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Humboldt Universität zu Berlin
Institut für Rehabilitationswissenschaften
Seminar 54680
„Zur Lebenssituation erwachsener und älterer Menschen mit geistiger Behinderung“
Dozent: Prof. Dr. Ackermann



Referat von Axel Grüner
Material zur Sitzung am 20. Januar 2005




Haveman, M.; Stöppler, R.(2004): „Altern mit geistiger Behinderung. Grundlagen und
Perspektiven für Begleitung, Bildung und Rehabilitation.“ Kohlhammer Verlag (Stuttgart)




      Einleitung des Buches & Kapitelzusammenfassungen als Überblick über das Buch




Einleitung




Der goldene Herbst des Lebens?

In einigen europäischen Ländern lässt sich in den letzten Jahren ein erheblicher Zuwachs der Gruppe von älteren und alten
Menschen mit geistiger Behinderung beobachten. Im internationalen Vergleich zeichnet sich gerade für Deutschland eine
besondere Steigerung ab; bedingt durch die Euthanasie-Morde der Nationalsozialisten wird dieser Personenkreis zunehmend
fokussiert.
Das Leben im Alter, dem sog. goldenen Herbst des Lebens, nicht nur als Summe von Verlusten zu erfahren, ist eine Aufgabe, die
Menschen an der Schwelle zur dritten Lebensphase zumeist selbst meistern können. Dabei werden sie von Kindern oder
Enkelkindern, vom Freundeskreis oder in Vereinszusammenhängen unterstützt (vgl. Wacker 2003). Bei Menschen mit geistiger
Behinderung, insbesondere, wenn sie längere Zeit des Lebens im Heim verbracht haben, muss diese Unterstützung aufgrund der
besonderen Lebenslage derzeit vor allem von der Behindertenhilfe übernommen werden.
Kreuzer (1996, 173) charakterisiert die Lebensbedingungen der heute alten Menschen mit Behinderung als „Kumulierung von
Nachteilen“, die man mit den Stichworten Traumatisierung, Hospitalisierung und gelernte Hilflosigkeit umschreiben kann. Es
knüpfen sich konzeptionelle und pädagogische Aufgaben an die Frage, wie es gelingen kann, einer oftmals lebenslang
benachteiligten Gruppe von Menschen in der Lebensphase des Alters passende Unterstützungen zu bieten und bei einer
personenzentrierten Planung von Hilfen und Kompetenzerweiterungen viele Bereiche zu berücksichtigen.
Die Geistigbehindertenpädagogik ist die einzige Disziplin, die sich mit dem Menschen mit geistiger Behinderung in seinem
Entwicklungsprozess von frühester Kindheit bis zur Altersphase befasst. Es handelt sich um eine Disziplin, die die Beiträge
anderer Disziplinen zur Erklärung des Älterwerdens prüft, modifiziert und entsprechende Lösungswege für Menschen mit
geistiger Behinderung aufzeigt. Dieser Aufgabe widmet sich das vorliegende Lehrbuch, das ein breites Spektrum von Themen für
die Begleitung, Bildung, Pädagogik und Rehabilitation bei älteren und alten Menschen mit geistiger Behinderung berücksichtigt.




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So skizziert das erste Kapitel das Thema aus internationaler Perspektive; die Anfänge der Forschung und des systematischen
Gedankenaustausches werden beschreiben. In Kapitel 2 werden zentrale und grundlegende theoretische Aspekte,
Begrifflichkeiten und Epidemiologie erörtert. Das dritte Kapitel gibt einen umfassenden Überblick über die verschiedenen
Dimensionen des Alters: biologische, psychologische und soziologische Aspekte werden unter besonderer Berücksichtigung von
Menschen mit geistiger Behinderung beleuchtet. Neben verschiedenen aktuellen Theorien des Alterns wird in Kapitel 4 die
Lebenslaufperspektive als die hier zugrunde liegende Theorie fokussiert, um daran anschließend Bedeutung und Möglichkeiten
von Kohorteneffekten für die Altersforschung zu diskutieren. Es folgen Beschreibungen der adaptiven und sozialen
Veränderungen im Alter. Die Bedeutung von sozialen Beziehungen und den Funktionen sozialer Netzwerke für Menschen mit
geistiger Behinderung, insbesondere die Beziehungen zu Angehörigen, Mitbewohnern, Mitarbeitern etc. werden in Kapitel 7
geschildert. Eine Untersuchung über das Erleben des Älterwerdens und den entsprechenden Bedürfnissen erfolgt in Kapitel 8.
Eine häufig vorkommende Erkrankung bei Menschen mit Down-Syndrom, die Alzheimer Erkrankung, wird in Kapitel 9
fokussiert. Bildung bei erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung ist das Thema des Kapitels 10, in dem Bedeutung und
Möglichkeiten erörtert und in Kapitel 11 durch die Beschreibung des Lehrgangs ,,Selbstbestimmt Älterwerden“ konkretisiert
werden. Kapitel 12 beschäftigt sich mit Bedeutung und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung; Wohnen und Wohnformen werden
in Kapitel 13 thematisiert. Ein weiteres zentrales, bislang ebenfalls relativ unerforschtes Thema, ist der Übergang von der WfbM
in den Ruhestand, das im folgenden Kapitel beschrieben wird. Es folgt die wichtige Thematik des Sterbens und des Todes, die in
Kapitel 15 erörtert wird: sowohl Trauerverständnis als auch Trauerverhalten und Möglichkeiten der Auseinandersetzung bei
Menschen mit geistiger Behinderung werden diskutiert.
Praxisschwerpunkte stellen den Mittelpunkt des Kapitels 16 dar. Es finden sich vielfältige wichtige Hinweise für Pädagogik und
Rehabilitation bei älteren und alten Menschen mit geistiger Behinderung, die sich aus den theoretischen Ausführungen der Kapitel
1 bis 15 für die Praxis ergeben. Die o. a. Aspekte und Themenbereiche werden in ihrer praktischen Relevanz fokussiert.
Aus pragmatischen Gründen wurden im Text oftmals nur die männlichen Formen benutzt, die selbstverständlich immer die
weiblichen einschließen.
Wir möchten es nicht versäumen, all denen zu danken, die uns bei der Entstehung des Buches ideell und praktisch unterstützt
haben. Unserer besonderer Dank gilt Katja Freese, Sabine Michalek, Maria van Laake und Harry Urlings für ihre Kooperation hei
einigen Beiträgen und Kathrin Albeke für die sorgfältige Erstellung des Manuskriptes.

