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Starke Vielfalt
21 Delmenhorster Lebenswege
„Es ist besser, ein einziges kleines
Licht anzuzünden, als die
Dunkelheit zu verfluchen.”
Konfuzius, chinesicher Philosoph (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.)
Starke Vielfalt
21 Delmenhorster Lebenswege
Vorwort der Herausgebenden
 Wir leben in Deutschland in einer
Gesellschaft, die nach dem Krieg große
Flüchtlingsströme integriert hat. Diese
Gesellschaft nimmt nun seit Jahrzehnten weiterhin Verfolgte, Arbeit suchende
und ehemalige Gastarbeiterfamilien
auf. Aktuell werden Migranten gezielt
angeworben, um dem Fachkräftemangel
und dem demographischen Wandel in
unserem Lande zu begegnen.

 Es gibt kaum noch „Gastarbeiter”, sondern Menschen, die sich
in zwei Sprachen, zwei Kulturen bewegen und auskennen. Das ist
Deutschlands neue, starke Seite, die längst in Delmenhorst Realität
geworden ist: Diversity management, die Besinnung auf die Vielfalt
der Menschen und die Vielfalt ihrer Gaben, wird von der Wirtschaft
als Chance gesehen. Die Charta der Vielfalt zeigt auf, dass gegenseitige Akzeptanz in einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist,
um sie auf viele solide Pfeiler zu stellen.

 Junge Menschen brauchen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Ältere müssen ihren Blickwinkel ändern, um Neues zu
entdecken. Das waren wichtige Gedanken bei der Entwicklung dieser
Edition.

 Die Auswahl der hier vorgenommenen Porträts gründet auf den
von der Bevölkerung und Akteuren der Integrationsarbeit eingebrachten Vorschlägen. Es war uns wichtig, die Lebensläufe von
ganz unterschiedlichen Menschen darzustellen, damit deutlich wird,
dass Integration in Deutschland keine Heldentat ist, wohl aber eine
gewisse Leistungsbereitschaft und einen starken Willen braucht.

 Wer in Delmenhorst lebt, kennt Menschen mit Migrationshintergrund. Im öffentlichen Leben fallen diese z.B. als Unternehmerinnen
und Unternehmer in Restaurants, Friseurbetrieben und Gemüsemärkten auf. Im Delmenhorster Alltag erleben wir aktive Migranten
in der Lokalpolitik.

 Menschen mit Migrationshintergrund müssen häufig mehr Energie als die Einheimischen aufwenden, um ihre Ziele zu erreichen. Sie
haben weniger Netzwerke, auf die sie zurückgreifen können. Dass
die Benachteiligung weniger wird und Vorurteile abgebaut werden,
dafür steht diese Edition ebenfalls.

 Neben diesen Menschen gibt es jedoch viele andere, ebenfalls
erfolgreich „angekommene” Frauen und Männer in den unterschiedlichsten Berufen. Ihr Weg dorthin war nicht immer einfach, oft sogar
anstrengend und außergewöhnlich. Das Ziel der Menschen mit
Einwanderungsgeschichte ist ein neues Leben in der deutschen
Gesellschaft zu beginnen. Es ist – so berichten viele – eine Gesellschaft, die das Ankommen ermöglicht, wenn auch nicht immer
leicht macht. Eine Gesellschaft jedoch, die auch die Erinnerung an
die ursprüngliche Heimat zulässt, die Platz lässt für die Pflege des
Brauchtums und der Religion.

 Wir danken unseren Sponsoren, der Protempo GmbH und der
Oldenburgischen Landesbank AG sowie dem Delmenhorster
Integrationsbeirat, der Stadt Delmenhorst und dem Land Niedersachsen, die mit ihrem finanziellen Beitrag die Herausgabe der
Edition ermöglicht haben. Unseren Autorinnen und Autoren, dem
Fotografen und der Werbeagentur public emotions danken wir für
ihre hervorragende Arbeit und ihre Bereitschaft, auf einen Großteil
ihres Honorars zu verzichten. Unser abschließender Dank gilt den
porträtierten Frauen und Männern. Ihre vielfältigen Lebenswege
geben der Edition eine besondere Note.

 Eines wird in allen Interviews, in allen dargestellten Lebensberichten deutlich: Wer sich integrieren möchte, kann das erreichen, und
das ohne seine kulturell-religiöse Herkunft aufgeben zu müssen.
Hinter den hier in der deutschen Gesellschaft „angekommenen”
Migrantinnen und Migranten stehen häufig die Eltern, die Familie,
die Unterstützenden aus dem Umfeld. Sie dürfen nicht vergessen
werden. Oft ernten die Kinder, wozu die Eltern unter Mühen den
Samen gelegt haben.

2

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

Anne Frerichs

Telim Tolan

Mitglieder der Arbeitsgruppe „Wirtschaft”
des ersten Delmenhorster Integrationsbeirates von 2010 bis 2012
Grußwort des Oberbürgermeisters
der Stadt Delmenhorst
 Als Oberbürgermeister dieser Stadt Delmenhorst freue ich mich sehr, die Edition
„Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege” durch ein Grußwort einleiten zu dürfen.
 „Integration passiert überall – aber nicht überall auf die gleiche Weise”. Dieser Satz
umschreibt in einfachen Worten die Situation vieler zugewanderter Menschen. Und gerade in
Delmenhorst leben wir in einer Gemeinschaft, in der viele Bürgerinnen und Bürger aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, heute wie vor 20 oder 100 Jahren, als Flüchtlinge oder
Vertriebene, als Arbeitssuchende oder Familienangehörige. Vielfältig sind ihre Potentiale und
Ressourcen, und es gilt, diese für die Weiterentwicklung unserer Stadtgesellschaft zu stärken
und zu fördern. Vielfalt ist ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Das können wir von der historischen Entwicklung Delmenhorsts lernen und das haben wir uns auch jetzt wieder auf die Fahnen geschrieben: Mit der
Unterzeichnung der Charta der Vielfalt setzte die Stadt Delmenhorst als eine von vier Kommunen in Niedersachsen
bereits in 2012 ein Zeichen zur aktiven Wertschätzung und Förderung der unterschiedlichen Talente.
 Diese Edition trägt ihren Titel zu Recht: „Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege” beschreibt den Weg, den
Delmenhorst beschreiten muss. Mit der Edition werden gute Beispiele gezeigt, wie es Bürgerinnen und Bürger aus
Einwandererfamilien geschafft haben, ihren Lebensweg hier erfolgreich zu gestalten. Und sie sind keine Einzelfälle!
Vielmehr stehen sie für eine Gesellschaft, die sich neu entwickelt hat und weiter entwickeln wird. Neues Wissen und
neue Kenntnisse, globalisierte Strukturen und neue Identitäten schaffen auf dem Fundament unserer demokratischen
Ordnung ein neues „Wir”-Gefühl, dem wir uns offen und interessiert zuwenden sollten. Unterschiedliche Meinungen
und auch Konflikte gehören zum Leben mit dazu. Entscheidend ist, dass sie mit einer konstruktiven Grundhaltung
und mit Respekt ausgetragen werden. Von und mit den Menschen, die in dieser Edition über ihren persönlichen und
beruflichen Werdegang berichten, erfahren wir, dass wir uns mit mächtigen Schritten auf eine vielfältige und bunte
Gesellschaft in einem neuen, erfolgversprechenden Licht zu bewegen.
 Mein Dank gilt den Initiatoren des Arbeitskreises Wirtschaft unseres ersten Integrationsbeirates hier in Delmenhorst,
Frau Anne Frerichs und Herrn Telim Tolan, die mit viel persönlichem Engagement diese Edition entstehen ließen.

Patrick de La Lanne
Oberbürgermeister der Stadt Delmenhorst

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

3
Weg 1

„Integration ist keine
Einbahnstraße!”

Bereits 1971 kam Ertan Balkan als Zehnjähriger aus der
Türkei nach Deutschland. Seit 2009 ist Ertan Balkan nun
zusammen mit Mustafa Gökdemiz Inhaber der Caribia
GmbH, die Sanitärartikel aus Acryl in Groß Ippener
herstellt. Zwei Angestellte stehen ihm zur Seite. Ertan
Balkan machte den klassischen Aufstieg über Hauptund Realschule zum Abitur am Technischen Gymnasium.
Ein Studium in Maschinenbau schloss sich an.

STECKBRIEF
Name

Ertan Balkan

geboren

1961 in Aydin,
Türkei

Beruf
(Qualifikation) Zusammen mit
Mustafa Gökdemiz
Inhaber der
Caribia GmbH
in Groß Ippener
(Dipl.-Ing. Maschinenbau)
Autorin: Bettina Snyder

Der diplomierte Ingenieur arbeitete bei Daimler-Benz und

als Projektleiter in Berne. Die selbstständige Leitung von Tankstellen formte seine
berufliche Entwicklung genauso wie ein dreijähriger Auslandsaufenthalt. Danach
war Ertan Balkan gereift für die Selbstständigkeit mit Caribia.

 Welche Unterstützung haben Sie während Ihres Werdegangs erfahren?
Meine Eltern haben sich sehr intensiv bemüht, dass ich eine gute Schulausbildung
bekomme und haben mich auch finanziell unterstützt. Mein Vater wollte unbedingt,
dass ich studiere und eine vernünftige Ausbildung mache. Während der Schulzeit
gab es viel Hilfestellungen und Anregungen durch meine Klassenlehrerin, Frau Gillo.
Sie hat sich sehr um meinen schulischen Fortschritt bemüht. Außerdem durfte ich
zwei Jahre lang eine Pastorenfamilie in Deichhorst besuchen, mit deren Familienangehörigen ich intensiv die deutsche Sprache üben konnte. Ebenso gab es Unterstützung in Form von Hausaufgabenbetreuung in den Jugendhäusern. Während
der Gymnasialen Oberstufe und des Studiums bekam ich finanzielle Unterstützung
durch den Staat in Form von Bafög.
 Was würden Sie jungen Menschen aus Einwandererfamilien heute raten?
Ich habe kein Rezept. Junge Migrantinnen und Migranten müssen mehr tun und
leisten als ihre deutschen Altersgenossen. Ich musste sehr viele Bewerbungen
schreiben, bis ich eine halbwegs vernünftige Stelle gefunden hatte. Bis dahin habe
ich die Zeit mit niederen Jobs überbrückt. Wenn man die Bewerbungsschwelle
überwunden hat und sich im Arbeitsleben beweisen kann, wendet sich alles zum
Positiven.

4

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
 Welche Auswirkungen hatte ihr Migrationshintergrund im Berufsleben?
Bei der Arbeit habe ich bisher keine negativen Erfahrungen in Bezug auf meine
Herkunft gemacht. Bei telefonischen Kundenkontakten fällt mein Migrationshintergrund – bis auf meinen Namen – nicht auf, da ich fließend Deutsch spreche. Was
mich aber immer wieder entzückt und verwundert ist, dass manche Menschen
mich nicht in der Position des Geschäftsinhabers vermuten. Ein paar Mal schon
wurde ich nach dem Chef gefragt. Dann amüsiere ich mich und lass die Leute noch
ein wenig zappeln.
 Wie sehen Sie Integration im Allgemeinen?
Integration ist keine Einbahnstraße! Es kommt nicht nur auf den Willen der Migranten an. Genauso wichtig ist es, dass die deutsche Gesellschaft bereit ist, sich
den Menschen mit Migrationshintergrund zu öffnen. Damit meine ich nicht nur
die Politik, sondern die Menschen vor Ort. Gesetzlich haben Migranten durchaus
einen akzeptablen Stand. Was mich in den letzten Jahren stört, ist die Blindheit der
Staatsjustiz auf dem ‚rechten Auge’.
Deutsche sollten andere Kulturen tolerien, damit sich Migranten integrieren
können. Ich verstehe darunter, dass wir
einerseits hier leben, arbeiten und uns
einfügen in die Gesellschaft, aber dass
wir andererseits einen Ort brauchen, an
dem wir unsere Bräuche und Traditionen
pflegen können, wo wir ‚Heimat’ erleben.
Wir können nicht genauso werden wie
die Deutschen (assimilieren), das können
umgekehrt Deutsche, die in der Türkei
leben, auch nicht. Für uns gibt es neben
dem Alltag in Deutschland auch immer
noch ein Stück ‚Zuhause’ in unseren
Moscheen und bei familiären Zusammenkünften. Diese Art von ‚Parallelgesellschaft’ sollte akzeptiert werden, da
sie normal ist und der Integration dient.

„Deutsche sollten
andere Kulturen
tolerien, damit sich
Migranten integrieren
können.”

Familie Balkan (von links nach rechts): Vater Yahya, Sohn Erdal, Mutter
Saime, Ertan mit Ehefrau Senay (Bild vom Beschneidungsfest des Sohnes Erdal 1996 in der Türkei, wo die Eltern seit 1984 wieder leben).
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

5
Weg 2

„Sie haben mich immer
unterstützt und motiviert…”

Eine offene und kommunikative Persönlichkeit – so wünscht
sich eine große deutsche Optikerkette ihre Filialleiter. Mit ihrer
freundlichen, bescheidenen Ausstrahlung passt Natalie Jahr, die
Leiterin der Delmenhorster Filiale, genau in dieses Profil. Wenn sie
ihre Kunden berät, hört man zwar einen leichten osteuropäischen
Zungenschlag. Doch sonst deutet wenig darauf hin, dass die Augenoptikermeisterin kein Wort Deutsch sprach, als sie vor 19 Jahren nach
Deutschland kam.

STECKBRIEF
Name

Natalie Jahr

geboren

1972 in Tschernigow, Ukraine

Beruf
(Qualifikation) Filialleiterin
Apollo Optik,
Delmenhorst
(Augenoptikermeisterin)
Autorin: Ute Kehse

Damals, 1994, ging alles ganz schnell. Die Ukrainerin verliebte sich in

ihren heutigen Mann, zog zu ihm in die Nähe von Helmstedt und heiratete wenige
Wochen später. Nach einem guten Jahr wurde ihre Tochter geboren. Privat hatte
die damals 22-jährige ihr Glück gefunden, doch beruflich musste sie völlig neu
anfangen: Ihre Ausbildung zur Lebensmitteltechnikerin wurde in Deutschland nicht
anerkannt.

Dass Natalie Jahr heute Meisterin und Filialleiterin ist, verdankt sie ihrer Beharrlichkeit und der Unterstützung ihrer Familie. „Am Anfang, als meine Tochter noch
klein war, bin ich nachts Taxi gefahren, um etwas Geld dazuzuverdienen – solche
Jobs findet man ja immer”, erinnert sie sich. Doch auf Dauer wollte sie sich nicht mit
Aushilfsjobs begnügen. „Auch mein Mann hat mich dabei sehr bestärkt – er meinte,
ich würde sonst nur ausgenutzt”, sagt sie.
1999, als ihre Tochter in den Kindergarten kam, entschloss sie sich, einen neuen
Beruf zu erlernen. Noch immer ärgert sie sich, dass ihr ukrainisches Diplom als
Lebensmitteltechnikerin hier nichts wert war. Die deutsche Praxis, im Ausland
erworbene Abschlüsse nicht anzuerkennen, findet sie sehr bedauerlich. „Daran hat
sich bis heute nicht viel geändert, obwohl es ja einen großen Fachkräftemangel
gibt”, sagt sie.

6

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
Doch Natalie Jahr ist kein Mensch, der sich über Dinge den Kopf zerbricht, die sich
nicht ändern lassen. Als sie sich um eine Ausbildung bewarb, war sie allerdings
bereits 26 Jahre alt. Anfangs hagelte es zahlreiche Absagen. Die Schwierigkeiten
führt sie nicht auf ihre ukrainische Herkunft zurück. „Das lag wohl vor allem an
meinem Alter und daran, dass ich schon ein Kind hatte”, meint sie rückblickend. Wie
viele voll berufstätige Mütter stand sie vor dem Problem, einen Ganztagsplatz im
Kindergarten zu finden. Neben ihrem Mann waren auch ihre Schwiegereltern eine
große Hilfe. „Sie haben mich immer unterstützt und motiviert, nicht aufzugeben.”
Irgendwann klappte es dann doch: Im Einstellungstest eines Optikers schnitt
Natalie Jahr so gut ab, dass sie endlich einen Ausbildungsplatz bekam. Nach der
Ausbildung wollte sie eigentlich gleich die Meisterschule besuchen. Doch wieder
gab es ein Hindernis: Da sie nach wie vor ukrainische Staatsbürgerin war, konnte sie
keinen staatlichen Ausbildungskredit, das so genannte „Meister-BAföG”, beantragen. 2006 bekam sie einen deutschen Pass – und fing sofort mit der Ausbildung zur
Augenoptikermeisterin an. Diesmal gestaltete
sich die Jobsuche einfach. „Noch während
der Ausbildung bekam ich mehrere Angebote. Augenoptikermeister wurden damals
gesucht”, berichtet sie. So erfüllte sich ihr
Wunsch, Filialleitern zu werden, ziemlich
schnell: Schon nach wenigen Monaten als
angestellte Meisterin bekam sie die Filialleitungs-Stelle bei ihrem jetzigen Arbeitgeber
in Delmenhorst – auch wenn das bedeutete,
dass sie ihren Mann und ihre Tochter von
Dienstag bis Samstag alleine lassen muss.
Vorurteile wegen ihrer Herkunft hat Natalie
Jahr auf ihrem Berufsweg zwar durchaus
erlebt, aber selten. „Man sollte sich davon
nicht beeinflussen lassen”, sagt sie. Wer sein
Ziel fest im Blick habe und selbstbewusst auftrete, könne alles erreichen, so ihre Erfahrung.
Mit dem bisher Erreichten ist sie zufrieden.
„Es gibt zwar weitere Aufstiegsmöglichkeiten,
etwa zur Regionalleiterin, aber ich möchte
lieber mehr Zeit mit der Familie verbringen”,
sagt sie. Da es ihr in Delmenhorst gut gefällt, versucht ihr Mann derzeit, in der
Umgebung eine neue Arbeitsstelle zu finden – damit die Zeit der Wochenendbeziehung möglichst bald ein Ende hat.

„Wer sein Ziel fest
im Blick hat und
selbstbewusst auftritt,
kann alles erreichen!”

Natalie und Daniel
im Jahr 1994
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

7
Weg 3

„Ich hatte immer das Ziel vor Augen,
etwas Großes zu erreichen…”
Dass er sich nicht mit einem 08/15-Job zufrieden geben würde, wusste Brahim Stitou schon als Azubi. „Ich hatte immer
das Ziel vor Augen, etwas Großes zu erreichen, es zu etwas zu
bringen”, sagt er. Das hat der gebürtige Delmenhorster auch
geschafft: Seit Dezember 2012 ist er Vizepräsident der Atlas
Maschinen GmbH – die Nummer Zwei hinter dem Firmenchef
Fil Filipov.

STECKBRIEF
Name

Brahim Stitou

geboren

1979 in Delmenhorst, Deutschland

Beruf
(Qualifikation) Vizepräsident der
Atlas Maschinen
GmbH
(Industriemeister)
Autorin: Ute Kehse

Faktisch leitet der 33-jährige das Baumaschinen-Unternehmen mit
den drei Werken in Delmenhorst, Ganderkesee und Vechta.

Eine derart rasante Karriere wurde Brahim Stitou nicht unbedingt in die Wiege
gelegt. Seine Eltern kamen in den 60er Jahren aus Marokko nach Delmenhorst. Sein
Vater, von Beruf Kranführer, starb, als Brahim zehn Jahre alt war. Fortan musste
seine Mutter, die als Reinigungskraft bei der Stadt Delmenhorst arbeitete, ihn und
seine vier Schwestern alleine durchbringen.
Schon früh begann er daher Geld zu verdienen – mit Zeitung austragen oder Flohmarktverkäufen. Nach dem Realschulabschluss fing er 1997 bei Atlas in Delmenhorst mit einer Ausbildung zum Industriemechaniker an. Danach arbeitete er sich
innerhalb von acht Jahren von einfachen Tätigkeiten in der Lackiervorbereitung und
im Wareneingang hoch bis ins Management des US-Konzerns Terex, zu dem Atlas
bis 2010 gehörte.
Anfangs verdiente er sich außerdem Geld mit dem An- und Verkauf von Gebrauchtwagen dazu – und zwar genug, um bereits mit Anfang 20 ein Haus kaufen zu können. Drei Jahre lang betrieb er einen Mobilfunkladen in der Delmenhorster Innenstadt. Die Ausbildung zum Industriemeister absolvierte er abends, parallel zum Job.
Das Erfolgsrezept des 33-jährigen: Harte Arbeit. „Man muss gewillt sein, mehr zu
leisten, als verlangt wird und manchmal auch ein gewisses unternehmerisches
Risiko eingehen”, sagt er. Im US-Unternehmen Terex wurde sein Leistungswille
schnell honoriert. „Dort habe ich eine Chance bekommen, die ich vielleicht anderswo
mit meiner Hautfarbe und meinem Migrationshintergrund nicht bekommen hätte”,

8

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
glaubt er. Vorurteile sind für ihn dennoch nie ein Problem gewesen: „Ich habe mir
schon in der Ausbildung Respekt erkämpft, so dass für Vorurteile kein Platz blieb.”
Als die sanierungsbedürftigen Atlas-Werke 2010 an den ehemaligen Terex-Manager
Fil Filipov verkauft wurden, entschied sich Stitou, bei der neuen Atlas Maschinen
GmbH zunächst auf einer Position mit weniger Verantwortung anzufangen. Die
Arbeit in dem großen Konzern war ihm zu zäh. „Zu viele Meetings und PowerPointPräsentationen”, sagt er. „Fil Filipov kannte ich damals zwar noch nicht näher, aber
ich wusste, dass er tough ist. Das gefiel mir.”
Seit 2011 ist Atlas wieder in der Gewinnzone – ein Erfolg, der mit umstrittenen
Entscheidungen des Firmenleiters verbunden war. Brahim Stitou bewundert die
Energie seines Chefs, der als bulgarischer Flüchtling in die USA kam und sich bei
Terex von ganz unten hocharbeitete. Dass für die Atlas-Sanierung einige harte
Schnitte erforderlich waren, dafür hat er Verständnis. „Manchmal muss man eingefahrene Strukturen brechen, um Erfolg
zu haben – sonst scheitert man”, sagt er.
Seinen eigenen Führungsstil beschreibt
er als „hart, aber fair”. Er setzt aber nicht
nur auf Autorität, sondern auch auf Fingerspitzengefühl: „Ich versuche immer,
mich in die Lage des anderen hineinzuversetzen.”
Bei allen internationalen Kontakten im
Beruf ist es Brahim Stitou wichtig, seine
Herkunft nicht zu vergessen. Seine
Frau, die in Marokko geboren ist, und
er sprechen mit den drei Kindern zu
Hause nur Arabisch. „Deutsch haben sie
erst gelernt, als sie in den Kindergarten
kamen. Das war aber nach wenigen
Wochen kein Problem mehr”, betont er.
„Wir sind ein offenes Volk, wir haben die
Kinder immer viel mit anderen zusammengebracht.” Der älteste Sohn besucht
inzwischen die 5. Klasse des WillmsGymnasiums.
Für seine eigene Zukunft hat Brahim Stitou derzeit, nach drei Monaten in seinem
neuen Job, vor allem einen Plan: „Ich will dazu beitragen, Atlas weiter zu festigen
und zu einem hervorragenden Unternehmen zu machen.” Man darf davon ausgehen, dass es für den 33-jährigen nicht der letzte Karrieresprung war.

„Man muss gewillt sein,
mehr zu leisten
als verlangt wird.”

Familie Stitou, ca. 1983 (von links):
Vater Khalifa, Brahim, die älteste Schwester Soltana (stehend), Mutter Aicha,
Schwester Hajat, unbekannte Person,
ganz rechts Schwester Samira. Es fehlt
die jüngste Schwester Nadia.
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

9
Weg 4

„Meine Eltern haben uns
immer zu 100% unterstützt.”

Wer das Buch- und Schreibwarengeschäft „LeseZeichen Dauelsberg” in
der Delmenhorster Innenstadt betritt, fühlt sich wie auf einem Besuch
bei Freunden. Das liegt ganz sicher am guten Betriebsklima sowie an
den freundlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die hier kompetent
beraten und immer wieder gerne helfen. Ein ganz wichtiger Teil dieses
kompetenten Teams ist Aylin Küpeli.

STECKBRIEF
Name

Aylin Küpeli

geboren

1977 in
Delmenhorst,
Deutschland

Beruf
(Qualifikation) Abteilungsleiterin,
LeseZeichenDauelsberg
(Kauffrau im
Einzelhandel)
Autor: Holger Geisler

Die junge Dame, die seit Jahren die Abteilung mit den Büroartikeln

und den Schreibwaren leitet, kümmert sich mit der ihr eigenen Wärme um die
vielen Stammkunden, aber auch um spontane Besucher. Ihre berufliche Laufbahn
führt sie seit 20 Jahren in ein und demselben Betrieb erfolgreich fort. So wie es der
Zufall will, war es ihr damals vergönnt, mit einer einzigen Bewerbung den Start ins
Berufsleben zu vollziehen.
An das Vorstellungsgespräch mit einem der damaligen Firmeninhaber kann sie
sich noch ganz genau erinnern, obwohl es nun schon 20 Jahre her ist. „Ich glaube,
spätestens, als ich ihm sagte, dass ich den Umgang mit Menschen liebe, hatte ich
die Zusage in der Tasche”, sagt sie lächelnd. Auch heute noch erfreut sie sich an
ihrer Arbeit, nimmt jede Möglichkeit zur Fortbildung wahr und reist auch gerne zu
den diversen Fachmessen. Große Teile des Einkaufes des sie betreffendes Segmentes übernimmt sie nicht nur für das Delmenhorster Geschäft, sondern auch für
die übrigen 11 Filialen des erfolgreichen Unternehmens. Auch die handwerkliche
Tätigkeit des Gravierens hat sie sich erarbeitet.
Wem sie ihren Erfolg in allererster Linie zu verdanken hat, weiß Aylin Küpeli ganz
genau. „Meine Eltern haben uns immer zu 100% unterstützt. Mein Vater wollte
immer, dass alle seine Kinder studieren. Dieses Vorhaben wurde nicht planmäßig
in die Tat umgesetzt, was im Nachhinein keineswegs eine falsche Entscheidung
war, da wir Geschwister alle eine erfolgreiche Ausbildung abgeschlossen haben und
in unseren Berufen glücklich sind und uns wohl fühlen”. Wir, das sind neben Aylin
Küpeli noch sieben weitere Geschwister. Auch ihr Lehrer in der Berufschule, Herr
Dargatz, hat sie maßgeblich gefördert, geprägt und unterstützt. Ihre Geschwister
haben zudem vom Jugendtreff Wittekindstraße und dem damaligen Leiter, Dieter
Damm, profitiert, der den jungen Menschen immer hilfreich zur Seite stand.

10

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
Einrichtungen wie der Jugendtreff sind für Frau Küpeli von großer Bedeutung, um
junge Menschen in die richtigen Bahnen zu lenken und ihnen eine Perspektive zu
bieten. „Geld für Betreuung und Bildung bei solch einem wichtigen Thema ist immer
gut angelegt und für ein Land wie Deutschland sehr wichtig”, ist die sympathische
Frau überzeugt.
Im Jahre 1972 haben ihre Eltern Hasan und Miyase Küpeli den Entschluss gefasst,
nach Deutschland zu kommen. Der Aufenthalt war zu dem Zeitpunkt nur für eine
kurze Dauer angedacht. Daraus wurden inzwischen 41 Jahre. Von dieser Zeit hat
Herr Küpeli nach eigener Aussage nicht einen einzigen Tag bereut. Er ist sich immer
noch sicher, den richtigen Entschluss gefasst zu haben.
Fremdenfeindlicheit hat sie im Beruf in ihrer Anfangszeit zweimal erlebt. „Einmal
hat ein Kunde unser Geschäft verlassen, weil er nicht von mir bedient werden
wollte. Ein Zweiter, der zum Kopieren gekommen war, sagte auf mein Hilfsangebot: „Von so einer lass ich mir nicht helfen.” Noch heute ist sie ihrem Chef Heinz
Dauelsberg für seine Reaktion dankbar. „Er bat nämlich den Kunden sofort sehr
eindringlich das Geschäft zu verlassen, weil er auf diese Art von Kundschaft keinen
Wert lege.”

