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        Apostel
                                                                                    inhalt




                         Zeitschrift der Arnsteiner Patres	                 Ausgabe 4/2012




                               Öffnet Fenster und Türen …
                                Das Zweite Vatikanische Konzil – Bericht eines Zeitzeugen

        Weitere Themen     Mit Kindern über Gott reden:         SSCC in Frankreich: Bericht
                           Die Weihnachtskrippe                 aus dem Fußball-Internat
Die Mitbrüder der Provinzleitung und die
                                                                      Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Apostel-
                                                                      Redaktion wünschen allen Leserinnen und Lesern
                                            © RIrina Tischenko        ein gnadenreiches Weihnachtsfest und ein gesegnetes
                                                                      neues Jahr.
    Inhalt
    Mit Kindern über Gott reden        4
                                                                 Kultur im Kloster Arnstein
    Interview zum Zweiten                                        16. Dezember, ab 11.30 Uhr: Arnsteiner Mittelalter-Adventsmarkt mit
    Vatikanischen Konzil – Teil 2      6                         Büchermarkt und Adventskonzert um 17 Uhr: »Der erste Christbaum
                                                                 in der Waldheimat« (Peter Rosegger), Musik: Westerwälder Saitenmusik,
    Geistlicher Wegbegleiter           11                        Texte: Diethelm Gresch und Gaby Fischer
    Porträt Marianne Cope              15                        21. Dezember, 20 Uhr: Arnsteiner Feuernacht mit Orgel-Meditationsmusik
    Symbole der Kirche – Tür           17                        von Matthias Frey und Texten bei Kerzenlicht, anschließend Speis und
                                                                 Trank am Feuer
    SSCC-Fußballinternat in Frankreich 18
                                                                 29. Dezember, 10 Uhr: Drei-Krippen-Wanderung
    Rückblick auf die Wallfahrt 2012   22
                                                                 Treffpunkt: Parkplatz am Campingplatz
    Nachrichten                        23
                                                                 Weitere Informationen und Termine:
                                                                 www.arnsteiner-patres.de/kultur.html




    Weihnachtskarten
    Weihnachtskarten von den Philippinen bietet der Klosterladen im Kloster
    Arnstein in diesem Jahr erstmals an. Pater Harald Adler SSCC hatte die in
    seiner Gemeinde in Bagong Silang kunstvoll bestickten Grußkarten in die-
    sem Herbst in großen Paketen an seine Brüder in Deutschland geschickt.
    Ein Teil dieser Karten fand den Weg in den Klosterladen. »Etwa 3 Euro
    Herstellungs- und Transportkosten verursacht jede der Karten«, so Pater
    Bernhard Bornefeld, der Leiter des Klosterladens. »Doch wir verkaufen sie
    nicht, wir geben sie gegen Spende ab und hoffen auf eine großzügige
    Unterstützung für Bagong Silang. Die Menschen der Gemeinde im Groß-
    raum Manilas leben ohnehin in sehr schwierigen Verhältnissen. Zudem waren
    sie in diesem Jahr von schlimmen Überschwemmungen betroffen. Sie haben
    diese Karten gebastelt und werden hoffentlich eine ermutigende Freude
    erfahren, wenn wir ihnen die Spendengelder für die Karten überweisen.
    Wichtig ist ihnen sicher auch, dass wir an ihrem Schicksal Anteil nehmen.«
    Interessenten wenden sich an:
    Pater Bernhard Bornefeld im Kloster Arnstein,
    Bernhard.Bornefeld@sscc.de, Telefon: 0 26 04 / 97 0 40




2    apostel 4/2012
©Ramona Heim
                                           Sag doch was!
                                           »Sag doch was!«, bettelt die neugierige Enkeltochter.
                                           »Sag doch was!«, hauchen sich Verliebte ins Ohr, wenn sie lange genug
                                           schweigend und Händchen haltend nebeneinandergesessen haben.

Oasentag                                   »Sag doch was!«, fragt die Ehefrau fast flehentlich und beugt sich über
                                           ihren gerade operierten Ehemann, von dem sie nicht weiß, ob er wach
Die Arnsteiner Oasentage laden ein, zur
                                           oder bewusstlos ist.
Ruhe zu kommen und auf Körper, Seele
                                           »Sag doch was!«, sagt der wütende Vater zu seinem verstockt schweigen­
und Geist zu hören. Im Wechsel von
                                           den Sohn, der mit zusammengebissenen Lippen vor ihm steht.
Gespräch und Meditation, Stille und
Gesang wird jeweils ein Thema näher
                                           »Sag doch was!« – Diesen Satz hören wir in den verschiedensten Lebens­
betrachtet. Alle Oasentage sind thema-
                                           situationen, und er kann Unterschiedliches zum Ausdruck bringen: eine
tisch in sich abgeschlossen.
                                           zärtliche Einladung, eine flehentliche Bitte oder eine autoritäre Aufforde­
                                           rung, ja sogar eine Drohung. Diese drei Worte machen in jeder Situation
Freitag, 7. Dezember, 9 - 18 Uhr:
                                           deutlich, wie sehr wir Menschen darauf angewiesen sind, dass andere uns
Von Vertrauen, von Mut und
                                           etwas sagen oder, anders gesagt, dass sie bereit sind, uns etwas mitzutei­
von Hoffnung ...
                                           len. Von der Bereitschaft anderer Menschen, mit uns zu kommunizieren,
»Sagt den Verzagten: Habt Mut!«
                                           leben wir. Kommunikation ist die Grundlage des Lernens, Voraussetzung
( Jes 35,4)
                                           jeder Zusammenarbeit und das Bindemittel, das Menschen zusammen­
                                           hält. Schweigen ist der Tod einer jeden Beziehung.
Wann kann ich Mut fassen? Doch dann,
wenn das, was mich mutlos gemacht
                                           »Sag doch was!« Diesen Satz hören wir auch in der Adventszeit. Es ist der
hat, überwunden ist, wenn jemand mir
                                           Ruf des Volkes Israel an seinen Gott, der ihnen fern und schweigend vor­
beisteht, mich begleitet, ich also nicht
                                           kommt. Der Prophet Jesaja (63,19) formuliert es stellvertretend für seine
alleingelassen werde. Das geschieht
                                           Landsleute so: »Uns geht es, als wärest du nie unser Herrscher gewesen,
nicht mit frommen Sprüchen und auch
                                           als wären wir nicht nach deinem Namen benannt. Reiß doch den Himmel
nicht mit noch so gut gemeinten Rat-
                                           auf und komm herab.« Doch auch die Antwort der Heiligen Schrift hie­
schlägen. Mut und Hoffnung können
                                           rauf hören wir in der Adventszeit: Gott sagt etwas! Er spricht durch die
aufkeimen, wenn Vertrauen möglich
                                           Propheten des Alten Bundes. Er spricht zu Maria durch den Engel Gabriel.
wird, Vertrauen, das die Angst über-
                                           Er lässt sich ankündigen durch Johannes den Täufer. Und so ist dieser
windet. Um Vertrauen, um Mut und um        schweigende Gott auf einmal in der Gestalt Jesu unter den Menschen.
Hoffnung soll es gehen an diesem
letzten Oasentag dieses Jahres, der
                                           Weihnachten ist das Fest des sprechenden Gottes. »Das Wort ist Fleisch
mitten in die Adventszeit fällt. Wir
                                           geworden und hat unter uns gewohnt« (Joh 1,14).
wollen uns und anderen Rechenschaft
geben über den Grund unseres Ver-
                                           »Sag doch was!« – Die zärtliche, ängstliche oder auch fordernde Bitte
trauens, unseres Mutes und unserer
                                           verhallt bei Gott nicht ungehört. Jesus Christus ist das Wort. Weihnach­
Hoffnung (vgl. 1 Petr 3,15).               ten ist das Fest des sprechenden Gottes.

Anmeldung:                                 Ich wünsche Ihnen einen hoffnungsvollen Advent und ein frohes und
www.arnsteiner-patres.de/oasentage.html    friedvolles Weihnachtsfest!
                                           Ihr



                                           Pater Heinz Josef Catrein SSCC

                                                                                                    4/2012 apostel    3
mit kindern über gott reden




         Wie kommt die Kuh ans »Krippchen«?
          Mit Kindern die Weihnachtszeit gestalten

                         Wir Erwachsenen begegnen den
                         Figuren der Weihnachtskrippe
                          mit einem Blick, der von Ge-
                          schichten und Traditionen ge-
                          prägt ist. Kinder betrachten
                           eine Krippe oftmals zum ers-
                           ten Mal und staunen vielleicht
                            über diese für sie fremde
                            Welt. Da werden dann auch
                             schon mal ungewöhnliche
                             Fragen gestellt: »Wie kommt
                         die Kuh ans Krippchen?« Was
          würden Sie antworten?

          Krippchen schauen
          Krippchen betrachten kann ein schöner Zeitvertreib
          für Kinder sein und ist gleichzeitig auch eine ausge­
          zeichnete Gelegenheit, den Glauben auf anschauliche
          Weise zu verkünden. Ein paar Grundregeln sollten Sie
          dabei beachten: Nehmen Sie sich Zeit für die Krippen­
          Tour, laden Sie Freundinnen und Freunde ihrer Kinder
          ein, gestalten Sie es spannend, indem Sie sich ein paar
          Fragen überlegen: Welche Tiere stehen an der Krippe?
          Was heißt Gloria? Wer ist die Frau im blauen Kleid?
          Machen Sie eine Nachbereitung, mit Kakao, Plätzchen
          und noch ein paar Fragen zum Gesehenen: Ich sah
          einen Hirten, der spielte welches Musikinstrument?
          Wenn Sie die Kinder von vornherein über das kom­
          mende Fragespiel informieren, hören sie vielleicht ge­     Hirten
          nauer zu. Eines wird hierbei schon deutlich: Man sollte    Ochs und Esel sind keine besonders hoch angesehenen
          sich gut vorbereiten. Beginnen wir mit der Ausgangs­       Tiere, ebenso genossen die Hirten kein besonders gutes
          frage: »Was macht die Kuh an der Krippe?«                  Ansehen in Israel. Sie galten als ungebildet, dreckig
                                                                     und arm, und keiner wollte mit ihnen etwas zu tun
          Ochs und Esel                                              haben. Sie waren draußen auf dem Feld, während die
          Kinder kennen keine Ochsen mehr, also muss man             Leute in Bethlehem im sicheren Haus schliefen. Dass
          ihnen erklären, dass die Kuh ein Ochse ist und Ochsen      sie Jesus als Erste zu sehen bekamen, zeigt uns die
          früher das machten, was heute ein Traktor erledigt. Sie    Grundbotschaft des Neuen Testamentes, die Jesus so
          zogen den Pflug, bewegten den Mühlstein und zogen          zusammengefasst hat: »Ich bin gekommen, um den
          schwere Lasten, weil sie viel stärker als ein Esel sind.   Armen die frohe Botschaft zu bringen.« (Luk 4,18)
          Sie gehörten auf jeden Bauernhof, genauso wie der          Ich halte es für wichtig, schon Kindern an der Krippe
          Esel, der als Tragetier alles schleppte: Brennholz und     diesen speziellen Blickwinkel des Evangeliums nahezu­
          Wassersäcke, Körbe mit Oliven und Säcke mit Mehl,          bringen: Jesus Christus ist der Freund der Armen und
          aber auch Menschen durften auf ihnen reiten. Ochs          Sünder. Den Armutsgedanken können Sie nun weiter­
          und Esel sind friedliche Tiere, sie helfen dem Men­        führen und die Kinder fragen, ob sie noch weitere arme
          schen, und deswegen passen sie zu Jesus. Beide Tiere       Leute entdecken. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie
          gelten als dumm, aber sie sind klüger als einige Men­      dann auf Maria und Josef stoßen, aber die beiden müs­
          schen, denn sie dienen dem göttlichen Kind, während        sen hier eingeordnet werden, auch sie zählen in den
          die »Schlaumeier« in Jerusalem – Herodes und die           Augen der biblischen Verfasser zu den Schwachen, die
          Schriftgelehrten – den Weg nicht finden (Jes 1,3).         Gott »ausgewählt hat« (1 Kor 1,27).



4   apostel 4/2012
mit kindern über gott reden




                                                         Ochse © nito – Fotolia
                                                                                     In der Weihnachtszeit kann zum Beispiel
                                                                                     unsere Weihnachtskrippe im Kloster
                                                                                     Arnstein besucht werden. Die
                                                                                     Klosterkirche ist von 9 bis 17 Uhr
                                                                                     geöffnet.



                                                                                  Das Kind
                                                                                  Die Gestalten an der Krippe sind also
                                                                                  durchweg »kleine Leute«. Erklären Sie das
                                                                                  den Kindern und fragen Sie weiter: Wer ist
                                                                                  denn der Allerkleinste und Allerschwächste? Die
                                                                                  Antwort wird lauten: das Jesuskind. Erzählen Sie
                                                                                  den Kindern, dass Gott richtig Mensch wird.
                                                                                  Wie ein Baby braucht er die Hilfe von Men­
                                                                                  schen, er hat Hunger, Schmerzen, Angst, und
                                                                                  das erträgt er, weil er bei uns sein will. »Auch
                                                                                  du bist klein, aber du kannst ganz sicher sein, dass
                                                                                  Jesus dich gern hat, dich sieht und auf dich aufpasst,
                                                                                  weil er dich lieb hat.«

                                                                                  Engel
                                                                                  Auch Engel gehören zur Krippe. Diese Lichtgestalten
                                                                                  passen zunächst einmal nicht so ganz in das Bild von
                                                                                  den Armen und Geringen. Aber dies ist nur scheinbar
                                                                                  ein Widerspruch. Zuerst kann man den Kindern er­
Maria und Josef                                                                   klären, dass Engel Boten Gottes sind. Ich warne aller­
Die Pflegeeltern Jesu fallen wie die Hirten unter die                             dings davor, sie allzu konkret zu beschreiben, das tun
Kategorie der »kleinen Leute«. Ob Kindern dies bei                                auch die Weihnachtsgeschichten nicht. An ihnen kann
Maria so bewusst ist, weiß ich nicht, da viele Marien­                            man erläutern, dass Gott den Himmel offen machen
bilder eher das Gegenteil andeuten. Erklären Sie also                             will für uns Menschen. Er sendet seine Boten – die
den Kindern, dass Maria noch ein sehr junges Mädchen                              Engel; er sendet seinen Sohn Jesus vom hohen schönen
war, die auf dem Lande lebte, arm war und wie alle                                Himmel in den dreckigen Stall. Die Boten Gottes kom­
Mädchen dieser Zeit arbeiten musste und darauf war­                               men zuerst zu den Armen! So sehr liebt er uns. Man
tete, verheiratet zu werden. Sie hatte wie alle Frauen                            kann den Kindern weiterhin sagen, dass ein jeder, der
damals nichts zu sagen, doch ausgerechnet zu ihr wird                             Jesus sieht, auch ein Stück Himmel zu sehen bekommt,
der Engel Gabriel von Gott gesandt. Auch damals gab                               weil er der Sohn Gottes ist.
es Königinnen, Prinzessinnen, Wahrsagerinnen und
reiche Frauen. Sie werden nicht ausgewählt, sondern                               Ein Gang zur Krippe kann und soll eine fröhliche Be­
Maria, das Mädchen aus Nazareth.                                                  gegnung mit der Weihnachtsbotschaft werden, aber Sie
                                                                                  bemerken auch, wie in dieser Geschichte die Grund­
Das Gleiche geschieht mit ihrem Verlobten, dem heili­                             linien der Verkündigung Jesu zutage treten. Und es
gen Josef. Die Bibel erzählt nur, dass er Zimmermann                              ist gut, wenn Kinder nicht nur Einzelheiten kennen,
war, aber sie macht eine ganz wichtige Bemerkung: »Er                             sondern auch die Grundthemen in der Predigt Jesu
war gerecht!« Josef, der einfache Handwerker, wird                                erkennen und dieses lautet: Gott liebt die Armen und
erwählt, weil er ein gutes Herz hat, und einzig und                               Kleinen. ■
allein das ist es, worauf Gott schaut.                                                                     heinz josef catrein sscc



                                                                                                                                 4/2012 apostel   5
vatikanum




      Ein Jahrtausendereignis – hautnah erlebt
       Interview mit Pater Gabriel Simon SSCC, einem Zeitzeugen
       des Zweiten  Vatikanischen Konzils – Teil 2

                                               Am 11. Oktober 2012 jährte sich zum fünfzigsten Mal
                                               die feierliche Eröffnung des Zweiten Vatikanischen
                                               Konzils durch Papst Johannes XXIII. Nachdem Johan-
                                               nes XXIII. 1963 verstorben war, führte sein Nachfolger
                                               Paul VI. das Konzil bis zum 8. Dezember 1965 fort.
                                               Pater Gabriel Simon SSCC war von 1958 bis 1967 in
                                               Rom. Als Zeitzeuge des Konzils berichtete er in der
                                               letzten Apostel-Ausgabe unter anderem über sein
                                               Erleben der vorkonzilliaren Kirche und die Situation
                                               im SSCC-­ tudienhaus in Rom während des Konzils.
                                                          S




                                                         Volk Gottes unterwegs • Ökumene •
                                                        Aktive Mitfeier des Gottesdienstes •


                                               Pater Gabriel, rückblickend erstaunt uns die
                                               Veränderungsfähigkeit des Konzils. Die Konzils­
                                               väter waren doch selber Teil eines strikt hierar­
                                               chischen Systems und philosophisch und theolo­
                                               gisch so geprägt, dass es eigentlich nur einen
                                               Weg zur »Wahrheit« geben darf. Wie konnte
                                               die ungeheure Dynamik überhaupt entstehen?
                                               Ja, es gab auch damals – besonders aus Deutschland –
                                               die Befürchtung, dass das Konzil zu früh komme. Die
                                               berufenen Bischöfe seien fast ausschließlich in der alten
                                               scholastischen Philosophie und Theologie ausgebildet
                                               und hätten sich nicht mit neueren theologischen Er­
                                               kenntnissen auseinandergesetzt. Ihnen fehle der geistige
                                               Horizont für die neuen Herausforderungen.
                                               Doch es kam ganz anders. Eine Rolle spielte dabei
                                               sicher auch das gegenseitige Kennenlernen, die Gesprä­
                                               che mit Mitbrüdern aus anderen Ländern – ja Konti­
                                               nenten – beispielsweise über pastorale Fragen. Dabei
                                               haben viele wahrscheinlich erst gemerkt, dass es ähn­
                                               liche Problemlagen auch bei anderen gab und es bei den
                                               eigenen Fragen nicht nur um regionale Besonderheiten,
                                               sondern auch um grundsätzliche Fragen an die Kirche
                                               ging. Ganz wichtig waren die informellen Treffen der
                                               verschiedenen Bischofskonferenzen. Da trafen sich bei­
                          ©josefkubes/istock




                                               spielsweise die Belgier und Holländer gemeinsam mit
                                               den aus ihren Ländern stammenden Missionsbischöfen.



