzung für eine Zustimmung im Bun- Prozent nachzuversteuern. Finanz- Medienboard Berlin-Brandenburg und desrat sei, so Schmid, dass nicht weite- minister Wolfgang Schäuble ist bereit, den Computerspieleverband Game res deutsches Geld aus der Schweiz in der SPD entgegenzukommen. 56 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft TEXTILINDUSTRIE Kreuzfahrtschiffbühne Gemeinsame Standards Künftig wollen die weltweit größten Bekleidungsunternehmen mit gemein- samen Standards messen, wie umwelt- freundlich und sozialverträglich ihre T- Shirts, Hosen und Schuhe hergestellt werden. Dafür haben sich unter ande- ROBERT CHIASSON / PICTURE ALLIANCE / DPA rem die Otto Group, H&M, Nike, Adi- das, Gap, Inditex und Walmart zur „Sustainable Apparel Coalition“ zu- sammengeschlossen. Von Juli an soll anhand eines eigens entwickelten Indexes etwa der Wasser- und Energie- verbrauch, aber auch der Einsatz von Chemikalien bei der Textilproduktion erfasst werden. Außerdem sollen die sozialen Bedingungen in den Produk- tionsländern verbessert werden. Der K R E U Z FA H R T E N gehören, liegt das Wachstum momen- Index erfasst Daten von der Rohstoff- tan bei plus sieben Prozent gegenüber gewinnung über die Weiterverarbei- dem Vorjahr. „Zunächst haben auch tung bis hin zur Nutzung des Produkts durch die Kunden. Spätestens ab Ende Ungebrochener Boom wir eine leichte Zurückhaltung vor al- lem bei Kreuzfahrtneueinsteigern und des Jahres sollen erste Kleidungs- Das Unglück des Kreuzfahrtschiffs ein stark erhöhtes Informationsbedürf- stücke einen Anhänger tragen, auf „Costa Concordia“ hat offensichtlich nis zu Fragen der Sicherheit regi- dem genau diese Daten zu finden sind. keinen nachhaltigen Einfluss auf das striert“, sagt Royal-Caribbean-Deutsch- Kunden können dadurch zum ersten Buchungsverhalten der Deutschen. Im land-Chef Tom Fecke. Seit einigen Wo- Mal die Produktionsbedingungen Gegenteil: Der Kreuzfahrtsektor chen habe die Nachfrage aber wieder nachvollziehen und diese vergleichen. wächst ungebrochen. So verzeichnete angezogen. Selbst bei der italienischen Bisher haben mehr als 400 Produkte der deutsche Marktführer Aida Crui- Unglücksreederei Costa, Tochter des von über 80 Unternehmen eine Test- ses im ersten Quartal 2012 ein Wachs- US-Riesen Carnival, stiegen die Bu- phase durchlaufen. Die teilnehmenden tum bei den Passagierzahlen um elf chungszahlen. Zunächst lagen sie im Unternehmen erwirtschaften rund ein Prozent, obwohl die „Costa Concordia“ ersten Vierteljahr – bedingt durch das Drittel des weltweiten Textilumsatzes, von der Konkurrenzreederei Carnival Unglück – zweistellig unter dem Vor- außerdem gehören Vorlieferanten, genau in diesem Quartal havarierte. jahresniveau. In dem im Juni zu Ende Farbhersteller, Nichtregierungsorgani- Bei Royal Caribbean, zu dem Celebrity gehenden zweiten Quartal aber liegen sationen und Wissenschaftler zu den Cruises und das Gemeinschaftsunter- die Italiener mit einem deutlichen Mitgliedern. nehmen Tui Cruises („Mein Schiff“) zweistelligen Plus über dem Vorjahr. Schlebusch: Ob Griechenland aus dem WÄ H R U N G E N Euro aussteigen wird und zur Drach- me zurückkehrt, ist aus heutiger Sicht „Meist auf Vorrat“ Spekulation. Wir haben jedenfalls kei- ne Anfrage zum Druck der Drachme Walter Schlebusch, 63, Chef der Bank- vorliegen. Außerdem hat Griechen- notensparte beim Münchner Geld- land eine eigene Banknotendruckerei, drucker Giesecke & Devrient, über die die sicherlich einen Großteil der neu- mögliche Rückkehr der Drachme en Serie selbst produzieren würde. SPIEGEL: Kommt es vor, dass Länder PLUSPHOTO / IMAGO SPIEGEL: Falls Griechenland zur Drach- vorsorglich Geld drucken und lagern? me zurückkehrt: Wie lange dauert es, Schlebusch: Deutschland hat in den eine neue Währung einzuführen? siebziger Jahren aus Angst vor dem Schlebusch: Das hängt natürlich von Kalten Krieg tatsächlich eine Ersatz- der Menge der zu produzierenden Schlebusch banknotenserie vorgehalten, die – Banknoten ab. In Griechenland geht Gott sei Dank – nie eingeführt werden das etwas schneller als in größeren te benötigt. Bis zur Auslieferung kön- musste. Die meisten neuen Serien Staaten, aber bevor überhaupt ge- nen sogar neun Monate verstreichen. werden übrigens auf Vorrat gedruckt, druckt werden kann, vergehen in je- SPIEGEL: Ihr britischer Konkurrent De da man die Einführung meist auf ei- dem Fall sechs Monate. Die werden La Rue rechnet damit, dass ein Druck- nen Schlag durchzieht. Das war auch für das Design, für die Erstellung des auftrag gesplittet würde und er einen beim Euro so, den wir mitproduziert speziellen Banknotenpapiers und der Teil davon abbekommen könnte. Hof- haben. Da betrug der Vorlauf sogar dabei verwendeten Sicherheitselemen- fen Sie auch darauf? mehrere Jahre. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 57
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    Wirtschaft FOTOS: TIM WEGNER / DER SPIEGEL Joachim Burkhardt hat sich „aus Udo Fischer wechselte 2011 Dummheit“ in den Achtzigern für zur Signal Iduna. Die weigert eine private Krankenversicherung sich, die Kosten für die Zahn- entschieden. Seine Prämie stieg spange von Fischers 13-jähriger zum Jahreswechsel drastisch. Tochter Emma zu übernehmen. GESUNDHEIT Der Tarif-Schwindel Privatversicherte erwarten, dass sie als Patienten erster Klasse behandelt werden. Doch nun zeigt eine Branchenstudie: Das Leistungsangebot vieler Assekuranzen weist gefährliche Lücken auf. Gesetzlich Versicherte sind oft besser geschützt. B is heute kann sich Martin Friede- Stock wurden zu einem schwer überwind- kasse (BBKK) nicht vollständig erstatten. rich nicht erklären, wie er unter baren Hindernis. Die Krücken? Musste Friederich selbst den Lastwagen geriet. Es war ein Heute, acht Monate nach dem Unfall, bezahlen. Die Kompressionsstrümpfe? Herbsttag im vergangenen Jahr. Er fuhr fällt Friederich das Gehen noch immer Abgelehnt. Rund 10 000 Euro musste er mit dem Fahrrad zur Arbeit, mit Helm, schwer. Ein Bein ist verkürzt, regelmäßig seit seinem Unfall in der Münchner In- wie immer, hinter ihm der Lkw. Der Wa- muss er zur Physiotherapie. Und als ob nenstadt aus der eigenen Tasche beglei- gen muss ihn beim Überholen gestreift das alles nicht genug wäre, hat der 59- chen. „Und ich glaube nicht, dass damit haben, Friederich stürzte, der Mehrton- Jährige nun noch ein weiteres Problem: schon das Ende erreicht ist“, sagt er und ner rollte über seine Beine. „Die Erinne- seine Krankenversicherung. „Man glaubt schaut auf seine blauen Turnschuhe mit rung daran ist wie ausgelöscht“, sagt er. ja immer, als Privatpatient sei man opti- Klettverschluss. Zeitlebens wird Friede- Mit offenen Brüchen unterhalb der mal geschützt“, sagt er. Darüber könne rich Schuhe tragen müssen, deren Sohlen Knie brachten ihn die Rettungsärzte in er im Nachhinein „nur lachen“. unterschiedlich dick sind. „Die hat mir die Klinik. Die Mediziner operierten stun- Seine Versicherung, die bislang immer der Professor in der Reha geschenkt“, denlang. Viele Wochen verbrachte der anstandslos Arztrechnungen und Medi- sagt er. „Zum Glück.“ Denn auch ortho- selbständige Architekt im Krankenhaus, kamente bezahlt hatte, zeigte sich plötz- pädische Spezialanfertigungen dieser Art mehrere Monate war er in der Reha. Die lich gar nicht mehr generös. Die Reha? deckt sein Versicherungstarif offenbar Treppen zu seiner Wohnung im dritten Wollte die Bayerische Beamtenkranken- nicht ab. Friederichs Vertrag enthalte „be- 58 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    + 70 % Kostenfalle +60 Durchschnittliche Beitragsentwicklung gegenüber 1997, je Versicherten, in Prozent + 42 % Quelle: IGES Institut, PKV-Verband Private Kranken- versicherung +20 Gesetzliche Krankenversicherung 0 1997 1999 2002 2005 2008 2011 Rechenbeispiel für private Krankenversicherungen bei einer angenommenen jährlichen Beitragssteigerung von5 Prozent* * ohne Berücksichtigung der Altersrückstellungen LILIAN HENGLEIN & DAVID STEETS / DER SPIEGEL Quelle: Bund der Versicherten Martin Friederich hatte einen schweren Fahrradunfall und musste über 10 000 Euro für die 300 € 489€ 796€ 1297 € Reha, Krücken und andere Folgekosten selbst bezahlen. Monatlicher Beitrag mit . . . . . . 35 Jahren . . . 45 Jahren . . . 55 Jahren . . . 65 Jahren stimmte Leistungsbegrenzungen“, bestä- der Vorteil ihrer First-Class-Policen zu- genannte Hilfsmitteldeklarationen ohne tigt die BBKK. Man habe alle Kosten letzt darauf reduzierte, beim Hausarzt Einschränkungen. übernommen, die man im Rahmen des schneller einen Termin zu bekommen. Vorteilhaft ist eine private Krankenver- Tarifs erstatten müsse. Viele Privatkassen weigern sich neuer- sicherung demnach in vielen Fällen nur Friederich weiß mittlerweile sehr ge- dings, die eingereichten Arztrechnungen noch für diejenigen, die entweder bis an nau, wo die Tücken seiner Versicherung vollständig zu erstatten, und immer öfter ihr Lebensende gesund bleiben. Oder die liegen. Das Leistungsangebot sehe „nicht erleben Versicherte, dass ihr Tarif wichti- so viel Geld haben, dass ein paar tausend gerade üppig aus“ , sagt er. „Das war mir ge Leistungen nicht abdeckt. Wer bei Euro mehr oder weniger keine Rolle spie- vor meinem Unfall nicht klar.“ Den Buch- Neurodermitis Spezialnahrung benötigt len. Viele Kleinunternehmer und Frei- staben- und Zahlenkombinationen in den oder seinen Burnout vom Psychothera- berufler, die nicht auf den oberen Etagen Vertragsbedingungen habe er es jeden- peuten behandeln lassen will, muss das der Einkommenspyramide stehen, ge- falls nicht entnehmen können. Und für häufig selbst bezahlen. hören im Zweifelsfall eher nicht in diese 675 Euro im Monat habe er so etwas auch Wie sehr der private Versicherungs- Kategorie. nicht erwartet. Erst im vergangenen Jahr schutz inzwischen ausgehöhlt ist, zeigt Dass diese Entwicklung Sprengstoff war sein Beitrag um 75 Euro gestiegen. eine Studie des Kieler Gesundheitsöko- birgt, haben mittlerweile auch viele Poli- Deutschland gewöhnt sich an eine neue nomen Thomas Drabinski und der Bera- tiker erkannt. SPD und Grüne wollen die Form von Zweiklassenmedizin. Lange tungsfirma Premiumcircle, die von der private Krankenversicherung ohnehin seit galt die private Krankenversicherung privaten und gesetzlichen Krankenversi- langem abschaffen, Union und FDP sehen (PKV) als nobler Zufluchtsort für Besser- cherung mitfinanziert wurde. Erstmals zumindest Reformbedarf. „Die Zeiten verdienende. Wer bei Allianz und Co. haben Wissenschaftler die Leistungen der sind vorbei, in denen wir über die Pro- versichert war, durfte sich nicht nur als beiden Systeme miteinander verglichen. bleme der privaten Krankenversicherung Premiumpatient im tristen Krankenalltag Das Ergebnis, das sie an diesem Montag hinwegsehen können“, sagt Jens Spahn, fühlen. Er zahlte in nicht wenigen Fällen veröffentlichen, ist alarmierend. Rund Gesundheitsexperte der Union. „Sie sind auch geringere Monatsbeiträge als bei der zehn Millionen PKV-Versicherte seien mit zu groß.“ Und der zuständige FDP-Mi- gesetzlichen Konkurrenz. Das Gefühl, ein teils „existentiellen Leistungsausschlüssen nister Daniel Bahr spricht im Zusammen- „Besserversicherter“ zu sein, wurde al- im Krankheitsfall“ konfrontiert, heißt es hang mit dem Finanzgebaren vieler Pri- lenfalls durch das schlechte Gewissen ge- in der Untersuchung. „Mehr als 80 Pro- vatkassen von einem „Armutszeugnis“. trübt, sich der Solidargemeinschaft zu ent- zent der Tarifsysteme der PKV leisten we- ziehen. niger als die GKV“, sagt Premiumcircle- Die Seniorin Heute fühlen sich nicht wenige Privat- Chef Claus-Dieter Gorr. Dabei gehe es Ursula Möller-Bornemann muss jeden versicherte als die eigentlichen Opfer des um Angebote, die in der gesetzlichen Morgen ein ganzes Sortiment an Tablet- Systems. Seit Jahren steigen ihre Prämien Krankenversicherung fest verankert seien ten schlucken. „Sechs verschiedene Pil- mit oft zweistelligen Raten, während sich wie die häusliche Krankenpflege oder so- len“, sagt sie. „Oder acht?“ Sie runzelt D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 59
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    Wirtschaft die Stirn. „Undich glaube, noch so ein Säftchen gegen Kreislaufbeschwerden.“ Möller-Bornemann, 91 Jahre alt, Alli- anz-versichert, lebt seit 2009 in einem Wohnstift in Aumühle bei Hamburg. Ihr Herz schwächelt, und sie wiegt nur noch 40 Kilogramm, doch geistig ist die Frau für ihr Alter erstaunlich fit. Mit den Me- dikamenten, die ihr der Arzt verordnet hat, ist sie allerdings überfordert. Eine Pflegerin muss jeden Tag darauf achten, dass die alte Dame ihre Tabletten einnimmt. Denn wenn sie es vergisst, ver- schlechtert sich ihr Zustand schnell. Unter der blassen Haut ihrer Hände zeichnen sich die Adern ab, der hellrosafarbene Blazer lässt erkennen, wie knochig ihre Schultern sind. Fast 800 Euro im Monat muss Möller- Bornemann für die tägliche Betreuung beim Tablettenschlucken bezahlen. Eine THOMAS PETER / REUTERS gesetzliche Krankenkasse würde diesen Betrag erstatten. Möller-Bornemanns Al- lianz-Tarif – rund 700 Euro kostet er mo- natlich – sieht eine solche Leistung jedoch nicht vor. „Kann ja wohl nicht sein“, sagte sich Möller-Bornemanns Enkel, Clemens Gesundheitsminister Bahr: Appell an die Eigenverantwortung der Versicherungen Wülfing – und half der Großmutter, die Versicherung zu verklagen. Ende vergan- Besonders problematisch finden die Ex- Der Anwalt genen Jahres fällten die Richter am Ober- perten, dass viele Versicherungen nur ein- Alexander Schäfer, 37, verdient seinen landesgericht in Schleswig-Holstein ihr Ur- geschränkt Anschlussheilbehandlungen, Lebensunterhalt damit, sich mit privaten teil, zugunsten des Unternehmens. „Wer Psychotherapien oder wichtige medizini- Versicherern anzulegen. Über zu wenig eine private Krankenversicherung ab- sche Hilfsmittel übernehmen. Und so be- Arbeit kann sich der Anwalt in seiner schließt, kann nicht erwarten, dass er da- merken viele Versicherte erst dann, wenn Frankfurter Kanzlei nicht beklagen. „Man mit so versichert ist, wie er es als Mitglied ihnen wirklich einmal etwas passiert, wie merkt, dass viele Versicherer immer mas- einer gesetzlichen Krankenkasse wäre.“ unzureichend sie abgesichert sind. Sie ge- siver versuchen, ihre Kosten zu drücken“, Wülfing findet das „ziemlich absurd“. nießen zwar den Luxus, ohne Wartezei- sagt er. „Das bekommen natürlich auch Man sollte doch annehmen, sagt er, „dass ten einen Arzttermin zu bekommen, und die Versicherten zu spüren.“ eine teure Privatversicherung wenigstens die Mediziner hofieren sie. Der Chefarzt Dabei haben die Konzerne unterschied- einen gewissen Standard erfüllt“. Doch schaut schon mal persönlich vorbei, im liche Strategien: Entweder zweifeln die einen gesetzlichen Anspruch darauf gibt besten Fall im Einzelzimmer. Denn das Unternehmen im Nachhinein an, dass es nicht. Wer sich für eine private Versi- ist das Absurde an manchen Privattarifen. eine Behandlung medizinisch notwendig cherung entscheidet, ist selbst dafür ver- Während sie nicht einmal die Kosten für war. Oder sie weigern sich, Therapien antwortlich, welches Leistungspaket er den Krankentransport abdecken, sind oder Hilfsmittel zu bezahlen, die nicht wählt. Und wer bei der Vertragsunter- etwa Extras wie Hustensäfte und Nasen- eindeutig im Tarif enthalten sind. Etwa, schrift nicht mitbekommen hat, dass sein tropfen inklusive. „Das ist so, als würden weil es sie zum Zeitpunkt des Vertrags- Tarif etwa kein Beatmungsgerät gegen sie einen Mercedes S-Klasse kaufen, aber abschlusses noch gar nicht gab. Einen neu- Atemaussetzer bei Nacht beinhaltet, der ohne Motor und Getriebe“, sagt Premi- en Hightech-Rollstuhl beispielsweise. hat ganz einfach Pech gehabt. umcircle-Chef Gorr. Viele Versicherer stellen sich zudem „Da liegt einiges im Argen“, sagt CDU- Schlimmer noch: Was die Versicherung quer, wenn sie Arzthonorare bezahlen Politiker Spahn, der sich mit seinem Ur- ausschließt, ist für einen Laien kaum sollen, die die Sätze der Gebührenord- teil nun auf die Studie von Drabinski und nachvollziehbar, heißt es in der Studie. nung überschreiten. Häufig rechnen Me- Premiumcircle berufen kann. Die Exper- „Werden alle Kombinationen ausge- diziner höhere Summen ab, weil sie be- ten haben 85 Tarifbestandteile ausge- schöpft, sieht sich der Versicherte einem haupten, anderenfalls nicht wirtschaftlich wählt, die sich am Leistungskatalog der PKV-Versicherungsmarkt mit mindestens arbeiten zu können. Dieser Spielraum ist gesetzlichen Krankenversicherung orien- 250 000 Preisen gegenüber.“ ihnen bei einigen Tarifen gestattet. Hält tieren. Zusätzlich aufgenommen in die „Eine Vielzahl der Tarife leisten we- der Versicherer die Rechnung jedoch für Liste haben sie auch Angebote wie pri- sentlich mehr als die GKV“, verteidigt unverhältnismäßig hoch, bleibt der Pa- vatärztliche Versorgung oder Brillen und Volker Leienbach, Cheflobbyist beim tient auf dem Differenzbetrag sitzen. Kontaktlinsen, die gesetzlich Versicherte PKV-Verband, seine Branche. „Etwa, Auch eine andere Besonderheit der pri- nicht erstattet bekommen. „Wir haben ei- wenn es um Zahnersatz, Brillen oder Arz- vaten Krankenversicherung ist für die Ver- nen Standard festgelegt, der garantiert, neimittel geht.“ Natürlich gebe es auch sicherten nicht immer nur von Vorteil. Als dass die Patienten wirklich umfassend ab- leistungsstarke Angebote, bestätigt Gorr. Privatunternehmen können sich Allianz, gesichert sind“, sagt Drabinski. „Die Frage ist nur, wie ein Versicherter Axa oder Debeka in der Regel aussuchen, Untersucht haben sie 32 PKV-Unter- die finden soll.“ wen sie zu welchem Preis versichern. Alter nehmen. Grundlage waren 208 Tarifsys- Wer beim Vertragsabschluss daneben- und Gesundheitszustand sind ausschlag- teme mit insgesamt 1567 Kombinationen. gegriffen hat, kann nicht mehr viel tun. gebend dafür, wie teuer ein Tarif wird. Das Ergebnis: Keine Versicherung kann Es sei denn, er hat eine gute Rechtsschutz- Wer chronisch krank ist, hat kaum eine die 85 Kriterien erfüllen. versicherung. Chance, von einer privaten Versicherung 60 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Großes Gefälle Vergleich ausgewählter Privatversicherungen* nach Beitrag und Mindestkriterien *jeweils der Kompakttarif mit der höchsten Punktzahl bzw. die beste Kombination der Einzeltarif-Bausteine Monatlicher Beitrag Mittelwert (20 bis 55 Jahre) in Euro Bayerische Beamten- 700 krankenkasse PKV-Basistarif 592,88 € 600 500 Quelle: PremiumCircle Deutschland GmbH 400 Punktzahl der erfüllten Mindestkriterien (Maximum 85 Punkte) 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 zu einem bezahlbaren Preis aufgenom- Zeit vor Abschluss der Versicherung“ hät- auf den Preis. Und so blieb den Unter- men zu werden. Es sei denn, er entschei- ten zwei Zahnärzte zu der Behandlung nehmen vielfach nur eine Möglichkeit, det sich für den sogenannten Basistarif. geraten, heißt es bei der Signal Iduna. In um bei steigenden Kosten im Wettbewerb Manchmal versuchen Neukunden zu so einem Fall übernehme „keine private mithalten zu können: den Leistungskata- tricksen, indem sie verschweigen, dass sie Krankenvollversicherung“ die Kosten. log für neue Produkte zusammenzustrei- unter einer chronischen Krankheit leiden Erst 2011 war Familie Fischer aus der chen. „Tarife wurden nicht bedarfsge- oder schlechte Zähne haben. Dann hat gesetzlichen in die private Krankenversi- recht für Endkunden entwickelt“, heißt der Versicherer die Möglichkeit, dem Be- cherung gewechselt. „Im Nachhinein ge- es in der Studie, „sondern unter der Prä- troffenen zu kündigen. Es kommt aller- sehen war das kein guter Schritt“, sagt misse“, wie sie bei Preisvergleichen „ab- dings auch vor, dass die Unternehmen der Vater. „Gesetzlich versichert hätte schneiden würden“. nur einen Vorwand suchen, um teure Be- Emma mit ihrem Befund wenigstens eine Nun haben viele Privatversicherte Po- handlungen nicht bezahlen zu müssen. einfache Zahnspange bekommen“, be- licen, die weniger ihnen nutzen als den Was das bedeuten kann, hat zum Bei- schwert er sich. „Und man müsste sich Maklern und Versicherungsvertretern. Bis spiel Schäfers jüngste Mandantin Emma jetzt nicht herumstreiten, wo man wie zu neun Monatsprämien dürfen die Ver- erlebt. Sie ist 13 Jahre alt und bei der Si- ein Kreuzchen gesetzt hat.“ mittler kassieren, wenn sie einen Versi- gnal Iduna versichert. Weil ihre Backen- Die Zeiten, in denen Privatpatienten cherungsvertrag verkaufen. zähne schiefstehen, riet ihr der Kiefer- alles bezahlt bekamen, seien „längst vor- Für dieses viele Geld bekommen die orthopäde im vergangenen Jahr dringend bei“, sagt Anwalt Schäfer. Denn die Bran- Versicherten erschreckend wenig Exper- zu einer Zahnspange. 5000 Euro soll das che steht unter Druck. Früher versuchten tise geboten. „Im Tarifdickicht der PKV Ganze kosten. Als ihr Vater den Behand- die Versicherten zur gesetzlichen Konkur- bräuchten die Leute Berater, die fachlich lungsplan an seine Versicherung schickte, renz zu wechseln, wenn ihre Police im gut und ehrlich sind“, sagt Premiumcircle- ging der Ärger los. Denn beim Vertrags- Alter teurer wurde. Doch diesen Weg hat Chef Gorr. „Die gibt es aber kaum.“ Cars- abschluss hatte Udo Fischer, ein selbstän- der Gesetzgeber schon vor Jahren ver- ten Möller, ehemaliger Chef des Makler- diger Designer aus Offenbach, angegeben, baut. Die Versicherten werden immer äl- pools Maxpool, findet ähnlich harte Emma sei noch nie beim Kieferorthopä- ter und benötigen mehr Leistungen. Worte: 75 bis 85 Prozent in der Branche den in Behandlung gewesen. Das war Der zweite Kostentreiber sind die Me- hätten so gut wie keine Ahnung, schätzt falsch; tatsächlich hatte das Mädchen vor diziner. Weil die Ausgaben der gesetz- er. „Wenn man dahinterguckt, was da be- Jahren einmal einen Termin, um abzu- lichen Krankenkassen gedeckelt sind, raten und verkauft wird, kann man klären, ob ihr ein Zahn gezogen werden versuchen Ärzte und Kliniken, sich bei manchmal wirklich nur die Hände über muss. Damals hatte sie noch Milchzähne. Privatpatienten schadlos zu halten. Mit dem Kopf zusammenschlagen.“ Um die Frage, ob sie einmal eine Spange Erfolg, denn die Krankenkassen haben Eine beunruhigende Aussage, wenn brauchen werde, sei es damals überhaupt wesentlich mehr Möglichkeiten, die Kos- man bedenkt, dass die Versicherten re- nicht gegangen, sagt Fischer. ten im Gesundheitswesen zu drücken, als gelrecht an ihre Verträge gekettet sind. Die Signal Iduna zog Erkundigungen die Privatassekuranz. Entsprechend sind Zwar können sie theoretisch zwischen beim Zahnarzt ein und entschied darauf- die ärztlichen Behandlungskosten in der verschiedenen Anbietern wechseln. Ha- hin, Emma komplett alle kieferorthopä- PKV seit 1995 um 113 Prozent gestiegen. ben sie sich jedoch bereits vor 2009 versi- dischen Leistungen zu streichen. Die Be- Bei den gesetzlichen Kassen wuchsen sie chert, verlieren sie alle Beträge, die das gründung: Hätte die Versicherung die lediglich um 42 Prozent. Unternehmen für die Gesundheitsversor- vollständigen Informationen gehabt, hät- Doch die Kunden, die sich meist als gung im Alter angespart hat. te man bei Emma erst gar keinen Vertrag Berufseinsteiger für eine private Versi- Auch ein Tarifwechsel innerhalb der dieser Art akzeptiert. „Schon geraume cherung entscheiden, achten vor allem eigenen Versicherung ist meist wenig at- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 61
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    Wirtschaft traktiv, denn dieUnternehmen versuchen oftmals rigoros, solche Wechsler auszu- bremsen. Sie wollen nicht, dass ältere und damit teurere Versicherte die Bilanz eines neuen Tarifs trüben. Die Tarif-Wechslerin Ein regelrechtes Wechseldrama erlebte eine 69-jährige Axa-Versicherte. Die Hausfrau war früher beihilfeberechtigt, weil ihr Mann Beamter war. Nach der Scheidung erhielt sie die staatlichen Zu- schüsse jedoch nicht mehr. Ihre Prämie RUPERT OBERHÄUSER / CARO stieg sprunghaft von 213 auf 739 Euro an. Auch der Unterhaltsanspruch, der diese Differenz abfedern sollte, fiel weg, nach- dem ihr Ex-Mann verstarb. „Mir bleiben nur 70 Euro zum Leben“, schrieb sie 2006 an die DBV-Winterthur, die später von der Axa übernommen wurde, und bat Patienten bei der Physiotherapie: Eine neue Form von Zweiklassenmedizin um „eine wesentlich billigere Kranken- versicherung“. hergehenden Schmerzen so weiterleben“, zu lösen. Das Nebeneinander von pri- Zwei Jahre später gelang ihr der Wech- da sie sich den Selbstbehalt nicht leisten vater und gesetzlicher Krankenver- sel in einen spürbar preisgünstigeren Tarif kann. Für 2012 bot ihr die Axa schließlich sicherung müsse in der jetzigen Form er- zu 354 Euro. Hinzu kamen jedoch 1000 einen neuen Tarif mit einem deutlich halten bleiben, lautete Bahrs unbeirrte Euro Selbstbeteiligung im Jahr. Auch die- niedrigeren Eigenanteil an. Das Ende ei- Botschaft beim Ärztetag in Nürnberg se Prämie stieg weiter an. Am Ende blieb ner Odyssee. Ende Mai. der Frau nichts anderes übrig, als frei- Gesundheitsminister Bahr fordert, alle Ganz anders sehen das die Opposi- willig auf Leistungen zu verzichten. Im Möglichkeiten auszuschöpfen, „den Ver- tionsparteien SPD und Grüne. Sie wollen vergangenen Jahr schrieb sie an die Axa, sicherten günstigere Tarife anzubieten“. die kommende Bundestagswahl mit dem sie habe „bereits genehmigte Behandlun- Diesen Aufruf nehmen die Konzerne aber Versprechen gewinnen, der privaten gen“ absagen müssen, auch eine Schul- genauso wenig ernst wie seinen Appell, Krankenvollversicherung den Garaus zu teroperation. Nun müsse sie „mit den ein- die Probleme „in Eigenverantwortung“ machen. Stattdessen sollen alle Deut-
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    schen gemeinsam ineine Bürgerversiche- wusst, welche Leistungen ihre Policen mals einfach nicht bedacht, was das für rung einzahlen. Die PKV-Unternehmen umfassen und welche nicht. Konsequenzen haben könnte. würden in diesem Fall nur noch Zusatz- Schon 2011 hat sich die DKV von ihren Jahrelang zahlte der angestellte Lehrer versicherungen anbieten. Billigtarifen verabschiedet. „Es bringt für seine Versicherung 268 Euro im Mo- Die Union ist noch auf der Suche nach nichts, um Geringverdiener zu werben, nat, sein Selbstbehalt betrug 1000 Euro einem Konzept. „Die Branche sollte sich die später mit Prämienerhöhungen völlig pro Jahr. Kaum war er im Ruhestand, er- auf einen Mindestversicherungsschutz ei- überfordert sind.“ Auch die Verfasser der höhte sich Burkhardts Beitrag auf 394 nigen“, fordert zumindest schon CDU- Studie plädieren dafür, einheitliche Tarif- Euro. „Die Perspektive, mit meiner Rente Gesundheitsexperte Spahn. kriterien festzusetzen. Zudem verlan- einen solchen Beitrag bezahlen zu müs- Sogar bei den Assekuranzunterneh- gen Drabinski und Gorr eine „grund- sen, fand ich ziemlich unerfreulich“, sagt men selbst wächst inzwischen die Er- legende Neuordnung des Vertriebsmark- der Pädagoge, der mittlerweile wieder kenntnis, dass es so wie bisher nicht wei- tes und der Provisionen“. Für Makler arbeitet. Er wechselte in einen Tarif zu tergehen kann. müsse es „einheitliche Ausbildungs- und 300 Euro. Doch dann brummte ihm die „Wir müssen auf die berechtigte Kritik Zulassungsvorschriften mit Mindestqua- Gothaer einen sogenannten Risikozu- reagieren, damit das duale System mit lifikationen geben“, heißt es in der Stu- schlag von 80 Euro im Monat auf. gesetzlicher und privater Krankenversi- die. Wer einen neuen Vertrag abschließt, Erst als er sich beschwerte, senkte die cherung Zukunft hat“, sagt Clemens dürfe künftig höchstens vier statt wie der- Versicherung seine Prämie wieder. Aus Muth, Chef der Deutschen Krankenver- zeit neun Monatsbeiträge Provision er- datenschutzrechtlichen Gründen wollte sicherung (DKV). Mit 900 000 Vollversi- halten. die Gothaer den Fall nicht kommentieren. cherten ist sein Konzern einer der größ- Die Privatversicherung abzuschaffen, „Die Unsicherheit darüber, wie es mit den ten Krankenversicherer in Deutschland. wie es SPD und Grüne fordern, hielten Beiträgen weitergeht, ist ziemlich belas- „Viel zu lange wurden die Produkte zu sie dagegen für einen Fehler. Die PKV tend“, sagt Burkhardt. „Am Ende macht oft nur über den Preis verkauft und nicht habe gegenüber der gesetzlichen Versi- einen noch die eigene Krankenversiche- über die Qualität“, sagt er. „Das hat dazu cherung auch Vorteile, wie etwa Kapital- rung krank.“ geführt, dass Billigtarife mit teils drasti- rücklagen fürs Alter. KATRIN ELGER schen Leistungsausschlüssen auf dem Joachim Burkhardt aus Frankfurt wür- Markt sind.“ de sich freuen, wenn die Politik etwas für Muth fordert verbindliche Mindestkri- ihn täte. Er ist 68 Jahre alt und seit 1985 Video: terien für die Branche. „Wir brauchen ei- bei der Gothaer versichert. „Es gab mal Lohnt sich eine Privat- nen Mindeststandard in den Bereichen, eine Zeit, da habe ich als Selbständiger versicherung noch? die für die Menschen oftmals erst im fort- gut verdient“, erzählt er. „Und dann habe Für Smartphone-Benutzer: geschrittenen Alter relevant werden.“ ich mich aus Dummheit für eine Privat- Bildcode scannen, etwa mit Vielen Kunden sei nicht ausreichend be- versicherung entschieden.“ Er habe da- der App „Scanlife“.
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    Opel-Werk in Bochum HANNELORE FOERSTER / GETTY IMAGES AU TO I N D U ST R I E Chronik eines angekündigten Todes Der Niedergang von Opel ist nicht die Folge einer Branchenkrise. Die deutsche Tochter des US-Konzerns General Motors wurde durch drastische Sparmaßnahmen und eine falsche Modellpolitik heruntergewirtschaftet. W enn es ums Überleben geht, nagement über Sparpläne zu verhandeln. auch vor dem Werkstor noch zu verste- dann wird es hässlich. Dann ist Doch die britischen Kollegen haben heim- hen sind. Die Demonstranten dort singen: Solidarität etwas für linke Split- lich einen Lohnverzicht zugesagt. Als Be- „Hoch die in-ter-na-tio-nale …“ Einenkel tergruppen, die draußen vor Tor 4 des lohnung wird die Astra-Produktion aus sagt: In Großbritannien „produziert man Opel-Werks in Bochum singen: „Hoch die Deutschland nach Großbritannien ver- eine Scheißqualität“. inter-na-tio-nale So-li-da-ri-tät.“ lagert. Die Arbeitsplätze in Ellesmere An diesem 21. Mai ist in Bochum ein Drinnen, auf der Betriebsversammlung, Port sind vorerst gesichert – und die 3100 Stück des Niedergangs einer deutschen kämpft der Bochumer Betriebsratschef Jobs in Bochum gefährdet. Traditionsmarke zu beobachten, die vor Rainer Einenkel für das Werk. Es hat „Ellesmere Port liefert die schlechteste 150 Jahren von Adam Opel als Produzent kaum noch eine Zukunft, weil eine ande- Qualität – und das schon seit Jahren“, von Nähmaschinen gegründet und 1929 re Fabrik des General-Motors-Konzerns, sagt Opel-Betriebsrat Einenkel nun. Bo- von General Motors übernommen wurde. die im britischen Ellesmere Port, ihr Über- chum produziere gute Autos. Bochum sei Es ist vorbei mit dem viele Jahre funk- leben erst mal gesichert hat. das produktivste Werk. Deshalb hätte tionierenden Zusammenhalt der General- Die Betriebsräte der Opel-Mutter Ge- man „den Astra hierher geben müssen.“ Motors-Belegschaften in Europa, die bis- neral Motors in Europa hatten sich zwar Der Betriebsrat brüllt so laut ins Mi- lang gemeinsam auf Lohn verzichteten, geschworen, nur gemeinsam mit dem Ma- krofon, dass die meisten seiner Sätze um Arbeitsplätze zu retten. Dies ist 64 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Wirtschaft schmerzlich für dieGewerkschaften, aber immer seltener zum Repertoire unserer Raffinessen. Jedes neue Modell sollte ein es ist auch ein Armutszeugnis für das Ma- unternehmerischen Maßnahmen.“ Es feh- bis zwei technische Neuheiten aufweisen. nagement. Die Belegschaften kämpfen le die Überzeugung, dass „eine bestän- „Industry first“, hieß die Vorgabe an die gegeneinander, weil der Opel-Führung dige Profit-Basis nur durch beständige In- Entwickler. wenig mehr einfällt, als Löhne zu drücken vestitionen in die Markenpflege und in Der Calibra, ein sportliches Coupé, und Werke zu schließen. technologisch erstklassige Produkte ge- hatte den niedrigsten Luftwiderstands- Dabei haben die Beschäftigten von Ge- schaffen werden kann“. wert, der Vectra einen modernen Allrad- neral Motors in Europa schon auf Weih- Opel-Aufsichtsräte, denen mehrere antrieb, und als Volkswagen, Ford und nachts- und Urlaubsgeld verzichtet. Es Schreiben von Gäb aus der damaligen Co. sich noch gegen die Einführung des wurden allein beim jüngsten Sanierungs- Zeit vorliegen, sehen in den Papieren Be- geregelten Katalysators wehrten, preschte plan 8000 Arbeitsplätze gestrichen. Die lege dafür, dass GM seit über einem Jahr- Opel vor: Die Rüsselsheimer statteten Fabrik in Antwerpen wurde geschlossen. zehnt die Ursachen der Opel-Misere ihre Autos als erster Massenherseller se- Doch dies waren nur Zwischenschritte kennt, sie aber nicht bekämpft hat. rienmäßig mit dem Kat aus. In der Wer- auf dem Weg in den Abgrund. Jetzt soll Die Schreiben erhellen das ganze Aus- bung sang Louis Armstrong: „What a es weitergehen. maß des Missmanagements im größten wonderful world.“ An diesem Dienstag will GM-Boss Dan Autokonzern der Welt. Sie lesen sich wie Als kluger Kopf hinter der damaligen Akerson mit dem Board of Directors über die Chronik eines angekündigten Todes. Opel-Strategie galt Hans Wilhelm Gäb. den nächsten Sparplan für das Europa- Geschäft entscheiden. Es geht um den Abbau mehrerer tau- send Arbeitsplätze und die Schließung von Fabriken. Die Zukunft der Werke in Eisenach und Bochum ist ungewiss. Aber es stellt sich auch die Frage, ob die Tradi- tionsmarke Opel überhaupt noch eine Zu- kunft hat, nachdem GM in Europa seit über einem Jahrzehnt Verluste einfährt. Der Ausgang der Sitzung ist offen. CAROLINE SEIDEL / PICTURE ALLIANCE / DPA DANIEL KARMANN / PICTURE-ALLIANCE/ DPA Hardliner im GM-Management sind für eine Schließung der Fabrik in Bochum. Andere Top-Manager wollen Bochum noch eine Chance geben. Wenn sie sich durchsetzen, kann der Zafira bis zum Ende seiner Laufzeit 2016 dort gebaut werden. Zudem soll möglicherweise ein anderes Modell aus dem GM-Konzern in diesem Werk gefertigt werden, wenn die Kosten in Bochum wettbewerbsfähig sind. Ex-Opel-Manager Gäb, Produktion im Werk Bochum: „Kein Charisma, kein Flair“ Ein wenig Hoffnung muss das Unter- nehmen seinen Arbeitern in Bochum In seinem Brief vom Dezember 1997 Der ehemalige Tischtennis-Nationalspie- noch lassen. Man kann kaum erwarten, kritisiert Gäb, dass GM neue Fahrzeug- ler hatte seine Karriere bei Ford begon- dass sie noch zwei Jahre lang gute Autos Plattformen für Opel in den USA entwi- nen und bei Opel fortgesetzt. Gäb war produzieren, wenn das Ende des Werks ckeln lasse, die den Ansprüchen der US- im Opel-Vorstand eigentlich nur für PR jetzt beschlossen werden sollte. Vielleicht Kunden genügten, in Europa aber hinter und Sponsoring zuständig, entwickelte käme aus Bochum dann „Scheißqualität“. Modellen von Volkswagen zurückblieben. aber Konzepte für die Zukunft des ge- Es ist eine Abwärtsspirale, die sich stän- „Diese Art von Globalisierung wird zu samten Unternehmens. Die jeweiligen dig weiterdreht. Sie begann schon Mitte reduzierter Wettbewerbsfähigkeit in Opel-Chefs nutzten seine Analysen, und der neunziger Jahre, auf einem Höhe- Europa führen.“ Wenn man dies weiter auch die Mutter GM zeigte sich beein- punkt der Opel-Karriere in Deutschland, betreibe, schrieb Gäb den Bossen in De- druckt und beförderte Gäb später zum als die Marke profitabel und dem Kon- troit, dann werde Opel „zu einer Blue- Vizepräsidenten der Europa-Zentrale. kurrenten Volkswagen noch dicht auf den Collar-Marke ohne Image“, die nicht General Motors führte die deutsche Fersen war. Streng vertrauliche Briefe be- mehr höhere Preise verlangen könne, Tochter damals an der langen Leine, ge- legen, dass der Niedergang von Opel „weil sie kein Charisma, kein Flair und treu dem Grundsatz des GM-Gründers nicht die Folge einer Branchenkrise ist. kein Prestige in sich trägt“. Eine Marke Alfred Sloan, der den einzelnen Marken Opel wurde durch Missmanagement sys- aber, „die allein auf den Preiskampf an- stets eine große Eigenständigkeit verspro- tematisch heruntergewirtschaftet. gewiesen ist, wird zu den Verlierern ge- chen hatte. Dies war eine Voraussetzung Schon 1997 warnte Hans Wilhelm Gäb, hören“. für den Erfolg. damals Aufsichtsratsvorsitzender von 15 Jahre später ist Opel der Verlierer Opels Entwicklungschef Fritz Lohr Opel und Vizepräsident von General Mo- unter den Autoherstellern in Europa. konnte Vierventilmotoren, Sechsgang- tors, vor dem „kurzfristigen Krisenma- Opels Marktanteil in Deutschland hat getriebe und Spaßmobile wie den Calibra nagement“ des Konzerns, der die Ent- sich halbiert, die Zahl der Mitarbeiter in konstruieren lassen. Er trieb die Ingenieu- wicklungsbudgets kürzte und Fahrzeuge Europa ebenfalls, von rund 80 000 auf re an. In Rüsselsheim lief vieles unter aus der Modellpalette strich. 40 000. Konstant blieb nur, dass Opel Ver- dem Kürzel „FWD“. Es stand für „Fritz In einem vertraulichen Brief an die luste einfährt. will das.“ Konzernzentrale in Detroit schrieb Gäb Dass dies nicht der zwangsläufige Ab- Opel bewährte sich mit moderner Tech- am 2. Dezember 1997: „Einer Krise durch stieg eines Massenherstellers ist, hatte nik und attraktiven Nischenmodellen, au- Investitionen in Produkt oder Service po- Opel selbst Anfang der neunziger Jahre ßerdem profilierte sich die Marke als der sitiv zu begegnen und damit auch neue bewiesen. Die Marke stand für moderne wohl größte Sportsponsor. Bayern Mün- Profit-Möglichkeiten zu schaffen, gehört Autos, für gute Qualität und technische chen, Steffi Graf, Franziska van Almsick D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 65
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    Wirtschaft machten Werbung fürOpel; General Motors in den USA ent- Basketball-, Tischtennis- und wickelt worden war. Er wurde Hockeymannschaften ebenfalls. in Europa als Opel Sintra ver- Walter Röhrl wurde mit Opel kauft. Rallye-Weltmeister. Ingenieure in Rüsselsheim hat- Während das Rüsselsheimer ten frühzeitig gewarnt. Das Mo- Unternehmen Anfang der neun- dell werde bei den europäischen ziger Jahre auf Erfolgskurs war, Crashtests nur schlecht abschnei- steckte der große Konkurrent den. Sie baten darum, das Auto Volkswagen in der Krise. Ferdi- so aufzurüsten, dass es die euro- nand Piëch, von Audi gerade auf päischen Standards erreicht, und den Spitzenjob in Wolfsburg ge- wollten es sechs Monate später wechselt, musste sanieren. Nur auf den Markt bringen. Doch die REBECCA COOK / REUTERS durch die Einführung der Vier- Manager in Detroit setzten sich tagewoche konnte er 1993 ver- durch. Was gut ist für den US- hindern, dass Volkswagen 30 000 Markt, sollte auch gut genug sein Mitarbeiter entlassen musste. für Europa. Doch der technikbegeisterte Der Crashtest des renommier- Ingenieur Piëch wusste, dass er General-Motors-Boss Akerson: Noch eine Chance für Bochum? ten Fachblatts „Auto Motor mit Sparen allein den VW-Kon- Sport“ deckte tatsächlich „schwe- zern nicht voranbringen konnte. Piëch heim“, weil er den Lieferanten immer re Sicherheitsmängel“ bei dem Familien- setzte auf Innovation, die Marke Volks- niedrigere Preise abpresste. Dies senkte auto auf. Die Prüfer stellten „eine erheb- wagen sollte sich abheben von den ande- die Kosten, doch schon nach einiger Zeit liche Reduzierung des Überlebensraums ren Massenherstellern, von Renault, Peu- kam Opel mit Qualitätsproblemen in die mit teilweisem Kollaps sicherheitsrelevan- geot und Fiat. Und sie sollte sich natürlich Schlagzeilen. Beim Astra gab es mitunter ter Karosserieteile“ fest. nicht von Opel überholen lassen. Stichflammen beim Tanken, weil Opel an Der Sintra wurde zum Beleg dafür, Piëch brachte den VW-Konzern Mitte einer Gummimanschette gespart hatte. dass ein Arbeitsprinzip des Weltkonzerns der neunziger Jahre langsam wieder auf Der Werbeslogan „Opel – der Zuverläs- General Motors nicht funktioniert: Der Kurs. Opel gab zur gleichen Zeit seine sige“ wirkte plötzlich peinlich. Autobauer wollte in den USA oder Korea Erfolgsrezepte auf. Einen traurigen Höhepunkt fand die entwickelte Fahrzeuge mit leichten Mo- Die entscheidenden Manager, die das Selbstbeschädigung der Marke mit der difikationen auch in Europa unter der Rüsselsheimer Unternehmen auf den Einführung eines Familienvans, der von Marke Opel verkaufen. Weg zum Abgrund schickten, waren Die Anforderungen der Kunden in den Louis Hughes, erst Opel- dann GM- Abgewirtschaftet USA und Asien sind deutlich geringer als Europa-Chef, José Ignacio López, Ein- Marktanteile in Deutschland die der Autokäufer in Europa. Damit be- kaufsvorstand, und Peter Hanenberger, in Prozent schädigte der Konzern die Marke Opel. Chefentwickler. Der Sintra musste nach kurzer Zeit in Als Erstes wurde der Anspruch aufge- 23 Europa vom Markt genommen werden. geben, Modelle mit technischen Neuerun- VW Opel-Manager Gäb hatte exakt vor die- 21 gen herauszubringen. Statt „industry ser Entwicklung gewarnt. Er schrieb am first“ hieß es im Management nun, Opel 19 12. September 1996 an den damaligen müsse ein „fast follower“ sein, ein schnel- Europa-Chef von General Motors ler Nachahmer. Dies hing auch mit dem 17 Hughes: Das Unternehmen gebe einen Ehrgeiz des damaligen GM-Europa-Chefs Standard auf, „der uns zusammen mit Louis Hughes zusammen, der sich Hoff- 15 Volkswagen in Sachen Sicherheit zur No. nungen auf den Spitzenposten bei Gene- 1 unter den europäischen Großserienher- ral Motors machen konnte. 13 stellern gemacht hatte“. Wenn man so Hughes fand seinen idealen Partner in weitermache, werde Opel „kaum noch in Entwicklungschef Hanenberger, der den 11 der Lage sein, im Wettbewerb mit Volks- Zweck eines Autos damit beschrieb, Men- 9 wagen zu bestehen. Ein Blick auf die Qua- schen von A nach B zu bringen. lität, die Hightech-Elemente, Sicherheit Mit dieser Einstellung kann man viel 7 und Ausrüstung des neuen Passat gegen- Geld sparen, aber kaum begehrenswerte über unserem Vectra spricht eine klare Fahrzeuge konstruieren. So stiegen die Sprache“. Gewinne, die nach Detroit überwiesen Zum Eklat kam es, als General Motors wurden – und die Karrierechancen der 1990 95 2000 05 10 12* ausgerechnet Entwickler Hanenberger, Manager ebenfalls. der bei Opel für die Talfahrt mitverant- 0,5 Es waren nicht nur US-Manager, die wortlich gemacht wurde, 1998 zum neuen Opel in die Krise steuerten, sondern auch 0 Opel-Chef befördern wollte. Gäb, damals Deutsche wie Hanenberger. Für die Mo- Aufsichtsratschef bei Opel, trat aus Pro- delle Calibra und Tigra wurden keine test gegen diese Geschäftspolitik von sei- Nachfolger entwickelt. Die Stückzahlen nen Ämtern zurück. –1 seien zu gering, lautete die Argumenta- In seinem Abschiedsbrief an GM-Chef tion, die allerdings unterschlug, dass gera- Jack Smith formulierte er am 12. Oktober de solche Fahrzeuge das Image einer Mar- Gewinne und Verluste** 1998 seine „tiefe Sorge“ um die Zukunft ke prägen und damit auch den Verkauf –2 von Opel in Milliarden Euro des Unternehmens, auch weil „in der vir- der eher biederen Astra fördern können. tuellen Welt der Besprechungsräume eine Der damalige Einkaufschef López trug * Jan. bis Mai Managementkultur gewachsen ist, in der den Beinamen, „der Würger von Rüssels- –3 ** ab 2004 GM Europe Quelle: KBA die unkritische Unterstützung der Füh- 66 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    rung als Loyalitätangesehen wird und In der Zwischenzeit könnte das Unter- Der Betriebsratschef ist mittlerweile in berechtigte Kritik als verdächtige Oppo- nehmen seinen Gewinn jährlich um 333 Altersteilzeit, seine düstere Prognose ist sition“. Millionen Euro erhöhen, wenn es den Mo- Realität. GM arbeitet das nächste Spar- In seinen letzten Jahren bei Opel hatte tor oder das Auto nicht konstruiert. programm aus. Dabei gilt es schon als Er- Gäb die größte Unterstützung von einem GM sparte Geld, weil Opel lange Zeit folg, wenn das Werk in Bochum nicht so- Arbeitnehmervertreter erhalten, Betriebs- keine Direkteinspritztechnik für Diesel- fort geschlossen wird. Doch selbst wenn rat Klaus Franz. motoren entwickelte. Die Marke aber litt der Board of Directors von GM dies am Vordergründig kämpfte Franz gegen darunter. Ihre Modelle fuhren dem Kon- Dienstag dieser Woche beschließen sollte, den Abbau von Arbeitsplätzen. Das kurrenten VW technologisch hinterher. dann erhielte das Werk damit nur eine brachte ihn in die Schlagzeilen. Einen Als dies auch in Detroit nicht mehr zu Galgenfrist. mindestens ebenso wichtigen Kampf aber übersehen war, suchte GM nach einer Dies sieht auch die nordrhein-westfä- führte Franz eher im Verborgenen. Im kurzfristigen Lösung. Der Konzern ging lische Landesregierung so. Ihr Wirt- Unternehmen setzte sich der Betriebsrat eine Partnerschaft mit Fiat ein. Opel sollte schaftsminister Harry Voigtsberger bot für neue Modelle und Motoren ein, als von den Italienern Dieselmotoren bezie- General Motors an, in Bochum mit Un- sei er der oberste Opel-Entwickler. hen. Weil manche Projekte nicht schnell terstützung des Landes beispielsweise Franz ist wie Gäb davon überzeugt, genug vorangingen, trennte sich der US- eine Windturbinenproduktion aufzubau- dass die Basis des Geschäfts nicht schöne Hersteller dann wieder von Fiat. en. So könnte man langfristig neue Jobs Bilanzen sind, sondern gute Autos. Wenn Ebenso sprunghaft agierte GM, als dem schaffen, um möglicherweise nicht mehr Opel-Ingenieuren mal wieder das Budget Konzern wegen des jahrelangen Missma- benötigte Automobilarbeiter zu beschäf- gestrichen wurde, wandten sie sich nicht nagements 2009 der Konkurs drohte. In tigen. General Motors hat noch nicht ge- an den Vorstand, sondern an den Be- der Not sollte die Tochter Opel verkauft antwortet. triebsrat. Als stellvertretender Vorsitzen- werden, die Verträge waren unterschrifts- Langfristige Planung, ungewöhnliche der des Aufsichtsrats kämpfte Franz im reif, doch dann warf die GM-Führung das Ideen sind nicht die Sache des GM-Ma- Kontrollgremium für die Finanzierung zu- Steuer plötzlich herum und erklärte Opel nagements. Und so lange der größte Au- sätzlicher Cabriomodelle und Gelände- für unverzichtbar. Es folgte der nächste tokonzern der Welt geführt wird wie ein wagen. Aber auch er konnte nicht ver- Sanierungsplan. Finanzkonzern, vor allem mit kurzfristi- hindern, dass Opel die Weiterentwick- Betriebsrat Franz warnte im Opel-Auf- gen Zielen, hat Opel keine Chance. lung von Dieselmotoren zeitweise aufgab. sichtsrat, dieses Sparprogramm werde, Die Marke ist weitgehend auf Europa An diesem Beispiel zeigt sich, dass Ge- wie die Programme zuvor, nicht zu einem begrenzt, weil GM die Wachstumsmärkte neral Motors nicht erfolgreich sein kann, nachhaltigen Erfolg führen. Arbeitsplätze mit Modellen von Chevrolet bedient. In so lange das Unternehmen sich von ei- würden abgebaut, die Kosten an die ge- Europa steigt der Absatz kaum. Konkur- nem Prinzip leiten lässt: Der US-Konzern sunkenen Marktanteile angepasst. Aber renten wie Hyundai und Škoda werden will kurzfristig Erfolge sehen, um Anleger es fehlten Initiativen, um Opel Wachs- stärker, auch weil sie viel in Technik in- zu beeindrucken und den Aktienkurs zu tumschancen zu eröffnen. General Mo- vestieren. Opel wird es noch schwerer beflügeln. Die Automobilindustrie ist je- tors müsste der Marke erlauben, ihre fallen, seine Modelle hier zu verkaufen. doch ein langfristiges Geschäft. Das ist Fahrzeuge auch in China, Brasilien, In- Bei weiter sinkenden Absatzzahlen der Grundwiderspruch dieses Unterneh- dien und Russland zu verkaufen. aber rechnet es sich für GM immer weni- mens. Mit dieser Strategie werde sich der Kon- ger, aufwendige Technik für Opel zu ent- Die Entwicklung einer neuen Motoren- zern maximal zwei Jahre Zeit erkaufen wickeln, die andere Marken wie Chevro- generation oder eines Automodells dau- und dann das nächste Sparprogramm vor- let oder Cadillac nicht benötigen. ert drei Jahre und kostet rund eine Mil- bereiten müssen, sagte Franz auf der Auf- So geht es weiter, immer weiter, bergab. liarde Euro. Erst dann fließt Geld zurück. sichtsratssitzung am 18. Mai 2010. DIETMAR HAWRANEK D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 67