„Von anderen lernen
und mit offenen Augen
durchs Leben gehen
kann nie falsch sein.”

Aylin Küpeli glaubt, dass Deutschland inzwischen auf einem sehr guten Weg ist,
was die Integration und Toleranz in unserer Gesellschaft angeht. Ihr Ratschlag an
Einwanderer und andere Bürgerinnen und Bürger: „Lernt die anderen Nationalitäten und Kulturen kennen. Lernt von den anderen. Dieses kann der Gesellschaft
nicht schaden. Von anderen lernen und mit offenen Augen durchs Leben gehen
kann nie falsch sein”, sagt sie – und hat damit sicher Recht.
Vor einigen Jahren wurde das Familienunternehmen Dauelsberg an den Filialisten
LeseZeichen (Firmeninhaberin Swantje Gerhard) verkauft. Das familiäre Miteinander ist geblieben, was zur positiven Außenwirkung beiträgt. Jungen Leuten
rät sie beharrlich für die eigenen Träume zu wirken. „Natürlich wird es kaum wie
damals bei mir mit der ersten Bewerbung klappen. Aber nicht aufgeben, sondern
einfach dranbleiben. Auch in meiner Familie mussten einige mehrere Bewerbungen
schreiben, um erfolgreich eine Stelle besetzen zu können. Werdet euch klar, was der
richtige Beruf für euch ist, und nehmt jede Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung
wahr. Dies kann für die berufliche Zukunft nur von Vorteil sein.”
Aylin Küpeli hat sich durch Fleiß, Zuverlässigkeit und Freundlichkeit beruflich ihren
Traum erfüllt, und die Zufriedenheit darüber sieht man ihr auch deutlich an!
Die Eltern Hasan und Miyase
Küpeli in den 1970er Jahren
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

11
Weg 5

„An seine Ziele muss man
glauben, und man muss
dafür arbeiten.”
Man könnte neidisch werden auf das schmucke Wohnhaus, das sich Özkan Celik mit seiner Familie in Delmenhorst gebaut hat. So lächelt er auch stolz, als ihm dieses
Kompliment zuteil wird, aber es ist ein bescheidenes
Lächeln. „Wir haben uns hier unseren Traum von einem
echten Zuhause erfüllt”, sagt er.

STECKBRIEF
Name

Özkan Celik

geboren

1979 in Bismil,
Türkei

Beruf
(Qualifikation) Verwaltungsfachangestellter, Stadt
Delmenhorst
(Fortbildung zum
Verwaltungsfachwirt)
Autor: Holger Geisler

12

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

Dieses Rückzugsgebiet ist ihm absolut wichtig, denn Celik hat

– nicht zuletzt durch persönliche Schicksalsschläge – sein Credo von „Ich lebe, um
zu arbeiten” auf „Ich arbeite, um zu leben” geändert. Vielleicht ist es gerade die neu
gefundene Einstellung, die ihn im Beruf noch fleißiger und effektiver arbeiten lässt.
Doch wenn er dann abends zu Hause ist, kann er von allen beruflichen Anforderungen abschalten.
Diese Anforderungen erfüllt er im Fachdienst Finanzen bei der Stadt Delmenhorst.
Dass seine Karriere im Öffentlichen Dienst stattfinden würde, stand zu Beginn nun
wirklich nicht fest.
Özkan Celik war ein Jahr alt, als seine Eltern die Türkei verließen. Als Mitglieder der
yezidischen Religionsgemeinschaft wurden sie damals in der Heimat unterdrückt
und suchten in Deutschland nach einer besseren Zukunft. Und die haben die Celiks
hier auch ganz sicher gefunden. „Deutschland hat das beste Grundgesetz und die
beste Verfassung, die es weltweit gibt”, so Celik. Und man spürt die Ernsthaftigkeit
in diesen Worten.
Dennoch, von alten Rivalitäten damals in der Türkei will Celik heute nichts mehr
hören. „Ich habe neben den Kurden auch viele türkische und natürlich deutsche
Freunde. Ich akzeptiere jeden, der auch mich, meine Herkunft und meinen Glauben
respektiert und akzeptiert. Die Nationalität oder der Glaube sind individuell vielleicht
wichtig, aber doch nicht für die Gemeinschaft. Es gibt überall gute und weniger
gute Menschen.” Dass Özkan Celik zu den Guten gehört, sagt er nicht. Manchmal
sprechen die Taten allerdings auch für sich. So arbeitete er sehr lange ehrenamtlich
im Jugendtreff und engagiert sich heute im Vorstand des türkischen Sportvereins
„Baris Delmenhorst”. Wie könnte es anders sein, kümmert er sich auch dort um die
Finanzen, aber auch um die Öffentlichkeitsarbeit. Bei vielen kleinen Dingen ist er für
die Vereinsmitglieder da. Und er weiß, was in den Menschen vorgeht.
Als Familie Celik damals aus Diyabakir nach Deutschland kam, waren sie praktisch
vollkommen mittellos in einer neuen Welt. Während der Vater sich täglich auf den
Weg zur Arbeit machte, um die Familie durchzubringen, achtete die Mutter auf den
regelmäßigen Schulbesuch der Kinder. Selbst etwaige Krankheiten ignorierte sie.
„Wenn du krank bist, wird dich der Lehrer schon nach Hause schicken”, waren ihre
Worte, erzählt Celik lachend. Diese fast schon preußische Disziplin einer Frau, der
der Schulbesuch in der Heimat nicht möglich war, war gut für die Kinder.
So haben alle Kinder der Celiks ihren Schulabschluss gemacht, ihre diversen Ausbildungen abgeschlossen und stehen heute erfolgreich ihren Mann oder ihre Frau
in den unterschiedlichen Berufen. Seine Schwester trifft Özkan Celik ab und an im
Flur des Rathauses. „Sie arbeitet schon etliche Jahre im Standesamt, ein toller Job”,
schwärmt er vom Arbeitsplatz seiner Schwester.
Er selbst hat viele Bereiche in der Stadtverwaltung kennengelernt. Nach seiner Ausbildung gab es immer wieder neue Zeitverträge. Teilzeit oder zwei geteilte Stellen in
verschiedenen Ämtern und verschiedenen Stadtteilen waren darunter. Aber Özkan
Celik ging und geht zielstrebig seinen Weg. Seine erste Vollzeitstelle gab es im
Tiefbauamt. Nach Abschluss der Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt war Celik in
der ARGE, dem heutigen Jobcenter Delmenhorst. Hier war er als Sachbearbeiter mit
den durchweg komplizierten Fällen beschäftigt. „Das geht schon an die Substanz.
Natürlich gibt es für alles Verordnungen. Aber es geht auch immer um Menschen,
und da muss man manchmal auch länger nach möglichen Lösungen suchen. Und
wenn man nicht helfen kann, muss man die Situation halt auch entsprechend
erklären. Dann verstehen die Menschen auch fast immer die Entscheidungen”, so
Celik. Inzwischen kümmert er sich im Finanzressort der Stadt um das Anlagevermögen. Der Umgang mit den Zahlen macht ihm Freude, und diesen Spaß an der
Arbeit merkt man ihm auch an.
Özkan Celik hat in seinem Leben schon einiges durchgemacht, doch er geht gemeinsam mit seiner Frau Zarife und seinen Kindern unbeirrt seinen Weg. Eine glückliche
Familie. Und ein Mann, der seine Erfüllung sowohl im Beruf als auch im privaten
Umfeld gefunden hat.

„Ich akzeptiere jeden,
der auch mich, meine
Herkunft und meinen
Glauben respektiert
und akzeptiert.”

Vater Emin (l.), Schwester Ayse
(oben), Schwester Gülcan (Mitte),
Özkan (unten), Mutter Behiye (r.)
Foto: privat

Für die Jugendlichen hat er keine Pauschalrezepte auf Lager. „Deutschland bietet
viele Möglichkeiten, doch man muss sich auch selber kümmern. An seine Ziele
muss man glauben, und man muss dafür arbeiten.”
Rassismus in Delmenhorst hat er nicht erlebt. „Klar, auf dem Fußballplatz fallen
entsprechende Sprüche, aber ansonsten war alles im erträglichen Rahmen.” Celik
hofft, dass auch die Jugendhäuser und Sporttreffs in Delmenhorst weiter gefördert werden, denn diese – das weiß er aus eigener Erfahrung und auch von seinen
Geschwistern – „sind gut und wichtig für die Entwicklung der Jugendlichen.”
„Die Entscheidung der Eltern, damals nach Deutschland zu gehen, kann man nicht
hoch genug würdigen. Sie haben uns den Weg geebnet, um hier glücklich zu werden”, zollt Özkan Celik seinen Eltern höchsten Dank und Respekt.
Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

13
Weg 6

„Man muss selbstbewusst sein,
und seine Arbeit lieben.”
Rachel Gerken ist Stationsleiterin im „Wohnpark Am Fuchsberg”, einer Pflegeeinrichtung in Ganderkesee. Sie kam 1989
aus den Philippinen nach Deutschland, weil sie ein Jahr zuvor
ihren aus Bremen stammenden Mann geheiratet hatte.
Die beiden frisch Vermählten wählten Delmenhorst als ihr gemeinsames, neues Zuhause.

STECKBRIEF
Name

Rachel Gerken

geboren

1965 in Iloilo,
Philippinen

Beruf
(Qualifikation) Stationsleiterin,
„Wohnpark am
Fuchsberg”,
Ganderkesee
(Krankenschwester)
Autorin: Bettina Snyder

In ihrer Heimat hatte Frau Gerken eine Ausbildung als Kranken-

schwester abgeschlossen und schon einige Berufserfahrung gesammelt. Doch es
half nichts, erst einmal musste die Philippinin nun Deutschkurse bei der Angestelltenkammer besuchen. Die beiden Kinder, die sie bald darauf zur Welt brachte und
um die sie sich kümmerte, hielten sie von einer erneuten Berufstätigkeit ab. Nach
zehn Jahren versuchte sie den Wiedereinstieg und absolvierte ein dreimonatiges
Praktikum in einem Krankenhaus in Bremen. Sie freute sich über eine daraus
resultierende Anstellung, doch merkte schnell, dass derartige berufliche Belastungen nicht mit ihren Mutter- und Hausfrauenaufgaben in Einklang gebracht werden
konnten. Eine Tätigkeit als Altenpflegerin in Ganderkesee harmonierte damit deutlich besser. Als nach ein paar Jahren die Stelle der Stationsleiterin der Abteilung frei
wurde, bewarb sie sich beherzt und schaffte so den Aufstieg. Nun ist sie sowohl für
die Pflege der Patienten als auch für Verwaltungsaufgaben verantwortlich.
 Wie erlebten Sie Ihre erste Zeit in Deutschland?
Als meine Kinder im Kindergarten waren, sagten sie auf einmal zu mir: „Mama, du
kannst nicht gut Deutsch!” Das war mir sehr unangenehm – und ich habe sofort
aufgehört, mit ihnen und meinem Mann Englisch zu sprechen. In der neuen Heimat
die Sprache zu lernen, um sich wirklich gut verständigen zu können, das ist einfach
das Wichtigste. Es hat bei mir gut zwei Jahre gedauert, bis ich mich danach sicher
gefühlt habe und alles sagen konnte, was ich wollte. Anfangs jedoch war es nicht
immer leicht.

14

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
 Wer hat Sie auf Ihrem Lebensweg unterstützt?
Selbstverständlich erst einmal meine Eltern. Ich war eins von zehn Kindern, aber
meine Eltern haben die Ausbildung von allen Kindern finanziert. Erst wollte ich
Architektin werden, aber das war zu kostspielig. Da ich auch einen Beruf erlernen
wollte, mit dem ich später ins Ausland reisen konnte, entschloss ich mich, einen
Abschluss als Krankenschwester zu erwerben. In Deutschland haben mein Ehemann und dessen ganze Familie mich sehr herzlich aufgenommen und unterstützt.
Hinzu kommt, dass meine älteste Schwester auch in der Nähe von Bremen lebt und
mir half, mich einzuleben. Und meine Ausbildung als Krankenschwester wurde von
Beginn an anerkannt.
 Gab es auch mal Probleme oder schwierige Situationen auf Grund Ihrer Herkunft?
Nein. Sowohl meine Kollegen als auch die Patienten waren immer offen. Wenn mir
anfangs noch die richtigen Wörter fehlten, haben sie mir auf die Sprünge geholfen.
Wusste ich etwas nicht, habe ich gefragt. Ich bin ein positiver Mensch, der gute
Laune verbreitet, und meinen Patienten war nur das wichtig.
Warmherzigkeit ist doch ausschlaggebend, nicht die Herkunft.
Ich fühle mich hier voll integriert. Delmenhorst ist jetzt meine
Heimat. Hier ist meine Familie.

„Ich war eins von zehn
Kindern, aber meine
Eltern haben die
Ausbildung von allen
Kindern finanziert.”

 Was können Sie jungen Migranten heute mit auf den
Weg geben?
Sie sollen ihre Träume nicht aus den Augen verlieren und bereit
sein, dafür hart zu arbeiten. Geduld und harte Arbeit, damit
kommt man weit. Meine Eltern sind meine Vorbilder, an ihrer
Lebenseinstellung habe ich mich orientiert. Man muss selbstbewusst sein, und seine Arbeit lieben. Ich bin meinen Prinzipien treu geblieben und bin sehr zufrieden mit meinem Leben.

Foto vom Deutschlandbesuch der Eltern im
Sommer 1992
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

15
Weg 7

„Wir sind alle mit dem
Beruf liiert.”

Nein, als erfolgreicher Migrant fühlt sich Tarik Cirdi nicht. „Ich
bin doch hier geboren, ich habe zwar türkische Wurzeln, aber ich
bin in zwei Kulturen zu Hause. Mein Vater Nasreddin kam 1972
nach Deutschland. Er wurde in der Türkei als Facharbeiter direkt für die Nordwolle Delmenhorst abgeworben. Meine Mutter
Neval kam dann mit meiner ältesten Schwester nach.” Zwei
Jahre nach dem Start der Eltern in Deutschland wurde Tarik als
ältester Sohn geboren. Zwei Geschwister sollten noch folgen.

STECKBRIEF
Name

Tarik Cirdi

geboren

1974 in
Delmenhorst,
Deutschland

Beruf
(Qualifikation) Selbstständiger
Gastronom „RIVA”
(Industriekaufmann, Betriebswirt)
Autor: Holger Geisler

Alle sind heute berufstätig. Ihr privates Glück haben sie indes noch nicht gefunden: Die zweite
Generation der Familie Cirdi ist noch komplett unverheiratet. „Wir sind alle mit dem Beruf
liiert”, sagt Tarik Cirdi lachend. Sein Vater steht inzwischen kurz vor dem Renteneintritt, aber
die Pläne zur Rückkehr in die Türkei haben die Eltern inzwischen fallen gelassen. „Meine
Eltern können doch nicht ohne ihre Kinder”, so Tarik Cirdi, „aber mehrere Monate im Jahr verbringen sie schon in den warmen Gefilden bei unseren Verwandten.”
Grundschule, Orientierungsstufe, Realschule, danach Höhere Handelsschule. Die Schullaufbahn von Tarik Cirdi verlief in immer geraden Bahnen. Danach gab es die verkürzte Ausbildung
zum Industriekaufmann beim damaligen Polsterriesen „Nordica”. „Ich habe alle Abteilungen durchlaufen, war auch im Lager und der Produktion. Dennoch habe ich gemerkt: Das
Kaufmännische ist schon richtig für mich”, erinnert er sich durchaus gerne an diese Zeit.
Anschließend stand das Fachabitur an, und es folgte darauf ein Betriebswirtschaftsstudium in
Bremen. Die Gastronomie begleitete ihn jedoch in all diesen Jahren. „Seit meinem 17. Lebensjahr habe ich in der Gastronomie gearbeitet, davor mein eigenes Geld mit Zeitungsaustragen
verdient.” Und auch in vielen anderen Bereichen hat er gejobbt, um seine Kasse aufzubessern. Im Versicherungsgewerbe war er sehr erfolgreich, und in den 90er Jahren wusste man:
Bei Cirdi gibt es die besten Mobilfunkverträge. Doch auch für harte körperliche Arbeit war er
sich nie zu schade. „Ich habe als Industriereiniger gearbeitet, mir braucht keiner etwas über
Malochen zu erzählen.”
Hart arbeiten ist für Cirdi Tagewerk. In der Gastronomie achtet man nicht auf Acht-StundenTage oder 40-Stunden-Wochen, schon gar nicht als Selbstständiger.
Und das ist er inzwischen seit zehn Jahren. „2001 habe ich mit einem Cafe in der Delmenhorster Innenstadt angefangen”, erinnert er sich. Kurze Zeit später kam noch ein Restaurant in
Vechta dazu. 2003 dann besuchte er das Managementteam vom Jute Center. „Als ich ihnen
meine Idee vom Riva vorstellte, haben sie nur den Kopf geschüttelt. Eine Gastrofläche an
diesem Standort war für sie nicht diskutabel.” Doch er konnte sie überzeugen. Nur ein paar
Wochen später freundeten sich die Centermanager mit Cirdis Idee an. Er jedoch bekam zu

16

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
spüren, dass in Deutschland manche Hürden für Unternehmensgründer aufgebaut sind. „Ich
hatte einen Businessplan und eine Geschäftsidee - so dick wie ein Quelle Katalog”, so der
Betriebswissenschaftler. Trotzdem versagte die Hausbank ihm die Finanzierung und rechnete
ihm vor: Mehr als 35 Gäste würden an diesem Standort niemals tagtäglich einkehren. Die
Finanzierung stemmte er dennoch, und die Besucherzahlen lagen jenseits der Befürchtungen
der damaligen Kreditverweigerer. „Wir haben in der Zwischenzeit zweimal erweitert”, sagt der
erfolgreiche Gastronom nicht ohne Stolz, der sein ganzes Augenmerk auf das Riva legt. Von
den anderen gastronomischen Betrieben hatte er sich schon in den Anfangsjahren des Riva
getrennt.
Rassismus hat er kaum erlebt. Sicher gab und gibt es diese Tendenzen, doch damit muss
man umgehen können. In der Gastronomie gab und gibt es immer wieder mal entsprechende
Sprüche zu hören. Hoch hängen will er dieses Thema aber nicht. „Darüber lohnt es nicht sich
aufzuregen.” Jungen Leuten könnte er eine Menge Tipps geben, doch sein Enthusiasmus hält
sich dabei in Grenzen.

„An seinen Schwächen
muss man arbeiten”.

„Ich würde mich über wirklich engagierte junge Leute freuen, die bei mir arbeiten
wollen. Aber vernünftiges Personal, das auch eine gewisse Eigenverantwortung an
den Tag legt, ist sehr schwer zu finden.” Das hat aber nichts mit Migranten oder
Deutschen zu tun, sondern ist ein allgemeines Phänomen. „An seinen Schwächen
muss man arbeiten. Unlängst hatte ich eine junge Dame hier, die abends immer
Fehlbeträge in der Kasse hatte. Das lag an einer Rechenschwäche. Die hätte man
sicherlich in den Griff bekommen, doch statt daran zu arbeiten, ist die junge Frau
lieber zu Hause geblieben”, ist Tarik Cirdi noch heute verärgert.
Über Aussagen wie „Wer nichts wird - wird Wirt” kann der Erfolgsgastronom nur
lachen. „Heute ist ein Gastronom doch Vollkaufmann, Marketingmacher, Einkäufer,
Logistiker, Buchhalter und Thekenkraft in einem”, so seine Erkenntnis.
Die Zukunft in und für Deutschland sieht Cirdi nicht so rosig. „Wir haben ein gutes
Sozialsystem, doch das ist an seine Grenzen geraten. Wenn Deutschland erfolgreich bleiben will, sollte mehr in Bildung denn in die Verwaltung von bestehenden
Strukturen investiert werden. Nicht von ungefähr denken erfolgreiche Türken der
jüngeren Generation inzwischen darüber nach, in die alte Heimat zurückzukehren.”
Für Cirdi trifft dies wahrscheinlich nicht zu. Wie anders wäre es sonst zu erklären,
dass er sich so engagiert für seine Stadt Delmenhorst einsetzt. Unlängst gab er der
Lokalpresse ein umfangreiches Interview, indem er die Missstände in der Innenstadt anprangerte. Er äußerte sein Unverständnis dafür, dass die Kommunalpolitik
und die Verwaltung zwar die Innenstadt fördern wollten, eine Stärkung des Areals
des Jute Centers aber vehement ablehnten. Kurz nach seinen Aussagen im Delmenhorster Kreisblatt schwenkten auch die Behörden auf den neuen Kurs ein, beide Standorte aufzuwerten. So vermessen, dass dies an seinen Worten gelegen haben könnte, ist Cirdi
nicht. „Aber vielleicht habe ich ja einen kleinen Denkanstoß gegeben”, so Cirdi augenzwinkernd.

Oben: Fikret, Vater Nasreddin,
Mutter Neval
Unten: Tarik, Nazli, Gülnaz
Foto: privat

Pläne für die Zukunft hat er einige, sowohl beruflich als auch privat. Verraten will er sie aber
nicht. Wir dürfen also gespannt sein auf den weiteren Lebensweg des Delmenhorster Unternehmers.
Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

17
Weg 8

„Es wäre schön, wenn wir
alle offener wären …”

Magdalena Bochniak war bereits eine studierte Frau, als
sie sich mit 21 Jahren entschied, von Polen nach Deutschland zu gehen. Die polnische Verwaltungsrechtlerin wurde
zum Aupair-Mädchen in Wildeshausen. Außer dem DeutschTraining in ihrer Aupair-Familie absolvierte Magdalena Bochniak
Deutschkurse, so dass sie nach dem Aupairjahr alsbald Soziologie
an der Uni Bremen studieren konnte. Um das Studium zu finanzieren, musste sie nebenbei jobben.

STECKBRIEF
Name

Magdalena
Bochniak

geboren

1981 in Stalowa
Wola, Polen

Beruf
(Qualifikation) Bewerbungstrainerin am Job Center Delmenhorst
(Verwaltungsrechtlerin)
Autorin: Bettina Snyder

Sie jammerte nicht, sie klagte nicht, sie biss sich durch.

Die Heirat mit einem polnisch-stämmigen Mann brachte sie nach Ganderkesee.
Aber Magdalena ruhte sich auch in der Schwangerschaft mit ihrem ersten Kind
nicht aus und nahm am Integrationslotsenkurs in Delmenhorst teil. Parallel erwarb
sie die Qualifikation zur Gästeführerin, was ihr eine Arbeit im Nordwolle-Museum
einbrachte. Kurze Zeit später wurde sie Deutschdozentin an der VHS und unterrichtete zahlreiche MigrantInnen in der deutschen Sprache. Das machte ihr Spaß und
sie hatte Erfolg. Sie blieb den immigrierten Menschen treu und wurde sozialpädagogische Betreuerin von jungen MigrantInnen, während sie nebenbei ihr zweites
Kind zur Welt brachte. Seit April 2012 ist Magdalena Bochniak Bewerbungstrainerin
am Job Center Delmenhorst.
 Wie haben Ihre Eltern reagiert, als sie erfuhren, dass Sie in Deutschland arbeiten
wollten?
Sie waren nicht gerade begeistert. Sie dachten, das Studium Verwaltungsrecht
würde mir eine gute Zukunft in Polen sichern. Als Aupair nach Deutschland – was
sollte das? Sie glaubten nicht, dass man in Deutschland als Ausländerin erfolgreich
sein könnte.
 Haben Sie denn als Polin Vorurteile der Deutschen zu spüren bekommen?
Ich bin des Öfteren mit den Klischees, die es von polnischen Frauen gibt, konfrontiert worden: Sie seien nur gute Hausfrauen, könnten gut kochen, haben aber keine
eigene Meinung und so was. Und das, wobei alle meine osteuropäischen Freundinnen und Bekannte studierte, erfolgreiche Leute sind, für die es selbstverständlich
ist, Erfolg zu haben. Außer mit einem sehr unfreundlichen Paar in der Nachbarschaft habe ich sonst nie wirklich schlechte Erfahrungen gemacht.

18

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
Im Gegenteil: Ich bin immer wieder auf offene, intelligente Leute gestoßen, die mich
unterstützt haben, einen nicht so konventionellen Weg einzuschlagen. Ich habe
viele Chancen bekommen, mich zu beweisen.
 Was würden Sie heute zu jungen Migrantinnen und Migranten sagen, die hier
einen Neuanfang starten?
Lernt die deutsche Sprache! Nicht ein Mal in ein paar Kursen, nein, kontinuierlich!
Und denkt nicht lange darüber nach, was ihr machen wollt, tut es einfach. Macht
was! Seht euer Anderssein nicht als Schwäche, sondern als Stärke. Baut darauf
auf, dass ihr einen anderen kulturellen Hintergrund habt und zweisprachig seid.
Wichtig finde ich allerdings, mit den eigenen Kindern zuhause in der Muttersprache,
anstatt in gebrochenem Deutsch zu sprechen. Das hat einen doppelten Nutzen: Die
Kinder lernen frühzeitig mich zu respektieren, und ich kann das eigene Niveau in der
Muttersprache aufrecht erhalten. Es ist in Ordnung, stolz auf seine Wurzeln zu sein,
dennoch muss man die Kultur des Einwanderungslandes akzeptieren und achten.
Wenn ich zehn Paar Hausschuhe im Flur meines Mietshauses vor die Tür stelle, und das in dem Land nicht üblich
ist, tue ich mir damit keinen Gefallen.

„Lernt die
deutsche Sprache…
kontinuierlich!”

 Was ist Ihre Meinung zum Thema Integration allgemein?
Oh, ehrlich gesagt kann ich es nicht mehr hören, dieses
Thema Integration... Vorurteile kann man dadurch abbauen,
dass man den Zuwanderen zugesteht, ihr Leben einfach
selbst zu gestalten. Sie brauchen nur die Möglichkeit zu
arbeiten, dann klappt Integration von ganz alleine. Aber
Ausländer müssen auch ihre Vorurteile den Deutschen
gegenüber zuhause lassen. Und man kann ruhig mal an
einer Kohlfahrt teilnehmen oder lernen, dass man sich hier
eben schon ein paar Tage vorher verabreden muss und sich
nicht spontan treffen kann. Es wäre schön, wenn wir alle
offener wären und einfach mal zu dem Anderen sagten:
„Erzähl mir mal etwas von Dir!”

Magdalena Bochniak in ihrer ersten Wohnung
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

19
Weg 9

„Meine Heimat ist dort,
wo ich geboren bin.”

Seit zwei Jahren gibt es im Inkoop-Markt an der Oldenburger
Straße ein kleines Stückchen Holland. Gleich am Eingang, im
Blumenladen von Piet Bakker, trifft man auf ein liebevoll
zusammengestelltes Sammelsurium aus Flohmarkt-Schätzen
und zarten Blüten-Arrangements. Das Prunkstück ist ein altes
Klavier, vor dessen schwarzem Lack die ersten Primeln und Osterglocken besonders gut zur Geltung kommen. Alles ist ein bisschen
schnörkelig, ohne kitschig zu sein – typisch holländisch eben.