6   apostel 4/2012
vatikanum

      Dadurch weitete sich der Horizont,        miteinander beraten. Dies fand         Verkündigung und sakramentaler
      es ging um das Bewusstmachen der          Unterstützung, und so wurden die       Feier und die aktive Teilnahme der
      anstehenden Fragen und Probleme,          Kommissionswahlen verschoben           Menschen am Gottesdienst. Jetzt
      um die Diskussion neuer theologi­         und neue Verfahren hierfür verein­     konnten viele Menschen zum ers­
      scher Ansätze. Aber es ging auch          bart. Damit war die Strategie der      ten Mal wirklich bewusst nachvoll­
      um konkrete Kirchenpolitik: Wie           Kurie erst mal durchkreuzt, und im     ziehen, was in der Eucharistie ge­
      und mit wem können wir Allian­-           Ergebnis kamen andere Zusam­           schieht, Gott bewusst antworten auf
      zen schmieden, um bestimmte               mensetzungen der Kommissionen          das, was er uns im Sakrament zu­
      Beschlüsse zu verhindern, andere          zustande, als von der Kurie geplant.   spricht. Und hier wurde deutlich –
      durchzubringen.                           Das Konzil wurde sich sozusagen        und dies gilt natürlich auch weiter­
                                                seiner selbst bewusst. Man war         hin –, wenn die Kirche die be­
      Ist es nicht dennoch ein Wunder,          nicht Handlanger oder Ausfüh­          freiende Botschaft Jesu weitersagen
      dass das Konzil bei so vielen             rungsorgan der Kurie, sondern be­      will, dann muss sie dies in einer für
      traditionellen, auf Beharrung             stimmte seine Leitung selber. Es       die Adressaten auch verständlichen
      setzenden Bischöfen aus der               entstand eine eigene Dynamik.          Form tun.
      Kurie oder aus Italien und                Manche am Ende verabschiedeten         Ich kann die nostalgische Sehn­
      Spanien solch eine Entwicklung            Konzilserklärungen haben das           sucht nach der tridentinischen
      nahm?                                     Konzil über Jahre beschäftigt,         Messe absolut nicht verstehen.
      Ja, dass so viel herauskam, das           durchliefen viele Etappen der          Weder diese Hochämter, bei denen
      kann man nur mit dem Wirken des           Transformation, sodass manchmal        es nicht erwünscht war, die Kom­
      Heiligen Geistes erklären. Denn           nichts mehr vom ursprünglichen         munion zu empfangen, um die
      man muss wissen, dass die Kurie           Entwurf übrig blieb. Es war span­      Feier nicht zu stören, noch erst
      alles so detailliert vorbereitet hatte,   nend für uns in Rom lebende Theo­      recht die Messen, bei denen man


Öffnung zur Welt • Interreligiöser Dialog • Den Menschen in den Mittelpunkt stellen •
Jeder ist berufen, jeder ist wichtig • Zeichen der Zeit erkennen


      dass sie meinte, die Konzilsväter         logen, diesen Prozess mitzubekom­      neben dem Hochaltar noch parallel
      müssten eigentlich die vorberei­          men. Wir erlebten, was die theolo­     vier oder fünf »stille Messen« in 20
      teten Beschlüsse nur abstimmen –          gische und was diplomatische und       Minuten abfeierte. Das empfand
      ohne Diskussion –, und in vier            politische Auseinandersetzungen        ich als unwürdig. Und ich bin
      Wochen könne das Konzil schon             waren. Das ging so weit, dass zum      jeden Tag dafür dankbar, dass wir
      beendet sein. Denn alles, was in der      Beispiel eine Bischofskonferenz auf    die Möglichkeit zu wirklich würdi­
      Kirche wahr und wichtig ist, hatte        dem Petersplatz mit gedruckten         gen Messfeiern erhielten, bei denen
      man ja zusammengestellt – das war         Blättern für bestimmte Formulie­       sich die Menschen einbringen und
      damals die vorherrschende Menta­          rungen warb und diese verteilte        mitfeiern können, wo das Geheim­
      lität in der Kirche.                      und Mitarbeiter der Kurie versuch­     nis bewahrt, aber auch vermittelt
      Bei der ersten Sitzung des Konzils        ten, dies zu verhindern und rasch      werden kann.
      geschah dann etwas Unerhörtes: Es         alles wieder einzusammeln, damit       Das Zweite, was der Liturgiereform
      ging um die Wahlen für die Zusam­         bestimmte Positionen nicht unters      eigentlich vorausgeht, ist eine neue
      mensetzung der Kommissionen,              Volk kamen.                            Sicht, ein neues Verständnis von
      die die Kurie offensichtlich schon                                               Kirche. Diese neue Sicht ist so
      nach ihren Interessen – also mög­         Was waren aus Ihrer Sicht die          etwas wie eine kopernikanische
      lichst keine Veränderungen – vor­         wichtigsten Veränderungen, die         Wende nicht nur kirchenrechtlich,
      bereitet hatte. Da erklärten die          das Zweite Vatikanische Konzil         sondern auch theologisch. Aus­
      deutschen und französischen Bi­           auf Dauer bewirkt hat – inner­         gangspunkt ist nicht mehr ein hie­
      schöfe sinngemäß: Wir treffen hier        kirchlich wie auch im Verhältnis       rarchisches Verständnis von oben
      zum ersten Mal zusammen, und              der Kirche zur Welt?                   nach unten, sondern das, was dem
      die meisten kennen sich bisher            Das für die meisten Katholiken         Volk Gottes gemeinsam ist, die
      nicht. Bevor wir eine so wichtige         Wichtigste und nach außen Sicht­       Taufe. Dass das Konzil die Kirchen­
      Sache wie die Wahl der Kommis­            barste war die Erneuerung der          konstitution in einem langen Pro­
      sionen durchführen, wollen wir            Liturgie: die Einführung der Mut­      zess faktisch vom Kopf auf die
      uns erst einmal kennenlernen und          tersprache, die Verbindung von         Füße gestellt hat, nicht nur redak­



                                                                                                                    4/2012 apostel   7
vatikanum

              tionelle Veränderungen vorgenommen hat, sondern                aus seiner Erfahrung noch etwas beisteuern. Und nur
              das grundlegende Verständnis von Kirche – vom Evan­            wenn alle Aspekte zusammenkommen, ist der ganze
              gelium her – neu formulierte, ist für mich das grund­          Reichtum sichtbar. Doch der Einzelne muss sich immer
              legendste Ergebnis des Konzils.                                nur mit einem Stück der Wahrheit begnügen. Diese
              Am Anfang steht das, was allen gemeinsam ist, die Be­          Erkenntnis bewahrt uns vor Allmachtsfantasien und
              rufung zum Glauben, die Taufe. Größeres als die Taufe          davor, zu meinen, die Wahrheit könnte in kleine Käst­
              gibt es nicht. Sie verbindet uns mit Christus, sie macht       chen gut verpackt werden ein für alle Mal. Diese Ein­
              uns zu Gliedern der Kirche, und alles andere kommt             sicht war für mich sehr befreiend, aber sie ist natürlich
              danach. Es gibt nur Priester und Bischöfe, weil es die         auch schwerer zu leben, weil es immer offene Fragen
              Getauften gibt. Die Ämter stehen im Dienst an den Ge­          gibt. Wenn ich meine, ich habe die vollständige Wahr­
              tauften – als Verkündiger, als Hirten –, aber nur weil sie     heit, dann brauche ich nicht mehr in einen Dialog
              selbst Getaufte sind. Auch ein Priester oder Bischof ist       einzutreten. Ein wirklicher Dialog macht mir dann eher
              zuerst ein Hörer des Wortes, auch als Verkündiger              Angst, ich könnte verunsichert werden, etwas schein­
              bleibt er Hörer, auch als Spender der Sakramente bleibt        bar Sicheres zu verlieren.
              er Empfänger des Sakramentes.                                  Ich jedenfalls bin dankbar für diese neue Weltsicht, die
              Für mich persönlich war zudem eine gewisse Befreiung           mir durch das Zweite Vatikanum vermittelt wurde. Ich
              in der Theologie sehr wichtig. Die Erkenntnis, es gibt         persönlich komme ja von der Philosophie her, und in
              nicht eine einzig wahre theologische Schule, nur einen         jeder Zeit gibt es neue philosophische Ansätze. Wenn
              Weg zur Wahrheit, sondern viele Zugänge. Und: Wir              man also das Evangelium heute für die Menschen über­
              brauchen und wir können nicht alles wissen. Ich habe           setzen will, dann muss man schauen, was heute ge­
              meinen Studenten immer zu vermitteln versucht: Wir             dacht wird, wo die Anknüpfungspunkte sind. Das
              können immer nur einen kleinen Teil der Wahrheit               Evangelium ist ja keine Tonbandaufnahme, die vor
              begreifen, unsere Erkenntnis bleibt immer fragmenta­           2.000 Jahren entstanden ist, und die man einfach
              risch, und auch Jahrhunderte theologischer Forschung           immer nur abspielen könnte, und jeder könnte sie
              werden immer ein Fragment bleiben. Wir können ein­             dann kapieren. Nein, jede philosophische Strömung
              mal gewonnene Erkenntnisse nicht einfrieren, denn              stellt auch eine Möglichkeit dar, zur Brücke – zum
              jede Generation, jede Kultur und jeder Mensch kann             Transfer – theologischen Denkens zu werden. So bieten
                                                                             sich viele Anknüpfungspunkte für die Verkündigung,
                                                                             und es gibt nicht nur eine einzige Form – es gibt nicht
    Offener Dialog: Papst Johannes XXIII. (r.) mit Roger Schütz (2. v. l),
                                                                             nur den römischen Katechismus – als Antwort auf die
    damals Prior der Gemeinschaft von Taizé, und Max Thurian, die als
                                                                             Fragen der Menschen.
    Beobachter am Konzil teilnahmen, und Kardinal Bea (2. v. r), dem
                                                                             Das war es wohl, was Papst Johannes XXIII. bewegt hat.
    ersten Präsidenten des Sekretariates für die Einheit der Christen
                                                                             Er sagte, wir sind im Grunde verpflichtet, nicht nur die
                                                                             Fragen der Menschen wahrzunehmen, sondern auch
                                                                             zu versuchen, darauf Antworten zu geben. Antworten
                                                                             für die Fragen von heute. Dazu haben wir das Evange­
                                                                             lium, dazu ist Jesus Mensch geworden.

                                                                             War das, was für Sie befreiend war, für andere
                                                                             nicht eher angstbesetzt? Sichere, einbetonierte
                                                                             »Wahrheiten« gerieten nun ja ins Wanken; statt
                                                                             sich ohne Fragen an die Vorgaben der Kirche zu
                                                                             halten, sollte man nun zum mündigen Christen
                                                                             werden.
                                                                             Ja, für viele unserer Professoren, aber auch Priester,
                                                                             deren Studium bereits abgeschlossen war, stellten diese
                                                                             Anforderungen nicht nur Herausforderungen, sondern
                                                                             auch Gefährdungen dar. Sie hatten ihr festes Weltbild, da
                                                                             kannten sie sich aus, darauf hatten sie ihr Leben gegrün­
                                                                             det. Ich kenne auch einige Mitbrüder, die nur ein paar
                                                                             Jahre älter waren als ich. Sie hatten ihr Theologiestudium
                                                                             bereits abgeschlossen und spürten auf einmal, dass das,
                                                                             was sie zu besitzen glaubten, nicht mehr das Einzige war,
                                                                             dass man es auch anders sehen konnte, andere Zugänge
                                                                             möglich waren. Sie fühlten auf einmal ihren Sicherheits­
                                                                             gurt weichen und sich in Herausforderungen einbezo­
                                                                             gen, die sie mit dem bisherigen Handwerkszeug nicht so



8       apostel 4/2011
                4/2012
vatikanum

einfach bewältigen konnten. Und
bei nicht wenigen gab es so eine Ein­
stellung: Ich habe meine Ausbildung
abgeschlossen, das reicht. Weiter­
bildung bedeutet nur Gefahr, da
müsste ich mich ja ändern.
Allerdings kenne ich auch viele Äl­
tere, die in sich eine Unruhe gespürt
hatten, die merkten, dass diese fest­
betonierten Antworten auf neue
Fragen einfach nicht mehr stimm­
ten. Für diese war es wie eine Be­
freiung, endlich wird konstatiert:
Man kann, ja man muss auch andere
Wege gehen.

Welche Veränderungen hat das
Konzil für die Ordensgemein­
schaften gebracht?
Viele Ordensgemeinschaften haben
                                         Die Zusammenkunft von 2.498 Bischöfen, den sogenannten Konzilsvätern, mit weiteren
sich infolge des Konzils grund­
                                         knapp 550 Beratern und Beobachtern führte zu einer kopernikanischen Wende nicht nur
legend erneuert. Auch die Orden
                                         kirchenrechtlich sondern auch theologisch
waren in den Formen des 19. Jahr­
hunderts erstarrt. Man beschäftigte sich wieder mit den       Evangelium zu begreifen und den Menschen von heute
eigenen Wurzeln, mit dem Geist der Stifter, mit den           näherzubringen, werden von vorneherein die Anten­
Forderungen, die aus dem Evangelium entspringen.              nen des Misstrauens ausgefahren. Angst, dass man
Das bedeutet nicht zuerst den Gang ins Archiv, um             nicht mehr alles kontrollieren kann, anstatt Vertrauen
wörtliche Formulierungen der Stifter zu finden. Es ging       in den Heiligen Geist bestimmt die Kirche, so jedenfalls
vielmehr darum, zu erkunden, wie die Stifter damals           ist mein Eindruck. Doch dies kann die Sendung der
auf neue Situationen, auf neue Herausforderungen              Kirche in der heutigen Zeit nicht sein.
reagiert haben und was dies für uns heute bedeutet. Es
heißt also nicht Konservierung, sondern Tradition             Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den
bedeutet Weitergabe. Für uns damals junge Ordensmit­          Versuch eines Annäherungsprozesses zwischen der
glieder hat diese Sichtweise neue Horizonte eröffnet,         Kurie und der Piusbruderschaft?
neue Zugänge für die Pastoral, für die Theologie, für die     Ich verfolge dies mit ganz großer Sorge. Ich habe Erzbi­
Erneuerung des Ordenslebens und die Sendung unse­             schof Lefevre schon während des Konzils erlebt. Da muss
rer jeweiligen Gemeinschaft.                                  man sich ganz klar darüber sein: Den Piusbrüdern – und
                                                              in abgeschwächter Form auch Gemeinschaften wie der
Für heutige Ohren klingen ihre hoffnungsvollen                Petrusgemeinschaft – geht es nicht um die Liturgie.
Formulierungen fast wie Geschichten aus einer                 Denen geht es um das ganze Konzil. Für sie ist das Konzil
fernen Zeit. Viele haben das Gefühl, die Kirche               nicht nur ein Betriebsunfall, sondern »der Einbruch des
versuche derzeit wieder eine kopernikanische                  Satans in die Kirche«. Sie lehnen die Religionsfreiheit ab,
Wende rückwärts.                                              für sie ist unsere Heilige Messe keine gültige Messe, sie
Ja, da wird systematisch etwas abgeschliffen, soll wie­       lehnen die ganze Konstitution der Kirche nach dem
der zurückgedreht, kleingehalten werden. Nicht mehr           Zweiten Vatikanum ab. Wenn man mit dieser Gruppe
das Gemeinsame – die Anerkenntnis, dass jeder Ge­             einen Kompromiss anstrebt, muss man wesentliche Teile
taufte den Geist empfangen hat und dass dieser Geist          des Konzils aufgeben. Man kann hier nicht Einheit her­
wirkt und dass jeder ein Charisma erhalten hat – ist der      stellen um den Preis, das eigene zentrale Verständnis von
Ausgangspunkt. Stattdessen hat wieder ein Klerikalis­         Kirche aufzugeben. Ich wundere mich, dass sich hierzu
mus Einzug gehalten. Viele Bischöfe suchen nicht nach         nicht viel mehr Bischöfe zu Wort melden und klar Posi­
den Gnadengaben und wo sie eingebracht werden                 tion beziehen. Bei irgendwelchen Formelkompromissen
könnten, sondern erst mal wird alles mit Misstrauen           habe ich die Befürchtung, dass insbesondere die Reli­
betrachtet. Es wird zwar immer um den Geist gebetet,          gionsfreiheit wieder zur Disposition gestellt wird. Der
dass er uns aufrüttelt, dass er Neues schafft, aber wehe,     ideologische Hintergrund ist – damals wie heute – die
es zeigt sich etwas Neues. Dann wird es sofort domes­         These: »Die Wahrheit hat alles Recht, der Irrtum hat kein
tiziert. Anstatt sich zu freuen, dass Menschen sich en­       Recht, er kann höchstens, wenn es opportun ist, gedul­
gagieren, selber denken und versuchen, tiefer das             det werden.«



                                                                                                             4/2012 apostel    9
vatikanum

                                                                       kratie« entmutigen lassen. Denn: Durch die Taufe sind
                                                                       erst mal alle Christen gleich. Und wie dann die ver­
                                                                       schiedenen Dienste organisiert werden, muss man dann
                                                                       klären. Allerdings: In der alten Kirche sind die Bischöfe
                                                                       vom Volk gewählt worden, und heute tut man so, als ob
                                                                       es dies nicht gegeben hätte.
                                                                       Eine weitere zentrale Aufgabe sehe ich auch darin, auf
                                                                       die vielen zuzugehen, die am Rande stehen, die auf der
                                                                       Suche sind, aber von der Kirche nicht mehr erreicht
                                                                       werden. Hier muss Kirche wirklich missionarische, eine
                                                                       einladende Kirche werden. Es gilt, neue Zugänge zu
                                                                       entwickeln, etwa bei Todesfällen oder an Weihnachten,
                                                                       wie es beispielsweise Bischof Warnke im Bistum Erfurt
                                                                       versucht hat. Jesus hat seine Jünger zu den Menschen in
                                                                       die Dörfer gesandt. Wir müssen auf diese Menschen
                                                                       zugehen, mit ihnen offen ins Gespräch kommen.
             Pater Gabriel Simon SSCC
                                                                       Bieten Sie persönlich oder Ihre Gemeinschaft in
             Der 1937 in der Eifel geborene Arnsteiner Pater
                                                                       dieser Beziehung etwas an?
             besuchte die Schule und das Internat des Ordens in
                                                                       Wir sind ja nur eine kleine Gemeinschaft und bieten
             Lahnstein. 1957 trat er ins Noviziat ein, studierte von
                                                                       ganz bescheiden einmal im Monat eine Früh­ und eine
             1958 bis 1967 in Rom und wurde 1965 zum Priester
             geweiht. Pater Simon unterrichtete von 1967 bis zum
                                                                       Spätschicht hier in unserem Haus an. Hier ist jede und
             Jahr 2006 zunächst an der ordenseigenen Hochschule        jeder eingeladen, gleich ob katholisch, evangelisch oder
             in Simpelveld und ab 1980 an der Hochschule der           konfessionslos. Das ist keine Messfeier, sondern eine
             Franziskaner und Kapuziner in Münster als Professor       Meditationsbetrachtung, und anschließend laden wir
             für Philosophie. Unterbrochen wurde die Lehrtätigkeit     zum Gespräch ein. Das dauert dann meist doppelt so
             durch seine Zeit als Provinzial der Deutschen Provinz     lange wie die geistliche Betrachtung. Es ist ein Forum
             SSCC von 1982 bis 1991. Pater Simon lebt im Konvent       für jüngere und ältere Menschen, die auf der Suche
             der Gemeinschaft in Münster und widmet sich               sind, teils alleinstehend, manche ohne geistliche Behei­
             ordensgeschichtlichen Studien.                            matung. Für einige ist dies ein fester Bezugspunkt über
                                                                       Jahre hin, von dem sie sagen, dass sie nun wieder eine
                                                                       Zeit lang daraus schöpfen können.
           Dann gibt es keinen ideologischen Unterschied               Darüber hinaus sind wir ein eingetragenes Jakobspilger­
           mehr zu den Ayatollahs im Iran oder ähnlichen               refugium. Im Schnitt kommen im Jahr 50 Jakobspilger
           islamistischen Gruppen?                                     hier zu uns nach Münster. Wir bieten ihnen außer
           So ist es. Und heute drückt sich das in solchen Stamm­      Unterkunft und Verpflegung abends ein Gespräch an
           tischparolen aus: Wenn in der Türkei oder Saudi­            und laden sie morgens zu unserer Laudes ein. Auch hier
           Arabien keine Kirchen gebaut werden dürfen, dann            fragen wir nicht nach der Konfession. Viele sind kon­
           darf es bei uns auch keine Moscheen geben. Ich denke        fessionslos, besonders wenn sie aus den neuen Bundes­
           mit Grauen daran, dass solche Denkmuster die Kirche         ländern kommen. Sie machen sich aus den verschie­
           wieder prägen könnten.                                      densten Gründen auf den Weg, und vielen tun die Ge­
                                                                       spräche gut, wenn sie sich einmal aussprechen können.
           Was wäre heute aus Ihrer Sicht in der Kirche nötig,         Das Pilgern hat ja schon vieles in Bewegung gebracht.
           um 50 Jahre nach Beginn des Zweiten Vatikani­               Das sind Angebote, bei denen man keine statistischen
           schen Konzils die hoffnungsvollen Aufbrüche des             Erfolge vorweisen kann, die mühsam sind, die aber den
           Konzils wieder mit Leben zu füllen?                         Pilgern und auch uns guttun.
           Ich würde vor allem zwei Dimensionen sehen. Zum             Für mich ist das Konzil das prägende Ereignis meines
           einen die Kirchenkonstitution, dass man endlich das         Lebens, und dies möchte ich weitergeben. Deshalb
           gemeinsame Priestertum aller Getauften ernst nimmt,         halte ich Vorträge auch bei kleinen Gruppen. Denn ich
           dass die Taufe das grundlegende Sakrament ist und dass      möchte helfen, dass dieser Aufbruch nicht einfach ver­
           es deshalb Priester und Bischöfe nur gibt als Dienst an     sandet, sondern weitergeht. Ich möchte, dass der Geist
           den Getauften. Dazu gehört, dass die synodalen Gre­         des Konzils wachgehalten wird, dass die Erneuerung
           mien wirklich ernst genommen werden, zunächst in            weitergeht. Und ich spüre, das Gespräch hierüber, die
           der Pfarrei, aber auch auf allen anderen Ebenen, denn       Beschäftigung damit kann für alle wohltuend und
           wir haben es hier mit mündigen Bürgern und mündi­           befreiend wirken, und dafür lohnt sich der Einsatz
           gen Christen zu tun. Dabei sollte man sich nicht von        allemal. ■
           dem Totschlagargument »Die Kirche ist keine Demo­                                  interview: thomas meinhardt