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    Wirtschaft D E B AT T E Europa steht am Abgrund Ausgerechnet die Deutschen haben nichts aus der Geschichte gelernt. Von Niall Ferguson und Nouriel Roubini Ferguson, 48, Autor des Buchs „Der Westen und der Rest der die erste Hälfte vom amerikanischen Börsen-Crash dominiert Welt“, lehrt an der Harvard University. Roubini, 54, ist Profes- war, drehte sich in der zweiten alles um den Bankrott der euro- sor an der New York University und Vorsitzender von Roubini päischen Banken. Global Economics. Beide sind, wie auch Gerhard Schröder, Was passierte dann? Auf die Bankenkrise folgte das Hoover- Tony Blair, Jacques Delors und zahlreiche andere Experten, Moratorium: Die Zahlung der Kriegsschulden des Ersten Mitglied des „Council for the Weltkriegs und die Repara- Future of Europe“, das der tionszahlungen wurden aus- Investor und Philanthrop Ni- gesetzt. Daraufhin beglichen colas Berggruen organisiert, fast alle Schuldnerländer kei- um Lösungen für die Krise ne oder nur einen Teil ihrer in Europa zu erarbeiten. Auslandsschulden, allen vor- an Deutschland. 1932 er- reichte die Arbeitslosenzahl I st es eine Minute vor in Europa einen leidvollen zwölf in Europa? Die Höchststand: Im Juli 1932 deutsche Öffentlichkeit waren 49 Prozent der deut- scheint den Ernst der Lage schen Gewerkschaftsmitglie- in Europa nicht zu begreifen. der ohne Arbeit. Sie fordert damit genau das Die politischen Folgen sind heraus, was durch die euro- bekannt. Aber die National- päische Integration vermie- sozialisten waren nur die den werden sollte: eine Wie- schlimmste von einer ganzen ULLSTEIN BILD derholung der Krise genau Reihe extremistischer Bewe- wie im 20. Jahrhundert. Zu gungen, die politisch von der diesem Schluss sind wir bei Krise profitierten. 1928 ge- einem Treffen des Nicolas Geschlossene Danat-Bank in Berlin 1931 lang es den systemkritischen Berggruen Institute Ende Parteien in Deutschland – so- Mai in Rom gekommen. Die europäische Bankenkrise zwei Jahre wohl Kommunisten als auch Je wahrscheinlicher ein Faschisten – 13 Prozent der ungeordneter Austritt Grie- vor 1933 trug unmittelbar zum Wähler für sich zu gewinnen. chenlands aus der Währungs- Zusammenbruch der Demokratie bei. Und im November 1932 union wird, desto mehr konnten sie nahezu 60 Pro- wächst der Druck auf die zent der Wählerstimmen für spanischen Banken und zugleich die Gefahr eines Bank-Run sich verbuchen. Die Parteien am rechten Rand schnitten auch im gesamten Mittelmeerraum, der so immens wäre, dass er in Österreich, Belgien, der Tschechoslowakei, Ungarn und Ru- die Europäische Zentralbank überwältigen würde. Schon jetzt mänien gut ab, während in Bulgarien, Frankreich und Grie- gibt es eine erhebliche Renationalisierung des europäischen chenland die Kommunisten an Zustimmung gewannen. Finanzsystems. Dieser Prozess könnte weiter fortschreiten bis In weiten Teilen Europas führte dies zum Tod der Demokra- hin zur kompletten Desintegration. tie. Während 1920 noch 24 europäische Länder demokratisch Wir finden es außergewöhnlich, dass ausgerechnet Deutsch- regiert wurden, waren es 1939 nur noch 11. Sogar Banker wissen, land nicht aus der Geschichte lernt. Fixiert auf die nur einge- was in diesem Jahr passierte. bildete Gefahr einer Inflation, scheinen die Deutschen heute Diejenigen von uns, die in den neunziger Jahren wiederholt dem Jahr 1923 (Jahr der Hyperinflation) mehr Bedeutung bei- davor warnten, dass das Experiment der Währungsunion zumessen als dem Jahr 1933 (Tod der Demokratie). Sie würden schlecht enden würde, könnten jetzt voller Schadenfreude sein gut daran tun, sich daran zu erinnern, dass eine europäische – wenn wir nicht so beunruhigt wären, dass sich die Geschichte Bankenkrise zwei Jahre vor 1933 unmittelbar zum Zusammen- wiederholen könnte. bruch der Demokratie beitrug – und das nicht nur in ihrem W eigenen Land, sondern quer über den europäischen Kontinent. ie ist die Situation heute? Die Länder am Rande Erstaunlich wenige Europäer (einschließlich der Banker) Europas stecken in einer Depression. Laut dem In- scheinen sich daran zu erinnern, was im Mai 1931 passierte, als ternationalen Währungsfonds (IWF) wird das Brutto- die Creditanstalt, Österreichs größte Bank, in Schwierigkeiten inlandsprodukt in diesem Jahr in Griechenland um 4,7 Prozent geriet. Die darauf folgende europäische Bankenkrise, in der und in Portugal um 3,3 Prozent schrumpfen. In Spanien liegt auch zwei der größten deutschen Banken bankrott gingen, lei- die Arbeitslosenrate bei 24 Prozent, in Griechenland bei 22 tete die zweite Hälfte der Weltwirtschaftskrise ein. Während Prozent und in Portugal bei 15 Prozent. In Griechenland, Irland, 68 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Italien und Portugalbeträgt die Verschuldung der öffentlichen folgreiche US-Programm TARP (Troubled Asset Relief Pro- Hand bereits mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. gram) dienen. Gemeinsam mit Spanien sind diese Länder nun praktisch vom Die Banken wie bisher zu rekapitalisieren, indem die Staaten Anleihemarkt ausgeschlossen. Anleihen am nationalen Anleihemarkt und/oder bei der EFSF Und jetzt kommt die Bankenkrise. Seit mehr als drei Jahren aufnehmen, hat sich in Irland und Griechenland als katastro- weisen wir darauf hin, dass Kontinentaleuropa die elenden Bi- phal erwiesen: Die Staaten wurden noch weniger zahlungsfähig lanzen seiner Banken bereinigen muss. So gut wie nichts wurde und die Banken noch risikobehafteter, da sie mehr Schulden unternommen. Derweil findet seit zwei Jahren ein stiller Run des öffentlichen Haushalts in ihren Büchern haben. auf die Banken am Rande der Euro-Zone statt. Das sogenannte Direkte Kapitalspritzen würden das vermeiden. Der Euro- Smart Money – hohe, nicht gesicherte Guthaben vermögender Steuerzahler würde Aktionär der Banken der Euro-Zone, und Privatkunden – hat Griechenland und andere ClubMed-Banken die momentane Balkanisierung des Bankenwesens würde teil- bereits verlassen. weise gestoppt werden. Das würde hoffentlich auch helfen, Aber nun, da die Bürger endgültig das Vertrauen verlieren, den Widerstand der Politik gegen grenzüberschreitende Fusio- könnte sich der stille Run auch auf die kleineren Spareinlagen nen und Übernahmen in verhätschelten nationalen Banken- ausweiten. Sollten die Griechen aus der Euro-Zone austreten, systemen zu brechen. Diese Teilverstaatlichung wäre temporär, würden die Konten eingefroren und die Euro-Guthaben in denn solide Banken, die über Einnahmen neues Kapital auf- neue Drachmen konvertiert werden. Ein Euro in einer griechi- bauen, könnten natürlich die öffentlichen Vorzugsanteile zu- schen Bank entspricht also nicht wirklich einem Euro in einer rückkaufen und damit reprivatisiert werden. deutschen Bank. Vergangenen Monat haben die Griechen über Dabei müssen die Risiken für den Steuerzahler durch zu- 700 Millionen Euro von ihren Banken abgezogen. sätzliche Maßnahmen möglichst gering gehalten werden. Es Schlimmer noch: Vergange- muss ein EU-weites Ein- nen Monat gab es eine Welle lagensicherungssystem ge- von Abhebungen bei spani- schaffen und durch ange- schen Banken. Bei einem messene Bankenabgaben fi- kürzlichen Besuch in Barce- nanziert werden – etwa über lona wurde einer von uns wie- eine Finanztransaktionssteu- derholt gefragt, ob es sicher er oder besser noch in Form sei, sein Geld einer einheimi- einer Abgabe auf alle Bank- schen Bank anzuvertrauen. verbindlichkeiten. Solch ein Prozess birgt Explo- Es braucht ein System sionsgefahr. Was heute noch zur Abwicklung von Ban- ein gemächlicher „Bank Jog“ ken, in dem zunächst die ist, könnte schnell zu einem nicht gesicherten Gläubiger Sprint zu den Ausgängen wer- ihren Beitrag leisten müs- den. Ein Run auf andere Ban- sen, bevor Steuergelder ein- ken der PIIGS-Staaten wäre gesetzt werden, um die Ver- ARIS MESSINIS / AFP unvermeidlich, wenn Grie- luste der Banken abzu- chenland austräte. Rationale decken. Auch die Größe der Menschen würden fragen: Banken muss beschränkt Wer ist der Nächste? werden. Und nicht zuletzt: Die Kreditkrise in der Eu- Protestierende Studenten in Athen Wenn europäische Steuer- ro-Peripherie ist unverändert gelder europäische Banken ernst. Da die Banken nicht Zunächst gilt es, das absichern, muss auch die in der Lage sind, genügend Regulierung und Aufsicht privates Kapital zu beschaf- Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone auf europäischer Ebene er- fen, um die geforderte Kapi- in Schwung zu bringen. folgen. talquote von neun Prozent Klar ist dabei: Solange die zu erreichen, verkaufen sie Gefahr besteht, dass Mit- Vermögenswerte und schränken ihre Kreditvergabe ein. Das gliedsländer den Euro-Raum verlassen, funktioniert die Ein- verschärft die Rezession in der Euro-Zone weiter. Eine Frag- lagensicherung nicht. Bei einem Austritt wäre eine Sicherung mentierung und Balkanisierung des Bankenwesens in den Län- der Euro-Konten sehr teuer, da das austretende Land sämt- dern der Euro-Zone ist bereits in vollem Gange. liche Euro-Ansprüche in eine neue, schnell abgewertete Auch die politische Fragmentierung beschleunigt sich in nationale Währung konvertieren müsste. Wenn andererseits Europa. Bei der letzten Wahl in Griechenland stimmten sieben die Einlagensicherung nur dann gilt, wenn das Land nicht von zehn Wählern für kleinere Parteien, die das Sparprogramm austritt, könnte sie einen Bank Run nicht aufhalten. Entspre- ablehnen, das Griechenland im Gegenzug für die Hilfspakete chend muss das Risiko eines Euro-Zonen-Austritts minimiert der EU auferlegt wurde. Etablierte Parteien verlieren derzeit werden. Wählerstimmen an Splitterparteien, wie beispielsweise in Ita- Dafür gilt es zunächst das Wirtschaftswachstum in der Euro- lien, wo die Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe Grillo Zone in Schwung zu bringen und auf übertriebene Sparpro- kürzlich die Kommunalwahl in Parma gewann. Und in Deutsch- gramme zu verzichten. Die Europäische Zentralbank muss land ist eine Rebellenpartei namens Piraten der letzte Schrei. dazu ihre Geldmarktpolitik lockern, der Euro schwächer wer- In den Niederlanden, in Frankreich und Norwegen haben den, steuerliche Anreize in den Kernländern müssen gesetzt Populisten eine große Anhängerschaft. Das ist beunruhigend. werden, Infrastrukturprogramme gestartet und in den Kern- ländern die Löhne deutlich erhöht werden, um den Konsum D er Weg, der aus dieser Krise führen könnte, scheint anzukurbeln. klar. Erstens müssen die Banken in der Euro-Zone – so- Und schließlich sehen wir keine Alternative zur Vergemein- wohl in den Peripherie-Staaten als auch in den Kern- schaftung der Schulden. Es gibt viele Ideen dazu, aber der Vor- ländern – über Vorzugsaktien ohne Stimmrecht von EFSF und schlag der deutschen Wirtschaftsweisen, der einen europäischen ESM direkt rekapitalisiert werden. Als Vorbild sollte das er- Schuldentilgungsfonds vorsieht, ist der beste. Nicht, weil er D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 69
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    Wirtschaft optimal wäre, sondernweil er der Mit unseren Vorschlägen wollen einzige Vorschlag ist, der die Beden- wir die Bedenken der Deutschen be- ANDREW TESTA / PANOS / VISUM ken der Deutschen mindern kann: Es schwichtigen. Aber es muss dringend wäre ein temporäres Programm, das etwas passieren! Die Deutschen müs- EYEVINE / INTERTOPICS nicht zu dauerhaften Euro-Bonds sen verstehen, dass Banken-Rekapi- führt. talisierung, EU-Einlagensicherung Allerdings besteht das Risiko, dass und Schuldenvergemeinschaftung jeder Vorschlag, der für Deutschland nicht optional sind. Es sind essentiel- akzeptabel ist, automatisch für die le Schritte, um eine Desintegration Peripherie-Länder der Euro-Zone Ferguson Roubini Europas zu verhindern. Sollten die inakzeptabel ist – vor allem für Ita- Deutschen aber nach wie vor nicht lien und Spanien. Die Kosten eines Auseinander- überzeugt sein, sein, dasssie sich dar- müssen Sie fürchten eine „neokoloniale“ über im Klaren die Kosten Unterwerfung ihrer Haushaltspoli- brechens der Währungs- eines Auseinanderbrechens der Wäh- tik unter deutsche Hoheit, wie es union wären astronomisch. rungsunion astronomisch wären– so- ein ranghoher Politiker bei unserem wohl für sie selbst als auch für alle Treffen in Rom formulierte. Jedoch anderen. ist es unvermeidlich, dass ein gewisses Maß an Souveränität Der deutsche Wohlstand hängt eng mit der Währungsunion abgegeben wird. zusammen. Deutsche Exporteure haben durch den Euro Wett- bewerbsvorteile. Und die Euro-Zone ist das Ziel für 42 Prozent B islang hat Deutschland jeden dieser Vorschläge gnadenlos der deutschen Exporte. Die Hälfte dieses Markts in eine Re- abgelehnt. Deutsche Politiker haben sich wiederholt ge- zession zu befördern kann nicht in deutschem Interesse sein. gen eine direkte Rekapitalisierung der Banken ausge- Letztlich hat die Währungsunion immer auch eine weiter- sprochen. Kanzlerin Angela Merkel schließt Euro-Bonds be- gehende Integration in eine finanzwirtschaftliche und politische ständig aus. Manche deutsche Offizielle klingen, als würden Union beinhaltet. So hat es Kanzlerin Merkel vergangene Wo- sie einen Austritt Griechenlands wirklich wollen. Andere sind che selbst gesagt. ganz erpicht darauf, Spanien einem haushaltspolitischem Diktat Aber bevor Europa auch nur annähernd so weit ist, diesen his- wie in Portugal zu unterwerfen. torischen Schritt zu gehen, muss es zunächst einmal zeigen, dass Wir verstehen die deutschen Bedenken. Es ist schwer, deut- es Lehren aus der Vergangenheit gezogen hat. Die EU wurde ge- sche Steuergelder zu riskieren, wenn es keine Reformen in den gründet, damit sich die Katastrophen der dreißiger Jahre nicht Peripherie-Ländern gibt. Aber Reformen brauchen Zeit, auch wiederholen. Es ist an der Zeit, dass die führenden Politiker Eu- die deutschen Strukturreformen wirkten nicht über Nacht. Eine ropas – und insbesondere Deutschlands – verstehen, wie gefährlich Bankenkrise dagegen kann in wenigen Tagen eskalieren. kurz davor sie sind, eine solche Katastrophe zu verursachen.
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    Flüchtiger Strom Eingespeiste Wind- und Solarstromleistung am 25. und 26. Mai, in Megawatt Quelle: EEX 25000 20000 15000 Solar 10000 5000 NEWS5 / OTT Wind 0.00 Mittag 0.00 Mittag 0.00 Gaskraftwerk „Franken I“ in Nürnberg: „Weitgehender Eingriff in die Eigentumsrechte“ Uhr Uhr Uhr Begonnen hat der Konflikt im Oktober müssen Stromversorger damit rechnen, ENERGIE vorigen Jahres. Da teilte E.on seinem dass ihnen vorgeschrieben wird, das Still- Netzbetreiber Tennet mit, man wolle ei- legen von Kraftwerken mehrere Monate Zwangsweise nige Kraftwerke abschalten. Der Betrieb der alten Gas- und Ölturbinen lohne sich nicht mehr. Weil immer mehr Sonnen- vorher anzukündigen. Im Ernstfall könnten die Behörden den Weiterbetrieb selbst von verlustbringenden Meilern anordnen. am Netz und Windstrom ins Netz drückten, seien die Anlagen nicht mehr ausgelastet, jedes der Kraftwerke schreibe Verluste, teilwei- Schon jetzt klagen die Unternehmen, dass ihnen das Geldverdienen immer schwerer falle. Immer öfter müssen sie Der Betrieb vieler Kraftwerke se in zweistelliger Millionenhöhe pro Jahr. ihre Kraftwerke herunterfahren, weil sie rechnet sich nicht mehr. Doch Tennet reagierte verhalten. Erst als verpflichtet sind, Sonnen- und Wind- wenn die Stromkonzerne E.on-Chef Johannes Teyssen die Bundes- strom vorrangig ins Netz einzuspeisen. regierung Anfang Mai am Rande des Die Branche will sich deshalb gegen diese Anlagen stilllegen würden, Energiegipfels bei Bundeskanzlerin An- die Verordnung zur Wehr setzen und eine wäre die Versorgung gefährdet. gela Merkel (CDU) auf mögliche Folgen freiwillige Lösung anbieten. Wenn der hinwies, war die Politik alarmiert. Staat einen solchen Einsatz verlangt, F ast hundert Jahre ist es her, da wur- Zusammengerechnet können die E.on- möchten sich die Unternehmen wenigs- de im Südwesten Nürnbergs das Kraftwerksblöcke mehr als 1800 Megawatt tens entschädigen lassen. Rein rechtlich Kraftwerk „Franken I“ in Betrieb Strom erzeugen. Diese Kapazität ist in scheinen sie dafür gut gerüstet zu sein. genommen. Seit 1913 liefern dort die Tur- Bayern eine durchaus relevante Größe, da Eine Verordnung, die Versorger zum binen Elektrizität; früher erzeugten sie dem Süden durch das Atom-Aus größere Betrieb unrentabler Kraftwerke zwänge, den Strom aus Kohle, heute dient Erdgas Engpässe drohen als dem Norden. Sollte wäre ein „weitreichender Eingriff in die als Brennstoff. Demnächst will der Düs- E.on die Kraftwerke abschalten, warnte Eigentumsrechte“ der Unternehmen, sagt seldorfer Versorger E.on „Franken I“ so- die Landesregierung, bestünde die Gefahr, der Energierechtler Peter Rosin von der wie vermutlich vier weitere Kraftwerks- dass das Stromsystem zusammenbräche. Kanzlei Clifford Chance; eine solche In- blöcke in der Region stilllegen – sofern Jürgen Homann, der neue Leiter der Bun- tervention sei deshalb ohne eine ange- die Bundesregierung dies zulässt. desnetzagentur, nahm umgehend Ver- messene Entschädigung kaum vorstellbar. In Berlin planen die Beamten in den handlungen mit E.on auf. Er warnte be- Die Rechnung werden die Stromkun- Ministerien nämlich eine bemerkenswer- reits davor, dass das Abschalten weiterer den bezahlen müssen. Doch welcher Auf- te Verordnung. Demnach könnte der Meiler „das Sicherheitsniveau auf nicht schlag ist angemessen? Genau darum wer- Staat Stromversorger dazu verpflichten, mehr akzeptable Werte sinken“ lassen wür- den Netzagentur und Kraftwerksbetrei- Kraftwerke weiterlaufen zu lassen. Diese de. Ziel von Homanns Gesprächen: Der ber nun streiten. Die Energiebranche Meiler hätten den Zweck, die Schwan- Energieversorger soll die Kraftwerke zu- wird versuchen, sich so teuer wie möglich kungen der schnell wachsenden Mengen nächst am Netz lassen. Die Kosten könn- zu verkaufen. Die Behörde indes wird von Sonnen- und Windstrom auszuglei- ten auf die sogenannten Netzentgelte um- ihre Regulierungsmacht zur Geltung brin- chen und so die Netze stabil zu halten: gelegt werden, somit auf den Strompreis. gen. „Wir dürfen ein Pokerspiel erwar- eine Feuerwehr gegen den Blackout. Bei dieser Notoperation für Bayern wird ten“, sagt die Energierechtlerin Ines Zen- Solchen Zwangsmaßnahmen kann die es freilich kaum bleiben. Die Bundesregie- ke von der Kanzlei Becker Büttner Held. Stromwirtschaft nichts abgewinnen. Erst rung will sich nicht noch einmal von Eng- Die Versorger kalkulieren, dass es bis musste sie nach dem Fukushima-Unglück pässen ähnlicher Art überraschen lassen, zu 200 Millionen Euro kostet, stets genü- Abschied von der Atomkraft nehmen, deshalb wird in Berlin offenbar an einer gend Kapazitäten im Netz bereitzustellen. und nun kündigt sich ein weiterer Schlag Verordnung gearbeitet, die dem Staat weit- Die Ausgaben für die E.on-Kraftwerke an: ein Eingriff des Staates in ihr Geschäft. reichende Befugnisse einräumt. Demnach, sind darin nicht einmal enthalten. Einfach so hinnehmen wird sie ihn nicht. heißt es in internen Analysen der Betreiber, FRANK DOHMEN, ALEXANDER JUNG D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 71
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    Wirtschaft BRAUERPHOTOS Ehepaar Middelhoff, Yacht „Medici“ an der Côte d’Azur: „Persönliche Katastrophe“ Krockow, früher Gesellschafter der Köl- MANAGER ner Privatbank Sal. Oppenheim. Die beiden, so beklagen sich Middel- „Offenkundige Geldnot“ hoffs Juristen, hätten den Manager und seine Frau dazu verführt, in Immobilien- fonds einzusteigen, „die zwingend den finanziellen Ruin des Beklagten und sei- Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zahlt nicht ner Ehefrau zur Folge haben mussten“. mehr die Charter für seine Luxusyacht im Mittelmeer – Und das alles will Middelhoff erst erkannt haben, als es zu spät war. In „blindem und streitet sich nun mit den Eigentümern des Schiffs vor Gericht. Vertrauen“ sei er in die Dinge hineinge- rannt, behauptet er. Ausgerechnet er, der P leasure Yacht. Ob der Gutachter ei- „Offenkundige Geldnot“ sagen sie ihm doch als Manager angeblich den Durch- nen Moment gezuckt hat, bevor er nach. Der „Wegfall seiner früheren Ein- blick hatte wie kaum ein anderer. Das ist das Wort hinschrieb? Aber viel- künfte“ rechtfertige noch lange keinen sicher ein Problem an seiner Argumenta- leicht ist das an der Côte d’Azur ja auch Ausstieg aus den Vereinbarungen. tion. Auch bei der „Medici“. nur der gängige Begriff für eine Yacht Der Streit um das Luxusspielzeug im Middelhoff behauptet, Krockow und wie die „Medici“, 5550 PS und so gierig Hafen von Vallauris-Golfe-Juan wirft ein Esch hätten ihm das Boot aufgedrängt. nach Sprit, dass die Zwölfzylinder-Turbos Licht auf den Absturz des früheren Su- Er erzählt dazu die Geschichte vom er- 1000 Euro in der Stunde fressen. perstars unter den deutschen Vorstands- folgreichen Manager, „14 Arbeitsstunden Eine Yacht zum Vergnügen – so steht chefs – und auf seine angeblichen Ma- täglich“, „Terminkalender stets bis zum es im Wertgutachten, das die Eigentümer nagementqualitäten. Noch immer lässt Überborden belastet“, „eine Vielzahl in- vor einem Jahr über das Boot vom Typ sich Middelhoff von teuren Anwälten den ternationaler Verpflichtungen“, daher lei- „Mangusta 108“ anfertigen ließen. Doch Ruf polieren: „Das Ehepaar Middelhoff der ohne Zeit, um sich um die 22 Millio- für den ehemaligen Arcandor-Chef Tho- nagt nicht am Hungertuch“, wiegelt einer nen Euro zu kümmern, die er nach seinen mas Middelhoff trifft das längst nicht von ihnen ab, der Stuttgarter Winfried Jahren an der Spitze des Bertelsmann- mehr zu. Vor gut fünf Jahren hatte er den Holtermüller. Die Middelhoffs könnten Konzerns auf der hohen Kante hatte. weißen 33-Meter-Keil gechartert. 72 392 auch langjährige Prozesse „finanziell lo- Darum habe er sein Vermögen Esch an- Euro zahlte er dafür, jeden Monat, nur cker durchstehen“. Doch in den Schrift- vertraut, mit dem Auftrag, „ihm künftig um das Boot zu besitzen. Dazu dann sätzen, mit denen „Big T“, wie er früher ein sorgenfreies Leben mit allen Annehm- noch die Liegegebühren, das Geld für mal genannt wurde, auf die Klage ant- lichkeiten in vollkommener finanzieller Minimum drei Mann Besatzung, Diesel, worten lässt, klingt das längst anders. Sicherheit zu ermöglichen“, wie Middel- Steuern. Manchmal will man damit ja Nach ziemlich pleite. hoffs Anwälte schreiben. Immerhin geben sogar fahren. Da steht nämlich, dass heute Middel- sie zu, dass ihr Mandant schon 2002 Sehn- Heute dagegen will sich Middelhoff das hoffs „Verschuldungsfähigkeit weit über sucht nach einer Freizeityacht hatte. Aber alles nicht mehr leisten; er hat die Zahlun- die Grenzen des Erträglichen hinaus über- die „Mangusta“-Yacht gekauft hätten Esch, gen für die „Medici“ gestoppt. Und von spannt“ sei. Nicht wegen der Yacht, son- Krockow und der Dritte im Bunde, der den Eigentümern, die ihn dafür verklagt dern vor allem wegen ihrer Miteigentü- damalige Oppenheim-Aufsichtsratschef haben, muss er sich vorhalten lassen, dass mer. Dazu gehören der Immobilienent- Georg Baron von Ullmann, ohne Middel- er es sich auch nicht mehr leisten kann. wickler Josef Esch und Matthias Graf von hoff zu fragen – für 7,3 Millionen Euro. 72 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Dann hätten sieihm angeboten, das Boot Schiff zu bekommen, wie die Sorge, sich Verglichen damit sind die Kosten der zu nutzen, für sich allein. durch eine Absage des Kaufs beim frühe- „Medici“ zwar Kleingeld, aber auch das Was Middelhoff, der doch angeblich nie ren Eigentümer zu blamieren“. So weit muss einer erst mal übrig haben. Und in Zeit hatte, geschweige denn Freizeit, mit die Version Esch. diesem Fall schmerzt die Ausgabe beson- einer Yacht in Südfrankreich anfangen Alles Quatsch, behaupten dagegen ders: Middelhoff findet es unzumutbar, sollte, lassen seine Anwälte zwar offen. die Middelhoff-Anwälte. Middelhoff zu den Leuten, die seine „persönliche Kata- Dafür aber liefern sie ein Motiv, warum klamm, um sich die „Mangusta“ zu leis- strophe“ verursacht haben sollen, auch Esch ihrem Klienten das Boot angedient ten? Wäre das so gewesen, hätte er doch noch Geld für die Yacht zu zahlen. Die haben soll: um ihn „bei Laune“ zu halten, von der „Anschaffung sofort Abstand ge- aber interessiert inzwischen nicht mehr, vermutet Middelhoff. Und dann offenbar nommen“, beteuern sie. Esch habe ihn was Middelhoff noch für zumutbar hält. einfacher ausnehmen zu können. im „Glauben gelassen, dass die Unkosten Esch, Krockow und Ullmann verlangen Bei Esch und Konsorten klingt die Ge- des Schiffes keine Belastung für den Be- mehr als 2,5 Millionen Euro, die Middel- schichte naturgemäß etwas anders, näm- klagten darstellten“. Dafür muss man bei hoff seit 2009 schuldig blieb – plus Zinsen. lich so: Middelhoff sieht demnach die rund 100 000 Euro im Monat allerdings Middelhoff behauptet dagegen, das mit „Medici“, eine Yacht, die dem Medienun- schon sehr leichtgläubig sein. dem Vertrag sei ganz anders gemeint ge- ternehmer Karlheinz Kögel gehört, und Nach einem Jahr, so Middelhoffs An- wesen. Es habe sich nicht um einen Cha- setzt sich in den Kopf, dass er sie haben wälte, sei auch ihm aber aufgefallen, dass tervertrag, sondern um einen Mietkauf muss, unbedingt. Er sagt Kögel, dass er so ein Schiff teuer ist. Doch Esch habe gehandelt. Mit jeder Rate habe er ein ihm das Boot abkauft. Nur hatte Middel- ihm vorgerechnet, er habe Geld genug da- Stück vom Boot gekauft, nach zehn Jah- hoff offenbar gar kein Geld dafür, zumin- für. Und das habe Middelhoff „natürlich“ ren hätte es ihm ganz gehören sollen. Des- dest nicht flüssig. Zwar hat er damals gut geglaubt. Natürlich. halb fordert er sogar das Geld zurück, das 20 Millionen Euro bei der Oppenheim- Schließlich dachte Middelhoff damals er bisher für das Schiff gezahlt hat: 2,3 Bank angelegt, aber als Festgeld, an das in ganz anderen Dimensionen: Wie aus Millionen. Weil Esch, Krockow und Ull- er so schnell nicht mehr herankommt. Die dem Schriftsatz seiner Anwälte hervor- mann den Vertrag gekündigt hätten und Bank wollte ihm offenbar auch keinen geht, zahlte das Ehepaar bis Ende 2011 das Schiff verkaufen wollten, könne er Kredit mehr geben. Sie hatte ihm schon schier unglaubliche 76,5 Millionen Euro die Yacht nicht mehr übernehmen, sei sei- weit mehr als 100 Millionen Euro geliehen, für die Finanzierung der Oppenheim-Esch- ne Anzahlung verloren. damit er und seine Frau sich in die Op- Immobilienfonds – weil sie ihre Einlagen Von Mietkauf steht in dem Vertrag al- penheim-Esch-Fonds einkaufen konnten. auf Pump finanziert hatten. Mit „über 200 lerdings kein Wort. Was Middelhoff beim Darum, so schreibt die Esch-Seite ge- Millionen Euro“ beziffern die Anwälte Unterschreiben wohl nur nicht aufgefal- nüsslich, „wandte sich der Beklagte hilfe- heute den Schuldenstand aus diesen Ge- len war. suchend an Josef Esch, wobei seine Trieb- schäften, ihre Mandanten seien „schwer JÜRGEN DAHLKAMP, GUNTHER LATSCH, feder ebenso sehr der Wunsch war, das in Mitleidenschaft gezogen“ worden. JÖRG SCHMITT
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    Trends Medien DAT E N S C H U T Z „Denkbar ist viel“ Der IT-Forensikprofessor an J. MÜLLER/AGENTUR FOCUS der Hochschule der Polizei in KAREN BLEIER / AFP Hamburg, Tobias Eggendorfer, 36, über Facebook-Fahndun- gen und gezielte Informations- Weltkarte der Facebook-Freundschaften suche von Behörden SPIEGEL: Hat es Sie gewundert, dass die dass der Verschleiß meiner Bremsen auf sehen, ob Leute aus dem Umfeld eines Schufa erwogen hat, auch Daten aus einem Materialfehler beruht. Verdächtigen polizeibekannt sind. sozialen Netzwerken für Kreditwürdig- SPIEGEL: Verwendet die Polizei bereits SPIEGEL: Die Bundesfinanzdirektion Süd- keitsanalysen heranzuziehen? Facebook oder Twitter für Ermittlun- west hat gerade 182 Software-Lizenzen Eggendorfer: Nein. Es ist nur konsequent, gen? für forensische Zwecke eingekauft. so viele Daten wie möglich zu mischen Eggendorfer: Das ist unterschiedlich weit Lohnt es sich für die Finanzämter, zu- und zu korrelieren. Das Facebook-Pro- entwickelt. Manche Polizisten recher- sätzlich auf Facebook zu fahnden? fil an sich ist für die Schufa uninteres- chieren offen als Polizist auf Face- Eggendorfer: Denkbar ist viel. Sieht das sant, spannend wird es durch die Kom- book, manche getarnt mit einem Fake- Finanzamt auf Facebook, dass jemand bination mit anderen Erkenntnissen. Profil. Juristisch ist es fraglich, ob das teure Klamotten trägt, luxuriöse Autos Gebe ich auf meinem Profil an, mit dem mit nichtöffentlich ermittelnden Beam- fährt oder sonst wie Geld verprasst, Job unzufrieden zu sein, sinkt meine ten oder verdeckten Ermittlern zu ver- könnte es bei einem unplausibel nied- Kreditwürdigkeit. gleichen ist, die langfristige Legenden rigen Einkommen nachrecherchieren. SPIEGEL: Wer könnte sich noch für Daten um ihre Identität gestrickt haben. Aber SPIEGEL: Welche Informationen lassen aus sozialen Netzwerken interessieren? jeder kann sich denken, dass viele Poli- sich noch aus dem Netz gewinnen? Eggendorfer: Steht auf meiner Facebook- zisten über ein Profil bei Facebook ver- Eggendorfer: Moderne Kameras und Smart- Seite, dass ich gern Fallschirmspringen fügen und das auch dienstlich einsetzen. phones hinterlegen im Foto Geokoor- gehe, würde meine Berufsunfähigkeits- SPIEGEL: Was macht die Polizei mit den dinaten. Stelle ich das Bild öffentlich auf versicherung mich vielleicht als Risiko- Erkenntnissen? eine Plattform, liefere ich weitere Daten, sportler einstufen. Poste ich, dass ich Eggendorfer: Das ist wie bei der Schufa, von denen ich eventuell nichts weiß. Dar- ein extremer Autofahrer bin, glaubt einfach so machen die Daten kaum über denken viele nicht nach, die mal vielleicht mein Autohändler nicht mehr, Sinn. Aber es kann interessant sein zu eben ein Foto vom Smartphone posten. N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N sen.“ „Ich bin auch die ganze Strecke „Dieses humanitäre Geschwafel bin ich von Misrata bis Tunis gefahren.“ „Ich leid.“ Er unterbrach: „Quatsch.“ Mehr- war am Tage der Machtergreifung in mals schien es, als müsste Anne Will Nah|ost|experte Damaskus.“ ihn gleich sachte aus der Sendung ent- Er spielte diese Trümpfe nicht aus, um fernen lassen, weil er nicht mal sie der: fälschlich auch als Bezeichnung für anzugeben. Er spielte sie aus, um die noch zu Wort kommen ließ. andere Talkshow-Teilnehmer verwandte anderen auszustechen. Ein Gast nach Es ist eine Zumutung, mit Scholl-La- Eigenschaft Peter Scholl-Latours dem anderen musste sich von ihm er- tour diskutieren zu müssen, aber die klären lassen, warum er keine Ahnung viel größere Zumutung ist es natürlich In einem Quartett wäre der Scholl-La- habe. Scholl-Latour haute wütend auf für Scholl-Latour, dass man überhaupt tour die Karte, die alle anderen sticht. seinen Ledersessel, fuhr den anderen andere Leute in eine solche Sendung Manche mögen glauben, sich aus- über den Mund und amüsierte sich einlädt und sogar reden lässt – Leute, zukennen mit der Weltpolitik, aber er über den jungen „Bild“-Reporter, der die zwangsläufig weniger wissen, weni- war dabei, als sie geschah. Manche von libyschen Revolutionären erzählte, ger verstehen und weniger dabei waren mögen auch vor Ort gewesen sein, die er auf Facebook trifft. „Das sind als er, weil sie nicht Scholl-Latour sind. aber nicht so lange wie er. Nicht so Dilettanten. Um eine Revo- 88 Jahre alt ist er jetzt. Er früh wie er. Nicht mit den richtigen lution zu machen, muss man verschluckt inzwischen so Kontakten wie er. Peter Scholl-Latour Schläger haben und Gano- viele Silben am Ende seiner (Bild) ist ein Igel unter Hasen: Er war ven haben.“ Wenn jemand Wörter und so viele Wörter immer schon da. Das ist mindestens so sagte, dass das Massaker am Ende seiner Sätze, dass sehr ein Fluch wie ein Segen, und sel- 1982 in Hama „vergleichbar“ es manchmal wirkt, als ten wurde das deutlicher als in der mit den aktuellen war, blaff- wolle er nicht nur die ande- Talkshow von Anne Will zu Syrien in te er: „Das war viel schlim- ren, sondern auch sich der vergangenen Woche. mer.“ Wenn jemand von selbst nicht mehr ausreden „Ich bin gerade aus dem Irak zurück- Todesschwadronen erzählte, lassen. Vermutlich weiß er gekommen“, sagte er. „Ich war 1982 in bellte er: „Das hat’s doch im- alles sogar besser als er Hama.“ „Ich bin auch in Libyen gewe- mer gegeben!“ Er brummte: selbst. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 75
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    Medien STAR-MEDIA Volksmusiker Gabalier, Kirchner: Man darf ein bisschen stolz sein auf dieses Deutschland mit den alpinen Bergketten, den sauberen U N T E R H A LT U N G Im Troststadl Sie wird immer wieder totgesagt, doch Volksmusik lebt von der Treue ihrer Verehrer. Die Fans schweben in einer Parallelwelt jenseits der schlechten Nachrichten und verehren Stars, die so sind wie sie selbst. M arilena Kirchner sitzt im Shop- Sie wäre gern ein Star. Volksmusik Der 27-Jährige rockt, das schwarze ping-Center Nord der Stadt Graz oder doch lieber Schlager? „Das weiß ich Haar zur Tolle aufgetürmt, die Konzert- und malt Herzchen auf das „i“ noch nicht so genau.“ Sie hat Preise hallen von Hamburg bis Linz, tobt in in ihrem Namen. Die Leute gehen vorbei, gewonnen und getanzt, mal inmitten knappen, speckigen Lederhosen über die sie kennen sie nicht. Ihre Autogrammkar- von Watteschnee und Glitzerflocken, mal Bühnen, dazu trägt er gestrickte Waden- ten sind rosa. Sie hat Marzipanschwein- neben gigantischen Obstkörben im Blu- schützer und Jackett. Er röhrt mit tiefer chen als Fan-Geschenke mitgebracht. Sie menmeer. Man hat ihr Schokolade zu- Kratzstimme: „I sing a Liad fia di, und da sitzt zwischen einer Eisdiele und dem gesteckt und auf den Hintern ge- frogst du mi, mogst mit mia taunzn gehn, Saturn-Elektromarkt. guckt. i glaub i steh auf di, i hob mi vaknoit in Es waren anstrengende Monate für die Marilena hört nicht Lady Gaga oder di ...“. Er lässt den Hintern kreisen, das 14-Jährige, sie ist durch Bierzelte gezogen Tokio Hotel. Ihre Vorbilder sind Helene Becken stoßen, greift sich an den Latz. und hat immer wieder ihr Lied gesungen: Fischer, Schlagerprinzessin, Deutschlands Im Publikum drängen sich die jungen „A Lausbua muass er sei“, sie hat das rosa erfolgreichste Sängerin, und Andreas Ga- Frauen, die knappen Dirndl haben sie Dirndl getragen und fortwährend gelächelt. balier, der Rebell der Branche. sich extra fürs Gabalier-Konzert gekauft, 76 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    mischen Bildschirme. Dawird gekocht und Fallschirm gesprungen, da lässt sich Borg in eine überdimensionierte Fake- Eistruhe sperren, um den Rekord im Kühl- schrank-Sitzen zu brechen, und Silber- eisen läuft über glühende Kohlen. Da hüp- fen Ballerinen vom Fernsehballett durch die Reihen und präsentieren durchtrai- nierte Hinterteile. Da gibt es Schlager- medleys und Blaskapellen. Da gibt es die immer gleichen alten Stars, die unsterb- lich scheinen. Und da gibt es neue Hoff- nungen wie Gabalier und Marilena. Bevor die Volksmusik das Volk zum Schunkeln brachte, wollte es sich dem Fernweh hingeben. Im deutschen Schla- ger der fünfziger und sechziger Jahre, in den Hits von Caterina Valente und René Carol, ging es darum, sich rauszuträumen aus dem grauen Wirtschaftswunderland. Schöne südländische Sänger sangen Sehn- suchtslieder. Liebeslieder. Doch die heile Welt wurde Anfang der achtziger Jahre davongespült von der Neuen Deutschen Welle. Die Texte waren oft auch sozialkritisch, ungemütlich. Der Soundtrack zum hedonistischen Leben wurde düsterer. Englischsprachige Musik dominierte schließlich den Markt. Das große Revival kommt erst zehn MARTIN JEHNICHEN/DER SPIEGEL Jahre später. In einer Zeit der Unsicher- heit, nach dem Ende des Ost-West-Kon- flikts, funktionieren die alten Schlagerhits wieder. Zum Partymachen, Mitsingen und Ablenken. Und eine neue Volksmu- sik etabliert sich in Konzertsälen, in Ra- diosendern und im Fernsehen: Ausgerech- Seen und den hübschen Madeln net mit Volksmusik wurde der Mitteldeut- sche Rundfunk zum damals erfolgreichs- dazu Haarreifen mit blinkenden Hasen- pinen Accessoires sind nicht totzukriegen ten dritten Programm. Der volkstümliche ohren. Sie kreischen und werfen Spitzen- durch sinkende TV-Quoten oder illegale Schlager, verkürzt als Volksmusik be- unterwäsche zu ihm hinauf. Downloads. Die tröstliche Welt der Volks- zeichnet, verbindet traditionelle Instru- „Dös eskaliert eigentlich immer“, sagt musik bietet eine Parallelwelt jenseits der mente und folkloristische Melodik mit Gabalier und grinst. Anfangs hätten die schlechten Nachrichten. einfachen Texten, die das Bedürfnis nach Leute von der Plattenfirma noch versucht, Der Massen-Eskapismus, zelebriert in Geborgenheit bedienen. Die Globalisie- ihm den „Oarschwackler“ abzugewöh- den Fernsehshows von Carmen Nebel, rung fördert die Sehnsucht nach Heimat: nen. „Mi verbiagt koana.“ Florian Silbereisen oder in Andy Borgs Man darf ein bisschen stolz sein auf dieses Gabalier ist der Elvis der Volksmusik, „Musikantenstadl“, lockt Sendung für Deutschland mit den alpinen Bergketten, in Österreich längst Superstar, er habe Sendung Millionen Zuschauer vor die hei- den sauberen Seen und hübschen Madeln. „alle Verkaufsrekorde gebrochen, die es „Ich bin da so reinge- je gab“, in Deutschland steht sein Album rutscht“, sagt Andreas Gaba- „Herzwerk“ kurz vor Platin. Der Steirer lier. Er sitzt im Foyer der Stadt- glaubt, ein neues Genre geschaffen zu ha- halle Chemnitz, draußen kal- ben, den „Volks-Rock’n’Roll“. Mit seiner ter Regen und der bronzene Mischung aus Heimatliebe und Größen- Kopf von Marx, drinnen eine wahn gelingt ihm, was alle Plattenfirmen azurblaue Polstergarnitur. Die wollen: junge Fans binden. Generalprobe zur „Krone der So ist Gabalier ein Beispiel dafür, wie Volksmusik“ läuft. Auch Ga- es das Genre schafft, die Sehnsucht nach balier verdient, trotz guter Ver- Liebe, Frieden und Heimat immer wieder kaufszahlen, sein Geld haupt- neu zu befriedigen. Zwar leidet die Volks- sächlich mit Live-Auftritten. XAMAX / PICTURE ALLIANCE / DPA musik wie die gesamte Musikbranche un- Im vergangenen Jahr sei er ter Umsatzrückgang, immer wieder aber 66 000 Kilometer mit dem EVENTPRESS HERRMANN treiben einzelne Künstler mit gutverkauf- Auto gefahren, habe 200 Kon- DUMMER / DAVIDS ten Alben die Zahlen nach oben. 2012 zerte gegeben und fast nur in dürfte das Gabalier sein, der neue Hoff- Hotels geschlafen. nungsträger. Drews Fischer Silbereisen Vor drei Jahren war Gaba- Die Lieder mit den immer gleichen lier noch ein Jurastudent aus Worten, die zuckrigen Melodien, die al- Stars der Branche: Massen-Eskapismus zelebrieren Graz, der nebenbei ein biss- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 77