STECKBRIEF
Name

Petrus „Piet”
Bakker

geboren

1955 in Berkhout,
Niederlande

Beruf
(Qualifikation) Selbständiger
Blumenhändler
(Inkoop-Markt,
Oldenburger Str.)
(Heizungsinstallateur)
Autorin: Ute Kehse

„Man braucht kein Florist zu sein, um einem Raum eine persönliche

Note zu verleihen”, sagt Piet Bakker. Der 57-jährige Niederländer ist gelernter
Schlosser, arbeitet aber schon seit 35 Jahren in der Blumenbranche. Die Arbeit mit
Blumen war es auch, die ihn 1977 aus seinem Heimatort Berkhout in der Provinz
Nord-Holland nach Deutschland führte. Der Blumengroßhändler Piet Meinen
suchte Personal. Bakker, damals Anfang 20, überlegte nicht lange. „Unser kleines
Dorf wurde mir zu eng, die Bezahlung war gut, und die fremde Kultur und Sprache
haben mich gereizt”, beschreibt er seine Beweggründe.
Sein erster Arbeitstag am famila-Markt in Oldenburg-Wechloy war ein Sprung ins
kalte Wasser. Bakker sprach kein Deutsch und musste sich mit Händen und Füßen
verständigen. Für Sprachkurse blieb keine Zeit: „Wir haben morgens um sieben
angefangen zu arbeiten und waren nicht vor sieben Uhr abends zu Hause – und das
sechs Tage die Woche”, berichtet er. Sein Sprachlehrer wurde die Bild-Zeitung, „weil
sie so einfach schreibt.”

In den folgenden Jahren kam Piet Bakker in Deutschland viel herum: Ende der
1980er Jahre zog er, inzwischen mit einer Deutschen verheiratet, für ein Jahr nach
Bayreuth. Als sein dortiger Arbeitgeber pleiteging, fing er kurz entschlossen als
Franchise-Partner von Piet Meinen in Hamburg an. Häufig war er auf Wochenmärkten in den neuen Bundesländern unterwegs. Schließlich zog es ihn zurück
nach Delmenhorst, wo er zusammen mit seiner Frau einen Blumenladen im
Inkoop-Markt im Brendelweg betrieb.

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Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
Über die Jahre lernte Piet Bakker gut Deutsch – statt der Bild-Zeitung liest er heute
die Magazine „Spiegel” und „Stern”. Gleichzeitig lernte seine Frau Ingrid Niederländisch. Auch die beiden erwachsenen Töchter können sich mit ihren zahlreichen Verwandten in Holland problemlos verständigen. „Es war mir wichtig, dass die Sprache
bei ihnen nicht verlorengeht”, sagt Bakker.
Sein niederländischer Akzent, hat er beobachtet, kommt bei den Norddeutschen
gut an. „Die Leute mögen das, vor allem die Frauen”, schmunzelt er. Fremdenfeindlichkeit hat er hier nie erlebt, wohl aber in Bayern und in Mecklenburg-Vorpommern: „Dort gab es schon mal provokative Äußerungen, sogar bei Polizisten oder
Behörden.” Hier in Delmenhorst seien die Menschen eher neugierig: „Viele Kunden
interessieren sich für das Königshaus und sprechen mit mir über die Königin und
die Prinzen.”
Vor sechs Jahren kam es für Bakker ziemlich dicke: Die Ehe ging kaputt, mit der
Scheidung verlor er Haus und Arbeit, er hatte gesundheitliche
Probleme. In dieser schweren Zeit dachte er darüber nach,
wieder zurück nach Holland zu gehen. „Meine Heimat ist dort,
wo ich geboren bin”, bekennt er. Dennoch blieb er hier, in der
Nähe seiner Kinder und der Enkeltochter. „Dort hätte ich mich
auch wieder neu integrieren müssen, einen Bekanntenkreis
aufbauen und Arbeit finden”, sagt er.

„Alles niet kunnen,
maar het toch doen.”

Aufgeben ist ohnehin nicht seine Sache. „Alles niet kunnen,
maar het toch doen”, so beschreibt er seinen Wahlspruch. Frei
übersetzt lautet er etwa: Auch wenn man etwas nicht kann,
sollte man es wenigstens versuchen. Mit neuer Energie eröffnete er Ende 2010 sein Geschäft an der Oldenburger Straße.
Die Umsätze sind noch nicht ganz so, wie er sie sich vorstellt,
nehmen aber stetig zu. Im geplanten Inkoop-Neubau, da ist er
sicher, wird das Geschäft so gut laufen, dass er wieder etwas
mehr Zeit hat für sein liebstes Hobby – die Musik.

Piet Bakker (ganz rechts) mit Freunden.
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

21
Weg 10

„Die Bilingualität ist ein Geschenk,
das man sich erhalten sollte.”
Vorurteile wegen seiner Heimat kennt Petros Tossios gut. „Wenn
man in Oldenburg oder Bremen erzählt, dass man aus Delmenhorst kommt, muss man sich einiges anhören”, sagt der junge
Mann und lacht. Heimat – das ist für Petros Tossios zuerst einmal
Delmenhorst. Er ist zwar in Griechenland geboren, doch das war
eher Zufall. Seine Familie lebt schon in der dritten Generation in
der Delmestadt.

STECKBRIEF
Name

Petros Tossios

geboren

1984 in Giannitsa,
Nord-Griechenland

Beruf
(Qualifikation) Trainee bei
der Bremer
Landesbank
(Diplom-Ökonom)
Autorin: Ute Kehse

22

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

Seine Großeltern fanden in den 1960er Jahren in der Nord-

wolle Arbeit, seine Eltern besitzen seit 1981 ein Restaurant in Weyhe. Auf die Frage,
ob er sich eher als Deutscher oder Grieche fühle, weiß er keine rechte Antwort. Er
besitzt beide Staatsbürgerschaften – und findet das auch gut so. „Eher fühle ich
mich als Europäer”, sagt er.

Tatsächlich könnte man sich Petros Tossios gut in der Londoner City vorstellen, wo
smarte junge EU-Bürger aller Nationalitäten die Straßen bevölkern. Mit seinem
dunklen Anzug, der dezenten Krawatte und dem halblangen Mantel entspricht er
perfekt dem klassischen Bild eines Bankers. Schließlich ist er auch einer: Derzeit
absolviert der 28-jährige bei der Bremer Landesbank ein Trainee-Programm für
Hochschulabsolventen.
Seine griechische Herkunft spielte bei seiner bisherigen Berufslaufbahn kaum eine
Rolle, sagt Tossios. Insgesamt verlief sein Leben wohl nicht viel anders als das
seiner deutschstämmigen Mitschüler. Bis auf eine Kleinigkeit: In den ersten sechs
Jahren seiner Schulzeit hatte er zusammen mit elf weiteren griechischen Schülern
muttersprachlichen Unterricht. Griechisch spricht er daher heute genauso perfekt
wie Deutsch. Dafür ist er dankbar: „Die Bilingualität ist ein Geschenk, das man sich
erhalten sollte”, sagt er. Nach Grundschulzeit und Orientierungsstufe besuchte er
das Willms-Gymnasium, wo er 2004 sein Abitur machte.
Dass er die Schulzeit problemlos hinter sich brachte, verdankt er auch der Unterstützung seiner Eltern. Die beiden legten auf Bildung großen Wert. „Am Gymnasium
habe ich in einigen Fächern Nachhilfe bekommen”, berichtet er. Er sei zwar ehrgeizig gewesen, aber wie viele Jugendliche nahm er die Schule nicht so furchtbar ernst.
„Die Nachhilfe hat glücklicherweise für bessere Noten gesorgt”, schmunzelt er.
Weil er ein breites Interesse für Politik und Wirtschaft entwickelt hatte, studierte
er nach dem Abitur in Oldenburg Wirtschaftswissenschaften. Ein besonderes
Highlight war ein Praktikum in der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer in Thessaloniki. Nach dem Abschluss 2009 fand er schnell den Einstieg bei
der Bremer Landesbank – über einen Aushilfsjob. „Ich habe dort in einem IT-Projekt
mitgearbeitet”, erzählt er. Dabei hinterließ er offenbar einen so guten Eindruck,
dass ihm einer der begehrten Plätze des Trainee-Programms im Bereich „Financial
Market” angeboten wurde. „Es war viel Glück dabei, dass ich die Stelle bekommen
habe, es passte gerade alles zusammen”, meint er. Seine Aufgabe besteht nun
darin, mittelständische Kunden zu Themen wie
Devisen, Zinsabsicherung oder Geldanlagemöglichkeiten zu beraten.
Seine griechische Herkunft hat er nie als Belastung empfunden, sondern eher als Bereicherung.
„Es gab manchmal sogar eine Art positive Diskriminierung”, sagt Petros Tossios. Viele seiner
Lehrer waren Griechenland-Fans, interessierten
sich für die griechische Kultur und waren neugierig auf seine Geschichte. „Als Grieche kann man
sich leicht in Deutschland integrieren”, ist seine
Erfahrung. Ihm ist es wichtig, seine Wurzeln
nicht zu vergessen, sich gleichzeitig aber auch
nicht abzukapseln. Insgesamt sieht er Deutschland beim Thema Integration auf einem positiven
Weg: „Von Einwanderungsländern wie Australien
oder den USA könnte man sicher noch einiges
lernen, aber hier hat sich in den letzten zehn
Jahren unheimlich viel getan.”

„Als Grieche kann
man sich leicht
in Deutschland
integrieren.”

Mutter Zoi Lapata und Vater
Athanasios Tossios, Mitte
der 1980er Jahre
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

23
Weg 11

„…man muss offen für
Andere und Neues sein.”

„Geschafft” – zufrieden begutachtet Fehime Dogan das soeben fertiggestellte Abendkleid. Und auch ihre Kundin, die zur
abschließenden Anprobe der Maßanfertigung in den Laden
der Delmenhorster Schneiderfee gekommen ist, strahlt überglücklich. Wie eine Prinzessin wirkt die junge Frau in ihrer
Abendrobe, die mit unzähligen Swarovski-Steinen besetzt ist.

STECKBRIEF

Gelernt

Name

Fehime Dogan

geboren

1967 in Midyat,
Türkei

hat Fehime Dogan, die 1980 mit ihren Eltern aus dem türkischen
Turabdin nach Delmenhorst kam, ihr Handwerk von der Pike auf. Eine anerkannte
Ausbildung hat sie allerdings nie absolviert. Ihre Lehrmeisterin war ihre Mutter und
bei ihr hat sie nicht nur beruflich, sondern auch für das Leben gelernt.

Beruf
(Qualifikation) Selbstständige
Schneiderin in
der Änderungsschneiderei
"Schneiderfee"
(Schneiderin)

Der Liebe wegen verließ Fehime das Elternhaus, um in Gießen zu heiraten. Hier
eröffnete sie auch ihren ersten eigenen Laden. Der Laden ist längst Geschichte, die
Liebe aber blieb bis zum heutigen Tag. Dass sie mit Ehemann Maragi glücklich wie
am ersten Tag ist, merkt man schon nach wenigen Sätzen. Die beiden wirken wie
eine Einheit, und die waren sie wohl auch in allen Höhen und Tiefen, die das Leben
so zu bieten hat.

Autor: Holger Geisler

Zehn Jahre war Fehime Dogan in Hessen selbstständig, ehe es sie wieder in die
Nähe der Eltern zurück nach Delmenhorst zog. Bei Kaufland fand sie eine neue
berufliche Betätigung. Egal, ob an der Information oder der Kasse, die Arbeit machte
ihr Spaß, den Umgang mit den Kunden liebte sie. Zwölf Jahre arbeitete sie gut
gelaunt im Einzelhandel.
Eines Tages entdeckte ihr Mann einen frei werdenden Laden in der Nordstraße.
Viele Jahre war hier eine Änderungsschneiderei beheimatet gewesen. Als er seiner
Frau von seiner Entdeckung und der Idee, wieder eine Schneiderei zu eröffnen,
erzählte, wollte diese nichts davon wissen. Doch tief im Innern meldete sich der
Wunsch, wieder zur eigentlichen Berufung zurückzukehren. So fuhr sie spontan
zum kleinen Laden und verliebte sich sofort in die Räumlichkeiten. Kaum stand der
Entschluss fest, schon wurde er in die Tat umgesetzt. Keine zwei Wochen dauerte
es, bis Familie Dogan die Eröffnung feiern konnte. In dieser Zeit wurde renoviert,
umgebaut und alles nach den eigenen Vorstellungen eingerichtet. Ganz nebenbei

24

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
konnte Fehime auch ihren bisherigen Chef dazu bewegen, ihren Vertrag umgehend
aufzulösen. Schweren Herzens ließ man die Schneiderin ziehen.
Das ist nun fast zwei Jahre her. Und Frau Dogan hat diesen Schritt nicht bereut.
Die Hauptarbeit liegt in der Änderungsschneiderei. Aber wie schon eingangs
erwähnt, auch die Maßanfertigung für Braut- und Abendmode liegt ihr ebenso am
Herzen und geht perfekt von der Hand. Selbiges gilt selbstverständlich auch für
Herrenmode. Darüber hinaus ist eine Altgoldankaufstelle und das Wechseln von
Uhrenbatterien im Laden angesiedelt. Auch Tochter Alexandra, eigentlich gelernte
Industriekauffrau, hat sich inzwischen selbstständig gemacht. Sie betreibt ein Fingernagelstudio als „Shop in Shop System” im elterlichen Laden. Die beiden jüngsten
Kinder der Dogans befinden sich in der Berufsausbildung. „Unsere Tochter schließt
im Mai die Ausbildung zur Friseurin ab, der Sohn beendet dann die Lehre zum Autolackierer” berichtet Fehime Dogan stolz. Stolz ist sie mit Sicherheit auch auf ihre
dritte Tochter. Diese arbeitet als Bankfachwirtin bei der Bremer Sparkasse.

„Glaubt an euch und
verwirklicht eure
Vorstellungen. Denkt
dabei nicht in zu engen
Bahnen!”

Jungen Leuten, die noch auf der Suche nach der richtigen Arbeit sind,
gibt sie folgenden Rat: „Hört in euch hinein und werdet euch klar, was
ihr wollt. Glaubt an euch und verwirklicht eure Vorstellungen. Denkt
dabei nicht in zu engen Bahnen”. Sie selbst probiert auch immer wieder
neue Dinge aus. So kümmert sie sich zumindest im weiteren Familienkreis nicht nur um die Garderobe, sondern auch um die richtige Haarpracht bei Hochzeiten. Aber selbst in anderen Bereichen lernt sie stetig
dazu: Sie hat inzwischen sogar gelernt, Fliesen zu legen! Malen und
Tapezieren kann sie schon lange, das geht ihr leicht von der Hand.
Lange Zeit hat sich die Aramäerin auch stark ehrenamtlich engagiert.
So war sie Stellvertretende Vorsitzende im Integrationsbeirat oder organisierte mit anderen den Frauenweltgebetstag. Auch im Frauenvorstand der Aramäischen Gemeinde ist sie seit vielen Jahren aktiv. Zudem
schlägt ihr Herz für das Tanzen. Seit sie den Laden eröffnet hat, steckt
sie aber alle Energie in den Betrieb und natürlich – nach wie vor – in ihre
Familie.
Ihr Tipp für gelungene Integration: „Man darf sich nicht nur im eigenen
Kulturkreis bewegen, sondern muss offen für Andere und Neues sein.”
So verwundert auch ihr großer Traum für Delmenhorst nicht. „Ein richtig
großes Kulturfest wäre eine tolle Sache. Möglichst viele Kulturen und natürlich
müssen sich auch die Deutschen entsprechend einbringen.” Fehime Dogan ist
glücklich. Mit ihrer Berufung als Schneiderin, mit ihrer Familie und mit ihrer „neuen
Heimat”.

Fehime Dogan (ganz
rechts) mit Ihren Eltern
Meryem und Sibo Kilic
sowie den Geschwistern
Samira, Yilmaz, Seyde
und dem Neffen Numan
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

25
Weg 12

„Es gefällt mir gut
in Deutschland.”
Saint-Louis, die frühere Hauptstadt des Senegal, ist eine
faszinierende Melange aus Afrika und Europa. Viele nennen
die Lagunenstadt am Senegalstrom das Venedig Afrikas. Hier
vermischt sich der alte koloniale Glanz mit der Farbenpracht
des schwarzen Kontinents.

STECKBRIEF
Name

Bécaye Diop

geboren

1958 in SaintLouis, Senegal

Beruf
(Qualifikation) Zusteller CITIPOST
Delmenhorst
(Krankenpfleger)
Autorin: Ute Kehse

Doch auch Armut und Verwahrlosung sind in Saint-Louis allgegenwärtig.
Im Viertel Leona gibt es allerdings eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche.
Im „Zentrum für Bildung und soziale Förderung Keur Mame Fatim Konté” werden
Straßenkinder medizinisch versorgt und es gibt einen Kindergarten. Mädchen und
junge Frauen erhalten Nachhilfe und Berufsbildungskurse zur Friseurin, Köchin
oder Schneiderin.

Bis vor einem Jahr zählte auch Bécaye Diop zu den Lehrern des Bildungszentrums.
Er unterrichtete die Mädchen in Französisch, Sexualkunde und Sport, um ihnen eine
bessere Zukunft zu ermöglichen.
Er selbst verdiente dabei nur wenig. „Das Geld reichte vielleicht für einen Sack Reis
und ein paar Liter Öl”, sagt Brigitte Wittenberg, Bécaye Diops Frau. Im Juni 2012 hat
der 54-jährige ein neues Leben angefangen, 6000 Kilometer von seiner Heimat, seiner Familie und seinen Freunden entfernt - in Delmenhorst, bei seiner Frau. Er hat
tropische Monsungüsse und heiße Sahara-Winde gegen norddeutsches Schmuddelwetter eingetauscht, seine Arbeit als Lehrer gegen einen Job als Zusteller bei der
Regiopost. „Es gefällt mir gut in Deutschland”, sagt er.
Fünf Tage in der Woche zieht Bécaye Diop seine Runde von der Wildeshauser
Straße bis zur Anton-Günther-Straße. Sechs bis zehn Kilometer ist er auf seinem
blauen Fahrrad bei Wind und Wetter unterwegs. An die Kälte hat er sich gewöhnt.
Während des langen Winters ist er nicht einmal krank geworden. Die Leute kennen
und mögen ihren afrikanischen Postboten, und nicht selten bietet ihm unterwegs
jemand Kaffee oder Gebäck an.
Natürlich hätte er gerne eine Arbeit, die besser bezahlt wäre. Auch seine Frau verdient als Seniorenbetreuerin nicht besonders gut. Doch nach einem knappen Jahr

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Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
im Land spricht Bécaye Diop erst ein paar Brocken Deutsch. Viele Arbeitsvermittler
lehnen ihn daher von vorneherein ab.
„Ich will lernen”, sagt er selbst. Für einen Integrationskurs reicht das Geld derzeit
allerdings nicht. Seine Frau Brigitte, die er 2010 über ein Internetforum für Musik
kennengelernt hat, spricht mit ihm so viel Deutsch wie möglich. „Er versteht inzwischen schon eine ganze Menge”, sagt sie.
Die deutsche Bürokratie macht es den beiden nicht unbedingt leicht. So können sie
nicht den gleichen Namen tragen, weil er von seiner ersten Ehe im Senegal keine
amtlichen Scheidungspapiere vorweisen kann. Bis ihre Ehe offiziell anerkannt
wurde, mussten Bécaye Diop und Brigitte Wittenberg zahlreiche Formulare ausfüllen, Papiere beglaubigen lassen und von Botschaft zu Botschaft rennen. Bei der
Jobvermittlung riet man Diop, sich wieder abzumelden, da seine Sprachkenntnisse
zu gering seien.

„Ich will lernen.
Ich habe immer
gearbeitet.”

Eine Ausbildung, die hier anerkannt werden könnte, hat Bécaye Diop nicht. Dafür
besitzt er reichlich Erfahrung in unterschiedlichen Berufen: Bevor er Lehrer
war, arbeitete er erst als Krankenpfleger
und später als Radioreporter. In seiner
Freizeit spielte er Fußball und trainierte
Mannschaften. Viel Geld verdiente er
nie. „Das Leben im Senegal ist hart”, sagt
er. Er und seine drei Kinder lebten mit
einer Halbschwester, deren Tochter und
Enkelkindern zusammen. „Ich war der
einzige in dieser achtköpfigen Familie,
der gearbeitet hat”, sagt er. Die Schwester kümmerte sich um seine inzwischen
erwachsenen Kinder und um die Ziegen,
Schafe, Enten, Hühner und Truthähne,
die mit zum Haushalt gehörten.
Dank Skype ist Diop seiner Familie im
Senegal auch jetzt immer nah. In Delmenhorst hat er sich gut eingelebt – vor
allem dank seiner Frau, die ihn zu allen Behördenterminen begleitet und Alltagstätigkeiten von Einkaufen bis Straßenbahnfahren mit ihm geübt hat. „Ich weiß
auch nicht, warum man um die halbe Welt fahren muss, um jemanden zu treffen,
der zu einem passt – aber so war es bei uns”, sagt sie. Beide kochen gerne, lieben
Filme, Musik und Fahrradfahren. Brigitte Wittenberg hat sich in Saint-Louis, bei der
Familie ihres Mannes, sofort wie zu Hause gefühlt. Damit sie den nächsten Besuch
dort noch mehr genießen kann, lernt sie nun Französisch und Wolof, die Umgangssprache im Senegal.

Mit Ehefrau in der ehemaligen Schule im Senegal
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

27
Weg 13

Als Azubi Vorreiter
für Migranten

Er hat ihn gewagt, den Schritt in die Selbstständigkeit:
Eniz Bertan hat 2002 seine Banklaufbahn eingetauscht
gegen seine eigene Generalagentur eines großen Versicherungs- und Finanzunternehmens. Mit Erfolg! Im vergangenen Jahr konnte der 46-Jährige Delmenhorster das
zehnjährige Jubiläum feiern. Auf über 1600 betreute Kunden
ist sein Kundenstamm angewachsen, täglich werden es mehr.

STECKBRIEF
Name

Eniz Bertan

geboren

1967 in Aydin,
Türkei

Beruf
(Qualifikation) Inhaber der
Generalagentur
Württembergische,
Delmenhorst
(Bankkaufmann,
Versicherungsfachmann)
Autor: Dirk Hamm

In seinen Büroräumlichkeiten an der Oldenburger Straße beschäftigt der

Bankkaufmann und Versicherungsfachmann fünf Angestellte, darunter zwei Auszubildende. Mit Versicherungsfachfrau Yeliz Bertan gehört seine Schwester zu den
Mitarbeiterinnen: „Wenn ich mich irgendwann mal zurückziehe, möchte ich, dass sie
die Agentur übernimmt.”
Eniz Bertan wurde 1967 in Aydin an der türkischen Westküste geboren. Doch den
größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in Nordhorn und in Delmenhorst. Bertan, ältestes von vier Kindern, kam 1969 mit seiner Mutter nach Nordhorn,
wo der Vater Arbeit in einer Textilfabrik gefunden hatte. Später arbeitete Vater Bertan bei Klöckner in Bremen, und Delmenhorst wurde zur neuen Heimat der Familie.
Eniz Bertan blickt zurück auf eine unproblematische Kindheit: „Da ich in Nordhorn
aufgewachsen bin, hatte ich sprachlich keine Probleme. Auch in der Schule lief es
gut. Meine Eltern haben darauf geachtet, dass ich meinen schulischen Verpflichtungen nachkomme.” Die Bertans, die in der Türkei nicht die finanziellen Möglichkeiten
für eine höhere Bildung hatten, setzten die richtigen Akzente für ihre Kinder: „Integration wurde bei uns großgeschrieben. Mein Papa wollte, dass ich in der Schule gut
bin und dass etwas aus mir wird.”
In der Schule also, in der er immer zu den Besseren gehörte, konnte Eniz Bertan die
Grundlage für seinen beruflichen Erfolg legen. In Delmenhorst machte er seinen
Realschulabschluss, dann ging er für ein Jahr auf die Höhere Handelsschule in
Bremen. Mathe gehörte immer zu seinen starken Fächern. Doch den entscheidenden Einfluss bei der Entscheidung, sich in Richtung Finanzwelt zu orientieren, hatte
ein Verwandter: „Ich habe jedes Jahr meinen Onkel in der Türkei besucht, einen
Bankkaufmann. Der hat mich dann mitgenommen zur Bank. Mich hat vor allem
fasziniert, wie schnell er das Geld zählen konnte, damals machte man das noch

28

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
per Hand.” Es waren noch andere Zeiten, Zeiten, in denen der persönliche Kontakt
zu den Bankmitarbeitern noch nicht durch den Geldautomaten abgelöst wurde,
erinnert sich Eniz Bertan: „In die Bank zu gehen war etwas Besonderes, ältere Leute
zogen sich dafür extra fein an.”
Und dennoch hegte der junge Mann Zweifel, ob es wirklich etwas werden könnte
mit einer Banklaufbahn. Zweifel, die sich als unberechtigt erweisen sollten: „Ich
habe in Bremen das Wirtschaftsabitur abgelegt und mich bei vier Banken beworben,
ich habe dann zwei Zusagen erhalten.” Bertan entschied sich für die Oldenburgische Landesbank als Ausbildungsunternehmen. Wie er dort erfuhr, sei er so etwas
„wie ein Versuchskaninchen” gewesen. Bis dahin gab es in der Region Weser-Ems
keine Auszubildenden mit Migrationshintergrund bei einer Bank. „Ich stand also
unter besonderer Beobachtung, aber das hat mich umso mehr motiviert. Ich hatte
nicht den Eindruck, als zweitklassiger Mensch behandelt worden zu sein.”

„In die Bank zu gehen
war etwas Besonderes,
ältere Leute zogen sich
dafür extra fein an.”

Eniz Bertan erwies sich als ein sehr fordernder Auszubildender, stellte viele Fragen. Sein Talent blieb nicht verborgen,
nach vier von sechs Monaten Probezeit bereits erhielt er die
Zusage, übernommen zu werden. Bertan hat damit den Weg
geebnet für andere Migranten: „Es hat mich stolz und glücklich gemacht, als ich nach einem Jahr hörte, dass zwei oder
drei neue Bewerber mit Migrationshintergrund einen Ausbildungsplatz bekommen hatten. Auch bei den anderen Banken
hat man inzwischen entsprechend reagiert!” Man habe eine
„Marktlücke” entdeckt, meint Eniz Bertan, denn Menschen aus
Einwandererfamilien brächten mit ihrer Mehrsprachigkeit
einen wichtigen Vorteil mit.
Zum Verhältnis von Migranten und Nicht-Migranten in Delmenhorst hat Eniz Bertan eine klare Meinung: „Mich nervt,
dass oft gesagt wird, die Innenstadtprobleme seien ein Migrantenproblem und wir sollen uns integrieren.” Dabei habe er
selbst sich „enorm integriert”, findet Bertan, der vor Jahren die
deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat und mit einer
Deutschen verheiratet ist. Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die ihren Weg ebenso erfolgreich gehen wollen, wie er
es vorgemacht hat, rät Eniz Bertan, zupackend und nicht mit
Vorurteilen heranzugehen, sich überall zu bewerben und die
Chancen, die sich bieten, zu ergreifen.

Schwester Filiz, Mutter Kerime, Eniz (v.l.)
Rechts: Vater Hüseyin
Fotos: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

29
Weg 14

„Mit der Kunst
Distanz überwunden”

Seit einem halben Jahr ist die Jute-Einkaufspassage
auch zu einem Ort für die Malerei geworden, wie ein
Blick durch das große Schaufenster des Ateliers BerGer
eindrucksvoll zeigt. Dort sind zahlreiche Bilder ausgestellt, mehr als 260 Werke vom Porträt bis zum Landschaftsbild hängen an den Wänden. Gemalt wurden sie
von Malschülern, die ihre Technik unter der Anleitung
von Madlen Fish erlernen oder verfeinern.

STECKBRIEF
Name

Madlen Fish

geboren

1960 in Simferopol, Ukraine

Beruf

Kunstpädagogin
im Atelier BerGer

(Qualifikation) Designerin
(Kunstpädagogin)

Autor: Dirk Hamm

Selbst malt die gebürtige Ukrainerin zu Hause, bevorzugt mit Wasser-,
Gouache-, Pastell- und Ölfarben.