Meindert Haveman und Reinhilde Stöppler                                                            Dortmund, im Oktober 2003



Kapitel 1 - Altern und geistige Behinderung in internationaler Perspektive


Ältere und alte Menschen mit geistiger Behinderung sind erst vor einigen Jahren in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses
in Deutschland gerückt. Gründe dafür liegen in der lange dominierenden Auffassung über Menschen mit geistiger Behinderung
als ,,ewige Kinder" und der geringen Lebenserwartung aus medizinischen Gründen und systematischer Vernichtung in der
Nazizeit.
Auch in anderen europäischen und nichteuropäischen Ländern fanden erst von den 1980er an systematische Forschungen über
diesen Personenkreis statt.
Aus internationaler Perspektive steigt das wissenschaftliche Interesse, die Situation älterer und alter Menschen mit geistiger
Behinderung aus bedürfnis- und nicht defizitorientierter Sichtweise zu reflektieren und zu verbessern.


Kapitel 2 - Theoretische Grundlagen


Altern ist ein mehrdimensionaler Begriff und Prozess, der von multiplen Bedingungen wie Gesundheitszustand, Geschlecht,
Persönlichkeit, ökologische Einflüsse, Kohortenzugehörigkeit, sozialer Status, soziale Integration, gesellschaftliche
Differenzierung und ökonomische Aspekte beeinflusst wird.
Sowohl der Alterungsprozess als auch der Alterszustand weisen eine sehr große Variationsbreite auf. Altern muss als Prozess
verstanden werden, der früh im Leben beginnen kann und das Leben im Alter prägt. Dabei spielen verschiedene, sich
beeinflussende Aspekte und Bedingungen eine Rolle, die den Verlauf des Alterungsprozesses und die Qualität der Altersphase
bestimmen. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Dimensionen weist darauf hin, dass Altern ein ganz individueller Prozess ist.
Die Anzahl der Menschen mit hohem chronologischen Alter wird bedingt durch Inzidenz, dem Umfang der Geburtsjahrgänge, die
Lebenserwartung und die systematische Vernichtung während der Nazizeit.
In den letzten drei Jahrzehnten gibt es zunehmend mehr ältere Personen mit geistiger Behinderung, deren durchschnittliche
Lebenserwartung sich in den westlichen Ländern immer mehr der nicht behinderten Bevölkerung angleicht.




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Kapitel 3 -Dimensionen des Alterns


Das Älterwerden ist ein biologischer physiologischer, psychischer und sozialer Veränderungsprozess.
Die biologische Sicht erklärt das Altern mithilfe des Gesundheitszustandes und der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit
einer Person. Biologische Altersveränderungen in einzelnen Organsystemen, z.B. Stütz- und Bewegungsapparat, Sinnesorgane,
Herz-Kreislaufsystem etc. können die körperliche Leistungsfähigkeit reduzieren. Einige dieser Veränderungen biomedizinischer
Parameter, die selbst keine Krankheitsbedeutung haben, können die Entstehung chronischer Krankheiten als Risikofaktoren
fördern, z.B. Erhöhung des Blutdrucks oder der Cholesterinkonzentration im Blut. Das biologische Altern verläuft hei Menschen
mit geistiger Behinderung im Prinzip nicht anders als bei der Gesamtbevölkerung. Er verläuft individuell genauso unterschiedlich.
Die psychologische Perspektive betont u. a. kognitive und emotionale Veränderungen im Alter. Die Prävalenzrate psychischer
Störungen ist bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung nicht höher als bei jungen Erwachsenen und Jugendlichen.
Die soziologische Sichtweise diskutiert verschiedene Theorien, insbesondere die Aktivitäts-, Disengagement-,
Kontinuitätstheorie, die Bonner Theorie und das Kompetenzmodell. Alte Menschen mit geistiger Behinderung sind im gesell-
schaftlichen Kontext in zweifacher Hinsicht stigmatisiert, nämlich durch eine soziale Abwertung, bedingt durch die geistige
Behinderung und durch das Alter.


Kapitel 4 – Die Lebenslaufperspektive


Die Lebenslaufperspektive ist multidisziplinär. Aufgezeigt wurde der Einfluss der Biografie auf den Altersprozess bei Menschen
mit geistiger Behinderung. Die Heterogenität dieses Personenkreises entsteht u. a. durch wesentliche Unterschiede im Lebenslauf,
die Menschen erheblich prägen. Dabei wird in der Lebenslaufperspektive zwischen dem Lebenslauf als objektive und
chronologische Darstellung des Lebens und der erzählten Lebensgeschichte, der subjektiv und emotional gefärbten individuellen
Biografie, unterschieden. Die Aufarbeitung der Lebensgeschichte hat wichtige Funktionen; sie trägt zum besseren Verständnis der
individuellen Person mit geistiger Behinderung bei.


Kapitel 5 – Kohorteneffekte


Der Begriff der Kohorte wird aus soziologischer, psychologischer und forschungsmethodischer Sichtweise erörtert. Unterschieden
wird zwischen Kohorten- und Periodeneffekten. Während Kohorteneffekte die Einflüsse auf Individuen, die in einem identischen
Zeitintervall oder in ein bestimmtes soziales System aus soziologischer Sicht und psychologischer Sicht untersuchen, erforschen
Periodeneffekte den Einfluss historischer Ereignisse. Viele der heute älteren und alten Menschen mit geistiger Behinderung
zeigen aufgrund einer systematischen Verwahrlosung, pädagogische Vernachlässigung und sozialer Isolation in ihrer persönlichen
Geschichte bestimmte Kohorten- und Periodeneffekte, die Einfluss auf die Bereiche Bildung, Arbeit, Wohnen, Freizeit und
Integration haben.


Kapitel 6 – Adaptive und soziale Veränderungen im Leben


Adaptives Verhalten und adaptive Kompetenz als Fähigkeit, flexibel mit den Herausforderungen der Umwelt umzugehen, ist bei
der Beschreibung des Personenkreises der Menschen mit geistiger Behinderung sehr relevant. Dies spiegelt sich u. a. in den
neueren Definitionen der geistigen Behinderung und den Annahmen der AAMR (2001) wider. Ältere Menschen mit geistiger
Behinderung und vor allem Menschen mit Down-Syndrom zeigen bestimmte Trends in der Entwicklung adaptiven Verhaltens
auf, bedingt u. a. durch vermehrtes Auftreten der Alzheimer-Erkrankung und durch Seh- und Hörstörungen.