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    Medien MARTIN JEHNICHEN/DER SPIEGEL Musikveranstaltung in Graz: Man muss nicht schön sein, nicht reich oder erfolgreich, um dazuzugehören chen Musik am Computer machte, sich schen, Stampfen und Jubeln. Die Halle „Ein bisschen Spaß muss sein“ über „Ani- selbst das Spiel auf der Steirischen Har- vibriert. ta“ bis hin zu „Wahnsinn. Warum schickst monika beibrachte und irgendwann eine Immer wieder dabei: Jürgen Drews, er du mich in die Hölle?“. Tanzende Omis, Aufnahme an ORF Radio Steiermark stürmt die Bühne in Rüschenhemd und Kinder in Tracht, alle fassen sich an den schickte. Jetzt gilt er als Pin-up-Boy und Piratenmantel, die gebräunte Brust frei- Schultern, irrlichtern durch die Halle und Retter der Volksmusik, weil er das Ge- gelegt. Er singt brüllend: „Ich bin der Kö- werden beschossen, aus Konfettikanonen. genteil verkörpert von Florian Silbereisen nig von Mallorca!“ Er springt auf einen Man muss nicht schön sein, nicht reich und Co., die sich die jovialen Gesten und Biertisch in der ersten Reihe, zerrt ein oder erfolgreich, um dazuzugehören. Altherrenwitze noch bei ihren Vorgän- kleines Mädchen vor die Kamera, singt Volksmusik ist da für all jene, die sich in gern abgeguckt haben. ein paar Zeilen, Wange an Wange, und der Oper nicht wohl fühlen. Gabalier verfasst seine Lieder selbst. zieht weiter. Stadl, das ist Schwerstarbeit. Irgendwann ist es vorbei, die Gäste Er summt und spricht sie unterwegs in taumeln ins Freie, sie sehen aus wie nach sein iPhone. Sie handeln vom Bergsteigen einem fünfstündigen Schaumbad, zu- oder von Phantasie-Sex mit Stewardes- Anfangs hat die Platten- frieden, aber auch ein wenig ver- sen. Trotzdem hat er etwas, das man Tie- firma noch versucht, schrumpelt. fe nennen könnte, etwas Existentielles, Marilena Kirchner hat an einem dieser das manchmal durchschimmert, in Bli- Gabalier seinen „Oarsch- Abende den „Stadlstern“ gewonnen, ei- cken und im Klang. nen begehrten Nachwuchspreis. 42 Pro- Mit Anfang zwanzig verlor er erst sei- wackler“ abzugewöhnen. zent der Zuschauer stimmten für sie ab. nen Vater und dann seine kleine Schwes- Auch sie gehört jetzt zu den Hoffnungen ter, beide begingen Selbstmord. Seine Fa- Scheinwerfer auf Marilena Kirchner, der deutschen Volksmusik. Ihr Texter miliengeschichte ging durch sämtliche rosa Dirndl, Enkelkind-Charme. Sie sieht Peter Wessely sagt: „Der Welpenschutz österreichischen Medien. Sie ist, wenn ein wenig verloren aus. Sie wippt ein ist jetzt vorbei.“ Und meint: „Bald wird auch ungewollt, Teil der Marke Gabalier. bisschen mit den Hüften, lächelt und singt: es sich lohnen.“ Die Volksmusikmaschine Hinter dem „Steirerbuam“ steht eine „Ist er reich, tät des net schaden, ist er hat ein neues Rädchen. höchst professionelle PR-Maschine. Sie arm, is nix dabei. I hab koane bsondern Ein paar Wochen später bekommt Ma- verkaufen ihn, erfunden haben sie ihn Wünsche, nur – a Lausbua muass er sei.“ rilena ihr erstes Angebot für eine Doku- nicht. Im Backstage-Bereich ist die Luft dick Soap, die auf Vox laufen soll. Der Mensch, der Volksmusik hört, ist vom Zigarettenrauch. Es gibt Schweins- NICOLA ABÉ meist ein treuer Fan. Er kauft noch CDs braten, Bockwurst und Bier. Jürgen Drews und Schlüsselanhänger. Er sucht die Sicher- hat sich einen Bio-Trinkjoghurt organisiert. heit der immer gleichen Harmonien. Er Drews ist 67. Er nimmt mit, was noch geht. Musikvideo: reist in Bussen an, wenn in Stadthallen und Er macht seit Jahrzehnten seine eigene Andreas Gabalier mit Kongresszentren der „Stadlstern“ glüht. Musik fürs Volk, ohne Lederhosen und „I sing a Liad für di“ Auf einer dieser Veranstaltungen steht Alpenglühen – mit „Bett im Kornfeld“. Für Smartphone-Benutzer: der Moderator Andy Borg zwischen wei- Die Abende münden meist in einer un- Bildcode scannen, etwa mit ßen Lilien und begrüßt die Gäste. Klat- endlichen Polonaise der Schlagerhits von der App „Scanlife“. 78 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Panorama USA Treibender Müllstrudel Ausbreitung des Trümmerfeldes infolge des Tsunamis im März 2011 Meeresströmung NORD- Angeschwemmter Ponton AMERIKA DPA Trümmerteile Stand: 7. Juni 2012 Ein riesiges Trümmerfeld mit Überres- ASIEN ten der japanischen Tsunami-Katastro- Seattle phe vom März vergangenen Jahres Erdbeben- treibt auf die Westküste Nordamerikas Epizentrum San Francisco zu. Die US-Meeresbehörde NOAA schätzt, dass in den nächsten Monaten rund 1,5 Millionen Tonnen Schrott und JAPAN Müll angespült werden könnten. Ver- Pazifik Los Angeles gangene Woche wurde ein 165 Tonnen schwerer Ponton aus Japan auf einem Strand im US-Bundesstaat Oregon ge- Hawaii funden. Helfer flämmten ihn mit Bren- nern ab, damit sich fremde Pflanzen oder Kleinstlebewesen aus dem Be- Quelle: IPRC wuchs nicht in US-Gewässern ausbrei- ten. Schon Anfang April musste ein Kut- Küste der kanadischen Provinz British flutenden Wassermassen des Tsunamis ter der Küstenwache im Golf von Alas- Columbia einen Container aus Japan, dort mitrissen, landet also mit hoher ka mit Salven aus der Bordkanone das darin unter anderem ein Motorrad der Wahrscheinlichkeit in den USA und in japanische Geisterschiff „Ryou-un Maru“ Marke Harley-Davidson. Kanada – es sei denn, es kreiselt für vie- versenken. Der Tsunami hatte den Im Nordpazifik weht der Wind meistens le Jahre im „Großen Pazifischen Müll- Fischtrawler in der Gegend von Hok- von West nach Ost. Zudem fließt eine strudel“, einem Seegebiet im Zentrum kaido losgerissen, das treibende Wrack gewaltige Meeresströmung von Japan der Strömung, in dem sich in den vergan- gefährdete andere Schiffe. Mitte April nach Amerika, dann südwärts und wie- genen Jahrzehnten Millionen Tonnen fand ein Strandgutsammler an der der Richtung Japan. Was die zurück- Plastikmüll angesammelt haben. VERBRECHEN chen Täter Luka Rocco Magnotta zum sische Eltern oft einen Großteil ihrer Opfer fiel. „Die Welt da draußen ist Ersparnisse aus. Doch Verbrechen angsteinflößend“, schrieb ein User, ein haben China nun aufgeschreckt: Erst Kondolenz im Internet anderer stellte fest: „Überseestudenten sind nicht sicher!“ Sogar eine Online- im April waren zwei chinesische Studenten in Los Angeles erschossen Der Fall des in Kanada ermordeten Gedenkstätte wurde eingerichtet: Dort worden. Lins geschiedene Eltern sind chinesischen Studenten Lin Jun hat in können Internetnutzer virtuelle mittlerweile in Kanada eingetroffen, dessen Heimatland Trauer und Angst Blumensträuße kaufen und unter dem um, so seine Mutter, „mein Kind nach ausgelöst. Mit Bildern von Kerzen, Porträt des Toten ablegen. Rund Hause zu holen“. Ein chinesischer weinenden Smileys und Kondolenz- 340 000 junge Chinesen waren 2011 im Blogger schrieb in Bezug auf den in botschaften im Internet gedenken Ausland, um zu lernen oder zu studie- Berlin gefassten Magnotta, einen Zehntausende Chinesen des 33-jähri- ren. Jedes Jahr werden es mehr. Für ehemaligen Pornodarsteller: „Schickt gen Lin, der aus Wuhan in der Provinz die Ausbildung ihrer Kinder in Europa, ihn nach China. In Kanada gibt es Hubei stammte und dem mutmaßli- Australien oder Amerika geben chine- keine Todesstrafe!“ 80 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Ausland S Ü DA F R I KA DÄ N E M A R K Nobelpreisträger gegen Zensurgesetz Schlechte Noten für Der Widerstand gegen das von Regie- rung und ANC geplante Mediengesetz das Gesetz soll, nämlich Korruption vertuschen – die Regierung macht kei- Helle und Villy wird erbitterter. Besonders massiv ne Anstalten, ihre Absicht zu verber- In Brüssel macht die bis Ende Juni am- geht die südafrikanische Literaturnobel- gen“, sagt Gordimer, deren Bücher zu tierende EU-Ratspräsidentin Helle preisträgerin Nadine Gordimer auf Apartheid-Zeiten teilweise verboten Thorning-Schmidt, 45, eine gute Figur. Distanz zur ANC-Regierung von Ja- waren. Bislang galten Meinungs- und Zu Hause aber muss die Regierungs- cob Zuma. Die umstrittene Reform, Pressefreiheit in Südafrika als vorbild- chefin ums politische Überleben kämp- die im Juli im Parlament verabschiedet lich. Die Regierung rechtfertigt das fen. Acht Monate nach Amtsantritt werden soll, würde den Besitz oder Mediengesetz mit „nationalen Sicher- liegen ihre Sozialdemokraten nur noch die Veröffentlichung vertraulicher Do- heitsbedürfnissen“. Tatsächlich sind kumente mit einer Gefängnisstrafe zahlreiche Politiker und Regierungs- von bis zu 25 Jahren belegen. Zu den beamte in Bestechungsfälle verwickelt, prominenten Kritikern zählen auch gerade steht die komplette Polizei- Bischof Desmond Tutu, Gordimers spitze unter Korruptionsverdacht. Gor- Kollege und Nobelpreisträger J. M. dimer zieht historische Parallelen: Coetzee, viele Journalisten sowie „Wir fallen zurück in die Apartheid- Künstler. „Es ist offensichtlich, was Zensur, nur in einem neuen Gewand.“ PA L Ä S T I N A Rennen um die Auszeichnung ge- schickt. Doch nun will Israel letzte Lücken in der Absperrung des Westjor- Weltkultur-Dorf danlands schließen – und dafür eine Mauer durch das Tal mit seinen jahr- Wenn die Unesco Ende Juni über neue hundertealten Terrassen- und Bewässe- Stätten des Weltkulturerbes entschei- rungssystemen bauen. Deshalb nomi- JOHN THYS / AFP den wird, könnte erstmals auch eine nierte die Autonomiebehörde Batir in palästinensische darunter sein: die letzter Sekunde nach. Die Palästinen- Geburtskirche in Betlehem. Oder west- ser hoffen, der Status als Weltkultur- lich davon das Dorf Batir. Die Geburts- erbe könnte den Mauerbau noch ver- Thorning-Schmidt kirche hat Jesus; Batir hat Gemüse- hindern. Nur gut zwei Wochen bleiben gärten und Terrassen mit Olivenbäu- der Unesco für die Prüfung, die nor- bei 16,9 Prozent – der schlechteste men. Über 1,5 Millionen Besucher malerweise Monate dauert. „Alles Wert seit Einführung von Meinungs- fahren jährlich nach Betlehem. Nach hängt davon ab, ob die Palästinenser umfragen in Dänemark vor über Batir kommt kaum jemand. Eine Ent- in der Lage sind, die Unesco von der hundert Jahren. Der ehemalige Europa- scheidung zugunsten des idyllischen Dringlichkeit ihres Anliegens zu Abgeordnete Freddy Blak forderte Tals wäre aber hochpolitisch. Die überzeugen“, sagt Giovanni Fontana, seine Parteifreundin bereits zum Rück- Palästinenser hatten im vergangenen Unesco-Kulturreferent in Ramallah: tritt auf. Auch einer der beiden Koa- Herbst nach ihrem Unesco-Beitritt „Aber selbst wenn die Zeit nicht aus- litionspartner, die rot-grüne Sozialisti- Jesu Geburtsort als ersten von insge- reicht, könnte auch die öffentliche Dis- sche Volkspartei von Außenminister samt 20 möglichen Kandidaten ins kussion den Mauerbau verhindern.“ Villy Søvndal, schwächelt. „Seit der Wahl brechen Helle und Villy jede Woche ein Versprechen“, sagt der Op- positionspolitiker Claus Hjort Frede- riksen. Es genüge eben nicht, mit EU- Kommissionspräsident José Manuel Barroso „Küsschen auszutauschen“, schrieb die Zeitung „Ekstra Bladet“. Die Sozialdemokraten verweisen auf eine Studie, nach der sie bereits 42 von 95 Punkten ihres Wahlmanifestes er- folgreich umgesetzt hätten, darunter Beschäftigungsprogramme und eine Li- beralisierung des Ausländerrechts. „Wir werden weitermachen“, sagte Thor- ning-Schmidt bei der Präsentation ih- rer „Vision 2020“, eines Programms, ABIR SULTAN / DPA das 180 000 Jobs schaffen und den Aus- bau von Studienplätzen vorantreiben Batir soll. Man müsse als Regierungschefin „auch mal einen Knuff wegstecken“. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 81
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    Titel Der große Graben Als Heilsbringer hat Barack Obama längst abgedankt, als US-Präsident fällt seine Bilanz durchschnittlich aus. Vom Kongress blockiert, von Amerikas konservativer Hälfte gehasst, wirkt er wie ein zum Scheitern Verurteilter. 82 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    D ie Vereinigten Staaten von Ame- rika, in denen sich nach vier Jah- ren wieder ein monströser Präsi- dentschaftswahlkampf aufbauscht, stellen nicht mal fünf Prozent der Weltbevölke- rung, verbrauchen aber rund 25 Prozent allen Erdöls. Sie haben fast 16 Billionen Dollar Schulden, in diesem Haushaltsjahr geben sie 1300 Milliarden Dollar mehr aus, als sie einnehmen, und allein zwei Milliarden kostet – jede Woche – der Krieg in Afghanistan. Laut wird im Land dieser Tage nach einem Frieden in Syrien gerufen, während in Pakistan leise ein schmutziger Drohnenkrieg geführt wird. In Guantanamo, Kuba, schmoren noch immer 169 Häftlinge. Und in Washington, D.C., verläuft zwischen den politischen Lagern ein Graben so tief, dass man ihn für einen Abgrund halten möchte. Heißt der aktuelle Präsident der USA wirklich Barack Obama? Ist die Ära des George W. Bush wirklich vorüber? In diesen Monaten geht Obamas erste Amtszeit zu Ende. Für das riesige, vielge- sichtige Land, 27-mal größer als Deutsch- land, wird ein neuer Plan gebraucht, ein neues Projekt für die alte, schlingernde Weltsupermacht. Für 314 Millionen Bür- ger wird im November ein Präsident ge- sucht. Wird es ein neuer sein? Oder bleibt es Obama? Ist es vorstellbar, dass der erste schwarze Amtsinhaber, der als Heilsbrin- ger begrüßte Barack Obama, von einem blassen Mormonen, dem in vielerlei Hin- sicht dubiosen Republikaner Mitt Romney überholt wird? Das Amt, um das sich beide bewerben, ist das schwerste der Welt. Die Agenda des US-Präsidenten ist ständig randvoll mit dem Wichtigsten und dem Neben- sächlichsten, 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Oft kann es nur am Rande um welthis- torische Aufgaben und nationale Groß- projekte gehen, weil inneramerikanische Sportskandale oder Sexaffären durch den Alltag rollen, weil sich verrückte Pastoren anschicken, Korane zu verbrennen oder neue Statistiken belegen, dass drei Viertel aller Amerikaner übergewichtig sind, dass über 46 Millionen in Armut leben oder dass über 30 000 Menschen im Land jedes Jahr durch Schüsse aus Pistolen und Gewehren sterben, Selbstmorde einge- schlossen. Dass Kim Kardashians Ehe nur 72 Tage hält, kann die Nachrichten in Amerika länger bestimmen als jede umweltpoliti- sche Initiative, die hohen Benzinpreise – „hoch“ heißt, ein Liter kostet 77 Euro- Cent – sind vielen Leuten so wichtig, dass sie die Wahl entscheiden könnten. Dass 52 Prozent der Republikaner im Staat DOUG MILLS / NYT / LAIF Mississippi glauben, Obama sei Muslim, dass 46 Prozent der Amerikaner denken, der Mensch sei haargenau so erschaffen Präsident Obama im Washingtoner Nationalarchiv worden, wie es in der Bibel steht, kann Debatten sehr anstrengend gestalten. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 83
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    Titel SCOUT TUFANKJIAN/POLARIS/LAIF Wahlkämpfer Obama in Berlin 2008: Ist es erlaubt, seine Taten gegen sein Charisma aufzurechnen? Wer meint, derlei vermischte Fakten Wer seine erste Amtszeit gerecht be- auf vielen Feldern einfach nicht geliefert hingen nicht weiter zusammen, verkennt urteilen will, kann die Liste seiner gehal- hat. die Lage der Leute im Weißen Haus von tenen und gebrochenen Versprechen Misslungen ist ihm das Projekt der na- Washington, D.C. Man stelle sich nur vor, durchgehen. Dann fällt Obamas Bilanz, tionalen Versöhnung, das er zu Beginn in um ein noch besseres Gefühl für diesen gemessen an jenen der elf US-Präsiden- einer seiner berühmt gewordenen Reden Betrieb zu bekommen: Als Obama im ten seit dem Zweiten Weltkrieg, in die beschwor: „Es gibt nicht das Amerika der vergangenen Jahr, während der Spezial- Kategorie „besserer Durchschnitt“, zu Demokraten und das Amerika der Repu- operation gegen Osama bin Laden, „die beurteilen ist ein durchwachsenes, hartes blikaner“, hatte Obama gesagt, „es gibt längsten 40 Minuten meines Lebens“ Stück Arbeit aus der Werkstatt des Mach- nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“ durchzustehen hatte, steckte er gerade in baren. Aber worüber andere Politiker In Wahrheit sind diese Staaten heute ge- einer von seinen Feinden angezettelten spaltener denn je. Der Kulturkampf ist alt, Debatte darüber, ob er überhaupt Ame- er prägt das Land womöglich seit den rikaner und seine Geburtsurkunde wo- Washington ist für viele Schlachten des Bürgerkriegs vor 150 möglich gefälscht sei. Kann nicht sein? Bürger zum Hassobjekt Jahren, aber er hat sich im Zuge der Zeiten, Aber genauso war es. und noch einmal während Obamas Regie- Obama und sein Stab müssen ständig geworden, zum Inbegriff rung, verschärft, statt sich zu beruhigen. nach Tageslage, Klickraten und Lärm- Fast alle Gesprächspartner, mit denen pegel entscheiden, was gerade wichtig ist. für Mittelmaß und Murks. sich SPIEGEL-Korrespondenten im gan- Sie stehen in einem Tornado aus tausen- zen Land trafen, um Obamas Bilanz zu derlei Fundstücken, Einwürfen und künst- heilfroh wären, das kann Obama nicht erörtern und ein Bild vom Zustand der lichen Eklats, die ein ruheloser, hochpro- im Ernst genügen. USA zu zeichnen, sagten es so: Amerikas fessioneller Medienbetrieb andauernd So irrational und naiv es immer ge- innere Spaltung hat ein neues, bedenk- produziert – im Verbund mit der rührigs- wesen sein mag, ihn als Heilsbringer zu liches Stadium erreicht. Eigentlich unstrit- ten Web-Gemeinde der Welt. begrüßen, und so ungerecht es ist, seine tige Gesetzesvorhaben bleiben jahrelang Es sprengt die Vorstellungskraft, was Taten gegen sein Charisma aufzurech- blockiert, höchste Posten in Justiz und das Weiße Haus tagtäglich, stündlich zu nen: Immerhin hat er sich selbst zum Ret- Behörden unbesetzt. Nötige Zusatzhaus- bewältigen hat. Es ist ein unmöglicher Ar- ter stilisiert, zum schönen Ritter des halte werden erst in letzter Sekunde be- beitsplatz, und wer hier Erfolg haben will, Wechsels. „Change“ stand auf seiner Fah- schlossen, und auch nur, wenn wirklich sagt man, muss aus dem richtigen Holz ne, „Yes, we can!“ lief als Slogan um die der Staatsbankrott droht. geschnitzt sein. Trifft das auf Obama zu? ganze Welt, aber derzeit herrscht in Ame- In diesem Klima hat kein Präsident die Ist er gemacht für das Amt? Oder ist es rika das Gefühl vor, selbst bei den An- Chance, die Welt nach seinem Programm eine Nummer zu groß – selbst für ihn? hängern des Präsidenten, dass Obama zu gestalten. Obama hat es seit 2011 mit 84 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    SAUL LOEB /AFP Präsidentenpaar Obama beim Ball zur Amtseinführung am 20. Januar 2009: „Die Mitte ist verschwunden, buchstäblich verschluckt“ einem republikanisch dominierten Abge- „Manchmal hat man das Gefühl“, sagt Schicht als Moderator gerade vorbei, ordnetenhaus zu tun, das ihm keinen Mil- Chuck Todd, „man pinkelt in einen Hur- „The Daily Rundown“, 60 Minuten Zu- limeter entgegenkommt. Das zivile, de- rikan. Was man tut, macht null Unter- sammenfassung des neuesten Polit-Klat- mokratische Konzept vom Kompromiss schied.“ Todd ist ein wichtiger Mann in sches auf MSNBC, dem Kabelableger von ist zuschanden, das Wort allein ist unter Washington, Chefreporter des NBC-Fern- NBC. Eigentlich müsste Todd längst im Republikanern ein Schimpfwort gewor- sehens, sein Wecker klingelt morgens um Weißen Haus sein, er ist für Aufsager ge- den. Sie agieren so stur, dass sie sogar fünf, und wer ihn trifft um zehn Uhr, fin- bucht, live aus dem Rosengarten, Kom- Gesetzesvorhaben blockieren, die sie fast det einen müden Mann mit Bart in einem mentare zu den „big news“ des Tages, zu wortgleich einst selbst betrieben haben. fensterlosen Büro, der halb in seinem Obamas Aktionen. In der Folge ist Washington, schon lan- Sessel sitzt, halb liegt, und vor ihm auf Aber was ist überhaupt noch eine ge als abgehobene, alltagsferne Haupt- dem Tisch blinkt immerfort der Black- Nachricht? Wenn der BlackBerry jede Mi- stadt verachtet, für viele Bürger zum Berry. nute „Breaking News“ vermeldet? Todd Hassobjekt geworden, zum Inbegriff für Todds Mailbox quillt über, stündlich, weiß es auch nicht mehr. Er sagt noch Mittelmaß und Murks. Die scharfen Ka- minütlich, im Postfach wartet jeden Mor- einmal seinen Satz vom Pinkeln im Hur- barettisten des US-Fernsehens vermuten gen das „Playbook“ des „Politico“-Blog, rikan, das sind starke Worte von einem, schlichten Rassismus hinter allem, eine eine wirre Ansammlung der wichtigsten der als einer der einflussreichen Journa- republikanische Front gegen den schwar- Termine, Fakten, Geburtstage in der listen in Washington gilt, so einflussreich, zen Mann im Weißen Haus, ein böser Hauptstadt. dass ihn Obama während seiner Rede Vorwurf, für den einiges spricht. Todd muss den „Drudge Report“ stu- beim Dinner der White House Corres- Mit nur rationalen Argumenten ist dieren, eine weltweite Übersicht mehr pondents persönlich mit einem freund- nicht mehr zu erklären, warum der Poli- oder minder relevanter Storys, er muss lichen „Chuck“ begrüßte. tikbetrieb der Vereinigten Staaten in die- sehen, was die „Huffington Post“ macht, NBC wirbt mit ihm in Werbespots: Dar- sen Jahren derart verkümmert ist. Dass was die wichtigen Blogger schreiben. in sagt Chuck Todd, er wolle im Weißen Obama nicht in der Lage ist, ihn wieder- Todd muss bei Facebook einchecken, sei- Haus die Fragen stellen, die normale Bür- zubeleben, spricht gewiss gegen ihn. Aber nen Twitter-Feed füttern, er sagt: „Wenn ger nicht stellen könnten. Aber bleibt ihm andererseits wirkt es dieser Tage auch ich auf einer einsamen Insel strande und überhaupt die Zeit, sich die guten Fragen manchmal so, als sei selbst er, der Präsi- mein BlackBerry geht noch, bleibe ich auszudenken? Oder stimmt, was heutige dent, ausgestattet mit weitreichenden trotzdem voll informiert.“ Kampagnenmanager sagen: dass sie den Herrschaftsrechten, von denen europäi- Sein Leben hat sich als Schatten unter überforderten Korrespondenten viel leich- sche Regierungschefs nur träumen kön- seine Augen eingegraben, im bleichen Bü- ter als je zuvor ihre frisierten News un- nen, auch bloß ein Rädchen in der kaput- rolicht sind die dunklen Ränder gut zu terjubeln können, weil keine Zeit mehr ten Mechanik der Macht. sehen. Um zehn am Morgen ist seine bleibe, sie zu prüfen? Todd sagt: „Was D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 85
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    Titel stimmt, ist, dass wir alle überfordert tematisch die Tweets während der Rede, derwahlzentrums in Chicago. Als es sind.“ 766 681 waren es bei Obamas letzter An- jüngst um Äußerungen Karl Roves ging, Todd, 40, wuchs noch ganz selbstver- sprache. Und wenn Sarah Palin aus Alas- des republikanischen Wahlkampfgurus, ständlich mit gedruckten Zeitungen und ka, die Hoffnungsfigur des dumpfen Ame- der Obama in Werbespots als Präsidenten Magazinen auf, mit der „Washington rika, auf ihrer Facebook-Seite den Präsi- der gebrochenen Versprechen abmeierte, Post“ und dicken Präsidentenbiografien denten einen Sozialisten nennt, sorgt sie war sie in ihrem Element. auf dem Nachttisch. Er wurde geboren in damit für mehr Aufregung als ein Repor- Man solle, sagte sie auf allen Kanälen, einer Zeit, als Zeitungsartikel noch Prä- terteam der „New York Times“, das mo- diesen „BS“ bloß nicht glauben. „BS“ sidenten stürzten. Heute verbrennt die- natelang über Atomwaffen, Bankenkrise heißt Bullshit, das darf man in den USA selbe „Washington Post“, die mit Water- oder Krieg recherchiert hat. eigentlich nicht laut sagen und schon gar gate und Nixon-Rücktritt berühmt wurde, Amerika schnattert, aber es redet nicht nicht öffentlich. Aber Cutter tut es. Im jedes Jahr viele Millionen Dollar. Das mehr miteinander. Die Linken lesen die eleganten Kostüm, und sie schaut dabei Blatt kämpft um seine Existenz. Blogs der „Huffington Post“ und schalten in die Kamera wie eine Lady. Auch die TV-Abendnachrichten – noch auf MSNBC. Die Rechten surfen zum Tatsächlich ist sie Obamas Frau fürs 1980 täglicher Fixpunkt für 53 Millionen „Drudge Report“ und zu Fox News. Wer Grobe, eine hyperaggressive Anführerin Amerikaner – verlieren Zuschauer in hin- und herschaltet, weiß bald nicht auf Seiten der Demokraten, die seit fast Scharen. An guten Tagen schalten 20 Mil- mehr, wo unten und oben ist, und auch zwei Jahrzehnten in den Schützengräben lionen ein, das ist, im riesigen Amerika, deshalb verlieren viele Leute die Lust an Washingtons zu Hause ist. Cutter hat eher mickrig. „Alles ist schneller gewor- der Sache: Umfragen zeigen, dass viele schon für Bill Clinton im Weißen Haus den, bunter“, sagt Todd. Der Kabelsender Amerikaner über Politik nicht mehr dis- gearbeitet, als die Republikaner ihn des MSNBC hat jeden Tag 24 Stunden zu fül- kutieren wollen. Das muss einem Fern- Amtes entheben wollten. len, muss dabei aber mit dem viel schnel- sehreporter wie Chuck Todd Sorgen ma- Ihr Talent ist der politische Nahkampf, leren Web konkurrieren. Todd muss für chen. „Wenn die Lautsprecher von links schmutzig, gemein, schnell, Cutter nimmt seinen „Daily Rundown“ auch herausfin- und rechts ständig trompeten, dass wir es als Sport. „Politik funktioniert doch den, welche Suppe am Mittag in der Kan- und die Politiker nur Mist machen“, sagt eigentlich wie Pingpong“, sagt sie. „Es tine des Weißen Hauses serviert wird, so er, „glaubt bald jeder: Stimmt, die ma- geht immer hin und her.“ Und die Demo- sehen Exklusivnachrichten heute aus. chen nur Mist.“ kraten, sagt sie, dürfen dabei keinesfalls Die Blogger, die Twitterer haben die In Schwarzweißmalerei machen alle. zurückstecken. Dem jetzigen Wahlkampf mediale Macht übernommen und neue Und weil es so schwer ist, für die extrem ist dieser blanke Sportsgeist anzumerken. Leitmedien wie „Politico“, ein Blog, des- vielfältige amerikanische Gesellschaft Es scheint tatsächlich nur noch darum zu sen Reporter nach einer Präsidentenrede griffige Wahlkampfslogans zu finden, gehen, schnelle Punkte zu machen, tag- 15 Minuten Zeit haben, erste Analysen werden die Versuche, die Leute zu errei- ein, tagaus, und verglichen mit dem ame- abzuliefern. Sie sind auf Krawall gebürs- chen, beiderseits immer gröber. Nicht nur rikanischen fühlt sich europäischer Wahl- tet, weil das die größte Aufmerksamkeit die Republikaner stanzen ihre Phrasen. kampf wie ein Universitätskolloquium bringt. Wer nicht erregt, wird wegge- Auch die Demokraten können das, allen über Zeitfragen an. klickt, und so wird das Flüchtige in Wa- voran Stephanie Cutter, Obamas stellver- US-Vizepräsident Joe Biden geht dieser shington das Eigentliche. tretende Wahlkampfchefin. Tage mit der Parole hausieren, wer die Wenn Obama seine Rede zur Lage der Cutter ist 43, blond, attraktiv, aggressiv, Präsidentschaft Obamas beurteilen wolle, Nation hält, warten seine Berater nicht und wenn sie nicht gerade in Kameras müsse nur einen Satz wissen: „Osama ist mehr auf die Leitartikel, um ihre Wirkung und Mikrofone redet, sitzt sie vor langen tot, und General Motors lebt.“ In diesem zu überprüfen. Sie durchpflügen jetzt sys- Computerreihen des Obama-Biden-Wie- Tonfall reden mehr oder minder alle. Der Kampf ums Weiße Haus 221 147 170 Wahlprognosen für die Bundesstaaten; für Obama unentschieden für Romney Zahl der Wahlmänner eher für Obama eher für Romney erforderliche Mehrheit: 270 Wahlmänner Washington 12 Maine Montana N. Dakota New Hampshire 4 4 3 3 Minne- Vermont Oregon sota 3 Massa- 7 Idaho S. Dakota 10 Wisconsin New York chusetts 4 Wyoming 3 10 Michigan 29 11 3 16 Pennsylvania Iowa Rhode Nevada Nebraska 6 Ohio 20 Island 6 5 Illinois Indiana 18 W. 4 Utah 6 Colorado 20 11 Virginia 9 Kansas Missouri Kentucky 5 Virginia Connec- 6 13 ticut 7 Kalifornien 10 8 N. Carolina New Tennessee LUKE SHARRETT / THE NEW YORK TIMES / LAIF 55 Arizona New Oklahoma Arkansas 11 15 Jersey 11 Mexico 7 6 S. Carolina 14 Missis- Ala- 5 9 Delaware sippi bama Georgia 3 Texas Louisiana 6 9 16 38 8 Maryland Florida 10 Alaska Hawaii 29 Republikanischer 3 4 Quelle: RealClearPolitics Washington, D. C. Herausforderer Romney 3 Stand: 8. Juni 86 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    LYNSEY ADDARIO /VII Stand des Bundes kriegsversehrter Veteranen auf einem Volksfest in Arkansas: „Osama ist tot, und General Motors lebt“ politische Streit hört sich an, als ob es tischen Betriebs in Amerika die Tea-Par- mannssucht, Verschwörungstheorien mit um Reklame für Schokoriegel oder Klo- ty-Bewegung, jene radikale Strömung in mangelnder Bildung. Ihre Anhänger re- papier ginge. der Republikanischen Partei, die mit dem präsentieren finstere Klischees eines un- Worum aber geht es? Wer versucht, Amtsantritt Obamas begann, die Pauke terbelichteten Amerika, in dem sich Men- eine innenpolitische Bilanz der ersten zu schlagen. Aber wäre nicht von Obama schen tummeln, die auch nichts dagegen Jahre Obamas zu ziehen, kommt auf eine und seinem Stab zu erwarten, dass er die hätten, wenn so manches moderne Buch kurze Liste klarer Erfolge, die Obama weichen Punkte dieser Gegner findet, um verbrannt würde. Und die Romane Jona- derzeit selbst auf jeder Wahlkampfver- den Widerstand gegen seine Politik zu than Franzens, Autor von „Freiheit“ und anstaltung wegrattert: sein Konjunktur- brechen? „Die Korrekturen“, könnten durchaus da- paket, gefüllt mit 787 Milliarden Dollar, Die Tea Party zieht zu Felde gegen aus- zugehören. das die Wirtschaft nach der Finanzkrise nahmslos jeden Vorschlag Obamas, seien Franzen hat nie ein Hehl daraus ge- 2008 vor dem Zusammenbruch bewahrte; es seine Umweltpolitik, diverse Konjunk- macht, den Republikanern gegenüber, die Subventionen für die amerikanische turprogramme, die Gesundheitsreform, also auf der anderen Seite Amerikas zu Autoindustrie, die in Detroit zum Guten die Finanzpolitik, gleichviel. Ihre eigenen stehen. Ein Radikaler ist er nicht, kein zündeten. Obama hält sich seinen Kampf Ideen sind an simpler Radikalität nicht Scharfmacher, er hat sogar die „seltsame“ für die Rechte von Schwulen und Lesben zu überbieten, sie würde ihr in Europa Erfahrung gemacht, sagt er, viele nette zugute, und er kann darauf hoffen, als vermutlich Einträge in Verfassungsschutz- Republikaner kennengelernt zu haben. Präsident der großen Gesundheitsreform berichten bescheren: Tea-Party-Aktivis- Franzen erzählt davon am Esstisch sei- in die Geschichte der Nation einzugehen, ten fordern den Ausstieg der USA aus ner New Yorker Wohnung in einem klei- der 32 Millionen Menschen zu einer Kran- den Vereinten Nationen und das Ende al- nen Turm an der Upper East Side, der in kenversicherung verhalf. ler Sozialprogramme. Sie fordern die Ab- den achtziger Straßen in direkter Nach- Im Einzelnen sind das beachtliche Er- schaffung vieler Regierungsinstitutionen, barschaft zum Stadthaus von Madonna rungenschaften, aber sehr viel länger ist allen voran der Notenbank und natürlich steht. „Meine Theorie ist, dass sich nette die Liste der innenpolitischen Erfolge der Steuerbehörde. Leute quer durch die Gesellschaft gleich nicht, und sie formen sich auch nicht zu Eiferer aller Art verbünden sich zu die- verteilen“, sagt Franzen. „Und trotzdem einer großen, fassbaren „Change“-Agen- sen Zwecken, Wirtschaftsliberale, Waf- war Amerika nie, und ganz sicher nicht, da. Auch wiegen die Misserfolge schwer: fennarren, Sozialdarwinisten, Milizionä- solange ich denken kann, so gespalten, Im Sommer vergangenen Jahres steckte re. Auch die „Birthers“ zählen dazu, die so polarisiert wie heute.“ Obama seine größte Niederlage als natio- dem Land die Debatte über die Identität Er hat den Politikbetrieb aus der Nähe naler Versöhner ein, als er nicht imstande des Präsidenten einbrockten. gesehen, im Sommer 2003, als der Irak- war, die Republikaner zum Kompromiss Die Tea Party ist für Obama ein Pro- Krieg eben begonnen hatte. Der „New über einen längerfristig gültigen Haushalt blem, nicht, weil sie selbst an die Macht Yorker“ hatte ihn angeheuert, aus Wa- zu zwingen, obwohl der Staatsbankrott gelangen könnte, sondern weil sie die Re- shington zu berichten, und er bekam Zu- unmittelbar bevorstand. publikanische Partei vor sich hertreibt gang auch zu den Größen der Republika- Es wirkt schwach, den politischen Geg- und letztlich zum Lautsprecher der einen, ner, Vizepräsident Dick Cheney und ner für eigene Versäumnisse anzuklagen, konservativen Hälfte Amerikas geworden Newt Gingrich eingeschlossen. Aus sei- selbst wenn es in diesem Fall stimmt: Na- ist. Schlimmer als je zuvor verbünden nen Begegnungen ergaben sich viele In- türlich steckt hinter der Blockade des poli- sich in ihr Hinterwäldlertum mit Groß- dizien für die tiefe Spaltung. Es hätten D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 87
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    Titel MARTIN H. SIMON/ MHS IMAGES / DER SPIEGEL POLARIS / LAIF TV-Moderator Todd, Wahlkampfstrategin Cutter mit Chef Obama: „Wir sind alle überfordert“ zwar damals alle gesagt, der Streit sei in so viel zu verteilen gewesen, dass zwei und stößt auf die Partei der Republikaner. den neunziger Jahren auch nicht viel mo- Drittel der Amerikaner glücklich und zu- Woher aber käme ihr Hass? Franzen derater ausgefallen, aber mit dem Auge frieden hätten leben können; heute reiche trinkt Wasser, draußen sinkt die Sonne, des Schriftstellers nahm Franzen eine es nur noch für ein Drittel. Und zerbro- er sagt: „Es hat mit der schrumpfenden deutliche Verschlimmerung wahr. chen sei die frühere Gewissheit von El- Kraft der einstigen Supermacht zu tun, Abgeordnete erzählten ihm, sie seien tern, dass es ihren Kindern dereinst bes- mit dem Frust darüber, die Jobs nach früher mit ihren politischen Gegnern in ser gehen werde als ihnen selbst. Fernost zu verlieren. Es hat damit zu tun, denselben Flugzeugen zurück in ihre „Wenn Sie in Umfragen Zweidrittel- dass wir nach ‚Nie wieder Vietnam‘ hin- Wahlkreise geflogen, hätten sich über mehrheiten haben, die sich Steuererhö- gegangen sind und zwei neue Vietnams ihre Familien ausgetauscht oder sonst ge- hungen für das reichste Prozent der Ge- geschaffen haben. Nichts schmerzt ein meinsam Zeit verbracht. Diese Art von sellschaft wünschen – was machen Sie Land mehr, als Kriege zu verlieren.“ Kollegialität, sagt Franzen, sei verschwun- dann als deren Vertreter?“ Franzens Ant- Die Kriege, die Weltwirtschaftskrise, den. Senatoren, die früher gemeinsam zu wort: „Sie blockieren den Präsidenten der Aufstieg Chinas, Indiens, Südameri- Mittag aßen, gingen sich heute argwöh- von der anderen Partei, der aus dem kas haben Amerikas Selbstbild zweifellos nisch aus dem Weg. Volkswillen womöglich Politik macht, erschüttert. Der 11. September 2001, die Franzen glaubt, dass die Entwicklung und Sie versuchen die Leute abzulenken Misserfolge in Irak und Afghanistan, der von den Republikanern durchaus gewollt und aufzuheizen mit lächerlichen Debat- Dauerstress des Kriegs „gegen den Ter- sei. „Es gibt für eine Partei, deren Pro- ten etwa über Abtreibung oder Waffen.“ ror“ haben ein Gefühl nationaler Verletz- gramm keine gesellschaftliche Mehrheit barkeit gespeist und aus den USA insge- mehr hat, nicht viele Möglichkeiten, Wah- samt ein Land der begrenzten Möglich- len zu gewinnen“, sagt er. Eine Möglich- Kriege, Wirtschaftskrise, keiten gemacht. Wer Obamas Präsident- keit sei, die Zahl der Wähler möglichst der Aufstieg Chinas und schaft beurteilen will, muss fairerweise klein zu halten. „Das versuchen die Re- zugeben, dass er zu einem denkbar un- publikaner, indem sie das Wahlrecht von Indiens haben Amerikas günstigen Zeitpunkt ins Amt kam. Einwanderern und Minderheiten be- Mittlerweile ist die Außen- und Sicher- schneiden. Eine andere ist“, sagt Franzen, Selbstbild erschüttert. heitspolitik aber Obamas bestes Argu- „die Politik insgesamt so toxisch, so un- ment für seine Wiederwahl geworden. Er möglich zu machen, dass sich normale Tatsächlich tauchen alle Themen, die hat den geerbten Kriegseinsatz im Irak Leute abwenden.“ Franzen „hot button issues“ nennt, auf beendet und schickt sich an, als Ober- Franzen glaubt das wirklich, er insistiert Deutsch ungefähr: heiße Eisen, im Wahl- befehlshaber die Streitkräfte aus Afgha- darauf selbst auf skeptisches Nachfragen kampf der Republikaner ständig auf. Ab- nistan abzuziehen. Das passt zum Frie- hin. Die Blockade des Haushalts – reines treibung, Empfängnisverhütung, Religion, densnobelpreis, den ihm das Stockholmer Machtkalkül. Die Blockade aller Obama- Waffen. „Es sind Themen, die wirklich Komitee gleich zu Beginn seiner Regie- Vorstöße – ins Werk gesetzt, um die Poli- keine Rolle spielen sollten“, sagt Franzen, rung als zusätzliche Bürde mitgab. In der tikverdrossenheit zu fördern, um von ihr „aber die Rechte treibt sie voran.“ So Preisrede vom Dezember 2009 klang aber dann zu profitieren. Anders als mit Vor- wird Politik zur schwarzen Kunst mit dem bereits der kalte Pragmatismus durch, von satz, sagt er, sei es nicht zu erklären, dass Ziel, die eigentlich wichtigen Themen zu dem er sich würde leiten lassen. „In dieser der Kongress derzeit so vollendet funk- verdrängen und bei den eigentlich un- Welt wird es immer das Böse geben“, sag- tionsuntüchtig sei. „Dafür braucht es Par- wichtigen zu glänzen. „Die Medien spie- te Obama, und aus heutiger Perspektive teidisziplin, die gibt es nicht einfach so. len das Spiel gern mit. Streit bringt Quote. ist klar, dass ihm diese Erkenntnis eigenes Die Republikaner sind darin gut.“ Wütende Leute schalten ein, um noch wü- militärisches Handeln, völkerrechtlich zu- Sie sind auch weiterhin die Partei der tender zu werden.“ lässig oder nicht, rechtfertigen hilft. Reichen und der Unternehmer, sagt Fran- In Franzens letztem Roman, „Freiheit“, Gut 250 der bekannten 300 Drohnen- zen, und „das ist ein Problem“. Bis vor räsoniert die Hauptfigur Walter darüber, Attacken auf pakistanischem Gebiet fal- 20 Jahren sei im Land wenigstens noch woher der ganze Hass in Amerika kommt, len in Obamas Amtszeit, sie brachten ge- 88 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    CHRISTOPHER LANE /DER SPIEGEL (L.); MARTIN H. SIMON / DER SPIEGEL (R.) JÜRGEN FRANK / DER SPIEGEL Schriftsteller Franzen, Anwalt Franklin, Aktivist Norquist: Wütende Leute noch wütender machen schätzt 1800 Qaida- und Taliban-Kämpfer Außenpolitisch wird mit Obamas Na- kämpfer nicht überzeugt wären, dass sich sowie zahlreiche Zivilisten ums Leben. men der Tod Osama bin Ladens immer ihr Kandidat als harter Hund sehr gut Die Männer des Terrornetzwerks al-Qai- verbunden bleiben, den er letztlich im verkauft? da hat Obama durch den Einsatz der vie- Alleingang befahl. Ein Fehlschlag der Es geht ums Verkaufen, in der ameri- len Drohnen massiv dezimieren lassen, Operation hätte ihn das Amt kosten kön- kanischen Politik noch viel stärker als an- vergangene Woche erst tötete eine neue nen, so aber profitiert er vom Image des derswo, aber dieses Mal zieht vor der ferngesteuerte Bombe nach US-Angaben entschlossenen Führers, der das Nötige Wahl ein Jahrmarkt auf, wie es ihn noch den Qaida-Vizechef Abu Jahja al-Libi. tut, um Amerikas Sicherheit zu gewähr- nie gegeben hat. Reiche Gönner und Es ist ein schmutziger, juristisch heikler leisten. Obama hat Mut, er riskiert viel, Spender gab es immer schon. Aber jetzt Geheimkrieg, geführt vom Geheimdienst aber wie muss er sich fühlen, wenn ihm dürfen sie sich verbünden zu Super-PACs CIA, ohne jede Transparenz, unter Aus- liberale Zeitungen heutzutage bescheini- – und das kann heiter werden. schluss rechtsstaatlicher Verfahren, das al- gen, im „Krieg gegen den Terror“ ein PAC ist die Abkürzung für Political Ac- les stärkt nicht gerade Obamas Idee von schlimmerer Krieger zu sein, als es tion Committee, was harmlos klingt, aber Amerika, die globale Schutzmacht von George W. Bush je war? Gefahren für die Demokratie in Amerika Freiheit und Demokratie zu sein. Und Es gelangen Details an die Öffentlichkeit, birgt. Es gibt sie, weil die konservative ganz gewiss passt der Drohnen-Krieg nicht die frösteln lassen. Die „New York Times“ Mehrheit der obersten Richter des Su- zu Obamas Visionen am Beginn seiner hat gerade beschrieben, wie der Präsident preme Courts meinte, große Spenden und Amtszeit, die Welt aussöhnen zu wollen den Drohnen-Angriffen zustimmen muss; der Anschein von Korrumpierbarkeit hät- und Frieden zu stiften vor allem zwischen wie ihm seine Leute Namen und Bilder je- ten nichts miteinander zu tun, und es wer- Amerika und dem islamischen Kulturkreis. ner Verdächtigen vorlegen, die vielleicht de schon niemand den Glauben an die Obama hielt, nach den bleiernen Bush- Terroristen sind und umgebracht werden Demokratie verlieren. Aber das ist noch Jahren, in denen US-Außenpolitik im We- sollen, unter ihnen Teenager. Und sagt nicht ausgemacht. sentlichen in Gerede über „Schurkenstaa- Obama wirklich ja, dann schwirren wenig Mit Beginn des Wahlkampfs nach den ten“ bestand, seine historische Versöh- später im Grenzgebiet zwischen Afghani- neuen Regeln entfaltet die Supreme- nungsrede in Kairo, er versandte kurz stan und Pakistan, in Somalia oder im Court-Entscheidung „Citizens United vs. nach seinem Amtsantritt auch Friedens- Jemen die Killermaschinen los. Federal Election Commission“ ihre Wir- botschaften an das iranische Volk. Gleich- Zwar steht in den Geschichten stets, kung. Sie pflügt die politische Landschaft zeitig setzten die amerikanischen Dienste dass Obama vorsichtig ist, dass er Militärs um. Es darf jetzt jeder, der will und kann, unter dem Decknamen „Olympic Games“ und Geheimdienste zur Zurückhaltung den Kandidaten seiner Wahl mit so viel allerdings einen nie gekannten Hightech- drängt. Dass er Operationen ablehnt, die Geld unterstützen, wie er mag, und er Krieg gegen Teherans Atomprogramm ihn nicht hundertprozentig überzeugen. darf dabei auch gern anonym bleiben. fort. Was genau ist das? Noch Pragmatis- Aber was hat dieser Obama, Richter und Alle Transparenz, die vorher streng über- mus? Schon Zynismus? Henker in einer Person, mit jenem Sena- wacht wurde, ist dahin. Auflagen? Gibt So widersprüchlich setzt sich die Liste tor aus Illinois zu tun, der an der Sieges- es keine, das heißt eine, rein theoretische: seiner Taten fort: Obama stoppte die von säule in Berlin die Menschen mit Worten Die heutigen Spender dürfen sich nicht der Bush-Regierung betriebene Wieder- der Hoffnung zu Tränen rührte? direkt mit den Kandidaten abstimmen. kehr der Folter als Verhörmethode. Aber Schade, natürlich, aber wahr ist: Er ist Praktisch aber hat es noch nie eine so die Schließung des Gefangenenlagers in ein anderer geworden, sichtbar, innerhalb direkte Verbindung zwischen großem Guantanamo, unter weltweitem Beifall von vier Jahren ergraut, das machten das Geld und großer Politik gegeben. Den versprochen, steht aus. Im Fall Libyens Amt, der Dauerstress, die Last der Ent- reichen Finanziers mag die „direkte Ab- unterstützte Obama den Sturz des Re- scheidungen – oft über Leben und Tod. stimmung“ mit den Kandidaten verboten gimes, aber zu den aktuellen Massakern Aber es scheint, Barack Obama gefällt sein, aber natürlich kann ihnen niemand in Syrien scheint ihm nicht viel einzufal- sich darin auch ganz gut. Würden Repor- verbieten, mit ihnen essen zu gehen, zu len. Welche Werte gelten? Welche Prin- ter Zugang zu derlei geheimen Informa- reisen oder gleich neben ihnen auf die zipien sind fest und nicht flüssig? tionen erhalten, wenn Obamas Wahl- Bühne zu steigen. Entstanden ist de facto D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 89