Madlen Fish, die 1997 als jüdische Emigrantin aus der ehemaligen Sowjetunion
nach Deutschland kam, ist beim Atelier angestellt und dankbar dafür, von Inhaber
Dirk Schulte Strathaus die Möglichkeit erhalten zu haben, täglich ihr künstlerisches
Know-how an andere Menschen weitergeben zu können und damit ihr Geld zu verdienen. Geboren wurde sie 1960 in Simferopol, einer Stadt auf der Halbinsel Krim.
Als sie dort aufwuchs, war die Herrschaft der Kommunistischen Partei noch ungebrochen. Toleranz und gleiche Rechte für alle Menschen, gleich welcher Herkunft,
das waren Werte, die in der „Volksdemokratie” der Sowjetunion oft nur auf dem
Papier standen. Madlen Fish sollte einen Eindruck davon bekommen: „Offiziell gab
es keinen Antisemitismus, aber in der Realität war das anders. Bekannte erzählten zum Beispiel, dass Juden an der Universität nicht als Historiker angenommen
wurden. Als ich an der Hochschule für Kunst studierte, gab es eine Prozentregel,
wie viele Juden da studieren durften.” Dabei sei in ihrer Familie das Judentum nicht
als Religion, sondern als Tradition etwa beim Kochen und durch das Einhalten der
Feiertage praktiziert worden, berichtet Madlen Fish. „Total enttäuscht” sei sie über
diese Form der Diskriminierung gewesen. Sie habe gedacht, in der Sowjetunion
werde die ‚Neue Welt’ gebaut, in der alle gleich sind.
In Simferopol stellte sich schon in frühen Jahren heraus, dass Madlens besondere
Begabung im künstlerischen Bereich liegt. Sie besuchte die Kinderkunstschule,
später dann studierte sie Gestaltung und Design. In einer Werbeagentur gelang
ihr 1981 der Berufseinstieg. Bald brach die Zeit der Perestroika und der Auflösung
der Sowjetunion heran. „Das war eine schreckliche Zeit”, sagt Madlen Fish zurückblickend. Die Lebensumstände in der Ukraine verschlechterten sich rapide, es gab
kaum noch Lebensmittel. Die Werbeagentur ging pleite, und die Firma, die sie nun

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Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
zusammen mit anderen gründete, litt unter dem Druck der aufblühenden Mafia. Als
sie keine Aussicht auf ein anständiges Leben in der Ukraine mehr sah, stellte sie
einen Antrag bei der deutschen Botschaft, und nach drei Jahren Warten konnte sie
1997 ausreisen.
Nach einem halben Jahr in Sachsen-Anhalt fand Madlen Fish 1998 in Delmenhorst
ein neues Zuhause, wo bereits ihre Eltern und ihr Bruder, ein Schachgroßmeister,
lebten. Doch für die Gruppe der oft akademisch ausgebildeten jüdischen Einwanderer war es auch in Deutschland nicht so leicht, über die Runden zu kommen,
da ihre Berufsabschlüsse und Diplome nicht anerkannt wurden: „Ich kenne viele
Ingenieure, die als Hausmeister oder in Zeitarbeitsfirmen unter ihrem Ausbildungsniveau arbeiten. Viele Juden, die nach Deutschland kamen und ihre Fähigkeiten in
die Gesellschaft einbringen wollten, konnten es nicht. Das war für mich die nächste
Enttäuschung.”
Madlen Fishs Integration in ihre neue
Umgebung wurde durch die Kunst
erleichtert. Sie hatte bereits in der Ukraine Erfahrungen im Unterrichten von
Kindern gesammelt, und jetzt hatte sie
die Idee, mit den Kleinen in der jüdischen
Gemeinde Delmenhorsts zu arbeiten und
Malkurse für russisch sprechende Kinder
zu geben. Sie ist stolz darauf, dass einige
dieser Kinder sich inzwischen entschieden haben, Kunst zu studieren. Weitere
Möglichkeiten, mit der Vermittlung ihrer
künstlerischen Fertigkeiten Geld zu verdienen, ergaben sich – nicht zuletzt im
Atelier BerGer. Und so zählt sich Madlen
Fish, die seit fünf Jahren im Besitz der
deutschen Staatsangehörigkeit ist, „zu
den geschätzten zehn Prozent” der
Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die es doch geschafft haben,
die Hürde der fehlenden beruflichen
Anerkennung zu überwinden.
Am Anfang sei es schwierig gewesen für sie, die Distanz und auch Vorurteile, mit
denen manche Mitmenschen ihr in Delmenhorst begegnet sind, zu überwinden.
Das gemeinsame künstlerische Arbeiten in den Malgruppen hat ihr dabei geholfen,
das Eis zu brechen. Und so fühlt sie sich inzwischen „gut integriert” – und schränkt
zugleich ein: „Irgendwo ist die Fremdheit immer noch da.”

„… die Integration in
ihre neue Umgebung
wurde durch die Kunst
erleichtert.”

Ausstellung im Lichthof der
VHS Delmenhorst, 2003 (v.l.n.r.):
Madlen Fish, Mutter, Tochter
und Vater. Es fehlt Bruder
Gennadiy.
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

31
Weg 15

„Dank Sport in die
richtige Spur gefunden”
Er habe einen sehr abwechslungsreichen Beruf, findet Abdullah Erkan Sahbaz Der Bremer, den die meisten schlicht Erkan
Sahbaz.
nennen, sorgt als Polizeikommissar in Delmenhorst für Recht und
Ordnung. Mal lautet die Aufgabe, routinemäßig den Schuldienst zu
überwachen, dann sind es Einsätze wie Streitigkeiten oder Einbrüche, die den 33-Jährigen im Streifenwagen auf den Plan rufen.
Aber auch die penible Dokumentation gehört zu seinen Pflichten:
„50 Prozent der Arbeit als Polizist ist Schreibtischarbeit.”

STECKBRIEF
Name

Abdullah Erkan
Sahbaz

geboren

1980 in Bremen,
Deutschland

Beruf
(Qualifikation) Polizeikommissar,
Polizei Delmenhorst
Autor: Dirk Hamm

Erkan Sahbaz kam 2006 nach dreijähriger kombinierter praktischer und
theoretischer Ausbildung an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege
in Oldenburg und einem Jahr bei der dortigen Bereitschaftspolizei an die Delmenhorster Polizeiwache. Inzwischen ist er einer von drei Kollegen mit Migrationshintergrund in der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land. Anfangs jedoch
sei er wie „ein Exot” betrachtet worden, der kulturellen Unterschiede wegen – der
tatsächlich vorhandenen und der klischeehaft vermuteten.

Aber der neue Kollege mit dem türkischen Namen konnte die Bedenken schnell
zerstreuen, und vor allem bei der Begegnung mit Jugendlichen erwies es sich als
Vorteil, nicht nur in der deutschen Kultur zu Hause zu sein: „Ausländische Jugendliche fühlen sich oft benachteiligt, wenn sie es nur mit deutschstämmigen Polizisten
zu tun haben. Treffen sie auf einen Beamten mit Migrationshintergrund, gilt das
nicht mehr. Wenn es sein muss, spreche ich mit ihnen auf Türkisch, oftmals wirkt
das deeskalierend.”
Erkan Sahbaz ist in Bremen-Nord aufgewachsen, im Stadtteil Vegesack lag das
Revier seiner Kindheit und Jugend. Seine Eltern waren in den 70er Jahren aus der
Türkei dorthin gezogen, der Vater malochte in der Vulkan-Werft. 1980 kam Erkan
auf die Welt. Dass er in Deutschland aufwuchs – inzwischen besitzt er auch die
deutsche Staatsangehörigkeit –, davon war in seiner Kindheit wenig zu spüren.
Denn er ist in einem Viertel groß geworden, in dem fast nur Gastarbeiterfamilien
wohnten, meist aus der Türkei. Zu Hause wurde Türkisch gesprochen, Kontakte zu
Deutschen gab es kaum.

32

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
Keine idealen Bedingungen also für eine erfolgreiche Integration, aber, so erinnert
sich Erkan Sahbaz, in seinem Elternhaus wurde ihm und seinen drei Brüdern eine
„vernünftige Einstellung” mitgegeben: Anstand, Korrektheit, eine gute Schulbildung,
Fleiß. Der Vater wünschte sich, dass seine Jungs nicht so hart würden schuften
müssen wie er selbst.
Doch da war noch ein anderer Einfluss, der auf den Heranwachsenden wirkte: „Wir
waren 30 bis 40 Jugendliche, die sich am Stromkasten an der Straße getroffen und
Blödsinn gemacht haben.” So umschreibt Erkan Sahbaz diese Phase, in der die
Gefahr bestanden habe, an die falschen Freunde zu geraten. Tatsächlich sei ein
Drittel dieser Gruppe zu Straftätern geworden, einige landeten im Gefängnis.
Erkan Sahbaz hat letztlich den falschen Verlockungen widerstehen können. Dabei
hat der Sport eine zentrale Rolle gespielt: Basketball wurde zu seiner großen Leidenschaft. Mit 13 hat er beim Vegesacker TV angefangen, und in dem ukrainischen
Trainer Nathan Barg fand der sportliche Jugendliche, der
auch Judo, Karate und Kickboxen betrieb, eine weitere
wichtige Autoritätsperson.
Der Trainer machte schlechte Schulnoten zum Ausschlusskriterium für seine Mannschaft. Zudem half das
tägliche Training dabei, die Sprachkenntnisse zu verbessern, und je perfekter der zielstrebige Erkan Deutsch
beherrschte, desto besser wurden auch die Noten. 1999
machte er sein Abitur. Das Basketballspiel, da ist er sich
heute sicher, hat ihm genau die richtigen Werte nahegebracht: „Man lernt, für Ziele zu kämpfen, niemals aufzugeben und dabei Teamplayer zu sein.” Heute ist Sahbaz
selber Coach, trainiert die Mannschaft der BTS Neustadt,
die an der Spitze der Oberliga steht.
Die entscheidende Eingebung hinsichtlich der Berufswahl
kam übrigens als Zivildienstleistender bei einer zufälligen
Begegnung mit Polizisten auf einem McDonald’s-Parkplatz: „Ein Freund sagte zu mir: Warum fängst du nicht bei der Polizei an? Dabei
hatte ich eher daran gedacht, Sport und Englisch auf Lehramt zu studieren.”

„Ich versuche, das Beste
aus beiden Kulturen in
mein Leben einfließen
zu lassen.”

Erkan Sahbaz (erste Reihe links) mit
seiner Basketballmannschaft.
Foto: privat

Als was fühlt sich Abdullah Erkan Sahbaz denn nun, eher als Deutscher oder als
Türke? Die Antwort fällt nicht überraschend aus: „Beides, fifty-fifty. Ich versuche,
das beste aus beiden Kulturen in mein Leben einfließen zu lassen.” Integration
müsse von Deutschen und Migranten gleichermaßen gelebt werden. Vollständige
Assimilation lehnt er ab. Seine Zugehörigkeit zum Islam verleugnet Erkan Sahbaz
nicht, aber auch Feste wie Weihnachten und Ostern feiert er mit seiner Freundin
Katja. Beide sind seit neun Jahren zusammen, wohnen im eigenen Haus in Bremen:
„So langsam wird man sesshaft.”

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

33
Weg 16

„Von zwei Kulturen geprägt”
Was bedeutet eigentlich „Integration”? Sirvan Tiryaki hat ihre
eigene Antwort darauf gefunden: „Sich zu integrieren heißt, sich
anzupassen, zum Beispiel in der Schule, aber nicht die eigene
Herkunft aufzugeben.” Wie wichtig eine solide Schulbildung und
im Besonderen die Beherrschung der deutschen Sprache für
eine gelungene Integration sind, weiß die 39-jährige Delmenhorsterin: Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie erfolgreich eine
Banklehre und arbeitet heute in einer örtlichen Filiale der RaiffeisenVolksbank, ihrem Ausbildungsunternehmen.

STECKBRIEF
Name

Sirvan Tiryaki

geboren

1974 in
Delmenhorst,
Deutschland

Beruf
(Qualifikation) Kundenberaterin,
Volksbank eG
Delmenhorst
Schierbrok
(Bankkauffrau)
Autor: Dirk Hamm

Das war ihr nicht unbedingt vorherbestimmt, als Tiryakis Eltern Anfang

der 70er Jahre im Abstand von zwei Jahren aus der Türkei nach Delmenhorst
kamen. Vater Tiryaki arbeitete auf der Nordwolle. 1974 wurde Sirvan geboren, zwei
Brüder folgten. „Meine Eltern haben zu Hause nur Türkisch gesprochen”, erzählt sie,
die notwendigen Deutschkenntnisse eignete sich das junge Mädchen anderweitig
an: „In der Vorschule habe ich Deutsch gelernt. Und ab der ersten Klasse hatte ich
eine deutsche Freundin, wir haben oft zusammen gespielt.”

Ein zweiwöchiges Praktikum in der neunten Klasse wies Sirvan Tiryaki den Weg
in ihre berufliche Zukunft: „Ich habe das Praktikum bei der Volksbank absolviert.
Das hat mir gut gefallen, und ich entschied mich, eine Ausbildung bei der Bank zu
machen.” Mit diesem Wunsch stieß sie in ihrem Bekanntenkreis auf viel Skepsis:
„Alle haben mir gesagt: Du hast keine Chance, dich nehmen sie sowieso nicht, weil
du Türkin bist.” Starken Rückhalt fand die Schülerin hingegen bei ihrer Mutter: „Sie
hat zu mir gesagt: Mach dich nicht verrückt, du schaffst das. Warum sollten sie
dich nicht nehmen?” Dass diese Ermunterung mehr als nur Zweckoptimismus war,
sollte sich bald zeigen: Sirvan Tiryaki bewarb sich bei drei Banken, und als die Volksbank als erste zusagte, stand der Ausbildungsplatz fest.
Noch heute ist Sirvan Tiryaki dankbar für die Unterstützung, die sie von ihrem
damaligen Chef erfahren hat. Als Migrantin sei sie nicht auf Schwierigkeiten gestoßen, im Gegenteil: „Der Vorstand hat früh erkannt, dass Mitarbeiter mit Migrationshintergrund viele Vorteile mit sich bringen. Ich kenne die Kultur und Sprache
unserer türkischen Kunden, deren familiäre Zusammenhänge.” Dass sie mit den
türkischstämmigen Bankkunden häufig türkisch spricht, werde in ihrem Kollegenkreis akzeptiert.

34

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
Inzwischen ist die Mutter zweier Mädchen beruflich voll etabliert, ein Musterbeispiel gewissermaßen für eine gelungene Integration. Dabei weist sie ihren Eltern
die entscheidende Rolle zu: „Meine Mutter war die ausschlaggebende Person, und
auch mein Vater stand immer hinter mir. Beide sind sehr stolz auf mich, dass ich
das geschafft habe.”
Doch alles in rosaroten Farben zu zeichnen, entspräche nicht der ganzen Wahrheit, macht Sirvan Tiryaki deutlich. Auch sie ist in Gesprächen mit Menschen, die
sie nicht kennen, bisweilen auf Vorurteile und negative Klischees gestoßen. Zum
Beispiel bezüglich ihres privaten Glücks: „Ich bin mit einem Türken verheiratet. Da
kann es schon mal vorkommen, dass mich jemand fragt, ob ich mir meinen Mann
selbst ausgesucht habe.”
Nicht nur ihren beiden Töchtern, sondern allen jungen Menschen mit Migrationshintergrund gibt die Delmenhorsterin vor allem einen Ratschlag mit auf den Weg,
von dem sie selbst sich hat leiten lassen: „Sie sollen sich etwas
zutrauen, und von niemanden einschüchtern lassen.” Jeder sei
für sich selbst verantwortlich, fügt sie hinzu, Integration könne
nur funktionieren, wenn man dazu bereit ist. Probleme im
Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft nur
auf die Politik zu schieben, davon hält Sirvan Tiryaki nichts.

„Integration kann nur
funktionieren, wenn
man dazu bereit ist.”

Migrationshintergrund, das bedeutet oft auch, in zwei Kulturen
zugleich zu Hause zu sein, weiß die Delmenhorsterin mit dem
türkischen Pass: „Ich habe oft das Gefühl, in Deutschland bin
ich die Türkin, und in der Türkei bin ich die Deutsche.” Auch im
Hause Tiryaki macht sich das bemerkbar, wo sowohl die eine
als auch die andere Sprache gesprochen wird. Die Grenzen der
Integration sind dort klar gezogen: „Wir essen zum Beispiel
kein Schweinefleisch, auch die Kinder sind so erzogen.”
Sirvan Tiryaki steht mit beiden Beinen voll im Leben, hat Beruf
und Familie erfolgreich unter einen Hut bekommen. Trotzdem
geht ein kleiner Gedanke schon weit in die Zukunft: „Wenn ich
mal alt und grau bin, möchte ich zwischen Delmenhorst und
einem schönen Plätzchen in der Türkei hin und her pendeln.
Die Zelte hier abzubrechen kommt nicht infrage, dazu bin ich
zu sehr eingedeutscht.”

Die Eltern Hürü und
Rüstem Tiryaki
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

35
Weg 17

„Man muss mit Kopf
und Seele dabei sein.”
Eine abgeschlossene Lehre als Tischler sowie das Abitur
Grönwold
hatte Ioan Grönwoldt bereits in der Tasche, als er 1992
aus dem rumänischen Cluj (Klausenburg) nach Niedersachsen kam und politisches Asyl beantragte.
In Delmenhorst fand er dann sowohl sein Liebesglück als auch eine Anstellung in einer Tischlerei,
für die er 13 Jahre lang tätig war.

STECKBRIEF
Name

Ioan Grönwoldt

geboren

1967 in Cluj
(Klausenburg),
Rumänien

Beruf
(Qualifikation) Selbstständiger
Tischler in der
Bremer Straße
(Tischler)
Autorin: Bettina Snyder

2006 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit mit einer eigenen
Werkstatt für Trocken- und Innenausbau sowie Türen-, Treppen- und Fensterinstallationen in Delmenhorst-Mitte.

Mittlerweile hat er auch Häuser erworben, die er sanierte und nun vermietet. Seine
deutsche Frau unterstützt ihn, und seine beiden Söhne sind stolz auf den fleißigen
Vater.
 Wie waren Ihre Anfangsjahre in Deutschland?
Ich habe mir selber Deutsch beigebracht und konnte mich schon nach einigen
Monaten recht gut verständigen. Dass ich so bald eine Arbeit fand, war ein Glücksfall. Mein Chef hat gesehen, wie fleißig ich war, so habe ich mich schnell hochgearbeitet. Natürlich musste ich viel Neues lernen, denn in Rumänien hatte ich mit
anderen Maschinen und Techniken gearbeitet.
 Hat Sie in Ihrem Werdegang jemand besonders unterstützt?
Ein Lehrer hat mich immer wieder herausgefordert, das Abitur zu schaffen. In
Deutschland haben mir Freunde Mut gemacht, mich selbstständig zu machen. Aber
eigentlich habe ich alles aus eigenem Antrieb geschafft.

36

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
 War Ihr Migrationshintergrund für Ihren Werdegang manchmal ein Hindernis?
Nein, ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Weder mit meinen Kollegen
noch mit Kunden. Wenn man sich anpasst, dass heißt, wenn man freundlich und
ehrlich ist, klappt doch alles gut. Klar, es gab natürlich auch mal böse Worte, aber
nichts, was wirklich ernst zu nehmen war. Manchmal habe ich Neid auf meinen
Erfolg gespürt, naja, das ist doch überall so.
 Was würden Sie jungen Migrantinnen und Migranten heute mit auf dem Weg
geben?
Sie müssen bereit sein zu lernen, und sie sollten immer optimistisch bleiben. Wenn
sie ein Praktikum machen oder in der Lehre oder Probezeit sind, können sie die Zeit
nutzen, um zu zeigen, was sie drauf haben. Man muss mit Kopf und Seele dabei
sein. Kopf allein reicht nicht. Es hilft auch, die deutschen Werte und Gepflogenheiten anzunehmen. Ja, man sollte versuchen, sich anzupassen und bereit sein, die
vielleicht veraltete Lebensweise aus der Heimat zu überdenken.

„Junge Menschen
müssen bereit sein
zu lernen!”

 Darf ich fragen, warum Sie den Namen
ihrer Frau angenommen haben?
Das hat zwei Gründe, einen verrate ich
Ihnen. Mein rumänischer Nachname ist
Marina und man könnte es mit einem
Vornamen verwechseln.
 Herr Grönwoldt, wie sehen Sie Ihre
Zukunft?
Ich spüre die Finanzkrise nicht. Meine
Auftragsbücher sind voll, und ich hoffe,
dass ich noch weiter expandieren kann,
so dass ich einmal eine größere Werkhalle haben werde. Ich bin sehr optimistisch.

Ioan Grönwoldt (erste Reihe, zweiter von
links) mit seiner Familie in Rumänien.
Foto: privat

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

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Weg 18

„Man sollte für sich herausfinden, was man will –
und daran arbeiten.”

Ein Berg voller Akten bedeckt den Schreibtisch von Rechtsanwalt Benyamin Kaya. Die schöne Aussicht auf den
Marktplatz und die Delme nimmt der 38-jährige Anwalt
vor lauter Arbeit kaum noch wahr. Doch Kaya liebt seinen
Beruf, der für ihn der schönste auf der Welt ist.

STECKBRIEF
Name

Benyamin Kaya

geboren

1973 in Istanbul,
Türkei

Beruf
(Qualifikation) Rechtsanwalt,
Kanzlei von Häfen
& Neunaber

Autor: Holger Geisler

„Für mich kamen immer nur zwei Berufe infrage, entweder als Mediziner zu
arbeiten oder eben als Jurist”, so Kaya. Dass seine beiden älteren Brüder genau jene
Berufe ausüben, dürfte dennoch eher Zufall sein.

Er war sechs Jahre alt, als seine Familie nach Deutschland kam. Genau erinnert sich
der Jurist an diese Zeit nicht mehr, doch er weiß ganz genau, dass die Sprache für
ihn nie ein Problem darstellte. „Wir haben ständig mit deutschen Kindern gespielt,
und da will man sich sofort verständigen.” Nun, sofort klappte es nicht, aber nach
rund vier Monaten waren die Barrieren der Sprache überwunden. Auch in der
Schule lief es ziemlich rund für Kaya.
Nach dem Abitur stand der Zivildienst an. Die Gemeinnützigen Werkstätten wählte
Benyamin Kaya ganz pragmatisch aus. Zum einen interessierte ihn die Arbeit mit
Menschen, die gehandicapt sind, zum anderen lagen die Werkstätten in unmittelbarer Nähe zum elterlichen Zuhause. Die eineinhalb Jahre in den Werkstätten möchte
Benyamin Kaya nicht missen. „Das war eine tolle Erfahrung. Dies alles sind ganz
normale Menschen, trotz ihrer Behinderungen. Ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es
gibt nette und weniger nette. Offene aber auch verschlossene Menschen.” Diesbezüglich hält Kaya auch einen Rat parat: „Ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal
in diesem oder einem anderen sozial-karitativen Bereich zu engagieren. Das prägt
für das weitere Leben.”
In den letzten Jahren des Abiturs, wie auch während des Zivildienstes, arbeitete
Kaya regelmäßig im elterlichen gastronomischen Betrieb mit. Das „Akropolis” in der
Delmenhorster Innenstadt ist eine echte Institution. Inzwischen führt Benyamin
Kayas Neffe das Restaurant sehr erfolgreich. Wie Herr Kaya später erfuhr, hätte
sein Vater sich gewünscht, dass er in den Betrieb einsteigt. „Mir gegenüber hat er

38

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
das nie geäußert. Das wäre problematisch geworden. Dem Vater einen Wunsch
abzuschlagen, wäre mir schwer gefallen. Doch das Jurastudium war ganz einfach
das, was ich wollte.” So studierte Kaya zuerst in Gießen und ging später für das
Zweite Staatsexamen nach Düsseldorf. Dass seine Brüder ebenfalls in der Rheinmetropole arbeiteten und wohnten und auch heute noch dort erfolgreich wirken,
passte ihm zwar ganz gut, war aber kein entscheidender Faktor. „Die Wartezeiten
in Oldenburg und Bremen waren einfach wesentlich länger, und ich wollte das Studium so schnell wie möglich abschließen.” Staatliche Unterstützung hat er während
des Studiums nie erhalten, so dass die Ersparnisse vom Jobben aus Schul- und
Zivildienstzeit nun zum Tragen kamen.
Den „Fachanwalt für Verkehrsrecht” hat der ehrgeizige Jurist schon seit Längerem
in der Tasche. Zudem steht er kurz davor, sich auch „Fachanwalt für Arbeitsrecht”
nennen zu dürfen. Es läuft also gut für den Juristen. Auch die Zukunftsplanung ist
in vollem Gange. „Mit meinen Arbeitgebern bin ich mir einig darüber, kurz- bis mittelfristig als Partner in die Kanzlei einzusteigen.” Die Kanzlei hat neben
ihrem Stammsitz in Delmenhorst weitere Standorte in Mühlhausen und
Leinefelde (beides Thüringen). Insgesamt arbeiten neun Anwälte für die
gerechte Sache.

„Ich kann nur jedem
empfehlen, sich einmal
in einem sozial-karitativen Bereich zu engagieren. Das prägt für
das weitere Leben.”

Um beruflich erfolgreich sein zu können, muss das private Umfeld
stimmen. Auf Familie Kaya trifft dies ganz sicher zu. Benyamins Bruder
Zeki ist ebenso Jurist und arbeitet als Justiziar bei der Nationalbank in
Essen. Der älteste Bruder Ibrahim ist ein erfolgreicher Kardiologe in
Krefeld. Auch die drei Schwestern haben ihre Ausbildungen erfolgreich
hinter sich gebracht und stehen mit beiden Füßen gesund und selbstbewusst im Leben. Zwei hatten den Weg in die Selbstständigkeit gefunden.
Diese Rolle füllt Cekiye weiterhin voller Begeisterung aus, während Hana
liebend gerne den eigenen Betrieb mit der Mutterrolle getauscht hat.
Lusi, die Dritte im Bunde, hält seit etlichen Jahren demselben Arbeitgeber
die Treue.
Sein familiäres Glück hat Benyamin Kaya schon längst gefunden. Er ist
seit Studienzeiten glücklich mit seiner Maria verheiratet und hat drei
Kinder zu Hause. „Meine Familie sehe ich eigentlich durch die Arbeit viel
zu wenig, aber die Zeit, die wir haben, verbringen wir auch ganz intensiv
miteinander."
Benyamin Kaya hat seinen Traum verwirklicht und ist sich sicher: Das können alle.
„Man sollte für sich herausfinden, was man will – und daran muss man arbeiten.
Welcher Beruf das ist, das muss jede und jeder für sich selbst entscheiden.”

Vater Halef und Mutter Zero.
Foto: privat

Benyamin Kaya hat viel erreicht – aber auch viel dafür getan. Benyamins Kayas Satz
zur Integration: „Integration bedeutet für mich die Teilhabe am gesellschaftlichen
Leben. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist das Erlernen der deutschen Sprache.”

Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege

39
Weg 19

„Das Wichtigste ist sicher das
Erlernen der deutschen Sprache.”
Frau Havva Bakni ist in Delmenhorst geboren. Sie hat türkische
Eltern: Ihre Mutter kam mit zwölf, ihr Vater mit zwanzig Jahren nach
Deutschland. Sie ist die Älteste von fünf Kindern. Nach der Orientierungsstufe kam Havva auf das Max-Planck-Gymnasium, wo sie den
bilingualen Zweig besuchte, in dem einige Fächer wie Geschichte und
Biologie in englischer Sprache unterrichtet werden. Zur Oberstufe
wechselte sie in das Wirtschaftsgymnasium an der BBS I, das sie
2010 mit dem Abitur in der Tasche verließ.