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Kapitel 7 – Soziale Netzwerke


Die sozialen Netzwerke in Wohnheimen lebender älterer Menschen mit geistiger Behinderung sind durch eine Vielzahl
hemmender Faktoren, wie z.B. Erkrankungen im Alter, die Wohnform Heim, den Berufsausstieg etc. in allen Teilen stark
eingeschränkt. Sie weisen nur einen geringen Umfang und eine geringe Dichte auf (strukturelle Merkmale). Die überwiegende
Anzahl von Beziehungen ist von kurzer Dauer und nicht intensiv (z.B. zu den Mitarbeitern und Mitbewohnern) und die
Kontaktfrequenz (z.B. zu den Angehörigen) ist gering (interaktionale Merkmale). Daher ist davon auszugehen, dass die
beschriebenen sozialen Netzwerke, falls diese überhaupt noch als Netzwerke im eigentlichen Sinne verstanden werden können,
ihre primäre Funktion, nämlich die soziale Unterstützung einer Person, nicht in ausreichendem Maße übernehmen können
(funktionale Merkmale).
Dies kann negative Auswirkungen auf den Lebensalltag der Betroffenen und die Bewältigung von Krisensituationen haben. Es
besteht die Gefahr der unverschuldeten und ungewollten Isolation und Einsamkeit.
Ob überhaupt und in welchem Umfang soziale Unterstützung gewährt werden kann, hängt von einer Reihe von Faktoren ab. So ist
es für das Funktionieren des sozialen Netzwerkes unerlässlich, dass eine ausreichende Anzahl von Nerzwerkmitgliedern
vorhanden ist, auf die die Funktionen verteilt werden können. Diese Grundvoraussetzung erfüllen die sozialen Netzwerke der
untersuchten Personengruppe nicht. Bei diesen Netzwerken handelt es sich in den meisten Fällen um sehr homogene Netze, d.h.
sie bestehen durch die räumliche Nahe als konstituierendem Faktor überwiegend aus zwei Personengruppen: den im Wohnheim
lebenden Personen mit geistiger Behinderung und den Mitarbeitern Dadurch kann der gegenseitige Austausch von
Unterstützungsleistungen, der bei heterogenen Netzwerken möglich wäre, nicht stattfinden.
Die unterschiedlichen Gruppen, aus denen das reduzierte soziale Netzwerk der betreffenden Personen besteht (Angehörige,
Mitbewohner, etc.), verfügen untereinander kaum über Vernetzungen, die die Unterstützungsleistungen koordinierbar machen
könnten. Die Mitarbeiter der Wohnheime sind bemüht, Vernetzungen herzustellen und die Netzwerke dadurch zu stabilisieren.
Die für dieses Vorhaben bedeutendsten Gruppen der Netzwerkmitglieder ohne Behinderung, Angehörige, Freunde und Bekannte
außerhalb der Wohneinrichtung, zeigen aber hierfür weder ausreichend Interesse noch Initiative.


Kapitel 8 - Das Erleben des Älterwerdens und Bedürfnisse in dieser Lebenslage


Es ist von großer Bedeutung, die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung in der Altersphase zu kennen. Nach einer
Befragung haben diese das Bedürfnis nach Ruhe, Selbstbestimmung, sozialen Beziehungen, sie haben Angst vor dem Tod und
körperlichem Verfall etc. Bei nicht behinderten Menschen wie auch bei Menschen mit geistiger Behinderung kommt es oftmals
zu einer Diskrepanz zwischen der Fremd- und der Selbsteinschätzung des Erlebens des Älterwerdens.


Kapitel 9 – Altern und die Alzheimer Krankheit


Die Demenz des Alzheimer Typs (DAT) als eine schwere und degenerative Atrophie des Gehirns tritt häufiger und früher bei
Menschen mit Down-Syndrom auf. Eine definitive Diagnose einer DAT ist nicht möglich, sondern hat Wahrscheinlichkeitsstatus.
Bei Menschen mit geistiger Behinderung ist die frühzeitige Erfassung und Differentialdiagnostik erschwert. Als
Diagnoseverfahren sind ICD-1O und DSM-IV vorhanden, wobei das ICD-1O präferiert werden sollte. Leider gibt es bis jetzt
noch keine effektive Therapie, die die atrophisierenden Gehirnprozesse stoppen können.


Kapitel 11 – Der Lehrgang „Selbstbestimmt älter werden“


Ältere Menschen müssen sich mit vielen Einschränkungen und Veränderungen auseinander setzen. Ihre körperliche
Leistungsfähigkeit nimmt ab, sie müssen den Verlust des Arbeitsplatzes und damit grundlegende Veränderungen des
Tagesablaufes und der sozialen Kontakte bewältigen und sie werden zunehmend mit den Themen Tod und Sterben konfrontiert,
z.B. durch den Tod von Verwandten. Während für ältere Menschen ohne Behinderungen zahlreiche Angebote existieren, die
dabei helfen, die freie Zeit zu gestalten und das Alter auch als Chance zu begreifen, stehen Menschen mit geistiger Behinderungen
diesen Fragen bislang meist allein gegenüber.
Der Lehrgang ,,Selbstbestimmt Älterwerden“ bietet diesen Menschen die Möglichkeit, den Veränderungen, die mit dem
Älterwerden verbunden sind, gemeinsam mit anderen nachzugehen. Sie finden Raum, um ihre Fragen zu klären, neue
Perspektiven zu entwickeln und Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Zugleich ist der Lehrgang Maßnahme der
Erwachsenenbildung, die mit einem entsprechenden Zertifikat abschließt und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Lehrgang
nicht nur sehr positiv bewerten, sondern auch mit Stolz auf das von ihnen Erreichte blicken lässt.

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Kapitel 12 – Freizeit im Alter