10   apostel 4/2012
Geistlicher Wegbegleiter
                                                                                                                                    Anregungen für die Monate Januar, Februar und März


                                                                           Heilungsgeschichten im Neuen Testament




                                                                           Glauben -
                                                                           Menschsein, ganz und gar!
                                                                           Glaube ist nicht nur ein Für­wahr­Halten von           Menschen, die viel ertragen müssen, laufen oft
                                                                           Glaubenssätzen. Glaube ist auch nicht so sehr ein      umher, als ob sie tatsächlich eine Last auf ihren
                                                                           moralischer Anspruch, sondern vielmehr eine            Schultern trügen. Andere vergraben in stillen
                                                                           Einladung: eine Einladung, ganz Mensch zu sein,        Momenten ihr Gesicht in ihren Händen, weil sie
                                                                           als Mann und Frau. Nichts soll unterdrückt             sich schämen oder unendlich traurig sind. Andere
                                                                           werden, sondern alles soll aufrecht da sein, sich      wühlen sich mit den Händen durch ihre Haare, weil
                                                                           entfalten und zu Kräften kommen können. Nur so         sie in etwas drinstecken, aus dem sie nicht einfach
Geistlicher Begleiter zum Heraustrennen




                                                                           können Menschen ganze Menschen sein. Nur so            herauskommen. Man möchte sich gleichsam am
                                                                           können sie aus allem herausgerufen werden, was         eigenen Schopf herausziehen, doch das gelingt
                                                                           sie am Leben hindert, und können frei werden von       nicht. Wiederum andere haben ihr wahres Gesicht
                                                                           Bindungen, die nur fesseln, aber nicht verbinden.      so hinter ihrer Freundlichkeit oder ihren Problemen
                                                                           Das ist die Perspektive, die mit diesem »Geistlichen   oder ihrem Ärger versteckt, dass man es gar nicht
                                                                           Wegbegleiter« eröffnet werden soll.                    mehr erkennen kann: Sie haben kein eigenes
                                                                                                                                  Gesicht mehr.
                                                                           Manchmal trifft man Menschen, denen man direkt
                                                                           ansieht, was ihnen fehlt. Ihre Seele kann sich nicht   Der »Geistliche Wegbegleiter« soll ermutigen, uns
                                                                           mehr verstecken, sie kommt in ihrem ganzen             befreien zu lassen aus solchen Verstrickungen, um
                                                                           Erscheinungsbild, leiblich, zum Ausdruck.              Mensch zu sein, ganz und gar!

                                                                                                                                  Für Ihren geistlichen Weg wünsche ich Ihnen
                                                                                                                                  Ausdauer und Gottes Segen


                                                                                                                                                     Ihr Pater Gerd Nieten SSCC
                                          © Alexander Hoffmann – fotolia
Anregungen für den Monat Januar




                                                                                                                           © Alexandar Iotzov – fotolia
           Aufrecht gehen
           Bibelstelle für Januar: Heilung der gekrümmten Frau (Lk 13,10–13)



           Die Frau in diesem biblischen Text leidet weithin
           sichtbar: Ihr Rückgrat ist gekrümmt, sie kann nicht
           mehr aufrecht gehen. Man muss es vielleicht einmal
           tatsächlich körperlich fühlen, was das für einen
           Menschen bedeutet: Versuchen Sie einmal, ein paar
           Minuten so umherzugehen und alles, was sonst auf
           gleicher Höhe ist, von unten zu betrachten, die Ver­
           spannung in den Muskeln wahrzunehmen, den
           Schmerz in der Wirbelsäule …
           So ergeht es dieser Frau.                                  Fragen zum Nachdenken
           Wer weiß, was diese Frau gekrümmt oder gedemü­             Gibt es in mir etwas, das mich herunterdrückt?
           tigt hat, wer oder was ihr die Kraft des geraden Rück­     Gibt es Situationen, unter denen ich gebückt
           grats genommen hat. Sie jedenfalls kann nicht mehr         gehe? Was wird dabei unterdrückt? Was müsste
           aufrecht gehen, sie kann sich nicht mehr aufrichten.       geschehen, damit ich »von meinem Leiden
           Die andauernde Krümmung beengt den Brustraum,              erlöst« wäre? Das Auflegen der Hände ist auch
           nimmt ihr den Atem.                                        ein Zeichen der Kraftübertragung. Welche Kraft
           »Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau,   könnte mir helfen, mich aufzurichten?
           du bist von deinem Leiden erlöst.« Ganz kurz, nüch­
           tern wie eine einfache Feststellung. Nichts Dramati­



                                                                      Gebet
           sches, keine großartige Analyse, keine wilden, schrei­
           enden Dämonen, nichts von alledem. Drei Elemente
           stecken in diesem Rufen Jesu.
           Jesus ruft sie. Das klingt ebenso kurz und knapp wie
           bei der Berufung der ersten Jünger, die alles hinter               Du kennst meine Lebensgeschichte.
           sich lassen, um ihm zu folgen. Es ist nicht einfach so             Du weißt, dass sie immer wieder
           ein Ruf, sondern etwas, was das Leben einschnei­                   eine Geschichte
           dend verändert.                                                    zerbrochener Hoffnungen war,
           Jesus ruft sie, eine Frau – ganz ungewöhnlich in                   dass vieles in mir leer blieb,
           jener Zeit, in der an sich nur Männer etwas einzu­                 was doch nach Erfüllung schrie.
           bringen haben.                                                     O Herr, ich habe Angst,
           Jesus ruft sie zu sich, von ihrem Platz weg, fort von              hart und bitter zu werden.
           dem Ort, wo sie sich befindet: Du gehörst zu mir.                  Ich bitte dich,
           »Und er legte ihr die Hände auf.« Hände, die sich auf              erfülle du mich mit dem Vertrauen,
           einen legen, Hände, die auf einem ruhen, drücken                   dass du auch meiner Lebensgeschichte
           etwas aus: Du bist gemeint, du und niemand anders.                 einen unverlierbaren Sinn verliehen hast.
           Es ist Gottes Wille, dass du aufrecht durchs Leben                 Heile alles Enttäuschte,
           gehst. Auf dir ruht Gottes Hand.                                   alles Erschreckte und Verwundete
                                                                              in den Tiefen meiner Seele.
                                                                              (Sabine Naegeli, aus: Worte heute, S. 172,
                                                                              Stiftung Haus der action 365)
Impulse für den Monat Februar




                                          Sich zum Leben entschließen
                                          Bibelstelle für Februar: Heilung der verdorrten Hand (Mk 3,1–6)



                                          In diesem Text geht es um die Hand eines Mannes.         Fragen zum Nachdenken
                                          Sie ist vertrocknet, gelähmt. Dieser Mann hat keine      Was sind für mich in meinem Leben die
                                          Kraft; die Hand, die er ausstrecken, »geben« soll, die   positiven und was die negativen Kräfte?
                                          den Kontakt zu anderen Menschen herstellt, ist nicht     Was könnte auf dem Hintergrund dieser
                                          einsatzfähig. Es ist kein Leben mehr in ihr, sie ist     Geschichte die Aufforderung »Strecke deine
                                          abgestorben. Dieser Mann ist – symbolisch betrach­       Hand aus« für mich bedeuten? Wo ist jetzt in
                                          tet – kein Mann mehr, er ist geschwächt, passiv, er      meinem Leben eine Entschiedenheit gefordert?
                                          kann nichts tun, seine »männlichen« Kräfte kom­



                                                                                                   Gebet
                                          men nicht zum Zuge. Er kann nicht agieren, selbst­
                                          ständig, aktiv handeln, sondern nur re­agieren, erst
                                          auf die Taten und Impulse anderer hin etwas tun.
                                          »Steh auf, stell dich in die Mitte.« Man muss sich
Geistlicher Begleiter zum Heraustrennen




                                          einmal bewusst machen, was hier eigentlich ge­                  Herr, unser Gott,
                                          schieht. Ein »schwacher« Mann wird in den Mittel­               wenn dein Wort uns unruhig macht,
                                          punkt gerückt. Rundherum stehen die Pharisäer. Sie              weil es alles von uns verlangt,
                                          wollen mit aller Macht verhindern, dass es zu einer             dann lass dein Wort auch die Kraft sein,
                                          wirklich lebensverändernden Begegnung kommt,                    die uns aus uns selbst befreit
                                          dass sich überhaupt etwas ändert. Der schwache,                 und zu mehr befähigt,
                                          kranke Mensch soll »unsichtbar« bleiben, damit                  als wir zu erhoffen wagen.
                                          alles übersichtlich und geregelt bleibt.                        Lass uns von Tag zu Tag
                                          Jesus schaut sie an, einen nach dem anderen. Er ist             wachsen hin zu der echten Freiheit,
                                          wütend und traurig zugleich über so viel brachlie­              für die uns Christus frei gemacht hat.
                                          gendes, verpasstes Leben, über ihre Verstocktheit,              (Aus: F. Cromphout, Eine Zeit des Redens. Gebete und liturgische Texte,
                                                                                                          S. 98, Verlag Gerhard Kaffke 1971)
                                          darüber, dass sie lebendig tot sind und durch ihre
                                          Gesetzesstarre anderen ihre Lebensmöglichkeiten
                                          rauben.
                                          Und der Mann mit der verdorrten Hand? Wie viel
                                          Angst hat ein Mann, ein Mensch, davor zu leben?
                                          Lieber ist man halb tot, als dass man sich wirklich
                                          aufmacht, voll und ganz zu leben. Doch tief im Her­
                                          zen nagt die Sehnsucht weiter nach »Mehr« im
                                          Leben.
                                          Es bedarf eines Entschlusses, einer Entscheidung,
                                          um wirklich zu leben. Strecke deine Hand aus! Auch
                                          wenn du schwach bist, ausgedorrt, du wirst sehen:
                                          Es geht. Deine Hand ist geheilt!
                                                                                                                                                                                    © gator – fotolia
Impulse für den Monat März




                                                                                                                           © Tamara Kulikova /istock
          Komm heraus -
          Löse dich!
           Bibelstelle für März: Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1–44)



           Diese Bibelstelle zum Thema »Mensch sein, ganz
           und gar« sagt etwas aus über problematische Bin­
           dungen. Bindungen sind lebenswichtig, doch sie
           können auch so beschaffen sein, dass sie ein freies     Fragen zum Nachdenken
           Leben nicht fördern, sondern verhindern. Hier geht      Kann ich, wenn ich mein Leben ernsthaft betrachte,
           es um einen Freund Jesu, Lazarus, der dermaßen          Dinge benennen, die ich »begraben«, aufgegeben
           verwickelt ist in alle möglichen fürsorglichen und      habe, obwohl ich eigentlich ganz tief im Herzen will,
           familiären Bindungen, dass er darunter regelrecht       dass sie leben? Wo haben andere mich oder etwas in
           vergraben ist. Lazarus ist nicht irgendwer, er steht,   mir begraben oder abgeschrieben? Was darf in mir
           ebenso wie Maria und Martha, Jesus sehr nahe. Auf       nicht mehr zum Leben kommen? Jesus sagt: »Nehmt
           die Nachricht von der Krankheit seines Freundes         den Stein weg.« Das könnte bedeuten, dass erst
           Lazarus sagt Jesus: »Diese Krankheit wird nicht zum     einmal ein Zugang zu einem Menschen geschaffen
           Tode führen, sondern dient der Verherrlichung Got­      werden muss, dass im Leben etwas aus dem Weg
           tes.« Anscheinend liegt das, was Jesus vorhat, auf      geräumt werden muss, das Jesus im Weg steht. Was
           einer anderen, einer tieferen Ebene. Jemanden ver­      könnte innerlich wie äußerlich bei mir im Weg
           herrlichen oder in seiner Herrlichkeit sehen, heißt:    stehen?
           zeigen, wie jemand in Gottes Licht gemeint ist. Der
           Herrlichkeit Gottes dienen, bedeutet dann so viel
           wie: Hieran wird sich zeigen, wer Gott wirklich ist.
           Lazarus ist tot. Man kann es sehen, man kann es
           förmlich riechen. Es dauert sehr lange, bis Jesus
           überhaupt zu Lazarus durchdringen kann. Da stellt
                                                                   Gebet
           sich auch Martha in den Weg: »Herr, er riecht                Herr, unser Gott, jedem, der in sich
           schon.« Es hat überhaupt keinen Zweck mehr. Mar­             selbst gefangen ist, schenkst du dein
           tha glaubt nicht mehr daran, dass es in dieser Situa­        befreiendes Wort. Zur Freiheit hast du
           tion noch Leben geben kann. Das ist das Problem,             uns gerufen und dass wir Menschen
           dass keiner mehr an sein Leben glaubt. Lazarus               werden nach dem Bild und dem Geiste
           braucht gar nicht zum Leben geweckt zu werden. Es            deines Sohnes. Ich bitte dich: Gib mir
           steht nicht da: »Steh auf« oder »Werde lebendig«,            die Kraft, die er vorgelebt hat, gib mir
           sondern nur: »Komm heraus«. Es müssen ihm nur                die Weite, die er aufgetan hat, dann
           die Binden gelöst werden. Er war tatsächlich völlig          werde ich mit dir leben, in und für
           gebunden, handlungsunfähig. »Löst ihm die Binden             diese Welt.
           und lasst ihn weggehen«, macht ihn frei von all die­         (Aus: Huub Oosterhuis, Ganz nahe ist dein Wort,
                                                                        S. 43, Herder 1967)
           sen Bindungen.
porträt




                                                                            Marianne Cope wurde
                                                                            am 21. Oktober 2012
                                                                            von Papst Benedikt XVI.
                                                                            heilig­­
                                                                                  gesprochen. Vielen
                                                                            unserer Lese­ innen und
                                                                                         r
                                                                            Lesern wird sie als Schwester
                                                                            am Totenbett von Pater Damian
                                                                            in Erinne­ ung sein. Ob dem
                                                                                     r
                                                                            Arzt der Aus­ ätzigen­ ied­ung,
                                                                                         s        s l
                                                                            Dr. Sidney Bourne Swift, der
                                                                            Gedanke kam, dass er mit seiner
                                                                            Aufnahme zwei spätere Heilige
                                                                            abbildete?



Die heilige »Marianne von Molokai«
                    Porträt einer aus Deutschland stammenden Ordensfrau
Barbara Maria Anna Koob wurde im Januar 1838 in          Ihre Heimatstadt Syracuse spielte eine bedeutsame
Heppenheim an der Bergstraße geboren, als Tochter        Rolle im Kampf um die Abschaffung der Sklaverei
einer Bauernfamilie, die ein Jahr später in die USA      und war eine wichtige Station für die »Underground
auswanderte, weil hier mit der Landwirtschaft keine      Railway«, die Untergrundbahn zur Freiheit, ein weit
Zukunft zu sichern war. Schließlich werden es zehn       verzweigtes Netz von Fluchthelfern für Schwarze.
Kinder sein. Eine typische Migrantenfamilie, die         Diese Erfahrung und das geistliche Erbe ihres Or­
sich schnell und geräuschlos eingliedert bis hin zum     densvaters Franziskus führten Schwester Marianne
Namen, der, wenn englisch ausgesprochen, an coop         zum Einsatz für die Armen jeder Art. Gelegentlich
erinnert, was Hühnerstall, Fischkorb, Kabuff, Knast      warf man ihr vor, sie beschäftige sich zu viel mit
bedeutet. Cope dagegen heißt: kämpfen, etwas zu­         Randexistenzen, Alkoholikern und dergleichen.
stande bringen, meistern. Die Familie landet schließ­
lich in Syracuse im Staat New York, auf halbem Weg       Sie arbeitete in der praktischen Krankenpflege und
zwischen der Stadt New York und dem kanadischen          half mit bei der Entwicklung von neuen Behand­
Montreal.                                                lungsmethoden auf Universitätsebene. Sie gründete
                                                         das erste öffentliche Krankenhaus in Syracuse. Im
Mit 15 Jahren verspürt Barbara den Ruf, ins Kloster      Zeitalter, in dem man die Bedeutung von Bazillen,
zu gehen. Doch die Mutter stirbt, der Vater wird         Viren und Bakterien entdeckte, gewann sie bald eine
krank und kann nicht mehr arbeiten. Barbara über­        Grundeinsicht, die sie später in Molokai bei allem
nimmt deren Rolle für die jüngeren Geschwister,          leiten sollte: Eine strenge Hygiene bedeutet schon
verdient ihren Lebensunterhalt in einer Wollfabrik       die halbe Heilung.
und im Krankenhaus.
                                                         Anfang Juni 1883 erhielt Mutter Marianne, inzwi­
Sie stellt ihren Klosterwunsch fast zehn Jahre zurück    schen schon höhere Oberin, einen Brief von Pater
und lernt, mit Menschen und Dingen umzugehen.            Léonor Fouesnel, einem Mitbruder Pater Damians
Sie wird eine entschiedene »Macherin« mit Herz           und Provinzial SSCC von Hawaii. Er suchte Schwes­
sein. Nach dem Noviziat bei den Franziskanerinnen        tern, Pflegepersonal und Lehrerinnen zur Verstär­
von Syracuse und der Profess 1863 wollte sie, die        kung der katholischen Mission in Hawaii. In seinem
den Ordensnamen Marianne angenommen hatte,               Brief schrieb er: »Mein Bischof Hermann (Köckemann
eigentlich Lehrerin werden. Aber schon bald wurde        SSCC) hat mich auf Ersuchen des Königs und seiner
sie mit allerlei Leitungsaufgaben betraut, schließlich   Regierung in dieses Land geschickt, um Schwestern zu
sogar zur Generaloberin gewählt.                         suchen, die bereit wären, die Leitung unserer Kranken­



                                                                                                        4/2012 apostel   15
porträt



           häuser und vielleicht auch unserer
           Schulen zu übernehmen. Wenn Sie
           mir ein wenig Hoffnung geben,
           Schwestern davon zu überzeugen,
           werde ich sogleich zu Ihnen kom­
           men und Ihnen alles Weitere er­
           klären.« Der erwähnte Bischof
           Köcke­ ann stammte aus dem
                  m
           Münsterland und gehörte, wie
           das ganze Missionspersonal, zur
           Ordensgemeinschaft von den
           Heiligsten Herzen.