STECKBRIEF
Name

Havva Bakni

geboren

1991 in
Delmenhorst,
Deutschland

Beruf
(Qualifikation) Studentin,
Englisch und
Deutsch auf
Lehramt (Abitur)
Autorin: Bettina Snyder

Jetzt studiert die junge Frau an der Uni Bremen Englisch und Deutsch
für das Lehramt in der Sekundarstufe Eins. Als Erste in ihrer Familie besucht sie
eine Universität.

 Wie kamen Sie zu dem Entschluss, Englisch auf Lehramt zu studieren?
Ich hatte in der 5. Klasse einen ganz tollen Englischlehrer: Herr Ahrens war ein
Vorbild für mich, er hat mir sehr viel Mut gemacht. Seit der Zeit schon wollte ich
Englischlehrerin werden. In der Oberstufe war ich auch sehr gut, bekam viel Bestätigung von den Lehrerinnen und Lehrern. Erst hatte ich noch mit dem Gedanken
gespielt, Wirtschaft zu studieren, aber ich habe schnell gemerkt, dass Betriebswirtschaftslehre doch nicht mein Ding ist.
 Wie haben Ihre Eltern Sie unterstützt?
Meine Eltern haben mir viel Freiraum gelassen, mich zu nichts gedrängt, waren sehr
stolz, dass ich auf das Gymnasium konnte. Sie haben intensiv meine Schullaufbahn
verfolgt, sind zu allen Elternabenden gegangen und waren immer an Schuldingen
interessiert. Das habe ich bei anderen türkischen Familien oft anders erlebt.
 Seit wann tragen Sie ein Kopftuch?
Als ich 17 war, ja, ich war in der 12. Klasse, habe ich mich dazu entschlossen. Wo
wir wohnten, wurde eine Moschee eröffnet, als ich 15 Jahre alt war, und ich fing an,
die Moschee zu besuchen. Es war erst Neugierde, dann habe ich meine türkischen
Wurzeln für mich wieder entdeckt. Meine Mutter trägt kein Kopftuch, und meine
Familie war sehr überrascht, dass ich ein Kopftuch tragen wollte. In der Schule hat
sich niemand dazu verwundert geäußert. Alle haben mich weiterhin völlig normal
behandelt.

40

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Starke Vielfalt - 21 Delmenhorster Lebenswege