Die Erfahrungen in dem Lehrgang ,,Selbstbestimmt Älterwerden" haben gezeigt, dass Kursteilnehmer um das 50. Lebensjahr sehr
engagierte Lernende sind, die Themen wie z.B.: ,,Was wird im Alter aus mir?" und ,,Welchen Einfluss habe ich selbst auf diese
Situation?" beschäftigt.
Auch was den Freizeitbereich betrifft, sind ältere Menschen mit geistiger Behinderung interessiert oder können motiviert werden,
alte Hobbys wieder aufzugreifen, bestehende Interessen zu Hobbys zu machen oder sich im Freizeitbereich in der Zukunft
Wünsche zu erfüllen, die sie schon lange gehabt haben.
Es hat sich auch gezeigt, dass viele der Lehrgangsteilnehmer während der vier Monate dieses Kurses mit 16 Veranstaltungen nicht
zufriedener wurden. Ein sehr konsistentes Forschungsergebnis bei der quantitativen Evaluation dieses Lehrgangs ,,Selbstbestimmt
Älterwerden" in den Vereinigten Staaten, Deutschland und den Niederlanden ist, dass vor allem ältere Menschen, die in
Vollzeiteinrichtungen und großen Wohnheimen leben, eigene Aktivitäten mit möglichen Aktivitäten oder denen anderer
vergleichen. Man möchte gerne neues oder anderes in der Freizeit versuchen, stößt aber auf institutionelle Barrieren, Traditionen,
Personalmangel und geringes Feingefühl für individuelle Wünsche.
Es ist weiterhin offensichtlich, dass Selbstbestimmung und Emanzipation nicht im eigentlichen Sinne gelernt werden können,
sondern immer zuallererst auch erfahren werden müssen. Und noch immer besteht für die meisten älteren Menschen wenig
Gelegenheit, ihre Freizeitaktivitäten selbst zu wählen. In der Variabilität, in der Organisation der Angebote und in der Planung
zusammen mit den Menschen mit Behinderungen, sollte sich bei den Freizeitaktivitäten noch etwas ändern. Sowohl die
selbstbestimmte Freizeitgestaltung als auch die Erwachsenenbildung sind keine getrennten Welten, sondern Partner, die es er-
möglichen, die Lebensqualität des alternden Menschen zu verbessern. In der Bildungsarbeit geht es um eine sorgfältige
methodische Aufarbeitung des Themas. Entscheidend ist die Zielgerichtetheit und Organisation des Lernprozesses, die die
Bildungsarbeit von reinen Freizeitaktivitäten unterscheidet: Freizeit dient der Entspannung und Ablenkung, Bildungsarbeit dem
Erreichen gesetzter Lernziele. Beides gehört jedoch zur normalen Lebensgestaltung. Freizeit ist ein wichtiges, jedoch auch nur ein
Teilgebiet der Lebensgestaltung.
Die Ergebnisse zeigen, dass auch Menschen mit geistiger Behinderung im hohen Alter und einem hohen Grad der Behinderung
viele Freizeitangebote haben können. Deutlich wurde aber auch, dass eine große Auswahl an tatsächlichen Freizeitaktivitäten
nicht notwendigerweise zu einer größeren Zufriedenheit mit der Freizeitsituation führt.
Die Lebenswelt ist komplexer, vielfältiger und individueller, als dass sie in einer statistischen Gruppenanalyse erfasst werden
kann. Das Angebot der Freizeit hat nicht nur einen quantitativen Aspekt (die Anzahl der Aktivitäten), sondern auch einen
qualitativen (z.B. bedürfnisgerechtes Angebot) und einen Beziehungsaspekt (Freizeit findet statt mit freundlichen und
unfreundlichen Menschen, Altersgenossen oder Jüngeren, Frauen oder Männern, interessierten oder uninteressierten Personen).
Freizeit findet auch in sehr verschiedenen Umgebungen statt, beispielsweise in einer Vollzeiteinrichtung, in der Wohngruppe oder
außerhalb der Wohneinrichtung, in einem Kegelclub zusammen mit Nichtbehinderten oder als Kegelmannschaft einer Anstalt, die
die Kegelbahn mietet.


Kapitel 13 – Wohnen im Alter


Dem Lebensbereich Wohnen wird zur Sicherstellung der Grundbedürfnisse im Alter eine hohe Bedeutung beigemessen, da er
nach dem Eintritt in den Ruhestand einen zentralen Bezugspunkt im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung einnimmt.
Der Austritt aus dem Erwerbsleben führt zum Wegfall einer zentralen Lebensrolle und bedeutender sozialer Bezüge. Durch den
Verlust von Familienangehörigen und durch eingeschränkte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sind die sozialen Kontakte
älterer Menschen mit geistiger Behinderung also oftmals auf den Wohnbereich begrenzt.
Grundsätzlich sollten die Leitprinzipien der Normalisierung, Integration und Selbstbestimmung auch für das Wohnen von älteren
Menschen mit geistiger Behinderung Gültigkeit beanspruchen (vgl. Stöppler 2002). Viele Einrichtungen der Behindertenhilfe
werden diesem Anspruch jedoch in der Realität auch heutzutage noch nicht gerecht. Deshalb werden in den letzten Jahren
verstärkt Bemühungen unternommen, ältere Menschen mit geistiger Behinderung in die bestehenden Modelle des gemeindenahen
Wohnens mit einzubeziehen. Um Menschen mit geistiger Behinderung auch im Alter ein selbstbestimmtes Wohnen und Leben zu
ermöglichen, bedarf es der Schaffung neuer Konzeptionen, die den Bedürfnissen dieses Personenkreises gerecht werden können.
Menschen mit geistiger Behinderung sollte darüber hinaus das Recht auf Wahlmöglichkeiten, Entscheidungskompetenz und
Mitsprache zugestanden werden. Bei der Schaffung neuer Wohnformen sollten individuelle Wünsche und Belange der
zukünftigen Bewohner bezüglich Wohnform und Ausstattung, Wohnlage und Wohnumgebung, Rückzugsmöglichkeiten, sozialer
Beziehungen, Alltagsgestaltung und Freizeitaktivitäten und der Assistenzangebote daher von oberster Priorität sein.




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Kapitel 14 – Der Übergang von der WfbM in den Ruhestand


Interessant ist bei der Betrachtung der Gesamtauswertung die Übereinstimmung vieler Aussagen der Befragten dieser Studie mit
den von Wilke (1988) in Gesprächen zusammengetragenen Wünschen und Ängsten älterer Menschen mit geistiger Behinderung.
Nicht unerwartet ist das Ergebnis, dass in allen Bedürfnisbereichen Gemeinsamkeiten zwischen den Befragten bestehen, dass
aber, wie auch Bleeksma (1998) betont, sowohl das Ausmaß der Bedürfnisse als auch die Art und Weise ihrer Befriedigung
individuell höchst unterschiedlich ist.
Es ergeben sich verschiedene Forderungen, die bezogen auf einen bedürfnisgerechten Übergang in den Ruhestand erhoben
werden müssen, z B. Flexibilisierung der gesetzlichen Altersgrenze, flexible Arbeitszeiten, konstante Wohnmöglichkeiten,
Tagesstrukturen und Freizeitaktivitäten.
Weiterhin sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

•        Es sind Finanzierungsregelungen zu fordern, die es den Werkstätten und Wohnheimen ermöglichen, reduzierte
         Arbeitszeiten und zusätzliche Betreuung für ältere Mitarbeiter anzubieten, ohne finanzielle Einbußen zu erfahren, bzw.
         ohne Personal aus anderen Bereichen abziehen zu müssen.
•        Eine weitere Forderung ist die Ausweitung des Wohnangebots sowie die Gewährleistung einer barrierefreien und
         pflegegerechten Gestaltung der Wohneinrichtungen.
•        Es ist dringend notwendig, eine flexible Finanzierung für die Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeiter in den Werkstätten
         und für tagesstrukturierende Maßnahmen im Ruhestand zu ermöglichen.


Kapitel 15 – Sterben und Tod


Einige wenige Studien zur differenzierten Todesvorstellung von Menschen mit geistiger Behinderung zeigen, dass Wahrnehmung
und Verständnis von Tod nicht realistisch sind und durch verschiedene Komponenten beeinflusst sind. Erfahrungen mit Tod und
Trauer erhöhen die Bildung eines realistischen Todeskonzeptes.
Durch aktive Auseinandersetzung wird Menschen mit geistiger Behinderung ermöglicht, zu verstehen, dass der Tod ein
natürlicher Bestandteil des Lebens ist und dass Trauerreaktionen normal sind. Ein Beispiel stellen die vorgestellten Bausteine für
die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer dar.