           In ihrer Antwort vom 5. Juni 1883                         Mutter Marianne, im Rollstuhl, kurz vor ihrem Tod
           bittet Mutter Marianne um wei­
           tere Informationen. Daraufhin
           besuchte Pater Fouesnel im Juli 1883 die Schwes­         ren Schwestern, Leopoldina Burns und Vincentia
           tern in Syracuse. Der massige Missionar mit weißem       McCormick, kam Schwester Marianne am 14. No­
           Vollbart im weißen Ordensgewand, eine Ehrfurcht          vember 1888 nach Kalaupapa, vier Monate vor Da­
           gebietende Erscheinung, muss einen großen Ein­           mians Tod. Die Schwestern übernahmen die Leitung
           druck auf die Schwestern gemacht haben, als er von       des Waisenhauses für Jungen in Kalawao, dem ande­
           seiner Arbeit in Hawaii berichtete und die verzwei­      ren, fünf Kilometer entfernten Dorf, wo auch Pater
           felte Lage der Aussätzigen schilderte. Mutter Mari­      Damian lebte. In den Tod begleiteten ihn zwei Deut­
           anne befragte ihre Schwestern und gab Pater Foues­       sche: Pater Wendelin Möllers SSCC und Mutter
           nel eine begeisterte Antwort: »Ich habe regelrecht       Marianne Cope OSF  .
           Hunger auf diese Arbeit und wünsche von Herzen, eine
           der Auserwählten zu sein, die das Vorrecht haben, sich   1895 kamen neue Mitbrüder nah Molokai, und die
           für die Seelen der armen Inselbewohner aufzuopfern.      Schwestern zogen sich zurück. Mutter Marianne
           Ich habe keine Angst davor, ganz gleich vor welcher      hatte zuvor einmal gesagt, dass sich keine ihrer
           Krankheit. Es wird also meine größte Freude sein, den    Schwestern anstecken würde. Und so kam es auch.
           verlassenen Aussätzigen zu dienen.«                      Gewiss auch eine Folge ihrer strengen Hygiene. In
                                                                    den Berichten der Gesundheitsbehörde ist immer
                                                                    wieder davon die Rede: »Alles ist zweckmäßig ein­
                                                                    gerichtet und verrät eine geradezu peinliche Sauber­
                                                                    keit.«

                                                                    Mutter Marianne blieb bis zu ihrem Tod Seele und
                                                                    Vorbild für viele. Eine freundliche, kluge und prak­
                                                                    tische Frau. Sie starb 1918, verbraucht und ausge­
                                                                    zehrt, 80 Jahre alt, und wurde in Kalaupapa begra­
                                                                    ben. Ihre sterblichen Überreste wurden aus Anlass
                                                                    ihrer Seligsprechung im Jahre 2005 nach Syracuse
             Marianne Cope am Anfang ihrer Ordenszeit               übergeführt.

           Vier Monate später war es dann so weit. Marianne         Am 21. Oktober 2012 wurde sie mit sechs anderen
           und sechs weitere Schwestern machten sich auf den        auf dem Petersplatz in Rom von Papst Benedikt XVI.
           Weg nach Hawaii. Einmal quer durch den Konti­            heiliggesprochen. Pater Damian und Mutter Mari­
           nent. Sechs Tage mit der Eisenbahn bis San Francis­      anne von Molokai werden auch von der Episkopal­
           co und dann noch einmal sieben Tage mit dem              kirche, den Anglikanern der USA, verehrt. Ihr ge­
           Schiff. Marianne litt fürchterlich unter der Seekrank­   meinsamer Gedenktag ist der 15. April, Damians To­
           heit. Am 8. November 1883 landeten sie in Honolulu.      destag.
           Dort übernahmen sie zunächst das Branch Hospital
           in Kakaako, nahe der Hauptstadt. Erst fünf Jahre         Am Ende ist sie nicht mehr Marianne Koob oder
           später wagten sie sich in die Höhle des Löwen nach       Cope, sondern »Marianne von Molokai«, geadelt
           Molokai. Die Entscheidung für die Quarantäne-Insel       durch 35 Jahre Dienst für die Ärmsten der Armen. ■
           des Todes war selbst für sie schwer. Mit zwei ande­                                  friedhelm geller sscc



16   apostel 4/2012
symbole der kirche – kurz erklärt



                                                                        eine und auch die andere Rich­
                                                                        tung. Es kann aber auch eine
                                                                        Sackgasse sein – wie beim Fuß­
                                                                        ball. Da geht es nicht weiter. Der
                                                                        Ball endet im Netz, bedeutet Sieg
                                                                        oder Niederlage. Eine Haustür
                                                                        öffnet sich für gewöhnlich nach
                                                                        innen. Sie ist Einladung. Der von
                                                                        außen kommt, bittet um Einlass.
                                                                        Wer willkommen ist, wird her­
                                                                        eingebeten, dem wird das Haus
                                                                        geöffnet. Die Tür ist ein Symbol
                                                                        der Gnade.

                                                                        Gott kann durch mancherlei
                                                                        Türen und auf verschiedene Wei­
                                                                        sen kommen. Als der große Herr­
                                                                        scher, für den die Wege erweitert
                                                                        und die Tore gehoben werden
                                                                        müssen. Gleichsam ein überwirk­


Die Fenster zu und alle Türen offen?
Der Film »Liebe« von Michael        wird der Mann vom Land grei­        licher Schwer­Transporter, der
Haneke (2012) schildert in berüh­   senhaft kindisch und verbündet      nicht überholt werden kann. Wie
renden Bildern die innige Zunei­    sich mit den Flöhen im Pelz­        in Psalm 24,7 beschrieben: »Ma­
gung von Anne und Georges, die      kragen des Türstehers, damit die    chet die Tore weit und die Türen
sie auch mit über achtzig Jahren    ihren Herrn überreden, den Weg      hoch in der Welt, dass der König
verbindet. Sie sind ihrer großen    zum Gesetz freizugeben.             der Ehre einziehe.«
Liebe treu geblieben – bis zum
Ende. Das Geschehen spielt in       Alles zwecklos. Der Mann vom        Oder eher still. Hat ER nicht ge­
einer gutbürgerlichen Pariser       Land stirbt, und der Türhüter       sagt: »Ich bin die Tür«? Früher
Wohnung, die Welt bleibt außen      brüllt in sein vergehendes Gehör:   gab es zum Beginn der Ostermette
vor. Die Geschichte beginnt mit     »Hier konnte niemand sonst Ein­     den Ritus, dass der Priester drei
dem Einschlagen der Etagentür.      lass erhalten, denn dieser Ein­     Mal um die geschlossene Kirche
Immer wieder gleitet dann das       gang war nur für dich bestimmt.     ging und jedes Mal mit einem
Auge der Kamera durch verschie­     Ich gehe jetzt und schließe ihn.«   Kruzifi x an die Eingangstür
dene Räume der Wohnung,             Sein ganzes Leben hat er vor der    schlug, um für den auferstande­
schiebt sich durch Türrahmen,       Tür gewartet. Nun wird er einge­    nen Herrn um Einlass zu bitten.
öffnet Türen, macht vor ver­        lassen, und die Tür schließt sich   Dann wurde die Tür geöffnet und
schlossenen Türen halt. Als ob      hinter ihm. Mit einem flüchtigen    der Gekreuzigte mit Jubelliedern
dahinter ein Geheimnis verbor­      Blick hat er schon vorher gese­     begrüßt.
gen, die entscheidende Antwort      hen, dass ihn in dem »Gesetz«
zu finden sei. Die Tür als Frage.   noch grauenvollere Türsteher er­    Vielleicht ist das heute für uns
                                    warten. Die Tür als Strafe.         und für die Kirche der bessere
In einer Erzählung (1915) von                                           Weg. Nicht »Reiß ab vom Him­
Franz Kafka gibt es diesen Mann     Und dann haben wir den Advent,      mel Tür und Tor«, sondern, wie
vom Land, der vor dem Gesetz        wo es von Türen gleichsam wim­      im letzten Buch der Bibel zu
steht und hineinwill. Ein Tür­      melt. »Macht hoch die Tür«, der     lesen: »Ich stehe vor der Tür und
hüter verwehrt ihm den Zugang.      Adventskalender mit vierund­        klopfe an. Wer meine Stimme
Der Mann vom Land setzt sich        zwanzig Türchen, »denn ver­         hört und die Tür öffnet, bei dem
auf einen Schemel und wartet        schlossen war das Tor.« »Reiß ab    werde ich eintreten, und wir wer­
viele Jahre. Immer wieder will er   vom Himmel Tor und Tür.« Ein        den Mahl halten, ich mit ihm und
den Türsteher bestechen, aber       Tor ist ein Durchlass, von einem    er mit mir.« (Offb 3,20) ■
der andere bleibt hart. Am Ende     Raum in einen anderen, in die                 friedhelm geller sscc



                                                                                                   4/2012 apostel   17
familie




           Fußball – Schule fürs Leben
           Ein Besuch beim Fußball-Projekt der französischen Ordensprovinz SSCC

           »Alles, was ich über Moral und die Verpflichtun-     Im August, wenn die Franzosen alle gleichzeitig
             gen von Männern weiß, habe ich beim Fußball        Urlaub machen, zieht es viele stressgeplagte Groß­
                  gelernt«, soll der französische Philosoph     städter in die ländlichen Regionen ihrer Heimat.
                         Albert Camus gesagt haben. Der         Eines der Reiseziele ist die wildromantische Land­
                               ehemalige Fußballprofi und       schaft im dünn besiedelten Département Aveyron im
                                 Priester Bertrand Cherrier     Süden des Landes. Das Städtchen Villefranche-de-
                                  SSCC versucht seit einigen    Rouergue ist bei Touristen wegen des mittelalter­
                                   Jahren, straffällig gewor-   lichen Charmes seiner finsteren Fassaden und engen
                                   dene Jugendliche mit den     Gassen sehr beliebt. Außerhalb der Saison ist hier
                                  einfachen Regeln des Fuß-     jedoch nicht viel los. Der Trubel von Toulouse, der
                                  balls wieder in die Gesell-   viertgrößten Stadt Frankreichs im Schatten der Pyre­
                                 schaft zu integrieren.         näen, ist rund zwei Autostunden entfernt. Für die
                                                                Jugendlichen der Stadt ist Villefranche vermutlich
                                                                ein ödes Provinznest – für die Jugendlichen im Pro­
                                                                jekt »Le Penalty« hingegen ist der Ort so etwas wie
                                                                eine letzte Chance.

                                                                Auf einer Anhöhe über der Stadt liegt das Château
                                                                de Graves, ein kleines Schloss aus dem 16. Jahrhun­
                                                                dert. An diesem außergewöhnlichen Ort unterhält



18   apostel 4/2012
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die französische Provinz der Kongregation der Hei­         als Problemkinder bezeichnet, erntet sofort hefti­ en
                                                                                                            g
ligsten Herzen seit über 100 Jahren verschiedene pä­       Widerspruch: »Diese Jungs sind ganz normal,
dagogische Einrichtungen, darunter ein Internat            schwierig sind nur die Umstände, unter denen sie
sowie eine Kinder- und Jugendwohnstätte. Vor eini­         aufgewachsen sind«, sagt Pater Bertrand, der Initia­
gen Jahren wurde hier ein neues Projekt ins Leben          tor und Leiter des Projekts Penalty.
gerufen: »Le Penalty« – so heißt im Französischen
der Strafstoß beim Fußball – ist ein Angebot für Ju­       »Morgen ist das schlimmere Heute«
gendliche und junge Männer im Alter zwischen 15            Bertrand Cherrier SSCC, Priester und seit 1987 Mit­
und 21 Jahren, die entweder keine Eltern mehr              glied der Kongregation der Heiligsten Herzen, war
haben oder deren Eltern nicht im Land leben und            selbst Profifußballer. In seiner aktiven Zeit spielte
sich deshalb nicht um ihre Kinder kümmern                  der heute 53-Jährige für Girondins de Bordeaux in
können.                                                    der ersten französischen Liga. Der ehemalige Vertei­
                                                           diger ist klein, aber ein Kraftpaket mit urwüchsiger
Fünf der momentan im Penalty lebenden Jugendli­            Energie – jener Art positiver Energie, die auf seine
chen sind illegal eingewandert. Da sie minderjährig        Mitmenschen abfärbt. »Ich erinnere mich an ein
sind, verlangt das französische Recht eine Vormund­        Graffiti, das ich vor Jahren in einer Umkleidekabine
schaft durch das Jugendamt. Weil zu viele Minder­          gesehen habe«, erzählt Pater Bertrand: »Morgen ist
jährige illegal nach Frankreich kommen, sind staat­        das schlimmere Heute.« Seine Motivation für das
liche Institutionen längst an ihre Grenzen gestoßen.       Projekt Penalty ist damit auf den Punkt gebracht:
                                                           Jugendlichen, die aus verschiedenen Gründen an
                                                           den Rand der Gesellschaft geraten sind, Hoffnung
                                                           auf eine bessere Zukunft zu geben.

                                                           Vor acht Jahren trainierte Pater Bertrand eine Ju­
                                                           gendfußballmannschaft in Villefranche. Damals bat
                                                           ihn ein befreundeter Sozialpädagoge, einen als »ver­
                                                           haltensauffällig« geltenden 17-Jährigen in sein Team
                                                           aufzunehmen. Zwei Jahre lang spielte dieser junge
                                                           Mann mit und wurde sportlich zu einer Stütze der
                                                           Mannschaft. Probleme bereitete er keine. Schließlich
                                                           fragte jener Freund Pater Bertrand, ob er nach die­
                                                           sem ermutigenden Beispiel nicht Lust hätte, ein
                                                           Fußball-Projekt für sozial ausgegrenzte Jugendliche
Das gesamte Team des Penalty - die Jugendlichen und ihre   zu starten. Die Idee für »Le Penalty« war geboren.
Betreuer - beim Tag der offenen Tür im Juni 2012           Der Orden unterstützte das Vorhaben, stellte perso­
                                                           nelle und finanzielle Mittel sowie ein kleines Haus
                                                           auf dem Schlossgelände zur Verfügung, das aller­
                                                           dings renoviert und umgebaut werden musste. Bevor
                                                           es richtig losgehen konnte, vergingen zwei Jahre,
                                                           auch weil die Genehmigung von staatlicher Seite
                                                           lange auf sich warten ließ. Das Modell, eine kleine
                                                           Gruppe mit je einem Betreuer für zwei Jugendliche
                                                           in einer Art Wohngemeinschaft unterzubringen,
                                                           ist in Frankreich eine Ausnahme. Üblich ist hier
                                                           die Unterbringung in Familien oder in größeren
                                                           Heimen.

                                                           Die meisten der momentan neun Teilnehmer des Pe­
                                                           nalty stammen ursprünglich nicht aus Frankreich.
Bei der Halbzeitansprache von Pater Bertrand geht es vor   Wie der 19-jährige Ari, der vor ein paar Jahren von
allem um die Einstellung, weniger um Taktik und Technik    angeblichen Talentsuchern in Kamerun angespro­
                                                           chen und mit dem Versprechen nach Frankreich ge­
Die Jugendlichen im Projekt Penalty sind zudem             lockt wurde, dort bei einem Profiklub viel Geld ver­
früh mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Diebstähle,       dienen zu können. Diese einmalige Chance, seine
Drogendelikte oder Schlägereien haben sie hier her­        Familie zu ernähren, wollte Ari wahrnehmen. Seine
geführt. Die meisten sind schon mehrfach von der           Eltern musste er in Kamerun zurücklassen. Die
Schule geflogen. Wer sie deshalb als schwierig oder        Agenten gaben ihm falsche Papiere, und als es mit



                                                                                                         4/2012 apostel   19
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           einem Vertrag bei einem großen Verein nichts wurde,      »Mit den anderen Jungs gab es ab und zu Schwierig­
           tauchten sie ab und ließen ihn im Stich. »Es war sehr    keiten.« Welche Schwierigkeiten er genau meint, ist
           hart am Anfang, ganz allein in einem fremden Land        ihm nicht zu entlocken. Aber mittlerweile sei sowie­
           und ohne Orientierung«, flüstert Ari während unse­       so alles viel besser geworden, weil die Erzieher ihm
           res Gesprächs. Eine Sozialarbeiterin in dem Pariser      sehr geholfen hätten, sagt Steven noch schnell, bevor
           Vorort, wo er letztlich landete, vermittelte ihn nach    er sich eilig zu einer Verabredung aus dem Staub
           Villefranche zu Pater Bertrand. Hier möchte er sei­      macht.
           nen Schulabschluss machen und anschließend
           Landwirtschaftstechnik studieren. Ob er nicht mal        Ohne Regeln geht es nicht
           daran gedacht habe, nach Afrika zurückzugehen?           »Vielen der Jungs merkt man an, dass sie entweder
           »Immer denke ich daran, aber ich will bleiben und        ganz ohne Vater aufgewachsen sind oder der Vater
           kämpfen«, sagt Ari. Er klingt jetzt entschlossener.      seine Rolle nicht ausgefüllt hat«, erklärt Arnaud.
           Im Moment kann er aber sowieso nicht mit den an­         »Ihnen wurden einfach keine oder zu wenige Gren­
           deren kicken, eine komplizierte Verletzung am Knie       zen gesetzt.« Arnaud, der in erster Linie Sporterzie­
           zwingt ihn zum Zuschauen.

           Spaß ist wichtiger als Talent
           Regelmäßig trainieren die Jugendlichen abends,
           wenn sie aus der Schule oder von der Arbeit nach
           Hause kommen, auf dem kleinen Kunstrasenplatz
           hinter dem Haus. Manchmal spielen sie auch Futsal,
           eine in Deutschland noch wenig populäre Variante
           des Fußballs, die mit einem kleineren Ball auf klei­
           nere Tore in der Halle gespielt wird. Dabei sind nicht
           alle so talentiert wie Ari. »Es kommen manchmal
           auch Jugendliche mit zwei linken Füßen, die wenig
           Talent haben – das macht aber nichts, solange sie
           trotzdem Spaß am Fußballspielen haben«, betont
           Arnaud Viargues. Er ist einer von fünf Erzieherinnen
           und Erziehern, die die Gruppe pädagogisch betreuen.
           »Der Fußball ist eine Art Vehikel, um gemeinschaft­
           liche Werte zu vermitteln wie Respekt, gegenseitige
           Achtung und einen guten Umgang mit Widerspruch
           und Aggressionen. Die Jugendlichen sollen dagegen
           gewappnet werden«, sagt Arnaud. Auf dem Gelände
           der Kongregation steht für die Jugendlichen ein klei­
           nes Haus zur Verfügung. Im oberen Stock haben sie­
           ben von ihnen ihr eigenes Zimmer, zwei weitere
           leben aus Platzgründen in Wohnungen in der Stadt.
           Im Erdgeschoss des offenen und hellen Gebäudes
           befinden sich die gemeinsame Küche, ein Compu­           Pater Betrand Cherrier, 53, war selbst Profifußballer und
           terzimmer, Büros, ein Billardtisch und ein Raum mit      spielte in der ersten französischen Liga für Girondins
           Spielkonsole und Bildschirm. Auch hier rollt meis­       Bordeaux
           tens der Ball entweder beim Videospiel oder wenn,
           wie zuletzt bei der Europameisterschaft, Fußball im      her ist, kannte Pater Bertrand vom Fußballklub der
           Fernsehen auf der Tagesordnung steht. Das Wich­          Stadt und war damals, als dieser ihm von der Idee für
           tigste im Penalty aber ist das persönliche Ziel, das     das Projekt erzählte, sofort begeistert. »Das Verhält­
           jeder Jugendliche vor seiner Aufnahme in das Pro­        nis zu den Jugendlichen ist manchmal wie die Bezie­
           jekt selber formulieren muss. Manche streben wäh­        hung zu Kindern, weil sie aufgrund der Umstände in
           rend ihrer Zeit in Villefranche den Schulabschluss       ihrer persönlichen Entwicklung oft nicht so weit
           an, andere möchten eine Ausbildung beenden.              fortgeschritten sind wie Gleichaltrige«, sagt Arnaud.
           Steven ist seit zweieinhalb Jahren hier, er hat meh­     Jeder Betreuer übernimmt die administrative Verant­
           rere Praktika ausprobiert und sich gerade für eine       wortung für jeweils einen Jugendlichen, kümmert
           Metzgerlehre entschieden. »Anfangs hatte ich Pro­        sich also zum Beispiel um die Kontakte zur Familie
           bleme, mich einzuleben«, gibt der Blondschopf zu.        und zum Jugendamt. Im Alltag sind dann alle Be­
           Etwas lustlos räkelt er sich während unseres Ge­         treuer Ansprechpartner für die großen und kleinen
           sprächs auf der bequemen Couch in der Sitzecke.          Probleme des Lebens, das durch einige feste Regeln