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    Titel die Situation, dassviele Superreiche jetzt von Obamas Möglichkeiten auszufor- ist die Farbe der Republikaner. Im letzten anonym in die Verunglimpfung Obamas schen, im weiten Land zwischen den Küs- Präsidentschaftswahlkampf stimmten alle per „Attack Ad“ investieren können. Es ten erfolgreich sein zu können, zum Bei- 77 Wahlbezirke für den Republikaner geht um Negativwerbung, die ihrem Fa- spiel nach Washington, Oklahoma, wo John McCain, ein derart flächendecken- voriten Mitt Romney zugutekommt, der der Rentner Hershel Franklin schon allein der Erfolg ist ihm in keinem anderen den Oberschichtlern Steuererleichterun- deshalb ein Sonderling ist, weil er mit ei- Staat gelungen. „Dabei“, sagt Hershel gen längst versprochen hat. nem Aufkleber „Obama 08“ am Auto her- Franklin, „müssten die Leute hier die De- Die Super-PACs werden in den kom- umfährt. mokraten wählen.“ menden Monaten, mit den Worten des Franklin ist ein Demokrat in der Dia- Denn eigentlich sind sie gerade hier Magazins „New York“, einen „tsunami spora. Das genügt, um in Washington, auf dem Land auf die Regierung und of slime“ auslösen, eine Schlammschlacht. Oklahoma, dem Staat eingeklemmt zwi- staatliche Hilfe angewiesen. Es gibt kaum Schon in den Vorwahlkampf der Repu- schen Texas und Kansas, als Außenseiter Infrastruktur, die Armut ist groß. Franklin blikaner haben sie mehr als 100 Millionen zu gelten. Das Dorf Washington ist ein lebte bis vor kurzem auf einer Farm. Er Dollar gepumpt, gestiftet unter anderem Ort, von dem es heißt, dass Geschäfte war auf das Programm der „Rural Electric von einer Gruppe Superreicher, die die noch immer per Handschlag abgeschlos- Cooperatives“ angewiesen, das Stromlei- „Washington Post“ als „Königsmacher“ sen werden und ein Männer-Ehrenwort tungen in verlassene Gegenden verlegt, tituliert hat. Was von der neuen Geset- mehr zählt als ein Vertrag. In diesem Wa- heute profitiert er vom staatlichen Ge- zeslage wirklich zu halten ist, hat in Las shington mit seinen 520 Einwohnern, wo sundheitsprogramm Medicare wie fast Vegas der Kasino-Gigant Sheldon Adel- jeder jeden kennt, muss niemand die alle Rentner hier. Es sind Programme, die son, ebenfalls ein Big Spender, auf den Haustür abschließen. Und niemand zieht die Demokraten eingeführt haben, weil Punkt gebracht: „Ich bin dagegen, dass die Autoschlüssel ab, wenn er aufs Post- Demokraten, anders als Republikaner, sehr Reiche die Wahlen beeinflussen. amt geht. Es ist ein Dorf, in das Leute ein segensreiches Wirken des Staates für Aber solange es möglich ist, werde ich es ziehen, die die Städte fliehen, die Ver- möglich halten. Geholfen hat ihnen das auch tun.“ ruchtheit und die liberale Unmoral. in Oklahoma nicht. Im bevorstehenden Duell zwischen Hershel Franklin kam der Kinder we- Die Republikaner, sagt Franklin, hätten Obama, 50, und Romney, 65, wird Letz- gen. Er ist 70, weißhaarig, rundlich, Foot- es geschafft, den Leuten weiszumachen, terer mit voraussichtlich 200 dass ganz andere Fragen zähl- Millionen Dollar von Super- ten: das Recht, Waffen zu tra- PACs unterstützt. Die Demo- gen, das Verbot jeglicher kraten wollen gegenhalten: Form von Abtreibung oder Obamas Wahlkampfmanager die Ablehnung der Schwulen- Jim Messina reist durchs ehe. Die Republikaner, sagt Land, um Großspenden für Franklin, hätten behauptet, den PAC „Priorities USA Ac- dass die Demokraten Gebete tion“ zu sammeln, der wie- in der Schule verbieten und derum Romney nach allen die Klassenzimmer entwei- Regeln der Werbekunst her- hen wollten. „God. Guns. absetzen wird. Gays“, sagt Franklin, „sie ha- PATRICK CHAPPATTE / GLOBECARTOON.COM So wird noch mehr Gift in ben so getan, als ob Jesus die Wahlkämpfe tropfen, die selbst ein Republikaner wäre! seit dem Auftauchen der Tea Und irgendwann haben ih- Party ohnehin schon schwer nen die Leute diesen Unsinn an Niveau verloren hatten. wirklich geglaubt.“ Und die aufrichtige Frage Der politische Streit in nach Obamas Bilanz, eine Amerika hat stets diesen Diskussion seiner Ziele, eine Schlag ins Irrationale, der Debatte über seine Projekte auch eine Kapitulation vor wird es nicht geben. Fragen, der überbordenden Komple- Diskussionen, Debatten, man kommt sich ballfan. 30 Jahre lang hat er als Rechtsan- xität der Aufgaben beinhaltet. Das größte gestrig vor, sie einzufordern, denn es gibt, walt gearbeitet, Strafsachen, seine Frau Projekt der Amtszeit Obamas, die Ge- in Amerikas nationalem Politikbetrieb, arbeitet als Marketingdirektorin bei einer sundheitsreform, ist mittlerweile derart nur noch ein Spiel um alles oder nichts. Bank, ihre beiden Kinder sind 14 und 16, zerredet, dass selbst die zuständigen Ex- Wer die Wahl nicht gewinnt, versucht ein Junge, ein Mädchen, beide adoptiert. perten über ihre Einzelheiten ratlos sind. das Wahlergebnis zu hintertreiben. Über- Washington, Oklahoma, sagt Franklin, Es kursieren krass widersprüchliche Rech- spitzt ausgedrückt ignorieren die Repu- erinnere ihn an seine eigene Kindheit, an nungen, die den USA infolge von „Oba- blikaner fortlaufend den Volkswillen, der die Idylle der amerikanischen Kleinstadt. macare“ wahlweise die finanzielle Ret- sich in der Wahl Obamas zum Präsiden- Es ist das Amerika der „Proms“, der üp- tung oder den Ruin voraussagen. Und ten ausdrückt. Es ist, als hätten sie seine pigen Schulabschlussbälle, das Amerika, auch Obama selbst findet nicht die klaren Präsidentschaft von Beginn an für indis- in dem sich ganze Dörfer am Freitag- Striche, um ein überzeugendes Bild sei- kutabel gehalten, für einen Betriebsunfall abend zum Footballspiel treffen. In der ner Reform zu zeichnen. der amerikanischen Geschichte. Domino-Halle hier rauchen die Rentner Es besteht deshalb die Möglichkeit, Ihre Heimstatt sind nicht die Städte, noch immer, als gäbe es keine Verbote, dass das ganze Gesetzeswerk Ende Juni nicht die Metropolen entlang der Küsten, und sie machen derbe Scherze über Oba- vom Obersten Gerichtshof wieder ge- wo auch die linke Occupy-Bewegung ih- ma, den sie, sagen sie, aus dem Dorf trei- kippt wird, von Richtern, die während rem Unmut über Obamas mangelnde Ge- ben würden, wagte er sich hierher. der Anhörungen freimütig sagten, es kön- setzeskraft Luft machen konnte. Sie fin- Washington, Oklahoma, stemmt sich ne niemand erwarten, dass ein Gericht det sich viel mehr in den Wäldern und gegen den Wandel, Veränderungen sind die mehrtausendseitigen Entwürfe wirk- Bergen und Ebenen, in der Provinz. Dort- verdächtig, fast ein Verbrechen an der lich lese. Dasselbe gilt für tausendseitige hin lohnt ein Ausflug, um die Grenzen Vergangenheit. Oklahoma ist tiefrot, rot Gesetzesentwürfe zur Regulierung des 90 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    REUTERS Raketenbestückte „Predator“-Drohne: SchmutzigerGeheimkrieg unter Ausschluss rechtsstaatlicher Verfahren Bankensystems oder der Versicherungen, trolle – und als ein Rezept für garantier- Norquist thront am Kopfende wie ein dasselbe gilt auf der anderen Seite für die ten Erfolg. 1986, nach der Ausformulie- Feldherr, er spricht in Churchill-Zitaten haushälterischen Vorschläge der Republi- rung, verkündete er sein Dogma: Wer das – Blut, Schweiß und Tränen im Kampf ge- kaner. Wo Klarheit herrschen müsste, Anti-Steuer-Versprechen nicht einhalte, gen „das gefräßige Monster Staat, das es wird Ratlosigkeit produziert. Und wo zu- der werde vom Wähler bestraft. zu bändigen gilt“. Kann der Staat denn erst die Gesetzgeber und dann die Geset- Sechs Jahre später lag der Beweis dafür gar nichts schaffen, etwas, was der Markt zeshüter den Überblick verlieren, kom- vor, meint Norquist: „George H. W. Bush nicht zustandebekomme? Falsche Frage men stets die Lobbyisten ins Spiel, die unterschrieb unser Versprechen. Aber für Norquist: „Klar, Staaten haben Ver- die wahren Regenten in Washington sind. 1992 wollte er sich als Präsident daran sailles gebaut oder die Pyramiden. Doch Wenn Obamas Bilanz nicht so strah- nicht mehr erinnern und erhöhte Steuern. fragen Sie mal die versklavten Arbeiter, lend ist, wie sich das seine Wähler ge- Prompt verlor er gegen Bill Clinton.“ Er ob sie das wollten?“ wünscht haben, dann liegt das zum Bei- kann es auch noch simpler fassen: „Es ist „Leave us alone“ heißt seine Mittwochs- spiel an Leuten wie Grover Norquist. Nor- ganz einfach: Steuerversprechen einhal- gruppe, es ist ein Gottesdienst der Anti- quist dachte sich schon 1986, als junger ten – Wahl gewinnen. Steuerversprechen Staatsgläubigen. Der Gedanke, Amerika Aktivist gegen Steuern, einen Merksatz brechen: Wahl verlieren.“ könne mehr Steuereinnahmen brauchen, aus, der zu einer mächtigen Keule im poli- um seine kaputten Straßen, Häfen oder tischen Kampf werden sollte. Schulen zu reparieren, gilt als Blasphe- Norquist ist ein kleiner Mann mit Bart, „Klar, Staaten haben die mie. Genau wie die Frage, ob eine einzige der in seinem Büro tatsächlich gern mit Pyramiden gebaut. Fra- Familie wie die Waltons – Miteigentümer Zirkuskeulen jongliert, sein Merksatz der Billig-Supermarktkette Wal-Mart – so heißt: „Ich verspreche dem amerikani- gen Sie mal die Arbeiter, viel besitzen dürfe wie die ärmsten 30 schen Volk, dass ich mich erstens allen Prozent der Amerikaner zusammen. Versuchen, die Steuern für Individuen ob sie das wollten.“ Die Demokraten rechnen Norquist zu und Unternehmen zu erhöhen, widerset- den „Steuer-Taliban“, wer mit ihm nicht zen werde, und zweitens, dass ich jede Norquists System funktioniert nach Art übereinstimme, für den kenne er nur eine Minderung von Steuervorteilen ablehne, der Mafia: Der Lobbyist lässt hoffnungs- Lösung: „Kopf ab.“ Norquist lacht. Ha- solange sie nicht Dollar für Dollar über volle Abgeordnete den Schwur ablegen ben die Taliban etwa nicht gewonnen? Steuersenkungen ausgeglichen werden.“ und unterstützt sie zur Belohnung im Und wofür sollte er sich schämen? In Wa- Es klingt wie irgendein Satz aus der Wahlkampf. Später, im Fall ihrer Wahl, shington kann man leicht zu dem Schluss komplizierten Welt der Politik, aber er erinnert er sie an ihr Gelübde. kommen, dass gegen Norquist Politik ist – auf Seiten der Republikaner – zum In den sechsten Stock seines Büroge- nicht möglich ist. Aber was sagt das über Glaubensbekenntnis geworden. 41 der 47 bäudes nahe am Weißen Haus in Wa- die demokratische Kultur Amerikas? Ge- republikanischen Senatoren haben Nor- shington lädt er jeden Mittwochmorgen gen die Kultur des heutigen Washington? quists „Verpflichtung“ unterzeichnet, 238 zur Konferenz. 200 Aktivisten kommen Kaum jemand kennt diese Kultur bes- der 242 konservativen Abgeordneten im dann angeblich zusammen, die Speer- ser als Dana Milbank. Er schreibt nicht Repräsentantenhaus, Präsidentschafts- spitze von rund 150 000 Online-Sympa- nur einfach über das Washingtoner Estab- bewerber Romney selbstverständlich thisanten, auch Vertreter von Sponsoren lishment, er ist das Washingtoner Estab- auch. wie Pfizer oder Microsoft, die Norquist lishment. Der heutige Publizist war als Norquist ist 55, stolz auf seine Leistung, viel Geld für seinen Anti-Steuerfeldzug Student Mitglied von Skull & Bones, der er versteht sein Ein-Satz-Programm als zahlen, der ihnen schon viel Geld gespart legendären Yale-Geheimgesellschaft, die eine Art republikanische Qualitätskon- hat. zu ihren Mitgliedern George W. Bush D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 91
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    Titel JEWEL SAMAD / AFP Präsident Obama beim Einsteigen in seine Air Force One: Ein hartes Stück Arbeit aus der Werkstatt des Machbaren oder Senator John Kerry zählt. Er ist bei beiden Seiten. Es gab trotzdem keine Im Süden Kaliforniens, in Texas, Arizona, jedem wichtigen Hintergrundtreffen in Einigung. Alabama, Florida heizen sich lokale eth- der Hauptstadt zugegen, seine Kolumnen Dabei hätten die Vereinigten Staaten nische Konflikte auf, die kaum je Eingang sezieren genüsslich die Angebereien und von Amerika Kompromisse dringend in die nationalen Debatten finden. Aber Albernheiten des Regierungsviertels. nötig. Die Infrastruktur des Landes ist sie werden nicht von selbst vergehen. Milbank, 44, empfängt im Willard Ho- marode. Seine Verwaltung – zumal die Dazu gehört auch der Umstand, dass tel, einem alten Kasten, in dem, so die Regierungszentrale in Washington – be- die USA, in viel größeren Teilen, als der Legende, der Begriff Lobbyist erfunden dürfte dringender Erneuerung. Die öffent- Rest der Welt vermutet, ein armes Land wurde. Bittsteller in der Lobby, der Ein- lichen Schulen, weite Teile des Bildungs- sind, in seinen weltfernen Provinzen be- gangshalle, sollen hier einst Präsident systems sind in desaströsem Zustand, völkert von Menschen, die in Hütten und Ulysses Grant aufgelauert haben. Auch viele Kultureinrichtungen ebenso. mobilen Bruchbuden leben, denen es oft Chronist Milbank sinniert über vergange- Die Steuer- und Sozialsysteme sind an- am Nötigsten und noch öfter an elemen- ne Zeiten: „Amerikas Parteien waren mal gelegt noch immer für eine übermächtige tarer Bildung fehlt. Geschätzt elf Millio- vielschichtig, mit Konservativen, Libera- Wirtschaft, die ihren Wohlstand aus stän- nen Menschen leben als illegale Ein- len, Moderaten auf beiden Seiten. Nun dig wachsendem Konsum bezieht. Aber wanderer im Land, gut die Hälfte davon ist die Mitte verschwunden, buchstäblich die alten Zeiten, in denen sich alles ir- Mexikaner. Fast jeder vierte Teenager ist verschluckt.“ gendwie selbst regulierte, aus der schie- arbeitslos. Amerika, daran kann kein Washington sei darüber die Hauptstadt ren Kraft eines großartigen Landes, gehen Zweifel sein, braucht einen neuen Plan. der einsamen Herzen geworden. Früher zu Ende; Amerika hat keinen Plan für Braucht es auch einen neuen Präsiden- brachten Abgeordnete ihre Familien in seine Zukunft als immer noch mächtige, ten? Die Frage ist durchaus berechtigt. die Hauptstadt mit, Kinder spielten zu- aber nicht mehr übermächtige Nation. Was hat Obama unternommen, um die sammen, sagt Milbank. Heute schlafen Viele Probleme bleiben einfach liegen. vielen gravierenden Probleme seines gro- die neuen Tea-Party-Parlamentarier auf Los Angeles etwa ist die größte thailän- ßen Landes anzugehen? Nicht genug. Hät- den Couchen in ihren Büros, um ja zu dische Stadt außerhalb Thailands und die te er mehr leisten können, auch im Rest beweisen, dass sie nicht Teil des Estab- drittgrößte Spanisch sprechende Stadt der der Welt? Wahrscheinlich. Haben ihn die lishments geworden sind. „Die 535 Kon- Welt. Drei Viertel der Kinder im riesigen Republikaner verhungern lassen? Zwei- gressmitglieder, die diesen Ort regieren“, Schuldistrikt von Los Angeles sprechen fellos. Wäre aber ihr Kandidat, Mitt Rom- sagt Milbank, „sind bloß noch auf Kurz- Spanisch. Die dazugehörenden Fragen: ney, der rätselhafte, steinreiche Mormone, besuch, von Dienstag bis Donnerstag.“ Ist das ein Problem? Oder ist es keines?, der bessere Präsident? Ganz sicher nicht. Der 112. US-Kongress ist darüber der sie werden nicht gestellt. ULLRICH FICHTNER, unproduktivste seit Ende des Zweiten Aber der schöne Geist des Multikultu- MARC HUJER, GREGOR PETER SCHMITZ Weltkriegs geworden. Als sich die Parla- ralismus, der in den Metropolen an den mentarier in den dramatischen Wochen Küsten des Atlantiks und Pazifiks herrscht, im vergangenen Sommer auf den Abbau wird nicht allgemein geteilt. In den Wäl- 360°-Foto: der gigantischen Schuldenlast einigen dern, Wüsten und Gebirgen, in den Bun- Der Times Square sollten, versuchte es erst eine überpartei- desstaaten entlang der südlichen Grenzen im Panorama liche „Gang of Six“. Sie scheiterte. Dann regt sich ein Unbehagen, ein neuer Ras- Für Smartphone-Benutzer: probierte es eine „Gang of Twelve“, be- sismus auch, der in Form kruder Einwan- Bildcode scannen, etwa mit setzt mit den besonnensten Kräften auf derungsgesetze seine Form gerade findet. der App „Scanlife“. 92 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    VEDAT XHYMSHITI /DER SPIEGEL Kämpfer der Freien Syrischen Armee nahe der türkischen Grenze: „Was macht ihr hier noch? Seht zu, dass ihr abhaut!“ im Schutz eines Scheinangriffs über. Sie SYRIEN bekämen seit Wochen kaum noch Nach- schub, lebten von vertrocknetem Brot Kreislauf des Zerfalls und abgestandenem Wasser. Ein zuvor Geflohener hatte alle Nummern jener aus seiner Einheit mitgenommen, die ein Mo- biltelefon besitzen. Anschließend rief die Noch kann das Regime fast in jeden Ort vordringen, kontrollieren FSA jeden an und bot ihnen Hilfe bei der aber kann es das Land nicht mehr. Denn die Zahl Flucht. Viele wollten. Es ist nur ein Ausschnitt von der Lage der Überläufer steigt – vor allem seit den jüngsten Massakern. im Norden. Aber zurückflutende Deser- teure, die sich aus anderen Gegenden in E s gibt ihn in unterschiedlichen Ver- Und doch beschreibt der zynische Witz ihre Heimatdörfer bei Aleppo durchge- sionen, aber meistens wird der po- eine Realität, die mit jedem Tag näher- schlagen haben, berichten Ähnliches über pulärste syrische Witz dieser Tage rückt – und von vielen Syrern begrüßt die Situation in ihren Einheiten. Und so erzählt: An einem Checkpoint kontrol- wird. Dem Regime kommen die Soldaten nach Berichten über die Art der Angriffe liert die Armee einen Überlandbus. Alle abhanden: Ein zur FSA übergelaufener von Assads Truppen sieht die Situation zeigen ihre Ausweise, nur auf der letzten Unteroffizier aus der nordwestsyrischen im Süden, rund um Damaskus, in Deir Bank fläzt sich ein Mann und macht keine Stadt Idlib, vor Stunden erst geflohen, er- al-Sor im Osten und in Homs im Westen Anstalten, der Aufforderung nachzukom- zählt atemlos davon, wie er sich abgesetzt kaum anders aus: Vielfach rücken die men. Die Uniformierten fragen, zuse- hat: „Der Offizier saß da und fuhr mich Truppen nicht mehr aus, sondern schie- hends unfreundlicher, bis der Mann sie und einen Kameraden an, als wir mit ihm ßen aus großer Distanz mit Panzern und anschnauzt: „Ich mache euch fertig! Ich allein waren: ,Was macht ihr hier noch? schwerer Artillerie oder von Hubschrau- bin vom Geheimdienst!“ Die Kontrolleu- Seht zu, dass ihr abhaut!‘“ Er werde ih- bern aus. Das ist weniger gefährlich. re schauen einander an und grinsen. Wer nen hinterherschießen lassen, er werde Ein Überläufer, der aus dem umkämpf- hier wen fertigmache, das habe sich in- ihre Familien anrufen und sie bedrohen. ten Homs gekommen ist, beschreibt einen zwischen umgekehrt: „Wir sind von der Aber das sei alles vorgetäuscht. Es sei sich beschleunigenden Kreislauf des Zer- Freien Syrischen Armee“, der FSA, dem vorbei, sie sollten verschwinden. falls: „Wäre ich früher abgehauen, hätte bewaffneten Arm des Aufstands. Von 400 ursprünglich in Idlib stationier- die Staatssicherheit meine Familie ver- Syrer haben grundsätzlich einen Sinn ten Soldaten hielten vorige Woche nur haftet und mein Haus niedergebrannt. dafür, noch dem Grauen eine Pointe ab- noch ein paar Dutzend die Stellung in ih- Aber jetzt kommen sie nicht mehr. Je- zugewinnen – selbst in Zeiten, die inzwi- rem Stützpunkt nahe dem Zentrum der denfalls nicht wegen mir.“ schen an die blutigsten Tage der Konflikte umkämpften Provinzhauptstadt. In der Mit jedem Landstrich, dessen Kontrol- im benachbarten Libanon und im Irak er- Kleinstadt Maraa bei Aleppo sind binnen le dem Regime entgleitet, sinkt die innern: Wohl mehr als 180 Menschen wur- einer Woche 15 Überläufer angekommen Furcht der Soldaten. Was wiederum die den bei Massakern in den vergangenen – so viele wie im ganzen Jahr zuvor. Zahl der Überläufer steigen lässt, von de- Tagen regelrecht geschlachtet, viele von Im Ort Aasas, wo Assads Truppen noch nen sich mehr und mehr der FSA an- ihnen Frauen und Kinder. Der „Bürger- einen Checkpoint am Stadtrand, ein schließen. Nach Angaben eines überge- krieg“, der nach den Worten von Uno- schwerbefestigtes Quartier im Zentrum laufenen Offiziers mit Hang zur Präzi- Generalsekretär Ban Ki Moon „unmittel- und die Minarette der größten Moschee sion habe sie nun etwa 40 000 Bewaffnete bar bevorsteht“, ist längst ausgebrochen. halten, liefen vor Tagen zwei Soldaten in ihren Reihen, wobei der Anteil von 94 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Ausland TÜRKEI Aasas Aleppo etwa Idlib 78 Tote Masraat al-Kubair Hama Homs SYRIEN 108 Tote LIBANON Damaskus ROBERT KING / POLARIS / STUDIO X Daraa IRAK JORDANIEN 250 km ISRAEL Jüngste Massaker Beerdigung von Armeeopfern bei Homs: Angst vor der „nächsten Stufe“ Soldaten und Zivilisten je nach Gegend fehlsstruktur. „Wir haben eine gute Be- Jahrelang „hat Russland keine Ersatz- schwanke. ziehung zum Befehlshaber der FSA im teile mehr liefern wollen, weil wir nie In den vergangenen 15 Monaten hat sich türkischen Exil“, sagt es ein Lokalkom- zahlten, aber jetzt hilft es massiv, hat so- an den Machtverhältnissen in Syrien äu- mandeur, „aber es gibt keine Befehle. Wir gar Mannschaften geschickt“, sagt der Of- ßerlich wenig verändert: Der Aufstand hat sind für uns selbst verantwortlich.“ fizier. Mehr als tausend russische Inge- die Städte erfasst, aber anders als in Libyen Für koordinierte Angriffe auf die Zen- nieure seien im Januar im Land gewesen, gibt es bis heute kein größeres Gebiet, das tren der Macht ist das zu wenig – aber of- viele davon offiziell als Landwirtschafts- die Rebellen auch verteidigen könnten. fensichtlich genug für die Kontrolle des berater, „aber mit Ackerbau haben die Doch der Schein der Stabilität täuscht. Restes. Was das Regime aufrechterhält, nicht viel zu tun“. Aus Iran kämen Waf- Zwar darf kein Soldat mehr ohne Passier- ist sein Monopol an schweren Waffen und fen und Munition, aber kaum Personal. schein im Überlandbus durchs Land fahren, der harte Kern von 100 000 bis 200 000 Hingegen sei eine Gruppe chinesischer zwar riskieren immer noch viele, die flie- überwiegend alawitischen Offizieren, Ge- Luftwaffenexperten auf den Militärflug- hen, von den allgegenwärtigen Aufsehern heimpolizisten, Elitesoldaten und Milizio- häfen von Aleppo stationiert. der Geheimdienste erschossen zu werden. nären, die ihrerseits fürchten, dass der Von den insgesamt 360 Kampfjets sei Die allmähliche Erosion der Armee aber Untergang des Regimes auch ihr Ende be- ungefähr die Hälfte einsatzfähig, bei den kann das Regime nicht mehr aufhalten. deuten wird. Sie halten außer ihren Rück- rund 120 Militärhubschraubern sehe das Auch der Eindruck von Macht und zugsgebieten in den Ansarija-Bergen im Verhältnis ähnlich aus. Auf dem besten Kontrolle aus den Zentren von Damas- Westen noch Teile der großen Städte, Stand seien die französischen „Gazelle“- kus, Aleppo und den anderen Großstäd- aber nicht mehr die Fläche. Hubschrauber, die auch über panzerbre- ten könnte täuschen. Die westliche Hälfte Die Aufständischen, aber auch die Un- chende Waffen verfügten: „Aber von de- Syriens ist ein Land der Dörfer und Klein- entschlossenen, die zu Hunderttausenden nen hat noch keiner abgehoben, die sind städte, die sich in den am dichtesten be- durchs Land jeweils dorthin fliehen, wo alle auf dem Flughafen des Präsidenten- siedelten Provinzen dem Aufstand ange- sie sich etwas sicherer fühlen, ja selbst palasts stationiert.“ schlossen haben: „Rif“, das Land rund die Unterstützer des Regimes fürchten Solange der Westen alle paar Tage ver- um Aleppo, Idlib, Homs, Hama und Da- sich vor dem, was kommt. Die „nächste künde, dass er auf keinen Fall militärisch raa sind zu einer Zone geworden, in der Stufe“, wie es Abu Ali al-Dirri nennt, ein einzugreifen gedenke, sagt Oberst Dirri, die Regierungstruppen zwar noch jeder- Offizier, der vor sechs Monaten die Seiten werde das Regime alles einsetzen, was es zeit und überall eindringen, die sie aber wechselte: die Luftwaffe. habe: „Seine Stärke rührt daher, dass die nicht mehr permanent kontrollieren kön- Syriens Luftstreitkräfte wurden im ver- ganze Welt sagt, wir mischen uns nicht nen – und deren Bewohner an vielen gangenen Jahr massiv aufgerüstet, aber ein. Wenn dieser Rasmussen“, er meint Orten die Seiten gewechselt haben. Die bislang – bis auf die Hubschrauber – den Nato-Generalsekretär, „wenigstens Sunniten ohnehin, aber auch die meisten kaum eingesetzt. „Doch ehe die Assads einmal die Klappe halten würde, hätte Drusen und Ismailiten. Über kurdischen untergehen, werden sie das Land bom- die Nato Syrien schon einen großen Dörfern im Nordwesten wie Basuta oder bardieren lassen“, vermutet Dirri. Dafür, Dienst erwiesen!“ Ain Dara weht seit Wochen die kurdische dass die Luftwaffe, militärische Heimat Spätestens seit den Massakern in Hula Flagge, nicht die Revolutionsfahne mit von Präsident Baschar al-Assads Vater vor gut zwei Wochen und in Masraat al- den drei Sternen – aber das Regime ver- Hafis, loyal bleibe, sei schon seit Jahren Kubair am vorigen Mittwoch findet sich teidigt hier ohnehin keiner mehr. gesorgt worden: „Der Anteil alawitischer unter den Aufständischen im Norden des Auf dem Berg Scheich Barakat nahe Offiziersanwärter an der Militärakademie Landes keiner mehr, der an einen Erfolg dem Simeonskloster, Nordsyriens spät- in Aleppo ist stetig erhöht worden, vor des Uno-Friedensplans glaubt. Ihre ein- antiker Ruine, sind etwa 50 Soldaten sta- allem in der Luftwaffe. Die wussten, dass zige Hoffnung ist wenig mehr als ein Ge- tioniert, die seit zwei Monaten nur noch die Dinge sich irgendwann gegen sie rich- rücht: dass es für die USA, vielleicht so- aus der Luft versorgt werden, weil keine ten würden.“ Ein Problem für das Regime gar für Russland, doch irgendeine rote Konvois mehr durch das komplett von sei höchstens, dass viele ältere Piloten in Linie geben müsse. Vielleicht der Einsatz der FSA kontrollierte Gebiet kommen. den letzten Jahren entlassen wurden und von Syriens Luftwaffe für Flächenbom- Dabei ist die FSA ein eigentümliches die neuen oft kaum die nötigen Flugstun- bardements? Vielleicht die Öffnung des Gebilde: zusehends schlagkräftig organi- den absolviert hätten, um einen Kampfjet Chemiewaffenarsenals? siert auf Dorf-Niveau und in Kleinstädten, fliegen zu können. Er selbst habe als Sun- Ob mit oder ohne Votum des Uno-Si- mit anderen Bezirken und Provinzen lose nit seit Beginn des Aufstands nicht einmal cherheitsrats: Die Aufständischen wollen verbunden, aber ohne Hierarchie und Be- mehr eine Pistole tragen dürfen. die Intervention. 96 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Starreporterin Rynska „Ich hatte Affären und amüsierte mich“ Kleine ist schön, sollte das heißen, an- schmiegsam und, abgesehen von Läste- reien über die Kleider anderer Partystern- chen, vollkommen harmlos. Nun aber hat Boschena Rynska in ih- rem Blog „Bissige Hündin“ Putin und seine Clique mit den Nazis verglichen. Ne- ben einem Foto, das einen Polizisten zeigt, der eine 18-jährige Demonstrantin im Würgegriff von der Straße schleppt, stellte sie ein Bild von Nazi-Offizieren ins Netz, die im Zweiten Weltkrieg in der Sowjet- union eine Frau aufhängen. Darunter schrieb sie: „Ich führte nur Befehle aus.“ Rynskas Weg vom unpolitischen Gla- mour-Girl zur Putin-Gegnerin zeigt bei- spielhaft, wie sehr sich Russlands Politik seit dessen Rückkehr in den Kreml An- fang Mai radikalisiert hat. Der Schrift- steller Igor Malyschew spricht zynisch von einem „Sado-Maso-Tandem einer de- struktiven Regierung und einer Opposi- tion von Taugenichtsen“. Teile dieser Opposition wollen den frischgewählten Putin nach dem Vorbild der Rebellionen in den arabischen Län- dern und der Ukraine 2004 aus dem Amt jagen: Für diesen Dienstag, den russi- schen Nationalfeiertag, haben sie eine Großdemonstration angekündigt. JELENA PAWLOWA / MAINPEOPLE / STARFACE.RU Putins Mannschaft ihrerseits hat keine Zeit verloren und gleich nach seinem Amtsantritt am 7. Mai eine regelrechte Konterrevolution in Gang gesetzt. Der Sprecher des Präsidenten schlug vor, man solle kein Mitleid mit den Demonstranten zeigen, sondern „ihre Leber auf dem Asphalt verschmieren“. Vorige Woche peitschte die Putin-Mehrheit im Parla- ment ein Gesetz durch, das die Strafen für Teilnehmer unangemeldeter Demon- strationen von bisher höchstens 5000 RUSSLAND Rubel auf nun 300 000 Rubel erhöht, um- gerechnet fast 7400 Euro. Für eine Verur- Der Zorn der Göttlichen teilung soll künftig reichen, dass ein Pro- testierender den Straßenverkehr behin- dert oder eine Maske trägt. Gleich am Freitag unterschrieb Putin das Gesetz. Je rabiater Präsident Putin sie unterdrückt, desto wütender Der Westen ist entsetzt: Andreas Scho- wehrt sich die Opposition: Besonders scharf hat sich Moskaus ckenhoff, Russland-Koordinator der Bun- deskanzlerin, verurteilte das Gesetz, der bekannteste Klatschkolumnistin mit dem Kreml angelegt. Europarat forderte den Kreml auf, „die Dynamik der Gesellschaft für Reformen B oschena, wie sie sich nennt, seit ihr „Ich hatte Affären und amüsierte mich“, zu nutzen, statt sie zu unterdrücken“. der Name Jewgenija zu langweilig erzählt sie an der Bar eines Moskauer Lu- Prominente Oppositionelle lässt Putin wurde, ist eine unerwartete Heldin xushotels. „Dann bin ich aufgewacht. besonders hartnäckig verfolgen. Im De- für den Aufstand gegen Wladimir Putin. Denn der Kreml ist dabei, Russland zu zember war Boschena Rynska bei einer Das System des alten und neuen Präsiden- zerstören.“ nicht genehmigten Demonstration gegen ten hat Russland Stabilität und Wirtschafts- Rynska trägt einen Trainingsanzug, der Wahlfälschungen vorübergehend festge- wachstum beschert – und ihr selbst Ruhm so gewöhnlich aussieht, als sei sie der vie- nommen worden. „Vielleicht nehme ich und Geld. Als Moskaus bekannteste len Perlenketten und tiefausgeschnittenen das nächste Mal eine Nadel mit und krat- Klatschkolumnistin schrieb Boschena (die Cocktailkleider müde. Zuletzt war sie die ze dem Bullen die Augen aus“, drohte „Göttliche“) Rynska jahrelang für die re- Geliebte eines Oligarchen mit KGB-Ver- sie damals in ihrem Blog. Wer sich mit gierungstreue „Iswestija“, posierte für Un- gangenheit und Einfluss in der russischen ihr anlege, werde zerrissen „wie von ei- terwäschewerbung und pflegte enge Be- Metallbranche. „Kätzchen“ lautete ihr nem Kampfhund“. Anfang Juni trug der ziehungen zu den Reichen und Schönen. Spitzname in Moskaus Hautevolee. Die öffentliche Wutanfall Rynska ein Ermitt- 98 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Ausland lungsverfahren wegen „Beleidigungeines Staatsdieners“ ein – nun droht ihr eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr. Dem Politiker Gennadij Gudkow, der als Führungsmitglied der Oppositionspar- tei „Gerechtes Russland“ Straßenproteste gegen Putin organisiert hatte, entzogen die Behörden über Nacht die Lizenz sei- ner Sicherheitsfirma. Und Putin-Gegner wie der Menschen- rechtler Lew Ponomarjow und der popu- läre Anti-Korruptions-Blogger Alexej Nawalny wurden vom Geheimdienst be- lauscht, als sie sich mit westlichen Diplo- maten und Spitzenpolitikern trafen, dar- unter Schwedens Außenminister Carl Bildt. Danach tauchten die abgehörten Gespräche in der Kreml-nahen Boule- vardzeitung „Komsomolskaja prawda“ auf, die den Putin-Widersachern unter- stellte, sie ließen sich vom westlichen Aus- land finanzieren. Festnahme Rynskas im Dezember 2011: „Bissige Hündin“ Putin gibt sich gar keine Mühe mehr zu verschleiern, dass er den Kampf gegen den – sie, die Göttliche, geschlagene sechs Polizisten erzählen inzwischen freimü- seine Gegner jenseits rechtsstaatlicher Re- Stunden lang. „Kein Stuhl, keine Luft, tig, wie höhere Ränge sie zu fingierten geln führt. Die Meinung des Westens ist eine einzige lahme Postbeamtin war da“, Anzeigen und zur Korruption zwingen, ihm so egal, dass seine Dienste selbst EU- erinnert sie sich. Rynska umarmte erst Ärzte organisieren in ihrer Freizeit Sam- Spitzenpolitiker wie Bildt nicht nur ab- den uniformierten Wächter, stiftete dann melaktionen für medizinisches Gerät, hören, sondern dies auch noch öffentlich einige der wartenden Männer an, ihn fest- weil ihre Vorgesetzten öffentliche Gelder machen. zuhalten, und verteilte selbst die Pakete. in die eigene Tasche stecken. Rynska hält Verhandlungen zwischen „Nach einer Stunde waren wir fertig“, Bei der Eröffnung des Kinofestivals in Opposition und Regierung für aussichts- sagt sie. Sotschi wählten die Teilnehmer demon- los. „Die andere Seite denkt doch nur Selbst in der Provinz mehrt sich inzwi- strativ eine Aufnahme mit Boschena daran, uns mit dem Knüppel eins über- schen der Widerstand gegen den russi- Rynska zum Bild des Tages: Im langen, zuziehen“, sagt sie. Vorige Woche verließ schen Obrigkeitsstaat. In Irkutsk teilte ein hellblauen Abendkleid schreitet sie den sie Moskau und flog zu einem Filmfestival wütender Flugkapitän der staatlichen ausgerollten Teppich entlang. Polizisten, in die Schwarzmeerstadt Sotschi. Auf das Fluglinie Aeroflot seinen Passagieren in weiße Sommerhemden gekleidet, Ermittlungsverfahren reagierte sie, indem über Bordlautsprecher mit, dass es nichts schauen ihr lächelnd nach. sie den Wortlaut der Anzeige in ihrem werde mit dem pünktlichen Abflug, weil Auf der Anti-Putin-Demonstration in Blog veröffentlichte. er noch auf den arroganten Gouverneur Moskau wird es die Göttliche an diesem Und was sie sonst noch nervt an Putins zu warten habe. Am Stadtrand von Mos- Dienstag mit anderen Polizisten zu tun Russland, das lässt sie jeden wissen: Ein- kau blockierten Anwohner eine Straße kriegen: mit Muskelmännern, die schwar- mal, erzählt sie, habe sie mit einem Ab- mit Baumstämmen, weil sie den Lärm, ze Helme tragen und Schlagstöcke holzettel für ein Paket in einem Moskauer die ewigen Staus und die Abgase nicht schwingen. Postamt in einer Warteschlange gestan- mehr ertrugen. MATTHIAS SCHEPP
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    Ausland Die beiden Brüder werden sich in der Stichwahl an diesem Wochenende wohl ÄGYPTEN für den Militaristen Schafik entscheiden, der sei das kleinere Übel, glaubt Antar, Der General und der sich ein kleines Kreuz in den rechten Arm hat tätowieren lassen. Die Farids sind Kopten, Anhänger der größten christ- lichen Minderheit Ägyptens. Die langfris- der Ingenieur tigen Pläne der Islamisten seien gefähr- lich, sagt Amgad. Knapp ein Drittel der Menschen in Schubra al-Chaima sind Christen, in ganz In der Stichwahl um das Präsidentenamt treten ein Mubarak- Ägypten sollen es zwischen fünf und acht Freund und ein Islamist gegeneinander an. Für viele Millionen sein, bis zu zehn Prozent der Ägypter sind beide unwählbar. Dem Land drohen neue Unruhen. Bevölkerung. Genau weiß das niemand, die Zahl ist ein Politikum. Sicher ist nur, dass die Mehrheit der V ielleicht muss man auf der Suche zwei Hardliner das Rennen machten: Ah- Kopten wie die Brüder Antar und Amgad nach der ägyptischen Volksseele med Schafik, ein 70-jähriger ehemaliger Farid denkt. Die Angst der Christen vor nach Schubra al-Chaima fahren. Luftwaffengeneral und Mann des alten religiöser Intoleranz sitzt tief. Zwar ge- Eng und staubig sind die Gassen in Kairos Regimes. Und Mohammed Mursi, ein 60- hören viele von ihnen zu den armen, den nördlicher Vorstadt. Eselskarren rumpeln jähriger Ingenieur und Apparatschik aus sozial benachteiligten Ägyptern. Doch über die Schlaglöcher, Schrott- und Ge- dem konservativen Kern der islamisti- reichte das bislang kaum als Motiv, um müsehändler drängen sich vorbei. Vor schen Muslimbruderschaft. Die Farids hat- sich auf die angeblich karitativste Bewe- den Häusern spielen Kinder, sitzen alte ten – wie die meisten Menschen in ihrem gung im Land, die Muslimbruderschaft, Männer auf Plastikstühlen. Viertel – für den linken Kandidaten Ham- einzulassen. Das soziale Netzwerk der Is- Hier, inmitten von Nordafrikas größ- din Sabahi gestimmt. lamisten ist auf die eigenen Glaubensbrü- tem Ballungsgebiet, in einem Labyrinth „Zur Wahl stehen jetzt einer, der die der beschränkt. aus Sandstein, Lehm und roten Ziegeln, Revolution hasst, und einer, der die Scha- Szenenwechsel. In Kairos mondänem kann man sie treffen: Leute wie die Kaf- ria einführen will“, sagt Amgad, „Gnade Garden City Club, hoch über den Dä- feeröster Antar und Amgad Farid, zwei uns Gott.“ chern der Megastadt, fallen Eiswürfel ins einfache Ägypter aus dem Volk. Whiskyglas. Der Club gilt als Zwei von fast 51 Millionen, die exklusives Refugium inmitten am 16. und 17. Juni aufgerufen Kairos Lärm und Hitze, als sind, einen neuen Präsidenten Treffpunkt der Business-Elite. zu wählen. Es wird über die zweite Wahl- Es ist die erste demokratische runde diskutiert, kein einziger Wahl eines ägyptischen Staats- Gast ist Anhänger der Bruder- oberhauptes, möglich gemacht schaft. Auch die Meinungen durch eine Revolution, welche über Ahmed Schafik, den die Welt begeisterte, und durch Mann, der Mubarak erst kürz- den Sturz des krebskranken Au- lich wieder als „Vorbild“ geprie- tokraten Husni Mubarak, der sen hat, gehen auseinander. am 2. Juni zu einer lebenslan- „Wir brauchen einen Präsi- gen Haftstrafe verurteilt wurde. denten, der weniger polari- Auch die Brüder Antar und siert“, sagt einer, „Schafik ist Amgad hatten sich darauf ge- ein Mann des Militärs, wenn er freut, an einem einzigartigen siegt, wird er als Erstes das Par- Experiment teilzunehmen: Das lament auflösen, in dem die bevölkerungsreichste arabische Muslimbrüder dominieren. Das Land, das stolze Ägypten, sollte wäre fatal.“ nach Jahrzehnten autoritärer Es sind nicht nur die Christen Herrschaft zu einer Demokratie und Liberalen, die einem Präsi- werden. denten aus den Reihen der Bru- Nun stehen die Farids, zwei derschaft misstrauen. Es sind freundliche Herren mit Bäuch- vor allem viele Wirtschaftsfüh- lein und Schnauzer, in ihrem rer, Angehörige des Militärs viel zu kleinen Laden. Es ist und des alten Sicherheitsappa- heiß und trocken, ein müder De- rats, aber auch all jene Ägypter, ckenventilator sorgt kaum für die sich nach „stabilen Verhält- Abkühlung, Fliegen schwirren nissen“ sehnen und deswegen um die Röstmaschinen. Die bei- Schafik den Vorzug geben. den Männer sind frustriert. Wie Der General a. D., ein Weg- Millionen anderer Ägypter füh- gefährte Mubaraks und Sadats, len sie sich um ihre Revolution hat ihnen geschworen, den „star- AMR NABIL / AP betrogen. ken Staat“ wiederherzustellen Entsetzt hatten sie verfolgt, und das „Chaos“ zu beenden. wie in der ersten Wahlrunde am Hilflos wirkten dagegen seine 23. und 24. Mai ausgerechnet Schafik-Wahlplakat in Kairo: „Die Revolution ist vorbei“ Versuche, auf die Anhänger der 100 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Ausland trug – bizarre theologische Debatten etwa und die Tatsache, dass einige Abgeord- nete das Gespräch mit Frauen verweiger- ten? In TV-Auftritten versuchte Mursi spä- ter zu beschwichtigen und auf Kopten und Liberale zuzugehen. Doch dann zi- tierte ihn eine Zeitung mit den Worten, dass die Einführung der Scharia eine „Selbstverständlichkeit“ sei. Die Aussicht einer kompletten Macht- übernahme durch die Bruderschaft, die bereits im Parlament die stärkste Kraft stellt, hat viele Ägypter erschreckt. Und so wird immer wahrscheinlicher, dass etliche den zweiten Wahlgang boy- kottieren. „Die Beteiligung wird auf unter 15 Prozent sinken“, glaubt ein Experte. Die Legitimität eines neuen Präsidenten wäre dann denkbar gering. Wer auch immer Mubaraks Nachfolge antritt: Die Ägypter warten sehnsüchtig FREDRIK PERSSON / AP auf einen neuen starken Mann – der vor schier unlösbaren Aufgaben steht. Denn das Reich am Nil ist vor allem reich an Menschen: 46 Millionen waren es, als Mu- barak 1981 antrat. 83 Millionen sind es Muslimbruder Mursi bei einem Wahlkampfauftritt in Kairo: Einführung der Scharia heute, über 120 Millionen werden es um das Jahr 2050 sein. Ägypten, ein Wüsten- Protestbewegung zuzugehen und ihnen jährige Geschäftsmann und Schweizer land zu mehr als 80 Prozent, muss Millio- die „Revolution zurückzugeben“. Wie we- Staatsbürger residiert in einer Villa in Kai- nen Tonnen an Weizen und anderen Nah- nig ernst er das gemeint hatte, offenbarte ros Südosten. rungsmitteln aus dem Ausland importie- am Wahlabend sein Sprecher: „Die Revo- Saleh ist ein gefragter Ansprechpartner ren, viele Ägypter sind schon heute auf lution ist vorbei“, kommentierte der. in der islamischen Welt wie in Europa, er Lebensmittelbezugsscheine angewiesen. Als letzter von Mubarak eingesetzter gilt als inoffizielle Nummer drei und als Bevölkerungsforscher warnen seit Jah- Ministerpräsident wird Schafik selbst von einer der Vordenker der Muslimbruder- ren vor dem Kollaps, vor dramatischer vielen für die blutigen Ausschreitungen schaft. In den fünfziger Jahren studierte Armut, vor Hungeraufständen. Ägyptens auf dem Tahrir-Platz verantwortlich ge- er Ingenieurwesen in Deutschland, wie Wirtschaft liegt am Boden, Fabriken macht. Auch läuft aus seiner Zeit als viele Ägypter ist er ein Bewunderer deut- schließen, ausländische Investoren blei- Minister für Zivilluftfahrt ein Verfahren scher Technik. Saleh sagt, es sei „nicht ben fern. Über Arbeitslosenzahlen kann wegen Korruption gegen ihn. Eine Zu- logisch“, dass der Westen immer noch nur spekuliert werden, schon im vor- sammenarbeit mit dem „Verbrecher Scha- Vorbehalte gegen seine Bewegung habe: revolutionären Ägypten lebten 40 Pro- fik“, sagt ein junger Revolutionär, sei „Ägypten hat jede Menge Probleme – wir zent der Menschen unter der Armutsgren- „vollkommen ausgeschlossen“. werden sie anpacken.“ ze. Krankenhäuser und Schulen, Straßen Für seine Gegner ist klar, dass Schafik Mit einem „islamischen Wirtschafts- und Brücken sind in einem erbärmlichen gar nicht erst hätte kandidieren dürfen: modell“, basierend auf staatlichen Groß- Zustand. Ein Gesetz des neuen Parlaments sieht projekten und einem „Kapitalismus ohne Die soziale Not und die Enttäuschung vor, hochrangige Mitglieder des alten Re- Zinsen“ will der Muslimbruder Ägyptens über die Islamisten erklären, warum es gimes von der Wahl auszuschließen. Die dringendste Probleme lösen: Man könne bei dieser Wahl auch eine Überraschung Wahlkommission ließ den General den- sich eine „landwirtschaftliche Wiederbe- gab: Hamdin Sabahi, ein säkularer Linker, noch zu – für viele Ägypter ein Beweis, lebung der gesamten Mittelmeerküste wie schaffte es zwar nicht in die Stichwahl, dass der herrschende Militärrat auch hier zu Zeiten der Römer“ ebenso gut vorstel- erhielt aber erstaunliche 20,8 Prozent der seine Finger im Spiel hatte. len wie die Einführung einer gemeinsa- Stimmen im ersten Wahlgang. Schafiks Nähe zum Militär und zum al- men Währung für die islamische Welt. Statt den Islam als Lösung für alle Fra- ten Justizapparat wirft einen Schatten auf Volksnah, pragmatisch und wirtschafts- gen zu propagieren, hatte er von „sozia- den Kandidaten. Auch nach dem histori- freundlich, so sei seine Bewegung, und ler Gerechtigkeit“ gesprochen und damit schen Prozess gegen Ex-Machthaber Mu- so will Saleh auch seinen Freund Mursi vor allem enttäuschte Wähler der Mus- barak ließ er keinen Zweifel an seiner verstanden wissen. limbruderschaft für sich gewonnen. Loyalität gegenüber dem alten Regime. Doch warum schaffte der Kandidat le- Es könnte, so sieht es Sabahi selbst, ein Der Prozess endete mit einem Freispruch diglich 24,8 Prozent der Stimmen im ers- erstes Zeichen für den Beginn eines „drit- für die Mubarak-Söhne Gamal und Alaa, ten Wahlgang, während seine Partei bei ten Weges“ sein, mit dem auch in Zu- zornig und frustriert waren daraufhin der im Januar beendeten Parlamentswahl kunft zu rechnen sei: einer breiten Volks- Tausende auf die Straße gegangen, wäh- noch fast 40 Prozent erhielt? Lag es an bewegung jenseits von Islamismus und rend Schafik die Ägypter aufrief, den Mursis fehlendem Charisma, seinem modernem Pharaonentum. Richterspruch zu akzeptieren. Image als „zweite Wahl“, nachdem die Sollte er recht behalten, wäre die Wahl Kann Schafiks Widersacher, der Inge- Wahlkommission zuvor den Millionär in Ägypten, das bislang größte demokra- nieur Mohammed Mursi, aus dem Volks- Chairat al-Schatir disqualifiziert hatte? tische Experiment in der arabischen Welt, zorn Profit schlagen? Oder lag es an der fragwürdigen Vor- auch nach diesem Sonntag nicht zu Ende. Zu Besuch bei einem alten Freund und stellung der Islamisten im Parlament, die Es hätte gerade erst begonnen. Förderer Mursis: Ibrahim Saleh. Der 83- zur Entzauberung der Bewegung bei- DANIEL STEINVORTH 102 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    MITROVICA Verrockte Welt In einer Musikschule in Mitrovica sollen die Serben und GLOBAL VILLAGE: Albaner des Kosovo lernen, den Hass zu überwinden. E r wäre gern ein Rockstar, doch dass in Mazedonien, auf neutralem Boden. Fuß nach Priština. „Wir sind keine politi- seine Band berühmt wird, will er Auch die fünf Mitglieder der Artchitects sche Band“, sagt er. „Wir sind eine Band, nicht. Denn wenn er auf der Bühne lernten sich dort kennen. In dieser Band die existiert, weil Politik uns ankotzt.“ steht, die Riffs seiner E-Gitarre in den Oh- spielt Marić gemeinsam mit zwei Serben Im vergangenen Herbst haben Serben ren dröhnen, die verschwitzten Haare im und zwei Albanern. „Zusammen können die Hauptbrücke durch einen Wall aus Nacken kleben, die Mädchen im Publikum wir nur im Ausland auftreten“, sagt Lenart Erde und Steinen blockiert. Am Fuß der kreischen, dann empfinden seine Lands- Gara, 19, Gitarrist von der albanischen Sei- Brücke steht jetzt ein Zelt, ein Trupp der leute das als Verrat. „Sie würden mich te. Ihre Songs müssen die Musiker per Sky- serbischen Bürgerwehr hält dort Wache. nicht umbringen“, sagt der junge Mann, pe oder Facebook schreiben. „Alex schickt „Sie beobachten jeden, der auf die andere der Alexander Marić genannt werden will, mir seine Ideen; ich entwickle sie weiter. Seite geht“, sagt Marić. „aber ich müsste die Stadt verlassen.“ Ich verstehe seine Musik.“ „Früher habe ich mich manchmal rü- Es ist keine gewöhnliche Band, in der Der Albaner Gara kann in seiner Hei- bergeschlichen“, sagt der Albaner Gara. Marić, 20, spielt, und kein gewöhnlicher mat offen zu den Artchitects stehen, Marić Er lief durch die Straßen und vermied es, Ort, an dem er lebt. Es ist jemanden anzusprechen, es Mitrovica im Kosovo, eine war eine Mischung aus Stadt mit etwa 70 000 Ein- Nervenkitzel und stum- wohnern, die nach dem En- mem Protest. de des Kriegs 1999 geteilt So etwas käme ihm heu- wurde: in einen albani- te nicht mehr in den Sinn. schen Süden und einen ser- Als vor drei Wochen der bischen Norden. Entstan- Nationalist Tomislav Niko- den sind zwei Welten mit lić die serbische Präsiden- unterschiedlichen Sprachen, tenwahl gewann, hörte Religionen und Währungen, Gara, wie sie auf der Nord- getrennt durch den Fluss seite feierten. „Sie schossen Ibar, verbunden über drei mit scharfer Munition in die Brücken. „Ich war noch nie Luft.“ Der neue Präsident auf der anderen Seite“, sagt hat bereits verkündet, dass Marić, ein Serbe. er die Unabhängigkeit des Das Kosovo ist ein kleines Kosovo nicht anerkennen Land, nur halb so groß wie werde, auch wenn das Ser- KUSHRIM HOTI Hessen, aber der Konflikt, bien den EU-Beitritt koste. der hier schwelt, strahlt aus „Eine Lösung hat auch bis in die Mitte Europas. Nikolić nicht“, so Marić. Er Die ehemalige serbische Musiker Gara (2. v. l.): „Politik kotzt uns an“ studiert Informatik, glaubt Provinz wird zu gut 90 Pro- aber nicht, dass er nach sei- zent von muslimischen Al- nem Abschluss einen Job banern bewohnt. 2008 er- finden wird. Die Jungen im klärte sie ihre Unabhängigkeit. Doch die kann das nicht. Der nationalistische Druck Kosovo gehören zu den größten Verlie- rund 120 000 christlich-orthodoxen Ser- unter den Serben in Kosovo ist hoch. Sie rern des Konflikts. „Die meisten meiner ben im Nordkosovo akzeptieren das fühlen sich von den Politikern und der Freunde sind arbeitslos oder haben Jobs nicht. Damit sind sie für Serbien das größ- europafreundlichen Elite in Belgrad im in einer Bar“, sagt Marić. Er hat dunkle te Hindernis auf dem Weg in die Euro- Stich gelassen. Im Norden des Kosovo ver- Augenringe und ist bleich wie ein Vampir. päische Union – das Land kann nur Mit- langen sie einander absolute Treue ab. Sein Leben hat er in die Nacht verlegt. Ein glied werden, wenn es die Regierung des Marić achtet darauf, dass niemand im wenig hat er auch vor den Verhältnissen Kosovo anerkennt. serbischen Teil von Mitrovica Werbung kapituliert. Er will sich jetzt wieder mehr In Mitrovica versucht eine Schule, mit für die Artchitects macht, dass keine Fo- um die Heavy-Metal-Band kümmern, in Rockmusik gegen den Hass zu kämpfen. tos auftauchen, keine Namen. Nur weni- der nur Serben spielen. Jedes Konzert be- „Eigentlich sollte es nur ein einziges Schul- gen hat er von der Band erzählt. „Dieses ginnt er mit einem langen, lauten Schrei. gebäude geben“, sagt Wendy Hassler-Fo- Projekt darf es nicht geben“, sagen selbst NICOLA ABÉ rest von der Organisation Musicians with- die, die ihm am nächsten stehen. Wer sich out Borders. Weil das zu gefährlich war, mit Albanern einlässt, wird selbst zum steht jetzt auf jeder Seite der Ibar-Brücke Feind der Serben. Video: eine eigene „Mitrovica Rock School“, Die Gitarristen sind noch immer Opfer So rocken die etwa einen Kilometer Luftlinie sind die eines Kriegs, der ausbrach, als sie Kinder „Artchitects“ beiden Gebäude voneinander entfernt. waren. Marićs Familie ging nach Belgrad Für Smartphone-Benutzer: Die Schüler beider Seiten treffen sich und erlebte, wie die Nato die Stadt bom- Bildcode scannen, etwa mit nur einmal im Jahr, in einem Sommercamp bardierte; Gara floh mit seinen Eltern zu der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 103