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Haveman Zusammenfassungen

  • 1. Humboldt Universität zu Berlin Institut für Rehabilitationswissenschaften Seminar 54680 „Zur Lebenssituation erwachsener und älterer Menschen mit geistiger Behinderung“ Dozent: Prof. Dr. Ackermann Referat von Axel Grüner Material zur Sitzung am 20. Januar 2005 Haveman, M.; Stöppler, R.(2004): „Altern mit geistiger Behinderung. Grundlagen und Perspektiven für Begleitung, Bildung und Rehabilitation.“ Kohlhammer Verlag (Stuttgart) Einleitung des Buches & Kapitelzusammenfassungen als Überblick über das Buch Einleitung Der goldene Herbst des Lebens? In einigen europäischen Ländern lässt sich in den letzten Jahren ein erheblicher Zuwachs der Gruppe von älteren und alten Menschen mit geistiger Behinderung beobachten. Im internationalen Vergleich zeichnet sich gerade für Deutschland eine besondere Steigerung ab; bedingt durch die Euthanasie-Morde der Nationalsozialisten wird dieser Personenkreis zunehmend fokussiert. Das Leben im Alter, dem sog. goldenen Herbst des Lebens, nicht nur als Summe von Verlusten zu erfahren, ist eine Aufgabe, die Menschen an der Schwelle zur dritten Lebensphase zumeist selbst meistern können. Dabei werden sie von Kindern oder Enkelkindern, vom Freundeskreis oder in Vereinszusammenhängen unterstützt (vgl. Wacker 2003). Bei Menschen mit geistiger Behinderung, insbesondere, wenn sie längere Zeit des Lebens im Heim verbracht haben, muss diese Unterstützung aufgrund der besonderen Lebenslage derzeit vor allem von der Behindertenhilfe übernommen werden. Kreuzer (1996, 173) charakterisiert die Lebensbedingungen der heute alten Menschen mit Behinderung als „Kumulierung von Nachteilen“, die man mit den Stichworten Traumatisierung, Hospitalisierung und gelernte Hilflosigkeit umschreiben kann. Es knüpfen sich konzeptionelle und pädagogische Aufgaben an die Frage, wie es gelingen kann, einer oftmals lebenslang benachteiligten Gruppe von Menschen in der Lebensphase des Alters passende Unterstützungen zu bieten und bei einer personenzentrierten Planung von Hilfen und Kompetenzerweiterungen viele Bereiche zu berücksichtigen. Die Geistigbehindertenpädagogik ist die einzige Disziplin, die sich mit dem Menschen mit geistiger Behinderung in seinem Entwicklungsprozess von frühester Kindheit bis zur Altersphase befasst. Es handelt sich um eine Disziplin, die die Beiträge anderer Disziplinen zur Erklärung des Älterwerdens prüft, modifiziert und entsprechende Lösungswege für Menschen mit geistiger Behinderung aufzeigt. Dieser Aufgabe widmet sich das vorliegende Lehrbuch, das ein breites Spektrum von Themen für die Begleitung, Bildung, Pädagogik und Rehabilitation bei älteren und alten Menschen mit geistiger Behinderung berücksichtigt. 1
  • 2. So skizziert das erste Kapitel das Thema aus internationaler Perspektive; die Anfänge der Forschung und des systematischen Gedankenaustausches werden beschreiben. In Kapitel 2 werden zentrale und grundlegende theoretische Aspekte, Begrifflichkeiten und Epidemiologie erörtert. Das dritte Kapitel gibt einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Dimensionen des Alters: biologische, psychologische und soziologische Aspekte werden unter besonderer Berücksichtigung von Menschen mit geistiger Behinderung beleuchtet. Neben verschiedenen aktuellen Theorien des Alterns wird in Kapitel 4 die Lebenslaufperspektive als die hier zugrunde liegende Theorie fokussiert, um daran anschließend Bedeutung und Möglichkeiten von Kohorteneffekten für die Altersforschung zu diskutieren. Es folgen Beschreibungen der adaptiven und sozialen Veränderungen im Alter. Die Bedeutung von sozialen Beziehungen und den Funktionen sozialer Netzwerke für Menschen mit geistiger Behinderung, insbesondere die Beziehungen zu Angehörigen, Mitbewohnern, Mitarbeitern etc. werden in Kapitel 7 geschildert. Eine Untersuchung über das Erleben des Älterwerdens und den entsprechenden Bedürfnissen erfolgt in Kapitel 8. Eine häufig vorkommende Erkrankung bei Menschen mit Down-Syndrom, die Alzheimer Erkrankung, wird in Kapitel 9 fokussiert. Bildung bei erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung ist das Thema des Kapitels 10, in dem Bedeutung und Möglichkeiten erörtert und in Kapitel 11 durch die Beschreibung des Lehrgangs ,,Selbstbestimmt Älterwerden“ konkretisiert werden. Kapitel 12 beschäftigt sich mit Bedeutung und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung; Wohnen und Wohnformen werden in Kapitel 13 thematisiert. Ein weiteres zentrales, bislang ebenfalls relativ unerforschtes Thema, ist der Übergang von der WfbM in den Ruhestand, das im folgenden Kapitel beschrieben wird. Es folgt die wichtige Thematik des Sterbens und des Todes, die in Kapitel 15 erörtert wird: sowohl Trauerverständnis als auch Trauerverhalten und Möglichkeiten der Auseinandersetzung bei Menschen mit geistiger Behinderung werden diskutiert. Praxisschwerpunkte stellen den Mittelpunkt des Kapitels 16 dar. Es finden sich vielfältige wichtige Hinweise für Pädagogik und Rehabilitation bei älteren und alten Menschen mit geistiger Behinderung, die sich aus den theoretischen Ausführungen der Kapitel 1 bis 15 für die Praxis ergeben. Die o. a. Aspekte und Themenbereiche werden in ihrer praktischen Relevanz fokussiert. Aus pragmatischen Gründen wurden im Text oftmals nur die männlichen Formen benutzt, die selbstverständlich immer die weiblichen einschließen. Wir möchten es nicht versäumen, all denen zu danken, die uns bei der Entstehung des Buches ideell und praktisch unterstützt haben. Unserer besonderer Dank gilt Katja Freese, Sabine Michalek, Maria van Laake und Harry Urlings für ihre Kooperation hei einigen Beiträgen und Kathrin Albeke für die sorgfältige Erstellung des Manuskriptes. Meindert Haveman und Reinhilde Stöppler Dortmund, im Oktober 2003 Kapitel 1 - Altern und geistige Behinderung in internationaler Perspektive Ältere und alte Menschen mit geistiger Behinderung sind erst vor einigen Jahren in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses in Deutschland gerückt. Gründe dafür liegen in der lange dominierenden Auffassung über Menschen mit geistiger Behinderung als ,,ewige Kinder" und der geringen Lebenserwartung aus medizinischen Gründen und systematischer Vernichtung in der Nazizeit. Auch in anderen europäischen und nichteuropäischen Ländern fanden erst von den 1980er an systematische Forschungen über diesen Personenkreis statt. Aus internationaler Perspektive steigt das wissenschaftliche Interesse, die Situation älterer und alter Menschen mit geistiger Behinderung aus bedürfnis- und nicht defizitorientierter Sichtweise zu reflektieren und zu verbessern. Kapitel 2 - Theoretische Grundlagen Altern ist ein mehrdimensionaler Begriff und Prozess, der von multiplen Bedingungen wie Gesundheitszustand, Geschlecht, Persönlichkeit, ökologische Einflüsse, Kohortenzugehörigkeit, sozialer Status, soziale Integration, gesellschaftliche Differenzierung und ökonomische Aspekte beeinflusst wird. Sowohl der Alterungsprozess als auch der Alterszustand weisen eine sehr große Variationsbreite auf. Altern muss als Prozess verstanden werden, der früh im Leben beginnen kann und das Leben im Alter prägt. Dabei spielen verschiedene, sich beeinflussende Aspekte und Bedingungen eine Rolle, die den Verlauf des Alterungsprozesses und die Qualität der Altersphase bestimmen. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Dimensionen weist darauf hin, dass Altern ein ganz individueller Prozess ist. Die Anzahl der Menschen mit hohem chronologischen Alter wird bedingt durch Inzidenz, dem Umfang der Geburtsjahrgänge, die Lebenserwartung und die systematische Vernichtung während der Nazizeit. In den letzten drei Jahrzehnten gibt es zunehmend mehr ältere Personen mit geistiger Behinderung, deren durchschnittliche Lebenserwartung sich in den westlichen Ländern immer mehr der nicht behinderten Bevölkerung angleicht. 2
  • 3. Kapitel 3 -Dimensionen des Alterns Das Älterwerden ist ein biologischer physiologischer, psychischer und sozialer Veränderungsprozess. Die biologische Sicht erklärt das Altern mithilfe des Gesundheitszustandes und der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit einer Person. Biologische Altersveränderungen in einzelnen Organsystemen, z.B. Stütz- und Bewegungsapparat, Sinnesorgane, Herz-Kreislaufsystem etc. können die körperliche Leistungsfähigkeit reduzieren. Einige dieser Veränderungen biomedizinischer Parameter, die selbst keine Krankheitsbedeutung haben, können die Entstehung chronischer Krankheiten als Risikofaktoren fördern, z.B. Erhöhung des Blutdrucks oder der Cholesterinkonzentration im Blut. Das biologische Altern verläuft hei Menschen mit geistiger Behinderung im Prinzip nicht anders als bei der Gesamtbevölkerung. Er verläuft individuell genauso unterschiedlich. Die psychologische Perspektive betont u. a. kognitive und emotionale Veränderungen im Alter. Die Prävalenzrate psychischer Störungen ist bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung nicht höher als bei jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Die soziologische Sichtweise diskutiert verschiedene Theorien, insbesondere die Aktivitäts-, Disengagement-, Kontinuitätstheorie, die Bonner Theorie und das Kompetenzmodell. Alte Menschen mit geistiger Behinderung sind im gesell- schaftlichen Kontext in zweifacher Hinsicht stigmatisiert, nämlich durch eine soziale Abwertung, bedingt durch die geistige Behinderung und durch das Alter. Kapitel 4 – Die Lebenslaufperspektive Die Lebenslaufperspektive ist multidisziplinär. Aufgezeigt wurde der Einfluss der Biografie auf den Altersprozess bei Menschen mit geistiger Behinderung. Die Heterogenität dieses Personenkreises entsteht u. a. durch wesentliche Unterschiede im Lebenslauf, die Menschen erheblich prägen. Dabei wird in der Lebenslaufperspektive zwischen dem Lebenslauf als objektive und chronologische Darstellung des Lebens und der erzählten Lebensgeschichte, der subjektiv und emotional gefärbten individuellen Biografie, unterschieden. Die Aufarbeitung der Lebensgeschichte hat wichtige Funktionen; sie trägt zum besseren Verständnis der individuellen Person mit geistiger Behinderung bei. Kapitel 5 – Kohorteneffekte Der Begriff der Kohorte wird aus soziologischer, psychologischer und forschungsmethodischer Sichtweise erörtert. Unterschieden wird zwischen Kohorten- und Periodeneffekten. Während Kohorteneffekte die Einflüsse auf Individuen, die in einem identischen Zeitintervall oder in ein bestimmtes soziales System aus soziologischer Sicht und psychologischer Sicht untersuchen, erforschen Periodeneffekte den Einfluss historischer Ereignisse. Viele der heute älteren und alten Menschen mit geistiger Behinderung zeigen aufgrund einer systematischen Verwahrlosung, pädagogische Vernachlässigung und sozialer Isolation in ihrer persönlichen Geschichte bestimmte Kohorten- und Periodeneffekte, die Einfluss auf die Bereiche Bildung, Arbeit, Wohnen, Freizeit und Integration haben. Kapitel 6 – Adaptive und soziale Veränderungen im Leben Adaptives Verhalten und adaptive Kompetenz als Fähigkeit, flexibel mit den Herausforderungen der Umwelt umzugehen, ist bei der Beschreibung des Personenkreises der Menschen mit geistiger Behinderung sehr relevant. Dies spiegelt sich u. a. in den neueren Definitionen der geistigen Behinderung und den Annahmen der AAMR (2001) wider. Ältere Menschen mit geistiger Behinderung und vor allem Menschen mit Down-Syndrom zeigen bestimmte Trends in der Entwicklung adaptiven Verhaltens auf, bedingt u. a. durch vermehrtes Auftreten der Alzheimer-Erkrankung und durch Seh- und Hörstörungen. 3