20   apostel 4/2012
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wie Essenszeiten oder die Nachtruhe geregelt ist.             liche Nachbarschaft zu einem Konvent der Kongre­
»Die Atmosphäre ist trotzdem familiär, nicht pater­           gation ermöglicht es zudem den Jugendlichen und
nalistisch«, findet Arnaud. »Es geht darum, gemein­           den Erziehern, auch über geistliche oder religiöse
sam mit den Jugendlichen an ihren Zielen zu arbei­            Themen zu sprechen und so auch im spirituellen Be­
ten und Werte zu vermitteln, die sie an ihre eigenen          reich zu wachsen. Das stellt einen wichtigen Teil des
Kinder, an Freunde oder auch in ihrer Familie wei­            persönlichen Wachstums dar. Es gab und gibt im
tergeben können.« In Frankreich, wo Kirche und                Projekt viele muslimische Jugendliche, und oft gab
Staat traditionell strikt getrennt werden, sind Erzie­        es intensive Gespräche über religiöse Themen. Das
hungsaufgaben entsprechend staatlich-laizistisch or­          ist ein großer Vorteil gegenüber vergleichbaren staat­
ganisiert, mitunter sogar durch antireligiöse Gefühle         lichen Einrichtungen.«
geprägt. Das erschwerte anfangs die Genehmigung
für das Projekt, das ohne die finanzielle Unterstüt­          Sommer in Südfrankreich. Es ist bereits nach 22 Uhr,
zung des Sozialministeriums, das den größten Teil             aber immer noch sehr warm. Auf der Terrasse eines
der Kosten für den Lebensunterhalt und die Unter­             Lokals im Zentrum von Villefranche erzählt Pater




Das Schloss Graves in Villefranche-de-Rouergue. Die französische Zweig des Ordens betreibt hier unter anderem ein
Internat und seit 2005 auch das Fußball-Projekt »Penalty«

                                                              Bertrand aus seinem Leben und von den Erfahrun­
                                                              gen im Projekt. »Im Penalty gilt die Achtung vor der
                                                              Verschiedenheit der Personen und ihres Glaubens«,
                                                              sagt er. »Und um Unterschiede res­ ektieren zu kön­
                                                                                                 p
                                                              nen, muss man diese Unterschiede überhaupt erst
                                                              einmal kennen.«

                                                              Zwischendurch kommen andere Gäste an den Tisch;
                                                              hier ein kleiner Scherz oder eine kurze Begrüßung,
                                                              dort schnell ein paar Neuigkeiten ausgetauscht.
                                                              Pater Bertrand ist in Villefranche bekannt und offen­
                                                              bar sehr beliebt. »Insgesamt 20 Jugendliche sind seit
                                                              dem Start vor fünf Jahren hier gewesen, nur ein paar
Vier der insgesamt neun Jugendlichen, die derzeit im          haben ihr zuvor festgelegtes Ziel nicht erreicht oder
»Penalty« leben                                               das Projekt vorzeitig abgebrochen«, sagt er. Die
                                                              Mehrheit aber hat Villefranche mit einem Schulab­
bringung der Jugendlichen trägt, nicht existieren             schluss oder einer Ausbildung in der Tasche wieder
könnte. Heute empfindet Arnaud es als große Berei­            verlassen. Jeder Einzelne von ihnen ist ein Sieg für
cherung, dass der Projektleiter katholischer Priester         Pater Bertrand und sein Team. ■
ist: »Einerseits ist Bertrand jemand, der für die Tren­                                        text: andré madaus
nung von Kirche und Staat eintritt. Aber die räum­                 übersetzung vor ort: ludger widmaier sscc