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    Szene Sport In den ersten zwei Sekunden beschleu- nigen wir auf 60 Stundenkilometer, es geht über einen Kurs aus Sprüngen und Steilwandkurven. Wir treten kräf- tig in die Pedale, mit einer solchen Frequenz, dass wir aussehen wie Näh- maschinen auf zwei Rädern. SPIEGEL: Was entscheidet über Sieg und Niederlage? Brethauer: Es ist wichtig, sich am Start die beste Position im Feld zu sichern. Wer den Start vermasselt, hat aber im- mer noch Chancen auf Überholmanö- ver. Unser Sport ist, nun ja, kontakt- freudig. Wir fahren schon mal die Ell- bogen und Schultern aus. Es kommt SPENCER MORET / AIR TEAM vor, dass dich ein Bodycheck in der Steilkurve oder im Flug trifft. SPIEGEL: Tut das auch mal richtig weh? Brethauer: Vergangenes Jahr bin ich BMX-Rennen übel zu Boden gegangen, mit dem Kopf voran. Ich war bewusstlos, blieb aber unverletzt. Wenn ein Sprung TRENDSPORT misslingt, kann es sein, dass du im Ge- genhang landest. Das ist wie ein Crash in eine Mauer. Es gab schon Schlüssel- „Mit dem Kopf voran“ beinbrüche und innere Verletzungen. SPIEGEL: Wie sieht Ihr Training aus? Brethauer: Ich trainiere vor allem Aus- BMX-Fahrer Luis Bret- Brethauer: Das ist ziemlich krass. Mein dauer, Maximalkraft, Sprungkraft und hauer, 19, über seine Vor- Ziel ist mindestens das Halbfinale. Schnellkraft. Im Winter mache ich lan- bereitung auf Olympia Noch wichtiger ist mir aber, dass ich ge Sprints auf dem Rad, bis zu 30 Se- und Bodychecks in der die Chance nutze, um BMX als richti- kunden Vollgas. Danach hänge ich völ- Steilkurve DPA gen Sport in Deutschland bekannt zu lig fertig über dem Lenker. BMX ist machen. ein ernster Funsport. Vor Olympia trai- SPIEGEL: Sie haben sich für die Olympi- SPIEGEL: Wie läuft so ein Rennen ab? niere ich 30 Stunden pro Woche, ich schen Spiele in London qualifiziert, als Brethauer: Acht Fahrer treten gegenein- gehe zur Ernährungsberatung und erster Deutscher in der Disziplin BMX. ander an. Beim Start stehen wir am zum Mentaltrainer. Es ist das komplet- Was bedeutet das für Sie? Hang einer acht Meter hohen Rampe. te Paket eines Olympioniken. QUERSCHNITT EM-Torbarometer Spannendes Ende 25 Torwahrscheinlichkeit pro Spiel, in Prozent Die Halbzeitansprache der Trai- ner bei einer EM scheint zu wir- 20 ken – statistisch betrachtet fällt zwischen der 52. und 57. Minute in rund jedem vierten Spiel ein Tor. SPIEGEL-Dokumentare 15 haben 136 Treffer aller 60 EM- Ausscheidungsspiele seit 1960 ausgewertet, in fünfminütige 10 Einheiten gebündelt und die Tor- wahrscheinlichkeit errechnet. Zwischen der 12. und 17. Minute 5 liegt sie demnach nur bei 1,7 Prozent. Spannend wird’s zum Schluss – zwischen der 85. und Basis: Tore in den K.-o.-Spielen der Fußball-Europameisterschaften seit 1960, ohne Verlängerungen 0 90. Minute landete der Ball in fast jedem vierten Spiel im Netz. Spielminuten 15 25 35 45 55 65 75 85 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 105
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    Sport NEWSPIX/IMAGO Trainer Löw 106 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    DEUTSCHLAND Der Schicksalsaustreiber Bundestrainer Joachim Löw hat dem Spiel der Nationalmannschaft Methodik und Eleganz verliehen. Bei der EM steht er unter Erfolgsdruck wie nie zuvor – was Löw in sechs Jahren aufbaute, kann ihm in einer Woche entgleiten. Von Dirk Kurbjuweit Was macht denn der nerhalb von neun Tagen. In den drei ballungeheuer steht, ein Mann wie der Löw da? Das gibt’s doch Gruppenspielen müssen die Deutschen Ivorer Didier Drogba. Auch die deutschen nicht. Er hält den Ball in mindestens zweimal sehr gut spielen, um Stürmer Mario Gomez oder Miroslav der Luft, ausgerechnet. das Viertelfinale zu erreichen. Klose sind keine schlechte Luftwaffe. Er steht auf dem Trai- „Um einen Titel zu gewinnen, muss die Doch der Bundestrainer will nicht in ningsplatz von Abbiado- Zeit irgendwie auch reif sein, muss vieles den Himmel schauen und hoffen, dass ri auf Sardinien, hat eine passen“, sagt Löw. Er ist ein Stratege, ein der Ball da hinunterfällt, wo ihn ein deut- Pause, weil seine Spieler Temporunden Mann des langen Weges, der viel überlegt, scher Spieler erhaschen kann. Ein hoher laufen, und schnappt sich zum Zeitver- viel plant, viel probiert und viel verän- Ball hat ein hohes Risiko. Er fliegt meist treib ein Bällchen, löffelt es hoch, lässt dert, bis es passt. Sein wahrer Gegner ist weit, weshalb die Treffsicherheit niedrig es auf sein Knie tropfen, dann auf den das Schicksal, der Zufall, „die Unwägbar- ist und die Gegner Zeit haben, ihre Ab- rechten Fuß, auf den linken, er jon- wehr aufzustellen. Ein hoher Ball gliert, er tänzelt, gekonnt durchaus, ist oft eine Sache des Schicksals. wenn auch ein bisschen eckig, weil Gegen das Schicksal setzt Löw er nicht mehr ganz so gelenkig ist den Plan. Er sagt: „Man braucht mit seinen 52 Jahren. Aber er natürlich auch Spieler wie Drogba, schafft es, den Ball für eine Weile Gomez oder Klose, denn es vom Rasen fernzuhalten. kommt ja auch mal ein hoher Ball Dabei ist doch der Luftraum in den Sechzehner. Wenn es nicht eine verbotene Zone für seine anders geht, muss man auch dieses Spieler. Sie sollen den Ball flach Mittel zur Verfügung haben. Aber halten, bläut er ihnen seit Jahren wir spielen mehr Kombinationsfuß- ein, und so wird eine Fußballflos- ball, und dann ist neben einem Go- kel, die tief in den Lebensalltag der mez oder einem Klose ein Reus Deutschen eingedrungen ist, die so gut. Wenn es eng wird, und der oft gesagt wird, dass es schon pein- Gegner macht alles zu, brauche ich lich ist sie zu sagen, zum Kernsatz Spieler, die beweglich sind, die sich EBERHARD THONFELD / CAMERA 4 einer durchaus edlen Fußballstra- schnell um den Gegner drehen, die tegie bei dieser Europameister- die Spielweise auf dem Boden sehr schaft. „Den Ball flach halten ist gut beherrschen.“ für unsere Spielweise besser geeig- Er hat das vor zwei Wochen im net als hoch“, sagt Joachim Löw, Trainingslager in Tourrettes gesagt, Bundestrainer seit dem Sommer im Hotel Terre Blanche, das so 2006. weitläufig ist wie die Hacienda ei- Er streicht dem deutschen Fuß- Deutsche Nationalelf: Ein Zufall hier, ein Fehler dort nes argentinischen Rinderfarmers. ball den Himmel, nicht ganz, aber Der Mann, der den Himmel für weitgehend, und schon das ist ein ambi- keit“, wie er das nennt. Er kämpft an ge- Bälle abschaffen will, saß in einem offe- tioniertes Unterfangen. Aber so ist Löw. gen eine weitere Fußballfloskel: „So ist nen Atrium in einem tiefen Sessel, er trug Wenn es in den vergangenen Jahren ei- eben Fußball.“ Der Satz meint, dass es ein weißes T-Shirt mit langen Ärmeln, nen Deutschen gegeben hat, der vor gro- immerzu Überraschungen geben kann. eine Jeans und Mokassins. Löw sieht ja ßem Denken nicht zurückgeschreckt ist Löw mag das nicht hinnehmen, will dem immer aus wie frisch gebadet und frisch und der damit viel verändern konnte, Schicksal die Räume eng machen. frisiert, also auch hier. Er ist einer der dann ist das der Bundestrainer. Seit der Dass er seinen Spielern den Himmel Männer, die einen Look haben, die sich Weltmeisterschaft 2010 zelebriert die nimmt, ist ein wichtiger Teil dieses Vor- so zurechtmachen, als blätterten sie häu- deutsche Mannschaft einen Fußball, der habens und ein gutes Beispiel für die Art, fig in Männerzeitschriften, die mit ähn- oft herrlich anzuschauen ist und der des- wie Löw seinen Job macht. Der Luftraum lichen Themen aufwarten wie Frauen- halb große Erwartungen für das Turnier der Stadien war gut gefüllt in der Ära des zeitschriften. Aus der Ferne wirkt er tat- in Polen und der Ukraine geweckt hat. Kick and Rush, als englische Mannschaf- sächlich etwas effeminiert, aber er hat Jetzt soll der Titel her, jetzt soll das ten den Ball nach vorn droschen und mit eine energische Art zu reden und ist von schöne Spiel endlich mit einem Pokal be- einigem Gottvertrauen hinterherwetzten. einer Männlichkeit, die sich nicht ausstel- lohnt werden. Aber so wie Fußball ist, Das ist seit 20 Jahren bei guten Mann- len muss. kann er große Gedanken und große Pläne schaften verpönt, aber hohe Bälle sind Marco Reus, einst Borussia Mönchen- schnell schreddern, diesmal vielleicht in- nach wie vor beliebt, wenn vorn ein Kopf- gladbach, demnächst Borussia Dortmund, D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 107
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    THOMAS ZIMMERMANN /IMAGO ROLF HAID / DPA Fußballprofi Löw 1989, Nationalspieler Reus: Ballkontaktzeiten, Laufwege, Passsicherheit ist kein Mann für hohe Bälle. Er ist nicht stimmen, werden die Spieler ins Gebet ten, falschen Abseitspfiffen und schlech- groß, er ist schmal, eigentlich Mittelfeld- genommen, bekommen einen individuel- ter Tagesform. Für einen wie Löw ist das spieler. Wenn er in der Spitze spielt, wür- len Trainingsplan, damit sie so spielen eine Zumutung. de man ihn meist flach anpassen, und so können, wie es für das Kollektiv am bes- Am vergangenen Mittwoch bekam er will es Löw. Als er bei der Vorbereitung ten ist. Besuch von Bundeskanzlerin Angela Mer- in Zeitnot geriet, ließ er als Erstes das Löw ist der ideale Mann für diesen kel im Trainingscamp in Danzig. Vereint Üben von Eckbällen streichen. Eckbälle Wandel vom Bauch zum Kopf. Er ist ein waren da die beiden Menschen, die sind nicht so wichtig für ihn, weil sie sich Didakt durch und durch. Er redet gleich- Deutschland in diesen Tagen regieren. Sie dem Strafraum meist auf dem Luftweg förmig, reißt aber alle paar Dutzend machen das auf eine ähnliche Weise. nähern. Aus Ecken würden nicht viele Silben die Stimme hoch, wie es Lehrer Es gibt Theorien, die sich dazu verstei- Tore erzielt, sagte Löw in Tourrettes. tun, die die Aufmerksamkeit ihrer Schü- gen, dass Politik und Fußball kongruent 19. Mai 2012, München, Bayern Mün- ler leiten wollen. Seine Emotionen hat verlaufen. Das ist Unsinn, aber manchmal chen gegen Chelsea, Endspiel der Cham- er im Griff. Hohe Erwartungen? „Ich gibt es Parallelen. Helmut Kohl und Berti pions League, 88. Minute: Juan Mata tritt empfinde das nicht als negativen Druck, Vogts passten in den neunziger Jahren eine Ecke hoch hinein, Didier Drogba der mich in irgendeiner Weise stört und gut zusammen in ihrer Bräsigkeit und Pro- springt und köpft, ein Himmelsball, den meine Energien bremst“, sagte Löw in vinzialität. In den Zeiten von Merkel und Manuel Neuer im Tor der Bayern nicht Tourrettes. Löw ist Deutschland einer Doppelherr- abwehren kann. 1:1, Grundstein für den Fast reglos saß er in seinem Sessel, klei- schaft der Rationalität unterworfen. Sieg von Chelsea. ne Gesten, manchmal betrachtete er seine Merkel hat einen wissenschaftlichen Was sagt Löw dazu? Viel. Er erklärt Fingernägel, als wäre die Maniküre mor- Ansatz, Politik zu machen. Aus Daten Laufwege, Angreifer, Verteidiger, ein Zu- gens nicht so gewesen, wie es für einen versucht sie Wahrscheinlichkeiten zu er- fall hier, ein Fehler dort, hätte, wäre. Man- Beau wünschenswert ist. Beim Spiel ge- mitteln, mit welcher Politik sie erfolgreich che Tore seien eben nicht zu verhindern, gen die Schweiz in Basel, bei dem seine sein kann. Emotionen zeigt sie nur spär- sagt er schließlich. Für ihn ist das ein selt- Mannschaft 3:5 unterging, erlaubte er sich lich, sie ist gelassen wie Löw, dabei aber samer Satz, ein Satz der Schicksalserge- hin und wieder einen Zorneshüpfer, aber lustiger. Beide halten keine großen Reden benheit. das war wenig im Vergleich zu Kollegen und können brutal sein. So kalt wie Mer- Die Geschichte des Fußballs ist eine wie Jürgen Klopp von Borussia Dort- kel ihren Umweltminister Norbert Rött- Geschichte der Schicksalsaustreibung. mund oder Giovanni Trapattoni von Ir- gen feuerte, entledigte sich Löw seines Das Spiel ist in den vergangenen beiden land, die wild rumspringen. Kapitäns Michael Ballack. Solche Ent- Jahrzehnten systematischer, schemati- Für einen emotionalen Menschen ist scheidungen treffen sie nach Nützlich- scher geworden. Den einzelnen Spielern das Schicksal leichter zu ertragen als für keitskalkül. wurde ein großer Teil der Individualität einen rationalen. Das Ausgeliefertsein ist Beide haben Karrieren gemacht, die genommen. In der Defensive müssen sie ihm vertraut; um nicht zu verzweifeln, niemand erwartet hätte, als sie Mitte drei- sich in Ketten aufstellen und bewegen. muss er akzeptieren, dass höhere Mächte ßig waren. Merkel lebte als Wissenschaft- Den Libero gibt es nicht mehr, den klas- als das eigene Gehirn seine Worte und lerin in der DDR, Löw hatte eine mäßige sischen Zehner kaum noch – das sind die Taten bestimmen. Der rationale Mensch Spielerkarriere in der Ersten und Zweiten Positionen mit den höchsten Freiheitsgra- dagegen glaubt, dass er beinahe alles kon- Bundesliga hinter sich. Er wurde dann den. Was Kollektivierung und Planwirt- trollieren und bestimmen könne. Trainer, blieb aber auch hier Mittelmaß, schaft angeht, hat der Fußball das Erbe Fußball ist eine besondere Herausfor- wurde Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart des Sozialismus angetreten. derung für diesen Typus. Nur in einer lan- und Meister mit Tirol Innsbruck. Ansons- Joachim Löw ist der Leiter der deut- gen Meisterschaftssaison holt am ehesten ten wurde er entlassen oder ging von schen Gosplan, wie die oberste Planungs- der den Titel, der am besten geplant und selbst, weil es nicht auszuhalten war. behörde der Sowjetunion hieß. Er lässt trainiert hat. Ein Bundestrainer muss sich Merkel und Löw kommen aus der Ver- Daten zu jedem Spieler erfassen, Ball- in Turnieren bewähren, die über K.-o.- huschtheit, dem kleineren, zurückgezo- kontaktzeiten, Laufwege, Passsicherheit, Runden entschieden werden, in einzelnen genen Leben, was man ihnen bei öffent- er lässt das alles haarklein auswerten und Spielen also. Da hängt vieles vom Schick- lichen Auftritten noch anmerkt. Ihnen zieht seine Schlüsse daraus. Was früher sal ab, von verschossenen Elfmetern, von fehlt die Selbstverständlichkeit der Prä- der Bauch eines Trainers war, ist heute Eckbällen, die mehr oder weniger zufällig senz, das Ausgreifende, auch Übergriffige seine Statistik. Wenn die Zahlen nicht den richtigen Kopf treffen, von roten Kar- derer, die sich immer schon in großen 108 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    „Auf hässliche Weisegewinnt man heu- te keine Titel mehr“, hat Löw dem Maga- zin „11 Freunde“ im Februar gesagt. Er verband also beide Aspekte, die Schön- heit wird zur Voraussetzung für den Titel. Aber wie konnte dann Chelsea die Cham- pions League gewinnen? Gegen die stür- mischen, spielerisch hochüberlegenen Mannschaften von Barcelona und Mün- chen flochten die Engländer einen Ma- schendrahtzaun um ihren Strafraum und siegten schließlich durch verschossene Elf- meter von Lionel Messi, Arjen Robben, Ivica Olić und Bastian Schweinsteiger. Das Schicksal hatte höhnisch ins Stadion gegrinst und allen gezeigt, dass es sich so REUTERS leicht nicht abschaffen lässt. Was sagt Löw dazu? „Von zehnmal ge- Kanzlerin Merkel, Nationalspieler*: Gelassen wie Löw, dabei aber lustiger winnt Barcelona achtmal gegen Chelsea. Und wenn es normal läuft, gewinnt auch Lebenslagen wähnten. Der Umgang mit Spiel heraus sollen die Geistesblitze und Bayern das Endspiel gegen Chelsea bei den beiden ist daher angenehm. Wahr- Fußkunststücke die entscheidende Lücke so vielen Chancen.“ Er antwortete also scheinlich sind sie selbst überrascht, dass reißen und das Tor möglich machen. Fuß- mit Wahrscheinlichkeiten. Gäbe es eine sie jetzt Bundeskanzlerin und Bundestrai- ball ist nie eindeutig. So haben die Sys- größere Anzahl von Spielen, würde das ner sind. temfanatiker des FC Barcelona den welt- Normale zur Geltung kommen, also das Ein Unterschied zwischen ihnen ist, besten Zauberer hervorgebracht, Lionel spielerisch bessere Team gewinnen. Löw dass Merkel nur auf die Ergebnisse schaut. Messi. versetzte sich in eine Situation, die er Ihre Frage heißt: Was kommt raus? Löw Einen Mann wie ihn hat Löw nicht, nicht hat, weil er dem K.-o.-System aus- schaut auch auf den Prozess, seine Frage aber für sein Mittelfeld gibt es sieben, geliefert ist. Es ist leicht, im Irrealis recht heißt: Wie komme ich in Schönheit zu ei- acht Kandidaten von hoher Klasse, dar- zu haben. nem guten Ergebnis? unter Mesut Özil, Thomas Müller und Er sagte in Tourrettes aber auch: „Ei- Das ist das Paradoxe an seinem Ansatz: Sami Khedira. Die Spieler schätzen die- nen Titel zu gewinnen ist immer erstreb- Auf den ersten Blick entzaubert er den sen Bundestrainer, weil sie den Eindruck sam, klar, aber für mich ist auch wichtig, Fußball, indem er ihn der Herrschaft der haben, dass sie von ihm etwas lernen kön- dass die Spieler weiterhin einen Fußball Daten unterwirft und die Spieler be- nen, über sich und die Gegner. Ob sie mit großer Schnelligkeit und Offensiv- grenzt, fesselt, ihnen den Himmel nimmt, dann das machen, was er ihnen aufgetra- kraft spielen, und das ist manchmal ohne sie auf vertikale Kurzpässe und geringe gen hat, ist eine andere Frage. Er kann letzte Erfolgsgarantie.“ In diesem Satz Ballkontaktzeiten einschwört. Sie sollen sie noch so viel mit Daten füttern, mit sind Schönheit und Erfolgschance plötz- nicht losrennen und dribbeln und zau- Übungen für das nächste Spiel trimmen – lich Gegensätze. bern, sie sollen den Ball schnell und di- wenn 50 000 Leute brüllen und der Geg- Hat er seine Haltung geändert? Nein. rekt nach vorn weiterleiten. Sie sollen ner anrennt, gerät mancher Plan in Ver- Der Satz ist Ausdruck der Ambivalenz in Relaisstationen auf einem großen Schalt- gessenheit. der Fußballwelt, in der es wahre Sätze plan sein, nicht Heroen der Spontaneität. Über die Jahre aber ist Löws Konzept praktisch nicht gibt, auch keine Eindeu- Aber Löw ist eben auch der Mann, der bislang aufgegangen. Anders als Merkel tigkeiten. Nach jedem Spieltag ist die Welt dem deutschen Fußball die Schönheit zu- hatte er eine Vision, die Vision vom neu erfunden, ein einziges Ergebnis kann rückgegeben hat. Seine Definition davon modernen Fußball in Deutschland. Das alles auf den Kopf stellen, was Experten sieht so aus: „Schöner Fußball ist für mich schnelle, direkte Spiel mit kurzen Pässen gedacht und gesagt haben. Chelsea ge- nicht, naiv draufloszustürmen, sondern hat nicht er erfunden, da waren andere winnt die Champions League, Griechen- schön ist, wenn es ein Gleichgewicht gibt schneller, vor allem die Trainer des land wurde Europameister, die Deutschen in der Mannschaft: eine gute Defensiv- FC Barcelona. Aber immerhin hat er spielen plötzlich ängstlich und defensiv. arbeit, eine gute Balleroberung, gute die Strukturen des Deutschen Fußball- Aber das spricht nicht gegen den Plan, Laufwege, viel arbeiten und dabei die Bunds so verändert, dass die Spieler nun gegen das Schema. Auch wenn es immer spielerische Leichtigkeit beibehalten.“ schon in den Jugendmannschaften zeit- ein unwahrscheinliches Ergebnis geben Man könnte sein Projekt die Maschinisie- gemäßes Spiel üben. Und die Bundesliga kann, muss einer wie Löw alles dafür tun, rung der Schönheit nennen. hat vieles von seinem strategischen Den- den Sieg der eigenen Mannschaft wahr- Wenn der Plan aufgeht wie bei der ken übernommen. Das bleibt sein Ver- scheinlich zu machen. Anders gesagt: Er Weltmeisterschaft 2010 gegen England dienst, egal wie diese Europameister- muss alles tun, um das Schicksal abzu- und Argentinien, wie in manchem Quali- schaft ausgeht. schaffen, aber mit Demut ertragen, wenn fikationsspiel für die Europameisterschaft, In den Augen der Fußballwelt waren es zuschlägt. dann ist das richtig schöner Fußball, dann die Deutschen lange die „Panzer“, die Es gibt natürlich auch den Fall, dass wird aus der Entzauberung Zauberei, leider viele Titel holen. Dann waren sie andere Mannschaften besser sind, kann dann wird der Schaltplan unsichtbar, und die Panzer, die zum Glück keine Titel ja sein. Dann hilft manchmal ein schönes die deutsche Mannschaft wirkt wie eine mehr holen. Jetzt sind sie die Sportwagen, Schicksal: Wenn die Deutschen lausig Rasselbande der Kreativität. Auch das ge- die zweite und dritte Plätze belegen. Des- spielen und Khedira aus Verzweiflung ei- hört zum Schema: Aus dem planvollen halb gibt es zwei Fragen an Löws Kon- nen Ball lang und hoch in den Himmel zept bei dieser Europameisterschaft: Setzt jagt, und von dort fällt er auf den Kopf * Philipp Lahm, Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger die deutsche Mannschaft um, was ihr von Marco Reus, prallt ab, segelt ins Tor. und Marco Reus am vorigen Mittwoch im EM-Quartier Trainer geplant hat, und zeigt sie schöne So ist eben Fußball, würden die Exper- der deutschen Mannschaft in Danzig. Spiele? Kann sie den Titel holen? ten sagen. 110 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Sport ROBERT VOS/AFP Niederländische Nationalspieler: Weder gleich noch brav sein CHARAKTERE Ich oder Wir? Ging es um Titel, stand sich die Mannschaft der Niederlande, am Mittwoch Gegner der Deutschen, meist selbst im Weg – es mangelte den Spielern an Gemeinsinn. Neuer- dings befeuern Stars wie Robin van Persie den Teamgedanken. Von Markus Feldenkirchen An diesem Nachmittag Für sein Team geht es an diesem Tag umph der Selbstlosigkeit. Das Geschichts- im Mai in West Brom- ebenfalls um viel, Arsenal braucht einen buch muss vorerst ohne van Persie aus- wich, einem Kaff bei Bir- Sieg, um sich für die Champions League kommen, dennoch feiert er nach Spiel- mingham, steht Robin zu qualifizieren. Ob van Persie, 28, davon schluss ausgelassen mit den mitgereisten van Persie vor der gro- noch profitieren würde, ist ungewiss. Gut Fans. Für einen Fußballstar aus Holland ßen Frage der Zivilisa- möglich, dass er Arsenal nach der Euro- ist das durchaus erwähnenswert. tion – zumindest aber pameisterschaft verlässt. Der niederländische Fußball leidet seit des niederländischen Fußballs. Es ist die In der vierten Spielminute erzielt sein je unter der Divenhaftigkeit seiner Pro- Frage, was wichtiger ist: das eigene Ego Teamkollege Yossi Benayoun das 1:0, und tagonisten. Den Namen nach hätte Hol- oder die Gemeinschaft? van Persie sprintet so freudig auf ihn zu, land, am Mittwoch in der ukrainischen „Robin van Persie, he scores where he als wäre er gerade Vater geworden. Dann Stadt Charkow Gegner der deutschen wants“, singen die Fans des FC Arsenal aber gerät Arsenal in Rückstand, und van Nationalmannschaft, schon viele große schon vor Anpfiff des letzten Saisonspiels. Persie kämpft. Er, der Starstürmer, hilft Turniere gewinnen müssen. Nirgendwo In dieser Spielzeit hat van Persie tatsäch- bei fast jedem Angriff des Gegners in der sonst ist das Verhältnis von begnadeten lich getroffen, wann und wo er wollte, 30 Defensive aus. Er bereitet ein Tor vor, Fußballern zu Einwohnern so gut. Aber Tore sind es bisher. Sollte er heute wieder gleich mehrmals legt er Mitspielern den dann scheiterten sie immer wieder an treffen, könnte er einen Rekord in der Ball auf, obwohl er selbst hätte aufs Tor ihrem viel zu gewaltigen Ego. Premier League aufstellen: die meisten schießen können. Mal blieben einzelne Stars in letzter Tore in einer Saison. Es winkt nichts we- Am Ende bezwingt Arsenal das Team Sekunde beleidigt zu Hause, weil ihnen niger als der Eintrag in die ewige Besten- von West Bromwich Albion mit 3:2 und irgendetwas nicht passte. Mal rebellierten liste, in das Geschichtsbuch des Fußballs. die Gemeinschaft das Ego. Es ist ein Tri- die Spieler gegen ihren Trainer, oft strit- D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 111
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    Sport MICHAEL KOOREN / REUTERS Für die EM geschmückte Häuser im niederländischen Goirle: Tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Autoritäten ten sie untereinander. Auch in diesem kennen. Und wenn er mal auf der Bank Robben jedenfalls niemand für eine Diva. Jahr gab es pünktlich zur Turniervorbe- sitzen muss, schmollt er wochenlang vor Dafür ist die Konkurrenz zu groß. reitung wieder Ärger, weil Schalkes Stür- sich hin. So sehen ihn die Deutschen. Auf dem Trainingsplatz wird nun fünf mer Klaas-Jan Huntelaar nicht einsehen Am Tag nach Robbens Flucht steht gegen fünf gespielt. Kaum rollt der Ball, möchte, dass van Persie stürmt und er Hollands Kapitän Mark van Bommel im herrscht ein Lärm wie auf dem Fisch- sich vorerst mit der Bank begnügen soll. Juan-Antonio-Samaranch-Stadion von markt. Anweisungen werden gerufen, ge- Das Ich triumphiert in Holland meist über Lausanne und zieht sein Trikot hoch, um brüllt, es wird geflucht, geschimpft. Es ist das Wir. sich den Bauch zu streicheln wie ein eitler um einiges lauter als bei herkömmlichen Kaum eine Fußballnation ist mit so viel Pfau, der zeigen will, dass man auch mit Fußballmannschaften. Genie und Anmut gesegnet, wie es die 35 Jahren noch über einen Sixpack ver- So klingt es, wenn ebenso selbstbe- Niederlande sind. Was bislang fehlte, wa- fügen kann. Auch die Designer-Unter- wusste wie meinungsstarke Stars auf ren Disziplin und Gemeinsinn. So blieb hose kommt so zur Geltung. engstem Raum zusammengepfercht sind: der Gewinn der Europameisterschaft 1988 Kann er verstehen, was die Deutschen van Persie, der Torschützenkönig in Eng- in Deutschland der einzige Titel. an Robben stört? „Absolut nicht“, sagt land, Huntelaar, der Torschützenkönig in In den Katakomben der Münchner Al- van Bommel. „Er hat Bayern 2010 doch Deutschland, dazu eigenwillige Köpfe wie lianz Arena hetzt Arjen Robben über den höchstpersönlich ins Finale geschossen. van Bommel, Rafael van der Vaart oder dunklen Parkplatz wie Dr. Kimble auf Und jetzt war er wieder sehr wichtig. Wesley Sneijder, der darauf besteht, im- der Flucht. Er wird umringt von Sicher- Man muss ihn schätzen, man muss froh mer im schulterfreien Shirt zu trainieren, heitsmännern, sein Rollkoffer stolpert sein, dass er bei Bayern spielt. Das ist ei- damit seine Muskelpakete und Oberarm- mehrmals, das Tempo überfordert ihn. ner der zehn besten Spieler der Welt.“ Tattoos zur Geltung kommen. Robben ist Robbens Frau und Freunde warten bei Auch van Bommel hat lange in Mün- hier tatsächlich nur einer von vielen. laufendem Motor in der Limousine. Er chen gespielt, auch er ist häufig angeeckt, Über Lausanne wabert an diesen Tagen verschwindet im Wagen und braust in die hat Trainer wie Management kritisiert. eine Wolke aus Testosteron. Nacht. Es wirkt wie nach einem Bank- Es gebe eben einen kulturellen Unter- Anders als im deutschen Team, wo die überfall. schied zwischen beiden Ländern, sagt van Spieler ihrem Coach beinahe hörig zu Aus den Fenstern des Mannschaftsbus- Bommel. „In Deutschland will man, dass sein scheinen, erinnert das Trainingslager ses verfolgen van Persie und der Rest der die Spieler gleich sind und dass sie brav der Holländer an einen Individualisten- Nationalmannschaft die Flucht des Kol- sind. Jemand wie Robben aber ist ein Aus- Kongress, bei dem fast jeder Teilnehmer legen. Eben haben sie gegen den FC Bay- nahmespieler. Ein echter Charakter. Da glaubt, den perfekten Fußball nicht nur ern gespielt und erlebt, wie Robben vom muss man sich drum kümmern.“ zu kennen, sondern selbst zu praktizieren. Münchner Publikum ausgepfiffen wurde. Van Bommel spricht über Robben, Es ist diese Mentalität, wegen der die In Deutschland gilt Robben als Inbegriff aber er könnte genauso gut über den hol- Niederlande über Jahrzehnte nicht nur des Egoisten. Wann immer sich die Gele- ländischen Fußball an sich sprechen. Dar- den spektakulärsten Fußball spielten, son- genheit zum eigenen Torerfolg bietet, über, dass Holländer weder gleich noch dern auch die spektakulärsten Skandale scheint Robben keine Mitspieler mehr zu brav sein wollen. In seiner Heimat hält produzierten – und immer wieder schei- 112 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Sport terten. Vor derWM 1990 etwa platz am häufigsten redet, ist trafen sich die Spieler in einem Robin van Persie, technisch bril- Flughafenhotel in Schiphol, um lant wie die meisten Holländer, darüber abzustimmen, welcher doch obendrein noch effizient, Trainer sie nach Italien führen freundlich und diszipliniert, sollte. Als der Verband ihrem selbstbewusst und trotzdem Wunsch nicht nachkam, boykot- mannschaftsdienlich. tierten sie die Arbeit von Leo Dabei war van Persie selbst Beenhakker. 1994 sagte der gro- auf dem besten Wege, ein klas- ße Ruud Gullit wenige Tage vor sischer Star aus Holland zu wer- dem Abflug zur WM seine Teil- den, eine Diva, ein Querulant. nahme ab, weil ihm der takti- „Seine Einstellung lässt zu wün- sche Ansatz des Coaches nicht schen übrig“, klagte vor Jahren passte. Das hatten bereits etli- Nationalcoach Marco van Bas- che Stars vor ihm getan. ten. „Er führt sich auf, weil er „Welche verdrehte, unbarm- mit diesem und jenem nicht ein- herzige, fatale Logik treibt hol- verstanden ist.“ Es klang wie ländische Spieler, Trainer, Ver- immer. bandsfunktionäre dazu, sich 2005 musste van Persie sogar immer wieder in sinnlosen, für zwei Wochen in Haft, weil kleinlichen Fehden über Taktik, ihn ein Model, mit dem er sich Macht und Geld zu verzet- in einem Hotel vergnügt hatte, teln?“, fragt der Autor David wegen Vergewaltigung ange- Winner in seinem wunder- zeigt hatte – ein Vorwurf, von baren Buch „Oranje brillant. dem er am Ende freigesprochen Das neurotische Genie des wurde. PAUL GILHAM/GETTY IMAGES holländischen Fußballs“. Die Unter Arsenal-Coach Arsène Holländer, so Winner, scheinen Wenger aber reifte van Persie regelrecht allergisch gegen jede mit den Jahren zum Führungs- Form von Autorität, Führung spieler, zum Vorbild. Er wurde und kollektiver Disziplin zu disziplinierter, selbstloser, man sein. „Ihre Mannschaften ge- könnte auch sagen: um einiges bärden sich wie Armeen von Stars van Persie, Robben: Wolke aus Testosteron deutscher. Im vorigen Jahr stieg Generälen.“ er beim FC Arsenal sogar zum Warum das so ist? Für die Antwort gelbild eines ganzen Landes. Bei der EM Kapitän auf. Stünde seine Entwicklung muss man wohl hinab in die holländische in Polen und der Ukraine hofft er, endlich stellvertretend für die ganze National- Geschichte steigen, in das, was man sein größtes Problem zu überwinden: die mannschaft, wäre Holland wohl kaum zu Volksseele nennt – die über Jahrhunderte Liebe zur Demokratie. bezwingen. Aber so ist es nicht, so soll es geformte Mentalität eines Landes. Bert van Marwijk stapft mit stoischer wohl auch nicht sein. Demokratie, Individualismus und ein Ruhe über den Platz, kein Gebrüll, keine In Lausanne stehen zwei Journalisten tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Au- hektischen Handbewegungen. Er wirkt vom holländischen Rundfunk am Spiel- toritäten haben in Holland fest veranker- konzentriert wie ein Dompteur, der sich feldrand, seit Jahren begleiten sie ihre te Wurzeln. Der Historiker Herman Pleij Mannschaft. Aufgeknöpftes Hemd, Son- sieht den Ursprung für das selbstbewuss- nenbrille, lässige Jungs, die sich selbst te, äußerst diskussionsfreudige Wesen der Der holländische Fußball ziemlich klasse finden. „Die ganzen Ka- Holländer in der geografischen Lage ihres hofft, endlich sein größtes priolen, die verschenkten Titel, das liegt Landes begründet. Man habe schon im alles am holländischen Charakter“, sagt Mittelalter demokratische Institutionen Problem zu überwinden: der Fernsehmann. „Wir sind nun mal aufbauen müssen, um das Land vor dem sehr selbstbewusst, wir stellen alles in Meer zu schützen und trocken zu halten. die Liebe zur Demokratie. Frage, wir sind im Zweifel provokativ.“ Und da man vom Land allein nicht leben Der Radiomann nickt. Sie beklagen das konnte, habe man Händler und Kauf- keinen falschen Laut, keine falsche Be- nicht, es klingt vielmehr, als seien sie mann werden müssen. „Das hat uns sehr wegung erlauben darf, die seine Raub- recht zufrieden mit diesen Eigenschaften. unabhängig gemacht“, sagt Pleij. „Es be- tiere stören könnten. „Deshalb sind wir auch so interessante stand nie die Chance, dass hier ein König, Die Frage ist, ob er sein Team noch Menschen.“ Sie nicken sich zu und lä- die Kirche oder irgendeine hochrangige einmal so in Schach halten kann wie vor cheln. „Und deshalb haben wir so inter- Person herrschen könnte.“ zwei Jahren bei der WM in Südafrika, als essante Spieler.“ Geschweige denn ein Nationaltrainer. Holland ohne größere Skandale erst im Joachim Löws Jungs seien dagegen Der berühmte „Totaalvoetbal“, das Finale knapp den Spaniern unterlag. folgsame Befehlsempfänger, „aber gewiss kreative Spiel, sei tief durchdrungen von Die Vorzeichen sind diesmal schwieri- keine echten Typen, keine echten Cha- demokratischen Impulsen, meint Winner. ger. Den ersten Eklat gab es bereits, als raktere“. Was sie sagen, hört sich herab- Man spiele mit einem System, das es je- Stürmer Huntelaar seinen Frust über sei- lassend an, aber es ist auch geschickt. Es dem Spieler erlaube, „sich auszudrücken ne Reservistenrolle öffentlich machte. ist der Trick, sich selbst dann noch über- und auszuzeichnen“. Die Kehrseite dieses „Ich bin böse“, klagte der Schalker. „Ich legen fühlen zu können, wenn auch der Systems habe darin bestanden, „dass die hatte das Gefühl, dass alles schon vorher nächste Pokal an den Niederlanden vor- Disziplin und der innere Zusammenhang feststand.“ Anders als viele Niederländer beiwandert. Dann hätte man zwar wie- immer fragil waren“. So ist der holländi- vor ihm, reiste er immerhin nicht ab. der irgendein wichtiges Spiel verloren, sche Fußball mit seiner Offensivkraft bei Der Mann, dessen Nähe van Marwijk aber das Wichtigste nicht: die eigene gleichzeitiger Widerspenstigkeit das Spie- sucht, mit dem er auch auf dem Trainings- Identität. 114 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Prisma MEDIZIN läufe, Triathlonwettkämpfe und sehr lange Radrennen, das Pumporgan regelrecht versehren können, wenn er Extremtraining schadet jahrelang ausgeübt wird: Herzgewebe dem Herzen verhärtet, Arterien verkalken und versteifen, der Herzrhythmus wird ge- stört, und die Pumpleistung verschlech- Körperliche Bewegung wirkt wie gute tert sich. Allerdings bestehen diese Medizin – und doch kann sie im Gefahren nur für Menschen, die durch SHAUN BEST / REUTERS Übermaß dem Herzen schaden, war- Sport fünf- bis zehnmal mehr Energie nen Ärzte im Fachblatt „Mayo Clinic verbrennen, als Sportmediziner emp- Proceedings“. Sie haben die wissen- fehlen. Wer sich dagegen an mindes- schaftliche Literatur ausgewertet und tens fünf Tagen der Woche moderat Hinweise darauf gefunden, dass exzes- bewegt, der verlängert sein Leben siver Ausdauersport, etwa Marathon- Athleten nach Zieleinlauf statistisch gesehen um sieben Jahre. U M W E LT erwartende Belastung anhand von L U F T FA H R T Daten über die jeweiligen Triebwerke, die Flugphase (Start, Landung oder Fluglärm aus dem Reiseflug), die Wetterverhältnisse und Leichtsinn im Rechner die Ausbreitung von Schadstoffen in der Atmosphäre. Lärmprofil und Schadstoffbelastung durch einzelne Cockpit Wie sich Lärm und Abgase von Flug- Flüge können optisch dargestellt Der Co-Pilot rief noch von hinten: zeugen verteilen, das lässt sich mit werden. Mit der Software lässt sich „Kapitän, bloß nicht dahin. Da ist ein einer neuartigen Software der Firma nach Ansicht der Herstellerfirma Berg!“ So hat es der Stimmrecorder Trout aus Kassel vorhersagen. Dazu bereits in der Planung abschätzen, an Bord des Superjet 100 aufgezeich- muss keine Maschine abheben, viel- welche Folgen neue Flughäfen und net, Momente bevor das neue Kurz- mehr berechnet die Software die zu Flugrouten haben werden. streckenflugzeug vor einem Monat auf einem Demonstrationsflug in Indonesien an einem Vulkanhang zerschellte. Doch Pilot Alexander Geräuschpegel eines Airbus A320, der von der Jablonzew wollte offenbar nicht von Startbahn West des Frankfurter Flughafens gestartet ist; dem riskanten Manöver lassen. Köln Simulation des Lärms am Boden in Dezibel* Leichtsinn, so wird durch die Aus- wertung der Flugschreiber deutlich, führte vermutlich zu dem Absturz unter 35 35 – 40 40 – 45 45 – 50 50 – 55 55 – 60 60 – 65 65 – 70 70 – 75 über 75 des Jets, mit dem Russland die Re- *dB(A) Quelle: Trout GmbH naissance seiner einst so stolzen Flug- zeugproduktion einläuten wollte und bei dem alle 45 Menschen an Bord starben. So saß ein indonesischer Flugzeugeinkäufer auf dem Platz des Co-Piloten, meldet die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Hinweise auf das drohende Desaster gab es genug: Das Bodenwarnsystem sendete Alarmsignale, ein anderes Limburg Sicherheitssystem forderte die Crew Koblenz auf, das Fahrwerk auszufahren, weil es sich wegen des näher kommenden Erdbodens im Landeanflug wähnte. Der Pilot jedoch ordnete diese War- nungen wahrscheinlich nicht richtig ein. Die russische Tageszeitung „Mos- Rh Frankfurt ein kowski komsomolez“ zitiert einen am Main Experten des Moskauer Testzentrums Wiesbaden für Neuentwicklungen Zagi, wonach Flughafen der erfahrene 57-jährige Kapitän Mainz schon vor dem eigentlichen Crash zwei riskante Manöver geflogen habe. 20 km Rüssels- Das gehe aus den Daten der Blackbox heim hervor, mit deren Hilfe das Zagi den Unglücksflug im Flugsimulator nach- gestellt hat. 116 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Wissenschaft · Technik Charakter-Köpfe P. WEGNER / PICTURE ALLIANCE / DPA / ARCO IMAGES Die Persönlichkeit von Gould-Amadinen spiegelt sich in deren Kopffarbe. Rote Prachtfinken sind ag- gressiv, schwarze mutig und gelbe unscheinbar. Dieselben Gene steuern offenbar sowohl Verhal- ten wie auch Aussehen. PÄ D A G O G I K Hauptproblem ist, dass die Schule sich gleiten. Wir müssen ihnen erklären, nicht mehr zuständig fühlt. Die Lehrer wie falscher Unterricht den Zugang sagen: Ich kann nichts für diese Schü- zur Mathematik versperren und Kin- „Rechenschwach durch ler tun. der erst rechenschwach machen kann. falschen Unterricht“ SPIEGEL: Wollen Sie leugnen, dass den einen Mathe schwererfällt als den an- deren? SPIEGEL: Was können Eltern tun, deren Kinder in Mathe untergehen? Meyerhöfer: Wenn sie selbst Probleme Der Mathematik- Meyerhöfer: Richtig ist, dass die Kinder hatten, stecken sie die Kinder mit ih- didaktiker Wolfram mit unterschiedlichen Vorstellungen rer eigenen Mathe-Angst an. Wenn sie Meyerhöfer, 42, von von Mengen und Zahlen in die Schule selbst gut waren, werden sie keinerlei der Universität Pader- kommen. Ungefähr einem Viertel Verständnis haben für die Probleme. born über Kinder, die erschließt sich diese Welt nicht von Deshalb sollten Eltern sich raushalten. Probleme im Umgang allein. Im ersten mit Zahlen haben Schuljahr ist aber genügend Zeit, für SPIEGEL: Sie halten die Rechenschwä- alle in der Klasse che für ein konstruiertes Phänomen. eine gemeinsame Warum? Basis in Mathematik Meyerhöfer: Erfahrungen aus Förderun- zu erarbeiten. gen zeigen, dass alle Kinder den Um- SPIEGEL: Warum gang mit Zahlen und Mengen lernen geschieht es dann können. Doch Begriffe wie Anarith- nicht? mie, Dyskalkulie oder eben Rechen- Meyerhöfer: Viele schwäche erwecken den Eindruck, Lehrer können das manche trügen eine Minderbegabung nicht, weil sie es in sich. Im Schulalltag werden Rechen- nicht gelernt haben. VEIT METTE / LAIF schwache wie Kranke behandelt. Deshalb sollten wir SPIEGEL: Was sind die Folgen? Spezialisten ausbil- Meyerhöfer: Die Kinder erleben sich den, die in der ersten selbst als unvollkommen, aber das Klasse die Lehrer be- Erstklässler im Mathe-Unterricht D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 117
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    Wissenschaft KLIMA Rätsel der sinkenden Inseln Geologen und Sprachforscher aus Frankreich erkunden ein Südseeparadies. Die Uno hatte dort die ersten Klimaflüchtlinge der Erde geortet. Doch mehr als der Anstieg des Meeres bedroht das Absinken des Landes die Inseln des Südpazifiks. Strand der Südseeinsel Vanikoro S ie liegt da wie eine Festung mit spit- Keine hundert Meter mehr, dann tref- ßen von der großen Insel“, wie sie ihn zen Zinnen. Eine dicke grüne Decke fen zwei Kulturen aufeinander, zwei Le- nennen. wie aus Samt bedeckt die Insel. So bens- und Denkweisen – über die für den Die Fremden landen an, weil Vanikoro eng stehen die Bäume auf den Berghän- Anfang ein Lachen hinweghilft. langsam im Meer versinkt. Das vermuten gen, so undurchdringlich sind ihre Kronen. „Momombo wako!“, ruft Alexandre die Forscher und wuchten jetzt schwere Unten, da, wo Palmen den Strand säu- François, der Linguist in der Gruppe. Er Instrumente aus den Booten, mit denen men, zeichnen sich gegen die grellen hat hier schon einmal die Sprachen der sie die Insel vermessen wollen. Strahlen der aufgehenden Sonne Hütten Insel studiert. Die Männer von Vani- Auf Vanikoro, nur ein Viertel so groß ab. Aus einigen steigt Rauch auf. koro erkennen ihn wieder, den „Wei- wie die Insel Rügen, leben 900 Einwohner, Vorsichtig steuern die Forscher aus Frankreich mit ihrem Motorboot durch das Riff. Vor ihnen liegt Vanikoro, ein Drang in die Tiefe Salomonen Flecken Erde mitten in der Südsee. Die Vanikoro Die Australische Platte sinkt unter die Pazifische. zu den Salomonen gehörende Insel war- Dabei verhakt sie sich und zieht die Pazifische tet mit ihren Geheimnissen auf die Ge- Platte mit in die Tiefe. Löst sich die Verhakung, lehrten. „Es fühlt sich an, als wären wir entlädt sich die Spannung in einem Erdbeben, auf einer Entdeckungsfahrt vor 250 Jah- die Pazifische Platte springt wieder hoch und Tegua ren“, sagt Valérie Ballu, 44. mit ihr die Inseln. Vanuatu Die Geodätin aus Paris springt in das flache Wasser einer Sandbank. Sie muss das Boot über die Untiefe hinwegschie- AUSTRALIEN Plattengrenze ben. Im Dorf regt sich unterdessen Leben: In den Eingängen der Hütten zeigen sich Neukaledonien Frauen in bunten Röcken, ihre Babys auf dem Arm. Nackte Kinder, die Haare Australische Platte Pazifische Platte kraus und blond, rennen neugierig zum Strand. Die Männer paddeln den Weißen in Einbäumen entgegen. 118 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Zunächst beginnt derTag aber mit einer Enttäuschung: Ballu und ihr Team vom Nationalen Französischen Forschungszen- trum CNRS suchen die Stelle, an der sie vor sieben Jahren schon einmal die Höhe der Insel vermessen haben. Doch ihr wich- tigster Messpunkt, damals noch in sicherer Entfernung vom Strand, liegt jetzt am Was- ser. Die See unterspült den in Zement ge- gossenen Metallstift. „Wahrscheinlich ist er dadurch abgesunken“, sagt Geologe Stephane Calmant, „unbrauchbar“, fürch- tet der 52-Jährige. Eines zumindest beweist die Verän- derung: Die Küste hier ist in Bewegung. Doch steigt der Meeresspiegel? Oder sinkt die Insel? „Wir versuchen auf Vani- koro Fragen zu klären, die von globaler Bedeutung sind“, sagt Ballu. Denn nirgendwo auf der Erde steigt der Wasserspiegel so schnell wie hier rund um die Inseln des Südpazifiks. Sie machen die Region zu einem zentralen Studienobjekt von Ozeanografen, Klima- forschern und Geologen – und gleichzei- tig rücken die entlegenen Eilande in den Blickpunkt von Politikern und Ökologen. Nicht weit südlich von Vanikoro haben die Vereinten Nationen im Jahr 2005 „die ersten Klimaflüchtlinge der Welt“ ausge- macht. Auf Tegua, einer Insel, die zum Inselstaat Vanuatu gehört, musste ein GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL Dorf umgesiedelt werden. Das Meer be- mächtigte sich einer Kokosplantage. Bil- der davon gingen durch die Weltpresse. Die Umsiedlung auf Tegua unterstrei- che, wie dringlich „immer drastischere Maßnahmen“ seien, „um tiefliegende Ge- meinden vor den Folgen der vom Men- schen verursachten Emissionen zu schüt- zen“, so warnte die Uno-Umweltbehörde ohne Strom, ohne Telefon, ohne regelmä- nordöstlich von Australien liegt (siehe Unep. Und deren damaliger Chef, der ßigen Fährbetrieb. Der Horizont ist hier Grafik). deutsche Christdemokrat Klaus Töpfer, noch so etwas wie das Ende der Welt: Wie viele Inseln Ozeaniens wurde kommentierte düster: „Das Schmelzen Wer wegwill, muss in eine lange Piroge Vanikoro aus dem Feuer eines Vulkans des arktischen Eises und der steigende steigen, einen Einbaum mit Segel. geboren. Ihr Schicksal wird bestimmt Meeresspiegel sind die ersten Anzeichen Die Ureinwohner haben die Insel grob vom Reiben und Stoßen der Kontinental- großer Veränderungen, die wohl schon in drei Stammesgebiete unterteilt, vier platten. Zwei Tage lang wollen die For- bald jeden auf diesem Planeten erfassen eigene Sprachen sprechen sie auf dem scher dieses geologische Spektakel er- werden.“ Eiland, das mehr als 2000 Kilometer kunden. Doch eignet sich das Schicksal dieses Dorfs wirklich, um es zu einem Symptom der globalen Erwärmung zu küren? Die Forscher aus Frankreich bezweifeln es, jetzt fahnden sie auf Vanikoro nach Indi- zien – zunächst einmal mit dem Busch- messer. Valérie Ballu hat sich auf die Suche nach dem zweiten Messpunkt gemacht. Ihr Kollege Alain Le Breus holt seine handgemalten Aufzeichnungen heraus, die aussehen wie eine Schatzkarte. Doch GERALD TRAUFETTER / DER SPIEGEL ohne auch nur einen Blick darauf zu wer- fen, deutet Alek Silo, ein Bewohner Va- nikoros, mit seiner knochigen Hand auf einen jungen Mangobaum. Tatsächlich stoßen die Forscher unter dem Buschwerk auf den Messpunkt. Rasch klappen sie ein gelb-rotes Stativ Geodäten Ballu, Le Breus am GPS-Messpunkt: „Jetzt beginnt der Kampf um Millimeter“ aus, wie es auch Vermessungstechniker D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 119