  • 4. Kapitel 7 – Soziale Netzwerke Die sozialen Netzwerke in Wohnheimen lebender älterer Menschen mit geistiger Behinderung sind durch eine Vielzahl hemmender Faktoren, wie z.B. Erkrankungen im Alter, die Wohnform Heim, den Berufsausstieg etc. in allen Teilen stark eingeschränkt. Sie weisen nur einen geringen Umfang und eine geringe Dichte auf (strukturelle Merkmale). Die überwiegende Anzahl von Beziehungen ist von kurzer Dauer und nicht intensiv (z.B. zu den Mitarbeitern und Mitbewohnern) und die Kontaktfrequenz (z.B. zu den Angehörigen) ist gering (interaktionale Merkmale). Daher ist davon auszugehen, dass die beschriebenen sozialen Netzwerke, falls diese überhaupt noch als Netzwerke im eigentlichen Sinne verstanden werden können, ihre primäre Funktion, nämlich die soziale Unterstützung einer Person, nicht in ausreichendem Maße übernehmen können (funktionale Merkmale). Dies kann negative Auswirkungen auf den Lebensalltag der Betroffenen und die Bewältigung von Krisensituationen haben. Es besteht die Gefahr der unverschuldeten und ungewollten Isolation und Einsamkeit. Ob überhaupt und in welchem Umfang soziale Unterstützung gewährt werden kann, hängt von einer Reihe von Faktoren ab. So ist es für das Funktionieren des sozialen Netzwerkes unerlässlich, dass eine ausreichende Anzahl von Nerzwerkmitgliedern vorhanden ist, auf die die Funktionen verteilt werden können. Diese Grundvoraussetzung erfüllen die sozialen Netzwerke der untersuchten Personengruppe nicht. Bei diesen Netzwerken handelt es sich in den meisten Fällen um sehr homogene Netze, d.h. sie bestehen durch die räumliche Nahe als konstituierendem Faktor überwiegend aus zwei Personengruppen: den im Wohnheim lebenden Personen mit geistiger Behinderung und den Mitarbeitern Dadurch kann der gegenseitige Austausch von Unterstützungsleistungen, der bei heterogenen Netzwerken möglich wäre, nicht stattfinden. Die unterschiedlichen Gruppen, aus denen das reduzierte soziale Netzwerk der betreffenden Personen besteht (Angehörige, Mitbewohner, etc.), verfügen untereinander kaum über Vernetzungen, die die Unterstützungsleistungen koordinierbar machen könnten. Die Mitarbeiter der Wohnheime sind bemüht, Vernetzungen herzustellen und die Netzwerke dadurch zu stabilisieren. Die für dieses Vorhaben bedeutendsten Gruppen der Netzwerkmitglieder ohne Behinderung, Angehörige, Freunde und Bekannte außerhalb der Wohneinrichtung, zeigen aber hierfür weder ausreichend Interesse noch Initiative. Kapitel 8 - Das Erleben des Älterwerdens und Bedürfnisse in dieser Lebenslage Es ist von großer Bedeutung, die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung in der Altersphase zu kennen. Nach einer Befragung haben diese das Bedürfnis nach Ruhe, Selbstbestimmung, sozialen Beziehungen, sie haben Angst vor dem Tod und körperlichem Verfall etc. Bei nicht behinderten Menschen wie auch bei Menschen mit geistiger Behinderung kommt es oftmals zu einer Diskrepanz zwischen der Fremd- und der Selbsteinschätzung des Erlebens des Älterwerdens. Kapitel 9 – Altern und die Alzheimer Krankheit Die Demenz des Alzheimer Typs (DAT) als eine schwere und degenerative Atrophie des Gehirns tritt häufiger und früher bei Menschen mit Down-Syndrom auf. Eine definitive Diagnose einer DAT ist nicht möglich, sondern hat Wahrscheinlichkeitsstatus. Bei Menschen mit geistiger Behinderung ist die frühzeitige Erfassung und Differentialdiagnostik erschwert. Als Diagnoseverfahren sind ICD-1O und DSM-IV vorhanden, wobei das ICD-1O präferiert werden sollte. Leider gibt es bis jetzt noch keine effektive Therapie, die die atrophisierenden Gehirnprozesse stoppen können. Kapitel 11 – Der Lehrgang „Selbstbestimmt älter werden“ Ältere Menschen müssen sich mit vielen Einschränkungen und Veränderungen auseinander setzen. Ihre körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab, sie müssen den Verlust des Arbeitsplatzes und damit grundlegende Veränderungen des Tagesablaufes und der sozialen Kontakte bewältigen und sie werden zunehmend mit den Themen Tod und Sterben konfrontiert, z.B. durch den Tod von Verwandten. Während für ältere Menschen ohne Behinderungen zahlreiche Angebote existieren, die dabei helfen, die freie Zeit zu gestalten und das Alter auch als Chance zu begreifen, stehen Menschen mit geistiger Behinderungen diesen Fragen bislang meist allein gegenüber. Der Lehrgang ,,Selbstbestimmt Älterwerden“ bietet diesen Menschen die Möglichkeit, den Veränderungen, die mit dem Älterwerden verbunden sind, gemeinsam mit anderen nachzugehen. Sie finden Raum, um ihre Fragen zu klären, neue Perspektiven zu entwickeln und Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Zugleich ist der Lehrgang Maßnahme der Erwachsenenbildung, die mit einem entsprechenden Zertifikat abschließt und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Lehrgang nicht nur sehr positiv bewerten, sondern auch mit Stolz auf das von ihnen Erreichte blicken lässt. 4
  • 5. Kapitel 12 – Freizeit im Alter Die Erfahrungen in dem Lehrgang ,,Selbstbestimmt Älterwerden" haben gezeigt, dass Kursteilnehmer um das 50. Lebensjahr sehr engagierte Lernende sind, die Themen wie z.B.: ,,Was wird im Alter aus mir?" und ,,Welchen Einfluss habe ich selbst auf diese Situation?" beschäftigt. Auch was den Freizeitbereich betrifft, sind ältere Menschen mit geistiger Behinderung interessiert oder können motiviert werden, alte Hobbys wieder aufzugreifen, bestehende Interessen zu Hobbys zu machen oder sich im Freizeitbereich in der Zukunft Wünsche zu erfüllen, die sie schon lange gehabt haben. Es hat sich auch gezeigt, dass viele der Lehrgangsteilnehmer während der vier Monate dieses Kurses mit 16 Veranstaltungen nicht zufriedener wurden. Ein sehr konsistentes Forschungsergebnis bei der quantitativen Evaluation dieses Lehrgangs ,,Selbstbestimmt Älterwerden" in den Vereinigten Staaten, Deutschland und den Niederlanden ist, dass vor allem ältere Menschen, die in Vollzeiteinrichtungen und großen Wohnheimen leben, eigene Aktivitäten mit möglichen Aktivitäten oder denen anderer vergleichen. Man möchte gerne neues oder anderes in der Freizeit versuchen, stößt aber auf institutionelle Barrieren, Traditionen, Personalmangel und geringes Feingefühl für individuelle Wünsche. Es ist weiterhin offensichtlich, dass Selbstbestimmung und Emanzipation nicht im eigentlichen Sinne gelernt werden können, sondern immer zuallererst auch erfahren werden müssen. Und noch immer besteht für die meisten älteren Menschen wenig Gelegenheit, ihre