                                                                                                                4/2012 apostel   21
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  • 1. 60800 Apostel inhalt Zeitschrift der Arnsteiner Patres Ausgabe 4/2012 Öffnet Fenster und Türen … Das Zweite Vatikanische Konzil – Bericht eines Zeitzeugen Weitere Themen Mit Kindern über Gott reden: SSCC in Frankreich: Bericht Die Weihnachtskrippe aus dem Fußball-Internat
  • 2. Die Mitbrüder der Provinzleitung und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Apostel- Redaktion wünschen allen Leserinnen und Lesern © RIrina Tischenko ein gnadenreiches Weihnachtsfest und ein gesegnetes neues Jahr. Inhalt Mit Kindern über Gott reden 4 Kultur im Kloster Arnstein Interview zum Zweiten 16. Dezember, ab 11.30 Uhr: Arnsteiner Mittelalter-Adventsmarkt mit Vatikanischen Konzil – Teil 2 6 Büchermarkt und Adventskonzert um 17 Uhr: »Der erste Christbaum in der Waldheimat« (Peter Rosegger), Musik: Westerwälder Saitenmusik, Geistlicher Wegbegleiter 11 Texte: Diethelm Gresch und Gaby Fischer Porträt Marianne Cope 15 21. Dezember, 20 Uhr: Arnsteiner Feuernacht mit Orgel-Meditationsmusik Symbole der Kirche – Tür 17 von Matthias Frey und Texten bei Kerzenlicht, anschließend Speis und Trank am Feuer SSCC-Fußballinternat in Frankreich 18 29. Dezember, 10 Uhr: Drei-Krippen-Wanderung Rückblick auf die Wallfahrt 2012 22 Treffpunkt: Parkplatz am Campingplatz Nachrichten 23 Weitere Informationen und Termine: www.arnsteiner-patres.de/kultur.html Weihnachtskarten Weihnachtskarten von den Philippinen bietet der Klosterladen im Kloster Arnstein in diesem Jahr erstmals an. Pater Harald Adler SSCC hatte die in seiner Gemeinde in Bagong Silang kunstvoll bestickten Grußkarten in die- sem Herbst in großen Paketen an seine Brüder in Deutschland geschickt. Ein Teil dieser Karten fand den Weg in den Klosterladen. »Etwa 3 Euro Herstellungs- und Transportkosten verursacht jede der Karten«, so Pater Bernhard Bornefeld, der Leiter des Klosterladens. »Doch wir verkaufen sie nicht, wir geben sie gegen Spende ab und hoffen auf eine großzügige Unterstützung für Bagong Silang. Die Menschen der Gemeinde im Groß- raum Manilas leben ohnehin in sehr schwierigen Verhältnissen. Zudem waren sie in diesem Jahr von schlimmen Überschwemmungen betroffen. Sie haben diese Karten gebastelt und werden hoffentlich eine ermutigende Freude erfahren, wenn wir ihnen die Spendengelder für die Karten überweisen. Wichtig ist ihnen sicher auch, dass wir an ihrem Schicksal Anteil nehmen.« Interessenten wenden sich an: Pater Bernhard Bornefeld im Kloster Arnstein, Bernhard.Bornefeld@sscc.de, Telefon: 0 26 04 / 97 0 40 2 apostel 4/2012
  • 3. ©Ramona Heim Sag doch was! »Sag doch was!«, bettelt die neugierige Enkeltochter. »Sag doch was!«, hauchen sich Verliebte ins Ohr, wenn sie lange genug schweigend und Händchen haltend nebeneinandergesessen haben. Oasentag »Sag doch was!«, fragt die Ehefrau fast flehentlich und beugt sich über ihren gerade operierten Ehemann, von dem sie nicht weiß, ob er wach Die Arnsteiner Oasentage laden ein, zur oder bewusstlos ist. Ruhe zu kommen und auf Körper, Seele »Sag doch was!«, sagt der wütende Vater zu seinem verstockt schweigen­ und Geist zu hören. Im Wechsel von den Sohn, der mit zusammengebissenen Lippen vor ihm steht. Gespräch und Meditation, Stille und Gesang wird jeweils ein Thema näher »Sag doch was!« – Diesen Satz hören wir in den verschiedensten Lebens­ betrachtet. Alle Oasentage sind thema- situationen, und er kann Unterschiedliches zum Ausdruck bringen: eine tisch in sich abgeschlossen. zärtliche Einladung, eine flehentliche Bitte oder eine autoritäre Aufforde­ rung, ja sogar eine Drohung. Diese drei Worte machen in jeder Situation Freitag, 7. Dezember, 9 - 18 Uhr: deutlich, wie sehr wir Menschen darauf angewiesen sind, dass andere uns Von Vertrauen, von Mut und etwas sagen oder, anders gesagt, dass sie bereit sind, uns etwas mitzutei­ von Hoffnung ... len. Von der Bereitschaft anderer Menschen, mit uns zu kommunizieren, »Sagt den Verzagten: Habt Mut!« leben wir. Kommunikation ist die Grundlage des Lernens, Voraussetzung ( Jes 35,4) jeder Zusammenarbeit und das Bindemittel, das Menschen zusammen­ hält. Schweigen ist der Tod einer jeden Beziehung. Wann kann ich Mut fassen? Doch dann, wenn das, was mich mutlos gemacht »Sag doch was!« Diesen Satz hören wir auch in der Adventszeit. Es ist der hat, überwunden ist, wenn jemand mir Ruf des Volkes Israel an seinen Gott, der ihnen fern und schweigend vor­ beisteht, mich begleitet, ich also nicht kommt. Der Prophet Jesaja (63,19) formuliert es stellvertretend für seine alleingelassen werde. Das geschieht Landsleute so: »Uns geht es, als wärest du nie unser Herrscher gewesen, nicht mit frommen Sprüchen und auch als wären wir nicht nach deinem Namen benannt. Reiß doch den Himmel nicht mit noch so gut gemeinten Rat- auf und komm herab.« Doch auch die Antwort der Heiligen Schrift hie­ schlägen. Mut und Hoffnung können rauf hören wir in der Adventszeit: Gott sagt etwas! Er spricht durch die aufkeimen, wenn Vertrauen möglich Propheten des Alten Bundes. Er spricht zu Maria durch den Engel Gabriel. wird, Vertrauen, das die Angst über- Er lässt sich ankündigen durch Johannes den Täufer. Und so ist dieser windet. Um Vertrauen, um Mut und um schweigende Gott auf einmal in der Gestalt Jesu unter den Menschen. Hoffnung soll es gehen an diesem letzten Oasentag dieses Jahres, der Weihnachten ist das Fest des sprechenden Gottes. »Das Wort ist Fleisch mitten in die Adventszeit fällt. Wir geworden und hat unter uns gewohnt« (Joh 1,14). wollen uns und anderen Rechenschaft geben über den Grund unseres Ver- »Sag doch was!« – Die zärtliche, ängstliche oder auch fordernde Bitte trauens, unseres Mutes und unserer verhallt bei Gott nicht ungehört. Jesus Christus ist das Wort. Weihnach­ Hoffnung (vgl. 1 Petr 3,15). ten ist das Fest des sprechenden Gottes. Anmeldung: Ich wünsche Ihnen einen hoffnungsvollen Advent und ein frohes und www.arnsteiner-patres.de/oasentage.html friedvolles Weihnachtsfest! Ihr Pater Heinz Josef Catrein SSCC 4/2012 apostel 3
  • 4. mit kindern über gott reden Wie kommt die Kuh ans »Krippchen«? Mit Kindern die Weihnachtszeit gestalten Wir Erwachsenen begegnen den Figuren der Weihnachtskrippe mit einem Blick, der von Ge- schichten und Traditionen ge- prägt ist. Kinder betrachten eine Krippe oftmals zum ers- ten Mal und staunen vielleicht über diese für sie fremde Welt. Da werden dann auch schon mal ungewöhnliche Fragen gestellt: »Wie kommt die Kuh ans Krippchen?« Was würden Sie antworten? Krippchen schauen Krippchen betrachten kann ein schöner Zeitvertreib für Kinder sein und ist gleichzeitig auch eine ausge­ zeichnete Gelegenheit, den Glauben auf anschauliche Weise zu verkünden. Ein paar Grundregeln sollten Sie dabei beachten: Nehmen Sie sich Zeit für die Krippen­ Tour, laden Sie Freundinnen und Freunde ihrer Kinder ein, gestalten Sie es spannend, indem Sie sich ein paar Fragen überlegen: Welche Tiere stehen an der Krippe? Was heißt Gloria? Wer ist die Frau im blauen Kleid? Machen Sie eine Nachbereitung, mit Kakao, Plätzchen und noch ein paar Fragen zum Gesehenen: Ich sah einen Hirten, der spielte welches Musikinstrument? Wenn Sie die Kinder von vornherein über das kom­ mende Fragespiel informieren, hören sie vielleicht ge­ Hirten nauer zu. Eines wird hierbei schon deutlich: Man sollte Ochs und Esel sind keine besonders hoch angesehenen sich gut vorbereiten. Beginnen wir mit der Ausgangs­ Tiere, ebenso genossen die Hirten kein besonders gutes frage: »Was macht die Kuh an der Krippe?« Ansehen in Israel. Sie galten als ungebildet, dreckig und arm, und keiner wollte mit ihnen etwas zu tun Ochs und Esel haben. Sie waren draußen auf dem Feld, während die Kinder kennen keine Ochsen mehr, also muss man Leute in Bethlehem im sicheren Haus schliefen. Dass ihnen erklären, dass die Kuh ein Ochse ist und Ochsen sie Jesus als Erste zu sehen bekamen, zeigt uns die früher das machten, was heute ein Traktor erledigt. Sie Grundbotschaft des Neuen Testamentes, die Jesus so zogen den Pflug, bewegten den Mühlstein und zogen zusammengefasst hat: »Ich bin gekommen, um den schwere Lasten, weil sie viel stärker als ein Esel sind. Armen die frohe Botschaft zu bringen.« (Luk 4,18) Sie gehörten auf jeden Bauernhof, genauso wie der Ich halte es für wichtig, schon Kindern an der Krippe Esel, der als Tragetier alles schleppte: Brennholz und diesen speziellen Blickwinkel des Evangeliums nahezu­ Wassersäcke, Körbe mit Oliven und Säcke mit Mehl, bringen: Jesus Christus ist der Freund der Armen und aber auch Menschen durften auf ihnen reiten. Ochs Sünder. Den Armutsgedanken können Sie nun weiter­ und Esel sind friedliche Tiere, sie helfen dem Men­ führen und die Kinder fragen, ob sie noch weitere arme schen, und deswegen passen sie zu Jesus. Beide Tiere Leute entdecken. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie gelten als dumm, aber sie sind klüger als einige Men­ dann auf Maria und Josef stoßen, aber die beiden müs­ schen, denn sie dienen dem göttlichen Kind, während sen hier eingeordnet werden, auch sie zählen in den die »Schlaumeier« in Jerusalem – Herodes und die Augen der biblischen Verfasser zu den Schwachen, die Schriftgelehrten – den Weg nicht finden (Jes 1,3). Gott »ausgewählt hat« (1 Kor 1,27). 4 apostel 4/2012
  • 5. mit kindern über gott reden Ochse © nito – Fotolia In der Weihnachtszeit kann zum Beispiel unsere Weihnachtskrippe im Kloster Arnstein besucht werden. Die Klosterkirche ist von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Das Kind Die Gestalten an der Krippe sind also durchweg »kleine Leute«. Erklären Sie das den Kindern und fragen Sie weiter: Wer ist denn der Allerkleinste und Allerschwächste? Die Antwort wird lauten: das Jesuskind. Erzählen Sie den Kindern, dass Gott richtig Mensch wird. Wie ein Baby braucht er die Hilfe von Men­ schen, er hat Hunger, Schmerzen, Angst, und das erträgt er, weil er bei uns sein will. »Auch du bist klein, aber du kannst ganz sicher sein, dass Jesus dich gern hat, dich sieht und auf dich aufpasst, weil er dich lieb hat.« Engel Auch Engel gehören zur Krippe. Diese Lichtgestalten passen zunächst einmal nicht so ganz in das Bild von den Armen und Geringen. Aber dies ist nur scheinbar ein Widerspruch. Zuerst kann man den Kindern er­ Maria und Josef klären, dass Engel Boten Gottes sind. Ich warne aller­ Die Pflegeeltern Jesu fallen wie die Hirten unter die dings davor, sie allzu konkret zu beschreiben, das tun Kategorie der »kleinen Leute«. Ob Kindern dies bei auch die Weihnachtsgeschichten nicht. An ihnen kann Maria so bewusst ist, weiß ich nicht, da viele Marien­ man erläutern, dass Gott den Himmel offen machen bilder eher das Gegenteil andeuten. Erklären Sie also will für uns Menschen. Er sendet seine Boten – die den Kindern, dass Maria noch ein sehr junges Mädchen Engel; er sendet seinen Sohn Jesus vom hohen schönen war, die auf dem Lande lebte, arm war und wie alle Himmel in den dreckigen Stall. Die Boten Gottes kom­ Mädchen dieser Zeit arbeiten musste und darauf war­ men zuerst zu den Armen! So sehr liebt er uns. Man tete, verheiratet zu werden. Sie hatte wie alle Frauen kann den Kindern weiterhin sagen, dass ein jeder, der damals nichts zu sagen, doch ausgerechnet zu ihr wird Jesus sieht, auch ein Stück Himmel zu sehen bekommt, der Engel Gabriel von Gott gesandt. Auch damals gab weil er der Sohn Gottes ist. es Königinnen, Prinzessinnen, Wahrsagerinnen und reiche Frauen. Sie werden nicht ausgewählt, sondern Ein Gang zur Krippe kann und soll eine fröhliche Be­ Maria, das Mädchen aus Nazareth. gegnung mit der Weihnachtsbotschaft werden, aber Sie bemerken auch, wie in dieser Geschichte die Grund­ Das Gleiche geschieht mit ihrem Verlobten, dem heili­ linien der Verkündigung Jesu zutage treten. Und es gen Josef. Die Bibel erzählt nur, dass er Zimmermann ist gut, wenn Kinder nicht nur Einzelheiten kennen, war, aber sie macht eine ganz wichtige Bemerkung: »Er sondern auch die Grundthemen in der Predigt Jesu war gerecht!« Josef, der einfache Handwerker, wird erkennen und dieses lautet: Gott liebt die Armen und erwählt, weil er ein gutes Herz hat, und einzig und Kleinen. ■ allein das ist es, worauf Gott schaut. heinz josef catrein sscc 4/2012 apostel 5
  • 6. vatikanum Ein Jahrtausendereignis – hautnah erlebt Interview mit Pater Gabriel Simon SSCC, einem Zeitzeugen des Zweiten  Vatikanischen Konzils – Teil 2 Am 11. Oktober 2012 jährte sich zum fünfzigsten Mal die feierliche Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII. Nachdem Johan- nes XXIII. 1963 verstorben war, führte sein Nachfolger Paul VI. das Konzil bis zum 8. Dezember 1965 fort. Pater Gabriel Simon SSCC war von 1958 bis 1967 in Rom. Als Zeitzeuge des Konzils berichtete er in der letzten Apostel-Ausgabe unter anderem über sein Erleben der vorkonzilliaren Kirche und die Situation im SSCC-­ tudienhaus in Rom während des Konzils. S  Volk Gottes unterwegs • Ökumene •  Aktive Mitfeier des Gottesdienstes • Pater Gabriel, rückblickend erstaunt uns die Veränderungsfähigkeit des Konzils. Die Konzils­ väter waren doch selber Teil eines strikt hierar­ chischen Systems und philosophisch und theolo­ gisch so geprägt, dass es eigentlich nur einen Weg zur »Wahrheit« geben darf. Wie konnte die ungeheure Dynamik überhaupt entstehen? Ja, es gab auch damals – besonders aus Deutschland – die Befürchtung, dass das Konzil zu früh komme. Die berufenen Bischöfe seien fast ausschließlich in der alten scholastischen Philosophie und Theologie ausgebildet und hätten sich nicht mit neueren theologischen Er­ kenntnissen auseinandergesetzt. Ihnen fehle der geistige Horizont für die neuen Herausforderungen. Doch es kam ganz anders. Eine Rolle spielte dabei sicher auch das gegenseitige Kennenlernen, die Gesprä­ che mit Mitbrüdern aus anderen Ländern – ja Konti­ nenten – beispielsweise über pastorale Fragen. Dabei haben viele wahrscheinlich erst gemerkt, dass es ähn­ liche Problemlagen auch bei anderen gab und es bei den eigenen Fragen nicht nur um regionale Besonderheiten, sondern auch um grundsätzliche Fragen an die Kirche ging. Ganz wichtig waren die informellen Treffen der verschiedenen Bischofskonferenzen. Da trafen sich bei­ ©josefkubes/istock spielsweise die Belgier und Holländer gemeinsam mit den aus ihren Ländern stammenden Missionsbischöfen. 6 apostel 4/2012
  • 7. vatikanum Dadurch weitete sich der Horizont, miteinander beraten. Dies fand Verkündigung und sakramentaler es ging um das Bewusstmachen der Unterstützung, und so wurden die Feier und die aktive Teilnahme der anstehenden Fragen und Probleme, Kommissionswahlen verschoben Menschen am Gottesdienst. Jetzt um die Diskussion neuer theologi­ und neue Verfahren hierfür verein­ konnten viele Menschen zum ers­ scher Ansätze. Aber es ging auch bart. Damit war die Strategie der ten Mal wirklich bewusst nachvoll­ um konkrete Kirchenpolitik: Wie Kurie erst mal durchkreuzt, und im ziehen, was in der Eucharistie ge­ und mit wem können wir Allian­- Ergebnis kamen andere Zusam­ schieht, Gott bewusst antworten auf zen schmieden, um bestimmte mensetzungen der Kommissionen das, was er uns im Sakrament zu­ Beschlüsse zu verhindern, andere zustande, als von der Kurie geplant. spricht. Und hier wurde deutlich – durchzubringen. Das Konzil wurde sich sozusagen und dies gilt natürlich auch weiter­ seiner selbst bewusst. Man war hin –, wenn die Kirche die be­ Ist es nicht dennoch ein Wunder, nicht Handlanger oder Ausfüh­ freiende Botschaft Jesu weitersagen dass das Konzil bei so vielen rungsorgan der Kurie, sondern be­ will, dann muss sie dies in einer für traditionellen, auf Beharrung stimmte seine Leitung selber. Es die Adressaten auch verständlichen setzenden Bischöfen aus der entstand eine eigene Dynamik. Form tun. Kurie oder aus Italien und Manche am Ende verabschiedeten Ich kann die nostalgische Sehn­ Spanien solch eine Entwicklung Konzilserklärungen haben das sucht nach der tridentinischen nahm? Konzil über Jahre beschäftigt, Messe absolut nicht verstehen. Ja, dass so viel herauskam, das durchliefen viele Etappen der Weder diese Hochämter, bei denen kann man nur mit dem Wirken des Transformation, sodass manchmal es nicht erwünscht war, die Kom­ Heiligen Geistes erklären. Denn nichts mehr vom ursprünglichen munion zu empfangen, um die man muss wissen, dass die Kurie Entwurf übrig blieb. Es war span­ Feier nicht zu stören, noch erst alles so detailliert vorbereitet hatte, nend für uns in Rom lebende Theo­ recht die Messen, bei denen man Öffnung zur Welt • Interreligiöser Dialog • Den Menschen in den Mittelpunkt stellen • Jeder ist berufen, jeder ist wichtig • Zeichen der Zeit erkennen dass sie meinte, die Konzilsväter logen, diesen Prozess mitzubekom­ neben dem Hochaltar noch parallel müssten eigentlich die vorberei­ men. Wir erlebten, was die theolo­ vier oder fünf »stille Messen« in 20 teten Beschlüsse nur abstimmen – gische und was diplomatische und Minuten abfeierte. Das empfand ohne Diskussion –, und in vier politische Auseinandersetzungen ich als unwürdig. Und ich bin Wochen könne das Konzil schon waren. Das ging so weit, dass zum jeden Tag dafür dankbar, dass wir beendet sein. Denn alles, was in der Beispiel eine Bischofskonferenz auf die Möglichkeit zu wirklich würdi­ Kirche wahr und wichtig ist, hatte dem Petersplatz mit gedruckten gen Messfeiern erhielten, bei denen man ja zusammengestellt – das war Blättern für bestimmte Formulie­ sich die Menschen einbringen und damals die vorherrschende Menta­ rungen warb und diese verteilte mitfeiern können, wo das Geheim­ lität in der Kirche. und Mitarbeiter der Kurie versuch­ nis bewahrt, aber auch vermittelt Bei der ersten Sitzung des Konzils ten, dies zu verhindern und rasch werden kann. geschah dann etwas Unerhörtes: Es alles wieder einzusammeln, damit Das Zweite, was der Liturgiereform ging um die Wahlen für die Zusam­ bestimmte Positionen nicht unters eigentlich vorausgeht, ist eine neue mensetzung der Kommissionen, Volk kamen. Sicht, ein neues Verständnis von die die Kurie offensichtlich schon Kirche. Diese neue Sicht ist so nach ihren Interessen – also mög­ Was waren aus Ihrer Sicht die etwas wie eine kopernikanische lichst keine Veränderungen – vor­ wichtigsten Veränderungen, die Wende nicht nur kirchenrechtlich, bereitet hatte. Da erklärten die das Zweite Vatikanische Konzil sondern auch theologisch. Aus­ deutschen und französischen Bi­ auf Dauer bewirkt hat – inner­ gangspunkt ist nicht mehr ein hie­ schöfe sinngemäß: Wir treffen hier kirchlich wie auch im Verhältnis rarchisches Verständnis von oben zum ersten Mal zusammen, und der Kirche zur Welt? nach unten, sondern das, was dem die meisten kennen sich bisher Das für die meisten Katholiken Volk Gottes gemeinsam ist, die nicht. Bevor wir eine so wichtige Wichtigste und nach außen Sicht­ Taufe. Dass das Konzil die Kirchen­ Sache wie die Wahl der Kommis­ barste war die Erneuerung der konstitution in einem langen Pro­ sionen durchführen, wollen wir Liturgie: die Einführung der Mut­ zess faktisch vom Kopf auf die uns erst einmal kennenlernen und tersprache, die Verbindung von Füße gestellt hat, nicht nur redak­ 4/2012 apostel 7
  • 8. vatikanum tionelle Veränderungen vorgenommen hat, sondern aus seiner Erfahrung noch etwas beisteuern. Und nur das grundlegende Verständnis von Kirche – vom Evan­ wenn alle Aspekte zusammenkommen, ist der ganze gelium her – neu formulierte, ist für mich das grund­ Reichtum sichtbar. Doch der Einzelne muss sich immer legendste Ergebnis des Konzils. nur mit einem Stück der Wahrheit begnügen. Diese Am Anfang steht das, was allen gemeinsam ist, die Be­ Erkenntnis bewahrt uns vor Allmachtsfantasien und rufung zum Glauben, die Taufe. Größeres als die Taufe davor, zu meinen, die Wahrheit könnte in kleine Käst­ gibt es nicht. Sie verbindet uns mit Christus, sie macht chen gut verpackt werden ein für alle Mal. Diese Ein­ uns zu Gliedern der Kirche, und alles andere kommt sicht war für mich sehr befreiend, aber sie ist natürlich danach. Es gibt nur Priester und Bischöfe, weil es die auch schwerer zu leben, weil es immer offene Fragen Getauften gibt. Die Ämter stehen im Dienst an den Ge­ gibt. Wenn ich meine, ich habe die vollständige Wahr­ tauften – als Verkündiger, als Hirten –, aber nur weil sie heit, dann brauche ich nicht mehr in einen Dialog selbst Getaufte sind. Auch ein Priester oder Bischof ist einzutreten. Ein wirklicher Dialog macht mir dann eher zuerst ein Hörer des Wortes, auch als Verkündiger Angst, ich könnte verunsichert werden, etwas schein­ bleibt er Hörer, auch als Spender der Sakramente bleibt bar Sicheres zu verlieren. er Empfänger des Sakramentes. Ich jedenfalls bin dankbar für diese neue Weltsicht, die Für mich persönlich war zudem eine gewisse Befreiung mir durch das Zweite Vatikanum vermittelt wurde. Ich in der Theologie sehr wichtig. Die Erkenntnis, es gibt persönlich komme ja von der Philosophie her, und in nicht eine einzig wahre theologische Schule, nur einen jeder Zeit gibt es neue philosophische Ansätze. Wenn Weg zur Wahrheit, sondern viele Zugänge. Und: Wir man also das Evangelium heute für die Menschen über­ brauchen und wir können nicht alles wissen. Ich habe setzen will, dann muss man schauen, was heute ge­ meinen Studenten immer zu vermitteln versucht: Wir dacht wird, wo die Anknüpfungspunkte sind. Das können immer nur einen kleinen Teil der Wahrheit Evangelium ist ja keine Tonbandaufnahme, die vor begreifen, unsere Erkenntnis bleibt immer fragmenta­ 2.000 Jahren entstanden ist, und die man einfach risch, und auch Jahrhunderte theologischer Forschung immer nur abspielen könnte, und jeder könnte sie werden immer ein Fragment bleiben. Wir können ein­ dann kapieren. Nein, jede philosophische Strömung mal gewonnene Erkenntnisse nicht einfrieren, denn stellt auch eine Möglichkeit dar, zur Brücke – zum jede Generation, jede Kultur und jeder Mensch kann Transfer – theologischen Denkens zu werden. So bieten sich viele Anknüpfungspunkte für die Verkündigung, und es gibt nicht nur eine einzige Form – es gibt nicht Offener Dialog: Papst Johannes XXIII. (r.) mit Roger Schütz (2. v. l), nur den römischen Katechismus – als Antwort auf die damals Prior der Gemeinschaft von Taizé, und Max Thurian, die als Fragen der Menschen. Beobachter am Konzil teilnahmen, und Kardinal Bea (2. v. r), dem Das war es wohl, was Papst Johannes XXIII. bewegt hat. ersten Präsidenten des Sekretariates für die Einheit der Christen Er sagte, wir sind im Grunde verpflichtet, nicht nur die Fragen der Menschen wahrzunehmen, sondern auch zu versuchen, darauf Antworten zu geben. Antworten für die Fragen von heute. Dazu haben wir das Evange­ lium, dazu ist Jesus Mensch geworden. War das, was für Sie befreiend war, für andere nicht eher angstbesetzt? Sichere, einbetonierte »Wahrheiten« gerieten nun ja ins Wanken; statt sich ohne Fragen an die Vorgaben der Kirche zu halten, sollte man nun zum mündigen Christen werden. Ja, für viele unserer Professoren, aber auch Priester, deren Studium bereits abgeschlossen war, stellten diese Anforderungen nicht nur Herausforderungen, sondern auch Gefährdungen dar. Sie hatten ihr festes Weltbild, da kannten sie sich aus, darauf hatten sie ihr Leben gegrün­ det. Ich kenne auch einige Mitbrüder, die nur ein paar Jahre älter waren als ich. Sie hatten ihr Theologiestudium bereits abgeschlossen und spürten auf einmal, dass das, was sie zu besitzen glaubten, nicht mehr das Einzige war, dass man es auch anders sehen konnte, andere Zugänge möglich waren. Sie fühlten auf einmal ihren Sicherheits­ gurt weichen und sich in Herausforderungen einbezo­ gen, die sie mit dem bisherigen Handwerkszeug nicht so 8 apostel 4/2011 4/2012