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    GERALD TRAUFETTER /DER SPIEGEL Geologe Calmant auf Vanikoro: Der Planet ist keine starre Kugel Überspülte Kokosplantage im April 2009: Symptom der globalen verwenden. „Jetzt beginnt der Kampf um Zwei Jahre waren die beiden Schiffe Schleier aus Regentropfen tauchen Kokos- die Millimeter“, sagt Ballu. schon im Pazifik unterwegs, als Lapé- palmen auf, deren Wurzeln vom Wasser Sie kontrolliert die Position der GPS- rouse, vom Skorbut gezeichnet, 1788 in entblößt am Strand liegen. Sind das die Antenne. Dann bittet sie Alek, noch ein einen Zyklon geriet. „Als die Männer die ersten Indizien einer sinkenden Insel oder paar junge Bäume zu fällen, die den Emp- Insel im schäumenden Meer entdeckten, eines steigenden Meeresspiegels? fang stören. „Wir brauchen für unsere war es schon zu spät“, sagt Geodät Le Geodätin Ballu will mit den Bewohnern Messungen das Signal von möglichst vie- Breus, „da war das Riff schon zu nah.“ reden, um von ihnen mehr über das Ver- len GPS-Satelliten“, erklärt Ballu, „das Das Schicksal der Männer von Lapé- halten des Meeres zu erfahren. Der erhöht die Genauigkeit.“ Am Ende weist rouse fesselte Anfang des 19. Jahrhun- sprachkundige François, 40, soll ihr dabei die Anzeige ihres GPS-Geräts Kontakt derts die Menschen in ganz Europa. Das helfen. Doch der ist bald ganz gefangen mit 16 Satelliten aus. Unglück beschert der kleinen Südseeinsel von dem, was er nachher als „Sternstunde Alle 30 Sekunden werden die Geräte Vanikoro sogar einen Auftritt in der Welt- eines Linguisten“ bezeichnen wird. Sie die Positionsdaten der Satelliten speichern, literatur: Jules Verne ließ Kapitän Nemo tritt ihm entgegen in Gestalt eines Mannes 48 Stunden lang. „Je länger wir messen, zum Wrack der Seefahrer tauchen. „Ach! mit verwaschenem Nike-T-Shirt, schütte- desto präziser die Ergebnisse“, so Ballu. Ein schöner Tod für einen Seemann“, sagt rem Haar, hohen Wangenknochen und Das Auf und Ab der Erdkruste im Mil- der Held des Romans „20 000 Meilen un- flacher Nase. Lainol Nalo heißt er und ist limeter-Maßstab zu bestimmen ist eine ter dem Meer“. „Chief“ hier, der Anführer im Dorf. komplexe Angelegenheit. Denn der Pla- Le Breus war dabei, als Archäologen „Mamabo apika“, sagt Alexandre Fran- net ist keine starre Kugel, sondern wird Anker und Gläser bargen. Am Strand stie- çois. „Mamabo apika“, grüßt Lainol zu- ständig verformt durch den Einfluss der ßen sie auf Münzen, Porzellan – und ei- rück. „Das ist Tanema“, ruft François be- Schwerkräfte von Mond und Sonne, aber nen Schädel, der sich einem mitreisenden geistert. Viel mehr als die Begrüßung auch Planeten wie Mars und Jupiter. Wissenschaftler zuordnen ließ. Jetzt steht kennt er nicht von dieser Sprache. Und Sie zerren nicht nur an der Erdober- an dem tragischen Ort ein GPS-Gerät und wenn er sie erlernen will, dann ist Lainol fläche, sondern auch an den GPS-Satelli- zeichnet Daten auf. der einzige Mensch auf diesem Planeten, ten, die in ihrer Umlaufbahn förmlich her- Zwischen 0,5 und 1,2 Metern, so wird der sie ihm noch beibringen könnte. umeiern. „Das alles bedeutet Ungenau- der im kommenden Jahr erscheinende François kramt sein digitales Aufnahme- igkeit“, erklärt Ballu. Weltklimabericht aussagen, werden die gerät heraus und spielt Lainol eine Stim- Sie steigt über zwei Baumstämme, die Meere bis zum Jahr 2100 ansteigen. Die me vor, die dieser nur zu gut kennt. Sie sich über einen sumpfigen Bach spannen, globale Erwärmung schlage bereits heute gehört seiner Großmutter. Im vergange- zurück zum Strand. Geologe Calmant jedes Jahr mit 1,8 Millimetern zu Buche. nen Jahr ist sie gestorben. 105 Jahre war schreitet ihn mit einem GPS-Gerät ab, Das allerdings ist wenig im Vergleich zu sie alt, auch sie sprach Tanema. um den Verlauf mit alten Aufzeichnungen natürlichen Schwankungen: Die Menschen Bei seinem letzten Besuch hat François zu vergleichen. Alain Le Breus deutet auf von Vanikoro, so wie die Bewohner der aufgezeichnet, wie die Hundertjährige verrottende Baumwurzeln, die im Wasser meisten Südseeinseln, müssen mit Schwan- ihm eine Geschichte erzählte. Jetzt will stehen. „Da hinten verlief bei meinem kungen um 20 Zentimeter fertigwerden. sich François den Text übersetzen lassen. ersten Besuch die Küste“, sagt er. Grund dafür sind Strömungen im Pazifik, „So komme ich nicht nur den Vokabeln, Le Breus ist schon öfter auf Vanikoro etwa das Klimaphänomen El Niño. sondern auch dem Satzbau und der Struk- gewesen, doch bisher trieb ihn etwas an- Valérie Ballu drängt. Keine 48 Stunden tur der Sprache auf die Spur“, erklärt er. deres hierher. „Wir stehen hier auf histo- haben sie Zeit, um zu klären, ob die Küs- Sprache, das ist mehr als nur ein Mittel rischem Boden“, verkündet er und weist te auch an anderen Stellen der Insel zur Verständigung. „Sie ist zugleich eine auf einen Gedenkstein mit bronzener Ta- schwindet. Die Forscher wollen ins Dorf Form des Gedächtnisses“, sagt François. fel. An diesen Strand, berichtet Le Breus, Temuo auf der Ostseite des Eilands. Nach Sie stecke voller Kenntnisse über die In- hätten sich die tapferen Seeleute des Ent- dem Mittagessen auf ihrem Forschungs- sel, deren Pflanzen und über das Meer deckers Jean-François de Lapérouse ge- schiff „Alis“, betrieben durch das Institut mit seinen Gesetzen. „Wenn der letzte flüchtet, nachdem ihre Schiffe draußen de recherche pour le développement, las- Sprecher einer Sprache stirbt, dann wan- auf dem Riff gesunken waren. sen sie das Motorboot zu Wasser. dern mit ihm auch all das Wissen und die Kurz vor der Französischen Revolution Noch bevor sie die aufgeregten Dorf- Geschichten mit ins Grab“, sagt François. waren die Schiffe aufgebrochen, entsen- bewohner erreichen, prasselt ein Tropen- Gerade die Inselwelt des Südpazifiks det vom bedrängten Regenten Louis XVI. schauer nieder. Durch den dampfenden ist ein einzigartiges Sprachlabor. Nur 0,1 120 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    GERALD TRAUFETTER /DER SPIEGEL VALERIE BALLU / PNAS Erwärmung? Sprachforscher François, Stammesführer Nalo: Sternstunde eines Linguisten Prozent der Weltbevölkerung leben dort, rige die Französin und zieht einen neuen Kokosplantage ist seitdem trocken“, sagt doch 18 Prozent aller Sprachen stammen Laptop hervor, einen Gegenstand, der in Ballu. aus der Region, 1250 an der Zahl. „Was dem archaischen Dorf wie ein Fremdkör- Für die Menschen allerdings, meint sie, auffällt, ist deren ungleiche Verteilung“, per aus einer anderen Zeit wirkt. sei es im Grunde egal, welcher Mechanis- erklärt François. Meninga schließt den Computer auf mus schuld daran ist, dass sie das Dorf Zwei Volksgruppen bewohnen die Insel- dem grobgezimmerten Schultisch an eine aufgeben mussten. Sie ärgert sich nur dar- welt: Polynesier und Melanesier. Beide Autobatterie an, die er mit einem Solar- über, dass die mit Geldern aus dem An- stammen ab vom Volk der Lapita, das panel aufgeladen hat – und dann prallt passungsfonds für Klimageschädigte um- sich vor rund 3000 Jahren aufmachte, den die Powerpoint-Kultur moderner Wissen- gesiedelten Menschen in ein neues Dorf Pazifik zu erkunden. Beide haben tief- schaft auf den Glauben der Ureinwohner zogen, das kaum besser gelegen sei. „Es schwarze Haut, doch die Gesichtszüge an Geister und böse Mächte. ist auf zu geringer Höhe gebaut“, berich- der Melanesier ähneln denen der Afrika- In dem eigenartigen Pidgin-Englisch, das tet Ballu. „Springfluten oder Tsunamis ner, die Polynesier wirken eher asiatisch. hier gesprochen wird, beginnt Ballu vom können es immer noch erreichen.“ Auch ihre Lebensweise ist anders. Wie heißen Inneren des Planeten zu erzählen Die Geodätin schaut in die Runde. Sie ihre Ahnen, so sind die Polynesier bis und den Kontinentalplatten, die auf der spürt, dass ihr das Publikum nicht mehr heute Seefahrer geblieben. Sie navigieren flüssigen Gesteinsmasse driften. Sie redet folgt. Sie hakt nach. „Warum, glaubt ihr, mit Hilfe der Sterne und erfühlen mit ih- vom „big fella earth sec sec“ und meint da- bebt die Erde?“, fragt die Forscherin. rer Hand die Strömungen des Meeres. mit die Erdbeben, die alle hier gut kennen. Zunächst traut es sich keiner auszuspre- Über 25 Namen für Winde und mehr als Genau unter ihren Füßen, so doziert chen. Doch dann wagt sich eine junge 100 nautische Begriffe hat François bei sie unter dem Palmdach der Dorfschule Frau vor, vermutlich eine Hilfslehrerin. den Polynesiern katalogisiert. von Temuo, sinke eine Scholle unter die Ihr Mund leuchtet feuerrot von den Be- Die Melanesier dagegen, die auf Vani- andere: Die Australische Platte, Ballu telnüssen, die sie wie die meisten anderen koro in der Mehrzahl sind, entdeckten spreizt ihre Hand, tauche unter die Pazi- Bewohner von Vanikoro kaut. Sie erzählt den Ackerbau für sich. Gleichzeitig ent- fische. Und: „no soap soap“, Ballu ruckelt von einem Mann, einem schwarzen Ma- stand jenes babylonische Sprachengewirr, mit der linken Hand, die Platten verha- gier, besessen von bösen Geistern. „Der dessen Entschlüsselung François als seine ken sich, und die Spannung entlädt sich. ist schuld an den Beben“, versichert sie. Lebensaufgabe betrachtet. Immer wieder erschüttern Beben die Bis in die Gegenwart lebt der Geister- Stammesführer Lainol glaubt den Insel Vanikoro, und Tsunamis rollen an glaube auf Vanikoro fort. Den Wissen- Grund für die Sprachenvielfalt zu kennen: den Strand. Aber auch langfristig sind die schaftlern fällt es schwer, ihn zu akzep- „Wenn wir eigene Worte haben, dann ver- Menschen hier den Naturgewalten ausge- tieren. Und doch war es gerade dieser stehen die im anderen Dorf uns nicht“, liefert. Denn die Australische Platte, die Aberglaube, der den Menschen Schutz erklärt er. Und das betrachtet er als stra- langsam versinkt, zieht auch Vanikoro vor den Naturgewalten bot. „Die Missio- tegischen Vorteil. „Sie haben sich bewusst mit in die Tiefe. nare“, erzählt ein alter Mann, „sagten: dazu entschlossen, ihre Sprache gegen Für die ganz in der Nähe gelegene Insel ,Jetzt glaubt ihr an Christus, jetzt braucht jene aus dem anderen Dorf abzugren- Tegua hat Ballu das bereits im vergange- ihr keine Angst mehr zu haben.‘“ Fatale zen“, analysiert François. nen Jahr in einer vielbeachteten Publika- Folge: Die Menschen zogen von den Hän- Während er nach den Vokabeln einer tion dokumentieren können. Um fast gen herunter, ans Meer. moribunden Sprache fahndet, hat ein jun- zwölf Zentimeter war die Insel von 1997 Das aber rückt ihnen ständig näher. ger Mann Geodätin Ballu in ein Gespräch bis 2009 abgesunken, bis jene mittlerweile Um sieben Millimeter, so zeigen es Ballus verwickelt. Das neue Poloshirt und die auf Weltklimakonferenzen berühmt ge- GPS-Geräte an, sinkt Vanikoro im Jahr. gepflegte Hose unterscheiden ihn von den wordene Kokosplantage unter Wasser GERALD TRAUFETTER Insulanern in ihren verwaschenen Shirts, stand. „Der Meeresspiegel stieg. Doch die meist aus Altkleidersammlungen rund drei Viertel davon waren durch das Ab- um den Globus stammen. Er stellt sich sinken des Landes verursacht“, sagt sie. Video: auf Englisch vor, Michael Meninga heiße Die Vereinten Nationen waren zu Paradies vor dem er, und er sei Lehrer, entsendet für drei voreilig mit dem Ausrufen der Klima- Untergang Jahre aus der Provinzhauptstadt Lata. flüchtlinge – das zeigte sich beim großen Für Smartphone-Benutzer: Ob sie den Schülern über ihre For- Beben von 2009: Plötzlich schoss die Bildcode scannen, etwa mit schung erzählen könne, fragt der 38-Jäh- Insel wieder aus den Fluten empor. „Die der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 121
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    Technik Sicherheitstechnik. Doch stoßfeste Karos- Allemal ist Volvo mit dem Passanten- AU TOM O B I L E serien haben heute fast alle. Prallsack ein Kompendium ingeniöser Der Hersteller aus Göteborg verkauft Einzelleistungen geglückt: Sieben Senso- Überleben der rund 450 000 Autos im Jahr, ist mithin ein Winzling der Branche, aber anders als die unter General Motors verendete ren an der Wagenfront müssen erkennen können, dass hier ein menschliches Bein anstößt und nicht etwa ein Einkaufs- Anderen Schwedenmarke Saab immerhin noch existent. Volvo schrammte unter Ford- Regie haarscharf am Ruin vorbei und ist wagen; Schießpulverkapseln heben so- dann die Motorhaube aus den Angeln und öffnen einen Schlitz für die Luft- Mit dem ersten Außenairbag, inzwischen Eigentum eines chinesischen matratze, die ihr enormes Volumen von der Fußgänger schützen soll, setzt 120 Litern in Bruchteilen einer Volvo einen neuen Standard Sekunde aufbaut. Dass nur eine kleine Firma in der Sicherheitstechnik – und aus Göteborg so etwas kann, blamiert damit die Konkurrenz. blamiert Auto-Imperien wie Volkswagen, wo ein zweistel- D ass Mensch und Auto beim Zu- liger Milliardengewinn ausge- sammenstoß ungleiche Gegner wiesen, aber fast nichts für den sind, bleibt auch dem Ingenieur Fußgängerschutz getan wird. nicht verborgen. Der Unterschied, sagt Volvos Entwicklungsbudget Thomas Broberg, bestehe vor allem in für den Fußgänger-Airbag dürf- der Konsistenz: „Autos sind hart und te kaum höher gewesen sein Menschen weich.“ als jene 18 Millionen Euro, die Broberg ist Leiter der Sicherheitsent- VW-Chef Martin Winterkorn wicklung beim schwedischen Autoherstel- im vergangenen Jahr als Ein- ler Volvo und momentan damit befasst, kommen einstrich. dem Auto die Härte zu nehmen. Als ers- In einer Stellungnahme be- ter Serien-Pkw der Welt wird der neue wertet VW den Außenairbag Volvo V40 einen Airbag vor der Wind- „kritisch, weil nicht ausge- schutzscheibe entfalten, sobald er einen schlossen werden kann, dass Fußgänger erfasst. durch Fehlauslösungen dem Volvo erfüllt damit eine seit langem an- Fahrer die Sicht auf die Straße hängige Forderung von Autokritikern und verdeckt wird“. Mercedes ar- alternativen Verkehrsverbänden, die Si- gumentiert ebenso. cherheitsentwicklung zugunsten der Men- Der Volvo-Luftsack wird die- schen voranzutreiben, die nicht im Auto sen Vorbehalt wohl verpuffen sitzen. Denn eben sie sind besonders ge- lassen. Er legt sich bananenför- fährdet. Im vergangenen Jahr stieg in mig um den Scheibenrahmen Deutschland wieder die Zahl der Ver- und lässt einen großen Teil der kehrsopfer, insbesondere die der getöte- Glasfläche frei, der ohnehin re- ten Passanten: 612 Fußgänger ließen 2011 lativ weich und somit nicht das ihr Leben im Straßenverkehr, 136 mehr kritische Aufprallfeld ist. „Fehl- als im Jahr zuvor. auslösungen“, sagt Entwickler Zwar gelten in der EU seit sieben Jahren Broberg, „werden ebenso Vorschriften zum Fußgängerschutz; doch harmlos wie unwahrscheinlich blieben diese weit hinter den einstigen sein.“ Volvo habe eine Reihe Zielsetzungen der Kommission zurück. von Szenarien durchprobiert; Neben nachgiebigen Hauben und Front- Fußbälle oder Handkarren partien, wie sie heute Pflicht sind, sollten etwa aktivieren den Prallsack ursprünglich Maßnahmen an den harten nicht. Blechstrukturen des Scheibenrahmens Fußgänger-Crashtest bei Volvo: Landung im Luftkissen Auch die Sorge, es könne vorgeschrieben werden. Dort, das wissen ein Volkssport werden, mit Unfallforscher, ereignen sich die schwers- Autoherstellers namens Geely, dessen bis- Fußtritten die Airbags geparkter Volvos ten, oft tödlichen Kopfverletzungen. lang auffälligstes Produkt ein plumpes zu aktivieren, sei unbegründet. Der Air- Der Scheibenrahmen lässt sich aber Rolls-Royce-Plagiat war. bag löst nur bei Geschwindigkeiten zwi- nicht so einfach nachgiebig gestalten. Er Unbeeindruckt von solchen Irritatio- schen 20 und 50 Kilometern pro Stunde dient der Steifigkeit und Überschlagsicher- nen soll eine neue Führungsriege vor- aus. Es müsste schon jemand gegen das heit der Karosserie. Ein Luftkissen ist hier wiegend deutscher Manager Skandina- fahrende Auto treten. die einzig plausible Maßnahme, dem Pas- viens letztes Auto-Heiligtum nun auf Kurs „Und wer das tut“, sagt Broberg, „der santen eine möglichst weiche Landung bringen. „Scandinavian Luxury“ nennt braucht den Airbag.“ zu ermöglichen. Doch die Konzerne, die Cheftechniker Peter Mertens – einst bei CHRISTIAN WÜST ihre Kunden mit Airbags aus Front und Daimler – als Formel für die Produkt- Seiten schützen, scheuten solchen Auf- entwicklung. Mertens schildert den Volvo- wand für das Überleben der Anderen. Kunden als Phänotyp des vortrefflichen Video: Volvo setzt nun die Branche unter Staatsbürgers: verantwortungsvoll, gebil- So soll der Airbag Druck – und nutzt dabei die Chance, sein det und von ebenso hoher wie kulti- funktionieren von Erosion bedrohtes Profil zu schärfen. vierter Kaufkraft. Was passt besser ins Für Smartphone-Benutzer: Getragen vom Mythos des Schweden- Weltbild eines solchen Menschen als ein Bildcode scannen, etwa mit panzers, gilt die Marke als Gralshüter der altruistischer Airbag? der App „Scanlife“. 124 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    GETTY IMAGES Sechs Wochen alter Embryo: „Die Eltern werden nicht mehr ein noch aus wissen“ erkennen, welche Behinderungen oder GENETIK todbringenden Leiden im Erbgut des Fö- tus angelegt sind. „Im Zweifel töten“ Das allein ist noch nicht die Revolution. Längst können Ärzte mit einer Frucht- wasseruntersuchung ab der zwölften Woche oder, noch einen Tick früher, mit In Zukunft können Ärzte das gesamte Erbgut des Fötus einer Chorionzottenbiopsie fötale Zellen nach genetischen Defekten durchforsten. entnehmen und herausfinden, ob das Kind beispielsweise Trisomie 21 hat, das Wird die Schwangerschaft auf Probe zum Regelfall? Downsyndrom. Im Jahr unterziehen sich Zehntausende E lke Holinski-Feder redet viel über Was der Humangenetikerin Angst Schwangere in Deutschland diesen Pro- Kinder, Leid und Tod, das ist ihr macht, ist ein Durchbruch in Sachen prä- zeduren. Allerdings nehmen sie dabei ein Job. Sie spricht darüber mit Paaren, nataler Diagnostik. Eine Zeitenwende. Es Risiko in Kauf: Die Pränatalmediziner die fürchten, ein Kind mit Downsyndrom geht um eine Methode, die für immer ver- müssen mit einer langen Spezialnadel zu bekommen. Oder mit anderen, die sich ändern könnte, wie wir mit ungeborenem durch ihre Bauchdecke stechen und nah ein Kind wünschen, aber Angst haben, Leben umgehen. Wie wir mit Krankheit am Fötus Zellen ernten. In mindestens sie könnten ihm ihre kaputten Gene ver- und Behinderung umgehen. jedem 200. Fall wird dabei eine Fehl- erben; Genvarianten, die Muskeldystro- Sicher ist: Es wird mehr Schwanger- geburt ausgelöst, ob der Fötus gesund ist phie auslösen, Bluterkrankheit, Chorea schaftsabbrüche geben. Und es wird mehr oder nicht. Huntington, Krebs in der Jugend oder an- Mütter und Väter geben, die verzweifeln, Das geht inzwischen sanfter für Mama dere schreckliche Leiden. weil ihnen niemand mehr sagen kann, ob und Kind: Eine Blutprobe der Mutter Die Münchner Humangenetikerin es gut ist, ihr Baby zur Welt zu bringen. reicht. Seit 1997 ist bekannt, dass zell- scheut diese Gespräche nicht, sie führt sie Es wird sich zum Beispiel die Frage freies fötales Erbgut durch die Adern der seit 20 Jahren. Sie ist Profi. Doch jetzt stellen, ob es erträglich ist, ein Kind mit Mutter schwappt; seitdem arbeiten die gibt es dieses neue Verfahren, mit dem einer winzigen Mutation zu gebären, die Forscher daran, es zu analysieren. Was sich schon im Mutterleib erkennen lässt, vielleicht später krank macht. Aber viel- schwierig ist, weil die DNA der Mutter welche genetischen Zeitbomben in den leicht auch nicht. Es wird selektiert wer- im Blut sich schwer unterscheiden lässt Zellen des Ungeborenen ticken – ohne den, durch sozialen Druck: Du hättest es von den Erbgutstückchen, die der Fötus diesem dabei ein Härchen zu krümmen. wissen können, wieso hast du’s nicht von ihr geerbt hat. Alle Defekte im Erbgut: entlarvt. Aus ärzt- verhindert? Dies ist Shendure und Kitzman gelun- licher Sicht eigentlich ein Traum. Und Mit der neuen Methode, vorige Woche gen – aber auch dies ist nicht die eigent- doch hat Holinski-Feder, als Profi, zum von Jay Shendure und Jacob Kitzman liche Sensation. Schon vor anderthalb ersten Mal Angst. „Die Eltern werden von der University of Washington in ei- Jahren berichtete Dennis Lo, ein Geneti- nicht mehr ein noch aus wissen“, sagt sie. nem Fachjournal publiziert, lässt sich früh ker von der Chinese University in Hong- 126 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Wissenschaft kong, dass erund sein Forschertrupp Teile teilen müssen: ,Hier ist eine Veränderung Fortsetzung einer bestimmten Haltung des fötalen Erbguts herausgefischt und im Erbgut Ihres Kindes – aber wir wissen gegenüber dem vorgeburtlichen Leben. entziffert haben. nicht, was sie bedeutet‘“, sagt sie. Die El- „Je gläserner es wird, desto mehr wird Eine schlichtere Variante der Erbgut- tern müssten dann die gesamte Schwan- das Kind zum prüfbaren Produkt“, meint analyse via Blutentnahme wird schon gerschaft und die ersten Lebensjahre die Maio. „Wir glauben, wir könnten Kinder sehr bald Realität für viele werdende El- Ungewissheit ertragen: Erkrankt das zeugen, um sie im Zweifelsfall zu töten.“ tern in Deutschland. Die Krankenkassen Kind? Wie sehr muss es leiden? „Das ist Urban Wiesing von der Universität zahlen noch nicht dafür, aber mit dem ein Horrortrip für die Eltern. Ich befürch- Tübingen spricht von einer „Hintertür- sogenannten PraenaTest lässt sich eine te, dass viele die Schwangerschaft deshalb Eugenik“, die hier drohe. „Man überlässt Chromosomen-Anomalie erkennen. We- vorsichtshalber abbrechen werden.“ es den Paaren zu entscheiden. Diese libe- nige Milliliter Blut von der Mutter rei- Dabei ist längst bekannt, dass auch grö- rale Praxis verändert die Maßstäbe, und chen, und Mama und Papa wissen, ob das ßere genetische Defekte mitunter völlig diese werden dann Gewohnheit.“ Baby im Bauch eine Kopie zu viel vom ohne Folgen für die Betroffenen bleiben. Jetzt schon ist es Gewohnheit gewor- Chromosom 21 in seinen Zellen hat. „Ich habe zum Beispiel eine Familie un- den, nach der Diagnose Downsyndrom Vor allem aber, das ist der neue, der tersucht, in der mehreren Mitgliedern je- die Schwangerschaft abzubrechen; mehr entscheidende Schritt, haben Kitzman weils rund fünf Millionen DNA-Bausteine als 90 Prozent der Paare tun das. Und: und seine Kollegen es geschafft, sämtliche fehlten – und trotzdem waren sie gesund.“ „Je mehr man untersuchen kann, desto Gene des fötalen Erbguts aus dem Blut Selbst kleine zusätzliche Chromosomen mehr gilt als unerträglich, als eigentlich der Mutter zu fischen. Selbst völlig neue müssen keinen Schaden anrichten – wäh- nicht mehr zumutbar“, sagt Ethiker Mutationen können sie aufspüren, Ver- rend winzige Punktmutationen verhee- Maio. „Man tappt in die Falle der Mach- änderungen des Erbguts durch Zufall, die rend wirken können. „Es gibt so viele barkeit.“ während der Eizellen- oder Spermienbil- Möglichkeiten“, sagt Holinski-Feder, „wo- Eltern, die sich für ein Kind entschei- dung auftreten. Das Verfahren ist damit her soll ich sagen können: ,Das macht den, das Anlagen beispielsweise für einen geeignet, sämtliche Föten auf genetische krank und das nicht?‘“ bestimmten Tumor in sich trägt, müssten Auffälligkeiten hin zu testen. Es ist fraglich, ob Eltern eine solche sich dafür rechtfertigen, spätestens, wenn Noch ist es dafür zu kompliziert und Ungewissheit aushalten können. Die die Krankheit dann ausbreche. Die Ärzte zu teuer, Schätzungen liegen bei bis zu Unbefangenheit jedenfalls gehe endgültig wiederum gerieten unter Druck, weil die 50 000 Dollar für eine solche Untersu- verloren, klagt Giovanni Maio, Medizin- Eltern sie vor Gericht zerren könnten, chung. Aber das wird sich ändern. Es ist ethiker an der Universität Freiburg. Für wenn sie auf eine bestimmte Normabwei- abzusehen, dass allein die Sequenzierung ihn ist das neue Verfahren die logische chung nicht hinweisen und das Kind spä- des menschlichen Genoms bald nicht ter an einem daraus resultierenden Lei- mehr kosten wird als ein Ticket zur Fuß- den erkrankt. ball-EM. In den vergangenen elf Jahren Günstiger Gentest Stefan Mundlos, Chef der Humange- sind die Kosten dramatisch gesunken von Kosten für die Entschlüsselung eines netik an der Berliner Charité, schlägt knapp 100 Millionen auf weniger als menschlichen Genoms, in Euro vor, künftige Erbgut-Checks zu be- 10 000 Euro pro Erbgut (siehe Grafik). (logarithmische Darstellung) schränken auf „Krankheiten, die gut er- Das komplette Gen-Screening des Fö- 100 Mio. forscht sind, und solche, die besonders tus wird möglich sein, und es wird ge- gefährlich sind“. Aber wer entscheidet, macht werden. Die Aussicht, seinem Kind welche Syndrome darunter fallen? Selbst womöglich ein schweres Schicksal zu er- wenn sich Kommissionen auf irgendeine 10 Mio. sparen, mit einer simplen Blutabnahme Liste einigen könnten: Wie geht es ei- und ohne das Risiko einer Fehlgeburt, all nem Mukoviszidose-Patienten, der sein dies wird dazu führen, dass der umfas- Leiden dort aufgezählt findet? Der Ein- sende DNA-Test zur Regeluntersuchung 1 Mio. trag kann für ihn nur bedeuten: Du ge- wird. Wie der Ultraschall. hörst zu denen, die wir uns in Zukunft „Ich denke, es wird keine zehn Jahre ersparen wollen. mehr dauern, bis alle werdenden Eltern 100 000 Die Humangenetikerin Elke Holinski- vor der Frage stehen: ,Lasse ich das ma- Feder kennt keinen Weg aus diesem ethi- chen?‘“, meint Holinski-Feder. Doch statt schen Dilemma. Aber sie schlägt einen nur Auskunft darüber zu bekommen, ob 10 000 Zwischenschritt vor, der das Kind – je- ihr Kind wie der Onkel an einer Muskel- denfalls zunächst – aus dem Spiel lässt. dystrophie leiden oder wie die große Quelle: National Human Und der die Eltern nicht mit diesem Wust Genome Research Institute Schwester an einer tödlichen Stoffwech- 1000 an ebenso fragwürdigen wie schockieren- selkrankheit sterben wird, erhalten die 02 04 06 08 10 12 den Daten aus dem Getümmel der föta- Eltern dann eine Unzahl genetischer In- len Gene überschüttet. formationen – mit denen selbst Human- Wenn Paare sich unbedingt testen las- genetiker bislang oft nichts anfangen kön- sen wollten, meint Elke Holinski-Feder, nen. „Wenn Sie zu mir kämen und mich sollten sie schon vor einer Schwanger- bäten, das gesamte Genom Ihres Kindes schaft in ihrem Erbgut gezielt nach Ver- zu untersuchen“, sagt Holinski-Feder, änderungen in den knapp 500 bekannten „würde ich sagen: ,Bis wir mit der Inter- Genen suchen lassen, die, wenn sie un- pretation der Ergebnisse fertig sind, wird glücklich aufeinandertreffen, bei einem Ihr Kind wahrscheinlich fünf Jahre alt Kind zu schwerster Krankheit und Behin- sein.‘“ derung führen können. „Das wird heute CLARE MCLEAN Würde die Genomanalyse aus dem müt- schon in manchen Fällen gemacht und terlichen Blut schon jetzt zur Routine, kä- kann mitunter viel Leid ersparen“, sagt men derzeit oft mehr Fragen als Antwor- die Ärztin. ten heraus, fürchtet die Humangenetike- Genetiker Shendure RAFAELA VON BREDOW, rin. „Wir werden den Eltern ganz oft mit- Wie sehr muss das erkrankte Kind leiden? VERONIKA HACKENBROCH D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 127
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    Technik London bekommt unterdessen Konkur- Portemonnaie – und prompt zeigt dieser COMPUTER renz als größte europäische Pilotregion – die Kartenkennung an: „10b1cd …“. und zwar von Hannover. Seit Anfang Juni Überweisungen kann man mit dieser Funkgeld im hängen haushohe Plakate an der Fassade des Hauptbahnhofs und schreien in riesi- gen Buchstaben: „So gut kann bezahlen „EF-ID“-Nummer nicht machen, aber Be- wegungsprofile wären denkbar, zum Bei- spiel mit Hilfe von RFID-Scannern, die Portemonnaie aussehen“ über dem Foto einer Ballerina mit Funk-Geldkarte. Und in der Bahnhofs- halle wirbt ein Info-Stand: „Kein Bargeld, bereits heute am Ausgang vieler Geschäf- te überwachen, ob unbezahlte Waren hin- ausgeschmuggelt werden. Elektronische Zahlkarten machen kein Kartenstecken, keine Pin-Nummer, Noch kritischer ist es bei den NFC-Kre- dem Bargeld Konkurrenz. keine Unterschrift.“ ditkarten: Hier könnten Fremde zum Bei- Per Funk werden die Beträge an Seit ein paar Monaten haben über 1,5 spiel im U-Bahn-Gedränge die Kreditkar- Millionen Kunden von Sparkassen und tennummer auslesen, um zu versuchen, Händler übermittelt. Daten- Volks- und Raiffeisenbanken neue EC- damit im Internet zu shoppen. schützer sehen erhebliche Risiken. Karten bekommen, die mit dem „Giro- Die Anbieter der NFC-Karten finden go“-Chip aufgerüstet sind, zunächst nur derlei Kritik überzogen. Kreditkartennum- D ie Olympischen Spiele in London in der Pilotregion Hannover, Braun- mern waren ja auch bisher weitgehend sind Schauplatz einer neuen Wett- schweig und Wolfsburg. Bis Ende des Jah- ungeschützt. Und selbst auf Geldscheinen kampfdisziplin: Bezahlen mit elek- res sollen es bundesweit 16 Millionen sein. können verräterische Informationen ver- tronischem Bargeld. Deutschland würde damit von einem steckt sein, zum Beispiel Kokainspuren, Seit vergangenem Mittwoch bekom- Nachzügler zu einem Vorreiter im NFC- Fingerabdrücke oder Erbgutschnipsel. men 200 Postfilialen in der Nähe der Wettlauf. Die Datenschutzschwächen der NFC- Sportstätten neue Lesegeräte, bis Okto- Für den Handel haben die NFC-Karten Karten sind kein Skandal, wohl aber ber sollen es über 11 000 sein. Nirgendwo den Vorteil, dass jeder Kunde ein paar handwerkliche Schluderei. Es wäre ein sonst in Europa gibt es ein größeres An- Sekunden schneller bedient werden kann. Leichtes gewesen, sie besser zu sichern, gebot für elektronisches Bargeld. Kunden Allerdings kostet die Nachrüstung pro Le- zum Beispiel indem bei jeder Datenab- können nun ihre Briefmarken dort mit segerät über hundert Euro. frage erst einmal die Berechtigung ge- digitalem Kleingeld bezahlen: Sie bekom- Die Kunden könnten schnell Freude prüft wird. So macht es zum Beispiel der men den Betrag auf einem Terminal an- daran finden, mit einer einfachen Geste elektronische Reisepass. „Für ein paar gezeigt, halten ihre Funk-Kreditkarte da- kleine Summen zu begleichen, statt in Cent wäre das auch bei den Geldkarten vor – fertig. Kein Kramen im Portemon- der Brieftasche herumzufingern. Ande- möglich gewesen“, sagt Leppelt. Der naie, kein Rückgeld, kein Warten. rerseits scheiterten Banken schon mehr- Nachteil: Der Bezahlvorgang würde da- NFC (Near Field Communication) heißt mals mit der Durchsetzung von Compu- durch geringfügig länger dauern. die Technik. Die Olympischen Spiele die- tercash, auch mit der herkömmlichen Außerdem ärgert es Leppelt, dass er nen Kreditkartenkonzernen als werbe- „Geldkarte“: Auftanken und Bezahlen die EC-Karte mit NFC ungefragt zuge- wirksames Schaufenster, um die Kunden waren zu nervig. schickt bekam. Doch genau diese Zwangs- vom „Nahfeld-Funk“ zu überzeugen, mit „Girogo“ basiert zwar auf der alten modernisierung könnte dem Digital-Bar- Namen wie „Paypass“ (Mastercard) und Geldkarten-Technik, versucht aber deren geld diesmal zum Durchbruch verhelfen. „Paywave“ (Visa). Über 20 Millionen Kun- Nachteile zu umgehen: Das Kartenstecken Die Funk-Geldkarte selbst ist dabei den haben in Großbritannien bereits eine entfällt, und über ein „Abonnement“ vielleicht nicht mehr als ein Übergangs- Funk-Kreditkarte. In Deutschland sind es kann die Geldbörse automatisch bis zu phänomen. Was sie als Geldbörse der noch nicht einmal 2 Millionen. 50 Euro nachtanken, wenn sie leer ist. Zukunft ablösen könnte, zeichnet sich Für Visa und Mastercard sind die NFC- „Das Prinzip ist gut, aber leider bereits ab: Handys, die über NFC ver- Karten eine Flucht nach vorn. Denn bran- schlecht umgesetzt“, sagt der hannover- fügen. chenfremde Hightech-Unternehmen drän- sche Datenschutzberater Peter Leppelt: HILMAR SCHMUNDT geln sich in ihr Geschäft. Google etwa „Die ,Girogo‘-Karte ist eine Datenschleu- bietet mit „Google Wallet“ ein Bezahl- der.“ Zum Beweis hält er seinen selbst- system fürs Handy, ebenso wie Paypal. gebastelten Funkkartenscanner an sein Nachteile Ist die NFC-Funktion aktiviert, könnte das Handy in unmittelbarer Zahlen im Vorübergehen Kassieren per Near Field Communication (NFC) Nähe ausspioniert werden. Werden Handy oder Girogo-Karte gestohlen, ist auch das enthaltene Guthaben verloren. 50 50 3 50 4 0 9 1 20 0 10 3 0 0 3 4 10 010 0 9 1 0 3 0 0 BE ZA HL T Geldspeicher Verfügungsrahmen Übertragung Überweisung Als Portemonnaie dienen Unterschiedlich: Bei Girogo zum Dieser Speicher ist mit Möglich sind meist nur Transaktionen ein Smartphone mit NFC-Chip, Beispiel ist ein Geldspeicher mit einem Chip ausgestattet, bis zu 20 Euro. Das Geschäft wird anonym eine Kreditkarte oder eine dem vorbezahlten Geldbetrag von dem das Lesegerät per getätigt, ohne dass sich der Kunde mit Pin Girocard mit NFC-Technik. (maximal 200 €) eingebaut. Funk die Bezahldaten bezieht. oder Unterschrift ausweisen muss. 128 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Szene KLASSIK „Himmlische Musik“ Der Gründer der israelischen Wagner- Gesellschaft, Jonathan Livny, 65, über die Schwierigkeit, Richard Wagner in Israel auf- zuführen DPA SPIEGEL: Herr Livny, in dieser Woche sollte das erste große Wagner-Konzert in Israel stattfinden. Ursprünglich war es in der Universität von Tel Aviv ge- plant. Die Aufführung wurde abgesagt. Was ist passiert? Livny: Nachdem bekannt geworden war, dass wir das Konzert planen, liefen die Verbände der Holocaust-Überleben- den Sturm. Die Tel Aviver Universität kündigte daraufhin den Mietvertrag. Der Präsident der Universität behaup- tete, wir hätten ihm nicht gesagt, was wir vorhaben. Aber wir haben von Anfang an alles offengelegt. SPIEGEL: Muss man Wagner in Israel spielen? Livny: Warum nicht? Wir haben Hun- derte Tickets in kurzer Zeit verkauft, das zeigt doch, dass die Menschen das YVES MARCHAND & ROMAIN MEFFRE / COURTESY POLKA GALERIE hören wollen. Ich zwinge ja nieman- den dazu. Ich will einfach nur die Frei- heit haben, diese Musik in einem Kon- zert zu hören. Als mein Vater 1938 aus Deutschland nach Palästina floh, da kam er mit drei Dingen: mit Fotoal- ben, seinen Diplomen und 87 Aufnah- men von Richard Wagner. Er war der einzige Überlebende seiner Familie, und er lehrte mich, dass man Musik und Mensch trennen kann. Ja, Wagner war ein furchtbarer Antisemit, aber er hat himmlische Musik gemacht. SPIEGEL: Warum ist Wagner noch im- Gewölbe eines ehemaligen Kinos in New York, Supermarkt unter der eingezogenen Zwischendecke mer ein Tabu in Israel? Livny: Es heißt immer, die Nazis spielten FOTOGRAFIE Wagner auf dem Weg in die Gaskam- mern. Aber das ist Quatsch. Und selbst wenn! Hätten sie Beethoven gespielt, würden wir dann Beethoven boykottie- ren? Wagner ist das letzte Symbol der Magische Kinosäle Ächtung Deutschlands. Wir fahren Mer- Halbabgespulte Filmrollen liegen auf dem ken habe ein Gesamtbild des Raums ent- cedes, obwohl Hitler Mercedes fuhr. Boden, auf dem Gang steht ein alter Pop- stehen können. Ihre Recherchen führten Wir kaufen deutsche Eisenbahnen, U- corn-Automat, und nur noch das Wrack die Franzosen an die entlegensten Orte: Boote und Waschmaschinen. Die meis- eines Projektors erinnert an das, was frü- Das prunkvolle Gewölbe des einstigen ten Israelis kennen gar keine klassische her in diesen Sälen gezeigt wurde: die Gotham Theatre in Manhattan entdeckten Musik. Dabei wird Wagner hier ja auch Hollywood-Filme des 20. Jahrhunderts. sie über der Zwischendecke eines moder- gelehrt. Warum nicht ein öffentliches Seit 2006 fotografieren die beiden Fran- nen Supermarkts. Ihre Arbeit verstehen Konzert? Vergiftet Wagner die Luft? zosen Yves Marchand, 31, und Romain sie als historische Dokumentation, als Er- SPIEGEL: Glauben Sie, dass das Konzert Meffre, 25, stillgelegte Kinos in den USA. innerung an eine längst untergegangene doch noch stattfinden wird? „Die Räume waren zum Teil in völlige Ära. Die Ausstellung „Theaters“ ist bis Livny: Leider hat jetzt auch das Hilton Dunkelheit gehüllt“, erklärt Marchand, zum 4. August in der Polka Galerie in Hotel abgesagt, aber ich werde trotz- erst durch spezielle Ausleuchtungstechni- Paris zu sehen. dem nicht aufgeben. 130 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Kultur KUNST KINO IN KÜRZE Schwieriges Jubiläum „Rock of Ages“ ist ein Film zum Mitgrölen. Es geht um zwei junge Gesangstalente, Das Haus der Kunst in München war die 1987 in den Clubs am Sunset Strip auf ihren Durchbruch hoffen. Aber die Hand- der erste Monumentalbau des Hitler-Re- lung, die auf einem gleichnamigen Bühnenmusical basiert, ist nur ein Vorwand für gimes. Im Jahr 1937 wurde er mit der eine Nummernrevue. Nach dem Vorbild des Erfolgsfilms „Mamma Mia!“ reiht Regis- „Großen Deutschen Kunstausstellung“ seur Adam Shankman alte Hits aneinander, von Foreigners „Waiting eröffnet. In den nahen Hofgarten-Arka- for a Girl Like You“ bis zu Pat Benatars „Hit Me with Your Best Shot“. den präsentierten die Nazis parallel die Die Schauspieler verschwinden unter Langhaarperücken, allein Tom von ihnen so genannte „Entartete Cruise macht aus der Rolle eines versoffenen Rockstars in der Sinnkri- Kunst“. Was für ein Erbe. Der heutige se einen amüsanten Egotrip. Doch weil der Film den älteren Zuschau- Leiter des Hauses der Kunst, der in Ni- ern auf keinen Fall die Erinnerungen an die eigene Jugend vergällen geria geborene Okwui Enwezor, nutzt möchte, kommt die Nostalgie der Ironie immer wieder in die Quere. den 75. Jahrestag der Museumseröff- nung, um die Vergangenheit des Hauses in den Mittelpunkt zu rücken: „Ge- schichten im Konflikt: Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937 – 1955“. Gezeigt werden Werke aus beiden Nazi-Ausstellungen, Gemälde von Franz Marc ebenso wie von Rudolf Hermann Eisenmenger, flankiert von einer zweiten Schau mit dem Titel „Bild-gegen-Bild“, die sich mit der Frage beschäftigt, ob es in Zei- ten einer solchen Bilderflut wie heute DAVID JAMES/WARNER BROS noch Kontrolle und Macht über die Bil- der geben kann. Hier werden unter an- derem Arbeiten des Malers Wilhelm Sasnal oder des Videokünstlers Harun Farocki zu sehen sein. Darüber hinaus Szene aus „Rock of Ages“ können Besucher seit vorigem Jahr den Luftschutzkeller unter dem Haus der Kunst besichtigen, der schon 1938 mit sanitären Anlagen und Matratzen aus- „Jasmin“. Ein Kammerspiel, bei dem der deutsche Regisseur Jan Fehse ganz auf gerüstet wurde. Für Okwui Enwezor jene klassische Verhörsituation setzt, die 1995 Romuald Karmakars Film „Der Tot- bietet der Jahrestag die Möglichkeit, macher“ zu einem Erfolg machte. Diesmal liefern sich zwei Frauen einen Psycho-Show- das Haus der Kunst in ein „reflexives down, Anne Schäfer spielt eine Kindsmörderin, Wiebke Puls eine psychiatrische Gut- Museum“ zu verwandeln, einen Ort, an achterin, die über deren Zurechnungsfähigkeit entscheiden soll. Erst allmählich wer- dem Kunst im Rahmen ihrer histori- den die Umstände des Verbrechens enthüllt, um das es hier geht. Die Radikalität, mit schen Dimension gezeigt wird. der „Jasmin“ auf die Kunst der beiden theaterversierten Schauspielerinnen setzt, ist zuweilen nervtötend, aber sie verleiht dem Film auch eine große Wucht. L I T E R AT U R führt die Frau in mittleren Jahren, gebildet, unab- hängig und sowieso emanzipiert, in die leere Mitte ihres modernen Lebens. Verglichen mit den drei Schwestern von heute Schwestern, die durch Sitte und Gesetz angepflockt waren, hat sie im Rausch der Möglichkeiten gelebt. Die Provinz hat von jeher einen schlechten Ruf. Als Aber wozu? „Überflüssige Menschen“ hat Riedle, Lebensort taugt sie für Pensionäre und Kinder, für 53, ihr drittes Buch genannt. Mit rhetorischer Verve Geschöpfe mit schwachen Nerven oder ganz ohne und nicht ohne Selbstironie macht sie einem west- Nerven; für jene, die keine Aussichten mehr oder deutschen Bildungsroman den Prozess, in dem die noch keine haben. Die Ambition will in die Stadt. Rettung aus nationalsozialistischem Familien- 111 Jahre ist es her, dass Tschechows „Drei Schwes- schlamm und selbstzufriedener Genügsamkeit die tern“ sich erstmals nach der Großstadt Moskau ver- Töchter und Söhne zu entwurzelten Einzelnen zehrten, und seither erklingen ihre Seufzer auf den Gabriele macht: allen Parteien misstrauend und bar jener nai- Riedle Bühnen der Welt. Die Erzählerin von Gabriele Ried- ven Entschlossenheit, die jede Bindung braucht. les Roman lebt in Berlin, sie hat es geschafft, einem Überflüssige Was wäre, fragt sie außerdem, aus den drei groß- Menschen Landstrich zu entkommen, in dem die Leute noch bürgerlichen Schwestern geworden, hätten sie es „Heimat“ sagen, ganz ohne Ironie. Nun soll sie Die Andere nach Moskau geschafft? Die Revolution zu über- Bibliothek, Berlin; Tschechows Stück neu übersetzen, doch jedes dieser 244 Seiten; leben wäre schon schwierig gewesen. Und später lang vertrauten Worte schaut plötzlich fremd zurück, 32 Euro. griffen die deutschen Väter an und gaben dem Rest und die Lektüre des melancholischen Klassikers den Rest. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 131
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    Kultur KOCH KUNST Zart und zäh In Fabriken produzieren sie viel Ramsch, in den Küchen entsteht das beste Essen der Welt: Ein deutscher Autor und ein chinesischer Künstler erzählen in einem Buch von der Tradition der chinesischen Küche – und von ihrer revolutionären Kraft. M orgens war er zu den Hügeln außerhalb der Stadt gefahren, um Tee zu pflücken für die Gäste, die er am Nachmittag erwartete. Wie immer, wenn er die Stadt hinter sich ließ, fiel ihm auf, dass die Farben verschwinden. Das chinesische Land hier am Tai-See ist schwarz und weiß, die Häuser weiß, die geschwungenen Dächer schwarz. Aber wenn die Wolken tief hängen, wie an die- sem Tag, dann gehen Himmel und Hori- zont ineinander über, grau in grau, so als wollten sie die Kontraste des Schwarz und Weiß in sich aufnehmen und verwischen. Nur die Hügel sind farbig, hellgrün und dunkelgrün und voller Teeblätter. Einen ganzen Korb hat der chinesische Künstler Ye Fang gepflückt, dann ist er nach Hause gefahren und hat die Blätter geröstet, so dass sie sich kringeln wie Regenwürmer. Der Tee, kräftig und herb, wird gut passen zu den mit Granatapfelsaft gefärbten Kleb- reiskuchen, die er den Gästen anbieten will. Nach den Klebreiskuchen soll es Mond- kuchen geben aus Blätterteig, gefüllt mit Schweinefleisch. Dazu wird Ye Fang ei- nen anderen Tee ausschenken, einen lieb- lichen, halbfermentierten, einen Oolong. Zweimal im Jahr öffnet Ye Fang sein Haus in Suzhou, einer Großstadt in Chi- nas Osten, für einen Salon. Es kommen Geschäftsleute, Künstler und Freunde von Ye Fang. Ein enger Freund, ein Deutscher, ist fast immer dabei, er heißt Marcus Her- nig, ist Sinologe, 44 Jahre alt, lebt in Shanghai, arbeitet für die Uni und fürs Goethe-Institut, und er schreibt Bücher über China, in denen Ye Fang vorkommt. Immer wieder haben sich die beiden Freunde darüber unterhalten, was sich in China ändern muss und was sich in den Urteilen des Westens über China ändern sollte. Sie denken jetzt anders über das FOTOS: JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL Vertraute und das Fremde. Das Wort „shu“ hat im Chinesischen mehrere Bedeutungen, darunter: „ver- traut“ und „gar“. Beim Essen entstehen Beziehungen. Auch Hernigs Freundschaft zu Ye Fang begann so. „Hier im Garten beim Tee hat Ye Fang mir vom Essen erzählt“, sagt Hernig. Und davon, was es in der langen Geschichte Chinas be- deutet hat. Kochen in China: Die Zutaten müssen gut sein, der Fond muss stimmen, der Koch seine Flammen 132 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Nun veröffentlicht Hernigein Buch rechte. Leute wie Ye Fang, die sich eben- Lebens, er glaubt daran, dass seine Lands- über das Essen in China*. Er ist durch falls ein anderes China wünschen, aber leute durch Schmecken, Riechen, Tasten das ganze Land gereist, das Buch ist eine behutsam vorgehen, werden im Westen wieder ein Gefühl bekommen können für Erzählung dieser Reise geworden, eine kaum wahrgenommen. das, was gut ist an China. Es sei schon Liebeserklärung an dieses schwierige Und doch plant Ye Fang eine Revolu- viel wert, wenn Menschen mit Zeit zu- Land, eine Aufforderung an die Deut- tion. Es sind subtile Umsturzpläne. Als sammensäßen und den Reichtum und die schen, sich mit China zu beschäftigen. Künstler hat er mit Tuschezeichnungen Finesse des chinesischen Essens genössen. Hernig, der die erste Hälfte seines bis- angefangen, schwarz-weiß-grau, sie hän- Wie Ai Weiwei stammt der 50-jährige herigen Lebens in Deutschland verbracht gen heute in Museen. Nun gestaltet er als Ye Fang aus der Gelehrtenkaste, die hat und die zweite in China, weiß, dass Architekt die Gärten der Neureichen. Chinas Führung verhasst war. Auch Ye der Westen mit einem anderen Typus Und er lädt zu Teezeremonien und Fest- Fang hat die Jahre der Kulturrevolution Künstler sympathisiert. Die Sympathien essen ein, und das ist seine Revolution, von 1966 bis 1976 durchlitten, den Hunger, gelten den Dissidenten, dem Künstler Ai eine Revolution der Sinne. die Gewalt. Er hat erlebt, wie sein Land Weiwei und all den Leuten, die ihr Leben, Ye Fang möchte eine Haltung vermit- nach 1978 wohlhabend wurde und dieser ihre Freiheit einsetzen für die Menschen- teln zu den Selbstverständlichkeiten des Reichtum auch dadurch zustande kam, dass die Chinesen viel Westliches kopier- ten. Nun, so meint Ye Fang, sei es an der Zeit, „das Eigene zu erleben“, es als et- was zu schätzen, das einen Sinn hat, ei- nen Wert, Qualität. „Früher, in den Adels- und Bürgerhäu- sern des Westens, galten die Chinoiserien, die Seide und das Porzellan, als Inbegriff des Wertvollen. Heute gelten Chinas Pro- dukte als Kopien und Ramsch.“ Aber die Küche, immerhin die Küche, davon sind Chinesen überzeugt, ist die beste der Welt. Es ist 14.30 Uhr. Ye Fang hat seinen Sa- lon geöffnet. 40 Gäste kommen in seinen Garten, den er nach dem Prinzip des Yin und Yang angelegt hat, der Idee der Ge- gensätze, die miteinander ein Ganzes bil- den. Berg und Wasser sind die Gegensät- ze. Es gibt eine Terrasse aus Holz, einen Teich, an dessen Seiten eine Bühne und ein offenes Teehaus liegen. Und Felsen, weiß und hoch, mit Bäumen bewachsen. Auf kleinen Tischen im Garten liegen die Klebreis- und Mondkuchen auf Bam- busschalen. Nach und nach kommen in Dämpfkörben süße Klöße hinzu. Frauen laufen mit Teekannen zwischen den Gäs- ten hin und her und füllen heißes Wasser in Porzellanschalen, in denen die grünen, gerösteten Teeblätter liegen. Auf der Büh- ne spielt jemand Laute. Ye Fang und Mar- cus Hernig sitzen zusammen, Teeschalen in den Händen. Bühne und Terrasse sind grell ausgeleuchtet, ein Fernsehteam des chinesischen Staatssenders CCTV filmt. Ye Fang wird bekannt in China. D er Mann, der als einer der ersten Poli- tiker Chinas gilt, war ein Koch. Er beriet einen König der Shang-Dynastie, das war vor mehr als 3000 Jahren, und brachte ihm bei, wie ein Land zu regieren sei: mit der richtigen Mischung aus Süße, Schärfe, Salz und Bitterkeit. Dass es auf die Mischung ankommt, das wussten auch die Reisbauern, die Chi- nas Küche erfunden haben. Sie kochten eher vegetarisch, Tiere aufzuziehen war aufwendig. Wenn sich die Bauern Tiere * Marcus Hernig: „Eine Himmelsreise. China in sechs Gängen“. Die Andere Bibliothek, Berlin; 400 Seiten; beherrschen 34 Euro. Erscheint am 22. Juni. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 133