  • 2. „Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.” Konfuzius, chinesicher Philosoph (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.)
  • 4. Vorwort der Herausgebenden  Wir leben in Deutschland in einer Gesellschaft, die nach dem Krieg große Flüchtlingsströme integriert hat. Diese Gesellschaft nimmt nun seit Jahrzehnten weiterhin Verfolgte, Arbeit suchende und ehemalige Gastarbeiterfamilien auf. Aktuell werden Migranten gezielt angeworben, um dem Fachkräftemangel und dem demographischen Wandel in unserem Lande zu begegnen.  Es gibt kaum noch „Gastarbeiter”, sondern Menschen, die sich in zwei Sprachen, zwei Kulturen bewegen und auskennen. Das ist Deutschlands neue, starke Seite, die längst in Delmenhorst Realität geworden ist: Diversity management, die Besinnung auf die Vielfalt der Menschen und die Vielfalt ihrer Gaben, wird von der Wirtschaft als Chance gesehen. Die Charta der Vielfalt zeigt auf, dass gegenseitige Akzeptanz in einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist, um sie auf viele solide Pfeiler zu stellen.  Junge Menschen brauchen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Ältere müssen ihren Blickwinkel ändern, um Neues zu entdecken. Das waren wichtige Gedanken bei der Entwicklung dieser Edition.  Die Auswahl der hier vorgenommenen Porträts gründet auf den von der Bevölkerung und Akteuren der Integrationsarbeit eingebrachten Vorschlägen. Es war uns wichtig, die Lebensläufe von ganz unterschiedlichen Menschen darzustellen, damit deutlich wird, dass Integration in Deutschland keine Heldentat ist, wohl aber eine gewisse Leistungsbereitschaft und einen starken Willen braucht.  Wer in Delmenhorst lebt, kennt Menschen mit Migrationshintergrund. Im öffentlichen Leben fallen diese z.B. als Unternehmerinnen und Unternehmer in Restaurants, Friseurbetrieben und Gemüsemärkten auf. Im Delmenhorster Alltag erleben wir aktive Migranten in der Lokalpolitik.  Menschen mit Migrationshintergrund müssen häufig mehr Energie als die Einheimischen aufwenden, um ihre Ziele zu erreichen. Sie haben weniger Netzwerke, auf die sie zurückgreifen können. Dass die Benachteiligung weniger wird und Vorurteile abgebaut werden, dafür steht diese Edition ebenfalls.  Neben diesen Menschen gibt es jedoch viele andere, ebenfalls erfolgreich „angekommene” Frauen und Männer in den unterschiedlichsten Berufen. Ihr Weg dorthin war nicht immer einfach, oft sogar anstrengend und außergewöhnlich. Das Ziel der Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist ein neues Leben in der deutschen Gesellschaft zu beginnen. Es ist – so berichten viele – eine Gesellschaft, die das Ankommen ermöglicht, wenn auch nicht immer leicht macht. Eine Gesellschaft jedoch, die auch die Erinnerung an die ursprüngliche Heimat zulässt, die Platz lässt für die Pflege des Brauchtums und der Religion.  Wir danken unseren Sponsoren, der Protempo GmbH und der Oldenburgischen Landesbank AG sowie dem Delmenhorster Integrationsbeirat, der Stadt Delmenhorst und dem Land Niedersachsen, die mit ihrem finanziellen Beitrag die Herausgabe der Edition ermöglicht haben. Unseren Autorinnen und Autoren, dem Fotografen und der Werbeagentur public emotions danken wir für ihre hervorragende Arbeit und ihre Bereitschaft, auf einen Großteil ihres Honorars zu verzichten. Unser abschließender Dank gilt den porträtierten Frauen und Männern. Ihre vielfältigen Lebenswege geben der Edition eine besondere Note.  Eines wird in allen Interviews, in allen dargestellten Lebensberichten deutlich: Wer sich integrieren möchte, kann das erreichen, und das ohne seine kulturell-religiöse Herkunft aufgeben zu müssen. Hinter den hier in der deutschen Gesellschaft „angekommenen” Migrantinnen und Migranten stehen häufig die Eltern, die Familie, die Unterstützenden aus dem Umfeld. Sie dürfen nicht vergessen werden. Oft ernten die Kinder, wozu die Eltern unter Mühen den Samen gelegt haben. 2 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege Anne Frerichs Telim Tolan Mitglieder der Arbeitsgruppe „Wirtschaft” des ersten Delmenhorster Integrationsbeirates von 2010 bis 2012
  • 5. Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Delmenhorst  Als Oberbürgermeister dieser Stadt Delmenhorst freue ich mich sehr, die Edition „Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege” durch ein Grußwort einleiten zu dürfen.  „Integration passiert überall – aber nicht überall auf die gleiche Weise”. Dieser Satz umschreibt in einfachen Worten die Situation vieler zugewanderter Menschen. Und gerade in Delmenhorst leben wir in einer Gemeinschaft, in der viele Bürgerinnen und Bürger aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, heute wie vor 20 oder 100 Jahren, als Flüchtlinge oder Vertriebene, als Arbeitssuchende oder Familienangehörige. Vielfältig sind ihre Potentiale und Ressourcen, und es gilt, diese für die Weiterentwicklung unserer Stadtgesellschaft zu stärken und zu fördern. Vielfalt ist ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Das können wir von der historischen Entwicklung Delmenhorsts lernen und das haben wir uns auch jetzt wieder auf die Fahnen geschrieben: Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt setzte die Stadt Delmenhorst als eine von vier Kommunen in Niedersachsen bereits in 2012 ein Zeichen zur aktiven Wertschätzung und Förderung der unterschiedlichen Talente.  Diese Edition trägt ihren Titel zu Recht: „Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege” beschreibt den Weg, den Delmenhorst beschreiten muss. Mit der Edition werden gute Beispiele gezeigt, wie es Bürgerinnen und Bürger aus Einwandererfamilien geschafft haben, ihren Lebensweg hier erfolgreich zu gestalten. Und sie sind keine Einzelfälle! Vielmehr stehen sie für eine Gesellschaft, die sich neu entwickelt hat und weiter entwickeln wird. Neues Wissen und neue Kenntnisse, globalisierte Strukturen und neue Identitäten schaffen auf dem Fundament unserer demokratischen Ordnung ein neues „Wir”-Gefühl, dem wir uns offen und interessiert zuwenden sollten. Unterschiedliche Meinungen und auch Konflikte gehören zum Leben mit dazu. Entscheidend ist, dass sie mit einer konstruktiven Grundhaltung und mit Respekt ausgetragen werden. Von und mit den Menschen, die in dieser Edition über ihren persönlichen und beruflichen Werdegang berichten, erfahren wir, dass wir uns mit mächtigen Schritten auf eine vielfältige und bunte Gesellschaft in einem neuen, erfolgversprechenden Licht zu bewegen.  Mein Dank gilt den Initiatoren des Arbeitskreises Wirtschaft unseres ersten Integrationsbeirates hier in Delmenhorst, Frau Anne Frerichs und Herrn Telim Tolan, die mit viel persönlichem Engagement diese Edition entstehen ließen. Patrick de La Lanne Oberbürgermeister der Stadt Delmenhorst Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 3
  • 6. Weg 1 „Integration ist keine Einbahnstraße!” Bereits 1971 kam Ertan Balkan als Zehnjähriger aus der Türkei nach Deutschland. Seit 2009 ist Ertan Balkan nun zusammen mit Mustafa Gökdemiz Inhaber der Caribia GmbH, die Sanitärartikel aus Acryl in Groß Ippener herstellt. Zwei Angestellte stehen ihm zur Seite. Ertan Balkan machte den klassischen Aufstieg über Hauptund Realschule zum Abitur am Technischen Gymnasium. Ein Studium in Maschinenbau schloss sich an. STECKBRIEF Name Ertan Balkan geboren 1961 in Aydin, Türkei Beruf (Qualifikation) Zusammen mit Mustafa Gökdemiz Inhaber der Caribia GmbH in Groß Ippener (Dipl.-Ing. Maschinenbau) Autorin: Bettina Snyder Der diplomierte Ingenieur arbeitete bei Daimler-Benz und als Projektleiter in Berne. Die selbstständige Leitung von Tankstellen formte seine berufliche Entwicklung genauso wie ein dreijähriger Auslandsaufenthalt. Danach war Ertan Balkan gereift für die Selbstständigkeit mit Caribia.  Welche Unterstützung haben Sie während Ihres Werdegangs erfahren? Meine Eltern haben sich sehr intensiv bemüht, dass ich eine gute Schulausbildung bekomme und haben mich auch finanziell unterstützt. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich studiere und eine vernünftige Ausbildung mache. Während der Schulzeit gab es viel Hilfestellungen und Anregungen durch meine Klassenlehrerin, Frau Gillo. Sie hat sich sehr um meinen schulischen Fortschritt bemüht. Außerdem durfte ich zwei Jahre lang eine Pastorenfamilie in Deichhorst besuchen, mit deren Familienangehörigen ich intensiv die deutsche Sprache üben konnte. Ebenso gab es Unterstützung in Form von Hausaufgabenbetreuung in den Jugendhäusern. Während der Gymnasialen Oberstufe und des Studiums bekam ich finanzielle Unterstützung durch den Staat in Form von Bafög.  Was würden Sie jungen Menschen aus Einwandererfamilien heute raten? Ich habe kein Rezept. Junge Migrantinnen und Migranten müssen mehr tun und leisten als ihre deutschen Altersgenossen. Ich musste sehr viele Bewerbungen schreiben, bis ich eine halbwegs vernünftige Stelle gefunden hatte. Bis dahin habe ich die Zeit mit niederen Jobs überbrückt. Wenn man die Bewerbungsschwelle überwunden hat und sich im Arbeitsleben beweisen kann, wendet sich alles zum Positiven. 4 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 7.  Welche Auswirkungen hatte ihr Migrationshintergrund im Berufsleben? Bei der Arbeit habe ich bisher keine negativen Erfahrungen in Bezug auf meine Herkunft gemacht. Bei telefonischen Kundenkontakten fällt mein Migrationshintergrund – bis auf meinen Namen – nicht auf, da ich fließend Deutsch spreche. Was mich aber immer wieder entzückt und verwundert ist, dass manche Menschen mich nicht in der Position des Geschäftsinhabers vermuten. Ein paar Mal schon wurde ich nach dem Chef gefragt. Dann amüsiere ich mich und lass die Leute noch ein wenig zappeln.  Wie sehen Sie Integration im Allgemeinen? Integration ist keine Einbahnstraße! Es kommt nicht nur auf den Willen der Migranten an. Genauso wichtig ist es, dass die deutsche Gesellschaft bereit ist, sich den Menschen mit Migrationshintergrund zu öffnen. Damit meine ich nicht nur die Politik, sondern die Menschen vor Ort. Gesetzlich haben Migranten durchaus einen akzeptablen Stand. Was mich in den letzten Jahren stört, ist die Blindheit der Staatsjustiz auf dem ‚rechten Auge’. Deutsche sollten andere Kulturen tolerien, damit sich Migranten integrieren können. Ich verstehe darunter, dass wir einerseits hier leben, arbeiten und uns einfügen in die Gesellschaft, aber dass wir andererseits einen Ort brauchen, an dem wir unsere Bräuche und Traditionen pflegen können, wo wir ‚Heimat’ erleben. Wir können nicht genauso werden wie die Deutschen (assimilieren), das können umgekehrt Deutsche, die in der Türkei leben, auch nicht. Für uns gibt es neben dem Alltag in Deutschland auch immer noch ein Stück ‚Zuhause’ in unseren Moscheen und bei familiären Zusammenkünften. Diese Art von ‚Parallelgesellschaft’ sollte akzeptiert werden, da sie normal ist und der Integration dient. „Deutsche sollten andere Kulturen tolerien, damit sich Migranten integrieren können.” Familie Balkan (von links nach rechts): Vater Yahya, Sohn Erdal, Mutter Saime, Ertan mit Ehefrau Senay (Bild vom Beschneidungsfest des Sohnes Erdal 1996 in der Türkei, wo die Eltern seit 1984 wieder leben). Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 5
  • 8. Weg 2 „Sie haben mich immer unterstützt und motiviert…” Eine offene und kommunikative Persönlichkeit – so wünscht sich eine große deutsche Optikerkette ihre Filialleiter. Mit ihrer freundlichen, bescheidenen Ausstrahlung passt Natalie Jahr, die Leiterin der Delmenhorster Filiale, genau in dieses Profil. Wenn sie ihre Kunden berät, hört man zwar einen leichten osteuropäischen Zungenschlag. Doch sonst deutet wenig darauf hin, dass die Augenoptikermeisterin kein Wort Deutsch sprach, als sie vor 19 Jahren nach Deutschland kam. STECKBRIEF Name Natalie Jahr geboren 1972 in Tschernigow, Ukraine Beruf (Qualifikation) Filialleiterin Apollo Optik, Delmenhorst (Augenoptikermeisterin) Autorin: Ute Kehse Damals, 1994, ging alles ganz schnell. Die Ukrainerin verliebte sich in ihren heutigen Mann, zog zu ihm in die Nähe von Helmstedt und heiratete wenige Wochen später. Nach einem guten Jahr wurde ihre Tochter geboren. Privat hatte die damals 22-jährige ihr Glück gefunden, doch beruflich musste sie völlig neu anfangen: Ihre Ausbildung zur Lebensmitteltechnikerin wurde in Deutschland nicht anerkannt. Dass Natalie Jahr heute Meisterin und Filialleiterin ist, verdankt sie ihrer Beharrlichkeit und der Unterstützung ihrer Familie. „Am Anfang, als meine Tochter noch klein war, bin ich nachts Taxi gefahren, um etwas Geld dazuzuverdienen – solche Jobs findet man ja immer”, erinnert sie sich. Doch auf Dauer wollte sie sich nicht mit Aushilfsjobs begnügen. „Auch mein Mann hat mich dabei sehr bestärkt – er meinte, ich würde sonst nur ausgenutzt”, sagt sie. 1999, als ihre Tochter in den Kindergarten kam, entschloss sie sich, einen neuen Beruf zu erlernen. Noch immer ärgert sie sich, dass ihr ukrainisches Diplom als Lebensmitteltechnikerin hier nichts wert war. Die deutsche Praxis, im Ausland erworbene Abschlüsse nicht anzuerkennen, findet sie sehr bedauerlich. „Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, obwohl es ja einen großen Fachkräftemangel gibt”, sagt sie. 6 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 9. Doch Natalie Jahr ist kein Mensch, der sich über Dinge den Kopf zerbricht, die sich nicht ändern lassen. Als sie sich um eine Ausbildung bewarb, war sie allerdings bereits 26 Jahre alt. Anfangs hagelte es zahlreiche Absagen. Die Schwierigkeiten führt sie nicht auf ihre ukrainische Herkunft zurück. „Das lag wohl vor allem an meinem Alter und daran, dass ich schon ein Kind hatte”, meint sie rückblickend. Wie viele voll berufstätige Mütter stand sie vor dem Problem, einen Ganztagsplatz im Kindergarten zu finden. Neben ihrem Mann waren auch ihre Schwiegereltern eine große Hilfe. „Sie haben mich immer unterstützt und motiviert, nicht aufzugeben.” Irgendwann klappte es dann doch: Im Einstellungstest eines Optikers schnitt Natalie Jahr so gut ab, dass sie endlich einen Ausbildungsplatz bekam. Nach der Ausbildung wollte sie eigentlich gleich die Meisterschule besuchen. Doch wieder gab es ein Hindernis: Da sie nach wie vor ukrainische Staatsbürgerin war, konnte sie keinen staatlichen Ausbildungskredit, das so genannte „Meister-BAföG”, beantragen. 2006 bekam sie einen deutschen Pass – und fing sofort mit der Ausbildung zur Augenoptikermeisterin an. Diesmal gestaltete sich die Jobsuche einfach. „Noch während der Ausbildung bekam ich mehrere Angebote. Augenoptikermeister wurden damals gesucht”, berichtet sie. So erfüllte sich ihr Wunsch, Filialleitern zu werden, ziemlich schnell: Schon nach wenigen Monaten als angestellte Meisterin bekam sie die Filialleitungs-Stelle bei ihrem jetzigen Arbeitgeber in Delmenhorst – auch wenn das bedeutete, dass sie ihren Mann und ihre Tochter von Dienstag bis Samstag alleine lassen muss. Vorurteile wegen ihrer Herkunft hat Natalie Jahr auf ihrem Berufsweg zwar durchaus erlebt, aber selten. „Man sollte sich davon nicht beeinflussen lassen”, sagt sie. Wer sein Ziel fest im Blick habe und selbstbewusst auftrete, könne alles erreichen, so ihre Erfahrung. Mit dem bisher Erreichten ist sie zufrieden. „Es gibt zwar weitere Aufstiegsmöglichkeiten, etwa zur Regionalleiterin, aber ich möchte lieber mehr Zeit mit der Familie verbringen”, sagt sie. Da es ihr in Delmenhorst gut gefällt, versucht ihr Mann derzeit, in der Umgebung eine neue Arbeitsstelle zu finden – damit die Zeit der Wochenendbeziehung möglichst bald ein Ende hat. „Wer sein Ziel fest im Blick hat und selbstbewusst auftritt, kann alles erreichen!” Natalie und Daniel im Jahr 1994 Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 7
  • 10. Weg 3 „Ich hatte immer das Ziel vor Augen, etwas Großes zu erreichen…” Dass er sich nicht mit einem 08/15-Job zufrieden geben würde, wusste Brahim Stitou schon als Azubi. „Ich hatte immer das Ziel vor Augen, etwas Großes zu erreichen, es zu etwas zu bringen”, sagt er. Das hat der gebürtige Delmenhorster auch geschafft: Seit Dezember 2012 ist er Vizepräsident der Atlas Maschinen GmbH – die Nummer Zwei hinter dem Firmenchef Fil Filipov. STECKBRIEF Name Brahim Stitou geboren 1979 in Delmenhorst, Deutschland Beruf (Qualifikation) Vizepräsident der Atlas Maschinen GmbH (Industriemeister) Autorin: Ute Kehse Faktisch leitet der 33-jährige das Baumaschinen-Unternehmen mit den drei Werken in Delmenhorst, Ganderkesee und Vechta. Eine derart rasante Karriere wurde Brahim Stitou nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Seine Eltern kamen in den 60er Jahren aus Marokko nach Delmenhorst. Sein Vater, von Beruf Kranführer, starb, als Brahim zehn Jahre alt war. Fortan musste seine Mutter, die als Reinigungskraft bei der Stadt Delmenhorst arbeitete, ihn und seine vier Schwestern alleine durchbringen. Schon früh begann er daher Geld zu verdienen – mit Zeitung austragen oder Flohmarktverkäufen. Nach dem Realschulabschluss fing er 1997 bei Atlas in Delmenhorst mit einer Ausbildung zum Industriemechaniker an. Danach arbeitete er sich innerhalb von acht Jahren von einfachen Tätigkeiten in der Lackiervorbereitung und im Wareneingang hoch bis ins Management des US-Konzerns Terex, zu dem Atlas bis 2010 gehörte. Anfangs verdiente er sich außerdem Geld mit dem An- und Verkauf von Gebrauchtwagen dazu – und zwar genug, um bereits mit Anfang 20 ein Haus kaufen zu können. Drei Jahre lang betrieb er einen Mobilfunkladen in der Delmenhorster Innenstadt. Die Ausbildung zum Industriemeister absolvierte er abends, parallel zum Job. Das Erfolgsrezept des 33-jährigen: Harte Arbeit. „Man muss gewillt sein, mehr zu leisten, als verlangt wird und manchmal auch ein gewisses unternehmerisches Risiko eingehen”, sagt er. Im US-Unternehmen Terex wurde sein Leistungswille schnell honoriert. „Dort habe ich eine Chance bekommen, die ich vielleicht anderswo mit meiner Hautfarbe und meinem Migrationshintergrund nicht bekommen hätte”, 8 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 11. glaubt er. Vorurteile sind für ihn dennoch nie ein Problem gewesen: „Ich habe mir schon in der Ausbildung Respekt erkämpft, so dass für Vorurteile kein Platz blieb.” Als die sanierungsbedürftigen Atlas-Werke 2010 an den ehemaligen Terex-Manager Fil Filipov verkauft wurden, entschied sich Stitou, bei der neuen Atlas Maschinen GmbH zunächst auf einer Position mit weniger Verantwortung anzufangen. Die Arbeit in dem großen Konzern war ihm zu zäh. „Zu viele Meetings und PowerPointPräsentationen”, sagt er. „Fil Filipov kannte ich damals zwar noch nicht näher, aber ich wusste, dass er tough ist. Das gefiel mir.” Seit 2011 ist Atlas wieder in der Gewinnzone – ein Erfolg, der mit umstrittenen Entscheidungen des Firmenleiters verbunden war. Brahim Stitou bewundert die Energie seines Chefs, der als bulgarischer Flüchtling in die USA kam und sich bei Terex von ganz unten hocharbeitete. Dass für die Atlas-Sanierung einige harte Schnitte erforderlich waren, dafür hat er Verständnis. „Manchmal muss man eingefahrene Strukturen brechen, um Erfolg zu haben – sonst scheitert man”, sagt er. Seinen eigenen Führungsstil beschreibt er als „hart, aber fair”. Er setzt aber nicht nur auf Autorität, sondern auch auf Fingerspitzengefühl: „Ich versuche immer, mich in die Lage des anderen hineinzuversetzen.” Bei allen internationalen Kontakten im Beruf ist es Brahim Stitou wichtig, seine Herkunft nicht zu vergessen. Seine Frau, die in Marokko geboren ist, und er sprechen mit den drei Kindern zu Hause nur Arabisch. „Deutsch haben sie erst gelernt, als sie in den Kindergarten kamen. Das war aber nach wenigen Wochen kein Problem mehr”, betont er. „Wir sind ein offenes Volk, wir haben die Kinder immer viel mit anderen zusammengebracht.” Der älteste Sohn besucht inzwischen die 5. Klasse des WillmsGymnasiums. Für seine eigene Zukunft hat Brahim Stitou derzeit, nach drei Monaten in seinem neuen Job, vor allem einen Plan: „Ich will dazu beitragen, Atlas weiter zu festigen und zu einem hervorragenden Unternehmen zu machen.” Man darf davon ausgehen, dass es für den 33-jährigen nicht der letzte Karrieresprung war. „Man muss gewillt sein, mehr zu leisten als verlangt wird.” Familie Stitou, ca. 1983 (von links): Vater Khalifa, Brahim, die älteste Schwester Soltana (stehend), Mutter Aicha, Schwester Hajat, unbekannte Person, ganz rechts Schwester Samira. Es fehlt die jüngste Schwester Nadia. Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 9
  • 12. Weg 4 „Meine Eltern haben uns immer zu 100% unterstützt.” Wer das Buch- und Schreibwarengeschäft „LeseZeichen Dauelsberg” in der Delmenhorster Innenstadt betritt, fühlt sich wie auf einem Besuch bei Freunden. Das liegt ganz sicher am guten Betriebsklima sowie an den freundlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die hier kompetent beraten und immer wieder gerne helfen. Ein ganz wichtiger Teil dieses kompetenten Teams ist Aylin Küpeli. STECKBRIEF Name Aylin Küpeli geboren 1977 in Delmenhorst, Deutschland Beruf (Qualifikation) Abteilungsleiterin, LeseZeichenDauelsberg (Kauffrau im Einzelhandel) Autor: Holger Geisler Die junge Dame, die seit Jahren die Abteilung mit den Büroartikeln und den Schreibwaren leitet, kümmert sich mit der ihr eigenen Wärme um die vielen Stammkunden, aber auch um spontane Besucher. Ihre berufliche Laufbahn führt sie seit 20 Jahren in ein und demselben Betrieb erfolgreich fort. So wie es der Zufall will, war es ihr damals vergönnt, mit einer einzigen Bewerbung den Start ins Berufsleben zu vollziehen. An das Vorstellungsgespräch mit einem der damaligen Firmeninhaber kann sie sich noch ganz genau erinnern, obwohl es nun schon 20 Jahre her ist. „Ich glaube, spätestens, als ich ihm sagte, dass ich den Umgang mit Menschen liebe, hatte ich die Zusage in der Tasche”, sagt sie lächelnd. Auch heute noch erfreut sie sich an ihrer Arbeit, nimmt jede Möglichkeit zur Fortbildung wahr und reist auch gerne zu den diversen Fachmessen. Große Teile des Einkaufes des sie betreffendes Segmentes übernimmt sie nicht nur für das Delmenhorster Geschäft, sondern auch für die übrigen 11 Filialen des erfolgreichen Unternehmens. Auch die handwerkliche Tätigkeit des Gravierens hat sie sich erarbeitet. Wem sie ihren Erfolg in allererster Linie zu verdanken hat, weiß Aylin Küpeli ganz genau. „Meine Eltern haben uns immer zu 100% unterstützt. Mein Vater wollte immer, dass alle seine Kinder studieren. Dieses Vorhaben wurde nicht planmäßig in die Tat umgesetzt, was im Nachhinein keineswegs eine falsche Entscheidung war, da wir Geschwister alle eine erfolgreiche Ausbildung abgeschlossen haben und in unseren Berufen glücklich sind und uns wohl fühlen”. Wir, das sind neben Aylin Küpeli noch sieben weitere Geschwister. Auch ihr Lehrer in der Berufschule, Herr Dargatz, hat sie maßgeblich gefördert, geprägt und unterstützt. Ihre Geschwister haben zudem vom Jugendtreff Wittekindstraße und dem damaligen Leiter, Dieter Damm, profitiert, der den jungen Menschen immer hilfreich zur Seite stand. 10 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 13. Einrichtungen wie der Jugendtreff sind für Frau Küpeli von großer Bedeutung, um junge Menschen in die richtigen Bahnen zu lenken und ihnen eine Perspektive zu bieten. „Geld für Betreuung und Bildung bei solch einem wichtigen Thema ist immer gut angelegt und für ein Land wie Deutschland sehr wichtig”, ist die sympathische Frau überzeugt. Im Jahre 1972 haben ihre Eltern Hasan und Miyase Küpeli den Entschluss gefasst, nach Deutschland zu kommen. Der Aufenthalt war zu dem Zeitpunkt nur für eine kurze Dauer angedacht. Daraus wurden inzwischen 41 Jahre. Von dieser Zeit hat Herr Küpeli nach eigener Aussage nicht einen einzigen Tag bereut. Er ist sich immer noch sicher, den richtigen Entschluss gefasst zu haben. Fremdenfeindlicheit hat sie im Beruf in ihrer Anfangszeit zweimal erlebt. „Einmal hat ein Kunde unser Geschäft verlassen, weil er nicht von mir bedient werden wollte. Ein Zweiter, der zum Kopieren gekommen war, sagte auf mein Hilfsangebot: „Von so einer lass ich mir nicht helfen.” Noch heute ist sie ihrem Chef Heinz Dauelsberg für seine Reaktion dankbar. „Er bat nämlich den Kunden sofort sehr eindringlich das Geschäft zu verlassen, weil er auf diese Art von Kundschaft keinen Wert lege.” „Von anderen lernen und mit offenen Augen durchs Leben gehen kann nie falsch sein.” Aylin Küpeli glaubt, dass Deutschland inzwischen auf einem sehr guten Weg ist, was die Integration und Toleranz in unserer Gesellschaft angeht. Ihr Ratschlag an Einwanderer und andere Bürgerinnen und Bürger: „Lernt die anderen Nationalitäten und Kulturen kennen. Lernt von den anderen. Dieses kann der Gesellschaft nicht schaden. Von anderen lernen und mit offenen Augen durchs Leben gehen kann nie falsch sein”, sagt sie – und hat damit sicher Recht. Vor einigen Jahren wurde das Familienunternehmen Dauelsberg an den Filialisten LeseZeichen (Firmeninhaberin Swantje Gerhard) verkauft. Das familiäre Miteinander ist geblieben, was zur positiven Außenwirkung beiträgt. Jungen Leuten rät sie beharrlich für die eigenen Träume zu wirken. „Natürlich wird es kaum wie damals bei mir mit der ersten Bewerbung klappen. Aber nicht aufgeben, sondern einfach dranbleiben. Auch in meiner Familie mussten einige mehrere Bewerbungen schreiben, um erfolgreich eine Stelle besetzen zu können. Werdet euch klar, was der richtige Beruf für euch ist, und nehmt jede Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung wahr. Dies kann für die berufliche Zukunft nur von Vorteil sein.” Aylin Küpeli hat sich durch Fleiß, Zuverlässigkeit und Freundlichkeit beruflich ihren Traum erfüllt, und die Zufriedenheit darüber sieht man ihr auch deutlich an! Die Eltern Hasan und Miyase Küpeli in den 1970er Jahren Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 11
  • 14. Weg 5 „An seine Ziele muss man glauben, und man muss dafür arbeiten.” Man könnte neidisch werden auf das schmucke Wohnhaus, das sich Özkan Celik mit seiner Familie in Delmenhorst gebaut hat. So lächelt er auch stolz, als ihm dieses Kompliment zuteil wird, aber es ist ein bescheidenes Lächeln. „Wir haben uns hier unseren Traum von einem echten Zuhause erfüllt”, sagt er. STECKBRIEF Name Özkan Celik geboren 1979 in Bismil, Türkei Beruf (Qualifikation) Verwaltungsfachangestellter, Stadt Delmenhorst (Fortbildung zum Verwaltungsfachwirt) Autor: Holger Geisler 12 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege Dieses Rückzugsgebiet ist ihm absolut wichtig, denn Celik hat – nicht zuletzt durch persönliche Schicksalsschläge – sein Credo von „Ich lebe, um zu arbeiten” auf „Ich arbeite, um zu leben” geändert. Vielleicht ist es gerade die neu gefundene Einstellung, die ihn im Beruf noch fleißiger und effektiver arbeiten lässt. Doch wenn er dann abends zu Hause ist, kann er von allen beruflichen Anforderungen abschalten. Diese Anforderungen erfüllt er im Fachdienst Finanzen bei der Stadt Delmenhorst. Dass seine Karriere im Öffentlichen Dienst stattfinden würde, stand zu Beginn nun wirklich nicht fest. Özkan Celik war ein Jahr alt, als seine Eltern die Türkei verließen. Als Mitglieder der yezidischen Religionsgemeinschaft wurden sie damals in der Heimat unterdrückt und suchten in Deutschland nach einer besseren Zukunft. Und die haben die Celiks hier auch ganz sicher gefunden. „Deutschland hat das beste Grundgesetz und die beste Verfassung, die es weltweit gibt”, so Celik. Und man spürt die Ernsthaftigkeit in diesen Worten. Dennoch, von alten Rivalitäten damals in der Türkei will Celik heute nichts mehr hören. „Ich habe neben den Kurden auch viele türkische und natürlich deutsche Freunde. Ich akzeptiere jeden, der auch mich, meine Herkunft und meinen Glauben respektiert und akzeptiert. Die Nationalität oder der Glaube sind individuell vielleicht wichtig, aber doch nicht für die Gemeinschaft. Es gibt überall gute und weniger gute Menschen.” Dass Özkan Celik zu den Guten gehört, sagt er nicht. Manchmal sprechen die Taten allerdings auch für sich. So arbeitete er sehr lange ehrenamtlich im Jugendtreff und engagiert sich heute im Vorstand des türkischen Sportvereins „Baris Delmenhorst”. Wie könnte es anders sein, kümmert er sich auch dort um die Finanzen, aber auch um die Öffentlichkeitsarbeit. Bei vielen kleinen Dingen ist er für die Vereinsmitglieder da. Und er weiß, was in den Menschen vorgeht.
  • 15. Als Familie Celik damals aus Diyabakir nach Deutschland kam, waren sie praktisch vollkommen mittellos in einer neuen Welt. Während der Vater sich täglich auf den Weg zur Arbeit machte, um die Familie durchzubringen, achtete die Mutter auf den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder. Selbst etwaige Krankheiten ignorierte sie. „Wenn du krank bist, wird dich der Lehrer schon nach Hause schicken”, waren ihre Worte, erzählt Celik lachend. Diese fast schon preußische Disziplin einer Frau, der der Schulbesuch in der Heimat nicht möglich war, war gut für die Kinder. So haben alle Kinder der Celiks ihren Schulabschluss gemacht, ihre diversen Ausbildungen abgeschlossen und stehen heute erfolgreich ihren Mann oder ihre Frau in den unterschiedlichen Berufen. Seine Schwester trifft Özkan Celik ab und an im Flur des Rathauses. „Sie arbeitet schon etliche Jahre im Standesamt, ein toller Job”, schwärmt er vom Arbeitsplatz seiner Schwester. Er selbst hat viele Bereiche in der Stadtverwaltung kennengelernt. Nach seiner Ausbildung gab es immer wieder neue Zeitverträge. Teilzeit oder zwei geteilte Stellen in verschiedenen Ämtern und verschiedenen Stadtteilen waren darunter. Aber Özkan Celik ging und geht zielstrebig seinen Weg. Seine erste Vollzeitstelle gab es im Tiefbauamt. Nach Abschluss der Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt war Celik in der ARGE, dem heutigen Jobcenter Delmenhorst. Hier war er als Sachbearbeiter mit den durchweg komplizierten Fällen beschäftigt. „Das geht schon an die Substanz. Natürlich gibt es für alles Verordnungen. Aber es geht auch immer um Menschen, und da muss man manchmal auch länger nach möglichen Lösungen suchen. Und wenn man nicht helfen kann, muss man die Situation halt auch entsprechend erklären. Dann verstehen die Menschen auch fast immer die Entscheidungen”, so Celik. Inzwischen kümmert er sich im Finanzressort der Stadt um das Anlagevermögen. Der Umgang mit den Zahlen macht ihm Freude, und diesen Spaß an der Arbeit merkt man ihm auch an. Özkan Celik hat in seinem Leben schon einiges durchgemacht, doch er geht gemeinsam mit seiner Frau Zarife und seinen Kindern unbeirrt seinen Weg. Eine glückliche Familie. Und ein Mann, der seine Erfüllung sowohl im Beruf als auch im privaten Umfeld gefunden hat. „Ich akzeptiere jeden, der auch mich, meine Herkunft und meinen Glauben respektiert und akzeptiert.” Vater Emin (l.), Schwester Ayse (oben), Schwester Gülcan (Mitte), Özkan (unten), Mutter Behiye (r.) Foto: privat Für die Jugendlichen hat er keine Pauschalrezepte auf Lager. „Deutschland bietet viele Möglichkeiten, doch man muss sich auch selber kümmern. An seine Ziele muss man glauben, und man muss dafür arbeiten.” Rassismus in Delmenhorst hat er nicht erlebt. „Klar, auf dem Fußballplatz fallen entsprechende Sprüche, aber ansonsten war alles im erträglichen Rahmen.” Celik hofft, dass auch die Jugendhäuser und Sporttreffs in Delmenhorst weiter gefördert werden, denn diese – das weiß er aus eigener Erfahrung und auch von seinen Geschwistern – „sind gut und wichtig für die Entwicklung der Jugendlichen.” „Die Entscheidung der Eltern, damals nach Deutschland zu gehen, kann man nicht hoch genug würdigen. Sie haben uns den Weg geebnet, um hier glücklich zu werden”, zollt Özkan Celik seinen Eltern höchsten Dank und Respekt. Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 13