  • 9. vatikanum einfach bewältigen konnten. Und bei nicht wenigen gab es so eine Ein­ stellung: Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen, das reicht. Weiter­ bildung bedeutet nur Gefahr, da müsste ich mich ja ändern. Allerdings kenne ich auch viele Äl­ tere, die in sich eine Unruhe gespürt hatten, die merkten, dass diese fest­ betonierten Antworten auf neue Fragen einfach nicht mehr stimm­ ten. Für diese war es wie eine Be­ freiung, endlich wird konstatiert: Man kann, ja man muss auch andere Wege gehen. Welche Veränderungen hat das Konzil für die Ordensgemein­ schaften gebracht? Viele Ordensgemeinschaften haben Die Zusammenkunft von 2.498 Bischöfen, den sogenannten Konzilsvätern, mit weiteren sich infolge des Konzils grund­ knapp 550 Beratern und Beobachtern führte zu einer kopernikanischen Wende nicht nur legend erneuert. Auch die Orden kirchenrechtlich sondern auch theologisch waren in den Formen des 19. Jahr­ hunderts erstarrt. Man beschäftigte sich wieder mit den Evangelium zu begreifen und den Menschen von heute eigenen Wurzeln, mit dem Geist der Stifter, mit den näherzubringen, werden von vorneherein die Anten­ Forderungen, die aus dem Evangelium entspringen. nen des Misstrauens ausgefahren. Angst, dass man Das bedeutet nicht zuerst den Gang ins Archiv, um nicht mehr alles kontrollieren kann, anstatt Vertrauen wörtliche Formulierungen der Stifter zu finden. Es ging in den Heiligen Geist bestimmt die Kirche, so jedenfalls vielmehr darum, zu erkunden, wie die Stifter damals ist mein Eindruck. Doch dies kann die Sendung der auf neue Situationen, auf neue Herausforderungen Kirche in der heutigen Zeit nicht sein. reagiert haben und was dies für uns heute bedeutet. Es heißt also nicht Konservierung, sondern Tradition Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den bedeutet Weitergabe. Für uns damals junge Ordensmit­ Versuch eines Annäherungsprozesses zwischen der glieder hat diese Sichtweise neue Horizonte eröffnet, Kurie und der Piusbruderschaft? neue Zugänge für die Pastoral, für die Theologie, für die Ich verfolge dies mit ganz großer Sorge. Ich habe Erzbi­ Erneuerung des Ordenslebens und die Sendung unse­ schof Lefevre schon während des Konzils erlebt. Da muss rer jeweiligen Gemeinschaft. man sich ganz klar darüber sein: Den Piusbrüdern – und in abgeschwächter Form auch Gemeinschaften wie der Für heutige Ohren klingen ihre hoffnungsvollen Petrusgemeinschaft – geht es nicht um die Liturgie. Formulierungen fast wie Geschichten aus einer Denen geht es um das ganze Konzil. Für sie ist das Konzil fernen Zeit. Viele haben das Gefühl, die Kirche nicht nur ein Betriebsunfall, sondern »der Einbruch des versuche derzeit wieder eine kopernikanische Satans in die Kirche«. Sie lehnen die Religionsfreiheit ab, Wende rückwärts. für sie ist unsere Heilige Messe keine gültige Messe, sie Ja, da wird systematisch etwas abgeschliffen, soll wie­ lehnen die ganze Konstitution der Kirche nach dem der zurückgedreht, kleingehalten werden. Nicht mehr Zweiten Vatikanum ab. Wenn man mit dieser Gruppe das Gemeinsame – die Anerkenntnis, dass jeder Ge­ einen Kompromiss anstrebt, muss man wesentliche Teile taufte den Geist empfangen hat und dass dieser Geist des Konzils aufgeben. Man kann hier nicht Einheit her­ wirkt und dass jeder ein Charisma erhalten hat – ist der stellen um den Preis, das eigene zentrale Verständnis von Ausgangspunkt. Stattdessen hat wieder ein Klerikalis­ Kirche aufzugeben. Ich wundere mich, dass sich hierzu mus Einzug gehalten. Viele Bischöfe suchen nicht nach nicht viel mehr Bischöfe zu Wort melden und klar Posi­ den Gnadengaben und wo sie eingebracht werden tion beziehen. Bei irgendwelchen Formelkompromissen könnten, sondern erst mal wird alles mit Misstrauen habe ich die Befürchtung, dass insbesondere die Reli­ betrachtet. Es wird zwar immer um den Geist gebetet, gionsfreiheit wieder zur Disposition gestellt wird. Der dass er uns aufrüttelt, dass er Neues schafft, aber wehe, ideologische Hintergrund ist – damals wie heute – die es zeigt sich etwas Neues. Dann wird es sofort domes­ These: »Die Wahrheit hat alles Recht, der Irrtum hat kein tiziert. Anstatt sich zu freuen, dass Menschen sich en­ Recht, er kann höchstens, wenn es opportun ist, gedul­ gagieren, selber denken und versuchen, tiefer das det werden.« 4/2012 apostel 9
  • 10. vatikanum kratie« entmutigen lassen. Denn: Durch die Taufe sind erst mal alle Christen gleich. Und wie dann die ver­ schiedenen Dienste organisiert werden, muss man dann klären. Allerdings: In der alten Kirche sind die Bischöfe vom Volk gewählt worden, und heute tut man so, als ob es dies nicht gegeben hätte. Eine weitere zentrale Aufgabe sehe ich auch darin, auf die vielen zuzugehen, die am Rande stehen, die auf der Suche sind, aber von der Kirche nicht mehr erreicht werden. Hier muss Kirche wirklich missionarische, eine einladende Kirche werden. Es gilt, neue Zugänge zu entwickeln, etwa bei Todesfällen oder an Weihnachten, wie es beispielsweise Bischof Warnke im Bistum Erfurt versucht hat. Jesus hat seine Jünger zu den Menschen in die Dörfer gesandt. Wir müssen auf diese Menschen zugehen, mit ihnen offen ins Gespräch kommen. Pater Gabriel Simon SSCC Bieten Sie persönlich oder Ihre Gemeinschaft in Der 1937 in der Eifel geborene Arnsteiner Pater dieser Beziehung etwas an? besuchte die Schule und das Internat des Ordens in Wir sind ja nur eine kleine Gemeinschaft und bieten Lahnstein. 1957 trat er ins Noviziat ein, studierte von ganz bescheiden einmal im Monat eine Früh­ und eine 1958 bis 1967 in Rom und wurde 1965 zum Priester geweiht. Pater Simon unterrichtete von 1967 bis zum Spätschicht hier in unserem Haus an. Hier ist jede und Jahr 2006 zunächst an der ordenseigenen Hochschule jeder eingeladen, gleich ob katholisch, evangelisch oder in Simpelveld und ab 1980 an der Hochschule der konfessionslos. Das ist keine Messfeier, sondern eine Franziskaner und Kapuziner in Münster als Professor Meditationsbetrachtung, und anschließend laden wir für Philosophie. Unterbrochen wurde die Lehrtätigkeit zum Gespräch ein. Das dauert dann meist doppelt so durch seine Zeit als Provinzial der Deutschen Provinz lange wie die geistliche Betrachtung. Es ist ein Forum SSCC von 1982 bis 1991. Pater Simon lebt im Konvent für jüngere und ältere Menschen, die auf der Suche der Gemeinschaft in Münster und widmet sich sind, teils alleinstehend, manche ohne geistliche Behei­ ordensgeschichtlichen Studien. matung. Für einige ist dies ein fester Bezugspunkt über Jahre hin, von dem sie sagen, dass sie nun wieder eine Zeit lang daraus schöpfen können. Dann gibt es keinen ideologischen Unterschied Darüber hinaus sind wir ein eingetragenes Jakobspilger­ mehr zu den Ayatollahs im Iran oder ähnlichen refugium. Im Schnitt kommen im Jahr 50 Jakobspilger islamistischen Gruppen? hier zu uns nach Münster. Wir bieten ihnen außer So ist es. Und heute drückt sich das in solchen Stamm­ Unterkunft und Verpflegung abends ein Gespräch an tischparolen aus: Wenn in der Türkei oder Saudi­ und laden sie morgens zu unserer Laudes ein. Auch hier Arabien keine Kirchen gebaut werden dürfen, dann fragen wir nicht nach der Konfession. Viele sind kon­ darf es bei uns auch keine Moscheen geben. Ich denke fessionslos, besonders wenn sie aus den neuen Bundes­ mit Grauen daran, dass solche Denkmuster die Kirche ländern kommen. Sie machen sich aus den verschie­ wieder prägen könnten. densten Gründen auf den Weg, und vielen tun die Ge­ spräche gut, wenn sie sich einmal aussprechen können. Was wäre heute aus Ihrer Sicht in der Kirche nötig, Das Pilgern hat ja schon vieles in Bewegung gebracht. um 50 Jahre nach Beginn des Zweiten Vatikani­ Das sind Angebote, bei denen man keine statistischen schen Konzils die hoffnungsvollen Aufbrüche des Erfolge vorweisen kann, die mühsam sind, die aber den Konzils wieder mit Leben zu füllen? Pilgern und auch uns guttun. Ich würde vor allem zwei Dimensionen sehen. Zum Für mich ist das Konzil das prägende Ereignis meines einen die Kirchenkonstitution, dass man endlich das Lebens, und dies möchte ich weitergeben. Deshalb gemeinsame Priestertum aller Getauften ernst nimmt, halte ich Vorträge auch bei kleinen Gruppen. Denn ich dass die Taufe das grundlegende Sakrament ist und dass möchte helfen, dass dieser Aufbruch nicht einfach ver­ es deshalb Priester und Bischöfe nur gibt als Dienst an sandet, sondern weitergeht. Ich möchte, dass der Geist den Getauften. Dazu gehört, dass die synodalen Gre­ des Konzils wachgehalten wird, dass die Erneuerung mien wirklich ernst genommen werden, zunächst in weitergeht. Und ich spüre, das Gespräch hierüber, die der Pfarrei, aber auch auf allen anderen Ebenen, denn Beschäftigung damit kann für alle wohltuend und wir haben es hier mit mündigen Bürgern und mündi­ befreiend wirken, und dafür lohnt sich der Einsatz gen Christen zu tun. Dabei sollte man sich nicht von allemal. ■ dem Totschlagargument »Die Kirche ist keine Demo­ interview: thomas meinhardt 10 apostel 4/2012
  • 11. Geistlicher Wegbegleiter Anregungen für die Monate Januar, Februar und März Heilungsgeschichten im Neuen Testament Glauben - Menschsein, ganz und gar! Glaube ist nicht nur ein Für­wahr­Halten von Menschen, die viel ertragen müssen, laufen oft Glaubenssätzen. Glaube ist auch nicht so sehr ein umher, als ob sie tatsächlich eine Last auf ihren moralischer Anspruch, sondern vielmehr eine Schultern trügen. Andere vergraben in stillen Einladung: eine Einladung, ganz Mensch zu sein, Momenten ihr Gesicht in ihren Händen, weil sie als Mann und Frau. Nichts soll unterdrückt sich schämen oder unendlich traurig sind. Andere werden, sondern alles soll aufrecht da sein, sich wühlen sich mit den Händen durch ihre Haare, weil entfalten und zu Kräften kommen können. Nur so sie in etwas drinstecken, aus dem sie nicht einfach Geistlicher Begleiter zum Heraustrennen können Menschen ganze Menschen sein. Nur so herauskommen. Man möchte sich gleichsam am können sie aus allem herausgerufen werden, was eigenen Schopf herausziehen, doch das gelingt sie am Leben hindert, und können frei werden von nicht. Wiederum andere haben ihr wahres Gesicht Bindungen, die nur fesseln, aber nicht verbinden. so hinter ihrer Freundlichkeit oder ihren Problemen Das ist die Perspektive, die mit diesem »Geistlichen oder ihrem Ärger versteckt, dass man es gar nicht Wegbegleiter« eröffnet werden soll. mehr erkennen kann: Sie haben kein eigenes Gesicht mehr. Manchmal trifft man Menschen, denen man direkt ansieht, was ihnen fehlt. Ihre Seele kann sich nicht Der »Geistliche Wegbegleiter« soll ermutigen, uns mehr verstecken, sie kommt in ihrem ganzen befreien zu lassen aus solchen Verstrickungen, um Erscheinungsbild, leiblich, zum Ausdruck. Mensch zu sein, ganz und gar! Für Ihren geistlichen Weg wünsche ich Ihnen Ausdauer und Gottes Segen Ihr Pater Gerd Nieten SSCC © Alexander Hoffmann – fotolia
  • 12. Anregungen für den Monat Januar © Alexandar Iotzov – fotolia Aufrecht gehen Bibelstelle für Januar: Heilung der gekrümmten Frau (Lk 13,10–13) Die Frau in diesem biblischen Text leidet weithin sichtbar: Ihr Rückgrat ist gekrümmt, sie kann nicht mehr aufrecht gehen. Man muss es vielleicht einmal tatsächlich körperlich fühlen, was das für einen Menschen bedeutet: Versuchen Sie einmal, ein paar Minuten so umherzugehen und alles, was sonst auf gleicher Höhe ist, von unten zu betrachten, die Ver­ spannung in den Muskeln wahrzunehmen, den Schmerz in der Wirbelsäule … So ergeht es dieser Frau. Fragen zum Nachdenken Wer weiß, was diese Frau gekrümmt oder gedemü­ Gibt es in mir etwas, das mich herunterdrückt? tigt hat, wer oder was ihr die Kraft des geraden Rück­ Gibt es Situationen, unter denen ich gebückt grats genommen hat. Sie jedenfalls kann nicht mehr gehe? Was wird dabei unterdrückt? Was müsste aufrecht gehen, sie kann sich nicht mehr aufrichten. geschehen, damit ich »von meinem Leiden Die andauernde Krümmung beengt den Brustraum, erlöst« wäre? Das Auflegen der Hände ist auch nimmt ihr den Atem. ein Zeichen der Kraftübertragung. Welche Kraft »Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, könnte mir helfen, mich aufzurichten? du bist von deinem Leiden erlöst.« Ganz kurz, nüch­ tern wie eine einfache Feststellung. Nichts Dramati­ Gebet sches, keine großartige Analyse, keine wilden, schrei­ enden Dämonen, nichts von alledem. Drei Elemente stecken in diesem Rufen Jesu. Jesus ruft sie. Das klingt ebenso kurz und knapp wie bei der Berufung der ersten Jünger, die alles hinter Du kennst meine Lebensgeschichte. sich lassen, um ihm zu folgen. Es ist nicht einfach so Du weißt, dass sie immer wieder ein Ruf, sondern etwas, was das Leben einschnei­ eine Geschichte dend verändert. zerbrochener Hoffnungen war, Jesus ruft sie, eine Frau – ganz ungewöhnlich in dass vieles in mir leer blieb, jener Zeit, in der an sich nur Männer etwas einzu­ was doch nach Erfüllung schrie. bringen haben. O Herr, ich habe Angst, Jesus ruft sie zu sich, von ihrem Platz weg, fort von hart und bitter zu werden. dem Ort, wo sie sich befindet: Du gehörst zu mir. Ich bitte dich, »Und er legte ihr die Hände auf.« Hände, die sich auf erfülle du mich mit dem Vertrauen, einen legen, Hände, die auf einem ruhen, drücken dass du auch meiner Lebensgeschichte etwas aus: Du bist gemeint, du und niemand anders. einen unverlierbaren Sinn verliehen hast. Es ist Gottes Wille, dass du aufrecht durchs Leben Heile alles Enttäuschte, gehst. Auf dir ruht Gottes Hand. alles Erschreckte und Verwundete in den Tiefen meiner Seele. (Sabine Naegeli, aus: Worte heute, S. 172, Stiftung Haus der action 365)
  • 13. Impulse für den Monat Februar Sich zum Leben entschließen Bibelstelle für Februar: Heilung der verdorrten Hand (Mk 3,1–6) In diesem Text geht es um die Hand eines Mannes. Fragen zum Nachdenken Sie ist vertrocknet, gelähmt. Dieser Mann hat keine Was sind für mich in meinem Leben die Kraft; die Hand, die er ausstrecken, »geben« soll, die positiven und was die negativen Kräfte? den Kontakt zu anderen Menschen herstellt, ist nicht Was könnte auf dem Hintergrund dieser einsatzfähig. Es ist kein Leben mehr in ihr, sie ist Geschichte die Aufforderung »Strecke deine abgestorben. Dieser Mann ist – symbolisch betrach­ Hand aus« für mich bedeuten? Wo ist jetzt in tet – kein Mann mehr, er ist geschwächt, passiv, er meinem Leben eine Entschiedenheit gefordert? kann nichts tun, seine »männlichen« Kräfte kom­ Gebet men nicht zum Zuge. Er kann nicht agieren, selbst­ ständig, aktiv handeln, sondern nur re­agieren, erst auf die Taten und Impulse anderer hin etwas tun. »Steh auf, stell dich in die Mitte.« Man muss sich Geistlicher Begleiter zum Heraustrennen einmal bewusst machen, was hier eigentlich ge­ Herr, unser Gott, schieht. Ein »schwacher« Mann wird in den Mittel­ wenn dein Wort uns unruhig macht, punkt gerückt. Rundherum stehen die Pharisäer. Sie weil es alles von uns verlangt, wollen mit aller Macht verhindern, dass es zu einer dann lass dein Wort auch die Kraft sein, wirklich lebensverändernden Begegnung kommt, die uns aus uns selbst befreit dass sich überhaupt etwas ändert. Der schwache, und zu mehr befähigt, kranke Mensch soll »unsichtbar« bleiben, damit als wir zu erhoffen wagen. alles übersichtlich und geregelt bleibt. Lass uns von Tag zu Tag Jesus schaut sie an, einen nach dem anderen. Er ist wachsen hin zu der echten Freiheit, wütend und traurig zugleich über so viel brachlie­ für die uns Christus frei gemacht hat. gendes, verpasstes Leben, über ihre Verstocktheit, (Aus: F. Cromphout, Eine Zeit des Redens. Gebete und liturgische Texte, S. 98, Verlag Gerhard Kaffke 1971) darüber, dass sie lebendig tot sind und durch ihre Gesetzesstarre anderen ihre Lebensmöglichkeiten rauben. Und der Mann mit der verdorrten Hand? Wie viel Angst hat ein Mann, ein Mensch, davor zu leben? Lieber ist man halb tot, als dass man sich wirklich aufmacht, voll und ganz zu leben. Doch tief im Her­ zen nagt die Sehnsucht weiter nach »Mehr« im Leben. Es bedarf eines Entschlusses, einer Entscheidung, um wirklich zu leben. Strecke deine Hand aus! Auch wenn du schwach bist, ausgedorrt, du wirst sehen: Es geht. Deine Hand ist geheilt! © gator – fotolia
  • 14. Impulse für den Monat März © Tamara Kulikova /istock Komm heraus - Löse dich! Bibelstelle für März: Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1–44) Diese Bibelstelle zum Thema »Mensch sein, ganz und gar« sagt etwas aus über problematische Bin­ dungen. Bindungen sind lebenswichtig, doch sie können auch so beschaffen sein, dass sie ein freies Fragen zum Nachdenken Leben nicht fördern, sondern verhindern. Hier geht Kann ich, wenn ich mein Leben ernsthaft betrachte, es um einen Freund Jesu, Lazarus, der dermaßen Dinge benennen, die ich »begraben«, aufgegeben verwickelt ist in alle möglichen fürsorglichen und habe, obwohl ich eigentlich ganz tief im Herzen will, familiären Bindungen, dass er darunter regelrecht dass sie leben? Wo haben andere mich oder etwas in vergraben ist. Lazarus ist nicht irgendwer, er steht, mir begraben oder abgeschrieben? Was darf in mir ebenso wie Maria und Martha, Jesus sehr nahe. Auf nicht mehr zum Leben kommen? Jesus sagt: »Nehmt die Nachricht von der Krankheit seines Freundes den Stein weg.« Das könnte bedeuten, dass erst Lazarus sagt Jesus: »Diese Krankheit wird nicht zum einmal ein Zugang zu einem Menschen geschaffen Tode führen, sondern dient der Verherrlichung Got­ werden muss, dass im Leben etwas aus dem Weg tes.« Anscheinend liegt das, was Jesus vorhat, auf geräumt werden muss, das Jesus im Weg steht. Was einer anderen, einer tieferen Ebene. Jemanden ver­ könnte innerlich wie äußerlich bei mir im Weg herrlichen oder in seiner Herrlichkeit sehen, heißt: stehen? zeigen, wie jemand in Gottes Licht gemeint ist. Der Herrlichkeit Gottes dienen, bedeutet dann so viel wie: Hieran wird sich zeigen, wer Gott wirklich ist. Lazarus ist tot. Man kann es sehen, man kann es förmlich riechen. Es dauert sehr lange, bis Jesus überhaupt zu Lazarus durchdringen kann. Da stellt Gebet sich auch Martha in den Weg: »Herr, er riecht Herr, unser Gott, jedem, der in sich schon.« Es hat überhaupt keinen Zweck mehr. Mar­ selbst gefangen ist, schenkst du dein tha glaubt nicht mehr daran, dass es in dieser Situa­ befreiendes Wort. Zur Freiheit hast du tion noch Leben geben kann. Das ist das Problem, uns gerufen und dass wir Menschen dass keiner mehr an sein Leben glaubt. Lazarus werden nach dem Bild und dem Geiste braucht gar nicht zum Leben geweckt zu werden. Es deines Sohnes. Ich bitte dich: Gib mir steht nicht da: »Steh auf« oder »Werde lebendig«, die Kraft, die er vorgelebt hat, gib mir sondern nur: »Komm heraus«. Es müssen ihm nur die Weite, die er aufgetan hat, dann die Binden gelöst werden. Er war tatsächlich völlig werde ich mit dir leben, in und für gebunden, handlungsunfähig. »Löst ihm die Binden diese Welt. und lasst ihn weggehen«, macht ihn frei von all die­ (Aus: Huub Oosterhuis, Ganz nahe ist dein Wort, S. 43, Herder 1967) sen Bindungen.