Freizeitaktivitäten selbst zu wählen. In der Variabilität, in der Organisation der Angebote und in der Planung zusammen mit den Menschen mit Behinderungen, sollte sich bei den Freizeitaktivitäten noch etwas ändern. Sowohl die selbstbestimmte Freizeitgestaltung als auch die Erwachsenenbildung sind keine getrennten Welten, sondern Partner, die es er- möglichen, die Lebensqualität des alternden Menschen zu verbessern. In der Bildungsarbeit geht es um eine sorgfältige methodische Aufarbeitung des Themas. Entscheidend ist die Zielgerichtetheit und Organisation des Lernprozesses, die die Bildungsarbeit von reinen Freizeitaktivitäten unterscheidet: Freizeit dient der Entspannung und Ablenkung, Bildungsarbeit dem Erreichen gesetzter Lernziele. Beides gehört jedoch zur normalen Lebensgestaltung. Freizeit ist ein wichtiges, jedoch auch nur ein Teilgebiet der Lebensgestaltung. Die Ergebnisse zeigen, dass auch Menschen mit geistiger Behinderung im hohen Alter und einem hohen Grad der Behinderung viele Freizeitangebote haben können. Deutlich wurde aber auch, dass eine große Auswahl an tatsächlichen Freizeitaktivitäten nicht notwendigerweise zu einer größeren Zufriedenheit mit der Freizeitsituation führt. Die Lebenswelt ist komplexer, vielfältiger und individueller, als dass sie in einer statistischen Gruppenanalyse erfasst werden kann. Das Angebot der Freizeit hat nicht nur einen quantitativen Aspekt (die Anzahl der Aktivitäten), sondern auch einen qualitativen (z.B. bedürfnisgerechtes Angebot) und einen Beziehungsaspekt (Freizeit findet statt mit freundlichen und unfreundlichen Menschen, Altersgenossen oder Jüngeren, Frauen oder Männern, interessierten oder uninteressierten Personen). Freizeit findet auch in sehr verschiedenen Umgebungen statt, beispielsweise in einer Vollzeiteinrichtung, in der Wohngruppe oder außerhalb der Wohneinrichtung, in einem Kegelclub zusammen mit Nichtbehinderten oder als Kegelmannschaft einer Anstalt, die die Kegelbahn mietet. Kapitel 13 – Wohnen im Alter Dem Lebensbereich Wohnen wird zur Sicherstellung der Grundbedürfnisse im Alter eine hohe Bedeutung beigemessen, da er nach dem Eintritt in den Ruhestand einen zentralen Bezugspunkt im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung einnimmt. Der Austritt aus dem Erwerbsleben führt zum Wegfall einer zentralen Lebensrolle und bedeutender sozialer Bezüge. Durch den Verlust von Familienangehörigen und durch eingeschränkte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sind die sozialen Kontakte älterer Menschen mit geistiger Behinderung also oftmals auf den Wohnbereich begrenzt. Grundsätzlich sollten die Leitprinzipien der Normalisierung, Integration und Selbstbestimmung auch für das Wohnen von älteren Menschen mit geistiger Behinderung Gültigkeit beanspruchen (vgl. Stöppler 2002). Viele Einrichtungen der Behindertenhilfe werden diesem Anspruch jedoch in der Realität auch heutzutage noch nicht gerecht. Deshalb werden in den letzten Jahren verstärkt Bemühungen unternommen, ältere Menschen mit geistiger Behinderung in die bestehenden Modelle des gemeindenahen Wohnens mit einzubeziehen. Um Menschen mit geistiger Behinderung auch im Alter ein selbstbestimmtes Wohnen und Leben zu ermöglichen, bedarf es der Schaffung neuer Konzeptionen, die den Bedürfnissen dieses Personenkreises gerecht werden können. Menschen mit geistiger Behinderung sollte darüber hinaus das Recht auf Wahlmöglichkeiten, Entscheidungskompetenz und Mitsprache zugestanden werden. Bei der Schaffung neuer Wohnformen sollten individuelle Wünsche und Belange der zukünftigen Bewohner bezüglich Wohnform und Ausstattung, Wohnlage und Wohnumgebung, Rückzugsmöglichkeiten, sozialer Beziehungen, Alltagsgestaltung und Freizeitaktivitäten und der Assistenzangebote daher von oberster Priorität sein. 5
  • 6. Kapitel 14 – Der Übergang von der WfbM in den Ruhestand Interessant ist bei der Betrachtung der Gesamtauswertung die Übereinstimmung vieler Aussagen der Befragten dieser Studie mit den von Wilke (1988) in Gesprächen zusammengetragenen Wünschen und Ängsten älterer Menschen mit geistiger Behinderung. Nicht unerwartet ist das Ergebnis, dass in allen Bedürfnisbereichen Gemeinsamkeiten zwischen den Befragten bestehen, dass aber, wie auch Bleeksma (1998) betont, sowohl das Ausmaß der Bedürfnisse als auch die Art und Weise ihrer Befriedigung individuell höchst unterschiedlich ist. Es ergeben sich verschiedene Forderungen, die bezogen auf einen bedürfnisgerechten Übergang in den Ruhestand erhoben werden müssen, z B. Flexibilisierung der gesetzlichen Altersgrenze, flexible Arbeitszeiten, konstante Wohnmöglichkeiten, Tagesstrukturen und Freizeitaktivitäten. Weiterhin sind folgende Aspekte zu berücksichtigen: • Es sind Finanzierungsregelungen zu fordern, die es den Werkstätten und Wohnheimen ermöglichen, reduzierte Arbeitszeiten und zusätzliche Betreuung für ältere Mitarbeiter anzubieten, ohne finanzielle Einbußen zu erfahren, bzw. ohne Personal aus anderen Bereichen abziehen zu müssen. • Eine weitere Forderung ist die Ausweitung des Wohnangebots sowie die Gewährleistung einer barrierefreien und pflegegerechten Gestaltung der Wohneinrichtungen. • Es ist dringend notwendig, eine flexible Finanzierung für die Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeiter in den Werkstätten und für tagesstrukturierende Maßnahmen im Ruhestand zu ermöglichen. Kapitel 15 – Sterben und Tod Einige wenige Studien zur differenzierten Todesvorstellung von Menschen mit geistiger Behinderung zeigen, dass Wahrnehmung und Verständnis von Tod nicht realistisch sind und durch verschiedene Komponenten beeinflusst sind. Erfahrungen mit Tod und Trauer erhöhen die Bildung eines realistischen Todeskonzeptes. Durch aktive Auseinandersetzung wird Menschen mit geistiger Behinderung ermöglicht, zu verstehen, dass der Tod ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist und dass Trauerreaktionen normal sind. Ein Beispiel stellen die vorgestellten Bausteine für die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer dar. 6