  • 16. Weg 6 „Man muss selbstbewusst sein, und seine Arbeit lieben.” Rachel Gerken ist Stationsleiterin im „Wohnpark Am Fuchsberg”, einer Pflegeeinrichtung in Ganderkesee. Sie kam 1989 aus den Philippinen nach Deutschland, weil sie ein Jahr zuvor ihren aus Bremen stammenden Mann geheiratet hatte. Die beiden frisch Vermählten wählten Delmenhorst als ihr gemeinsames, neues Zuhause. STECKBRIEF Name Rachel Gerken geboren 1965 in Iloilo, Philippinen Beruf (Qualifikation) Stationsleiterin, „Wohnpark am Fuchsberg”, Ganderkesee (Krankenschwester) Autorin: Bettina Snyder In ihrer Heimat hatte Frau Gerken eine Ausbildung als Kranken- schwester abgeschlossen und schon einige Berufserfahrung gesammelt. Doch es half nichts, erst einmal musste die Philippinin nun Deutschkurse bei der Angestelltenkammer besuchen. Die beiden Kinder, die sie bald darauf zur Welt brachte und um die sie sich kümmerte, hielten sie von einer erneuten Berufstätigkeit ab. Nach zehn Jahren versuchte sie den Wiedereinstieg und absolvierte ein dreimonatiges Praktikum in einem Krankenhaus in Bremen. Sie freute sich über eine daraus resultierende Anstellung, doch merkte schnell, dass derartige berufliche Belastungen nicht mit ihren Mutter- und Hausfrauenaufgaben in Einklang gebracht werden konnten. Eine Tätigkeit als Altenpflegerin in Ganderkesee harmonierte damit deutlich besser. Als nach ein paar Jahren die Stelle der Stationsleiterin der Abteilung frei wurde, bewarb sie sich beherzt und schaffte so den Aufstieg. Nun ist sie sowohl für die Pflege der Patienten als auch für Verwaltungsaufgaben verantwortlich.  Wie erlebten Sie Ihre erste Zeit in Deutschland? Als meine Kinder im Kindergarten waren, sagten sie auf einmal zu mir: „Mama, du kannst nicht gut Deutsch!” Das war mir sehr unangenehm – und ich habe sofort aufgehört, mit ihnen und meinem Mann Englisch zu sprechen. In der neuen Heimat die Sprache zu lernen, um sich wirklich gut verständigen zu können, das ist einfach das Wichtigste. Es hat bei mir gut zwei Jahre gedauert, bis ich mich danach sicher gefühlt habe und alles sagen konnte, was ich wollte. Anfangs jedoch war es nicht immer leicht. 14 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 17.  Wer hat Sie auf Ihrem Lebensweg unterstützt? Selbstverständlich erst einmal meine Eltern. Ich war eins von zehn Kindern, aber meine Eltern haben die Ausbildung von allen Kindern finanziert. Erst wollte ich Architektin werden, aber das war zu kostspielig. Da ich auch einen Beruf erlernen wollte, mit dem ich später ins Ausland reisen konnte, entschloss ich mich, einen Abschluss als Krankenschwester zu erwerben. In Deutschland haben mein Ehemann und dessen ganze Familie mich sehr herzlich aufgenommen und unterstützt. Hinzu kommt, dass meine älteste Schwester auch in der Nähe von Bremen lebt und mir half, mich einzuleben. Und meine Ausbildung als Krankenschwester wurde von Beginn an anerkannt.  Gab es auch mal Probleme oder schwierige Situationen auf Grund Ihrer Herkunft? Nein. Sowohl meine Kollegen als auch die Patienten waren immer offen. Wenn mir anfangs noch die richtigen Wörter fehlten, haben sie mir auf die Sprünge geholfen. Wusste ich etwas nicht, habe ich gefragt. Ich bin ein positiver Mensch, der gute Laune verbreitet, und meinen Patienten war nur das wichtig. Warmherzigkeit ist doch ausschlaggebend, nicht die Herkunft. Ich fühle mich hier voll integriert. Delmenhorst ist jetzt meine Heimat. Hier ist meine Familie. „Ich war eins von zehn Kindern, aber meine Eltern haben die Ausbildung von allen Kindern finanziert.”  Was können Sie jungen Migranten heute mit auf den Weg geben? Sie sollen ihre Träume nicht aus den Augen verlieren und bereit sein, dafür hart zu arbeiten. Geduld und harte Arbeit, damit kommt man weit. Meine Eltern sind meine Vorbilder, an ihrer Lebenseinstellung habe ich mich orientiert. Man muss selbstbewusst sein, und seine Arbeit lieben. Ich bin meinen Prinzipien treu geblieben und bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Foto vom Deutschlandbesuch der Eltern im Sommer 1992 Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 15
  • 18. Weg 7 „Wir sind alle mit dem Beruf liiert.” Nein, als erfolgreicher Migrant fühlt sich Tarik Cirdi nicht. „Ich bin doch hier geboren, ich habe zwar türkische Wurzeln, aber ich bin in zwei Kulturen zu Hause. Mein Vater Nasreddin kam 1972 nach Deutschland. Er wurde in der Türkei als Facharbeiter direkt für die Nordwolle Delmenhorst abgeworben. Meine Mutter Neval kam dann mit meiner ältesten Schwester nach.” Zwei Jahre nach dem Start der Eltern in Deutschland wurde Tarik als ältester Sohn geboren. Zwei Geschwister sollten noch folgen. STECKBRIEF Name Tarik Cirdi geboren 1974 in Delmenhorst, Deutschland Beruf (Qualifikation) Selbstständiger Gastronom „RIVA” (Industriekaufmann, Betriebswirt) Autor: Holger Geisler Alle sind heute berufstätig. Ihr privates Glück haben sie indes noch nicht gefunden: Die zweite Generation der Familie Cirdi ist noch komplett unverheiratet. „Wir sind alle mit dem Beruf liiert”, sagt Tarik Cirdi lachend. Sein Vater steht inzwischen kurz vor dem Renteneintritt, aber die Pläne zur Rückkehr in die Türkei haben die Eltern inzwischen fallen gelassen. „Meine Eltern können doch nicht ohne ihre Kinder”, so Tarik Cirdi, „aber mehrere Monate im Jahr verbringen sie schon in den warmen Gefilden bei unseren Verwandten.” Grundschule, Orientierungsstufe, Realschule, danach Höhere Handelsschule. Die Schullaufbahn von Tarik Cirdi verlief in immer geraden Bahnen. Danach gab es die verkürzte Ausbildung zum Industriekaufmann beim damaligen Polsterriesen „Nordica”. „Ich habe alle Abteilungen durchlaufen, war auch im Lager und der Produktion. Dennoch habe ich gemerkt: Das Kaufmännische ist schon richtig für mich”, erinnert er sich durchaus gerne an diese Zeit. Anschließend stand das Fachabitur an, und es folgte darauf ein Betriebswirtschaftsstudium in Bremen. Die Gastronomie begleitete ihn jedoch in all diesen Jahren. „Seit meinem 17. Lebensjahr habe ich in der Gastronomie gearbeitet, davor mein eigenes Geld mit Zeitungsaustragen verdient.” Und auch in vielen anderen Bereichen hat er gejobbt, um seine Kasse aufzubessern. Im Versicherungsgewerbe war er sehr erfolgreich, und in den 90er Jahren wusste man: Bei Cirdi gibt es die besten Mobilfunkverträge. Doch auch für harte körperliche Arbeit war er sich nie zu schade. „Ich habe als Industriereiniger gearbeitet, mir braucht keiner etwas über Malochen zu erzählen.” Hart arbeiten ist für Cirdi Tagewerk. In der Gastronomie achtet man nicht auf Acht-StundenTage oder 40-Stunden-Wochen, schon gar nicht als Selbstständiger. Und das ist er inzwischen seit zehn Jahren. „2001 habe ich mit einem Cafe in der Delmenhorster Innenstadt angefangen”, erinnert er sich. Kurze Zeit später kam noch ein Restaurant in Vechta dazu. 2003 dann besuchte er das Managementteam vom Jute Center. „Als ich ihnen meine Idee vom Riva vorstellte, haben sie nur den Kopf geschüttelt. Eine Gastrofläche an diesem Standort war für sie nicht diskutabel.” Doch er konnte sie überzeugen. Nur ein paar Wochen später freundeten sich die Centermanager mit Cirdis Idee an. Er jedoch bekam zu 16 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 19. spüren, dass in Deutschland manche Hürden für Unternehmensgründer aufgebaut sind. „Ich hatte einen Businessplan und eine Geschäftsidee - so dick wie ein Quelle Katalog”, so der Betriebswissenschaftler. Trotzdem versagte die Hausbank ihm die Finanzierung und rechnete ihm vor: Mehr als 35 Gäste würden an diesem Standort niemals tagtäglich einkehren. Die Finanzierung stemmte er dennoch, und die Besucherzahlen lagen jenseits der Befürchtungen der damaligen Kreditverweigerer. „Wir haben in der Zwischenzeit zweimal erweitert”, sagt der erfolgreiche Gastronom nicht ohne Stolz, der sein ganzes Augenmerk auf das Riva legt. Von den anderen gastronomischen Betrieben hatte er sich schon in den Anfangsjahren des Riva getrennt. Rassismus hat er kaum erlebt. Sicher gab und gibt es diese Tendenzen, doch damit muss man umgehen können. In der Gastronomie gab und gibt es immer wieder mal entsprechende Sprüche zu hören. Hoch hängen will er dieses Thema aber nicht. „Darüber lohnt es nicht sich aufzuregen.” Jungen Leuten könnte er eine Menge Tipps geben, doch sein Enthusiasmus hält sich dabei in Grenzen. „An seinen Schwächen muss man arbeiten”. „Ich würde mich über wirklich engagierte junge Leute freuen, die bei mir arbeiten wollen. Aber vernünftiges Personal, das auch eine gewisse Eigenverantwortung an den Tag legt, ist sehr schwer zu finden.” Das hat aber nichts mit Migranten oder Deutschen zu tun, sondern ist ein allgemeines Phänomen. „An seinen Schwächen muss man arbeiten. Unlängst hatte ich eine junge Dame hier, die abends immer Fehlbeträge in der Kasse hatte. Das lag an einer Rechenschwäche. Die hätte man sicherlich in den Griff bekommen, doch statt daran zu arbeiten, ist die junge Frau lieber zu Hause geblieben”, ist Tarik Cirdi noch heute verärgert. Über Aussagen wie „Wer nichts wird - wird Wirt” kann der Erfolgsgastronom nur lachen. „Heute ist ein Gastronom doch Vollkaufmann, Marketingmacher, Einkäufer, Logistiker, Buchhalter und Thekenkraft in einem”, so seine Erkenntnis. Die Zukunft in und für Deutschland sieht Cirdi nicht so rosig. „Wir haben ein gutes Sozialsystem, doch das ist an seine Grenzen geraten. Wenn Deutschland erfolgreich bleiben will, sollte mehr in Bildung denn in die Verwaltung von bestehenden Strukturen investiert werden. Nicht von ungefähr denken erfolgreiche Türken der jüngeren Generation inzwischen darüber nach, in die alte Heimat zurückzukehren.” Für Cirdi trifft dies wahrscheinlich nicht zu. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass er sich so engagiert für seine Stadt Delmenhorst einsetzt. Unlängst gab er der Lokalpresse ein umfangreiches Interview, indem er die Missstände in der Innenstadt anprangerte. Er äußerte sein Unverständnis dafür, dass die Kommunalpolitik und die Verwaltung zwar die Innenstadt fördern wollten, eine Stärkung des Areals des Jute Centers aber vehement ablehnten. Kurz nach seinen Aussagen im Delmenhorster Kreisblatt schwenkten auch die Behörden auf den neuen Kurs ein, beide Standorte aufzuwerten. So vermessen, dass dies an seinen Worten gelegen haben könnte, ist Cirdi nicht. „Aber vielleicht habe ich ja einen kleinen Denkanstoß gegeben”, so Cirdi augenzwinkernd. Oben: Fikret, Vater Nasreddin, Mutter Neval Unten: Tarik, Nazli, Gülnaz Foto: privat Pläne für die Zukunft hat er einige, sowohl beruflich als auch privat. Verraten will er sie aber nicht. Wir dürfen also gespannt sein auf den weiteren Lebensweg des Delmenhorster Unternehmers. Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 17
  • 20. Weg 8 „Es wäre schön, wenn wir alle offener wären …” Magdalena Bochniak war bereits eine studierte Frau, als sie sich mit 21 Jahren entschied, von Polen nach Deutschland zu gehen. Die polnische Verwaltungsrechtlerin wurde zum Aupair-Mädchen in Wildeshausen. Außer dem DeutschTraining in ihrer Aupair-Familie absolvierte Magdalena Bochniak Deutschkurse, so dass sie nach dem Aupairjahr alsbald Soziologie an der Uni Bremen studieren konnte. Um das Studium zu finanzieren, musste sie nebenbei jobben. STECKBRIEF Name Magdalena Bochniak geboren 1981 in Stalowa Wola, Polen Beruf (Qualifikation) Bewerbungstrainerin am Job Center Delmenhorst (Verwaltungsrechtlerin) Autorin: Bettina Snyder Sie jammerte nicht, sie klagte nicht, sie biss sich durch. Die Heirat mit einem polnisch-stämmigen Mann brachte sie nach Ganderkesee. Aber Magdalena ruhte sich auch in der Schwangerschaft mit ihrem ersten Kind nicht aus und nahm am Integrationslotsenkurs in Delmenhorst teil. Parallel erwarb sie die Qualifikation zur Gästeführerin, was ihr eine Arbeit im Nordwolle-Museum einbrachte. Kurze Zeit später wurde sie Deutschdozentin an der VHS und unterrichtete zahlreiche MigrantInnen in der deutschen Sprache. Das machte ihr Spaß und sie hatte Erfolg. Sie blieb den immigrierten Menschen treu und wurde sozialpädagogische Betreuerin von jungen MigrantInnen, während sie nebenbei ihr zweites Kind zur Welt brachte. Seit April 2012 ist Magdalena Bochniak Bewerbungstrainerin am Job Center Delmenhorst.  Wie haben Ihre Eltern reagiert, als sie erfuhren, dass Sie in Deutschland arbeiten wollten? Sie waren nicht gerade begeistert. Sie dachten, das Studium Verwaltungsrecht würde mir eine gute Zukunft in Polen sichern. Als Aupair nach Deutschland – was sollte das? Sie glaubten nicht, dass man in Deutschland als Ausländerin erfolgreich sein könnte.  Haben Sie denn als Polin Vorurteile der Deutschen zu spüren bekommen? Ich bin des Öfteren mit den Klischees, die es von polnischen Frauen gibt, konfrontiert worden: Sie seien nur gute Hausfrauen, könnten gut kochen, haben aber keine eigene Meinung und so was. Und das, wobei alle meine osteuropäischen Freundinnen und Bekannte studierte, erfolgreiche Leute sind, für die es selbstverständlich ist, Erfolg zu haben. Außer mit einem sehr unfreundlichen Paar in der Nachbarschaft habe ich sonst nie wirklich schlechte Erfahrungen gemacht. 18 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 21. Im Gegenteil: Ich bin immer wieder auf offene, intelligente Leute gestoßen, die mich unterstützt haben, einen nicht so konventionellen Weg einzuschlagen. Ich habe viele Chancen bekommen, mich zu beweisen.  Was würden Sie heute zu jungen Migrantinnen und Migranten sagen, die hier einen Neuanfang starten? Lernt die deutsche Sprache! Nicht ein Mal in ein paar Kursen, nein, kontinuierlich! Und denkt nicht lange darüber nach, was ihr machen wollt, tut es einfach. Macht was! Seht euer Anderssein nicht als Schwäche, sondern als Stärke. Baut darauf auf, dass ihr einen anderen kulturellen Hintergrund habt und zweisprachig seid. Wichtig finde ich allerdings, mit den eigenen Kindern zuhause in der Muttersprache, anstatt in gebrochenem Deutsch zu sprechen. Das hat einen doppelten Nutzen: Die Kinder lernen frühzeitig mich zu respektieren, und ich kann das eigene Niveau in der Muttersprache aufrecht erhalten. Es ist in Ordnung, stolz auf seine Wurzeln zu sein, dennoch muss man die Kultur des Einwanderungslandes akzeptieren und achten. Wenn ich zehn Paar Hausschuhe im Flur meines Mietshauses vor die Tür stelle, und das in dem Land nicht üblich ist, tue ich mir damit keinen Gefallen. „Lernt die deutsche Sprache… kontinuierlich!”  Was ist Ihre Meinung zum Thema Integration allgemein? Oh, ehrlich gesagt kann ich es nicht mehr hören, dieses Thema Integration... Vorurteile kann man dadurch abbauen, dass man den Zuwanderen zugesteht, ihr Leben einfach selbst zu gestalten. Sie brauchen nur die Möglichkeit zu arbeiten, dann klappt Integration von ganz alleine. Aber Ausländer müssen auch ihre Vorurteile den Deutschen gegenüber zuhause lassen. Und man kann ruhig mal an einer Kohlfahrt teilnehmen oder lernen, dass man sich hier eben schon ein paar Tage vorher verabreden muss und sich nicht spontan treffen kann. Es wäre schön, wenn wir alle offener wären und einfach mal zu dem Anderen sagten: „Erzähl mir mal etwas von Dir!” Magdalena Bochniak in ihrer ersten Wohnung Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 19
  • 22. Weg 9 „Meine Heimat ist dort, wo ich geboren bin.” Seit zwei Jahren gibt es im Inkoop-Markt an der Oldenburger Straße ein kleines Stückchen Holland. Gleich am Eingang, im Blumenladen von Piet Bakker, trifft man auf ein liebevoll zusammengestelltes Sammelsurium aus Flohmarkt-Schätzen und zarten Blüten-Arrangements. Das Prunkstück ist ein altes Klavier, vor dessen schwarzem Lack die ersten Primeln und Osterglocken besonders gut zur Geltung kommen. Alles ist ein bisschen schnörkelig, ohne kitschig zu sein – typisch holländisch eben. STECKBRIEF Name Petrus „Piet” Bakker geboren 1955 in Berkhout, Niederlande Beruf (Qualifikation) Selbständiger Blumenhändler (Inkoop-Markt, Oldenburger Str.) (Heizungsinstallateur) Autorin: Ute Kehse „Man braucht kein Florist zu sein, um einem Raum eine persönliche Note zu verleihen”, sagt Piet Bakker. Der 57-jährige Niederländer ist gelernter Schlosser, arbeitet aber schon seit 35 Jahren in der Blumenbranche. Die Arbeit mit Blumen war es auch, die ihn 1977 aus seinem Heimatort Berkhout in der Provinz Nord-Holland nach Deutschland führte. Der Blumengroßhändler Piet Meinen suchte Personal. Bakker, damals Anfang 20, überlegte nicht lange. „Unser kleines Dorf wurde mir zu eng, die Bezahlung war gut, und die fremde Kultur und Sprache haben mich gereizt”, beschreibt er seine Beweggründe. Sein erster Arbeitstag am famila-Markt in Oldenburg-Wechloy war ein Sprung ins kalte Wasser. Bakker sprach kein Deutsch und musste sich mit Händen und Füßen verständigen. Für Sprachkurse blieb keine Zeit: „Wir haben morgens um sieben angefangen zu arbeiten und waren nicht vor sieben Uhr abends zu Hause – und das sechs Tage die Woche”, berichtet er. Sein Sprachlehrer wurde die Bild-Zeitung, „weil sie so einfach schreibt.” In den folgenden Jahren kam Piet Bakker in Deutschland viel herum: Ende der 1980er Jahre zog er, inzwischen mit einer Deutschen verheiratet, für ein Jahr nach Bayreuth. Als sein dortiger Arbeitgeber pleiteging, fing er kurz entschlossen als Franchise-Partner von Piet Meinen in Hamburg an. Häufig war er auf Wochenmärkten in den neuen Bundesländern unterwegs. Schließlich zog es ihn zurück nach Delmenhorst, wo er zusammen mit seiner Frau einen Blumenladen im Inkoop-Markt im Brendelweg betrieb. 20 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 23. Über die Jahre lernte Piet Bakker gut Deutsch – statt der Bild-Zeitung liest er heute die Magazine „Spiegel” und „Stern”. Gleichzeitig lernte seine Frau Ingrid Niederländisch. Auch die beiden erwachsenen Töchter können sich mit ihren zahlreichen Verwandten in Holland problemlos verständigen. „Es war mir wichtig, dass die Sprache bei ihnen nicht verlorengeht”, sagt Bakker. Sein niederländischer Akzent, hat er beobachtet, kommt bei den Norddeutschen gut an. „Die Leute mögen das, vor allem die Frauen”, schmunzelt er. Fremdenfeindlichkeit hat er hier nie erlebt, wohl aber in Bayern und in Mecklenburg-Vorpommern: „Dort gab es schon mal provokative Äußerungen, sogar bei Polizisten oder Behörden.” Hier in Delmenhorst seien die Menschen eher neugierig: „Viele Kunden interessieren sich für das Königshaus und sprechen mit mir über die Königin und die Prinzen.” Vor sechs Jahren kam es für Bakker ziemlich dicke: Die Ehe ging kaputt, mit der Scheidung verlor er Haus und Arbeit, er hatte gesundheitliche Probleme. In dieser schweren Zeit dachte er darüber nach, wieder zurück nach Holland zu gehen. „Meine Heimat ist dort, wo ich geboren bin”, bekennt er. Dennoch blieb er hier, in der Nähe seiner Kinder und der Enkeltochter. „Dort hätte ich mich auch wieder neu integrieren müssen, einen Bekanntenkreis aufbauen und Arbeit finden”, sagt er. „Alles niet kunnen, maar het toch doen.” Aufgeben ist ohnehin nicht seine Sache. „Alles niet kunnen, maar het toch doen”, so beschreibt er seinen Wahlspruch. Frei übersetzt lautet er etwa: Auch wenn man etwas nicht kann, sollte man es wenigstens versuchen. Mit neuer Energie eröffnete er Ende 2010 sein Geschäft an der Oldenburger Straße. Die Umsätze sind noch nicht ganz so, wie er sie sich vorstellt, nehmen aber stetig zu. Im geplanten Inkoop-Neubau, da ist er sicher, wird das Geschäft so gut laufen, dass er wieder etwas mehr Zeit hat für sein liebstes Hobby – die Musik. Piet Bakker (ganz rechts) mit Freunden. Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 21
  • 24. Weg 10 „Die Bilingualität ist ein Geschenk, das man sich erhalten sollte.” Vorurteile wegen seiner Heimat kennt Petros Tossios gut. „Wenn man in Oldenburg oder Bremen erzählt, dass man aus Delmenhorst kommt, muss man sich einiges anhören”, sagt der junge Mann und lacht. Heimat – das ist für Petros Tossios zuerst einmal Delmenhorst. Er ist zwar in Griechenland geboren, doch das war eher Zufall. Seine Familie lebt schon in der dritten Generation in der Delmestadt. STECKBRIEF Name Petros Tossios geboren 1984 in Giannitsa, Nord-Griechenland Beruf (Qualifikation) Trainee bei der Bremer Landesbank (Diplom-Ökonom) Autorin: Ute Kehse 22 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege Seine Großeltern fanden in den 1960er Jahren in der Nord- wolle Arbeit, seine Eltern besitzen seit 1981 ein Restaurant in Weyhe. Auf die Frage, ob er sich eher als Deutscher oder Grieche fühle, weiß er keine rechte Antwort. Er besitzt beide Staatsbürgerschaften – und findet das auch gut so. „Eher fühle ich mich als Europäer”, sagt er. Tatsächlich könnte man sich Petros Tossios gut in der Londoner City vorstellen, wo smarte junge EU-Bürger aller Nationalitäten die Straßen bevölkern. Mit seinem dunklen Anzug, der dezenten Krawatte und dem halblangen Mantel entspricht er perfekt dem klassischen Bild eines Bankers. Schließlich ist er auch einer: Derzeit absolviert der 28-jährige bei der Bremer Landesbank ein Trainee-Programm für Hochschulabsolventen. Seine griechische Herkunft spielte bei seiner bisherigen Berufslaufbahn kaum eine Rolle, sagt Tossios. Insgesamt verlief sein Leben wohl nicht viel anders als das seiner deutschstämmigen Mitschüler. Bis auf eine Kleinigkeit: In den ersten sechs Jahren seiner Schulzeit hatte er zusammen mit elf weiteren griechischen Schülern muttersprachlichen Unterricht. Griechisch spricht er daher heute genauso perfekt wie Deutsch. Dafür ist er dankbar: „Die Bilingualität ist ein Geschenk, das man sich erhalten sollte”, sagt er. Nach Grundschulzeit und Orientierungsstufe besuchte er das Willms-Gymnasium, wo er 2004 sein Abitur machte.
  • 25. Dass er die Schulzeit problemlos hinter sich brachte, verdankt er auch der Unterstützung seiner Eltern. Die beiden legten auf Bildung großen Wert. „Am Gymnasium habe ich in einigen Fächern Nachhilfe bekommen”, berichtet er. Er sei zwar ehrgeizig gewesen, aber wie viele Jugendliche nahm er die Schule nicht so furchtbar ernst. „Die Nachhilfe hat glücklicherweise für bessere Noten gesorgt”, schmunzelt er. Weil er ein breites Interesse für Politik und Wirtschaft entwickelt hatte, studierte er nach dem Abitur in Oldenburg Wirtschaftswissenschaften. Ein besonderes Highlight war ein Praktikum in der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer in Thessaloniki. Nach dem Abschluss 2009 fand er schnell den Einstieg bei der Bremer Landesbank – über einen Aushilfsjob. „Ich habe dort in einem IT-Projekt mitgearbeitet”, erzählt er. Dabei hinterließ er offenbar einen so guten Eindruck, dass ihm einer der begehrten Plätze des Trainee-Programms im Bereich „Financial Market” angeboten wurde. „Es war viel Glück dabei, dass ich die Stelle bekommen habe, es passte gerade alles zusammen”, meint er. Seine Aufgabe besteht nun darin, mittelständische Kunden zu Themen wie Devisen, Zinsabsicherung oder Geldanlagemöglichkeiten zu beraten. Seine griechische Herkunft hat er nie als Belastung empfunden, sondern eher als Bereicherung. „Es gab manchmal sogar eine Art positive Diskriminierung”, sagt Petros Tossios. Viele seiner Lehrer waren Griechenland-Fans, interessierten sich für die griechische Kultur und waren neugierig auf seine Geschichte. „Als Grieche kann man sich leicht in Deutschland integrieren”, ist seine Erfahrung. Ihm ist es wichtig, seine Wurzeln nicht zu vergessen, sich gleichzeitig aber auch nicht abzukapseln. Insgesamt sieht er Deutschland beim Thema Integration auf einem positiven Weg: „Von Einwanderungsländern wie Australien oder den USA könnte man sicher noch einiges lernen, aber hier hat sich in den letzten zehn Jahren unheimlich viel getan.” „Als Grieche kann man sich leicht in Deutschland integrieren.” Mutter Zoi Lapata und Vater Athanasios Tossios, Mitte der 1980er Jahre Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 23
  • 26. Weg 11 „…man muss offen für Andere und Neues sein.” „Geschafft” – zufrieden begutachtet Fehime Dogan das soeben fertiggestellte Abendkleid. Und auch ihre Kundin, die zur abschließenden Anprobe der Maßanfertigung in den Laden der Delmenhorster Schneiderfee gekommen ist, strahlt überglücklich. Wie eine Prinzessin wirkt die junge Frau in ihrer Abendrobe, die mit unzähligen Swarovski-Steinen besetzt ist. STECKBRIEF Gelernt Name Fehime Dogan geboren 1967 in Midyat, Türkei hat Fehime Dogan, die 1980 mit ihren Eltern aus dem türkischen Turabdin nach Delmenhorst kam, ihr Handwerk von der Pike auf. Eine anerkannte Ausbildung hat sie allerdings nie absolviert. Ihre Lehrmeisterin war ihre Mutter und bei ihr hat sie nicht nur beruflich, sondern auch für das Leben gelernt. Beruf (Qualifikation) Selbstständige Schneiderin in der Änderungsschneiderei "Schneiderfee" (Schneiderin) Der Liebe wegen verließ Fehime das Elternhaus, um in Gießen zu heiraten. Hier eröffnete sie auch ihren ersten eigenen Laden. Der Laden ist längst Geschichte, die Liebe aber blieb bis zum heutigen Tag. Dass sie mit Ehemann Maragi glücklich wie am ersten Tag ist, merkt man schon nach wenigen Sätzen. Die beiden wirken wie eine Einheit, und die waren sie wohl auch in allen Höhen und Tiefen, die das Leben so zu bieten hat. Autor: Holger Geisler Zehn Jahre war Fehime Dogan in Hessen selbstständig, ehe es sie wieder in die Nähe der Eltern zurück nach Delmenhorst zog. Bei Kaufland fand sie eine neue berufliche Betätigung. Egal, ob an der Information oder der Kasse, die Arbeit machte ihr Spaß, den Umgang mit den Kunden liebte sie. Zwölf Jahre arbeitete sie gut gelaunt im Einzelhandel. Eines Tages entdeckte ihr Mann einen frei werdenden Laden in der Nordstraße. Viele Jahre war hier eine Änderungsschneiderei beheimatet gewesen. Als er seiner Frau von seiner Entdeckung und der Idee, wieder eine Schneiderei zu eröffnen, erzählte, wollte diese nichts davon wissen. Doch tief im Innern meldete sich der Wunsch, wieder zur eigentlichen Berufung zurückzukehren. So fuhr sie spontan zum kleinen Laden und verliebte sich sofort in die Räumlichkeiten. Kaum stand der Entschluss fest, schon wurde er in die Tat umgesetzt. Keine zwei Wochen dauerte es, bis Familie Dogan die Eröffnung feiern konnte. In dieser Zeit wurde renoviert, umgebaut und alles nach den eigenen Vorstellungen eingerichtet. Ganz nebenbei 24 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 27. konnte Fehime auch ihren bisherigen Chef dazu bewegen, ihren Vertrag umgehend aufzulösen. Schweren Herzens ließ man die Schneiderin ziehen. Das ist nun fast zwei Jahre her. Und Frau Dogan hat diesen Schritt nicht bereut. Die Hauptarbeit liegt in der Änderungsschneiderei. Aber wie schon eingangs erwähnt, auch die Maßanfertigung für Braut- und Abendmode liegt ihr ebenso am Herzen und geht perfekt von der Hand. Selbiges gilt selbstverständlich auch für Herrenmode. Darüber hinaus ist eine Altgoldankaufstelle und das Wechseln von Uhrenbatterien im Laden angesiedelt. Auch Tochter Alexandra, eigentlich gelernte Industriekauffrau, hat sich inzwischen selbstständig gemacht. Sie betreibt ein Fingernagelstudio als „Shop in Shop System” im elterlichen Laden. Die beiden jüngsten Kinder der Dogans befinden sich in der Berufsausbildung. „Unsere Tochter schließt im Mai die Ausbildung zur Friseurin ab, der Sohn beendet dann die Lehre zum Autolackierer” berichtet Fehime Dogan stolz. Stolz ist sie mit Sicherheit auch auf ihre dritte Tochter. Diese arbeitet als Bankfachwirtin bei der Bremer Sparkasse. „Glaubt an euch und verwirklicht eure Vorstellungen. Denkt dabei nicht in zu engen Bahnen!” Jungen Leuten, die noch auf der Suche nach der richtigen Arbeit sind, gibt sie folgenden Rat: „Hört in euch hinein und werdet euch klar, was ihr wollt. Glaubt an euch und verwirklicht eure Vorstellungen. Denkt dabei nicht in zu engen Bahnen”. Sie selbst probiert auch immer wieder neue Dinge aus. So kümmert sie sich zumindest im weiteren Familienkreis nicht nur um die Garderobe, sondern auch um die richtige Haarpracht bei Hochzeiten. Aber selbst in anderen Bereichen lernt sie stetig dazu: Sie hat inzwischen sogar gelernt, Fliesen zu legen! Malen und Tapezieren kann sie schon lange, das geht ihr leicht von der Hand. Lange Zeit hat sich die Aramäerin auch stark ehrenamtlich engagiert. So war sie Stellvertretende Vorsitzende im Integrationsbeirat oder organisierte mit anderen den Frauenweltgebetstag. Auch im Frauenvorstand der Aramäischen Gemeinde ist sie seit vielen Jahren aktiv. Zudem schlägt ihr Herz für das Tanzen. Seit sie den Laden eröffnet hat, steckt sie aber alle Energie in den Betrieb und natürlich – nach wie vor – in ihre Familie. Ihr Tipp für gelungene Integration: „Man darf sich nicht nur im eigenen Kulturkreis bewegen, sondern muss offen für Andere und Neues sein.” So verwundert auch ihr großer Traum für Delmenhorst nicht. „Ein richtig großes Kulturfest wäre eine tolle Sache. Möglichst viele Kulturen und natürlich müssen sich auch die Deutschen entsprechend einbringen.” Fehime Dogan ist glücklich. Mit ihrer Berufung als Schneiderin, mit ihrer Familie und mit ihrer „neuen Heimat”. Fehime Dogan (ganz rechts) mit Ihren Eltern Meryem und Sibo Kilic sowie den Geschwistern Samira, Yilmaz, Seyde und dem Neffen Numan Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 25
  • 28. Weg 12 „Es gefällt mir gut in Deutschland.” Saint-Louis, die frühere Hauptstadt des Senegal, ist eine faszinierende Melange aus Afrika und Europa. Viele nennen die Lagunenstadt am Senegalstrom das Venedig Afrikas. Hier vermischt sich der alte koloniale Glanz mit der Farbenpracht des schwarzen Kontinents. STECKBRIEF Name Bécaye Diop geboren 1958 in SaintLouis, Senegal Beruf (Qualifikation) Zusteller CITIPOST Delmenhorst (Krankenpfleger) Autorin: Ute Kehse Doch auch Armut und Verwahrlosung sind in Saint-Louis allgegenwärtig. Im Viertel Leona gibt es allerdings eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche. Im „Zentrum für Bildung und soziale Förderung Keur Mame Fatim Konté” werden Straßenkinder medizinisch versorgt und es gibt einen Kindergarten. Mädchen und junge Frauen erhalten Nachhilfe und Berufsbildungskurse zur Friseurin, Köchin oder Schneiderin. Bis vor einem Jahr zählte auch Bécaye Diop zu den Lehrern des Bildungszentrums. Er unterrichtete die Mädchen in Französisch, Sexualkunde und Sport, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Er selbst verdiente dabei nur wenig. „Das Geld reichte vielleicht für einen Sack Reis und ein paar Liter Öl”, sagt Brigitte Wittenberg, Bécaye Diops Frau. Im Juni 2012 hat der 54-jährige ein neues Leben angefangen, 6000 Kilometer von seiner Heimat, seiner Familie und seinen Freunden entfernt - in Delmenhorst, bei seiner Frau. Er hat tropische Monsungüsse und heiße Sahara-Winde gegen norddeutsches Schmuddelwetter eingetauscht, seine Arbeit als Lehrer gegen einen Job als Zusteller bei der Regiopost. „Es gefällt mir gut in Deutschland”, sagt er. Fünf Tage in der Woche zieht Bécaye Diop seine Runde von der Wildeshauser Straße bis zur Anton-Günther-Straße. Sechs bis zehn Kilometer ist er auf seinem blauen Fahrrad bei Wind und Wetter unterwegs. An die Kälte hat er sich gewöhnt. Während des langen Winters ist er nicht einmal krank geworden. Die Leute kennen und mögen ihren afrikanischen Postboten, und nicht selten bietet ihm unterwegs jemand Kaffee oder Gebäck an. Natürlich hätte er gerne eine Arbeit, die besser bezahlt wäre. Auch seine Frau verdient als Seniorenbetreuerin nicht besonders gut. Doch nach einem knappen Jahr 26 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 29. im Land spricht Bécaye Diop erst ein paar Brocken Deutsch. Viele Arbeitsvermittler lehnen ihn daher von vorneherein ab. „Ich will lernen”, sagt er selbst. Für einen Integrationskurs reicht das Geld derzeit allerdings nicht. Seine Frau Brigitte, die er 2010 über ein Internetforum für Musik kennengelernt hat, spricht mit ihm so viel Deutsch wie möglich. „Er versteht inzwischen schon eine ganze Menge”, sagt sie. Die deutsche Bürokratie macht es den beiden nicht unbedingt leicht. So können sie nicht den gleichen Namen tragen, weil er von seiner ersten Ehe im Senegal keine amtlichen Scheidungspapiere vorweisen kann. Bis ihre Ehe offiziell anerkannt wurde, mussten Bécaye Diop und Brigitte Wittenberg zahlreiche Formulare ausfüllen, Papiere beglaubigen lassen und von Botschaft zu Botschaft rennen. Bei der Jobvermittlung riet man Diop, sich wieder abzumelden, da seine Sprachkenntnisse zu gering seien. „Ich will lernen. Ich habe immer gearbeitet.” Eine Ausbildung, die hier anerkannt werden könnte, hat Bécaye Diop nicht. Dafür besitzt er reichlich Erfahrung in unterschiedlichen Berufen: Bevor er Lehrer war, arbeitete er erst als Krankenpfleger und später als Radioreporter. In seiner Freizeit spielte er Fußball und trainierte Mannschaften. Viel Geld verdiente er nie. „Das Leben im Senegal ist hart”, sagt er. Er und seine drei Kinder lebten mit einer Halbschwester, deren Tochter und Enkelkindern zusammen. „Ich war der einzige in dieser achtköpfigen Familie, der gearbeitet hat”, sagt er. Die Schwester kümmerte sich um seine inzwischen erwachsenen Kinder und um die Ziegen, Schafe, Enten, Hühner und Truthähne, die mit zum Haushalt gehörten. Dank Skype ist Diop seiner Familie im Senegal auch jetzt immer nah. In Delmenhorst hat er sich gut eingelebt – vor allem dank seiner Frau, die ihn zu allen Behördenterminen begleitet und Alltagstätigkeiten von Einkaufen bis Straßenbahnfahren mit ihm geübt hat. „Ich weiß auch nicht, warum man um die halbe Welt fahren muss, um jemanden zu treffen, der zu einem passt – aber so war es bei uns”, sagt sie. Beide kochen gerne, lieben Filme, Musik und Fahrradfahren. Brigitte Wittenberg hat sich in Saint-Louis, bei der Familie ihres Mannes, sofort wie zu Hause gefühlt. Damit sie den nächsten Besuch dort noch mehr genießen kann, lernt sie nun Französisch und Wolof, die Umgangssprache im Senegal. Mit Ehefrau in der ehemaligen Schule im Senegal Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 27