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    Kultur leisten konnten, dannentschie- Schweinebauchfleisch in defti- den sie sich meist für Schweine ger Sauce, Frühlingsgemüse mit und Hühner. Rinder brauchen Enten- und Fischklößchen und viel Weideland und Zeit zum eine Suppe, für die sieben Stun- Wachsen. den lang das Fleisch von Huhn, Chinas Menschen sind seit je- Ente und Schwein ausgekocht her geprägt durch den Daoismus. wurde. Im Dao, einem der ganzen Welt Alles passt zum Frühling, und zugrundeliegenden, alles durch- Ye Fang erklärt, warum: Der dringenden Prinzip, sind alle Ge- Daoismus sehe vor, dass der gensätze vereint, alles darf sein. Mensch der Natur folgen solle, JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL Der Daoismus ist philosophisch auch bei den Mahlzeiten. „Wenn und religiös, er schreibt nicht vor, die Flüsse des Yangtze warm ge- was zu tun und was zu lassen ist. worden sind, dann ist die Ente Muslime verzichten auf Schwein, am beweglichsten“, sie trainiere Hindus auf Rind, in der chinesi- dann ihre Muskeln, sei gut durch- schen Küche aber gibt es kaum blutet, ihr Fleisch zart. Tabus. „Alles unter dem Himmel Auch die Getränke kommen ist zum Essen da“, sagt Ye Fang. gleichzeitig: warme Sojamilch, Europäische Reiseschriftsteller Reiswein, Reisschnaps, grüner staunten im 18. Jahrhundert über Tee, Pu’er-Tee, alles steht neben- die Erträge der Bauern. Chinas einander. Auch Wein trinken Küche wurde vielfältig, auch weil Chinesen gern, lieber roten als die Händler, die auf der Seiden- weißen, „das Rot der Flagge, das straße reisten, von überall her Rot der Lampions, die Farbe ist neue Gemüsesorten mitbrachten. bedeutsam für China“, sagt Her- Durch den Seidenhandel wur- nig. Bier aber ist immer noch be- den Chinas Kaiser reich. Sie tra- liebter als Wein und viel billiger. fen sich mit Beamten zu Gela- Im Festsaal mischen sich süße gen, knabberten Pfauenzungen, und herbe Düfte. Der Geruchs- schlürften Hirschpenis-Brühe, sinn des Menschen ist feiner als nahmen Kamelsehnen zu sich, sein Geschmackssinn. Die Zun- verzichteten auf nichts, selbst ge kann zwischen süß, salzig, dann noch, als ihr Land Ende des sauer und bitter unterscheiden, 19. Jahrhunderts durch Kriege er- die 30 Millionen Riechzellen der schüttert wurde. Nase aber erfassen viele Nuan- Chinas letzter Kaiser Puyi cen mehr. wurde 1906 geboren. Als Kind Ein chinesisches Festessen soll bekam er jeden Tag ein Staats- alle Sinne ansprechen, auch den bankett aufgetischt, zweimal täg- Tastsinn. Im Chinesischen gibt lich rund dreißig Gänge. Im Land es einen Begriff, der sich nur aber herrschte Hunger. Revolu- schwer übersetzen lässt: „Mund- tionäre formierten sich und rie- gefühl“. Gemeint ist der Tastsinn fen am 1. Januar 1912 die Repu- der Zunge, mit der der Esser die YE FANG blik China aus, Kaiser Puyi war Textur einer Speise prüfen kann, da fünf Jahre alt. Ab 1949 führte ob sie zart ist oder zäh, sämig Mao Zedong die kommunisti- Künstler Ye Fang, Buchillustration: Subtile Umsturzpläne oder körnig. sche Volksrepublik an. Zwischen 1959 und 1961 litten die Men- über die grafischen Elemente, die Ye Fang schen Hunger, niemand weiß, wie viele auf Pergament für Hernigs Buch entwirft, umkamen, es müssen zwischen 15 und es sind Schriftzeichen aus Tusche. F estessen hat Marcus Hernig oft erlebt, immer wieder ist er eingeladen wor- den auf seinen Reisen für sein Buch. Und 45 Millionen gewesen sein. „Heute“, so Hernig ist mit seiner chinesischen Frau weil es nicht die eine chinesische Küche sagt Hernig, „schätzen chinesische Intel- angereist, Ye Fang hat die beiden in einem gibt, sondern viele, hat er sich in die Re- lektuelle Maos Regierungszeit als eine Hotel untergebracht, dessen Garten mit gionen des Landes begeben. Die Peking- Phase ein, in der das Land zu unausge- Felsen und einem Teich er gestaltet hat. Küche des Nordens ist von den Mongolen wogen regiert wurde. Zu viel Schärfe.“ In einem Gartenpavillon des Hotels beeinflusst und deftig, die Kanton-Küche Aufzeichnungen über die Rezepte der ist ein runder Tisch gedeckt. Auf einer aus dem Süden eher mild, die Fujian-Kü- Reisbauern gibt es kaum. Das Wissen um Glasscheibe in der Mitte stehen Teller, che aus dem Osten eher süß, die Sichuan- die Kochkunst ging auch in Zeiten des verziert mit Orchideen und Petersilien- Küche aus dem Westen scharf. Hungers nicht verloren. An strenge Rezep- büscheln. Den ganzen Abend lang wird Hernig hat in den Städten gegessen, te hielten sich Chinas Köche ohnehin sich diese Scheibe drehen, die Gerichte wo sich in Shopping-Malls die Restau- kaum. Die Zutaten müssen gut sein, der kommen von einem Gast zum anderen, rants stapeln, er war an den Bratständen Fond muss stimmen, der Koch seine Mes- eine Menüfolge gibt es nicht, alles und offenen Suppenküchen der Hoch- ser beherrschen und die Flamme. kommt zugleich: geröstete Bohnen, süß- hausviertel, und er hat auf den Märkten saurer Eichhörnchenfisch in Stechapfel- Krebse gekauft, Zuckerrohr und sogar M arcus Hernig bleibt nach dem Be- sauce, hauchdünn geschnittene Pilze mit Äpfel. such in Ye Fangs Salon noch ein Blütenstängeln, süße Entenfleischpaste- Und er ist aufs Land gereist. Die Wirte paar Tage in Suzhou, wo Ye Fang wohnt. ten in kleinen Rauten, Fischleber in kla- dort haben Gemüsegärten, eigene Hüh- Sie treffen sich zum Essen und beraten rem Fond, Hasenfiguren aus Klebreis, ner. Statt einer Speisekarte zeigen sie ih- 134 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    ren Gästen gerupftesund kopfloses Ge- flügel, gestockte Entenblutwürfel, Was- serpflanzenwurzeln, lebendige Fische in Wasserbottichen und schlafende Frösche in Plastiknetzen. Die Gäste deuten auf das, was sie essen wollen, und beraten Wer hat Angst vor Ai Weiwei? mit den Köchen die Zubereitung. Die Dokumentation „Ai Weiwei: Never Sorry“ Hernig hat an den vielen Tischen, an zeigt, wie Chinas Starkünstler das Regime herausfordert. denen er Platz nahm, mit seinen Stäb- A chen aus denselben Töpfen gegessen, aus uf das Haus von Ai Weiwei in Drei Jahre begleitete die US-Regis- denen auch die anderen aßen, er hat sei- Peking sind 15 Überwachungs- seurin Alison Klayman den Künstler ne Fragen gestellt und viel erfahren, auch kameras gerichtet, die Augen immer wieder mit der Kamera, sie von der Angst der Chinesen vor Hormo- der Macht, montiert an Laternenpfäh- filmte ihn mit seinem kleinen Sohn, nen und Pestiziden im Essen. Und dass len. Jeder Besucher wird gefilmt und bei der Arbeit in Peking, in London, die Chinesen wütend sind, dass ausge- natürlich auch Ai selbst, wenn er das in New York und im Krankenhaus in rechnet sie, die so viel Wissen darüber Haus verlässt. Gegenüber steht ein München, wo Ai 2009 wegen einer angesammelt haben, wie sie mit Krebs- Polizeiauto. lebensbedrohlichen Hirnblutung ope- panzer, Lotoswurzelsaft und Kräutern Nicht genug Kontrolle, fand Ai, au- riert werden musste, die Spätfolge von Krankheiten heilen können, nun fürchten ßerdem seien es die falschen Kontrol- Schlägen durch chinesische Polizisten. müssen, durch Essen krank zu werden. leure. Anfang April installierte er im Der gründlichste Chronist von Ais Im Essen, so hat er herausgefunden, Haus vier Web-Kameras, die sein Le- Leben, das belegt Klaymans Film, ist zeigt sich der Kern der chinesischen Kul- ben für alle Welt ins Netz übertrugen, jedoch Ai selbst. Ständig fotografiert tur: die Energielehre des Daoismus, die weiweicam.com, 5,2 Millionen Klicks er mit seinem Handy, oft so, dass er Lehre des Yin und Yang. in 46 Stunden. Dann befahlen die Be- selbst im Bild ist, dauernd verschickt Nun sitzt Hernig auf einer Restaurant- hörden, die Seite abzuschalten. er via Twitter Botschaften, er ist fast terrasse in Shanghai, er blickt auf die glit- Ai gehorchte, seine Botschaft zum ununterbrochen auf Sendung. Klay- zernde Skyline von Pudong, dem Finanz- Jahrestag seiner Festnahme war ohne- man blendet im Film die Twitter-Nach- viertel der Stadt. Er hat sich einen Burger hin angekommen. Am 3. April 2011 richten ein und zeigt die Situationen, mit Pommes bestellt, weil es chinesisches hatte ihn die Polizei verhaftet. 81 Tage in denen sie entstanden sind. „Opera- Essen hier nicht gibt. war Ai eingesperrt, er wurde immer tion beendet“, twittert Ai zu einem Ist es richtig, übers Essen zu reden, Selbstporträt vom Kran- wenn es eigentlich um Rechtsstaatlich- kenbett in München, die keit, Menschenrechte, die Freiheit der OP-Narbe am Kopf ist Meinung gehen sollte? Und ist das, was deutlich zu erkennen, „bö- sein Freund Ye Fang da tut, diese Revo- se Geister entfernt“. lution der Sinne, nicht zu still? Sind die Monate später erstattet Helden nicht zu höflich? Wäre es nicht Ai auf einer Polizeiwache besser, laut zu sein, wie die Dissidenten in Chengdu Anzeige we- es sind, wie Ai Weiwei es ist? gen der Prügelattacke, As- Marcus Hernig kennt solche Fragen. sistenten mit Kameras be- Ein Deutscher, der China liebt, muss sich gleiten ihn. Der Blick des rechtfertigen. Der Westen, so sagt er, sei Polizisten, der das Formu- idealistisch geprägt, durch das Christen- lar ausfüllen muss, verrät tum und die Aufklärung. Im Idealismus eine Supermacht in Panik. gebe es die eine richtige Haltung, das kla- Am 22. Juni endet das DCM re Ziel, das in einem Willensakt und mit Reiseverbot, das Ai nach Kraft durchgesetzt wird. Der Daoismus Provokateur Ai in New York: „Böse Geister entfernt“ seiner Haftentlassung auf- aber lehre, nichts zu erzwingen, den Din- erlegt worden war. Er darf gen ihren Lauf zu lassen und zu hoffen, wieder verhört, „zwei Drittel Schika- dann, wenn es sich das Regime nicht dass sie sich von selbst ordnen. Ziele kön- ne, ein Drittel Gehirnwäsche“, so be- wieder anders überlegt, Peking ver- nen erreicht werden, indem der Handeln- schrieb er später die Methode. Seit- lassen, vielleicht bekommt er sogar de die natürlichen Vorgänge nutzt. Essen dem ist Ai wieder zu Hause, aber er seinen Reisepass zurück. Die Univer- ist ein natürlicher Vorgang. darf Peking nicht verlassen. Es läuft sität der Künste in Berlin hat Ai als Und gutes Essen, sagt Hernig, sei nun ein Verfahren gegen ihn wegen angeb- Gastprofessor eingeladen, in Washing- mal süß und bitter, scharf und mild. „Ge- licher Steuerhinterziehung. ton beginnt im Oktober eine große gensätze gehören zusammen.“ Diese Woche kommt ein Dokumen- Ausstellung. Die Welt wartet auf Ai Auch Ai Weiwei liebt die Küche Chi- tarfilm über den Künstler in die Kinos, Weiwei, nach dieser Dokumentation nas. Als er noch nach Deutschland fahren ein Porträt, das die Eskalation bis zur erst recht. durfte, nahm er immer seine Köche mit. Festnahme nachzeichnet. „Ai Weiwei: MARTIN WOLF Wenn also der Leise und der Laute das- Never Sorry“ zeigt seine Entwicklung selbe Ziel haben, wird alles besser? So zum berühmtesten Regimekritiker einfach ist das? Chinas. Zugleich ist „Never Sorry“ Video: Hernig lacht und erinnert daran, dass ein Film über Chinas kafkaesken Der Kinofilm „Never das Kochen in China ein ewiger Prozess Polizeistaat, über die Männer mit den Sorry“ ist. Es gibt kein unabänderliches Rezept, Überwachungskameras und die Irrita- Für Smartphone-Benutzer: keine Gewissheit. Ob alles wirklich ge- tion, die entsteht, wenn sie plötzlich Bildcode scannen, etwa mit lingt, weiß während des Kochens nie- selbst gefilmt werden. der App „Scanlife“. mand. SUSANNE BEYER D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 135
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    Kultur ESPEN EICHHÖFER/OSTKREUZ/DER SPIEGEL Clubbetreiber Klenzendorf (l.): Komplizierter Poker um die Zukunft anderen Seite der Bahntrasse, „kommen mit Architekten, um die Pläne zu präzi- BERLIN die Wohnungen für die Studenten hin und sieren, mit Bankern, um die Finanzierung das Gründerzentrum.“ festzuzurren. Showdown an „Holzmarkt“ soll das Projekt heißen, bis ins 19. Jahrhundert wurde hier am Wasser einmal Holz gehandelt und gela- Zusammen mit dem Hotelier Michael Zehden soll das Hotel gebaut, die Stu- dentenwohnungen sollen gemeinsam mit der Spree gert. Es könnte eines der spektakulären innerstädtischen Bauprojekte Berlins werden, eine grüne Insel zwischen Schie- dem Studentendorf Schlachtensee errich- tet werden. Das Investitionsvolumen des ganzen Projekts dürfte bei ungefähr 50 Die Bar 25 war einer der berühm- nen, Straße und Fluss. Eine neue Mitte Millionen Euro liegen. testen Underground-Clubs. Nun für eine Gegend, die kein Zentrum hat. Tatsächlich soll der Holzmarkt beides wollen die Macher dort ein neues Christoph Klenzendorf ist eine bekann- sein: seriös finanziertes Investmentpro- te Figur in Berlin. Er ist einer der Be- jekt, das Gewinne erwirtschaften wird. Stadtquartier entwickeln – treiber des KaterHolzig, einer Mischung Und Spielplatz, der durch wandelbare für rund 50 Millionen Euro. aus Edelrestaurant, Techno-Club und Architektur den Geist der Improvisation handgezimmertem Abenteuerspielplatz, und des Provisorischen bewahren soll. N och ist nichts da außer ein paar wenige hundert Meter entfernt, am an- Besitzerin des Geländes ist die Berli- Bäumen und viel Sand. Der Auto- deren Spreeufer. ner Stadtreinigung (BSR), ein städtisches verkehr rauscht über die große Wahrscheinlich würde ihm kaum je- Unternehmen. Aber sie will es loswerden. Ausfallstraße hinter dem Bretterzaun, die mand die großen Pläne abnehmen, hätte Deshalb hat sie es dem Liegenschafts- S-Bahn quietscht alle paar Minuten vor- er nicht vor acht Jahren schon einmal fonds übergeben, der seit mehr als zehn über, und die Spree schiebt langsam ihr hier gestanden und sich etwas vorgestellt, Jahren den Verkauf städtischer Grund- Wasser vorbei. Es gehört einiges dazu, was auf diesem Abbruchgrundstück ent- stücke organisiert und abwickelt. Ende sich auf diesem ziemlich heruntergekom- stehen könnte: Dabei kam die legendäre Mai lief die Frist ab, zu der Gebote ab- menen Grundstück an der Berliner Holz- Bar 25 heraus, einer der Läden, die den gegeben werden konnten, mehrere sind marktstraße in der Nähe des Ostbahn- Weltruhm des Berliner Nachtlebens mit- eingegangen, im Augenblick werden sie hofs, an einer Ecke, wo die Berliner Be- begründeten. Im September 2010 musste geprüft. Wer die anderen Bieter sind, ist zirke Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte sie schließen. unbekannt. Erwartet wird ein Verkaufs- zusammenstoßen, ein neues Stadtquar- Damals begann es mit einem einfachen preis von mindestens 10 Millionen Euro. tier vorzustellen. Mietvertrag, einem Campingbus zum BSR und Liegenschaftsfonds sind prin- „Da vorn soll das Restaurant hinkom- Bierverkauf und einer wochenlangen Par- zipiell verpflichtet, an den Höchstbie- men, unterirdisch, auf Höhe des Wassers, ty. Jetzt ist alles ein bisschen komplizier- tenden zu verkaufen, der Bezirk möchte daneben das Hotel“, sagt Christoph Klen- ter. Bis vor kurzem lebte Klenzendorf allerdings den Bebauungsplan ändern, zendorf, 38, und zeigt nach links, „hier, noch das Leben des Clubbetreibers, des- das könnte den Wert drücken. Der Sena- wo wir stehen, werden die Gärten entste- sen Wochenende oft erst am Dienstag- tor für Stadtentwicklung muss aber zu- hen, wir nennen das den Mörchenpark, morgen vorbei war. stimmen. außerdem Läden, Werkstätten, Ateliers Nun trifft er sich mit Berliner Senato- Es ist ein komplizierter Poker um das und Wohnräume. Und da hinten das Haus ren, um die Möglichkeiten für den Holz- Grundstück am Spreeufer. Denn es geht für die darstellenden Künste.“ Noch ste- markt auszuloten, mit Investoren, um um mehr als nur diese 18 672 Quadrat- hen dort die Wagen einer Wagenburg und Geld für die Genossenschaft zusammen- meter in guter Lage, das entspricht etwa viel Holzmüll. „Drüben“, das ist auf der zubekommen, die das Projekt tragen soll, drei Fußballfeldern. Es geht um die Zu- 136 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Kultur kunft der Stadtoder zumindest um ein Symbol dafür. Berlin hat seine Liegenschaften in den T H E AT E R vergangenen zehn Jahren fast immer an den Meistbietenden verkauft. Aber wie in anderen Städten auch hat ein Umdenken eingesetzt. Müssen bei der Vergabe von Grundstücken nicht auch kulturelle und Der Fluglotse geht von Bord soziale Kriterien berücksichtigt werden, Matthias Lilienthal hat als Chef des Berliner HAU neun Jahre lang die sich vielleicht erst langfristig auszah- eine Bühnenparty aus Performance und Pop, Tanz und len? Brauchen wir wirklich noch mehr Glastürme? Polit-Show gefeiert – und damit die Theaterwelt gründlich verändert. Gerade in Berlin stellen sich diese Fra- gen mit Dringlichkeit. Die Stadt ist arm, dach, das ist in der 20. Stun- die bisherigen Grundstücksverkäufe ha- de eines Rund-um-die-Uhr- ben zwar über zwei Milliarden Euro ein- Theaters ein verwegener gebracht; aber viele befürchten, dass es Anblick. Dann krächzt mit der einzigen großen Erfolgsgeschichte eine Lautsprecherstimme: der vergangenen Jahre, der boomenden „Die Busse warten vor dem Kultur, ohne die nötigen Freiräume bald Haus. Bitte seien Sie vor- wieder vorbei sein könnte. sichtig, wenn Sie die Trep- Um das zu verhindern, entstehen gera- pe hinuntersteigen.“ de erstaunliche Allianzen. Die „Koalition „Unendlicher Spaß“ heißt der Freien Szene“, ein Zusammenschluss der legendäre Riesenroman verschiedener Künstlergruppen, hat sich des amerikanischen Schrift- etwa mit der Berliner Industrie- und Han- stellers David Foster Wal- delskammer verabredet, ein gemeinsa- lace, der hier in einer End- mes Papier zu erarbeiten: Berlin, eine los-Performance für 150 Millionenstadt ohne Dax-Konzern und Busreisende als Schnitzel- mit vielen Schulden, müsse das einzige jagd durch Berlin drama- Kapital, das sie hat, fördern, die Kreati- tisiert wird. Zwölf Regis- vität ihrer Bewohner. Dazu gehöre auch seurinnen und Regisseure eine Liegenschaftspolitik, die soziale und zeigen an neun halbwegs kulturelle Aspekte berücksichtige. verrückten Spielorten, was Diese neue Macht der Kultur hat auch ihnen zu dem Buch ein- mit dem Tourismus zu tun. Im März 2012 fällt – und die Zuschauer gab es 1,9 Millionen Übernachtungen, et- düsen mit. Man sieht auf wa 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Die diesem Trip eine Handvoll meisten Gäste werden von der Kultur an- Junkie-Darsteller in einer gezogen – auch von der Subkultur. Neuköllner Krankenhaus- Jeder, mit dem man in Politik, Verwal- halle herumwüten wie in tung, Kultur, Senat oder Bezirk spricht, der Irrenstation in „Einer MARKUS WAECHTER/CARO FOTO sympathisiert mit den Holzmarkt-Plänen. flog über das Kuckucks- Jeder hätte gern dieses Kulturdorf an der nest“. Man betrachtet junge Spree, das eine tote Ecke der Hauptstadt Tennisspielerinnen im Gru- beleben würde. Mehrere Senatoren waren newalder Nobelclub „Rot- schon zu nächtlichen Treffen im KaterHol- Weiß“ bei einem Pantomi- zig. Alle wollen, wissen aber nicht so ge- me-Match ohne Schläger nau, ob und wie sie auch können dürfen. Intendant Lilienthal: „Hysterische Sehnsucht nach Realität“ und Ball. Und man klettert Der Wandel in Vierteln wie Kreuzberg auf dem 115 Meter hohen D und Neukölln ist ähnlich grundlegend, wie as Finanzamt Berlin-Reinicken- Teufelsberg herum, wo man einen prima es die Umwälzungen im Ostteil der Stadt dorf ist ein majestätisches Beton- Panoramablick über Berlin hat und wo die nach dem Mauerfall waren. Die Zuwan- Raumschiff, auf dessen Flachdach Trümmer einer US-Radarstation verrotten. derer aus der Türkei werden gerade durch ein schneidend kalter Wind weht an die- Die Show, inszeniert von Regisseuren neue Migranten verdrängt: Italiener, Spa- sem Sonntagmorgen. Es ist Viertel vor unter anderem aus New York, Buenos Ai- nier, Franzosen und Griechen. Leute, die sechs, als 150 Theaterzuschauer hoch oben res, Warschau und Köln, ist einerseits jede Stadt gern hätte: jung, gut ausgebil- über der menschenleeren Vorstadt in Gei- schierer Quatsch und andererseits ein det, kreativ, neugierig. Europas Zukunft. selhaft genommen werden von einem ver- hochintelligentes Vergnügen. Das macht In manchen Gegenden stellen sie schon mummten Spaßrevolutionär. „Unendlicher Spaß“ zu einem sehr typi- ein Drittel der Wohnbevölkerung. Nie- „Fuck the system!“, schreit der Kerl, schen Produkt des Berliner HAU. Und zu mand hat mit ihnen gerechnet. der ein gelbes Tuch mit Smiley-Grinsen einer idealen Abschiedsvorstellung seines Wahrscheinlich suchen sie nach Frei- und Augenlöchern vor dem Gesicht trägt. Chefs Matthias Lilienthal. Der nämlich räumen, die ihnen in ihren krisengeplag- Er befiehlt den Zuschauern, ebensolche hat am Anfang der 23-Stunden-Tour ge- ten Heimatländern fehlen. Ob Berlin sich Tücher anzulegen, und er bugsiert sie in sagt: „Stellt euch das Chaotischste vor, auf diese neuen Bewohner einstellen Rollstühle, die auf dem Flachdach des Fi- das ihr euch vorstellen könnt. Es wird kann, wird sich zeigen. Der Umgang mit nanzamts bereitstehen. Die „Armee der ganz sicher noch schlimmer kommen.“ dem Gelände an der Holzmarktstraße ist Rollstuhlattentäter“ trete hier an, brüllt Das Kürzel HAU steht für „Hebbel am vielleicht ein Indikator. der Revolutionär. Dutzende von Smiley- Ufer“ und ein Kombinat aus drei Bühnen: TOBIAS RAPP Fressen in Rollstühlen auf einem Beton- das Hebbel-Theater (HAU 1), das Theater 138 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    am Halleschen Ufer,in dem einst Peter den Produktionen zum Berliner Theater- standsnest ostdeutscher Identität stilisiert, Stein mit der Schaubühne zu Hause war treffen eingeladen. Ab und zu gab es Wi- so lange, bis sich die „Kunstkacke“ auch (HAU 2), und das Theater am Ufer (HAU derspruch: Es sei kein Theater, sondern in der Volksbühne breitgemacht hatte. 3). 2003 wurden die Häuser zum HAU ver- ein Institut für „Inkompetenzbewirtschaf- Von da an setzte Lilienthal hemmungs- eint, seither ist Lilienthal dessen Chef. tung“, das Lilienthal da betreibe, erregte los auf Globalisierung. Die wenigsten der Lilienthal, 52, ein kugeliger Mann mit sich ein Kritiker der „Frankfurter Allge- Leute, die im HAU zusammenfanden, wuscheligem Haarkranz ums kahle meinen“ einmal, lauter Idioten spielten stammen aus Berlin, Englisch ist hier als Haupt, ist zwar nur Herr über ein kleines sich hier als große Durchblicker auf. Bühnensprache so geläufig wie Deutsch. Großstadttheater, das 24 feste Mitarbeiter Tatsächlich verstand Lilienthal sein Die Aufführungen heißen jetzt „theatrale hat und einen Grundetat von knapp fünf Haus als großen Marktplatz. Moderne Installation“ oder „Lecture performance“, Millionen Euro im Jahr. Trotzdem hat Stadtgesellschaften seien fragmentiert, „Reenactment“ oder „Untersuchung“. sein Haus die deutschsprachige Theater- sagt er, „ich habe versucht, viele Ghettos Der Chef spricht von der „performati- welt in den vergangenen ven Auflösung von Form und neun Jahren mehr verändert Inhalt“. als jede Großbühne. Erstaunlicherweise ist Li- Lilienthal hat das Tor zur lienthal aber auch eine sehr Welt aufgestoßen für viele berlinerische Existenz. Er ist deutsche Stadttheater – in- in Neukölln aufgewachsen, dem er ihnen vorgeführt hat, hat in Berlin studiert und nur wie man die Arbeit freier kurz in Wien und in Basel ge- Gruppen in einem etablierten arbeitet. Er kleidet sich bis Theatersystem nutzen kann; heute in einem Schlabberlook, wie man türkisch- oder ara- der im eingesperrten West- bischstämmige Zuschauer Berlin der achtziger Jahre aus der großstädtischen Nach- schon nicht mehr hip war, und barschaft in ein öffentlich ge- nennt sich einen „Edelpen- fördertes Tanz- und Theater- ner“. Er duzt praktisch alle haus lockt, indem man sich Menschen, wie man es nur in mit ihrem Alltag beschäftigt; Berlin tut, und so duzt er eben und wie man reisende Künst- auch Berlins Regierenden Bür- ler aus aller Welt für Gastauf- germeister Klaus Wowereit. tritte und Einzelprojekte ge- Lilienthals größtes Kunst- winnt, die nicht bloß nett und stück hat viel mit seiner sozia- unverbindlich sind, sondern len Kompetenz zu tun: die sich einfügen in ein gesell- Geldbeschaffung. Anders als schaftskritisches Konzept. fast alle Theater in Deutsch- Rund tausend Produktio- land hangelte sich das HAU DOROTHEA TUCH (L.); DOMINIQUE ECKEN/DAVIDS (O.) nen hat das HAU in den ver- immer von Projekt zu Projekt. gangenen neun Jahren ge- Neben dem Senat waren die zeigt, ungefähr 120 pro Spiel- wichtigsten Förderer des Hau- zeit. Viele Gastspiele waren ses die Bundeskulturstiftung darunter, die gleichfalls in und der Hauptstadtkultur- Brüssel, Wien und Zürich zu fonds. Lilienthal hat deren För- sehen waren, auch Eigenpro- dersystem perfekt ausgereizt. duktionen entstanden fast im- Seine Nachfolgerin in Ber- mer in Kooperation mit diver- lin wird die Belgierin Anne- sen anderen Häusern. Den mie Vanackere. Er selbst will Regisseur Neco Çelik ließ Li- für zehn Monate nach Beirut lienthal das Stück „Schwarze Szenen aus „Unendlicher Spaß“: Schnitzeljagd durch Berlin ziehen und an der dortigen Jungfrauen“ inszenieren, in Kunsthochschule eine Gra- dem junge islamische Frauen, die in aus dieser Stadt hier zusammenzubrin- duiertenklasse unterrichten. Lilienthal Deutschland leben, erzählen, was in ihren gen“. Sein größtes Glück sei gewesen, dass sagt von sich, er sei außerhalb von Berlin Köpfen vorgeht. Die Dokumentartheater- Berlin für junge Menschen in den letzten „schwer vermittelbar“. In Hamburg und leute von Rimini Protokoll inszenierten Jahren als tollster Platz der Welt gegolten Stuttgart hat er Intendantenposten knapp hier indische Callcenter-Mitarbeiter und habe, sagt Lilienthal, „ich bin ein Profiteur verpasst, in Mannheim immerhin haben arabische Muezzins als Theaterhelden. von Ryanair“. Als wäre er der Fluglotse, sie ihn zum Leiter des Festivals Theater Die Aktionskünstlerinnen der Gruppe der die Kultur-Verkehrsströme steuerte. der Welt bestimmt, das 2014 stattfindet. She She Pop holten ihre Väter auf die Mindestens zwei Tage die Woche, also Am Sonntagmorgen um halb neun ist Bühne, um mit ihnen über das Erben, hundertmal im Jahr, ist Lilienthal unter- die HAU-Abschiedsshow, die noch bis senile Luxusansprüche und die Überalte- wegs in anderen Städten, irgendwo in der Ende Juni wiederholt wird, beim Finale rung der Gesellschaft zu streiten. Welt. Als manischer Reisender war Lilien- im HAU 1 angelangt. Die Vorstellung ist Er habe „keine Lust auf Kunstkacke“ thal schon berüchtigt, als er in den neun- jetzt 22 Stunden und 45 Minuten alt, als und eine „hysterische Sehnsucht nach Rea- ziger Jahren Chefdramaturg an Frank Lilienthal schnaufend auf die Bühne klet- lität“, das war Lilienthals Programm, als Castorfs Berliner Volksbühne wurde. tert. Er trägt ein knallgelbes T-Shirt und er 2003 antrat, und das ist es bis heute. 1998 ging er. Er hatte Johann Kresnik, sieht erschöpft aus, glücklich und ein biss- Es gab viel Begeisterung für das Dau- Christoph Marthaler und den Theater-An- chen ratlos. Dass er weg aus Berlin müsse, erfestival, das Lilienthal da inszenierte. fänger Christoph Schlingensief ans Haus das wisse er sicher, sagt er. Dann lächelt Gleich 2004 wählten Kritiker es zum geholt, er hatte als einziger Westler im er. „Willst du gelten, mach dir selten.“ „Theater des Jahres“, immer wieder wur- Leitungsteam die Volksbühne zum Wider- WOLFGANG HÖBEL D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 139
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    Kultur SPI EGEL-GESPRÄCH „Furzgrößenwahn“ Bei einer SPIEGEL-Veranstaltung an der Universität Kassel spricht der Künstler Jonathan Meese über den angeblich ichversauten Zustand der Kunstwelt in Zeiten der Documenta. Oder: Ein Interview mit Hitlergruß. Meese ist ein pünktlicher vor Kunst. Kunst ist doch ein Regierungs- Mensch. Eine Stunde vor system, die einzige gesellschaftspolitische dem öffentlichen „SPIE- Alternative. GEL-Gespräch – live in der SPIEGEL: Man sieht am Beispiel von Kassel, Uni“ steigt er in Kassel aus wie gut es der Kunst geht. Die ganze Welt einem silbernen Gelände- scheint neugierig darauf zu sein, was man wagen mit getönten Schei- auf der Documenta zu sehen bekommt. ben. Meese, lange Haare, Wir leben in kunstaffinen Zeiten. Wofür langer Bart, trägt wie im- muss Jonathan Meese jetzt noch kämpfen? mer eine Adidas-Jacke, heu- Meese: Ich sehe das ganz und gar anders. te ist es eine aus Leder. Er Die Kunst wird nicht geliebt, ihr wird setzt eine Sonnenbrille auf. nicht gedient. Es wird irgendeiner Kultur Er lacht auf eine eher gedient. Kultur ist ja nicht Kunst, Kultur schüchterne Weise. ist Kultivierung, Zucht. Seine Assistenten haben ihn SPIEGEL: Ist Kultur ein Geschäft? aus Berlin nach Kassel ge- Meese: Ein Geschäft kann es ja sein, wenn fahren. Es ist der vergange- es ein geiles ist. Wenn der Metzger in Ah- ne Montag, ein paar Tage rensburg mir verkündet, dass sein Laden vor dem Beginn der Docu- ideologiefrei, religionsfrei, spiritualitäts- menta, der wichtigsten frei und esoterikfrei ist, dann dient dieser Ausstellung der Welt. Das Metzger der Kunst. Wenn er aber katho- Thema des Gesprächs heißt: lisch ist oder protestantisch oder FDP „Größenwahn in der Kunst- oder CDU oder NSDAP, dann weiß ich, welt“. Jonathan Meese ist, diese Person dient weder der Kunst, noch aus vielen Gründen, für die- kann das Fleisch geil sein. ses Thema ein ziemlich gu- Das Publikum lacht. Meese hat sich warm- ter Gesprächspartner. Seit geredet, seine Miene wirkt grimmig. UWE ZUCCHI / PICTURE ALLIANCE / DPA (O./U.); DER SPIEGEL (M.) 15 Jahren provoziert und un- Meese: Ich will die Meldung haben von terhält Meese, 42, die Kunst- Berlin, dass Berlin ideologiefrei ist. Das szene. Er malt, er bildhau- Recht habe ich. Das ist ein Grundrecht von ert, er hat ein Theaterstück Menschen. Ich möchte, dass mir verkün- geschrieben. Legendär sind det wird, dass New York ideologiefrei ist. seine Performances. Kunst SPIEGEL: Die Ideologiefreiheit selbst ist ist für ihn ein großes Spiel. aber keine Ideologie? Eigens für diesen Abend hat Meese: Nein, natürlich nicht. Weil sie to- er drei Manifeste verfasst talstes Spiel ist. Wenn Sie total spielen, (zwei davon können unter herrscht keine Ideologie. Wenn Sie aber www.spiegel.de/meese gele- ideologisch spielen, herrscht noch nicht sen und heruntergeladen einmal ein Spiel. Die Olympiade ist kein werden). Noch wartet er, er Spiel, weil da der Ideologischste gewinnt. freut sich, ist auch nervös, Künstler Meese*: „Beuys, igitt“ Überhaupt: Das Prinzip, jemanden zu be- Appetit hat er keinen. siegen, gibt es in der Kunst nicht. Ich bin Mehr als 250 vorwiegend junge Zuhörer SPIEGEL: Herr Meese, warum schreien Sie wie ein Baby oder ein Tier, fragen Sie sind gekommen. Der Künstler bedankt so nach der Diktatur der Kunst, haben mal ein Tier, ob es religiös ist. sich für die Einladung, er sei „glücklich, wir die nicht längst erreicht? Wir leben SPIEGEL: Darf man sich der Welt so ent- glücklich, glücklich“. Dann liest er aus ei- in einem Zeitalter der Kunst, es gibt mehr ziehen? nem der Manifeste vor, mit lauter, manch- Ausstellungen denn je, mehr Museen, Meese: Ich entziehe mich ja nicht, ich bin mal brüllender Stimme. Es sind mehrere mehr Künstler, mehr Kunst. Das muss Sie im Hauptquartier Berlin zugegen. Ich ver- Seiten, handgeschrieben, die er vorträgt. doch glücklich machen. bunkere mich und schmeiße die Befehle Seine Gesichtsfarbe bekommt etwas Röt- Meese: Nein. Es gibt viel, das so tut, als heraus. liches, er sagt Sätze wie: „Die Kunst wäre es Kunst. Das meiste aber ist so hass- braucht den limitierten Furzgrößenwahn erfüllt der Kunst gegenüber. Und die Men- * Bei der SPIEGEL-Veranstaltung in Kassel am 4. Juni. des Menschen-Ichs nicht.“ Das Gespräch schen, die sich heutzutage mit Kunst be- Das Gespräch führten die Redakteurinnen Ulrike Knöfel beginnt. fassen, haben so eine unglaubliche Angst und Marianne Wellershoff. 140 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    SPIEGEL: Das klingtnicht nach Diktatur der hineinkommst. Heute merken die Leute etwas. Es geht doch darum, dass man die Kunst, sondern nach Diktator der Kunst. das gar nicht mehr, die gehen da alle rein, Wurst, die man brutzelt, am geilsten macht. Meese: Ja, aber wenn man versachlicht hohoho, Reise ins Ich, hohoho, Arbeits- Du musst deinen Job mit totaler Hingabe, ist, dann ist es eine Diktatur. lager Ich.“ Immer wieder drischt er auf totalst liebevollst, ideologielos ausführen. SPIEGEL: Also Sie sind eine Sache? die Demokratie ein. SPIEGEL: Dann ist jeder Mensch Künstler, Meese: Ja. Ich bin versachlichte Diktatur. und wir sind wieder bei Beuys. SPIEGEL: Sind Sie der Chef in Ihrer Dik- SPIEGEL: Der Angriff auf die Demokratie Meese: Dann ist keiner ein Künstler, das tatur? ist natürlich eine gezielte Provokation. ist das viel Geilere. Jeder ein Künstler, Meese: Nicht in meiner! Ich nehme ja Meese: Das Gefängnis ist da. Deutschland das heißt dann wieder, oah, wir sind wich- auch nur die Befehle in Empfang und set- ist ein Gefängnis, genauso wie Europa. tig und toll. Keiner möge Künstler sein. ze sie um. Ich schlafe, ich esse, ich trinke, Alles ideologieverseucht. Kunst ist die SPIEGEL: Kann man der Kunst nicht auch ich verdaue. Gesamtheit des Notwendigen. dienen, indem man sich eine Eintrittskar- SPIEGEL: Wie sehen Sie den Zustand der SPIEGEL: Oder des Nichtnotwendigen, sa- te für eine Ausstellung kauft, zum Bei- Kunstwelt, die ja auch eine große Show gen manche. spiel für die Documenta? ist: Sammler fahren mit Mam- Meese: Nein, wenn da keine mutyachten zur Biennale Kunst zu sehen ist, dann die- nach Venedig. Ukrainische nen Sie nur der Kultur. Oligarchen lassen Künstler in SPIEGEL: Wäre denn Kunst auf ihre Privatmuseen nach Kiew der Documenta zu sehen, einfliegen. Wo ist da für Sie wenn Sie teilnähmen? Schluss? Meese: Wenn man nur mich Meese: Wenn die Leute der bringen würde, eventuell. Ich Diktatur der Kunst dienen, weiß doch nicht, ob sich Kunst können sie auch mit einer gei- an mir abspielt. Ich kann nicht len Yacht fahren. Kunst erzwingen, ich weiß SPIEGEL: Wie diene ich da der nur, wie ich der Kunst diene. Kunst? SPIEGEL: Es wäre ein Risiko für Meese: Indem Sie strammste- die Documenta, in fünf Jah- hen auf dieser geilen Yacht. ren eine ganze Ausstellung Lachen im Publikum. nur mit Jonathan Meese zu SPIEGEL: Verstehen Sie sich als gestalten, wenn der nicht politischen Künstler? weiß, ob dann gerade die Meese: Die Kunst wird diese Kunst in ihn eindringt. mickrige politische Land- Meese: Aber zumindest bin schaft ersetzen. Die Leute ich demütig der Kunst gegen- werden alle abdanken. Adolf über, und man braucht keine PHOTOGRAPHIE JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM / VG BILD-KUNST 2012 Hitler hätte 1936 zur Olympia- Verbrechen von mir zu erwar- de abdanken müssen. Wenn ten. Ich spiele vielleicht den er von der Diktatur der Kunst dritten und vierten Weltkrieg, gewusst hätte oder gehört aber er wird ja nicht gemacht. hätte, hätte er abgedankt, SPIEGEL: Sind Sie, wenn Sie weil er auch nur das Radikals- als einziger Künstler der Do- te gesucht hat. cumenta ausstellen wollen, SPIEGEL: Dass er das getan hät- leicht größenwahnsinnig? te, wollen wir doch schwer Meese: Ich bin eine einfache bezweifeln, auch wenn es ein Ameise, die einfach ihren guter Schritt gewesen wäre. Dienst erfüllt. Meese: Natürlich. SPIEGEL: Kennen Sie noch an- SPIEGEL: Heute fordern Sie, dere Ameisen der Kunst? dass der Dalai Lama abdankt. Meese: Ja, ansatzweise. War- Meese: Der Dalai Lama muss hol hat der Kunst gedient. Zu aber ganz klar abdanken. Wie Zeiten auch Klaus Kinski, der kann das im Jahr 2012 noch ge- konnte von sich absehen, der hen? Wie kann man denn vor hat gespielt. Es geht ja um Menschen noch niederknien, das Spiel. Es ist das einzige es gibt doch gar keine heiligen Meese-Bild „… Marsch, Marsch …“, 2012: „Die geilste Wurst brutzeln“ Spiel der Zukunft, das keine Menschen. Das ist nämlich Opfer produziert. Hochmut. Wie in Griechenland, die Wiege Meese: Aber das sind miese Dadaisten. SPIEGEL: Nur für das Verständnis: Warum der Demokratie, das ist auch der Endpunkt. Die trauen der Kunst nichts zu. war Warhol eine Ameise der Kunst? Ja, das miese System Demokratie wird Viele Bonmots, viele Lacher. Ganz selten Meese: Warhol hat das Spiel der Masken genau da untergehen, wo es erschaffen wirkt Meese so, als müsse er selbst lachen. verstanden, er hat verstanden, dass es wurde. Der Teufelskreis schließt sich. Er betont, es sei „mit Humor gepflastert“, nicht um sein Ich geht. Das ist ja schon was er da sage. mal ganz gut, Hut ab! Die „Weltdiktatur der Demokratie“ ist SPIEGEL: Die Kunst spricht durch Sie zu SPIEGEL: Und Beuys? für Meese eine „Gehirnwaschanlage“, uns? Meese: Joseph Beuys war ichversaut zum eine Sekte. Alle wollten individuell sein, Meese: Ich bin doch kein Medium, kein Schluss bis zum Gehtnichtmehr, der hat seien aber gleichgeschaltet. Er sagt: „Frü- Schamane, das ist doch widerlich, igitt, da die Grüne Partei gegründet, das ist ja her hast du wenigstens noch gewusst, müssen Sie Beuys fragen. Es geht doch ganz grauenhaft. Da hat er versucht, die wenn du in ein stalinistisches Arbeitslager auch nicht darum, dass man malt oder so Kunst der Realpolitik unterzujubeln. Das D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 141
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    Kultur ist Hochverrat, Mann.Komischerweise Meese: Ich kann mir doch nicht von die- Haifisch. Ich rieche auch, wenn in Kassel sind alle Künstler heute linkspolitisch. Ist sen Psychopathen die Zeit und die Ener- irgendein geiles Kunstwerk entsteht. doch mickrig. Sei doch gar nichts. gie stehlen lassen. SPIEGEL: Und riechen Sie etwas? SPIEGEL: Sie haben ordentlich Karriere SPIEGEL: Meinen Sie die Kollegen oder die Meese: Nein, ich rieche gar nichts. Ich gemacht. Studenten? rieche ichversaute Typen, ist wahrschein- Meese: Durch Zufall. Ich wollte gar keine Meese: Beides. Die Kollegen, die alle auf lich nicht ganz so schlimm wie die Berlin machen. Das hat sich einfach so ergeben, Hierarchie Bock haben, das sind alles vor- Biennale, aber ist wahrscheinlich schon weil ich eben von der Diktatur der Kunst malige Anarchisten. Diese ganzen Anar- ziemlich grauenhaft. Eben ichversauter gehört habe. chisten, die mit mir studiert haben, die Dünnpfiff. Und wenn man sich das an- SPIEGEL: Wer hat Ihnen denn davon erzählt? sind alle ganz liebend gern Professoren schauen will, ins Gesicht schmieren, und Meese: Weiß ich nicht, ich hab es ge- geworden, um im demokratischen Furz- glaubt, das ist geil, hat man selber Schuld. träumt, oder es war meine Mutter oder system die Hämorrhoiden zu unterrich- Meese muss kurz lachen, hat sich aber ein Tier, oder ich habe mal nicht in den ten, die Studenten heißen. Diese Studen- nach ein paar Sekunden wieder im Griff. Spiegel geguckt. tenfürze sind Hämorrhoiden im Arsch SPIEGEL: Freut es Sie eigentlich, wenn Sie SPIEGEL: Leiden Sie auch ein Stück weit des Staates. Ich habe wenigstens noch er- hören, da gibt jemand 60 000 Euro für ein an der Kunst? Es sah so aus, als hätten kannt, dass ich ein mieses Studenten- Meese-Werk aus? Sie sich die vergangenen Jahre etwas zu- schwein war. Meese: Warum geben die nicht ganze rückgezogen. Freudiges Aufjohlen im Saal. Staatshaushalte aus? Es wäre doch geil, Meese: Ich leide doch nicht an der Kunst, SPIEGEL: Werden Sie auf die Documenta wenn ganz New York einfach Pleite macht ich leide daran, dass so wenig Kunst da gehen? und das System zusammenbricht. Wir se- ist. Ich leide darunter, dass mir irgend- Meese: Nein, das trau ich mich gar nicht. hen das doch in Griechenland. welche Skulpturen verkauft werden sol- SPIEGEL: Trauen Sie sich nicht, weil Sie da SPIEGEL: Haben die zu viele Meeses ge- len als Kunst, aber in Wirklichkeit Design erkannt werden? kauft? sind. Ich leide darunter, dass irgendwel- Meese: Ja, ich gehe da hin, wenn man mir Meese: Zu wenige! Warum soll nicht Kunst che beschissenen Malereien gezeigt wer- das absperrt und mich da alleine durch- alles kosten? Dann wird sich das Geld ab- den, die in Wirklichkeit nur hochgepushte führt. Ja, das ist nun einmal so, ich mein, schaffen, die Absurdität dieser ideologie- Illustrationen sind. Seit 1945 ist doch wenn man so aussieht wie ich. Wo will verseuchten Dinge wird an den Tag gelegt. nichts auf diesem Planeten passiert, keine man denn da noch hingehen? SPIEGEL: Sie geben Ihr Geld ja angeblich gute Literatur, nichts. Alles völlig verwäs- SPIEGEL: Heißt das, Sie lassen sich immer nicht für Kunst aus, sondern für Bücher. sert, alles Weichspülprogramm. alles absperren, wenn Sie Kunst ansehen? Meese: Ich liebe Bücher, es gibt noch ra- SPIEGEL: Wäre es nicht naheliegend, dass Meese: Man kann doch ins Internet gehen, dikale Bücher. Ich kaufe alles aus dem Na- Sie als Professor an die Unis gehen und man guckt das in Büchern nach. Außer- tionalsozialismus und alle Pornos, Man- da alles aufmischen? dem rieche ich das doch, ich bin doch ein gas. Alles, was sprießt. Alles mit Befehls-
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    menta ausstellen oderdu musst den deut- schen Pavillon auf der Biennale in Vene- dig machen, dann muss ich es machen. Dann kann ich ja nicht sagen, ich mache es jetzt nicht. Mutter ist Verbindungs- PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM/VG BILD-KUNST 2012 mann Nummer eins zur Diktatur der Kunst. SPIEGEL: Sind Sie angefragt worden für die nächste Biennale in Venedig? PHOTOGRAPHIE JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM Meese: Nein. Das trauen die sich nicht. Schallendes Gelächter von Meese. Und wenn, dann würde ich es ja mit Hu- mor machen oder auch nicht machen. Das muss man dann sehen. Ich bin ja da- für, dass sich Bayreuth ausdehnt, dass die Bühne immer größer wird, und dann kön- nen wir alles spielen. SPIEGEL: Würden Sie sich vor ein Gemälde von Gerhard Richter stellen und stramm- stehen? Meese: Ich kann sehr gut vor geilen Sa- chen strammstehen, da habe ich kein Pro- blem. Da mache ich gerne auch diesen Provokateur Meese, Manifest: „Seit 1945 Weichspülprogramm“ hier: Meese hebt den rechten Arm zum Hitler- struktur. Ich liebe es, Befehle zu empfan- Meese: Ja natürlich. Sie kommt nicht zu gruß. gen. Jonathan tu dies, Jonathan tu das, solchen Auftritten. Ich bin dann nicht Meese: Ich schreite so … wach auf, steh auf, dusch, geh ins Bad, mehr ihr Sohn, sagt sie. Wieder der Hitlergruß. schlaf jetzt. So ist meine Mutter. Das ist Meese sagt: „Soooohn“. Er ruft das Wort … gerne auch mal in meinem Atelier her- super, es wird immer präziser. Die hat ja geradezu. um. Das ist gut, das macht den Körper auch keine Zeit mehr, die ist 82. Ha. Aber ich bin natürlich ihr Sohn. Ich auf. Das ist nicht diese mickrige Bewe- SPIEGEL: Ist Ihre Mutter auch versiert in habe totalen Respekt vor ihr. Wenn sie gung nach innen. der Diktatur der Kunst? mir sagen würde, du musst auf der Docu- Er krümmt sich nach vorn.