  • 15. porträt Marianne Cope wurde am 21. Oktober 2012 von Papst Benedikt XVI. heilig­­ gesprochen. Vielen unserer Lese­ innen und r Lesern wird sie als Schwester am Totenbett von Pater Damian in Erinne­ ung sein. Ob dem r Arzt der Aus­ ätzigen­ ied­ung, s s l Dr. Sidney Bourne Swift, der Gedanke kam, dass er mit seiner Aufnahme zwei spätere Heilige abbildete? Die heilige »Marianne von Molokai« Porträt einer aus Deutschland stammenden Ordensfrau Barbara Maria Anna Koob wurde im Januar 1838 in Ihre Heimatstadt Syracuse spielte eine bedeutsame Heppenheim an der Bergstraße geboren, als Tochter Rolle im Kampf um die Abschaffung der Sklaverei einer Bauernfamilie, die ein Jahr später in die USA und war eine wichtige Station für die »Underground auswanderte, weil hier mit der Landwirtschaft keine Railway«, die Untergrundbahn zur Freiheit, ein weit Zukunft zu sichern war. Schließlich werden es zehn verzweigtes Netz von Fluchthelfern für Schwarze. Kinder sein. Eine typische Migrantenfamilie, die Diese Erfahrung und das geistliche Erbe ihres Or­ sich schnell und geräuschlos eingliedert bis hin zum densvaters Franziskus führten Schwester Marianne Namen, der, wenn englisch ausgesprochen, an coop zum Einsatz für die Armen jeder Art. Gelegentlich erinnert, was Hühnerstall, Fischkorb, Kabuff, Knast warf man ihr vor, sie beschäftige sich zu viel mit bedeutet. Cope dagegen heißt: kämpfen, etwas zu­ Randexistenzen, Alkoholikern und dergleichen. stande bringen, meistern. Die Familie landet schließ­ lich in Syracuse im Staat New York, auf halbem Weg Sie arbeitete in der praktischen Krankenpflege und zwischen der Stadt New York und dem kanadischen half mit bei der Entwicklung von neuen Behand­ Montreal. lungsmethoden auf Universitätsebene. Sie gründete das erste öffentliche Krankenhaus in Syracuse. Im Mit 15 Jahren verspürt Barbara den Ruf, ins Kloster Zeitalter, in dem man die Bedeutung von Bazillen, zu gehen. Doch die Mutter stirbt, der Vater wird Viren und Bakterien entdeckte, gewann sie bald eine krank und kann nicht mehr arbeiten. Barbara über­ Grundeinsicht, die sie später in Molokai bei allem nimmt deren Rolle für die jüngeren Geschwister, leiten sollte: Eine strenge Hygiene bedeutet schon verdient ihren Lebensunterhalt in einer Wollfabrik die halbe Heilung. und im Krankenhaus. Anfang Juni 1883 erhielt Mutter Marianne, inzwi­ Sie stellt ihren Klosterwunsch fast zehn Jahre zurück schen schon höhere Oberin, einen Brief von Pater und lernt, mit Menschen und Dingen umzugehen. Léonor Fouesnel, einem Mitbruder Pater Damians Sie wird eine entschiedene »Macherin« mit Herz und Provinzial SSCC von Hawaii. Er suchte Schwes­ sein. Nach dem Noviziat bei den Franziskanerinnen tern, Pflegepersonal und Lehrerinnen zur Verstär­ von Syracuse und der Profess 1863 wollte sie, die kung der katholischen Mission in Hawaii. In seinem den Ordensnamen Marianne angenommen hatte, Brief schrieb er: »Mein Bischof Hermann (Köckemann eigentlich Lehrerin werden. Aber schon bald wurde SSCC) hat mich auf Ersuchen des Königs und seiner sie mit allerlei Leitungsaufgaben betraut, schließlich Regierung in dieses Land geschickt, um Schwestern zu sogar zur Generaloberin gewählt. suchen, die bereit wären, die Leitung unserer Kranken­ 4/2012 apostel 15
  • 16. porträt häuser und vielleicht auch unserer Schulen zu übernehmen. Wenn Sie mir ein wenig Hoffnung geben, Schwestern davon zu überzeugen, werde ich sogleich zu Ihnen kom­ men und Ihnen alles Weitere er­ klären.« Der erwähnte Bischof Köcke­ ann stammte aus dem m Münsterland und gehörte, wie das ganze Missionspersonal, zur Ordensgemeinschaft von den Heiligsten Herzen. In ihrer Antwort vom 5. Juni 1883 Mutter Marianne, im Rollstuhl, kurz vor ihrem Tod bittet Mutter Marianne um wei­ tere Informationen. Daraufhin besuchte Pater Fouesnel im Juli 1883 die Schwes­ ren Schwestern, Leopoldina Burns und Vincentia tern in Syracuse. Der massige Missionar mit weißem McCormick, kam Schwester Marianne am 14. No­ Vollbart im weißen Ordensgewand, eine Ehrfurcht vember 1888 nach Kalaupapa, vier Monate vor Da­ gebietende Erscheinung, muss einen großen Ein­ mians Tod. Die Schwestern übernahmen die Leitung druck auf die Schwestern gemacht haben, als er von des Waisenhauses für Jungen in Kalawao, dem ande­ seiner Arbeit in Hawaii berichtete und die verzwei­ ren, fünf Kilometer entfernten Dorf, wo auch Pater felte Lage der Aussätzigen schilderte. Mutter Mari­ Damian lebte. In den Tod begleiteten ihn zwei Deut­ anne befragte ihre Schwestern und gab Pater Foues­ sche: Pater Wendelin Möllers SSCC und Mutter nel eine begeisterte Antwort: »Ich habe regelrecht Marianne Cope OSF . Hunger auf diese Arbeit und wünsche von Herzen, eine der Auserwählten zu sein, die das Vorrecht haben, sich 1895 kamen neue Mitbrüder nah Molokai, und die für die Seelen der armen Inselbewohner aufzuopfern. Schwestern zogen sich zurück. Mutter Marianne Ich habe keine Angst davor, ganz gleich vor welcher hatte zuvor einmal gesagt, dass sich keine ihrer Krankheit. Es wird also meine größte Freude sein, den Schwestern anstecken würde. Und so kam es auch. verlassenen Aussätzigen zu dienen.« Gewiss auch eine Folge ihrer strengen Hygiene. In den Berichten der Gesundheitsbehörde ist immer wieder davon die Rede: »Alles ist zweckmäßig ein­ gerichtet und verrät eine geradezu peinliche Sauber­ keit.« Mutter Marianne blieb bis zu ihrem Tod Seele und Vorbild für viele. Eine freundliche, kluge und prak­ tische Frau. Sie starb 1918, verbraucht und ausge­ zehrt, 80 Jahre alt, und wurde in Kalaupapa begra­ ben. Ihre sterblichen Überreste wurden aus Anlass ihrer Seligsprechung im Jahre 2005 nach Syracuse Marianne Cope am Anfang ihrer Ordenszeit übergeführt. Vier Monate später war es dann so weit. Marianne Am 21. Oktober 2012 wurde sie mit sechs anderen und sechs weitere Schwestern machten sich auf den auf dem Petersplatz in Rom von Papst Benedikt XVI. Weg nach Hawaii. Einmal quer durch den Konti­ heiliggesprochen. Pater Damian und Mutter Mari­ nent. Sechs Tage mit der Eisenbahn bis San Francis­ anne von Molokai werden auch von der Episkopal­ co und dann noch einmal sieben Tage mit dem kirche, den Anglikanern der USA, verehrt. Ihr ge­ Schiff. Marianne litt fürchterlich unter der Seekrank­ meinsamer Gedenktag ist der 15. April, Damians To­ heit. Am 8. November 1883 landeten sie in Honolulu. destag. Dort übernahmen sie zunächst das Branch Hospital in Kakaako, nahe der Hauptstadt. Erst fünf Jahre Am Ende ist sie nicht mehr Marianne Koob oder später wagten sie sich in die Höhle des Löwen nach Cope, sondern »Marianne von Molokai«, geadelt Molokai. Die Entscheidung für die Quarantäne-Insel durch 35 Jahre Dienst für die Ärmsten der Armen. ■ des Todes war selbst für sie schwer. Mit zwei ande­ friedhelm geller sscc 16 apostel 4/2012
  • 17. symbole der kirche – kurz erklärt eine und auch die andere Rich­ tung. Es kann aber auch eine Sackgasse sein – wie beim Fuß­ ball. Da geht es nicht weiter. Der Ball endet im Netz, bedeutet Sieg oder Niederlage. Eine Haustür öffnet sich für gewöhnlich nach innen. Sie ist Einladung. Der von außen kommt, bittet um Einlass. Wer willkommen ist, wird her­ eingebeten, dem wird das Haus geöffnet. Die Tür ist ein Symbol der Gnade. Gott kann durch mancherlei Türen und auf verschiedene Wei­ sen kommen. Als der große Herr­ scher, für den die Wege erweitert und die Tore gehoben werden müssen. Gleichsam ein überwirk­ Die Fenster zu und alle Türen offen? Der Film »Liebe« von Michael wird der Mann vom Land grei­ licher Schwer­Transporter, der Haneke (2012) schildert in berüh­ senhaft kindisch und verbündet nicht überholt werden kann. Wie renden Bildern die innige Zunei­ sich mit den Flöhen im Pelz­ in Psalm 24,7 beschrieben: »Ma­ gung von Anne und Georges, die kragen des Türstehers, damit die chet die Tore weit und die Türen sie auch mit über achtzig Jahren ihren Herrn überreden, den Weg hoch in der Welt, dass der König verbindet. Sie sind ihrer großen zum Gesetz freizugeben. der Ehre einziehe.« Liebe treu geblieben – bis zum Ende. Das Geschehen spielt in Alles zwecklos. Der Mann vom Oder eher still. Hat ER nicht ge­ einer gutbürgerlichen Pariser Land stirbt, und der Türhüter sagt: »Ich bin die Tür«? Früher Wohnung, die Welt bleibt außen brüllt in sein vergehendes Gehör: gab es zum Beginn der Ostermette vor. Die Geschichte beginnt mit »Hier konnte niemand sonst Ein­ den Ritus, dass der Priester drei dem Einschlagen der Etagentür. lass erhalten, denn dieser Ein­ Mal um die geschlossene Kirche Immer wieder gleitet dann das gang war nur für dich bestimmt. ging und jedes Mal mit einem Auge der Kamera durch verschie­ Ich gehe jetzt und schließe ihn.« Kruzifi x an die Eingangstür dene Räume der Wohnung, Sein ganzes Leben hat er vor der schlug, um für den auferstande­ schiebt sich durch Türrahmen, Tür gewartet. Nun wird er einge­ nen Herrn um Einlass zu bitten. öffnet Türen, macht vor ver­ lassen, und die Tür schließt sich Dann wurde die Tür geöffnet und schlossenen Türen halt. Als ob hinter ihm. Mit einem flüchtigen der Gekreuzigte mit Jubelliedern dahinter ein Geheimnis verbor­ Blick hat er schon vorher gese­ begrüßt. gen, die entscheidende Antwort hen, dass ihn in dem »Gesetz« zu finden sei. Die Tür als Frage. noch grauenvollere Türsteher er­ Vielleicht ist das heute für uns warten. Die Tür als Strafe. und für die Kirche der bessere In einer Erzählung (1915) von Weg. Nicht »Reiß ab vom Him­ Franz Kafka gibt es diesen Mann Und dann haben wir den Advent, mel Tür und Tor«, sondern, wie vom Land, der vor dem Gesetz wo es von Türen gleichsam wim­ im letzten Buch der Bibel zu steht und hineinwill. Ein Tür­ melt. »Macht hoch die Tür«, der lesen: »Ich stehe vor der Tür und hüter verwehrt ihm den Zugang. Adventskalender mit vierund­ klopfe an. Wer meine Stimme Der Mann vom Land setzt sich zwanzig Türchen, »denn ver­ hört und die Tür öffnet, bei dem auf einen Schemel und wartet schlossen war das Tor.« »Reiß ab werde ich eintreten, und wir wer­ viele Jahre. Immer wieder will er vom Himmel Tor und Tür.« Ein den Mahl halten, ich mit ihm und den Türsteher bestechen, aber Tor ist ein Durchlass, von einem er mit mir.« (Offb 3,20) ■ der andere bleibt hart. Am Ende Raum in einen anderen, in die friedhelm geller sscc 4/2012 apostel 17
  • 18. familie Fußball – Schule fürs Leben Ein Besuch beim Fußball-Projekt der französischen Ordensprovinz SSCC »Alles, was ich über Moral und die Verpflichtun- Im August, wenn die Franzosen alle gleichzeitig gen von Männern weiß, habe ich beim Fußball Urlaub machen, zieht es viele stressgeplagte Groß­ gelernt«, soll der französische Philosoph städter in die ländlichen Regionen ihrer Heimat. Albert Camus gesagt haben. Der Eines der Reiseziele ist die wildromantische Land­ ehemalige Fußballprofi und schaft im dünn besiedelten Département Aveyron im Priester Bertrand Cherrier Süden des Landes. Das Städtchen Villefranche-de- SSCC versucht seit einigen Rouergue ist bei Touristen wegen des mittelalter­ Jahren, straffällig gewor- lichen Charmes seiner finsteren Fassaden und engen dene Jugendliche mit den Gassen sehr beliebt. Außerhalb der Saison ist hier einfachen Regeln des Fuß- jedoch nicht viel los. Der Trubel von Toulouse, der balls wieder in die Gesell- viertgrößten Stadt Frankreichs im Schatten der Pyre­ schaft zu integrieren. näen, ist rund zwei Autostunden entfernt. Für die Jugendlichen der Stadt ist Villefranche vermutlich ein ödes Provinznest – für die Jugendlichen im Pro­ jekt »Le Penalty« hingegen ist der Ort so etwas wie eine letzte Chance. Auf einer Anhöhe über der Stadt liegt das Château de Graves, ein kleines Schloss aus dem 16. Jahrhun­ dert. An diesem außergewöhnlichen Ort unterhält 18 apostel 4/2012
  • 19. familie sscc die französische Provinz der Kongregation der Hei­ als Problemkinder bezeichnet, erntet sofort hefti­ en g ligsten Herzen seit über 100 Jahren verschiedene pä­ Widerspruch: »Diese Jungs sind ganz normal, dagogische Einrichtungen, darunter ein Internat schwierig sind nur die Umstände, unter denen sie sowie eine Kinder- und Jugendwohnstätte. Vor eini­ aufgewachsen sind«, sagt Pater Bertrand, der Initia­ gen Jahren wurde hier ein neues Projekt ins Leben tor und Leiter des Projekts Penalty. gerufen: »Le Penalty« – so heißt im Französischen der Strafstoß beim Fußball – ist ein Angebot für Ju­ »Morgen ist das schlimmere Heute« gendliche und junge Männer im Alter zwischen 15 Bertrand Cherrier SSCC, Priester und seit 1987 Mit­ und 21 Jahren, die entweder keine Eltern mehr glied der Kongregation der Heiligsten Herzen, war haben oder deren Eltern nicht im Land leben und selbst Profifußballer. In seiner aktiven Zeit spielte sich deshalb nicht um ihre Kinder kümmern der heute 53-Jährige für Girondins de Bordeaux in können. der ersten französischen Liga. Der ehemalige Vertei­ diger ist klein, aber ein Kraftpaket mit urwüchsiger Fünf der momentan im Penalty lebenden Jugendli­ Energie – jener Art positiver Energie, die auf seine chen sind illegal eingewandert. Da sie minderjährig Mitmenschen abfärbt. »Ich erinnere mich an ein sind, verlangt das französische Recht eine Vormund­ Graffiti, das ich vor Jahren in einer Umkleidekabine schaft durch das Jugendamt. Weil zu viele Minder­ gesehen habe«, erzählt Pater Bertrand: »Morgen ist jährige illegal nach Frankreich kommen, sind staat­ das schlimmere Heute.« Seine Motivation für das liche Institutionen längst an ihre Grenzen gestoßen. Projekt Penalty ist damit auf den Punkt gebracht: Jugendlichen, die aus verschiedenen Gründen an den Rand der Gesellschaft geraten sind, Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu geben. Vor acht Jahren trainierte Pater Bertrand eine Ju­ gendfußballmannschaft in Villefranche. Damals bat ihn ein befreundeter Sozialpädagoge, einen als »ver­ haltensauffällig« geltenden 17-Jährigen in sein Team aufzunehmen. Zwei Jahre lang spielte dieser junge Mann mit und wurde sportlich zu einer Stütze der Mannschaft. Probleme bereitete er keine. Schließlich fragte jener Freund Pater Bertrand, ob er nach die­ sem ermutigenden Beispiel nicht Lust hätte, ein Fußball-Projekt für sozial ausgegrenzte Jugendliche Das gesamte Team des Penalty - die Jugendlichen und ihre zu starten. Die Idee für »Le Penalty« war geboren. Betreuer - beim Tag der offenen Tür im Juni 2012 Der Orden unterstützte das Vorhaben, stellte perso­ nelle und finanzielle Mittel sowie ein kleines Haus auf dem Schlossgelände zur Verfügung, das aller­ dings renoviert und umgebaut werden musste. Bevor es richtig losgehen konnte, vergingen zwei Jahre, auch weil die Genehmigung von staatlicher Seite lange auf sich warten ließ. Das Modell, eine kleine Gruppe mit je einem Betreuer für zwei Jugendliche in einer Art Wohngemeinschaft unterzubringen, ist in Frankreich eine Ausnahme. Üblich ist hier die Unterbringung in Familien oder in größeren Heimen. Die meisten der momentan neun Teilnehmer des Pe­ nalty stammen ursprünglich nicht aus Frankreich. Bei der Halbzeitansprache von Pater Bertrand geht es vor Wie der 19-jährige Ari, der vor ein paar Jahren von allem um die Einstellung, weniger um Taktik und Technik angeblichen Talentsuchern in Kamerun angespro­ chen und mit dem Versprechen nach Frankreich ge­ Die Jugendlichen im Projekt Penalty sind zudem lockt wurde, dort bei einem Profiklub viel Geld ver­ früh mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Diebstähle, dienen zu können. Diese einmalige Chance, seine Drogendelikte oder Schlägereien haben sie hier her­ Familie zu ernähren, wollte Ari wahrnehmen. Seine geführt. Die meisten sind schon mehrfach von der Eltern musste er in Kamerun zurücklassen. Die Schule geflogen. Wer sie deshalb als schwierig oder Agenten gaben ihm falsche Papiere, und als es mit 4/2012 apostel 19
  • 20. familie sscc einem Vertrag bei einem großen Verein nichts wurde, »Mit den anderen Jungs gab es ab und zu Schwierig­ tauchten sie ab und ließen ihn im Stich. »Es war sehr keiten.« Welche Schwierigkeiten er genau meint, ist hart am Anfang, ganz allein in einem fremden Land ihm nicht zu entlocken. Aber mittlerweile sei sowie­ und ohne Orientierung«, flüstert Ari während unse­ so alles viel besser geworden, weil die Erzieher ihm res Gesprächs. Eine Sozialarbeiterin in dem Pariser sehr geholfen hätten, sagt Steven noch schnell, bevor Vorort, wo er letztlich landete, vermittelte ihn nach er sich eilig zu einer Verabredung aus dem Staub Villefranche zu Pater Bertrand. Hier möchte er sei­ macht. nen Schulabschluss machen und anschließend Landwirtschaftstechnik studieren. Ob er nicht mal Ohne Regeln geht es nicht daran gedacht habe, nach Afrika zurückzugehen? »Vielen der Jungs merkt man an, dass sie entweder »Immer denke ich daran, aber ich will bleiben und ganz ohne Vater aufgewachsen sind oder der Vater kämpfen«, sagt Ari. Er klingt jetzt entschlossener. seine Rolle nicht ausgefüllt hat«, erklärt Arnaud. Im Moment kann er aber sowieso nicht mit den an­ »Ihnen wurden einfach keine oder zu wenige Gren­ deren kicken, eine komplizierte Verletzung am Knie zen gesetzt.« Arnaud, der in erster Linie Sporterzie­ zwingt ihn zum Zuschauen. Spaß ist wichtiger als Talent Regelmäßig trainieren die Jugendlichen abends, wenn sie aus der Schule oder von der Arbeit nach Hause kommen, auf dem kleinen Kunstrasenplatz hinter dem Haus. Manchmal spielen sie auch Futsal, eine in Deutschland noch wenig populäre Variante des Fußballs, die mit einem kleineren Ball auf klei­ nere Tore in der Halle gespielt wird. Dabei sind nicht alle so talentiert wie Ari. »Es kommen manchmal auch Jugendliche mit zwei linken Füßen, die wenig Talent haben – das macht aber nichts, solange sie trotzdem Spaß am Fußballspielen haben«, betont Arnaud Viargues. Er ist einer von fünf Erzieherinnen und Erziehern, die die Gruppe pädagogisch betreuen. »Der Fußball ist eine Art Vehikel, um gemeinschaft­ liche Werte zu vermitteln wie Respekt, gegenseitige Achtung und einen guten Umgang mit Widerspruch und Aggressionen. Die Jugendlichen sollen dagegen gewappnet werden«, sagt Arnaud. Auf dem Gelände der Kongregation steht für die Jugendlichen ein klei­ nes Haus zur Verfügung. Im oberen Stock haben sie­ ben von ihnen ihr eigenes Zimmer, zwei weitere leben aus Platzgründen in Wohnungen in der Stadt. Im Erdgeschoss des offenen und hellen Gebäudes befinden sich die gemeinsame Küche, ein Compu­ Pater Betrand Cherrier, 53, war selbst Profifußballer und terzimmer, Büros, ein Billardtisch und ein Raum mit spielte in der ersten französischen Liga für Girondins Spielkonsole und Bildschirm. Auch hier rollt meis­ Bordeaux tens der Ball entweder beim Videospiel oder wenn, wie zuletzt bei der Europameisterschaft, Fußball im her ist, kannte Pater Bertrand vom Fußballklub der Fernsehen auf der Tagesordnung steht. Das Wich­ Stadt und war damals, als dieser ihm von der Idee für tigste im Penalty aber ist das persönliche Ziel, das das Projekt erzählte, sofort begeistert. »Das Verhält­ jeder Jugendliche vor seiner Aufnahme in das Pro­ nis zu den Jugendlichen ist manchmal wie die Bezie­ jekt selber formulieren muss. Manche streben wäh­ hung zu Kindern, weil sie aufgrund der Umstände in rend ihrer Zeit in Villefranche den Schulabschluss ihrer persönlichen Entwicklung oft nicht so weit an, andere möchten eine Ausbildung beenden. fortgeschritten sind wie Gleichaltrige«, sagt Arnaud. Steven ist seit zweieinhalb Jahren hier, er hat meh­ Jeder Betreuer übernimmt die administrative Verant­ rere Praktika ausprobiert und sich gerade für eine wortung für jeweils einen Jugendlichen, kümmert Metzgerlehre entschieden. »Anfangs hatte ich Pro­ sich also zum Beispiel um die Kontakte zur Familie bleme, mich einzuleben«, gibt der Blondschopf zu. und zum Jugendamt. Im Alltag sind dann alle Be­ Etwas lustlos räkelt er sich während unseres Ge­ treuer Ansprechpartner für die großen und kleinen sprächs auf der bequemen Couch in der Sitzecke. Probleme des Lebens, das durch einige feste Regeln 20 apostel 4/2012
  • 21. familie sscc wie Essenszeiten oder die Nachtruhe geregelt ist. liche Nachbarschaft zu einem Konvent der Kongre­ »Die Atmosphäre ist trotzdem familiär, nicht pater­ gation ermöglicht es zudem den Jugendlichen und nalistisch«, findet Arnaud. »Es geht darum, gemein­ den Erziehern, auch über geistliche oder religiöse sam mit den Jugendlichen an ihren Zielen zu arbei­ Themen zu sprechen und so auch im spirituellen Be­ ten und Werte zu vermitteln, die sie an ihre eigenen reich zu wachsen. Das stellt einen wichtigen Teil des Kinder, an Freunde oder auch in ihrer Familie wei­ persönlichen Wachstums dar. Es gab und gibt im tergeben können.« In Frankreich, wo Kirche und Projekt viele muslimische Jugendliche, und oft gab Staat traditionell strikt getrennt werden, sind Erzie­ es intensive Gespräche über religiöse Themen. Das hungsaufgaben entsprechend staatlich-laizistisch or­ ist ein großer Vorteil gegenüber vergleichbaren staat­ ganisiert, mitunter sogar durch antireligiöse Gefühle lichen Einrichtungen.« geprägt. Das erschwerte anfangs die Genehmigung für das Projekt, das ohne die finanzielle Unterstüt­ Sommer in Südfrankreich. Es ist bereits nach 22 Uhr, zung des Sozialministeriums, das den größten Teil aber immer noch sehr warm. Auf der Terrasse eines der Kosten für den Lebensunterhalt und die Unter­ Lokals im Zentrum von Villefranche erzählt Pater Das Schloss Graves in Villefranche-de-Rouergue. Die französische Zweig des Ordens betreibt hier unter anderem ein Internat und seit 2005 auch das Fußball-Projekt »Penalty« Bertrand aus seinem Leben und von den Erfahrun­ gen im Projekt. »Im Penalty gilt die Achtung vor der Verschiedenheit der Personen und ihres Glaubens«, sagt er. »Und um Unterschiede res­ ektieren zu kön­ p nen, muss man diese Unterschiede überhaupt erst einmal kennen.« Zwischendurch kommen andere Gäste an den Tisch; hier ein kleiner Scherz oder eine kurze Begrüßung, dort schnell ein paar Neuigkeiten ausgetauscht. Pater Bertrand ist in Villefranche bekannt und offen­ bar sehr beliebt. »Insgesamt 20 Jugendliche sind seit dem Start vor fünf Jahren hier gewesen, nur ein paar Vier der insgesamt neun Jugendlichen, die derzeit im haben ihr zuvor festgelegtes Ziel nicht erreicht oder »Penalty« leben das Projekt vorzeitig abgebrochen«, sagt er. Die Mehrheit aber hat Villefranche mit einem Schulab­ bringung der Jugendlichen trägt, nicht existieren schluss oder einer Ausbildung in der Tasche wieder könnte. Heute empfindet Arnaud es als große Berei­ verlassen. Jeder Einzelne von ihnen ist ein Sieg für cherung, dass der Projektleiter katholischer Priester Pater Bertrand und sein Team. ■ ist: »Einerseits ist Bertrand jemand, der für die Tren­ text: andré madaus nung von Kirche und Staat eintritt. Aber die räum­ übersetzung vor ort: ludger widmaier sscc 4/2012 apostel 21