  • 30. Weg 13 Als Azubi Vorreiter für Migranten Er hat ihn gewagt, den Schritt in die Selbstständigkeit: Eniz Bertan hat 2002 seine Banklaufbahn eingetauscht gegen seine eigene Generalagentur eines großen Versicherungs- und Finanzunternehmens. Mit Erfolg! Im vergangenen Jahr konnte der 46-Jährige Delmenhorster das zehnjährige Jubiläum feiern. Auf über 1600 betreute Kunden ist sein Kundenstamm angewachsen, täglich werden es mehr. STECKBRIEF Name Eniz Bertan geboren 1967 in Aydin, Türkei Beruf (Qualifikation) Inhaber der Generalagentur Württembergische, Delmenhorst (Bankkaufmann, Versicherungsfachmann) Autor: Dirk Hamm In seinen Büroräumlichkeiten an der Oldenburger Straße beschäftigt der Bankkaufmann und Versicherungsfachmann fünf Angestellte, darunter zwei Auszubildende. Mit Versicherungsfachfrau Yeliz Bertan gehört seine Schwester zu den Mitarbeiterinnen: „Wenn ich mich irgendwann mal zurückziehe, möchte ich, dass sie die Agentur übernimmt.” Eniz Bertan wurde 1967 in Aydin an der türkischen Westküste geboren. Doch den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in Nordhorn und in Delmenhorst. Bertan, ältestes von vier Kindern, kam 1969 mit seiner Mutter nach Nordhorn, wo der Vater Arbeit in einer Textilfabrik gefunden hatte. Später arbeitete Vater Bertan bei Klöckner in Bremen, und Delmenhorst wurde zur neuen Heimat der Familie. Eniz Bertan blickt zurück auf eine unproblematische Kindheit: „Da ich in Nordhorn aufgewachsen bin, hatte ich sprachlich keine Probleme. Auch in der Schule lief es gut. Meine Eltern haben darauf geachtet, dass ich meinen schulischen Verpflichtungen nachkomme.” Die Bertans, die in der Türkei nicht die finanziellen Möglichkeiten für eine höhere Bildung hatten, setzten die richtigen Akzente für ihre Kinder: „Integration wurde bei uns großgeschrieben. Mein Papa wollte, dass ich in der Schule gut bin und dass etwas aus mir wird.” In der Schule also, in der er immer zu den Besseren gehörte, konnte Eniz Bertan die Grundlage für seinen beruflichen Erfolg legen. In Delmenhorst machte er seinen Realschulabschluss, dann ging er für ein Jahr auf die Höhere Handelsschule in Bremen. Mathe gehörte immer zu seinen starken Fächern. Doch den entscheidenden Einfluss bei der Entscheidung, sich in Richtung Finanzwelt zu orientieren, hatte ein Verwandter: „Ich habe jedes Jahr meinen Onkel in der Türkei besucht, einen Bankkaufmann. Der hat mich dann mitgenommen zur Bank. Mich hat vor allem fasziniert, wie schnell er das Geld zählen konnte, damals machte man das noch 28 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 31. per Hand.” Es waren noch andere Zeiten, Zeiten, in denen der persönliche Kontakt zu den Bankmitarbeitern noch nicht durch den Geldautomaten abgelöst wurde, erinnert sich Eniz Bertan: „In die Bank zu gehen war etwas Besonderes, ältere Leute zogen sich dafür extra fein an.” Und dennoch hegte der junge Mann Zweifel, ob es wirklich etwas werden könnte mit einer Banklaufbahn. Zweifel, die sich als unberechtigt erweisen sollten: „Ich habe in Bremen das Wirtschaftsabitur abgelegt und mich bei vier Banken beworben, ich habe dann zwei Zusagen erhalten.” Bertan entschied sich für die Oldenburgische Landesbank als Ausbildungsunternehmen. Wie er dort erfuhr, sei er so etwas „wie ein Versuchskaninchen” gewesen. Bis dahin gab es in der Region Weser-Ems keine Auszubildenden mit Migrationshintergrund bei einer Bank. „Ich stand also unter besonderer Beobachtung, aber das hat mich umso mehr motiviert. Ich hatte nicht den Eindruck, als zweitklassiger Mensch behandelt worden zu sein.” „In die Bank zu gehen war etwas Besonderes, ältere Leute zogen sich dafür extra fein an.” Eniz Bertan erwies sich als ein sehr fordernder Auszubildender, stellte viele Fragen. Sein Talent blieb nicht verborgen, nach vier von sechs Monaten Probezeit bereits erhielt er die Zusage, übernommen zu werden. Bertan hat damit den Weg geebnet für andere Migranten: „Es hat mich stolz und glücklich gemacht, als ich nach einem Jahr hörte, dass zwei oder drei neue Bewerber mit Migrationshintergrund einen Ausbildungsplatz bekommen hatten. Auch bei den anderen Banken hat man inzwischen entsprechend reagiert!” Man habe eine „Marktlücke” entdeckt, meint Eniz Bertan, denn Menschen aus Einwandererfamilien brächten mit ihrer Mehrsprachigkeit einen wichtigen Vorteil mit. Zum Verhältnis von Migranten und Nicht-Migranten in Delmenhorst hat Eniz Bertan eine klare Meinung: „Mich nervt, dass oft gesagt wird, die Innenstadtprobleme seien ein Migrantenproblem und wir sollen uns integrieren.” Dabei habe er selbst sich „enorm integriert”, findet Bertan, der vor Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat und mit einer Deutschen verheiratet ist. Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die ihren Weg ebenso erfolgreich gehen wollen, wie er es vorgemacht hat, rät Eniz Bertan, zupackend und nicht mit Vorurteilen heranzugehen, sich überall zu bewerben und die Chancen, die sich bieten, zu ergreifen. Schwester Filiz, Mutter Kerime, Eniz (v.l.) Rechts: Vater Hüseyin Fotos: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 29
  • 32. Weg 14 „Mit der Kunst Distanz überwunden” Seit einem halben Jahr ist die Jute-Einkaufspassage auch zu einem Ort für die Malerei geworden, wie ein Blick durch das große Schaufenster des Ateliers BerGer eindrucksvoll zeigt. Dort sind zahlreiche Bilder ausgestellt, mehr als 260 Werke vom Porträt bis zum Landschaftsbild hängen an den Wänden. Gemalt wurden sie von Malschülern, die ihre Technik unter der Anleitung von Madlen Fish erlernen oder verfeinern. STECKBRIEF Name Madlen Fish geboren 1960 in Simferopol, Ukraine Beruf Kunstpädagogin im Atelier BerGer (Qualifikation) Designerin (Kunstpädagogin) Autor: Dirk Hamm Selbst malt die gebürtige Ukrainerin zu Hause, bevorzugt mit Wasser-, Gouache-, Pastell- und Ölfarben. Madlen Fish, die 1997 als jüdische Emigrantin aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam, ist beim Atelier angestellt und dankbar dafür, von Inhaber Dirk Schulte Strathaus die Möglichkeit erhalten zu haben, täglich ihr künstlerisches Know-how an andere Menschen weitergeben zu können und damit ihr Geld zu verdienen. Geboren wurde sie 1960 in Simferopol, einer Stadt auf der Halbinsel Krim. Als sie dort aufwuchs, war die Herrschaft der Kommunistischen Partei noch ungebrochen. Toleranz und gleiche Rechte für alle Menschen, gleich welcher Herkunft, das waren Werte, die in der „Volksdemokratie” der Sowjetunion oft nur auf dem Papier standen. Madlen Fish sollte einen Eindruck davon bekommen: „Offiziell gab es keinen Antisemitismus, aber in der Realität war das anders. Bekannte erzählten zum Beispiel, dass Juden an der Universität nicht als Historiker angenommen wurden. Als ich an der Hochschule für Kunst studierte, gab es eine Prozentregel, wie viele Juden da studieren durften.” Dabei sei in ihrer Familie das Judentum nicht als Religion, sondern als Tradition etwa beim Kochen und durch das Einhalten der Feiertage praktiziert worden, berichtet Madlen Fish. „Total enttäuscht” sei sie über diese Form der Diskriminierung gewesen. Sie habe gedacht, in der Sowjetunion werde die ‚Neue Welt’ gebaut, in der alle gleich sind. In Simferopol stellte sich schon in frühen Jahren heraus, dass Madlens besondere Begabung im künstlerischen Bereich liegt. Sie besuchte die Kinderkunstschule, später dann studierte sie Gestaltung und Design. In einer Werbeagentur gelang ihr 1981 der Berufseinstieg. Bald brach die Zeit der Perestroika und der Auflösung der Sowjetunion heran. „Das war eine schreckliche Zeit”, sagt Madlen Fish zurückblickend. Die Lebensumstände in der Ukraine verschlechterten sich rapide, es gab kaum noch Lebensmittel. Die Werbeagentur ging pleite, und die Firma, die sie nun 30 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 33. zusammen mit anderen gründete, litt unter dem Druck der aufblühenden Mafia. Als sie keine Aussicht auf ein anständiges Leben in der Ukraine mehr sah, stellte sie einen Antrag bei der deutschen Botschaft, und nach drei Jahren Warten konnte sie 1997 ausreisen. Nach einem halben Jahr in Sachsen-Anhalt fand Madlen Fish 1998 in Delmenhorst ein neues Zuhause, wo bereits ihre Eltern und ihr Bruder, ein Schachgroßmeister, lebten. Doch für die Gruppe der oft akademisch ausgebildeten jüdischen Einwanderer war es auch in Deutschland nicht so leicht, über die Runden zu kommen, da ihre Berufsabschlüsse und Diplome nicht anerkannt wurden: „Ich kenne viele Ingenieure, die als Hausmeister oder in Zeitarbeitsfirmen unter ihrem Ausbildungsniveau arbeiten. Viele Juden, die nach Deutschland kamen und ihre Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen wollten, konnten es nicht. Das war für mich die nächste Enttäuschung.” Madlen Fishs Integration in ihre neue Umgebung wurde durch die Kunst erleichtert. Sie hatte bereits in der Ukraine Erfahrungen im Unterrichten von Kindern gesammelt, und jetzt hatte sie die Idee, mit den Kleinen in der jüdischen Gemeinde Delmenhorsts zu arbeiten und Malkurse für russisch sprechende Kinder zu geben. Sie ist stolz darauf, dass einige dieser Kinder sich inzwischen entschieden haben, Kunst zu studieren. Weitere Möglichkeiten, mit der Vermittlung ihrer künstlerischen Fertigkeiten Geld zu verdienen, ergaben sich – nicht zuletzt im Atelier BerGer. Und so zählt sich Madlen Fish, die seit fünf Jahren im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit ist, „zu den geschätzten zehn Prozent” der Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die es doch geschafft haben, die Hürde der fehlenden beruflichen Anerkennung zu überwinden. Am Anfang sei es schwierig gewesen für sie, die Distanz und auch Vorurteile, mit denen manche Mitmenschen ihr in Delmenhorst begegnet sind, zu überwinden. Das gemeinsame künstlerische Arbeiten in den Malgruppen hat ihr dabei geholfen, das Eis zu brechen. Und so fühlt sie sich inzwischen „gut integriert” – und schränkt zugleich ein: „Irgendwo ist die Fremdheit immer noch da.” „… die Integration in ihre neue Umgebung wurde durch die Kunst erleichtert.” Ausstellung im Lichthof der VHS Delmenhorst, 2003 (v.l.n.r.): Madlen Fish, Mutter, Tochter und Vater. Es fehlt Bruder Gennadiy. Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 31
  • 34. Weg 15 „Dank Sport in die richtige Spur gefunden” Er habe einen sehr abwechslungsreichen Beruf, findet Abdullah Erkan Sahbaz Der Bremer, den die meisten schlicht Erkan Sahbaz. nennen, sorgt als Polizeikommissar in Delmenhorst für Recht und Ordnung. Mal lautet die Aufgabe, routinemäßig den Schuldienst zu überwachen, dann sind es Einsätze wie Streitigkeiten oder Einbrüche, die den 33-Jährigen im Streifenwagen auf den Plan rufen. Aber auch die penible Dokumentation gehört zu seinen Pflichten: „50 Prozent der Arbeit als Polizist ist Schreibtischarbeit.” STECKBRIEF Name Abdullah Erkan Sahbaz geboren 1980 in Bremen, Deutschland Beruf (Qualifikation) Polizeikommissar, Polizei Delmenhorst Autor: Dirk Hamm Erkan Sahbaz kam 2006 nach dreijähriger kombinierter praktischer und theoretischer Ausbildung an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Oldenburg und einem Jahr bei der dortigen Bereitschaftspolizei an die Delmenhorster Polizeiwache. Inzwischen ist er einer von drei Kollegen mit Migrationshintergrund in der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land. Anfangs jedoch sei er wie „ein Exot” betrachtet worden, der kulturellen Unterschiede wegen – der tatsächlich vorhandenen und der klischeehaft vermuteten. Aber der neue Kollege mit dem türkischen Namen konnte die Bedenken schnell zerstreuen, und vor allem bei der Begegnung mit Jugendlichen erwies es sich als Vorteil, nicht nur in der deutschen Kultur zu Hause zu sein: „Ausländische Jugendliche fühlen sich oft benachteiligt, wenn sie es nur mit deutschstämmigen Polizisten zu tun haben. Treffen sie auf einen Beamten mit Migrationshintergrund, gilt das nicht mehr. Wenn es sein muss, spreche ich mit ihnen auf Türkisch, oftmals wirkt das deeskalierend.” Erkan Sahbaz ist in Bremen-Nord aufgewachsen, im Stadtteil Vegesack lag das Revier seiner Kindheit und Jugend. Seine Eltern waren in den 70er Jahren aus der Türkei dorthin gezogen, der Vater malochte in der Vulkan-Werft. 1980 kam Erkan auf die Welt. Dass er in Deutschland aufwuchs – inzwischen besitzt er auch die deutsche Staatsangehörigkeit –, davon war in seiner Kindheit wenig zu spüren. Denn er ist in einem Viertel groß geworden, in dem fast nur Gastarbeiterfamilien wohnten, meist aus der Türkei. Zu Hause wurde Türkisch gesprochen, Kontakte zu Deutschen gab es kaum. 32 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 35. Keine idealen Bedingungen also für eine erfolgreiche Integration, aber, so erinnert sich Erkan Sahbaz, in seinem Elternhaus wurde ihm und seinen drei Brüdern eine „vernünftige Einstellung” mitgegeben: Anstand, Korrektheit, eine gute Schulbildung, Fleiß. Der Vater wünschte sich, dass seine Jungs nicht so hart würden schuften müssen wie er selbst. Doch da war noch ein anderer Einfluss, der auf den Heranwachsenden wirkte: „Wir waren 30 bis 40 Jugendliche, die sich am Stromkasten an der Straße getroffen und Blödsinn gemacht haben.” So umschreibt Erkan Sahbaz diese Phase, in der die Gefahr bestanden habe, an die falschen Freunde zu geraten. Tatsächlich sei ein Drittel dieser Gruppe zu Straftätern geworden, einige landeten im Gefängnis. Erkan Sahbaz hat letztlich den falschen Verlockungen widerstehen können. Dabei hat der Sport eine zentrale Rolle gespielt: Basketball wurde zu seiner großen Leidenschaft. Mit 13 hat er beim Vegesacker TV angefangen, und in dem ukrainischen Trainer Nathan Barg fand der sportliche Jugendliche, der auch Judo, Karate und Kickboxen betrieb, eine weitere wichtige Autoritätsperson. Der Trainer machte schlechte Schulnoten zum Ausschlusskriterium für seine Mannschaft. Zudem half das tägliche Training dabei, die Sprachkenntnisse zu verbessern, und je perfekter der zielstrebige Erkan Deutsch beherrschte, desto besser wurden auch die Noten. 1999 machte er sein Abitur. Das Basketballspiel, da ist er sich heute sicher, hat ihm genau die richtigen Werte nahegebracht: „Man lernt, für Ziele zu kämpfen, niemals aufzugeben und dabei Teamplayer zu sein.” Heute ist Sahbaz selber Coach, trainiert die Mannschaft der BTS Neustadt, die an der Spitze der Oberliga steht. Die entscheidende Eingebung hinsichtlich der Berufswahl kam übrigens als Zivildienstleistender bei einer zufälligen Begegnung mit Polizisten auf einem McDonald’s-Parkplatz: „Ein Freund sagte zu mir: Warum fängst du nicht bei der Polizei an? Dabei hatte ich eher daran gedacht, Sport und Englisch auf Lehramt zu studieren.” „Ich versuche, das Beste aus beiden Kulturen in mein Leben einfließen zu lassen.” Erkan Sahbaz (erste Reihe links) mit seiner Basketballmannschaft. Foto: privat Als was fühlt sich Abdullah Erkan Sahbaz denn nun, eher als Deutscher oder als Türke? Die Antwort fällt nicht überraschend aus: „Beides, fifty-fifty. Ich versuche, das beste aus beiden Kulturen in mein Leben einfließen zu lassen.” Integration müsse von Deutschen und Migranten gleichermaßen gelebt werden. Vollständige Assimilation lehnt er ab. Seine Zugehörigkeit zum Islam verleugnet Erkan Sahbaz nicht, aber auch Feste wie Weihnachten und Ostern feiert er mit seiner Freundin Katja. Beide sind seit neun Jahren zusammen, wohnen im eigenen Haus in Bremen: „So langsam wird man sesshaft.” Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 33
  • 36. Weg 16 „Von zwei Kulturen geprägt” Was bedeutet eigentlich „Integration”? Sirvan Tiryaki hat ihre eigene Antwort darauf gefunden: „Sich zu integrieren heißt, sich anzupassen, zum Beispiel in der Schule, aber nicht die eigene Herkunft aufzugeben.” Wie wichtig eine solide Schulbildung und im Besonderen die Beherrschung der deutschen Sprache für eine gelungene Integration sind, weiß die 39-jährige Delmenhorsterin: Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie erfolgreich eine Banklehre und arbeitet heute in einer örtlichen Filiale der RaiffeisenVolksbank, ihrem Ausbildungsunternehmen. STECKBRIEF Name Sirvan Tiryaki geboren 1974 in Delmenhorst, Deutschland Beruf (Qualifikation) Kundenberaterin, Volksbank eG Delmenhorst Schierbrok (Bankkauffrau) Autor: Dirk Hamm Das war ihr nicht unbedingt vorherbestimmt, als Tiryakis Eltern Anfang der 70er Jahre im Abstand von zwei Jahren aus der Türkei nach Delmenhorst kamen. Vater Tiryaki arbeitete auf der Nordwolle. 1974 wurde Sirvan geboren, zwei Brüder folgten. „Meine Eltern haben zu Hause nur Türkisch gesprochen”, erzählt sie, die notwendigen Deutschkenntnisse eignete sich das junge Mädchen anderweitig an: „In der Vorschule habe ich Deutsch gelernt. Und ab der ersten Klasse hatte ich eine deutsche Freundin, wir haben oft zusammen gespielt.” Ein zweiwöchiges Praktikum in der neunten Klasse wies Sirvan Tiryaki den Weg in ihre berufliche Zukunft: „Ich habe das Praktikum bei der Volksbank absolviert. Das hat mir gut gefallen, und ich entschied mich, eine Ausbildung bei der Bank zu machen.” Mit diesem Wunsch stieß sie in ihrem Bekanntenkreis auf viel Skepsis: „Alle haben mir gesagt: Du hast keine Chance, dich nehmen sie sowieso nicht, weil du Türkin bist.” Starken Rückhalt fand die Schülerin hingegen bei ihrer Mutter: „Sie hat zu mir gesagt: Mach dich nicht verrückt, du schaffst das. Warum sollten sie dich nicht nehmen?” Dass diese Ermunterung mehr als nur Zweckoptimismus war, sollte sich bald zeigen: Sirvan Tiryaki bewarb sich bei drei Banken, und als die Volksbank als erste zusagte, stand der Ausbildungsplatz fest. Noch heute ist Sirvan Tiryaki dankbar für die Unterstützung, die sie von ihrem damaligen Chef erfahren hat. Als Migrantin sei sie nicht auf Schwierigkeiten gestoßen, im Gegenteil: „Der Vorstand hat früh erkannt, dass Mitarbeiter mit Migrationshintergrund viele Vorteile mit sich bringen. Ich kenne die Kultur und Sprache unserer türkischen Kunden, deren familiäre Zusammenhänge.” Dass sie mit den türkischstämmigen Bankkunden häufig türkisch spricht, werde in ihrem Kollegenkreis akzeptiert. 34 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 37. Inzwischen ist die Mutter zweier Mädchen beruflich voll etabliert, ein Musterbeispiel gewissermaßen für eine gelungene Integration. Dabei weist sie ihren Eltern die entscheidende Rolle zu: „Meine Mutter war die ausschlaggebende Person, und auch mein Vater stand immer hinter mir. Beide sind sehr stolz auf mich, dass ich das geschafft habe.” Doch alles in rosaroten Farben zu zeichnen, entspräche nicht der ganzen Wahrheit, macht Sirvan Tiryaki deutlich. Auch sie ist in Gesprächen mit Menschen, die sie nicht kennen, bisweilen auf Vorurteile und negative Klischees gestoßen. Zum Beispiel bezüglich ihres privaten Glücks: „Ich bin mit einem Türken verheiratet. Da kann es schon mal vorkommen, dass mich jemand fragt, ob ich mir meinen Mann selbst ausgesucht habe.” Nicht nur ihren beiden Töchtern, sondern allen jungen Menschen mit Migrationshintergrund gibt die Delmenhorsterin vor allem einen Ratschlag mit auf den Weg, von dem sie selbst sich hat leiten lassen: „Sie sollen sich etwas zutrauen, und von niemanden einschüchtern lassen.” Jeder sei für sich selbst verantwortlich, fügt sie hinzu, Integration könne nur funktionieren, wenn man dazu bereit ist. Probleme im Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft nur auf die Politik zu schieben, davon hält Sirvan Tiryaki nichts. „Integration kann nur funktionieren, wenn man dazu bereit ist.” Migrationshintergrund, das bedeutet oft auch, in zwei Kulturen zugleich zu Hause zu sein, weiß die Delmenhorsterin mit dem türkischen Pass: „Ich habe oft das Gefühl, in Deutschland bin ich die Türkin, und in der Türkei bin ich die Deutsche.” Auch im Hause Tiryaki macht sich das bemerkbar, wo sowohl die eine als auch die andere Sprache gesprochen wird. Die Grenzen der Integration sind dort klar gezogen: „Wir essen zum Beispiel kein Schweinefleisch, auch die Kinder sind so erzogen.” Sirvan Tiryaki steht mit beiden Beinen voll im Leben, hat Beruf und Familie erfolgreich unter einen Hut bekommen. Trotzdem geht ein kleiner Gedanke schon weit in die Zukunft: „Wenn ich mal alt und grau bin, möchte ich zwischen Delmenhorst und einem schönen Plätzchen in der Türkei hin und her pendeln. Die Zelte hier abzubrechen kommt nicht infrage, dazu bin ich zu sehr eingedeutscht.” Die Eltern Hürü und Rüstem Tiryaki Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 35
  • 38. Weg 17 „Man muss mit Kopf und Seele dabei sein.” Eine abgeschlossene Lehre als Tischler sowie das Abitur Grönwold hatte Ioan Grönwoldt bereits in der Tasche, als er 1992 aus dem rumänischen Cluj (Klausenburg) nach Niedersachsen kam und politisches Asyl beantragte. In Delmenhorst fand er dann sowohl sein Liebesglück als auch eine Anstellung in einer Tischlerei, für die er 13 Jahre lang tätig war. STECKBRIEF Name Ioan Grönwoldt geboren 1967 in Cluj (Klausenburg), Rumänien Beruf (Qualifikation) Selbstständiger Tischler in der Bremer Straße (Tischler) Autorin: Bettina Snyder 2006 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit mit einer eigenen Werkstatt für Trocken- und Innenausbau sowie Türen-, Treppen- und Fensterinstallationen in Delmenhorst-Mitte. Mittlerweile hat er auch Häuser erworben, die er sanierte und nun vermietet. Seine deutsche Frau unterstützt ihn, und seine beiden Söhne sind stolz auf den fleißigen Vater.  Wie waren Ihre Anfangsjahre in Deutschland? Ich habe mir selber Deutsch beigebracht und konnte mich schon nach einigen Monaten recht gut verständigen. Dass ich so bald eine Arbeit fand, war ein Glücksfall. Mein Chef hat gesehen, wie fleißig ich war, so habe ich mich schnell hochgearbeitet. Natürlich musste ich viel Neues lernen, denn in Rumänien hatte ich mit anderen Maschinen und Techniken gearbeitet.  Hat Sie in Ihrem Werdegang jemand besonders unterstützt? Ein Lehrer hat mich immer wieder herausgefordert, das Abitur zu schaffen. In Deutschland haben mir Freunde Mut gemacht, mich selbstständig zu machen. Aber eigentlich habe ich alles aus eigenem Antrieb geschafft. 36 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 39.  War Ihr Migrationshintergrund für Ihren Werdegang manchmal ein Hindernis? Nein, ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Weder mit meinen Kollegen noch mit Kunden. Wenn man sich anpasst, dass heißt, wenn man freundlich und ehrlich ist, klappt doch alles gut. Klar, es gab natürlich auch mal böse Worte, aber nichts, was wirklich ernst zu nehmen war. Manchmal habe ich Neid auf meinen Erfolg gespürt, naja, das ist doch überall so.  Was würden Sie jungen Migrantinnen und Migranten heute mit auf dem Weg geben? Sie müssen bereit sein zu lernen, und sie sollten immer optimistisch bleiben. Wenn sie ein Praktikum machen oder in der Lehre oder Probezeit sind, können sie die Zeit nutzen, um zu zeigen, was sie drauf haben. Man muss mit Kopf und Seele dabei sein. Kopf allein reicht nicht. Es hilft auch, die deutschen Werte und Gepflogenheiten anzunehmen. Ja, man sollte versuchen, sich anzupassen und bereit sein, die vielleicht veraltete Lebensweise aus der Heimat zu überdenken. „Junge Menschen müssen bereit sein zu lernen!”  Darf ich fragen, warum Sie den Namen ihrer Frau angenommen haben? Das hat zwei Gründe, einen verrate ich Ihnen. Mein rumänischer Nachname ist Marina und man könnte es mit einem Vornamen verwechseln.  Herr Grönwoldt, wie sehen Sie Ihre Zukunft? Ich spüre die Finanzkrise nicht. Meine Auftragsbücher sind voll, und ich hoffe, dass ich noch weiter expandieren kann, so dass ich einmal eine größere Werkhalle haben werde. Ich bin sehr optimistisch. Ioan Grönwoldt (erste Reihe, zweiter von links) mit seiner Familie in Rumänien. Foto: privat Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 37
  • 40. Weg 18 „Man sollte für sich herausfinden, was man will – und daran arbeiten.” Ein Berg voller Akten bedeckt den Schreibtisch von Rechtsanwalt Benyamin Kaya. Die schöne Aussicht auf den Marktplatz und die Delme nimmt der 38-jährige Anwalt vor lauter Arbeit kaum noch wahr. Doch Kaya liebt seinen Beruf, der für ihn der schönste auf der Welt ist. STECKBRIEF Name Benyamin Kaya geboren 1973 in Istanbul, Türkei Beruf (Qualifikation) Rechtsanwalt, Kanzlei von Häfen & Neunaber Autor: Holger Geisler „Für mich kamen immer nur zwei Berufe infrage, entweder als Mediziner zu arbeiten oder eben als Jurist”, so Kaya. Dass seine beiden älteren Brüder genau jene Berufe ausüben, dürfte dennoch eher Zufall sein. Er war sechs Jahre alt, als seine Familie nach Deutschland kam. Genau erinnert sich der Jurist an diese Zeit nicht mehr, doch er weiß ganz genau, dass die Sprache für ihn nie ein Problem darstellte. „Wir haben ständig mit deutschen Kindern gespielt, und da will man sich sofort verständigen.” Nun, sofort klappte es nicht, aber nach rund vier Monaten waren die Barrieren der Sprache überwunden. Auch in der Schule lief es ziemlich rund für Kaya. Nach dem Abitur stand der Zivildienst an. Die Gemeinnützigen Werkstätten wählte Benyamin Kaya ganz pragmatisch aus. Zum einen interessierte ihn die Arbeit mit Menschen, die gehandicapt sind, zum anderen lagen die Werkstätten in unmittelbarer Nähe zum elterlichen Zuhause. Die eineinhalb Jahre in den Werkstätten möchte Benyamin Kaya nicht missen. „Das war eine tolle Erfahrung. Dies alles sind ganz normale Menschen, trotz ihrer Behinderungen. Ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es gibt nette und weniger nette. Offene aber auch verschlossene Menschen.” Diesbezüglich hält Kaya auch einen Rat parat: „Ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal in diesem oder einem anderen sozial-karitativen Bereich zu engagieren. Das prägt für das weitere Leben.” In den letzten Jahren des Abiturs, wie auch während des Zivildienstes, arbeitete Kaya regelmäßig im elterlichen gastronomischen Betrieb mit. Das „Akropolis” in der Delmenhorster Innenstadt ist eine echte Institution. Inzwischen führt Benyamin Kayas Neffe das Restaurant sehr erfolgreich. Wie Herr Kaya später erfuhr, hätte sein Vater sich gewünscht, dass er in den Betrieb einsteigt. „Mir gegenüber hat er 38 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege
  • 41. das nie geäußert. Das wäre problematisch geworden. Dem Vater einen Wunsch abzuschlagen, wäre mir schwer gefallen. Doch das Jurastudium war ganz einfach das, was ich wollte.” So studierte Kaya zuerst in Gießen und ging später für das Zweite Staatsexamen nach Düsseldorf. Dass seine Brüder ebenfalls in der Rheinmetropole arbeiteten und wohnten und auch heute noch dort erfolgreich wirken, passte ihm zwar ganz gut, war aber kein entscheidender Faktor. „Die Wartezeiten in Oldenburg und Bremen waren einfach wesentlich länger, und ich wollte das Studium so schnell wie möglich abschließen.” Staatliche Unterstützung hat er während des Studiums nie erhalten, so dass die Ersparnisse vom Jobben aus Schul- und Zivildienstzeit nun zum Tragen kamen. Den „Fachanwalt für Verkehrsrecht” hat der ehrgeizige Jurist schon seit Längerem in der Tasche. Zudem steht er kurz davor, sich auch „Fachanwalt für Arbeitsrecht” nennen zu dürfen. Es läuft also gut für den Juristen. Auch die Zukunftsplanung ist in vollem Gange. „Mit meinen Arbeitgebern bin ich mir einig darüber, kurz- bis mittelfristig als Partner in die Kanzlei einzusteigen.” Die Kanzlei hat neben ihrem Stammsitz in Delmenhorst weitere Standorte in Mühlhausen und Leinefelde (beides Thüringen). Insgesamt arbeiten neun Anwälte für die gerechte Sache. „Ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal in einem sozial-karitativen Bereich zu engagieren. Das prägt für das weitere Leben.” Um beruflich erfolgreich sein zu können, muss das private Umfeld stimmen. Auf Familie Kaya trifft dies ganz sicher zu. Benyamins Bruder Zeki ist ebenso Jurist und arbeitet als Justiziar bei der Nationalbank in Essen. Der älteste Bruder Ibrahim ist ein erfolgreicher Kardiologe in Krefeld. Auch die drei Schwestern haben ihre Ausbildungen erfolgreich hinter sich gebracht und stehen mit beiden Füßen gesund und selbstbewusst im Leben. Zwei hatten den Weg in die Selbstständigkeit gefunden. Diese Rolle füllt Cekiye weiterhin voller Begeisterung aus, während Hana liebend gerne den eigenen Betrieb mit der Mutterrolle getauscht hat. Lusi, die Dritte im Bunde, hält seit etlichen Jahren demselben Arbeitgeber die Treue. Sein familiäres Glück hat Benyamin Kaya schon längst gefunden. Er ist seit Studienzeiten glücklich mit seiner Maria verheiratet und hat drei Kinder zu Hause. „Meine Familie sehe ich eigentlich durch die Arbeit viel zu wenig, aber die Zeit, die wir haben, verbringen wir auch ganz intensiv miteinander." Benyamin Kaya hat seinen Traum verwirklicht und ist sich sicher: Das können alle. „Man sollte für sich herausfinden, was man will – und daran muss man arbeiten. Welcher Beruf das ist, das muss jede und jeder für sich selbst entscheiden.” Vater Halef und Mutter Zero. Foto: privat Benyamin Kaya hat viel erreicht – aber auch viel dafür getan. Benyamins Kayas Satz zur Integration: „Integration bedeutet für mich die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist das Erlernen der deutschen Sprache.” Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege 39
  • 42. Weg 19 „Das Wichtigste ist sicher das Erlernen der deutschen Sprache.” Frau Havva Bakni ist in Delmenhorst geboren. Sie hat türkische Eltern: Ihre Mutter kam mit zwölf, ihr Vater mit zwanzig Jahren nach Deutschland. Sie ist die Älteste von fünf Kindern. Nach der Orientierungsstufe kam Havva auf das Max-Planck-Gymnasium, wo sie den bilingualen Zweig besuchte, in dem einige Fächer wie Geschichte und Biologie in englischer Sprache unterrichtet werden. Zur Oberstufe wechselte sie in das Wirtschaftsgymnasium an der BBS I, das sie 2010 mit dem Abitur in der Tasche verließ. STECKBRIEF Name Havva Bakni geboren 1991 in Delmenhorst, Deutschland Beruf (Qualifikation) Studentin, Englisch und Deutsch auf Lehramt (Abitur) Autorin: Bettina Snyder Jetzt studiert die junge Frau an der Uni Bremen Englisch und Deutsch für das Lehramt in der Sekundarstufe Eins. Als Erste in ihrer Familie besucht sie eine Universität.  Wie kamen Sie zu dem Entschluss, Englisch auf Lehramt zu studieren? Ich hatte in der 5. Klasse einen ganz tollen Englischlehrer: Herr Ahrens war ein Vorbild für mich, er hat mir sehr viel Mut gemacht. Seit der Zeit schon wollte ich Englischlehrerin werden. In der Oberstufe war ich auch sehr gut, bekam viel Bestätigung von den Lehrerinnen und Lehrern. Erst hatte ich noch mit dem Gedanken gespielt, Wirtschaft zu studieren, aber ich habe schnell gemerkt, dass Betriebswirtschaftslehre doch nicht mein Ding ist.  Wie haben Ihre Eltern Sie unterstützt? Meine Eltern haben mir viel Freiraum gelassen, mich zu nichts gedrängt, waren sehr stolz, dass ich auf das Gymnasium konnte. Sie haben intensiv meine Schullaufbahn verfolgt, sind zu allen Elternabenden gegangen und waren immer an Schuldingen interessiert. Das habe ich bei anderen türkischen Familien oft anders erlebt.  Seit wann tragen Sie ein Kopftuch? Als ich 17 war, ja, ich war in der 12. Klasse, habe ich mich dazu entschlossen. Wo wir wohnten, wurde eine Moschee eröffnet, als ich 15 Jahre alt war, und ich fing an, die Moschee zu besuchen. Es war erst Neugierde, dann habe ich meine türkischen Wurzeln für mich wieder entdeckt. Meine Mutter trägt kein Kopftuch, und meine Familie war sehr überrascht, dass ich ein Kopftuch tragen wollte. In der Schule hat sich niemand dazu verwundert geäußert. Alle haben mich weiterhin völlig normal behandelt. 40 Starke Vielfalt – 21 Delmenhorster Lebenswege