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    Kultur PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM/VG BILD-KUNST 2012 Maler Meese mit seiner Mutter Brigitte 2006: „Ich bin dann nicht mehr ihr Sohn“ Oh, da finde ich mein Ich, meine Gefühle, Macht. Wieso gibt’s denn überhaupt noch springt auf und greift dem Störer an die meine Seele. Seele wiegt sieben Gramm, ideologische Repräsentation? Wie kann Schultern, fotografiert dann aber sofort wird rausgefurzt. denn das sein nach 1945, nach dem Null- die Scherben. Meese wirkt erschrocken, Schweißperlen auf Meeses Stirn, er wirkt punkt?“ Hitler, sagt er, sei der extremste reagiert aber freundlich. ein wenig ausgelaugt. Schauspieler gewesen, der habe Führer ge- SPIEGEL: Haben Sie eigentlich auch Künst- spielt. „So plausibel“, dass die Leute das Meese: Das ist genau das, was Realitäts- lerfreunde? plötzlich wollten. Doch man mache auch fanatismus ist. Junge, das ist Realitätsfa- Meese: Habe ich. Aber es werden immer nicht Darth Vader zum Führer. Eine junge natismus. weniger. Weil die so frustriert sind alle, Frau möchte einen Schluck von Meeses Co- Störer: Das Spiel ist aus! die wollen nichts mehr. Die nehmen das la haben. Ernsthaftere Fragen folgen. Eine Meese: Das hier geht nicht. Nicht ein Glas einfach hin, was so passiert. Die finden lautet: „Ganz präzise: Was will die Kunst?“ kaputt machen. Das Glas kann doch alles dann gut, wenn es für sie gut ist. nichts dafür. SPIEGEL: Sind das auch Professoren? Meese: Die Kunst will den Neustart, Tabu- Störer: Das Spiel ist aus! Meese: Viele von denen, die wollen ihren la rasa. Wir müssen alles vom Tisch ziehen. Meese: Keine Sachen kaputt machen. Das Dreck weitergeben, natürlich, wollen ih- Du kannst ja FDP sein in deinem Hobby- ist Realitätsfanatismus. Jetzt wurde eben re Studenten und Studentinnen durch- keller, aber niemals auf der Straße, niemals die Bühne zur Realität gemacht … Der bumsen. Ist doch auch o. k. Aber können in einem Parlament. Immer wieder kommt will wahrscheinlich wirklich noch was. es doch wenigstens sagen, worum es geht. ein neues mickriges Abziehbild von Adolf Zwischenruf aus dem Publikum: Der ist Oder die Hierarchie bilden. Aber früher Hitler. Lass sie doch ruhen, Mann! Er ist Künstler wie du. schön anarchistisch. Deshalb habe ich da gewesen, wir brauchen diese mickrigen Meese: Ja. Aber er muss dienen lernen … mich auch zurückgezogen, um mich ab- Kopien nicht mehr. Wir hätten schon bei Der will irgendwas. zugrenzen, Kraft zu tanken. Caligula sagen müssen: „Danke schön für Zwischenruf aus dem Publikum: Aber was SPIEGEL: Haben Sie an dieser ganzen Ent- den Losungsspruch, Hodensack!“ Guckt will er? wicklung gelitten? euch Caligula im Film an, das reicht doch! Meese: Weiß ich nicht, ihr müsst ihn be- Meese. Ja, klar. Vor zehn Jahren war es Und das ist die konkrete Ansage: „Mach fragen. Da ist jetzt der wunde Punkt pas- doch noch viel geiler, da war noch ein den Tisch rein! Mach Tabula rasa bei dir!“ siert. Und dieser Mann, der das gemacht familiäres Ding unterwegs. Und plötz- Vor der Kunst müssen Sie nicht nieder- hat, ist ganz toll. Aber er soll es nicht lich zersplittert das alles. Das ist wie bei knien, es gibt keine niederknienden Babys. wieder machen. Ich muss jetzt auch gleich den Parteien. Jetzt kommen auch noch Kein Baby betet. Warum nicht? Warum abzischen. Ich bin jetzt auch so traurig die Piraten. Ganz ichversaute Typen. Im- wird diese Frage nicht gestellt? Wenn es und glücklich zugleich. mer verfeinertere Leberwürste sind un- einen Gott gäbe, hätte er die Babys schon Applaus. terwegs. betend auf die Welt gebracht. Aber nein, das gibt es nicht, das sind Erfindungen. Das Publikum darf Fragen stellen. Ein jun- Das ist alles Bevormundung! Video: ger Mann will wissen, ob die Atombombe Auftritt des eine Bedeutung für die Kunst hat und auch Ein junger Zuschauer bahnt sich den Weg Wut-Künstlers für Hitler gehabt haben könnte. Meese ist durchs Publikum zum Podium. Langsam, Für Smartphone-Benutzer: begeistert und antwortet: „Wir brauchen aber bestimmt wischt der junge Mann Bildcode scannen, etwa mit doch gar keine Menschen mehr an der die Gläser vom Tisch. Meeses Assistent der App „Scanlife“. 144 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Im Auftrag desSPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Bestseller Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller Belletristik Sachbücher 1 (1) Jonas Jonasson 1 (1) Thilo Sarrazin Der Hundertjährige, der aus dem Europa braucht den Euro nicht Fenster stieg und verschwand DVA; 22,99 Euro Carl’s Books; 14,99 Euro 2 (3) Rolf Dobelli 2 (2) P. C. Cast / Kristin Cast Die Kunst des klaren Denkens Bestimmt – House of Night 9 Hanser; 14,90 Euro FJB; 16,99 Euro 3 (2) Philippe Pozzo di Borgo 3 (3) Donna Leon Ziemlich beste Freunde Reiches Erbe Hanser Berlin; 14,90 Euro Diogenes; 22,90 Euro 4 (4) David Graeber 4 (4) Suzanne Collins Schulden – Die ersten 5000 Jahre Die Tribute von Panem – Klett-Cotta; 26,95 Euro Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro 5 (5) Daniel Kahnemann 5 (5) Suzanne Collins Schnelles Denken, langsames Die Tribute von Panem – Denken Siedler; 26,99 Euro Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro 6 (6) Samuel Koch / Christoph Fasel 6 (8) Rachel Joyce Zwei Leben Die unwahrscheinliche Pilgerreise Adeo; 17,99 Euro des Harold Fry Krüger; 18,99 Euro 7 (8) Hans-Ulrich Grimm 7 (6) Jean-Luc Bannalec Vom Verzehr wird abgeraten Bretonische Verhältnisse Droemer; 18 Euro Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro 8 (–) Steffen Möller 8 (7) Suzanne Collins Expedition zu Die Tribute von Panem – Tödliche den Polen Spiele Oetinger; 17,90 Euro Malik; 14,99 Euro 9 (–) Karen Rose Todesherz Knaur; 16,99 Euro Reisereportage als Länderkunde: der in Warschau lebende Kabarettist über Sitten und Gebräuche Amerikanischer Thriller unserer Nachbarn über eine Gerichts- medizinerin, die ins 9 (10) Joachim Gauck Visier eines brutalen Freiheit Kösel; 10 Euro Mörders gerät 10 (12) Adam Zamoyski 1812 – Napoleons Feldzug in 10 (9)Jussi Adler-Olsen Russland C. H. Beck; 29,95 Euro Das Alphabethaus dtv; 15,90 Euro 11 (11) Norbert Robers 11 (–) George R. R. Martin Joachim Gauck – Vom Pastor zum Der Sohn des Greifen – Das Lied Präsidenten – Die Biografie von Eis und Feuer 9 Penhaligon; 16 Euro Koehler & Amelang; 19,90 Euro 12 (10) Dora Heldt 12 Carsten Maschmeyer (9) Bei Hitze ist es wenigstens Selfmade Ariston; 19,99 Euro nicht kalt dtv; 14,90 Euro 13 (14) Bill Mockridge 13 (11) Sarah Lark Je oller, je doller Die Tränen der Maori-Göttin Scherz; 14,99 Euro Bastei Lübbe; 15,99 Euro 14 (15) Dieter Nuhr 14 (13) Nicholas Sparks Der ultimative Ratgeber für alles Mein Weg zu dir Bastei Lübbe; 12,99 Euro Heyne; 19,99 Euro 15 (13) Joe Bausch 15 (12) Michael Robotham Knast Der Insider Ullstein; 19,99 Euro Goldmann; 14,99 Euro 16 (7) Jürgen Domian 16 (16) Jussi Adler-Olsen Interview mit dem Tod Erlösung Gütersloher Verlagshaus; 16,99 Euro dtv; 14,90 Euro 17 (19) Thomas Kistner 17 (17) Jussi Adler-Olsen Fifa-Mafia Schändung Droemer; 19,99 Euro dtv; 14,90 Euro 18 (18) Cid Jonas Gutenrath 18 (15) Josephine Angelini 110 – Ein Bulle hört zu – Aus der Göttlich verloren Notrufzentrale der Polizei Dressler; 19,95 Euro Ullstein extra; 14,99 Euro 19 (14) Martin Walker 19 (17) Walter Isaacson Delikatessen Steve Jobs Diogenes; 22,90 Euro C. Bertelsmann; 24,99 Euro 20 (18) Markus Heitz 20 (–) St John Greene Oneiros – Tödlicher Fluch Gib den Jungs zwei Küsse Knaur; 14,99 Euro Marion von Schröder; 18 Euro D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 145
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    Kultur Alles auf Anfang Der Band „Beginners“ präsentiert Erzählungen des US-Autors LITERATURKRITIK: Raymond Carver endlich in ihrer ursprünglichen Form. Z wei junge Männer, beide verheira- Lish in die Manuskripte des vier Jahre nale Eingriffe. Verändert wurden alle, tet, einer schon Familienvater, fah- jüngeren Autors erheblich eingriff. Er und nicht alle zu ihrem Vorteil. So sind ren durch die Gegend. Einfach so, strich ganze Absätze, änderte Namen, etwa die Urfassungen der großartigen ziellos. Beste Freunde sind sie, seit Ju- verkürzte Sätze, eliminierte retardieren- Erzählungen „Pavillon“ und „Anfänger“ gendtagen. Und sie finden, dass Männer de Passagen. Carver, der Lish seit 1967 den gekürzten Versionen eindeutig über- sich gelegentlich mal loseisen müssen von kannte, ließ ihn gewähren. legen. ihren Frauen. Die Geschichte mit dem Mädchenmord Nun gibt es endlich auch eine – sehr Jerry entdeckt die zwei Mädchen auf erschien 1981 zusammen mit 16 anderen gute – deutsche Übersetzung des Buchs, den Fahrrädern als Erster. Er und Bill in dem Carver-Band „What We Talk das freilich nicht einfach „Anfänger“ sprechen die beiden an und laden sie ein, about When We Talk about Love“ – auch heißt, sondern den englischen Titel „Be- ein Stückchen mit ihnen zu fahren. der geniale Buchtitel stammt vom Lektor. ginners“ übernimmt, um den Untertitel Aber die Mädchen wollen nicht. Erst Wie Lish im Einzelnen vorging, in wel- „Uncut“ ergänzt. Ohne Schnitt, Original- scherzen sie noch, dann wird ihnen die chem Ausmaß er die Erzählungen Car- fassung: Das soll nach Kino klingen, und Situation auf der Landstra- es darf dabei an Robert Alt- ße unheimlich. Sie schmei- mans Film „Short Cuts“ ßen ihre Räder hin und (1993) gedacht werden, der laufen davon, einen Hang weitgehend auf Carvers hinauf. Die Männer hin- Storys basiert und den Er- terher. zähler in Deutschland be- Aus dem erhofften Aben- kannt gemacht hat. teuer wird nichts. Die Gleichzeitig ist im Verlag Mädchen sind am Ende tot. S. Fischer auch eine Aus- Abrupter Schluss der Er- gabe der gekürzten Erzäh- zählung: „Jerry nahm den- lungen unter dem alten selben Stein bei beiden Titel „Wovon wir reden, Mädchen, zuerst bei dem wenn wir von Liebe reden“ Mädchen, das Sharon hieß, als Taschenbuch neu aufge- und dann bei der, die Bills legt worden. Die parallele sein sollte.“ Lektüre der Geschichten in Kurz und knapp. Dafür beiden Fassungen lehrt BOB ADELMAN/CORBIS ist der Erzähler Raymond mehr über das Entstehen Carver bekannt, der 1988 von Literatur als jedes mit nur 50 Jahren an Lun- Schreibseminar. genkrebs starb. Der lako- Der berühmte Carver- nische Stil, der sogar noch Schriftsteller Carver 1984 Ton und der frühe Ruhm den von Hemingway in des Autors verdanken sich den Schatten stellt, brach- tatsächlich weitgehend dem te ihm Ruhm und die Ver- Lektor. Doch was einst ehrung von Lesern, Kritikern und Kolle- vers manipulierte, das lässt sich inzwi- Mode war, wirkt heute vielfach nur mo- gen ein. schen beantworten – ebenso die immer disch. Die ruhigeren Erstfassungen aber Eigentlich ist das Ende der Erzählung wieder gestellte Frage, ob nicht er es war, kommen zum Teil wie zeitlos daher. „Sag den Frauen, dass wir wegfahren“ ein der überhaupt erst den typischen Carver- Gordon Lish war, keine Frage, Carvers anderes gewesen, und die Geschichte war Sound geschaffen hat. wichtigster Förderer, sein Freund und doppelt so lang. In der ursprünglichen Vor drei Jahren sind in den USA – auf erster Adressat. Seine durchaus selbstherr- Fassung kommt es zu einer Vergewalti- beharrliches Betreiben von Carvers Wit- lichen Eingriffe stießen freilich auf Skep- gung, und nur eine der beiden jungen we Tess Gallagher – die Texte des Erzähl- sis seitens des Autors. Dennoch: Als Car- Frauen muss sterben. Jerry fürchtet, dass bands in ihrer ursprünglichen Form und ver sich entschloss, ein wenig unabhängi- sie ihn anzeigen könnte. Er schlägt ihr unter dem Titel „Beginners“ veröffent- ger zu werden und mehr auf sich selbst zu einen Stein auf den Kopf, immer wieder. licht worden. vertrauen, überfiel ihn eine fast existen- Carver beschreibt das ausführlich. Am Die Edition der Erstfassungen ist aus- tielle Angst vor Liebesentzug. Ende liegen sich die Freunde weinend gestattet mit Begleitworten, Anmerkun- Nachdem er 1982 einen neuen Erzähl- und ratlos in den Armen. gen und Briefdokumenten. Verblüffend band fertiggestellt hatte, bat Raymond Es war schon zu Carvers Lebzeiten sind die Prozentangaben, die das Ausmaß Carver den Mann, der für ihn eine Licht- kein Geheimnis, dass sein Lektor Gordon der Streichungen durch Lish zeigen, be- gestalt war, fast flehentlich in einem Brief: zogen auf die Anzahl der Wörter. „Bitte hilf mir mit diesem Buch als guter Raymond Carver: „Beginners. Uncut“. Aus dem ameri- Um bis zu 78 Prozent des Textes hat Lektor, als der beste.“ Und mutig setzte kanischen Englisch von Manfred Allié u. a. S. Fischer der Lektor einzelne Geschichten gekürzt, er hinzu: „Aber nicht als Ghostwriter.“ Verlag, Frankfurt am Main; 368 Seiten; 21,99 Euro. bei anderen wiederum gibt es nur margi- VOLKER HAGE 146 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Impressum Service Ericusspitze 1, 20457 Hamburg, Telefon (040) 3007-0 · Fax -2246 (Verlag), -2247 (Redaktion) Leserbriefe SPIEGEL-Verlag, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg E-Mail spiegel@spiegel.de · Facebook www.facebook.com/DerSpiegel · SPIEGEL ONLINE www.spiegel.de Fax: (040) 3007-2966 E-Mail: leserbriefe@spiegel.de Fragen zu SPIEGEL-Artikeln / Recherche HERAUSGEBER Rudolf Augstein (1923 – 2002) D Ü S S E L D O R F Georg Bönisch, Frank Dohmen, Barbara Schmid- Telefon: (040) 3007-2687 Fax: (040) 3007-2966 Schalenbach, Carlsplatz 14/15, 40213 Düsseldorf, Tel. (0211) 86679-01, E-Mail: artikel@spiegel.de CHEFREDAKTEURE Georg Mascolo (V. i. S. d. P.), Fax 86679-11 Nachdruckgenehmigungen für Texte und Grafiken: Mathias Müller von Blumencron Nachdruck und Angebot in Lesezirkeln nur mit schrift- FRANKFURT AM MAIN Matthias Bartsch, Martin Hesse, Simone Kaiser, STELLV. CHEFREDAKTEURE Klaus Brinkbäumer, Dr. Martin Doerry Anne Seith, An der Welle 5, 60322 Frankfurt am Main, Tel. (069) licher Genehmigung des Verlags. Das gilt auch für 9712680, Fax 97126820 die Aufnahme in elektronische Datenbanken und Mail- Politischer Autor: Dirk Kurbjuweit KARLSRUHE Dietmar Hipp, Waldstraße 36, 76133 Karlsruhe, Tel. (0721) boxen sowie für Vervielfältigungen auf CD-Rom. D E U T S C H E P O L I T I K · H AU P T STA DT B Ü RO Leitung: Konstantin von 22737, Fax 9204449 Deutschland, Österreich, Schweiz: Hammerstein, René Pfister (stellv.). Redaktion Politik: Ralf Beste, Ul- M Ü N C H E N Dinah Deckstein, Conny Neumann, Steffen Winter, Telefon: (040) 3007-2869 Fax: (040) 3007-2966 rike Demmer, Christoph Hickmann, Peter Müller, Ralf Neukirch, Gor- Rosental 10, 80331 München, Tel. (089) 4545950, Fax 45459525 E-Mail: nachdrucke@spiegel.de don Repinski, Merlind Theile. Autor: Markus Feldenkirchen ST U T TG A RT Eberhardstraße 73, 70173 Stuttgart, Tel. (0711) 664749-20, übriges Ausland: Redaktion Wirtschaft: Sven Böll, Markus Dettmer, Katrin Elger. Re- Fax 664749-22 New York Times News Service/Syndicate porter: Alexander Neubacher, Christian Reiermann REDAKTIONSVERTRE TUNGEN AUSL AND E-Mail: nytsyn-paris@nytimes.com Meinung: Dr. Gerhard Spörl ABU DHABI Alexander Smoltczyk, P. O. Box 35 290, Abu Dhabi Telefon: (00331) 41439757 DEUTSCHL AND Leitung: Alfred Weinzierl, Cordula Meyer (stellv.), Dr. AT H E N Julia Amalia Heyer, Pindarou 23, Kolonaki, 10673 Athen, Tel. für Fotos: Markus Verbeet (stellv.); Hans-Ulrich Stoldt (Panorama, Personalien). (0030) 2103621412 Redaktion: Jan Friedmann, Michael Fröhlingsdorf, Hubert Gude, Telefon: (040) 3007-2869 Fax: (040) 3007-2966 BANGKOK Thilo Thielke, Tel. (0066) 22584037 E-Mail: nachdrucke@spiegel.de Carsten Holm (Hausmitteilung, Online-Koordination), Anna Kistner, Petra Kleinau, Guido Kleinhubbert, Bernd Kühnl, Gunther Latsch, B RÜ S S E L Christoph Pauly, Christoph Schult, Bd. Charlemagne 45, SPIEGEL-Shop Udo Ludwig, Christoph Scheuermann, Katharina Stegelmann, Andreas 1000 Brüssel, Tel. (00322) 2306108, Fax 2311436 SPIEGEL-Bücher, SPIEGEL-TV-DVDs, Titelillustra- Ulrich, Antje Windmann. Autoren, Reporter: Jürgen Dahlkamp, Dr. ISTANBUL PK 90 Beyoglu, 34431 Istanbul, Tel. (0090212) 2389558, Fax tionen als Kunstdruck und eine große Auswahl an Thomas Darnstädt, Gisela Friedrichsen, Beate Lakotta, Bruno Schrep, 2569769 weiteren Büchern, CDs, DVDs und Hörbüchern unter Dr. Klaus Wiegrefe KAIRO Volkhard Windfuhr, 18, Shari’ Al Fawakih, Muhandisin, Kairo, www.spiegel.de/shop Berliner Büro Leitung: Holger Stark, Frank Hornig (stellv.). Redaktion: Tel. (00202) 37604944, Fax 37607655 Abonnenten zahlen keine Versandkosten. Sven Becker, Markus Deggerich, Özlem Gezer, Sven Röbel, Marcel LO N D O N Marco Evers, Suite 266, 33 Parkway, London NW1 7PN, Tel. Rosenbach, Michael Sontheimer, Andreas Wassermann, Peter Wen- SPIEGEL-Einzelhefte (bis drei Jahre zurückliegend) (004420) 32394776, Fax 75045867 Telefon: (040) 3007-2948 sierski. Autoren: Stefan Berg, Jan Fleischhauer W I R T S C H A F T Leitung: Armin Mahler, Michael Sauga (Berlin), MADRID Apartado Postal Número 100 64, 28080 Madrid, Tel. (0034) Fax: (040) 3007-857050 650652889 E-Mail: nachbestellung@spiegel.de Thomas Tuma. Redaktion: Susanne Amann, Markus Brauck, Isabell Hülsen, Alexander Jung, Nils Klawitter, Alexander Kühn, Martin U. MOSKAU Matthias Schepp, Ul. Bol. Dmitrowka 7/5, Haus 2, 125009 Ältere SPIEGEL-Ausgaben Müller, Jörg Schmitt, Janko Tietz. Autoren, Reporter: Markus Grill, Moskau, Tel. (007495) 96020-95, Fax 96020-97 Telefon: (08106) 6604 Fax: (08106) 34196 Dietmar Hawranek, Stefan Niggemeier, Michaela Schießl NAIROBI Horand Knaup, P. O. Box 1402-00621, Nairobi, Tel. (00254) E-Mail: spodats@t-online.de AU S L A N D Leitung: Hans Hoyng, Dr. Christian Neef (stellv.), Britta 207123387 Kundenservice Sandberg (stellv.), Bernhard Zand (stellv.). Redaktion: Dieter Bednarz, NEW YORK Ullrich Fichtner, Thomas Schulz, 10 E 40th Street, Suite Persönlich erreichbar Mo. – Fr. 8.00 – 19.00 Uhr, Manfred Ertel, Jan Puhl, Daniel Steinvorth, Helene Zuber. Reporter: 3400, New York, NY 10016, Tel. (001212) 2217583, Fax 3026258 Clemens Höges, Susanne Koelbl, Walter Mayr, Christoph Reuter Sa. 10.00 – 16.00 Uhr PA R I S Mathieu von Rohr, 12, Rue de Castiglione, 75001 Paris, Tel. SPIEGEL-Verlag, Abonnenten-Service, Diplomatischer Korrespondent: Dr. Erich Follath (00331) 58625120, Fax 42960822 20637 Hamburg WISSENSCHAFT UND TECHNIK Leitung: Johann Grolle, Olaf Stampf. PEKING Dr. Wieland Wagner, P. O. Box 170, Peking 100101, Tel. 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Autoren, Reporter: Georg Diez, Wolfgang Höbel, 94915, Tel. (001415) 7478940 E-Mail: aboservice@spiegel.de Dr. Romain Leick, Matthias Matussek, Katja Thimm, Dr. Susanne SHANGHAI Sandra Schulz, Wukang Road 115, Room 3, Xuhui District, Kundenservice Schweiz Weingarten Shanghai 200031, Tel. (008621) 64661293 Telefon: (0049) 40-3007-2700 Fax: (0049) 40-3007-3070 KulturSPIEGEL: Marianne Wellershoff (verantwortlich). Tobias STAVANGER Gerald Traufetter, Rygjaveien 33a, 4020 Stavanger, Tel. E-Mail: kundenservice-schweiz@spiegel.de Becker, Johan Dehoust, Anke Dürr, Maren Keller, Daniel Sander (0047) 51586252, Fax 51583543 Abonnement für Blinde GESELLSCHAF T Leitung: Matthias Geyer, Cordt Schnibben, Barbara TEL AVIV Juliane von Mittelstaedt, P. O. Box 8387, Tel Aviv-Jaffa 61083, Audio Version, Deutsche Blindenstudienanstalt e. V. Supp (stellv.). Redaktion: Hauke Goos, Barbara Hardinghaus, Wiebke Tel. (009723) 6810998, Fax 6810999 Telefon: (06421) 606265 Hollersen, Ralf Hoppe, Ansbert Kneip, Dialika Neufeld, Bettina Stiekel, Elektronische Version, Frankfurter Stiftung für Blinde Takis Würger. Reporter: Uwe Buse, Jochen-Martin Gutsch, Thomas WA RS C H AU P. O. Box 31, ul. Waszyngtona 26, PL- 03-912 Warschau, Hüetlin, Guido Mingels, Alexander Osang Tel. (004822) 6179295, Fax 6179365 Telefon: (069) 955124-0 S P O RT Leitung: Gerhard Pfeil, Michael Wulzinger. Redaktion: Lukas WAS H I N GTO N Marc Hujer, Dr. Gregor Peter Schmitz, 1202 National Abonnementspreise Eberle, Cathrin Gilbert, Maik Großekathöfer, Detlef Hacke, Jörg Press Building, Washington, D. C. 20045, Tel. (001202) 3475222, Fax Inland: zwölf Monate € 197,60 Kramer 3473194 Sonntagszustellung per Eilboten Inland: € 717,60 S O N D E RT H E M E N Leitung: Dietmar Pieper, Annette Großbongardt DOKUMENTATION Dr. Hauke Janssen, Axel Pult (stellv.), Peter Wahle Studenten Inland: 52 Ausgaben € 153,40 inkl. (stellv.), Norbert F. Pötzl (stellv.). Redaktion: Annette Bruhns, Angela (stellv.); Jörg-Hinrich Ahrens, Dr. Anja Bednarz, Ulrich Booms, sechsmal UniSPIEGEL Gatterburg, Uwe Klußmann, Joachim Mohr, Bettina Musall, Dr. Dr. Helmut Bott, Viola Broecker, Dr. Heiko Buschke, Andrea Curtaz- Schweiz: zwölf Monate sfr 361,40 Johannes Saltzwedel, Dr. Rainer Traub Wilkens, Johannes Eltzschig, Johannes Erasmus, Klaus Falkenberg, Europa: zwölf Monate € 252,20 Cordelia Freiwald, Anne-Sophie Fröhlich, Dr. André Geicke, Silke MULTIMEDIA Jens Radü; Nicola Abé, Roman Höfner, Marco Kasang, Geister, Catrin Hammy, Thorsten Hapke, Susanne Heitker, Carsten Außerhalb Europas: zwölf Monate € 330,20 Bernhard Riedmann Hellberg, Stephanie Hoffmann, Bertolt Hunger, Joachim Immisch, Ma- Der digitale SPIEGEL: zwölf Monate € 197,60 C H E F V O M D I E N ST Thomas Schäfer, Katharina Lüken (stellv.), rie-Odile Jonot-Langheim, Michael Jürgens, Tobias Kaiser, Renate Befristete Abonnements werden anteilig berechnet. Holger Wolters (stellv.) Kemper-Gussek, Jessica Kensicki, Jan Kerbusk, Ulrich Klötzer, Ines Köster, Anna Kovac, Peter Lakemeier, Dr. Walter Lehmann-Wiesner, S C H LU S S R E DA KT I O N Anke Jensen; Christian Albrecht, Gesine Block, Michael Lindner, Dr. Petra Ludwig-Sidow, Rainer Lübbert, Nadine Abonnementsbestellung Regine Brandt, Reinhold Bussmann, Lutz Diedrichs, Bianca Hunekuhl, Markwaldt-Buchhorn, Dr. Andreas Meyhoff, Gerhard Minich, Cornelia bitte ausschneiden und im Briefumschlag senden an Sylke Kruse, Maika Kunze, Stefan Moos, Reimer Nagel, Dr. Karen Ortiz, Moormann, Tobias Mulot, Bernd Musa, Nicola Naber, Margret Nitsche, SPIEGEL-Verlag, Abonnenten-Service, Manfred Petersen, Fred Schlotterbeck, Tapio Sirkka, Ulrike Wallenfels Malte Nohrn, Sandra Öfner, Thorsten Oltmer, Axel Rentsch, Thomas 20637 Hamburg – oder per Fax: (040) 3007-3070. P RO D U KT I O N Solveig Binroth, Christiane Stauder, Petra Thormann; Riedel, Andrea Sauerbier, Maximilian Schäfer, Marko Scharlow, Rolf Ich bestelle den SPIEGEL Christel Basilon, Petra Gronau, Martina Treumann G. Schierhorn, Mirjam Schlossarek, Dr. Regina Schlüter-Ahrens, Mario ❏ für € 3,80 pro Ausgabe (Normallieferung) BILDREDAKTION Michael Rabanus (verantwortlich für Innere Heftge- Schmidt, Andrea Schumann-Eckert, Dr. Kristina Schuricht, Ulla Sie- ❏ für € 3,80 pro digitale Ausgabe genthaler, Rainer Staudhammer, Tuisko Steinhoff, Dr. Claudia Stodte, staltung), Michaela Herold (Ltg.), Claudia Jeczawitz, Claus-Dieter Stefan Storz, Rainer Szimm, Dr. Eckart Teichert, Nina Ulrich, Ursula ❏ für € 0,50 pro digitale Ausgabe zusätzlich zur Schmidt; Sabine Döttling, Torsten Feldstein, Thorsten Gerke, Andrea Wamser, Peter Wetter, Kirsten Wiedner, Holger Wilkop, Karl-Henning Normallieferung Huss, Antje Klein, Elisabeth Kolb, Matthias Krug, Peer Peters, Karin Windelbandt, Anika Zeller ❏ für € 13,80 pro Ausgabe (Eilbotenzustellung am Weinberg, Anke Wellnitz. E-Mail: bildred@spiegel.de Sonntag) mit dem Recht, jederzeit zum Monatsende SPIEGEL Foto USA: Susan Wirth, Tel. (001212) 3075948 LESER-SERVICE Catherine Stockinger zu kündigen. GRAFIK Martin Brinker, Johannes Unselt (stellv.); Cornelia Baumer- N AC H R I C H T E N D I E N ST E AFP, AP, dpa, Los Angeles Times / Washing- Das Geld für bezahlte, aber noch nicht gelieferte Hefte mann, Ludger Bollen, Thomas Hammer, Anna-Lena Kornfeld, Gernot ton Post, New York Times, Reuters, sid bekomme ich zurück. Matzke, Cornelia Pfauter, Julia Saur, Michael Walter SPIEGEL-VERL AG RUDOLF AUGSTEIN GMBH & CO. KG Bitte liefern Sie den SPIEGEL an: L AYO U T Wolfgang Busching, Jens Kuppi, Reinhilde Wurst (stellv.); Verantwortlich für Anzeigen: Norbert Facklam Michael Abke, Katrin Bollmann, Claudia Franke, Bettina Fuhrmann, Gültige Anzeigenpreisliste Nr. 66 vom 1. Januar 2012 Name, Vorname des neuen Abonnenten Ralf Geilhufe, Kristian Heuer, Nils Küppers, Sebastian Raulf, Barbara Mediaunterlagen und Tarife: Tel. 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Ein Widerrufsrecht besteht nicht. DER SPIEGEL (USPS No. 0154520) is published weekly by SPIEGEL VERLAG. Subscription price for USA is $ 350 per annum. K.O.P.: German Language Pub., 153 S Dean St, Englewood, NJ 07631. Datum, Unterschrift des neuen Abonnenten SP12-001 Periodicals postage is paid at Englewood, NJ 07631, and additional mailing offices. Postmaster: SD12-006 Send address changes to: DER SPIEGEL, GLP, P.O. Box 9868, Englewood, NJ 07631. SD12-008 (Upgrade) 148 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Jeden Tag. 24Stunden. MONTAG, 11. 6., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1 SPIEGEL TV REPORTAGE Häuserkampf: Wenn Mieter auf Spekulanten treffen Die Preise für Wohnimmobilien in Berlin stiegen im vergangenen Jahr um bis zu 45 Prozent. Entsprechend rabiat sind die Methoden der Spe- kulanten, Mieter aus den begehrten Wohnungen herauszubekommen: zugemauerte Fenster, Baulärm und ein juristischer Kleinkrieg. Utta Sei- denspinner über den Kampf ums Betongold. ARIS MESSINIS / AFP SONNTAG, 10. 6., 22.15 – 23.00 UHR | RTL SPIEGEL TV MAGAZIN Die große Verschwendung – Warum so viele Lebensmittel im Müll landen THEMA DER WOCHE Nahrungsmittel im Wert von rund Schicksalswahl in Athen 100 Milliarden Euro werden jedes Jahr in Europa weggeworfen. Betei- ligt daran sind sowohl Erzeuger und Die Griechen wählen ein neues Parlament. Handel als auch die übersättigten Hoffnung auf den Sieg macht sich die Verbraucher. 330 Euro, so viel kos- radikale Linke, die den Sparkurs aufgeben ten die Lebensmittel im Durchschnitt, will. Gewinnt sie, steht das Rettungs- SIMELA PANTZARTZI / DPA programm auf der Kippe – und damit die Zukunft der Euro-Zone. SPIEGEL- ONLINE-Reporter berichten aus Athen, Brüssel und Berlin. SPORT | Özil & Co. gegen Oranje In ihrem zweiten EM-Gruppenspiel trifft die deutsche Nationalmannschaft auf SPIEGEL TV die Niederlande. Es geht um die Vorentscheidung im Kampf um den Viertelfinal- Einzug. Liveticker, Videos und Spielanalysen. SPIEGEL-TV-Reporterin Maria Gresz GESUNDHEIT | Abspeck-Test die jeder einzelne Bürger jährlich in Weight Watchers ist eines der größten Diät-Netzwerke der Welt. SPIEGEL den Abfall wirft. Doch warum ist ONLINE analysiert, ob das Punktesystem wirklich hilft. das so? SPIEGEL TV begab sich auf eine weltweite Suche nach Ant- PANORAMA | Hi, Society! worten. Pannen, Paare, Prominente: Mit „Bling!“ wissen Sie sofort Bescheid. Unser neues Videoblog informiert Sie über das Glamourthema der Woche. DIENSTAG, 12. 6., 20.15 – 21.05 UHR | SKY SPIEGEL GESCHICHTE Merry Old England – Geschichten von der Insel, Folge 4 FÜR SMARTPHONES | Jetzt geht’s App! Es waren schon immer die ganz Die SPIEGEL-ONLINE-App fürs iPhone normalen Bürger, die dem britischen ist jetzt noch besser: mehr Infos auf Königshaus Rückhalt gaben. An den einen Blick, Tor-Alarm für Fußballspiele, Krisen und Glücksmomenten der einfaches Eilmeldungsabo. Auch die Royals, ihren Tragödien und Hoch- DPA/SPIEGEL ONLINE Android-App wurde verbessert. Laden zeiten nehmen sie Anteil, als gehör- Sie das kostenlose Update aus Apples ten Queen Elizabeth II. und ihr Clan AppStore oder aus dem Android-Store zur eigenen Familie. In der Doku- Google Play! mentation „Merry Old England“ zum 60. Thronjubiläum der Königin kom- men sie zu Wort – die wahren Stützen www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist der britischen Monarchie. D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 149
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    Register GESTORBEN er sich aus dem Tagesgeschäft zurück, blieb aber dem Unternehmen eng ver- Ray Bradbury, 91. Die Abschaffung der bunden. Paul Pietsch starb am 31. Mai in Bücher, wandgroße Flachbildschirme, auf Karlsruhe. denen verdummte Konsumenten live erleben, wie mobile Tötungsmaschinen Abu Jahja al-Libi, auf Mitte vierzig ge- ihr menschliches Ziel unerbittlich verfol- schätzt. Die Flucht des in Libyen Gebo- gen und hinrichten – renen („al-Libi“) aus dem US-Gefängnis was Bradbury 1953 in im afghanischen Bagram blamierte 2005 seinem berühmtesten die Vereinigten Staaten. Nach dem Tod Roman „Fahrenheit von Osama Bin Laden im vergangenen 451“ als absurde Hor- Jahr galt Libi als Zweitranghöchster des rorvision zeichnete, Terrornetzwerks al-Qaida. Seine Anhän- ULF ANDERSEN/LAIF / /LAIF wirkt heute beunru- ger feierten ihn als Helden im Kampf ge- higend vorausschau- gen die USA. Wie kein anderes Mitglied end. Der Technik- der islamistischen Terrororganisation trat skeptiker aus Wauke- Libi in Propagandavideos im Internet auf. gan, Illinois, prägte Er ist bereits das siebte führende Qaida- die US-amerikani- Mitglied, das seit dem Auffinden Bin sche Science-Fiction-Literatur wie kein Ladens durch eine US-Drohne getötet anderer. Bereits mit zwölf schrieb der wurde. Abu Jahja al-Libi starb am 4. Juni leidenschaftliche Hobbyzauberer sein ers- in Mir Ali, Pakistan. tes Werk. An seinem Lebensende konnte der Autor auf eine Bilanz von einem Bob Welch, 65. Fast vier Jahre lang war Dutzend Romanen („Die Mars-Chroni- der in Los Angeles geborene Sohn eines ken“) und etwa 600 Kurzgeschichten Filmproduzenten Sänger und Gitarrist bei zurückblicken, die in 36 Sprachen über- Fleetwood Mac, und setzt wurden. Ray Bradbury starb am doch verpasste er die 5. Juni in Los Angeles. erfolgreichste Phase der Rockband. Ende Zvi Aharoni, 91. Der berühmteste Fall des 1974, nur ein halbes israelischen Geheimdienstagenten ging Jahr vor ihrem Durch- GAB ARCHIVE / REDFERNS in die Geschichte ein: 1960 spürte Aha- bruch in den USA, roni den früheren SS-Obersturmbann- verließ er Fleetwood führer Adolf Eichmann in Argentinien Mac. Drei Jahre spä- auf und brachte ihn nach Israel. Es war ter nahm er mit der größte Coup im Leben des Nazi-Jä- Unterstützung seiner gers, der im Auftrag des Mossad jahrelang ehemaligen Band- um die Welt reiste. Eine ungewöhnliche kollegen Mick Fleetwood, Lindsey Bu- Karriere für einen Mann, der als Her- ckingham und Christine McVie sein erstes mann Aronheim in Frankfurt (Oder) ge- Soloalbum „French Kiss“ auf, dem bis boren wurde und als Jugendlicher nach 1983 fünf weitere folgten; sein letztes er- Palästina auswanderte. Zvi Aharoni starb schien vor sechs Jahren. Bob Welch, der am 26. Mai in England. einen Abschiedsbrief hinterließ, wurde am 7. Juni in seinem Haus in Nashville Paul Pietsch, 100. Schon vor dem Zwei- tot aufgefunden. ten Weltkrieg fuhr er mit enganliegen- der Staubkappe Grand-Prix-Rennen, im René Leudesdorff, 84. Die Briten hatten Jahr 1950 war Pietsch der erste deut- nach dem Zweiten Weltkrieg das durch sche Fahrer bei ei- Bombenangriffe unbewohnbar gewor- nem Rennen der neu- dene Helgoland bereits mehr als fünf geschaffenen Formel- Jahre lang als Übungsziel für ihre Luft- 1-Weltmeisterschaft. waffe genutzt, als der junge Theologie- Nach einem schweren student Leudesdorff im Dezember 1950 Unfall 1952 beendete dort die Deutschland-Flagge hisste. Die er die Rennkarriere gemeinsam mit seinem Kommilitonen und konzentrierte Georg von Hatzfeld ausgeführte Aktion ULLSTEIN BILD sich auf seine Arbeit trug entscheidend dazu bei, dass die als Verleger. Nach Hochseeinsel 1952 wieder besiedelt und Kriegsende hatte er an Deutschland übergeben wurde. Der eine Zeitschrift mit- Sohn der Bauhaus-Künstlerin Lore Rib- gegründet, die als „auto motor und sport“ bentrop-Leudesdorff war später Gemein- zu einem der führenden Fachmagazine de- und Studentenpfarrer in Hamburg Europas aufstieg. Pietsch baute mit sei- und arbeitete als Geschäftsführer des nen Gesellschaftern die Motor Presse Diakonischen Werks in Hessen und Stuttgart zu einem Großverlag für Fach- Nassau. René Leudesdorff starb am 5. zeitschriften aus. In den Siebzigern zog Juni in Flensburg. 150 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Personalien Robert Zollitsch, 73, Freiburger Erz- bischof, sucht nach einem Mittel gegen das Ungehorsamkeitsvirus unter Pries- tern. Seit Ende vergangener Woche for- dern rund 160 Geistliche aus seinem Bis- tum in einem neuen Memorandum Re- formen in ihrer Kirche. „Die Menschen in den Gemeinden sollen erkennen, wo wir stehen“, schreiben die 13 Initiatoren und bekennen sich dazu, trotz Verbots auch wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion zu erteilen. Ein Freibur- ger Pfarrer verweist auf den Fall einer Katholikin, die vor rund 50 Jahren ihre erste Ehe eingegangen war. Schon nach einem Jahr zerbrach die Beziehung; bald darauf fand die Frau einen neuen Mann. Mit dem ist sie nun schon fast fünf Jahr- zehnte lang verheiratet, darf aber nicht mehr zur Kommunion. Er teile deswegen, obwohl kirchenrechtlich illegal, „mit gu- tem Gewissen“ den Leib Christi auch an solche Katholiken aus, so der Geistliche. Zollitsch will in nächster Zeit ein Ge- spräch mit den Initiatoren des Memoran- dums führen lassen. Sein Dilemma: Als Chef der Deutschen Bischofskonferenz JOCHEN LÜBKE / DPA müsste er den harten Kurs des Papstes durchsetzen – obwohl er selbst Reform- bedarf in der Kirche sieht. McAllister (M.) Céline Bara, 33, ehemalige Pornodarstel- lerin und Filmproduzentin, will ins fran- David McAllister, 41, niedersächsischer der EU blieben, wenn sie sich von Groß- zösische Parlament einziehen. Die Fran- Ministerpräsident (CDU) mit schottischen britannien abspalten sollten, parierte er zösin trat als „kommunistische und neo- Wurzeln, musste sich bei seinem Besuch ausweichend: „Die Schotten sind gute Eu- stalinistische“ Kandidatin in der südwest- in Edinburgh vor diplomatischen Verwick- ropäer.“ McAllisters Bemühen, neutral zu lichen Landesregion Ariège an, einem lungen in Acht nehmen. Das Auswärtige bleiben, wurde erschwert, weil er die meis- Department, das an Spanien grenzt. Auf Amt habe ihm aufgetragen, sich um Him- te Zeit einen überzeugten Verfechter der ihrem Wahlplakat wirbt Bara mit tiefem mels willen nicht in die Debatte über das schottischen Unabhängigkeit an seiner Sei- Dekolleté um Referendum der schottischen Unabhän- te hatte: Angus Robertson von der Scot- Stimmen. Ihre gigkeitsbewegung im Herbst 2014 einzu- tish National Party. Beide Politiker haben Kandidatur sei mischen, sagte McAllister, den heimische einen schottischen Vater und eine deut- keineswegs nur Zeitungen zum Merkel-Nachfolger hoch- sche Mutter. „Wir sind jetzt schon zwei ein Marketing- jubeln. Entsprechende Fragen wiederhol- Politiker mit deutsch-schottischer Abstam- gag, entgegnete ten sich jedoch, und er flüchtete sich in mung“, rettete sich McAllister beim die Politikan- allgemeine Ausführungen zur deutschen abendlichen Pub-Besuch schließlich auf fängerin Kriti- Ländergliederung: „Ich bin ein glühender sicheres Terrain. „Wenn wir noch fünf kern. Immerhin Anhänger des Föderalismus.“ Auch auf mehr werden, gründen wir einen einge- habe sie ein die Frage, ob die Schotten automatisch in tragenen Verein.“ recht umfang- reiches Pro- gramm: Frank- ZITAT reich müsse nach früherem Bara-Wahlplakat Sowjetmodell „Die Chance, als Planwirtschaft einführen und Betriebe Olive wiedergeboren verstaatlichen, zudem fordert Bara die Wiedereinführung der Todesstrafe sowie zu werden, die Legalisierung von Drogen und Freu- denhäusern. Die „Kandidatin der Ob- ist genauso groß.“ szönität“, wie politische Gegner sie we- gen ihrer Mitwirkung in 180 Pornos MICHA THEINER / EYEVINE beschimpfen, lässt sich nicht so leicht ein- Boris Johnson, 47, Bürgermeister schüchtern: Wenn in Frankreich etwas von London, auf die Frage, ob er obszön sei, so Bara, dann sei das der Premierminister von Großbritannien Anstieg von Jugendarbeitslosigkeit und werden könne Rassismus. 152 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2
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    Micheil Saakaschwili, 44,georgischer Präsident, wirbt ungewohnt zivil um die US-amerikanische Freundschaft. 2010 noch hatte er Senator John McCain, der Saakaschwilis Abneigung gegen Russland teilt, eine vergoldete Pistole geschenkt. US-Außenministerin Hillary Clinton überraschte der Präsident vergangene Woche in Tiflis mit einem friedvolleren Symbol: einem georgischen Pass auf ihren Namen. Mit dem medienwirksamen Gag wollte Saakaschwili die Effizienz und Schnelligkeit der georgischen Melde- behörden demonstrieren. Weniger wohl- gelittene Zeitgenossen werden die Geste aufmerksam registriert haben: Dem Mil- liardär und Saakaschwili-Rivalen Bidsina Iwanischwili hatte Georgien im vergan- genen Jahr die Staatsbürgerschaft ab- erkannt und seinen Antrag auf einen neu- en Pass abgelehnt. Kristen Stewart, 22, Kinostar („Twilight“-Saga), Sacha Baron Cohen, 40, britischer Sati- lehnt Auskünfte über ihre riker, Drehbuchautor und Schauspieler, Arbeitsmethoden ab. „Ich erzielt mit seiner Arbeit immer wieder finde nicht, dass es je- nachhaltige Effekte. Als kasachischer manden etwas angeht, Journalist „Borat“ errang Cohen Kult- wie mein Schaffenspro- status; in der ehemaligen Sowjetrepublik zess als Schauspielerin gilt er heute als größter Tourismusförde- aussieht“, beschied sie rer. Jetzt brachte er die britische Stadt dem Magazin „Interview“. Staines dazu, ihren Namen zu ändern. Sie halte es mit der Holly- Die Bewohner sind sauer auf Cohen, weil wood-Größe Joanne Wood- er ihr Städtchen nahe London zur imagi- ward. Die hatte einst ge- nären Heimat seines Helden Ali G ge- sagt: „Schauspielern ist macht hat, eines Möchtegern-Gangsta- wie Sex. Du solltest es Rappers. Die Briten lachen über eine tun, aber nicht darüber Fernseh-Show mit Ali G und den Kino- sprechen.“ film „Ali G in da House“ – doch die meis- ten Bürger von Staines sind nur genervt. Sie gaben ihrer Stadt einen neuen Namen: Staines-upon-Thames heißt sie nun und Jewgenija Timoschenko, 32, Tochter der Bettina Köster, 52, deutsche Musikerin, will so Distanz zu der Witzfigur und ihren seit August 2011 in der Ukraine inhaftier- ist mit ihrem tiefen Alt die Stimme des Abenteuern schaffen. ten ehemaligen Ministerpräsidentin Julija Protests der Düsseldorfer Kunstszene ge- Timoschenko, wird an diesem Mittwoch gen die Zerstörung des „Tausendfüßlers“ als Gast bei der deutschen Justizminister- (www.evaresken.de). Die Stadt will die konferenz erscheinen. Auf Einladung des Hochstraße, ein elegant geschwungenes hessischen Ressortchefs Jörg-Uwe Hahn denkmalgeschütztes Bauwerk, abreißen soll Timoschenko mit den Landesjustiz- und hat damit die Kreativen gegen sich ministern über die aktuelle Situation ihrer aufgebracht. Neben Köster, die ihren Hit Mutter diskutieren. Erklärter Anlass ist „Kaltes klares Wasser“ auf den „Schönen das Spiel der deutschen Fußball-National- Tausendfüßler“ umgeschrieben hat, en- mannschaft bei der Europameisterschaft gagieren sich auch die Fotografen Thomas gegen die Niederlande am selben Abend. Ruff und Katharina Sieverding für den Die Partie findet im ukrainischen Char- Erhalt. Imi Knoebel, einer der teuersten kow statt, und dort, nicht weit vom Sta- Maler der Republik, ist ebenfalls dabei, dion entfernt, sitzt Julija Timoschenko gemeinsam mit seiner Frau Carmen, die derzeit im Gefängnis. „Die Freude am in ihrer Szenekneipe Ratinger Hof einst Fußball und das Einsetzen für Menschen- junge Musiker gefördert hat, die heute rechte sind keine Gegenpole“, so Hahn. als Tote Hosen bekannt sind. Die Wider- „Das Schicksal von Frau Timoschenko ständler fühlen sich dem Erbe Joseph EYEVINE / INTERTOPICS steht symbolisch für viele fragwürdige Beuys’ verpflichtet, der in Düsseldorf Verfahren und viele Schicksale. Ich hoffe, lehrte und den Begriff der Sozialen Plas- dass wir dadurch als Justizministerkonfe- tik erfand: Danach kann auch menschli- renz ein Zeichen setzen können für faire ches Handeln Kunst sein und gesellschaft- Gerichtsverfahren und Haftbedingungen lich verändernd wirken – vielleicht sogar in Europa.“ ein Bauwerk retten helfen. Cohen D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2 153
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    Hohlspiegel Rückspiegel Aus der „Leipziger Volkszeitung“: „(Wal- Zitate demar – Red.) Hartmann hatte auch Lo- thar Matthäus geladen, aber eine Absage Die „Jerusalem Post“ zum SPIEGEL- bekommen. ‚Lothar will bei der Geburt Titel „Geheim-Operation Samson – Wie seiner zukünftigen Frau dabei sein.‘“ Deutschland die Atommacht Israel auf- rüstet“ (Nr. 23/2012): In dem Bericht des SPIEGEL mit der Überschrift „Made in Germany“ bestätig- ten Experten aus Israel und Deutschland: Aus der „Bauernzeitung“ „Die Schiffe sind mit Atomsprengköpfen bewaffnet. Und Berlin weiß das seit lan- gem.“ Das Magazin erklärt, dass israeli- Aus der „Südwest Presse“: „Zur Mittags- sche und westliche Sicherheitsbeauftragte zeit sei bereits die doppelte Menge an und Geheimdienstmitarbeiter „keinen Würsten verkauft worden, als vorrätig Zweifel daran lassen“, dass deutsche Tech- war.“ nologie es Israels Marine ermöglicht hat, normale Unterseeboote in U-Boote mit atomarer Zweitschlagkapazität zu ver- wandeln. Verteidigungsminister Ehud Ba- rak will die nuklearen Möglichkeiten der „Dolphin“-Boote nicht bestätigen, sagte dem SPIEGEL aber: „Deutschland hilft, Israels Sicherheit zu verteidigen.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ dazu: Aus der „Bild“-Zeitung Ein Geheimnis ist etwas, von dem nur wenige Eingeweihte etwas wissen. Als Aus den „Nürnberger Nachrichten“: Gegenstück kann die Binsenweisheit gel- „Rund 70 000 Musikfans wurden für das ten, die der Duden als „allgemein be- Drei-Tage-Festival verkauft. Das ist re- kannte Tatsache“ definiert. Der Bericht kordverdächtig.“ des  SPIEGEL … liegt irgendwo dazwi- schen: Für viele Leser dürfte das tatsäch- lich neu gewesen sein. Für Leute aber, Aus dem Beipackzettel des Medikaments die sich dafür interessieren – und dazu HCT-gamma 25: „Zum besseren Schlu- gehören all jene Außenpolitiker in Berlin, cken kann die Tablette entlang der Bruch- die nun erschrocken „huch!“ rufen –, un- rille in vier Hälften geteilt werden. Die termauert der Artikel nur einen alten Ver- Verteilung dient nicht zum Teilen in glei- dacht: Israel nutzt die Boote als schwim- che Dosen.“ mende Abschussrampen für Nuklearwaf- fen. Interessanter ist da die Debatte, die der Artikel ausgelöst hat. Im Kern kreist sie um die Frage: Darf Deutschland der Atommacht Israel U-Boote liefern, von Aus der „Süddeutschen Zeitung“ denen aus Nuklearwaffen abgeschossen werden können? Aus dem „Tagesspiegel“: „Politiker aus Erdogans Regierungspartei AKP fordern, Der SPIEGEL berichtete … auch Schwangerschaften nach Vergewal- tigungen sollten verboten werden.“ … in Heft 29/2011 „Affären – Das Erbe des Herrn Kaiser“ über den Versicherer Ergo, der gegen den Geschäftsmann Cle- mens Vedder und die Anwälte Friedrich Cramer und Albrecht Assig Strafanzeige stellte. Ihnen wurde vorgeworfen, für ehe- malige Versicherungsvertreter Forderun- gen in Millionenhöhe geltend gemacht Aus der „Rheinischen Post“ und für den Fall der Nichtzahlung mit negativen Presseveröffentlichungen ge- droht zu haben. Vedder bestritt die Vor- Aus der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: würfe. „Der Fahrer des Reisebusses konnte sein Fahrzeug trotz blockierter Hinterachse Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat die noch sicher auf dem Standstreifen zum Ermittlungen eingestellt, da kein hinrei- Stehen bringen. Eigentlich wollte die Rei- chender Tatverdacht vorliege. Vedder will segruppe erst am nahe gelegenen Rasthof nun die Ergo-Muttergesellschaft Munich Dammer Berge eine Pause einlegen.“ Re auf Schadensersatz verklagen. 154 D E R S P I E G E L 2 4 / 2 0 1 2